summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/64200-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/64200-0.txt')
-rw-r--r--old/64200-0.txt4354
1 files changed, 0 insertions, 4354 deletions
diff --git a/old/64200-0.txt b/old/64200-0.txt
deleted file mode 100644
index 2e85fc3..0000000
--- a/old/64200-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,4354 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Der Wanderer, by Anton Fendrich
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Wanderer
-
-Author: Anton Fendrich
-
-Release Date: January 02, 2021 [eBook #64200]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Ein im Original unleserlicher
- Name wurde durch *** ersetzt.
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-
-
-
- Der Wanderer
-
- Von
-
- A. Fendrich
-
- Mit 8 Tafeln und zahlreichen Textabbildungen
- nach Originalaufnahmen
-
- Sechste Auflage
-
- [Illustration: Signet]
-
- Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
-
-
-
-
- ~Copyright 1920 by
- Franckh'sche Verlagshandlung
- Stuttgart~
-
-
- Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
-
-
-
-
- Meinem guten Kameraden
- in Treue
-
- Weihnachten 1912 Der Verfasser
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Allgemeines und Historisches.
-
- Das Wandern, ja das Wandern 5
-
- Aus alten Scharteken 12
-
- Von der Heimat 16
-
- Zur Psychologie des Wanderns.
-
- Vom Rhythmus der Jahreszeiten 19
-
- Allerlei Heimatschutz 24
-
- Schauen, nicht schwärmen 28
-
- Wenn wir uns selbst im Lichte stehen 30
-
- Vom Horchen in der Stille 33
-
- Vom Überhopsen 37
-
- Wie man wandern soll.
-
- Mit Kindern 41
-
- Vom Kränzewinden 43
-
- Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen? 45
-
- Der Wanderschuh als Erzieher 47
-
- Was man braucht.
-
- Des Wanderers Kleid 51
-
- Der Rucksack 53
-
- Von den Schuhen und den Füßen 55
-
- Vom Essen und vom Trinken 58
-
- Vom Knipsen 63
-
- Menschlich-Allzumenschliches.
-
- Aphorismen 70
-
- Menschen 73
-
- Hinaus! 76
-
- An die jungen Männer 80
-
- An die jungen Mädchen 81
-
- Vom neuen Wandern.
-
- Von Wiesen und Bäumen 83
-
- Vom Wald 86
-
- Von der Heide, der Marsch und der Geest 89
-
- Wie man Städte ansehen soll 94
-
- Die deutschen Lande 99
-
- An die Alten und die Jungen 106
-
- Die Natur. (Ein Schlußwort) 109
-
-
-
-
-»Das Wandern, ja das Wandern --«
-
-
-[Illustration: Phot. Ad. Saal.
-
-Wandervögel.]
-
-Schlicht, fast dürftig kommen sie dahergezogen, die fünf Wörtlein im
-alten Liede »vom Wandern«, ja »vom Wandern« -- und bergen unter ihrem
-unscheinbaren Gewande ganze Welten. Stürmisch und laut jubelnd, dann
-wieder mit gedankenschwerer Bedächtigkeit oder vor sich hinschlendernd
-mit leichten Sinnen, dann aber auch einmal ausschreitend in festem
-Schritt stämmiger Männlichkeit und schließlich leise auf den
-Zehenspitzen gehend und geheimnisvoll nickend und mahnend, so kommen
-sie immer anders wieder im Kehrreim des Liedes, die tiefen, schlichten,
-kleinen Worte.
-
-Was ist's, das aus ihnen singt wie helle, hohe Knabenstimmen an einem
-keuschen, kühlen Taumorgen? Was ist's, das aus der Zeile schwingt
-wie dumpfes Geläut von versunkenen Glocken? Was klingt aus ihnen wie
-klarer, harter Männergesang von rauhem Felsenweg herab? Und was ringt
-sich aus ihnen los und nickt und winkt wie verborgene Weisheit?
-
-Es ist das Leben, das brausende und sausende, das liebe und trübe; das
-Leben, in dem nicht weit von den Wiegen die Särge stehen; das Leben,
-das Glück und Leid nebeneinander auf die gleiche Bank gesetzt hat; das
-Leben, wo der Männerklarheit sentimentale Schwäche ins Handwerk pfuscht
-und wo die Weisheit nicht so weit von der Narrheit wohnt, daß sich die
-beiden nicht die Hände reichen könnten.
-
-Mensch sein, das heißt nicht nur Kämpfer, sondern auch Wanderer sein.
-In allen Dingen. Wer nicht gelernt hat, _alles_ als Wanderer anzusehen,
-mit hellen, unbestechlichen Augen, aber auch mit dem warmen Glanz
-der Güte; wer nicht weiß, stets vor sich hinzusehen auf den Pfad und
-dessen Hindernisse, anstatt die Nase in der Luft zu tragen; wer nicht
-ohne Wehmut und ohne Haß alles hinter sich lassen kann, Schönes und
-Häßliches, an dem er einmal vorbeigeschritten ist, der kennt nicht das
-Geheimnis des Wanderns.
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Gewitterstimmung an der Havel.]
-
-Leicht und hell sollen wir wandern: über Berg und Tal, im Ringen um die
-Anhöhe einer befreienden Weltanschauung, im Kampf um Brot und Heim, wie
-auch im dunkeln, dumpfen Gedränge der feindlichen Gewalten in unserer
-Brust; immer sollen wir Wanderer sein, vom Frühling bis in den Winter
-unseres Lebens. Immer müssen wir bereit stehen mit gegürteten Lenden
-und dem Stab in der Hand, weiter zu gehen, vorwärts zu dringen und
-aufwärts.
-
-So ist das Leben oder soll es sein. Leben sollen wir und streben, nicht
-kleben.
-
-Das müßte aber ein schlechter Wanderer sein, der immer nur Sonnenschein
-und linde Lüfte erwartete für seine Fahrten und es nicht erfahren
-hätte, daß Regen und Sturm und Nebel und Kälte nichts sind als gütige
-Gaben, die wir mit ebenso dankbaren Händen nehmen sollten wie die
-Himmelsbläue und die Balsamdüfte der guten Tage. Denn wir werden der
-ganzen Herrlichkeit des strahlenden Himmelslichts nur inne, weil es
-nicht _immer_ scheint. Alles Immerwährende wird Zustand. Und »Zustand«
--- hat Goethe einmal gesagt -- »ist ein grauenhaftes Wort«. Leider ist
-in der Zeit des Goethedienstes das Wort fast unbekannt. Jeder Zustand,
-auch der schönste, wird auf die Dauer gähnende Langeweile. Wer einmal
-eine lange Prozession wolkenloser Sonnentage im weiten Süden über sich
-ergehen lassen mußte, der weiß erst recht den wirren Wechsel unseres
-Klimas zu schätzen. Nur ständiger _Wechsel_ ist beglückendes Leben, und
-das Wandern beglückt und entzückt uns nur aus dem gleichen Grunde.
-
-Das Wandern von allem zu allem im Weltall, das allein erhält das Leben
-und läßt es nicht versinken. Das Eisenmolekül wandert durch die Adern
-unserer Schläfen; der elektrische Funke wandert in seinem rasenden
-Tempo durch die Meere von Erdteil zu Erdteil; die Berge wandern,
-langsam abbröckelnd, in Jahrmillionen durch die Flüsse in die Ebene und
-ins Meer; und unsere Mutter Erde wandert seit Jahrmilliarden dankbar
-und treu um ihre Lebenspenderin -- die Sonne.
-
-Das monotone Motto der ständigen Bewegung, wie es der griechische Weise
-in den zwei Worten: »Alles fließt« geprägt hat, müßte farbiger und
-richtiger heißen: »Alles wiegt, alles wogt, alles wandert.«
-
-»Das Wandern, ja das Wandern!«
-
-Da kommen sie schon wieder, die fünf klugen, kleinen Worte, wohlgemut
-und froh. Und es ist auf einmal, als ob ein Tor aufgeschlagen würde,
-durch das wir aus dumpfer Enge weit hinaussehen in die sonnige Welt;
-es ist, als ob wir einen einsam über Hügelhöhen schreitend erblickten,
-einen Wandergesellen, der, aller Abenteuer gewärtig, frohgemut den
-Stecken schwingt und in die reinen Lüfte singt, was seine Brust
-erfüllt. Das Wehen und das Rauschen des Walddoms, das übermütige
-Geglucker der kleinen Wiesenquellen, das Bimmeln und Läuten ziehender
-Herden -- alles das lebt in den fünf kleinen Worten. Sie singen vom
-Frohlocken eines heimlichen Königskindes, das sich verlaufen hatte und
-in Gefangenschaft geraten war und nun jubelt über die wiedergewonnene
-Freiheit -- des heimlichen Königskindes, das sich nun wieder tragen
-lassen darf von den Wogen eines größeren Lebens, auf denen es neue
-Fahrten wagt nach neuen Ufern.
-
-Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, das ist der
-wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der Tod ist umsonst,
-und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht lumpen lassen
-wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was haben wir zu geben.
-Nichts als das Leben.
-
-Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, daß sie aus
-der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle Entdeckungsreisen,
-deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz ihres Lebens seinen
-ganzen, großen Wert erhält.
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Heimkehr.]
-
-Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen Berufen,
-besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten daher, daß das
-Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein langweilig pendelndes
-Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, dann wissen sie genau, wie
-der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein wird, wann sie befördert und
-wann sie pensioniert werden, um »in Ruhe« ihre letzten Tage genießen
-zu können. Das Unerwartete, das Unerhörte, kurz das Abenteuer spielt
-in ihrem wohlregistrierten Leben keine Rolle mehr. Ihre Existenz ist
-ein unveränderliches Programm mit festliegenden Nummern. Ihr Dasein
-ist so sicher eingeschachtelt, daß es nicht wundernehmen kann, wenn
-die Sehnsucht nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem
-schrillen Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen
-Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler tüchtiger
-Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, daß
-Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller Heimlichkeit als
-Ausgleich dienen müssen.
-
-Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern?
-
-Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger
-Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in unserer Zeit deshalb
-so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen von dem leichten Sinn
-und dem sonnigen Humor derer, denen das Wandern eine Kunst war und die
-auch durch des Lebens Gefilde lieber tanzend schritten als keuchend.
-Da muß ich an meinen alten Onkel Schang denken, der sein Leben lang
-ein Wagnergesell war und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa
-durchzog, von Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die
-Türkei. Er rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr
-keine geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er
-wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle paar
-Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es nicht aus.
-Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er war sein Lebtag nie
-fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal gar zu zäh ausforschten,
-warum er wieder in der Welt umherfahren wolle, er, ein so geschickter
-Krummholz, der zu Hause doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob
-er den Zeigefinger in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen
-kleinen Vorträge: »Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen
-auf der Erde: wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach
-ein wenig zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?«
-Natürlich brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der
-Onkel Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große ~W~! Alles Große fängt
-mit einem ~W~ an. Das große ~W~ ist das erste, was wir schon von der
-Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber fuhr
-ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen ~W~ an und der Wald
-und das Wandern und die Weibervölker und die Wunder, von denen ihr
-nichts versteht; und die Weisheit, die ihr noch lange nicht mit Löffeln
-gefressen habt, wenn ihr's auch meint; und die Wahrheit, die ich euch
-jetzt um die Ohren schlage!« Er machte eine Pause und sagte zuletzt
-ganz leise: »Und der Wein!« Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig
-schon überschritten.
-
-So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit dem
-Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war ein lustiger
-Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf für einen Taugenichts
-gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein anderer Sohn des Dorfes,
-der in die Welt gegangen und ein berühmter Schriftsteller und Dichter
-geworden war. Beide wurden zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch
-gab dem »Dorflumpen« die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau
-in wallendem Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den
-Tannensarg und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen
-ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab des
-berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge umstanden war,
-schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte die Menschenmenge
-ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!«
-
-Ja, die Dichter, die haben's mit dem Wandern. Wenn sie durch Wald und
-Felder ziehen, dann offenbart sich ihnen das Leben. Aber ein anderes.
-Es wird schon so sein, daß es mehr als eines gibt; nicht im Jenseits,
-von dem wir nichts wissen, sondern im Diesseits.
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Letzte Sonnenstrahlen im Heidewald.]
-
-Ich weiß einen Arzt, der nie eine Rose in seinem Garten schneidet,
-ohne das Messer vorher so gut geschliffen zu haben, als ob er es bei
-der Operation eines seiner Patienten brauchte. Und ich weiß einen
-großen deutschen Maler, der von der wehmutvollen Gebärde einer alten
-Silberpappel am Bodensee so ergriffen wurde, daß ihm ein paar Tränen
-über die Wangen rollten. Und ich weiß einen Dichter, den einmal nach
-einem fröhlichen Gelage in einer kühlen Weinlaube am Schwäbischen
-Meer einige zu Gast geladene Bekannte fragten, was er eigentlich über
-Gott und die Natur denke. »Blödsinnige Frage!« Das war zunächst seine
-Antwort. Als sie aber nicht abließen, gab er nach und sagte: »Na ja,
-wenn ich eben einmal draußen herumlaufe und nicht an blühenden Büschen
-und Hecken vorbeikomme, ohne ihnen mit der Hand über die Schöpfe zu
-fahren und ihnen ein gutes Wort zu sagen, dann, na ja, dann spür' ich
-eben etwas.« Die anderen sahen ihn, was nicht allein von den zu vielen
-Schoppen kam, starr und verständnislos an; der Dichter aber ärgerte
-sich darüber, daß er doch nachgegeben und Perlen verschleudert hatte,
-und fügte seiner Antwort noch vier kraftvolle Worte hinzu, an denen wir
-jedoch lieber in raschem Schritt und Tritt vorüberwandern wollen.
-
-Und zu guter Letzt, da die fünf kleinen, wissenden Wörtchen hören, daß
-von Dichtern die Rede ist, kommen sie noch einmal auf leisen Zehen
-herbeigeschlichen und sagen still und feierlich:
-
-»Das Wandern, ja das Wandern!«
-
-[Illustration: Phot. W. Groothoff.
-
-Fahrende Scholaren.]
-
-Und wieder geht ein Tor auf, und ich sehe, wie ein anderer Dichter,
-der erst vor kurzem heimgegangen ist und von dessen Existenz die Welt
-jetzt erst durch seine posthumen Werke erfahren hat, zusammen mit mir
-in einer warmen Sommernacht ausruht auf einer weiten Bergwiese. Wir
-sahen in das Zucken und Lodern der Welten am Himmelszelt und schwiegen
-miteinander. Da kam ihn auf einmal die übermütige Laune derer an, die
-mit lebendiger Seele sterben, und er sagte: »Eigentlich sind wir doch
-hier nirgends als in einer Weltallsherberge -- Allerweltsherberge«,
-korrigierte er sich lachend. »Diejenigen, welche zu tief in der Kreide
-stehen oder sich der Hausordnung nicht fügen wollen, werden nach
-mehrmaliger Verwarnung hinausgeworfen vom Hausknecht -- dem Herrn Mors.
-Ich meine immer, sie lassen mich nicht mehr lange sitzen.« So sprach
-er mit tragischem Humor! Er wußte, wie es um ihn stand. Dann spürte
-ich seine Hand an der meinigen und hörte seine immer noch metallen
-klingende Stimme einen Reim sagen wie eine Strophe, die aus einem neuen
-Wanderlied in die warme Sternennacht hinausklang:
-
- »Komm, wir wollen wandern,
- Von einem Stern zum andern ...«
-
-Bald darauf ging er, ein kosmischer Wanderer. Wir aber, die anderen,
-die noch nicht so weit sind, wollen zuerst einmal das Wandern auf
-_unserem_ Stern und auf gutgesohlten, irdischen Stiefeln erlernen.
-
-
-
-
-Aus alten Scharteken.
-
-
-[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting.
-
-Portal einer Schloßkapelle in Burghausen.]
-
-Der Sinn zum Wandern kann nicht erworben werden, auch nicht durch die
-Mitgliedschaft zu einem der vielen Wandervereine, wie sie jetzt unter
-dem warmen Regen der »Naturbewegung« aus dem Boden schießen. Es ist mit
-dem Wandern wie mit dem Glauben. Es muß etwas Angeborenes sein, ein
-Geschenk -- wenn man will, eine Gnade. Daß die moderne Naturschwärmerei
-ein Erzeugnis unserer Großstadtkultur ist und daß dabei oft nur das
-Abenteuer, wie zum Beispiel eine im Heuschober zugebrachte Nacht,
-den Hauptreiz bildet, das wissen _alle Nüchternen_. Im Grunde ist
-das _modische_ Wandern eigentlich nur die Reflexbewegung der in öden
-Straßen, steinernen Mietkasernen und im Gewirr eines mit Licht- und
-Schallreklame arbeitenden Großhandels ermüdeten Menschen. Wer wollte
-das leugnen? Der Mensch der Großstadt streckt eben wie ein Kind die
-sehnsüchtigen Hände hinaus nach den Blumen und Bächen und Vögeln und
-Schmetterlingen eines verlorenen Paradieses.
-
-Aber erklärt das alles?
-
-Haben denn vor anderthalb Jahrhunderten die tobenden Universalgenies
-und die schmachtenden Werthers der »Sturm- und Drangperiode« nicht
-auch versucht, ihren Weltschmerz und ihre stürmischen Leidenschaften
-zu vergessen und zu ertränken im wonnigen Meer der blühenden
-Feldeinsamkeiten und im beredten Schweigen des Waldgeflüsters? Und
-all das, obwohl die lächerliche Ländlichkeit des Verkehrs in den
-Kleinstädten jener Zeit nicht so nervenzerrüttend war, daß der Durst
-nach dem »Busen der Natur« daraus hätte entstehen können. Das war die
-Zeit, wo man nach Einbruch der Nacht sich ohne Laterne im Schmutz auch
-der hochansehnlichsten Straßen von Residenzstädten nicht zurechtfinden
-konnte, und wo die damaligen Stadtpläne mit ihrem heimeligen
-Durcheinander von lauschig duftenden Gärten und kühl verschwiegenen
-Häusern geradezu ein Ideal für die heute so bescheiden gewordene
-Gartenbewegung darstellten.
-
-Das Wandern steckt dem Menschen eben von Anbeginn an in den Gliedern.
-Als Adam seine erste, überraschend schnell nötig gewordene Reise antrat
--- wer weiß, ob ihm trotz des Abschiedsschmerzes schließlich nicht das
-Herz aufgegangen ist ob all des Neuen, was er zu sehen bekam?! Um so
-mehr, als er seine Freude teilen und sie dergestalt doppelt genießen
-konnte. Wenn man es innewerden will, daß das Wandern eine alte Sucht,
-vielleicht auch eine alte Tugend eines Teils der Menschen ist, so
-braucht man nur die ersten Bücher aufzuschlagen, darinnen von der
-Menschheit Glück und Schmerz die Rede ist, den Pentateuch, die alten
-Propheten und -- ja nicht zu vergessen -- das Hohelied des Königs
-Salomo und die Weisheit des Jesus Sirach. Wenn es da irgendwo einmal
-ans Wandern geht, sei es bei dem Auszug aus Ägypten, was immerhin schon
-eine ganz ansehnliche Leistung gewesen sein muß, oder wenn der junge
-Tobias mit seinem kleinen Schnauzer und dem inkognito ihm als Führer
-dienenden Erzengel auf die Brautschau geht, jedesmal weiß der Chronist
-mit den einfachen Mitteln jener wuchtigen, schlichten Sprache eine
-Reisestimmung zwischen die Zeilen hinzuzaubern, wie sie eben nur der
-geborene Wanderer kennt und wie sie mit ihrem vorausleuchtenden Schein
-alles noch viel schöner vorauserleben läßt, als es in der Wirklichkeit
-wird. Und -- wohlgemerkt, die alten Mannen des Volkes Israel, die
-ja später das Wandern wie kein anderes Volk sozusagen als Schicksal
-lernen mußten, verstanden sich auf das genußfreudige, anspruchslose
-Wandern, ohne großes Getöse zu machen, und hatten dabei die Augen
-immer weit offen. Ich habe für diejenigen, die es nicht für Wert
-halten oder nicht die Zeit haben, die Originale selber nachzulesen,
-an anderer Stelle (im Kapitel vom Rhythmus der Jahreszeiten) Proben
-von Naturschilderungen im Alten Testament gegeben. Denn -- darüber
-sollten wir uns klar sein -- Wandern ohne eine innige Aufnahme der
-Natureindrücke durch ein »unbescholtenes, freies Auge«, wie es
-Gottfried Keller so wundervoll einfach nennt, das ist kein Wandern.
-
-In unserer germanischen Literatur sind die Beweise eines
-hochentwickelten Wandersinns zahlreich genug für jene Lust am Wandern,
-die nur eine andere Art von Frömmigkeit ist. Diese Frömmigkeit hat
-sich bei unseren Altvordern besonders in der Vergeistigung und in
-der plastischen Gestaltung der Naturgewalten und Naturschönheiten in
-Zwergen und Kobolden, Halbgöttern und Riesen, Waldfeen und Göttern
-gezeigt und ist nichts anderes als die Empfindung der eigenen Kleinheit
-und das Streben über sich hinaus. Der »Wanderer« -- wie oft tritt Wodan
-unter diesem Namen auf! -- was will er anderes, als das All liebend
-in sich aufnehmen und in das dunkle Haus des eigenen, trotz seiner
-Göttlichkeit der Zeit und dem Raum unterworfenen Wesens die Lichtfluten
-und Farbenwellen der ganzen Schöpfung einströmen lassen?!
-
-Wir besitzen in irischen Heldengedichten, die erst vor kurzer Zeit
-entdeckt wurden, Naturschilderungen von einer überraschenden Innigkeit.
-Dagegen sind alle historischen Urkunden, die über Wanderungen
-ganzer Völker oder auch einzelner Persönlichkeiten, besonders von
-Dichternaturen aus der Zeit von der Völkerwanderung bis zum 12.
-Jahrhundert, vorliegen, fast ohne jede Andeutung dafür, daß das
-Anschauen der Natur als Genuß empfunden wurde. Das Naturgefühl, d.
-h. der bewußte sehnsüchtige Drang, über das eigene Dasein hinaus nun
-am Leben der _ganzen_ Schöpfung teilzunehmen, flammt erst mit Franz
-von Assisi und dann allerdings mit einer Gewalt auf, wie sie nur zu
-erklären ist aus der jahrhundertelangen Unterdrückung eines menschlich
-seelischen Bedürfnisses.
-
-Die Technik des Wanderns und ihre Beschreibung in alten Scharteken,
-deren die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, lassen in
-ihrer spießbürgerlichen Umständlichkeit und in der altjüngferlichen
-Schreckhaftigkeit vermuten, daß die vorangehende Zeit der Renaissance
-mit ihrer ausgeprägten Wirklichkeitsphilosophie für Natur nicht viel
-übrig hatte. Daß dieser Sinn bei den Menschen der Renaissance stark
-zurückgegangen ist, darauf läßt u. a. auch die dürftige Behandlung
-der Landschaft in den großen Erzeugnissen der bildenden Kunst
-jener Zeit schließen, die eigentlich nur »den Menschen« kannte. Der
-Dreißigjährige Krieg und die darauffolgende Zeit des deutschen Barocks
-haben ihr übriges getan zur Vernichtung des erwachten Naturempfindens.
-Was wir dann später aus den Denkwürdigkeiten berühmter Leute aus
-dem 18. Jahrhundert kennen -- ich denke gerade an die Ängste der
-Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des alten Fritz, als sie
-»durch die fürchterlich beengenden Schluchten« des uns heute so sanft
-erscheinenden Thüringer Ländchens fuhr -- und was wir aus ähnlichen
-zeitgenössischen Schilderungen wissen, das ist für uns Menschen des
-Wanderns und Reisens, der Hochtouristik und der großen geographischen
-Entdeckungen einfach von erfrischendem Humor.
-
-Nicht weniger bekömmlich, besonders beim Eingeregnetsein in Gasthäusern
-oder Hütten oder als mittelbar wirkende Anregung vor Touren, ist
-das Lesen von alten Schmökern, wie z. B. »Die Kunst des Reysens im
-Schweyzergebirge« (1794) oder die Beschreibung der Fahrt, welche die
-Abgeordneten zum ersten badischen Landtag im Jahre 1806 vom Bodensee
-nach Karlsruhe zu unternehmen hatten, bei welcher Gelegenheit »außer
-vier höchlichst ermattenden Reysetagen in der Extrapost so an die
-sechzig Reichsgulden benebst Trinkgeldern« draufgingen.
