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+The Project Gutenberg EBook of Angela Borgia, by Conrad Ferdinand Meyer
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+Title: Angela Borgia
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Release Date: September, 2004 [EBook #6421]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on December 8, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ANGELA BORGIA ***
+
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+
+This etext was produced by Michalina Makowska and Michael Pullen
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+Angela Borgia
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+Conrad Ferdinand Meyer
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+Erstes Kapitel
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+Als die Angetraute des Erben von Ferrara, welche die Tochter des
+Papstes und Donna Lukrezia genannt war, von ihrem Gatten, Don Alfonso
+von Este, im Triumph nach ihrer neuen Residenz geholt wurde, ritt sie,
+während er den glänzenden Zug anführte, in der Mitte desselben auf
+einem schneeweißen Zelter unter einem purpurnen Thronhimmel, den ihr
+die Professoren der Universität zu Häupten hielten.
+
+Die würdigen Männer schritten feierlich je vier an einer Seite des
+Baldachins, neben welchen andere acht gingen, um sie an den
+vergoldeten Stangen abzulösen und ihrerseits des Dienstes und der
+Ehre teilhaftig zu werden. Hin und wieder erhob der eine und der
+andere den sinnenden Blick auf die zartgefärbte, lichte Erscheinung
+im wehenden Goldhaar. Der Professor der Naturgeschichte erforschte
+und bedachte die seltene Farbe ihrer hellen Augen und fand sie
+unbestimmbar, während der Professor der Moralwissenschaften, ein
+Greis mit unbestechlichen Falten, sich ernstlich fragte, ob auf dem
+unheimlichen, mit Schlangen gefüllten Hintergrunde einer solchen
+Vergangenheit ein so frohes und sorgenloses Geschöpf eine menschliche
+Möglichkeit wäre, oder ob Donna Lukrezia nicht eher ein unbekannten
+Gesetzen gehorchendes, dämonisches Zwitterding sei. Der dritte, ein
+Mathematiker und Astrolog, hielt die Fürstin für ein natürliches Weib,
+das nur, durch maßlose Verhältnisse und den Einfluß seltsamer
+Konstellationen aus der Bahn getrieben, unter veränderten Sternen und
+in neuer Umgebung den Lauf gewöhnlicher Weiblichkeit einhalten werde.
+
+Der vierte, ein Jüngling mit krausem Haar und kühnen Zügen, verzehrte
+die ganze schwebende Gestalt vom Nacken bis zur Ferse mit der Flamme
+seines Blickes. Das war Herkules Strozzi, Professor der Rechte, und
+trotz seiner Jugend zugleich der oberste Richter in Ferrara. Wäre es
+nicht seine Fürstin gewesen, er hätte sie als florentinischer
+Republikaner vor sein Tribunal geschleppt, aber gerade dieser
+strahlende rechtlose Triumph über Gesetz und Sitte nach so
+schmählichen Taten und Leiden riß ihn zu bewunderndem Erstaunen hin.
+
+Unangefochten von diesem Gedankengefolge, aber es leicht erratend,
+klar und klug, wie sie war, verbreitete die junge Triumphatorin Licht
+und Glück über den Festzug mit ihrem Lächeln. Doch auch sie hing
+unter ihrer lieblichen Maske ernsten Betrachtungen nach, denn sie
+erwog die Entscheidung dieser sie nach Ferrara führenden Stunde,
+welche die Brücke zwischen ihr und ihrer gräßlichen Vergangenheit
+zerstörte. Diese würde noch hinter ihr drohen und die Furienhaare
+schütteln, aber durfte nicht nach ihr greifen, wenn sie selbst sich
+nicht schaudernd umwandte und zurücksah, und solche Kraft traute sie
+sich zu.
+
+Eine zarte Pflanze, aufwachsend in einem Treibhause der Sünde, eine
+feine Gestalt in den schamlosen Sälen des Vatikans, den ersten Gatten
+durch Meineid abschüttelnd, einen anderen von ihrer Brust weg in das
+Schwert des furchtbaren und geliebteren Bruders treibend, hatte
+Lukrezia Mühe gehabt, in den Kreuzgängen der Klöster, wohin sie sich
+mitunter nach der Sitte zu mechanischer Buße zurückzog, die
+einfachsten sittlichen Begriffe wie die Laute einer fremden Sprache
+sich anzulernen; denn sie waren, ihrer Seele fremd. Höchstens
+geschah es, daß ihr einmal ein Buße predigender Mönch, den dann der
+Heilige Vater zur Strafe in den Tiber werfen ließ, eine plötzliche
+Röte in die Wangen oder einen Schauder ins Gebein jagte. Mit der von
+ihrem unglaublichen Vater ererbten Verjüngungsgabe erhob sie sich
+jeden Morgen als eine Neue vom Lager, wie nach einem Bade völligen
+Vergessens. Dergestalt verwand sie ohne Mühe, was eine gerechte
+Seele mit den schwersten Bußen zu sühnen für unmöglich erachtet, was
+sie zur Selbstvernichtung getrieben hätte. Und wenn sie nach einer
+unerhörten Tat verfolgende Stimmen und Tritte der Geisterwelt hinter
+sich vernahm, so verschloß sie die Ohren und gewann den Geistern den
+Vorsprung ab auf ihren jungen Füßen.
+
+Nur ihr Verstand, und der war groß, überzeugte sie durch die
+Vergleichung der römischen Dinge mit den Begriffen der ganzen übrigen,
+der lebenden und der vergangenen Welt, oder durch ein irgendwo
+gehörtes männliches Urteil, oder durch das von ihr wahrgenommene
+Erschrecken eines Unschuldigen bei ihrem Anblick--ihr Verstand
+allein überführte sie nach und nach von der nicht empfundenen
+Verdammnis ihres Daseins, aber allmählich so gründlich und
+unwidersprechlich, daß sie mit, Sehnsucht, und jeden Tag sehnlicher,
+ein neues zu beginnen und Rom wie einen bösen Traum hinter sich zu
+lassen verlangte.
+
+Ihr Begehren, dessen Heftigkeit sie verbarg, erfüllte ihr dritter
+Gemahl, der Erbe von Ferrara.. Beim Anblick dieser ruhigen,
+geschlossenen Miene hatte sie sich gesagt: Jetzt ist es erreicht.
+Mit diesem bin ich gerettet. Sicherlich kennt er meine Vergangenheit
+und täuscht sich darüber, so reizend ich bin, keinen Augenblick. Es
+kostet ihn Überwindung, mit mir den Ring zu wechseln bei dem Geschrei,
+in dem ich stehe, und bei seiner bürgerlichen Ehrsamkeit; wenn er
+sich nun aber entschlossen hat, mich zum Weibe zu nehmen zur
+Wohlfahrt seines Staates und um mit vollen Händen aus dem Schatze des
+heiligen Petrus zu schöpfen--aus welchem Grunde es sei, so wird der
+Mann, wie er ist, einen mutigen Strich durch meine Vergangenheit
+ziehen und mir dieselbe niemals vorhalten, fall' ich nicht in neue
+Schuld... davor aber werde ich mich wahren. Und er wird meine Gaben
+kennenlernen, meine Regentenkunst bewundern--Donna Lukrezia hatte
+schon Fürstentümer und während der Abwesenheit des Vaters selbst die
+apostolische Kirche verwaltet--, meine unverwirrbare Geistesgegenwart,
+meine Billigkeit, meine Leutseligkeit... Niemals werde ich ihm den
+Schatten eines Anlasses geben, Treue oder Gehorsam seines Weibes zu
+beargwöhnen... wenn nicht, außer wenn--eine Furche senkte sich
+zwischen die fröhlichen Brauen, und sie schauderte--außer wenn der
+Vater befiehlt; aber der sitzt in Rom--oder der Bruder ruft; aber
+der liegt in seinem spanischen Kerker.
+
+Sie lächelte das Volk an, um die Schmach ihrer Abhängigkeit tief zu
+verstecken, kraft deren sie mit Vater und Bruder zu einer höllischen
+Figur verbunden war. Dann nahm sie ihre ganze Kraft zusammen, und
+mit einem kräftigen Ruck entschlug sie sich der Sache.
+
+In diesem Augenblicke hielt der Zug vor einem Kastell, von dessen
+ausdrucksvoller Mauerkrone ein Seiltänzer herabschwebte. Sie sah das
+Kunststück an und sagte sich: "Du gleitest und stürzest nicht, und
+ich ebensowenig."
+
+Es war ein Amor, der unten vom Seile sprang, vor ihr das Knie bog und
+ihr einen Myrtenkranz bot mit den huldigenden Worten: "Der keuschen
+Lukrezia!" Unter dem Jubel der Menge krönte sie sich und ergab sich
+ganz der Lust des Augenblickes.
+
+Jetzt fuhren Blitze aus der Brüstung des runden Turmes, der sich
+donnernd in Rauch hüllte. Don Alfonso war ein leidenschaftlicher
+Liebhaber von Geschütz--ganz Kanone--und konnte sich zur Zeit und
+zur Unzeit des Pulverknalls nicht ersättigen. Dem Zelter Donna
+Lukrezias dagegen zerriß der gewaltsame Ton das feine Ohr. Er stieg,
+und die Fürstin glitt sanft aus dem Sattel in die Arme der
+Professoren, während dicht hinter ihr ein herrliches Mädchen mit
+krausem Haar und leuchtenden Augen ihren erschreckten Rappen ohne
+Zagen bändigte und beruhigte.
+
+Neben ihr klemmte ein hagerer Kavalier mit eisernen Schenkeln die
+Seiten seines Pferdes. Diese höhnische Larve gehörte Don Ferrante,
+der bei der Vermählung in Rom Don Alfonso, seinen Bruder, vertreten
+hatte, und den die Ferraresen kurzweg den Menschenfeind hießen. Er
+hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seiner heutigen Reisegefährtin
+Ferrara und das Fürstenhaus, dem er selbst angehörte, auf seine Weise
+zu beleuchten und auf jede zu verleiden.
+
+Die sichere Reiterin aber war Angela Borgia, eine nahe Verwandte der
+Fürstin und ihr Fräulein, das sie nach Ferrara begleitete und hinter
+der Berückenden bescheiden die Bühne der Welt betrat.
+
+Und dieses Theater entfaltete sich heute in ungewöhnlicher Pracht:
+strahlender Himmel, glänzende Trachten, öffentlicher Jubel, der
+festliche Verkehr der Begünstigten und Glücklichen dieser Erde,
+berauschende Musik, stolzierende Rosse, reizende Frauen, verliebte
+Jünglinge, schmeichelnde Huldigungen, klopfende Pulse, die Welt, wie
+sie sich schmückt und lächelnd im Spiegel besieht, alle diese Lust
+und Fülle lag vor ihr ausgebreitet und wurde ihr vergällt durch den
+spottenden Teufel an ihrer Seite.
+
+"Seht, junge Herrin", so höhnte er jetzt, "wie anmutig Donna Lukrezia
+fällt und wie sie von den Tugenden und Wissenschaften", er wies auf
+die Professoren, "feierlich wieder zu Rosse gehoben wird. Ich halte
+es mit dem Gaukler und preise ihre Keuschheit. Nur stand sie in der
+Familie vereinzelt und litt unter dem Zwange des Vaters und Bruders.
+Darum ergriff sie die Hand Don Alfonsos, um hier", er zeigte die
+nahen Türme und Kuppeln Ferraras, "einen passenderen Umgang zu finden;
+aber Donna Lukrezia irrt. Ohne uns mit Seiner Heiligkeit oder dem
+erlauchten Don Cesare messen zu wollen, sind wir Söhne des Herzogs
+und er selbst doch in unserer Art ein ruchloses Geschlecht, natürlich
+jeder von uns nach seinen Kräften und nach seinem Maße, soweit es für
+Laien tunlich ist.
+
+Ihr erstaunt, daß ich hier im Zuge des Herzogs so ungebunden rede!
+Aber seht, Fräulein, es ist meine Charaktermaske, öffentlich zu
+schmähen und zu lästern, die mir der Herzog, mein Vater, erlaubt und
+zugesteht, insofern ich mich enthalte, mich insgeheim gegen ihn zu
+verschwören, eine Untugend, die von alters her im Blute der Familie
+versteckt ist.
+
+Und wisset, tapferes Mädchen, damit habet Ihr mich gleich für Euch
+gewonnen, daß Ihr nicht fade seid, sondern, wie ich, der Wahrheit
+Zeugnis gebt, ohne Menschenfurcht--wenn es sein muß, auf offenem
+Markte. Die anderen, die da hinter uns", er wies verächtlich auf die
+folgenden Paare des Hofstaates, "was sind sie? Geputztes Gesindel,
+Schelme und Dirnen! Heuchler und Bübinnen! Nicht wert, daß sie die
+Sonne bescheint--mit Ausnahme selbstverständlich der hundert
+Maultiere, die den Brautschatz Donna Lukrezias tragen. Das sind
+redliche und verdiente Geschöpfe. Aber Mühe hat es uns gekostet,
+mich und den Bruder Kardinal, diesen Brautschatz dem Heiligen Vater
+und der Kirche unter den Krallen hervorzuziehen! Doch ich sagte:
+Entweder--oder! wie mich der Herzog, mein Vater, beauftragt hatte.
+Leichter gelang es uns, die Heiligkeit mit dem von unserem Vater
+Herkules der Braut zugestandenen Wittum hinter das Licht zu führen."
+Don Ferrante kicherte. "Wir schwatzten nämlich dem Heiligen Vater
+unsere berühmten flavianischen Güter auf, die zwar von unserem
+ferraresischen Fiskus verwaltet, aber ihm von dem Grafen Contrario
+gerichtlich bestritten werden. Ihr wißt, von dem liebenswürdigen
+Grafen Contrario, dem zähesten Widersprecher und Rechthaber in ganz
+Italien! Und das war es eigentlich, was den Herzog Herkules, unsern
+sparsamen Vater, an dieser Heirat am meisten erfreut hat. So wurde
+alles nach Gerechtigkeit geordnet! Und mit welcher Wollust schrieb
+ich nach der Vermählung die Depesche für den harrenden Kurier:
+Mitgift zugestanden. Heiligkeit überlistet. Donna Lukrezia getraut
+und gar nicht unheimlich. Das wollte sagen: diesmal trägt sie kein
+weißes Pülverchen in der Tasche. Und wirklich, ich glaube, Bruder
+Alfonso darf heute abend ohne Gefährde sein Haupt mit diesem
+Goldhaar", er wies mit dem Spitzbart unter den Thronhimmel, "auf
+dasselbe Kissen legen."
+
+Diese Anspielung auf die Giftmischereien der Borgia preßte dem
+Mädchen eine Träne aus, die sie zornig von der langen Wimper
+schüttelte. "Eure Zunge meuchelt, Don Ferrante!" sagte sie.
+
+Angela Borgia stammte aus einer Seitenlinie des berühmten spanischen
+Geschlechtes und wurde, nachdem sie, wie viele Kinder ihrer Zeit,
+frühe auf tragische Weise beide Eltern verloren hatte, mit anderm
+weiblichen Edelblut in einem Kloster des Kirchenstaates eher
+aufgenährt als erzogen. Als beschützte Verwandte des Papstes
+erfreute sie sich der Bevorzugung der Nonnen und der Führerschaft
+unter den Gespielinnen.
+
+Es bestand damals eine seltsame, von den grellsten Widersprüchen
+gepeitschte Welt, die selbst einem italienischen Mädchen, das sonst
+alles, was Wirklichkeit besitzt, unbefangen angreift und durchlebt,
+ernstlich bange machen und Kopf und Herz verwirren konnte. Der
+jungen Angela wurde in Bild und Predigt eine sittliche Schönheit und
+Vollkommenheit vorgehalten, deren irdischer Vertreter, der Greis, auf
+welchem, wie der gleichzeitige Sultan sich ausdrückt, das Christentum
+beruhte, milde gesagt, ein entsetzlicher Taugenichts war, über dessen
+Ruchlosigkeiten die Schwestern weinten und die Schlimmsten ihrer
+Gespielinnen insgeheim sich lustig machten.
+
+Angela aber erschrak und brachte es nicht über sich, das Leben als
+einen Widerspruch zu verspotten.
+
+Sie begann nun, sich schwere Bußen und Geißelungen aufzuerlegen
+zugunsten ihres Verwandten, des Heiligen Vaters, und ihrer Base
+Lukrezia, von welcher im Kloster gleichfalls mit geheimen
+Seitenblicken des Abscheues geredet wurde. Von diesen Peinigungen
+brachten sie die verständigen Schwestern indessen bald zurück, indem
+sie ihr vorhielten, alle ihre Anstrengungen wären einem solchen Unmaß
+der Sünde gegenüber gänzlich unzureichend und vergeblich.
+
+Dafür entwickelte sich in Angela gegen die herrschende
+Nichtswürdigkeit ein Bedürfnis verzweifelter Gegenwehr und, mit einem
+zarten Flaum auf den Wangen und dem Feuer ihrer Augen, eine gewisse
+ritterliche Tapferkeit, nicht nach dem duldenden Vorbilde ihrer
+weiblichen Heiligen, sondern mehr nach dem kühnen Beispiel der
+geharnischten Jungfrauen, die in der damaligen Dichtung
+umherschweiften, jener untadeligen Prinzessinnen, die sich der
+Schwächen ihres Geschlechtes schämten und welche zu handeln und sich
+zu verteidigen wußten, ohne dabei die Grazien zu beleidigen.
+
+So erwuchs Angela kraft einer edeln Natur zu einem widerstandsfähigen
+und selbstbewußten Mädchen, zu dem, was das Jahrhundert in lobendem
+Sinne eine Virago nannte.
+
+Nun begab es sich an einem Sommertage, daß aus dem Dunkel des
+Eichwaldes, der den Fuß des das Kloster tragenden apenninischen
+Felsens umnachtete, auf weißem Zelter eine helle Waldfee mit ihren
+Gespielen, oder vielleicht Göttin Diana mit ihrem Jagdgefolge, oder
+gar die erlauchte Donna Lukrezia mit ihren Frauen emporstieg und an
+die Pforte klopfte.
+
+Wirklich, es war diese. Sie wurde von der Äbtissin empfangen, der
+sie die Hand küßte und von welcher sie gesegnet wurde. Dann ließ sie
+sich die Nonnen und die Klosterzöglinge vorstellen und richtete an
+jede holdselig das ihr nach Rang und Stand gebührende Wort mit einer
+wohllautenden Stimme, die noch lange nachklang, nachdem sie
+gesprochen hatte. Zuletzt nahm sie Angela beiseite, und, Hand in
+Hand mit ihr durch einen Lorbeergang des Gartens auf und nieder
+wandelnd, sagte sie ihr fröhlich, daß sie die Verlobte des Thronerben
+von Este sei, und daß sie Angela als ihre Verwandte und ihr
+Hoffräulein nach Ferrara mitnehmen werde. "Base", lächelte sie, "ich
+will dein Glück machen. Du gefällst mir, und ich behalte dich, bis
+ich dich vermähle."
+
+
+Ebenso vetterlich wohlwollend begrüßte sie im Vatikan, den sie mit
+geheimem Grauen betrat, Lukrezias furchtbarer Bruder, ein Jüngling
+von vornehmer Erscheinung und grünschillerndem Blick. Unbefangen mit
+der Base tändelnd, sagte er: "Ich werde euch beide nicht nach Ferrara
+begleiten, die Geschäfte verbieten es; doch möchte ich euch Don
+Giulio empfehlen, den ihr dort finden werdet, einen jüngern Bruder
+Don Alfonsos. Er ist ein bescheidener, aber hochbegabter Jüngling,
+nur daß er den Sinnen noch zu viel einräumt. Er wäre es aber wert,
+und ich möchte es ihm gönnen, daß er sich durch eine edle Frau
+fesseln ließe."
+
+Und jetzt ritt Angela hinter Madonna Lukrezia, und wiederholte
+Kanonenschläge verkündigten die Nähe des Tores.
+
+Don Ferrante mußte sich beeilen, wenn er noch vor dem Betreten der
+Stadt die Brüder in der Meinung seiner jungen Begleiterin völlig
+entwurzeln wollte; er ging aber rüstig ans Werk.
+
+"Mich wundert", sagte er, "wie Donna Lukrezia, der die öffentliche
+Stimme oder doch die Einbildungskraft der Männer etwas
+Außerordentliches und Geflügeltes verleiht, mit meinem Bruder, ihrem
+künftigen Eheherrn, dem gewöhnlichsten aller Sterblichen, der von
+früh bis spät an Essen und Ofen Geschütz gießt, wird haushalten
+können! Venus neben dem rußigen Vulkan. Doch es mag gehen, so gut
+es dort ging. Sie wird seine herrlichen Fayencemalereien bewundern
+und ihn damit glücklich machen. Aber sie hüte sich", fuhr er fort,
+und seine höhnende Stimme wurde drohend, "sie hüte sich! Don Alfonso
+ist der Rachsüchtigste unter uns, nur daß er seine Stunde abwartet
+und seine Rache das Recht heißt. Doch nein, ich tue dem Bruder
+Kardinal unrecht. Seine Rache ist die grausamste, da er der größere
+Geist ist und als der uns allen Unentbehrliche keinen Prätor zu
+fürchten hat. Er ist der Diplomat unseres Hauses; die Fäden unserer
+Politik laufen alle durch seine gelenken Finger, und er kennt unsere
+schlimmsten Geheimnisse. Fürchtet diesen Geier, junges Mädchen!"
+
+Ebendieser Kardinal Ippolito, der Staatsmann, die hagere Gestalt im
+Purpur, die gleichfalls zur Freite nach Rom gekommen und jetzt noch
+dort war, um mit dem Papste die Übergabe der Ländermitgift zu regeln,
+hatte sich viel und herablassend mit Angela beschäftigt, sie
+ermutigend, Ferrara mit ihrer Gegenwart zu verschönern.
+
+Eine bange Angst bemächtigte sich Angelas. Sonne, Staub und Lärm,
+die vergiftenden Reden Don Ferrantes, das vor ihr aufsteigende hagere
+Bild des Kardinals! Ein Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit
+brachte das kräftige Mädchen einer Ohnmacht nahe--es entfuhr ihr ein
+leiser Schrei.
+
+Da wandte sich die vor ihr schwebende Donna Lukrezia rasch nach ihr
+um, ein bleicher Blitz schoß aus ihren bläulichen Augen, und sie rief:
+"Womit ängstigt er dich, Angela? Wisset, Don Ferrante, und präget
+Euch ein: wer Angela zu nahe tritt, der tritt mir zu nahe. Und
+Lukrezia Borgia wollet Ihr nicht zur Gegnerin haben!"
+
+Das wollte Don Ferrante von ferne nicht. Er lächelte liebenswürdig.
+"Keine Rede davon, erlauchte Frau! Ich tue mein mögliches, Donna
+Angela angenehm zu unterhalten und unserm Hause ihre Gunst zu
+erwerben."
+
+"Was beschreib' ich Euch noch Schönes, junge Herrin?" fuhr er fort,
+nachdem sich die Fürstin wieder abgewendet hatte. "Die
+unvergleichlichen und verbrecherischen Augen meines Bruders Don
+Giulio! Ihr kennet ihn?" fragte er, da er eine Bewegung auf ihrem
+Gesichte sah. "Wohl nur seinem Rufe nach! Denn der ist groß.
+\XDCber ein kurzes aber wird er persönlich vor Euch stehen, wenn Ihr
+seinen Kerker öffnet, Donna Lukrezia und Ihr."
+
+"Seinen Kerker öffnen?" fragte sie erstaunt.
+
+"Gewiß! Und den aller Missetäter", erklärte ihr Don Ferrante lustig.
+"Donna Lukrezia wird durch ihr Erscheinen die Verbrecher unschuldig
+machen. Solches ist in Ferrara Herkommen bei jeder fürstlichen
+Vermählung und durchaus keine Allegorie. Es sind wirkliche
+Verbrecher, und sie werden auch tatsächlich freigelassen, so daß wir
+während der Feste wohl daran tun werden, unsern Schmuck festzuhalten
+und nachts nicht ohne Fackeln und Bewaffnete auszugehen."
+
+"Was hat denn Don Giulio verbrochen?" fragte sie.
+
+"Oh, nichts! Er hat mit seinen Augen ein Weib bezaubert und ihrem
+Manne den Degen durch die Brust gerannt."
+
+"Schmachvoll!"
+
+"Er ist ein ungezogener Knabe! In den Weingarten des Lebens
+eingebrochen, reißt er, statt sich ordentlich eine Traube zu pflücken,
+deren, so viele er mit beiden Händen erreichen kann, vom Geländer,
+zerquetscht vor Gier die süßen Beeren und besudelt sich mit dem roten
+Safte Brust und Antlitz."
+
+Und mit diesem frevlen Jüngling hatte sie Don Cesares Gedanke
+zusammengestellt!
+
+Wieder donnerten die Stücke. Beim Schalle der Zimbeln und Pauken
+ging es durch das Tor. Die Professoren beschleunigten den Schritt,
+und bald langte Lukrezias Triumphzug vor dem Schlosse an, unter
+dessen schwerem Bau die Kerker lagen.
+
+Der herantretende alte Herzog hob die Fürstin vom Pferde und schritt
+mit den Neuvermählten und Angela die Stufen hinunter nach der tiefen
+Pforte. Dort stand der Kerkermeister und überreichte Donna Lukrezia
+auf einem Sammetkissen einen gewaltigen verrosteten Schlüssel. Sie
+ergriff ihn, und die Tür, kaum von ihm berührt, drehte sich in den
+Angeln und sprang wie durch Zauber weit auf. Jetzt brach die Schar
+der Gefangenen hervor, Lukrezia zu Füßen stürzend und ihr die Hände
+küssend. Alle hatten sie sich zuvor gereinigt, und ihre
+leidenschaftliche Dankgebärde ermangelte nicht des Anstandes. Doch
+gab es unter ihnen erbarmungswürdige Jammergestalten und
+abschreckende Verbrechermienen.
+
+Zuletzt, nachdem der Kerker sich seines ekeln Inhalts entleert hatte,
+stieg noch ein Jüngling von edelster Bildung mit gekreuzten Armen die
+dunkeln Stufen empor. Ans Tageslicht tretend, erhob er die Hände,
+als ob er die Sonne begrüße; dann beschirmte er mit ihnen die Augen,
+als blende ihn der scharfe Strahl oder die Schönheit der oben
+stehenden beiden Frauen. Ein Knie vor Donna Lukrezia beugend,
+bedankte er sich bei ihr mit den Worten: "Erlauchte Frau und
+Schwägerin, ich begrüße in Euch die Barmherzigkeit, die jedes
+weibliche Herz bewohnt, und die fürstliche Gnade, vor welcher die
+Fesseln fallen."
+
+Mit diesen und noch schöneren Reden huldigte er der neuvermählten
+Fürstin, dann richteten sich seine Augen, die wirklich in ihrer
+tiefen Bläue unter dem edeln Zuge der dunkeln Brauen von seltenem
+Zauber waren, auf die jüngere Borgia, und er erstaunte aufrichtig
+über die strenge Haltung des kaum erwachsenen Mädchens.
+
+"Doch, rettende Fürstin", fuhr er fort, "wen bringt Ihr in Euerm
+Gefolge? Ist es die Göttin der Gerechtigkeit, besänftigt durch die
+Göttin der Huld?"
+
+Angela war schon von der Reise und durch die Bosheiten Don Ferrantes
+aufgeregt; jetzt empörte sie das Gaukelspiel der Begnadigung des
+Sünders durch die Sünderin und der Flitter der Phrase. Wie sie nun
+gar in den Born dieser wunderbaren Augen blickte, wurde sie von Zorn
+und Jammer aufs tiefste erschüttert. Ihre innerste, starke Natur
+überwältigte sie, und jede Verschleierung abwerfend, trat ihr Wesen
+unverhüllt hervor. Ihre redlichen Augen richteten sich auf die
+seinigen, und es bewegte sich etwas Undeutliches auf ihren
+ausdrucksvollen Lippen.
+
+"Was meint die Herrin?" fragte Don Giulio.
+
+Da brach es hervor. Angela sprach deutlich vor den hundert und
+hundert Zeugen, und ihre Stimme klang über den Platz: "Schade,
+jammerschade um Euch, Don Giulio! Fürchtet Gottes Gericht!"--Ein
+großes Schweigen entstand.
+
+Und noch einmal erscholl die Stimme des Mädchens über Don Giulio:
+
+"Schade um Euch!" Seltsam! Die Ferraresen teilten vollständig
+Angelas Gefühl und Urteil über das verwerfliche und gefährliche
+Treiben des Fürstensohnes, das Bedauern seiner Entwertung und ihr
+Leid um ihn, den sie liebten um seiner Schönheit und Anmut willen.
+
+Rings erhob sich ein Gemurmel und Echo: "Schade! Sie hat recht! Es
+ist wahr! Schade um ihn!"
+
+Donna Lukrezia aber ergriff die Hand Angelas, wie die ältere
+Schwester die einer jüngeren, welche sich etwas Unziemliches hat
+zuschulden kommen lassen.
+
+"Wie kannst du dich so vergessen?" sagte sie und führte die Bewegte
+hinweg, die vor Scham und Aufregung in ein krampfhaftes Schluchzen
+ausbrach, worüber auch der bisher gelassen gebliebene Don Giulio die
+Haltung verlor.
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Da, wo der weite Park von Belriguardo in die ferraresische Ebene ohne
+Grenzmauer verläuft, saßen auf einer letzten verlorenen Bank im
+Schatten einer immergrünen Eiche zwei, die, aus Haltung und Miene zu
+schließen, voneinander Abschied nahmen.
+
+Bald legte der junge, in die schwarze Tracht von Venedig gekleidete
+Mann die Hand beteuernd auf das Herz, bald betrachtete er die still
+in sich versunkene Gestalt Lukrezias, wie um sie sich auf ewig
+einzuprägen.
+
+"So gehet Ihr denn, Bembo", sagte sie, "und ich halte Euch nicht, da
+Ihr damit erfüllet, um was ich Euch bat, ohne es auszusprechen. Ihr
+geht, und wie lange wird es dauern, bis Ihr mich vergesset!"
+
+"Donna Lukrezia", erwiderte der Venezianer bewegt, "wie lange ich
+Euer gedenken und Euch lieben werde, wahrlich, das ist mir verborgen,
+denn ich kenne nicht meine Todesstunde."
+
+Er sagte es mit so trauriger Zärtlichkeit in der Stimme, daß die
+Herzogin gerührt erwiderte: "Um mein Andenken in Euch zu erhalten,
+sollt Ihr etwas von mir mit Euch nehmen, mein Freund", und sie winkte
+eine schlanke, dunkle Mädchengestalt heran, die am Waldsaum auf und
+nieder schritt, wohl um die Herrin vor sich selber zu hüten, oder um
+das Nahen eines unwillkommenen Zeugen zu verraten.
+
+"Setze dich neben mich, Angela", sagte sie, "und schneide mir eine
+Locke vom Haupt!" Sie öffnete ihr Gurttäschchen, zog daraus ein
+kleines, scharfes Messer mit goldenem Griff hervor und bot es Angela,
+die, den Befehl ausführend, ihr vom Überflusse eine flutende Locke
+raubte.
+
+Die Fürstin suchte nach einer Hülle, um den Ringel hineinzulegen,
+fand aber nichts als in derselben Gurttasche eine in Gold und
+gepreßtes Leder gebundene Ausgabe der sieben Bußpsalmen, ein
+beliebtes Handbüchlein der damaligen Hofwelt. Unbefangen legte sie
+ihre Locke hinein und reichte Bembo das Liebespfand. Dieser drückte
+es an die Brust, dann an den Mund und dankte für den süßen Kern in
+der herben Schale mit einer seelenvollen Miene, durch welche sich ein
+ganz leises, ironisches Lächeln schlich.
+
+"Schreibt mir", sagte sie dann, "durch sichere Gelegenheit, jedesmal,
+wenn Ihr ahnet, daß mir Gefahr droht und ich Eures Rates bedarf.
+Bleibet um mich, auch in der Ferne! Ich weiß, Ihr verlasset mich
+nicht, nachdem Ihr mir geholfen habt, den Bau meines neuen Glückes in
+Ferrara aufzurichten."
+
+"Es war eine Freude", erwiderte Bembo, "Eure klugen Hände bauen zu
+sehen. Euer Werk ist untadelig und schwer zu erschüttern. Ich frage
+mich noch mit schmerzlichem Zweifel: Fordert Eure Sicherheit von mir
+das Opfer, daß ich Ferrara meide und mich Eurer Gegenwart beraube,
+die wie eine goldige Luft das ganze Dasein erhellt und verklärt?"
+
+"Das habe ich vom Vater", sagte sie harmlos.
+
+Der feine Venezianer zog die Brauen zusammen.
+
+"Die Bande Eures Blutes und der Dämon Eures Hauses sind Eure Gefahr",
+seufzte er. "Und darum verlasse ich Euch ungern. Dennoch ist es
+besser, ich gehe. Eure Sicherheit, Madonna, ruht auf dem Vertrauen,
+das Don Alfonso Euch schenkt. Unsere geistige Liebe würde er kaum
+beargwöhnen, sachlich, wie er ist; und doch ist es besser... wer
+liebt, der opfert sich."
+
+"Es ist besser", bestätigte sie leise.
+
+"Erlaubt mir nun zum Abschied, geliebte Frau, ein freies und
+schützendes Wort!" bat er. "Die Verhältnisse liegen vor Euch im
+Licht Eures scharfen Verstandes, aber dieser helle Tag reicht nur bis
+an den Schattenkreis, wo Eure Liebe zu Vater und Bruder beginnt."
+
+Hier entfärbte sich Lukrezia, und ihr bleiches Auge erstarrte zu
+einem Medusenblick.
+
+"Zürnet nicht, Madonna", rief Bembo. "Weiß ich doch, wie Ihr als
+unschuldiges Kind in diese schwere Verstrickung gerietet! Reden muß
+ich zu Euerm Heil. Erinnert Euch: Jahre waren vergangen seit Euerm
+Einzug, Euer Gemahl war regierender Herzog geworden, Ihr hattet
+Wurzeln geschlagen in Ferrara und die Liebe des Volkes gewonnen; da
+starb Euch der Vater. Ihr aber ergabet Euch maßloser Trauer und
+unendlichen Tränen, bis ich kam und Euch ins Ohr flüsterte: Ihr
+beleidigt mit Euern Tränenergüssen Don Alfonso und vergesset die
+unleidlichen Dinge, denen er Euch entriß."
+
+Lukrezia hörte ihm aufmerksam zu, und ihr Verstand mußte ihm gegen
+ihr leidenschaftliches Gefühl recht geben.
+
+"Wenn dergestalt Euer Urteil über den weiland Heiligen Vater ein
+verblendetes ist, so entsteht jetzt, da er dahingefahren, für Euch
+daraus kein Unheil mehr. Ein anderes aber ist es mit Cäsar, Euerm
+furchtbaren Bruder: er lebt und besitzt noch seine Drachenkraft. Er
+ist ein Jüngling und wird sicherlich heute oder morgen seine Fesseln
+durchfeilt haben und wieder aus dem Orkus steigen, um ganz Italien zu
+verwirren. Diese schwarze Klippe bedroht Euere Barke; möge sie nicht
+daran scheitern! Das Wiederkommen Cäsars ist Eure Schicksalsstunde.
+Und Ihr werdet--" er besann sich, ob er ihr die bittere Arznei
+erspare, fuhr aber mit entschlossener Liebe fort: "wehe Euch, Ihr
+werdet folgen, wenn Euch Don Cäsar ruft. Ihr werdet dem Teufel
+gehorchen, wie sie erzählen, daß Euer Vater auf dem Sterbebette sagte:
+'Du rufst, ich komme'."
+
+Lukrezia bekreuzigte sich.
+
+"Teure Herrin!" Bembo machte eine Bewegung, ihr zu Füßen zu fallen,
+hielt sich aber zurück, da die wandelnde Angela sich gerade nach
+ihnen umwandte.
+
+"Ich beschwöre dich, Lukrezia", flüsterte er, sich zu ihr beugend,
+"sobald diese gefährlichen Stunden kommen und du fühlst, daß du die
+Herrschaft über dich verlierst, so wirf dich vor dem Herzog nieder
+und bekenne, daß du sein Verbot übertreten willst, denn sicherlich
+wird er seinen Untertanen bei Todesstrafe verbieten, mit Cäsar zu
+zetteln, dessen Erscheinung Italien wie ein Erdbeben erschüttern
+würde... Doch ich beschwöre Euch vergeblich, Madonna! Denn ich weiß,
+Ihr werdet die Zügel verlieren, Ihr werdet des Herzogs Verbot unter
+die Füße treten."
+
+"Werde ich?" fragte Lukrezia, wie abwesend. Doch erschien ihr
+glaublich, daß sie es tun werde, denn sie kannte ihre Bande.
