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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Wanderer - -Author: Anton Fendrich - -Release Date: January 02, 2021 [eBook #64200] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Ein im Original unleserlicher - Name wurde durch *** ersetzt. - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - Der Wanderer - - Von - - A. Fendrich - - Mit 8 Tafeln und zahlreichen Textabbildungen - nach Originalaufnahmen - - Sechste Auflage - - [Illustration: Signet] - - Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart - - - - - ~Copyright 1920 by - Franckh'sche Verlagshandlung - Stuttgart~ - - - Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. - - - - - Meinem guten Kameraden - in Treue - - Weihnachten 1912 Der Verfasser - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - Allgemeines und Historisches. - - Das Wandern, ja das Wandern 5 - - Aus alten Scharteken 12 - - Von der Heimat 16 - - Zur Psychologie des Wanderns. - - Vom Rhythmus der Jahreszeiten 19 - - Allerlei Heimatschutz 24 - - Schauen, nicht schwärmen 28 - - Wenn wir uns selbst im Lichte stehen 30 - - Vom Horchen in der Stille 33 - - Vom Überhopsen 37 - - Wie man wandern soll. - - Mit Kindern 41 - - Vom Kränzewinden 43 - - Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen? 45 - - Der Wanderschuh als Erzieher 47 - - Was man braucht. - - Des Wanderers Kleid 51 - - Der Rucksack 53 - - Von den Schuhen und den Füßen 55 - - Vom Essen und vom Trinken 58 - - Vom Knipsen 63 - - Menschlich-Allzumenschliches. - - Aphorismen 70 - - Menschen 73 - - Hinaus! 76 - - An die jungen Männer 80 - - An die jungen Mädchen 81 - - Vom neuen Wandern. - - Von Wiesen und Bäumen 83 - - Vom Wald 86 - - Von der Heide, der Marsch und der Geest 89 - - Wie man Städte ansehen soll 94 - - Die deutschen Lande 99 - - An die Alten und die Jungen 106 - - Die Natur. (Ein Schlußwort) 109 - - - - -»Das Wandern, ja das Wandern --« - - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -Wandervögel.] - -Schlicht, fast dürftig kommen sie dahergezogen, die fünf Wörtlein im -alten Liede »vom Wandern«, ja »vom Wandern« -- und bergen unter ihrem -unscheinbaren Gewande ganze Welten. Stürmisch und laut jubelnd, dann -wieder mit gedankenschwerer Bedächtigkeit oder vor sich hinschlendernd -mit leichten Sinnen, dann aber auch einmal ausschreitend in festem -Schritt stämmiger Männlichkeit und schließlich leise auf den -Zehenspitzen gehend und geheimnisvoll nickend und mahnend, so kommen -sie immer anders wieder im Kehrreim des Liedes, die tiefen, schlichten, -kleinen Worte. - -Was ist's, das aus ihnen singt wie helle, hohe Knabenstimmen an einem -keuschen, kühlen Taumorgen? Was ist's, das aus der Zeile schwingt -wie dumpfes Geläut von versunkenen Glocken? Was klingt aus ihnen wie -klarer, harter Männergesang von rauhem Felsenweg herab? Und was ringt -sich aus ihnen los und nickt und winkt wie verborgene Weisheit? - -Es ist das Leben, das brausende und sausende, das liebe und trübe; das -Leben, in dem nicht weit von den Wiegen die Särge stehen; das Leben, -das Glück und Leid nebeneinander auf die gleiche Bank gesetzt hat; das -Leben, wo der Männerklarheit sentimentale Schwäche ins Handwerk pfuscht -und wo die Weisheit nicht so weit von der Narrheit wohnt, daß sich die -beiden nicht die Hände reichen könnten. - -Mensch sein, das heißt nicht nur Kämpfer, sondern auch Wanderer sein. -In allen Dingen. Wer nicht gelernt hat, _alles_ als Wanderer anzusehen, -mit hellen, unbestechlichen Augen, aber auch mit dem warmen Glanz -der Güte; wer nicht weiß, stets vor sich hinzusehen auf den Pfad und -dessen Hindernisse, anstatt die Nase in der Luft zu tragen; wer nicht -ohne Wehmut und ohne Haß alles hinter sich lassen kann, Schönes und -Häßliches, an dem er einmal vorbeigeschritten ist, der kennt nicht das -Geheimnis des Wanderns. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Gewitterstimmung an der Havel.] - -Leicht und hell sollen wir wandern: über Berg und Tal, im Ringen um die -Anhöhe einer befreienden Weltanschauung, im Kampf um Brot und Heim, wie -auch im dunkeln, dumpfen Gedränge der feindlichen Gewalten in unserer -Brust; immer sollen wir Wanderer sein, vom Frühling bis in den Winter -unseres Lebens. Immer müssen wir bereit stehen mit gegürteten Lenden -und dem Stab in der Hand, weiter zu gehen, vorwärts zu dringen und -aufwärts. - -So ist das Leben oder soll es sein. Leben sollen wir und streben, nicht -kleben. - -Das müßte aber ein schlechter Wanderer sein, der immer nur Sonnenschein -und linde Lüfte erwartete für seine Fahrten und es nicht erfahren -hätte, daß Regen und Sturm und Nebel und Kälte nichts sind als gütige -Gaben, die wir mit ebenso dankbaren Händen nehmen sollten wie die -Himmelsbläue und die Balsamdüfte der guten Tage. Denn wir werden der -ganzen Herrlichkeit des strahlenden Himmelslichts nur inne, weil es -nicht _immer_ scheint. Alles Immerwährende wird Zustand. Und »Zustand« --- hat Goethe einmal gesagt -- »ist ein grauenhaftes Wort«. Leider ist -in der Zeit des Goethedienstes das Wort fast unbekannt. Jeder Zustand, -auch der schönste, wird auf die Dauer gähnende Langeweile. Wer einmal -eine lange Prozession wolkenloser Sonnentage im weiten Süden über sich -ergehen lassen mußte, der weiß erst recht den wirren Wechsel unseres -Klimas zu schätzen. Nur ständiger _Wechsel_ ist beglückendes Leben, und -das Wandern beglückt und entzückt uns nur aus dem gleichen Grunde. - -Das Wandern von allem zu allem im Weltall, das allein erhält das Leben -und läßt es nicht versinken. Das Eisenmolekül wandert durch die Adern -unserer Schläfen; der elektrische Funke wandert in seinem rasenden -Tempo durch die Meere von Erdteil zu Erdteil; die Berge wandern, -langsam abbröckelnd, in Jahrmillionen durch die Flüsse in die Ebene und -ins Meer; und unsere Mutter Erde wandert seit Jahrmilliarden dankbar -und treu um ihre Lebenspenderin -- die Sonne. - -Das monotone Motto der ständigen Bewegung, wie es der griechische Weise -in den zwei Worten: »Alles fließt« geprägt hat, müßte farbiger und -richtiger heißen: »Alles wiegt, alles wogt, alles wandert.« - -»Das Wandern, ja das Wandern!« - -Da kommen sie schon wieder, die fünf klugen, kleinen Worte, wohlgemut -und froh. Und es ist auf einmal, als ob ein Tor aufgeschlagen würde, -durch das wir aus dumpfer Enge weit hinaussehen in die sonnige Welt; -es ist, als ob wir einen einsam über Hügelhöhen schreitend erblickten, -einen Wandergesellen, der, aller Abenteuer gewärtig, frohgemut den -Stecken schwingt und in die reinen Lüfte singt, was seine Brust -erfüllt. Das Wehen und das Rauschen des Walddoms, das übermütige -Geglucker der kleinen Wiesenquellen, das Bimmeln und Läuten ziehender -Herden -- alles das lebt in den fünf kleinen Worten. Sie singen vom -Frohlocken eines heimlichen Königskindes, das sich verlaufen hatte und -in Gefangenschaft geraten war und nun jubelt über die wiedergewonnene -Freiheit -- des heimlichen Königskindes, das sich nun wieder tragen -lassen darf von den Wogen eines größeren Lebens, auf denen es neue -Fahrten wagt nach neuen Ufern. - -Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, das ist der -wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der Tod ist umsonst, -und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht lumpen lassen -wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was haben wir zu geben. -Nichts als das Leben. - -Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, daß sie aus -der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle Entdeckungsreisen, -deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz ihres Lebens seinen -ganzen, großen Wert erhält. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Heimkehr.] - -Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen Berufen, -besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten daher, daß das -Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein langweilig pendelndes -Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, dann wissen sie genau, wie -der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein wird, wann sie befördert und -wann sie pensioniert werden, um »in Ruhe« ihre letzten Tage genießen -zu können. Das Unerwartete, das Unerhörte, kurz das Abenteuer spielt -in ihrem wohlregistrierten Leben keine Rolle mehr. Ihre Existenz ist -ein unveränderliches Programm mit festliegenden Nummern. Ihr Dasein -ist so sicher eingeschachtelt, daß es nicht wundernehmen kann, wenn -die Sehnsucht nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem -schrillen Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen -Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler tüchtiger -Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, daß -Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller Heimlichkeit als -Ausgleich dienen müssen. - -Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern? - -Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger -Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in unserer Zeit deshalb -so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen von dem leichten Sinn -und dem sonnigen Humor derer, denen das Wandern eine Kunst war und die -auch durch des Lebens Gefilde lieber tanzend schritten als keuchend. -Da muß ich an meinen alten Onkel Schang denken, der sein Leben lang -ein Wagnergesell war und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa -durchzog, von Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die -Türkei. Er rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr -keine geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er -wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle paar -Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es nicht aus. -Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er war sein Lebtag nie -fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal gar zu zäh ausforschten, -warum er wieder in der Welt umherfahren wolle, er, ein so geschickter -Krummholz, der zu Hause doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob -er den Zeigefinger in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen -kleinen Vorträge: »Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen -auf der Erde: wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach -ein wenig zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?« -Natürlich brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der -Onkel Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große ~W~! Alles Große fängt -mit einem ~W~ an. Das große ~W~ ist das erste, was wir schon von der -Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber fuhr -ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen ~W~ an und der Wald -und das Wandern und die Weibervölker und die Wunder, von denen ihr -nichts versteht; und die Weisheit, die ihr noch lange nicht mit Löffeln -gefressen habt, wenn ihr's auch meint; und die Wahrheit, die ich euch -jetzt um die Ohren schlage!« Er machte eine Pause und sagte zuletzt -ganz leise: »Und der Wein!« Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig -schon überschritten. - -So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit dem -Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war ein lustiger -Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf für einen Taugenichts -gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein anderer Sohn des Dorfes, -der in die Welt gegangen und ein berühmter Schriftsteller und Dichter -geworden war. Beide wurden zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch -gab dem »Dorflumpen« die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau -in wallendem Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den -Tannensarg und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen -ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab des -berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge umstanden war, -schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte die Menschenmenge -ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!« - -Ja, die Dichter, die haben's mit dem Wandern. Wenn sie durch Wald und -Felder ziehen, dann offenbart sich ihnen das Leben. Aber ein anderes. -Es wird schon so sein, daß es mehr als eines gibt; nicht im Jenseits, -von dem wir nichts wissen, sondern im Diesseits. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Letzte Sonnenstrahlen im Heidewald.] - -Ich weiß einen Arzt, der nie eine Rose in seinem Garten schneidet, -ohne das Messer vorher so gut geschliffen zu haben, als ob er es bei -der Operation eines seiner Patienten brauchte. Und ich weiß einen -großen deutschen Maler, der von der wehmutvollen Gebärde einer alten -Silberpappel am Bodensee so ergriffen wurde, daß ihm ein paar Tränen -über die Wangen rollten. Und ich weiß einen Dichter, den einmal nach -einem fröhlichen Gelage in einer kühlen Weinlaube am Schwäbischen -Meer einige zu Gast geladene Bekannte fragten, was er eigentlich über -Gott und die Natur denke. »Blödsinnige Frage!« Das war zunächst seine -Antwort. Als sie aber nicht abließen, gab er nach und sagte: »Na ja, -wenn ich eben einmal draußen herumlaufe und nicht an blühenden Büschen -und Hecken vorbeikomme, ohne ihnen mit der Hand über die Schöpfe zu -fahren und ihnen ein gutes Wort zu sagen, dann, na ja, dann spür' ich -eben etwas.« Die anderen sahen ihn, was nicht allein von den zu vielen -Schoppen kam, starr und verständnislos an; der Dichter aber ärgerte -sich darüber, daß er doch nachgegeben und Perlen verschleudert hatte, -und fügte seiner Antwort noch vier kraftvolle Worte hinzu, an denen wir -jedoch lieber in raschem Schritt und Tritt vorüberwandern wollen. - -Und zu guter Letzt, da die fünf kleinen, wissenden Wörtchen hören, daß -von Dichtern die Rede ist, kommen sie noch einmal auf leisen Zehen -herbeigeschlichen und sagen still und feierlich: - -»Das Wandern, ja das Wandern!« - -[Illustration: Phot. W. Groothoff. - -Fahrende Scholaren.] - -Und wieder geht ein Tor auf, und ich sehe, wie ein anderer Dichter, -der erst vor kurzem heimgegangen ist und von dessen Existenz die Welt -jetzt erst durch seine posthumen Werke erfahren hat, zusammen mit mir -in einer warmen Sommernacht ausruht auf einer weiten Bergwiese. Wir -sahen in das Zucken und Lodern der Welten am Himmelszelt und schwiegen -miteinander. Da kam ihn auf einmal die übermütige Laune derer an, die -mit lebendiger Seele sterben, und er sagte: »Eigentlich sind wir doch -hier nirgends als in einer Weltallsherberge -- Allerweltsherberge«, -korrigierte er sich lachend. »Diejenigen, welche zu tief in der Kreide -stehen oder sich der Hausordnung nicht fügen wollen, werden nach -mehrmaliger Verwarnung hinausgeworfen vom Hausknecht -- dem Herrn Mors. -Ich meine immer, sie lassen mich nicht mehr lange sitzen.« So sprach -er mit tragischem Humor! Er wußte, wie es um ihn stand. Dann spürte -ich seine Hand an der meinigen und hörte seine immer noch metallen -klingende Stimme einen Reim sagen wie eine Strophe, die aus einem neuen -Wanderlied in die warme Sternennacht hinausklang: - - »Komm, wir wollen wandern, - Von einem Stern zum andern ...« - -Bald darauf ging er, ein kosmischer Wanderer. Wir aber, die anderen, -die noch nicht so weit sind, wollen zuerst einmal das Wandern auf -_unserem_ Stern und auf gutgesohlten, irdischen Stiefeln erlernen. - - - - -Aus alten Scharteken. - - -[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting. - -Portal einer Schloßkapelle in Burghausen.] - -Der Sinn zum Wandern kann nicht erworben werden, auch nicht durch die -Mitgliedschaft zu einem der vielen Wandervereine, wie sie jetzt unter -dem warmen Regen der »Naturbewegung« aus dem Boden schießen. Es ist mit -dem Wandern wie mit dem Glauben. Es muß etwas Angeborenes sein, ein -Geschenk -- wenn man will, eine Gnade. Daß die moderne Naturschwärmerei -ein Erzeugnis unserer Großstadtkultur ist und daß dabei oft nur das -Abenteuer, wie zum Beispiel eine im Heuschober zugebrachte Nacht, -den Hauptreiz bildet, das wissen _alle Nüchternen_. Im Grunde ist -das _modische_ Wandern eigentlich nur die Reflexbewegung der in öden -Straßen, steinernen Mietkasernen und im Gewirr eines mit Licht- und -Schallreklame arbeitenden Großhandels ermüdeten Menschen. Wer wollte -das leugnen? Der Mensch der Großstadt streckt eben wie ein Kind die -sehnsüchtigen Hände hinaus nach den Blumen und Bächen und Vögeln und -Schmetterlingen eines verlorenen Paradieses. - -Aber erklärt das alles? - -Haben denn vor anderthalb Jahrhunderten die tobenden Universalgenies -und die schmachtenden Werthers der »Sturm- und Drangperiode« nicht -auch versucht, ihren Weltschmerz und ihre stürmischen Leidenschaften -zu vergessen und zu ertränken im wonnigen Meer der blühenden -Feldeinsamkeiten und im beredten Schweigen des Waldgeflüsters? Und -all das, obwohl die lächerliche Ländlichkeit des Verkehrs in den -Kleinstädten jener Zeit nicht so nervenzerrüttend war, daß der Durst -nach dem »Busen der Natur« daraus hätte entstehen können. Das war die -Zeit, wo man nach Einbruch der Nacht sich ohne Laterne im Schmutz auch -der hochansehnlichsten Straßen von Residenzstädten nicht zurechtfinden -konnte, und wo die damaligen Stadtpläne mit ihrem heimeligen -Durcheinander von lauschig duftenden Gärten und kühl verschwiegenen -Häusern geradezu ein Ideal für die heute so bescheiden gewordene -Gartenbewegung darstellten. - -Das Wandern steckt dem Menschen eben von Anbeginn an in den Gliedern. -Als Adam seine erste, überraschend schnell nötig gewordene Reise antrat --- wer weiß, ob ihm trotz des Abschiedsschmerzes schließlich nicht das -Herz aufgegangen ist ob all des Neuen, was er zu sehen bekam?! Um so -mehr, als er seine Freude teilen und sie dergestalt doppelt genießen -konnte. Wenn man es innewerden will, daß das Wandern eine alte Sucht, -vielleicht auch eine alte Tugend eines Teils der Menschen ist, so -braucht man nur die ersten Bücher aufzuschlagen, darinnen von der -Menschheit Glück und Schmerz die Rede ist, den Pentateuch, die alten -Propheten und -- ja nicht zu vergessen -- das Hohelied des Königs -Salomo und die Weisheit des Jesus Sirach. Wenn es da irgendwo einmal -ans Wandern geht, sei es bei dem Auszug aus Ägypten, was immerhin schon -eine ganz ansehnliche Leistung gewesen sein muß, oder wenn der junge -Tobias mit seinem kleinen Schnauzer und dem inkognito ihm als Führer -dienenden Erzengel auf die Brautschau geht, jedesmal weiß der Chronist -mit den einfachen Mitteln jener wuchtigen, schlichten Sprache eine -Reisestimmung zwischen die Zeilen hinzuzaubern, wie sie eben nur der -geborene Wanderer kennt und wie sie mit ihrem vorausleuchtenden Schein -alles noch viel schöner vorauserleben läßt, als es in der Wirklichkeit -wird. Und -- wohlgemerkt, die alten Mannen des Volkes Israel, die -ja später das Wandern wie kein anderes Volk sozusagen als Schicksal -lernen mußten, verstanden sich auf das genußfreudige, anspruchslose -Wandern, ohne großes Getöse zu machen, und hatten dabei die Augen -immer weit offen. Ich habe für diejenigen, die es nicht für Wert -halten oder nicht die Zeit haben, die Originale selber nachzulesen, -an anderer Stelle (im Kapitel vom Rhythmus der Jahreszeiten) Proben -von Naturschilderungen im Alten Testament gegeben. Denn -- darüber -sollten wir uns klar sein -- Wandern ohne eine innige Aufnahme der -Natureindrücke durch ein »unbescholtenes, freies Auge«, wie es -Gottfried Keller so wundervoll einfach nennt, das ist kein Wandern. - -In unserer germanischen Literatur sind die Beweise eines -hochentwickelten Wandersinns zahlreich genug für jene Lust am Wandern, -die nur eine andere Art von Frömmigkeit ist. Diese Frömmigkeit hat -sich bei unseren Altvordern besonders in der Vergeistigung und in -der plastischen Gestaltung der Naturgewalten und Naturschönheiten in -Zwergen und Kobolden, Halbgöttern und Riesen, Waldfeen und Göttern -gezeigt und ist nichts anderes als die Empfindung der eigenen Kleinheit -und das Streben über sich hinaus. Der »Wanderer« -- wie oft tritt Wodan -unter diesem Namen auf! -- was will er anderes, als das All liebend -in sich aufnehmen und in das dunkle Haus des eigenen, trotz seiner -Göttlichkeit der Zeit und dem Raum unterworfenen Wesens die Lichtfluten -und Farbenwellen der ganzen Schöpfung einströmen lassen?! - -Wir besitzen in irischen Heldengedichten, die erst vor kurzer Zeit -entdeckt wurden, Naturschilderungen von einer überraschenden Innigkeit. -Dagegen sind alle historischen Urkunden, die über Wanderungen -ganzer Völker oder auch einzelner Persönlichkeiten, besonders von -Dichternaturen aus der Zeit von der Völkerwanderung bis zum 12. -Jahrhundert, vorliegen, fast ohne jede Andeutung dafür, daß das -Anschauen der Natur als Genuß empfunden wurde. Das Naturgefühl, d. -h. der bewußte sehnsüchtige Drang, über das eigene Dasein hinaus nun -am Leben der _ganzen_ Schöpfung teilzunehmen, flammt erst mit Franz -von Assisi und dann allerdings mit einer Gewalt auf, wie sie nur zu -erklären ist aus der jahrhundertelangen Unterdrückung eines menschlich -seelischen Bedürfnisses. - -Die Technik des Wanderns und ihre Beschreibung in alten Scharteken, -deren die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, lassen in -ihrer spießbürgerlichen Umständlichkeit und in der altjüngferlichen -Schreckhaftigkeit vermuten, daß die vorangehende Zeit der Renaissance -mit ihrer ausgeprägten Wirklichkeitsphilosophie für Natur nicht viel -übrig hatte. Daß dieser Sinn bei den Menschen der Renaissance stark -zurückgegangen ist, darauf läßt u. a. auch die dürftige Behandlung -der Landschaft in den großen Erzeugnissen der bildenden Kunst -jener Zeit schließen, die eigentlich nur »den Menschen« kannte. Der -Dreißigjährige Krieg und die darauffolgende Zeit des deutschen Barocks -haben ihr übriges getan zur Vernichtung des erwachten Naturempfindens. -Was wir dann später aus den Denkwürdigkeiten berühmter Leute aus -dem 18. Jahrhundert kennen -- ich denke gerade an die Ängste der -Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des alten Fritz, als sie -»durch die fürchterlich beengenden Schluchten« des uns heute so sanft -erscheinenden Thüringer Ländchens fuhr -- und was wir aus ähnlichen -zeitgenössischen Schilderungen wissen, das ist für uns Menschen des -Wanderns und Reisens, der Hochtouristik und der großen geographischen -Entdeckungen einfach von erfrischendem Humor. - -Nicht weniger bekömmlich, besonders beim Eingeregnetsein in Gasthäusern -oder Hütten oder als mittelbar wirkende Anregung vor Touren, ist -das Lesen von alten Schmökern, wie z. B. »Die Kunst des Reysens im -Schweyzergebirge« (1794) oder die Beschreibung der Fahrt, welche die -Abgeordneten zum ersten badischen Landtag im Jahre 1806 vom Bodensee -nach Karlsruhe zu unternehmen hatten, bei welcher Gelegenheit »außer -vier höchlichst ermattenden Reysetagen in der Extrapost so an die -sechzig Reichsgulden benebst Trinkgeldern« draufgingen. - -Alles das und vieles andre soll dem Leser nur zum Bewußtsein bringen, -daß wir am Anfang einer ganz neuen Periode der Naturbetrachtung -stehen und daß für uns bei aller Hochachtung vor dem hohen Stand -vieler Naturbeschreibungen von Dichtern vergangener Zeiten das -meiste doch zu den alten »Scharteken« gehört. Wir befinden uns eben -auf der Schwelle einer Zeit, in deren Tempeln nicht nur einzelnen -Bevorzugten, sondern einem großen Teil des Volkes die Tore geöffnet -werden zu zergliedernd-populärwissenschaftlichem Erkennen der Natur -als einheitlicher Schöpfung (was hat in dieser Richtung nicht allein -schon die Kosmosgesellschaft getan!) wie auch zu seelischer Aufnahme -der Naturschönheiten als Mittel der Daseinsbereicherung. Jedes soziale -Streben, das dem industriellen Proletariat mit der Verkürzung der -Arbeitszeit auch den Ersatz für grobsinnliches Genießen gibt, wirkt von -selbst in dieser Richtung. Uns muß die analytisch erkannte Natur wieder -_erlebte Offenbarung_ werden, so wie es Byron in einem für unsere -rasche Zeit nun auch schon zur »Scharteke« gewordenen Buche aussprach: - - »Sind Berge, Wellen, Himmel nicht ein Teil - Von mir und meiner Seele, ich von ihnen?« - -Was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Menschen, die Augen -hatten, zu sehen, in alten Scharteken gesagt wurde, das muß endlich -einmal für uns Kulturmenschen _eroberte und festgehaltene Wirklichkeit_ -werden. Sonst sind wir auch auf diesem Gebiet nicht Erfüller, sondern -Vergeuder dessen, was die Vorzeit uns vorgearbeitet hat. Denn wir -sollen nicht mehr als blinde Bettler, sondern als sehende Herren einer -reichen Schöpfung dankbar über die Erde schreiten. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.] - - - - -Von der Heimat. - - -Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles im -Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange ihr großes -Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt wurde durch lieblose -Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, wandten in späteren Jahren -der Heimat den Rücken, klagten über »die hohen Steuern« und ähnliche -»Mißstände« und kamen schließlich in dem Gedanken an ihre zunehmende -Arterienverkalkung nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie -lebten im Winter in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und -ihre Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo in -der Fremde. - -[Illustration: Tafel I - -Rud. Lichtenberg phot. - -Pappelallee in Norddeutschland] - -[Illustration: W. Bandelow phot. - -Abend auf der Elbe] - -Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen die -Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglich auch ihr -Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines schönen Tages -empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich vom Schneider ihres -Vaterstädtchens -- ja gerade von _dem_ -- einen neuen Anzug anmessen zu -lassen, oder wieder einmal Knackwürste mit Kartoffelsalat zu essen, so -wie früher bei der Mutter. Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger -Reise zu Hause angekommen sind, finden sie die scharfsinnigsten -Gründe zu immer neuen Verschiebungen der Abreise. Die Nachbarn nicken -wissend mit dem Kopfe und blinzeln einander zu: »Aha, das Heimweh!