-
-Alles das und vieles andre soll dem Leser nur zum Bewußtsein bringen,
-daß wir am Anfang einer ganz neuen Periode der Naturbetrachtung
-stehen und daß für uns bei aller Hochachtung vor dem hohen Stand
-vieler Naturbeschreibungen von Dichtern vergangener Zeiten das
-meiste doch zu den alten »Scharteken« gehört. Wir befinden uns eben
-auf der Schwelle einer Zeit, in deren Tempeln nicht nur einzelnen
-Bevorzugten, sondern einem großen Teil des Volkes die Tore geöffnet
-werden zu zergliedernd-populärwissenschaftlichem Erkennen der Natur
-als einheitlicher Schöpfung (was hat in dieser Richtung nicht allein
-schon die Kosmosgesellschaft getan!) wie auch zu seelischer Aufnahme
-der Naturschönheiten als Mittel der Daseinsbereicherung. Jedes soziale
-Streben, das dem industriellen Proletariat mit der Verkürzung der
-Arbeitszeit auch den Ersatz für grobsinnliches Genießen gibt, wirkt von
-selbst in dieser Richtung. Uns muß die analytisch erkannte Natur wieder
-_erlebte Offenbarung_ werden, so wie es Byron in einem für unsere
-rasche Zeit nun auch schon zur »Scharteke« gewordenen Buche aussprach:
-
- »Sind Berge, Wellen, Himmel nicht ein Teil
- Von mir und meiner Seele, ich von ihnen?«
-
-Was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Menschen, die Augen
-hatten, zu sehen, in alten Scharteken gesagt wurde, das muß endlich
-einmal für uns Kulturmenschen _eroberte und festgehaltene Wirklichkeit_
-werden. Sonst sind wir auch auf diesem Gebiet nicht Erfüller, sondern
-Vergeuder dessen, was die Vorzeit uns vorgearbeitet hat. Denn wir
-sollen nicht mehr als blinde Bettler, sondern als sehende Herren einer
-reichen Schöpfung dankbar über die Erde schreiten.
-
-[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.]
-
-
-
-
-Von der Heimat.
-
-
-Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles im
-Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange ihr großes
-Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt wurde durch lieblose
-Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, wandten in späteren Jahren
-der Heimat den Rücken, klagten über »die hohen Steuern« und ähnliche
-»Mißstände« und kamen schließlich in dem Gedanken an ihre zunehmende
-Arterienverkalkung nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie
-lebten im Winter in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und
-ihre Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo in
-der Fremde.
-
-[Illustration: Tafel I
-
-Rud. Lichtenberg phot.
-
-Pappelallee in Norddeutschland]
-
-[Illustration: W. Bandelow phot.
-
-Abend auf der Elbe]
-
-Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen die
-Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglich auch ihr
-Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines schönen Tages
-empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich vom Schneider ihres
-Vaterstädtchens -- ja gerade von _dem_ -- einen neuen Anzug anmessen zu
-lassen, oder wieder einmal Knackwürste mit Kartoffelsalat zu essen, so
-wie früher bei der Mutter. Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger
-Reise zu Hause angekommen sind, finden sie die scharfsinnigsten
-Gründe zu immer neuen Verschiebungen der Abreise. Die Nachbarn nicken
-wissend mit dem Kopfe und blinzeln einander zu: »Aha, das Heimweh!«
-Der Heimgefundene nimmt aber am zunehmenden Goldglanz, der sich über
-die Wiesen und Wälder und Dörfer seiner Jugendstreifereien legt, wahr,
-daß er erst am Entdecken der Heimat ist. Und dann kommt eine selige
-Zeit. Dann wird alles Alte -- die kleinen tosenden Bergbäche, aus deren
-Granitblöcken man als Sekundaner und als neuer Prometheus uneinnehmbare
-Burgen bauen wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man
-im Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten
-Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen der
-Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen der Vaterstadt,
-die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant vorkamen
--- all dies Alte wird neu und schöner. Eine ebenso unverstandene wie
-grenzenlose Dankbarkeit zieht einem durch das Herz, nur dafür, daß
-man gerade hier, in _dieser_ Heimat, in diesem Winkel, im Wirbel des
-brausenden Lebens ins Dasein geschoben wurde.
-
-[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark.
-
-Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.]
-
-Dieses Stück vom Hängen am Engen ist eine der starken Wurzeln, ohne
-die der _Mensch_ nicht werden kann. Die _Bodenständigkeit_ ist aber
-kein Hindernis dafür, daß die Krone des Baums sich ausbreite, weit
-über den Wurzelgrund hinaus. Das Weltbürgertum ist für lange noch nur
-eine Sache der Seele, und auch die _echte_ Demokratie ist vorerst nur
-im Reich des Geistes möglich. In dieser Welt der Erscheinungen hat
-alles Internationale seine Grenzen schon in der einfachen Tatsache
-der Stammes- und Rassenverschiedenheit der Menschen. Deshalb sind wir
-außer Alemannen, Schwaben, Märkern, Friesen usw. _zunächst Deutsche_.
-Und die Entdeckung _Deutschlands_ ist -- obwohl sogar die beiden Pole
-keine »weißen Stellen« auf der Weltkarte mehr sind -- für die weitaus
-meisten Wanderer noch eine Tat der Zukunft. Wir kennen es nicht, unser
-Vaterland. So viele Dichter auch schon gesungen haben von der Schönheit
-der deutschen Lande, man hat im besten Falle gefühlvoll mitgesungen,
-alle die Lieder: »Von Frankreich bis zum Böhmerwald« und »Von dem
-Nordmeer bis zur Etsch«, aber _gesehen_, sehen _wollen_ haben es
-wenige, auch die nicht, die es vermocht hätten. »Dann lieber schon was
-Richtiges!« hieß es. Die Schweiz, Italien oder neuerdings auch Indien
-und Japan.
-
-[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.
-
-Vorfrühling am Bach.]
-
-Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer feinsten
-Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seine indische Fahrt
-berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom Sichfremdfühlen
-in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; sein _Herz_ ging
-erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in herber, großer
-Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, die wer weiß
-was alles an Sturm und Donner, an Blitz und Licht gebären wollten,
-wieder an die Größe unserer nordischen Heimat erinnert wurde, »darin
-wir uns das verlorene Paradies selber bauen müssen, weil wir dort im
-alten Eden fremd geworden sind«. -- Gott sei Dank, hätte ich fast
-gesagt zu dieser ergebenen Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch
-klaren Heimatsuchers und Dichters.
-
-
-
-
-Vom Rhythmus der Jahreszeiten.
-
-
-Wir fangen wieder an, etwas vom ewigen und beglückenden Wechsel der
-Dinge zu verstehen, obwohl uns die farbenschreiende Eintönigkeit
-des Stadtlebens die Sinne zur Wahrnehmung des Gewöhnlichsten in
-der Erscheinungswelt langsam geraubt hat. Wir ahnen es wieder, daß
-Leben nichts als Bewegung und Bewegung nichts als Wechsel ist.
-In der modernen Tanzkunst wird der Rhythmus, der nichts ist als
-bewußt geleiteter und organisch geordneter Wechsel, als Erlöser von
-Gedankenflucht und ähnlichen allgemein verbreiteten Nervenübeln, d. h.
-unrhythmisch ablaufenden unbeherrschten Körperfunktionen, mit Erfolg
-verwendet. Die Statistik entdeckt auf allen Lebensgebieten den Rhythmus
-als wichtiges Gesetz.
-
-Aber vom großen Rhythmus der Jahreszeiten, der besonders in unserer
-gemäßigten Zone die unterschiedlichsten Bewegungskurven aufweist, kennt
-die Menschheit, als Ganzes genommen, vorerst nur das grob Sinnfällige,
-die gegenseitige Erhöhung aller Schönheitsunterschiede. In den vier
-Jahreszeiten wird zwar auch schon vom harmlosen Gemüte genossen, aber
-die leisen Übergänge und die zahllosen verstohlenen Kostümwechsel,
-an denen sich die Natur in jeder Jahreszeit ergötzt, die sind auch
-Wanderern von langjähriger Vereinsvergangenheit immer noch mit mehr als
-sieben Siegeln verschlossen. Da gibt's nur eine Hilfe: »Schauen lernen!«
-
-In meiner Heimat fängt's schon an im Vorfrühling, wenn der müde Winter
-mit dem jungen Lenz seinen Strauß ausficht, und man, wie einmal
-Goethe seiner Frau v. Stein schrieb, »im streichenden Februarwind den
-kommenden Frühling riechen kann«. Da blühen bei uns neben schmutzigen
-Schneezungen ganz schüchtern die ersten blaßgelben Primeln, und
-in den vom Schneewasser der Berge dunkeln Bächen lassen sich die
-goldenen Sumpfdotterblumen rütteln, daß man nicht weiß, ob's ihnen
-dabei eigentlich angst oder wohl ist. Am Rande dunkler Wälder, die in
-ahnungsvollem Schweigen darauf warten, was denn da wieder kommen will,
-schluchzen sehnsüchtige Drosseln, die sich nichts mehr weismachen
-lassen von dem immer schwächer werdenden Tyrannen, obwohl er noch
-jeden Morgen mit Schneeschauern, seinen letzten Rückzugskanonaden, dem
-leisen Knospen in allen Tälern bange machen will. Vorsichtig nimmt
-der große Himmelsmaler von seiner Palette vorerst einmal nur die
-ganz lichten, dünnen Farben: blasses Smaragdgrün für die sprießenden
-Wiesen, schüchternes Indischrot für die treibenden Buchenwälder und ein
-milchiges Blau für das Firmament. Damit lasiert er mehr, als daß er
-forsch darauflospinselt, denn: man kann nicht wissen!
-
-[Illustration: Hohentwiel. Von Norden gesehen.]
-
-Aber in irgendeiner lauen, von Feuchtigkeit schwangeren Nacht und
-gerade dann, wenn natürlich kein Mensch es ahnt, wird heimlich alles
-neu; zuerst, wie es das Jungfräuliche an sich hat, voll beglückter
-Verschämtheit, dann aber mit der rasenden Inbrunst und mit der vollen
-Gewalt der Natur, wenn sie auf nichts mehr aus ist als auf das »Glück
-des heißen Diebstahls«. Mit satten Farben dringt die Schöpfung ans
-Licht, und der Himmel feiert wieder Hochzeit mit der alten Mutter Erde,
-die sich so gut auf die kosmetischen Künste, vielleicht sind es auch
-kosmische Künste, ewiger Verjüngung versteht.
-
-[Illustration: Zur Verfügung gestellt von der Dampfschiffgesellschaft
-Oberweser, Hameln.
-
-An der Oberweser.]
-
-Und während die Ebene sich schmückt, reicher denn eine Braut, haben die
-Berge alle Arbeit, mitzukommen. Aber wenn sie einmal in Feststimmung
-sind, dann geht es da droben in flottem Zeitmaß, und kaum ist die
-letzte Schneegrube versickert, da verwandelt schon die violette Pracht
-des mannshohen Wolfsmilchlattichs auch die greulichsten Schluchten in
-zauberhafte Hochzeitssäle für das leichtsinnige Volk der Mücken und
-Schmetterlinge. Die schwarzen Tannen regnen aus den Wipfeln Wolken
-von schwefelgelbem Blütenstaub über ihre eigenen Zweige. Kaum hat
-man sich's versehen, da bräunt sich schon nach einem kurzen heißen
-Sommer der spärliche Hafer auf den steinigen Feldern. Und noch einmal
-so lange, dann glühen die roten Beerenbüschel in dem Gezweig der
-Ebereschen, die überall im Schwarzwald längs der breiten, sauberen
-Straßen stehen wie Spaliere für heimliche Fürsten der Wanderkunst,
-unter denen manch einer oft nichts als eine erheblich flickbedürftige
-Kluft sein eigen nennt. Drunten in der Ebene vollzieht sich die Zeit
-des Werbens und der Erfüllung in viel majestätischeren Formen. Da
-wogen zuerst grün, dann blaßgelb und schließlich braungolden die
-Fruchtfelder, und überall erklingt das Lied vom Reichtum der Natur
-und der Armut der Menschen, die das Glück überall da suchen, wo es
-nicht ist, und es fast nicht mehr für menschenwürdig halten, wenn sie
-sich nicht in allerhand Sommerfrischen mindestens ebenso gelangweilt
-haben wie innerhalb ihrer eigenen Pfähle, anstatt in ihrer so nahen
-und für sie doch so unnahbaren Herrlichkeit. Denn sie haben fast alle
-Augen, die nicht sehen; Augen, vor allem, die nichts davon wissen, daß
-alles, was man über Bäume, Wolken, Wälder, Bäche sagen kann, nichts
-ist als dürftiges Wortgestammel. Sie wissen nichts davon, daß auch
-der ärmlichste Baum keine Viertelstunde lang am gleichen Tage der
-gleiche ist, und daß der Wind und die Sonne und die Luft und das in ihr
-verborgen schwebende Wasser und tausend andere Dinge diesen einfachen
-Baum fast jede Minute verändern und aus ihm ein wechselndes Schauspiel
-für jede empfängliche Iris machen.
-
-Auch was wir vom Winter wissen, ist nur erst der Anfang und nicht
-viel mehr, als was der feine Feuilletonist der Bibel, Jesus Sirach,
-mindestens auch schon wußte: »Durch des Herrn Wort fällt ein großer
-Schnee, und er läßt es wunderlich durcheinander blitzen, daß sich der
-Himmel auftut und die Wolken schweben, wie die Vögel fliegen. Er macht
-durch seine Kraft die Wolken dicht, daß Hagelsteine herausfallen. Durch
-seinen Willen wehet der Südwind und der Nordwind, und wie die Vögel
-fliegen, so wenden sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander,
-daß er sich zu Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun.
-Er ist so weiß, daß er die Augen blendet, und das Herz muß sich wundern
-solches seltsamen Regens. Er schüttet den Reif auf die Erde wie Salz,
-und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen an den
-Stecken. Und wenn der kalte Nordwind geht, dann wird das Wasser zu Eis.
-Wo das Wasser ist, da wehet er überher und zeucht dem Wasser einen
-Harnisch an.«
-
-So kannte Jesus Sirach in dem Libanonwinter, der um Damaskus herum sich
-sogar zum Skilaufen eignen soll, die Winterherrlichkeit, die wir jetzt
-erst entdeckt zu haben glauben, schon vor zweitausend Jahren.
-
-So ist der Wellengang der Jahreszeiten, von dem ich nur ein dürftiges
-Bild aus der Heimat selbst geben kann, in allen Gauen Deutschlands ein
-anderer, je nach der Bodengestaltung, dem Wasser- oder Waldreichtum und
-der Beschaffenheit der Ackererde. Aber in der gleichen Gegend fällt es
-keinem Frühling ein, genau so Einzug zu halten wie sein Vorfahre des
-vergangenen Jahres. Und so wie jeder Sommer und Herbst läßt es sich
-auch kein Winter nehmen, durch angenehme und unangenehme Überraschungen
-die Menschen immer wieder das alte »πάντα ῥεῖ« (alles fließt) zu
-lehren. »Mehr Freude!« heißt heute die Parole. Einverstanden. Aber wenn
-nur jeder Mensch versuchte, anstatt immer in sein Sorgenherz täglich
-aus dem Fenster heraus die tausend kalendermäßigen und ordnungswidrigen
-Szenenwechsel seiner allernächsten Umgebung zu beobachten.
-
-Aber jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und so ist denn, wo auch das
-Wandern im Winter zu den trivialsten Alltäglichkeiten gehört, wird das
-Bekenntnis nicht mißverstanden werden, daß unter den Jahreszeiten meine
-heimliche Liebe der Winter ist.
-
-Meine eigen heimliche Liebe ist doch die Zeit, wo in heimlichen
-Nächten die stille weiße Himmelsware des ersten Schnees auf die Welt
-herabsinkt, alle Ecken und Kanten in der Welt polstert und wattiert,
-den Wagen das Knarren und den Öfen das Faulenzen vertreibt, den Gäulen
-vor den Schlitten das Schellenzeug anhängt, und wo in der weißen
-Einsamkeit über heimliche Waldwiesen sich der erste Jauchzer eines
-beglückten Schneeschuhmenschen in die helle, kalte Winterluft schwingt.
-Das ist Tod und Leben zugleich, der weiße Tod um uns und das blutrote
-Leben in uns. Der schönste Gegentakt im Rhythmus zwischen Mensch und
-Natur.
-
-[Illustration: Phot. ~Dr.~ Biehler.]
-
-
-
-
-Allerlei Heimatschutz.
-
-
-[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel.
-
-Eine Braut aus der Lüneburger Heide.]
-
-Daß die Heimatschutzbewegung eine Kulturangelegenheit von tiefer
-Bedeutung geworden ist, wird kein ernsthafter Wanderer mehr bestreiten
-wollen. Der »Heimatschutz« macht so viel im guten von sich reden,
-daß es nicht von Schaden sein kann, wenn einmal der Empfindung so
-vieler Stillen im Lande Ausdruck verliehen wird, daß alles Wirken für
-Heimatschutz vor allem eine Sache persönlicher Begabung in dieser
-Richtung ist.
-
-Zwei Typen von Heimatschützlern, deren Wirken nach Kräften zu
-unterbinden die Sache eines jeden Freundes seiner Heimat sein muß,
-treten in den letzten Jahren besonders stark in den Vordergrund.
-
-[Illustration: Tafel II
-
-Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot.
-
-Erntezeit in Mitteldeutschland]
-
-[Illustration: H. von Seggern phot.
-
-Der Rhein bei Laufenburg]
-
-Das sind die Herren mit irgendeinem Titel und dann die Herren
-Privatiers, die sich aus reiner Langweile der »edlen Sache« opfern.
-Daß es viele hohe Beamte und Professoren ebenso wie im Ruhestand
-befindliche Geschäftsleute gibt, die geschickt und energisch ihre
-selbstgewählte Aufgabe als Schützer der Heimat auffassen, das schafft
-die Tatsache noch nicht aus der Welt, daß gerade Männer dieser
-beiden Sphären, die einen durch Überschätzung des Vereinswesens
-beim Heimatschutz und die andern, weil sie nur auf Erwerbung neuer
-»Freunde der Sache« aus sind, mancherlei Unheil anrichten und wenn
-auch nicht gerade hemmend, so doch auch nicht fördernd wirken. Die
-flammende Hingabe eines Rentiers, welcher der Erhaltung irgendeiner
-alten zerschlagenen wertlosen Sandsteinstatue viel Schweiß und Zeit
-opfert, in allen Ehren. Aber beides hat mit dem Geist des echten
-Heimatschutzes ebensowenig zu tun wie der verbindliche Tadel, den ein
-für alles »Völkische« interessierter Professor in wohlgesetzten und
-wissenschaftlich einwandfreien Briefen für jede Scheuerntür übrig hat,
-deren Besitzer oder Verfertiger nach seiner Ansicht nicht genügend
-stilrein vorgegangen ist. Daß es sich hier um keine Übertreibungen
-handelt, kann man fast aus jeder Nummer der trefflichen Zeitschrift für
-Heimatschutz lesen, deren Schriftführer mit achtunggebietender Geduld
-und Zartheit immer wieder seine beweglichen Klagen in dieser Richtung
-ausspricht.
-
-[Illustration: Mühle im Schwarzwald.]
-
-Was für den Heimatschutz nötig ist, das sind vor allem Männer, die mit
-ihrem ganzen Wesen in demjenigen Teil der deutschen Heimat wurzeln,
-dessen landschaftliche Eigenart sie erhalten wollen. Es sind Männer,
-welche die Sprache des Volkes verstehen und seine Art lieben und
-zu achten wissen. Wenn ein solcher die _tiefe Bedeutung_ und die
-_Notwendigkeit_ der _Naturschutzbewegung_ erkennt und den »Naturschutz«
-nicht als Konservatorium für einzelne Raritäten, seien es Bäume,
-Denkmäler oder alte Häuser, anschaut, _sondern im Sinne der Erhaltung
-des gesamten Landschaftsbildes als einer der Grundlagen unsrer
-Volkskraft und Volksgesundheit betrachtet_, dann wird er in einem
-Jahr mehr leisten als ein aus irgendeinem fernen Teil Deutschlands in
-fremde Verhältnisse versetzter Gelehrter mit all seinen unbestrittenen
-Kenntnissen und seinem anerkennenswerten sachlichen Eifer für die Sache
-in einem Jahrzehnt.
-
-[Illustration: Phot. Rud. Lichtenberg.
-
-Am Rand des Kiefernwaldes.]
-
-Eine praktische Möglichkeit, ganz unauffällig für Heimatschutz zu
-wirken, wird von unseren »Fahrenden« viel zu wenig benutzt. Wenn
-sie mit einem nicht offensichtlich zur Schau getragenen, aber mit
-wenigen Worten harmlos ausgesprochenen Beifall oder Tadel beim
-Vorüberwandern an einem kleinen alten Bauernhaus, dessen Fenster mit
-einem Flor blühender Geranien herausgeputzt sind, ihrer Empfindung
-Ausdruck geben, aber auch am Hof eines sogenannten Herrenbauern, der
-die Anfangsbuchstaben seines Namens mit Ziegeln meterhoch auf seinem
-Dach anbringen läßt, ihrem Mißfallen freien Lauf lassen, dann nutzt
-dies, wenn es häufig in einem Sommer geschieht, besser als Reden für
-Heimatschutz. Die Bauern sind in dieser Richtung viel feinfühliger, als
-junge Leute in der Stadt es sich träumen lassen, und alles auffällige
-Gebaren, besonders aber wohlwollend herablassende Vorträge haben die
-entgegengesetzte Wirkung. Die Bauern besitzen eine starke Empfindung
-für alles Gemachte. Ein Heimatschutz im positivsten Sinn des Wortes ist
-aber der stille Respekt, den die Wanderer vor dem einzelnen Menschen
-und vor dem ganzen Leben des Bauern auf ihren Fahrten an den Tag legen;
-der Respekt, der eigentlich nichts andres ist als das stetig wache
-Bewußtsein, hier zwischen den Äckern und Wäldern einer nicht standes-
-und vielleicht auch nicht stammesverwandten Bevölkerung _Gastrecht
-zu genießen_. Rechtlich liegt natürlich die Situation so, daß kein
-Wanderer den Bauern seiner Gegend, die er durchstreift, irgendwie zu
-Dank verpflichtet ist, selbst nicht, wenn es sich um Straßen handelt,
-die aus Gemeinmitteln gebaut sind. Aber die wirkliche Bedeutung des
-Bauernstandes als der Wurzel der Volkskraft (wohlverstanden nur als
-Wurzel, die ohne die Krone einer hochentwickelten Kultur in sich selbst
-nicht überschätzt werden darf!) liegt jenseits aller Sentimentalität,
-wie denn überhaupt alle _Bauernschwärmerei_ das sichere Zeichen von
-geistiger Mittelmäßigkeit und von Dilettantismus des nur nach »Kraft«
-sehnsüchtigen Dekadenten ist. Das schließt aber die sachliche Ehrung
-der Landbevölkerung und den ökonomischen Sinn für die Bedeutung des oft
-mit viel Schweiß und Gefahr eroberten Kulturbodens nicht aus. Man denke
-nur an den erbitterten Krieg, den die Bewohner der Vierlande mit der
-Schilf- und Rohrwildnis der Unterelbe zu führen hatten, bis jener Boden
-ihnen das tägliche Brot gab.
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Heimkehr vom Felde.]
-
-Jeder Wandersmann kann auf dem Lande bei den Bauern, die weder die
-»braven Menschen« noch die »hinterlistigen Brüder« sind, als die
-sie Oberflächlichkeit und Gescheittuerei gewöhnlich bezeichnen,
-unsagbar viel lernen, sowohl für den praktischen Sinn als auch für
-sein innerstes Leben. Denn die Helden des Alltags, die oft einem
-überschweren Schicksal eine harte Stirn bieten und mit hellen Augen in
-die unsichere Weite sehen, die sind am ehesten bei den »dummen Bauern«
-zu finden.
-
-Wer also nicht nur für schöne alte Bäume und malerische Felsstücke
-sich ins Zeug wirft, sondern für die Härte und Tragik eines rechten
-Bauernlebens auch Sinn und Achtung hat, erst der ist ein eifriger
-Schützer der Heimat. Es gibt seit uralten Zeiten einen Sport, und der
-heißt »das Volk lieben«. Man ist »leutselig«, geht unter die »niederen
-Klassen«, und wie das alles heißt. Besonders aber den Bauern treten
-Städter als vorübergehende Sommerfrischlinge mit taktloser Zuneigung
-nahe oder sie biedern sich, oft auch mit dialektischen Sprachversuchen,
-in Bauernstuben an, ohne zu ahnen, wieviel _Weltgift_ sie hinaustragen
-aufs Land und wie sie bei allem guten Willen _Heimatverderber_ sind.
