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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-23 16:07:26 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Wanderer - -Author: Anton Fendrich - -Release Date: January 02, 2021 [eBook #64200] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Ein im Original unleserlicher - Name wurde durch *** ersetzt. - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - Der Wanderer - - Von - - A. Fendrich - - Mit 8 Tafeln und zahlreichen Textabbildungen - nach Originalaufnahmen - - Sechste Auflage - - [Illustration: Signet] - - Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart - - - - - ~Copyright 1920 by - Franckh'sche Verlagshandlung - Stuttgart~ - - - Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. - - - - - Meinem guten Kameraden - in Treue - - Weihnachten 1912 Der Verfasser - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - Allgemeines und Historisches. - - Das Wandern, ja das Wandern 5 - - Aus alten Scharteken 12 - - Von der Heimat 16 - - Zur Psychologie des Wanderns. - - Vom Rhythmus der Jahreszeiten 19 - - Allerlei Heimatschutz 24 - - Schauen, nicht schwärmen 28 - - Wenn wir uns selbst im Lichte stehen 30 - - Vom Horchen in der Stille 33 - - Vom Überhopsen 37 - - Wie man wandern soll. - - Mit Kindern 41 - - Vom Kränzewinden 43 - - Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen? 45 - - Der Wanderschuh als Erzieher 47 - - Was man braucht. - - Des Wanderers Kleid 51 - - Der Rucksack 53 - - Von den Schuhen und den Füßen 55 - - Vom Essen und vom Trinken 58 - - Vom Knipsen 63 - - Menschlich-Allzumenschliches. - - Aphorismen 70 - - Menschen 73 - - Hinaus! 76 - - An die jungen Männer 80 - - An die jungen Mädchen 81 - - Vom neuen Wandern. - - Von Wiesen und Bäumen 83 - - Vom Wald 86 - - Von der Heide, der Marsch und der Geest 89 - - Wie man Städte ansehen soll 94 - - Die deutschen Lande 99 - - An die Alten und die Jungen 106 - - Die Natur. (Ein Schlußwort) 109 - - - - -»Das Wandern, ja das Wandern --« - - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -Wandervögel.] - -Schlicht, fast dürftig kommen sie dahergezogen, die fünf Wörtlein im -alten Liede »vom Wandern«, ja »vom Wandern« -- und bergen unter ihrem -unscheinbaren Gewande ganze Welten. Stürmisch und laut jubelnd, dann -wieder mit gedankenschwerer Bedächtigkeit oder vor sich hinschlendernd -mit leichten Sinnen, dann aber auch einmal ausschreitend in festem -Schritt stämmiger Männlichkeit und schließlich leise auf den -Zehenspitzen gehend und geheimnisvoll nickend und mahnend, so kommen -sie immer anders wieder im Kehrreim des Liedes, die tiefen, schlichten, -kleinen Worte. - -Was ist's, das aus ihnen singt wie helle, hohe Knabenstimmen an einem -keuschen, kühlen Taumorgen? Was ist's, das aus der Zeile schwingt -wie dumpfes Geläut von versunkenen Glocken? Was klingt aus ihnen wie -klarer, harter Männergesang von rauhem Felsenweg herab? Und was ringt -sich aus ihnen los und nickt und winkt wie verborgene Weisheit? - -Es ist das Leben, das brausende und sausende, das liebe und trübe; das -Leben, in dem nicht weit von den Wiegen die Särge stehen; das Leben, -das Glück und Leid nebeneinander auf die gleiche Bank gesetzt hat; das -Leben, wo der Männerklarheit sentimentale Schwäche ins Handwerk pfuscht -und wo die Weisheit nicht so weit von der Narrheit wohnt, daß sich die -beiden nicht die Hände reichen könnten. - -Mensch sein, das heißt nicht nur Kämpfer, sondern auch Wanderer sein. -In allen Dingen. Wer nicht gelernt hat, _alles_ als Wanderer anzusehen, -mit hellen, unbestechlichen Augen, aber auch mit dem warmen Glanz -der Güte; wer nicht weiß, stets vor sich hinzusehen auf den Pfad und -dessen Hindernisse, anstatt die Nase in der Luft zu tragen; wer nicht -ohne Wehmut und ohne Haß alles hinter sich lassen kann, Schönes und -Häßliches, an dem er einmal vorbeigeschritten ist, der kennt nicht das -Geheimnis des Wanderns. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Gewitterstimmung an der Havel.] - -Leicht und hell sollen wir wandern: über Berg und Tal, im Ringen um die -Anhöhe einer befreienden Weltanschauung, im Kampf um Brot und Heim, wie -auch im dunkeln, dumpfen Gedränge der feindlichen Gewalten in unserer -Brust; immer sollen wir Wanderer sein, vom Frühling bis in den Winter -unseres Lebens. Immer müssen wir bereit stehen mit gegürteten Lenden -und dem Stab in der Hand, weiter zu gehen, vorwärts zu dringen und -aufwärts. - -So ist das Leben oder soll es sein. Leben sollen wir und streben, nicht -kleben. - -Das müßte aber ein schlechter Wanderer sein, der immer nur Sonnenschein -und linde Lüfte erwartete für seine Fahrten und es nicht erfahren -hätte, daß Regen und Sturm und Nebel und Kälte nichts sind als gütige -Gaben, die wir mit ebenso dankbaren Händen nehmen sollten wie die -Himmelsbläue und die Balsamdüfte der guten Tage. Denn wir werden der -ganzen Herrlichkeit des strahlenden Himmelslichts nur inne, weil es -nicht _immer_ scheint. Alles Immerwährende wird Zustand. Und »Zustand« --- hat Goethe einmal gesagt -- »ist ein grauenhaftes Wort«. Leider ist -in der Zeit des Goethedienstes das Wort fast unbekannt. Jeder Zustand, -auch der schönste, wird auf die Dauer gähnende Langeweile. Wer einmal -eine lange Prozession wolkenloser Sonnentage im weiten Süden über sich -ergehen lassen mußte, der weiß erst recht den wirren Wechsel unseres -Klimas zu schätzen. Nur ständiger _Wechsel_ ist beglückendes Leben, und -das Wandern beglückt und entzückt uns nur aus dem gleichen Grunde. - -Das Wandern von allem zu allem im Weltall, das allein erhält das Leben -und läßt es nicht versinken. Das Eisenmolekül wandert durch die Adern -unserer Schläfen; der elektrische Funke wandert in seinem rasenden -Tempo durch die Meere von Erdteil zu Erdteil; die Berge wandern, -langsam abbröckelnd, in Jahrmillionen durch die Flüsse in die Ebene und -ins Meer; und unsere Mutter Erde wandert seit Jahrmilliarden dankbar -und treu um ihre Lebenspenderin -- die Sonne. - -Das monotone Motto der ständigen Bewegung, wie es der griechische Weise -in den zwei Worten: »Alles fließt« geprägt hat, müßte farbiger und -richtiger heißen: »Alles wiegt, alles wogt, alles wandert.« - -»Das Wandern, ja das Wandern!« - -Da kommen sie schon wieder, die fünf klugen, kleinen Worte, wohlgemut -und froh. Und es ist auf einmal, als ob ein Tor aufgeschlagen würde, -durch das wir aus dumpfer Enge weit hinaussehen in die sonnige Welt; -es ist, als ob wir einen einsam über Hügelhöhen schreitend erblickten, -einen Wandergesellen, der, aller Abenteuer gewärtig, frohgemut den -Stecken schwingt und in die reinen Lüfte singt, was seine Brust -erfüllt. Das Wehen und das Rauschen des Walddoms, das übermütige -Geglucker der kleinen Wiesenquellen, das Bimmeln und Läuten ziehender -Herden -- alles das lebt in den fünf kleinen Worten. Sie singen vom -Frohlocken eines heimlichen Königskindes, das sich verlaufen hatte und -in Gefangenschaft geraten war und nun jubelt über die wiedergewonnene -Freiheit -- des heimlichen Königskindes, das sich nun wieder tragen -lassen darf von den Wogen eines größeren Lebens, auf denen es neue -Fahrten wagt nach neuen Ufern. - -Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, das ist der -wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der Tod ist umsonst, -und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht lumpen lassen -wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was haben wir zu geben. -Nichts als das Leben. - -Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, daß sie aus -der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle Entdeckungsreisen, -deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz ihres Lebens seinen -ganzen, großen Wert erhält. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Heimkehr.] - -Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen Berufen, -besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten daher, daß das -Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein langweilig pendelndes -Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, dann wissen sie genau, wie -der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein wird, wann sie befördert und -wann sie pensioniert werden, um »in Ruhe« ihre letzten Tage genießen -zu können. Das Unerwartete, das Unerhörte, kurz das Abenteuer spielt -in ihrem wohlregistrierten Leben keine Rolle mehr. Ihre Existenz ist -ein unveränderliches Programm mit festliegenden Nummern. Ihr Dasein -ist so sicher eingeschachtelt, daß es nicht wundernehmen kann, wenn -die Sehnsucht nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem -schrillen Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen -Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler tüchtiger -Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, daß -Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller Heimlichkeit als -Ausgleich dienen müssen. - -Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern? - -Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger -Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in unserer Zeit deshalb -so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen von dem leichten Sinn -und dem sonnigen Humor derer, denen das Wandern eine Kunst war und die -auch durch des Lebens Gefilde lieber tanzend schritten als keuchend. -Da muß ich an meinen alten Onkel Schang denken, der sein Leben lang -ein Wagnergesell war und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa -durchzog, von Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die -Türkei. Er rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr -keine geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er -wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle paar -Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es nicht aus. -Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er war sein Lebtag nie -fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal gar zu zäh ausforschten, -warum er wieder in der Welt umherfahren wolle, er, ein so geschickter -Krummholz, der zu Hause doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob -er den Zeigefinger in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen -kleinen Vorträge: »Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen -auf der Erde: wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach -ein wenig zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?« -Natürlich brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der -Onkel Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große ~W~! Alles Große fängt -mit einem ~W~ an. Das große ~W~ ist das erste, was wir schon von der -Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber fuhr -ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen ~W~ an und der Wald -und das Wandern und die Weibervölker und die Wunder, von denen ihr -nichts versteht; und die Weisheit, die ihr noch lange nicht mit Löffeln -gefressen habt, wenn ihr's auch meint; und die Wahrheit, die ich euch -jetzt um die Ohren schlage!« Er machte eine Pause und sagte zuletzt -ganz leise: »Und der Wein!« Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig -schon überschritten. - -So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit dem -Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war ein lustiger -Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf für einen Taugenichts -gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein anderer Sohn des Dorfes, -der in die Welt gegangen und ein berühmter Schriftsteller und Dichter -geworden war. Beide wurden zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch -gab dem »Dorflumpen« die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau -in wallendem Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den -Tannensarg und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen -ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab des -berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge umstanden war, -schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte die Menschenmenge -ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!« - -Ja, die Dichter, die haben's mit dem Wandern. Wenn sie durch Wald und -Felder ziehen, dann offenbart sich ihnen das Leben. Aber ein anderes. -Es wird schon so sein, daß es mehr als eines gibt; nicht im Jenseits, -von dem wir nichts wissen, sondern im Diesseits. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Letzte Sonnenstrahlen im Heidewald.] - -Ich weiß einen Arzt, der nie eine Rose in seinem Garten schneidet, -ohne das Messer vorher so gut geschliffen zu haben, als ob er es bei -der Operation eines seiner Patienten brauchte. Und ich weiß einen -großen deutschen Maler, der von der wehmutvollen Gebärde einer alten -Silberpappel am Bodensee so ergriffen wurde, daß ihm ein paar Tränen -über die Wangen rollten. Und ich weiß einen Dichter, den einmal nach -einem fröhlichen Gelage in einer kühlen Weinlaube am Schwäbischen -Meer einige zu Gast geladene Bekannte fragten, was er eigentlich über -Gott und die Natur denke. »Blödsinnige Frage!« Das war zunächst seine -Antwort. Als sie aber nicht abließen, gab er nach und sagte: »Na ja, -wenn ich eben einmal draußen herumlaufe und nicht an blühenden Büschen -und Hecken vorbeikomme, ohne ihnen mit der Hand über die Schöpfe zu -fahren und ihnen ein gutes Wort zu sagen, dann, na ja, dann spür' ich -eben etwas.« Die anderen sahen ihn, was nicht allein von den zu vielen -Schoppen kam, starr und verständnislos an; der Dichter aber ärgerte -sich darüber, daß er doch nachgegeben und Perlen verschleudert hatte, -und fügte seiner Antwort noch vier kraftvolle Worte hinzu, an denen wir -jedoch lieber in raschem Schritt und Tritt vorüberwandern wollen. - -Und zu guter Letzt, da die fünf kleinen, wissenden Wörtchen hören, daß -von Dichtern die Rede ist, kommen sie noch einmal auf leisen Zehen -herbeigeschlichen und sagen still und feierlich: - -»Das Wandern, ja das Wandern!« - -[Illustration: Phot. W. Groothoff. - -Fahrende Scholaren.] - -Und wieder geht ein Tor auf, und ich sehe, wie ein anderer Dichter, -der erst vor kurzem heimgegangen ist und von dessen Existenz die Welt -jetzt erst durch seine posthumen Werke erfahren hat, zusammen mit mir -in einer warmen Sommernacht ausruht auf einer weiten Bergwiese. Wir -sahen in das Zucken und Lodern der Welten am Himmelszelt und schwiegen -miteinander. Da kam ihn auf einmal die übermütige Laune derer an, die -mit lebendiger Seele sterben, und er sagte: »Eigentlich sind wir doch -hier nirgends als in einer Weltallsherberge -- Allerweltsherberge«, -korrigierte er sich lachend. »Diejenigen, welche zu tief in der Kreide -stehen oder sich der Hausordnung nicht fügen wollen, werden nach -mehrmaliger Verwarnung hinausgeworfen vom Hausknecht -- dem Herrn Mors. -Ich meine immer, sie lassen mich nicht mehr lange sitzen.« So sprach -er mit tragischem Humor! Er wußte, wie es um ihn stand. Dann spürte -ich seine Hand an der meinigen und hörte seine immer noch metallen -klingende Stimme einen Reim sagen wie eine Strophe, die aus einem neuen -Wanderlied in die warme Sternennacht hinausklang: - - »Komm, wir wollen wandern, - Von einem Stern zum andern ...« - -Bald darauf ging er, ein kosmischer Wanderer. Wir aber, die anderen, -die noch nicht so weit sind, wollen zuerst einmal das Wandern auf -_unserem_ Stern und auf gutgesohlten, irdischen Stiefeln erlernen. - - - - -Aus alten Scharteken. - - -[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting. - -Portal einer Schloßkapelle in Burghausen.] - -Der Sinn zum Wandern kann nicht erworben werden, auch nicht durch die -Mitgliedschaft zu einem der vielen Wandervereine, wie sie jetzt unter -dem warmen Regen der »Naturbewegung« aus dem Boden schießen. Es ist mit -dem Wandern wie mit dem Glauben. Es muß etwas Angeborenes sein, ein -Geschenk -- wenn man will, eine Gnade. Daß die moderne Naturschwärmerei -ein Erzeugnis unserer Großstadtkultur ist und daß dabei oft nur das -Abenteuer, wie zum Beispiel eine im Heuschober zugebrachte Nacht, -den Hauptreiz bildet, das wissen _alle Nüchternen_. Im Grunde ist -das _modische_ Wandern eigentlich nur die Reflexbewegung der in öden -Straßen, steinernen Mietkasernen und im Gewirr eines mit Licht- und -Schallreklame arbeitenden Großhandels ermüdeten Menschen. Wer wollte -das leugnen? Der Mensch der Großstadt streckt eben wie ein Kind die -sehnsüchtigen Hände hinaus nach den Blumen und Bächen und Vögeln und -Schmetterlingen eines verlorenen Paradieses. - -Aber erklärt das alles? - -Haben denn vor anderthalb Jahrhunderten die tobenden Universalgenies -und die schmachtenden Werthers der »Sturm- und Drangperiode« nicht -auch versucht, ihren Weltschmerz und ihre stürmischen Leidenschaften -zu vergessen und zu ertränken im wonnigen Meer der blühenden -Feldeinsamkeiten und im beredten Schweigen des Waldgeflüsters? Und -all das, obwohl die lächerliche Ländlichkeit des Verkehrs in den -Kleinstädten jener Zeit nicht so nervenzerrüttend war, daß der Durst -nach dem »Busen der Natur« daraus hätte entstehen können. Das war die -Zeit, wo man nach Einbruch der Nacht sich ohne Laterne im Schmutz auch -der hochansehnlichsten Straßen von Residenzstädten nicht zurechtfinden -konnte, und wo die damaligen Stadtpläne mit ihrem heimeligen -Durcheinander von lauschig duftenden Gärten und kühl verschwiegenen -Häusern geradezu ein Ideal für die heute so bescheiden gewordene -Gartenbewegung darstellten. - -Das Wandern steckt dem Menschen eben von Anbeginn an in den Gliedern. -Als Adam seine erste, überraschend schnell nötig gewordene Reise antrat --- wer weiß, ob ihm trotz des Abschiedsschmerzes schließlich nicht das -Herz aufgegangen ist ob all des Neuen, was er zu sehen bekam?! Um so -mehr, als er seine Freude teilen und sie dergestalt doppelt genießen -konnte. Wenn man es innewerden will, daß das Wandern eine alte Sucht, -vielleicht auch eine alte Tugend eines Teils der Menschen ist, so -braucht man nur die ersten Bücher aufzuschlagen, darinnen von der -Menschheit Glück und Schmerz die Rede ist, den Pentateuch, die alten -Propheten und -- ja nicht zu vergessen -- das Hohelied des Königs -Salomo und die Weisheit des Jesus Sirach. Wenn es da irgendwo einmal -ans Wandern geht, sei es bei dem Auszug aus Ägypten, was immerhin schon -eine ganz ansehnliche Leistung gewesen sein muß, oder wenn der junge -Tobias mit seinem kleinen Schnauzer und dem inkognito ihm als Führer -dienenden Erzengel auf die Brautschau geht, jedesmal weiß der Chronist -mit den einfachen Mitteln jener wuchtigen, schlichten Sprache eine -Reisestimmung zwischen die Zeilen hinzuzaubern, wie sie eben nur der -geborene Wanderer kennt und wie sie mit ihrem vorausleuchtenden Schein -alles noch viel schöner vorauserleben läßt, als es in der Wirklichkeit -wird. Und -- wohlgemerkt, die alten Mannen des Volkes Israel, die -ja später das Wandern wie kein anderes Volk sozusagen als Schicksal -lernen mußten, verstanden sich auf das genußfreudige, anspruchslose -Wandern, ohne großes Getöse zu machen, und hatten dabei die Augen -immer weit offen. Ich habe für diejenigen, die es nicht für Wert -halten oder nicht die Zeit haben, die Originale selber nachzulesen, -an anderer Stelle (im Kapitel vom Rhythmus der Jahreszeiten) Proben -von Naturschilderungen im Alten Testament gegeben. Denn -- darüber -sollten wir uns klar sein -- Wandern ohne eine innige Aufnahme der -Natureindrücke durch ein »unbescholtenes, freies Auge«, wie es -Gottfried Keller so wundervoll einfach nennt, das ist kein Wandern. - -In unserer germanischen Literatur sind die Beweise eines -hochentwickelten Wandersinns zahlreich genug für jene Lust am Wandern, -die nur eine andere Art von Frömmigkeit ist. Diese Frömmigkeit hat -sich bei unseren Altvordern besonders in der Vergeistigung und in -der plastischen Gestaltung der Naturgewalten und Naturschönheiten in -Zwergen und Kobolden, Halbgöttern und Riesen, Waldfeen und Göttern -gezeigt und ist nichts anderes als die Empfindung der eigenen Kleinheit -und das Streben über sich hinaus. Der »Wanderer« -- wie oft tritt Wodan -unter diesem Namen auf! -- was will er anderes, als das All liebend -in sich aufnehmen und in das dunkle Haus des eigenen, trotz seiner -Göttlichkeit der Zeit und dem Raum unterworfenen Wesens die Lichtfluten -und Farbenwellen der ganzen Schöpfung einströmen lassen?! - -Wir besitzen in irischen Heldengedichten, die erst vor kurzer Zeit -entdeckt wurden, Naturschilderungen von einer überraschenden Innigkeit. -Dagegen sind alle historischen Urkunden, die über Wanderungen -ganzer Völker oder auch einzelner Persönlichkeiten, besonders von -Dichternaturen aus der Zeit von der Völkerwanderung bis zum 12. -Jahrhundert, vorliegen, fast ohne jede Andeutung dafür, daß das -Anschauen der Natur als Genuß empfunden wurde. Das Naturgefühl, d. -h. der bewußte sehnsüchtige Drang, über das eigene Dasein hinaus nun -am Leben der _ganzen_ Schöpfung teilzunehmen, flammt erst mit Franz -von Assisi und dann allerdings mit einer Gewalt auf, wie sie nur zu -erklären ist aus der jahrhundertelangen Unterdrückung eines menschlich -seelischen Bedürfnisses. - -Die Technik des Wanderns und ihre Beschreibung in alten Scharteken, -deren die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, lassen in -ihrer spießbürgerlichen Umständlichkeit und in der altjüngferlichen -Schreckhaftigkeit vermuten, daß die vorangehende Zeit der Renaissance -mit ihrer ausgeprägten Wirklichkeitsphilosophie für Natur nicht viel -übrig hatte. Daß dieser Sinn bei den Menschen der Renaissance stark -zurückgegangen ist, darauf läßt u. a. auch die dürftige Behandlung -der Landschaft in den großen Erzeugnissen der bildenden Kunst -jener Zeit schließen, die eigentlich nur »den Menschen« kannte. Der -Dreißigjährige Krieg und die darauffolgende Zeit des deutschen Barocks -haben ihr übriges getan zur Vernichtung des erwachten Naturempfindens. -Was wir dann später aus den Denkwürdigkeiten berühmter Leute aus -dem 18. Jahrhundert kennen -- ich denke gerade an die Ängste der -Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des alten Fritz, als sie -»durch die fürchterlich beengenden Schluchten« des uns heute so sanft -erscheinenden Thüringer Ländchens fuhr -- und was wir aus ähnlichen -zeitgenössischen Schilderungen wissen, das ist für uns Menschen des -Wanderns und Reisens, der Hochtouristik und der großen geographischen -Entdeckungen einfach von erfrischendem Humor. - -Nicht weniger bekömmlich, besonders beim Eingeregnetsein in Gasthäusern -oder Hütten oder als mittelbar wirkende Anregung vor Touren, ist -das Lesen von alten Schmökern, wie z. B. »Die Kunst des Reysens im -Schweyzergebirge« (1794) oder die Beschreibung der Fahrt, welche die -Abgeordneten zum ersten badischen Landtag im Jahre 1806 vom Bodensee -nach Karlsruhe zu unternehmen hatten, bei welcher Gelegenheit »außer -vier höchlichst ermattenden Reysetagen in der Extrapost so an die -sechzig Reichsgulden benebst Trinkgeldern« draufgingen. - -Alles das und vieles andre soll dem Leser nur zum Bewußtsein bringen, -daß wir am Anfang einer ganz neuen Periode der Naturbetrachtung -stehen und daß für uns bei aller Hochachtung vor dem hohen Stand -vieler Naturbeschreibungen von Dichtern vergangener Zeiten das -meiste doch zu den alten »Scharteken« gehört. Wir befinden uns eben -auf der Schwelle einer Zeit, in deren Tempeln nicht nur einzelnen -Bevorzugten, sondern einem großen Teil des Volkes die Tore geöffnet -werden zu zergliedernd-populärwissenschaftlichem Erkennen der Natur -als einheitlicher Schöpfung (was hat in dieser Richtung nicht allein -schon die Kosmosgesellschaft getan!) wie auch zu seelischer Aufnahme -der Naturschönheiten als Mittel der Daseinsbereicherung. Jedes soziale -Streben, das dem industriellen Proletariat mit der Verkürzung der -Arbeitszeit auch den Ersatz für grobsinnliches Genießen gibt, wirkt von -selbst in dieser Richtung. Uns muß die analytisch erkannte Natur wieder -_erlebte Offenbarung_ werden, so wie es Byron in einem für unsere -rasche Zeit nun auch schon zur »Scharteke« gewordenen Buche aussprach: - - »Sind Berge, Wellen, Himmel nicht ein Teil - Von mir und meiner Seele, ich von ihnen?« - -Was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Menschen, die Augen -hatten, zu sehen, in alten Scharteken gesagt wurde, das muß endlich -einmal für uns Kulturmenschen _eroberte und festgehaltene Wirklichkeit_ -werden. Sonst sind wir auch auf diesem Gebiet nicht Erfüller, sondern -Vergeuder dessen, was die Vorzeit uns vorgearbeitet hat. Denn wir -sollen nicht mehr als blinde Bettler, sondern als sehende Herren einer -reichen Schöpfung dankbar über die Erde schreiten. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.] - - - - -Von der Heimat. - - -Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles im -Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange ihr großes -Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt wurde durch lieblose -Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, wandten in späteren Jahren -der Heimat den Rücken, klagten über »die hohen Steuern« und ähnliche -»Mißstände« und kamen schließlich in dem Gedanken an ihre zunehmende -Arterienverkalkung nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie -lebten im Winter in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und -ihre Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo in -der Fremde. - -[Illustration: Tafel I - -Rud. Lichtenberg phot. - -Pappelallee in Norddeutschland] - -[Illustration: W. Bandelow phot. - -Abend auf der Elbe] - -Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen die -Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglich auch ihr -Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines schönen Tages -empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich vom Schneider ihres -Vaterstädtchens -- ja gerade von _dem_ -- einen neuen Anzug anmessen zu -lassen, oder wieder einmal Knackwürste mit Kartoffelsalat zu essen, so -wie früher bei der Mutter. Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger -Reise zu Hause angekommen sind, finden sie die scharfsinnigsten -Gründe zu immer neuen Verschiebungen der Abreise. Die Nachbarn nicken -wissend mit dem Kopfe und blinzeln einander zu: »Aha, das Heimweh!« -Der Heimgefundene nimmt aber am zunehmenden Goldglanz, der sich über -die Wiesen und Wälder und Dörfer seiner Jugendstreifereien legt, wahr, -daß er erst am Entdecken der Heimat ist. Und dann kommt eine selige -Zeit. Dann wird alles Alte -- die kleinen tosenden Bergbäche, aus deren -Granitblöcken man als Sekundaner und als neuer Prometheus uneinnehmbare -Burgen bauen wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man -im Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten -Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen der -Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen der Vaterstadt, -die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant vorkamen --- all dies Alte wird neu und schöner. Eine ebenso unverstandene wie -grenzenlose Dankbarkeit zieht einem durch das Herz, nur dafür, daß -man gerade hier, in _dieser_ Heimat, in diesem Winkel, im Wirbel des -brausenden Lebens ins Dasein geschoben wurde. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark. - -Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.] - -Dieses Stück vom Hängen am Engen ist eine der starken Wurzeln, ohne -die der _Mensch_ nicht werden kann. Die _Bodenständigkeit_ ist aber -kein Hindernis dafür, daß die Krone des Baums sich ausbreite, weit -über den Wurzelgrund hinaus. Das Weltbürgertum ist für lange noch nur -eine Sache der Seele, und auch die _echte_ Demokratie ist vorerst nur -im Reich des Geistes möglich. In dieser Welt der Erscheinungen hat -alles Internationale seine Grenzen schon in der einfachen Tatsache -der Stammes- und Rassenverschiedenheit der Menschen. Deshalb sind wir -außer Alemannen, Schwaben, Märkern, Friesen usw. _zunächst Deutsche_. -Und die Entdeckung _Deutschlands_ ist -- obwohl sogar die beiden Pole -keine »weißen Stellen« auf der Weltkarte mehr sind -- für die weitaus -meisten Wanderer noch eine Tat der Zukunft. Wir kennen es nicht, unser -Vaterland. So viele Dichter auch schon gesungen haben von der Schönheit -der deutschen Lande, man hat im besten Falle gefühlvoll mitgesungen, -alle die Lieder: »Von Frankreich bis zum Böhmerwald« und »Von dem -Nordmeer bis zur Etsch«, aber _gesehen_, sehen _wollen_ haben es -wenige, auch die nicht, die es vermocht hätten. »Dann lieber schon was -Richtiges!« hieß es. Die Schweiz, Italien oder neuerdings auch Indien -und Japan. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel. - -Vorfrühling am Bach.] - -Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer feinsten -Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seine indische Fahrt -berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom Sichfremdfühlen -in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; sein _Herz_ ging -erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in herber, großer -Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, die wer weiß -was alles an Sturm und Donner, an Blitz und Licht gebären wollten, -wieder an die Größe unserer nordischen Heimat erinnert wurde, »darin -wir uns das verlorene Paradies selber bauen müssen, weil wir dort im -alten Eden fremd geworden sind«. -- Gott sei Dank, hätte ich fast -gesagt zu dieser ergebenen Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch -klaren Heimatsuchers und Dichters. - - - - -Vom Rhythmus der Jahreszeiten. - - -Wir fangen wieder an, etwas vom ewigen und beglückenden Wechsel der -Dinge zu verstehen, obwohl uns die farbenschreiende Eintönigkeit -des Stadtlebens die Sinne zur Wahrnehmung des Gewöhnlichsten in -der Erscheinungswelt langsam geraubt hat. Wir ahnen es wieder, daß -Leben nichts als Bewegung und Bewegung nichts als Wechsel ist. -In der modernen Tanzkunst wird der Rhythmus, der nichts ist als -bewußt geleiteter und organisch geordneter Wechsel, als Erlöser von -Gedankenflucht und ähnlichen allgemein verbreiteten Nervenübeln, d. h. -unrhythmisch ablaufenden unbeherrschten Körperfunktionen, mit Erfolg -verwendet. Die Statistik entdeckt auf allen Lebensgebieten den Rhythmus -als wichtiges Gesetz. - -Aber vom großen Rhythmus der Jahreszeiten, der besonders in unserer -gemäßigten Zone die unterschiedlichsten Bewegungskurven aufweist, kennt -die Menschheit, als Ganzes genommen, vorerst nur das grob Sinnfällige, -die gegenseitige Erhöhung aller Schönheitsunterschiede. In den vier -Jahreszeiten wird zwar auch schon vom harmlosen Gemüte genossen, aber -die leisen Übergänge und die zahllosen verstohlenen Kostümwechsel, -an denen sich die Natur in jeder Jahreszeit ergötzt, die sind auch -Wanderern von langjähriger Vereinsvergangenheit immer noch mit mehr als -sieben Siegeln verschlossen. Da gibt's nur eine Hilfe: »Schauen lernen!« - -In meiner Heimat fängt's schon an im Vorfrühling, wenn der müde Winter -mit dem jungen Lenz seinen Strauß ausficht, und man, wie einmal -Goethe seiner Frau v. Stein schrieb, »im streichenden Februarwind den -kommenden Frühling riechen kann«. Da blühen bei uns neben schmutzigen -Schneezungen ganz schüchtern die ersten blaßgelben Primeln, und -in den vom Schneewasser der Berge dunkeln Bächen lassen sich die -goldenen Sumpfdotterblumen rütteln, daß man nicht weiß, ob's ihnen -dabei eigentlich angst oder wohl ist. Am Rande dunkler Wälder, die in -ahnungsvollem Schweigen darauf warten, was denn da wieder kommen will, -schluchzen sehnsüchtige Drosseln, die sich nichts mehr weismachen -lassen von dem immer schwächer werdenden Tyrannen, obwohl er noch -jeden Morgen mit Schneeschauern, seinen letzten Rückzugskanonaden, dem -leisen Knospen in allen Tälern bange machen will. Vorsichtig nimmt -der große Himmelsmaler von seiner Palette vorerst einmal nur die -ganz lichten, dünnen Farben: blasses Smaragdgrün für die sprießenden -Wiesen, schüchternes Indischrot für die treibenden Buchenwälder und ein -milchiges Blau für das Firmament. Damit lasiert er mehr, als daß er -forsch darauflospinselt, denn: man kann nicht wissen! - -[Illustration: Hohentwiel. Von Norden gesehen.] - -Aber in irgendeiner lauen, von Feuchtigkeit schwangeren Nacht und -gerade dann, wenn natürlich kein Mensch es ahnt, wird heimlich alles -neu; zuerst, wie es das Jungfräuliche an sich hat, voll beglückter -Verschämtheit, dann aber mit der rasenden Inbrunst und mit der vollen -Gewalt der Natur, wenn sie auf nichts mehr aus ist als auf das »Glück -des heißen Diebstahls«. Mit satten Farben dringt die Schöpfung ans -Licht, und der Himmel feiert wieder Hochzeit mit der alten Mutter Erde, -die sich so gut auf die kosmetischen Künste, vielleicht sind es auch -kosmische Künste, ewiger Verjüngung versteht. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt von der Dampfschiffgesellschaft -Oberweser, Hameln. - -An der Oberweser.] - -Und während die Ebene sich schmückt, reicher denn eine Braut, haben die -Berge alle Arbeit, mitzukommen. Aber wenn sie einmal in Feststimmung -sind, dann geht es da droben in flottem Zeitmaß, und kaum ist die -letzte Schneegrube versickert, da verwandelt schon die violette Pracht -des mannshohen Wolfsmilchlattichs auch die greulichsten Schluchten in -zauberhafte Hochzeitssäle für das leichtsinnige Volk der Mücken und -Schmetterlinge. Die schwarzen Tannen regnen aus den Wipfeln Wolken -von schwefelgelbem Blütenstaub über ihre eigenen Zweige. Kaum hat -man sich's versehen, da bräunt sich schon nach einem kurzen heißen -Sommer der spärliche Hafer auf den steinigen Feldern. Und noch einmal -so lange, dann glühen die roten Beerenbüschel in dem Gezweig der -Ebereschen, die überall im Schwarzwald längs der breiten, sauberen -Straßen stehen wie Spaliere für heimliche Fürsten der Wanderkunst, -unter denen manch einer oft nichts als eine erheblich flickbedürftige -Kluft sein eigen nennt. Drunten in der Ebene vollzieht sich die Zeit -des Werbens und der Erfüllung in viel majestätischeren Formen. Da -wogen zuerst grün, dann blaßgelb und schließlich braungolden die -Fruchtfelder, und überall erklingt das Lied vom Reichtum der Natur -und der Armut der Menschen, die das Glück überall da suchen, wo es -nicht ist, und es fast nicht mehr für menschenwürdig halten, wenn sie -sich nicht in allerhand Sommerfrischen mindestens ebenso gelangweilt -haben wie innerhalb ihrer eigenen Pfähle, anstatt in ihrer so nahen -und für sie doch so unnahbaren Herrlichkeit. Denn sie haben fast alle -Augen, die nicht sehen; Augen, vor allem, die nichts davon wissen, daß -alles, was man über Bäume, Wolken, Wälder, Bäche sagen kann, nichts -ist als dürftiges Wortgestammel. Sie wissen nichts davon, daß auch -der ärmlichste Baum keine Viertelstunde lang am gleichen Tage der -gleiche ist, und daß der Wind und die Sonne und die Luft und das in ihr -verborgen schwebende Wasser und tausend andere Dinge diesen einfachen -Baum fast jede Minute verändern und aus ihm ein wechselndes Schauspiel -für jede empfängliche Iris machen. - -Auch was wir vom Winter wissen, ist nur erst der Anfang und nicht -viel mehr, als was der feine Feuilletonist der Bibel, Jesus Sirach, -mindestens auch schon wußte: »Durch des Herrn Wort fällt ein großer -Schnee, und er läßt es wunderlich durcheinander blitzen, daß sich der -Himmel auftut und die Wolken schweben, wie die Vögel fliegen. Er macht -durch seine Kraft die Wolken dicht, daß Hagelsteine herausfallen. Durch -seinen Willen wehet der Südwind und der Nordwind, und wie die Vögel -fliegen, so wenden sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander, -daß er sich zu Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun. -Er ist so weiß, daß er die Augen blendet, und das Herz muß sich wundern -solches seltsamen Regens. Er schüttet den Reif auf die Erde wie Salz, -und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen an den -Stecken. Und wenn der kalte Nordwind geht, dann wird das Wasser zu Eis. -Wo das Wasser ist, da wehet er überher und zeucht dem Wasser einen -Harnisch an.« - -So kannte Jesus Sirach in dem Libanonwinter, der um Damaskus herum sich -sogar zum Skilaufen eignen soll, die Winterherrlichkeit, die wir jetzt -erst entdeckt zu haben glauben, schon vor zweitausend Jahren. - -So ist der Wellengang der Jahreszeiten, von dem ich nur ein dürftiges -Bild aus der Heimat selbst geben kann, in allen Gauen Deutschlands ein -anderer, je nach der Bodengestaltung, dem Wasser- oder Waldreichtum und -der Beschaffenheit der Ackererde. Aber in der gleichen Gegend fällt es -keinem Frühling ein, genau so Einzug zu halten wie sein Vorfahre des -vergangenen Jahres. Und so wie jeder Sommer und Herbst läßt es sich -auch kein Winter nehmen, durch angenehme und unangenehme Überraschungen -die Menschen immer wieder das alte »πάντα ῥεῖ« (alles fließt) zu -lehren. »Mehr Freude!« heißt heute die Parole. Einverstanden. Aber wenn -nur jeder Mensch versuchte, anstatt immer in sein Sorgenherz täglich -aus dem Fenster heraus die tausend kalendermäßigen und ordnungswidrigen -Szenenwechsel seiner allernächsten Umgebung zu beobachten. - -Aber jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und so ist denn, wo auch das -Wandern im Winter zu den trivialsten Alltäglichkeiten gehört, wird das -Bekenntnis nicht mißverstanden werden, daß unter den Jahreszeiten meine -heimliche Liebe der Winter ist. - -Meine eigen heimliche Liebe ist doch die Zeit, wo in heimlichen -Nächten die stille weiße Himmelsware des ersten Schnees auf die Welt -herabsinkt, alle Ecken und Kanten in der Welt polstert und wattiert, -den Wagen das Knarren und den Öfen das Faulenzen vertreibt, den Gäulen -vor den Schlitten das Schellenzeug anhängt, und wo in der weißen -Einsamkeit über heimliche Waldwiesen sich der erste Jauchzer eines -beglückten Schneeschuhmenschen in die helle, kalte Winterluft schwingt. -Das ist Tod und Leben zugleich, der weiße Tod um uns und das blutrote -Leben in uns. Der schönste Gegentakt im Rhythmus zwischen Mensch und -Natur. - -[Illustration: Phot. ~Dr.~ Biehler.] - - - - -Allerlei Heimatschutz. - - -[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel. - -Eine Braut aus der Lüneburger Heide.] - -Daß die Heimatschutzbewegung eine Kulturangelegenheit von tiefer -Bedeutung geworden ist, wird kein ernsthafter Wanderer mehr bestreiten -wollen. Der »Heimatschutz« macht so viel im guten von sich reden, -daß es nicht von Schaden sein kann, wenn einmal der Empfindung so -vieler Stillen im Lande Ausdruck verliehen wird, daß alles Wirken für -Heimatschutz vor allem eine Sache persönlicher Begabung in dieser -Richtung ist. - -Zwei Typen von Heimatschützlern, deren Wirken nach Kräften zu -unterbinden die Sache eines jeden Freundes seiner Heimat sein muß, -treten in den letzten Jahren besonders stark in den Vordergrund. - -[Illustration: Tafel II - -Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot. - -Erntezeit in Mitteldeutschland] - -[Illustration: H. von Seggern phot. - -Der Rhein bei Laufenburg] - -Das sind die Herren mit irgendeinem Titel und dann die Herren -Privatiers, die sich aus reiner Langweile der »edlen Sache« opfern. -Daß es viele hohe Beamte und Professoren ebenso wie im Ruhestand -befindliche Geschäftsleute gibt, die geschickt und energisch ihre -selbstgewählte Aufgabe als Schützer der Heimat auffassen, das schafft -die Tatsache noch nicht aus der Welt, daß gerade Männer dieser -beiden Sphären, die einen durch Überschätzung des Vereinswesens -beim Heimatschutz und die andern, weil sie nur auf Erwerbung neuer -»Freunde der Sache« aus sind, mancherlei Unheil anrichten und wenn -auch nicht gerade hemmend, so doch auch nicht fördernd wirken. Die -flammende Hingabe eines Rentiers, welcher der Erhaltung irgendeiner -alten zerschlagenen wertlosen Sandsteinstatue viel Schweiß und Zeit -opfert, in allen Ehren. Aber beides hat mit dem Geist des echten -Heimatschutzes ebensowenig zu tun wie der verbindliche Tadel, den ein -für alles »Völkische« interessierter Professor in wohlgesetzten und -wissenschaftlich einwandfreien Briefen für jede Scheuerntür übrig hat, -deren Besitzer oder Verfertiger nach seiner Ansicht nicht genügend -stilrein vorgegangen ist. Daß es sich hier um keine Übertreibungen -handelt, kann man fast aus jeder Nummer der trefflichen Zeitschrift für -Heimatschutz lesen, deren Schriftführer mit achtunggebietender Geduld -und Zartheit immer wieder seine beweglichen Klagen in dieser Richtung -ausspricht. - -[Illustration: Mühle im Schwarzwald.] - -Was für den Heimatschutz nötig ist, das sind vor allem Männer, die mit -ihrem ganzen Wesen in demjenigen Teil der deutschen Heimat wurzeln, -dessen landschaftliche Eigenart sie erhalten wollen. Es sind Männer, -welche die Sprache des Volkes verstehen und seine Art lieben und -zu achten wissen. Wenn ein solcher die _tiefe Bedeutung_ und die -_Notwendigkeit_ der _Naturschutzbewegung_ erkennt und den »Naturschutz« -nicht als Konservatorium für einzelne Raritäten, seien es Bäume, -Denkmäler oder alte Häuser, anschaut, _sondern im Sinne der Erhaltung -des gesamten Landschaftsbildes als einer der Grundlagen unsrer -Volkskraft und Volksgesundheit betrachtet_, dann wird er in einem -Jahr mehr leisten als ein aus irgendeinem fernen Teil Deutschlands in -fremde Verhältnisse versetzter Gelehrter mit all seinen unbestrittenen -Kenntnissen und seinem anerkennenswerten sachlichen Eifer für die Sache -in einem Jahrzehnt. - -[Illustration: Phot. Rud. Lichtenberg. - -Am Rand des Kiefernwaldes.] - -Eine praktische Möglichkeit, ganz unauffällig für Heimatschutz zu -wirken, wird von unseren »Fahrenden« viel zu wenig benutzt. Wenn -sie mit einem nicht offensichtlich zur Schau getragenen, aber mit -wenigen Worten harmlos ausgesprochenen Beifall oder Tadel beim -Vorüberwandern an einem kleinen alten Bauernhaus, dessen Fenster mit -einem Flor blühender Geranien herausgeputzt sind, ihrer Empfindung -Ausdruck geben, aber auch am Hof eines sogenannten Herrenbauern, der -die Anfangsbuchstaben seines Namens mit Ziegeln meterhoch auf seinem -Dach anbringen läßt, ihrem Mißfallen freien Lauf lassen, dann nutzt -dies, wenn es häufig in einem Sommer geschieht, besser als Reden für -Heimatschutz. Die Bauern sind in dieser Richtung viel feinfühliger, als -junge Leute in der Stadt es sich träumen lassen, und alles auffällige -Gebaren, besonders aber wohlwollend herablassende Vorträge haben die -entgegengesetzte Wirkung. Die Bauern besitzen eine starke Empfindung -für alles Gemachte. Ein Heimatschutz im positivsten Sinn des Wortes ist -aber der stille Respekt, den die Wanderer vor dem einzelnen Menschen -und vor dem ganzen Leben des Bauern auf ihren Fahrten an den Tag legen; -der Respekt, der eigentlich nichts andres ist als das stetig wache -Bewußtsein, hier zwischen den Äckern und Wäldern einer nicht standes- -und vielleicht auch nicht stammesverwandten Bevölkerung _Gastrecht -zu genießen_. Rechtlich liegt natürlich die Situation so, daß kein -Wanderer den Bauern seiner Gegend, die er durchstreift, irgendwie zu -Dank verpflichtet ist, selbst nicht, wenn es sich um Straßen handelt, -die aus Gemeinmitteln gebaut sind. Aber die wirkliche Bedeutung des -Bauernstandes als der Wurzel der Volkskraft (wohlverstanden nur als -Wurzel, die ohne die Krone einer hochentwickelten Kultur in sich selbst -nicht überschätzt werden darf!) liegt jenseits aller Sentimentalität, -wie denn überhaupt alle _Bauernschwärmerei_ das sichere Zeichen von -geistiger Mittelmäßigkeit und von Dilettantismus des nur nach »Kraft« -sehnsüchtigen Dekadenten ist. Das schließt aber die sachliche Ehrung -der Landbevölkerung und den ökonomischen Sinn für die Bedeutung des oft -mit viel Schweiß und Gefahr eroberten Kulturbodens nicht aus. Man denke -nur an den erbitterten Krieg, den die Bewohner der Vierlande mit der -Schilf- und Rohrwildnis der Unterelbe zu führen hatten, bis jener Boden -ihnen das tägliche Brot gab. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Heimkehr vom Felde.] - -Jeder Wandersmann kann auf dem Lande bei den Bauern, die weder die -»braven Menschen« noch die »hinterlistigen Brüder« sind, als die -sie Oberflächlichkeit und Gescheittuerei gewöhnlich bezeichnen, -unsagbar viel lernen, sowohl für den praktischen Sinn als auch für -sein innerstes Leben. Denn die Helden des Alltags, die oft einem -überschweren Schicksal eine harte Stirn bieten und mit hellen Augen in -die unsichere Weite sehen, die sind am ehesten bei den »dummen Bauern« -zu finden. - -Wer also nicht nur für schöne alte Bäume und malerische Felsstücke -sich ins Zeug wirft, sondern für die Härte und Tragik eines rechten -Bauernlebens auch Sinn und Achtung hat, erst der ist ein eifriger -Schützer der Heimat. Es gibt seit uralten Zeiten einen Sport, und der -heißt »das Volk lieben«. Man ist »leutselig«, geht unter die »niederen -Klassen«, und wie das alles heißt. Besonders aber den Bauern treten -Städter als vorübergehende Sommerfrischlinge mit taktloser Zuneigung -nahe oder sie biedern sich, oft auch mit dialektischen Sprachversuchen, -in Bauernstuben an, ohne zu ahnen, wieviel _Weltgift_ sie hinaustragen -aufs Land und wie sie bei allem guten Willen _Heimatverderber_ sind. - -Mögen sie's lassen! Unsre Liebe zur Heimat sei _Liebe_! Aber das -persönliche Verhältnis zur Heimat der andern Menschen, besonders der -Bauern, sei achtungsvoller Abstand und unaufdringliche Freundlichkeit. - - - - -Schauen, nicht schwärmen! - - -Das Natur_schwärmen_ ist vom Übel. Es ist unmännlich, krankhaft -und verschließt uns die Natur, anstatt sie uns zu erschließen. Das -Schwärmen ist die letzte Betätigungsmöglichkeit entarteter Menschen. -Sie machen aus dem Leiden eine Wollust und nennen sich gefühlvoll, ob -es nun wehmütig verzückt auf Werthersche Art oder schmerzlich-frech -nach Heine geschieht. Sie sehen die Natur mit _sentimentalen_ Augen -und erwählen sie zu ihrer Freundin, weil sie es unter den Menschen -und im Kampfgewühl nicht mehr aushalten. Aber über das gewaltige, -unbeugsame Leben in der Natur sehen sie hinweg. Sie ahnen nichts von -dem heroischen Kampf zartester Keimkräfte gegen die brutalen Gewalten -von Kälte und Sturm. Sie sehen nichts von dem ständigen Sieg des nie -erschlaffenden Werdenwollens und vernehmen nichts von den ewigen Wehen -der unerschöpflich fruchtbaren Gebärerin. Das aber ist _heroische_ -Naturbetrachtung. Aus dieser Art des Schauens der Natur kann am -ersten der Menschen Zusammenhang mit der großen Macht des Weltalls -durchgespürt werden. Sie allein, die _heroische Naturbetrachtung_, ist -des jungen Riesen Antäus würdig, der immer wieder lernen kann aus der -unbeugsamen Zähigkeit alles Niedergetretenen. Und jeder junge Mann, -jeder noch nicht in unveränderlicher Satzung verkalkte Mensch ist ein -Antäus, der darauf zu achten hat, daß er auf der Erde bleibe -- der -festen. - -Aber auch an einem anderen Kraftquell sollte er öfters trinken, der -Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts. - -»Die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß auch _der_ Mensch -sein, der sie betrachten will« -- hat einmal einer der tiefsten -Erlauscher der Stille der Natur und einer der kraftvollsten Dichter -und Kämpfer gesagt, Gottfried Keller. Die Welt der Großstadt, des -Tramwaygeklingels, der Schaufenster und der Plakatsäulen hat uns die -Zugänge zu der Stille der Welt verschlossen, in der die unterirdischen -Quellen alles Seins rauschen. Wir müssen wieder danach auf die -Suche gehen. Wir alle, die wir im Zeitalter der Erkenntnis und der -kritischen Naturforschung glauben, das Leben zu haben. - -Erkenntnis als Resultat spekulativer Dialektik ist etwas Großes. Aber -diese Erkenntnis allein tut es nicht. Das Wissen ist eine Macht; -aber wenn es meint, alles zu wissen, so wird ein Wähnen daraus, eine -blasierte Aufgeblasenheit, von der es zum geistigen Stillstand nicht -weit ist. - -Es gibt noch andere Organe, um die Natur zu erfassen, als den -kritischen Verstand: das unmittelbare Schauen, die tief ursprüngliche -Empfindung, das _intuitive Erlebnis_. Diese bewahren uns vor der -geistigen Verknöcherung, die sich auf dem Wahn gründet, alles kritisch -erlernen zu können. - -Wir dürfen das _Staunen nicht verlernen_. Die Großstadt hat es fast so -weit gebracht, daß die Menschen glauben, sie könnten alle Rätsel der -Natur in kinematographischen Theatern und wissenschaftlichen Vorträgen -gegen bescheidenes Eintrittsgeld gelöst bekommen. Wer aber nur einmal -auf Bergeshöhen dem schweigenden Atmen der Natur gelauscht, wer je die -fragenden Augen geschaut, die uns aus aller großen Einsamkeit ansehen, -der legt vor dieser Stille bescheiden seinen Dünkel nieder. - -Das nimmt uns nicht die Lust, Kämpfer und Eroberer zu sein. Alles ist -unser. Die Welt ist unser. Aber wir müssen in ihr bleiben, wie sie in -uns -- _bleiben möchte_. Und wenn wir ihr das verwehren, dann werden -wir mit der Zeit mürbe, wurmstichig und innerlich zerfallen, trotz -aller hohen Ziele. - -[Illustration: Bad Tönnisstein in der Eifel.] - - - - -Wenn wir uns selbst im Lichte stehen. - - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -Schloß Bebenhausen im Schönbuch.] - -Das tun wir leider fast alle, ohne es zu wissen. Wir ahnen es nicht, -weshalb der »andere in uns«, der ewige Grübler oder -- wie er nicht -übel in einem neuen Roman genannt wird -- der »ewige Deutsche«, unserem -wirklichen helleren »Ich« so oft beim Schauen das Auge trübt. Wir hören -es ja oft genug, daß wir beim Schauen die Sorgen und die Gedanken und -die ungelösten Probleme zu Hause lassen sollen! Aber sie haben so lange -Beine, unsere Grillen und Sorgen, und haben uns so lieb -- und wandern -mit. - -Wie wird man sie denn los und dazu den »anderen in uns«, der immer -etwas zu befürchten, etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß -was darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an -alles denkt«? Und dabei stiefelt er _mit den Augen am Boden_ durch die -Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge und wagt es -nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch einmal in den Tag -hineinzuleben wie ein halber Herrgott. -- Wie ein halber, bitte! - -Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim Alleinwandern -anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: »Ach, laß das alles -da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was ist das? _Du_ bist das -Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) bei alledem! _Du_, -_deine_ Gedanken, _deine_ Pläne, _deine_ Sorgen!« - -Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sich hier nur -um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, dann ist -man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon um ein gutes -Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche Eitelkeit, -wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen alten -Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten Wald- und -Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf einmal ganz im stillen -bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen Vorgang (und _solche_ -Gedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen werden!) ein seltsames -Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das uns ganz verbindlich mitteilt, -es sei doch eigentlich sehr nett, daß wir all diese Herrlichkeiten mit -solcher Intensivität des Erlebens erfassen -- _als einer der wenigen -unter den vielen_! - -Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der Störung des -reinen Schauens durch das reflektierende Treiben der Gedanken, die sich -zwischen uns und das Geschaute wie eine Nebelwand stellen. Anstatt uns -zu helfen und uns die vor Augen liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren, -strahlen unsere »Gedanken« und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit -auf uns zurück. Daher das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wie -_Zurückstrahlen_ bedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion -beleuchtet als _Einzahl_, als »derjenige, welcher!« - -So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die tiefsten -Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, genießen -wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten Menschen -automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn die Reflexion -mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und uns z. B. in -der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, wenn dieser oder -jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild versunken, _so_ in -dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, dann empfinden wir doch als -Warnung ein fatales Gefühl im Hals! - -Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden Psyche. -Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität auf -ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin selber -ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die Ursache ihrer -verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie ganz sicher hier ihre -wunde Stelle. - -Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen -Störungen, in der Befolgung des Losungswortes: _Los von dir selbst!_ -Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten seelischen -Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt! - -Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesen _verneinenden_ -Imperativ in einen bejahenden verwandelt. Der kann aber immer nur -lauten: _Bewußte und innige Hingabe an das Ganze!_ - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub. - -Ruine Giersberg in den Vogesen.] - -Immer nur an das _andere_ oder an _die_ anderen denken! Nicht an »_den_ -anderen in uns«! In unserem Falle heißt das: Mit ganzer Seele und -mit allen Kräften die Landschaftsreize auf sich wirken zu lassen und -jeden Gedanken (sei es auch nur die bei Malern und Schriftstellern so -leicht sich einstellende Überlegung, mit welchen technischen Mitteln -der Eindruck des geschauten Naturbildes wiederzugeben wäre) kühl und -gelassen übergehen und desto heller aus sich selbst heraussehen! - -Das ist gar keine kleine Arbeit. - -[Illustration: Tafel III. - -E. Stöbe phot. - -Sommerzeit in Posen] - -[Illustration: H. von Seggern phot. - -Holländische Tjalk auf der Unterelbe] - -Aber sie verlohnt sich, und eines schönen Tages wird man ganz -unvermutet des Glückes innewerden, das die alten deutschen Mystiker -»seiner selber ledig sein« nannten. Da werden Nebelhüllen fallen, und -man wird das Schauen lernen. Das Schauen der Natur oder, wie Spinoza -sagt, »~naturae sive dei~« (der Natur oder Gottes). - -Dann lebt man im All als eines seiner Teile, und keines der geringsten; -als ein lebendiges, bewußtes Glied der Schöpfung, aber _in_ ihr, -_mit_ ihr und sie _in_ uns, in uns und _mit_ uns. Weiter aber, als -in der Natur das wiederzufinden, was man in sich selbst zum eigenen -beglückenden Staunen entdeckte, weiter bringt es kein Sterblicher. Das -heißt man reif sein! Dann steht man sich nicht mehr im Wege, und der -»andere in uns« hat das Schweigen gelernt, das _wir_ allerdings _unter -den_ anderen zuvor geübt haben müssen. Wenn er aber nicht mehr _in -Gedanken_ mit uns reden kann, ist er tot. Aber oft tut er nur so. Denn -er ist zählebig wie alles Niedere. - -[Illustration: Phot. Rud. Lichtenberg. - -»Dort drunten in der Mühle.