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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-23 16:53:28 -0800
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-The Project Gutenberg eBook of Die irdische Unsterblichkeit, by Werner
-Jansen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Die irdische Unsterblichkeit
-
-Author: Werner Jansen
-
-Release Date: December 26, 2020 [eBook #64133]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-Die irdische Unsterblichkeit
-
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-In meinem Verlage erschien ferner von Werner Jansen
-
-
-Das Buch Treue, Nibelungenroman / Das Buch Liebe, Gudrunroman / Das
-Buch Leidenschaft, Amelungenroman / Heinrich der Löwe, Roman / Herr
-Reineke Fuchs, Prosasatire / Leben, Lieben, Wandern, Roman eines
-fahrenden Gesellen nach einer alten Handschrift von Emma Schumacher.
-Die Bücher deines Volkes, Bd. 1: Die Märchen, Bd. 2: Die Volksbücher,
-Bd. 3: Die Volkssagen
-
-
-Von Hertha Podlich wurden mit der Hand geschrieben:
-
-Der Heiland / Gottes deutscher Garten / Die frischen Kränze, Bd. 1:
-Storm-Gedichte, Bd. 2: Mörike-Gedichte, Bd. 3: Eichendorff-Gedichte,
-Bd. 4: Keller-Gedichte
-
-
-
-
- Die irdische Unsterblichkeit
-
- Roman
-
- von
-
- Werner Jansen
-
- 1. bis 75. Tausend
-
- 1924
-
- Georg Westermann, Braunschweig
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
- ~Copyright 1924 by Georg Westermann,
- Braunschweig~
-
-
- Gedruckt bei Georg Westermann in Braunschweig
- ~Printed in Germany~
-
-
-
-
-Erstes Buch
-
-
-Das Leben beginnt nicht, wenn einer die Welt beschreit. Umgekehrt, wenn
-die Welt auf jemand einbrüllt, dann fängt das Leben an. An dreißig
-Jahre war ich und erfüllte den Platz, auf dem ich stand, mit Toben
-und Lärmen, aber von mir und anderen wußte ich nichts. Plötzlich
-erwachte ich in der Dämmerung, vom Tau wie von Tränen gebadet, in einer
-wüsten Schlucht nahe der Grenze meines Landes; wachte auf in einer
-Stille ohnegleichen, denn die Vögel schliefen noch, aber Gottes große
-Stimme donnerte gleichwohl in meine Ohren. Die Augen brannten mir von
-ungekanntem Schmerz, ich barg das Gesicht ins nasse Moos, Wams und
-Hemd riß ich offen und drängte die Brust der Erde auf -- die Flammen
-in meinem Herzen erstickten nicht. Mein Blut war umgewandelt, aus dem
-Strom wuchsen tausend Tropfen, und jeder Tropfen peinigte mich auf
-seine besondere Art.
-
-Ausgestoßen, verdammt, verloren hier und dort -- qualvoll, langsam wie
-Todesstunden kamen die Erinnerungen zurückgeglitten: Schlaf, Sturz,
-ein rasendes Reiten, Blässe und Blut. Trocken lag mir die Zunge im
-Gaumen, das Haar, von Schweiß und Schmutz verklebt, lähmte mir die
-Stirn wie eine Eisenklammer.
-
-Das kleine Leben unter mir brachte mich zu mir, aus den verschwollenen
-Lidern betrachtete ich mit stumpfer Ruhe die schwarzen Käferchen, die
-ernsthaft und eilig unter meinem Antlitz ungeheure Wege eroberten
-und ein zielsicheres Wesen hatten, wie Diener eines Staates. Aber
-das dürftige Spiel hielt meine Kümmernis nicht lange gefangen,
-wütend griff ich in das Getriebe, aus nackter Lust an fremdem Leid,
-bis ein halblautes Wort mir den Atem aus der Brust stieß und mich
-emporschnellte, als bebte die Erde unter mir. Mit jähen Knien wandte
-ich mich.
-
-»Kain!« erscholl die Luft abermals.
-
-Rote Flammen loderten vor mir, Rauch stieg auf, Augen sprühten auf
-mich -- Hölle, Teufel, Gottes Gericht einen hämmernden Herzschlag lang
--- dann versank alles bis auf ein Reisigfeuer im morgendlichen Wald,
-das ein Mönch mit seinem Wanderstabe fachte und versorgte. Das war
-kein Klosterfriede. Aus gebranntem Gesicht starrte ein ellenlanger
-Rotbart, die riesigen Schenkel umklammerten den Stumpf, darauf er saß,
-als bedrängten sie ein Pferd. Er stand auf und war ein Mann von meinen
-eigenen ungewöhnlichen Maßen; kühl, fragend und wissend zugleich lagen
-seine Blicke auf mir. Ich herrschte ihn an und fühlte, wie mein Mund
-stammelte und zagte:
-
-»Wer bist du? Was schaffst du hier?«
-
-Seine Brauen zuckten leise spottend.
-
-»Ihr seht es: ein Diener Gottes. Was ich schaffe? Feuer zünden, Pferde
-einfangen, der Hoheit einen guten Morgen wünschen.«
-
-»Du kennst mich?« Ich fühlte das Blut aus meinen Lippen weichen. Gleich
-einem Traumbild sah ich zwischen den Buchenstämmen meinen Braunen
-friedlich grasen.
-
-Wieder flog jenem der Spott über die Stirn.
-
-»Ich sah die Hoheit vor Jahren am Hofe Heinrichs des Normannen -- Ihr
-wußtet trefflich mit der Lanze umzugehen. Ich selbst, ein Mönch aus
-Irland, wallfahrte nach dem heiligen Grabe. Wenn die Hoheit einen
-Zehrpfennig hätte, ich würde für das Seelenheil --«
-
-Die Stimme versank im Barte; mir schien, als wieherte ein Kobold aus
-einem Bronnen. Das Heil meiner Seele war verwirkt, kein Bettelmönch,
-kein Papst konnte mich retten. Verloren hier und dort --
-
-Möglich, daß mir die Worte über die Lippen kamen, möglich, daß der
-seltsame Mensch in meinem Herzen las. Genug:
-
-»Ihr gebt Euch auf, Hoheit? Tröstet Euch, Gott gibt niemanden auf. Was
-belastet Euch? Ihr blutet -- oder --?«
-
-Meine entsetzten Augen tasteten auf meinem Gewand; Hemd und Rock waren
-dunkel betropft, meine Rechte braun von totem Blute. Aufschreiend brach
-ich in die Knie, ich vergaß die Welt um mich und weinte wie ein Kind
-auf die mütterliche Erde. Die Tränen erlösten mich allmählich, das
-Leid sank tiefer und verborgener in das Herz. Hier war ein Geweihter
-des Herrn, er mußte mich anhören, ich brauchte einen Menschen, meinen
-Greuel mitzutragen. Ich sprang auf und zerrte ihn an der Kutte zu dem
-verlassenen Baumstumpf.
-
-»Sitz nieder und höre,« sagte ich, »ich will dir beichten, Mönch!«
-
-»Sprecht!« erwiderte er einfach und stieß einen Ast in die Flammen.
-»Jedoch, Hoheit, zuerst entlastet mein eigenes Gemüt!«
-
-Er zog ein Rehböcklein unterm Laub hervor und warf es vor meine Füße,
-lachend:
-
-»Jagdfrevel, Hoheit; verzeiht Ihr das?«
-
-Ärgerlich winkte ich ihm Schweigen. Was wog solch ein Raub vor meiner
-eigenen Tat! Aber: wie jählings strafte ich sonst derlei! Nie mehr
-würde ich über andere zu Gericht sitzen.
-
-»Mönch, ich habe mein Weib erschlagen.«
-
-Dies sprach ich, dann versagte mir die Kehle, und ich rang nach Luft.
-Der andere hatte sein Gesicht in der Kutte verborgen und rührte sich
-nicht.
-
-»Im Zorn,« stammelte ich, mich selbst verachtend.
-
-»So war sie eine Dirne und beschimpfte Euch mit einem leichtfertigen
-Leben?« fragte der Mönch leise.
-
-Ich schrie:
-
-»Nein! Nein! Blüte der Unschuld, Schönheit, Tugend -- ich war ein Narr,
-ein Schurke!«
-
-»Halt, Herr, verleiht Eurer Schuld nicht so große Worte; das mildert
-sie nicht. Könnt Ihr, so erzählt, wie es kam.«
-
-Mit seiner tiefen, irgendwie verwandten Stimme zwang er mich zur Ruhe,
-ich starrte auf das Feuer und sprach betrachtender:
-
-»Von meinem Vater hab ich einen Überschuß an Kraft geerbt; mein
-leichtsinniges Herz verschwendete das in Sausen, Prassen und
-Schlimmerem. Keine Dirne war vor mir sicher. Gott und Könige vertrauten
-meinem Geschlecht ein Herzogtum -- ich habe Land und Volk an den
-Abgrund gebracht; sie heißen mich den Teufel und schrecken die Kinder
-mit meinem Namen. Einmal, vor Jahresfrist, glaubte ich an ein besseres
-Sein, bei meiner Heirat mit Aleit von Montgerrat. Hast du die Herzogin
-je gesehen?«
-
-Das verhüllte Haupt senkte sich bejahend.
-
-»So brauche ich nichts von ihr zu sagen. Sie war lieblich und rein
-wie Gottes Engel. Genug, ich nahm nach vier raschen Wochen mein
-altes Leben wieder auf, in meinen Schlössern hausten die Schlemmer
-und Dirnen, das Volk mußte zahlen, die Herzogin ward vergessen; denn
-zu den Gelagen erschien sie nie. Bis auf gestern. Mein eigenes Haus
-hatte ich wenigstens vor dem Schlimmsten reingehalten; gestern brach
-ich, von Jagd und Trunk erhitzt, mit Mann und Meute in meine Halle
-zu Claraforte und besudelte den Boden, den ihr Fuß entsühnt hatte.
-Höhnische Reden meines Gefolges stachelten mich, die Herzogin an
-unseren Höllentisch zu holen. Ich trug sie, die lautlos weinte, auf
-den Armen in den Saal, sie saß, sie sah mit erschreckten Kinderblicken
-das halbnackte Dirnenpack, loderte, stand auf und wies mit dem Finger
-gebieterisch zur Tür -- da fegte ich sie mit der Hand von ihrem Platz,
-ihre Stirn schlug an einem Pfeiler auf, sie brach zusammen und starb.«
-
-»Strecke deine Hand aus!« befahl der Mönch, und ich tat es willenlos:
-das Feuer beleuchtete eine rohe, große, gewalttätige Faust. Der
-Priester schlug die Kutte zurück und starrte mich haßerfüllt an. Heiser
-kam es ihm aus dem Munde:
-
-»Mit dieser Klaue hast du den lichten Engel erschlagen« -- er griff an
-seine Brust, als erdrücke er ein zorniges Herz, leiser fuhr er fort:
-»Mit dieser Hand wirst du Sühne tun, Herzog Robert!«
-
-»Mein Herzogtum liegt hinter mir,« entgegnete ich ihm, »ich stürzte den
-Tisch und verjagte den Schwarm. Ich sprengte in die Nacht und entfloh
-meiner Tat; das Weitere weißt du besser als ich. Ich verlasse Land
-und Volk, mögen sich Frankreich und England darin teilen, da niemand
-meines Blutes lebt. Ich will büßen; du wanderst zum heiligen Grab --
-nimm mich mit! Es ist mir weniger um das Gebet zu tun, aber die Heiden
-haben einen neuen Sultan, der Jerusalem bedroht. Vielleicht erlaubt mir
-Gott die Sühne in der Schlacht.«
-
-»Das nennst du Sühne?« fragte der Mönch zwischen den Zähnen. Es
-arbeitete in der gewaltigen Brust, plötzlich sprang er auf und trat
-groß und mächtig vor mich hin. Er glich Zug um Zug einem Antlitz, das
-ich kannte; nur schien sein Gesicht älter und trauriger als das meiner
-Erinnerung, das war immer voll wilder Fröhlichkeit und Jugend, trotz
-grauer Locken; und dieses Haupt vor mir war blond wie ich. Jäh überfiel
-es mich: diese Augen waren die meines Vaters.
-
-Er las mir die Gedanken von der Stirn, sein Mund verzog sich zu dem
-Hauch eines Lächelns; stumm nickte er mir zu.
-
-»Du läufst davon, Robert, aus Angst vor dir selber, vielleicht auch
-vor den Montgerrats und ihren königlichen Verwandten; du läufst davon,
-Herzog, und vergißt die Pflicht gegen dein Geschlecht. Die Rechte, die
-du von deinen Ahnen erbtest, hast du vergeudend genutzt, die Pflichten
-trittst du in den Staub.«
-
-»Hast recht, Mönch,« sagte ich ruhig, »aber ich bin nicht wert, fürder
-ein Volk zu führen; ich kann nicht einmal mir selbst befehlen, wie
-sollte ichs anderen! Unser Blut ist eben müd und mürb geworden, die
-Wählinger sind reif zum Untergang --«
-
-»Narr!« schrie der Mönch und schlug mir die Hand auf die Achsel.
-»Fahr zur Hölle, wenn du müde bist! _Mein_ Wählingerblut ist _nicht_
-verfault, und hältst du das Land nicht, Feigling so krieche in meine
-Kutte, indes ich dein besudeltes Seidenwams zu Ehren bringe.«
-
-Ich erstaunte kaum über diese Reden, zu tief saß der Verzicht auf das
-Irdische in meiner Seele. Gleichmütig versetzte ich:
-
-»Du willst ein Wählinger sein? Laß hören!«
-
-»Ich zeig es dir besser, Bruder Robert,« stieß jener hervor, und die
-schweren Schultern schütterten vor Erregung, »warte ein Weilchen! Dein
-Vater hat mich wie dich gezeugt; dich in Claraforte im Bett einer
-Königstochter, mich in einer Sommernacht dieser Wälder mit einem Kind
-unseres Volkes. Du hast den Thron geerbt, ich das Elend, aber wir
-sind gleichen Blutes. Verziehe hier, Robert, ich bitte dich, nur einen
-kurzen Augenblick, nur eine kleine Messe lang!«
-
-Er drückte mir die Hand, daß sie schmerzte, griff sein Bündel und
-lief davon. Mit schlagendem Herzen blieb ich zurück, gerührt von der
-heißen Leidenschaft, mit der er bat, und nun doch aus meiner Betäubung
-aufgescheucht und von Geheimnissen geweckt.
-
-Wählinger Blut! Der Vater, die Ahnen, ich selbst -- ach, wie hatten
-wir das Blut der Herzöge ins Volk getragen! Und doch war jener fremde
--- Bruder das erste jener Geschöpfe, das ich bewußt erblickte. Mir
-grauste bei dem Gedanken, ohne Wissen vielleicht eine Schwester, eine
-Tochter meines Vaters, je in den Armen gehalten, eine alte Schuld zum
-Verbrechen gesteigert zu haben -- mir graute vor dem Wählingerlande --
-fort, nur fort von dem doppelt geschändeten, doppelt verdammten Boden,
-hin in eine Ferne ohnegleichen, wo niemand von mir und meiner Schmach
-wußte!
-
-»Robert!« klang es leise; der Mönch war lautlos hinter mich getreten,
-ich wandte den Kopf und starrte ihn offenen Mundes an: da stand ich
-selber, wie kein Spiegel mich besser schildern konnte, bleichen
-Gesichts, aber Zug um Zug ich selbst. Der wilde Bart war verschwunden,
-das Haar gebändigt, die Mienen innerlicher, edler. Ich stotterte
-verwirrt, beschämt, mit unklarem Dankgefühl gegen das Geschick:
-
-»Bruder, wie nennst du dich?«
-
-Ein Leuchten glitt über seine lauteren Augen, als ich mich so neben ihn
-stellte; er zog mich zu sich auf den Boden.
-
-»Ronald heiße ich, Blut von deinem Blut. Robert, mir brennt das
-Wählinger Geschlecht im Herzen, du darfst das Land nicht verlassen,
-mich hat Gott in deinen Weg geführt,« flüsterte er; sein heißer Atem
-streifte sengend meine Stirn.
-
-»Was ist Geschlecht?« murmelte ich haltlos, von einem verlorenen
-Gedanken fortgetrieben.
-
-Und er, fast zornig:
-
-»Steh einmal draußen, und du wirst es wissen! Sage, Robert, sage zum
-letztenmal, bist du wahrhaft willens, außer Landes zu gehen?«
-
-»Was fragst du noch? Ich lasse nichts zurück.« Ich seufzte bitter auf,
-mit den Füßen stieß ich in das sterbende Feuer, daß die Funken flogen.
-
-Rötliche Morgenlichter spielten durch die Stämme, der Wald begann zu
-leben. Ein Wind lief schmal und kühl vor der Sonne her, die jungen
-Blätter rauschten.
-
-»Höre zu, Robert« -- seine fiebernde Hand krampfte sich über meine
-Linke -- »gib mir dein Land! Es bleibt dann beim Wählinger Blute.«
-
-Dies machte mich lachen.
-
-»Ronald, wer sollte dich, den Bastard, anerkennen? Du treibst Scherz,
-Bruder. Schlüpf aus deiner Kutte und fahr mit mir in die Fremde.
-Sieh, wir haben Fäuste und Arme wie Eisen, mit dem Schwert in den
-Händen werden wir treffliche Streiter Gottes. Quäle dich nicht mit
-Unmöglichem; denk, ich verzichte trotz des gewohnten Genusses, du aber
-hast nichts zu vergessen, weil du nie besessen hast.«
-
-Ronald geriet in wachsende Erregung.
-
-»Ich nicht besessen? Ist das Besitz, das bißchen Hof und Haus, das
-bißchen Volk und Fron? Hier sitzt mein Erbe, hier im Herzen, das
-Wählinger Blut! Das Blut, Robert, das herrschen will, um dienen zu
-können.«
-
-So unwirklich erschien mir das Ziel, darauf er lossteuerte, daß
-ich nichts Ernsthaftes erwidern konnte, ohne ihn zu verletzen. Ich
-verschanzte meine Verlegenheit hinter leeren Worten, obzwar ich von
-fern fühlte, dieser Mensch war rechtlos vor den Menschen, aber nicht
-vor Gott.
-
-»Diene,« scherzte ich oberflächlich, »und eines Tags sitzt du im Purpur
-des Kardinals, ja unter der Tiara, und das ist ein weiteres Feld für
-deine Herrschersorgen --«
-
-Er fuhr mit dem gestreckten Arm durch meine Worte, in seinen Mienen
-kämpften Verachtung und Zorn. Ich bewunderte ihn mit einem inwendigen
-Lächeln, indem ich mich dabei ertappte, mein eigenes Bild zu bestaunen
--- ach, mein eigen Bild ohne die Spuren des wüsten Lebens, ohne die
-Gedunsenheit des Weins, ohne die Gier der Laster. Jedoch nicht einmal
-zu einem herzhaften Neid schwang sich meine ermattete Seele auf.
-
-Er grollte:
-
-»Fürst dieser Kirche? Nein! -- Ich will ein Volk, keine Völker! Diese
-Erde will ich, nicht den Himmel. Nur was diese Hände halten können,
-mehr begehr ich nicht, nur die Heimat, nur das Land meiner Ahnen --«
-
-Betreten, voller Scham, senkte ich die Lider. Für einen flüchtigen
-Augenblick wogte auch in meinem Herzen das Blut meines Stammes, das
-in jenen Adern so stark und feurig rann; dann zerstob die Begeisterung
-wie Schaum. Wäre ich je in meinem Verzicht wankend geworden, diese
-Begegnung hätte mich gestützt, denn ich fühlte, Land und Volk verloren
-nichts an mir, ich war ein Rohr im Wind. Säße jener an meiner Statt --
-bestürzt schaute ich auf und begegnete seinen Augen, die wie Falken auf
-meine Seele stießen und kein Geheimnis kannten.
-
-Ein Spiel Gottes, ja, ein Spiel Gottes, und das Unmögliche ward Tat.
-Wortlos riß ich die Kleider von meinem Leibe, alles, Schuhe und Hemd;
-warfs ihm vor die Füße:
-
-»Da liegt dein Herzogtum, wenn du Mut hast, Brüderchen!«
-
-Eine unbändige Lust ergriff mich nackten Mann plötzlich, eine Erlösung
-aus Nacht und Tod. Ich weitete die Arme und riß ihn, der ohne Regung
-schien, an meine Brust und küßte ihn.
-
-»Bruder, wags! Keiner wird dessen gewahr, dafür bürg ich; Gott selbst,
-am Auferstehungstag, wird seine Mühe haben.«
-
-Langsam lösten sich seine starren Züge, er leuchtete beschenkt,
-beglückt und erwiderte scheu und flüchtig meinen Kuß. Aber seine
-Freude schien nicht sonder Kummer, seine Selbstsicherheit schwankte
-angesichts der Entscheidung, die Schultern beugten sich unter
-unsichtbaren Lasten. Er entledigte sich des wenigen Tuches, zog das
-grobe Leinenhemd über den Kopf und knüpfte eine Münze vom Halse. Dann
-verglich er unsere Leiber aufmerksam; auch mich ergriff eine harmlose
-Neugier, aber ich entdeckte keinerlei Verschiedenheit; nur daß er ein
-wenig kleiner schien, doch mein Körper hatte sich im Schlaf gestreckt,
-indes er wachte. Er deutete fragend auf ein braunes dreigespaltenes Mal
-unter meinem Herzen.
-
-»Ein Zeichen unseres Geschlechts,« sagte ich gedankenlos; er senkte die
-Lider und errötete unruhig und gequält. Ich begriff ihn nicht sogleich,
-dann lachte ich auf und erklärte:
-
-»Von den Trebilons, von der Mutterseite hab ichs -- der Vater konnte
-dir das nicht auch noch mit auf den Weg geben. Des achtet keiner.«
-
-Er schüttelte nachdenklich den Kopf und fuhr in meine Kleider, indes
-ich zwischen Befriedigung und Schmerz mich einklosterte, und als er in
-dem schmucken Wams dastand, waren ihm Unruhe und Schwere verflogen,
-seine Augen schauten fest und sicher, um seine Lippen spielte ein
-siegbewußtes Lächeln.
-
-»Namenloses Brüderchen,« hob er an, »von heut ab in Ewigkeit heißt du
-Ronald vom Kloster des Heiligen --«
-
-»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch nicht, daß ich in dieser
-Kutte dauernd bleibe?«
-
-»Warum nicht? -- Komm her, hilf mir das Böcklein braten, wir haben uns
-viel zu erzählen.«
-
-Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit geübten Schnitten das
-Wild aus, spießte den Rücken an seinen Stab, und wir drehten ihn über
-den Flammen, darob der Himmel licht und blau den hellen Morgen kündete.
-Die eintönige Beschäftigung tat unseren verwirrten Herzen wohl, die
-Fülle der letzten Stunden war reicher als all unser verflossenes Leben
-gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen Wirbel in uns ermatten.
-Mählich forderte der Leib sein Recht, wir waren hungrig und durstig.
-Der Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir auf, in seinem
-Becher Wasser zu holen. Leicht wie eine Bitte kam ihm der Befehl von
-den Lippen, der mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn ich
-gewollt hätte, kein Wehren war.
-
-Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung seiner hochgezogenen
-Brauen klar, denn da lagen Seifennapf, Schermesser und wüste blonde
-Barthaare -- das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie ich meinte; für
-mich der Abschied aus Rang und Heimat. Nun ergriff es mich doch einen
-Herzschlag lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar ich es
-bereits verloren hatte.
-
-Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung, ich schöpfte und
-trank ohne Maß, denn ich glaubte dies die letzte Quelle, daraus die
-Heimat mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig und brachte den
-randgefüllten Becher, ohne einen Tropfen zu vergießen.
-
-Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein Säcklein mit Salz hervor
-und würzte den Braten; wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles
-im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage verbracht hatte,
-wie meine Freunde und Feinde hießen, welcher Art meine Burgen und
-Gemächer waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet -- genug, die
-ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit meines Daseins mußte ich bis
-in die geheimsten Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wie
-ein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm das Üble wie das
-Farblose gelassen hin und prägte es seinem erstaunlichen Gedächtnis
-ein. Bei manchen Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich
-des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die Vorgänge in meinem Lande
-gekümmert als ich selbst und alle um mich her.
-
-Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch am Himmel, er konnte
-nicht genug hören. Schließlich, da die Nachmittagswinde vor dem Abend
-flogen und über uns rauschten, sprach er:
-
-»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir wiederholen. Kein
-falsches Wort! An diesen Dingen hängt unser Herzogtum.«
-
-Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu Satz über diese schier
-unfaßliche Klarheit, mit der er ihm und seinem Leben so fremde Dinge
-erkannte, ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause, er war -- ich
-selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu sein und dennoch weiterzuleben,
-plötzlich als untätiger Beobachter neben mir zu stehen, ohne
-Verantwortung, ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung? War dieser
-falsche Herzog nicht _mein_ Werk? War nicht alles, was er handelte und
-trieb, _meine_ Tat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas wie Rechenschaft,
-aber ich trug die Bürde fröhlich wie ein Gnadengeschenk, denn dieser
-zufällige Sproß meines Vaters war besser als ich.
-
-»Noch eins fehlt,« fügte er seiner Rede an, »das Mal der Trebilons.«
-
-Er suchte in der Asche nach einer glimmenden Kohle, blies sie an und
-drückte sie, ehe ich ihn hindern konnte, ungesäumt auf seine bloße
-Brust. Eine leichte Blässe zog über sein Gesicht, indes der Geruch
-verbrannten Fleisches aufstieg; er grub die Kohle sorgfältig in das
-Moos und schob Hemd und Rock zurecht.
-
-»So, Bruder, nun zu dir!« sagte er fast heiter. »Du brauchst zwar meine
-Rolle nicht zu spielen, aber du mußt wissen, wie es auf der Landstraße
-aussieht.«
-
-»Und diese Kutte?« fragte ich verblüfft.
-
-»Behältst du an. Die Kirche hadert mit dem Staat trotz Christi Wort,
-daß jedermann der Obrigkeit untertan sein solle; sie treibt Schacher
-mit den Seelen, Handel mit den Ämtern -- betrachte dich als von Gott
-geweiht, falls du Lust hast, im geistlichen Gewande durch die Welt zu
-traben, aber verzichte auf die segnende Hand irgendeines Bischofs von
-der frevelhaften Heiligkeit zum Beispiel des Kölners. Kannst ja lesen
-und schreiben, Brüderchen, kannst gar Lateinisch; mehr brauchts nicht,
-denn die meisten verstehen das nicht einmal oder nicht mehr. Und fragt
-dich einer, so gehörst du zu einem sehr entfernten Kloster und hast
-abenteuerliche Gelübde --«
-
-»Du bist nicht geweiht?« unterbrach ich ihn bestürzt.
-
-Er lachte mir ins Gesicht, meine Verwirrung belustigte ihn.
-
-»Nein, Ehrwürdiger, ich bin von Gottes Gnaden,« lästerte er sonder
-Reue, »auch hat der heilige Patrik in Irland karge Last von mir gehabt,
-nur daß er mich, dem früh die Mutter starb, in seinen Klöstern großzog.
-Die Welt ist mir geläufig bis auf das Morgenland, darin ich nie
-geweilt. Hofwesen und Fürsten kenne ich besser, als mir lieb ward. Auch
-Claraforte und die blonde Jugend, die du in Nacht versenktest.«
-
-Seine Stimme ward dunkel, ich ließ den Kopf hängen. Nach einer Weile
-fuhr er fort:
-
-»Sei ruhig, Bruder, ich bin eher ein Mörder als du. Du hast in
-Trunkenheit und Zorn ein köstliches Gefäß zerbrochen, ich aber, Robert,
-ich war bereit, dich selbst mit Vorbedacht zu erwürgen, als ich deine
-Tat erfuhr.«
-
-Er seufzte tief, seine Hände spielten ruhelos mit dem braunen
-Schnürlein, das er am Halse getragen hatte. Mitunter ging ein
-Zucken durch seinen Leib, als trüge er Qualen; ich schob es auf die
-Brandwunde, darunter er ein Geheimnis erstickt hatte.
-
-»Denn ich habe sie geliebt,« offenbarte er traurig, »und ich liebe
-sie noch. Wie viele Tage bin ich um Claraforte geschlichen, um einen
-Schimmer ihres Gewandes zu sehen, indes du jagtest oder -- ach, was
-helfen jetzt noch Klagen! Ich will statt deiner an ihrem Grabe beten.«
-
-»Tu es, Bruder,« sagte ich unter lautem Schluchzen, »auch ich -- ich
-fahre an die Stätte, da unser Herr und Heiland litt. Vielleicht daß
-uns beiden Erlösung wird. Bruder, welch ein Opfer bringst du! Die
-Montgerrats werden dich verderben.«
-
-Er straffte seine Glieder, seine Augen blitzten herrisch.
-
-»Nein!« wehrte er hochgemut. »Ich halte mein Land! Hab dessen keine
-Sorge. Vor Gott und vor den Menschen trage ich deine Tat, als sei es
-meine eigene; du magst in Frieden fahren.«
-
-»Gott wird mich auch in dieser Kutte erkennen,« entfuhr es mir, »dies
-wirst du mir nicht abnehmen.«
-
-Aber er, voll von seiner Berufung, sah mich verheißend an und deutete:
-
-»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht, und nicht den
-Einzelnen. Wir müssen alle füreinander büßen, wir werden alle
-füreinander begnadigt. Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die
-dich trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern für dich
-im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott zerreiße die Kette des
-Geschlechts, die er selber geschmiedet, um ein einzelnes Glied zu
-verfluchen oder zu segnen?«
-
-»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich beschämt.
-
-Er antwortete schlicht:
-
-»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das Grübeln an dich. Kann sein,
-ich sterbe vor dir, söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider,
-und wärest du am Rande der Welt.«
-
-»Nimmermehr!«
-
-Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch in seinem Herzen, welche
-Zukunft durchlief er im Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran,
-wie es hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt hätte.
-Nie hatte mich einer so gepackt, ich fühlte, ich war wie ein Blinder
-durch das Leben getaumelt.
-
-»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.
-
-Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete er das
-Selbstverständliche an und setzte erläuternd hinzu:
-
-»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir unverbraucht, was wenige
-Fürstengeschlechter von sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert
-für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«
-
-Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden Stämme auf mein
-Pferd zu, das an die Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie
-ein Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit der Silbermünze aus
-der Tasche und hing sie mir um den Hals.
-
-»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; es ist alles, was mir die
-Mutter hinterließ. Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner Statt.
-Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg. Die Rehkeulen sind im Ränzel,
-ein paar Zehrpfennige auch, und alles andere schenke dir Gott. Fahr in
-Frieden, Bruder!«
-
-Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in den Sattel und verschwand
-in dem Abend, bevor ich zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus,
-noch einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal die Wärme des Tieres,
-das mich liebhatte, an meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte
-ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte Lederränzel auf
-den Rücken und schritt fürbaß, bis die Felder smaragden dämmernd vor
-mir lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark und ausdauernd
-ich auch war, ich kam kaum vom Fleck. Endlich hatte ich die Hügel
-hinter mir, ich war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne breitete
-sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.
-
-Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. Droben lag ein einsames
-Grenzgehöft und vor den Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie
-ich ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub sich durch eine
-seltsame Äußerung in mein verstörtes, wildes Herz; so trug ich sie mit
-mir ins Elend.
-
-
-Südwärts, südwärts, immer stieß mich die Faust Gottes. Fünf, sechs
-Stunden Schlaf, und weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren,
-eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne Willen durch Armut,
-Not, Hunger und Demütigung. Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte
-und Pilgerhut, doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz der
-Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das ich auswendig wußte.
-Ich schritt und schritt, ein langer, abgemagerter Mensch mit hohlen
-Augen und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und Sehnen umhüllt,
-den Wanderstab mit scharfer Eisenspitze wie eine Lanze auf der
-Schulter. Das Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die
-Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich unverdächtig, wohin
-ich auch kam. Meine Stimme, des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum
-noch, sie klang von unten her, rauh und traurig zugleich; aber ich
-brauchte nie viel zu sagen, meist genügte die wortlos ausgestreckte
-Hand. Wo die Wälder dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde
-nach; das war all meine karge Freude -- ich kann sie nicht bereuen.
-
-Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, gleichwohl ging ich allen
-aus dem Wege, die meine Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen.
-Die stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, sprachen,
-unterhielten mich; ich war in einer neuen, leidenschaftslosen Welt,
-die nichts von Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen Wurm,
-die Wildkatze griff den Vogel, verreckte irgendwo im Walde, vermoderte
-wurmdurchwühlt, grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe -- Gottes
-Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von grübelnden Menschenhirnen,
-Menschenangst, Menschenhaß.
-
-Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte trug ich das Bild
-meines Weibes vor mir her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens
-wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein Fädchen zu vergessen.
-
-Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, hatten uns nie
-gesehen, kaum voneinander gehört. Wir wandten uns um, als ob _ein_
-Wille uns beherrschte, sahen -- und erstaunten nicht. Die Luft
-zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, uns schien sie süß
-und kühl und rein, wir durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben
-uns beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und Frauen uns auf die
-Erde riß und ihre Wangen mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher
-Art ein Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, meine Augen
-entkleideten sie nicht schamlos wie die anderen, von ihrer süßen
-Schönheit sah ich nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte
-ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich erschaffen.
-
-Und ich warf sie -- Gott, mein Gott! So allgewaltig kann keine Liebe
-sein, um solches zu verzeihen, auch deine nicht. Nie werde ich erlöst,
-nie werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. Grübeln und Grübeln.
-Vielleicht gestattet mir Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu
-betrachten, vielleicht -- nach einem Leben voller Buße, Tapferkeit,
-Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, wanderte, schlief traumlos wie
-ein Toter, ermattete meine Manneskraft, die neben allem gierig und wach
-den Weibern im Felde zuschaute, ward inwendig, was ich außen galt: ein
-Mönch, ein Pilgrim nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen und
-höllischen Flammen in der Brust.
-
-Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff mich Wanderlust,
-golden winkte die blaue Ferne. Der alte Leichtsinn entführte mich
-im Sturm in das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand mein
-Losgebundensein als Freiheit und hatte Augenblicke, da mein Herz
-jubelte; zwar schnell und hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet
-und geliebt. Der Hafen -- ich wußte nicht einmal, welcher -- war
-ein Markstein meines Weges. Marksteine sind tröstlich, auch die auf
-unendlichen Pfaden.
-
-In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, auch am englischen und
-französischen Hofe, war von Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und
-her geredet worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. Ein
-schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, Weiber und Kinder
-zog sich vom Hafen über die Hügel bis weit vor die Stadt -- Pilger,
-Handeltreibende, Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt von
-Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, Geistlichen, Heimkehrern
--- falschen und echten -- ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben und
-Nichtstuern.
-
-Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend Menschen
-in ungeschlachten Bäuchen, verfrachteten die Elenden wie Vieh zu
-kreischenden Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden,
-aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie duldeten alles, diese
-flachshaarigen Pilger aus Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie
-gruben ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um im Wüstensande
-verderben zu dürfen. Ach, sie träumten von einem Paradiese, von
-blühenden Gärten, von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden,
-Templerorden -- alle verdienten am heiligen Grabe, am heiligen Kriege.
-Die Kreuzzüge waren ein riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher,
-der mit grausiger Offenheit betrieben wurde.
-
-Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich das bunte Wirrsal. Nach
-drei Tagen war ich in das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen
-Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten Leute meines
-harmlosen Vaterlandes. Pest und Aussatz lagen unter den schmutzigen und
-unter den gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, endlos
-tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; ringsum ein Reifen und
-Blühen, fern der wogende Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die
-Segel wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog war -- wie lange
-dünkte mich diese Zeit vorüber! -- hatten mich die Nöte meines Volkes
-nicht gekümmert, sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer darbte.
-Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte Herz. Guten Glaubens
-hatten diese Bauern ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren
-Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden versprochen worden. Nun
-gaben sie ihr letztes Geld für die Überfahrt oder mußten sich zu langen
-Frondiensten an die verpflichten, welche ihnen einen Platz auf Deck
-verschafften.
-
-Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen sollte. Makler
-aller Stämme bedrängten mich, aber der billigste Platz überstieg meine
-ärmlichen Pfennige. Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer Mark
-Silbers und wünschte, einen Griff in meine herzoglichen Truhen tun zu
-dürfen, doch das war auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier
-nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest meines Geldes Brot und
-Speck genug für eine Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat
-sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender Hand begabte,
-wer mir in den Weg lief, wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich
-anstarrte, und verhärtete mein Herz, bis es blutete. Tagsüber stand ich
-an den Schiffsländen und sah den Frachten zu, betäubt von dem bunten
-Gemisch des Überflusses und des Mangels, zerrissen von dem vielfältigen
-Schrei der schönen und häßlichen Sehnsüchte um mich her.
-
-Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung wieder auf, südwärts
-immer, gen Amalfi, dazu mir ein friesischer Schiffer geraten. Die
-Rast in Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und als ich die
-Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann ich aufs neue zu hoffen.
-Die übermütige Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl von
-Schutz und Geborgensein, dies Land war von Segen wahrhaft überflutet
-und ließ jedem das nackte Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im
-menschenleeren Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen wie
-in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, selbst Neapel ließ ich zu
-meiner Rechten liegen und klomm über die unwirtlichen Gebirge an das
-Ziel.
-
-Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, dampfend in der Schwüle
-erreichte ich Amalfi, das wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten
-Hafens, denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den dunklen
-Bergwänden in das tosende Meer, alles Menschliche verkroch sich in
-den Häusern. Ich drückte mich in eine Herberge, froh der Leere in den
-Gassen, aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend und der Ansturm
-der Pilger nicht minder groß waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen
-blauenden Himmels schritt ich beklommen ins Freie und tat mich am Hafen
-um, ob nicht wer einen Ruderknecht brauche, aber alle wiesen mich ab,
-mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Gesicht über mein geistlich
-Gewand, das zu arbeiten begehrte.
-
-»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer im schlechten
-Französisch der Provence, »was nimmst du den Armen das Brot? Der Prior
-gibt dir, wessen du bedarfst.«
-
-Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, seinen Rat zu befolgen,
-der Mönch Ronald war noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich
-und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. Eine lübische
-Kogge war zum Auslaufen bereit, klein, zierlich, sauber wiegte sie sich
-ein wenig abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein Boot
-von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an der Lände stand. Ein
-Ritter, sichtbar ein Deutscher, schlicht, jung und bieder, sprang ans
-Ufer und half seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber zu den
-Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet waren, traten bald
-wieder hervor und lehnten an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die
-Wasser nach den emporglimmenden Sternen schauend. Mir berührte es das
-Herz absonderlich weh, ich dachte jener, die nun die Erde deckte, die
-ehemals lieb und traut an meiner Schulter lehnte.
-
-Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? Warum ließen sie die
-Heimat? -- Sie gaben mir keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten
-sie sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.
-
-Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem sah ich die Frau, hoch,
-blond, ein schönes, trauriges Gesicht mit großen, seltsamen Augen.
-Wenige Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen mich, und
-nie sah ich in einem menschlichen Antlitz solch tiefes, wehrloses
-Sichergeben in ein Schicksal. Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und
-neigte still den Kopf.
-
-Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt, diese Frau niemals
-gesehen zu haben, ich dachte nicht eines Herzschlags Länge daran, jene
-hätte mich als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich den
-Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen und harrte unruhig, wenn
-auch ohne Furcht.
-
-Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen, vielleicht glaubte
-er ihr Gemüt vom Abschied verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte
-leise auf deutsch:
-
-»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.«
-
-Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein Marmorbild stand ihr
-Antlitz in dem nächtigen Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme
-in der Luft:
-
-»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen Lande?«
-
-Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der Ritter sah verwundert
-zu mir her und lächelte wohlwollend, möglich, daß er sich von meinem
-Aussehen keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich recht
-daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes Bild, als tauche
-ein Meeresungeheuer aus dem Hafengrund.
-
-»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen, ich bin ein
-Pilger und walle zum Heiligen Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott
-allein, denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.«
-
-»Ihr seid geistlich -- geweihter Priester?«
-
-»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen Mundes, indes mir das
-Herz schier die Rippen zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen
-ihren Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte.
-
-Der Ritter nahm das Gespräch auf:
-
-»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein Normanne. Wes Landes
-seid Ihr?«
-
-»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes. Das Abendland ist
-mir geläufig auf deutsch, französisch und sächsisch. Auch Italienisch
-lernte ich und schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit, Herr,
-vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten sein. Lohns begehr ich
-nicht, aber Fahrt und Pflege müßt Ihr zahlen.«
-
-Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen, nahm mein leeres
-Beutelchen aus der Kutte und wendete es um -- ach, ein vergessener
-Pfennig fiel heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in das
-Wasser.
-
-»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherflein des Armen opfere ich
-den Meeresgöttern, daß sie uns sanft tun.«
-
-Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz aber ward von einer
-noch tieferen Blässe überzogen, und eine Träne hing an der blonden
-Wimper.
-
-»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn plötzlich gellten von
-der Kogge drei Pfiffe, »es ist kein Priester an Bord, und mein Gemahl
--- in den Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!«
-
-Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes Braue -- ich stand an
-Deck eines Schiffes, das ruhvoll mit geschwellten Segeln durch die
-Sternennacht glitt, dem heiligen Ziele zu.
-
-
-Die Kogge hatte nur Deutsche an Bord, Ansiedler, denen die Heimat,
-Abenteurer, denen die Welt zu eng schien. In den Kajüten der Ritter,
-Herr Eberhard von der Wilze, und einige Kaufherren aus dem Norden,
-die mit kalten, gleichgültigen Gesichtern und hocherhobenen Nasen auf
-das übrige Volk herabsahen und hinter unbewegten Stirnen Zahlen und
-Warenballen von einem Ende der Erde an das andere jagten. Heil mir, daß
-ich nicht als Herzog reiste -- die Kogge wäre mein gewesen, erfüllt
-von bechernden Mannen, und nichts wäre geändert, als daß meine Tafel
-und meine Laster ihren Schauplatz gewechselt hätten. Jetzt sah ich
-Wunder, wohin mein Auge traf.
-
-Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen, Beichte hören. Es kam
-mir nicht zum Bewußtsein, daß ich Gott lästerte, indem ich das
-selbstgebackene Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello in
-sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine Furcht, von den Menschen
-entdeckt, entlarvt, verworfen zu werden. Aber sie knieten alle
-andächtig um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet am
-heiligen Wort.
-
-_War_ es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es mir künden. Einen wußte
-ich, der gläubig war und voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes
-sündiges Herz.
-
-Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner niedersächsischen Heimat
-fortgetrieben hatte, erfuhr ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren
-gelobt und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand mitunter bei
-mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften in Deutschland, dem
-verbissenen Ehrgeiz Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein
-ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein Bruder wurde.
-
-Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter Stimme hinzu:
-
-»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes ein wenig acht; sie
-hat die Gabe des Fernsehens und quält sich in zweckloser Trauer.«
-
-Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich allein, mit streitendem
-Gemüt. Beim Nachdenken fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir
-absichtsvoll entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend und fast
-erschrocken auf mich richtete. Was ich von ihr wußte, war, daß sie
-bestimmt niemals meinen Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte
-verbarg sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir eine dunkle Scheu
-ein, ich konnte sie nicht bezwingen, als ginge ein Teil ihrer Kümmernis
-mich selber an.
-
-Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns der Küste von Jerusalem,
-als der Wind mit einmal schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos in
-der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der Nacht zu, aber in der Ferne
-des Himmels hockte ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit
-weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern einem Rachen mit
-glühenden, drohenden Zähnen glich.
-
-Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem Munde am Bugspriet und
-starrte auf die unheimliche Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei,
-an den Planken klebte und einen unerträglichen Modergeruch ausströmte.
-
-»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,« versuchte ich ihn leichten
-Tons, »mich deucht, ein Wetter kommt herauf.«
-
-»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte sein Gesicht
-fürchterlich. Er zitterte am ganzen Leibe vor Aufregung, der Schweiß
-rann ihm über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich mißtrauisch
-um und packte mich bei der Kutte. Heiser stieß er aus der Kehle:
-
-»Behaltets für Euch, Vater Ronald: noch drei Vaterunser, und diese
-guten Bretter stehen mehr als je in Gottes Hand.«
-
-Er schob die Pfeife zwischen die Lippen, sein zerrissenes Gesicht wurde
-hart vor dem nahenden Kampf, ein schriller Pfiff versammelte seine
-Leute.
-
-»Klar Deck!« befahl Meister Bornhövt laut. »Weg mit allem, was nicht
-niet- und nagelfest ist!«
-
-Aus der Masse, die auf Deck freiere Luft suchte, drangen gequälte
-Schreie, unwillig stemmten sich die Leute gegen den Befehl.
-
-»Fort mit euch!« brüllte der Patron. »Die Hölle geht los, ihr Narren!
-Wählt, ihr Esel, ob ihr schwitzen oder versaufen wollt!«
-
-Das Deck ward leer, an den Kajüten standen noch einige Kaufherren
-und zeichneten auf einer Planke mit Kreide Geschäfte auf; ich stand
-am Bugspriet und verbarg mich vor den Augen des Schiffsherrn,
-mehr aus Neubegier zu dem Kommenden, denn aus Abneigung gegen den
-menschenüberfüllten Raum.
-
-Indessen begann die Luft zum Ersticken heiß zu werden, aus dem fernen
-Rachen brach plötzlich eine ungeheure Zunge schräg über den schwülen
-Himmel, ein rasender Sturm hob das glatte Meer und stieß die Kogge wie
-einen Federball auf schwarzem Riesenturm in die Höhe. Donnernd schoß
-sie wieder in die Tiefe, stand zitternd auf, hielt, in allen Fugen
-stöhnend, einen winzigen Augenblick in dem brodelnden Kessel von Gischt
-und Schaum und flog wie ein Pfeil in die krachende, blitzsprühende
-Nacht. Der Regen rauschte und flutete, Wogen lärmten über die Borde und
-übertönten das ohnmächtige Wimmern unter den Luken.
-
-Die Nacht war taghell, ich sah die Mannschaft mit Seilen an die Masten
-und an das Ruder gebunden, den barhäuptigen Patron wie den Erzengel des
-Gerichts über das Heck ragen und nach vorn starren. Auf Menschenstärke
-war bei diesem Wirbel der Wetter kein Verlaß, wehrlos waren wir dem
-Verderben preisgegeben.
-
-Mit meinen ungewöhnlichen Kräften hatte ich mich an den Borden halten
-können, ohne ein Seil zu gebrauchen. An Furcht dachte ich nicht, ja,
-dies Neue schien mir, wenn ich der Menschen an Bord nicht achtete,
-schön in seinen unvergleichlichen Maßen. Ich fühlte mich hineinverwoben
-in Schicksale und Schicksal, und alles trieb einem mächtigen,
-vernichtenden Höhepunkt zu. Mir ist in der Erinnerung, als habe mein
-Herz gejubelt, und ich glaube, mein Gedächtnis trügt nicht. Noch heute,
-bei schlohweißem Haar, rumort ein seltsamer Geist in meiner Brust,
-wenn die Kronen meiner Wälder im Sturmwind brausen und dröhnen, als --
-ja, als ritten die Götter der Ahnen siegjauchzend durch das donnernde
-Gewölk.
-
-Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der flammenden Peitsche des
-Gewitters mit ihrem zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der
-Himmel meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt, das Schiff schien
-nur Tote zu fahren. Die beiden Masten waren längst über Bord gefegt,
-zehn, zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue von einer Sturzsee
-erfaßt wurden, trieben irgendwo in der Nacht.
-
-Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein Stoß, als stießen wir
-auf Fels, das Schiff barst langsam mitten auseinander, geisterhafte
-Menschen wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf Deck
-zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren Blicken über steile
-Wände in die See, ein einziger Schrei quoll aus der sterbenden Kogge.
-Ich sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die Finsternis
-gleiten, mit einem jagenden Gedanken stürzte ich dem Holze nach in
-den Höllenstrudel. Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende
-Stöße warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum und hing
-und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos vor Glück über
-Todesgründe. Und plötzlich ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine
-Welle schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen Kopf der
-Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch über Wasser und bettete ihn auf
-den Baum.
-
-Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz in einem fort, Gott
-will mich nicht verlassen!
-
-
-Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der Tag; wir trieben
-allein auf der öden See, kein Segel, kein Land. Sie war noch nicht
-von ihrer Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen Atem. Ihre
-Hand umklammerte meinen Arm, dicht vor meinem Munde lagen die weißen
-schmalen schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am Leibe, die
-schlankem kräftigen Formen traten klar hervor.
-
-Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren die einzigen Geretteten
-der lübischen Kogge.
-
-Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein Leben ohne Hoffnung! Noch
-wogte die See erregt und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die
-Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an dem Holze, die
-Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. Jedoch bald begann ich sie um
-ihre Ohnmacht zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den ich kaum
-bezwingen konnte. Wie die meisten der Armen auf unserem Schiff hatte
-ich meine irdische Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte
-mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein darin, doch ich
-konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Frau Gertraude zu
-verlieren, und aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen
-Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich suchte meine gierigen
-Sinne abzulenken, indem ich das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie
-für Linie lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen ein,
-den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette mit dem Braunschweiger
-Löwentaler, die zarten Hügel der Brust -- ich ermattete mich mit
-Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der Durst knechtete mich und
-würgte mir die Kehle, daß mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann.
-Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde umher, vergebens.
-Glühende Bilder tanzten vor meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte
-nachlassen.
-
-Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich noch einmal auf, die
-Blicke flackerten über die Wogen -- ein Segel, seltsam geformt, ein
-Schiff mit voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, stürzte
-auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel fletschender Zähne und
-schwarzer Gesichter, ein Tau sauste auf mich nieder, ich griff es,
-packte Gertraude, ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten
-sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, und wie ein Stein
-schoß ich wieder in die Tiefe, allein, unendlich einsam, erlöst.
-
-Die Sinne fielen von mir ab.
-
-
-Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans Ufer trugen, ich hab es nie
-erfahren. Genug, Brüder vom Deutschen Orden fanden noch Leben in mir
-und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun Tage darauf erwachte ich
-aus wirren Fieberträumen, sah mich auf reinlichem Lager in einem
-hellen, freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute mich wehmütig
-an, seufzte und siegelte die Lippen mit dem Finger. Eine Schale wurde
-mir gereicht, die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen
-und versank sogleich in tiefen Schlummer.
-
-Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung brachte das Verlorene
-wieder, ich atmete die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß
-der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen hatte; er erhob
-sich, als er mich munter sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte
-den Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher Bruder des Ordens,
-ein Edler von Burgberg, und seine traurige Stimmung erklärte sich mir
-bald: er war der Vater Gertraudens, von der in meinen Fieberreden
-schreckhafte Bilder flatterten. Ich tröstete ihn, wie ichs vermochte,
-ich schwor, sie sei lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er
-schüttelte verzagt den weißen Kopf.
-
-»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder gar --« er verschluckte
-einen Fluch und preßte die Faust stöhnend an die Brust.
-
-»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über das andere Mal, »waren
-nur Heiden an Bord? Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«
-
-Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, und selbst wenn
-ich ein Kreuz gesehen hätte; ich würde es ihm verschwiegen haben.
-
-»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine Templeisendirne!« Seine
-heißen Augen trafen mich: »Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast
-wahrlich deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu retten. Daß es
-so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet sei sein unerforschlicher
-Wille. Aber zu dir --«
-
-»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid mir nichts schuldig;
-ohne Euch dörrte ich jetzt im Ufersande.«
-
-»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden. Du fiebertest und
-nanntest den Herrn von der Wilze; da erst riefen sie mich. -- Was
-willst du nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte, Freunde,
-Ordensbrüder? Hier heißt alles Geld, mein Freund, das Heilige Land ist
-ein einziger Marktplatz.«
-
-»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte am heiligen Grabe zu beten
-und die Verwundeten zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.«
-
-Der von Burgberg seufzte.
-
-»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos im Lande, zu
-Tausenden sterben sie dahin. Verwundete? Die Kämpfe ruhen ja! Unsere
-Führer feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um das Land
-ziehen, wie den Strick um den Hals eines Schächers.«
-
-Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte sich vor Zorn.
-
-»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue, so wollt ich
-schwören, die Herren und Fürsten verrieten uns an die Heiden. Nur die
-Narrheit oder der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund
-Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland -- aber was soll dich
-das bekümmern! Du bist ja wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können
-auch Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht gerade gern,
-denn ich hasse diese verlogene Zunge, darin die Templer ihre Meineide
-tun. Will dir was sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir
-haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände; beim Hospital, beim
-Handwerk, in den Wein- und Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen,
-bloß das Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so tätig. Kannst
-mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber, wenn ihm mit der Hand statt nur
-mit dem Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von euch Geschorenen
-in der Welt umher und stehlen ihre Tage. -- Laß dir Zeit mit der
-Antwort, ruhe, wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen
-Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen, und dann sag mir frei deine
-Meinung.«
-
-Damit ließ mich der wackere Mann allein, und die Langeweile besuchte
-mich sicherlich nicht, so voll war mir Kopf und Herz.
-
-
-Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten war ich jordanaufwärts
-nach den Besitzungen des Deutschen Ordens südlich des Sees Tiberias
-unterwegs. Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne anderen Lohn als
-die tägliche Notdurft; ich konnte gehen, wann ich wollte. Meine Seele
-schrie nach Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum letzten
-Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte das Blut in meinen Adern
-ausgetrocknet. Nichts gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte,
-da Sein Fuß gewandelt -- aber ach, wo wäre der Mund, der heute die
-Wechsler und Händler aus seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde
-kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer Schwindel,
-schachern Juden, Heiden, Christen in widerlichem Wettbewerb um das, was
-ihnen die Krone des Lebens heißt: Gold.
-
-Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte nicht beichten,
-konnte kaum beten. Wie sollte mich ein Menschenwort vom Fluche lösen?
-Zweifel, schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich von der
-heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht, aber er überflutete und
-brach die alten Formen und fand kein neues Gefäß, rein und köstlich
-genug, ihn zu bergen.
-
-In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheit wahr, den
-Menschen fern zu sein. Den Menschen und den Häusern, denn mir schien,
-es knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den mächtigen Mauern
-der Kirchen; das Gespenst des Untergangs schritt mit der Frechheit des
-Lasters dreist und offenbar über die Gassen.
-
-Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte ich, ohne meine Sünden
-gegen die der anderen abzuwägen. Mir, dem Beichtiger, waren auf dem
-lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht vor einem
-unbefangenen Richter teuflischer und gemeiner als meine Tat galten;
-nicht vor mir. Ich konnte niemanden fürder verdammen.
-
-Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl, das Blühen und
-Wachsen der stummen Geschöpfe, die in meiner Obhut waren, erfüllte
-mich mit bescheidenem Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die Kette der
-täglichen Wassereimer über das unersättliche Land und empfand einen
-demütigen Zwang, Besseres zu leisten als meine Gesellen.
-
-Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen galt, ohne daß es mir
-damals zum Bewußtsein kam, als hochmütig. Indessen habe ich gelernt,
-daß die Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nicht liebt.
-Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß sie meine Heimat berührt
-hatten, zeigte ich mich lebendiger und forschte sie vorsichtig nach
-dem und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes wußte. Als
-jedoch Saladin stärker gegen das morsche Königreich Jerusalem zu
-rennen begann und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft wieder
-kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine Botschaft des Glücks und
-der Verzweiflung zugleich.
-
-Ich war in meinem Rosengarten -- eine leichte, duftende Freude neben
-meinen Pflichten -- und versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich
-ein sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle, saftigrote
-Knospe war eben aufgesprungen und duftete süß und hingegeben in den
-laulichen Tag. Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister Otfried
-näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte eine fröhliche Runde
-französischer Herren meinen Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich
-die neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und berochen, und einer
-der Herren sagte mit Lachen:
-
-»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße Blumenkind: nennt sie
-Aleit von Claraforte.«
-
-Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte mich, suchte mit irrenden
-Fingern, mußte endlich blutübergossen emportauchen.
-
-»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner Seel!« plauderte der
-Ritter unbefangen weiter. »Aber leider hat sie für niemanden anders
-Augen als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog ist ein
-wahrer König Artus an Tugend, Schönheit, Mannestum.«
-
-»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich tonlos, fessellosen Zorn
-im Herzen, und mich selbst zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich
-niemals viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.«
-
-Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes Wesen konnte ihm nicht
-entgehen. Die anderen hatten des gottlob weniger acht, sie standen
-bereits entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd. Der
-Ritter erwiderte schier achtlos:
-
-»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt Ihr den Herzog und sein
-Weib? Wann saht Ihr sie zuletzt?«
-
-Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer mußte ich mich beherrschen!
-Und noch in diesem Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit.
-
-»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr denn zwei Jahren zog ich an
-Claraforte vorüber in dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat
--- die meint Ihr doch? -- durch einen üblen Fall zu Tode gekommen. Der
-Herzog aber -- doch, Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten -- er hieß
-der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur die Hälfte alles dessen,
-was sie ihm nachredeten, wahr ist, so wird sich Satan für diesen
-Namensbruder bedanken.«
-
-Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen Fant; mich ärgerte
-die Kunde, ich hielt nicht anders, als daß mein Stellvertreter eine
-neue Heirat getan haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin
-versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben.
-
-Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd mit der Braue;
-jetzt wandte er sich gelangweilt ab.
-
-»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich sah Aleit von
-Montgerrat, mit dem Herzog und ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in
-Paris -- ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken Schlaf ein
-feuriges Mal wie von einer Narbe. Und Herzog Robert -- mag er gewesen
-sein wie immer -- heut ist er einer der vornehmsten und besten Ritter
-der Christenheit. -- Was ist Euch? Ihr solltet Euch nicht barhäuptig
-dieser verruchten Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt nicht:
-die Rose nennt Ihr Frau Aleit.«
-
-Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. Die roten Blütenblätter
-der Rose »Frau Aleit« erstarben in meinen mörderischen Händen,
-wollüstig gruben sich die Dornen in mein Blut.
-
-Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße fiel jäh von meinem
-Antlitz. Das Glück, kein Mörder zu sein, ließ mich nicht jubeln,
-nein, ich schrie wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott und
-Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles war mehr in mir, mit
-glühenden Zangen folterten mich Eifersucht, Haß, Neid -- alle dunklen
-Triebe meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward von einem Gebrüll
-zerrissen, das mir jetzt noch in beschämten Ohren klingt. Im rasenden
-Gehirn erwürgte ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den Mann, der meine
-Züge trug, in dessen Adern Blut von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit
-einer kalten, hemmungslosen Lust am Morden, sah seine hervorquellenden
-Augen, hörte das Brechen der Wirbel und lachte, lachte -- dieweil mein
-eigener Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.
-
-Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War meine Schuld an dich so
-riesengroß, daß sie solche Strafe verdiente? O ich Narr der Narren!
-Ein Kind war da, ein Erbe -- ein Wählingerblut! Ein Bastard vom
-Bastard -- Herrgott, wo blieb deine Güte, von der deine Diener so viel
-Aufhebens machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen Glieder
-dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, voll von ihrer keuschen
-Leidenschaft -- oder -- oder wissend und vom guten Tausch beseligt?
-
-Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, Arme voll Rosen riß ich
-an die Brust und badete mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut
-aus hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott und den Menschen
-verraten, betrogen, bestohlen! Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit
-betäubte mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. Eitelkeit
-stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: Beweise dich, zeige dich,
-du echtes, gerechtes Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im Bett
-einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit Kebsen und Dirnen,
-getragen in Unlust, geboren in Schande, erzogen zum Betrug -- zum --
-wie sagte der Franzose? -- zum vornehmsten Ritter der Christenheit.
-Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen ab! Wie schlau, ein bißchen zu
-schlau hast du deine Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du
-auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen Arbeitsfäusten
-erwürge ich dich, und wärest du außen und innen aus Erz.
-
-Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, ich achtete sie nicht.
-Jäh floß der kühle Hauch der Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze,
-keine Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, die über
-meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe schienen. Zwei Jahre lang, Tag
-um Tag, hatte ich diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen Namen
-trug; indes er in den Wonnen des Paradieses schwelgte, seufzte ich in
-der heißen Sonne Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot
-essend, der größte und törichtste aller Narren, die je von ihrem
-heimatlichen Herde liefen.
-
-Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die Genossen bei den Gästen
-und hörten voll Sehnsucht und Heimweh die Erzählungen aus dem alten
-Lande an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und Gott war in
-meiner Brust erloschen wie eine Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir
-vor den Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land raubte, mußte
-ich mein Leid ersäufen, anders starb es nie. In diesen Vorstellungen
-erlangte ich, merkwürdig genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß
-war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich durch die
-Gartenanlagen an die Siedlung, willens, noch vor Tag mein Ränzel zu
-schnüren und mit dem frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand
-zu meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet und dröhnend
-von Worten und Waffen. Abermals, mitten in der Nacht, waren Gäste
-angekommen, bis in den Hof standen die Knechte, und über die weinheißen
-Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: Krieg.
-
-Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich drängte mich durch die
-Fremden in die Halle, Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu
-sich und sprach mit hellen Augen:
-
-»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. Über vielen steht der Tod,
-und sie sollen getröstet einfahren in das himmlische Reich. Saladin
-stößt auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. Oder halten
-dich deine Rosen?«
-
-»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, Blut schwamm mir vor den
-Augen. »Aber gönnt mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die
-Seinen auch ohne mich.«
-
-Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die fremden Herren neben
-ihm, die unsere Reden hörten, lächelten spöttisch. Ich sah sie an,
-eiskalt war mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren beugte ich
-mich, packte mit der Faust einen der schweren Eichensessel, darauf ein
-Ritter in voller Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den Tisch
-und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln und Becher nieder, ohne
-anzustoßen, ohne Geräusch. Viele sahen es und gafften mit verschlagenem
-Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal in meiner Heimat
-trunken und prahlerisch vollführt hatte, ward inne, daß meine mächtige
-Kraft noch gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz und
-Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So werde ich ihn erwürgen, den
-Bastard, und sein rotes Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den
-Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.
-
-Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem Hochsitz und schlug mir
-auf die Schulter:
-
-»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch! Und recht hat er, wenn er
-einen eisernen Wedel begehrt, das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt
-in mein Gefolge, Mann!«
-
-Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried vor mir und sah mir tief
-in die Augen.
-
-»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er leise, »wie dürften
-wir Gott einen solchen Arm entziehen! Setz dich her, wir vermißten
-dich schon eine Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um die
-Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die Sterne. Möchte so auch
-der Halbmond tun!«
-
-Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen Becher voll
-feurigen Griechenweins. Ich stürzte ihn, ohne abzusetzen, gierig nach
-Betäubung.
-
-Otfried sah mich verwundert forschend an, mit dem Finger drohend:
-
-»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes Mönchswesen beiseit.
-Nie hab ich dich über dem Wein gesehen, und jetzt beschämst du die
-tapfersten Schläuche.«
-
-»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittag spottend ein, »die
-schöne Frau Aleit!« Und wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen
-Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese, du Elefant!
-Wart lieber auf Saladins braunes Geziefer, da passen gleich drei Hälse
-zugleich in deine Klaue.«
-
-Ich schob den Becher schroff zurück und verließ den Raum, wollte allein
-sein, keine fröhlichen Reden hören, keine lachenden Augen sehen. Ins
-Schlafgemach ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen eine
-Decke, wickelte mich ein und legte mich hinter die Gebäude in einen
-sturmgeschützten Winkel, dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie
-ein Bachgemurmel drang.
-
-Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen Tiefen auf, Krieg, Schwert
-und Harnisch verwischten die bunttobenden Leidenschaften zu einem
-grauen Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte mich sonder Wollen
-und Wissen in Schlummer.
-
-
-Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein zerbeulter Helm,
-ein rostiges Kettenhemd; aber das Schwert war vortrefflich: ein
-Zweihänder vom alten Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner
-schwingen mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack geschnürt, die
-Mönchspapiere trug ich im Beutel auf der Brust, wer weiß, wozu; ich
-konnte nur noch arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte nach der
-Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige Land, das Heilige Grab -- es
-waren bunte Bilder am Wege meiner Rache.
-
-Wir zogen -- ein stattlicher Haufe -- dem Hauptheere zu, schier
-stündlich vergrößert durch Zuwachs von flüchtendem Landvolk, Christen
-und auch Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr noch als
-das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer Herr war, wenigstens was das
-Leben anging. Saladin preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in den
-Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen lebten, sahen keinen
-großen Unterschied und begeisterten sich nicht einseitig. Es waren
-nicht die Besten.
-
-Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem Riesenstrom gegen die Küste,
-Karren, Reiter, Fußvolk mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der
-dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager von Askalon wurden
-die Böcke von den Schafen geschieden, die Krieger sammelten sich und
-zogen auf das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt, die
-fiebrige Stille vor dem Sturm begann ihre Folter.
-
-Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im Lager gesucht; jetzt
-stieß er unversehens zu uns, trotz seines weißen Haares kampfbereit und
-aufrecht im Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch unter dem
-Helm, lachte und bot mir vom Pferde die Hand; keiner von uns ahnte, wie
-bald wir die Rollen tauschen würden.
-
-»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese braunen Teufel austreiben
-wirst? Heuer kommen die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah
-ich die Plänkler über den Hügeln und -- horch! Was blasen die Hörner?«
-
-Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln, ein freudiger
-Schein glitt über sein vergrämtes, gutes Gesicht; kaum daß er Zeit
-fand, mir zuzunicken, und fort sprengte er in die Reihen der Deutschen
-Brüder.
-
-Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter Hecke vor uns
-aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes wirbelten auf, leise schütterte der
-Boden von zahllosen Hufen. Ein Schauer überfiel mich -- Angst? Nein,
-nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, aus mörderischem
-Herzen geboren. In starrer Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte
-keinen anderen Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, und hatte
-doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, als das Gewühl um mich wogte
-und ich, unwissend wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben um
-mich schlug. Das war ein ander Ding als ein Turnei in sicherer Rüstung.
-Wie Heuschrecken wimmelten die Heiden auf blitzschnellen Rossen um
-unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten uns wacker und
-trieben einen Keil in die Woge, daß sie blutig zerschäumte. Atemlos
-spähten wir über das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals
-über uns her, wir schmolzen zusammen, hin und her gezerrt, wurden immer
-weiter abgedrängt, zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts
-von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet gegen den gewissen
-Tod.
-
-Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen Teufel stutzten, rissen
-die Gäule herum und schossen aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit
-starrten wir ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. Da klomm
-ein Roß über die Mulde, der von Burgberg ritt langsam heran, bleich,
-mit geschlossenen Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt.
-Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein Unsichtbarer, schlug die
-Augen auf, die schon im Tode brachen, und lallte:
-
-»Sieg!«
-
-Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing ihn auf, wir waren
-alle wie gelähmt. Mit stumpfen Knien trat ich zu ihm und sah in seinen
-Augen das Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem Leichnam
-und erinnerte mich an die Stunde. Sonder Umsehens sprang ich in den
-geleerten Sattel und sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder
-wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch kreiste durch meine
-Adern, in meinem Herzen schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in
-rasender Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist meine Heimat,
-Schwertschlag meine Freude. Ich sah die fliehenden Horden ostwärts
-stürzen, hieb dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel und
-stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. Junge Kraft rann
-mir durch den Leib, ich genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel
-hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die schwingende Lust des
-Rittes und dachte an keine Müdigkeit.
-
-Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten die Hufe vor mir an mein
-Ohr, enger ward der Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich Seite
-an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, ich schlug ihn mit der
-bloßen Faust aus den Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner,
-sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und schlossen sich zu
-sieben oder acht zusammen, ihre raschen Wüstengäule schossen wiehernd
-um mich her; Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf den
-Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei meiner Seele, ich glaubte in
-dieser Stunde an ein Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete
-es falsch.
-
-Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er saß auf einem
-herrlichen Rappen, golden schimmerten seine Waffen, vom Helm wallte ein
-edelsteingeschmückter Schleier über seine Schulter.
-
-Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme in mir. Die Beute
-heißt Überfahrt mit Mann und Roß; in zwei Monden kannst du schon in der
-Heimat sein, und dann --
-
-Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem grausamen Hieb, es flog
-mit pfeifendem Stöhnen über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben
-zurück, der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von seinem
-adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. Plötzlich riß er das Roß
-mitten im Jagen herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust und
-traf mich mitten auf die Brust.
-
-Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten vor meinen Augen, eine
-dünne Schlange zischelte über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme;
-rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger und enger, und jeder
-Kreis war eine lederne Fessel um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses
-Bündel, über einem fremden Sattel lag.
-
-Gott hatte mich ganz verlassen.
-
-Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut füllte meinen tief
-herabhängenden Kopf zum Zerspringen mächtig, Jammer und Ekel wuchsen
-größer als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die Vorsehung mit
-mir vorhaben, daß sie mich also hart prüfte; jedoch dieser Gedanke,
-in bitterer Verzweiflung geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein
-Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder Sklaverei heißen;
-aber eben jetzt, da ich noch eine Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu
-werden, konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als das ärgste
-meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie denn immer die letzte Folter am
-schwersten zu ertragen ist.
-
-Eine gute Weile ritten die Heiden, was die Pferde gaben; dann ging es
-sorgloser dahin, und ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung
-zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald von Chatillons geringe
-Reiterschar durfte sich nicht von der Masse des Fußvolks lösen, ohne
-in Gefahren zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, ich wurde auf
-ein ledig Roß gehoben, die Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und
-weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien den Kampf völlig
-aufzugeben; die paar Brocken der Heidensprache, die ich aufschnappte,
-belehrten mich über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem
-pochte mein abendländisch Herz höher.
-
-Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die Arme an den Leib gebunden,
-auch als der Trupp zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter
-Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief alles ringsum bis
-auf die Posten, deren Lanzeneisen ich von weitem im Mondenlicht blitzen
-sah. Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn vom Tag bei
-Askalon, und ein Lachen kam mich an ob solcher elenden Beute.
-
-Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch wälzte, die Riemen
-schnitten schmerzhaft in mein Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht.
-Ich überdachte die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden
-hatte, und glaubte über meinen Bewältiger klar zu sein: es war der Emir
-von Bachara, offenbar ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. Mich
-kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte seiner nur, um meine gequälten
-Sinne zu beschäftigen und abzulenken.
-
-In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener, schöner
-Mensch im kräftigen Alter, blickte kühl auf mich nieder und sagte zu
-meinem höchsten Erstaunen auf deutsch:
-
-»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, unterwegs nicht zu fliehen
-oder sonst gewalttätig zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«
-
-»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine Furcht!«
-
-Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur ein Winkel seines Mundes
-schien zu zucken. Er winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte
-mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht einmal auf den Füßen
-bleiben.
-
-Immer noch stand der Emir da und hatte eine Frage auf der Zunge.
-Endlich hielt es ihn nicht:
-
-»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher Verlegenheit. »Warum
-fiel mein Speer aus deiner Brust?«
-
-Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das Kettenhemd war zerlöchert
-und zerschlissen, ich konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter
-dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten, die Münze meines
-Bruders und errötete bis unter das Haar.
-
-»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle.
-
-Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das verbeulte Blech und
-sprengte an die Spitze seines Zuges. Wir ritten.
-
-Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen Höhen niederreichen und
-mein Herz berühren, fühlte ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in
-die Heimat gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und jener armen
-Mutter, die eine Sommernacht lang meines Vaters Spiel gewesen.
-
-Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen mir in den Bart.