-
-Mögen sie's lassen! Unsre Liebe zur Heimat sei _Liebe_! Aber das
-persönliche Verhältnis zur Heimat der andern Menschen, besonders der
-Bauern, sei achtungsvoller Abstand und unaufdringliche Freundlichkeit.
-
-
-
-
-Schauen, nicht schwärmen!
-
-
-Das Natur_schwärmen_ ist vom Übel. Es ist unmännlich, krankhaft
-und verschließt uns die Natur, anstatt sie uns zu erschließen. Das
-Schwärmen ist die letzte Betätigungsmöglichkeit entarteter Menschen.
-Sie machen aus dem Leiden eine Wollust und nennen sich gefühlvoll, ob
-es nun wehmütig verzückt auf Werthersche Art oder schmerzlich-frech
-nach Heine geschieht. Sie sehen die Natur mit _sentimentalen_ Augen
-und erwählen sie zu ihrer Freundin, weil sie es unter den Menschen
-und im Kampfgewühl nicht mehr aushalten. Aber über das gewaltige,
-unbeugsame Leben in der Natur sehen sie hinweg. Sie ahnen nichts von
-dem heroischen Kampf zartester Keimkräfte gegen die brutalen Gewalten
-von Kälte und Sturm. Sie sehen nichts von dem ständigen Sieg des nie
-erschlaffenden Werdenwollens und vernehmen nichts von den ewigen Wehen
-der unerschöpflich fruchtbaren Gebärerin. Das aber ist _heroische_
-Naturbetrachtung. Aus dieser Art des Schauens der Natur kann am
-ersten der Menschen Zusammenhang mit der großen Macht des Weltalls
-durchgespürt werden. Sie allein, die _heroische Naturbetrachtung_, ist
-des jungen Riesen Antäus würdig, der immer wieder lernen kann aus der
-unbeugsamen Zähigkeit alles Niedergetretenen. Und jeder junge Mann,
-jeder noch nicht in unveränderlicher Satzung verkalkte Mensch ist ein
-Antäus, der darauf zu achten hat, daß er auf der Erde bleibe -- der
-festen.
-
-Aber auch an einem anderen Kraftquell sollte er öfters trinken, der
-Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts.
-
-»Die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß auch _der_ Mensch
-sein, der sie betrachten will« -- hat einmal einer der tiefsten
-Erlauscher der Stille der Natur und einer der kraftvollsten Dichter
-und Kämpfer gesagt, Gottfried Keller. Die Welt der Großstadt, des
-Tramwaygeklingels, der Schaufenster und der Plakatsäulen hat uns die
-Zugänge zu der Stille der Welt verschlossen, in der die unterirdischen
-Quellen alles Seins rauschen. Wir müssen wieder danach auf die
-Suche gehen. Wir alle, die wir im Zeitalter der Erkenntnis und der
-kritischen Naturforschung glauben, das Leben zu haben.
-
-Erkenntnis als Resultat spekulativer Dialektik ist etwas Großes. Aber
-diese Erkenntnis allein tut es nicht. Das Wissen ist eine Macht;
-aber wenn es meint, alles zu wissen, so wird ein Wähnen daraus, eine
-blasierte Aufgeblasenheit, von der es zum geistigen Stillstand nicht
-weit ist.
-
-Es gibt noch andere Organe, um die Natur zu erfassen, als den
-kritischen Verstand: das unmittelbare Schauen, die tief ursprüngliche
-Empfindung, das _intuitive Erlebnis_. Diese bewahren uns vor der
-geistigen Verknöcherung, die sich auf dem Wahn gründet, alles kritisch
-erlernen zu können.
-
-Wir dürfen das _Staunen nicht verlernen_. Die Großstadt hat es fast so
-weit gebracht, daß die Menschen glauben, sie könnten alle Rätsel der
-Natur in kinematographischen Theatern und wissenschaftlichen Vorträgen
-gegen bescheidenes Eintrittsgeld gelöst bekommen. Wer aber nur einmal
-auf Bergeshöhen dem schweigenden Atmen der Natur gelauscht, wer je die
-fragenden Augen geschaut, die uns aus aller großen Einsamkeit ansehen,
-der legt vor dieser Stille bescheiden seinen Dünkel nieder.
-
-Das nimmt uns nicht die Lust, Kämpfer und Eroberer zu sein. Alles ist
-unser. Die Welt ist unser. Aber wir müssen in ihr bleiben, wie sie in
-uns -- _bleiben möchte_. Und wenn wir ihr das verwehren, dann werden
-wir mit der Zeit mürbe, wurmstichig und innerlich zerfallen, trotz
-aller hohen Ziele.
-
-[Illustration: Bad Tönnisstein in der Eifel.]
-
-
-
-
-Wenn wir uns selbst im Lichte stehen.
-
-
-[Illustration: Phot. Ad. Saal.
-
-Schloß Bebenhausen im Schönbuch.]
-
-Das tun wir leider fast alle, ohne es zu wissen. Wir ahnen es nicht,
-weshalb der »andere in uns«, der ewige Grübler oder -- wie er nicht
-übel in einem neuen Roman genannt wird -- der »ewige Deutsche«, unserem
-wirklichen helleren »Ich« so oft beim Schauen das Auge trübt. Wir hören
-es ja oft genug, daß wir beim Schauen die Sorgen und die Gedanken und
-die ungelösten Probleme zu Hause lassen sollen! Aber sie haben so lange
-Beine, unsere Grillen und Sorgen, und haben uns so lieb -- und wandern
-mit.
-
-Wie wird man sie denn los und dazu den »anderen in uns«, der immer
-etwas zu befürchten, etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß
-was darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an
-alles denkt«? Und dabei stiefelt er _mit den Augen am Boden_ durch die
-Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge und wagt es
-nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch einmal in den Tag
-hineinzuleben wie ein halber Herrgott. -- Wie ein halber, bitte!
-
-Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim Alleinwandern
-anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: »Ach, laß das alles
-da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was ist das? _Du_ bist das
-Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) bei alledem! _Du_,
-_deine_ Gedanken, _deine_ Pläne, _deine_ Sorgen!«
-
-Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sich hier nur
-um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, dann ist
-man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon um ein gutes
-Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche Eitelkeit,
-wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen alten
-Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten Wald- und
-Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf einmal ganz im stillen
-bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen Vorgang (und _solche_
-Gedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen werden!) ein seltsames
-Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das uns ganz verbindlich mitteilt,
-es sei doch eigentlich sehr nett, daß wir all diese Herrlichkeiten mit
-solcher Intensivität des Erlebens erfassen -- _als einer der wenigen
-unter den vielen_!
-
-Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der Störung des
-reinen Schauens durch das reflektierende Treiben der Gedanken, die sich
-zwischen uns und das Geschaute wie eine Nebelwand stellen. Anstatt uns
-zu helfen und uns die vor Augen liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren,
-strahlen unsere »Gedanken« und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit
-auf uns zurück. Daher das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wie
-_Zurückstrahlen_ bedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion
-beleuchtet als _Einzahl_, als »derjenige, welcher!«
-
-So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die tiefsten
-Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, genießen
-wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten Menschen
-automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn die Reflexion
-mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und uns z. B. in
-der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, wenn dieser oder
-jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild versunken, _so_ in
-dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, dann empfinden wir doch als
-Warnung ein fatales Gefühl im Hals!
-
-Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden Psyche.
-Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität auf
-ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin selber
-ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die Ursache ihrer
-verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie ganz sicher hier ihre
-wunde Stelle.
-
-Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen
-Störungen, in der Befolgung des Losungswortes: _Los von dir selbst!_
-Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten seelischen
-Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt!
-
-Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesen _verneinenden_
-Imperativ in einen bejahenden verwandelt. Der kann aber immer nur
-lauten: _Bewußte und innige Hingabe an das Ganze!_
-
-[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub.
-
-Ruine Giersberg in den Vogesen.]
-
-Immer nur an das _andere_ oder an _die_ anderen denken! Nicht an »_den_
-anderen in uns«! In unserem Falle heißt das: Mit ganzer Seele und
-mit allen Kräften die Landschaftsreize auf sich wirken zu lassen und
-jeden Gedanken (sei es auch nur die bei Malern und Schriftstellern so
-leicht sich einstellende Überlegung, mit welchen technischen Mitteln
-der Eindruck des geschauten Naturbildes wiederzugeben wäre) kühl und
-gelassen übergehen und desto heller aus sich selbst heraussehen!
-
-Das ist gar keine kleine Arbeit.
-
-[Illustration: Tafel III.
-
-E. Stöbe phot.
-
-Sommerzeit in Posen]
-
-[Illustration: H. von Seggern phot.
-
-Holländische Tjalk auf der Unterelbe]
-
-Aber sie verlohnt sich, und eines schönen Tages wird man ganz
-unvermutet des Glückes innewerden, das die alten deutschen Mystiker
-»seiner selber ledig sein« nannten. Da werden Nebelhüllen fallen, und
-man wird das Schauen lernen. Das Schauen der Natur oder, wie Spinoza
-sagt, »~naturae sive dei~« (der Natur oder Gottes).
-
-Dann lebt man im All als eines seiner Teile, und keines der geringsten;
-als ein lebendiges, bewußtes Glied der Schöpfung, aber _in_ ihr,
-_mit_ ihr und sie _in_ uns, in uns und _mit_ uns. Weiter aber, als
-in der Natur das wiederzufinden, was man in sich selbst zum eigenen
-beglückenden Staunen entdeckte, weiter bringt es kein Sterblicher. Das
-heißt man reif sein! Dann steht man sich nicht mehr im Wege, und der
-»andere in uns« hat das Schweigen gelernt, das _wir_ allerdings _unter
-den_ anderen zuvor geübt haben müssen. Wenn er aber nicht mehr _in
-Gedanken_ mit uns reden kann, ist er tot. Aber oft tut er nur so. Denn
-er ist zählebig wie alles Niedere.
-
-[Illustration: Phot. Rud. Lichtenberg.
-
-»Dort drunten in der Mühle.«]
-
-
-
-
-Vom Horchen in der Stille.
-
-
-Der Kampf gegen die Klaviere ist in den Städten auf der ganzen Linie
-entbrannt, wenn auch noch nicht mit dem ganzen wünschenswerten Erfolg.
-Mit der Zeit wird es an einem ernsten Krieg gegen die Grammophone
-auf den Dörfern nicht fehlen dürfen. Aber es scheint, daß sich eine
-neue musikalische Influenza vorbereitet, und zwar besonders unter
-den Wanderern. Sie ist lange nicht so schlimm. Aber die Gefahr ist
-da. Die Laute, womöglich mit verschiedenfarbigen Bändern geziert,
-soll das Instrument der Zukunft werden. Wie aus allem, was aus der
-Hand künstlerisch interessierter und für das Volkswohl begeisterter
-Geschäftsleute kommt, so wird auch hier aus einer Wohltat eine Plage.
-Die Welt der »Fahrenden« wird überschwemmt mit Preislisten von
-fabelhaft billigen und klingenden Lauten.
-
-[Illustration: Phot. O. Mayer.
-
-Feldsee im Schwarzwald.]
-
-Mein Sohn, ich warne dich vor dem Mann mit der Zupfgeige. Er wird sich
-dir harmlos lächelnd und verbindlich grüßend nahen, und zwar gerade
-dann, wenn du allein sein möchtest; und er wird dir sein allerneuestes
-»Liedel vorsingen«. Denn dieses so gern gebrauchte und verballhornte
-süddeutsche Verkleinerungswort ist ebenso oft Maskerade wie die blaue
-bayrische Zwilchjacke.
-
-Ich will dem Lautenschlagen und dem Zupfgeigenspielen und dem
-Klampfenzirpen gewiß nichts Übles nachsagen. Ich schlage sie selbst,
-die sechs Saiten. Aber ihm irgendwie das Wort reden braucht man nicht.
-Es wird auf diesen Tonwerkzeugen von lauten Dilettanten viel mehr als
-von stillen Künstlerseelen gewirkt. Womit der Dank für die vielen
-hellen Stunden, die ich einzelnen frohen Gesellen bei der Rast unter
-schattigem Laubdach und Künstlern wie Robert Kothe, Sven Scholander
-oder auch anderen nur in kleineren Räumen als dem Konzertsaal wirkenden
-Talenten schulde, nicht unterschlagen werden soll. Den Wanderer, den
-ich meine und der Ohren hat zu hören, soll in diesen Zeilen nur auf
-eine herrlichere Laute aufmerksam gemacht werden als die um 10 bis 60
-Mark beim Musikalienhändler zu erstehende.
-
-In allen deutschen Volksliedern, in den ältesten am meisten, kommt
-ein Reichtum von Gefühlen zum Ausdruck, die einem feineren Gehörsinn
-entstammen, als wir ihn noch besitzen. Mit so vielem anderen haben wir
-Kulturmenschen auch das Hören verlernt. Die zierlichen Sinneswerkzeuge
-im Gehörgang des Naturmenschen, Steigbügel, Hammer, Amboß, waren
-noch nicht durch wüstes Straßenbahngeklingel, Dampfsirenengeheul,
-Automobilhuppengetute und ähnliche Errungenschaften aus der Kunst des
-Sichvernehmlichmachens abgestumpft. Wir alle sind harthörig geworden.
-Nur so konnten Richard Strauß und andere Erfolge haben! Aber es gibt
-verborgene Wege, um uns aus diesen Orgien der Dissonanz zurückzufinden
-zu den Harmonien des verlorenen Paradieses, zu den heiteren und
-beruhigenden Schöpfungen unsichtbarer Schuberts, Mozarte und ähnlichen
-hellen Tongewaltigen.
-
-Jeder Wanderer, der allein seine Straße dahinzieht und vielleicht
-geistig und auch körperlich unter einem Übermaß von Eindrücken
-leidet, die wie eine Flut von Farben und Formen durch das enge Tor
-der Pupille in die Seele stürmen, versuche einmal in aller Ruhe
-während des Wanderns die Augen zu schließen und zeitweise blind
-weiterzumarschieren. Auf einem nicht zu schmalen Weg ist das viel
-leichter, als man sich's denkt, und außerdem eine ganz gute Übung für
-den Gleichgewichtssinn. Dann wird er durch die Hilfe des noch frischen,
-weil bisher fast gar nicht in Anspruch genommenen Gehörsinns eine
-neue Welt entdecken. Eine Welt, wo es mehr oder weniger tief, je nach
-dem Grade der Veranlagung des Wanderers, tönt und dröhnt, singt und
-schwingt von bisher unbemerkten Lebensäußerungen der Natur. Er wird mit
-der ganzen Frische unermüdeter Empfänglichkeit im Rauschen des Baches
-den Singsang und den rhythmischen Tanz der Melodien heraushören können,
-ohne die ein großer Tonsetzer wie Schubert niemals seine wundervollen
-Lieder wie »Ein Bächlein hört ich rauschen« u. a. hätte komponieren
-können. Er wird es verstehen, wenn Richard Wagner einmal erzählte, er
-habe seine Melodien »oft aus der Luft aufgefangen«. Die Achteltöne
-im leisen Sang der Grasrispen, die zitternden Terzen im Rauschen der
-Tannenwipfel und tausend kleine und große Lieder, die der Wind auf
-den unzähligen Harfen der Natur spielt, werden ihn Zeichen und Wunder
-vernehmen lassen.
-
-Um nur beim Gröbsten zu bleiben: Wie viele Fahrende kennen die Stimmen
-aller Waldvögel? Und wie wenige erst hören die zitternden Fugen auf der
-großen Orgel in der verlorenen Kirche des Waldes? Und die Gesänge der
-Geister über den Wassern? Und so viele andere ganz natürliche und gar
-nicht überirdische Klänge, die im Wald und auf der Heide, in den Tälern
-und auf den Bergen ertönen?
-
-Nicht von den Stimmungen ist hier die Rede, die liebende Jünglinge und
-Jungfrauen aus dem Wald heraushören, so wie sie sie hineinschmachten,
-denn da schreit's wirklich so heraus, wie man hineinschreit, sondern
-von dem objektiven Erleben der Lautwelt, die in der Natur ihr Dasein
-hat, und die wie alles in Farbe und Form Gestaltete uns vertraut
-werden kann. Es erhöht die Genußfähigkeit beim Wandern, wenn man das
-schwirrende, säuselnde, klingende und brausende Leben in Feld und
-Wald vernimmt. Die Indianer legen das Ohr an die Erde und vernehmen
-einen nahenden Reiter auf eine Stunde Entfernung. Wir müssen wieder
-Hörer werden, wenn uns Vieles und Großes, Treues und Wahres in der
-Verworrenheit unseres Daseins nicht verloren gehen soll. Und so wie
-bei Blind-, Stumm- und Taubgeborenen das Tastgefühl einspringt für die
-kranken Sinne, bis auch diese Stiefkinder der Natur auf ihre Art sagen
-können, was ihr Innerstes bewegt (man denke hier nur an Helen Keller),
-so können wir mit gesunden Sinnen Beglückten durch gelegentliche
-freiwillige Ausschaltung, sozusagen Außerdienstsetzung des einen Sinnes
-den andern stärken und kräftigen.
-
-Also lernt hören, ihr Fahrenden! Es gibt viele Sprachen, aber die
-Muttersprache der _Natur_ wird am seltensten gelernt, und es ist doch
-das schönste und leichteste _Esperanto_.
-
-[Illustration: Phot. Chr. Meißer.
-
-Brunnen auf der Bergwiese.]
-
-
-
-
-[Illustration: Nach einer Kupferdruckkarte der Kunstverlagsanstalt Joh.
-Elchlepp, Freiburg.
-
-Schwarzwaldhaus.]
-
-
-
-
-Vom »Überhopsen«.
-
-
-Der alte römische Schriftsteller und Staatsmann Plinius, der als
-Neffe seines berühmten Onkels sich stark für Naturwissenschaften
-interessierte, erzählt in einer seiner vielen feinen Briefe, was die
-Menschen doch für merkwürdige Käuze seien, wenn sie lange Reise zu
-Land und zu Meer machten, um Neues zu sehen. Er selber sei ein so
-merkwürdiger und unglaublicher Geselle. Denn auch er unternehme jedes
-Jahr große Fahrten in die weite Welt und habe dabei noch nicht einmal
-den Waldsee auf dem Gute seiner Schwiegermutter gesehen, auf dem die
-Naturerscheinung einer schwimmenden Insel studiert werden könne.
-
-Es wird wohl nicht viele Wanderer geben, die bei dieser Erzählung nicht
-das Gefühl überschliche: »Auch du gehörst zu dieser Sorte.« Nirgends
-mehr als auf den in unserer allernächsten Umgebung gelegenen Feldern
-und in den Wäldern unseres Bannkreises harrt unserer noch manche
-Offenbarung; und jeder Glaube, daß man im Umkreise von höchstens 20
-Kilometern keine neuen Entdeckungen mehr machen könne, erweist sich
-bei genauem Suchen als eine Oberflächlichkeit. Das Gute liegt auch
-hier so nah; wir sehen es nur nicht. Es geht uns fast allen wie dem
-Menschen, der in den Himmel kam und dort, von einem Engel im Paradies
-herumgeführt, sich an den herrlichen Blumen und Bäumen nicht satt genug
-sehen konnte, und dann sehr erstaunt war, als ihm der Engel sagte:
-»Genau dieselben Blumen und Bäume habt ihr drunten auf der Erde. Ihr
-seht sie nur nicht, ihr armen Menschen!«
-
-Also entdeckt zunächst einmal in euren eigenen Wäldern und auf euren
-eigenen Fluren die Wunder, bevor ihr so weit hinaus und hinauf wollt.
-Jeder Wald und jedes Feld hat sein Geheimnis. Aber nur demjenigen wird
-es enthüllt, der die große tiefe Liebe zu seiner Heimat im Herzen
-trägt. Der rasche Wegefahrer und der neugierige Rundreisetourist
-stolpert, mit der Nase in der Luft, immer am schönsten vorbei. Die
-Nase in der Luft zu haben, ist nicht vom Übel. Im Gegenteil. Aber dann
-auch die Luft in der Nase haben! Weniger umständlich ausgedrückt:
-Mund zu und Nase auf! Durch die Nase atmen! Nicht durch den in blödem
-Erstaunen geöffneten Mund. Die Nase hat viel mit den Geheimnissen
-der heimatlichen Fluren und Wälder zu tun. Kein Sinn ist, wie die
-Kundschafter der Seele entdeckten, so eng mit dem Erinnerungsvermögen
-verknüpft wie der Geruchsinn. Wenn ich z. B. die Schwarzwaldbahn
-hinauffahre und atme so in der Gegend von Gutach die erste Nase
-voll echter würziger Schwarzwaldluft, dann taucht eine Welt voll
-Erinnerungen in den Bergen glücklich verlebter Tage auf; ich vergesse
-den Dunst, der sich aus den Düften von Zeitungspapier, Tinte und
-Zigarrenrauch zusammensetzt, und werde wieder ein Mensch -- sozusagen
-wenigstens. Napoleon I. hat einmal gesagt, er würde blind seine Heimat
-Korsika wiedererkennen an dem Duft, den das felsige Eiland über das
-Mittelmeer hin ausströmt. Mit Napoleon I. habe ich sonst -- wie mir
-meine besten Freunde glaubhaft versichern -- nichts gemein; aber am
-Geruche würde ich auch meinen Schwarzwald wiedererkennen, wenn ich ihn
-nicht mehr sehen könnte.
-
-[Illustration: Phot. H. Hoek.
-
-Herbst im Dreisamtal (Schwarzwald).]
-
-Dem richtigen Wanderer geht es immer, wie Hans Thoma, dem großen
-Schwarzwälder Sinnierer und Maler, es ging, als er nach seiner
-ersten italienischen Reise zum erstenmal wieder in Sachsenhausen
-beim Apfelwein saß und die Zwetschgenbäume im Garten der Wirtschaft
-aber auch gar nicht mehr schön finden konnte. Dieser Mißmut über
-den Verlust des Paradieses hielt an, bis die untergehende Sonne ein
-Goldnetz in die Bäume hing. Da erst entdeckte er wieder von neuem
-die Schönheit der Sachsenhäuser Zwetschgenbäume. Im Heimatwald ist
-es jedesmal ebenso wie mit den Zwetschgenbäumen in Sachsenhausen --
-unbeschadet deren unbestrittener Vorzüge! In der Heimat sind wir selber
-und können es sein. Draußen in der kalten Welt sind wir Hotelnummern
-oder mißtrauisch betrachtete Fremde. Ich will versuchen, deutlicher
-zu werden. Nicht nur die Sonne spinnt Goldnetze in die Sachsenhäuser
-Zwetschgenbäume, in die Feldbergtannen oder die schlesischen
-Birkenalleen oder was sonst noch sein mag. Wir selber tun es auch. Die
-Schönheit der Natur ist nicht nur etwas Objektives, allen Menschen
-gleich Sichtbares und Zugängliches; sie ist stark subjektiver Färbung
-unterworfen. Aber noch mehr. Wir verlegen in unsre Umgebung und in
-die Natur auch eigne Gemütswerte und empfangen sie wieder zurück von
-ihr. Ein altes Möbel, das von den Zweckmäßigkeitslinien des modernen
-Kunstgewerbes nichts an sich hat, kann uns lieber und teurer sein als
-das schönste von einem modernen Raumkünstler geschaffene Stück. Wir
-haben mit ersterem etwas zusammen _erlebt_, und besonders, wenn dies
-etwas Schönes war, so ruht unser Auge mit Wohlgefallen auf ihm. So
-beseelen wir auch die Natur, die uns vertraut ist, und verweben ihr
-Äußeres mit unseren inneren Erlebnissen und Stimmungen. Das, was man
-Heimatgefühl nennt, beruht ganz auf diesem Beseelen der Natur durch
-den Menschen. Hier sind wir daheim, und selbst wenn wir Fremdlinge
-sind, können wir uns doch daheim fühlen. Es sind keine das Nervenleben
-stark in Bewegung setzenden Eindrücke, denen wir hier begegnen,
-keine geräuschvolle Fremdenindustrie, keine die Seele erschütternde
-Landschaft. Kraftvolle _Ruhe_ und stille _Sicherheit_ ist's, was der
-Wald und das Feld der Heimat uns bieten.
-
-[Illustration: Phot. J. Magirus, Ulm.
-
-Sommerblumen.]