« -Der Heimgefundene nimmt aber am zunehmenden Goldglanz, der sich über -die Wiesen und Wälder und Dörfer seiner Jugendstreifereien legt, wahr, -daß er erst am Entdecken der Heimat ist. Und dann kommt eine selige -Zeit. Dann wird alles Alte -- die kleinen tosenden Bergbäche, aus deren -Granitblöcken man als Sekundaner und als neuer Prometheus uneinnehmbare -Burgen bauen wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man -im Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten -Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen der -Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen der Vaterstadt, -die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant vorkamen --- all dies Alte wird neu und schöner. Eine ebenso unverstandene wie -grenzenlose Dankbarkeit zieht einem durch das Herz, nur dafür, daß -man gerade hier, in _dieser_ Heimat, in diesem Winkel, im Wirbel des -brausenden Lebens ins Dasein geschoben wurde. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark. - -Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.] - -Dieses Stück vom Hängen am Engen ist eine der starken Wurzeln, ohne -die der _Mensch_ nicht werden kann. Die _Bodenständigkeit_ ist aber -kein Hindernis dafür, daß die Krone des Baums sich ausbreite, weit -über den Wurzelgrund hinaus. Das Weltbürgertum ist für lange noch nur -eine Sache der Seele, und auch die _echte_ Demokratie ist vorerst nur -im Reich des Geistes möglich. In dieser Welt der Erscheinungen hat -alles Internationale seine Grenzen schon in der einfachen Tatsache -der Stammes- und Rassenverschiedenheit der Menschen. Deshalb sind wir -außer Alemannen, Schwaben, Märkern, Friesen usw. _zunächst Deutsche_. -Und die Entdeckung _Deutschlands_ ist -- obwohl sogar die beiden Pole -keine »weißen Stellen« auf der Weltkarte mehr sind -- für die weitaus -meisten Wanderer noch eine Tat der Zukunft. Wir kennen es nicht, unser -Vaterland. So viele Dichter auch schon gesungen haben von der Schönheit -der deutschen Lande, man hat im besten Falle gefühlvoll mitgesungen, -alle die Lieder: »Von Frankreich bis zum Böhmerwald« und »Von dem -Nordmeer bis zur Etsch«, aber _gesehen_, sehen _wollen_ haben es -wenige, auch die nicht, die es vermocht hätten. »Dann lieber schon was -Richtiges!« hieß es. Die Schweiz, Italien oder neuerdings auch Indien -und Japan. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel. - -Vorfrühling am Bach.] - -Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer feinsten -Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seine indische Fahrt -berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom Sichfremdfühlen -in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; sein _Herz_ ging -erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in herber, großer -Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, die wer weiß -was alles an Sturm und Donner, an Blitz und Licht gebären wollten, -wieder an die Größe unserer nordischen Heimat erinnert wurde, »darin -wir uns das verlorene Paradies selber bauen müssen, weil wir dort im -alten Eden fremd geworden sind«. -- Gott sei Dank, hätte ich fast -gesagt zu dieser ergebenen Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch -klaren Heimatsuchers und Dichters. - - - - -Vom Rhythmus der Jahreszeiten. - - -Wir fangen wieder an, etwas vom ewigen und beglückenden Wechsel der -Dinge zu verstehen, obwohl uns die farbenschreiende Eintönigkeit -des Stadtlebens die Sinne zur Wahrnehmung des Gewöhnlichsten in -der Erscheinungswelt langsam geraubt hat. Wir ahnen es wieder, daß -Leben nichts als Bewegung und Bewegung nichts als Wechsel ist. -In der modernen Tanzkunst wird der Rhythmus, der nichts ist als -bewußt geleiteter und organisch geordneter Wechsel, als Erlöser von -Gedankenflucht und ähnlichen allgemein verbreiteten Nervenübeln, d. h. -unrhythmisch ablaufenden unbeherrschten Körperfunktionen, mit Erfolg -verwendet. Die Statistik entdeckt auf allen Lebensgebieten den Rhythmus -als wichtiges Gesetz. - -Aber vom großen Rhythmus der Jahreszeiten, der besonders in unserer -gemäßigten Zone die unterschiedlichsten Bewegungskurven aufweist, kennt -die Menschheit, als Ganzes genommen, vorerst nur das grob Sinnfällige, -die gegenseitige Erhöhung aller Schönheitsunterschiede. In den vier -Jahreszeiten wird zwar auch schon vom harmlosen Gemüte genossen, aber -die leisen Übergänge und die zahllosen verstohlenen Kostümwechsel, -an denen sich die Natur in jeder Jahreszeit ergötzt, die sind auch -Wanderern von langjähriger Vereinsvergangenheit immer noch mit mehr als -sieben Siegeln verschlossen. Da gibt's nur eine Hilfe: »Schauen lernen!« - -In meiner Heimat fängt's schon an im Vorfrühling, wenn der müde Winter -mit dem jungen Lenz seinen Strauß ausficht, und man, wie einmal -Goethe seiner Frau v. Stein schrieb, »im streichenden Februarwind den -kommenden Frühling riechen kann«. Da blühen bei uns neben schmutzigen -Schneezungen ganz schüchtern die ersten blaßgelben Primeln, und -in den vom Schneewasser der Berge dunkeln Bächen lassen sich die -goldenen Sumpfdotterblumen rütteln, daß man nicht weiß, ob's ihnen -dabei eigentlich angst oder wohl ist. Am Rande dunkler Wälder, die in -ahnungsvollem Schweigen darauf warten, was denn da wieder kommen will, -schluchzen sehnsüchtige Drosseln, die sich nichts mehr weismachen -lassen von dem immer schwächer werdenden Tyrannen, obwohl er noch -jeden Morgen mit Schneeschauern, seinen letzten Rückzugskanonaden, dem -leisen Knospen in allen Tälern bange machen will. Vorsichtig nimmt -der große Himmelsmaler von seiner Palette vorerst einmal nur die -ganz lichten, dünnen Farben: blasses Smaragdgrün für die sprießenden -Wiesen, schüchternes Indischrot für die treibenden Buchenwälder und ein -milchiges Blau für das Firmament. Damit lasiert er mehr, als daß er -forsch darauflospinselt, denn: man kann nicht wissen! - -[Illustration: Hohentwiel. Von Norden gesehen.] - -Aber in irgendeiner lauen, von Feuchtigkeit schwangeren Nacht und -gerade dann, wenn natürlich kein Mensch es ahnt, wird heimlich alles -neu; zuerst, wie es das Jungfräuliche an sich hat, voll beglückter -Verschämtheit, dann aber mit der rasenden Inbrunst und mit der vollen -Gewalt der Natur, wenn sie auf nichts mehr aus ist als auf das »Glück -des heißen Diebstahls«. Mit satten Farben dringt die Schöpfung ans -Licht, und der Himmel feiert wieder Hochzeit mit der alten Mutter Erde, -die sich so gut auf die kosmetischen Künste, vielleicht sind es auch -kosmische Künste, ewiger Verjüngung versteht. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt von der Dampfschiffgesellschaft -Oberweser, Hameln. - -An der Oberweser.] - -Und während die Ebene sich schmückt, reicher denn eine Braut, haben die -Berge alle Arbeit, mitzukommen. Aber wenn sie einmal in Feststimmung -sind, dann geht es da droben in flottem Zeitmaß, und kaum ist die -letzte Schneegrube versickert, da verwandelt schon die violette Pracht -des mannshohen Wolfsmilchlattichs auch die greulichsten Schluchten in -zauberhafte Hochzeitssäle für das leichtsinnige Volk der Mücken und -Schmetterlinge. Die schwarzen Tannen regnen aus den Wipfeln Wolken -von schwefelgelbem Blütenstaub über ihre eigenen Zweige. Kaum hat -man sich's versehen, da bräunt sich schon nach einem kurzen heißen -Sommer der spärliche Hafer auf den steinigen Feldern. Und noch einmal -so lange, dann glühen die roten Beerenbüschel in dem Gezweig der -Ebereschen, die überall im Schwarzwald längs der breiten, sauberen -Straßen stehen wie Spaliere für heimliche Fürsten der Wanderkunst, -unter denen manch einer oft nichts als eine erheblich flickbedürftige -Kluft sein eigen nennt. Drunten in der Ebene vollzieht sich die Zeit -des Werbens und der Erfüllung in viel majestätischeren Formen. Da -wogen zuerst grün, dann blaßgelb und schließlich braungolden die -Fruchtfelder, und überall erklingt das Lied vom Reichtum der Natur -und der Armut der Menschen, die das Glück überall da suchen, wo es -nicht ist, und es fast nicht mehr für menschenwürdig halten, wenn sie -sich nicht in allerhand Sommerfrischen mindestens ebenso gelangweilt -haben wie innerhalb ihrer eigenen Pfähle, anstatt in ihrer so nahen -und für sie doch so unnahbaren Herrlichkeit. Denn sie haben fast alle -Augen, die nicht sehen; Augen, vor allem, die nichts davon wissen, daß -alles, was man über Bäume, Wolken, Wälder, Bäche sagen kann, nichts -ist als dürftiges Wortgestammel. Sie wissen nichts davon, daß auch -der ärmlichste Baum keine Viertelstunde lang am gleichen Tage der -gleiche ist, und daß der Wind und die Sonne und die Luft und das in ihr -verborgen schwebende Wasser und tausend andere Dinge diesen einfachen -Baum fast jede Minute verändern und aus ihm ein wechselndes Schauspiel -für jede empfängliche Iris machen. - -Auch was wir vom Winter wissen, ist nur erst der Anfang und nicht -viel mehr, als was der feine Feuilletonist der Bibel, Jesus Sirach, -mindestens auch schon wußte: »Durch des Herrn Wort fällt ein großer -Schnee, und er läßt es wunderlich durcheinander blitzen, daß sich der -Himmel auftut und die Wolken schweben, wie die Vögel fliegen. Er macht -durch seine Kraft die Wolken dicht, daß Hagelsteine herausfallen. Durch -seinen Willen wehet der Südwind und der Nordwind, und wie die Vögel -fliegen, so wenden sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander, -daß er sich zu Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun. -Er ist so weiß, daß er die Augen blendet, und das Herz muß sich wundern -solches seltsamen Regens. Er schüttet den Reif auf die Erde wie Salz, -und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen an den -Stecken. Und wenn der kalte Nordwind geht, dann wird das Wasser zu Eis. -Wo das Wasser ist, da wehet er überher und zeucht dem Wasser einen -Harnisch an.« - -So kannte Jesus Sirach in dem Libanonwinter, der um Damaskus herum sich -sogar zum Skilaufen eignen soll, die Winterherrlichkeit, die wir jetzt -erst entdeckt zu haben glauben, schon vor zweitausend Jahren. - -So ist der Wellengang der Jahreszeiten, von dem ich nur ein dürftiges -Bild aus der Heimat selbst geben kann, in allen Gauen Deutschlands ein -anderer, je nach der Bodengestaltung, dem Wasser- oder Waldreichtum und -der Beschaffenheit der Ackererde. Aber in der gleichen Gegend fällt es -keinem Frühling ein, genau so Einzug zu halten wie sein Vorfahre des -vergangenen Jahres. Und so wie jeder Sommer und Herbst läßt es sich -auch kein Winter nehmen, durch angenehme und unangenehme Überraschungen -die Menschen immer wieder das alte »πάντα ῥεῖ« (alles fließt) zu -lehren. »Mehr Freude!« heißt heute die Parole. Einverstanden. Aber wenn -nur jeder Mensch versuchte, anstatt immer in sein Sorgenherz täglich -aus dem Fenster heraus die tausend kalendermäßigen und ordnungswidrigen -Szenenwechsel seiner allernächsten Umgebung zu beobachten. - -Aber jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und so ist denn, wo auch das -Wandern im Winter zu den trivialsten Alltäglichkeiten gehört, wird das -Bekenntnis nicht mißverstanden werden, daß unter den Jahreszeiten meine -heimliche Liebe der Winter ist. - -Meine eigen heimliche Liebe ist doch die Zeit, wo in heimlichen -Nächten die stille weiße Himmelsware des ersten Schnees auf die Welt -herabsinkt, alle Ecken und Kanten in der Welt polstert und wattiert, -den Wagen das Knarren und den Öfen das Faulenzen vertreibt, den Gäulen -vor den Schlitten das Schellenzeug anhängt, und wo in der weißen -Einsamkeit über heimliche Waldwiesen sich der erste Jauchzer eines -beglückten Schneeschuhmenschen in die helle, kalte Winterluft schwingt. -Das ist Tod und Leben zugleich, der weiße Tod um uns und das blutrote -Leben in uns. Der schönste Gegentakt im Rhythmus zwischen Mensch und -Natur. - -[Illustration: Phot. ~Dr.~ Biehler.] - - - - -Allerlei Heimatschutz. - - -[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel. - -Eine Braut aus der Lüneburger Heide.] - -Daß die Heimatschutzbewegung eine Kulturangelegenheit von tiefer -Bedeutung geworden ist, wird kein ernsthafter Wanderer mehr bestreiten -wollen. Der »Heimatschutz« macht so viel im guten von sich reden, -daß es nicht von Schaden sein kann, wenn einmal der Empfindung so -vieler Stillen im Lande Ausdruck verliehen wird, daß alles Wirken für -Heimatschutz vor allem eine Sache persönlicher Begabung in dieser -Richtung ist. - -Zwei Typen von Heimatschützlern, deren Wirken nach Kräften zu -unterbinden die Sache eines jeden Freundes seiner Heimat sein muß, -treten in den letzten Jahren besonders stark in den Vordergrund. - -[Illustration: Tafel II - -Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot. - -Erntezeit in Mitteldeutschland] - -[Illustration: H. von Seggern phot. - -Der Rhein bei Laufenburg] - -Das sind die Herren mit irgendeinem Titel und dann die Herren -Privatiers, die sich aus reiner Langweile der »edlen Sache« opfern. -Daß es viele hohe Beamte und Professoren ebenso wie im Ruhestand -befindliche Geschäftsleute gibt, die geschickt und energisch ihre -selbstgewählte Aufgabe als Schützer der Heimat auffassen, das schafft -die Tatsache noch nicht aus der Welt, daß gerade Männer dieser -beiden Sphären, die einen durch Überschätzung des Vereinswesens -beim Heimatschutz und die andern, weil sie nur auf Erwerbung neuer -»Freunde der Sache« aus sind, mancherlei Unheil anrichten und wenn -auch nicht gerade hemmend, so doch auch nicht fördernd wirken. Die -flammende Hingabe eines Rentiers, welcher der Erhaltung irgendeiner -alten zerschlagenen wertlosen Sandsteinstatue viel Schweiß und Zeit -opfert, in allen Ehren. Aber beides hat mit dem Geist des echten -Heimatschutzes ebensowenig zu tun wie der verbindliche Tadel, den ein -für alles »Völkische« interessierter Professor in wohlgesetzten und -wissenschaftlich einwandfreien Briefen für jede Scheuerntür übrig hat, -deren Besitzer oder Verfertiger nach seiner Ansicht nicht genügend -stilrein vorgegangen ist. Daß es sich hier um keine Übertreibungen -handelt, kann man fast aus jeder Nummer der trefflichen Zeitschrift für -Heimatschutz lesen, deren Schriftführer mit achtunggebietender Geduld -und Zartheit immer wieder seine beweglichen Klagen in dieser Richtung -ausspricht. - -[Illustration: Mühle im Schwarzwald.] - -Was für den Heimatschutz nötig ist, das sind vor allem Männer, die mit -ihrem ganzen Wesen in demjenigen Teil der deutschen Heimat wurzeln, -dessen landschaftliche Eigenart sie erhalten wollen. Es sind Männer, -welche die Sprache des Volkes verstehen und seine Art lieben und -zu achten wissen. Wenn ein solcher die _tiefe Bedeutung_ und die -_Notwendigkeit_ der _Naturschutzbewegung_ erkennt und den »Naturschutz« -nicht als Konservatorium für einzelne Raritäten, seien es Bäume, -Denkmäler oder alte Häuser, anschaut, _sondern im Sinne der Erhaltung -des gesamten Landschaftsbildes als einer der Grundlagen unsrer -Volkskraft und Volksgesundheit betrachtet_, dann wird er in einem -Jahr mehr leisten als ein aus irgendeinem fernen Teil Deutschlands in -fremde Verhältnisse versetzter Gelehrter mit all seinen unbestrittenen -Kenntnissen und seinem anerkennenswerten sachlichen Eifer für die Sache -in einem Jahrzehnt. - -[Illustration: Phot. Rud. Lichtenberg. - -Am Rand des Kiefernwaldes.] - -Eine praktische Möglichkeit, ganz unauffällig für Heimatschutz zu -wirken, wird von unseren »Fahrenden« viel zu wenig benutzt. Wenn -sie mit einem nicht offensichtlich zur Schau getragenen, aber mit -wenigen Worten harmlos ausgesprochenen Beifall oder Tadel beim -Vorüberwandern an einem kleinen alten Bauernhaus, dessen Fenster mit -einem Flor blühender Geranien herausgeputzt sind, ihrer Empfindung -Ausdruck geben, aber auch am Hof eines sogenannten Herrenbauern, der -die Anfangsbuchstaben seines Namens mit Ziegeln meterhoch auf seinem -Dach anbringen läßt, ihrem Mißfallen freien Lauf lassen, dann nutzt -dies, wenn es häufig in einem Sommer geschieht, besser als Reden für -Heimatschutz. Die Bauern sind in dieser Richtung viel feinfühliger, als -junge Leute in der Stadt es sich träumen lassen, und alles auffällige -Gebaren, besonders aber wohlwollend herablassende Vorträge haben die -entgegengesetzte Wirkung. Die Bauern besitzen eine starke Empfindung -für alles Gemachte. Ein Heimatschutz im positivsten Sinn des Wortes ist -aber der stille Respekt, den die Wanderer vor dem einzelnen Menschen -und vor dem ganzen Leben des Bauern auf ihren Fahrten an den Tag legen; -der Respekt, der eigentlich nichts andres ist als das stetig wache -Bewußtsein, hier zwischen den Äckern und Wäldern einer nicht standes- -und vielleicht auch nicht stammesverwandten Bevölkerung _Gastrecht -zu genießen_. Rechtlich liegt natürlich die Situation so, daß kein -Wanderer den Bauern seiner Gegend, die er durchstreift, irgendwie zu -Dank verpflichtet ist, selbst nicht, wenn es sich um Straßen handelt, -die aus Gemeinmitteln gebaut sind. Aber die wirkliche Bedeutung des -Bauernstandes als der Wurzel der Volkskraft (wohlverstanden nur als -Wurzel, die ohne die Krone einer hochentwickelten Kultur in sich selbst -nicht überschätzt werden darf!) liegt jenseits aller Sentimentalität, -wie denn überhaupt alle _Bauernschwärmerei_ das sichere Zeichen von -geistiger Mittelmäßigkeit und von Dilettantismus des nur nach »Kraft« -sehnsüchtigen Dekadenten ist. Das schließt aber die sachliche Ehrung -der Landbevölkerung und den ökonomischen Sinn für die Bedeutung des oft -mit viel Schweiß und Gefahr eroberten Kulturbodens nicht aus. Man denke -nur an den erbitterten Krieg, den die Bewohner der Vierlande mit der -Schilf- und Rohrwildnis der Unterelbe zu führen hatten, bis jener Boden -ihnen das tägliche Brot gab. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Heimkehr vom Felde.] - -Jeder Wandersmann kann auf dem Lande bei den Bauern, die weder die -»braven Menschen« noch die »hinterlistigen Brüder« sind, als die -sie Oberflächlichkeit und Gescheittuerei gewöhnlich bezeichnen, -unsagbar viel lernen, sowohl für den praktischen Sinn als auch für -sein innerstes Leben. Denn die Helden des Alltags, die oft einem -überschweren Schicksal eine harte Stirn bieten und mit hellen Augen in -die unsichere Weite sehen, die sind am ehesten bei den »dummen Bauern« -zu finden. - -Wer also nicht nur für schöne alte Bäume und malerische Felsstücke -sich ins Zeug wirft, sondern für die Härte und Tragik eines rechten -Bauernlebens auch Sinn und Achtung hat, erst der ist ein eifriger -Schützer der Heimat. Es gibt seit uralten Zeiten einen Sport, und der -heißt »das Volk lieben«. Man ist »leutselig«, geht unter die »niederen -Klassen«, und wie das alles heißt. Besonders aber den Bauern treten -Städter als vorübergehende Sommerfrischlinge mit taktloser Zuneigung -nahe oder sie biedern sich, oft auch mit dialektischen Sprachversuchen, -in Bauernstuben an, ohne zu ahnen, wieviel _Weltgift_ sie hinaustragen -aufs Land und wie sie bei allem guten Willen _Heimatverderber_ sind. - -Mögen sie's lassen! Unsre Liebe zur Heimat sei _Liebe_! Aber das -persönliche Verhältnis zur Heimat der andern Menschen, besonders der -Bauern, sei achtungsvoller Abstand und unaufdringliche Freundlichkeit. - - - - -Schauen, nicht schwärmen! - - -Das Natur_schwärmen_ ist vom Übel. Es ist unmännlich, krankhaft -und verschließt uns die Natur, anstatt sie uns zu erschließen. Das -Schwärmen ist die letzte Betätigungsmöglichkeit entarteter Menschen. -Sie machen aus dem Leiden eine Wollust und nennen sich gefühlvoll, ob -es nun wehmütig verzückt auf Werthersche Art oder schmerzlich-frech -nach Heine geschieht. Sie sehen die Natur mit _sentimentalen_ Augen -und erwählen sie zu ihrer Freundin, weil sie es unter den Menschen -und im Kampfgewühl nicht mehr aushalten. Aber über das gewaltige, -unbeugsame Leben in der Natur sehen sie hinweg. Sie ahnen nichts von -dem heroischen Kampf zartester Keimkräfte gegen die brutalen Gewalten -von Kälte und Sturm. Sie sehen nichts von dem ständigen Sieg des nie -erschlaffenden Werdenwollens und vernehmen nichts von den ewigen Wehen -der unerschöpflich fruchtbaren Gebärerin. Das aber ist _heroische_ -Naturbetrachtung. Aus dieser Art des Schauens der Natur kann am -ersten der Menschen Zusammenhang mit der großen Macht des Weltalls -durchgespürt werden. Sie allein, die _heroische Naturbetrachtung_, ist -des jungen Riesen Antäus würdig, der immer wieder lernen kann aus der -unbeugsamen Zähigkeit alles Niedergetretenen. Und jeder junge Mann, -jeder noch nicht in unveränderlicher Satzung verkalkte Mensch ist ein -Antäus, der darauf zu achten hat, daß er auf der Erde bleibe -- der -festen. - -Aber auch an einem anderen Kraftquell sollte er öfters trinken, der -Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts. - -»Die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß auch _der_ Mensch -sein, der sie betrachten will« -- hat einmal einer der tiefsten -Erlauscher der Stille der Natur und einer der kraftvollsten Dichter -und Kämpfer gesagt, Gottfried Keller. Die Welt der Großstadt, des -Tramwaygeklingels, der Schaufenster und der Plakatsäulen hat uns die -Zugänge zu der Stille der Welt verschlossen, in der die unterirdischen -Quellen alles Seins rauschen. Wir müssen wieder danach auf die -Suche gehen. Wir alle, die wir im Zeitalter der Erkenntnis und der -kritischen Naturforschung glauben, das Leben zu haben. - -Erkenntnis als Resultat spekulativer Dialektik ist etwas Großes. Aber -diese Erkenntnis allein tut es nicht. Das Wissen ist eine Macht; -aber wenn es meint, alles zu wissen, so wird ein Wähnen daraus, eine -blasierte Aufgeblasenheit, von der es zum geistigen Stillstand nicht -weit ist. - -Es gibt noch andere Organe, um die Natur zu erfassen, als den -kritischen Verstand: das unmittelbare Schauen, die tief ursprüngliche -Empfindung, das _intuitive Erlebnis_. Diese bewahren uns vor der -geistigen Verknöcherung, die sich auf dem Wahn gründet, alles kritisch -erlernen zu können. - -Wir dürfen das _Staunen nicht verlernen_. Die Großstadt hat es fast so -weit gebracht, daß die Menschen glauben, sie könnten alle Rätsel der -Natur in kinematographischen Theatern und wissenschaftlichen Vorträgen -gegen bescheidenes Eintrittsgeld gelöst bekommen. Wer aber nur einmal -auf Bergeshöhen dem schweigenden Atmen der Natur gelauscht, wer je die -fragenden Augen geschaut, die uns aus aller großen Einsamkeit ansehen, -der legt vor dieser Stille bescheiden seinen Dünkel nieder. - -Das nimmt uns nicht die Lust, Kämpfer und Eroberer zu sein. Alles ist -unser. Die Welt ist unser. Aber wir müssen in ihr bleiben, wie sie in -uns -- _bleiben möchte_. Und wenn wir ihr das verwehren, dann werden -wir mit der Zeit mürbe, wurmstichig und innerlich zerfallen, trotz -aller hohen Ziele. - -[Illustration: Bad Tönnisstein in der Eifel.] - - - - -Wenn wir uns selbst im Lichte stehen. - - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -Schloß Bebenhausen im Schönbuch.] - -Das tun wir leider fast alle, ohne es zu wissen. Wir ahnen es nicht, -weshalb der »andere in uns«, der ewige Grübler oder -- wie er nicht -übel in einem neuen Roman genannt wird -- der »ewige Deutsche«, unserem -wirklichen helleren »Ich« so oft beim Schauen das Auge trübt. Wir hören -es ja oft genug, daß wir beim Schauen die Sorgen und die Gedanken und -die ungelösten Probleme zu Hause lassen sollen! Aber sie haben so lange -Beine, unsere Grillen und Sorgen, und haben uns so lieb -- und wandern -mit. - -Wie wird man sie denn los und dazu den »anderen in uns«, der immer -etwas zu befürchten, etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß -was darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an -alles denkt«? Und dabei stiefelt er _mit den Augen am Boden_ durch die -Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge und wagt es -nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch einmal in den Tag -hineinzuleben wie ein halber Herrgott. -- Wie ein halber, bitte! - -Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim Alleinwandern -anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: »Ach, laß das alles -da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was ist das? _Du_ bist das -Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) bei alledem! _Du_, -_deine_ Gedanken, _deine_ Pläne, _deine_ Sorgen!« - -Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sich hier nur -um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, dann ist -man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon um ein gutes -Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche Eitelkeit, -wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen alten -Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten Wald- und -Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf einmal ganz im stillen -bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen Vorgang (und _solche_ -Gedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen werden!) ein seltsames -Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das uns ganz verbindlich mitteilt, -es sei doch eigentlich sehr nett, daß wir all diese Herrlichkeiten mit -solcher Intensivität des Erlebens erfassen -- _als einer der wenigen -unter den vielen_! - -Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der Störung des -reinen Schauens durch das reflektierende Treiben der Gedanken, die sich -zwischen uns und das Geschaute wie eine Nebelwand stellen. Anstatt uns -zu helfen und uns die vor Augen liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren, -strahlen unsere »Gedanken« und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit -auf uns zurück. Daher das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wie -_Zurückstrahlen_ bedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion -beleuchtet als _Einzahl_, als »derjenige, welcher!« - -So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die tiefsten -Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, genießen -wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten Menschen -automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn die Reflexion -mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und uns z. B. in -der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, wenn dieser oder -jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild versunken, _so_ in -dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, dann empfinden wir doch als -Warnung ein fatales Gefühl im Hals! - -Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden Psyche. -Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität auf -ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin selber -ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die Ursache ihrer -verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie ganz sicher hier ihre -wunde Stelle. - -Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen -Störungen, in der Befolgung des Losungswortes: _Los von dir selbst!