-
-
-
-
-Zweites Buch
-
-
-Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die Wunder des Morgenlandes
-dufteten, glühten, rauschten um mich her, inmitten immerblühender
-Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten verschwiegene
-Lauben, sangen bunte Vögel -- Wirklichkeit war auf einmal der nie
-erfüllte Nordlandstraum vom ewigen Licht. Sie fragten mich, was ich
-könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, in flammende Märchen
-getaucht, hatte Freiheit, so weit die Mauern um das Paradies, hatte
-Brot, Lager, Himmel, Sonne.
-
-Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, heut schlug es kalt
-in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Emir blieb unsichtbar; von
-Sklaven aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, mit denen
-ich arbeitete, wußten nur wenige Worte Fränkisch. Es war gut. Ich
-war gezwungen, ihre Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren
-dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich todmüde auf
-dem Lager, hatte meine eigene Hütte, meinen eigenen Herd, denn die
-Sarazenenküche widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen,
-was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie überließen mich
-achselzuckend meinem Tun; auch hier ward ich keines Freund, keines
-Feind. Vielleicht wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich wußte nicht
-mehr, wozu. Die Heimat mit ihren Gestalten wich ferner, mein Haß gegen
-den Bastard verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und fand am
-Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das heiß und leidenschaftlich
-mit Gott verbunden zu sein wähnte, sah das Ewige fortan durch eine
-klare Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, wurde ich
-eine Kirche für mich und gewann einen stillen, tiefen Glauben. Dies
-kam nicht von heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der
-Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor meinem Hause, und doch
-hatte der Kampf um meine Seele erst begonnen.
-
-Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir von Bachara und
-erhielt das Bild eines außerordentlichen Mannes. Der älteste Aufseher
-liebte es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit
-unterrichtete mich über Dinge und Menschen lebendig wie ein sprechendes
-Bild.
-
-»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht gewußt, wohin
-deine Striemen betten. Der Herr -- Allah erhalte ihn uns! -- schwang
-die Peitsche, seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten
-die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann erzählen, wieviel
-verdorbenes Menschenfleisch in seinen Schoß versenkt worden ist. Da« --
-er stieß den Daumen über die Schulter nach dem Harem, dessen verhangene
-Fenster niemals geöffnet wurden -- »da wimmelte ein Ameisenhaufe von
-Völkerchen; und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras wachsen
-hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen Tritt einer schlanken
-Gazelle.«
-
-Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie aus Grüften, das runde
-Gesicht verzog sich zu einem schwermütigen Trauerlied und malte
-ergreifend das entvölkerte Lusthaus.
-
-»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit deinen ungläubigen Augen zu
-betrachten. Sage, Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren
-Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick auf eine Antwort,
-die ihm selbstverständlich schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen,
-die ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz wie Tau in der
-Sonne, bis auf eine. Christ, ich habe sie gesehen, denn sie verschmähte
-den Schleier; sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; nur
-wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, Erde, Meer und Himmel,
-in diesen leuchtenden Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei
-Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie in Allahs höchstem
-Freudensaal. Und wiederum, blickte sie auf dich, so blieb nicht eine
-winzige Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen Flammen
-brannten alles klar.«
-
-Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen
-Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen
-gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine
-Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus
-Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert
-hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille,
-heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes
-leuchteten ihre Augen auf mich nieder.
-
-»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser
-blassen Stirn willen mußte der ganze Harem wandern, und schließlich
-saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau
-gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir
-warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein
-Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die
-Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf
-eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin
-betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist;
-der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine
-Ausnahme.«
-
-»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn --«
-
-»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern
-trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein
-Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen
-seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt
-er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein
-Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub
-es mir. Ein Mann von eben dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine
-Erinnerung!«
-
-Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war
-nichts als Erinnerung.
-
-»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«
-
-Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht
-ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem
-spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer,
-dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein
-Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines
-nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels
-über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das
-dürre Herz.
-
-Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte.
-Und dennoch -- tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich
-geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von
-einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt.
-
-In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem es oblag, den Garten
-zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut -- es waren
-über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich
-aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter
-den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch
-hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus
-nordischer Heimatwelle.
-
-Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der
-Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.
-
-
-Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu belauschen. Stundenlang
-hockte ich in dem breiten, dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über
-die Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat Sobeidens. Ein
-klares blondes Flämmchen sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles,
-blaues Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O wie weh tut Armut!
-Hätt ich alle Schätze Salomos, ich gäb sie hin, um das Kind einen
-Herzschlag lang an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren die
-verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück genug; meine Einsamkeit war
-gebrochen, meine Gebete ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit
-Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. Das Kind hielt
-mich stärker als alle Fesseln. Mit Schrecken sah ich die Regenzeit
-herannahen -- Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das Kind würde
-mir geraubt werden, all meine armselige Luft. Ich fühlte, wie es mein
-eigen ward, wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen Glut, die
-Männerherzen sonst nicht beschieden ist. Der Emir allerdings -- jedoch
-er war in Geschäften des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah ich
-ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, und die Eifersucht
-quälte und verzehrte mich lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf
-gestickten Kissen mit meiner Freude tollen, er fing mit ihr die bunten
-Federbälle, jagte durch die hohen Räume des Harems den schlanken,
-leichten Reifen nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien
-Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht sprachen sie Deutsch
-miteinander, die blonde Frau sollte aus Deutschland gekommen sein;
-aber im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur die Heidensprache
-süß und fertig von den Kinderlippen, kein Ausruf einer jähen Bewegung
-zeigte ihre Herkunft an.
-
-Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den Rasen und meldete die
-bevorstehende Ankunft des Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende
-von Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast getragen, alle
-Hände waren vollbeschäftigt, der Garten scholl von Arbeitslärm, ich
-konnte nicht daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern.
-Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn wie sollte ich es ertragen,
-daß ein Fremder mein süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte,
-indes ich verdurstete.
-
-Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder Geschenken,
-hochbepackt, gesättigten Reichtums kamen sie angefahren. In Käfigen
-saßen wilde, fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die
-Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit dem frühesten auf
-meinen Baum zu steigen, die Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich,
-war ihre Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die schönsten
-Blumenkelche gegeneinander und vermischte ihren blitzenden Tau -- eine
-Blütenhochzeit voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese Bilder
-vergessen.
-
-In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß würde er noch um die
-frühe Stunde von den Anstrengungen der sehr weiten Fahrt schlummern
-und ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein erster Gedanke war
-Sobeide, das sah ich, als ich meinen Baum erklommen hatte und über die
-Mauer blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen Garten umher
-und zimmerten einen grünen Baldachin; goldgestickte Ruhepolster lagen
-schon bereit, der Marmorbrunnen sprudelte wieder.
-
-Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei der Bestien mit
-einemmal lauter, plötzlich überschrien von einem wilden menschlichen
-Entsetzen. Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und rannten
-hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte die Luft, langsam trat durch
-das offene Tor ein Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die
-Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren Flügel krachten zu,
-die Balken dahinter fielen in die eisernen Klammern, hier und da schon
-löste sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das gefangene
-Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als hielte Gott den Atem an. Die
-Tür des Frauenhauses öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend über
-die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte jubelnd in die Hände. Ich
-fühlte mein Herz nicht mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem
-Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, stand jählings
-versteint in rasender Angst. Das Kind hatte den Löwen endlich gesehen
-und sank bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich das
-Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. Meiner ward es noch
-nicht gewahr; ich wußte nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei
-der geringsten Bewegung mit den nackten Fäusten wider die Gefahr zu
-springen. Da tönte ein leises Zischen neben mir, eine Lanze bohrte sich
-in den Boden, handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war wie in der
-Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, mit einem Sprung stand ich neben
-dem Löwen und jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher Wucht,
-daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr und in die Erde drang.
-Der Schaft brach in meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb
-mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen Nacken und schlug
-die Arme um den Hals der Bestie, so mächtig meine Kräfte waren. Es war
-ein Kampf, in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als meine Stärke.
-Ich sah nichts mehr, meine Augen waren von Blut verklebt; ich schrie
-nicht, meine Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. Plötzlich
-schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten schmetterten jubelnd
-aus lauter Licht. Vorsichtige Hände suchten meine Arme zu lösen,
-Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich stammelte noch halb
-von Sinnen:
-
-»Das Kind! Wo ist das Kind?«
-
-Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es in mir auf, ich sei
-blindgeschlagen, riß das Tuch von der Stirn, sah das Licht und ein
-blondes Köpfchen, und lachte und schluchzte selig ermattet.
-
-»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, faßte mich um den Leib
-und trug mich mehr als er mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf
-den golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine Seele sang ihren
-seligen Dank, indes der Schmerz ungezählter Wunden stetig wachsend
-mich an die Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in glühenden
-Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in meine Stirn, ich konnte ein
-Stöhnen nicht unterdrücken. Der Arzt des Emirs war um mich bemüht,
-wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, auch die Augen. Ich biß
-die Zähne aufeinander, wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind
-hatte sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust gelegt, und
-ich hielt es in der hohlen Hand wie ein Rosenblatt und wagte nicht, es
-zu drücken.
-
-»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. Mir kam ein Lachen in
-die Kehle: dies Eisen hatte sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir
-ein bitteres Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen und hörte
-ihn noch einmal wie aus Fernen:
-
-»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder --«
-
-
-Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem Lager, das im Palast
-aufgeschlagen und wie das eines hochgeehrten Gastes war. Da ich
-sprechen wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte mir in einem
-silbernen Spiegel meinen Kopf: aus einem Knäuel weißer Binden lugte nur
-ein Auge, sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren eingepackt;
-Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen konnte ich nicht, die Kiefer
-waren vom Verband fest aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen
-fragenden Blick.
-
-»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch das andere Auge hoffe
-ich zu retten. Dein Glück wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder
-fast so groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen kühneren Mann
-gesehen als dich. Deine Sklaverei ist zu Ende, du wirst beschenkt wie
-ein König in deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, und du
-verdienst es wahrlich.«
-
-Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: dies dünkte mich ein
-schlechter Lohn, wenn ich überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen,
-um in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die Hand aus und
-deutete dem Greise die Scheitelhöhe meines Lieblings an; er verstand
-mich sogleich.
-
-»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie würde zu sehr erschrecken,
-sähe sie den Retter so elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert
-den ganzen Tag von ihrem Riesen.«
-
-Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange Nächte! Aber sie
-plauderte von mir, sie hatte mich nicht vergessen! Wie weit mochte der
-Emir in seiner Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches Leben
-aus: täglich durfte ich ihr Blumen bringen, sie sehen, mit ihr sprechen
--- ach, nur ein Ave lang!
-
-Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit stand still. Vielleicht
-vergaß sie meiner in sieben langen Tagen über ihren bunten Spielen,
-über den tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten sicherlich
-mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, abends, wenn er mir den
-Brei aus Eiern und süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich,
-den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht aufzureißen. So ergab
-ich mich denn, innerlich seufzend, und harrte auf den nächsten Morgen,
-wähnend, er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch im Wein war ein
-Schlafmittel, meine Binden wurden gewechselt, ohne daß ich es merkte.
-
-Dann endlich kam der siebente Tag.
-
-»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise
-lächelte verstehend.
-
-»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung
-richtig ist und deine Wunden es gestatten.«
-
-Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den
-Verband. Neugierig hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte
-ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst
-allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige
-Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie
-von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine
-stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und
-deutete ihm, den Spiegel zu reichen.
-
-Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich
-in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu
-nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile
-zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die
-Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden
-mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf
-diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die
-Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später,
-der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.
-
-»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der
-Erdentag, du wechselst ihn wie ein Gewand oder wie bestaubte
-Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!«
-
-Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten
-sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben
-können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr
-Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe
-über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben
-in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und
-schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu
-Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die
-goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff
-funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte:
-
-»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein
-Freund, mein Bruder.«
-
-Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen ließ, vor mein Gesicht,
-und die kühlen, süßen Kinderlippen berührten meine Stirn.
-
-»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine Stimmchen in einem
-wunderlichen Deutsch. Ich lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob
-nicht, denn mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen
-Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig das Tuch auf, eine
-Wolke flog über seine Stirn, er wandte sich schweigend ab.
-
-Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen lag in meiner Rechten.
-Es plapperte und fragte und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe
-mich sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich Federball spielen
-könnte und wann ich aufstehen dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das
-Kind nicht mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte es nur mit
-den Augen an.
-
-»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.«
-
-Ließ sich der Emir nicht Vater nennen? Erkannte er sie nicht als
-Tochter an? Ich schielte zu ihm hin, doch er stand im Schatten, und
-seine Züge schienen sich nicht zu bewegen.
-
-»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide kommt nun jeden
-Morgen.«
-
-Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben überflutete mich mit
-Entzücken. Am Vorhang blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze
-hoch und rief:
-
-»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.«
-
-Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen und starrte auf die
-Kleine; der Arzt, der Emir liefen auf mich zu und legten mich sacht
-nieder, wähnend, die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht.
-Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der Negerin stand und die Augen
-voll Tränen hatte.
-
-»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!«
-
-Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an goldener Kette hing ein
-Braunschweiger Löwentaler um ihren Hals.
-
-»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes rätselhaften Wegen,
-und fiel erschöpft in die Kissen zurück.
-
-Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände zitterten leicht, als er
-mir über die Stirn strich.
-
-»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin und senkte den Kopf,
-als betete er.
-
-Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die Augen schließen und fühlte
-mich sanft entgleiten, als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der
-engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen Weges waren erwählt und
-gezeichnet; ja, wahrlich, kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen
-Willen.
-
-
-Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet; meine Rechte in seinen
-schlankem kühlen Händen haltend, begann er halb Deutsch und halb in
-seiner Heidensprache:
-
-»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte sonder Zögern, denn
-Krankheit kennt keine Geduld. Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht
-ich, sondern der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von Anfang
-an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches Staubkörnchen auf
-Gottes ewigen Wegen ist.
-
-»Ich ritt -- es sind wohl sechs Jahre her -- über den Sklavenmarkt
-von Damaskus, mit einem dürren, früh verschwendeten Herzen ritt
-ich und prüfte Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer Schar
-nackter Negerweiber, in einem linnenen Hemde, darüber die Münze,
-die du bei Sobeide erkanntest. Sie lehnte an einer Zeltstange, die
-Augen geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin. Ich kannte den
-Korsaren, dem Zelt und Ware zu eigen, er hatte mir oft genug weiße und
-dunkle Mädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen Blick, sprang
-dienstbeflissen hinzu und griff mit der rohen Faust an ihr Gewand, um
-mir ihre Glieder hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf
-und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer vergesse. Freund,
-ich kann es heute noch nicht erklären, ob es Liebe oder was immer
-war, genug, wir brannten ineinander, und der weite Markt um uns ward
-fremder als das Ende der Erde. Zum erstenmal empfand ich deutlich: es
-lebt niemand für sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander
-verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll, mehr oder
-weniger auf Tod und Leben, auf Zeit und Ewigkeit.
-
-»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die Zelttücher; ein Beutel
-Goldes, der für all seine Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder
-zahm. Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten meiner Krieger
-nach Bachara. Und dies war alles, was der Korsar von ihr wußte:
-Er hatte sie an einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein
-riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das rettende Tau. Aber
-indes die Räuber ihren Fund packen wollten, schlug der Retter mit dem
-Kopf an das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war geborgen. Du
-warst es, Ronald, und nun hast du abermals in die Fäden meines Lebens
-eingegriffen, mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«
-
-Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, zum Heile sollte
-Gott mich von meiner süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir
-sprechen, wenn er _meine_ Geschichte erführe? Aber nimmer würde das
-sein.
-
-»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus und machte mich in der
-Nacht mit wenigen Begleitern nach Bachara auf, in langsamem Trabe
-reitend, denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte jedoch keinen
-Grund für solche Zagheit. Daß jene weiße Frau mehr als je ein Mensch
-mich beeinflußte, wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag es
-klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere Beute aus Damaskus
-heimgebracht. Ich wütete gegen mich selbst und suchte mit rohen und
-gemeinen Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. Zu
-meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, eine von vielen war sie und
-sollte sie bleiben. Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die
-Hufe pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten vor ihren
-Märchenaugen. Ich verfiel ihr, je näher wir Bachara kamen, und mit
-einem Gefühl halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, kaum
-daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.
-
-»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen meinen gemessenen
-Befehlen trug sie ihr verschlissenes Linnen, trug es wie steinbesäte
-Seide. Sie berührte nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich
-neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, tiefen Augen an,
-daß mir Zorn und Angst die Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich
-mich, ergriff sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß nicht mehr,
-mit welchem rohen Wort, denn ich wollte sie und ihren Stolz verwunden.
-Sie verstand mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch wußte
-sie nur wenige Worte der Lingua Franca, und darin tat sie mir kund,
-immer noch meinen Blick mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht
-beschieden, Emir.‹
-
-»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so ungezwungen stellte
-sie sich neben mich, daß jede herrische Lust mich verließ und keine
-Waffe gegen ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit
-der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, Ronald, daß unglückliche
-Verkettungen die lasterhaften, grausamen, tierischen Seiten meines
-Wesens besonders gefördert hatten; aber unter den Augen dieser
-seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten Äste, trieben junge
-Wurzeln in heilige Gründe, blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches
-begann auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer auf. Noch schlugen
-die Wogen der Leidenschaft hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre
-wenigen Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung verspürte,
-so gewiß nicht wegen meiner Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹
-fuhr sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und nichts von
-Triumph verratend, ›doch es wird Zeit brauchen, da es keinen Dolmetsch
-verträgt. Ich bitte dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen
-hausen, sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, wo mein Schlaf
-nicht von der menschlichen Schande entehrt wird.‹
-
-»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann ich auf Antwort; fast
-kam mir ein Bedauern, diesen unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich
-bedeutete ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien, und ich
-sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, was ich wolle. ›Warum
-nicht?‹ fragte sie kühl dawider. ›Doch sei dem wie immer: hier in
-deinem eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, und darfst
-mir wohl ein ehrenhaftes Lager neben dir gönnen.‹
-
-»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte sie, daß
-mein Herz in hellen, reinen Flammen stand. Ich erschauerte in dem
-ungekannten Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine Silbersaite
-klang in meiner Brust und schwang einen klaren Ton in die Sterne, die
-durch unser Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten nach
-Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus herrlichsten Seiden; voll
-Zutrauen legte sie sich nieder und entschlummerte übermüdet, ihre
-regelmäßigen Atemzüge durchzogen das Zimmer wie sanfter Taubenflug.«
-
-Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein Lächeln seine strengen
-Mienen mit Milde. Ich fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen,
-und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir beruhigend die
-gesunde Hand.
-
-»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst sie noch in dieser
-Stunde zu Ende hören, soweit sie ein Ende hat.«
-
-Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und sah mit
-hoffnungsheißen Augen über mich weg in das wolkenlose Blau des Himmels.
-Ich verstand ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner
-Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen Händen.
-
-»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den Schlummer eines
-Weibes gestört zu haben, aber damals habe ich ihn bewacht, wie eure
-Ritter ihres Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden Launen:
-jetzt kam ich mir großartig, im nächsten Augenblick abgeschmackt, im
-dritten schmachvoll übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes
-ich der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch das Spiel war
-neu für meine stumpfen Sinne und fesselte mich. Immerhin schien mir
-klar, daß ich in der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte, sollte
-ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe, Freund Ronald, im Sieg
-über das Weib erblickte ich zu jener Zeit meine Triumphe.
-
-»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten meine Gelüste und dämpften
-meinen Mut. Ich ließ ihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad
-bereiten, und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide, wie
-ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den Morgenimbiß. Mir war, als
-sei die Lieblingsfrau Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle
-Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit wuchs unter den wenigen
-belanglosen Reden, die wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am
-Stocken des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder Flucht, da uns zu
-dem, was uns im eigentlichen beseelte, die gemeinsame Sprache fehlte.
-Mein alter Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie Salomo. Ich
-stotterte von einer dringlichen Reise, befahl sie in die Obhut des
-Greises und wies ihr meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort und
-Atem holen.
-
-»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe, aber nicht ein Sandkorn
-rann durch die Stunde, ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und
-Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem zügellosen Erben war
-ein wortkarger, ernsthafter Mann geworden, dessen Leben eben erst im
-Anfang stand ... Was ist dir?«
-
-Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel wallte mir vor den Augen.
-Jenseits einer ungeheuren Schlucht stand die Vergangenheit und winkte
-herüber. Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in Gottes Hand und
-dürftig ihre Schicksale.
-
-»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte von den Anfängen des
-Lebens, die sich absonderlich oft wiederholend berührten.
-
-Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr, sichtlich in innerer
-Bewegung, fort:
-
-»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis der Ewigkeit dieses
-Erdendaseins? -- Doch laß mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar
-meine Geschichte nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt ist.
-Die Sehnsucht -- Wünsche ohne Häßlichkeit -- trieb mich wieder in
-mein Haus, ich sah sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und
-erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem Augenblick versank
-die eben emporgestiegene gute Welt in mir, ich wähnte mich von einer
-Dirne, die sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten Weise
-betrogen und packte sie rauh bei der Schulter. Sie entzog sich mir
-nicht, sie richtete ihre Augen auf mich, und meine sinnlosen Worte
-erstarben, die freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln,
-ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich kämpfte. Der Arzt verließ
-lautlos das Zimmer.
-
-»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines toten Gefährten,‹ sagte
-sie mit einem eigenen Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden,
-Emir Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke, die uns zu
-überschreiten versagt ist.‹
-
-»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹ rief ich freudig aus,
-alles Trennende vergessend.
-
-»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über mir, ich hätte ihr größere
-Dinge geglaubt als dies: ›Emir, wir sind einander begegnet, seien es
-tausend oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen sind für
-immerdar nebeneinander in Gottes bunten Teppich geknüpft.‹
-
-»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein von ihren feinen
-Lippen; für mich, für mich hatte sie die Worte gelernt. Und seit
-Ewigkeiten war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten sein!
-Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen Glanze nieder und belehrte
-mich eines anderen, Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen
-gefunden.
-
-»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte ich leise, doch
-sie: ›Du magst es so nennen. Aber das ist dir kein Wunder, nach der
-kurzen Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den ewigen Freuden im
-himmlischen Saal belohnt zu werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben,
-wenn du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da Anfang und
-Ende? Dies irdische Gewand ist nichts als das wechselnde, gebrechliche
-Gefäß für deine Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren.
-Emir Jussuf‹ -- ihre Stimme klang wie goldener Harfensang -- ›du
-meinst, du dürstetest nach meinem vergänglichen Leibe, weil er dich
-vielleicht schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, es
-steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen einander.‹
-
-»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. Ich glaubte in
-einer kristallenen Kuppel zu weilen, klar bis in die letzten Tiefen
-sah mich die Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über meinem
-Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer Lust und Leiden löste sich
-und gab einer Reinheit Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell
-durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung hob mich aus
-meiner starren Einsamkeit, nie wieder blieb ich allein. Und plötzlich
-ein Argwohn: ›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die Christin,
-ich --‹
-
-»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die Rede: ›Vor Christen,
-Moslem und Juden war Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune
-Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden weiß und blond
-und blauäugig von den Nordmeeren in diese heiße Sonne gefahren --
-Geschwister vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, gewißlich aber
-einander vertraut und lieb und eines Blutes. Fällt dir der Glaube so
-schwer, Emir Jussuf?‹ fügte sie schelmisch bei.
-
-»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von der Erinnerung an unser
-erstes Begegnen in Damaskus, das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen
-zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹
-
-»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; sie wiegte
-ernsthaft den feinen Kopf und errötete zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob
-du ihre Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie klang warm wie
-ferne, schöne Glocken und kannte kein Arg.
-
-»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise, ›mein Gemüt ist
-verwirrt von dem Vielen, das es in kurzen Monden erduldete. Laß mir
-Zeit und bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht auf unserem
-langen Wege.‹
-
-»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und Männer freundschaftlich
-nebeneinander hergehen, war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie
-nicht erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen wolle. Und
-sie, munter und zwanglos: Warum sie solches tun solle? Wenn ich sie
-nicht mit unerfüllbaren Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als
-in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete sie mich und wies
-mit ernsten Brauen auf das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich
-in der Schande untertauche.‹
-
-»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem Herzen beschloß ich
-sogleich, den Harem und seine Völkerschaften auszutilgen, und dies,
-da es Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie vor Freude
-erröten machte. Es war zugleich der sichtbare Abschluß einer stinkenden
-Vergangenheit, und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites Reich
-zum Guten. Aus den demütig ängstlichen Gesichtern um mich her wurden
-vertrauende und fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der
-Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und ich entbehrte nichts. Statt
-in schwüler Liebe weitete ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der
-Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd aller Leidenschaft
-wuchsen wir zusammen, sie, ich und das sprossende Kind in ihrem reinen
-Leibe.«
-
-Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die Kraft fand, ihn
-trockenen Auges zu betrachten. Mein Herz floß in Tränen über, so
-stark überwältigte mich die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu
-verwandtes Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, indes mich
-der Engel mit dem Flammenschwerte aus dem Paradiese stieß. Jetzt
-verschattete sich sein eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler
-Stimme nahm er seine Erzählung wieder auf:
-
-»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze der Erde, um endlich
-doch mit leerer Hand und leerem Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie,
-die viel voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, denn wie
-hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose Ruhe bewahren können. Mit
-heftigen Schmerzen traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das Kind
-beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht. Sie schleppte sich noch
-einen vollen Mond durch ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die
-Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den endlichen Trank. Da sie
-heimging, noch bis zuletzt von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam
-zu ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns nicht beschieden,
-Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, treffen wir einander später unter
-besseren Sternen. Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; halt
-es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog meinen Kopf mit ihren
-schwachen Händen nieder und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal.
-Sie war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst nicht ermessen, was
-es heißt, die Liebste zu verlieren --«
-
-Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in die gespannten
-Wundennarben drang und mein Gesicht mit tausend Martern zerriß. Der
-Emir ahnte nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, und wie
-jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige Striemen war. Dennoch
-lauschte ich ihm gierig und gewann in aller Verzweiflung Trost in
-seinem Schmerz.
-
-»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die dunkle Pforte zu stürzen,
-aber der lächelnde Friede ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo
-Aufgaben meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. Das Kind wurde
-all mein Glück, und das Kind wird mein Schicksal.«
-
-Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte sich, er sah
-versonnen, fast heiter aus, als verschwiege er noch ein Letztes,
-Schönstes.
-
-»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte ich, mich gewaltsam
-ablenkend.
-
-»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen Namen, den ich zu
-verschweigen bitte, sie nannte es Herzeleide. Es war dies, glaube ich,
-eine Laune ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich
-Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide rief. Jedoch -- was
-fragst du nicht nach dir selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der
-Weissagung besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern als in
-voller Klarheit. Eines Tags, ihrem irdischen Ende nahe, sagte sie
-von dir, du würdest mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte
-mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; sie aber
-lächelte nach ihrer Art und deutete: ›Deine Lanze wird ihn treffen,
-aber nicht verwunden.‹ Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte
-ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd und glaubte, nicht
-einmal nach deinem Namen fragend, an einen Zufall, bis Gott mich eines
-Besseren belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden Triebe, daß
-ich dich mit nach Bachara nahm, denn seit Sobeidens erster Amme hatte
-ich keine christlichen Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir den
-größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer tun kann; du hast die
-vor einem entsetzlichen Tode bewahrt, die für mich wächst und die ich
-einstmals heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß wartet deiner,
-und meiner warten die Geschäfte, die du, bist du genesen, brüderlich
-mit mir teilen sollst, wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren
-willst.«
-
-Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner Decke und schloß:
-
-»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen Mönchen; doch siehe,
-er fiel von der Wand, als ich die Schatzkammer betrat, und ich nahm den
-Wink für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«
-
-Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und noch mehr Verwirrung
-und Erstaunen ließ er zurück.
-
-
-Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. Der Emir blieb
-jung, denn er sah in die Zukunft; ich wurde alt, denn ich vergrub
-mich in alte Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach --
-was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt haben? Eine schöne,
-ungetrübte Freundschaft umgab uns, mit lebendigen Armen über viele
-Klüfte greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, reichte
-das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der knospenden Lieblichkeit
-entfaltete sich eine lilienschöne Blüte, bei mir ein Vaterherz
-erschließend und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht
-immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit nahekommen, wenn ich
-meine, der Emir wollte in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem
-gezwungenen Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, je weiter Sobeide
-in die Jungfräulichkeit wuchs, und aus dem Berechnenden wurde ein
-Hingerissener, der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe zügelte; denn
-trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide im Herzen ganz Kind.
-
-Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht gewesen war, seinem Wunsche
-keine Hindernisse zu bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich
-Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, zu welchem ein Retter
-aus Lebensgefahr selbst aus so fernen Kindertagen leicht werden kann --
-wenn er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht getragen
-hätte. Von all dem abgesehen, kannte er die abendländische Seele nicht
-gut genug, um zu wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete,
-nichts von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch welch ein trüber
-Ausgang!
-
-Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines bunten Lebens auf, sie
-waren glücklich, rein und reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und
-teilte ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und nötig hielt.
-Dabei muß ich erwähnen, daß viele Gespräche mit dem Emir mich von Grund
-auf gewandelt hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte wie er in dem
-unerschütterlichen Vertrauen, der Tod sei nur ein Wechsel des irdischen
-Werkzeugs. Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld sich
-auf _Erden_ räche! Wie tief, daß alles Schicksal nur ein Prüfstein
-Gottes ist. Da verlor mein eigen Geschick seine Schrecken, wie es denn
-schon vordem in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen war.
-
-Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der
-fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden
-Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine
-Vornehmheit saß _unter_ dem Kleide und verriet ihn nie, in welche
-Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit
-rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre
-älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt,
-mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft
-während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter,
-als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich,
-ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn
-mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir
-die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch
-bei der Heirat Jussufs sollte das alte väterliche Verhältnis bestehen
-bleiben, dies war mir zugesichert.
-
-Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um so nachdenklicher zu,
-wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin
-der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide,
-aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und
-zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich
-hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit,
-Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es
-als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem
-Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie
-mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in
-ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete
-mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle
-sprengen, wenn es reif geworden ist.
-
-Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete
-den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein
-Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft war
-eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener
-Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß
-Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es
-war ihm nicht bestimmt«.
-
-Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte,
-daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und
-in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe,
-doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit
-stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach
-mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit,
-Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser
-Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir
-die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht
-meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte
-mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die
-Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod
-der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten,
-ich empfand meine Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das
-Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen.
-
-Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die
-Hand und sagte herzlich:
-
-»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine
-Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. -- Doch ich komme
-wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht
-ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen
-Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie
-auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken,
-warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche
-wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu
-verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind,
-denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar
-Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«
-
-Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete.
-
-»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,«
-scherzte ich, frohgelaunt über die Abwechslung, und er, nicht minder
-heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand.
-
-»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er
-unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen.
-Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«
-
-Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine
-Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es
-hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und
-Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich
-warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit
-Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das
-Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und
-Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen
-waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren
-sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine
-Stimmung tief herab.
-
-Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und
-Zucht der Sarazenen, die mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des
-Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb
-mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein
-aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich
-die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward
-Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah
-kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren,
-hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte.
-Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank
-ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines
-Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte
-ich mein eigenes Gesicht erblickt.
-
-Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein
-Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen
-Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch
-so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder
-zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott
-entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde Spuk erlosch nicht,
-als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens
-ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.
-
-Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater,
-und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die
-Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen
-für meine Leiden bezahlen.
-
-»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.
-
-Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht,
-als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er
-herbe:
-
-»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst du für schmutzige
-Geschäfte, Alter? Pfui über dich! Warst du ein Normanne, so schäme dich
-doppelt: ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«
-
-»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du nichts als eine
-Ware.«
-
-Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran und ward handelseinig.
-Mich hielt es nicht mehr auf dem Markt und in der Stadt, durch die
-ich einst mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das Elend der
-abendländischen Ritterschaft, die nach allen Richtungen verstreut
-wurde, und sprengte mit meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll
-verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des Bastards kümmerte ich
-mich während der Reise nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen
-Leuten. Ich hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in
-schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, die wenig Kummer
-verrieten. Er schien sich in der Gesellschaft wohlzufühlen, wie es
-dem Bastardblut geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und
-Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber zu keinem Ende. Eine
-unerklärliche Schwermut, mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend
-auf mein Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks rauschten
-die dunklen Fittiche wieder über mir, und abermals fragte ich nicht
-nach Gottes Willen. In Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne
-selbst das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, von Dämonen
-zerrissen, aber von schlummerlosen Reisenächten gottlob ermattet, daß
-ich willenlos versank.
-
-
-Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den Tag zurück. Die Erregung
-war einer Art von Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr
-Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich doch nicht mehr für
-immer erobern konnten. Und mählich klärte sich mein Besinnen: Was
-war Gott mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille Zeit
-verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit für dies mein Glück?
-Also, sprach mein Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine
-Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu und zögerte.
-
-Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ den Bastard zu mir kommen.
-Er musterte mit seinen schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu
-grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und schob die beiden
-zuspringenden Wachen mit mächtigen Armen beiseite. Ich winkte, sie
-gingen betroffen hinaus.
-
-»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« höhnte der Junge, und bis
-auf die Stimme glich er dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte
-ich mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung für die
-schöne, kühne, blonde Jugend, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte
-und schon wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde dasaß. Über
-seine Frechheit weghörend, fragte ich kurz:
-
-»Du heißt?«
-
-»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf die Lippen und rief:
-»Was geht das dich an, alter Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft
-oder hast du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an die Juden in
-Genua, daß sie mich auslösen, und mach dein Geschäft an mir und dem
-christlichen Unglück, aber verschone mich mit deinem Anblick.«
-
-»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung ist nicht zu denken,
-du bleibst Sklave. Wer dein Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig
-sein. Vergiß dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir angewiesen
-werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, so wird dir kein Leids
-geschehen.«
-
-Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer schoß, eine steile Lohe
-lief über seine Stirn, er sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender
-Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:
-
-»Mir ein Leids tun? Willst _du_ das etwa versuchen? Oder vielleicht
-dein braunes Ziefer?«
-
-Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle lief warm über
-mein Herz. Ach, du prächtige, großmaulige Jugend aus Nordland! Ach,
-ihr tolldreisten Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! Ach, ihr
-hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus Wachs!
-
-Bastard oder nicht, der Junge war von echtem Korn, und wäre er eines
-anderen Sohn gewesen, ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen.
-Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung geworden sein,
-da er gegen mich offenbar wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er
-brachte mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen Hügeln, mit
-den Stimmen des Waldes und dem Leuchten der Wolken.
-
-Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene Blicke auf die Reste
-meines Mahles tat, er mußte noch nichts bekommen oder genommen haben.
-Ich legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie ihm, der dunkel
-errötete. »Nimm sie getrost. Ich verstehe deine Abwehr gut, aber du
-darfst nicht verhungern, und alles kommt aus derselben Küche. Ich werde
-dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst einmal als Sklave
-gehabt habe, bevor ich --«
-
-»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge trotzig und schlug das Brot
-aus meiner Hand.
-
-Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:
-
-»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und sein Freund ward. Den
-Heiland habe ich nicht so sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in
-den Staub wirfst.«
-
-Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er versuchte mich freimütig
-anzusehen und stammelte höflich:
-
-»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«
-
-»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal griff er zu, und ich sah
-seinem Hunger an, wie schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.
-
-»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin sorgt für Geiseln,
-denn da ihm das ganze Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor
-neuem Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«
-
-»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. »Glaubst du, König Richard
-ließe sich das gefallen? Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er
-erfährt --«
-
-Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte die Augen. »Warum
-zieht dein Vater nicht zu Felde? Warum schickt er dich statt seiner?«
-fragte ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte sich, ein
-Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, ob sie fröhlich sei.
-
-Bereitwillig gab er Antwort:
-
-»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu tun, insonderheit bei den
-Unruhen der englischen Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und
-untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag sie nicht verlassen.