+
+"Herrin", schluchzte der Venezianer, "wann immer ich erfahre, Cäsar
+sei aus dem Kerker gebrochen, ich eile auf Windesflügeln nach Ferrara
+und umklammere Euch, daß Ihr ihm nicht in die Arme stürzet--doch
+käme ich zu spät, so gedenket meines Rates, sobald Ihr Euch wieder
+besitzt und besinnet. Schützet und berget Euch vor der Strafe des
+Herzogs an seinem Herzen. Und habt Ihr menschliche Werkzeuge
+angewandt, um Euch mit dem Bruder zu verbinden, opfert sie
+unbedenklich und gebet sie der Rache des Herzogs preis.--Der Herzog
+liebt Euch..."
+
+"Ich glaube, daß er mich liebt", sagte Lukrezia, sich wieder
+erhellend.
+
+"Seid dessen gewiß", beteuerte der Venezianer. "Jüngst an der Tafel
+nannte er den Namen Cäsars--nicht unabsichtlich--und sprach von
+einem dunkeln Gerüchte seiner Entweichung. Dabei beobachtete er Euch
+scharf... Ihr bliebet ruhig, nur Eure Hand zitterte, die den Becher
+hielt, daraus Ihr schlürftet. Er betrachtete Euch lange, doch
+wohlwollend und wie mit der gerechten Erwägung, was Eurer Natur gemäß
+und welcher Widerstand Euch möglich sei. Gewiß, er wird Euch halten
+und retten, wenn Euch nicht das Verhängnis gewaltig fortreißt."
+
+Die Herzogin, die wieder völlig heiter war, sagte jetzt mit
+wunderbarem Leichtsinn: "Ich werde Eure Sorge beherzigen. Aber,
+Freund, nun genug von mir! Spendet mir lieber einen Rat für jene
+dort--", sie blickte nach der wandelnden Angela, "die mir in weit
+näherer Gefahr zu schweben scheint. Seht hin!"
+
+Ein schreiender Raubvogel erhob sich aus dem Walde und kreiste über
+den Wiesen. Zugleich rauschte es im Gebüsch, und ein hagerer, in
+Purpur gekleideter Mann trat auf Angela zu, wandte sich aber, Bembo
+neben der Herzogin entdeckend, grüßend an diese.
+
+"Ihr findet uns, Eminenz", sagte die Herzogin unbefangen, "wie sich
+mein liebenswürdiger venezianischer Besuch, den ich schwer missen
+werde, von mir verabschiedet."
+
+"Ihr verlaßt uns, Bembo?" sagte der Kardinal leutselig. "Das sollte
+mir leid tun. Wohin gehet Ihr?"
+
+"Nach Urbino, Eminenz."
+
+"Um wieder zu uns zurückzukehren?... Denn uns gehöret Ihr an, und
+wir können Euch nicht entbehren, ebensowenig als eine andere, die man
+auch von uns fortsenden will."
+
+Die Fürstin zog das neben ihr stehende Mädchen zu sich auf die Bank
+nieder und behielt seine Hand in der ihrigen, als nähme sie von
+Angela Besitz.
+
+"Wir bilden hier einen festgeflochtenen, farbigen Kranz", fuhr er
+fort, "aus dem es unrecht wäre, eine Blume zu entfernen, geschweige
+die süßeste Knospe wegzureißen!"
+
+Lukrezia erhob ihre Augen groß gegen den Kardinal, überlegend, ob
+jetzt, da Bembo noch als Zeuge hier stehe, nicht der Augenblick
+gekommen sei, ein längst im Finstern schleichendes Übel an die Helle
+zu ziehen und durch das darauf fallende Tageslicht zu vernichten.
+
+Geistesgegenwärtig, wie sie war, besann sie sich nicht lange.
+
+"Kardinal", sagte sie, "wenn Ihr unter der andern uns bald
+Verlassenden diese hier versteht, so wisset, ich trachte danach, daß
+sie von uns scheide. Ihr Alter ruft der Vermählung, und hier weiß
+ich für sie keinen Gemahl, während Graf Contrario, den Ihr kennt und
+der sie heimzuführen begehrt, alle Eigenschaften besitzt, die ich als
+die Schützerin Angelas von ihrem Manne fordern darf. So ist mein
+Wille; doch werde ich gern noch Eure Meinung darüber in Betracht
+ziehen."
+
+Bembo wollte sich bescheiden entfernen, wurde aber durch einen Blick
+Lukrezias festgehalten. Sie kannte das Unberechenbare in der Natur
+des Kardinals und scheute seine Überraschungen.
+
+Dieser schien die Herausforderung in den Worten der Fürstin nicht zu
+fühlen; er wählte, während der Venezianer sich neben den Frauen auf
+eine Rasenböschung niederließ, gelassen ihnen gegenüber einen
+bequemen Platz im Dunkel einer Kastanie, deren Stamm sich nahe dem
+Boden teilte, mit den üppigen Ästen den Rasen bedeckend, und begann,
+indem er mit dem schaukelnden Fuße nach einer flüchtigen Eidechse
+stieß, mit ruhigen Worten:
+
+"Wie ich den Grafen Contrario kenne, taugt er nimmermehr für eine
+Borgia, denn er ist ein armer Mensch, zusammengesetzt aus peinlichen
+Tugenden und ewigem Widerspruch, ein Berg rechthaberischer Grundsätze,
+der die Maus einer knickerischen Rechenkunst gebiert, gänzlich
+unfähig, eine Frau um ihrer selbst willen mit Größe und Verschwendung
+zu lieben! Ich behaupte, seiner Werbung um dieses Schöne, dieses
+Liebe hier liegt ein grobes Rechenexempel zugrunde. Hier auf diese
+Tafel will ich es niederschreiben!"
+
+Er zog ein Täfelchen hervor, schrieb mit dem Stift und las zugleich:
+
+ "Graf Ettore Contrario freit um die hochherzige Angela Borgia, weil
+ er mit dem Fiskus in Ferrara einen von seinem Vater geerbten Prozeß
+ über bedeutende, auf ferraresischem Boden gelegene Ländereien führt,
+ den er aller Wahrscheinlichkeit nach bei den zuständigen
+ ferraresischen Gerichten verlieren würde ohne den Schutz eines
+ höchsten Einflusses, wie der, zum Beispiel, unserer erlauchten
+ Fürstin, für deren einziges Lächeln der verliebte Großrichter
+ Herkules Strozzi Ehre und Seele verkauft. Unsre Herzogin aber und
+ ihr Sklave Herkules wären zu bestechen, wenn der vollkommene Graf die
+ Hand dieser Unschuld begehrt, welche Donna Lukrezia aus Ferrara
+ entfernen will, weil das junge Mädchen aufs zärtlichste und rasendste
+ von dem Kardinal Ippolito geliebt wird, während sie selbst, als
+ echtes Weib, unwissend und hoffnungslos für den größten Taugenichts
+ der Erde entflammt ist.
+
+ Ohne innern Kampf wird der mäßig tapfere Graf sich nicht entschließen,
+ zwischen diese lodernden Feuer zu greifen. Aber es ist möglich, daß
+ seine Habsucht stärker ist als seine Feigheit. Beurteilt Ihr ihn
+ anders, Herzogin?"
+
+Lukrezia wunderte sich über dies freche Bekenntnis und diese
+verwegene Bloßlegung der Tatsachen, die ihrer eigenen Wertung der
+Dinge und Personen nicht allzu fern lag, welche aber nicht gelten
+durfte, weil sie es nicht wollte.
+
+Ehe sie indessen antworten konnte, ergriff Ippolito, der sich nach
+einer von Angela aus leichten Grashalmen zusammengefügten Kette
+gebückt hatte, die eben ihren zitternden Händen entglitten war,
+wiederum das Wort:
+
+"Wie diese Ringe verkettet sich Absicht mit Absicht, um Euch zu
+kuppeln, Angela Borgia; aber wie ich Euch kenne und liebe, werdet Ihr
+diese Kette zerreißen, wie ich dieses nichtige Geflecht! Denn",
+flüsterte er heiß, "Angela ließe sich eher von einem Dämon in die
+Hölle ziehen, wenn er sie liebte, als daß sie sich dazu darböte, die
+Summe eines Rechenexempels zu werden!--So rede ich, wie redet Ihr,
+Schwägerin?"
+
+Er wandte sich mit einem Antlitz, das drohte und trauerte, gegen
+Lukrezia.
+
+Sie antwortete fest: "Ich aber vermähle diese mit dem Grafen
+Contrario. Berechnend ist er--zugestanden--, wie es das Leben
+erfordert, doch nicht unadelig. Diese aber wird er behüten, besser
+als ich es vermöchte. Und was wollt denn Ihr mit Angela, Kardinal?--
+Euer Weib kann sie nicht werden, solange Ihr den Purpur tragt, und
+den werdet Ihr nicht verschleudern wollen einem Mädchen zuliebe!"
+
+"Wer weiß, Fürstin!" entgegnete er wegwerfend. "Euer Bruder
+vertauschte ihn gegen ein Herzogtum, und ich achte diese für ein
+neidenswerteres Gut! Auch ist mir minder darum bange, daß sie sich
+Eurem Günstling, dem Contrario, zuwende, sie wird es nicht über sich
+bringen--sie versuche es nur, es wird nicht gehen! Selbst nicht, um
+sich vor mir zu retten!... Denn sie gibt mir innerlich recht und
+findet sein Bildnis getroffen! Das Dreihellergesicht ist ihr ein
+Ekel. Dieser tugendsame Graf also kümmert mich nicht. Eine andere
+Marter peinigt mich und dreht sich Tag und Nacht mit mir, wie das Rad
+des Ixion.--Höre mich, Mädchen!"
+
+Angela hielt seinen fieberscharfen Blick mit erstaunten, aber mutigen
+Augen aus.
+
+"Weigerst du dich meiner Liebe, so verbiete ich dir auch die jenes
+andern, bei seinem und deinem Leben!--Wie du wild errötest!... Ich
+hasse den, welchen du in deinem Herzen verbirgst! Reiße ihn heraus!...
+er beschmutzt den edlen Schrein... ich kann es nicht ertragen!...
+Erinnere dich, wer du bist, und wende dich mit Verachtung von dem,
+der dich in den Armen der Coramba, oder wie sonst die Dirne seines
+heutigen Tages heißt, beschimpft und vergißt!--Gehorche, oder es
+wächst Unheil!"
+
+Mitten in dieser erhitzten Szene betrat ein Page den verlorenen
+Schattenplatz und bat die Herrschaften, in den Park zurückzukehren.
+Der versammelte Hof harre der Herzogin, und der Herzog wünsche, in
+seinem Kabinette den venezianischen Herrn zu beurlauben, dann aber
+die Eminenz zu sprechen. Den Großrichter habe er eben zu seiner
+Hoheit gerufen und Don Giulio auf später bescheiden müssen.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Im Schatten der herrlichsten Bäume wandelte die kleine Gesellschaft,
+die Frauen voran, der Kardinal mit Bembo harmlos plaudernd, gegen die
+Mine des Parkes, wo sie den in gerader Linie dem Schlosse zulaufenden
+Zypressengang betraten. Dieses, ein schlichtes Gebäude von nur
+mäßigen Verhältnissen, erhob sich auf dem Grunde eines schwülen,
+bleiernen Julihimmels. Eben wurde ein neuer, befestigter
+Seitenpavillon angebaut, von dem die hölzernen Gerüste der Maurer
+noch nicht entfernt worden waren.
+
+Zu der hellen, kleinen Fassade stieg eine breite Doppeltreppe empor,
+und der in den Parkanlagen sich ergehende Hofstaat erblickte oben auf
+der Rampe den unermüdlichen Herzog, wie er, seinen müßigen Hof auf
+sich warten lassend, den Neubau besichtigte und, von den Werkleuten
+zurückgehalten, mit ihnen eifrig die Arbeit besprach.
+
+Im Schatten der Hauptallee wandelte langsam die Herzogin, welche
+jetzt auf den Arm des Kardinals sich stützte, den rechts und links
+vom Wege gesammelten Hof begrüßend und nach sich ziehend.
+
+Vor die beiden trat ein wohlgebildeter, mittelgroßer Mann und bemühte
+sich mehr noch um den Kardinal, dem er besonders ergeben schien, als
+um die Herzogin, so gütig sie ihm zunickte.
+
+"Man sieht, Messer Ludovico, daß Ihr aus dem Strahlenkreise der Musen
+kommt, so licht ist Euer Antlitz!" sagte sie.
+
+"Diesmal ist es eher der geistreiche Umgang meines morgenländischen
+Freundes, der mich erheitert", versetzte Ariost, "und, wie immer,
+Eure beseligende Gegenwart."
+
+Er stellte seinen Begleiter, der, ein feinerzogener Mann, die Arme
+auf orientalische Weise über der Brust kreuzend, sich ernst verneigte,
+der Herzogin vor.
+
+Der persische Teppichhändler Ben Emin war in Ferrara die Mode des
+Tages. In Venedig vorübergehend niedergelassen, wo er in der
+Merceria die herrlichste Ware auslegte, hatte er einen Flug nach
+Ferrara getan, um dem prachtliebenden Hofe seine kostbaren Gewirke zu
+verkaufen, und in Wahrheit nicht minder, um Ariosto kennenzulernen,
+aus dessen Heldengedicht--die ersten Gesänge hatten vor kurzem die
+Presse verlassen--er sein höheres Italienisch erlernte und überhaupt
+den mannigfaltigsten Genuß schöpfte; denn Ben Emin war ein Kenner,
+wußte seine großen persischen Dichter auswendig und liebte besonders
+die Moral im Prachtgeschmeide der Dichtung.
+
+"Es ist eine ganz eigentümliche Lust, Erlauchteste", begann Ariost,
+"mit einem gebildeten Manne aus einer fremden Nation umzugehen, die
+Verschiedenheiten von Gebrauch und Sitte zu belächeln und sich an dem
+lieben, allgemeinen Menschenantlitz zu erfreuen, das aus den größten
+Unterschieden immer wieder sieghaft hervorbricht. Doch immerhin groß
+und wunderbar sind diese. So, zum Beispiel", scherzte er, "scheint
+es ein überall verbreiteter Zug zu sein, daß der Mann schenkt, wo er
+das Weib bewundert. Nicht so mein Perser! Ben Emin denkt anders.
+Er ist zwar der größte Verehrer unserer Ferraresinnen und verfolgt
+die raschen Bewegungen ihrer schlanken, seine Ware prüfenden Finger
+mit aufmerksamen und leuchtenden Augen; aber meinet Ihr, daß er der
+ihn am schönsten Anlächelnden ein 'Behaltet, Sonne!' oder 'Nehmet,
+mein Stern!' zuflüstere? Nein! Vielmehr nennt er unglaubliche
+Preise, so daß sich der süßeste Mund zum Schmollen verzieht. So
+grausam ist Ben Emin!"
+
+Die Neckerei erregte die Heiterkeit der Höflinge; Ben Emin aber, der
+unter seiner Mütze von schwarzem Lammfell mit klugen Augen blickte,
+wendete sich würdevoll an die Herzogin:
+
+"Wunder Italiens! Vollkommenste der Frauen!" sprach er in gutem
+Italienisch, "ich erwähle dich zur Richterin. Da ich Ferrara
+erreichte, warf ich mich dir zu Füßen, meinen schönsten Teppich vor
+dir ausbreitend und dich anflehend, ihn als dein Eigentum zu betreten.
+Du hattest die Gnade, meinen Wunsch zu erfüllen. Wäre es nun nicht
+eine Verkennung und Beleidigung deiner Einzigkeit, wäre es nicht
+eigentlicher Hochverrat, wenn ich mit undankbarem Herzen nach und
+neben dir andere und Geringere beschenken würde? Nicht davon zu
+reden, daß, was einer Fürstin gegenüber gerechte Huldigung ist, die
+Tugend einer niedriger Gebornen in Verruf bringen könnte. Solches
+aber sei ferne von Ben Emin!"
+
+Die Hofleute beglückwünschten den Perser zu seiner Rede und gestanden
+sich heimlich, daß der schlaue Kaufmann Ben Emin in Ferrara nicht der
+Gefoppte sei.
+
+Da die Schwüle des Hochsommertages wuchs und sich in den dichten
+Zypressenhecken verfing, suchte die Herzogin mit Ariost und dem
+Perser das große Boskett in der Tiefe des Parkes auf, wo ein Ring
+hoher Ulmen seine Kronen wiegte und zu einer luftigen Wölbung
+zusammenschloß. Hier stand in der Mitte auf einem verwitterten
+Marmor ein eherner Kupido, der sich mit zerrissenen Flügeln und
+verschütteten Pfeilen in Fesseln wand. Dieses Bild sagte in der
+wunderbar freien Sprache des Jahrhunderts, daß für die verheiratete
+Lukrezia die Zeit der Leidenschaft vorüber sei, und hier in der Runde
+auf den Steinbänken pflegte die Gemahlin Herzog Alfonsos im Sommer
+Hof zu halten.
+
+
+Währenddessen haschte in der verlassenen Hauptallee ein Jüngling
+einen anderen, der ihm in das Gebüsch zu entschlüpfen suchte. Beides
+waren Jugendgestalten voller Kraft und Anmut, von vollkommenem Wuchs
+und geschmeidigen Gliedern--zwei Könige des Lebens.
+
+"Halt' ich dich endlich, Julius!" rief der eine und legte seinem
+Gefangenen den Arm um den Nacken. "Ich denke, wir sind beide zum
+Herzog befohlen und wandeln nun diese kurze Lebensstrecke zusammen!"
+Er wies auf den grünen Gang mit dem Schloß am Ende.
+
+"Sie ist lang, Herkules", seufzte Don Giulio, "und gewährt dir Raum
+zu einer rednerischen Leistung; doch ich leide mein Schicksal."
+
+"Mein Freund", begann Strozzi, "ich werde nicht predigen, teils weil
+ich von der Eitelkeit solcher Zusprüche im allgemeinen und ihrer
+Vergeblichkeit dir gegenüber insbesondere überzeugt, teils weil ich
+zum Herzog gerufen bin, ich fürchte, um mit ihm das jüngste Ärgernis
+zu betrachten, das du in deinem Pratello gegeben hast, wovon ihm der
+umständliche Bericht des Polizeihauptmanns Zoppo vorliegt: Tumult,
+Blasphemie, Entführung, Blut, Gewalttat, mehrere Tote!"
+
+"Oh, so stand es nicht im Programm. Es war ein klassisches
+Bacchusfest beabsichtigt. Du hättest nur die Coramba mit ihren
+wilden Reizen als Ariadne sehen sollen! Trage ich vielleicht die
+Schuld, daß die Krönung der Ariadne durch den Mißverstand meiner
+Bauern in den Raub der Sabinerinnen und in zentaurischen Mord und
+Totschlag ausartete?"
+
+"Kein Wort mehr davon, Giulio! Dein ruchloser Leichtsinn könnte das
+treuste, das angeborne Wohlwollen erschöpfen, und ich hätte mich
+längst mit Ekel von dir abgewendet, so lieb du mir bist, du schönes
+Laster, hättest du nur die Hälfte deiner Taten gefrevelt; aber das
+Ganze übersteigt derart die Schranke, daß ich dich als eine
+Sondergestalt betrachte, welche jeden menschlichen Maßstab verspottet.
+Deshalb bin ich entschlossen, statt dich von neuem in Fesseln legen
+zu lassen, beim Herzoge deine Verbannung aus Ferrara von wenigstens
+einem Jahre zu beantragen. Das verkünde ich dir. Du magst in den
+venezianischen Kriegsdienst zurückkehren, den du nie hättest
+verlassen sollen."
+
+"Ob ich nach Venedig zurückgehe", versetzte Don Giulio, "wer lebt,
+der erfährt's!" Und es wetterleuchtete über seine junge Stirn. "Doch
+ich bitte dich, mache mich Menschlichen nicht zum Unmenschen! Ich
+bin kein sittliches Ungeheuer--nicht einmal deine Donna Lukrezia ist
+es, deren farblose Augen dich bannen, daß du ihr sinnlos zustreben
+mußt! Die deine Einteilungen und Fächer zerstört und deine Göttin
+Gerechtigkeit stürzt und überwindet! Auch sie ist nicht der Dämon,
+vor dem du erbebst."
+
+"Daß ich die Gesetzlose lieben muß, ist Schicksal", sagte der Richter
+mit einem peinvollen Lächeln. "Doch daß ich ihr zulieb' das Gesetz
+vergessen, das heilige Recht verletzen sollte, erscheint mir
+unmöglich!" Und er seufzte, schmerzlich fühlend, daß er nicht minder
+als sein genußsüchtiger Freund an einem giftigen Schlangenbisse
+dahinsieche.
+
+"Ich sage dir ja", tröstete Don Giulio, ungeduldig bewegt von dem
+Schmerzensausdruck, "du übertreibst dir das Weib ins Große. Das Weib,
+das dich entsetzt und bestrickt, ist nicht jene Lukrezia, die dort
+unten lustwandelt. Du erstaunst, und deine Augen befragen mich! Nun
+ja, ich nehme sie natürlicher. Wo sie herstammt und wie sie aufwuchs,
+das wissen wir. Es scheint dir wunderbar, Prätor, daß sie die
+Frevel ihrer Vergangenheit verwindet ohne Gericht und Sühne. Siehst
+du nicht, daß es nur der Rettungsgürtel ihres vom Vater ererbten
+Leichtsinnes ist, der sie oben hält? Und daß sie nun über der
+tödlichen Tiefe hell und sorglos dem Porte der Tugend zukämpft,
+hältst du für dämonische Größe. Ich sage dir: mit Ausnahme der Anmut,
+die sie füllt bis in die Fingerspitzen, ist sie ein gewöhnliches,
+rasch bedachtes Weib! Ein ganz gewöhnliches Weib! Glaube mir, ein
+menschliches Weib!" endete der Jüngling mit einem übermütigen
+Gelächter.
+
+Sie waren am Fuße des Schlosses angelangt und betraten das Freie, wo
+sich unter einem bleiernen Himmel in stumpfer Helle der
+Neptunusbrunnen erhob. Dieser stand, an das Fundament des
+Mittelbaues gelehnt, in dem Halbrund, das die beiden zur
+Schloßterrasse ansteigenden Freitreppen bildeten, und rauschte und
+plätscherte in der Schwüle, genährt von den Wasserstrahlen, welche
+das Gesinde des Meergottes aus Urnen und Muscheln in die Riesenschale
+herabgoß.
+
+Der Richter wollte die nächste Treppe hinaufeilen, denn er wußte sich
+vom Herzog erwartet. Da wandte sich Don Giulio, dessen Arm ihn
+umfaßt hielt, rasch wieder gegen den dunkeln Park zurück und zog den
+widerstrebenden Freund mit sich.
+
+Er hatte noch nicht ausgeredet.
+
+Seltsam verschlangen sich auf dem hellen Kiesgrund zu ihren Füßen
+zwei ringende, kurze Schatten. Strozzi sah den grotesken Kampf und
+lachte: "Siehe, wie du mich zwingst!"
+
+"Mein Bruder also schickt mich nach Venedig", sagte der Este, während
+sie noch einmal den endlosen Baumgang betraten, "derselbe Bruder, der
+mich unlängst aus politischen Gründen von Venedig zurückberief!"
+
+"Hättest du die Geringschätzung in dem Lächeln seiner Mundwinkel
+gesehen, als er die Meldung deines augenblicklichen Gehorsams empfing!
+Ich stand daneben. Er hatte dich Papst Julius zu Gefallen
+zurückrufen müssen; aber es war nur zum Schein: er erwartete, du
+würdest ihn verstehn und ihm nicht gehorchen."
+
+Eine zornige Macht leuchtete jetzt aus den sanften Augen Don Giulios.
+Noch war er nicht so verweichlicht, daß es ihn nicht empört hätte,
+sich mißachtet zu sehen; doch verbarg er seinen Unwillen unter einem
+Lächeln.
+
+"Zu klug für mich! Und dann, du weißt, ich bin kein Feldherr, nicht
+einmal ein Soldat", sagte er. "Ich liebe Blutvergießen nicht..."
+
+"Und vergießest so viel, daß es dir von den Händen träufelt und deine
+Fußstapfen füllt!"
+
+"Nur wenn ein Lästiger mein Vergnügen stört!" erwiderte der Este
+frevelmütig. "Aber was du sagst, Herkules! Ihr schickt mich wieder
+nach Venedig! Halb bin ich es zufrieden, halb schmerzt es mich--
+halb bin ich hier gebunden, halb streb' ich fort--mir selbst ein
+Rätsel!..."
+
+"Das die dunkellockige Angela löst! Du suchst und fliehst sie!"
+
+"Keineswegs", sagte Don Giulio, "sie ist mir gleichgültig. Aber seit
+jenem Einzug vor zwei Jahren--du warst ja dabei und nahmst dich
+prächtig aus als ernsthafter Träger einer goldenen Baldachinstange,
+da hast du es selbst gehört, wie sie mich vor allem Volke bedroht und
+gerichtet hat... seit jenem Tage bin ich nicht mehr derselbe! Meine
+Sinne taumeln, und wie ein Rasender suche, wechsle ich Mund und
+Becher und habe nur einen Wunsch, daß jene, die sich feindselig und
+kalt von mir abwendet, mir noch einmal ihr hellflammendes Antlitz
+zukehre und mich noch einmal bedrohe--noch stärker als das erstemal...
+Doch ich rede Unsinn. Sendet mich nach Venedig!"
+
+Er schöpfte Atem. "Auch ist es gut für ihn und mich", fuhr er fort,
+"wenn ich dem Bruder Kardinal eine Weile aus den Augen komme. Er
+liebte mich einst, und jetzt beginnt er mich zu hassen auf eine
+unmenschliche Weise. Urteile selbst! Neulich hält er mich fest und
+raunt mir mit drohender Stimme ins Ohr: 'Julius, ich verbiete dir das
+Antlitz Angelas! Ich verbiete dir ihre Augen! Ich verbiete dir
+ihren Atem! Bei deinem Leben!'"
+
+"Ich weiß", antwortete der Richter, "der Ungerechte liebt die Ärmste
+wütend. Und sündig wie die Welt und allmächtig, wie er auf diesem
+Ferrara heißenden sündigsten Fleck derselben ist, wäre sie dem Geier
+schon längst ohne Erbarmen zum Raube gefallen sein, wenn nicht..."
+
+"Und du schneidest nicht dazwischen, Großrichter? Du Liebhaber
+und Diener der Gerechtigkeit? Rette das Mädchen! Damit wollte
+ich dich betrauen, mein Herkules, bevor ich nach Venedig gehe.
+Ich kann es nicht, denn ich würde ihr Unglück bringen..." er
+schwieg und träumte--"wie sie mir! Bei jener Herausforderung des
+Kardinals--du weißt, ich bin ein Genießender, aber kein
+Feigling!--wallte mein Blut, und ich hätte ihm sein wahnsinniges
+Verbot ins Angesicht zurückgeschleudert, hätte es sich um eine
+meiner Schönen gehandelt--aber ich überlegte mir", er deckte die
+Augen sinnend mit der Hand, "daß ich das Mädchen nicht liebe, und
+daß ich bei der Art meines Bruders schweres Unheil auf sie
+herabzöge, wenn ich mich schützend neben sie stellte. Und sie
+würde es nicht dulden--sie will es nicht. Sie verachtet mich, sie
+richtet mich--und ruft Unheil auf mich herab:--Oh, schade!"--Dann
+fuhr er im Zorne der Erinnerung fort: "Der Kardinal mag sein Netz
+über sie werfen, obwohl ich es grausam und abscheulich finde,
+abscheulich und hassenswert, wie diese ganze Welt, wenn ich nicht
+trunken bin oder einen Frauenmund küsse."
+
+"Beruhige dich", sagte der Großrichter ernst, "es wird ihr nichts
+geschehen, davon bin ich überzeugt; keine Falte des Gewandes darf ihr
+verschoben werden, denn sie wird beschützt--von Lukrezia Borgia."
+
+"Gut so! Ich überlasse sie dieser Heiligen", spottete der Este; "ich
+aber will mich in einen Myrtenschatten an eine frische Quelle setzen
+und darin meinen Wein kühlen... Wenn nicht der andere Bruder,
+Ferrante, durch die Büsche bricht, sich neben mir ins Gras wirft und
+mir mit seinen Verschwörungen und hochverräterischen Einflüsterungen
+das Ohr vergiftet, wo ich dann die Wahl habe, ob ich ihn für einen
+Narren oder Bösewicht oder für beides halten soll. Neulich lud er
+mich brüderlich ein, den Herzog, wie er sich ausdrückte, aus der
+Mitte zu schaffen; doch sei überzeugt, hätte ich nur halbwegs
+hingehorcht, der Arge wäre zur selben Stunde an mir zum Verräter
+geworden. Auf diese Fährte aber folge ich ihm nicht, sondern
+schließe ihm den Mund, denn ich verehre den Herzog und hasse die
+Felonie. Aber sage mir, Strozzi, hältst du Don Ferrante eines bösen
+Streiches für fähig um der Krone willen?"
+
+"Es sind Tücken ohne Folge und Frucht", antwortete der Richter, "wenn
+nicht ungewöhnliche Lagen oder unerwartete Erschütterungen die
+Drachensaat verhängnisvoll zeitigen."
+
+"Macht das unter euch aus, ihr Raubtiere", lachte der leichtherzige
+Julius, "und wenn ich aus Venedig zurückkehre, will ich sehen, welche
+Leichen auf der Hofbühne von Ferrara herumliegen. Lebe wohl, Anbeter
+der Gerechtigkeit, und eile dich! Der Herzog wartet."
+
+Er umarmte den Freund und ließ ihn dann mit solchem Ungestüm fahren,
+daß jener taumelte. Strozzi suchte mit schnellen Schritten die Villa,
+und Julius schlenderte ihm gelassen nach.
+
+
+Da er den Neptunusbrunnen erreichte, badete er sich, der Kühle
+bedürftig, das Antlitz und ließ den aus der Steinbrust eines
+Meerweibes springenden Wasserstrahl gegen seine durch die vertobte
+Nacht entkräftete Stirn fahren. Da, während er sich das Haupt mit
+seinem Tuche trocknete, wurde er eines müden Strolches gewahr, der
+unbeweglich auf einer Steinbank im schmalen Schatten des Mauerrunds
+lagerte und, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, ihn unter dem Filz
+hervor mit unverwandten Augen beobachtete. Jetzt sprang er rasch auf
+die Füße und verneigte sich mit der Begrüßung: "Ich verehre Euch, Don
+Giulio!"
+
+"Bleib!" bedeutete ihn der leutselige Este, "aber rücke! Es ist Raum
+für zwei. Ich habe Lust zu schlummern; du bewachst mich!"
+
+Der Bravo zeigte lächelnd die weißen Zähne und lüftete den Dolch, der
+ihm am Gurt hing, ein wenig in der Scheide.
+
+"Du bist von den Leuten des Kardinals?" sagte Don Giulio. "Wie
+heißest du?"--Der Kardinal war als der Besitzer und Ernährer einer
+stattlichen Bande bekannt.
+
+"Ich nenne mich Kratzkralle", antwortete der andere untertänig.
+
+"Aber dein christlicher Name?"
+
+"Vergessen. Er war auch ein bißchen stinkend geworden."
+
+"Den neuen hat dir wohl dein Kardinal gegeben? Und wie nennen sich
+die andern vom Gesinde?"
+
+"Sie heißen, mit Erlaubnis Eurer Herrlichkeit, Dornbart,
+Zähnefletscher, Drachenblut, Eberzahn, Grimmrot und Firlefanz. Mit
+mir unser sieben--wohlgezählt. Wir sind die sieben Todsünden des
+Kardinals, wie uns das Volk von Ferrara nennt."
+
+"Nun kenne ich auch eure Marschordnung", sagte Don Giulio, auf den
+fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hölle anspielend, wo
+der Kardinal als ein Verehrer des göttlichen Dichters die Namen
+seiner Bande gefunden hatte.
+
+Er brach in ein helles Gelächter aus. Don Giulio konnte noch recht
+kindlich lachen. Dann aber reckte er die Arme: "Wie ich müde bin!"
+
+Er warf sich auf die Bank nieder, ohne die Berührung des anderen zu
+scheuen, suchte seine Lage und war entschlummert.
+
+Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll: "O du schöne
+Jugend!"
+
+
+Zuerst versank der Müde in eine traumlose Tiefe, Vergessen schlürfend
+in langen, durstigen Zügen; dann öffnete sich langsam sein inneres
+Auge, und daran vorüber eilte, aufdämmernd, eine flüchtige Jagd, ein
+hastiges Gedränge bacchischer Erscheinungen, rasende Körper,
+rücklings geworfene Häupter, geschwungene Zimbeln, Pauke und
+Evoeschrei. Horch! In weiter Ferne, aus anderer Richtung, zuerst
+kaum hörbar, dann schwer anschwellend, dröhnende Posaunen!
+
+Unbekannte Angst befiel ihn. Da stand er plötzlich in einer ernsten
+Versammlung, in einem Kreise von Richtern verschiedener Völker und
+Zeiten. In der Mitte saß, grau und streng, wie aus Stein gehauen,
+Carolus Magnus, sein großes Richtschwert auf die Knie gelegt; zu
+seiner Rechten stand der Prophet Samuel, den geisterhaften Mantel
+über der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend; zu seiner Linken
+der Römer Brutus, der strenge Vater, inmitten seiner Liktoren, von
+denen seltsamerweise der Richter Herkules, Giulios Freund, eben
+gefesselt wurde. Der Träumende erstaunte, daß ihrer beider
+ferraresische Sünden eines so hohen Gerichtes würdig erfunden seien.
+Jetzt ertönte die mächtige Stimme Kaiser Karls, ohne daß er die
+Lippen bewegte: "Julius Este, das von der Jungfrau dir verkündigte
+Gericht ist da. Sie ist es selbst." Wieder dröhnte die Posaune, und
+alles stürzte zusammen.
+
+Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte
+Don Giulio im Grase, zu der freundlich über ihn geneigten Angela
+emporblickend.
+
+"Du Tor", sagte sie, wie in einem Gespräche fortfahrend, "darf auch
+ein Mädchen zu einem Jüngling sagen: ich liebe dich? Sie muß ihr
+Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und
+Drohung. Auch, wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger
+Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben? Und dennoch: Gerade deine
+viele Sünde, die ich strafen muß, ist es, die mich an dich kettet.
+Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen, mit denen du frevelst.
+Reiße sie aus und wirf sie von dir!"
+
+Don Giulio wunderte sich im Traume, wie frech und vertraut die stolze
+Angela zu ihm rede; er lauschte bange, was da noch kommen werde, und
+als sie schwieg, wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick. Er
+wollte sich aufschnellen, war aber von unsichtbaren Banden an den
+Boden gefesselt und außerstande, die kleinste Bewegung zu machen.
+
+"Du willst nicht?" begann jetzt die Traum-Angela wieder; "aber es ist
+einmal nicht anders." Damit tauchte sie den Finger in eine Schale,
+die sie in der Linken hielt, und träufelte dem Ärmsten, der sich
+umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte, einen Tropfen
+roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge.
+Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz, und tiefe Finsternis,
+dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht, umfing ihn.
+
+Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen,
+der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete.
+
+"Schlimm geträumt, Herrlichkeit!" sagte Kratzkralle.
+
+"Entsetzlich! Mir war, ich werde geblendet."
+
+"Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht", meinte
+der Bandit. "Meine Verehrungen, Herrlichkeit! Doch nun beurlaubt
+mich."
+
+Er verbeugte sich, blieb aber stehen, wie durch eine gewisse
+Zärtlichkeit zurückgehalten, und begann mit bedenklicher Miene und
+gedämpfter Stimme: "Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne
+Glauben schenken will, so verzieht sie sich sachte von hier in dieser
+gegenwärtigen Stunde noch, sucht ein Klösterlein auf--Sant Andrea in
+den Stauden liegt nahe, der Heilige ist gut und die dortige
+Brüderschaft diskret--, gibt jedem Bettler, dem sie auf dem Wege
+begegnet, ein Goldstück, tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde,
+verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die
+lieben bedrohten Augen. Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch!"
+schloß er mit Inbrunst.
+
+"Bist du traumgläubig?" scherzte Don Giulio, der schnell seine
+Sicherheit wiedergewonnen hatte.
+
+"Ich weiß, was ich weiß", versetzte der Bandit. "Mir hat einst
+geträumt, ebenso eindrücklich wie Euch heute, ich ersteche meinen
+Schwager. Erwacht, tat ich das Mögliche von frommen Dingen; aber es
+mußte nur sein."
