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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-23 16:53:28 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die irdische Unsterblichkeit - -Author: Werner Jansen - -Release Date: December 26, 2020 [eBook #64133] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -Die irdische Unsterblichkeit - - - - -In meinem Verlage erschien ferner von Werner Jansen - - -Das Buch Treue, Nibelungenroman / Das Buch Liebe, Gudrunroman / Das -Buch Leidenschaft, Amelungenroman / Heinrich der Löwe, Roman / Herr -Reineke Fuchs, Prosasatire / Leben, Lieben, Wandern, Roman eines -fahrenden Gesellen nach einer alten Handschrift von Emma Schumacher. -Die Bücher deines Volkes, Bd. 1: Die Märchen, Bd. 2: Die Volksbücher, -Bd. 3: Die Volkssagen - - -Von Hertha Podlich wurden mit der Hand geschrieben: - -Der Heiland / Gottes deutscher Garten / Die frischen Kränze, Bd. 1: -Storm-Gedichte, Bd. 2: Mörike-Gedichte, Bd. 3: Eichendorff-Gedichte, -Bd. 4: Keller-Gedichte - - - - - Die irdische Unsterblichkeit - - Roman - - von - - Werner Jansen - - 1. bis 75. Tausend - - 1924 - - Georg Westermann, Braunschweig - - - - -Alle Rechte vorbehalten - - ~Copyright 1924 by Georg Westermann, - Braunschweig~ - - - Gedruckt bei Georg Westermann in Braunschweig - ~Printed in Germany~ - - - - -Erstes Buch - - -Das Leben beginnt nicht, wenn einer die Welt beschreit. Umgekehrt, wenn -die Welt auf jemand einbrüllt, dann fängt das Leben an. An dreißig -Jahre war ich und erfüllte den Platz, auf dem ich stand, mit Toben -und Lärmen, aber von mir und anderen wußte ich nichts. Plötzlich -erwachte ich in der Dämmerung, vom Tau wie von Tränen gebadet, in einer -wüsten Schlucht nahe der Grenze meines Landes; wachte auf in einer -Stille ohnegleichen, denn die Vögel schliefen noch, aber Gottes große -Stimme donnerte gleichwohl in meine Ohren. Die Augen brannten mir von -ungekanntem Schmerz, ich barg das Gesicht ins nasse Moos, Wams und -Hemd riß ich offen und drängte die Brust der Erde auf -- die Flammen -in meinem Herzen erstickten nicht. Mein Blut war umgewandelt, aus dem -Strom wuchsen tausend Tropfen, und jeder Tropfen peinigte mich auf -seine besondere Art. - -Ausgestoßen, verdammt, verloren hier und dort -- qualvoll, langsam wie -Todesstunden kamen die Erinnerungen zurückgeglitten: Schlaf, Sturz, -ein rasendes Reiten, Blässe und Blut. Trocken lag mir die Zunge im -Gaumen, das Haar, von Schweiß und Schmutz verklebt, lähmte mir die -Stirn wie eine Eisenklammer. - -Das kleine Leben unter mir brachte mich zu mir, aus den verschwollenen -Lidern betrachtete ich mit stumpfer Ruhe die schwarzen Käferchen, die -ernsthaft und eilig unter meinem Antlitz ungeheure Wege eroberten -und ein zielsicheres Wesen hatten, wie Diener eines Staates. Aber -das dürftige Spiel hielt meine Kümmernis nicht lange gefangen, -wütend griff ich in das Getriebe, aus nackter Lust an fremdem Leid, -bis ein halblautes Wort mir den Atem aus der Brust stieß und mich -emporschnellte, als bebte die Erde unter mir. Mit jähen Knien wandte -ich mich. - -»Kain!« erscholl die Luft abermals. - -Rote Flammen loderten vor mir, Rauch stieg auf, Augen sprühten auf -mich -- Hölle, Teufel, Gottes Gericht einen hämmernden Herzschlag lang --- dann versank alles bis auf ein Reisigfeuer im morgendlichen Wald, -das ein Mönch mit seinem Wanderstabe fachte und versorgte. Das war -kein Klosterfriede. Aus gebranntem Gesicht starrte ein ellenlanger -Rotbart, die riesigen Schenkel umklammerten den Stumpf, darauf er saß, -als bedrängten sie ein Pferd. Er stand auf und war ein Mann von meinen -eigenen ungewöhnlichen Maßen; kühl, fragend und wissend zugleich lagen -seine Blicke auf mir. Ich herrschte ihn an und fühlte, wie mein Mund -stammelte und zagte: - -»Wer bist du? Was schaffst du hier?« - -Seine Brauen zuckten leise spottend. - -»Ihr seht es: ein Diener Gottes. Was ich schaffe? Feuer zünden, Pferde -einfangen, der Hoheit einen guten Morgen wünschen.« - -»Du kennst mich?« Ich fühlte das Blut aus meinen Lippen weichen. Gleich -einem Traumbild sah ich zwischen den Buchenstämmen meinen Braunen -friedlich grasen. - -Wieder flog jenem der Spott über die Stirn. - -»Ich sah die Hoheit vor Jahren am Hofe Heinrichs des Normannen -- Ihr -wußtet trefflich mit der Lanze umzugehen. Ich selbst, ein Mönch aus -Irland, wallfahrte nach dem heiligen Grabe. Wenn die Hoheit einen -Zehrpfennig hätte, ich würde für das Seelenheil --« - -Die Stimme versank im Barte; mir schien, als wieherte ein Kobold aus -einem Bronnen. Das Heil meiner Seele war verwirkt, kein Bettelmönch, -kein Papst konnte mich retten. Verloren hier und dort -- - -Möglich, daß mir die Worte über die Lippen kamen, möglich, daß der -seltsame Mensch in meinem Herzen las. Genug: - -»Ihr gebt Euch auf, Hoheit? Tröstet Euch, Gott gibt niemanden auf. Was -belastet Euch? Ihr blutet -- oder --?« - -Meine entsetzten Augen tasteten auf meinem Gewand; Hemd und Rock waren -dunkel betropft, meine Rechte braun von totem Blute. Aufschreiend brach -ich in die Knie, ich vergaß die Welt um mich und weinte wie ein Kind -auf die mütterliche Erde. Die Tränen erlösten mich allmählich, das -Leid sank tiefer und verborgener in das Herz. Hier war ein Geweihter -des Herrn, er mußte mich anhören, ich brauchte einen Menschen, meinen -Greuel mitzutragen. Ich sprang auf und zerrte ihn an der Kutte zu dem -verlassenen Baumstumpf. - -»Sitz nieder und höre,« sagte ich, »ich will dir beichten, Mönch!« - -»Sprecht!« erwiderte er einfach und stieß einen Ast in die Flammen. -»Jedoch, Hoheit, zuerst entlastet mein eigenes Gemüt!« - -Er zog ein Rehböcklein unterm Laub hervor und warf es vor meine Füße, -lachend: - -»Jagdfrevel, Hoheit; verzeiht Ihr das?« - -Ärgerlich winkte ich ihm Schweigen. Was wog solch ein Raub vor meiner -eigenen Tat! Aber: wie jählings strafte ich sonst derlei! Nie mehr -würde ich über andere zu Gericht sitzen. - -»Mönch, ich habe mein Weib erschlagen.« - -Dies sprach ich, dann versagte mir die Kehle, und ich rang nach Luft. -Der andere hatte sein Gesicht in der Kutte verborgen und rührte sich -nicht. - -»Im Zorn,« stammelte ich, mich selbst verachtend. - -»So war sie eine Dirne und beschimpfte Euch mit einem leichtfertigen -Leben?« fragte der Mönch leise. - -Ich schrie: - -»Nein! Nein! Blüte der Unschuld, Schönheit, Tugend -- ich war ein Narr, -ein Schurke!« - -»Halt, Herr, verleiht Eurer Schuld nicht so große Worte; das mildert -sie nicht. Könnt Ihr, so erzählt, wie es kam.« - -Mit seiner tiefen, irgendwie verwandten Stimme zwang er mich zur Ruhe, -ich starrte auf das Feuer und sprach betrachtender: - -»Von meinem Vater hab ich einen Überschuß an Kraft geerbt; mein -leichtsinniges Herz verschwendete das in Sausen, Prassen und -Schlimmerem. Keine Dirne war vor mir sicher. Gott und Könige vertrauten -meinem Geschlecht ein Herzogtum -- ich habe Land und Volk an den -Abgrund gebracht; sie heißen mich den Teufel und schrecken die Kinder -mit meinem Namen. Einmal, vor Jahresfrist, glaubte ich an ein besseres -Sein, bei meiner Heirat mit Aleit von Montgerrat. Hast du die Herzogin -je gesehen?« - -Das verhüllte Haupt senkte sich bejahend. - -»So brauche ich nichts von ihr zu sagen. Sie war lieblich und rein -wie Gottes Engel. Genug, ich nahm nach vier raschen Wochen mein -altes Leben wieder auf, in meinen Schlössern hausten die Schlemmer -und Dirnen, das Volk mußte zahlen, die Herzogin ward vergessen; denn -zu den Gelagen erschien sie nie. Bis auf gestern. Mein eigenes Haus -hatte ich wenigstens vor dem Schlimmsten reingehalten; gestern brach -ich, von Jagd und Trunk erhitzt, mit Mann und Meute in meine Halle -zu Claraforte und besudelte den Boden, den ihr Fuß entsühnt hatte. -Höhnische Reden meines Gefolges stachelten mich, die Herzogin an -unseren Höllentisch zu holen. Ich trug sie, die lautlos weinte, auf -den Armen in den Saal, sie saß, sie sah mit erschreckten Kinderblicken -das halbnackte Dirnenpack, loderte, stand auf und wies mit dem Finger -gebieterisch zur Tür -- da fegte ich sie mit der Hand von ihrem Platz, -ihre Stirn schlug an einem Pfeiler auf, sie brach zusammen und starb.« - -»Strecke deine Hand aus!« befahl der Mönch, und ich tat es willenlos: -das Feuer beleuchtete eine rohe, große, gewalttätige Faust. Der -Priester schlug die Kutte zurück und starrte mich haßerfüllt an. Heiser -kam es ihm aus dem Munde: - -»Mit dieser Klaue hast du den lichten Engel erschlagen« -- er griff an -seine Brust, als erdrücke er ein zorniges Herz, leiser fuhr er fort: -»Mit dieser Hand wirst du Sühne tun, Herzog Robert!« - -»Mein Herzogtum liegt hinter mir,« entgegnete ich ihm, »ich stürzte den -Tisch und verjagte den Schwarm. Ich sprengte in die Nacht und entfloh -meiner Tat; das Weitere weißt du besser als ich. Ich verlasse Land -und Volk, mögen sich Frankreich und England darin teilen, da niemand -meines Blutes lebt. Ich will büßen; du wanderst zum heiligen Grab -- -nimm mich mit! Es ist mir weniger um das Gebet zu tun, aber die Heiden -haben einen neuen Sultan, der Jerusalem bedroht. Vielleicht erlaubt mir -Gott die Sühne in der Schlacht.« - -»Das nennst du Sühne?« fragte der Mönch zwischen den Zähnen. Es -arbeitete in der gewaltigen Brust, plötzlich sprang er auf und trat -groß und mächtig vor mich hin. Er glich Zug um Zug einem Antlitz, das -ich kannte; nur schien sein Gesicht älter und trauriger als das meiner -Erinnerung, das war immer voll wilder Fröhlichkeit und Jugend, trotz -grauer Locken; und dieses Haupt vor mir war blond wie ich. Jäh überfiel -es mich: diese Augen waren die meines Vaters. - -Er las mir die Gedanken von der Stirn, sein Mund verzog sich zu dem -Hauch eines Lächelns; stumm nickte er mir zu. - -»Du läufst davon, Robert, aus Angst vor dir selber, vielleicht auch -vor den Montgerrats und ihren königlichen Verwandten; du läufst davon, -Herzog, und vergißt die Pflicht gegen dein Geschlecht. Die Rechte, die -du von deinen Ahnen erbtest, hast du vergeudend genutzt, die Pflichten -trittst du in den Staub.« - -»Hast recht, Mönch,« sagte ich ruhig, »aber ich bin nicht wert, fürder -ein Volk zu führen; ich kann nicht einmal mir selbst befehlen, wie -sollte ichs anderen! Unser Blut ist eben müd und mürb geworden, die -Wählinger sind reif zum Untergang --« - -»Narr!« schrie der Mönch und schlug mir die Hand auf die Achsel. -»Fahr zur Hölle, wenn du müde bist! _Mein_ Wählingerblut ist _nicht_ -verfault, und hältst du das Land nicht, Feigling so krieche in meine -Kutte, indes ich dein besudeltes Seidenwams zu Ehren bringe.« - -Ich erstaunte kaum über diese Reden, zu tief saß der Verzicht auf das -Irdische in meiner Seele. Gleichmütig versetzte ich: - -»Du willst ein Wählinger sein? Laß hören!« - -»Ich zeig es dir besser, Bruder Robert,« stieß jener hervor, und die -schweren Schultern schütterten vor Erregung, »warte ein Weilchen! Dein -Vater hat mich wie dich gezeugt; dich in Claraforte im Bett einer -Königstochter, mich in einer Sommernacht dieser Wälder mit einem Kind -unseres Volkes. Du hast den Thron geerbt, ich das Elend, aber wir -sind gleichen Blutes. Verziehe hier, Robert, ich bitte dich, nur einen -kurzen Augenblick, nur eine kleine Messe lang!« - -Er drückte mir die Hand, daß sie schmerzte, griff sein Bündel und -lief davon. Mit schlagendem Herzen blieb ich zurück, gerührt von der -heißen Leidenschaft, mit der er bat, und nun doch aus meiner Betäubung -aufgescheucht und von Geheimnissen geweckt. - -Wählinger Blut! Der Vater, die Ahnen, ich selbst -- ach, wie hatten -wir das Blut der Herzöge ins Volk getragen! Und doch war jener fremde --- Bruder das erste jener Geschöpfe, das ich bewußt erblickte. Mir -grauste bei dem Gedanken, ohne Wissen vielleicht eine Schwester, eine -Tochter meines Vaters, je in den Armen gehalten, eine alte Schuld zum -Verbrechen gesteigert zu haben -- mir graute vor dem Wählingerlande -- -fort, nur fort von dem doppelt geschändeten, doppelt verdammten Boden, -hin in eine Ferne ohnegleichen, wo niemand von mir und meiner Schmach -wußte! - -»Robert!« klang es leise; der Mönch war lautlos hinter mich getreten, -ich wandte den Kopf und starrte ihn offenen Mundes an: da stand ich -selber, wie kein Spiegel mich besser schildern konnte, bleichen -Gesichts, aber Zug um Zug ich selbst. Der wilde Bart war verschwunden, -das Haar gebändigt, die Mienen innerlicher, edler. Ich stotterte -verwirrt, beschämt, mit unklarem Dankgefühl gegen das Geschick: - -»Bruder, wie nennst du dich?« - -Ein Leuchten glitt über seine lauteren Augen, als ich mich so neben ihn -stellte; er zog mich zu sich auf den Boden. - -»Ronald heiße ich, Blut von deinem Blut. Robert, mir brennt das -Wählinger Geschlecht im Herzen, du darfst das Land nicht verlassen, -mich hat Gott in deinen Weg geführt,« flüsterte er; sein heißer Atem -streifte sengend meine Stirn. - -»Was ist Geschlecht?« murmelte ich haltlos, von einem verlorenen -Gedanken fortgetrieben. - -Und er, fast zornig: - -»Steh einmal draußen, und du wirst es wissen! Sage, Robert, sage zum -letztenmal, bist du wahrhaft willens, außer Landes zu gehen?« - -»Was fragst du noch? Ich lasse nichts zurück.« Ich seufzte bitter auf, -mit den Füßen stieß ich in das sterbende Feuer, daß die Funken flogen. - -Rötliche Morgenlichter spielten durch die Stämme, der Wald begann zu -leben. Ein Wind lief schmal und kühl vor der Sonne her, die jungen -Blätter rauschten. - -»Höre zu, Robert« -- seine fiebernde Hand krampfte sich über meine -Linke -- »gib mir dein Land! Es bleibt dann beim Wählinger Blute.« - -Dies machte mich lachen. - -»Ronald, wer sollte dich, den Bastard, anerkennen? Du treibst Scherz, -Bruder. Schlüpf aus deiner Kutte und fahr mit mir in die Fremde. -Sieh, wir haben Fäuste und Arme wie Eisen, mit dem Schwert in den -Händen werden wir treffliche Streiter Gottes. Quäle dich nicht mit -Unmöglichem; denk, ich verzichte trotz des gewohnten Genusses, du aber -hast nichts zu vergessen, weil du nie besessen hast.« - -Ronald geriet in wachsende Erregung. - -»Ich nicht besessen? Ist das Besitz, das bißchen Hof und Haus, das -bißchen Volk und Fron? Hier sitzt mein Erbe, hier im Herzen, das -Wählinger Blut! Das Blut, Robert, das herrschen will, um dienen zu -können.« - -So unwirklich erschien mir das Ziel, darauf er lossteuerte, daß -ich nichts Ernsthaftes erwidern konnte, ohne ihn zu verletzen. Ich -verschanzte meine Verlegenheit hinter leeren Worten, obzwar ich von -fern fühlte, dieser Mensch war rechtlos vor den Menschen, aber nicht -vor Gott. - -»Diene,« scherzte ich oberflächlich, »und eines Tags sitzt du im Purpur -des Kardinals, ja unter der Tiara, und das ist ein weiteres Feld für -deine Herrschersorgen --« - -Er fuhr mit dem gestreckten Arm durch meine Worte, in seinen Mienen -kämpften Verachtung und Zorn. Ich bewunderte ihn mit einem inwendigen -Lächeln, indem ich mich dabei ertappte, mein eigenes Bild zu bestaunen --- ach, mein eigen Bild ohne die Spuren des wüsten Lebens, ohne die -Gedunsenheit des Weins, ohne die Gier der Laster. Jedoch nicht einmal -zu einem herzhaften Neid schwang sich meine ermattete Seele auf. - -Er grollte: - -»Fürst dieser Kirche? Nein! -- Ich will ein Volk, keine Völker! Diese -Erde will ich, nicht den Himmel. Nur was diese Hände halten können, -mehr begehr ich nicht, nur die Heimat, nur das Land meiner Ahnen --« - -Betreten, voller Scham, senkte ich die Lider. Für einen flüchtigen -Augenblick wogte auch in meinem Herzen das Blut meines Stammes, das -in jenen Adern so stark und feurig rann; dann zerstob die Begeisterung -wie Schaum. Wäre ich je in meinem Verzicht wankend geworden, diese -Begegnung hätte mich gestützt, denn ich fühlte, Land und Volk verloren -nichts an mir, ich war ein Rohr im Wind. Säße jener an meiner Statt -- -bestürzt schaute ich auf und begegnete seinen Augen, die wie Falken auf -meine Seele stießen und kein Geheimnis kannten. - -Ein Spiel Gottes, ja, ein Spiel Gottes, und das Unmögliche ward Tat. -Wortlos riß ich die Kleider von meinem Leibe, alles, Schuhe und Hemd; -warfs ihm vor die Füße: - -»Da liegt dein Herzogtum, wenn du Mut hast, Brüderchen!« - -Eine unbändige Lust ergriff mich nackten Mann plötzlich, eine Erlösung -aus Nacht und Tod. Ich weitete die Arme und riß ihn, der ohne Regung -schien, an meine Brust und küßte ihn. - -»Bruder, wags! Keiner wird dessen gewahr, dafür bürg ich; Gott selbst, -am Auferstehungstag, wird seine Mühe haben.« - -Langsam lösten sich seine starren Züge, er leuchtete beschenkt, -beglückt und erwiderte scheu und flüchtig meinen Kuß. Aber seine -Freude schien nicht sonder Kummer, seine Selbstsicherheit schwankte -angesichts der Entscheidung, die Schultern beugten sich unter -unsichtbaren Lasten. Er entledigte sich des wenigen Tuches, zog das -grobe Leinenhemd über den Kopf und knüpfte eine Münze vom Halse. Dann -verglich er unsere Leiber aufmerksam; auch mich ergriff eine harmlose -Neugier, aber ich entdeckte keinerlei Verschiedenheit; nur daß er ein -wenig kleiner schien, doch mein Körper hatte sich im Schlaf gestreckt, -indes er wachte. Er deutete fragend auf ein braunes dreigespaltenes Mal -unter meinem Herzen. - -»Ein Zeichen unseres Geschlechts,« sagte ich gedankenlos; er senkte die -Lider und errötete unruhig und gequält. Ich begriff ihn nicht sogleich, -dann lachte ich auf und erklärte: - -»Von den Trebilons, von der Mutterseite hab ichs -- der Vater konnte -dir das nicht auch noch mit auf den Weg geben. Des achtet keiner.« - -Er schüttelte nachdenklich den Kopf und fuhr in meine Kleider, indes -ich zwischen Befriedigung und Schmerz mich einklosterte, und als er in -dem schmucken Wams dastand, waren ihm Unruhe und Schwere verflogen, -seine Augen schauten fest und sicher, um seine Lippen spielte ein -siegbewußtes Lächeln. - -»Namenloses Brüderchen,« hob er an, »von heut ab in Ewigkeit heißt du -Ronald vom Kloster des Heiligen --« - -»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch nicht, daß ich in dieser -Kutte dauernd bleibe?« - -»Warum nicht? -- Komm her, hilf mir das Böcklein braten, wir haben uns -viel zu erzählen.« - -Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit geübten Schnitten das -Wild aus, spießte den Rücken an seinen Stab, und wir drehten ihn über -den Flammen, darob der Himmel licht und blau den hellen Morgen kündete. -Die eintönige Beschäftigung tat unseren verwirrten Herzen wohl, die -Fülle der letzten Stunden war reicher als all unser verflossenes Leben -gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen Wirbel in uns ermatten. -Mählich forderte der Leib sein Recht, wir waren hungrig und durstig. -Der Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir auf, in seinem -Becher Wasser zu holen. Leicht wie eine Bitte kam ihm der Befehl von -den Lippen, der mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn ich -gewollt hätte, kein Wehren war. - -Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung seiner hochgezogenen -Brauen klar, denn da lagen Seifennapf, Schermesser und wüste blonde -Barthaare -- das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie ich meinte; für -mich der Abschied aus Rang und Heimat. Nun ergriff es mich doch einen -Herzschlag lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar ich es -bereits verloren hatte. - -Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung, ich schöpfte und -trank ohne Maß, denn ich glaubte dies die letzte Quelle, daraus die -Heimat mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig und brachte den -randgefüllten Becher, ohne einen Tropfen zu vergießen. - -Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein Säcklein mit Salz hervor -und würzte den Braten; wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles -im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage verbracht hatte, -wie meine Freunde und Feinde hießen, welcher Art meine Burgen und -Gemächer waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet -- genug, die -ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit meines Daseins mußte ich bis -in die geheimsten Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wie -ein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm das Üble wie das -Farblose gelassen hin und prägte es seinem erstaunlichen Gedächtnis -ein. Bei manchen Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich -des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die Vorgänge in meinem Lande -gekümmert als ich selbst und alle um mich her. - -Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch am Himmel, er konnte -nicht genug hören. Schließlich, da die Nachmittagswinde vor dem Abend -flogen und über uns rauschten, sprach er: - -»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir wiederholen. Kein -falsches Wort! An diesen Dingen hängt unser Herzogtum.« - -Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu Satz über diese schier -unfaßliche Klarheit, mit der er ihm und seinem Leben so fremde Dinge -erkannte, ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause, er war -- ich -selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu sein und dennoch weiterzuleben, -plötzlich als untätiger Beobachter neben mir zu stehen, ohne -Verantwortung, ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung? War dieser -falsche Herzog nicht _mein_ Werk? War nicht alles, was er handelte und -trieb, _meine_ Tat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas wie Rechenschaft, -aber ich trug die Bürde fröhlich wie ein Gnadengeschenk, denn dieser -zufällige Sproß meines Vaters war besser als ich. - -»Noch eins fehlt,« fügte er seiner Rede an, »das Mal der Trebilons.« - -Er suchte in der Asche nach einer glimmenden Kohle, blies sie an und -drückte sie, ehe ich ihn hindern konnte, ungesäumt auf seine bloße -Brust. Eine leichte Blässe zog über sein Gesicht, indes der Geruch -verbrannten Fleisches aufstieg; er grub die Kohle sorgfältig in das -Moos und schob Hemd und Rock zurecht. - -»So, Bruder, nun zu dir!« sagte er fast heiter. »Du brauchst zwar meine -Rolle nicht zu spielen, aber du mußt wissen, wie es auf der Landstraße -aussieht.« - -»Und diese Kutte?« fragte ich verblüfft. - -»Behältst du an. Die Kirche hadert mit dem Staat trotz Christi Wort, -daß jedermann der Obrigkeit untertan sein solle; sie treibt Schacher -mit den Seelen, Handel mit den Ämtern -- betrachte dich als von Gott -geweiht, falls du Lust hast, im geistlichen Gewande durch die Welt zu -traben, aber verzichte auf die segnende Hand irgendeines Bischofs von -der frevelhaften Heiligkeit zum Beispiel des Kölners. Kannst ja lesen -und schreiben, Brüderchen, kannst gar Lateinisch; mehr brauchts nicht, -denn die meisten verstehen das nicht einmal oder nicht mehr. Und fragt -dich einer, so gehörst du zu einem sehr entfernten Kloster und hast -abenteuerliche Gelübde --« - -»Du bist nicht geweiht?« unterbrach ich ihn bestürzt. - -Er lachte mir ins Gesicht, meine Verwirrung belustigte ihn. - -»Nein, Ehrwürdiger, ich bin von Gottes Gnaden,« lästerte er sonder -Reue, »auch hat der heilige Patrik in Irland karge Last von mir gehabt, -nur daß er mich, dem früh die Mutter starb, in seinen Klöstern großzog. -Die Welt ist mir geläufig bis auf das Morgenland, darin ich nie -geweilt. Hofwesen und Fürsten kenne ich besser, als mir lieb ward. Auch -Claraforte und die blonde Jugend, die du in Nacht versenktest.« - -Seine Stimme ward dunkel, ich ließ den Kopf hängen. Nach einer Weile -fuhr er fort: - -»Sei ruhig, Bruder, ich bin eher ein Mörder als du. Du hast in -Trunkenheit und Zorn ein köstliches Gefäß zerbrochen, ich aber, Robert, -ich war bereit, dich selbst mit Vorbedacht zu erwürgen, als ich deine -Tat erfuhr.« - -Er seufzte tief, seine Hände spielten ruhelos mit dem braunen -Schnürlein, das er am Halse getragen hatte. Mitunter ging ein -Zucken durch seinen Leib, als trüge er Qualen; ich schob es auf die -Brandwunde, darunter er ein Geheimnis erstickt hatte. - -»Denn ich habe sie geliebt,« offenbarte er traurig, »und ich liebe -sie noch. Wie viele Tage bin ich um Claraforte geschlichen, um einen -Schimmer ihres Gewandes zu sehen, indes du jagtest oder -- ach, was -helfen jetzt noch Klagen! Ich will statt deiner an ihrem Grabe beten.« - -»Tu es, Bruder,« sagte ich unter lautem Schluchzen, »auch ich -- ich -fahre an die Stätte, da unser Herr und Heiland litt. Vielleicht daß -uns beiden Erlösung wird. Bruder, welch ein Opfer bringst du! Die -Montgerrats werden dich verderben.« - -Er straffte seine Glieder, seine Augen blitzten herrisch. - -»Nein!« wehrte er hochgemut. »Ich halte mein Land! Hab dessen keine -Sorge. Vor Gott und vor den Menschen trage ich deine Tat, als sei es -meine eigene; du magst in Frieden fahren.« - -»Gott wird mich auch in dieser Kutte erkennen,« entfuhr es mir, »dies -wirst du mir nicht abnehmen.« - -Aber er, voll von seiner Berufung, sah mich verheißend an und deutete: - -»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht, und nicht den -Einzelnen. Wir müssen alle füreinander büßen, wir werden alle -füreinander begnadigt. Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die -dich trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern für dich -im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott zerreiße die Kette des -Geschlechts, die er selber geschmiedet, um ein einzelnes Glied zu -verfluchen oder zu segnen?« - -»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich beschämt. - -Er antwortete schlicht: - -»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das Grübeln an dich. Kann sein, -ich sterbe vor dir, söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider, -und wärest du am Rande der Welt.« - -»Nimmermehr!« - -Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch in seinem Herzen, welche -Zukunft durchlief er im Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran, -wie es hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt hätte. -Nie hatte mich einer so gepackt, ich fühlte, ich war wie ein Blinder -durch das Leben getaumelt. - -»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern. - -Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete er das -Selbstverständliche an und setzte erläuternd hinzu: - -»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir unverbraucht, was wenige -Fürstengeschlechter von sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert -für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.« - -Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden Stämme auf mein -Pferd zu, das an die Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie -ein Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit der Silbermünze aus -der Tasche und hing sie mir um den Hals. - -»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; es ist alles, was mir die -Mutter hinterließ. Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner Statt. -Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg. Die Rehkeulen sind im Ränzel, -ein paar Zehrpfennige auch, und alles andere schenke dir Gott. Fahr in -Frieden, Bruder!« - -Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in den Sattel und verschwand -in dem Abend, bevor ich zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus, -noch einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal die Wärme des Tieres, -das mich liebhatte, an meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte -ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte Lederränzel auf -den Rücken und schritt fürbaß, bis die Felder smaragden dämmernd vor -mir lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark und ausdauernd -ich auch war, ich kam kaum vom Fleck. Endlich hatte ich die Hügel -hinter mir, ich war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne breitete -sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus. - -Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. Droben lag ein einsames -Grenzgehöft und vor den Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie -ich ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub sich durch eine -seltsame Äußerung in mein verstörtes, wildes Herz; so trug ich sie mit -mir ins Elend. - - -Südwärts, südwärts, immer stieß mich die Faust Gottes. Fünf, sechs -Stunden Schlaf, und weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren, -eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne Willen durch Armut, -Not, Hunger und Demütigung. Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte -und Pilgerhut, doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz der -Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das ich auswendig wußte. -Ich schritt und schritt, ein langer, abgemagerter Mensch mit hohlen -Augen und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und Sehnen umhüllt, -den Wanderstab mit scharfer Eisenspitze wie eine Lanze auf der -Schulter. Das Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die -Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich unverdächtig, wohin -ich auch kam. Meine Stimme, des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum -noch, sie klang von unten her, rauh und traurig zugleich; aber ich -brauchte nie viel zu sagen, meist genügte die wortlos ausgestreckte -Hand. Wo die Wälder dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde -nach; das war all meine karge Freude -- ich kann sie nicht bereuen. - -Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, gleichwohl ging ich allen -aus dem Wege, die meine Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen. -Die stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, sprachen, -unterhielten mich; ich war in einer neuen, leidenschaftslosen Welt, -die nichts von Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen Wurm, -die Wildkatze griff den Vogel, verreckte irgendwo im Walde, vermoderte -wurmdurchwühlt, grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe -- Gottes -Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von grübelnden Menschenhirnen, -Menschenangst, Menschenhaß. - -Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte trug ich das Bild -meines Weibes vor mir her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens -wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein Fädchen zu vergessen. - -Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, hatten uns nie -gesehen, kaum voneinander gehört. Wir wandten uns um, als ob _ein_ -Wille uns beherrschte, sahen -- und erstaunten nicht. Die Luft -zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, uns schien sie süß -und kühl und rein, wir durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben -uns beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und Frauen uns auf die -Erde riß und ihre Wangen mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher -Art ein Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, meine Augen -entkleideten sie nicht schamlos wie die anderen, von ihrer süßen -Schönheit sah ich nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte -ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich erschaffen. - -Und ich warf sie -- Gott, mein Gott! So allgewaltig kann keine Liebe -sein, um solches zu verzeihen, auch deine nicht. Nie werde ich erlöst, -nie werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. Grübeln und Grübeln. -Vielleicht gestattet mir Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu -betrachten, vielleicht -- nach einem Leben voller Buße, Tapferkeit, -Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, wanderte, schlief traumlos wie -ein Toter, ermattete meine Manneskraft, die neben allem gierig und wach -den Weibern im Felde zuschaute, ward inwendig, was ich außen galt: ein -Mönch, ein Pilgrim nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen und -höllischen Flammen in der Brust. - -Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff mich Wanderlust, -golden winkte die blaue Ferne. Der alte Leichtsinn entführte mich -im Sturm in das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand mein -Losgebundensein als Freiheit und hatte Augenblicke, da mein Herz -jubelte; zwar schnell und hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet -und geliebt. Der Hafen -- ich wußte nicht einmal, welcher -- war -ein Markstein meines Weges. Marksteine sind tröstlich, auch die auf -unendlichen Pfaden. - -In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, auch am englischen und -französischen Hofe, war von Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und -her geredet worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. Ein -schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, Weiber und Kinder -zog sich vom Hafen über die Hügel bis weit vor die Stadt -- Pilger, -Handeltreibende, Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt von -Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, Geistlichen, Heimkehrern --- falschen und echten -- ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben und -Nichtstuern. - -Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend Menschen -in ungeschlachten Bäuchen, verfrachteten die Elenden wie Vieh zu -kreischenden Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden, -aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie duldeten alles, diese -flachshaarigen Pilger aus Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie -gruben ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um im Wüstensande -verderben zu dürfen. Ach, sie träumten von einem Paradiese, von -blühenden Gärten, von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden, -Templerorden -- alle verdienten am heiligen Grabe, am heiligen Kriege. -Die Kreuzzüge waren ein riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher, -der mit grausiger Offenheit betrieben wurde. - -Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich das bunte Wirrsal. Nach -drei Tagen war ich in das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen -Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten Leute meines -harmlosen Vaterlandes. Pest und Aussatz lagen unter den schmutzigen und -unter den gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, endlos -tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; ringsum ein Reifen und -Blühen, fern der wogende Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die -Segel wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog war -- wie lange -dünkte mich diese Zeit vorüber! -- hatten mich die Nöte meines Volkes -nicht gekümmert, sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer darbte. -Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte Herz. Guten Glaubens -hatten diese Bauern ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren -Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden versprochen worden. Nun -gaben sie ihr letztes Geld für die Überfahrt oder mußten sich zu langen -Frondiensten an die verpflichten, welche ihnen einen Platz auf Deck -verschafften. - -Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen sollte. Makler -aller Stämme bedrängten mich, aber der billigste Platz überstieg meine -ärmlichen Pfennige. Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer Mark -Silbers und wünschte, einen Griff in meine herzoglichen Truhen tun zu -dürfen, doch das war auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier -nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest meines Geldes Brot und -Speck genug für eine Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat -sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender Hand begabte, -wer mir in den Weg lief, wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich -anstarrte, und verhärtete mein Herz, bis es blutete. Tagsüber stand ich -an den Schiffsländen und sah den Frachten zu, betäubt von dem bunten -Gemisch des Überflusses und des Mangels, zerrissen von dem vielfältigen -Schrei der schönen und häßlichen Sehnsüchte um mich her. - -Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung wieder auf, südwärts -immer, gen Amalfi, dazu mir ein friesischer Schiffer geraten. Die -Rast in Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und als ich die -Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann ich aufs neue zu hoffen. -Die übermütige Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl von -Schutz und Geborgensein, dies Land war von Segen wahrhaft überflutet -und ließ jedem das nackte Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im -menschenleeren Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen wie -in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, selbst Neapel ließ ich zu -meiner Rechten liegen und klomm über die unwirtlichen Gebirge an das -Ziel. - -Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, dampfend in der Schwüle -erreichte ich Amalfi, das wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten -Hafens, denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den dunklen -Bergwänden in das tosende Meer, alles Menschliche verkroch sich in -den Häusern. Ich drückte mich in eine Herberge, froh der Leere in den -Gassen, aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend und der Ansturm -der Pilger nicht minder groß waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen -blauenden Himmels schritt ich beklommen ins Freie und tat mich am Hafen -um, ob nicht wer einen Ruderknecht brauche, aber alle wiesen mich ab, -mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Gesicht über mein geistlich -Gewand, das zu arbeiten begehrte. - -»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer im schlechten -Französisch der Provence, »was nimmst du den Armen das Brot? Der Prior -gibt dir, wessen du bedarfst.« - -Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, seinen Rat zu befolgen, -der Mönch Ronald war noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich -und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. Eine lübische -Kogge war zum Auslaufen bereit, klein, zierlich, sauber wiegte sie sich -ein wenig abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein Boot -von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an der Lände stand. Ein -Ritter, sichtbar ein Deutscher, schlicht, jung und bieder, sprang ans -Ufer und half seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber zu den -Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet waren, traten bald -wieder hervor und lehnten an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die -Wasser nach den emporglimmenden Sternen schauend. Mir berührte es das -Herz absonderlich weh, ich dachte jener, die nun die Erde deckte, die -ehemals lieb und traut an meiner Schulter lehnte. - -Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? Warum ließen sie die -Heimat? -- Sie gaben mir keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten -sie sich und kehrten zu ihrem Boot zurück. - -Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem sah ich die Frau, hoch, -blond, ein schönes, trauriges Gesicht mit großen, seltsamen Augen. -Wenige Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen mich, und -nie sah ich in einem menschlichen Antlitz solch tiefes, wehrloses -Sichergeben in ein Schicksal. Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und -neigte still den Kopf. - -Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt, diese Frau niemals -gesehen zu haben, ich dachte nicht eines Herzschlags Länge daran, jene -hätte mich als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich den -Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen und harrte unruhig, wenn -auch ohne Furcht. - -Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen, vielleicht glaubte -er ihr Gemüt vom Abschied verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte -leise auf deutsch: - -»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.« - -Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein Marmorbild stand ihr -Antlitz in dem nächtigen Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme -in der Luft: - -»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen Lande?« - -Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der Ritter sah verwundert -zu mir her und lächelte wohlwollend, möglich, daß er sich von meinem -Aussehen keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich recht -daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes Bild, als tauche -ein Meeresungeheuer aus dem Hafengrund. - -»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen, ich bin ein -Pilger und walle zum Heiligen Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott -allein, denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.« - -»Ihr seid geistlich -- geweihter Priester?« - -»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen Mundes, indes mir das -Herz schier die Rippen zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen -ihren Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte. - -Der Ritter nahm das Gespräch auf: - -»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein Normanne. Wes Landes -seid Ihr?« - -»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes. Das Abendland ist -mir geläufig auf deutsch, französisch und sächsisch. Auch Italienisch -lernte ich und schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit, Herr, -vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten sein. Lohns begehr ich -nicht, aber Fahrt und Pflege müßt Ihr zahlen.« - -Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen, nahm mein leeres -Beutelchen aus der Kutte und wendete es um -- ach, ein vergessener -Pfennig fiel heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in das -Wasser. - -»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherflein des Armen opfere ich -den Meeresgöttern, daß sie uns sanft tun.« - -Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz aber ward von einer -noch tieferen Blässe überzogen, und eine Träne hing an der blonden -Wimper. - -»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn plötzlich gellten von -der Kogge drei Pfiffe, »es ist kein Priester an Bord, und mein Gemahl --- in den Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!« - -Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes Braue -- ich stand an -Deck eines Schiffes, das ruhvoll mit geschwellten Segeln durch die -Sternennacht glitt, dem heiligen Ziele zu. - - -Die Kogge hatte nur Deutsche an Bord, Ansiedler, denen die Heimat, -Abenteurer, denen die Welt zu eng schien. In den Kajüten der Ritter, -Herr Eberhard von der Wilze, und einige Kaufherren aus dem Norden, -die mit kalten, gleichgültigen Gesichtern und hocherhobenen Nasen auf -das übrige Volk herabsahen und hinter unbewegten Stirnen Zahlen und -Warenballen von einem Ende der Erde an das andere jagten. Heil mir, daß -ich nicht als Herzog reiste -- die Kogge wäre mein gewesen, erfüllt -von bechernden Mannen, und nichts wäre geändert, als daß meine Tafel -und meine Laster ihren Schauplatz gewechselt hätten. Jetzt sah ich -Wunder, wohin mein Auge traf. - -Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen, Beichte hören. Es kam -mir nicht zum Bewußtsein, daß ich Gott lästerte, indem ich das -selbstgebackene Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello in -sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine Furcht, von den Menschen -entdeckt, entlarvt, verworfen zu werden. Aber sie knieten alle -andächtig um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet am -heiligen Wort. - -_War_ es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es mir künden. Einen wußte -ich, der gläubig war und voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes -sündiges Herz. - -Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner niedersächsischen Heimat -fortgetrieben hatte, erfuhr ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren -gelobt und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand mitunter bei -mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften in Deutschland, dem -verbissenen Ehrgeiz Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein -ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein Bruder wurde. - -Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter Stimme hinzu: - -»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes ein wenig acht; sie -hat die Gabe des Fernsehens und quält sich in zweckloser Trauer.« - -Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich allein, mit streitendem -Gemüt. Beim Nachdenken fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir -absichtsvoll entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend und fast -erschrocken auf mich richtete. Was ich von ihr wußte, war, daß sie -bestimmt niemals meinen Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte -verbarg sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir eine dunkle Scheu -ein, ich konnte sie nicht bezwingen, als ginge ein Teil ihrer Kümmernis -mich selber an. - -Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns der Küste von Jerusalem, -als der Wind mit einmal schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos in -der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der Nacht zu, aber in der Ferne -des Himmels hockte ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit -weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern einem Rachen mit -glühenden, drohenden Zähnen glich. - -Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem Munde am Bugspriet und -starrte auf die unheimliche Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei, -an den Planken klebte und einen unerträglichen Modergeruch ausströmte. - -»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,« versuchte ich ihn leichten -Tons, »mich deucht, ein Wetter kommt herauf.« - -»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte sein Gesicht -fürchterlich. Er zitterte am ganzen Leibe vor Aufregung, der Schweiß -rann ihm über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich mißtrauisch -um und packte mich bei der Kutte. Heiser stieß er aus der Kehle: - -»Behaltets für Euch, Vater Ronald: noch drei Vaterunser, und diese -guten Bretter stehen mehr als je in Gottes Hand.« - -Er schob die Pfeife zwischen die Lippen, sein zerrissenes Gesicht wurde -hart vor dem nahenden Kampf, ein schriller Pfiff versammelte seine -Leute. - -»Klar Deck!« befahl Meister Bornhövt laut. »Weg mit allem, was nicht -niet- und nagelfest ist!« - -Aus der Masse, die auf Deck freiere Luft suchte, drangen gequälte -Schreie, unwillig stemmten sich die Leute gegen den Befehl. - -»Fort mit euch!« brüllte der Patron. »Die Hölle geht los, ihr Narren! -Wählt, ihr Esel, ob ihr schwitzen oder versaufen wollt!« - -Das Deck ward leer, an den Kajüten standen noch einige Kaufherren -und zeichneten auf einer Planke mit Kreide Geschäfte auf; ich stand -am Bugspriet und verbarg mich vor den Augen des Schiffsherrn, -mehr aus Neubegier zu dem Kommenden, denn aus Abneigung gegen den -menschenüberfüllten Raum. - -Indessen begann die Luft zum Ersticken heiß zu werden, aus dem fernen -Rachen brach plötzlich eine ungeheure Zunge schräg über den schwülen -Himmel, ein rasender Sturm hob das glatte Meer und stieß die Kogge wie -einen Federball auf schwarzem Riesenturm in die Höhe. Donnernd schoß -sie wieder in die Tiefe, stand zitternd auf, hielt, in allen Fugen -stöhnend, einen winzigen Augenblick in dem brodelnden Kessel von Gischt -und Schaum und flog wie ein Pfeil in die krachende, blitzsprühende -Nacht. Der Regen rauschte und flutete, Wogen lärmten über die Borde und -übertönten das ohnmächtige Wimmern unter den Luken. - -Die Nacht war taghell, ich sah die Mannschaft mit Seilen an die Masten -und an das Ruder gebunden, den barhäuptigen Patron wie den Erzengel des -Gerichts über das Heck ragen und nach vorn starren. Auf Menschenstärke -war bei diesem Wirbel der Wetter kein Verlaß, wehrlos waren wir dem -Verderben preisgegeben. - -Mit meinen ungewöhnlichen Kräften hatte ich mich an den Borden halten -können, ohne ein Seil zu gebrauchen. An Furcht dachte ich nicht, ja, -dies Neue schien mir, wenn ich der Menschen an Bord nicht achtete, -schön in seinen unvergleichlichen Maßen. Ich fühlte mich hineinverwoben -in Schicksale und Schicksal, und alles trieb einem mächtigen, -vernichtenden Höhepunkt zu. Mir ist in der Erinnerung, als habe mein -Herz gejubelt, und ich glaube, mein Gedächtnis trügt nicht. Noch heute, -bei schlohweißem Haar, rumort ein seltsamer Geist in meiner Brust, -wenn die Kronen meiner Wälder im Sturmwind brausen und dröhnen, als -- -ja, als ritten die Götter der Ahnen siegjauchzend durch das donnernde -Gewölk. - -Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der flammenden Peitsche des -Gewitters mit ihrem zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der -Himmel meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt, das Schiff schien -nur Tote zu fahren. Die beiden Masten waren längst über Bord gefegt, -zehn, zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue von einer Sturzsee -erfaßt wurden, trieben irgendwo in der Nacht. - -Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein Stoß, als stießen wir -auf Fels, das Schiff barst langsam mitten auseinander, geisterhafte -Menschen wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf Deck -zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren Blicken über steile -Wände in die See, ein einziger Schrei quoll aus der sterbenden Kogge. -Ich sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die Finsternis -gleiten, mit einem jagenden Gedanken stürzte ich dem Holze nach in -den Höllenstrudel. Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende -Stöße warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum und hing -und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos vor Glück über -Todesgründe. Und plötzlich ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine -Welle schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen Kopf der -Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch über Wasser und bettete ihn auf -den Baum. - -Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz in einem fort, Gott -will mich nicht verlassen! - - -Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der Tag; wir trieben -allein auf der öden See, kein Segel, kein Land. Sie war noch nicht -von ihrer Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen Atem. Ihre -Hand umklammerte meinen Arm, dicht vor meinem Munde lagen die weißen -schmalen schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am Leibe, die -schlankem kräftigen Formen traten klar hervor. - -Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren die einzigen Geretteten -der lübischen Kogge. - -Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein Leben ohne Hoffnung! Noch -wogte die See erregt und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die -Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an dem Holze, die -Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. Jedoch bald begann ich sie um -ihre Ohnmacht zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den ich kaum -bezwingen konnte. Wie die meisten der Armen auf unserem Schiff hatte -ich meine irdische Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte -mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein darin, doch ich -konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Frau Gertraude zu -verlieren, und aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen -Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich suchte meine gierigen -Sinne abzulenken, indem ich das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie -für Linie lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen ein, -den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette mit dem Braunschweiger -Löwentaler, die zarten Hügel der Brust -- ich ermattete mich mit -Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der Durst knechtete mich und -würgte mir die Kehle, daß mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann. -Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde umher, vergebens. -Glühende Bilder tanzten vor meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte -nachlassen. - -Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich noch einmal auf, die -Blicke flackerten über die Wogen -- ein Segel, seltsam geformt, ein -Schiff mit voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, stürzte -auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel fletschender Zähne und -schwarzer Gesichter, ein Tau sauste auf mich nieder, ich griff es, -packte Gertraude, ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten -sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, und wie ein Stein -schoß ich wieder in die Tiefe, allein, unendlich einsam, erlöst. - -Die Sinne fielen von mir ab. - - -Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans Ufer trugen, ich hab es nie -erfahren. Genug, Brüder vom Deutschen Orden fanden noch Leben in mir -und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun Tage darauf erwachte ich -aus wirren Fieberträumen, sah mich auf reinlichem Lager in einem -hellen, freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute mich wehmütig -an, seufzte und siegelte die Lippen mit dem Finger. Eine Schale wurde -mir gereicht, die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen -und versank sogleich in tiefen Schlummer. - -Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung brachte das Verlorene -wieder, ich atmete die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß -der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen hatte; er erhob -sich, als er mich munter sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte -den Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher Bruder des Ordens, -ein Edler von Burgberg, und seine traurige Stimmung erklärte sich mir -bald: er war der Vater Gertraudens, von der in meinen Fieberreden -schreckhafte Bilder flatterten. Ich tröstete ihn, wie ichs vermochte, -ich schwor, sie sei lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er -schüttelte verzagt den weißen Kopf. - -»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder gar --« er verschluckte -einen Fluch und preßte die Faust stöhnend an die Brust. - -»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über das andere Mal, »waren -nur Heiden an Bord? Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?« - -Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, und selbst wenn -ich ein Kreuz gesehen hätte; ich würde es ihm verschwiegen haben. - -»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine Templeisendirne!« Seine -heißen Augen trafen mich: »Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast -wahrlich deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu retten. Daß es -so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet sei sein unerforschlicher -Wille. Aber zu dir --« - -»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid mir nichts schuldig; -ohne Euch dörrte ich jetzt im Ufersande.« - -»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden. Du fiebertest und -nanntest den Herrn von der Wilze; da erst riefen sie mich. -- Was -willst du nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte, Freunde, -Ordensbrüder? Hier heißt alles Geld, mein Freund, das Heilige Land ist -ein einziger Marktplatz.« - -»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte am heiligen Grabe zu beten -und die Verwundeten zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.« - -Der von Burgberg seufzte. - -»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos im Lande, zu -Tausenden sterben sie dahin. Verwundete? Die Kämpfe ruhen ja! Unsere -Führer feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um das Land -ziehen, wie den Strick um den Hals eines Schächers.« - -Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte sich vor Zorn. - -»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue, so wollt ich -schwören, die Herren und Fürsten verrieten uns an die Heiden. Nur die -Narrheit oder der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund -Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland -- aber was soll dich -das bekümmern! Du bist ja wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können -auch Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht gerade gern, -denn ich hasse diese verlogene Zunge, darin die Templer ihre Meineide -tun. Will dir was sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir -haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände; beim Hospital, beim -Handwerk, in den Wein- und Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen, -bloß das Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so tätig. Kannst -mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber, wenn ihm mit der Hand statt nur -mit dem Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von euch Geschorenen -in der Welt umher und stehlen ihre Tage. -- Laß dir Zeit mit der -Antwort, ruhe, wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen -Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen, und dann sag mir frei deine -Meinung.« - -Damit ließ mich der wackere Mann allein, und die Langeweile besuchte -mich sicherlich nicht, so voll war mir Kopf und Herz. - - -Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten war ich jordanaufwärts -nach den Besitzungen des Deutschen Ordens südlich des Sees Tiberias -unterwegs. Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne anderen Lohn als -die tägliche Notdurft; ich konnte gehen, wann ich wollte. Meine Seele -schrie nach Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum letzten -Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte das Blut in meinen Adern -ausgetrocknet. Nichts gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte, -da Sein Fuß gewandelt -- aber ach, wo wäre der Mund, der heute die -Wechsler und Händler aus seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde -kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer Schwindel, -schachern Juden, Heiden, Christen in widerlichem Wettbewerb um das, was -ihnen die Krone des Lebens heißt: Gold. - -Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte nicht beichten, -konnte kaum beten. Wie sollte mich ein Menschenwort vom Fluche lösen? -Zweifel, schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich von der -heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht, aber er überflutete und -brach die alten Formen und fand kein neues Gefäß, rein und köstlich -genug, ihn zu bergen. - -In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheit wahr, den -Menschen fern zu sein. Den Menschen und den Häusern, denn mir schien, -es knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den mächtigen Mauern -der Kirchen; das Gespenst des Untergangs schritt mit der Frechheit des -Lasters dreist und offenbar über die Gassen. - -Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte ich, ohne meine Sünden -gegen die der anderen abzuwägen. Mir, dem Beichtiger, waren auf dem -lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht vor einem -unbefangenen Richter teuflischer und gemeiner als meine Tat galten; -nicht vor mir. Ich konnte niemanden fürder verdammen. - -Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl, das Blühen und -Wachsen der stummen Geschöpfe, die in meiner Obhut waren, erfüllte -mich mit bescheidenem Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die Kette der -täglichen Wassereimer über das unersättliche Land und empfand einen -demütigen Zwang, Besseres zu leisten als meine Gesellen. - -Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen galt, ohne daß es mir -damals zum Bewußtsein kam, als hochmütig. Indessen habe ich gelernt, -daß die Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nicht liebt. -Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß sie meine Heimat berührt -hatten, zeigte ich mich lebendiger und forschte sie vorsichtig nach -dem und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes wußte. Als -jedoch Saladin stärker gegen das morsche Königreich Jerusalem zu -rennen begann und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft wieder -kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine Botschaft des Glücks und -der Verzweiflung zugleich. - -Ich war in meinem Rosengarten -- eine leichte, duftende Freude neben -meinen Pflichten -- und versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich -ein sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle, saftigrote -Knospe war eben aufgesprungen und duftete süß und hingegeben in den -laulichen Tag. Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister Otfried -näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte eine fröhliche Runde -französischer Herren meinen Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich -die neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und berochen, und einer -der Herren sagte mit Lachen: - -»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße Blumenkind: nennt sie -Aleit von Claraforte.« - -Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte mich, suchte mit irrenden -Fingern, mußte endlich blutübergossen emportauchen. - -»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner Seel!« plauderte der -Ritter unbefangen weiter. »Aber leider hat sie für niemanden anders -Augen als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog ist ein -wahrer König Artus an Tugend, Schönheit, Mannestum.« - -»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich tonlos, fessellosen Zorn -im Herzen, und mich selbst zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich -niemals viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.« - -Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes Wesen konnte ihm nicht -entgehen. Die anderen hatten des gottlob weniger acht, sie standen -bereits entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd. Der -Ritter erwiderte schier achtlos: - -»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt Ihr den Herzog und sein -Weib? Wann saht Ihr sie zuletzt?« - -Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer mußte ich mich beherrschen! -Und noch in diesem Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit. - -»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr denn zwei Jahren zog ich an -Claraforte vorüber in dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat --- die meint Ihr doch? -- durch einen üblen Fall zu Tode gekommen. Der -Herzog aber -- doch, Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten -- er hieß -der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur die Hälfte alles dessen, -was sie ihm nachredeten, wahr ist, so wird sich Satan für diesen -Namensbruder bedanken.« - -Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen Fant; mich ärgerte -die Kunde, ich hielt nicht anders, als daß mein Stellvertreter eine -neue Heirat getan haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin -versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben. - -Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd mit der Braue; -jetzt wandte er sich gelangweilt ab. - -»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich sah Aleit von -Montgerrat, mit dem Herzog und ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in -Paris -- ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken Schlaf ein -feuriges Mal wie von einer Narbe. Und Herzog Robert -- mag er gewesen -sein wie immer -- heut ist er einer der vornehmsten und besten Ritter -der Christenheit. -- Was ist Euch? Ihr solltet Euch nicht barhäuptig -dieser verruchten Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt nicht: -die Rose nennt Ihr Frau Aleit.« - -Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. Die roten Blütenblätter -der Rose »Frau Aleit« erstarben in meinen mörderischen Händen, -wollüstig gruben sich die Dornen in mein Blut. - -Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße fiel jäh von meinem -Antlitz. Das Glück, kein Mörder zu sein, ließ mich nicht jubeln, -nein, ich schrie wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott und -Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles war mehr in mir, mit -glühenden Zangen folterten mich Eifersucht, Haß, Neid -- alle dunklen -Triebe meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward von einem Gebrüll -zerrissen, das mir jetzt noch in beschämten Ohren klingt. Im rasenden -Gehirn erwürgte ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den Mann, der meine -Züge trug, in dessen Adern Blut von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit -einer kalten, hemmungslosen Lust am Morden, sah seine hervorquellenden -Augen, hörte das Brechen der Wirbel und lachte, lachte -- dieweil mein -eigener Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag. - -Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War meine Schuld an dich so -riesengroß, daß sie solche Strafe verdiente? O ich Narr der Narren! -Ein Kind war da, ein Erbe -- ein Wählingerblut! Ein Bastard vom -Bastard -- Herrgott, wo blieb deine Güte, von der deine Diener so viel -Aufhebens machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen Glieder -dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, voll von ihrer keuschen -Leidenschaft -- oder -- oder wissend und vom guten Tausch beseligt? - -Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, Arme voll Rosen riß ich -an die Brust und badete mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut -aus hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott und den Menschen -verraten, betrogen, bestohlen! Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit -betäubte mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. Eitelkeit -stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: Beweise dich, zeige dich, -du echtes, gerechtes Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im Bett -einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit Kebsen und Dirnen, -getragen in Unlust, geboren in Schande, erzogen zum Betrug -- zum -- -wie sagte der Franzose? -- zum vornehmsten Ritter der Christenheit. -Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen ab! Wie schlau, ein bißchen zu -schlau hast du deine Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du -auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen Arbeitsfäusten -erwürge ich dich, und wärest du außen und innen aus Erz. - -Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, ich achtete sie nicht. -Jäh floß der kühle Hauch der Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze, -keine Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, die über -meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe schienen. Zwei Jahre lang, Tag -um Tag, hatte ich diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen Namen -trug; indes er in den Wonnen des Paradieses schwelgte, seufzte ich in -der heißen Sonne Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot -essend, der größte und törichtste aller Narren, die je von ihrem -heimatlichen Herde liefen. - -Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die Genossen bei den Gästen -und hörten voll Sehnsucht und Heimweh die Erzählungen aus dem alten -Lande an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und Gott war in -meiner Brust erloschen wie eine Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir -vor den Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land raubte, mußte -ich mein Leid ersäufen, anders starb es nie. In diesen Vorstellungen -erlangte ich, merkwürdig genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß -war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich durch die -Gartenanlagen an die Siedlung, willens, noch vor Tag mein Ränzel zu -schnüren und mit dem frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand -zu meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet und dröhnend -von Worten und Waffen. Abermals, mitten in der Nacht, waren Gäste -angekommen, bis in den Hof standen die Knechte, und über die weinheißen -Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: Krieg. - -Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich drängte mich durch die -Fremden in die Halle, Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu -sich und sprach mit hellen Augen: - -»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. Über vielen steht der Tod, -und sie sollen getröstet einfahren in das himmlische Reich. Saladin -stößt auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. Oder halten -dich deine Rosen?« - -»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, Blut schwamm mir vor den -Augen. »Aber gönnt mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die -Seinen auch ohne mich.« - -Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die fremden Herren neben -ihm, die unsere Reden hörten, lächelten spöttisch. Ich sah sie an, -eiskalt war mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren beugte ich -mich, packte mit der Faust einen der schweren Eichensessel, darauf ein -Ritter in voller Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den Tisch -und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln und Becher nieder, ohne -anzustoßen, ohne Geräusch. Viele sahen es und gafften mit verschlagenem -Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal in meiner Heimat -trunken und prahlerisch vollführt hatte, ward inne, daß meine mächtige -Kraft noch gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz und -Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So werde ich ihn erwürgen, den -Bastard, und sein rotes Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den -Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen. - -Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem Hochsitz und schlug mir -auf die Schulter: - -»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch! Und recht hat er, wenn er -einen eisernen Wedel begehrt, das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt -in mein Gefolge, Mann!« - -Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried vor mir und sah mir tief -in die Augen. - -»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er leise, »wie dürften -wir Gott einen solchen Arm entziehen! Setz dich her, wir vermißten -dich schon eine Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um die -Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die Sterne. Möchte so auch -der Halbmond tun!« - -Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen Becher voll -feurigen Griechenweins. Ich stürzte ihn, ohne abzusetzen, gierig nach -Betäubung. - -Otfried sah mich verwundert forschend an, mit dem Finger drohend: - -»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes Mönchswesen beiseit. -Nie hab ich dich über dem Wein gesehen, und jetzt beschämst du die -tapfersten Schläuche.« - -»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittag spottend ein, »die -schöne Frau Aleit!« Und wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen -Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese, du Elefant! -Wart lieber auf Saladins braunes Geziefer, da passen gleich drei Hälse -zugleich in deine Klaue.« - -Ich schob den Becher schroff zurück und verließ den Raum, wollte allein -sein, keine fröhlichen Reden hören, keine lachenden Augen sehen. Ins -Schlafgemach ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen eine -Decke, wickelte mich ein und legte mich hinter die Gebäude in einen -sturmgeschützten Winkel, dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie -ein Bachgemurmel drang. - -Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen Tiefen auf, Krieg, Schwert -und Harnisch verwischten die bunttobenden Leidenschaften zu einem -grauen Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte mich sonder Wollen -und Wissen in Schlummer. - - -Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein zerbeulter Helm, -ein rostiges Kettenhemd; aber das Schwert war vortrefflich: ein -Zweihänder vom alten Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner -schwingen mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack geschnürt, die -Mönchspapiere trug ich im Beutel auf der Brust, wer weiß, wozu; ich -konnte nur noch arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte nach der -Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige Land, das Heilige Grab -- es -waren bunte Bilder am Wege meiner Rache. - -Wir zogen -- ein stattlicher Haufe -- dem Hauptheere zu, schier -stündlich vergrößert durch Zuwachs von flüchtendem Landvolk, Christen -und auch Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr noch als -das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer Herr war, wenigstens was das -Leben anging. Saladin preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in den -Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen lebten, sahen keinen -großen Unterschied und begeisterten sich nicht einseitig. Es waren -nicht die Besten. - -Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem Riesenstrom gegen die Küste, -Karren, Reiter, Fußvolk mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der -dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager von Askalon wurden -die Böcke von den Schafen geschieden, die Krieger sammelten sich und -zogen auf das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt, die -fiebrige Stille vor dem Sturm begann ihre Folter. - -Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im Lager gesucht; jetzt -stieß er unversehens zu uns, trotz seines weißen Haares kampfbereit und -aufrecht im Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch unter dem -Helm, lachte und bot mir vom Pferde die Hand; keiner von uns ahnte, wie -bald wir die Rollen tauschen würden. - -»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese braunen Teufel austreiben -wirst? Heuer kommen die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah -ich die Plänkler über den Hügeln und -- horch! Was blasen die Hörner?« - -Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln, ein freudiger -Schein glitt über sein vergrämtes, gutes Gesicht; kaum daß er Zeit -fand, mir zuzunicken, und fort sprengte er in die Reihen der Deutschen -Brüder. - -Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter Hecke vor uns -aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes wirbelten auf, leise schütterte der -Boden von zahllosen Hufen. Ein Schauer überfiel mich -- Angst? Nein, -nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, aus mörderischem -Herzen geboren. In starrer Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte -keinen anderen Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, und hatte -doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, als das Gewühl um mich wogte -und ich, unwissend wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben um -mich schlug. Das war ein ander Ding als ein Turnei in sicherer Rüstung. -Wie Heuschrecken wimmelten die Heiden auf blitzschnellen Rossen um -unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten uns wacker und -trieben einen Keil in die Woge, daß sie blutig zerschäumte. Atemlos -spähten wir über das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals -über uns her, wir schmolzen zusammen, hin und her gezerrt, wurden immer -weiter abgedrängt, zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts -von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet gegen den gewissen -Tod. - -Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen Teufel stutzten, rissen -die Gäule herum und schossen aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit -starrten wir ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. Da klomm -ein Roß über die Mulde, der von Burgberg ritt langsam heran, bleich, -mit geschlossenen Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt. -Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein Unsichtbarer, schlug die -Augen auf, die schon im Tode brachen, und lallte: - -»Sieg!« - -Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing ihn auf, wir waren -alle wie gelähmt. Mit stumpfen Knien trat ich zu ihm und sah in seinen -Augen das Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem Leichnam -und erinnerte mich an die Stunde. Sonder Umsehens sprang ich in den -geleerten Sattel und sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder -wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch kreiste durch meine -Adern, in meinem Herzen schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in -rasender Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist meine Heimat, -Schwertschlag meine Freude. Ich sah die fliehenden Horden ostwärts -stürzen, hieb dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel und -stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. Junge Kraft rann -mir durch den Leib, ich genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel -hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die schwingende Lust des -Rittes und dachte an keine Müdigkeit. - -Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten die Hufe vor mir an mein -Ohr, enger ward der Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich Seite -an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, ich schlug ihn mit der -bloßen Faust aus den Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner, -sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und schlossen sich zu -sieben oder acht zusammen, ihre raschen Wüstengäule schossen wiehernd -um mich her; Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf den -Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei meiner Seele, ich glaubte in -dieser Stunde an ein Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete -es falsch. - -Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er saß auf einem -herrlichen Rappen, golden schimmerten seine Waffen, vom Helm wallte ein -edelsteingeschmückter Schleier über seine Schulter. - -Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme in mir. Die Beute -heißt Überfahrt mit Mann und Roß; in zwei Monden kannst du schon in der -Heimat sein, und dann -- - -Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem grausamen Hieb, es flog -mit pfeifendem Stöhnen über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben -zurück, der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von seinem -adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. Plötzlich riß er das Roß -mitten im Jagen herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust und -traf mich mitten auf die Brust. - -Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten vor meinen Augen, eine -dünne Schlange zischelte über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme; -rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger und enger, und jeder -Kreis war eine lederne Fessel um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses -Bündel, über einem fremden Sattel lag. - -Gott hatte mich ganz verlassen. - -Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut füllte meinen tief -herabhängenden Kopf zum Zerspringen mächtig, Jammer und Ekel wuchsen -größer als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die Vorsehung mit -mir vorhaben, daß sie mich also hart prüfte; jedoch dieser Gedanke, -in bitterer Verzweiflung geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein -Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder Sklaverei heißen; -aber eben jetzt, da ich noch eine Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu -werden, konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als das ärgste -meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie denn immer die letzte Folter am -schwersten zu ertragen ist. - -Eine gute Weile ritten die Heiden, was die Pferde gaben; dann ging es -sorgloser dahin, und ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung -zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald von Chatillons geringe -Reiterschar durfte sich nicht von der Masse des Fußvolks lösen, ohne -in Gefahren zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, ich wurde auf -ein ledig Roß gehoben, die Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und -weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien den Kampf völlig -aufzugeben; die paar Brocken der Heidensprache, die ich aufschnappte, -belehrten mich über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem -pochte mein abendländisch Herz höher. - -Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die Arme an den Leib gebunden, -auch als der Trupp zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter -Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief alles ringsum bis -auf die Posten, deren Lanzeneisen ich von weitem im Mondenlicht blitzen -sah. Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn vom Tag bei -Askalon, und ein Lachen kam mich an ob solcher elenden Beute. - -Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch wälzte, die Riemen -schnitten schmerzhaft in mein Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht. -Ich überdachte die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden -hatte, und glaubte über meinen Bewältiger klar zu sein: es war der Emir -von Bachara, offenbar ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. Mich -kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte seiner nur, um meine gequälten -Sinne zu beschäftigen und abzulenken. - -In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener, schöner -Mensch im kräftigen Alter, blickte kühl auf mich nieder und sagte zu -meinem höchsten Erstaunen auf deutsch: - -»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, unterwegs nicht zu fliehen -oder sonst gewalttätig zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.« - -»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine Furcht!« - -Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur ein Winkel seines Mundes -schien zu zucken. Er winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte -mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht einmal auf den Füßen -bleiben. - -Immer noch stand der Emir da und hatte eine Frage auf der Zunge. -Endlich hielt es ihn nicht: - -»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher Verlegenheit. »Warum -fiel mein Speer aus deiner Brust?« - -Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das Kettenhemd war zerlöchert -und zerschlissen, ich konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter -dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten, die Münze meines -Bruders und errötete bis unter das Haar. - -»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle. - -Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das verbeulte Blech und -sprengte an die Spitze seines Zuges. Wir ritten. - -Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen Höhen niederreichen und -mein Herz berühren, fühlte ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in -die Heimat gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und jener armen -Mutter, die eine Sommernacht lang meines Vaters Spiel gewesen. - -Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen mir in den Bart. - - - - -Zweites Buch - - -Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die Wunder des Morgenlandes -dufteten, glühten, rauschten um mich her, inmitten immerblühender -Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten verschwiegene -Lauben, sangen bunte Vögel -- Wirklichkeit war auf einmal der nie -erfüllte Nordlandstraum vom ewigen Licht. Sie fragten mich, was ich -könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, in flammende Märchen -getaucht, hatte Freiheit, so weit die Mauern um das Paradies, hatte -Brot, Lager, Himmel, Sonne. - -Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, heut schlug es kalt -in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Emir blieb unsichtbar; von -Sklaven aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, mit denen -ich arbeitete, wußten nur wenige Worte Fränkisch. Es war gut. Ich -war gezwungen, ihre Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren -dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich todmüde auf -dem Lager, hatte meine eigene Hütte, meinen eigenen Herd, denn die -Sarazenenküche widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen, -was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie überließen mich -achselzuckend meinem Tun; auch hier ward ich keines Freund, keines -Feind. Vielleicht wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich wußte nicht -mehr, wozu. Die Heimat mit ihren Gestalten wich ferner, mein Haß gegen -den Bastard verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und fand am -Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das heiß und leidenschaftlich -mit Gott verbunden zu sein wähnte, sah das Ewige fortan durch eine -klare Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, wurde ich -eine Kirche für mich und gewann einen stillen, tiefen Glauben. Dies -kam nicht von heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der -Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor meinem Hause, und doch -hatte der Kampf um meine Seele erst begonnen. - -Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir von Bachara und -erhielt das Bild eines außerordentlichen Mannes. Der älteste Aufseher -liebte es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit -unterrichtete mich über Dinge und Menschen lebendig wie ein sprechendes -Bild. - -»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht gewußt, wohin -deine Striemen betten. Der Herr -- Allah erhalte ihn uns! -- schwang -die Peitsche, seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten -die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann erzählen, wieviel -verdorbenes Menschenfleisch in seinen Schoß versenkt worden ist. Da« -- -er stieß den Daumen über die Schulter nach dem Harem, dessen verhangene -Fenster niemals geöffnet wurden -- »da wimmelte ein Ameisenhaufe von -Völkerchen; und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras wachsen -hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen Tritt einer schlanken -Gazelle.« - -Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie aus Grüften, das runde -Gesicht verzog sich zu einem schwermütigen Trauerlied und malte -ergreifend das entvölkerte Lusthaus. - -»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit deinen ungläubigen Augen zu -betrachten. Sage, Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren -Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick auf eine Antwort, -die ihm selbstverständlich schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen, -die ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz wie Tau in der -Sonne, bis auf eine. Christ, ich habe sie gesehen, denn sie verschmähte -den Schleier; sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; nur -wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, Erde, Meer und Himmel, -in diesen leuchtenden Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei -Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie in Allahs höchstem -Freudensaal. Und wiederum, blickte sie auf dich, so blieb nicht eine -winzige Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen Flammen -brannten alles klar.« - -Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen -Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen -gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine -Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus -Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert -hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille, -heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes -leuchteten ihre Augen auf mich nieder. - -»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser -blassen Stirn willen mußte der ganze Harem wandern, und schließlich -saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau -gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir -warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein -Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die -Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf -eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin -betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist; -der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine -Ausnahme.« - -»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn --« - -»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern -trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein -Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen -seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt -er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein -Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub -es mir. Ein Mann von eben dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine -Erinnerung!« - -Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war -nichts als Erinnerung. - -»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?« - -Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht -ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem -spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer, -dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein -Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines -nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels -über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das -dürre Herz. - -Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte. -Und dennoch -- tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich -geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von -einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt. - -In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem es oblag, den Garten -zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut -- es waren -über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich -aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter -den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch -hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus -nordischer Heimatwelle. - -Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der -Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl. - - -Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu belauschen. Stundenlang -hockte ich in dem breiten, dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über -die Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat Sobeidens. Ein -klares blondes Flämmchen sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles, -blaues Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O wie weh tut Armut! -Hätt ich alle Schätze Salomos, ich gäb sie hin, um das Kind einen -Herzschlag lang an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren die -verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück genug; meine Einsamkeit war -gebrochen, meine Gebete ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit -Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. Das Kind hielt -mich stärker als alle Fesseln. Mit Schrecken sah ich die Regenzeit -herannahen -- Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das Kind würde -mir geraubt werden, all meine armselige Luft. Ich fühlte, wie es mein -eigen ward, wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen Glut, die -Männerherzen sonst nicht beschieden ist. Der Emir allerdings -- jedoch -er war in Geschäften des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah ich -ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, und die Eifersucht -quälte und verzehrte mich lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf -gestickten Kissen mit meiner Freude tollen, er fing mit ihr die bunten -Federbälle, jagte durch die hohen Räume des Harems den schlanken, -leichten Reifen nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien -Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht sprachen sie Deutsch -miteinander, die blonde Frau sollte aus Deutschland gekommen sein; -aber im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur die Heidensprache -süß und fertig von den Kinderlippen, kein Ausruf einer jähen Bewegung -zeigte ihre Herkunft an. - -Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den Rasen und meldete die -bevorstehende Ankunft des Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende -von Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast getragen, alle -Hände waren vollbeschäftigt, der Garten scholl von Arbeitslärm, ich -konnte nicht daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern. -Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn wie sollte ich es ertragen, -daß ein Fremder mein süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte, -indes ich verdurstete. - -Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder Geschenken, -hochbepackt, gesättigten Reichtums kamen sie angefahren. In Käfigen -saßen wilde, fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die -Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit dem frühesten auf -meinen Baum zu steigen, die Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich, -war ihre Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die schönsten -Blumenkelche gegeneinander und vermischte ihren blitzenden Tau -- eine -Blütenhochzeit voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese Bilder -vergessen. - -In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß würde er noch um die -frühe Stunde von den Anstrengungen der sehr weiten Fahrt schlummern -und ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein erster Gedanke war -Sobeide, das sah ich, als ich meinen Baum erklommen hatte und über die -Mauer blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen Garten umher -und zimmerten einen grünen Baldachin; goldgestickte Ruhepolster lagen -schon bereit, der Marmorbrunnen sprudelte wieder. - -Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei der Bestien mit -einemmal lauter, plötzlich überschrien von einem wilden menschlichen -Entsetzen. Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und rannten -hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte die Luft, langsam trat durch -das offene Tor ein Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die -Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren Flügel krachten zu, -die Balken dahinter fielen in die eisernen Klammern, hier und da schon -löste sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das gefangene -Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als hielte Gott den Atem an. Die -Tür des Frauenhauses öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend über -die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte jubelnd in die Hände. Ich -fühlte mein Herz nicht mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem -Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, stand jählings -versteint in rasender Angst. Das Kind hatte den Löwen endlich gesehen -und sank bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich das -Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. Meiner ward es noch -nicht gewahr; ich wußte nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei -der geringsten Bewegung mit den nackten Fäusten wider die Gefahr zu -springen. Da tönte ein leises Zischen neben mir, eine Lanze bohrte sich -in den Boden, handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war wie in der -Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, mit einem Sprung stand ich neben -dem Löwen und jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher Wucht, -daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr und in die Erde drang. -Der Schaft brach in meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb -mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen Nacken und schlug -die Arme um den Hals der Bestie, so mächtig meine Kräfte waren. Es war -ein Kampf, in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als meine Stärke. -Ich sah nichts mehr, meine Augen waren von Blut verklebt; ich schrie -nicht, meine Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. Plötzlich -schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten schmetterten jubelnd -aus lauter Licht. Vorsichtige Hände suchten meine Arme zu lösen, -Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich stammelte noch halb -von Sinnen: - -»Das Kind! Wo ist das Kind?« - -Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es in mir auf, ich sei -blindgeschlagen, riß das Tuch von der Stirn, sah das Licht und ein -blondes Köpfchen, und lachte und schluchzte selig ermattet. - -»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, faßte mich um den Leib -und trug mich mehr als er mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf -den golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine Seele sang ihren -seligen Dank, indes der Schmerz ungezählter Wunden stetig wachsend -mich an die Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in glühenden -Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in meine Stirn, ich konnte ein -Stöhnen nicht unterdrücken. Der Arzt des Emirs war um mich bemüht, -wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, auch die Augen. Ich biß -die Zähne aufeinander, wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind -hatte sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust gelegt, und -ich hielt es in der hohlen Hand wie ein Rosenblatt und wagte nicht, es -zu drücken. - -»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. Mir kam ein Lachen in -die Kehle: dies Eisen hatte sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir -ein bitteres Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen und hörte -ihn noch einmal wie aus Fernen: - -»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder --« - - -Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem Lager, das im Palast -aufgeschlagen und wie das eines hochgeehrten Gastes war. Da ich -sprechen wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte mir in einem -silbernen Spiegel meinen Kopf: aus einem Knäuel weißer Binden lugte nur -ein Auge, sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren eingepackt; -Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen konnte ich nicht, die Kiefer -waren vom Verband fest aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen -fragenden Blick. - -»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch das andere Auge hoffe -ich zu retten. Dein Glück wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder -fast so groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen kühneren Mann -gesehen als dich. Deine Sklaverei ist zu Ende, du wirst beschenkt wie -ein König in deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, und du -verdienst es wahrlich.« - -Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: dies dünkte mich ein -schlechter Lohn, wenn ich überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen, -um in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die Hand aus und -deutete dem Greise die Scheitelhöhe meines Lieblings an; er verstand -mich sogleich. - -»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie würde zu sehr erschrecken, -sähe sie den Retter so elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert -den ganzen Tag von ihrem Riesen.« - -Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange Nächte! Aber sie -plauderte von mir, sie hatte mich nicht vergessen! Wie weit mochte der -Emir in seiner Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches Leben -aus: täglich durfte ich ihr Blumen bringen, sie sehen, mit ihr sprechen --- ach, nur ein Ave lang! - -Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit stand still. Vielleicht -vergaß sie meiner in sieben langen Tagen über ihren bunten Spielen, -über den tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten sicherlich -mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, abends, wenn er mir den -Brei aus Eiern und süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich, -den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht aufzureißen. So ergab -ich mich denn, innerlich seufzend, und harrte auf den nächsten Morgen, -wähnend, er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch im Wein war ein -Schlafmittel, meine Binden wurden gewechselt, ohne daß ich es merkte. - -Dann endlich kam der siebente Tag. - -»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise -lächelte verstehend. - -»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung -richtig ist und deine Wunden es gestatten.« - -Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den -Verband. Neugierig hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte -ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst -allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige -Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie -von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine -stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und -deutete ihm, den Spiegel zu reichen. - -Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich -in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu -nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile -zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die -Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden -mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf -diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die -Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später, -der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf. - -»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der -Erdentag, du wechselst ihn wie ein Gewand oder wie bestaubte -Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!« - -Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten -sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben -können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr -Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe -über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben -in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und -schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu -Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die -goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff -funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte: - -»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein -Freund, mein Bruder.« - -Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen ließ, vor mein Gesicht, -und die kühlen, süßen Kinderlippen berührten meine Stirn. - -»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine Stimmchen in einem -wunderlichen Deutsch. Ich lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob -nicht, denn mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen -Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig das Tuch auf, eine -Wolke flog über seine Stirn, er wandte sich schweigend ab. - -Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen lag in meiner Rechten. -Es plapperte und fragte und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe -mich sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich Federball spielen -könnte und wann ich aufstehen dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das -Kind nicht mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte es nur mit -den Augen an. - -»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.« - -Ließ sich der Emir nicht Vater nennen? Erkannte er sie nicht als -Tochter an? Ich schielte zu ihm hin, doch er stand im Schatten, und -seine Züge schienen sich nicht zu bewegen. - -»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide kommt nun jeden -Morgen.« - -Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben überflutete mich mit -Entzücken. Am Vorhang blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze -hoch und rief: - -»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.« - -Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen und starrte auf die -Kleine; der Arzt, der Emir liefen auf mich zu und legten mich sacht -nieder, wähnend, die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht. -Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der Negerin stand und die Augen -voll Tränen hatte. - -»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!« - -Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an goldener Kette hing ein -Braunschweiger Löwentaler um ihren Hals. - -»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes rätselhaften Wegen, -und fiel erschöpft in die Kissen zurück. - -Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände zitterten leicht, als er -mir über die Stirn strich. - -»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin und senkte den Kopf, -als betete er. - -Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die Augen schließen und fühlte -mich sanft entgleiten, als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der -engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen Weges waren erwählt und -gezeichnet; ja, wahrlich, kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen -Willen. - - -Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet; meine Rechte in seinen -schlankem kühlen Händen haltend, begann er halb Deutsch und halb in -seiner Heidensprache: - -»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte sonder Zögern, denn -Krankheit kennt keine Geduld. Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht -ich, sondern der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von Anfang -an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches Staubkörnchen auf -Gottes ewigen Wegen ist. - -»Ich ritt -- es sind wohl sechs Jahre her -- über den Sklavenmarkt -von Damaskus, mit einem dürren, früh verschwendeten Herzen ritt -ich und prüfte Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer Schar -nackter Negerweiber, in einem linnenen Hemde, darüber die Münze, -die du bei Sobeide erkanntest. Sie lehnte an einer Zeltstange, die -Augen geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin. Ich kannte den -Korsaren, dem Zelt und Ware zu eigen, er hatte mir oft genug weiße und -dunkle Mädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen Blick, sprang -dienstbeflissen hinzu und griff mit der rohen Faust an ihr Gewand, um -mir ihre Glieder hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf -und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer vergesse. Freund, -ich kann es heute noch nicht erklären, ob es Liebe oder was immer -war, genug, wir brannten ineinander, und der weite Markt um uns ward -fremder als das Ende der Erde. Zum erstenmal empfand ich deutlich: es -lebt niemand für sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander -verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll, mehr oder -weniger auf Tod und Leben, auf Zeit und Ewigkeit. - -»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die Zelttücher; ein Beutel -Goldes, der für all seine Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder -zahm. Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten meiner Krieger -nach Bachara. Und dies war alles, was der Korsar von ihr wußte: -Er hatte sie an einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein -riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das rettende Tau. Aber -indes die Räuber ihren Fund packen wollten, schlug der Retter mit dem -Kopf an das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war geborgen. Du -warst es, Ronald, und nun hast du abermals in die Fäden meines Lebens -eingegriffen, mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.« - -Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, zum Heile sollte -Gott mich von meiner süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir -sprechen, wenn er _meine_ Geschichte erführe? Aber nimmer würde das -sein. - -»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus und machte mich in der -Nacht mit wenigen Begleitern nach Bachara auf, in langsamem Trabe -reitend, denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte jedoch keinen -Grund für solche Zagheit. Daß jene weiße Frau mehr als je ein Mensch -mich beeinflußte, wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag es -klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere Beute aus Damaskus -heimgebracht. Ich wütete gegen mich selbst und suchte mit rohen und -gemeinen Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. Zu -meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, eine von vielen war sie und -sollte sie bleiben. Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die -Hufe pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten vor ihren -Märchenaugen. Ich verfiel ihr, je näher wir Bachara kamen, und mit -einem Gefühl halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, kaum -daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte. - -»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen meinen gemessenen -Befehlen trug sie ihr verschlissenes Linnen, trug es wie steinbesäte -Seide. Sie berührte nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich -neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, tiefen Augen an, -daß mir Zorn und Angst die Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich -mich, ergriff sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß nicht mehr, -mit welchem rohen Wort, denn ich wollte sie und ihren Stolz verwunden. -Sie verstand mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch wußte -sie nur wenige Worte der Lingua Franca, und darin tat sie mir kund, -immer noch meinen Blick mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht -beschieden, Emir.‹ - -»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so ungezwungen stellte -sie sich neben mich, daß jede herrische Lust mich verließ und keine -Waffe gegen ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit -der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, Ronald, daß unglückliche -Verkettungen die lasterhaften, grausamen, tierischen Seiten meines -Wesens besonders gefördert hatten; aber unter den Augen dieser -seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten Äste, trieben junge -Wurzeln in heilige Gründe, blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches -begann auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer auf. Noch schlugen -die Wogen der Leidenschaft hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre -wenigen Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung verspürte, -so gewiß nicht wegen meiner Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹ -fuhr sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und nichts von -Triumph verratend, ›doch es wird Zeit brauchen, da es keinen Dolmetsch -verträgt. Ich bitte dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen -hausen, sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, wo mein Schlaf -nicht von der menschlichen Schande entehrt wird.‹ - -»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann ich auf Antwort; fast -kam mir ein Bedauern, diesen unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich -bedeutete ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien, und ich -sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, was ich wolle. ›Warum -nicht?‹ fragte sie kühl dawider. ›Doch sei dem wie immer: hier in -deinem eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, und darfst -mir wohl ein ehrenhaftes Lager neben dir gönnen.‹ - -»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte sie, daß -mein Herz in hellen, reinen Flammen stand. Ich erschauerte in dem -ungekannten Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine Silbersaite -klang in meiner Brust und schwang einen klaren Ton in die Sterne, die -durch unser Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten nach -Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus herrlichsten Seiden; voll -Zutrauen legte sie sich nieder und entschlummerte übermüdet, ihre -regelmäßigen Atemzüge durchzogen das Zimmer wie sanfter Taubenflug.« - -Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein Lächeln seine strengen -Mienen mit Milde. Ich fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen, -und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir beruhigend die -gesunde Hand. - -»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst sie noch in dieser -Stunde zu Ende hören, soweit sie ein Ende hat.« - -Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und sah mit -hoffnungsheißen Augen über mich weg in das wolkenlose Blau des Himmels. -Ich verstand ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner -Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen Händen. - -»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den Schlummer eines -Weibes gestört zu haben, aber damals habe ich ihn bewacht, wie eure -Ritter ihres Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden Launen: -jetzt kam ich mir großartig, im nächsten Augenblick abgeschmackt, im -dritten schmachvoll übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes -ich der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch das Spiel war -neu für meine stumpfen Sinne und fesselte mich. Immerhin schien mir -klar, daß ich in der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte, sollte -ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe, Freund Ronald, im Sieg -über das Weib erblickte ich zu jener Zeit meine Triumphe. - -»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten meine Gelüste und dämpften -meinen Mut. Ich ließ ihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad -bereiten, und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide, wie -ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den Morgenimbiß. Mir war, als -sei die Lieblingsfrau Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle -Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit wuchs unter den wenigen -belanglosen Reden, die wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am -Stocken des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder Flucht, da uns zu -dem, was uns im eigentlichen beseelte, die gemeinsame Sprache fehlte. -Mein alter Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie Salomo. Ich -stotterte von einer dringlichen Reise, befahl sie in die Obhut des -Greises und wies ihr meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort und -Atem holen. - -»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe, aber nicht ein Sandkorn -rann durch die Stunde, ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und -Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem zügellosen Erben war -ein wortkarger, ernsthafter Mann geworden, dessen Leben eben erst im -Anfang stand ... Was ist dir?« - -Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel wallte mir vor den Augen. -Jenseits einer ungeheuren Schlucht stand die Vergangenheit und winkte -herüber. Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in Gottes Hand und -dürftig ihre Schicksale. - -»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte von den Anfängen des -Lebens, die sich absonderlich oft wiederholend berührten. - -Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr, sichtlich in innerer -Bewegung, fort: - -»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis der Ewigkeit dieses -Erdendaseins? -- Doch laß mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar -meine Geschichte nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt ist. -Die Sehnsucht -- Wünsche ohne Häßlichkeit -- trieb mich wieder in -mein Haus, ich sah sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und -erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem Augenblick versank -die eben emporgestiegene gute Welt in mir, ich wähnte mich von einer -Dirne, die sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten Weise -betrogen und packte sie rauh bei der Schulter. Sie entzog sich mir -nicht, sie richtete ihre Augen auf mich, und meine sinnlosen Worte -erstarben, die freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln, -ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich kämpfte. Der Arzt verließ -lautlos das Zimmer. - -»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines toten Gefährten,‹ sagte -sie mit einem eigenen Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden, -Emir Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke, die uns zu -überschreiten versagt ist.‹ - -»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹ rief ich freudig aus, -alles Trennende vergessend. - -»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über mir, ich hätte ihr größere -Dinge geglaubt als dies: ›Emir, wir sind einander begegnet, seien es -tausend oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen sind für -immerdar nebeneinander in Gottes bunten Teppich geknüpft.‹ - -»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein von ihren feinen -Lippen; für mich, für mich hatte sie die Worte gelernt. Und seit -Ewigkeiten war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten sein! -Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen Glanze nieder und belehrte -mich eines anderen, Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen -gefunden. - -»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte ich leise, doch -sie: ›Du magst es so nennen. Aber das ist dir kein Wunder, nach der -kurzen Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den ewigen Freuden im -himmlischen Saal belohnt zu werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben, -wenn du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da Anfang und -Ende? Dies irdische Gewand ist nichts als das wechselnde, gebrechliche -Gefäß für deine Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren. -Emir Jussuf‹ -- ihre Stimme klang wie goldener Harfensang -- ›du -meinst, du dürstetest nach meinem vergänglichen Leibe, weil er dich -vielleicht schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, es -steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen einander.‹ - -»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. Ich glaubte in -einer kristallenen Kuppel zu weilen, klar bis in die letzten Tiefen -sah mich die Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über meinem -Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer Lust und Leiden löste sich -und gab einer Reinheit Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell -durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung hob mich aus -meiner starren Einsamkeit, nie wieder blieb ich allein. Und plötzlich -ein Argwohn: ›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die Christin, -ich --‹ - -»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die Rede: ›Vor Christen, -Moslem und Juden war Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune -Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden weiß und blond -und blauäugig von den Nordmeeren in diese heiße Sonne gefahren -- -Geschwister vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, gewißlich aber -einander vertraut und lieb und eines Blutes. Fällt dir der Glaube so -schwer, Emir Jussuf?‹ fügte sie schelmisch bei. - -»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von der Erinnerung an unser -erstes Begegnen in Damaskus, das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen -zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹ - -»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; sie wiegte -ernsthaft den feinen Kopf und errötete zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob -du ihre Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie klang warm wie -ferne, schöne Glocken und kannte kein Arg. - -»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise, ›mein Gemüt ist -verwirrt von dem Vielen, das es in kurzen Monden erduldete. Laß mir -Zeit und bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht auf unserem -langen Wege.‹ - -»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und Männer freundschaftlich -nebeneinander hergehen, war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie -nicht erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen wolle. Und -sie, munter und zwanglos: Warum sie solches tun solle? Wenn ich sie -nicht mit unerfüllbaren Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als -in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete sie mich und wies -mit ernsten Brauen auf das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich -in der Schande untertauche.‹ - -»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem Herzen beschloß ich -sogleich, den Harem und seine Völkerschaften auszutilgen, und dies, -da es Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie vor Freude -erröten machte. Es war zugleich der sichtbare Abschluß einer stinkenden -Vergangenheit, und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites Reich -zum Guten. Aus den demütig ängstlichen Gesichtern um mich her wurden -vertrauende und fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der -Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und ich entbehrte nichts. Statt -in schwüler Liebe weitete ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der -Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd aller Leidenschaft -wuchsen wir zusammen, sie, ich und das sprossende Kind in ihrem reinen -Leibe.« - -Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die Kraft fand, ihn -trockenen Auges zu betrachten. Mein Herz floß in Tränen über, so -stark überwältigte mich die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu -verwandtes Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, indes mich -der Engel mit dem Flammenschwerte aus dem Paradiese stieß. Jetzt -verschattete sich sein eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler -Stimme nahm er seine Erzählung wieder auf: - -»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze der Erde, um endlich -doch mit leerer Hand und leerem Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie, -die viel voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, denn wie -hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose Ruhe bewahren können. Mit -heftigen Schmerzen traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das Kind -beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht. Sie schleppte sich noch -einen vollen Mond durch ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die -Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den endlichen Trank. Da sie -heimging, noch bis zuletzt von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam -zu ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns nicht beschieden, -Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, treffen wir einander später unter -besseren Sternen. Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; halt -es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog meinen Kopf mit ihren -schwachen Händen nieder und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal. -Sie war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst nicht ermessen, was -es heißt, die Liebste zu verlieren --« - -Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in die gespannten -Wundennarben drang und mein Gesicht mit tausend Martern zerriß. Der -Emir ahnte nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, und wie -jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige Striemen war. Dennoch -lauschte ich ihm gierig und gewann in aller Verzweiflung Trost in -seinem Schmerz. - -»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die dunkle Pforte zu stürzen, -aber der lächelnde Friede ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo -Aufgaben meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. Das Kind wurde -all mein Glück, und das Kind wird mein Schicksal.« - -Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte sich, er sah -versonnen, fast heiter aus, als verschwiege er noch ein Letztes, -Schönstes. - -»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte ich, mich gewaltsam -ablenkend. - -»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen Namen, den ich zu -verschweigen bitte, sie nannte es Herzeleide. Es war dies, glaube ich, -eine Laune ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich -Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide rief. Jedoch -- was -fragst du nicht nach dir selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der -Weissagung besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern als in -voller Klarheit. Eines Tags, ihrem irdischen Ende nahe, sagte sie -von dir, du würdest mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte -mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; sie aber -lächelte nach ihrer Art und deutete: ›Deine Lanze wird ihn treffen, -aber nicht verwunden.‹ Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte -ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd und glaubte, nicht -einmal nach deinem Namen fragend, an einen Zufall, bis Gott mich eines -Besseren belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden Triebe, daß -ich dich mit nach Bachara nahm, denn seit Sobeidens erster Amme hatte -ich keine christlichen Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir den -größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer tun kann; du hast die -vor einem entsetzlichen Tode bewahrt, die für mich wächst und die ich -einstmals heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß wartet deiner, -und meiner warten die Geschäfte, die du, bist du genesen, brüderlich -mit mir teilen sollst, wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren -willst.« - -Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner Decke und schloß: - -»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen Mönchen; doch siehe, -er fiel von der Wand, als ich die Schatzkammer betrat, und ich nahm den -Wink für eine Wahl. Wer weiß, wozu?« - -Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und noch mehr Verwirrung -und Erstaunen ließ er zurück. - - -Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. Der Emir blieb -jung, denn er sah in die Zukunft; ich wurde alt, denn ich vergrub -mich in alte Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach -- -was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt haben? Eine schöne, -ungetrübte Freundschaft umgab uns, mit lebendigen Armen über viele -Klüfte greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, reichte -das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der knospenden Lieblichkeit -entfaltete sich eine lilienschöne Blüte, bei mir ein Vaterherz -erschließend und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht -immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit nahekommen, wenn ich -meine, der Emir wollte in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem -gezwungenen Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, je weiter Sobeide -in die Jungfräulichkeit wuchs, und aus dem Berechnenden wurde ein -Hingerissener, der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe zügelte; denn -trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide im Herzen ganz Kind. - -Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht gewesen war, seinem Wunsche -keine Hindernisse zu bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich -Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, zu welchem ein Retter -aus Lebensgefahr selbst aus so fernen Kindertagen leicht werden kann -- -wenn er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht getragen -hätte. Von all dem abgesehen, kannte er die abendländische Seele nicht -gut genug, um zu wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete, -nichts von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch welch ein trüber -Ausgang! - -Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines bunten Lebens auf, sie -waren glücklich, rein und reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und -teilte ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und nötig hielt. -Dabei muß ich erwähnen, daß viele Gespräche mit dem Emir mich von Grund -auf gewandelt hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte wie er in dem -unerschütterlichen Vertrauen, der Tod sei nur ein Wechsel des irdischen -Werkzeugs. Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld sich -auf _Erden_ räche! Wie tief, daß alles Schicksal nur ein Prüfstein -Gottes ist. Da verlor mein eigen Geschick seine Schrecken, wie es denn -schon vordem in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen war. - -Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der -fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden -Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine -Vornehmheit saß _unter_ dem Kleide und verriet ihn nie, in welche -Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit -rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre -älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt, -mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft -während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter, -als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich, -ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn -mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir -die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch -bei der Heirat Jussufs sollte das alte väterliche Verhältnis bestehen -bleiben, dies war mir zugesichert. - -Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um so nachdenklicher zu, -wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin -der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide, -aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und -zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich -hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit, -Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es -als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem -Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie -mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in -ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete -mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle -sprengen, wenn es reif geworden ist. - -Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete -den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein -Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft war -eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener -Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß -Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es -war ihm nicht bestimmt«. - -Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte, -daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und -in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe, -doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit -stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach -mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit, -Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser -Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir -die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht -meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte -mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die -Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod -der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten, -ich empfand meine Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das -Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen. - -Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die -Hand und sagte herzlich: - -»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine -Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. -- Doch ich komme -wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht -ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen -Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie -auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken, -warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche -wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu -verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind, -denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar -Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.