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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:27:31 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Angela Borgia + +Author: Conrad Ferdinand Meyer + +Release Date: September, 2004 [EBook #6421] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on December 8, 2002] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ANGELA BORGIA *** + + + + +This etext was produced by Michalina Makowska and Michael Pullen + + + + + + + + +Angela Borgia + +Conrad Ferdinand Meyer + + + +Erstes Kapitel + + +Als die Angetraute des Erben von Ferrara, welche die Tochter des +Papstes und Donna Lukrezia genannt war, von ihrem Gatten, Don Alfonso +von Este, im Triumph nach ihrer neuen Residenz geholt wurde, ritt sie, +während er den glänzenden Zug anführte, in der Mitte desselben auf +einem schneeweißen Zelter unter einem purpurnen Thronhimmel, den ihr +die Professoren der Universität zu Häupten hielten. + +Die würdigen Männer schritten feierlich je vier an einer Seite des +Baldachins, neben welchen andere acht gingen, um sie an den +vergoldeten Stangen abzulösen und ihrerseits des Dienstes und der +Ehre teilhaftig zu werden. Hin und wieder erhob der eine und der +andere den sinnenden Blick auf die zartgefärbte, lichte Erscheinung +im wehenden Goldhaar. Der Professor der Naturgeschichte erforschte +und bedachte die seltene Farbe ihrer hellen Augen und fand sie +unbestimmbar, während der Professor der Moralwissenschaften, ein +Greis mit unbestechlichen Falten, sich ernstlich fragte, ob auf dem +unheimlichen, mit Schlangen gefüllten Hintergrunde einer solchen +Vergangenheit ein so frohes und sorgenloses Geschöpf eine menschliche +Möglichkeit wäre, oder ob Donna Lukrezia nicht eher ein unbekannten +Gesetzen gehorchendes, dämonisches Zwitterding sei. Der dritte, ein +Mathematiker und Astrolog, hielt die Fürstin für ein natürliches Weib, +das nur, durch maßlose Verhältnisse und den Einfluß seltsamer +Konstellationen aus der Bahn getrieben, unter veränderten Sternen und +in neuer Umgebung den Lauf gewöhnlicher Weiblichkeit einhalten werde. + +Der vierte, ein Jüngling mit krausem Haar und kühnen Zügen, verzehrte +die ganze schwebende Gestalt vom Nacken bis zur Ferse mit der Flamme +seines Blickes. Das war Herkules Strozzi, Professor der Rechte, und +trotz seiner Jugend zugleich der oberste Richter in Ferrara. Wäre es +nicht seine Fürstin gewesen, er hätte sie als florentinischer +Republikaner vor sein Tribunal geschleppt, aber gerade dieser +strahlende rechtlose Triumph über Gesetz und Sitte nach so +schmählichen Taten und Leiden riß ihn zu bewunderndem Erstaunen hin. + +Unangefochten von diesem Gedankengefolge, aber es leicht erratend, +klar und klug, wie sie war, verbreitete die junge Triumphatorin Licht +und Glück über den Festzug mit ihrem Lächeln. Doch auch sie hing +unter ihrer lieblichen Maske ernsten Betrachtungen nach, denn sie +erwog die Entscheidung dieser sie nach Ferrara führenden Stunde, +welche die Brücke zwischen ihr und ihrer gräßlichen Vergangenheit +zerstörte. Diese würde noch hinter ihr drohen und die Furienhaare +schütteln, aber durfte nicht nach ihr greifen, wenn sie selbst sich +nicht schaudernd umwandte und zurücksah, und solche Kraft traute sie +sich zu. + +Eine zarte Pflanze, aufwachsend in einem Treibhause der Sünde, eine +feine Gestalt in den schamlosen Sälen des Vatikans, den ersten Gatten +durch Meineid abschüttelnd, einen anderen von ihrer Brust weg in das +Schwert des furchtbaren und geliebteren Bruders treibend, hatte +Lukrezia Mühe gehabt, in den Kreuzgängen der Klöster, wohin sie sich +mitunter nach der Sitte zu mechanischer Buße zurückzog, die +einfachsten sittlichen Begriffe wie die Laute einer fremden Sprache +sich anzulernen; denn sie waren, ihrer Seele fremd. Höchstens +geschah es, daß ihr einmal ein Buße predigender Mönch, den dann der +Heilige Vater zur Strafe in den Tiber werfen ließ, eine plötzliche +Röte in die Wangen oder einen Schauder ins Gebein jagte. Mit der von +ihrem unglaublichen Vater ererbten Verjüngungsgabe erhob sie sich +jeden Morgen als eine Neue vom Lager, wie nach einem Bade völligen +Vergessens. Dergestalt verwand sie ohne Mühe, was eine gerechte +Seele mit den schwersten Bußen zu sühnen für unmöglich erachtet, was +sie zur Selbstvernichtung getrieben hätte. Und wenn sie nach einer +unerhörten Tat verfolgende Stimmen und Tritte der Geisterwelt hinter +sich vernahm, so verschloß sie die Ohren und gewann den Geistern den +Vorsprung ab auf ihren jungen Füßen. + +Nur ihr Verstand, und der war groß, überzeugte sie durch die +Vergleichung der römischen Dinge mit den Begriffen der ganzen übrigen, +der lebenden und der vergangenen Welt, oder durch ein irgendwo +gehörtes männliches Urteil, oder durch das von ihr wahrgenommene +Erschrecken eines Unschuldigen bei ihrem Anblick--ihr Verstand +allein überführte sie nach und nach von der nicht empfundenen +Verdammnis ihres Daseins, aber allmählich so gründlich und +unwidersprechlich, daß sie mit, Sehnsucht, und jeden Tag sehnlicher, +ein neues zu beginnen und Rom wie einen bösen Traum hinter sich zu +lassen verlangte. + +Ihr Begehren, dessen Heftigkeit sie verbarg, erfüllte ihr dritter +Gemahl, der Erbe von Ferrara.. Beim Anblick dieser ruhigen, +geschlossenen Miene hatte sie sich gesagt: Jetzt ist es erreicht. +Mit diesem bin ich gerettet. Sicherlich kennt er meine Vergangenheit +und täuscht sich darüber, so reizend ich bin, keinen Augenblick. Es +kostet ihn Überwindung, mit mir den Ring zu wechseln bei dem Geschrei, +in dem ich stehe, und bei seiner bürgerlichen Ehrsamkeit; wenn er +sich nun aber entschlossen hat, mich zum Weibe zu nehmen zur +Wohlfahrt seines Staates und um mit vollen Händen aus dem Schatze des +heiligen Petrus zu schöpfen--aus welchem Grunde es sei, so wird der +Mann, wie er ist, einen mutigen Strich durch meine Vergangenheit +ziehen und mir dieselbe niemals vorhalten, fall' ich nicht in neue +Schuld... davor aber werde ich mich wahren. Und er wird meine Gaben +kennenlernen, meine Regentenkunst bewundern--Donna Lukrezia hatte +schon Fürstentümer und während der Abwesenheit des Vaters selbst die +apostolische Kirche verwaltet--, meine unverwirrbare Geistesgegenwart, +meine Billigkeit, meine Leutseligkeit... Niemals werde ich ihm den +Schatten eines Anlasses geben, Treue oder Gehorsam seines Weibes zu +beargwöhnen... wenn nicht, außer wenn--eine Furche senkte sich +zwischen die fröhlichen Brauen, und sie schauderte--außer wenn der +Vater befiehlt; aber der sitzt in Rom--oder der Bruder ruft; aber +der liegt in seinem spanischen Kerker. + +Sie lächelte das Volk an, um die Schmach ihrer Abhängigkeit tief zu +verstecken, kraft deren sie mit Vater und Bruder zu einer höllischen +Figur verbunden war. Dann nahm sie ihre ganze Kraft zusammen, und +mit einem kräftigen Ruck entschlug sie sich der Sache. + +In diesem Augenblicke hielt der Zug vor einem Kastell, von dessen +ausdrucksvoller Mauerkrone ein Seiltänzer herabschwebte. Sie sah das +Kunststück an und sagte sich: "Du gleitest und stürzest nicht, und +ich ebensowenig." + +Es war ein Amor, der unten vom Seile sprang, vor ihr das Knie bog und +ihr einen Myrtenkranz bot mit den huldigenden Worten: "Der keuschen +Lukrezia!" Unter dem Jubel der Menge krönte sie sich und ergab sich +ganz der Lust des Augenblickes. + +Jetzt fuhren Blitze aus der Brüstung des runden Turmes, der sich +donnernd in Rauch hüllte. Don Alfonso war ein leidenschaftlicher +Liebhaber von Geschütz--ganz Kanone--und konnte sich zur Zeit und +zur Unzeit des Pulverknalls nicht ersättigen. Dem Zelter Donna +Lukrezias dagegen zerriß der gewaltsame Ton das feine Ohr. Er stieg, +und die Fürstin glitt sanft aus dem Sattel in die Arme der +Professoren, während dicht hinter ihr ein herrliches Mädchen mit +krausem Haar und leuchtenden Augen ihren erschreckten Rappen ohne +Zagen bändigte und beruhigte. + +Neben ihr klemmte ein hagerer Kavalier mit eisernen Schenkeln die +Seiten seines Pferdes. Diese höhnische Larve gehörte Don Ferrante, +der bei der Vermählung in Rom Don Alfonso, seinen Bruder, vertreten +hatte, und den die Ferraresen kurzweg den Menschenfeind hießen. Er +hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seiner heutigen Reisegefährtin +Ferrara und das Fürstenhaus, dem er selbst angehörte, auf seine Weise +zu beleuchten und auf jede zu verleiden. + +Die sichere Reiterin aber war Angela Borgia, eine nahe Verwandte der +Fürstin und ihr Fräulein, das sie nach Ferrara begleitete und hinter +der Berückenden bescheiden die Bühne der Welt betrat. + +Und dieses Theater entfaltete sich heute in ungewöhnlicher Pracht: +strahlender Himmel, glänzende Trachten, öffentlicher Jubel, der +festliche Verkehr der Begünstigten und Glücklichen dieser Erde, +berauschende Musik, stolzierende Rosse, reizende Frauen, verliebte +Jünglinge, schmeichelnde Huldigungen, klopfende Pulse, die Welt, wie +sie sich schmückt und lächelnd im Spiegel besieht, alle diese Lust +und Fülle lag vor ihr ausgebreitet und wurde ihr vergällt durch den +spottenden Teufel an ihrer Seite. + +"Seht, junge Herrin", so höhnte er jetzt, "wie anmutig Donna Lukrezia +fällt und wie sie von den Tugenden und Wissenschaften", er wies auf +die Professoren, "feierlich wieder zu Rosse gehoben wird. Ich halte +es mit dem Gaukler und preise ihre Keuschheit. Nur stand sie in der +Familie vereinzelt und litt unter dem Zwange des Vaters und Bruders. +Darum ergriff sie die Hand Don Alfonsos, um hier", er zeigte die +nahen Türme und Kuppeln Ferraras, "einen passenderen Umgang zu finden; +aber Donna Lukrezia irrt. Ohne uns mit Seiner Heiligkeit oder dem +erlauchten Don Cesare messen zu wollen, sind wir Söhne des Herzogs +und er selbst doch in unserer Art ein ruchloses Geschlecht, natürlich +jeder von uns nach seinen Kräften und nach seinem Maße, soweit es für +Laien tunlich ist. + +Ihr erstaunt, daß ich hier im Zuge des Herzogs so ungebunden rede! +Aber seht, Fräulein, es ist meine Charaktermaske, öffentlich zu +schmähen und zu lästern, die mir der Herzog, mein Vater, erlaubt und +zugesteht, insofern ich mich enthalte, mich insgeheim gegen ihn zu +verschwören, eine Untugend, die von alters her im Blute der Familie +versteckt ist. + +Und wisset, tapferes Mädchen, damit habet Ihr mich gleich für Euch +gewonnen, daß Ihr nicht fade seid, sondern, wie ich, der Wahrheit +Zeugnis gebt, ohne Menschenfurcht--wenn es sein muß, auf offenem +Markte. Die anderen, die da hinter uns", er wies verächtlich auf die +folgenden Paare des Hofstaates, "was sind sie? Geputztes Gesindel, +Schelme und Dirnen! Heuchler und Bübinnen! Nicht wert, daß sie die +Sonne bescheint--mit Ausnahme selbstverständlich der hundert +Maultiere, die den Brautschatz Donna Lukrezias tragen. Das sind +redliche und verdiente Geschöpfe. Aber Mühe hat es uns gekostet, +mich und den Bruder Kardinal, diesen Brautschatz dem Heiligen Vater +und der Kirche unter den Krallen hervorzuziehen! Doch ich sagte: +Entweder--oder! wie mich der Herzog, mein Vater, beauftragt hatte. +Leichter gelang es uns, die Heiligkeit mit dem von unserem Vater +Herkules der Braut zugestandenen Wittum hinter das Licht zu führen." +Don Ferrante kicherte. "Wir schwatzten nämlich dem Heiligen Vater +unsere berühmten flavianischen Güter auf, die zwar von unserem +ferraresischen Fiskus verwaltet, aber ihm von dem Grafen Contrario +gerichtlich bestritten werden. Ihr wißt, von dem liebenswürdigen +Grafen Contrario, dem zähesten Widersprecher und Rechthaber in ganz +Italien! Und das war es eigentlich, was den Herzog Herkules, unsern +sparsamen Vater, an dieser Heirat am meisten erfreut hat. So wurde +alles nach Gerechtigkeit geordnet! Und mit welcher Wollust schrieb +ich nach der Vermählung die Depesche für den harrenden Kurier: +Mitgift zugestanden. Heiligkeit überlistet. Donna Lukrezia getraut +und gar nicht unheimlich. Das wollte sagen: diesmal trägt sie kein +weißes Pülverchen in der Tasche. Und wirklich, ich glaube, Bruder +Alfonso darf heute abend ohne Gefährde sein Haupt mit diesem +Goldhaar", er wies mit dem Spitzbart unter den Thronhimmel, "auf +dasselbe Kissen legen." + +Diese Anspielung auf die Giftmischereien der Borgia preßte dem +Mädchen eine Träne aus, die sie zornig von der langen Wimper +schüttelte. "Eure Zunge meuchelt, Don Ferrante!" sagte sie. + +Angela Borgia stammte aus einer Seitenlinie des berühmten spanischen +Geschlechtes und wurde, nachdem sie, wie viele Kinder ihrer Zeit, +frühe auf tragische Weise beide Eltern verloren hatte, mit anderm +weiblichen Edelblut in einem Kloster des Kirchenstaates eher +aufgenährt als erzogen. Als beschützte Verwandte des Papstes +erfreute sie sich der Bevorzugung der Nonnen und der Führerschaft +unter den Gespielinnen. + +Es bestand damals eine seltsame, von den grellsten Widersprüchen +gepeitschte Welt, die selbst einem italienischen Mädchen, das sonst +alles, was Wirklichkeit besitzt, unbefangen angreift und durchlebt, +ernstlich bange machen und Kopf und Herz verwirren konnte. Der +jungen Angela wurde in Bild und Predigt eine sittliche Schönheit und +Vollkommenheit vorgehalten, deren irdischer Vertreter, der Greis, auf +welchem, wie der gleichzeitige Sultan sich ausdrückt, das Christentum +beruhte, milde gesagt, ein entsetzlicher Taugenichts war, über dessen +Ruchlosigkeiten die Schwestern weinten und die Schlimmsten ihrer +Gespielinnen insgeheim sich lustig machten. + +Angela aber erschrak und brachte es nicht über sich, das Leben als +einen Widerspruch zu verspotten. + +Sie begann nun, sich schwere Bußen und Geißelungen aufzuerlegen +zugunsten ihres Verwandten, des Heiligen Vaters, und ihrer Base +Lukrezia, von welcher im Kloster gleichfalls mit geheimen +Seitenblicken des Abscheues geredet wurde. Von diesen Peinigungen +brachten sie die verständigen Schwestern indessen bald zurück, indem +sie ihr vorhielten, alle ihre Anstrengungen wären einem solchen Unmaß +der Sünde gegenüber gänzlich unzureichend und vergeblich. + +Dafür entwickelte sich in Angela gegen die herrschende +Nichtswürdigkeit ein Bedürfnis verzweifelter Gegenwehr und, mit einem +zarten Flaum auf den Wangen und dem Feuer ihrer Augen, eine gewisse +ritterliche Tapferkeit, nicht nach dem duldenden Vorbilde ihrer +weiblichen Heiligen, sondern mehr nach dem kühnen Beispiel der +geharnischten Jungfrauen, die in der damaligen Dichtung +umherschweiften, jener untadeligen Prinzessinnen, die sich der +Schwächen ihres Geschlechtes schämten und welche zu handeln und sich +zu verteidigen wußten, ohne dabei die Grazien zu beleidigen. + +So erwuchs Angela kraft einer edeln Natur zu einem widerstandsfähigen +und selbstbewußten Mädchen, zu dem, was das Jahrhundert in lobendem +Sinne eine Virago nannte. + +Nun begab es sich an einem Sommertage, daß aus dem Dunkel des +Eichwaldes, der den Fuß des das Kloster tragenden apenninischen +Felsens umnachtete, auf weißem Zelter eine helle Waldfee mit ihren +Gespielen, oder vielleicht Göttin Diana mit ihrem Jagdgefolge, oder +gar die erlauchte Donna Lukrezia mit ihren Frauen emporstieg und an +die Pforte klopfte. + +Wirklich, es war diese. Sie wurde von der Äbtissin empfangen, der +sie die Hand küßte und von welcher sie gesegnet wurde. Dann ließ sie +sich die Nonnen und die Klosterzöglinge vorstellen und richtete an +jede holdselig das ihr nach Rang und Stand gebührende Wort mit einer +wohllautenden Stimme, die noch lange nachklang, nachdem sie +gesprochen hatte. Zuletzt nahm sie Angela beiseite, und, Hand in +Hand mit ihr durch einen Lorbeergang des Gartens auf und nieder +wandelnd, sagte sie ihr fröhlich, daß sie die Verlobte des Thronerben +von Este sei, und daß sie Angela als ihre Verwandte und ihr +Hoffräulein nach Ferrara mitnehmen werde. "Base", lächelte sie, "ich +will dein Glück machen. Du gefällst mir, und ich behalte dich, bis +ich dich vermähle." + + +Ebenso vetterlich wohlwollend begrüßte sie im Vatikan, den sie mit +geheimem Grauen betrat, Lukrezias furchtbarer Bruder, ein Jüngling +von vornehmer Erscheinung und grünschillerndem Blick. Unbefangen mit +der Base tändelnd, sagte er: "Ich werde euch beide nicht nach Ferrara +begleiten, die Geschäfte verbieten es; doch möchte ich euch Don +Giulio empfehlen, den ihr dort finden werdet, einen jüngern Bruder +Don Alfonsos. Er ist ein bescheidener, aber hochbegabter Jüngling, +nur daß er den Sinnen noch zu viel einräumt. Er wäre es aber wert, +und ich möchte es ihm gönnen, daß er sich durch eine edle Frau +fesseln ließe." + +Und jetzt ritt Angela hinter Madonna Lukrezia, und wiederholte +Kanonenschläge verkündigten die Nähe des Tores. + +Don Ferrante mußte sich beeilen, wenn er noch vor dem Betreten der +Stadt die Brüder in der Meinung seiner jungen Begleiterin völlig +entwurzeln wollte; er ging aber rüstig ans Werk. + +"Mich wundert", sagte er, "wie Donna Lukrezia, der die öffentliche +Stimme oder doch die Einbildungskraft der Männer etwas +Außerordentliches und Geflügeltes verleiht, mit meinem Bruder, ihrem +künftigen Eheherrn, dem gewöhnlichsten aller Sterblichen, der von +früh bis spät an Essen und Ofen Geschütz gießt, wird haushalten +können! Venus neben dem rußigen Vulkan. Doch es mag gehen, so gut +es dort ging. Sie wird seine herrlichen Fayencemalereien bewundern +und ihn damit glücklich machen. Aber sie hüte sich", fuhr er fort, +und seine höhnende Stimme wurde drohend, "sie hüte sich! Don Alfonso +ist der Rachsüchtigste unter uns, nur daß er seine Stunde abwartet +und seine Rache das Recht heißt. Doch nein, ich tue dem Bruder +Kardinal unrecht. Seine Rache ist die grausamste, da er der größere +Geist ist und als der uns allen Unentbehrliche keinen Prätor zu +fürchten hat. Er ist der Diplomat unseres Hauses; die Fäden unserer +Politik laufen alle durch seine gelenken Finger, und er kennt unsere +schlimmsten Geheimnisse. Fürchtet diesen Geier, junges Mädchen!" + +Ebendieser Kardinal Ippolito, der Staatsmann, die hagere Gestalt im +Purpur, die gleichfalls zur Freite nach Rom gekommen und jetzt noch +dort war, um mit dem Papste die Übergabe der Ländermitgift zu regeln, +hatte sich viel und herablassend mit Angela beschäftigt, sie +ermutigend, Ferrara mit ihrer Gegenwart zu verschönern. + +Eine bange Angst bemächtigte sich Angelas. Sonne, Staub und Lärm, +die vergiftenden Reden Don Ferrantes, das vor ihr aufsteigende hagere +Bild des Kardinals! Ein Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit +brachte das kräftige Mädchen einer Ohnmacht nahe--es entfuhr ihr ein +leiser Schrei. + +Da wandte sich die vor ihr schwebende Donna Lukrezia rasch nach ihr +um, ein bleicher Blitz schoß aus ihren bläulichen Augen, und sie rief: +"Womit ängstigt er dich, Angela? Wisset, Don Ferrante, und präget +Euch ein: wer Angela zu nahe tritt, der tritt mir zu nahe. Und +Lukrezia Borgia wollet Ihr nicht zur Gegnerin haben!" + +Das wollte Don Ferrante von ferne nicht. Er lächelte liebenswürdig. +"Keine Rede davon, erlauchte Frau! Ich tue mein mögliches, Donna +Angela angenehm zu unterhalten und unserm Hause ihre Gunst zu +erwerben." + +"Was beschreib' ich Euch noch Schönes, junge Herrin?" fuhr er fort, +nachdem sich die Fürstin wieder abgewendet hatte. "Die +unvergleichlichen und verbrecherischen Augen meines Bruders Don +Giulio! Ihr kennet ihn?" fragte er, da er eine Bewegung auf ihrem +Gesichte sah. "Wohl nur seinem Rufe nach! Denn der ist groß. +\XDCber ein kurzes aber wird er persönlich vor Euch stehen, wenn Ihr +seinen Kerker öffnet, Donna Lukrezia und Ihr." + +"Seinen Kerker öffnen?" fragte sie erstaunt. + +"Gewiß! Und den aller Missetäter", erklärte ihr Don Ferrante lustig. +"Donna Lukrezia wird durch ihr Erscheinen die Verbrecher unschuldig +machen. Solches ist in Ferrara Herkommen bei jeder fürstlichen +Vermählung und durchaus keine Allegorie. Es sind wirkliche +Verbrecher, und sie werden auch tatsächlich freigelassen, so daß wir +während der Feste wohl daran tun werden, unsern Schmuck festzuhalten +und nachts nicht ohne Fackeln und Bewaffnete auszugehen." + +"Was hat denn Don Giulio verbrochen?" fragte sie. + +"Oh, nichts! Er hat mit seinen Augen ein Weib bezaubert und ihrem +Manne den Degen durch die Brust gerannt." + +"Schmachvoll!" + +"Er ist ein ungezogener Knabe! In den Weingarten des Lebens +eingebrochen, reißt er, statt sich ordentlich eine Traube zu pflücken, +deren, so viele er mit beiden Händen erreichen kann, vom Geländer, +zerquetscht vor Gier die süßen Beeren und besudelt sich mit dem roten +Safte Brust und Antlitz." + +Und mit diesem frevlen Jüngling hatte sie Don Cesares Gedanke +zusammengestellt! + +Wieder donnerten die Stücke. Beim Schalle der Zimbeln und Pauken +ging es durch das Tor. Die Professoren beschleunigten den Schritt, +und bald langte Lukrezias Triumphzug vor dem Schlosse an, unter +dessen schwerem Bau die Kerker lagen. + +Der herantretende alte Herzog hob die Fürstin vom Pferde und schritt +mit den Neuvermählten und Angela die Stufen hinunter nach der tiefen +Pforte. Dort stand der Kerkermeister und überreichte Donna Lukrezia +auf einem Sammetkissen einen gewaltigen verrosteten Schlüssel. Sie +ergriff ihn, und die Tür, kaum von ihm berührt, drehte sich in den +Angeln und sprang wie durch Zauber weit auf. Jetzt brach die Schar +der Gefangenen hervor, Lukrezia zu Füßen stürzend und ihr die Hände +küssend. Alle hatten sie sich zuvor gereinigt, und ihre +leidenschaftliche Dankgebärde ermangelte nicht des Anstandes. Doch +gab es unter ihnen erbarmungswürdige Jammergestalten und +abschreckende Verbrechermienen. + +Zuletzt, nachdem der Kerker sich seines ekeln Inhalts entleert hatte, +stieg noch ein Jüngling von edelster Bildung mit gekreuzten Armen die +dunkeln Stufen empor. Ans Tageslicht tretend, erhob er die Hände, +als ob er die Sonne begrüße; dann beschirmte er mit ihnen die Augen, +als blende ihn der scharfe Strahl oder die Schönheit der oben +stehenden beiden Frauen. Ein Knie vor Donna Lukrezia beugend, +bedankte er sich bei ihr mit den Worten: "Erlauchte Frau und +Schwägerin, ich begrüße in Euch die Barmherzigkeit, die jedes +weibliche Herz bewohnt, und die fürstliche Gnade, vor welcher die +Fesseln fallen." + +Mit diesen und noch schöneren Reden huldigte er der neuvermählten +Fürstin, dann richteten sich seine Augen, die wirklich in ihrer +tiefen Bläue unter dem edeln Zuge der dunkeln Brauen von seltenem +Zauber waren, auf die jüngere Borgia, und er erstaunte aufrichtig +über die strenge Haltung des kaum erwachsenen Mädchens. + +"Doch, rettende Fürstin", fuhr er fort, "wen bringt Ihr in Euerm +Gefolge? Ist es die Göttin der Gerechtigkeit, besänftigt durch die +Göttin der Huld?" + +Angela war schon von der Reise und durch die Bosheiten Don Ferrantes +aufgeregt; jetzt empörte sie das Gaukelspiel der Begnadigung des +Sünders durch die Sünderin und der Flitter der Phrase. Wie sie nun +gar in den Born dieser wunderbaren Augen blickte, wurde sie von Zorn +und Jammer aufs tiefste erschüttert. Ihre innerste, starke Natur +überwältigte sie, und jede Verschleierung abwerfend, trat ihr Wesen +unverhüllt hervor. Ihre redlichen Augen richteten sich auf die +seinigen, und es bewegte sich etwas Undeutliches auf ihren +ausdrucksvollen Lippen. + +"Was meint die Herrin?" fragte Don Giulio. + +Da brach es hervor. Angela sprach deutlich vor den hundert und +hundert Zeugen, und ihre Stimme klang über den Platz: "Schade, +jammerschade um Euch, Don Giulio! Fürchtet Gottes Gericht!"--Ein +großes Schweigen entstand. + +Und noch einmal erscholl die Stimme des Mädchens über Don Giulio: + +"Schade um Euch!" Seltsam! Die Ferraresen teilten vollständig +Angelas Gefühl und Urteil über das verwerfliche und gefährliche +Treiben des Fürstensohnes, das Bedauern seiner Entwertung und ihr +Leid um ihn, den sie liebten um seiner Schönheit und Anmut willen. + +Rings erhob sich ein Gemurmel und Echo: "Schade! Sie hat recht! Es +ist wahr! Schade um ihn!" + +Donna Lukrezia aber ergriff die Hand Angelas, wie die ältere +Schwester die einer jüngeren, welche sich etwas Unziemliches hat +zuschulden kommen lassen. + +"Wie kannst du dich so vergessen?" sagte sie und führte die Bewegte +hinweg, die vor Scham und Aufregung in ein krampfhaftes Schluchzen +ausbrach, worüber auch der bisher gelassen gebliebene Don Giulio die +Haltung verlor. + + + +Zweites Kapitel + + +Da, wo der weite Park von Belriguardo in die ferraresische Ebene ohne +Grenzmauer verläuft, saßen auf einer letzten verlorenen Bank im +Schatten einer immergrünen Eiche zwei, die, aus Haltung und Miene zu +schließen, voneinander Abschied nahmen. + +Bald legte der junge, in die schwarze Tracht von Venedig gekleidete +Mann die Hand beteuernd auf das Herz, bald betrachtete er die still +in sich versunkene Gestalt Lukrezias, wie um sie sich auf ewig +einzuprägen. + +"So gehet Ihr denn, Bembo", sagte sie, "und ich halte Euch nicht, da +Ihr damit erfüllet, um was ich Euch bat, ohne es auszusprechen. Ihr +geht, und wie lange wird es dauern, bis Ihr mich vergesset!" + +"Donna Lukrezia", erwiderte der Venezianer bewegt, "wie lange ich +Euer gedenken und Euch lieben werde, wahrlich, das ist mir verborgen, +denn ich kenne nicht meine Todesstunde." + +Er sagte es mit so trauriger Zärtlichkeit in der Stimme, daß die +Herzogin gerührt erwiderte: "Um mein Andenken in Euch zu erhalten, +sollt Ihr etwas von mir mit Euch nehmen, mein Freund", und sie winkte +eine schlanke, dunkle Mädchengestalt heran, die am Waldsaum auf und +nieder schritt, wohl um die Herrin vor sich selber zu hüten, oder um +das Nahen eines unwillkommenen Zeugen zu verraten. + +"Setze dich neben mich, Angela", sagte sie, "und schneide mir eine +Locke vom Haupt!" Sie öffnete ihr Gurttäschchen, zog daraus ein +kleines, scharfes Messer mit goldenem Griff hervor und bot es Angela, +die, den Befehl ausführend, ihr vom Überflusse eine flutende Locke +raubte. + +Die Fürstin suchte nach einer Hülle, um den Ringel hineinzulegen, +fand aber nichts als in derselben Gurttasche eine in Gold und +gepreßtes Leder gebundene Ausgabe der sieben Bußpsalmen, ein +beliebtes Handbüchlein der damaligen Hofwelt. Unbefangen legte sie +ihre Locke hinein und reichte Bembo das Liebespfand. Dieser drückte +es an die Brust, dann an den Mund und dankte für den süßen Kern in +der herben Schale mit einer seelenvollen Miene, durch welche sich ein +ganz leises, ironisches Lächeln schlich. + +"Schreibt mir", sagte sie dann, "durch sichere Gelegenheit, jedesmal, +wenn Ihr ahnet, daß mir Gefahr droht und ich Eures Rates bedarf. +Bleibet um mich, auch in der Ferne! Ich weiß, Ihr verlasset mich +nicht, nachdem Ihr mir geholfen habt, den Bau meines neuen Glückes in +Ferrara aufzurichten." + +"Es war eine Freude", erwiderte Bembo, "Eure klugen Hände bauen zu +sehen. Euer Werk ist untadelig und schwer zu erschüttern. Ich frage +mich noch mit schmerzlichem Zweifel: Fordert Eure Sicherheit von mir +das Opfer, daß ich Ferrara meide und mich Eurer Gegenwart beraube, +die wie eine goldige Luft das ganze Dasein erhellt und verklärt?" + +"Das habe ich vom Vater", sagte sie harmlos. + +Der feine Venezianer zog die Brauen zusammen. + +"Die Bande Eures Blutes und der Dämon Eures Hauses sind Eure Gefahr", +seufzte er. "Und darum verlasse ich Euch ungern. Dennoch ist es +besser, ich gehe. Eure Sicherheit, Madonna, ruht auf dem Vertrauen, +das Don Alfonso Euch schenkt. Unsere geistige Liebe würde er kaum +beargwöhnen, sachlich, wie er ist; und doch ist es besser... wer +liebt, der opfert sich." + +"Es ist besser", bestätigte sie leise. + +"Erlaubt mir nun zum Abschied, geliebte Frau, ein freies und +schützendes Wort!" bat er. "Die Verhältnisse liegen vor Euch im +Licht Eures scharfen Verstandes, aber dieser helle Tag reicht nur bis +an den Schattenkreis, wo Eure Liebe zu Vater und Bruder beginnt." + +Hier entfärbte sich Lukrezia, und ihr bleiches Auge erstarrte zu +einem Medusenblick. + +"Zürnet nicht, Madonna", rief Bembo. "Weiß ich doch, wie Ihr als +unschuldiges Kind in diese schwere Verstrickung gerietet! Reden muß +ich zu Euerm Heil. Erinnert Euch: Jahre waren vergangen seit Euerm +Einzug, Euer Gemahl war regierender Herzog geworden, Ihr hattet +Wurzeln geschlagen in Ferrara und die Liebe des Volkes gewonnen; da +starb Euch der Vater. Ihr aber ergabet Euch maßloser Trauer und +unendlichen Tränen, bis ich kam und Euch ins Ohr flüsterte: Ihr +beleidigt mit Euern Tränenergüssen Don Alfonso und vergesset die +unleidlichen Dinge, denen er Euch entriß." + +Lukrezia hörte ihm aufmerksam zu, und ihr Verstand mußte ihm gegen +ihr leidenschaftliches Gefühl recht geben. + +"Wenn dergestalt Euer Urteil über den weiland Heiligen Vater ein +verblendetes ist, so entsteht jetzt, da er dahingefahren, für Euch +daraus kein Unheil mehr. Ein anderes aber ist es mit Cäsar, Euerm +furchtbaren Bruder: er lebt und besitzt noch seine Drachenkraft. Er +ist ein Jüngling und wird sicherlich heute oder morgen seine Fesseln +durchfeilt haben und wieder aus dem Orkus steigen, um ganz Italien zu +verwirren. Diese schwarze Klippe bedroht Euere Barke; möge sie nicht +daran scheitern! Das Wiederkommen Cäsars ist Eure Schicksalsstunde. +Und Ihr werdet--" er besann sich, ob er ihr die bittere Arznei +erspare, fuhr aber mit entschlossener Liebe fort: "wehe Euch, Ihr +werdet folgen, wenn Euch Don Cäsar ruft. Ihr werdet dem Teufel +gehorchen, wie sie erzählen, daß Euer Vater auf dem Sterbebette sagte: +'Du rufst, ich komme'." + +Lukrezia bekreuzigte sich. + +"Teure Herrin!" Bembo machte eine Bewegung, ihr zu Füßen zu fallen, +hielt sich aber zurück, da die wandelnde Angela sich gerade nach +ihnen umwandte. + +"Ich beschwöre dich, Lukrezia", flüsterte er, sich zu ihr beugend, +"sobald diese gefährlichen Stunden kommen und du fühlst, daß du die +Herrschaft über dich verlierst, so wirf dich vor dem Herzog nieder +und bekenne, daß du sein Verbot übertreten willst, denn sicherlich +wird er seinen Untertanen bei Todesstrafe verbieten, mit Cäsar zu +zetteln, dessen Erscheinung Italien wie ein Erdbeben erschüttern +würde... Doch ich beschwöre Euch vergeblich, Madonna! Denn ich weiß, +Ihr werdet die Zügel verlieren, Ihr werdet des Herzogs Verbot unter +die Füße treten." + +"Werde ich?" fragte Lukrezia, wie abwesend. Doch erschien ihr +glaublich, daß sie es tun werde, denn sie kannte ihre Bande. + +"Herrin", schluchzte der Venezianer, "wann immer ich erfahre, Cäsar +sei aus dem Kerker gebrochen, ich eile auf Windesflügeln nach Ferrara +und umklammere Euch, daß Ihr ihm nicht in die Arme stürzet--doch +käme ich zu spät, so gedenket meines Rates, sobald Ihr Euch wieder +besitzt und besinnet. Schützet und berget Euch vor der Strafe des +Herzogs an seinem Herzen. Und habt Ihr menschliche Werkzeuge +angewandt, um Euch mit dem Bruder zu verbinden, opfert sie +unbedenklich und gebet sie der Rache des Herzogs preis.