+
+Er grüßte tief und war weg. Offenbar hatte er es eilig, aus der Nähe
+eines Menschen wegzukommen, der nach seiner festen Überzeugung einem
+dunkeln Schicksal verfallen war.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Don Giulio erstieg langsam die Treppen und suchte, den Blick aufwärts
+wendend, sehnsüchtig das süße Blau, welches er im Traume für immer
+verloren hatte. Aber er suchte vergebens; denn der Himmel war von
+den trüben Dämpfen der Julihitze gänzlich verdüstert.
+
+Als er den Fuß auf die oberste Stufe setzte, kam ihm aus der Halle
+des Hauses mit ungewissen Schritten der Oberrichter entgegen, bleich
+wie ein Toter und mit so unglücklich blickenden Augen, daß Don Giulio
+vom innigsten Mitleid ergriffen wurde und, den Arm um die Schulter
+des Freundes schlagend, ihn an das Terrassengeländer zog und mit ihm
+auf das Brunnenbecken und in das rauschende Spiel seiner Wasser
+niederblickte.
+
+"Was geschah denn?" flüsterte er ihm ins Ohr. "Was ist dir begegnet?"
+
+Strozzi erwiderte mit schmerzlich verzogenem Munde: "Nichts. Du
+verreisest für zwei Jahre nach Venedig. Deine Sache ist beigelegt
+und kommt nicht vor Gericht. Deine Orgie in Pratello bleibt
+ungestraft. Wiederum und noch einmal eine unverurteilte blutige Tat!
+Auch der Herzog beklagt es und seufzt über euch, seine Brüder."
+
+"Auch über den Kardinal?"
+
+"Über euch alle. Den Kardinal nannte er einen Eigenmächtigen, einen
+Gesetzlosen, einen dem Staate Ferrara unentbehrlichen Frevler, und
+befahl mir, seine Bande, wenn er sie nicht, wie er fest zugesagt,
+heute noch ablöhne und auflöse, mit Galgen und Rad zu verfolgen--
+unnachsichtlich! Dabei erhitzte er sich", berichtete Strozzi weiter,
+"und sprach eifrig von dem Staate Ferrara, wie er ihn sich denke, als
+ein Staatswesen von unbedingter Gerechtigkeit, durchaus ohne Ansehen
+der Person, ohne Begünstigung, ohne Bestechung.
+
+'Eine Justiz, wie sie Eure Republik besitzt', sagte er, sich zur
+Seite wendend, und ich erblickte in einer Fensternische den
+Venezianer, der gekommen war, vom Herzog Urlaub zu nehmen, und
+bescheiden in einem Buche blätterte, um meine Audienz nicht zu stören.
+Der Angeredete lächelte höflich.
+
+'Vergebung, Bembo!' fuhr der Herzog fort. 'Ich weiß, Euer Reisezug
+wartet, denn Ihr wollt die Nachtkühle benutzen zu Eurem Romritt, um
+der Julisonne auszuweichen. Verzeiht meinem Schreiber, daß der
+Langsame und Gewissenhafte Euch auf das Memorial warten läßt, das Ihr
+mir die Gunst erweisen wollt für mich in die Hände des Heiligen
+Vaters zu legen. Ein furchtbarer Mensch, dieser Julius. Er liebt
+mich nicht; empfehlt mich ihm. Und was werdet Ihr dem Schrecklichen
+sagen'--der Herzog lächelte--'wenn er Euch fragen wird, was Euch
+bewog, Ferrara zu verlassen? Er weiß, daß ich von Männern, wie Ihr,
+nicht gerne verlassen werde. So gut als ich, schätzt er Euch als
+einen Bedeutenden und Zukunftsvollen, den zu verkennen eine Schmach
+der Unbildung wäre, und der jedem italienischen Hofe zur Zierde
+gereicht. Nun, Bembo, saget mir, was werdet Ihr der Heiligkeit
+antworten?'
+
+'Die Wahrheit, Herzog', erwiderte der Venezianer mit seiner
+einschmeichelnden Stimme. 'Heiligkeit, werde ich sagen, ich verlasse
+Ferrara, weil ich den Herzog verehre, und fürchte, die Herzogin zu
+lieben. Kein Sterblicher wird ihres täglichen Umgangs genießen, ohne
+von ihrem geheimnisvollen Wesen und von ihrer klaren Anmut gefesselt
+zu werden. Wo ist da die Grenze zwischen Bewunderung und
+Leidenschaft? Wo liegt das richtende Schwert, das die Körper und die
+Seelen trennt? Es tötet, ohne zu blitzen! Lieber aber verendete ich
+in tausend Qualen, als daß ich die hohe Frau durch eine auflodernde
+Flamme verletzte, oder an meinem edlen Gastfreunde, auch nur im
+Fiebertraume, Raub verübte. So werde ich zum Heiligen Vater reden...'"
+
+"Kühn und auch klug gesprochen", unterbrach hier Don Giulio den
+Erzählenden, indem er zum Spiel nach einem Wasserbogen haschte,
+dessen fallenden Regen ein Hauch des Südwindes ihm zutrieb.
+
+Der Richter aber fuhr fort: "Don Alfonso schien durch das Bekenntnis
+seines Gastes befriedigt und mit dessen Abreise einverstanden. 'Ich
+könnte Euch solche freimütige Rede an den Heiligen Vater nicht
+verargen', sagte er, 'sie hätte nichts Unziemliches, sondern ehrt uns
+alle. Schreibt uns zuweilen, Bembo! ' Dann aber wurde er drohend und
+wies auf mich. 'Dieser Mensch', sagte er, 'krankt an dem gleichen
+Übel, ohne weise zu sein, wie Ihr, und ein Heilmittel zu suchen.
+Redet zu ihm und gebet ihm Rat.'
+
+Da erhob ich zornig das Haupt und versetzte: 'Solches, Herzog,
+gestehe ich nicht ein mit dem Munde; meine Gedanken aber anerkennen
+keinen Richter. Wenn solches wäre, ich wüßte mir Rat, so gut wie
+Bembo. Laßt mich ziehen, Herzog! Die Luft von Ferrara erstickt mich.
+Ich bin noch zu jung mit meinen zwanzig Jahren, die heilige Waage
+der Themis zu halten; ich bin ein noch unfertiges Metall, eine
+flüssige Lava. Noch kämpfen um mich verschiedene Gesetze und
+Anbetungen! Gebt mir Urlaub! Ich will die Hochschule von Paris
+besuchen, wohin ich schon lange trachte, und ich werde einst Euch und
+dem Staate Ferrara reifer und brauchbarer zurückkehren, als ein Mann
+des Rechts, den nichts mehr besticht und blendet.'
+
+Der Herzog entgegnete mir ernst: 'Keine Rede davon, daß Ihr Euer kaum
+angetretenes Amt verlasset. Unter meinen Augen begannet Ihr eine
+Reform unseres Gerichtswesens, und ich ertrage es nicht, daß in
+Ferrara eine unternommene öffentliche Arbeit leichtsinnig
+unterbrochen und verspätet werde. Wohin würde uns solche
+Gewissenlosigkeit führen?--Was aber die Sklaverei betrifft, in der
+Ihr schmachtet, so leugnet Ihr sie mit dem Munde, aber mit Blicken
+und Gebärden legt Ihr sie auf eine ärgerliche 'Weise an den Tag.
+Darum bitte ich unsern scheidenden Freund', er ergriff den Venezianer
+bei der Hand, 'Euch über Euern gefährlichen innern Zwist aufzuklären.
+Er ist Euch glaubwürdig; denn, wie Dante im wilden Walde, ist er
+angstvoll den reißenden Bestien entronnen. Seid sein Führer, Bembo.
+Redet in meiner Gegenwart ohne Zwang und Schleier. Es besteht kein
+Geheimnis unter uns, wir kennen unsere Gesichter und Masken.'--So
+quälte uns der grausame Pedant, und wir knirschten unter der Marter!"
+
+"In der Tat, ein genialer Gedanke des Ehemannes, in seiner Gegenwart
+den einen Anbeter seiner Frau durch den andern abkanzeln zu lassen!"
+lachte Don Giulio. "Das gleicht dem Bruder! Ich sehe, wie du in
+verhaltenem Ingrimm die Augen rollst, und wie der schlangengewandte
+Venezianer seine zerrissene Seele zu einem schmerzlichen rhetorischen
+Meisterstücke stimmt. Was sagte er denn?"
+
+"Zuerst zog er die feinen Brauen zusammen und schwieg eine Weile.
+Dann trat er zu mir und ergriff mitleidig meine Hand. 'Herkules',
+begann er, 'die Zeit drängt; meine Rosse stampfen vor dem Tore, und
+mein Geist ist schon unterwegs. Möge diese meine letzte Minute
+Frucht tragen mit der Hilfe Gottes! Ich habe keine Zeit, meine Worte
+zu wägen; und da die Hoheit selbst es ausgesprochen hat, daß hier
+kein Geheimnis walte, so enthülle ich schonungslos das Antlitz der
+Dinge. Dein Leiden ist ein wundersamer Fall. Nicht wie mich armen
+Sünder besiegt dich die Übergewalt des weiblichen Reizes. Du bist
+weit gefährlicher krank; denn dein Übel entspringt auf dem Gebiete
+deines stolzen und eigenwilligen Geistes. Dein strenger Rechtssinn
+verdammt das, was dein Auge beglückt und das Feuer deines Herzens
+entzündet. Das ist dein Widerspruch und dein Irrsal. Der Richter
+wird entflammt für die von ihm Gerichtete. Besieh dir doch ihr
+Schicksal! Ein kindliches Weib, in unselige Abhängigkeiten
+hineingewachsen, schuldig schuldlos, wie die liebliche
+Frauenschwachheit ist, flieht, von innerer Klarheit erhellt, mit
+zitternden Füßen aus dem Banne des Bösen und ergreift die ihr
+gebotene Hand eines seltenen, ja einzigen Mannes, der dein Fürst ist,
+o Strozzi! und ein weiser Erforscher der Menschennatur. Er erkennt
+die edle Anlage Lukrezias und zieht sie in göttlicher Weise mit sich
+empor. Nun werden ihre Schritte täglich sicherer, und immer größeres
+Wohlgefallen gewinnt sie an der Tugend und an ihren belohnten Kämpfen.
+Da kommst du, Unseliger, siehst die Emporgehobene in den Armen
+ihres Schutzengels, verurteilst sie zu den Höllenkreisen und stürzest
+dich auf sie, um dein Urteil selbst auszuführen. Wehe dir, du bist
+ihr verfallen! Du umklammerst ihre Knie; sie aber wird sich von dir
+lösen, und du stürzest allein in die Tiefe! Armer Ixion, du
+umschlingst statt der Göttin die Wolke, und daß dein Frevel völlig
+unausführbar und unmöglich ist, das allein entschuldigt ihn. Frage
+dein Herz, Strozzi!' und der Venezianer drückte mir in Tränen die
+Hand. 'Fühlst du nicht, wie rührend und geschmackvoll die neue
+Lukrezia ist, die in ihrer stillen und bedachten Weise das schlichte
+Gute tut und ohne prunkende Buße sich mit den allgemeinen Tröstungen
+der Kirche begnügt? Wenn du die einfache Anmut dieser Erscheinung
+betrachtest, beschleicht dich nicht der Zweifel, ob die Verleumdung,
+das Laster unserer Zeit--denn wir alle verleumden und werden
+verleumdet--, sich nicht an diesem erlauchten Weibe mehr als an
+andern vergangen und das menschlich natürliche Bild einer Dulderin
+ins Dämonische verzerrt habe?...'"
+
+Das laute Gelächter seines Freundes unterbrach ihn. "Das ist stark!"
+rief Don Giulio. "O Jahrhundert unverschämter Wahrheit und
+gründlicher Lüge!"
+
+Da zuckte er leicht zusammen, denn ein leiser Finger berührte seinen
+freien Nacken. Kurz wandte er sich um und blickte in das abgezehrte
+und feindliche Gesicht des Kardinals, dessen langsames Emporsteigen
+das Springen der Wasser übertönt und verborgen hatte.
+
+"Ich glaube, der Herzog erwartet uns beide", sagte Ippolito, über das
+Wort seines jungen Bruders, das er noch auf gefangen hatte,
+unwillkürlich lächelnd. "Folget mir ohne Verzug!" Und er verschwand
+in der Villa.
+
+"Ich verlasse dich, Herkules!" sagte der Este. "Nur eines muß ich
+noch wissen: Woher deine tödliche Blässe, die mich erschreckte, da
+ich dir hier entgegentrat?"
+
+"So höre denn das Ende des Auftritts und das Meuchelwort des Herzogs!
+Zuerst sagte er ruhig und finster: 'Euer Bildnis der Herzogin, Bembo,
+ist treffend und nicht geschmeichelt.' Er fixierte uns beide. Mit
+meiner Miene schien er nicht zufrieden. Es erhob sich etwas Heißes
+in ihm, und er wandte sich drohend gegen mich. 'Ich frage mich,
+Strozzi', sagte er, 'ob Eure Leidenschaft nicht gelegentlich Euern
+Gehorsam gegen den Fürsten und das Gesetz zu Euerm Unheil ins Wanken
+bringen könnte! Nicht zwar auf Euerm eigensten Boden in Rechtsfragen,
+da halte ich Euch für unbestechlich und unterordne mich Eurem Urteil.
+So bin ich zum Beispiel überzeugt, daß Ihr in dem Erbstreite meines
+Fiskus mit dem Grafen Contrario das Recht finden werdet. Auch wird
+Euch hier die Herzogin trotz ihrer Begünstigung des Grafen nie
+irreleiten; aber es gibt einen Fall und eine Stunde, die sie ihres
+klaren Sinnes berauben werden. Ihr verderblicher Bruder wird Italien
+wiederum betreten und uns verwirren. Ich werde meinen Untertanen
+jede Verknüpfung mit ihm verbieten. Doch meine erste Untertanin, die
+Herzogin, wird nicht gehorchen; denn sie kann es nicht, es steht
+nicht in ihrer Macht. Mit den härtesten Strafen werde ich verhüten,
+daß sie kein Werkzeug finde, und doch wird sie eines finden... Euch
+wird sie ergreifen, Herkules Strozzi. Damit ist Euer Haupt verwirkt.
+Ich werde Euch richten. Nicht öffentlich, denn es ist eine
+Familiensache und eine Staatssache, die beide das Geheimnis fordern.
+Man wird Euch tot auf der Straße finden.'--Hier erblaßte Bembo, und
+du sagst, daß auch ich blaß geblieben bin.--Unbeirrt und gemessen
+jedoch fuhr der Herzog fort: 'Bembo, Ihr seid vor Gott und Menschen
+mein Zeuge, daß dieser nicht ungerichtet stirbt! Du aber, Herkules
+Strozzi, siehe zu, wie du der Herzogin und mir entrinnest!' Jetzt
+brachte ein furchtsamer Schreiber die Rolle für den Papst, und wir
+waren entlassen. Ich begleitete den Venezianer zu seinen Dienern und
+Pferden. Den Fuß schon im Steigbügel, flüsterte er mir zu: 'Hüte dich
+vor dir selber, Herkules!'"
+
+Don Giulio schauderte. Strozzi berührte flüchtig seine Lippen und
+sagte: "Nun reise auch du schnell und glücklich!"
+
+"Diesen Abend noch!"
+
+"Nein, sobald du aus dem Schlosse trittst!" sprach der Richter und
+stieg die Treppe hinunter, während der andere seinem Bruder, dem
+Kardinal, nacheilte.
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Diesen fand er mit dem Herzog in einer schmalen, hohen Kammer, die
+ein einziges großes Fenster erhellte. Es war ein geheiligter Raum,
+den zu betreten dem Hofe untersagt war. Die Wände waren mit Plänen
+und Karten bekleidet, und in der Mitte auf dem breiten Schreibtische,
+an dem der Herzog, die Stirn in die Hand gelegt, sich niedergelassen
+hatte, ruhte ein Globus.
+
+Sowie sich die Brüder vor ihm gegenüberstanden, blitzten sie, durch
+den bloßen Anblick ihrer Gesichter gereizt, sich feindselig an, und
+während der Herzog mit einem Zuge der Besorgnis zuhörte,
+überschüttete der Kardinal Don Giulio mit zornigen Worten.
+
+"Ich verlange", rief er, "daß Eure Hoheit diesem Nichtswürdigen den
+Hof verbiete; ich will, daß er Ferrara meide ewiglich und uns nicht
+länger das Ärgernis seiner Nichtigkeit und Straflosigkeit gebe. Er
+beschämt und entehrt unser Geschlecht! Stoße ihn aus, Bruder!"
+
+Unter so unerhörter Beleidigung zuckte Don Giulio zusammen. Er
+bäumte sich unter dieser Geißelung; es war, als ob sich seine Züge
+vergrößerten und ein edleres Urbild durchschiene, das sich empört
+erhebe gegen solche Erniedrigung.
+
+"Kardinal", sagte er, "was ich sündigte, habe ich mir gesündigt. Und
+ich weiß nicht, ob ein frei Genießender nicht schuldlos ist neben
+einem Staatsmanne, der, wie ein Giftmischer, das Böse berechnend und
+wissenschaftlich zu seinen Zwecken braucht und verarbeitet."
+
+"Diese Gedankenlosigkeit ist gerade, was ich dir vorwerfe, du
+trauriger Gegenstand!" versetzte der Kardinal, "und daß du ohne jede
+geistige Freude dem gemeinsten Genusse frönst. Und darum, weil ich
+weiß, was du, Verworfener, Liebe nennst, verbiete ich dir Donna
+Angela! Berühre sie nicht mit dem leisesten Atem, mit dem
+flüchtigsten Gedanken, denn--pfui deine Gedanken!"
+
+Mit Tränen erwiderte Don Giulio: "Warum stößest du mich in den
+Schlamm, daß ich darin ersticke, während du mich früher emporheben
+wolltest? Warum hassest du mich so wild, der du einst den Knaben
+väterlich geliebt hast?"
+
+"Das will ich dir sagen, Julius. Als ich, der zehn Jahre Ältere,
+dich als Kind neben mir sah, freute ich mich deines offenen Antlitzes
+und deines hellen Geistes. Herzgewinnend, schön, aufmerksam und
+begabt, schienest du mir ein unter günstigen Sternen geborener Este,
+uns geschenkt zum Gedeihen unseres Hauses und Staates, ein Labsal,
+eine Stütze für Tausende, und es war mein stolzes Bemühen in einer
+Zeit des Zerfalles, wo die Persönlichkeit alles ist, die deinige zu
+entwickeln. Jetzt, nach deinem kindlichen Aufglänzen, standest du,
+ein Jüngling, am Scheidewege; da wandtest du dich ab von den Zielen
+der Ehre und Arbeit und verlorest dich völlig in Spiel und Lust. Dir
+gelang, deinen ganzen reichen Hort nutzlos und schädlich zu vergeuden.
+Nicht der Staat, nicht die Wissenschaft, nicht einmal der die
+Jugend entflammende Kriegsdienst vermochte dich zu gewinnen. Du
+tötetest deine Tage mit großen und kleinen Freveln... ein kleinlicher
+und niedriger Geist. Du hast Raub begangen an deinem Hause, und da
+du ihm, Wechselbalg, keine Ehre mehr machen kannst, sondern es mit
+lauter Schande bedeckst, sähe ich dich wahrlich lieber tot als
+lebendig. Hast du dich doch selbst von uns losgesagt, als du dein
+Pratello, an das du grenzenlose Summen verschwendet hast, nicht mit
+unserem erlauchten Wappen, sondern mit leeren und sinnlosen Larven
+verziertest, wie du selbst eine bist."
+
+"Bruder", erwiderte niedergeschlagen Don Giulio, den sein Gewissen
+strafte, "höre auf, mich zu zertreten, weil ich meine Lebensfreiheit
+gebraucht habe. Es sind genug Este da, die dem Staate dienen!
+Glaube mir, die Tugendlehre steht deinem Geiergesicht übel an!--Über
+eines aber, Ippolito d'Este, beruhige dich gänzlich",--und Don
+Giulio ermannte sich, einen Boden erreichend, wo er sich schuldlos
+fühlte--"über meinen Stand zu Donna Angela! Ich schwöre dir", er
+suchte nach einer gültigen Beteuerung, "so wahr unser Fürst und
+Bruder hier lebt! Angela Borgia, die der Grund ist deines grausamen
+Hasses gegen mich, gehört nicht zu mir, sie geht mich nichts an, sie
+ist mir feind! Ich biege ihr aus, so schlank ich kann. Wuchs und
+Gebärde dieser Virago sind nicht mein Stil. Auch kann sie mich nicht
+lieben, denn sie denkt über mich wie du. Und mit Recht, denn ich
+weiß nichts davon, daß ich mich geändert hätte, seit sie mich vor
+allem Volke bejammert hat!"
+
+Weit entfernt, daß dieses Geständnis den Kardinal beruhigt hätte,
+blies es vielmehr anfachend in die Flamme seiner Eifersucht. Er
+traute den Worten Don Giulios, denn er wußte, daß dieser trotz seiner
+Übertretungen eine innerlich unverfälschte und wahrhafte Natur
+geblieben war, und er sagte sich, daß dieser Wunderquell, in dessen
+Tiefe man durch seine leuchtenden Augen hinunterblicken konnte, für
+die wahrheitsdurstige Angela eine geheime Anziehungskraft haben mußte,
+ohne welche sie nicht hingerissen worden wäre, den aus dem Kerker
+Steigenden auf offenem Markte zu mißhandeln und zu beklagen. Seine
+Eifersucht wurde zur Wut, als Don Giulio unschuldig fortfuhr:
+
+"Nein, Bruder, ich rede nicht aus Neigung!" Er legte beteuernd die
+Hand aufs Herz. "Bei Bacchus! Das Mädchen ist mir so gleichgültig
+wie Göttin Diana! Nur hat man sein Erbarmen mit jedem weiblichen
+Geschöpfe--was soll aus ihr werden bei deiner rasenden Liebe zu ihr?
+Heiraten kannst du sie nicht--du bist ein Priester! Gewinnen noch
+weniger, denn sie ist keusch und tapfer! Was bleibt? Was bereitest
+du ihr? Du wirst sie töten!"
+
+Seine Stimme hatte einen so warmen, mitleidigen Klang, daß der
+Kardinal darüber in Raserei geriet.
+
+"Wer sagt dir, Bube", wütete er, "daß ich sie töten werde! Was
+hindert mich, dies hier", er packte mit beiden Fäusten den Purpur
+über seiner Brust, "in Fetzen zu reißen und Angela als mein Weib an
+das Herz zu drücken? Ich bin jung genug dazu, und ich speie auf das
+kirchliche Gaukelspiel!..."
+
+"Gelassen, Bruder!" mischte sich endlich der Herzog in den Zweikampf.
+"Das tust du nicht. Daß du ein Weib bis zur Raserei liebst, darf
+dir begegnen. Es ist eine menschliche Plage--eine Krankheit--ein
+Unglück! Eine verspätete Verweltlichung aber zum Behufe einer Heirat
+wäre ein Ärgernis--ein Spott! Und du darfst dich nicht verhöhnen
+lassen, du Stolzer! Was Donna Angela betrifft, die ein wertvolles
+Mädchen ist, so wird die Herzogin sich damit beschäftigen, sie
+standesgemäß zu versorgen, wozu sie als Verwandte verpflichtet ist.
+Und du, Kardinal, wirst Donna Angela unter dieser Obhut in Ruhe
+lassen, aus Ehrerbietung für Donna Lukrezia, die du scheust und
+achtest."
+
+"Die ich scheue und achte!" wiederholte der Kardinal gedankenabwesend.
+"Und mit wem wird Donna Lukrezia sie vermählen? erkühne ich mich zu
+fragen."
+
+"Das überlassen wir ihrer Klugheit", sagte der Herzog. "Ich für
+meinen Teil denke, es wäre nicht unweislich gehandelt, sie dem Grafen
+Contrario zu geben."
+
+Nun war es seltsam, wie bei der Nennung dieses in Italien Reichtum
+und Ehrbarkeit bedeutenden Namens beide feindlichen Brüder in ein
+einträchtiges und einstimmiges Hohngelächter ausbrachen.
+
+Dann aber wandte sich der Kardinal mit erneuter Wut gegen seinen
+Mitlacher.
+
+"Es sei!" schrie er. "Donna Lukrezia verfüge! Sie wird etwas
+anderes finden, oder Donna Angela sich selbst besser beraten. Wenn
+nur dieser Auswurf der Este", er deutete auf den jungen Bruder, "aus
+dem Spiele bleibt!" Und so tötende Blicke schoß er gegen ihn, daß
+dieser erbleichte.
+
+Jetzt schwindelte Ippolito auf dem Gipfel seines Hasses; er fühlte,
+daß er die Besinnung verliere und einer Ohnmacht nahe sei. Sich an
+die Stuhllehne des Herzogs klammernd, keuchte er in abgebrochenen
+Worten:
+
+"Wenn dir dein Leben lieb ist, Bruder, so entweiche aus meinem
+Gesichtskreis! Verlaß Ferrara! Noch zu dieser Stunde!... Jetzt
+gleich!... Geh!..." Don Giulio betrachtete den Kardinal mit
+erschrockenen Augen. Ihm schien, daß ihn dieser unwillkürlich und
+aufrichtig warne vor den mörderischen Ausbrüchen seines Hasses, und
+er beschloß, ihm zu gehorchen.
+
+"So tue ich, Kardinal!" sagte er und wollte sich entfernen. Doch der
+Herzog gebot anders.
+
+"Keine Übereilung!" hielt er ihn zurück. "Nichts Auffallendes!
+Nichts, was Mutmaßungen und Gerede verursachen könnte! Begebt Euch
+jetzt in den Kreis der Herzogin. Unterhaltet sie und lasset
+gelegentlich einfließen, Eure Lust am Kriegswesen sei wieder erwacht,
+und da jetzt die Euerm Dienste in Venedig entgegenstehenden
+Staatsgründe weggefallen wären, so kehrtet Ihr dahin zurück. Ich
+hätte Euch Urlaub gegeben, wenn auch ungern."
+
+Don Giulio verneigte sich gehorsam.
+
+Da ließ sich draußen eine scharfe Stimme vernehmen, und alle drei
+wendeten sich gegen den Eingang der Kammer. Es war Don Ferrante, der
+Einlaß begehrte und in meckernden Tönen zu rezitieren begann, denn
+neben andern Torheiten huldigte er auch der, zuweilen in Versen zu
+reden:
+
+ "Holdsel'ger Anblick, selten, aber wahr:
+ Drei Brüder schließen liebend sich zusammen,
+ Die von verschiednen schönen Müttern zwar,
+ Doch von demselben edeln Vater stammen!
+ Sie würgen sich, und sie ersticken gar
+ Sich in Umarmungen und Liebesflammen.
+ So groß ist ihr Verlangen und Entzücken,
+ Sich gegenseitig an die Brust zu drücken!
+ Der vierte kommt, den dreien anzusagen,
+ Daß im Boskett, wo Amor liegt in Banden,
+ Wo die Gelehrten unsrer Fürstin tagen,
+ Ein philosophischer Disput entstanden.
+ Es handelt sich um nadelspitze Fragen,
+ Und eine Lösung ist noch nicht vorhanden.
+ Erlauchte Prinzen, laßt Euch nicht verdrießen,
+ Auch Eures Witzes Bolzen abzuschießen.
+
+ Komm, Brüderchen! Die Königin von Ferrara gebietet."
+
+Er faßte Don Giulio unter dem Arme und lud den Herzog und den
+Kardinal mit einer gezierten Handbewegung zum Vortritte ein.
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Während die ernsten Gestalten des Herzogs und des Kardinals zusammen
+durch den langen Mittelgang des Gehölzes schritten, stellte sich das
+darin lustwandelnde Hofgesinde rechts und links zu ehrerbietiger
+Begrüßung auf, wenn es sich nicht in anständiger Flucht auf
+Nebenpfaden, die zu irgendeiner geheimen Lästerbank führten, ins
+Dickicht verlor.
+
+Wer von ihnen hätte begreifen können, daß der Mann im Purpur mit dem
+bedeutenden Kopfe und den durchgearbeiteten Zügen, wie sie große
+politische Geschäfte ausprägen, gleich einem Verdammten leidend, in
+den Banden eines von ihm sich abwendenden jungen Mädchens lag.
+Ähnliches sagte sich der Herzog, und der Kardinal erriet dieses
+schweigende Urteil.
+
+"Keine Sorge, Bruder", begann er beschwichtigend, "wegen meiner und
+des Mädchens! Ich überwinde... eines von beiden: mich oder sie! Nur
+Don Giulio muß aus der Mitte geworfen werden. Und du schaffst mir
+ihn weg, den mit den vorwurfsvollen Augen!"
+
+Der Herzog blickte den noch immer vor Leidenschaft Zitternden
+verwundert an. Dann warf er einen Blick rückwärts nach den ihm
+folgenden Brüdern und sah Don Ferrante, der den Gehaßten fast
+gewaltsam vom Wege in das Gebüsch zog.
+
+"Sieh dich um", sagte er zum Kardinal. "Dort schleppt der
+Verschwörer Ferrante den unschuldigen Giulio in ein Versteck, um ihn
+in eines seiner närrischen Komplotte gegen uns einzuweihen. Zu
+solchem Verrat aber, das mußt du mir zugestehen, gibt sich der
+leichtherzige Knabe nicht her."
+
+"Je nach Umständen!" zischte der Kardinal. Dann raffte er sich
+selbst und die Falten seines Purpurs zusammen, denn sie näherten sich
+dem Kreise der Herzogin.
+
+Die Hitze des Julitages hatte sich gegen Abend unter dem dichten
+Laubdache verfangen. Es war unerträglich dumpf, und wo der Horizont
+zwischen den Stämmen sichtbar wurde, regten unaufhörlich die
+lautlosen Blitze ihre Feuerschwingen.
+
+In dem dämmernden Boskette des gefesselten Kupido erhob sich beim
+Eintritte der beiden die Gesellschaft von den niedrigen Steinsitzen;
+nur die Herzogin, zu deren Füßen Angela sich barg, blieb auf ihrer
+Bank ruhen, dem Herzog neben sich Raum gebend.
+
+Der Perser Emin aber stand an den ehernen Kupido gelehnt, den Kreis
+mit orientalischen Märchen, wie es dem Herzoge schien, unterhaltend,
+während Ariosto hinter seinen Schultern ihn anfeuerte und auch wohl
+mit dem richtigen italienischen Ausdruck unterstützte.
+
+"Wovon war die Rede, Madonna?" fragte der Herzog.
+
+"Herr, davon", erwiderte sie, "wie es möglich sei, daß gewisse
+Lichtgestalten, die in ihrer Glorie schützend über uns stehen, auch
+in fremde Länder und auf andersgläubige Völker ihre Strahlen werfen,
+wenngleich wie im Spiegel eines dunkeln Gewässers gebrochen. Davon
+hat uns Ben Emin eben ein schönes persisches Beispiel erzählt."
+
+"Ich errate", sagte Don Alfonso, den die Frage anzuziehen schien.
+"Solche Besitznahme unserer Helden durch die morgenländische Sage
+kommt vor. Wenn ich nur an Kaiser Karl und seine Paladine denke.
+Diese freilich haben unsere Dichter--und nicht am unschuldigsten
+jener dort, der seine lustigen Augen hinter Kupido verbirgt--schon
+so abenteuerlich verkleidet, daß den Persern wenig mehr zu tun übrig
+bleibt."
+
+"Auf falscher Fährte, Herzog!" lächelte Donna Lukrezia.
+
+"So sind es denn die großen Staufen", riet der Herzog weiter, "der
+Rotbart und sein Enkel, der ungläubige Friedrich, welche beide
+freilich den Morgenländern ihre natürlichen Angesichter gezeigt haben,
+und die sie nach dem Leben abbilden konnten."
+
+"Immer weiter weg!" schüttelte Lukrezia das leichte Haupt. "Doch,
+ich fürchte, selber habe ich Euch irregeführt, indem ich einen ganz
+Unvergleichlichen und Unerreichbaren in die Menschheit einreihte und
+das Heiligste selbst in unser weltliches Gespräch verflocht. Weder
+Karl den Großen und seine Paladine, noch die Staufen nannte Ben Emin,
+sondern unsern Herrn Christus selbst. Verzeiht meiner Unvorsicht!
+Es ist ferne von mir, die Kirche zu entweihen, in deren Kreis ich
+durch Geburt und Schicksal gebannt bin und von der allein ich mein
+Heil verhoffe. Die Barmherzigkeit des Himmels, die sich in
+Menschengestalt des abscheulichsten Elends erbarmt, das ist auch der
+Inhalt der persischen Erzählung, die mich verführte. Doch ich werde
+unklar. Höret und urteilet selbst.
+
+Ben Emin berichtet:
+
+Eines Tages trat der Heiland mit seinen Jüngern aus dem Tore einer
+Stadt. An der Landstraße lag in der Sonne ein toter Hund, dem die
+Jünger mit Ekel und Schmähungen auswichen. Der Heiland aber blieb
+bei dem Aase stehen, und das einzige, was daran rein geblieben war,
+hervorhebend, sprach er:--O sehet, wie blendend weiß seine Zähne
+sind!'"
+
+Die Hofleute, welche eine Erzählung im Geschmacke des Boccaccio
+vorgezogen hätten, fanden diese persische Legende befremdend, ja
+unanständig; der Herzog aber schwieg.
+
+Donna Lukrezia, die von dem Gegenstande nicht loskommen konnte,
+redete in bewegter Stimmung weiter:
+
+"Und ist es nicht seltsam, mein Herzog! Wie auf einer kostbaren
+Tapete, gewoben nach der Zeichnung eines unserer heiligen Maler, wird
+auf der Rückseite, ich meine in der heidnischen Überlieferung, zwar
+nicht das volle Bild des Weltheilandes, aber doch die Purpurfarbe
+seiner Barmherzigkeit sichtbar! Die heidnische Sage bestätigt den
+Heiland als den, welchen die Kirche verehrt und darstellt, als einen
+göttlichen Brunnen der Barmherzigkeit. Selbst an dem ekelsten
+Gegenstande findet die Güte noch eine Schönheit."
+
+Und schwere Tränen stürzten über ihre Wangen.
+
+Die Hofleute waren erstaunt, ihre Herrin also reden zu hören. Es war
+offenbar, daß sie an sich selbst dachte und unter der Gewalt eines
+plötzlich über sie kommenden unüberwindlichen Wahrheitsbedürfnisses
+ohne Hehl und Scham unter einem durchsichtigen Schleier ihren
+Ursprung aus der Kirche und ihre entsetzliche römische Sünde zeigte.
+Der Mund des einen verzog sich in der Dämmerung zum Spott, während
+die Stirne des andern sann und grübelte. "Es ist schwül, und sie
+fühlt das Gewitter"--dachten sie.
+
+Die Blässe der Herzogin schimmerte wie Marmor durch das Halbdunkel.
+Alfonso sprach kein Wort, aber er betrachtete sein Weib ohne Groll,
+mit Liebe und Teilnahme. Der Teppichhändler Emin aber freute sich
+des Gleichnisses von der Tapete.
+
+In dem entstandenen Schweigen wurde die bange Schwüle noch fühlbarer.
+Man hörte in der Ferne unheimliche Unkenrufe und das Schreien eines
+Käuzleins, nach welchem der Kardinal, der an der Unterhaltung keinen
+Anteil genommen, aufmerksam und geärgert hinhorchte.
+
+Da trat unversehens Don Ferrante aus den Bäumen und ließ seine
+mißtönige Stimme vernehmen.
+
+"Hier wird erbaulich gesprochen", höhnte er, "wohl von der Eminenz!
+Ich lese es im Dunkel auf den kasteiten Mienen. Schade, daß ich zu
+spät komme! Ich kann immer etwas Moral brauchen, und noch mehr
+Bruder Julius, den ich mitbrachte, der mir aber unterwegs in den
+Pfirsichspalieren hängen blieb. Es steckt dort eine Pica, die
+Tochter des neuen Gärtners, der er jetzt Pfirsiche für die
+herzogliche Abendtafel pflücken hilft mit den üblichen Griffen und
+Bissen und ehrbaren Spielen und Wortspielen, welche seit Adams Zeiten
+das Ergötzen unserer edeln Menschheit sind."
+
+Diese mehr bittere als lose Rede schlug wie ein Blitz in einen
+Pulverturm.
+
+Donna Angela, die bisher ihr Angesicht an den Knien der Herzogin
+verborgen hatte, fuhr wie eine vom Pfeil getroffene Löwin in die Höhe
+und wollte, durch die Büsche brechend, davoneilen, da der nächste
+Augenblick den Unwürdigen in ihre Gegenwart bringen konnte; doch die
+dunkle Figur des Kardinals verwehrte ihr die Flucht. Er stellte sich
+vor sie, und es schwirrte von seinen Lippen:
+
+"Der Nazarener fand an dem ekeln Aase noch etwas Schönes, an dem
+Hunde Don Giulio hätte er es nicht gefunden!"
+
+Da änderte sich plötzlich die Haltung des aufgebrachten Mädchens.