« - -Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete. - -»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,« -scherzte ich, frohgelaunt über die Abwechslung, und er, nicht minder -heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand. - -»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er -unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen. -Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?« - -Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine -Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es -hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und -Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich -warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit -Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das -Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und -Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen -waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren -sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine -Stimmung tief herab. - -Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und -Zucht der Sarazenen, die mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des -Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb -mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein -aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich -die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward -Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah -kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren, -hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte. -Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank -ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines -Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte -ich mein eigenes Gesicht erblickt. - -Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein -Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen -Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch -so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder -zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott -entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde Spuk erlosch nicht, -als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens -ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß. - -Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater, -und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die -Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen -für meine Leiden bezahlen. - -»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch. - -Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht, -als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er -herbe: - -»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst du für schmutzige -Geschäfte, Alter? Pfui über dich! Warst du ein Normanne, so schäme dich -doppelt: ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.« - -»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du nichts als eine -Ware.« - -Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran und ward handelseinig. -Mich hielt es nicht mehr auf dem Markt und in der Stadt, durch die -ich einst mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das Elend der -abendländischen Ritterschaft, die nach allen Richtungen verstreut -wurde, und sprengte mit meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll -verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des Bastards kümmerte ich -mich während der Reise nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen -Leuten. Ich hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in -schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, die wenig Kummer -verrieten. Er schien sich in der Gesellschaft wohlzufühlen, wie es -dem Bastardblut geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und -Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber zu keinem Ende. Eine -unerklärliche Schwermut, mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend -auf mein Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks rauschten -die dunklen Fittiche wieder über mir, und abermals fragte ich nicht -nach Gottes Willen. In Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne -selbst das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, von Dämonen -zerrissen, aber von schlummerlosen Reisenächten gottlob ermattet, daß -ich willenlos versank. - - -Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den Tag zurück. Die Erregung -war einer Art von Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr -Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich doch nicht mehr für -immer erobern konnten. Und mählich klärte sich mein Besinnen: Was -war Gott mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille Zeit -verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit für dies mein Glück? -Also, sprach mein Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine -Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu und zögerte. - -Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ den Bastard zu mir kommen. -Er musterte mit seinen schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu -grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und schob die beiden -zuspringenden Wachen mit mächtigen Armen beiseite. Ich winkte, sie -gingen betroffen hinaus. - -»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« höhnte der Junge, und bis -auf die Stimme glich er dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte -ich mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung für die -schöne, kühne, blonde Jugend, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte -und schon wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde dasaß. Über -seine Frechheit weghörend, fragte ich kurz: - -»Du heißt?« - -»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf die Lippen und rief: -»Was geht das dich an, alter Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft -oder hast du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an die Juden in -Genua, daß sie mich auslösen, und mach dein Geschäft an mir und dem -christlichen Unglück, aber verschone mich mit deinem Anblick.« - -»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung ist nicht zu denken, -du bleibst Sklave. Wer dein Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig -sein. Vergiß dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir angewiesen -werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, so wird dir kein Leids -geschehen.« - -Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer schoß, eine steile Lohe -lief über seine Stirn, er sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender -Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an: - -»Mir ein Leids tun? Willst _du_ das etwa versuchen? Oder vielleicht -dein braunes Ziefer?« - -Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle lief warm über -mein Herz. Ach, du prächtige, großmaulige Jugend aus Nordland! Ach, -ihr tolldreisten Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! Ach, ihr -hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus Wachs! - -Bastard oder nicht, der Junge war von echtem Korn, und wäre er eines -anderen Sohn gewesen, ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen. -Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung geworden sein, -da er gegen mich offenbar wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er -brachte mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen Hügeln, mit -den Stimmen des Waldes und dem Leuchten der Wolken. - -Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene Blicke auf die Reste -meines Mahles tat, er mußte noch nichts bekommen oder genommen haben. -Ich legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie ihm, der dunkel -errötete. »Nimm sie getrost. Ich verstehe deine Abwehr gut, aber du -darfst nicht verhungern, und alles kommt aus derselben Küche. Ich werde -dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst einmal als Sklave -gehabt habe, bevor ich --« - -»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge trotzig und schlug das Brot -aus meiner Hand. - -Ich hob es ruhig auf und fuhr fort: - -»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und sein Freund ward. Den -Heiland habe ich nicht so sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in -den Staub wirfst.« - -Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er versuchte mich freimütig -anzusehen und stammelte höflich: - -»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.« - -»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal griff er zu, und ich sah -seinem Hunger an, wie schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte. - -»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin sorgt für Geiseln, -denn da ihm das ganze Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor -neuem Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.« - -»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. »Glaubst du, König Richard -ließe sich das gefallen? Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er -erfährt --« - -Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte die Augen. »Warum -zieht dein Vater nicht zu Felde? Warum schickt er dich statt seiner?« -fragte ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte sich, ein -Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, ob sie fröhlich sei. - -Bereitwillig gab er Antwort: - -»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu tun, insonderheit bei den -Unruhen der englischen Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und -untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag sie nicht verlassen. -Auch hat er mich nicht geschickt, ich bin davongelaufen, sonst wäre -ich nie ins Morgenland gekommen; denn ich bin der einzige Erbe zu -Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein stilles Haus, Alter.« - -Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die alten Tage zogen wundersam -leuchtend herauf. Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster, -keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam nur traten seine Worte in -mein Bewußtsein, herb und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit -sei krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete Harald, -mir zu folgen. Durch Palmenwege schritten wir zu dem Garten, den ich -einige Jahre verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, war -etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, der Garten wurde von -dem Hauptgesinde mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der Emir -nicht mehr her; ich wußte, warum. In der Mitte des Geheges wogte ein -Rosenhain voll der edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung hatte -ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. Es war der Platz, -auf dem Gertraudens Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr -Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen. - -Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf. - -»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich mit verstellter -Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, gelinder als das meinige. Die -Beschäftigung mit dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden tut -wohl und macht ruhig. Niemand soll dich treiben; flick die alte Hütte -und harre deiner Stunde in Geduld.« - -Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah mich mit lachenden Augen -an: - -»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: kann ich fliehen, so -geschieht es.« - -Den anspringenden Schrecken -- nachher wurde mir bewußt, wie sicher -mein Herz empfunden -- dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich -murmelte einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, den Wachen die -Fürsorge für den neuen Gärtner einschärfend. - -Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im Kreise ihrer neuen -Gespielinnen, und die jungen, schönen Gesichter strahlten Freude über -ihr unfaßbares Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. Sie -hatten ein ganz anderes Los befürchtet. - -»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir um den Hals. »Nun hast -du eine ganze Gemeinde für dich und kannst wieder Priester sein!« - -Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach ein tolles Gelächter -aus, und ich stimmte von Herzen ein. Wilder konnten die Gegensätze -nicht in ein paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch von der -mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und Leben und Geselligkeit schuf -und jenseits der Mauer ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch -in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum für Trauer, ich vergaß und -genoß. - - -Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe der Sehnsucht, jede -leichte Bewegung wurde ihm zum Wesensspiegel. Da er nach seiner -Rückkehr sich über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen -flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie tief und barg -verschämte Augen vor seinem heißen Blick; und als sie in der -Abendstunde unter der Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie -beide nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern hüpften, -toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der Emir Schach, bei -ungedecktem König; sie achteten es beide nicht. In starker Verwirrung -stürzte das Kind die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief -schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an. - -»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit lächelnd, »nun -ist ihr Gemüt doch wahrhaft genügend bewegt, und das Herzchen steht in -Flammen.« - -Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, seine Züge -klärten sich auf, er faßte mich um die Schulter und stammelte: - -»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind verfolgt mich durch die -Träume, aber ich kann, ich kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld -wehrt mich ab. Wie? -- Geduld? -- Ich habe sie all die Jahre gehabt, -nun aber geht es über meine Kraft.« - -Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun die letzten Wochen, -die jungfräuliche Festung wolle ihren Stolz, sich nicht so leichtlich -besiegen zu lassen, und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit -halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast zurück. Wir waren ein -paar alte Narren und wußten es nicht. - -Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf mich über, auch mein -Schlaf wurde blasser und wich einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein -Arg, daß Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames Benehmen -anders zu erklären sein? Wen anders als ihn, der schön, treu und -mächtig war? Es gab keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles -denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor ihr verborgen. Und -doch fühlte ich ein Gewitter in der Luft, der schwüle Hauch ließ mich -nicht ruhen. Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich aufstand -und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte an das Tor, -hinter dem ich der Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen -aufschließen und trat ein, angenehm von meinen Gedanken abgezogen von -einer schmunzelnden Erinnerung an den Jüngling, der dort sein Herzogtum -verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne Haß unter den Sternen der kühlen -Nacht, das Vergangene schien abgetan, das Tote tot. Alles war still, -das Rosengrab Gertraudens stand vergessen und traurig entblättert, -die Wege herum waren vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und -Büsche verwildert, unbeschnitten -- Harald wünschte offenbar sein Brot -nicht mit der Hände Arbeit zu verdienen. Eher beklommen und traurig -als zürnend schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte wissen, -was er trieb und dachte. Vielleicht hatte Verzweiflung ihn in den -stählernen Fängen, und sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh. - -Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß noch wach. Verwundert -rieb ich mir die Augen: die ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen -umrankt, in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem flachen Dach, das -elende Gemäuer sah wie ein Märchen aus. Hier also steckten seine Tage, -nur für sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich näher -und spähte durch das Fenster, vor dem zu meinem höchsten Erstaunen ein -seidener Vorhang hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende, -Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte unsinnige Brocken -Deutsch und Normannisch durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes, -sehnendes Wort aus Mädchenmund -- meine wilde Jugend stand so jäh vor -mir, daß ich auf den Ärmel beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der -Tunichtgut hatte eine der Gespielinnen Sobeidens über die Mauer gehoben -und koste mit ihr; und so alt ich war, es reichte noch nicht zu einer -greisen Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter eine hohe -dunkle Staude, die Neugier hielt mich, ich wollte wissen, für welche -der Schönen mein Herr Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen -gerichtet hatte. - -Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; doch endlich ging die Tür -auf, der Junge stand breitbeinig davor und lauschte in die Nacht. Dann -bog er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, hüpfte in -seinen Arm und ward auf leisen Sohlen an die Mauer getragen; vorsichtig -machte ich mich hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf die -Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen hatte, und ließ ein -Seil herunter, daran ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne -setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor. - -Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht -entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste -sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem -Beneidenswerten zu einem langen Kuß. - -Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide. - - -Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer -kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben! -Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf -Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit -ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein -Eigentum betrog -- er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige -Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt -Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von -mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau, die ich -geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum -Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten -um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem -Schicksal männlich entgegengehen. - -Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete -es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, -und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner -Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er -hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres -Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond -festsetzen. - -So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt -bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies -mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in -den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte -schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und -zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf -die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde -Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte -ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und -packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum -merkliche Bewegung. - -»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er -gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und -was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich -halten zu können!« - -Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine -Kraft zusammen. - -»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen -und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer -Begehren!« - -»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die Braut eines anderen zu -stehlen?« - -»Ach, du Schleicher! -- Die Braut eines -- Mach dich nicht lächerlich, -Alter; ich habe den ersten Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr -täuschtet Euch in der Dunkelheit und meintet eine andere.« - -»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. »War es nicht Sobeide, -mit der du in deiner stinkenden Hütte freveltest?« - -Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang nicht echt. - -»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst du? Wo sämtliche Rosen -des Gartens zu ihrer Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen -Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, oder --?« - -Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß die Lippen -- wie eng -beieinander wohnen Liebe und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn -nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete: - -»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr Wissen. Genug davon: -sage mir eins: Hast du sie angetastet?« - -Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, seine Augen gewannen eine -Fülle rührender Kindlichkeit. Als er schließlich begriff, wogte ihm das -Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand auf meinen Arm und -schrie: - -»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem Ungläubigen willst du -sie verschachern!« - -Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich zwei Schritt zurück, Tod -in den glühenden Augen. Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde -Befreiung war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich ihn nicht -abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, die aller Gründe vergaß, -faßte uns beide, und wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in dem -Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn uns beiden war nicht um -Horcher zu tun. - -Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche Kraft war mir nirgends -begegnet; ich keuchte unter seinen gewaltigen Armen und brauchte meine -ganze Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf ihn über -die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und drosselte ihn mit beiden -Händen. Die Augen quollen ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte -wegschauen. Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd seine weiße Brust und -unter dem Herzen das dreigespaltene Mal der Trebilons. - -Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis zu den Füßen, ich -starrte entsetzt in das verkrampfte Gesicht vor mir. Ich wollte -schreien, aber nur ein heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß -es nicht zu! Nicht zu! - -Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das Richtige zu tun, -überhaupt zu handeln. Wie eine Feder schwang ich den schweren Körper -auf meine Arme und lief nach den Trögen, in denen das Regenwasser für -den Garten stand, netzte seine Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an -dem leblosen Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, ohne -aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem heißen Drang nachzugeben, -diese geliebten Lippen zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber -Gott rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen nicht. Seine Liebe -ergoß sich auch über diese grauenvolle Stunde und prüfte mich nicht -über meine Kraft. Denn ich hätte es _nicht_ ertragen. - -Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes Gesicht, unsicher -blickte er mich an. Ich legte den Finger auf den Mund und hieß ihn -schweigen. - -»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir auch seltsam vorkommen. -Bei dem ewigen Gott, ich will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich -miteinander meint!« - -Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, konnte ich nicht -finden. Er sprang auf, taumelte und stützte sich an mir. - -»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene Art für -Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie ein Gaul oder wie mein Vater --- sag, kann ich dir trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein -christlich Herz?« - -»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! Wie alt bist du?« Er ahnte -nicht, mit welcher Spannung ich an seinen Lippen hing. - -»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er verlegen, er fühlte -seine grüne Jugend als wenig ausreichende Grundlage für Liebesdinge; -»jedoch in unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.« - -Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte mich in eine -wundersame Welt; er war mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Die -Zeit stimmte, Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und dies zu -der Stunde, da ich Wildling sie schier zu Tode schlug. Späte Scham -stieg mir in das früh ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ -keine Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, mein Kind -nicht in die Arme zu schließen! Ich wußte nicht, wie das anstellen, da -half er mir selber: - -»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir bürgen, daß du uns nicht -beide verdirbst? Sobeide und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie -kannst du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?« - -In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein Herz, fast hätte ich laut -gejubelt. - -»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, was ich dir jetzt zeigen -will, für immer zu schweigen!« - -Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber schob mein Gewand zur -Seite und zeigte ihm das Mal unter meinem Herzen. - -»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite deiner Ahne. Nun bin -ich der Mönch Ronald und tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?« - -Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann sprang er auf mich zu, -umarmte mich und küßte meinen zerschundenen Mund und rief: - -»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine Tochter, und dir -- ein -Bistum!« - -Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen lerchengleich aus -meinem Herzen; alles, alles hatte mir Gott vergolten durch diesen einen -kurzen Augenblick. - - -Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum Kampf. Jussuf war für -einige Tage verritten; ich hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können. -Der Himmel, der mich mit Freuden überschüttete, forderte von mir -Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich hinein, was das Schicksal -von mir erwartete. Pläne wurden geboren und verworfen, es blieb nur -die Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, und zagenden -Herzens schritt ich in das Frauenhaus. - -Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so fröhlich mich sonst -dieses Licht gemacht hätte, heut stimmte es mich schwermütig, denn ich -kannte seinen Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse vor mir -hatte. Mein Kind -- war jener andere nicht viel mehr mein Kind? Ich -schüttelte die Gedanken von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug nicht -die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener Schicksalsfäden. -Das Kind saß neben mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt. - -»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und fühlte, wie sie -schwerer an meine Brust sank. - -Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende Angst in den Augen. - -»Ihm ist nichts geschehen, Vater?« - -»Nein,« sagte ich und wußte genug. - -Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und weinte leise. - -»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt und verwöhnt, er liebt -dich mit der Glut seines starken und treuen Herzens; nun läufst du ihm -davon, mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.« - -So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes meins vor Weh brechen -wollte. Sie sank in sich zusammen und weinte auf meine Hände, -unaufhaltsam quoll die bittere Flut aus ihren Augen. - -»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?« - -Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, und sie, die bis vor -kurzem von Liebe nichts wußte, war nun ganz in Liebe getaucht. - -»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen Bruder, er ist der -edelste und gütigste Mensch -- nächst dir, Vater,« verbesserte sie -sich und streichelte meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich -seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann nicht von ihm -lassen, im Leben und im Tode nicht.« - -Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus dem schlichten Grunde ihres -Wesens wurzelecht und selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem -Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in Fernen; mir blieb keine -Wahl. - -»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte ich; »doch des -seid gewiß, wir alle spielen mit dem Tode. Nur die Flucht rettet euch, -und wehe, wenn uns Jussuf einholt!« - -»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit glücklichen Augen, sie -hörte nur das Versprechen der Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber, -Väterchen, mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.« - -Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit überströmen, und er, -der unser aller Schicksal in den Händen hielt, blieb betrogen, einsam, -leer in seiner Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber entglitten -sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, und ihr Leib zuckte hilflos -in meinem Arm. - -»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte niemandem mehr ein -Leid!« - -Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles Leben währender -Kummer ist. Nur die Erinnerung blickt über das flache Feld und sieht -nichts als den hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, der -Freude, der Lust. - -»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit zurückkehrend. -»Es ist unmöglich, sie alle mitzunehmen; je weniger wir sind, um so -größer die ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.« - -»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so ganz Weib, daß ich -in aller Trauer lächeln mußte; »er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum -liebt er nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und klug, -viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und Pein bringe.« - -Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, die fremde Wünsche -und Hoffnungen ihr auferlegten, drückte sie zu Boden; nur die junge, -heiße Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den Sternen zu -greifen. - -»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor Abend, reiten -wir davon. Keins deiner Mädchen darf ein Wort erfahren; fort die -Tränen, Verschwiegenheit ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.« - - -Ich schlenderte in die Ställe und musterte die Pferde. Jussuf, dies ist -der Dank für deine königlichen Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose -Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein Fürst neben dir gehen -durfte. - -Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag nichts Auffälliges in -meinem Befehl, da ich oft mit Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich -in den Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit dem gesunden -Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke von einer Hammelkeule biß. - -»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und ich. Der Emir wird kaum -vor morgen erwartet. Lege dein altes Gewand an und darüber diesen -Mantel. Und -- hast du die andere Keule noch? Gut, pack sie ein, ich -will mich nicht auffällig versehen. Du erhältst Bescheid.« - -Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, meiner verworrenen -Gefühle kaum mehr Herr. In meinem Zimmer ging ich auf und ab und -grübelte über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, tiefsten -Worte, die ich fand, dünkten mich armselig und schal. Das Mahl stand -unberührt auf dem Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch, -füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter Stirn eine Menge -Goldes in meinen Gürtel und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst -nahm den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt hatte, und -all diese Dinge barg ich notdürftig unter meinem Mantel. Das Gewissen -betäubte ich mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu schreiben. -Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause meines Freundes -- unter harten -Augen verhehlte ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie. -Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, wohin sich wenden -nach solcher Tat. Noch auf dem Wege zum Frauenhause beschloß ich, die -beiden Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann männlich vor Jussuf -zu treten: Hier bin ich, morde mich und kühle deine Rache in meinem -Blut! - -Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige Erleichterung, meine -Tatkraft spannte sich freudiger. Der Tod dünkte mich kein großes Ding, -ich glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war mit solchem Abschluß -zufrieden. - -Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da eine jähe Entscheidung -verlangt ward, blutete ihr Herz um den Mann, dem sie eine sorglose -Jugendzeit verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen, -schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; nichts von all den -Beweisen von Jussufs Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen -Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts dawider, stolz auf -ihren hohen, adligen Sinn, und so wandten wir uns schweigend zu den -Pferden, stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel führend, -an die andere Seite des Gartens. Vom Sattel aus konnte ich die Mauer -erreichen; Harald hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste -versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe hielten wir an, banden -die Schläuche und Vorräte auf die Kruppen und bereiteten uns besser -auf den langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die Jugend zum -erstenmal unter fremden Augen an; ihre holde, tastende Verwirrung hätte -mich unter anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte es -mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde an und ritten wortlos in -die nahende Nacht, von niemandem belästigt, von keinem verfolgt. - -Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde sie in das Abendland -begleiten; ich mühte mich ab, ihr meinen geänderten Entschluß in einer -Weise mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen würde, aber zum -Erfinden taugte mein Kopf heute nicht, ich verschob die Aussprache bis -an den Morgen. Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz zu -lindern vermöchte, ich besann mich auf meine Priesterrolle und stand -so fern allen Formeln und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen -Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen Reise selber ehelich -miteinander verbinden; Gott, meinte ich, würde den Segen des Vaters dem -des Priesters gleichstellen. - -Der Tag begann mit karger Sonne, mir war nicht zum Beichten zumute. Bei -kurzen Rasten ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine andere -Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige Hafen, der der Christenheit -noch im Morgenlande verblieben war, und von dem aus wir mit einiger -Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem Kummer lahmte -Sobeidens Pferd; auch sie selbst war von der äußeren Anstrengung und -inneren Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit Zwang in den -Bügeln. Es kam so weit, daß Harald seine Beute vor sich in den Sattel -nehmen und mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige Kraft war -dies eine kleine Last, und dennoch zitterten seine Hände, als ich ihm -das Kind emporreichte. - -Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der Tiere willen zu einer -längeren Ruhe bequemten, sprach ich den Kindern davon, sie gleich -an Ort und Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in welche -Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie griffen danach, als hätte ich -ihnen die ewige Seligkeit geschenkt; es war doch _ein_ Ziel dieser -Flucht, das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die beiden Kinder -knieten unschuldig vor mir nieder, Hand in Hand. Die Stimme versagte -mir fast, das Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar Worte -stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete ich sie ein, zog sie an -meine Brust und küßte sie beide in Herzenslust und Trauer. - -Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir hatten alle inmitten -der Nachtkühle fieberheiße Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer -Weile bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter den Sternen -dahin, die beiden eng umschlungen, ich mit Sobeidens Pferd am Zaum -hinterdrein. Einmal war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken, -aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren, flimmernden -Himmelssaum über dem silbernen Steppengrase. - -Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr verlassen, immer häufiger -drehte ich den Kopf, und endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen -eines Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich neben Harald, dem -ich leise befahl, schneller fortzureiten, da ich, drohe Gefahr, rascher -als er auf seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte kein Arg, -trieb den müden Gaul zum Trabe und verschwand bald hinter den Hügeln. - -Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem -Osten gegen mich anritt, war der Emir. - -Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in -seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, -der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche. -Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in -den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der -Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich -wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder -abgerungen. Ich rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts -hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf -mich ein. - -Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich! - -Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den -Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im -Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich -still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf -sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und -wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf -und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine -Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über -meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine -Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden -Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt -über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein -Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen -Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von Schweiß und Staub. Dann -hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab -und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick -seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel -festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß -Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat -gewiesen. - -Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam -und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos -trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr -umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart, -die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit -dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann -säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken, -legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die -Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem -ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und -Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem -Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach. - - -Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da sie mich sahen, als -ob ein Gespenst sie überrascht hätte. Und ich -- gelassen bot ich des -Emirs Grüße und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk an -Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen und sei auf dem lahmen -Tier langsam zu den Seinen verritten. - -Sobeide beugte sich über meine Hand und schluchzte leise: - -»Und du, Vater?« - -Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt, ich starrte über die -glühende Steppe und trotzte dem Gott, der mich verfolgte, indes mein -Herz wie ein gefangen Wild in seinem Kerker tobte. - -»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie ich rauh. Aber sie -blickten mich erstaunt an und hörten mich nicht; die Worte blieben mir -in der Kehle stecken. - - - - -Drittes Buch - - -Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, zu Wasser und Lande -voll von Ereignissen. Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu -geblieben, aber von diesem Wege, seit dem Morgen, an dem ich Jussuf -begrub, habe ich nur eine dumpfe, bleischwere Erinnerung, als sei ich -ihn ohnmächtig und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft berichtet, -wie ich bei Stürmen unvernünftig auf Deck hin und her gelaufen sei, -daß Harald mich halten und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich -gedankenlos und ohne aufzuschauen durch Italien und über die Alpen -geritten, und daß die Ärzte in Deutschland mich für zerrütteten Geistes -erklärt hätten. - -Ich _war_ krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner Brust und verließ mich -erst zu der Stunde, da ich die Grenze meines Landes überschritt. Dort -stand am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei tief in den -Stamm geschnittenen verschlungenen Herzen. - -Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide: - -»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater -ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund -hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.« - -Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange -dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus -dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier -von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor -zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, -glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber, -klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze -meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis. -Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß -ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei. - -Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon -würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht -als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen Sinn, ohne mich -mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden, -in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah -den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen -schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde, -stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige -Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge -sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein -an mütterlicher Brust. - -Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will -ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste -der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer -nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum -gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat, -dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt, -ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und -Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war -außer dir als toter Sand. - -Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen Lächeln dem Ende -dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich -verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ -sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst -drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein; -die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine -neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf -- gottlob, -sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont. - -Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging -wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher -Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich -lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond -darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder. -Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von -Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt. - -»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte -den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam -ihren Kreis. Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in -das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des -blutigen Pfades zu stehen. - -Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns -der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen -und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute -sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe -von den Eltern erst bestätigt werden. - -Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie -den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen -die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal -betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte -lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden -herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte, -schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft -verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit -gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso -stark. Trotz allem mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß -ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr -war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß -war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest -der Höflichkeit zu bekommen. - -Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war bleicher und zarter, -silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick -versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden, -und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn -betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner -Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings, -mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder -mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von -seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst -schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung -außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte -rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag -sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten -Geschlechter, und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies -Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen -Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, -wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und -- -weh! -- mein arges Herz triumphierte darob. - -Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide -neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich -genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte -kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu -mir und sagte: - -»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht, -wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des -Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.« - -Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine -jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß -sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende -Berührung. - -»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard horchte auf und starrte -mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr. - -»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer -Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie -wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir -Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich, -bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte: - -»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt. -Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen -trage.« - -Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das -Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den -Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit: - -»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es -derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.« - -»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von -Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte -treffliche Zeugnisse mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften, -als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott -möge es mir verzeihen.« - -Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein Gelächter, da ihm die -Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse bekannt war. Und wiederum, zur selben -Zeit, umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles Haupt, Trauer um das -Wählingerblut, das er nun unter dem Wüstensande modern glaubte. - -»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, »hier gilt das gleich. -Wir hängen nicht an Formeln und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so -lang es Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt Euch -an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. Wir wollen Euch danken, so -lange wir leben, denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.« - -Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe Bewegung zu -beherrschen, offenbar hing sein Herz an diesem Erben des -Wählingerlandes, als sei es sein eigener Sohn. - -»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten an, indem sie Sobeide -umschlang und mit herzlichem Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß. - -Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden verräterisch. Kein Wort, -keine Bewegung, und doch irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem -Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin und legte eine -ewige Kluft zwischen sie. - -Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der Bastard selbst geleitete -mich in mein Gemach; ein Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich -merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer für hohe Gäste, -und folgte ihm mit sicheren Schritten; die mannigfachen Stufen fand -ich blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an dieser genauen -Erinnerung. - -Plötzlich sagte der Bastard rauh: - -»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das Haus von Kindesbeinen an -vertraut.« - -»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich zurück, »ich mache -mich anheischig, Euch im Dunkeln zu folgen.« - -Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu besänftigen, er hob die -Riegel aus der Tür des mir bestimmten Zimmers und wünschte mir mit -freierer Stimme eine geruhsame Nacht. - -Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, unter einem Dach mit meiner -verlorenen Liebe, mit dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften -zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten wie Sturmwinde -um mein Lager; stöhnend wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang -auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den mailichen Garten, -darin aus Blütendüften eine Nachtigall dicht unter mir sang. Die -Mauern, die Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau umsilbert in -dem vollen Mond, die lauen Atemzüge der Frühlingserde bewegten kaum ein -Blatt; trunken sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß im Rausch. - -Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker blickte der Bastard -zu mir her, ich sah seine Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört -ins Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand über das Mal auf -meiner Brust deckend. - -Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in Aleits Kammer? Lebten -sie auseinander? - - -Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; der Mensch, der es -trug, war schon in meinen Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich -ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und schwieg erbittert. Fort -aus diesem Hause! Jeder Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich -konnte nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster toter Lenze -beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, als der Bastard eintrat. - -In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen zu lesen, aber -das Tageslicht zeigte deutlich an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter -verschont hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte mit -gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, ihm und Harald auf einem -Ritt durch das Herzogtum zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein, -einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die Herzogin freue sich -auf die junge, schöne Helferin und wäre, da sie schwacher Gesundheit, -gern mancher Bürde ihrer Pflichten ledig. - -Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte nichts argwöhnen, denn -was sollte er mich sonst zu solchem Ritt bitten? Wie es auch sei, -ich wollte an Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen und -stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit nicht sogleich unter die -Augen kommen zu müssen. Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild -der heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, völlig verwirrt, -aufs neue rang die Seele um ihr himmlisch Teil. Und, ach, um ihr -irdisches. - -Harald erwartete uns schon mit den Pferden; wir saßen auf und trabten -ohne Geleit in den lichten Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes -Ding; seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe Landes hatte -in seinem Munde ihre Geschichte. Ich fand mich bald nicht mehr zurecht, -mit wachsendem Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem Reich -gemacht hatte. Da war kein Ödland mehr, da standen keine verfallenen -Katen, da traf das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber saßen -die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen Hügeln, das glatte, -schiere Weidenvieh war einheitlich gezogen und warf satte, bunte Flecke -auf schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, damit Hirsche -und Sauen nicht den Schweiß des Bauern verderben konnten; wohin ich -blickte, sah ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der Bastard -auch an mir getan, er war ein Fürst und Herr von echten Gottesgnaden -und hatte sein Pfund nicht vergraben oder gar vergeudet. - -Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu Tisch; es war dies der -Sohn meines alten Zechgenossen Roger des Wilden, den inzwischen der -Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein böses Früchtchen im -Gedächtnis, fand aber einen wackeren, tüchtigen Mann, der Land und -Volk in Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen und gekämmt in -guter Haltung uns den Willkomm bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre -Flachsköpfe machte, traf mein Auge zufällig den Blick des Bastards, der -mir voll feinen Spottes über mein priesterlich Gebaren schien. - -Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; der Herzog merkte -mein Befremden über die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und -sagte fast heiter: - -»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater Ronald; da hängt -das Geld, das wir nicht in den Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das -Wählingerland hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen außer -denen, die uns dieser Wildling entführte.« - -Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald zu, der in -fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide -zugebracht und er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht -dummer geworden, seit er die Welt jenseits der Grenzpfähle kenne, zumal -da ihm sein Vater hier jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als -die Jagd. - -»Dies kann bald genug anders werden,« sagte der Bastard leise; sein -scharfer Blick verschleierte sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er -ärgerte sich über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran die -Wolken dunkler flogen, und bemerkte: - -»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; mich deucht, der Tag wird -mit Regen enden.« - -So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, denn der Bastard hatte -es offenbar darauf abgesehen, uns zu zeigen, wie das Land in jedem -Winkel blühe und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich alles -eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut des Wählingervolkes den -Kranz. Zwischen seine Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke -aus der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger auf die Wunden -der Staatskunst seiner Nachbarn und des Rotbarts, der seinen besten -Fürsten unbedacht der Meute seiner Herren und Bischöfe preisgegeben -habe. - -»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann nach meinem Herzen,« sagte er -schier zornig, »und wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte -schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, wir hätten -gesiegt!« - -Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem Herzen, das zwanzig Jahre -Frieden gehalten hatte und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht -gestanden wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke, sein -Gesicht straffte sich männlich und gewann trotz aller Wildheit einen -hohen, adligen Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal mit -ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es fehlte nicht viel, so -hätte ich ihm den Arm brüderlich um die Schulter gelegt. - -Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, ein Regen, fein wie -Nebel nur, schleierte die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den -Boden. - -»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, »damit uns Alten das Mahl -gerichtet ist, und laß in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.« - -Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin genug von der Weisheit -der Älteren und konnte die Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu -schließen. Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand im Laub. Der -Bastard dagegen verhielt die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit -klangloser Stimme: - -»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder Robert?« - -Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem jähen Wort, und sah -ein uraltes, verfallenes Antlitz, voll einer fassungslosen Traurigkeit. -Dies war sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor Mitleid. Er -hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, sie schwankte und zitterte -in den lenzlichen Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem Beben -ergriffen. - -»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« fuhr er müde fort, »ich habe -dir nichts von dem Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich habe -sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.« - -»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, zermalmt von -unsichtbaren Fäusten: - -»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.« - -Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht der langen dunklen -Tage warm in meine Brust, ich stand in einer inwendigen Lohe wie in -Gottes Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward ich kindlich -rein, geläutert von den Schlacken meiner sündigen Begierden, befreit -von dem lärmenden Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine Hand -beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns und tranken unsere Tränen. - -Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte er leise: - -»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, bis wir Besseres -wissen. Nicht um uns, aber um die anderen. Den Abend haben wir für uns, -und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!« - -Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve vor sein Gesicht, er -reckte seine Gestalt, und wir ritten schweigend in unserer Väter Burg. - - -Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um so inniger klangen die -Seelen zusammen. Wir betrachteten einander heimlich; auch Aleit, obzwar -in dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und wieder einen seltsamen -Blick auf mich. Ich sah erst jetzt genauer, wie überzart sie geworden -war. Ihre Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend Reines, -ihre Hände lagen blaß und durchscheinend auf der Decke, die sie der -Abendkälte wegen über Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie, -Jahrzehnte von mir getrennt, immer noch als mein eigen, und in tausend -stillen Worten bat ich ihr alles ab, was Verzweiflung, Not und Elend in -meinen Gedanken über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der Öllampe -warf einen Schein um ihr Haupt, der mich Heiligung und Weihe dünkte, -und zu meiner herzlichen Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte -Groll in mir dahin. - -Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung loszureißen, doch -der Bastard wurde ungeduldiger; ich merkte, wie er sich sehnte, sein -Herz zu erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. Es war -das schlechteste in der Burg und hätte einem Mönch besser angestanden -als dem Fürsten. Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus grobem -Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch ein Feuerlein sprang lustig -im Kamin und spiegelte sich in einer mächtigen Silberkanne. - -»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich selber gewonnen habe,« -begann er ohne Umschweife. »Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle -Trunk aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte seiner in den -bitteren Nächten.« - -Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem Blut, das schwer und -süß in meine Sinne zog und mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der -südlichen Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten Heimatluft -trotzen zu können. - -»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen nannte; aber erst -in der Nacht, da ich dich Nackten auf dem Altan erspähte, ward mir -Gewißheit.« Er legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter die -Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr drängender fort: »Schenke -mir diesen Abend, du kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte. -Bediene dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem Bericht vergessen -sollte, und verhalte dein Urteil über mich, bis ich ausgesprochen habe.