-
-Wir waren (das ist jetzt auch schon ein Vierteljahrhundert her)
-drei Schulkameraden und Freunde, hatten den Übergang aus der
-Obersekunda an die Unterprima nicht gerade glänzend, aber doch auch
-ohne Makel bewerkstelligt und standen vor unserer ersten Großtat,
-einer Reise in die Schweiz, zu der die Mittel durch Aufführungen von
-Tragödien, bearbeitet für Kinder unter 10 Jahren, das heißt durch
-Kasperletheaterspielen vor der Jugend der Nachbarschaft verdient
-worden waren. Der Reiseplan entbehrte nicht der Großzügigkeit, und
-unser eigentliches Ziel wurde verschwiegen, so weit war's bis dahin.
-Die Nachbarn und Nachbarinnen bewunderten diese unsere nicht zu
-bestreitende, offenkundige Begabung zu Weltreisenden. Nur der gute
-alte Vater der beiden Freunde, der in allen Dingen eine gemächliche
-Sicherheit an den Tag legte, warnte uns. Wenn man noch nicht einmal das
-eigene Ländli kenne, wie wolle man da schon in die Schweiz oder gar
-noch nach Italien reisen. Er hatte für solche Lebensanschauungen einen
-eigenen Ausdruck: »Überhopst ist so gut wie gelogen,« meinte er.
-
-Natürlich setzten wir's doch durch. Aber wir haben ihm alle drei
-seither recht gegeben, dem alten, guten Vater. Auch beim Wandern ist
-das Überspringen ein Stück Unehrlichkeit. Und es ist immer ein Glück,
-wenn man's später noch gutmachen kann und alles »_Überhopsen_« ehrlich
-und redlich nachholen.
-
-[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.]
-
-
-
-
-Mit Kindern.
-
-
- _Brief einer Mutter an eine »Reform«mutter._
-
-Verehrte Frau, ich werde mich nicht täuschen in der Annahme, daß Ihre
-unerschütterliche Güte mir für manches von dem, was da kommen soll,
-pränumerando Verzeihung gewährt. Also:
-
-Sie befinden sich in einer großen Gefahr, und ich möchte Sie allen
-Ernstes warnen vor den -- Schriftgelehrten! Sie gehören zu den
-Ahnungslosen, die es haben, ohne es zu wissen, und nun sind Sie auf
-dem besten Wege, Ihre natürliche Gabe für Kindererziehung hinzugeben
-gegen ein unnatürliches, wichtigtuerisches Nachdenken und Diskutieren
-über Kindererziehung und modernes Wandern, wie es sich jetzt in der
-Gestalt von allerhand klugen Leuten an Sie herandrängt. Werfen Sie sie
-hinaus, verehrte Frau, die Leute, die immer vom Himmelreich der Kinder
-reden und selbst den Schlüssel dazu nicht haben, und lassen Sie mich,
-gewissermaßen stellvertretend, Ihnen sagen, was Sie vor der Zeit Ihrer
-Infektion mit dem Bazillus der Kindswissenschaft geantwortet hätten,
-wenn Sie gefragt worden wären, was Sie jetzt hinter den spanischen
-Wänden einer Ihnen gar nicht liegenden, modernen Bestrebung hervor mich
-fragen. Sie hätten zum Beispiel der Dame mit den vielen Kindermädchen,
-die Sie ja kennen und die Ihnen jetzt das Leben schwer macht mit
-langen überzeitgemäßen Erziehungsreformen, geantwortet:
-
- »Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Liebe, aber wie kann
- man nur so dumm fragen? Warum in die Ferne schweifen, wenn
- das Gute so nah liegt? Da reden die Leute den ganzen Tag von
- der Natur und suchen sie, wie mein Mann oft seine Brille
- sucht, die er auf der Nase hat. Das geht mir einfach auf die
- Nerven, diese gelehrten Gespräche über Sport und Regeneration,
- und wie das dumme Zeug alles heißt. Das ist doch alles so
- furchtbar einfach, wenn man's nur richtig anfaßt. Vor acht
- Tagen, da wurde es mir einmal zu eng in der Küche und in
- der Haushaltung; kurz, ich wollte was anderes haben als das
- ewige Wäscheaufschreiben, das tägliche Denken, was nun wohl
- zu Mittag oder zu Abend gekocht werden soll, und ähnliche
- tiefsinnige Betrachtungen, die aber nun doch einmal sein
- müssen, so lang als die Welt steht. Nun, da sagte ich meinen
- Jungen beim Zubettgehen: »Kinder, morgen wird's fein! Vater
- geht fort, und da werden wir wohl nicht so dumm sein, zu
- Hause zu bleiben! Gewandert wird, den ganzen lieben Tag.«
- Und als die Jungen laut aufschrien vor Freude und fragten,
- wohin, da wußte ich es, offen gestanden, selbst noch nicht.
- Und am andern Morgen wußte ich es auch noch nicht, und wir
- liefen einmal drauflos, weil's uns selber wunderte, wohin wir
- eigentlich kämen. Natürlich in die Berge, die uns am nächsten
- sind und auf deren grünenden Kuppen mit dem unendlichen Himmel
- darüber aller Haushaltungskram von mir abfällt wie von selber.
- Und die Jungen? Ja, wissen Sie, die brachten doch überhaupt
- erst Stimmung in die Geschichte. Überhaupt, meine Liebe, das
- Wandern, wenn man's nicht gerade auf dreißig Kilometer im Tag
- abgesehen hat, ist am wunderbarsten mit Kindern. Nicht unter
- fünf Jahren, das will ich zugeben. Aber schließlich, wenn ich
- so denke, wie war das etwas Herrliches, wenn wir zu Hause,
- als ich noch klein war, mit Vater und Mutter und noch einer
- anderen Familie zusammen, die ebenso leichtsinnig veranlagt war
- wie wir, kurz, einer ganzen Bande, mit einem Dutzend Jungen
- und Mädels und zwei -- erschrecken Sie nicht -- Kinderwagen
- hinauszogen in den grünen Wald, stundenweit, und an einem
- Waldbach lagerten, futterten, spielten, lachten und schliefen.
- Nie hab' ich gesehen, daß die Eltern und die Älteren den
- Humor verloren hätten. Im Gegenteil. Vater war noch toller
- als wir alle zusammen, zeigte uns die Vogelnester oder schlug
- Tannenzapfenschlachten mit uns, einer gegen zwölfe.
-
- Aber schließlich will ich Ihnen doch von uns erzählen. Sie
- sagten mir dieser Tage einmal, wir müßten die Kinder schauen
- lernen. Unsinn! Nehmen Sie es nicht übel. Die sehen meist
- mehr als wir, und ich habe von jeher gefunden, daß es eine
- Aufdringlichkeit ist, wenn wir uns in die Seelen unserer Kinder
- hineinschleichen, um sie mit _unseren_ Augen sehen zu lassen.
- Wir sollten's mit den _ihrigen_ lernen, denn sie sehen sicher
- klarer, einfacher und reiner.«
-
-Sehen Sie, so würden Sie unbefangen und frisch heraus Ihrer gelehrten
-Freundin, bei der es kein Kindermädchen drei Monate lang aushält,
-antworten, wenn Sie sich nicht hätten _imponieren lassen_ und an ihren
-eigenen gesunden Menschenverstand fest geglaubt hätten.
-
- Mit guten Grüßen Ihre
-
- R. M.
-
-[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel.
-
-Alte Frau aus dem Alten Land (Unterelbe).]
-
-
-
-
-Vom Kränzewinden.
-
-
-Wir haben das Kränzewinden verlernt. Allerhöchstens winden und werfen
-wir sie noch in den Theatern. Aber ist hier nicht mehr als Theater? Auf
-der bunten Schaubühne der Natur mit ihrer ständigen Wechselszenerie?
-Nur die Kinder verstehen sich noch aufs Kränzewinden. Oder sie
-haben wenigstens den dankbaren Sinn dafür, wenn man sie's lehrt.
-Und neuerdings auch junge Mädchen, wenn sie keine dionysische oder
-sonstige Mode daraus machen. Denn zu einem Getue, zu dem bei uns so
-gerne alles wird, sind die Blumen doch zu gut. Wirklich zart können nur
-unverdorbene Kinder mit Blumen umgehen.
-
-[Illustration: Phot. F. Clauß, Landau.
-
-Wiesen und Hänge.]
-
-Am rauschenden Bach, der zwischen hellen Matten und dunklem Wald
-dahinschoß, sah ich gestern ein Mädchen, das reihte an einer dünnen
-Gerte weiße Gänseblümchen und violettes Knabenkraut auf. Ein zwei-
-und ein dreijähriges Kind, Mädel und Bub, sahen ihm mit beglückten
-großen Augen bei der Arbeit zu. Der junge Adam bekam einen Reif aus
-blühendem Sauerampfer und rotem Klee, und die kleine Eva einen aus
-Orchideen und Hahnenfuß. Ihr solltet einmal gesehen haben, mit welch
-würdiger Bescheidenheit so ein kleines Mädchen oder mit wieviel
-schämiger Andacht der wilde Bube seinen Kranz trägt. Sie wissen noch,
-daß sie dazu gehören. Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den
-grünen Hainen, zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und
-zu den Käfern, die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten,
-wenn so ein Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in
-ihre winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder
-gewesen, verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone auf den
-goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen Schmuck eines Ringes
-aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen Haar anfingen zu singen:
-
- Alles neu macht der Mai,
- Macht die Seele frisch und frei,
-
-da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges
-Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich erlebte
-wieder ein Stückchen Himmelreich.
-
-Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und tuet
-desgleichen! Wir wollen _nicht_ werden wie die Kinder. Bewahre! Dies
-Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn vom Kindlichen zum
-Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich annehmen als ein
-Kind« -- das ist es. Das ist die gute Übersetzung des alten Textes
-vom alten ~Dr.~ Martinus Luther, der zwar keineswegs meine ganze
-schwärmerische Verehrung besitzt, der aber ein -- Lautherr war und sich
-auf Deutsch verstand, noch besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer
-oder Gymnasialprofessor.
-
-
-
-
-Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?
-
-
-Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Das _muß_ man entweder oder
-man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage ist das nicht --
-sondern Privatsache.
-
-Zu zweit? »~Two is no society~,« sagen die Engländer, und die verstehen
-sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt Ausnahmen von dieser
-Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner Braut, ein Mann mit seinem Weib
-die graue Alltäglichkeit des Lebens vertauschen mit dem freien Wandern
-über Berg und Tal, dann sind die beiden »~society~«. Sie erfassen die
-Welt mit einer verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem
-doppelten Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im
-psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung
-ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb milde, halb herbe
-Verworrenheit der deutschen Landschaft, und ihre Sinne erfüllen sich
-weit mehr mit den vollen Lauten des rauschenden Daseins, als wenn sie
-allein wären. So leben sie im Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des
-Innern wie des Äußern. Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste
-Form des Wanderns.
-
-Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sind _eins_. Sie
-brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu sein. Es gibt
-auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern zu einem hochsinnigen
-Leben machen. Aber sie sind selten. Solche Wandererkameraden sind, wie
-der Koran sagt, »von Gott gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt
-aus des anderen Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit
-der Welt hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und
-dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden Augen
-die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark ergreifen und
-genießen? Der Eine und die Eine?
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Flußlandschaft aus Brandenburg.]
-
-Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern zu zweit
-gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, zu
-deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, oder man wird sich bei dem
-großen Bedürfnis des Menschen nach Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne
-es sich -- was das Schlimmste ist -- zuzugestehen.
-
-Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige nahe
-Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogen haben.
-Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst beim halben
-Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die Mindestzahl zwölf und die
-Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat seine guten Erfahrungsgründe.
-
-In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders der jüngeren
-Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen oder,
-objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken seiner besonderen
-Veranlagung auszugleichen durch den inneren Bestand des entgegengesetzt
-veranlagten Freundes, viel leichter befriedigen. Dazu kommt noch die
-Notwendigkeit, sich schon aus reiner Selbstsucht willig ins Ganze
-einzuordnen und dem Führer unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon
-zu dem Kapitel:
-
-
-
-
-Der Wanderschuh als Erzieher.
-
-
-Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht mehr. Es _muß_
-erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger Schulmeister, die
-umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten.
-
-Warum läßt man denn die jungen Menschen -- und die alten dazu -- nicht
-unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? Es hat es ja
-noch kein Schulmeister in der Welt weiter gebracht als dazu, daß seine
-Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten merkten: »Er hat wahrhaftig
-recht gehabt!« Der Mensch läßt sich schon von Jugend an eines seiner
-größten Vorrechte nicht beschneiden, das Recht, nur durch höchsteigenen
-Schaden klug zu werden.
-
-Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann allerdings muß
-man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs Leben gibt als die
-_gemeinsamen Wanderungen_, die nun alljährlich in immer steigendem Maße
-von der erwachsenen Jugend aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im
-Winter unternommen werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen
-absehen, die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch
-hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben und die
--- wohl ganz wider Willen -- in der Richtung der Entwicklung des
-Heerwesens zur Miliz wirken.
-
-Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt schon ohne
-alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, weil es
-täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems der
-Gegenwart: »_Menschen untereinander_« bringt. Und dies in Lagen, die
-an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen viel höhere Anforderungen
-stellen, als es bei der gewöhnlichen Art, wie junge _Menschen_ bisher
-gewöhnlich _untereinander_ waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der
-Bierbank, wo reichlich Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen
-lebende Gefühl des Widereinander lähmten, um allerdings später desto
-unverhüllter zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder
-auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger
-täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein Wohlbefinden und
-seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig sind von der Haltung der
-Wanderkameraden, die ihrerseits wieder bestimmt wird durch die Art,
-wie _er_, der einzelne, seine Pflichten erfüllt, und wie er sich auch
-sonst, rein von der Gemütsseite aus, zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte
-seines Daseins wird dem Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen
-mag, zum erstenmal ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der
-Schule, wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes
-Einzeldasein führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer
-die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner eigenen
-augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine oder große Not
-zu der seinen machen will, mag es sich um die Übernahme eines Teils
-der schweren Traglast des anderen handeln, um ein gutes Wort, wenn des
-Kameraden Herz ihm etwas Schweres anvertraut, oder um einen Taler, den
-jener nicht hat.
-
-[Illustration: Phot. W. Riegger.
-
-Gebirgspost.]
-
-Aber es ist noch ein anderes. Häufiger als sonst kann es der in Horden
-ziehende Wanderbursche erfahren, daß das übliche gute Verhältnis auf
-Gegenseitigkeit: »Wie du mir, so ich dir,« im tiefsten Grunde eine
-niedrige Stufe des Lebens der Menschen untereinander darstellt.
-Bereits die häufige örtliche Trennung der Wanderer einer und
-derselben Schar ist schon Anlaß dazu, daß die Wärme einer empfangenen
-Freundlichkeit (und wie viele kleine Dienste gibt es da) nicht
-an den eigentlichen Geber zurückerstattet wird, sondern an einen
-anderen zufällig anwesenden Kameraden, der ihrer gerade bedürftig
-ist. So wird beim Wandern das »Revanchieren« (das Wort ist sehr
-bezeichnend!) einem schwerer gemacht als im Stadtleben. Ein freiwillig
-und gern hingegebenes Stückchen Herz geht weiter im Kreise herum und
-wirkt tiefer beim Wandern, als wenn in der Stadt der Herr: »Sehr
-liebenswürdig!« dem Herrn: »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein?«
-die Freundlichkeit postwendend zurückgibt, um ja sofort quitt, d. h.
-ihm nicht mehr verpflichtet zu sein.
-
-Denn: Man kann nicht wissen!
-
-[Illustration: Tafel IV
-
-Ferd. Clauß phot.
-
-Bergdorf in der Pfalz]
-
-[Illustration: Hofphotograph C. Eberth, Cassel, phot.
-
-Hessisches Dorf]
-
-Draußen in den hellen Buchenhallen, unter den dunkeln Spitzbogen des
-Tannenwaldes, am Ufer des leichtbewegten blauen Sees oder inmitten
-des Felsens eines rauschenden Wildbachs fällt so viel von selber ab
-an Dünkel und Torheit, an Abneigung und Pharisäertum zwischen den
-Menschen, weil sie dem Leben des ewigen All so viel näher sind als
-sonst. Beim Einatmen der gleichen reinen Gottesluft würden sie -- wenn
-ihnen der Vorgang zum Bewußtsein käme -- nicht aus dem Staunen darüber
-herauskommen, was ein Mensch zwischen Mauern und Dächern doch oft ein
-fataler Herr und draußen unter grünen Zweigen und freiem Himmel ein
-lieber Kerl sein kann.
-
-Daß die Protektion und die Beonkelung der Wanderbewegung in der
-Richtung der _Organisation ganz bedeutende Verdienste_ hat, das wird
-gern und freudig anerkannt.
-
-Ich will hier nicht die Gelegenheit ergreifen, um zu untersuchen,
-inwieweit »Wandern« und »Organisation« eigentlich eine ~Contradictio in
-adjecto~ (ein Widerspruch im Beiwort) sind. Auf die Theorie kommt es
-hier gar nicht an, sondern nur darauf, inwieweit die organisatorische
-Zusammenfassung den inneren Kern, die Wander_lust_ und vor allem
-den _Wert_ des Wanderns erhöht oder vermindert. Und da hat nun die
-Entwicklung der letzten Jahre eines unzweifelhaft erwiesen: Die
-Wanderbewegung hat zu einem großen Teil nicht mehr ihren _Zweck in
-sich selbst_, sondern sie ist Mittel zu Zwecken geworden, welche
-viele der jungen, frohen Gesellen nicht ahnen. Ein großer Teil der in
-großen Verbänden organisierten jungen Wanderer befinden sich, ohne es
-zu wissen, unter einem Einfluß, dessen Tendenzen die schon unter den
-Erwachsenen vorhandenen Klassengegensätze noch verschärfen. Welche
-Klasse, ob die »besitzende« oder »nichtbesitzende«, damit angefangen
-hat, die wandernde Jugend zu bearbeiten, soll hier nicht untersucht
-werden, ebensowenig, als hier überhaupt _Anklagen erhoben_ werden
-sollen. Es sollen nur Dinge gesagt werden, die bisher kaum einmal
-gesagt wurden. Und da _muß_ das _eine_ ausgesprochen werden:
-
-Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und
-»Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind.
-Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch vom
-Menschen noch nicht getrennt zu _werden brauchte_, die _Jugendzeit_.
-Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, die durch die
-verschiedene Klassenzugehörigkeit und -- was fast gleichbedeutend ist
--- verschiedene politische Gesinnung der Menschen hervorgerufen werden,
-nicht zum Ausdruck zu kommen _brauchen_, weil der Mensch im All der
-Schöpfung seine Wesensgemeinschaft leichter verspürt als in den Straßen
-der Stadt, wo Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu
-offener Feindschaft ausarten lassen -- diese einzige Möglichkeit ist
-_das Wandern_ draußen in der freien Natur.
-
-Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht
-mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«,
-»Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts
-wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo politische
-Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen.
-
-Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich sagen will.
-
-Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches
-und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken schwört,
-sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! Man lasse den
-Frieden -- dessen auf die Dauer kein Menschenherz entbehren kann --
-wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, auf den grünen Matten,
-unter den hellen Buchenhallen und den dunklen Spitzbogendächern des
-Tannenwaldes -- _Frieden_ sein mit dem ganzen stillen Segen seiner
-Kraft!
-
-Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns -- auf beiden Seiten! --
-nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig verachtete Schändung
-der Mittel durch die Heiligung der Zwecke und ein fluchwürdiger
-Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, nämlich der Natur, den der
-Mensch noch nicht entehrt hat durch seine Qual und seinen Haß. Es
-ist der Anfang von der völligen Austreibung des Menschen aus dem
-Paradies und der Entweihung der letzten Stätten des Friedens, wenn die
-Wanderbewegung unter der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird
-von jeder politischen oder sozialen Tendenz.
-
-Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die _er_
-angeht: Man überlege sich diese _Sache_ in der Richtung _alles_
-Folgerichtigkeiten, bevor man -- lächelt. Denn es ist so leicht und
-bequem und -- für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln.
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Sonntagmorgen.]
-
-
-
-
-Was man braucht.
-
-
-1. Des Wanderers Kleid.
-
-Gib acht! Das Kleid ist ein Steckbrief, und ahnungslos schreibst du ihn
-dir selber. Die Hotelportiers und Kellner, die mit einem unbestechlich
-kalten Blick das Äußere der ankommenden Gäste und besonders den Zustand
-und die Preislage der Stiefel überfliegen und danach ihren Mann in
-irgendeinem Schubfach einrangieren, haben so unrecht nicht. Die Methode
-ist zwar grob, aber fürs Gröbste genügt sie. Damit wollte ich nur auf
-die Gefahr jedes »Kostüms« hinweisen.
-
-Anderseits geht es nicht gut an, vor einer Wanderung nur deshalb die
-Wandlung zu einem frischen, schlichten, frohen Menschen durchzumachen,
-damit nach der einzig richtigen Methode das äußere Gewand uns sozusagen
-von innen heraus anwachse, die Kleidung sozusagen das Symbol des
-Herzens werde und ja niemandem der edle Kern unter der angenehm
-bescheidenen Hülle entgehe.
-
-Und drittens hinwiederum läßt sich das alles eben überhaupt nicht
-_machen_, sondern es geschieht mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit,
-nach der alles von innen nach außen wird. Da helfen alle Faxen nicht.
-
-Ich kenne einen Mann, der trägt manchmal, obwohl er nicht in Oberbayern
-wohnt, bei fröhlich festlichen Gelegenheiten »Gamslederne« mit
-gestickten Hosenträgern, aber niemand käme auf den Gedanken, er habe
-sich kostümiert. Denn er ist darin der gleiche Mensch wie im Gehrock.
-Und ein anderer lebt schon jahrelang in den Bergen. Als er aber einmal
-mit seinem gemildert prätentiösen Asphaltschritt in »Gamsledernen«
-und im grünem »Hüterl« einem alten Oberbayern begegnete, da blieb
-dieser mit grinsendem Erstaunen stehen und fragte mit der unzarten
-Herzenseinfalt solcher Gebirgler: »Ja, sag mei Liaba, wie bist au du
-nur in des G'wandl eini kimme?«
-
-_Das ist's._ Das G'wandl!
-
-Man erwarte also von mir keine Vorschläge in der Richtung der einzig
-richtigen Wander»kluft«. Schon deshalb nicht, weil sich ein jeder ja
-doch so anzieht, wie er es für am wirkungsvollsten hält.
-
-Es gehört ja nicht zu den erfreulichsten Seiten der modernen
-Wanderbewegung, daß wir im Wald und auf der Heide, in Bahnhöfen und in
-Großstadtstraßen immer mehr fragwürdige Gestalten von tragikomischer
-Ausrüstung sehen. Ihre gefärbten Hahnenfedern auf dem grünen
-Jägerhütchen, ihre mit Bändern von allen Regenbogenfarben geschmückten
-Zupfgeigen und ihre ausgesucht auffallend gemusterten Strümpfe über
-den erbarmungswürdigen Waden reizen nur um so mehr zu Spott, als sie
-die blasierte Fadheit der dazugehörigen Gesichter nur desto mehr
-hervorheben. Diese Beckmesser der deutschen wandernden Jugend sind zum
-Glück nicht in der Überzahl. Denn den meisten unter der Jungmannschaft,
-auf deren Schultern ein großer Teil unserer Zukunftshoffnungen liegt,
-ist es doch schon aufgegangen, daß nur _der_ beseligt aufgehen kann in
-der Herrlichkeit und Größe der Allschöpfung, der mit keiner Faser mehr
-danach strebt, die Aufmerksamkeit auf seinen sonderbar ausstaffierten
-Leichnam zu lenken.
-
-Also: jeder suche sich _sein_ Wanderkleid! Denn die Einförmigkeit des
-graugrünen »Sportanzuges« mit Gürtel und Quetschfalten, der für den
-deutschen »Vergnügungsreisenden« schon so witzblätterhaft typisch
-geworden ist wie früher der großkarierte Nanking für den Engländer,
-ist auch nichts Erhebendes. Das erste sei _Haltbarkeit_! Denn wer sich
-aus Angst für seinen Hosenboden nicht auf jeden Felsen oder Baumstamm
-setzen kann, der ist ein armer Mann und ein Spott von Wind und Wetter
-und der eigenen Kameraden. Alles junge Wandervolk, das oft noch am
-Nachmittag nicht weiß, wo am Abend das Haupt hinlegen, braucht außer
-einer widerstandsfähigen »Kluft« einen nicht zu schweren Wettermantel,
-einen Lodenumhang, und womöglich ein Stück von wasserdichtem
-Mosettigbatist (etwa 1,50 auf 1,50 ~m~ groß), der, auf Handbreite
-zusammengelegt, sich bequem in die Tasche stecken läßt und bei
-unvorhergesehenen Freilagern gute Dienste gegen Feuchtigkeit leistet.