+Die Brandmarkung des ausschweifenden Jünglings, zu der--
+wunderbarerweise--nur sie ein Recht zu haben glaubte, kochte in ihr
+als Zorn und Widerspruch. Sie schüttelte ihr stolzes Haupt und
+bewegte die Lippen.
+
+"Es wäre denn, Ihr allein, Donna Angela, wüßtet ein Lob auf ihn!"
+beleidigte er sie.
+
+Da sprach die Trotzige mit erhobener Stimme: "Don Giulio hat
+wundervolle Augen! Die muß ihm der Neid, die müsset Ihr, Kardinal,
+ihm lassen!"
+
+"Muß ich? Muß ich wirklich?" rief Ippolito bebend und trat in die
+Nacht der Bäume zurück. Er verließ das Boskett und erschien wieder
+nach wenigen Minuten und einer entsetzlichen Tat. Was war geschehen?
+
+Er hatte kaum das Dunkel betreten und einen leisen Ruf hören lassen,
+so kroch Kratzkralle, der sich durch "Unke" und "Käuzlein", wie der
+Kunstausdruck lautete, angemeldet hatte, auf dem Bauche, wie eine
+Schlange, aus dem Dickicht, und ihm gegenüber auf der andern Seite
+des Pfades wurden in derselben Haltung Firlefanz und Drachenbrut
+sichtbar. Es waren die drei Schlimmsten seiner verabschiedeten Bande,
+die vor ihm aufstiegen.
+
+"Was wollt ihr von mir, Schurken?" fuhr er sie an.
+
+Die Mützen mit den Händen vor die Brust drückend, wisperten die drei:
+
+"Gold, Gold, Gold, Eminenz! Wir haben Euch länger gedient als die
+andern und erwarten mehr von Euch! Euer Schatzmeister aber hat uns
+alle gleich bedacht."
+
+Da überwältigte den Kardinal sein böser Dämon. Er zog einen schweren
+Beutel hervor. "Euer!" lockte er, "wenn ihr Don Giulio..."
+
+Firlefanz macht die Gebärde des Erstechens: "Abgemacht, Eminenz!"
+"Nicht so! Sondern..." das Wort zauderte in seinem Munde, "ihn
+blenden."
+
+Zuerst wollten ihn seine Banditen nicht verstehen.
+
+"Kennt ihr ihn?" fragte er.
+
+"Er ist mein Freund!" versetzte Kratzkralle mit Stolz.
+
+"In wenigen Minuten geht er hier vorbei. Horcht!... Ich vernehme
+schon seine Schritte!" In der Tat wurde ein fernes Schreiten auf dem
+knirschenden Kiese der Allee hörbar.
+
+Da warf sich Kratzkralle dem Kardinal zu Füßen und stöhnte mit dem
+tiefsten Selbstbedauern:
+
+"Ich Verdammter! Wär' ich nicht geboren! Herrlichkeit, befehlt mir,
+ihn zu erstechen! Nacken oder Herz! Nur nicht die lieben schönen
+Augen!... Das tu ich nicht!" sagte er dann entschlossen.
+
+Da stieß ihn Firlefanz beiseite. "So laß uns zweie machen, Kapaun!
+Desto besser, wenn wir nicht mit dir teilen müssen!"
+
+Das wollte nun Kratzkralle auch nicht. Der Kardinal ließ seinen
+Beutel fallen und ging auf dem Pfade, den er gekommen war, nach dem
+Boskette, ohne zurückzulauschen.
+
+Hier aber war nicht nur der eherne Amor gefesselt, sondern alle
+Geister der Unterhaltung lagen in Banden. Man saß, in der Schwüle
+schwer atmend, zusammen und konnte bei der sinkenden Nacht kaum mehr
+die Züge des Nachbars unterscheiden. Eine bleierne Müdigkeit und
+zugleich die beklemmende Angst einer Erwartung lähmte die Glieder,
+wenn auch nur das Warten auf die Flammen und Donner eines
+Gewittersturmes, dessen Fittiche zur Stunde noch gebunden waren.
+
+Da plötzlich zitterte durch die Luft ein Geschrei. Solche
+Schreckens--und Schmerzenstöne, daß alle Herzen bebten und alle Pulse
+stockten!
+
+"So brüllt der Stier des Phalaris!" rief der entsetzte Ariost. "Wo
+bleibt Don Giulio!" Er stürzte fort.
+
+Da kam er mit ihm zurück, der sich, der Unglückliche, an ihn
+anklammerte und von ihm vorwärts schleifen ließ.
+
+"Bruder! Herzog!" rief der vor Schmerz Sinnlose, "wo bist du? Hilf
+mir, räche! strafe!"
+
+"Fasse dich, ärmster Bruder! Was geschah? Was tat man dir?" sprach
+ihm der Herzog zu, während ihn alle umringten.
+
+"Der Kardinal ließ mich meuchlings überfallen! Er hat mir die Augen
+ausgerissen!"
+
+Man schrie: "Bringt Fackeln! Holt Ärzte!" während Don Giulio, den
+ihn aufhaltenden Ariost mit sich reißend, vorwärts strebte und die
+Arme nach dem Kardinal ausstreckte, der neben dem Herzog stand und
+dessen Gegenwart er fühlte. Seine ungewisse Hand fuhr in die Falten
+des Purpurs, in den er, auf das Knie stürzend, sich verwickelte und
+das blutige Haupt begrub.
+
+Er hielt sich an dem Leibe des Kardinals fest und schluchzte:
+
+"Oh, oh, warum raubst du mir das Licht? Was nimmst du mir das all und
+einzige weg, das ich war... ein in der Sonne Atmender!... Du, der du
+alles bist und hast! Dem ich nichts nahm und nichts neidete!... Ich
+winde mich vor dir wie ein blinder Wurm! Bruder, zertritt mich! Töte
+mich ganz!..."
+
+Der Kardinal erschrak. Er zog krampfhaft seinen Purpur an sich, und
+seine Stimme klang unnatürlich, als er ausrief: "Nicht ich!... Das
+Weib verführte mich!... Sie lobte deine Augen!..."
+
+Dieses Wort drang nicht mehr in das Ohr des vor Schmerz ohnmächtig
+werdenden Blinden, aber vernichtend in das Herz der entsetzten Angela.
+
+Es kam Hilfe, Dienerschaft mit Fackeln und Sänften. Die verwirrte
+Gesellschaft verlor sich ohne Abschied in ängstlichen Gruppen und auf
+verschiedenen Wegen.
+
+Das dunkle Boskett war verlassen.
+
+Jetzt rötete ein Blitz den gefesselten Amor, Windstöße sausten durch
+den Wald und beugten die Wipfel der Bäume. Bald war der Himmel
+lauter Lohe und die Luft voller Donnergetöse. Dann stürzten die
+finstern Wolken auf die Erde, und schwere Regen wuschen und
+überschwemmten den mit Blut und Sünde befleckten Garten.
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals, und der
+erste Frevel verlangte andere zu erzeugen. Die Saat war ausgestreut
+und keimte.
+
+In Pratello, wohin man Don Giulio an jenem Abende noch, mitten durch
+das Gewitter, in einer von Pferden getragenen Sänfte zurückgebracht
+hatte, brütete der Unglückliche in seiner Finsternis oder ließ sich
+durch die Gänge seiner neuangelegten Gärten führen, die heißesten
+Sonnenstrahlen auffangend, um wenigstens das Licht zu empfinden, das
+er nicht mehr sehen sollte.
+
+Besucht wurde er nicht vom Hofe, denn er galt für in Ungnade gefallen,
+da der Herzog nicht daran zu denken schien, die Tat des Kardinals
+vor Gericht zu ziehen, nicht einmal daran, durch eine ernsthafte
+Verurteilung des grausamen und unerklärlichen Verbrechens sich davon
+zu trennen und persönlich loszusagen. Die drei Banditen freilich
+wurden, kurze Zeit nach der Tat, in Neapel, wohin sie mit ihrem Solde
+geflohen, wohl von ihren früheren Kameraden umgebracht und ihre Köpfe
+an die Gerichte von Ferrara gesendet, die einen Preis auf die
+Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten.
+
+Der eigentliche Täter, Ippolito d'Este, kam mit einer so leichten
+Strafe davon, daß es schlimmer erschien, als wenn man die Schuld an
+ihm nicht gesehen noch gesucht hätte, und daß es einer Verhöhnung des
+von ihm mehr als Getöteten glich. Der Herzog begnügte sich damit,
+den Kardinal für wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen.
+Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden.
+
+Aber er hätte es auch nicht verlassen können, denn er lag schwerkrank
+darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines
+Stadtpalastes--so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die
+vorsichtigen Fragen der Ferraresen. Ob es so sei, oder ob der Kluge
+sich nur sterbend stelle, um die gegen ihn empörte öffentliche Stimme
+zu besänftigen, darüber waren die Meinungen verschieden.
+
+Von dem Gerüchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von
+Pratello nichts; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen
+Ferraresen, die ihn besuchten, Don Ferrante und Ludwig Ariost,
+hüteten sich aus verschiedenen Gründen und Interessen, ihn davon zu
+unterhalten.
+
+Der Dichter, welcher nach Pratello kam, um nach seiner Art den
+Blinden zu trösten und seine Seele zu erfreuen, war ein Höfling des
+Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefürchteten
+Beschützers. Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen
+Schlächter und Opfer; er bedauerte seinen Freund, ohne seinen Gönner
+zu verabscheuen, dessen Namen er in Pratello nie über die Lippen ließ,
+um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hören, um nicht das Gemüt
+des Blinden im Grunde aufzuwühlen und auf lange Tage zu verfinstern.
+
+Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht. Er weidete sich am
+Schmerze des Bruders, weil er Pläne darauf baute. Er vergiftete
+seine Wunde, weil er sie nicht heilen lassen wollte. Sie sollte
+immer heftiger brennen, damit der Groll des von Natur nicht
+Rachsüchtigen gegen die älteren Brüder, den schuldigen und den
+gleichgültigen, immer tiefer glühe. Er nahm sich darum in acht, dem
+armen Herzen mitzuteilen, daß der Kardinal auch nicht heil und
+ungestraft geblieben, sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit,
+und damit gar sein Mitleid zu erregen. Der Blinde sollte ihm
+nützlicher werden, als ihm der Sehende je gewesen war.
+
+Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes
+überschritten. Nach den ersten, langen, im Dunkel verstöhnten Tagen
+und Nächten, sobald die Fieber des Körpers und der Seele nachgelassen
+hatten, suchte er nach seiner genußbedürftigen Natur die Berührung
+der sanften Lüfte und den Geruch der Blumen. Er vergrub sich in die
+kühlsten Blätter, unter die duftigsten Zweige seines Gartens.
+
+Zu dieser Zeit fing Ariost an, den Freund zu besuchen, vor dessen
+unheilbarem Elend ihm anfangs unüberwindlich gegraut hatte. Er
+wandelte mit ihm durch die Laubgänge von Pratello und legte sich
+neben ihn auf den weichen Rasen. Er war dafür besorgt, daß die
+Schaffnerin Körbe voll saftigster Früchte und Schalen edeln Weines
+bringe, und ließ den Blinden genießen und schlürfen.
+
+Er klagte mit ihm das Verhängnis als etwas Unpersönliches an. Er
+lobte die Mäßigung des Empfindens wie im Glück also im Unglück und
+meinte, es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab; Glück
+könne schmerzen, und Unglück--als Tragödie betrachtet--lasse sich
+genießen. Ja, er behauptete, auch der Sinnlichste besitze eine
+geheime stoische Ader, und über den Geschicken zu stehen, gewähre
+eine göttliche Genugtuung.
+
+Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann
+mit wohllautender Stimme, Strophe nach Strophe, die schlanken
+Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in
+Don Giulios Ohr tönen zu lassen, bis sich nach und nach das Dunkel
+heller färbte und in der entzückten Seele des Blinden eine Sonne
+aufging.
+
+Im Anfange beachtete er wohl, solche Gesänge zu wählen, deren
+Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war.
+Trennungen, Aufopferungen, Erniedrigungen und ähnliches passives
+Heldentum!
+
+Da rührte es oft den Dichter, wie tief Don Giulio den schmerzvollen
+Wahnsinn Rolands mitempfand, trotz der schalkhaften und grotesken
+Darstellung, mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gemäß den
+Schmerz wieder aufhob. Das ins Komische Übertriebene der
+Leidenschaft, die von Roland, wie ungeheure Ausrufungspunkte, in die
+Luft geschleuderten Felsstücke störten das Mitgefühl des Blinden
+nicht.
+
+Endlich aber, da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig
+Jahren so schlank und schön neben sich ins Gras gestreckt sah, die
+rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme
+verborgen, stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu
+Geschauten und Geschaffenen, einen Gesang vorzutragen, der nichts als
+Farbe, Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben über
+flatterndem Haar die lauten Becken schlug.
+
+Da dies zum ersten Male geschah, legte der Este die feine Hand auf
+die des Dichters und das Manuskript zugleich. "Etwas anderes, Ludwig!"
+sagte er, "das ist nichts für einen Blinden!"
+
+Da weinte der Poet innerlich über diese Abwendung von der Freude,
+obwohl er sie höchst erklärlich und würdig fand. Auch kam sie ihm
+nicht ganz unerwartet, denn er hatte unlängst einem kleinen Auftritte
+beigewohnt, der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewährte.
+
+Coramba, die frühere Hausgeliebte des Este, hatte sich, nach der
+zugreifenden Art solcher Wesen, bei dem Verbinden der durchstochenen
+Augen aufs löblichste betätigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt
+und geführt, bis er sich selbst zu helfen wußte. Im Freien aber
+hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet, schon weil ihn die
+unterdrückten Mitleidsrufe seiner Untergebenen: "Da kommt der arme
+Herr mit seiner Kreatur!" oder: "Sie hütet ihn wie eine Mutter!", die
+sein geschärftes Ohr vernommen hatte, gründlich verdrossen.
+
+Eines Tages nun erkühnte sich die Coramba, den Blinden in Gegenwart
+des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen. Der Este aber
+schob sie gemach und kühl auf die Seite und sprach: "Gehe, Coramba,
+gehe auf immer! Du bist nichts für einen Blinden! Gehe, und nimm
+meinen Dank mit."
+
+Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag, nachdem sie sich,
+ohne daß er es ihr wehrte, die Taschen mit seinem Golde gefüllt hatte,
+ein wärmeres Klima aufzusuchen.
+
+Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten für ihn Hunderte
+von ländlichen Familien, fleißige, genügsame Leute, deren bewundernde
+Anhänglichkeit das wilde und üppige Treiben des jungen Gebieters
+nicht hatte zerstören können. Jetzt in seinem einsamen Unglück
+traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn täglich
+näher. Er fing an, wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gängen
+begegnete, ihre Stimmen zu unterscheiden, sich von ihrer Lage zu
+unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen. Ihr einfaches, echtes
+Mitleid tat seiner kranken Seele wohl, und er sprach von ihnen zu
+Ariost wie von Brüdern und Schwestern.
+
+Solchen und ähnlichen Äußerungen des Blinden entnahm der Poet, daß
+der Este sich in einer andern Lebensabteilung, unter einer andern
+Menschenklasse einzurichten begann, als die war, welcher er bisher
+angehört hatte, in derjenigen der Unglücklichen und Leidenden, der
+Benachteiligten und Enterbten, in einem Lebenskreise, der offenbar
+unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte als die
+Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten.
+
+Auch erriet Meister Ludwig, daß der Este diese seine Herabwürdigung
+und Entwertung nicht immer dem Hasse der Menschen oder dem blinden
+Verhängnisse, sondern, in gewissen Augenblicken wenigstens, einer
+eigenen Verschuldung zuschrieb. So mußte es in der Tat sein. Diese
+mußte teil daran haben. Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern
+mitunter die Nemesis waltete--wie bisweilen ja auch in der
+wirklichen Welt, laut dem Sprichworte, die Strafe der Missetat auf
+dem Fuße folgt--, dann versank Don Giulio in Nachdenken, und Ariost
+vernahm wohl einen erstickten Seufzer.
+
+Bei solchen Wahrnehmungen aber hütete er sich, auf ein Gefühl, das er
+an sich selbst nicht kannte und das ein flüchtiges sein konnte,
+unzart zu drücken, teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen
+Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute, teils auch, weil er sich,
+leicht beschwingt, wie er war, und immer auf die sonnige Oberfläche
+der Dinge zurückstrebend, am wenigsten dazu berufen fühlte.
+
+Denn der Quell echter Reue, das wußte er, sprudelt in heiligen Tiefen,
+und nur in der einsamen Stille seines göttlichen Ursprungs waschen
+sich schuldige Hände und Seelen rein.
+
+Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe.
+Alles, was er dachte und fühlte, was ihn erschreckte und ergriff,
+verwandelte sich durch das bildende Vermögen seines Geistes in Körper
+und Schauspiel und verlor dadurch die Härte und Kraft der Wirkung auf
+seine Seele.
+
+Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche
+Gebot geschrieben, doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel
+tanzte über die helle Wölbung und hauste in den dahinterliegenden
+geräumigen Kammern, ohne daß der Dichter selbst seine Mieter alle
+recht gekannt hätte.
+
+Auf Don Giulio aber wirkte er wohltätig, und wenn er von ihm schied
+und der Este ihn begleitete, gingen sie Hand in Hand durch den
+Platanengang von Pratello, ohne daß der Blinde den Schauenden
+beneidete, oder dieser jenen bemitleidete, als zwei gute Brüder; denn
+die Liebe hatte für den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen
+aufgehoben.
+
+Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem
+Bruder Don Ferrante. So mischte sich ein dunkles stygisches Gewässer
+in den hellen Einfluß des Dichters und verwüstete Don Giulios Seele
+in einer Tiefe, wohin Ariost nicht gelangen konnte.
+
+Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter, gemengt aus geistiger
+Armut und unerschöpflichem Erfindungstriebe. Seine Jugend war unter
+dem Drucke beständiger Furcht verkrüppelt. Als Kind schon Zeuge
+unzähliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ängstlicher
+Zuhörer, so oft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen
+Höfen seiner Zeit berichtet wurden, fühlte er sich von jeher von
+Schrecknissen umgeben, denen seine unehrliche und machtlose Natur
+keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte als den der
+wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen. Er verleumdete,
+um der Verleumdung die Spitze zu bieten; er zettelte kleine
+Verschwörungen an, um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen.
+Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge, außer daß er
+dabei immer unwahrer und verschrobener wurde.
+
+An jenem Abend aber, da derjenige seiner Brüder, gegen den er am
+wenigsten Mißtrauen hegte, auf schauerliche Art in der Mitte des
+Hofstaates überfallen und der Augen beraubt wurde, geschah ein Riß in
+seinem schwachen Geiste, und von nun an stand es ihm fest, daß er
+selbst, als der gefährlichere der beiden, wie er meinte, einer noch
+schrecklicheren Vernichtung entgegengehe.
+
+Die krankhafte Angst, die ihm keinen harmlosen Moment mehr gönnte,
+ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise, jeden Becher beargwohnen
+ließ, steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brüdern zum
+verzweiflungsvollen Haß, und er entschloß sich, sie zu entthronen und
+zu töten.
+
+Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders.
+
+Don Ferrante hatte nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die rechtlose
+und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das öffentliche
+Gefühl gewirkt hatte, nicht zu reden von dem schändlichen, die
+Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst. Ferrara, auf welchem
+ein Joch der Knechtschaft und der Befehl unbedingten Schweigens in
+Staats--und Hofsachen härter als sonst irgendwo in Italien lastete,
+Ferrara sogar, wo sich freilich dieses Unerhörte zugetragen hatte,
+geriet in Gärung. Es mußte ein besonderes Verbot erlassen werden,
+sich um Don Giulio zu kümmern, nach ihm sich zu erkundigen, oder gar
+sich Pratello zu nähern und seine Gebüsche zu umschleichen.
+
+Natürlich geschah es, daß das Bild des Geblendeten in den Gedanken
+und Gesprächen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zügellosen
+Jüngling, dessen gefährliche Buhlschaften und leichtsinniges
+Blutvergießen sie früher verwünscht hatten, ein bejammernswertes
+Opfer, ein edler Märtyrer wurde.
+
+Dies bemerkte Don Ferrante wohl, und da er auch eine starke
+schauspielerische Ader hatte, sann er sich eine wirkungsvolle Szene
+aus, welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeiführen würde.
+
+Don Giulio, zu Roß auf einem weißen, von zwei Dienern in Trauer
+begleiteten Zelter, mit starrenden, leeren Augenhöhlen und einer
+Leidensmiene; er selbst daneben, durch die Hinweisung auf die Untat
+und ihre Straflosigkeit das öffentliche Mitleid aufstachelnd.
+
+Einige Einverstandene zu werben, erschien ihm als eine geringe
+Schwierigkeit, denn das herkömmliche Material eines Aufruhrs in einer
+kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara
+nicht. \XDCber das Weitere war sich Don Ferrante nicht klar geworden;
+aber ein schneller Überfall und die Ermordung des Herzogs und des
+Kardinals erschienen ihm unerläßlich.
+
+Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er täglich
+den armen Blinden. Dieser aber sträubte sich gegen die Ermordung der
+Fürsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Empörung,
+deren er, solange er nur genoß und schwelgte, niemals fähig gewesen
+wäre, die ihm angesonnene Rolle eines Mitleid erregenden Schauspiels.
+Er schämte sich, auf den Märkten von Ferrara sich selber
+auszustellen als das Bänkelsängerbild seiner tragischen Geschichte.
+
+Und doch blieb sein Herz dem beängstigenden Einflusse des Bruders
+nicht verschlossen. Was er in seinen hellen Tagen mit einem
+verächtlichen Lächeln als törichte Hirngespinste zur Seite geschoben
+hatte, das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten
+Gefühlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt. Konnte nicht der
+unglückliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben und ihm wirklich
+Schlimmes angetan worden sein? Hatte er nicht eine verstoßene
+Kindheit verlebt? War es nicht möglich, daß ihm noch heute nach dem
+Leben getrachtet wurde? War Don Giulio doch selbst, den die
+Hofintrigen immer angeekelt hatten, einem unbegreiflichen Attentat
+zum Opfer gefallen!
+
+So war er nicht ferne davon, dem Bruder beizustimmen, wenn dieser die
+gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit
+nannte, nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals, und den
+Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwürgender oder miteinander
+buhlender Schlangen, einen eklen Knäuel, den es ein Verdienst wäre zu
+zerhauen und zu zertreten.
+
+Der arme Don Giulio war nicht imstande, seine eigene entsetzliche
+Erfahrung anders zu erklären als durch die allgemeine Verderbnis, und
+gab allmählich und unbewußt dem Bruder, welchem er sein Mitleid nicht
+versagen konnte, gewonnenes Spiel.
+
+Er war von dem Wahn und den Verschwörungsgedanken Don Ferrantes mehr
+umsponnen, als er selbst es wußte, und ein neues Erlebnis gab den
+Ausschlag.
+
+
+Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der
+von der Polizei verbotenen Waldwege, die nach Pratello führten, eine
+Amazone, schlank von Wuchs und untadelig im Sattel, welche, wie aus
+einem Rittergedicht entsprungen, auf Abenteuer fuhr. Wie sie aber
+näher kam, trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren
+Leides, daß sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen
+schien.
+
+Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schloß gewährende
+Lichtung, glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bäumen die
+Zügel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehörigen Rappen um
+eine junge Ulme.
+
+Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre. In den feurigen,
+von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf
+dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe, ja
+eine gefährliche Entschlossenheit.
+
+Von der Höhe des Waldrandes, an dem sie stand, erblickte sie den
+ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello.
+
+Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schloß lag
+in einer unendlichen grünen Wiese, durch welche ein breiter
+spiegelklarer Fluß zog, wo kleine Fischerboote ihre Segel blähten.
+Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe,
+die unter den Säulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebäude
+führte. Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten
+Festungsgräben hielt der Fluß die schöne Wohnstätte mit ihren
+Umfassungsmauern und Rundtürmen beschützend in den Armen.
+
+Von der Schönheit Pratellos ergriffen, suchte die Fahrende eine etwas
+tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen, in
+deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand. In dieser
+Verborgenheit ließ sie sich nieder, denn sie scheute sich, Pratello
+zu betreten, und ließ die Stunden vorübergehen, bald das Schloß
+aufmerksam betrachtend, bald in ihre Gedanken versunken.
+
+Schon stand die Sonne auf der Mittagshöhe. Da sah sie, wie an der
+Landungstreppe von einem alten Fährmann eine Gondel gelöst wurde, an
+deren Steuer er sich wartend setzte.
+
+Nun trat ein schlanker Jüngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse,
+dessen Gesicht ein breitkrämpiger Hut beschattete, ehrerbietig
+beobachtet von einem Häuflein ihm folgender Diener, und durchkreuzte
+den von Weinlaub umrankten Säulengang. Auf der Landungstreppe bot
+ihm der Fährmann die Hand zum Tritte in die Gondel, die er behend,
+aber behutsam bestieg. Dann übergab ihm der Alte die Ruder, und
+während sie der Jüngling zu schwingen begann, lenkte der andere das
+kleine Fahrzeug mit dem Steuer.
+
+Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstießen, war es der Fährmann, der
+ans Ufer sprang und dem Jüngling beide Arme entgegenstreckte, den
+Aussteigenden eher bewahrend als ihn berührend. Dieser wandte sich
+ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung über die
+sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen.
+
+Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und
+Auffahren sitzen; sie erriet den Blinden, der sich eine tägliche
+Anstrengung und Übung daraus machte, die Sehenden nachzuahmen, um
+diese und, soviel als möglich, sich selber zu täuschen, wobei ihm
+seine jugendliche Biegsamkeit, sein Ortssinn, sein scharfes Gehör und
+die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfältig aus dem Wege
+räumenden Gesindes zu Hilfe kam.
+
+Während zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich
+nähernden Gang des Blinden beobachteten, strauchelte der Ärmste über
+einen im Grase liegenden Gegenstand, den die Spähende nicht
+unterscheiden konnte. Er stürzte auf das Knie, schnellte sich aber,
+mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berührend, leicht und
+geschmeidig wieder empor, ohne nur die Gerte zu verlieren, die er in
+der Rechten trug. Mit dieser prüfte er nun, sie leicht in der Hand
+führend, den übrigen Weg, einen kleinen Verdruß auf dem blassen, vom
+Hute verschatteten Angesicht verwindend.
+
+Die Hände über den Knien gefaltet, das Haupt lauschend vorgeneigt,
+verfolgte sie jede seiner Bewegungen.
+
+Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie, von deren
+Dasein er keine Ahnung hatte.
+
+Was murmelte er? Was tönte nur halblaut, nur halbverständlich
+ununterbrochen von seinen Lippen?
+
+Erhob er Klage gegen das Schicksal? Beleidigte oder verneinte er die
+Gottheit? Beschuldigte er seine Brüder? Oder sie, die ohne sein
+Wissen neben ihm saß? Beweinte er seine Verirrungen?
+
+Nichts von alledem. Die Mittagsruhe, die Stunde des Pan träumte auf
+seinen Zügen. Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel, das sie
+erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflüsterten
+Verszeilen erriet und zusammensetzte.
+
+Nach der Zeichnung der Danteschen Hölle, wie sie jedem italienischen
+Geiste innewohnt, beschäftigte er sich damit, nicht zwar den
+trichterförmigen Höllenabgrund zu bevölkern, sondern einen Krater des
+Unglücks zu graben, dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und
+Unseligen des geisterhaften Jenseits, sondern mit den Elenden, den
+Leidenden, den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens füllte--immer
+eine Stufe unseliger als die andere, wobei er ohne Bedenken in die
+unterste, dunkelste Kluft die Blinden versetzte.
+
+Mit grausamem Genusse malte er, vor sich hin singend, diesen Ort aus.
+Wie sich Blinde Blinden als Führer anboten und mit ihnen in den
+Abgrund stürzten! Blinde Jünglinge rochen Rosenduft, aber wenn sie
+die Hände zum Pflücken ausstreckten, stolperten sie über Totengerippe.
+
+Er sang die Terzinen reimlos, oder wie sie der Zufall reimte. Nun
+dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante, den er in einer höher
+gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte:
+
+ "Du willst, o Bruder, nach der Krone greifen!
+ Doch reckst du in die Höhe dich vergebens!
+ Doch wehren die Dämonen dir den Reifen!
+
+ Oh harte Qual des bodenlosen Schwebens!--
+ Ich aber bin ein König... und entthront...
+ In Wahrheit war ich König dieses Lebens!
+
+ Ich hatte Götteraugen, war gewohnt
+ Zu herrschen--was sie sahen, war mein eigen.
+ Doch weh, der Mörder hat mich nicht verschont...
+
+ Ich bin geblendet! Elend ohnegleichen!"
+
+"Don Giulio", sagte dicht neben ihm eine weiche Stimme, "es gibt
+einen noch tieferen Abgrund des Elends--es gibt Unseligere als du
+bist! Das sind die, welche die Wonne ihres Lebens unbedacht und
+ungewollt selber auf ewig vernichten!"
+
+Und er hörte gewaltsam schluchzen und spürte einen warmen Hauch und
+einen Schauer von Tränen, die auf seine Hände fielen.
+
+Träumte oder wachte er? Er streckte bebend seine Hände aus und
+ergriff zwei andere, die in den seinigen zitterten.
+
+"Wer bist du?" sagte er. "Wer darf sich noch unglücklicher nennen
+als der verstoßene Blinde?"
+
+Und die Stimme: "Ich bin Angela Borgia, die deine Augen über alles
+liebte und sie zerstörte, dadurch, daß sie einem Bösen ihre Schönheit
+lobte."
+
+Er ließ ihre Hände fahren und sprang erbleichend auf, wie wenn er
+fliehen wollte, stieß sich aber an der Ecke der Steinbank und
+schwankte.
+
+Mit einem Strome von Tränen stürzte sie vor ihm nieder und umschlang
+und stützte seine Knie:
+
+"Es ist unmöglich, daß du mir verzeihest!... Oh, könnte ich dir
+meine eigenen Augen geben, ich risse sie mir aus dem Haupte!... Aber,
+was ich dir nahm, kann ich nie dir ersetzen!... Wo ist meine Sühne?
+Wie soll ich büßen?"
+
+"Arme Angela", sagte er sanft, indem er sich von ihr zu lösen suchte,
+"geschehen ist geschehen! Deine Schuld verstehe ich nicht--aber ich
+sehe, daß auch du in das Tal des Unglücks verstoßen bist. Zweimal
+wehe über ihn, der uns beide gemordet hat!... Dich und mich!...
+Sühnen kannst du nicht! Meine Augen kannst du nicht neu schaffen!
+Laß mich allein! Gehe und vergiß!"
+
+Dann wandte er sich und ging. Nicht einmal zu stützen wagte sie ihn,
+kaum mit den Augen zu begleiten.
+
+Er schien ruhig, aber seine Schritte schwankten. Der Alte bei der
+Barke sah es, eilte ihm besorgt entgegen, setzte ihn über und
+geleitete ihn mit den andern Dienern wie ein krankes Kind in sein
+Schloß.
+
+Dort warf er sich im kühlen Saale auf sein Lager und brach in wilde
+Tränen aus.
+
+So war es denn Wahrheit, was er für eine schauerliche Verzierung und
+phantastische Lüge Don Ferrantes gehalten, sooft ihm der Bruder die
+Ereignisse jenes Abends im Boskette des gefesselten Amors erzählte!...
+
+Der Kardinal hatte das Lob Angelas an ihm gerächt!
+
+Aber wo war die Schuld, die das Mädchen erdrückte?
+
+Mit teuflischer Bosheit hatte er ihr das verderbliche Wort aus dem
+Munde gezwungen, und hätte sie feige geschwiegen und ihn beschimpfen
+lassen, der Arge hätte bald eine andre Gelegenheit gefunden, die
+spröde Kälte des Mädchens an ihm, dem völlig Unbeteiligten, den der
+Zurückgewiesene bevorzugt glaubte, satanisch zu rächen.
+
+Und auch sie hatte der Ruchlose tödlich getroffen!
+
+Ein rasender Zorn gegen den Schuldigen und nicht minder gegen den die
+Missetat ungestraft lassenden kaltherzigen Fürsten bemächtigte sich
+Don Giulios, kochte in seiner Brust und brauste durch seine Adern.
+
+Er lechzte nach dem Untergange beider! Er sprang vom Lager auf, riß
+ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb an Don Ferrante mit
+zornigen, mißgestalteten, durcheinanderspringenden Buchstaben, er
+stelle zum Morde des Herzogs und des Kardinals sich an seine Seite.
+
+Der berittene Bote war von dannen geeilt, bevor Don Giulios Blut sich
+beruhigte und er erwägen konnte, was er getan.
+
+In der nächsten Frühe erschien in Pratello der Oberrichter Strozzi
+mit bewaffnetem Gefolge und verhaftete den Este.
+
+"Ei, schön! Dein erster Besuch, mein Freund, nach meinem Unglück!"
+rief ihm der Blinde bei seinem Eintritt höhnisch entgegen.
+
+"Es war mir vom Herzog untersagt", versetzte dieser in richterlichem
+Tone.
+
+"Vom Herzog untersagt?... Hat dir der Herzog nicht auch untersagt,
+Schatz, mit seinem Weibe täglich und stündlich im Geiste, wie du tust,
+die Ehe zu brechen?... Aber dein Gericht erwartet dich, du
+getünchte Wand!"
+
+Mit diesen Worten streckte Don Giulio die Hände den ihn fesselnden
+Schergen entgegen.
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Wenige Tage nach der Verhaftung Don Giulios, welcher die von Don
+Ferrante vorangegangen war, wurden beide Brüder vor ein vom Herzog
+ausgewähltes Gericht gestellt. Er schied aus dem zwölf Glieder
+zählenden höchsten Gerichtshof die sechs jüngeren aus, so daß ein
+Tribunal von Silberbärten übrigblieb unter dem Vorsitze eines
+Jünglings; denn daß der rechtskundige Römerkopf des Herkules Strozzi
+die Verhandlungen leitete, verstand sich von selbst.
+
+Das strengste Geheimnis war in dem Hochverratsprozesse vom Gesetze
+geboten und vom Herzog noch besonders eingeschärft. Aber es wurde,
+wie die meisten Geheimnisse, nur unvollständig bewahrt. Es ist
+anzunehmen, daß das eine und andre der beschneiten Häupter gegenüber
+der quälenden Neugierde einer Frau, der eigenen oder einer andern,
+nicht vollkommen widerstandsfest blieb.
+
+So geschah es, daß sich über den Prozeß sowohl als über das Leben der
+Brüder im Kerker eine Legende mit ziemlich deutlichen Zügen bildete,
+und diese erzählte: die Verschwörung sei aus sehr verschiedenen
+Elementen herausgewachsen. Neben einigen beleidigten oder sich
+vernachlässigt glaubenden vornehmen Geschlechtern, den Boschetti von
+San Cesario zum Beispiel, habe daran mancherlei abgehauster und auf
+alle möglichen Auskünfte und Einkünfte erpichter Hofadel teilgenommen.
+Auch unbezahlt gebliebene Künstler, ein Maler, ein Bildhauer, ein
+stimmlos gewordener Hofsänger, vor allem aber der durch das Spiel
+zugrunde gerichtete Hauptmann der Schloßwache und ein gewisser
+zweideutiger Kämmerer des Herzogs, der, halb in Ungnade gefallen,
+noch im Amte stehengeblieben war. Diesen hatte Don Ferrante mit
+einer hohen Summe gekauft, und dieser verriet die Verschwörung, als
+ihm, dem Zunächststehenden, die gefährliche Rolle zugewiesen wurde,
+den Herzog Alfonso auf einem Maskenballe zu erdolchen. Er warf sich
+ihm reuig zu Füßen und bekannte. Der Herzog geriet über das Komplott
+in flammenden Zorn, und der sonst seiner Mächtige vergaß sich so weit,
+daß er dem Menschen mit einem Stocke, den er in der Hand führte--
+der Auftritt fand in einem Garten statt--, das Haupt blutig schlug.
+Dann besann er sich, begnadigte ihn und betraute den Verräter mit der
+Rolle des Spions unter den Verschworenen. Im Palaste Ferrantes
+glückte es dem Kämmerer, der einwilligenden Zeilen des Blinden
+habhaft zu werden, die Don Ferrante den Verschworenen triumphierend
+mitteilte. So geriet das entscheidende Beweisstück, Don Giulios
+unförmliche zornige Schriftzüge, in die Hände des Herzogs, und dieser
+wies es dem Gerichte zu. Mit den Schuldigen von geringerem Range
+wurde kurzer Prozeß gemacht. Albertino Boschetti und der Hauptmann
+der Schloßwache wurden nach erlittener Folter enthauptet, die drei
+Künstler aufs Rad geflochten.