« - -Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie damals spielerisch -die Glut zusammen. Ihm selbst war es gleicherweise eine Erinnerung, er -seufzte auf und sprach: - -»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden -in der Hand. -- Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht -geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem -Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen. -So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht -einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und -entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu -werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der -Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut -ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir -schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich -an ihm vorbei und in die Kemnaten, doch er zog mich an der Hand zurück -und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen -Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten -Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten. -Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß: -›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht, -ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹ - -»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei -diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im -selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte, -war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden. -Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und -starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich -gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die -Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise -atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog -die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir -begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war Wipold, -jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst, -deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen -Blicken, wie sehr er mich verachtete.« - -»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte. - -»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber. -›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein -neues Leben anzufangen verspreche?‹ -- ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold -messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen -habt.‹ -- ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben -meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an -seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem -Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn -ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im -Wählingerlande.‹ -- ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich, -sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese -Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage -mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich -verbringe die Nacht hier.‹ - -»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine -Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein -Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen -Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das -Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein -hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ -- -So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen -hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in -Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen -mehr darin.« - -Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte. - -»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über -meinen Eifer, und ich: - -»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts -voraus.« - -»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen -Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter -als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag fast -zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender -Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre -Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der -Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir -lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige -Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein -Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war -meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von -guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche -Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber -nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich -Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich -betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob -beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl -niedersanken, eh sie mich erreichten -- kurz, sie sanken nieder, und -in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch -über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz -all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom Betruge getäuscht war -und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich -still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während -ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch -Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir -zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und -weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose -Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du -weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und -ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch -einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild -nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie -selbst mich zurück -- zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor -diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und -flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich, -daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab -Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum, -was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in ihren Blicken, daß -ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz -wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder -völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein, -allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir, -dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben -- dies kam mir -gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich -oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das -beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des -Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer -Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. -Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen, -entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert -hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in -meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus, -von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand -und nahm Urlaub -- Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich -nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem -blauen Glanz vereinigt. - -»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar -war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und -also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die -ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die -Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern, -nicht aber ein Weib zu stehlen. - -»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch -zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der -Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein -Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die -Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren, -die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am -wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst -peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der -Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein -eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine -ungeliebte Frau zu heiraten brauchte -- dir zur Gesundheit, Bruder! -- -einen Erben vom echten Stamm!« - -Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie -verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene -Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im -treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib. - -Der andere fuhr fort: - -»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die -Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In -ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig -blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar -gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie -mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie -sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun -mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte. - -»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich -vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin -hielt ich es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen -Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde -auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild -entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie -lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über -das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter -der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler -als sonst --« - -Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz -so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten -Ecke sprach er weiter, heiser und stockend: - -»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben -nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich -fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen, -aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf -und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; -die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte -Kind der Mutter wiederbringen. Sie verweilte einen Augenblick, da der -Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich, -der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung -gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in -seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter -schlug das Wählingergesicht durch. -- Ich blieb auf dem Platze, wie -ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau -so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos. -Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein -Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute -noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein -unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau -zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im -rohen Sturm der Leidenschaft. - -»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen, -war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er -nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und -wahrlich, sie schnitten scharf genug ins Fleisch. Wir mieden uns eine -Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu -haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück. - -»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr -die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem -Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin, -die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer -fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie -wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind -niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der -leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und -einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein -Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war -in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil -geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich -sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.« - -Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum daß ich sie verstand. -Eine Frage schwebte mir lange auf der Zunge, und wenn ich ihn auch -quälte, es mußte heraus: - -»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, der Gedanke, mich -zurückzurufen? Ein Wanderer mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.« - -Seine Züge vertieften sich und wurden hart, knisternd stob die Glut -unter dem Schüreisen, die Flammen warfen flackernde Blitze über seine -abgemagerten, blutleeren Hände. Er hob die Augen kühn zu mir und -antwortete: - -»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, so wirst du heute -dankbar sein. Wir sind gegen das Schicksal angerannt und haben uns die -Stirnen blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht missen. -Das Wenige, das ich von deinem Leben weiß, lehrt mich deutlich, daß -alles sein mußte. Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und unser -Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift auf deinem Antlitz, die, -dein irdisch Andenken für alle, die dich kannten, auslöschend, dir -Tochter und Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine -währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage mir offen, was du von -deiner Heimkehr ersehntest?« - -»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte ich, betäubt von dem -unerwarteten Angriff. »Was soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich -will nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in deinem Lande -als dereinst ein paar Fuß Erde, die du mir nicht verweigern kannst.« - -In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen Worte, zornig über -seine Frage, zornig über mich selbst, voller Groll über die Einsamkeit, -in die er mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln spielte -um seinen Mund. - -»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche Erregung, »einmal können -wir Aleit und den Kindern alles erklären, und du gewinnst im Hause die -alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das nicht gut, es wäre -richtig, wenn ich nach außen Herzog bliebe. Doch sei dir auch dies -zugestanden, wenn du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können wir -unsere Geschichte in unserer Brust begraben, und du bleibst, ein Bruder -und Freund, an meiner Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du -auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. Sage mir heute -nichts, beschlaf es und künde mir morgen den Bescheid.« - -Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, seine strengen -Augen lachten mich freundlich an. - -Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte Herz, fröhlich schwenkte -ich die geleerte Kanne und rief: - -»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage vor den Kindern zum -Narren machen? Und Aleit dazu? -- Wir wandern den zweiten Pfad, aber -- -wie stehts mit der Wegzehrung?« - -Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit zitternden Händen unter -den Tisch und holte einen verborgenen Krug hervor. - - -Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die Gemeinsamkeit der menschlichen -Schulden drückte uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen, -daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale kein Entsühnen -bedeuten könnte. Wir vermeinten, es genügte, wenn zwei alte Narren -ihre Liebe begrüben; wir schmückten die Gruft mit Rosen und waren -stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, was die Menschen in ihrem -Gedächtnis behalten, sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt -die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit menschlicher -Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen Auge der Ewigkeit erfaßt. Die -Kinder gingen ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher und -schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne uns nicht gestoßen -wäre. Wir vergaßen Aleits. - -Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue Kraft zu gewinnen, ihre -Augen blickten fröhlich, ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten -uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft Sobeidens -zu. Es fiel mir nicht einmal auf, daß sie mich häufig suchte; sie -fand schließlich Gefallen an meinen Geschichten aus dem Morgenlande -und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, den sie in mir -vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen wir so selbstverständlich -zueinander, daß mir der Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen -waren, und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, schöner -Abendschatten, warm noch von den verglühten Tagessonnen. Mitunter, wenn -ihre Augen mich liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem Wesen -einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam mir ein Bedauern für den -Bruder und eine scheue Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und -Verspieltes zurückzufordern. Ich stand eng genug mit ihm, um mich offen -auszusprechen. - -»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein Wunder, wenn Aleit dich -sucht? Wir beide haben das Selbstverständliche verkehrt, und nun will -es sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte ich von Aleit, -daß sie die Wahrheit nicht erträgt.« - -»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend ins Wort. »So lang -Verstorbenes läßt sich nicht wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein, -und wäre es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein kärglich -Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele sich zu der meinen ahnend -neigt, so sollst du nicht glauben, ich zöge sie mit Absicht.« - -Der Bastard lächelte schmerzlich. - -»Es kann mir nichts genommen werden, was ich nicht einmal besessen -habe. Plage dich mit anderen Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden, -was dir ihr Herz bietet.« - -Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den Augen, wie er durch -die herbstlichen Büsche ging, und mir schien, seine Schultern beugten -sich mehr und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet wähnte, -stand er vor einer Buche still und lehnte den Kopf an den Stamm, als -überwältigte ihn ein plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und -verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos blieb ich in meinem -Stuhl sitzen, die Glieder versagten mir schier. Ich hatte ihn lieb, -wie ich Jussuf geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie jenem. -Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich auf der Welt war, ich vergaß -es immer wieder und verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches -Dasein. - -Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu verlassen und abermals -pilgernd die Erde zu durchwandern, dann wieder schien mir Friede in -einer Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem Entschluß, der -Winter brach früh und hart herein, Schneewolken überschütteten das Land -und trieben uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem Licht die -zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener und lieblicher tönten. - -Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach weilte und vor dem -flackernden Feuer alten Dingen nachsann, derweil ich das Haus schlafen -wähnte, trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn neben mich. - -»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst gewohnt war, mich -bei Namen zu nennen, mit fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz -befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du hier bist, bin ich -gänzlich verändert.« - -In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück und hob die klaren, -ehrlichen Augen zu mir auf, der ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und -um Atem rang. Und sie: - -»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß meine Seele vor Geheimnissen -sonderer Art steht, und« -- wie ein Hauch kamen die Worte von -todblassen Lippen -- »schlimmer fast als meine Seele meine immer noch -wachen Sinne. Hör mich, Priester oder Mensch, und sei mir ein klarer -Bronnen, darin ich mein Herz kühlen kann.« - -Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer fast sachlichen -Trockenheit fort: - -»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn kennst. Er war ein -wilder, oder richtiger, ein wüster Jüngling mit unbekümmerten Lastern -von Vatersseite her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. Denke -das Schlimmste, und du siehst recht.« - -Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen -um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als -alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte -das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die -Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht, -Nacht und Schatten verbargen mich. - -»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu -einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn -lieb und war sein eigen.« - -Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten -Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz, -das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und -entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete -schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn -streifte: - -»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte -ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich -selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen -Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich -ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, -daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen. -Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die -Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten: -er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh -bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger -Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag -nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all -mein Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte -seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg, -und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein -dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die -Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!« - -Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie -stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr -sie fort: - -»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde -um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen -glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet, -sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu -mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit -von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein -Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen, -entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte -- -glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts -Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, -als der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne -Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte -es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.« - -Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in -ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die -blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems -dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht -wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen -zugleich, und sagte: - -»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die -Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm -über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen -hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich -war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte -Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um -Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde -feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte, -wie männlich und fest sie geworden war. Golden lag die Zukunft vor -mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick -geschrieben. -- Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?« - -Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie -gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der -mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten, -von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und -Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn. - -»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich -verraten. - -»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum -zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte -ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor -Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich -vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und -sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben -meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu -dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne. War es -seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften -Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele -ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte -meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige -Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich -erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe -und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das -ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in -Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹ - -»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon -genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und -Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine -meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit -vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an -sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht -und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu -gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er tat -seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber -verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß -der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in -jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte -ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald -eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein -tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.« - -Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen Seufzer; ich -betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wahrlich, ihr Herz war die -Tapferkeit selber und leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme, -blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind erwartete, war -schön und herbsüß wie in der Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von -der fiebernden Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete meinem Blick, -las und senkte die Lider. - -»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch Schlimmeres zu berichten, das -dein Auge am wenigsten verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief -und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als sonst an den Herzog -an und fand, was ich nicht suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß -Alter und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert hatten, jedenfalls -saßen wir nun öfters des Abends ruhig beisammen und rätselten über den -Jungen, der uns beiden teuer war und in dem sich unsere Liebe wunschlos -fand. Das gemeinsame Leid ließ die Scheidewand schwinden, es fand sich -hier und da Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten -- denn ich -konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen lesen -- meine Blicke in -die Ferne, nach Jerusalem gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du -kamst hierher und brachtest die Kinder, und von Stund an senkte mich -ein neues Geheimnis in neue Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf -beobachtet, es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich erzähle. Gleich -in den ersten Tagen nach eurer Ankunft bemerkte ich eine eigentümliche -Freude in mir, es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr -der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich Robert mit veränderten -Augen betrachtete und meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe -erobernd in das alte Herz. Mir war, ich sei von Blindheit genesen, -ich brannte, da wir alle beisammensaßen, ihn zu küssen, und nur eure -Gegenwart hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, und eines -Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm hinüber in den Turm, beglückt -von der jungen Glut, die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete -Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich errötend vor ihm -stand und schließlich vor Scham fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es -war wie immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand vor mir, meine -Liebe war verflogen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich mochte auch nicht -lügen; einen Gruß stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches -Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war eine arge Zeit für mich, -das Leben neben euch kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die -Ursache meines merkwürdigen Wesens fand; es waren nicht die Kinder: es -war deine Gegenwart, die Totes aufweckte.« - -Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und erwartete das Beil in -meinen Nacken zischen; ich fühlte mich entlarvt, nackend vor dem -letzten Richter, vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine -jämmerliche Schuld. - -Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun müde und hoffnungslos, -daß ich sie kaum erkannte. - -»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn du es vermagst, welch -ein Rätsel Gott unter so seltsamer Hülle verbirgt. Du hast manche -Schicksale und vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals -Ähnliches begegnet?« - -»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus dem atemlosen Wasser -auftauchend. Ich vergaß jede Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den -Laden auf und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen entgegen, die -wie ungeheure graue Tiere durch den Nebel jagten und mit kühlen Zungen -über mein Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah ich aus -brennenden Augen ein Bild: die dorrende Wüste, von heißen Sandwolken -überfegt, ein steinerner Hügel, und darunter, im Frieden des Todes -lächelnd, Jussuf. - -Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig, von feigem Neid -zerfressen und ermattet. - -Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand auf meine Schulter. - -»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von so verirrter Seele ab? -Ist deine priesterliche Gewalt nicht groß genug, meine Schulden mit -dem Absolvo zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wie das deine -gelitten hat, so große Sünde nicht mehr fassen? -- Einen weiß ich, der -mich dennoch aufnimmt, denn ich fühle seinen kalten Atem hinter mir.« - -Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse Angesicht von -einem Schein verklärt, der nicht mehr von dieser Welt war. Von der -eigenen Angst plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert -auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor den Laden, schürte -das Feuer noch einmal und stand wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß -ich mein lahmes Herz empor und haschte ihre Hand. - -»Arme Frau,« sprach ich heiser vor Aufregung und unterdrückten Tränen, -»wer wollte Euch richten? Hat Gott Euch in so schwere Schicksale -verstrickt und habt Ihr Euch so tapfer gehalten, dann ziemt Euch -himmlischer Lohn weit eher als irdische Sühne. Euer Leben ist seltsam -zerbrochen worden, doch glaubet, Frau, wir leben nicht zum letztenmal -auf dieser Erde! Ihr beide, Robert und Ihr, seid eins in zweierlei -Gestalt, und wechselt ihr das verwesliche Kleid, so wird ein neues -Dasein die Frucht des alten weiterreifen bis in Ewigkeit. Des seid -getrost und freut Euch: nimmer könnt ihr zwei euch verlieren, ewig -werdet ihr verbunden sein, und eure Hölle und euer Paradies liegen -nicht über den Sternen, sondern hier auf der Heimatscholle.« - -Ich sprach für mich selbst, für meine eigenen Wünsche, meinen -eigenen Glauben. Und dies war es, was meinen Worten eine heiße -Überzeugungskraft gab. Sie verstand nicht, was ich meinte, aber -sie fühlte, wie ich in ihren aufleuchtenden Mienen las, eine -Wahrhaftigkeit, die sie ergriff und erhob. Leise, mit schwingender -Glückseligkeit fragte sie: - -»So ist es wahr, daß Liebende sich wiedersehen?« - -Ich antwortete, überwunden und siegreich in einem: - -»Sie sehen sich nicht wieder, sie bleiben immerdar vereint!« - -Unsere Augen tauchten ineinander, ruhig und warm wie Lichter in -unbewegten Wassern, langsam lösten sich die Hände von ihrem festen -Druck, und sie verließ mich wie ein Falter die Blüte, die er kosend -öffnete. - - -Denen, die ihn brauchen, kommt der Frühling immer zu spät. Der -Winter war so hart, daß wir fast täglich die Schneewehen im Hofe -fortschaufeln mußten, um zu den Ställen und Nebengebäuden zu gelangen. -Es wäre dies eine lustige Arbeit gewesen, wenn nicht Krankheit das -Haus umdunkelt hätte. Aleit hatte recht gedeutet: der Unerbittliche -stand hinter ihr, sie schmolz wie ein Licht, ohne Schmerzen, ohne -daß der Arzt zu sagen gewußt hätte, warum. Wie Tag und Nacht liegen -Leid und Lust beieinander; indes Aleit verblaßte, gebar Sobeide ein -kräftiges Mädchen. Wir gaben es Aleit in die abgezehrten Arme, und -ich taufte es selber; halb wider Willen und nur dem Drängen des -Bastards nachgebend, ging ich der Kinder wegen noch einmal an die -heiligen Dinge. Es ward Gertraude genannt, und das Bild der feinen, -stolzen Frau mit den sternenhaften Augen schwebte vor mir, als ich die -Tropfen der heimatlichen Quelle auf das rote, runzlige Gesichtchen -sprengte. Der Rosengarten, der ihre Asche barg, duftete durch den -Weihrauch, blendend klar schien sie aus den Höhen zu steigen und sich -niederzuneigen. Vielleicht hatte ihre Seele dies kleine verwandte Wesen -belebt, vielleicht weilte sie nun in Kindsgestalt unter uns, noch voll -von himmlischen Erinnerungen des hohen Flugs auf Fittichen des Todes. - -Nach der Taufe verweilten wir noch ein kleines bei Aleit, und allen -fiel die übernatürliche Blässe ihrer Stirn gegen die saftige, -kreischende Gesundheit auf, die ihr Lager mit Geschrei erfüllte; -schuldbewußt blickte ich auf den Bastard und begegnete seinem Auge. -Es war unsere Sünde, unser frevelhafter Streit gegen das Schicksal, -was diese bleiche Liebe in allzu frühen Tod trieb. Auf ihren zarten -Schultern trug sie unsere argen Taten und zerbrach darunter, klaglos, -schier freudig. Denn mit geheimem Schmerz fühlten wir es beide: das -Sterben ward ihr nicht sauer. - -Über dem kam die kleine Gertraude zu kurz, wenigstens, was mich betraf; -mein Herz dachte nur an Aleit. Über jene Nacht, da sie bei mir am -Feuer gesessen, war nie wieder ein Wort zwischen uns gefallen; doch -schien mir, sie sähe mich seit der Stunde noch lieber, heimlicher -an. Seit Wintersonnenwende war sie bettlägerig, bedürfnislos und -bescheiden, niemand zur Last als unseren Herzen. Selten besuchte ich -sie unaufgefordert, doch sie bat mich öfters zu sich und plauderte -mit mir über leichte Dinge, indes ich den Eindruck nicht verwischen -konnte, sie verschweige tiefere Fragen und beschwere ihre Seele mit dem -Unausgesprochenen. Im Hornung endlich, ich vermeine, auf St. Agathens -Tag, löste sich der Bann. Wir waren im Zwielicht des Nachmittags -beisammen, ihr Bett war dicht an den Kamin gerückt, die flackernden -Flammen täuschten ihr ein Leben, das sie so glühend und emsig nicht -mehr besaß. Draußen knarrte der Sturm und brach gefrorene Zweige, dumpf -klatschten die Schneehauben der Pfosten und Erker in den Hof. Zwischen -die Ölhäute der Fenster war ein Stückchen blauen Glases eingefügt, -daraus sah eine märchenhafte, unwirkliche Welt. - -»Ronald,« sagte sie ohne Brücke, »ich habe deine Worte lange in mir -bewegt, ich tauche in sie hinein wie in ein Meer, darin ich eine -herrliche Perle weiß; aber der Schatz entgleitet immer wieder meiner -Hand, immer wieder muß ich erschöpft an das gewohnte Ufer. Ich wollte -dir nicht mit Fragen lästig fallen, nun aber finde ich keinen Weg mehr -und bitte dich, hilf mir Törichten. Du sagtest, nach der Erdenzeit -wandere die Seele in einen anderen Leib; ich will es glauben. Zu -gleicher Zeit sprachest du, daß Liebende sich nimmer verlören. Dies ist -zu schön, um es nicht zu glauben. Jedoch: wenn zwischen dem Scheiden -zweier, die sich liebhatten, Jahre und Jahrzehnte liegen, so kommen sie -doch nie mehr in der gleichen Jugend zueinander.« - -Sie sagte diese Worte mit meisterlicher Ruhe, aber mich betrog sie -nicht mehr. Ich merkte an dem leisen Beben ihrer Hand die Angst ihres -Herzens und fühlte mit ihr, da all dies auch in meiner Brust gekämpft -und geblutet hatte. - -»Ihr könnt es nicht zusammenbringen,« hob ich an, »wenn Ihr das Leben -mit der Sanduhr meßt. Vor dem, dem tausend Jahre wie ein Tag, ist unser -Dasein nur ein Augenwinken. Kam nicht alles, was Euer Leben vorwärts, -Eure Seele empor trieb, plötzlich wie ein Blitz? Vergeßt den Alltag, -der zwischen den göttlichen Funken liegt, und Ihr habt nicht länger -gelebt als eines Pulses Länge, auch wenn Ihr hundert Jahre zähltet.« - -Sie hörte mir gespannt zu, ihre kraftlosen Finger glitten dankbar über -meine Hand, ihre Augen glänzten fröhlich. - -»So ist es,« rief sie frohlockend, »hab Dank, Ronald, vielen, vielen -Dank! Doch sprich, was verschweigen uns unsere Mönche dies Köstliche -und malen Paradies und Hölle, wo nichts als grüne, blühende Erde ist? -Steht es nicht also in den heiligen Büchern? Lehrte dies nicht der -Heiland?« - -Und wieder las ich die beherrschte Furcht in ihrem reinen, gläubigen -Gemüt -- um alle Seligkeit der Ewigkeit hätte ich sie nicht enttäuschen -mögen. - -»Frau, es fassen nicht viele so hohe Dinge, darum setzt die Kirche ein -Bild an Stelle der Wirklichkeit, und nicht einmal alle Priester werden -in die tieferen Geheimnisse eingeführt.« - -»Du aber, Ronald,« bebten ihre Lippen, »sage, du gehörst zu den -Eingeweihten?« - -»Ja, Herrin,« log ich verzweifelt und wandte mich in den Schatten. -»Doch was macht Ihr für ein Wesen aus diesen Dingen, da doch die Welt -so voller Wunder ist!« - -Sie antwortete nicht; ich fühlte, wie Trost und Ruhe in sie einzogen. - -Der Abend war angebrochen, Dienstvolk ging mit Fackeln über den Hof, -Lärm und Gelächter klangen herauf. - -»Nimm mir die Wißbegier nicht übel, Ronald, denn ich habe es eilig. -Mein Leib ist aufgebraucht und hält die Seele nur noch locker in dem -lockeren Bau. Laß dir sagen, mein Freund, ohne dich wäre ich einen -schweren Tod gestorben.« - -Ich widersprach ihr nicht, die heißen Zähren liefen mir in den Bart. -Sagen konnte ich nichts, mochte ich nichts, da ihr die Wahrheit auf dem -weißen Antlitz stand. Wie Irrlichter zuckten die Gedanken über mein -dumpfes, gebundenes Hirn, ich gönnte dem gepeinigten Weibe die endliche -Ruhe, und zugleich mochte ich sie nicht in dem kalten Grabe wissen. - -Die Schritte der anderen klangen in der Halle; ich schied hastig und -verwirrt und drückte mich in meine Kammer, die Glocke überhörend, die -zum Nachtmahl rief. Saß in der grimmen Kälte und weinte aufgelöst und -ohne Weg in der Verworrenheit meiner Gefühle, bis der Bastard mich -aufschreckte. - -»Der Brei wird kalt, Ronald! -- Du weinst?« - -Er verstummte, er hatte nicht nötig, zu fragen. Schließlich machte er -sich Luft und zeigte sein gepreßtes Herz: - -»Sind wir nicht wie zwei Mörder? -- Bruder, Bruder, was haben wir -getan! Um uns verblutet sie und fährt dahin, nicht auf einen raschen -Streich, nein, grausam in zwanzigjähriger Qual, Stich um Stich! Ich -kann sie kaum mehr ansehen, ohne zu erröten; wir alle gewannen, nur sie -verlor. Was prüft Gott ihr Herz in solcher grausen Folter? Ist dies -die gelobte Güte? Dies die Allmacht, die nicht wagt, einmal von dem -betretenen Wege zu lassen, und lieber das Edelste in den Staub tritt?« - -Er starrte mich mit haßerfüllten Augen an, die Lästerungen strömten aus -übervoller Brust, aber mir graute -- graute vor mir selbst, der ich im -eigenen Busen ein Echo seines Zornes fand. Ich hielt mir die Ohren zu -und schrie verzweifelt: - -»Halt ein! Nichts wider Gott! Unsere Frucht, unserer bösen Taten Frucht -ernten wir jetzt und dürfen nicht murren.« - -Jedoch mein Geschrei betäubte nicht die Gottesleere in meiner Seele -und überzeugte ihn nicht. Er ging hinaus und rief einem Diener, daß -er Mahl, Wein und Feuer schaffe und den Kindern melde, wir tafelten -allein. Wir ertrugen, wie Kain, keines Menschen Blick. - -Da saßen wir die halbe Nacht, verbissen, wortlos, vom Trunk nur noch -trauriger gestimmt; denn das Blut der Traube macht nur den Fröhlichen -froh. - - -Sie sah den Lenz nicht mehr. Eines Nachts rief mich die Kammerfrau mit -einem Gesicht, das alles kündete. Eilig nahm ich die Stufen und stieß -vor ihrer Tür auf den Bastard. Wir vermieden uns anzusehen, bebend -schlichen wir in das Gemach. Aleit hatte den Nachmittag heiter mit uns -allen verbracht; die kleinen Händchen Gertraudens hatten in ihrem nun -völlig weißen Haar gespielt und ihr ein leises Lachen entlockt, das -uns alle schmerzlich beglückte. Jetzt, da wir eintraten, sahen wir, es -war der Abschied gewesen, sie wollte bei dem Letzten niemanden als uns -beide um sich haben. - -Nichts war in der Kammer als ihre Augen, aus denen ein Meer von Liebe -floß und unsere zitternden Herzen in warmer Woge fing und still machte. -Wir knieten an dem Lager nieder und hielten ihre Hände; mit einem -entwand sie sich uns, überirdischen Glanz in den Mienen, hob sich und -zog den Herzog an ihre Brust und küßte ihn lange auf den Mund. - -»Lieber, Lieber du!« stammelte sie, ihre Wangen röteten sich noch -einmal vor erstauntem Glück; sie ließ den Erschütterten, Fassungslosen, -die Lider fielen ihr zu, sie sank in die Kissen zurück und schien mit -einem Lächeln einzuschlafen. - -Robert und ich standen auf und sahen uns scheu und blaß an; wir wußten -beide, wem der Kuß gegolten, wir waren beide glücklich in dem Gefühl -ihres Glücks, aber wir schämten uns voreinander und glaubten, jeder -aus anderem Grunde, er habe den anderen beraubt. Wir ahnten nicht, daß -sie schon gestorben sei, und waren noch bei ihren letzten Worten, doch -endlich empfanden auch unsere groben Sinne den Tod. - -Abermals brachen wir in die Knie, als habe ein flammendes Schwert uns -mit einem Streich gefällt. - - -Mitten im Walde, rang ich ihm ab, wurde Aleit gebettet. Über ihre Gruft -sollte mit Beginn der trockenen Jahreszeit eine Kapelle gebaut werden, -und die sollte mein sein. Er gab meinem Wunsch nicht gern Raum, denn -er wollte mich nicht im Hause missen. Ich aber setzte mich durch und -zog im Sommer schier triumphierend in die Klause, die mich heute noch -beherbergt. Die Quelle nahebei war die Tränke der Rehe und Hirsche, die -mein altes Auge erfreuten; die Kinder und der Herzog selber kamen oft -und ließen mir weder Hunger noch Durst. Es war kein Leben der Geißelung -und sollte es auch nicht sein, ich wollte nichts als Ruhe und Frieden. -Ein Gärtlein hatte ich angelegt, drin wachsen Blumen, Kräuter und Äpfel -bunt durcheinander, und gottlob bedauert mich niemand mehr ob meiner -selbstgewählten Einsamkeit, da ich sie so schön und farbenprächtig -hergerichtet habe. Winters zieht der Schnee einen sicheren Schutz um -mich. - -Dann beginnt erst die rechte Freude. Ich habe mir einen hellen Stern am -Himmel gesucht und traue, Aleit, in welchem Kleide sie auch wandelt, -blickt auch auf ihn, und unsere Augen begegnen sich in seinem Licht. -Diesen Stern und diesen Glauben habe ich allein für mich; denn der -Herzog, weiß ich, hält an dem himmlischen Paradiese fest und wähnt, -dorten sei aller Sehnsucht Ende, und alle Liebesströme verschmölzen in -Gottes Herzen zu _einem_ Kuß. - - - - -~Bücher von Werner Jansen~ - - -Heinrich der Löwe / Roman - -40. Tausend / In Ganzleinen 4,50 Goldmark - -Werner Jansen, der dem deutschen Volke schon viele kraftvolle und stark -verbreitete Sagenromane geschenkt hat, ist mit seinem neuesten Werke -»Heinrich der Löwe« noch über sich hinaus gewachsen. Ein meisterlicher -Stil vereinigt bei aller Ruhe eine solch hinreißende Wucht, daß man -das Buch in einem Zuge liest. Friedrich Barbarossa und Heinrich der -Löwe werden mit einer Lebendigkeit, mit einer plastischen Greifbarkeit -geschildert, daß sie in dieser Form zum dauernden Volksgut werden -können. Und die Gegenwart scheint gerade den rechten Boden zu bilden, -um die Sturmwogen, die damals die deutschen Geschicke aufwühlten, -recht zu begreifen. Die Meisterschaft, mit der dieser gewaltige Stoff -dargestellt wird, wird heute von Wenigen erreicht. Jansen bietet mit -diesem Buche dem deutschen Volke eine Gabe dar, die es mit Stolz -annehmen soll. - - (Badische Post, Heidelberg) - - -Das Buch Treue / Nibelungenroman - -100. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark - -... An diesem Buche weitet man sich, und Hoffnung strömt uns ins -Tiefste, daß es nicht zu Ende sein kann mit dem deutschen Wesen! Werner -Jansen hat das Alte neu werden lassen, und in mächtigem Strome rauscht -es dahin, und stark und klingend ist die Sprache ... - - (Deutsche Warte) - - -Das Buch Liebe / Gudrunroman - -80. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark - -... Manche Abschnitte haben eine geradezu monumentale Wirkung. Die -Sprache ist markig und dichterisch edel. Dies prächtige hohe Lied der -deutschen Frau gehört ohne Unterschied jung und alt -- dem gesamten -deutschen Volke. - - (Hamburger Nachrichten) - - -Das Buch Leidenschaft / Amelungenroman - -60. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark - -... Jansens Bücher mögen uns zur nationalen Bibel werden, auf daß in -Finsternissen dieses Heute sie uns Priester seien und still, doch -rastlos mitbauen am höchsten Ziele, das im tiefsten Grunde unserer -Herzen uns allen vorschwebt: an der Erlösung unseres Volkes aus dem -schmachvollen Joch der Gegenwart. - - (Deutsch-österr. Tagesztg., Wien) - - -Diese drei Bände zusammen in farbigem Geschenkkarton 16,80 Gm. - - -Leben, Lieben, Wandern vor hundert Jahren - -Roman eines fahrenden Gesellen, nach einer Handschrift von _Emma -Schumacher_ / Mit Bildern von _Anton Kling_ - -In Halbleinen 3 Goldmark - -Ein liebes Buch aus glücklichen Tagen, zum Sinnen und Besinnen - - -Herr Reineke Fuchs - -Eine unheilige Weltbibel oder lustiger Hof- und Regentenspiegel - -Mit 20 Zeichnungen nach Kaulbach von _Ernst Verchau_ - -Die geniale, befreiende Neudichtung des alten Reineke Fuchs - -In Halbleinen 2,75 Goldmark - -Die Neugestaltung von Werner Jansen hat ein atembenehmendes Buch -geschaffen ... aber auch an der Spracheinkleidung ist zu spüren, daß -hier ein begnadeter Dichter altes Literaturgut mit lebenweckendem -Blut durchpulst. Kein Stilplunder wird hier geboten, nicht modische -Schnörkeleien und Wort- und Satzverrenkungen, sondern die Redeweise ist -edel und schlicht, untermischt mit kraftvoller Derbheit. Hier spricht -ein Deutscher zu uns urdeutsch. - - (Rudolf Borch) - - -Von Hertha Podlich wurden handgeschrieben und sorgfältig in Offset -gedruckt: - -Der Heiland / Worte des Reinen - -Ein Buch des Glaubens an die Unvergänglichkeit des Heilandswortes, -zugleich ein Buch des _Glaubens an Deutschland_, an die Heimat - -In Halbleinen 3,50 Goldmark - - -Gottes deutscher Garten - -Die Blüten der geistlichen Liederdichtung in ausgewählten einzelnen -Versen -- ein Buch voll ewiger Jugend - -In Halbleinen 3,50 Goldmark / In Ganzleinen 4 Goldmark - -Zwei köstliche Gaben verdanken wir Werner Jansen. Die eine -umschließt Worte des Heilands. Es ist ein Buch heißen Glaubens an -die Unvergänglichkeit des Heilandwortes, ein Buch auch des Glaubens -an Deutschland, die Heimat. Das Gegenstück zu diesem köstlichen, von -Hertha Podlich wundervoll geschriebenen Buch ist der von Werner Jansen -bestellte »Gottes deutscher Garten«, ebenfalls von Hertha Podlich -geschrieben. Aus dem blühenden Garten des evangelischen Kirchenliedes -hat Jansen die schönsten Blüten zu einem reichen Kranze erlesen ... Die -Sonne ewiger Jugend leuchtet hier, das Herz der Heimat schlägt hier. - - (Der Deutsche) - - -Die Bücher deines Volkes - -Band 1: _Die Märchen_ / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern -von Prof. _Paul Hey_ / Band 2: _Die Volksbücher_ / Mit 25 farbigen und -schwarzen Einschaltbildern von _Adolf Hosse_ / Band 3: _Die Volkssagen_ -/ Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Prof. _Paul Hey_ - -Jeder der drei Ganzleinen-Prachtbände 30 Goldmark - -Die köstlichsten Geschenkbücher für Menschen, deren Herz jung blieb - -Werner Jansen, der Wiedererwecker der deutschen Heldensagen und -gründliche Kenner aller Quellen deutschen Volkstums, war wie kein -zweiter zur Herausgabe dieser Sammlung berufen. Der Schatz, den das -deutsche Volk in Jahrhunderten geschaffen hat, wird hier zum erstenmal -in einer meisterlichen Sammlung wahrhaft volkstümlich vereinigt. Nicht -für den Wissenschaftler, allein für den Genießer wurde die Auswahl aus -dem viele hundert Bände füllenden Stoff getroffen, wurden zwecklose, -ermüdende Breiten gestrichen, verdorrte Strecken mit frischem Leben -erfüllt. In seinen Märchen und Sagen lebt Deutschland mit seiner -Sehnsucht nach allen Fernen, mit seinen Tugenden und Lastern, -seinem Glauben und Aberglauben, seiner Werktüchtigkeit und seinen -Feierstunden, seiner einfältigen Torheit, seiner tiefsinnigen Weisheit. -Die gesamte Ausstattung ist in jeder Weise mustergültig und dem Inhalt -angepaßt. In den Bildern von Paul Hey spiegelt sich das Märchen selbst, -mit halb lachendem, halb weinendem Auge. - - (Bremer Nachrichten) - - -Die frischen Kränze - -Eine Sammlung deutscher Gedichte aller Zeiten - -Bisher erschienen: - - Band 1: _Storm_ / _Gedichte_ - Band 2: _Mörike_ / _Gedichte_ - Band 3: _Eichendorff_ / _Gedichte_ - Band 4: _Keller_ / _Gedichte_ - -Jeder Band in hübschem, farbenfrohem Gewande 5 Goldmark - -Eine handgeschriebene, in ihrer Art und Auswahl einzig dastehende -Bücherreihe - -In dieser von Werner Jansen herausgegebenen neuen Sammlung deutscher -Gedichte aller Zeiten haben wir ein Werk vor uns, das inhaltlich und -buchtechnisch unsere höchste Bewunderung und Liebe erregen muß ... -Bücher, die Sinne und Seele gleich tief in Schwingungen versetzen. - - (Rhein.-Westf. Zeitung) - - -_Ausführliches Verzeichnis steht auf Wunsch kostenlos zur Verfügung_ - - -Georg Westermann / Braunschweig / Hamburg - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT *** - -***** This file should be named 64133-0.txt or 64133-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/6/4/1/3/64133/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Tausend</p> - -<p class="center p2">1924</p> - -<p class="center">Georg Westermann, Braunschweig -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p> - -<p class="center"> -<em class="antiqua">Copyright 1924 by Georg Westermann,<br /> -Braunschweig</em> -</p> - -<p class="center p2"> -Gedruckt bei Georg Westermann in Braunschweig<br /> -<em class="antiqua">Printed in Germany</em> -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch">Erstes Buch</h2> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span></p> -<h3 class="hidden" id="sect-01">1</h3> -</div> -<p class="drop">Das Leben beginnt nicht, wenn einer die Welt -beschreit. Umgekehrt, wenn die Welt auf jemand -einbrüllt, dann fängt das Leben an. An dreißig -Jahre war ich und erfüllte den Platz, auf dem ich -stand, mit Toben und Lärmen, aber von mir und -anderen wußte ich nichts. Plötzlich erwachte ich in -der Dämmerung, vom Tau wie von Tränen gebadet, -in einer wüsten Schlucht nahe der Grenze -meines Landes; wachte auf in einer Stille ohnegleichen, -denn die Vögel schliefen noch, aber Gottes -große Stimme donnerte gleichwohl in meine Ohren. -Die Augen brannten mir von ungekanntem Schmerz, -ich barg das Gesicht ins nasse Moos, Wams und -Hemd riß ich offen und drängte die Brust der Erde -auf – die Flammen in meinem Herzen erstickten -nicht. Mein Blut war umgewandelt, aus dem -Strom wuchsen tausend Tropfen, und jeder Tropfen -peinigte mich auf seine besondere Art.</p> - -<p>Ausgestoßen, verdammt, verloren hier und dort -– qualvoll, langsam wie Todesstunden kamen die<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -Erinnerungen zurückgeglitten: Schlaf, Sturz, ein -rasendes Reiten, Blässe und Blut. Trocken lag mir -die Zunge im Gaumen, das Haar, von Schweiß -und Schmutz verklebt, lähmte mir die Stirn wie -eine Eisenklammer.</p> - -<p>Das kleine Leben unter mir brachte mich zu mir, -aus den verschwollenen Lidern betrachtete ich mit -stumpfer Ruhe die schwarzen Käferchen, die ernsthaft -und eilig unter meinem Antlitz ungeheure Wege -eroberten und ein zielsicheres Wesen hatten, wie -Diener eines Staates. Aber das dürftige Spiel -hielt meine Kümmernis nicht lange gefangen, wütend -griff ich in das Getriebe, aus nackter Lust an fremdem -Leid, bis ein halblautes Wort mir den Atem -aus der Brust stieß und mich emporschnellte, als -bebte die Erde unter mir. Mit jähen Knien wandte -ich mich.</p> - -<p>»Kain!« erscholl die Luft abermals.</p> - -<p>Rote Flammen loderten vor mir, Rauch stieg -auf, Augen sprühten auf mich – Hölle, Teufel, -Gottes Gericht einen hämmernden Herzschlag lang -– dann versank alles bis auf ein Reisigfeuer im -morgendlichen Wald, das ein Mönch mit seinem -Wanderstabe fachte und versorgte. Das war kein<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span> -Klosterfriede. Aus gebranntem Gesicht starrte ein -ellenlanger Rotbart, die riesigen Schenkel umklammerten -den Stumpf, darauf er saß, als bedrängten -sie ein Pferd. Er stand auf und war ein Mann von -meinen eigenen ungewöhnlichen Maßen; kühl, fragend -und wissend zugleich lagen seine Blicke auf -mir. Ich herrschte ihn an und fühlte, wie mein -Mund stammelte und zagte:</p> - -<p>»Wer bist du? Was schaffst du hier?«</p> - -<p>Seine Brauen zuckten leise spottend.</p> - -<p>»Ihr seht es: ein Diener Gottes. Was ich -schaffe? Feuer zünden, Pferde einfangen, der Hoheit -einen guten Morgen wünschen.«</p> - -<p>»Du kennst mich?« Ich fühlte das Blut aus -meinen Lippen weichen. Gleich einem Traumbild -sah ich zwischen den Buchenstämmen meinen Braunen -friedlich grasen.</p> - -<p>Wieder flog jenem der Spott über die Stirn.</p> - -<p>»Ich sah die Hoheit vor Jahren am Hofe Heinrichs -des Normannen – Ihr wußtet trefflich mit -der Lanze umzugehen. Ich selbst, ein Mönch aus -Irland, wallfahrte nach dem heiligen Grabe. Wenn -die Hoheit einen Zehrpfennig hätte, ich würde für -das Seelenheil –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span></p> - -<p>Die Stimme versank im Barte; mir schien, als -wieherte ein Kobold aus einem Bronnen. Das Heil -meiner Seele war verwirkt, kein Bettelmönch, kein -Papst konnte mich retten. Verloren hier und dort –</p> - -<p>Möglich, daß mir die Worte über die Lippen -kamen, möglich, daß der seltsame Mensch in meinem -Herzen las. Genug:</p> - -<p>»Ihr gebt Euch auf, Hoheit? Tröstet Euch, Gott -gibt niemanden auf. Was belastet Euch? Ihr blutet -– oder –?«</p> - -<p>Meine entsetzten Augen tasteten auf meinem Gewand; -Hemd und Rock waren dunkel betropft, -meine Rechte braun von totem Blute. Aufschreiend -brach ich in die Knie, ich vergaß die Welt um mich -und weinte wie ein Kind auf die mütterliche Erde. -Die Tränen erlösten mich allmählich, das Leid sank -tiefer und verborgener in das Herz. Hier war ein -Geweihter des Herrn, er mußte mich anhören, ich -brauchte einen Menschen, meinen Greuel mitzutragen. -Ich sprang auf und zerrte ihn an der Kutte zu -dem verlassenen Baumstumpf.</p> - -<p>»Sitz nieder und höre,« sagte ich, »ich will dir -beichten, Mönch!«</p> - -<p>»Sprecht!« erwiderte er einfach und stieß einen<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span> -Ast in die Flammen. »Jedoch, Hoheit, zuerst entlastet -mein eigenes Gemüt!«</p> - -<p>Er zog ein Rehböcklein unterm Laub hervor und -warf es vor meine Füße, lachend:</p> - -<p>»Jagdfrevel, Hoheit; verzeiht Ihr das?«</p> - -<p>Ärgerlich winkte ich ihm Schweigen. Was wog -solch ein Raub vor meiner eigenen Tat! Aber: wie -jählings strafte ich sonst derlei! Nie mehr würde ich -über andere zu Gericht sitzen.</p> - -<p>»Mönch, ich habe mein Weib erschlagen.«</p> - -<p>Dies sprach ich, dann versagte mir die Kehle, -und ich rang nach Luft. Der andere hatte sein Gesicht -in der Kutte verborgen und rührte sich nicht.</p> - -<p>»Im Zorn,« stammelte ich, mich selbst verachtend.</p> - -<p>»So war sie eine Dirne und beschimpfte Euch -mit einem leichtfertigen Leben?« fragte der Mönch -leise.</p> - -<p>Ich schrie:</p> - -<p>»Nein! Nein! Blüte der Unschuld, Schönheit, -Tugend – ich war ein Narr, ein Schurke!«</p> - -<p>»Halt, Herr, verleiht Eurer Schuld nicht so große -Worte; das mildert sie nicht. Könnt Ihr, so erzählt, -wie es kam.«</p> - -<p>Mit seiner tiefen, irgendwie verwandten Stimme<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span> -zwang er mich zur Ruhe, ich starrte auf das Feuer -und sprach betrachtender:</p> - -<p>»Von meinem Vater hab ich einen Überschuß an -Kraft geerbt; mein leichtsinniges Herz verschwendete -das in Sausen, Prassen und Schlimmerem. Keine -Dirne war vor mir sicher. Gott und Könige vertrauten -meinem Geschlecht ein Herzogtum – ich -habe Land und Volk an den Abgrund gebracht; sie -heißen mich den Teufel und schrecken die Kinder mit -meinem Namen. Einmal, vor Jahresfrist, glaubte -ich an ein besseres Sein, bei meiner Heirat mit -Aleit von Montgerrat. Hast du die Herzogin je -gesehen?«</p> - -<p>Das verhüllte Haupt senkte sich bejahend.</p> - -<p>»So brauche ich nichts von ihr zu sagen. Sie war -lieblich und rein wie Gottes Engel. Genug, ich -nahm nach vier raschen Wochen mein altes Leben -wieder auf, in meinen Schlössern hausten die -Schlemmer und Dirnen, das Volk mußte zahlen, -die Herzogin ward vergessen; denn zu den Gelagen -erschien sie nie. Bis auf gestern. Mein eigenes -Haus hatte ich wenigstens vor dem Schlimmsten -reingehalten; gestern brach ich, von Jagd und Trunk -erhitzt, mit Mann und Meute in meine Halle zu<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span> -Claraforte und besudelte den Boden, den ihr Fuß -entsühnt hatte. Höhnische Reden meines Gefolges -stachelten mich, die Herzogin an unseren Höllentisch -zu holen. Ich trug sie, die lautlos weinte, auf den -Armen in den Saal, sie saß, sie sah mit erschreckten -Kinderblicken das halbnackte Dirnenpack, loderte, -stand auf und wies mit dem Finger gebieterisch zur -Tür – da fegte ich sie mit der Hand von ihrem -Platz, ihre Stirn schlug an einem Pfeiler auf, sie -brach zusammen und starb.«</p> - -<p>»Strecke deine Hand aus!« befahl der Mönch, -und ich tat es willenlos: das Feuer beleuchtete eine -rohe, große, gewalttätige Faust. Der Priester schlug -die Kutte zurück und starrte mich haßerfüllt an. Heiser -kam es ihm aus dem Munde:</p> - -<p>»Mit dieser Klaue hast du den lichten Engel erschlagen« -– er griff an seine Brust, als erdrücke er -ein zorniges Herz, leiser fuhr er fort: »Mit dieser -Hand wirst du Sühne tun, Herzog Robert!«</p> - -<p>»Mein Herzogtum liegt hinter mir,« entgegnete -ich ihm, »ich stürzte den Tisch und verjagte den -Schwarm. Ich sprengte in die Nacht und entfloh -meiner Tat; das Weitere weißt du besser als ich. -Ich verlasse Land und Volk, mögen sich Frankreich<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span> -und England darin teilen, da niemand meines Blutes -lebt. Ich will büßen; du wanderst zum heiligen -Grab – nimm mich mit! Es ist mir weniger um -das Gebet zu tun, aber die Heiden haben einen -neuen Sultan, der Jerusalem bedroht. Vielleicht -erlaubt mir Gott die Sühne in der Schlacht.«</p> - -<p>»Das nennst du Sühne?« fragte der Mönch zwischen -den Zähnen. Es arbeitete in der gewaltigen -Brust, plötzlich sprang er auf und trat groß und -mächtig vor mich hin. Er glich Zug um Zug einem -Antlitz, das ich kannte; nur schien sein Gesicht älter -und trauriger als das meiner Erinnerung, das war -immer voll wilder Fröhlichkeit und Jugend, trotz -grauer Locken; und dieses Haupt vor mir war blond -wie ich. Jäh überfiel es mich: diese Augen waren -die meines Vaters.</p> - -<p>Er las mir die Gedanken von der Stirn, sein -Mund verzog sich zu dem Hauch eines Lächelns; -stumm nickte er mir zu.</p> - -<p>»Du läufst davon, Robert, aus Angst vor dir -selber, vielleicht auch vor den Montgerrats und -ihren königlichen Verwandten; du läufst davon, -Herzog, und vergißt die Pflicht gegen dein Geschlecht. -Die Rechte, die du von deinen Ahnen erbtest,<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -hast du vergeudend genutzt, die Pflichten trittst -du in den Staub.«</p> - -<p>»Hast recht, Mönch,« sagte ich ruhig, »aber ich -bin nicht wert, fürder ein Volk zu führen; ich kann -nicht einmal mir selbst befehlen, wie sollte ichs anderen! -Unser Blut ist eben müd und mürb geworden, -die Wählinger sind reif zum Untergang –«</p> - -<p>»Narr!« schrie der Mönch und schlug mir die -Hand auf die Achsel. »Fahr zur Hölle, wenn du -müde bist! <em class="gesperrt">Mein</em> Wählingerblut ist <em class="gesperrt">nicht</em> verfault, -und hältst du das Land nicht, Feigling so -krieche in meine Kutte, indes ich dein besudeltes -Seidenwams zu Ehren bringe.«</p> - -<p>Ich erstaunte kaum über diese Reden, zu tief saß -der Verzicht auf das Irdische in meiner Seele. -Gleichmütig versetzte ich:</p> - -<p>»Du willst ein Wählinger sein? Laß hören!«</p> - -<p>»Ich zeig es dir besser, Bruder Robert,« stieß -jener hervor, und die schweren Schultern schütterten -vor Erregung, »warte ein Weilchen! Dein Vater -hat mich wie dich gezeugt; dich in Claraforte im -Bett einer Königstochter, mich in einer Sommernacht -dieser Wälder mit einem Kind unseres Volkes. -Du hast den Thron geerbt, ich das Elend, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span> -wir sind gleichen Blutes. Verziehe hier, Robert, -ich bitte dich, nur einen kurzen Augenblick, nur eine -kleine Messe lang!«</p> - -<p>Er drückte mir die Hand, daß sie schmerzte, griff -sein Bündel und lief davon. Mit schlagendem Herzen -blieb ich zurück, gerührt von der heißen Leidenschaft, -mit der er bat, und nun doch aus meiner Betäubung -aufgescheucht und von Geheimnissen geweckt.</p> - -<p>Wählinger Blut! Der Vater, die Ahnen, ich -selbst – ach, wie hatten wir das Blut der Herzöge -ins Volk getragen! Und doch war jener fremde – -Bruder das erste jener Geschöpfe, das ich bewußt -erblickte. Mir grauste bei dem Gedanken, ohne -Wissen vielleicht eine Schwester, eine Tochter -meines Vaters, je in den Armen gehalten, eine alte -Schuld zum Verbrechen gesteigert zu haben – mir -graute vor dem Wählingerlande – fort, nur fort -von dem doppelt geschändeten, doppelt verdammten -Boden, hin in eine Ferne ohnegleichen, wo niemand -von mir und meiner Schmach wußte!</p> - -<p>»Robert!« klang es leise; der Mönch war lautlos -hinter mich getreten, ich wandte den Kopf und -starrte ihn offenen Mundes an: da stand ich selber, -wie kein Spiegel mich besser schildern konnte,<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span> -bleichen Gesichts, aber Zug um Zug ich selbst. Der -wilde Bart war verschwunden, das Haar gebändigt, -die Mienen innerlicher, edler. Ich stotterte verwirrt, -beschämt, mit unklarem Dankgefühl gegen -das Geschick:</p> - -<p>»Bruder, wie nennst du dich?«</p> - -<p>Ein Leuchten glitt über seine lauteren Augen, als -ich mich so neben ihn stellte; er zog mich zu sich auf -den Boden.</p> - -<p>»Ronald heiße ich, Blut von deinem Blut. Robert, -mir brennt das Wählinger Geschlecht im Herzen, -du darfst das Land nicht verlassen, mich hat -Gott in deinen Weg geführt,« flüsterte er; sein -heißer Atem streifte sengend meine Stirn.</p> - -<p>»Was ist Geschlecht?« murmelte ich haltlos, von -einem verlorenen Gedanken fortgetrieben.</p> - -<p>Und er, fast zornig:</p> - -<p>»Steh einmal draußen, und du wirst es wissen! -Sage, Robert, sage zum letztenmal, bist du wahrhaft -willens, außer Landes zu gehen?«</p> - -<p>»Was fragst du noch? Ich lasse nichts zurück.« -Ich seufzte bitter auf, mit den Füßen stieß ich in -das sterbende Feuer, daß die Funken flogen.</p> - -<p>Rötliche Morgenlichter spielten durch die Stämme,<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span> -der Wald begann zu leben. Ein Wind lief schmal -und kühl vor der Sonne her, die jungen Blätter -rauschten.</p> - -<p>»Höre zu, Robert« – seine fiebernde Hand -krampfte sich über meine Linke – »gib mir dein -Land! Es bleibt dann beim Wählinger Blute.«</p> - -<p>Dies machte mich lachen.</p> - -<p>»Ronald, wer sollte dich, den Bastard, anerkennen? -Du treibst Scherz, Bruder. Schlüpf aus deiner -Kutte und fahr mit mir in die Fremde. Sieh, -wir haben Fäuste und Arme wie Eisen, mit dem -Schwert in den Händen werden wir treffliche Streiter -Gottes. Quäle dich nicht mit Unmöglichem; denk, -ich verzichte trotz des gewohnten Genusses, du aber -hast nichts zu vergessen, weil du nie besessen hast.«</p> - -<p>Ronald geriet in wachsende Erregung.</p> - -<p>»Ich nicht besessen? Ist das Besitz, das bißchen -Hof und Haus, das bißchen Volk und Fron? Hier -sitzt mein Erbe, hier im Herzen, das Wählinger -Blut! Das Blut, Robert, das herrschen will, um -dienen zu können.«</p> - -<p>So unwirklich erschien mir das Ziel, darauf er -lossteuerte, daß ich nichts Ernsthaftes erwidern -konnte, ohne ihn zu verletzen. Ich verschanzte meine<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span> -Verlegenheit hinter leeren Worten, obzwar ich von -fern fühlte, dieser Mensch war rechtlos vor den -Menschen, aber nicht vor Gott.