-Auch hat er mich nicht geschickt, ich bin davongelaufen, sonst wäre
-ich nie ins Morgenland gekommen; denn ich bin der einzige Erbe zu
-Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein stilles Haus, Alter.«
-
-Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die alten Tage zogen wundersam
-leuchtend herauf. Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster,
-keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam nur traten seine Worte in
-mein Bewußtsein, herb und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit
-sei krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete Harald,
-mir zu folgen. Durch Palmenwege schritten wir zu dem Garten, den ich
-einige Jahre verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, war
-etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, der Garten wurde von
-dem Hauptgesinde mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der Emir
-nicht mehr her; ich wußte, warum. In der Mitte des Geheges wogte ein
-Rosenhain voll der edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung hatte
-ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. Es war der Platz,
-auf dem Gertraudens Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr
-Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.
-
-Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.
-
-»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich mit verstellter
-Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, gelinder als das meinige. Die
-Beschäftigung mit dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden tut
-wohl und macht ruhig. Niemand soll dich treiben; flick die alte Hütte
-und harre deiner Stunde in Geduld.«
-
-Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah mich mit lachenden Augen
-an:
-
-»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: kann ich fliehen, so
-geschieht es.«
-
-Den anspringenden Schrecken -- nachher wurde mir bewußt, wie sicher
-mein Herz empfunden -- dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich
-murmelte einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, den Wachen die
-Fürsorge für den neuen Gärtner einschärfend.
-
-Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im Kreise ihrer neuen
-Gespielinnen, und die jungen, schönen Gesichter strahlten Freude über
-ihr unfaßbares Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. Sie
-hatten ein ganz anderes Los befürchtet.
-
-»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir um den Hals. »Nun hast
-du eine ganze Gemeinde für dich und kannst wieder Priester sein!«
-
-Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach ein tolles Gelächter
-aus, und ich stimmte von Herzen ein. Wilder konnten die Gegensätze
-nicht in ein paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch von der
-mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und Leben und Geselligkeit schuf
-und jenseits der Mauer ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch
-in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum für Trauer, ich vergaß und
-genoß.
-
-
-Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe der Sehnsucht, jede
-leichte Bewegung wurde ihm zum Wesensspiegel. Da er nach seiner
-Rückkehr sich über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen
-flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie tief und barg
-verschämte Augen vor seinem heißen Blick; und als sie in der
-Abendstunde unter der Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie
-beide nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern hüpften,
-toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der Emir Schach, bei
-ungedecktem König; sie achteten es beide nicht. In starker Verwirrung
-stürzte das Kind die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief
-schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.
-
-»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit lächelnd, »nun
-ist ihr Gemüt doch wahrhaft genügend bewegt, und das Herzchen steht in
-Flammen.«
-
-Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, seine Züge
-klärten sich auf, er faßte mich um die Schulter und stammelte:
-
-»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind verfolgt mich durch die
-Träume, aber ich kann, ich kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld
-wehrt mich ab. Wie? -- Geduld? -- Ich habe sie all die Jahre gehabt,
-nun aber geht es über meine Kraft.«
-
-Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun die letzten Wochen,
-die jungfräuliche Festung wolle ihren Stolz, sich nicht so leichtlich
-besiegen zu lassen, und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit
-halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast zurück. Wir waren ein
-paar alte Narren und wußten es nicht.
-
-Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf mich über, auch mein
-Schlaf wurde blasser und wich einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein
-Arg, daß Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames Benehmen
-anders zu erklären sein? Wen anders als ihn, der schön, treu und
-mächtig war? Es gab keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles
-denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor ihr verborgen. Und
-doch fühlte ich ein Gewitter in der Luft, der schwüle Hauch ließ mich
-nicht ruhen. Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich aufstand
-und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte an das Tor,
-hinter dem ich der Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen
-aufschließen und trat ein, angenehm von meinen Gedanken abgezogen von
-einer schmunzelnden Erinnerung an den Jüngling, der dort sein Herzogtum
-verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne Haß unter den Sternen der kühlen
-Nacht, das Vergangene schien abgetan, das Tote tot. Alles war still,
-das Rosengrab Gertraudens stand vergessen und traurig entblättert,
-die Wege herum waren vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und
-Büsche verwildert, unbeschnitten -- Harald wünschte offenbar sein Brot
-nicht mit der Hände Arbeit zu verdienen. Eher beklommen und traurig
-als zürnend schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte wissen,
-was er trieb und dachte. Vielleicht hatte Verzweiflung ihn in den
-stählernen Fängen, und sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.
-
-Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß noch wach. Verwundert
-rieb ich mir die Augen: die ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen
-umrankt, in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem flachen Dach, das
-elende Gemäuer sah wie ein Märchen aus. Hier also steckten seine Tage,
-nur für sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich näher
-und spähte durch das Fenster, vor dem zu meinem höchsten Erstaunen ein
-seidener Vorhang hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende,
-Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte unsinnige Brocken
-Deutsch und Normannisch durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes,
-sehnendes Wort aus Mädchenmund -- meine wilde Jugend stand so jäh vor
-mir, daß ich auf den Ärmel beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der
-Tunichtgut hatte eine der Gespielinnen Sobeidens über die Mauer gehoben
-und koste mit ihr; und so alt ich war, es reichte noch nicht zu einer
-greisen Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter eine hohe
-dunkle Staude, die Neugier hielt mich, ich wollte wissen, für welche
-der Schönen mein Herr Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen
-gerichtet hatte.
-
-Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; doch endlich ging die Tür
-auf, der Junge stand breitbeinig davor und lauschte in die Nacht. Dann
-bog er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, hüpfte in
-seinen Arm und ward auf leisen Sohlen an die Mauer getragen; vorsichtig
-machte ich mich hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf die
-Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen hatte, und ließ ein
-Seil herunter, daran ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne
-setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.
-
-Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht
-entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste
-sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem
-Beneidenswerten zu einem langen Kuß.
-
-Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide.
-
-
-Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer
-kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben!
-Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf
-Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit
-ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein
-Eigentum betrog -- er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige
-Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt
-Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von
-mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau, die ich
-geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum
-Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten
-um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem
-Schicksal männlich entgegengehen.
-
-Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete
-es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde,
-und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner
-Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er
-hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres
-Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond
-festsetzen.
-
-So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt
-bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies
-mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in
-den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte
-schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und
-zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf
-die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde
-Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte
-ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und
-packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum
-merkliche Bewegung.
-
-»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er
-gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und
-was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich
-halten zu können!«
-
-Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine
-Kraft zusammen.
-
-»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen
-und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer
-Begehren!«
-
-»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die Braut eines anderen zu
-stehlen?«
-
-»Ach, du Schleicher! -- Die Braut eines -- Mach dich nicht lächerlich,
-Alter; ich habe den ersten Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr
-täuschtet Euch in der Dunkelheit und meintet eine andere.«
-
-»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. »War es nicht Sobeide,
-mit der du in deiner stinkenden Hütte freveltest?«
-
-Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang nicht echt.
-
-»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst du? Wo sämtliche Rosen
-des Gartens zu ihrer Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen
-Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, oder --?«
-
-Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß die Lippen -- wie eng
-beieinander wohnen Liebe und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn
-nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:
-
-»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr Wissen. Genug davon:
-sage mir eins: Hast du sie angetastet?«
-
-Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, seine Augen gewannen eine
-Fülle rührender Kindlichkeit. Als er schließlich begriff, wogte ihm das
-Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand auf meinen Arm und
-schrie:
-
-»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem Ungläubigen willst du
-sie verschachern!«
-
-Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich zwei Schritt zurück, Tod
-in den glühenden Augen. Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde
-Befreiung war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich ihn nicht
-abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, die aller Gründe vergaß,
-faßte uns beide, und wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in dem
-Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn uns beiden war nicht um
-Horcher zu tun.
-
-Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche Kraft war mir nirgends
-begegnet; ich keuchte unter seinen gewaltigen Armen und brauchte meine
-ganze Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf ihn über
-die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und drosselte ihn mit beiden
-Händen. Die Augen quollen ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte
-wegschauen. Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd seine weiße Brust und
-unter dem Herzen das dreigespaltene Mal der Trebilons.
-
-Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis zu den Füßen, ich
-starrte entsetzt in das verkrampfte Gesicht vor mir. Ich wollte
-schreien, aber nur ein heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß
-es nicht zu! Nicht zu!
-
-Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das Richtige zu tun,
-überhaupt zu handeln. Wie eine Feder schwang ich den schweren Körper
-auf meine Arme und lief nach den Trögen, in denen das Regenwasser für
-den Garten stand, netzte seine Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an
-dem leblosen Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, ohne
-aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem heißen Drang nachzugeben,
-diese geliebten Lippen zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber
-Gott rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen nicht. Seine Liebe
-ergoß sich auch über diese grauenvolle Stunde und prüfte mich nicht
-über meine Kraft. Denn ich hätte es _nicht_ ertragen.
-
-Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes Gesicht, unsicher
-blickte er mich an. Ich legte den Finger auf den Mund und hieß ihn
-schweigen.
-
-»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir auch seltsam vorkommen.
-Bei dem ewigen Gott, ich will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich
-miteinander meint!«
-
-Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, konnte ich nicht
-finden. Er sprang auf, taumelte und stützte sich an mir.
-
-»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene Art für
-Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie ein Gaul oder wie mein Vater
--- sag, kann ich dir trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein
-christlich Herz?«
-
-»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! Wie alt bist du?« Er ahnte
-nicht, mit welcher Spannung ich an seinen Lippen hing.
-
-»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er verlegen, er fühlte
-seine grüne Jugend als wenig ausreichende Grundlage für Liebesdinge;
-»jedoch in unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«
-
-Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte mich in eine
-wundersame Welt; er war mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Die
-Zeit stimmte, Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und dies zu
-der Stunde, da ich Wildling sie schier zu Tode schlug. Späte Scham
-stieg mir in das früh ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ
-keine Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, mein Kind
-nicht in die Arme zu schließen! Ich wußte nicht, wie das anstellen, da
-half er mir selber:
-
-»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir bürgen, daß du uns nicht
-beide verdirbst? Sobeide und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie
-kannst du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«
-
-In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein Herz, fast hätte ich laut
-gejubelt.
-
-»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, was ich dir jetzt zeigen
-will, für immer zu schweigen!«
-
-Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber schob mein Gewand zur
-Seite und zeigte ihm das Mal unter meinem Herzen.
-
-»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite deiner Ahne. Nun bin
-ich der Mönch Ronald und tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«
-
-Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann sprang er auf mich zu,
-umarmte mich und küßte meinen zerschundenen Mund und rief:
-
-»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine Tochter, und dir -- ein
-Bistum!«
-
-Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen lerchengleich aus
-meinem Herzen; alles, alles hatte mir Gott vergolten durch diesen einen
-kurzen Augenblick.
-
-
-Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum Kampf. Jussuf war für
-einige Tage verritten; ich hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können.
-Der Himmel, der mich mit Freuden überschüttete, forderte von mir
-Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich hinein, was das Schicksal
-von mir erwartete. Pläne wurden geboren und verworfen, es blieb nur
-die Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, und zagenden
-Herzens schritt ich in das Frauenhaus.
-
-Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so fröhlich mich sonst
-dieses Licht gemacht hätte, heut stimmte es mich schwermütig, denn ich
-kannte seinen Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse vor mir
-hatte. Mein Kind -- war jener andere nicht viel mehr mein Kind? Ich
-schüttelte die Gedanken von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug nicht
-die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener Schicksalsfäden.
-Das Kind saß neben mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.
-
-»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und fühlte, wie sie
-schwerer an meine Brust sank.
-
-Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende Angst in den Augen.
-
-»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«
-
-»Nein,« sagte ich und wußte genug.
-
-Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und weinte leise.
-
-»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt und verwöhnt, er liebt
-dich mit der Glut seines starken und treuen Herzens; nun läufst du ihm
-davon, mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«
-
-So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes meins vor Weh brechen
-wollte. Sie sank in sich zusammen und weinte auf meine Hände,
-unaufhaltsam quoll die bittere Flut aus ihren Augen.
-
-»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«
-
-Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, und sie, die bis vor
-kurzem von Liebe nichts wußte, war nun ganz in Liebe getaucht.
-
-»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen Bruder, er ist der
-edelste und gütigste Mensch -- nächst dir, Vater,« verbesserte sie
-sich und streichelte meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich
-seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann nicht von ihm
-lassen, im Leben und im Tode nicht.«
-
-Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus dem schlichten Grunde ihres
-Wesens wurzelecht und selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem
-Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in Fernen; mir blieb keine
-Wahl.
-
-»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte ich; »doch des
-seid gewiß, wir alle spielen mit dem Tode. Nur die Flucht rettet euch,
-und wehe, wenn uns Jussuf einholt!«
-
-»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit glücklichen Augen, sie
-hörte nur das Versprechen der Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber,
-Väterchen, mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«
-
-Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit überströmen, und er,
-der unser aller Schicksal in den Händen hielt, blieb betrogen, einsam,
-leer in seiner Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber entglitten
-sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, und ihr Leib zuckte hilflos
-in meinem Arm.
-
-»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte niemandem mehr ein
-Leid!«
-
-Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles Leben währender
-Kummer ist. Nur die Erinnerung blickt über das flache Feld und sieht
-nichts als den hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, der
-Freude, der Lust.
-
-»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit zurückkehrend.
-»Es ist unmöglich, sie alle mitzunehmen; je weniger wir sind, um so
-größer die ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«
-
-»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so ganz Weib, daß ich
-in aller Trauer lächeln mußte; »er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum
-liebt er nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und klug,
-viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und Pein bringe.«
-
-Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, die fremde Wünsche
-und Hoffnungen ihr auferlegten, drückte sie zu Boden; nur die junge,
-heiße Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den Sternen zu
-greifen.
-
-»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor Abend, reiten
-wir davon. Keins deiner Mädchen darf ein Wort erfahren; fort die
-Tränen, Verschwiegenheit ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«
-
-
-Ich schlenderte in die Ställe und musterte die Pferde. Jussuf, dies ist
-der Dank für deine königlichen Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose
-Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein Fürst neben dir gehen
-durfte.
-
-Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag nichts Auffälliges in
-meinem Befehl, da ich oft mit Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich
-in den Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit dem gesunden
-Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke von einer Hammelkeule biß.
-
-»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und ich. Der Emir wird kaum
-vor morgen erwartet. Lege dein altes Gewand an und darüber diesen
-Mantel. Und -- hast du die andere Keule noch? Gut, pack sie ein, ich
-will mich nicht auffällig versehen. Du erhältst Bescheid.«
-
-Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, meiner verworrenen
-Gefühle kaum mehr Herr. In meinem Zimmer ging ich auf und ab und
-grübelte über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, tiefsten
-Worte, die ich fand, dünkten mich armselig und schal. Das Mahl stand
-unberührt auf dem Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch,
-füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter Stirn eine Menge
-Goldes in meinen Gürtel und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst
-nahm den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt hatte, und
-all diese Dinge barg ich notdürftig unter meinem Mantel. Das Gewissen
-betäubte ich mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu schreiben.
-Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause meines Freundes -- unter harten
-Augen verhehlte ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie.
-Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, wohin sich wenden
-nach solcher Tat. Noch auf dem Wege zum Frauenhause beschloß ich, die
-beiden Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann männlich vor Jussuf
-zu treten: Hier bin ich, morde mich und kühle deine Rache in meinem
-Blut!
-
-Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige Erleichterung, meine
-Tatkraft spannte sich freudiger. Der Tod dünkte mich kein großes Ding,
-ich glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war mit solchem Abschluß
-zufrieden.
-
-Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da eine jähe Entscheidung
-verlangt ward, blutete ihr Herz um den Mann, dem sie eine sorglose
-Jugendzeit verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen,
-schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; nichts von all den
-Beweisen von Jussufs Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen
-Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts dawider, stolz auf
-ihren hohen, adligen Sinn, und so wandten wir uns schweigend zu den
-Pferden, stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel führend,
-an die andere Seite des Gartens. Vom Sattel aus konnte ich die Mauer
-erreichen; Harald hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste
-versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe hielten wir an, banden
-die Schläuche und Vorräte auf die Kruppen und bereiteten uns besser
-auf den langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die Jugend zum
-erstenmal unter fremden Augen an; ihre holde, tastende Verwirrung hätte
-mich unter anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte es
-mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde an und ritten wortlos in
-die nahende Nacht, von niemandem belästigt, von keinem verfolgt.
-
-Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde sie in das Abendland
-begleiten; ich mühte mich ab, ihr meinen geänderten Entschluß in einer
-Weise mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen würde, aber zum
-Erfinden taugte mein Kopf heute nicht, ich verschob die Aussprache bis
-an den Morgen. Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz zu
-lindern vermöchte, ich besann mich auf meine Priesterrolle und stand
-so fern allen Formeln und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen
-Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen Reise selber ehelich
-miteinander verbinden; Gott, meinte ich, würde den Segen des Vaters dem
-des Priesters gleichstellen.
-
-Der Tag begann mit karger Sonne, mir war nicht zum Beichten zumute. Bei
-kurzen Rasten ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine andere
-Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige Hafen, der der Christenheit
-noch im Morgenlande verblieben war, und von dem aus wir mit einiger
-Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem Kummer lahmte
-Sobeidens Pferd; auch sie selbst war von der äußeren Anstrengung und
-inneren Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit Zwang in den
-Bügeln. Es kam so weit, daß Harald seine Beute vor sich in den Sattel
-nehmen und mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige Kraft war
-dies eine kleine Last, und dennoch zitterten seine Hände, als ich ihm
-das Kind emporreichte.
-
-Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der Tiere willen zu einer
-längeren Ruhe bequemten, sprach ich den Kindern davon, sie gleich
-an Ort und Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in welche
-Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie griffen danach, als hätte ich
-ihnen die ewige Seligkeit geschenkt; es war doch _ein_ Ziel dieser
-Flucht, das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die beiden Kinder
-knieten unschuldig vor mir nieder, Hand in Hand. Die Stimme versagte
-mir fast, das Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar Worte
-stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete ich sie ein, zog sie an
-meine Brust und küßte sie beide in Herzenslust und Trauer.
-
-Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir hatten alle inmitten
-der Nachtkühle fieberheiße Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer
-Weile bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter den Sternen
-dahin, die beiden eng umschlungen, ich mit Sobeidens Pferd am Zaum
-hinterdrein. Einmal war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken,
-aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren, flimmernden
-Himmelssaum über dem silbernen Steppengrase.
-
-Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr verlassen, immer häufiger
-drehte ich den Kopf, und endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen
-eines Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich neben Harald, dem
-ich leise befahl, schneller fortzureiten, da ich, drohe Gefahr, rascher
-als er auf seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte kein Arg,
-trieb den müden Gaul zum Trabe und verschwand bald hinter den Hügeln.
-
-Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem
-Osten gegen mich anritt, war der Emir.
-
-Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in
-seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er,
-der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche.
-Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in
-den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der
-Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich
-wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder
-abgerungen. Ich rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts
-hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf
-mich ein.
-
-Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich!
-
-Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den
-Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im
-Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich
-still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf
-sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und
-wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf
-und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine
-Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über
-meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine
-Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden
-Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt
-über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein
-Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen
-Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von Schweiß und Staub. Dann
-hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab
-und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick
-seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel
-festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß
-Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat
-gewiesen.
-
-Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam
-und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos
-trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr
-umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart,
-die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit
-dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann
-säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken,
-legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die
-Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem
-ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und
-Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem
-Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach.
-
-
-Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da sie mich sahen, als
-ob ein Gespenst sie überrascht hätte. Und ich -- gelassen bot ich des
-Emirs Grüße und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk an
-Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen und sei auf dem lahmen
-Tier langsam zu den Seinen verritten.
-
-Sobeide beugte sich über meine Hand und schluchzte leise:
-
-»Und du, Vater?«
-
-Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt, ich starrte über die
-glühende Steppe und trotzte dem Gott, der mich verfolgte, indes mein
-Herz wie ein gefangen Wild in seinem Kerker tobte.
-
-»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie ich rauh. Aber sie
-blickten mich erstaunt an und hörten mich nicht; die Worte blieben mir
-in der Kehle stecken.
-
-
-
-
-Drittes Buch
-
-
-Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, zu Wasser und Lande
-voll von Ereignissen. Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu
-geblieben, aber von diesem Wege, seit dem Morgen, an dem ich Jussuf
-begrub, habe ich nur eine dumpfe, bleischwere Erinnerung, als sei ich
-ihn ohnmächtig und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft berichtet,
-wie ich bei Stürmen unvernünftig auf Deck hin und her gelaufen sei,
-daß Harald mich halten und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich
-gedankenlos und ohne aufzuschauen durch Italien und über die Alpen
-geritten, und daß die Ärzte in Deutschland mich für zerrütteten Geistes
-erklärt hätten.
-
-Ich _war_ krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner Brust und verließ mich
-erst zu der Stunde, da ich die Grenze meines Landes überschritt. Dort
-stand am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei tief in den
-Stamm geschnittenen verschlungenen Herzen.
-
-Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide:
-
-»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater
-ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund
-hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«
-
-Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange
-dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus
-dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier
-von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor
-zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön,
-glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber,
-klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze
-meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis.
-Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß
-ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei.
-
-Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon
-würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht
-als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen Sinn, ohne mich
-mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden,
-in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah
-den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen
-schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde,
-stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige
-Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge
-sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein
-an mütterlicher Brust.
-
-Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will
-ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste
-der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer
-nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum
-gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat,
-dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt,
-ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und
-Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war
-außer dir als toter Sand.
-
-Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen Lächeln dem Ende
-dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich
-verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ
-sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst
-drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein;
-die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine
-neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf -- gottlob,
-sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont.
-
-Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging
-wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher
-Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich
-lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond
-darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder.
-Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von
-Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt.
-
-»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte
-den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam
-ihren Kreis. Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in
-das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des
-blutigen Pfades zu stehen.
-
-Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns
-der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen
-und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute
-sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe
-von den Eltern erst bestätigt werden.
-
-Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie
-den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen
-die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal
-betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte
-lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden
-herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte,
-schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft
-verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit
-gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso
-stark. Trotz allem mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß
-ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr
-war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß
-war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest
-der Höflichkeit zu bekommen.
-
-Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war bleicher und zarter,
-silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick
-versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden,
-und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn
-betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner
-Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings,
-mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder
-mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von
-seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst
-schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung
-außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte
-rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag
-sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten
-Geschlechter, und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies
-Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen
-Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt,
-wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und --
-weh! -- mein arges Herz triumphierte darob.
-
-Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide
-neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich
-genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte
-kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu
-mir und sagte:
-
-»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht,
-wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des
-Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.«
-
-Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine
-jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß
-sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende
-Berührung.
-
-»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard horchte auf und starrte
-mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr.
-
-»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer
-Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie
-wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir
-Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich,
-bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte:
-
-»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt.
-Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen
-trage.«
-
-Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das
-Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den
-Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:
-
-»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es
-derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.«
-
-»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von
-Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte
-treffliche Zeugnisse mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften,
-als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott
-möge es mir verzeihen.«
-
-Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein Gelächter, da ihm die
-Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse bekannt war. Und wiederum, zur selben
-Zeit, umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles Haupt, Trauer um das
-Wählingerblut, das er nun unter dem Wüstensande modern glaubte.
-
-»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, »hier gilt das gleich.
-Wir hängen nicht an Formeln und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so
-lang es Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt Euch
-an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. Wir wollen Euch danken, so
-lange wir leben, denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«
-
-Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe Bewegung zu
-beherrschen, offenbar hing sein Herz an diesem Erben des
-Wählingerlandes, als sei es sein eigener Sohn.
-
-»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten an, indem sie Sobeide
-umschlang und mit herzlichem Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.
-
-Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden verräterisch. Kein Wort,
-keine Bewegung, und doch irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem
-Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin und legte eine
-ewige Kluft zwischen sie.
-
-Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der Bastard selbst geleitete
-mich in mein Gemach; ein Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich
-merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer für hohe Gäste,
-und folgte ihm mit sicheren Schritten; die mannigfachen Stufen fand
-ich blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an dieser genauen
-Erinnerung.
-
-Plötzlich sagte der Bastard rauh:
-
-»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das Haus von Kindesbeinen an
-vertraut.«
-
-»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich zurück, »ich mache
-mich anheischig, Euch im Dunkeln zu folgen.«
-
-Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu besänftigen, er hob die
-Riegel aus der Tür des mir bestimmten Zimmers und wünschte mir mit
-freierer Stimme eine geruhsame Nacht.
-
-Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, unter einem Dach mit meiner
-verlorenen Liebe, mit dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften
-zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten wie Sturmwinde
-um mein Lager; stöhnend wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang
-auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den mailichen Garten,
-darin aus Blütendüften eine Nachtigall dicht unter mir sang. Die
-Mauern, die Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau umsilbert in
-dem vollen Mond, die lauen Atemzüge der Frühlingserde bewegten kaum ein
-Blatt; trunken sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß im Rausch.
-
-Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker blickte der Bastard
-zu mir her, ich sah seine Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört
-ins Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand über das Mal auf
-meiner Brust deckend.
-
-Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in Aleits Kammer? Lebten
-sie auseinander?
-
-
-Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; der Mensch, der es
-trug, war schon in meinen Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich
-ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und schwieg erbittert. Fort
-aus diesem Hause! Jeder Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich
-konnte nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster toter Lenze
-beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, als der Bastard eintrat.
-
-In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen zu lesen, aber
-das Tageslicht zeigte deutlich an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter
-verschont hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte mit
-gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, ihm und Harald auf einem
-Ritt durch das Herzogtum zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein,
-einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die Herzogin freue sich
-auf die junge, schöne Helferin und wäre, da sie schwacher Gesundheit,
-gern mancher Bürde ihrer Pflichten ledig.
-
-Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte nichts argwöhnen, denn
-was sollte er mich sonst zu solchem Ritt bitten? Wie es auch sei,
-ich wollte an Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen und
-stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit nicht sogleich unter die
-Augen kommen zu müssen. Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild
-der heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, völlig verwirrt,
-aufs neue rang die Seele um ihr himmlisch Teil. Und, ach, um ihr
-irdisches.
-
-Harald erwartete uns schon mit den Pferden; wir saßen auf und trabten
-ohne Geleit in den lichten Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes
-Ding; seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe Landes hatte
-in seinem Munde ihre Geschichte. Ich fand mich bald nicht mehr zurecht,
-mit wachsendem Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem Reich
-gemacht hatte. Da war kein Ödland mehr, da standen keine verfallenen
-Katen, da traf das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber saßen
-die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen Hügeln, das glatte,
-schiere Weidenvieh war einheitlich gezogen und warf satte, bunte Flecke
-auf schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, damit Hirsche
-und Sauen nicht den Schweiß des Bauern verderben konnten; wohin ich
-blickte, sah ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der Bastard
-auch an mir getan, er war ein Fürst und Herr von echten Gottesgnaden
-und hatte sein Pfund nicht vergraben oder gar vergeudet.
-
-Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu Tisch; es war dies der
-Sohn meines alten Zechgenossen Roger des Wilden, den inzwischen der
-Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein böses Früchtchen im
-Gedächtnis, fand aber einen wackeren, tüchtigen Mann, der Land und
-Volk in Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen und gekämmt in
-guter Haltung uns den Willkomm bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre
-Flachsköpfe machte, traf mein Auge zufällig den Blick des Bastards, der
-mir voll feinen Spottes über mein priesterlich Gebaren schien.
-
-Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; der Herzog merkte
-mein Befremden über die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und
-sagte fast heiter:
-
-»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater Ronald; da hängt
-das Geld, das wir nicht in den Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das
-Wählingerland hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen außer
-denen, die uns dieser Wildling entführte.«
-
-Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald zu, der in
-fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide
-zugebracht und er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht
-dummer geworden, seit er die Welt jenseits der Grenzpfähle kenne, zumal
-da ihm sein Vater hier jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als
-die Jagd.
-
-»Dies kann bald genug anders werden,« sagte der Bastard leise; sein
-scharfer Blick verschleierte sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er
-ärgerte sich über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran die
-Wolken dunkler flogen, und bemerkte:
-
-»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; mich deucht, der Tag wird
-mit Regen enden.«
-
-So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, denn der Bastard hatte
-es offenbar darauf abgesehen, uns zu zeigen, wie das Land in jedem
-Winkel blühe und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich alles
-eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut des Wählingervolkes den
-Kranz. Zwischen seine Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke
-aus der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger auf die Wunden
-der Staatskunst seiner Nachbarn und des Rotbarts, der seinen besten
-Fürsten unbedacht der Meute seiner Herren und Bischöfe preisgegeben
-habe.
-
-»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann nach meinem Herzen,« sagte er
-schier zornig, »und wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte
-schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, wir hätten
-gesiegt!«
-
-Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem Herzen, das zwanzig Jahre
-Frieden gehalten hatte und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht
-gestanden wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke, sein
-Gesicht straffte sich männlich und gewann trotz aller Wildheit einen
-hohen, adligen Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal mit
-ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es fehlte nicht viel, so
-hätte ich ihm den Arm brüderlich um die Schulter gelegt.
-
-Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, ein Regen, fein wie
-Nebel nur, schleierte die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den
-Boden.
-
-»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, »damit uns Alten das Mahl
-gerichtet ist, und laß in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«
-
-Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin genug von der Weisheit
-der Älteren und konnte die Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu
-schließen. Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand im Laub. Der
-Bastard dagegen verhielt die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit
-klangloser Stimme:
-
-»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder Robert?«
-
-Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem jähen Wort, und sah
-ein uraltes, verfallenes Antlitz, voll einer fassungslosen Traurigkeit.
-Dies war sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor Mitleid. Er
-hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, sie schwankte und zitterte
-in den lenzlichen Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem Beben
-ergriffen.
-
-»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« fuhr er müde fort, »ich habe
-dir nichts von dem Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich habe
-sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«
-
-»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, zermalmt von
-unsichtbaren Fäusten:
-
-»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«
-
-Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht der langen dunklen
-Tage warm in meine Brust, ich stand in einer inwendigen Lohe wie in
-Gottes Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward ich kindlich
-rein, geläutert von den Schlacken meiner sündigen Begierden, befreit
-von dem lärmenden Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine Hand
-beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns und tranken unsere Tränen.
-
-Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte er leise:
-
-»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, bis wir Besseres
-wissen. Nicht um uns, aber um die anderen. Den Abend haben wir für uns,
-und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«
-
-Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve vor sein Gesicht, er
-reckte seine Gestalt, und wir ritten schweigend in unserer Väter Burg.
-
-
-Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um so inniger klangen die
-Seelen zusammen. Wir betrachteten einander heimlich; auch Aleit, obzwar
-in dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und wieder einen seltsamen
-Blick auf mich. Ich sah erst jetzt genauer, wie überzart sie geworden
-war. Ihre Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend Reines,
-ihre Hände lagen blaß und durchscheinend auf der Decke, die sie der
-Abendkälte wegen über Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie,
-Jahrzehnte von mir getrennt, immer noch als mein eigen, und in tausend
-stillen Worten bat ich ihr alles ab, was Verzweiflung, Not und Elend in
-meinen Gedanken über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der Öllampe
-warf einen Schein um ihr Haupt, der mich Heiligung und Weihe dünkte,
-und zu meiner herzlichen Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte
-Groll in mir dahin.
-
-Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung loszureißen, doch
-der Bastard wurde ungeduldiger; ich merkte, wie er sich sehnte, sein
-Herz zu erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. Es war
-das schlechteste in der Burg und hätte einem Mönch besser angestanden
-als dem Fürsten. Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus grobem
-Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch ein Feuerlein sprang lustig
-im Kamin und spiegelte sich in einer mächtigen Silberkanne.
-
-»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich selber gewonnen habe,«
-begann er ohne Umschweife. »Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle
-Trunk aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte seiner in den
-bitteren Nächten.«
-
-Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem Blut, das schwer und
-süß in meine Sinne zog und mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der
-südlichen Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten Heimatluft
-trotzen zu können.
-
-»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen nannte; aber erst
-in der Nacht, da ich dich Nackten auf dem Altan erspähte, ward mir
-Gewißheit.« Er legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter die
-Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr drängender fort: »Schenke
-mir diesen Abend, du kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte.
-Bediene dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem Bericht vergessen
-sollte, und verhalte dein Urteil über mich, bis ich ausgesprochen habe.«
-
-Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie damals spielerisch
-die Glut zusammen. Ihm selbst war es gleicherweise eine Erinnerung, er
-seufzte auf und sprach:
-
-»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden
-in der Hand. -- Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht
-geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem
-Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen.
-So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht
-einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und
-entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu
-werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der
-Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut
-ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir
-schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich
-an ihm vorbei und in die Kemnaten, doch er zog mich an der Hand zurück
-und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen
-Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten
-Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten.
-Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß:
-›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht,
-ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹
-
-»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei
-diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im
-selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte,
-war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden.
-Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und
-starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich
-gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die
-Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise
-atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog
-die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir
-begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war Wipold,
-jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst,
-deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen
-Blicken, wie sehr er mich verachtete.«
-
-»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte.
-
-»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber.
-›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein
-neues Leben anzufangen verspreche?‹ -- ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold
-messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen
-habt.‹ -- ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben
-meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an
-seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem
-Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn
-ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im
-Wählingerlande.‹ -- ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich,
-sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese
-Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage
-mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich
-verbringe die Nacht hier.‹
-
-»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine
-Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein
-Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen
-Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das
-Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein
-hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ --
-So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen
-hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in
-Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen
-mehr darin.«
-
-Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte.
-
-»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über
-meinen Eifer, und ich:
-
-»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts
-voraus.«
-
-»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen
-Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter
-als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag fast
-zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender
-Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre
-Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der
-Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir
-lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige
-Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein
-Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war
-meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von
-guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche
-Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber
-nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich
-Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich
-betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob
-beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl
-niedersanken, eh sie mich erreichten -- kurz, sie sanken nieder, und
-in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch
-über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz
-all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom Betruge getäuscht war
-und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich
-still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während
-ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch
-Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir
-zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und
-weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose
-Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du
-weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und
-ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch
-einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild
-nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie
-selbst mich zurück -- zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor
-diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und
-flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich,
-daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab
-Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum,
-was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in ihren Blicken, daß
-ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz
-wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder
-völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein,
-allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir,
-dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben -- dies kam mir
-gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich
-oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das
-beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des
-Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer
-Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse.
-Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen,
-entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert
-hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in
-meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus,
-von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand
-und nahm Urlaub -- Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich
-nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem
-blauen Glanz vereinigt.
-
-»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar
-war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und
-also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die
-ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die
-Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern,
-nicht aber ein Weib zu stehlen.
-
-»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch
-zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der
-Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein
-Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die
-Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren,
-die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am
-wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst
-peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der
-Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein
-eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine
-ungeliebte Frau zu heiraten brauchte -- dir zur Gesundheit, Bruder! --
-einen Erben vom echten Stamm!«
-
-Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie
-verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene
-Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im
-treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib.
-
-Der andere fuhr fort:
-
-»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die
-Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In
-ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig
-blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar
-gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie
-mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie
-sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun
-mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte.
-
-»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich
-vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin
-hielt ich es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen
-Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde
-auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild
-entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie
-lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über
-das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter
-der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler
-als sonst --«
-
-Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz
-so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten
-Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:
-
-»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben
-nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich
-fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen,
-aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf
-und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde;
-die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte
-Kind der Mutter wiederbringen. Sie verweilte einen Augenblick, da der
-Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich,
-der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung
-gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in
-seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter
-schlug das Wählingergesicht durch. -- Ich blieb auf dem Platze, wie
-ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau
-so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos.
-Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein
-Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute
-noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein
-unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau
-zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im
-rohen Sturm der Leidenschaft.
-
-»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen,
-war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er
-nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und
-wahrlich, sie schnitten scharf genug ins Fleisch. Wir mieden uns eine
-Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu
-haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück.
-
-»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr
-die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem
-Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin,
-die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer
-fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie
-wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind
-niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der
-leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und
-einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein
-Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war
-in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil
-geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich
-sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.«
-
-Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum daß ich sie verstand.