+
+Mehr Umstände machte man mit den Brüdern des Herzogs. Sie wurden
+eingehend und in höflichen Formen verhört, ob auch ihre Schuld von
+Anfang an durch das unselige Schriftstück erwiesen war.
+
+Don Giulio war vor Gericht einfach in seinen Worten, mäßig im
+Ausdruck seiner Gefühle und von niedergeschlagener Haltung. Er
+verklagte weder sich noch andre, sondern nannte seine Geschichte ein
+Verhängnis, ohne damit seine Schuld mindern zu wollen. Er habe,
+sagte er, sich den Haß des Kardinals zugezogen durch seine
+unabhängige Art und seinen wilden Wandel, nicht aber durch
+Beleidigung der brüderlichen Person. Er räumte ein, daß ihm der
+Kardinal über seinen Mangel an Ehrgeiz Vorwürfe gemacht, ihn
+wiederholt seiner Antipathie versichert und ihn davor gewarnt habe.
+
+Dessen erinnere er sich jetzt.
+
+Damals aber habe die an ihm verübte Tat ihn schlimmer als Mord, eine
+unmenschliche Ungerechtigkeit, eine höllische Grausamkeit gedeucht.
+Am tiefsten habe ihn getroffen, daß sie vom Herzog ungeahndet
+geblieben sei. Die Gleichgültigkeit des regierenden Bruders habe
+sein Herz gebrochen, und er habe nur noch an Rache gedacht. Jetzt
+aber sei ihm lieber, daß diese mißlungen sei, als daß neues Blut an
+seinen Händen klebte, zumal das vergossene Blut seiner Brüder, seines
+Fürsten!
+
+Don Ferrante dagegen, erzählten sich die Ferraresen, habe zwar
+ebensowenig geleugnet, aber nach seiner zynischen Art nicht nur das
+Gericht, sondern auch die Hoheit des Herzogs und den Kardinal mit
+Schimpf und Hohn überschüttet. Jenen habe er einen engen Hirnkasten,
+diesen einen Philosophen des Verbrechens genannt. Dann habe er an
+das Gericht das Ansinnen gestellt, ihm aus seinen konfiszierten
+Schätzen Purpur und Gold zu einem kostbaren Hofnarrenkleide mit einer
+Schellenkappe auszuliefern und durch den Hofschneider dieses tolle
+Gewand für ihn anfertigen zu lassen. Denn es sei, so begründete er
+seine Bitte, der Narr, welcher von jeher in ihm gekauert, in die
+Tagesklarheit herausgebrochen, und diese seine intime Persönlichkeit
+wünsche den Sprung ins Nichts in gebührendem Gewande und mit
+Schellengeläute zu vollziehen.
+
+Dies Gesuch wurde ihm aus Rücksicht auf den Herzog verweigert.
+
+Ganz andre Bitten habe Don Giulio gestellt. Dieser habe sich im
+Kerker so schlicht benommen wie vor Gericht. Zuerst habe er wie ein
+Kind geweint, bis der Quell der Tränen völlig versiegt war. Dann,
+nachdem er lange Tage seinen Bruder ertragen, dessen gottlose
+Lästerungen und grelle Possen ihn bis zur Qual angriffen und
+ermüdeten, habe er um ein eigenes Gelaß gebeten und um die
+Gesellschaft seines Beichtigers, des Paters Mamette von Pratello.
+Das sei ihm gewährt worden. Nun lasse er sich von dem Franziskaner,
+der seit Jahren, aber früher vergeblich, an seinem Gewissen gerüttelt,
+auf ein christliches Ende vorbereiten, das er eher ersehne als
+fürchte, da, wie er sage, das einzige Licht, das ihm in seine Nacht
+heruntergestreckt werden könne, das ewige sei.
+
+Und er tat wohl daran, sich auf den Tod gefaßt zu halten.
+
+Die Richter hatten nach dem in Ferrara gültigen römischen Recht,
+welches das Majestätsverbrechen mit dem Tode bestraft, einstimmig das
+Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs
+der Schuldigen. Aber der Herzog zögerte noch, es vollziehen zu
+lassen. Er zögerte, doch niemand in Ferrara, der ihn kannte,
+zweifelte daran, daß der Aufschub der Hinrichtung nur eine
+Anstandsfrist von einigen Wochen sei.
+
+Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und
+schlaflose Nächte. So wendete er sich wiederum an das Gericht mit
+dem Bekenntnis, die Geister des Dunkels mißbrauchten seine Blindheit,
+um seine Seele zu zerrütten, und mit der Bitte, ihm, um die langen
+Stunden zu täuschen, eine Handarbeit zu erlauben, wie sie ein armer
+Blinder betreiben könne, ein Gewebe oder Geflecht oder etwas
+Ähnliches. Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister, von
+Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen, wie man es zum
+Flechten von feinen Matten verwendet.
+
+Nun zogen eines Tages vor den ergötzten und gerührten Augen der
+Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand, die
+Schulter mit Garben des feinsten und glänzendsten Strohes beladen,
+ernsthaft durch die Straßen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse, wo
+ihre Gaben zwar in Empfang genommen, sie selbst aber zurückgewiesen
+wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero. Diesen
+Jungen nämlich behielt der Kerkermeister, damit er Don Giulio
+flechten lehre. So hatte der Blinde wieder Gesellschaft, eine
+harmlosere als anfangs, mit der man ihn oft kindlich lachen hörte.
+Aber nur für kurze Zeit.
+
+Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte, schloß der Kerkermeister
+den von Giulio reichbelohnten Jungen aus dem Gefängnis. Dieser aber
+sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die
+Gitterstäbe, ein jämmerliches Geschrei erhebend, so daß er einen
+kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und
+wohlgehüteten Ferrara.
+
+Es war unglaublich, wie die Leute von Pratello ihren geblendeten
+Herrn zu lieben begannen! Sei es, daß sie seine vergangenen
+Übertretungen für reichlich gesühnt hielten, sei es, daß für sie auf
+dem dunklen Hintergrunde seines Unglücks das Grundbild seines warmen
+und ehrlichen Gemüts fesselnd und blendend hervortrat.
+
+Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des
+Herzogs, der größte Schuldige aber in den Augen des Volkes,
+vollständig ferngeblieben; denn es war Wahrheit, der mächtige
+Kardinal rang im Dämmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und
+dem Tode.
+
+An jenem Unglücksabende in Belriguardo, da Don Giulio das blutende
+Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub, die erschrockenen Gäste
+auseinanderstoben und der erste Windstoß durch die Wipfel fuhr, hatte
+Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen, sich auf
+seinen Leibhengst geworfen und war, Belriguardo verlassend, wo er
+sich für längere Zeit eingerichtet hatte, unter den sich kreuzenden
+Blitzen des Gewitters, ohne sich nach dem Gefolge und den stürzenden
+Pferden umzusehen, nach Ferrara geflohen. Dort in seinem
+Stadtpalaste, im Fackelschein der Halle, fiel sein Blick auf seinen
+von den verwüsteten Augen des Bruders befleckten Purpur, den die
+Gewitterströme nicht hatten rein waschen können, und ein Schauder
+schüttelte sein Gebein!
+
+Er aber raffte seine Geister zusammen und verschloß sich in seine
+Kammer. Er verfiel in bleiernen Schlaf, der gegen Morgen in
+unheimliche Fiebergefühle überging. Dennoch verließ er das Lager und
+begann wie sonst seine Tagesgeschäfte. Er erzwang es, sie zu
+verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten. So trieb er es
+eine Weile. Kein Verhaftbefehl erschien, ebensowenig der Herzog
+selber. Täglich wuchs seine Ungewißheit und seine Unruhe. Ihn
+ekelte vor jeder Speise, ihm graute vor den Kissen seines Lagers;
+denn seine Nächte wurden immer schauerlicher, und seine Träume jagten
+auf immer wilderen Rossen.
+
+Es kam eine Sonne, die ihn nicht mehr zu vollem Bewußtsein aufweckte.
+Er fuhr ein in einen dunkeln Schacht, der sich mit flackernden, sich
+drängenden Visionen bevölkerte.
+
+Da schritt ein feierlicher Zug. Je zwei und zwei! Männer und Weiber!
+Das sind die vielen, vielen Opfer seines unerbittlichen und
+unersättlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen
+seiner seltenen, aber rasenden persönlichen Begierden.
+
+Da gehen ermordete Boten, verschwundene Gefangene, erdrosselte Zeugen
+und jetzt nebeneinander zwei schöne, traurige Frauen, die blonde mit
+triefenden Haaren, geschwollenem Hals und auf dem Rücken gefesselten
+Armen, die dunkle mit einer blutenden Herzwunde.
+
+Aber während diese alle je zu zweien schritten, wandelte allein in
+der Mitte des gräßlichen Zuges ein Riese mit blutigen, leeren
+Augenhöhlen. Da plötzlich ergoß sich eine blendende Helle, ein
+stechend blauer Himmel breitete sich aus, in dessen Mitte eine
+ungeheure Waage schwankte. Sie schwankte lange. Da wuchsen, immer
+deutlicher werdend, aus dem Himmel zwei große Augen hervor und ließen
+rote Tränen in die eine Waagschale fallen, deren Becken mit
+metallenem Klang in die Tiefe stürzte, die andere Schale wie einen
+Federball hoch in die Lüfte schleudernd.
+
+Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht.
+
+Eines Morgens, nach Monaten, erwachte er mit bis auf das letzte Mark
+verzehrten Kräften, aber trotz seiner Todesschwäche mit völlig klaren
+Sinnen.
+
+Da sah er neben sich seinen Bruder den Herzog sitzen, der ihn mit
+besorgten Blicken behütete.
+
+"Wo bin ich? Was geschah mit mir?" hauchte der Kranke.
+
+Der Herzog erwiderte vorsichtig, die Sommerhitze und vielleicht die
+Sumpfluft in Belriguardo habe, wie die paduanischen Ärzte behaupten,
+dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen. Gleichzeitig
+entdeckte der Kranke mit seinen wieder schärfer werdenden Augen in
+einer Fensternische zwei sich zusammen beratende würdige Männer im
+dunklen Professorentalar, von denen er sich erinnerte, daß sie unter
+seine Traumgestalten getreten waren.
+
+"Eminenz ist gerettet!" sagte jetzt der eine, und der andre nickte
+zustimmend mit dem Haupte.
+
+"Ich danke den gelehrten Herrschaften für ihren Beistand", flüsterte
+Ippolito mit versagender Stimme, "und ersuche sie, mich eine kurze
+Weile mit der Hoheit des Herzogs allein zu lassen."
+
+"Einen Moment!" erinnerte der eine der Paduaner und erhob warnend den
+Finger. Beide verließen die Kammer.
+
+"Was war es in Belriguardo? Ist es wahr, habe ich den Bruder
+geblendet?"
+
+Der Herzog bejahte betrübt.
+
+"Lebt er?"
+
+Wiederum bejahte der Herzog. "Sieht er schrecklich aus?"
+
+"Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Zuerst, weil ich nur an dich
+dachte, und dann, weil er mit Ferrante sich gegen uns verschwor, da
+er sich rächen wollte."
+
+"Und du entdecktest das ohne mich?"
+
+"Man verriet sie. Sie liegen beide im Turme zum Tode verurteilt."
+
+Jetzt wurde leise die Tapete gehoben, und eine ärztliche Stimme bat
+mit Ehrfurcht um Beendigung des ersten Gespräches.
+
+Der Herzog küßte die herabhangende Hand des Bruders mit Zärtlichkeit;
+denn nicht nur liebte er den Bruder, die Rettung Ippolitos gab ihm
+auch den unentbehrlichen Ratgeber zurück.
+
+"Es ist ein kalter Novembertag", sagte er, sich erhebend. "Ich gebe
+Befehl, Feuer in deinem Kamine anzufachen."
+
+So geschah es.
+
+Der Kardinal starrte in die steigende Glut.
+
+"Lodert auf, ihr Flammen und Peinen!" seufzte er und sank in
+Schlummer zurück.
+
+Der Kranke erholte sich langsam, oder eigentlich, er erholte sich
+nicht, denn seine Kraft war gebrochen.
+
+Täglich wurde er von Don Alfonso besucht und erhielt nun auch von den
+Ärzten die Erlaubnis, die an ihn einlaufenden Briefe zu öffnen.
+
+Einen derselben hielt er einmal sinnend in der Hand, da der Herzog
+eintrat. Das Schreiben kam von dem Sforza in Mailand, Ludovico Moro,
+und hatte einen merkwürdigen Inhalt, den Ippolito dem Bruder nicht
+vorenthielt.
+
+Der Fürst bot dem längst ihm befreundeten Kardinal sein Mailand zum
+Asyl an. Er redete zu ihm mit Bedauern, aber ohne Vorwurf von dem
+blutigen Vorgange in Belriguardo, welcher ihm, nach seinem
+Dafürhalten, ein längeres Bleiben in Ferrara und an der Spitze der
+dortigen Staatsgeschäfte unmöglich mache; denn es habe sich
+wunderbarerweise in einer Zeit, die der Gewalttaten nicht entraten
+könne, ein unverständlicher Zorn über die Blendung Don Giulios an den
+italienischen Höfen erhoben. Dagegen gebe es nun keine Waffe, und er
+erwarte ihn bei sich auf seinem Kastell in Mailand. Er wisse, daß
+Ippolito die Hoheit des Herzogs seines Bruders und die Politik
+Ferraras durch seine Gegenwart nicht schädigen wolle, und auch in
+Mailand wären genug politische Verstrickungen, deren Lösung einer
+geschickten Hand, wie die seinige sei, bedürfe.
+
+"Der alte Fuchs hat recht", sagte der Kranke ruhig. "Du wirst dich,
+Bruder, ohne mich behelfen müssen!"
+
+Der Herzog erschrak. "Davon hoffe ich dich abzubringen", antwortete
+er. "Wie sollt' ich dich entbehren!... Oder ersetzen?"
+
+"Durch deine Herzogin", lächelte der Kardinal.
+
+Zu wiederholten Malen kam er mit dem Herzog auf die Unmöglichkeit
+zurück, daß er im ferraresischen Staatsdienste bleibe.
+
+"Ich wundere mich selbst darüber", sagte er, "doch sehe ich aus
+meinen Briefen, daß ganz Italien annimmt, ich werde nach der Blendung
+Giulios nicht mehr bei dir, dem gerechtesten Fürsten Italiens, mich
+halten können, sondern freiwillig die Verbannung suchen, um es deiner
+Gerechtigkeit zu ersparen, mich zu bestrafen oder ungestraft zu
+lassen.
+
+Sterben wie ich mich fühle, gehorche ich der öffentlichen Stimme.
+
+Aber so lange will ich noch leben und bleiben, bis wir den Dämon
+wieder gefesselt oder vernichtet haben, der in Kürze Italien
+verstören wird. Alle meine Schreiben sind voll von Don Cesare. Aus
+Neapel, aus Rom, aus Frankreich wird mir berichtet, Cäsar rüttle an
+den Gittern seines Kerkers und habe sie zerbrochen. Ich weiß aus
+Erfahrung, daß ein Gerücht, das die Geister durch die Luft tragen und
+nicht müde werden auszustreuen, sich endlich verwirklicht.
+
+In dieser Gefahr werde ich noch neben dir stehen, dann gehe ich."
+
+Endlich kam der Tag, da der Kranke sich erhob und Lust äußerte, am
+Arme eines Dieners seine Schritte zu versuchen. Dieser führte ihn in
+einen großen anstoßenden Saal, dessen kalte Fliesen man aus Vorsorge
+für den Kardinal mit feinen Strohteppichen belegt hatte.
+
+Während er, auf den Diener gestützt, Fuß vor Fuß setzte, haftete sein
+Blick auf der langen Strohmatte, über die er wandelte und deren
+reinliche und geschmackvolle Arbeit ihm auffiel.
+
+"Wo wurde das gekauft?... Wer hat das geflochten?" fragte er. Und
+der Diener antwortete verlegen:
+
+"Beim Kerkermeister. Prinz Julius liebt solche Arbeit."
+
+Da war es dem Kardinal, als sehe er feine königliche Hände webend
+über die Matten huschen. Zu seiner Rechten und Linken, vor ihm,
+neben ihm, aller Enden webten und regten sich zu Hunderten die weißen,
+fleißigen Geisterhände.
+
+Ihn schwindelte, und er fiel dem begleitenden Diener in die Arme.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Es gab in dem ältesten und untersten Stockwerk des herzoglichen
+Stadtschlosses, das ein schweres, an mehrere Bauarten und
+Jahrhunderte erinnerndes Gebäude war, einen niedrigen Saal, der auf
+einen inneren Hof blickte, ein wenig benütztes, einsames Gelaß, das
+man die römische Kammer nannte. Denn die Büsten der sieben römischen
+Könige standen auf ehernen Säulen längs den Wänden. Sie sahen roh
+und abenteuerlich aus, hatten aber einen andern als künstlerischen
+Wert, da sie, aus dem reinsten Silber gegossen, einen beträchtlichen
+Hausschatz ausmachten.
+
+Sie blinkten seltsam in dem frühen Halbdunkel, denn es war heute der
+kürzeste Tag des Jahres, und den Hof verschleierte ein frühes
+Schneegestöber.
+
+Den selten geöffneten Saal machte ein im mächtigen Kamin flackernder
+Holzstoß auf ein paar Stunden wohnlich. Offenbar wurde ein
+feierlicher Akt vorbereitet, denn ein Tisch mit Schreibzeug war dem
+breiten dreiteiligen Fensterbogen gegenüber in die Mitte des Raumes
+gestellt und zwei mit Wappen gekrönte Lehnstühle waren zugerückt.
+
+Gerade über dem Tische im mittleren Felde der mit Malerei
+geschmückten Täfeldecke ragte über einem scheuenden Zweigespann die
+verbrecherische römische Tullia und zerquetschte unter den Rädern
+ihrer Biga die Leiche des eigenen gemordeten Vaters. Aus dem
+nächsten Bilde aber streckte der von seinem Bruder Romulus erstochene
+Remus einen kolossalen Fuß heraus.
+
+Unter dieser Tullia und über sie pflegten Lukrezia und Angela, wenn
+sie im Sommer die Kühle dieses Saales suchten, in scherzhaften Streit
+zu geraten.
+
+Angela drohte dann in ihrer kindlichen Weise zu der blutigen Römerin
+empor und klagte sie ihrer unnatürlichen Verbrechen an:
+
+"Böse! Warum mußte man dich im Gedächtnis behalten? Warum wissen
+wir von dir, du Unhold! Du bist kein Weib, Mörderin des Gatten und
+der Schwester... Mörderin des Vaters... Verführerin des Schwagers!...
+Widernatürliche! Zauberin! Teufelin!..."
+
+Dann lächelte Lukrezia, dem eifrigen Mädchen die heiße Wange
+streichelnd.
+
+"So ging es nicht zu", flüsterte sie ihr ins Ohr; "die berühmte
+Römerin verlor sich in einer Dämmerstunde an einen Mann, sein
+sündiger Geist fuhr in sie, und sie wurde sein willenloses Werkzeug.
+So war es, glaube mir. Ich weiß es."
+
+
+Leer und still war heute die römische Kammer, nur vom Hofe her tönte
+seit dem Mittag ein gedämpftes Hämmern und ein in unterdrückten
+Lauten geführtes Gespräch.
+
+Jetzt wird behutsam auf das verrostete Schloß der Eichentür gedrückt.
+Sie öffnet sich knarrend, und auf den Zehen tritt Angela ein mit
+ernsten Augen, in Trauer gekleidet, um das Kraushaar einen schwarzen
+Schleier geschlungen.
+
+Sie eilt ans Fenster, öffnet es und sieht im Hofe das die beiden Este
+erwartende Schafott sich erbauen.
+
+Drei Holzstufen, ein rohes Gerüst, das man jetzt mit dunkelrotem Tuch
+bedeckt, der schon oben stehende Block mit schwarzem Samt überkleidet
+und, alles leicht umhüllend, ein dünnes Schneegestöber! Wollte es
+die Brüder in den ewigen Winter einladen?
+
+Sie starrte auf die Gerichtsstätte nieder, da weckte sie ein leiser,
+dringender Ruf dicht unter ihrem Fenster.
+
+"Prinzessin, nehmt Euch des armen Don Giulio an! Bittet für!
+Verlangt Gnade!" Noch ein flehender Blick unter einem breiten
+Arbeiterhute hervor begegnete ihren suchenden Augen, dann verlor sich
+der Mitleidige schleunigst unter die andern Zimmerleute.
+
+Jetzt wurde von Dienern eine zweite, der nach dem Innern des Palastes
+führenden gegenüberliegende Tür geöffnet und eine richterliche
+Gestalt in fließender Toga eingeführt.
+
+Es war der Großrichter Herkules Strozzi, der etwas unmutig schien,
+Donna Angela zu erblicken statt des herzoglichen Paares, das er in
+der römischen Kammer zu finden erwartet hatte.
+
+Da das Mädchen in seiner Rechten eine mit Siegeln versehene Rolle sah,
+rief es entsetzt:
+
+"Das Todesurteil! Ist es unwiderruflich?"
+
+Der Richter antwortete gemessen: "Es ist noch nicht unterschrieben,
+doch zweifle ich nicht, daß die Gerechtigkeit Don Alfonsos es
+bestätigen wird."
+
+"Gerechtigkeit! Menschliche, nicht göttliche!" sprach Angela. "Habt
+ihr vergessen, ihr Richter, auf wem die erste Schuld liegt? Vergaßet
+ihr die Quelle der Verschwörung, den Greuel des Kardinals?..."
+
+"Das ist ein andrer Rechtsfall", erwiderte Strozzi, den die Aufregung
+des Mädchens verstimmte, "und hat mit unsrer heutigen Sache nichts zu
+schaffen!"
+
+"O ihr Lügner und Heuchler!" rief sie aus, "wenn jemand gerichtet
+werden soll, wahrlich, so bin ich schuldiger als Don Giulio!"
+
+Der Richter schüttelte ungeduldig das Haupt.
+
+"Und die Herzogin! Vertritt sie nicht die Gnade?" fuhr sie fort.
+"Sie, auf die ich immer noch gezählt habe und die so große Macht über
+den Herzog ausübt?"
+
+"Nicht in diesen prinzipiellen Rechtsfragen. Hier ist der Herzog
+unerschütterlich. Er ist überzeugt, wie von seinem Dasein, daß die
+Unverletzlichkeit der regierenden Person die Grundbedingung des neuen
+Fürstentums ist, wie es jetzt in Italien überall entsteht", sagte
+Strozzi. "Mit der Begnadigung Don Ferrantes und Don Giulios würde er,
+glaubt der Herzog, den Untergang seiner Herrschaft besiegeln. Donna
+Lukrezia ist viel zu klug und hat sich von jeher gehütet, an eine
+persönliche Überzeugung des Herzogs zu rühren."
+
+"Und Ihr?" reizte sie ihn, "Strozzi, teilet denn Ihr zuungunsten
+Eures blinden Freundes die fürstlichen Überzeugungen des Herzogs?"
+
+"Ich vertrete das Recht in seiner Strenge!" versetzte der Richter
+stolz.
+
+Da wurde die breite, ins Innere des Palastes gehende Tür
+auseinandergeworfen, und es erschien der Herzog mit der Herzogin.
+
+Während sich Angela in die bergende Fensternische zurückzog, nahmen
+die Hoheiten nebeneinander auf den Sesseln Platz, und ihnen gegenüber
+stand am Tische der Oberrichter und entfaltete seine Rolle.
+
+"Das Urteil ist mir zwar bekannt", begann Don Alfonso, "und ich habe
+es Punkt um Punkt erwogen. Aber um den Formen zu genügen, Strozzi,
+leset es uns, bevor ich unterzeichne, noch einmal langsam!"
+
+Dieser, den die Gegenwart der Herzogin berauschte, trug, nicht ohne
+sich mitunter ärgerlich zu mißreden, zum Verdruß des jedesmal den
+Irrtum verbessernden Herzogs, das Erkenntnis feierlich vor.
+
+Unterdessen ertönte von ferne aus dem Gefängnisturme das
+Totenglöcklein, und Angela erblickte durch das Fenster den
+Hinrichtungszug und sah, wie die beiden Este mit einem
+Franziskanermönch und den Scharfrichtern das Blutgerüst betraten.
+
+"Gebt, Oberrichter, damit ich unterzeichne", sagte Don Alfonso und
+tunkte die Feder ein.
+
+Da verließ Angela ihr Versteck und warf sich dem Herzog, seine die
+Feder führende Hand mit ihren beiden festhaltend, zu Füßen!
+
+"Nein, Don Alfonso! Nicht Euern Bruder, sondern mich lasset bluten!...
+Ich bin die Schuldige! Bis heute schwieg ich, weil ich immer noch
+auf Euer und auf Lukrezias Erbarmen hoffte! Jetzt aber sei's gesagt!
+Zweimal war ich Don Giulios Verderben! Das erste, da ich mit meinem
+Lobe seiner Augen seinen Bruder, den Teufel, reizte--das zweite, da
+ich Eurem Gebote zuwider in seinem Pratello den Geblendeten aufsuchte
+und, mein Leid auf seines häufend, ihn zur Verzweiflung trieb!..."
+
+Der Herzog maß die seine Knie umfassende Borgia mit erstauntem,
+mißbilligendem Blicke, doch ehe er ihr antworten konnte, wurde die
+Tür wieder geöffnet und es erschien, allen unerwartet und von niemand
+geladen, der kranke Kardinal.
+
+Verzehrt bis zur Entkörperung, leicht gebückt, mit durchdringenden
+Augen unter der kahl und hoch gewordenen Stirn, schien er lauter
+Geist zu sein, grausam und allwissend.
+
+Seine Diener rückten ihm einen Stuhl an den Herd, und er setzte sich
+neben die Flamme, während die Herrlichkeiten sich ihm zuwandten.
+
+"Ich bin zum Hochgericht gekommen, obgleich mich niemand rief", sagte
+er mit leiser Stimme...
+
+"Doch ich habe eine Bitte an dich, Bruder!..."
+
+Schon aber hatte sich die verzweifelte Angela von den Knien erhoben,
+stand vor dem Feuer und unterbrach ihn...
+
+"Trittst du immer der Gnade in den Weg, Widersacher! Beruhige dich,
+du wirst Blut trinken! Hier ist keine Gnade... Hier ist die Hölle!...
+Um dich, mit dir, in dir war die Hölle von Anfang an! Ist es doch
+ein Wort des Heilands, das dich zum Greuel trieb! Das uns beide in
+die Verdammnis wirft!
+
+Die Purpurfarbe des göttlichen Erbarmens dringt durch bis in das
+persische Märchen, sagte diese hier",--sie ergriff Lukrezias Hand--
+"aus deinem Purpur aber, Kardinal, bricht Haß und Blut hervor, sobald
+man den heiligsten der Namen nur nennt!..."
+
+"Schweige, törichtes Mädchen!" bebte es von den Lippen des Kardinals.
+"Ich könnte dich erwürgen! Ich bin deiner--ohne Gewährung--
+übersatt. Du bist mir ein Abscheu!... Du hast mir die Augen meines
+Bruders verhaßt gemacht, die Himmelsaugen, die mich früher voll
+Vertrauen anschauten!"
+
+"Krank, und immer noch grausam, Ippolito?" sagte die Herzogin und zog
+Angela in ihre Arme. "Hat diese nicht recht, wenn sie sagt, daß die
+Fabel Ben Emins etwas an alledem verschuldet hat?"
+
+Der Kardinal wandte sich langsam gegen seine Schwägerin, und seine
+Augen brannten.
+
+"Was weiß man von dem Nazarener?" sagte er. "Was man von seinen
+Reden und Taten erzählt, ist unglaublich und unwichtig. Ich kenne
+ihn nicht. Wird ein Gott gekreuzigt?... Ich weiß nur von dem durch
+die Kirche in den Himmel erhöhten König, von dem durch die Theologie
+geschaffenen zweiten Gotte der Dreifaltigkeit. Sein der Himmel!
+Unser die Erde! Unser ist hier die Gewalt und das Reich! Und es ist
+Herrscherpflicht, das Schädliche und Unnütze, das uns widersteht, zu
+vernichten.
+
+Doch wir philosophieren hier, und draußen erwarten zwei den Tod...
+
+Mit einem Worte, Bruder, sie dürfen nicht sterben!... Du gibst sie
+mir! Schütte kein Blut mehr über mein Haupt... Es verwirrt und
+erstickt mich.--Sehen darfst du die Fürstenmörder nicht mehr!
+Verbirg sie im Kerker, aber laß sie leben um meinetwillen!"
+
+Der Herzog sann mit geneigtem Haupte, dann sagte er: "Ich tue es
+ungern, es schädigt mein Fürstenrecht. Aber ich will es lieber, als
+daß dich zwei abgeschlagene Häupter ängstigen und zwei Tote in die
+Gruft nachziehen.
+
+Ich tue es dir um des vielen willen, was du für Ferrara getan hast.
+
+Man öffne den Balkon! Wir treten hinaus, und Ihr, Großrichter, leset
+das Urteil mit dem Zusatze der üblichen Begnadigungsformel."
+
+Sie erhoben sich; der Kardinal aber blieb an der heruntergebrannten
+Glut sitzen. Er ließ sich eine Decke über die Knie legen, lehnte
+sich in seinem Stuhle zurück und schloß die Augen. Er wünschte nicht,
+als Zeuge der ihm gewährten Begnadigung gesehen zu werden.
+
+Diener brachten Mäntel, Kopfbedeckungen und Überwürfe, um die ins
+Freie tretenden Herrschaften vor der Winterkälte zu schützen.
+
+Während Lukrezia sich in die Kapuze eines blendend weißen, aus der
+feinsten flämischen Wolle verfertigten Nonnenmantels hüllte und Donna
+Angela ihr dabei behilflich war, näherte sich ein Page mit
+unschuldigem Gesicht, bog rasch, wie ein Chorknabe vor dem Altar, das
+Knie vor der Herzogin und überreichte ihr in einer silbernen Schale
+zwei verschiedene Briefe, ein umfängliches Schreiben und ein leicht
+zu verbergendes Briefchen.
+
+Lukrezia ließ einen schnellen Blick auf ihre Überschriften fallen.
+Es war die schönfließende Handschrift Bembos und auf dem kleinen
+Briefchen--Lukrezia erschrak zu Tode--das feine Frauenschriftchen
+Cäsar Borgias.
+
+Sie ließ beides in ihren weiten weißen Ärmel gleiten, und da Angela
+sie mit ängstlicher Frage anblickte, legte sie, Schweigen fordernd,
+den Finger an den Mund.
+
+Die Frauen traten auf den Balkon hinaus und erblickten in dem engen
+Hofe auf dem Schafott ganz nahe unter sich die beiden Brüder.
+
+Das Schneegestöber hatte aufgehört, und ein lichter Abendhimmel
+blickte von hoch oben zwischen Mauern und Türmen herab.
+
+Das wimmernde Glöcklein schwieg, und Herkules Strozzi, der zwischen
+dem mit beiden Händen auf den eisernen Korb des Balkons sich
+stützenden Herzog und Lukrezia stand, begann das Urteil mit völliger
+Gedankenlosigkeit vorzulesen. Denn das wunderbare Weib an seiner
+Seite zitterte unerklärlich unter der weißen Wolle, und ihre blassen
+und doch feurigen Augen schauten groß und geisterhaft unter der
+Kapuze hervor.
+
+Er empfand jene seltsame Angst, welche die Begleiterin der höchsten
+Leidenschaft ist.
+
+Während er die Begnadigungsformel verlas, welche die Todesstrafe in
+ewigen Kerker verwandelt, und die also beginnt:
+
+"Die Hoheit, aus der Fülle ihrer Macht und zugleich aus dem Born
+ihrer Gnade schöpfend..." erhoben die Begnadigten ihre Häupter und
+schickten sich an, dem Herzog zu danken.
+
+Don Ferrante hatte sich mit verändertem Entschlusse würdig in
+schwarzen Sammet gekleidet, und seine Züge, frei von den Zuckungen
+und Verzerrungen, die sie zu entstellen pflegten, waren ernst und
+gelassen.
+
+"Ich danke dir, Bruder Herzog", begann er, "aber ich nehme deine
+Gnade nicht an. Ich habe mein Leben stets verabscheut; warum, weiß
+ich nicht. Und da ich es nicht liebte, habe ich es mißbraucht und
+mich und andere verachtet. \XDCberall, wohin ich darin zurückblicke,
+sehe ich nichts als törichte Larven, Hohlheit, Neid und Nichtigkeit...
+nirgends eine reinliche Stapfe, wo Erinnerung den Fuß hinsetzen
+könnte, ohne ihn zu beschmutzen! Ich fürchte mich vor dem Leben, das
+du mir schenkst! Und ich sehne mich, meines Ichs und seiner Angst
+ledig zu sein.--Lebet wohl, Brüder!"
+
+Er zog eine kleine, mit flüssigem Gift gefüllte Phiole, die er sich
+mit Gold für alle Fälle erkauft hatte, aus dem Busen und zerdrückte
+sie zwischen den Zähnen, bevor ihn jemand daran hindern konnte. Er
+stürzte rücklings nieder und begann schmerzlich zu röcheln.
+
+Während der erschrockene Pater Mamette sich über den schon Entseelten
+beugte, brachten die Scharfrichter einen der bereitgehaltenen Särge,
+der Mönch bettete den Toten hinein, und sie trugen ihn weg.
+
+Der Blinde war ganz allein auf dem Blutgerüste stehengeblieben und
+weinte, denn er hatte gehört und erraten, was vorging.
+
+Dann wandte er das Haupt nach der Zinne, wo seine Begnadigung
+verkündigt worden war, hinauf zu dem schweigenden Don Alfonso, den er
+dort vermutete:
+
+"Herzog, ich bin dankbarer für das Leben. Nicht wie Don Ferrante
+vergelt ich deine Gabe! Ich habe den Reichtum meines Daseins wie ein
+Unsinniger verschwendet. Nun ich blind bin und unter die Ärmsten der
+Armen gehöre, schätze ich das Almosen und halte es teuer. Ich bin
+von den Reichen zu den Armen gegangen. Ich bin gestürzt und an der
+andern Seite der Kluft emporgeklommen, welche die Genießenden und
+Satten der Erde von den Hungrigen und Durstigen trennt. Die Freude
+und ihre Genossen habe ich verlassen--ich gehe zu den Leidensbrüdern.
+Ja, redlich leiden und dulden will ich, und darum dank ich für das
+neue Leben!" Da richtete der Herzog fast gütig das Wort an seinen
+blinden Bruder:
+
+"Ich habe nicht alles begriffen, was Ihr geredet habt, Don Giulio;
+aber ich entnehme daraus, daß Ihr leben und Euch bessern wollt. Das
+ist ebenso verständig als christlich. So reut es mich nicht, daß ich
+Euch begnadigt habe." Und er gab das Zeichen, den Este in sein
+Gefängnis zurückzuführen, das im Eckturme eines andern Hofes lag.
+
+Er hatte noch nicht geendet, so verließ Donna Angela, die unter einer
+leichten schwarzen Halbmaske der Begnadigung beigewohnt hatte, auf
+fliegenden Sohlen die römische Kammer, um, über Gänge und Stiegen
+eilend, ihr abgelegenes Turmgemach zu erreichen. Unter ihrem Erker
+mußte der Gefangene vorbeigeführt werden, und dort pflegte sie
+duftende Rosen. Davon brach sie die schönste und öffnete leise das
+Fenster.
+
+Jetzt kam er mit Pater Mamette, der ihn an der Hand führte. Sie warf
+ihm die Rose zu.
+
+"Da fliegt eine rote Rose auf Euch nieder", sagte der Franziskaner,
+indem er sie geschickt auffing und dem Blinden überreichte. "Eine
+Güte Gottes begleitet Euch ins Gefängnis!"--und als der Blinde nach
+der falschen Seite hin sich verbeugte: "Nach rechts, Herrlichkeit!
+Die Blume fiel vom Fenster der Prinzessin Angela."
+
+Da winkte Don Giulio mit beiden Armen empor und rief:
+
+"Ich grüße dich, geliebtes Unglück!" Auf dem Balkon des Urteils
+hatte während der Rede Don Alfonsos Lukrezia mit feinen Fingern den
+Brief Don Cesares geöffnet und in verborgener Eile gelesen. Er
+lautete ehrgeizig und unheimlich fromm: "Schwester, vernimm, daß es
+nach so vielen Widerwärtigkeiten Gott unserm Herrn gefallen hat, mich
+aus dem Kerker zu ziehen. Möge diese herrliche Gnade zu seiner
+größern Ehre gedeihen! Ich strebe nach allem und verzweifle an
+nichts. Sende mir einen Mann nach Deiner Wahl, den besten und
+begabtesten, den Du finden kannst, der mir in Italien dazu behilflich
+sei. Nimm von ihm, wie Du es kannst, für mich Besitz. Du wirst
+wagen, denn Du liebst mich. Schicke mir ihn zu meinem Schwager dem
+Herzoge von Navarra. Ich umarme Dich."