-
-
-2. Der Rucksack.
-
- »Ich han myn Bündel nun gesnallt,
- Muß snallen noch myn Herz.«
-
-Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz wieder
-ganz frei geworden ist. _Frei_ muß der Bursch sein, wenn er wandern
-will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem übervollen
-Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts Besseres als
-seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, zu verlaufen und
--- zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -- ich weiß es --
-aber sie sind probat!
-
-Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man muß, wie
-der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich aller
-Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, daß ihm
-in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, was ein
-richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es zahllose. »Je
-weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch schlechter aber
-ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt treffliche Menschen,
-wahre Ritter der Peinlichkeit, die können vor der Ausfahrt ein ganzes
-Haus unglücklich machen, weil sie drei Tage lang vorher mit langen
-Zetteln, worauf »alles verzeichnet ist«, herumgeistern. Wegen einer
-in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel
-können sie es bei Mutter und Schwester zu geradezu erschütternden
-Auftritten kommen lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich
-gefährden. Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches
-entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack
-packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit.
-
-Die Wahrheit liegt in der Mitte.
-
-Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von dem
-Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide das
-»Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, und lasse
-die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings meist nicht
-nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe den Mut, ihn
-zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die grünen Matten werden
-ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend hindurchrasest, um wieder
-dein eigener Herr zu werden. In alledem aber werde kein Fanatiker
-und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. Hast du dann noch wieder
-gelernt, was des alten Adam erste Beschäftigung war, als der Herr ihm
-»einen lebendigen Odem« in die Nase blies, nämlich _atmen_, _richtig
-atmen_, _menschenwürdig atmen_, das heißt von der Luft zu einem guten
-Teil _leben_, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der
-nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne keine
-alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern
-(es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die zugleich als
-Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, zwei
-Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem deine persönlichen
-Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel usw. sind. Von Strümpfen
-und Socken ist im nächsten Kapitel besonders die Rede. Hast du noch
-alle Schul- und Erwerbssorgen so gründlich zu Hause gelassen, daß sie
-nicht die Lust ankommt, dir nachzureisen, dann bist du ein freierer,
-fröhlicherer Wanderer als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht
-angekommenes oder schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes
-Paket warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings muß
-man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach einen halben
-Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat.
-
-Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden überhaupt
--- und beim Wandern insbesondere.
-
-Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar nicht
-behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere
-Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber ich persönlich
-habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen von
-Ecklöh in Lüdenscheid gemacht!
-
-Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, daß
-man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch schon so genug
-gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende einfache Kunst
-unserer Urgroßeltern mit sich gebracht hat, an dem Stück spielerischer
-Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton und so manchem anderen Gespielten ist die
-Zupfgeige zum Teil schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an
-ihrer guten Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher
-zugrunde geht.
-
-Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. Und nun noch
-ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste am Rucksack ist das
-Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast -- nicht die unselige
-Hast! --, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht mehr zu bezweifeln
-ist, daß wir gehen können. Denn was kommt nicht immer noch alles
-dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern!
-
-Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, da ist,
-dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein
-dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt aus
-seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch heraus
-und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?«
-
-Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche
-denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom dürren Ast
-als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an den damals
-vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird dann die
-Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten aller
-Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was eines
-Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, die
-Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn auch ich war einst
-in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt vom bewegten Leben
-seines richtigen Wandererherzens, und an allen Lasten des Erdendaseins
-hab' ich schwerer getragen als an meinem jetzt graugrünbraunen
-Rucksack, der -- nach dieser schönen Rede! -- alle Brüder von ähnlich
-bewegter Vergangenheit hiermit grüßen läßt. Er ist ein Wissender
-geworden in all den Jahren, aber er liebt das Schweigen -- Gott sei
-Dank -- mehr wie sein Herr, der über all das »schreiben« muß.
-
-
-3. Von den Schuhen und den Füßen.
-
-Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es ist
-niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für den
-Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! In
-unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern.
-
-Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen Wort des
-Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber hinter einer
-morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, bei allem Heroismus
-der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig einhergeht, als ob die
-Straße voll frischer Eier läge, so ist solches nicht sehr erhebend.
-Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie der Rucksack enthält,
-sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und unserem Vorleben
-abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen für unsere Füße, die
-zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch seine Despoten sind.
-Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. Jedem Rekruten wird es unter
-Mithilfe von ernstlichen Suggestionen in der Richtung von drei Tagen
-Mittelarrest beigebracht, daß der Schutz des Vaterlandes im innigsten
-Zusammenhang stehe mit dem Zustande seiner »Untertanen«. Und doch,
-wie mancher Jüngling und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um
-bereits am ersten Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h.
-ihre Bekehrung zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den
-Gliedmaßen seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der
-Wanderkunst, so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren
-mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine -- man vergebe
-diesen sachlich einwandfreien Kalauer! -- Achillesferse. Schon manchmal
-ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der Strecke geblieben,
-und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, wissen, wie eine
-solche Lappalie uns völlig genußunfähig machen kann. Keinem passiert es
-zum zweitenmal.
-
-Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren Tour eine
-zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst durch kleine und
-stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende Märsche, sodann durch
-Abhärtung und schließlich _durch Gewöhnung an den Wanderschuh_.
-
-Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder durch das Tragen
-von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher gegen Wind und
-Wetter, aber desto empfindlicher gegen die während einer langen Zeit
-nicht mehr in Betracht gekommene Reibung der oberen Fußhaut an den
-Schäften geschlossener Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung
-kann aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen
-von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe ist auf die Dauer
-nicht auszuhalten.
-
-[Illustration: Tafel V
-
-Chr. Meisser phot.
-
-Märzensonne im Bergwald]
-
-[Illustration: G. Urff phot.
-
-Waldlichtung im Hochsommer]
-
-Wer sodann glaubt, mit Stiefeln, die er am Abend vor dem Abmarsch in
-der Hast gekauft hat, zum Ziele zu kommen, der kennt noch nichts von
-der guten Behandlung, auf welche die Füße beim Wandern grundsätzlich
-Anspruch machen. Sie wollen gut ausgetretene, aber doch noch gut
-anliegende Schuhe haben, mit denen sie schon _vor_ der Wanderung ein
-ungestörtes und angenehmes Verhältnis eingehen konnten, und sind auch
-in bezug auf Socken und Strümpfe gar nicht bescheiden. Fünf Paar
-wollene Socken von verschiedener Dicke, deren Fersen und Zehenstück
-mit Salizyltalg eher zu reichlich als zu dürftig einzufetten ist, sind
-das mindeste für den eisernen Bestand eines ehrlichen Wanderrucksacks.
-Gelegentliches Waschen der Füße mit Ameisenspiritus oder ähnlichen
-Hausmitteln ist ebenso zu empfehlen wie Massage. Für einen Unfug halte
-ich das täglich häufige kalte Baden der Füße in jedem Waldbach wie
-auch die täglichen heißen Fußbäder (wenn man nicht gerade herzleidend
-ist). Schweißfüße sind nicht zu heilen. Für den Nebenmenschen und sich
-selbst sind ihre unangenehmen Kennzeichen nur durch häufigen Wäsche-
-und Schuhwechsel zu mildern. Das ist eine Forderung der einfachsten
-Höflichkeit. Darin sind uns andere Völker, z. B. die Japaner, weit
-überlegen. So störend die Nachsendungen durch die Post für einen
-Wanderer, der auch dem Zufall sein Recht lassen will, sein mögen,
-gelegentlicher Ganzersatz von Schuhen und Socken ist auf einer mehr
-als zwei Wochen dauernden Wanderung _kein Luxus_, sondern _hygienische
-Selbstverständlichkeit_. Denn die Schweißmengen, die ein Paar 14
-Tage lang ohne Wechsel getragene Schuhe aufnehmen und die daraus
-entstehenden Düfte sind ebenso ungesund als lästig.
-
-Es ist seit einigen Jahren Mode geworden, auch einfache Wanderungen
-im Mittelgebirge immer in den schwergenagelten, dicksohligen Schuhen
-zu machen, die für den Alpinisten unentbehrlich, ja eine ~Conditio
-sine qua non~ sind. Aber wenn man nur die ganz unnötig erhöhte
-Arbeitsleistung infolge des großen Gewichts der Schwergenagelten in
-Betracht zieht und ganz absieht von der größeren Bequemlichkeit eines
-halbleichten Tourenstiefels, dann springt das Unsinnige dieser Mode in
-die Augen.
-
-»Aber es sieht eben schneidiger aus!« -- Ich kenne den Einwand und
-weiß, was auch junge Männer opfermutig an Unbequemlichkeit ertragen
-können um des »_Eindrucks_« willen. Aber diese ja so verständliche
-und bei jedem wohl einmal auftretende Periode, wo man sich für den
-Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hält, leidet an der
-genügsamen Einsichtslosigkeit aller Eitelkeit. Die Wanderer der
-günstigsten Pose vergessen das eine, daß die »_Kenner_« ja lächeln
-über solche Späße; um aber nur die Bewunderung der ahnungslosen
-Gelegenheitsausflügler zu erregen, müßte doch der Stolz ein
-wenig größer sein; ich meine den richtigen Stolz, das saubere
-Selbstbewußtsein, dem _alle_ Mätzchen verächtlich sind.
-
-Für »Damen« ist die erste richtige Wanderschaft fast immer der erste
-harte Kursus, in welchem der Fuß sich für alte Sünden rächt und der
-jungen Wandersmaid den richtigen Respekt vor den ihr nun einmal durch
-Geburt oder Schicksal verliehenen Fußmaßen beibringt. Denn so viel man
-wandernden Frauen und Jungfrauen sonst nachsagen mag, _den_ Vorwurf,
-als lebten sie auf einem großen Fuß, kann man ihnen nie machen.
-
-Gamaschen sind Geschmacks- und Modesache. Wer nicht anders zu können
-glaubt, als in Gamaschen loszuziehen, der nehme dann wenigstens das
-Beste, was auf diesem Gebiet existiert, die leichte, saubere, poröse
-und verblüffend einfach zu bindende Wickelgamasche »Mars«.
-
-
-
-
-Vom Essen und Trinken.
-
-
-[Illustration: Phot. Ad. Saal.
-
-Wanderer beim Abkochen.]
-
-Ich fühle nicht den Beruf in mir, meine Mitmenschen und Mitwanderer
-auf diesem herrlichen Planeten zu meiner Speisekarte zu bekehren. Wir
-sonderbaren Kostgänger des Gastgebers unserer Weltenherberge sollen
-auch hierin ein jeder nach seiner »Fasson selig werden«, und alle
-Geschmäcke sind zu »tolerieren«. Aber eine kleine Predigt kann ich bei
-dieser Gelegenheit doch nicht unterdrücken.
-
-Der Antialkoholismus unserer Tage kann nach meiner Ansicht eine ebenso
-große Besessenheit sein wie sein Gegenteil und verleitet fast noch mehr
-als dieser zu allerhand Hochmut, der bekanntlich immer vor dem Fall
-kommt. Während des Wanderns jedoch ist der Alkohol in jeder Form und
-Menge durchaus vom Übel. Es ist bis jetzt noch nicht erlebt worden, daß
-einer, der sich aufs Wandern verstanden hat, auch nur dem bekannten
-»Glas Wein« das Wort geredet hätte. Natürlich nur für so lange, als
-der Wandersmann noch irgendeine Leistung vor sich hat. Was dieser dann
-abends tut, das ist wieder ganz und gar seine Privatangelegenheit,
-und wenn er klug ist, dann hält er sich in diesem Punkt besser nicht
-unbedingt an den sonst auch fürs Streifen durch Wald und Welt sehr
-empfehlenswerten Spruch, nicht an den morgigen Tag zu denken.
-
-Wer so steht, der mag im übrigen seinem Feuchtigkeitsbedürfnis auf
-dem Marsche oder bei den Mahlzeiten mit Sauermilch oder Quellwasser,
-mit künstlichen Limonaden in Wirtshäusern am Wege oder -- was
-weit billiger und nützlicher -- mit dünnem Tee und Kaffee aus der
-Feldflasche nachhelfen. Der natürliche Instinkt bewahrt ihn hier vor
-vielen Torheiten. Wem aber noch gesagt werden muß, daß er sich nicht
-mit eiskaltem Quellwasser schädigen soll, und wer nicht weiß, daß er
-mit einem Minimum von Flüssigkeit am besten fährt, weil er es ja doch
-wieder herausschwitzen muß, der möge lieber mit seinen Sorgen zu Hause
-bleiben. Der ist kein geborener Wanderer und wird es auch nie lernen.
-
-Etwas anderes ist es mit dem Essen. Denn das ist wirklich eine noch
-ganz unbekannte Kunst im Zeitalter der angeblich so hochentwickelten
-Kultur. Sehr viele und nicht immer anmutige Predigten gegen den
-Alkoholismus wären überflüssig, wenn die Propheten sich einmal mehr
-mit den Gefahren des Essens als mit denen des Trinkens beschäftigen
-wollten. Mit dem zuvielen Essen fängt es an, nicht umgekehrt. Bei den
-meisten wenigstens. Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Denn schon
-sehe ich in Gedanken einige Leser entrüstet auffahren mit dem zornigen
-Vorwurf im Herzen, nun wolle man ihnen auch noch -- dieses Wort wird
-immer im Tone einer edlen Biederkeit ausgesprochen -- ihr tägliches
-Brot beschneiden! »Heute, in der Ära der sozialen Frage!«
-
-Gemach! Es gibt noch so etwas wie eine Wissenschaft, wenn auch mein
-Glaube an deren alleinseligmachende Wirkung nicht übermäßig groß ist.
-Ich halte diesen ernsthaften Predigtschwank durchaus nicht in der Wüste
-der Not, sondern in jenen Gefilden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens gar
-heftig brodeln. Und da beißt nun keine Maus einen Faden daran ab, daß
-der »gebildete« Mensch aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts,
-der ja doch ein Übermensch werden will, sich vor allem einmal vom
-Überessen zurückentwickeln muß zum Essen. Vielleicht hat nichts zu
-dieser Erkenntnis so sehr beigetragen als die nun zum Glück auch in
-der Versenkung verschwundenen Rekordmärsche. ~Plenus venter~ studiert
-nicht nur, sondern marschiert auch nicht gern. Überall kamen die zähen,
-anscheinend ausgemergelten Läufer immer vor den Herkulesgestalten an.
-Ein richtiger David ist noch immer einem Goliath über gewesen. Beim
-Steinschleudern und sonst. Das zeigt sich auch beim einfachen, allem
-Sportgetriebe abholden Wandern.
-
-Aber wir wollen doch ganz absehen von den äußeren Leistungen und nur
-von innerem Gewinn reden. Frau Aja erzählte, ihr Wolfgang habe mehr
-gesehen und erlebt, wenn er von Frankfurt nach Mainz reiste, als andere
-Leute auf großen Fahrten durch die Welt. _Darum_ handelt es sich aber!
-Nämlich um die Aufnahmefähigkeit und das persönliche Glücksempfinden
-beim Wandern. Schon aus reinem Egoismus müßte da jeder, der das Wandern
-ernst nehmen, als eine Lebensschule betrachten und als einen Quell des
-Glücks genießen will, einmal in einem guten, von einem verständigen
-Fachmann geschriebenen Buche die neue Lehre vom Essen studieren. Ob
-das in einem Werk des Engländers Fletscher, des Dänen Hindhede oder
-des Amerikaners Dew geschieht, ist gleichgültig. Dann würde er nach
-einigen praktischen Übungen und Erfahrungen innewerden, daß alle
-Nahrungsaufnahme zu einem Fest werden kann, wenn man, was bisher
-für eine Schande und für ein Zeichen von Unbildung gehalten wurde,
-_ganz und gar bei der Sache ist_. Etwa so, wie es kraftgenialisch und
-exzentrisch Goethe, der große Lebenskünstler, schildert in seinem
-Gedicht von den zwei Propheten und dem Weltkind in der Mitten. Dann
-braucht es sich aber gar nicht um gebackene Hahnen zu handeln wie
-damals. Beim ebenso bedächtigen wie hingebungsvollen Genießen der
-einfachsten Nahrung kann man dahinterkommen, daß Reichtümer von
-Wohlgeschmack in jedem Stück Butterbrot liegen, wenn man sie nur zu
-heben versteht.
-
-Wir Städter rümpfen in manchen Dingen die Nase über das Landvolk, das
-von den Dilettanten des Wanderns mit gleichem Unrecht ungebührlich
-über- wie unterschätzt wird. So beruht zum Beispiel der Vergleich
-zwischen dem hochentwickelten Appetit eines an einer Table d'hote mit
-fünf Gängen arbeitenden Essers mit demjenigen eines Scheuerndreschers
-auf irrigen Voraussetzungen. Wer's nicht glaubt, der möge einmal
-Bauernknechte oder -mägde beobachten, wie sie am Tisch um eine große
-Schüssel Milch sitzen, bedächtig löffeln und langsam dazu ihre
-Kartoffeln kauen und das Mahl höchstens mit einem kraftvollen und
-nicht für zarte Ohren geeigneten Spaße würzen. Es könnte sich manche
-Tafel, an der man vor Messerklirren, tollem Durcheinanderreden und
-Schmatzen fast selbst nichts mehr hört, ein Beispiel daran nehmen.
-Wer nach einem scharfen Marsch im kühlen Schatten einer alten Eiche
-oder einer mächtigen Tanne schon einmal allein seinen kargen Imbiß
-eingenommen hat, umfächelt vom streichenden Wind und unterhalten durch
-die Tafelmusik der summenden Hummeln, der lispelnden Blätter und der
-gluckernden Quellen, der weiß, was ich meine. Er weiß, daß man beim
-Essen nicht beten soll! Das Gebet soll im Essen selber liegen. Alles
-andere ist vom Übel. Man soll sich freuen. Das ist alles.
-
-Einen anderen Grundsatz aber als denjenigen der größtmöglichen
-Mäßigkeit gibt es nicht, wenn man dieser einfachen Freuden teilhaftig
-werden will. Auch hier wirkt in ganz ungeahnter Weise das Naturgesetz
-von der denkbar stärksten Wirkung bei denkbar geringstem Kraftaufwand.
-Man muß nur immer die richtige Grenze zu finden wissen, und zwar immer
-nur für seine Person allein. Denn auch das ist ein unanfechtbarer
-Grundsatz, der sehr trivial klingt, aber ganz tiefe Geheimnisse
-enthält, daß, was für den einen gilt, nicht auch zugleich für den
-anderen richtig zu sein braucht: die eben erwähnte Grenze muß man
-langsam herausklauben lernen.
-
-[Illustration: Phot. Ad. Saal.
-
-»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«]
-
-Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der Richtung
-des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung werden mit der besten
-Absicht unendlich viel Torheiten begangen, genau so wie in der Richtung
-des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem gilt eines, was zu wenig beachtet
-wird! Der Magen ist in Angelegenheiten des Essens und Trinkens immer
-viel klüger als das Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das
-sich leise und in nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer
-viel besser das Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese
-verwirren nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist,
-was und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die
-Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung
-beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichen Wege durchs Gehirn
-und durch Vielwisserei, sondern sie muß sich darauf erstrecken, daß wir
-wieder Ohren bekommen -- innerliche natürlich und nicht zu lange --
-Ohren für das feine Mahnen und Klopfen unseres Organismus und seiner
-einzelnen wichtigen Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu
-tun mit äußeren Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz
-Besonderes. Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam -- nicht unseren
-groben Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber --
-kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. Denn so
-wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, ebenso rächt
-sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht mit allen
-seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres Körpers. Zu
-einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von Kultur und Leben
-können wir aber in unserer Zeitenwende nur dadurch kommen, daß die den
-Zellenbau ihres Organismus bewußt beherrschenden Menschen zu gesunden
-Bauzellen eines höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden.
-Womit, nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandern und den
-großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt sein dürfte.
-
-Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial machen
-will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, sodann Brot
-allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) und schließlich,
-wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu haben sind, auf die
-hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche Präparate der Hamburger
-Nuxowerke verwiesen. Zu beachten wäre dabei immer, daß die leichteren
-und weniger nahrhaften dieser Präparate den kräftigeren und nicht immer
-kräftigenderen beim Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden
-Vorwurf geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet
-der Ernährungshygiene für den Wanderer werde ich mit gänzlicher
-Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten
-einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen
-Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich empfundenen
-und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis nach einem soliden ~Filet
-aux Champignons~ am Abend eines festen Marsches nachgibt und sich
-dabei eine halbe (für starke Männer eine ganze) Flasche Rebenbluts zu
-Gemüte führt, der kann eines herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!«
-meinerseits sicher sein.
-
-
-
-
-Vom Knipsen.
-
-
-Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; in
-den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit handelt. Wer
-nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte aus dem Wörtchen
-»Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts von der verborgenen Musik
-der Worte, die hier doch ganz klar im Ton an »Stibitzen« erinnert.
-Die kleinen Detektivapparate, die seit einem Jahrzehnt etwa den roten
-Baedeker aus der Hand der »Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind
-nichts anderes als kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle
-draußen in der Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem.
-Wer hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines
-der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, Damen
-und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den Fluten auf.
-Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung aus.
-Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando werden Kodaks und
-andere Kameras hochgehoben und ein lautloses Pelotonfeuer auf das arme
-Schloß gerichtet. Ein paar knipsende Geräusche, wie wenn man einen
-Fingernagel am anderen wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann
-beginnt wieder die Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste
-Film wird aufgedreht.
-
-[Illustration: Der Seggenstein im Hessenlande.]
-
-Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen und den
-ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. Die Illustrationen
-dieses Buches würden mich teilweise selber Lügen strafen. Aber das
-Photographieren als Massenbetrieb ist eine grauenhafte Sache geworden.
-Denn nicht nur kann man nichts getrost nach Hause tragen, wenn
-man's nur schwarz auf weiß besitzt, sondern was das Licht auf die
-photographische Platte im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange
-nicht das, was wir in der Kamera unserer Augen, der das photographische
-Spielzeug ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten.
-
-[Illustration: Tafel VI
-
-Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor]
-
-[Illustration: Neckartal bei Neckargerach]
-
-Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. So
-etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten
-Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen,
-wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die psychische
-Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften und Stimmungen
-in der Natur, durch unser Auge _unmittelbar_ aufzunehmen und wie
-durch eine konservierende Lösung den künstlerischen Gehalt des
-Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtsein versinken
-zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt -- um ein möglichst
-prägnantes Schulbeispiel anzuführen -- der Fall aller jener Maler
-und Zeichner, die nach dem Gedächtnis reproduzieren. Ich kenne
-selber einen alten Akademieprofessor, der tagsüber im Café oder
-abends im Theater interessante Köpfe durch intensives Schauen sich
-derart tief einverleibt, daß er in der Nacht vor dem Schlafengehen
-die Gesichter aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Sie sind fast immer
-porträtähnlich. Aus dieser alten bekannten Tatsache ziehen nur leider
-die allerwenigsten Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis
-zu einem gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es
-gibt wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht
-in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den Wohnhöhlen
-unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie stark damals schon
-der Mensch künstlerisch produktiv war. Das bildnerische Talent im
-Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen und Malen werden nun aber durch
-die handwerksmäßige Liebhaberphotographie am meisten unterdrückt. Daß
-manche Menschen erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen
-gelangen, wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding
-bekanntlich seine zwei Seiten hat.
-
-Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens schon auf,
-und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung falscher Tatsachen
-beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung seiner selbst und
-des anderen liegt nämlich darin, daß -- künstlerisch ausgedrückt --
-der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck einerseits, den der
-Photograph von einer Landschaft hat, die ihn zur Wiedergabe reizt,
-und zwischen dem Resultat der Wiedergabe andererseits eine ganze
-Anzahl von Trübungen und Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so
-zum Spaß« photographiert, wird das natürlich nicht verstehen und
-es für überspannt halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes
-Photographieren ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht
-ansehnliche Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt,
-woran es eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen
-Unbefriedigung nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge
-helfen.
-
-Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder sehr häufig
-Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt durch kluge
-Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele der schönsten
-Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht gemacht sind,
-dürfte auch weniger Unterrichteten bekannt sein. Jedenfalls gelingt
-es nicht sehr oft, gerade denjenigen Stimmungswert photographisch
-aus einer Landschaft herauszuholen, der einen zur Wiederholung des
-Geschauten durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben
-keine Ausnahme beim Photographieren, daß man, wie ein französisches
-Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat.
-Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach
-scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer
-große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen kommt es
-gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine im höheren Sinne nicht
-anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende Trübung des künstlerischen
-Schaffens vorliegt. Aber die bei feineren Gemütern unausbleibliche
-Wirkung dieses inneren Vorgangs wird eben doch empfunden, genau so,
-wie der Aquarellist sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige
-Morgenstimmung aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von
-einem Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden und
-gelobt wird.
-
-[Illustration: Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg.
-
-Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.]
-
-Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer wieder
-zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt der Kamera eine
-Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten Papierblock im
-Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren manchmal unmutig
-darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles gezeichnet« habe. Aber
-abgesehen davon, daß der alte Herr eben auch manchmal, wohl vom Vater
-her, schulmeisterliche, engherzige Anwandlungen hatte, ist es doch
-jedenfalls noch hundertmal besser, alles zeichnet, denn alles knipst!
-Denn Zeichnen und Malen ist, mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein
-mit dem leichten Schatten künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes
-Knipsen, sondern -- man erschrecke nicht über das neue Wort -- ein
-Ipsen!
-
-»~Ego ipse!~« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, der, an
-einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der Tücke des Objekts
-gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten des Naturfreundes
-fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das geringste. Der Wert des Zeichnens
-und des Malens liegt vielmehr darin, daß der Wanderer gezwungen wird,
-einmal das Bild, das er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv
-auf sich wirken zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten
-wie nach den allgemeinen Linien, nach seinen Farbentönen wie nach
-dem perspektivischen Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine
-Einzelbestandteile zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem
-wesentlichsten Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern
-zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe beginnen.
-
-So aber lernt man das _Schauen und das Schaffen_. Selbst wenn das, was
-er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, auch ein fauler Zauber
-ist, so hat er doch ein Stückchen der großen Arbeit geleistet, die
-jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: die Wunder der Außenwelt in
-sich aufzusaugen, sich damit das Herz zu erfüllen, so groß oder klein
-es ist, und das Aufgenommene als eine neue Schöpfung herauszugestalten,
-sich selber zur Freude, manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur
-Lehre, wie man dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und
-Wunder der Welt.
-
-Und das ist schon _etwas_.
-
-Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle anderen
-deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die Seele zu lösen
-und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu langer Zeit aus einem
-ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die sonst sicher sehr schönen
-Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulen zum Schmuck und
-zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das Mechanische darin, das
-Unlebendige; und er meinte, auch das schlechteste Ölbild eines sehr
-bescheidenen Malers gäbe den Kindern mehr als ein Druck, weil sie da
-eine Idee davon bekommen können, wie solch ein Gemälde entsteht. Die
-Kinder sehen die Pinselstriche, mit denen die Farbe und damit das Bild
-auf die Leinwand getragen wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen,
-welche genügend begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen
-angeregt. Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der
-technische Werdevorgang viel schwerer zu erkennen.
-
-Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den
-lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und dem
-Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren Fall
-Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in Aquarell,
-enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von dem innersten
-Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß sie, mögen sie auch noch
-so dürftig sein, für den Dilettanten selber viel bessere Schlüssel zur
-Erweckung vergessener Eindrücke sind als Photographien. Die Engländer,
-von denen wir noch manches lernen könnten, haben das Aquarellieren und
-Zeichnen auf Wanderungen schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge
-davon, wie ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten
-seine nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer
-jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, in eine
-lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen Situation aus, in der
-das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch Unvollkommene rief seinen
-Erinnerungsschatz wach; und was er nun in Worten hinzufügte, gab uns
-allen ein noch viel lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht
-hätte. Ist nun aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen
-mit Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so
-werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten
-aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle Tagebücher
-dies vermöchten.
-
-Ich habe hier nur gegen die _Knipser_ geredet; gegen jene fatalen
-Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. Dieser Tage fand
-ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen ausgezeichneten Ausdruck
-für Photographenapparat, einen wahren Kernschuß der Sprachreinigung:
-»Die Strahlenfalle« nennen die Gesellen eines hannöverschen
-Wanderbundes den Kodak ebenso bezeichnend als witzig! -- Wie wär's,
-wenn man auch von den »Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute
-gemeint wären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt
-zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, die in der
-Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen
-verlernt haben.
-
-[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.
-
-Kirchbauna bei Cassel.]
-
-Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter Amateure.
-Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, deren
-Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer wieder neue
-Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, sondern
-auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses grenzenden Genuß
-bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen Sinnen und mit zarten
-Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« Photos ausgeht.
-Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie der wandernden
-Nurknipser, gegen jene Filmpest, die nur ein weiterer Schritt zu der
-Entpersönlichung des Menschen und seiner Entwürdigung zum Maschinisten
-einer Unzahl von wunderbar feinen technischen Apparaten ist, die ihm
-aber nach und nach die Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch
--- das Herz ersetzen. Und der ~Deus ex machina~ taugt auch auf diesem
-Gebiete nichts. Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und du
-_sollst_ dich nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen
-Zeit der Fülle und der Helle entgegengehst!
-
-
-
-
-Menschliches, Allzumenschliches.
-
-Aphorismen.
-
-
-Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben mögen, und
-sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den Nächsten mit einem
-»Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, der und _nur der_ sein
-zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit des Grußes muß der andere
-aus deinen Augen verspüren. Alles das liegt jenseits von Geographie und
-Dialekt.
-
- * * * * *
-
-Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon -- aber keine Wanderer und
-keine -- Menschen. Und der Weg zum Menschen geht über das Wandern.
-
- * * * * *
-
-»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der Ordnung. Wenn
-du im Übermut eines schönen Sommerabends in einen Garten einfällst und
-von dem Blütenreichtum einige Rosen plünderst und im goldenen Schein
-deiner Jünglingssehnsucht in jedes Mägdleins Augen, das aus einem
-altmodischen Giebelfenster schaut, den Himmel siehst, dann ist's,
-wie wenn ein Blitz nur leuchtet aber nicht trifft, wie wenn eine
-Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, dir aber nicht auf den Kopf
-fällt. _So, aber nicht anders_ soll dir ein jedes andere Städtchen
-ein anderes Mädchen bescheren. Aber -- rühre nicht daran! Dann ist es
-Glück! Und die Zeit ist nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am
-Himmel und diesen selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht.
-
- * * * * *
-
-Auch die _Unbefangenheit_ hat ihre ewigen Grenzen, wenn nicht aus ihren
-drei mittleren Silben ganz _verschämt_ etwas anderes werden soll.
-
- * * * * *
-
-Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen einem
-Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den Versuch
-machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren über »Ländliche
-Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. Ob das Bäuerlein
-diesen Genuß nicht allein haben wollte -- ich weiß es nicht. Jedenfalls
-rief _er_ seinen zwei Knechten und sah sich unterdessen in der Scheuer
-nach dem Nagel um, wo der Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen
-Herren es vorzogen, ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen
-und die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten?
-
- * * * * *
-
-Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, dann vergiß
-das eine nicht: Immer hören es auch die anderen!
-
- * * * * *
-
-Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei jeder Blume,
-deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen Namen und der Zahl
-der Staubfäden beglücken will, dann laß den Mann allein mit seinem
-Latein und schüttle seinen Staub von deinen Füßen.
-
- * * * * *
-
-Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen
-Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann gibt er
-nur ungern. Und _so lange_ muß dein Stolz _über_ deinem Magen sein.
-
- * * * * *
-
-Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden ist ein schöner
-Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes Herumsausen für die
-anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, schließlich selber
-dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur Last fällst, dann gehört
-das zum Altruismus, das ein Laster ist.
-
- * * * * *
-
-Nur nicht immer _erziehen_ wollen beim Wandern in Horden. Es ist schon
-manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das Wandern verleidet
-worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte.
-
-_Aber_ es gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller
-süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden
-Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks alle
-hintereinanderhetzen können.
-
-Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da bedarf es
-nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mit den _treuesten
-Herzen_, aber auch mit den _kräftigsten Armen_ solch einen Knaben
-hinter einem großen Busch einmal nach alter guter Sitte -- »erziehen«,
-dann geschehen oft Zeichen und Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden
-Fall, einen solchen »Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen
-postwendend nach Hause zu schicken.
-
- * * * * *
-
-Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du die
-Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die Blumen
-liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie nachher
-wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden liebst, dann sehe
-nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie werden es dir danken und
-sie desto eher ablegen.
-
- * * * * *
-
-Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei der
-Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche Heringe
-und mimen am Sonntag Wandersport. -- Da schlug ihn der Vater aller
-Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, woran er schon
-litt. Und je weniger er auf seinen Touren sah, desto »pyramidaler« und
-»phänomenaler« kam ihm alles vor, besonders er aber sich selbst.
-
- * * * * *
-
-Hab nicht den Ehrgeiz, _beliebt_ zu sein. Die Beliebtheit ist immer die
-Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern heruntergeworfen
-wird; auch wenn er der Diensteifrigste der ganzen Schar war. Denn alle
-merken bald, daß er nur aus Eitelkeit uneigennützig und aus Eigennutz
-liebenswürdig war.
-
- * * * * *
-
-Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: morgens und abends
-_einen_ Eßlöffel voll. Mehr bekömmt dir schlecht und den andern.
-
- * * * * *
-
-Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein Lokal
-überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn du nicht
-vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht weniger
-beiträgst wie jeder andere.
-
- * * * * *
-
-Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte harmlos
-im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößten Oberkörper in
-Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu Hilfe kommen, rasch die
-Jacke anziehen und auf die Bewunderung ihrer schönen Schultern und Arme
-verzichten. Das wäre ritterlicher, wenn denn durchaus der Held markiert
-werden muß.
-
- * * * * *
-
-Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften geben,
-aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst tun. Das mögen
-sich die jungen Wanderer merken, welche glauben, die sehr wichtigen
-amtlichen Vorschriften jedes Landes über das Anzünden von offenen
-Feuern nicht kennen zu brauchen.
-
- * * * * *
-
-Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr schlecht
-bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen benutzt, um
-an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, und machten das Schiff
-ohne Erlaubnis los, weil wir sicher waren, es in kurzer Zeit wieder
-zurückzubringen. Aber es verging ohne unsere Schuld ein ganzer Tag,
-und wir kamen gerade dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher
-Täter von dem Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns
-gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung wie im
-ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung gehabt wie
-damals.
-
- * * * * *
-
-Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen von
-Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann lasse
-lieber das Reisen im Ausland.
-
- * * * * *
-
-Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. Aber die
-Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die heute mit
-Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen näher kommen, es
-für -- unfein halten und mit der gelassenen Empörung der »Vornehmen«
-wieder in ihren vier Wänden sitzen bleiben werden, weil ja heutzutage
-»einfach alles, alles mögliche wandert«.
-
-
-
-
-Menschen.
-
-
-Drei Arten gibt's von _Menschen_, sagt der Koran: den Freund, den
-Sanften und den Tapferen. Den einen erkennt man in der Not, den anderen
-im Zorn, den dritten in der Gefahr.
-
-Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht.
-
- * * * * *
-
-Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee aufwärts, wo
-der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat sich einer
-den linken Fuß. Der Führer der Schar -- es waren Wandervögel --, ein
-junger Mediziner, kurz vor dem Examen, stellte Sehnenzerreißung mit
-starkem Bluterguß fest. Es war ein Tag voll von Glanz und Leuchten.
-Der blanke Schild des Titlisgletschers winkte verlockend. Da kamen
-zufällig Berufsführer von oben, die wollten den Verunglückten schon
-hinunterbringen. Aber einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich
-nicht abhalten, den Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte
-er ihn, las ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier
-nach Engelberg gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die
-anderen ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten
-die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten
-Knochen hüten können -- 's war einfach ganz wundervoll da oben! So 'ne
-Dämlichkeit!«
-
-Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. Was hätte er
-auch sagen können? Das waren halt -- zwei Welten.
-
- * * * * *
-
-In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz war, wo
-abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« -- so hieß er im »Pennal«
--- unbedingt Zigaretten rauchen, um »in Stimmung zu kommen«. Der Koch
-pumpte ihm die letzten Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle
-zu verbrauchen. Denn die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer.
-Der »Olympier« kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer
-Stunde (seine Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein
-Streichholz mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung
-gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch die
-betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten den ganzen
-Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu machen, Zunder und
-Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend der Kameraden gähnte nur
-so vor Hunger. Nach einigen Minuten sah man nichts mehr vom Koch. »Der
-hat sich wohl dünne gemacht!« meinten manche, die von der Geschichte
-erfuhren. Aber gegen den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu
-drohend. Aber als man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon
-ein großes Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die
-Erbswürste. Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes
-Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem
-geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter der
-Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der Koch dem
-Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun natürlich nötig
-gewordenen Zigarette.
-
-Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts über
-die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung
-des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht angelegten
-Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der Ordnung zu finden. --
-Aber von diesem Tage an rauchte er nicht mehr und wurde ein wenigstens
-so tüchtiger und zuverlässiger Mensch, als es bei seiner Veranlagung
-möglich war.
-
-Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen Trab
-nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, hätte mich mal
-kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine nicht mißzuverstehende
-Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe weiter und fanden das auch ganz
-in der Ordnung.
-
-Es waren eben -- zwei Welten.
-
- * * * * *
-
-Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern
-einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden Dichter und
-Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. Auf der Rückfahrt
-bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während eines der dort ganz
-unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme ziemlich hoch. Der Schiffmann
-mahnte zur Ruhe. Als aber eine Welle den Boden des Bootes bis über
-die Bretter füllte, womit der Kielraum überdeckt war, legte sich über
-sein altes Landsknechtgesicht ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein
-wenig verhaltene Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen,
-harten Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu den
-Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!«
-
-Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst der Lage,
-weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer voneinander
-entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das Boot sank bis an den
-Rand ein. Da sprang einer der wenigen, die verstanden hatten, warum der
-Schiffsknecht die Schuhe ausziehen sollte, der »lange Mann«, wie sein
-Übername bei den Kameraden war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso
-groß war wie seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit
-der Hose bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum
-Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig
-Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war.
-
-Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens mit dem
-malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n Luxus, langer
-Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären ja die paar Meter
-auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer sah zuerst den Sprecher
-verächtlich und dann den Schwimmer mit einem Blick an, der weder seine
-Bewunderung noch seine Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau
-und sechs Kinder.
-
-Das waren eben auch -- zwei Welten.
-
-[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verschönerungsverein
-Altenburg i. S.
-
-Bäuerin aus Sachsen-Altenburg.]
-
-
-
-
-Hinaus!
-
-
-Ich kenne einen Mann, der sonst als leidlich friedvoller Mensch gilt.
-Von Zeit zu Zeit aber wird er von etwas heimgesucht, das seine Leute
-den »Zustand« nennen. Dieses Wort ist für die Kleinen wie für die
-Großen im Hause so etwas ungefähr wie ein Sturmsignal. Alles rettet
-sich, wenn auf den Stiegen die Kunde geht, der Vater habe seinen
-»Zustand«. Selbst die Katze und der Hund ziehen sich dann in sichere
-Winkel zurück, von denen niemand nichts weiß.
-
-Diesen Mann hatte es vor einigen Tagen wieder einmal gepackt.
-Weshalb, das wußte kein Mensch. Schon um neun Uhr morgens hatte die
-Kleinste das Unheil geahnt. Sehr besorgt hatte sie zum kleinen Bruder
-gesagt: »Papa danz bös, Muckel dudu betommt!« Richtig brach auch bald
-nach dieser Prophezeiung das Unwetter los. Drei Türen fielen kurz
-nacheinander irgendwo im Haus so kräftig ins Schloß, wie das eigentlich
-nur angesichts eines bevorstehenden Weltunterganges gerechtfertigt
-wäre. Wie grollender Donner rollten einige unverständliche,
-verschiedensprachige Bemerkungen, die wohl als Verwünschungen aufgefaßt
-sein wollten, hintennach und verhallten hinter der zugehauenen Haustür
-ungefährlich in der freien Luft. Im Hof stoben die Hühner wild
-auseinander, und mit fliegenden Rockzipfeln verschwand der Zornige
-durch die Hoftür. Mit gütigen und nachsichtigen Armen aber nahm die
-Freiheit der Felder und Wälder den Rasenden auf wie einen Leidenden.
-Und das war er wohl auch.
-
-Seltsam wurde ihm da draußen zumut, als er immer noch in der fliegenden
-Hast des »Zustandes« langen Schritts die Landstraße hinab dem Wald
-zuging. Es war ihm gerade, als ob er zum erstenmal nach Jahrzehnten
-die Welt wieder erblickte. Das neue Brot des Jahres stand noch auf den
-grünen, hohen Halmen, links und rechts vom Weg. Ein leiser Wind strich
-über das grausilberne Ährenmeer hin, und die Kornfelder schlugen leise
-Wellen, und alle Halme verneigten sich vor dem zornigen Manne.
-
-Drüben am Berg floß das glühende Gold der Ginstersträucher wie
-ein Strom von Reichtum die Hänge herab. Am Himmel, ringsherum am
-unendlichen Horizont, ruhten seltsame Wolkengebilde, feierliche,
-spaßige, gewaltige, und dazwischen kleines Flutterzeug. Was war da nur
-los? Fast wie eine Wolkenausstellung sah's aus. Wie wilde Anemonen
-blühte draußen über der Ebene am Himmel ein Feld von weißen Wölkchen,
-daneben ruhten majestätisch, wie die Staatsschimmel irgendeiner
-hohen Gottheit, silberglänzende Wolkenballen, und andere noch heller
-leuchtende und hoch aufgetürmte stiegen, schnaubenden Kriegsrossen
-gleich, drohend am Himmel in die Höhe. Über den dunkeln Bergwäldern
-schwenkten ganz langsam Wolken wie Luftschiffe, die gerade landen
-wollten. Schlanke Zeppeline schwebten da, die immer noch wuchsen und
-wer weiß was allerhand noch werden wollten, und dicke Parsevale.
-Leuchtend blau wölbte sich die Himmelskuppel über der Erde. Die vollen
-Saaten, zwischenhinein mit üppigen Bäumen durchstanden, taten gar
-selbstbewußt in ihrer reifenden Schönheit unter der strahlenden Sonne.
-Licht lag über der ganzen Welt, über den Bergen, über den stillen
-Fluren und den raschen Bächen. Und während des Flüchtigen Schritt
-immer ruhiger ward, klang durch die Stille eine stumme Verheißung von
-Hoffnung und Leben und Glück.
-
-Das galt ihm; das wußte er.
-
-Er raste nicht mehr, sondern schaute verwundert um sich über die
-langvergessene Herrlichkeit. Ein scharfer Beobachter drüben in den
-Bauernhäusern hätte sogar entdecken können, wie er sich manchmal
-verlegen hinter den Ohren kratzte. Und vor den braunen Hütten mit den
-bemoosten Strohdächern hockten wie in der Hitze eingenickte Wächter
-viele alte über und über in Blust stehende Holunderbüsche.
-
-»Wie schön, wie ganz wunderbar schön,« entfuhr es dem Manne mit dem
-»Zustand« fast demütig. Er begann sich regelrecht zu schämen. Mit
-jedem Schritt wurde er es immer mehr inne, daß er krank war. Nicht
-gefährlich! Nur bücherkrank und stubenkrank! Die blaßvioletten
-Skabiosen in den Wiesen mit ihren hübschen Blumenkörben verstanden
-auch, wie's um ihn stand, und die herrlichen goldgelben Sterne des
-Ziegenbarts wußten es so gut wie die weißen Dolden und roten Rispen
-und die blauen Glocken und die braunen Wiesenknöpfe, was mit ihm los
-war. Sie hatten schon alle lachen wollen über den sonderbaren Menschen,
-denn sie waren übermütig, weil alle Wiesen so herrlich im Pfingstglanz
-leuchteten, und der da aussah, als hätte er die ganze Zeit auf dem
-Mond gelebt, wo es erwiesenermaßen nichts mehr gibt, als griesgrämige
-Berge, die keine Feuer mehr spucken und auch keine Blumen auf ihren
-ausgemergelten Felsrippen mehr wachsen lassen konnten. Aber als die
-Butterblumen und die Ziegenbärte eben verächtlich lachen wollten, da
-kam auf einmal der Wind vor dem stubenkranken Wanderer her und fuhr all
-den Gräsern und Kräutern über die übermütigen Köpfe, daß sie sich ganz
-bescheiden vor ihm neigten, und sagte:
-
-»Wie könnt ihr nur? Das ist doch einer von denen, die über uns Bücher
-schreiben müssen!«
-
-Da schämten sich die Wiesenblumen; denn so viel wußten sie wenigstens,
-daß man beim Bücherschreiben, auch über die Blumen und über die Wolken
-und die Bäche und die Bäume und den Wind, in der Stube sitzen muß, wo
-es das alles nicht gibt.
-
-Der Mann aber, der zuletzt nur noch ganz langsam gegangen und oft
-stehen geblieben war, um mit durstigen Augen all den bunten Glanz und
-all das ruhige Glück sonniger Farbenstille in seine verstaubte Seele
-hineinzutrinken, fing auf einmal von neuem an zu laufen. Nicht mehr aus
-Zorn. O nein! Er spürte nun, daß er wieder lebte, lebte _in_ der Welt
-und _mit_ der Welt, und die Welt in _ihm_. Er fing an zu singen und zu
-springen. Wie lange, das wußte er selber nicht. Aber plötzlich stand
-er wieder vor der Tür seines Hauses mit einem mächtigen Strauß aus
-Feld- und Waldblumen in der Hand, und er wunderte sich sehr, daß ihm
-sein Weib lächelnd entgegentrat, den Strauß mit wenigen, guten Worten
-bewunderte und sonst tat, als ob gar nichts gewesen wäre.
-
-Was war denn überhaupt geschehen?
-
-Er hatte nur noch ein dumpfes Gefühl einer wüsten, langen
-Gefangenschaft in dunkeln Räumen, einer barbarischen Trennung von
-Licht und Welt und Sonne und Schönheit. Und als er wieder in seinem
-Bücherkerker angekommen war, da wußte er, was ihm gefehlt hatte.
-
-Von da an ging alles wieder gut im Haus, denn jeden Tag besuchte man
-mit dem Vater die Holunderbüsche und den Wald und den Bach und die
-Wolken und überhaupt alles da draußen vor dem Gartenhag, was so schön
-ist.
-
-Und daß dieser Mann, der ein guter Bekannter von mir war, je einmal
-den »Zustand« hatte, das ist nun wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und
-wenn es wieder kommen will und er fragt bei uns um unsere Meinung, dann
-wird die Parole gegen den Erzfeind aller Stubenhocker, den Sorgengeist,
-ausgegeben. Die Großen und die Kleinen und die Kleinsten werden in die
-gute Stube gerufen, ich setze mich ans Klavier, und der böse Geist
-fährt aus unter den Klängen des Liedes:
-
- Hinaus in die Ferne!
- Hinaus in die Freiheit, in die Sonne, ins Leben!
-
-[Illustration: Phot. ***
-
-Das Schondratal, ein Seitental der Fränkischen Saale.]
-
-
-
-
-An die jungen Männer.
-
-
-Es braust in den Lüften von Pfingststürmen. Welcher junge Mann hätte
-es noch nicht verspürt, sei er Student, Arbeiter, Kaufmann oder
-Kanzlist, der es ernst nimmt mit dem Leben, das tiefe Erbeben, unter
-dem unser ganzes Leben, das des einzelnen wie das der Familie, das des
-Staates wie das der Völkerbünde erzittert? Die Zukunft des deutschen
-Volkes -- und das geht uns zunächst an! -- hat im Hochofen des 20.
-Jahrhunderts schon fast die Weißglut erreicht, und es braucht _Männer_,
-um das Schmelzgut ohne Gefahren und Verluste in Formen zu fassen.
-_Ganze_, _reine_, _tapfere_ und _treue Männer_ braucht es! Unter
-ihrem Brusttuch muß das Herz der neuen Zeit schlagen, das dem hohen
-Blutdruck eines intensiveren Lebens gewachsen ist und zugleich über die
-für unzeitgemäß tiefe Empfindungen unentbehrlichen Nerven verfügt. Es
-braucht _überall_, in jedem Feldlager der neuen Geisteskämpfe, Männer
-mit kühnen Stirnen, hellen Augen und nüchternen Gehirnen.
-
-Aber erst die nächste Generation, wenn nicht erst die unserer Enkel,
-wird die Entscheidungsschlachten zu schlagen haben. Zu dem zähen Körper
-und dem hellen Geist, deren es dazu bedarf, _kann das Wandern helfen_!