_ -Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten seelischen -Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt! - -Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesen _verneinenden_ -Imperativ in einen bejahenden verwandelt. Der kann aber immer nur -lauten: _Bewußte und innige Hingabe an das Ganze!_ - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub. - -Ruine Giersberg in den Vogesen.] - -Immer nur an das _andere_ oder an _die_ anderen denken! Nicht an »_den_ -anderen in uns«! In unserem Falle heißt das: Mit ganzer Seele und -mit allen Kräften die Landschaftsreize auf sich wirken zu lassen und -jeden Gedanken (sei es auch nur die bei Malern und Schriftstellern so -leicht sich einstellende Überlegung, mit welchen technischen Mitteln -der Eindruck des geschauten Naturbildes wiederzugeben wäre) kühl und -gelassen übergehen und desto heller aus sich selbst heraussehen! - -Das ist gar keine kleine Arbeit. - -[Illustration: Tafel III. - -E. Stöbe phot. - -Sommerzeit in Posen] - -[Illustration: H. von Seggern phot. - -Holländische Tjalk auf der Unterelbe] - -Aber sie verlohnt sich, und eines schönen Tages wird man ganz -unvermutet des Glückes innewerden, das die alten deutschen Mystiker -»seiner selber ledig sein« nannten. Da werden Nebelhüllen fallen, und -man wird das Schauen lernen. Das Schauen der Natur oder, wie Spinoza -sagt, »~naturae sive dei~« (der Natur oder Gottes). - -Dann lebt man im All als eines seiner Teile, und keines der geringsten; -als ein lebendiges, bewußtes Glied der Schöpfung, aber _in_ ihr, -_mit_ ihr und sie _in_ uns, in uns und _mit_ uns. Weiter aber, als -in der Natur das wiederzufinden, was man in sich selbst zum eigenen -beglückenden Staunen entdeckte, weiter bringt es kein Sterblicher. Das -heißt man reif sein! Dann steht man sich nicht mehr im Wege, und der -»andere in uns« hat das Schweigen gelernt, das _wir_ allerdings _unter -den_ anderen zuvor geübt haben müssen. Wenn er aber nicht mehr _in -Gedanken_ mit uns reden kann, ist er tot. Aber oft tut er nur so. Denn -er ist zählebig wie alles Niedere. - -[Illustration: Phot. Rud. Lichtenberg. - -»Dort drunten in der Mühle.«] - - - - -Vom Horchen in der Stille. - - -Der Kampf gegen die Klaviere ist in den Städten auf der ganzen Linie -entbrannt, wenn auch noch nicht mit dem ganzen wünschenswerten Erfolg. -Mit der Zeit wird es an einem ernsten Krieg gegen die Grammophone -auf den Dörfern nicht fehlen dürfen. Aber es scheint, daß sich eine -neue musikalische Influenza vorbereitet, und zwar besonders unter -den Wanderern. Sie ist lange nicht so schlimm. Aber die Gefahr ist -da. Die Laute, womöglich mit verschiedenfarbigen Bändern geziert, -soll das Instrument der Zukunft werden. Wie aus allem, was aus der -Hand künstlerisch interessierter und für das Volkswohl begeisterter -Geschäftsleute kommt, so wird auch hier aus einer Wohltat eine Plage. -Die Welt der »Fahrenden« wird überschwemmt mit Preislisten von -fabelhaft billigen und klingenden Lauten. - -[Illustration: Phot. O. Mayer. - -Feldsee im Schwarzwald.] - -Mein Sohn, ich warne dich vor dem Mann mit der Zupfgeige. Er wird sich -dir harmlos lächelnd und verbindlich grüßend nahen, und zwar gerade -dann, wenn du allein sein möchtest; und er wird dir sein allerneuestes -»Liedel vorsingen«. Denn dieses so gern gebrauchte und verballhornte -süddeutsche Verkleinerungswort ist ebenso oft Maskerade wie die blaue -bayrische Zwilchjacke. - -Ich will dem Lautenschlagen und dem Zupfgeigenspielen und dem -Klampfenzirpen gewiß nichts Übles nachsagen. Ich schlage sie selbst, -die sechs Saiten. Aber ihm irgendwie das Wort reden braucht man nicht. -Es wird auf diesen Tonwerkzeugen von lauten Dilettanten viel mehr als -von stillen Künstlerseelen gewirkt. Womit der Dank für die vielen -hellen Stunden, die ich einzelnen frohen Gesellen bei der Rast unter -schattigem Laubdach und Künstlern wie Robert Kothe, Sven Scholander -oder auch anderen nur in kleineren Räumen als dem Konzertsaal wirkenden -Talenten schulde, nicht unterschlagen werden soll. Den Wanderer, den -ich meine und der Ohren hat zu hören, soll in diesen Zeilen nur auf -eine herrlichere Laute aufmerksam gemacht werden als die um 10 bis 60 -Mark beim Musikalienhändler zu erstehende. - -In allen deutschen Volksliedern, in den ältesten am meisten, kommt -ein Reichtum von Gefühlen zum Ausdruck, die einem feineren Gehörsinn -entstammen, als wir ihn noch besitzen. Mit so vielem anderen haben wir -Kulturmenschen auch das Hören verlernt. Die zierlichen Sinneswerkzeuge -im Gehörgang des Naturmenschen, Steigbügel, Hammer, Amboß, waren -noch nicht durch wüstes Straßenbahngeklingel, Dampfsirenengeheul, -Automobilhuppengetute und ähnliche Errungenschaften aus der Kunst des -Sichvernehmlichmachens abgestumpft. Wir alle sind harthörig geworden. -Nur so konnten Richard Strauß und andere Erfolge haben! Aber es gibt -verborgene Wege, um uns aus diesen Orgien der Dissonanz zurückzufinden -zu den Harmonien des verlorenen Paradieses, zu den heiteren und -beruhigenden Schöpfungen unsichtbarer Schuberts, Mozarte und ähnlichen -hellen Tongewaltigen. - -Jeder Wanderer, der allein seine Straße dahinzieht und vielleicht -geistig und auch körperlich unter einem Übermaß von Eindrücken -leidet, die wie eine Flut von Farben und Formen durch das enge Tor -der Pupille in die Seele stürmen, versuche einmal in aller Ruhe -während des Wanderns die Augen zu schließen und zeitweise blind -weiterzumarschieren. Auf einem nicht zu schmalen Weg ist das viel -leichter, als man sich's denkt, und außerdem eine ganz gute Übung für -den Gleichgewichtssinn. Dann wird er durch die Hilfe des noch frischen, -weil bisher fast gar nicht in Anspruch genommenen Gehörsinns eine -neue Welt entdecken. Eine Welt, wo es mehr oder weniger tief, je nach -dem Grade der Veranlagung des Wanderers, tönt und dröhnt, singt und -schwingt von bisher unbemerkten Lebensäußerungen der Natur. Er wird mit -der ganzen Frische unermüdeter Empfänglichkeit im Rauschen des Baches -den Singsang und den rhythmischen Tanz der Melodien heraushören können, -ohne die ein großer Tonsetzer wie Schubert niemals seine wundervollen -Lieder wie »Ein Bächlein hört ich rauschen« u. a. hätte komponieren -können. Er wird es verstehen, wenn Richard Wagner einmal erzählte, er -habe seine Melodien »oft aus der Luft aufgefangen«. Die Achteltöne -im leisen Sang der Grasrispen, die zitternden Terzen im Rauschen der -Tannenwipfel und tausend kleine und große Lieder, die der Wind auf -den unzähligen Harfen der Natur spielt, werden ihn Zeichen und Wunder -vernehmen lassen. - -Um nur beim Gröbsten zu bleiben: Wie viele Fahrende kennen die Stimmen -aller Waldvögel? Und wie wenige erst hören die zitternden Fugen auf der -großen Orgel in der verlorenen Kirche des Waldes? Und die Gesänge der -Geister über den Wassern? Und so viele andere ganz natürliche und gar -nicht überirdische Klänge, die im Wald und auf der Heide, in den Tälern -und auf den Bergen ertönen? - -Nicht von den Stimmungen ist hier die Rede, die liebende Jünglinge und -Jungfrauen aus dem Wald heraushören, so wie sie sie hineinschmachten, -denn da schreit's wirklich so heraus, wie man hineinschreit, sondern -von dem objektiven Erleben der Lautwelt, die in der Natur ihr Dasein -hat, und die wie alles in Farbe und Form Gestaltete uns vertraut -werden kann. Es erhöht die Genußfähigkeit beim Wandern, wenn man das -schwirrende, säuselnde, klingende und brausende Leben in Feld und -Wald vernimmt. Die Indianer legen das Ohr an die Erde und vernehmen -einen nahenden Reiter auf eine Stunde Entfernung. Wir müssen wieder -Hörer werden, wenn uns Vieles und Großes, Treues und Wahres in der -Verworrenheit unseres Daseins nicht verloren gehen soll. Und so wie -bei Blind-, Stumm- und Taubgeborenen das Tastgefühl einspringt für die -kranken Sinne, bis auch diese Stiefkinder der Natur auf ihre Art sagen -können, was ihr Innerstes bewegt (man denke hier nur an Helen Keller), -so können wir mit gesunden Sinnen Beglückten durch gelegentliche -freiwillige Ausschaltung, sozusagen Außerdienstsetzung des einen Sinnes -den andern stärken und kräftigen. - -Also lernt hören, ihr Fahrenden! Es gibt viele Sprachen, aber die -Muttersprache der _Natur_ wird am seltensten gelernt, und es ist doch -das schönste und leichteste _Esperanto_. - -[Illustration: Phot. Chr. Meißer. - -Brunnen auf der Bergwiese.] - - - - -[Illustration: Nach einer Kupferdruckkarte der Kunstverlagsanstalt Joh. -Elchlepp, Freiburg. - -Schwarzwaldhaus.] - - - - -Vom »Überhopsen«. - - -Der alte römische Schriftsteller und Staatsmann Plinius, der als -Neffe seines berühmten Onkels sich stark für Naturwissenschaften -interessierte, erzählt in einer seiner vielen feinen Briefe, was die -Menschen doch für merkwürdige Käuze seien, wenn sie lange Reise zu -Land und zu Meer machten, um Neues zu sehen. Er selber sei ein so -merkwürdiger und unglaublicher Geselle. Denn auch er unternehme jedes -Jahr große Fahrten in die weite Welt und habe dabei noch nicht einmal -den Waldsee auf dem Gute seiner Schwiegermutter gesehen, auf dem die -Naturerscheinung einer schwimmenden Insel studiert werden könne. - -Es wird wohl nicht viele Wanderer geben, die bei dieser Erzählung nicht -das Gefühl überschliche: »Auch du gehörst zu dieser Sorte.« Nirgends -mehr als auf den in unserer allernächsten Umgebung gelegenen Feldern -und in den Wäldern unseres Bannkreises harrt unserer noch manche -Offenbarung; und jeder Glaube, daß man im Umkreise von höchstens 20 -Kilometern keine neuen Entdeckungen mehr machen könne, erweist sich -bei genauem Suchen als eine Oberflächlichkeit. Das Gute liegt auch -hier so nah; wir sehen es nur nicht. Es geht uns fast allen wie dem -Menschen, der in den Himmel kam und dort, von einem Engel im Paradies -herumgeführt, sich an den herrlichen Blumen und Bäumen nicht satt genug -sehen konnte, und dann sehr erstaunt war, als ihm der Engel sagte: -»Genau dieselben Blumen und Bäume habt ihr drunten auf der Erde. Ihr -seht sie nur nicht, ihr armen Menschen!« - -Also entdeckt zunächst einmal in euren eigenen Wäldern und auf euren -eigenen Fluren die Wunder, bevor ihr so weit hinaus und hinauf wollt. -Jeder Wald und jedes Feld hat sein Geheimnis. Aber nur demjenigen wird -es enthüllt, der die große tiefe Liebe zu seiner Heimat im Herzen -trägt. Der rasche Wegefahrer und der neugierige Rundreisetourist -stolpert, mit der Nase in der Luft, immer am schönsten vorbei. Die -Nase in der Luft zu haben, ist nicht vom Übel. Im Gegenteil. Aber dann -auch die Luft in der Nase haben! Weniger umständlich ausgedrückt: -Mund zu und Nase auf! Durch die Nase atmen! Nicht durch den in blödem -Erstaunen geöffneten Mund. Die Nase hat viel mit den Geheimnissen -der heimatlichen Fluren und Wälder zu tun. Kein Sinn ist, wie die -Kundschafter der Seele entdeckten, so eng mit dem Erinnerungsvermögen -verknüpft wie der Geruchsinn. Wenn ich z. B. die Schwarzwaldbahn -hinauffahre und atme so in der Gegend von Gutach die erste Nase -voll echter würziger Schwarzwaldluft, dann taucht eine Welt voll -Erinnerungen in den Bergen glücklich verlebter Tage auf; ich vergesse -den Dunst, der sich aus den Düften von Zeitungspapier, Tinte und -Zigarrenrauch zusammensetzt, und werde wieder ein Mensch -- sozusagen -wenigstens. Napoleon I. hat einmal gesagt, er würde blind seine Heimat -Korsika wiedererkennen an dem Duft, den das felsige Eiland über das -Mittelmeer hin ausströmt. Mit Napoleon I. habe ich sonst -- wie mir -meine besten Freunde glaubhaft versichern -- nichts gemein; aber am -Geruche würde ich auch meinen Schwarzwald wiedererkennen, wenn ich ihn -nicht mehr sehen könnte. - -[Illustration: Phot. H. Hoek. - -Herbst im Dreisamtal (Schwarzwald).] - -Dem richtigen Wanderer geht es immer, wie Hans Thoma, dem großen -Schwarzwälder Sinnierer und Maler, es ging, als er nach seiner -ersten italienischen Reise zum erstenmal wieder in Sachsenhausen -beim Apfelwein saß und die Zwetschgenbäume im Garten der Wirtschaft -aber auch gar nicht mehr schön finden konnte. Dieser Mißmut über -den Verlust des Paradieses hielt an, bis die untergehende Sonne ein -Goldnetz in die Bäume hing. Da erst entdeckte er wieder von neuem -die Schönheit der Sachsenhäuser Zwetschgenbäume. Im Heimatwald ist -es jedesmal ebenso wie mit den Zwetschgenbäumen in Sachsenhausen -- -unbeschadet deren unbestrittener Vorzüge! In der Heimat sind wir selber -und können es sein. Draußen in der kalten Welt sind wir Hotelnummern -oder mißtrauisch betrachtete Fremde. Ich will versuchen, deutlicher -zu werden. Nicht nur die Sonne spinnt Goldnetze in die Sachsenhäuser -Zwetschgenbäume, in die Feldbergtannen oder die schlesischen -Birkenalleen oder was sonst noch sein mag. Wir selber tun es auch. Die -Schönheit der Natur ist nicht nur etwas Objektives, allen Menschen -gleich Sichtbares und Zugängliches; sie ist stark subjektiver Färbung -unterworfen. Aber noch mehr. Wir verlegen in unsre Umgebung und in -die Natur auch eigne Gemütswerte und empfangen sie wieder zurück von -ihr. Ein altes Möbel, das von den Zweckmäßigkeitslinien des modernen -Kunstgewerbes nichts an sich hat, kann uns lieber und teurer sein als -das schönste von einem modernen Raumkünstler geschaffene Stück. Wir -haben mit ersterem etwas zusammen _erlebt_, und besonders, wenn dies -etwas Schönes war, so ruht unser Auge mit Wohlgefallen auf ihm. So -beseelen wir auch die Natur, die uns vertraut ist, und verweben ihr -Äußeres mit unseren inneren Erlebnissen und Stimmungen. Das, was man -Heimatgefühl nennt, beruht ganz auf diesem Beseelen der Natur durch -den Menschen. Hier sind wir daheim, und selbst wenn wir Fremdlinge -sind, können wir uns doch daheim fühlen. Es sind keine das Nervenleben -stark in Bewegung setzenden Eindrücke, denen wir hier begegnen, -keine geräuschvolle Fremdenindustrie, keine die Seele erschütternde -Landschaft. Kraftvolle _Ruhe_ und stille _Sicherheit_ ist's, was der -Wald und das Feld der Heimat uns bieten. - -[Illustration: Phot. J. Magirus, Ulm. - -Sommerblumen.] - -Wir waren (das ist jetzt auch schon ein Vierteljahrhundert her) -drei Schulkameraden und Freunde, hatten den Übergang aus der -Obersekunda an die Unterprima nicht gerade glänzend, aber doch auch -ohne Makel bewerkstelligt und standen vor unserer ersten Großtat, -einer Reise in die Schweiz, zu der die Mittel durch Aufführungen von -Tragödien, bearbeitet für Kinder unter 10 Jahren, das heißt durch -Kasperletheaterspielen vor der Jugend der Nachbarschaft verdient -worden waren. Der Reiseplan entbehrte nicht der Großzügigkeit, und -unser eigentliches Ziel wurde verschwiegen, so weit war's bis dahin. -Die Nachbarn und Nachbarinnen bewunderten diese unsere nicht zu -bestreitende, offenkundige Begabung zu Weltreisenden. Nur der gute -alte Vater der beiden Freunde, der in allen Dingen eine gemächliche -Sicherheit an den Tag legte, warnte uns. Wenn man noch nicht einmal das -eigene Ländli kenne, wie wolle man da schon in die Schweiz oder gar -noch nach Italien reisen. Er hatte für solche Lebensanschauungen einen -eigenen Ausdruck: »Überhopst ist so gut wie gelogen,« meinte er. - -Natürlich setzten wir's doch durch. Aber wir haben ihm alle drei -seither recht gegeben, dem alten, guten Vater. Auch beim Wandern ist -das Überspringen ein Stück Unehrlichkeit. Und es ist immer ein Glück, -wenn man's später noch gutmachen kann und alles »_Überhopsen_« ehrlich -und redlich nachholen. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.] - - - - -Mit Kindern. - - - _Brief einer Mutter an eine »Reform«mutter._ - -Verehrte Frau, ich werde mich nicht täuschen in der Annahme, daß Ihre -unerschütterliche Güte mir für manches von dem, was da kommen soll, -pränumerando Verzeihung gewährt. Also: - -Sie befinden sich in einer großen Gefahr, und ich möchte Sie allen -Ernstes warnen vor den -- Schriftgelehrten! Sie gehören zu den -Ahnungslosen, die es haben, ohne es zu wissen, und nun sind Sie auf -dem besten Wege, Ihre natürliche Gabe für Kindererziehung hinzugeben -gegen ein unnatürliches, wichtigtuerisches Nachdenken und Diskutieren -über Kindererziehung und modernes Wandern, wie es sich jetzt in der -Gestalt von allerhand klugen Leuten an Sie herandrängt. Werfen Sie sie -hinaus, verehrte Frau, die Leute, die immer vom Himmelreich der Kinder -reden und selbst den Schlüssel dazu nicht haben, und lassen Sie mich, -gewissermaßen stellvertretend, Ihnen sagen, was Sie vor der Zeit Ihrer -Infektion mit dem Bazillus der Kindswissenschaft geantwortet hätten, -wenn Sie gefragt worden wären, was Sie jetzt hinter den spanischen -Wänden einer Ihnen gar nicht liegenden, modernen Bestrebung hervor mich -fragen. Sie hätten zum Beispiel der Dame mit den vielen Kindermädchen, -die Sie ja kennen und die Ihnen jetzt das Leben schwer macht mit -langen überzeitgemäßen Erziehungsreformen, geantwortet: - - »Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Liebe, aber wie kann - man nur so dumm fragen? Warum in die Ferne schweifen, wenn - das Gute so nah liegt? Da reden die Leute den ganzen Tag von - der Natur und suchen sie, wie mein Mann oft seine Brille - sucht, die er auf der Nase hat. Das geht mir einfach auf die - Nerven, diese gelehrten Gespräche über Sport und Regeneration, - und wie das dumme Zeug alles heißt. Das ist doch alles so - furchtbar einfach, wenn man's nur richtig anfaßt. Vor acht - Tagen, da wurde es mir einmal zu eng in der Küche und in - der Haushaltung; kurz, ich wollte was anderes haben als das - ewige Wäscheaufschreiben, das tägliche Denken, was nun wohl - zu Mittag oder zu Abend gekocht werden soll, und ähnliche - tiefsinnige Betrachtungen, die aber nun doch einmal sein - müssen, so lang als die Welt steht. Nun, da sagte ich meinen - Jungen beim Zubettgehen: »Kinder, morgen wird's fein! Vater - geht fort, und da werden wir wohl nicht so dumm sein, zu - Hause zu bleiben! Gewandert wird, den ganzen lieben Tag.« - Und als die Jungen laut aufschrien vor Freude und fragten, - wohin, da wußte ich es, offen gestanden, selbst noch nicht. - Und am andern Morgen wußte ich es auch noch nicht, und wir - liefen einmal drauflos, weil's uns selber wunderte, wohin wir - eigentlich kämen. Natürlich in die Berge, die uns am nächsten - sind und auf deren grünenden Kuppen mit dem unendlichen Himmel - darüber aller Haushaltungskram von mir abfällt wie von selber. - Und die Jungen? Ja, wissen Sie, die brachten doch überhaupt - erst Stimmung in die Geschichte. Überhaupt, meine Liebe, das - Wandern, wenn man's nicht gerade auf dreißig Kilometer im Tag - abgesehen hat, ist am wunderbarsten mit Kindern. Nicht unter - fünf Jahren, das will ich zugeben. Aber schließlich, wenn ich - so denke, wie war das etwas Herrliches, wenn wir zu Hause, - als ich noch klein war, mit Vater und Mutter und noch einer - anderen Familie zusammen, die ebenso leichtsinnig veranlagt war - wie wir, kurz, einer ganzen Bande, mit einem Dutzend Jungen - und Mädels und zwei -- erschrecken Sie nicht -- Kinderwagen - hinauszogen in den grünen Wald, stundenweit, und an einem - Waldbach lagerten, futterten, spielten, lachten und schliefen. - Nie hab' ich gesehen, daß die Eltern und die Älteren den - Humor verloren hätten. Im Gegenteil. Vater war noch toller - als wir alle zusammen, zeigte uns die Vogelnester oder schlug - Tannenzapfenschlachten mit uns, einer gegen zwölfe. - - Aber schließlich will ich Ihnen doch von uns erzählen. Sie - sagten mir dieser Tage einmal, wir müßten die Kinder schauen - lernen. Unsinn! Nehmen Sie es nicht übel. Die sehen meist - mehr als wir, und ich habe von jeher gefunden, daß es eine - Aufdringlichkeit ist, wenn wir uns in die Seelen unserer Kinder - hineinschleichen, um sie mit _unseren_ Augen sehen zu lassen. - Wir sollten's mit den _ihrigen_ lernen, denn sie sehen sicher - klarer, einfacher und reiner.« - -Sehen Sie, so würden Sie unbefangen und frisch heraus Ihrer gelehrten -Freundin, bei der es kein Kindermädchen drei Monate lang aushält, -antworten, wenn Sie sich nicht hätten _imponieren lassen_ und an ihren -eigenen gesunden Menschenverstand fest geglaubt hätten. - - Mit guten Grüßen Ihre - - R. M. - -[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel. - -Alte Frau aus dem Alten Land (Unterelbe).] - - - - -Vom Kränzewinden. - - -Wir haben das Kränzewinden verlernt. Allerhöchstens winden und werfen -wir sie noch in den Theatern. Aber ist hier nicht mehr als Theater? Auf -der bunten Schaubühne der Natur mit ihrer ständigen Wechselszenerie? -Nur die Kinder verstehen sich noch aufs Kränzewinden. Oder sie -haben wenigstens den dankbaren Sinn dafür, wenn man sie's lehrt. -Und neuerdings auch junge Mädchen, wenn sie keine dionysische oder -sonstige Mode daraus machen. Denn zu einem Getue, zu dem bei uns so -gerne alles wird, sind die Blumen doch zu gut. Wirklich zart können nur -unverdorbene Kinder mit Blumen umgehen. - -[Illustration: Phot. F. Clauß, Landau. - -Wiesen und Hänge.] - -Am rauschenden Bach, der zwischen hellen Matten und dunklem Wald -dahinschoß, sah ich gestern ein Mädchen, das reihte an einer dünnen -Gerte weiße Gänseblümchen und violettes Knabenkraut auf. Ein zwei- -und ein dreijähriges Kind, Mädel und Bub, sahen ihm mit beglückten -großen Augen bei der Arbeit zu. Der junge Adam bekam einen Reif aus -blühendem Sauerampfer und rotem Klee, und die kleine Eva einen aus -Orchideen und Hahnenfuß. Ihr solltet einmal gesehen haben, mit welch -würdiger Bescheidenheit so ein kleines Mädchen oder mit wieviel -schämiger Andacht der wilde Bube seinen Kranz trägt. Sie wissen noch, -daß sie dazu gehören. Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den -grünen Hainen, zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und -zu den Käfern, die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten, -wenn so ein Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in -ihre winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder -gewesen, verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone auf den -goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen Schmuck eines Ringes -aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen Haar anfingen zu singen: - - Alles neu macht der Mai, - Macht die Seele frisch und frei, - -da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges -Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich erlebte -wieder ein Stückchen Himmelreich. - -Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und tuet -desgleichen! Wir wollen _nicht_ werden wie die Kinder. Bewahre! Dies -Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn vom Kindlichen zum -Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich annehmen als ein -Kind« -- das ist es. Das ist die gute Übersetzung des alten Textes -vom alten ~Dr.~ Martinus Luther, der zwar keineswegs meine ganze -schwärmerische Verehrung besitzt, der aber ein -- Lautherr war und sich -auf Deutsch verstand, noch besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer -oder Gymnasialprofessor. - - - - -Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen? - - -Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Das _muß_ man entweder oder -man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage ist das nicht -- -sondern Privatsache. - -Zu zweit? »~Two is no society~,« sagen die Engländer, und die verstehen -sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt Ausnahmen von dieser -Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner Braut, ein Mann mit seinem Weib -die graue Alltäglichkeit des Lebens vertauschen mit dem freien Wandern -über Berg und Tal, dann sind die beiden »~society~«. Sie erfassen die -Welt mit einer verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem -doppelten Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im -psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung -ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb milde, halb herbe -Verworrenheit der deutschen Landschaft, und ihre Sinne erfüllen sich -weit mehr mit den vollen Lauten des rauschenden Daseins, als wenn sie -allein wären. So leben sie im Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des -Innern wie des Äußern. Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste -Form des Wanderns. - -Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sind _eins_. Sie -brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu sein. Es gibt -auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern zu einem hochsinnigen -Leben machen. Aber sie sind selten. Solche Wandererkameraden sind, wie -der Koran sagt, »von Gott gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt -aus des anderen Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit -der Welt hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und -dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden Augen -die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark ergreifen und -genießen? Der Eine und die Eine? - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Flußlandschaft aus Brandenburg.] - -Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern zu zweit -gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, zu -deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, oder man wird sich bei dem -großen Bedürfnis des Menschen nach Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne -es sich -- was das Schlimmste ist -- zuzugestehen. - -Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige nahe -Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogen haben. -Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst beim halben -Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die Mindestzahl zwölf und die -Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat seine guten Erfahrungsgründe. - -In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders der jüngeren -Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen oder, -objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken seiner besonderen -Veranlagung auszugleichen durch den inneren Bestand des entgegengesetzt -veranlagten Freundes, viel leichter befriedigen. Dazu kommt noch die -Notwendigkeit, sich schon aus reiner Selbstsucht willig ins Ganze -einzuordnen und dem Führer unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon -zu dem Kapitel: - - - - -Der Wanderschuh als Erzieher. - - -Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht mehr. Es _muß_ -erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger Schulmeister, die -umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten. - -Warum läßt man denn die jungen Menschen -- und die alten dazu -- nicht -unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? Es hat es ja -noch kein Schulmeister in der Welt weiter gebracht als dazu, daß seine -Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten merkten: »Er hat wahrhaftig -recht gehabt!