-Eine Frage schwebte mir lange auf der Zunge, und wenn ich ihn auch
-quälte, es mußte heraus:
-
-»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, der Gedanke, mich
-zurückzurufen? Ein Wanderer mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«
-
-Seine Züge vertieften sich und wurden hart, knisternd stob die Glut
-unter dem Schüreisen, die Flammen warfen flackernde Blitze über seine
-abgemagerten, blutleeren Hände. Er hob die Augen kühn zu mir und
-antwortete:
-
-»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, so wirst du heute
-dankbar sein. Wir sind gegen das Schicksal angerannt und haben uns die
-Stirnen blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht missen.
-Das Wenige, das ich von deinem Leben weiß, lehrt mich deutlich, daß
-alles sein mußte. Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und unser
-Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift auf deinem Antlitz, die,
-dein irdisch Andenken für alle, die dich kannten, auslöschend, dir
-Tochter und Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine
-währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage mir offen, was du von
-deiner Heimkehr ersehntest?«
-
-»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte ich, betäubt von dem
-unerwarteten Angriff. »Was soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich
-will nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in deinem Lande
-als dereinst ein paar Fuß Erde, die du mir nicht verweigern kannst.«
-
-In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen Worte, zornig über
-seine Frage, zornig über mich selbst, voller Groll über die Einsamkeit,
-in die er mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln spielte
-um seinen Mund.
-
-»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche Erregung, »einmal können
-wir Aleit und den Kindern alles erklären, und du gewinnst im Hause die
-alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das nicht gut, es wäre
-richtig, wenn ich nach außen Herzog bliebe. Doch sei dir auch dies
-zugestanden, wenn du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können wir
-unsere Geschichte in unserer Brust begraben, und du bleibst, ein Bruder
-und Freund, an meiner Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du
-auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. Sage mir heute
-nichts, beschlaf es und künde mir morgen den Bescheid.«
-
-Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, seine strengen
-Augen lachten mich freundlich an.
-
-Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte Herz, fröhlich schwenkte
-ich die geleerte Kanne und rief:
-
-»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage vor den Kindern zum
-Narren machen? Und Aleit dazu? -- Wir wandern den zweiten Pfad, aber --
-wie stehts mit der Wegzehrung?«
-
-Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit zitternden Händen unter
-den Tisch und holte einen verborgenen Krug hervor.
-
-
-Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die Gemeinsamkeit der menschlichen
-Schulden drückte uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen,
-daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale kein Entsühnen
-bedeuten könnte. Wir vermeinten, es genügte, wenn zwei alte Narren
-ihre Liebe begrüben; wir schmückten die Gruft mit Rosen und waren
-stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, was die Menschen in ihrem
-Gedächtnis behalten, sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt
-die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit menschlicher
-Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen Auge der Ewigkeit erfaßt. Die
-Kinder gingen ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher und
-schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne uns nicht gestoßen
-wäre. Wir vergaßen Aleits.
-
-Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue Kraft zu gewinnen, ihre
-Augen blickten fröhlich, ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten
-uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft Sobeidens
-zu. Es fiel mir nicht einmal auf, daß sie mich häufig suchte; sie
-fand schließlich Gefallen an meinen Geschichten aus dem Morgenlande
-und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, den sie in mir
-vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen wir so selbstverständlich
-zueinander, daß mir der Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen
-waren, und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, schöner
-Abendschatten, warm noch von den verglühten Tagessonnen. Mitunter, wenn
-ihre Augen mich liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem Wesen
-einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam mir ein Bedauern für den
-Bruder und eine scheue Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und
-Verspieltes zurückzufordern. Ich stand eng genug mit ihm, um mich offen
-auszusprechen.
-
-»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein Wunder, wenn Aleit dich
-sucht? Wir beide haben das Selbstverständliche verkehrt, und nun will
-es sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte ich von Aleit,
-daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«
-
-»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend ins Wort. »So lang
-Verstorbenes läßt sich nicht wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein,
-und wäre es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein kärglich
-Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele sich zu der meinen ahnend
-neigt, so sollst du nicht glauben, ich zöge sie mit Absicht.«
-
-Der Bastard lächelte schmerzlich.
-
-»Es kann mir nichts genommen werden, was ich nicht einmal besessen
-habe. Plage dich mit anderen Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden,
-was dir ihr Herz bietet.«
-
-Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den Augen, wie er durch
-die herbstlichen Büsche ging, und mir schien, seine Schultern beugten
-sich mehr und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet wähnte,
-stand er vor einer Buche still und lehnte den Kopf an den Stamm, als
-überwältigte ihn ein plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und
-verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos blieb ich in meinem
-Stuhl sitzen, die Glieder versagten mir schier. Ich hatte ihn lieb,
-wie ich Jussuf geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie jenem.
-Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich auf der Welt war, ich vergaß
-es immer wieder und verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches
-Dasein.
-
-Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu verlassen und abermals
-pilgernd die Erde zu durchwandern, dann wieder schien mir Friede in
-einer Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem Entschluß, der
-Winter brach früh und hart herein, Schneewolken überschütteten das Land
-und trieben uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem Licht die
-zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener und lieblicher tönten.
-
-Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach weilte und vor dem
-flackernden Feuer alten Dingen nachsann, derweil ich das Haus schlafen
-wähnte, trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn neben mich.
-
-»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst gewohnt war, mich
-bei Namen zu nennen, mit fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz
-befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du hier bist, bin ich
-gänzlich verändert.«
-
-In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück und hob die klaren,
-ehrlichen Augen zu mir auf, der ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und
-um Atem rang. Und sie:
-
-»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß meine Seele vor Geheimnissen
-sonderer Art steht, und« -- wie ein Hauch kamen die Worte von
-todblassen Lippen -- »schlimmer fast als meine Seele meine immer noch
-wachen Sinne. Hör mich, Priester oder Mensch, und sei mir ein klarer
-Bronnen, darin ich mein Herz kühlen kann.«
-
-Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer fast sachlichen
-Trockenheit fort:
-
-»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn kennst. Er war ein
-wilder, oder richtiger, ein wüster Jüngling mit unbekümmerten Lastern
-von Vatersseite her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. Denke
-das Schlimmste, und du siehst recht.«
-
-Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen
-um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als
-alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte
-das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die
-Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht,
-Nacht und Schatten verbargen mich.
-
-»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu
-einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn
-lieb und war sein eigen.«
-
-Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten
-Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz,
-das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und
-entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete
-schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn
-streifte:
-
-»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte
-ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich
-selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen
-Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich
-ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen,
-daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen.
-Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die
-Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten:
-er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh
-bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger
-Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag
-nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all
-mein Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte
-seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg,
-und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein
-dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die
-Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!«
-
-Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie
-stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr
-sie fort:
-
-»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde
-um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen
-glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet,
-sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu
-mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit
-von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein
-Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen,
-entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte --
-glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts
-Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller,
-als der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne
-Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte
-es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.«
-
-Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in
-ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die
-blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems
-dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht
-wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen
-zugleich, und sagte:
-
-»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die
-Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm
-über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen
-hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich
-war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte
-Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um
-Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde
-feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte,
-wie männlich und fest sie geworden war. Golden lag die Zukunft vor
-mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick
-geschrieben. -- Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?«
-
-Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie
-gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der
-mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten,
-von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und
-Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.
-
-»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich
-verraten.
-
-»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum
-zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte
-ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor
-Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich
-vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und
-sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben
-meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu
-dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne. War es
-seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften
-Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele
-ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte
-meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige
-Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich
-erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe
-und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das
-ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in
-Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹
-
-»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon
-genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und
-Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine
-meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit
-vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an
-sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht
-und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu
-gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er tat
-seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber
-verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß
-der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in
-jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte
-ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald
-eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein
-tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.«
-
-Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen Seufzer; ich
-betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wahrlich, ihr Herz war die
-Tapferkeit selber und leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme,
-blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind erwartete, war
-schön und herbsüß wie in der Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von
-der fiebernden Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete meinem Blick,
-las und senkte die Lider.
-
-»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch Schlimmeres zu berichten, das
-dein Auge am wenigsten verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief
-und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als sonst an den Herzog
-an und fand, was ich nicht suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß
-Alter und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert hatten, jedenfalls
-saßen wir nun öfters des Abends ruhig beisammen und rätselten über den
-Jungen, der uns beiden teuer war und in dem sich unsere Liebe wunschlos
-fand. Das gemeinsame Leid ließ die Scheidewand schwinden, es fand sich
-hier und da Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten -- denn ich
-konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen lesen -- meine Blicke in
-die Ferne, nach Jerusalem gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du
-kamst hierher und brachtest die Kinder, und von Stund an senkte mich
-ein neues Geheimnis in neue Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf
-beobachtet, es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich erzähle. Gleich
-in den ersten Tagen nach eurer Ankunft bemerkte ich eine eigentümliche
-Freude in mir, es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr
-der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich Robert mit veränderten
-Augen betrachtete und meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe
-erobernd in das alte Herz. Mir war, ich sei von Blindheit genesen,
-ich brannte, da wir alle beisammensaßen, ihn zu küssen, und nur eure
-Gegenwart hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, und eines
-Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm hinüber in den Turm, beglückt
-von der jungen Glut, die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete
-Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich errötend vor ihm
-stand und schließlich vor Scham fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es
-war wie immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand vor mir, meine
-Liebe war verflogen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich mochte auch nicht
-lügen; einen Gruß stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches
-Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war eine arge Zeit für mich,
-das Leben neben euch kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die
-Ursache meines merkwürdigen Wesens fand; es waren nicht die Kinder: es
-war deine Gegenwart, die Totes aufweckte.«
-
-Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und erwartete das Beil in
-meinen Nacken zischen; ich fühlte mich entlarvt, nackend vor dem
-letzten Richter, vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine
-jämmerliche Schuld.
-
-Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun müde und hoffnungslos,
-daß ich sie kaum erkannte.
-
-»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn du es vermagst, welch
-ein Rätsel Gott unter so seltsamer Hülle verbirgt. Du hast manche
-Schicksale und vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals
-Ähnliches begegnet?«
-
-»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus dem atemlosen Wasser
-auftauchend. Ich vergaß jede Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den
-Laden auf und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen entgegen, die
-wie ungeheure graue Tiere durch den Nebel jagten und mit kühlen Zungen
-über mein Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah ich aus
-brennenden Augen ein Bild: die dorrende Wüste, von heißen Sandwolken
-überfegt, ein steinerner Hügel, und darunter, im Frieden des Todes
-lächelnd, Jussuf.
-
-Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig, von feigem Neid
-zerfressen und ermattet.
-
-Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand auf meine Schulter.
-
-»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von so verirrter Seele ab?
-Ist deine priesterliche Gewalt nicht groß genug, meine Schulden mit
-dem Absolvo zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wie das deine
-gelitten hat, so große Sünde nicht mehr fassen? -- Einen weiß ich, der
-mich dennoch aufnimmt, denn ich fühle seinen kalten Atem hinter mir.«
-
-Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse Angesicht von
-einem Schein verklärt, der nicht mehr von dieser Welt war. Von der
-eigenen Angst plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert
-auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor den Laden, schürte
-das Feuer noch einmal und stand wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß
-ich mein lahmes Herz empor und haschte ihre Hand.
-
-»Arme Frau,« sprach ich heiser vor Aufregung und unterdrückten Tränen,
-»wer wollte Euch richten? Hat Gott Euch in so schwere Schicksale
-verstrickt und habt Ihr Euch so tapfer gehalten, dann ziemt Euch
-himmlischer Lohn weit eher als irdische Sühne. Euer Leben ist seltsam
-zerbrochen worden, doch glaubet, Frau, wir leben nicht zum letztenmal
-auf dieser Erde! Ihr beide, Robert und Ihr, seid eins in zweierlei
-Gestalt, und wechselt ihr das verwesliche Kleid, so wird ein neues
-Dasein die Frucht des alten weiterreifen bis in Ewigkeit. Des seid
-getrost und freut Euch: nimmer könnt ihr zwei euch verlieren, ewig
-werdet ihr verbunden sein, und eure Hölle und euer Paradies liegen
-nicht über den Sternen, sondern hier auf der Heimatscholle.«
-
-Ich sprach für mich selbst, für meine eigenen Wünsche, meinen
-eigenen Glauben. Und dies war es, was meinen Worten eine heiße
-Überzeugungskraft gab. Sie verstand nicht, was ich meinte, aber
-sie fühlte, wie ich in ihren aufleuchtenden Mienen las, eine
-Wahrhaftigkeit, die sie ergriff und erhob. Leise, mit schwingender
-Glückseligkeit fragte sie:
-
-»So ist es wahr, daß Liebende sich wiedersehen?«
-
-Ich antwortete, überwunden und siegreich in einem:
-
-»Sie sehen sich nicht wieder, sie bleiben immerdar vereint!«
-
-Unsere Augen tauchten ineinander, ruhig und warm wie Lichter in
-unbewegten Wassern, langsam lösten sich die Hände von ihrem festen
-Druck, und sie verließ mich wie ein Falter die Blüte, die er kosend
-öffnete.
-
-
-Denen, die ihn brauchen, kommt der Frühling immer zu spät. Der
-Winter war so hart, daß wir fast täglich die Schneewehen im Hofe
-fortschaufeln mußten, um zu den Ställen und Nebengebäuden zu gelangen.
-Es wäre dies eine lustige Arbeit gewesen, wenn nicht Krankheit das
-Haus umdunkelt hätte. Aleit hatte recht gedeutet: der Unerbittliche
-stand hinter ihr, sie schmolz wie ein Licht, ohne Schmerzen, ohne
-daß der Arzt zu sagen gewußt hätte, warum. Wie Tag und Nacht liegen
-Leid und Lust beieinander; indes Aleit verblaßte, gebar Sobeide ein
-kräftiges Mädchen. Wir gaben es Aleit in die abgezehrten Arme, und
-ich taufte es selber; halb wider Willen und nur dem Drängen des
-Bastards nachgebend, ging ich der Kinder wegen noch einmal an die
-heiligen Dinge. Es ward Gertraude genannt, und das Bild der feinen,
-stolzen Frau mit den sternenhaften Augen schwebte vor mir, als ich die
-Tropfen der heimatlichen Quelle auf das rote, runzlige Gesichtchen
-sprengte. Der Rosengarten, der ihre Asche barg, duftete durch den
-Weihrauch, blendend klar schien sie aus den Höhen zu steigen und sich
-niederzuneigen. Vielleicht hatte ihre Seele dies kleine verwandte Wesen
-belebt, vielleicht weilte sie nun in Kindsgestalt unter uns, noch voll
-von himmlischen Erinnerungen des hohen Flugs auf Fittichen des Todes.
-
-Nach der Taufe verweilten wir noch ein kleines bei Aleit, und allen
-fiel die übernatürliche Blässe ihrer Stirn gegen die saftige,
-kreischende Gesundheit auf, die ihr Lager mit Geschrei erfüllte;
-schuldbewußt blickte ich auf den Bastard und begegnete seinem Auge.
-Es war unsere Sünde, unser frevelhafter Streit gegen das Schicksal,
-was diese bleiche Liebe in allzu frühen Tod trieb. Auf ihren zarten
-Schultern trug sie unsere argen Taten und zerbrach darunter, klaglos,
-schier freudig. Denn mit geheimem Schmerz fühlten wir es beide: das
-Sterben ward ihr nicht sauer.
-
-Über dem kam die kleine Gertraude zu kurz, wenigstens, was mich betraf;
-mein Herz dachte nur an Aleit. Über jene Nacht, da sie bei mir am
-Feuer gesessen, war nie wieder ein Wort zwischen uns gefallen; doch
-schien mir, sie sähe mich seit der Stunde noch lieber, heimlicher
-an. Seit Wintersonnenwende war sie bettlägerig, bedürfnislos und
-bescheiden, niemand zur Last als unseren Herzen. Selten besuchte ich
-sie unaufgefordert, doch sie bat mich öfters zu sich und plauderte
-mit mir über leichte Dinge, indes ich den Eindruck nicht verwischen
-konnte, sie verschweige tiefere Fragen und beschwere ihre Seele mit dem
-Unausgesprochenen. Im Hornung endlich, ich vermeine, auf St. Agathens
-Tag, löste sich der Bann. Wir waren im Zwielicht des Nachmittags
-beisammen, ihr Bett war dicht an den Kamin gerückt, die flackernden
-Flammen täuschten ihr ein Leben, das sie so glühend und emsig nicht
-mehr besaß. Draußen knarrte der Sturm und brach gefrorene Zweige, dumpf
-klatschten die Schneehauben der Pfosten und Erker in den Hof. Zwischen
-die Ölhäute der Fenster war ein Stückchen blauen Glases eingefügt,
-daraus sah eine märchenhafte, unwirkliche Welt.
-
-»Ronald,« sagte sie ohne Brücke, »ich habe deine Worte lange in mir
-bewegt, ich tauche in sie hinein wie in ein Meer, darin ich eine
-herrliche Perle weiß; aber der Schatz entgleitet immer wieder meiner
-Hand, immer wieder muß ich erschöpft an das gewohnte Ufer. Ich wollte
-dir nicht mit Fragen lästig fallen, nun aber finde ich keinen Weg mehr
-und bitte dich, hilf mir Törichten. Du sagtest, nach der Erdenzeit
-wandere die Seele in einen anderen Leib; ich will es glauben. Zu
-gleicher Zeit sprachest du, daß Liebende sich nimmer verlören. Dies ist
-zu schön, um es nicht zu glauben. Jedoch: wenn zwischen dem Scheiden
-zweier, die sich liebhatten, Jahre und Jahrzehnte liegen, so kommen sie
-doch nie mehr in der gleichen Jugend zueinander.«
-
-Sie sagte diese Worte mit meisterlicher Ruhe, aber mich betrog sie
-nicht mehr. Ich merkte an dem leisen Beben ihrer Hand die Angst ihres
-Herzens und fühlte mit ihr, da all dies auch in meiner Brust gekämpft
-und geblutet hatte.
-
-»Ihr könnt es nicht zusammenbringen,« hob ich an, »wenn Ihr das Leben
-mit der Sanduhr meßt. Vor dem, dem tausend Jahre wie ein Tag, ist unser
-Dasein nur ein Augenwinken. Kam nicht alles, was Euer Leben vorwärts,
-Eure Seele empor trieb, plötzlich wie ein Blitz? Vergeßt den Alltag,
-der zwischen den göttlichen Funken liegt, und Ihr habt nicht länger
-gelebt als eines Pulses Länge, auch wenn Ihr hundert Jahre zähltet.«
-
-Sie hörte mir gespannt zu, ihre kraftlosen Finger glitten dankbar über
-meine Hand, ihre Augen glänzten fröhlich.
-
-»So ist es,« rief sie frohlockend, »hab Dank, Ronald, vielen, vielen
-Dank! Doch sprich, was verschweigen uns unsere Mönche dies Köstliche
-und malen Paradies und Hölle, wo nichts als grüne, blühende Erde ist?
-Steht es nicht also in den heiligen Büchern? Lehrte dies nicht der
-Heiland?«
-
-Und wieder las ich die beherrschte Furcht in ihrem reinen, gläubigen
-Gemüt -- um alle Seligkeit der Ewigkeit hätte ich sie nicht enttäuschen
-mögen.
-
-»Frau, es fassen nicht viele so hohe Dinge, darum setzt die Kirche ein
-Bild an Stelle der Wirklichkeit, und nicht einmal alle Priester werden
-in die tieferen Geheimnisse eingeführt.«
-
-»Du aber, Ronald,« bebten ihre Lippen, »sage, du gehörst zu den
-Eingeweihten?«
-
-»Ja, Herrin,« log ich verzweifelt und wandte mich in den Schatten.
-»Doch was macht Ihr für ein Wesen aus diesen Dingen, da doch die Welt
-so voller Wunder ist!«
-
-Sie antwortete nicht; ich fühlte, wie Trost und Ruhe in sie einzogen.
-
-Der Abend war angebrochen, Dienstvolk ging mit Fackeln über den Hof,
-Lärm und Gelächter klangen herauf.
-
-»Nimm mir die Wißbegier nicht übel, Ronald, denn ich habe es eilig.
-Mein Leib ist aufgebraucht und hält die Seele nur noch locker in dem
-lockeren Bau. Laß dir sagen, mein Freund, ohne dich wäre ich einen
-schweren Tod gestorben.«
-
-Ich widersprach ihr nicht, die heißen Zähren liefen mir in den Bart.
-Sagen konnte ich nichts, mochte ich nichts, da ihr die Wahrheit auf dem
-weißen Antlitz stand. Wie Irrlichter zuckten die Gedanken über mein
-dumpfes, gebundenes Hirn, ich gönnte dem gepeinigten Weibe die endliche
-Ruhe, und zugleich mochte ich sie nicht in dem kalten Grabe wissen.
-
-Die Schritte der anderen klangen in der Halle; ich schied hastig und
-verwirrt und drückte mich in meine Kammer, die Glocke überhörend, die
-zum Nachtmahl rief. Saß in der grimmen Kälte und weinte aufgelöst und
-ohne Weg in der Verworrenheit meiner Gefühle, bis der Bastard mich
-aufschreckte.
-
-»Der Brei wird kalt, Ronald! -- Du weinst?«
-
-Er verstummte, er hatte nicht nötig, zu fragen. Schließlich machte er
-sich Luft und zeigte sein gepreßtes Herz:
-
-»Sind wir nicht wie zwei Mörder? -- Bruder, Bruder, was haben wir
-getan! Um uns verblutet sie und fährt dahin, nicht auf einen raschen
-Streich, nein, grausam in zwanzigjähriger Qual, Stich um Stich! Ich
-kann sie kaum mehr ansehen, ohne zu erröten; wir alle gewannen, nur sie
-verlor. Was prüft Gott ihr Herz in solcher grausen Folter? Ist dies
-die gelobte Güte? Dies die Allmacht, die nicht wagt, einmal von dem
-betretenen Wege zu lassen, und lieber das Edelste in den Staub tritt?«
-
-Er starrte mich mit haßerfüllten Augen an, die Lästerungen strömten aus
-übervoller Brust, aber mir graute -- graute vor mir selbst, der ich im
-eigenen Busen ein Echo seines Zornes fand. Ich hielt mir die Ohren zu
-und schrie verzweifelt:
-
-»Halt ein! Nichts wider Gott! Unsere Frucht, unserer bösen Taten Frucht
-ernten wir jetzt und dürfen nicht murren.«
-
-Jedoch mein Geschrei betäubte nicht die Gottesleere in meiner Seele
-und überzeugte ihn nicht. Er ging hinaus und rief einem Diener, daß
-er Mahl, Wein und Feuer schaffe und den Kindern melde, wir tafelten
-allein. Wir ertrugen, wie Kain, keines Menschen Blick.
-
-Da saßen wir die halbe Nacht, verbissen, wortlos, vom Trunk nur noch
-trauriger gestimmt; denn das Blut der Traube macht nur den Fröhlichen
-froh.
-
-
-Sie sah den Lenz nicht mehr. Eines Nachts rief mich die Kammerfrau mit
-einem Gesicht, das alles kündete. Eilig nahm ich die Stufen und stieß
-vor ihrer Tür auf den Bastard. Wir vermieden uns anzusehen, bebend
-schlichen wir in das Gemach. Aleit hatte den Nachmittag heiter mit uns
-allen verbracht; die kleinen Händchen Gertraudens hatten in ihrem nun
-völlig weißen Haar gespielt und ihr ein leises Lachen entlockt, das
-uns alle schmerzlich beglückte. Jetzt, da wir eintraten, sahen wir, es
-war der Abschied gewesen, sie wollte bei dem Letzten niemanden als uns
-beide um sich haben.
-
-Nichts war in der Kammer als ihre Augen, aus denen ein Meer von Liebe
-floß und unsere zitternden Herzen in warmer Woge fing und still machte.
-Wir knieten an dem Lager nieder und hielten ihre Hände; mit einem
-entwand sie sich uns, überirdischen Glanz in den Mienen, hob sich und
-zog den Herzog an ihre Brust und küßte ihn lange auf den Mund.
-
-»Lieber, Lieber du!« stammelte sie, ihre Wangen röteten sich noch
-einmal vor erstauntem Glück; sie ließ den Erschütterten, Fassungslosen,
-die Lider fielen ihr zu, sie sank in die Kissen zurück und schien mit
-einem Lächeln einzuschlafen.
-
-Robert und ich standen auf und sahen uns scheu und blaß an; wir wußten
-beide, wem der Kuß gegolten, wir waren beide glücklich in dem Gefühl
-ihres Glücks, aber wir schämten uns voreinander und glaubten, jeder
-aus anderem Grunde, er habe den anderen beraubt. Wir ahnten nicht, daß
-sie schon gestorben sei, und waren noch bei ihren letzten Worten, doch
-endlich empfanden auch unsere groben Sinne den Tod.
-
-Abermals brachen wir in die Knie, als habe ein flammendes Schwert uns
-mit einem Streich gefällt.
-
-
-Mitten im Walde, rang ich ihm ab, wurde Aleit gebettet. Über ihre Gruft
-sollte mit Beginn der trockenen Jahreszeit eine Kapelle gebaut werden,
-und die sollte mein sein. Er gab meinem Wunsch nicht gern Raum, denn
-er wollte mich nicht im Hause missen. Ich aber setzte mich durch und
-zog im Sommer schier triumphierend in die Klause, die mich heute noch
-beherbergt. Die Quelle nahebei war die Tränke der Rehe und Hirsche, die
-mein altes Auge erfreuten; die Kinder und der Herzog selber kamen oft
-und ließen mir weder Hunger noch Durst. Es war kein Leben der Geißelung
-und sollte es auch nicht sein, ich wollte nichts als Ruhe und Frieden.
-Ein Gärtlein hatte ich angelegt, drin wachsen Blumen, Kräuter und Äpfel
-bunt durcheinander, und gottlob bedauert mich niemand mehr ob meiner
-selbstgewählten Einsamkeit, da ich sie so schön und farbenprächtig
-hergerichtet habe. Winters zieht der Schnee einen sicheren Schutz um
-mich.
-
-Dann beginnt erst die rechte Freude. Ich habe mir einen hellen Stern am
-Himmel gesucht und traue, Aleit, in welchem Kleide sie auch wandelt,
-blickt auch auf ihn, und unsere Augen begegnen sich in seinem Licht.
-Diesen Stern und diesen Glauben habe ich allein für mich; denn der
-Herzog, weiß ich, hält an dem himmlischen Paradiese fest und wähnt,
-dorten sei aller Sehnsucht Ende, und alle Liebesströme verschmölzen in
-Gottes Herzen zu _einem_ Kuß.
-
-
-
-
-~Bücher von Werner Jansen~
-
-
-Heinrich der Löwe / Roman
-
-40. Tausend / In Ganzleinen 4,50 Goldmark
-
-Werner Jansen, der dem deutschen Volke schon viele kraftvolle und stark
-verbreitete Sagenromane geschenkt hat, ist mit seinem neuesten Werke
-»Heinrich der Löwe« noch über sich hinaus gewachsen. Ein meisterlicher
-Stil vereinigt bei aller Ruhe eine solch hinreißende Wucht, daß man
-das Buch in einem Zuge liest. Friedrich Barbarossa und Heinrich der
-Löwe werden mit einer Lebendigkeit, mit einer plastischen Greifbarkeit
-geschildert, daß sie in dieser Form zum dauernden Volksgut werden
-können. Und die Gegenwart scheint gerade den rechten Boden zu bilden,
-um die Sturmwogen, die damals die deutschen Geschicke aufwühlten,
-recht zu begreifen. Die Meisterschaft, mit der dieser gewaltige Stoff
-dargestellt wird, wird heute von Wenigen erreicht. Jansen bietet mit
-diesem Buche dem deutschen Volke eine Gabe dar, die es mit Stolz
-annehmen soll.
-
- (Badische Post, Heidelberg)
-
-
-Das Buch Treue / Nibelungenroman
-
-100. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark
-
-... An diesem Buche weitet man sich, und Hoffnung strömt uns ins
-Tiefste, daß es nicht zu Ende sein kann mit dem deutschen Wesen! Werner
-Jansen hat das Alte neu werden lassen, und in mächtigem Strome rauscht
-es dahin, und stark und klingend ist die Sprache ...
-
- (Deutsche Warte)
-
-
-Das Buch Liebe / Gudrunroman
-
-80. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark
-
-... Manche Abschnitte haben eine geradezu monumentale Wirkung. Die
-Sprache ist markig und dichterisch edel. Dies prächtige hohe Lied der
-deutschen Frau gehört ohne Unterschied jung und alt -- dem gesamten
-deutschen Volke.
-
- (Hamburger Nachrichten)
-
-
-Das Buch Leidenschaft / Amelungenroman
-
-60. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark
-
-... Jansens Bücher mögen uns zur nationalen Bibel werden, auf daß in
-Finsternissen dieses Heute sie uns Priester seien und still, doch
-rastlos mitbauen am höchsten Ziele, das im tiefsten Grunde unserer
-Herzen uns allen vorschwebt: an der Erlösung unseres Volkes aus dem
-schmachvollen Joch der Gegenwart.
-
- (Deutsch-österr. Tagesztg., Wien)
-
-
-Diese drei Bände zusammen in farbigem Geschenkkarton 16,80 Gm.
-
-
-Leben, Lieben, Wandern vor hundert Jahren
-
-Roman eines fahrenden Gesellen, nach einer Handschrift von _Emma
-Schumacher_ / Mit Bildern von _Anton Kling_
-
-In Halbleinen 3 Goldmark
-
-Ein liebes Buch aus glücklichen Tagen, zum Sinnen und Besinnen
-
-
-Herr Reineke Fuchs
-
-Eine unheilige Weltbibel oder lustiger Hof- und Regentenspiegel
-
-Mit 20 Zeichnungen nach Kaulbach von _Ernst Verchau_
-
-Die geniale, befreiende Neudichtung des alten Reineke Fuchs
-
-In Halbleinen 2,75 Goldmark
-
-Die Neugestaltung von Werner Jansen hat ein atembenehmendes Buch
-geschaffen ... aber auch an der Spracheinkleidung ist zu spüren, daß
-hier ein begnadeter Dichter altes Literaturgut mit lebenweckendem
-Blut durchpulst. Kein Stilplunder wird hier geboten, nicht modische
-Schnörkeleien und Wort- und Satzverrenkungen, sondern die Redeweise ist
-edel und schlicht, untermischt mit kraftvoller Derbheit. Hier spricht
-ein Deutscher zu uns urdeutsch.
-
- (Rudolf Borch)
-
-
-Von Hertha Podlich wurden handgeschrieben und sorgfältig in Offset
-gedruckt:
-
-Der Heiland / Worte des Reinen
-
-Ein Buch des Glaubens an die Unvergänglichkeit des Heilandswortes,
-zugleich ein Buch des _Glaubens an Deutschland_, an die Heimat
-
-In Halbleinen 3,50 Goldmark
-
-
-Gottes deutscher Garten
-
-Die Blüten der geistlichen Liederdichtung in ausgewählten einzelnen
-Versen -- ein Buch voll ewiger Jugend
-
-In Halbleinen 3,50 Goldmark / In Ganzleinen 4 Goldmark
-
-Zwei köstliche Gaben verdanken wir Werner Jansen. Die eine
-umschließt Worte des Heilands. Es ist ein Buch heißen Glaubens an
-die Unvergänglichkeit des Heilandwortes, ein Buch auch des Glaubens
-an Deutschland, die Heimat. Das Gegenstück zu diesem köstlichen, von
-Hertha Podlich wundervoll geschriebenen Buch ist der von Werner Jansen
-bestellte »Gottes deutscher Garten«, ebenfalls von Hertha Podlich
-geschrieben. Aus dem blühenden Garten des evangelischen Kirchenliedes
-hat Jansen die schönsten Blüten zu einem reichen Kranze erlesen ... Die
-Sonne ewiger Jugend leuchtet hier, das Herz der Heimat schlägt hier.
-
- (Der Deutsche)
-
-
-Die Bücher deines Volkes
-
-Band 1: _Die Märchen_ / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern
-von Prof. _Paul Hey_ / Band 2: _Die Volksbücher_ / Mit 25 farbigen und
-schwarzen Einschaltbildern von _Adolf Hosse_ / Band 3: _Die Volkssagen_
-/ Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Prof. _Paul Hey_
-
-Jeder der drei Ganzleinen-Prachtbände 30 Goldmark
-
-Die köstlichsten Geschenkbücher für Menschen, deren Herz jung blieb
-
-Werner Jansen, der Wiedererwecker der deutschen Heldensagen und
-gründliche Kenner aller Quellen deutschen Volkstums, war wie kein
-zweiter zur Herausgabe dieser Sammlung berufen. Der Schatz, den das
-deutsche Volk in Jahrhunderten geschaffen hat, wird hier zum erstenmal
-in einer meisterlichen Sammlung wahrhaft volkstümlich vereinigt. Nicht
-für den Wissenschaftler, allein für den Genießer wurde die Auswahl aus
-dem viele hundert Bände füllenden Stoff getroffen, wurden zwecklose,
-ermüdende Breiten gestrichen, verdorrte Strecken mit frischem Leben
-erfüllt. In seinen Märchen und Sagen lebt Deutschland mit seiner
-Sehnsucht nach allen Fernen, mit seinen Tugenden und Lastern,
-seinem Glauben und Aberglauben, seiner Werktüchtigkeit und seinen
-Feierstunden, seiner einfältigen Torheit, seiner tiefsinnigen Weisheit.
-Die gesamte Ausstattung ist in jeder Weise mustergültig und dem Inhalt
-angepaßt. In den Bildern von Paul Hey spiegelt sich das Märchen selbst,
-mit halb lachendem, halb weinendem Auge.
-
- (Bremer Nachrichten)
-
-
-Die frischen Kränze
-
-Eine Sammlung deutscher Gedichte aller Zeiten
-
-Bisher erschienen:
-
- Band 1: _Storm_ / _Gedichte_
- Band 2: _Mörike_ / _Gedichte_
- Band 3: _Eichendorff_ / _Gedichte_
- Band 4: _Keller_ / _Gedichte_
-
-Jeder Band in hübschem, farbenfrohem Gewande 5 Goldmark
-
-Eine handgeschriebene, in ihrer Art und Auswahl einzig dastehende
-Bücherreihe
-
-In dieser von Werner Jansen herausgegebenen neuen Sammlung deutscher
-Gedichte aller Zeiten haben wir ein Werk vor uns, das inhaltlich und
-buchtechnisch unsere höchste Bewunderung und Liebe erregen muß ...
-Bücher, die Sinne und Seele gleich tief in Schwingungen versetzen.
-
- (Rhein.-Westf. Zeitung)
-
-
-_Ausführliches Verzeichnis steht auf Wunsch kostenlos zur Verfügung_
-
-
-Georg Westermann / Braunschweig / Hamburg
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT ***
-
-***** This file should be named 64133-0.txt or 64133-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold;'>The Project Gutenberg eBook of Die irdische Unsterblichkeit, by Werner Jansen</div>
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
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-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Die irdische Unsterblichkeit</div>
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Werner Jansen</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Release Date: December 26, 2020 [eBook #64133]</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Language: German</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-<div style='margin-top:2em;margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter oder kursiver Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Die irdische Unsterblichkeit</p>
-<hr class="chap" />
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center"><em class="gesperrt">In meinem Verlage<br />
-erschien ferner von Werner Jansen</em></p>
-</div>
-
-<p class="noind">Das Buch Treue, Nibelungenroman / Das Buch
-Liebe, Gudrunroman / Das Buch Leidenschaft,
-Amelungenroman / Heinrich der Löwe, Roman /
-Herr Reineke Fuchs, Prosasatire / Leben, Lieben,
-Wandern, Roman eines fahrenden Gesellen nach
-einer alten Handschrift von Emma Schumacher.