+
+Mit brennenden Wangen, in der Schönheit des Wahnsinns, unfähig, dem
+Dämonenruf zu widerstehen, unempfindlich in diesem Moment für Furcht
+und Ehre, bestrickte Lukrezia den Richter, Leib und Seele, mit einem
+Blicke der Verführung.
+
+Sie hielt ihn auf dem Balkone zurück, während der Herzog ins Gemach
+trat und sich an den Tisch setzte, der sich inzwischen mit eben
+angelangten, alle von Rom oder Neapel kommenden, an ihn und den
+Kardinal gerichteten Briefen bedeckt hatte.
+
+Der beim Eintritte der Boten auflebende Ippolito hatte sich erhoben
+und gesellte sich seinem Bruder. Sie entsiegelten die Botschaften
+und waren bald in das wichtigste Gespräch versunken; denn alle diese
+Papiere handelten nur von einem Gegenstande, der Befreiung des Cesare
+Borgia und der Aussicht auf seine baldige Erscheinung in Italien.
+
+Der fernblickende Kardinal war von der Größe der politischen Gefahr
+überzeugt und hingenommen, doch entging ihm auch das Nächste nicht,
+er ahnte den Zusammenhang. Sein Auge streifte den jetzt mit der
+Herzogin in einer Fensternische sich unterhaltenden Großrichter und
+verfolgte die reizenden Biegungen und Wendungen ihres zarten
+Schlangenhalses.
+
+Mit dem frevelhaftesten Mut nahm in Gegenwart des Herzogs Lukrezia
+Borgia von Herkules Strozzi für den Bruder Besitz. Der verwildernde
+Strozzi verlangte noch frevelhafter seines Wunsches gewährt zu sein,
+bevor er in so gefährlicher Sendung das Leben wage. Da bebte
+Lukrezia vor Zorn und Abneigung.
+
+"Geh!" flüsterte sie ihm zu, und das Licht ihres Verstandes
+durchblitzte ihre Leidenschaft. "Geh zu Cesare! Schiebe nicht auf!...
+Willst du warten, Tor, bis der Herzog das Kommen meines Bruders
+erfährt und uns allen bei Lebensstrafe verbietet, mit ihm zu
+verkehren?... Dann erst ist dein Leben verwirkt. Eile!... Sieh
+hinüber... jetzt vernimmt er das Ereignis! Fort aus den Toren von
+Ferrara!"
+
+Strozzi zögerte aus schlimmen Absichten, und schon kam der Rat zu
+spät.
+
+Vor dem Herzog stand sein Haushofmeister, dem er den Auftrag gab,
+sofort den ganzen Hofstaat und alles Ingesinde des Palastes in die
+römische Kammer zusammenzurufen.
+
+In wenigen Minuten füllte sich diese. Der Herzog trat in die Mitte
+der Versammlung und redete, Lukrezia fest an der Hand haltend:
+
+"Ihr alle! Eben erhielt ich gewisse Nachricht, daß Don Cesare Borgia,
+den sie den Herzog der Romagna nannten, aus Spanien entflohen ist
+und jeden Augenblick unter uns erscheinen kann.
+
+Dieser Mann ist ein Zerstörer und Verderber Italiens. Wer von euch
+mit ihm sich einläßt, auf welche Weise immer es sei, büßt dafür mit
+dem Leben. Ohne Unterschied! Ohne Gnade!
+
+All dieses unbeschadet meiner Hochachtung und eurer Verehrung für
+Donna Lukrezia, eure erlauchte Fürstin, der ich traue wie mir selbst,
+und der ihr zu gehorchen habt wie mir selbst."
+
+Er drückte ihr die Hand und sie gab ihm einen warmen Dankesblick,
+obgleich sie ihn verriet.
+
+
+Bei dem allgemeinen Aufbruch begleitete der Oberrichter den Kardinal,
+der sich, die Treppe hinabsteigend, auf ihn stützte, bis zu seiner
+Sänfte, und dieser scherzte:
+
+"Eigentlich ist es kein Wintergespräch... aber sagt mir, Strozzi, wie
+stellt Ihr Euch das Gefühl einer Mücke vor, die sich die Flügel an
+einer brennenden Kerze versengt? Meint Ihr, daß sie Schmerz fühle?
+Ich meine, kaum, sonst würde sie sich nicht immer von neuem in die
+glänzende Flamme stürzen! Ich denke, sie stirbt in Rausch und
+Taumel!... Nicht?"
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Nachdem Lukrezia auf jenem Balkon über dem Blutgerüst der beiden Este,
+von dem Triumphschrei und Hilferuf Don Cesares erschreckt und
+überwältigt, in plötzlichem Liebesgehorsam gegen ihren Bruder den
+Richter Strozzi zu ihrem Mitschuldigen gemacht hatte, fiel sie ein
+paar Stunden später, aus dem Zauber halb erwachend, in Reue und
+fühlte sich voll Bitterkeit gegen den feigen Mann, der, statt vor
+ihrer Schwäche enthaltsam zurückzutreten, das Verhängnis ihrer alten
+Knechtschaft mißbrauchte, um, der Niedrige, Forderungen zu stellen,
+die sie, solange sie ihrer selbst und ihrer vollen Besinnung mächtig
+blieb, niemals gewähren konnte. Ein tödlicher Widerwille gegen den
+seiner Leidenschaft blind gehorchenden Richter, der ihr, seiner
+Fürstin, einen gemeinen Handel antrug, bemächtigte sich ihrer. Sie
+war schuld daran, und sie haßte ihn darum.
+
+An jenem Abend entfaltete Lukrezia in der Heimlichkeit ihres
+Schlafgemachs ihren zweiten Brief.
+
+Hier meldete ihr der treue Bembo von Rom aus die Wiedererscheinung
+Don Cesares in Italien und beschwor sie kniefällig, so schrieb er,
+nicht einen Augenblick zu zögern, sondern sich ihrem Gemahl flehend
+in die Arme zu werfen und dort durch das Bekenntnis ihrer Schwäche
+Schutz gegen sich selbst zu suchen.
+
+Über dem Brief war sie todesmüde bei brennenden Kerzen in Schlummer
+gesunken, aber aus den beginnenden Träumen wieder aufgefahren. Es
+hauchten Geisterwinde und bewegten die Flämmchen der Kerzen.
+
+Sie starrte in eine dunkle Ecke, bis ihre unverwandten Blicke dort
+die Erscheinung Cäsars gestalteten. Jetzt, jetzt trat er hervor und
+schritt auf ihr Lager zu, die Samtmaske, die er immer trug, von den
+wohlbekannten, bleichen Zügen hebend.
+
+Da stieß Lukrezia durchdringende Schreie aus und weckte damit die in
+der Kammer nebenan schlafende Angela, die ihr zu Hilfe eilte und bis
+zum Hahnenschrei neben ihr saß.
+
+Im ersten Morgenschimmer las die Herzogin den Brief Bembos zum andern
+und zum dritten Male. Dann erhob sie sich schleunig und lief im
+Schlafgewand auf nackten Sohlen über die kalten Steinplatten der
+Schloßgänge in die Kammer Don Alfonsos.
+
+Sein Lager war leer. Er war in noch früherer Stunde verreist, eine
+Zeile zurücklassend, er eile nach Bologna, um bei der Gefahr dieser
+Zeit an der Seite seines Lehnsherrn, mit dem nicht zu scherzen sei,
+der Heiligkeit Julius' des Zweiten, in Treue gefunden zu werden. Er
+gebe seiner Gemahlin die Regentschaft und zum Berater den Kardinal
+Ippolito.
+
+Hilflos, schutzlos, weinend wie ein Kind, kehrte Lukrezia in ihre
+Kammer zurück.
+
+Im hellen Tageslicht wichen die Gespenster, doch die Herzogin, deren
+der Bruder sich nach und nach wieder völlig bemächtigte, begann mit
+allen Kräften ihres Geistes für ihn zu wirken und jede Stunde ihres
+Lebens in seinem Dienste zu verwenden, indem sie sich einbildete, sie
+tue aus treuer Schwesterliebe, die das Natürlichste in der Welt sei,
+Erlaubtes und Unerlaubtes für einen großen und unglücklichen Fürsten,
+ihren geliebten Bruder.
+
+War er nicht noch ein Jüngling mit unendlicher Zukunft? Von seiner
+Berechtigung aber, in seinen verlorenen Besitz zurückzukehren und in
+Italien die Herrscherrolle zu spielen, kraft seiner Geburt und seiner
+seltenen königlichen Begabung, war sie völlig überzeugt.
+
+Dem Großrichter hatte sie eine Zeile geschrieben, welche die geheime
+Botin, ihre Kammerzofe, ihr wieder zurückbringen mußte und worin sie
+ihm sagte, sie habe gestern in der römischen Kammer in Freude und
+Bestürzung über den unerwartet befreiten Bruder Worte geredet, auf
+die sie sich nicht mehr besinne, und deren sich Strozzi auch nicht
+erinnere, warum sie ihn nicht einmal bitte, weil sich das bei einem
+Edelmanne von selbst verstehe.
+
+
+Der Anfang des neuen Jahres war eine Zeit der Angst und Gefahr für
+ganz Italien. Die Völker waren aufgeregt. Die Höfe lauschten in
+atemloser Spannung über die Meeresalpen und die Pyrenäen, während
+Cäsar anfangs wenig von sich hören ließ und sich, wie der Drache
+seiner Helmzier, aus seinen eigenen Ringen langsam emporhob.
+
+Welche Möglichkeiten!
+
+Er konnte aus der herrenlosen Romagna als Kondottiere der Venezianer
+den Papst verjagen. Er konnte, als Verwandter des Königs von
+Frankreich, durch irgendeine Wandlung der Dinge, von diesem an die
+Spitze eines seiner in Italien liegenden Heere gestellt werden.
+
+Man wußte, es war eine Tatsache, daß Cesare Borgia in Italien beliebt
+war. Der Instinkt des Volkes und die Begeisterung der Kriegsleute
+feierten ihn als den Begünstiger der heimischen Waffen und den
+grausamen, aber nützlichen Vertilger der kleinen Stadttyrannen. In
+der Romagna, ja selbst im Ferraresischen, dem Eigentum der Este,
+vergötterte ihn die Volksmasse und krönte sein Andenken, wie einst
+das unterste Rom das Andenken Neros bekränzte, an dessen Untergang es
+auch niemals hatte glauben wollen.
+
+Es war ein unheimliches Frühjahr. In den Staatskanzleien wachten die
+Schreiber über der Feder, und nächtlicherweile flogen auf den
+sturmgepeitschten Landstraßen die Pferde vermummter Boten.
+
+Die Herzogin erschien blaß und angegriffen; denn auch sie legte die
+Feder nicht aus der Hand. Es galt, die befreundeten italienischen
+Höfe von den guten Absichten Cesare Borgias zu überzeugen. Sie
+versicherte sowohl mit den heiligsten Beteuerungen als mit den
+feinsten und anmutigsten Wendungen, er komme mit edlen, friedlichen
+Gedanken und gerechten Absichten. Und dies tat sie aus eigener
+Klugheit noch vor der Ankunft des zweiten Boten ihres Bruders.
+
+Dieser, ein gewisser Federigo, kam mit einem Schreiben an die
+Herzogin von Ferrara und in einer Sendung an Papst Julius, den
+Eroberer von Bologna. Der Heilige Vater aber warf den Gesandten
+Cäsars in den Kerker, und Lukrezia gab sich viele vergebliche Mühe,
+den Kanzler ihres Bruders, wie sie den Abenteurer betitelte, von der
+gestrengen Heiligkeit loszubitten. Auch den eigenen Gemahl bat sie
+dringend, ihr in dieser Sache beizustehen. Doch Don Alfonso riet dem
+Papste im Gegenteil, den zweideutigen Gesandten in der Stille
+erdrosseln zu lassen--ebenfalls vergeblich, denn der Bote
+entschlüpfte.
+
+Dergestalt hatte die Herzogin hundert Anliegen und Geschäfte
+zugunsten ihres Bruders. Alle mit der höchsten Klugheit eingeleitet,
+gefördert oder aus Vorsicht geschickt wieder abgebrochen.
+
+Durch wenige Zimmerbreiten von ihr getrennt, bemühte sich in
+demselben Schlosse bis tief in die Nacht der leidende Kardinal, ihre
+Verbindungen mit Don Cesare aufs genaueste zu überwachen und alle
+ihre Pläne zu studieren, um sie bis auf einen gewissen Punkt reifen
+zu lassen und dann zu vereiteln.
+
+Vor seinem Zurücktritte aus dem ferraresischen Staatsdienst und der
+Entlassung seiner ausgesuchten und vorzüglich geschulten
+polizeilichen Werkzeuge reizte es ihn, sein diplomatisches
+Meisterstück zu liefern.
+
+So überblickte er das ganze Gewebe Lukrezias und bewunderte in der
+Stille seiner Arbeitsräume den Vorrat schärfsten Verstandes und
+unerschöpflicher Auskünfte, welchen die Herzogin in einer zum voraus
+verlorenen Sache anwendete. Denn er fing ihre Briefe auf, las sie,
+versiegelte sie wieder kunstvoll und schickte sie dann gewissenhaft
+an ihre Bestimmung mit sie begleitenden Schreiben entgegengesetzten
+Inhalts aus seinem Interessenkreise, welche die Wirkung der ihrigen
+vollständig zerstörten.
+
+Und das tat er, ohne daß Lukrezia eine Ahnung davon hatte. So hatte
+es der Herzog angeordnet, der die Gemahlin mehr als je liebte und um
+jeden Preis schonen, in keiner Weise bloßstellen wollte; denn er
+wußte, daß die kluge und reizende Lukrezia bei der Annäherung Cäsars
+ihrer selbst nicht mehr mächtig war und, wieder in den Bann ihres
+alten Wesens, ihrer früheren Natur gezogen, schuldvoll und schuldlos
+sündigte.
+
+Demselben Wohlwollen gegenüber dem verführerischen Weibe verfiel auch
+der Kardinal. Er bewunderte den schützenden Zauber des von ihr
+ausgehenden Liebreizes und verbündete sich, soweit es in Alfonsos
+Interesse möglich war, mit dieser seltsamen Macht, welche Lukrezia
+von jung an aus begrabenen Wellen gehoben und wie auf Schwingen über
+zerschmetternde Abgründe hinweggetragen hatte.
+
+So genoß er, die Kluge stündlich täuschend, kein Vergnügen der
+Bosheit, sondern er glich dem Arzte, der von einer lieben Kranken,
+die an Wahnsinn leidet, Gift und tötende Waffen entfernt.
+
+Auch die Regentin, obgleich sie das Gegenspiel des Kardinals
+teilweise zu erraten begann, blieb ihm aus Klugheit und unbewußter
+Achtung einer verwandten Anlage gleicherweise gewogen.
+
+Sie zog ihn oft zur Tafel, und dann entspann sich bald das
+anregendste Gespräch, in welchem eines das andre zu enträtseln und zu
+erhaschen suchte, dem feinsten Schachspiele vergleichbar. Nur daß
+die Herzogin jeden Vorteil emsig benützte, während der überlegene
+Kardinal sie mitunter lächelnd auf einen von ihr begangenen Fehler
+aufmerksam machte oder eine von ihm genommene Figur großmütig stehen
+ließ.
+
+Federigo, Cäsars Bote, hatte der Herzogin, bevor er nach Bologna zu
+der Heiligkeit des Papstes zog und von ihm gefesselt wurde, im
+Geheimnis den zweiten Brief des Bruders übergeben. Es war ein
+Schreiben von wenigen dringenden Linien, zwischen denen, nur dem Auge
+Lukrezias sichtbar, verruchte Anschläge und teuflische Einflüsterungen
+liefen.
+
+Nachdem der Verführer gemeldet, er habe mit dem Könige von Frankreich
+angeknüpft, bis jetzt zwar ohne Erfolg, den er abwarten könne, da er
+fürs erste nach Italien strebe, schrieb Cäsar: Um dort Fuß zu fassen,
+bedürfe er durchaus eines Gehilfen, eines ungewöhnlichen Mannes von
+bedeutenden Eigenschaften und ebenso gefälliger als imponierender
+Erscheinung. Er wisse einen, wahrlich wie gemacht, ihm zu dienen,
+den Richter Herkules Strozzi. Er kenne ihn wohl, denn der Vater
+ihres Gemahles, weiland Herzog Herkules, habe ihm diesen Strozzi,
+einen Jüngling von klassischen Zügen und strengem Betragen, als
+seinen Geschäftsträger in die Romagna gesendet, damals, da er auf dem
+Gipfel seiner Macht gestanden, welchen er mit Gottes und des
+Schicksals Gunst und der geliebten Schwester Hilfe wieder zu
+ersteigen hoffe.
+
+"Teuerste", schloß er, "tue, was Dir möglich ist, das Größte und
+Äußerste, um diesen einzigen, den ich als einen Bruder schätze, für
+mich zu gewinnen."
+
+Lukrezia erbleichte über dem Briefe. Aber sie hatte jetzt seit
+Wochen wieder mit Cesare in seinen vielen, auch seinen jugendlichen
+und liebenswürdigen Gestalten zusammengelebt. So hatte er sich,
+obschon ein Abwesender, wieder mit ihrem ganzen Denken verschmolzen
+und ihre Seele mit seinem Frevelsinn verpestet.
+
+Zwar sie widerstrebte kräftiger als früher dieser schmachvollen
+Sklaverei. Aber war sie nicht an Cäsar, als an ihr Schicksal,
+geschmiedet, seit er sie vom Sterbelager ihres zweiten, von ihm
+gemordeten Gemahles wegriß, und sie den Widerstand vergaß?
+
+Sie gehorchte ihm wiederum.
+
+Sie berief den Richter, hielt aber Angela neben sich und faßte sie
+bei der Hand, um nicht einen Augenblick mit ihm allein zu sein.
+
+Herkules Strozzi wurde in das enge Oratorium der Herzogin geführt,
+die ihm schweigend den Brief ihres Bruders bot.
+
+Nachdem er ihn gelesen--nur einmal, denn die tückischen Worte, die
+seine Leidenschaft stachelten und ihr schmähliche Dienste zu leisten
+schienen, hatten sich ihm schon auf ewig eingebrannt--, schwieg er
+und schwelgte in glühenden Träumen. Er sah Cesare siegreich nach der
+Krone Italiens greifen. Er sah sich selbst als seinen Kanzler an
+seiner Seite. Der Herzog von Ferrara war verschwunden, wohl von
+Cesare Borgia ausgelöscht und aus der Mitte getan. Lukrezia wiederum
+Braut, jugendlicher und heller als je, stand vor seinen trunkenen
+Augen in derselben triumphierenden Lichtgestalt, wie er sie bei ihrem
+Einzuge in Ferrara geschaut hatte.
+
+Er sah sie mit den Blicken seiner taumelnden Sinne, denn, die vor ihm
+stand, war eine andre. Zwar lächelte sie auf das Geheiß des Bruders,
+doch die großen lichten Augen starrten versteinernd, wie die der
+Meduse. Er aber sah sein Verderben nicht. Heuchlerisch redete er,
+der geborene Republikaner, von Cäsar Borgias Gerechtigkeit, die er
+immer bewundert habe. Die Kleinen und Schwachen habe der Großmütige
+geschützt und gehegt, wie der Blitz Jupiters habe er nur die stolzen
+Zinnen getroffen. Er pries die Tugend der Stärke. Er lobte die
+Gewalttat, die durch die Unterdrückung des Rechts in das höhere Recht
+zurückführe. So erschöpfte er das ganze ekle Wörterbuch des
+Tyrannenlobs; und er wäre ein Abscheulicher gewesen, wenn er geglaubt
+hätte, was er sagte; aber er redete unüberzeugt und leer, während er
+nur ein Begehr hatte, der vor ihm stehenden Lukrezia irgendeine
+Gewährung, einen Lohn abzulocken oder abzuzwingen.
+
+Zuweilen stammelte er dieses Ziel verfolgende, irre Worte, unheimlich
+gemischt mit dem Lobliede der Gewaltherrschaft. Dann aber sah er
+plötzlich auf dem Munde Lukrezias ein Lächeln zucken, bitter wie der
+Tod. Er sah die ernsten und tieftraurigen Augen Angelas unter
+richtenden Brauen auf sich geheftet. Und, mehr als der Prunk der ihn
+umgebenden Kruzifixe und heiligen Bilder, erschreckte ihn der stumme
+Vorwurf des unschuldigen Mädchens.
+
+Er mußte darauf verzichten, das kleinste gewährende Wort mit sich zu
+nehmen.
+
+Da sann er eine Weile mit verschränkten Armen und unglücklichem
+Antlitz.
+
+"Ich gehe zu Don Cesare!" sagte er dann. "Was schickt Ihr ihm durch
+mich, Madonna?"
+
+"Euch selbst!" antwortete Lukrezia. "So sieht der Bruder, daß ich
+ihm gehorche."
+
+"Darf ich sagen, daß Ihr ihm willig gehorchet?"
+
+Lukrezia antwortete nur mit einem schwachen Lächeln. Rasch
+verschwand er.
+
+Da umschlang das Mädchen die Schultern Lukrezias und fragte sie, Auge
+in Auge:
+
+"Was wollte der Mensch mit seinem Lallen immer und immer wieder
+sagen? Was erhält er zum Lohn? Was gibst du ihm?--Den Tod?..."
+
+Die Herzogin lächelte wiederum und ließ die Fragerin allein.
+
+Diese warf sich auf den Betschemel nieder. Aber, das Vaterunser
+flüsternd, konnte sie den Gedanken nicht loswerden:
+
+"Mit einem unüberlegten Worte habe ich einen Menschen geblendet und
+kann es nie verwinden! Diese aber lächelt, indem sie einen Menschen
+überlegterweise in den sicheren Tod sendet."
+
+Doch hielt sie sich darum nicht für die Bessere, sondern verschloß
+das gemeinsame Elend in ihrer barmherzigen Brust.
+
+
+Es war an einem Märztage nach Mitte des Monats, daß der Kardinal bei
+schon geöffneten, mit dem blausten Lenzhimmel gefüllten Fenstern bei
+der Herzogin speiste.
+
+Da fiel das Gespräch gelegentlich auf den Großrichter Herkules
+Strozzi, von dem der Kardinal behauptete, er habe Ferrara heimlich
+verlassen.
+
+Darauf äußerte die Herzogin, unmerklich erbleichend, ihre
+Verwunderung, daß ein so gewissenhafter Beamter eine längere Reise
+ohne Urlaub unternommen habe, welchen zu erteilen die Sache der
+Regentin sei, wie sie glaube.
+
+Der Kardinal erwiderte, Herkules habe sich bei seinen zwölf Kollegen
+beurlaubt, wohl mit dem Gedanken, in Abwesenheit des Herzogs dürfte
+das genügen. \XDCbrigens habe er vorgewendet, eine Familiensache der
+Strozzi verlange seinen schleunigen Besuch in Florenz.
+
+Die Herzogin und der Kardinal ergingen sich dann in allerlei
+Vermutungen über die wahre Ursache dieser Abreise; da sie aber eine
+einleuchtende nicht finden konnten, vereinigten sie sich dahin, die
+vorgegebene könnte am Ende die wahre sein.
+
+Beide wußten mit voller Gewißheit, daß Herkules Strozzi bei Cäsar
+Borgia war.
+
+Wenn ihre Augen hätten den Raum durchdringen können, so hätten sie
+die beiden gesehen, den gefürchteten Herzog und den Richter, vom
+Wirbel bis zur Zehe gepanzert, wie sie unter einem glorreichen
+Südhimmel durch blühendes und duftendes Heidekraut an den Krümmungen
+eines Absturzes emporkrochen, über sich die vier steilen Türme einer
+gotischen Burg mit Mordgängen und Schießscharten, sie beschleichend,
+nebst vielen andern Bewaffneten.
+
+Sie hätten gesehen, wie ein Steinregen von den belagerten Zinnen
+sprang und manchen Klimmenden in den Abgrund warf. Gesehen, wie
+jetzt ein Block sich von der Burg herabwälzte, in gewaltigen Sätzen
+von Fels zu Fels sprang, den schrecklichen Sohn des Papstes traf und
+ihn zerschmettert in die Tiefe stürzte.
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+April kam und überschüttete Ferrara mit Blüten. Lukrezia ließ die
+Mäuler der herzoglichen Ställe bepacken, denn sie wollte nach einem
+ihrer Landhäuser hinausziehen.
+
+An einem schon die Siesta verlangenden Nachmittage saß sie mit Donna
+Angela an dem offenen Fenster lässig vor dem Schachbrett und lauschte
+dem Singen ihres im Hofe beschäftigten Gesindes und der Treiber. Es
+war ein Liebeslied, welches der üppige Lenz erregte, aber die
+Ehrfurcht dämpfte.
+
+Jetzt verstummte dieses völlig, und unter dem Hoftore klirrte der
+Hufschlag von Pferden.
+
+"Gäste!" sagte Donna Lukrezia, und die Frauen erhoben sich.
+
+Die Diener, welche ihm die Tür öffneten, wegdrängend, trat der Herzog
+ein.
+
+"Ich komme von Rom", begann der Staubbedeckte, "und bin scharf
+geritten, da ich mich nach Euerm Antlitz sehnte, liebe Frau"--er
+ergriß und küßte ihre Hand--"und bin herzlich froh, wieder bei Euch
+zu sein! Doch bedaure ich, Euch eine Trauerbotschaft zu bringen.
+Euer erlauchtester Bruder, der Herzog von Romagna, ist nicht mehr
+unter den Lebenden.
+
+Die Nachricht ist sicher. Sie kam über Neapel und fand mich in Rom."
+
+Er zog einen Brief aus dem Wams und entfaltete ihn.
+
+"An den Iden des Märzes, wie einst der römische Julius Cäsar, sein
+Vorbild und Namenspatron, fiel Don Cesare in einer Schlucht vor dem
+spanischen Schlosse Viana, das er im Dienste seines Schwagers, des
+Königs von Navarra, mit großer Tapferkeit berannte.--Also steht hier
+geschrieben."
+
+Solches berichtete der Herzog mit diplomatischer Genauigkeit. Doch
+fügte er bei: "Ein früher und ritterlicher Tod!" Dann schloß er mit
+Frömmigkeit:
+
+"Requiescat in pace! Requiem aeternam dona ei, domine!"
+
+Während dieser Rede beobachtete er die Herzogin aufmerksam.
+
+Diese war eine Weile versteinert gestanden. Dann brach sie mit einem
+Schrei zusammen und sank in die Knie. Nicht anders als ein geraubtes
+Weib, welches ihr von einem Pfeile durchbohrter Entführer plötzlich
+fallen läßt.
+
+Auch der Herzog, der keine Dämonen kannte, sah sie aus unsichtbaren,
+sie umklammert haltenden Armen stürzen. Er hob die Gesunkene an
+seine Brust, die sie mit ungezähmten Tränen überströmte.
+
+"Du mußt wissen... laß dir's sagen... ich verriet dich... ich
+mißgehorchte dir...", schluchzte sie erstickend.
+
+Der Herzog aber beruhigte sie liebevoll. "Jetzt, Lukrezia", sagte er,
+"erst heute wirst du ganz und völlig die Meinige. Siehe, bis dahin
+besaß dich der Geist deines Hauses, der mein Gefühl beleidigt und
+mein Urteil herausfordert. Ich habe mich mit dir vermählt aus
+Staatsgründen und aus Gehorsam gegen meinen Vater, ohne dich zu
+kennen, außer durch das unheimlichste Gerücht. Höchst widerwillig!
+Als ich dich aber erblickte, bezaubertest du mich! Denn welcher
+Sterbliche mag dir widerstehen?
+
+Auch erfüllte mich dein guter Wille, den ich wohl unterschied, und
+dein ernstes Bestreben, dich von den unmöglichen Sitten und dem
+gesetzlosen Denken deiner Familie zu trennen und den schützenden
+Boden eines rechtlichen Daseins zu betreten, mit Sympathie, ja mit
+Ehrerbietung. Das Blut der Borgia begehrte täglich in dir aufzuleben
+und dich zurückzufordern. Doch, siehe, nun bist du frei geworden.
+Die Deinigen alle sind verstummt und bewohnen die Unterwelt, woher
+keine Stimme mehr verwirrend zu den Lebenden dringt."
+
+Lukrezia seufzte schwer. Es war ein tiefer Schmerzenston und
+zugleich ein Aufatmen der Erleichterung und Entbürdung. Und dann kam,
+wie das Blut aus einer Wunde sprudelt, ein reuiges Klagen, ein
+verzweifeltes Sichgehenlassen, ein nacktes Geständnis dessen, was sie
+von jeher für Cäsar gesündigt und von ihm erlitten.
+
+Don Alfonso erfuhr nichts Neues. Aber Angela, deren Gegenwart
+Lukrezia unter der Übermacht ihres Gefühles vergaß oder für nichts
+achtete, wechselte die Farbe und erduldete für die andere alles
+Entsetzen des Frevels und alle Qualen der Schande.
+
+Jetzt umfing Lukrezia, vor dem Herzog niederstürzend, seine Knie,
+ergriff seine Hände und bedeckte sie mit Küssen. "Ich bin die Maria
+Magdalena", schluchzte sie. "Mein Herr hat mir vergeben, und jetzt
+ist kein Teilchen meines Wesens mehr, das nicht sein eigen wäre...
+Ich habe das Leben verwirkt, dein Gebot übertretend, aber du schenkst
+es mir! Und nun darf es nicht mehr mein, sondern es soll das deinige
+werden!...
+
+Herr", sagte sie unversehens mit einer schmeichelnden Gebärde, "ich
+habe ein Anliegen an Euch."
+
+Der Herzog glaubte, sie wolle ihm von Strozzi reden und zog die
+Brauen zusammen.
+
+"Gestattet mir", bat sie, "daß ich von nun an den Bußgürtel trage!"
+
+Don Alfonso lächelte. "Ich erwartete ein anderes Ansinnen", sagte er.
+
+"Und welches?" fragte sie.
+
+"Eure Fürsprache, Madonna", erwiderte der Herzog, "für einen
+Schuldigen, der seinen Kopf aufs Spiel gesetzt und ihn verloren hat."
+
+"Wen meint Ihr?" fragte Lukrezia, ehrlich verwundert.
+
+Herkules Strozzi war ihrem Gemüte gänzlich entfallen, seit er ihr
+durch den Tod des Bruders entbehrlich und gleichgültig geworden war,
+und der Herzog empfand die Genugtuung, daß der stolze Römerkopf nicht
+im Gedächtnisse seines Weibes, noch weniger aber in ihrem Herzen
+hafte, ja, daß Strozzi unmöglich jemals den geringsten Wert für
+Lukrezia besessen haben konnte.
+
+Das stimmte ihn gnädig, so strenge er sonst jeden Ungehorsam zu
+ahnden pflegte. Er betrachtete sein Weib, das er nun als ein
+gesichertes Eigentum besaß, mit einer Art von Rührung. Noch nie
+hatte er sie schöner gesehen.
+
+Die Goldhaare, die sich während ihres leidenschaftlichen
+Bekenntnisses gelöst hatten, ringelten sich um ihre vollkommenen
+Schultern, und die zartblauen Augen brannten feurig.
+
+Er hob eine ihrer blonden Lockenschlangen zum Munde und küßte sie mit
+Inbrunst. Dann sagte er, als der Mann der Ordnung, der er war:
+
+"Ruhet vor dem Mahl ein wenig, Herzogin, und rufet Eure Frauen, daß
+sie Euch zurechtmachen. Denn, wenn Ihr so seid, werde ich auf das
+Licht und die Luft, die Euch umgeben, eifersüchtig."
+
+Angela zitterte vor Empörung, daß Lukrezia in unglaublicher
+Selbstsucht ihren Mitschuldigen vergaß, und in ihrem innern Jammer
+warf sie sich vor, daß auch sie ihren unglücklichen Blinden in seinem
+Kerker vergesse. Es war ein ungerechter Vorwurf, den sie sich machte,
+denn sie drückte, bildlich gesprochen, ihre Stirn, und deren
+Gedanken, ohne Unterlaß und bis zum Schmerze an die Eisenstäbe seines
+Kerkerfensters.
+
+Als sie bei Kerzenschein neben der Herzogin am Spätmahl saß,
+überwältigte sie dies Jammergefühl, und da sie Lukrezia die Speisen,
+welche sie dem Herzog zärtlich vorlegte, kosten und ihm roten
+Neapolitaner, zuerst davon schlürfend, kredenzen sah, war es ihr, als
+trinke Lukrezia Menschenblut.
+
+"Base", flüsterte sie ihr zu, "vergeßt Ihr das verwirkte Haupt?"
+
+Lukrezia erschrak und erinnerte sich. Des Herzogs Schulter mit den
+zarten Fingern berührend, fragte sie leichthin: "Schenkst du mir den
+Strozzi, Alfonso?"
+
+Der Herzog, der eben aus weichem Brot ein kleines Geschütz knetete,
+warf es weg, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sann ein wenig.
+Dann sprach er: "Herrin, da ich auf Strozzi gerechterweise nicht
+eifersüchtig sein kann, und seine Anbetung Eurer Person eine Schuld
+ist, die er mit allen Männern teilt, so bleibt mir nur sein
+Ungehorsam gegen mein ausdrückliches Gebot zu bestrafen.--In der
+andern Waagschale liegt Euer Fürwort, Madonna, und die ungewöhnliche
+Fachtüchtigkeit des Mannes.
+
+In Wahrheit, es widerstrebt mir, ihn aus einer Welt wegzuräumen,
+welche so viel Geschmeiß unnützer und nichtiger Menschen ernährt.
+
+Betrachtet den Fall, meine Kluge. Es ist unmöglich, den Menschen zu
+begnadigen, ohne daß ich ihn vorher richte. Richte ich ihn aber, so
+kann ich es nicht verantworten, einen so frevelhaften Ungehorsam
+meiner ersten Magistratsperson zu verzeihen. Eines aber kann ich--
+ihn vergessen. Sendet nach ihm, Herzogin, heute noch! sogleich!" Er
+rief einen Diener und gab ihm den Befehl. "Sprecht zu ihm, Lukrezia;
+prüfet ihn! Bringet ihn dazu, daß er aus Ferrara vor der nächsten
+Sonne verschwinde. Er gehe, wohin es sei--nach Florenz, wenn er
+will, da er florentinischen Ursprungs ist. Sein Wissen bürgert ihn
+überall ein. Nicht einmal aus Italien verbanne ich ihn; er tue, als
+sei er niemals nach Ferrara zurückgekehrt.
+
+Wisset, ich begegnete ihm durch einen ärgerlichen Zufall an der
+Zollstelle des Südtors, wo ich, einreitend, seine Gestalt aus den
+Zollbeamten hervorragen sah, mit denen er sich herumstritt. Weder
+begrüßte er mich, noch verbarg er sich. Die Vermessenheit seiner
+Haltung hatte etwas Beleidigendes. Eure Mühe wird umsonst sein,
+fürchte ich, Madonna.
+
+Der Verlorene wird nicht weichen wollen--so stirbt er.--Schade um
+ihn. Er ist ein vorzüglicher Jurist."
+
+Der Herzog erhob sich von der Tafel und verabschiedete sich bei der
+Herzogin, die der Übung gemäß sich für eine Woche zu den Klarissen
+zurückzog, um für das Seelenheil des verblichenen Bruders zu beten.
+
+Dann verabredete er mit ihr noch leise, unter welchen Worten
+verborgen sie ihm durch den Haushofmeister das Ergebnis ihrer
+Unterredung mit Strozzi melden sollte.
+
+Diese fand in einem kleinen Rundzimmer unter den drei Flämmchen einer
+schwebenden Ampel in Gegenwart Angelas statt und war kurz und
+stürmisch.
+
+Ungestüm trat Strozzi auf, mit flammenden Augen und eherner Stirn,
+gebräunt von Wind und Sonne des Feldzugs. Ungeladen rückte er sich
+einen Schemel zu Füßen der Herzogin.
+
+Diese war völlig ohne Furcht. Ihr von den reichlich vergossenen
+Tränen gebadetes Angesicht war hell und friedlich.
+
+Strozzi täuschte sich keinen Augenblick darüber, daß er mit dem Tode
+Don Cesares für sie zu einem Schatten, zu einem Nichts geworden war.
+Und doch war er gesonnen, durch den Gefallenen ewig mit ihr verbunden,
+nicht von ihr zu weichen.
+
+"Erzähle ich Euch", fragte er, "die letzten Augenblicke des Bruders?"
+
+"Nein, Strozzi. Ich weiß, daß er nach der Art seines Hauses tapfer
+unterging, und weiß, daß er in Pampelona mit allen christlichen
+Gebräuchen bestattet wurde--der Ärmste."