</p> - -<p>»Diene,« scherzte ich oberflächlich, »und eines -Tags sitzt du im Purpur des Kardinals, ja unter -der Tiara, und das ist ein weiteres Feld für deine -Herrschersorgen –«</p> - -<p>Er fuhr mit dem gestreckten Arm durch meine -Worte, in seinen Mienen kämpften Verachtung und -Zorn. Ich bewunderte ihn mit einem inwendigen -Lächeln, indem ich mich dabei ertappte, mein eigenes -Bild zu bestaunen – ach, mein eigen Bild -ohne die Spuren des wüsten Lebens, ohne die Gedunsenheit -des Weins, ohne die Gier der Laster. -Jedoch nicht einmal zu einem herzhaften Neid -schwang sich meine ermattete Seele auf.</p> - -<p>Er grollte:</p> - -<p>»Fürst dieser Kirche? Nein! – Ich will ein -Volk, keine Völker! Diese Erde will ich, nicht den -Himmel. Nur was diese Hände halten können, mehr -begehr ich nicht, nur die Heimat, nur das Land -meiner Ahnen –«</p> - -<p>Betreten, voller Scham, senkte ich die Lider. Für -einen flüchtigen Augenblick wogte auch in meinem<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span> -Herzen das Blut meines Stammes, das in jenen -Adern so stark und feurig rann; dann zerstob die -Begeisterung wie Schaum. Wäre ich je in meinem -Verzicht wankend geworden, diese Begegnung hätte -mich gestützt, denn ich fühlte, Land und Volk verloren -nichts an mir, ich war ein Rohr im Wind. -Säße jener an meiner Statt – bestürzt schaute ich -auf und begegnete seinen Augen, die wie Falken auf -meine Seele stießen und kein Geheimnis kannten.</p> - -<p>Ein Spiel Gottes, ja, ein Spiel Gottes, und das -Unmögliche ward Tat. Wortlos riß ich die Kleider -von meinem Leibe, alles, Schuhe und Hemd; warfs -ihm vor die Füße:</p> - -<p>»Da liegt dein Herzogtum, wenn du Mut hast, -Brüderchen!«</p> - -<p>Eine unbändige Lust ergriff mich nackten Mann -plötzlich, eine Erlösung aus Nacht und Tod. Ich -weitete die Arme und riß ihn, der ohne Regung -schien, an meine Brust und küßte ihn.</p> - -<p>»Bruder, wags! Keiner wird dessen gewahr, dafür -bürg ich; Gott selbst, am Auferstehungstag, wird -seine Mühe haben.«</p> - -<p>Langsam lösten sich seine starren Züge, er leuchtete -beschenkt, beglückt und erwiderte scheu und flüchtig<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span> -meinen Kuß. Aber seine Freude schien nicht -sonder Kummer, seine Selbstsicherheit schwankte -angesichts der Entscheidung, die Schultern beugten -sich unter unsichtbaren Lasten. Er entledigte sich des -wenigen Tuches, zog das grobe Leinenhemd über -den Kopf und knüpfte eine Münze vom Halse. Dann -verglich er unsere Leiber aufmerksam; auch mich ergriff -eine harmlose Neugier, aber ich entdeckte keinerlei -Verschiedenheit; nur daß er ein wenig kleiner -schien, doch mein Körper hatte sich im Schlaf gestreckt, -indes er wachte. Er deutete fragend auf ein -braunes dreigespaltenes Mal unter meinem Herzen.</p> - -<p>»Ein Zeichen unseres Geschlechts,« sagte ich gedankenlos; -er senkte die Lider und errötete unruhig -und gequält. Ich begriff ihn nicht sogleich, dann -lachte ich auf und erklärte:</p> - -<p>»Von den Trebilons, von der Mutterseite hab -ichs – der Vater konnte dir das nicht auch noch -mit auf den Weg geben. Des achtet keiner.«</p> - -<p>Er schüttelte nachdenklich den Kopf und fuhr in -meine Kleider, indes ich zwischen Befriedigung und -Schmerz mich einklosterte, und als er in dem -schmucken Wams dastand, waren ihm Unruhe und -Schwere verflogen, seine Augen schauten fest und<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -sicher, um seine Lippen spielte ein siegbewußtes -Lächeln.</p> - -<p>»Namenloses Brüderchen,« hob er an, »von heut -ab in Ewigkeit heißt du Ronald vom Kloster des -Heiligen –«</p> - -<p>»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch -nicht, daß ich in dieser Kutte dauernd bleibe?«</p> - -<p>»Warum nicht? – Komm her, hilf mir das Böcklein -braten, wir haben uns viel zu erzählen.«</p> - -<p>Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit -geübten Schnitten das Wild aus, spießte den Rücken -an seinen Stab, und wir drehten ihn über den Flammen, -darob der Himmel licht und blau den hellen -Morgen kündete. Die eintönige Beschäftigung tat -unseren verwirrten Herzen wohl, die Fülle der letzten -Stunden war reicher als all unser verflossenes -Leben gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen -Wirbel in uns ermatten. Mählich forderte der Leib -sein Recht, wir waren hungrig und durstig. Der -Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir -auf, in seinem Becher Wasser zu holen. Leicht wie -eine Bitte kam ihm der Befehl von den Lippen, der -mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn -ich gewollt hätte, kein Wehren war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span></p> - -<p>Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung -seiner hochgezogenen Brauen klar, denn da lagen -Seifennapf, Schermesser und wüste blonde Barthaare -– das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie -ich meinte; für mich der Abschied aus Rang und -Heimat. Nun ergriff es mich doch einen Herzschlag -lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar -ich es bereits verloren hatte.</p> - -<p>Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung, -ich schöpfte und trank ohne Maß, denn ich -glaubte dies die letzte Quelle, daraus die Heimat -mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig -und brachte den randgefüllten Becher, ohne einen -Tropfen zu vergießen.</p> - -<p>Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein -Säcklein mit Salz hervor und würzte den Braten; -wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles -im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage -verbracht hatte, wie meine Freunde und Feinde -hießen, welcher Art meine Burgen und Gemächer -waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet – -genug, die ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit -meines Daseins mußte ich bis in die geheimsten -Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wie<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span> -ein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm -das Üble wie das Farblose gelassen hin und prägte -es seinem erstaunlichen Gedächtnis ein. Bei manchen -Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich -des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die -Vorgänge in meinem Lande gekümmert als ich selbst -und alle um mich her.</p> - -<p>Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch -am Himmel, er konnte nicht genug hören. Schließlich, -da die Nachmittagswinde vor dem Abend flogen -und über uns rauschten, sprach er:</p> - -<p>»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir -wiederholen. Kein falsches Wort! An diesen Dingen -hängt unser Herzogtum.«</p> - -<p>Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu -Satz über diese schier unfaßliche Klarheit, mit der -er ihm und seinem Leben so fremde Dinge erkannte, -ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause, -er war – ich selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu -sein und dennoch weiterzuleben, plötzlich als untätiger -Beobachter neben mir zu stehen, ohne Verantwortung, -ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung? -War dieser falsche Herzog nicht <em class="gesperrt">mein</em> -Werk? War nicht alles, was er handelte und trieb,<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span> -<em class="gesperrt">meine</em> Tat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas -wie Rechenschaft, aber ich trug die Bürde fröhlich -wie ein Gnadengeschenk, denn dieser zufällige Sproß -meines Vaters war besser als ich.</p> - -<p>»Noch eins fehlt,« fügte er seiner Rede an, »das -Mal der Trebilons.«</p> - -<p>Er suchte in der Asche nach einer glimmenden -Kohle, blies sie an und drückte sie, ehe ich ihn hindern -konnte, ungesäumt auf seine bloße Brust. Eine -leichte Blässe zog über sein Gesicht, indes der Geruch -verbrannten Fleisches aufstieg; er grub die -Kohle sorgfältig in das Moos und schob Hemd und -Rock zurecht.</p> - -<p>»So, Bruder, nun zu dir!« sagte er fast heiter. -»Du brauchst zwar meine Rolle nicht zu spielen, -aber du mußt wissen, wie es auf der Landstraße -aussieht.«</p> - -<p>»Und diese Kutte?« fragte ich verblüfft.</p> - -<p>»Behältst du an. Die Kirche hadert mit dem -Staat trotz Christi Wort, daß jedermann der Obrigkeit -untertan sein solle; sie treibt Schacher mit den -Seelen, Handel mit den Ämtern – betrachte dich -als von Gott geweiht, falls du Lust hast, im geistlichen -Gewande durch die Welt zu traben, aber verzichte<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span> -auf die segnende Hand irgendeines Bischofs -von der frevelhaften Heiligkeit zum Beispiel des -Kölners. Kannst ja lesen und schreiben, Brüderchen, -kannst gar Lateinisch; mehr brauchts nicht, denn die -meisten verstehen das nicht einmal oder nicht mehr. -Und fragt dich einer, so gehörst du zu einem sehr -entfernten Kloster und hast abenteuerliche Gelübde –«</p> - -<p>»Du bist nicht geweiht?« unterbrach ich ihn bestürzt.</p> - -<p>Er lachte mir ins Gesicht, meine Verwirrung -belustigte ihn.</p> - -<p>»Nein, Ehrwürdiger, ich bin von Gottes Gnaden,« -lästerte er sonder Reue, »auch hat der heilige -Patrik in Irland karge Last von mir gehabt, nur -daß er mich, dem früh die Mutter starb, in seinen -Klöstern großzog. Die Welt ist mir geläufig bis -auf das Morgenland, darin ich nie geweilt. Hofwesen -und Fürsten kenne ich besser, als mir lieb -ward. Auch Claraforte und die blonde Jugend, die -du in Nacht versenktest.«</p> - -<p>Seine Stimme ward dunkel, ich ließ den Kopf -hängen. Nach einer Weile fuhr er fort:</p> - -<p>»Sei ruhig, Bruder, ich bin eher ein Mörder als<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span> -du. Du hast in Trunkenheit und Zorn ein köstliches -Gefäß zerbrochen, ich aber, Robert, ich war bereit, -dich selbst mit Vorbedacht zu erwürgen, als ich -deine Tat erfuhr.«</p> - -<p>Er seufzte tief, seine Hände spielten ruhelos mit -dem braunen Schnürlein, das er am Halse getragen -hatte. Mitunter ging ein Zucken durch seinen Leib, -als trüge er Qualen; ich schob es auf die Brandwunde, -darunter er ein Geheimnis erstickt hatte.</p> - -<p>»Denn ich habe sie geliebt,« offenbarte er traurig, -»und ich liebe sie noch. Wie viele Tage bin ich um -Claraforte geschlichen, um einen Schimmer ihres -Gewandes zu sehen, indes du jagtest oder – ach, -was helfen jetzt noch Klagen! Ich will statt deiner -an ihrem Grabe beten.«</p> - -<p>»Tu es, Bruder,« sagte ich unter lautem Schluchzen, -»auch ich – ich fahre an die Stätte, da unser -Herr und Heiland litt. Vielleicht daß uns beiden -Erlösung wird. Bruder, welch ein Opfer bringst -du! Die Montgerrats werden dich verderben.«</p> - -<p>Er straffte seine Glieder, seine Augen blitzten -herrisch.</p> - -<p>»Nein!« wehrte er hochgemut. »Ich halte mein -Land! Hab dessen keine Sorge. Vor Gott und vor<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -den Menschen trage ich deine Tat, als sei es meine -eigene; du magst in Frieden fahren.«</p> - -<p>»Gott wird mich auch in dieser Kutte erkennen,« -entfuhr es mir, »dies wirst du mir nicht abnehmen.«</p> - -<p>Aber er, voll von seiner Berufung, sah mich verheißend -an und deutete:</p> - -<p>»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht, -und nicht den Einzelnen. Wir müssen alle füreinander -büßen, wir werden alle füreinander begnadigt. -Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die dich -trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern -für dich im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott -zerreiße die Kette des Geschlechts, die er selber geschmiedet, -um ein einzelnes Glied zu verfluchen oder -zu segnen?«</p> - -<p>»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich -beschämt.</p> - -<p>Er antwortete schlicht:</p> - -<p>»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das -Grübeln an dich. Kann sein, ich sterbe vor dir, -söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider, -und wärest du am Rande der Welt.«</p> - -<p>»Nimmermehr!«</p> - -<p>Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span> -in seinem Herzen, welche Zukunft durchlief er im -Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran, wie es -hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt -hätte. Nie hatte mich einer so gepackt, ich -fühlte, ich war wie ein Blinder durch das Leben -getaumelt.</p> - -<p>»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.</p> - -<p>Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete -er das Selbstverständliche an und setzte erläuternd -hinzu:</p> - -<p>»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir -unverbraucht, was wenige Fürstengeschlechter von -sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert -für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«</p> - -<p>Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden -Stämme auf mein Pferd zu, das an die -Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie ein -Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit -der Silbermünze aus der Tasche und hing sie mir -um den Hals.</p> - -<p>»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; -es ist alles, was mir die Mutter hinterließ. -Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner -Statt. Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg.<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span> -Die Rehkeulen sind im Ränzel, ein paar Zehrpfennige -auch, und alles andere schenke dir Gott. -Fahr in Frieden, Bruder!«</p> - -<p>Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in -den Sattel und verschwand in dem Abend, bevor ich -zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus, noch -einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal -die Wärme des Tieres, das mich liebhatte, an -meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte -ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte -Lederränzel auf den Rücken und schritt fürbaß, -bis die Felder smaragden dämmernd vor mir -lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark -und ausdauernd ich auch war, ich kam kaum vom -Fleck. Endlich hatte ich die Hügel hinter mir, ich -war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne -breitete sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.</p> - -<p>Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. -Droben lag ein einsames Grenzgehöft und vor den -Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie ich -ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub -sich durch eine seltsame Äußerung in mein verstörtes, -wildes Herz; so trug ich sie mit mir ins Elend.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-02">2</h3> -</div> -<p class="drop">Südwärts, südwärts, immer stieß mich die -Faust Gottes. Fünf, sechs Stunden Schlaf, und -weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren, -eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne -Willen durch Armut, Not, Hunger und Demütigung. -Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte und Pilgerhut, -doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz -der Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das -ich auswendig wußte. Ich schritt und schritt, ein -langer, abgemagerter Mensch mit hohlen Augen -und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und -Sehnen umhüllt, den Wanderstab mit scharfer -Eisenspitze wie eine Lanze auf der Schulter. Das -Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die -Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich -unverdächtig, wohin ich auch kam. Meine Stimme, -des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum noch, sie -klang von unten her, rauh und traurig zugleich; -aber ich brauchte nie viel zu sagen, meist genügte -die wortlos ausgestreckte Hand. Wo die Wälder -dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde nach;<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span> -das war all meine karge Freude – ich kann sie nicht -bereuen.</p> - -<p>Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, -gleichwohl ging ich allen aus dem Wege, die meine -Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen. Die -stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, -sprachen, unterhielten mich; ich war in einer -neuen, leidenschaftslosen Welt, die nichts von -Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen -Wurm, die Wildkatze griff den Vogel, verreckte -irgendwo im Walde, vermoderte wurmdurchwühlt, -grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe – Gottes -Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von -grübelnden Menschenhirnen, Menschenangst, Menschenhaß.</p> - -<p>Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte -trug ich das Bild meines Weibes vor mir -her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens -wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein -Fädchen zu vergessen.</p> - -<p>Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, -hatten uns nie gesehen, kaum voneinander -gehört. Wir wandten uns um, als ob <em class="gesperrt">ein</em> Wille -uns beherrschte, sahen – und erstaunten nicht. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span> -Luft zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, -uns schien sie süß und kühl und rein, wir -durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben uns -beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und -Frauen uns auf die Erde riß und ihre Wangen -mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher Art ein -Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, -meine Augen entkleideten sie nicht schamlos wie -die anderen, von ihrer süßen Schönheit sah ich -nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte -ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich -erschaffen.</p> - -<p>Und ich warf sie – Gott, mein Gott! So allgewaltig -kann keine Liebe sein, um solches zu verzeihen, -auch deine nicht. Nie werde ich erlöst, nie -werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. -Grübeln und Grübeln. Vielleicht gestattet mir -Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu betrachten, -vielleicht – nach einem Leben voller Buße, -Tapferkeit, Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, -wanderte, schlief traumlos wie ein Toter, ermattete -meine Manneskraft, die neben allem gierig -und wach den Weibern im Felde zuschaute, ward -inwendig, was ich außen galt: ein Mönch, ein Pilgrim<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen -und höllischen Flammen in der Brust.</p> - -<p>Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff -mich Wanderlust, golden winkte die blaue Ferne. -Der alte Leichtsinn entführte mich im Sturm in -das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand -mein Losgebundensein als Freiheit und hatte -Augenblicke, da mein Herz jubelte; zwar schnell und -hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet und -geliebt. Der Hafen – ich wußte nicht einmal, welcher -– war ein Markstein meines Weges. Marksteine -sind tröstlich, auch die auf unendlichen Pfaden.</p> - -<p>In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, -auch am englischen und französischen Hofe, war von -Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und her geredet -worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. -Ein schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, -Weiber und Kinder zog sich vom Hafen über -die Hügel bis weit vor die Stadt – Pilger, Handeltreibende, -Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt -von Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, -Geistlichen, Heimkehrern – falschen und -echten – ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben -und Nichtstuern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span></p> - -<p>Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend -Menschen in ungeschlachten Bäuchen, -verfrachteten die Elenden wie Vieh zu kreischenden -Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden, -aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie -duldeten alles, diese flachshaarigen Pilger aus -Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie gruben -ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um -im Wüstensande verderben zu dürfen. Ach, sie -träumten von einem Paradiese, von blühenden Gärten, -von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden, -Templerorden – alle verdienten am heiligen Grabe, -am heiligen Kriege. Die Kreuzzüge waren ein -riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher, der -mit grausiger Offenheit betrieben wurde.</p> - -<p>Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich -das bunte Wirrsal. Nach drei Tagen war ich in -das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen -Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten -Leute meines harmlosen Vaterlandes. Pest und -Aussatz lagen unter den schmutzigen und unter den -gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, -endlos tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; -ringsum ein Reifen und Blühen, fern der wogende<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span> -Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die Segel -wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog -war – wie lange dünkte mich diese Zeit vorüber! – -hatten mich die Nöte meines Volkes nicht gekümmert, -sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer -darbte. Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte -Herz. Guten Glaubens hatten diese Bauern -ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren -Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden -versprochen worden. Nun gaben sie ihr letztes Geld -für die Überfahrt oder mußten sich zu langen Frondiensten -an die verpflichten, welche ihnen einen -Platz auf Deck verschafften.</p> - -<p>Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen -sollte. Makler aller Stämme bedrängten mich, aber -der billigste Platz überstieg meine ärmlichen Pfennige. -Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer -Mark Silbers und wünschte, einen Griff in meine -herzoglichen Truhen tun zu dürfen, doch das war -auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier -nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest -meines Geldes Brot und Speck genug für eine -Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat -sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span> -Hand begabte, wer mir in den Weg lief, -wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich anstarrte, -und verhärtete mein Herz, bis es blutete. -Tagsüber stand ich an den Schiffsländen und sah -den Frachten zu, betäubt von dem bunten Gemisch -des Überflusses und des Mangels, zerrissen von -dem vielfältigen Schrei der schönen und häßlichen -Sehnsüchte um mich her.</p> - -<p>Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung -wieder auf, südwärts immer, gen Amalfi, dazu -mir ein friesischer Schiffer geraten. Die Rast in -Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und -als ich die Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann -ich aufs neue zu hoffen. Die übermütige -Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl -von Schutz und Geborgensein, dies Land war von -Segen wahrhaft überflutet und ließ jedem das nackte -Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im menschenleeren -Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen -wie in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, -selbst Neapel ließ ich zu meiner Rechten liegen und -klomm über die unwirtlichen Gebirge an das Ziel.</p> - -<p>Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, -dampfend in der Schwüle erreichte ich Amalfi, das<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span> -wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten Hafens, -denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den -dunklen Bergwänden in das tosende Meer, alles -Menschliche verkroch sich in den Häusern. Ich drückte -mich in eine Herberge, froh der Leere in den Gassen, -aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend -und der Ansturm der Pilger nicht minder groß -waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen blauenden -Himmels schritt ich beklommen ins Freie und -tat mich am Hafen um, ob nicht wer einen Ruderknecht -brauche, aber alle wiesen mich ab, mit hochgezogenen -Brauen und spöttischem Gesicht über -mein geistlich Gewand, das zu arbeiten begehrte.</p> - -<p>»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer -im schlechten Französisch der Provence, »was -nimmst du den Armen das Brot? Der Prior gibt -dir, wessen du bedarfst.«</p> - -<p>Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, -seinen Rat zu befolgen, der Mönch Ronald war -noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich -und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. -Eine lübische Kogge war zum Auslaufen bereit, -klein, zierlich, sauber wiegte sie sich ein wenig -abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -Boot von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an -der Lände stand. Ein Ritter, sichtbar ein Deutscher, -schlicht, jung und bieder, sprang ans Ufer und half -seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber -zu den Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet -waren, traten bald wieder hervor und lehnten -an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die Wasser -nach den emporglimmenden Sternen schauend. -Mir berührte es das Herz absonderlich weh, ich -dachte jener, die nun die Erde deckte, die ehemals -lieb und traut an meiner Schulter lehnte.</p> - -<p>Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? -Warum ließen sie die Heimat? – Sie gaben mir -keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten sie -sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.</p> - -<p>Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem -sah ich die Frau, hoch, blond, ein schönes, trauriges -Gesicht mit großen, seltsamen Augen. Wenige -Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen -mich, und nie sah ich in einem menschlichen Antlitz -solch tiefes, wehrloses Sichergeben in ein Schicksal. -Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und neigte still -den Kopf.</p> - -<p>Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt,<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span> -diese Frau niemals gesehen zu haben, ich dachte -nicht eines Herzschlags Länge daran, jene hätte mich -als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich -den Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen -und harrte unruhig, wenn auch ohne Furcht.</p> - -<p>Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen, -vielleicht glaubte er ihr Gemüt vom Abschied -verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte leise -auf deutsch:</p> - -<p>»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.«</p> - -<p>Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein -Marmorbild stand ihr Antlitz in dem nächtigen -Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme -in der Luft:</p> - -<p>»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen -Lande?«</p> - -<p>Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der -Ritter sah verwundert zu mir her und lächelte wohlwollend, -möglich, daß er sich von meinem Aussehen -keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich -recht daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes -Bild, als tauche ein Meeresungeheuer -aus dem Hafengrund.</p> - -<p>»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span> -ich bin ein Pilger und walle zum Heiligen -Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott allein, -denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.«</p> - -<p>»Ihr seid geistlich – geweihter Priester?«</p> - -<p>»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen -Mundes, indes mir das Herz schier die Rippen -zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen ihren -Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte.</p> - -<p>Der Ritter nahm das Gespräch auf:</p> - -<p>»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein -Normanne. Wes Landes seid Ihr?«</p> - -<p>»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes. -Das Abendland ist mir geläufig auf deutsch, französisch -und sächsisch. Auch Italienisch lernte ich und -schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit, -Herr, vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten -sein. Lohns begehr ich nicht, aber Fahrt und -Pflege müßt Ihr zahlen.«</p> - -<p>Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen, -nahm mein leeres Beutelchen aus der Kutte und -wendete es um – ach, ein vergessener Pfennig fiel -heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in -das Wasser.</p> - -<p>»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherflein<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span> -des Armen opfere ich den Meeresgöttern, daß sie -uns sanft tun.«</p> - -<p>Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz -aber ward von einer noch tieferen Blässe überzogen, -und eine Träne hing an der blonden Wimper.</p> - -<p>»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn -plötzlich gellten von der Kogge drei Pfiffe, »es ist -kein Priester an Bord, und mein Gemahl – in den -Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!«</p> - -<p>Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes -Braue – ich stand an Deck eines Schiffes, das ruhvoll -mit geschwellten Segeln durch die Sternennacht -glitt, dem heiligen Ziele zu.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-03">3</h3> -</div> -<p class="drop">Die Kogge hatte nur Deutsche an Bord, Ansiedler, -denen die Heimat, Abenteurer, denen die -Welt zu eng schien. In den Kajüten der Ritter, -Herr Eberhard von der Wilze, und einige Kaufherren -aus dem Norden, die mit kalten, gleichgültigen -Gesichtern und hocherhobenen Nasen auf -das übrige Volk herabsahen und hinter unbewegten -Stirnen Zahlen und Warenballen von einem Ende -der Erde an das andere jagten. Heil mir, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span> -nicht als Herzog reiste – die Kogge wäre mein gewesen, -erfüllt von bechernden Mannen, und nichts -wäre geändert, als daß meine Tafel und meine -Laster ihren Schauplatz gewechselt hätten. Jetzt sah -ich Wunder, wohin mein Auge traf.</p> - -<p>Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen, -Beichte hören. Es kam mir nicht zum Bewußtsein, -daß ich Gott lästerte, indem ich das selbstgebackene -Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello -in sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine -Furcht, von den Menschen entdeckt, entlarvt, verworfen -zu werden. Aber sie knieten alle andächtig -um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet -am heiligen Wort.</p> - -<p><em class="gesperrt">War</em> es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es -mir künden. Einen wußte ich, der gläubig war und -voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes -sündiges Herz.</p> - -<p>Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner -niedersächsischen Heimat fortgetrieben hatte, erfuhr -ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren gelobt -und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand -mitunter bei mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften -in Deutschland, dem verbissenen Ehrgeiz<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span> -Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein -ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein -Bruder wurde.</p> - -<p>Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter -Stimme hinzu:</p> - -<p>»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes -ein wenig acht; sie hat die Gabe des Fernsehens -und quält sich in zweckloser Trauer.«</p> - -<p>Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich -allein, mit streitendem Gemüt. Beim Nachdenken -fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir absichtsvoll -entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend -und fast erschrocken auf mich richtete. Was ich von -ihr wußte, war, daß sie bestimmt niemals meinen -Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte verbarg -sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir -eine dunkle Scheu ein, ich konnte sie nicht bezwingen, -als ginge ein Teil ihrer Kümmernis mich -selber an.</p> - -<p>Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns -der Küste von Jerusalem, als der Wind mit einmal -schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos -in der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der -Nacht zu, aber in der Ferne des Himmels hockte<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span> -ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit -weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern -einem Rachen mit glühenden, drohenden Zähnen -glich.</p> - -<p>Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem -Munde am Bugspriet und starrte auf die unheimliche -Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei, -an den Planken klebte und einen unerträglichen -Modergeruch ausströmte.</p> - -<p>»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,« -versuchte ich ihn leichten Tons, »mich deucht, ein -Wetter kommt herauf.«</p> - -<p>»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte -sein Gesicht fürchterlich. Er zitterte am ganzen -Leibe vor Aufregung, der Schweiß rann ihm -über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich -mißtrauisch um und packte mich bei der Kutte. Heiser -stieß er aus der Kehle:</p> - -<p>»Behaltets für Euch, Vater Ronald: noch drei -Vaterunser, und diese guten Bretter stehen mehr -als je in Gottes Hand.«</p> - -<p>Er schob die Pfeife zwischen die Lippen, sein zerrissenes -Gesicht wurde hart vor dem nahenden -Kampf, ein schriller Pfiff versammelte seine Leute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span></p> - -<p>»Klar Deck!« befahl Meister Bornhövt laut. -»Weg mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist!«</p> - -<p>Aus der Masse, die auf Deck freiere Luft suchte, -drangen gequälte Schreie, unwillig stemmten sich -die Leute gegen den Befehl.</p> - -<p>»Fort mit euch!« brüllte der Patron. »Die Hölle -geht los, ihr Narren! Wählt, ihr Esel, ob ihr -schwitzen oder versaufen wollt!«</p> - -<p>Das Deck ward leer, an den Kajüten standen -noch einige Kaufherren und zeichneten auf einer -Planke mit Kreide Geschäfte auf; ich stand am -Bugspriet und verbarg mich vor den Augen des -Schiffsherrn, mehr aus Neubegier zu dem Kommenden, -denn aus Abneigung gegen den menschenüberfüllten -Raum.</p> - -<p>Indessen begann die Luft zum Ersticken heiß zu -werden, aus dem fernen Rachen brach plötzlich eine -ungeheure Zunge schräg über den schwülen Himmel, -ein rasender Sturm hob das glatte Meer und stieß -die Kogge wie einen Federball auf schwarzem -Riesenturm in die Höhe. Donnernd schoß sie wieder -in die Tiefe, stand zitternd auf, hielt, in allen -Fugen stöhnend, einen winzigen Augenblick in dem -brodelnden Kessel von Gischt und Schaum und flog<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span> -wie ein Pfeil in die krachende, blitzsprühende Nacht. -Der Regen rauschte und flutete, Wogen lärmten -über die Borde und übertönten das ohnmächtige -Wimmern unter den Luken.</p> - -<p>Die Nacht war taghell, ich sah die Mannschaft -mit Seilen an die Masten und an das Ruder gebunden, -den barhäuptigen Patron wie den Erzengel -des Gerichts über das Heck ragen und nach vorn -starren. Auf Menschenstärke war bei diesem Wirbel -der Wetter kein Verlaß, wehrlos waren wir -dem Verderben preisgegeben.</p> - -<p>Mit meinen ungewöhnlichen Kräften hatte ich -mich an den Borden halten können, ohne ein Seil -zu gebrauchen. An Furcht dachte ich nicht, ja, dies -Neue schien mir, wenn ich der Menschen an Bord -nicht achtete, schön in seinen unvergleichlichen -Maßen. Ich fühlte mich hineinverwoben in Schicksale -und Schicksal, und alles trieb einem mächtigen, -vernichtenden Höhepunkt zu. Mir ist in der Erinnerung, -als habe mein Herz gejubelt, und ich -glaube, mein Gedächtnis trügt nicht. Noch heute, -bei schlohweißem Haar, rumort ein seltsamer Geist -in meiner Brust, wenn die Kronen meiner Wälder -im Sturmwind brausen und dröhnen, als – ja, als<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span> -ritten die Götter der Ahnen siegjauchzend durch das -donnernde Gewölk.</p> - -<p>Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der -flammenden Peitsche des Gewitters mit ihrem -zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der Himmel -meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt, -das Schiff schien nur Tote zu fahren. Die -beiden Masten waren längst über Bord gefegt, zehn, -zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue -von einer Sturzsee erfaßt wurden, trieben irgendwo -in der Nacht.</p> - -<p>Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein -Stoß, als stießen wir auf Fels, das Schiff barst -langsam mitten auseinander, geisterhafte Menschen -wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf -Deck zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren -Blicken über steile Wände in die See, ein einziger -Schrei quoll aus der sterbenden Kogge. Ich -sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die -Finsternis gleiten, mit einem jagenden Gedanken -stürzte ich dem Holze nach in den Höllenstrudel. -Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende Stöße -warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum -und hing und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span> -vor Glück über Todesgründe. Und plötzlich -ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine Welle -schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen -Kopf der Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch -über Wasser und bettete ihn auf den Baum.</p> - -<p>Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz -in einem fort, Gott will mich nicht verlassen!</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-04">4</h3> -</div> -<p class="drop">Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der -Tag; wir trieben allein auf der öden See, kein -Segel, kein Land. Sie war noch nicht von ihrer -Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen -Atem. Ihre Hand umklammerte meinen Arm, dicht -vor meinem Munde lagen die weißen schmalen -schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am -Leibe, die schlankem kräftigen Formen traten klar -hervor.</p> - -<p>Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren -die einzigen Geretteten der lübischen Kogge.</p> - -<p>Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein -Leben ohne Hoffnung! Noch wogte die See erregt -und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die -Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span> -dem Holze, die Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. -Jedoch bald begann ich sie um ihre Ohnmacht -zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den -ich kaum bezwingen konnte. Wie die meisten der -Armen auf unserem Schiff hatte ich meine irdische -Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte -mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein -darin, doch ich konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr -zu laufen, Frau Gertraude zu verlieren, und -aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen -Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich -suchte meine gierigen Sinne abzulenken, indem ich -das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie für Linie -lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen -ein, den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette -mit dem Braunschweiger Löwentaler, die zarten -Hügel der Brust – ich ermattete mich mit -Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der -Durst knechtete mich und würgte mir die Kehle, daß -mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann. -Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde -umher, vergebens. Glühende Bilder tanzten vor -meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte nachlassen.</p> - -<p>Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span> -noch einmal auf, die Blicke flackerten über die Wogen -– ein Segel, seltsam geformt, ein Schiff mit -voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, -stürzte auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel -fletschender Zähne und schwarzer Gesichter, ein Tau -sauste auf mich nieder, ich griff es, packte Gertraude, -ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten -sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, -und wie ein Stein schoß ich wieder in die Tiefe, -allein, unendlich einsam, erlöst.</p> - -<p>Die Sinne fielen von mir ab.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-05">5</h3> -</div> -<p class="drop">Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans -Ufer trugen, ich hab es nie erfahren. Genug, Brüder -vom Deutschen Orden fanden noch Leben in -mir und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun -Tage darauf erwachte ich aus wirren Fieberträumen, -sah mich auf reinlichem Lager in einem hellen, -freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute -mich wehmütig an, seufzte und siegelte die Lippen -mit dem Finger. Eine Schale wurde mir gereicht, -die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen -und versank sogleich in tiefen Schlummer.</p> - -<p>Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung -brachte das Verlorene wieder, ich atmete -die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß -der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen -hatte; er erhob sich, als er mich munter -sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte den -Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher -Bruder des Ordens, ein Edler von Burgberg, und -seine traurige Stimmung erklärte sich mir bald: er<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span> -war der Vater Gertraudens, von der in meinen -Fieberreden schreckhafte Bilder flatterten. Ich -tröstete ihn, wie ichs vermochte, ich schwor, sie sei -lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er -schüttelte verzagt den weißen Kopf.</p> - -<p>»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder -gar –« er verschluckte einen Fluch und preßte die -Faust stöhnend an die Brust.</p> - -<p>»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über -das andere Mal, »waren nur Heiden an Bord? -Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«</p> - -<p>Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, -und selbst wenn ich ein Kreuz gesehen hätte; -ich würde es ihm verschwiegen haben.</p> - -<p>»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine -Templeisendirne!« Seine heißen Augen trafen mich: -»Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast wahrlich -deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu -retten. Daß es so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet -sei sein unerforschlicher Wille. Aber zu -dir –«</p> - -<p>»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid -mir nichts schuldig; ohne Euch dörrte ich jetzt im -Ufersande.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span></p> - -<p>»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden. -Du fiebertest und nanntest den Herrn von der -Wilze; da erst riefen sie mich. – Was willst du -nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte, -Freunde, Ordensbrüder? Hier heißt alles -Geld, mein Freund, das Heilige Land ist ein einziger -Marktplatz.«</p> - -<p>»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte -am heiligen Grabe zu beten und die Verwundeten -zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.«</p> - -<p>Der von Burgberg seufzte.</p> - -<p>»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos -im Lande, zu Tausenden sterben sie dahin. Verwundete? -Die Kämpfe ruhen ja! Unsere Führer -feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um -das Land ziehen, wie den Strick um den Hals eines -Schächers.«</p> - -<p>Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte -sich vor Zorn.</p> - -<p>»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue, -so wollt ich schwören, die Herren und Fürsten verrieten -uns an die Heiden. Nur die Narrheit oder -der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund -Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span> -– aber was soll dich das bekümmern! Du bist ja -wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können auch -Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht -gerade gern, denn ich hasse diese verlogene Zunge, -darin die Templer ihre Meineide tun. Will dir was -sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir -haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände; -beim Hospital, beim Handwerk, in den Wein- und -Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen, bloß das -Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so -tätig. Kannst mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber, -wenn ihm mit der Hand statt nur mit dem -Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von -euch Geschorenen in der Welt umher und stehlen -ihre Tage. – Laß dir Zeit mit der Antwort, ruhe, -wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen -Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen, -und dann sag mir frei deine Meinung.«</p> - -<p>Damit ließ mich der wackere Mann allein, und -die Langeweile besuchte mich sicherlich nicht, so voll -war mir Kopf und Herz.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-06">6</h3> -</div> -<p class="drop">Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten -war ich jordanaufwärts nach den Besitzungen des<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span> -Deutschen Ordens südlich des Sees Tiberias unterwegs. -Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne -anderen Lohn als die tägliche Notdurft; ich konnte -gehen, wann ich wollte. Meine Seele schrie nach -Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum -letzten Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte -das Blut in meinen Adern ausgetrocknet. Nichts -gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte, da -Sein Fuß gewandelt – aber ach, wo wäre der -Mund, der heute die Wechsler und Händler aus -seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde -kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer -Schwindel, schachern Juden, Heiden, Christen -in widerlichem Wettbewerb um das, was ihnen -die Krone des Lebens heißt: Gold.</p> - -<p>Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte -nicht beichten, konnte kaum beten. Wie sollte mich -ein Menschenwort vom Fluche lösen? Zweifel, -schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich -von der heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht, -aber er überflutete und brach die alten Formen und -fand kein neues Gefäß, rein und köstlich genug, ihn -zu bergen.</p> - -<p>In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span> -wahr, den Menschen fern zu sein. Den -Menschen und den Häusern, denn mir schien, es -knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den -mächtigen Mauern der Kirchen; das Gespenst des -Untergangs schritt mit der Frechheit des Lasters -dreist und offenbar über die Gassen.</p> - -<p>Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte -ich, ohne meine Sünden gegen die der anderen abzuwägen. -Mir, dem Beichtiger, waren auf dem -lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht -vor einem unbefangenen Richter teuflischer -und gemeiner als meine Tat galten; nicht vor mir. -Ich konnte niemanden fürder verdammen.</p> - -<p>Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl, -das Blühen und Wachsen der stummen Geschöpfe, -die in meiner Obhut waren, erfüllte mich mit bescheidenem -Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die -Kette der täglichen Wassereimer über das unersättliche -Land und empfand einen demütigen Zwang, -Besseres zu leisten als meine Gesellen.</p> - -<p>Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen -galt, ohne daß es mir damals zum Bewußtsein kam, -als hochmütig. Indessen habe ich gelernt, daß die -Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -liebt. Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß -sie meine Heimat berührt hatten, zeigte ich mich -lebendiger und forschte sie vorsichtig nach dem -und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes -wußte. Als jedoch Saladin stärker gegen das -morsche Königreich Jerusalem zu rennen begann -und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft -wieder kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine -Botschaft des Glücks und der Verzweiflung zugleich.</p> - -<p>Ich war in meinem Rosengarten – eine leichte, -duftende Freude neben meinen Pflichten – und -versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich ein -sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle, -saftigrote Knospe war eben aufgesprungen und -duftete süß und hingegeben in den laulichen Tag. -Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister -Otfried näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte -eine fröhliche Runde französischer Herren meinen -Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich die -neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und -berochen, und einer der Herren sagte mit Lachen:</p> - -<p>»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße -Blumenkind: nennt sie Aleit von Claraforte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span></p> - -<p>Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte -mich, suchte mit irrenden Fingern, mußte endlich -blutübergossen emportauchen.</p> - -<p>»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner -Seel!« plauderte der Ritter unbefangen weiter. -»Aber leider hat sie für niemanden anders Augen -als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog -ist ein wahrer König Artus an Tugend, Schönheit, -Mannestum.«</p> - -<p>»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich -tonlos, fessellosen Zorn im Herzen, und mich selbst -zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich niemals -viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.«</p> - -<p>Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes -Wesen konnte ihm nicht entgehen. Die anderen -hatten des gottlob weniger acht, sie standen bereits -entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd. -Der Ritter erwiderte schier achtlos:</p> - -<p>»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt -Ihr den Herzog und sein Weib? Wann saht Ihr -sie zuletzt?«</p> - -<p>Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer -mußte ich mich beherrschen! Und noch in diesem -Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span></p> - -<p>»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr -denn zwei Jahren zog ich an Claraforte vorüber in -dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat -– die meint Ihr doch? – durch einen üblen -Fall zu Tode gekommen. Der Herzog aber – doch, -Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten – er hieß -der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur -die Hälfte alles dessen, was sie ihm nachredeten, -wahr ist, so wird sich Satan für diesen Namensbruder -bedanken.«</p> - -<p>Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen -Fant; mich ärgerte die Kunde, ich hielt nicht anders, -als daß mein Stellvertreter eine neue Heirat getan -haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin -versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben.</p> - -<p>Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd -mit der Braue; jetzt wandte er sich gelangweilt -ab.</p> - -<p>»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich -sah Aleit von Montgerrat, mit dem Herzog und -ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in Paris -– ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken -Schlaf ein feuriges Mal wie von einer Narbe. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span> -Herzog Robert – mag er gewesen sein wie -immer – heut ist er einer der vornehmsten und -besten Ritter der Christenheit. – Was ist Euch? -Ihr solltet Euch nicht barhäuptig dieser verruchten -Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt -nicht: die Rose nennt Ihr Frau Aleit.«</p> - -<p>Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. -Die roten Blütenblätter der Rose »Frau Aleit« -erstarben in meinen mörderischen Händen, wollüstig -gruben sich die Dornen in mein Blut.</p> - -<p>Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße -fiel jäh von meinem Antlitz. Das Glück, kein Mörder -zu sein, ließ mich nicht jubeln, nein, ich schrie -wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott -und Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles -war mehr in mir, mit glühenden Zangen folterten -mich Eifersucht, Haß, Neid – alle dunklen Triebe -meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward -von einem Gebrüll zerrissen, das mir jetzt noch in -beschämten Ohren klingt. Im rasenden Gehirn erwürgte -ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den -Mann, der meine Züge trug, in dessen Adern Blut -von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit einer kalten, -hemmungslosen Lust am Morden, sah seine<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span> -hervorquellenden Augen, hörte das Brechen der -Wirbel und lachte, lachte – dieweil mein eigener -Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.</p> - -<p>Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War -meine Schuld an dich so riesengroß, daß sie solche -Strafe verdiente? O ich Narr der Narren! Ein -Kind war da, ein Erbe – ein Wählingerblut! Ein -Bastard vom Bastard – Herrgott, wo blieb deine -Güte, von der deine Diener so viel Aufhebens -machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen -Glieder dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, -voll von ihrer keuschen Leidenschaft – oder – oder -wissend und vom guten Tausch beseligt?</p> - -<p>Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, -Arme voll Rosen riß ich an die Brust und badete -mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut aus -hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott -und den Menschen verraten, betrogen, bestohlen! -Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit betäubte -mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. -Eitelkeit stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: -Beweise dich, zeige dich, du echtes, gerechtes -Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im -Bett einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span> -Kebsen und Dirnen, getragen in Unlust, geboren in -Schande, erzogen zum Betrug – zum – wie sagte -der Franzose? – zum vornehmsten Ritter der -Christenheit. Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen -ab! Wie schlau, ein bißchen zu schlau hast du deine -Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du -auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen -Arbeitsfäusten erwürge ich dich, und wärest du -außen und innen aus Erz.</p> - -<p>Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, -ich achtete sie nicht. Jäh floß der kühle Hauch der -Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze, keine -Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, -die über meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe -schienen. Zwei Jahre lang, Tag um Tag, hatte ich -diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen -Namen trug; indes er in den Wonnen des Paradieses -schwelgte, seufzte ich in der heißen Sonne -Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot -essend, der größte und törichtste aller Narren, die je -von ihrem heimatlichen Herde liefen.</p> - -<p>Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die -Genossen bei den Gästen und hörten voll Sehnsucht -und Heimweh die Erzählungen aus dem alten Lande<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span> -an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und -Gott war in meiner Brust erloschen wie eine -Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir vor den -Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land -raubte, mußte ich mein Leid ersäufen, anders starb -es nie. In diesen Vorstellungen erlangte ich, merkwürdig -genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß -war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich -durch die Gartenanlagen an die Siedlung, willens, -noch vor Tag mein Ränzel zu schnüren und mit dem -frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand zu -meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet -und dröhnend von Worten und Waffen. Abermals, -mitten in der Nacht, waren Gäste angekommen, -bis in den Hof standen die Knechte, und über -die weinheißen Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: -Krieg.</p> - -<p>Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich -drängte mich durch die Fremden in die Halle, -Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu -sich und sprach mit hellen Augen:</p> - -<p>»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. -Über vielen steht der Tod, und sie sollen getröstet -einfahren in das himmlische Reich. Saladin stößt<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span> -auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. -Oder halten dich deine Rosen?«</p> - -<p>»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, -Blut schwamm mir vor den Augen. »Aber gönnt -mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die -Seinen auch ohne mich.«</p> - -<p>Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die -fremden Herren neben ihm, die unsere Reden hörten, -lächelten spöttisch. Ich sah sie an, eiskalt war -mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren -beugte ich mich, packte mit der Faust einen der -schweren Eichensessel, darauf ein Ritter in voller -Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den -Tisch und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln -und Becher nieder, ohne anzustoßen, ohne Geräusch. -Viele sahen es und gafften mit verschlagenem -Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal -in meiner Heimat trunken und prahlerisch vollführt -hatte, ward inne, daß meine mächtige Kraft noch -gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz -und Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So -werde ich ihn erwürgen, den Bastard, und sein rotes -Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den -Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span></p> - -<p>Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem -Hochsitz und schlug mir auf die Schulter:</p> - -<p>»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch! -Und recht hat er, wenn er einen eisernen Wedel begehrt, -das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt -in mein Gefolge, Mann!«</p> - -<p>Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried -vor mir und sah mir tief in die Augen.</p> - -<p>»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er -leise, »wie dürften wir Gott einen solchen Arm entziehen! -Setz dich her, wir vermißten dich schon eine -Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um -die Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die -Sterne. Möchte so auch der Halbmond tun!«</p> - -<p>Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen -Becher voll feurigen Griechenweins. Ich stürzte -ihn, ohne abzusetzen, gierig nach Betäubung.</p> - -<p>Otfried sah mich verwundert forschend an, mit -dem Finger drohend:</p> - -<p>»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes -Mönchswesen beiseit. Nie hab ich dich über dem -Wein gesehen, und jetzt beschämst du die tapfersten -Schläuche.«</p> - -<p>»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittag<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span> -spottend ein, »die schöne Frau Aleit!« Und -wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen -Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese, -du Elefant! Wart lieber auf Saladins braunes -Geziefer, da passen gleich drei Hälse zugleich in -deine Klaue.«</p> - -<p>Ich schob den Becher schroff zurück und verließ -den Raum, wollte allein sein, keine fröhlichen Reden -hören, keine lachenden Augen sehen. Ins Schlafgemach -ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen -eine Decke, wickelte mich ein und legte mich -hinter die Gebäude in einen sturmgeschützten Winkel, -dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie -ein Bachgemurmel drang.</p> - -<p>Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen -Tiefen auf, Krieg, Schwert und Harnisch verwischten -die bunttobenden Leidenschaften zu einem grauen -Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte -mich sonder Wollen und Wissen in Schlummer.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span></p> -<h3 class="hidden" id="sect-07">7</h3> -</div> -<p class="drop">Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein -zerbeulter Helm, ein rostiges Kettenhemd; aber das -Schwert war vortrefflich: ein Zweihänder vom alten -Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner schwingen -mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack -geschnürt, die Mönchspapiere trug ich im Beutel -auf der Brust, wer weiß, wozu; ich konnte nur noch -arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte -nach der Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige -Land, das Heilige Grab – es waren bunte -Bilder am Wege meiner Rache.</p> - -<p>Wir zogen – ein stattlicher Haufe – dem -Hauptheere zu, schier stündlich vergrößert durch Zuwachs -von flüchtendem Landvolk, Christen und auch -Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr -noch als das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer -Herr war, wenigstens was das Leben anging. Saladin -preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in -den Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen -lebten, sahen keinen großen Unterschied und<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span> -begeisterten sich nicht einseitig. Es waren nicht die -Besten.</p> - -<p>Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem -Riesenstrom gegen die Küste, Karren, Reiter, Fußvolk -mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der -dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager -von Askalon wurden die Böcke von den Schafen -geschieden, die Krieger sammelten sich und zogen auf -das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt, -die fiebrige Stille vor dem Sturm begann -ihre Folter.</p> - -<p>Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im -Lager gesucht; jetzt stieß er unversehens zu uns, trotz -seines weißen Haares kampfbereit und aufrecht im -Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch -unter dem Helm, lachte und bot mir vom Pferde -die Hand; keiner von uns ahnte, wie bald wir die -Rollen tauschen würden.</p> - -<p>»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese -braunen Teufel austreiben wirst? Heuer kommen -die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah -ich die Plänkler über den Hügeln und – horch! -Was blasen die Hörner?«</p> - -<p>Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln,<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span> -ein freudiger Schein glitt über sein vergrämtes, -gutes Gesicht; kaum daß er Zeit fand, mir zuzunicken, -und fort sprengte er in die Reihen der -Deutschen Brüder.</p> - -<p>Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter -Hecke vor uns aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes -wirbelten auf, leise schütterte der Boden von zahllosen -Hufen. Ein Schauer überfiel mich – Angst? -Nein, nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, -aus mörderischem Herzen geboren. In starrer -Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte keinen anderen -Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, -und hatte doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, -als das Gewühl um mich wogte und ich, unwissend -wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben -um mich schlug. Das war ein ander Ding als ein -Turnei in sicherer Rüstung. Wie Heuschrecken wimmelten -die Heiden auf blitzschnellen Rossen um -unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten -uns wacker und trieben einen Keil in die Woge, daß -sie blutig zerschäumte. Atemlos spähten wir über -das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals -über uns her, wir schmolzen zusammen, hin -und her gezerrt, wurden immer weiter abgedrängt,<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span> -zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts -von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet -gegen den gewissen Tod.</p> - -<p>Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen -Teufel stutzten, rissen die Gäule herum und schossen -aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit starrten wir -ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. -Da klomm ein Roß über die Mulde, der von Burgberg -ritt langsam heran, bleich, mit geschlossenen -Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt. -Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein -Unsichtbarer, schlug die Augen auf, die schon im -Tode brachen, und lallte:</p> - -<p>»Sieg!