--Der Herzog +liebt Euch..." + +"Ich glaube, daß er mich liebt", sagte Lukrezia, sich wieder +erhellend. + +"Seid dessen gewiß", beteuerte der Venezianer. "Jüngst an der Tafel +nannte er den Namen Cäsars--nicht unabsichtlich--und sprach von +einem dunkeln Gerüchte seiner Entweichung. Dabei beobachtete er Euch +scharf... Ihr bliebet ruhig, nur Eure Hand zitterte, die den Becher +hielt, daraus Ihr schlürftet. Er betrachtete Euch lange, doch +wohlwollend und wie mit der gerechten Erwägung, was Eurer Natur gemäß +und welcher Widerstand Euch möglich sei. Gewiß, er wird Euch halten +und retten, wenn Euch nicht das Verhängnis gewaltig fortreißt." + +Die Herzogin, die wieder völlig heiter war, sagte jetzt mit +wunderbarem Leichtsinn: "Ich werde Eure Sorge beherzigen. Aber, +Freund, nun genug von mir! Spendet mir lieber einen Rat für jene +dort--", sie blickte nach der wandelnden Angela, "die mir in weit +näherer Gefahr zu schweben scheint. Seht hin!" + +Ein schreiender Raubvogel erhob sich aus dem Walde und kreiste über +den Wiesen. Zugleich rauschte es im Gebüsch, und ein hagerer, in +Purpur gekleideter Mann trat auf Angela zu, wandte sich aber, Bembo +neben der Herzogin entdeckend, grüßend an diese. + +"Ihr findet uns, Eminenz", sagte die Herzogin unbefangen, "wie sich +mein liebenswürdiger venezianischer Besuch, den ich schwer missen +werde, von mir verabschiedet." + +"Ihr verlaßt uns, Bembo?" sagte der Kardinal leutselig. "Das sollte +mir leid tun. Wohin gehet Ihr?" + +"Nach Urbino, Eminenz." + +"Um wieder zu uns zurückzukehren?... Denn uns gehöret Ihr an, und +wir können Euch nicht entbehren, ebensowenig als eine andere, die man +auch von uns fortsenden will." + +Die Fürstin zog das neben ihr stehende Mädchen zu sich auf die Bank +nieder und behielt seine Hand in der ihrigen, als nähme sie von +Angela Besitz. + +"Wir bilden hier einen festgeflochtenen, farbigen Kranz", fuhr er +fort, "aus dem es unrecht wäre, eine Blume zu entfernen, geschweige +die süßeste Knospe wegzureißen!" + +Lukrezia erhob ihre Augen groß gegen den Kardinal, überlegend, ob +jetzt, da Bembo noch als Zeuge hier stehe, nicht der Augenblick +gekommen sei, ein längst im Finstern schleichendes Übel an die Helle +zu ziehen und durch das darauf fallende Tageslicht zu vernichten. + +Geistesgegenwärtig, wie sie war, besann sie sich nicht lange. + +"Kardinal", sagte sie, "wenn Ihr unter der andern uns bald +Verlassenden diese hier versteht, so wisset, ich trachte danach, daß +sie von uns scheide. Ihr Alter ruft der Vermählung, und hier weiß +ich für sie keinen Gemahl, während Graf Contrario, den Ihr kennt und +der sie heimzuführen begehrt, alle Eigenschaften besitzt, die ich als +die Schützerin Angelas von ihrem Manne fordern darf. So ist mein +Wille; doch werde ich gern noch Eure Meinung darüber in Betracht +ziehen." + +Bembo wollte sich bescheiden entfernen, wurde aber durch einen Blick +Lukrezias festgehalten. Sie kannte das Unberechenbare in der Natur +des Kardinals und scheute seine Überraschungen. + +Dieser schien die Herausforderung in den Worten der Fürstin nicht zu +fühlen; er wählte, während der Venezianer sich neben den Frauen auf +eine Rasenböschung niederließ, gelassen ihnen gegenüber einen +bequemen Platz im Dunkel einer Kastanie, deren Stamm sich nahe dem +Boden teilte, mit den üppigen Ästen den Rasen bedeckend, und begann, +indem er mit dem schaukelnden Fuße nach einer flüchtigen Eidechse +stieß, mit ruhigen Worten: + +"Wie ich den Grafen Contrario kenne, taugt er nimmermehr für eine +Borgia, denn er ist ein armer Mensch, zusammengesetzt aus peinlichen +Tugenden und ewigem Widerspruch, ein Berg rechthaberischer Grundsätze, +der die Maus einer knickerischen Rechenkunst gebiert, gänzlich +unfähig, eine Frau um ihrer selbst willen mit Größe und Verschwendung +zu lieben! Ich behaupte, seiner Werbung um dieses Schöne, dieses +Liebe hier liegt ein grobes Rechenexempel zugrunde. Hier auf diese +Tafel will ich es niederschreiben!" + +Er zog ein Täfelchen hervor, schrieb mit dem Stift und las zugleich: + + "Graf Ettore Contrario freit um die hochherzige Angela Borgia, weil + er mit dem Fiskus in Ferrara einen von seinem Vater geerbten Prozeß + über bedeutende, auf ferraresischem Boden gelegene Ländereien führt, + den er aller Wahrscheinlichkeit nach bei den zuständigen + ferraresischen Gerichten verlieren würde ohne den Schutz eines + höchsten Einflusses, wie der, zum Beispiel, unserer erlauchten + Fürstin, für deren einziges Lächeln der verliebte Großrichter + Herkules Strozzi Ehre und Seele verkauft. Unsre Herzogin aber und + ihr Sklave Herkules wären zu bestechen, wenn der vollkommene Graf die + Hand dieser Unschuld begehrt, welche Donna Lukrezia aus Ferrara + entfernen will, weil das junge Mädchen aufs zärtlichste und rasendste + von dem Kardinal Ippolito geliebt wird, während sie selbst, als + echtes Weib, unwissend und hoffnungslos für den größten Taugenichts + der Erde entflammt ist. + + Ohne innern Kampf wird der mäßig tapfere Graf sich nicht entschließen, + zwischen diese lodernden Feuer zu greifen. Aber es ist möglich, daß + seine Habsucht stärker ist als seine Feigheit. Beurteilt Ihr ihn + anders, Herzogin?" + +Lukrezia wunderte sich über dies freche Bekenntnis und diese +verwegene Bloßlegung der Tatsachen, die ihrer eigenen Wertung der +Dinge und Personen nicht allzu fern lag, welche aber nicht gelten +durfte, weil sie es nicht wollte. + +Ehe sie indessen antworten konnte, ergriff Ippolito, der sich nach +einer von Angela aus leichten Grashalmen zusammengefügten Kette +gebückt hatte, die eben ihren zitternden Händen entglitten war, +wiederum das Wort: + +"Wie diese Ringe verkettet sich Absicht mit Absicht, um Euch zu +kuppeln, Angela Borgia; aber wie ich Euch kenne und liebe, werdet Ihr +diese Kette zerreißen, wie ich dieses nichtige Geflecht! Denn", +flüsterte er heiß, "Angela ließe sich eher von einem Dämon in die +Hölle ziehen, wenn er sie liebte, als daß sie sich dazu darböte, die +Summe eines Rechenexempels zu werden!--So rede ich, wie redet Ihr, +Schwägerin?" + +Er wandte sich mit einem Antlitz, das drohte und trauerte, gegen +Lukrezia. + +Sie antwortete fest: "Ich aber vermähle diese mit dem Grafen +Contrario. Berechnend ist er--zugestanden--, wie es das Leben +erfordert, doch nicht unadelig. Diese aber wird er behüten, besser +als ich es vermöchte. Und was wollt denn Ihr mit Angela, Kardinal?-- +Euer Weib kann sie nicht werden, solange Ihr den Purpur tragt, und +den werdet Ihr nicht verschleudern wollen einem Mädchen zuliebe!" + +"Wer weiß, Fürstin!" entgegnete er wegwerfend. "Euer Bruder +vertauschte ihn gegen ein Herzogtum, und ich achte diese für ein +neidenswerteres Gut! Auch ist mir minder darum bange, daß sie sich +Eurem Günstling, dem Contrario, zuwende, sie wird es nicht über sich +bringen--sie versuche es nur, es wird nicht gehen! Selbst nicht, um +sich vor mir zu retten!... Denn sie gibt mir innerlich recht und +findet sein Bildnis getroffen! Das Dreihellergesicht ist ihr ein +Ekel. Dieser tugendsame Graf also kümmert mich nicht. Eine andere +Marter peinigt mich und dreht sich Tag und Nacht mit mir, wie das Rad +des Ixion.--Höre mich, Mädchen!" + +Angela hielt seinen fieberscharfen Blick mit erstaunten, aber mutigen +Augen aus. + +"Weigerst du dich meiner Liebe, so verbiete ich dir auch die jenes +andern, bei seinem und deinem Leben!--Wie du wild errötest!... Ich +hasse den, welchen du in deinem Herzen verbirgst! Reiße ihn heraus!... +er beschmutzt den edlen Schrein... ich kann es nicht ertragen!... +Erinnere dich, wer du bist, und wende dich mit Verachtung von dem, +der dich in den Armen der Coramba, oder wie sonst die Dirne seines +heutigen Tages heißt, beschimpft und vergißt!--Gehorche, oder es +wächst Unheil!" + +Mitten in dieser erhitzten Szene betrat ein Page den verlorenen +Schattenplatz und bat die Herrschaften, in den Park zurückzukehren. +Der versammelte Hof harre der Herzogin, und der Herzog wünsche, in +seinem Kabinette den venezianischen Herrn zu beurlauben, dann aber +die Eminenz zu sprechen. Den Großrichter habe er eben zu seiner +Hoheit gerufen und Don Giulio auf später bescheiden müssen. + + + +Drittes Kapitel + + +Im Schatten der herrlichsten Bäume wandelte die kleine Gesellschaft, +die Frauen voran, der Kardinal mit Bembo harmlos plaudernd, gegen die +Mine des Parkes, wo sie den in gerader Linie dem Schlosse zulaufenden +Zypressengang betraten. Dieses, ein schlichtes Gebäude von nur +mäßigen Verhältnissen, erhob sich auf dem Grunde eines schwülen, +bleiernen Julihimmels. Eben wurde ein neuer, befestigter +Seitenpavillon angebaut, von dem die hölzernen Gerüste der Maurer +noch nicht entfernt worden waren. + +Zu der hellen, kleinen Fassade stieg eine breite Doppeltreppe empor, +und der in den Parkanlagen sich ergehende Hofstaat erblickte oben auf +der Rampe den unermüdlichen Herzog, wie er, seinen müßigen Hof auf +sich warten lassend, den Neubau besichtigte und, von den Werkleuten +zurückgehalten, mit ihnen eifrig die Arbeit besprach. + +Im Schatten der Hauptallee wandelte langsam die Herzogin, welche +jetzt auf den Arm des Kardinals sich stützte, den rechts und links +vom Wege gesammelten Hof begrüßend und nach sich ziehend. + +Vor die beiden trat ein wohlgebildeter, mittelgroßer Mann und bemühte +sich mehr noch um den Kardinal, dem er besonders ergeben schien, als +um die Herzogin, so gütig sie ihm zunickte. + +"Man sieht, Messer Ludovico, daß Ihr aus dem Strahlenkreise der Musen +kommt, so licht ist Euer Antlitz!" sagte sie. + +"Diesmal ist es eher der geistreiche Umgang meines morgenländischen +Freundes, der mich erheitert", versetzte Ariost, "und, wie immer, +Eure beseligende Gegenwart." + +Er stellte seinen Begleiter, der, ein feinerzogener Mann, die Arme +auf orientalische Weise über der Brust kreuzend, sich ernst verneigte, +der Herzogin vor. + +Der persische Teppichhändler Ben Emin war in Ferrara die Mode des +Tages. In Venedig vorübergehend niedergelassen, wo er in der +Merceria die herrlichste Ware auslegte, hatte er einen Flug nach +Ferrara getan, um dem prachtliebenden Hofe seine kostbaren Gewirke zu +verkaufen, und in Wahrheit nicht minder, um Ariosto kennenzulernen, +aus dessen Heldengedicht--die ersten Gesänge hatten vor kurzem die +Presse verlassen--er sein höheres Italienisch erlernte und überhaupt +den mannigfaltigsten Genuß schöpfte; denn Ben Emin war ein Kenner, +wußte seine großen persischen Dichter auswendig und liebte besonders +die Moral im Prachtgeschmeide der Dichtung. + +"Es ist eine ganz eigentümliche Lust, Erlauchteste", begann Ariost, +"mit einem gebildeten Manne aus einer fremden Nation umzugehen, die +Verschiedenheiten von Gebrauch und Sitte zu belächeln und sich an dem +lieben, allgemeinen Menschenantlitz zu erfreuen, das aus den größten +Unterschieden immer wieder sieghaft hervorbricht. Doch immerhin groß +und wunderbar sind diese. So, zum Beispiel", scherzte er, "scheint +es ein überall verbreiteter Zug zu sein, daß der Mann schenkt, wo er +das Weib bewundert. Nicht so mein Perser! Ben Emin denkt anders. +Er ist zwar der größte Verehrer unserer Ferraresinnen und verfolgt +die raschen Bewegungen ihrer schlanken, seine Ware prüfenden Finger +mit aufmerksamen und leuchtenden Augen; aber meinet Ihr, daß er der +ihn am schönsten Anlächelnden ein 'Behaltet, Sonne!' oder 'Nehmet, +mein Stern!' zuflüstere? Nein! Vielmehr nennt er unglaubliche +Preise, so daß sich der süßeste Mund zum Schmollen verzieht. So +grausam ist Ben Emin!" + +Die Neckerei erregte die Heiterkeit der Höflinge; Ben Emin aber, der +unter seiner Mütze von schwarzem Lammfell mit klugen Augen blickte, +wendete sich würdevoll an die Herzogin: + +"Wunder Italiens! Vollkommenste der Frauen!" sprach er in gutem +Italienisch, "ich erwähle dich zur Richterin. Da ich Ferrara +erreichte, warf ich mich dir zu Füßen, meinen schönsten Teppich vor +dir ausbreitend und dich anflehend, ihn als dein Eigentum zu betreten. +Du hattest die Gnade, meinen Wunsch zu erfüllen. Wäre es nun nicht +eine Verkennung und Beleidigung deiner Einzigkeit, wäre es nicht +eigentlicher Hochverrat, wenn ich mit undankbarem Herzen nach und +neben dir andere und Geringere beschenken würde? Nicht davon zu +reden, daß, was einer Fürstin gegenüber gerechte Huldigung ist, die +Tugend einer niedriger Gebornen in Verruf bringen könnte. Solches +aber sei ferne von Ben Emin!" + +Die Hofleute beglückwünschten den Perser zu seiner Rede und gestanden +sich heimlich, daß der schlaue Kaufmann Ben Emin in Ferrara nicht der +Gefoppte sei. + +Da die Schwüle des Hochsommertages wuchs und sich in den dichten +Zypressenhecken verfing, suchte die Herzogin mit Ariost und dem +Perser das große Boskett in der Tiefe des Parkes auf, wo ein Ring +hoher Ulmen seine Kronen wiegte und zu einer luftigen Wölbung +zusammenschloß. Hier stand in der Mitte auf einem verwitterten +Marmor ein eherner Kupido, der sich mit zerrissenen Flügeln und +verschütteten Pfeilen in Fesseln wand. Dieses Bild sagte in der +wunderbar freien Sprache des Jahrhunderts, daß für die verheiratete +Lukrezia die Zeit der Leidenschaft vorüber sei, und hier in der Runde +auf den Steinbänken pflegte die Gemahlin Herzog Alfonsos im Sommer +Hof zu halten. + + +Währenddessen haschte in der verlassenen Hauptallee ein Jüngling +einen anderen, der ihm in das Gebüsch zu entschlüpfen suchte. Beides +waren Jugendgestalten voller Kraft und Anmut, von vollkommenem Wuchs +und geschmeidigen Gliedern--zwei Könige des Lebens. + +"Halt' ich dich endlich, Julius!" rief der eine und legte seinem +Gefangenen den Arm um den Nacken. "Ich denke, wir sind beide zum +Herzog befohlen und wandeln nun diese kurze Lebensstrecke zusammen!" +Er wies auf den grünen Gang mit dem Schloß am Ende. + +"Sie ist lang, Herkules", seufzte Don Giulio, "und gewährt dir Raum +zu einer rednerischen Leistung; doch ich leide mein Schicksal." + +"Mein Freund", begann Strozzi, "ich werde nicht predigen, teils weil +ich von der Eitelkeit solcher Zusprüche im allgemeinen und ihrer +Vergeblichkeit dir gegenüber insbesondere überzeugt, teils weil ich +zum Herzog gerufen bin, ich fürchte, um mit ihm das jüngste Ärgernis +zu betrachten, das du in deinem Pratello gegeben hast, wovon ihm der +umständliche Bericht des Polizeihauptmanns Zoppo vorliegt: Tumult, +Blasphemie, Entführung, Blut, Gewalttat, mehrere Tote!" + +"Oh, so stand es nicht im Programm. Es war ein klassisches +Bacchusfest beabsichtigt. Du hättest nur die Coramba mit ihren +wilden Reizen als Ariadne sehen sollen! Trage ich vielleicht die +Schuld, daß die Krönung der Ariadne durch den Mißverstand meiner +Bauern in den Raub der Sabinerinnen und in zentaurischen Mord und +Totschlag ausartete?" + +"Kein Wort mehr davon, Giulio! Dein ruchloser Leichtsinn könnte das +treuste, das angeborne Wohlwollen erschöpfen, und ich hätte mich +längst mit Ekel von dir abgewendet, so lieb du mir bist, du schönes +Laster, hättest du nur die Hälfte deiner Taten gefrevelt; aber das +Ganze übersteigt derart die Schranke, daß ich dich als eine +Sondergestalt betrachte, welche jeden menschlichen Maßstab verspottet. +Deshalb bin ich entschlossen, statt dich von neuem in Fesseln legen +zu lassen, beim Herzoge deine Verbannung aus Ferrara von wenigstens +einem Jahre zu beantragen. Das verkünde ich dir. Du magst in den +venezianischen Kriegsdienst zurückkehren, den du nie hättest +verlassen sollen." + +"Ob ich nach Venedig zurückgehe", versetzte Don Giulio, "wer lebt, +der erfährt's!" Und es wetterleuchtete über seine junge Stirn. "Doch +ich bitte dich, mache mich Menschlichen nicht zum Unmenschen! Ich +bin kein sittliches Ungeheuer--nicht einmal deine Donna Lukrezia ist +es, deren farblose Augen dich bannen, daß du ihr sinnlos zustreben +mußt! Die deine Einteilungen und Fächer zerstört und deine Göttin +Gerechtigkeit stürzt und überwindet! Auch sie ist nicht der Dämon, +vor dem du erbebst." + +"Daß ich die Gesetzlose lieben muß, ist Schicksal", sagte der Richter +mit einem peinvollen Lächeln. "Doch daß ich ihr zulieb' das Gesetz +vergessen, das heilige Recht verletzen sollte, erscheint mir +unmöglich!" Und er seufzte, schmerzlich fühlend, daß er nicht minder +als sein genußsüchtiger Freund an einem giftigen Schlangenbisse +dahinsieche. + +"Ich sage dir ja", tröstete Don Giulio, ungeduldig bewegt von dem +Schmerzensausdruck, "du übertreibst dir das Weib ins Große. Das Weib, +das dich entsetzt und bestrickt, ist nicht jene Lukrezia, die dort +unten lustwandelt. Du erstaunst, und deine Augen befragen mich! Nun +ja, ich nehme sie natürlicher. Wo sie herstammt und wie sie aufwuchs, +das wissen wir. Es scheint dir wunderbar, Prätor, daß sie die +Frevel ihrer Vergangenheit verwindet ohne Gericht und Sühne. Siehst +du nicht, daß es nur der Rettungsgürtel ihres vom Vater ererbten +Leichtsinnes ist, der sie oben hält? Und daß sie nun über der +tödlichen Tiefe hell und sorglos dem Porte der Tugend zukämpft, +hältst du für dämonische Größe. Ich sage dir: mit Ausnahme der Anmut, +die sie füllt bis in die Fingerspitzen, ist sie ein gewöhnliches, +rasch bedachtes Weib! Ein ganz gewöhnliches Weib! Glaube mir, ein +menschliches Weib!" endete der Jüngling mit einem übermütigen +Gelächter. + +Sie waren am Fuße des Schlosses angelangt und betraten das Freie, wo +sich unter einem bleiernen Himmel in stumpfer Helle der +Neptunusbrunnen erhob. Dieser stand, an das Fundament des +Mittelbaues gelehnt, in dem Halbrund, das die beiden zur +Schloßterrasse ansteigenden Freitreppen bildeten, und rauschte und +plätscherte in der Schwüle, genährt von den Wasserstrahlen, welche +das Gesinde des Meergottes aus Urnen und Muscheln in die Riesenschale +herabgoß. + +Der Richter wollte die nächste Treppe hinaufeilen, denn er wußte sich +vom Herzog erwartet. Da wandte sich Don Giulio, dessen Arm ihn +umfaßt hielt, rasch wieder gegen den dunkeln Park zurück und zog den +widerstrebenden Freund mit sich. + +Er hatte noch nicht ausgeredet. + +Seltsam verschlangen sich auf dem hellen Kiesgrund zu ihren Füßen +zwei ringende, kurze Schatten. Strozzi sah den grotesken Kampf und +lachte: "Siehe, wie du mich zwingst!" + +"Mein Bruder also schickt mich nach Venedig", sagte der Este, während +sie noch einmal den endlosen Baumgang betraten, "derselbe Bruder, der +mich unlängst aus politischen Gründen von Venedig zurückberief!" + +"Hättest du die Geringschätzung in dem Lächeln seiner Mundwinkel +gesehen, als er die Meldung deines augenblicklichen Gehorsams empfing! +Ich stand daneben. Er hatte dich Papst Julius zu Gefallen +zurückrufen müssen; aber es war nur zum Schein: er erwartete, du +würdest ihn verstehn und ihm nicht gehorchen." + +Eine zornige Macht leuchtete jetzt aus den sanften Augen Don Giulios. +Noch war er nicht so verweichlicht, daß es ihn nicht empört hätte, +sich mißachtet zu sehen; doch verbarg er seinen Unwillen unter einem +Lächeln. + +"Zu klug für mich! Und dann, du weißt, ich bin kein Feldherr, nicht +einmal ein Soldat", sagte er. "Ich liebe Blutvergießen nicht..." + +"Und vergießest so viel, daß es dir von den Händen träufelt und deine +Fußstapfen füllt!" + +"Nur wenn ein Lästiger mein Vergnügen stört!" erwiderte der Este +frevelmütig. "Aber was du sagst, Herkules! Ihr schickt mich wieder +nach Venedig! Halb bin ich es zufrieden, halb schmerzt es mich-- +halb bin ich hier gebunden, halb streb' ich fort--mir selbst ein +Rätsel!..." + +"Das die dunkellockige Angela löst! Du suchst und fliehst sie!" + +"Keineswegs", sagte Don Giulio, "sie ist mir gleichgültig. Aber seit +jenem Einzug vor zwei Jahren--du warst ja dabei und nahmst dich +prächtig aus als ernsthafter Träger einer goldenen Baldachinstange, +da hast du es selbst gehört, wie sie mich vor allem Volke bedroht und +gerichtet hat... seit jenem Tage bin ich nicht mehr derselbe! Meine +Sinne taumeln, und wie ein Rasender suche, wechsle ich Mund und +Becher und habe nur einen Wunsch, daß jene, die sich feindselig und +kalt von mir abwendet, mir noch einmal ihr hellflammendes Antlitz +zukehre und mich noch einmal bedrohe--noch stärker als das erstemal... +Doch ich rede Unsinn. Sendet mich nach Venedig!" + +Er schöpfte Atem. "Auch ist es gut für ihn und mich", fuhr er fort, +"wenn ich dem Bruder Kardinal eine Weile aus den Augen komme. Er +liebte mich einst, und jetzt beginnt er mich zu hassen auf eine +unmenschliche Weise. Urteile selbst! Neulich hält er mich fest und +raunt mir mit drohender Stimme ins Ohr: 'Julius, ich verbiete dir das +Antlitz Angelas! Ich verbiete dir ihre Augen! Ich verbiete dir +ihren Atem! Bei deinem Leben!'" + +"Ich weiß", antwortete der Richter, "der Ungerechte liebt die Ärmste +wütend. Und sündig wie die Welt und allmächtig, wie er auf diesem +Ferrara heißenden sündigsten Fleck derselben ist, wäre sie dem Geier +schon längst ohne Erbarmen zum Raube gefallen sein, wenn nicht..." + +"Und du schneidest nicht dazwischen, Großrichter? Du Liebhaber +und Diener der Gerechtigkeit? Rette das Mädchen! Damit wollte +ich dich betrauen, mein Herkules, bevor ich nach Venedig gehe. +Ich kann es nicht, denn ich würde ihr Unglück bringen..." er +schwieg und träumte--"wie sie mir! Bei jener Herausforderung des +Kardinals--du weißt, ich bin ein Genießender, aber kein +Feigling!--wallte mein Blut, und ich hätte ihm sein wahnsinniges +Verbot ins Angesicht zurückgeschleudert, hätte es sich um eine +meiner Schönen gehandelt--aber ich überlegte mir", er deckte die +Augen sinnend mit der Hand, "daß ich das Mädchen nicht liebe, und +daß ich bei der Art meines Bruders schweres Unheil auf sie +herabzöge, wenn ich mich schützend neben sie stellte. Und sie +würde es nicht dulden--sie will es nicht. Sie verachtet mich, sie +richtet mich--und ruft Unheil auf mich herab:--Oh, schade!"--Dann +fuhr er im Zorne der Erinnerung fort: "Der Kardinal mag sein Netz +über sie werfen, obwohl ich es grausam und abscheulich finde, +abscheulich und hassenswert, wie diese ganze Welt, wenn ich nicht +trunken bin oder einen Frauenmund küsse." + +"Beruhige dich", sagte der Großrichter ernst, "es wird ihr nichts +geschehen, davon bin ich überzeugt; keine Falte des Gewandes darf ihr +verschoben werden, denn sie wird beschützt--von Lukrezia Borgia." + +"Gut so! Ich überlasse sie dieser Heiligen", spottete der Este; "ich +aber will mich in einen Myrtenschatten an eine frische Quelle setzen +und darin meinen Wein kühlen... Wenn nicht der andere Bruder, +Ferrante, durch die Büsche bricht, sich neben mir ins Gras wirft und +mir mit seinen Verschwörungen und hochverräterischen Einflüsterungen +das Ohr vergiftet, wo ich dann die Wahl habe, ob ich ihn für einen +Narren oder Bösewicht oder für beides halten soll. Neulich lud er +mich brüderlich ein, den Herzog, wie er sich ausdrückte, aus der +Mitte zu schaffen; doch sei überzeugt, hätte ich nur halbwegs +hingehorcht, der Arge wäre zur selben Stunde an mir zum Verräter +geworden. Auf diese Fährte aber folge ich ihm nicht, sondern +schließe ihm den Mund, denn ich verehre den Herzog und hasse die +Felonie. Aber sage mir, Strozzi, hältst du Don Ferrante eines bösen +Streiches für fähig um der Krone willen?" + +"Es sind Tücken ohne Folge und Frucht", antwortete der Richter, "wenn +nicht ungewöhnliche Lagen oder unerwartete Erschütterungen die +Drachensaat verhängnisvoll zeitigen." + +"Macht das unter euch aus, ihr Raubtiere", lachte der leichtherzige +Julius, "und wenn ich aus Venedig zurückkehre, will ich sehen, welche +Leichen auf der Hofbühne von Ferrara herumliegen. Lebe wohl, Anbeter +der Gerechtigkeit, und eile dich! Der Herzog wartet." + +Er umarmte den Freund und ließ ihn dann mit solchem Ungestüm fahren, +daß jener taumelte. Strozzi suchte mit schnellen Schritten die Villa, +und Julius schlenderte ihm gelassen nach. + + +Da er den Neptunusbrunnen erreichte, badete er sich, der Kühle +bedürftig, das Antlitz und ließ den aus der Steinbrust eines +Meerweibes springenden Wasserstrahl gegen seine durch die vertobte +Nacht entkräftete Stirn fahren. Da, während er sich das Haupt mit +seinem Tuche trocknete, wurde er eines müden Strolches gewahr, der +unbeweglich auf einer Steinbank im schmalen Schatten des Mauerrunds +lagerte und, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, ihn unter dem Filz +hervor mit unverwandten Augen beobachtete. Jetzt sprang er rasch auf +die Füße und verneigte sich mit der Begrüßung: "Ich verehre Euch, Don +Giulio!" + +"Bleib!" bedeutete ihn der leutselige Este, "aber rücke! Es ist Raum +für zwei. Ich habe Lust zu schlummern; du bewachst mich!" + +Der Bravo zeigte lächelnd die weißen Zähne und lüftete den Dolch, der +ihm am Gurt hing, ein wenig in der Scheide. + +"Du bist von den Leuten des Kardinals?" sagte Don Giulio. "Wie +heißest du?"--Der Kardinal war als der Besitzer und Ernährer einer +stattlichen Bande bekannt. + +"Ich nenne mich Kratzkralle", antwortete der andere untertänig. + +"Aber dein christlicher Name?" + +"Vergessen. Er war auch ein bißchen stinkend geworden." + +"Den neuen hat dir wohl dein Kardinal gegeben? Und wie nennen sich +die andern vom Gesinde?" + +"Sie heißen, mit Erlaubnis Eurer Herrlichkeit, Dornbart, +Zähnefletscher, Drachenblut, Eberzahn, Grimmrot und Firlefanz. Mit +mir unser sieben--wohlgezählt. Wir sind die sieben Todsünden des +Kardinals, wie uns das Volk von Ferrara nennt." + +"Nun kenne ich auch eure Marschordnung", sagte Don Giulio, auf den +fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hölle anspielend, wo +der Kardinal als ein Verehrer des göttlichen Dichters die Namen +seiner Bande gefunden hatte. + +Er brach in ein helles Gelächter aus. Don Giulio konnte noch recht +kindlich lachen. Dann aber reckte er die Arme: "Wie ich müde bin!" + +Er warf sich auf die Bank nieder, ohne die Berührung des anderen zu +scheuen, suchte seine Lage und war entschlummert. + +Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll: "O du schöne +Jugend!" + + +Zuerst versank der Müde in eine traumlose Tiefe, Vergessen schlürfend +in langen, durstigen Zügen; dann öffnete sich langsam sein inneres +Auge, und daran vorüber eilte, aufdämmernd, eine flüchtige Jagd, ein +hastiges Gedränge bacchischer Erscheinungen, rasende Körper, +rücklings geworfene Häupter, geschwungene Zimbeln, Pauke und +Evoeschrei. Horch! In weiter Ferne, aus anderer Richtung, zuerst +kaum hörbar, dann schwer anschwellend, dröhnende Posaunen! + +Unbekannte Angst befiel ihn. Da stand er plötzlich in einer ernsten +Versammlung, in einem Kreise von Richtern verschiedener Völker und +Zeiten. In der Mitte saß, grau und streng, wie aus Stein gehauen, +Carolus Magnus, sein großes Richtschwert auf die Knie gelegt; zu +seiner Rechten stand der Prophet Samuel, den geisterhaften Mantel +über der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend; zu seiner Linken +der Römer Brutus, der strenge Vater, inmitten seiner Liktoren, von +denen seltsamerweise der Richter Herkules, Giulios Freund, eben +gefesselt wurde. Der Träumende erstaunte, daß ihrer beider +ferraresische Sünden eines so hohen Gerichtes würdig erfunden seien. +Jetzt ertönte die mächtige Stimme Kaiser Karls, ohne daß er die +Lippen bewegte: "Julius Este, das von der Jungfrau dir verkündigte +Gericht ist da. Sie ist es selbst." Wieder dröhnte die Posaune, und +alles stürzte zusammen. + +Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte +Don Giulio im Grase, zu der freundlich über ihn geneigten Angela +emporblickend. + +"Du Tor", sagte sie, wie in einem Gespräche fortfahrend, "darf auch +ein Mädchen zu einem Jüngling sagen: ich liebe dich? Sie muß ihr +Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und +Drohung. Auch, wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger +Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben? Und dennoch: Gerade deine +viele Sünde, die ich strafen muß, ist es, die mich an dich kettet. +Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen, mit denen du frevelst. +Reiße sie aus und wirf sie von dir!" + +Don Giulio wunderte sich im Traume, wie frech und vertraut die stolze +Angela zu ihm rede; er lauschte bange, was da noch kommen werde, und +als sie schwieg, wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick. Er +wollte sich aufschnellen, war aber von unsichtbaren Banden an den +Boden gefesselt und außerstande, die kleinste Bewegung zu machen. + +"Du willst nicht?" begann jetzt die Traum-Angela wieder; "aber es ist +einmal nicht anders." Damit tauchte sie den Finger in eine Schale, +die sie in der Linken hielt, und träufelte dem Ärmsten, der sich +umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte, einen Tropfen +roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge. +Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz, und tiefe Finsternis, +dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht, umfing ihn. + +Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen, +der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete. + +"Schlimm geträumt, Herrlichkeit!" sagte Kratzkralle. + +"Entsetzlich! Mir war, ich werde geblendet." + +"Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht", meinte +der Bandit. "Meine Verehrungen, Herrlichkeit! Doch nun beurlaubt +mich." + +Er verbeugte sich, blieb aber stehen, wie durch eine gewisse +Zärtlichkeit zurückgehalten, und begann mit bedenklicher Miene und +gedämpfter Stimme: "Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne +Glauben schenken will, so verzieht sie sich sachte von hier in dieser +gegenwärtigen Stunde noch, sucht ein Klösterlein auf--Sant Andrea in +den Stauden liegt nahe, der Heilige ist gut und die dortige +Brüderschaft diskret--, gibt jedem Bettler, dem sie auf dem Wege +begegnet, ein Goldstück, tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde, +verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die +lieben bedrohten Augen. Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch!" +schloß er mit Inbrunst. + +"Bist du traumgläubig?" scherzte Don Giulio, der schnell seine +Sicherheit wiedergewonnen hatte. + +"Ich weiß, was ich weiß", versetzte der Bandit. "Mir hat einst +geträumt, ebenso eindrücklich wie Euch heute, ich ersteche meinen +Schwager. Erwacht, tat ich das Mögliche von frommen Dingen; aber es +mußte nur sein." + +Er grüßte tief und war weg. Offenbar hatte er es eilig, aus der Nähe +eines Menschen wegzukommen, der nach seiner festen Überzeugung einem +dunkeln Schicksal verfallen war. + + + +Viertes Kapitel + + +Don Giulio erstieg langsam die Treppen und suchte, den Blick aufwärts +wendend, sehnsüchtig das süße Blau, welches er im Traume für immer +verloren hatte. Aber er suchte vergebens; denn der Himmel war von +den trüben Dämpfen der Julihitze gänzlich verdüstert. + +Als er den Fuß auf die oberste Stufe setzte, kam ihm aus der Halle +des Hauses mit ungewissen Schritten der Oberrichter entgegen, bleich +wie ein Toter und mit so unglücklich blickenden Augen, daß Don Giulio +vom innigsten Mitleid ergriffen wurde und, den Arm um die Schulter +des Freundes schlagend, ihn an das Terrassengeländer zog und mit ihm +auf das Brunnenbecken und in das rauschende Spiel seiner Wasser +niederblickte. + +"Was geschah denn?" flüsterte er ihm ins Ohr. "Was ist dir begegnet?" + +Strozzi erwiderte mit schmerzlich verzogenem Munde: "Nichts. Du +verreisest für zwei Jahre nach Venedig. Deine Sache ist beigelegt +und kommt nicht vor Gericht. Deine Orgie in Pratello bleibt +ungestraft. Wiederum und noch einmal eine unverurteilte blutige Tat! +Auch der Herzog beklagt es und seufzt über euch, seine Brüder." + +"Auch über den Kardinal?" + +"Über euch alle. Den Kardinal nannte er einen Eigenmächtigen, einen +Gesetzlosen, einen dem Staate Ferrara unentbehrlichen Frevler, und +befahl mir, seine Bande, wenn er sie nicht, wie er fest zugesagt, +heute noch ablöhne und auflöse, mit Galgen und Rad zu verfolgen-- +unnachsichtlich! Dabei erhitzte er sich", berichtete Strozzi weiter, +"und sprach eifrig von dem Staate Ferrara, wie er ihn sich denke, als +ein Staatswesen von unbedingter Gerechtigkeit, durchaus ohne Ansehen +der Person, ohne Begünstigung, ohne Bestechung. + +'Eine Justiz, wie sie Eure Republik besitzt', sagte er, sich zur +Seite wendend, und ich erblickte in einer Fensternische den +Venezianer, der gekommen war, vom Herzog Urlaub zu nehmen, und +bescheiden in einem Buche blätterte, um meine Audienz nicht zu stören. +Der Angeredete lächelte höflich. + +'Vergebung, Bembo!' fuhr der Herzog fort. 'Ich weiß, Euer Reisezug +wartet, denn Ihr wollt die Nachtkühle benutzen zu Eurem Romritt, um +der Julisonne auszuweichen. Verzeiht meinem Schreiber, daß der +Langsame und Gewissenhafte Euch auf das Memorial warten läßt, das Ihr +mir die Gunst erweisen wollt für mich in die Hände des Heiligen +Vaters zu legen. Ein furchtbarer Mensch, dieser Julius. Er liebt +mich nicht; empfehlt mich ihm. Und was werdet Ihr dem Schrecklichen +sagen'--der Herzog lächelte--'wenn er Euch fragen wird, was Euch +bewog, Ferrara zu verlassen? Er weiß, daß ich von Männern, wie Ihr, +nicht gerne verlassen werde. So gut als ich, schätzt er Euch als +einen Bedeutenden und Zukunftsvollen, den zu verkennen eine Schmach +der Unbildung wäre, und der jedem italienischen Hofe zur Zierde +gereicht. Nun, Bembo, saget mir, was werdet Ihr der Heiligkeit +antworten?' + +'Die Wahrheit, Herzog', erwiderte der Venezianer mit seiner +einschmeichelnden Stimme. 'Heiligkeit, werde ich sagen, ich verlasse +Ferrara, weil ich den Herzog verehre, und fürchte, die Herzogin zu +lieben. Kein Sterblicher wird ihres täglichen Umgangs genießen, ohne +von ihrem geheimnisvollen Wesen und von ihrer klaren Anmut gefesselt +zu werden. Wo ist da die Grenze zwischen Bewunderung und +Leidenschaft? Wo liegt das richtende Schwert, das die Körper und die +Seelen trennt? Es tötet, ohne zu blitzen! Lieber aber verendete ich +in tausend Qualen, als daß ich die hohe Frau durch eine auflodernde +Flamme verletzte, oder an meinem edlen Gastfreunde, auch nur im +Fiebertraume, Raub verübte. So werde ich zum Heiligen Vater reden...'" + +"Kühn und auch klug gesprochen", unterbrach hier Don Giulio den +Erzählenden, indem er zum Spiel nach einem Wasserbogen haschte, +dessen fallenden Regen ein Hauch des Südwindes ihm zutrieb. + +Der Richter aber fuhr fort: "Don Alfonso schien durch das Bekenntnis +seines Gastes befriedigt und mit dessen Abreise einverstanden. 'Ich +könnte Euch solche freimütige Rede an den Heiligen Vater nicht +verargen', sagte er, 'sie hätte nichts Unziemliches, sondern ehrt uns +alle. Schreibt uns zuweilen, Bembo! ' Dann aber wurde er drohend und +wies auf mich. 'Dieser Mensch', sagte er, 'krankt an dem gleichen +Übel, ohne weise zu sein, wie Ihr, und ein Heilmittel zu suchen. +Redet zu ihm und gebet ihm Rat.' + +Da erhob ich zornig das Haupt und versetzte: 'Solches, Herzog, +gestehe ich nicht ein mit dem Munde; meine Gedanken aber anerkennen +keinen Richter. Wenn solches wäre, ich wüßte mir Rat, so gut wie +Bembo. Laßt mich ziehen, Herzog! Die Luft von Ferrara erstickt mich. +Ich bin noch zu jung mit meinen zwanzig Jahren, die heilige Waage +der Themis zu halten; ich bin ein noch unfertiges Metall, eine +flüssige Lava. Noch kämpfen um mich verschiedene Gesetze und +Anbetungen! Gebt mir Urlaub! Ich will die Hochschule von Paris +besuchen, wohin ich schon lange trachte, und ich werde einst Euch und +dem Staate Ferrara reifer und brauchbarer zurückkehren, als ein Mann +des Rechts, den nichts mehr besticht und blendet.' + +Der Herzog entgegnete mir ernst: 'Keine Rede davon, daß Ihr Euer kaum +angetretenes Amt verlasset. Unter meinen Augen begannet Ihr eine +Reform unseres Gerichtswesens, und ich ertrage es nicht, daß in +Ferrara eine unternommene öffentliche Arbeit leichtsinnig +unterbrochen und verspätet werde. Wohin würde uns solche +Gewissenlosigkeit führen?--Was aber die Sklaverei betrifft, in der +Ihr schmachtet, so leugnet Ihr sie mit dem Munde, aber mit Blicken +und Gebärden legt Ihr sie auf eine ärgerliche 'Weise an den Tag. +Darum bitte ich unsern scheidenden Freund', er ergriff den Venezianer +bei der Hand, 'Euch über Euern gefährlichen innern Zwist aufzuklären. +Er ist Euch glaubwürdig; denn, wie Dante im wilden Walde, ist er +angstvoll den reißenden Bestien entronnen. Seid sein Führer, Bembo. +Redet in meiner Gegenwart ohne Zwang und Schleier. Es besteht kein +Geheimnis unter uns, wir kennen unsere Gesichter und Masken.'--So +quälte uns der grausame Pedant, und wir knirschten unter der Marter!" + +"In der Tat, ein genialer Gedanke des Ehemannes, in seiner Gegenwart +den einen Anbeter seiner Frau durch den andern abkanzeln zu lassen!" +lachte Don Giulio. "Das gleicht dem Bruder! Ich sehe, wie du in +verhaltenem Ingrimm die Augen rollst, und wie der schlangengewandte +Venezianer seine zerrissene Seele zu einem schmerzlichen rhetorischen +Meisterstücke stimmt. Was sagte er denn?" + +"Zuerst zog er die feinen Brauen zusammen und schwieg eine Weile. +Dann trat er zu mir und ergriff mitleidig meine Hand. 'Herkules', +begann er, 'die Zeit drängt; meine Rosse stampfen vor dem Tore, und +mein Geist ist schon unterwegs. Möge diese meine letzte Minute +Frucht tragen mit der Hilfe Gottes! Ich habe keine Zeit, meine Worte +zu wägen; und da die Hoheit selbst es ausgesprochen hat, daß hier +kein Geheimnis walte, so enthülle ich schonungslos das Antlitz der +Dinge. Dein Leiden ist ein wundersamer Fall. Nicht wie mich armen +Sünder besiegt dich die Übergewalt des weiblichen Reizes. Du bist +weit gefährlicher krank; denn dein Übel entspringt auf dem Gebiete +deines stolzen und eigenwilligen Geistes. Dein strenger Rechtssinn +verdammt das, was dein Auge beglückt und das Feuer deines Herzens +entzündet. Das ist dein Widerspruch und dein Irrsal. Der Richter +wird entflammt für die von ihm Gerichtete. Besieh dir doch ihr +Schicksal! Ein kindliches Weib, in unselige Abhängigkeiten +hineingewachsen, schuldig schuldlos, wie die liebliche +Frauenschwachheit ist, flieht, von innerer Klarheit erhellt, mit +zitternden Füßen aus dem Banne des Bösen und ergreift die ihr +gebotene Hand eines seltenen, ja einzigen Mannes, der dein Fürst ist, +o Strozzi! und ein weiser Erforscher der Menschennatur. Er erkennt +die edle Anlage Lukrezias und zieht sie in göttlicher Weise mit sich +empor. Nun werden ihre Schritte täglich sicherer, und immer größeres +Wohlgefallen gewinnt sie an der Tugend und an ihren belohnten Kämpfen. +Da kommst du, Unseliger, siehst die Emporgehobene in den Armen +ihres Schutzengels, verurteilst sie zu den Höllenkreisen und stürzest +dich auf sie, um dein Urteil selbst auszuführen. Wehe dir, du bist +ihr verfallen! Du umklammerst ihre Knie; sie aber wird sich von dir +lösen, und du stürzest allein in die Tiefe! Armer Ixion, du +umschlingst statt der Göttin die Wolke, und daß dein Frevel völlig +unausführbar und unmöglich ist, das allein entschuldigt ihn. Frage +dein Herz, Strozzi!' und der Venezianer drückte mir in Tränen die +Hand. 'Fühlst du nicht, wie rührend und geschmackvoll die neue +Lukrezia ist, die in ihrer stillen und bedachten Weise das schlichte +Gute tut und ohne prunkende Buße sich mit den allgemeinen Tröstungen +der Kirche begnügt? Wenn du die einfache Anmut dieser Erscheinung +betrachtest, beschleicht dich nicht der Zweifel, ob die Verleumdung, +das Laster unserer Zeit--denn wir alle verleumden und werden +verleumdet--, sich nicht an diesem erlauchten Weibe mehr als an +andern vergangen und das menschlich natürliche Bild einer Dulderin +ins Dämonische verzerrt habe?...'" + +Das laute Gelächter seines Freundes unterbrach ihn. "Das ist stark!" +rief Don Giulio. "O Jahrhundert unverschämter Wahrheit und +gründlicher Lüge!" + +Da zuckte er leicht zusammen, denn ein leiser Finger berührte seinen +freien Nacken. Kurz wandte er sich um und blickte in das abgezehrte +und feindliche Gesicht des Kardinals, dessen langsames Emporsteigen +das Springen der Wasser übertönt und verborgen hatte. + +"Ich glaube, der Herzog erwartet uns beide", sagte Ippolito, über das +Wort seines jungen Bruders, das er noch auf gefangen hatte, +unwillkürlich lächelnd. "Folget mir ohne Verzug!" Und er verschwand +in der Villa. + +"Ich verlasse dich, Herkules!" sagte der Este. "Nur eines muß ich +noch wissen: Woher deine tödliche Blässe, die mich erschreckte, da +ich dir hier entgegentrat?" + +"So höre denn das Ende des Auftritts und das Meuchelwort des Herzogs! +Zuerst sagte er ruhig und finster: 'Euer Bildnis der Herzogin, Bembo, +ist treffend und nicht geschmeichelt.' Er fixierte uns beide. Mit +meiner Miene schien er nicht zufrieden. Es erhob sich etwas Heißes +in ihm, und er wandte sich drohend gegen mich. 'Ich frage mich, +Strozzi', sagte er, 'ob Eure Leidenschaft nicht gelegentlich Euern +Gehorsam gegen den Fürsten und das Gesetz zu Euerm Unheil ins Wanken +bringen könnte! Nicht zwar auf Euerm eigensten Boden in Rechtsfragen, +da halte ich Euch für unbestechlich und unterordne mich Eurem Urteil. +So bin ich zum Beispiel überzeugt, daß Ihr in dem Erbstreite meines +Fiskus mit dem Grafen Contrario das Recht finden werdet. Auch wird +Euch hier die Herzogin trotz ihrer Begünstigung des Grafen nie +irreleiten; aber es gibt einen Fall und eine Stunde, die sie ihres +klaren Sinnes berauben werden. Ihr verderblicher Bruder wird Italien +wiederum betreten und uns verwirren. Ich werde meinen Untertanen +jede Verknüpfung mit ihm verbieten. Doch meine erste Untertanin, die +Herzogin, wird nicht gehorchen; denn sie kann es nicht, es steht +nicht in ihrer Macht. Mit den härtesten Strafen werde ich verhüten, +daß sie kein Werkzeug finde, und doch wird sie eines finden... Euch +wird sie ergreifen, Herkules Strozzi. Damit ist Euer Haupt verwirkt. +Ich werde Euch richten. Nicht öffentlich, denn es ist eine +Familiensache und eine Staatssache, die beide das Geheimnis fordern. +Man wird Euch tot auf der Straße finden.'--Hier erblaßte Bembo, und +du sagst, daß auch ich blaß geblieben bin.--Unbeirrt und gemessen +jedoch fuhr der Herzog fort: 'Bembo, Ihr seid vor Gott und Menschen +mein Zeuge, daß dieser nicht ungerichtet stirbt! Du aber, Herkules +Strozzi, siehe zu, wie du der Herzogin und mir entrinnest!' Jetzt +brachte ein furchtsamer Schreiber die Rolle für den Papst, und wir +waren entlassen. Ich begleitete den Venezianer zu seinen Dienern und +Pferden. Den Fuß schon im Steigbügel, flüsterte er mir zu: 'Hüte dich +vor dir selber, Herkules!'" + +Don Giulio schauderte. Strozzi berührte flüchtig seine Lippen und +sagte: "Nun reise auch du schnell und glücklich!" + +"Diesen Abend noch!" + +"Nein, sobald du aus dem Schlosse trittst!" sprach der Richter und +stieg die Treppe hinunter, während der andere seinem Bruder, dem +Kardinal, nacheilte. + + + +Fünftes Kapitel + + +Diesen fand er mit dem Herzog in einer schmalen, hohen Kammer, die +ein einziges großes Fenster erhellte. Es war ein geheiligter Raum, +den zu betreten dem Hofe untersagt war. Die Wände waren mit Plänen +und Karten bekleidet, und in der Mitte auf dem breiten Schreibtische, +an dem der Herzog, die Stirn in die Hand gelegt, sich niedergelassen +hatte, ruhte ein Globus. + +Sowie sich die Brüder vor ihm gegenüberstanden, blitzten sie, durch +den bloßen Anblick ihrer Gesichter gereizt, sich feindselig an, und +während der Herzog mit einem Zuge der Besorgnis zuhörte, +überschüttete der Kardinal Don Giulio mit zornigen Worten. + +"Ich verlange", rief er, "daß Eure Hoheit diesem Nichtswürdigen den +Hof verbiete; ich will, daß er Ferrara meide ewiglich und uns nicht +länger das Ärgernis seiner Nichtigkeit und Straflosigkeit gebe. Er +beschämt und entehrt unser Geschlecht! Stoße ihn aus, Bruder!" + +Unter so unerhörter Beleidigung zuckte Don Giulio zusammen. Er +bäumte sich unter dieser Geißelung; es war, als ob sich seine Züge +vergrößerten und ein edleres Urbild durchschiene, das sich empört +erhebe gegen solche Erniedrigung. + +"Kardinal", sagte er, "was ich sündigte, habe ich mir gesündigt. Und +ich weiß nicht, ob ein frei Genießender nicht schuldlos ist neben +einem Staatsmanne, der, wie ein Giftmischer, das Böse berechnend und +wissenschaftlich zu seinen Zwecken braucht und verarbeitet." + +"Diese Gedankenlosigkeit ist gerade, was ich dir vorwerfe, du +trauriger Gegenstand!" versetzte der Kardinal, "und daß du ohne jede +geistige Freude dem gemeinsten Genusse frönst. Und darum, weil ich +weiß, was du, Verworfener, Liebe nennst, verbiete ich dir Donna +Angela! Berühre sie nicht mit dem leisesten Atem, mit dem +flüchtigsten Gedanken, denn--pfui deine Gedanken!" + +Mit Tränen erwiderte Don Giulio: "Warum stößest du mich in den +Schlamm, daß ich darin ersticke, während du mich früher emporheben +wolltest? Warum hassest du mich so wild, der du einst den Knaben +väterlich geliebt hast?" + +"Das will ich dir sagen, Julius. Als ich, der zehn Jahre Ältere, +dich als Kind neben mir sah, freute ich mich deines offenen Antlitzes +und deines hellen Geistes. Herzgewinnend, schön, aufmerksam und +begabt, schienest du mir ein unter günstigen Sternen geborener Este, +uns geschenkt zum Gedeihen unseres Hauses und Staates, ein Labsal, +eine Stütze für Tausende, und es war mein stolzes Bemühen in einer +Zeit des Zerfalles, wo die Persönlichkeit alles ist, die deinige zu +entwickeln. Jetzt, nach deinem kindlichen Aufglänzen, standest du, +ein Jüngling, am Scheidewege; da wandtest du dich ab von den Zielen +der Ehre und Arbeit und verlorest dich völlig in Spiel und Lust. Dir +gelang, deinen ganzen reichen Hort nutzlos und schädlich zu vergeuden. +Nicht der Staat, nicht die Wissenschaft, nicht einmal der die +Jugend entflammende Kriegsdienst vermochte dich zu gewinnen. Du +tötetest deine Tage mit großen und kleinen Freveln... ein kleinlicher +und niedriger Geist. Du hast Raub begangen an deinem Hause, und da +du ihm, Wechselbalg, keine Ehre mehr machen kannst, sondern es mit +lauter Schande bedeckst, sähe ich dich wahrlich lieber tot als +lebendig. Hast du dich doch selbst von uns losgesagt, als du dein +Pratello, an das du grenzenlose Summen verschwendet hast, nicht mit +unserem erlauchten Wappen, sondern mit leeren und sinnlosen Larven +verziertest, wie du selbst eine bist." + +"Bruder", erwiderte niedergeschlagen Don Giulio, den sein Gewissen +strafte, "höre auf, mich zu zertreten, weil ich meine Lebensfreiheit +gebraucht habe. Es sind genug Este da, die dem Staate dienen! +Glaube mir, die Tugendlehre steht deinem Geiergesicht übel an!--Über +eines aber, Ippolito d'Este, beruhige dich gänzlich",--und Don +Giulio ermannte sich, einen Boden erreichend, wo er sich schuldlos +fühlte--"über meinen Stand zu Donna Angela! Ich schwöre dir", er +suchte nach einer gültigen Beteuerung, "so wahr unser Fürst und +Bruder hier lebt! Angela Borgia, die der Grund ist deines grausamen +Hasses gegen mich, gehört nicht zu mir, sie geht mich nichts an, sie +ist mir feind! Ich biege ihr aus, so schlank ich kann. Wuchs und +Gebärde dieser Virago sind nicht mein Stil. Auch kann sie mich nicht +lieben, denn sie denkt über mich wie du. Und mit Recht, denn ich +weiß nichts davon, daß ich mich geändert hätte, seit sie mich vor +allem Volke bejammert hat!" + +Weit entfernt, daß dieses Geständnis den Kardinal beruhigt hätte, +blies es vielmehr anfachend in die Flamme seiner Eifersucht. Er +traute den Worten Don Giulios, denn er wußte, daß dieser trotz seiner +Übertretungen eine innerlich unverfälschte und wahrhafte Natur +geblieben war, und er sagte sich, daß dieser Wunderquell, in dessen +Tiefe man durch seine leuchtenden Augen hinunterblicken konnte, für +die wahrheitsdurstige Angela eine geheime Anziehungskraft haben mußte, +ohne welche sie nicht hingerissen worden wäre, den aus dem Kerker +Steigenden auf offenem Markte zu mißhandeln und zu beklagen. Seine +Eifersucht wurde zur Wut, als Don Giulio unschuldig fortfuhr: + +"Nein, Bruder, ich rede nicht aus Neigung!" Er legte beteuernd die +Hand aufs Herz. "Bei Bacchus! Das Mädchen ist mir so gleichgültig +wie Göttin Diana! Nur hat man sein Erbarmen mit jedem weiblichen +Geschöpfe--was soll aus ihr werden bei deiner rasenden Liebe zu ihr? +Heiraten kannst du sie nicht--du bist ein Priester! Gewinnen noch +weniger, denn sie ist keusch und tapfer! Was bleibt? Was bereitest +du ihr? Du wirst sie töten!" + +Seine Stimme hatte einen so warmen, mitleidigen Klang, daß der +Kardinal darüber in Raserei geriet. + +"Wer sagt dir, Bube", wütete er, "daß ich sie töten werde! Was +hindert mich, dies hier", er packte mit beiden Fäusten den Purpur +über seiner Brust, "in Fetzen zu reißen und Angela als mein Weib an +das Herz zu drücken? Ich bin jung genug dazu, und ich speie auf das +kirchliche Gaukelspiel!..." + +"Gelassen, Bruder!" mischte sich endlich der Herzog in den Zweikampf. +"Das tust du nicht. Daß du ein Weib bis zur Raserei liebst, darf +dir begegnen. Es ist eine menschliche Plage--eine Krankheit--ein +Unglück! Eine verspätete Verweltlichung aber zum Behufe einer Heirat +wäre ein Ärgernis--ein Spott! Und du darfst dich nicht verhöhnen +lassen, du Stolzer! Was Donna Angela betrifft, die ein wertvolles +Mädchen ist, so wird die Herzogin sich damit beschäftigen, sie +standesgemäß zu versorgen, wozu sie als Verwandte verpflichtet ist. +Und du, Kardinal, wirst Donna Angela unter dieser Obhut in Ruhe +lassen, aus Ehrerbietung für Donna Lukrezia, die du scheust und +achtest." + +"Die ich scheue und achte!" wiederholte der Kardinal gedankenabwesend. +"Und mit wem wird Donna Lukrezia sie vermählen? erkühne ich mich zu +fragen." + +"Das überlassen wir ihrer Klugheit", sagte der Herzog. "Ich für +meinen Teil denke, es wäre nicht unweislich gehandelt, sie dem Grafen +Contrario zu geben." + +Nun war es seltsam, wie bei der Nennung dieses in Italien Reichtum +und Ehrbarkeit bedeutenden Namens beide feindlichen Brüder in ein +einträchtiges und einstimmiges Hohngelächter ausbrachen. + +Dann aber wandte sich der Kardinal mit erneuter Wut gegen seinen +Mitlacher. + +"Es sei!" schrie er. "Donna Lukrezia verfüge! Sie wird etwas +anderes finden, oder Donna Angela sich selbst besser beraten. Wenn +nur dieser Auswurf der Este", er deutete auf den jungen Bruder, "aus +dem Spiele bleibt!" Und so tötende Blicke schoß er gegen ihn, daß +dieser erbleichte. + +Jetzt schwindelte Ippolito auf dem Gipfel seines Hasses; er fühlte, +daß er die Besinnung verliere und einer Ohnmacht nahe sei. Sich an +die Stuhllehne des Herzogs klammernd, keuchte er in abgebrochenen +Worten: + +"Wenn dir dein Leben lieb ist, Bruder, so entweiche aus meinem +Gesichtskreis! Verlaß Ferrara! Noch zu dieser Stunde!... Jetzt +gleich!... Geh!..." Don Giulio betrachtete den Kardinal mit +erschrockenen Augen. Ihm schien, daß ihn dieser unwillkürlich und +aufrichtig warne vor den mörderischen Ausbrüchen seines Hasses, und +er beschloß, ihm zu gehorchen. + +"So tue ich, Kardinal!" sagte er und wollte sich entfernen. Doch der +Herzog gebot anders. + +"Keine Übereilung!" hielt er ihn zurück. "Nichts Auffallendes! +Nichts, was Mutmaßungen und Gerede verursachen könnte! Begebt Euch +jetzt in den Kreis der Herzogin. Unterhaltet sie und lasset +gelegentlich einfließen, Eure Lust am Kriegswesen sei wieder erwacht, +und da jetzt die Euerm Dienste in Venedig entgegenstehenden +Staatsgründe weggefallen wären, so kehrtet Ihr dahin zurück. Ich +hätte Euch Urlaub gegeben, wenn auch ungern." + +Don Giulio verneigte sich gehorsam. + +Da ließ sich draußen eine scharfe Stimme vernehmen, und alle drei +wendeten sich gegen den Eingang der Kammer. Es war Don Ferrante, der +Einlaß begehrte und in meckernden Tönen zu rezitieren begann, denn +neben andern Torheiten huldigte er auch der, zuweilen in Versen zu +reden: + + "Holdsel'ger Anblick, selten, aber wahr: + Drei Brüder schließen liebend sich zusammen, + Die von verschiednen schönen Müttern zwar, + Doch von demselben edeln Vater stammen! + Sie würgen sich, und sie ersticken gar + Sich in Umarmungen und Liebesflammen. + So groß ist ihr Verlangen und Entzücken, + Sich gegenseitig an die Brust zu drücken! + Der vierte kommt, den dreien anzusagen, + Daß im Boskett, wo Amor liegt in Banden, + Wo die Gelehrten unsrer Fürstin tagen, + Ein philosophischer Disput entstanden. + Es handelt sich um nadelspitze Fragen, + Und eine Lösung ist noch nicht vorhanden. + Erlauchte Prinzen, laßt Euch nicht verdrießen, + Auch Eures Witzes Bolzen abzuschießen. + + Komm, Brüderchen! Die Königin von Ferrara gebietet." + +Er faßte Don Giulio unter dem Arme und lud den Herzog und den +Kardinal mit einer gezierten Handbewegung zum Vortritte ein. + + + +Sechstes Kapitel + + +Während die ernsten Gestalten des Herzogs und des Kardinals zusammen +durch den langen Mittelgang des Gehölzes schritten, stellte sich das +darin lustwandelnde Hofgesinde rechts und links zu ehrerbietiger +Begrüßung auf, wenn es sich nicht in anständiger Flucht auf +Nebenpfaden, die zu irgendeiner geheimen Lästerbank führten, ins +Dickicht verlor. + +Wer von ihnen hätte begreifen können, daß der Mann im Purpur mit dem +bedeutenden Kopfe und den durchgearbeiteten Zügen, wie sie große +politische Geschäfte ausprägen, gleich einem Verdammten leidend, in +den Banden eines von ihm sich abwendenden jungen Mädchens lag. +Ähnliches sagte sich der Herzog, und der Kardinal erriet dieses +schweigende Urteil. + +"Keine Sorge, Bruder", begann er beschwichtigend, "wegen meiner und +des Mädchens! Ich überwinde... eines von beiden: mich oder sie! Nur +Don Giulio muß aus der Mitte geworfen werden. Und du schaffst mir +ihn weg, den mit den vorwurfsvollen Augen!" + +Der Herzog blickte den noch immer vor Leidenschaft Zitternden +verwundert an. Dann warf er einen Blick rückwärts nach den ihm +folgenden Brüdern und sah Don Ferrante, der den Gehaßten fast +gewaltsam vom Wege in das Gebüsch zog. + +"Sieh dich um", sagte er zum Kardinal. "Dort schleppt der +Verschwörer Ferrante den unschuldigen Giulio in ein Versteck, um ihn +in eines seiner närrischen Komplotte gegen uns einzuweihen. Zu +solchem Verrat aber, das mußt du mir zugestehen, gibt sich der +leichtherzige Knabe nicht her." + +"Je nach Umständen!" zischte der Kardinal. Dann raffte er sich +selbst und die Falten seines Purpurs zusammen, denn sie näherten sich +dem Kreise der Herzogin. + +Die Hitze des Julitages hatte sich gegen Abend unter dem dichten +Laubdache verfangen. Es war unerträglich dumpf, und wo der Horizont +zwischen den Stämmen sichtbar wurde, regten unaufhörlich die +lautlosen Blitze ihre Feuerschwingen. + +In dem dämmernden Boskette des gefesselten Kupido erhob sich beim +Eintritte der beiden die Gesellschaft von den niedrigen Steinsitzen; +nur die Herzogin, zu deren Füßen Angela sich barg, blieb auf ihrer +Bank ruhen, dem Herzog neben sich Raum gebend. + +Der Perser Emin aber stand an den ehernen Kupido gelehnt, den Kreis +mit orientalischen Märchen, wie es dem Herzoge schien, unterhaltend, +während Ariosto hinter seinen Schultern ihn anfeuerte und auch wohl +mit dem richtigen italienischen Ausdruck unterstützte. + +"Wovon war die Rede, Madonna?" fragte der Herzog. + +"Herr, davon", erwiderte sie, "wie es möglich sei, daß gewisse +Lichtgestalten, die in ihrer Glorie schützend über uns stehen, auch +in fremde Länder und auf andersgläubige Völker ihre Strahlen werfen, +wenngleich wie im Spiegel eines dunkeln Gewässers gebrochen. Davon +hat uns Ben Emin eben ein schönes persisches Beispiel erzählt." + +"Ich errate", sagte Don Alfonso, den die Frage anzuziehen schien. +"Solche Besitznahme unserer Helden durch die morgenländische Sage +kommt vor. Wenn ich nur an Kaiser Karl und seine Paladine denke. +Diese freilich haben unsere Dichter--und nicht am unschuldigsten +jener dort, der seine lustigen Augen hinter Kupido verbirgt--schon +so abenteuerlich verkleidet, daß den Persern wenig mehr zu tun übrig +bleibt." + +"Auf falscher Fährte, Herzog!" lächelte Donna Lukrezia. + +"So sind es denn die großen Staufen", riet der Herzog weiter, "der +Rotbart und sein Enkel, der ungläubige Friedrich, welche beide +freilich den Morgenländern ihre natürlichen Angesichter gezeigt haben, +und die sie nach dem Leben abbilden konnten." + +"Immer weiter weg!" schüttelte Lukrezia das leichte Haupt. "Doch, +ich fürchte, selber habe ich Euch irregeführt, indem ich einen ganz +Unvergleichlichen und Unerreichbaren in die Menschheit einreihte und +das Heiligste selbst in unser weltliches Gespräch verflocht. Weder +Karl den Großen und seine Paladine, noch die Staufen nannte Ben Emin, +sondern unsern Herrn Christus selbst. Verzeiht meiner Unvorsicht! +Es ist ferne von mir, die Kirche zu entweihen, in deren Kreis ich +durch Geburt und Schicksal gebannt bin und von der allein ich mein +Heil verhoffe. Die Barmherzigkeit des Himmels, die sich in +Menschengestalt des abscheulichsten Elends erbarmt, das ist auch der +Inhalt der persischen Erzählung, die mich verführte. Doch ich werde +unklar. Höret und urteilet selbst. + +Ben Emin berichtet: + +Eines Tages trat der Heiland mit seinen Jüngern aus dem Tore einer +Stadt. An der Landstraße lag in der Sonne ein toter Hund, dem die +Jünger mit Ekel und Schmähungen auswichen. Der Heiland aber blieb +bei dem Aase stehen, und das einzige, was daran rein geblieben war, +hervorhebend, sprach er:--O sehet, wie blendend weiß seine Zähne +sind!'" + +Die Hofleute, welche eine Erzählung im Geschmacke des Boccaccio +vorgezogen hätten, fanden diese persische Legende befremdend, ja +unanständig; der Herzog aber schwieg. + +Donna Lukrezia, die von dem Gegenstande nicht loskommen konnte, +redete in bewegter Stimmung weiter: + +"Und ist es nicht seltsam, mein Herzog! Wie auf einer kostbaren +Tapete, gewoben nach der Zeichnung eines unserer heiligen Maler, wird +auf der Rückseite, ich meine in der heidnischen Überlieferung, zwar +nicht das volle Bild des Weltheilandes, aber doch die Purpurfarbe +seiner Barmherzigkeit sichtbar! Die heidnische Sage bestätigt den +Heiland als den, welchen die Kirche verehrt und darstellt, als einen +göttlichen Brunnen der Barmherzigkeit. Selbst an dem ekelsten +Gegenstande findet die Güte noch eine Schönheit." + +Und schwere Tränen stürzten über ihre Wangen. + +Die Hofleute waren erstaunt, ihre Herrin also reden zu hören. Es war +offenbar, daß sie an sich selbst dachte und unter der Gewalt eines +plötzlich über sie kommenden unüberwindlichen Wahrheitsbedürfnisses +ohne Hehl und Scham unter einem durchsichtigen Schleier ihren +Ursprung aus der Kirche und ihre entsetzliche römische Sünde zeigte. +Der Mund des einen verzog sich in der Dämmerung zum Spott, während +die Stirne des andern sann und grübelte. "Es ist schwül, und sie +fühlt das Gewitter"--dachten sie. + +Die Blässe der Herzogin schimmerte wie Marmor durch das Halbdunkel. +Alfonso sprach kein Wort, aber er betrachtete sein Weib ohne Groll, +mit Liebe und Teilnahme. Der Teppichhändler Emin aber freute sich +des Gleichnisses von der Tapete. + +In dem entstandenen Schweigen wurde die bange Schwüle noch fühlbarer. +Man hörte in der Ferne unheimliche Unkenrufe und das Schreien eines +Käuzleins, nach welchem der Kardinal, der an der Unterhaltung keinen +Anteil genommen, aufmerksam und geärgert hinhorchte. + +Da trat unversehens Don Ferrante aus den Bäumen und ließ seine +mißtönige Stimme vernehmen. + +"Hier wird erbaulich gesprochen", höhnte er, "wohl von der Eminenz! +Ich lese es im Dunkel auf den kasteiten Mienen. Schade, daß ich zu +spät komme! Ich kann immer etwas Moral brauchen, und noch mehr +Bruder Julius, den ich mitbrachte, der mir aber unterwegs in den +Pfirsichspalieren hängen blieb. Es steckt dort eine Pica, die +Tochter des neuen Gärtners, der er jetzt Pfirsiche für die +herzogliche Abendtafel pflücken hilft mit den üblichen Griffen und +Bissen und ehrbaren Spielen und Wortspielen, welche seit Adams Zeiten +das Ergötzen unserer edeln Menschheit sind." + +Diese mehr bittere als lose Rede schlug wie ein Blitz in einen +Pulverturm. + +Donna Angela, die bisher ihr Angesicht an den Knien der Herzogin +verborgen hatte, fuhr wie eine vom Pfeil getroffene Löwin in die Höhe +und wollte, durch die Büsche brechend, davoneilen, da der nächste +Augenblick den Unwürdigen in ihre Gegenwart bringen konnte; doch die +dunkle Figur des Kardinals verwehrte ihr die Flucht. Er stellte sich +vor sie, und es schwirrte von seinen Lippen: + +"Der Nazarener fand an dem ekeln Aase noch etwas Schönes, an dem +Hunde Don Giulio hätte er es nicht gefunden!" + +Da änderte sich plötzlich die Haltung des aufgebrachten Mädchens. +Die Brandmarkung des ausschweifenden Jünglings, zu der-- +wunderbarerweise--nur sie ein Recht zu haben glaubte, kochte in ihr +als Zorn und Widerspruch. Sie schüttelte ihr stolzes Haupt und +bewegte die Lippen. + +"Es wäre denn, Ihr allein, Donna Angela, wüßtet ein Lob auf ihn!" +beleidigte er sie. + +Da sprach die Trotzige mit erhobener Stimme: "Don Giulio hat +wundervolle Augen! Die muß ihm der Neid, die müsset Ihr, Kardinal, +ihm lassen!" + +"Muß ich? Muß ich wirklich?" rief Ippolito bebend und trat in die +Nacht der Bäume zurück. Er verließ das Boskett und erschien wieder +nach wenigen Minuten und einer entsetzlichen Tat. Was war geschehen? + +Er hatte kaum das Dunkel betreten und einen leisen Ruf hören lassen, +so kroch Kratzkralle, der sich durch "Unke" und "Käuzlein", wie der +Kunstausdruck lautete, angemeldet hatte, auf dem Bauche, wie eine +Schlange, aus dem Dickicht, und ihm gegenüber auf der andern Seite +des Pfades wurden in derselben Haltung Firlefanz und Drachenbrut +sichtbar. Es waren die drei Schlimmsten seiner verabschiedeten Bande, +die vor ihm aufstiegen. + +"Was wollt ihr von mir, Schurken?" fuhr er sie an. + +Die Mützen mit den Händen vor die Brust drückend, wisperten die drei: + +"Gold, Gold, Gold, Eminenz! Wir haben Euch länger gedient als die +andern und erwarten mehr von Euch! Euer Schatzmeister aber hat uns +alle gleich bedacht." + +Da überwältigte den Kardinal sein böser Dämon. Er zog einen schweren +Beutel hervor. "Euer!" lockte er, "wenn ihr Don Giulio..." + +Firlefanz macht die Gebärde des Erstechens: "Abgemacht, Eminenz!" +"Nicht so! Sondern..." das Wort zauderte in seinem Munde, "ihn +blenden." + +Zuerst wollten ihn seine Banditen nicht verstehen. + +"Kennt ihr ihn?" fragte er. + +"Er ist mein Freund!" versetzte Kratzkralle mit Stolz. + +"In wenigen Minuten geht er hier vorbei. Horcht!... Ich vernehme +schon seine Schritte!" In der Tat wurde ein fernes Schreiten auf dem +knirschenden Kiese der Allee hörbar. + +Da warf sich Kratzkralle dem Kardinal zu Füßen und stöhnte mit dem +tiefsten Selbstbedauern: + +"Ich Verdammter! Wär' ich nicht geboren! Herrlichkeit, befehlt mir, +ihn zu erstechen! Nacken oder Herz! Nur nicht die lieben schönen +Augen!... Das tu ich nicht!" sagte er dann entschlossen. + +Da stieß ihn Firlefanz beiseite. "So laß uns zweie machen, Kapaun! +Desto besser, wenn wir nicht mit dir teilen müssen!" + +Das wollte nun Kratzkralle auch nicht. Der Kardinal ließ seinen +Beutel fallen und ging auf dem Pfade, den er gekommen war, nach dem +Boskette, ohne zurückzulauschen. + +Hier aber war nicht nur der eherne Amor gefesselt, sondern alle +Geister der Unterhaltung lagen in Banden. Man saß, in der Schwüle +schwer atmend, zusammen und konnte bei der sinkenden Nacht kaum mehr +die Züge des Nachbars unterscheiden. Eine bleierne Müdigkeit und +zugleich die beklemmende Angst einer Erwartung lähmte die Glieder, +wenn auch nur das Warten auf die Flammen und Donner eines +Gewittersturmes, dessen Fittiche zur Stunde noch gebunden waren. + +Da plötzlich zitterte durch die Luft ein Geschrei. Solche +Schreckens--und Schmerzenstöne, daß alle Herzen bebten und alle Pulse +stockten! + +"So brüllt der Stier des Phalaris!" rief der entsetzte Ariost. "Wo +bleibt Don Giulio!" Er stürzte fort. + +Da kam er mit ihm zurück, der sich, der Unglückliche, an ihn +anklammerte und von ihm vorwärts schleifen ließ. + +"Bruder! Herzog!" rief der vor Schmerz Sinnlose, "wo bist du? Hilf +mir, räche! strafe!" + +"Fasse dich, ärmster Bruder! Was geschah? Was tat man dir?" sprach +ihm der Herzog zu, während ihn alle umringten. + +"Der Kardinal ließ mich meuchlings überfallen! Er hat mir die Augen +ausgerissen!" + +Man schrie: "Bringt Fackeln! Holt Ärzte!" während Don Giulio, den +ihn aufhaltenden Ariost mit sich reißend, vorwärts strebte und die +Arme nach dem Kardinal ausstreckte, der neben dem Herzog stand und +dessen Gegenwart er fühlte. Seine ungewisse Hand fuhr in die Falten +des Purpurs, in den er, auf das Knie stürzend, sich verwickelte und +das blutige Haupt begrub. + +Er hielt sich an dem Leibe des Kardinals fest und schluchzte: + +"Oh, oh, warum raubst du mir das Licht? Was nimmst du mir das all und +einzige weg, das ich war... ein in der Sonne Atmender!... Du, der du +alles bist und hast! Dem ich nichts nahm und nichts neidete!... Ich +winde mich vor dir wie ein blinder Wurm! Bruder, zertritt mich! Töte +mich ganz!..." + +Der Kardinal erschrak. Er zog krampfhaft seinen Purpur an sich, und +seine Stimme klang unnatürlich, als er ausrief: "Nicht ich!... Das +Weib verführte mich!... Sie lobte deine Augen!..." + +Dieses Wort drang nicht mehr in das Ohr des vor Schmerz ohnmächtig +werdenden Blinden, aber vernichtend in das Herz der entsetzten Angela. + +Es kam Hilfe, Dienerschaft mit Fackeln und Sänften. Die verwirrte +Gesellschaft verlor sich ohne Abschied in ängstlichen Gruppen und auf +verschiedenen Wegen. + +Das dunkle Boskett war verlassen. + +Jetzt rötete ein Blitz den gefesselten Amor, Windstöße sausten durch +den Wald und beugten die Wipfel der Bäume. Bald war der Himmel +lauter Lohe und die Luft voller Donnergetöse. Dann stürzten die +finstern Wolken auf die Erde, und schwere Regen wuschen und +überschwemmten den mit Blut und Sünde befleckten Garten. + + + +Siebentes Kapitel + + +Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals, und der +erste Frevel verlangte andere zu erzeugen. Die Saat war ausgestreut +und keimte. + +In Pratello, wohin man Don Giulio an jenem Abende noch, mitten durch +das Gewitter, in einer von Pferden getragenen Sänfte zurückgebracht +hatte, brütete der Unglückliche in seiner Finsternis oder ließ sich +durch die Gänge seiner neuangelegten Gärten führen, die heißesten +Sonnenstrahlen auffangend, um wenigstens das Licht zu empfinden, das +er nicht mehr sehen sollte. + +Besucht wurde er nicht vom Hofe, denn er galt für in Ungnade gefallen, +da der Herzog nicht daran zu denken schien, die Tat des Kardinals +vor Gericht zu ziehen, nicht einmal daran, durch eine ernsthafte +Verurteilung des grausamen und unerklärlichen Verbrechens sich davon +zu trennen und persönlich loszusagen. Die drei Banditen freilich +wurden, kurze Zeit nach der Tat, in Neapel, wohin sie mit ihrem Solde +geflohen, wohl von ihren früheren Kameraden umgebracht und ihre Köpfe +an die Gerichte von Ferrara gesendet, die einen Preis auf die +Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten. + +Der eigentliche Täter, Ippolito d'Este, kam mit einer so leichten +Strafe davon, daß es schlimmer erschien, als wenn man die Schuld an +ihm nicht gesehen noch gesucht hätte, und daß es einer Verhöhnung des +von ihm mehr als Getöteten glich. Der Herzog begnügte sich damit, +den Kardinal für wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen. +Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden. + +Aber er hätte es auch nicht verlassen können, denn er lag schwerkrank +darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines +Stadtpalastes--so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die +vorsichtigen Fragen der Ferraresen. Ob es so sei, oder ob der Kluge +sich nur sterbend stelle, um die gegen ihn empörte öffentliche Stimme +zu besänftigen, darüber waren die Meinungen verschieden. + +Von dem Gerüchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von +Pratello nichts; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen +Ferraresen, die ihn besuchten, Don Ferrante und Ludwig Ariost, +hüteten sich aus verschiedenen Gründen und Interessen, ihn davon zu +unterhalten. + +Der Dichter, welcher nach Pratello kam, um nach seiner Art den +Blinden zu trösten und seine Seele zu erfreuen, war ein Höfling des +Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefürchteten +Beschützers. Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen +Schlächter und Opfer; er bedauerte seinen Freund, ohne seinen Gönner +zu verabscheuen, dessen Namen er in Pratello nie über die Lippen ließ, +um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hören, um nicht das Gemüt +des Blinden im Grunde aufzuwühlen und auf lange Tage zu verfinstern. + +Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht. Er weidete sich am +Schmerze des Bruders, weil er Pläne darauf baute. Er vergiftete +seine Wunde, weil er sie nicht heilen lassen wollte. Sie sollte +immer heftiger brennen, damit der Groll des von Natur nicht +Rachsüchtigen gegen die älteren Brüder, den schuldigen und den +gleichgültigen, immer tiefer glühe. Er nahm sich darum in acht, dem +armen Herzen mitzuteilen, daß der Kardinal auch nicht heil und +ungestraft geblieben, sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit, +und damit gar sein Mitleid zu erregen. Der Blinde sollte ihm +nützlicher werden, als ihm der Sehende je gewesen war. + +Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes +überschritten. Nach den ersten, langen, im Dunkel verstöhnten Tagen +und Nächten, sobald die Fieber des Körpers und der Seele nachgelassen +hatten, suchte er nach seiner genußbedürftigen Natur die Berührung +der sanften Lüfte und den Geruch der Blumen. Er vergrub sich in die +kühlsten Blätter, unter die duftigsten Zweige seines Gartens. + +Zu dieser Zeit fing Ariost an, den Freund zu besuchen, vor dessen +unheilbarem Elend ihm anfangs unüberwindlich gegraut hatte. Er +wandelte mit ihm durch die Laubgänge von Pratello und legte sich +neben ihn auf den weichen Rasen. Er war dafür besorgt, daß die +Schaffnerin Körbe voll saftigster Früchte und Schalen edeln Weines +bringe, und ließ den Blinden genießen und schlürfen. + +Er klagte mit ihm das Verhängnis als etwas Unpersönliches an. Er +lobte die Mäßigung des Empfindens wie im Glück also im Unglück und +meinte, es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab; Glück +könne schmerzen, und Unglück--als Tragödie betrachtet--lasse sich +genießen. Ja, er behauptete, auch der Sinnlichste besitze eine +geheime stoische Ader, und über den Geschicken zu stehen, gewähre +eine göttliche Genugtuung. + +Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann +mit wohllautender Stimme, Strophe nach Strophe, die schlanken +Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in +Don Giulios Ohr tönen zu lassen, bis sich nach und nach das Dunkel +heller färbte und in der entzückten Seele des Blinden eine Sonne +aufging. + +Im Anfange beachtete er wohl, solche Gesänge zu wählen, deren +Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war. +Trennungen, Aufopferungen, Erniedrigungen und ähnliches passives +Heldentum! + +Da rührte es oft den Dichter, wie tief Don Giulio den schmerzvollen +Wahnsinn Rolands mitempfand, trotz der schalkhaften und grotesken +Darstellung, mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gemäß den +Schmerz wieder aufhob. Das ins Komische Übertriebene der +Leidenschaft, die von Roland, wie ungeheure Ausrufungspunkte, in die +Luft geschleuderten Felsstücke störten das Mitgefühl des Blinden +nicht. + +Endlich aber, da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig +Jahren so schlank und schön neben sich ins Gras gestreckt sah, die +rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme +verborgen, stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu +Geschauten und Geschaffenen, einen Gesang vorzutragen, der nichts als +Farbe, Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben über +flatterndem Haar die lauten Becken schlug. + +Da dies zum ersten Male geschah, legte der Este die feine Hand auf +die des Dichters und das Manuskript zugleich. "Etwas anderes, Ludwig!" +sagte er, "das ist nichts für einen Blinden!" + +Da weinte der Poet innerlich über diese Abwendung von der Freude, +obwohl er sie höchst erklärlich und würdig fand. Auch kam sie ihm +nicht ganz unerwartet, denn er hatte unlängst einem kleinen Auftritte +beigewohnt, der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewährte. + +Coramba, die frühere Hausgeliebte des Este, hatte sich, nach der +zugreifenden Art solcher Wesen, bei dem Verbinden der durchstochenen +Augen aufs löblichste betätigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt +und geführt, bis er sich selbst zu helfen wußte. Im Freien aber +hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet, schon weil ihn die +unterdrückten Mitleidsrufe seiner Untergebenen: "Da kommt der arme +Herr mit seiner Kreatur!" oder: "Sie hütet ihn wie eine Mutter!", die +sein geschärftes Ohr vernommen hatte, gründlich verdrossen. + +Eines Tages nun erkühnte sich die Coramba, den Blinden in Gegenwart +des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen. Der Este aber +schob sie gemach und kühl auf die Seite und sprach: "Gehe, Coramba, +gehe auf immer! Du bist nichts für einen Blinden! Gehe, und nimm +meinen Dank mit." + +Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag, nachdem sie sich, +ohne daß er es ihr wehrte, die Taschen mit seinem Golde gefüllt hatte, +ein wärmeres Klima aufzusuchen. + +Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten für ihn Hunderte +von ländlichen Familien, fleißige, genügsame Leute, deren bewundernde +Anhänglichkeit das wilde und üppige Treiben des jungen Gebieters +nicht hatte zerstören können. Jetzt in seinem einsamen Unglück +traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn täglich +näher. Er fing an, wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gängen +begegnete, ihre Stimmen zu unterscheiden, sich von ihrer Lage zu +unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen. Ihr einfaches, echtes +Mitleid tat seiner kranken Seele wohl, und er sprach von ihnen zu +Ariost wie von Brüdern und Schwestern. + +Solchen und ähnlichen Äußerungen des Blinden entnahm der Poet, daß +der Este sich in einer andern Lebensabteilung, unter einer andern +Menschenklasse einzurichten begann, als die war, welcher er bisher +angehört hatte, in derjenigen der Unglücklichen und Leidenden, der +Benachteiligten und Enterbten, in einem Lebenskreise, der offenbar +unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte als die +Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten. + +Auch erriet Meister Ludwig, daß der Este diese seine Herabwürdigung +und Entwertung nicht immer dem Hasse der Menschen oder dem blinden +Verhängnisse, sondern, in gewissen Augenblicken wenigstens, einer +eigenen Verschuldung zuschrieb. So mußte es in der Tat sein. Diese +mußte teil daran haben. Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern +mitunter die Nemesis waltete--wie bisweilen ja auch in der +wirklichen Welt, laut dem Sprichworte, die Strafe der Missetat auf +dem Fuße folgt--, dann versank Don Giulio in Nachdenken, und Ariost +vernahm wohl einen erstickten Seufzer. + +Bei solchen Wahrnehmungen aber hütete er sich, auf ein Gefühl, das er +an sich selbst nicht kannte und das ein flüchtiges sein konnte, +unzart zu drücken, teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen +Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute, teils auch, weil er sich, +leicht beschwingt, wie er war, und immer auf die sonnige Oberfläche +der Dinge zurückstrebend, am wenigsten dazu berufen fühlte. + +Denn der Quell echter Reue, das wußte er, sprudelt in heiligen Tiefen, +und nur in der einsamen Stille seines göttlichen Ursprungs waschen +sich schuldige Hände und Seelen rein. + +Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe. +Alles, was er dachte und fühlte, was ihn erschreckte und ergriff, +verwandelte sich durch das bildende Vermögen seines Geistes in Körper +und Schauspiel und verlor dadurch die Härte und Kraft der Wirkung auf +seine Seele. + +Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche +Gebot geschrieben, doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel +tanzte über die helle Wölbung und hauste in den dahinterliegenden +geräumigen Kammern, ohne daß der Dichter selbst seine Mieter alle +recht gekannt hätte. + +Auf Don Giulio aber wirkte er wohltätig, und wenn er von ihm schied +und der Este ihn begleitete, gingen sie Hand in Hand durch den +Platanengang von Pratello, ohne daß der Blinde den Schauenden +beneidete, oder dieser jenen bemitleidete, als zwei gute Brüder; denn +die Liebe hatte für den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen +aufgehoben. + +Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem +Bruder Don Ferrante. So mischte sich ein dunkles stygisches Gewässer +in den hellen Einfluß des Dichters und verwüstete Don Giulios Seele +in einer Tiefe, wohin Ariost nicht gelangen konnte. + +Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter, gemengt aus geistiger +Armut und unerschöpflichem Erfindungstriebe. Seine Jugend war unter +dem Drucke beständiger Furcht verkrüppelt. Als Kind schon Zeuge +unzähliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ängstlicher +Zuhörer, so oft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen +Höfen seiner Zeit berichtet wurden, fühlte er sich von jeher von +Schrecknissen umgeben, denen seine unehrliche und machtlose Natur +keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte als den der +wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen. Er verleumdete, +um der Verleumdung die Spitze zu bieten; er zettelte kleine +Verschwörungen an, um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen. +Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge, außer daß er +dabei immer unwahrer und verschrobener wurde. + +An jenem Abend aber, da derjenige seiner Brüder, gegen den er am +wenigsten Mißtrauen hegte, auf schauerliche Art in der Mitte des +Hofstaates überfallen und der Augen beraubt wurde, geschah ein Riß in +seinem schwachen Geiste, und von nun an stand es ihm fest, daß er +selbst, als der gefährlichere der beiden, wie er meinte, einer noch +schrecklicheren Vernichtung entgegengehe. + +Die krankhafte Angst, die ihm keinen harmlosen Moment mehr gönnte, +ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise, jeden Becher beargwohnen +ließ, steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brüdern zum +verzweiflungsvollen Haß, und er entschloß sich, sie zu entthronen und +zu töten. + +Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders. + +Don Ferrante hatte nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die rechtlose +und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das öffentliche +Gefühl gewirkt hatte, nicht zu reden von dem schändlichen, die +Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst. Ferrara, auf welchem +ein Joch der Knechtschaft und der Befehl unbedingten Schweigens in +Staats--und Hofsachen härter als sonst irgendwo in Italien lastete, +Ferrara sogar, wo sich freilich dieses Unerhörte zugetragen hatte, +geriet in Gärung. Es mußte ein besonderes Verbot erlassen werden, +sich um Don Giulio zu kümmern, nach ihm sich zu erkundigen, oder gar +sich Pratello zu nähern und seine Gebüsche zu umschleichen. + +Natürlich geschah es, daß das Bild des Geblendeten in den Gedanken +und Gesprächen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zügellosen +Jüngling, dessen gefährliche Buhlschaften und leichtsinniges +Blutvergießen sie früher verwünscht hatten, ein bejammernswertes +Opfer, ein edler Märtyrer wurde. + +Dies bemerkte Don Ferrante wohl, und da er auch eine starke +schauspielerische Ader hatte, sann er sich eine wirkungsvolle Szene +aus, welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeiführen würde. + +Don Giulio, zu Roß auf einem weißen, von zwei Dienern in Trauer +begleiteten Zelter, mit starrenden, leeren Augenhöhlen und einer +Leidensmiene; er selbst daneben, durch die Hinweisung auf die Untat +und ihre Straflosigkeit das öffentliche Mitleid aufstachelnd. + +Einige Einverstandene zu werben, erschien ihm als eine geringe +Schwierigkeit, denn das herkömmliche Material eines Aufruhrs in einer +kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara +nicht. \XDCber das Weitere war sich Don Ferrante nicht klar geworden; +aber ein schneller Überfall und die Ermordung des Herzogs und des +Kardinals erschienen ihm unerläßlich. + +Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er täglich +den armen Blinden. Dieser aber sträubte sich gegen die Ermordung der +Fürsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Empörung, +deren er, solange er nur genoß und schwelgte, niemals fähig gewesen +wäre, die ihm angesonnene Rolle eines Mitleid erregenden Schauspiels. +Er schämte sich, auf den Märkten von Ferrara sich selber +auszustellen als das Bänkelsängerbild seiner tragischen Geschichte. + +Und doch blieb sein Herz dem beängstigenden Einflusse des Bruders +nicht verschlossen. Was er in seinen hellen Tagen mit einem +verächtlichen Lächeln als törichte Hirngespinste zur Seite geschoben +hatte, das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten +Gefühlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt. Konnte nicht der +unglückliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben und ihm wirklich +Schlimmes angetan worden sein? Hatte er nicht eine verstoßene +Kindheit verlebt? War es nicht möglich, daß ihm noch heute nach dem +Leben getrachtet wurde? War Don Giulio doch selbst, den die +Hofintrigen immer angeekelt hatten, einem unbegreiflichen Attentat +zum Opfer gefallen! + +So war er nicht ferne davon, dem Bruder beizustimmen, wenn dieser die +gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit +nannte, nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals, und den +Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwürgender oder miteinander +buhlender Schlangen, einen eklen Knäuel, den es ein Verdienst wäre zu +zerhauen und zu zertreten. + +Der arme Don Giulio war nicht imstande, seine eigene entsetzliche +Erfahrung anders zu erklären als durch die allgemeine Verderbnis, und +gab allmählich und unbewußt dem Bruder, welchem er sein Mitleid nicht +versagen konnte, gewonnenes Spiel. + +Er war von dem Wahn und den Verschwörungsgedanken Don Ferrantes mehr +umsponnen, als er selbst es wußte, und ein neues Erlebnis gab den +Ausschlag. + + +Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der +von der Polizei verbotenen Waldwege, die nach Pratello führten, eine +Amazone, schlank von Wuchs und untadelig im Sattel, welche, wie aus +einem Rittergedicht entsprungen, auf Abenteuer fuhr. Wie sie aber +näher kam, trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren +Leides, daß sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen +schien. + +Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schloß gewährende +Lichtung, glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bäumen die +Zügel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehörigen Rappen um +eine junge Ulme. + +Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre. In den feurigen, +von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf +dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe, ja +eine gefährliche Entschlossenheit. + +Von der Höhe des Waldrandes, an dem sie stand, erblickte sie den +ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello. + +Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schloß lag +in einer unendlichen grünen Wiese, durch welche ein breiter +spiegelklarer Fluß zog, wo kleine Fischerboote ihre Segel blähten. +Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe, +die unter den Säulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebäude +führte. Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten +Festungsgräben hielt der Fluß die schöne Wohnstätte mit ihren +Umfassungsmauern und Rundtürmen beschützend in den Armen. + +Von der Schönheit Pratellos ergriffen, suchte die Fahrende eine etwas +tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen, in +deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand. In dieser +Verborgenheit ließ sie sich nieder, denn sie scheute sich, Pratello +zu betreten, und ließ die Stunden vorübergehen, bald das Schloß +aufmerksam betrachtend, bald in ihre Gedanken versunken. + +Schon stand die Sonne auf der Mittagshöhe. Da sah sie, wie an der +Landungstreppe von einem alten Fährmann eine Gondel gelöst wurde, an +deren Steuer er sich wartend setzte. + +Nun trat ein schlanker Jüngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse, +dessen Gesicht ein breitkrämpiger Hut beschattete, ehrerbietig +beobachtet von einem Häuflein ihm folgender Diener, und durchkreuzte +den von Weinlaub umrankten Säulengang. Auf der Landungstreppe bot +ihm der Fährmann die Hand zum Tritte in die Gondel, die er behend, +aber behutsam bestieg. Dann übergab ihm der Alte die Ruder, und +während sie der Jüngling zu schwingen begann, lenkte der andere das +kleine Fahrzeug mit dem Steuer. + +Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstießen, war es der Fährmann, der +ans Ufer sprang und dem Jüngling beide Arme entgegenstreckte, den +Aussteigenden eher bewahrend als ihn berührend. Dieser wandte sich +ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung über die +sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen. + +Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und +Auffahren sitzen; sie erriet den Blinden, der sich eine tägliche +Anstrengung und Übung daraus machte, die Sehenden nachzuahmen, um +diese und, soviel als möglich, sich selber zu täuschen, wobei ihm +seine jugendliche Biegsamkeit, sein Ortssinn, sein scharfes Gehör und +die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfältig aus dem Wege +räumenden Gesindes zu Hilfe kam. + +Während zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich +nähernden Gang des Blinden beobachteten, strauchelte der Ärmste über +einen im Grase liegenden Gegenstand, den die Spähende nicht +unterscheiden konnte. Er stürzte auf das Knie, schnellte sich aber, +mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berührend, leicht und +geschmeidig wieder empor, ohne nur die Gerte zu verlieren, die er in +der Rechten trug. Mit dieser prüfte er nun, sie leicht in der Hand +führend, den übrigen Weg, einen kleinen Verdruß auf dem blassen, vom +Hute verschatteten Angesicht verwindend. + +Die Hände über den Knien gefaltet, das Haupt lauschend vorgeneigt, +verfolgte sie jede seiner Bewegungen. + +Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie, von deren +Dasein er keine Ahnung hatte. + +Was murmelte er? Was tönte nur halblaut, nur halbverständlich +ununterbrochen von seinen Lippen? + +Erhob er Klage gegen das Schicksal? Beleidigte oder verneinte er die +Gottheit? Beschuldigte er seine Brüder? Oder sie, die ohne sein +Wissen neben ihm saß? Beweinte er seine Verirrungen? + +Nichts von alledem. Die Mittagsruhe, die Stunde des Pan träumte auf +seinen Zügen. Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel, das sie +erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflüsterten +Verszeilen erriet und zusammensetzte. + +Nach der Zeichnung der Danteschen Hölle, wie sie jedem italienischen +Geiste innewohnt, beschäftigte er sich damit, nicht zwar den +trichterförmigen Höllenabgrund zu bevölkern, sondern einen Krater des +Unglücks zu graben, dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und +Unseligen des geisterhaften Jenseits, sondern mit den Elenden, den +Leidenden, den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens füllte--immer +eine Stufe unseliger als die andere, wobei er ohne Bedenken in die +unterste, dunkelste Kluft die Blinden versetzte. + +Mit grausamem Genusse malte er, vor sich hin singend, diesen Ort aus. +Wie sich Blinde Blinden als Führer anboten und mit ihnen in den +Abgrund stürzten! Blinde Jünglinge rochen Rosenduft, aber wenn sie +die Hände zum Pflücken ausstreckten, stolperten sie über Totengerippe. + +Er sang die Terzinen reimlos, oder wie sie der Zufall reimte. Nun +dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante, den er in einer höher +gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte: + + "Du willst, o Bruder, nach der Krone greifen! + Doch reckst du in die Höhe dich vergebens! + Doch wehren die Dämonen dir den Reifen! + + Oh harte Qual des bodenlosen Schwebens!