+
+Von jetzt an nannte Lukrezia den Dämon, der ihr Bruder gewesen war,
+nicht anders mehr als den Ärmsten, so wie sie ihr Ungeheuer von Vater
+längst den Guten nannte.
+
+Dann fuhr sie mit einem Seufzer fort: "Der arme Bruder bedarf der
+Fürbitte! Und noch heute nacht werde ich mich, um dieser Pflicht zu
+genügen, zu den Klarissen zurückziehen, in Übereinstimmung mit dem
+Ermessen meines erlauchten und geliebten Gemahls."
+
+So sagte sie, und es war ihr Ernst, ohne sich von dem Hohngelächter
+in den Augen des Richters über die Frömmigkeit Lukrezia Borgias und
+ihre Liebe zu Don Alfonso im mindesten stören zu lassen. Eine Pause
+entstand.
+
+"Ich habe einen Auftrag meines Gemahls an Euch", sagte die Herzogin.
+"Ihr habt Euch schwer gegen ihn vergangen, Strozzi, seinem Befehl
+geradezu entgegenhandelnd. Auch gegen mich, indem Ihr meiner Torheit
+gehorchtet, obwohl Ihr sehen mußtet, daß mich die flehende Forderung
+meines Bruders aus den Schranken der Pflicht geschleudert hatte.
+Wehe dem Manne, der einer Pflichtlosen traut!
+
+Die Engel haben mich Stürzende gerettet, und ich, mit der Gnade
+Gottes, möchte Euch retten.
+
+Der Herzog will Euch die zweifache Schuld gegen ihn und mich vergeben,
+unter einer einzigen Bedingung, Strozzi! einer leichten Bedingung...
+daß Ihr Ferrara verlasset noch diese Nacht und nimmermehr
+zurückkehret. Benützet diese seltene Gunst! Es ist ganz gegen die
+Weise des Herzogs, einen vorzüglichen Diener, wie Ihr seid, zu
+entlassen und einem andern italienischen Staate zu gönnen! Denn
+nicht einmal Italien sollt Ihr meiden..."
+
+"Du verlierst deine Mühe, Lukrezia", unterbrach sie Strozzi zügellos,
+"ich weiche nicht aus Ferrara, noch von dir! Wir gehören zusammen,
+Don Cäsars Wille hat uns vermählt!"
+
+Lukrezia lächelte schwach. Dann flehte sie, den durchsichtigen
+Schleier der Scheinheiligkeit, in den sie sich verhüllt hatte,
+abwerfend, mit bittenden und trauernden Augen:
+
+"Wenn ich dir wert bin, Herkules, so rette dich! Ich mag und will
+dich nicht auf der Seele haben!... Liebst du mich", lispelte sie,
+"so fliehe!"
+
+Da empörte sich die stille Angela gegen diese Verführung--selbst zum
+Guten, zur Rettung.
+
+"Richter", wandte sie sich mit heißen Wangen gegen Strozzi, "es ist
+schmachvoll, daß Ihr zaudert. Fort aus Ferrara! Wie? Ein Mann, den
+die Jugend als ihr Vorbild bewundert, ein Lehrer des Rechts, hat
+nicht die Kraft, mit dem Bösen zu brechen und den Zauber eines armen
+Weibes zu fliehen!--Errötet!..."
+
+"Was träumt diese da von Gut und Böse?" überschäumte Strozzi und
+sprang in die Höhe. "Was phantasiert sie von Recht und Unrecht?...
+Es gibt kein Recht!... Dieser schöne Frevel hier", er blickte auf
+Lukrezia, "hat es getötet!
+
+Du aber, Mädchen, schweige! Was verstehst du von Liebe! Eine, die
+den Liebsten blendet--einkerkern läßt--seinen Kerkermeister nicht
+besticht--sich nicht in seine Arme schleicht--nicht sein Weib,
+seine Magd wird--was weiß eine solche von Liebe!
+
+Denn Liebe", flüsterte er geheimnisvoll, "läßt ihr Ziel nicht!
+Nimmermehr! Nimmerdar! Morde mich, Lukrezia! Hier!" und er zeigte
+auf sein Herz.
+
+Sie starrte den Richter mit bleichen Augen an, und alle Lieblichkeit
+war von ihr gewichen.
+
+In diesem Augenblick ging der Türvorhang auseinander, und auf der
+Schwelle stand der höchst würdevolle Haushofmeister mit dreierlei
+Anliegen.
+
+Er meldete die Sänfte der Herzogin; dann trug er die Frage vor, ob
+sie schon morgen bei den Klarissen den Besuch des Herzogs erwarte.
+
+Sie verneinte, und dieses Nein mochte wohl für den Herzog bedeuten,
+daß der Richter seine Gnade von sich stoße.
+
+Zuletzt wendete sich der Haushofmeister noch an diesen und ersuchte
+ihn, das Schloß nicht zu verlassen, ohne dem Herzog im Archiv
+aufgewartet zu haben.
+
+Strozzi fragte schroff, ob es gleich sein dürfe, und der Greis ging
+ihm voran, nachdem er das Haupt bejahend gebeugt hatte.
+
+Die Herzogin aber ließ sich von Angela stillschweigend an die Sänfte
+geleiten. "Ich nehme nicht von dir Abschied", sagte sie. "Du folgst
+mir, lieber heute noch, nach." Sie hätte ihr gerne erspart, was
+kommen mußte, wie sie selber davor auf die Seite wich.
+
+
+Wenn ihr Dienst sie nicht an die Herzogin fesselte, bewohnte Angela
+das einsame Erkerzimmer eines festen Eckturmes, der einen inneren Hof
+beherrschte und in dem unteren Teile seiner undurchdringlichen Mauern
+das Privatarchiv des Herzogs barg.
+
+Um diesen Zufluchtsort zu erreichen, eilte die bange Angela die
+Schloßtreppen hinan. Seitengänge und eine schmale Stiege führten sie
+in den Turm und durch den kleinen Vorraum, wo die Drehbank des
+Herzogs stand. Hier wunderte sie sich, die schwere Eichentür des
+Archivs offen zu sehen, so daß die lauten Stimmen Don Alfonsos und
+des Großrichters sie verfolgten, während sie eine weitere Stiege
+erklomm.
+
+Wie erschrak sie, als sie, angelangt, nicht eintreten konnte! Ihr
+Söller, den sie eine Weile nicht benützt hatte, war verschlossen.
+Der Schlüssel mochte im Archiv liegen. Nun mußte sie das Weggehen
+Strozzis abwarten und duckte sich, wieder die Treppe herabgestiegen,
+eine widerwillige Lauscherin, nicht von Neugierde, nur von Angst
+gepeinigt, harrend in eine Nische der dicken Mauer.
+
+"Dieser Rechtshandel", plauderte der Herzog bequem, "ist eine
+langweilige Sache. Wir sollten sie endlich zu Schlusse bringen. Ich
+habe die fraglichen Akten gründlich studiert", er schlug mit der Hand
+auf einen Stoß Pergament, daß Angela den Staub einzuatmen glaubte.
+"Ihr wißt, Richter, ich fürchte mich nicht vor Akten, aber diesmal
+habe ich meine Mühe und das Öl meiner Lampe verloren. Sagt Ihr mir
+lieber kurz, wer recht hat, der Graf Contrario als Erbe der Flavier,
+oder ich und der Fiskus von Ferrara.
+
+Wie spricht Euer richterliches Gewissen?"
+
+Es erschien Angela, als betonte der Herzog das letzte Wort auf
+ironische Weise; aber sie mußte sich täuschen, denn Strozzi
+antwortete völlig unbeirrt.
+
+"Hoheit", sagte er, "der Witz ist, das Wesentliche vom Unwesentlichen
+zu unterscheiden: Das gehört nicht zur Sache, und das nicht--so
+bleibt noch das, und das ist einfach.
+
+Der innerste Kern des vor Alter vergilbten und von Tücke und Kniffen
+verdrehten Prozesses ist aber dieser:
+
+Nachdem die Flavier und Contrarier sich jahrhundertelang als Vettern
+gequält und versöhnt, befeindet und zu Erben eingesetzt hatten,
+entschloß sich der letzte kinderlose Flavier, namens Nestor, aus
+unbekannten Gründen, seinen bedeutenden Besitz seinem Vetter, dem
+Grafen Mario Contrario, dem Vater unsres jetzigen anmutigen Grafen,
+testamentarisch zu hinterlassen.
+
+Nun verbietet aber unser ferraresisches Recht, sein Gut einem Fremden
+zu vererben, ohne die vorher erlangte Ermächtigung des Herzogs.
+Diese Einwilligung Eures Vaters aber, obwohl niedergeschrieben und
+von diesem anerkannt, wurde niemals durch seinen Namenszug perfekt
+gemacht. Denn da der letzte Flavier zu Pferde stieg und nach Ferrara
+fuhr, um durch sein persönliches Erscheinen jene Unterschrift von
+Eurem Vater zu erlangen, sprang der Tod grinsend hinter ihm aufs Roß
+und schnitt mit der. Sense dazwischen. Er ward auf der Reise vom
+Schlage gerührt.
+
+Wie lag nun die Sache?
+
+Das Testament war formell nichtig, da die Unterschrift des Herzogs
+mangelte, und Euer Vater, Herr Herkules, fand sich nicht bewogen, sie
+darunterzusetzen. Er konfiszierte die flavianischen Güter.
+
+Euer Zutun, erhabener Herr, ist nun keine Rechtssache mehr, sondern
+eine Sache Eurer Großmut, in die ich mich nicht mische."
+
+"Wisse, Richter", versetzte der Herzog, ohne den achtungslosen Ton
+Strozzis zu rügen, langmütig, "daß ich nicht viel anders denke, noch
+denken darf, als mein Vater Herkules! Wo es ein rechtlich zulässiges
+Mittel gibt, den Staatsschatz zu füllen, darf ich es aus sogenannter
+großer Gesinnung nicht verschmähen und dafür meine Kaufleute und
+Bauern belasten.
+
+Auf der andern Seite freilich ist mir unlieb, daß die Contrarier so
+unbestreitbar das innere Recht für sich haben, als ich das äußere."
+
+"Evident!" spottete der Richter.
+
+"Da dünkt mich", fuhr der Herzog gelassen fort, "wäre ein Kompromiß
+am Platze. Was meinst du, Richter? Wir steuern mit den
+flavianischen Gütern Donna Angela Borgia aus und vermählen sie mit
+dem Erben der Rechtsansprüche der Contrarier, dem liebenswürdigen
+Grafen Ettore. Unter uns, ich wünsche das Mädchen weg. Sie bringt
+mich und den Staat Ferrara um unsern unvergleichlichen und
+unersetzlichen Kardinal Ippolito."
+
+"Ich mag sie auch nicht und wünsche sie in den Mond! Kuppeln wir sie
+mit dem Pedanten!..." scherzte der Richter mit wüster Heiterkeit,
+nicht anders, als wäre er trunken.
+
+"Du mußt wissen, mein Herkules", fuhr der Herzog fort, anscheinend
+ohne sich an dem ärgerlichen Benehmen des Richters zu stoßen, "daß es
+eigentlich Donna Lukrezia ist, welche ihre Base aussteuert. Die
+flavianischen Güter bilden ihr Wittum, aber es ist ein unsicherer
+Besitz, da unsre Gerichte noch nicht endgültig gesprochen haben...
+
+Du hast davon gehört, mein Herkules?"
+
+"Wie sollt ich nicht?" höhnte der Richter, "da ganz Italien davon
+widerhallte! Wer kann vergessen, wie Papst Alexander von Herzog
+Herkules überlistet wurde, wie maßlos das alte Laster sich gebärdete
+und welche unnachsprechlichen Worte es ausstieß, als es sich geprellt
+sah!"
+
+Und Strozzis Lache dröhnte unter der niederen Wölbung.
+
+Zugleich hörte Angela durch die Mauerluke, an der sie saß, aus dem
+nächtlich stillen Hofe herauf den weichen Tenor wieder, dessen
+Kantilene sie bewegt hatte, als sie in der Siestastunde vor der
+Ankunft des Herzogs mit Lukrezia am Fenster saß. Es war dasselbe
+Liebeslied... "Ist es ein mit dem Herzog verabredetes Zeichen, daß
+Strozzis Mörder bereit stehen?" fragte sie sich mit klopfendem Herzen.
+
+Von diesem Moment an schien des Richters herausforderndes Wesen dem
+Herzog zuviel zu werden.
+
+"So unterhaltend deine Gesellschaft ist, mein Strozzi", sagte er
+freundlich, "ich muß dich nun entlassen. Du weißt, ich bin heute
+scharf geritten und, in der Tat, ich fühle mich müde. Wir kommen
+wohl auf unsern Gegenstand zurück. Glückselige Nacht!"
+
+Und er beurlaubte das Opfer.
+
+Da Strozzi an der im Halbdunkel sitzenden Angela vorüberging und sich
+hinuntersteigend in die schwacherhellten Schloßgänge vertiefte, blieb
+diese wie versteinert, denn die unheimliche Lustigkeit Strozzis war
+ihr ein Vorzeichen seines Untergangs, und die unerschöpfliche Geduld
+des Herzogs erfüllte sie mit Grauen.
+
+Als sie eine Weile später mit ihrem gefundenen Schlüssel neben dem
+Herzog stand, der aus dem Archiv getreten war und es abschloß, kehrte
+der Richter, wie tastend, wieder zurück.
+
+"Ich weiß nicht, wie mir geschieht, Hoheit", stotterte Strozzi,
+dessen Lustigkeit verschwunden war, "ich finde den Ausgang nicht und
+bitte um eine Fackel."
+
+Der Herzog rief nach einer, die ein Diener dem Richter vortrug,
+welcher ihr wankend folgte.
+
+Nun floh Angela in ihre Kammer, die sie in verwirrender Angst fest
+verrammelte, mit ihren klopfenden Pulsen den Lebensrest des Richters
+zählend und seinen Todesschrei erwartend.
+
+Da ertönte er--entsetzlich und lang--und drang ihr durch das
+innerste Mark.
+
+Mit zitternden Händen warf sie einen Mantel um, ergriff ihre kleine
+Leuchte, glitt die einsamen Stiegen hinunter und stürzte aus dem
+Palast. Hilfe zu bringen?... Nein, sie zu suchen bei Lukrezia, im
+Kloster!... Sie wußte nicht, was sie wollte.
+
+An der Ecke der Burg stieß ihre Fußspitze an den Toten. Sie
+leuchtete ihm ins Antlitz, konnte aber die bleichen, verzerrten Züge
+nicht lange betrachten.
+
+Sie kniete nieder, machte über ihm das Zeichen des Kreuzes und
+verhüllte ihm das grause Haupt barmherzig mit seinem Mantel.
+
+Dann floh sie weiter zu den Klarissen, deren Haus, nur zwei kurze
+Gäßchen entfernt, auf dem Boden der alten Stadtumwallung stand.
+
+In der Mitte des zweiten hörte sie Schritte hinter sich, wandte sich
+um und sah einen ihren fliegenden Gang verfolgenden Schatten. Sie
+meinte, der Tote habe sich erhoben, und verdoppelte ihre Eile. Doch
+ihre schnellen Füße wurden durch ein andres Nachtgesicht aufgehalten.
+
+Dicht vor dem Kloster nämlich sprang ein fester Turm mit seiner
+gewaltigen Rundung vor, den das Gäßchen umkreiste, und der mit dem
+Kloster aufs seltsamste baulich verwachsen und durch den üppigsten
+Efeu verwoben war.
+
+Seine ewig verschlossene, hohe, schmale Pforte war wunderbarerweise
+geöffnet, und davor hielt ein Reitergedräng. In der Mitte saß auf
+einem Schimmel ein schlanker Jüngling mit einer Binde über den Augen.
+
+Angela erblickte Don Giulio, von dem sie doch wußte, daß ihn der
+Herzog nach Fenestrella, auf eine Insel in den Pomündungen, hatte
+bringen lassen.
+
+Lebte dieser Don Giulio? War er ein Traum?
+
+Nachdem die, einer hinter dem andern, Einreitenden das Gäßchen
+geräumt hatten, klopfte Angela an das Klostertor und wurde von der
+Pförtnerin, der raschen Schwester Consolazione, ohne Verzug in den
+Klosterfrieden eingelassen.
+
+"Ihr seid erwartet", sagte sie. "Aber wie? Ihr kommt zu Fuß und
+allein? Wie Euer Herz pocht, Erlauchte! Wahrlich, wie einem
+geängstigten Vogel..."
+
+"Führt mich zur Herzogin!" unterbrach die Borgia.
+
+Da ihr Schwester Consolazione sachte die noch erhellte Zelle öffnete,
+lag Lukrezia im sanften Licht einer Ampel schon entkleidet auf dem
+reinlichen Lager in weißem Nachtgewand, fest entschlummert, ruhig
+atmend wie Ebbe und Flut, mit einem Kinderlächeln auf dem
+halbgeöffneten Munde, während Natur leise verjüngend über ihrem
+Lieblinge waltete. Als Angela aus dem Schlosse floh, hatte sie der
+Wunsch getrieben, sich schluchzend an die Brust der Freundin zu
+werfen und ihren Geblendeten neben den Getöteten Lukrezias zu legen.
+
+Nun betrachtete sie die schöne Schlummernde aufmerksam, verlor den
+Mut, sie zu wecken, und seufzte:
+
+"Wie bin ich eine andre!"
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+
+Nach soviel Trauer waren fünf Jahre über Ferrara gegangen, ohne daß
+die tragische Muse von neuem das Herrscherhaus besucht hätte. Ja,
+das Leben wollte sich zur Idylle gestalten, immerhin die Unruhe eines
+kurzen Krieges ausgenommen, der aber rasch über den ferraresischen
+Boden dahinfuhr.
+
+Der Mörder des Großrichters Herkules Strozzi war, ungeachtet
+vielfacher polizeilicher Nachforschungen und der augenscheinlichen
+Bemühungen des Herzogs selber, unentdeckt geblieben.
+
+Der Oberrichter wurde mit der größten Feierlichkeit bestattet, und
+der Herzog ließ es sich nicht nehmen, als erster der Trauernden vor
+dem gerührten Volke dem mit Lorbeer überschütteten Sarge
+nachzuschreiten.
+
+Auch die junge Witwe, denn der Anbeter Lukrezias hatte in
+standesmäßiger Ehe gelebt, besuchte Don Alfonso mit fürstlicher
+Teilnahme und trachtete ihren wilden Schmerz mit weiser Rede zu
+dämpfen. Die blühende Barbara Torelli aber war untröstlich und
+redete mit heftiger Gebärde bald davon, ihren Gemahl an seinem Mörder
+zu rächen, wenn sie ihn finde, bald verlangte sie, sich in ein
+Kloster zu begraben; in beiden Fällen aber gelobte sie dem toten
+Gatten ewige Treue.
+
+Wenn nun der Herzog nichts über sie vermochte, so war es Ludwig
+Ariost vorbehalten, diese leidtragende Barbara aufzurichten. Er war
+ein Freund Strozzis gewesen und hatte schon dessen Mutter, eine
+stattliche Frau, herzlich verehrt. Jetzt bemühte er sich um die
+Witwe seines verblichenen Freundes und suchte sie mit dem Leben zu
+versöhnen. Diese freundliche Aufgabe löste er in Jahresfrist so
+vollkommen, daß Barbara Torelli sich erbitten ließ, dem Dichter in
+sein neuerbautes Heim zu folgen und an seiner Seite jenes einfache
+Haus zu bewohnen, dessen Bescheidenheit Ariosto in einem
+weltbekannten Distichon gepriesen hat.
+
+Gleichgeblieben war sich auch das Gefängnis Don Giulios in dem
+"vergessenen" Turm, welcher von dem frühern engeren Mauerkreis als
+ein unzerstörbares Wahrzeichen alter Wehrkraft stehengeblieben war
+und später von dem wachsenden Klosterhof der Klarissen eingeschlossen
+wurde.
+
+Dieser fast unzugängliche Turm war selten bewohnt. Fensterlos nach
+dem Gäßchen, und auf der Seite des Nonnengartens von verwilderten
+Brombeerstauden und kletternden Schlingpflanzen bis zu seiner halben
+Höhe überwuchert, war er in das unbeachtete Weben der Natur
+zurückgekehrt.
+
+Nur selten wurde er für ungefährliche Staatsgefangene benützt, deren
+Andenken sich verlor und deren Dasein in dem "vergessenen" Turm
+vergessen werden sollte.
+
+Lange hatte sich die Oberin der Klarissen dagegen gesträubt, in den
+auf ihrem Gebiete stehenden Turm eine hohe Person mit unerbaulicher
+Legende, wie Don Giulio, eintun zu lassen. Sie kannte die Schwächen
+des leeren Nonnenherzens: Neugier, Mitleid, Lust an Heimlichkeiten,
+und fürchtete deshalb den gefährlichen Nachbar.
+
+Auch war ihr der wahre Grund der Entfernung des blinden Este aus
+Fenestrella nicht unbekannt geblieben.
+
+Zwar wurde ihr gesagt, die vor der Mündung des Po im Meere liegende
+kleine Festung sei in diesem Zeitlaufe gefährdet und werde sowohl von
+der Flotte des heiligen Markus als von den Schiffen St. Petri bedroht:
+aber sie hatte noch eine ganz andre Geschichte in Erfahrung gebracht.
+Die junge Frau des Gefangenwärters, sagte man ihr, habe sich in den
+hübschen Prinzen trotz seiner Blindheit sterblich verliebt und ihren
+Mann bewogen, Don Giulio in einem Boot nach Venedig zu entführen.
+Darüber habe sie der Schloßvogt, ein Hauptmann aus der strengen
+Schule des weiland Don Cesare, überrascht und die Schuldigen, Mann
+und Weib, in das Meer versenkt.
+
+In ein ebenso tiefes Stillschweigen wurde jetzt das Dasein Don
+Giulios im "vergessenen" Turme begraben.
+
+Der Herzog hatte bei den schwersten Strafen sowohl dem Reisegefolge
+als dem neuen Kerkermeister seines Bruders verboten, die Gegenwart
+des Gefangenen zu verraten oder auch nur seinen Namen zu nennen. Und
+daß die Äbtissin und der Beichtiger des Klosters, welcher auch der
+Don Giulios war, schwiegen wie das Grab, darum war der Herzog
+unbesorgt.
+
+Auch Angela schwieg von ihrer traumhaften Begegnung mit dem Blinden
+an der Turmpforte, als von etwas, das ihrem Herzen allein gehörte.
+
+So wurde es möglich, daß die kluge Donna Lukrezia von der Rückkehr
+Don Giulios nach Ferrara nichts erfuhr, auch durch den Herzog nicht,
+dem die Herberge des blinden Bruders eine stete Sorge war. Ihn in
+den Kerkern seiner Stadtburg, gleichsam unter seinen Füßen, zu
+verwahren und über dem Haupte des Geblendeten ein heiteres Dasein zu
+führen, das brachte er doch nicht über sich. Legte er ihn aber in
+eine Landfestung, so war er gewiß, Don Giulios Leiden, seine Güte und
+die ihn umwebende Sage werde ihn bald so beliebt machen, daß ein
+Befreier nicht lange ausbleiben könne.
+
+Der "vergessene" Turm neben den Klarissen war seine letzte Auskunft
+gewesen.
+
+Hätte Lukrezia ihn über das Verbleiben Don Giulios befragt, sie würde
+die Wahrheit erfahren haben; aber sie hütete sich wohl, die wunden
+Punkte in der Seele ihres Gemahls, den Verlust Ippolitos und den
+Kerker des Blinden, unnötig zu berühren.
+
+So fuhr sie fort, ohne zu ahnen, wer in ihrer Nähe wohne, sich
+jährlich wenigstens in der Adventszeit auf einige Tage zu den
+Klarissen zurückzuziehen, wohin sie Donna Angela jedesmal begleitete.
+Ja, diese suchte sie dort, so lange als möglich, zurückzuhalten,
+denn die Zusprüche des Beichtigers der Klarissen, Pater Mamette,
+hatten den Sturm ihrer warmen Seele auf immer beruhigt, wie auch
+Donna Lukrezia viel von der einfachen Seelsorge des Franziskaners
+hielt.
+
+Der Herzog irrte nicht, wenn er glaubte, daß das Wohl Don Giulios
+viele Seelen beschäftigte. Nicht nur der ferraresische Dichter legte
+damals an der bekränzten Pforte eines der Gesänge seines "Rasenden
+Rolands" ein rührendes Fürwort für den im Kerker schmachtenden
+Blinden ein, auch ein Geringerer im Reiche der Geister ergab sich
+diesem mit Leib und Seele.
+
+Eines Tages nämlich erschien an dem Tore des "vergessenen" Turmes ein
+kleiner dürrer Greis, der unter jedem seiner Arme einen gewichtigen
+Folianten trug. Er legte seine Last auf die hohe Steinschwelle
+nieder und begann mit einem dicken Kiesel, den er aufraffte, an die
+stumme Pforte zu pochen.
+
+Vergeblich! Denn diese öffnete sich nicht, und inwendig rührte sich
+nichts Lebendiges. Der Alte setzte seine Bemühungen so beharrlich
+fort, daß er nicht bemerkte, wie eine kleine Schar herzoglicher
+Söldner in den Halbkreis des einsamen Gäßchens einlenkte, bis er von
+ihnen umringt und ergriffen war.
+
+Jammernd bat er um Schonung für seine Bücher, die sie mit ihren
+Spießen untersuchen wollten, und deckte seinen Schatz mit dem Leibe.
+Zu seinem Heil erschien in diesem Augenblicke der Herzog hoch zu Roß,
+der mit einem kleinen Gefolge von Sachkundigen einen Pulverturm auf
+seine Feuerfestigkeit hin untersucht hatte und jetzt auf dem
+kürzesten Wege in seine Stadtburg zurückkehrte.
+
+Der Greis warf sich vor ihm nieder:
+
+"Erhabener Herr, den ich erzogen habe", rief er, "befreie mich mit
+meinen Freunden Plutarch und Seneca aus den Händen deiner Krieger!"
+
+"Was hast du hier zu schaffen, Magister?" fragte der Herzog streng
+und zog die Brauen zusammen.
+
+"Ich fühle mich berufen, einen erblindeten Zögling zu besuchen und
+seine Nacht mit der Weisheit der Alten zu erhellen!"
+
+"Woher weißt du, daß der Blinde hier sitzt?" fuhr ihn der Herzog an.
+
+"Von Liebe zu dem abtrünnigen Sohne der Wissenschaft erfüllt, und
+nachdem ich erfahren, daß er in Unglück und Dunkel gestürzt sei,
+verfolgte ich seine Spur bis nach Fenestrella. Dort sagten sie mir,
+daß er nach einer unverschuldeten Tragödie weggeführt worden sei, und
+das Gerücht berichte, er sei in deine Nähe und unter deine
+persönliche Hut zurückgekehrt. Hier in Ferrara pochte ich, von
+meinem sokratischen Dämon geführt, an die Tür jedes Turmes, und
+dieser 'vergessene' ist der letzte, den ich finde."
+
+Ein geheimes Lächeln stahl sich in die Augen des Herzogs, und der
+Gedanke durchblitzte ihn, seinem unglücklichen Bruder die
+Gesellschaft ihres gemeinsamen, wie er wohl wußte, vollkommen
+harmlosen alten Lehrers zu gönnen. Er sagte:
+
+"Wenn hier wirklich ein blinder Schüler von dir wohnt, Mirabili, so
+magst du ihn meinetwegen allwöchentlich einmal besuchen und mit ihm
+deine unterbrochenen Lektionen fortsetzen."
+
+Auf seinen Wink stieß ein Leibwächter mit dem Holze seiner Lanze
+unter dem Rufe: "Auf! Im Namen des Herzogs!" so nachdrücklich gegen
+die verschlossene Tür, daß innen die Schlüssel augenblicklich
+rasselten und die Riegel zurückgingen.
+
+Der Herzog ließ den erstaunten Kerkermeister an sein Pferd treten und
+befahl ihm leise und streng:
+
+"Einmal wöchentlich öffne dem Alten diese Pforte zu Einlaß und Auslaß.
+Niemals am Tage, sondern vor Morgengrauen oder nach dem Ave Maria."
+
+Von Don Giulio mit Dank und Rührung empfangen, enthielt sich Mirabili,
+das zerstörte Angesicht, dessen Schönheit in früherer Zeit ihn
+beglückt hatte, lange zu prüfen. Ohne Zögern machte er sich ans Werk,
+den Gefangenen in die Herrlichkeiten der stoischen Schule
+einzuführen und ihm die Triumphe der Selbstüberwindung zu zeigen.
+
+Wenn er ihm dann nach langer Sitzung die hohen Vorbilder pries, die
+ihn begeisterten, einen Zeno, einen Epiktet und vor allen den Kaiser
+mit dem Philosophenbart, den göttlichen Marc Aurel, sagte wohl der
+Blinde, der indessen an seinem Strohgeflecht gesessen hatte, traurig
+und müde:
+
+"Ach, Mirabili, ich kenne diese vornehmen Herren nicht, und es will
+mir nicht gelingen, mich mit ihnen auf den Thron der Tugend zu setzen."
+
+Einen kräftigeren Trost reichte dem Blinden der Sohn des heiligen
+Franziskus, Pater Mamette. Auch er, wie der alte Mirabili, obwohl
+ein noch grünender, feuriger Mann, gehörte zu Don Giulios
+Jugenderinnerungen.
+
+Aus einer Bauernfamilie Pratellos gebürtig, wurde er als ein
+verwaistes, ganz junges Blut von seinen älteren Brüdern, die nicht
+gesonnen waren, ihr Erbe mit ihm zu teilen, ins nahe Kloster
+geliefert, wo das unschuldige Kind unbeachtet, aber von den Mönchen
+wohlgelitten, aufwuchs. Dem Kleinen geriet, wie dem verkauften
+Joseph, alles zum besten, und sein von freudigen Augen beleuchtetes
+Angesicht war das Wohlgefallen und der Trost aller, die ihn kannten.
+
+Als Don Giulio zum Jüngling erwuchs und sein prächtiges Pratello
+baute, war Mamette im Laufe guter und böser Tage zum Manne geworden
+und ein fertiger Franziskaner.
+
+Don Giulio sah ihn eines Tages unter seinen Bauleuten, als er einem
+verunglückten Maurer beistand, ihn in seine Arme nahm und den
+Sterbenden mit mehr als mütterlicher Liebe in den Himmel hob.
+
+Damit fiel er dem Este auf und berührte die wohllautendste Saite
+seiner Seele. Weil aber der Leichtfertige nach der Hofsitte einen
+Beichtvater haben sollte und man ihn längst beschuldigte, dieses
+Herkommen zu vernachlässigen, so entschloß er sich kurz und wählte
+Pater Mamette.
+
+Außer zu den kirchlich gebräuchlichen Zeiten hatte er ihn übrigens
+nie rufen lassen, auch nach seinem Sturze ins Elend nicht. Erst da
+er das Todesurteil erwartete, ließ er ihn zu sich in den Kerker
+kommen und sich dann von ihm auf das Schafott begleiten.
+
+Nach seiner Rückkehr aus Fenestrella wurde nun Pater Mamette der
+beste Freund seiner Gefangenschaft, und der von allen Seiten Gerufene
+und Begehrte zählte die Stunden nicht, die er zur Tröstung des
+Unglücklichen im "vergessenen Turme" zubrachte.
+
+Da geschah es oft, daß der Pater den Blinden bei beiden Händen
+ergriff und ihm sagte: "Ihr kennt noch nicht den unerschöpflichen
+Born des Glücks: es ist das Geheimnis der Armut. Mein heiliger
+Franziskus, der mit ihr aufs innigste vermählt war, offenbarte es mir
+einst zur Rettung aus den Abgründen der Seele.
+
+Erst wenn Ihr nichts mehr zu eigen habt, könnt Ihr die Liebe Gottes
+empfangen. Und wenn Ihr empfanget, könnt Ihr geben. Das ist meine
+Pforte zum Glück und zur Freiheit! Tretet mit mir ein! Werdet arm
+und ärmer, damit Ihr empfangen und geben könnt, wie ein Brunnen, der
+Schale um Schale überfließend füllt."
+
+Don Giulio fand anfangs, daß es für ihn, einen Beraubten und aus dem
+Lichte Gestoßenen, schwer sei, noch ärmer zu werden; er verstand
+nicht, daß er sich auch des Reichtums seiner selbstsüchtigen
+Schmerzen entschlagen müsse--immerhin drang das Geheimnis des
+heiligen Franziskus in eine Tiefe seiner liebedurstigen Seele, die
+weder Ariost noch Mirabili, weder der Dichter noch der Philosoph,
+hatten erreichen können.
+
+So vergingen drei der Kerkerjahre, aber auch Jugendfrische und
+Gesundheit des Blinden verging. Er welkte. Die dumpfe Luft des
+Sommers und die Feuchtigkeit des Winters, die Klosterspeise, die ihm
+geboten wurde und die er, anders gewöhnt, oft unberührt ließ, die
+Entbehrung heftiger Leibesübungen, wilder Ritte, des Ballspiels, der
+Fechtkunst, und, mehr als alles das, die Aussichtslosigkeit der
+Befreiung erschlaffte und lähmte ihn; denn er wußte--das Wort des
+Herzogs stand fest--, daß er bei dessen Leben den Kerker nicht
+verlassen werde.
+
+Er selbst ergab sich in sein Los, aber dem alten Mirabili schnitt es
+in die Seele. Der zerfallende Greis konnte nicht sterben, ohne
+seinen Liebling befreit zu haben.
+
+So entschloß er sich, ohne das Wissen und die nicht zu erhaltende
+Einwilligung Don Giulios, etwas Wirksames, zur Entscheidung Führendes
+zu unternehmen. Nach vielem Denken und einigen schlummerlosen
+Nächten brachte er das wichtige Werk zustande. Es war ein im
+reinsten Latein verfaßtes Schreiben, denn die italienische
+Schriftsprache war ihm nicht geläufig, noch erschien sie ihm zu
+seinem großen Zwecke erhaben genug. Nachdem Mirabili alle berühmten
+Gefangenen des Altertums, besonders alle unschuldig von Tyrannen in
+grausamen Kerkern gehaltenen, erwähnt hatte, ging er auf Don Giulio
+über, den Liebenswürdigsten und Unschuldigsten von allen, und
+beschwor den Herzog bei dem Gerichte der Unterwelt und der Nachwelt,
+seinen leiblichen Bruder zu befreien, indem er persönlich seine
+Ketten löse und sich auf öffentlichem Markt vor dem Volke mit ihm
+versöhne.
+
+Kurz, es war ein herzlich ungeschickter und unheilvoller Brief,
+welcher den Herzog aufbringen mußte und leider dieses ungewollte Ziel
+nicht verfehlte.
+
+Schlimmer noch! Der Herzog wurde mißtrauisch. Er sah hinter dem
+Anschlage des Alten den des gefangenen Bruders, was freilich ein
+großer Irrtum war.
+
+Er ließ Don Giulio seine herzogliche Ungnade und die
+Unwiderruflichkeit seines Kerkers wissen und stürzte diesen, dem
+damals auf einer andern Seite ein süßer Stern der Hoffnung
+aufgegangen war, in tieferes Elend und auf das Krankenlager.
+
+Gleichgeblieben, wie der Kerker Don Giulios, war sich auch der Stand
+der flavianischen Güter, die der Fiskus zu genießen fortfuhr, da die
+Gerichte über deren endgültigen Besitz noch nicht gesprochen hatten.
+Gleichgeblieben war sich die mühselige Werbung des Grafen Contrario
+um Donna Angela.
+
+Gleichgeblieben, nein, gestiegen war ihre Abneigung gegen diesen
+unsträflichen Freier, dem sie, aufs äußerste getrieben,
+verzweiflungsvoll erklärte: sie liebe die Gerechten und Tugendhaften
+gar nicht--mehr schon die ringenden Bösen--am meisten aber die
+Barmherzigen, wenn sie die Sünder mit starken Armen emporziehen; über
+welche unerhörte Rede Graf Contrario sich mit Recht entsetzte.
+
+Auch der Herzog hatte zuzeiten an der Gründlichkeit des Wissens und
+an der kritischen Ader des Grafen kein Vergnügen mehr, besonders wenn
+dieser mit Kennermiene das nach neuen Erfindungen gegossene Geschütz
+seines Gastfreundes prüfend umwandelte und jeden einzelnen Teil des
+Stückes einer eingehenden und vernichtenden Kritik unterwarf.
+
+Dann preßte der Herzog den strengen Mund zusammen und ließ den Grafen
+allein. Nur der Wunsch, Donna Angela, dieses Hindernis der Rückkehr
+des Kardinals, zu verheiraten und damit wegzuräumen, verlieh ihm die
+Geduld, den unermüdlichen Tadler zu ertragen, solange es sein mußte.