«</p> - -<p>Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing -ihn auf, wir waren alle wie gelähmt. Mit stumpfen -Knien trat ich zu ihm und sah in seinen Augen das -Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem -Leichnam und erinnerte mich an die Stunde. Sonder -Umsehens sprang ich in den geleerten Sattel und -sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder -wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch -kreiste durch meine Adern, in meinem Herzen -schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in rasender<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span> -Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist -meine Heimat, Schwertschlag meine Freude. Ich -sah die fliehenden Horden ostwärts stürzen, hieb -dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel -und stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. -Junge Kraft rann mir durch den Leib, ich -genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel -hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die -schwingende Lust des Rittes und dachte an keine -Müdigkeit.</p> - -<p>Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten -die Hufe vor mir an mein Ohr, enger ward der -Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich -Seite an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, -ich schlug ihn mit der bloßen Faust aus den -Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner, -sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und -schlossen sich zu sieben oder acht zusammen, ihre -raschen Wüstengäule schossen wiehernd um mich her; -Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf -den Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei -meiner Seele, ich glaubte in dieser Stunde an ein -Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete -es falsch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span></p> - -<p>Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er -saß auf einem herrlichen Rappen, golden schimmerten -seine Waffen, vom Helm wallte ein edelsteingeschmückter -Schleier über seine Schulter.</p> - -<p>Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme -in mir. Die Beute heißt Überfahrt mit Mann und -Roß; in zwei Monden kannst du schon in der Heimat -sein, und dann –</p> - -<p>Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem -grausamen Hieb, es flog mit pfeifendem Stöhnen -über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben zurück, -der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von -seinem adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. -Plötzlich riß er das Roß mitten im Jagen -herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust -und traf mich mitten auf die Brust.</p> - -<p>Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten -vor meinen Augen, eine dünne Schlange zischelte -über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme; -rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger -und enger, und jeder Kreis war eine lederne Fessel -um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses Bündel, über -einem fremden Sattel lag.</p> - -<p>Gott hatte mich ganz verlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p> - -<p>Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut -füllte meinen tief herabhängenden Kopf zum Zerspringen -mächtig, Jammer und Ekel wuchsen größer -als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die -Vorsehung mit mir vorhaben, daß sie mich also hart -prüfte; jedoch dieser Gedanke, in bitterer Verzweiflung -geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein -Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder -Sklaverei heißen; aber eben jetzt, da ich noch eine -Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu werden, -konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als -das ärgste meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie -denn immer die letzte Folter am schwersten zu ertragen -ist.</p> - -<p>Eine gute Weile ritten die Heiden, was die -Pferde gaben; dann ging es sorgloser dahin, und -ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung -zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald -von Chatillons geringe Reiterschar durfte sich nicht -von der Masse des Fußvolks lösen, ohne in Gefahren -zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, -ich wurde auf ein ledig Roß gehoben, die -Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und -weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span> -den Kampf völlig aufzugeben; die paar Brocken der -Heidensprache, die ich aufschnappte, belehrten mich -über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem -pochte mein abendländisch Herz höher.</p> - -<p>Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die -Arme an den Leib gebunden, auch als der Trupp -zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter -Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief -alles ringsum bis auf die Posten, deren Lanzeneisen -ich von weitem im Mondenlicht blitzen sah. -Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn -vom Tag bei Askalon, und ein Lachen kam mich an -ob solcher elenden Beute.</p> - -<p>Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch -wälzte, die Riemen schnitten schmerzhaft in mein -Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht. Ich überdachte -die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden -hatte, und glaubte über meinen Bewältiger -klar zu sein: es war der Emir von Bachara, offenbar -ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. -Mich kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte -seiner nur, um meine gequälten Sinne zu beschäftigen -und abzulenken.</p> - -<p>In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener,<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span> -schöner Mensch im kräftigen Alter, -blickte kühl auf mich nieder und sagte zu meinem -höchsten Erstaunen auf deutsch:</p> - -<p>»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, -unterwegs nicht zu fliehen oder sonst gewalttätig -zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«</p> - -<p>»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine -Furcht!«</p> - -<p>Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur -ein Winkel seines Mundes schien zu zucken. Er -winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte -mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht -einmal auf den Füßen bleiben.</p> - -<p>Immer noch stand der Emir da und hatte eine -Frage auf der Zunge. Endlich hielt es ihn nicht:</p> - -<p>»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher -Verlegenheit. »Warum fiel mein Speer aus deiner -Brust?«</p> - -<p>Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das -Kettenhemd war zerlöchert und zerschlissen, ich -konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter -dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten, -die Münze meines Bruders und errötete bis -unter das Haar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span></p> - -<p>»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle.</p> - -<p>Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das -verbeulte Blech und sprengte an die Spitze seines -Zuges. Wir ritten.</p> - -<p>Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen -Höhen niederreichen und mein Herz berühren, fühlte -ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in die Heimat -gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und -jener armen Mutter, die eine Sommernacht lang -meines Vaters Spiel gewesen.</p> - -<p>Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen -mir in den Bart.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-08">8</h3> -</div> -<p class="drop">Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die -Wunder des Morgenlandes dufteten, glühten, -rauschten um mich her, inmitten immerblühender -Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten -verschwiegene Lauben, sangen bunte Vögel – -Wirklichkeit war auf einmal der nie erfüllte Nordlandstraum -vom ewigen Licht. Sie fragten mich, -was ich könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, -in flammende Märchen getaucht, hatte Freiheit, -so weit die Mauern um das Paradies, hatte -Brot, Lager, Himmel, Sonne.</p> - -<p>Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, -heut schlug es kalt in aller Pracht und Herrlichkeit. -Der Emir blieb unsichtbar; von Sklaven -aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, -mit denen ich arbeitete, wußten nur wenige Worte -Fränkisch. Es war gut. Ich war gezwungen, ihre -Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren -dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich -todmüde auf dem Lager, hatte meine eigene Hütte, -meinen eigenen Herd, denn die Sarazenenküche<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen, -was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie -überließen mich achselzuckend meinem Tun; auch -hier ward ich keines Freund, keines Feind. Vielleicht -wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich -wußte nicht mehr, wozu. Die Heimat mit ihren -Gestalten wich ferner, mein Haß gegen den Bastard -verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und -fand am Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das -heiß und leidenschaftlich mit Gott verbunden zu sein -wähnte, sah das Ewige fortan durch eine klare -Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, -wurde ich eine Kirche für mich und gewann -einen stillen, tiefen Glauben. Dies kam nicht von -heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der -Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor -meinem Hause, und doch hatte der Kampf um meine -Seele erst begonnen.</p> - -<p>Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir -von Bachara und erhielt das Bild eines außerordentlichen -Mannes. Der älteste Aufseher liebte -es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit -unterrichtete mich über Dinge und -Menschen lebendig wie ein sprechendes Bild.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span></p> - -<p>»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht -gewußt, wohin deine Striemen betten. Der Herr -– Allah erhalte ihn uns! – schwang die Peitsche, -seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten -die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann -erzählen, wieviel verdorbenes Menschenfleisch in -seinen Schoß versenkt worden ist. Da« – er stieß -den Daumen über die Schulter nach dem Harem, -dessen verhangene Fenster niemals geöffnet wurden -– »da wimmelte ein Ameisenhaufe von Völkerchen; -und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras -wachsen hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen -Tritt einer schlanken Gazelle.«</p> - -<p>Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie -aus Grüften, das runde Gesicht verzog sich zu einem -schwermütigen Trauerlied und malte ergreifend das -entvölkerte Lusthaus.</p> - -<p>»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit -deinen ungläubigen Augen zu betrachten. Sage, -Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren -Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick -auf eine Antwort, die ihm selbstverständlich -schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen, die -ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span> -wie Tau in der Sonne, bis auf eine. Christ, ich -habe sie gesehen, denn sie verschmähte den Schleier; -sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; -nur wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, -Erde, Meer und Himmel, in diesen leuchtenden -Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei -Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie -in Allahs höchstem Freudensaal. Und wiederum, -blickte sie auf dich, so blieb nicht eine winzige -Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen -Flammen brannten alles klar.«</p> - -<p>Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und -riß die schwarzen Augen weit auf, aber das Bild -dieser wunderbaren Frau zu schaffen gelang selbst -ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor -seine Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, -derweil von dieser Frau aus Nordland die Rede -war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert -hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit -ihre stille, heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung -dieses greisen Kindes leuchteten ihre -Augen auf mich nieder.</p> - -<p>»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und -Reinemachen! Um dieser blassen Stirn willen<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span> -mußte der ganze Harem wandern, und schließlich -saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. -Denn die blonde Frau gab einem Kinde das Leben -und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir warteten -alle gespannt auf das Ende der Totenstille, -aber es gab kein Ende. Der Herr läßt das Haus -verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die Peitschen -vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen -bis auf eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind -wird von einer Negerin betreut, einem wahren -Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist; -der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei -einer macht er eine Ausnahme.«</p> - -<p>»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es -denn –«</p> - -<p>»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn -der blonde Meerstern trug es schon, als er in unsere -Hütte schien. Der Herr hat dessen kein Hehl, aber -er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an -allen seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen -Blut. Stundenlang spielt er Kind mit dem Kinde -im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein -Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er -ist verhext, glaub es mir. Ein Mann von eben<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span> -dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine Erinnerung!«</p> - -<p>Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. -Mein Leben war nichts als Erinnerung.</p> - -<p>»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«</p> - -<p>Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete -meine Antwort nicht ab. Er hätte auch keine -erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem -spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die -gelbe Lehmmauer, dahinter das Kind der toten -blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein -Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen -meiner Rasse, meines nordischen Geblüts. Das -stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels -über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, -Meer, Haide und Wald in das dürre Herz.</p> - -<p>Was sollten mir Wolken und Land und See, da -ich Aleit verloren hatte. Und dennoch – tief innen -glühte eine Fackel für die Erde, die mich geboren, -glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und -Minneglück, von einem uralten, nimmer erloschenen -Feuer genährt.</p> - -<p>In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span> -es oblag, den Garten zu schließen, hatte mir seit -langem den Schlüssel vertraut – es waren über -der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr -zu naschen. Ich aber saß droben auf den unkrautbewachsenen -Steinen und suchte hinter den schwarzen -Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch -hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, -ein Tropfen Bluts aus nordischer Heimatwelle.</p> - -<p>Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über -verwehte Spuren der Liebenden. Das Kind schlief -seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-09">9</h3> -</div> -<p class="drop">Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu -belauschen. Stundenlang hockte ich in dem breiten, -dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über die -Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat -Sobeidens. Ein klares blondes Flämmchen -sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles, blaues -Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O -wie weh tut Armut! Hätt ich alle Schätze Salomos, -ich gäb sie hin, um das Kind einen Herzschlag lang -an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span> -die verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück -genug; meine Einsamkeit war gebrochen, meine Gebete -ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit -Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. -Das Kind hielt mich stärker als alle Fesseln. Mit -Schrecken sah ich die Regenzeit herannahen – -Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das -Kind würde mir geraubt werden, all meine armselige -Luft. Ich fühlte, wie es mein eigen ward, -wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen -Glut, die Männerherzen sonst nicht beschieden ist. -Der Emir allerdings – jedoch er war in Geschäften -des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah -ich ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, -und die Eifersucht quälte und verzehrte mich -lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf gestickten -Kissen mit meiner Freude tollen, er fing -mit ihr die bunten Federbälle, jagte durch die hohen -Räume des Harems den schlanken, leichten Reifen -nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien -Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht -sprachen sie Deutsch miteinander, die blonde -Frau sollte aus Deutschland gekommen sein; aber -im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span> -die Heidensprache süß und fertig von den Kinderlippen, -kein Ausruf einer jähen Bewegung zeigte -ihre Herkunft an.</p> - -<p>Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den -Rasen und meldete die bevorstehende Ankunft des -Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende von -Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast -getragen, alle Hände waren vollbeschäftigt, der -Garten scholl von Arbeitslärm, ich konnte nicht -daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern. -Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn -wie sollte ich es ertragen, daß ein Fremder mein -süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte, indes -ich verdurstete.</p> - -<p>Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder -Geschenken, hochbepackt, gesättigten Reichtums -kamen sie angefahren. In Käfigen saßen wilde, -fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die -Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit -dem frühesten auf meinen Baum zu steigen, die -Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich, war ihre -Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die -schönsten Blumenkelche gegeneinander und vermischte -ihren blitzenden Tau – eine Blütenhochzeit<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span> -voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese -Bilder vergessen.</p> - -<p>In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß -würde er noch um die frühe Stunde von den Anstrengungen -der sehr weiten Fahrt schlummern und -ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein -erster Gedanke war Sobeide, das sah ich, als ich -meinen Baum erklommen hatte und über die Mauer -blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen -Garten umher und zimmerten einen grünen Baldachin; -goldgestickte Ruhepolster lagen schon bereit, -der Marmorbrunnen sprudelte wieder.</p> - -<p>Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei -der Bestien mit einemmal lauter, plötzlich überschrien -von einem wilden menschlichen Entsetzen. -Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und -rannten hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte -die Luft, langsam trat durch das offene Tor ein -Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die -Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren -Flügel krachten zu, die Balken dahinter fielen -in die eisernen Klammern, hier und da schon löste -sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das -gefangene Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span> -hielte Gott den Atem an. Die Tür des Frauenhauses -öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend -über die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte -jubelnd in die Hände. Ich fühlte mein Herz nicht -mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem -Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, -stand jählings versteint in rasender Angst. Das -Kind hatte den Löwen endlich gesehen und sank -bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich -das Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. -Meiner ward es noch nicht gewahr; ich wußte -nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei der geringsten -Bewegung mit den nackten Fäusten wider -die Gefahr zu springen. Da tönte ein leises Zischen -neben mir, eine Lanze bohrte sich in den Boden, -handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war -wie in der Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, -mit einem Sprung stand ich neben dem Löwen und -jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher -Wucht, daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr -und in die Erde drang. Der Schaft brach in -meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb -mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen -Nacken und schlug die Arme um den Hals der Bestie,<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span> -so mächtig meine Kräfte waren. Es war ein Kampf, -in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als -meine Stärke. Ich sah nichts mehr, meine Augen -waren von Blut verklebt; ich schrie nicht, meine -Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. -Plötzlich schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten -schmetterten jubelnd aus lauter Licht. Vorsichtige -Hände suchten meine Arme zu lösen, -Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich -stammelte noch halb von Sinnen:</p> - -<p>»Das Kind! Wo ist das Kind?«</p> - -<p>Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es -in mir auf, ich sei blindgeschlagen, riß das Tuch von -der Stirn, sah das Licht und ein blondes Köpfchen, -und lachte und schluchzte selig ermattet.</p> - -<p>»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, -faßte mich um den Leib und trug mich mehr als er -mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf den -golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine -Seele sang ihren seligen Dank, indes der Schmerz -ungezählter Wunden stetig wachsend mich an die -Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in -glühenden Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in -meine Stirn, ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span> -Der Arzt des Emirs war um mich bemüht, -wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, -auch die Augen. Ich biß die Zähne aufeinander, -wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind hatte -sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust -gelegt, und ich hielt es in der hohlen Hand wie ein -Rosenblatt und wagte nicht, es zu drücken.</p> - -<p>»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. -Mir kam ein Lachen in die Kehle: dies Eisen hatte -sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir ein bitteres -Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen -und hörte ihn noch einmal wie aus Fernen:</p> - -<p>»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder –«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-10">10</h3> -</div> -<p class="drop">Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem -Lager, das im Palast aufgeschlagen und wie das -eines hochgeehrten Gastes war. Da ich sprechen -wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte -mir in einem silbernen Spiegel meinen Kopf: aus -einem Knäuel weißer Binden lugte nur ein Auge, -sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren -eingepackt; Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen -konnte ich nicht, die Kiefer waren vom Verband fest<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span> -aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen -fragenden Blick.</p> - -<p>»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch -das andere Auge hoffe ich zu retten. Dein Glück -wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder fast so -groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen -kühneren Mann gesehen als dich. Deine Sklaverei -ist zu Ende, du wirst beschenkt wie ein König in -deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, -und du verdienst es wahrlich.«</p> - -<p>Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: -dies dünkte mich ein schlechter Lohn, wenn ich -überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen, um -in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die -Hand aus und deutete dem Greise die Scheitelhöhe -meines Lieblings an; er verstand mich sogleich.</p> - -<p>»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie -würde zu sehr erschrecken, sähe sie den Retter so -elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert den -ganzen Tag von ihrem Riesen.«</p> - -<p>Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange -Nächte! Aber sie plauderte von mir, sie hatte mich -nicht vergessen! Wie weit mochte der Emir in seiner -Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -Leben aus: täglich durfte ich ihr Blumen -bringen, sie sehen, mit ihr sprechen – ach, nur ein -Ave lang!</p> - -<p>Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit -stand still. Vielleicht vergaß sie meiner in sieben -langen Tagen über ihren bunten Spielen, über den -tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten -sicherlich mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, -abends, wenn er mir den Brei aus Eiern und -süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich, -den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht -aufzureißen. So ergab ich mich denn, innerlich seufzend, -und harrte auf den nächsten Morgen, wähnend, -er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch -im Wein war ein Schlafmittel, meine Binden wurden -gewechselt, ohne daß ich es merkte.</p> - -<p>Dann endlich kam der siebente Tag.</p> - -<p>»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten -an, und der Weise lächelte verstehend.</p> - -<p>»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, -wenn unsere Rechnung richtig ist und deine Wunden -es gestatten.«</p> - -<p>Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste -mit geschickten Händen den Verband. Neugierig<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span> -hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte -ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick -ineinander; erst allmählich gewöhnte es sich zu seinem -Dienst. Ich versuchte einige Worte, aber sie -klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen -waren wie von Nadeln zusammengekrampft, von -den Schläfen zum Kinn schien eine stachelbesetzte -Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und -deutete ihm, den Spiegel zu reichen.</p> - -<p>Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein -Träumender stierte ich in ein Gesicht, das nicht mehr -menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu nennen -war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die -fleischigen Teile zerfetzt und nur ein blauroter -Stumpf mit blutverklebten Löchern, die Wangen -verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur -furchtbare Wunden mit schlecht verharschten Rändern. -Ein Wunder, daß Mund und Augen auf diesem -Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur -mit Mühe die Worte bilden konnten. Daß einige -Zähne fehlten, merkte ich erst später, der Mangel -des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.</p> - -<p>»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. -»Kurz ist der Erdentag, du wechselst ihn wie ein<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span> -Gewand oder wie bestaubte Reiseschuhe. Möge dein -nächstes Leben reicher geschmückt sein!«</p> - -<p>Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. -Meine Augen füllten sich vor Leid: nie wird die -Kleine mich ansehen, nie mich lieben können, so -grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als -ihr Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das -Laken bis zur Augenhöhe über mein zerrissenes Gesicht, -und das Herz bebte mir wie einem Buben in -erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs -neben ihr, und schon standen die beiden an der -Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu Boden. Der -Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der -Hand, die goldene Scheide war mit den herrlichsten -Farben ausgelassen, der Griff funkelte von Steinen. -Er legte ihn auf mein Bett und sagte:</p> - -<p>»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit -und sei fortan mein Freund, mein Bruder.«</p> - -<p>Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen -ließ, vor mein Gesicht, und die kühlen, süßen Kinderlippen -berührten meine Stirn.</p> - -<p>»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine -Stimmchen in einem wunderlichen Deutsch. Ich -lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob nicht, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span> -mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen -Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig -das Tuch auf, eine Wolke flog über seine Stirn, er -wandte sich schweigend ab.</p> - -<p>Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen -lag in meiner Rechten. Es plapperte und fragte -und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe mich -sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich -Federball spielen könnte und wann ich aufstehen -dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das Kind nicht -mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte -es nur mit den Augen an.</p> - -<p>»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.«</p> - -<p>Ließ sich der Emir nicht Vater nennen? Erkannte -er sie nicht als Tochter an? Ich schielte zu ihm hin, -doch er stand im Schatten, und seine Züge schienen -sich nicht zu bewegen.</p> - -<p>»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide -kommt nun jeden Morgen.«</p> - -<p>Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben -überflutete mich mit Entzücken. Am Vorhang -blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze -hoch und rief:</p> - -<p>»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span></p> - -<p>Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen -und starrte auf die Kleine; der Arzt, der Emir liefen -auf mich zu und legten mich sacht nieder, wähnend, -die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht. -Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der -Negerin stand und die Augen voll Tränen hatte.</p> - -<p>»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!«</p> - -<p>Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an -goldener Kette hing ein Braunschweiger Löwentaler -um ihren Hals.</p> - -<p>»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes -rätselhaften Wegen, und fiel erschöpft in die -Kissen zurück.</p> - -<p>Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände -zitterten leicht, als er mir über die Stirn strich.</p> - -<p>»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin -und senkte den Kopf, als betete er.</p> - -<p>Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die -Augen schließen und fühlte mich sanft entgleiten, -als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der -engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen -Weges waren erwählt und gezeichnet; ja, wahrlich, -kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen -Willen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-11">11</h3> -</div> -<p class="drop">Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet; -meine Rechte in seinen schlankem kühlen Händen -haltend, begann er halb Deutsch und halb in seiner -Heidensprache:</p> - -<p>»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte -sonder Zögern, denn Krankheit kennt keine Geduld. -Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht ich, sondern -der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von -Anfang an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches -Staubkörnchen auf Gottes ewigen -Wegen ist.</p> - -<p>»Ich ritt – es sind wohl sechs Jahre her – über -den Sklavenmarkt von Damaskus, mit einem dürren, -früh verschwendeten Herzen ritt ich und prüfte -Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer -Schar nackter Negerweiber, in einem linnenen -Hemde, darüber die Münze, die du bei Sobeide erkanntest. -Sie lehnte an einer Zeltstange, die Augen -geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin. -Ich kannte den Korsaren, dem Zelt und Ware zu -eigen, er hatte mir oft genug weiße und dunkle<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span> -Mädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen -Blick, sprang dienstbeflissen hinzu und griff mit der -rohen Faust an ihr Gewand, um mir ihre Glieder -hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf -und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer -vergesse. Freund, ich kann es heute noch nicht -erklären, ob es Liebe oder was immer war, genug, -wir brannten ineinander, und der weite Markt um -uns ward fremder als das Ende der Erde. Zum -erstenmal empfand ich deutlich: es lebt niemand für -sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander -verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll, -mehr oder weniger auf Tod und Leben, auf -Zeit und Ewigkeit.</p> - -<p>»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die -Zelttücher; ein Beutel Goldes, der für all seine -Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder zahm. -Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten -meiner Krieger nach Bachara. Und dies war alles, -was der Korsar von ihr wußte: Er hatte sie an -einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein -riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das -rettende Tau. Aber indes die Räuber ihren Fund -packen wollten, schlug der Retter mit dem Kopf an<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span> -das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war -geborgen. Du warst es, Ronald, und nun hast du -abermals in die Fäden meines Lebens eingegriffen, -mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«</p> - -<p>Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, -zum Heile sollte Gott mich von meiner -süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir -sprechen, wenn er <em class="gesperrt">meine</em> Geschichte erführe? Aber -nimmer würde das sein.</p> - -<p>»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus -und machte mich in der Nacht mit wenigen Begleitern -nach Bachara auf, in langsamem Trabe reitend, -denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte -jedoch keinen Grund für solche Zagheit. Daß jene -weiße Frau mehr als je ein Mensch mich beeinflußte, -wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag -es klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere -Beute aus Damaskus heimgebracht. Ich wütete -gegen mich selbst und suchte mit rohen und gemeinen -Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. -Zu meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, -eine von vielen war sie und sollte sie bleiben. -Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die Hufe<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span> -pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten -vor ihren Märchenaugen. Ich verfiel ihr, -je näher wir Bachara kamen, und mit einem Gefühl -halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, -kaum daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.</p> - -<p>»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen -meinen gemessenen Befehlen trug sie ihr verschlissenes -Linnen, trug es wie steinbesäte Seide. Sie berührte -nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich -neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, -tiefen Augen an, daß mir Zorn und Angst die -Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich mich, ergriff -sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß -nicht mehr, mit welchem rohen Wort, denn ich -wollte sie und ihren Stolz verwunden. Sie verstand -mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch -wußte sie nur wenige Worte der Lingua Franca, -und darin tat sie mir kund, immer noch meinen Blick -mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht beschieden, -Emir.‹</p> - -<p>»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so -ungezwungen stellte sie sich neben mich, daß jede -herrische Lust mich verließ und keine Waffe gegen -ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span> -der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, -Ronald, daß unglückliche Verkettungen die lasterhaften, -grausamen, tierischen Seiten meines Wesens -besonders gefördert hatten; aber unter den Augen -dieser seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten -Äste, trieben junge Wurzeln in heilige Gründe, -blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches begann -auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer -auf. Noch schlugen die Wogen der Leidenschaft -hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre wenigen -Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung -verspürte, so gewiß nicht wegen meiner -Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹ fuhr -sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und -nichts von Triumph verratend, ›doch es wird Zeit -brauchen, da es keinen Dolmetsch verträgt. Ich bitte -dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen hausen, -sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, -wo mein Schlaf nicht von der menschlichen -Schande entehrt wird.‹</p> - -<p>»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann -ich auf Antwort; fast kam mir ein Bedauern, diesen -unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich bedeutete -ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien,<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span> -und ich sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, -was ich wolle. ›Warum nicht?‹ fragte sie kühl dawider. -›Doch sei dem wie immer: hier in deinem -eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, -und darfst mir wohl ein ehrenhaftes Lager -neben dir gönnen.‹</p> - -<p>»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte -sie, daß mein Herz in hellen, reinen Flammen -stand. Ich erschauerte in dem ungekannten -Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine -Silbersaite klang in meiner Brust und schwang -einen klaren Ton in die Sterne, die durch unser -Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten -nach Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus -herrlichsten Seiden; voll Zutrauen legte sie sich nieder -und entschlummerte übermüdet, ihre regelmäßigen -Atemzüge durchzogen das Zimmer wie -sanfter Taubenflug.«</p> - -<p>Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein -Lächeln seine strengen Mienen mit Milde. Ich -fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen, -und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir -beruhigend die gesunde Hand.</p> - -<p>»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span> -sie noch in dieser Stunde zu Ende hören, soweit sie -ein Ende hat.«</p> - -<p>Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und -sah mit hoffnungsheißen Augen über mich weg in -das wolkenlose Blau des Himmels. Ich verstand -ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner -Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen -Händen.</p> - -<p>»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den -Schlummer eines Weibes gestört zu haben, aber -damals habe ich ihn bewacht, wie eure Ritter ihres -Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden -Launen: jetzt kam ich mir großartig, im nächsten -Augenblick abgeschmackt, im dritten schmachvoll -übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes ich -der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch -das Spiel war neu für meine stumpfen Sinne und -fesselte mich. Immerhin schien mir klar, daß ich in -der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte, -sollte ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe, -Freund Ronald, im Sieg über das Weib erblickte -ich zu jener Zeit meine Triumphe.</p> - -<p>»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten -meine Gelüste und dämpften meinen Mut. Ich ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span> -ihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad bereiten, -und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide, -wie ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den -Morgenimbiß. Mir war, als sei die Lieblingsfrau -Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle -Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit -wuchs unter den wenigen belanglosen Reden, die -wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am Stocken -des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder -Flucht, da uns zu dem, was uns im eigentlichen beseelte, -die gemeinsame Sprache fehlte. Mein alter -Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie -Salomo. Ich stotterte von einer dringlichen Reise, -befahl sie in die Obhut des Greises und wies ihr -meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort -und Atem holen.</p> - -<p>»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe, -aber nicht ein Sandkorn rann durch die Stunde, -ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und -Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem -zügellosen Erben war ein wortkarger, ernsthafter -Mann geworden, dessen Leben eben erst im Anfang -stand … Was ist dir?«</p> - -<p>Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel wallte<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span> -mir vor den Augen. Jenseits einer ungeheuren -Schlucht stand die Vergangenheit und winkte herüber. -Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in -Gottes Hand und dürftig ihre Schicksale.</p> - -<p>»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte -von den Anfängen des Lebens, die sich absonderlich -oft wiederholend berührten.</p> - -<p>Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr, -sichtlich in innerer Bewegung, fort:</p> - -<p>»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis -der Ewigkeit dieses Erdendaseins? – Doch laß -mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar meine Geschichte -nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt -ist. Die Sehnsucht – Wünsche ohne Häßlichkeit -– trieb mich wieder in mein Haus, ich sah -sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und -erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem -Augenblick versank die eben emporgestiegene gute -Welt in mir, ich wähnte mich von einer Dirne, die -sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten -Weise betrogen und packte sie rauh bei der Schulter. -Sie entzog sich mir nicht, sie richtete ihre Augen auf -mich, und meine sinnlosen Worte erstarben, die -freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln,<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span> -ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich -kämpfte. Der Arzt verließ lautlos das Zimmer.</p> - -<p>»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines -toten Gefährten,‹ sagte sie mit einem eigenen -Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden, Emir -Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke, -die uns zu überschreiten versagt ist.‹</p> - -<p>»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹ -rief ich freudig aus, alles Trennende vergessend.</p> - -<p>»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über -mir, ich hätte ihr größere Dinge geglaubt als dies: -›Emir, wir sind einander begegnet, seien es tausend -oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen -sind für immerdar nebeneinander in Gottes -bunten Teppich geknüpft.‹</p> - -<p>»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein -von ihren feinen Lippen; für mich, für mich -hatte sie die Worte gelernt. Und seit Ewigkeiten -war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten -sein! Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen -Glanze nieder und belehrte mich eines anderen, -Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen -gefunden.</p> - -<p>»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span> -ich leise, doch sie: ›Du magst es so nennen. -Aber das ist dir kein Wunder, nach der kurzen -Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den -ewigen Freuden im himmlischen Saal belohnt zu -werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben, wenn -du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da -Anfang und Ende? Dies irdische Gewand ist nichts -als das wechselnde, gebrechliche Gefäß für deine -Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren. -Emir Jussuf‹ – ihre Stimme klang wie goldener -Harfensang – ›du meinst, du dürstetest nach -meinem vergänglichen Leibe, weil er dich vielleicht -schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, -es steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen -einander.‹</p> - -<p>»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. -Ich glaubte in einer kristallenen Kuppel zu -weilen, klar bis in die letzten Tiefen sah mich die -Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über -meinem Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer -Lust und Leiden löste sich und gab einer Reinheit -Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell -durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung -hob mich aus meiner starren Einsamkeit, nie<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -wieder blieb ich allein. Und plötzlich ein Argwohn: -›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die -Christin, ich –‹</p> - -<p>»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die -Rede: ›Vor Christen, Moslem und Juden war -Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune -Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden -weiß und blond und blauäugig von den Nordmeeren -in diese heiße Sonne gefahren – Geschwister -vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, -gewißlich aber einander vertraut und lieb und eines -Blutes. Fällt dir der Glaube so schwer, Emir Jussuf?‹ -fügte sie schelmisch bei.</p> - -<p>»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von -der Erinnerung an unser erstes Begegnen in Damaskus, -das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen -zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹</p> - -<p>»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; -sie wiegte ernsthaft den feinen Kopf und errötete -zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob du ihre -Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie -klang warm wie ferne, schöne Glocken und kannte -kein Arg.</p> - -<p>»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise,<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span> -›mein Gemüt ist verwirrt von dem Vielen, das es -in kurzen Monden erduldete. Laß mir Zeit und -bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht -auf unserem langen Wege.‹</p> - -<p>»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und -Männer freundschaftlich nebeneinander hergehen, -war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie nicht -erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen -wolle. Und sie, munter und zwanglos: Warum sie -solches tun solle? Wenn ich sie nicht mit unerfüllbaren -Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als -in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete -sie mich und wies mit ernsten Brauen auf -das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich in -der Schande untertauche.‹</p> - -<p>»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem -Herzen beschloß ich sogleich, den Harem und -seine Völkerschaften auszutilgen, und dies, da es -Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie -vor Freude erröten machte. Es war zugleich der -sichtbare Abschluß einer stinkenden Vergangenheit, -und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites -Reich zum Guten. Aus den demütig ängstlichen -Gesichtern um mich her wurden vertrauende und<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span> -fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der -Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und -ich entbehrte nichts. Statt in schwüler Liebe weitete -ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der -Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd -aller Leidenschaft wuchsen wir zusammen, sie, ich -und das sprossende Kind in ihrem reinen Leibe.«</p> - -<p>Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die -Kraft fand, ihn trockenen Auges zu betrachten. Mein -Herz floß in Tränen über, so stark überwältigte mich -die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu verwandtes -Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, -indes mich der Engel mit dem Flammenschwerte -aus dem Paradiese stieß. Jetzt verschattete sich sein -eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler Stimme -nahm er seine Erzählung wieder auf:</p> - -<p>»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze -der Erde, um endlich doch mit leerer Hand und leerem -Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie, die viel -voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, -denn wie hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose -Ruhe bewahren können. Mit heftigen Schmerzen -traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das -Kind beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span> -Sie schleppte sich noch einen vollen Mond durch -ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die -Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den -endlichen Trank. Da sie heimging, noch bis zuletzt -von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam zu -ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns -nicht beschieden, Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, -treffen wir einander später unter besseren Sternen. -Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; -halt es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog -meinen Kopf mit ihren schwachen Händen nieder -und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal. Sie -war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst -nicht ermessen, was es heißt, die Liebste zu verlieren –«</p> - -<p>Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in -die gespannten Wundennarben drang und mein Gesicht -mit tausend Martern zerriß. Der Emir ahnte -nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, -und wie jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige -Striemen war. Dennoch lauschte ich ihm gierig -und gewann in aller Verzweiflung Trost in seinem -Schmerz.</p> - -<p>»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span> -dunkle Pforte zu stürzen, aber der lächelnde Friede -ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo Aufgaben -meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. -Das Kind wurde all mein Glück, und das Kind -wird mein Schicksal.«</p> - -<p>Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte -sich, er sah versonnen, fast heiter aus, als -verschwiege er noch ein Letztes, Schönstes.</p> - -<p>»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte -ich, mich gewaltsam ablenkend.</p> - -<p>»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen -Namen, den ich zu verschweigen bitte, sie nannte -es Herzeleide. Es war dies, glaube ich, eine Laune -ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich -Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide -rief. Jedoch – was fragst du nicht nach dir -selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der Weissagung -besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern -als in voller Klarheit. Eines Tags, ihrem -irdischen Ende nahe, sagte sie von dir, du würdest -mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte -mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; -sie aber lächelte nach ihrer Art und deutete: -›Deine Lanze wird ihn treffen, aber nicht verwunden.<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span>‹ -Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte -ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd -und glaubte, nicht einmal nach deinem Namen fragend, -an einen Zufall, bis Gott mich eines Besseren -belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden -Triebe, daß ich dich mit nach Bachara nahm, denn -seit Sobeidens erster Amme hatte ich keine christlichen -Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir -den größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer -tun kann; du hast die vor einem entsetzlichen Tode -bewahrt, die für mich wächst und die ich einstmals -heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß -wartet deiner, und meiner warten die Geschäfte, die -du, bist du genesen, brüderlich mit mir teilen sollst, -wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren -willst.«</p> - -<p>Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner -Decke und schloß:</p> - -<p>»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen -Mönchen; doch siehe, er fiel von der Wand, als ich -die Schatzkammer betrat, und ich nahm den Wink -für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«</p> - -<p>Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und -noch mehr Verwirrung und Erstaunen ließ er zurück.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-12">12</h3> -</div> -<p class="drop">Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. -Der Emir blieb jung, denn er sah in die Zukunft; -ich wurde alt, denn ich vergrub mich in alte -Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach -– was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt -haben? Eine schöne, ungetrübte Freundschaft umgab -uns, mit lebendigen Armen über viele Klüfte -greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, -reichte das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der -knospenden Lieblichkeit entfaltete sich eine lilienschöne -Blüte, bei mir ein Vaterherz erschließend -und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht -immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit -nahekommen, wenn ich meine, der Emir wollte -in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem gezwungenen -Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, -je weiter Sobeide in die Jungfräulichkeit wuchs, -und aus dem Berechnenden wurde ein Hingerissener, -der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span> -zügelte; denn trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide -im Herzen ganz Kind.</p> - -<p>Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht -gewesen war, seinem Wunsche keine Hindernisse zu -bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich -Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, -zu welchem ein Retter aus Lebensgefahr selbst aus -so fernen Kindertagen leicht werden kann – wenn -er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht -getragen hätte. Von all dem abgesehen, kannte -er die abendländische Seele nicht gut genug, um zu -wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete, nichts -von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch -welch ein trüber Ausgang!</p> - -<p>Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines -bunten Lebens auf, sie waren glücklich, rein und -reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und teilte -ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und -nötig hielt. Dabei muß ich erwähnen, daß viele -Gespräche mit dem Emir mich von Grund auf gewandelt -hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte -wie er in dem unerschütterlichen Vertrauen, der -Tod sei nur ein Wechsel des irdischen Werkzeugs. -Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span> -sich auf <em class="gesperrt">Erden</em> räche! Wie tief, daß alles Schicksal -nur ein Prüfstein Gottes ist. Da verlor mein eigen -Geschick seine Schrecken, wie es denn schon vordem -in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen -war.</p> - -<p>Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. -Der Emir war einer der fähigsten Köpfe, die mir -je begegnet sind; in einer stolzen, wilden Seele barg -er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. -Seine Vornehmheit saß <em class="gesperrt">unter</em> dem Kleide -und verriet ihn nie, in welche Lagen er auch durch -sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er -mit rührender Freundlichkeit und erwies mir, der -ich nur etliche Jahre älter war, eine schier kindliche -Achtung. Seine Diener waren gewohnt, mich als -zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat -führte ich oft während der Abwesenheit Jussufs die -von ihm begonnenen Arbeiten weiter, als sei er der -Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften -mich, ich war reicher als je und hätte ein großes -Schiff gebraucht, wenn mich das Gelüst in die Heimat -getrieben haben würde. Aber was war mir die -Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit -und Jagd, und auch bei der Heirat Jussufs sollte<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span> -das alte väterliche Verhältnis bestehen bleiben, dies -war mir zugesichert.</p> - -<p>Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um -so nachdenklicher zu, wenn sie ihre Bälle im Garten -warfen oder Schachzabel spielten, darin der Emir -ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als -Sobeide, aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir -seine Ruhe mehr und mehr und zog, nicht immer -mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich -hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen -nahm ich für Kindlichkeit, Jussuf dawider litt es -allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es als -Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide -war in einem Alter, darin die Frauen des Morgenlandes -längst mannbar sind. Sie mochte es auch -körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht -in ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen -Dingen. Ich hütete mich wohl, sie zu -wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle -sprengen, wenn es reif geworden ist.</p> - -<p>Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am -liebsten und rechnete den Unterschied des Alters -nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein Jüngling, -sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span> -war eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer -noch schön wie zu jener Zeit, da ich ihm begegnete; -ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß Sobeidens -Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden -würde. Aber »es war ihm nicht bestimmt«.</p> - -<p>Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig -wie möglich; ich wußte, daß die abendländische -Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und -in einem bedauernswerten Niedergang begriffen -war. Es ging mir nahe, doch ich sah nur die Folgen -schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit -stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 -kehrte Jussuf nach mondelanger Fahrt zurück, bat -mich in sein Gemach und teilte mir mit, Jerusalem -sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei -dieser Nachricht wurden alte Vorstellungen und -Bilder so stark in mir, daß mir die Tränen in die -Augen traten und ich an mich halten mußte, um -nicht meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die -bitterste Scham übermochte mich, hier tatlos gesessen -zu haben, indes draußen auf dem Felde die Brüder -den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für -was, den Tod der Helden jedenfalls; und gleichviel -für welchen Gedanken sie fochten, ich empfand meine<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span> -Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das -Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage -vor den Sarazenen.</p> - -<p>Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, -er drückte mir die Hand und sagte herzlich:</p> - -<p>»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme -dich nicht, auch deine Riesenkräfte hätten das Verhängnis -nicht gewendet. – Doch ich komme wegen -anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte -nicht ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst -viele der kriegstüchtigen Gefangenen eine Zeitlang -in der Sklaverei zu behalten, wenn sie auch in der -Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken, -warum: die Christen werden sicherlich versuchen, -die Grabeskirche wiederzugewinnen; uns -aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu verstärken. -Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort -sind, denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch -braucht Sobeide ein paar Gespielinnen, damit sie -nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«</p> - -<p>Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der -braunen Haut errötete.</p> - -<p>»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen -Mönchen,« scherzte ich, frohgelaunt über die<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span> -Abwechslung, und er, nicht minder heiter, tat einen -Blick auf mein muselmanisch Gewand.</p> - -<p>»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen -Mönchen,« rief er unter herzlichem Lachen, »es -wird niemand deine Heiligkeit erkennen. Freund, -wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«</p> - -<p>Mit solchen lockeren Reden begann das traurige -Abenteuer. Meine Vorbereitungen waren bald getroffen; -das Kind jauchzte hellauf, als es hörte, was -ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern -und Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne -daß ein leises Gefühl mich warnte, denn selbst die -Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit Je -näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir -zumute; das Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge -der Männer, Weiber und Kinder meiner Art, -das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen -waren und obdachlos zurückkehrten, da die -christlichen Schiffsherren sie ohne Geld nicht mitnehmen -wollten, dies alles drückte meine Stimmung -tief herab.</p> - -<p>Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt -über die Ordnung und Zucht der Sarazenen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span> -mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des Kampfes -ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich -zuletzt und trieb mich rasch an meine Geschäfte. Für -Sobeide suchte ich einige Waislein aus dem Deutschen -Hause aus, das war bald geschehen; darauf -ritt ich die Gassen der Gefangenen ab, und eine -nicht zu verjagende Unruhe ward Herr über mich, -da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich -sah kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, -Knechte ohne Herren, hochmütig noch im Unglück -aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte. -Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel -ergriffen sank ich im Sattel zusammen und starrte -irren Auges auf den Hals meines Pferdes, darauf -die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge -hatte ich mein eigenes Gesicht erblickt.</p> - -<p>Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich -besann, daß mein Antlitz undurchdringlich geworden -war und mit seiner grausen Entstellung jeder Ähnlichkeit -spottete. Doch war meine Verwirrung noch -so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem -Jüngling meinen Bruder zu erkennen glaubte. -Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott -entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span> -Spuk erlosch nicht, als ich meinen Irrtum erkannte -und sah, daß dieser Jüngling höchstens ein Sohn -des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.</p> - -<p>Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um -Zug sah ich den Vater, und daneben in zorniger -Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes -die Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! -Es sollte Tropfen um Tropfen für meine Leiden -bezahlen.</p> - -<p>»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.