«] - - - - -Vom Horchen in der Stille. - - -Der Kampf gegen die Klaviere ist in den Städten auf der ganzen Linie -entbrannt, wenn auch noch nicht mit dem ganzen wünschenswerten Erfolg. -Mit der Zeit wird es an einem ernsten Krieg gegen die Grammophone -auf den Dörfern nicht fehlen dürfen. Aber es scheint, daß sich eine -neue musikalische Influenza vorbereitet, und zwar besonders unter -den Wanderern. Sie ist lange nicht so schlimm. Aber die Gefahr ist -da. Die Laute, womöglich mit verschiedenfarbigen Bändern geziert, -soll das Instrument der Zukunft werden. Wie aus allem, was aus der -Hand künstlerisch interessierter und für das Volkswohl begeisterter -Geschäftsleute kommt, so wird auch hier aus einer Wohltat eine Plage. -Die Welt der »Fahrenden« wird überschwemmt mit Preislisten von -fabelhaft billigen und klingenden Lauten. - -[Illustration: Phot. O. Mayer. - -Feldsee im Schwarzwald.] - -Mein Sohn, ich warne dich vor dem Mann mit der Zupfgeige. Er wird sich -dir harmlos lächelnd und verbindlich grüßend nahen, und zwar gerade -dann, wenn du allein sein möchtest; und er wird dir sein allerneuestes -»Liedel vorsingen«. Denn dieses so gern gebrauchte und verballhornte -süddeutsche Verkleinerungswort ist ebenso oft Maskerade wie die blaue -bayrische Zwilchjacke. - -Ich will dem Lautenschlagen und dem Zupfgeigenspielen und dem -Klampfenzirpen gewiß nichts Übles nachsagen. Ich schlage sie selbst, -die sechs Saiten. Aber ihm irgendwie das Wort reden braucht man nicht. -Es wird auf diesen Tonwerkzeugen von lauten Dilettanten viel mehr als -von stillen Künstlerseelen gewirkt. Womit der Dank für die vielen -hellen Stunden, die ich einzelnen frohen Gesellen bei der Rast unter -schattigem Laubdach und Künstlern wie Robert Kothe, Sven Scholander -oder auch anderen nur in kleineren Räumen als dem Konzertsaal wirkenden -Talenten schulde, nicht unterschlagen werden soll. Den Wanderer, den -ich meine und der Ohren hat zu hören, soll in diesen Zeilen nur auf -eine herrlichere Laute aufmerksam gemacht werden als die um 10 bis 60 -Mark beim Musikalienhändler zu erstehende. - -In allen deutschen Volksliedern, in den ältesten am meisten, kommt -ein Reichtum von Gefühlen zum Ausdruck, die einem feineren Gehörsinn -entstammen, als wir ihn noch besitzen. Mit so vielem anderen haben wir -Kulturmenschen auch das Hören verlernt. Die zierlichen Sinneswerkzeuge -im Gehörgang des Naturmenschen, Steigbügel, Hammer, Amboß, waren -noch nicht durch wüstes Straßenbahngeklingel, Dampfsirenengeheul, -Automobilhuppengetute und ähnliche Errungenschaften aus der Kunst des -Sichvernehmlichmachens abgestumpft. Wir alle sind harthörig geworden. -Nur so konnten Richard Strauß und andere Erfolge haben! Aber es gibt -verborgene Wege, um uns aus diesen Orgien der Dissonanz zurückzufinden -zu den Harmonien des verlorenen Paradieses, zu den heiteren und -beruhigenden Schöpfungen unsichtbarer Schuberts, Mozarte und ähnlichen -hellen Tongewaltigen. - -Jeder Wanderer, der allein seine Straße dahinzieht und vielleicht -geistig und auch körperlich unter einem Übermaß von Eindrücken -leidet, die wie eine Flut von Farben und Formen durch das enge Tor -der Pupille in die Seele stürmen, versuche einmal in aller Ruhe -während des Wanderns die Augen zu schließen und zeitweise blind -weiterzumarschieren. Auf einem nicht zu schmalen Weg ist das viel -leichter, als man sich's denkt, und außerdem eine ganz gute Übung für -den Gleichgewichtssinn. Dann wird er durch die Hilfe des noch frischen, -weil bisher fast gar nicht in Anspruch genommenen Gehörsinns eine -neue Welt entdecken. Eine Welt, wo es mehr oder weniger tief, je nach -dem Grade der Veranlagung des Wanderers, tönt und dröhnt, singt und -schwingt von bisher unbemerkten Lebensäußerungen der Natur. Er wird mit -der ganzen Frische unermüdeter Empfänglichkeit im Rauschen des Baches -den Singsang und den rhythmischen Tanz der Melodien heraushören können, -ohne die ein großer Tonsetzer wie Schubert niemals seine wundervollen -Lieder wie »Ein Bächlein hört ich rauschen« u. a. hätte komponieren -können. Er wird es verstehen, wenn Richard Wagner einmal erzählte, er -habe seine Melodien »oft aus der Luft aufgefangen«. Die Achteltöne -im leisen Sang der Grasrispen, die zitternden Terzen im Rauschen der -Tannenwipfel und tausend kleine und große Lieder, die der Wind auf -den unzähligen Harfen der Natur spielt, werden ihn Zeichen und Wunder -vernehmen lassen. - -Um nur beim Gröbsten zu bleiben: Wie viele Fahrende kennen die Stimmen -aller Waldvögel? Und wie wenige erst hören die zitternden Fugen auf der -großen Orgel in der verlorenen Kirche des Waldes? Und die Gesänge der -Geister über den Wassern? Und so viele andere ganz natürliche und gar -nicht überirdische Klänge, die im Wald und auf der Heide, in den Tälern -und auf den Bergen ertönen? - -Nicht von den Stimmungen ist hier die Rede, die liebende Jünglinge und -Jungfrauen aus dem Wald heraushören, so wie sie sie hineinschmachten, -denn da schreit's wirklich so heraus, wie man hineinschreit, sondern -von dem objektiven Erleben der Lautwelt, die in der Natur ihr Dasein -hat, und die wie alles in Farbe und Form Gestaltete uns vertraut -werden kann. Es erhöht die Genußfähigkeit beim Wandern, wenn man das -schwirrende, säuselnde, klingende und brausende Leben in Feld und -Wald vernimmt. Die Indianer legen das Ohr an die Erde und vernehmen -einen nahenden Reiter auf eine Stunde Entfernung. Wir müssen wieder -Hörer werden, wenn uns Vieles und Großes, Treues und Wahres in der -Verworrenheit unseres Daseins nicht verloren gehen soll. Und so wie -bei Blind-, Stumm- und Taubgeborenen das Tastgefühl einspringt für die -kranken Sinne, bis auch diese Stiefkinder der Natur auf ihre Art sagen -können, was ihr Innerstes bewegt (man denke hier nur an Helen Keller), -so können wir mit gesunden Sinnen Beglückten durch gelegentliche -freiwillige Ausschaltung, sozusagen Außerdienstsetzung des einen Sinnes -den andern stärken und kräftigen. - -Also lernt hören, ihr Fahrenden! Es gibt viele Sprachen, aber die -Muttersprache der _Natur_ wird am seltensten gelernt, und es ist doch -das schönste und leichteste _Esperanto_. - -[Illustration: Phot. Chr. Meißer. - -Brunnen auf der Bergwiese.] - - - - -[Illustration: Nach einer Kupferdruckkarte der Kunstverlagsanstalt Joh. -Elchlepp, Freiburg. - -Schwarzwaldhaus.] - - - - -Vom »Überhopsen«. - - -Der alte römische Schriftsteller und Staatsmann Plinius, der als -Neffe seines berühmten Onkels sich stark für Naturwissenschaften -interessierte, erzählt in einer seiner vielen feinen Briefe, was die -Menschen doch für merkwürdige Käuze seien, wenn sie lange Reise zu -Land und zu Meer machten, um Neues zu sehen. Er selber sei ein so -merkwürdiger und unglaublicher Geselle. Denn auch er unternehme jedes -Jahr große Fahrten in die weite Welt und habe dabei noch nicht einmal -den Waldsee auf dem Gute seiner Schwiegermutter gesehen, auf dem die -Naturerscheinung einer schwimmenden Insel studiert werden könne. - -Es wird wohl nicht viele Wanderer geben, die bei dieser Erzählung nicht -das Gefühl überschliche: »Auch du gehörst zu dieser Sorte.« Nirgends -mehr als auf den in unserer allernächsten Umgebung gelegenen Feldern -und in den Wäldern unseres Bannkreises harrt unserer noch manche -Offenbarung; und jeder Glaube, daß man im Umkreise von höchstens 20 -Kilometern keine neuen Entdeckungen mehr machen könne, erweist sich -bei genauem Suchen als eine Oberflächlichkeit. Das Gute liegt auch -hier so nah; wir sehen es nur nicht. Es geht uns fast allen wie dem -Menschen, der in den Himmel kam und dort, von einem Engel im Paradies -herumgeführt, sich an den herrlichen Blumen und Bäumen nicht satt genug -sehen konnte, und dann sehr erstaunt war, als ihm der Engel sagte: -»Genau dieselben Blumen und Bäume habt ihr drunten auf der Erde. Ihr -seht sie nur nicht, ihr armen Menschen!« - -Also entdeckt zunächst einmal in euren eigenen Wäldern und auf euren -eigenen Fluren die Wunder, bevor ihr so weit hinaus und hinauf wollt. -Jeder Wald und jedes Feld hat sein Geheimnis. Aber nur demjenigen wird -es enthüllt, der die große tiefe Liebe zu seiner Heimat im Herzen -trägt. Der rasche Wegefahrer und der neugierige Rundreisetourist -stolpert, mit der Nase in der Luft, immer am schönsten vorbei. Die -Nase in der Luft zu haben, ist nicht vom Übel. Im Gegenteil. Aber dann -auch die Luft in der Nase haben! Weniger umständlich ausgedrückt: -Mund zu und Nase auf! Durch die Nase atmen! Nicht durch den in blödem -Erstaunen geöffneten Mund. Die Nase hat viel mit den Geheimnissen -der heimatlichen Fluren und Wälder zu tun. Kein Sinn ist, wie die -Kundschafter der Seele entdeckten, so eng mit dem Erinnerungsvermögen -verknüpft wie der Geruchsinn. Wenn ich z. B. die Schwarzwaldbahn -hinauffahre und atme so in der Gegend von Gutach die erste Nase -voll echter würziger Schwarzwaldluft, dann taucht eine Welt voll -Erinnerungen in den Bergen glücklich verlebter Tage auf; ich vergesse -den Dunst, der sich aus den Düften von Zeitungspapier, Tinte und -Zigarrenrauch zusammensetzt, und werde wieder ein Mensch -- sozusagen -wenigstens. Napoleon I. hat einmal gesagt, er würde blind seine Heimat -Korsika wiedererkennen an dem Duft, den das felsige Eiland über das -Mittelmeer hin ausströmt. Mit Napoleon I. habe ich sonst -- wie mir -meine besten Freunde glaubhaft versichern -- nichts gemein; aber am -Geruche würde ich auch meinen Schwarzwald wiedererkennen, wenn ich ihn -nicht mehr sehen könnte. - -[Illustration: Phot. H. Hoek. - -Herbst im Dreisamtal (Schwarzwald).] - -Dem richtigen Wanderer geht es immer, wie Hans Thoma, dem großen -Schwarzwälder Sinnierer und Maler, es ging, als er nach seiner -ersten italienischen Reise zum erstenmal wieder in Sachsenhausen -beim Apfelwein saß und die Zwetschgenbäume im Garten der Wirtschaft -aber auch gar nicht mehr schön finden konnte. Dieser Mißmut über -den Verlust des Paradieses hielt an, bis die untergehende Sonne ein -Goldnetz in die Bäume hing. Da erst entdeckte er wieder von neuem -die Schönheit der Sachsenhäuser Zwetschgenbäume. Im Heimatwald ist -es jedesmal ebenso wie mit den Zwetschgenbäumen in Sachsenhausen -- -unbeschadet deren unbestrittener Vorzüge! In der Heimat sind wir selber -und können es sein. Draußen in der kalten Welt sind wir Hotelnummern -oder mißtrauisch betrachtete Fremde. Ich will versuchen, deutlicher -zu werden. Nicht nur die Sonne spinnt Goldnetze in die Sachsenhäuser -Zwetschgenbäume, in die Feldbergtannen oder die schlesischen -Birkenalleen oder was sonst noch sein mag. Wir selber tun es auch. Die -Schönheit der Natur ist nicht nur etwas Objektives, allen Menschen -gleich Sichtbares und Zugängliches; sie ist stark subjektiver Färbung -unterworfen. Aber noch mehr. Wir verlegen in unsre Umgebung und in -die Natur auch eigne Gemütswerte und empfangen sie wieder zurück von -ihr. Ein altes Möbel, das von den Zweckmäßigkeitslinien des modernen -Kunstgewerbes nichts an sich hat, kann uns lieber und teurer sein als -das schönste von einem modernen Raumkünstler geschaffene Stück. Wir -haben mit ersterem etwas zusammen _erlebt_, und besonders, wenn dies -etwas Schönes war, so ruht unser Auge mit Wohlgefallen auf ihm. So -beseelen wir auch die Natur, die uns vertraut ist, und verweben ihr -Äußeres mit unseren inneren Erlebnissen und Stimmungen. Das, was man -Heimatgefühl nennt, beruht ganz auf diesem Beseelen der Natur durch -den Menschen. Hier sind wir daheim, und selbst wenn wir Fremdlinge -sind, können wir uns doch daheim fühlen. Es sind keine das Nervenleben -stark in Bewegung setzenden Eindrücke, denen wir hier begegnen, -keine geräuschvolle Fremdenindustrie, keine die Seele erschütternde -Landschaft. Kraftvolle _Ruhe_ und stille _Sicherheit_ ist's, was der -Wald und das Feld der Heimat uns bieten. - -[Illustration: Phot. J. Magirus, Ulm. - -Sommerblumen.] - -Wir waren (das ist jetzt auch schon ein Vierteljahrhundert her) -drei Schulkameraden und Freunde, hatten den Übergang aus der -Obersekunda an die Unterprima nicht gerade glänzend, aber doch auch -ohne Makel bewerkstelligt und standen vor unserer ersten Großtat, -einer Reise in die Schweiz, zu der die Mittel durch Aufführungen von -Tragödien, bearbeitet für Kinder unter 10 Jahren, das heißt durch -Kasperletheaterspielen vor der Jugend der Nachbarschaft verdient -worden waren. Der Reiseplan entbehrte nicht der Großzügigkeit, und -unser eigentliches Ziel wurde verschwiegen, so weit war's bis dahin. -Die Nachbarn und Nachbarinnen bewunderten diese unsere nicht zu -bestreitende, offenkundige Begabung zu Weltreisenden. Nur der gute -alte Vater der beiden Freunde, der in allen Dingen eine gemächliche -Sicherheit an den Tag legte, warnte uns. Wenn man noch nicht einmal das -eigene Ländli kenne, wie wolle man da schon in die Schweiz oder gar -noch nach Italien reisen. Er hatte für solche Lebensanschauungen einen -eigenen Ausdruck: »Überhopst ist so gut wie gelogen,« meinte er. - -Natürlich setzten wir's doch durch. Aber wir haben ihm alle drei -seither recht gegeben, dem alten, guten Vater. Auch beim Wandern ist -das Überspringen ein Stück Unehrlichkeit. Und es ist immer ein Glück, -wenn man's später noch gutmachen kann und alles »_Überhopsen_« ehrlich -und redlich nachholen. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.] - - - - -Mit Kindern. - - - _Brief einer Mutter an eine »Reform«mutter._ - -Verehrte Frau, ich werde mich nicht täuschen in der Annahme, daß Ihre -unerschütterliche Güte mir für manches von dem, was da kommen soll, -pränumerando Verzeihung gewährt. Also: - -Sie befinden sich in einer großen Gefahr, und ich möchte Sie allen -Ernstes warnen vor den -- Schriftgelehrten! Sie gehören zu den -Ahnungslosen, die es haben, ohne es zu wissen, und nun sind Sie auf -dem besten Wege, Ihre natürliche Gabe für Kindererziehung hinzugeben -gegen ein unnatürliches, wichtigtuerisches Nachdenken und Diskutieren -über Kindererziehung und modernes Wandern, wie es sich jetzt in der -Gestalt von allerhand klugen Leuten an Sie herandrängt. Werfen Sie sie -hinaus, verehrte Frau, die Leute, die immer vom Himmelreich der Kinder -reden und selbst den Schlüssel dazu nicht haben, und lassen Sie mich, -gewissermaßen stellvertretend, Ihnen sagen, was Sie vor der Zeit Ihrer -Infektion mit dem Bazillus der Kindswissenschaft geantwortet hätten, -wenn Sie gefragt worden wären, was Sie jetzt hinter den spanischen -Wänden einer Ihnen gar nicht liegenden, modernen Bestrebung hervor mich -fragen. Sie hätten zum Beispiel der Dame mit den vielen Kindermädchen, -die Sie ja kennen und die Ihnen jetzt das Leben schwer macht mit -langen überzeitgemäßen Erziehungsreformen, geantwortet: - - »Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Liebe, aber wie kann - man nur so dumm fragen? Warum in die Ferne schweifen, wenn - das Gute so nah liegt? Da reden die Leute den ganzen Tag von - der Natur und suchen sie, wie mein Mann oft seine Brille - sucht, die er auf der Nase hat. Das geht mir einfach auf die - Nerven, diese gelehrten Gespräche über Sport und Regeneration, - und wie das dumme Zeug alles heißt. Das ist doch alles so - furchtbar einfach, wenn man's nur richtig anfaßt. Vor acht - Tagen, da wurde es mir einmal zu eng in der Küche und in - der Haushaltung; kurz, ich wollte was anderes haben als das - ewige Wäscheaufschreiben, das tägliche Denken, was nun wohl - zu Mittag oder zu Abend gekocht werden soll, und ähnliche - tiefsinnige Betrachtungen, die aber nun doch einmal sein - müssen, so lang als die Welt steht. Nun, da sagte ich meinen - Jungen beim Zubettgehen: »Kinder, morgen wird's fein! Vater - geht fort, und da werden wir wohl nicht so dumm sein, zu - Hause zu bleiben! Gewandert wird, den ganzen lieben Tag.« - Und als die Jungen laut aufschrien vor Freude und fragten, - wohin, da wußte ich es, offen gestanden, selbst noch nicht. - Und am andern Morgen wußte ich es auch noch nicht, und wir - liefen einmal drauflos, weil's uns selber wunderte, wohin wir - eigentlich kämen. Natürlich in die Berge, die uns am nächsten - sind und auf deren grünenden Kuppen mit dem unendlichen Himmel - darüber aller Haushaltungskram von mir abfällt wie von selber. - Und die Jungen? Ja, wissen Sie, die brachten doch überhaupt - erst Stimmung in die Geschichte. Überhaupt, meine Liebe, das - Wandern, wenn man's nicht gerade auf dreißig Kilometer im Tag - abgesehen hat, ist am wunderbarsten mit Kindern. Nicht unter - fünf Jahren, das will ich zugeben. Aber schließlich, wenn ich - so denke, wie war das etwas Herrliches, wenn wir zu Hause, - als ich noch klein war, mit Vater und Mutter und noch einer - anderen Familie zusammen, die ebenso leichtsinnig veranlagt war - wie wir, kurz, einer ganzen Bande, mit einem Dutzend Jungen - und Mädels und zwei -- erschrecken Sie nicht -- Kinderwagen - hinauszogen in den grünen Wald, stundenweit, und an einem - Waldbach lagerten, futterten, spielten, lachten und schliefen. - Nie hab' ich gesehen, daß die Eltern und die Älteren den - Humor verloren hätten. Im Gegenteil. Vater war noch toller - als wir alle zusammen, zeigte uns die Vogelnester oder schlug - Tannenzapfenschlachten mit uns, einer gegen zwölfe. - - Aber schließlich will ich Ihnen doch von uns erzählen. Sie - sagten mir dieser Tage einmal, wir müßten die Kinder schauen - lernen. Unsinn! Nehmen Sie es nicht übel. Die sehen meist - mehr als wir, und ich habe von jeher gefunden, daß es eine - Aufdringlichkeit ist, wenn wir uns in die Seelen unserer Kinder - hineinschleichen, um sie mit _unseren_ Augen sehen zu lassen. - Wir sollten's mit den _ihrigen_ lernen, denn sie sehen sicher - klarer, einfacher und reiner.« - -Sehen Sie, so würden Sie unbefangen und frisch heraus Ihrer gelehrten -Freundin, bei der es kein Kindermädchen drei Monate lang aushält, -antworten, wenn Sie sich nicht hätten _imponieren lassen_ und an ihren -eigenen gesunden Menschenverstand fest geglaubt hätten. - - Mit guten Grüßen Ihre - - R. M. - -[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel. - -Alte Frau aus dem Alten Land (Unterelbe).] - - - - -Vom Kränzewinden. - - -Wir haben das Kränzewinden verlernt. Allerhöchstens winden und werfen -wir sie noch in den Theatern. Aber ist hier nicht mehr als Theater? Auf -der bunten Schaubühne der Natur mit ihrer ständigen Wechselszenerie? -Nur die Kinder verstehen sich noch aufs Kränzewinden. Oder sie -haben wenigstens den dankbaren Sinn dafür, wenn man sie's lehrt. -Und neuerdings auch junge Mädchen, wenn sie keine dionysische oder -sonstige Mode daraus machen. Denn zu einem Getue, zu dem bei uns so -gerne alles wird, sind die Blumen doch zu gut. Wirklich zart können nur -unverdorbene Kinder mit Blumen umgehen. - -[Illustration: Phot. F. Clauß, Landau. - -Wiesen und Hänge.] - -Am rauschenden Bach, der zwischen hellen Matten und dunklem Wald -dahinschoß, sah ich gestern ein Mädchen, das reihte an einer dünnen -Gerte weiße Gänseblümchen und violettes Knabenkraut auf. Ein zwei- -und ein dreijähriges Kind, Mädel und Bub, sahen ihm mit beglückten -großen Augen bei der Arbeit zu. Der junge Adam bekam einen Reif aus -blühendem Sauerampfer und rotem Klee, und die kleine Eva einen aus -Orchideen und Hahnenfuß. Ihr solltet einmal gesehen haben, mit welch -würdiger Bescheidenheit so ein kleines Mädchen oder mit wieviel -schämiger Andacht der wilde Bube seinen Kranz trägt. Sie wissen noch, -daß sie dazu gehören. Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den -grünen Hainen, zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und -zu den Käfern, die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten, -wenn so ein Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in -ihre winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder -gewesen, verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone auf den -goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen Schmuck eines Ringes -aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen Haar anfingen zu singen: - - Alles neu macht der Mai, - Macht die Seele frisch und frei, - -da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges -Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich erlebte -wieder ein Stückchen Himmelreich. - -Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und tuet -desgleichen! Wir wollen _nicht_ werden wie die Kinder. Bewahre! Dies -Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn vom Kindlichen zum -Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich annehmen als ein -Kind« -- das ist es. Das ist die gute Übersetzung des alten Textes -vom alten ~Dr.~ Martinus Luther, der zwar keineswegs meine ganze -schwärmerische Verehrung besitzt, der aber ein -- Lautherr war und sich -auf Deutsch verstand, noch besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer -oder Gymnasialprofessor. - - - - -Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen? - - -Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Das _muß_ man entweder oder -man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage ist das nicht -- -sondern Privatsache. - -Zu zweit? »~Two is no society~,« sagen die Engländer, und die verstehen -sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt Ausnahmen von dieser -Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner Braut, ein Mann mit seinem Weib -die graue Alltäglichkeit des Lebens vertauschen mit dem freien Wandern -über Berg und Tal, dann sind die beiden »~society~«. Sie erfassen die -Welt mit einer verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem -doppelten Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im -psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung -ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb milde, halb herbe -Verworrenheit der deutschen Landschaft, und ihre Sinne erfüllen sich -weit mehr mit den vollen Lauten des rauschenden Daseins, als wenn sie -allein wären. So leben sie im Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des -Innern wie des Äußern. Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste -Form des Wanderns. - -Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sind _eins_. Sie -brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu sein. Es gibt -auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern zu einem hochsinnigen -Leben machen. Aber sie sind selten. Solche Wandererkameraden sind, wie -der Koran sagt, »von Gott gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt -aus des anderen Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit -der Welt hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und -dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden Augen -die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark ergreifen und -genießen? Der Eine und die Eine? - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Flußlandschaft aus Brandenburg.] - -Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern zu zweit -gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, zu -deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, oder man wird sich bei dem -großen Bedürfnis des Menschen nach Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne -es sich -- was das Schlimmste ist -- zuzugestehen. - -Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige nahe -Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogen haben. -Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst beim halben -Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die Mindestzahl zwölf und die -Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat seine guten Erfahrungsgründe. - -In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders der jüngeren -Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen oder, -objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken seiner besonderen -Veranlagung auszugleichen durch den inneren Bestand des entgegengesetzt -veranlagten Freundes, viel leichter befriedigen. Dazu kommt noch die -Notwendigkeit, sich schon aus reiner Selbstsucht willig ins Ganze -einzuordnen und dem Führer unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon -zu dem Kapitel: - - - - -Der Wanderschuh als Erzieher. - - -Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht mehr. Es _muß_ -erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger Schulmeister, die -umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten. - -Warum läßt man denn die jungen Menschen -- und die alten dazu -- nicht -unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? Es hat es ja -noch kein Schulmeister in der Welt weiter gebracht als dazu, daß seine -Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten merkten: »Er hat wahrhaftig -recht gehabt!« Der Mensch läßt sich schon von Jugend an eines seiner -größten Vorrechte nicht beschneiden, das Recht, nur durch höchsteigenen -Schaden klug zu werden. - -Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann allerdings muß -man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs Leben gibt als die -_gemeinsamen Wanderungen_, die nun alljährlich in immer steigendem Maße -von der erwachsenen Jugend aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im -Winter unternommen werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen -absehen, die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch -hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben und die --- wohl ganz wider Willen -- in der Richtung der Entwicklung des -Heerwesens zur Miliz wirken. - -Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt schon ohne -alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, weil es -täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems der -Gegenwart: »_Menschen untereinander_« bringt. Und dies in Lagen, die -an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen viel höhere Anforderungen -stellen, als es bei der gewöhnlichen Art, wie junge _Menschen_ bisher -gewöhnlich _untereinander_ waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der -Bierbank, wo reichlich Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen -lebende Gefühl des Widereinander lähmten, um allerdings später desto -unverhüllter zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder -auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger -täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein Wohlbefinden und -seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig sind von der Haltung der -Wanderkameraden, die ihrerseits wieder bestimmt wird durch die Art, -wie _er_, der einzelne, seine Pflichten erfüllt, und wie er sich auch -sonst, rein von der Gemütsseite aus, zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte -seines Daseins wird dem Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen -mag, zum erstenmal ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der -Schule, wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes -Einzeldasein führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer -die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner eigenen -augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine oder große Not -zu der seinen machen will, mag es sich um die Übernahme eines Teils -der schweren Traglast des anderen handeln, um ein gutes Wort, wenn des -Kameraden Herz ihm etwas Schweres anvertraut, oder um einen Taler, den -jener nicht hat. - -[Illustration: Phot. W. Riegger. - -Gebirgspost.] - -Aber es ist noch ein anderes. Häufiger als sonst kann es der in Horden -ziehende Wanderbursche erfahren, daß das übliche gute Verhältnis auf -Gegenseitigkeit: »Wie du mir, so ich dir,« im tiefsten Grunde eine -niedrige Stufe des Lebens der Menschen untereinander darstellt. -Bereits die häufige örtliche Trennung der Wanderer einer und -derselben Schar ist schon Anlaß dazu, daß die Wärme einer empfangenen -Freundlichkeit (und wie viele kleine Dienste gibt es da) nicht -an den eigentlichen Geber zurückerstattet wird, sondern an einen -anderen zufällig anwesenden Kameraden, der ihrer gerade bedürftig -ist. So wird beim Wandern das »Revanchieren« (das Wort ist sehr -bezeichnend!) einem schwerer gemacht als im Stadtleben. Ein freiwillig -und gern hingegebenes Stückchen Herz geht weiter im Kreise herum und -wirkt tiefer beim Wandern, als wenn in der Stadt der Herr: »Sehr -liebenswürdig!« dem Herrn: »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein?« -die Freundlichkeit postwendend zurückgibt, um ja sofort quitt, d. h. -ihm nicht mehr verpflichtet zu sein. - -Denn: Man kann nicht wissen! - -[Illustration: Tafel IV - -Ferd. Clauß phot. - -Bergdorf in der Pfalz] - -[Illustration: Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot. - -Hessisches Dorf] - -Draußen in den hellen Buchenhallen, unter den dunkeln Spitzbogen des -Tannenwaldes, am Ufer des leichtbewegten blauen Sees oder inmitten -des Felsens eines rauschenden Wildbachs fällt so viel von selber ab -an Dünkel und Torheit, an Abneigung und Pharisäertum zwischen den -Menschen, weil sie dem Leben des ewigen All so viel näher sind als -sonst. Beim Einatmen der gleichen reinen Gottesluft würden sie -- wenn -ihnen der Vorgang zum Bewußtsein käme -- nicht aus dem Staunen darüber -herauskommen, was ein Mensch zwischen Mauern und Dächern doch oft ein -fataler Herr und draußen unter grünen Zweigen und freiem Himmel ein -lieber Kerl sein kann. - -Daß die Protektion und die Beonkelung der Wanderbewegung in der -Richtung der _Organisation ganz bedeutende Verdienste_ hat, das wird -gern und freudig anerkannt. - -Ich will hier nicht die Gelegenheit ergreifen, um zu untersuchen, -inwieweit »Wandern« und »Organisation« eigentlich eine ~Contradictio in -adjecto~ (ein Widerspruch im Beiwort) sind. Auf die Theorie kommt es -hier gar nicht an, sondern nur darauf, inwieweit die organisatorische -Zusammenfassung den inneren Kern, die Wander_lust_ und vor allem -den _Wert_ des Wanderns erhöht oder vermindert. Und da hat nun die -Entwicklung der letzten Jahre eines unzweifelhaft erwiesen: Die -Wanderbewegung hat zu einem großen Teil nicht mehr ihren _Zweck in -sich selbst_, sondern sie ist Mittel zu Zwecken geworden, welche -viele der jungen, frohen Gesellen nicht ahnen. Ein großer Teil der in -großen Verbänden organisierten jungen Wanderer befinden sich, ohne es -zu wissen, unter einem Einfluß, dessen Tendenzen die schon unter den -Erwachsenen vorhandenen Klassengegensätze noch verschärfen. Welche -Klasse, ob die »besitzende« oder »nichtbesitzende«, damit angefangen -hat, die wandernde Jugend zu bearbeiten, soll hier nicht untersucht -werden, ebensowenig, als hier überhaupt _Anklagen erhoben_ werden -sollen. Es sollen nur Dinge gesagt werden, die bisher kaum einmal -gesagt wurden. Und da _muß_ das _eine_ ausgesprochen werden: - -Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und -»Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind. -Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch vom -Menschen noch nicht getrennt zu _werden brauchte_, die _Jugendzeit_. -Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, die durch die -verschiedene Klassenzugehörigkeit und -- was fast gleichbedeutend ist --- verschiedene politische Gesinnung der Menschen hervorgerufen werden, -nicht zum Ausdruck zu kommen _brauchen_, weil der Mensch im All der -Schöpfung seine Wesensgemeinschaft leichter verspürt als in den Straßen -der Stadt, wo Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu -offener Feindschaft ausarten lassen -- diese einzige Möglichkeit ist -_das Wandern_ draußen in der freien Natur. - -Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht -mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«, -»Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts -wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo politische -Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen. - -Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich sagen will. - -Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches -und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken schwört, -sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! Man lasse den -Frieden -- dessen auf die Dauer kein Menschenherz entbehren kann -- -wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, auf den grünen Matten, -unter den hellen Buchenhallen und den dunklen Spitzbogendächern des -Tannenwaldes -- _Frieden_ sein mit dem ganzen stillen Segen seiner -Kraft! - -Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns -- auf beiden Seiten! -- -nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig verachtete Schändung -der Mittel durch die Heiligung der Zwecke und ein fluchwürdiger -Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, nämlich der Natur, den der -Mensch noch nicht entehrt hat durch seine Qual und seinen Haß. Es -ist der Anfang von der völligen Austreibung des Menschen aus dem -Paradies und der Entweihung der letzten Stätten des Friedens, wenn die -Wanderbewegung unter der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird -von jeder politischen oder sozialen Tendenz. - -Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die _er_ -angeht: Man überlege sich diese _Sache_ in der Richtung _alles_ -Folgerichtigkeiten, bevor man -- lächelt. Denn es ist so leicht und -bequem und -- für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Sonntagmorgen.] - - - - -Was man braucht. - - -1. Des Wanderers Kleid. - -Gib acht! Das Kleid ist ein Steckbrief, und ahnungslos schreibst du ihn -dir selber. Die Hotelportiers und Kellner, die mit einem unbestechlich -kalten Blick das Äußere der ankommenden Gäste und besonders den Zustand -und die Preislage der Stiefel überfliegen und danach ihren Mann in -irgendeinem Schubfach einrangieren, haben so unrecht nicht. Die Methode -ist zwar grob, aber fürs Gröbste genügt sie. Damit wollte ich nur auf -die Gefahr jedes »Kostüms« hinweisen. - -Anderseits geht es nicht gut an, vor einer Wanderung nur deshalb die -Wandlung zu einem frischen, schlichten, frohen Menschen durchzumachen, -damit nach der einzig richtigen Methode das äußere Gewand uns sozusagen -von innen heraus anwachse, die Kleidung sozusagen das Symbol des -Herzens werde und ja niemandem der edle Kern unter der angenehm -bescheidenen Hülle entgehe. - -Und drittens hinwiederum läßt sich das alles eben überhaupt nicht -_machen_, sondern es geschieht mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit, -nach der alles von innen nach außen wird. Da helfen alle Faxen nicht. - -Ich kenne einen Mann, der trägt manchmal, obwohl er nicht in Oberbayern -wohnt, bei fröhlich festlichen Gelegenheiten »Gamslederne« mit -gestickten Hosenträgern, aber niemand käme auf den Gedanken, er habe -sich kostümiert. Denn er ist darin der gleiche Mensch wie im Gehrock. -Und ein anderer lebt schon jahrelang in den Bergen. Als er aber einmal -mit seinem gemildert prätentiösen Asphaltschritt in »Gamsledernen« -und im grünem »Hüterl« einem alten Oberbayern begegnete, da blieb -dieser mit grinsendem Erstaunen stehen und fragte mit der unzarten -Herzenseinfalt solcher Gebirgler: »Ja, sag mei Liaba, wie bist au du -nur in des G'wandl eini kimme?« - -_Das ist's._ Das G'wandl! - -Man erwarte also von mir keine Vorschläge in der Richtung der einzig -richtigen Wander»kluft«. Schon deshalb nicht, weil sich ein jeder ja -doch so anzieht, wie er es für am wirkungsvollsten hält. - -Es gehört ja nicht zu den erfreulichsten Seiten der modernen -Wanderbewegung, daß wir im Wald und auf der Heide, in Bahnhöfen und in -Großstadtstraßen immer mehr fragwürdige Gestalten von tragikomischer -Ausrüstung sehen. Ihre gefärbten Hahnenfedern auf dem grünen -Jägerhütchen, ihre mit Bändern von allen Regenbogenfarben geschmückten -Zupfgeigen und ihre ausgesucht auffallend gemusterten Strümpfe über -den erbarmungswürdigen Waden reizen nur um so mehr zu Spott, als sie -die blasierte Fadheit der dazugehörigen Gesichter nur desto mehr -hervorheben. Diese Beckmesser der deutschen wandernden Jugend sind zum -Glück nicht in der Überzahl. Denn den meisten unter der Jungmannschaft, -auf deren Schultern ein großer Teil unserer Zukunftshoffnungen liegt, -ist es doch schon aufgegangen, daß nur _der_ beseligt aufgehen kann in -der Herrlichkeit und Größe der Allschöpfung, der mit keiner Faser mehr -danach strebt, die Aufmerksamkeit auf seinen sonderbar ausstaffierten -Leichnam zu lenken. - -Also: jeder suche sich _sein_ Wanderkleid! Denn die Einförmigkeit des -graugrünen »Sportanzuges« mit Gürtel und Quetschfalten, der für den -deutschen »Vergnügungsreisenden« schon so witzblätterhaft typisch -geworden ist wie früher der großkarierte Nanking für den Engländer, -ist auch nichts Erhebendes. Das erste sei _Haltbarkeit_! Denn wer sich -aus Angst für seinen Hosenboden nicht auf jeden Felsen oder Baumstamm -setzen kann, der ist ein armer Mann und ein Spott von Wind und Wetter -und der eigenen Kameraden. Alles junge Wandervolk, das oft noch am -Nachmittag nicht weiß, wo am Abend das Haupt hinlegen, braucht außer -einer widerstandsfähigen »Kluft« einen nicht zu schweren Wettermantel, -einen Lodenumhang, und womöglich ein Stück von wasserdichtem -Mosettigbatist (etwa 1,50 auf 1,50 ~m~ groß), der, auf Handbreite -zusammengelegt, sich bequem in die Tasche stecken läßt und bei -unvorhergesehenen Freilagern gute Dienste gegen Feuchtigkeit leistet. - - -2. Der Rucksack. - - »Ich han myn Bündel nun gesnallt, - Muß snallen noch myn Herz.« - -Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz wieder -ganz frei geworden ist. _Frei_ muß der Bursch sein, wenn er wandern -will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem übervollen -Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts Besseres als -seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, zu verlaufen und --- zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -- ich weiß es -- -aber sie sind probat! - -Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man muß, wie -der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich aller -Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, daß ihm -in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, was ein -richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es zahllose. »Je -weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch schlechter aber -ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt treffliche Menschen, -wahre Ritter der Peinlichkeit, die können vor der Ausfahrt ein ganzes -Haus unglücklich machen, weil sie drei Tage lang vorher mit langen -Zetteln, worauf »alles verzeichnet ist«, herumgeistern. Wegen einer -in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel -können sie es bei Mutter und Schwester zu geradezu erschütternden -Auftritten kommen lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich -gefährden. Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches -entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack -packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit. - -Die Wahrheit liegt in der Mitte. - -Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von dem -Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide das -»Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, und lasse -die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings meist nicht -nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe den Mut, ihn -zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die grünen Matten werden -ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend hindurchrasest, um wieder -dein eigener Herr zu werden. In alledem aber werde kein Fanatiker -und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. Hast du dann noch wieder -gelernt, was des alten Adam erste Beschäftigung war, als der Herr ihm -»einen lebendigen Odem« in die Nase blies, nämlich _atmen_, _richtig -atmen_, _menschenwürdig atmen_, das heißt von der Luft zu einem guten -Teil _leben_, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der -nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne keine -alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern -(es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die zugleich als -Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, zwei -Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem deine persönlichen -Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel usw. sind. Von Strümpfen -und Socken ist im nächsten Kapitel besonders die Rede. Hast du noch -alle Schul- und Erwerbssorgen so gründlich zu Hause gelassen, daß sie -nicht die Lust ankommt, dir nachzureisen, dann bist du ein freierer, -fröhlicherer Wanderer als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht -angekommenes oder schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes -Paket warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings muß -man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach einen halben -Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat. - -Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden überhaupt --- und beim Wandern insbesondere. - -Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar nicht -behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere -Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber ich persönlich -habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen von -Ecklöh in Lüdenscheid gemacht! - -Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, daß -man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch schon so genug -gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende einfache Kunst -unserer Urgroßeltern mit sich gebracht hat, an dem Stück spielerischer -Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton und so manchem anderen Gespielten ist die -Zupfgeige zum Teil schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an -ihrer guten Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher -zugrunde geht. - -Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. Und nun noch -ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste am Rucksack ist das -Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast -- nicht die unselige -Hast! --, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht mehr zu bezweifeln -ist, daß wir gehen können. Denn was kommt nicht immer noch alles -dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern! - -Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, da ist, -dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein -dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt aus -seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch heraus -und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?« - -Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche -denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom dürren Ast -als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an den damals -vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird dann die -Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten aller -Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was eines -Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, die -Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn auch ich war einst -in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt vom bewegten Leben -seines richtigen Wandererherzens, und an allen Lasten des Erdendaseins -hab' ich schwerer getragen als an meinem jetzt graugrünbraunen -Rucksack, der -- nach dieser schönen Rede! -- alle Brüder von ähnlich -bewegter Vergangenheit hiermit grüßen läßt. Er ist ein Wissender -geworden in all den Jahren, aber er liebt das Schweigen -- Gott sei -Dank -- mehr wie sein Herr, der über all das »schreiben« muß. - - -3. Von den Schuhen und den Füßen. - -Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es ist -niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für den -Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! In -unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern. - -Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen Wort des -Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber hinter einer -morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, bei allem Heroismus -der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig einhergeht, als ob die -Straße voll frischer Eier läge, so ist solches nicht sehr erhebend. -Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie der Rucksack enthält, -sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und unserem Vorleben -abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen für unsere Füße, die -zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch seine Despoten sind. -Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. Jedem Rekruten wird es unter -Mithilfe von ernstlichen Suggestionen in der Richtung von drei Tagen -Mittelarrest beigebracht, daß der Schutz des Vaterlandes im innigsten -Zusammenhang stehe mit dem Zustande seiner »Untertanen«. Und doch, -wie mancher Jüngling und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um -bereits am ersten Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h. -ihre Bekehrung zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den -Gliedmaßen seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der -Wanderkunst, so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren -mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine -- man vergebe -diesen sachlich einwandfreien Kalauer! -- Achillesferse. Schon manchmal -ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der Strecke geblieben, -und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, wissen, wie eine -solche Lappalie uns völlig genußunfähig machen kann. Keinem passiert es -zum zweitenmal. - -Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren Tour eine -zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst durch kleine und -stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende Märsche, sodann durch -Abhärtung und schließlich _durch Gewöhnung an den Wanderschuh_. - -Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder durch das Tragen -von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher gegen Wind und -Wetter, aber desto empfindlicher gegen die während einer langen Zeit -nicht mehr in Betracht gekommene Reibung der oberen Fußhaut an den -Schäften geschlossener Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung -kann aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen -von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe ist auf die Dauer -nicht auszuhalten. - -[Illustration: Tafel V - -Chr. Meisser phot. - -Märzensonne im Bergwald] - -[Illustration: G. Urff phot. - -Waldlichtung im Hochsommer] - -Wer sodann glaubt, mit Stiefeln, die er am Abend vor dem Abmarsch in -der Hast gekauft hat, zum Ziele zu kommen, der kennt noch nichts von -der guten Behandlung, auf welche die Füße beim Wandern grundsätzlich -Anspruch machen. Sie wollen gut ausgetretene, aber doch noch gut -anliegende Schuhe haben, mit denen sie schon _vor_ der Wanderung ein -ungestörtes und angenehmes Verhältnis eingehen konnten, und sind auch -in bezug auf Socken und Strümpfe gar nicht bescheiden. Fünf Paar -wollene Socken von verschiedener Dicke, deren Fersen und Zehenstück -mit Salizyltalg eher zu reichlich als zu dürftig einzufetten ist, sind -das mindeste für den eisernen Bestand eines ehrlichen Wanderrucksacks. -Gelegentliches Waschen der Füße mit Ameisenspiritus oder ähnlichen -Hausmitteln ist ebenso zu empfehlen wie Massage. Für einen Unfug halte -ich das täglich häufige kalte Baden der Füße in jedem Waldbach wie -auch die täglichen heißen Fußbäder (wenn man nicht gerade herzleidend -ist). Schweißfüße sind nicht zu heilen. Für den Nebenmenschen und sich -selbst sind ihre unangenehmen Kennzeichen nur durch häufigen Wäsche- -und Schuhwechsel zu mildern. Das ist eine Forderung der einfachsten -Höflichkeit. Darin sind uns andere Völker, z. B. die Japaner, weit -überlegen. So störend die Nachsendungen durch die Post für einen -Wanderer, der auch dem Zufall sein Recht lassen will, sein mögen, -gelegentlicher Ganzersatz von Schuhen und Socken ist auf einer mehr -als zwei Wochen dauernden Wanderung _kein Luxus_, sondern _hygienische -Selbstverständlichkeit_. Denn die Schweißmengen, die ein Paar 14 -Tage lang ohne Wechsel getragene Schuhe aufnehmen und die daraus -entstehenden Düfte sind ebenso ungesund als lästig. - -Es ist seit einigen Jahren Mode geworden, auch einfache Wanderungen -im Mittelgebirge immer in den schwergenagelten, dicksohligen Schuhen -zu machen, die für den Alpinisten unentbehrlich, ja eine ~Conditio -sine qua non~ sind. Aber wenn man nur die ganz unnötig erhöhte -Arbeitsleistung infolge des großen Gewichts der Schwergenagelten in -Betracht zieht und ganz absieht von der größeren Bequemlichkeit eines -halbleichten Tourenstiefels, dann springt das Unsinnige dieser Mode in -die Augen. - -»Aber es sieht eben schneidiger aus!« -- Ich kenne den Einwand und -weiß, was auch junge Männer opfermutig an Unbequemlichkeit ertragen -können um des »_Eindrucks_« willen. Aber diese ja so verständliche -und bei jedem wohl einmal auftretende Periode, wo man sich für den -Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hält, leidet an der -genügsamen Einsichtslosigkeit aller Eitelkeit. Die Wanderer der -günstigsten Pose vergessen das eine, daß die »_Kenner_« ja lächeln -über solche Späße; um aber nur die Bewunderung der ahnungslosen -Gelegenheitsausflügler zu erregen, müßte doch der Stolz ein -wenig größer sein; ich meine den richtigen Stolz, das saubere -Selbstbewußtsein, dem _alle_ Mätzchen verächtlich sind. - -Für »Damen« ist die erste richtige Wanderschaft fast immer der erste -harte Kursus, in welchem der Fuß sich für alte Sünden rächt und der -jungen Wandersmaid den richtigen Respekt vor den ihr nun einmal durch -Geburt oder Schicksal verliehenen Fußmaßen beibringt. Denn so viel man -wandernden Frauen und Jungfrauen sonst nachsagen mag, _den_ Vorwurf, -als lebten sie auf einem großen Fuß, kann man ihnen nie machen. - -Gamaschen sind Geschmacks- und Modesache. Wer nicht anders zu können -glaubt, als in Gamaschen loszuziehen, der nehme dann wenigstens das -Beste, was auf diesem Gebiet existiert, die leichte, saubere, poröse -und verblüffend einfach zu bindende Wickelgamasche »Mars«. - - - - -Vom Essen und Trinken. - - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -Wanderer beim Abkochen.] - -Ich fühle nicht den Beruf in mir, meine Mitmenschen und Mitwanderer -auf diesem herrlichen Planeten zu meiner Speisekarte zu bekehren. Wir -sonderbaren Kostgänger des Gastgebers unserer Weltenherberge sollen -auch hierin ein jeder nach seiner »Fasson selig werden«, und alle -Geschmäcke sind zu »tolerieren«. Aber eine kleine Predigt kann ich bei -dieser Gelegenheit doch nicht unterdrücken. - -Der Antialkoholismus unserer Tage kann nach meiner Ansicht eine ebenso -große Besessenheit sein wie sein Gegenteil und verleitet fast noch mehr -als dieser zu allerhand Hochmut, der bekanntlich immer vor dem Fall -kommt. Während des Wanderns jedoch ist der Alkohol in jeder Form und -Menge durchaus vom Übel. Es ist bis jetzt noch nicht erlebt worden, daß -einer, der sich aufs Wandern verstanden hat, auch nur dem bekannten -»Glas Wein« das Wort geredet hätte. Natürlich nur für so lange, als -der Wandersmann noch irgendeine Leistung vor sich hat. Was dieser dann -abends tut, das ist wieder ganz und gar seine Privatangelegenheit, -und wenn er klug ist, dann hält er sich in diesem Punkt besser nicht -unbedingt an den sonst auch fürs Streifen durch Wald und Welt sehr -empfehlenswerten Spruch, nicht an den morgigen Tag zu denken. - -Wer so steht, der mag im übrigen seinem Feuchtigkeitsbedürfnis auf -dem Marsche oder bei den Mahlzeiten mit Sauermilch oder Quellwasser, -mit künstlichen Limonaden in Wirtshäusern am Wege oder -- was -weit billiger und nützlicher -- mit dünnem Tee und Kaffee aus der -Feldflasche nachhelfen. Der natürliche Instinkt bewahrt ihn hier vor -vielen Torheiten. Wem aber noch gesagt werden muß, daß er sich nicht -mit eiskaltem Quellwasser schädigen soll, und wer nicht weiß, daß er -mit einem Minimum von Flüssigkeit am besten fährt, weil er es ja doch -wieder herausschwitzen muß, der möge lieber mit seinen Sorgen zu Hause -bleiben. Der ist kein geborener Wanderer und wird es auch nie lernen. - -Etwas anderes ist es mit dem Essen. Denn das ist wirklich eine noch -ganz unbekannte Kunst im Zeitalter der angeblich so hochentwickelten -Kultur. Sehr viele und nicht immer anmutige Predigten gegen den -Alkoholismus wären überflüssig, wenn die Propheten sich einmal mehr -mit den Gefahren des Essens als mit denen des Trinkens beschäftigen -wollten. Mit dem zuvielen Essen fängt es an, nicht umgekehrt. Bei den -meisten wenigstens. Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Denn schon -sehe ich in Gedanken einige Leser entrüstet auffahren mit dem zornigen -Vorwurf im Herzen, nun wolle man ihnen auch noch -- dieses Wort wird -immer im Tone einer edlen Biederkeit ausgesprochen -- ihr tägliches -Brot beschneiden! »Heute, in der Ära der sozialen Frage!« - -Gemach! Es gibt noch so etwas wie eine Wissenschaft, wenn auch mein -Glaube an deren alleinseligmachende Wirkung nicht übermäßig groß ist. -Ich halte diesen ernsthaften Predigtschwank durchaus nicht in der Wüste -der Not, sondern in jenen Gefilden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens gar -heftig brodeln. Und da beißt nun keine Maus einen Faden daran ab, daß -der »gebildete« Mensch aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, -der ja doch ein Übermensch werden will, sich vor allem einmal vom -Überessen zurückentwickeln muß zum Essen. Vielleicht hat nichts zu -dieser Erkenntnis so sehr beigetragen als die nun zum Glück auch in -der Versenkung verschwundenen Rekordmärsche. ~Plenus venter~ studiert -nicht nur, sondern marschiert auch nicht gern. Überall kamen die zähen, -anscheinend ausgemergelten Läufer immer vor den Herkulesgestalten an. -Ein richtiger David ist noch immer einem Goliath über gewesen. Beim -Steinschleudern und sonst. Das zeigt sich auch beim einfachen, allem -Sportgetriebe abholden Wandern. - -Aber wir wollen doch ganz absehen von den äußeren Leistungen und nur -von innerem Gewinn reden. Frau Aja erzählte, ihr Wolfgang habe mehr -gesehen und erlebt, wenn er von Frankfurt nach Mainz reiste, als andere -Leute auf großen Fahrten durch die Welt. _Darum_ handelt es sich aber! -Nämlich um die Aufnahmefähigkeit und das persönliche Glücksempfinden -beim Wandern. Schon aus reinem Egoismus müßte da jeder, der das Wandern -ernst nehmen, als eine Lebensschule betrachten und als einen Quell des -Glücks genießen will, einmal in einem guten, von einem verständigen -Fachmann geschriebenen Buche die neue Lehre vom Essen studieren. Ob -das in einem Werk des Engländers Fletscher, des Dänen Hindhede oder -des Amerikaners Dew geschieht, ist gleichgültig. Dann würde er nach -einigen praktischen Übungen und Erfahrungen innewerden, daß alle -Nahrungsaufnahme zu einem Fest werden kann, wenn man, was bisher -für eine Schande und für ein Zeichen von Unbildung gehalten wurde, -_ganz und gar bei der Sache ist_. Etwa so, wie es kraftgenialisch und -exzentrisch Goethe, der große Lebenskünstler, schildert in seinem -Gedicht von den zwei Propheten und dem Weltkind in der Mitten. Dann -braucht es sich aber gar nicht um gebackene Hahnen zu handeln wie -damals. Beim ebenso bedächtigen wie hingebungsvollen Genießen der -einfachsten Nahrung kann man dahinterkommen, daß Reichtümer von -Wohlgeschmack in jedem Stück Butterbrot liegen, wenn man sie nur zu -heben versteht. - -Wir Städter rümpfen in manchen Dingen die Nase über das Landvolk, das -von den Dilettanten des Wanderns mit gleichem Unrecht ungebührlich -über- wie unterschätzt wird. So beruht zum Beispiel der Vergleich -zwischen dem hochentwickelten Appetit eines an einer Table d'hote mit -fünf Gängen arbeitenden Essers mit demjenigen eines Scheuerndreschers -auf irrigen Voraussetzungen. Wer's nicht glaubt, der möge einmal -Bauernknechte oder -mägde beobachten, wie sie am Tisch um eine große -Schüssel Milch sitzen, bedächtig löffeln und langsam dazu ihre -Kartoffeln kauen und das Mahl höchstens mit einem kraftvollen und -nicht für zarte Ohren geeigneten Spaße würzen. Es könnte sich manche -Tafel, an der man vor Messerklirren, tollem Durcheinanderreden und -Schmatzen fast selbst nichts mehr hört, ein Beispiel daran nehmen. -Wer nach einem scharfen Marsch im kühlen Schatten einer alten Eiche -oder einer mächtigen Tanne schon einmal allein seinen kargen Imbiß -eingenommen hat, umfächelt vom streichenden Wind und unterhalten durch -die Tafelmusik der summenden Hummeln, der lispelnden Blätter und der -gluckernden Quellen, der weiß, was ich meine. Er weiß, daß man beim -Essen nicht beten soll! Das Gebet soll im Essen selber liegen. Alles -andere ist vom Übel. Man soll sich freuen. Das ist alles. - -Einen anderen Grundsatz aber als denjenigen der größtmöglichen -Mäßigkeit gibt es nicht, wenn man dieser einfachen Freuden teilhaftig -werden will. Auch hier wirkt in ganz ungeahnter Weise das Naturgesetz -von der denkbar stärksten Wirkung bei denkbar geringstem Kraftaufwand. -Man muß nur immer die richtige Grenze zu finden wissen, und zwar immer -nur für seine Person allein. Denn auch das ist ein unanfechtbarer -Grundsatz, der sehr trivial klingt, aber ganz tiefe Geheimnisse -enthält, daß, was für den einen gilt, nicht auch zugleich für den -anderen richtig zu sein braucht: die eben erwähnte Grenze muß man -langsam herausklauben lernen. - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«] - -Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der Richtung -des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung werden mit der besten -Absicht unendlich viel Torheiten begangen, genau so wie in der Richtung -des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem gilt eines, was zu wenig beachtet -wird! Der Magen ist in Angelegenheiten des Essens und Trinkens immer -viel klüger als das Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das -sich leise und in nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer -viel besser das Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese -verwirren nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist, -was und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die -Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung -beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichen Wege durchs Gehirn -und durch Vielwisserei, sondern sie muß sich darauf erstrecken, daß wir -wieder Ohren bekommen -- innerliche natürlich und nicht zu lange -- -Ohren für das feine Mahnen und Klopfen unseres Organismus und seiner -einzelnen wichtigen Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu -tun mit äußeren Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz -Besonderes. Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam -- nicht unseren -groben Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber -- -kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. Denn so -wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, ebenso rächt -sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht mit allen -seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres Körpers. Zu -einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von Kultur und Leben -können wir aber in unserer Zeitenwende nur dadurch kommen, daß die den -Zellenbau ihres Organismus bewußt beherrschenden Menschen zu gesunden -Bauzellen eines höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden. -Womit, nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandern und den -großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt sein dürfte. - -Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial machen -will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, sodann Brot -allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) und schließlich, -wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu haben sind, auf die -hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche Präparate der Hamburger -Nuxowerke verwiesen. Zu beachten wäre dabei immer, daß die leichteren -und weniger nahrhaften dieser Präparate den kräftigeren und nicht immer -kräftigenderen beim Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden -Vorwurf geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet -der Ernährungshygiene für den Wanderer werde ich mit gänzlicher -Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten -einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen -Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich empfundenen -und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis nach einem soliden ~Filet -aux Champignons~ am Abend eines festen Marsches nachgibt und sich -dabei eine halbe (für starke Männer eine ganze) Flasche Rebenbluts zu -Gemüte führt, der kann eines herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!« -meinerseits sicher sein. - - - - -Vom Knipsen. - - -Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; in -den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit handelt. Wer -nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte aus dem Wörtchen -»Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts von der verborgenen Musik -der Worte, die hier doch ganz klar im Ton an »Stibitzen« erinnert. -Die kleinen Detektivapparate, die seit einem Jahrzehnt etwa den roten -Baedeker aus der Hand der »Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind -nichts anderes als kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle -draußen in der Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem. -Wer hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines -der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, Damen -und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den Fluten auf. -Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung aus. -Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando werden Kodaks und -andere Kameras hochgehoben und ein lautloses Pelotonfeuer auf das arme -Schloß gerichtet. Ein paar knipsende Geräusche, wie wenn man einen -Fingernagel am anderen wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann -beginnt wieder die Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste -Film wird aufgedreht. - -[Illustration: Der Seggenstein im Hessenlande.] - -Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen und den -ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. Die Illustrationen -dieses Buches würden mich teilweise selber Lügen strafen. Aber das -Photographieren als Massenbetrieb ist eine grauenhafte Sache geworden. -Denn nicht nur kann man nichts getrost nach Hause tragen, wenn -man's nur schwarz auf weiß besitzt, sondern was das Licht auf die -photographische Platte im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange -nicht das, was wir in der Kamera unserer Augen, der das photographische -Spielzeug ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten. - -[Illustration: Tafel VI - -Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor] - -[Illustration: Neckartal bei Neckargerach] - -Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. So -etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten -Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen, -wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die psychische -Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften und Stimmungen -in der Natur, durch unser Auge _unmittelbar_ aufzunehmen und wie -durch eine konservierende Lösung den künstlerischen Gehalt des -Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtsein versinken -zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt -- um ein möglichst -prägnantes Schulbeispiel anzuführen -- der Fall aller jener Maler -und Zeichner, die nach dem Gedächtnis reproduzieren. Ich kenne -selber einen alten Akademieprofessor, der tagsüber im Café oder -abends im Theater interessante Köpfe durch intensives Schauen sich -derart tief einverleibt, daß er in der Nacht vor dem Schlafengehen -die Gesichter aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Sie sind fast immer -porträtähnlich. Aus dieser alten bekannten Tatsache ziehen nur leider -die allerwenigsten Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis -zu einem gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es -gibt wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht -in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den Wohnhöhlen -unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie stark damals schon -der Mensch künstlerisch produktiv war. Das bildnerische Talent im -Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen und Malen werden nun aber durch -die handwerksmäßige Liebhaberphotographie am meisten unterdrückt. Daß -manche Menschen erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen -gelangen, wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding -bekanntlich seine zwei Seiten hat. - -Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens schon auf, -und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung falscher Tatsachen -beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung seiner selbst und -des anderen liegt nämlich darin, daß -- künstlerisch ausgedrückt -- -der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck einerseits, den der -Photograph von einer Landschaft hat, die ihn zur Wiedergabe reizt, -und zwischen dem Resultat der Wiedergabe andererseits eine ganze -Anzahl von Trübungen und Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so -zum Spaß« photographiert, wird das natürlich nicht verstehen und -es für überspannt halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes -Photographieren ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht -ansehnliche Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt, -woran es eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen -Unbefriedigung nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge -helfen. - -Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder sehr häufig -Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt durch kluge -Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele der schönsten -Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht gemacht sind, -dürfte auch weniger Unterrichteten bekannt sein. Jedenfalls gelingt -es nicht sehr oft, gerade denjenigen Stimmungswert photographisch -aus einer Landschaft herauszuholen, der einen zur Wiederholung des -Geschauten durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben -keine Ausnahme beim Photographieren, daß man, wie ein französisches -Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat. -Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach -scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer -große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen kommt es -gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine im höheren Sinne nicht -anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende Trübung des künstlerischen -Schaffens vorliegt. Aber die bei feineren Gemütern unausbleibliche -Wirkung dieses inneren Vorgangs wird eben doch empfunden, genau so, -wie der Aquarellist sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige -Morgenstimmung aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von -einem Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden und -gelobt wird. - -[Illustration: Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg. - -Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.] - -Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer wieder -zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt der Kamera eine -Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten Papierblock im -Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren manchmal unmutig -darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles gezeichnet« habe. Aber -abgesehen davon, daß der alte Herr eben auch manchmal, wohl vom Vater -her, schulmeisterliche, engherzige Anwandlungen hatte, ist es doch -jedenfalls noch hundertmal besser, alles zeichnet, denn alles knipst! -Denn Zeichnen und Malen ist, mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein -mit dem leichten Schatten künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes -Knipsen, sondern -- man erschrecke nicht über das neue Wort -- ein -Ipsen! - -»~Ego ipse!~« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, der, an -einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der Tücke des Objekts -gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten des Naturfreundes -fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das geringste. Der Wert des Zeichnens -und des Malens liegt vielmehr darin, daß der Wanderer gezwungen wird, -einmal das Bild, das er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv -auf sich wirken zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten -wie nach den allgemeinen Linien, nach seinen Farbentönen wie nach -dem perspektivischen Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine -Einzelbestandteile zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem -wesentlichsten Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern -zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe beginnen. - -So aber lernt man das _Schauen und das Schaffen_. Selbst wenn das, was -er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, auch ein fauler Zauber -ist, so hat er doch ein Stückchen der großen Arbeit geleistet, die -jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: die Wunder der Außenwelt in -sich aufzusaugen, sich damit das Herz zu erfüllen, so groß oder klein -es ist, und das Aufgenommene als eine neue Schöpfung herauszugestalten, -sich selber zur Freude, manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur -Lehre, wie man dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und -Wunder der Welt. - -Und das ist schon _etwas_. - -Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle anderen -deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die Seele zu lösen -und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu langer Zeit aus einem -ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die sonst sicher sehr schönen -Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulen zum Schmuck und -zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das Mechanische darin, das -Unlebendige; und er meinte, auch das schlechteste Ölbild eines sehr -bescheidenen Malers gäbe den Kindern mehr als ein Druck, weil sie da -eine Idee davon bekommen können, wie solch ein Gemälde entsteht. Die -Kinder sehen die Pinselstriche, mit denen die Farbe und damit das Bild -auf die Leinwand getragen wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen, -welche genügend begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen -angeregt. Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der -technische Werdevorgang viel schwerer zu erkennen. - -Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den -lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und dem -Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren Fall -Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in Aquarell, -enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von dem innersten -Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß sie, mögen sie auch noch -so dürftig sein, für den Dilettanten selber viel bessere Schlüssel zur -Erweckung vergessener Eindrücke sind als Photographien. Die Engländer, -von denen wir noch manches lernen könnten, haben das Aquarellieren und -Zeichnen auf Wanderungen schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge -davon, wie ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten -seine nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer -jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, in eine -lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen Situation aus, in der -das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch Unvollkommene rief seinen -Erinnerungsschatz wach; und was er nun in Worten hinzufügte, gab uns -allen ein noch viel lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht -hätte. Ist nun aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen -mit Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so -werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten -aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle Tagebücher -dies vermöchten. - -Ich habe hier nur gegen die _Knipser_ geredet; gegen jene fatalen -Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. Dieser Tage fand -ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen ausgezeichneten Ausdruck -für Photographenapparat, einen wahren Kernschuß der Sprachreinigung: -»Die Strahlenfalle« nennen die Gesellen eines hannöverschen -Wanderbundes den Kodak ebenso bezeichnend als witzig! -- Wie wär's, -wenn man auch von den »Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute -gemeint wären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt -zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, die in der -Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen -verlernt haben. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel. - -Kirchbauna bei Cassel.] - -Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter Amateure. -Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, deren -Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer wieder neue -Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, sondern -auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses grenzenden Genuß -bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen Sinnen und mit zarten -Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« Photos ausgeht. -Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie der wandernden -Nurknipser, gegen jene Filmpest, die nur ein weiterer Schritt zu der -Entpersönlichung des Menschen und seiner Entwürdigung zum Maschinisten -einer Unzahl von wunderbar feinen technischen Apparaten ist, die ihm -aber nach und nach die Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch --- das Herz ersetzen. Und der ~Deus ex machina~ taugt auch auf diesem -Gebiete nichts. Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und du -_sollst_ dich nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen -Zeit der Fülle und der Helle entgegengehst! - - - - -Menschliches, Allzumenschliches. - -Aphorismen. - - -Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben mögen, und -sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den Nächsten mit einem -»Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, der und _nur der_ sein -zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit des Grußes muß der andere -aus deinen Augen verspüren. Alles das liegt jenseits von Geographie und -Dialekt. - - * * * * * - -Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon -- aber keine Wanderer und -keine -- Menschen. Und der Weg zum Menschen geht über das Wandern. - - * * * * * - -»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der Ordnung. Wenn -du im Übermut eines schönen Sommerabends in einen Garten einfällst und -von dem Blütenreichtum einige Rosen plünderst und im goldenen Schein -deiner Jünglingssehnsucht in jedes Mägdleins Augen, das aus einem -altmodischen Giebelfenster schaut, den Himmel siehst, dann ist's, -wie wenn ein Blitz nur leuchtet aber nicht trifft, wie wenn eine -Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, dir aber nicht auf den Kopf -fällt. _So, aber nicht anders_ soll dir ein jedes andere Städtchen -ein anderes Mädchen bescheren. Aber -- rühre nicht daran! Dann ist es -Glück! Und die Zeit ist nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am -Himmel und diesen selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht. - - * * * * * - -Auch die _Unbefangenheit_ hat ihre ewigen Grenzen, wenn nicht aus ihren -drei mittleren Silben ganz _verschämt_ etwas anderes werden soll. - - * * * * * - -Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen einem -Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den Versuch -machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren über »Ländliche -Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. Ob das Bäuerlein -diesen Genuß nicht allein haben wollte -- ich weiß es nicht. Jedenfalls -rief _er_ seinen zwei Knechten und sah sich unterdessen in der Scheuer -nach dem Nagel um, wo der Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen -Herren es vorzogen, ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen -und die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten? - - * * * * * - -Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, dann vergiß -das eine nicht: Immer hören es auch die anderen! - - * * * * * - -Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei jeder Blume, -deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen Namen und der Zahl -der Staubfäden beglücken will, dann laß den Mann allein mit seinem -Latein und schüttle seinen Staub von deinen Füßen. - - * * * * * - -Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen -Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann gibt er -nur ungern. Und _so lange_ muß dein Stolz _über_ deinem Magen sein. - - * * * * * - -Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden ist ein schöner -Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes Herumsausen für die -anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, schließlich selber -dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur Last fällst, dann gehört -das zum Altruismus, das ein Laster ist. - - * * * * * - -Nur nicht immer _erziehen_ wollen beim Wandern in Horden. Es ist schon -manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das Wandern verleidet -worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte. - -_Aber_ es gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller -süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden -Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks alle -hintereinanderhetzen können. - -Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da bedarf es -nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mit den _treuesten -Herzen_, aber auch mit den _kräftigsten Armen_ solch einen Knaben -hinter einem großen Busch einmal nach alter guter Sitte -- »erziehen«, -dann geschehen oft Zeichen und Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden -Fall, einen solchen »Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen -postwendend nach Hause zu schicken. - - * * * * * - -Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du die -Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die Blumen -liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie nachher -wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden liebst, dann sehe -nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie werden es dir danken und -sie desto eher ablegen. - - * * * * * - -Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei der -Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche Heringe -und mimen am Sonntag Wandersport. -- Da schlug ihn der Vater aller -Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, woran er schon -litt. Und je weniger er auf seinen Touren sah, desto »pyramidaler« und -»phänomenaler« kam ihm alles vor, besonders er aber sich selbst. - - * * * * * - -Hab nicht den Ehrgeiz, _beliebt_ zu sein. Die Beliebtheit ist immer die -Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern heruntergeworfen -wird; auch wenn er der Diensteifrigste der ganzen Schar war. Denn alle -merken bald, daß er nur aus Eitelkeit uneigennützig und aus Eigennutz -liebenswürdig war. - - * * * * * - -Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: morgens und abends -_einen_ Eßlöffel voll. Mehr bekömmt dir schlecht und den andern. - - * * * * * - -Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein Lokal -überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn du nicht -vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht weniger -beiträgst wie jeder andere. - - * * * * * - -Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte harmlos -im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößten Oberkörper in -Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu Hilfe kommen, rasch die -Jacke anziehen und auf die Bewunderung ihrer schönen Schultern und Arme -verzichten. Das wäre ritterlicher, wenn denn durchaus der Held markiert -werden muß. - - * * * * * - -Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften geben, -aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst tun. Das mögen -sich die jungen Wanderer merken, welche glauben, die sehr wichtigen -amtlichen Vorschriften jedes Landes über das Anzünden von offenen -Feuern nicht kennen zu brauchen. - - * * * * * - -Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr schlecht -bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen benutzt, um -an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, und machten das Schiff -ohne Erlaubnis los, weil wir sicher waren, es in kurzer Zeit wieder -zurückzubringen. Aber es verging ohne unsere Schuld ein ganzer Tag, -und wir kamen gerade dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher -Täter von dem Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns -gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung wie im -ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung gehabt wie -damals. - - * * * * * - -Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen von -Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann lasse -lieber das Reisen im Ausland. - - * * * * * - -Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. Aber die -Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die heute mit -Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen näher kommen, es -für -- unfein halten und mit der gelassenen Empörung der »Vornehmen« -wieder in ihren vier Wänden sitzen bleiben werden, weil ja heutzutage -»einfach alles, alles mögliche wandert«. - - - - -Menschen. - - -Drei Arten gibt's von _Menschen_, sagt der Koran: den Freund, den -Sanften und den Tapferen. Den einen erkennt man in der Not, den anderen -im Zorn, den dritten in der Gefahr. - -Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht. - - * * * * * - -Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee aufwärts, wo -der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat sich einer -den linken Fuß. Der Führer der Schar -- es waren Wandervögel --, ein -junger Mediziner, kurz vor dem Examen, stellte Sehnenzerreißung mit -starkem Bluterguß fest. Es war ein Tag voll von Glanz und Leuchten. -Der blanke Schild des Titlisgletschers winkte verlockend. Da kamen -zufällig Berufsführer von oben, die wollten den Verunglückten schon -hinunterbringen. Aber einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich -nicht abhalten, den Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte -er ihn, las ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier -nach Engelberg gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die -anderen ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten -die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten -Knochen hüten können -- 's war einfach ganz wundervoll da oben! So 'ne -Dämlichkeit!« - -Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. Was hätte er -auch sagen können? Das waren halt -- zwei Welten. - - * * * * * - -In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz war, wo -abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« -- so hieß er im »Pennal« --- unbedingt Zigaretten rauchen, um »in Stimmung zu kommen«. Der Koch -pumpte ihm die letzten Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle -zu verbrauchen. Denn die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer. -Der »Olympier« kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer -Stunde (seine Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein -Streichholz mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung -gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch die -betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten den ganzen -Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu machen, Zunder und -Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend der Kameraden gähnte nur -so vor Hunger. Nach einigen Minuten sah man nichts mehr vom Koch. »Der -hat sich wohl dünne gemacht!« meinten manche, die von der Geschichte -erfuhren. Aber gegen den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu -drohend. Aber als man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon -ein großes Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die -Erbswürste. Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes -Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem -geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter der -Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der Koch dem -Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun natürlich nötig -gewordenen Zigarette. - -Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts über -die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung -des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht angelegten -Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der Ordnung zu finden. -- -Aber von diesem Tage an rauchte er nicht mehr und wurde ein wenigstens -so tüchtiger und zuverlässiger Mensch, als es bei seiner Veranlagung -möglich war. - -Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen Trab -nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, hätte mich mal -kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine nicht mißzuverstehende -Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe weiter und fanden das auch ganz -in der Ordnung. - -Es waren eben -- zwei Welten. - - * * * * * - -Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern -einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden Dichter und -Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. Auf der Rückfahrt -bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während eines der dort ganz -unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme ziemlich hoch. Der Schiffmann -mahnte zur Ruhe. Als aber eine Welle den Boden des Bootes bis über -die Bretter füllte, womit der Kielraum überdeckt war, legte sich über -sein altes Landsknechtgesicht ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein -wenig verhaltene Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen, -harten Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu den -Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!« - -Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst der Lage, -weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer voneinander -entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das Boot sank bis an den -Rand ein. Da sprang einer der wenigen, die verstanden hatten, warum der -Schiffsknecht die Schuhe ausziehen sollte, der »lange Mann«, wie sein -Übername bei den Kameraden war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso -groß war wie seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit -der Hose bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum -Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig -Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war. - -Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens mit dem -malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n Luxus, langer -Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären ja die paar Meter -auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer sah zuerst den Sprecher -verächtlich und dann den Schwimmer mit einem Blick an, der weder seine -Bewunderung noch seine Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau -und sechs Kinder. - -Das waren eben auch -- zwei Welten. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verschönerungsverein -Altenburg i. S. - -Bäuerin aus Sachsen-Altenburg.] - - - - -Hinaus! - - -Ich kenne einen Mann, der sonst als leidlich friedvoller Mensch gilt. -Von Zeit zu Zeit aber wird er von etwas heimgesucht, das seine Leute -den »Zustand« nennen. Dieses Wort ist für die Kleinen wie für die -Großen im Hause so etwas ungefähr wie ein Sturmsignal. Alles rettet -sich, wenn auf den Stiegen die Kunde geht, der Vater habe seinen -»Zustand«. Selbst die Katze und der Hund ziehen sich dann in sichere -Winkel zurück, von denen niemand nichts weiß. - -Diesen Mann hatte es vor einigen Tagen wieder einmal gepackt. -Weshalb, das wußte kein Mensch. Schon um neun Uhr morgens hatte die -Kleinste das Unheil geahnt. Sehr besorgt hatte sie zum kleinen Bruder -gesagt: »Papa danz bös, Muckel dudu betommt!« Richtig brach auch bald -nach dieser Prophezeiung das Unwetter los. Drei Türen fielen kurz -nacheinander irgendwo im Haus so kräftig ins Schloß, wie das eigentlich -nur angesichts eines bevorstehenden Weltunterganges gerechtfertigt -wäre. Wie grollender Donner rollten einige unverständliche, -verschiedensprachige Bemerkungen, die wohl als Verwünschungen aufgefaßt -sein wollten, hintennach und verhallten hinter der zugehauenen Haustür -ungefährlich in der freien Luft. Im Hof stoben die Hühner wild -auseinander, und mit fliegenden Rockzipfeln verschwand der Zornige -durch die Hoftür. Mit gütigen und nachsichtigen Armen aber nahm die -Freiheit der Felder und Wälder den Rasenden auf wie einen Leidenden. -Und das war er wohl auch. - -Seltsam wurde ihm da draußen zumut, als er immer noch in der fliegenden -Hast des »Zustandes« langen Schritts die Landstraße hinab dem Wald -zuging. Es war ihm gerade, als ob er zum erstenmal nach Jahrzehnten -die Welt wieder erblickte. Das neue Brot des Jahres stand noch auf den -grünen, hohen Halmen, links und rechts vom Weg. Ein leiser Wind strich -über das grausilberne Ährenmeer hin, und die Kornfelder schlugen leise -Wellen, und alle Halme verneigten sich vor dem zornigen Manne. - -Drüben am Berg floß das glühende Gold der Ginstersträucher wie -ein Strom von Reichtum die Hänge herab. Am Himmel, ringsherum am -unendlichen Horizont, ruhten seltsame Wolkengebilde, feierliche, -spaßige, gewaltige, und dazwischen kleines Flutterzeug. Was war da nur -los? Fast wie eine Wolkenausstellung sah's aus. Wie wilde Anemonen -blühte draußen über der Ebene am Himmel ein Feld von weißen Wölkchen, -daneben ruhten majestätisch, wie die Staatsschimmel irgendeiner -hohen Gottheit, silberglänzende Wolkenballen, und andere noch heller -leuchtende und hoch aufgetürmte stiegen, schnaubenden Kriegsrossen -gleich, drohend am Himmel in die Höhe. Über den dunkeln Bergwäldern -schwenkten ganz langsam Wolken wie Luftschiffe, die gerade landen -wollten. Schlanke Zeppeline schwebten da, die immer noch wuchsen und -wer weiß was allerhand noch werden wollten, und dicke Parsevale. -Leuchtend blau wölbte sich die Himmelskuppel über der Erde. Die vollen -Saaten, zwischenhinein mit üppigen Bäumen durchstanden, taten gar -selbstbewußt in ihrer reifenden Schönheit unter der strahlenden Sonne. -Licht lag über der ganzen Welt, über den Bergen, über den stillen -Fluren und den raschen Bächen. Und während des Flüchtigen Schritt -immer ruhiger ward, klang durch die Stille eine stumme Verheißung von -Hoffnung und Leben und Glück. - -Das galt ihm; das wußte er. - -Er raste nicht mehr, sondern schaute verwundert um sich über die -langvergessene Herrlichkeit. Ein scharfer Beobachter drüben in den -Bauernhäusern hätte sogar entdecken können, wie er sich manchmal -verlegen hinter den Ohren kratzte. Und vor den braunen Hütten mit den -bemoosten Strohdächern hockten wie in der Hitze eingenickte Wächter -viele alte über und über in Blust stehende Holunderbüsche. - -»Wie schön, wie ganz wunderbar schön,« entfuhr es dem Manne mit dem -»Zustand« fast demütig. Er begann sich regelrecht zu schämen. Mit -jedem Schritt wurde er es immer mehr inne, daß er krank war. Nicht -gefährlich! Nur bücherkrank und stubenkrank! Die blaßvioletten -Skabiosen in den Wiesen mit ihren hübschen Blumenkörben verstanden -auch, wie's um ihn stand, und die herrlichen goldgelben Sterne des -Ziegenbarts wußten es so gut wie die weißen Dolden und roten Rispen -und die blauen Glocken und die braunen Wiesenknöpfe, was mit ihm los -war. Sie hatten schon alle lachen wollen über den sonderbaren Menschen, -denn sie waren übermütig, weil alle Wiesen so herrlich im Pfingstglanz -leuchteten, und der da aussah, als hätte er die ganze Zeit auf dem -Mond gelebt, wo es erwiesenermaßen nichts mehr gibt, als griesgrämige -Berge, die keine Feuer mehr spucken und auch keine Blumen auf ihren -ausgemergelten Felsrippen mehr wachsen lassen konnten. Aber als die -Butterblumen und die Ziegenbärte eben verächtlich lachen wollten, da -kam auf einmal der Wind vor dem stubenkranken Wanderer her und fuhr all -den Gräsern und Kräutern über die übermütigen Köpfe, daß sie sich ganz -bescheiden vor ihm neigten, und sagte: - -»Wie könnt ihr nur? Das ist doch einer von denen, die über uns Bücher -schreiben müssen!« - -Da schämten sich die Wiesenblumen; denn so viel wußten sie wenigstens, -daß man beim Bücherschreiben, auch über die Blumen und über die Wolken -und die Bäche und die Bäume und den Wind, in der Stube sitzen muß, wo -es das alles nicht gibt. - -Der Mann aber, der zuletzt nur noch ganz langsam gegangen und oft -stehen geblieben war, um mit durstigen Augen all den bunten Glanz und -all das ruhige Glück sonniger Farbenstille in seine verstaubte Seele -hineinzutrinken, fing auf einmal von neuem an zu laufen. Nicht mehr aus -Zorn. O nein! Er spürte nun, daß er wieder lebte, lebte _in_ der Welt -und _mit_ der Welt, und die Welt in _ihm_. Er fing an zu singen und zu -springen. Wie lange, das wußte er selber nicht. Aber plötzlich stand -er wieder vor der Tür seines Hauses mit einem mächtigen Strauß aus -Feld- und Waldblumen in der Hand, und er wunderte sich sehr, daß ihm -sein Weib lächelnd entgegentrat, den Strauß mit wenigen, guten Worten -bewunderte und sonst tat, als ob gar nichts gewesen wäre. - -Was war denn überhaupt geschehen? - -Er hatte nur noch ein dumpfes Gefühl einer wüsten, langen -Gefangenschaft in dunkeln Räumen, einer barbarischen Trennung von -Licht und Welt und Sonne und Schönheit. Und als er wieder in seinem -Bücherkerker angekommen war, da wußte er, was ihm gefehlt hatte. - -Von da an ging alles wieder gut im Haus, denn jeden Tag besuchte man -mit dem Vater die Holunderbüsche und den Wald und den Bach und die -Wolken und überhaupt alles da draußen vor dem Gartenhag, was so schön -ist. - -Und daß dieser Mann, der ein guter Bekannter von mir war, je einmal -den »Zustand« hatte, das ist nun wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und -wenn es wieder kommen will und er fragt bei uns um unsere Meinung, dann -wird die Parole gegen den Erzfeind aller Stubenhocker, den Sorgengeist, -ausgegeben. Die Großen und die Kleinen und die Kleinsten werden in die -gute Stube gerufen, ich setze mich ans Klavier, und der böse Geist -fährt aus unter den Klängen des Liedes: - - Hinaus in die Ferne! - Hinaus in die Freiheit, in die Sonne, ins Leben! - -[Illustration: Phot. *** - -Das Schondratal, ein Seitental der Fränkischen Saale.] - - - - -An die jungen Männer. - - -Es braust in den Lüften von Pfingststürmen. Welcher junge Mann hätte -es noch nicht verspürt, sei er Student, Arbeiter, Kaufmann oder -Kanzlist, der es ernst nimmt mit dem Leben, das tiefe Erbeben, unter -dem unser ganzes Leben, das des einzelnen wie das der Familie, das des -Staates wie das der Völkerbünde erzittert? Die Zukunft des deutschen -Volkes -- und das geht uns zunächst an! -- hat im Hochofen des 20. -Jahrhunderts schon fast die Weißglut erreicht, und es braucht _Männer_, -um das Schmelzgut ohne Gefahren und Verluste in Formen zu fassen. -_Ganze_, _reine_, _tapfere_ und _treue Männer_ braucht es! Unter -ihrem Brusttuch muß das Herz der neuen Zeit schlagen, das dem hohen -Blutdruck eines intensiveren Lebens gewachsen ist und zugleich über die -für unzeitgemäß tiefe Empfindungen unentbehrlichen Nerven verfügt. Es -braucht _überall_, in jedem Feldlager der neuen Geisteskämpfe, Männer -mit kühnen Stirnen, hellen Augen und nüchternen Gehirnen. - -Aber erst die nächste Generation, wenn nicht erst die unserer Enkel, -wird die Entscheidungsschlachten zu schlagen haben. Zu dem zähen Körper -und dem hellen Geist, deren es dazu bedarf, _kann das Wandern helfen_! -Es _kann_, wenn es in keine neue »Meierei« ausartet. Aber es _muß_ es -nicht. Die Befreiungskriege im Anfang des letzten Jahrhunderts haben -eine gestählte Jugend vorgefunden, ohne daß man vom »Wandersport« eine -Ahnung hatte. Denn auch das Wandern ist kein Allerweltsheilmittel -gegen jene inneren Schwären, die zur Bewältigung großer Aufgaben -unfähig machen, kein unfehlbares Mittel gegen Verweichlichung, -Unwahrhaftigkeit und -- in höherem Sinne genommen -- Unsauberkeit. Und -doch wird gerade das Wandern eines der ersten Mittel sein zur Erringung -jener Eigenschaften, die das Wesen eines jungen Mannes, _wie er sein -soll_, ausmachen. An deren Eroberung muß jeder, der sich selbst nicht -gut genug ist, das ganze Feuer seiner Seele und die ungeschwächte -Zähigkeit seines Willens setzen. _Gut sein, wahrhaftig sein, rein -sein, stark sein!_ Das ist's! Wer das hat, der wird nicht unterliegen! -Und zwar kommt es gerade auf eben _diese Reihenfolge_ der genannten -Eigenschaften an; denn eine ist dabei die natürliche Ursache der -anderen. - -[Illustration: Tafel VII - -H. Dopfer phot. - -Frühjahr im Dachstein] - -[Illustration: Wehrli, A.-G., phot. - -Am Untersee] - -Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne -und »lebensverneinende« Programm. Aber -- abgesehen davon, daß es -_lebensbejahend_ im höchsten Sinne ist! -- weiß ich auch ein -anderes: Manche _haben_ das schon fertiggebracht! Junge Männer bis -in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele andere werden nicht -anders _können_, als entschlossen zu nicken zu diesem stillen Aufruf: -_Freiwillige vor!_ Und diese werden ohne Anmeldung und ohne Uniform -der Welt dem All, oder wie sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr -junges Leben zur Verfügung stellen. - -Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden sie am ehesten -finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn das erste Morgenlicht -durch die Bäume in den zerzausten Rasen des Waldes fliegt oder beim -Wandern im roten Mittagszauber der Heide oder wenn ein herber Wind am -Abend über sonnenumspielte purpurne Kuppen streicht -- oder überall wo -»der Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der _Natur_, -die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »~Natura sive deus~«. - -Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige Krieg um innere -Größe, Reinheit und Stärke beginnen: - - Vom Grund bis zu den Gipfeln, - So weit man sehen kann, - Jetzt blüht's in allen Wipfeln, - Nun geht das Wandern an: - - Und die im Tal verderben - In trüber Sorgen Haft, - Der Dichter möcht sie werben - Zu dieser Wanderschaft. - - Da wird die Welt so munter - Und nimmt die Reiseschuh, - Sein Liebchen mitten drunter, - Die nickt ihm heimlich zu. - - Und über Felsenwände - Und auf dem grünen Plan, - Das wirbt und jauchzt ohn' Ende -- - Nun geht das Wandern an! - - (Eichendorff.) - - - - -An die jungen Mädchen. - - -Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch mit der -gebührenden Höflichkeit einiges Besondere: - -Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden oder auch in -kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur schwer sagen. Das ist -immer eine _reine Personenfrage_. Auch haben, seitdem die Welt steht, -alle jungen Menschenkinder verschiedenen Geschlechtes, welche der Mai -des Lebens zusammenführte, auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern -und sogar ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es -verstanden, ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in -der verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen und -Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe beglückt -fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als Normalzustand läßt, -nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation haben, doch auch bei -unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken aufkommen. - -Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen sei -(abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«, -wie sie das diskret nannten) _hordenweise_ nicht gut wandern. Die -Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen Satz eines der -jungen Kameraden, der mir frisch und unbefangen seine Meinung sagte, -zusammenbringen: »Nämlich, man befindet sich fortwährend auf einem -schmalen Grat mit den Mädels. Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß -sie sich durch gänzliche Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in -ihren Pflichten mit den Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund -auf der anderen Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die -Mädels durch das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt -werden, und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei -es der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach -fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß es -absolut noch mehr sein müßte!« - -So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens dazumal -Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und überall geliebt als -ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz seiner jungen Jahre. -Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen in dieser Richtung. Aber ich -halte mich immer daran, daß noch jeder tüchtige junge Kerl, dem es -später wahrhaftig an Eroberungen nicht fehlte, sich immer _gegen_ das -Zusammenwandern von »Mädels und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig -Frühreifen und die »Schmachter«, die später, wie damals schon, von -der Weiblichkeit nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für -»moderne Auffassung« und fürs Zusammenwandern. - -Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen Begebenheit -für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer noch das parlanische -»~Mulier taceat in ecclesia~«, das nur in der konzentrierten -lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der Frauenrechte -auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau zu allen dem Mann -zugänglichen Ständen. Man muß alles _probieren_. Aber die Entwicklung -in den Wandervereinen, wo manchmal auch junge Mädchen offizielle -Mitglieder sind, spricht sehr _für_ den Apostel Paulus. - -Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder -eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«, -den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu -gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten -hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit über die -Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der Neuerung eine -Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. Da griff eine kluge -alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie sollten die »Mädels« -an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber ohne Stimm- und Rederecht. -Der Erfolg war ein solcher Wetteifer der jungen Männer um kurzes, -sachliches und treffendes Sprechen angesichts der Damen, daß alles -Geschäftliche in längstens einer Stunde erledigt und besser erledigt -war als früher. - -Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die -Tatsache spricht -- wie man wohl etwas übertrieben sagt -- Bände. - - - - -Von Wiesen und Bäumen. - - -Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit einigen -Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer durchstreifte, -kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen zu meinen Lesern, daß -sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem großen liebenswürdigen Manne -von Assisi selbst vordringen, zu diesem sonderbaren Heiligen, der nicht -nur mit den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden -sprach und die Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete, -wenn es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr mit -Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt vorkommen. Es -ist es auch, wenn man daraus eine schwüle Gefühlsschwärmerei macht, -die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, aber unterdrückte Triebe -ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Verhältnis zwischen Natur -und Mensch, und wenn es nicht der holländische Brillenschleifer und -Mathematiker Spinoza gehabt hätte, dann wäre es ihm nicht möglich -gewesen, in der Natur Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch -äußere Hüllen hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in -dem gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf -dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch mehr als -das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen heimlichen Jüngern -des Franz von Umbrien gehört auch der junge deutsch-amerikanische -Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft sagen sollte, wie er -über die Religion denke, und darauf die allgemein für dumm gehaltene -Antwort gab: »~Well~, wenn ich spazierengehe und ich möchte eine Blume -pflücken, tue es aber nicht, weil ich gut zu ihr fühle und spüre, daß -sie auch möchte geliebt sein und Samen bringen, ~well~, das ist ~my -religion~!« - -[Illustration: Phot. B. Haldy. - -Margareten.] - -Deutsch schwach, aber Religion zweifellos gut. - -Und ich kenne noch so einen. In dessen Tagebuch vom vorigen Frühjahr -ist zu lesen: Es will wieder Frühling werden, und ich gehe jeden -Morgen von meinem Dorf den Weg zu den nächsten Hügeln hinauf. Links -und rechts vom Weg auf den Äckern und Wiesen steht alles voll von -Obstbäumen, keiner ist wie der andere. Die Kirschbäume gleichen sich -noch am meisten. Aber die Birnbäume, das ist ein Baumvolk von Riesen -und Zwergen, Krummen und Buckligen, Übermütigen und Melancholikern. Die -zwischendrin versteckten kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie -fahren mit ihren eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen -in der Luft herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor -Leichtsinn und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume. -Aber auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu -früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr für die -Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume ist. Überhaupt -sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem Ausschlagen, am -besten an, was sie wirklich sind. In den Formen und Linien des kahlen -Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, kommt ihr ganzes Temperament -zum Ausdruck. Viele stehen da in strotzender Kraft, während andere ihr -verfehltes Leben im ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an, -wie sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt -haben, und manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht -ängstlich da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum -verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum empor -wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen Hügel und -gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, frohe Art, -wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige mit einer gewissen -Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. Kein bißchen Moos -war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige verästelten sich zu -Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie frohe Erwartung lag über der -gesunden Gestalt dieses Baumes, und das grüngestrichene Bänkchen neben -seinem Stamm schien ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu -dürfen. Als alle anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines -schönen Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt, -und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen aufgegangen. Es -war kein Zweifel, er würde der erste sein, der im Lande blühte. Am -gleichen Abend zeigte er schon seine ersten weißgrünen Knospen. Eines -Morgens stand er im Brautstaat da. - -Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß der -Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. Aber ich -will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer deutscher -Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht weit von dem -Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die hoheitsvolle, -tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man meint, nur Dichter und Maler -und derlei überspannte Leute glaubten an solche Dinge, so weiß ich -einen berühmten Musiker, der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen -ein direktes Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es -sich um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte ... Nur wenige -unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die Bergheiden und -Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor dem _Besitz_ des Bauern und -hausen in dieser Richtung oft wie die Tiere. Aber noch weniger Menschen -gibt es, die nicht nur aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer -heiligen Achtung vor einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es -nur Pflanzenleben ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den -Rasen der Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können. - -Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich eine -Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. Daß man -auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht ohne -weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend mit -dem, was Goethe immer wieder das Schauen nannte. - -Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine breite -Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen Sterne der -Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der Skabiosen, -die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden Bergblumen, -ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die Grasspitzen in -die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen Teppich, fast am Boden, -bietet der rote Klee den summenden Bienen und Hummeln verborgene -Liebeslager dar. Aber alles das sieht der Wanderer nicht nacheinander, -sondern zugleich. Daß die Sonne hinter seinem Rücken steht und die -eigentliche Veranlassung dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen -Grasgemächern hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und -die stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm -gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt in -Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, und ihm ist -auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des Daseins, wo es -keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. Das mag ungefähr -der Marschendichter Allmers empfunden haben, als er das wunderbare Lied -wie von unsichtbaren Elfen ins Ohr gesagt bekam: - - »Ich ruhte still im hohen, grünen Gras - Und sende lange meinen Blick nach oben; - Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß, - Von Himmelsbläue wundersam umwoben. - - Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin - Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume. - Mir ist, als ob ich längst gestorben bin, - Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.« - - - - -Vom Wald. - - -Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten Willen -nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und Botaniker -genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlich erklären könnten, -daß der Wald immer eine Ansammlung von dicht beieinander stehenden -Bäumen aller möglichen Arten sei; einige gelehrte Männer sind sogar -dahintergekommen, daß der Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit -bestimmten Gesetzen ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der -feindlichen Heide führt, die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden -von bedürfnislosen Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den -mächtigsten Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und -schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter dem -unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren Wurzeln auf eine -listige Art -- durch Bodenverfilzung -- Wasser, Licht und Luft entzieht. - -Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im -Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, der -den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all dies -erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche -- -_Walden_. - -Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab warnen vor -der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist. - -Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter Millionen -geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen Art, -nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen konnte. Aber wirklich -gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das hat z. B. Richard -Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert Takten im Siegfried, -im »Waldweben«, wo der junge Siegfried auf einmal die Stimmen der -Waldvögel versteht und das ganze geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern -und Blätterrauschen. _Gemalt_ hat den Wald eigentlich nur Moritz v. -Schwind, dann und wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma. -Es gibt ja viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die -Baumstämme und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt -sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, auch in -der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, das zu uns reden -kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; vor dem einem aber auch -manchmal etwas wie Angst in die Kehle steigt, weil man es gerade in -diesem Augenblick unaussprechlich klar empfindet, daß man noch lange -nicht ein ordentlicher Mensch geworden ist. Ich meine, der wirklich -ordentliche Mensch, den zu werden man sich heimlich vornahm, als man so -zwischen vierzehn und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden -wollte. - -Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im Grunde nur -Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit und stiller Größe, -an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im deutschen Wald -lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, die in allen Dingen -schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen Waldes zu sagen -vermocht. - -Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes -Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen mußten, wenn sie -ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife ich ganz ohne Nachdenken. -Das Gescheiteste war es schon nicht, als Fridolin vom Oberrhein und -andere Bekehrer zum Umhauen der alten Eichen und Taxusbäume ihre -Zuflucht nehmen mußten, um sich in Ansehen zu setzen. - -Einmal -- vor bald zehn Jahren -- da sind wir zu fünft durch den -Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den lichtgrünen -Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die Sonnenstrahlen, die -durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk der Baumkronen heimliche -Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen Unsinn mit dem wenigen -Schmuck, den die zwei mitwandernden Frauen am Hals oder an den Fingern -trugen. Nahgerückte Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende, -lichte Glück des sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen -hindurch schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten, -in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, den die -Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal sicher! Ein wenig -warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte das Glück zwischen den -Schatten der alten Buchen und Eichen mit uns, ohne uns einmal aus den -Augen zu lassen, und keines von uns fünf wagte während der seltsamen -zwei Stunden mit einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen -Waldes zu stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das -siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das behagliche -Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen wir mit frohen, -wissenden, segnenden Augen -- aber wir wollten nichts für uns selbst. - -Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas gewußt vom -Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den kreisenden Aureolen -des Sonnenlichts und aus der Finsternis, die mit tausend Augen in der -Nacht zwischen den Stämmen in der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle -Land, gewebt aus dem beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der -stummen, unbeweglichen Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm -und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; denn an ihrer -gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen. - -Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es in den Märchen -von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des Glücks gibt, in denen ein -richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen brauchte, um in einer Sekunde -von Kopenhagen nach Konstantinopel zu kommen, warum soll es heute, -nach tausend weiteren Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen -- -des Herzens geben, mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse -und Wunder des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz -unverdienterweise! - -[Illustration: Phot. Prof. ~Dr.