« Der Mensch läßt sich schon von Jugend an eines seiner -größten Vorrechte nicht beschneiden, das Recht, nur durch höchsteigenen -Schaden klug zu werden. - -Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann allerdings muß -man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs Leben gibt als die -_gemeinsamen Wanderungen_, die nun alljährlich in immer steigendem Maße -von der erwachsenen Jugend aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im -Winter unternommen werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen -absehen, die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch -hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben und die --- wohl ganz wider Willen -- in der Richtung der Entwicklung des -Heerwesens zur Miliz wirken. - -Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt schon ohne -alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, weil es -täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems der -Gegenwart: »_Menschen untereinander_« bringt. Und dies in Lagen, die -an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen viel höhere Anforderungen -stellen, als es bei der gewöhnlichen Art, wie junge _Menschen_ bisher -gewöhnlich _untereinander_ waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der -Bierbank, wo reichlich Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen -lebende Gefühl des Widereinander lähmten, um allerdings später desto -unverhüllter zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder -auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger -täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein Wohlbefinden und -seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig sind von der Haltung der -Wanderkameraden, die ihrerseits wieder bestimmt wird durch die Art, -wie _er_, der einzelne, seine Pflichten erfüllt, und wie er sich auch -sonst, rein von der Gemütsseite aus, zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte -seines Daseins wird dem Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen -mag, zum erstenmal ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der -Schule, wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes -Einzeldasein führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer -die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner eigenen -augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine oder große Not -zu der seinen machen will, mag es sich um die Übernahme eines Teils -der schweren Traglast des anderen handeln, um ein gutes Wort, wenn des -Kameraden Herz ihm etwas Schweres anvertraut, oder um einen Taler, den -jener nicht hat. - -[Illustration: Phot. W. Riegger. - -Gebirgspost.] - -Aber es ist noch ein anderes. Häufiger als sonst kann es der in Horden -ziehende Wanderbursche erfahren, daß das übliche gute Verhältnis auf -Gegenseitigkeit: »Wie du mir, so ich dir,« im tiefsten Grunde eine -niedrige Stufe des Lebens der Menschen untereinander darstellt. -Bereits die häufige örtliche Trennung der Wanderer einer und -derselben Schar ist schon Anlaß dazu, daß die Wärme einer empfangenen -Freundlichkeit (und wie viele kleine Dienste gibt es da) nicht -an den eigentlichen Geber zurückerstattet wird, sondern an einen -anderen zufällig anwesenden Kameraden, der ihrer gerade bedürftig -ist. So wird beim Wandern das »Revanchieren« (das Wort ist sehr -bezeichnend!) einem schwerer gemacht als im Stadtleben. Ein freiwillig -und gern hingegebenes Stückchen Herz geht weiter im Kreise herum und -wirkt tiefer beim Wandern, als wenn in der Stadt der Herr: »Sehr -liebenswürdig!« dem Herrn: »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein?« -die Freundlichkeit postwendend zurückgibt, um ja sofort quitt, d. h. -ihm nicht mehr verpflichtet zu sein. - -Denn: Man kann nicht wissen! - -[Illustration: Tafel IV - -Ferd. Clauß phot. - -Bergdorf in der Pfalz] - -[Illustration: Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot. - -Hessisches Dorf] - -Draußen in den hellen Buchenhallen, unter den dunkeln Spitzbogen des -Tannenwaldes, am Ufer des leichtbewegten blauen Sees oder inmitten -des Felsens eines rauschenden Wildbachs fällt so viel von selber ab -an Dünkel und Torheit, an Abneigung und Pharisäertum zwischen den -Menschen, weil sie dem Leben des ewigen All so viel näher sind als -sonst. Beim Einatmen der gleichen reinen Gottesluft würden sie -- wenn -ihnen der Vorgang zum Bewußtsein käme -- nicht aus dem Staunen darüber -herauskommen, was ein Mensch zwischen Mauern und Dächern doch oft ein -fataler Herr und draußen unter grünen Zweigen und freiem Himmel ein -lieber Kerl sein kann. - -Daß die Protektion und die Beonkelung der Wanderbewegung in der -Richtung der _Organisation ganz bedeutende Verdienste_ hat, das wird -gern und freudig anerkannt. - -Ich will hier nicht die Gelegenheit ergreifen, um zu untersuchen, -inwieweit »Wandern« und »Organisation« eigentlich eine ~Contradictio in -adjecto~ (ein Widerspruch im Beiwort) sind. Auf die Theorie kommt es -hier gar nicht an, sondern nur darauf, inwieweit die organisatorische -Zusammenfassung den inneren Kern, die Wander_lust_ und vor allem -den _Wert_ des Wanderns erhöht oder vermindert. Und da hat nun die -Entwicklung der letzten Jahre eines unzweifelhaft erwiesen: Die -Wanderbewegung hat zu einem großen Teil nicht mehr ihren _Zweck in -sich selbst_, sondern sie ist Mittel zu Zwecken geworden, welche -viele der jungen, frohen Gesellen nicht ahnen. Ein großer Teil der in -großen Verbänden organisierten jungen Wanderer befinden sich, ohne es -zu wissen, unter einem Einfluß, dessen Tendenzen die schon unter den -Erwachsenen vorhandenen Klassengegensätze noch verschärfen. Welche -Klasse, ob die »besitzende« oder »nichtbesitzende«, damit angefangen -hat, die wandernde Jugend zu bearbeiten, soll hier nicht untersucht -werden, ebensowenig, als hier überhaupt _Anklagen erhoben_ werden -sollen. Es sollen nur Dinge gesagt werden, die bisher kaum einmal -gesagt wurden. Und da _muß_ das _eine_ ausgesprochen werden: - -Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und -»Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind. -Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch vom -Menschen noch nicht getrennt zu _werden brauchte_, die _Jugendzeit_. -Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, die durch die -verschiedene Klassenzugehörigkeit und -- was fast gleichbedeutend ist --- verschiedene politische Gesinnung der Menschen hervorgerufen werden, -nicht zum Ausdruck zu kommen _brauchen_, weil der Mensch im All der -Schöpfung seine Wesensgemeinschaft leichter verspürt als in den Straßen -der Stadt, wo Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu -offener Feindschaft ausarten lassen -- diese einzige Möglichkeit ist -_das Wandern_ draußen in der freien Natur. - -Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht -mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«, -»Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts -wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo politische -Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen. - -Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich sagen will. - -Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches -und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken schwört, -sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! Man lasse den -Frieden -- dessen auf die Dauer kein Menschenherz entbehren kann -- -wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, auf den grünen Matten, -unter den hellen Buchenhallen und den dunklen Spitzbogendächern des -Tannenwaldes -- _Frieden_ sein mit dem ganzen stillen Segen seiner -Kraft! - -Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns -- auf beiden Seiten! -- -nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig verachtete Schändung -der Mittel durch die Heiligung der Zwecke und ein fluchwürdiger -Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, nämlich der Natur, den der -Mensch noch nicht entehrt hat durch seine Qual und seinen Haß. Es -ist der Anfang von der völligen Austreibung des Menschen aus dem -Paradies und der Entweihung der letzten Stätten des Friedens, wenn die -Wanderbewegung unter der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird -von jeder politischen oder sozialen Tendenz. - -Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die _er_ -angeht: Man überlege sich diese _Sache_ in der Richtung _alles_ -Folgerichtigkeiten, bevor man -- lächelt. Denn es ist so leicht und -bequem und -- für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Sonntagmorgen.] - - - - -Was man braucht. - - -1. Des Wanderers Kleid. - -Gib acht! Das Kleid ist ein Steckbrief, und ahnungslos schreibst du ihn -dir selber. Die Hotelportiers und Kellner, die mit einem unbestechlich -kalten Blick das Äußere der ankommenden Gäste und besonders den Zustand -und die Preislage der Stiefel überfliegen und danach ihren Mann in -irgendeinem Schubfach einrangieren, haben so unrecht nicht. Die Methode -ist zwar grob, aber fürs Gröbste genügt sie. Damit wollte ich nur auf -die Gefahr jedes »Kostüms« hinweisen. - -Anderseits geht es nicht gut an, vor einer Wanderung nur deshalb die -Wandlung zu einem frischen, schlichten, frohen Menschen durchzumachen, -damit nach der einzig richtigen Methode das äußere Gewand uns sozusagen -von innen heraus anwachse, die Kleidung sozusagen das Symbol des -Herzens werde und ja niemandem der edle Kern unter der angenehm -bescheidenen Hülle entgehe. - -Und drittens hinwiederum läßt sich das alles eben überhaupt nicht -_machen_, sondern es geschieht mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit, -nach der alles von innen nach außen wird. Da helfen alle Faxen nicht. - -Ich kenne einen Mann, der trägt manchmal, obwohl er nicht in Oberbayern -wohnt, bei fröhlich festlichen Gelegenheiten »Gamslederne« mit -gestickten Hosenträgern, aber niemand käme auf den Gedanken, er habe -sich kostümiert. Denn er ist darin der gleiche Mensch wie im Gehrock. -Und ein anderer lebt schon jahrelang in den Bergen. Als er aber einmal -mit seinem gemildert prätentiösen Asphaltschritt in »Gamsledernen« -und im grünem »Hüterl« einem alten Oberbayern begegnete, da blieb -dieser mit grinsendem Erstaunen stehen und fragte mit der unzarten -Herzenseinfalt solcher Gebirgler: »Ja, sag mei Liaba, wie bist au du -nur in des G'wandl eini kimme?« - -_Das ist's._ Das G'wandl! - -Man erwarte also von mir keine Vorschläge in der Richtung der einzig -richtigen Wander»kluft«. Schon deshalb nicht, weil sich ein jeder ja -doch so anzieht, wie er es für am wirkungsvollsten hält. - -Es gehört ja nicht zu den erfreulichsten Seiten der modernen -Wanderbewegung, daß wir im Wald und auf der Heide, in Bahnhöfen und in -Großstadtstraßen immer mehr fragwürdige Gestalten von tragikomischer -Ausrüstung sehen. Ihre gefärbten Hahnenfedern auf dem grünen -Jägerhütchen, ihre mit Bändern von allen Regenbogenfarben geschmückten -Zupfgeigen und ihre ausgesucht auffallend gemusterten Strümpfe über -den erbarmungswürdigen Waden reizen nur um so mehr zu Spott, als sie -die blasierte Fadheit der dazugehörigen Gesichter nur desto mehr -hervorheben. Diese Beckmesser der deutschen wandernden Jugend sind zum -Glück nicht in der Überzahl. Denn den meisten unter der Jungmannschaft, -auf deren Schultern ein großer Teil unserer Zukunftshoffnungen liegt, -ist es doch schon aufgegangen, daß nur _der_ beseligt aufgehen kann in -der Herrlichkeit und Größe der Allschöpfung, der mit keiner Faser mehr -danach strebt, die Aufmerksamkeit auf seinen sonderbar ausstaffierten -Leichnam zu lenken. - -Also: jeder suche sich _sein_ Wanderkleid! Denn die Einförmigkeit des -graugrünen »Sportanzuges« mit Gürtel und Quetschfalten, der für den -deutschen »Vergnügungsreisenden« schon so witzblätterhaft typisch -geworden ist wie früher der großkarierte Nanking für den Engländer, -ist auch nichts Erhebendes. Das erste sei _Haltbarkeit_! Denn wer sich -aus Angst für seinen Hosenboden nicht auf jeden Felsen oder Baumstamm -setzen kann, der ist ein armer Mann und ein Spott von Wind und Wetter -und der eigenen Kameraden. Alles junge Wandervolk, das oft noch am -Nachmittag nicht weiß, wo am Abend das Haupt hinlegen, braucht außer -einer widerstandsfähigen »Kluft« einen nicht zu schweren Wettermantel, -einen Lodenumhang, und womöglich ein Stück von wasserdichtem -Mosettigbatist (etwa 1,50 auf 1,50 ~m~ groß), der, auf Handbreite -zusammengelegt, sich bequem in die Tasche stecken läßt und bei -unvorhergesehenen Freilagern gute Dienste gegen Feuchtigkeit leistet. - - -2. Der Rucksack. - - »Ich han myn Bündel nun gesnallt, - Muß snallen noch myn Herz.« - -Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz wieder -ganz frei geworden ist. _Frei_ muß der Bursch sein, wenn er wandern -will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem übervollen -Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts Besseres als -seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, zu verlaufen und --- zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -- ich weiß es -- -aber sie sind probat! - -Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man muß, wie -der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich aller -Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, daß ihm -in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, was ein -richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es zahllose. »Je -weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch schlechter aber -ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt treffliche Menschen, -wahre Ritter der Peinlichkeit, die können vor der Ausfahrt ein ganzes -Haus unglücklich machen, weil sie drei Tage lang vorher mit langen -Zetteln, worauf »alles verzeichnet ist«, herumgeistern. Wegen einer -in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel -können sie es bei Mutter und Schwester zu geradezu erschütternden -Auftritten kommen lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich -gefährden. Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches -entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack -packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit. - -Die Wahrheit liegt in der Mitte. - -Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von dem -Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide das -»Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, und lasse -die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings meist nicht -nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe den Mut, ihn -zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die grünen Matten werden -ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend hindurchrasest, um wieder -dein eigener Herr zu werden. In alledem aber werde kein Fanatiker -und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. Hast du dann noch wieder -gelernt, was des alten Adam erste Beschäftigung war, als der Herr ihm -»einen lebendigen Odem« in die Nase blies, nämlich _atmen_, _richtig -atmen_, _menschenwürdig atmen_, das heißt von der Luft zu einem guten -Teil _leben_, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der -nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne keine -alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern -(es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die zugleich als -Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, zwei -Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem deine persönlichen -Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel usw. sind. Von Strümpfen -und Socken ist im nächsten Kapitel besonders die Rede. Hast du noch -alle Schul- und Erwerbssorgen so gründlich zu Hause gelassen, daß sie -nicht die Lust ankommt, dir nachzureisen, dann bist du ein freierer, -fröhlicherer Wanderer als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht -angekommenes oder schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes -Paket warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings muß -man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach einen halben -Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat. - -Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden überhaupt --- und beim Wandern insbesondere. - -Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar nicht -behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere -Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber ich persönlich -habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen von -Ecklöh in Lüdenscheid gemacht! - -Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, daß -man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch schon so genug -gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende einfache Kunst -unserer Urgroßeltern mit sich gebracht hat, an dem Stück spielerischer -Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton und so manchem anderen Gespielten ist die -Zupfgeige zum Teil schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an -ihrer guten Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher -zugrunde geht. - -Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. Und nun noch -ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste am Rucksack ist das -Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast -- nicht die unselige -Hast! --, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht mehr zu bezweifeln -ist, daß wir gehen können. Denn was kommt nicht immer noch alles -dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern! - -Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, da ist, -dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein -dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt aus -seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch heraus -und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?« - -Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche -denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom dürren Ast -als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an den damals -vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird dann die -Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten aller -Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was eines -Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, die -Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn auch ich war einst -in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt vom bewegten Leben -seines richtigen Wandererherzens, und an allen Lasten des Erdendaseins -hab' ich schwerer getragen als an meinem jetzt graugrünbraunen -Rucksack, der -- nach dieser schönen Rede! -- alle Brüder von ähnlich -bewegter Vergangenheit hiermit grüßen läßt. Er ist ein Wissender -geworden in all den Jahren, aber er liebt das Schweigen -- Gott sei -Dank -- mehr wie sein Herr, der über all das »schreiben« muß. - - -3. Von den Schuhen und den Füßen. - -Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es ist -niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für den -Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! In -unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern. - -Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen Wort des -Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber hinter einer -morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, bei allem Heroismus -der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig einhergeht, als ob die -Straße voll frischer Eier läge, so ist solches nicht sehr erhebend. -Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie der Rucksack enthält, -sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und unserem Vorleben -abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen für unsere Füße, die -zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch seine Despoten sind. -Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. Jedem Rekruten wird es unter -Mithilfe von ernstlichen Suggestionen in der Richtung von drei Tagen -Mittelarrest beigebracht, daß der Schutz des Vaterlandes im innigsten -Zusammenhang stehe mit dem Zustande seiner »Untertanen«. Und doch, -wie mancher Jüngling und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um -bereits am ersten Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h. -ihre Bekehrung zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den -Gliedmaßen seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der -Wanderkunst, so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren -mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine -- man vergebe -diesen sachlich einwandfreien Kalauer! -- Achillesferse. Schon manchmal -ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der Strecke geblieben, -und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, wissen, wie eine -solche Lappalie uns völlig genußunfähig machen kann. Keinem passiert es -zum zweitenmal. - -Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren Tour eine -zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst durch kleine und -stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende Märsche, sodann durch -Abhärtung und schließlich _durch Gewöhnung an den Wanderschuh_. - -Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder durch das Tragen -von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher gegen Wind und -Wetter, aber desto empfindlicher gegen die während einer langen Zeit -nicht mehr in Betracht gekommene Reibung der oberen Fußhaut an den -Schäften geschlossener Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung -kann aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen -von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe ist auf die Dauer -nicht auszuhalten. - -[Illustration: Tafel V - -Chr. Meisser phot. - -Märzensonne im Bergwald] - -[Illustration: G. Urff phot. - -Waldlichtung im Hochsommer] - -Wer sodann glaubt, mit Stiefeln, die er am Abend vor dem Abmarsch in -der Hast gekauft hat, zum Ziele zu kommen, der kennt noch nichts von -der guten Behandlung, auf welche die Füße beim Wandern grundsätzlich -Anspruch machen. Sie wollen gut ausgetretene, aber doch noch gut -anliegende Schuhe haben, mit denen sie schon _vor_ der Wanderung ein -ungestörtes und angenehmes Verhältnis eingehen konnten, und sind auch -in bezug auf Socken und Strümpfe gar nicht bescheiden. Fünf Paar -wollene Socken von verschiedener Dicke, deren Fersen und Zehenstück -mit Salizyltalg eher zu reichlich als zu dürftig einzufetten ist, sind -das mindeste für den eisernen Bestand eines ehrlichen Wanderrucksacks. -Gelegentliches Waschen der Füße mit Ameisenspiritus oder ähnlichen -Hausmitteln ist ebenso zu empfehlen wie Massage. Für einen Unfug halte -ich das täglich häufige kalte Baden der Füße in jedem Waldbach wie -auch die täglichen heißen Fußbäder (wenn man nicht gerade herzleidend -ist). Schweißfüße sind nicht zu heilen. Für den Nebenmenschen und sich -selbst sind ihre unangenehmen Kennzeichen nur durch häufigen Wäsche- -und Schuhwechsel zu mildern. Das ist eine Forderung der einfachsten -Höflichkeit. Darin sind uns andere Völker, z. B. die Japaner, weit -überlegen. So störend die Nachsendungen durch die Post für einen -Wanderer, der auch dem Zufall sein Recht lassen will, sein mögen, -gelegentlicher Ganzersatz von Schuhen und Socken ist auf einer mehr -als zwei Wochen dauernden Wanderung _kein Luxus_, sondern _hygienische -Selbstverständlichkeit_. Denn die Schweißmengen, die ein Paar 14 -Tage lang ohne Wechsel getragene Schuhe aufnehmen und die daraus -entstehenden Düfte sind ebenso ungesund als lästig. - -Es ist seit einigen Jahren Mode geworden, auch einfache Wanderungen -im Mittelgebirge immer in den schwergenagelten, dicksohligen Schuhen -zu machen, die für den Alpinisten unentbehrlich, ja eine ~Conditio -sine qua non~ sind. Aber wenn man nur die ganz unnötig erhöhte -Arbeitsleistung infolge des großen Gewichts der Schwergenagelten in -Betracht zieht und ganz absieht von der größeren Bequemlichkeit eines -halbleichten Tourenstiefels, dann springt das Unsinnige dieser Mode in -die Augen. - -»Aber es sieht eben schneidiger aus!« -- Ich kenne den Einwand und -weiß, was auch junge Männer opfermutig an Unbequemlichkeit ertragen -können um des »_Eindrucks_« willen. Aber diese ja so verständliche -und bei jedem wohl einmal auftretende Periode, wo man sich für den -Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hält, leidet an der -genügsamen Einsichtslosigkeit aller Eitelkeit. Die Wanderer der -günstigsten Pose vergessen das eine, daß die »_Kenner_« ja lächeln -über solche Späße; um aber nur die Bewunderung der ahnungslosen -Gelegenheitsausflügler zu erregen, müßte doch der Stolz ein -wenig größer sein; ich meine den richtigen Stolz, das saubere -Selbstbewußtsein, dem _alle_ Mätzchen verächtlich sind. - -Für »Damen« ist die erste richtige Wanderschaft fast immer der erste -harte Kursus, in welchem der Fuß sich für alte Sünden rächt und der -jungen Wandersmaid den richtigen Respekt vor den ihr nun einmal durch -Geburt oder Schicksal verliehenen Fußmaßen beibringt. Denn so viel man -wandernden Frauen und Jungfrauen sonst nachsagen mag, _den_ Vorwurf, -als lebten sie auf einem großen Fuß, kann man ihnen nie machen. - -Gamaschen sind Geschmacks- und Modesache. Wer nicht anders zu können -glaubt, als in Gamaschen loszuziehen, der nehme dann wenigstens das -Beste, was auf diesem Gebiet existiert, die leichte, saubere, poröse -und verblüffend einfach zu bindende Wickelgamasche »Mars«. - - - - -Vom Essen und Trinken. - - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -Wanderer beim Abkochen.] - -Ich fühle nicht den Beruf in mir, meine Mitmenschen und Mitwanderer -auf diesem herrlichen Planeten zu meiner Speisekarte zu bekehren. Wir -sonderbaren Kostgänger des Gastgebers unserer Weltenherberge sollen -auch hierin ein jeder nach seiner »Fasson selig werden«, und alle -Geschmäcke sind zu »tolerieren«. Aber eine kleine Predigt kann ich bei -dieser Gelegenheit doch nicht unterdrücken. - -Der Antialkoholismus unserer Tage kann nach meiner Ansicht eine ebenso -große Besessenheit sein wie sein Gegenteil und verleitet fast noch mehr -als dieser zu allerhand Hochmut, der bekanntlich immer vor dem Fall -kommt. Während des Wanderns jedoch ist der Alkohol in jeder Form und -Menge durchaus vom Übel. Es ist bis jetzt noch nicht erlebt worden, daß -einer, der sich aufs Wandern verstanden hat, auch nur dem bekannten -»Glas Wein« das Wort geredet hätte. Natürlich nur für so lange, als -der Wandersmann noch irgendeine Leistung vor sich hat. Was dieser dann -abends tut, das ist wieder ganz und gar seine Privatangelegenheit, -und wenn er klug ist, dann hält er sich in diesem Punkt besser nicht -unbedingt an den sonst auch fürs Streifen durch Wald und Welt sehr -empfehlenswerten Spruch, nicht an den morgigen Tag zu denken. - -Wer so steht, der mag im übrigen seinem Feuchtigkeitsbedürfnis auf -dem Marsche oder bei den Mahlzeiten mit Sauermilch oder Quellwasser, -mit künstlichen Limonaden in Wirtshäusern am Wege oder -- was -weit billiger und nützlicher -- mit dünnem Tee und Kaffee aus der -Feldflasche nachhelfen. Der natürliche Instinkt bewahrt ihn hier vor -vielen Torheiten. Wem aber noch gesagt werden muß, daß er sich nicht -mit eiskaltem Quellwasser schädigen soll, und wer nicht weiß, daß er -mit einem Minimum von Flüssigkeit am besten fährt, weil er es ja doch -wieder herausschwitzen muß, der möge lieber mit seinen Sorgen zu Hause -bleiben. Der ist kein geborener Wanderer und wird es auch nie lernen. - -Etwas anderes ist es mit dem Essen. Denn das ist wirklich eine noch -ganz unbekannte Kunst im Zeitalter der angeblich so hochentwickelten -Kultur. Sehr viele und nicht immer anmutige Predigten gegen den -Alkoholismus wären überflüssig, wenn die Propheten sich einmal mehr -mit den Gefahren des Essens als mit denen des Trinkens beschäftigen -wollten. Mit dem zuvielen Essen fängt es an, nicht umgekehrt. Bei den -meisten wenigstens. Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Denn schon -sehe ich in Gedanken einige Leser entrüstet auffahren mit dem zornigen -Vorwurf im Herzen, nun wolle man ihnen auch noch -- dieses Wort wird -immer im Tone einer edlen Biederkeit ausgesprochen -- ihr tägliches -Brot beschneiden! »Heute, in der Ära der sozialen Frage!« - -Gemach! Es gibt noch so etwas wie eine Wissenschaft, wenn auch mein -Glaube an deren alleinseligmachende Wirkung nicht übermäßig groß ist. -Ich halte diesen ernsthaften Predigtschwank durchaus nicht in der Wüste -der Not, sondern in jenen Gefilden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens gar -heftig brodeln. Und da beißt nun keine Maus einen Faden daran ab, daß -der »gebildete« Mensch aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, -der ja doch ein Übermensch werden will, sich vor allem einmal vom -Überessen zurückentwickeln muß zum Essen. Vielleicht hat nichts zu -dieser Erkenntnis so sehr beigetragen als die nun zum Glück auch in -der Versenkung verschwundenen Rekordmärsche. ~Plenus venter~ studiert -nicht nur, sondern marschiert auch nicht gern. Überall kamen die zähen, -anscheinend ausgemergelten Läufer immer vor den Herkulesgestalten an. -Ein richtiger David ist noch immer einem Goliath über gewesen. Beim -Steinschleudern und sonst. Das zeigt sich auch beim einfachen, allem -Sportgetriebe abholden Wandern. - -Aber wir wollen doch ganz absehen von den äußeren Leistungen und nur -von innerem Gewinn reden. Frau Aja erzählte, ihr Wolfgang habe mehr -gesehen und erlebt, wenn er von Frankfurt nach Mainz reiste, als andere -Leute auf großen Fahrten durch die Welt. _Darum_ handelt es sich aber! -Nämlich um die Aufnahmefähigkeit und das persönliche Glücksempfinden -beim Wandern. Schon aus reinem Egoismus müßte da jeder, der das Wandern -ernst nehmen, als eine Lebensschule betrachten und als einen Quell des -Glücks genießen will, einmal in einem guten, von einem verständigen -Fachmann geschriebenen Buche die neue Lehre vom Essen studieren. Ob -das in einem Werk des Engländers Fletscher, des Dänen Hindhede oder -des Amerikaners Dew geschieht, ist gleichgültig. Dann würde er nach -einigen praktischen Übungen und Erfahrungen innewerden, daß alle -Nahrungsaufnahme zu einem Fest werden kann, wenn man, was bisher -für eine Schande und für ein Zeichen von Unbildung gehalten wurde, -_ganz und gar bei der Sache ist_. Etwa so, wie es kraftgenialisch und -exzentrisch Goethe, der große Lebenskünstler, schildert in seinem -Gedicht von den zwei Propheten und dem Weltkind in der Mitten. Dann -braucht es sich aber gar nicht um gebackene Hahnen zu handeln wie -damals. Beim ebenso bedächtigen wie hingebungsvollen Genießen der -einfachsten Nahrung kann man dahinterkommen, daß Reichtümer von -Wohlgeschmack in jedem Stück Butterbrot liegen, wenn man sie nur zu -heben versteht. - -Wir Städter rümpfen in manchen Dingen die Nase über das Landvolk, das -von den Dilettanten des Wanderns mit gleichem Unrecht ungebührlich -über- wie unterschätzt wird. So beruht zum Beispiel der Vergleich -zwischen dem hochentwickelten Appetit eines an einer Table d'hote mit -fünf Gängen arbeitenden Essers mit demjenigen eines Scheuerndreschers -auf irrigen Voraussetzungen. Wer's nicht glaubt, der möge einmal -Bauernknechte oder -mägde beobachten, wie sie am Tisch um eine große -Schüssel Milch sitzen, bedächtig löffeln und langsam dazu ihre -Kartoffeln kauen und das Mahl höchstens mit einem kraftvollen und -nicht für zarte Ohren geeigneten Spaße würzen. Es könnte sich manche -Tafel, an der man vor Messerklirren, tollem Durcheinanderreden und -Schmatzen fast selbst nichts mehr hört, ein Beispiel daran nehmen. -Wer nach einem scharfen Marsch im kühlen Schatten einer alten Eiche -oder einer mächtigen Tanne schon einmal allein seinen kargen Imbiß -eingenommen hat, umfächelt vom streichenden Wind und unterhalten durch -die Tafelmusik der summenden Hummeln, der lispelnden Blätter und der -gluckernden Quellen, der weiß, was ich meine. Er weiß, daß man beim -Essen nicht beten soll! Das Gebet soll im Essen selber liegen. Alles -andere ist vom Übel. Man soll sich freuen. Das ist alles. - -Einen anderen Grundsatz aber als denjenigen der größtmöglichen -Mäßigkeit gibt es nicht, wenn man dieser einfachen Freuden teilhaftig -werden will. Auch hier wirkt in ganz ungeahnter Weise das Naturgesetz -von der denkbar stärksten Wirkung bei denkbar geringstem Kraftaufwand. -Man muß nur immer die richtige Grenze zu finden wissen, und zwar immer -nur für seine Person allein. Denn auch das ist ein unanfechtbarer -Grundsatz, der sehr trivial klingt, aber ganz tiefe Geheimnisse -enthält, daß, was für den einen gilt, nicht auch zugleich für den -anderen richtig zu sein braucht: die eben erwähnte Grenze muß man -langsam herausklauben lernen. - -[Illustration: Phot. Ad. Saal. - -»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«] - -Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der Richtung -des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung werden mit der besten -Absicht unendlich viel Torheiten begangen, genau so wie in der Richtung -des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem gilt eines, was zu wenig beachtet -wird! Der Magen ist in Angelegenheiten des Essens und Trinkens immer -viel klüger als das Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das -sich leise und in nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer -viel besser das Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese -verwirren nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist, -was und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die -Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung -beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichen Wege durchs Gehirn -und durch Vielwisserei, sondern sie muß sich darauf erstrecken, daß wir -wieder Ohren bekommen -- innerliche natürlich und nicht zu lange -- -Ohren für das feine Mahnen und Klopfen unseres Organismus und seiner -einzelnen wichtigen Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu -tun mit äußeren Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz -Besonderes. Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam -- nicht unseren -groben Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber -- -kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. Denn so -wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, ebenso rächt -sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht mit allen -seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres Körpers. Zu -einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von Kultur und Leben -können wir aber in unserer Zeitenwende nur dadurch kommen, daß die den -Zellenbau ihres Organismus bewußt beherrschenden Menschen zu gesunden -Bauzellen eines höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden. -Womit, nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandern und den -großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt sein dürfte. - -Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial machen -will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, sodann Brot -allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) und schließlich, -wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu haben sind, auf die -hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche Präparate der Hamburger -Nuxowerke verwiesen. Zu beachten wäre dabei immer, daß die leichteren -und weniger nahrhaften dieser Präparate den kräftigeren und nicht immer -kräftigenderen beim Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden -Vorwurf geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet -der Ernährungshygiene für den Wanderer werde ich mit gänzlicher -Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten -einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen -Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich empfundenen -und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis nach einem soliden ~Filet -aux Champignons~ am Abend eines festen Marsches nachgibt und sich -dabei eine halbe (für starke Männer eine ganze) Flasche Rebenbluts zu -Gemüte führt, der kann eines herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!« -meinerseits sicher sein. - - - - -Vom Knipsen. - - -Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; in -den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit handelt. Wer -nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte aus dem Wörtchen -»Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts von der verborgenen Musik -der Worte, die hier doch ganz klar im Ton an »Stibitzen« erinnert. -Die kleinen Detektivapparate, die seit einem Jahrzehnt etwa den roten -Baedeker aus der Hand der »Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind -nichts anderes als kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle -draußen in der Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem. -Wer hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines -der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, Damen -und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den Fluten auf. -Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung aus. -Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando werden Kodaks und -andere Kameras hochgehoben und ein lautloses Pelotonfeuer auf das arme -Schloß gerichtet. Ein paar knipsende Geräusche, wie wenn man einen -Fingernagel am anderen wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann -beginnt wieder die Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste -Film wird aufgedreht. - -[Illustration: Der Seggenstein im Hessenlande.] - -Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen und den -ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. Die Illustrationen -dieses Buches würden mich teilweise selber Lügen strafen. Aber das -Photographieren als Massenbetrieb ist eine grauenhafte Sache geworden. -Denn nicht nur kann man nichts getrost nach Hause tragen, wenn -man's nur schwarz auf weiß besitzt, sondern was das Licht auf die -photographische Platte im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange -nicht das, was wir in der Kamera unserer Augen, der das photographische -Spielzeug ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten. - -[Illustration: Tafel VI - -Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor] - -[Illustration: Neckartal bei Neckargerach] - -Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. So -etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten -Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen, -wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die psychische -Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften und Stimmungen -in der Natur, durch unser Auge _unmittelbar_ aufzunehmen und wie -durch eine konservierende Lösung den künstlerischen Gehalt des -Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtsein versinken -zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt -- um ein möglichst -prägnantes Schulbeispiel anzuführen -- der Fall aller jener Maler -und Zeichner, die nach dem Gedächtnis reproduzieren. Ich kenne -selber einen alten Akademieprofessor, der tagsüber im Café oder -abends im Theater interessante Köpfe durch intensives Schauen sich -derart tief einverleibt, daß er in der Nacht vor dem Schlafengehen -die Gesichter aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Sie sind fast immer -porträtähnlich. Aus dieser alten bekannten Tatsache ziehen nur leider -die allerwenigsten Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis -zu einem gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es -gibt wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht -in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den Wohnhöhlen -unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie stark damals schon -der Mensch künstlerisch produktiv war. Das bildnerische Talent im -Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen und Malen werden nun aber durch -die handwerksmäßige Liebhaberphotographie am meisten unterdrückt. Daß -manche Menschen erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen -gelangen, wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding -bekanntlich seine zwei Seiten hat. - -Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens schon auf, -und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung falscher Tatsachen -beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung seiner selbst und -des anderen liegt nämlich darin, daß -- künstlerisch ausgedrückt -- -der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck einerseits, den der -Photograph von einer Landschaft hat, die ihn zur Wiedergabe reizt, -und zwischen dem Resultat der Wiedergabe andererseits eine ganze -Anzahl von Trübungen und Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so -zum Spaß« photographiert, wird das natürlich nicht verstehen und -es für überspannt halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes -Photographieren ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht -ansehnliche Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt, -woran es eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen -Unbefriedigung nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge -helfen. - -Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder sehr häufig -Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt durch kluge -Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele der schönsten -Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht gemacht sind, -dürfte auch weniger Unterrichteten bekannt sein. Jedenfalls gelingt -es nicht sehr oft, gerade denjenigen Stimmungswert photographisch -aus einer Landschaft herauszuholen, der einen zur Wiederholung des -Geschauten durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben -keine Ausnahme beim Photographieren, daß man, wie ein französisches -Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat. -Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach -scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer -große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen kommt es -gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine im höheren Sinne nicht -anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende Trübung des künstlerischen -Schaffens vorliegt. Aber die bei feineren Gemütern unausbleibliche -Wirkung dieses inneren Vorgangs wird eben doch empfunden, genau so, -wie der Aquarellist sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige -Morgenstimmung aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von -einem Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden und -gelobt wird. - -[Illustration: Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg. - -Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.] - -Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer wieder -zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt der Kamera eine -Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten Papierblock im -Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren manchmal unmutig -darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles gezeichnet« habe. Aber -abgesehen davon, daß der alte Herr eben auch manchmal, wohl vom Vater -her, schulmeisterliche, engherzige Anwandlungen hatte, ist es doch -jedenfalls noch hundertmal besser, alles zeichnet, denn alles knipst! -Denn Zeichnen und Malen ist, mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein -mit dem leichten Schatten künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes -Knipsen, sondern -- man erschrecke nicht über das neue Wort -- ein -Ipsen! - -»~Ego ipse!~« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, der, an -einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der Tücke des Objekts -gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten des Naturfreundes -fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das geringste. Der Wert des Zeichnens -und des Malens liegt vielmehr darin, daß der Wanderer gezwungen wird, -einmal das Bild, das er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv -auf sich wirken zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten -wie nach den allgemeinen Linien, nach seinen Farbentönen wie nach -dem perspektivischen Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine -Einzelbestandteile zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem -wesentlichsten Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern -zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe beginnen. - -So aber lernt man das _Schauen und das Schaffen_. Selbst wenn das, was -er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, auch ein fauler Zauber -ist, so hat er doch ein Stückchen der großen Arbeit geleistet, die -jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: die Wunder der Außenwelt in -sich aufzusaugen, sich damit das Herz zu erfüllen, so groß oder klein -es ist, und das Aufgenommene als eine neue Schöpfung herauszugestalten, -sich selber zur Freude, manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur -Lehre, wie man dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und -Wunder der Welt. - -Und das ist schon _etwas_. - -Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle anderen -deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die Seele zu lösen -und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu langer Zeit aus einem -ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die sonst sicher sehr schönen -Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulen zum Schmuck und -zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das Mechanische darin, das -Unlebendige; und er meinte, auch das schlechteste Ölbild eines sehr -bescheidenen Malers gäbe den Kindern mehr als ein Druck, weil sie da -eine Idee davon bekommen können, wie solch ein Gemälde entsteht. Die -Kinder sehen die Pinselstriche, mit denen die Farbe und damit das Bild -auf die Leinwand getragen wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen, -welche genügend begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen -angeregt. Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der -technische Werdevorgang viel schwerer zu erkennen. - -Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den -lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und dem -Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren Fall -Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in Aquarell, -enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von dem innersten -Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß sie, mögen sie auch noch -so dürftig sein, für den Dilettanten selber viel bessere Schlüssel zur -Erweckung vergessener Eindrücke sind als Photographien. Die Engländer, -von denen wir noch manches lernen könnten, haben das Aquarellieren und -Zeichnen auf Wanderungen schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge -davon, wie ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten -seine nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer -jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, in eine -lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen Situation aus, in der -das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch Unvollkommene rief seinen -Erinnerungsschatz wach; und was er nun in Worten hinzufügte, gab uns -allen ein noch viel lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht -hätte. Ist nun aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen -mit Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so -werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten -aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle Tagebücher -dies vermöchten. - -Ich habe hier nur gegen die _Knipser_ geredet; gegen jene fatalen -Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. Dieser Tage fand -ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen ausgezeichneten Ausdruck -für Photographenapparat, einen wahren Kernschuß der Sprachreinigung: -»Die Strahlenfalle« nennen die Gesellen eines hannöverschen -Wanderbundes den Kodak ebenso bezeichnend als witzig! -- Wie wär's, -wenn man auch von den »Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute -gemeint wären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt -zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, die in der -Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen -verlernt haben. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel. - -Kirchbauna bei Cassel.] - -Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter Amateure. -Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, deren -Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer wieder neue -Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, sondern -auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses grenzenden Genuß -bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen Sinnen und mit zarten -Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« Photos ausgeht. -Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie der wandernden -Nurknipser, gegen jene Filmpest, die nur ein weiterer Schritt zu der -Entpersönlichung des Menschen und seiner Entwürdigung zum Maschinisten -einer Unzahl von wunderbar feinen technischen Apparaten ist, die ihm -aber nach und nach die Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch --- das Herz ersetzen. Und der ~Deus ex machina~ taugt auch auf diesem -Gebiete nichts. Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und du -_sollst_ dich nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen -Zeit der Fülle und der Helle entgegengehst! - - - - -Menschliches, Allzumenschliches. - -Aphorismen. - - -Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben mögen, und -sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den Nächsten mit einem -»Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, der und _nur der_ sein -zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit des Grußes muß der andere -aus deinen Augen verspüren. Alles das liegt jenseits von Geographie und -Dialekt. - - * * * * * - -Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon -- aber keine Wanderer und -keine -- Menschen. Und der Weg zum Menschen geht über das Wandern. - - * * * * * - -»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der Ordnung. Wenn -du im Übermut eines schönen Sommerabends in einen Garten einfällst und -von dem Blütenreichtum einige Rosen plünderst und im goldenen Schein -deiner Jünglingssehnsucht in jedes Mägdleins Augen, das aus einem -altmodischen Giebelfenster schaut, den Himmel siehst, dann ist's, -wie wenn ein Blitz nur leuchtet aber nicht trifft, wie wenn eine -Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, dir aber nicht auf den Kopf -fällt. _So, aber nicht anders_ soll dir ein jedes andere Städtchen -ein anderes Mädchen bescheren. Aber -- rühre nicht daran! Dann ist es -Glück! Und die Zeit ist nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am -Himmel und diesen selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht. - - * * * * * - -Auch die _Unbefangenheit_ hat ihre ewigen Grenzen, wenn nicht aus ihren -drei mittleren Silben ganz _verschämt_ etwas anderes werden soll. - - * * * * * - -Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen einem -Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den Versuch -machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren über »Ländliche -Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. Ob das Bäuerlein -diesen Genuß nicht allein haben wollte -- ich weiß es nicht. Jedenfalls -rief _er_ seinen zwei Knechten und sah sich unterdessen in der Scheuer -nach dem Nagel um, wo der Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen -Herren es vorzogen, ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen -und die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten? - - * * * * * - -Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, dann vergiß -das eine nicht: Immer hören es auch die anderen! - - * * * * * - -Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei jeder Blume, -deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen Namen und der Zahl -der Staubfäden beglücken will, dann laß den Mann allein mit seinem -Latein und schüttle seinen Staub von deinen Füßen. - - * * * * * - -Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen -Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann gibt er -nur ungern. Und _so lange_ muß dein Stolz _über_ deinem Magen sein. - - * * * * * - -Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden ist ein schöner -Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes Herumsausen für die -anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, schließlich selber -dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur Last fällst, dann gehört -das zum Altruismus, das ein Laster ist. - - * * * * * - -Nur nicht immer _erziehen_ wollen beim Wandern in Horden. Es ist schon -manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das Wandern verleidet -worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte. - -_Aber_ es gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller -süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden -Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks alle -hintereinanderhetzen können. - -Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da bedarf es -nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mit den _treuesten -Herzen_, aber auch mit den _kräftigsten Armen_ solch einen Knaben -hinter einem großen Busch einmal nach alter guter Sitte -- »erziehen«, -dann geschehen oft Zeichen und Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden -Fall, einen solchen »Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen -postwendend nach Hause zu schicken. - - * * * * * - -Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du die -Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die Blumen -liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie nachher -wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden liebst, dann sehe -nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie werden es dir danken und -sie desto eher ablegen. - - * * * * * - -Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei der -Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche Heringe -und mimen am Sonntag Wandersport. -- Da schlug ihn der Vater aller -Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, woran er schon -litt. Und je weniger er auf seinen Touren sah, desto »pyramidaler« und -»phänomenaler« kam ihm alles vor, besonders er aber sich selbst. - - * * * * * - -Hab nicht den Ehrgeiz, _beliebt_ zu sein. Die Beliebtheit ist immer die -Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern heruntergeworfen -wird; auch wenn er der Diensteifrigste der ganzen Schar war. Denn alle -merken bald, daß er nur aus Eitelkeit uneigennützig und aus Eigennutz -liebenswürdig war. - - * * * * * - -Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: morgens und abends -_einen_ Eßlöffel voll. Mehr bekömmt dir schlecht und den andern. - - * * * * * - -Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein Lokal -überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn du nicht -vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht weniger -beiträgst wie jeder andere. - - * * * * * - -Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte harmlos -im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößten Oberkörper in -Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu Hilfe kommen, rasch die -Jacke anziehen und auf die Bewunderung ihrer schönen Schultern und Arme -verzichten. Das wäre ritterlicher, wenn denn durchaus der Held markiert -werden muß. - - * * * * * - -Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften geben, -aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst tun. Das mögen -sich die jungen Wanderer merken, welche glauben, die sehr wichtigen -amtlichen Vorschriften jedes Landes über das Anzünden von offenen -Feuern nicht kennen zu brauchen. - - * * * * * - -Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr schlecht -bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen benutzt, um -an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, und machten das Schiff -ohne Erlaubnis los, weil wir sicher waren, es in kurzer Zeit wieder -zurückzubringen. Aber es verging ohne unsere Schuld ein ganzer Tag, -und wir kamen gerade dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher -Täter von dem Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns -gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung wie im -ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung gehabt wie -damals. - - * * * * * - -Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen von -Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann lasse -lieber das Reisen im Ausland. - - * * * * * - -Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. Aber die -Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die heute mit -Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen näher kommen, es -für -- unfein halten und mit der gelassenen Empörung der »Vornehmen« -wieder in ihren vier Wänden sitzen bleiben werden, weil ja heutzutage -»einfach alles, alles mögliche wandert«. - - - - -Menschen. - - -Drei Arten gibt's von _Menschen_, sagt der Koran: den Freund, den -Sanften und den Tapferen. Den einen erkennt man in der Not, den anderen -im Zorn, den dritten in der Gefahr. - -Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht. - - * * * * * - -Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee aufwärts, wo -der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat sich einer -den linken Fuß. Der Führer der Schar -- es waren Wandervögel --, ein -junger Mediziner, kurz vor dem Examen, stellte Sehnenzerreißung mit -starkem Bluterguß fest. Es war ein Tag voll von Glanz und Leuchten. -Der blanke Schild des Titlisgletschers winkte verlockend. Da kamen -zufällig Berufsführer von oben, die wollten den Verunglückten schon -hinunterbringen. Aber einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich -nicht abhalten, den Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte -er ihn, las ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier -nach Engelberg gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die -anderen ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten -die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten -Knochen hüten können -- 's war einfach ganz wundervoll da oben! So 'ne -Dämlichkeit!« - -Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. Was hätte er -auch sagen können? Das waren halt -- zwei Welten. - - * * * * * - -In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz war, wo -abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« -- so hieß er im »Pennal« --- unbedingt Zigaretten rauchen, um »in Stimmung zu kommen«. Der Koch -pumpte ihm die letzten Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle -zu verbrauchen. Denn die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer. -Der »Olympier« kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer -Stunde (seine Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein -Streichholz mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung -gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch die -betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten den ganzen -Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu machen, Zunder und -Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend der Kameraden gähnte nur -so vor Hunger. Nach einigen Minuten sah man nichts mehr vom Koch. »Der -hat sich wohl dünne gemacht!« meinten manche, die von der Geschichte -erfuhren. Aber gegen den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu -drohend. Aber als man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon -ein großes Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die -Erbswürste. Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes -Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem -geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter der -Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der Koch dem -Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun natürlich nötig -gewordenen Zigarette. - -Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts über -die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung -des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht angelegten -Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der Ordnung zu finden. -- -Aber von diesem Tage an rauchte er nicht mehr und wurde ein wenigstens -so tüchtiger und zuverlässiger Mensch, als es bei seiner Veranlagung -möglich war. - -Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen Trab -nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, hätte mich mal -kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine nicht mißzuverstehende -Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe weiter und fanden das auch ganz -in der Ordnung. - -Es waren eben -- zwei Welten. - - * * * * * - -Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern -einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden Dichter und -Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. Auf der Rückfahrt -bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während eines der dort ganz -unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme ziemlich hoch. Der Schiffmann -mahnte zur Ruhe. Als aber eine Welle den Boden des Bootes bis über -die Bretter füllte, womit der Kielraum überdeckt war, legte sich über -sein altes Landsknechtgesicht ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein -wenig verhaltene Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen, -harten Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu den -Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!« - -Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst der Lage, -weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer voneinander -entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das Boot sank bis an den -Rand ein. Da sprang einer der wenigen, die verstanden hatten, warum der -Schiffsknecht die Schuhe ausziehen sollte, der »lange Mann«, wie sein -Übername bei den Kameraden war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso -groß war wie seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit -der Hose bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum -Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig -Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war. - -Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens mit dem -malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n Luxus, langer -Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären ja die paar Meter -auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer sah zuerst den Sprecher -verächtlich und dann den Schwimmer mit einem Blick an, der weder seine -Bewunderung noch seine Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau -und sechs Kinder. - -Das waren eben auch -- zwei Welten. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verschönerungsverein -Altenburg i. S. - -Bäuerin aus Sachsen-Altenburg.] - - - - -Hinaus! - - -Ich kenne einen Mann, der sonst als leidlich friedvoller Mensch gilt. -Von Zeit zu Zeit aber wird er von etwas heimgesucht, das seine Leute -den »Zustand« nennen. Dieses Wort ist für die Kleinen wie für die -Großen im Hause so etwas ungefähr wie ein Sturmsignal. Alles rettet -sich, wenn auf den Stiegen die Kunde geht, der Vater habe seinen -»Zustand«. Selbst die Katze und der Hund ziehen sich dann in sichere -Winkel zurück, von denen niemand nichts weiß. - -Diesen Mann hatte es vor einigen Tagen wieder einmal gepackt. -Weshalb, das wußte kein Mensch. Schon um neun Uhr morgens hatte die -Kleinste das Unheil geahnt. Sehr besorgt hatte sie zum kleinen Bruder -gesagt: »Papa danz bös, Muckel dudu betommt!« Richtig brach auch bald -nach dieser Prophezeiung das Unwetter los. Drei Türen fielen kurz -nacheinander irgendwo im Haus so kräftig ins Schloß, wie das eigentlich -nur angesichts eines bevorstehenden Weltunterganges gerechtfertigt -wäre. Wie grollender Donner rollten einige unverständliche, -verschiedensprachige Bemerkungen, die wohl als Verwünschungen aufgefaßt -sein wollten, hintennach und verhallten hinter der zugehauenen Haustür -ungefährlich in der freien Luft. Im Hof stoben die Hühner wild -auseinander, und mit fliegenden Rockzipfeln verschwand der Zornige -durch die Hoftür. Mit gütigen und nachsichtigen Armen aber nahm die -Freiheit der Felder und Wälder den Rasenden auf wie einen Leidenden. -Und das war er wohl auch. - -Seltsam wurde ihm da draußen zumut, als er immer noch in der fliegenden -Hast des »Zustandes« langen Schritts die Landstraße hinab dem Wald -zuging. Es war ihm gerade, als ob er zum erstenmal nach Jahrzehnten -die Welt wieder erblickte. Das neue Brot des Jahres stand noch auf den -grünen, hohen Halmen, links und rechts vom Weg. Ein leiser Wind strich -über das grausilberne Ährenmeer hin, und die Kornfelder schlugen leise -Wellen, und alle Halme verneigten sich vor dem zornigen Manne. - -Drüben am Berg floß das glühende Gold der Ginstersträucher wie -ein Strom von Reichtum die Hänge herab. Am Himmel, ringsherum am -unendlichen Horizont, ruhten seltsame Wolkengebilde, feierliche, -spaßige, gewaltige, und dazwischen kleines Flutterzeug. Was war da nur -los? Fast wie eine Wolkenausstellung sah's aus. Wie wilde Anemonen -blühte draußen über der Ebene am Himmel ein Feld von weißen Wölkchen, -daneben ruhten majestätisch, wie die Staatsschimmel irgendeiner -hohen Gottheit, silberglänzende Wolkenballen, und andere noch heller -leuchtende und hoch aufgetürmte stiegen, schnaubenden Kriegsrossen -gleich, drohend am Himmel in die Höhe. Über den dunkeln Bergwäldern -schwenkten ganz langsam Wolken wie Luftschiffe, die gerade landen -wollten. Schlanke Zeppeline schwebten da, die immer noch wuchsen und -wer weiß was allerhand noch werden wollten, und dicke Parsevale. -Leuchtend blau wölbte sich die Himmelskuppel über der Erde. Die vollen -Saaten, zwischenhinein mit üppigen Bäumen durchstanden, taten gar -selbstbewußt in ihrer reifenden Schönheit unter der strahlenden Sonne. -Licht lag über der ganzen Welt, über den Bergen, über den stillen -Fluren und den raschen Bächen. Und während des Flüchtigen Schritt -immer ruhiger ward, klang durch die Stille eine stumme Verheißung von -Hoffnung und Leben und Glück. - -Das galt ihm; das wußte er. - -Er raste nicht mehr, sondern schaute verwundert um sich über die -langvergessene Herrlichkeit. Ein scharfer Beobachter drüben in den -Bauernhäusern hätte sogar entdecken können, wie er sich manchmal -verlegen hinter den Ohren kratzte. Und vor den braunen Hütten mit den -bemoosten Strohdächern hockten wie in der Hitze eingenickte Wächter -viele alte über und über in Blust stehende Holunderbüsche. - -»Wie schön, wie ganz wunderbar schön,« entfuhr es dem Manne mit dem -»Zustand« fast demütig. Er begann sich regelrecht zu schämen. Mit -jedem Schritt wurde er es immer mehr inne, daß er krank war. Nicht -gefährlich! Nur bücherkrank und stubenkrank! Die blaßvioletten -Skabiosen in den Wiesen mit ihren hübschen Blumenkörben verstanden -auch, wie's um ihn stand, und die herrlichen goldgelben Sterne des -Ziegenbarts wußten es so gut wie die weißen Dolden und roten Rispen -und die blauen Glocken und die braunen Wiesenknöpfe, was mit ihm los -war. Sie hatten schon alle lachen wollen über den sonderbaren Menschen, -denn sie waren übermütig, weil alle Wiesen so herrlich im Pfingstglanz -leuchteten, und der da aussah, als hätte er die ganze Zeit auf dem -Mond gelebt, wo es erwiesenermaßen nichts mehr gibt, als griesgrämige -Berge, die keine Feuer mehr spucken und auch keine Blumen auf ihren -ausgemergelten Felsrippen mehr wachsen lassen konnten. Aber als die -Butterblumen und die Ziegenbärte eben verächtlich lachen wollten, da -kam auf einmal der Wind vor dem stubenkranken Wanderer her und fuhr all -den Gräsern und Kräutern über die übermütigen Köpfe, daß sie sich ganz -bescheiden vor ihm neigten, und sagte: - -»Wie könnt ihr nur? Das ist doch einer von denen, die über uns Bücher -schreiben müssen!« - -Da schämten sich die Wiesenblumen; denn so viel wußten sie wenigstens, -daß man beim Bücherschreiben, auch über die Blumen und über die Wolken -und die Bäche und die Bäume und den Wind, in der Stube sitzen muß, wo -es das alles nicht gibt. - -Der Mann aber, der zuletzt nur noch ganz langsam gegangen und oft -stehen geblieben war, um mit durstigen Augen all den bunten Glanz und -all das ruhige Glück sonniger Farbenstille in seine verstaubte Seele -hineinzutrinken, fing auf einmal von neuem an zu laufen. Nicht mehr aus -Zorn. O nein! Er spürte nun, daß er wieder lebte, lebte _in_ der Welt -und _mit_ der Welt, und die Welt in _ihm_. Er fing an zu singen und zu -springen. Wie lange, das wußte er selber nicht. Aber plötzlich stand -er wieder vor der Tür seines Hauses mit einem mächtigen Strauß aus -Feld- und Waldblumen in der Hand, und er wunderte sich sehr, daß ihm -sein Weib lächelnd entgegentrat, den Strauß mit wenigen, guten Worten -bewunderte und sonst tat, als ob gar nichts gewesen wäre. - -Was war denn überhaupt geschehen? - -Er hatte nur noch ein dumpfes Gefühl einer wüsten, langen -Gefangenschaft in dunkeln Räumen, einer barbarischen Trennung von -Licht und Welt und Sonne und Schönheit. Und als er wieder in seinem -Bücherkerker angekommen war, da wußte er, was ihm gefehlt hatte. - -Von da an ging alles wieder gut im Haus, denn jeden Tag besuchte man -mit dem Vater die Holunderbüsche und den Wald und den Bach und die -Wolken und überhaupt alles da draußen vor dem Gartenhag, was so schön -ist. - -Und daß dieser Mann, der ein guter Bekannter von mir war, je einmal -den »Zustand« hatte, das ist nun wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und -wenn es wieder kommen will und er fragt bei uns um unsere Meinung, dann -wird die Parole gegen den Erzfeind aller Stubenhocker, den Sorgengeist, -ausgegeben. Die Großen und die Kleinen und die Kleinsten werden in die -gute Stube gerufen, ich setze mich ans Klavier, und der böse Geist -fährt aus unter den Klängen des Liedes: - - Hinaus in die Ferne! - Hinaus in die Freiheit, in die Sonne, ins Leben! - -[Illustration: Phot. *** - -Das Schondratal, ein Seitental der Fränkischen Saale.] - - - - -An die jungen Männer. - - -Es braust in den Lüften von Pfingststürmen. Welcher junge Mann hätte -es noch nicht verspürt, sei er Student, Arbeiter, Kaufmann oder -Kanzlist, der es ernst nimmt mit dem Leben, das tiefe Erbeben, unter -dem unser ganzes Leben, das des einzelnen wie das der Familie, das des -Staates wie das der Völkerbünde erzittert? Die Zukunft des deutschen -Volkes -- und das geht uns zunächst an! -- hat im Hochofen des 20. -Jahrhunderts schon fast die Weißglut erreicht, und es braucht _Männer_, -um das Schmelzgut ohne Gefahren und Verluste in Formen zu fassen. -_Ganze_, _reine_, _tapfere_ und _treue Männer_ braucht es! Unter -ihrem Brusttuch muß das Herz der neuen Zeit schlagen, das dem hohen -Blutdruck eines intensiveren Lebens gewachsen ist und zugleich über die -für unzeitgemäß tiefe Empfindungen unentbehrlichen Nerven verfügt. Es -braucht _überall_, in jedem Feldlager der neuen Geisteskämpfe, Männer -mit kühnen Stirnen, hellen Augen und nüchternen Gehirnen. - -Aber erst die nächste Generation, wenn nicht erst die unserer Enkel, -wird die Entscheidungsschlachten zu schlagen haben. Zu dem zähen Körper -und dem hellen Geist, deren es dazu bedarf, _kann das Wandern helfen_! -Es _kann_, wenn es in keine neue »Meierei« ausartet. Aber es _muß_ es -nicht. Die Befreiungskriege im Anfang des letzten Jahrhunderts haben -eine gestählte Jugend vorgefunden, ohne daß man vom »Wandersport« eine -Ahnung hatte. Denn auch das Wandern ist kein Allerweltsheilmittel -gegen jene inneren Schwären, die zur Bewältigung großer Aufgaben -unfähig machen, kein unfehlbares Mittel gegen Verweichlichung, -Unwahrhaftigkeit und -- in höherem Sinne genommen -- Unsauberkeit. Und -doch wird gerade das Wandern eines der ersten Mittel sein zur Erringung -jener Eigenschaften, die das Wesen eines jungen Mannes, _wie er sein -soll_, ausmachen. An deren Eroberung muß jeder, der sich selbst nicht -gut genug ist, das ganze Feuer seiner Seele und die ungeschwächte -Zähigkeit seines Willens setzen. _Gut sein, wahrhaftig sein, rein -sein, stark sein!_ Das ist's! Wer das hat, der wird nicht unterliegen! -Und zwar kommt es gerade auf eben _diese Reihenfolge_ der genannten -Eigenschaften an; denn eine ist dabei die natürliche Ursache der -anderen. - -[Illustration: Tafel VII - -H. Dopfer phot. - -Frühjahr im Dachstein] - -[Illustration: Wehrli, A.-G., phot. - -Am Untersee] - -Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne -und »lebensverneinende« Programm. Aber -- abgesehen davon, daß es -_lebensbejahend_ im höchsten Sinne ist! -- weiß ich auch ein -anderes: Manche _haben_ das schon fertiggebracht! Junge Männer bis -in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele andere werden nicht -anders _können_, als entschlossen zu nicken zu diesem stillen Aufruf: -_Freiwillige vor!_ Und diese werden ohne Anmeldung und ohne Uniform -der Welt dem All, oder wie sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr -junges Leben zur Verfügung stellen. - -Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden sie am ehesten -finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn das erste Morgenlicht -durch die Bäume in den zerzausten Rasen des Waldes fliegt oder beim -Wandern im roten Mittagszauber der Heide oder wenn ein herber Wind am -Abend über sonnenumspielte purpurne Kuppen streicht -- oder überall wo -»der Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der _Natur_, -die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »~Natura sive deus~«. - -Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige Krieg um innere -Größe, Reinheit und Stärke beginnen: - - Vom Grund bis zu den Gipfeln, - So weit man sehen kann, - Jetzt blüht's in allen Wipfeln, - Nun geht das Wandern an: - - Und die im Tal verderben - In trüber Sorgen Haft, - Der Dichter möcht sie werben - Zu dieser Wanderschaft. - - Da wird die Welt so munter - Und nimmt die Reiseschuh, - Sein Liebchen mitten drunter, - Die nickt ihm heimlich zu. - - Und über Felsenwände - Und auf dem grünen Plan, - Das wirbt und jauchzt ohn' Ende -- - Nun geht das Wandern an! - - (Eichendorff.) - - - - -An die jungen Mädchen. - - -Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch mit der -gebührenden Höflichkeit einiges Besondere: - -Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden oder auch in -kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur schwer sagen. Das ist -immer eine _reine Personenfrage_. Auch haben, seitdem die Welt steht, -alle jungen Menschenkinder verschiedenen Geschlechtes, welche der Mai -des Lebens zusammenführte, auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern -und sogar ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es -verstanden, ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in -der verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen und -Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe beglückt -fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als Normalzustand läßt, -nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation haben, doch auch bei -unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken aufkommen. - -Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen sei -(abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«, -wie sie das diskret nannten) _hordenweise_ nicht gut wandern. Die -Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen Satz eines der -jungen Kameraden, der mir frisch und unbefangen seine Meinung sagte, -zusammenbringen: »Nämlich, man befindet sich fortwährend auf einem -schmalen Grat mit den Mädels. Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß -sie sich durch gänzliche Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in -ihren Pflichten mit den Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund -auf der anderen Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die -Mädels durch das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt -werden, und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei -es der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach -fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß es -absolut noch mehr sein müßte!« - -So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens dazumal -Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und überall geliebt als -ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz seiner jungen Jahre. -Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen in dieser Richtung. Aber ich -halte mich immer daran, daß noch jeder tüchtige junge Kerl, dem es -später wahrhaftig an Eroberungen nicht fehlte, sich immer _gegen_ das -Zusammenwandern von »Mädels und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig -Frühreifen und die »Schmachter«, die später, wie damals schon, von -der Weiblichkeit nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für -»moderne Auffassung« und fürs Zusammenwandern. - -Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen Begebenheit -für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer noch das parlanische -»~Mulier taceat in ecclesia~«, das nur in der konzentrierten -lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der Frauenrechte -auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau zu allen dem Mann -zugänglichen Ständen. Man muß alles _probieren_. Aber die Entwicklung -in den Wandervereinen, wo manchmal auch junge Mädchen offizielle -Mitglieder sind, spricht sehr _für_ den Apostel Paulus. - -Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder -eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«, -den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu -gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten -hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit über die -Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der Neuerung eine -Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. Da griff eine kluge -alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie sollten die »Mädels« -an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber ohne Stimm- und Rederecht. -Der Erfolg war ein solcher Wetteifer der jungen Männer um kurzes, -sachliches und treffendes Sprechen angesichts der Damen, daß alles -Geschäftliche in längstens einer Stunde erledigt und besser erledigt -war als früher. - -Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die -Tatsache spricht -- wie man wohl etwas übertrieben sagt -- Bände. - - - - -Von Wiesen und Bäumen. - - -Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit einigen -Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer durchstreifte, -kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen zu meinen Lesern, daß -sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem großen liebenswürdigen Manne -von Assisi selbst vordringen, zu diesem sonderbaren Heiligen, der nicht -nur mit den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden -sprach und die Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete, -wenn es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr mit -Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt vorkommen. Es -ist es auch, wenn man daraus eine schwüle Gefühlsschwärmerei macht, -die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, aber unterdrückte Triebe -ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Verhältnis zwischen Natur -und Mensch, und wenn es nicht der holländische Brillenschleifer und -Mathematiker Spinoza gehabt hätte, dann wäre es ihm nicht möglich -gewesen, in der Natur Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch -äußere Hüllen hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in -dem gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf -dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch mehr als -das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen heimlichen Jüngern -des Franz von Umbrien gehört auch der junge deutsch-amerikanische -Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft sagen sollte, wie er -über die Religion denke, und darauf die allgemein für dumm gehaltene -Antwort gab: »~Well~, wenn ich spazierengehe und ich möchte eine Blume -pflücken, tue es aber nicht, weil ich gut zu ihr fühle und spüre, daß -sie auch möchte geliebt sein und Samen bringen, ~well~, das ist ~my -religion~!