</p> - -<p>Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln -glitt über sein Gesicht, als er die Heimatlaute im -Munde eines Moslem fand, dann spottete er herbe:</p> - -<p>»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst -du für schmutzige Geschäfte, Alter? Pfui über dich! -Warst du ein Normanne, so schäme dich doppelt: -ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«</p> - -<p>»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du -nichts als eine Ware.«</p> - -<p>Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran -und ward handelseinig. Mich hielt es nicht mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span> -auf dem Markt und in der Stadt, durch die ich einst -mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das -Elend der abendländischen Ritterschaft, die nach -allen Richtungen verstreut wurde, und sprengte mit -meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll -verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des -Bastards kümmerte ich mich während der Reise -nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen Leuten. Ich -hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in -schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, -die wenig Kummer verrieten. Er schien sich in der -Gesellschaft wohlzufühlen, wie es dem Bastardblut -geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und -Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber -zu keinem Ende. Eine unerklärliche Schwermut, -mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend auf mein -Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks -rauschten die dunklen Fittiche wieder über mir, und -abermals fragte ich nicht nach Gottes Willen. In -Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne selbst -das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, -von Dämonen zerrissen, aber von schlummerlosen -Reisenächten gottlob ermattet, daß ich willenlos -versank.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-13">13</h3> -</div> -<p class="drop">Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den -Tag zurück. Die Erregung war einer Art von -Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr -Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich -doch nicht mehr für immer erobern konnten. Und -mählich klärte sich mein Besinnen: Was war Gott -mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille -Zeit verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit -für dies mein Glück? Also, sprach mein -Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine -Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu -und zögerte.</p> - -<p>Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ -den Bastard zu mir kommen. Er musterte mit seinen -schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu -grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und -schob die beiden zuspringenden Wachen mit mächtigen -Armen beiseite. Ich winkte, sie gingen betroffen -hinaus.</p> - -<p>»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« -höhnte der Junge, und bis auf die Stimme glich er -dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte ich -mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung -für die schöne, kühne, blonde Jugend,<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span> -die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und schon -wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde -dasaß. Über seine Frechheit weghörend, fragte ich -kurz:</p> - -<p>»Du heißt?«</p> - -<p>»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf -die Lippen und rief: »Was geht das dich an, alter -Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft oder hast -du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an -die Juden in Genua, daß sie mich auslösen, und -mach dein Geschäft an mir und dem christlichen Unglück, -aber verschone mich mit deinem Anblick.«</p> - -<p>»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung -ist nicht zu denken, du bleibst Sklave. Wer dein -Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig sein. Vergiß -dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir -angewiesen werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, -so wird dir kein Leids geschehen.«</p> - -<p>Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer -schoß, eine steile Lohe lief über seine Stirn, er -sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender -Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:</p> - -<p>»Mir ein Leids tun? Willst <em class="gesperrt">du</em> das etwa versuchen? -Oder vielleicht dein braunes Ziefer?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span></p> - -<p>Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle -lief warm über mein Herz. Ach, du prächtige, -großmaulige Jugend aus Nordland! Ach, ihr tolldreisten -Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! -Ach, ihr hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus -Wachs!</p> - -<p>Bastard oder nicht, der Junge war von echtem -Korn, und wäre er eines anderen Sohn gewesen, -ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen. -Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung -geworden sein, da er gegen mich offenbar -wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er brachte -mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen -Hügeln, mit den Stimmen des Waldes und dem -Leuchten der Wolken.</p> - -<p>Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene -Blicke auf die Reste meines Mahles tat, er mußte -noch nichts bekommen oder genommen haben. Ich -legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie -ihm, der dunkel errötete. »Nimm sie getrost. Ich -verstehe deine Abwehr gut, aber du darfst nicht verhungern, -und alles kommt aus derselben Küche. Ich -werde dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst -einmal als Sklave gehabt habe, bevor ich –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span></p> - -<p>»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge -trotzig und schlug das Brot aus meiner Hand.</p> - -<p>Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:</p> - -<p>»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und -sein Freund ward. Den Heiland habe ich nicht so -sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in den -Staub wirfst.«</p> - -<p>Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er -versuchte mich freimütig anzusehen und stammelte -höflich:</p> - -<p>»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«</p> - -<p>»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal -griff er zu, und ich sah seinem Hunger an, wie -schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.</p> - -<p>»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin -sorgt für Geiseln, denn da ihm das ganze -Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor neuem -Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«</p> - -<p>»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. -»Glaubst du, König Richard ließe sich das gefallen? -Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er erfährt –«</p> - -<p>Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span> -die Augen. »Warum zieht dein Vater nicht zu -Felde? Warum schickt er dich statt seiner?« fragte -ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte -sich, ein Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, -ob sie fröhlich sei.</p> - -<p>Bereitwillig gab er Antwort:</p> - -<p>»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu -tun, insonderheit bei den Unruhen der englischen -Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und -untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag -sie nicht verlassen. Auch hat er mich nicht geschickt, -ich bin davongelaufen, sonst wäre ich nie ins Morgenland -gekommen; denn ich bin der einzige Erbe -zu Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein -stilles Haus, Alter.«</p> - -<p>Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die -alten Tage zogen wundersam leuchtend herauf. -Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster, -keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam -nur traten seine Worte in mein Bewußtsein, herb -und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit sei -krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete -Harald, mir zu folgen. Durch Palmenwege -schritten wir zu dem Garten, den ich einige Jahre<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span> -verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, -war etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, -der Garten wurde von dem Hauptgesinde -mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der -Emir nicht mehr her; ich wußte, warum. In der -Mitte des Geheges wogte ein Rosenhain voll der -edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung -hatte ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. -Es war der Platz, auf dem Gertraudens -Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr -Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.</p> - -<p>Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.</p> - -<p>»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich -mit verstellter Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, -gelinder als das meinige. Die Beschäftigung mit -dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden -tut wohl und macht ruhig. Niemand soll dich -treiben; flick die alte Hütte und harre deiner Stunde -in Geduld.«</p> - -<p>Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah -mich mit lachenden Augen an:</p> - -<p>»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: -kann ich fliehen, so geschieht es.«</p> - -<p>Den anspringenden Schrecken – nachher wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span> -mir bewußt, wie sicher mein Herz empfunden – -dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich murmelte -einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, -den Wachen die Fürsorge für den neuen Gärtner -einschärfend.</p> - -<p>Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im -Kreise ihrer neuen Gespielinnen, und die jungen, -schönen Gesichter strahlten Freude über ihr unfaßbares -Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. -Sie hatten ein ganz anderes Los befürchtet.</p> - -<p>»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir -um den Hals. »Nun hast du eine ganze Gemeinde -für dich und kannst wieder Priester sein!«</p> - -<p>Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach -ein tolles Gelächter aus, und ich stimmte von Herzen -ein. Wilder konnten die Gegensätze nicht in ein -paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch -von der mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und -Leben und Geselligkeit schuf und jenseits der Mauer -ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch -in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum -für Trauer, ich vergaß und genoß.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-14">14</h3> -</div> -<p class="drop">Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe -der Sehnsucht, jede leichte Bewegung wurde ihm -zum Wesensspiegel. Da er nach seiner Rückkehr sich -über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen -flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie -tief und barg verschämte Augen vor seinem heißen -Blick; und als sie in der Abendstunde unter der -Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie beide -nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern -hüpften, toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der -Emir Schach, bei ungedecktem König; sie achteten es -beide nicht. In starker Verwirrung stürzte das Kind -die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief -schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.</p> - -<p>»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit -lächelnd, »nun ist ihr Gemüt doch wahrhaft -genügend bewegt, und das Herzchen steht in Flammen.«</p> - -<p>Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem -Strohhalm, seine Züge klärten sich auf, er faßte -mich um die Schulter und stammelte:</p> - -<p>»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind -verfolgt mich durch die Träume, aber ich kann, ich -kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld wehrt<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span> -mich ab. Wie? – Geduld? – Ich habe sie all die -Jahre gehabt, nun aber geht es über meine Kraft.«</p> - -<p>Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun -die letzten Wochen, die jungfräuliche Festung wolle -ihren Stolz, sich nicht so leichtlich besiegen zu lassen, -und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit -halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast -zurück. Wir waren ein paar alte Narren und wußten -es nicht.</p> - -<p>Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf -mich über, auch mein Schlaf wurde blasser und wich -einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein Arg, daß -Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames -Benehmen anders zu erklären sein? Wen anders -als ihn, der schön, treu und mächtig war? Es gab -keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles -denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor -ihr verborgen. Und doch fühlte ich ein Gewitter in -der Luft, der schwüle Hauch ließ mich nicht ruhen. -Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich -aufstand und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte -ich meine Schritte an das Tor, hinter dem ich der -Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen -aufschließen und trat ein, angenehm von<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span> -meinen Gedanken abgezogen von einer schmunzelnden -Erinnerung an den Jüngling, der dort sein -Herzogtum verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne -Haß unter den Sternen der kühlen Nacht, das Vergangene -schien abgetan, das Tote tot. Alles war -still, das Rosengrab Gertraudens stand vergessen -und traurig entblättert, die Wege herum waren -vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und -Büsche verwildert, unbeschnitten – Harald wünschte -offenbar sein Brot nicht mit der Hände Arbeit zu -verdienen. Eher beklommen und traurig als zürnend -schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte -wissen, was er trieb und dachte. Vielleicht hatte -Verzweiflung ihn in den stählernen Fängen, und -sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.</p> - -<p>Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß -noch wach. Verwundert rieb ich mir die Augen: die -ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen umrankt, -in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem -flachen Dach, das elende Gemäuer sah wie ein -Märchen aus. Hier also steckten seine Tage, nur für -sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich -näher und spähte durch das Fenster, vor dem zu -meinem höchsten Erstaunen ein seidener Vorhang<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span> -hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende, -Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte -unsinnige Brocken Deutsch und Normannisch -durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes, sehnendes -Wort aus Mädchenmund – meine wilde -Jugend stand so jäh vor mir, daß ich auf den Ärmel -beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der Tunichtgut -hatte eine der Gespielinnen Sobeidens -über die Mauer gehoben und koste mit ihr; und so -alt ich war, es reichte noch nicht zu einer greisen -Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter -eine hohe dunkle Staude, die Neugier hielt mich, -ich wollte wissen, für welche der Schönen mein Herr -Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen -gerichtet hatte.</p> - -<p>Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; -doch endlich ging die Tür auf, der Junge stand breitbeinig -davor und lauschte in die Nacht. Dann bog -er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, -hüpfte in seinen Arm und ward auf leisen Sohlen -an die Mauer getragen; vorsichtig machte ich mich -hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf -die Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen -hatte, und ließ ein Seil herunter, daran<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span> -ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne -setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.</p> - -<p>Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, -daß mir ihr Gesicht entgehen sollte; aber jetzt, da -die beiden auf der Mauer saßen, löste sich der -Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich -dem Beneidenswerten zu einem langen Kuß.</p> - -<p>Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner -Brust. Es war Sobeide.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-15">15</h3> -</div> -<p class="drop">Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen -Kopf ging, verschmolz in einer kalten Mordlust. -Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben! -Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige -Freund, den ich auf Erden besaß, seine Sehnsucht -in verschwiegenem Busen getragen, damit ein -hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen -Larve ihn um sein Eigentum betrog – er mußte -sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige Trauer in -das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das -Grab setzt Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. -Ungeheures wollte Gott von mir, damit ich -meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau,<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span> -die ich geliebt hatte und noch immer liebte, sandte -er in dies ferne Land zum Opfer meiner Treue, den -Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten um -der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte -ich meinem Schicksal männlich entgegengehen.</p> - -<p>Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei -der Hand und geleitete es in den Garten an die -Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, und also -spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner -Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit -verlockt hat. Er hat seine Strafe; forsche du der -Dirne nach. Und damit du ein größeres Frauenrecht -hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf -den Neumond festsetzen.</p> - -<p>So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte -von all dem unberührt bleiben. Wenn nicht der -Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies mußte -ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und -barg mich in den Schatten, den blanken Dolch in -der Faust. Seine sorglosen Schritte schollen über -den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin -und zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das -Licht und ließ den Mond auf die kahlen Wände -scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span> -Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; -nicht um mein Leben hätte ich ihn so erschlagen können. -Mit einem Sprung stand ich vor ihm und -packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort -und tat eine kaum merkliche Bewegung.</p> - -<p>»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« -fragte er gelassen und sah mich forschend -an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und was willst -du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch -nicht, mich halten zu können!«</p> - -<p>Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand -und nahm all seine Kraft zusammen.</p> - -<p>»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« -keuchte er, vor Unwillen und Anstrengung feuerfarben. -»So laßt mich doch und sagt endlich Euer Begehren!«</p> - -<p>»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die -Braut eines anderen zu stehlen?«</p> - -<p>»Ach, du Schleicher! – Die Braut eines – -Mach dich nicht lächerlich, Alter; ich habe den ersten -Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr täuschtet Euch -in der Dunkelheit und meintet eine andere.«</p> - -<p>»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. -»War es nicht Sobeide, mit der du in deiner stinkenden -Hütte freveltest?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span></p> - -<p>Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang -nicht echt.</p> - -<p>»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst -du? Wo sämtliche Rosen des Gartens zu ihrer -Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen -Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, -oder –?«</p> - -<p>Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß -die Lippen – wie eng beieinander wohnen Liebe -und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn -nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:</p> - -<p>»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr -Wissen. Genug davon: sage mir eins: Hast du sie -angetastet?«</p> - -<p>Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, -seine Augen gewannen eine Fülle rührender Kindlichkeit. -Als er schließlich begriff, wogte ihm das -Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand -auf meinen Arm und schrie:</p> - -<p>»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem -Ungläubigen willst du sie verschachern!«</p> - -<p>Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich -zwei Schritt zurück, Tod in den glühenden Augen. -Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde Befreiung<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span> -war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich -ihn nicht abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, -die aller Gründe vergaß, faßte uns beide, und -wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in -dem Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn -uns beiden war nicht um Horcher zu tun.</p> - -<p>Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche -Kraft war mir nirgends begegnet; ich keuchte unter -seinen gewaltigen Armen und brauchte meine ganze -Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf -ihn über die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und -drosselte ihn mit beiden Händen. Die Augen quollen -ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte wegschauen. -Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd -seine weiße Brust und unter dem Herzen das dreigespaltene -Mal der Trebilons.</p> - -<p>Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis -zu den Füßen, ich starrte entsetzt in das verkrampfte -Gesicht vor mir. Ich wollte schreien, aber nur ein -heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß -es nicht zu! Nicht zu!</p> - -<p>Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das -Richtige zu tun, überhaupt zu handeln. Wie eine -Feder schwang ich den schweren Körper auf meine<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span> -Arme und lief nach den Trögen, in denen das -Regenwasser für den Garten stand, netzte seine -Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an dem leblosen -Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, -ohne aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem -heißen Drang nachzugeben, diese geliebten Lippen -zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber Gott -rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen -nicht. Seine Liebe ergoß sich auch über diese grauenvolle -Stunde und prüfte mich nicht über meine Kraft. -Denn ich hätte es <em class="gesperrt">nicht</em> ertragen.</p> - -<p>Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes -Gesicht, unsicher blickte er mich an. Ich -legte den Finger auf den Mund und hieß ihn -schweigen.</p> - -<p>»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir -auch seltsam vorkommen. Bei dem ewigen Gott, ich -will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich miteinander -meint!«</p> - -<p>Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, -konnte ich nicht finden. Er sprang auf, taumelte -und stützte sich an mir.</p> - -<p>»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene -Art für Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span> -ein Gaul oder wie mein Vater – sag, kann ich dir -trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein -christlich Herz?«</p> - -<p>»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! -Wie alt bist du?« Er ahnte nicht, mit welcher -Spannung ich an seinen Lippen hing.</p> - -<p>»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er -verlegen, er fühlte seine grüne Jugend als wenig -ausreichende Grundlage für Liebesdinge; »jedoch in -unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«</p> - -<p>Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte -mich in eine wundersame Welt; er war mein Sohn, -mein eigen Fleisch und Blut. Die Zeit stimmte, -Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und -dies zu der Stunde, da ich Wildling sie schier zu -Tode schlug. Späte Scham stieg mir in das früh -ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ keine -Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, -mein Kind nicht in die Arme zu schließen! -Ich wußte nicht, wie das anstellen, da half er mir -selber:</p> - -<p>»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir -bürgen, daß du uns nicht beide verdirbst? Sobeide -und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie kannst<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span> -du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«</p> - -<p>In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein -Herz, fast hätte ich laut gejubelt.</p> - -<p>»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, -was ich dir jetzt zeigen will, für immer zu schweigen!«</p> - -<p>Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber -schob mein Gewand zur Seite und zeigte ihm das -Mal unter meinem Herzen.</p> - -<p>»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite -deiner Ahne. Nun bin ich der Mönch Ronald und -tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«</p> - -<p>Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann -sprang er auf mich zu, umarmte mich und küßte meinen -zerschundenen Mund und rief:</p> - -<p>»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine -Tochter, und dir – ein Bistum!«</p> - -<p>Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen -lerchengleich aus meinem Herzen; alles, alles -hatte mir Gott vergolten durch diesen einen kurzen -Augenblick.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-16">16</h3> -</div> -<p class="drop">Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum -Kampf. Jussuf war für einige Tage verritten; ich -hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können. Der Himmel, -der mich mit Freuden überschüttete, forderte -von mir Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich -hinein, was das Schicksal von mir erwartete. Pläne -wurden geboren und verworfen, es blieb nur die -Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, -und zagenden Herzens schritt ich in das Frauenhaus.</p> - -<p>Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so -fröhlich mich sonst dieses Licht gemacht hätte, heut -stimmte es mich schwermütig, denn ich kannte seinen -Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse -vor mir hatte. Mein Kind – war jener andere -nicht viel mehr mein Kind? Ich schüttelte die Gedanken -von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug -nicht die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener -Schicksalsfäden. Das Kind saß neben -mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span></p> - -<p>»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und -fühlte, wie sie schwerer an meine Brust sank.</p> - -<p>Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende -Angst in den Augen.</p> - -<p>»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«</p> - -<p>»Nein,« sagte ich und wußte genug.</p> - -<p>Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und -weinte leise.</p> - -<p>»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt -und verwöhnt, er liebt dich mit der Glut seines starken -und treuen Herzens; nun läufst du ihm davon, -mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«</p> - -<p>So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes -meins vor Weh brechen wollte. Sie sank in sich zusammen -und weinte auf meine Hände, unaufhaltsam -quoll die bittere Flut aus ihren Augen.</p> - -<p>»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«</p> - -<p>Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, -und sie, die bis vor kurzem von Liebe nichts wußte, -war nun ganz in Liebe getaucht.</p> - -<p>»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen -Bruder, er ist der edelste und gütigste Mensch – -nächst dir, Vater,« verbesserte sie sich und streichelte<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span> -meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich -seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann -nicht von ihm lassen, im Leben und im Tode nicht.«</p> - -<p>Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus -dem schlichten Grunde ihres Wesens wurzelecht und -selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem -Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in -Fernen; mir blieb keine Wahl.</p> - -<p>»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte -ich; »doch des seid gewiß, wir alle spielen mit -dem Tode. Nur die Flucht rettet euch, und wehe, -wenn uns Jussuf einholt!«</p> - -<p>»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit -glücklichen Augen, sie hörte nur das Versprechen der -Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber, Väterchen, -mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«</p> - -<p>Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit -überströmen, und er, der unser aller Schicksal in den -Händen hielt, blieb betrogen, einsam, leer in seiner -Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber -entglitten sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, -und ihr Leib zuckte hilflos in meinem Arm.</p> - -<p>»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte -niemandem mehr ein Leid!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span></p> - -<p>Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles -Leben währender Kummer ist. Nur die Erinnerung -blickt über das flache Feld und sieht nichts als den -hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, -der Freude, der Lust.</p> - -<p>»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit -zurückkehrend. »Es ist unmöglich, sie alle -mitzunehmen; je weniger wir sind, um so größer die -ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«</p> - -<p>»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so -ganz Weib, daß ich in aller Trauer lächeln mußte; -»er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum liebt er -nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und -klug, viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und -Pein bringe.«</p> - -<p>Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, -die fremde Wünsche und Hoffnungen ihr auferlegten, -drückte sie zu Boden; nur die junge, heiße -Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den -Sternen zu greifen.</p> - -<p>»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor -Abend, reiten wir davon. Keins deiner Mädchen -darf ein Wort erfahren; fort die Tränen, Verschwiegenheit -ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-17">17</h3> -</div> -<p class="drop">Ich schlenderte in die Ställe und musterte die -Pferde. Jussuf, dies ist der Dank für deine königlichen -Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose -Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein -Fürst neben dir gehen durfte.</p> - -<p>Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag -nichts Auffälliges in meinem Befehl, da ich oft mit -Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich in den -Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit -dem gesunden Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke -von einer Hammelkeule biß.</p> - -<p>»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und -ich. Der Emir wird kaum vor morgen erwartet. -Lege dein altes Gewand an und darüber diesen -Mantel. Und – hast du die andere Keule noch? -Gut, pack sie ein, ich will mich nicht auffällig versehen. -Du erhältst Bescheid.«</p> - -<p>Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, -meiner verworrenen Gefühle kaum mehr Herr. In -meinem Zimmer ging ich auf und ab und grübelte -über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, -tiefsten Worte, die ich fand, dünkten mich armselig -und schal. Das Mahl stand unberührt auf dem -Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch,<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span> -füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter -Stirn eine Menge Goldes in meinen Gürtel -und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst nahm -den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt -hatte, und all diese Dinge barg ich notdürftig -unter meinem Mantel. Das Gewissen betäubte ich -mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu -schreiben. Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause -meines Freundes – unter harten Augen verhehlte -ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie. -Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, -wohin sich wenden nach solcher Tat. Noch auf dem -Wege zum Frauenhause beschloß ich, die beiden -Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann -männlich vor Jussuf zu treten: Hier bin ich, morde -mich und kühle deine Rache in meinem Blut!</p> - -<p>Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige -Erleichterung, meine Tatkraft spannte sich freudiger. -Der Tod dünkte mich kein großes Ding, ich -glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war -mit solchem Abschluß zufrieden.</p> - -<p>Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da -eine jähe Entscheidung verlangt ward, blutete ihr -Herz um den Mann, dem sie eine sorglose Jugendzeit<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span> -verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen, -schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; -nichts von all den Beweisen von Jussufs -Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen -Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts -dawider, stolz auf ihren hohen, adligen Sinn, und -so wandten wir uns schweigend zu den Pferden, -stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel -führend, an die andere Seite des Gartens. Vom -Sattel aus konnte ich die Mauer erreichen; Harald -hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste -versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe -hielten wir an, banden die Schläuche und Vorräte -auf die Kruppen und bereiteten uns besser auf den -langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die -Jugend zum erstenmal unter fremden Augen an; -ihre holde, tastende Verwirrung hätte mich unter -anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte -es mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde -an und ritten wortlos in die nahende Nacht, von -niemandem belästigt, von keinem verfolgt.</p> - -<p>Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde -sie in das Abendland begleiten; ich mühte mich ab, -ihr meinen geänderten Entschluß in einer Weise<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span> -mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen -würde, aber zum Erfinden taugte mein Kopf heute -nicht, ich verschob die Aussprache bis an den Morgen. -Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz -zu lindern vermöchte, ich besann mich auf -meine Priesterrolle und stand so fern allen Formeln -und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen -Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen -Reise selber ehelich miteinander verbinden; Gott, -meinte ich, würde den Segen des Vaters dem des -Priesters gleichstellen.</p> - -<p>Der Tag begann mit karger Sonne, mir war -nicht zum Beichten zumute. Bei kurzen Rasten -ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine -andere Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige -Hafen, der der Christenheit noch im Morgenlande -verblieben war, und von dem aus wir mit einiger -Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem -Kummer lahmte Sobeidens Pferd; auch sie -selbst war von der äußeren Anstrengung und inneren -Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit -Zwang in den Bügeln. Es kam so weit, daß Harald -seine Beute vor sich in den Sattel nehmen und -mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span> -Kraft war dies eine kleine Last, und dennoch zitterten -seine Hände, als ich ihm das Kind emporreichte.</p> - -<p>Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der -Tiere willen zu einer längeren Ruhe bequemten, -sprach ich den Kindern davon, sie gleich an Ort und -Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in -welche Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie -griffen danach, als hätte ich ihnen die ewige Seligkeit -geschenkt; es war doch <em class="gesperrt">ein</em> Ziel dieser Flucht, -das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die -beiden Kinder knieten unschuldig vor mir nieder, -Hand in Hand. Die Stimme versagte mir fast, das -Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar -Worte stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete -ich sie ein, zog sie an meine Brust und küßte sie -beide in Herzenslust und Trauer.</p> - -<p>Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir -hatten alle inmitten der Nachtkühle fieberheiße -Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer Weile -bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter -den Sternen dahin, die beiden eng umschlungen, ich -mit Sobeidens Pferd am Zaum hinterdrein. Einmal -war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken, -aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren,<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span> -flimmernden Himmelssaum über dem silbernen -Steppengrase.</p> - -<p>Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr -verlassen, immer häufiger drehte ich den Kopf, und -endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen eines -Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich -neben Harald, dem ich leise befahl, schneller fortzureiten, -da ich, drohe Gefahr, rascher als er auf -seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte -kein Arg, trieb den müden Gaul zum Trabe und -verschwand bald hinter den Hügeln.</p> - -<p>Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal -zu, denn der aus dem Osten gegen mich anritt, war -der Emir.</p> - -<p>Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den -hemmungslosen Zorn in seinen Zügen; von seinem -Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, der keinen -Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit -dem Dolche. Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, -sprengte er heran, Mord in den verwilderten -Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der -Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war -verwirkt. Aber ich wollte dem Tod so lange wehren, -bis ich Jussuf das Glück der Kinder abgerungen. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span> -rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts -hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein -Pferd und rannte auf mich ein.</p> - -<p>Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, -nicht ich!</p> - -<p>Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, -zerschlug ich den Speerschaft mit dem Schwerte. Der -Emir tat eine unglückliche Wendung im Sattel und -stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand -plötzlich still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten -Tiere; Jussuf sank ohne einen Laut in -meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und wurden -mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er -schlug die Augen auf und sah mich erstaunt, fast -heiter an. Ich hatte die Hand auf seine Wunde gepreßt, -aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam -über meine Finger, er war verloren. Zu sprechen -vermochte er nicht, seine Arme lagen an meinem -Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden Kraft -und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein -Lächeln glitt über seine Züge und hielt mit einem -an, als schaue er entzückt ein Wunderbares. Stöhnend -strich ich ihm die Lider über die gebrochenen -Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span> -Schweiß und Staub. Dann hob ich ihn aus dem -Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab -und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken -in den Anblick seines friedlichen Gesichts, -das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel festhielt -und so schön war wie im glücklichen Leben. -Vielleicht, daß Gertraude seiner scheidenden Seele -winkend den Weg in die neue Heimat gewiesen.</p> - -<p>Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den -Seinen den blutigen Leichnam und mich selbst zum -Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos -trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch -in jeder Stunde von Gefahr umgeben. Bei ihnen -war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart, -die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich -ritt, hob ich mit dem Schwerte die Grasnarbe ab -und grub dem Freunde ein Bett. Dann säuberte -ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den -Blutflecken, legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte -das Grab zu. Ich sorgte, daß die Erde über ihm -nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, -indem ich eine Menge Steine zusammentrug und -einen Hügel von Gewicht und Dauer aufschichtete. -Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span> -Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier -und ritt den Kindern nach.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-18">18</h3> -</div> -<p class="drop">Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da -sie mich sahen, als ob ein Gespenst sie überrascht -hätte. Und ich – gelassen bot ich des Emirs Grüße -und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk -an Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen -und sei auf dem lahmen Tier langsam zu den Seinen -verritten.</p> - -<p>Sobeide beugte sich über meine Hand und -schluchzte leise:</p> - -<p>»Und du, Vater?«</p> - -<p>Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt, -ich starrte über die glühende Steppe und trotzte dem -Gott, der mich verfolgte, indes mein Herz wie ein -gefangen Wild in seinem Kerker tobte.</p> - -<p>»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie -ich rauh. Aber sie blickten mich erstaunt an und hörten -mich nicht; die Worte blieben mir in der Kehle -stecken.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Buch">Drittes Buch</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span></p> -<h3 class="hidden" id="sect-19">19</h3> -</div> -<p class="drop">Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, -zu Wasser und Lande voll von Ereignissen. -Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu geblieben, -aber von diesem Wege, seit dem Morgen, -an dem ich Jussuf begrub, habe ich nur eine dumpfe, -bleischwere Erinnerung, als sei ich ihn ohnmächtig -und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft -berichtet, wie ich bei Stürmen unvernünftig auf -Deck hin und her gelaufen sei, daß Harald mich halten -und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich gedankenlos -und ohne aufzuschauen durch Italien und -über die Alpen geritten, und daß die Ärzte in -Deutschland mich für zerrütteten Geistes erklärt -hätten.</p> - -<p>Ich <em class="gesperrt">war</em> krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner -Brust und verließ mich erst zu der Stunde, da ich -die Grenze meines Landes überschritt. Dort stand -am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei -tief in den Stamm geschnittenen verschlungenen -Herzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span></p> - -<p>Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte -zu Sobeide:</p> - -<p>»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, -die mein Vater ehemals in den Baum geschnitten. -Ich hätte Lust, auch unseren Bund hineinzuschreiben. -Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«</p> - -<p>Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. -Sobeide mochte es zu lange dauern, daß ihr Eheliebster -ein paar Schritt fern war, sie glitt aus dem -Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich -der Schleier von meiner Seele, ich starrte auf das -Bild und sah zwei, die vor zwanzig Jahren die alten -Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, glücklich -gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an -mir vorüber, klar und hart wie ein Wintertag, und -abermals hielt ich an der Grenze meines Herzogtums, -ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger -Greis. Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer -dunklen Lücke, ich ahnte, daß ich krank gewesen, ich -fühlte, daß ich genesen sei.</p> - -<p>Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, -denn der Abend schon würde mir ein Wiedersehen -bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht als alle -Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span> -Sinn, ohne mich mehr als flüchtig nur zu rühren, -denn mein Herz lag, kaum erstanden, in anderen -Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. -Ich sah den Himmel mit den wunderbaren -Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen schwammen -und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft -der Heimaterde, stark und lenzgeschwellt, mir war, -als senke meine Seele selige Würzlein in die Scholle -und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge -sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar -wie ein Kindlein an mütterlicher Brust.</p> - -<p>Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein -Schreibwerk hereinbricht, will ich deiner gedenken, -du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste -der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, -aber du vergißt ihrer nimmer. Du warst bei mir in -der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum gedacht, -du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, -Heimat, dich hab ich behalten von allen Gütern, dich -allein hab ich geliebt, ob ich dich auch hundertmal -verriet, gehemmt von Leidenschaften und Wünschen. -Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und -nichts war außer dir als toter Sand.</p> - -<p>Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span> -Lächeln dem Ende dieses Tages entgegen. -Die Kinder merkten verwundert, wie ich verständig -in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder -Freude ließ sich Harald den Zaum meines Rosses -aus der Hand nehmen. Jetzt erst drang mir auch die -äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein; -die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht -und ich selbst eine neue warme Kutte. -Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf – gottlob, -sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der -Tonsur verschont.</p> - -<p>Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte -im Walde, die Stille ging wie ein träumendes -Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher -Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte -rückte näher. Plötzlich lag die Burg vor uns, -steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond darüber -lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten -Wolkenwälder. Wortlos hielten wir an, gebannt -von der großen Art dieses Bildes, von Erinnerungen -und Hoffnungen überwältigt.</p> - -<p>»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise -zu mir. Ich neigte den Kopf; Gottes Wege, Gottes -seltsame Schicksale schlossen langsam ihren Kreis.<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span> -Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling -in das Haus seiner Väter zurück, Frieden und -Liebe schienen am Ende des blutigen Pfades zu -stehen.</p> - -<p>Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief -bewegt und schämten uns der nassen Augen nicht. -Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen -und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg -hinanritten; sie scheute sich, hier sogleich als künftige -Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe von den -Eltern erst bestätigt werden.</p> - -<p>Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der -Lärm der Diener, als sie den Jungherrn sahen, hätte -Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen die Alten -herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen -den Saal betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu -betrachten, denn es dauerte lange, ehe die Reihe an -mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden herbeigesehnt, -ging nüchterner an mir vorüber, als ich -gewähnt hatte, schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und -Harren hätten meine Liebeskraft verbraucht. Ich -kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für -Aleit gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards -fesselten mich fast ebenso stark. Trotz allem<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span> -mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß -ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser -seltsamen Heimkehr war, verlassen im Hintergrunde -stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß war, aus -den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den -schalen Rest der Höflichkeit zu bekommen.</p> - -<p>Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war -bleicher und zarter, silberne Fäden trug sie im Haar, -ihr Mund war weicher, ihr Blick versonnener. Mir -schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden, -und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe -auf ihrer Stirn betrachtete, glaubte ich den Grund -zu erkennen. Es war ein feiner Unterschied in der -Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings, -mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, -nichts fragend, weder mit Worten noch mit -Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von -seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen -Atemzug, dann erst schloß sie auch die Tochter in -die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung außer -mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben -von Claraforte rasch und wild an sich gepreßt hatte, -sich zu Sobeide wandte, lag sein Auge auf ihr, als -erforschte er ihr Blut bis in die fernsten Geschlechter,<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span> -und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: -dies Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem -anderen, harten, strengen Antlitz, das Furchen tiefer -Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, wandelte -sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, -und – weh! – mein arges Herz triumphierte -darob.</p> - -<p>Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald -zwischen den Eltern, Sobeide neben Aleit, ich neben -dem Bastard, und nun erst faßten sie mich genauer, -soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald -erzählte kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard -neigte sich verbindlich zu mir und sagte:</p> - -<p>»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger -Vater. Verzeiht, wenn wir Euch über -den Kindern vergaßen, es war die Freude des Wiedersehens. -Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der -Euch gehört.«</p> - -<p>Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und -klar; ich vermeinte, eine jungfräuliche Röte überzöge -sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß sie mich -erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine -liebkosende Berührung.</p> - -<p>»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span> -horchte auf und starrte mich an, zum erstenmal klang -der Name deutlich an sein Ohr.</p> - -<p>»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und -sichtlich mit großer Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei -Bewegung, es ward mir klar, sie wußte nichts -von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und -gab mir Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, -warum. Rasch antwortete ich, bevor das Benehmen -des Bastards ihr auffällig werden konnte:</p> - -<p>»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die -Stunde ist vorgerückt. Für heut, daß ich ehmals -Benediktus hieß und nun eines Toten Namen -trage.«</p> - -<p>Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine -Wangen. Er legte das Messer, daran seine unruhigen -Hände spielten, mit einem Ruck auf den -Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:</p> - -<p>»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, -vielleicht ist es derselbe; sagt mir, ehrwürdiger -Vater, wann ihn das Schicksal traf.«</p> - -<p>»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, -da Rainald von Chatillon den Sultan zum letztenmal -besiegte. Seht, Herr, er führte treffliche Zeugnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span> -mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften, -als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm -sie zu eigen; Gott möge es mir verzeihen.«</p> - -<p>Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein -Gelächter, da ihm die Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse -bekannt war. Und wiederum, zur selben Zeit, -umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles -Haupt, Trauer um das Wählingerblut, das er nun -unter dem Wüstensande modern glaubte.</p> - -<p>»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, -»hier gilt das gleich. Wir hängen nicht an Formeln -und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so lang es -Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt -Euch an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. -Wir wollen Euch danken, so lange wir leben, -denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«</p> - -<p>Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe -Bewegung zu beherrschen, offenbar hing sein Herz -an diesem Erben des Wählingerlandes, als sei es -sein eigener Sohn.</p> - -<p>»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten -an, indem sie Sobeide umschlang und mit herzlichem -Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.</p> - -<p>Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span> -verräterisch. Kein Wort, keine Bewegung, und doch -irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem -Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin -und legte eine ewige Kluft zwischen sie.</p> - -<p>Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der -Bastard selbst geleitete mich in mein Gemach; ein -Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich -merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer -für hohe Gäste, und folgte ihm mit sicheren -Schritten; die mannigfachen Stufen fand ich -blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an -dieser genauen Erinnerung.</p> - -<p>Plötzlich sagte der Bastard rauh:</p> - -<p>»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das -Haus von Kindesbeinen an vertraut.«</p> - -<p>»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich -zurück, »ich mache mich anheischig, Euch im -Dunkeln zu folgen.«</p> - -<p>Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu -besänftigen, er hob die Riegel aus der Tür des mir -bestimmten Zimmers und wünschte mir mit freierer -Stimme eine geruhsame Nacht.</p> - -<p>Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, -unter einem Dach mit meiner verlorenen Liebe, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span> -dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften -zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten -wie Sturmwinde um mein Lager; stöhnend -wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang -auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den -mailichen Garten, darin aus Blütendüften eine -Nachtigall dicht unter mir sang. Die Mauern, die -Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau -umsilbert in dem vollen Mond, die lauen Atemzüge -der Frühlingserde bewegten kaum ein Blatt; trunken -sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß -im Rausch.</p> - -<p>Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker -blickte der Bastard zu mir her, ich sah seine -Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört ins -Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand -über das Mal auf meiner Brust deckend.</p> - -<p>Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in -Aleits Kammer? Lebten sie auseinander?</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-20">20</h3> -</div> -<p class="drop">Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; -der Mensch, der es trug, war schon in meinen -Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span> -ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und -schwieg erbittert. Fort aus diesem Hause! Jeder -Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich konnte -nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster -toter Lenze beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, -als der Bastard eintrat.</p> - -<p>In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen -zu lesen, aber das Tageslicht zeigte deutlich -an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter verschont -hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte -mit gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, -ihm und Harald auf einem Ritt durch das Herzogtum -zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein, -einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die -Herzogin freue sich auf die junge, schöne Helferin -und wäre, da sie schwacher Gesundheit, gern mancher -Bürde ihrer Pflichten ledig.</p> - -<p>Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte -nichts argwöhnen, denn was sollte er mich sonst zu -solchem Ritt bitten? Wie es auch sei, ich wollte an -Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen -und stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit -nicht sogleich unter die Augen kommen zu müssen. -Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild der<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span> -heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, -völlig verwirrt, aufs neue rang die Seele um ihr -himmlisch Teil. Und, ach, um ihr irdisches.</p> - -<p>Harald erwartete uns schon mit den Pferden; -wir saßen auf und trabten ohne Geleit in den lichten -Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes Ding; -seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe -Landes hatte in seinem Munde ihre Geschichte. Ich -fand mich bald nicht mehr zurecht, mit wachsendem -Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem -Reich gemacht hatte. Da war kein Ödland -mehr, da standen keine verfallenen Katen, da traf -das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber -saßen die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen -Hügeln, das glatte, schiere Weidenvieh war einheitlich -gezogen und warf satte, bunte Flecke auf -schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, -damit Hirsche und Sauen nicht den Schweiß des -Bauern verderben konnten; wohin ich blickte, sah -ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der -Bastard auch an mir getan, er war ein Fürst und -Herr von echten Gottesgnaden und hatte sein Pfund -nicht vergraben oder gar vergeudet.</p> - -<p>Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span> -Tisch; es war dies der Sohn meines alten Zechgenossen -Roger des Wilden, den inzwischen der -Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein -böses Früchtchen im Gedächtnis, fand aber einen -wackeren, tüchtigen Mann, der Land und Volk in -Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen -und gekämmt in guter Haltung uns den Willkomm -bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre Flachsköpfe -machte, traf mein Auge zufällig den Blick des -Bastards, der mir voll feinen Spottes über mein -priesterlich Gebaren schien.</p> - -<p>Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; -der Herzog merkte mein Befremden über -die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und -sagte fast heiter:</p> - -<p>»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater -Ronald; da hängt das Geld, das wir nicht in den -Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das Wählingerland -hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen -außer denen, die uns dieser Wildling entführte.«</p> - -<p>Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald -zu, der in fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, -daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide zugebracht und<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span> -er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht -dummer geworden, seit er die Welt jenseits der -Grenzpfähle kenne, zumal da ihm sein Vater hier -jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als die -Jagd.</p> - -<p>»Dies kann bald genug anders werden,« sagte -der Bastard leise; sein scharfer Blick verschleierte -sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er ärgerte sich -über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran -die Wolken dunkler flogen, und bemerkte:</p> - -<p>»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; -mich deucht, der Tag wird mit Regen enden.«</p> - -<p>So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, -denn der Bastard hatte es offenbar darauf abgesehen, -uns zu zeigen, wie das Land in jedem Winkel blühe -und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich -alles eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut -des Wählingervolkes den Kranz. Zwischen seine -Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke aus -der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger -auf die Wunden der Staatskunst seiner Nachbarn -und des Rotbarts, der seinen besten Fürsten unbedacht -der Meute seiner Herren und Bischöfe -preisgegeben habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span></p> - -<p>»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann -nach meinem Herzen,« sagte er schier zornig, »und -wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte -schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, -wir hätten gesiegt!«</p> - -<p>Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem -Herzen, das zwanzig Jahre Frieden gehalten hatte -und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht gestanden -wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher -Funke, sein Gesicht straffte sich männlich und -gewann trotz aller Wildheit einen hohen, adligen -Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal -mit ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es -fehlte nicht viel, so hätte ich ihm den Arm brüderlich -um die Schulter gelegt.</p> - -<p>Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, -ein Regen, fein wie Nebel nur, schleierte -die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den -Boden.</p> - -<p>»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, -»damit uns Alten das Mahl gerichtet ist, und laß -in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«</p> - -<p>Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin -genug von der Weisheit der Älteren und konnte die<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span> -Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu schließen. -Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand -im Laub. Der Bastard dagegen verhielt -die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit klangloser -Stimme:</p> - -<p>»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder -Robert?«</p> - -<p>Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem -jähen Wort, und sah ein uraltes, verfallenes Antlitz, -voll einer fassungslosen Traurigkeit. Dies war -sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor -Mitleid. Er hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, -sie schwankte und zitterte in den lenzlichen -Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem -Beben ergriffen.</p> - -<p>»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« -fuhr er müde fort, »ich habe dir nichts von dem -Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich -habe sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«</p> - -<p>»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, -zermalmt von unsichtbaren Fäusten:</p> - -<p>»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«</p> - -<p>Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht -der langen dunklen Tage warm in meine Brust,<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span> -ich stand in einer inwendigen Lohe wie in Gottes -Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward -ich kindlich rein, geläutert von den Schlacken meiner -sündigen Begierden, befreit von dem lärmenden -Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine -Hand beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns -und tranken unsere Tränen.