~ Hausrath. - -Mittagsstille im Wald.] - - - - -Von der Heide, der Marsch und der Geest. - - -Wer den Drang in sich fühlt, einmal ohne Überschreitung der deutschen -Grenze etwas Grundanderes zu sehen als ruhevolles Mittelgebirge, -schöne deutsche Laubwälder, stille, grünende Matten mit dem eintönigen -Leben von Bauern, die gerade ihr Leben noch fristen können; wer einmal -die Antithese zu den Wiesen und Bäumen und süddeutschen Binnenseen -des vorhergehenden Abschnittes erleben will, der wandere von einer -der schönen mitteldeutschen Städte wie Braunschweig oder Lüneburg -durch die Heide hinab an die Geest und hinab an die Marsch. Dieses -Hinab mißt bloß einige Meter Unterschied in der Meereshöhe, und doch -sind diese wenigen Meter entscheidend für den ganzen von Grund aus -anderen Charakter der Landschaft, wie sie an der Waterkant, immer -noch unentdeckt von den Landratten, mit allen ihren großen, herben -Wundern liegt. Besonders die Deichlandschaft der Niederelbe, die sich -wie ein Kranz künstlicher Seen um Hamburg herumschließt, ist ein noch -unentdecktes Reich. Dort ist das große Meertor von Deutschland, durch -das man hindurchsieht auf die Welt außerhalb unseres kleinen Europa, -auf Amerika, Asien, Afrika, Australien, von denen die richtigen Jungens -der berühmten Fischerdörfer an der Niederelbe reden, so wie wir in der -südwestdeutschen Ecke von Frankfurt oder Berlin. - -[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel. - -Frau aus der südl. Lüneburger Heide.] - -Die paar Monate, die ich da oben zugebracht habe, hätten nicht -genügt, um mich in diese wesensverschiedene Welt einzuweihen, wenn -nicht mancher Schleier gelüftet und manches Rätsel gelöst worden wäre -durch ein Werk, das ich jedem nach wirklichem, tiefem Erfassen jenes -herrlichen Landstreifens Verlangendem an der Nordsee nicht dringend -genug empfehlen kann, nämlich Professor ~Dr.~ Lindes »Niederelbe«. -Dort schaffen elementar einfache Linien der Natur, ein wirklich noch -urwüchsiges und scheu auf sich selbst zurückgezogenes Volkstum, das in -ständig wogenden Wasserschleiern webende Sonnenlicht und nicht zuletzt -einen architektonisch hoch entwickelten bäuerlichen Kunstsinn, eine -Welt ganz für sich -- eine Welt, zu der die Entdeckungen der Worpsweder -Maler in der Bremer Heide für die große Öffentlichkeit nur ein winziges -Schrittchen bedeutet. - -Unter den deutschen Heiden ist die lüneburgische die größte. Die -stille Schönheit dieser unfruchtbaren Wüste ist bis jetzt weder von -einem Maler noch von einem Dichter auch nur annähernd dem Bewußtsein -der Bewohner Süd- und Mitteldeutschlands nahegebracht worden. Die in -rosaroter Abendglut brennende Heidewildnis mit dem braunen Uferrand der -Torfmoore, die unsagbar große Einsamkeit, die von Horizont zu Horizont -geht und höchstens einmal durchschauert wird vom verlorenen Echo der -Dampfsirenen großer Weser- oder Elbeschiffe; die einsamen »Ahlen«, die -sich aus dem Moor oder aus der Heide wie flache Schildbuckel erheben -und mit einem rauchgeschwärzten, strohbedachten Heidehaus gekrönt sind, -und die Menschen der Heide, die von dem dürftigen Kornwuchs leben, den -die Stückchen urbar gemachtes Land widerwillig hergeben; von alledem -haben wir Wanderer des Südens keinen Begriff. - -[Illustration: Phot. W. Noelle. - -Fahrstraße in der östlichen Lüneburger Heide.] - -Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren machtvolle -Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten Gestalten -der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma der Armut erhält, -versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, feuchten Wiesenboden -der Marsch große Herden von schwarzen Rindern weidend langsam -vorwärts bewegen; wo überall Zäune und Tore, die oft wahre ländliche -Prunkpforten sind, den Grundbesitz der Marschbauern abgrenzen. Die in -großzügigen Formen gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen -Tönen ist oft in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren -und kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern von -Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen graugelber -Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen Erikafeldern und -aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet den heimeligen -Zauber eines mit köstlichem Holzwerk gezierten und von Schutzbäumen -gegen den Sturm umstandenen Altländerhauses sieht, dann beginnt -das Paradies der Elblande. -- Die Fußwanderungen an der Niederelbe -sind stählend für den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres, -sie bereichern die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach -genialer Abwechslung entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd -gelben Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast -Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von -schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen Wolken -großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und alle diese -Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer an der Unterelbe -weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz der Rheinebene. Sonst -könnte er nicht von dem dunkeln, vom Sturm mit rollenden Wogen -übersäten Strom, der dort schon breit ist wie ein Meerarm, das -wunderbare Wort prägen: »Dee Els (Elbe) geiht in Hemdsärmeln.« - -[Illustration: Phot. Albert Angelbeck. - -Sturm an der »Wasserkante«.] - -Das sind nur die allergröbsten Geheimnisse. Wenn man aber einmal -dahintergerät, wie der durch Schilfwildnis ziehende Strom eigentlich -aus zwei sich ständig bekämpfenden Flüssen besteht, nämlich dem aus -dem Lande kommenden Süßwasserfluß und dem durch den Pulsschlag des -Meeres bis hinauf nach Hamburg getriebenen Salzstrom, und daß z. B. -das harmlos erscheinende Süßwasser leicht obenauf schwimmt, aus Ufer -Fluß macht, während das Salzwasser das verschlungene Gut wieder an -anderen Stellen anschwemmt, dann bekommt dieser Strom etwas von -bewußt wirkendem und schaffendem Leben. Die unzähligen dunkeln Ewer -mit ihren tiefroten und braunen Segeln, die herrlichen Fünfmaster, -die noch wirkliche Schiffe sind im Gegensatz zu den gigantischen und -uneleganten Kästen, den aus drei und vier Schornsteinen rauchenden -Ozeandampfern, die dicken, plumpen Schlepper, die Bernhardiner der -Elbe, wie sie genannt werden, die die auf Sandbänken festgefahrenen -Ozeandampfer von der Gefahr des Strandens zu retten haben, und -schließlich die kleinen, in der Schilfwildnis liegenden Krabbenboote, -auf denen die Fischer an offenen Feuern ihr Mittagsmahl kochen, alles -das sieht sich dann an wie eine leicht gefällige Last, die der breite -Strom gutmütig und willig flußab oder flußauf trägt, je nachdem die -Ebbe oder die Flut eingesetzt hat. Und dann noch die zahllosen, uns -Landratten unbekannten Idylle von weidenden Schafen, Ziegen und Rindern -zwischen hängenden Fischernetzen; das hell lachende, herbfrohe Leben -der Dorfjugend auf den weißgestrichenen Bänken vor den Marschhöfen, in -denen innen und außen alles von einer geradezu holländischen Sauberkeit -ist; die ungeheuern Unterschiede zwischen den Erwerbszweigen ganz nahe -beieinander liegender Landstrecken, z. B. der hochentwickelte Gemüse- -und Obstbau des alten Landes und die berühmte Viehzucht der Vierlande; -dann das glitzernde Leben im Winter, wo jung und alt auf den gefrorenen -Fleten Schlittschuh läuft und die Elbe mit Grundeis geht, als ob lange -Ketten aus großen Silberperlen mit der Ebbe oder der Flut stromab und -stromauf getrieben würden! Alles das ist eine Welt voll so frischer -Urwüchsigkeit, daß man es begreifen kann, wenn die Hamburger die Mark -und Berlin ihr Hinterland nennen und die Hoffnung haben, daß aus dieser -fast ungeschmälerten Kraft einmal das größte Gemeinwesen des Deutschen -Reiches emporwachsen werde. - -Es ist einerlei, ob das so sein wird oder nicht (denn der Hamburger -und der Marschbauer neigen von Natur zum Größengefühl). Aber wenn man -mich fragen würde, was es außer dem Schwarzwald mit seinen verborgenen -Bergwundern landschaftlich noch Unerhörtes und nicht zu Übersehendes -in Deutschland gäbe, dann würde ich in der ganzen Ehrlichkeit meines -beschränkten Schwarzwaldpartikularismus sagen, nach dem Schwarzwald -komme zu allererst die Waterkant in Betracht, d. h. das Land der -Marsch, der Geest und der Heide. - - - - -Wie man Städte ansehen soll. - - -[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting. - -Altes Portal in Rothenburg o. d. T.] - -Im Schlendern! Ohne Baedeker oder sonstige Führer, die einen mit und -ohne Stern zu den berühmten Kirchen, sehenswerten Profanbauten und -nicht zu übersehenden Denkmälern geleiten. Das größte Übel beim Besehen -der Städte ist der _Zeitgeiz_. Die meisten Wanderer leiden an der -Zwangsvorstellung, »alles« gesehen haben zu müssen. Sie empfinden es -fast wie eine Gewissenlosigkeit, wenn sie etwas auslassen. Das sind die -Sklaven der Kataloge. Wenn sie sich Nürnberg besehen, dann sind sie -vorschriftsmäßig von elf bis zwölf im Bratwurstglöckle, bis zwei auf -der Burg und bis vier Uhr im Germanischen Museum. An Leib und Seele -gerädert, suchen sie dann ihrer Aufnahmefähigkeit durch einige Schoppen -in den historisch geheiligten Winkeln des »Posthorns« oder »so wo« -aufzuhelfen, was aber zumeist programmwidrig ist. - -Wer aber auf gut Glück die Straßen der alten Städte durchwandert, der -empfindet auch das Glück aller ersten Entdecker! Es kann ihm nicht viel -entgehen, wenn er mit hellen Augen zwei Tage lang den großen und einen -Tag den kleinen Städten widmet. Aber wenn er so ganz zufällig, sagen -wir, in Bremen sich auf einmal dem steinernen Roland gegenüber sieht -und ganz ohne vorhergehendes Studium historischer oder künstlerischer -Randglossen zu diesem ebenso merkwürdigen wie wundersamen Denkmal das -kindlich freundliche Lächeln des unerschrockenen Helden der deutschen -Sage auf sich wirken läßt, dann vergißt er diesen Eindruck nicht mehr -so leicht. Ob er dabei den Stil des Kunstwerks für spätromanisch -oder frühgotisch hielt, das tut nichts zur Sache. Er hat den Roland -von Bremen einfach erlebt und hat tausendmal mehr von ihm als ein -anderer, der sich zuerst kunsthistorisch unterrichtete, um sich vor -den Kameraden beim Besuch der Statue »nicht zu blamieren«. Der Bock, -den jener mit der falschen Stilzuteilung geschossen, ist lange nicht -so schlimm als das anempfundene und fremdem Wissen entwendete richtige -Stilgefühl des klugen Alleswissers. - -Also lieber eine kraftvolle Dummheit als ein schwächliches Prunken mit -unredlichen Kenntnissen. Denn es gibt nur _eine_ Art von redlichen -Kenntnissen, die _erlebten_, oder um mich chemisch-biologisch -auszudrücken, die assimilierten Kenntnisse. - -[Illustration: Phot. H. Jost. - -Rathaus in Michelstadt im Odenwald.] - -Kein Wanderer wird es als Abfall und als Untreue von seinen -eigentlichen Zielen empfinden, wenn er sich einmal aus ganzem Herzen -freut, in der Ferne die grünleuchtenden Kupfertürme einer großen, mit -altem und doch noch lebendigem Bauwerk gesegneten Stadt zu erblicken -und das Heulager in Bauernscheunen mit dem sauberen Bett eines -einfachen Gasthauses zu vertauschen. Wer das bestreitet, der prahlt. -Man muß nur einmal die komisch feierliche Eßlust gesehen haben, mit -der eine Schar von Wandervögeln, die ein freigebiger Gönner zu einem -regelrechten Gasthofmahl eingeladen hat, sich ihrer Aufgabe entledigen. -Wer das einmal neidlos zu sehen bekam, der begreift, daß auch beim -Wandern allein der Wechsel erfreut, und daß ständiges Traben in der -Ebene ebenso langweilig wird wie die immer sich gleichbleibenden -Lagergerichte aus irgendeinem Wandererkochbuche. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Aus Tangermünde.] - -Wenn du also, Wandersmann, nach einem guten Imbiß und einer köstlichen -Nacht in einem kühlen, frischen Bett deinen Rucksack in irgendeinem -sicheren Verlies aufgehoben weißt, dann schlendere unbeschwert durch -die Straßen, schließe immer nur wenige, aber tiefe Freundschaften mit -dem Schönsten, was dir von schönen Häusern und feinen Bildnissen, -himmelhohen Domen und trotzigen Burgen dein Herz gefangennimmt. Es -ist dabei einerlei, ob deine Liebe der geistvoll und fast frivol -lächelnden »Fraue Welt« gilt, die am Münster von Basel hoch über dem -Rhein ihr Busentuch lüftet, oder dem treuherzig dummen Ritter Georg -am Dom von Bamberg, der, steif im hölzernen Sattel sitzend, mit der -Unerschütterlichkeit eines Parsivals den Drachen absticht, wie wenn es -sich um ein Ferkel handelte; oder ob dir die Madonna von Nürnberg in -der wellenhaft aufsteigenden Andacht ihres Gewandes und der beglückt -dankenden Reinheit ihrer gefalteten Hände dein Herz erbeben ließ, oder -ob du die Augen nicht wenden konntest von dem zierlichen Gitterwerk des -Meisters, der aus roten Quadern in der kühnen Pyramide des Freiburger -Münsters einen wunderbar lichten Dank für alle Herrlichkeit der Erde -dem Himmel entgegenbaute. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Touristenverein Hannover. - -Hannöversches Dorfbild.] - -Sei also immer Herr deiner Zeit und nicht ihr Sklave! Du darfst sie -auch dann und wann souverän _verschwenden_! Denn wenn du z. B. in -Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den Reiterstandbildern -der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von den Bildern des Paolo -von Verona gesehen hast, weil es dich immer wieder nach dem alten -Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo der Zypressenwald steht und -wo du den schönsten Blick auf den farbigen und zugleich kriegerisch -drohenden Zauber der Stadt Dietrichs von Berne genießest, so hast du -doch mehr von Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen -haben und doch nichts. - -[Illustration: Phot. Heinrich Jost. - -Deutsches Städtchen.] - -Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu -geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der -deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches -Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen -und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in -einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich -wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues -und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten -verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem -Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln, -murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen -sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der -Bewohner einer Stadt. Er _erlebt_ die Stadt. Er wird sich im Innersten -bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch -gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus -schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur -hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die -vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu -fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede -war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist -der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre ~Sermons in -stone~ gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch -und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer -sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem -Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des -Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen -Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und -Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht -erwehren können, am wenigsten entbehren. - -[Illustration: Phot. Ferrars, Freiburg i. Br. - -Im Freiburger Münster.] - - - - -Die deutschen Lande. - - -Wir müssen uns das Paradies selber bauen in der nordischen Heimat -- -schreibt Hermann Hesse von seiner Ceylonreise. Diese Heimat ist das -Deutschland, wo -- um unbescheiden bei der eigenen Heimat anzufangen --- der Rhein einen zärtlichen Ellenbogen um ein herbes Bergland macht, -um ein Land einfacher Linien, aber auch voll grüner Waldverworrenheit -und gesegnet mit einer Ruhe, die nicht erschlafft, sondern ermuntert zu -tätigem Leben. Daneben lebt auf einer Hochebene das Volk der Sueven, -die gerade nicht darauf erpicht sind, ihrem Namen (die Sanften) -_unter allen Umständen_ Ehre zu machen, die aber zwischen eintönigen, -von schmalen Flüssen durchwundenen Rebbergen und in alten feinen -Städten, angefüllt von dem eigensinnigen Formen- und Farbengeschmack -der Schwaben, ein Leben voll rüstiger Ehrlichkeit und geschmeidiger -Klugheit führen. Das deutliche Selbstbewußtsein, dem deutschen -Vaterland eine nicht geringe Zahl von Männern geschenkt zu haben, deren -Name lange nicht mit ihrem Todestag verschwand, fehlt ihnen dabei nicht. - -[Illustration: Phot. E. Braun. - -Hochtal im Schwarzwald.] - -Weiter dem Osten zu, auf einer noch rauheren Hochebene, haben die -markomannischen Fäuste und die glaubensstarken Köpfe der Oberbayern -nicht verhindern können, daß dort ein sonderbares Großstadtgebilde -aufblühte, in dem neben einem angeborenen Sinn für Darstellung eine -große Zahl von Männern und Frauen in zähem Lebenskampf hochwertige -Kulturarbeit leistet, und zwar von solcher Bedeutung, daß die -»Kunstmetropole des Südens« den Namen eines modernen »Capua« leicht auf -die Achsel nehmen kann. Durch den blauen Alpenkranz, der sich um die -Stadt schlingt, kommt Deutschland auch noch in die Reihe jener Staaten, -die nicht ohne den Diademschmuck ewigen Schnees geblieben sind. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel. - -Schwälmer Mädchen.] - -Das ganze Frankenland von der französischen bis zur österreichischen -Grenze ist für den deutschen Wanderer noch immer zu sehr ~Terra -incognita~, besonders die Gegend der Main- und der pfälzischen -Franken. Doch auch bei den blinden Hessen sind noch die verschwiegenen -Malerwinkel und die verzauberten Welten altväterlichen Lebens zu -finden, die ihre schlichte Schönheit nicht jedem kecken Wegfahrer -offenbaren, sondern gesucht, mit frommem Gemüt durchwandert und in -aller Stille geliebt werden wollen. Dort liegen hinter den dichten -Wällen schwerbeladener Obstbäume versteckte Dörfer mit launig -dicken Kirchtürmen oder vorlaut über das grüne Gewoge schauenden -Rokokozwiebeln von Gemeinden mit guten Pfründen; und wer es versteht, -sich da hineinzuschleichen, der bekommt zum Lohn den ganzen unberührten -Reiz ländlichen Friedens und Segens beschert. - -[Illustration: Phot. E. Braun. - -Fuldaschleife bei Kragendorf.] - -Herbere Töne und tiefere Noten schlägt schon das Land um den -Teutoburger Wald herum an, so sehr manche Striche noch an die Milde -des Taunus oder der Rhön gemahnen. Wie eine Insel von fremder -Eigenart steigen an der Mosel die vulkanischen Eifelberge mit -ihren ossianisch-schwermütigen Maarlandschaften hervor. Erst in -den hannöverschen Landen, wo die deutsche Tiefebene ernstlich ihre -guten Rechte geltend macht und wo auch die rauhen Paradiese der -niederdeutschen Heide beginnen, nimmt die Landschaft wieder Formen und -Färbungen an, die den Wanderer zunächst überraschen und dann, wenn er -seine Augen eingestellt hat, beglücken. - -[Illustration: Phot. W. Noelle. - -Alter Bauernhof in der Lüneburger Heide.] - -Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem Dampfer in der -Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer eintönig erscheinen. -Und beim Wandern durch die nicht restlos befriedigende Synthese des -Teutoburger Waldes, dessen viele trotzige Einsiedlereichen mit ihrem -unwiderstehlichen Baumzauber sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe -dürftigen Tannenforst doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft -fühlen, da müssen schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens -aus dem Gymnasium das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann -kommt Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das -ist etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von -düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht -ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder und -die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen zur -Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der geht noch -in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur empfänglich -für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder, -wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes Wort) und -für den Kunstkenner der Biedermeierzeit einzig in Betracht kamen, als -rascher Genuß des Auges wie als dauernder Schmuck des Hauses. Daran -aber erkennt man den objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von -welcher politischen Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal -heroischen Klang und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was -in jener so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen -hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, wo -die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit -auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen weiden, -die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die Heimat sind, -bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken nämlich über die -schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der Wasserkante, besonders -der Niederweser und der Niederelbe, wo ein im Kampf mit dem »blanken -Hans« der Nordsee hart und still gewordenes Bauernvolk einer endlosen -Rohr- und Schilfwildnis weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes -abgerungen hat und dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller -Trotz und Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist -jetzt die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen -noch jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche, -die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den von der -Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. Dort in -Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den Binnenländer -ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft fast empörend geordneten -Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter Vielfältigkeit verleiht: -das Wasser, das Meer. Mögen die Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade, -die Linden beschnitten sein wie Weidenstrünke und diese selbst, oft -Baumstämme von ansehnlicher »Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen -Köpfen, alles tun, um das Landschaftsbild »uninteressant« zu -machen, schon das »Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische -Raffinement gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus -kurzem gutgebundenen und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh, -zärtlich umhegt von Bäumen und Büschen, ist ein kleines Wunder eines -»Heims«. Und doch wie bitter und hart ist dort noch das Verhältnis -vom Mensch zum Menschen, besonders vom Herrn zum Knecht! Aber gerade, -als wollte die Natur hier das Unerbittliche, Schweigsame im Menschen -mildern, hängt der sonnendurchglänzte Wasserdunst des Meeres oder -der stundenbreiten Flußläufe über die Erde dort unten Gold- und -Silbernetze, deren Wirkung die Landratte sich nicht vorstellen kann. -Breit verschwimmend im Lichtglanz, der vom frühen Morgen bis zum späten -Abend mit einem verschwenderischen Farbenreichtum prunkt, so erscheint -alles Geradlinig-Eckige im Land der Marschen. Und wer nicht die alten -Fleten am Hamburger Hafen, die engen, kanaldurchzogenen Gassen der -alten Lagerhäuser hansischer Großkaufleute der Vergangenheit gesehen -hat, wie sie im lichtdurchglühten Wasserdunst und im sonnengeröteten -Qualm der Dampfer zu Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem -Ultramarin werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte -Zauberer aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen -Warenspeichern machen können. - -[Illustration: Phot. Wilh. Bandelow. - -Hamburger Flet bei Ebbe.] - -Wir haben oben von einem der eigentümlichsten Städtegebilde in der -südöstlichen Ecke des Reiches gesprochen, von München. Es hat seinen -fast künstlerisch kontrastartig wirkenden Gegensatz im Nordwesten -Deutschlands. Den Abschluß der dem Süddeutschen in der grandiosen -Einfachheit ihrer Linien und in dem fast holländischen Zauber der -wassergesättigten Atmosphäre nicht ohne weiteres verständlichen -Landschaft der roten Heide, der samtgrünen Marsch, der schwarzen -Moorwildnisse, der verträumten Schilfufer und der waldigen Hügelhänge -an dem meergleichen Strom, der schimmernden Obstwälder und der gelben -Sanddünen, der stillen Deiche und der rollenden Wogen -- diesen -Abschluß bildet die bedeutungsvollste und lebendigste aller deutschen -Städte: Hamburg. Während der Rhein, dem granitenen Leibe der Alpen -entsprungen, doch immer im engen Felsenbett dahinrollt und wenigstens -bis zu seiner holländischen Deltaversandung an alten Burgen, hohen -Domen, Rebenhügeln und fruchtbaren Gefilden dahinrauscht, und er -eigentlich doch immer nur das große, sagenumwobene Idyll eines Flusses -ist, entwickelt sich die dem Busen des Riesengebirges entquellende -Elbe auf verhältnismäßig kürzerem Lauf durch sozusagen nüchternes Land -zur monumentalen Größe, die zu unserem technisch merkantilen Zeitalter -eher passen will als die Poesie des romantischen Rhein! Berlin ist ja -zweifellos politische Reichshauptstadt. Aber das Tor, das uns mit allen -Erdteilen verbindet und bei aller merkantilen Einseitigkeit doch das -Sigillum der zukünftigen Groß-Großstadt Deutschlands schon jetzt an der -Stirn trägt, ist Hamburg. Wer's nicht glaubt, mag selbst hingehn. Das -kann durch keine Statistik, durch keine politischen Reden, sondern nur -durch die Augen erschaut und erfaßt werden. - -[Illustration: Tafel VIII - -Gottheil & Sohn, Königsberg, phot. - -Ostpreußische Küstenlandschaft] - -[Illustration: R. Hilbert phot. - -In der Norddeutschen Tiefebene] - -Wenn ich nun nicht auch auf der Ostseite Deutschlands den Weg durch -Pommern, Sachsen, Schlesien usw. zurück mache, so nur deshalb, weil -mir im Laufe der Betrachtungen klar geworden ist, daß das eigentlich -ein Buch für sich gäbe. Nur so viel zum Schluß: Aller Chauvinismus -ist mir in der Seele zuwider, und das Lied: »Deutschland, Deutschland -über alles« ist zwar als politisches Lied verständlich, und ich -kenne kein schöneres Ziel, als daß das Lied wahrgemacht würde: daß -Deutschland Europas und der Welt _Musterstaat_ würde. Aber die Liebe -zur Heimat schließt die Erkenntnis nicht aus, daß die ganze Erde und -alle Länder voller Wunder sondersgleichen sind. Nur sollen wir beim -~A~ anfangen, und unser ~A~ ist Deutschland, das Land, das bei aller -Festgründigkeit doch das wandelbarste, das entwicklungsfähigste der -europäischen Kulturländer ist. Schon darum ist es des Wanderers Sache, -einmal zunächst seine eigenen Gaue zu schauen. Um so klarer wird er die -Schönheiten anderer Länder zu würdigen wissen. - -[Illustration: Phot. U. Rheinboldt. - -Halligwerft.] - - - - -An die Alten und die Jungen. - - -In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, und in -den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends müssen am -Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge gesagt werden. Denn es ist -nicht gleichgültig, wie der Sauser des nahenden Herbstes ins Stadium -kommt -- wie sie drüben über dem Rhein sagen -- und wie der neue Most -sich bis zur Klärung gebärdet. Da kommt es erheblich auf die Schläuche -an. - -Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der wir so -viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den Kenntnissen -der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher entweder allzu -verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper rechnen müssen. Denn -dieses größte aller Wunder der Natur hat da auch sein Wort mitzureden. -Wir wissen heute, daß eine sündhafte Verschwendung von Kraft in der -Richtung moralischer Anstrengungen gemacht wird und daß der heilige -Antonius und viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende -Menschen viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß -das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt -worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen, -mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen und der -Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen Kulturmenschen -Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit in jedem Sinne eine -Nationaltugend werden. Vor allem beim Wandern, wo die Verführung zum -Gegenteil so groß ist. - -Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. Das andere -ist nur für die Alten. - -Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger noch -nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige Einbildung -zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, wo _sie_ jung -waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon Salomo, man findet ihn -bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um eine Gedankenverkalkung, -die niemand aufgeben will. Und doch spricht schon allein der Gang der -Weltgeschichte dagegen. Aber es braucht noch mehr. Wir älteren Semester -sollten es wieder anstreben, die Jungen nicht nur zu schulmeistern, -sondern auch von ihnen zu lernen. Schon deswegen, weil wir so selber -jünger bleiben, als wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer -Philisterweisheit zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen -Gebrauch machen von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die -Jungen als Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen -- denn sie sind mit -Recht anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit --- unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher -Kameradschaftlichkeit mitteilen. - -Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie zum Kampf -gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und exklusive Tendenzen -aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen älteren Stillen im Lande, -die sich von irgendeiner guten Tante weismachen ließen, sie seien zu -alt zum Wandern. - -Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das Wandern! -So würde ganz ohne Lärm und Organisation und Agitation ein Geheimbund -der alten Herren, eine Brüderschaft vom geruhigen Wanderschuh -entstehen, deren Mitglieder schon durch ihr Dasein beschämend und -anfeuernd auf die Jugend wirken könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der -Unentwegten, ein Fähnlein der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und -ohne Vereinszeichen. Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein -gut pochendes Herz, das jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose -und ähnliche überflüssige Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an -die Jugend, besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre -Flammen, wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des -Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der alten -Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange ergeben und -die Flinte ins Korn geworfen haben. - -Und warum? - -Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden Trick der -modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen sind, den -wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, die _Bewegung_, nach und nach -an sich zu ziehen und aus den Menschen immer mehr Stückgüter zu machen, -die zur Beförderung übernommen werden, sei's auf dem Motorrad und Auto, -oder auf der Eisenbahn und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer -und im Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben -verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität -Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren Semestern -lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender Zuvorkommenheit -wird alles an uns herangebracht. Das Kino erspart uns bald das Reisen, -und wer weiß, bald können wir vielleicht in unseren vier Wänden prima -Schwarzwaldluft atmen, die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen -zuführen wie Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen -Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, und -unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll und schöpferisch -abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper zucken. - -Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben! -Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher -Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: Mein -alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche einmal in der -Stadt besuchte und die vier Stunden her und die vier Stunden heim -ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der jetzt auch schon 80jährige -leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen Familie das allsonntägliche -Wandern eine Art Gottesdienst war und dessen Frau und Kindern ich -es heute noch danke, daß ich mit meinem erheblichen Talent zum -Stubenhocker und Bücherwurm schon in jungen Jahren den Segen kennen -lernte - - _vom Wandern, ja vom Wandern_. - - - - -Die Natur. - -Ein Schlußwort. - - -Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen -- unvermögend, aus -ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein zu kommen. -Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes -auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme -entfallen ... - -Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie; was war, -kommt nicht wieder: alles ist neu und doch wieder das Alte. - -Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich -nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre -Werkstätte ist unzugänglich ... - -Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist -die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den größten -Kontrasten: ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung; zur -genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer -Werke hat ein eignes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten -Begriff, und doch macht alles eins aus. - -Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie -nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig und ist kein Moment Stillstehen -in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie -ans Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre -Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar. - -Sie läßt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Toren über sie richten, -Tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an allen -ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung ... - -Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt -mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. Sie macht alles, was sie -gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumt, daß -man sie verlange; sie eilt, daß man sie nicht satt werde ... - -Sie hat _keine Sprache noch Rede_, aber sie schafft Zungen und Herzen, -durch die sie fühlt und spricht. _Ihre Krone ist die Liebe_; nur durch -sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und -alles will sie verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammen -zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für -ein Leben voll Mühe schadlos ... - -Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, -erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und -schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. -Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. -Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise -und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein -Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu -gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken ... - -Sie hat mich hereingestellt. Sie wird mich auch herausführen. Ich -vertraue mich ihr. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist ihre -Schuld, alles ist ihr Verdienst. - - * * * * * - -Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer Unfähigkeit, die -ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches auszusprechen, so -wird man die theoretische Gleichsetzung von ~natura~ mit ~deus~ bei dem -jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit hat sich neben einer -tiefen Erfassung des von Goethe gelebten Lebens eine Goethelithurgie -entwickelt, die sich nur durch einen unfreiwillig zugegebenen Mangel -an weiteren und höheren Zielen bei den Anhängern dieses neuesten -heidnischen Kirchleins erklären läßt. Da ist es in den Tagen, wo -jeder zweite gebildete Deutsche die wie allzuguter Wein etwas ölig -gewordene Weisheit des alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier, -vielleicht am Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch -nur gedachten und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches -herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen, -aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die abgeklärte, aber -doch schon durch den Abendstaub des müden Wanderers behaftete Weisheit -noch nicht zierte; jene Altersreife, durch deren Genuß man zwar schön -kristallinisch, aber doch eben als Goethephilister versteinert. Auch -gar nicht philiströs veranlagte Männer unserer Zeit sind bis zu einem -Grade erkrankt an diesem modernen Goethekultus, daß sie -- ~faute -de mieux~ -- Goethe zum alleinseligmachenden Propheten des neuen -Deutschland erhoben. - -Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz -entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen Klarheit und -in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden Reichtum der -Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das vorliegende kleine -Buch für manchen, der auch mit dem Herzen wandert, eine Hilfe, um sich -aus der Zerklüftung der Welt, wie wir sie sehen, in die Einheit dessen, -was dahinter liegt, zu retten. Nicht allein mit dem Verstand, der zwar -ein gutes Handwerkszeug, aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem -aufmerksamen Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so -dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; sondern mit den -schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und dazu mit jener sanften -Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu fürchten hat, weil sie nach -des jungen Goethe prophetischen Worten die einzige Möglichkeit ist, uns -der Natur zu nähern: _Die bewegte Stille der Liebe._ - -[Illustration: Phot. J. Hartmann. - -Im Riesengebirge.] - - - - -[Illustration: Dekoration] - -KOSMOS - -Gesellschaft der Naturfreunde - -bietet für jedermann einen - -_billigen_ und _guten_ - -Lesestoff - -_Belehrend_ -- _Unterhaltend_ - -Jedes Mitglied erhält für den Preis von vierteljährlich - -nur 7.50 - -jährlich 12 reich bebilderte Monatshefte und 4 packende Bücher erster -Schriftsteller kostenlos. - -Treten sie sofort bei oder verlangen sie Prospekt bei Ihrer -Buchhandlung oder der Geschäftsstelle des Kosmos, Stuttgart - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER *** - -***** This file should be named 64200-0.txt or 64200-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/6/4/2/0/64200/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/64200-0.zip b/old/64200-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 21e56ab..0000000 --- a/old/64200-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64200-h.zip b/old/64200-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 7e4460f..0000000 --- a/old/64200-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64200-h/64200-h.htm b/old/64200-h/64200-h.htm deleted file mode 100644 index a2262b7..0000000 --- a/old/64200-h/64200-h.htm +++ /dev/null @@ -1,5773 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Der Wanderer, by Anton Fendrich—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Fendrich</p> - -<p class="center">Mit 8 Tafeln und zahlreichen Textabbildungen -nach Originalaufnahmen</p> - -<p class="center">Sechste Auflage</p> - -<div class="figcenter" id="illu-001"> - <img src="images/illu-001.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -<em class="antiqua">Copyright 1920 by<br /> -Franckh'sche Verlagshandlung<br /> -Stuttgart</em> -</p> - -<p class="center p2"> -Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -Meinem guten Kameraden<br /> -<span class="smaller">in Treue</span> -</p> -<p class="bleft"> -Weihnachten 1912 -</p> -<p class="bright right"> -Der Verfasser -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc gesperrt">Allgemeines und Historisches.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Das Wandern, ja das Wandern</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Das_Wandern_ja_das_Wandern">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Aus alten Scharteken</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Aus_alten_Scharteken">12</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Von der Heimat</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Von_der_Heimat">16</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc gesperrt">Zur Psychologie des Wanderns.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Rhythmus der Jahreszeiten</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_Rhythmus_der_Jahreszeiten">19</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Allerlei Heimatschutz</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Allerlei_Heimatschutz">24</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Schauen, nicht schwärmen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Schauen_nicht_schwaermen">28</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Wenn wir uns selbst im Lichte stehen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Wenn_wir_uns_selbst_im_Lichte_stehen">30</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Horchen in der Stille</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_Horchen_in_der_Stille">33</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Überhopsen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_UEberhopsen">37</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc gesperrt">Wie man wandern soll.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Mit Kindern</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Mit_Kindern">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Kränzewinden</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_Kraenzewinden">43</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Einsam_zweisam_dreisam_oder_in_Scharen">45</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Der Wanderschuh als Erzieher</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_Wanderschuh_als_Erzieher">47</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc gesperrt">Was man braucht.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Des Wanderers Kleid</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Des_Wanderers_Kleid">51</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Der Rucksack</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_Rucksack">53</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Von den Schuhen und den Füßen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Von_den_Schuhen_und_den_Fuessen">55</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Essen und vom Trinken</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_Essen_und_Trinken">58</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Knipsen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_Knipsen">63</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Menschlich-Allzumenschliches.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Aphorismen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Aphorismen">70</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Menschen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Menschen">73</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Hinaus!</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Hinaus">76</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">An die jungen Männer</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#An_die_jungen_Maenner">80</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">An die jungen Mädchen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#An_die_jungen_Maedchen">81</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc gesperrt">Vom neuen Wandern.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Von Wiesen und Bäumen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Von_Wiesen_und_Baeumen">83</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Vom Wald</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_Wald">86</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Von der Heide, der Marsch und der Geest</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Von_der_Heide_der_Marsch_und_der_Geest">89</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Wie man Städte ansehen soll</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Wie_man_Staedte_ansehen_soll">94</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Die deutschen Lande</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Die_deutschen_Lande">99</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">An die Alten und die Jungen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#An_die_Alten_und_die_Jungen">106</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl tdt">Die Natur. (Ein Schlußwort)</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Die_Natur">109</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Wandern_ja_das_Wandern">»Das Wandern, ja das Wandern –«</h2> -</div> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-005"> - <img src="images/illu-005.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Ad. Saal. -</p> -<p>Wandervögel.</p></div> -</div> - -<p>Schlicht, fast dürftig kommen -sie dahergezogen, die fünf Wörtlein -im alten Liede »vom Wandern«, -ja »vom Wandern« – -und bergen unter ihrem unscheinbaren -Gewande ganze Welten. -Stürmisch und laut jubelnd, -dann wieder mit gedankenschwerer -Bedächtigkeit oder vor -sich hinschlendernd mit leichten -Sinnen, dann aber auch einmal -ausschreitend in festem Schritt -stämmiger Männlichkeit und -schließlich leise auf den Zehenspitzen -gehend und geheimnisvoll -nickend und mahnend, so -kommen sie immer anders wieder -im Kehrreim des Liedes, die -tiefen, schlichten, kleinen Worte.</p> - -<p>Was ist's, das aus ihnen -singt wie helle, hohe Knabenstimmen -an einem keuschen, -kühlen Taumorgen? Was ist's, -das aus der Zeile schwingt wie -dumpfes Geläut von versunkenen Glocken? Was klingt aus -ihnen wie klarer, harter Männergesang von rauhem Felsenweg -herab? Und was ringt sich aus ihnen los und nickt und winkt wie -verborgene Weisheit?</p> - -<p>Es ist das Leben, das brausende und sausende, das liebe und -trübe; das Leben, in dem nicht weit von den Wiegen die Särge -stehen; das Leben, das Glück und Leid nebeneinander auf die gleiche -Bank gesetzt hat; das Leben, wo der Männerklarheit sentimentale -Schwäche ins Handwerk pfuscht und wo die Weisheit nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span> -so weit von der Narrheit wohnt, daß sich die beiden nicht die Hände -reichen könnten.</p> - -<p>Mensch sein, das heißt nicht nur Kämpfer, sondern auch Wanderer -sein. In allen Dingen. Wer nicht gelernt hat, <em class="gesperrt">alles</em> als -Wanderer anzusehen, mit hellen, unbestechlichen Augen, aber auch -mit dem warmen Glanz der Güte; wer nicht weiß, stets vor sich hinzusehen -auf den Pfad und dessen Hindernisse, anstatt die Nase in -der Luft zu tragen; wer nicht ohne Wehmut und ohne Haß alles -hinter sich lassen kann, Schönes und Häßliches, an dem er einmal -vorbeigeschritten ist, der kennt nicht das Geheimnis des Wanderns.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-006"> - <img src="images/illu-006.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Gewitterstimmung an der Havel.</p></div> -</div> - -<p>Leicht und hell sollen wir wandern: über Berg und Tal, im Ringen -um die Anhöhe einer befreienden Weltanschauung, im Kampf -um Brot und Heim, wie auch im dunkeln, dumpfen Gedränge der -feindlichen Gewalten in unserer Brust; immer sollen wir Wanderer -sein, vom Frühling bis in den Winter unseres Lebens. Immer -müssen wir bereit stehen mit gegürteten Lenden und dem Stab in -der Hand, weiter zu gehen, vorwärts zu dringen und aufwärts.</p> - -<p>So ist das Leben oder soll es sein. Leben sollen wir und streben, -nicht kleben.</p> - -<p>Das müßte aber ein schlechter Wanderer sein, der immer nur -Sonnenschein und linde Lüfte erwartete für seine Fahrten und -es nicht erfahren hätte, daß Regen und Sturm und Nebel und -Kälte nichts sind als gütige Gaben, die wir mit ebenso dankbaren -Händen nehmen sollten wie die Himmelsbläue und die Balsamdüfte<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span> -der guten Tage. Denn wir werden der ganzen Herrlichkeit des -strahlenden Himmelslichts nur inne, weil es nicht <em class="gesperrt">immer</em> scheint. -Alles Immerwährende wird Zustand. Und »Zustand« – hat -Goethe einmal gesagt – »ist ein grauenhaftes Wort«. Leider ist -in der Zeit des Goethedienstes das Wort fast unbekannt. Jeder -Zustand, auch der schönste, wird auf die Dauer gähnende Langeweile. -Wer einmal eine lange Prozession wolkenloser Sonnentage im -weiten Süden über sich ergehen lassen mußte, der weiß erst recht -den wirren Wechsel unseres Klimas zu schätzen. Nur ständiger -<em class="gesperrt">Wechsel</em> ist beglückendes Leben, und das Wandern beglückt und -entzückt uns nur aus dem gleichen Grunde.</p> - -<p>Das Wandern von allem zu allem im Weltall, das allein erhält -das Leben und läßt es nicht versinken. Das Eisenmolekül wandert -durch die Adern unserer Schläfen; der elektrische Funke wandert -in seinem rasenden Tempo durch die Meere von Erdteil zu Erdteil; -die Berge wandern, langsam abbröckelnd, in Jahrmillionen durch -die Flüsse in die Ebene und ins Meer; und unsere Mutter Erde -wandert seit Jahrmilliarden dankbar und treu um ihre Lebenspenderin -– die Sonne.</p> - -<p>Das monotone Motto der ständigen Bewegung, wie es der -griechische Weise in den zwei Worten: »Alles fließt« geprägt hat, -müßte farbiger und richtiger heißen: »Alles wiegt, alles wogt, -alles wandert.«</p> - -<p>»Das Wandern, ja das Wandern!«</p> - -<p>Da kommen sie schon wieder, die fünf klugen, kleinen Worte, -wohlgemut und froh. Und es ist auf einmal, als ob ein Tor aufgeschlagen -würde, durch das wir aus dumpfer Enge weit hinaussehen -in die sonnige Welt; es ist, als ob wir einen einsam über Hügelhöhen -schreitend erblickten, einen Wandergesellen, der, aller Abenteuer -gewärtig, frohgemut den Stecken schwingt und in die reinen Lüfte -singt, was seine Brust erfüllt. Das Wehen und das Rauschen des -Walddoms, das übermütige Geglucker der kleinen Wiesenquellen, -das Bimmeln und Läuten ziehender Herden – alles das lebt in -den fünf kleinen Worten. Sie singen vom Frohlocken eines heimlichen -Königskindes, das sich verlaufen hatte und in Gefangenschaft -geraten war und nun jubelt über die wiedergewonnene Freiheit – -des heimlichen Königskindes, das sich nun wieder tragen lassen darf -von den Wogen eines größeren Lebens, auf denen es neue Fahrten -wagt nach neuen Ufern.</p> - -<p>Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, -das ist der wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der -Tod ist umsonst, und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -lumpen lassen wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was -haben wir zu geben. Nichts als das Leben.</p> - -<p>Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, -daß sie aus der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle -Entdeckungsreisen, deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz -ihres Lebens seinen ganzen, großen Wert erhält.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-008"> - <img src="images/illu-008.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Heimkehr.</p></div> -</div> - -<p>Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen -Berufen, besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten -daher, daß das Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein -langweilig pendelndes Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, -dann wissen sie genau, wie der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein -wird, wann sie befördert -und wann sie pensioniert -werden, um »in -Ruhe« ihre letzten Tage -genießen zu können. -Das Unerwartete, das -Unerhörte, kurz das -Abenteuer spielt in -ihrem wohlregistrierten -Leben keine Rolle mehr. -Ihre Existenz ist ein -unveränderliches Programm -mit festliegenden -Nummern. Ihr -Dasein ist so sicher eingeschachtelt, -daß es nicht -wundernehmen kann, -wenn die Sehnsucht -nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem schrillen -Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen -Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler -tüchtiger Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, -daß Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller -Heimlichkeit als Ausgleich dienen müssen.</p> - -<p>Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern?</p> - -<p>Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger -Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in -unserer Zeit deshalb so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen -von dem leichten Sinn und dem sonnigen Humor derer, denen das -Wandern eine Kunst war und die auch durch des Lebens Gefilde -lieber tanzend schritten als keuchend. Da muß ich an meinen alten<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span> -Onkel Schang denken, der sein Leben lang ein Wagnergesell war -und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa durchzog, von -Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die Türkei. Er -rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr keine -geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er -wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle -paar Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es -nicht aus. Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er -war sein Lebtag nie fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal -gar zu zäh ausforschten, warum er wieder in der Welt umherfahren -wolle, er, ein so geschickter Krummholz, der zu Hause -doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob er den Zeigefinger -in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen kleinen Vorträge: -»Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen auf der Erde: -wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach ein wenig -zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?« Natürlich -brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der Onkel -Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große <em class="antiqua">W</em>! Alles Große fängt mit -einem <em class="antiqua">W</em> an. Das große <em class="antiqua">W</em> ist das erste, was wir schon von der -Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber -fuhr ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen <em class="antiqua">W</em> an -und der Wald und das Wandern und die Weibervölker und die -Wunder, von denen ihr nichts versteht; und die Weisheit, die ihr -noch lange nicht mit Löffeln gefressen habt, wenn ihr's auch meint; -und die Wahrheit, die ich euch jetzt um die Ohren schlage!« Er -machte eine Pause und sagte zuletzt ganz leise: »Und der Wein!« -Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig schon überschritten.</p> - -<p>So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit -dem Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war -ein lustiger Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf -für einen Taugenichts gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein -anderer Sohn des Dorfes, der in die Welt gegangen und ein berühmter -Schriftsteller und Dichter geworden war. Beide wurden -zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch gab dem »Dorflumpen« -die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau in wallendem -Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den Tannensarg -und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen -ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab -des berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge -umstanden war, schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte -die Menschenmenge ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span></p> - -<p>Ja, die Dichter, die haben's mit dem Wandern. Wenn sie -durch Wald und Felder ziehen, dann offenbart sich ihnen das -Leben. Aber ein anderes. Es wird schon so sein, daß es mehr als -eines gibt; nicht im Jenseits, von dem wir nichts wissen, sondern -im Diesseits.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-010"> - <img src="images/illu-010.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Letzte Sonnenstrahlen im Heidewald.</p></div> -</div> - -<p>Ich weiß einen Arzt, der nie eine Rose in seinem Garten schneidet, -ohne das Messer vorher so gut geschliffen zu haben, als ob er es -bei der Operation eines seiner Patienten brauchte. Und ich weiß -einen großen deutschen Maler, der von der wehmutvollen Gebärde -einer alten Silberpappel am Bodensee so ergriffen wurde, daß ihm -ein paar Tränen über die Wangen rollten. Und ich weiß einen -Dichter, den einmal nach einem fröhlichen Gelage in einer kühlen -Weinlaube am Schwäbischen Meer einige zu Gast geladene Bekannte -fragten, was er eigentlich über Gott und die Natur denke. »Blödsinnige -Frage!« Das war zunächst seine Antwort. Als sie aber -nicht abließen, gab er nach und sagte: »Na ja, wenn ich eben einmal -draußen herumlaufe und nicht an blühenden Büschen und Hecken -vorbeikomme, ohne ihnen mit der Hand über die Schöpfe zu fahren -und ihnen ein gutes Wort zu sagen, dann, na ja, dann spür' ich eben<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span> -etwas.« Die anderen sahen ihn, was nicht allein von den zu vielen -Schoppen kam, starr und verständnislos an; der Dichter aber -ärgerte sich darüber, daß er doch nachgegeben und Perlen verschleudert -hatte, und fügte seiner Antwort noch vier kraftvolle -Worte hinzu, an denen wir jedoch lieber in raschem Schritt und Tritt -vorüberwandern wollen.</p> - -<p>Und zu guter Letzt, da die fünf kleinen, wissenden Wörtchen -hören, daß von Dichtern die Rede ist, kommen sie noch einmal auf -leisen Zehen herbeigeschlichen und sagen still und feierlich:</p> - -<p>»Das Wandern, ja das Wandern!«</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-011"> - <img src="images/illu-011.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. W. Groothoff. -</p> -<p>Fahrende Scholaren.</p></div> -</div> - -<p>Und wieder geht ein Tor auf, und ich sehe, wie ein anderer -Dichter, der erst vor kurzem heimgegangen ist und von dessen Existenz -die Welt jetzt erst durch seine posthumen Werke erfahren hat, zusammen -mit mir in einer warmen Sommernacht ausruht auf einer -weiten Bergwiese. Wir sahen in das Zucken und Lodern der Welten -am Himmelszelt und schwiegen miteinander. Da kam ihn auf einmal -die übermütige Laune derer an, die mit lebendiger Seele -sterben, und er sagte: -»Eigentlich sind wir -doch hier nirgends als in -einer Weltallsherberge -– Allerweltsherberge«, -korrigierte er sich lachend. -»Diejenigen, -welche zu tief in der -Kreide stehen oder sich -der Hausordnung nicht -fügen wollen, werden -nach mehrmaliger Verwarnung -hinausgeworfen -vom Hausknecht -– dem Herrn Mors. -Ich meine immer, sie -lassen mich nicht mehr -lange sitzen.« So sprach -er mit tragischem Humor! Er wußte, wie es um ihn stand. -Dann spürte ich seine Hand an der meinigen und hörte seine immer -noch metallen klingende Stimme einen Reim sagen wie eine -Strophe, die aus einem neuen Wanderlied in die warme Sternennacht -hinausklang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Komm, wir wollen wandern,</div> - <div class="verse indent0">Von einem Stern zum andern …«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span></p> -<p>Bald darauf ging er, ein kosmischer Wanderer. Wir aber, die -anderen, die noch nicht so weit sind, wollen zuerst einmal das -Wandern auf <em class="gesperrt">unserem</em> Stern und auf gutgesohlten, irdischen -Stiefeln erlernen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Aus_alten_Scharteken">Aus alten Scharteken.</h2> -</div> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-012"> - <img src="images/illu-012.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Fidelis Mayer, Altötting. -</p> -<p>Portal einer Schloßkapelle in Burghausen.</p></div> -</div> - -<p>Der Sinn zum Wandern kann nicht erworben werden, auch nicht -durch die Mitgliedschaft zu einem der vielen Wandervereine, wie sie -jetzt unter dem warmen Regen der »Naturbewegung« aus dem Boden -schießen. Es ist mit dem Wandern wie mit dem Glauben. Es muß -etwas Angeborenes sein, ein Geschenk – wenn man will, eine Gnade. -Daß die moderne Naturschwärmerei -ein Erzeugnis -unserer Großstadtkultur -ist und daß dabei -oft nur das Abenteuer, -wie zum Beispiel eine -im Heuschober zugebrachte -Nacht, den -Hauptreiz bildet, das -wissen <em class="gesperrt">alle Nüchternen</em>. -Im Grunde ist -das <em class="gesperrt">modische</em> Wandern -eigentlich nur die Reflexbewegung -der in -öden Straßen, steinernen -Mietkasernen und -im Gewirr eines mit -Licht- und Schallreklame -arbeitenden -Großhandels ermüdeten -Menschen. Wer -wollte das leugnen? -Der Mensch der Großstadt -streckt eben wie -ein Kind die sehnsüchtigen -Hände hinaus -nach den Blumen und -Bächen und Vögeln und -Schmetterlingen eines -verlorenen Paradieses.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span></p> - -<p>Aber erklärt das alles?</p> - -<p>Haben denn vor anderthalb Jahrhunderten die tobenden Universalgenies -und die schmachtenden Werthers der »Sturm- und -Drangperiode« nicht auch versucht, ihren Weltschmerz und ihre stürmischen -Leidenschaften zu vergessen und zu ertränken im wonnigen -Meer der blühenden Feldeinsamkeiten und im beredten Schweigen -des Waldgeflüsters? Und all das, obwohl die lächerliche Ländlichkeit -des Verkehrs in den Kleinstädten jener Zeit nicht so nervenzerrüttend -war, daß der Durst nach dem »Busen der Natur« -daraus hätte entstehen können. Das war die Zeit, wo man nach -Einbruch der Nacht sich ohne Laterne im Schmutz auch der hochansehnlichsten -Straßen von Residenzstädten nicht zurechtfinden -konnte, und wo die damaligen Stadtpläne mit ihrem heimeligen -Durcheinander von lauschig duftenden Gärten und kühl verschwiegenen -Häusern geradezu ein Ideal für die heute so bescheiden gewordene -Gartenbewegung darstellten.</p> - -<p>Das Wandern steckt dem Menschen eben von Anbeginn an in -den Gliedern. Als Adam seine erste, überraschend schnell nötig -gewordene Reise antrat – wer weiß, ob ihm trotz des Abschiedsschmerzes -schließlich nicht das Herz aufgegangen ist ob all des -Neuen, was er zu sehen bekam?! Um so mehr, als er seine Freude -teilen und sie dergestalt doppelt genießen konnte. Wenn man -es innewerden will, daß das Wandern eine alte Sucht, vielleicht -auch eine alte Tugend eines Teils der Menschen ist, so braucht man -nur die ersten Bücher aufzuschlagen, darinnen von der Menschheit -Glück und Schmerz die Rede ist, den Pentateuch, die alten Propheten -und – ja nicht zu vergessen – das Hohelied des Königs -Salomo und die Weisheit des Jesus Sirach. Wenn es da irgendwo -einmal ans Wandern geht, sei es bei dem Auszug aus Ägypten, -was immerhin schon eine ganz ansehnliche Leistung gewesen sein -muß, oder wenn der junge Tobias mit seinem kleinen Schnauzer -und dem inkognito ihm als Führer dienenden Erzengel auf die -Brautschau geht, jedesmal weiß der Chronist mit den einfachen -Mitteln jener wuchtigen, schlichten Sprache eine Reisestimmung -zwischen die Zeilen hinzuzaubern, wie sie eben nur der geborene -Wanderer kennt und wie sie mit ihrem vorausleuchtenden Schein -alles noch viel schöner vorauserleben läßt, als es in der Wirklichkeit -wird. Und – wohlgemerkt, die alten Mannen des Volkes Israel, -die ja später das Wandern wie kein anderes Volk sozusagen als -Schicksal lernen mußten, verstanden sich auf das genußfreudige, -anspruchslose Wandern, ohne großes Getöse zu machen, und hatten -dabei die Augen immer weit offen. Ich habe für diejenigen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span> -es nicht für Wert halten oder nicht die Zeit haben, die Originale -selber nachzulesen, an anderer Stelle (im Kapitel vom Rhythmus der -Jahreszeiten) Proben von Naturschilderungen im Alten Testament -gegeben. Denn – darüber sollten wir uns klar sein – Wandern -ohne eine innige Aufnahme der Natureindrücke durch ein »unbescholtenes, -freies Auge«, wie es Gottfried Keller so wundervoll -einfach nennt, das ist kein Wandern.</p> - -<p>In unserer germanischen Literatur sind die Beweise eines -hochentwickelten Wandersinns zahlreich genug für jene Lust am -Wandern, die nur eine andere Art von Frömmigkeit ist. Diese -Frömmigkeit hat sich bei unseren Altvordern besonders in der -Vergeistigung und in der plastischen Gestaltung der Naturgewalten -und Naturschönheiten in Zwergen und Kobolden, Halbgöttern -und Riesen, Waldfeen und Göttern gezeigt und ist nichts anderes -als die Empfindung der eigenen Kleinheit und das Streben über -sich hinaus. Der »Wanderer« – wie oft tritt Wodan unter diesem -Namen auf! – was will er anderes, als das All liebend in sich -aufnehmen und in das dunkle Haus des eigenen, trotz seiner -Göttlichkeit der Zeit und dem Raum unterworfenen Wesens die -Lichtfluten und Farbenwellen der ganzen Schöpfung einströmen -lassen?!</p> - -<p>Wir besitzen in irischen Heldengedichten, die erst vor kurzer -Zeit entdeckt wurden, Naturschilderungen von einer überraschenden -Innigkeit. Dagegen sind alle historischen Urkunden, die über Wanderungen -ganzer Völker oder auch einzelner Persönlichkeiten, besonders -von Dichternaturen aus der Zeit von der Völkerwanderung -bis zum 12. Jahrhundert, vorliegen, fast ohne jede Andeutung dafür, -daß das Anschauen der Natur als Genuß empfunden wurde. Das -Naturgefühl, d. h. der bewußte sehnsüchtige Drang, über das eigene -Dasein hinaus nun am Leben der <em class="gesperrt">ganzen</em> Schöpfung teilzunehmen, -flammt erst mit Franz von Assisi und dann allerdings -mit einer Gewalt auf, wie sie nur zu erklären ist aus der jahrhundertelangen -Unterdrückung eines menschlich seelischen Bedürfnisses.</p> - -<p>Die Technik des Wanderns und ihre Beschreibung in alten -Scharteken, deren die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert -stammen, lassen in ihrer spießbürgerlichen Umständlichkeit und in -der altjüngferlichen Schreckhaftigkeit vermuten, daß die vorangehende -Zeit der Renaissance mit ihrer ausgeprägten Wirklichkeitsphilosophie -für Natur nicht viel übrig hatte. Daß dieser Sinn bei -den Menschen der Renaissance stark zurückgegangen ist, darauf -läßt u. a. auch die dürftige Behandlung der Landschaft in den<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -großen Erzeugnissen der bildenden Kunst jener Zeit schließen, die -eigentlich nur »den Menschen« kannte. Der Dreißigjährige Krieg -und die darauffolgende Zeit des deutschen Barocks haben ihr übriges -getan zur Vernichtung des erwachten Naturempfindens. Was -wir dann später aus den Denkwürdigkeiten berühmter Leute aus -dem 18. Jahrhundert kennen – ich denke gerade an die Ängste -der Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des alten Fritz, als -sie »durch die fürchterlich beengenden Schluchten« des uns heute -so sanft erscheinenden Thüringer Ländchens fuhr – und was wir -aus ähnlichen zeitgenössischen Schilderungen wissen, das ist für -uns Menschen des Wanderns und Reisens, der Hochtouristik und -der großen geographischen Entdeckungen einfach von erfrischendem -Humor.</p> - -<p>Nicht weniger bekömmlich, besonders beim Eingeregnetsein -in Gasthäusern oder Hütten oder als mittelbar wirkende Anregung -vor Touren, ist das Lesen von alten Schmökern, wie z. B. -»Die Kunst des Reysens im Schweyzergebirge« (1794) oder die -Beschreibung der Fahrt, welche die Abgeordneten zum ersten badischen -Landtag im Jahre 1806 vom Bodensee nach Karlsruhe zu -unternehmen hatten, bei welcher Gelegenheit »außer vier höchlichst -ermattenden Reysetagen in der Extrapost so an die sechzig -Reichsgulden benebst Trinkgeldern« draufgingen.</p> - -<p>Alles das und vieles andre soll dem Leser nur zum Bewußtsein -bringen, daß wir am Anfang einer ganz neuen Periode der Naturbetrachtung -stehen und daß für uns bei aller Hochachtung vor dem -hohen Stand vieler Naturbeschreibungen von Dichtern vergangener -Zeiten das meiste doch zu den alten »Scharteken« gehört. Wir -befinden uns eben auf der Schwelle einer Zeit, in deren Tempeln -nicht nur einzelnen Bevorzugten, sondern einem großen Teil des -Volkes die Tore geöffnet werden zu zergliedernd-populärwissenschaftlichem -Erkennen der Natur als einheitlicher Schöpfung (was -hat in dieser Richtung nicht allein schon die Kosmosgesellschaft -getan!) wie auch zu seelischer Aufnahme der Naturschönheiten -als Mittel der Daseinsbereicherung. Jedes soziale Streben, das -dem industriellen Proletariat mit der Verkürzung der Arbeitszeit -auch den Ersatz für grobsinnliches Genießen gibt, wirkt von selbst -in dieser Richtung. Uns muß die analytisch erkannte Natur wieder -<em class="gesperrt">erlebte Offenbarung</em> werden, so wie es Byron in einem für -unsere rasche Zeit nun auch schon zur »Scharteke« gewordenen -Buche aussprach:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sind Berge, Wellen, Himmel nicht ein Teil</div> - <div class="verse indent0">Von mir und meiner Seele, ich von ihnen?«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span></p> -<p>Was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Menschen, -die Augen hatten, zu sehen, in alten Scharteken gesagt wurde, das -muß endlich einmal für uns Kulturmenschen <em class="gesperrt">eroberte und -festgehaltene Wirklichkeit</em> werden. Sonst sind wir auch -auf diesem Gebiet nicht Erfüller, sondern Vergeuder dessen, was -die Vorzeit uns vorgearbeitet hat. Denn wir sollen nicht mehr als -blinde Bettler, sondern als sehende Herren einer reichen Schöpfung -dankbar über die Erde schreiten.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-016"> - <img src="images/illu-016.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphot. C. Eberth, Cassel. -</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Von_der_Heimat">Von der Heimat.</h2> -</div> - -<p>Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles -im Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange -ihr großes Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt -wurde durch lieblose Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, -wandten in späteren Jahren der Heimat den Rücken, klagten über -»die hohen Steuern« und ähnliche »Mißstände« und kamen schließlich -in dem Gedanken an ihre zunehmende Arterienverkalkung -nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie lebten im Winter -in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und ihre -Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo -in der Fremde.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-017"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel I</p> -</div> - <img src="images/illu-017.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Rud. Lichtenberg phot. -</p> -<p>Pappelallee in Norddeutschland</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-018"> - <img src="images/illu-018.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> - -<p class="copy"> -W. Bandelow phot. -</p> -<p>Abend auf der Elbe</p></div> -</div> - -<p>Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen -die Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglich<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span> -auch ihr Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines -schönen Tages empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich -vom Schneider ihres Vaterstädtchens – ja gerade von <em class="gesperrt">dem</em> – -einen neuen Anzug anmessen zu lassen, oder wieder einmal Knackwürste -mit Kartoffelsalat zu essen, so wie früher bei der Mutter. -Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger Reise zu Hause angekommen -sind, finden -sie die scharfsinnigsten -Gründe zu immer neuen -Verschiebungen der Abreise. -Die Nachbarn -nicken wissend mit dem -Kopfe und blinzeln einander -zu: »Aha, das -Heimweh!« Der Heimgefundene -nimmt aber -am zunehmenden Goldglanz, -der sich über die -Wiesen und Wälder und -Dörfer seiner Jugendstreifereien -legt, wahr, -daß er erst am Entdecken -der Heimat ist. -Und dann kommt eine -selige Zeit. Dann wird -alles Alte – die kleinen -tosenden Bergbäche, -aus deren Granitblöcken -man als Sekundaner -und als neuer Prometheus -uneinnehmbare -Burgen bauen -wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man im -Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten -Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen -der Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen -der Vaterstadt, die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant -vorkamen – all dies Alte wird neu und schöner. -Eine ebenso unverstandene wie grenzenlose Dankbarkeit zieht -einem durch das Herz, nur dafür, daß man gerade hier, in <em class="gesperrt">dieser</em> -Heimat, in diesem Winkel, im Wirbel des brausenden Lebens ins -Dasein geschoben wurde.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-019"> - <img src="images/illu-019.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark. -</p> -<p>Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.</p></div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span></p> - -<p>Dieses Stück vom Hängen am Engen ist eine der starken Wurzeln, -ohne die der <em class="gesperrt">Mensch</em> nicht werden kann. Die <em class="gesperrt">Bodenständigkeit</em> -ist aber kein Hindernis dafür, daß die Krone des Baums sich ausbreite, -weit über den Wurzelgrund hinaus. Das Weltbürgertum -ist für lange noch nur eine Sache der Seele, und auch die <em class="gesperrt">echte</em> -Demokratie ist vorerst nur im Reich des Geistes möglich. In dieser -Welt der Erscheinungen hat alles Internationale seine Grenzen -schon in der einfachen Tatsache der Stammes- und Rassenverschiedenheit -der Menschen. Deshalb sind wir außer Alemannen, Schwaben, -Märkern, Friesen usw. <em class="gesperrt">zunächst Deutsche</em>. Und die Entdeckung -<em class="gesperrt">Deutschlands</em> ist – obwohl sogar die beiden Pole keine »weißen -Stellen« auf der Weltkarte mehr sind – für die weitaus meisten -Wanderer noch eine Tat der Zukunft. Wir kennen es nicht, unser -Vaterland. So viele Dichter auch schon gesungen haben von der -Schönheit der deutschen Lande, man hat im besten Falle gefühlvoll -mitgesungen, alle die Lieder: »Von Frankreich bis zum Böhmerwald« -und »Von dem Nordmeer bis zur Etsch«, aber <em class="gesperrt">gesehen</em>, -sehen <em class="gesperrt">wollen</em> haben es wenige, auch die nicht, die es vermocht -hätten. »Dann lieber schon was Richtiges!« hieß es. Die Schweiz, -Italien oder neuerdings auch Indien und Japan.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-020"> - <img src="images/illu-020.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphot. C. Eberth, Cassel. -</p> -<p>Vorfrühling am Bach.</p></div> -</div> - -<p>Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer -feinsten Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seine<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span> -indische Fahrt berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom -Sichfremdfühlen in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; -sein <em class="gesperrt">Herz</em> ging erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in -herber, großer Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, -die wer weiß was alles an Sturm und Donner, an Blitz -und Licht gebären wollten, wieder an die Größe unserer nordischen -Heimat erinnert wurde, »darin wir uns das verlorene Paradies -selber bauen müssen, weil wir dort im alten Eden fremd geworden -sind«. – Gott sei Dank, hätte ich fast gesagt zu dieser ergebenen -Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch klaren Heimatsuchers -und Dichters.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Vom_Rhythmus_der_Jahreszeiten">Vom Rhythmus der Jahreszeiten.</h2> -</div> - -<p>Wir fangen wieder an, etwas vom ewigen und beglückenden -Wechsel der Dinge zu verstehen, obwohl uns die farbenschreiende -Eintönigkeit des Stadtlebens die Sinne zur Wahrnehmung des -Gewöhnlichsten in der Erscheinungswelt langsam geraubt hat. -Wir ahnen es wieder, daß Leben nichts als Bewegung und Bewegung -nichts als Wechsel ist. In der modernen Tanzkunst wird -der Rhythmus, der nichts ist als bewußt geleiteter und organisch -geordneter Wechsel, als Erlöser von Gedankenflucht und ähnlichen -allgemein verbreiteten Nervenübeln, d. h. unrhythmisch ablaufenden -unbeherrschten Körperfunktionen, mit Erfolg verwendet. Die -Statistik entdeckt auf allen Lebensgebieten den Rhythmus als -wichtiges Gesetz.</p> - -<p>Aber vom großen Rhythmus der Jahreszeiten, der besonders -in unserer gemäßigten Zone die unterschiedlichsten Bewegungskurven -aufweist, kennt die Menschheit, als Ganzes genommen, -vorerst nur das grob Sinnfällige, die gegenseitige Erhöhung aller -Schönheitsunterschiede. In den vier Jahreszeiten wird zwar auch -schon vom harmlosen Gemüte genossen, aber die leisen Übergänge -und die zahllosen verstohlenen Kostümwechsel, an denen sich die -Natur in jeder Jahreszeit ergötzt, die sind auch Wanderern von -langjähriger Vereinsvergangenheit immer noch mit mehr als -sieben Siegeln verschlossen. Da gibt's nur eine Hilfe: »Schauen -lernen!«</p> - -<p>In meiner Heimat fängt's schon an im Vorfrühling, wenn -der müde Winter mit dem jungen Lenz seinen Strauß ausficht, -und man, wie einmal Goethe seiner Frau v. Stein schrieb, »im -streichenden Februarwind den kommenden Frühling riechen kann«.<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span> -Da blühen bei uns neben schmutzigen Schneezungen ganz schüchtern -die ersten blaßgelben Primeln, und in den vom Schneewasser der -Berge dunkeln Bächen lassen sich die goldenen Sumpfdotterblumen -rütteln, daß man nicht weiß, ob's ihnen dabei eigentlich angst oder -wohl ist. Am Rande dunkler Wälder, die in ahnungsvollem Schweigen -darauf warten, was denn da wieder kommen will, schluchzen -sehnsüchtige Drosseln, die sich nichts mehr weismachen lassen -von dem immer schwächer werdenden Tyrannen, obwohl er noch -jeden Morgen mit Schneeschauern, seinen letzten Rückzugskanonaden, -dem leisen Knospen in allen Tälern bange machen will. Vorsichtig -nimmt der große Himmelsmaler von seiner Palette vorerst einmal -nur die ganz lichten, dünnen Farben: blasses Smaragdgrün für -die sprießenden Wiesen, schüchternes Indischrot für die treibenden -Buchenwälder und ein milchiges Blau für das Firmament. Damit -lasiert er mehr, als daß er forsch darauflospinselt, denn: man -kann nicht wissen!</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-022"> - <img src="images/illu-022.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><p>Hohentwiel. Von Norden gesehen.</p></div> -</div> - -<p>Aber in irgendeiner lauen, von Feuchtigkeit schwangeren Nacht<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span> -und gerade dann, wenn natürlich kein Mensch es ahnt, wird heimlich -alles neu; zuerst, wie es das Jungfräuliche an sich hat, voll -beglückter Verschämtheit, dann aber mit der rasenden Inbrunst und -mit der vollen Gewalt der Natur, wenn sie auf nichts mehr aus -ist als auf das »Glück des heißen Diebstahls«. Mit satten Farben -dringt die Schöpfung ans Licht, und der Himmel feiert wieder -Hochzeit mit der alten Mutter Erde, die sich so gut auf die kosmetischen -Künste, vielleicht sind es auch kosmische Künste, ewiger -Verjüngung versteht.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-023"> - <img src="images/illu-023.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Zur Verfügung gestellt von der Dampfschiffgesellschaft Oberweser, Hameln. -</p> -<p>An der Oberweser.</p></div> -</div> - -<p>Und während die Ebene sich schmückt, reicher denn eine Braut, -haben die Berge alle Arbeit, mitzukommen. Aber wenn sie einmal -in Feststimmung sind, dann geht es da droben in flottem Zeitmaß, -und kaum ist die letzte Schneegrube versickert, da verwandelt schon -die violette Pracht des mannshohen Wolfsmilchlattichs auch die -greulichsten Schluchten in zauberhafte Hochzeitssäle für das leichtsinnige -Volk der Mücken und Schmetterlinge. Die schwarzen Tannen -regnen aus den Wipfeln Wolken von schwefelgelbem Blütenstaub -über ihre eigenen Zweige. Kaum hat man sich's versehen, da -bräunt sich schon nach einem kurzen heißen Sommer der spärliche -Hafer auf den steinigen Feldern. Und noch einmal so lange, -dann glühen die roten Beerenbüschel in dem Gezweig der Ebereschen, -die überall im Schwarzwald längs der breiten, sauberen -Straßen stehen wie Spaliere für heimliche Fürsten der Wanderkunst, -unter denen manch einer oft nichts als eine erheblich flickbedürftige<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -Kluft sein eigen nennt. Drunten in der Ebene vollzieht sich die -Zeit des Werbens und der Erfüllung in viel majestätischeren Formen. -Da wogen zuerst grün, dann blaßgelb und schließlich braungolden -die Fruchtfelder, und überall erklingt das Lied vom Reichtum der -Natur und der Armut der Menschen, die das Glück überall da suchen, -wo es nicht ist, und es fast nicht mehr für menschenwürdig -halten, wenn sie sich nicht in allerhand Sommerfrischen mindestens -ebenso gelangweilt haben wie innerhalb ihrer eigenen Pfähle, -anstatt in ihrer so nahen und für sie doch so unnahbaren Herrlichkeit. -Denn sie haben fast alle Augen, die nicht sehen; Augen, -vor allem, die nichts davon wissen, daß alles, was man über -Bäume, Wolken, Wälder, Bäche sagen kann, nichts ist als dürftiges -Wortgestammel. Sie wissen nichts davon, daß auch der ärmlichste -Baum keine Viertelstunde lang am gleichen Tage der gleiche ist, -und daß der Wind und die Sonne und die Luft und das in ihr -verborgen schwebende Wasser und tausend andere Dinge diesen -einfachen Baum fast jede Minute verändern und aus ihm ein -wechselndes Schauspiel für jede empfängliche Iris machen.</p> - -<p>Auch was wir vom Winter wissen, ist nur erst der Anfang und -nicht viel mehr, als was der feine Feuilletonist der Bibel, Jesus -Sirach, mindestens auch schon wußte: »Durch des Herrn Wort fällt -ein großer Schnee, und er läßt es wunderlich durcheinander blitzen, -daß sich der Himmel auftut und die Wolken schweben, wie die -Vögel fliegen. Er macht durch seine Kraft die Wolken dicht, daß -Hagelsteine herausfallen. Durch seinen Willen wehet der Südwind -und der Nordwind, und wie die Vögel fliegen, so wenden -sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander, daß er sich zu -Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun. Er ist so -weiß, daß er die Augen blendet, und das Herz muß sich wundern -solches seltsamen Regens. Er schüttet den Reif auf die Erde wie -Salz, und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen -an den Stecken. Und wenn der kalte Nordwind geht, dann wird das -Wasser zu Eis. Wo das Wasser ist, da wehet er überher und zeucht -dem Wasser einen Harnisch an.«</p> - -<p>So kannte Jesus Sirach in dem Libanonwinter, der um Damaskus -herum sich sogar zum Skilaufen eignen soll, die Winterherrlichkeit, -die wir jetzt erst entdeckt zu haben glauben, schon vor -zweitausend Jahren.</p> - -<p>So ist der Wellengang der Jahreszeiten, von dem ich nur ein -dürftiges Bild aus der Heimat selbst geben kann, in allen Gauen -Deutschlands ein anderer, je nach der Bodengestaltung, dem -Wasser- oder Waldreichtum und der Beschaffenheit der Ackererde.<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span> -Aber in der gleichen Gegend fällt es keinem Frühling ein, genau -so Einzug zu halten wie sein Vorfahre des vergangenen Jahres. -Und so wie jeder Sommer und Herbst läßt es sich auch kein Winter -nehmen, durch angenehme und unangenehme Überraschungen -die Menschen immer wieder das alte »πάντα ῥεῖ« (alles fließt) -zu lehren. »Mehr Freude!« heißt heute die Parole. Einverstanden. -Aber wenn nur jeder Mensch versuchte, anstatt immer in sein Sorgenherz -täglich aus dem Fenster heraus die tausend kalendermäßigen -und ordnungswidrigen Szenenwechsel seiner allernächsten Umgebung -zu beobachten.</p> - -<p>Aber jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und so ist denn, -wo auch das Wandern im Winter zu den trivialsten Alltäglichkeiten -gehört, wird das Bekenntnis nicht mißverstanden werden, daß -unter den Jahreszeiten meine heimliche Liebe der Winter ist.</p> - -<p>Meine eigen heimliche Liebe ist doch die Zeit, wo in heimlichen -Nächten die stille weiße Himmelsware des ersten Schnees auf die -Welt herabsinkt, alle Ecken und Kanten in der Welt polstert und -wattiert, den Wagen das Knarren und den Öfen das Faulenzen -vertreibt, den Gäulen vor den Schlitten das Schellenzeug anhängt, -und wo in der weißen Einsamkeit über heimliche Waldwiesen sich -der erste Jauchzer eines beglückten Schneeschuhmenschen in die -helle, kalte Winterluft schwingt. Das ist Tod und Leben zugleich, -der weiße Tod um uns und das blutrote Leben in uns. Der schönste -Gegentakt im Rhythmus zwischen Mensch und Natur.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-025"> - <img src="images/illu-025.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. <em class="antiqua">Dr.</em> Biehler. -</p> -</div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Allerlei_Heimatschutz">Allerlei Heimatschutz.</h2> -</div> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-026"> - <img src="images/illu-026.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Hans Müller-Brauel. -</p> -<p>Eine Braut aus der Lüneburger Heide.</p></div> -</div> - -<p>Daß die Heimatschutzbewegung -eine Kulturangelegenheit von tiefer -Bedeutung geworden ist, wird kein -ernsthafter Wanderer mehr bestreiten -wollen. Der »Heimatschutz« macht so -viel im guten von sich reden, daß es -nicht von Schaden sein kann, wenn -einmal der Empfindung so vieler -Stillen im Lande Ausdruck verliehen -wird, daß alles Wirken für Heimatschutz -vor allem eine Sache persönlicher -Begabung in dieser Richtung -ist.</p> - -<p>Zwei Typen von Heimatschützlern, -deren Wirken nach Kräften zu unterbinden -die Sache eines jeden -Freundes seiner Heimat sein muß, -treten in den letzten Jahren besonders -stark in den Vordergrund.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-027"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel II</p></div> - <img src="images/illu-027.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot. -</p> -<p>Erntezeit in Mitteldeutschland</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-028"> - <img src="images/illu-028.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -H. von Seggern phot. -</p> -<p>Der Rhein bei Laufenburg</p></div> -</div> - -<p>Das sind die Herren mit irgendeinem Titel und dann die -Herren Privatiers, die sich aus reiner Langweile der »edlen -Sache« opfern. Daß es viele hohe Beamte und Professoren -ebenso wie im Ruhestand befindliche Geschäftsleute gibt, die -geschickt und energisch ihre selbstgewählte Aufgabe als Schützer der -Heimat auffassen, das schafft die Tatsache noch nicht aus der Welt, daß -gerade Männer dieser beiden Sphären, die einen durch Überschätzung -des Vereinswesens beim Heimatschutz und die andern, weil sie nur -auf Erwerbung neuer »Freunde der Sache« aus sind, mancherlei -Unheil anrichten und wenn auch nicht gerade hemmend, so doch auch -nicht fördernd wirken. Die flammende Hingabe eines Rentiers, -welcher der Erhaltung irgendeiner alten zerschlagenen wertlosen -Sandsteinstatue viel Schweiß und Zeit opfert, in allen Ehren. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span> -beides hat mit dem Geist des echten Heimatschutzes ebensowenig -zu tun wie der verbindliche Tadel, den ein für alles »Völkische« -interessierter Professor in wohlgesetzten und wissenschaftlich einwandfreien -Briefen für jede Scheuerntür übrig hat, deren Besitzer -oder Verfertiger nach seiner Ansicht nicht genügend stilrein vorgegangen -ist. Daß es sich hier um keine Übertreibungen handelt, -kann man fast aus jeder Nummer der trefflichen Zeitschrift für -Heimatschutz lesen, deren Schriftführer mit achtunggebietender -Geduld und Zartheit immer -wieder seine beweglichen Klagen -in dieser Richtung ausspricht.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-029"> - <img src="images/illu-029.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><p>Mühle im Schwarzwald.</p></div> -</div> - -<p>Was für den Heimatschutz -nötig ist, das sind vor allem -Männer, die mit ihrem ganzen -Wesen in demjenigen Teil der -deutschen Heimat wurzeln, -dessen landschaftliche Eigenart -sie erhalten wollen. Es sind -Männer, welche die Sprache -des Volkes verstehen und seine -Art lieben und zu achten wissen. -Wenn ein solcher die <em class="gesperrt">tiefe -Bedeutung</em> und die <em class="gesperrt">Notwendigkeit</em> -der <em class="gesperrt">Naturschutzbewegung</em> -erkennt und den -»Naturschutz« nicht als Konservatorium -für einzelne Raritäten, -seien es Bäume, Denkmäler -oder alte Häuser, anschaut, -<em class="gesperrt">sondern im Sinne -der Erhaltung des gesamten -Landschaftsbildes als einer der Grundlagen -unsrer Volkskraft und Volksgesundheit betrachtet</em>, dann -wird er in einem Jahr mehr leisten als ein aus irgendeinem -fernen Teil Deutschlands in fremde Verhältnisse versetzter Gelehrter -mit all seinen unbestrittenen Kenntnissen und seinem anerkennenswerten -sachlichen Eifer für die Sache in einem Jahrzehnt.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-030"> - <img src="images/illu-030.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Rud. Lichtenberg. -</p> - -<p>Am Rand des Kiefernwaldes.</p></div> -</div> - -<p>Eine praktische Möglichkeit, ganz unauffällig für Heimatschutz -zu wirken, wird von unseren »Fahrenden« viel zu wenig benutzt. -Wenn sie mit einem nicht offensichtlich zur Schau getragenen, -aber mit wenigen Worten harmlos ausgesprochenen Beifall oder -Tadel beim Vorüberwandern an einem kleinen alten Bauernhaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span> -dessen Fenster mit einem Flor blühender Geranien herausgeputzt -sind, ihrer Empfindung Ausdruck geben, aber auch am Hof eines -sogenannten Herrenbauern, der die Anfangsbuchstaben seines -Namens mit Ziegeln meterhoch auf seinem Dach anbringen läßt, -ihrem Mißfallen freien Lauf lassen, dann nutzt dies, wenn es -häufig in einem Sommer geschieht, besser als Reden für Heimatschutz. -Die Bauern sind in dieser Richtung viel feinfühliger, als -junge Leute in der Stadt es sich träumen lassen, und alles auffällige -Gebaren, besonders aber wohlwollend herablassende Vorträge -haben die entgegengesetzte Wirkung. Die Bauern besitzen eine -starke Empfindung für alles Gemachte. Ein Heimatschutz im positivsten -Sinn des Wortes ist aber der stille Respekt, den die Wanderer -vor dem einzelnen Menschen und vor dem ganzen Leben des -Bauern auf ihren Fahrten an den Tag legen; der Respekt, der eigentlich -nichts andres ist als das stetig wache Bewußtsein, hier zwischen -den Äckern und Wäldern einer nicht standes- und vielleicht auch -nicht stammesverwandten Bevölkerung <em class="gesperrt">Gastrecht zu genießen</em>. -Rechtlich liegt natürlich die Situation so, daß kein Wanderer den -Bauern seiner Gegend, die er durchstreift, irgendwie zu Dank verpflichtet -ist, selbst nicht, wenn es sich um Straßen handelt, die aus<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span> -Gemeinmitteln gebaut sind. Aber die wirkliche Bedeutung des -Bauernstandes als der Wurzel der Volkskraft (wohlverstanden -nur als Wurzel, die ohne die Krone einer hochentwickelten Kultur -in sich selbst nicht überschätzt werden darf!) liegt jenseits aller -Sentimentalität, wie denn überhaupt alle <em class="gesperrt">Bauernschwärmerei</em> -das sichere Zeichen von geistiger Mittelmäßigkeit und von Dilettantismus -des nur nach »Kraft« sehnsüchtigen Dekadenten ist. Das -schließt aber die sachliche Ehrung der Landbevölkerung und den ökonomischen -Sinn für die Bedeutung des oft mit viel Schweiß und -Gefahr eroberten Kulturbodens nicht aus. Man denke nur an -den erbitterten Krieg, -den die Bewohner der -Vierlande mit der Schilf- -und Rohrwildnis der -Unterelbe zu führen -hatten, bis jener Boden -ihnen das tägliche Brot -gab.</p> - -<div class="figright illowp50" id="illu-031"> - <img src="images/illu-031.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Heimkehr vom Felde.</p></div> -</div> - -<p>Jeder Wandersmann -kann auf dem Lande -bei den Bauern, die -weder die »braven Menschen« -noch die »hinterlistigen -Brüder« sind, als -die sie Oberflächlichkeit -und Gescheittuerei gewöhnlich -bezeichnen, unsagbar -viel lernen, sowohl -für den praktischen -Sinn als auch für sein innerstes Leben. Denn die Helden des -Alltags, die oft einem überschweren Schicksal eine harte Stirn -bieten und mit hellen Augen in die unsichere Weite sehen, die -sind am ehesten bei den »dummen Bauern« zu finden.</p> - -<p>Wer also nicht nur für schöne alte Bäume und malerische Felsstücke -sich ins Zeug wirft, sondern für die Härte und Tragik eines -rechten Bauernlebens auch Sinn und Achtung hat, erst der ist -ein eifriger Schützer der Heimat. Es gibt seit uralten Zeiten einen -Sport, und der heißt »das Volk lieben«. Man ist »leutselig«, -geht unter die »niederen Klassen«, und wie das alles heißt. Besonders -aber den Bauern treten Städter als vorübergehende -Sommerfrischlinge mit taktloser Zuneigung nahe oder sie biedern -sich, oft auch mit dialektischen Sprachversuchen, in Bauernstuben<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -an, ohne zu ahnen, wieviel <em class="gesperrt">Weltgift</em> sie hinaustragen aufs Land -und wie sie bei allem guten Willen <em class="gesperrt">Heimatverderber</em> sind.</p> - -<p>Mögen sie's lassen! Unsre Liebe zur Heimat sei <em class="gesperrt">Liebe</em>! Aber -das persönliche Verhältnis zur Heimat der andern Menschen, -besonders der Bauern, sei achtungsvoller Abstand und unaufdringliche -Freundlichkeit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Schauen_nicht_schwaermen">Schauen, nicht schwärmen!</h2> -</div> - -<p>Das Natur<em class="gesperrt">schwärmen</em> ist vom Übel. Es ist unmännlich, -krankhaft und verschließt uns die Natur, anstatt sie uns zu erschließen. -Das Schwärmen ist die letzte Betätigungsmöglichkeit -entarteter Menschen. Sie machen aus dem Leiden eine Wollust -und nennen sich gefühlvoll, ob es nun wehmütig verzückt auf -Werthersche Art oder schmerzlich-frech nach Heine geschieht. Sie -sehen die Natur mit <em class="gesperrt">sentimentalen</em> Augen und erwählen -sie zu ihrer Freundin, weil sie es unter den Menschen und im -Kampfgewühl nicht mehr aushalten. Aber über das gewaltige, -unbeugsame Leben in der Natur sehen sie hinweg. Sie ahnen nichts -von dem heroischen Kampf zartester Keimkräfte gegen die brutalen -Gewalten von Kälte und Sturm. Sie sehen nichts von dem ständigen -Sieg des nie erschlaffenden Werdenwollens und vernehmen -nichts von den ewigen Wehen der unerschöpflich fruchtbaren Gebärerin. -Das aber ist <em class="gesperrt">heroische</em> Naturbetrachtung. Aus dieser -Art des Schauens der Natur kann am ersten der Menschen Zusammenhang -mit der großen Macht des Weltalls durchgespürt -werden. Sie allein, die <em class="gesperrt">heroische Naturbetrachtung</em>, -ist des jungen Riesen Antäus würdig, der immer wieder lernen -kann aus der unbeugsamen Zähigkeit alles Niedergetretenen. -Und jeder junge Mann, jeder noch nicht in unveränderlicher -Satzung verkalkte Mensch ist ein Antäus, der darauf zu achten hat, -daß er auf der Erde bleibe – der festen.</p> - -<p>Aber auch an einem anderen Kraftquell sollte er öfters trinken, -der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts.</p> - -<p>»Die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß auch <em class="gesperrt">der</em> -Mensch sein, der sie betrachten will« – hat einmal einer der tiefsten -Erlauscher der Stille der Natur und einer der kraftvollsten Dichter -und Kämpfer gesagt, Gottfried Keller. Die Welt der Großstadt, -des Tramwaygeklingels, der Schaufenster und der Plakatsäulen -hat uns die Zugänge zu der Stille der Welt verschlossen, in der -die unterirdischen Quellen alles Seins rauschen. Wir müssen -wieder danach auf die Suche gehen. Wir alle, die wir im Zeitalter<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span> -der Erkenntnis und der kritischen Naturforschung glauben, das -Leben zu haben.</p> - -<p>Erkenntnis als Resultat spekulativer Dialektik ist etwas Großes. -Aber diese Erkenntnis allein tut es nicht. Das Wissen ist eine Macht; -aber wenn es meint, alles zu wissen, so wird ein Wähnen daraus, -eine blasierte Aufgeblasenheit, von der es zum geistigen Stillstand -nicht weit ist.</p> - -<p>Es gibt noch andere Organe, um die Natur zu erfassen, als -den kritischen Verstand: das unmittelbare Schauen, die tief ursprüngliche -Empfindung, das <em class="gesperrt">intuitive Erlebnis</em>. Diese -bewahren uns vor der geistigen Verknöcherung, die sich auf dem -Wahn gründet, alles kritisch erlernen zu können.</p> - -<p>Wir dürfen das <em class="gesperrt">Staunen nicht verlernen</em>. Die -Großstadt hat es fast so weit gebracht, daß die Menschen glauben, -sie könnten alle Rätsel der Natur in kinematographischen Theatern -und wissenschaftlichen Vorträgen gegen bescheidenes Eintrittsgeld -gelöst bekommen. Wer aber nur einmal auf Bergeshöhen dem -schweigenden Atmen der Natur gelauscht, wer je die fragenden -Augen geschaut, die uns aus aller großen Einsamkeit ansehen, -der legt vor dieser Stille bescheiden seinen Dünkel nieder.</p> - -<p>Das nimmt uns nicht die Lust, Kämpfer und Eroberer zu sein. -Alles ist unser. Die Welt ist unser. Aber wir müssen in ihr bleiben, -wie sie in uns – <em class="gesperrt">bleiben möchte</em>. Und wenn wir ihr das -verwehren, dann werden wir mit der Zeit mürbe, wurmstichig -und innerlich zerfallen, trotz aller hohen Ziele.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-033"> - <img src="images/illu-033.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><p>Bad Tönnisstein in der Eifel.</p></div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wenn_wir_uns_selbst_im_Lichte_stehen">Wenn wir uns selbst im Lichte stehen.</h2> -</div> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-034"> - <img src="images/illu-034.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Ad. Saal. -</p> -<p>Schloß Bebenhausen im Schönbuch.</p></div> -</div> - -<p>Das tun wir leider -fast alle, ohne es zu wissen. -Wir ahnen es nicht, weshalb -der »andere in -uns«, der ewige Grübler -oder – wie er nicht übel -in einem neuen Roman -genannt wird – der -»ewige Deutsche«, unserem -wirklichen helleren -»Ich« so oft beim -Schauen das Auge trübt. -Wir hören es ja oft -genug, daß wir beim -Schauen die Sorgen und -die Gedanken und die -ungelösten Probleme zu -Hause lassen sollen! Aber -sie haben so lange Beine, -unsere Grillen und Sorgen, -und haben uns so -lieb – und wandern mit.</p> - -<p>Wie wird man sie -denn los und dazu den -»anderen in uns«, der -immer etwas zu befürchten, -etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß was -darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an -alles denkt«? Und dabei stiefelt er <em class="gesperrt">mit den Augen am Boden</em> -durch die Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge -und wagt es nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch -einmal in den Tag hineinzuleben wie ein halber Herrgott. – Wie -ein halber, bitte!</p> - -<p>Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim -Alleinwandern anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: -»Ach, laß das alles da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was -ist das? <em class="gesperrt">Du</em> bist das Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) -bei alledem! <em class="gesperrt">Du</em>, <em class="gesperrt">deine</em> Gedanken, <em class="gesperrt">deine</em> Pläne, <em class="gesperrt">deine</em> Sorgen!«</p> - -<p>Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sich<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span> -hier nur um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, -dann ist man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon -um ein gutes Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche -Eitelkeit, wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen -alten Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten -Wald- und Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf -einmal ganz im stillen bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen -Vorgang (und <em class="gesperrt">solche</em> Gedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen -werden!) ein seltsames Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das -uns ganz verbindlich mitteilt, es sei doch eigentlich sehr nett, daß -wir all diese Herrlichkeiten mit solcher Intensivität des Erlebens -erfassen – <em class="gesperrt">als einer der wenigen unter den vielen</em>!</p> - -<p>Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der -Störung des reinen Schauens durch das reflektierende Treiben -der Gedanken, die sich zwischen uns und das Geschaute wie eine -Nebelwand stellen. Anstatt uns zu helfen und uns die vor Augen -liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren, strahlen unsere »Gedanken« -und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit auf uns zurück. Daher -das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wie <em class="gesperrt">Zurückstrahlen</em> -bedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion -beleuchtet als <em class="gesperrt">Einzahl</em>, als »derjenige, welcher!«</p> - -<p>So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die -tiefsten Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, -genießen wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten -Menschen automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn -die Reflexion mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und -uns z. B. in der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, -wenn dieser oder jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild -versunken, <em class="gesperrt">so</em> in dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, -dann empfinden wir doch als Warnung ein fatales Gefühl im Hals!</p> - -<p>Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden -Psyche. Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität -auf ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin -selber ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die -Ursache ihrer verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie -ganz sicher hier ihre wunde Stelle.</p> - -<p>Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen -Störungen, in der Befolgung des Losungswortes: <em class="gesperrt">Los von dir -selbst!</em> Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten -seelischen Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt!</p> - -<p>Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesen -<em class="gesperrt">verneinenden</em> Imperativ in einen bejahenden verwandelt.<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span> -Der kann aber immer nur lauten: <em class="gesperrt">Bewußte und innige Hingabe -an das Ganze!</em></p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-036"> - <img src="images/illu-036.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub. -</p> -<p>Ruine Giersberg in den Vogesen.</p></div> -</div> - -<p>Immer nur an das <em class="gesperrt">andere</em> oder an <em class="gesperrt">die</em> anderen denken! -Nicht an »<em class="gesperrt">den</em> anderen in uns«! In unserem Falle heißt das: -Mit ganzer Seele und mit allen Kräften die Landschaftsreize auf -sich wirken zu lassen und jeden Gedanken (sei es auch nur die bei -Malern und Schriftstellern so leicht sich einstellende Überlegung, -mit welchen technischen Mitteln der Eindruck des geschauten Naturbildes -wiederzugeben wäre) kühl und gelassen übergehen und -desto heller aus sich selbst heraussehen!</p> - -<p>Das ist gar keine kleine Arbeit.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-037"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel III.</p></div> - <img src="images/illu-037.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -E. Stöbe phot. -</p> -<p>Sommerzeit in Posen</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-038"> - <img src="images/illu-038.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -H. von Seggern phot. -</p> -<p>Holländische Tjalk auf der Unterelbe</p></div> -</div> - -<p>Aber sie verlohnt sich, und eines schönen Tages wird man -ganz unvermutet des Glückes innewerden, das die alten deutschen -Mystiker »seiner selber ledig sein« nannten. Da werden Nebelhüllen -fallen, und man wird das Schauen lernen. Das Schauen<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span> -der Natur oder, wie Spinoza sagt, »<em class="antiqua">naturae sive dei</em>« (der Natur -oder Gottes).</p> - -<p>Dann lebt man im All als eines seiner Teile, und keines der -geringsten; als ein lebendiges, bewußtes Glied der Schöpfung, -aber <em class="gesperrt">in</em> ihr, <em class="gesperrt">mit</em> ihr und sie <em class="gesperrt">in</em> uns, in uns und <em class="gesperrt">mit</em> uns. Weiter -aber, als in der Natur das wiederzufinden, was man in sich selbst -zum eigenen beglückenden Staunen entdeckte, weiter bringt es kein -Sterblicher. Das heißt man reif sein! Dann steht man sich nicht -mehr im Wege, und der »andere in uns« hat das Schweigen gelernt, -das <em class="gesperrt">wir</em> allerdings <em class="gesperrt">unter den</em> anderen zuvor geübt haben müssen. -Wenn er aber nicht mehr <em class="gesperrt">in Gedanken</em> mit uns reden kann, ist er -tot. Aber oft tut er nur so. Denn er ist zählebig wie alles Niedere.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-039"> - <img src="images/illu-039.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Rud. Lichtenberg. -</p> -<p>»Dort drunten in der Mühle.«</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Vom_Horchen_in_der_Stille">Vom Horchen in der Stille.</h2> -</div> - -<p>Der Kampf gegen die Klaviere ist in den Städten auf der ganzen -Linie entbrannt, wenn auch noch nicht mit dem ganzen wünschenswerten -Erfolg. Mit der Zeit wird es an einem ernsten Krieg gegen -die Grammophone auf den Dörfern nicht fehlen dürfen. Aber es -scheint, daß sich eine neue musikalische Influenza vorbereitet, und<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -zwar besonders unter den Wanderern. Sie ist lange nicht so -schlimm. Aber die Gefahr ist da. Die Laute, womöglich mit -verschiedenfarbigen Bändern geziert, soll das Instrument der -Zukunft werden. Wie aus allem, was aus der Hand künstlerisch -interessierter und für das Volkswohl begeisterter Geschäftsleute -kommt, so wird auch hier aus einer Wohltat eine Plage. Die -Welt der »Fahrenden« wird überschwemmt mit Preislisten von -fabelhaft billigen und -klingenden Lauten.</p> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-040"> - <img src="images/illu-040.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. O. Mayer. -</p> -<p>Feldsee im Schwarzwald.</p></div> -</div> - -<p>Mein Sohn, ich -warne dich vor dem -Mann mit der Zupfgeige. -Er wird sich dir -harmlos lächelnd und -verbindlich grüßend -nahen, und zwar gerade -dann, wenn du allein -sein möchtest; und er -wird dir sein allerneuestes -»Liedel vorsingen«. -Denn dieses -so gern gebrauchte -und verballhornte süddeutsche -Verkleinerungswort -ist ebenso -oft Maskerade wie die -blaue bayrische Zwilchjacke.</p> - -<p>Ich will dem Lautenschlagen -und dem -Zupfgeigenspielen und -dem Klampfenzirpen -gewiß nichts Übles nachsagen. -Ich schlage sie selbst, die sechs Saiten. Aber ihm irgendwie -das Wort reden braucht man nicht. Es wird auf diesen Tonwerkzeugen -von lauten Dilettanten viel mehr als von stillen Künstlerseelen -gewirkt. Womit der Dank für die vielen hellen Stunden, -die ich einzelnen frohen Gesellen bei der Rast unter schattigem -Laubdach und Künstlern wie Robert Kothe, Sven Scholander -oder auch anderen nur in kleineren Räumen als dem Konzertsaal -wirkenden Talenten schulde, nicht unterschlagen werden soll. Den -Wanderer, den ich meine und der Ohren hat zu hören, soll in diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span> -Zeilen nur auf eine herrlichere Laute aufmerksam gemacht werden -als die um 10 bis 60 Mark beim Musikalienhändler zu erstehende.</p> - -<p>In allen deutschen Volksliedern, in den ältesten am meisten, -kommt ein Reichtum von Gefühlen zum Ausdruck, die einem -feineren Gehörsinn entstammen, als wir ihn noch besitzen. Mit -so vielem anderen haben wir Kulturmenschen auch das Hören verlernt. -Die zierlichen Sinneswerkzeuge im Gehörgang des Naturmenschen, -Steigbügel, Hammer, Amboß, waren noch nicht durch -wüstes Straßenbahngeklingel, Dampfsirenengeheul, Automobilhuppengetute -und ähnliche Errungenschaften aus der Kunst des -Sichvernehmlichmachens abgestumpft. Wir alle sind harthörig -geworden. Nur so konnten Richard Strauß und andere Erfolge -haben! Aber es gibt verborgene Wege, um uns aus diesen Orgien -der Dissonanz zurückzufinden zu den Harmonien des verlorenen -Paradieses, zu den heiteren und beruhigenden Schöpfungen unsichtbarer -Schuberts, Mozarte und ähnlichen hellen Tongewaltigen.</p> - -<p>Jeder Wanderer, der allein seine Straße dahinzieht und vielleicht -geistig und auch körperlich unter einem Übermaß von Eindrücken -leidet, die wie eine Flut von Farben und Formen durch das enge -Tor der Pupille in die Seele stürmen, versuche einmal in aller Ruhe -während des Wanderns die Augen zu schließen und zeitweise blind -weiterzumarschieren. Auf einem nicht zu schmalen Weg ist das viel -leichter, als man sich's denkt, und außerdem eine ganz gute Übung -für den Gleichgewichtssinn. Dann wird er durch die Hilfe des -noch frischen, weil bisher fast gar nicht in Anspruch genommenen -Gehörsinns eine neue Welt entdecken. Eine Welt, wo es mehr -oder weniger tief, je nach dem Grade der Veranlagung des Wanderers, -tönt und dröhnt, singt und schwingt von bisher unbemerkten -Lebensäußerungen der Natur. Er wird mit der ganzen Frische -unermüdeter Empfänglichkeit im Rauschen des Baches den Singsang -und den rhythmischen Tanz der Melodien heraushören können, -ohne die ein großer Tonsetzer wie Schubert niemals seine wundervollen -Lieder wie »Ein Bächlein hört ich rauschen« u. a. hätte -komponieren können. Er wird es verstehen, wenn Richard Wagner -einmal erzählte, er habe seine Melodien »oft aus der Luft aufgefangen«. -Die Achteltöne im leisen Sang der Grasrispen, die -zitternden Terzen im Rauschen der Tannenwipfel und tausend -kleine und große Lieder, die der Wind auf den unzähligen Harfen -der Natur spielt, werden ihn Zeichen und Wunder vernehmen lassen.