-Die Bücher deines Volkes, Bd. 1: Die Märchen,
-Bd. 2: Die Volksbücher, Bd. 3: Die Volkssagen</p>
-
-<p class="center smaller p2">Von Hertha Podlich wurden mit der Hand geschrieben:</p>
-
-<p class="center">Der Heiland / Gottes deutscher Garten / Die frischen
-Kränze, Bd. 1: Storm-Gedichte, Bd. 2: Mörike-Gedichte,
-Bd. 3: Eichendorff-Gedichte,
-Bd. 4: Keller-Gedichte</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die irdische Unsterblichkeit</h1>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="h2">Werner Jansen</p>
-
-<p class="center p2">1. bis 75. Tausend</p>
-
-<p class="center p2">1924</p>
-
-<p class="center">Georg Westermann, Braunschweig
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p>
-
-<p class="center">
-<em class="antiqua">Copyright 1924 by Georg Westermann,<br />
-Braunschweig</em>
-</p>
-
-<p class="center p2">
-Gedruckt bei Georg Westermann in Braunschweig<br />
-<em class="antiqua">Printed in Germany</em>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch">Erstes Buch</h2>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span></p>
-<h3 class="hidden" id="sect-01">1</h3>
-</div>
-<p class="drop">Das Leben beginnt nicht, wenn einer die Welt
-beschreit. Umgekehrt, wenn die Welt auf jemand
-einbrüllt, dann fängt das Leben an. An dreißig
-Jahre war ich und erfüllte den Platz, auf dem ich
-stand, mit Toben und Lärmen, aber von mir und
-anderen wußte ich nichts. Plötzlich erwachte ich in
-der Dämmerung, vom Tau wie von Tränen gebadet,
-in einer wüsten Schlucht nahe der Grenze
-meines Landes; wachte auf in einer Stille ohnegleichen,
-denn die Vögel schliefen noch, aber Gottes
-große Stimme donnerte gleichwohl in meine Ohren.
-Die Augen brannten mir von ungekanntem Schmerz,
-ich barg das Gesicht ins nasse Moos, Wams und
-Hemd riß ich offen und drängte die Brust der Erde
-auf &ndash; die Flammen in meinem Herzen erstickten
-nicht. Mein Blut war umgewandelt, aus dem
-Strom wuchsen tausend Tropfen, und jeder Tropfen
-peinigte mich auf seine besondere Art.</p>
-
-<p>Ausgestoßen, verdammt, verloren hier und dort
-&ndash; qualvoll, langsam wie Todesstunden kamen die<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span>
-Erinnerungen zurückgeglitten: Schlaf, Sturz, ein
-rasendes Reiten, Blässe und Blut. Trocken lag mir
-die Zunge im Gaumen, das Haar, von Schweiß
-und Schmutz verklebt, lähmte mir die Stirn wie
-eine Eisenklammer.</p>
-
-<p>Das kleine Leben unter mir brachte mich zu mir,
-aus den verschwollenen Lidern betrachtete ich mit
-stumpfer Ruhe die schwarzen Käferchen, die ernsthaft
-und eilig unter meinem Antlitz ungeheure Wege
-eroberten und ein zielsicheres Wesen hatten, wie
-Diener eines Staates. Aber das dürftige Spiel
-hielt meine Kümmernis nicht lange gefangen, wütend
-griff ich in das Getriebe, aus nackter Lust an fremdem
-Leid, bis ein halblautes Wort mir den Atem
-aus der Brust stieß und mich emporschnellte, als
-bebte die Erde unter mir. Mit jähen Knien wandte
-ich mich.</p>
-
-<p>»Kain!« erscholl die Luft abermals.</p>
-
-<p>Rote Flammen loderten vor mir, Rauch stieg
-auf, Augen sprühten auf mich &ndash; Hölle, Teufel,
-Gottes Gericht einen hämmernden Herzschlag lang
-&ndash; dann versank alles bis auf ein Reisigfeuer im
-morgendlichen Wald, das ein Mönch mit seinem
-Wanderstabe fachte und versorgte. Das war kein<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span>
-Klosterfriede. Aus gebranntem Gesicht starrte ein
-ellenlanger Rotbart, die riesigen Schenkel umklammerten
-den Stumpf, darauf er saß, als bedrängten
-sie ein Pferd. Er stand auf und war ein Mann von
-meinen eigenen ungewöhnlichen Maßen; kühl, fragend
-und wissend zugleich lagen seine Blicke auf
-mir. Ich herrschte ihn an und fühlte, wie mein
-Mund stammelte und zagte:</p>
-
-<p>»Wer bist du? Was schaffst du hier?«</p>
-
-<p>Seine Brauen zuckten leise spottend.</p>
-
-<p>»Ihr seht es: ein Diener Gottes. Was ich
-schaffe? Feuer zünden, Pferde einfangen, der Hoheit
-einen guten Morgen wünschen.«</p>
-
-<p>»Du kennst mich?« Ich fühlte das Blut aus
-meinen Lippen weichen. Gleich einem Traumbild
-sah ich zwischen den Buchenstämmen meinen Braunen
-friedlich grasen.</p>
-
-<p>Wieder flog jenem der Spott über die Stirn.</p>
-
-<p>»Ich sah die Hoheit vor Jahren am Hofe Heinrichs
-des Normannen &ndash; Ihr wußtet trefflich mit
-der Lanze umzugehen. Ich selbst, ein Mönch aus
-Irland, wallfahrte nach dem heiligen Grabe. Wenn
-die Hoheit einen Zehrpfennig hätte, ich würde für
-das Seelenheil&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span></p>
-
-<p>Die Stimme versank im Barte; mir schien, als
-wieherte ein Kobold aus einem Bronnen. Das Heil
-meiner Seele war verwirkt, kein Bettelmönch, kein
-Papst konnte mich retten. Verloren hier und dort&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Möglich, daß mir die Worte über die Lippen
-kamen, möglich, daß der seltsame Mensch in meinem
-Herzen las. Genug:</p>
-
-<p>»Ihr gebt Euch auf, Hoheit? Tröstet Euch, Gott
-gibt niemanden auf. Was belastet Euch? Ihr blutet
-&ndash; oder&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Meine entsetzten Augen tasteten auf meinem Gewand;
-Hemd und Rock waren dunkel betropft,
-meine Rechte braun von totem Blute. Aufschreiend
-brach ich in die Knie, ich vergaß die Welt um mich
-und weinte wie ein Kind auf die mütterliche Erde.
-Die Tränen erlösten mich allmählich, das Leid sank
-tiefer und verborgener in das Herz. Hier war ein
-Geweihter des Herrn, er mußte mich anhören, ich
-brauchte einen Menschen, meinen Greuel mitzutragen.
-Ich sprang auf und zerrte ihn an der Kutte zu
-dem verlassenen Baumstumpf.</p>
-
-<p>»Sitz nieder und höre,« sagte ich, »ich will dir
-beichten, Mönch!«</p>
-
-<p>»Sprecht!« erwiderte er einfach und stieß einen<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span>
-Ast in die Flammen. »Jedoch, Hoheit, zuerst entlastet
-mein eigenes Gemüt!«</p>
-
-<p>Er zog ein Rehböcklein unterm Laub hervor und
-warf es vor meine Füße, lachend:</p>
-
-<p>»Jagdfrevel, Hoheit; verzeiht Ihr das?«</p>
-
-<p>Ärgerlich winkte ich ihm Schweigen. Was wog
-solch ein Raub vor meiner eigenen Tat! Aber: wie
-jählings strafte ich sonst derlei! Nie mehr würde ich
-über andere zu Gericht sitzen.</p>
-
-<p>»Mönch, ich habe mein Weib erschlagen.«</p>
-
-<p>Dies sprach ich, dann versagte mir die Kehle,
-und ich rang nach Luft. Der andere hatte sein Gesicht
-in der Kutte verborgen und rührte sich nicht.</p>
-
-<p>»Im Zorn,« stammelte ich, mich selbst verachtend.</p>
-
-<p>»So war sie eine Dirne und beschimpfte Euch
-mit einem leichtfertigen Leben?« fragte der Mönch
-leise.</p>
-
-<p>Ich schrie:</p>
-
-<p>»Nein! Nein! Blüte der Unschuld, Schönheit,
-Tugend &ndash; ich war ein Narr, ein Schurke!«</p>
-
-<p>»Halt, Herr, verleiht Eurer Schuld nicht so große
-Worte; das mildert sie nicht. Könnt Ihr, so erzählt,
-wie es kam.«</p>
-
-<p>Mit seiner tiefen, irgendwie verwandten Stimme<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span>
-zwang er mich zur Ruhe, ich starrte auf das Feuer
-und sprach betrachtender:</p>
-
-<p>»Von meinem Vater hab ich einen Überschuß an
-Kraft geerbt; mein leichtsinniges Herz verschwendete
-das in Sausen, Prassen und Schlimmerem. Keine
-Dirne war vor mir sicher. Gott und Könige vertrauten
-meinem Geschlecht ein Herzogtum &ndash; ich
-habe Land und Volk an den Abgrund gebracht; sie
-heißen mich den Teufel und schrecken die Kinder mit
-meinem Namen. Einmal, vor Jahresfrist, glaubte
-ich an ein besseres Sein, bei meiner Heirat mit
-Aleit von Montgerrat. Hast du die Herzogin je
-gesehen?«</p>
-
-<p>Das verhüllte Haupt senkte sich bejahend.</p>
-
-<p>»So brauche ich nichts von ihr zu sagen. Sie war
-lieblich und rein wie Gottes Engel. Genug, ich
-nahm nach vier raschen Wochen mein altes Leben
-wieder auf, in meinen Schlössern hausten die
-Schlemmer und Dirnen, das Volk mußte zahlen,
-die Herzogin ward vergessen; denn zu den Gelagen
-erschien sie nie. Bis auf gestern. Mein eigenes
-Haus hatte ich wenigstens vor dem Schlimmsten
-reingehalten; gestern brach ich, von Jagd und Trunk
-erhitzt, mit Mann und Meute in meine Halle zu<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span>
-Claraforte und besudelte den Boden, den ihr Fuß
-entsühnt hatte. Höhnische Reden meines Gefolges
-stachelten mich, die Herzogin an unseren Höllentisch
-zu holen. Ich trug sie, die lautlos weinte, auf den
-Armen in den Saal, sie saß, sie sah mit erschreckten
-Kinderblicken das halbnackte Dirnenpack, loderte,
-stand auf und wies mit dem Finger gebieterisch zur
-Tür &ndash; da fegte ich sie mit der Hand von ihrem
-Platz, ihre Stirn schlug an einem Pfeiler auf, sie
-brach zusammen und starb.«</p>
-
-<p>»Strecke deine Hand aus!« befahl der Mönch,
-und ich tat es willenlos: das Feuer beleuchtete eine
-rohe, große, gewalttätige Faust. Der Priester schlug
-die Kutte zurück und starrte mich haßerfüllt an. Heiser
-kam es ihm aus dem Munde:</p>
-
-<p>»Mit dieser Klaue hast du den lichten Engel erschlagen«
-&ndash; er griff an seine Brust, als erdrücke er
-ein zorniges Herz, leiser fuhr er fort: »Mit dieser
-Hand wirst du Sühne tun, Herzog Robert!«</p>
-
-<p>»Mein Herzogtum liegt hinter mir,« entgegnete
-ich ihm, »ich stürzte den Tisch und verjagte den
-Schwarm. Ich sprengte in die Nacht und entfloh
-meiner Tat; das Weitere weißt du besser als ich.
-Ich verlasse Land und Volk, mögen sich Frankreich<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span>
-und England darin teilen, da niemand meines Blutes
-lebt. Ich will büßen; du wanderst zum heiligen
-Grab &ndash; nimm mich mit! Es ist mir weniger um
-das Gebet zu tun, aber die Heiden haben einen
-neuen Sultan, der Jerusalem bedroht. Vielleicht
-erlaubt mir Gott die Sühne in der Schlacht.«</p>
-
-<p>»Das nennst du Sühne?« fragte der Mönch zwischen
-den Zähnen. Es arbeitete in der gewaltigen
-Brust, plötzlich sprang er auf und trat groß und
-mächtig vor mich hin. Er glich Zug um Zug einem
-Antlitz, das ich kannte; nur schien sein Gesicht älter
-und trauriger als das meiner Erinnerung, das war
-immer voll wilder Fröhlichkeit und Jugend, trotz
-grauer Locken; und dieses Haupt vor mir war blond
-wie ich. Jäh überfiel es mich: diese Augen waren
-die meines Vaters.</p>
-
-<p>Er las mir die Gedanken von der Stirn, sein
-Mund verzog sich zu dem Hauch eines Lächelns;
-stumm nickte er mir zu.</p>
-
-<p>»Du läufst davon, Robert, aus Angst vor dir
-selber, vielleicht auch vor den Montgerrats und
-ihren königlichen Verwandten; du läufst davon,
-Herzog, und vergißt die Pflicht gegen dein Geschlecht.
-Die Rechte, die du von deinen Ahnen erbtest,<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span>
-hast du vergeudend genutzt, die Pflichten trittst
-du in den Staub.«</p>
-
-<p>»Hast recht, Mönch,« sagte ich ruhig, »aber ich
-bin nicht wert, fürder ein Volk zu führen; ich kann
-nicht einmal mir selbst befehlen, wie sollte ichs anderen!
-Unser Blut ist eben müd und mürb geworden,
-die Wählinger sind reif zum Untergang&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Narr!« schrie der Mönch und schlug mir die
-Hand auf die Achsel. »Fahr zur Hölle, wenn du
-müde bist! <em class="gesperrt">Mein</em> Wählingerblut ist <em class="gesperrt">nicht</em> verfault,
-und hältst du das Land nicht, Feigling so
-krieche in meine Kutte, indes ich dein besudeltes
-Seidenwams zu Ehren bringe.«</p>
-
-<p>Ich erstaunte kaum über diese Reden, zu tief saß
-der Verzicht auf das Irdische in meiner Seele.
-Gleichmütig versetzte ich:</p>
-
-<p>»Du willst ein Wählinger sein? Laß hören!«</p>
-
-<p>»Ich zeig es dir besser, Bruder Robert,« stieß
-jener hervor, und die schweren Schultern schütterten
-vor Erregung, »warte ein Weilchen! Dein Vater
-hat mich wie dich gezeugt; dich in Claraforte im
-Bett einer Königstochter, mich in einer Sommernacht
-dieser Wälder mit einem Kind unseres Volkes.
-Du hast den Thron geerbt, ich das Elend, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span>
-wir sind gleichen Blutes. Verziehe hier, Robert,
-ich bitte dich, nur einen kurzen Augenblick, nur eine
-kleine Messe lang!«</p>
-
-<p>Er drückte mir die Hand, daß sie schmerzte, griff
-sein Bündel und lief davon. Mit schlagendem Herzen
-blieb ich zurück, gerührt von der heißen Leidenschaft,
-mit der er bat, und nun doch aus meiner Betäubung
-aufgescheucht und von Geheimnissen geweckt.</p>
-
-<p>Wählinger Blut! Der Vater, die Ahnen, ich
-selbst &ndash; ach, wie hatten wir das Blut der Herzöge
-ins Volk getragen! Und doch war jener fremde &ndash;
-Bruder das erste jener Geschöpfe, das ich bewußt
-erblickte. Mir grauste bei dem Gedanken, ohne
-Wissen vielleicht eine Schwester, eine Tochter
-meines Vaters, je in den Armen gehalten, eine alte
-Schuld zum Verbrechen gesteigert zu haben &ndash; mir
-graute vor dem Wählingerlande &ndash; fort, nur fort
-von dem doppelt geschändeten, doppelt verdammten
-Boden, hin in eine Ferne ohnegleichen, wo niemand
-von mir und meiner Schmach wußte!</p>
-
-<p>»Robert!« klang es leise; der Mönch war lautlos
-hinter mich getreten, ich wandte den Kopf und
-starrte ihn offenen Mundes an: da stand ich selber,
-wie kein Spiegel mich besser schildern konnte,<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span>
-bleichen Gesichts, aber Zug um Zug ich selbst. Der
-wilde Bart war verschwunden, das Haar gebändigt,
-die Mienen innerlicher, edler. Ich stotterte verwirrt,
-beschämt, mit unklarem Dankgefühl gegen
-das Geschick:</p>
-
-<p>»Bruder, wie nennst du dich?«</p>
-
-<p>Ein Leuchten glitt über seine lauteren Augen, als
-ich mich so neben ihn stellte; er zog mich zu sich auf
-den Boden.</p>
-
-<p>»Ronald heiße ich, Blut von deinem Blut. Robert,
-mir brennt das Wählinger Geschlecht im Herzen,
-du darfst das Land nicht verlassen, mich hat
-Gott in deinen Weg geführt,« flüsterte er; sein
-heißer Atem streifte sengend meine Stirn.</p>
-
-<p>»Was ist Geschlecht?« murmelte ich haltlos, von
-einem verlorenen Gedanken fortgetrieben.</p>
-
-<p>Und er, fast zornig:</p>
-
-<p>»Steh einmal draußen, und du wirst es wissen!
-Sage, Robert, sage zum letztenmal, bist du wahrhaft
-willens, außer Landes zu gehen?«</p>
-
-<p>»Was fragst du noch? Ich lasse nichts zurück.«
-Ich seufzte bitter auf, mit den Füßen stieß ich in
-das sterbende Feuer, daß die Funken flogen.</p>
-
-<p>Rötliche Morgenlichter spielten durch die Stämme,<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span>
-der Wald begann zu leben. Ein Wind lief schmal
-und kühl vor der Sonne her, die jungen Blätter
-rauschten.</p>
-
-<p>»Höre zu, Robert« &ndash; seine fiebernde Hand
-krampfte sich über meine Linke &ndash; »gib mir dein
-Land! Es bleibt dann beim Wählinger Blute.«</p>
-
-<p>Dies machte mich lachen.</p>
-
-<p>»Ronald, wer sollte dich, den Bastard, anerkennen?
-Du treibst Scherz, Bruder. Schlüpf aus deiner
-Kutte und fahr mit mir in die Fremde. Sieh,
-wir haben Fäuste und Arme wie Eisen, mit dem
-Schwert in den Händen werden wir treffliche Streiter
-Gottes. Quäle dich nicht mit Unmöglichem; denk,
-ich verzichte trotz des gewohnten Genusses, du aber
-hast nichts zu vergessen, weil du nie besessen hast.«</p>
-
-<p>Ronald geriet in wachsende Erregung.</p>
-
-<p>»Ich nicht besessen? Ist das Besitz, das bißchen
-Hof und Haus, das bißchen Volk und Fron? Hier
-sitzt mein Erbe, hier im Herzen, das Wählinger
-Blut! Das Blut, Robert, das herrschen will, um
-dienen zu können.«</p>
-
-<p>So unwirklich erschien mir das Ziel, darauf er
-lossteuerte, daß ich nichts Ernsthaftes erwidern
-konnte, ohne ihn zu verletzen. Ich verschanzte meine<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span>
-Verlegenheit hinter leeren Worten, obzwar ich von
-fern fühlte, dieser Mensch war rechtlos vor den
-Menschen, aber nicht vor Gott.</p>
-
-<p>»Diene,« scherzte ich oberflächlich, »und eines
-Tags sitzt du im Purpur des Kardinals, ja unter
-der Tiara, und das ist ein weiteres Feld für deine
-Herrschersorgen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er fuhr mit dem gestreckten Arm durch meine
-Worte, in seinen Mienen kämpften Verachtung und
-Zorn. Ich bewunderte ihn mit einem inwendigen
-Lächeln, indem ich mich dabei ertappte, mein eigenes
-Bild zu bestaunen &ndash; ach, mein eigen Bild
-ohne die Spuren des wüsten Lebens, ohne die Gedunsenheit
-des Weins, ohne die Gier der Laster.
-Jedoch nicht einmal zu einem herzhaften Neid
-schwang sich meine ermattete Seele auf.</p>
-
-<p>Er grollte:</p>
-
-<p>»Fürst dieser Kirche? Nein! &ndash; Ich will ein
-Volk, keine Völker! Diese Erde will ich, nicht den
-Himmel. Nur was diese Hände halten können, mehr
-begehr ich nicht, nur die Heimat, nur das Land
-meiner Ahnen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Betreten, voller Scham, senkte ich die Lider. Für
-einen flüchtigen Augenblick wogte auch in meinem<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span>
-Herzen das Blut meines Stammes, das in jenen
-Adern so stark und feurig rann; dann zerstob die
-Begeisterung wie Schaum. Wäre ich je in meinem
-Verzicht wankend geworden, diese Begegnung hätte
-mich gestützt, denn ich fühlte, Land und Volk verloren
-nichts an mir, ich war ein Rohr im Wind.
-Säße jener an meiner Statt &ndash; bestürzt schaute ich
-auf und begegnete seinen Augen, die wie Falken auf
-meine Seele stießen und kein Geheimnis kannten.</p>
-
-<p>Ein Spiel Gottes, ja, ein Spiel Gottes, und das
-Unmögliche ward Tat. Wortlos riß ich die Kleider
-von meinem Leibe, alles, Schuhe und Hemd; warfs
-ihm vor die Füße:</p>
-
-<p>»Da liegt dein Herzogtum, wenn du Mut hast,
-Brüderchen!«</p>
-
-<p>Eine unbändige Lust ergriff mich nackten Mann
-plötzlich, eine Erlösung aus Nacht und Tod. Ich
-weitete die Arme und riß ihn, der ohne Regung
-schien, an meine Brust und küßte ihn.</p>
-
-<p>»Bruder, wags! Keiner wird dessen gewahr, dafür
-bürg ich; Gott selbst, am Auferstehungstag, wird
-seine Mühe haben.«</p>
-
-<p>Langsam lösten sich seine starren Züge, er leuchtete
-beschenkt, beglückt und erwiderte scheu und flüchtig<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span>
-meinen Kuß. Aber seine Freude schien nicht
-sonder Kummer, seine Selbstsicherheit schwankte
-angesichts der Entscheidung, die Schultern beugten
-sich unter unsichtbaren Lasten. Er entledigte sich des
-wenigen Tuches, zog das grobe Leinenhemd über
-den Kopf und knüpfte eine Münze vom Halse. Dann
-verglich er unsere Leiber aufmerksam; auch mich ergriff
-eine harmlose Neugier, aber ich entdeckte keinerlei
-Verschiedenheit; nur daß er ein wenig kleiner
-schien, doch mein Körper hatte sich im Schlaf gestreckt,
-indes er wachte. Er deutete fragend auf ein
-braunes dreigespaltenes Mal unter meinem Herzen.</p>
-
-<p>»Ein Zeichen unseres Geschlechts,« sagte ich gedankenlos;
-er senkte die Lider und errötete unruhig
-und gequält. Ich begriff ihn nicht sogleich, dann
-lachte ich auf und erklärte:</p>
-
-<p>»Von den Trebilons, von der Mutterseite hab
-ichs &ndash; der Vater konnte dir das nicht auch noch
-mit auf den Weg geben. Des achtet keiner.«</p>
-
-<p>Er schüttelte nachdenklich den Kopf und fuhr in
-meine Kleider, indes ich zwischen Befriedigung und
-Schmerz mich einklosterte, und als er in dem
-schmucken Wams dastand, waren ihm Unruhe und
-Schwere verflogen, seine Augen schauten fest und<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span>
-sicher, um seine Lippen spielte ein siegbewußtes
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Namenloses Brüderchen,« hob er an, »von heut
-ab in Ewigkeit heißt du Ronald vom Kloster des
-Heiligen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch
-nicht, daß ich in dieser Kutte dauernd bleibe?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? &ndash; Komm her, hilf mir das Böcklein
-braten, wir haben uns viel zu erzählen.«</p>
-
-<p>Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit
-geübten Schnitten das Wild aus, spießte den Rücken
-an seinen Stab, und wir drehten ihn über den Flammen,
-darob der Himmel licht und blau den hellen
-Morgen kündete. Die eintönige Beschäftigung tat
-unseren verwirrten Herzen wohl, die Fülle der letzten
-Stunden war reicher als all unser verflossenes
-Leben gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen
-Wirbel in uns ermatten. Mählich forderte der Leib
-sein Recht, wir waren hungrig und durstig. Der
-Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir
-auf, in seinem Becher Wasser zu holen. Leicht wie
-eine Bitte kam ihm der Befehl von den Lippen, der
-mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn
-ich gewollt hätte, kein Wehren war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span></p>
-
-<p>Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung
-seiner hochgezogenen Brauen klar, denn da lagen
-Seifennapf, Schermesser und wüste blonde Barthaare
-&ndash; das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie
-ich meinte; für mich der Abschied aus Rang und
-Heimat. Nun ergriff es mich doch einen Herzschlag
-lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar
-ich es bereits verloren hatte.</p>
-
-<p>Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung,
-ich schöpfte und trank ohne Maß, denn ich
-glaubte dies die letzte Quelle, daraus die Heimat
-mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig
-und brachte den randgefüllten Becher, ohne einen
-Tropfen zu vergießen.</p>
-
-<p>Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein
-Säcklein mit Salz hervor und würzte den Braten;
-wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles
-im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage
-verbracht hatte, wie meine Freunde und Feinde
-hießen, welcher Art meine Burgen und Gemächer
-waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet &ndash;
-genug, die ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit
-meines Daseins mußte ich bis in die geheimsten
-Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wie<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span>
-ein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm
-das Üble wie das Farblose gelassen hin und prägte
-es seinem erstaunlichen Gedächtnis ein. Bei manchen
-Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich
-des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die
-Vorgänge in meinem Lande gekümmert als ich selbst
-und alle um mich her.</p>
-
-<p>Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch
-am Himmel, er konnte nicht genug hören. Schließlich,
-da die Nachmittagswinde vor dem Abend flogen
-und über uns rauschten, sprach er:</p>
-
-<p>»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir
-wiederholen. Kein falsches Wort! An diesen Dingen
-hängt unser Herzogtum.«</p>
-
-<p>Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu
-Satz über diese schier unfaßliche Klarheit, mit der
-er ihm und seinem Leben so fremde Dinge erkannte,
-ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause,
-er war &ndash; ich selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu
-sein und dennoch weiterzuleben, plötzlich als untätiger
-Beobachter neben mir zu stehen, ohne Verantwortung,
-ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung?
-War dieser falsche Herzog nicht <em class="gesperrt">mein</em>
-Werk? War nicht alles, was er handelte und trieb,<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span>
-<em class="gesperrt">meine</em> Tat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas
-wie Rechenschaft, aber ich trug die Bürde fröhlich
-wie ein Gnadengeschenk, denn dieser zufällige Sproß
-meines Vaters war besser als ich.</p>
-
-<p>»Noch eins fehlt,« fügte er seiner Rede an, »das
-Mal der Trebilons.«</p>
-
-<p>Er suchte in der Asche nach einer glimmenden
-Kohle, blies sie an und drückte sie, ehe ich ihn hindern
-konnte, ungesäumt auf seine bloße Brust. Eine
-leichte Blässe zog über sein Gesicht, indes der Geruch
-verbrannten Fleisches aufstieg; er grub die
-Kohle sorgfältig in das Moos und schob Hemd und
-Rock zurecht.</p>
-
-<p>»So, Bruder, nun zu dir!« sagte er fast heiter.
-»Du brauchst zwar meine Rolle nicht zu spielen,
-aber du mußt wissen, wie es auf der Landstraße
-aussieht.«</p>
-
-<p>»Und diese Kutte?« fragte ich verblüfft.</p>
-
-<p>»Behältst du an. Die Kirche hadert mit dem
-Staat trotz Christi Wort, daß jedermann der Obrigkeit
-untertan sein solle; sie treibt Schacher mit den
-Seelen, Handel mit den Ämtern &ndash; betrachte dich
-als von Gott geweiht, falls du Lust hast, im geistlichen
-Gewande durch die Welt zu traben, aber verzichte<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span>
-auf die segnende Hand irgendeines Bischofs
-von der frevelhaften Heiligkeit zum Beispiel des
-Kölners. Kannst ja lesen und schreiben, Brüderchen,
-kannst gar Lateinisch; mehr brauchts nicht, denn die
-meisten verstehen das nicht einmal oder nicht mehr.
-Und fragt dich einer, so gehörst du zu einem sehr
-entfernten Kloster und hast abenteuerliche Gelübde&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du bist nicht geweiht?« unterbrach ich ihn bestürzt.</p>
-
-<p>Er lachte mir ins Gesicht, meine Verwirrung
-belustigte ihn.</p>
-
-<p>»Nein, Ehrwürdiger, ich bin von Gottes Gnaden,«
-lästerte er sonder Reue, »auch hat der heilige
-Patrik in Irland karge Last von mir gehabt, nur
-daß er mich, dem früh die Mutter starb, in seinen
-Klöstern großzog. Die Welt ist mir geläufig bis
-auf das Morgenland, darin ich nie geweilt. Hofwesen
-und Fürsten kenne ich besser, als mir lieb
-ward. Auch Claraforte und die blonde Jugend, die
-du in Nacht versenktest.«</p>
-
-<p>Seine Stimme ward dunkel, ich ließ den Kopf
-hängen. Nach einer Weile fuhr er fort:</p>
-
-<p>»Sei ruhig, Bruder, ich bin eher ein Mörder als<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span>
-du. Du hast in Trunkenheit und Zorn ein köstliches
-Gefäß zerbrochen, ich aber, Robert, ich war bereit,
-dich selbst mit Vorbedacht zu erwürgen, als ich
-deine Tat erfuhr.«</p>
-
-<p>Er seufzte tief, seine Hände spielten ruhelos mit
-dem braunen Schnürlein, das er am Halse getragen
-hatte. Mitunter ging ein Zucken durch seinen Leib,
-als trüge er Qualen; ich schob es auf die Brandwunde,
-darunter er ein Geheimnis erstickt hatte.</p>
-
-<p>»Denn ich habe sie geliebt,« offenbarte er traurig,
-»und ich liebe sie noch. Wie viele Tage bin ich um
-Claraforte geschlichen, um einen Schimmer ihres
-Gewandes zu sehen, indes du jagtest oder &ndash; ach,
-was helfen jetzt noch Klagen! Ich will statt deiner
-an ihrem Grabe beten.«</p>
-
-<p>»Tu es, Bruder,« sagte ich unter lautem Schluchzen,
-»auch ich &ndash; ich fahre an die Stätte, da unser
-Herr und Heiland litt. Vielleicht daß uns beiden
-Erlösung wird. Bruder, welch ein Opfer bringst
-du! Die Montgerrats werden dich verderben.«</p>
-
-<p>Er straffte seine Glieder, seine Augen blitzten
-herrisch.</p>
-
-<p>»Nein!« wehrte er hochgemut. »Ich halte mein
-Land! Hab dessen keine Sorge. Vor Gott und vor<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span>
-den Menschen trage ich deine Tat, als sei es meine
-eigene; du magst in Frieden fahren.«</p>
-
-<p>»Gott wird mich auch in dieser Kutte erkennen,«
-entfuhr es mir, »dies wirst du mir nicht abnehmen.«</p>
-
-<p>Aber er, voll von seiner Berufung, sah mich verheißend
-an und deutete:</p>
-
-<p>»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht,
-und nicht den Einzelnen. Wir müssen alle füreinander
-büßen, wir werden alle füreinander begnadigt.
-Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die dich
-trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern
-für dich im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott
-zerreiße die Kette des Geschlechts, die er selber geschmiedet,
-um ein einzelnes Glied zu verfluchen oder
-zu segnen?«</p>
-
-<p>»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich
-beschämt.</p>
-
-<p>Er antwortete schlicht:</p>
-
-<p>»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das
-Grübeln an dich. Kann sein, ich sterbe vor dir,
-söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider,
-und wärest du am Rande der Welt.«</p>
-
-<p>»Nimmermehr!«</p>
-
-<p>Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span>
-in seinem Herzen, welche Zukunft durchlief er im
-Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran, wie es
-hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt
-hätte. Nie hatte mich einer so gepackt, ich
-fühlte, ich war wie ein Blinder durch das Leben
-getaumelt.</p>
-
-<p>»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.</p>
-
-<p>Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete
-er das Selbstverständliche an und setzte erläuternd
-hinzu:</p>
-
-<p>»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir
-unverbraucht, was wenige Fürstengeschlechter von
-sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert
-für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«</p>
-
-<p>Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden
-Stämme auf mein Pferd zu, das an die
-Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie ein
-Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit
-der Silbermünze aus der Tasche und hing sie mir
-um den Hals.</p>
-
-<p>»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder;
-es ist alles, was mir die Mutter hinterließ.
-Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner
-Statt. Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg.<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span>
-Die Rehkeulen sind im Ränzel, ein paar Zehrpfennige
-auch, und alles andere schenke dir Gott.
-Fahr in Frieden, Bruder!«</p>
-
-<p>Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in
-den Sattel und verschwand in dem Abend, bevor ich
-zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus, noch
-einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal
-die Wärme des Tieres, das mich liebhatte, an
-meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte
-ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte
-Lederränzel auf den Rücken und schritt fürbaß,
-bis die Felder smaragden dämmernd vor mir
-lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark
-und ausdauernd ich auch war, ich kam kaum vom
-Fleck. Endlich hatte ich die Hügel hinter mir, ich
-war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne
-breitete sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.</p>
-
-<p>Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus.
-Droben lag ein einsames Grenzgehöft und vor den
-Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie ich
-ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub
-sich durch eine seltsame Äußerung in mein verstörtes,
-wildes Herz; so trug ich sie mit mir ins Elend.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-02">2</h3>
-</div>
-<p class="drop">Südwärts, südwärts, immer stieß mich die
-Faust Gottes. Fünf, sechs Stunden Schlaf, und
-weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren,
-eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne
-Willen durch Armut, Not, Hunger und Demütigung.
-Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte und Pilgerhut,
-doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz
-der Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das
-ich auswendig wußte. Ich schritt und schritt, ein
-langer, abgemagerter Mensch mit hohlen Augen
-und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und
-Sehnen umhüllt, den Wanderstab mit scharfer
-Eisenspitze wie eine Lanze auf der Schulter. Das
-Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die
-Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich
-unverdächtig, wohin ich auch kam. Meine Stimme,
-des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum noch, sie
-klang von unten her, rauh und traurig zugleich;
-aber ich brauchte nie viel zu sagen, meist genügte
-die wortlos ausgestreckte Hand. Wo die Wälder
-dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde nach;<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span>
-das war all meine karge Freude &ndash; ich kann sie nicht
-bereuen.</p>
-
-<p>Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen,
-gleichwohl ging ich allen aus dem Wege, die meine
-Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen. Die
-stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut,
-sprachen, unterhielten mich; ich war in einer
-neuen, leidenschaftslosen Welt, die nichts von
-Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen
-Wurm, die Wildkatze griff den Vogel, verreckte
-irgendwo im Walde, vermoderte wurmdurchwühlt,
-grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe &ndash; Gottes
-Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von
-grübelnden Menschenhirnen, Menschenangst, Menschenhaß.</p>
-
-<p>Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte
-trug ich das Bild meines Weibes vor mir
-her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens
-wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein
-Fädchen zu vergessen.</p>
-
-<p>Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt,
-hatten uns nie gesehen, kaum voneinander
-gehört. Wir wandten uns um, als ob <em class="gesperrt">ein</em> Wille
-uns beherrschte, sahen &ndash; und erstaunten nicht. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span>
-Luft zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein,
-uns schien sie süß und kühl und rein, wir
-durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben uns
-beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und
-Frauen uns auf die Erde riß und ihre Wangen
-mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher Art ein
-Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir,
-meine Augen entkleideten sie nicht schamlos wie
-die anderen, von ihrer süßen Schönheit sah ich
-nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte
-ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich
-erschaffen.</p>
-
-<p>Und ich warf sie &ndash; Gott, mein Gott! So allgewaltig
-kann keine Liebe sein, um solches zu verzeihen,
-auch deine nicht. Nie werde ich erlöst, nie
-werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln.