+
+Selbst im Bereiche Lukrezias bestrebte sich der Graf unliebenswürdig
+zu werden; doch alle diese Versuche wurden an ihrer anmutigen
+Geschicklichkeit zunichte, wie sich eine streitsüchtige Brandung. an
+einem sanften Ufer verliert.
+
+Da ihm Lukrezia ihr Wittum, die flavianischen Güter, als mögliche
+Mitgift ihrer jungen Base vorspiegelte, überkam ihn aus
+Widerspruchsgeist ein großer Ärger, das, was in seinen Augen der
+rechtmäßige Besitz war, einem Weibe danken zu müssen, und er erhob
+sich gegen dieses Ansinnen mit männlicher Würde.
+
+Lukrezia aber, die diese Entrüstung nicht für seinen Ernst hielt,
+antwortete lächelnd:
+
+"Und wenn wir beide, die wir uns darum streiten, die flavianischen
+Güter in zwei Hälften schnitten und friedlich unter uns teilten, den
+Richtern zum Verdruß?... Ich sage es nicht versuchungsweise, wie
+einst König Salomo, um Euer Herz zu prüfen, Ettore! Ist doch die
+Erde kein lebendes Kind mit einem unteilbaren Blut und Leben in den
+Adern, sondern bestimmt, in Stücke zerrissen, verteilt oder geraubt
+zu werden!"
+
+Der Graf hätte sogleich zugegriffen, wäre er sich selbst über seine
+Gefühle für Donna Angela klar gewesen. Am liebsten hätte er die
+flavianischen Güter ohne sie besessen. Er hatte das edle Mädchen von
+Anfang an als ein eigenwilliges und unerzogenes Geschöpf betrachtet--
+doch, o Wunder, seit einiger Zeit geschah etwas mit Angela. Ihre
+Härte und Herbigkeit verschwand wie die einer schwellenden Frucht,
+die an der Sonne reift, und welche andre Sonne konnte sie gezeitigt
+haben als die Sonne der Liebe? Welcher Sterbliche aber konnte dieses
+stolze Herz besitzen, wenn nicht Graf Contrario?
+
+Im Streite seiner Gedanken erbat er sich ein Jahr Bedenkzeit.
+
+Während Angela, immer stiller werdend, am Hofe von Ferrara in der
+demütigenden Gewißheit lebte, daß der Herzog ihr Dasein als ein Übel
+empfand, dessen er sich gern entledigt hätte, trat Donna Lukrezia auf
+die Höhe ihres Glücks.
+
+Sie hatte Don Alfonso zwei wohlgebildete und begabte Knaben gegeben,
+und er war ihr dafür, sie täglich höher haltend, von Herzen dankbar.
+
+Fast ebensosehr liebte er die wunderbare Klugheit, mit welcher sie in
+der denkbar schwierigsten Lage, während des venezianischen Krieges,
+da der Herzog im Lager und die Fortdauer des Staates Ferrara bedroht
+war, ohne den Beistand des genialen Kardinals die Regentschaft führte.
+
+Nicht daß dieser für das Schicksal Ferraras gleichgültig geworden
+wäre. Er riet und wirkte von Mailand her mit brüderlicher Gesinnung
+zugunsten des Herzogs, soweit seine Macht reichte. Seine
+Körperkräfte aber verzehrten sich darüber, und er litt an häufigen
+Rückfällen seines verderblichen Fiebers.
+
+Donna Lukrezia lenkte indessen auch ohne ihn das Staatsruder nicht
+nur mit weitester Umsicht, sondern im entscheidenden Augenblick auch
+mit männlicher Entschlossenheit. So war es kein Wunder, daß Ferrara
+und sein Herzog Lukrezia Borgia fast vergötterten.
+
+Aber die kühle, besonnene Fürstin führte mit Bescheidenheit ihren
+Triumphwagen und hörte den hinter ihr stehenden lästernden Sklaven
+wohl, der, nach dem Gebrauche des römischen Triumphes, ihr jegliche
+Schmach ihrer Vergangenheit ins Ohr raunte und nichts vergaß, was sie
+beschämen konnte.
+
+Da sie nun ihren Ruf vor der Welt gereinigt und wiederhergestellt
+hatte, war sie auch darauf bedacht, sich den Himmel zu versöhnen. Um
+so mehr gehorchte sie diesem Antrieb, da sie ihre Kinder mit
+Schmerzen gebar und oft von einer Ahnung frühen Todes beschlichen
+wurde.
+
+Sie unternahm auch dieses Werk auf eine ganz sachliche Weise.
+Gleichwie ihr Vater in ungeheuerlicher 'Naivität nie an den Dogmen
+und Wundern einer Kirche gezweifelt hatte, deren Haupt und Schande er
+war, hatte sich auch Lukrezia in einer geistig heidnischen Welt
+niemals von den kirchlichen Formen und Vorstellungen entfernt.
+
+Verständig wie sie war, täuschte sie sich nicht über die Summe und
+Schwere ihrer Sünden und dachte bescheiden von ihren Verdiensten, den
+frommen Übungen und Almosen, die sie zwar täglich zu vermehren
+trachtete, die aber gegenüber der Art und Größe ihrer Schuld vor
+ihren klugen und scharfen Augen täglich wieder zerrannen. Sie war
+eine Danaide, die unermüdlich Wasser in ein rinnendes Gefäß schöpfte.
+Nur der Verdammnis zu entgehen hoffte sie und mit Hilfe der
+kirchlichen Rettungsmittel einen untersten Raum des Fegefeuers zu
+gewinnen. Einmal dort, so überredete sich die Kluge in
+liebenswürdiger Torheit, würde es ihr durch die Vermittelung der
+Heiligen gelingen, eine höhere Stufe zu erreichen.
+
+Pater Mamette, den die Herzogin, sooft sie bei den Klarissen wohnte,
+als einen Sachkundigen in den Angelegenheiten ihrer Seele zu Rate zog,
+war in der göttlichen Mathematik erfahren, nach welcher die Großen
+klein sind und die Armen alles besitzen, und sah wohl, daß sie zu den
+Reichen gehörte, die schwerlich ins Himmelreich kommen. Ihr Ursprung
+schon, im Schoße der Kirche, mußte ihm ein Herzeleid sein. Doch
+nicht hierin, noch in ihrer schauerlichen Jugend, sah er den
+Felsblock, der ihr die niedrige Pforte der göttlichen Armut verschloß.
+Wohl aber in ihrer Schlangenklugheit, mit der sie sich selbsttätig
+durch alle Spalten emporwand.
+
+Doch erkannte er dankbar den Segen, den ihre geschmeidige
+Lebensweisheit und Staatskunst dem ferraresischen Hause und Staate
+brachte, und im übrigen getröstete er sich mitleidig damit, daß bei
+Gott kein Ding unmöglich sei.
+
+Und wenn sie ihm klagte, sie könne Gott nicht lieben, sagte er ihr,
+der Anfang der Werbung gebühre dem Manne, und sie müsse in Geduld und
+Almosen ausharren, bis Gottes Liebe um sie freie.
+
+Im vertrauten Umgange mit dem Franziskaner ließ es sich die Herzogin
+nicht entgehen, ihn auch über Angelas Herz zu beraten. Sie klagte
+über der jungen Base eigenartiges und gegen die Kirche unbotmäßiges
+Gewissen, das ihr einrede, sie sei der Ursprung und die Verkettung
+einer Menge von Unheil, das durch keine kirchliche Buße zu sühnen sei.
+Diese hochmütige Trauer über eine eingebildete oder willkürlich
+vergrößerte Schuld sei das Hindernis einer glänzenden Versorgung, die
+sie für das Mädchen im Auge habe. Es sei die Pflicht Pater Mamettes,
+dieses übertriebene Gewissen zur Bescheidenheit zurückzuführen und
+ihr den Verstand des Lebens beizubringen.
+
+Des Paters dunkle Augen lachten, als er erwiderte:
+
+"Es ist wahr, Erlaucht, das Gewissen Eurer Base ist vorlaut und
+aufrichtig, wie der erste Schlag der Morgenglocke, der zur Messe ruft.
+Doch in einem irrt Ihr, sie scheut die kirchliche Buße nicht... ich
+habe ihr die richtige auferlegt."
+
+Und er beurlaubte sich, der Herzogin den Segen erteilend.
+
+Lukrezia ergriff in klösterlicher Demut die Hand des Franziskaners,
+um sie zu küssen, streifte dann aber, nachdem sie flüchtig zwischen
+der Hand und dem Ärmel gezaudert, mit dem zarten Munde die eigenen
+Finger.
+
+Im fünften Lenz der Gefangenschaft Don Giulios suchte die Herzogin zu
+ungewöhnlicher Zeit die Klosterstille. Sie hatte ein totes Kind
+geboren und zog sich zu den Klarissen zurück, um zu trauern über das
+verlorene und zu danken für ihr eigenes, gerettetes Leben.
+
+Doch nach einer Reihe stiller Tage wurde ihr Aufenthalt unversehens
+gestört und abgekürzt.
+
+Die Ereignisse bewegten sich um den "vergessenen" Turm, der bisher in
+seiner Blätterwildnis von ihr unbeachtet geblieben war.
+
+Eines Tages fehlte die alte Äbtissin im Refektorium bei der
+Hauptmahlzeit, an welcher die Herzogin mit Angela aus besonderer Güte
+teilzunehmen pflegte. Sie lag krank. Infolge eines plötzlichen
+Schreckens war ihr die Gicht aus den geschwollenen Füßen in die Brust
+gestiegen, und sie atmete mühsam. Die Schwestern aber waren verstört
+wie eine Schar hirtenloser Schafe.
+
+In der Verwirrung vergaßen sie sogar die Klosterregel des Schweigens
+und erzählten sich wispernd die unglaublichsten Geschichten, die im
+Frühlicht dieses Tages sich im "vergessenen Turme" ereignet und die
+hochwürdige Mutter dem Tode nahegebracht haben sollten. Der
+verlarvte Prinz, der dort seit Jahren sein Wesen treibe, sei in der
+vergangenen Nacht entführt, andre sagten--erdrosselt worden.
+
+Eines sei sicher, der alte Mirabili, der allein in das Verlies sich
+habe einschleichen können, sei vor Sonnenaufgang mit schweren Ketten
+beladen und mit sterbendem Angesicht am Klostertore vorübergeführt
+worden. Schwester Consolazione habe mit eigenen Augen gesehen, wie
+der jammernde Greis, mit Eisen belastet, sich kaum habe
+weiterschleppen können. Er habe unter unverständlichen Hilferufen
+die gefesselten Hände nach ihr ausgestreckt. Sie hätte blutige
+Tränen darüber weinen mögen.
+
+"Wer ist dieser Vermummte, das Gespenst des 'vergessenen Turmes'?"
+wandte sich die Herzogin an Angela, indem sie sich mit ihr aus der
+verwirrten Nonnenschar des Refektoriums in ihre Zelle zurückzog.
+"Mirabili? Ist das nicht der Name des alten Lehrers meines Herrn und
+der Prinzen, seiner Brüder?... Sollte Don Giulio..."
+
+Eine schnelle Entdeckung erhellte und beschämte ihren Geist. "Taucht
+der Verschollene wieder auf? Und hier? Und sie sagen, daß er schon
+lange da ist! Wie konnte mir das entgehen und so lange verborgen
+bleiben!" Ohne sich weiter um die tief errötete Angela zu kümmern,
+schloß sie sich in ihre Zelle ein und schrieb an den Herzog.
+
+Sie meldete ihm, der Friede des Klosters sei durch eine Verhaftung
+gestört worden. Ein rätselhaftes Begegnis, dessen Erklärung allein
+seine Hoheit ihr geben könne, mache eine Zwiesprache zwischen ihr und
+ihrem Gemahl wünschbar und beendige ihren Aufenthalt bei den
+Klarissen. Er möge sie morgen in der ersten Abendstunde
+zurückerwarten.
+
+Lukrezia verließ an jenem Abend ihre Zelle nicht mehr. Sie
+erkundigte sich durch eine Zofe nach dem Befinden der Äbtissin und
+erfuhr, Donna Angela besuche eben die Kranke, der es besser gehe.
+Pater Mamette sei angekommen und das Kloster in seine Ruhe
+zurückgekehrt.
+
+Lukrezia wollte die Klarissen nicht verlassen, ohne den Wolf zu
+kennen, der die fromme Herde in Aufruhr gebracht hatte.
+
+So beschied sie auf eine Frühstunde des nächsten Tages statt der
+kranken Äbtissin Pater Mamette, dessen Ankunft ihr gelegen kam, auf
+ihre Zelle.
+
+Sie wollte ihn über seine geheime Mitwissenschaft an diesen Dingen,
+die sie vermutete und die sie ihm verdachte, zur Rede stellen und,
+wenn es nötig wäre, ihn mit den verfänglichsten Fragen martern.
+
+Die Lenznacht war schwül und mit dem Dufte unzähliger Blüten beladen.
+
+Die Herzogin fand keine Ruhe, sie erhob sich und setzte sich an das
+geöffnete Fenster.
+
+Der die weiten Gastzellen enthaltende Anbau bildete eine Seite des
+vergrößerten Klosterhofes und war durch dessen südlichen, mit dem
+üppigen Laube der Feigen und Limonen dichtgefüllten Winkel von dem
+"vergessenen" Turme getrennt. \XDCber dem Blätterdache trat die
+schwere, durch Verfall und Überwucherung formlos gewordene Masse des
+gewaltigen Rundbaues in den Hof hinein. Lukrezia erinnerte sich,
+früher zur Nachtzeit eines der kleinen zwei oder drei kaum sichtbaren,
+auf ungleicher Höhe in die Mauer gebrochenen Fensterchen schwach
+erhellt gesehen zu haben. Heute war das Innere des Turmes dunkel.
+Von außen aber war er überglänzt von den hohen Sternbildern und an
+seinem Fuße umschwärmt und umtanzt vom Funkenspiele zahlloser
+Leuchtkäfer.
+
+Stundenlang belauschte die Schlaflose die Stille der Nacht und das
+Rauschen des Hofbrunnens.
+
+Da war es, als knickten die Zweige und rauschten leichte Tritte auf
+dem Rasen. Es wurde wieder still. Jetzt präludierte leise eine
+Laute. Und jetzt vernahm Lukrezias Ohr aus der Tiefe des Turmes und
+einer männlichen Brust einen sanft beginnenden und in Sehnsucht
+anschwellenden Gesang:
+
+ "Ich glaube, daß im Maienduft der reine
+ Gestirnte Himmel glänzt, ich kann's nicht schauen!
+ Ein einz'ger Stern darf meinen Himmel zieren...
+ Und, wehe, meinen Stern muß ich verlieren,
+ Dich, treues Weib, die Liebende, die Meine!
+ Mein Leben kehrt zurück in stummes Grauen!
+ Der Freund war mein Verderben,
+ Ich muß vergehn und sterben,
+ Mißgünstig schickt der Bruder mich von dannen,
+ In öde, fremde Kerker mich zu bannen."
+
+Lukrezia war nicht im Zweifel, daß sie Don Giulios markige Stimme
+hörte; bevor sie aber die Bedeutung dieser in Wohllaut klagenden
+Worte erfassen konnte, antwortete eine andre Nachtigall aus den
+Feigenbäumen empor.
+
+Auch diese weiche Altstimme war ihr wohlbekannt. Angela sang:
+
+ "Getrost! An diesem Tag, der schon im Osten
+ Den Himmel bleicht, geb ich Lukrezien Kunde
+ Von unsrer Treu', zerreißend feige Schleier,
+ Und wir begehen unsre Hochzeitsfeier,
+ Gemeinsam fürder Lieb' und Leid zu kosten,
+ Und wär' es auch in eines Kerkers Grunde!
+ Willkommen, junge Klarheit!
+ Willkommen, Tag der Wahrheit!
+ Von Haft zu Haft bis in das Reich der Schatten
+ Begleit ich den geliebtesten der Gatten."
+
+Nach einer großen Überraschung und einer Aufwallung von Ärger, die
+ebensosehr ihrer eigenen jahrelangen Unaufmerksamkeit als dem
+Geschehenen galt, empfand die Herzogin, lebensklug, wie sie war, jene
+Beruhigung, die in der vollendeten Tatsache liegt. Denn, wie sie die
+Base kannte, war es für sie Gewißheit, daß der Zwiegesang am
+"vergessenen" Turme ein entschlossenes Opfer Angelas und eine
+vorangegangene Trauung bedeutete, und sie ahnte auch mit Sicherheit,
+welcher Priester diesen unwiderruflichen Akt vollzogen habe.
+
+"Der gottlose Franziskaner", schalt sie ganz im Ernste, indem sie
+sich auf ihr Lager zurückzog, wo sie, ihr leichtes Haupt auf das
+Kissen legend und ihre Gedanken abwerfend, entschlummerte.
+
+Sie schlief in den hellen Morgen hinein, und als sie erwachte,
+erblickte sie Angela, die mit bittenden Augen an ihrem Lager kniete.
+
+Sie aber schloß ihre Lider noch einmal, legte das blonde Haupt auf
+das Polster zurück und sprach abwehrend:
+
+"Verschone mich mit deiner Bitte, die ich ungesagt kenne... Du
+willst mich wieder bei den Klarissen zurückhalten, weil du der
+geistlichen Übungen nicht satt wirst, du Fromme! Diesmal kann es
+nicht sein... ich erwarte die Verfügung des Herzogs. Und liegt dort
+nicht schon ein Schreiben Don Alfonsos? Du hast es mir während
+meines Schlummers gebracht? Gib es mir gleich!"
+
+Sie löste das Siegel und überflog die Botschaft mit raschem Blicke.
+Ihr Gemahl hatte geschrieben:
+
+ "Geliebte Herzogin!
+
+ Beruhigt Euch über den Vorfall im Kloster. Es handelt sich einfach
+ um eine Torheit des altersschwachen Mirabili. Er verkehrte mit dem
+ Blinden, der, wie Ihr vielleicht nicht wußtet, seit einigen Jahren
+ den 'vergessenen' Turm bewohnte, ihn aber heute verläßt. Der Alte
+ hatte sich in den Gedanken verbohrt, den Blinden, dem die
+ Verführungskunst geblieben ist, in Freiheit zu setzen. Nachdem er
+ vor zwei Jahren schon ein wunderliches und unehrerbietiges Schreiben
+ an mich gerichtet, hat er vor kurzem, Torheit auf Torheit häufend,
+ mit einer erbärmlichen Summe den Torwart zu bestechen versucht und
+ nach einem Abdruck in Wachs einen Schlüssel des Turmes bei meinem
+ Hofschlosser bestellt. Wenige Stunden später lag Bestechungssumme
+ und Wachsabdruck auf meinem Tische. Ferne sei von mir, über meinen
+ weiland Lehrer, der bei grünen Kräften mich zu meinem Heile und mit
+ gutem Erfolg gezüchtigt hat, strenges Gericht zu halten! Er sitzt
+ nun bei meinen Benediktinern in Modena, die ihn mit ihren
+ Manuskripten in ihrem festen Hause aufbewahren.
+
+ Es ist gut, daß Ihr heute kommet. Graf Contrario wird mir von Stunde
+ zu Stunde unleidlicher. Nicht genug, daß er in meiner armen
+ Fayencemalerei ein falsches Kunstprinzip erkennt, ist er mir gestern
+ hinter meine Drehbank geraten und hat mir mit seinen eigensinnigen
+ Fingern eine Hauptschraube verkrümmt. Kommet, bevor er mir alles
+ verdirbt, und bringet das Mädchen mit, daß wir sie heute noch
+ zusammengeben und beide, nebst den flavianischen Gütern, endgültig
+ loswerden.
+
+ Inzwischen Euer gnädiger und
+ Euch herzlich liebender Gemahl."
+
+Lukrezia las diese Zeilen zwischen Lächeln und Besorgnis. "Große",
+sagte sie--so pflegte sie die höher gewachsene Angela scherzend zu
+nennen--, "reiche mir das Morgengewand und mache mich fertig, daß wir
+mit lauterm Antlitz und geordneten Gedanken dein Bestes erwägen, denn,
+wisse, von deiner Zukunft handelt dieser Brief. Der Herzog wünscht
+dich noch heute mit Graf Contrario zu vermählen."
+
+Als Angela zusammenschrak, lächelte die Herzogin: "Frauenschicksal!...
+Bist du denn ein Heiligtum, daß du eine redliche Werbung als
+Beleidigung empfindest, nicht anders, als schände dein Freier einen
+geweihten, oder betrete wenigstens einen fremden, verbotenen Boden?
+
+Ich habe dich aus Rom nach Ferrara mitgenommen, um dir in dieser
+gewalttätigen Zeit durch eine ehrenvolle Heirat eine feste und hohe
+Stellung zu geben, und der Graf, den wir für dich erwählt haben,
+bietet dir, bei einigen unangenehmen Eigenschaften, alle diese
+bedeutenden Vorteile. Dazu ist er ein vollkommener Edelmann."
+
+"Edelmann?" spottete Angela, "und er würde mich heimführen ohne
+Liebe? Als Anhängsel der flavianischen Güter?"
+
+"Was forderst du denn?" antwortete Lukrezia erbittert: "Willst du es
+anders haben, als wir alle? Was ist Männerliebe? Reiz, List, Begier,
+Gewalttat, Haß, Ekel!... Ich habe nie einen Mann geliebt!" So
+bekannte Lukrezia Borgia.
+
+Angela schwieg. Sie wußte es anders und besser. Dann sagte sie
+einfach: "Aber die Liebe, die aus Reue und Mitleid stammt?"
+
+"Das ist die himmlische", meinte Lukrezia, "ganz nach dem Katechismus!"
+
+"Himmlisch oder irdisch!" bekannte Angela, "aus dieser Liebe bin ich
+das Weib Don Giulios geworden."
+
+Die Herzogin stellte sich erstaunter und erzürnter, als sie war:
+
+"So konntest du dich gegen mich und den Herzog vergehen, du Arge! Du
+stürzest dich in die Schmach und das Dunkel, statt, wie es jedem
+edeln Weibe geziemt und angeboren ist, hoch und höher zu streben und
+durch verborgene Klugheit das Leben zu beherrschen! Du aber,
+Niedrige, suchst den Kerker eines Blinden und Verurteilten."
+
+"Wie ich mich so erniedrigen konnte, will ich dir erzählen, Lukrezia",
+sagte Angela stolz und demütig.
+
+"Am Abend, da Strozzi ermordet wurde, und ich zu dir ins Kloster floh,
+sah ich, wie Don Giulio in den 'vergessenen' Turm gebracht wurde,
+und schon damals hafteten meine Blicke an den erbarmungslosen Mauern
+und trugen mich meine Füße unter das im Grün verborgene Gitterfenster.
+Schon damals hätte ich gerne zu ihm geredet, aber die Stimme
+versagte mir.
+
+Im Herbste dann, zur Adventszeit, erreichte sie ihn. Der Nordwind
+hatte einen Haufen welken Laubes ergriffen, wirbelte es empor und
+jagte es durch das Kerkerfenster zu dem Este hinein, so daß die
+morschen BIätter ihn raschelnd überschütteten und, wenn er danach
+tastete, in seinen Händen zerbrechen mußten. Da erschien es mir
+unendlich grausam, daß die Natur dem Elenden ihren Tod über das Haupt
+streute. Ich erhob meine Stimme und rief:
+
+'Don Giulio, Euer Unglück ist da! Es folgt Euch in Liebe.'
+
+Er aber erkannte meine Stimme und antwortete: 'Sei mir willkommen!...'
+Damals und später, sooft ich mich ihm nähern konnte, erklärte er mir
+sein Inneres folgendermaßen:
+
+'Als du mich einst in Pratello aufstörtest' sagte ich dir, du
+könntest Vergangenes nicht ändern und meine Augen nicht
+wiederschaffen; aber jetzt sind mir geistige aufgegangen. Ich sehe'
+--er lächelte--'ich sehe mit ihnen, daß, wenn mich dein zufälliges
+Wort geblendet hat, es zu meinem Heile geschah; zwar auf eine
+schmerzliche und gewaltsame Weise, wie eine Mutter ihr schreiendes
+Kind einem Räuber aus den Armen reißt! Denn ich wäre in dumpfer Lust
+zugrunde gegangen, während ich jetzt mit hellen Sinnen lebe, wenn
+auch als ein Verminderter, da mir das edle Augenlicht genommen ist
+und ich beschränkt bin auf ein dunkles Tagewerk. Nur sehne ich mich
+freilich nach der Waldluft und dem Erdgeruch meines Pratello und auch
+nach den Hunderten, die es bebauen und denen ich gerne ein guter und
+gerechter Vater wäre.'"
+
+Und Angela begann mit überschwenglichen Worten Don Giulios neues
+Wesen zu preisen und auch, ihr Glück... Doch das Unaussprechliche
+ließ sich nicht sagen, und sie schloß damit, Lukrezia zu umhalsen und
+bis zum Ersticken zu küssen.
+
+Während sich diese der Umarmung zu entziehen suchte, trat Pater
+Mamette mit schuldlosem und hellem Angesicht ein.
+
+Die Herzogin aber wandte sich entrüstet gegen ihn.
+
+"Ruchloser Mönch!" redete sie ihn an, "wie durftest du es wagen,
+deinen Herzog mit so frechem Eingriff in seine vormundschaftliche
+Macht über diese hier zu beleidigen?"
+
+"Ihr meint, erlauchte Frau, damit, daß ich Don Giulio d'Este mit
+Donna Angela Borgia getraut habe?" sagte er bescheiden. "Ich tat es
+im Dienst einer höheren Gewalt als der des Herzogs. Es handelte sich
+um das Leben Don Giulios und um den Frieden dieses Herzens"--er
+blickte auf Donna Angela.
+
+"Im Grunde des 'vergessenen' Turmes liegt eine enge Kapelle, die zum
+Dienste der Gefangenen bestimmt ist und durch ein hochgelegenes,
+schmales, mit schweren Eisenstäben vergittertes Fenster kaum erhellt
+wird.
+
+Dorthin führe ich allsonntäglich Don Giulio und lese für ihn die
+Messe. Da erhob ich einmal vor Jahren während der heiligen Gebräuche
+den Blick zum Fenster, wo sich etwas, wie die Schwinge eines Vogels,
+geregt hatte. Zwischen dem grünen Blattwerk sah ich braunes
+Kraushaar und zwei andächtig leuchtende Augen. Es konnte ein Engel
+sein, welcher der heiligen Messe beiwohnte... er störte mich nicht.
+
+Als ich dann den Kerker verließ, begegnete mir in der Klosterkirche
+Donna Angela, deren Beichte ich hören sollte.
+
+Ich erschrak bei ihrem Anblick; denn ihre Stirne trug in tiefen
+blutroten Striemen das 'Zeichen des Kreuzes. Was konnte es anders
+sein als der Eindruck des Fenstergitters der Turmkapelle? Ich erriet,
+daß die Jugendliche, das verschlungene Geäst der Feigenbäume
+benützend, im Laubdunkel verborgen, die Stirn auf die harten
+Eisenstäbe gestützt hatte, um in die Kapelle hinunterzublicken.
+
+In ihrer Beichte quoll ihr Elend empor. Tiefer und blutiger, als es
+auf ihrer Stirne stand, hatte sich das Gefängnis Don Giulios in ihr
+Herz eingeschnitten. Die ganze Schuld an der Blendung des Este und
+nicht minder die Schuld seines Hochverrats lag auf ihrem Gewissen.
+Sie war die Ursache seines Kerkers.
+
+Sehnsüchtig verlangte sie nach einer Sühne, die unmöglich war, und
+nach einer Buße, welche die Höhe ihrer Schuld niemals erreichen
+konnte. Seine Augen konnte sie nicht neu schaffen, und ihr Verlangen,
+wenigstens, mit ihm verurteilt, sein Kerkerdunkel zu teilen, konnte
+ihr die irdische Gerechtigkeit nicht gewähren. Aus diesem Inhalt
+ihres Herzens erkannte ich ihre große Liebe zu Don Giulio: Denn Liebe
+schlägt gering an, was sie gibt, hoch, was sie verschuldet, und
+bedarf einer großen Vergebung.
+
+Was aber das Recht nicht verleihen kann, das gewährt die
+Barmherzigkeit der Kirche. So mußte und durfte ich unwürdiger
+Priester durch das Sakrament der Ehe die beiden in eine Schuld und in
+eine Buße vermählen.
+
+Das Staatsgesetz übertraten sie bei der Trauung in keiner Weise. Der
+Gefangene verließ den Turm nicht, er stand in der Kapelle, und Donna
+Angela stützte wieder ihre Stirne an das Gitterkreuz, durch welches
+die von mir gesegneten Ringe gewechselt wurden..."
+
+"Solche Ehe ist verwerflich und ungültig", behauptete die Herzogin
+empört.
+
+"So blieb es", fuhr der Franziskaner ruhig fort, "bis Don Giulio nach
+dem unglücklichen Briefe Mirabilis von einem verderblichen Fieber
+aufs Lager gestreckt wurde. Wie war es möglich, die Eines Gewordenen
+im Sterben zu trennen!... Er genas unter Donna Angelas Pflege. Die
+Ehe blieb verborgen, da Angela damals länger als sonst und allein bei
+den Klarissen blieb, während Eure Erlaucht zur Zeit des
+venezianischen Krieges in Abwesenheit des Herzogs vom Morgen bis zum
+Abend dem Wohle des Staates lebte. Die Stunde der Entdeckung stellte
+ich, wie unser ganzes Los, in Gottes Hand."
+
+"Das Eurige könnte leicht ein schlimmes werden, ehrwürdiger Vater,
+wenn ich mich nicht herablasse, bei Don Alfonso für Euch einzutreten
+und fürzusprechen!" sagte Donna Lukrezia mit einem Zuge der
+Verachtung um den feinen Mund.
+
+"Tut, was Ihr dürft!" erwiderte der Franziskaner und beurlaubte sich.
+
+Als am Abend in der Dämmerung die Sänfte der scheidenden Herzogin,
+aus dem Kreise der Nonnen fortgehoben, ins Freie trat, erschien vor
+dem Tore des "vergessenen" Turmes der Pater noch einmal. Mit
+erbleichtem Angesicht hielt er die Träger auf und flüsterte der
+Herzogin zu:
+
+"Der Gefangene ist verschwunden. Ich weiß, daß der Hauptmann der
+herzoglichen Leibwache verlarvt bei ihm erschien und ihn unter einer
+dunkeln Maske weggeführt hat. Tretet für ihn ein, Madonna, wie Ihr
+es mir verhießet!"
+
+Als die beiden Frauen den erleuchteten Festsaal der Burg betraten,
+fanden sie dort Don Alfonso, der, die Herzogin erwartend, auf und
+nieder schritt und sich zuweilen mit einem Blick und einem Rat an der
+Schachpartie beteiligte, welche ein grauer Höfling mit langer
+ehrwürdiger Nase gegen den Grafen Contrario spielte.
+
+"Schach und matt!" krähte der Graf triumphierend und trat, während
+sein Gegenpart vernichtet auf das verlorene Spiel starrte, den Frauen
+ritterlich entgegen.
+
+Aber schon hatte der Herzog Donna Lukrezia zu einem entfernten
+Ruhesitz geführt und begann, nachdem er sie kurz begrüßt hatte, ihr
+ein Schreiben mitzuteilen. Es kam aus Mailand. Der Kardinal
+Ippolito hatte es mit zitternder Hand geschrieben, und es lautete:
+
+"Geliebtester Bruder, ich bereite mich zum Sterben. Ein inneres
+Geschwür tötet mich. Ich leide unerträglich. Mich quält der Gedanke:
+Vielleicht könnte ich leichter scheiden, wenn Don Giulio, mit dem
+ich mich oft beschäftige, seinen Kerker verließe.
+
+Erweise mir diesen letzten Dienst und lebe wohl."
+
+
+"Du begreifst", sagte der Herzog, "daß ich sofort willfahrte. Aber
+wohin nun mit dem Blinden? Gib mir deinen Rat, Lukrezia, was ich mit
+ihm anfange. Er wird sogleich hier erscheinen. Ich habe Befehl
+gegeben, mir ihn vorzuführen."
+
+"Das Schicksal hat sich seiner angenommen", sagte sie. "Erstaune!
+Seit zwei Jahren ist er vermählt. Zur Schande meiner Klugheit sei es
+eingestanden, mit meiner aus der Art geschlagenen Base, die im
+Schatten unseres Klösterchens den 'vergessenen' Turm besuchte.
+Strafe gehört ihr. Wir grenzen die beiden im Gebiete von Pratello
+ein und geben ihm Angela zur Hüterin."
+
+Ein wunderliches Gemisch von Entrüstung und Befriedigung erschien auf
+den Zügen des Herzogs. "Doch was fangen wir mit diesem an?" sagte er
+höhnend und deutete auf die Mitte des Saals, wo der Graf in längerer
+und sorgfältig begründeter Rede um die Hand der verstummten Angela
+warb.
+
+Jetzt aber öffnete sich die Tür, und der Blinde erschien auf der
+Schwelle.
+
+"Vergebt, Herr--da ist mein Gemahl!" rief Angela selig und eilte zu
+ihm.
+
+Don Giulio trat ein mit einer leichten Binde über den Augen, aber mit
+sicheren männlichen Schritten, von Angela unmerklich an der Hand
+geführt.
+
+Er erreichte den Herzog, bog das Knie, faßte seine Hand und sprach:
+
+"Bruder, ich habe mich schwer an dir vergangen, da ich dir..."
+vielleicht wollte er sagen "nach dem Leben stand"--aber der Bruder
+ließ den Bruder nicht ausreden, sondern hob ihn zu seinem Munde empor,
+und die Männer küßten sich und überschwemmten sich mit Tränen.
+
+Der Herzog faßte sich bald.
+
+"Mein Wort bleibt!" sagte er. "Du bist mein Gefangener im Umkreis
+deines weiten Pratello, und diese setze ich dir zur Hüterin."
+
+"Er wird Euer Gebot nicht übertreten", sagte Angela. "Weder dort
+noch anderswo; denn seinen dunkeln Kerker kann er niemals verlassen.
+Er trägt ihn überall mit sich."
+
+"Nicht wahr, Bruder", bat Don Giulio, "du tötest mir meinen alten
+Mirabili nicht?"
+
+"Was denkst du von mir, Julius? Ich sollte einen Mann töten, der uns
+die stoische Weisheit gelehrt hat!... Er sitzt wie im Paradiese bei
+unsern gelehrten Benediktinern in Modena!"
+
+Graf Contrario hatte Mühe, an das zu glauben, was er vor sich sah.
+Er empfand nur den dunkeln Trieb, dem leidensvollen Paare etwas
+Unangenehmes zu sagen. So warf er noch zwei Steine, die sich aber in
+Rosen verwandelten.
+
+Er wandte sich zuerst an den Blinden.
+
+"Ich wünsche Glück, Prinz!" sagte er. "Aber erlaubt mir den Mut
+meiner Meinung. Ich denke, ein wahrer Edelmann, ein ganz vollendeter
+Edelmann hätte sich wohl gefragt, ob es zart gehandelt sei, wenn ein
+Blinder eine Sehende an sich fesselt und sie mit verliebten Armen
+selbstsüchtig in sein Grab niederzieht. Blieb Euch das verborgen
+oder von Euch unerwogen?"
+
+"Graf!" antwortete Don Giulio glücklich, "sie nahm mir die Augen und
+gibt mir dafür die ihrigen. Sie gibt gern, und ich nehme gern. Sie
+ist selig im Geben und ich im Nehmen."
+
+Angela aber jubelte im Übermaß der Liebe: "Deine schönen blauen Augen
+werden wieder erstrahlen, mein Geliebter:... Du schicktest mich
+einst fort aus Pratello, weil ich sie nicht neu schaffen könne.
+Deine Augen werden heller und jünger leuchten als zuvor... aus dem
+Angesichte deiner Kinder, wenn sie mir Gott gibt!"
+
+Sie erschrak über ihre Kühnheit und wurde Glut.
+
+Darauf warf der Graf seinen zweiten Stein. "Madonna", tadelte er,
+"es gibt Dinge, die eine gebildete Dame kaum zu denken wagt,
+geschweige, daß sie solche ausspricht!"
+
+Angela antwortete mit festlichen Augen--schade, daß der Blinde nicht
+hineinblicken konnte!--: "Was wollet Ihr, Graf? Ich bin eine Borgia
+und bleibe eine Borgia, da müsset Ihr mir schon etwas zugute halten."
+
+Es entstand eine Pause. Graf Contrario aber wandte sich mit edelm
+Entschlusse an die Herzogin. "Erlauchte Frau", sagte er, "ich
+willige in die von Euch vorgeschlagene Teilung der flavianischen
+Güter."
+
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ANGELA BORGIA ***
+
+This file should be named 6421-8.txt or 6421-8.zip
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
+
+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
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+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
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+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
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+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
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+ or other equivalent proprietary form).
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