</p> - -<p>Um nur beim Gröbsten zu bleiben: Wie viele Fahrende kennen -die Stimmen aller Waldvögel? Und wie wenige erst hören die -zitternden Fugen auf der großen Orgel in der verlorenen Kirche des<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span> -Waldes? Und die Gesänge der Geister über den Wassern? Und so -viele andere ganz natürliche und gar nicht überirdische Klänge, die im -Wald und auf der Heide, in den Tälern und auf den Bergen ertönen?</p> - -<p>Nicht von den Stimmungen ist hier die Rede, die liebende -Jünglinge und Jungfrauen aus dem Wald heraushören, so wie -sie sie hineinschmachten, denn da schreit's wirklich so heraus, wie -man hineinschreit, sondern von dem objektiven Erleben der Lautwelt, -die in der Natur ihr Dasein hat, und die wie alles in Farbe -und Form Gestaltete uns vertraut werden kann. Es erhöht die -Genußfähigkeit beim Wandern, wenn man das schwirrende, säuselnde, -klingende und brausende Leben in Feld und Wald vernimmt. -Die Indianer legen das Ohr an die Erde und vernehmen einen -nahenden Reiter auf eine Stunde Entfernung. Wir müssen wieder -Hörer werden, wenn uns Vieles und Großes, Treues und Wahres -in der Verworrenheit unseres Daseins nicht verloren gehen soll. -Und so wie bei Blind-, Stumm- und Taubgeborenen das Tastgefühl -einspringt für die kranken Sinne, bis auch diese Stiefkinder -der Natur auf ihre Art sagen können, was ihr Innerstes bewegt (man -denke hier nur an Helen Keller), so können wir mit gesunden Sinnen -Beglückten durch gelegentliche freiwillige Ausschaltung, sozusagen -Außerdienstsetzung des einen Sinnes den andern stärken und kräftigen.</p> - -<p>Also lernt hören, ihr Fahrenden! Es gibt viele Sprachen, aber -die Muttersprache der <em class="gesperrt">Natur</em> wird am seltensten gelernt, und -es ist doch das schönste und leichteste <em class="gesperrt">Esperanto</em>.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-042"> - <img src="images/illu-042.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Chr. Meißer. -</p> -<p>Brunnen auf der Bergwiese.</p></div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span></p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-043"> - <img src="images/illu-043.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Nach einer Kupferdruckkarte der Kunstverlagsanstalt Joh. Elchlepp, Freiburg. -</p> -<p>Schwarzwaldhaus.</p></div> -</div> -<h2 class="nobreak" id="Vom_UEberhopsen">Vom »Überhopsen«.</h2> -</div> - -<p>Der alte römische Schriftsteller und Staatsmann Plinius, -der als Neffe seines berühmten Onkels sich stark für Naturwissenschaften -interessierte, erzählt in einer seiner vielen feinen Briefe, was -die Menschen doch für merkwürdige Käuze seien, wenn sie lange -Reise zu Land und zu Meer machten, um Neues zu sehen. Er selber -sei ein so merkwürdiger und unglaublicher Geselle. Denn auch -er unternehme jedes Jahr große Fahrten in die weite Welt und -habe dabei noch nicht einmal den Waldsee auf dem Gute seiner -Schwiegermutter gesehen, auf dem die Naturerscheinung einer -schwimmenden Insel studiert werden könne.</p> - -<p>Es wird wohl nicht viele Wanderer geben, die bei dieser Erzählung -nicht das Gefühl überschliche: »Auch du gehörst zu dieser -Sorte.« Nirgends mehr als auf den in unserer allernächsten Umgebung -gelegenen Feldern und in den Wäldern unseres Bannkreises -harrt unserer noch manche Offenbarung; und jeder Glaube, -daß man im Umkreise von höchstens 20 Kilometern keine neuen -Entdeckungen mehr machen könne, erweist sich bei genauem Suchen -als eine Oberflächlichkeit. Das Gute liegt auch hier so nah; wir -sehen es nur nicht. Es geht uns fast allen wie dem Menschen, der -in den Himmel kam und dort, von einem Engel im Paradies<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span> -herumgeführt, sich an den herrlichen Blumen und Bäumen nicht -satt genug sehen konnte, und dann sehr erstaunt war, als ihm der -Engel sagte: »Genau dieselben Blumen und Bäume habt ihr -drunten auf der Erde. Ihr seht sie nur nicht, ihr armen Menschen!«</p> - -<p>Also entdeckt zunächst einmal in euren eigenen Wäldern und -auf euren eigenen Fluren die Wunder, bevor ihr so weit hinaus -und hinauf wollt. Jeder Wald und jedes Feld hat sein Geheimnis. -Aber nur demjenigen wird es enthüllt, der die große tiefe Liebe -zu seiner Heimat im Herzen trägt. Der rasche Wegefahrer und -der neugierige Rundreisetourist stolpert, mit der Nase in der Luft, -immer am schönsten vorbei. Die Nase in der Luft zu haben, ist -nicht vom Übel. Im Gegenteil. Aber dann auch die Luft in der -Nase haben! Weniger umständlich ausgedrückt: Mund zu und -Nase auf! Durch die Nase atmen! Nicht durch den in blödem -Erstaunen geöffneten Mund. Die Nase hat viel mit den Geheimnissen -der heimatlichen Fluren und Wälder zu tun. Kein -Sinn ist, wie die Kundschafter der Seele entdeckten, so eng mit -dem Erinnerungsvermögen verknüpft wie der Geruchsinn. Wenn -ich z. B. die Schwarzwaldbahn hinauffahre und atme so in der -Gegend von Gutach die erste Nase voll echter würziger Schwarzwaldluft, -dann taucht eine Welt voll Erinnerungen in den Bergen -glücklich verlebter Tage auf; ich vergesse den Dunst, der sich aus -den Düften von Zeitungspapier, Tinte und Zigarrenrauch zusammensetzt, -und werde wieder ein Mensch – sozusagen wenigstens. -Napoleon I. hat einmal gesagt, er würde blind seine Heimat Korsika -wiedererkennen an dem Duft, den das felsige Eiland über das -Mittelmeer hin ausströmt. Mit Napoleon I. habe ich sonst – wie -mir meine besten Freunde glaubhaft versichern – nichts gemein; -aber am Geruche würde ich auch meinen Schwarzwald wiedererkennen, -wenn ich ihn nicht mehr sehen könnte.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-045"> - <img src="images/illu-045.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. H. Hoek. -</p> -<p>Herbst im Dreisamtal (Schwarzwald).</p></div> -</div> - -<p>Dem richtigen Wanderer geht es immer, wie Hans Thoma, -dem großen Schwarzwälder Sinnierer und Maler, es ging, als er -nach seiner ersten italienischen Reise zum erstenmal wieder in -Sachsenhausen beim Apfelwein saß und die Zwetschgenbäume im -Garten der Wirtschaft aber auch gar nicht mehr schön finden konnte. -Dieser Mißmut über den Verlust des Paradieses hielt an, bis die -untergehende Sonne ein Goldnetz in die Bäume hing. Da erst -entdeckte er wieder von neuem die Schönheit der Sachsenhäuser -Zwetschgenbäume. Im Heimatwald ist es jedesmal ebenso wie -mit den Zwetschgenbäumen in Sachsenhausen – unbeschadet deren -unbestrittener Vorzüge! In der Heimat sind wir selber und können -es sein. Draußen in der kalten Welt sind wir Hotelnummern oder<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -mißtrauisch betrachtete Fremde. Ich will versuchen, deutlicher zu -werden. Nicht nur die Sonne spinnt Goldnetze in die Sachsenhäuser -Zwetschgenbäume, in die Feldbergtannen oder die schlesischen Birkenalleen -oder was sonst noch sein mag. Wir selber tun es auch. Die -Schönheit der Natur ist nicht nur etwas Objektives, allen Menschen -gleich Sichtbares und Zugängliches; sie ist stark subjektiver Färbung -unterworfen. Aber noch mehr. Wir verlegen in unsre Umgebung -und in die Natur auch eigne Gemütswerte und empfangen sie wieder -zurück von ihr. Ein altes Möbel, das von den Zweckmäßigkeitslinien -des modernen Kunstgewerbes nichts an sich hat, kann uns -lieber und teurer sein als das schönste von einem modernen Raumkünstler<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span> -geschaffene Stück. Wir haben mit ersterem etwas zusammen -<em class="gesperrt">erlebt</em>, und besonders, wenn dies etwas Schönes war, so ruht -unser Auge mit Wohlgefallen auf ihm. So beseelen wir auch die -Natur, die uns vertraut ist, und verweben ihr Äußeres mit unseren -inneren Erlebnissen und Stimmungen. Das, was man Heimatgefühl -nennt, beruht ganz auf diesem Beseelen der Natur durch -den Menschen. Hier sind wir daheim, und selbst wenn wir Fremdlinge -sind, können wir uns doch daheim fühlen. Es sind keine das -Nervenleben stark in Bewegung setzenden Eindrücke, denen wir -hier begegnen, keine geräuschvolle Fremdenindustrie, keine die -Seele erschütternde Landschaft. Kraftvolle <em class="gesperrt">Ruhe</em> und stille -<em class="gesperrt">Sicherheit</em> ist's, was -der Wald und das Feld -der Heimat uns bieten.</p> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-046"> - <img src="images/illu-046.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. J. Magirus, Ulm. -</p> -<p>Sommerblumen.</p></div> -</div> - -<p>Wir waren (das ist -jetzt auch schon ein -Vierteljahrhundert her) -drei Schulkameraden -und Freunde, hatten -den Übergang aus der -Obersekunda an die -Unterprima nicht gerade -glänzend, aber -doch auch ohne Makel -bewerkstelligt und standen -vor unserer ersten -Großtat, einer Reise -in die Schweiz, zu der -die Mittel durch Aufführungen -von Tragödien, -bearbeitet für -Kinder unter 10 Jahren, -das heißt durch -Kasperletheaterspielen vor der Jugend der Nachbarschaft verdient -worden waren. Der Reiseplan entbehrte nicht der Großzügigkeit, -und unser eigentliches Ziel wurde verschwiegen, so weit war's bis -dahin. Die Nachbarn und Nachbarinnen bewunderten diese unsere -nicht zu bestreitende, offenkundige Begabung zu Weltreisenden. Nur -der gute alte Vater der beiden Freunde, der in allen Dingen eine -gemächliche Sicherheit an den Tag legte, warnte uns. Wenn man -noch nicht einmal das eigene Ländli kenne, wie wolle man da schon -in die Schweiz oder gar noch nach Italien reisen. Er hatte für<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span> -solche Lebensanschauungen einen eigenen Ausdruck: »Überhopst -ist so gut wie gelogen,« meinte er.</p> - -<p>Natürlich setzten wir's doch durch. Aber wir haben ihm alle -drei seither recht gegeben, dem alten, guten Vater. Auch beim -Wandern ist das Überspringen ein Stück Unehrlichkeit. Und es -ist immer ein Glück, wenn man's später noch gutmachen kann -und alles »<em class="gesperrt">Überhopsen</em>« ehrlich und redlich nachholen.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-047"> - <img src="images/illu-047.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphot. C. Eberth, Cassel. -</p> -</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Mit_Kindern">Mit Kindern.</h2> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Brief einer Mutter an eine »Reform«mutter.</em> -</p> -</div> - -<p>Verehrte Frau, ich werde mich nicht täuschen in der Annahme, -daß Ihre unerschütterliche Güte mir für manches von dem, was -da kommen soll, pränumerando Verzeihung gewährt. Also:</p> - -<p>Sie befinden sich in einer großen Gefahr, und ich möchte Sie -allen Ernstes warnen vor den – Schriftgelehrten! Sie gehören zu -den Ahnungslosen, die es haben, ohne es zu wissen, und nun sind -Sie auf dem besten Wege, Ihre natürliche Gabe für Kindererziehung -hinzugeben gegen ein unnatürliches, wichtigtuerisches Nachdenken -und Diskutieren über Kindererziehung und modernes Wandern, -wie es sich jetzt in der Gestalt von allerhand klugen Leuten an Sie -herandrängt. Werfen Sie sie hinaus, verehrte Frau, die Leute, -die immer vom Himmelreich der Kinder reden und selbst den -Schlüssel dazu nicht haben, und lassen Sie mich, gewissermaßen -stellvertretend, Ihnen sagen, was Sie vor der Zeit Ihrer Infektion -mit dem Bazillus der Kindswissenschaft geantwortet hätten, wenn -Sie gefragt worden wären, was Sie jetzt hinter den spanischen -Wänden einer Ihnen gar nicht liegenden, modernen Bestrebung -hervor mich fragen. Sie hätten zum Beispiel der Dame mit den -vielen Kindermädchen, die Sie ja kennen und die Ihnen jetzt das<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span> -Leben schwer macht mit langen überzeitgemäßen Erziehungsreformen, -geantwortet:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Liebe, aber wie -kann man nur so dumm fragen? Warum in die Ferne schweifen, -wenn das Gute so nah liegt? Da reden die Leute den -ganzen Tag von der Natur und suchen sie, wie mein Mann -oft seine Brille sucht, die er auf der Nase hat. Das geht mir -einfach auf die Nerven, diese gelehrten Gespräche über Sport -und Regeneration, und wie das dumme Zeug alles heißt. -Das ist doch alles so furchtbar einfach, wenn man's nur richtig -anfaßt. Vor acht Tagen, da wurde es mir einmal zu eng in -der Küche und in der Haushaltung; kurz, ich wollte was -anderes haben als das ewige Wäscheaufschreiben, das tägliche -Denken, was nun wohl zu Mittag oder zu Abend gekocht -werden soll, und ähnliche tiefsinnige Betrachtungen, die aber -nun doch einmal sein müssen, so lang als die Welt steht. Nun, -da sagte ich meinen Jungen beim Zubettgehen: »Kinder, -morgen wird's fein! Vater geht fort, und da werden wir -wohl nicht so dumm sein, zu Hause zu bleiben! Gewandert -wird, den ganzen lieben Tag.« Und als die Jungen laut -aufschrien vor Freude und fragten, wohin, da wußte ich es, -offen gestanden, selbst noch nicht. Und am andern Morgen -wußte ich es auch noch nicht, und wir liefen einmal drauflos, -weil's uns selber wunderte, wohin wir eigentlich kämen. -Natürlich in die Berge, die uns am nächsten sind und auf -deren grünenden Kuppen mit dem unendlichen Himmel -darüber aller Haushaltungskram von mir abfällt wie von -selber. Und die Jungen? Ja, wissen Sie, die brachten doch -überhaupt erst Stimmung in die Geschichte. Überhaupt, -meine Liebe, das Wandern, wenn man's nicht gerade auf -dreißig Kilometer im Tag abgesehen hat, ist am wunderbarsten -mit Kindern. Nicht unter fünf Jahren, das will ich zugeben. -Aber schließlich, wenn ich so denke, wie war das etwas Herrliches, -wenn wir zu Hause, als ich noch klein war, mit Vater -und Mutter und noch einer anderen Familie zusammen, die -ebenso leichtsinnig veranlagt war wie wir, kurz, einer ganzen -Bande, mit einem Dutzend Jungen und Mädels und zwei – -erschrecken Sie nicht – Kinderwagen hinauszogen in den -grünen Wald, stundenweit, und an einem Waldbach lagerten, -futterten, spielten, lachten und schliefen. Nie hab' ich gesehen, -daß die Eltern und die Älteren den Humor verloren hätten. -Im Gegenteil. Vater war noch toller als wir alle zusammen,<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span> -zeigte uns die Vogelnester oder schlug Tannenzapfenschlachten -mit uns, einer gegen zwölfe.</p> - -<p>Aber schließlich will ich Ihnen doch von uns erzählen. Sie -sagten mir dieser Tage einmal, wir müßten die Kinder -schauen lernen. Unsinn! Nehmen Sie es nicht übel. Die -sehen meist mehr als wir, und ich habe von jeher gefunden, -daß es eine Aufdringlichkeit ist, wenn wir uns in die Seelen -unserer Kinder hineinschleichen, um sie mit <em class="gesperrt">unseren</em> Augen -sehen zu lassen. Wir sollten's mit den <em class="gesperrt">ihrigen</em> lernen, -denn sie sehen sicher klarer, einfacher und reiner.«</p></div> - -<p>Sehen Sie, so würden Sie unbefangen und frisch heraus Ihrer -gelehrten Freundin, bei der es kein Kindermädchen drei Monate -lang aushält, antworten, wenn Sie sich nicht hätten <em class="gesperrt">imponieren -lassen</em> und an ihren eigenen gesunden Menschenverstand fest geglaubt -hätten.</p> - -<p class="center"> -Mit guten Grüßen Ihre -</p> -<p class="mright"> -R. M. -</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-049"> - <img src="images/illu-049.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Hans Müller-Brauel. -</p> -<p>Alte Frau aus dem Alten Land -(Unterelbe).</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Vom_Kraenzewinden">Vom Kränzewinden.</h2> -</div> - -<p>Wir haben das Kränzewinden verlernt. Allerhöchstens winden -und werfen wir sie noch in den Theatern. Aber ist hier nicht mehr -als Theater? Auf der bunten Schaubühne der Natur mit ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span> -ständigen Wechselszenerie? Nur die Kinder verstehen sich noch -aufs Kränzewinden. Oder sie haben wenigstens den dankbaren -Sinn dafür, wenn man sie's lehrt. Und neuerdings auch junge -Mädchen, wenn sie keine dionysische oder sonstige Mode daraus -machen. Denn zu einem Getue, zu dem bei uns so gerne alles -wird, sind die Blumen -doch zu gut. Wirklich -zart können nur unverdorbene -Kinder mit -Blumen umgehen.</p> - -<div class="figright illowp50" id="illu-050"> - <img src="images/illu-050.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. F. Clauß, Landau. -</p> -<p>Wiesen und Hänge.</p></div> -</div> - -<p>Am rauschenden Bach, -der zwischen hellen Matten -und dunklem Wald -dahinschoß, sah ich gestern -ein Mädchen, das reihte -an einer dünnen Gerte -weiße Gänseblümchen -und violettes Knabenkraut -auf. Ein zwei- und -ein dreijähriges Kind, -Mädel und Bub, sahen -ihm mit beglückten großen -Augen bei der Arbeit zu. -Der junge Adam bekam -einen Reif aus blühendem -Sauerampfer und rotem -Klee, und die kleine Eva -einen aus Orchideen und -Hahnenfuß. Ihr solltet -einmal gesehen haben, -mit welch würdiger Bescheidenheit -so ein kleines -Mädchen oder mit wieviel -schämiger Andacht der -wilde Bube seinen Kranz -trägt. Sie wissen noch, -daß sie dazu gehören. -Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den grünen Hainen, -zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und zu den Käfern, -die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten, wenn so ein -Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in ihre -winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder gewesen,<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span> -verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone -auf den goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen -Schmuck eines Ringes aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen -Haar anfingen zu singen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Alles neu macht der Mai,</div> - <div class="verse indent0">Macht die Seele frisch und frei,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges -Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich -erlebte wieder ein Stückchen Himmelreich.</p> - -<p>Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und -tuet desgleichen! Wir wollen <em class="gesperrt">nicht</em> werden wie die Kinder. -Bewahre! Dies Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn -vom Kindlichen zum Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich -annehmen als ein Kind« – das ist es. Das ist die gute Übersetzung -des alten Textes vom alten <em class="antiqua">Dr.</em> Martinus Luther, der zwar -keineswegs meine ganze schwärmerische Verehrung besitzt, der -aber ein – Lautherr war und sich auf Deutsch verstand, noch -besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer oder Gymnasialprofessor.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Einsam_zweisam_dreisam_oder_in_Scharen">Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?</h2> -</div> - -<p>Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Das <em class="gesperrt">muß</em> man -entweder oder man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage -ist das nicht – sondern Privatsache.</p> - -<p>Zu zweit? »<em class="antiqua">Two is no society</em>,« sagen die Engländer, und -die verstehen sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt -Ausnahmen von dieser Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner -Braut, ein Mann mit seinem Weib die graue Alltäglichkeit des -Lebens vertauschen mit dem freien Wandern über Berg und Tal, -dann sind die beiden »<em class="antiqua">society</em>«. Sie erfassen die Welt mit einer -verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem doppelten -Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im -psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung -ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb -milde, halb herbe Verworrenheit der deutschen Landschaft, und -ihre Sinne erfüllen sich weit mehr mit den vollen Lauten des -rauschenden Daseins, als wenn sie allein wären. So leben sie im -Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des Innern wie des Äußern. -Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste Form des Wanderns.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span></p> - -<p>Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sind <em class="gesperrt">eins</em>. -Sie brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu -sein. Es gibt auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern -zu einem hochsinnigen Leben machen. Aber sie sind selten. -Solche Wandererkameraden sind, wie der Koran sagt, »von Gott -gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt aus des anderen -Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit der Welt -hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und -dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden -Augen die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark -ergreifen und genießen? Der Eine und die Eine?</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-052"> - <img src="images/illu-052.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Flußlandschaft aus Brandenburg.</p></div> -</div> - -<p>Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern -zu zweit gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, -zu deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, -oder man wird sich bei dem großen Bedürfnis des Menschen nach -Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne es sich – was das Schlimmste -ist – zuzugestehen.</p> - -<p>Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige -nahe Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogen<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span> -haben. Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst -beim halben Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die -Mindestzahl zwölf und die Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat -seine guten Erfahrungsgründe.</p> - -<p>In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders -der jüngeren Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen -oder, objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken -seiner besonderen Veranlagung auszugleichen durch den inneren -Bestand des entgegengesetzt veranlagten Freundes, viel leichter -befriedigen. Dazu kommt noch die Notwendigkeit, sich schon aus -reiner Selbstsucht willig ins Ganze einzuordnen und dem Führer -unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon zu dem Kapitel:</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_Wanderschuh_als_Erzieher">Der Wanderschuh als Erzieher.</h2> -</div> - -<p>Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht -mehr. Es <em class="gesperrt">muß</em> erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger -Schulmeister, die umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten.</p> - -<p>Warum läßt man denn die jungen Menschen – und die alten -dazu – nicht unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? -Es hat es ja noch kein Schulmeister in der Welt weiter -gebracht als dazu, daß seine Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten -merkten: »Er hat wahrhaftig recht gehabt!« Der Mensch läßt sich -schon von Jugend an eines seiner größten Vorrechte nicht beschneiden, -das Recht, nur durch höchsteigenen Schaden klug zu werden.</p> - -<p>Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann -allerdings muß man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs -Leben gibt als die <em class="gesperrt">gemeinsamen Wanderungen</em>, die nun -alljährlich in immer steigendem Maße von der erwachsenen Jugend -aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im Winter unternommen -werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen absehen, -die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch -hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben -und die – wohl ganz wider Willen – in der Richtung der Entwicklung -des Heerwesens zur Miliz wirken.</p> - -<p>Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt -schon ohne alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, -weil es täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems -der Gegenwart: »<em class="gesperrt">Menschen untereinander</em>« bringt. -Und dies in Lagen, die an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen -viel höhere Anforderungen stellen, als es bei der gewöhnlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span> -Art, wie junge <em class="gesperrt">Menschen</em> bisher gewöhnlich <em class="gesperrt">untereinander</em> -waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der Bierbank, wo reichlich -Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen lebende Gefühl -des Widereinander lähmten, um allerdings später desto unverhüllter -zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder -auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger -täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein -Wohlbefinden und seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig -sind von der Haltung der Wanderkameraden, die ihrerseits wieder -bestimmt wird durch die Art, wie <em class="gesperrt">er</em>, der einzelne, seine Pflichten -erfüllt, und wie er sich auch sonst, rein von der Gemütsseite aus, -zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte seines Daseins wird dem -Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen mag, zum erstenmal -ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der Schule, -wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes Einzeldasein -führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer -die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner -eigenen augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine -oder große Not zu der seinen machen will, mag es sich um die -Übernahme eines Teils der schweren Traglast des anderen handeln, -um ein gutes Wort, wenn des Kameraden Herz ihm etwas Schweres -anvertraut, oder um einen Taler, den jener nicht hat.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-054"> - <img src="images/illu-054.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. W. Riegger. -</p> -<p>Gebirgspost.</p></div> -</div> - -<p>Aber es ist noch ein anderes. Häufiger als sonst kann es der -in Horden ziehende Wanderbursche erfahren, daß das übliche -gute Verhältnis auf Gegenseitigkeit: »Wie du mir, so ich dir,« -im tiefsten Grunde eine niedrige Stufe des Lebens der Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span> -untereinander darstellt. Bereits die häufige örtliche Trennung -der Wanderer einer und derselben Schar ist schon Anlaß dazu, -daß die Wärme einer empfangenen Freundlichkeit (und wie viele -kleine Dienste gibt es da) nicht an den eigentlichen Geber zurückerstattet -wird, sondern an einen anderen zufällig anwesenden -Kameraden, der ihrer gerade bedürftig ist. So wird beim Wandern -das »Revanchieren« (das Wort ist sehr bezeichnend!) einem -schwerer gemacht als im Stadtleben. Ein freiwillig und gern hingegebenes -Stückchen Herz geht weiter im Kreise herum und -wirkt tiefer beim Wandern, als wenn in der Stadt der Herr: »Sehr -liebenswürdig!« dem Herrn: »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich -sein?« die Freundlichkeit postwendend zurückgibt, um ja sofort quitt, -d. h. ihm nicht mehr verpflichtet zu sein.</p> - -<p>Denn: Man kann nicht wissen!</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-055"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel IV</p></div> - <img src="images/illu-055.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Ferd. Clauß phot. -</p> -<p>Bergdorf in der Pfalz</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-056"> - <img src="images/illu-056.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot. -</p> -<p>Hessisches Dorf</p></div> -</div> - -<p>Draußen in den hellen Buchenhallen, unter den dunkeln Spitzbogen -des Tannenwaldes, am Ufer des leichtbewegten blauen -Sees oder inmitten des Felsens eines rauschenden Wildbachs fällt -so viel von selber ab an Dünkel und Torheit, an Abneigung und -Pharisäertum zwischen den Menschen, weil sie dem Leben des -ewigen All so viel näher sind als sonst. Beim Einatmen der gleichen -reinen Gottesluft würden sie – wenn ihnen der Vorgang zum -Bewußtsein käme – nicht aus dem Staunen darüber herauskommen, -was ein Mensch zwischen Mauern und Dächern doch -oft ein fataler Herr und draußen unter grünen Zweigen und freiem -Himmel ein lieber Kerl sein kann.</p> - -<p>Daß die Protektion und die Beonkelung der Wanderbewegung -in der Richtung der <em class="gesperrt">Organisation ganz bedeutende Verdienste</em> -hat, das wird gern und freudig anerkannt.</p> - -<p>Ich will hier nicht die Gelegenheit ergreifen, um zu untersuchen, -inwieweit »Wandern« und »Organisation« eigentlich eine <em class="antiqua">Contradictio -in adjecto</em> (ein Widerspruch im Beiwort) sind. Auf die -Theorie kommt es hier gar nicht an, sondern nur darauf, inwieweit -die organisatorische Zusammenfassung den inneren Kern, die -Wander<em class="gesperrt">lust</em> und vor allem den <em class="gesperrt">Wert</em> des Wanderns erhöht oder -vermindert. Und da hat nun die Entwicklung der letzten Jahre -eines unzweifelhaft erwiesen: Die Wanderbewegung hat zu einem -großen Teil nicht mehr ihren <em class="gesperrt">Zweck in sich selbst</em>, sondern sie -ist Mittel zu Zwecken geworden, welche viele der jungen, frohen -Gesellen nicht ahnen. Ein großer Teil der in großen Verbänden -organisierten jungen Wanderer befinden sich, ohne es zu wissen, -unter einem Einfluß, dessen Tendenzen die schon unter den Erwachsenen -vorhandenen Klassengegensätze noch verschärfen. Welche<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span> -Klasse, ob die »besitzende« oder »nichtbesitzende«, damit angefangen -hat, die wandernde Jugend zu bearbeiten, soll hier nicht untersucht -werden, ebensowenig, als hier überhaupt <em class="gesperrt">Anklagen erhoben</em> -werden sollen. Es sollen nur Dinge gesagt werden, die -bisher kaum einmal gesagt wurden. Und da <em class="gesperrt">muß</em> das <em class="gesperrt">eine</em> ausgesprochen -werden:</p> - -<p>Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und -»Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind. -Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch -vom Menschen noch nicht getrennt zu <em class="gesperrt">werden brauchte</em>, die -<em class="gesperrt">Jugendzeit</em>. Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, -die durch die verschiedene Klassenzugehörigkeit und – was -fast gleichbedeutend ist – verschiedene politische Gesinnung der -Menschen hervorgerufen werden, nicht zum Ausdruck zu kommen -<em class="gesperrt">brauchen</em>, weil der Mensch im All der Schöpfung seine Wesensgemeinschaft -leichter verspürt als in den Straßen der Stadt, wo -Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu offener -Feindschaft ausarten lassen – diese einzige Möglichkeit ist <em class="gesperrt">das -Wandern</em> draußen in der freien Natur.</p> - -<p>Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht -mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«, -»Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts -wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo -politische Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen.</p> - -<p>Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich -sagen will.</p> - -<p>Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches -und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken -schwört, sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! -Man lasse den Frieden – dessen auf die Dauer kein Menschenherz -entbehren kann – wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, -auf den grünen Matten, unter den hellen Buchenhallen -und den dunklen Spitzbogendächern des Tannenwaldes – -<em class="gesperrt">Frieden</em> sein mit dem ganzen stillen Segen seiner Kraft!</p> - -<p>Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns – auf beiden -Seiten! – nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig -verachtete Schändung der Mittel durch die Heiligung der Zwecke -und ein fluchwürdiger Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, -nämlich der Natur, den der Mensch noch nicht entehrt hat durch seine -Qual und seinen Haß. Es ist der Anfang von der völligen Austreibung -des Menschen aus dem Paradies und der Entweihung -der letzten Stätten des Friedens, wenn die Wanderbewegung unter<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span> -der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird von jeder politischen -oder sozialen Tendenz.</p> - -<p>Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die <em class="gesperrt">er</em> -angeht: Man überlege sich diese <em class="gesperrt">Sache</em> in der Richtung <em class="gesperrt">alles</em> -Folgerichtigkeiten, bevor man – lächelt. Denn es ist so leicht und -bequem und – für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-059"> - <img src="images/illu-059.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Sonntagmorgen.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Was_man_braucht">Was man braucht.</h2> - -<h3 class="nobreak" id="Des_Wanderers_Kleid">1. Des Wanderers Kleid.</h3> -</div> - -<p>Gib acht! Das Kleid ist ein Steckbrief, und ahnungslos schreibst -du ihn dir selber. Die Hotelportiers und Kellner, die mit einem -unbestechlich kalten Blick das Äußere der ankommenden Gäste -und besonders den Zustand und die Preislage der Stiefel überfliegen -und danach ihren Mann in irgendeinem Schubfach einrangieren, -haben so unrecht nicht. Die Methode ist zwar grob, aber -fürs Gröbste genügt sie. Damit wollte ich nur auf die Gefahr jedes -»Kostüms« hinweisen.</p> - -<p>Anderseits geht es nicht gut an, vor einer Wanderung nur -deshalb die Wandlung zu einem frischen, schlichten, frohen Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span> -durchzumachen, damit nach der einzig richtigen Methode das -äußere Gewand uns sozusagen von innen heraus anwachse, die -Kleidung sozusagen das Symbol des Herzens werde und ja -niemandem der edle Kern unter der angenehm bescheidenen -Hülle entgehe.</p> - -<p>Und drittens hinwiederum läßt sich das alles eben überhaupt -nicht <em class="gesperrt">machen</em>, sondern es geschieht mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit, -nach der alles von innen nach außen wird. Da helfen -alle Faxen nicht.</p> - -<p>Ich kenne einen Mann, der trägt manchmal, obwohl er nicht in -Oberbayern wohnt, bei fröhlich festlichen Gelegenheiten »Gamslederne« -mit gestickten Hosenträgern, aber niemand käme auf den -Gedanken, er habe sich kostümiert. Denn er ist darin der gleiche -Mensch wie im Gehrock. Und ein anderer lebt schon jahrelang in -den Bergen. Als er aber einmal mit seinem gemildert prätentiösen -Asphaltschritt in »Gamsledernen« und im grünem »Hüterl« einem -alten Oberbayern begegnete, da blieb dieser mit grinsendem Erstaunen -stehen und fragte mit der unzarten Herzenseinfalt solcher -Gebirgler: »Ja, sag mei Liaba, wie bist au du nur in des G'wandl -eini kimme?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Das ist's.</em> Das G'wandl!</p> - -<p>Man erwarte also von mir keine Vorschläge in der Richtung -der einzig richtigen Wander»kluft«. Schon deshalb nicht, weil -sich ein jeder ja doch so anzieht, wie er es für am wirkungsvollsten -hält.</p> - -<p>Es gehört ja nicht zu den erfreulichsten Seiten der modernen -Wanderbewegung, daß wir im Wald und auf der Heide, in Bahnhöfen -und in Großstadtstraßen immer mehr fragwürdige Gestalten -von tragikomischer Ausrüstung sehen. Ihre gefärbten Hahnenfedern -auf dem grünen Jägerhütchen, ihre mit Bändern von allen Regenbogenfarben -geschmückten Zupfgeigen und ihre ausgesucht auffallend -gemusterten Strümpfe über den erbarmungswürdigen -Waden reizen nur um so mehr zu Spott, als sie die blasierte -Fadheit der dazugehörigen Gesichter nur desto mehr hervorheben. -Diese Beckmesser der deutschen wandernden Jugend sind zum -Glück nicht in der Überzahl. Denn den meisten unter der Jungmannschaft, -auf deren Schultern ein großer Teil unserer Zukunftshoffnungen -liegt, ist es doch schon aufgegangen, daß nur -<em class="gesperrt">der</em> beseligt aufgehen kann in der Herrlichkeit und Größe der Allschöpfung, -der mit keiner Faser mehr danach strebt, die Aufmerksamkeit -auf seinen sonderbar ausstaffierten Leichnam zu -lenken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span></p> - -<p>Also: jeder suche sich <em class="gesperrt">sein</em> Wanderkleid! Denn die Einförmigkeit -des graugrünen »Sportanzuges« mit Gürtel und Quetschfalten, -der für den deutschen »Vergnügungsreisenden« schon so witzblätterhaft -typisch geworden ist wie früher der großkarierte Nanking -für den Engländer, ist auch nichts Erhebendes. Das erste sei <em class="gesperrt">Haltbarkeit</em>! -Denn wer sich aus Angst für seinen Hosenboden nicht auf -jeden Felsen oder Baumstamm setzen kann, der ist ein armer Mann -und ein Spott von Wind und Wetter und der eigenen Kameraden. -Alles junge Wandervolk, das oft noch am Nachmittag nicht weiß, -wo am Abend das Haupt hinlegen, braucht außer einer widerstandsfähigen -»Kluft« einen nicht zu schweren Wettermantel, -einen Lodenumhang, und womöglich ein Stück von wasserdichtem -Mosettigbatist (etwa 1,50 auf 1,50 <em class="antiqua">m</em> groß), der, auf Handbreite -zusammengelegt, sich bequem in die Tasche stecken läßt und bei -unvorhergesehenen Freilagern gute Dienste gegen Feuchtigkeit -leistet.</p> -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Der_Rucksack">2. Der Rucksack.</h3> - -<div class="epigraph"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich han myn Bündel nun gesnallt,</div> - <div class="verse indent0">Muß snallen noch myn Herz.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz -wieder ganz frei geworden ist. <em class="gesperrt">Frei</em> muß der Bursch sein, wenn -er wandern will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem -übervollen Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts -Besseres als seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, -zu verlaufen und – zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -– ich weiß es – aber sie sind probat!</p> - -<p>Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man -muß, wie der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich -aller Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, -daß ihm in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, -was ein richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es -zahllose. »Je weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch -schlechter aber ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt -treffliche Menschen, wahre Ritter der Peinlichkeit, die können -vor der Ausfahrt ein ganzes Haus unglücklich machen, weil sie -drei Tage lang vorher mit langen Zetteln, worauf »alles verzeichnet -ist«, herumgeistern. Wegen einer in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten -Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel können sie es bei Mutter -und Schwester zu geradezu erschütternden Auftritten kommen -lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich gefährden.<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span> -Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches -entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack -packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit.</p> - -<p>Die Wahrheit liegt in der Mitte.</p> - -<p>Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von -dem Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide -das »Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, -und lasse die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings -meist nicht nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe -den Mut, ihn zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die -grünen Matten werden ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend -hindurchrasest, um wieder dein eigener Herr zu werden. In alledem -aber werde kein Fanatiker und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. -Hast du dann noch wieder gelernt, was des alten Adam erste -Beschäftigung war, als der Herr ihm »einen lebendigen Odem« -in die Nase blies, nämlich <em class="gesperrt">atmen</em>, <em class="gesperrt">richtig atmen</em>, <em class="gesperrt">menschenwürdig -atmen</em>, das heißt von der Luft zu einem guten Teil -<em class="gesperrt">leben</em>, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der -nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne -keine alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern -(es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die -zugleich als Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, -zwei Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem -deine persönlichen Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel -usw. sind. Von Strümpfen und Socken ist im nächsten Kapitel -besonders die Rede. Hast du noch alle Schul- und Erwerbssorgen -so gründlich zu Hause gelassen, daß sie nicht die Lust ankommt, dir -nachzureisen, dann bist du ein freierer, fröhlicherer Wanderer -als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht angekommenes oder -schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes Paket -warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings -muß man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach -einen halben Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat.</p> - -<p>Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden -überhaupt – und beim Wandern insbesondere.</p> - -<p>Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar -nicht behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere -Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber -ich persönlich habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen -von Ecklöh in Lüdenscheid gemacht!</p> - -<p>Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, -daß man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span> -schon so genug gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende -einfache Kunst unserer Urgroßeltern mit sich gebracht -hat, an dem Stück spielerischer Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton -und so manchem anderen Gespielten ist die Zupfgeige zum Teil -schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an ihrer guten -Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher -zugrunde geht.</p> - -<p>Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. -Und nun noch ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste -am Rucksack ist das Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast – -nicht die unselige Hast! –, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht -mehr zu bezweifeln ist, daß wir gehen können. Denn was kommt -nicht immer noch alles dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern!</p> - -<p>Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, -da ist, dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein -dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt -aus seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch -heraus und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?«</p> - -<p>Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche -denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom -dürren Ast als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an -den damals vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird -dann die Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten -aller Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was -eines Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, -die Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn -auch ich war einst in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt -vom bewegten Leben seines richtigen Wandererherzens, und an -allen Lasten des Erdendaseins hab' ich schwerer getragen als an -meinem jetzt graugrünbraunen Rucksack, der – nach dieser schönen -Rede! – alle Brüder von ähnlich bewegter Vergangenheit hiermit -grüßen läßt. Er ist ein Wissender geworden in all den Jahren, aber -er liebt das Schweigen – Gott sei Dank – mehr wie sein Herr, -der über all das »schreiben« muß.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Von_den_Schuhen_und_den_Fuessen">3. Von den Schuhen und den Füßen.</h3> - -<p>Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es -ist niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für -den Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! -In unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span></p> - -<p>Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen -Wort des Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber -hinter einer morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, -bei allem Heroismus der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig -einhergeht, als ob die Straße voll frischer Eier läge, so ist solches -nicht sehr erhebend. Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie -der Rucksack enthält, sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und -unserem Vorleben abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen -für unsere Füße, die zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch -seine Despoten sind. Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. -Jedem Rekruten wird es unter Mithilfe von ernstlichen Suggestionen -in der Richtung von drei Tagen Mittelarrest beigebracht, daß der -Schutz des Vaterlandes im innigsten Zusammenhang stehe mit dem -Zustande seiner »Untertanen«. Und doch, wie mancher Jüngling -und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um bereits am ersten -Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h. ihre Bekehrung -zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den Gliedmaßen -seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der Wanderkunst, -so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren -mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine – man vergebe -diesen sachlich einwandfreien Kalauer! – Achillesferse. Schon -manchmal ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der -Strecke geblieben, und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, -wissen, wie eine solche Lappalie uns völlig genußunfähig -machen kann. Keinem passiert es zum zweitenmal.</p> - -<p>Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren -Tour eine zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst -durch kleine und stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende -Märsche, sodann durch Abhärtung und schließlich <em class="gesperrt">durch Gewöhnung -an den Wanderschuh</em>.</p> - -<p>Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder -durch das Tragen von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher -gegen Wind und Wetter, aber desto empfindlicher -gegen die während einer langen Zeit nicht mehr in Betracht gekommene -Reibung der oberen Fußhaut an den Schäften geschlossener -Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung kann -aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen -von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe -ist auf die Dauer nicht auszuhalten.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-065"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel V</p></div> - <img src="images/illu-065.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Chr. Meisser phot. -</p> -<p>Märzensonne im Bergwald</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-066"> - <img src="images/illu-066.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -G. Urff phot. -</p> -<p>Waldlichtung im Hochsommer</p></div> -</div> - -<p>Wer sodann glaubt, mit Stiefeln, die er am Abend vor dem -Abmarsch in der Hast gekauft hat, zum Ziele zu kommen, der kennt -noch nichts von der guten Behandlung, auf welche die Füße beim<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span> -Wandern grundsätzlich Anspruch machen. Sie wollen gut ausgetretene, -aber doch noch gut anliegende Schuhe haben, mit denen -sie schon <em class="gesperrt">vor</em> der Wanderung ein ungestörtes und angenehmes -Verhältnis eingehen konnten, und sind auch in bezug auf Socken -und Strümpfe gar nicht bescheiden. Fünf Paar wollene Socken von -verschiedener Dicke, deren Fersen und Zehenstück mit Salizyltalg -eher zu reichlich als zu dürftig einzufetten ist, sind das mindeste -für den eisernen Bestand eines ehrlichen Wanderrucksacks. Gelegentliches -Waschen der Füße mit Ameisenspiritus oder ähnlichen -Hausmitteln ist ebenso zu empfehlen wie Massage. Für einen -Unfug halte ich das täglich häufige kalte Baden der Füße in jedem -Waldbach wie auch die täglichen heißen Fußbäder (wenn man -nicht gerade herzleidend ist). Schweißfüße sind nicht zu heilen. -Für den Nebenmenschen und sich selbst sind ihre unangenehmen -Kennzeichen nur durch häufigen Wäsche- und Schuhwechsel zu -mildern. Das ist eine Forderung der einfachsten Höflichkeit. Darin -sind uns andere Völker, z. B. die Japaner, weit überlegen. So -störend die Nachsendungen durch die Post für einen Wanderer, -der auch dem Zufall sein Recht lassen will, sein mögen, gelegentlicher -Ganzersatz von Schuhen und Socken ist auf einer mehr als zwei -Wochen dauernden Wanderung <em class="gesperrt">kein Luxus</em>, sondern <em class="gesperrt">hygienische -Selbstverständlichkeit</em>. Denn die Schweißmengen, die -ein Paar 14 Tage lang ohne Wechsel getragene Schuhe aufnehmen -und die daraus entstehenden Düfte sind ebenso ungesund als lästig.</p> - -<p>Es ist seit einigen Jahren Mode geworden, auch einfache -Wanderungen im Mittelgebirge immer in den schwergenagelten, -dicksohligen Schuhen zu machen, die für den Alpinisten unentbehrlich, -ja eine <em class="antiqua">Conditio sine qua non</em> sind. Aber wenn man nur -die ganz unnötig erhöhte Arbeitsleistung infolge des großen Gewichts -der Schwergenagelten in Betracht zieht und ganz absieht -von der größeren Bequemlichkeit eines halbleichten Tourenstiefels, -dann springt das Unsinnige dieser Mode in die Augen.</p> - -<p>»Aber es sieht eben schneidiger aus!« – Ich kenne den Einwand -und weiß, was auch junge Männer opfermutig an Unbequemlichkeit -ertragen können um des »<em class="gesperrt">Eindrucks</em>« willen. -Aber diese ja so verständliche und bei jedem wohl einmal auftretende -Periode, wo man sich für den Mittelpunkt der allgemeinen -Aufmerksamkeit hält, leidet an der genügsamen Einsichtslosigkeit -aller Eitelkeit. Die Wanderer der günstigsten Pose vergessen -das eine, daß die »<em class="gesperrt">Kenner</em>« ja lächeln über solche Späße; um -aber nur die Bewunderung der ahnungslosen Gelegenheitsausflügler -zu erregen, müßte doch der Stolz ein wenig größer sein;<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -ich meine den richtigen Stolz, das saubere Selbstbewußtsein, dem -<em class="gesperrt">alle</em> Mätzchen verächtlich sind.</p> - -<p>Für »Damen« ist die erste richtige Wanderschaft fast immer -der erste harte Kursus, in welchem der Fuß sich für alte Sünden -rächt und der jungen Wandersmaid den richtigen Respekt vor den -ihr nun einmal durch Geburt oder Schicksal verliehenen Fußmaßen -beibringt. Denn so viel man wandernden Frauen und Jungfrauen -sonst nachsagen mag, <em class="gesperrt">den</em> Vorwurf, als lebten sie auf einem -großen Fuß, kann man ihnen nie machen.</p> - -<p>Gamaschen sind Geschmacks- und Modesache. Wer nicht anders -zu können glaubt, als in Gamaschen loszuziehen, der nehme dann -wenigstens das Beste, was auf diesem Gebiet existiert, die leichte, -saubere, poröse und verblüffend einfach zu bindende Wickelgamasche -»Mars«.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Vom_Essen_und_Trinken">Vom Essen und Trinken.</h2> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-068"> - <img src="images/illu-068.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Ad. Saal. -</p> -<p>Wanderer beim Abkochen.</p></div> -</div> - -<p>Ich fühle nicht den Beruf in mir, meine Mitmenschen und -Mitwanderer auf diesem herrlichen Planeten zu meiner Speisekarte -zu bekehren. Wir sonderbaren Kostgänger des Gastgebers<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span> -unserer Weltenherberge sollen auch hierin ein jeder nach seiner -»Fasson selig werden«, und alle Geschmäcke sind zu »tolerieren«. -Aber eine kleine Predigt kann ich bei dieser Gelegenheit doch nicht -unterdrücken.</p> - -<p>Der Antialkoholismus unserer Tage kann nach meiner Ansicht -eine ebenso große Besessenheit sein wie sein Gegenteil und verleitet -fast noch mehr als dieser zu allerhand Hochmut, der bekanntlich -immer vor dem Fall kommt. Während des Wanderns jedoch ist -der Alkohol in jeder Form und Menge durchaus vom Übel. Es -ist bis jetzt noch nicht erlebt worden, daß einer, der sich aufs Wandern -verstanden hat, auch nur dem bekannten »Glas Wein« das -Wort geredet hätte. Natürlich nur für so lange, als der Wandersmann -noch irgendeine Leistung vor sich hat. Was dieser dann abends -tut, das ist wieder ganz und gar seine Privatangelegenheit, und -wenn er klug ist, dann hält er sich in diesem Punkt besser nicht -unbedingt an den sonst auch fürs Streifen durch Wald und Welt -sehr empfehlenswerten Spruch, nicht an den morgigen Tag zu -denken.</p> - -<p>Wer so steht, der mag im übrigen seinem Feuchtigkeitsbedürfnis -auf dem Marsche oder bei den Mahlzeiten mit Sauermilch oder -Quellwasser, mit künstlichen Limonaden in Wirtshäusern am -Wege oder – was weit billiger und nützlicher – mit dünnem Tee -und Kaffee aus der Feldflasche nachhelfen. Der natürliche Instinkt -bewahrt ihn hier vor vielen Torheiten. Wem aber noch gesagt -werden muß, daß er sich nicht mit eiskaltem Quellwasser schädigen -soll, und wer nicht weiß, daß er mit einem Minimum von Flüssigkeit -am besten fährt, weil er es ja doch wieder herausschwitzen muß, -der möge lieber mit seinen Sorgen zu Hause bleiben. Der ist kein -geborener Wanderer und wird es auch nie lernen.</p> - -<p>Etwas anderes ist es mit dem Essen. Denn das ist wirklich -eine noch ganz unbekannte Kunst im Zeitalter der angeblich so -hochentwickelten Kultur. Sehr viele und nicht immer anmutige -Predigten gegen den Alkoholismus wären überflüssig, wenn die -Propheten sich einmal mehr mit den Gefahren des Essens als -mit denen des Trinkens beschäftigen wollten. Mit dem zuvielen -Essen fängt es an, nicht umgekehrt. Bei den meisten wenigstens. -Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Denn schon sehe ich in -Gedanken einige Leser entrüstet auffahren mit dem zornigen -Vorwurf im Herzen, nun wolle man ihnen auch noch – dieses -Wort wird immer im Tone einer edlen Biederkeit ausgesprochen – -ihr tägliches Brot beschneiden! »Heute, in der Ära der sozialen -Frage!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span></p> - -<p>Gemach! Es gibt noch so etwas wie eine Wissenschaft, wenn -auch mein Glaube an deren alleinseligmachende Wirkung nicht -übermäßig groß ist. Ich halte diesen ernsthaften Predigtschwank -durchaus nicht in der Wüste der Not, sondern in jenen Gefilden, -wo die Fleischtöpfe Ägyptens gar heftig brodeln. Und da beißt -nun keine Maus einen Faden daran ab, daß der »gebildete« Mensch -aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, der ja doch ein -Übermensch werden will, sich vor allem einmal vom Überessen -zurückentwickeln muß zum Essen. Vielleicht hat nichts zu dieser Erkenntnis -so sehr beigetragen als die nun zum Glück auch in der -Versenkung verschwundenen Rekordmärsche. <em class="antiqua">Plenus venter</em> studiert -nicht nur, sondern marschiert auch nicht gern. Überall kamen die -zähen, anscheinend ausgemergelten Läufer immer vor den Herkulesgestalten -an. Ein richtiger David ist noch immer einem Goliath -über gewesen. Beim Steinschleudern und sonst. Das zeigt sich auch -beim einfachen, allem Sportgetriebe abholden Wandern.</p> - -<p>Aber wir wollen doch ganz absehen von den äußeren Leistungen -und nur von innerem Gewinn reden. Frau Aja erzählte, ihr Wolfgang -habe mehr gesehen und erlebt, wenn er von Frankfurt nach -Mainz reiste, als andere Leute auf großen Fahrten durch die Welt. -<em class="gesperrt">Darum</em> handelt es sich aber! Nämlich um die Aufnahmefähigkeit -und das persönliche Glücksempfinden beim Wandern. Schon -aus reinem Egoismus müßte da jeder, der das Wandern ernst -nehmen, als eine Lebensschule betrachten und als einen Quell des -Glücks genießen will, einmal in einem guten, von einem verständigen -Fachmann geschriebenen Buche die neue Lehre vom Essen -studieren. Ob das in einem Werk des Engländers Fletscher, des Dänen -Hindhede oder des Amerikaners Dew geschieht, ist gleichgültig. -Dann würde er nach einigen praktischen Übungen und Erfahrungen -innewerden, daß alle Nahrungsaufnahme zu einem Fest werden -kann, wenn man, was bisher für eine Schande und für ein Zeichen -von Unbildung gehalten wurde, <em class="gesperrt">ganz und gar bei der -Sache ist</em>. Etwa so, wie es kraftgenialisch und exzentrisch Goethe, -der große Lebenskünstler, schildert in seinem Gedicht von den -zwei Propheten und dem Weltkind in der Mitten. Dann braucht -es sich aber gar nicht um gebackene Hahnen zu handeln wie damals. -Beim ebenso bedächtigen wie hingebungsvollen Genießen der einfachsten -Nahrung kann man dahinterkommen, daß Reichtümer von -Wohlgeschmack in jedem Stück Butterbrot liegen, wenn man sie -nur zu heben versteht.