-- + Ich aber bin ein König... und entthront... + In Wahrheit war ich König dieses Lebens! + + Ich hatte Götteraugen, war gewohnt + Zu herrschen--was sie sahen, war mein eigen. + Doch weh, der Mörder hat mich nicht verschont... + + Ich bin geblendet! Elend ohnegleichen!" + +"Don Giulio", sagte dicht neben ihm eine weiche Stimme, "es gibt +einen noch tieferen Abgrund des Elends--es gibt Unseligere als du +bist! Das sind die, welche die Wonne ihres Lebens unbedacht und +ungewollt selber auf ewig vernichten!" + +Und er hörte gewaltsam schluchzen und spürte einen warmen Hauch und +einen Schauer von Tränen, die auf seine Hände fielen. + +Träumte oder wachte er? Er streckte bebend seine Hände aus und +ergriff zwei andere, die in den seinigen zitterten. + +"Wer bist du?" sagte er. "Wer darf sich noch unglücklicher nennen +als der verstoßene Blinde?" + +Und die Stimme: "Ich bin Angela Borgia, die deine Augen über alles +liebte und sie zerstörte, dadurch, daß sie einem Bösen ihre Schönheit +lobte." + +Er ließ ihre Hände fahren und sprang erbleichend auf, wie wenn er +fliehen wollte, stieß sich aber an der Ecke der Steinbank und +schwankte. + +Mit einem Strome von Tränen stürzte sie vor ihm nieder und umschlang +und stützte seine Knie: + +"Es ist unmöglich, daß du mir verzeihest!... Oh, könnte ich dir +meine eigenen Augen geben, ich risse sie mir aus dem Haupte!... Aber, +was ich dir nahm, kann ich nie dir ersetzen!... Wo ist meine Sühne? +Wie soll ich büßen?" + +"Arme Angela", sagte er sanft, indem er sich von ihr zu lösen suchte, +"geschehen ist geschehen! Deine Schuld verstehe ich nicht--aber ich +sehe, daß auch du in das Tal des Unglücks verstoßen bist. Zweimal +wehe über ihn, der uns beide gemordet hat!... Dich und mich!... +Sühnen kannst du nicht! Meine Augen kannst du nicht neu schaffen! +Laß mich allein! Gehe und vergiß!" + +Dann wandte er sich und ging. Nicht einmal zu stützen wagte sie ihn, +kaum mit den Augen zu begleiten. + +Er schien ruhig, aber seine Schritte schwankten. Der Alte bei der +Barke sah es, eilte ihm besorgt entgegen, setzte ihn über und +geleitete ihn mit den andern Dienern wie ein krankes Kind in sein +Schloß. + +Dort warf er sich im kühlen Saale auf sein Lager und brach in wilde +Tränen aus. + +So war es denn Wahrheit, was er für eine schauerliche Verzierung und +phantastische Lüge Don Ferrantes gehalten, sooft ihm der Bruder die +Ereignisse jenes Abends im Boskette des gefesselten Amors erzählte!... + +Der Kardinal hatte das Lob Angelas an ihm gerächt! + +Aber wo war die Schuld, die das Mädchen erdrückte? + +Mit teuflischer Bosheit hatte er ihr das verderbliche Wort aus dem +Munde gezwungen, und hätte sie feige geschwiegen und ihn beschimpfen +lassen, der Arge hätte bald eine andre Gelegenheit gefunden, die +spröde Kälte des Mädchens an ihm, dem völlig Unbeteiligten, den der +Zurückgewiesene bevorzugt glaubte, satanisch zu rächen. + +Und auch sie hatte der Ruchlose tödlich getroffen! + +Ein rasender Zorn gegen den Schuldigen und nicht minder gegen den die +Missetat ungestraft lassenden kaltherzigen Fürsten bemächtigte sich +Don Giulios, kochte in seiner Brust und brauste durch seine Adern. + +Er lechzte nach dem Untergange beider! Er sprang vom Lager auf, riß +ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb an Don Ferrante mit +zornigen, mißgestalteten, durcheinanderspringenden Buchstaben, er +stelle zum Morde des Herzogs und des Kardinals sich an seine Seite. + +Der berittene Bote war von dannen geeilt, bevor Don Giulios Blut sich +beruhigte und er erwägen konnte, was er getan. + +In der nächsten Frühe erschien in Pratello der Oberrichter Strozzi +mit bewaffnetem Gefolge und verhaftete den Este. + +"Ei, schön! Dein erster Besuch, mein Freund, nach meinem Unglück!" +rief ihm der Blinde bei seinem Eintritt höhnisch entgegen. + +"Es war mir vom Herzog untersagt", versetzte dieser in richterlichem +Tone. + +"Vom Herzog untersagt?... Hat dir der Herzog nicht auch untersagt, +Schatz, mit seinem Weibe täglich und stündlich im Geiste, wie du tust, +die Ehe zu brechen?... Aber dein Gericht erwartet dich, du +getünchte Wand!" + +Mit diesen Worten streckte Don Giulio die Hände den ihn fesselnden +Schergen entgegen. + + + +Achtes Kapitel + + +Wenige Tage nach der Verhaftung Don Giulios, welcher die von Don +Ferrante vorangegangen war, wurden beide Brüder vor ein vom Herzog +ausgewähltes Gericht gestellt. Er schied aus dem zwölf Glieder +zählenden höchsten Gerichtshof die sechs jüngeren aus, so daß ein +Tribunal von Silberbärten übrigblieb unter dem Vorsitze eines +Jünglings; denn daß der rechtskundige Römerkopf des Herkules Strozzi +die Verhandlungen leitete, verstand sich von selbst. + +Das strengste Geheimnis war in dem Hochverratsprozesse vom Gesetze +geboten und vom Herzog noch besonders eingeschärft. Aber es wurde, +wie die meisten Geheimnisse, nur unvollständig bewahrt. Es ist +anzunehmen, daß das eine und andre der beschneiten Häupter gegenüber +der quälenden Neugierde einer Frau, der eigenen oder einer andern, +nicht vollkommen widerstandsfest blieb. + +So geschah es, daß sich über den Prozeß sowohl als über das Leben der +Brüder im Kerker eine Legende mit ziemlich deutlichen Zügen bildete, +und diese erzählte: die Verschwörung sei aus sehr verschiedenen +Elementen herausgewachsen. Neben einigen beleidigten oder sich +vernachlässigt glaubenden vornehmen Geschlechtern, den Boschetti von +San Cesario zum Beispiel, habe daran mancherlei abgehauster und auf +alle möglichen Auskünfte und Einkünfte erpichter Hofadel teilgenommen. +Auch unbezahlt gebliebene Künstler, ein Maler, ein Bildhauer, ein +stimmlos gewordener Hofsänger, vor allem aber der durch das Spiel +zugrunde gerichtete Hauptmann der Schloßwache und ein gewisser +zweideutiger Kämmerer des Herzogs, der, halb in Ungnade gefallen, +noch im Amte stehengeblieben war. Diesen hatte Don Ferrante mit +einer hohen Summe gekauft, und dieser verriet die Verschwörung, als +ihm, dem Zunächststehenden, die gefährliche Rolle zugewiesen wurde, +den Herzog Alfonso auf einem Maskenballe zu erdolchen. Er warf sich +ihm reuig zu Füßen und bekannte. Der Herzog geriet über das Komplott +in flammenden Zorn, und der sonst seiner Mächtige vergaß sich so weit, +daß er dem Menschen mit einem Stocke, den er in der Hand führte-- +der Auftritt fand in einem Garten statt--, das Haupt blutig schlug. +Dann besann er sich, begnadigte ihn und betraute den Verräter mit der +Rolle des Spions unter den Verschworenen. Im Palaste Ferrantes +glückte es dem Kämmerer, der einwilligenden Zeilen des Blinden +habhaft zu werden, die Don Ferrante den Verschworenen triumphierend +mitteilte. So geriet das entscheidende Beweisstück, Don Giulios +unförmliche zornige Schriftzüge, in die Hände des Herzogs, und dieser +wies es dem Gerichte zu. Mit den Schuldigen von geringerem Range +wurde kurzer Prozeß gemacht. Albertino Boschetti und der Hauptmann +der Schloßwache wurden nach erlittener Folter enthauptet, die drei +Künstler aufs Rad geflochten. + +Mehr Umstände machte man mit den Brüdern des Herzogs. Sie wurden +eingehend und in höflichen Formen verhört, ob auch ihre Schuld von +Anfang an durch das unselige Schriftstück erwiesen war. + +Don Giulio war vor Gericht einfach in seinen Worten, mäßig im +Ausdruck seiner Gefühle und von niedergeschlagener Haltung. Er +verklagte weder sich noch andre, sondern nannte seine Geschichte ein +Verhängnis, ohne damit seine Schuld mindern zu wollen. Er habe, +sagte er, sich den Haß des Kardinals zugezogen durch seine +unabhängige Art und seinen wilden Wandel, nicht aber durch +Beleidigung der brüderlichen Person. Er räumte ein, daß ihm der +Kardinal über seinen Mangel an Ehrgeiz Vorwürfe gemacht, ihn +wiederholt seiner Antipathie versichert und ihn davor gewarnt habe. + +Dessen erinnere er sich jetzt. + +Damals aber habe die an ihm verübte Tat ihn schlimmer als Mord, eine +unmenschliche Ungerechtigkeit, eine höllische Grausamkeit gedeucht. +Am tiefsten habe ihn getroffen, daß sie vom Herzog ungeahndet +geblieben sei. Die Gleichgültigkeit des regierenden Bruders habe +sein Herz gebrochen, und er habe nur noch an Rache gedacht. Jetzt +aber sei ihm lieber, daß diese mißlungen sei, als daß neues Blut an +seinen Händen klebte, zumal das vergossene Blut seiner Brüder, seines +Fürsten! + +Don Ferrante dagegen, erzählten sich die Ferraresen, habe zwar +ebensowenig geleugnet, aber nach seiner zynischen Art nicht nur das +Gericht, sondern auch die Hoheit des Herzogs und den Kardinal mit +Schimpf und Hohn überschüttet. Jenen habe er einen engen Hirnkasten, +diesen einen Philosophen des Verbrechens genannt. Dann habe er an +das Gericht das Ansinnen gestellt, ihm aus seinen konfiszierten +Schätzen Purpur und Gold zu einem kostbaren Hofnarrenkleide mit einer +Schellenkappe auszuliefern und durch den Hofschneider dieses tolle +Gewand für ihn anfertigen zu lassen. Denn es sei, so begründete er +seine Bitte, der Narr, welcher von jeher in ihm gekauert, in die +Tagesklarheit herausgebrochen, und diese seine intime Persönlichkeit +wünsche den Sprung ins Nichts in gebührendem Gewande und mit +Schellengeläute zu vollziehen. + +Dies Gesuch wurde ihm aus Rücksicht auf den Herzog verweigert. + +Ganz andre Bitten habe Don Giulio gestellt. Dieser habe sich im +Kerker so schlicht benommen wie vor Gericht. Zuerst habe er wie ein +Kind geweint, bis der Quell der Tränen völlig versiegt war. Dann, +nachdem er lange Tage seinen Bruder ertragen, dessen gottlose +Lästerungen und grelle Possen ihn bis zur Qual angriffen und +ermüdeten, habe er um ein eigenes Gelaß gebeten und um die +Gesellschaft seines Beichtigers, des Paters Mamette von Pratello. +Das sei ihm gewährt worden. Nun lasse er sich von dem Franziskaner, +der seit Jahren, aber früher vergeblich, an seinem Gewissen gerüttelt, +auf ein christliches Ende vorbereiten, das er eher ersehne als +fürchte, da, wie er sage, das einzige Licht, das ihm in seine Nacht +heruntergestreckt werden könne, das ewige sei. + +Und er tat wohl daran, sich auf den Tod gefaßt zu halten. + +Die Richter hatten nach dem in Ferrara gültigen römischen Recht, +welches das Majestätsverbrechen mit dem Tode bestraft, einstimmig das +Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs +der Schuldigen. Aber der Herzog zögerte noch, es vollziehen zu +lassen. Er zögerte, doch niemand in Ferrara, der ihn kannte, +zweifelte daran, daß der Aufschub der Hinrichtung nur eine +Anstandsfrist von einigen Wochen sei. + +Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und +schlaflose Nächte. So wendete er sich wiederum an das Gericht mit +dem Bekenntnis, die Geister des Dunkels mißbrauchten seine Blindheit, +um seine Seele zu zerrütten, und mit der Bitte, ihm, um die langen +Stunden zu täuschen, eine Handarbeit zu erlauben, wie sie ein armer +Blinder betreiben könne, ein Gewebe oder Geflecht oder etwas +Ähnliches. Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister, von +Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen, wie man es zum +Flechten von feinen Matten verwendet. + +Nun zogen eines Tages vor den ergötzten und gerührten Augen der +Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand, die +Schulter mit Garben des feinsten und glänzendsten Strohes beladen, +ernsthaft durch die Straßen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse, wo +ihre Gaben zwar in Empfang genommen, sie selbst aber zurückgewiesen +wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero. Diesen +Jungen nämlich behielt der Kerkermeister, damit er Don Giulio +flechten lehre. So hatte der Blinde wieder Gesellschaft, eine +harmlosere als anfangs, mit der man ihn oft kindlich lachen hörte. +Aber nur für kurze Zeit. + +Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte, schloß der Kerkermeister +den von Giulio reichbelohnten Jungen aus dem Gefängnis. Dieser aber +sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die +Gitterstäbe, ein jämmerliches Geschrei erhebend, so daß er einen +kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und +wohlgehüteten Ferrara. + +Es war unglaublich, wie die Leute von Pratello ihren geblendeten +Herrn zu lieben begannen! Sei es, daß sie seine vergangenen +Übertretungen für reichlich gesühnt hielten, sei es, daß für sie auf +dem dunklen Hintergrunde seines Unglücks das Grundbild seines warmen +und ehrlichen Gemüts fesselnd und blendend hervortrat. + +Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des +Herzogs, der größte Schuldige aber in den Augen des Volkes, +vollständig ferngeblieben; denn es war Wahrheit, der mächtige +Kardinal rang im Dämmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und +dem Tode. + +An jenem Unglücksabende in Belriguardo, da Don Giulio das blutende +Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub, die erschrockenen Gäste +auseinanderstoben und der erste Windstoß durch die Wipfel fuhr, hatte +Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen, sich auf +seinen Leibhengst geworfen und war, Belriguardo verlassend, wo er +sich für längere Zeit eingerichtet hatte, unter den sich kreuzenden +Blitzen des Gewitters, ohne sich nach dem Gefolge und den stürzenden +Pferden umzusehen, nach Ferrara geflohen. Dort in seinem +Stadtpalaste, im Fackelschein der Halle, fiel sein Blick auf seinen +von den verwüsteten Augen des Bruders befleckten Purpur, den die +Gewitterströme nicht hatten rein waschen können, und ein Schauder +schüttelte sein Gebein! + +Er aber raffte seine Geister zusammen und verschloß sich in seine +Kammer. Er verfiel in bleiernen Schlaf, der gegen Morgen in +unheimliche Fiebergefühle überging. Dennoch verließ er das Lager und +begann wie sonst seine Tagesgeschäfte. Er erzwang es, sie zu +verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten. So trieb er es +eine Weile. Kein Verhaftbefehl erschien, ebensowenig der Herzog +selber. Täglich wuchs seine Ungewißheit und seine Unruhe. Ihn +ekelte vor jeder Speise, ihm graute vor den Kissen seines Lagers; +denn seine Nächte wurden immer schauerlicher, und seine Träume jagten +auf immer wilderen Rossen. + +Es kam eine Sonne, die ihn nicht mehr zu vollem Bewußtsein aufweckte. +Er fuhr ein in einen dunkeln Schacht, der sich mit flackernden, sich +drängenden Visionen bevölkerte. + +Da schritt ein feierlicher Zug. Je zwei und zwei! Männer und Weiber! +Das sind die vielen, vielen Opfer seines unerbittlichen und +unersättlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen +seiner seltenen, aber rasenden persönlichen Begierden. + +Da gehen ermordete Boten, verschwundene Gefangene, erdrosselte Zeugen +und jetzt nebeneinander zwei schöne, traurige Frauen, die blonde mit +triefenden Haaren, geschwollenem Hals und auf dem Rücken gefesselten +Armen, die dunkle mit einer blutenden Herzwunde. + +Aber während diese alle je zu zweien schritten, wandelte allein in +der Mitte des gräßlichen Zuges ein Riese mit blutigen, leeren +Augenhöhlen. Da plötzlich ergoß sich eine blendende Helle, ein +stechend blauer Himmel breitete sich aus, in dessen Mitte eine +ungeheure Waage schwankte. Sie schwankte lange. Da wuchsen, immer +deutlicher werdend, aus dem Himmel zwei große Augen hervor und ließen +rote Tränen in die eine Waagschale fallen, deren Becken mit +metallenem Klang in die Tiefe stürzte, die andere Schale wie einen +Federball hoch in die Lüfte schleudernd. + +Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht. + +Eines Morgens, nach Monaten, erwachte er mit bis auf das letzte Mark +verzehrten Kräften, aber trotz seiner Todesschwäche mit völlig klaren +Sinnen. + +Da sah er neben sich seinen Bruder den Herzog sitzen, der ihn mit +besorgten Blicken behütete. + +"Wo bin ich? Was geschah mit mir?" hauchte der Kranke. + +Der Herzog erwiderte vorsichtig, die Sommerhitze und vielleicht die +Sumpfluft in Belriguardo habe, wie die paduanischen Ärzte behaupten, +dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen. Gleichzeitig +entdeckte der Kranke mit seinen wieder schärfer werdenden Augen in +einer Fensternische zwei sich zusammen beratende würdige Männer im +dunklen Professorentalar, von denen er sich erinnerte, daß sie unter +seine Traumgestalten getreten waren. + +"Eminenz ist gerettet!" sagte jetzt der eine, und der andre nickte +zustimmend mit dem Haupte. + +"Ich danke den gelehrten Herrschaften für ihren Beistand", flüsterte +Ippolito mit versagender Stimme, "und ersuche sie, mich eine kurze +Weile mit der Hoheit des Herzogs allein zu lassen." + +"Einen Moment!" erinnerte der eine der Paduaner und erhob warnend den +Finger. Beide verließen die Kammer. + +"Was war es in Belriguardo? Ist es wahr, habe ich den Bruder +geblendet?" + +Der Herzog bejahte betrübt. + +"Lebt er?" + +Wiederum bejahte der Herzog. "Sieht er schrecklich aus?" + +"Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Zuerst, weil ich nur an dich +dachte, und dann, weil er mit Ferrante sich gegen uns verschwor, da +er sich rächen wollte." + +"Und du entdecktest das ohne mich?" + +"Man verriet sie. Sie liegen beide im Turme zum Tode verurteilt." + +Jetzt wurde leise die Tapete gehoben, und eine ärztliche Stimme bat +mit Ehrfurcht um Beendigung des ersten Gespräches. + +Der Herzog küßte die herabhangende Hand des Bruders mit Zärtlichkeit; +denn nicht nur liebte er den Bruder, die Rettung Ippolitos gab ihm +auch den unentbehrlichen Ratgeber zurück. + +"Es ist ein kalter Novembertag", sagte er, sich erhebend. "Ich gebe +Befehl, Feuer in deinem Kamine anzufachen." + +So geschah es. + +Der Kardinal starrte in die steigende Glut. + +"Lodert auf, ihr Flammen und Peinen!" seufzte er und sank in +Schlummer zurück. + +Der Kranke erholte sich langsam, oder eigentlich, er erholte sich +nicht, denn seine Kraft war gebrochen. + +Täglich wurde er von Don Alfonso besucht und erhielt nun auch von den +Ärzten die Erlaubnis, die an ihn einlaufenden Briefe zu öffnen. + +Einen derselben hielt er einmal sinnend in der Hand, da der Herzog +eintrat. Das Schreiben kam von dem Sforza in Mailand, Ludovico Moro, +und hatte einen merkwürdigen Inhalt, den Ippolito dem Bruder nicht +vorenthielt. + +Der Fürst bot dem längst ihm befreundeten Kardinal sein Mailand zum +Asyl an. Er redete zu ihm mit Bedauern, aber ohne Vorwurf von dem +blutigen Vorgange in Belriguardo, welcher ihm, nach seinem +Dafürhalten, ein längeres Bleiben in Ferrara und an der Spitze der +dortigen Staatsgeschäfte unmöglich mache; denn es habe sich +wunderbarerweise in einer Zeit, die der Gewalttaten nicht entraten +könne, ein unverständlicher Zorn über die Blendung Don Giulios an den +italienischen Höfen erhoben. Dagegen gebe es nun keine Waffe, und er +erwarte ihn bei sich auf seinem Kastell in Mailand. Er wisse, daß +Ippolito die Hoheit des Herzogs seines Bruders und die Politik +Ferraras durch seine Gegenwart nicht schädigen wolle, und auch in +Mailand wären genug politische Verstrickungen, deren Lösung einer +geschickten Hand, wie die seinige sei, bedürfe. + +"Der alte Fuchs hat recht", sagte der Kranke ruhig. "Du wirst dich, +Bruder, ohne mich behelfen müssen!" + +Der Herzog erschrak. "Davon hoffe ich dich abzubringen", antwortete +er. "Wie sollt' ich dich entbehren!... Oder ersetzen?" + +"Durch deine Herzogin", lächelte der Kardinal. + +Zu wiederholten Malen kam er mit dem Herzog auf die Unmöglichkeit +zurück, daß er im ferraresischen Staatsdienste bleibe. + +"Ich wundere mich selbst darüber", sagte er, "doch sehe ich aus +meinen Briefen, daß ganz Italien annimmt, ich werde nach der Blendung +Giulios nicht mehr bei dir, dem gerechtesten Fürsten Italiens, mich +halten können, sondern freiwillig die Verbannung suchen, um es deiner +Gerechtigkeit zu ersparen, mich zu bestrafen oder ungestraft zu +lassen. + +Sterben wie ich mich fühle, gehorche ich der öffentlichen Stimme. + +Aber so lange will ich noch leben und bleiben, bis wir den Dämon +wieder gefesselt oder vernichtet haben, der in Kürze Italien +verstören wird. Alle meine Schreiben sind voll von Don Cesare. Aus +Neapel, aus Rom, aus Frankreich wird mir berichtet, Cäsar rüttle an +den Gittern seines Kerkers und habe sie zerbrochen. Ich weiß aus +Erfahrung, daß ein Gerücht, das die Geister durch die Luft tragen und +nicht müde werden auszustreuen, sich endlich verwirklicht. + +In dieser Gefahr werde ich noch neben dir stehen, dann gehe ich." + +Endlich kam der Tag, da der Kranke sich erhob und Lust äußerte, am +Arme eines Dieners seine Schritte zu versuchen. Dieser führte ihn in +einen großen anstoßenden Saal, dessen kalte Fliesen man aus Vorsorge +für den Kardinal mit feinen Strohteppichen belegt hatte. + +Während er, auf den Diener gestützt, Fuß vor Fuß setzte, haftete sein +Blick auf der langen Strohmatte, über die er wandelte und deren +reinliche und geschmackvolle Arbeit ihm auffiel. + +"Wo wurde das gekauft?... Wer hat das geflochten?" fragte er. Und +der Diener antwortete verlegen: + +"Beim Kerkermeister. Prinz Julius liebt solche Arbeit." + +Da war es dem Kardinal, als sehe er feine königliche Hände webend +über die Matten huschen. Zu seiner Rechten und Linken, vor ihm, +neben ihm, aller Enden webten und regten sich zu Hunderten die weißen, +fleißigen Geisterhände. + +Ihn schwindelte, und er fiel dem begleitenden Diener in die Arme. + + + +Neuntes Kapitel + + +Es gab in dem ältesten und untersten Stockwerk des herzoglichen +Stadtschlosses, das ein schweres, an mehrere Bauarten und +Jahrhunderte erinnerndes Gebäude war, einen niedrigen Saal, der auf +einen inneren Hof blickte, ein wenig benütztes, einsames Gelaß, das +man die römische Kammer nannte. Denn die Büsten der sieben römischen +Könige standen auf ehernen Säulen längs den Wänden. Sie sahen roh +und abenteuerlich aus, hatten aber einen andern als künstlerischen +Wert, da sie, aus dem reinsten Silber gegossen, einen beträchtlichen +Hausschatz ausmachten. + +Sie blinkten seltsam in dem frühen Halbdunkel, denn es war heute der +kürzeste Tag des Jahres, und den Hof verschleierte ein frühes +Schneegestöber. + +Den selten geöffneten Saal machte ein im mächtigen Kamin flackernder +Holzstoß auf ein paar Stunden wohnlich. Offenbar wurde ein +feierlicher Akt vorbereitet, denn ein Tisch mit Schreibzeug war dem +breiten dreiteiligen Fensterbogen gegenüber in die Mitte des Raumes +gestellt und zwei mit Wappen gekrönte Lehnstühle waren zugerückt. + +Gerade über dem Tische im mittleren Felde der mit Malerei +geschmückten Täfeldecke ragte über einem scheuenden Zweigespann die +verbrecherische römische Tullia und zerquetschte unter den Rädern +ihrer Biga die Leiche des eigenen gemordeten Vaters. Aus dem +nächsten Bilde aber streckte der von seinem Bruder Romulus erstochene +Remus einen kolossalen Fuß heraus. + +Unter dieser Tullia und über sie pflegten Lukrezia und Angela, wenn +sie im Sommer die Kühle dieses Saales suchten, in scherzhaften Streit +zu geraten. + +Angela drohte dann in ihrer kindlichen Weise zu der blutigen Römerin +empor und klagte sie ihrer unnatürlichen Verbrechen an: + +"Böse! Warum mußte man dich im Gedächtnis behalten? Warum wissen +wir von dir, du Unhold! Du bist kein Weib, Mörderin des Gatten und +der Schwester... Mörderin des Vaters... Verführerin des Schwagers!... +Widernatürliche! Zauberin! Teufelin!..." + +Dann lächelte Lukrezia, dem eifrigen Mädchen die heiße Wange +streichelnd. + +"So ging es nicht zu", flüsterte sie ihr ins Ohr; "die berühmte +Römerin verlor sich in einer Dämmerstunde an einen Mann, sein +sündiger Geist fuhr in sie, und sie wurde sein willenloses Werkzeug. +So war es, glaube mir. Ich weiß es." + + +Leer und still war heute die römische Kammer, nur vom Hofe her tönte +seit dem Mittag ein gedämpftes Hämmern und ein in unterdrückten +Lauten geführtes Gespräch. + +Jetzt wird behutsam auf das verrostete Schloß der Eichentür gedrückt. +Sie öffnet sich knarrend, und auf den Zehen tritt Angela ein mit +ernsten Augen, in Trauer gekleidet, um das Kraushaar einen schwarzen +Schleier geschlungen. + +Sie eilt ans Fenster, öffnet es und sieht im Hofe das die beiden Este +erwartende Schafott sich erbauen. + +Drei Holzstufen, ein rohes Gerüst, das man jetzt mit dunkelrotem Tuch +bedeckt, der schon oben stehende Block mit schwarzem Samt überkleidet +und, alles leicht umhüllend, ein dünnes Schneegestöber! Wollte es +die Brüder in den ewigen Winter einladen? + +Sie starrte auf die Gerichtsstätte nieder, da weckte sie ein leiser, +dringender Ruf dicht unter ihrem Fenster. + +"Prinzessin, nehmt Euch des armen Don Giulio an! Bittet für! +Verlangt Gnade!" Noch ein flehender Blick unter einem breiten +Arbeiterhute hervor begegnete ihren suchenden Augen, dann verlor sich +der Mitleidige schleunigst unter die andern Zimmerleute. + +Jetzt wurde von Dienern eine zweite, der nach dem Innern des Palastes +führenden gegenüberliegende Tür geöffnet und eine richterliche +Gestalt in fließender Toga eingeführt. + +Es war der Großrichter Herkules Strozzi, der etwas unmutig schien, +Donna Angela zu erblicken statt des herzoglichen Paares, das er in +der römischen Kammer zu finden erwartet hatte. + +Da das Mädchen in seiner Rechten eine mit Siegeln versehene Rolle sah, +rief es entsetzt: + +"Das Todesurteil! Ist es unwiderruflich?" + +Der Richter antwortete gemessen: "Es ist noch nicht unterschrieben, +doch zweifle ich nicht, daß die Gerechtigkeit Don Alfonsos es +bestätigen wird." + +"Gerechtigkeit! Menschliche, nicht göttliche!" sprach Angela. "Habt +ihr vergessen, ihr Richter, auf wem die erste Schuld liegt? Vergaßet +ihr die Quelle der Verschwörung, den Greuel des Kardinals?..." + +"Das ist ein andrer Rechtsfall", erwiderte Strozzi, den die Aufregung +des Mädchens verstimmte, "und hat mit unsrer heutigen Sache nichts zu +schaffen!" + +"O ihr Lügner und Heuchler!" rief sie aus, "wenn jemand gerichtet +werden soll, wahrlich, so bin ich schuldiger als Don Giulio!" + +Der Richter schüttelte ungeduldig das Haupt. + +"Und die Herzogin! Vertritt sie nicht die Gnade?" fuhr sie fort. +"Sie, auf die ich immer noch gezählt habe und die so große Macht über +den Herzog ausübt?" + +"Nicht in diesen prinzipiellen Rechtsfragen. Hier ist der Herzog +unerschütterlich. Er ist überzeugt, wie von seinem Dasein, daß die +Unverletzlichkeit der regierenden Person die Grundbedingung des neuen +Fürstentums ist, wie es jetzt in Italien überall entsteht", sagte +Strozzi. "Mit der Begnadigung Don Ferrantes und Don Giulios würde er, +glaubt der Herzog, den Untergang seiner Herrschaft besiegeln. Donna +Lukrezia ist viel zu klug und hat sich von jeher gehütet, an eine +persönliche Überzeugung des Herzogs zu rühren." + +"Und Ihr?" reizte sie ihn, "Strozzi, teilet denn Ihr zuungunsten +Eures blinden Freundes die fürstlichen Überzeugungen des Herzogs?" + +"Ich vertrete das Recht in seiner Strenge!" versetzte der Richter +stolz. + +Da wurde die breite, ins Innere des Palastes gehende Tür +auseinandergeworfen, und es erschien der Herzog mit der Herzogin. + +Während sich Angela in die bergende Fensternische zurückzog, nahmen +die Hoheiten nebeneinander auf den Sesseln Platz, und ihnen gegenüber +stand am Tische der Oberrichter und entfaltete seine Rolle. + +"Das Urteil ist mir zwar bekannt", begann Don Alfonso, "und ich habe +es Punkt um Punkt erwogen. Aber um den Formen zu genügen, Strozzi, +leset es uns, bevor ich unterzeichne, noch einmal langsam!" + +Dieser, den die Gegenwart der Herzogin berauschte, trug, nicht ohne +sich mitunter ärgerlich zu mißreden, zum Verdruß des jedesmal den +Irrtum verbessernden Herzogs, das Erkenntnis feierlich vor. + +Unterdessen ertönte von ferne aus dem Gefängnisturme das +Totenglöcklein, und Angela erblickte durch das Fenster den +Hinrichtungszug und sah, wie die beiden Este mit einem +Franziskanermönch und den Scharfrichtern das Blutgerüst betraten. + +"Gebt, Oberrichter, damit ich unterzeichne", sagte Don Alfonso und +tunkte die Feder ein. + +Da verließ Angela ihr Versteck und warf sich dem Herzog, seine die +Feder führende Hand mit ihren beiden festhaltend, zu Füßen! + +"Nein, Don Alfonso! Nicht Euern Bruder, sondern mich lasset bluten!... +Ich bin die Schuldige! Bis heute schwieg ich, weil ich immer noch +auf Euer und auf Lukrezias Erbarmen hoffte! Jetzt aber sei's gesagt! +Zweimal war ich Don Giulios Verderben! Das erste, da ich mit meinem +Lobe seiner Augen seinen Bruder, den Teufel, reizte--das zweite, da +ich Eurem Gebote zuwider in seinem Pratello den Geblendeten aufsuchte +und, mein Leid auf seines häufend, ihn zur Verzweiflung trieb!..." + +Der Herzog maß die seine Knie umfassende Borgia mit erstauntem, +mißbilligendem Blicke, doch ehe er ihr antworten konnte, wurde die +Tür wieder geöffnet und es erschien, allen unerwartet und von niemand +geladen, der kranke Kardinal. + +Verzehrt bis zur Entkörperung, leicht gebückt, mit durchdringenden +Augen unter der kahl und hoch gewordenen Stirn, schien er lauter +Geist zu sein, grausam und allwissend. + +Seine Diener rückten ihm einen Stuhl an den Herd, und er setzte sich +neben die Flamme, während die Herrlichkeiten sich ihm zuwandten. + +"Ich bin zum Hochgericht gekommen, obgleich mich niemand rief", sagte +er mit leiser Stimme... + +"Doch ich habe eine Bitte an dich, Bruder!..." + +Schon aber hatte sich die verzweifelte Angela von den Knien erhoben, +stand vor dem Feuer und unterbrach ihn... + +"Trittst du immer der Gnade in den Weg, Widersacher! Beruhige dich, +du wirst Blut trinken! Hier ist keine Gnade... Hier ist die Hölle!... +Um dich, mit dir, in dir war die Hölle von Anfang an! Ist es doch +ein Wort des Heilands, das dich zum Greuel trieb! Das uns beide in +die Verdammnis wirft! + +Die Purpurfarbe des göttlichen Erbarmens dringt durch bis in das +persische Märchen, sagte diese hier",--sie ergriff Lukrezias Hand-- +"aus deinem Purpur aber, Kardinal, bricht Haß und Blut hervor, sobald +man den heiligsten der Namen nur nennt!..." + +"Schweige, törichtes Mädchen!" bebte es von den Lippen des Kardinals. +"Ich könnte dich erwürgen! Ich bin deiner--ohne Gewährung-- +übersatt. Du bist mir ein Abscheu!... Du hast mir die Augen meines +Bruders verhaßt gemacht, die Himmelsaugen, die mich früher voll +Vertrauen anschauten!" + +"Krank, und immer noch grausam, Ippolito?" sagte die Herzogin und zog +Angela in ihre Arme. "Hat diese nicht recht, wenn sie sagt, daß die +Fabel Ben Emins etwas an alledem verschuldet hat?" + +Der Kardinal wandte sich langsam gegen seine Schwägerin, und seine +Augen brannten. + +"Was weiß man von dem Nazarener?" sagte er. "Was man von seinen +Reden und Taten erzählt, ist unglaublich und unwichtig. Ich kenne +ihn nicht. Wird ein Gott gekreuzigt?... Ich weiß nur von dem durch +die Kirche in den Himmel erhöhten König, von dem durch die Theologie +geschaffenen zweiten Gotte der Dreifaltigkeit. Sein der Himmel! +Unser die Erde! Unser ist hier die Gewalt und das Reich! Und es ist +Herrscherpflicht, das Schädliche und Unnütze, das uns widersteht, zu +vernichten. + +Doch wir philosophieren hier, und draußen erwarten zwei den Tod... + +Mit einem Worte, Bruder, sie dürfen nicht sterben!... Du gibst sie +mir! Schütte kein Blut mehr über mein Haupt... Es verwirrt und +erstickt mich.--Sehen darfst du die Fürstenmörder nicht mehr! +Verbirg sie im Kerker, aber laß sie leben um meinetwillen!" + +Der Herzog sann mit geneigtem Haupte, dann sagte er: "Ich tue es +ungern, es schädigt mein Fürstenrecht. Aber ich will es lieber, als +daß dich zwei abgeschlagene Häupter ängstigen und zwei Tote in die +Gruft nachziehen. + +Ich tue es dir um des vielen willen, was du für Ferrara getan hast. + +Man öffne den Balkon! Wir treten hinaus, und Ihr, Großrichter, leset +das Urteil mit dem Zusatze der üblichen Begnadigungsformel." + +Sie erhoben sich; der Kardinal aber blieb an der heruntergebrannten +Glut sitzen. Er ließ sich eine Decke über die Knie legen, lehnte +sich in seinem Stuhle zurück und schloß die Augen. Er wünschte nicht, +als Zeuge der ihm gewährten Begnadigung gesehen zu werden. + +Diener brachten Mäntel, Kopfbedeckungen und Überwürfe, um die ins +Freie tretenden Herrschaften vor der Winterkälte zu schützen. + +Während Lukrezia sich in die Kapuze eines blendend weißen, aus der +feinsten flämischen Wolle verfertigten Nonnenmantels hüllte und Donna +Angela ihr dabei behilflich war, näherte sich ein Page mit +unschuldigem Gesicht, bog rasch, wie ein Chorknabe vor dem Altar, das +Knie vor der Herzogin und überreichte ihr in einer silbernen Schale +zwei verschiedene Briefe, ein umfängliches Schreiben und ein leicht +zu verbergendes Briefchen. + +Lukrezia ließ einen schnellen Blick auf ihre Überschriften fallen. +Es war die schönfließende Handschrift Bembos und auf dem kleinen +Briefchen--Lukrezia erschrak zu Tode--das feine Frauenschriftchen +Cäsar Borgias. + +Sie ließ beides in ihren weiten weißen Ärmel gleiten, und da Angela +sie mit ängstlicher Frage anblickte, legte sie, Schweigen fordernd, +den Finger an den Mund. + +Die Frauen traten auf den Balkon hinaus und erblickten in dem engen +Hofe auf dem Schafott ganz nahe unter sich die beiden Brüder. + +Das Schneegestöber hatte aufgehört, und ein lichter Abendhimmel +blickte von hoch oben zwischen Mauern und Türmen herab. + +Das wimmernde Glöcklein schwieg, und Herkules Strozzi, der zwischen +dem mit beiden Händen auf den eisernen Korb des Balkons sich +stützenden Herzog und Lukrezia stand, begann das Urteil mit völliger +Gedankenlosigkeit vorzulesen. Denn das wunderbare Weib an seiner +Seite zitterte unerklärlich unter der weißen Wolle, und ihre blassen +und doch feurigen Augen schauten groß und geisterhaft unter der +Kapuze hervor. + +Er empfand jene seltsame Angst, welche die Begleiterin der höchsten +Leidenschaft ist. + +Während er die Begnadigungsformel verlas, welche die Todesstrafe in +ewigen Kerker verwandelt, und die also beginnt: + +"Die Hoheit, aus der Fülle ihrer Macht und zugleich aus dem Born +ihrer Gnade schöpfend..." erhoben die Begnadigten ihre Häupter und +schickten sich an, dem Herzog zu danken. + +Don Ferrante hatte sich mit verändertem Entschlusse würdig in +schwarzen Sammet gekleidet, und seine Züge, frei von den Zuckungen +und Verzerrungen, die sie zu entstellen pflegten, waren ernst und +gelassen. + +"Ich danke dir, Bruder Herzog", begann er, "aber ich nehme deine +Gnade nicht an. Ich habe mein Leben stets verabscheut; warum, weiß +ich nicht. Und da ich es nicht liebte, habe ich es mißbraucht und +mich und andere verachtet. \XDCberall, wohin ich darin zurückblicke, +sehe ich nichts als törichte Larven, Hohlheit, Neid und Nichtigkeit... +nirgends eine reinliche Stapfe, wo Erinnerung den Fuß hinsetzen +könnte, ohne ihn zu beschmutzen! Ich fürchte mich vor dem Leben, das +du mir schenkst! Und ich sehne mich, meines Ichs und seiner Angst +ledig zu sein.