-Es _kann_, wenn es in keine neue »Meierei« ausartet. Aber es _muß_ es
-nicht. Die Befreiungskriege im Anfang des letzten Jahrhunderts haben
-eine gestählte Jugend vorgefunden, ohne daß man vom »Wandersport« eine
-Ahnung hatte. Denn auch das Wandern ist kein Allerweltsheilmittel
-gegen jene inneren Schwären, die zur Bewältigung großer Aufgaben
-unfähig machen, kein unfehlbares Mittel gegen Verweichlichung,
-Unwahrhaftigkeit und -- in höherem Sinne genommen -- Unsauberkeit. Und
-doch wird gerade das Wandern eines der ersten Mittel sein zur Erringung
-jener Eigenschaften, die das Wesen eines jungen Mannes, _wie er sein
-soll_, ausmachen. An deren Eroberung muß jeder, der sich selbst nicht
-gut genug ist, das ganze Feuer seiner Seele und die ungeschwächte
-Zähigkeit seines Willens setzen. _Gut sein, wahrhaftig sein, rein
-sein, stark sein!_ Das ist's! Wer das hat, der wird nicht unterliegen!
-Und zwar kommt es gerade auf eben _diese Reihenfolge_ der genannten
-Eigenschaften an; denn eine ist dabei die natürliche Ursache der
-anderen.
-
-[Illustration: Tafel VII
-
-H. Dopfer phot.
-
-Frühjahr im Dachstein]
-
-[Illustration: Wehrli, A.-G., phot.
-
-Am Untersee]
-
-Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne
-und »lebensverneinende« Programm. Aber -- abgesehen davon, daß es
-_lebensbejahend_ im höchsten Sinne ist! -- weiß ich auch ein
-anderes: Manche _haben_ das schon fertiggebracht! Junge Männer bis
-in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele andere werden nicht
-anders _können_, als entschlossen zu nicken zu diesem stillen Aufruf:
-_Freiwillige vor!_ Und diese werden ohne Anmeldung und ohne Uniform
-der Welt dem All, oder wie sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr
-junges Leben zur Verfügung stellen.
-
-Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden sie am ehesten
-finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn das erste Morgenlicht
-durch die Bäume in den zerzausten Rasen des Waldes fliegt oder beim
-Wandern im roten Mittagszauber der Heide oder wenn ein herber Wind am
-Abend über sonnenumspielte purpurne Kuppen streicht -- oder überall wo
-»der Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der _Natur_,
-die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »~Natura sive deus~«.
-
-Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige Krieg um innere
-Größe, Reinheit und Stärke beginnen:
-
- Vom Grund bis zu den Gipfeln,
- So weit man sehen kann,
- Jetzt blüht's in allen Wipfeln,
- Nun geht das Wandern an:
-
- Und die im Tal verderben
- In trüber Sorgen Haft,
- Der Dichter möcht sie werben
- Zu dieser Wanderschaft.
-
- Da wird die Welt so munter
- Und nimmt die Reiseschuh,
- Sein Liebchen mitten drunter,
- Die nickt ihm heimlich zu.
-
- Und über Felsenwände
- Und auf dem grünen Plan,
- Das wirbt und jauchzt ohn' Ende --
- Nun geht das Wandern an!
-
- (Eichendorff.)
-
-
-
-
-An die jungen Mädchen.
-
-
-Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch mit der
-gebührenden Höflichkeit einiges Besondere:
-
-Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden oder auch in
-kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur schwer sagen. Das ist
-immer eine _reine Personenfrage_. Auch haben, seitdem die Welt steht,
-alle jungen Menschenkinder verschiedenen Geschlechtes, welche der Mai
-des Lebens zusammenführte, auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern
-und sogar ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es
-verstanden, ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in
-der verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen und
-Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe beglückt
-fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als Normalzustand läßt,
-nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation haben, doch auch bei
-unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken aufkommen.
-
-Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen sei
-(abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«,
-wie sie das diskret nannten) _hordenweise_ nicht gut wandern. Die
-Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen Satz eines der
-jungen Kameraden, der mir frisch und unbefangen seine Meinung sagte,
-zusammenbringen: »Nämlich, man befindet sich fortwährend auf einem
-schmalen Grat mit den Mädels. Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß
-sie sich durch gänzliche Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in
-ihren Pflichten mit den Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund
-auf der anderen Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die
-Mädels durch das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt
-werden, und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei
-es der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach
-fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß es
-absolut noch mehr sein müßte!«
-
-So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens dazumal
-Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und überall geliebt als
-ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz seiner jungen Jahre.
-Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen in dieser Richtung. Aber ich
-halte mich immer daran, daß noch jeder tüchtige junge Kerl, dem es
-später wahrhaftig an Eroberungen nicht fehlte, sich immer _gegen_ das
-Zusammenwandern von »Mädels und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig
-Frühreifen und die »Schmachter«, die später, wie damals schon, von
-der Weiblichkeit nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für
-»moderne Auffassung« und fürs Zusammenwandern.
-
-Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen Begebenheit
-für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer noch das parlanische
-»~Mulier taceat in ecclesia~«, das nur in der konzentrierten
-lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der Frauenrechte
-auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau zu allen dem Mann
-zugänglichen Ständen. Man muß alles _probieren_. Aber die Entwicklung
-in den Wandervereinen, wo manchmal auch junge Mädchen offizielle
-Mitglieder sind, spricht sehr _für_ den Apostel Paulus.
-
-Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder
-eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«,
-den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu
-gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten
-hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit über die
-Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der Neuerung eine
-Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. Da griff eine kluge
-alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie sollten die »Mädels«
-an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber ohne Stimm- und Rederecht.
-Der Erfolg war ein solcher Wetteifer der jungen Männer um kurzes,
-sachliches und treffendes Sprechen angesichts der Damen, daß alles
-Geschäftliche in längstens einer Stunde erledigt und besser erledigt
-war als früher.
-
-Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die
-Tatsache spricht -- wie man wohl etwas übertrieben sagt -- Bände.
-
-
-
-
-Von Wiesen und Bäumen.
-
-
-Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit einigen
-Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer durchstreifte,
-kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen zu meinen Lesern, daß
-sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem großen liebenswürdigen Manne
-von Assisi selbst vordringen, zu diesem sonderbaren Heiligen, der nicht
-nur mit den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden
-sprach und die Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete,
-wenn es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr mit
-Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt vorkommen. Es
-ist es auch, wenn man daraus eine schwüle Gefühlsschwärmerei macht,
-die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, aber unterdrückte Triebe
-ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Verhältnis zwischen Natur
-und Mensch, und wenn es nicht der holländische Brillenschleifer und
-Mathematiker Spinoza gehabt hätte, dann wäre es ihm nicht möglich
-gewesen, in der Natur Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch
-äußere Hüllen hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in
-dem gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf
-dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch mehr als
-das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen heimlichen Jüngern
-des Franz von Umbrien gehört auch der junge deutsch-amerikanische
-Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft sagen sollte, wie er
-über die Religion denke, und darauf die allgemein für dumm gehaltene
-Antwort gab: »~Well~, wenn ich spazierengehe und ich möchte eine Blume
-pflücken, tue es aber nicht, weil ich gut zu ihr fühle und spüre, daß
-sie auch möchte geliebt sein und Samen bringen, ~well~, das ist ~my
-religion~!«
-
-[Illustration: Phot. B. Haldy.
-
-Margareten.]
-
-Deutsch schwach, aber Religion zweifellos gut.
-
-Und ich kenne noch so einen. In dessen Tagebuch vom vorigen Frühjahr
-ist zu lesen: Es will wieder Frühling werden, und ich gehe jeden
-Morgen von meinem Dorf den Weg zu den nächsten Hügeln hinauf. Links
-und rechts vom Weg auf den Äckern und Wiesen steht alles voll von
-Obstbäumen, keiner ist wie der andere. Die Kirschbäume gleichen sich
-noch am meisten. Aber die Birnbäume, das ist ein Baumvolk von Riesen
-und Zwergen, Krummen und Buckligen, Übermütigen und Melancholikern. Die
-zwischendrin versteckten kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie
-fahren mit ihren eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen
-in der Luft herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor
-Leichtsinn und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume.
-Aber auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu
-früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr für die
-Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume ist. Überhaupt
-sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem Ausschlagen, am
-besten an, was sie wirklich sind. In den Formen und Linien des kahlen
-Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, kommt ihr ganzes Temperament
-zum Ausdruck. Viele stehen da in strotzender Kraft, während andere ihr
-verfehltes Leben im ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an,
-wie sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt
-haben, und manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht
-ängstlich da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum
-verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum empor
-wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen Hügel und
-gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, frohe Art,
-wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige mit einer gewissen
-Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. Kein bißchen Moos
-war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige verästelten sich zu
-Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie frohe Erwartung lag über der
-gesunden Gestalt dieses Baumes, und das grüngestrichene Bänkchen neben
-seinem Stamm schien ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu
-dürfen. Als alle anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines
-schönen Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt,
-und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen aufgegangen. Es
-war kein Zweifel, er würde der erste sein, der im Lande blühte. Am
-gleichen Abend zeigte er schon seine ersten weißgrünen Knospen. Eines
-Morgens stand er im Brautstaat da.
-
-Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß der
-Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. Aber ich
-will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer deutscher
-Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht weit von dem
-Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die hoheitsvolle,
-tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man meint, nur Dichter und Maler
-und derlei überspannte Leute glaubten an solche Dinge, so weiß ich
-einen berühmten Musiker, der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen
-ein direktes Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es
-sich um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte ... Nur wenige
-unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die Bergheiden und
-Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor dem _Besitz_ des Bauern und
-hausen in dieser Richtung oft wie die Tiere. Aber noch weniger Menschen
-gibt es, die nicht nur aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer
-heiligen Achtung vor einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es
-nur Pflanzenleben ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den
-Rasen der Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können.
-
-Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich eine
-Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. Daß man
-auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht ohne
-weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend mit
-dem, was Goethe immer wieder das Schauen nannte.
-
-Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine breite
-Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen Sterne der
-Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der Skabiosen,
-die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden Bergblumen,
-ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die Grasspitzen in
-die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen Teppich, fast am Boden,
-bietet der rote Klee den summenden Bienen und Hummeln verborgene
-Liebeslager dar. Aber alles das sieht der Wanderer nicht nacheinander,
-sondern zugleich. Daß die Sonne hinter seinem Rücken steht und die
-eigentliche Veranlassung dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen
-Grasgemächern hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und
-die stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm
-gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt in
-Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, und ihm ist
-auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des Daseins, wo es
-keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. Das mag ungefähr
-der Marschendichter Allmers empfunden haben, als er das wunderbare Lied
-wie von unsichtbaren Elfen ins Ohr gesagt bekam:
-
- »Ich ruhte still im hohen, grünen Gras
- Und sende lange meinen Blick nach oben;
- Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß,
- Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
-
- Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin
- Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume.
- Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
- Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.«
-
-
-
-
-Vom Wald.
-
-
-Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten Willen
-nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und Botaniker
-genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlich erklären könnten,
-daß der Wald immer eine Ansammlung von dicht beieinander stehenden
-Bäumen aller möglichen Arten sei; einige gelehrte Männer sind sogar
-dahintergekommen, daß der Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit
-bestimmten Gesetzen ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der
-feindlichen Heide führt, die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden
-von bedürfnislosen Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den
-mächtigsten Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und
-schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter dem
-unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren Wurzeln auf eine
-listige Art -- durch Bodenverfilzung -- Wasser, Licht und Luft entzieht.
-
-Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im
-Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, der
-den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all dies
-erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche --
-_Walden_.
-
-Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab warnen vor
-der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist.
-
-Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter Millionen
-geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen Art,
-nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen konnte. Aber wirklich
-gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das hat z. B. Richard
-Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert Takten im Siegfried,
-im »Waldweben«, wo der junge Siegfried auf einmal die Stimmen der
-Waldvögel versteht und das ganze geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern
-und Blätterrauschen. _Gemalt_ hat den Wald eigentlich nur Moritz v.
-Schwind, dann und wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma.
-Es gibt ja viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die
-Baumstämme und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt
-sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, auch in
-der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, das zu uns reden
-kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; vor dem einem aber auch
-manchmal etwas wie Angst in die Kehle steigt, weil man es gerade in
-diesem Augenblick unaussprechlich klar empfindet, daß man noch lange
-nicht ein ordentlicher Mensch geworden ist. Ich meine, der wirklich
-ordentliche Mensch, den zu werden man sich heimlich vornahm, als man so
-zwischen vierzehn und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden
-wollte.
-
-Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im Grunde nur
-Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit und stiller Größe,
-an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im deutschen Wald
-lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, die in allen Dingen
-schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen Waldes zu sagen
-vermocht.
-
-Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes
-Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen mußten, wenn sie
-ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife ich ganz ohne Nachdenken.
-Das Gescheiteste war es schon nicht, als Fridolin vom Oberrhein und
-andere Bekehrer zum Umhauen der alten Eichen und Taxusbäume ihre
-Zuflucht nehmen mußten, um sich in Ansehen zu setzen.
-
-Einmal -- vor bald zehn Jahren -- da sind wir zu fünft durch den
-Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den lichtgrünen
-Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die Sonnenstrahlen, die
-durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk der Baumkronen heimliche
-Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen Unsinn mit dem wenigen
-Schmuck, den die zwei mitwandernden Frauen am Hals oder an den Fingern
-trugen. Nahgerückte Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende,
-lichte Glück des sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen
-hindurch schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten,
-in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, den die
-Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal sicher! Ein wenig
-warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte das Glück zwischen den
-Schatten der alten Buchen und Eichen mit uns, ohne uns einmal aus den
-Augen zu lassen, und keines von uns fünf wagte während der seltsamen
-zwei Stunden mit einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen
-Waldes zu stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das
-siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das behagliche
-Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen wir mit frohen,
-wissenden, segnenden Augen -- aber wir wollten nichts für uns selbst.
-
-Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas gewußt vom
-Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den kreisenden Aureolen
-des Sonnenlichts und aus der Finsternis, die mit tausend Augen in der
-Nacht zwischen den Stämmen in der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle
-Land, gewebt aus dem beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der
-stummen, unbeweglichen Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm
-und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; denn an ihrer
-gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen.
-
-Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es in den Märchen
-von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des Glücks gibt, in denen ein
-richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen brauchte, um in einer Sekunde
-von Kopenhagen nach Konstantinopel zu kommen, warum soll es heute,
-nach tausend weiteren Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen --
-des Herzens geben, mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse
-und Wunder des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz
-unverdienterweise!
-
-[Illustration: Phot. Prof. ~Dr.~ Hausrath.
-
-Mittagsstille im Wald.]
-
-
-
-
-Von der Heide, der Marsch und der Geest.
-
-
-Wer den Drang in sich fühlt, einmal ohne Überschreitung der deutschen
-Grenze etwas Grundanderes zu sehen als ruhevolles Mittelgebirge,
-schöne deutsche Laubwälder, stille, grünende Matten mit dem eintönigen
-Leben von Bauern, die gerade ihr Leben noch fristen können; wer einmal
-die Antithese zu den Wiesen und Bäumen und süddeutschen Binnenseen
-des vorhergehenden Abschnittes erleben will, der wandere von einer
-der schönen mitteldeutschen Städte wie Braunschweig oder Lüneburg
-durch die Heide hinab an die Geest und hinab an die Marsch. Dieses
-Hinab mißt bloß einige Meter Unterschied in der Meereshöhe, und doch
-sind diese wenigen Meter entscheidend für den ganzen von Grund aus
-anderen Charakter der Landschaft, wie sie an der Waterkant, immer
-noch unentdeckt von den Landratten, mit allen ihren großen, herben
-Wundern liegt. Besonders die Deichlandschaft der Niederelbe, die sich
-wie ein Kranz künstlicher Seen um Hamburg herumschließt, ist ein noch
-unentdecktes Reich. Dort ist das große Meertor von Deutschland, durch
-das man hindurchsieht auf die Welt außerhalb unseres kleinen Europa,
-auf Amerika, Asien, Afrika, Australien, von denen die richtigen Jungens
-der berühmten Fischerdörfer an der Niederelbe reden, so wie wir in der
-südwestdeutschen Ecke von Frankfurt oder Berlin.
-
-[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel.
-
-Frau aus der südl. Lüneburger Heide.]
-
-Die paar Monate, die ich da oben zugebracht habe, hätten nicht
-genügt, um mich in diese wesensverschiedene Welt einzuweihen, wenn
-nicht mancher Schleier gelüftet und manches Rätsel gelöst worden wäre
-durch ein Werk, das ich jedem nach wirklichem, tiefem Erfassen jenes
-herrlichen Landstreifens Verlangendem an der Nordsee nicht dringend
-genug empfehlen kann, nämlich Professor ~Dr.~ Lindes »Niederelbe«.
-Dort schaffen elementar einfache Linien der Natur, ein wirklich noch
-urwüchsiges und scheu auf sich selbst zurückgezogenes Volkstum, das in
-ständig wogenden Wasserschleiern webende Sonnenlicht und nicht zuletzt
-einen architektonisch hoch entwickelten bäuerlichen Kunstsinn, eine
-Welt ganz für sich -- eine Welt, zu der die Entdeckungen der Worpsweder
-Maler in der Bremer Heide für die große Öffentlichkeit nur ein winziges
-Schrittchen bedeutet.
-
-Unter den deutschen Heiden ist die lüneburgische die größte. Die
-stille Schönheit dieser unfruchtbaren Wüste ist bis jetzt weder von
-einem Maler noch von einem Dichter auch nur annähernd dem Bewußtsein
-der Bewohner Süd- und Mitteldeutschlands nahegebracht worden. Die in
-rosaroter Abendglut brennende Heidewildnis mit dem braunen Uferrand der
-Torfmoore, die unsagbar große Einsamkeit, die von Horizont zu Horizont
-geht und höchstens einmal durchschauert wird vom verlorenen Echo der
-Dampfsirenen großer Weser- oder Elbeschiffe; die einsamen »Ahlen«, die
-sich aus dem Moor oder aus der Heide wie flache Schildbuckel erheben
-und mit einem rauchgeschwärzten, strohbedachten Heidehaus gekrönt sind,
-und die Menschen der Heide, die von dem dürftigen Kornwuchs leben, den
-die Stückchen urbar gemachtes Land widerwillig hergeben; von alledem
-haben wir Wanderer des Südens keinen Begriff.
-
-[Illustration: Phot. W. Noelle.
-
-Fahrstraße in der östlichen Lüneburger Heide.]
-
-Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren machtvolle
-Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten Gestalten
-der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma der Armut erhält,
-versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, feuchten Wiesenboden
-der Marsch große Herden von schwarzen Rindern weidend langsam
-vorwärts bewegen; wo überall Zäune und Tore, die oft wahre ländliche
-Prunkpforten sind, den Grundbesitz der Marschbauern abgrenzen. Die in
-großzügigen Formen gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen
-Tönen ist oft in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren
-und kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern von
-Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen graugelber
-Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen Erikafeldern und
-aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet den heimeligen
-Zauber eines mit köstlichem Holzwerk gezierten und von Schutzbäumen
-gegen den Sturm umstandenen Altländerhauses sieht, dann beginnt
-das Paradies der Elblande. -- Die Fußwanderungen an der Niederelbe
-sind stählend für den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres,
-sie bereichern die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach
-genialer Abwechslung entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd
-gelben Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast
-Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von
-schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen Wolken
-großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und alle diese
-Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer an der Unterelbe
-weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz der Rheinebene. Sonst
-könnte er nicht von dem dunkeln, vom Sturm mit rollenden Wogen
-übersäten Strom, der dort schon breit ist wie ein Meerarm, das
-wunderbare Wort prägen: »Dee Els (Elbe) geiht in Hemdsärmeln.«
-
-[Illustration: Phot. Albert Angelbeck.
-
-Sturm an der »Wasserkante«.]
-
-Das sind nur die allergröbsten Geheimnisse. Wenn man aber einmal
-dahintergerät, wie der durch Schilfwildnis ziehende Strom eigentlich
-aus zwei sich ständig bekämpfenden Flüssen besteht, nämlich dem aus
-dem Lande kommenden Süßwasserfluß und dem durch den Pulsschlag des
-Meeres bis hinauf nach Hamburg getriebenen Salzstrom, und daß z. B.
-das harmlos erscheinende Süßwasser leicht obenauf schwimmt, aus Ufer
-Fluß macht, während das Salzwasser das verschlungene Gut wieder an
-anderen Stellen anschwemmt, dann bekommt dieser Strom etwas von
-bewußt wirkendem und schaffendem Leben. Die unzähligen dunkeln Ewer
-mit ihren tiefroten und braunen Segeln, die herrlichen Fünfmaster,
-die noch wirkliche Schiffe sind im Gegensatz zu den gigantischen und
-uneleganten Kästen, den aus drei und vier Schornsteinen rauchenden
-Ozeandampfern, die dicken, plumpen Schlepper, die Bernhardiner der
-Elbe, wie sie genannt werden, die die auf Sandbänken festgefahrenen
-Ozeandampfer von der Gefahr des Strandens zu retten haben, und
-schließlich die kleinen, in der Schilfwildnis liegenden Krabbenboote,
-auf denen die Fischer an offenen Feuern ihr Mittagsmahl kochen, alles
-das sieht sich dann an wie eine leicht gefällige Last, die der breite
-Strom gutmütig und willig flußab oder flußauf trägt, je nachdem die
-Ebbe oder die Flut eingesetzt hat. Und dann noch die zahllosen, uns
-Landratten unbekannten Idylle von weidenden Schafen, Ziegen und Rindern
-zwischen hängenden Fischernetzen; das hell lachende, herbfrohe Leben
-der Dorfjugend auf den weißgestrichenen Bänken vor den Marschhöfen, in
-denen innen und außen alles von einer geradezu holländischen Sauberkeit
-ist; die ungeheuern Unterschiede zwischen den Erwerbszweigen ganz nahe
-beieinander liegender Landstrecken, z. B. der hochentwickelte Gemüse-
-und Obstbau des alten Landes und die berühmte Viehzucht der Vierlande;
-dann das glitzernde Leben im Winter, wo jung und alt auf den gefrorenen
-Fleten Schlittschuh läuft und die Elbe mit Grundeis geht, als ob lange
-Ketten aus großen Silberperlen mit der Ebbe oder der Flut stromab und
-stromauf getrieben würden! Alles das ist eine Welt voll so frischer
-Urwüchsigkeit, daß man es begreifen kann, wenn die Hamburger die Mark
-und Berlin ihr Hinterland nennen und die Hoffnung haben, daß aus dieser
-fast ungeschmälerten Kraft einmal das größte Gemeinwesen des Deutschen
-Reiches emporwachsen werde.
-
-Es ist einerlei, ob das so sein wird oder nicht (denn der Hamburger
-und der Marschbauer neigen von Natur zum Größengefühl). Aber wenn man
-mich fragen würde, was es außer dem Schwarzwald mit seinen verborgenen
-Bergwundern landschaftlich noch Unerhörtes und nicht zu Übersehendes
-in Deutschland gäbe, dann würde ich in der ganzen Ehrlichkeit meines
-beschränkten Schwarzwaldpartikularismus sagen, nach dem Schwarzwald
-komme zu allererst die Waterkant in Betracht, d. h. das Land der
-Marsch, der Geest und der Heide.
-
-
-
-
-Wie man Städte ansehen soll.
-
-
-[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting.
-
-Altes Portal in Rothenburg o. d. T.]
-
-Im Schlendern! Ohne Baedeker oder sonstige Führer, die einen mit und
-ohne Stern zu den berühmten Kirchen, sehenswerten Profanbauten und
-nicht zu übersehenden Denkmälern geleiten. Das größte Übel beim Besehen
-der Städte ist der _Zeitgeiz_. Die meisten Wanderer leiden an der
-Zwangsvorstellung, »alles« gesehen haben zu müssen. Sie empfinden es
-fast wie eine Gewissenlosigkeit, wenn sie etwas auslassen. Das sind die
-Sklaven der Kataloge. Wenn sie sich Nürnberg besehen, dann sind sie
-vorschriftsmäßig von elf bis zwölf im Bratwurstglöckle, bis zwei auf
-der Burg und bis vier Uhr im Germanischen Museum. An Leib und Seele
-gerädert, suchen sie dann ihrer Aufnahmefähigkeit durch einige Schoppen
-in den historisch geheiligten Winkeln des »Posthorns« oder »so wo«
-aufzuhelfen, was aber zumeist programmwidrig ist.