</p> - -<p>Wir Städter rümpfen in manchen Dingen die Nase über das -Landvolk, das von den Dilettanten des Wanderns mit gleichem Unrecht<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span> -ungebührlich über- wie unterschätzt wird. So beruht zum -Beispiel der Vergleich zwischen dem hochentwickelten Appetit eines -an einer Table d'hote mit fünf Gängen arbeitenden Essers -mit demjenigen eines Scheuerndreschers auf irrigen Voraussetzungen. -Wer's nicht glaubt, der möge einmal Bauernknechte -oder -mägde beobachten, wie sie am Tisch um eine große -Schüssel Milch sitzen, bedächtig löffeln und langsam dazu ihre -Kartoffeln kauen und das Mahl höchstens mit einem kraftvollen -und nicht für zarte Ohren geeigneten Spaße würzen. Es könnte -sich manche Tafel, an der man vor Messerklirren, tollem Durcheinanderreden -und Schmatzen fast selbst nichts mehr hört, ein Beispiel -daran nehmen. Wer nach einem scharfen Marsch im kühlen -Schatten einer alten Eiche oder einer mächtigen Tanne schon einmal -allein seinen kargen Imbiß eingenommen hat, umfächelt vom -streichenden Wind und unterhalten durch die Tafelmusik der summenden -Hummeln, der lispelnden Blätter und der gluckernden -Quellen, der weiß, was ich meine. Er weiß, daß man beim Essen -nicht beten soll! Das Gebet soll im Essen selber liegen. Alles -andere ist vom Übel. Man soll sich freuen. Das ist alles.</p> - -<p>Einen anderen Grundsatz aber als denjenigen der größtmöglichen -Mäßigkeit gibt es nicht, wenn man dieser einfachen Freuden teilhaftig -werden will. Auch hier wirkt in ganz ungeahnter Weise das -Naturgesetz von der denkbar stärksten Wirkung bei denkbar geringstem -Kraftaufwand. Man muß nur immer die richtige Grenze -zu finden wissen, und zwar immer nur für seine Person allein. -Denn auch das ist ein unanfechtbarer Grundsatz, der sehr trivial -klingt, aber ganz tiefe Geheimnisse enthält, daß, was für den -einen gilt, nicht auch zugleich für den anderen richtig zu sein braucht: -die eben erwähnte Grenze muß man langsam herausklauben lernen.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-072"> - <img src="images/illu-072.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Ad. Saal. -</p> -<p>»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«</p></div> -</div> - -<p>Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der -Richtung des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung -werden mit der besten Absicht unendlich viel Torheiten begangen, -genau so wie in der Richtung des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem -gilt eines, was zu wenig beachtet wird! Der Magen ist in Angelegenheiten -des Essens und Trinkens immer viel klüger als das -Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das sich leise und in -nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer viel besser das -Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese verwirren -nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist, was -und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die -Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung -beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichen<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span> -Wege durchs Gehirn und durch Vielwisserei, sondern sie muß -sich darauf erstrecken, daß wir wieder Ohren bekommen – innerliche -natürlich und nicht zu lange – Ohren für das feine Mahnen -und Klopfen unseres Organismus und seiner einzelnen wichtigen -Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu tun mit äußeren -Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz Besonderes. -Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam – nicht unseren groben -Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber – -kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. -Denn so wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, -ebenso rächt sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht -mit allen seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres -Körpers. Zu einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von -Kultur und Leben können wir aber in unserer Zeitenwende nur -dadurch kommen, daß die den Zellenbau ihres Organismus bewußt -beherrschenden Menschen zu gesunden Bauzellen eines -höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden. Womit, -nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandern<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span> -und den großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt -sein dürfte.</p> - -<p>Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial -machen will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, -sodann Brot allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) -und schließlich, wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu -haben sind, auf die hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche -Präparate der Hamburger Nuxowerke verwiesen. Zu beachten -wäre dabei immer, daß die leichteren und weniger nahrhaften dieser -Präparate den kräftigeren und nicht immer kräftigenderen beim -Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden Vorwurf -geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet der Ernährungshygiene -für den Wanderer werde ich mit gänzlicher -Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten -einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen -Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich -empfundenen und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis -nach einem soliden <em class="antiqua">Filet aux Champignons</em> am Abend eines festen -Marsches nachgibt und sich dabei eine halbe (für starke Männer -eine ganze) Flasche Rebenbluts zu Gemüte führt, der kann eines -herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!« meinerseits sicher sein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Vom_Knipsen">Vom Knipsen.</h2> -</div> - -<p>Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; -in den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit -handelt. Wer nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte -aus dem Wörtchen »Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts -von der verborgenen Musik der Worte, die hier doch ganz klar im -Ton an »Stibitzen« erinnert. Die kleinen Detektivapparate, die seit -einem Jahrzehnt etwa den roten Baedeker aus der Hand der -»Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind nichts anderes als -kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle draußen in der -Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem. Wer -hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines -der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, -Damen und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den -Fluten auf. Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung -aus. Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando -werden Kodaks und andere Kameras hochgehoben und ein lautloses -Pelotonfeuer auf das arme Schloß gerichtet. Ein paar<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span> -knipsende Geräusche, wie wenn man einen Fingernagel am anderen -wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann beginnt wieder die -Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste Film wird -aufgedreht.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-074"> - <img src="images/illu-074.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><p>Der Seggenstein im Hessenlande.</p></div> -</div> - -<p>Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen -und den ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. -Die Illustrationen dieses Buches würden mich teilweise selber -Lügen strafen. Aber das Photographieren als Massenbetrieb ist -eine grauenhafte Sache geworden. Denn nicht nur kann man -nichts getrost nach Hause tragen, wenn man's nur schwarz auf -weiß besitzt, sondern was das Licht auf die photographische Platte -im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange nicht das, was wir -in der Kamera unserer Augen, der das photographische Spielzeug -ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-075"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel VI</p></div> - <img src="images/illu-075.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p>Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-076"> - <img src="images/illu-076.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><p>Neckartal bei Neckargerach</p></div> -</div> - -<p>Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. -So etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten -Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen, -wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die -psychische Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften -und Stimmungen in der Natur, durch unser Auge <em class="gesperrt">unmittelbar</em> -aufzunehmen und wie durch eine konservierende Lösung den -künstlerischen Gehalt des Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtsein<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span> -versinken zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt -– um ein möglichst prägnantes Schulbeispiel anzuführen – der -Fall aller jener Maler und Zeichner, die nach dem Gedächtnis -reproduzieren. Ich kenne selber einen alten Akademieprofessor, -der tagsüber im Café oder abends im Theater interessante Köpfe -durch intensives Schauen sich derart tief einverleibt, daß er in der -Nacht vor dem Schlafengehen die Gesichter aus dem Gedächtnis -zeichnen kann. Sie sind fast immer porträtähnlich. Aus dieser -alten bekannten Tatsache ziehen nur leider die allerwenigsten -Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis zu einem -gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es gibt -wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht -in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den -Wohnhöhlen unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie -stark damals schon der Mensch künstlerisch produktiv war. Das -bildnerische Talent im Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen -und Malen werden nun aber durch die handwerksmäßige Liebhaberphotographie -am meisten unterdrückt. Daß manche Menschen -erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen gelangen, -wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding bekanntlich -seine zwei Seiten hat.</p> - -<p>Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens -schon auf, und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung -falscher Tatsachen beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung -seiner selbst und des anderen liegt nämlich darin, daß – künstlerisch -ausgedrückt – der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck -einerseits, den der Photograph von einer Landschaft hat, -die ihn zur Wiedergabe reizt, und zwischen dem Resultat der -Wiedergabe andererseits eine ganze Anzahl von Trübungen und -Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so zum Spaß« photographiert, -wird das natürlich nicht verstehen und es für überspannt -halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes Photographieren -ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht ansehnliche -Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt, woran es -eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen Unbefriedigung -nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge helfen.</p> - -<p>Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder -sehr häufig Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt -durch kluge Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele -der schönsten Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht -gemacht sind, dürfte auch weniger Unterrichteten -bekannt sein. Jedenfalls gelingt es nicht sehr oft, gerade denjenigen<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span> -Stimmungswert photographisch aus einer Landschaft -herauszuholen, der einen zur Wiederholung des Geschauten -durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben keine Ausnahme -beim Photographieren, daß man, wie ein französisches -Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat. -Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach -scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer -große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen -kommt es gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine -im höheren Sinne nicht anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende -Trübung des künstlerischen Schaffens vorliegt. Aber die bei -feineren Gemütern unausbleibliche Wirkung dieses inneren Vorgangs -wird eben doch empfunden, genau so, wie der Aquarellist -sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige Morgenstimmung -aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von einem -Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden -und gelobt wird.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-078"> - <img src="images/illu-078.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg. -</p> -<p>Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.</p></div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span></p> - -<p>Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer -wieder zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt -der Kamera eine Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten -Papierblock im Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren -manchmal unmutig darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles -gezeichnet« habe. Aber abgesehen davon, daß der alte Herr eben -auch manchmal, wohl vom Vater her, schulmeisterliche, engherzige -Anwandlungen hatte, ist es doch jedenfalls noch hundertmal besser, -alles zeichnet, denn alles knipst! Denn Zeichnen und Malen ist, -mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein mit dem leichten Schatten -künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes Knipsen, sondern – man -erschrecke nicht über das neue Wort – ein Ipsen!</p> - -<p>»<em class="antiqua">Ego ipse!</em>« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, -der, an einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der -Tücke des Objekts gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten -des Naturfreundes fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das -geringste. Der Wert des Zeichnens und des Malens liegt vielmehr -darin, daß der Wanderer gezwungen wird, einmal das Bild, das -er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv auf sich wirken -zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten wie nach den allgemeinen -Linien, nach seinen Farbentönen wie nach dem perspektivischen -Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine Einzelbestandteile -zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem wesentlichsten -Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern -zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe -beginnen.</p> - -<p>So aber lernt man das <em class="gesperrt">Schauen und das Schaffen</em>. Selbst -wenn das, was er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, -auch ein fauler Zauber ist, so hat er doch ein Stückchen der großen -Arbeit geleistet, die jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: -die Wunder der Außenwelt in sich aufzusaugen, sich damit das -Herz zu erfüllen, so groß oder klein es ist, und das Aufgenommene -als eine neue Schöpfung herauszugestalten, sich selber zur Freude, -manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur Lehre, wie man -dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und Wunder -der Welt.</p> - -<p>Und das ist schon <em class="gesperrt">etwas</em>.</p> - -<p>Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle -anderen deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die -Seele zu lösen und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu -langer Zeit aus einem ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die -sonst sicher sehr schönen Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulen<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span> -zum Schmuck und zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das -Mechanische darin, das Unlebendige; und er meinte, auch das -schlechteste Ölbild eines sehr bescheidenen Malers gäbe den Kindern -mehr als ein Druck, weil sie da eine Idee davon bekommen können, -wie solch ein Gemälde entsteht. Die Kinder sehen die Pinselstriche, -mit denen die Farbe und damit das Bild auf die Leinwand getragen -wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen, welche genügend -begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen angeregt. -Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der technische -Werdevorgang viel schwerer zu erkennen.</p> - -<p>Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den -lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und -dem Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren -Fall Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in -Aquarell, enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von -dem innersten Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß -sie, mögen sie auch noch so dürftig sein, für den Dilettanten selber -viel bessere Schlüssel zur Erweckung vergessener Eindrücke sind als -Photographien. Die Engländer, von denen wir noch manches -lernen könnten, haben das Aquarellieren und Zeichnen auf Wanderungen -schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge davon, wie -ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten seine -nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer -jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, -in eine lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen -Situation aus, in der das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch -Unvollkommene rief seinen Erinnerungsschatz wach; und -was er nun in Worten hinzufügte, gab uns allen ein noch viel -lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht hätte. Ist nun -aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen mit -Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so -werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten -aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle -Tagebücher dies vermöchten.</p> - -<p>Ich habe hier nur gegen die <em class="gesperrt">Knipser</em> geredet; gegen jene -fatalen Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. -Dieser Tage fand ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen -ausgezeichneten Ausdruck für Photographenapparat, einen wahren -Kernschuß der Sprachreinigung: »Die Strahlenfalle« nennen die -Gesellen eines hannöverschen Wanderbundes den Kodak ebenso -bezeichnend als witzig! – Wie wär's, wenn man auch von den -»Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute gemeint<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span> -wären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt -zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, -die in der Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen -verlernt haben.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-081"> - <img src="images/illu-081.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphot. C. Eberth, Cassel. -</p> -<p>Kirchbauna bei Cassel.</p></div> -</div> - -<p>Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter -Amateure. Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, -deren Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer -wieder neue Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, -sondern auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses -grenzenden Genuß bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen -Sinnen und mit zarten Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« -Photos ausgeht. Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie -der wandernden Nurknipser, gegen jene Filmpest, die -nur ein weiterer Schritt zu der Entpersönlichung des Menschen und -seiner Entwürdigung zum Maschinisten einer Unzahl von wunderbar<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span> -feinen technischen Apparaten ist, die ihm aber nach und nach die -Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch – das Herz ersetzen. -Und der <em class="antiqua">Deus ex machina</em> taugt auch auf diesem Gebiete nichts. -Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und du <em class="gesperrt">sollst</em> dich -nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen Zeit -der Fülle und der Helle entgegengehst!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Aphorismen">Menschliches, Allzumenschliches.</h2> - -<p class="center">Aphorismen.</p> -</div> - -<p>Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben -mögen, und sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den -Nächsten mit einem »Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, -der und <em class="gesperrt">nur der</em> sein zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit -des Grußes muß der andere aus deinen Augen verspüren. Alles -das liegt jenseits von Geographie und Dialekt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon – aber keine -Wanderer und keine – Menschen. Und der Weg zum Menschen -geht über das Wandern.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der -Ordnung. Wenn du im Übermut eines schönen Sommerabends in -einen Garten einfällst und von dem Blütenreichtum einige Rosen -plünderst und im goldenen Schein deiner Jünglingssehnsucht in -jedes Mägdleins Augen, das aus einem altmodischen Giebelfenster -schaut, den Himmel siehst, dann ist's, wie wenn ein Blitz nur leuchtet -aber nicht trifft, wie wenn eine Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, -dir aber nicht auf den Kopf fällt. <em class="gesperrt">So, aber nicht anders</em> -soll dir ein jedes andere Städtchen ein anderes Mädchen bescheren. -Aber – rühre nicht daran! Dann ist es Glück! Und die Zeit ist -nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am Himmel und diesen -selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auch die <em class="gesperrt">Unbefangenheit</em> hat ihre ewigen Grenzen, wenn -nicht aus ihren drei mittleren Silben ganz <em class="gesperrt">verschämt</em> etwas -anderes werden soll.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen -einem Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den -Versuch machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren -über »Ländliche Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. -Ob das Bäuerlein diesen Genuß nicht allein haben wollte – ich -weiß es nicht. Jedenfalls rief <em class="gesperrt">er</em> seinen zwei Knechten und sah -sich unterdessen in der Scheuer nach dem Nagel um, wo der -Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen Herren es vorzogen, -ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen und -die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, -dann vergiß das eine nicht: Immer hören es auch die anderen!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei -jeder Blume, deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen -Namen und der Zahl der Staubfäden beglücken will, dann laß -den Mann allein mit seinem Latein und schüttle seinen Staub -von deinen Füßen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen -Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann -gibt er nur ungern. Und <em class="gesperrt">so lange</em> muß dein Stolz <em class="gesperrt">über</em> deinem -Magen sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden -ist ein schöner Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes -Herumsausen für die anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, -schließlich selber dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur -Last fällst, dann gehört das zum Altruismus, das ein Laster ist.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nur nicht immer <em class="gesperrt">erziehen</em> wollen beim Wandern in Horden. -Es ist schon manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das -Wandern verleidet worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aber</em> es gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller -süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden -Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks -alle hintereinanderhetzen können.</p> - -<p>Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da -bedarf es nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mit<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span> -den <em class="gesperrt">treuesten Herzen</em>, aber auch mit den <em class="gesperrt">kräftigsten Armen</em> -solch einen Knaben hinter einem großen Busch einmal nach alter -guter Sitte – »erziehen«, dann geschehen oft Zeichen und -Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden Fall, einen solchen -»Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen postwendend -nach Hause zu schicken.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du -die Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die -Blumen liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie -nachher wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden -liebst, dann sehe nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie -werden es dir danken und sie desto eher ablegen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei -der Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche -Heringe und mimen am Sonntag Wandersport. – Da schlug ihn -der Vater aller Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, -woran er schon litt. Und je weniger er auf seinen -Touren sah, desto »pyramidaler« und »phänomenaler« kam ihm -alles vor, besonders er aber sich selbst.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hab nicht den Ehrgeiz, <em class="gesperrt">beliebt</em> zu sein. Die Beliebtheit ist -immer die Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern -heruntergeworfen wird; auch wenn er der Diensteifrigste der -ganzen Schar war. Denn alle merken bald, daß er nur aus Eitelkeit -uneigennützig und aus Eigennutz liebenswürdig war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: -morgens und abends <em class="gesperrt">einen</em> Eßlöffel voll. Mehr bekömmt dir -schlecht und den andern.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein -Lokal überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn -du nicht vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht -weniger beiträgst wie jeder andere.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte -harmlos im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößten<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span> -Oberkörper in Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu -Hilfe kommen, rasch die Jacke anziehen und auf die Bewunderung -ihrer schönen Schultern und Arme verzichten. Das wäre ritterlicher, -wenn denn durchaus der Held markiert werden muß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften -geben, aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst -tun. Das mögen sich die jungen Wanderer merken, welche -glauben, die sehr wichtigen amtlichen Vorschriften jedes Landes -über das Anzünden von offenen Feuern nicht kennen zu brauchen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr -schlecht bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen -benutzt, um an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, -und machten das Schiff ohne Erlaubnis los, weil wir sicher -waren, es in kurzer Zeit wieder zurückzubringen. Aber es verging -ohne unsere Schuld ein ganzer Tag, und wir kamen gerade -dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher Täter von dem -Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns -gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung -wie im ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung -gehabt wie damals.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen -von Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann -lasse lieber das Reisen im Ausland.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. -Aber die Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die -heute mit Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen -näher kommen, es für – unfein halten und mit der gelassenen -Empörung der »Vornehmen« wieder in ihren vier Wänden sitzen -bleiben werden, weil ja heutzutage »einfach alles, alles mögliche -wandert«.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Menschen">Menschen.</h2> -</div> - -<p>Drei Arten gibt's von <em class="gesperrt">Menschen</em>, sagt der Koran: den Freund, -den Sanften und den Tapferen. Den einen erkennt man in der -Not, den anderen im Zorn, den dritten in der Gefahr.</p> - -<p>Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee -aufwärts, wo der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat -sich einer den linken Fuß. Der Führer der Schar – es waren -Wandervögel –, ein junger Mediziner, kurz vor dem Examen, -stellte Sehnenzerreißung mit starkem Bluterguß fest. Es war ein -Tag voll von Glanz und Leuchten. Der blanke Schild des Titlisgletschers -winkte verlockend. Da kamen zufällig Berufsführer von -oben, die wollten den Verunglückten schon hinunterbringen. Aber -einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich nicht abhalten, den -Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte er ihn, las -ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier nach Engelberg -gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die anderen -ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten -die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten -Knochen hüten können – 's war einfach ganz wundervoll da oben! -So 'ne Dämlichkeit!«</p> - -<p>Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. -Was hätte er auch sagen können? Das waren halt – zwei Welten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz -war, wo abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« – -so hieß er im »Pennal« – unbedingt Zigaretten rauchen, um -»in Stimmung zu kommen«. Der Koch pumpte ihm die letzten -Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle zu verbrauchen. Denn -die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer. Der »Olympier« -kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer Stunde (seine -Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein Streichholz -mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung -gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch -die betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten -den ganzen Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu -machen, Zunder und Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend -der Kameraden gähnte nur so vor Hunger. Nach einigen Minuten -sah man nichts mehr vom Koch. »Der hat sich wohl dünne gemacht!« -meinten manche, die von der Geschichte erfuhren. Aber gegen -den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu drohend. Aber als -man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon ein großes -Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die Erbswürste. -Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes -Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem -geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span> -der Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der -Koch dem Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun -natürlich nötig gewordenen Zigarette.</p> - -<p>Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts -über die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung -des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht -angelegten Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der -Ordnung zu finden. – Aber von diesem Tage an rauchte er nicht -mehr und wurde ein wenigstens so tüchtiger und zuverlässiger -Mensch, als es bei seiner Veranlagung möglich war.</p> - -<p>Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen -Trab nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, -hätte mich mal kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine -nicht mißzuverstehende Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe -weiter und fanden das auch ganz in der Ordnung.</p> - -<p>Es waren eben – zwei Welten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern -einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden -Dichter und Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. -Auf der Rückfahrt bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während -eines der dort ganz unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme -ziemlich hoch. Der Schiffmann mahnte zur Ruhe. Als aber eine -Welle den Boden des Bootes bis über die Bretter füllte, womit -der Kielraum überdeckt war, legte sich über sein altes Landsknechtgesicht -ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein wenig verhaltene -Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen, harten -Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu -den Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!«</p> - -<p>Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst -der Lage, weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer -voneinander entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das -Boot sank bis an den Rand ein. Da sprang einer der wenigen, -die verstanden hatten, warum der Schiffsknecht die Schuhe ausziehen -sollte, der »lange Mann«, wie sein Übername bei den Kameraden -war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso groß war wie -seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit der Hose -bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum -Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig -Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span></p> - -<p>Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens -mit dem malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n -Luxus, langer Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären -ja die paar Meter auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer -sah zuerst den Sprecher verächtlich und dann den Schwimmer -mit einem Blick an, der weder seine Bewunderung noch seine -Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau und sechs Kinder.</p> - -<p>Das waren eben auch – zwei Welten.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-088"> - <img src="images/illu-088.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy">Zur Verfügung gestellt vom Verschönerungsverein -Altenburg i. S.</p> - -<p>Bäuerin aus Sachsen-Altenburg.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Hinaus">Hinaus!</h2> -</div> - -<p>Ich kenne einen Mann, der sonst als leidlich friedvoller Mensch -gilt. Von Zeit zu Zeit aber wird er von etwas heimgesucht, das -seine Leute den »Zustand« nennen. Dieses Wort ist für die Kleinen -wie für die Großen im Hause so etwas ungefähr wie ein Sturmsignal. -Alles rettet sich, wenn auf den Stiegen die Kunde geht, der Vater -habe seinen »Zustand«. Selbst die Katze und der Hund ziehen sich -dann in sichere Winkel zurück, von denen niemand nichts weiß.</p> - -<p>Diesen Mann hatte es vor einigen Tagen wieder einmal gepackt. -Weshalb, das wußte kein Mensch. Schon um neun Uhr morgens<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span> -hatte die Kleinste das Unheil geahnt. Sehr besorgt hatte sie zum -kleinen Bruder gesagt: »Papa danz bös, Muckel dudu betommt!« -Richtig brach auch bald nach dieser Prophezeiung das Unwetter -los. Drei Türen fielen kurz nacheinander irgendwo im Haus so -kräftig ins Schloß, wie das eigentlich nur angesichts eines bevorstehenden -Weltunterganges gerechtfertigt wäre. Wie grollender -Donner rollten einige unverständliche, verschiedensprachige Bemerkungen, -die wohl als Verwünschungen aufgefaßt sein wollten, -hintennach und verhallten hinter der zugehauenen Haustür ungefährlich -in der freien Luft. Im Hof stoben die Hühner wild -auseinander, und mit fliegenden Rockzipfeln verschwand der Zornige -durch die Hoftür. Mit gütigen und nachsichtigen Armen aber -nahm die Freiheit der Felder und Wälder den Rasenden auf wie -einen Leidenden. Und das war er wohl auch.</p> - -<p>Seltsam wurde ihm da draußen zumut, als er immer noch in -der fliegenden Hast des »Zustandes« langen Schritts die Landstraße -hinab dem Wald zuging. Es war ihm gerade, als ob er zum -erstenmal nach Jahrzehnten die Welt wieder erblickte. Das neue -Brot des Jahres stand noch auf den grünen, hohen Halmen, links -und rechts vom Weg. Ein leiser Wind strich über das grausilberne -Ährenmeer hin, und die Kornfelder schlugen leise Wellen, und alle -Halme verneigten sich vor dem zornigen Manne.</p> - -<p>Drüben am Berg floß das glühende Gold der Ginstersträucher -wie ein Strom von Reichtum die Hänge herab. Am Himmel, -ringsherum am unendlichen Horizont, ruhten seltsame Wolkengebilde, -feierliche, spaßige, gewaltige, und dazwischen kleines -Flutterzeug. Was war da nur los? Fast wie eine Wolkenausstellung -sah's aus. Wie wilde Anemonen blühte draußen über der Ebene -am Himmel ein Feld von weißen Wölkchen, daneben ruhten majestätisch, -wie die Staatsschimmel irgendeiner hohen Gottheit, silberglänzende -Wolkenballen, und andere noch heller leuchtende und -hoch aufgetürmte stiegen, schnaubenden Kriegsrossen gleich, drohend -am Himmel in die Höhe. Über den dunkeln Bergwäldern schwenkten -ganz langsam Wolken wie Luftschiffe, die gerade landen wollten. -Schlanke Zeppeline schwebten da, die immer noch wuchsen und -wer weiß was allerhand noch werden wollten, und dicke Parsevale. -Leuchtend blau wölbte sich die Himmelskuppel über der Erde. Die -vollen Saaten, zwischenhinein mit üppigen Bäumen durchstanden, -taten gar selbstbewußt in ihrer reifenden Schönheit unter der -strahlenden Sonne. Licht lag über der ganzen Welt, über den -Bergen, über den stillen Fluren und den raschen Bächen. Und -während des Flüchtigen Schritt immer ruhiger ward, klang durch<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span> -die Stille eine stumme Verheißung von Hoffnung und Leben -und Glück.</p> - -<p>Das galt ihm; das wußte er.</p> - -<p>Er raste nicht mehr, sondern schaute verwundert um sich über -die langvergessene Herrlichkeit. Ein scharfer Beobachter drüben -in den Bauernhäusern hätte sogar entdecken können, wie er sich -manchmal verlegen hinter den Ohren kratzte. Und vor den braunen -Hütten mit den bemoosten Strohdächern hockten wie in der Hitze -eingenickte Wächter viele alte über und über in Blust stehende -Holunderbüsche.</p> - -<p>»Wie schön, wie ganz wunderbar schön,« entfuhr es dem Manne -mit dem »Zustand« fast demütig. Er begann sich regelrecht zu -schämen. Mit jedem Schritt wurde er es immer mehr inne, daß -er krank war. Nicht gefährlich! Nur bücherkrank und stubenkrank! -Die blaßvioletten Skabiosen in den Wiesen mit ihren hübschen -Blumenkörben verstanden auch, wie's um ihn stand, und die herrlichen -goldgelben Sterne des Ziegenbarts wußten es so gut wie -die weißen Dolden und roten Rispen und die blauen Glocken und -die braunen Wiesenknöpfe, was mit ihm los war. Sie hatten schon -alle lachen wollen über den sonderbaren Menschen, denn sie waren -übermütig, weil alle Wiesen so herrlich im Pfingstglanz leuchteten, -und der da aussah, als hätte er die ganze Zeit auf dem Mond -gelebt, wo es erwiesenermaßen nichts mehr gibt, als griesgrämige -Berge, die keine Feuer mehr spucken und auch keine Blumen auf -ihren ausgemergelten Felsrippen mehr wachsen lassen konnten. -Aber als die Butterblumen und die Ziegenbärte eben verächtlich -lachen wollten, da kam auf einmal der Wind vor dem stubenkranken -Wanderer her und fuhr all den Gräsern und Kräutern über -die übermütigen Köpfe, daß sie sich ganz bescheiden vor ihm neigten, -und sagte:</p> - -<p>»Wie könnt ihr nur? Das ist doch einer von denen, die über -uns Bücher schreiben müssen!«</p> - -<p>Da schämten sich die Wiesenblumen; denn so viel wußten sie -wenigstens, daß man beim Bücherschreiben, auch über die Blumen -und über die Wolken und die Bäche und die Bäume und den Wind, -in der Stube sitzen muß, wo es das alles nicht gibt.</p> - -<p>Der Mann aber, der zuletzt nur noch ganz langsam gegangen -und oft stehen geblieben war, um mit durstigen Augen all den -bunten Glanz und all das ruhige Glück sonniger Farbenstille in -seine verstaubte Seele hineinzutrinken, fing auf einmal von neuem -an zu laufen. Nicht mehr aus Zorn. O nein! Er spürte nun, -daß er wieder lebte, lebte <em class="gesperrt">in</em> der Welt und <em class="gesperrt">mit</em> der Welt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span> -die Welt in <em class="gesperrt">ihm</em>. Er fing an zu singen und zu springen. Wie -lange, das wußte er selber nicht. Aber plötzlich stand er wieder -vor der Tür seines Hauses mit einem mächtigen Strauß aus Feld- -und Waldblumen in der Hand, und er wunderte sich sehr, daß ihm -sein Weib lächelnd entgegentrat, den Strauß mit wenigen, guten -Worten bewunderte und sonst tat, als ob gar nichts gewesen wäre.</p> - -<p>Was war denn überhaupt geschehen?</p> - -<p>Er hatte nur noch ein dumpfes Gefühl einer wüsten, langen -Gefangenschaft in dunkeln Räumen, einer barbarischen Trennung -von Licht und Welt und Sonne und Schönheit. Und als er wieder -in seinem Bücherkerker angekommen war, da wußte er, was ihm -gefehlt hatte.</p> - -<p>Von da an ging alles wieder gut im Haus, denn jeden Tag -besuchte man mit dem Vater die Holunderbüsche und den Wald -und den Bach und die Wolken und überhaupt alles da draußen -vor dem Gartenhag, was so schön ist.</p> - -<p>Und daß dieser Mann, der ein guter Bekannter von mir -war, je einmal den »Zustand« hatte, das ist nun wie ein -Märchen aus alten Zeiten. Und wenn es wieder kommen will -und er fragt bei uns um unsere Meinung, dann wird die Parole -gegen den Erzfeind aller Stubenhocker, den Sorgengeist, ausgegeben. -Die Großen und die Kleinen und die Kleinsten werden -in die gute Stube gerufen, ich setze mich ans Klavier, und der -böse Geist fährt aus unter den Klängen des Liedes:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent12">Hinaus in die Ferne!</div> - <div class="verse indent0">Hinaus in die Freiheit, in die Sonne, ins Leben!</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-091"> - <img src="images/illu-091.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. *** -</p> -<p>Das Schondratal, ein Seitental der Fränkischen Saale.</p></div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="An_die_jungen_Maenner">An die jungen Männer.</h2> -</div> - -<p>Es braust in den Lüften von Pfingststürmen. Welcher junge -Mann hätte es noch nicht verspürt, sei er Student, Arbeiter, -Kaufmann oder Kanzlist, der es ernst nimmt mit dem Leben, -das tiefe Erbeben, unter dem unser ganzes Leben, das des einzelnen -wie das der Familie, das des Staates wie das der Völkerbünde -erzittert? Die Zukunft des deutschen Volkes – und das geht uns -zunächst an! – hat im Hochofen des 20. Jahrhunderts schon fast -die Weißglut erreicht, und es braucht <em class="gesperrt">Männer</em>, um das Schmelzgut -ohne Gefahren und Verluste in Formen zu fassen. <em class="gesperrt">Ganze</em>, <em class="gesperrt">reine</em>, -<em class="gesperrt">tapfere</em> und <em class="gesperrt">treue Männer</em> braucht es! Unter ihrem Brusttuch -muß das Herz der neuen Zeit schlagen, das dem hohen Blutdruck -eines intensiveren Lebens gewachsen ist und zugleich über die -für unzeitgemäß tiefe Empfindungen unentbehrlichen Nerven verfügt. -Es braucht <em class="gesperrt">überall</em>, in jedem Feldlager der neuen Geisteskämpfe, -Männer mit kühnen Stirnen, hellen Augen und nüchternen -Gehirnen.</p> - -<p>Aber erst die nächste Generation, wenn nicht erst die unserer -Enkel, wird die Entscheidungsschlachten zu schlagen haben. Zu -dem zähen Körper und dem hellen Geist, deren es dazu bedarf, -<em class="gesperrt">kann das Wandern helfen</em>! Es <em class="gesperrt">kann</em>, wenn es in keine neue -»Meierei« ausartet. Aber es <em class="gesperrt">muß</em> es nicht. Die Befreiungskriege -im Anfang des letzten Jahrhunderts haben eine gestählte Jugend -vorgefunden, ohne daß man vom »Wandersport« eine Ahnung -hatte. Denn auch das Wandern ist kein Allerweltsheilmittel gegen -jene inneren Schwären, die zur Bewältigung großer Aufgaben -unfähig machen, kein unfehlbares Mittel gegen Verweichlichung, -Unwahrhaftigkeit und – in höherem Sinne genommen – Unsauberkeit. -Und doch wird gerade das Wandern eines der ersten -Mittel sein zur Erringung jener Eigenschaften, die das Wesen eines -jungen Mannes, <em class="gesperrt">wie er sein soll</em>, ausmachen. An deren Eroberung -muß jeder, der sich selbst nicht gut genug ist, das ganze Feuer -seiner Seele und die ungeschwächte Zähigkeit seines Willens setzen. -<em class="gesperrt">Gut sein, wahrhaftig sein, rein sein, stark sein!</em> Das ist's! -Wer das hat, der wird nicht unterliegen! Und zwar kommt es gerade -auf eben <em class="gesperrt">diese Reihenfolge</em> der genannten Eigenschaften an; -denn eine ist dabei die natürliche Ursache der anderen.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-093"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel VII</p></div> - <img src="images/illu-093.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -H. Dopfer phot. -</p> -<p>Frühjahr im Dachstein</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-094"> - <img src="images/illu-094.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Wehrli, A.-G., phot. -</p> -<p>Am Untersee</p></div> -</div> - -<p>Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne -und »lebensverneinende« Programm. Aber – abgesehen -davon, daß es <em class="gesperrt">lebensbejahend</em> im höchsten Sinne ist! – weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span> -ich auch ein anderes: Manche <em class="gesperrt">haben</em> das schon fertiggebracht! -Junge Männer bis in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele -andere werden nicht anders <em class="gesperrt">können</em>, als entschlossen zu nicken -zu diesem stillen Aufruf: <em class="gesperrt">Freiwillige vor!</em> Und diese werden -ohne Anmeldung und ohne Uniform der Welt dem All, oder wie -sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr junges Leben zur Verfügung -stellen.</p> - -<p>Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden -sie am ehesten finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn -das erste Morgenlicht durch die Bäume in den zerzausten Rasen -des Waldes fliegt oder beim Wandern im roten Mittagszauber -der Heide oder wenn ein herber Wind am Abend über sonnenumspielte -purpurne Kuppen streicht – oder überall wo »der -Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der -<em class="gesperrt">Natur</em>, die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »<em class="antiqua">Natura -sive deus</em>«.</p> - -<p>Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige -Krieg um innere Größe, Reinheit und Stärke beginnen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Vom Grund bis zu den Gipfeln,</div> - <div class="verse indent0">So weit man sehen kann,</div> - <div class="verse indent0">Jetzt blüht's in allen Wipfeln,</div> - <div class="verse indent0">Nun geht das Wandern an:</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und die im Tal verderben</div> - <div class="verse indent0">In trüber Sorgen Haft,</div> - <div class="verse indent0">Der Dichter möcht sie werben</div> - <div class="verse indent0">Zu dieser Wanderschaft.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Da wird die Welt so munter</div> - <div class="verse indent0">Und nimmt die Reiseschuh,</div> - <div class="verse indent0">Sein Liebchen mitten drunter,</div> - <div class="verse indent0">Die nickt ihm heimlich zu.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und über Felsenwände</div> - <div class="verse indent0">Und auf dem grünen Plan,</div> - <div class="verse indent0">Das wirbt und jauchzt ohn' Ende –</div> - <div class="verse indent0">Nun geht das Wandern an!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center smaller"> -(Eichendorff.) -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="An_die_jungen_Maedchen">An die jungen Mädchen.</h2> -</div> - -<p>Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch -mit der gebührenden Höflichkeit einiges Besondere:</p> - -<p>Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden -oder auch in kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur -schwer sagen. Das ist immer eine <em class="gesperrt">reine Personenfrage</em>. Auch<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -haben, seitdem die Welt steht, alle jungen Menschenkinder verschiedenen -Geschlechtes, welche der Mai des Lebens zusammenführte, -auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern und sogar -ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es verstanden, -ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in der -verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen -und Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe -beglückt fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als -Normalzustand läßt, nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation -haben, doch auch bei unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken -aufkommen.</p> - -<p>Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen -sei (abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«, -wie sie das diskret nannten) <em class="gesperrt">hordenweise</em> nicht gut -wandern. Die Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen -Satz eines der jungen Kameraden, der mir frisch und -unbefangen seine Meinung sagte, zusammenbringen: »Nämlich, man -befindet sich fortwährend auf einem schmalen Grat mit den Mädels. -Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß sie sich durch gänzliche -Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in ihren Pflichten mit den -Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund auf der anderen -Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die Mädels durch -das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt werden, -und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei es -der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach -fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß -es absolut noch mehr sein müßte!«</p> - -<p>So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens -dazumal Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und -überall geliebt als ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz -seiner jungen Jahre. Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen -in dieser Richtung. Aber ich halte mich immer daran, daß noch -jeder tüchtige junge Kerl, dem es später wahrhaftig an Eroberungen -nicht fehlte, sich immer <em class="gesperrt">gegen</em> das Zusammenwandern von »Mädels -und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig Frühreifen und die -»Schmachter«, die später, wie damals schon, von der Weiblichkeit -nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für »moderne -Auffassung« und fürs Zusammenwandern.</p> - -<p>Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen -Begebenheit für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer -noch das parlanische »<em class="antiqua">Mulier taceat in ecclesia</em>«, das nur in der konzentrierten -lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span> -Frauenrechte auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau -zu allen dem Mann zugänglichen Ständen. Man muß alles <em class="gesperrt">probieren</em>. -Aber die Entwicklung in den Wandervereinen, wo manchmal -auch junge Mädchen offizielle Mitglieder sind, spricht sehr <em class="gesperrt">für</em> -den Apostel Paulus.</p> - -<p>Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder -eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«, -den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu -gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten -hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit -über die Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der -Neuerung eine Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. -Da griff eine kluge alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie -sollten die »Mädels« an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber -ohne Stimm- und Rederecht. Der Erfolg war ein solcher Wetteifer -der jungen Männer um kurzes, sachliches und treffendes -Sprechen angesichts der Damen, daß alles Geschäftliche in längstens -einer Stunde erledigt und besser erledigt war als früher.</p> - -<p>Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die -Tatsache spricht – wie man wohl etwas übertrieben sagt – Bände.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Von_Wiesen_und_Baeumen">Von Wiesen und Bäumen.</h2> -</div> - -<p>Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit -einigen Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer -durchstreifte, kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen -zu meinen Lesern, daß sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem -großen liebenswürdigen Manne von Assisi selbst vordringen, zu -diesem sonderbaren Heiligen, der nicht nur mit den Fischen im -Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden sprach und die -Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete, wenn -es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr -mit Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt -vorkommen. Es ist es auch, wenn man daraus eine schwüle -Gefühlsschwärmerei macht, die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, -aber unterdrückte Triebe ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es -dieses Verhältnis zwischen Natur und Mensch, und wenn es nicht -der holländische Brillenschleifer und Mathematiker Spinoza gehabt -hätte, dann wäre es ihm nicht möglich gewesen, in der Natur -Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch äußere Hüllen -hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in dem<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span> -gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf -dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch -mehr als das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen -heimlichen Jüngern des Franz von Umbrien gehört auch der -junge deutsch-amerikanische Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft -sagen sollte, wie er über die Religion denke, und darauf die -allgemein für dumm gehaltene Antwort gab: »<em class="antiqua">Well</em>, wenn ich -spazierengehe und ich möchte eine Blume pflücken, tue es aber -nicht, weil ich gut zu ihr -fühle und spüre, daß sie -auch möchte geliebt sein -und Samen bringen, <em class="antiqua">well</em>, -das ist <em class="antiqua">my religion</em>!«</p> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-098"> - <img src="images/illu-098.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. B. Haldy. -</p> -<p>Margareten.</p></div> -</div> - -<p>Deutsch schwach, aber -Religion zweifellos gut.