-Grübeln und Grübeln. Vielleicht gestattet mir
-Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu betrachten,
-vielleicht &ndash; nach einem Leben voller Buße,
-Tapferkeit, Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte,
-wanderte, schlief traumlos wie ein Toter, ermattete
-meine Manneskraft, die neben allem gierig
-und wach den Weibern im Felde zuschaute, ward
-inwendig, was ich außen galt: ein Mönch, ein Pilgrim<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span>
-nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen
-und höllischen Flammen in der Brust.</p>
-
-<p>Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff
-mich Wanderlust, golden winkte die blaue Ferne.
-Der alte Leichtsinn entführte mich im Sturm in
-das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand
-mein Losgebundensein als Freiheit und hatte
-Augenblicke, da mein Herz jubelte; zwar schnell und
-hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet und
-geliebt. Der Hafen &ndash; ich wußte nicht einmal, welcher
-&ndash; war ein Markstein meines Weges. Marksteine
-sind tröstlich, auch die auf unendlichen Pfaden.</p>
-
-<p>In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat,
-auch am englischen und französischen Hofe, war von
-Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und her geredet
-worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren.
-Ein schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer,
-Weiber und Kinder zog sich vom Hafen über
-die Hügel bis weit vor die Stadt &ndash; Pilger, Handeltreibende,
-Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt
-von Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern,
-Geistlichen, Heimkehrern &ndash; falschen und
-echten &ndash; ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben
-und Nichtstuern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span></p>
-
-<p>Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend
-Menschen in ungeschlachten Bäuchen,
-verfrachteten die Elenden wie Vieh zu kreischenden
-Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden,
-aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie
-duldeten alles, diese flachshaarigen Pilger aus
-Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie gruben
-ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um
-im Wüstensande verderben zu dürfen. Ach, sie
-träumten von einem Paradiese, von blühenden Gärten,
-von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden,
-Templerorden &ndash; alle verdienten am heiligen Grabe,
-am heiligen Kriege. Die Kreuzzüge waren ein
-riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher, der
-mit grausiger Offenheit betrieben wurde.</p>
-
-<p>Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich
-das bunte Wirrsal. Nach drei Tagen war ich in
-das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen
-Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten
-Leute meines harmlosen Vaterlandes. Pest und
-Aussatz lagen unter den schmutzigen und unter den
-gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose,
-endlos tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens;
-ringsum ein Reifen und Blühen, fern der wogende<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span>
-Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die Segel
-wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog
-war &ndash; wie lange dünkte mich diese Zeit vorüber! &ndash;
-hatten mich die Nöte meines Volkes nicht gekümmert,
-sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer
-darbte. Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte
-Herz. Guten Glaubens hatten diese Bauern
-ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren
-Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden
-versprochen worden. Nun gaben sie ihr letztes Geld
-für die Überfahrt oder mußten sich zu langen Frondiensten
-an die verpflichten, welche ihnen einen
-Platz auf Deck verschafften.</p>
-
-<p>Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen
-sollte. Makler aller Stämme bedrängten mich, aber
-der billigste Platz überstieg meine ärmlichen Pfennige.
-Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer
-Mark Silbers und wünschte, einen Griff in meine
-herzoglichen Truhen tun zu dürfen, doch das war
-auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier
-nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest
-meines Geldes Brot und Speck genug für eine
-Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat
-sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span>
-Hand begabte, wer mir in den Weg lief,
-wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich anstarrte,
-und verhärtete mein Herz, bis es blutete.
-Tagsüber stand ich an den Schiffsländen und sah
-den Frachten zu, betäubt von dem bunten Gemisch
-des Überflusses und des Mangels, zerrissen von
-dem vielfältigen Schrei der schönen und häßlichen
-Sehnsüchte um mich her.</p>
-
-<p>Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung
-wieder auf, südwärts immer, gen Amalfi, dazu
-mir ein friesischer Schiffer geraten. Die Rast in
-Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und
-als ich die Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann
-ich aufs neue zu hoffen. Die übermütige
-Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl
-von Schutz und Geborgensein, dies Land war von
-Segen wahrhaft überflutet und ließ jedem das nackte
-Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im menschenleeren
-Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen
-wie in Genua. Ängstlich mied ich die Städte,
-selbst Neapel ließ ich zu meiner Rechten liegen und
-klomm über die unwirtlichen Gebirge an das Ziel.</p>
-
-<p>Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe,
-dampfend in der Schwüle erreichte ich Amalfi, das<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span>
-wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten Hafens,
-denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den
-dunklen Bergwänden in das tosende Meer, alles
-Menschliche verkroch sich in den Häusern. Ich drückte
-mich in eine Herberge, froh der Leere in den Gassen,
-aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend
-und der Ansturm der Pilger nicht minder groß
-waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen blauenden
-Himmels schritt ich beklommen ins Freie und
-tat mich am Hafen um, ob nicht wer einen Ruderknecht
-brauche, aber alle wiesen mich ab, mit hochgezogenen
-Brauen und spöttischem Gesicht über
-mein geistlich Gewand, das zu arbeiten begehrte.</p>
-
-<p>»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer
-im schlechten Französisch der Provence, »was
-nimmst du den Armen das Brot? Der Prior gibt
-dir, wessen du bedarfst.«</p>
-
-<p>Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht,
-seinen Rat zu befolgen, der Mönch Ronald war
-noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich
-und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend.
-Eine lübische Kogge war zum Auslaufen bereit,
-klein, zierlich, sauber wiegte sie sich ein wenig
-abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span>
-Boot von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an
-der Lände stand. Ein Ritter, sichtbar ein Deutscher,
-schlicht, jung und bieder, sprang ans Ufer und half
-seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber
-zu den Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet
-waren, traten bald wieder hervor und lehnten
-an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die Wasser
-nach den emporglimmenden Sternen schauend.
-Mir berührte es das Herz absonderlich weh, ich
-dachte jener, die nun die Erde deckte, die ehemals
-lieb und traut an meiner Schulter lehnte.</p>
-
-<p>Was mochte das Schicksal dieser beiden sein?
-Warum ließen sie die Heimat? &ndash; Sie gaben mir
-keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten sie
-sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.</p>
-
-<p>Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem
-sah ich die Frau, hoch, blond, ein schönes, trauriges
-Gesicht mit großen, seltsamen Augen. Wenige
-Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen
-mich, und nie sah ich in einem menschlichen Antlitz
-solch tiefes, wehrloses Sichergeben in ein Schicksal.
-Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und neigte still
-den Kopf.</p>
-
-<p>Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt,<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span>
-diese Frau niemals gesehen zu haben, ich dachte
-nicht eines Herzschlags Länge daran, jene hätte mich
-als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich
-den Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen
-und harrte unruhig, wenn auch ohne Furcht.</p>
-
-<p>Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen,
-vielleicht glaubte er ihr Gemüt vom Abschied
-verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte leise
-auf deutsch:</p>
-
-<p>»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.«</p>
-
-<p>Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein
-Marmorbild stand ihr Antlitz in dem nächtigen
-Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme
-in der Luft:</p>
-
-<p>»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen
-Lande?«</p>
-
-<p>Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der
-Ritter sah verwundert zu mir her und lächelte wohlwollend,
-möglich, daß er sich von meinem Aussehen
-keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich
-recht daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes
-Bild, als tauche ein Meeresungeheuer
-aus dem Hafengrund.</p>
-
-<p>»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span>
-ich bin ein Pilger und walle zum Heiligen
-Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott allein,
-denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.«</p>
-
-<p>»Ihr seid geistlich &ndash; geweihter Priester?«</p>
-
-<p>»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen
-Mundes, indes mir das Herz schier die Rippen
-zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen ihren
-Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte.</p>
-
-<p>Der Ritter nahm das Gespräch auf:</p>
-
-<p>»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein
-Normanne. Wes Landes seid Ihr?«</p>
-
-<p>»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes.
-Das Abendland ist mir geläufig auf deutsch, französisch
-und sächsisch. Auch Italienisch lernte ich und
-schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit,
-Herr, vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten
-sein. Lohns begehr ich nicht, aber Fahrt und
-Pflege müßt Ihr zahlen.«</p>
-
-<p>Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen,
-nahm mein leeres Beutelchen aus der Kutte und
-wendete es um &ndash; ach, ein vergessener Pfennig fiel
-heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in
-das Wasser.</p>
-
-<p>»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherflein<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span>
-des Armen opfere ich den Meeresgöttern, daß sie
-uns sanft tun.«</p>
-
-<p>Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz
-aber ward von einer noch tieferen Blässe überzogen,
-und eine Träne hing an der blonden Wimper.</p>
-
-<p>»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn
-plötzlich gellten von der Kogge drei Pfiffe, »es ist
-kein Priester an Bord, und mein Gemahl &ndash; in den
-Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!«</p>
-
-<p>Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes
-Braue &ndash; ich stand an Deck eines Schiffes, das ruhvoll
-mit geschwellten Segeln durch die Sternennacht
-glitt, dem heiligen Ziele zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-03">3</h3>
-</div>
-<p class="drop">Die Kogge hatte nur Deutsche an Bord, Ansiedler,
-denen die Heimat, Abenteurer, denen die
-Welt zu eng schien. In den Kajüten der Ritter,
-Herr Eberhard von der Wilze, und einige Kaufherren
-aus dem Norden, die mit kalten, gleichgültigen
-Gesichtern und hocherhobenen Nasen auf
-das übrige Volk herabsahen und hinter unbewegten
-Stirnen Zahlen und Warenballen von einem Ende
-der Erde an das andere jagten. Heil mir, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span>
-nicht als Herzog reiste &ndash; die Kogge wäre mein gewesen,
-erfüllt von bechernden Mannen, und nichts
-wäre geändert, als daß meine Tafel und meine
-Laster ihren Schauplatz gewechselt hätten. Jetzt sah
-ich Wunder, wohin mein Auge traf.</p>
-
-<p>Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen,
-Beichte hören. Es kam mir nicht zum Bewußtsein,
-daß ich Gott lästerte, indem ich das selbstgebackene
-Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello
-in sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine
-Furcht, von den Menschen entdeckt, entlarvt, verworfen
-zu werden. Aber sie knieten alle andächtig
-um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet
-am heiligen Wort.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">War</em> es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es
-mir künden. Einen wußte ich, der gläubig war und
-voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes
-sündiges Herz.</p>
-
-<p>Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner
-niedersächsischen Heimat fortgetrieben hatte, erfuhr
-ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren gelobt
-und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand
-mitunter bei mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften
-in Deutschland, dem verbissenen Ehrgeiz<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span>
-Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein
-ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein
-Bruder wurde.</p>
-
-<p>Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter
-Stimme hinzu:</p>
-
-<p>»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes
-ein wenig acht; sie hat die Gabe des Fernsehens
-und quält sich in zweckloser Trauer.«</p>
-
-<p>Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich
-allein, mit streitendem Gemüt. Beim Nachdenken
-fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir absichtsvoll
-entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend
-und fast erschrocken auf mich richtete. Was ich von
-ihr wußte, war, daß sie bestimmt niemals meinen
-Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte verbarg
-sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir
-eine dunkle Scheu ein, ich konnte sie nicht bezwingen,
-als ginge ein Teil ihrer Kümmernis mich
-selber an.</p>
-
-<p>Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns
-der Küste von Jerusalem, als der Wind mit einmal
-schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos
-in der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der
-Nacht zu, aber in der Ferne des Himmels hockte<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span>
-ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit
-weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern
-einem Rachen mit glühenden, drohenden Zähnen
-glich.</p>
-
-<p>Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem
-Munde am Bugspriet und starrte auf die unheimliche
-Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei,
-an den Planken klebte und einen unerträglichen
-Modergeruch ausströmte.</p>
-
-<p>»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,«
-versuchte ich ihn leichten Tons, »mich deucht, ein
-Wetter kommt herauf.«</p>
-
-<p>»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte
-sein Gesicht fürchterlich. Er zitterte am ganzen
-Leibe vor Aufregung, der Schweiß rann ihm
-über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich
-mißtrauisch um und packte mich bei der Kutte. Heiser
-stieß er aus der Kehle:</p>
-
-<p>»Behaltets für Euch, Vater Ronald: noch drei
-Vaterunser, und diese guten Bretter stehen mehr
-als je in Gottes Hand.«</p>
-
-<p>Er schob die Pfeife zwischen die Lippen, sein zerrissenes
-Gesicht wurde hart vor dem nahenden
-Kampf, ein schriller Pfiff versammelte seine Leute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span></p>
-
-<p>»Klar Deck!« befahl Meister Bornhövt laut.
-»Weg mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist!«</p>
-
-<p>Aus der Masse, die auf Deck freiere Luft suchte,
-drangen gequälte Schreie, unwillig stemmten sich
-die Leute gegen den Befehl.</p>
-
-<p>»Fort mit euch!« brüllte der Patron. »Die Hölle
-geht los, ihr Narren! Wählt, ihr Esel, ob ihr
-schwitzen oder versaufen wollt!«</p>
-
-<p>Das Deck ward leer, an den Kajüten standen
-noch einige Kaufherren und zeichneten auf einer
-Planke mit Kreide Geschäfte auf; ich stand am
-Bugspriet und verbarg mich vor den Augen des
-Schiffsherrn, mehr aus Neubegier zu dem Kommenden,
-denn aus Abneigung gegen den menschenüberfüllten
-Raum.</p>
-
-<p>Indessen begann die Luft zum Ersticken heiß zu
-werden, aus dem fernen Rachen brach plötzlich eine
-ungeheure Zunge schräg über den schwülen Himmel,
-ein rasender Sturm hob das glatte Meer und stieß
-die Kogge wie einen Federball auf schwarzem
-Riesenturm in die Höhe. Donnernd schoß sie wieder
-in die Tiefe, stand zitternd auf, hielt, in allen
-Fugen stöhnend, einen winzigen Augenblick in dem
-brodelnden Kessel von Gischt und Schaum und flog<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span>
-wie ein Pfeil in die krachende, blitzsprühende Nacht.
-Der Regen rauschte und flutete, Wogen lärmten
-über die Borde und übertönten das ohnmächtige
-Wimmern unter den Luken.</p>
-
-<p>Die Nacht war taghell, ich sah die Mannschaft
-mit Seilen an die Masten und an das Ruder gebunden,
-den barhäuptigen Patron wie den Erzengel
-des Gerichts über das Heck ragen und nach vorn
-starren. Auf Menschenstärke war bei diesem Wirbel
-der Wetter kein Verlaß, wehrlos waren wir
-dem Verderben preisgegeben.</p>
-
-<p>Mit meinen ungewöhnlichen Kräften hatte ich
-mich an den Borden halten können, ohne ein Seil
-zu gebrauchen. An Furcht dachte ich nicht, ja, dies
-Neue schien mir, wenn ich der Menschen an Bord
-nicht achtete, schön in seinen unvergleichlichen
-Maßen. Ich fühlte mich hineinverwoben in Schicksale
-und Schicksal, und alles trieb einem mächtigen,
-vernichtenden Höhepunkt zu. Mir ist in der Erinnerung,
-als habe mein Herz gejubelt, und ich
-glaube, mein Gedächtnis trügt nicht. Noch heute,
-bei schlohweißem Haar, rumort ein seltsamer Geist
-in meiner Brust, wenn die Kronen meiner Wälder
-im Sturmwind brausen und dröhnen, als &ndash; ja, als<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span>
-ritten die Götter der Ahnen siegjauchzend durch das
-donnernde Gewölk.</p>
-
-<p>Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der
-flammenden Peitsche des Gewitters mit ihrem
-zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der Himmel
-meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt,
-das Schiff schien nur Tote zu fahren. Die
-beiden Masten waren längst über Bord gefegt, zehn,
-zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue
-von einer Sturzsee erfaßt wurden, trieben irgendwo
-in der Nacht.</p>
-
-<p>Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein
-Stoß, als stießen wir auf Fels, das Schiff barst
-langsam mitten auseinander, geisterhafte Menschen
-wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf
-Deck zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren
-Blicken über steile Wände in die See, ein einziger
-Schrei quoll aus der sterbenden Kogge. Ich
-sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die
-Finsternis gleiten, mit einem jagenden Gedanken
-stürzte ich dem Holze nach in den Höllenstrudel.
-Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende Stöße
-warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum
-und hing und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span>
-vor Glück über Todesgründe. Und plötzlich
-ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine Welle
-schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen
-Kopf der Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch
-über Wasser und bettete ihn auf den Baum.</p>
-
-<p>Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz
-in einem fort, Gott will mich nicht verlassen!</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-04">4</h3>
-</div>
-<p class="drop">Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der
-Tag; wir trieben allein auf der öden See, kein
-Segel, kein Land. Sie war noch nicht von ihrer
-Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen
-Atem. Ihre Hand umklammerte meinen Arm, dicht
-vor meinem Munde lagen die weißen schmalen
-schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am
-Leibe, die schlankem kräftigen Formen traten klar
-hervor.</p>
-
-<p>Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren
-die einzigen Geretteten der lübischen Kogge.</p>
-
-<p>Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein
-Leben ohne Hoffnung! Noch wogte die See erregt
-und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die
-Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span>
-dem Holze, die Kraft meiner Fäuste war ungebrochen.
-Jedoch bald begann ich sie um ihre Ohnmacht
-zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den
-ich kaum bezwingen konnte. Wie die meisten der
-Armen auf unserem Schiff hatte ich meine irdische
-Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte
-mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein
-darin, doch ich konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr
-zu laufen, Frau Gertraude zu verlieren, und
-aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen
-Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich
-suchte meine gierigen Sinne abzulenken, indem ich
-das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie für Linie
-lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen
-ein, den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette
-mit dem Braunschweiger Löwentaler, die zarten
-Hügel der Brust &ndash; ich ermattete mich mit
-Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der
-Durst knechtete mich und würgte mir die Kehle, daß
-mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann.
-Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde
-umher, vergebens. Glühende Bilder tanzten vor
-meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte nachlassen.</p>
-
-<p>Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span>
-noch einmal auf, die Blicke flackerten über die Wogen
-&ndash; ein Segel, seltsam geformt, ein Schiff mit
-voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht,
-stürzte auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel
-fletschender Zähne und schwarzer Gesichter, ein Tau
-sauste auf mich nieder, ich griff es, packte Gertraude,
-ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten
-sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel,
-und wie ein Stein schoß ich wieder in die Tiefe,
-allein, unendlich einsam, erlöst.</p>
-
-<p>Die Sinne fielen von mir ab.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-05">5</h3>
-</div>
-<p class="drop">Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans
-Ufer trugen, ich hab es nie erfahren. Genug, Brüder
-vom Deutschen Orden fanden noch Leben in
-mir und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun
-Tage darauf erwachte ich aus wirren Fieberträumen,
-sah mich auf reinlichem Lager in einem hellen,
-freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute
-mich wehmütig an, seufzte und siegelte die Lippen
-mit dem Finger. Eine Schale wurde mir gereicht,
-die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen
-und versank sogleich in tiefen Schlummer.</p>
-
-<p>Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung
-brachte das Verlorene wieder, ich atmete
-die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß
-der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen
-hatte; er erhob sich, als er mich munter
-sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte den
-Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher
-Bruder des Ordens, ein Edler von Burgberg, und
-seine traurige Stimmung erklärte sich mir bald: er<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span>
-war der Vater Gertraudens, von der in meinen
-Fieberreden schreckhafte Bilder flatterten. Ich
-tröstete ihn, wie ichs vermochte, ich schwor, sie sei
-lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er
-schüttelte verzagt den weißen Kopf.</p>
-
-<p>»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder
-gar&nbsp;&ndash;« er verschluckte einen Fluch und preßte die
-Faust stöhnend an die Brust.</p>
-
-<p>»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über
-das andere Mal, »waren nur Heiden an Bord?
-Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«</p>
-
-<p>Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte,
-und selbst wenn ich ein Kreuz gesehen hätte;
-ich würde es ihm verschwiegen haben.</p>
-
-<p>»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine
-Templeisendirne!« Seine heißen Augen trafen mich:
-»Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast wahrlich
-deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu
-retten. Daß es so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet
-sei sein unerforschlicher Wille. Aber zu
-dir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid
-mir nichts schuldig; ohne Euch dörrte ich jetzt im
-Ufersande.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span></p>
-
-<p>»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden.
-Du fiebertest und nanntest den Herrn von der
-Wilze; da erst riefen sie mich. &ndash; Was willst du
-nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte,
-Freunde, Ordensbrüder? Hier heißt alles
-Geld, mein Freund, das Heilige Land ist ein einziger
-Marktplatz.«</p>
-
-<p>»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte
-am heiligen Grabe zu beten und die Verwundeten
-zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.«</p>
-
-<p>Der von Burgberg seufzte.</p>
-
-<p>»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos
-im Lande, zu Tausenden sterben sie dahin. Verwundete?
-Die Kämpfe ruhen ja! Unsere Führer
-feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um
-das Land ziehen, wie den Strick um den Hals eines
-Schächers.«</p>
-
-<p>Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte
-sich vor Zorn.</p>
-
-<p>»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue,
-so wollt ich schwören, die Herren und Fürsten verrieten
-uns an die Heiden. Nur die Narrheit oder
-der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund
-Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span>
-&ndash; aber was soll dich das bekümmern! Du bist ja
-wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können auch
-Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht
-gerade gern, denn ich hasse diese verlogene Zunge,
-darin die Templer ihre Meineide tun. Will dir was
-sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir
-haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände;
-beim Hospital, beim Handwerk, in den Wein- und
-Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen, bloß das
-Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so
-tätig. Kannst mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber,
-wenn ihm mit der Hand statt nur mit dem
-Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von
-euch Geschorenen in der Welt umher und stehlen
-ihre Tage. &ndash; Laß dir Zeit mit der Antwort, ruhe,
-wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen
-Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen,
-und dann sag mir frei deine Meinung.«</p>
-
-<p>Damit ließ mich der wackere Mann allein, und
-die Langeweile besuchte mich sicherlich nicht, so voll
-war mir Kopf und Herz.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-06">6</h3>
-</div>
-<p class="drop">Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten
-war ich jordanaufwärts nach den Besitzungen des<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span>
-Deutschen Ordens südlich des Sees Tiberias unterwegs.
-Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne
-anderen Lohn als die tägliche Notdurft; ich konnte
-gehen, wann ich wollte. Meine Seele schrie nach
-Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum
-letzten Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte
-das Blut in meinen Adern ausgetrocknet. Nichts
-gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte, da
-Sein Fuß gewandelt &ndash; aber ach, wo wäre der
-Mund, der heute die Wechsler und Händler aus
-seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde
-kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer
-Schwindel, schachern Juden, Heiden, Christen
-in widerlichem Wettbewerb um das, was ihnen
-die Krone des Lebens heißt: Gold.</p>
-
-<p>Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte
-nicht beichten, konnte kaum beten. Wie sollte mich
-ein Menschenwort vom Fluche lösen? Zweifel,
-schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich
-von der heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht,
-aber er überflutete und brach die alten Formen und
-fand kein neues Gefäß, rein und köstlich genug, ihn
-zu bergen.</p>
-
-<p>In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span>
-wahr, den Menschen fern zu sein. Den
-Menschen und den Häusern, denn mir schien, es
-knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den
-mächtigen Mauern der Kirchen; das Gespenst des
-Untergangs schritt mit der Frechheit des Lasters
-dreist und offenbar über die Gassen.</p>
-
-<p>Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte
-ich, ohne meine Sünden gegen die der anderen abzuwägen.
-Mir, dem Beichtiger, waren auf dem
-lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht
-vor einem unbefangenen Richter teuflischer
-und gemeiner als meine Tat galten; nicht vor mir.
-Ich konnte niemanden fürder verdammen.</p>
-
-<p>Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl,
-das Blühen und Wachsen der stummen Geschöpfe,
-die in meiner Obhut waren, erfüllte mich mit bescheidenem
-Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die
-Kette der täglichen Wassereimer über das unersättliche
-Land und empfand einen demütigen Zwang,
-Besseres zu leisten als meine Gesellen.</p>
-
-<p>Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen
-galt, ohne daß es mir damals zum Bewußtsein kam,
-als hochmütig. Indessen habe ich gelernt, daß die
-Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span>
-liebt. Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß
-sie meine Heimat berührt hatten, zeigte ich mich
-lebendiger und forschte sie vorsichtig nach dem
-und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes
-wußte. Als jedoch Saladin stärker gegen das
-morsche Königreich Jerusalem zu rennen begann
-und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft
-wieder kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine
-Botschaft des Glücks und der Verzweiflung zugleich.</p>
-
-<p>Ich war in meinem Rosengarten &ndash; eine leichte,
-duftende Freude neben meinen Pflichten &ndash; und
-versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich ein
-sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle,
-saftigrote Knospe war eben aufgesprungen und
-duftete süß und hingegeben in den laulichen Tag.
-Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister
-Otfried näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte
-eine fröhliche Runde französischer Herren meinen
-Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich die
-neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und
-berochen, und einer der Herren sagte mit Lachen:</p>
-
-<p>»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße
-Blumenkind: nennt sie Aleit von Claraforte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span></p>
-
-<p>Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte
-mich, suchte mit irrenden Fingern, mußte endlich
-blutübergossen emportauchen.</p>
-
-<p>»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner
-Seel!« plauderte der Ritter unbefangen weiter.
-»Aber leider hat sie für niemanden anders Augen
-als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog
-ist ein wahrer König Artus an Tugend, Schönheit,
-Mannestum.«</p>
-
-<p>»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich
-tonlos, fessellosen Zorn im Herzen, und mich selbst
-zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich niemals
-viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.«</p>
-
-<p>Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes
-Wesen konnte ihm nicht entgehen. Die anderen
-hatten des gottlob weniger acht, sie standen bereits
-entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd.
-Der Ritter erwiderte schier achtlos:</p>
-
-<p>»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt
-Ihr den Herzog und sein Weib? Wann saht Ihr
-sie zuletzt?«</p>
-
-<p>Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer
-mußte ich mich beherrschen! Und noch in diesem
-Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span></p>
-
-<p>»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr
-denn zwei Jahren zog ich an Claraforte vorüber in
-dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat
-&ndash; die meint Ihr doch? &ndash; durch einen üblen
-Fall zu Tode gekommen. Der Herzog aber &ndash; doch,
-Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten &ndash; er hieß
-der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur
-die Hälfte alles dessen, was sie ihm nachredeten,
-wahr ist, so wird sich Satan für diesen Namensbruder
-bedanken.«</p>
-
-<p>Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen
-Fant; mich ärgerte die Kunde, ich hielt nicht anders,
-als daß mein Stellvertreter eine neue Heirat getan
-haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin
-versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben.</p>
-
-<p>Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd
-mit der Braue; jetzt wandte er sich gelangweilt
-ab.</p>
-
-<p>»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich
-sah Aleit von Montgerrat, mit dem Herzog und
-ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in Paris
-&ndash; ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken
-Schlaf ein feuriges Mal wie von einer Narbe. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span>
-Herzog Robert &ndash; mag er gewesen sein wie
-immer &ndash; heut ist er einer der vornehmsten und
-besten Ritter der Christenheit. &ndash; Was ist Euch?
-Ihr solltet Euch nicht barhäuptig dieser verruchten
-Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt
-nicht: die Rose nennt Ihr Frau Aleit.«</p>
-
-<p>Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob.
-Die roten Blütenblätter der Rose »Frau Aleit«
-erstarben in meinen mörderischen Händen, wollüstig
-gruben sich die Dornen in mein Blut.</p>
-
-<p>Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße
-fiel jäh von meinem Antlitz. Das Glück, kein Mörder
-zu sein, ließ mich nicht jubeln, nein, ich schrie
-wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott
-und Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles
-war mehr in mir, mit glühenden Zangen folterten
-mich Eifersucht, Haß, Neid &ndash; alle dunklen Triebe
-meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward
-von einem Gebrüll zerrissen, das mir jetzt noch in
-beschämten Ohren klingt. Im rasenden Gehirn erwürgte
-ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den
-Mann, der meine Züge trug, in dessen Adern Blut
-von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit einer kalten,
-hemmungslosen Lust am Morden, sah seine<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span>
-hervorquellenden Augen, hörte das Brechen der
-Wirbel und lachte, lachte &ndash; dieweil mein eigener
-Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.</p>
-
-<p>Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War
-meine Schuld an dich so riesengroß, daß sie solche
-Strafe verdiente? O ich Narr der Narren! Ein
-Kind war da, ein Erbe &ndash; ein Wählingerblut! Ein
-Bastard vom Bastard &ndash; Herrgott, wo blieb deine
-Güte, von der deine Diener so viel Aufhebens
-machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen
-Glieder dem Landstreicher, ahnungslos, liebend,
-voll von ihrer keuschen Leidenschaft &ndash; oder &ndash; oder
-wissend und vom guten Tausch beseligt?</p>
-
-<p>Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen,
-Arme voll Rosen riß ich an die Brust und badete
-mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut aus
-hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott
-und den Menschen verraten, betrogen, bestohlen!
-Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit betäubte
-mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr.
-Eitelkeit stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen:
-Beweise dich, zeige dich, du echtes, gerechtes
-Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im
-Bett einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span>
-Kebsen und Dirnen, getragen in Unlust, geboren in
-Schande, erzogen zum Betrug &ndash; zum &ndash; wie sagte
-der Franzose? &ndash; zum vornehmsten Ritter der
-Christenheit. Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen
-ab! Wie schlau, ein bißchen zu schlau hast du deine
-Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du
-auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen
-Arbeitsfäusten erwürge ich dich, und wärest du
-außen und innen aus Erz.</p>
-
-<p>Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche,
-ich achtete sie nicht. Jäh floß der kühle Hauch der
-Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze, keine
-Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne,
-die über meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe
-schienen. Zwei Jahre lang, Tag um Tag, hatte ich
-diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen
-Namen trug; indes er in den Wonnen des Paradieses
-schwelgte, seufzte ich in der heißen Sonne
-Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot
-essend, der größte und törichtste aller Narren, die je
-von ihrem heimatlichen Herde liefen.</p>
-
-<p>Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die
-Genossen bei den Gästen und hörten voll Sehnsucht
-und Heimweh die Erzählungen aus dem alten Lande<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span>
-an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und
-Gott war in meiner Brust erloschen wie eine
-Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir vor den
-Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land
-raubte, mußte ich mein Leid ersäufen, anders starb
-es nie. In diesen Vorstellungen erlangte ich, merkwürdig
-genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß
-war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich
-durch die Gartenanlagen an die Siedlung, willens,
-noch vor Tag mein Ränzel zu schnüren und mit dem
-frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand zu
-meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet
-und dröhnend von Worten und Waffen. Abermals,
-mitten in der Nacht, waren Gäste angekommen,
-bis in den Hof standen die Knechte, und über
-die weinheißen Köpfe flatterte ein erlösendes Wort:
-Krieg.</p>
-
-<p>Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich
-drängte mich durch die Fremden in die Halle,
-Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu
-sich und sprach mit hellen Augen:</p>
-
-<p>»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an.
-Über vielen steht der Tod, und sie sollen getröstet
-einfahren in das himmlische Reich. Saladin stößt<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span>
-auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen.
-Oder halten dich deine Rosen?«</p>
-
-<p>»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken,
-Blut schwamm mir vor den Augen. »Aber gönnt
-mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die
-Seinen auch ohne mich.«</p>
-
-<p>Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die
-fremden Herren neben ihm, die unsere Reden hörten,
-lächelten spöttisch. Ich sah sie an, eiskalt war
-mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren
-beugte ich mich, packte mit der Faust einen der
-schweren Eichensessel, darauf ein Ritter in voller
-Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den
-Tisch und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln
-und Becher nieder, ohne anzustoßen, ohne Geräusch.
-Viele sahen es und gafften mit verschlagenem
-Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal
-in meiner Heimat trunken und prahlerisch vollführt
-hatte, ward inne, daß meine mächtige Kraft noch
-gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz
-und Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So
-werde ich ihn erwürgen, den Bastard, und sein rotes
-Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den
-Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span></p>
-
-<p>Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem
-Hochsitz und schlug mir auf die Schulter:</p>
-
-<p>»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch!
-Und recht hat er, wenn er einen eisernen Wedel begehrt,
-das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt
-in mein Gefolge, Mann!«</p>
-
-<p>Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried
-vor mir und sah mir tief in die Augen.</p>
-
-<p>»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er
-leise, »wie dürften wir Gott einen solchen Arm entziehen!
-Setz dich her, wir vermißten dich schon eine
-Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um
-die Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die
-Sterne. Möchte so auch der Halbmond tun!«</p>
-
-<p>Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen
-Becher voll feurigen Griechenweins. Ich stürzte
-ihn, ohne abzusetzen, gierig nach Betäubung.</p>
-
-<p>Otfried sah mich verwundert forschend an, mit
-dem Finger drohend:</p>
-
-<p>»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes
-Mönchswesen beiseit. Nie hab ich dich über dem
-Wein gesehen, und jetzt beschämst du die tapfersten
-Schläuche.«</p>
-
-<p>»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittag<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span>
-spottend ein, »die schöne Frau Aleit!« Und
-wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen
-Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese,
-du Elefant! Wart lieber auf Saladins braunes
-Geziefer, da passen gleich drei Hälse zugleich in
-deine Klaue.«</p>
-
-<p>Ich schob den Becher schroff zurück und verließ
-den Raum, wollte allein sein, keine fröhlichen Reden
-hören, keine lachenden Augen sehen. Ins Schlafgemach
-ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen
-eine Decke, wickelte mich ein und legte mich
-hinter die Gebäude in einen sturmgeschützten Winkel,
-dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie
-ein Bachgemurmel drang.</p>
-
-<p>Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen
-Tiefen auf, Krieg, Schwert und Harnisch verwischten
-die bunttobenden Leidenschaften zu einem grauen
-Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte
-mich sonder Wollen und Wissen in Schlummer.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span></p>
-<h3 class="hidden" id="sect-07">7</h3>
-</div>
-<p class="drop">Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein
-zerbeulter Helm, ein rostiges Kettenhemd; aber das
-Schwert war vortrefflich: ein Zweihänder vom alten
-Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner schwingen
-mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack
-geschnürt, die Mönchspapiere trug ich im Beutel
-auf der Brust, wer weiß, wozu; ich konnte nur noch
-arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte
-nach der Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige
-Land, das Heilige Grab &ndash; es waren bunte
-Bilder am Wege meiner Rache.</p>
-
-<p>Wir zogen &ndash; ein stattlicher Haufe &ndash; dem
-Hauptheere zu, schier stündlich vergrößert durch Zuwachs
-von flüchtendem Landvolk, Christen und auch
-Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr
-noch als das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer
-Herr war, wenigstens was das Leben anging. Saladin
-preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in
-den Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen
-lebten, sahen keinen großen Unterschied und<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span>
-begeisterten sich nicht einseitig. Es waren nicht die
-Besten.</p>
-
-<p>Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem
-Riesenstrom gegen die Küste, Karren, Reiter, Fußvolk
-mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der
-dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager
-von Askalon wurden die Böcke von den Schafen
-geschieden, die Krieger sammelten sich und zogen auf
-das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt,
-die fiebrige Stille vor dem Sturm begann
-ihre Folter.</p>
-
-<p>Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im
-Lager gesucht; jetzt stieß er unversehens zu uns, trotz
-seines weißen Haares kampfbereit und aufrecht im
-Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch
-unter dem Helm, lachte und bot mir vom Pferde
-die Hand; keiner von uns ahnte, wie bald wir die
-Rollen tauschen würden.</p>
-
-<p>»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese
-braunen Teufel austreiben wirst? Heuer kommen
-die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah
-ich die Plänkler über den Hügeln und &ndash; horch!
-Was blasen die Hörner?«</p>
-
-<p>Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln,<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span>
-ein freudiger Schein glitt über sein vergrämtes,
-gutes Gesicht; kaum daß er Zeit fand, mir zuzunicken,
-und fort sprengte er in die Reihen der
-Deutschen Brüder.</p>
-
-<p>Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter
-Hecke vor uns aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes
-wirbelten auf, leise schütterte der Boden von zahllosen
-Hufen. Ein Schauer überfiel mich &ndash; Angst?