« - -[Illustration: Phot. B. Haldy. - -Margareten.] - -Deutsch schwach, aber Religion zweifellos gut. - -Und ich kenne noch so einen. In dessen Tagebuch vom vorigen Frühjahr -ist zu lesen: Es will wieder Frühling werden, und ich gehe jeden -Morgen von meinem Dorf den Weg zu den nächsten Hügeln hinauf. Links -und rechts vom Weg auf den Äckern und Wiesen steht alles voll von -Obstbäumen, keiner ist wie der andere. Die Kirschbäume gleichen sich -noch am meisten. Aber die Birnbäume, das ist ein Baumvolk von Riesen -und Zwergen, Krummen und Buckligen, Übermütigen und Melancholikern. Die -zwischendrin versteckten kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie -fahren mit ihren eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen -in der Luft herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor -Leichtsinn und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume. -Aber auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu -früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr für die -Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume ist. Überhaupt -sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem Ausschlagen, am -besten an, was sie wirklich sind. In den Formen und Linien des kahlen -Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, kommt ihr ganzes Temperament -zum Ausdruck. Viele stehen da in strotzender Kraft, während andere ihr -verfehltes Leben im ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an, -wie sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt -haben, und manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht -ängstlich da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum -verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum empor -wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen Hügel und -gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, frohe Art, -wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige mit einer gewissen -Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. Kein bißchen Moos -war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige verästelten sich zu -Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie frohe Erwartung lag über der -gesunden Gestalt dieses Baumes, und das grüngestrichene Bänkchen neben -seinem Stamm schien ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu -dürfen. Als alle anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines -schönen Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt, -und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen aufgegangen. Es -war kein Zweifel, er würde der erste sein, der im Lande blühte. Am -gleichen Abend zeigte er schon seine ersten weißgrünen Knospen. Eines -Morgens stand er im Brautstaat da. - -Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß der -Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. Aber ich -will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer deutscher -Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht weit von dem -Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die hoheitsvolle, -tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man meint, nur Dichter und Maler -und derlei überspannte Leute glaubten an solche Dinge, so weiß ich -einen berühmten Musiker, der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen -ein direktes Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es -sich um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte ... Nur wenige -unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die Bergheiden und -Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor dem _Besitz_ des Bauern und -hausen in dieser Richtung oft wie die Tiere. Aber noch weniger Menschen -gibt es, die nicht nur aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer -heiligen Achtung vor einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es -nur Pflanzenleben ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den -Rasen der Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können. - -Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich eine -Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. Daß man -auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht ohne -weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend mit -dem, was Goethe immer wieder das Schauen nannte. - -Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine breite -Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen Sterne der -Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der Skabiosen, -die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden Bergblumen, -ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die Grasspitzen in -die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen Teppich, fast am Boden, -bietet der rote Klee den summenden Bienen und Hummeln verborgene -Liebeslager dar. Aber alles das sieht der Wanderer nicht nacheinander, -sondern zugleich. Daß die Sonne hinter seinem Rücken steht und die -eigentliche Veranlassung dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen -Grasgemächern hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und -die stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm -gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt in -Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, und ihm ist -auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des Daseins, wo es -keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. Das mag ungefähr -der Marschendichter Allmers empfunden haben, als er das wunderbare Lied -wie von unsichtbaren Elfen ins Ohr gesagt bekam: - - »Ich ruhte still im hohen, grünen Gras - Und sende lange meinen Blick nach oben; - Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß, - Von Himmelsbläue wundersam umwoben. - - Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin - Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume. - Mir ist, als ob ich längst gestorben bin, - Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.« - - - - -Vom Wald. - - -Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten Willen -nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und Botaniker -genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlich erklären könnten, -daß der Wald immer eine Ansammlung von dicht beieinander stehenden -Bäumen aller möglichen Arten sei; einige gelehrte Männer sind sogar -dahintergekommen, daß der Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit -bestimmten Gesetzen ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der -feindlichen Heide führt, die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden -von bedürfnislosen Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den -mächtigsten Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und -schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter dem -unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren Wurzeln auf eine -listige Art -- durch Bodenverfilzung -- Wasser, Licht und Luft entzieht. - -Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im -Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, der -den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all dies -erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche -- -_Walden_. - -Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab warnen vor -der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist. - -Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter Millionen -geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen Art, -nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen konnte. Aber wirklich -gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das hat z. B. Richard -Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert Takten im Siegfried, -im »Waldweben«, wo der junge Siegfried auf einmal die Stimmen der -Waldvögel versteht und das ganze geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern -und Blätterrauschen. _Gemalt_ hat den Wald eigentlich nur Moritz v. -Schwind, dann und wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma. -Es gibt ja viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die -Baumstämme und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt -sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, auch in -der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, das zu uns reden -kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; vor dem einem aber auch -manchmal etwas wie Angst in die Kehle steigt, weil man es gerade in -diesem Augenblick unaussprechlich klar empfindet, daß man noch lange -nicht ein ordentlicher Mensch geworden ist. Ich meine, der wirklich -ordentliche Mensch, den zu werden man sich heimlich vornahm, als man so -zwischen vierzehn und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden -wollte. - -Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im Grunde nur -Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit und stiller Größe, -an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im deutschen Wald -lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, die in allen Dingen -schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen Waldes zu sagen -vermocht. - -Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes -Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen mußten, wenn sie -ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife ich ganz ohne Nachdenken. -Das Gescheiteste war es schon nicht, als Fridolin vom Oberrhein und -andere Bekehrer zum Umhauen der alten Eichen und Taxusbäume ihre -Zuflucht nehmen mußten, um sich in Ansehen zu setzen. - -Einmal -- vor bald zehn Jahren -- da sind wir zu fünft durch den -Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den lichtgrünen -Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die Sonnenstrahlen, die -durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk der Baumkronen heimliche -Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen Unsinn mit dem wenigen -Schmuck, den die zwei mitwandernden Frauen am Hals oder an den Fingern -trugen. Nahgerückte Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende, -lichte Glück des sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen -hindurch schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten, -in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, den die -Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal sicher! Ein wenig -warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte das Glück zwischen den -Schatten der alten Buchen und Eichen mit uns, ohne uns einmal aus den -Augen zu lassen, und keines von uns fünf wagte während der seltsamen -zwei Stunden mit einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen -Waldes zu stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das -siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das behagliche -Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen wir mit frohen, -wissenden, segnenden Augen -- aber wir wollten nichts für uns selbst. - -Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas gewußt vom -Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den kreisenden Aureolen -des Sonnenlichts und aus der Finsternis, die mit tausend Augen in der -Nacht zwischen den Stämmen in der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle -Land, gewebt aus dem beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der -stummen, unbeweglichen Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm -und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; denn an ihrer -gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen. - -Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es in den Märchen -von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des Glücks gibt, in denen ein -richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen brauchte, um in einer Sekunde -von Kopenhagen nach Konstantinopel zu kommen, warum soll es heute, -nach tausend weiteren Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen -- -des Herzens geben, mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse -und Wunder des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz -unverdienterweise! - -[Illustration: Phot. Prof. ~Dr.~ Hausrath. - -Mittagsstille im Wald.] - - - - -Von der Heide, der Marsch und der Geest. - - -Wer den Drang in sich fühlt, einmal ohne Überschreitung der deutschen -Grenze etwas Grundanderes zu sehen als ruhevolles Mittelgebirge, -schöne deutsche Laubwälder, stille, grünende Matten mit dem eintönigen -Leben von Bauern, die gerade ihr Leben noch fristen können; wer einmal -die Antithese zu den Wiesen und Bäumen und süddeutschen Binnenseen -des vorhergehenden Abschnittes erleben will, der wandere von einer -der schönen mitteldeutschen Städte wie Braunschweig oder Lüneburg -durch die Heide hinab an die Geest und hinab an die Marsch. Dieses -Hinab mißt bloß einige Meter Unterschied in der Meereshöhe, und doch -sind diese wenigen Meter entscheidend für den ganzen von Grund aus -anderen Charakter der Landschaft, wie sie an der Waterkant, immer -noch unentdeckt von den Landratten, mit allen ihren großen, herben -Wundern liegt. Besonders die Deichlandschaft der Niederelbe, die sich -wie ein Kranz künstlicher Seen um Hamburg herumschließt, ist ein noch -unentdecktes Reich. Dort ist das große Meertor von Deutschland, durch -das man hindurchsieht auf die Welt außerhalb unseres kleinen Europa, -auf Amerika, Asien, Afrika, Australien, von denen die richtigen Jungens -der berühmten Fischerdörfer an der Niederelbe reden, so wie wir in der -südwestdeutschen Ecke von Frankfurt oder Berlin. - -[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel. - -Frau aus der südl. Lüneburger Heide.] - -Die paar Monate, die ich da oben zugebracht habe, hätten nicht -genügt, um mich in diese wesensverschiedene Welt einzuweihen, wenn -nicht mancher Schleier gelüftet und manches Rätsel gelöst worden wäre -durch ein Werk, das ich jedem nach wirklichem, tiefem Erfassen jenes -herrlichen Landstreifens Verlangendem an der Nordsee nicht dringend -genug empfehlen kann, nämlich Professor ~Dr.~ Lindes »Niederelbe«. -Dort schaffen elementar einfache Linien der Natur, ein wirklich noch -urwüchsiges und scheu auf sich selbst zurückgezogenes Volkstum, das in -ständig wogenden Wasserschleiern webende Sonnenlicht und nicht zuletzt -einen architektonisch hoch entwickelten bäuerlichen Kunstsinn, eine -Welt ganz für sich -- eine Welt, zu der die Entdeckungen der Worpsweder -Maler in der Bremer Heide für die große Öffentlichkeit nur ein winziges -Schrittchen bedeutet. - -Unter den deutschen Heiden ist die lüneburgische die größte. Die -stille Schönheit dieser unfruchtbaren Wüste ist bis jetzt weder von -einem Maler noch von einem Dichter auch nur annähernd dem Bewußtsein -der Bewohner Süd- und Mitteldeutschlands nahegebracht worden. Die in -rosaroter Abendglut brennende Heidewildnis mit dem braunen Uferrand der -Torfmoore, die unsagbar große Einsamkeit, die von Horizont zu Horizont -geht und höchstens einmal durchschauert wird vom verlorenen Echo der -Dampfsirenen großer Weser- oder Elbeschiffe; die einsamen »Ahlen«, die -sich aus dem Moor oder aus der Heide wie flache Schildbuckel erheben -und mit einem rauchgeschwärzten, strohbedachten Heidehaus gekrönt sind, -und die Menschen der Heide, die von dem dürftigen Kornwuchs leben, den -die Stückchen urbar gemachtes Land widerwillig hergeben; von alledem -haben wir Wanderer des Südens keinen Begriff. - -[Illustration: Phot. W. Noelle. - -Fahrstraße in der östlichen Lüneburger Heide.] - -Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren machtvolle -Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten Gestalten -der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma der Armut erhält, -versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, feuchten Wiesenboden -der Marsch große Herden von schwarzen Rindern weidend langsam -vorwärts bewegen; wo überall Zäune und Tore, die oft wahre ländliche -Prunkpforten sind, den Grundbesitz der Marschbauern abgrenzen. Die in -großzügigen Formen gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen -Tönen ist oft in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren -und kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern von -Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen graugelber -Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen Erikafeldern und -aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet den heimeligen -Zauber eines mit köstlichem Holzwerk gezierten und von Schutzbäumen -gegen den Sturm umstandenen Altländerhauses sieht, dann beginnt -das Paradies der Elblande. -- Die Fußwanderungen an der Niederelbe -sind stählend für den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres, -sie bereichern die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach -genialer Abwechslung entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd -gelben Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast -Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von -schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen Wolken -großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und alle diese -Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer an der Unterelbe -weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz der Rheinebene. Sonst -könnte er nicht von dem dunkeln, vom Sturm mit rollenden Wogen -übersäten Strom, der dort schon breit ist wie ein Meerarm, das -wunderbare Wort prägen: »Dee Els (Elbe) geiht in Hemdsärmeln.« - -[Illustration: Phot. Albert Angelbeck. - -Sturm an der »Wasserkante«.] - -Das sind nur die allergröbsten Geheimnisse. Wenn man aber einmal -dahintergerät, wie der durch Schilfwildnis ziehende Strom eigentlich -aus zwei sich ständig bekämpfenden Flüssen besteht, nämlich dem aus -dem Lande kommenden Süßwasserfluß und dem durch den Pulsschlag des -Meeres bis hinauf nach Hamburg getriebenen Salzstrom, und daß z. B. -das harmlos erscheinende Süßwasser leicht obenauf schwimmt, aus Ufer -Fluß macht, während das Salzwasser das verschlungene Gut wieder an -anderen Stellen anschwemmt, dann bekommt dieser Strom etwas von -bewußt wirkendem und schaffendem Leben. Die unzähligen dunkeln Ewer -mit ihren tiefroten und braunen Segeln, die herrlichen Fünfmaster, -die noch wirkliche Schiffe sind im Gegensatz zu den gigantischen und -uneleganten Kästen, den aus drei und vier Schornsteinen rauchenden -Ozeandampfern, die dicken, plumpen Schlepper, die Bernhardiner der -Elbe, wie sie genannt werden, die die auf Sandbänken festgefahrenen -Ozeandampfer von der Gefahr des Strandens zu retten haben, und -schließlich die kleinen, in der Schilfwildnis liegenden Krabbenboote, -auf denen die Fischer an offenen Feuern ihr Mittagsmahl kochen, alles -das sieht sich dann an wie eine leicht gefällige Last, die der breite -Strom gutmütig und willig flußab oder flußauf trägt, je nachdem die -Ebbe oder die Flut eingesetzt hat. Und dann noch die zahllosen, uns -Landratten unbekannten Idylle von weidenden Schafen, Ziegen und Rindern -zwischen hängenden Fischernetzen; das hell lachende, herbfrohe Leben -der Dorfjugend auf den weißgestrichenen Bänken vor den Marschhöfen, in -denen innen und außen alles von einer geradezu holländischen Sauberkeit -ist; die ungeheuern Unterschiede zwischen den Erwerbszweigen ganz nahe -beieinander liegender Landstrecken, z. B. der hochentwickelte Gemüse- -und Obstbau des alten Landes und die berühmte Viehzucht der Vierlande; -dann das glitzernde Leben im Winter, wo jung und alt auf den gefrorenen -Fleten Schlittschuh läuft und die Elbe mit Grundeis geht, als ob lange -Ketten aus großen Silberperlen mit der Ebbe oder der Flut stromab und -stromauf getrieben würden! Alles das ist eine Welt voll so frischer -Urwüchsigkeit, daß man es begreifen kann, wenn die Hamburger die Mark -und Berlin ihr Hinterland nennen und die Hoffnung haben, daß aus dieser -fast ungeschmälerten Kraft einmal das größte Gemeinwesen des Deutschen -Reiches emporwachsen werde. - -Es ist einerlei, ob das so sein wird oder nicht (denn der Hamburger -und der Marschbauer neigen von Natur zum Größengefühl). Aber wenn man -mich fragen würde, was es außer dem Schwarzwald mit seinen verborgenen -Bergwundern landschaftlich noch Unerhörtes und nicht zu Übersehendes -in Deutschland gäbe, dann würde ich in der ganzen Ehrlichkeit meines -beschränkten Schwarzwaldpartikularismus sagen, nach dem Schwarzwald -komme zu allererst die Waterkant in Betracht, d. h. das Land der -Marsch, der Geest und der Heide. - - - - -Wie man Städte ansehen soll. - - -[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting. - -Altes Portal in Rothenburg o. d. T.] - -Im Schlendern! Ohne Baedeker oder sonstige Führer, die einen mit und -ohne Stern zu den berühmten Kirchen, sehenswerten Profanbauten und -nicht zu übersehenden Denkmälern geleiten. Das größte Übel beim Besehen -der Städte ist der _Zeitgeiz_. Die meisten Wanderer leiden an der -Zwangsvorstellung, »alles« gesehen haben zu müssen. Sie empfinden es -fast wie eine Gewissenlosigkeit, wenn sie etwas auslassen. Das sind die -Sklaven der Kataloge. Wenn sie sich Nürnberg besehen, dann sind sie -vorschriftsmäßig von elf bis zwölf im Bratwurstglöckle, bis zwei auf -der Burg und bis vier Uhr im Germanischen Museum. An Leib und Seele -gerädert, suchen sie dann ihrer Aufnahmefähigkeit durch einige Schoppen -in den historisch geheiligten Winkeln des »Posthorns« oder »so wo« -aufzuhelfen, was aber zumeist programmwidrig ist. - -Wer aber auf gut Glück die Straßen der alten Städte durchwandert, der -empfindet auch das Glück aller ersten Entdecker! Es kann ihm nicht viel -entgehen, wenn er mit hellen Augen zwei Tage lang den großen und einen -Tag den kleinen Städten widmet. Aber wenn er so ganz zufällig, sagen -wir, in Bremen sich auf einmal dem steinernen Roland gegenüber sieht -und ganz ohne vorhergehendes Studium historischer oder künstlerischer -Randglossen zu diesem ebenso merkwürdigen wie wundersamen Denkmal das -kindlich freundliche Lächeln des unerschrockenen Helden der deutschen -Sage auf sich wirken läßt, dann vergißt er diesen Eindruck nicht mehr -so leicht. Ob er dabei den Stil des Kunstwerks für spätromanisch -oder frühgotisch hielt, das tut nichts zur Sache. Er hat den Roland -von Bremen einfach erlebt und hat tausendmal mehr von ihm als ein -anderer, der sich zuerst kunsthistorisch unterrichtete, um sich vor -den Kameraden beim Besuch der Statue »nicht zu blamieren«. Der Bock, -den jener mit der falschen Stilzuteilung geschossen, ist lange nicht -so schlimm als das anempfundene und fremdem Wissen entwendete richtige -Stilgefühl des klugen Alleswissers. - -Also lieber eine kraftvolle Dummheit als ein schwächliches Prunken mit -unredlichen Kenntnissen. Denn es gibt nur _eine_ Art von redlichen -Kenntnissen, die _erlebten_, oder um mich chemisch-biologisch -auszudrücken, die assimilierten Kenntnisse. - -[Illustration: Phot. H. Jost. - -Rathaus in Michelstadt im Odenwald.] - -Kein Wanderer wird es als Abfall und als Untreue von seinen -eigentlichen Zielen empfinden, wenn er sich einmal aus ganzem Herzen -freut, in der Ferne die grünleuchtenden Kupfertürme einer großen, mit -altem und doch noch lebendigem Bauwerk gesegneten Stadt zu erblicken -und das Heulager in Bauernscheunen mit dem sauberen Bett eines -einfachen Gasthauses zu vertauschen. Wer das bestreitet, der prahlt. -Man muß nur einmal die komisch feierliche Eßlust gesehen haben, mit -der eine Schar von Wandervögeln, die ein freigebiger Gönner zu einem -regelrechten Gasthofmahl eingeladen hat, sich ihrer Aufgabe entledigen. -Wer das einmal neidlos zu sehen bekam, der begreift, daß auch beim -Wandern allein der Wechsel erfreut, und daß ständiges Traben in der -Ebene ebenso langweilig wird wie die immer sich gleichbleibenden -Lagergerichte aus irgendeinem Wandererkochbuche. - -[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow. - -Aus Tangermünde.] - -Wenn du also, Wandersmann, nach einem guten Imbiß und einer köstlichen -Nacht in einem kühlen, frischen Bett deinen Rucksack in irgendeinem -sicheren Verlies aufgehoben weißt, dann schlendere unbeschwert durch -die Straßen, schließe immer nur wenige, aber tiefe Freundschaften mit -dem Schönsten, was dir von schönen Häusern und feinen Bildnissen, -himmelhohen Domen und trotzigen Burgen dein Herz gefangennimmt. Es -ist dabei einerlei, ob deine Liebe der geistvoll und fast frivol -lächelnden »Fraue Welt« gilt, die am Münster von Basel hoch über dem -Rhein ihr Busentuch lüftet, oder dem treuherzig dummen Ritter Georg -am Dom von Bamberg, der, steif im hölzernen Sattel sitzend, mit der -Unerschütterlichkeit eines Parsivals den Drachen absticht, wie wenn es -sich um ein Ferkel handelte; oder ob dir die Madonna von Nürnberg in -der wellenhaft aufsteigenden Andacht ihres