</p> - -<p>Und ich kenne noch so -einen. In dessen Tagebuch -vom vorigen Frühjahr -ist zu lesen: Es will -wieder Frühling werden, -und ich gehe jeden Morgen -von meinem Dorf den -Weg zu den nächsten -Hügeln hinauf. Links -und rechts vom Weg auf -den Äckern und Wiesen -steht alles voll von Obstbäumen, -keiner ist wie -der andere. Die Kirschbäume -gleichen sich noch -am meisten. Aber die -Birnbäume, das ist ein -Baumvolk von Riesen und Zwergen, Krummen und Buckligen, -Übermütigen und Melancholikern. Die zwischendrin versteckten -kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie fahren mit ihren -eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen in der Luft -herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor Leichtsinn -und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume. Aber -auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu -früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr -für die Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume -ist. Überhaupt sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span> -Ausschlagen, am besten an, was sie wirklich sind. In den Formen -und Linien des kahlen Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, -kommt ihr ganzes Temperament zum Ausdruck. Viele stehen da -in strotzender Kraft, während andere ihr verfehltes Leben im -ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an, wie sie sich -trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt haben, und -manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht ängstlich -da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum -verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum -empor wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen -Hügel und gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, -frohe Art, wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige -mit einer gewissen Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. -Kein bißchen Moos war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige -verästelten sich zu Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie -frohe Erwartung lag über der gesunden Gestalt dieses Baumes, -und das grüngestrichene Bänkchen neben seinem Stamm schien -ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu dürfen. Als alle -anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines schönen -Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt, -und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen -aufgegangen. Es war kein Zweifel, er würde der erste sein, der -im Lande blühte. Am gleichen Abend zeigte er schon seine -ersten weißgrünen Knospen. Eines Morgens stand er im Brautstaat -da.</p> - -<p>Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß -der Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. -Aber ich will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer -deutscher Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht -weit von dem Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die -hoheitsvolle, tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man -meint, nur Dichter und Maler und derlei überspannte Leute -glaubten an solche Dinge, so weiß ich einen berühmten Musiker, -der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen ein direktes -Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es sich -um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte … Nur -wenige unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die -Bergheiden und Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor -dem <em class="gesperrt">Besitz</em> des Bauern und hausen in dieser Richtung oft wie -die Tiere. Aber noch weniger Menschen gibt es, die nicht nur aus -Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer heiligen Achtung vor -einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es nur Pflanzenleben<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span> -ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den Rasen der -Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können.</p> - -<p>Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich -eine Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. -Daß man auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht -ohne weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend -mit dem, was Goethe immer wieder das Schauen -nannte.</p> - -<p>Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine -breite Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen -Sterne der Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der -Skabiosen, die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden -Bergblumen, ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die -Grasspitzen in die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen -Teppich, fast am Boden, bietet der rote Klee den summenden -Bienen und Hummeln verborgene Liebeslager dar. Aber alles -das sieht der Wanderer nicht nacheinander, sondern zugleich. Daß -die Sonne hinter seinem Rücken steht und die eigentliche Veranlassung -dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen Grasgemächern -hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und die -stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm -gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt -in Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, -und ihm ist auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des -Daseins, wo es keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. -Das mag ungefähr der Marschendichter Allmers empfunden -haben, als er das wunderbare Lied wie von unsichtbaren -Elfen ins Ohr gesagt bekam:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich ruhte still im hohen, grünen Gras</div> - <div class="verse indent0">Und sende lange meinen Blick nach oben;</div> - <div class="verse indent0">Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß,</div> - <div class="verse indent0">Von Himmelsbläue wundersam umwoben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin</div> - <div class="verse indent0">Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume.</div> - <div class="verse indent0">Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,</div> - <div class="verse indent0">Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Vom_Wald">Vom Wald.</h2> -</div> - -<p>Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten -Willen nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und -Botaniker genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlich<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span> -erklären könnten, daß der Wald immer eine Ansammlung von -dicht beieinander stehenden Bäumen aller möglichen Arten sei; -einige gelehrte Männer sind sogar dahintergekommen, daß der -Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit bestimmten Gesetzen -ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der feindlichen Heide führt, -die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden von bedürfnislosen -Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den mächtigsten -Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und -schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter -dem unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren -Wurzeln auf eine listige Art – durch Bodenverfilzung – Wasser, -Licht und Luft entzieht.</p> - -<p>Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im -Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, -der den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all -dies erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche – -<em class="gesperrt">Walden</em>.</p> - -<p>Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab -warnen vor der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist.</p> - -<p>Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter -Millionen geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen -Art, nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen -konnte. Aber wirklich gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das -hat z. B. Richard Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert -Takten im Siegfried, im »Waldweben«, wo der junge Siegfried -auf einmal die Stimmen der Waldvögel versteht und das ganze -geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern und Blätterrauschen. -<em class="gesperrt">Gemalt</em> hat den Wald eigentlich nur Moritz v. Schwind, dann und -wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma. Es gibt ja -viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die Baumstämme -und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt -sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, -auch in der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, -das zu uns reden kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; -vor dem einem aber auch manchmal etwas wie Angst in die Kehle -steigt, weil man es gerade in diesem Augenblick unaussprechlich -klar empfindet, daß man noch lange nicht ein ordentlicher Mensch -geworden ist. Ich meine, der wirklich ordentliche Mensch, den zu -werden man sich heimlich vornahm, als man so zwischen vierzehn -und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden wollte.</p> - -<p>Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im -Grunde nur Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit und<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span> -stiller Größe, an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im -deutschen Wald lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, -die in allen Dingen schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen -Waldes zu sagen vermocht.</p> - -<p>Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes -Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen -mußten, wenn sie ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife -ich ganz ohne Nachdenken. Das Gescheiteste war es schon nicht, -als Fridolin vom Oberrhein und andere Bekehrer zum Umhauen -der alten Eichen und Taxusbäume ihre Zuflucht nehmen mußten, -um sich in Ansehen zu setzen.</p> - -<p>Einmal – vor bald zehn Jahren – da sind wir zu fünft durch -den Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den -lichtgrünen Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die -Sonnenstrahlen, die durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk -der Baumkronen heimliche Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen -Unsinn mit dem wenigen Schmuck, den die zwei mitwandernden -Frauen am Hals oder an den Fingern trugen. Nahgerückte -Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende, lichte Glück des -sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen hindurch -schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten, -in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, -den die Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal -sicher! Ein wenig warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte -das Glück zwischen den Schatten der alten Buchen und Eichen -mit uns, ohne uns einmal aus den Augen zu lassen, und keines -von uns fünf wagte während der seltsamen zwei Stunden mit -einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen Waldes zu -stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das -siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das -behagliche Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen -wir mit frohen, wissenden, segnenden Augen – aber wir wollten -nichts für uns selbst.</p> - -<p>Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas -gewußt vom Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den -kreisenden Aureolen des Sonnenlichts und aus der Finsternis, -die mit tausend Augen in der Nacht zwischen den Stämmen in -der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle Land, gewebt aus dem -beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der stummen, unbeweglichen -Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm -und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; -denn an ihrer gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span></p> - -<p>Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es -in den Märchen von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des -Glücks gibt, in denen ein richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen -brauchte, um in einer Sekunde von Kopenhagen nach Konstantinopel -zu kommen, warum soll es heute, nach tausend weiteren -Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen – des Herzens geben, -mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse und Wunder -des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz unverdienterweise!</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-103"> - <img src="images/illu-103.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Hausrath. -</p> -<p>Mittagsstille im Wald.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Von_der_Heide_der_Marsch_und_der_Geest">Von der Heide, der Marsch und der Geest.</h2> -</div> - -<p>Wer den Drang in sich fühlt, einmal ohne Überschreitung der -deutschen Grenze etwas Grundanderes zu sehen als ruhevolles -Mittelgebirge, schöne deutsche Laubwälder, stille, grünende Matten -mit dem eintönigen Leben von Bauern, die gerade ihr Leben noch -fristen können; wer einmal die Antithese zu den Wiesen und -Bäumen und süddeutschen Binnenseen des vorhergehenden Abschnittes -erleben will, der wandere von einer der schönen mitteldeutschen -Städte wie Braunschweig oder Lüneburg durch die<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span> -Heide hinab an die Geest und hinab an die Marsch. Dieses Hinab -mißt bloß einige Meter Unterschied in der Meereshöhe, und doch -sind diese wenigen Meter entscheidend für den ganzen von Grund -aus anderen Charakter der Landschaft, wie sie an der Waterkant, -immer noch unentdeckt von den Landratten, mit allen ihren großen, -herben Wundern liegt. Besonders die Deichlandschaft der Niederelbe, -die sich wie ein Kranz künstlicher Seen um Hamburg herumschließt, -ist ein noch unentdecktes Reich. Dort ist das große Meertor -von Deutschland, durch das man hindurchsieht auf die Welt -außerhalb unseres kleinen Europa, -auf Amerika, Asien, Afrika, Australien, -von denen die richtigen Jungens -der berühmten Fischerdörfer an der -Niederelbe reden, so wie wir in der -südwestdeutschen Ecke von Frankfurt -oder Berlin.</p> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-104"> - <img src="images/illu-104.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Hans Müller-Brauel. -</p> -<p>Frau aus der südl. Lüneburger Heide.</p></div> -</div> - -<p>Die paar Monate, die ich da oben -zugebracht habe, hätten nicht genügt, -um mich in diese wesensverschiedene -Welt einzuweihen, wenn nicht mancher -Schleier gelüftet und manches Rätsel -gelöst worden wäre durch ein Werk, -das ich jedem nach wirklichem, tiefem -Erfassen jenes herrlichen Landstreifens -Verlangendem an der Nordsee nicht -dringend genug empfehlen kann, -nämlich Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Lindes »Niederelbe«. -Dort schaffen elementar einfache -Linien der Natur, ein wirklich noch urwüchsiges und scheu -auf sich selbst zurückgezogenes Volkstum, das in ständig wogenden -Wasserschleiern webende Sonnenlicht und nicht zuletzt einen -architektonisch hoch entwickelten bäuerlichen Kunstsinn, eine Welt -ganz für sich – eine Welt, zu der die Entdeckungen der Worpsweder -Maler in der Bremer Heide für die große Öffentlichkeit -nur ein winziges Schrittchen bedeutet.</p> - -<p>Unter den deutschen Heiden ist die lüneburgische die größte. -Die stille Schönheit dieser unfruchtbaren Wüste ist bis jetzt weder -von einem Maler noch von einem Dichter auch nur annähernd -dem Bewußtsein der Bewohner Süd- und Mitteldeutschlands -nahegebracht worden. Die in rosaroter Abendglut brennende Heidewildnis -mit dem braunen Uferrand der Torfmoore, die unsagbar -große Einsamkeit, die von Horizont zu Horizont geht und höchstens<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span> -einmal durchschauert wird vom verlorenen Echo der Dampfsirenen -großer Weser- oder Elbeschiffe; die einsamen »Ahlen«, die sich aus -dem Moor oder aus der Heide wie flache Schildbuckel erheben und -mit einem rauchgeschwärzten, strohbedachten Heidehaus gekrönt -sind, und die Menschen der Heide, die von dem dürftigen Kornwuchs -leben, den die Stückchen urbar gemachtes Land widerwillig hergeben; -von alledem haben wir Wanderer des Südens keinen Begriff.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-105"> - <img src="images/illu-105.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. W. Noelle. -</p> -<p>Fahrstraße in der östlichen Lüneburger Heide.</p></div> -</div> - -<p>Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren -machtvolle Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten -Gestalten der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma -der Armut erhält, versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, -feuchten Wiesenboden der Marsch große Herden von schwarzen -Rindern weidend langsam vorwärts bewegen; wo überall Zäune -und Tore, die oft wahre ländliche Prunkpforten sind, den Grundbesitz -der Marschbauern abgrenzen. Die in großzügigen Formen -gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen Tönen ist oft -in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren und -kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern -von Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen -graugelber Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen -Erikafeldern und aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet -den heimeligen Zauber eines mit köstlichem Holzwerk -gezierten und von Schutzbäumen gegen den Sturm umstandenen<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span> -Altländerhauses sieht, dann beginnt das Paradies der Elblande. -– Die Fußwanderungen an der Niederelbe sind stählend für -den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres, sie bereichern -die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach genialer Abwechslung -entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd gelben -Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast -Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von -schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen -Wolken großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und -alle diese Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer -an der Unterelbe weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz -der Rheinebene. Sonst könnte er nicht von dem dunkeln, vom -Sturm mit rollenden Wogen übersäten Strom, der dort schon breit -ist wie ein Meerarm, das wunderbare Wort prägen: »Dee Els -(Elbe) geiht in Hemdsärmeln.«</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-106"> - <img src="images/illu-106.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Albert Angelbeck. -</p> -<p>Sturm an der »Wasserkante«.</p></div> -</div> - -<p>Das sind nur die allergröbsten Geheimnisse. Wenn man -aber einmal dahintergerät, wie der durch Schilfwildnis ziehende -Strom eigentlich aus zwei sich ständig bekämpfenden Flüssen -besteht, nämlich dem aus dem Lande kommenden Süßwasserfluß -und dem durch den Pulsschlag des Meeres bis hinauf nach Hamburg -getriebenen Salzstrom, und daß z. B. das harmlos erscheinende -Süßwasser leicht obenauf schwimmt, aus Ufer Fluß macht, während -das Salzwasser das verschlungene Gut wieder an anderen Stellen<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span> -anschwemmt, dann bekommt dieser Strom etwas von bewußt -wirkendem und schaffendem Leben. Die unzähligen dunkeln Ewer -mit ihren tiefroten und braunen Segeln, die herrlichen Fünfmaster, -die noch wirkliche Schiffe sind im Gegensatz zu den gigantischen und -uneleganten Kästen, den aus drei und vier Schornsteinen rauchenden -Ozeandampfern, die dicken, plumpen Schlepper, die Bernhardiner -der Elbe, wie sie genannt werden, die die auf Sandbänken -festgefahrenen Ozeandampfer von der Gefahr des Strandens -zu retten haben, und schließlich die kleinen, in der Schilfwildnis -liegenden Krabbenboote, auf denen die Fischer an offenen -Feuern ihr Mittagsmahl kochen, alles das sieht sich dann an wie -eine leicht gefällige Last, die der breite Strom gutmütig und willig -flußab oder flußauf trägt, je nachdem die Ebbe oder die Flut eingesetzt -hat. Und dann noch die zahllosen, uns Landratten unbekannten -Idylle von weidenden Schafen, Ziegen und Rindern -zwischen hängenden Fischernetzen; das hell lachende, herbfrohe -Leben der Dorfjugend auf den weißgestrichenen Bänken vor den -Marschhöfen, in denen innen und außen alles von einer geradezu -holländischen Sauberkeit ist; die ungeheuern Unterschiede zwischen -den Erwerbszweigen ganz nahe beieinander liegender Landstrecken, -z. B. der hochentwickelte Gemüse- und Obstbau des alten Landes -und die berühmte Viehzucht der Vierlande; dann das glitzernde -Leben im Winter, wo jung und alt auf den gefrorenen Fleten -Schlittschuh läuft und die Elbe mit Grundeis geht, als ob lange -Ketten aus großen Silberperlen mit der Ebbe oder der Flut stromab -und stromauf getrieben würden! Alles das ist eine Welt voll so -frischer Urwüchsigkeit, daß man es begreifen kann, wenn die Hamburger -die Mark und Berlin ihr Hinterland nennen und die Hoffnung -haben, daß aus dieser fast ungeschmälerten Kraft einmal -das größte Gemeinwesen des Deutschen Reiches emporwachsen -werde.</p> - -<p>Es ist einerlei, ob das so sein wird oder nicht (denn der Hamburger -und der Marschbauer neigen von Natur zum Größengefühl). -Aber wenn man mich fragen würde, was es außer dem Schwarzwald -mit seinen verborgenen Bergwundern landschaftlich noch -Unerhörtes und nicht zu Übersehendes in Deutschland gäbe, dann -würde ich in der ganzen Ehrlichkeit meines beschränkten Schwarzwaldpartikularismus -sagen, nach dem Schwarzwald komme zu -allererst die Waterkant in Betracht, d. h. das Land der Marsch, -der Geest und der Heide.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wie_man_Staedte_ansehen_soll">Wie man Städte ansehen soll.</h2> -</div> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-108"> - <img src="images/illu-108.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Fidelis Mayer, Altötting. -</p> -<p>Altes Portal in Rothenburg o. d. T.</p></div> -</div> - -<p>Im Schlendern! Ohne Baedeker -oder sonstige Führer, die -einen mit und ohne Stern zu -den berühmten Kirchen, sehenswerten -Profanbauten und nicht -zu übersehenden Denkmälern geleiten. -Das größte Übel beim -Besehen der Städte ist der <em class="gesperrt">Zeitgeiz</em>. -Die meisten Wanderer -leiden an der Zwangsvorstellung, -»alles« gesehen haben zu müssen. -Sie empfinden es fast wie eine -Gewissenlosigkeit, wenn sie etwas -auslassen. Das sind die Sklaven -der Kataloge. Wenn sie sich -Nürnberg besehen, dann sind -sie vorschriftsmäßig von elf bis -zwölf im Bratwurstglöckle, bis -zwei auf der Burg und bis vier -Uhr im Germanischen Museum. -An Leib und Seele gerädert, -suchen sie dann ihrer Aufnahmefähigkeit -durch einige -Schoppen in den historisch geheiligten -Winkeln des »Posthorns« -oder »so wo« aufzuhelfen, -was aber zumeist programmwidrig -ist.</p> - -<p>Wer aber auf gut Glück die Straßen der alten Städte durchwandert, -der empfindet auch das Glück aller ersten Entdecker! Es -kann ihm nicht viel entgehen, wenn er mit hellen Augen zwei Tage -lang den großen und einen Tag den kleinen Städten widmet. -Aber wenn er so ganz zufällig, sagen wir, in Bremen sich auf einmal -dem steinernen Roland gegenüber sieht und ganz ohne vorhergehendes -Studium historischer oder künstlerischer Randglossen zu -diesem ebenso merkwürdigen wie wundersamen Denkmal das kindlich -freundliche Lächeln des unerschrockenen Helden der deutschen -Sage auf sich wirken läßt, dann vergißt er diesen Eindruck nicht -mehr so leicht. Ob er dabei den Stil des Kunstwerks für spätromanisch<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -oder frühgotisch hielt, das tut nichts zur Sache. Er hat -den Roland von Bremen einfach erlebt und hat tausendmal mehr -von ihm als ein anderer, der sich zuerst kunsthistorisch unterrichtete, -um sich vor den Kameraden beim Besuch der Statue »nicht zu -blamieren«. Der Bock, den jener mit der falschen Stilzuteilung -geschossen, ist lange nicht so schlimm als das anempfundene und -fremdem Wissen entwendete richtige Stilgefühl des klugen Alleswissers.</p> - -<p>Also lieber eine kraftvolle Dummheit als ein schwächliches -Prunken mit unredlichen Kenntnissen. Denn es gibt nur <em class="gesperrt">eine</em> -Art von redlichen Kenntnissen, die <em class="gesperrt">erlebten</em>, oder um mich chemisch-biologisch -auszudrücken, die assimilierten Kenntnisse.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-109"> - <img src="images/illu-109.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. H. Jost. -</p> -<p>Rathaus in Michelstadt im Odenwald.</p></div> -</div> - -<p>Kein Wanderer wird es als Abfall und als Untreue von seinen -eigentlichen Zielen empfinden, wenn er sich einmal aus ganzem -Herzen freut, in der Ferne die -grünleuchtenden Kupfertürme -einer großen, mit altem und -doch noch lebendigem Bauwerk -gesegneten Stadt zu erblicken -und das Heulager in Bauernscheunen -mit dem sauberen -Bett eines einfachen Gasthauses -zu vertauschen. Wer -das bestreitet, der prahlt. Man -muß nur einmal die komisch -feierliche Eßlust gesehen haben, -mit der eine Schar von Wandervögeln, -die ein freigebiger -Gönner zu einem regelrechten -Gasthofmahl eingeladen hat, -sich ihrer Aufgabe entledigen. -Wer das einmal neidlos zu -sehen bekam, der begreift, daß -auch beim Wandern allein -der Wechsel erfreut, und daß ständiges Traben in der Ebene -ebenso langweilig wird wie die immer sich gleichbleibenden Lagergerichte -aus irgendeinem Wandererkochbuche.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-110"> - <img src="images/illu-110.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. R. Hilbert, Rathenow. -</p> -<p>Aus Tangermünde.</p></div> -</div> - -<p>Wenn du also, Wandersmann, nach einem guten Imbiß und -einer köstlichen Nacht in einem kühlen, frischen Bett deinen Rucksack -in irgendeinem sicheren Verlies aufgehoben weißt, dann schlendere -unbeschwert durch die Straßen, schließe immer nur wenige, aber -tiefe Freundschaften mit dem Schönsten, was dir von schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span> -Häusern und feinen Bildnissen, himmelhohen Domen und trotzigen -Burgen dein Herz gefangennimmt. Es ist dabei einerlei, ob deine -Liebe der geistvoll und fast frivol lächelnden »Fraue Welt« gilt, -die am Münster von Basel hoch über dem Rhein ihr Busentuch -lüftet, oder dem treuherzig dummen Ritter Georg am Dom von -Bamberg, der, steif im -hölzernen Sattel sitzend, -mit der Unerschütterlichkeit -eines Parsivals den -Drachen absticht, wie -wenn es sich um ein -Ferkel handelte; oder -ob dir die Madonna -von Nürnberg in der -wellenhaft aufsteigenden -Andacht ihres Gewandes -und der beglückt -dankenden Reinheit -ihrer gefalteten -Hände dein Herz erbeben -ließ, oder ob du -die Augen nicht wenden -konntest von dem zierlichen -Gitterwerk des -Meisters, der aus roten -Quadern in der kühnen -Pyramide des Freiburger -Münsters einen -wunderbar lichten Dank -für alle Herrlichkeit der -Erde dem Himmel entgegenbaute.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-111"> - <img src="images/illu-111.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Zur Verfügung gestellt vom Touristenverein Hannover. -</p> -<p>Hannöversches Dorfbild.</p></div> -</div> - -<p>Sei also immer -Herr deiner Zeit und -nicht ihr Sklave! Du -darfst sie auch dann und wann souverän <em class="gesperrt">verschwenden</em>! Denn wenn -du z. B. in Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den -Reiterstandbildern der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von -den Bildern des Paolo von Verona gesehen hast, weil es dich immer -wieder nach dem alten Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo -der Zypressenwald steht und wo du den schönsten Blick auf den -farbigen und zugleich kriegerisch drohenden Zauber der Stadt<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span> -Dietrichs von Berne genießest, so hast du doch mehr von -Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen haben -und doch nichts.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-112"> - <img src="images/illu-112.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Heinrich Jost. -</p> -<p>Deutsches Städtchen.</p></div> -</div> - -<p>Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider -noch zu geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die -Schönheit der deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten -und ihr eigentliches Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, -daß er unbefangen und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge -des Ganzen wie in einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span> -angenommen hat, auf sich wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen -Gesamtheit des Städteaufbaues und in seinem Grundriß wie auch in -den alten Köstlichkeiten verschwiegener Gassen, in der einladenden -Wohnlichkeit der von einem Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, -aus malerischen Winkeln, murmelnden Brunnen, wuchtigen -Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen sich schwingenden -Brücken gewinnt er ein -Bild von der inneren -Art der Bewohner einer -Stadt. Er <em class="gesperrt">erlebt</em> die -Stadt. Er wird sich im -Innersten bewußt, daß -Natur allein es nicht -tut, sondern daß der -schöpferisch gestaltende -Menschengeist, aus den -Muttertiefen der Natur -heraus schaffend -und vom Geist aus -den Höhen befruchtet, -sich über die Natur -hinausheben und die -Anfänge einer Welt gestalten -kann, zu der -ja die vollendenden Kulturwirklichkeiten -noch -fehlen, aber nicht immer -zu fehlen brauchen. -Und so viel auf diesen -Seiten von den Wunden -die Rede war, -welche die Halbkultur -unserer Gegenwart uns -schlägt: aus dem Geist -der großen deutschen -Künstler, die vor Jahrhunderten -ihre <em class="antiqua">Sermons in stone</em> gehalten haben und ihre kraftvoll -schöne Gedankenwelt Fleisch und Blut in Steingestalt gewinnen -ließen, wird der mit den Sinnen einer sublimeren Weltanschauung -ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem Schlendern durch -schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des Volkes sich -wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen Zukunftsglaubens,<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span> -können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und Stiche, -deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht -erwehren können, am wenigsten entbehren.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-113"> - <img src="images/illu-113.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Ferrars, Freiburg i. Br. -</p> -<p>Im Freiburger Münster.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Die_deutschen_Lande">Die deutschen Lande.</h2> -</div> - -<p>Wir müssen uns das Paradies selber bauen in der nordischen -Heimat – schreibt Hermann Hesse von seiner Ceylonreise. Diese -Heimat ist das Deutschland, wo – um unbescheiden bei der -eigenen Heimat anzufangen – der Rhein einen zärtlichen Ellenbogen -um ein herbes Bergland macht, um ein Land einfacher Linien, -aber auch voll grüner Waldverworrenheit und gesegnet mit einer -Ruhe, die nicht erschlafft, sondern ermuntert zu tätigem Leben. -Daneben lebt auf einer Hochebene das Volk der Sueven, die gerade -nicht darauf erpicht sind, ihrem Namen (die Sanften) <em class="gesperrt">unter allen -Umständen</em> Ehre zu machen, die aber zwischen eintönigen, von -schmalen Flüssen durchwundenen Rebbergen und in alten feinen -Städten, angefüllt von dem eigensinnigen Formen- und Farbengeschmack -der Schwaben, ein Leben voll rüstiger Ehrlichkeit und -geschmeidiger Klugheit führen. Das deutliche Selbstbewußtsein,<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span> -dem deutschen Vaterland eine nicht geringe Zahl von Männern -geschenkt zu haben, deren Name lange nicht mit ihrem Todestag -verschwand, fehlt ihnen dabei nicht.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-114"> - <img src="images/illu-114.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. E. Braun. -</p> -<p>Hochtal im Schwarzwald.</p></div> -</div> - -<p>Weiter dem Osten zu, auf einer noch rauheren Hochebene, haben -die markomannischen Fäuste und die glaubensstarken Köpfe der -Oberbayern nicht verhindern können, daß dort ein sonderbares -Großstadtgebilde aufblühte, in dem neben einem angeborenen -Sinn für Darstellung eine große Zahl von Männern und Frauen -in zähem Lebenskampf hochwertige Kulturarbeit leistet, und zwar -von solcher Bedeutung, daß die »Kunstmetropole des Südens« -den Namen eines modernen »Capua« leicht auf die Achsel nehmen -kann. Durch den blauen Alpenkranz, der sich um die Stadt schlingt, -kommt Deutschland auch noch in die Reihe jener Staaten, die nicht -ohne den Diademschmuck ewigen Schnees geblieben sind.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-115"> - <img src="images/illu-115.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Hofphot. C. Eberth, Cassel. -</p> -<p>Schwälmer Mädchen.</p></div> -</div> - -<p>Das ganze Frankenland von der französischen bis zur österreichischen -Grenze ist für den deutschen Wanderer noch immer -zu sehr <em class="antiqua">Terra incognita</em>, besonders die Gegend der Main- und -der pfälzischen Franken. Doch auch bei den blinden Hessen sind -noch die verschwiegenen Malerwinkel und die verzauberten Welten -altväterlichen Lebens zu finden, die ihre schlichte Schönheit nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span> -jedem kecken Wegfahrer offenbaren, sondern gesucht, mit frommem -Gemüt durchwandert und in aller Stille geliebt werden wollen. -Dort liegen hinter den dichten Wällen schwerbeladener Obstbäume -versteckte Dörfer mit launig dicken Kirchtürmen oder vorlaut über -das grüne Gewoge schauenden Rokokozwiebeln von Gemeinden -mit guten Pfründen; und wer es versteht, sich da hineinzuschleichen, -der bekommt zum Lohn den ganzen -unberührten Reiz ländlichen Friedens -und Segens beschert.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-116"> - <img src="images/illu-116.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. E. Braun. -</p> -<p>Fuldaschleife bei Kragendorf.</p></div> -</div> - -<p>Herbere Töne und tiefere Noten -schlägt schon das Land um den -Teutoburger Wald herum an, so sehr -manche Striche noch an die Milde -des Taunus oder der Rhön gemahnen. -Wie eine Insel von fremder -Eigenart steigen an der Mosel -die vulkanischen Eifelberge mit ihren -ossianisch-schwermütigen Maarlandschaften -hervor. Erst in den hannöverschen -Landen, wo die deutsche -Tiefebene ernstlich ihre guten Rechte -geltend macht und wo auch die -rauhen Paradiese der niederdeutschen -Heide beginnen, nimmt die Landschaft -wieder Formen und Färbungen -an, die den Wanderer zunächst -überraschen und dann, wenn -er seine Augen eingestellt hat, beglücken.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-117"> - <img src="images/illu-117.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. W. Noelle. -</p> -<p>Alter Bauernhof in der Lüneburger Heide.</p></div> -</div> - -<p>Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem -Dampfer in der Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer -eintönig erscheinen. Und beim Wandern durch die nicht restlos -befriedigende Synthese des Teutoburger Waldes, dessen viele -trotzige Einsiedlereichen mit ihrem unwiderstehlichen Baumzauber -sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe dürftigen Tannenforst -doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft fühlen, da müssen -schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens aus dem Gymnasium -das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann kommt -Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das ist -etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von -düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht -ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span> -und die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen -zur Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der -geht noch in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur -empfänglich für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder, -wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes -Wort) und für den Kunstkenner der Biedermeierzeit -einzig in Betracht kamen, als rascher Genuß des Auges wie als -dauernder Schmuck des Hauses. Daran aber erkennt man den -objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von welcher politischen -Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal heroischen Klang -und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was in jener -so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen -hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, -wo die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit -auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen -weiden, die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die -Heimat sind, bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken -nämlich über die schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der -Wasserkante, besonders der Niederweser und der Niederelbe, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span> -ein im Kampf mit dem »blanken Hans« der Nordsee hart und still -gewordenes Bauernvolk einer endlosen Rohr- und Schilfwildnis -weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes abgerungen hat und -dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller Trotz und -Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist jetzt -die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen noch -jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche, -die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den -von der Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. -Dort in Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den -Binnenländer ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft -fast empörend geordneten Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter -Vielfältigkeit verleiht: das Wasser, das Meer. Mögen die -Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade, die Linden beschnitten sein -wie Weidenstrünke und diese selbst, oft Baumstämme von ansehnlicher -»Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen Köpfen, alles tun, -um das Landschaftsbild »uninteressant« zu machen, schon das -»Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische Raffinement<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span> -gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus kurzem gutgebundenen -und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh, zärtlich -umhegt von Bäumen -und Büschen, ist ein -kleines Wunder eines -»Heims«. Und doch -wie bitter und hart ist -dort noch das Verhältnis -vom Mensch zum -Menschen, besonders -vom Herrn zum Knecht! -Aber gerade, als wollte -die Natur hier das -Unerbittliche, Schweigsame -im Menschen mildern, -hängt der sonnendurchglänzte -Wasserdunst -des Meeres -oder der stundenbreiten -Flußläufe über die Erde -dort unten Gold- und -Silbernetze, deren Wirkung -die Landratte sich -nicht vorstellen kann. -Breit verschwimmend -im Lichtglanz, der vom -frühen Morgen bis zum -späten Abend mit einem -verschwenderischen Farbenreichtum -prunkt, so -erscheint alles Geradlinig-Eckige -im Land der -Marschen. Und wer -nicht die alten Fleten -am Hamburger Hafen, -die engen, kanaldurchzogenen -Gassen der -alten Lagerhäuser hansischer -Großkaufleute -der Vergangenheit gesehen hat, wie sie im lichtdurchglühten -Wasserdunst und im sonnengeröteten Qualm der Dampfer zu -Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem Ultramarin<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span> -werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte Zauberer -aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen Warenspeichern -machen können.</p> - -<div class="figleft illowp50" id="illu-118"> - <img src="images/illu-118.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. Wilh. Bandelow. -</p> -<p>Hamburger Flet bei Ebbe.</p></div> -</div> - -<p>Wir haben oben von einem der eigentümlichsten Städtegebilde -in der südöstlichen Ecke des Reiches gesprochen, von München. Es -hat seinen fast künstlerisch kontrastartig wirkenden Gegensatz im -Nordwesten Deutschlands. Den Abschluß der dem Süddeutschen -in der grandiosen Einfachheit ihrer Linien und in dem fast holländischen -Zauber der wassergesättigten Atmosphäre nicht ohne weiteres -verständlichen Landschaft der roten Heide, der samtgrünen -Marsch, der schwarzen Moorwildnisse, der verträumten Schilfufer -und der waldigen Hügelhänge an dem meergleichen Strom, der -schimmernden Obstwälder und der gelben Sanddünen, der stillen -Deiche und der rollenden Wogen – diesen Abschluß bildet die -bedeutungsvollste und lebendigste aller deutschen Städte: Hamburg. -Während der Rhein, dem granitenen Leibe der Alpen entsprungen, -doch immer im engen Felsenbett dahinrollt und wenigstens bis -zu seiner holländischen Deltaversandung an alten Burgen, hohen -Domen, Rebenhügeln und fruchtbaren Gefilden dahinrauscht, und -er eigentlich doch immer nur das große, sagenumwobene Idyll -eines Flusses ist, entwickelt sich die dem Busen des Riesengebirges -entquellende Elbe auf verhältnismäßig kürzerem Lauf durch sozusagen -nüchternes Land zur monumentalen Größe, die zu -unserem technisch merkantilen Zeitalter eher passen will als die -Poesie des romantischen Rhein! Berlin ist ja zweifellos politische -Reichshauptstadt. Aber das Tor, das uns mit allen Erdteilen -verbindet und bei aller merkantilen Einseitigkeit doch das Sigillum -der zukünftigen Groß-Großstadt Deutschlands schon jetzt an der -Stirn trägt, ist Hamburg. Wer's nicht glaubt, mag selbst hingehn. -Das kann durch keine Statistik, durch keine politischen -Reden, sondern nur durch die Augen erschaut und erfaßt werden.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-119"> - <div class="caption"> -<p class="left">Tafel VIII</p></div> - <img src="images/illu-119.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Gottheil & Sohn, Königsberg, phot. -</p> -<p>Ostpreußische Küstenlandschaft</p></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-120"> - <img src="images/illu-120.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -R. Hilbert phot. -</p> -<p>In der Norddeutschen Tiefebene</p></div> -</div> - -<p>Wenn ich nun nicht auch auf der Ostseite Deutschlands den -Weg durch Pommern, Sachsen, Schlesien usw. zurück mache, so -nur deshalb, weil mir im Laufe der Betrachtungen klar geworden -ist, daß das eigentlich ein Buch für sich gäbe. Nur so viel zum -Schluß: Aller Chauvinismus ist mir in der Seele zuwider, und -das Lied: »Deutschland, Deutschland über alles« ist zwar als -politisches Lied verständlich, und ich kenne kein schöneres Ziel, als -daß das Lied wahrgemacht würde: daß Deutschland Europas und -der Welt <em class="gesperrt">Musterstaat</em> würde. Aber die Liebe zur Heimat -schließt die Erkenntnis nicht aus, daß die ganze Erde und alle -Länder voller Wunder sondersgleichen sind. Nur sollen wir beim <em class="antiqua">A</em><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span> -anfangen, und unser <em class="antiqua">A</em> ist Deutschland, das Land, das bei aller -Festgründigkeit doch das wandelbarste, das entwicklungsfähigste -der europäischen Kulturländer ist. Schon darum ist es des Wanderers -Sache, einmal zunächst seine eigenen Gaue zu schauen. -Um so klarer wird er die Schönheiten anderer Länder zu würdigen -wissen.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-122"> - <img src="images/illu-122.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. U. Rheinboldt. -</p> -<p>Halligwerft.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="An_die_Alten_und_die_Jungen">An die Alten und die Jungen.</h2> -</div> - -<p>In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, -und in den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends -müssen am Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge -gesagt werden. Denn es ist nicht gleichgültig, wie der Sauser des -nahenden Herbstes ins Stadium kommt – wie sie drüben über dem -Rhein sagen – und wie der neue Most sich bis zur Klärung gebärdet. -Da kommt es erheblich auf die Schläuche an.</p> - -<p>Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der -wir so viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den -Kenntnissen der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher -entweder allzu verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper -rechnen müssen. Denn dieses größte aller Wunder der Natur hat -da auch sein Wort mitzureden. Wir wissen heute, daß eine sündhafte<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span> -Verschwendung von Kraft in der Richtung moralischer Anstrengungen -gemacht wird und daß der heilige Antonius und -viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende Menschen -viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß -das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt -worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen, -mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen -und der Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen -Kulturmenschen Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit -in jedem Sinne eine Nationaltugend werden. Vor allem beim -Wandern, wo die Verführung zum Gegenteil so groß ist.</p> - -<p>Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. -Das andere ist nur für die Alten.</p> - -<p>Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger -noch nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige -Einbildung zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, -wo <em class="gesperrt">sie</em> jung waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon -Salomo, man findet ihn bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um -eine Gedankenverkalkung, die niemand aufgeben will. Und doch -spricht schon allein der Gang der Weltgeschichte dagegen. Aber es -braucht noch mehr. Wir älteren Semester sollten es wieder anstreben, -die Jungen nicht nur zu schulmeistern, sondern auch von ihnen zu -lernen. Schon deswegen, weil wir so selber jünger bleiben, als -wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer Philisterweisheit -zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen Gebrauch machen -von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die Jungen als -Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen – denn sie sind mit Recht -anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit – -unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher -Kameradschaftlichkeit mitteilen.</p> - -<p>Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie -zum Kampf gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und -exklusive Tendenzen aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen -älteren Stillen im Lande, die sich von irgendeiner guten Tante -weismachen ließen, sie seien zu alt zum Wandern.</p> - -<p>Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das -Wandern! So würde ganz ohne Lärm und Organisation und -Agitation ein Geheimbund der alten Herren, eine Brüderschaft -vom geruhigen Wanderschuh entstehen, deren Mitglieder schon -durch ihr Dasein beschämend und anfeuernd auf die Jugend wirken -könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der Unentwegten, ein Fähnlein -der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und ohne Vereinszeichen.<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span> -Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein gut pochendes Herz, das -jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose und ähnliche überflüssige -Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an die Jugend, -besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre Flammen, -wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des -Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der -alten Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange -ergeben und die Flinte ins Korn geworfen haben.</p> - -<p>Und warum?</p> - -<p>Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden -Trick der modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen -sind, den wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, die <em class="gesperrt">Bewegung</em>, -nach und nach an sich zu ziehen und aus den Menschen immer -mehr Stückgüter zu machen, die zur Beförderung übernommen -werden, sei's auf dem Motorrad und Auto, oder auf der Eisenbahn -und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer und im -Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben -verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität -Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren -Semestern lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender -Zuvorkommenheit wird alles an uns herangebracht. Das Kino -erspart uns bald das Reisen, und wer weiß, bald können wir -vielleicht in unseren vier Wänden prima Schwarzwaldluft atmen, -die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen zuführen wie -Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen -Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, -und unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll -und schöpferisch abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper -zucken.</p> - -<p>Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben! -Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher -Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: -Mein alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche -einmal in der Stadt besuchte und die vier Stunden her und die -vier Stunden heim ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der -jetzt auch schon 80jährige leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen -Familie das allsonntägliche Wandern eine Art Gottesdienst war -und dessen Frau und Kindern ich es heute noch danke, daß ich -mit meinem erheblichen Talent zum Stubenhocker und Bücherwurm -schon in jungen Jahren den Segen kennen lernte</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">vom Wandern, ja vom Wandern</em>. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Natur">Die Natur.</h2> - -<p class="center">Ein Schlußwort.</p> -</div> - -<p>Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, -aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in -sie hinein zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns -in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis -wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen …</p> - -<p>Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie; -was war, kommt nicht wieder: alles ist neu und doch wieder das Alte.</p> - -<p>Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und -macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört -immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich …</p> - -<p>Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie -ist die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den größten -Kontrasten: ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung; -zur genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem -überzogen. Jedes ihrer Werke hat ein eignes Wesen, jede ihrer -Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles -eins aus.</p> - -<p>Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und -doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig und ist kein -Moment Stillstehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, -und ihren Fluch hat sie ans Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr -Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.</p> - -<p>Sie läßt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Toren über sie richten, -Tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an -allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung …</p> - -<p>Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; -man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. Sie -macht alles, was sie gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. -Sie säumt, daß man sie verlange; sie eilt, daß man -sie nicht satt werde …</p> - -<p>Sie hat <em class="gesperrt">keine Sprache noch Rede</em>, aber sie schafft Zungen -und Herzen, durch die sie fühlt und spricht. <em class="gesperrt">Ihre Krone ist die -Liebe</em>; nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte -zwischen allen Wesen, und alles will sie verschlingen. Sie hat alles -isoliert, um alles zusammen zu ziehen. Durch ein paar Züge aus -dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos …</p> - -<p>Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut -und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span> -schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. -Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr -Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. -Sie ist weise und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, -trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, -aber zu gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken …</p> - -<p>Sie hat mich hereingestellt. Sie wird mich auch herausführen. -Ich vertraue mich ihr. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist -ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer -Unfähigkeit, die ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches -auszusprechen, so wird man die theoretische Gleichsetzung von <em class="antiqua">natura</em> -mit <em class="antiqua">deus</em> bei dem jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit -hat sich neben einer tiefen Erfassung des von Goethe gelebten -Lebens eine Goethelithurgie entwickelt, die sich nur durch einen -unfreiwillig zugegebenen Mangel an weiteren und höheren Zielen -bei den Anhängern dieses neuesten heidnischen Kirchleins erklären -läßt. Da ist es in den Tagen, wo jeder zweite gebildete Deutsche -die wie allzuguter Wein etwas ölig gewordene Weisheit des -alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier, vielleicht am -Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch nur gedachten -und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches -herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen, -aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die -abgeklärte, aber doch schon durch den Abendstaub des müden -Wanderers behaftete Weisheit noch nicht zierte; jene Altersreife, -durch deren Genuß man zwar schön kristallinisch, aber doch eben -als Goethephilister versteinert. Auch gar nicht philiströs veranlagte -Männer unserer Zeit sind bis zu einem Grade erkrankt an -diesem modernen Goethekultus, daß sie – <em class="antiqua">faute de mieux</em> – Goethe -zum alleinseligmachenden Propheten des neuen Deutschland erhoben.</p> - -<p>Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz -entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen -Klarheit und in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden -Reichtum der Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das -vorliegende kleine Buch für manchen, der auch mit dem Herzen -wandert, eine Hilfe, um sich aus der Zerklüftung der Welt, wie -wir sie sehen, in die Einheit dessen, was dahinter liegt, zu retten.<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -Nicht allein mit dem Verstand, der zwar ein gutes Handwerkszeug, -aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem aufmerksamen -Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so -dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; -sondern mit den schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und -dazu mit jener sanften Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu -fürchten hat, weil sie nach des jungen Goethe prophetischen -Worten die einzige Möglichkeit ist, uns der Natur zu nähern: -<em class="gesperrt">Die bewegte Stille der Liebe.</em></p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-127"> - <img src="images/illu-127.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<p class="copy"> -Phot. J. Hartmann. -</p> -<p>Im Riesengebirge.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter illowp50" id="illu-128"> - <img src="images/illu-128.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<p class="h2">KOSMOS</p> - -<p class="center"><b>Gesellschaft der Naturfreunde</b></p> - -<p class="center">bietet für jedermann einen</p> - -<p class="center"><em class="larger u">billigen</em> und <em class="larger u">guten</em></p> - -<p class="center">Lesestoff</p> - -<p class="center"><em class="u">Belehrend</em> – <em class="u">Unterhaltend</em></p> - -<p class="center">Jedes Mitglied erhält<br /> -für den Preis von vierteljährlich</p> - -<p class="h2">nur 7.50</p> - -<p class="center">jährlich 12 reich bebilderte Monatshefte und<br /> -4 packende Bücher erster Schriftsteller kostenlos.</p> - -<p class="center">Treten sie sofort bei oder verlangen sie Prospekt<br /> -bei Ihrer Buchhandlung oder der Geschäftsstelle <br /> -des Kosmos, Stuttgart</p> -</div> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER ***</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'>This file should be named 64200-h.htm or 64200-h.zip</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'>This and all associated files of various formats will be found in https://www.gutenberg.org/6/4/2/0/64200/</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. 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