--Lebet wohl, Brüder!" + +Er zog eine kleine, mit flüssigem Gift gefüllte Phiole, die er sich +mit Gold für alle Fälle erkauft hatte, aus dem Busen und zerdrückte +sie zwischen den Zähnen, bevor ihn jemand daran hindern konnte. Er +stürzte rücklings nieder und begann schmerzlich zu röcheln. + +Während der erschrockene Pater Mamette sich über den schon Entseelten +beugte, brachten die Scharfrichter einen der bereitgehaltenen Särge, +der Mönch bettete den Toten hinein, und sie trugen ihn weg. + +Der Blinde war ganz allein auf dem Blutgerüste stehengeblieben und +weinte, denn er hatte gehört und erraten, was vorging. + +Dann wandte er das Haupt nach der Zinne, wo seine Begnadigung +verkündigt worden war, hinauf zu dem schweigenden Don Alfonso, den er +dort vermutete: + +"Herzog, ich bin dankbarer für das Leben. Nicht wie Don Ferrante +vergelt ich deine Gabe! Ich habe den Reichtum meines Daseins wie ein +Unsinniger verschwendet. Nun ich blind bin und unter die Ärmsten der +Armen gehöre, schätze ich das Almosen und halte es teuer. Ich bin +von den Reichen zu den Armen gegangen. Ich bin gestürzt und an der +andern Seite der Kluft emporgeklommen, welche die Genießenden und +Satten der Erde von den Hungrigen und Durstigen trennt. Die Freude +und ihre Genossen habe ich verlassen--ich gehe zu den Leidensbrüdern. +Ja, redlich leiden und dulden will ich, und darum dank ich für das +neue Leben!" Da richtete der Herzog fast gütig das Wort an seinen +blinden Bruder: + +"Ich habe nicht alles begriffen, was Ihr geredet habt, Don Giulio; +aber ich entnehme daraus, daß Ihr leben und Euch bessern wollt. Das +ist ebenso verständig als christlich. So reut es mich nicht, daß ich +Euch begnadigt habe." Und er gab das Zeichen, den Este in sein +Gefängnis zurückzuführen, das im Eckturme eines andern Hofes lag. + +Er hatte noch nicht geendet, so verließ Donna Angela, die unter einer +leichten schwarzen Halbmaske der Begnadigung beigewohnt hatte, auf +fliegenden Sohlen die römische Kammer, um, über Gänge und Stiegen +eilend, ihr abgelegenes Turmgemach zu erreichen. Unter ihrem Erker +mußte der Gefangene vorbeigeführt werden, und dort pflegte sie +duftende Rosen. Davon brach sie die schönste und öffnete leise das +Fenster. + +Jetzt kam er mit Pater Mamette, der ihn an der Hand führte. Sie warf +ihm die Rose zu. + +"Da fliegt eine rote Rose auf Euch nieder", sagte der Franziskaner, +indem er sie geschickt auffing und dem Blinden überreichte. "Eine +Güte Gottes begleitet Euch ins Gefängnis!"--und als der Blinde nach +der falschen Seite hin sich verbeugte: "Nach rechts, Herrlichkeit! +Die Blume fiel vom Fenster der Prinzessin Angela." + +Da winkte Don Giulio mit beiden Armen empor und rief: + +"Ich grüße dich, geliebtes Unglück!" Auf dem Balkon des Urteils +hatte während der Rede Don Alfonsos Lukrezia mit feinen Fingern den +Brief Don Cesares geöffnet und in verborgener Eile gelesen. Er +lautete ehrgeizig und unheimlich fromm: "Schwester, vernimm, daß es +nach so vielen Widerwärtigkeiten Gott unserm Herrn gefallen hat, mich +aus dem Kerker zu ziehen. Möge diese herrliche Gnade zu seiner +größern Ehre gedeihen! Ich strebe nach allem und verzweifle an +nichts. Sende mir einen Mann nach Deiner Wahl, den besten und +begabtesten, den Du finden kannst, der mir in Italien dazu behilflich +sei. Nimm von ihm, wie Du es kannst, für mich Besitz. Du wirst +wagen, denn Du liebst mich. Schicke mir ihn zu meinem Schwager dem +Herzoge von Navarra. Ich umarme Dich." + +Mit brennenden Wangen, in der Schönheit des Wahnsinns, unfähig, dem +Dämonenruf zu widerstehen, unempfindlich in diesem Moment für Furcht +und Ehre, bestrickte Lukrezia den Richter, Leib und Seele, mit einem +Blicke der Verführung. + +Sie hielt ihn auf dem Balkone zurück, während der Herzog ins Gemach +trat und sich an den Tisch setzte, der sich inzwischen mit eben +angelangten, alle von Rom oder Neapel kommenden, an ihn und den +Kardinal gerichteten Briefen bedeckt hatte. + +Der beim Eintritte der Boten auflebende Ippolito hatte sich erhoben +und gesellte sich seinem Bruder. Sie entsiegelten die Botschaften +und waren bald in das wichtigste Gespräch versunken; denn alle diese +Papiere handelten nur von einem Gegenstande, der Befreiung des Cesare +Borgia und der Aussicht auf seine baldige Erscheinung in Italien. + +Der fernblickende Kardinal war von der Größe der politischen Gefahr +überzeugt und hingenommen, doch entging ihm auch das Nächste nicht, +er ahnte den Zusammenhang. Sein Auge streifte den jetzt mit der +Herzogin in einer Fensternische sich unterhaltenden Großrichter und +verfolgte die reizenden Biegungen und Wendungen ihres zarten +Schlangenhalses. + +Mit dem frevelhaftesten Mut nahm in Gegenwart des Herzogs Lukrezia +Borgia von Herkules Strozzi für den Bruder Besitz. Der verwildernde +Strozzi verlangte noch frevelhafter seines Wunsches gewährt zu sein, +bevor er in so gefährlicher Sendung das Leben wage. Da bebte +Lukrezia vor Zorn und Abneigung. + +"Geh!" flüsterte sie ihm zu, und das Licht ihres Verstandes +durchblitzte ihre Leidenschaft. "Geh zu Cesare! Schiebe nicht auf!... +Willst du warten, Tor, bis der Herzog das Kommen meines Bruders +erfährt und uns allen bei Lebensstrafe verbietet, mit ihm zu +verkehren?... Dann erst ist dein Leben verwirkt. Eile!... Sieh +hinüber... jetzt vernimmt er das Ereignis! Fort aus den Toren von +Ferrara!" + +Strozzi zögerte aus schlimmen Absichten, und schon kam der Rat zu +spät. + +Vor dem Herzog stand sein Haushofmeister, dem er den Auftrag gab, +sofort den ganzen Hofstaat und alles Ingesinde des Palastes in die +römische Kammer zusammenzurufen. + +In wenigen Minuten füllte sich diese. Der Herzog trat in die Mitte +der Versammlung und redete, Lukrezia fest an der Hand haltend: + +"Ihr alle! Eben erhielt ich gewisse Nachricht, daß Don Cesare Borgia, +den sie den Herzog der Romagna nannten, aus Spanien entflohen ist +und jeden Augenblick unter uns erscheinen kann. + +Dieser Mann ist ein Zerstörer und Verderber Italiens. Wer von euch +mit ihm sich einläßt, auf welche Weise immer es sei, büßt dafür mit +dem Leben. Ohne Unterschied! Ohne Gnade! + +All dieses unbeschadet meiner Hochachtung und eurer Verehrung für +Donna Lukrezia, eure erlauchte Fürstin, der ich traue wie mir selbst, +und der ihr zu gehorchen habt wie mir selbst." + +Er drückte ihr die Hand und sie gab ihm einen warmen Dankesblick, +obgleich sie ihn verriet. + + +Bei dem allgemeinen Aufbruch begleitete der Oberrichter den Kardinal, +der sich, die Treppe hinabsteigend, auf ihn stützte, bis zu seiner +Sänfte, und dieser scherzte: + +"Eigentlich ist es kein Wintergespräch... aber sagt mir, Strozzi, wie +stellt Ihr Euch das Gefühl einer Mücke vor, die sich die Flügel an +einer brennenden Kerze versengt? Meint Ihr, daß sie Schmerz fühle? +Ich meine, kaum, sonst würde sie sich nicht immer von neuem in die +glänzende Flamme stürzen! Ich denke, sie stirbt in Rausch und +Taumel!... Nicht?" + + + +Zehntes Kapitel + + +Nachdem Lukrezia auf jenem Balkon über dem Blutgerüst der beiden Este, +von dem Triumphschrei und Hilferuf Don Cesares erschreckt und +überwältigt, in plötzlichem Liebesgehorsam gegen ihren Bruder den +Richter Strozzi zu ihrem Mitschuldigen gemacht hatte, fiel sie ein +paar Stunden später, aus dem Zauber halb erwachend, in Reue und +fühlte sich voll Bitterkeit gegen den feigen Mann, der, statt vor +ihrer Schwäche enthaltsam zurückzutreten, das Verhängnis ihrer alten +Knechtschaft mißbrauchte, um, der Niedrige, Forderungen zu stellen, +die sie, solange sie ihrer selbst und ihrer vollen Besinnung mächtig +blieb, niemals gewähren konnte. Ein tödlicher Widerwille gegen den +seiner Leidenschaft blind gehorchenden Richter, der ihr, seiner +Fürstin, einen gemeinen Handel antrug, bemächtigte sich ihrer. Sie +war schuld daran, und sie haßte ihn darum. + +An jenem Abend entfaltete Lukrezia in der Heimlichkeit ihres +Schlafgemachs ihren zweiten Brief. + +Hier meldete ihr der treue Bembo von Rom aus die Wiedererscheinung +Don Cesares in Italien und beschwor sie kniefällig, so schrieb er, +nicht einen Augenblick zu zögern, sondern sich ihrem Gemahl flehend +in die Arme zu werfen und dort durch das Bekenntnis ihrer Schwäche +Schutz gegen sich selbst zu suchen. + +Über dem Brief war sie todesmüde bei brennenden Kerzen in Schlummer +gesunken, aber aus den beginnenden Träumen wieder aufgefahren. Es +hauchten Geisterwinde und bewegten die Flämmchen der Kerzen. + +Sie starrte in eine dunkle Ecke, bis ihre unverwandten Blicke dort +die Erscheinung Cäsars gestalteten. Jetzt, jetzt trat er hervor und +schritt auf ihr Lager zu, die Samtmaske, die er immer trug, von den +wohlbekannten, bleichen Zügen hebend. + +Da stieß Lukrezia durchdringende Schreie aus und weckte damit die in +der Kammer nebenan schlafende Angela, die ihr zu Hilfe eilte und bis +zum Hahnenschrei neben ihr saß. + +Im ersten Morgenschimmer las die Herzogin den Brief Bembos zum andern +und zum dritten Male. Dann erhob sie sich schleunig und lief im +Schlafgewand auf nackten Sohlen über die kalten Steinplatten der +Schloßgänge in die Kammer Don Alfonsos. + +Sein Lager war leer. Er war in noch früherer Stunde verreist, eine +Zeile zurücklassend, er eile nach Bologna, um bei der Gefahr dieser +Zeit an der Seite seines Lehnsherrn, mit dem nicht zu scherzen sei, +der Heiligkeit Julius' des Zweiten, in Treue gefunden zu werden. Er +gebe seiner Gemahlin die Regentschaft und zum Berater den Kardinal +Ippolito. + +Hilflos, schutzlos, weinend wie ein Kind, kehrte Lukrezia in ihre +Kammer zurück. + +Im hellen Tageslicht wichen die Gespenster, doch die Herzogin, deren +der Bruder sich nach und nach wieder völlig bemächtigte, begann mit +allen Kräften ihres Geistes für ihn zu wirken und jede Stunde ihres +Lebens in seinem Dienste zu verwenden, indem sie sich einbildete, sie +tue aus treuer Schwesterliebe, die das Natürlichste in der Welt sei, +Erlaubtes und Unerlaubtes für einen großen und unglücklichen Fürsten, +ihren geliebten Bruder. + +War er nicht noch ein Jüngling mit unendlicher Zukunft? Von seiner +Berechtigung aber, in seinen verlorenen Besitz zurückzukehren und in +Italien die Herrscherrolle zu spielen, kraft seiner Geburt und seiner +seltenen königlichen Begabung, war sie völlig überzeugt. + +Dem Großrichter hatte sie eine Zeile geschrieben, welche die geheime +Botin, ihre Kammerzofe, ihr wieder zurückbringen mußte und worin sie +ihm sagte, sie habe gestern in der römischen Kammer in Freude und +Bestürzung über den unerwartet befreiten Bruder Worte geredet, auf +die sie sich nicht mehr besinne, und deren sich Strozzi auch nicht +erinnere, warum sie ihn nicht einmal bitte, weil sich das bei einem +Edelmanne von selbst verstehe. + + +Der Anfang des neuen Jahres war eine Zeit der Angst und Gefahr für +ganz Italien. Die Völker waren aufgeregt. Die Höfe lauschten in +atemloser Spannung über die Meeresalpen und die Pyrenäen, während +Cäsar anfangs wenig von sich hören ließ und sich, wie der Drache +seiner Helmzier, aus seinen eigenen Ringen langsam emporhob. + +Welche Möglichkeiten! + +Er konnte aus der herrenlosen Romagna als Kondottiere der Venezianer +den Papst verjagen. Er konnte, als Verwandter des Königs von +Frankreich, durch irgendeine Wandlung der Dinge, von diesem an die +Spitze eines seiner in Italien liegenden Heere gestellt werden. + +Man wußte, es war eine Tatsache, daß Cesare Borgia in Italien beliebt +war. Der Instinkt des Volkes und die Begeisterung der Kriegsleute +feierten ihn als den Begünstiger der heimischen Waffen und den +grausamen, aber nützlichen Vertilger der kleinen Stadttyrannen. In +der Romagna, ja selbst im Ferraresischen, dem Eigentum der Este, +vergötterte ihn die Volksmasse und krönte sein Andenken, wie einst +das unterste Rom das Andenken Neros bekränzte, an dessen Untergang es +auch niemals hatte glauben wollen. + +Es war ein unheimliches Frühjahr. In den Staatskanzleien wachten die +Schreiber über der Feder, und nächtlicherweile flogen auf den +sturmgepeitschten Landstraßen die Pferde vermummter Boten. + +Die Herzogin erschien blaß und angegriffen; denn auch sie legte die +Feder nicht aus der Hand. Es galt, die befreundeten italienischen +Höfe von den guten Absichten Cesare Borgias zu überzeugen. Sie +versicherte sowohl mit den heiligsten Beteuerungen als mit den +feinsten und anmutigsten Wendungen, er komme mit edlen, friedlichen +Gedanken und gerechten Absichten. Und dies tat sie aus eigener +Klugheit noch vor der Ankunft des zweiten Boten ihres Bruders. + +Dieser, ein gewisser Federigo, kam mit einem Schreiben an die +Herzogin von Ferrara und in einer Sendung an Papst Julius, den +Eroberer von Bologna. Der Heilige Vater aber warf den Gesandten +Cäsars in den Kerker, und Lukrezia gab sich viele vergebliche Mühe, +den Kanzler ihres Bruders, wie sie den Abenteurer betitelte, von der +gestrengen Heiligkeit loszubitten. Auch den eigenen Gemahl bat sie +dringend, ihr in dieser Sache beizustehen. Doch Don Alfonso riet dem +Papste im Gegenteil, den zweideutigen Gesandten in der Stille +erdrosseln zu lassen--ebenfalls vergeblich, denn der Bote +entschlüpfte. + +Dergestalt hatte die Herzogin hundert Anliegen und Geschäfte +zugunsten ihres Bruders. Alle mit der höchsten Klugheit eingeleitet, +gefördert oder aus Vorsicht geschickt wieder abgebrochen. + +Durch wenige Zimmerbreiten von ihr getrennt, bemühte sich in +demselben Schlosse bis tief in die Nacht der leidende Kardinal, ihre +Verbindungen mit Don Cesare aufs genaueste zu überwachen und alle +ihre Pläne zu studieren, um sie bis auf einen gewissen Punkt reifen +zu lassen und dann zu vereiteln. + +Vor seinem Zurücktritte aus dem ferraresischen Staatsdienst und der +Entlassung seiner ausgesuchten und vorzüglich geschulten +polizeilichen Werkzeuge reizte es ihn, sein diplomatisches +Meisterstück zu liefern. + +So überblickte er das ganze Gewebe Lukrezias und bewunderte in der +Stille seiner Arbeitsräume den Vorrat schärfsten Verstandes und +unerschöpflicher Auskünfte, welchen die Herzogin in einer zum voraus +verlorenen Sache anwendete. Denn er fing ihre Briefe auf, las sie, +versiegelte sie wieder kunstvoll und schickte sie dann gewissenhaft +an ihre Bestimmung mit sie begleitenden Schreiben entgegengesetzten +Inhalts aus seinem Interessenkreise, welche die Wirkung der ihrigen +vollständig zerstörten. + +Und das tat er, ohne daß Lukrezia eine Ahnung davon hatte. So hatte +es der Herzog angeordnet, der die Gemahlin mehr als je liebte und um +jeden Preis schonen, in keiner Weise bloßstellen wollte; denn er +wußte, daß die kluge und reizende Lukrezia bei der Annäherung Cäsars +ihrer selbst nicht mehr mächtig war und, wieder in den Bann ihres +alten Wesens, ihrer früheren Natur gezogen, schuldvoll und schuldlos +sündigte. + +Demselben Wohlwollen gegenüber dem verführerischen Weibe verfiel auch +der Kardinal. Er bewunderte den schützenden Zauber des von ihr +ausgehenden Liebreizes und verbündete sich, soweit es in Alfonsos +Interesse möglich war, mit dieser seltsamen Macht, welche Lukrezia +von jung an aus begrabenen Wellen gehoben und wie auf Schwingen über +zerschmetternde Abgründe hinweggetragen hatte. + +So genoß er, die Kluge stündlich täuschend, kein Vergnügen der +Bosheit, sondern er glich dem Arzte, der von einer lieben Kranken, +die an Wahnsinn leidet, Gift und tötende Waffen entfernt. + +Auch die Regentin, obgleich sie das Gegenspiel des Kardinals +teilweise zu erraten begann, blieb ihm aus Klugheit und unbewußter +Achtung einer verwandten Anlage gleicherweise gewogen. + +Sie zog ihn oft zur Tafel, und dann entspann sich bald das +anregendste Gespräch, in welchem eines das andre zu enträtseln und zu +erhaschen suchte, dem feinsten Schachspiele vergleichbar. Nur daß +die Herzogin jeden Vorteil emsig benützte, während der überlegene +Kardinal sie mitunter lächelnd auf einen von ihr begangenen Fehler +aufmerksam machte oder eine von ihm genommene Figur großmütig stehen +ließ. + +Federigo, Cäsars Bote, hatte der Herzogin, bevor er nach Bologna zu +der Heiligkeit des Papstes zog und von ihm gefesselt wurde, im +Geheimnis den zweiten Brief des Bruders übergeben. Es war ein +Schreiben von wenigen dringenden Linien, zwischen denen, nur dem Auge +Lukrezias sichtbar, verruchte Anschläge und teuflische Einflüsterungen +liefen. + +Nachdem der Verführer gemeldet, er habe mit dem Könige von Frankreich +angeknüpft, bis jetzt zwar ohne Erfolg, den er abwarten könne, da er +fürs erste nach Italien strebe, schrieb Cäsar: Um dort Fuß zu fassen, +bedürfe er durchaus eines Gehilfen, eines ungewöhnlichen Mannes von +bedeutenden Eigenschaften und ebenso gefälliger als imponierender +Erscheinung. Er wisse einen, wahrlich wie gemacht, ihm zu dienen, +den Richter Herkules Strozzi. Er kenne ihn wohl, denn der Vater +ihres Gemahles, weiland Herzog Herkules, habe ihm diesen Strozzi, +einen Jüngling von klassischen Zügen und strengem Betragen, als +seinen Geschäftsträger in die Romagna gesendet, damals, da er auf dem +Gipfel seiner Macht gestanden, welchen er mit Gottes und des +Schicksals Gunst und der geliebten Schwester Hilfe wieder zu +ersteigen hoffe. + +"Teuerste", schloß er, "tue, was Dir möglich ist, das Größte und +Äußerste, um diesen einzigen, den ich als einen Bruder schätze, für +mich zu gewinnen." + +Lukrezia erbleichte über dem Briefe. Aber sie hatte jetzt seit +Wochen wieder mit Cesare in seinen vielen, auch seinen jugendlichen +und liebenswürdigen Gestalten zusammengelebt. So hatte er sich, +obschon ein Abwesender, wieder mit ihrem ganzen Denken verschmolzen +und ihre Seele mit seinem Frevelsinn verpestet. + +Zwar sie widerstrebte kräftiger als früher dieser schmachvollen +Sklaverei. Aber war sie nicht an Cäsar, als an ihr Schicksal, +geschmiedet, seit er sie vom Sterbelager ihres zweiten, von ihm +gemordeten Gemahles wegriß, und sie den Widerstand vergaß? + +Sie gehorchte ihm wiederum. + +Sie berief den Richter, hielt aber Angela neben sich und faßte sie +bei der Hand, um nicht einen Augenblick mit ihm allein zu sein. + +Herkules Strozzi wurde in das enge Oratorium der Herzogin geführt, +die ihm schweigend den Brief ihres Bruders bot. + +Nachdem er ihn gelesen--nur einmal, denn die tückischen Worte, die +seine Leidenschaft stachelten und ihr schmähliche Dienste zu leisten +schienen, hatten sich ihm schon auf ewig eingebrannt--, schwieg er +und schwelgte in glühenden Träumen. Er sah Cesare siegreich nach der +Krone Italiens greifen. Er sah sich selbst als seinen Kanzler an +seiner Seite. Der Herzog von Ferrara war verschwunden, wohl von +Cesare Borgia ausgelöscht und aus der Mitte getan. Lukrezia wiederum +Braut, jugendlicher und heller als je, stand vor seinen trunkenen +Augen in derselben triumphierenden Lichtgestalt, wie er sie bei ihrem +Einzuge in Ferrara geschaut hatte. + +Er sah sie mit den Blicken seiner taumelnden Sinne, denn, die vor ihm +stand, war eine andre. Zwar lächelte sie auf das Geheiß des Bruders, +doch die großen lichten Augen starrten versteinernd, wie die der +Meduse. Er aber sah sein Verderben nicht. Heuchlerisch redete er, +der geborene Republikaner, von Cäsar Borgias Gerechtigkeit, die er +immer bewundert habe. Die Kleinen und Schwachen habe der Großmütige +geschützt und gehegt, wie der Blitz Jupiters habe er nur die stolzen +Zinnen getroffen. Er pries die Tugend der Stärke. Er lobte die +Gewalttat, die durch die Unterdrückung des Rechts in das höhere Recht +zurückführe. So erschöpfte er das ganze ekle Wörterbuch des +Tyrannenlobs; und er wäre ein Abscheulicher gewesen, wenn er geglaubt +hätte, was er sagte; aber er redete unüberzeugt und leer, während er +nur ein Begehr hatte, der vor ihm stehenden Lukrezia irgendeine +Gewährung, einen Lohn abzulocken oder abzuzwingen. + +Zuweilen stammelte er dieses Ziel verfolgende, irre Worte, unheimlich +gemischt mit dem Lobliede der Gewaltherrschaft. Dann aber sah er +plötzlich auf dem Munde Lukrezias ein Lächeln zucken, bitter wie der +Tod. Er sah die ernsten und tieftraurigen Augen Angelas unter +richtenden Brauen auf sich geheftet. Und, mehr als der Prunk der ihn +umgebenden Kruzifixe und heiligen Bilder, erschreckte ihn der stumme +Vorwurf des unschuldigen Mädchens. + +Er mußte darauf verzichten, das kleinste gewährende Wort mit sich zu +nehmen. + +Da sann er eine Weile mit verschränkten Armen und unglücklichem +Antlitz. + +"Ich gehe zu Don Cesare!" sagte er dann. "Was schickt Ihr ihm durch +mich, Madonna?" + +"Euch selbst!" antwortete Lukrezia. "So sieht der Bruder, daß ich +ihm gehorche." + +"Darf ich sagen, daß Ihr ihm willig gehorchet?" + +Lukrezia antwortete nur mit einem schwachen Lächeln. Rasch +verschwand er. + +Da umschlang das Mädchen die Schultern Lukrezias und fragte sie, Auge +in Auge: + +"Was wollte der Mensch mit seinem Lallen immer und immer wieder +sagen? Was erhält er zum Lohn? Was gibst du ihm?--Den Tod?..." + +Die Herzogin lächelte wiederum und ließ die Fragerin allein. + +Diese warf sich auf den Betschemel nieder. Aber, das Vaterunser +flüsternd, konnte sie den Gedanken nicht loswerden: + +"Mit einem unüberlegten Worte habe ich einen Menschen geblendet und +kann es nie verwinden! Diese aber lächelt, indem sie einen Menschen +überlegterweise in den sicheren Tod sendet." + +Doch hielt sie sich darum nicht für die Bessere, sondern verschloß +das gemeinsame Elend in ihrer barmherzigen Brust. + + +Es war an einem Märztage nach Mitte des Monats, daß der Kardinal bei +schon geöffneten, mit dem blausten Lenzhimmel gefüllten Fenstern bei +der Herzogin speiste. + +Da fiel das Gespräch gelegentlich auf den Großrichter Herkules +Strozzi, von dem der Kardinal behauptete, er habe Ferrara heimlich +verlassen. + +Darauf äußerte die Herzogin, unmerklich erbleichend, ihre +Verwunderung, daß ein so gewissenhafter Beamter eine längere Reise +ohne Urlaub unternommen habe, welchen zu erteilen die Sache der +Regentin sei, wie sie glaube. + +Der Kardinal erwiderte, Herkules habe sich bei seinen zwölf Kollegen +beurlaubt, wohl mit dem Gedanken, in Abwesenheit des Herzogs dürfte +das genügen. \XDCbrigens habe er vorgewendet, eine Familiensache der +Strozzi verlange seinen schleunigen Besuch in Florenz. + +Die Herzogin und der Kardinal ergingen sich dann in allerlei +Vermutungen über die wahre Ursache dieser Abreise; da sie aber eine +einleuchtende nicht finden konnten, vereinigten sie sich dahin, die +vorgegebene könnte am Ende die wahre sein. + +Beide wußten mit voller Gewißheit, daß Herkules Strozzi bei Cäsar +Borgia war. + +Wenn ihre Augen hätten den Raum durchdringen können, so hätten sie +die beiden gesehen, den gefürchteten Herzog und den Richter, vom +Wirbel bis zur Zehe gepanzert, wie sie unter einem glorreichen +Südhimmel durch blühendes und duftendes Heidekraut an den Krümmungen +eines Absturzes emporkrochen, über sich die vier steilen Türme einer +gotischen Burg mit Mordgängen und Schießscharten, sie beschleichend, +nebst vielen andern Bewaffneten. + +Sie hätten gesehen, wie ein Steinregen von den belagerten Zinnen +sprang und manchen Klimmenden in den Abgrund warf. Gesehen, wie +jetzt ein Block sich von der Burg herabwälzte, in gewaltigen Sätzen +von Fels zu Fels sprang, den schrecklichen Sohn des Papstes traf und +ihn zerschmettert in die Tiefe stürzte. + + + +Elftes Kapitel + + +April kam und überschüttete Ferrara mit Blüten. Lukrezia ließ die +Mäuler der herzoglichen Ställe bepacken, denn sie wollte nach einem +ihrer Landhäuser hinausziehen. + +An einem schon die Siesta verlangenden Nachmittage saß sie mit Donna +Angela an dem offenen Fenster lässig vor dem Schachbrett und lauschte +dem Singen ihres im Hofe beschäftigten Gesindes und der Treiber. Es +war ein Liebeslied, welches der üppige Lenz erregte, aber die +Ehrfurcht dämpfte. + +Jetzt verstummte dieses völlig, und unter dem Hoftore klirrte der +Hufschlag von Pferden. + +"Gäste!" sagte Donna Lukrezia, und die Frauen erhoben sich. + +Die Diener, welche ihm die Tür öffneten, wegdrängend, trat der Herzog +ein. + +"Ich komme von Rom", begann der Staubbedeckte, "und bin scharf +geritten, da ich mich nach Euerm Antlitz sehnte, liebe Frau"--er +ergriß und küßte ihre Hand--"und bin herzlich froh, wieder bei Euch +zu sein! Doch bedaure ich, Euch eine Trauerbotschaft zu bringen. +Euer erlauchtester Bruder, der Herzog von Romagna, ist nicht mehr +unter den Lebenden. + +Die Nachricht ist sicher. Sie kam über Neapel und fand mich in Rom." + +Er zog einen Brief aus dem Wams und entfaltete ihn. + +"An den Iden des Märzes, wie einst der römische Julius Cäsar, sein +Vorbild und Namenspatron, fiel Don Cesare in einer Schlucht vor dem +spanischen Schlosse Viana, das er im Dienste seines Schwagers, des +Königs von Navarra, mit großer Tapferkeit berannte.--Also steht hier +geschrieben." + +Solches berichtete der Herzog mit diplomatischer Genauigkeit. Doch +fügte er bei: "Ein früher und ritterlicher Tod!" Dann schloß er mit +Frömmigkeit: + +"Requiescat in pace! Requiem aeternam dona ei, domine!" + +Während dieser Rede beobachtete er die Herzogin aufmerksam. + +Diese war eine Weile versteinert gestanden. Dann brach sie mit einem +Schrei zusammen und sank in die Knie. Nicht anders als ein geraubtes +Weib, welches ihr von einem Pfeile durchbohrter Entführer plötzlich +fallen läßt. + +Auch der Herzog, der keine Dämonen kannte, sah sie aus unsichtbaren, +sie umklammert haltenden Armen stürzen. Er hob die Gesunkene an +seine Brust, die sie mit ungezähmten Tränen überströmte. + +"Du mußt wissen... laß dir's sagen... ich verriet dich... ich +mißgehorchte dir...", schluchzte sie erstickend. + +Der Herzog aber beruhigte sie liebevoll. "Jetzt, Lukrezia", sagte er, +"erst heute wirst du ganz und völlig die Meinige. Siehe, bis dahin +besaß dich der Geist deines Hauses, der mein Gefühl beleidigt und +mein Urteil herausfordert. Ich habe mich mit dir vermählt aus +Staatsgründen und aus Gehorsam gegen meinen Vater, ohne dich zu +kennen, außer durch das unheimlichste Gerücht. Höchst widerwillig! +Als ich dich aber erblickte, bezaubertest du mich! Denn welcher +Sterbliche mag dir widerstehen? + +Auch erfüllte mich dein guter Wille, den ich wohl unterschied, und +dein ernstes Bestreben, dich von den unmöglichen Sitten und dem +gesetzlosen Denken deiner Familie zu trennen und den schützenden +Boden eines rechtlichen Daseins zu betreten, mit Sympathie, ja mit +Ehrerbietung. Das Blut der Borgia begehrte täglich in dir aufzuleben +und dich zurückzufordern. Doch, siehe, nun bist du frei geworden. +Die Deinigen alle sind verstummt und bewohnen die Unterwelt, woher +keine Stimme mehr verwirrend zu den Lebenden dringt." + +Lukrezia seufzte schwer. Es war ein tiefer Schmerzenston und +zugleich ein Aufatmen der Erleichterung und Entbürdung. Und dann kam, +wie das Blut aus einer Wunde sprudelt, ein reuiges Klagen, ein +verzweifeltes Sichgehenlassen, ein nacktes Geständnis dessen, was sie +von jeher für Cäsar gesündigt und von ihm erlitten. + +Don Alfonso erfuhr nichts Neues. Aber Angela, deren Gegenwart +Lukrezia unter der Übermacht ihres Gefühles vergaß oder für nichts +achtete, wechselte die Farbe und erduldete für die andere alles +Entsetzen des Frevels und alle Qualen der Schande. + +Jetzt umfing Lukrezia, vor dem Herzog niederstürzend, seine Knie, +ergriff seine Hände und bedeckte sie mit Küssen. "Ich bin die Maria +Magdalena", schluchzte sie. "Mein Herr hat mir vergeben, und jetzt +ist kein Teilchen meines Wesens mehr, das nicht sein eigen wäre... +Ich habe das Leben verwirkt, dein Gebot übertretend, aber du schenkst +es mir! Und nun darf es nicht mehr mein, sondern es soll das deinige +werden!... + +Herr", sagte sie unversehens mit einer schmeichelnden Gebärde, "ich +habe ein Anliegen an Euch." + +Der Herzog glaubte, sie wolle ihm von Strozzi reden und zog die +Brauen zusammen. + +"Gestattet mir", bat sie, "daß ich von nun an den Bußgürtel trage!" + +Don Alfonso lächelte. "Ich erwartete ein anderes Ansinnen", sagte er. + +"Und welches?" fragte sie. + +"Eure Fürsprache, Madonna", erwiderte der Herzog, "für einen +Schuldigen, der seinen Kopf aufs Spiel gesetzt und ihn verloren hat." + +"Wen meint Ihr?" fragte Lukrezia, ehrlich verwundert. + +Herkules Strozzi war ihrem Gemüte gänzlich entfallen, seit er ihr +durch den Tod des Bruders entbehrlich und gleichgültig geworden war, +und der Herzog empfand die Genugtuung, daß der stolze Römerkopf nicht +im Gedächtnisse seines Weibes, noch weniger aber in ihrem Herzen +hafte, ja, daß Strozzi unmöglich jemals den geringsten Wert für +Lukrezia besessen haben konnte. + +Das stimmte ihn gnädig, so strenge er sonst jeden Ungehorsam zu +ahnden pflegte. Er betrachtete sein Weib, das er nun als ein +gesichertes Eigentum besaß, mit einer Art von Rührung. Noch nie +hatte er sie schöner gesehen. + +Die Goldhaare, die sich während ihres leidenschaftlichen +Bekenntnisses gelöst hatten, ringelten sich um ihre vollkommenen +Schultern, und die zartblauen Augen brannten feurig. + +Er hob eine ihrer blonden Lockenschlangen zum Munde und küßte sie mit +Inbrunst. Dann sagte er, als der Mann der Ordnung, der er war: + +"Ruhet vor dem Mahl ein wenig, Herzogin, und rufet Eure Frauen, daß +sie Euch zurechtmachen. Denn, wenn Ihr so seid, werde ich auf das +Licht und die Luft, die Euch umgeben, eifersüchtig." + +Angela zitterte vor Empörung, daß Lukrezia in unglaublicher +Selbstsucht ihren Mitschuldigen vergaß, und in ihrem innern Jammer +warf sie sich vor, daß auch sie ihren unglücklichen Blinden in seinem +Kerker vergesse. Es war ein ungerechter Vorwurf, den sie sich machte, +denn sie drückte, bildlich gesprochen, ihre Stirn, und deren +Gedanken, ohne Unterlaß und bis zum Schmerze an die Eisenstäbe seines +Kerkerfensters. + +Als sie bei Kerzenschein neben der Herzogin am Spätmahl saß, +überwältigte sie dies Jammergefühl, und da sie Lukrezia die Speisen, +welche sie dem Herzog zärtlich vorlegte, kosten und ihm roten +Neapolitaner, zuerst davon schlürfend, kredenzen sah, war es ihr, als +trinke Lukrezia Menschenblut. + +"Base", flüsterte sie ihr zu, "vergeßt Ihr das verwirkte Haupt?" + +Lukrezia erschrak und erinnerte sich. Des Herzogs Schulter mit den +zarten Fingern berührend, fragte sie leichthin: "Schenkst du mir den +Strozzi, Alfonso?" + +Der Herzog, der eben aus weichem Brot ein kleines Geschütz knetete, +warf es weg, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sann ein wenig. +Dann sprach er: "Herrin, da ich auf Strozzi gerechterweise nicht +eifersüchtig sein kann, und seine Anbetung Eurer Person eine Schuld +ist, die er mit allen Männern teilt, so bleibt mir nur sein +Ungehorsam gegen mein ausdrückliches Gebot zu bestrafen.--In der +andern Waagschale liegt Euer Fürwort, Madonna, und die ungewöhnliche +Fachtüchtigkeit des Mannes. + +In Wahrheit, es widerstrebt mir, ihn aus einer Welt wegzuräumen, +welche so viel Geschmeiß unnützer und nichtiger Menschen ernährt. + +Betrachtet den Fall, meine Kluge. Es ist unmöglich, den Menschen zu +begnadigen, ohne daß ich ihn vorher richte. Richte ich ihn aber, so +kann ich es nicht verantworten, einen so frevelhaften Ungehorsam +meiner ersten Magistratsperson zu verzeihen. Eines aber kann ich-- +ihn vergessen. Sendet nach ihm, Herzogin, heute noch! sogleich!" Er +rief einen Diener und gab ihm den Befehl. "Sprecht zu ihm, Lukrezia; +prüfet ihn! Bringet ihn dazu, daß er aus Ferrara vor der nächsten +Sonne verschwinde. Er gehe, wohin es sei--nach Florenz, wenn er +will, da er florentinischen Ursprungs ist. Sein Wissen bürgert ihn +überall ein. Nicht einmal aus Italien verbanne ich ihn; er tue, als +sei er niemals nach Ferrara zurückgekehrt. + +Wisset, ich begegnete ihm durch einen ärgerlichen Zufall an der +Zollstelle des Südtors, wo ich, einreitend, seine Gestalt aus den +Zollbeamten hervorragen sah, mit denen er sich herumstritt. Weder +begrüßte er mich, noch verbarg er sich. Die Vermessenheit seiner +Haltung hatte etwas Beleidigendes. Eure Mühe wird umsonst sein, +fürchte ich, Madonna. + +Der Verlorene wird nicht weichen wollen--so stirbt er.