-
-Wer aber auf gut Glück die Straßen der alten Städte durchwandert, der
-empfindet auch das Glück aller ersten Entdecker! Es kann ihm nicht viel
-entgehen, wenn er mit hellen Augen zwei Tage lang den großen und einen
-Tag den kleinen Städten widmet. Aber wenn er so ganz zufällig, sagen
-wir, in Bremen sich auf einmal dem steinernen Roland gegenüber sieht
-und ganz ohne vorhergehendes Studium historischer oder künstlerischer
-Randglossen zu diesem ebenso merkwürdigen wie wundersamen Denkmal das
-kindlich freundliche Lächeln des unerschrockenen Helden der deutschen
-Sage auf sich wirken läßt, dann vergißt er diesen Eindruck nicht mehr
-so leicht. Ob er dabei den Stil des Kunstwerks für spätromanisch
-oder frühgotisch hielt, das tut nichts zur Sache. Er hat den Roland
-von Bremen einfach erlebt und hat tausendmal mehr von ihm als ein
-anderer, der sich zuerst kunsthistorisch unterrichtete, um sich vor
-den Kameraden beim Besuch der Statue »nicht zu blamieren«. Der Bock,
-den jener mit der falschen Stilzuteilung geschossen, ist lange nicht
-so schlimm als das anempfundene und fremdem Wissen entwendete richtige
-Stilgefühl des klugen Alleswissers.
-
-Also lieber eine kraftvolle Dummheit als ein schwächliches Prunken mit
-unredlichen Kenntnissen. Denn es gibt nur _eine_ Art von redlichen
-Kenntnissen, die _erlebten_, oder um mich chemisch-biologisch
-auszudrücken, die assimilierten Kenntnisse.
-
-[Illustration: Phot. H. Jost.
-
-Rathaus in Michelstadt im Odenwald.]
-
-Kein Wanderer wird es als Abfall und als Untreue von seinen
-eigentlichen Zielen empfinden, wenn er sich einmal aus ganzem Herzen
-freut, in der Ferne die grünleuchtenden Kupfertürme einer großen, mit
-altem und doch noch lebendigem Bauwerk gesegneten Stadt zu erblicken
-und das Heulager in Bauernscheunen mit dem sauberen Bett eines
-einfachen Gasthauses zu vertauschen. Wer das bestreitet, der prahlt.
-Man muß nur einmal die komisch feierliche Eßlust gesehen haben, mit
-der eine Schar von Wandervögeln, die ein freigebiger Gönner zu einem
-regelrechten Gasthofmahl eingeladen hat, sich ihrer Aufgabe entledigen.
-Wer das einmal neidlos zu sehen bekam, der begreift, daß auch beim
-Wandern allein der Wechsel erfreut, und daß ständiges Traben in der
-Ebene ebenso langweilig wird wie die immer sich gleichbleibenden
-Lagergerichte aus irgendeinem Wandererkochbuche.
-
-[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.
-
-Aus Tangermünde.]
-
-Wenn du also, Wandersmann, nach einem guten Imbiß und einer köstlichen
-Nacht in einem kühlen, frischen Bett deinen Rucksack in irgendeinem
-sicheren Verlies aufgehoben weißt, dann schlendere unbeschwert durch
-die Straßen, schließe immer nur wenige, aber tiefe Freundschaften mit
-dem Schönsten, was dir von schönen Häusern und feinen Bildnissen,
-himmelhohen Domen und trotzigen Burgen dein Herz gefangennimmt. Es
-ist dabei einerlei, ob deine Liebe der geistvoll und fast frivol
-lächelnden »Fraue Welt« gilt, die am Münster von Basel hoch über dem
-Rhein ihr Busentuch lüftet, oder dem treuherzig dummen Ritter Georg
-am Dom von Bamberg, der, steif im hölzernen Sattel sitzend, mit der
-Unerschütterlichkeit eines Parsivals den Drachen absticht, wie wenn es
-sich um ein Ferkel handelte; oder ob dir die Madonna von Nürnberg in
-der wellenhaft aufsteigenden Andacht ihres Gewandes und der beglückt
-dankenden Reinheit ihrer gefalteten Hände dein Herz erbeben ließ, oder
-ob du die Augen nicht wenden konntest von dem zierlichen Gitterwerk des
-Meisters, der aus roten Quadern in der kühnen Pyramide des Freiburger
-Münsters einen wunderbar lichten Dank für alle Herrlichkeit der Erde
-dem Himmel entgegenbaute.
-
-[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Touristenverein Hannover.
-
-Hannöversches Dorfbild.]
-
-Sei also immer Herr deiner Zeit und nicht ihr Sklave! Du darfst sie
-auch dann und wann souverän _verschwenden_! Denn wenn du z. B. in
-Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den Reiterstandbildern
-der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von den Bildern des Paolo
-von Verona gesehen hast, weil es dich immer wieder nach dem alten
-Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo der Zypressenwald steht und
-wo du den schönsten Blick auf den farbigen und zugleich kriegerisch
-drohenden Zauber der Stadt Dietrichs von Berne genießest, so hast du
-doch mehr von Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen
-haben und doch nichts.
-
-[Illustration: Phot. Heinrich Jost.
-
-Deutsches Städtchen.]
-
-Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu
-geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der
-deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches
-Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen
-und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in
-einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich
-wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues
-und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten
-verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem
-Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln,
-murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen
-sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der
-Bewohner einer Stadt. Er _erlebt_ die Stadt. Er wird sich im Innersten
-bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch
-gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus
-schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur
-hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die
-vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu
-fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede
-war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist
-der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre ~Sermons in
-stone~ gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch
-und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer
-sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem
-Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des
-Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen
-Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und
-Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht
-erwehren können, am wenigsten entbehren.
-
-[Illustration: Phot. Ferrars, Freiburg i. Br.
-
-Im Freiburger Münster.]
-
-
-
-
-Die deutschen Lande.
-
-
-Wir müssen uns das Paradies selber bauen in der nordischen Heimat --
-schreibt Hermann Hesse von seiner Ceylonreise. Diese Heimat ist das
-Deutschland, wo -- um unbescheiden bei der eigenen Heimat anzufangen
--- der Rhein einen zärtlichen Ellenbogen um ein herbes Bergland macht,
-um ein Land einfacher Linien, aber auch voll grüner Waldverworrenheit
-und gesegnet mit einer Ruhe, die nicht erschlafft, sondern ermuntert zu
-tätigem Leben. Daneben lebt auf einer Hochebene das Volk der Sueven,
-die gerade nicht darauf erpicht sind, ihrem Namen (die Sanften)
-_unter allen Umständen_ Ehre zu machen, die aber zwischen eintönigen,
-von schmalen Flüssen durchwundenen Rebbergen und in alten feinen
-Städten, angefüllt von dem eigensinnigen Formen- und Farbengeschmack
-der Schwaben, ein Leben voll rüstiger Ehrlichkeit und geschmeidiger
-Klugheit führen. Das deutliche Selbstbewußtsein, dem deutschen
-Vaterland eine nicht geringe Zahl von Männern geschenkt zu haben, deren
-Name lange nicht mit ihrem Todestag verschwand, fehlt ihnen dabei nicht.
-
-[Illustration: Phot. E. Braun.
-
-Hochtal im Schwarzwald.]
-
-Weiter dem Osten zu, auf einer noch rauheren Hochebene, haben die
-markomannischen Fäuste und die glaubensstarken Köpfe der Oberbayern
-nicht verhindern können, daß dort ein sonderbares Großstadtgebilde
-aufblühte, in dem neben einem angeborenen Sinn für Darstellung eine
-große Zahl von Männern und Frauen in zähem Lebenskampf hochwertige
-Kulturarbeit leistet, und zwar von solcher Bedeutung, daß die
-»Kunstmetropole des Südens« den Namen eines modernen »Capua« leicht auf
-die Achsel nehmen kann. Durch den blauen Alpenkranz, der sich um die
-Stadt schlingt, kommt Deutschland auch noch in die Reihe jener Staaten,
-die nicht ohne den Diademschmuck ewigen Schnees geblieben sind.
-
-[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.
-
-Schwälmer Mädchen.]
-
-Das ganze Frankenland von der französischen bis zur österreichischen
-Grenze ist für den deutschen Wanderer noch immer zu sehr ~Terra
-incognita~, besonders die Gegend der Main- und der pfälzischen
-Franken. Doch auch bei den blinden Hessen sind noch die verschwiegenen
-Malerwinkel und die verzauberten Welten altväterlichen Lebens zu
-finden, die ihre schlichte Schönheit nicht jedem kecken Wegfahrer
-offenbaren, sondern gesucht, mit frommem Gemüt durchwandert und in
-aller Stille geliebt werden wollen. Dort liegen hinter den dichten
-Wällen schwerbeladener Obstbäume versteckte Dörfer mit launig
-dicken Kirchtürmen oder vorlaut über das grüne Gewoge schauenden
-Rokokozwiebeln von Gemeinden mit guten Pfründen; und wer es versteht,
-sich da hineinzuschleichen, der bekommt zum Lohn den ganzen unberührten
-Reiz ländlichen Friedens und Segens beschert.
-
-[Illustration: Phot. E. Braun.
-
-Fuldaschleife bei Kragendorf.]
-
-Herbere Töne und tiefere Noten schlägt schon das Land um den
-Teutoburger Wald herum an, so sehr manche Striche noch an die Milde
-des Taunus oder der Rhön gemahnen. Wie eine Insel von fremder
-Eigenart steigen an der Mosel die vulkanischen Eifelberge mit
-ihren ossianisch-schwermütigen Maarlandschaften hervor. Erst in
-den hannöverschen Landen, wo die deutsche Tiefebene ernstlich ihre
-guten Rechte geltend macht und wo auch die rauhen Paradiese der
-niederdeutschen Heide beginnen, nimmt die Landschaft wieder Formen und
-Färbungen an, die den Wanderer zunächst überraschen und dann, wenn er
-seine Augen eingestellt hat, beglücken.
-
-[Illustration: Phot. W. Noelle.
-
-Alter Bauernhof in der Lüneburger Heide.]
-
-Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem Dampfer in der
-Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer eintönig erscheinen.
-Und beim Wandern durch die nicht restlos befriedigende Synthese des
-Teutoburger Waldes, dessen viele trotzige Einsiedlereichen mit ihrem
-unwiderstehlichen Baumzauber sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe
-dürftigen Tannenforst doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft
-fühlen, da müssen schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens
-aus dem Gymnasium das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann
-kommt Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das
-ist etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von
-düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht
-ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder und
-die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen zur
-Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der geht noch
-in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur empfänglich
-für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder,
-wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes Wort) und
-für den Kunstkenner der Biedermeierzeit einzig in Betracht kamen, als
-rascher Genuß des Auges wie als dauernder Schmuck des Hauses. Daran
-aber erkennt man den objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von
-welcher politischen Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal
-heroischen Klang und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was
-in jener so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen
-hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, wo
-die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit
-auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen weiden,
-die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die Heimat sind,
-bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken nämlich über die
-schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der Wasserkante, besonders
-der Niederweser und der Niederelbe, wo ein im Kampf mit dem »blanken
-Hans« der Nordsee hart und still gewordenes Bauernvolk einer endlosen
-Rohr- und Schilfwildnis weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes
-abgerungen hat und dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller
-Trotz und Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist
-jetzt die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen
-noch jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche,
-die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den von der
-Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. Dort in
-Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den Binnenländer
-ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft fast empörend geordneten
-Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter Vielfältigkeit verleiht:
-das Wasser, das Meer. Mögen die Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade,
-die Linden beschnitten sein wie Weidenstrünke und diese selbst, oft
-Baumstämme von ansehnlicher »Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen
-Köpfen, alles tun, um das Landschaftsbild »uninteressant« zu
-machen, schon das »Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische
-Raffinement gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus
-kurzem gutgebundenen und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh,
-zärtlich umhegt von Bäumen und Büschen, ist ein kleines Wunder eines
-»Heims«. Und doch wie bitter und hart ist dort noch das Verhältnis
-vom Mensch zum Menschen, besonders vom Herrn zum Knecht! Aber gerade,
-als wollte die Natur hier das Unerbittliche, Schweigsame im Menschen
-mildern, hängt der sonnendurchglänzte Wasserdunst des Meeres oder
-der stundenbreiten Flußläufe über die Erde dort unten Gold- und
-Silbernetze, deren Wirkung die Landratte sich nicht vorstellen kann.
-Breit verschwimmend im Lichtglanz, der vom frühen Morgen bis zum späten
-Abend mit einem verschwenderischen Farbenreichtum prunkt, so erscheint
-alles Geradlinig-Eckige im Land der Marschen. Und wer nicht die alten
-Fleten am Hamburger Hafen, die engen, kanaldurchzogenen Gassen der
-alten Lagerhäuser hansischer Großkaufleute der Vergangenheit gesehen
-hat, wie sie im lichtdurchglühten Wasserdunst und im sonnengeröteten
-Qualm der Dampfer zu Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem
-Ultramarin werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte
-Zauberer aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen
-Warenspeichern machen können.
-
-[Illustration: Phot. Wilh. Bandelow.
-
-Hamburger Flet bei Ebbe.]
-
-Wir haben oben von einem der eigentümlichsten Städtegebilde in der
-südöstlichen Ecke des Reiches gesprochen, von München. Es hat seinen
-fast künstlerisch kontrastartig wirkenden Gegensatz im Nordwesten
-Deutschlands. Den Abschluß der dem Süddeutschen in der grandiosen
-Einfachheit ihrer Linien und in dem fast holländischen Zauber der
-wassergesättigten Atmosphäre nicht ohne weiteres verständlichen
-Landschaft der roten Heide, der samtgrünen Marsch, der schwarzen
-Moorwildnisse, der verträumten Schilfufer und der waldigen Hügelhänge
-an dem meergleichen Strom, der schimmernden Obstwälder und der gelben
-Sanddünen, der stillen Deiche und der rollenden Wogen -- diesen
-Abschluß bildet die bedeutungsvollste und lebendigste aller deutschen
-Städte: Hamburg. Während der Rhein, dem granitenen Leibe der Alpen
-entsprungen, doch immer im engen Felsenbett dahinrollt und wenigstens
-bis zu seiner holländischen Deltaversandung an alten Burgen, hohen
-Domen, Rebenhügeln und fruchtbaren Gefilden dahinrauscht, und er
-eigentlich doch immer nur das große, sagenumwobene Idyll eines Flusses
-ist, entwickelt sich die dem Busen des Riesengebirges entquellende
-Elbe auf verhältnismäßig kürzerem Lauf durch sozusagen nüchternes Land
-zur monumentalen Größe, die zu unserem technisch merkantilen Zeitalter
-eher passen will als die Poesie des romantischen Rhein! Berlin ist ja
-zweifellos politische Reichshauptstadt. Aber das Tor, das uns mit allen
-Erdteilen verbindet und bei aller merkantilen Einseitigkeit doch das
-Sigillum der zukünftigen Groß-Großstadt Deutschlands schon jetzt an der
-Stirn trägt, ist Hamburg. Wer's nicht glaubt, mag selbst hingehn. Das
-kann durch keine Statistik, durch keine politischen Reden, sondern nur
-durch die Augen erschaut und erfaßt werden.
-
-[Illustration: Tafel VIII
-
-Gottheil & Sohn, Königsberg, phot.
-
-Ostpreußische Küstenlandschaft]
-
-[Illustration: R. Hilbert phot.
-
-In der Norddeutschen Tiefebene]
-
-Wenn ich nun nicht auch auf der Ostseite Deutschlands den Weg durch
-Pommern, Sachsen, Schlesien usw. zurück mache, so nur deshalb, weil
-mir im Laufe der Betrachtungen klar geworden ist, daß das eigentlich
-ein Buch für sich gäbe. Nur so viel zum Schluß: Aller Chauvinismus
-ist mir in der Seele zuwider, und das Lied: »Deutschland, Deutschland
-über alles« ist zwar als politisches Lied verständlich, und ich
-kenne kein schöneres Ziel, als daß das Lied wahrgemacht würde: daß
-Deutschland Europas und der Welt _Musterstaat_ würde. Aber die Liebe
-zur Heimat schließt die Erkenntnis nicht aus, daß die ganze Erde und
-alle Länder voller Wunder sondersgleichen sind. Nur sollen wir beim
-~A~ anfangen, und unser ~A~ ist Deutschland, das Land, das bei aller
-Festgründigkeit doch das wandelbarste, das entwicklungsfähigste der
-europäischen Kulturländer ist. Schon darum ist es des Wanderers Sache,
-einmal zunächst seine eigenen Gaue zu schauen. Um so klarer wird er die
-Schönheiten anderer Länder zu würdigen wissen.
-
-[Illustration: Phot. U. Rheinboldt.
-
-Halligwerft.]
-
-
-
-
-An die Alten und die Jungen.
-
-
-In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, und in
-den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends müssen am
-Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge gesagt werden. Denn es ist
-nicht gleichgültig, wie der Sauser des nahenden Herbstes ins Stadium
-kommt -- wie sie drüben über dem Rhein sagen -- und wie der neue Most
-sich bis zur Klärung gebärdet. Da kommt es erheblich auf die Schläuche
-an.
-
-Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der wir so
-viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den Kenntnissen
-der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher entweder allzu
-verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper rechnen müssen. Denn
-dieses größte aller Wunder der Natur hat da auch sein Wort mitzureden.
-Wir wissen heute, daß eine sündhafte Verschwendung von Kraft in der
-Richtung moralischer Anstrengungen gemacht wird und daß der heilige
-Antonius und viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende
-Menschen viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß
-das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt
-worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen,
-mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen und der
-Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen Kulturmenschen
-Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit in jedem Sinne eine
-Nationaltugend werden. Vor allem beim Wandern, wo die Verführung zum
-Gegenteil so groß ist.
-
-Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. Das andere
-ist nur für die Alten.
-
-Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger noch
-nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige Einbildung
-zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, wo _sie_ jung
-waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon Salomo, man findet ihn
-bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um eine Gedankenverkalkung,
-die niemand aufgeben will. Und doch spricht schon allein der Gang der
-Weltgeschichte dagegen. Aber es braucht noch mehr. Wir älteren Semester
-sollten es wieder anstreben, die Jungen nicht nur zu schulmeistern,
-sondern auch von ihnen zu lernen. Schon deswegen, weil wir so selber
-jünger bleiben, als wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer
-Philisterweisheit zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen
-Gebrauch machen von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die
-Jungen als Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen -- denn sie sind mit
-Recht anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit
--- unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher
-Kameradschaftlichkeit mitteilen.
-
-Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie zum Kampf
-gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und exklusive Tendenzen
-aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen älteren Stillen im Lande,
-die sich von irgendeiner guten Tante weismachen ließen, sie seien zu
-alt zum Wandern.
-
-Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das Wandern!
-So würde ganz ohne Lärm und Organisation und Agitation ein Geheimbund
-der alten Herren, eine Brüderschaft vom geruhigen Wanderschuh
-entstehen, deren Mitglieder schon durch ihr Dasein beschämend und
-anfeuernd auf die Jugend wirken könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der
-Unentwegten, ein Fähnlein der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und
-ohne Vereinszeichen. Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein
-gut pochendes Herz, das jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose
-und ähnliche überflüssige Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an
-die Jugend, besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre
-Flammen, wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des
-Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der alten
-Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange ergeben und
-die Flinte ins Korn geworfen haben.
-
-Und warum?
-
-Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden Trick der
-modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen sind, den
-wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, die _Bewegung_, nach und nach
-an sich zu ziehen und aus den Menschen immer mehr Stückgüter zu machen,
-die zur Beförderung übernommen werden, sei's auf dem Motorrad und Auto,
-oder auf der Eisenbahn und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer
-und im Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben
-verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität
-Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren Semestern
-lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender Zuvorkommenheit
-wird alles an uns herangebracht. Das Kino erspart uns bald das Reisen,
-und wer weiß, bald können wir vielleicht in unseren vier Wänden prima
-Schwarzwaldluft atmen, die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen
-zuführen wie Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen
-Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, und
-unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll und schöpferisch
-abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper zucken.
-
-Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben!
-Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher
-Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: Mein
-alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche einmal in der
-Stadt besuchte und die vier Stunden her und die vier Stunden heim
-ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der jetzt auch schon 80jährige
-leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen Familie das allsonntägliche
-Wandern eine Art Gottesdienst war und dessen Frau und Kindern ich
-es heute noch danke, daß ich mit meinem erheblichen Talent zum
-Stubenhocker und Bücherwurm schon in jungen Jahren den Segen kennen
-lernte
-
- _vom Wandern, ja vom Wandern_.
-
-
-
-
-Die Natur.
-
-Ein Schlußwort.
-
-
-Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen -- unvermögend, aus
-ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein zu kommen.
-Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes
-auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme
-entfallen ...
-
-Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie; was war,
-kommt nicht wieder: alles ist neu und doch wieder das Alte.
-
-Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich
-nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre
-Werkstätte ist unzugänglich ...
-
-Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist
-die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den größten
-Kontrasten: ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung; zur
-genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer
-Werke hat ein eignes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten
-Begriff, und doch macht alles eins aus.
-
-Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie
-nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig und ist kein Moment Stillstehen
-in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie
-ans Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre
-Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.
-
-Sie läßt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Toren über sie richten,
-Tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an allen
-ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung ...
-
-Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt
-mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. Sie macht alles, was sie
-gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumt, daß
-man sie verlange; sie eilt, daß man sie nicht satt werde ...
-
-Sie hat _keine Sprache noch Rede_, aber sie schafft Zungen und Herzen,
-durch die sie fühlt und spricht. _Ihre Krone ist die Liebe_; nur durch
-sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und
-alles will sie verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammen
-zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für
-ein Leben voll Mühe schadlos ...
-
-Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst,
-erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und
-schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr.
-Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit.
-Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise
-und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein
-Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu
-gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken ...
-
-Sie hat mich hereingestellt. Sie wird mich auch herausführen. Ich
-vertraue mich ihr. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist ihre
-Schuld, alles ist ihr Verdienst.
-
- * * * * *
-
-Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer Unfähigkeit, die
-ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches auszusprechen, so
-wird man die theoretische Gleichsetzung von ~natura~ mit ~deus~ bei dem
-jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit hat sich neben einer
-tiefen Erfassung des von Goethe gelebten Lebens eine Goethelithurgie
-entwickelt, die sich nur durch einen unfreiwillig zugegebenen Mangel
-an weiteren und höheren Zielen bei den Anhängern dieses neuesten
-heidnischen Kirchleins erklären läßt. Da ist es in den Tagen, wo
-jeder zweite gebildete Deutsche die wie allzuguter Wein etwas ölig
-gewordene Weisheit des alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier,
-vielleicht am Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch
-nur gedachten und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches
-herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen,
-aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die abgeklärte, aber
-doch schon durch den Abendstaub des müden Wanderers behaftete Weisheit
-noch nicht zierte; jene Altersreife, durch deren Genuß man zwar schön
-kristallinisch, aber doch eben als Goethephilister versteinert. Auch
-gar nicht philiströs veranlagte Männer unserer Zeit sind bis zu einem
-Grade erkrankt an diesem modernen Goethekultus, daß sie -- ~faute
-de mieux~ -- Goethe zum alleinseligmachenden Propheten des neuen
-Deutschland erhoben.
-
-Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz
-entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen Klarheit und
-in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden Reichtum der
-Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das vorliegende kleine
-Buch für manchen, der auch mit dem Herzen wandert, eine Hilfe, um sich
-aus der Zerklüftung der Welt, wie wir sie sehen, in die Einheit dessen,
-was dahinter liegt, zu retten. Nicht allein mit dem Verstand, der zwar
-ein gutes Handwerkszeug, aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem
-aufmerksamen Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so
-dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; sondern mit den
-schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und dazu mit jener sanften
-Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu fürchten hat, weil sie nach
-des jungen Goethe prophetischen Worten die einzige Möglichkeit ist, uns
-der Natur zu nähern: _Die bewegte Stille der Liebe._
-
-[Illustration: Phot. J. Hartmann.
-
-Im Riesengebirge.]
-
-
-
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-KOSMOS
-
-Gesellschaft der Naturfreunde
-
-bietet für jedermann einen
-
-_billigen_ und _guten_
-
-Lesestoff
-
-_Belehrend_ -- _Unterhaltend_
-
-Jedes Mitglied erhält für den Preis von vierteljährlich
-
-nur 7.50
-
-jährlich 12 reich bebilderte Monatshefte und 4 packende Bücher erster
-Schriftsteller kostenlos.
-
-Treten sie sofort bei oder verlangen sie Prospekt bei Ihrer
-Buchhandlung oder der Geschäftsstelle des Kosmos, Stuttgart
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WANDERER ***
-
-***** This file should be named 64200-0.txt or 64200-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- https://www.gutenberg.org/6/4/2/0/64200/
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's web site
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.