Gewandes und der beglückt -dankenden Reinheit ihrer gefalteten Hände dein Herz erbeben ließ, oder -ob du die Augen nicht wenden konntest von dem zierlichen Gitterwerk des -Meisters, der aus roten Quadern in der kühnen Pyramide des Freiburger -Münsters einen wunderbar lichten Dank für alle Herrlichkeit der Erde -dem Himmel entgegenbaute. - -[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Touristenverein Hannover. - -Hannöversches Dorfbild.] - -Sei also immer Herr deiner Zeit und nicht ihr Sklave! Du darfst sie -auch dann und wann souverän _verschwenden_! Denn wenn du z. B. in -Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den Reiterstandbildern -der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von den Bildern des Paolo -von Verona gesehen hast, weil es dich immer wieder nach dem alten -Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo der Zypressenwald steht und -wo du den schönsten Blick auf den farbigen und zugleich kriegerisch -drohenden Zauber der Stadt Dietrichs von Berne genießest, so hast du -doch mehr von Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen -haben und doch nichts. - -[Illustration: Phot. Heinrich Jost. - -Deutsches Städtchen.] - -Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu -geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der -deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches -Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen -und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in -einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich -wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues -und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten -verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem -Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln, -murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen -sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der -Bewohner einer Stadt. Er _erlebt_ die Stadt. Er wird sich im Innersten -bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch -gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus -schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur -hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die -vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu -fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede -war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist -der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre ~Sermons in -stone~ gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch -und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer -sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem -Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des -Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen -Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und -Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht -erwehren können, am wenigsten entbehren. - -[Illustration: Phot. Ferrars, Freiburg i. Br. - -Im Freiburger Münster.] - - - - -Die deutschen Lande. - - -Wir müssen uns das Paradies selber bauen in der nordischen Heimat -- -schreibt Hermann Hesse von seiner Ceylonreise. Diese Heimat ist das -Deutschland, wo -- um unbescheiden bei der eigenen Heimat anzufangen --- der Rhein einen zärtlichen Ellenbogen um ein herbes Bergland macht, -um ein Land einfacher Linien, aber auch voll grüner Waldverworrenheit -und gesegnet mit einer Ruhe, die nicht erschlafft, sondern ermuntert zu -tätigem Leben. Daneben lebt auf einer Hochebene das Volk der Sueven, -die gerade nicht darauf erpicht sind, ihrem Namen (die Sanften) -_unter allen Umständen_ Ehre zu machen, die aber zwischen eintönigen, -von schmalen Flüssen durchwundenen Rebbergen und in alten feinen -Städten, angefüllt von dem eigensinnigen Formen- und Farbengeschmack -der Schwaben, ein Leben voll rüstiger Ehrlichkeit und geschmeidiger -Klugheit führen. Das deutliche Selbstbewußtsein, dem deutschen -Vaterland eine nicht geringe Zahl von Männern geschenkt zu haben, deren -Name lange nicht mit ihrem Todestag verschwand, fehlt ihnen dabei nicht. - -[Illustration: Phot. E. Braun. - -Hochtal im Schwarzwald.] - -Weiter dem Osten zu, auf einer noch rauheren Hochebene, haben die -markomannischen Fäuste und die glaubensstarken Köpfe der Oberbayern -nicht verhindern können, daß dort ein sonderbares Großstadtgebilde -aufblühte, in dem neben einem angeborenen Sinn für Darstellung eine -große Zahl von Männern und Frauen in zähem Lebenskampf hochwertige -Kulturarbeit leistet, und zwar von solcher Bedeutung, daß die -»Kunstmetropole des Südens« den Namen eines modernen »Capua« leicht auf -die Achsel nehmen kann. Durch den blauen Alpenkranz, der sich um die -Stadt schlingt, kommt Deutschland auch noch in die Reihe jener Staaten, -die nicht ohne den Diademschmuck ewigen Schnees geblieben sind. - -[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel. - -Schwälmer Mädchen.] - -Das ganze Frankenland von der französischen bis zur österreichischen -Grenze ist für den deutschen Wanderer noch immer zu sehr ~Terra -incognita~, besonders die Gegend der Main- und der pfälzischen -Franken. Doch auch bei den blinden Hessen sind noch die verschwiegenen -Malerwinkel und die verzauberten Welten altväterlichen Lebens zu -finden, die ihre schlichte Schönheit nicht jedem kecken Wegfahrer -offenbaren, sondern gesucht, mit frommem Gemüt durchwandert und in -aller Stille geliebt werden wollen. Dort liegen hinter den dichten -Wällen schwerbeladener Obstbäume versteckte Dörfer mit launig -dicken Kirchtürmen oder vorlaut über das grüne Gewoge schauenden -Rokokozwiebeln von Gemeinden mit guten Pfründen; und wer es versteht, -sich da hineinzuschleichen, der bekommt zum Lohn den ganzen unberührten -Reiz ländlichen Friedens und Segens beschert. - -[Illustration: Phot. E. Braun. - -Fuldaschleife bei Kragendorf.] - -Herbere Töne und tiefere Noten schlägt schon das Land um den -Teutoburger Wald herum an, so sehr manche Striche noch an die Milde -des Taunus oder der Rhön gemahnen. Wie eine Insel von fremder -Eigenart steigen an der Mosel die vulkanischen Eifelberge mit -ihren ossianisch-schwermütigen Maarlandschaften hervor. Erst in -den hannöverschen Landen, wo die deutsche Tiefebene ernstlich ihre -guten Rechte geltend macht und wo auch die rauhen Paradiese der -niederdeutschen Heide beginnen, nimmt die Landschaft wieder Formen und -Färbungen an, die den Wanderer zunächst überraschen und dann, wenn er -seine Augen eingestellt hat, beglücken. - -[Illustration: Phot. W. Noelle. - -Alter Bauernhof in der Lüneburger Heide.] - -Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem Dampfer in der -Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer eintönig erscheinen. -Und beim Wandern durch die nicht restlos befriedigende Synthese des -Teutoburger Waldes, dessen viele trotzige Einsiedlereichen mit ihrem -unwiderstehlichen Baumzauber sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe -dürftigen Tannenforst doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft -fühlen, da müssen schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens -aus dem Gymnasium das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann -kommt Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das -ist etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von -düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht -ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder und -die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen zur -Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der geht noch -in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur empfänglich -für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder, -wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes Wort) und -für den Kunstkenner der Biedermeierzeit einzig in Betracht kamen, als -rascher Genuß des Auges wie als dauernder Schmuck des Hauses. Daran -aber erkennt man den objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von -welcher politischen Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal -heroischen Klang und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was -in jener so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen -hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, wo -die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit -auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen weiden, -die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die Heimat sind, -bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken nämlich über die -schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der Wasserkante, besonders -der Niederweser und der Niederelbe, wo ein im Kampf mit dem »blanken -Hans« der Nordsee hart und still gewordenes Bauernvolk einer endlosen -Rohr- und Schilfwildnis weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes -abgerungen hat und dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller -Trotz und Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist -jetzt die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen -noch jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche, -die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den von der -Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. Dort in -Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den Binnenländer -ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft fast empörend geordneten -Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter Vielfältigkeit verleiht: -das Wasser, das Meer. Mögen die Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade, -die Linden beschnitten sein wie Weidenstrünke und diese selbst, oft -Baumstämme von ansehnlicher »Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen -Köpfen, alles tun, um das Landschaftsbild »uninteressant« zu -machen, schon das »Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische -Raffinement gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus -kurzem gutgebundenen und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh, -zärtlich umhegt von Bäumen und Büschen, ist ein kleines Wunder eines -»Heims«. Und doch wie bitter und hart ist dort noch das Verhältnis -vom Mensch zum Menschen, besonders vom Herrn zum Knecht! Aber gerade, -als wollte die Natur hier das Unerbittliche, Schweigsame im Menschen -mildern, hängt der sonnendurchglänzte Wasserdunst des Meeres oder -der stundenbreiten Flußläufe über die Erde dort unten Gold- und -Silbernetze, deren Wirkung die Landratte sich nicht vorstellen kann. -Breit verschwimmend im Lichtglanz, der vom frühen Morgen bis zum späten -Abend mit einem verschwenderischen Farbenreichtum prunkt, so erscheint -alles Geradlinig-Eckige im Land der Marschen. Und wer nicht die alten -Fleten am Hamburger Hafen, die engen, kanaldurchzogenen Gassen der -alten Lagerhäuser hansischer Großkaufleute der Vergangenheit gesehen -hat, wie sie im lichtdurchglühten Wasserdunst und im sonnengeröteten -Qualm der Dampfer zu Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem -Ultramarin werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte -Zauberer aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen -Warenspeichern machen können. - -[Illustration: Phot. Wilh. Bandelow. - -Hamburger Flet bei Ebbe.] - -Wir haben oben von einem der eigentümlichsten Städtegebilde in der -südöstlichen Ecke des Reiches gesprochen, von München. Es hat seinen -fast künstlerisch kontrastartig wirkenden Gegensatz im Nordwesten -Deutschlands. Den Abschluß der dem Süddeutschen in der grandiosen -Einfachheit ihrer Linien und in dem fast holländischen Zauber der -wassergesättigten Atmosphäre nicht ohne weiteres verständlichen -Landschaft der roten Heide, der samtgrünen Marsch, der schwarzen -Moorwildnisse, der verträumten Schilfufer und der waldigen Hügelhänge -an dem meergleichen Strom, der schimmernden Obstwälder und der gelben -Sanddünen, der stillen Deiche und der rollenden Wogen -- diesen -Abschluß bildet die bedeutungsvollste und lebendigste aller deutschen -Städte: Hamburg. Während der Rhein, dem granitenen Leibe der Alpen -entsprungen, doch immer im engen Felsenbett dahinrollt und wenigstens -bis zu seiner holländischen Deltaversandung an alten Burgen, hohen -Domen, Rebenhügeln und fruchtbaren Gefilden dahinrauscht, und er -eigentlich doch immer nur das große, sagenumwobene Idyll eines Flusses -ist, entwickelt sich die dem Busen des Riesengebirges entquellende -Elbe auf verhältnismäßig kürzerem Lauf durch sozusagen nüchternes Land -zur monumentalen Größe, die zu unserem technisch merkantilen Zeitalter -eher passen will als die Poesie des romantischen Rhein! Berlin ist ja -zweifellos politische Reichshauptstadt. Aber das Tor, das uns mit allen -Erdteilen verbindet und bei aller merkantilen Einseitigkeit doch das -Sigillum der zukünftigen Groß-Großstadt Deutschlands schon jetzt an der -Stirn trägt, ist Hamburg. Wer's nicht glaubt, mag selbst hingehn. Das -kann durch keine Statistik, durch keine politischen Reden, sondern nur -durch die Augen erschaut und erfaßt werden. - -[Illustration: Tafel VIII - -Gottheil & Sohn, Königsberg, phot. - -Ostpreußische Küstenlandschaft] - -[Illustration: R. Hilbert phot. - -In der Norddeutschen Tiefebene] - -Wenn ich nun nicht auch auf der Ostseite Deutschlands den Weg durch -Pommern, Sachsen, Schlesien usw. zurück mache, so nur deshalb, weil -mir im Laufe der Betrachtungen klar geworden ist, daß das eigentlich -ein Buch für sich gäbe. Nur so viel zum Schluß: Aller Chauvinismus -ist mir in der Seele zuwider, und das Lied: »Deutschland, Deutschland -über alles« ist zwar als politisches Lied verständlich, und ich -kenne kein schöneres Ziel, als daß das Lied wahrgemacht würde: daß -Deutschland Europas und der Welt _Musterstaat_ würde. Aber die Liebe -zur Heimat schließt die Erkenntnis nicht aus, daß die ganze Erde und -alle Länder voller Wunder sondersgleichen sind. Nur sollen wir beim -~A~ anfangen, und unser ~A~ ist Deutschland, das Land, das bei aller -Festgründigkeit doch das wandelbarste, das entwicklungsfähigste der -europäischen Kulturländer ist. Schon darum ist es des Wanderers Sache, -einmal zunächst seine eigenen Gaue zu schauen. Um so klarer wird er die -Schönheiten anderer Länder zu würdigen wissen. - -[Illustration: Phot. U. Rheinboldt. - -Halligwerft.] - - - - -An die Alten und die Jungen. - - -In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, und in -den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends müssen am -Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge gesagt werden. Denn es ist -nicht gleichgültig, wie der Sauser des nahenden Herbstes ins Stadium -kommt -- wie sie drüben über dem Rhein sagen -- und wie der neue Most -sich bis zur Klärung gebärdet. Da kommt es erheblich auf die Schläuche -an. - -Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der wir so -viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den Kenntnissen -der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher entweder allzu -verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper rechnen müssen. Denn -dieses größte aller Wunder der Natur hat da auch sein Wort mitzureden. -Wir wissen heute, daß eine sündhafte Verschwendung von Kraft in der -Richtung moralischer Anstrengungen gemacht wird und daß der heilige -Antonius und viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende -Menschen viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß -das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt -worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen, -mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen und der -Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen Kulturmenschen -Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit in jedem Sinne eine -Nationaltugend werden. Vor allem beim Wandern, wo die Verführung zum -Gegenteil so groß ist. - -Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. Das andere -ist nur für die Alten. - -Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger noch -nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige Einbildung -zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, wo _sie_ jung -waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon Salomo, man findet ihn -bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um eine Gedankenverkalkung, -die niemand aufgeben will. Und doch spricht schon allein der Gang der -Weltgeschichte dagegen. Aber es braucht noch mehr. Wir älteren Semester -sollten es wieder anstreben, die Jungen nicht nur zu schulmeistern, -sondern auch von ihnen zu lernen. Schon deswegen, weil wir so selber -jünger bleiben, als wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer -Philisterweisheit zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen -Gebrauch machen von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die -Jungen als Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen -- denn sie sind mit -Recht anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit --- unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher -Kameradschaftlichkeit mitteilen. - -Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie zum Kampf -gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und exklusive Tendenzen -aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen älteren Stillen im Lande, -die sich von irgendeiner guten Tante weismachen ließen, sie seien zu -alt zum Wandern. - -Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das Wandern! -So würde ganz ohne Lärm und Organisation und Agitation ein Geheimbund -der alten Herren, eine Brüderschaft vom geruhigen Wanderschuh -entstehen, deren Mitglieder schon durch ihr Dasein beschämend und -anfeuernd auf die Jugend wirken könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der -Unentwegten, ein Fähnlein der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und -ohne Vereinszeichen. Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein -gut pochendes Herz, das jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose -und ähnliche überflüssige Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an -die Jugend, besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre -Flammen, wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des -Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der alten -Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange ergeben und -die Flinte ins Korn geworfen haben. - -Und warum? - -Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden Trick der -modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen sind, den -wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, die _Bewegung_, nach und nach -an sich zu ziehen und aus den Menschen immer mehr Stückgüter zu machen, -die zur Beförderung übernommen werden, sei's auf dem Motorrad und Auto, -oder auf der Eisenbahn und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer -und im Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben -verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität -Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren Semestern -lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender Zuvorkommenheit -wird alles an uns herangebracht. Das Kino erspart uns bald das Reisen, -und wer weiß, bald können wir vielleicht in unseren vier Wänden prima -Schwarzwaldluft atmen, die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen -zuführen wie Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen -Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, und -unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll und schöpferisch -abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper zucken. - -Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben! -Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher -Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: Mein -alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche einmal in der -Stadt besuchte und die vier Stunden her und die vier Stunden heim -ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der jetzt auch schon 80jährige -leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen Familie das allsonntägliche -Wandern eine Art Gottesdienst war und dessen Frau und Kindern ich -es heute noch danke, daß ich mit meinem erheblichen Talent zum -Stubenhocker und Bücherwurm schon in jungen Jahren den Segen kennen -lernte - - _vom Wandern, ja vom Wandern_. - - - - -Die Natur. - -Ein Schlußwort. - - -Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen -- unvermögend, aus -ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein zu kommen. -Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes -auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme -entfallen ... - -Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie; was war, -kommt nicht wieder: alles ist neu und doch wieder das Alte. - -Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich -nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre -Werkstätte ist unzugänglich ... - -Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist -die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den größten -Kontrasten: ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung; zur -genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer -Werke hat ein eignes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten -Begriff, und doch macht alles eins aus. - -Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie -nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig und ist kein Moment Stillstehen -in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie -ans Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre -Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar. - -Sie läßt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Toren über sie richten, -Tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an allen -ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung ... - -Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt -mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. Sie macht alles, was sie -gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumt, daß -man sie verlange; sie eilt, daß man sie nicht satt werde ... - -Sie hat _keine Sprache noch Rede_, aber sie schafft Zungen und Herzen, -durch die sie fühlt und spricht. _Ihre Krone ist die Liebe_; nur durch -sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und -alles will sie verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammen -zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für -ein Leben voll Mühe schadlos ... - -Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, -erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und -schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. -Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. -Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise -und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein -Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu -gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken ... - -Sie hat mich hereingestellt. Sie wird mich auch herausführen. Ich -vertraue mich ihr. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist ihre -Schuld, alles ist ihr Verdienst. - - * * * * * - -Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer Unfähigkeit, die -ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches auszusprechen, so -wird man die theoretische Gleichsetzung von ~natura~ mit ~deus~ bei dem -jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit hat sich neben einer -tiefen Erfassung des von Goethe gelebten Lebens eine Goethelithurgie -entwickelt, die sich nur durch einen unfreiwillig zugegebenen Mangel -an weiteren und höheren Zielen bei den Anhängern dieses neuesten -heidnischen Kirchleins erklären läßt. Da ist es in den Tagen, wo -jeder zweite gebildete Deutsche die wie allzuguter Wein etwas ölig -gewordene Weisheit des alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier, -vielleicht am Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch -nur gedachten und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches -herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen, -aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die abgeklärte, aber -doch schon durch den Abendstaub des müden Wanderers behaftete Weisheit -noch nicht zierte; jene Altersreife, durch deren Genuß man zwar schön -kristallinisch, aber doch eben als Goethephilister versteinert. Auch -gar nicht philiströs veranlagte Männer unserer Zeit sind bis zu einem -Grade erkrankt an diesem modernen Goethekultus, daß sie -- ~faute -de mieux~ -- Goethe zum alleinseligmachenden Propheten des neuen -Deutschland erhoben. - -Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz -entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen Klarheit und -in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden Reichtum der -Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das vorliegende kleine -Buch für manchen, der auch mit dem Herzen wandert, eine Hilfe, um sich -aus der Zerklüftung der Welt, wie wir sie sehen, in die Einheit dessen, -was dahinter liegt, zu retten. Nicht allein mit dem Verstand, der zwar -ein gutes Handwerkszeug, aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem -aufmerksamen Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so -dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; sondern mit den -schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und dazu mit jener sanften -Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu fürchten hat, weil sie nach -des jungen Goethe prophetischen Worten die einzige Möglichkeit ist, uns -der Natur zu nähern: _Die bewegte Stille der Liebe._ - -[Illustration: Phot. J. Hartmann. - -Im Riesengebirge.] - - - - -[Illustration: Dekoration] - -KOSMOS - -Gesellschaft der Naturfreunde - -bietet für jedermann einen - -_billigen_ und _guten_ - -Lesestoff - -_Belehrend_ -- _Unterhaltend_ - -Jedes Mitglied erhält für den Preis von vierteljährlich - -nur 7.50 - -jährlich 12 reich bebilderte Monatshefte und 4 packende Bücher erster -Schriftsteller kostenlos. - -Treten sie sofort bei oder verlangen sie Prospekt bei Ihrer -Buchhandlung oder der Geschäftsstelle des Kosmos, Stuttgart - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER *** - -***** This file should be named 64200-0.txt or 64200-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/6/4/2/0/64200/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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