--Schade um +ihn. Er ist ein vorzüglicher Jurist." + +Der Herzog erhob sich von der Tafel und verabschiedete sich bei der +Herzogin, die der Übung gemäß sich für eine Woche zu den Klarissen +zurückzog, um für das Seelenheil des verblichenen Bruders zu beten. + +Dann verabredete er mit ihr noch leise, unter welchen Worten +verborgen sie ihm durch den Haushofmeister das Ergebnis ihrer +Unterredung mit Strozzi melden sollte. + +Diese fand in einem kleinen Rundzimmer unter den drei Flämmchen einer +schwebenden Ampel in Gegenwart Angelas statt und war kurz und +stürmisch. + +Ungestüm trat Strozzi auf, mit flammenden Augen und eherner Stirn, +gebräunt von Wind und Sonne des Feldzugs. Ungeladen rückte er sich +einen Schemel zu Füßen der Herzogin. + +Diese war völlig ohne Furcht. Ihr von den reichlich vergossenen +Tränen gebadetes Angesicht war hell und friedlich. + +Strozzi täuschte sich keinen Augenblick darüber, daß er mit dem Tode +Don Cesares für sie zu einem Schatten, zu einem Nichts geworden war. +Und doch war er gesonnen, durch den Gefallenen ewig mit ihr verbunden, +nicht von ihr zu weichen. + +"Erzähle ich Euch", fragte er, "die letzten Augenblicke des Bruders?" + +"Nein, Strozzi. Ich weiß, daß er nach der Art seines Hauses tapfer +unterging, und weiß, daß er in Pampelona mit allen christlichen +Gebräuchen bestattet wurde--der Ärmste." + +Von jetzt an nannte Lukrezia den Dämon, der ihr Bruder gewesen war, +nicht anders mehr als den Ärmsten, so wie sie ihr Ungeheuer von Vater +längst den Guten nannte. + +Dann fuhr sie mit einem Seufzer fort: "Der arme Bruder bedarf der +Fürbitte! Und noch heute nacht werde ich mich, um dieser Pflicht zu +genügen, zu den Klarissen zurückziehen, in Übereinstimmung mit dem +Ermessen meines erlauchten und geliebten Gemahls." + +So sagte sie, und es war ihr Ernst, ohne sich von dem Hohngelächter +in den Augen des Richters über die Frömmigkeit Lukrezia Borgias und +ihre Liebe zu Don Alfonso im mindesten stören zu lassen. Eine Pause +entstand. + +"Ich habe einen Auftrag meines Gemahls an Euch", sagte die Herzogin. +"Ihr habt Euch schwer gegen ihn vergangen, Strozzi, seinem Befehl +geradezu entgegenhandelnd. Auch gegen mich, indem Ihr meiner Torheit +gehorchtet, obwohl Ihr sehen mußtet, daß mich die flehende Forderung +meines Bruders aus den Schranken der Pflicht geschleudert hatte. +Wehe dem Manne, der einer Pflichtlosen traut! + +Die Engel haben mich Stürzende gerettet, und ich, mit der Gnade +Gottes, möchte Euch retten. + +Der Herzog will Euch die zweifache Schuld gegen ihn und mich vergeben, +unter einer einzigen Bedingung, Strozzi! einer leichten Bedingung... +daß Ihr Ferrara verlasset noch diese Nacht und nimmermehr +zurückkehret. Benützet diese seltene Gunst! Es ist ganz gegen die +Weise des Herzogs, einen vorzüglichen Diener, wie Ihr seid, zu +entlassen und einem andern italienischen Staate zu gönnen! Denn +nicht einmal Italien sollt Ihr meiden..." + +"Du verlierst deine Mühe, Lukrezia", unterbrach sie Strozzi zügellos, +"ich weiche nicht aus Ferrara, noch von dir! Wir gehören zusammen, +Don Cäsars Wille hat uns vermählt!" + +Lukrezia lächelte schwach. Dann flehte sie, den durchsichtigen +Schleier der Scheinheiligkeit, in den sie sich verhüllt hatte, +abwerfend, mit bittenden und trauernden Augen: + +"Wenn ich dir wert bin, Herkules, so rette dich! Ich mag und will +dich nicht auf der Seele haben!... Liebst du mich", lispelte sie, +"so fliehe!" + +Da empörte sich die stille Angela gegen diese Verführung--selbst zum +Guten, zur Rettung. + +"Richter", wandte sie sich mit heißen Wangen gegen Strozzi, "es ist +schmachvoll, daß Ihr zaudert. Fort aus Ferrara! Wie? Ein Mann, den +die Jugend als ihr Vorbild bewundert, ein Lehrer des Rechts, hat +nicht die Kraft, mit dem Bösen zu brechen und den Zauber eines armen +Weibes zu fliehen!--Errötet!..." + +"Was träumt diese da von Gut und Böse?" überschäumte Strozzi und +sprang in die Höhe. "Was phantasiert sie von Recht und Unrecht?... +Es gibt kein Recht!... Dieser schöne Frevel hier", er blickte auf +Lukrezia, "hat es getötet! + +Du aber, Mädchen, schweige! Was verstehst du von Liebe! Eine, die +den Liebsten blendet--einkerkern läßt--seinen Kerkermeister nicht +besticht--sich nicht in seine Arme schleicht--nicht sein Weib, +seine Magd wird--was weiß eine solche von Liebe! + +Denn Liebe", flüsterte er geheimnisvoll, "läßt ihr Ziel nicht! +Nimmermehr! Nimmerdar! Morde mich, Lukrezia! Hier!" und er zeigte +auf sein Herz. + +Sie starrte den Richter mit bleichen Augen an, und alle Lieblichkeit +war von ihr gewichen. + +In diesem Augenblick ging der Türvorhang auseinander, und auf der +Schwelle stand der höchst würdevolle Haushofmeister mit dreierlei +Anliegen. + +Er meldete die Sänfte der Herzogin; dann trug er die Frage vor, ob +sie schon morgen bei den Klarissen den Besuch des Herzogs erwarte. + +Sie verneinte, und dieses Nein mochte wohl für den Herzog bedeuten, +daß der Richter seine Gnade von sich stoße. + +Zuletzt wendete sich der Haushofmeister noch an diesen und ersuchte +ihn, das Schloß nicht zu verlassen, ohne dem Herzog im Archiv +aufgewartet zu haben. + +Strozzi fragte schroff, ob es gleich sein dürfe, und der Greis ging +ihm voran, nachdem er das Haupt bejahend gebeugt hatte. + +Die Herzogin aber ließ sich von Angela stillschweigend an die Sänfte +geleiten. "Ich nehme nicht von dir Abschied", sagte sie. "Du folgst +mir, lieber heute noch, nach." Sie hätte ihr gerne erspart, was +kommen mußte, wie sie selber davor auf die Seite wich. + + +Wenn ihr Dienst sie nicht an die Herzogin fesselte, bewohnte Angela +das einsame Erkerzimmer eines festen Eckturmes, der einen inneren Hof +beherrschte und in dem unteren Teile seiner undurchdringlichen Mauern +das Privatarchiv des Herzogs barg. + +Um diesen Zufluchtsort zu erreichen, eilte die bange Angela die +Schloßtreppen hinan. Seitengänge und eine schmale Stiege führten sie +in den Turm und durch den kleinen Vorraum, wo die Drehbank des +Herzogs stand. Hier wunderte sie sich, die schwere Eichentür des +Archivs offen zu sehen, so daß die lauten Stimmen Don Alfonsos und +des Großrichters sie verfolgten, während sie eine weitere Stiege +erklomm. + +Wie erschrak sie, als sie, angelangt, nicht eintreten konnte! Ihr +Söller, den sie eine Weile nicht benützt hatte, war verschlossen. +Der Schlüssel mochte im Archiv liegen. Nun mußte sie das Weggehen +Strozzis abwarten und duckte sich, wieder die Treppe herabgestiegen, +eine widerwillige Lauscherin, nicht von Neugierde, nur von Angst +gepeinigt, harrend in eine Nische der dicken Mauer. + +"Dieser Rechtshandel", plauderte der Herzog bequem, "ist eine +langweilige Sache. Wir sollten sie endlich zu Schlusse bringen. Ich +habe die fraglichen Akten gründlich studiert", er schlug mit der Hand +auf einen Stoß Pergament, daß Angela den Staub einzuatmen glaubte. +"Ihr wißt, Richter, ich fürchte mich nicht vor Akten, aber diesmal +habe ich meine Mühe und das Öl meiner Lampe verloren. Sagt Ihr mir +lieber kurz, wer recht hat, der Graf Contrario als Erbe der Flavier, +oder ich und der Fiskus von Ferrara. + +Wie spricht Euer richterliches Gewissen?" + +Es erschien Angela, als betonte der Herzog das letzte Wort auf +ironische Weise; aber sie mußte sich täuschen, denn Strozzi +antwortete völlig unbeirrt. + +"Hoheit", sagte er, "der Witz ist, das Wesentliche vom Unwesentlichen +zu unterscheiden: Das gehört nicht zur Sache, und das nicht--so +bleibt noch das, und das ist einfach. + +Der innerste Kern des vor Alter vergilbten und von Tücke und Kniffen +verdrehten Prozesses ist aber dieser: + +Nachdem die Flavier und Contrarier sich jahrhundertelang als Vettern +gequält und versöhnt, befeindet und zu Erben eingesetzt hatten, +entschloß sich der letzte kinderlose Flavier, namens Nestor, aus +unbekannten Gründen, seinen bedeutenden Besitz seinem Vetter, dem +Grafen Mario Contrario, dem Vater unsres jetzigen anmutigen Grafen, +testamentarisch zu hinterlassen. + +Nun verbietet aber unser ferraresisches Recht, sein Gut einem Fremden +zu vererben, ohne die vorher erlangte Ermächtigung des Herzogs. +Diese Einwilligung Eures Vaters aber, obwohl niedergeschrieben und +von diesem anerkannt, wurde niemals durch seinen Namenszug perfekt +gemacht. Denn da der letzte Flavier zu Pferde stieg und nach Ferrara +fuhr, um durch sein persönliches Erscheinen jene Unterschrift von +Eurem Vater zu erlangen, sprang der Tod grinsend hinter ihm aufs Roß +und schnitt mit der. Sense dazwischen. Er ward auf der Reise vom +Schlage gerührt. + +Wie lag nun die Sache? + +Das Testament war formell nichtig, da die Unterschrift des Herzogs +mangelte, und Euer Vater, Herr Herkules, fand sich nicht bewogen, sie +darunterzusetzen. Er konfiszierte die flavianischen Güter. + +Euer Zutun, erhabener Herr, ist nun keine Rechtssache mehr, sondern +eine Sache Eurer Großmut, in die ich mich nicht mische." + +"Wisse, Richter", versetzte der Herzog, ohne den achtungslosen Ton +Strozzis zu rügen, langmütig, "daß ich nicht viel anders denke, noch +denken darf, als mein Vater Herkules! Wo es ein rechtlich zulässiges +Mittel gibt, den Staatsschatz zu füllen, darf ich es aus sogenannter +großer Gesinnung nicht verschmähen und dafür meine Kaufleute und +Bauern belasten. + +Auf der andern Seite freilich ist mir unlieb, daß die Contrarier so +unbestreitbar das innere Recht für sich haben, als ich das äußere." + +"Evident!" spottete der Richter. + +"Da dünkt mich", fuhr der Herzog gelassen fort, "wäre ein Kompromiß +am Platze. Was meinst du, Richter? Wir steuern mit den +flavianischen Gütern Donna Angela Borgia aus und vermählen sie mit +dem Erben der Rechtsansprüche der Contrarier, dem liebenswürdigen +Grafen Ettore. Unter uns, ich wünsche das Mädchen weg. Sie bringt +mich und den Staat Ferrara um unsern unvergleichlichen und +unersetzlichen Kardinal Ippolito." + +"Ich mag sie auch nicht und wünsche sie in den Mond! Kuppeln wir sie +mit dem Pedanten!..." scherzte der Richter mit wüster Heiterkeit, +nicht anders, als wäre er trunken. + +"Du mußt wissen, mein Herkules", fuhr der Herzog fort, anscheinend +ohne sich an dem ärgerlichen Benehmen des Richters zu stoßen, "daß es +eigentlich Donna Lukrezia ist, welche ihre Base aussteuert. Die +flavianischen Güter bilden ihr Wittum, aber es ist ein unsicherer +Besitz, da unsre Gerichte noch nicht endgültig gesprochen haben... + +Du hast davon gehört, mein Herkules?" + +"Wie sollt ich nicht?" höhnte der Richter, "da ganz Italien davon +widerhallte! Wer kann vergessen, wie Papst Alexander von Herzog +Herkules überlistet wurde, wie maßlos das alte Laster sich gebärdete +und welche unnachsprechlichen Worte es ausstieß, als es sich geprellt +sah!" + +Und Strozzis Lache dröhnte unter der niederen Wölbung. + +Zugleich hörte Angela durch die Mauerluke, an der sie saß, aus dem +nächtlich stillen Hofe herauf den weichen Tenor wieder, dessen +Kantilene sie bewegt hatte, als sie in der Siestastunde vor der +Ankunft des Herzogs mit Lukrezia am Fenster saß. Es war dasselbe +Liebeslied... "Ist es ein mit dem Herzog verabredetes Zeichen, daß +Strozzis Mörder bereit stehen?" fragte sie sich mit klopfendem Herzen. + +Von diesem Moment an schien des Richters herausforderndes Wesen dem +Herzog zuviel zu werden. + +"So unterhaltend deine Gesellschaft ist, mein Strozzi", sagte er +freundlich, "ich muß dich nun entlassen. Du weißt, ich bin heute +scharf geritten und, in der Tat, ich fühle mich müde. Wir kommen +wohl auf unsern Gegenstand zurück. Glückselige Nacht!" + +Und er beurlaubte das Opfer. + +Da Strozzi an der im Halbdunkel sitzenden Angela vorüberging und sich +hinuntersteigend in die schwacherhellten Schloßgänge vertiefte, blieb +diese wie versteinert, denn die unheimliche Lustigkeit Strozzis war +ihr ein Vorzeichen seines Untergangs, und die unerschöpfliche Geduld +des Herzogs erfüllte sie mit Grauen. + +Als sie eine Weile später mit ihrem gefundenen Schlüssel neben dem +Herzog stand, der aus dem Archiv getreten war und es abschloß, kehrte +der Richter, wie tastend, wieder zurück. + +"Ich weiß nicht, wie mir geschieht, Hoheit", stotterte Strozzi, +dessen Lustigkeit verschwunden war, "ich finde den Ausgang nicht und +bitte um eine Fackel." + +Der Herzog rief nach einer, die ein Diener dem Richter vortrug, +welcher ihr wankend folgte. + +Nun floh Angela in ihre Kammer, die sie in verwirrender Angst fest +verrammelte, mit ihren klopfenden Pulsen den Lebensrest des Richters +zählend und seinen Todesschrei erwartend. + +Da ertönte er--entsetzlich und lang--und drang ihr durch das +innerste Mark. + +Mit zitternden Händen warf sie einen Mantel um, ergriff ihre kleine +Leuchte, glitt die einsamen Stiegen hinunter und stürzte aus dem +Palast. Hilfe zu bringen?... Nein, sie zu suchen bei Lukrezia, im +Kloster!... Sie wußte nicht, was sie wollte. + +An der Ecke der Burg stieß ihre Fußspitze an den Toten. Sie +leuchtete ihm ins Antlitz, konnte aber die bleichen, verzerrten Züge +nicht lange betrachten. + +Sie kniete nieder, machte über ihm das Zeichen des Kreuzes und +verhüllte ihm das grause Haupt barmherzig mit seinem Mantel. + +Dann floh sie weiter zu den Klarissen, deren Haus, nur zwei kurze +Gäßchen entfernt, auf dem Boden der alten Stadtumwallung stand. + +In der Mitte des zweiten hörte sie Schritte hinter sich, wandte sich +um und sah einen ihren fliegenden Gang verfolgenden Schatten. Sie +meinte, der Tote habe sich erhoben, und verdoppelte ihre Eile. Doch +ihre schnellen Füße wurden durch ein andres Nachtgesicht aufgehalten. + +Dicht vor dem Kloster nämlich sprang ein fester Turm mit seiner +gewaltigen Rundung vor, den das Gäßchen umkreiste, und der mit dem +Kloster aufs seltsamste baulich verwachsen und durch den üppigsten +Efeu verwoben war. + +Seine ewig verschlossene, hohe, schmale Pforte war wunderbarerweise +geöffnet, und davor hielt ein Reitergedräng. In der Mitte saß auf +einem Schimmel ein schlanker Jüngling mit einer Binde über den Augen. + +Angela erblickte Don Giulio, von dem sie doch wußte, daß ihn der +Herzog nach Fenestrella, auf eine Insel in den Pomündungen, hatte +bringen lassen. + +Lebte dieser Don Giulio? War er ein Traum? + +Nachdem die, einer hinter dem andern, Einreitenden das Gäßchen +geräumt hatten, klopfte Angela an das Klostertor und wurde von der +Pförtnerin, der raschen Schwester Consolazione, ohne Verzug in den +Klosterfrieden eingelassen. + +"Ihr seid erwartet", sagte sie. "Aber wie? Ihr kommt zu Fuß und +allein? Wie Euer Herz pocht, Erlauchte! Wahrlich, wie einem +geängstigten Vogel..." + +"Führt mich zur Herzogin!" unterbrach die Borgia. + +Da ihr Schwester Consolazione sachte die noch erhellte Zelle öffnete, +lag Lukrezia im sanften Licht einer Ampel schon entkleidet auf dem +reinlichen Lager in weißem Nachtgewand, fest entschlummert, ruhig +atmend wie Ebbe und Flut, mit einem Kinderlächeln auf dem +halbgeöffneten Munde, während Natur leise verjüngend über ihrem +Lieblinge waltete. Als Angela aus dem Schlosse floh, hatte sie der +Wunsch getrieben, sich schluchzend an die Brust der Freundin zu +werfen und ihren Geblendeten neben den Getöteten Lukrezias zu legen. + +Nun betrachtete sie die schöne Schlummernde aufmerksam, verlor den +Mut, sie zu wecken, und seufzte: + +"Wie bin ich eine andre!" + + + +Letztes Kapitel + + +Nach soviel Trauer waren fünf Jahre über Ferrara gegangen, ohne daß +die tragische Muse von neuem das Herrscherhaus besucht hätte. Ja, +das Leben wollte sich zur Idylle gestalten, immerhin die Unruhe eines +kurzen Krieges ausgenommen, der aber rasch über den ferraresischen +Boden dahinfuhr. + +Der Mörder des Großrichters Herkules Strozzi war, ungeachtet +vielfacher polizeilicher Nachforschungen und der augenscheinlichen +Bemühungen des Herzogs selber, unentdeckt geblieben. + +Der Oberrichter wurde mit der größten Feierlichkeit bestattet, und +der Herzog ließ es sich nicht nehmen, als erster der Trauernden vor +dem gerührten Volke dem mit Lorbeer überschütteten Sarge +nachzuschreiten. + +Auch die junge Witwe, denn der Anbeter Lukrezias hatte in +standesmäßiger Ehe gelebt, besuchte Don Alfonso mit fürstlicher +Teilnahme und trachtete ihren wilden Schmerz mit weiser Rede zu +dämpfen. Die blühende Barbara Torelli aber war untröstlich und +redete mit heftiger Gebärde bald davon, ihren Gemahl an seinem Mörder +zu rächen, wenn sie ihn finde, bald verlangte sie, sich in ein +Kloster zu begraben; in beiden Fällen aber gelobte sie dem toten +Gatten ewige Treue. + +Wenn nun der Herzog nichts über sie vermochte, so war es Ludwig +Ariost vorbehalten, diese leidtragende Barbara aufzurichten. Er war +ein Freund Strozzis gewesen und hatte schon dessen Mutter, eine +stattliche Frau, herzlich verehrt. Jetzt bemühte er sich um die +Witwe seines verblichenen Freundes und suchte sie mit dem Leben zu +versöhnen. Diese freundliche Aufgabe löste er in Jahresfrist so +vollkommen, daß Barbara Torelli sich erbitten ließ, dem Dichter in +sein neuerbautes Heim zu folgen und an seiner Seite jenes einfache +Haus zu bewohnen, dessen Bescheidenheit Ariosto in einem +weltbekannten Distichon gepriesen hat. + +Gleichgeblieben war sich auch das Gefängnis Don Giulios in dem +"vergessenen" Turm, welcher von dem frühern engeren Mauerkreis als +ein unzerstörbares Wahrzeichen alter Wehrkraft stehengeblieben war +und später von dem wachsenden Klosterhof der Klarissen eingeschlossen +wurde. + +Dieser fast unzugängliche Turm war selten bewohnt. Fensterlos nach +dem Gäßchen, und auf der Seite des Nonnengartens von verwilderten +Brombeerstauden und kletternden Schlingpflanzen bis zu seiner halben +Höhe überwuchert, war er in das unbeachtete Weben der Natur +zurückgekehrt. + +Nur selten wurde er für ungefährliche Staatsgefangene benützt, deren +Andenken sich verlor und deren Dasein in dem "vergessenen" Turm +vergessen werden sollte. + +Lange hatte sich die Oberin der Klarissen dagegen gesträubt, in den +auf ihrem Gebiete stehenden Turm eine hohe Person mit unerbaulicher +Legende, wie Don Giulio, eintun zu lassen. Sie kannte die Schwächen +des leeren Nonnenherzens: Neugier, Mitleid, Lust an Heimlichkeiten, +und fürchtete deshalb den gefährlichen Nachbar. + +Auch war ihr der wahre Grund der Entfernung des blinden Este aus +Fenestrella nicht unbekannt geblieben. + +Zwar wurde ihr gesagt, die vor der Mündung des Po im Meere liegende +kleine Festung sei in diesem Zeitlaufe gefährdet und werde sowohl von +der Flotte des heiligen Markus als von den Schiffen St. Petri bedroht: +aber sie hatte noch eine ganz andre Geschichte in Erfahrung gebracht. +Die junge Frau des Gefangenwärters, sagte man ihr, habe sich in den +hübschen Prinzen trotz seiner Blindheit sterblich verliebt und ihren +Mann bewogen, Don Giulio in einem Boot nach Venedig zu entführen. +Darüber habe sie der Schloßvogt, ein Hauptmann aus der strengen +Schule des weiland Don Cesare, überrascht und die Schuldigen, Mann +und Weib, in das Meer versenkt. + +In ein ebenso tiefes Stillschweigen wurde jetzt das Dasein Don +Giulios im "vergessenen" Turme begraben. + +Der Herzog hatte bei den schwersten Strafen sowohl dem Reisegefolge +als dem neuen Kerkermeister seines Bruders verboten, die Gegenwart +des Gefangenen zu verraten oder auch nur seinen Namen zu nennen. Und +daß die Äbtissin und der Beichtiger des Klosters, welcher auch der +Don Giulios war, schwiegen wie das Grab, darum war der Herzog +unbesorgt. + +Auch Angela schwieg von ihrer traumhaften Begegnung mit dem Blinden +an der Turmpforte, als von etwas, das ihrem Herzen allein gehörte. + +So wurde es möglich, daß die kluge Donna Lukrezia von der Rückkehr +Don Giulios nach Ferrara nichts erfuhr, auch durch den Herzog nicht, +dem die Herberge des blinden Bruders eine stete Sorge war. Ihn in +den Kerkern seiner Stadtburg, gleichsam unter seinen Füßen, zu +verwahren und über dem Haupte des Geblendeten ein heiteres Dasein zu +führen, das brachte er doch nicht über sich. Legte er ihn aber in +eine Landfestung, so war er gewiß, Don Giulios Leiden, seine Güte und +die ihn umwebende Sage werde ihn bald so beliebt machen, daß ein +Befreier nicht lange ausbleiben könne. + +Der "vergessene" Turm neben den Klarissen war seine letzte Auskunft +gewesen. + +Hätte Lukrezia ihn über das Verbleiben Don Giulios befragt, sie würde +die Wahrheit erfahren haben; aber sie hütete sich wohl, die wunden +Punkte in der Seele ihres Gemahls, den Verlust Ippolitos und den +Kerker des Blinden, unnötig zu berühren. + +So fuhr sie fort, ohne zu ahnen, wer in ihrer Nähe wohne, sich +jährlich wenigstens in der Adventszeit auf einige Tage zu den +Klarissen zurückzuziehen, wohin sie Donna Angela jedesmal begleitete. +Ja, diese suchte sie dort, so lange als möglich, zurückzuhalten, +denn die Zusprüche des Beichtigers der Klarissen, Pater Mamette, +hatten den Sturm ihrer warmen Seele auf immer beruhigt, wie auch +Donna Lukrezia viel von der einfachen Seelsorge des Franziskaners +hielt. + +Der Herzog irrte nicht, wenn er glaubte, daß das Wohl Don Giulios +viele Seelen beschäftigte. Nicht nur der ferraresische Dichter legte +damals an der bekränzten Pforte eines der Gesänge seines "Rasenden +Rolands" ein rührendes Fürwort für den im Kerker schmachtenden +Blinden ein, auch ein Geringerer im Reiche der Geister ergab sich +diesem mit Leib und Seele. + +Eines Tages nämlich erschien an dem Tore des "vergessenen" Turmes ein +kleiner dürrer Greis, der unter jedem seiner Arme einen gewichtigen +Folianten trug. Er legte seine Last auf die hohe Steinschwelle +nieder und begann mit einem dicken Kiesel, den er aufraffte, an die +stumme Pforte zu pochen. + +Vergeblich! Denn diese öffnete sich nicht, und inwendig rührte sich +nichts Lebendiges. Der Alte setzte seine Bemühungen so beharrlich +fort, daß er nicht bemerkte, wie eine kleine Schar herzoglicher +Söldner in den Halbkreis des einsamen Gäßchens einlenkte, bis er von +ihnen umringt und ergriffen war. + +Jammernd bat er um Schonung für seine Bücher, die sie mit ihren +Spießen untersuchen wollten, und deckte seinen Schatz mit dem Leibe. +Zu seinem Heil erschien in diesem Augenblicke der Herzog hoch zu Roß, +der mit einem kleinen Gefolge von Sachkundigen einen Pulverturm auf +seine Feuerfestigkeit hin untersucht hatte und jetzt auf dem +kürzesten Wege in seine Stadtburg zurückkehrte. + +Der Greis warf sich vor ihm nieder: + +"Erhabener Herr, den ich erzogen habe", rief er, "befreie mich mit +meinen Freunden Plutarch und Seneca aus den Händen deiner Krieger!" + +"Was hast du hier zu schaffen, Magister?" fragte der Herzog streng +und zog die Brauen zusammen. + +"Ich fühle mich berufen, einen erblindeten Zögling zu besuchen und +seine Nacht mit der Weisheit der Alten zu erhellen!" + +"Woher weißt du, daß der Blinde hier sitzt?" fuhr ihn der Herzog an. + +"Von Liebe zu dem abtrünnigen Sohne der Wissenschaft erfüllt, und +nachdem ich erfahren, daß er in Unglück und Dunkel gestürzt sei, +verfolgte ich seine Spur bis nach Fenestrella. Dort sagten sie mir, +daß er nach einer unverschuldeten Tragödie weggeführt worden sei, und +das Gerücht berichte, er sei in deine Nähe und unter deine +persönliche Hut zurückgekehrt. Hier in Ferrara pochte ich, von +meinem sokratischen Dämon geführt, an die Tür jedes Turmes, und +dieser 'vergessene' ist der letzte, den ich finde." + +Ein geheimes Lächeln stahl sich in die Augen des Herzogs, und der +Gedanke durchblitzte ihn, seinem unglücklichen Bruder die +Gesellschaft ihres gemeinsamen, wie er wohl wußte, vollkommen +harmlosen alten Lehrers zu gönnen. Er sagte: + +"Wenn hier wirklich ein blinder Schüler von dir wohnt, Mirabili, so +magst du ihn meinetwegen allwöchentlich einmal besuchen und mit ihm +deine unterbrochenen Lektionen fortsetzen." + +Auf seinen Wink stieß ein Leibwächter mit dem Holze seiner Lanze +unter dem Rufe: "Auf! Im Namen des Herzogs!" so nachdrücklich gegen +die verschlossene Tür, daß innen die Schlüssel augenblicklich +rasselten und die Riegel zurückgingen. + +Der Herzog ließ den erstaunten Kerkermeister an sein Pferd treten und +befahl ihm leise und streng: + +"Einmal wöchentlich öffne dem Alten diese Pforte zu Einlaß und Auslaß. +Niemals am Tage, sondern vor Morgengrauen oder nach dem Ave Maria." + +Von Don Giulio mit Dank und Rührung empfangen, enthielt sich Mirabili, +das zerstörte Angesicht, dessen Schönheit in früherer Zeit ihn +beglückt hatte, lange zu prüfen. Ohne Zögern machte er sich ans Werk, +den Gefangenen in die Herrlichkeiten der stoischen Schule +einzuführen und ihm die Triumphe der Selbstüberwindung zu zeigen. + +Wenn er ihm dann nach langer Sitzung die hohen Vorbilder pries, die +ihn begeisterten, einen Zeno, einen Epiktet und vor allen den Kaiser +mit dem Philosophenbart, den göttlichen Marc Aurel, sagte wohl der +Blinde, der indessen an seinem Strohgeflecht gesessen hatte, traurig +und müde: + +"Ach, Mirabili, ich kenne diese vornehmen Herren nicht, und es will +mir nicht gelingen, mich mit ihnen auf den Thron der Tugend zu setzen." + +Einen kräftigeren Trost reichte dem Blinden der Sohn des heiligen +Franziskus, Pater Mamette. Auch er, wie der alte Mirabili, obwohl +ein noch grünender, feuriger Mann, gehörte zu Don Giulios +Jugenderinnerungen. + +Aus einer Bauernfamilie Pratellos gebürtig, wurde er als ein +verwaistes, ganz junges Blut von seinen älteren Brüdern, die nicht +gesonnen waren, ihr Erbe mit ihm zu teilen, ins nahe Kloster +geliefert, wo das unschuldige Kind unbeachtet, aber von den Mönchen +wohlgelitten, aufwuchs. Dem Kleinen geriet, wie dem verkauften +Joseph, alles zum besten, und sein von freudigen Augen beleuchtetes +Angesicht war das Wohlgefallen und der Trost aller, die ihn kannten. + +Als Don Giulio zum Jüngling erwuchs und sein prächtiges Pratello +baute, war Mamette im Laufe guter und böser Tage zum Manne geworden +und ein fertiger Franziskaner. + +Don Giulio sah ihn eines Tages unter seinen Bauleuten, als er einem +verunglückten Maurer beistand, ihn in seine Arme nahm und den +Sterbenden mit mehr als mütterlicher Liebe in den Himmel hob. + +Damit fiel er dem Este auf und berührte die wohllautendste Saite +seiner Seele. Weil aber der Leichtfertige nach der Hofsitte einen +Beichtvater haben sollte und man ihn längst beschuldigte, dieses +Herkommen zu vernachlässigen, so entschloß er sich kurz und wählte +Pater Mamette. + +Außer zu den kirchlich gebräuchlichen Zeiten hatte er ihn übrigens +nie rufen lassen, auch nach seinem Sturze ins Elend nicht. Erst da +er das Todesurteil erwartete, ließ er ihn zu sich in den Kerker +kommen und sich dann von ihm auf das Schafott begleiten. + +Nach seiner Rückkehr aus Fenestrella wurde nun Pater Mamette der +beste Freund seiner Gefangenschaft, und der von allen Seiten Gerufene +und Begehrte zählte die Stunden nicht, die er zur Tröstung des +Unglücklichen im "vergessenen Turme" zubrachte. + +Da geschah es oft, daß der Pater den Blinden bei beiden Händen +ergriff und ihm sagte: "Ihr kennt noch nicht den unerschöpflichen +Born des Glücks: es ist das Geheimnis der Armut. Mein heiliger +Franziskus, der mit ihr aufs innigste vermählt war, offenbarte es mir +einst zur Rettung aus den Abgründen der Seele. + +Erst wenn Ihr nichts mehr zu eigen habt, könnt Ihr die Liebe Gottes +empfangen. Und wenn Ihr empfanget, könnt Ihr geben. Das ist meine +Pforte zum Glück und zur Freiheit! Tretet mit mir ein! Werdet arm +und ärmer, damit Ihr empfangen und geben könnt, wie ein Brunnen, der +Schale um Schale überfließend füllt." + +Don Giulio fand anfangs, daß es für ihn, einen Beraubten und aus dem +Lichte Gestoßenen, schwer sei, noch ärmer zu werden; er verstand +nicht, daß er sich auch des Reichtums seiner selbstsüchtigen +Schmerzen entschlagen müsse--immerhin drang das Geheimnis des +heiligen Franziskus in eine Tiefe seiner liebedurstigen Seele, die +weder Ariost noch Mirabili, weder der Dichter noch der Philosoph, +hatten erreichen können. + +So vergingen drei der Kerkerjahre, aber auch Jugendfrische und +Gesundheit des Blinden verging. Er welkte. Die dumpfe Luft des +Sommers und die Feuchtigkeit des Winters, die Klosterspeise, die ihm +geboten wurde und die er, anders gewöhnt, oft unberührt ließ, die +Entbehrung heftiger Leibesübungen, wilder Ritte, des Ballspiels, der +Fechtkunst, und, mehr als alles das, die Aussichtslosigkeit der +Befreiung erschlaffte und lähmte ihn; denn er wußte--das Wort des +Herzogs stand fest--, daß er bei dessen Leben den Kerker nicht +verlassen werde. + +Er selbst ergab sich in sein Los, aber dem alten Mirabili schnitt es +in die Seele. Der zerfallende Greis konnte nicht sterben, ohne +seinen Liebling befreit zu haben. + +So entschloß er sich, ohne das Wissen und die nicht zu erhaltende +Einwilligung Don Giulios, etwas Wirksames, zur Entscheidung Führendes +zu unternehmen. Nach vielem Denken und einigen schlummerlosen +Nächten brachte er das wichtige Werk zustande. Es war ein im +reinsten Latein verfaßtes Schreiben, denn die italienische +Schriftsprache war ihm nicht geläufig, noch erschien sie ihm zu +seinem großen Zwecke erhaben genug. Nachdem Mirabili alle berühmten +Gefangenen des Altertums, besonders alle unschuldig von Tyrannen in +grausamen Kerkern gehaltenen, erwähnt hatte, ging er auf Don Giulio +über, den Liebenswürdigsten und Unschuldigsten von allen, und +beschwor den Herzog bei dem Gerichte der Unterwelt und der Nachwelt, +seinen leiblichen Bruder zu befreien, indem er persönlich seine +Ketten löse und sich auf öffentlichem Markt vor dem Volke mit ihm +versöhne. + +Kurz, es war ein herzlich ungeschickter und unheilvoller Brief, +welcher den Herzog aufbringen mußte und leider dieses ungewollte Ziel +nicht verfehlte. + +Schlimmer noch! Der Herzog wurde mißtrauisch. Er sah hinter dem +Anschlage des Alten den des gefangenen Bruders, was freilich ein +großer Irrtum war. + +Er ließ Don Giulio seine herzogliche Ungnade und die +Unwiderruflichkeit seines Kerkers wissen und stürzte diesen, dem +damals auf einer andern Seite ein süßer Stern der Hoffnung +aufgegangen war, in tieferes Elend und auf das Krankenlager. + +Gleichgeblieben, wie der Kerker Don Giulios, war sich auch der Stand +der flavianischen Güter, die der Fiskus zu genießen fortfuhr, da die +Gerichte über deren endgültigen Besitz noch nicht gesprochen hatten. +Gleichgeblieben war sich die mühselige Werbung des Grafen Contrario +um Donna Angela. + +Gleichgeblieben, nein, gestiegen war ihre Abneigung gegen diesen +unsträflichen Freier, dem sie, aufs äußerste getrieben, +verzweiflungsvoll erklärte: sie liebe die Gerechten