</p> - -<p>Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte -er leise:</p> - -<p>»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, -bis wir Besseres wissen. Nicht um uns, aber -um die anderen. Den Abend haben wir für uns, -und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«</p> - -<p>Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve -vor sein Gesicht, er reckte seine Gestalt, und wir -ritten schweigend in unserer Väter Burg.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-21">21</h3> -</div> -<p class="drop">Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um -so inniger klangen die Seelen zusammen. Wir betrachteten -einander heimlich; auch Aleit, obzwar in -dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und -wieder einen seltsamen Blick auf mich. Ich sah erst -jetzt genauer, wie überzart sie geworden war. Ihre -Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend -Reines, ihre Hände lagen blaß und durchscheinend -auf der Decke, die sie der Abendkälte wegen über -Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie, Jahrzehnte -von mir getrennt, immer noch als mein eigen, -und in tausend stillen Worten bat ich ihr alles ab, -was Verzweiflung, Not und Elend in meinen Gedanken -über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der -Öllampe warf einen Schein um ihr Haupt, der mich -Heiligung und Weihe dünkte, und zu meiner herzlichen -Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte -Groll in mir dahin.</p> - -<p>Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung -loszureißen, doch der Bastard wurde ungeduldiger;<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span> -ich merkte, wie er sich sehnte, sein Herz zu -erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. -Es war das schlechteste in der Burg und hätte -einem Mönch besser angestanden als dem Fürsten. -Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus -grobem Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch -ein Feuerlein sprang lustig im Kamin und spiegelte -sich in einer mächtigen Silberkanne.</p> - -<p>»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich -selber gewonnen habe,« begann er ohne Umschweife. -»Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle Trunk -aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte -seiner in den bitteren Nächten.«</p> - -<p>Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem -Blut, das schwer und süß in meine Sinne zog und -mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der südlichen -Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten -Heimatluft trotzen zu können.</p> - -<p>»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen -nannte; aber erst in der Nacht, da ich dich Nackten -auf dem Altan erspähte, ward mir Gewißheit.« Er -legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter -die Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr -drängender fort: »Schenke mir diesen Abend, du<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span> -kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte. Bediene -dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem -Bericht vergessen sollte, und verhalte dein Urteil -über mich, bis ich ausgesprochen habe.«</p> - -<p>Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie -damals spielerisch die Glut zusammen. Ihm selbst -war es gleicherweise eine Erinnerung, er seufzte auf -und sprach:</p> - -<p>»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber -Gott behält die Fäden in der Hand. – Als ich -zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht geworden, -der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie -es dem Hause des Todes ziemte, niemand begegnete -mir auf den Gartenwegen. So sehr war ich von -meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht einen -Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich -erkennen und entlarven. Aber gleich die erste Begegnung -schien verhängnisvoll zu werden, denn von -diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es -war der Arzt des Priors von Vargan, der mich auf -der Treppe grüßte und vertraut ansprach. Er meinte, -der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und -mir schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. -Wortlos wollte ich an ihm vorbei und in die Kemnaten,<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span> -doch er zog mich an der Hand zurück und -flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich -für einen Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, -ich gedachte deines wüsten Lebens und lachte ihn aus: -ob denn auch Tote gestört werden könnten. Worauf -jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen -Blicken maß: ›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. -Und ob es Euch lieb ist oder nicht, ich will mit -Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹</p> - -<p>»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in -der Gewalt, aber bei diesem Wort brachen mir die -Knie weg, und ich sank an die Wand, im selben -Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich -mich aufraffte, war der Arzt verschwunden, ich hätte -auch keine Frage für ihn gefunden. Wie ein Dieb -öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges -und starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein -erhellte. Endlich gewöhnten sich meine Augen, -ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die Stirn in -Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die -leise atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen -und strickte. Ich zog die Tür vorsichtig zu und ging -in dies Gemach; einem Diener, der mir begegnete, -befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span> -Wipold, jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er -war, wie du dich erinnerst, deinen Taten nicht -sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen -Blicken, wie sehr er mich verachtete.«</p> - -<p>»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen -lächelte.</p> - -<p>»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, -doch höre lieber. ›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, -›glaubst du mir, wenn ich ein neues Leben anzufangen -verspreche?‹ – ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold -messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon -geschworen habt.‹ – ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, -›ich schwöre bei dem Leben meines ungeborenen Kindes.‹ -Der alte Mann starrte mich zornig an, an -seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte -ihm an meinem Ton etwas aufgefallen sein, er -wurde unsicher und stammelte: ›Wenn ich dies glauben -könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im -Wählingerlande.‹ – ›Du kannst es glauben, Alter,‹ -versetzte ich, sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner -zögernden Hand, ›diese Tage haben mir die Augen -weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage mehr -erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne -Wein, ich verbringe die Nacht hier.<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span>‹</p> - -<p>»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen -nieder und küßte meine Hände, und wenig fehlte, so -hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein Herz, dem -das Wählingerland teurer als das Leben war, in -einer jungen Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, -und indes die Diener das Mahl trugen, kam -er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist -ein hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis -Eures Vaters.‹ – So, Bruder, bin ich -an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen -hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten -und nur in Herzensnot davon getrunken; -dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen mehr -darin.«</p> - -<p>Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum -Becher, den ich füllte.</p> - -<p>»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte -er schwermütig über meinen Eifer, und ich:</p> - -<p>»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und -haben voreinander nichts voraus.«</p> - -<p>»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in -einer strengen Schule gewesen, doch war auch vielleicht -dein äußeres Leben bunter als meines, inwendig -werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span> -fast zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom -Tode mit winkender Sichel bedroht, und ich hatte -noch nicht den Mut gefunden, in ihre Kammer zu -gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit -Macht der Geschäfte meines Landes annahm, und -hiervon, Bruder, will ich dir lieber schweigen. Genug, -beim Niedergang finden sich überall willige -Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. -Als ich mein Feld überblickte, begegnete ich störrigen -Gesichtern, allen war meine Wandlung unbequem, -außer dem geringen Volk und den wenigen von -guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag -als der eigentliche Born ihrer Kraft und die Quelle -und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber nicht von dem -zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich -Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war -schon gepflanzt. Ich betrat allein ihr Zimmer, sie -lächelte mir matt entgegen und hob beide Arme. Ob -ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen -Gefühl niedersanken, eh sie mich erreichten – kurz, -sie sanken nieder, und in ihren Augen glomm eine -schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch über ihre -Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes -trotz all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span> -Betruge getäuscht war und gläubig vertraute, du -stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich still neben -sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit -während ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und -nur zu dem Zweck, sie durch Taten von meiner -Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, -mir zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge -auf sie. Sie lag und weinte lautlos, stumm wie -Perlen rannen die Tränen über das regungslose -Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz -durchtränkt schien. Du weißt, Bruder, ich liebte sie -schon lange vordem, hoffnungslos und ohne -Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines -vielleicht doch einmal geträumten Traumes stand, -konnte ich das lebendig gewordene Bild nicht fassen. -Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen -stieß sie selbst mich zurück – zu meinem Glück, denn -sonst säßen wir nicht vor diesen Flammen. Endlich -streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und flüsterte: -›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja -glücklich, daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir -den guten Weg zu weisen. Hab Geduld mit mir, -Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum, -was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span> -ihren Blicken, daß ich verstört vom Lager sprang. -Vielleicht hatte der Unglückssturz wirklich ihr Gehirn -erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder -völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte -allein sein, allein bleiben, und dies kam mir, der ich -nicht daran dachte, dir, dem ich das Land genommen, -auch die Ehre zu rauben – dies kam mir gelegen. -Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, -daß ich oben im Turm mein Lager aufgeschlagen -hätte und daß es vorerst das beste wäre, es bliebe -so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des -Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir -auf, daß du von ihrer Schwangerschaft offenbar -nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. Ich -fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur -auf den Wangen, entgegennahm; mein Herz zitterte, -wie es nimmer vor dem Tode gezittert hätte, ich -beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, -mitten in meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie -wich mir erschrocken aus, von neuem in Glut getaucht. -Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand und nahm -Urlaub – Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, -den ich nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken -und Frohlocken in einem blauen Glanz vereinigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span></p> - -<p>»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze -nicht minder. Zwar war ich nach dieser -Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte -und also unser Plan gelungen, jedoch barg die -Zukunft Kämpfe einer Art, die ich nicht gewollt -hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre -die Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog -aus, ein Reich zu erobern, nicht aber ein Weib zu -stehlen.</p> - -<p>»Der Sommer war gekommen und Aleit außer -Bett, genesen zwar, doch zarten Wesens und in -ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der -Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin -sehen, daß ich mein Lager im Turm beibehielt, zumal -mich wachsende Geschäfte bis in die Nacht -fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward -Harald geboren, die Stunden fielen schwer und -traurig über sie, und ich konnte ihr am wenigsten -helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das -ich sonst peinlich vermied, verritt ich tagelang und -kehrte erst zurück, als der Sohn ihr im Arme lag. -Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein eigen -Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne -daß ich eine ungeliebte Frau zu heiraten brauchte<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span> -– dir zur Gesundheit, Bruder! – einen Erben -vom echten Stamm!«</p> - -<p>Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da -meine Zunge wie verdorrt im Gaumen lag. Aus -seinen Worten stieg meine versunkene Jugendwelt -auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte -im treibenden Regen der Frühling und goß Flammen -in meinen rüstigen Leib.</p> - -<p>Der andere fuhr fort:</p> - -<p>»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, -und so lebte die Gewohnheit uns, die wir nie -verbunden waren, langsam auseinander. In ihrer -Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen -schuldig blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, -und wenn du meine kostbar gestickten -Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. -Sie mußte in ihren Gedanken öfters bei -mir weilen, vielleicht sehnte sie sich nach mir und -überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun -mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im -Leben glaubte.</p> - -<p>»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. -Wipold starb; ich vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte -nach innen, denn nach außen hin hielt ich<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span> -es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im -heißen Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. -Sie spielte mit dem Kinde auf dem Rasen am -Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche -Bild entzückte und riß mich hin. Dann ward das -Kind von der Amme geholt; sie lag neben mir im -Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken -über das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die -schwer von Segen unter der Sonne zu atmen vergaß. -Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler -als sonst –«</p> - -<p>Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin -und her, derweil mein Herz so laut schlug, daß es -kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten -Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:</p> - -<p>»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich -das seltsame Leben nicht vor dir und mir klären -möchte. Ich riß sie in die Arme, ich fühlte den Druck -der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen, -aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte -sie totenblaß den Kopf und lief mit einer nichtigen -Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; die -Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und -wollte das gestillte Kind der Mutter wiederbringen.<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span> -Sie verweilte einen Augenblick, da der Junge nach -meinen blanken Borten griff und munter krähte; -doch ich, der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß -wohl eine wehrende Bewegung gemacht haben, und -die beiden stoben eilends davon. Harald glich in -seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem -Jünglingsalter schlug das Wählingergesicht durch. -– Ich blieb auf dem Platze, wie ein Besiegter auf -dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten -genau so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit -und tobte fruchtlos. Danach kam die Erkenntnis -meines Raubversuches und peitschte mein Gewissen. -Es war ja nichts geschehen, aber doch kann -ich selbst heute noch nicht ohne grimmige Scham an -diese Stunde denken. Ich war ein unreines Tier, -das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste -Frau zu zerbrechen willens war, betrügerisch und -verächtlich mehr als im rohen Sturm der Leidenschaft.</p> - -<p>»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, -mich zu entschuldigen, war mir genommen. Was tut -ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er nach -einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen -Stricken, und wahrlich, sie schnitten scharf genug<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span> -ins Fleisch. Wir mieden uns eine Zeitlang -mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall -vergessen zu haben und gewann ihre bescheidene -Heiterkeit zurück.</p> - -<p>»Als Harald älter wurde und der Mutter aus -den Händen wuchs, fehlte ihr die tägliche Beschäftigung; -sie fragte mich mehr denn früher nach dem -Stand der Dinge im Lande und wurde mir in -vielem eine kluge Beraterin, die oft mit klarem Herzen -schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer -fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; -aber nie wieder versuchte ich sie auf die Erde -zu reißen. Diese Gefühle sind niemals über unsere -Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der -leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen -uns wallte und einen lockenden, doch ehern -trennenden Schleier bildete. Es ist kein Tag vergangen, -Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein -Herzschlag war in jedem, der mich erinnerte, wie -kläglich und arm mein menschlich Teil geblieben -war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, -obzwar ich sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen -sind.«</p> - -<p>Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span> -daß ich sie verstand. Eine Frage schwebte mir lange -auf der Zunge, und wenn ich ihn auch quälte, es -mußte heraus:</p> - -<p>»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, -der Gedanke, mich zurückzurufen? Ein Wanderer -mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«</p> - -<p>Seine Züge vertieften sich und wurden hart, -knisternd stob die Glut unter dem Schüreisen, die -Flammen warfen flackernde Blitze über seine abgemagerten, -blutleeren Hände. Er hob die Augen -kühn zu mir und antwortete:</p> - -<p>»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, -so wirst du heute dankbar sein. Wir sind gegen das -Schicksal angerannt und haben uns die Stirnen -blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht -missen. Das Wenige, das ich von deinem Leben -weiß, lehrt mich deutlich, daß alles sein mußte. -Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und -unser Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift -auf deinem Antlitz, die, dein irdisch Andenken für -alle, die dich kannten, auslöschend, dir Tochter und -Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine -währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage -mir offen, was du von deiner Heimkehr ersehntest?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span></p> - -<p>»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte -ich, betäubt von dem unerwarteten Angriff. »Was -soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich will -nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in -deinem Lande als dereinst ein paar Fuß Erde, die -du mir nicht verweigern kannst.«</p> - -<p>In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen -Worte, zornig über seine Frage, zornig über mich -selbst, voller Groll über die Einsamkeit, in die er -mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln -spielte um seinen Mund.</p> - -<p>»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche -Erregung, »einmal können wir Aleit und den Kindern -alles erklären, und du gewinnst im Hause die -alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das -nicht gut, es wäre richtig, wenn ich nach außen Herzog -bliebe. Doch sei dir auch dies zugestanden, wenn -du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können -wir unsere Geschichte in unserer Brust begraben, -und du bleibst, ein Bruder und Freund, an meiner -Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du -auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. -Sage mir heute nichts, beschlaf es und künde mir -morgen den Bescheid.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span></p> - -<p>Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, -seine strengen Augen lachten mich freundlich an.</p> - -<p>Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte -Herz, fröhlich schwenkte ich die geleerte Kanne und -rief:</p> - -<p>»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage -vor den Kindern zum Narren machen? Und Aleit -dazu? – Wir wandern den zweiten Pfad, aber – -wie stehts mit der Wegzehrung?«</p> - -<p>Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit -zitternden Händen unter den Tisch und holte einen -verborgenen Krug hervor.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-22">22</h3> -</div> -<p class="drop">Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die -Gemeinsamkeit der menschlichen Schulden drückte -uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen, -daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale -kein Entsühnen bedeuten könnte. Wir vermeinten, -es genügte, wenn zwei alte Narren ihre Liebe begrüben; -wir schmückten die Gruft mit Rosen und -waren stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, -was die Menschen in ihrem Gedächtnis behalten, -sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt -die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit -menschlicher Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen -Auge der Ewigkeit erfaßt. Die Kinder gingen -ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher -und schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne -uns nicht gestoßen wäre. Wir vergaßen Aleits.</p> - -<p>Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue -Kraft zu gewinnen, ihre Augen blickten fröhlich, -ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten -uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft -Sobeidens zu. Es fiel mir nicht einmal auf,<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span> -daß sie mich häufig suchte; sie fand schließlich Gefallen -an meinen Geschichten aus dem Morgenlande -und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, -den sie in mir vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen -wir so selbstverständlich zueinander, daß mir der -Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen waren, -und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, -schöner Abendschatten, warm noch von den verglühten -Tagessonnen. Mitunter, wenn ihre Augen mich -liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem -Wesen einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam -mir ein Bedauern für den Bruder und eine scheue -Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und Verspieltes -zurückzufordern. Ich stand eng genug mit -ihm, um mich offen auszusprechen.</p> - -<p>»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein -Wunder, wenn Aleit dich sucht? Wir beide haben -das Selbstverständliche verkehrt, und nun will es -sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte -ich von Aleit, daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«</p> - -<p>»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend -ins Wort. »So lang Verstorbenes läßt sich nicht -wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein, und wäre -es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span> -kärglich Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele -sich zu der meinen ahnend neigt, so sollst du nicht -glauben, ich zöge sie mit Absicht.«</p> - -<p>Der Bastard lächelte schmerzlich.</p> - -<p>»Es kann mir nichts genommen werden, was ich -nicht einmal besessen habe. Plage dich mit anderen -Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden, was dir -ihr Herz bietet.«</p> - -<p>Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den -Augen, wie er durch die herbstlichen Büsche ging, -und mir schien, seine Schultern beugten sich mehr -und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet -wähnte, stand er vor einer Buche still und lehnte -den Kopf an den Stamm, als überwältigte ihn ein -plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und -verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos -blieb ich in meinem Stuhl sitzen, die Glieder versagten -mir schier. Ich hatte ihn lieb, wie ich Jussuf -geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie -jenem. Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich -auf der Welt war, ich vergaß es immer wieder und -verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches -Dasein.</p> - -<p>Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span> -verlassen und abermals pilgernd die Erde zu durchwandern, -dann wieder schien mir Friede in einer -Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem -Entschluß, der Winter brach früh und hart herein, -Schneewolken überschütteten das Land und trieben -uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem -Licht die zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener -und lieblicher tönten.</p> - -<p>Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach -weilte und vor dem flackernden Feuer alten Dingen -nachsann, derweil ich das Haus schlafen wähnte, -trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn -neben mich.</p> - -<p>»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst -gewohnt war, mich bei Namen zu nennen, mit -fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz -befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du -hier bist, bin ich gänzlich verändert.«</p> - -<p>In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück -und hob die klaren, ehrlichen Augen zu mir auf, der -ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und um Atem -rang. Und sie:</p> - -<p>»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß -meine Seele vor Geheimnissen sonderer Art steht,<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span> -und« – wie ein Hauch kamen die Worte von todblassen -Lippen – »schlimmer fast als meine Seele -meine immer noch wachen Sinne. Hör mich, Priester -oder Mensch, und sei mir ein klarer Bronnen, -darin ich mein Herz kühlen kann.«</p> - -<p>Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer -fast sachlichen Trockenheit fort:</p> - -<p>»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn -kennst. Er war ein wilder, oder richtiger, ein wüster -Jüngling mit unbekümmerten Lastern von Vatersseite -her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. -Denke das Schlimmste, und du siehst recht.«</p> - -<p>Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer -im feurigen Ofen um ihren kühlen Platz, denn -was mir jetzt geschah, war grausamer als alle Martern, -die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. -Feig zuckte das Herz in meiner Brust wie in einem -Kessel geschmolzenen Bleies, die Augen glühten mir -tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht, -Nacht und Schatten verbargen mich.</p> - -<p>»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt -mein Haus, und dies zu einer Zeit, da ich gesegneten -Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn -lieb und war sein eigen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span></p> - -<p>Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit -solcher schlichten Süße, daß ich den Blick auf sie zu -heben wagte. Ich sah ein Antlitz, das verklärt in -seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und -entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, -sie berichtete schwerer als vordem, indes sie mit -dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn streifte:</p> - -<p>»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des -Herzogs; ich reizte ihn so sehr, daß er sich vergaß, -und habe die Schuld recht eigentlich selbst. Es wäre -vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen -Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine -Stunde gefunden, mich ihm mitzuteilen. Wie es -kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, daß -ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist -von Sinnen. Der Herzog kam nicht an mein -Krankenbett, wohl aber brachte mir die Kammerfrau -Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude -füllten: er habe seinem wilden Volk den Abschied -gegeben und schaffe von früh bis spät für das Wohl -des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger -Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger -Mensch. Ich vermag nicht zu sagen, in welch hohen -Himmel mich die Seligkeit trug, denn all mein<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span> -Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte -ich, kannte seit je seinen edlen, tapferen Kern, den -er unter den Lastern barg, und ich war dankbar, daß -ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein dürfen. -Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, -ihn in die Arme zu schließen, mein Auge in sein -kühnes, lachendes zu tauchen!«</p> - -<p>Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in -ihren Zügen, sie stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, -fremd der zagsten Hoffnung, fuhr sie fort:</p> - -<p>»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, -daß es zwanzig Jahre Stunde um Stunde schmerzte. -Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen -glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von -Weibern verpestet, sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt -und geläutert. Aber da er sich zu mir wandte, -artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine -Fremdheit von ihm aus, die wie eine Wand aus -Eis zwischen uns emporwuchs. Mein Herz hörte -auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen, -entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht -mehr liebte – glaube mir, Mönch, denn du kannst -es nicht wissen: es gibt nichts Schrecklicheres, als -zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, als<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span> -der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt -und ohne Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du -gestorben. Der Herzog bemerkte es und ging, verlassen -von seiner wilden Weise, traurig fort.«</p> - -<p>Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie -lehnte erschöpft in ihrem Stuhl, den Kopf im -Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die blauen -Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch -ihres Atems dampfte in der Luft, die nicht mehr -von den Kaminflammen erreicht wurde. Mit einem -blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen zugleich, -und sagte:</p> - -<p>»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der -Herzog hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, -da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm über mich, -ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein -Sehnen hinauszuschreien, mein Sehnen und mein -seliges Glück, zu lieben. Ich war zugleich gesättigt -von Freude über Roberts Wandlung und dankte -Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie -erkoren. Stunde um Stunde horchte ich auf seinen -Schritt; mir schien, mein Gehör wurde feiner und -schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und -lauschte, wie männlich und fest sie geworden war.<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span> -Golden lag die Zukunft vor mir, denn ich liebte, -und er liebte mich, das stand in seinem Blick geschrieben. -– Schläfst du, Ronald? Langweile ich -dich?«</p> - -<p>Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, -die Arme auf die Knie gestützt. Meine Brust ging -schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der mein -Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die -Narben brannten, von der nahen Glut, der heißen -Scham zermürbt, Vergangenheit und Gegenwart -tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.</p> - -<p>»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort -mehr hätte mich verraten.</p> - -<p>»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte -mich der Herzog zum zweitenmal, und, Ronald, -meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte ihn -nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum -aufsehen vor Scham, diesen gleichgültigen Menschen -an meinem Lager zu wissen. Ich vermochte den -Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, -und sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein -Leben, ja das Leben meines Kindes darum gegeben, -ihn in die Arme schließen und herzen zu -dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne.<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span> -War es seine Wandlung? Dann her, -o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften Jüngling, -den ich küssen durfte und dessen Seele rein in -meiner Seele ruhte. Schon gab ich dem Gedanken -Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte meine -Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine -derartige Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, -den ich befragte, sah mich erstaunt an und lachte. -›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe und -einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel -dankbar, wie es das ganze Wählingerland ist; der -Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in Bälde seid. -Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹</p> - -<p>»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich -dachte seiner schon genug. Mit unendlicher Liebe, -wenn Robert fern war, mit Angst und Scham, -wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der -ehmals keine meiner kleinen Launen achtete, erfaßte -mein verändertes Wesen mit vollkommenem Takt, -und nur einmal strömte er über und riß mich an -sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt -Gesicht und ließ mich wieder, für immer. -Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu gehen, er -mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span> -tat seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; -unsere frischen Leiber verwelkten glücklos wie unter -Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß der -Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, -das fühlte ich in jeder Stunde, nicht die Gottesmutter -erkoren hatte. Ohne das Kind hätte ich dies -verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, -Harald eines Tages den Männern überlassen zu -müssen. Aber das Herz ist ein tapfer Wesen und -stirbt nicht vom ersten Schlag.«</p> - -<p>Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen -Seufzer; ich betrachtete sie verstohlen von der Seite. -Wahrlich, ihr Herz war die Tapferkeit selber und -leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme, -blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind -erwartete, war schön und herbsüß wie in der -Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von der fiebernden -Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete -meinem Blick, las und senkte die Lider.</p> - -<p>»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch -Schlimmeres zu berichten, das dein Auge am wenigsten -verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief -und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als -sonst an den Herzog an und fand, was ich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span> -suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß Alter -und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert -hatten, jedenfalls saßen wir nun öfters des Abends -ruhig beisammen und rätselten über den Jungen, -der uns beiden teuer war und in dem sich unsere -Liebe wunschlos fand. Das gemeinsame Leid ließ -die Scheidewand schwinden, es fand sich hier und da -Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten – -denn ich konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen -lesen – meine Blicke in die Ferne, nach Jerusalem -gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du -kamst hierher und brachtest die Kinder, und von -Stund an senkte mich ein neues Geheimnis in neue -Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf beobachtet, -es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich -erzähle. Gleich in den ersten Tagen nach eurer Ankunft -bemerkte ich eine eigentümliche Freude in mir, -es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr -der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich -Robert mit veränderten Augen betrachtete und -meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe erobernd -in das alte Herz. Mir war, ich sei von -Blindheit genesen, ich brannte, da wir alle beisammensaßen, -ihn zu küssen, und nur eure Gegenwart<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span> -hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, -und eines Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm -hinüber in den Turm, beglückt von der jungen Glut, -die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete -Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich -errötend vor ihm stand und schließlich vor Scham -fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es war wie -immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand -vor mir, meine Liebe war verflogen. Mir fiel keine -Ausrede ein, ich mochte auch nicht lügen; einen Gruß -stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches -Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war -eine arge Zeit für mich, das Leben neben euch -kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die Ursache -meines merkwürdigen Wesens fand; es waren -nicht die Kinder: es war deine Gegenwart, die -Totes aufweckte.«</p> - -<p>Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und -erwartete das Beil in meinen Nacken zischen; ich -fühlte mich entlarvt, nackend vor dem letzten Richter, -vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine -jämmerliche Schuld.</p> - -<p>Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun -müde und hoffnungslos, daß ich sie kaum erkannte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span></p> - -<p>»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn -du es vermagst, welch ein Rätsel Gott unter so seltsamer -Hülle verbirgt. Du hast manche Schicksale und -vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals -Ähnliches begegnet?«</p> - -<p>»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus -dem atemlosen Wasser auftauchend. Ich vergaß jede -Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den Laden auf -und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen -entgegen, die wie ungeheure graue Tiere durch den -Nebel jagten und mit kühlen Zungen über mein -Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah -ich aus brennenden Augen ein Bild: die dorrende -Wüste, von heißen Sandwolken überfegt, ein steinerner -Hügel, und darunter, im Frieden des Todes -lächelnd, Jussuf.</p> - -<p>Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig, -von feigem Neid zerfressen und ermattet.</p> - -<p>Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand -auf meine Schulter.</p> - -<p>»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von -so verirrter Seele ab? Ist deine priesterliche Gewalt -nicht groß genug, meine Schulden mit dem Absolvo -zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wie<span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[210]</span> -das deine gelitten hat, so große Sünde nicht mehr -fassen? – Einen weiß ich, der mich dennoch aufnimmt, -denn ich fühle seinen kalten Atem hinter -mir.«</p> - -<p>Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse -Angesicht von einem Schein verklärt, der nicht -mehr von dieser Welt war. Von der eigenen Angst -plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert -auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor -den Laden, schürte das Feuer noch einmal und stand -wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß ich mein -lahmes Herz empor und haschte ihre Hand.</p> - -<p>»Arme Frau,« sprach ich heiser vor Aufregung -und unterdrückten Tränen, »wer wollte Euch richten? -Hat Gott Euch in so schwere Schicksale verstrickt -und habt Ihr Euch so tapfer gehalten, dann -ziemt Euch himmlischer Lohn weit eher als irdische -Sühne. Euer Leben ist seltsam zerbrochen worden, -doch glaubet, Frau, wir leben nicht zum letztenmal -auf dieser Erde! Ihr beide, Robert und Ihr, seid -eins in zweierlei Gestalt, und wechselt ihr das verwesliche -Kleid, so wird ein neues Dasein die Frucht -des alten weiterreifen bis in Ewigkeit. Des seid -getrost und freut Euch: nimmer könnt ihr zwei euch<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[211]</span> -verlieren, ewig werdet ihr verbunden sein, und eure -Hölle und euer Paradies liegen nicht über den -Sternen, sondern hier auf der Heimatscholle.«</p> - -<p>Ich sprach für mich selbst, für meine eigenen -Wünsche, meinen eigenen Glauben. Und dies war -es, was meinen Worten eine heiße Überzeugungskraft -gab. Sie verstand nicht, was ich meinte, aber -sie fühlte, wie ich in ihren aufleuchtenden Mienen -las, eine Wahrhaftigkeit, die sie ergriff und erhob. -Leise, mit schwingender Glückseligkeit fragte sie:</p> - -<p>»So ist es wahr, daß Liebende sich wiedersehen?«</p> - -<p>Ich antwortete, überwunden und siegreich in -einem:</p> - -<p>»Sie sehen sich nicht wieder, sie bleiben immerdar -vereint!«</p> - -<p>Unsere Augen tauchten ineinander, ruhig und -warm wie Lichter in unbewegten Wassern, langsam -lösten sich die Hände von ihrem festen Druck, und -sie verließ mich wie ein Falter die Blüte, die er -kosend öffnete.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span></p> - -<h3 class="hidden" id="sect-23">23</h3> -</div> -<p class="drop">Denen, die ihn brauchen, kommt der Frühling -immer zu spät. Der Winter war so hart, daß wir -fast täglich die Schneewehen im Hofe fortschaufeln -mußten, um zu den Ställen und Nebengebäuden zu -gelangen. Es wäre dies eine lustige Arbeit gewesen, -wenn nicht Krankheit das Haus umdunkelt hätte. -Aleit hatte recht gedeutet: der Unerbittliche stand -hinter ihr, sie schmolz wie ein Licht, ohne Schmerzen, -ohne daß der Arzt zu sagen gewußt hätte, -warum. Wie Tag und Nacht liegen Leid und Lust -beieinander; indes Aleit verblaßte, gebar Sobeide -ein kräftiges Mädchen. Wir gaben es Aleit in die -abgezehrten Arme, und ich taufte es selber; halb -wider Willen und nur dem Drängen des Bastards -nachgebend, ging ich der Kinder wegen noch einmal -an die heiligen Dinge. Es ward Gertraude genannt, -und das Bild der feinen, stolzen Frau mit -den sternenhaften Augen schwebte vor mir, als ich -die Tropfen der heimatlichen Quelle auf das rote, -runzlige Gesichtchen sprengte. Der Rosengarten, -der ihre Asche barg, duftete durch den Weihrauch,<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span> -blendend klar schien sie aus den Höhen zu steigen -und sich niederzuneigen. Vielleicht hatte ihre Seele -dies kleine verwandte Wesen belebt, vielleicht weilte -sie nun in Kindsgestalt unter uns, noch voll von -himmlischen Erinnerungen des hohen Flugs auf -Fittichen des Todes.</p> - -<p>Nach der Taufe verweilten wir noch ein kleines -bei Aleit, und allen fiel die übernatürliche Blässe -ihrer Stirn gegen die saftige, kreischende Gesundheit -auf, die ihr Lager mit Geschrei erfüllte; schuldbewußt -blickte ich auf den Bastard und begegnete -seinem Auge. Es war unsere Sünde, unser frevelhafter -Streit gegen das Schicksal, was diese bleiche -Liebe in allzu frühen Tod trieb. Auf ihren zarten -Schultern trug sie unsere argen Taten und zerbrach -darunter, klaglos, schier freudig. Denn mit geheimem -Schmerz fühlten wir es beide: das Sterben ward -ihr nicht sauer.</p> - -<p>Über dem kam die kleine Gertraude zu kurz, wenigstens, -was mich betraf; mein Herz dachte nur an -Aleit. Über jene Nacht, da sie bei mir am Feuer -gesessen, war nie wieder ein Wort zwischen uns -gefallen; doch schien mir, sie sähe mich seit der -Stunde noch lieber, heimlicher an. Seit Wintersonnenwende<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span> -war sie bettlägerig, bedürfnislos und -bescheiden, niemand zur Last als unseren Herzen. -Selten besuchte ich sie unaufgefordert, doch sie bat -mich öfters zu sich und plauderte mit mir über leichte -Dinge, indes ich den Eindruck nicht verwischen -konnte, sie verschweige tiefere Fragen und beschwere -ihre Seele mit dem Unausgesprochenen. Im Hornung -endlich, ich vermeine, auf St. Agathens Tag, -löste sich der Bann. Wir waren im Zwielicht des -Nachmittags beisammen, ihr Bett war dicht an den -Kamin gerückt, die flackernden Flammen täuschten -ihr ein Leben, das sie so glühend und emsig nicht -mehr besaß. Draußen knarrte der Sturm und brach -gefrorene Zweige, dumpf klatschten die Schneehauben -der Pfosten und Erker in den Hof. Zwischen -die Ölhäute der Fenster war ein Stückchen blauen -Glases eingefügt, daraus sah eine märchenhafte, unwirkliche -Welt.</p> - -<p>»Ronald,« sagte sie ohne Brücke, »ich habe deine -Worte lange in mir bewegt, ich tauche in sie hinein -wie in ein Meer, darin ich eine herrliche Perle -weiß; aber der Schatz entgleitet immer wieder meiner -Hand, immer wieder muß ich erschöpft an das -gewohnte Ufer. Ich wollte dir nicht mit Fragen<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span> -lästig fallen, nun aber finde ich keinen Weg mehr -und bitte dich, hilf mir Törichten. Du sagtest, nach -der Erdenzeit wandere die Seele in einen anderen -Leib; ich will es glauben. Zu gleicher Zeit sprachest -du, daß Liebende sich nimmer verlören. Dies ist zu -schön, um es nicht zu glauben. Jedoch: wenn zwischen -dem Scheiden zweier, die sich liebhatten, -Jahre und Jahrzehnte liegen, so kommen sie doch -nie mehr in der gleichen Jugend zueinander.«</p> - -<p>Sie sagte diese Worte mit meisterlicher Ruhe, -aber mich betrog sie nicht mehr. Ich merkte an dem -leisen Beben ihrer Hand die Angst ihres Herzens -und fühlte mit ihr, da all dies auch in meiner Brust -gekämpft und geblutet hatte.</p> - -<p>»Ihr könnt es nicht zusammenbringen,« hob ich -an, »wenn Ihr das Leben mit der Sanduhr meßt. -Vor dem, dem tausend Jahre wie ein Tag, ist unser -Dasein nur ein Augenwinken. Kam nicht alles, was -Euer Leben vorwärts, Eure Seele empor trieb, -plötzlich wie ein Blitz? Vergeßt den Alltag, der -zwischen den göttlichen Funken liegt, und Ihr habt -nicht länger gelebt als eines Pulses Länge, auch -wenn Ihr hundert Jahre zähltet.«</p> - -<p>Sie hörte mir gespannt zu, ihre kraftlosen Finger<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span> -glitten dankbar über meine Hand, ihre Augen glänzten -fröhlich.</p> - -<p>»So ist es,« rief sie frohlockend, »hab Dank, Ronald, -vielen, vielen Dank! Doch sprich, was verschweigen -uns unsere Mönche dies Köstliche und -malen Paradies und Hölle, wo nichts als grüne, -blühende Erde ist? Steht es nicht also in den heiligen -Büchern? Lehrte dies nicht der Heiland?«</p> - -<p>Und wieder las ich die beherrschte Furcht in ihrem -reinen, gläubigen Gemüt – um alle Seligkeit der -Ewigkeit hätte ich sie nicht enttäuschen mögen.</p> - -<p>»Frau, es fassen nicht viele so hohe Dinge, darum -setzt die Kirche ein Bild an Stelle der Wirklichkeit, -und nicht einmal alle Priester werden in die tieferen -Geheimnisse eingeführt.«</p> - -<p>»Du aber, Ronald,« bebten ihre Lippen, »sage, -du gehörst zu den Eingeweihten?«</p> - -<p>»Ja, Herrin,« log ich verzweifelt und wandte -mich in den Schatten. »Doch was macht Ihr für ein -Wesen aus diesen Dingen, da doch die Welt so -voller Wunder ist!«</p> - -<p>Sie antwortete nicht; ich fühlte, wie Trost und -Ruhe in sie einzogen.</p> - -<p>Der Abend war angebrochen, Dienstvolk ging<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span> -mit Fackeln über den Hof, Lärm und Gelächter klangen -herauf.</p> - -<p>»Nimm mir die Wißbegier nicht übel, Ronald, -denn ich habe es eilig. Mein Leib ist aufgebraucht -und hält die Seele nur noch locker in dem lockeren -Bau. Laß dir sagen, mein Freund, ohne dich wäre -ich einen schweren Tod gestorben.«</p> - -<p>Ich widersprach ihr nicht, die heißen Zähren liefen -mir in den Bart. Sagen konnte ich nichts, mochte -ich nichts, da ihr die Wahrheit auf dem weißen -Antlitz stand. Wie Irrlichter zuckten die Gedanken -über mein dumpfes, gebundenes Hirn, ich gönnte dem -gepeinigten Weibe die endliche Ruhe, und zugleich -mochte ich sie nicht in dem kalten Grabe wissen.</p> - -<p>Die Schritte der anderen klangen in der Halle; -ich schied hastig und verwirrt und drückte mich in -meine Kammer, die Glocke überhörend, die zum -Nachtmahl rief. Saß in der grimmen Kälte und -weinte aufgelöst und ohne Weg in der Verworrenheit -meiner Gefühle, bis der Bastard mich aufschreckte.</p> - -<p>»Der Brei wird kalt, Ronald! – Du weinst?«</p> - -<p>Er verstummte, er hatte nicht nötig, zu fragen. -Schließlich machte er sich Luft und zeigte sein gepreßtes -Herz:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span></p> - -<p>»Sind wir nicht wie zwei Mörder? – Bruder, -Bruder, was haben wir getan! Um uns verblutet -sie und fährt dahin, nicht auf einen raschen Streich, -nein, grausam in zwanzigjähriger Qual, Stich um -Stich! Ich kann sie kaum mehr ansehen, ohne zu -erröten; wir alle gewannen, nur sie verlor. Was -prüft Gott ihr Herz in solcher grausen Folter? Ist -dies die gelobte Güte? Dies die Allmacht, die nicht -wagt, einmal von dem betretenen Wege zu lassen, -und lieber das Edelste in den Staub tritt?«</p> - -<p>Er starrte mich mit haßerfüllten Augen an, die -Lästerungen strömten aus übervoller Brust, aber -mir graute – graute vor mir selbst, der ich im eigenen -Busen ein Echo seines Zornes fand. Ich hielt -mir die Ohren zu und schrie verzweifelt:</p> - -<p>»Halt ein! Nichts wider Gott! Unsere Frucht, -unserer bösen Taten Frucht ernten wir jetzt und -dürfen nicht murren.«</p> - -<p>Jedoch mein Geschrei betäubte nicht die Gottesleere -in meiner Seele und überzeugte ihn nicht. Er -ging hinaus und rief einem Diener, daß er Mahl, -Wein und Feuer schaffe und den Kindern melde, -wir tafelten allein. Wir ertrugen, wie Kain, keines -Menschen Blick.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span></p> - -<p>Da saßen wir die halbe Nacht, verbissen, wortlos, -vom Trunk nur noch trauriger gestimmt; denn -das Blut der Traube macht nur den Fröhlichen froh.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-24">24</h3> -</div> -<p class="drop">Sie sah den Lenz nicht mehr. Eines Nachts rief -mich die Kammerfrau mit einem Gesicht, das alles -kündete. Eilig nahm ich die Stufen und stieß vor -ihrer Tür auf den Bastard. Wir vermieden uns -anzusehen, bebend schlichen wir in das Gemach. -Aleit hatte den Nachmittag heiter mit uns allen -verbracht; die kleinen Händchen Gertraudens hatten -in ihrem nun völlig weißen Haar gespielt und ihr -ein leises Lachen entlockt, das uns alle schmerzlich -beglückte. Jetzt, da wir eintraten, sahen wir, es war -der Abschied gewesen, sie wollte bei dem Letzten niemanden -als uns beide um sich haben.</p> - -<p>Nichts war in der Kammer als ihre Augen, aus -denen ein Meer von Liebe floß und unsere zitternden -Herzen in warmer Woge fing und still machte. -Wir knieten an dem Lager nieder und hielten ihre -Hände; mit einem entwand sie sich uns, überirdischen -Glanz in den Mienen, hob sich und zog den Herzog -an ihre Brust und küßte ihn lange auf den Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span></p> - -<p>»Lieber, Lieber du!« stammelte sie, ihre Wangen -röteten sich noch einmal vor erstauntem Glück; sie -ließ den Erschütterten, Fassungslosen, die Lider -fielen ihr zu, sie sank in die Kissen zurück und schien -mit einem Lächeln einzuschlafen.</p> - -<p>Robert und ich standen auf und sahen uns scheu -und blaß an; wir wußten beide, wem der Kuß gegolten, -wir waren beide glücklich in dem Gefühl -ihres Glücks, aber wir schämten uns voreinander -und glaubten, jeder aus anderem Grunde, er habe -den anderen beraubt. Wir ahnten nicht, daß sie -schon gestorben sei, und waren noch bei ihren letzten -Worten, doch endlich empfanden auch unsere groben -Sinne den Tod.</p> - -<p>Abermals brachen wir in die Knie, als habe ein -flammendes Schwert uns mit einem Streich gefällt.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 class="hidden" id="sect-25">25</h3> -</div> -<p class="drop">Mitten im Walde, rang ich ihm ab, wurde Aleit -gebettet. Über ihre Gruft sollte mit Beginn der -trockenen Jahreszeit eine Kapelle gebaut werden, -und die sollte mein sein. Er gab meinem Wunsch -nicht gern Raum, denn er wollte mich nicht im -Hause missen. Ich aber setzte mich durch und zog<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span> -im Sommer schier triumphierend in die Klause, die -mich heute noch beherbergt. Die Quelle nahebei war -die Tränke der Rehe und Hirsche, die mein altes -Auge erfreuten; die Kinder und der Herzog selber -kamen oft und ließen mir weder Hunger noch Durst. -Es war kein Leben der Geißelung und sollte es auch -nicht sein, ich wollte nichts als Ruhe und Frieden. -Ein Gärtlein hatte ich angelegt, drin wachsen Blumen, -Kräuter und Äpfel bunt durcheinander, und -gottlob bedauert mich niemand mehr ob meiner -selbstgewählten Einsamkeit, da ich sie so schön und -farbenprächtig hergerichtet habe. Winters zieht der -Schnee einen sicheren Schutz um mich.</p> - -<p>Dann beginnt erst die rechte Freude. Ich habe -mir einen hellen Stern am Himmel gesucht und -traue, Aleit, in welchem Kleide sie auch wandelt, -blickt auch auf ihn, und unsere Augen begegnen sich -in seinem Licht. Diesen Stern und diesen Glauben -habe ich allein für mich; denn der Herzog, weiß ich, -hält an dem himmlischen Paradiese fest und wähnt, -dorten sei aller Sehnsucht Ende, und alle Liebesströme -verschmölzen in Gottes Herzen zu <em class="gesperrt">einem</em> Kuß.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center"><em class="antiqua">Bücher von Werner Jansen</em></p> -</div> - -<p class="h2">Heinrich der Löwe <span class="smaller">/ Roman</span></p> - -<p class="center">40. Tausend / In Ganzleinen 4,50 Goldmark</p> - -<p class="noind">Werner Jansen, der dem deutschen Volke schon viele kraftvolle und stark verbreitete -Sagenromane geschenkt hat, ist mit seinem neuesten Werke »Heinrich -der Löwe« noch über sich hinaus gewachsen. Ein meisterlicher Stil vereinigt -bei aller Ruhe eine solch hinreißende Wucht, daß man das Buch in -einem Zuge liest. Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe werden mit -einer Lebendigkeit, mit einer plastischen Greifbarkeit geschildert, daß sie in -dieser Form zum dauernden Volksgut werden können. Und die Gegenwart -scheint gerade den rechten Boden zu bilden, um die Sturmwogen, die damals -die deutschen Geschicke aufwühlten, recht zu begreifen. Die Meisterschaft, -mit der dieser gewaltige Stoff dargestellt wird, wird heute von -Wenigen erreicht. Jansen bietet mit diesem Buche dem deutschen Volke eine -Gabe dar, die es mit Stolz annehmen soll.</p> - -<p class="right"> -(Badische Post, Heidelberg) -</p> - -<p class="h2">Das Buch Treue <span class="smaller">/ Nibelungenroman</span></p> - -<p class="center">100. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark</p> - -<p class="noind">… An diesem Buche weitet man sich, und Hoffnung strömt uns ins Tiefste, -daß es nicht zu Ende sein kann mit dem deutschen Wesen! Werner Jansen -hat das Alte neu werden lassen, und in mächtigem Strome rauscht es dahin, -und stark und klingend ist die Sprache …</p> - -<p class="right"> -(Deutsche Warte) -</p> - -<p class="h2">Das Buch Liebe <span class="smaller">/ Gudrunroman</span></p> - -<p class="center">80. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark</p> - -<p class="noind">… Manche Abschnitte haben eine geradezu monumentale Wirkung. Die -Sprache ist markig und dichterisch edel. Dies prächtige hohe Lied der deutschen -Frau gehört ohne Unterschied jung und alt – dem gesamten deutschen -Volke.</p> - -<p class="right"> -(Hamburger Nachrichten) -</p> - -<p class="h2">Das Buch Leidenschaft <span class="smaller">/ Amelungenroman</span></p> - -<p class="center">60. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark</p> - -<p class="noind">… Jansens Bücher mögen uns zur nationalen Bibel werden, auf daß in -Finsternissen dieses Heute sie uns Priester seien und still, doch rastlos mitbauen -am höchsten Ziele, das im tiefsten Grunde unserer Herzen uns allen -vorschwebt: an der Erlösung unseres Volkes aus dem schmachvollen Joch -der Gegenwart.</p> - -<p class="right"> -(Deutsch-österr. Tagesztg., Wien) -</p> - -<p class="center larger p2">Diese drei Bände zusammen in farbigem Geschenkkarton 16,80 Gm.</p> - -<p class="h2">Leben, Lieben, Wandern vor hundert Jahren</p> - -<p class="center">Roman eines fahrenden Gesellen, nach einer -Handschrift von <em class="gesperrt">Emma Schumacher</em> / Mit Bildern von <em class="gesperrt">Anton Kling</em></p> - -<p class="center">In Halbleinen 3 Goldmark</p> - -<p class="center">Ein liebes Buch aus glücklichen Tagen, zum Sinnen und Besinnen</p> - -<p class="h2">Herr Reineke Fuchs</p> - -<p class="center">Eine unheilige Weltbibel oder lustiger Hof- und Regentenspiegel</p> - -<p class="center">Mit 20 Zeichnungen nach Kaulbach von <em class="gesperrt">Ernst Verchau</em></p> - -<p class="center">Die geniale, befreiende Neudichtung des alten Reineke Fuchs</p> - -<p class="center">In Halbleinen 2,75 Goldmark</p> - -<p class="noind">Die Neugestaltung von Werner Jansen hat ein atembenehmendes Buch -geschaffen … aber auch an der Spracheinkleidung ist zu spüren, daß hier ein -begnadeter Dichter altes Literaturgut mit lebenweckendem Blut durchpulst. Kein -Stilplunder wird hier geboten, nicht modische Schnörkeleien und Wort- und -Satzverrenkungen, sondern die Redeweise ist edel und schlicht, untermischt mit -kraftvoller Derbheit. Hier spricht ein Deutscher zu uns urdeutsch.</p> - -<p class="right"> -(Rudolf Borch) -</p> - -<p class="noind p2">Von Hertha Podlich wurden handgeschrieben und sorgfältig in Offset gedruckt:</p> - -<p class="h2">Der Heiland <span class="smaller">/ Worte des Reinen</span></p> - -<p class="center">Ein Buch des Glaubens an die Unvergänglichkeit des Heilandswortes, -zugleich ein Buch des <em class="gesperrt">Glaubens an Deutschland</em>, an die Heimat</p> - -<p class="center">In Halbleinen 3,50 Goldmark</p> - -<p class="h2">Gottes deutscher Garten</p> - -<p class="center">Die Blüten der geistlichen Liederdichtung in ausgewählten einzelnen Versen – -ein Buch voll ewiger Jugend</p> - -<p class="center">In Halbleinen 3,50 Goldmark / In Ganzleinen 4 Goldmark</p> - -<p class="noind">Zwei köstliche Gaben verdanken wir Werner Jansen. Die eine umschließt -Worte des Heilands. Es ist ein Buch heißen Glaubens an die Unvergänglichkeit -des Heilandwortes, ein Buch auch des Glaubens an Deutschland, die -Heimat. Das Gegenstück zu diesem köstlichen, von Hertha Podlich wundervoll -geschriebenen Buch ist der von Werner Jansen bestellte »Gottes deutscher -Garten«, ebenfalls von Hertha Podlich geschrieben. Aus dem blühenden -Garten des evangelischen Kirchenliedes hat Jansen die schönsten Blüten zu -einem reichen Kranze erlesen … Die Sonne ewiger Jugend leuchtet hier, das -Herz der Heimat schlägt hier.</p> - -<p class="right"> -(Der Deutsche) -</p> - -<p class="h2">Die Bücher deines Volkes</p> - -<p class="noind">Band 1: <em class="gesperrt">Die Märchen</em> / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern -von Prof. <em class="gesperrt">Paul Hey</em> / Band 2: <em class="gesperrt">Die Volksbücher</em> / Mit 25 farbigen und -schwarzen Einschaltbildern von <em class="gesperrt">Adolf Hosse</em> / Band 3: <em class="gesperrt">Die Volkssagen</em> / -Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Prof. <em class="gesperrt">Paul Hey</em></p> - -<p class="center">Jeder der drei Ganzleinen-Prachtbände 30 Goldmark</p> - -<p class="center">Die köstlichsten Geschenkbücher für Menschen, deren Herz jung blieb</p> - -<p class="noind">Werner Jansen, der Wiedererwecker der deutschen Heldensagen und gründliche -Kenner aller Quellen deutschen Volkstums, war wie kein zweiter zur Herausgabe -dieser Sammlung berufen. Der Schatz, den das deutsche Volk in Jahrhunderten -geschaffen hat, wird hier zum erstenmal in einer meisterlichen -Sammlung wahrhaft volkstümlich vereinigt. Nicht für den Wissenschaftler, -allein für den Genießer wurde die Auswahl aus dem viele hundert Bände -füllenden Stoff getroffen, wurden zwecklose, ermüdende Breiten gestrichen, -verdorrte Strecken mit frischem Leben erfüllt. In seinen Märchen und Sagen -lebt Deutschland mit seiner Sehnsucht nach allen Fernen, mit seinen Tugenden -und Lastern, seinem Glauben und Aberglauben, seiner Werktüchtigkeit -und seinen Feierstunden, seiner einfältigen Torheit, seiner tiefsinnigen Weisheit. -Die gesamte Ausstattung ist in jeder Weise mustergültig und dem Inhalt -angepaßt. In den Bildern von Paul Hey spiegelt sich das Märchen selbst, -mit halb lachendem, halb weinendem Auge.</p> - -<p class="right"> -(Bremer Nachrichten) -</p> - -<p class="h2">Die frischen Kränze</p> - -<p class="center">Eine Sammlung deutscher Gedichte aller Zeiten</p> - -<p class="center">Bisher erschienen:</p> - -<ul class="nodeco licenter"> -<li>Band 1: <em class="gesperrt">Storm</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li> -<li>Band 2: <em class="gesperrt">Mörike</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li> -<li>Band 3: <em class="gesperrt">Eichendorff</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li> -<li>Band 4: <em class="gesperrt">Keller</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li> -</ul> - -<p class="center">Jeder Band in hübschem, farbenfrohem Gewande 5 Goldmark</p> - -<p class="center">Eine handgeschriebene, in ihrer Art und Auswahl einzig dastehende Bücherreihe</p> - -<p class="noind">In dieser von Werner Jansen herausgegebenen neuen Sammlung deutscher -Gedichte aller Zeiten haben wir ein Werk vor uns, das inhaltlich und buchtechnisch -unsere höchste Bewunderung und Liebe erregen muß … Bücher, die -Sinne und Seele gleich tief in Schwingungen versetzen.</p> - -<p class="right"> -(Rhein.-Westf. Zeitung) -</p> - -<p class="center smaller p2"><i>Ausführliches Verzeichnis steht auf Wunsch kostenlos zur Verfügung</i></p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center">Georg Westermann / Braunschweig / Hamburg</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> -<p>Zur besseren Navigation im E-Book wurden unsichtbare Kapitelüberschriften -ergänzt.</p> -</div> - -<div style='display:block;margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT ***</div> -<div style='display:block;margin:1em 0;'>This file should be named 64133-h.htm or 64133-h.zip</div> -<div style='display:block;margin:1em 0;'>This and all associated files of various formats will be found in https://www.gutenberg.org/6/4/1/3/64133/</div> -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Foundation’s principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation’s web site and -official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -For additional contact information: -</div> - -<div style='display:block;margin-top:1em;margin-bottom:1em; margin-left:2em;'> -Dr. Gregory B. Newby<br /> -Chief Executive and Director<br /> -gbnewby@pglaf.org -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. 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For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -This Web site includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64133-h/images/cover.jpg b/old/64133-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a6f1520..0000000 --- a/old/64133-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