und Tugendhaften +gar nicht--mehr schon die ringenden Bösen--am meisten aber die +Barmherzigen, wenn sie die Sünder mit starken Armen emporziehen; über +welche unerhörte Rede Graf Contrario sich mit Recht entsetzte. + +Auch der Herzog hatte zuzeiten an der Gründlichkeit des Wissens und +an der kritischen Ader des Grafen kein Vergnügen mehr, besonders wenn +dieser mit Kennermiene das nach neuen Erfindungen gegossene Geschütz +seines Gastfreundes prüfend umwandelte und jeden einzelnen Teil des +Stückes einer eingehenden und vernichtenden Kritik unterwarf. + +Dann preßte der Herzog den strengen Mund zusammen und ließ den Grafen +allein. Nur der Wunsch, Donna Angela, dieses Hindernis der Rückkehr +des Kardinals, zu verheiraten und damit wegzuräumen, verlieh ihm die +Geduld, den unermüdlichen Tadler zu ertragen, solange es sein mußte. + +Selbst im Bereiche Lukrezias bestrebte sich der Graf unliebenswürdig +zu werden; doch alle diese Versuche wurden an ihrer anmutigen +Geschicklichkeit zunichte, wie sich eine streitsüchtige Brandung. an +einem sanften Ufer verliert. + +Da ihm Lukrezia ihr Wittum, die flavianischen Güter, als mögliche +Mitgift ihrer jungen Base vorspiegelte, überkam ihn aus +Widerspruchsgeist ein großer Ärger, das, was in seinen Augen der +rechtmäßige Besitz war, einem Weibe danken zu müssen, und er erhob +sich gegen dieses Ansinnen mit männlicher Würde. + +Lukrezia aber, die diese Entrüstung nicht für seinen Ernst hielt, +antwortete lächelnd: + +"Und wenn wir beide, die wir uns darum streiten, die flavianischen +Güter in zwei Hälften schnitten und friedlich unter uns teilten, den +Richtern zum Verdruß?... Ich sage es nicht versuchungsweise, wie +einst König Salomo, um Euer Herz zu prüfen, Ettore! Ist doch die +Erde kein lebendes Kind mit einem unteilbaren Blut und Leben in den +Adern, sondern bestimmt, in Stücke zerrissen, verteilt oder geraubt +zu werden!" + +Der Graf hätte sogleich zugegriffen, wäre er sich selbst über seine +Gefühle für Donna Angela klar gewesen. Am liebsten hätte er die +flavianischen Güter ohne sie besessen. Er hatte das edle Mädchen von +Anfang an als ein eigenwilliges und unerzogenes Geschöpf betrachtet-- +doch, o Wunder, seit einiger Zeit geschah etwas mit Angela. Ihre +Härte und Herbigkeit verschwand wie die einer schwellenden Frucht, +die an der Sonne reift, und welche andre Sonne konnte sie gezeitigt +haben als die Sonne der Liebe? Welcher Sterbliche aber konnte dieses +stolze Herz besitzen, wenn nicht Graf Contrario? + +Im Streite seiner Gedanken erbat er sich ein Jahr Bedenkzeit. + +Während Angela, immer stiller werdend, am Hofe von Ferrara in der +demütigenden Gewißheit lebte, daß der Herzog ihr Dasein als ein Übel +empfand, dessen er sich gern entledigt hätte, trat Donna Lukrezia auf +die Höhe ihres Glücks. + +Sie hatte Don Alfonso zwei wohlgebildete und begabte Knaben gegeben, +und er war ihr dafür, sie täglich höher haltend, von Herzen dankbar. + +Fast ebensosehr liebte er die wunderbare Klugheit, mit welcher sie in +der denkbar schwierigsten Lage, während des venezianischen Krieges, +da der Herzog im Lager und die Fortdauer des Staates Ferrara bedroht +war, ohne den Beistand des genialen Kardinals die Regentschaft führte. + +Nicht daß dieser für das Schicksal Ferraras gleichgültig geworden +wäre. Er riet und wirkte von Mailand her mit brüderlicher Gesinnung +zugunsten des Herzogs, soweit seine Macht reichte. Seine +Körperkräfte aber verzehrten sich darüber, und er litt an häufigen +Rückfällen seines verderblichen Fiebers. + +Donna Lukrezia lenkte indessen auch ohne ihn das Staatsruder nicht +nur mit weitester Umsicht, sondern im entscheidenden Augenblick auch +mit männlicher Entschlossenheit. So war es kein Wunder, daß Ferrara +und sein Herzog Lukrezia Borgia fast vergötterten. + +Aber die kühle, besonnene Fürstin führte mit Bescheidenheit ihren +Triumphwagen und hörte den hinter ihr stehenden lästernden Sklaven +wohl, der, nach dem Gebrauche des römischen Triumphes, ihr jegliche +Schmach ihrer Vergangenheit ins Ohr raunte und nichts vergaß, was sie +beschämen konnte. + +Da sie nun ihren Ruf vor der Welt gereinigt und wiederhergestellt +hatte, war sie auch darauf bedacht, sich den Himmel zu versöhnen. Um +so mehr gehorchte sie diesem Antrieb, da sie ihre Kinder mit +Schmerzen gebar und oft von einer Ahnung frühen Todes beschlichen +wurde. + +Sie unternahm auch dieses Werk auf eine ganz sachliche Weise. +Gleichwie ihr Vater in ungeheuerlicher 'Naivität nie an den Dogmen +und Wundern einer Kirche gezweifelt hatte, deren Haupt und Schande er +war, hatte sich auch Lukrezia in einer geistig heidnischen Welt +niemals von den kirchlichen Formen und Vorstellungen entfernt. + +Verständig wie sie war, täuschte sie sich nicht über die Summe und +Schwere ihrer Sünden und dachte bescheiden von ihren Verdiensten, den +frommen Übungen und Almosen, die sie zwar täglich zu vermehren +trachtete, die aber gegenüber der Art und Größe ihrer Schuld vor +ihren klugen und scharfen Augen täglich wieder zerrannen. Sie war +eine Danaide, die unermüdlich Wasser in ein rinnendes Gefäß schöpfte. +Nur der Verdammnis zu entgehen hoffte sie und mit Hilfe der +kirchlichen Rettungsmittel einen untersten Raum des Fegefeuers zu +gewinnen. Einmal dort, so überredete sich die Kluge in +liebenswürdiger Torheit, würde es ihr durch die Vermittelung der +Heiligen gelingen, eine höhere Stufe zu erreichen. + +Pater Mamette, den die Herzogin, sooft sie bei den Klarissen wohnte, +als einen Sachkundigen in den Angelegenheiten ihrer Seele zu Rate zog, +war in der göttlichen Mathematik erfahren, nach welcher die Großen +klein sind und die Armen alles besitzen, und sah wohl, daß sie zu den +Reichen gehörte, die schwerlich ins Himmelreich kommen. Ihr Ursprung +schon, im Schoße der Kirche, mußte ihm ein Herzeleid sein. Doch +nicht hierin, noch in ihrer schauerlichen Jugend, sah er den +Felsblock, der ihr die niedrige Pforte der göttlichen Armut verschloß. +Wohl aber in ihrer Schlangenklugheit, mit der sie sich selbsttätig +durch alle Spalten emporwand. + +Doch erkannte er dankbar den Segen, den ihre geschmeidige +Lebensweisheit und Staatskunst dem ferraresischen Hause und Staate +brachte, und im übrigen getröstete er sich mitleidig damit, daß bei +Gott kein Ding unmöglich sei. + +Und wenn sie ihm klagte, sie könne Gott nicht lieben, sagte er ihr, +der Anfang der Werbung gebühre dem Manne, und sie müsse in Geduld und +Almosen ausharren, bis Gottes Liebe um sie freie. + +Im vertrauten Umgange mit dem Franziskaner ließ es sich die Herzogin +nicht entgehen, ihn auch über Angelas Herz zu beraten. Sie klagte +über der jungen Base eigenartiges und gegen die Kirche unbotmäßiges +Gewissen, das ihr einrede, sie sei der Ursprung und die Verkettung +einer Menge von Unheil, das durch keine kirchliche Buße zu sühnen sei. +Diese hochmütige Trauer über eine eingebildete oder willkürlich +vergrößerte Schuld sei das Hindernis einer glänzenden Versorgung, die +sie für das Mädchen im Auge habe. Es sei die Pflicht Pater Mamettes, +dieses übertriebene Gewissen zur Bescheidenheit zurückzuführen und +ihr den Verstand des Lebens beizubringen. + +Des Paters dunkle Augen lachten, als er erwiderte: + +"Es ist wahr, Erlaucht, das Gewissen Eurer Base ist vorlaut und +aufrichtig, wie der erste Schlag der Morgenglocke, der zur Messe ruft. +Doch in einem irrt Ihr, sie scheut die kirchliche Buße nicht... ich +habe ihr die richtige auferlegt." + +Und er beurlaubte sich, der Herzogin den Segen erteilend. + +Lukrezia ergriff in klösterlicher Demut die Hand des Franziskaners, +um sie zu küssen, streifte dann aber, nachdem sie flüchtig zwischen +der Hand und dem Ärmel gezaudert, mit dem zarten Munde die eigenen +Finger. + +Im fünften Lenz der Gefangenschaft Don Giulios suchte die Herzogin zu +ungewöhnlicher Zeit die Klosterstille. Sie hatte ein totes Kind +geboren und zog sich zu den Klarissen zurück, um zu trauern über das +verlorene und zu danken für ihr eigenes, gerettetes Leben. + +Doch nach einer Reihe stiller Tage wurde ihr Aufenthalt unversehens +gestört und abgekürzt. + +Die Ereignisse bewegten sich um den "vergessenen" Turm, der bisher in +seiner Blätterwildnis von ihr unbeachtet geblieben war. + +Eines Tages fehlte die alte Äbtissin im Refektorium bei der +Hauptmahlzeit, an welcher die Herzogin mit Angela aus besonderer Güte +teilzunehmen pflegte. Sie lag krank. Infolge eines plötzlichen +Schreckens war ihr die Gicht aus den geschwollenen Füßen in die Brust +gestiegen, und sie atmete mühsam. Die Schwestern aber waren verstört +wie eine Schar hirtenloser Schafe. + +In der Verwirrung vergaßen sie sogar die Klosterregel des Schweigens +und erzählten sich wispernd die unglaublichsten Geschichten, die im +Frühlicht dieses Tages sich im "vergessenen Turme" ereignet und die +hochwürdige Mutter dem Tode nahegebracht haben sollten. Der +verlarvte Prinz, der dort seit Jahren sein Wesen treibe, sei in der +vergangenen Nacht entführt, andre sagten--erdrosselt worden. + +Eines sei sicher, der alte Mirabili, der allein in das Verlies sich +habe einschleichen können, sei vor Sonnenaufgang mit schweren Ketten +beladen und mit sterbendem Angesicht am Klostertore vorübergeführt +worden. Schwester Consolazione habe mit eigenen Augen gesehen, wie +der jammernde Greis, mit Eisen belastet, sich kaum habe +weiterschleppen können. Er habe unter unverständlichen Hilferufen +die gefesselten Hände nach ihr ausgestreckt. Sie hätte blutige +Tränen darüber weinen mögen. + +"Wer ist dieser Vermummte, das Gespenst des 'vergessenen Turmes'?" +wandte sich die Herzogin an Angela, indem sie sich mit ihr aus der +verwirrten Nonnenschar des Refektoriums in ihre Zelle zurückzog. +"Mirabili? Ist das nicht der Name des alten Lehrers meines Herrn und +der Prinzen, seiner Brüder?... Sollte Don Giulio..." + +Eine schnelle Entdeckung erhellte und beschämte ihren Geist. "Taucht +der Verschollene wieder auf? Und hier? Und sie sagen, daß er schon +lange da ist! Wie konnte mir das entgehen und so lange verborgen +bleiben!" Ohne sich weiter um die tief errötete Angela zu kümmern, +schloß sie sich in ihre Zelle ein und schrieb an den Herzog. + +Sie meldete ihm, der Friede des Klosters sei durch eine Verhaftung +gestört worden. Ein rätselhaftes Begegnis, dessen Erklärung allein +seine Hoheit ihr geben könne, mache eine Zwiesprache zwischen ihr und +ihrem Gemahl wünschbar und beendige ihren Aufenthalt bei den +Klarissen. Er möge sie morgen in der ersten Abendstunde +zurückerwarten. + +Lukrezia verließ an jenem Abend ihre Zelle nicht mehr. Sie +erkundigte sich durch eine Zofe nach dem Befinden der Äbtissin und +erfuhr, Donna Angela besuche eben die Kranke, der es besser gehe. +Pater Mamette sei angekommen und das Kloster in seine Ruhe +zurückgekehrt. + +Lukrezia wollte die Klarissen nicht verlassen, ohne den Wolf zu +kennen, der die fromme Herde in Aufruhr gebracht hatte. + +So beschied sie auf eine Frühstunde des nächsten Tages statt der +kranken Äbtissin Pater Mamette, dessen Ankunft ihr gelegen kam, auf +ihre Zelle. + +Sie wollte ihn über seine geheime Mitwissenschaft an diesen Dingen, +die sie vermutete und die sie ihm verdachte, zur Rede stellen und, +wenn es nötig wäre, ihn mit den verfänglichsten Fragen martern. + +Die Lenznacht war schwül und mit dem Dufte unzähliger Blüten beladen. + +Die Herzogin fand keine Ruhe, sie erhob sich und setzte sich an das +geöffnete Fenster. + +Der die weiten Gastzellen enthaltende Anbau bildete eine Seite des +vergrößerten Klosterhofes und war durch dessen südlichen, mit dem +üppigen Laube der Feigen und Limonen dichtgefüllten Winkel von dem +"vergessenen" Turme getrennt. \XDCber dem Blätterdache trat die +schwere, durch Verfall und Überwucherung formlos gewordene Masse des +gewaltigen Rundbaues in den Hof hinein. Lukrezia erinnerte sich, +früher zur Nachtzeit eines der kleinen zwei oder drei kaum sichtbaren, +auf ungleicher Höhe in die Mauer gebrochenen Fensterchen schwach +erhellt gesehen zu haben. Heute war das Innere des Turmes dunkel. +Von außen aber war er überglänzt von den hohen Sternbildern und an +seinem Fuße umschwärmt und umtanzt vom Funkenspiele zahlloser +Leuchtkäfer. + +Stundenlang belauschte die Schlaflose die Stille der Nacht und das +Rauschen des Hofbrunnens. + +Da war es, als knickten die Zweige und rauschten leichte Tritte auf +dem Rasen. Es wurde wieder still. Jetzt präludierte leise eine +Laute. Und jetzt vernahm Lukrezias Ohr aus der Tiefe des Turmes und +einer männlichen Brust einen sanft beginnenden und in Sehnsucht +anschwellenden Gesang: + + "Ich glaube, daß im Maienduft der reine + Gestirnte Himmel glänzt, ich kann's nicht schauen! + Ein einz'ger Stern darf meinen Himmel zieren... + Und, wehe, meinen Stern muß ich verlieren, + Dich, treues Weib, die Liebende, die Meine! + Mein Leben kehrt zurück in stummes Grauen! + Der Freund war mein Verderben, + Ich muß vergehn und sterben, + Mißgünstig schickt der Bruder mich von dannen, + In öde, fremde Kerker mich zu bannen." + +Lukrezia war nicht im Zweifel, daß sie Don Giulios markige Stimme +hörte; bevor sie aber die Bedeutung dieser in Wohllaut klagenden +Worte erfassen konnte, antwortete eine andre Nachtigall aus den +Feigenbäumen empor. + +Auch diese weiche Altstimme war ihr wohlbekannt. Angela sang: + + "Getrost! An diesem Tag, der schon im Osten + Den Himmel bleicht, geb ich Lukrezien Kunde + Von unsrer Treu', zerreißend feige Schleier, + Und wir begehen unsre Hochzeitsfeier, + Gemeinsam fürder Lieb' und Leid zu kosten, + Und wär' es auch in eines Kerkers Grunde! + Willkommen, junge Klarheit! + Willkommen, Tag der Wahrheit! + Von Haft zu Haft bis in das Reich der Schatten + Begleit ich den geliebtesten der Gatten." + +Nach einer großen Überraschung und einer Aufwallung von Ärger, die +ebensosehr ihrer eigenen jahrelangen Unaufmerksamkeit als dem +Geschehenen galt, empfand die Herzogin, lebensklug, wie sie war, jene +Beruhigung, die in der vollendeten Tatsache liegt. Denn, wie sie die +Base kannte, war es für sie Gewißheit, daß der Zwiegesang am +"vergessenen" Turme ein entschlossenes Opfer Angelas und eine +vorangegangene Trauung bedeutete, und sie ahnte auch mit Sicherheit, +welcher Priester diesen unwiderruflichen Akt vollzogen habe. + +"Der gottlose Franziskaner", schalt sie ganz im Ernste, indem sie +sich auf ihr Lager zurückzog, wo sie, ihr leichtes Haupt auf das +Kissen legend und ihre Gedanken abwerfend, entschlummerte. + +Sie schlief in den hellen Morgen hinein, und als sie erwachte, +erblickte sie Angela, die mit bittenden Augen an ihrem Lager kniete. + +Sie aber schloß ihre Lider noch einmal, legte das blonde Haupt auf +das Polster zurück und sprach abwehrend: + +"Verschone mich mit deiner Bitte, die ich ungesagt kenne... Du +willst mich wieder bei den Klarissen zurückhalten, weil du der +geistlichen Übungen nicht satt wirst, du Fromme! Diesmal kann es +nicht sein... ich erwarte die Verfügung des Herzogs. Und liegt dort +nicht schon ein Schreiben Don Alfonsos? Du hast es mir während +meines Schlummers gebracht? Gib es mir gleich!" + +Sie löste das Siegel und überflog die Botschaft mit raschem Blicke. +Ihr Gemahl hatte geschrieben: + + "Geliebte Herzogin! + + Beruhigt Euch über den Vorfall im Kloster. Es handelt sich einfach + um eine Torheit des altersschwachen Mirabili. Er verkehrte mit dem + Blinden, der, wie Ihr vielleicht nicht wußtet, seit einigen Jahren + den 'vergessenen' Turm bewohnte, ihn aber heute verläßt. Der Alte + hatte sich in den Gedanken verbohrt, den Blinden, dem die + Verführungskunst geblieben ist, in Freiheit zu setzen. Nachdem er + vor zwei Jahren schon ein wunderliches und unehrerbietiges Schreiben + an mich gerichtet, hat er vor kurzem, Torheit auf Torheit häufend, + mit einer erbärmlichen Summe den Torwart zu bestechen versucht und + nach einem Abdruck in Wachs einen Schlüssel des Turmes bei meinem + Hofschlosser bestellt. Wenige Stunden später lag Bestechungssumme + und Wachsabdruck auf meinem Tische. Ferne sei von mir, über meinen + weiland Lehrer, der bei grünen Kräften mich zu meinem Heile und mit + gutem Erfolg gezüchtigt hat, strenges Gericht zu halten! Er sitzt + nun bei meinen Benediktinern in Modena, die ihn mit ihren + Manuskripten in ihrem festen Hause aufbewahren. + + Es ist gut, daß Ihr heute kommet. Graf Contrario wird mir von Stunde + zu Stunde unleidlicher. Nicht genug, daß er in meiner armen + Fayencemalerei ein falsches Kunstprinzip erkennt, ist er mir gestern + hinter meine Drehbank geraten und hat mir mit seinen eigensinnigen + Fingern eine Hauptschraube verkrümmt. Kommet, bevor er mir alles + verdirbt, und bringet das Mädchen mit, daß wir sie heute noch + zusammengeben und beide, nebst den flavianischen Gütern, endgültig + loswerden. + + Inzwischen Euer gnädiger und + Euch herzlich liebender Gemahl." + +Lukrezia las diese Zeilen zwischen Lächeln und Besorgnis. "Große", +sagte sie--so pflegte sie die höher gewachsene Angela scherzend zu +nennen--, "reiche mir das Morgengewand und mache mich fertig, daß wir +mit lauterm Antlitz und geordneten Gedanken dein Bestes erwägen, denn, +wisse, von deiner Zukunft handelt dieser Brief. Der Herzog wünscht +dich noch heute mit Graf Contrario zu vermählen." + +Als Angela zusammenschrak, lächelte die Herzogin: "Frauenschicksal!... +Bist du denn ein Heiligtum, daß du eine redliche Werbung als +Beleidigung empfindest, nicht anders, als schände dein Freier einen +geweihten, oder betrete wenigstens einen fremden, verbotenen Boden? + +Ich habe dich aus Rom nach Ferrara mitgenommen, um dir in dieser +gewalttätigen Zeit durch eine ehrenvolle Heirat eine feste und hohe +Stellung zu geben, und der Graf, den wir für dich erwählt haben, +bietet dir, bei einigen unangenehmen Eigenschaften, alle diese +bedeutenden Vorteile. Dazu ist er ein vollkommener Edelmann." + +"Edelmann?" spottete Angela, "und er würde mich heimführen ohne +Liebe? Als Anhängsel der flavianischen Güter?" + +"Was forderst du denn?" antwortete Lukrezia erbittert: "Willst du es +anders haben, als wir alle? Was ist Männerliebe? Reiz, List, Begier, +Gewalttat, Haß, Ekel!... Ich habe nie einen Mann geliebt!" So +bekannte Lukrezia Borgia. + +Angela schwieg. Sie wußte es anders und besser. Dann sagte sie +einfach: "Aber die Liebe, die aus Reue und Mitleid stammt?" + +"Das ist die himmlische", meinte Lukrezia, "ganz nach dem Katechismus!" + +"Himmlisch oder irdisch!" bekannte Angela, "aus dieser Liebe bin ich +das Weib Don Giulios geworden." + +Die Herzogin stellte sich erstaunter und erzürnter, als sie war: + +"So konntest du dich gegen mich und den Herzog vergehen, du Arge! Du +stürzest dich in die Schmach und das Dunkel, statt, wie es jedem +edeln Weibe geziemt und angeboren ist, hoch und höher zu streben und +durch verborgene Klugheit das Leben zu beherrschen! Du aber, +Niedrige, suchst den Kerker eines Blinden und Verurteilten." + +"Wie ich mich so erniedrigen konnte, will ich dir erzählen, Lukrezia", +sagte Angela stolz und demütig. + +"Am Abend, da Strozzi ermordet wurde, und ich zu dir ins Kloster floh, +sah ich, wie Don Giulio in den 'vergessenen' Turm gebracht wurde, +und schon damals hafteten meine Blicke an den erbarmungslosen Mauern +und trugen mich meine Füße unter das im Grün verborgene Gitterfenster. +Schon damals hätte ich gerne zu ihm geredet, aber die Stimme +versagte mir. + +Im Herbste dann, zur Adventszeit, erreichte sie ihn. Der Nordwind +hatte einen Haufen welken Laubes ergriffen, wirbelte es empor und +jagte es durch das Kerkerfenster zu dem Este hinein, so daß die +morschen BIätter ihn raschelnd überschütteten und, wenn er danach +tastete, in seinen Händen zerbrechen mußten. Da erschien es mir +unendlich grausam, daß die Natur dem Elenden ihren Tod über das Haupt +streute. Ich erhob meine Stimme und rief: + +'Don Giulio, Euer Unglück ist da! Es folgt Euch in Liebe.' + +Er aber erkannte meine Stimme und antwortete: 'Sei mir willkommen!...' +Damals und später, sooft ich mich ihm nähern konnte, erklärte er mir +sein Inneres folgendermaßen: + +'Als du mich einst in Pratello aufstörtest' sagte ich dir, du +könntest Vergangenes nicht ändern und meine Augen nicht +wiederschaffen; aber jetzt sind mir geistige aufgegangen. Ich sehe' +--er lächelte--'ich sehe mit ihnen, daß, wenn mich dein zufälliges +Wort geblendet hat, es zu meinem Heile geschah; zwar auf eine +schmerzliche und gewaltsame Weise, wie eine Mutter ihr schreiendes +Kind einem Räuber aus den Armen reißt! Denn ich wäre in dumpfer Lust +zugrunde gegangen, während ich jetzt mit hellen Sinnen lebe, wenn +auch als ein Verminderter, da mir das edle Augenlicht genommen ist +und ich beschränkt bin auf ein dunkles Tagewerk. Nur sehne ich mich +freilich nach der Waldluft und dem Erdgeruch meines Pratello und auch +nach den Hunderten, die es bebauen und denen ich gerne ein guter und +gerechter Vater wäre.'" + +Und Angela begann mit überschwenglichen Worten Don Giulios neues +Wesen zu preisen und auch, ihr Glück... Doch das Unaussprechliche +ließ sich nicht sagen, und sie schloß damit, Lukrezia zu umhalsen und +bis zum Ersticken zu küssen. + +Während sich diese der Umarmung zu entziehen suchte, trat Pater +Mamette mit schuldlosem und hellem Angesicht ein. + +Die Herzogin aber wandte sich entrüstet gegen ihn. + +"Ruchloser Mönch!" redete sie ihn an, "wie durftest du es wagen, +deinen Herzog mit so frechem Eingriff in seine vormundschaftliche +Macht über diese hier zu beleidigen?" + +"Ihr meint, erlauchte Frau, damit, daß ich Don Giulio d'Este mit +Donna Angela Borgia getraut habe?" sagte er bescheiden. "Ich tat es +im Dienst einer höheren Gewalt als der des Herzogs. Es handelte sich +um das Leben Don Giulios und um den Frieden dieses Herzens"--er +blickte auf Donna Angela. + +"Im Grunde des 'vergessenen' Turmes liegt eine enge Kapelle, die zum +Dienste der Gefangenen bestimmt ist und durch ein hochgelegenes, +schmales, mit schweren Eisenstäben vergittertes Fenster kaum erhellt +wird. + +Dorthin führe ich allsonntäglich Don Giulio und lese für ihn die +Messe. Da erhob ich einmal vor Jahren während der heiligen Gebräuche +den Blick zum Fenster, wo sich etwas, wie die Schwinge eines Vogels, +geregt hatte. Zwischen dem grünen Blattwerk sah ich braunes +Kraushaar und zwei andächtig leuchtende Augen. Es konnte ein Engel +sein, welcher der heiligen Messe beiwohnte... er störte mich nicht. + +Als ich dann den Kerker verließ, begegnete mir in der Klosterkirche +Donna Angela, deren Beichte ich hören sollte. + +Ich erschrak bei ihrem Anblick; denn ihre Stirne trug in tiefen +blutroten Striemen das 'Zeichen des Kreuzes. Was konnte es anders +sein als der Eindruck des Fenstergitters der Turmkapelle? Ich erriet, +daß die Jugendliche, das verschlungene Geäst der Feigenbäume +benützend, im Laubdunkel verborgen, die Stirn auf die harten +Eisenstäbe gestützt hatte, um in die Kapelle hinunterzublicken. + +In ihrer Beichte quoll ihr Elend empor. Tiefer und blutiger, als es +auf ihrer Stirne stand, hatte sich das Gefängnis Don Giulios in ihr +Herz eingeschnitten. Die ganze Schuld an der Blendung des Este und +nicht minder die Schuld seines Hochverrats lag auf ihrem Gewissen. +Sie war die Ursache seines Kerkers. + +Sehnsüchtig verlangte sie nach einer Sühne, die unmöglich war, und +nach einer Buße, welche die Höhe ihrer Schuld niemals erreichen +konnte. Seine Augen konnte sie nicht neu schaffen, und ihr Verlangen, +wenigstens, mit ihm verurteilt, sein Kerkerdunkel zu teilen, konnte +ihr die irdische Gerechtigkeit nicht gewähren. Aus diesem Inhalt +ihres Herzens erkannte ich ihre große Liebe zu Don Giulio: Denn Liebe +schlägt gering an, was sie gibt, hoch, was sie verschuldet, und +bedarf einer großen Vergebung. + +Was aber das Recht nicht verleihen kann, das gewährt die +Barmherzigkeit der Kirche. So mußte und durfte ich unwürdiger +Priester durch das Sakrament der Ehe die beiden in eine Schuld und in +eine Buße vermählen. + +Das Staatsgesetz übertraten sie bei der Trauung in keiner Weise. Der +Gefangene verließ den Turm nicht, er stand in der Kapelle, und Donna +Angela stützte wieder ihre Stirne an das Gitterkreuz, durch welches +die von mir gesegneten Ringe gewechselt wurden..." + +"Solche Ehe ist verwerflich und ungültig", behauptete die Herzogin +empört. + +"So blieb es", fuhr der Franziskaner ruhig fort, "bis Don Giulio nach +dem unglücklichen Briefe Mirabilis von einem verderblichen Fieber +aufs Lager gestreckt wurde. Wie war es möglich, die Eines Gewordenen +im Sterben zu trennen!... Er genas unter Donna Angelas Pflege. Die +Ehe blieb verborgen, da Angela damals länger als sonst und allein bei +den Klarissen blieb, während Eure Erlaucht zur Zeit des +venezianischen Krieges in Abwesenheit des Herzogs vom Morgen bis zum +Abend dem Wohle des Staates lebte. Die Stunde der Entdeckung stellte +ich, wie unser ganzes Los, in Gottes Hand." + +"Das Eurige könnte leicht ein schlimmes werden, ehrwürdiger Vater, +wenn ich mich nicht herablasse, bei Don Alfonso für Euch einzutreten +und fürzusprechen!" sagte Donna Lukrezia mit einem Zuge der +Verachtung um den feinen Mund. + +"Tut, was Ihr dürft!" erwiderte der Franziskaner und beurlaubte sich. + +Als am Abend in der Dämmerung die Sänfte der scheidenden Herzogin, +aus dem Kreise der Nonnen fortgehoben, ins Freie trat, erschien vor +dem Tore des "vergessenen" Turmes der Pater noch einmal. Mit +erbleichtem Angesicht hielt er die Träger auf und flüsterte der +Herzogin zu: + +"Der Gefangene ist verschwunden. Ich weiß, daß der Hauptmann der +herzoglichen Leibwache verlarvt bei ihm erschien und ihn unter einer +dunkeln Maske weggeführt hat. Tretet für ihn ein, Madonna, wie Ihr +es mir verhießet!" + +Als die beiden Frauen den erleuchteten Festsaal der Burg betraten, +fanden sie dort Don Alfonso, der, die Herzogin erwartend, auf und +nieder schritt und sich zuweilen mit einem Blick und einem Rat an der +Schachpartie beteiligte, welche ein grauer Höfling mit langer +ehrwürdiger Nase gegen den Grafen Contrario spielte. + +"Schach und matt!" krähte der Graf triumphierend und trat, während +sein Gegenpart vernichtet auf das verlorene Spiel starrte, den Frauen +ritterlich entgegen. + +Aber schon hatte der Herzog Donna Lukrezia zu einem entfernten +Ruhesitz geführt und begann, nachdem er sie kurz begrüßt hatte, ihr +ein Schreiben mitzuteilen. Es kam aus Mailand. Der Kardinal +Ippolito hatte es mit zitternder Hand geschrieben, und es lautete: + +"Geliebtester Bruder, ich bereite mich zum Sterben. Ein inneres +Geschwür tötet mich. Ich leide unerträglich. Mich quält der Gedanke: +Vielleicht könnte ich leichter scheiden, wenn Don Giulio, mit dem +ich mich oft beschäftige, seinen Kerker verließe. + +Erweise mir diesen letzten Dienst und lebe wohl." + + +"Du begreifst", sagte der Herzog, "daß ich sofort willfahrte. Aber +wohin nun mit dem Blinden? Gib mir deinen Rat, Lukrezia, was ich mit +ihm anfange. Er wird sogleich hier erscheinen. Ich habe Befehl +gegeben, mir ihn vorzuführen." + +"Das Schicksal hat sich seiner angenommen", sagte sie. "Erstaune! +Seit zwei Jahren ist er vermählt. Zur Schande meiner Klugheit sei es +eingestanden, mit meiner aus der Art geschlagenen Base, die im +Schatten unseres Klösterchens den 'vergessenen' Turm besuchte. +Strafe gehört ihr. Wir grenzen die beiden im Gebiete von Pratello +ein und geben ihm Angela zur Hüterin." + +Ein wunderliches Gemisch von Entrüstung und Befriedigung erschien auf +den Zügen des Herzogs. "Doch was fangen wir mit diesem an?" sagte er +höhnend und deutete auf die Mitte des Saals, wo der Graf in längerer +und sorgfältig begründeter Rede um die Hand der verstummten Angela +warb. + +Jetzt aber öffnete sich die Tür, und der Blinde erschien auf der +Schwelle. + +"Vergebt, Herr--da ist mein Gemahl!" rief Angela selig und eilte zu +ihm. + +Don Giulio trat ein mit einer leichten Binde über den Augen, aber mit +sicheren männlichen Schritten, von Angela unmerklich an der Hand +geführt. + +Er erreichte den Herzog, bog das Knie, faßte seine Hand und sprach: + +"Bruder, ich habe mich schwer an dir vergangen, da ich dir..." +vielleicht wollte er sagen "nach dem Leben stand"--aber der Bruder +ließ den Bruder nicht ausreden, sondern hob ihn zu seinem Munde empor, +und die Männer küßten sich und überschwemmten sich mit Tränen. + +Der Herzog faßte sich bald. + +"Mein Wort bleibt!" sagte er. "Du bist mein Gefangener im Umkreis +deines weiten Pratello, und diese setze ich dir zur Hüterin." + +"Er wird Euer Gebot nicht übertreten", sagte Angela. "Weder dort +noch anderswo; denn seinen dunkeln Kerker kann er niemals verlassen. +Er trägt ihn überall mit sich." + +"Nicht wahr, Bruder", bat Don Giulio, "du tötest mir meinen alten +Mirabili nicht?" + +"Was denkst du von mir, Julius? Ich sollte einen Mann töten, der uns +die stoische Weisheit gelehrt hat!... Er sitzt wie im Paradiese bei +unsern gelehrten Benediktinern in Modena!" + +Graf Contrario hatte Mühe, an das zu glauben, was er vor sich sah. +Er empfand nur den dunkeln Trieb, dem leidensvollen Paare etwas +Unangenehmes zu sagen. So warf er noch zwei Steine, die sich aber in +Rosen verwandelten. + +Er wandte sich zuerst an den Blinden. + +"Ich wünsche Glück, Prinz!" sagte er. "Aber erlaubt mir den Mut +meiner Meinung. Ich denke, ein wahrer Edelmann, ein ganz vollendeter +Edelmann hätte sich wohl gefragt, ob es zart gehandelt sei, wenn ein +Blinder eine Sehende an sich fesselt und sie mit verliebten Armen +selbstsüchtig in sein Grab niederzieht. Blieb Euch das verborgen +oder von Euch unerwogen?" + +"Graf!" antwortete Don Giulio glücklich, "sie nahm mir die Augen und +gibt mir dafür die ihrigen. Sie gibt gern, und ich nehme gern. Sie +ist selig im Geben und ich im Nehmen." + +Angela aber jubelte im Übermaß der Liebe: "Deine schönen blauen Augen +werden wieder erstrahlen, mein Geliebter:... Du schicktest mich +einst fort aus Pratello, weil ich sie nicht neu schaffen könne. +Deine Augen werden heller und jünger leuchten als zuvor... aus dem +Angesichte deiner Kinder, wenn sie mir Gott gibt!" + +Sie erschrak über ihre Kühnheit und wurde Glut. + +Darauf warf der Graf seinen zweiten Stein. "Madonna", tadelte er, +"es gibt Dinge, die eine gebildete Dame kaum zu denken wagt, +geschweige, daß sie solche ausspricht!" + +Angela antwortete mit festlichen Augen--schade, daß der Blinde nicht +hineinblicken konnte!--: "Was wollet Ihr, Graf? Ich bin eine Borgia +und bleibe eine Borgia, da müsset Ihr mir schon etwas zugute halten." + +Es entstand eine Pause. Graf Contrario aber wandte sich mit edelm +Entschlusse an die Herzogin. "Erlauchte Frau", sagte er, "ich +willige in die von Euch vorgeschlagene Teilung der flavianischen +Güter." + + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ANGELA BORGIA *** + +This file should be named 6421-8.txt or 6421-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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