-Nein, nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß,
-aus mörderischem Herzen geboren. In starrer
-Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte keinen anderen
-Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht,
-und hatte doch Heimat, Weib und Räuber vergessen,
-als das Gewühl um mich wogte und ich, unwissend
-wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben
-um mich schlug. Das war ein ander Ding als ein
-Turnei in sicherer Rüstung. Wie Heuschrecken wimmelten
-die Heiden auf blitzschnellen Rossen um
-unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten
-uns wacker und trieben einen Keil in die Woge, daß
-sie blutig zerschäumte. Atemlos spähten wir über
-das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals
-über uns her, wir schmolzen zusammen, hin
-und her gezerrt, wurden immer weiter abgedrängt,<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span>
-zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts
-von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet
-gegen den gewissen Tod.</p>
-
-<p>Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen
-Teufel stutzten, rissen die Gäule herum und schossen
-aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit starrten wir
-ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not.
-Da klomm ein Roß über die Mulde, der von Burgberg
-ritt langsam heran, bleich, mit geschlossenen
-Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt.
-Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein
-Unsichtbarer, schlug die Augen auf, die schon im
-Tode brachen, und lallte:</p>
-
-<p>»Sieg!«</p>
-
-<p>Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing
-ihn auf, wir waren alle wie gelähmt. Mit stumpfen
-Knien trat ich zu ihm und sah in seinen Augen das
-Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem
-Leichnam und erinnerte mich an die Stunde. Sonder
-Umsehens sprang ich in den geleerten Sattel und
-sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder
-wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch
-kreiste durch meine Adern, in meinem Herzen
-schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in rasender<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span>
-Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist
-meine Heimat, Schwertschlag meine Freude. Ich
-sah die fliehenden Horden ostwärts stürzen, hieb
-dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel
-und stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich.
-Junge Kraft rann mir durch den Leib, ich
-genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel
-hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die
-schwingende Lust des Rittes und dachte an keine
-Müdigkeit.</p>
-
-<p>Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten
-die Hufe vor mir an mein Ohr, enger ward der
-Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich
-Seite an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf,
-ich schlug ihn mit der bloßen Faust aus den
-Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner,
-sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und
-schlossen sich zu sieben oder acht zusammen, ihre
-raschen Wüstengäule schossen wiehernd um mich her;
-Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf
-den Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei
-meiner Seele, ich glaubte in dieser Stunde an ein
-Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete
-es falsch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span></p>
-
-<p>Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er
-saß auf einem herrlichen Rappen, golden schimmerten
-seine Waffen, vom Helm wallte ein edelsteingeschmückter
-Schleier über seine Schulter.</p>
-
-<p>Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme
-in mir. Die Beute heißt Überfahrt mit Mann und
-Roß; in zwei Monden kannst du schon in der Heimat
-sein, und dann&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem
-grausamen Hieb, es flog mit pfeifendem Stöhnen
-über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben zurück,
-der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von
-seinem adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen.
-Plötzlich riß er das Roß mitten im Jagen
-herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust
-und traf mich mitten auf die Brust.</p>
-
-<p>Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten
-vor meinen Augen, eine dünne Schlange zischelte
-über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme;
-rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger
-und enger, und jeder Kreis war eine lederne Fessel
-um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses Bündel, über
-einem fremden Sattel lag.</p>
-
-<p>Gott hatte mich ganz verlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p>
-
-<p>Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut
-füllte meinen tief herabhängenden Kopf zum Zerspringen
-mächtig, Jammer und Ekel wuchsen größer
-als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die
-Vorsehung mit mir vorhaben, daß sie mich also hart
-prüfte; jedoch dieser Gedanke, in bitterer Verzweiflung
-geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein
-Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder
-Sklaverei heißen; aber eben jetzt, da ich noch eine
-Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu werden,
-konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als
-das ärgste meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie
-denn immer die letzte Folter am schwersten zu ertragen
-ist.</p>
-
-<p>Eine gute Weile ritten die Heiden, was die
-Pferde gaben; dann ging es sorgloser dahin, und
-ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung
-zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald
-von Chatillons geringe Reiterschar durfte sich nicht
-von der Masse des Fußvolks lösen, ohne in Gefahren
-zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl,
-ich wurde auf ein ledig Roß gehoben, die
-Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und
-weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span>
-den Kampf völlig aufzugeben; die paar Brocken der
-Heidensprache, die ich aufschnappte, belehrten mich
-über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem
-pochte mein abendländisch Herz höher.</p>
-
-<p>Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die
-Arme an den Leib gebunden, auch als der Trupp
-zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter
-Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief
-alles ringsum bis auf die Posten, deren Lanzeneisen
-ich von weitem im Mondenlicht blitzen sah.
-Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn
-vom Tag bei Askalon, und ein Lachen kam mich an
-ob solcher elenden Beute.</p>
-
-<p>Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch
-wälzte, die Riemen schnitten schmerzhaft in mein
-Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht. Ich überdachte
-die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden
-hatte, und glaubte über meinen Bewältiger
-klar zu sein: es war der Emir von Bachara, offenbar
-ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum.
-Mich kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte
-seiner nur, um meine gequälten Sinne zu beschäftigen
-und abzulenken.</p>
-
-<p>In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener,<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span>
-schöner Mensch im kräftigen Alter,
-blickte kühl auf mich nieder und sagte zu meinem
-höchsten Erstaunen auf deutsch:</p>
-
-<p>»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich,
-unterwegs nicht zu fliehen oder sonst gewalttätig
-zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«</p>
-
-<p>»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine
-Furcht!«</p>
-
-<p>Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur
-ein Winkel seines Mundes schien zu zucken. Er
-winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte
-mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht
-einmal auf den Füßen bleiben.</p>
-
-<p>Immer noch stand der Emir da und hatte eine
-Frage auf der Zunge. Endlich hielt es ihn nicht:</p>
-
-<p>»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher
-Verlegenheit. »Warum fiel mein Speer aus deiner
-Brust?«</p>
-
-<p>Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das
-Kettenhemd war zerlöchert und zerschlissen, ich
-konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter
-dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten,
-die Münze meines Bruders und errötete bis
-unter das Haar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span></p>
-
-<p>»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle.</p>
-
-<p>Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das
-verbeulte Blech und sprengte an die Spitze seines
-Zuges. Wir ritten.</p>
-
-<p>Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen
-Höhen niederreichen und mein Herz berühren, fühlte
-ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in die Heimat
-gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und
-jener armen Mutter, die eine Sommernacht lang
-meines Vaters Spiel gewesen.</p>
-
-<p>Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen
-mir in den Bart.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-08">8</h3>
-</div>
-<p class="drop">Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die
-Wunder des Morgenlandes dufteten, glühten,
-rauschten um mich her, inmitten immerblühender
-Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten
-verschwiegene Lauben, sangen bunte Vögel &ndash;
-Wirklichkeit war auf einmal der nie erfüllte Nordlandstraum
-vom ewigen Licht. Sie fragten mich,
-was ich könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt,
-in flammende Märchen getaucht, hatte Freiheit,
-so weit die Mauern um das Paradies, hatte
-Brot, Lager, Himmel, Sonne.</p>
-
-<p>Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt,
-heut schlug es kalt in aller Pracht und Herrlichkeit.
-Der Emir blieb unsichtbar; von Sklaven
-aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen,
-mit denen ich arbeitete, wußten nur wenige Worte
-Fränkisch. Es war gut. Ich war gezwungen, ihre
-Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren
-dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich
-todmüde auf dem Lager, hatte meine eigene Hütte,
-meinen eigenen Herd, denn die Sarazenenküche<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span>
-widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen,
-was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie
-überließen mich achselzuckend meinem Tun; auch
-hier ward ich keines Freund, keines Feind. Vielleicht
-wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich
-wußte nicht mehr, wozu. Die Heimat mit ihren
-Gestalten wich ferner, mein Haß gegen den Bastard
-verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und
-fand am Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das
-heiß und leidenschaftlich mit Gott verbunden zu sein
-wähnte, sah das Ewige fortan durch eine klare
-Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft,
-wurde ich eine Kirche für mich und gewann
-einen stillen, tiefen Glauben. Dies kam nicht von
-heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der
-Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor
-meinem Hause, und doch hatte der Kampf um meine
-Seele erst begonnen.</p>
-
-<p>Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir
-von Bachara und erhielt das Bild eines außerordentlichen
-Mannes. Der älteste Aufseher liebte
-es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit
-unterrichtete mich über Dinge und
-Menschen lebendig wie ein sprechendes Bild.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span></p>
-
-<p>»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht
-gewußt, wohin deine Striemen betten. Der Herr
-&ndash; Allah erhalte ihn uns! &ndash; schwang die Peitsche,
-seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten
-die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann
-erzählen, wieviel verdorbenes Menschenfleisch in
-seinen Schoß versenkt worden ist. Da« &ndash; er stieß
-den Daumen über die Schulter nach dem Harem,
-dessen verhangene Fenster niemals geöffnet wurden
-&ndash; »da wimmelte ein Ameisenhaufe von Völkerchen;
-und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras
-wachsen hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen
-Tritt einer schlanken Gazelle.«</p>
-
-<p>Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie
-aus Grüften, das runde Gesicht verzog sich zu einem
-schwermütigen Trauerlied und malte ergreifend das
-entvölkerte Lusthaus.</p>
-
-<p>»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit
-deinen ungläubigen Augen zu betrachten. Sage,
-Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren
-Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick
-auf eine Antwort, die ihm selbstverständlich
-schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen, die
-ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span>
-wie Tau in der Sonne, bis auf eine. Christ, ich
-habe sie gesehen, denn sie verschmähte den Schleier;
-sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe;
-nur wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles,
-Erde, Meer und Himmel, in diesen leuchtenden
-Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei
-Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie
-in Allahs höchstem Freudensaal. Und wiederum,
-blickte sie auf dich, so blieb nicht eine winzige
-Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen
-Flammen brannten alles klar.«</p>
-
-<p>Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und
-riß die schwarzen Augen weit auf, aber das Bild
-dieser wunderbaren Frau zu schaffen gelang selbst
-ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor
-seine Sattheit und bekam einen schier edlen Zug,
-derweil von dieser Frau aus Nordland die Rede
-war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert
-hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit
-ihre stille, heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung
-dieses greisen Kindes leuchteten ihre
-Augen auf mich nieder.</p>
-
-<p>»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und
-Reinemachen! Um dieser blassen Stirn willen<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span>
-mußte der ganze Harem wandern, und schließlich
-saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager.
-Denn die blonde Frau gab einem Kinde das Leben
-und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir warteten
-alle gespannt auf das Ende der Totenstille,
-aber es gab kein Ende. Der Herr läßt das Haus
-verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die Peitschen
-vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen
-bis auf eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind
-wird von einer Negerin betreut, einem wahren
-Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist;
-der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei
-einer macht er eine Ausnahme.«</p>
-
-<p>»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es
-denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn
-der blonde Meerstern trug es schon, als er in unsere
-Hütte schien. Der Herr hat dessen kein Hehl, aber
-er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an
-allen seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen
-Blut. Stundenlang spielt er Kind mit dem Kinde
-im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein
-Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er
-ist verhext, glaub es mir. Ein Mann von eben<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span>
-dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine Erinnerung!«</p>
-
-<p>Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern.
-Mein Leben war nichts als Erinnerung.</p>
-
-<p>»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«</p>
-
-<p>Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete
-meine Antwort nicht ab. Er hätte auch keine
-erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem
-spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die
-gelbe Lehmmauer, dahinter das Kind der toten
-blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein
-Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen
-meiner Rasse, meines nordischen Geblüts. Das
-stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels
-über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken,
-Meer, Haide und Wald in das dürre Herz.</p>
-
-<p>Was sollten mir Wolken und Land und See, da
-ich Aleit verloren hatte. Und dennoch &ndash; tief innen
-glühte eine Fackel für die Erde, die mich geboren,
-glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und
-Minneglück, von einem uralten, nimmer erloschenen
-Feuer genährt.</p>
-
-<p>In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span>
-es oblag, den Garten zu schließen, hatte mir seit
-langem den Schlüssel vertraut &ndash; es waren über
-der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr
-zu naschen. Ich aber saß droben auf den unkrautbewachsenen
-Steinen und suchte hinter den schwarzen
-Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch
-hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland,
-ein Tropfen Bluts aus nordischer Heimatwelle.</p>
-
-<p>Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über
-verwehte Spuren der Liebenden. Das Kind schlief
-seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-09">9</h3>
-</div>
-<p class="drop">Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu
-belauschen. Stundenlang hockte ich in dem breiten,
-dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über die
-Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat
-Sobeidens. Ein klares blondes Flämmchen
-sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles, blaues
-Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O
-wie weh tut Armut! Hätt ich alle Schätze Salomos,
-ich gäb sie hin, um das Kind einen Herzschlag lang
-an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span>
-die verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück
-genug; meine Einsamkeit war gebrochen, meine Gebete
-ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit
-Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen.
-Das Kind hielt mich stärker als alle Fesseln. Mit
-Schrecken sah ich die Regenzeit herannahen &ndash;
-Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das
-Kind würde mir geraubt werden, all meine armselige
-Luft. Ich fühlte, wie es mein eigen ward,
-wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen
-Glut, die Männerherzen sonst nicht beschieden ist.
-Der Emir allerdings &ndash; jedoch er war in Geschäften
-des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah
-ich ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet,
-und die Eifersucht quälte und verzehrte mich
-lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf gestickten
-Kissen mit meiner Freude tollen, er fing
-mit ihr die bunten Federbälle, jagte durch die hohen
-Räume des Harems den schlanken, leichten Reifen
-nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien
-Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht
-sprachen sie Deutsch miteinander, die blonde
-Frau sollte aus Deutschland gekommen sein; aber
-im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span>
-die Heidensprache süß und fertig von den Kinderlippen,
-kein Ausruf einer jähen Bewegung zeigte
-ihre Herkunft an.</p>
-
-<p>Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den
-Rasen und meldete die bevorstehende Ankunft des
-Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende von
-Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast
-getragen, alle Hände waren vollbeschäftigt, der
-Garten scholl von Arbeitslärm, ich konnte nicht
-daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern.
-Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn
-wie sollte ich es ertragen, daß ein Fremder mein
-süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte, indes
-ich verdurstete.</p>
-
-<p>Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder
-Geschenken, hochbepackt, gesättigten Reichtums
-kamen sie angefahren. In Käfigen saßen wilde,
-fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die
-Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit
-dem frühesten auf meinen Baum zu steigen, die
-Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich, war ihre
-Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die
-schönsten Blumenkelche gegeneinander und vermischte
-ihren blitzenden Tau &ndash; eine Blütenhochzeit<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span>
-voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese
-Bilder vergessen.</p>
-
-<p>In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß
-würde er noch um die frühe Stunde von den Anstrengungen
-der sehr weiten Fahrt schlummern und
-ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein
-erster Gedanke war Sobeide, das sah ich, als ich
-meinen Baum erklommen hatte und über die Mauer
-blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen
-Garten umher und zimmerten einen grünen Baldachin;
-goldgestickte Ruhepolster lagen schon bereit,
-der Marmorbrunnen sprudelte wieder.</p>
-
-<p>Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei
-der Bestien mit einemmal lauter, plötzlich überschrien
-von einem wilden menschlichen Entsetzen.
-Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und
-rannten hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte
-die Luft, langsam trat durch das offene Tor ein
-Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die
-Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren
-Flügel krachten zu, die Balken dahinter fielen
-in die eisernen Klammern, hier und da schon löste
-sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das
-gefangene Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span>
-hielte Gott den Atem an. Die Tür des Frauenhauses
-öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend
-über die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte
-jubelnd in die Hände. Ich fühlte mein Herz nicht
-mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem
-Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten,
-stand jählings versteint in rasender Angst. Das
-Kind hatte den Löwen endlich gesehen und sank
-bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich
-das Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden.
-Meiner ward es noch nicht gewahr; ich wußte
-nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei der geringsten
-Bewegung mit den nackten Fäusten wider
-die Gefahr zu springen. Da tönte ein leises Zischen
-neben mir, eine Lanze bohrte sich in den Boden,
-handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war
-wie in der Schlacht, Blut rann mir vor den Augen,
-mit einem Sprung stand ich neben dem Löwen und
-jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher
-Wucht, daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr
-und in die Erde drang. Der Schaft brach in
-meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb
-mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen
-Nacken und schlug die Arme um den Hals der Bestie,<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span>
-so mächtig meine Kräfte waren. Es war ein Kampf,
-in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als
-meine Stärke. Ich sah nichts mehr, meine Augen
-waren von Blut verklebt; ich schrie nicht, meine
-Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners.
-Plötzlich schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten
-schmetterten jubelnd aus lauter Licht. Vorsichtige
-Hände suchten meine Arme zu lösen,
-Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich
-stammelte noch halb von Sinnen:</p>
-
-<p>»Das Kind! Wo ist das Kind?«</p>
-
-<p>Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es
-in mir auf, ich sei blindgeschlagen, riß das Tuch von
-der Stirn, sah das Licht und ein blondes Köpfchen,
-und lachte und schluchzte selig ermattet.</p>
-
-<p>»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise,
-faßte mich um den Leib und trug mich mehr als er
-mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf den
-golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine
-Seele sang ihren seligen Dank, indes der Schmerz
-ungezählter Wunden stetig wachsend mich an die
-Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in
-glühenden Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in
-meine Stirn, ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span>
-Der Arzt des Emirs war um mich bemüht,
-wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände,
-auch die Augen. Ich biß die Zähne aufeinander,
-wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind hatte
-sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust
-gelegt, und ich hielt es in der hohlen Hand wie ein
-Rosenblatt und wagte nicht, es zu drücken.</p>
-
-<p>»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen.
-Mir kam ein Lachen in die Kehle: dies Eisen hatte
-sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir ein bitteres
-Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen
-und hörte ihn noch einmal wie aus Fernen:</p>
-
-<p>»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-10">10</h3>
-</div>
-<p class="drop">Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem
-Lager, das im Palast aufgeschlagen und wie das
-eines hochgeehrten Gastes war. Da ich sprechen
-wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte
-mir in einem silbernen Spiegel meinen Kopf: aus
-einem Knäuel weißer Binden lugte nur ein Auge,
-sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren
-eingepackt; Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen
-konnte ich nicht, die Kiefer waren vom Verband fest<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span>
-aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen
-fragenden Blick.</p>
-
-<p>»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch
-das andere Auge hoffe ich zu retten. Dein Glück
-wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder fast so
-groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen
-kühneren Mann gesehen als dich. Deine Sklaverei
-ist zu Ende, du wirst beschenkt wie ein König in
-deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang,
-und du verdienst es wahrlich.«</p>
-
-<p>Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen:
-dies dünkte mich ein schlechter Lohn, wenn ich
-überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen, um
-in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die
-Hand aus und deutete dem Greise die Scheitelhöhe
-meines Lieblings an; er verstand mich sogleich.</p>
-
-<p>»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie
-würde zu sehr erschrecken, sähe sie den Retter so
-elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert den
-ganzen Tag von ihrem Riesen.«</p>
-
-<p>Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange
-Nächte! Aber sie plauderte von mir, sie hatte mich
-nicht vergessen! Wie weit mochte der Emir in seiner
-Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span>
-Leben aus: täglich durfte ich ihr Blumen
-bringen, sie sehen, mit ihr sprechen &ndash; ach, nur ein
-Ave lang!</p>
-
-<p>Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit
-stand still. Vielleicht vergaß sie meiner in sieben
-langen Tagen über ihren bunten Spielen, über den
-tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten
-sicherlich mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen,
-abends, wenn er mir den Brei aus Eiern und
-süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich,
-den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht
-aufzureißen. So ergab ich mich denn, innerlich seufzend,
-und harrte auf den nächsten Morgen, wähnend,
-er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch
-im Wein war ein Schlafmittel, meine Binden wurden
-gewechselt, ohne daß ich es merkte.</p>
-
-<p>Dann endlich kam der siebente Tag.</p>
-
-<p>»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten
-an, und der Weise lächelte verstehend.</p>
-
-<p>»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie,
-wenn unsere Rechnung richtig ist und deine Wunden
-es gestatten.«</p>
-
-<p>Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste
-mit geschickten Händen den Verband. Neugierig<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span>
-hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte
-ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick
-ineinander; erst allmählich gewöhnte es sich zu seinem
-Dienst. Ich versuchte einige Worte, aber sie
-klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen
-waren wie von Nadeln zusammengekrampft, von
-den Schläfen zum Kinn schien eine stachelbesetzte
-Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und
-deutete ihm, den Spiegel zu reichen.</p>
-
-<p>Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein
-Träumender stierte ich in ein Gesicht, das nicht mehr
-menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu nennen
-war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die
-fleischigen Teile zerfetzt und nur ein blauroter
-Stumpf mit blutverklebten Löchern, die Wangen
-verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur
-furchtbare Wunden mit schlecht verharschten Rändern.
-Ein Wunder, daß Mund und Augen auf diesem
-Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur
-mit Mühe die Worte bilden konnten. Daß einige
-Zähne fehlten, merkte ich erst später, der Mangel
-des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.</p>
-
-<p>»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft.
-»Kurz ist der Erdentag, du wechselst ihn wie ein<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span>
-Gewand oder wie bestaubte Reiseschuhe. Möge dein
-nächstes Leben reicher geschmückt sein!«</p>
-
-<p>Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen.
-Meine Augen füllten sich vor Leid: nie wird die
-Kleine mich ansehen, nie mich lieben können, so
-grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als
-ihr Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das
-Laken bis zur Augenhöhe über mein zerrissenes Gesicht,
-und das Herz bebte mir wie einem Buben in
-erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs
-neben ihr, und schon standen die beiden an der
-Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu Boden. Der
-Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der
-Hand, die goldene Scheide war mit den herrlichsten
-Farben ausgelassen, der Griff funkelte von Steinen.
-Er legte ihn auf mein Bett und sagte:</p>
-
-<p>»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit
-und sei fortan mein Freund, mein Bruder.«</p>
-
-<p>Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen
-ließ, vor mein Gesicht, und die kühlen, süßen Kinderlippen
-berührten meine Stirn.</p>
-
-<p>»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine
-Stimmchen in einem wunderlichen Deutsch. Ich
-lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob nicht, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span>
-mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen
-Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig
-das Tuch auf, eine Wolke flog über seine Stirn, er
-wandte sich schweigend ab.</p>
-
-<p>Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen
-lag in meiner Rechten. Es plapperte und fragte
-und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe mich
-sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich
-Federball spielen könnte und wann ich aufstehen
-dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das Kind nicht
-mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte
-es nur mit den Augen an.</p>
-
-<p>»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.«</p>
-
-<p>Ließ sich der Emir nicht Vater nennen? Erkannte
-er sie nicht als Tochter an? Ich schielte zu ihm hin,
-doch er stand im Schatten, und seine Züge schienen
-sich nicht zu bewegen.</p>
-
-<p>»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide
-kommt nun jeden Morgen.«</p>
-
-<p>Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben
-überflutete mich mit Entzücken. Am Vorhang
-blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze
-hoch und rief:</p>
-
-<p>»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span></p>
-
-<p>Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen
-und starrte auf die Kleine; der Arzt, der Emir liefen
-auf mich zu und legten mich sacht nieder, wähnend,
-die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht.
-Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der
-Negerin stand und die Augen voll Tränen hatte.</p>
-
-<p>»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!«</p>
-
-<p>Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an
-goldener Kette hing ein Braunschweiger Löwentaler
-um ihren Hals.</p>
-
-<p>»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes
-rätselhaften Wegen, und fiel erschöpft in die
-Kissen zurück.</p>
-
-<p>Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände
-zitterten leicht, als er mir über die Stirn strich.</p>
-
-<p>»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin
-und senkte den Kopf, als betete er.</p>
-
-<p>Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die
-Augen schließen und fühlte mich sanft entgleiten,
-als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der
-engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen
-Weges waren erwählt und gezeichnet; ja, wahrlich,
-kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen
-Willen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-11">11</h3>
-</div>
-<p class="drop">Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet;
-meine Rechte in seinen schlankem kühlen Händen
-haltend, begann er halb Deutsch und halb in seiner
-Heidensprache:</p>
-
-<p>»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte
-sonder Zögern, denn Krankheit kennt keine Geduld.
-Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht ich, sondern
-der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von
-Anfang an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches
-Staubkörnchen auf Gottes ewigen
-Wegen ist.</p>
-
-<p>»Ich ritt &ndash; es sind wohl sechs Jahre her &ndash; über
-den Sklavenmarkt von Damaskus, mit einem dürren,
-früh verschwendeten Herzen ritt ich und prüfte
-Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer
-Schar nackter Negerweiber, in einem linnenen
-Hemde, darüber die Münze, die du bei Sobeide erkanntest.
-Sie lehnte an einer Zeltstange, die Augen
-geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin.
-Ich kannte den Korsaren, dem Zelt und Ware zu
-eigen, er hatte mir oft genug weiße und dunkle<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span>
-Mädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen
-Blick, sprang dienstbeflissen hinzu und griff mit der
-rohen Faust an ihr Gewand, um mir ihre Glieder
-hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf
-und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer
-vergesse. Freund, ich kann es heute noch nicht
-erklären, ob es Liebe oder was immer war, genug,
-wir brannten ineinander, und der weite Markt um
-uns ward fremder als das Ende der Erde. Zum
-erstenmal empfand ich deutlich: es lebt niemand für
-sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander
-verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll,
-mehr oder weniger auf Tod und Leben, auf
-Zeit und Ewigkeit.</p>
-
-<p>»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die
-Zelttücher; ein Beutel Goldes, der für all seine
-Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder zahm.
-Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten
-meiner Krieger nach Bachara. Und dies war alles,
-was der Korsar von ihr wußte: Er hatte sie an
-einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein
-riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das
-rettende Tau. Aber indes die Räuber ihren Fund
-packen wollten, schlug der Retter mit dem Kopf an<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span>
-das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war
-geborgen. Du warst es, Ronald, und nun hast du
-abermals in die Fäden meines Lebens eingegriffen,
-mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«</p>
-
-<p>Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen,
-zum Heile sollte Gott mich von meiner
-süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir
-sprechen, wenn er <em class="gesperrt">meine</em> Geschichte erführe? Aber
-nimmer würde das sein.</p>
-
-<p>»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus
-und machte mich in der Nacht mit wenigen Begleitern
-nach Bachara auf, in langsamem Trabe reitend,
-denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte
-jedoch keinen Grund für solche Zagheit. Daß jene
-weiße Frau mehr als je ein Mensch mich beeinflußte,
-wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag
-es klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere
-Beute aus Damaskus heimgebracht. Ich wütete
-gegen mich selbst und suchte mit rohen und gemeinen
-Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben.
-Zu meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft,
-eine von vielen war sie und sollte sie bleiben.
-Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die Hufe<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span>
-pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten
-vor ihren Märchenaugen. Ich verfiel ihr,
-je näher wir Bachara kamen, und mit einem Gefühl
-halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen,
-kaum daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.</p>
-
-<p>»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen
-meinen gemessenen Befehlen trug sie ihr verschlissenes
-Linnen, trug es wie steinbesäte Seide. Sie berührte
-nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich
-neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten,
-tiefen Augen an, daß mir Zorn und Angst die
-Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich mich, ergriff
-sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß
-nicht mehr, mit welchem rohen Wort, denn ich
-wollte sie und ihren Stolz verwunden. Sie verstand
-mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch
-wußte sie nur wenige Worte der Lingua Franca,
-und darin tat sie mir kund, immer noch meinen Blick
-mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht beschieden,
-Emir.‹</p>
-
-<p>»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so
-ungezwungen stellte sie sich neben mich, daß jede
-herrische Lust mich verließ und keine Waffe gegen
-ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span>
-der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen,
-Ronald, daß unglückliche Verkettungen die lasterhaften,
-grausamen, tierischen Seiten meines Wesens
-besonders gefördert hatten; aber unter den Augen
-dieser seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten
-Äste, trieben junge Wurzeln in heilige Gründe,
-blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches begann
-auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer
-auf. Noch schlugen die Wogen der Leidenschaft
-hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre wenigen
-Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung
-verspürte, so gewiß nicht wegen meiner
-Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹ fuhr
-sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und
-nichts von Triumph verratend, ›doch es wird Zeit
-brauchen, da es keinen Dolmetsch verträgt. Ich bitte
-dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen hausen,
-sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste,
-wo mein Schlaf nicht von der menschlichen
-Schande entehrt wird.‹</p>
-
-<p>»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann
-ich auf Antwort; fast kam mir ein Bedauern, diesen
-unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich bedeutete
-ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien,<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span>
-und ich sonderlich in Frauendingen nicht tun könne,
-was ich wolle. ›Warum nicht?‹ fragte sie kühl dawider.
-›Doch sei dem wie immer: hier in deinem
-eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara,
-und darfst mir wohl ein ehrenhaftes Lager
-neben dir gönnen.‹</p>
-
-<p>»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte
-sie, daß mein Herz in hellen, reinen Flammen
-stand. Ich erschauerte in dem ungekannten
-Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine
-Silbersaite klang in meiner Brust und schwang
-einen klaren Ton in die Sterne, die durch unser
-Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten
-nach Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus
-herrlichsten Seiden; voll Zutrauen legte sie sich nieder
-und entschlummerte übermüdet, ihre regelmäßigen
-Atemzüge durchzogen das Zimmer wie
-sanfter Taubenflug.«</p>
-
-<p>Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein
-Lächeln seine strengen Mienen mit Milde. Ich
-fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen,
-und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir
-beruhigend die gesunde Hand.</p>
-
-<p>»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span>
-sie noch in dieser Stunde zu Ende hören, soweit sie
-ein Ende hat.«</p>
-
-<p>Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und
-sah mit hoffnungsheißen Augen über mich weg in
-das wolkenlose Blau des Himmels. Ich verstand
-ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner
-Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen
-Händen.</p>
-
-<p>»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den
-Schlummer eines Weibes gestört zu haben, aber
-damals habe ich ihn bewacht, wie eure Ritter ihres
-Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden
-Launen: jetzt kam ich mir großartig, im nächsten
-Augenblick abgeschmackt, im dritten schmachvoll
-übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes ich
-der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch
-das Spiel war neu für meine stumpfen Sinne und
-fesselte mich. Immerhin schien mir klar, daß ich in
-der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte,
-sollte ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe,
-Freund Ronald, im Sieg über das Weib erblickte
-ich zu jener Zeit meine Triumphe.</p>
-
-<p>»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten
-meine Gelüste und dämpften meinen Mut. Ich ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span>
-ihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad bereiten,
-und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide,
-wie ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den
-Morgenimbiß. Mir war, als sei die Lieblingsfrau
-Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle
-Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit
-wuchs unter den wenigen belanglosen Reden, die
-wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am Stocken
-des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder
-Flucht, da uns zu dem, was uns im eigentlichen beseelte,
-die gemeinsame Sprache fehlte. Mein alter
-Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie
-Salomo. Ich stotterte von einer dringlichen Reise,
-befahl sie in die Obhut des Greises und wies ihr
-meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort
-und Atem holen.</p>
-
-<p>»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe,
-aber nicht ein Sandkorn rann durch die Stunde,
-ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und
-Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem
-zügellosen Erben war ein wortkarger, ernsthafter
-Mann geworden, dessen Leben eben erst im Anfang
-stand … Was ist dir?«</p>
-
-<p>Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel wallte<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span>
-mir vor den Augen. Jenseits einer ungeheuren
-Schlucht stand die Vergangenheit und winkte herüber.
-Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in
-Gottes Hand und dürftig ihre Schicksale.</p>
-
-<p>»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte
-von den Anfängen des Lebens, die sich absonderlich
-oft wiederholend berührten.</p>
-
-<p>Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr,
-sichtlich in innerer Bewegung, fort:</p>
-
-<p>»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis
-der Ewigkeit dieses Erdendaseins? &ndash; Doch laß
-mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar meine Geschichte
-nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt
-ist. Die Sehnsucht &ndash; Wünsche ohne Häßlichkeit
-&ndash; trieb mich wieder in mein Haus, ich sah
-sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und
-erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem
-Augenblick versank die eben emporgestiegene gute
-Welt in mir, ich wähnte mich von einer Dirne, die
-sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten
-Weise betrogen und packte sie rauh bei der Schulter.
-Sie entzog sich mir nicht, sie richtete ihre Augen auf
-mich, und meine sinnlosen Worte erstarben, die
-freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln,<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span>
-ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich
-kämpfte. Der Arzt verließ lautlos das Zimmer.</p>
-
-<p>»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines
-toten Gefährten,‹ sagte sie mit einem eigenen
-Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden, Emir
-Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke,
-die uns zu überschreiten versagt ist.‹</p>
-
-<p>»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹
-rief ich freudig aus, alles Trennende vergessend.</p>
-
-<p>»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über
-mir, ich hätte ihr größere Dinge geglaubt als dies:
-›Emir, wir sind einander begegnet, seien es tausend
-oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen
-sind für immerdar nebeneinander in Gottes
-bunten Teppich geknüpft.‹</p>
-
-<p>»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein
-von ihren feinen Lippen; für mich, für mich
-hatte sie die Worte gelernt. Und seit Ewigkeiten
-war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten
-sein! Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen
-Glanze nieder und belehrte mich eines anderen,
-Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen
-gefunden.</p>
-
-<p>»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span>
-ich leise, doch sie: ›Du magst es so nennen.
-Aber das ist dir kein Wunder, nach der kurzen
-Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den
-ewigen Freuden im himmlischen Saal belohnt zu
-werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben, wenn
-du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da
-Anfang und Ende? Dies irdische Gewand ist nichts
-als das wechselnde, gebrechliche Gefäß für deine
-Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren.
-Emir Jussuf‹ &ndash; ihre Stimme klang wie goldener
-Harfensang &ndash; ›du meinst, du dürstetest nach
-meinem vergänglichen Leibe, weil er dich vielleicht
-schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir,
-es steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen
-einander.‹</p>
-
-<p>»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt.
-Ich glaubte in einer kristallenen Kuppel zu
-weilen, klar bis in die letzten Tiefen sah mich die
-Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über
-meinem Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer
-Lust und Leiden löste sich und gab einer Reinheit
-Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell
-durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung
-hob mich aus meiner starren Einsamkeit, nie<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span>
-wieder blieb ich allein. Und plötzlich ein Argwohn:
-›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die
-Christin, ich&nbsp;&ndash;‹</p>
-
-<p>»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die
-Rede: ›Vor Christen, Moslem und Juden war
-Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune
-Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden
-weiß und blond und blauäugig von den Nordmeeren
-in diese heiße Sonne gefahren &ndash; Geschwister
-vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib,
-gewißlich aber einander vertraut und lieb und eines
-Blutes. Fällt dir der Glaube so schwer, Emir Jussuf?‹
-fügte sie schelmisch bei.</p>
-
-<p>»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von
-der Erinnerung an unser erstes Begegnen in Damaskus,
-das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen
-zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹</p>
-
-<p>»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht;
-sie wiegte ernsthaft den feinen Kopf und errötete
-zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob du ihre
-Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie
-klang warm wie ferne, schöne Glocken und kannte
-kein Arg.</p>
-
-<p>»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise,<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span>
-›mein Gemüt ist verwirrt von dem Vielen, das es
-in kurzen Monden erduldete. Laß mir Zeit und
-bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht
-auf unserem langen Wege.‹</p>
-
-<p>»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und
-Männer freundschaftlich nebeneinander hergehen,
-war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie nicht
-erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen
-wolle. Und sie, munter und zwanglos: Warum sie
-solches tun solle? Wenn ich sie nicht mit unerfüllbaren
-Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als
-in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete
-sie mich und wies mit ernsten Brauen auf
-das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich in
-der Schande untertauche.‹</p>
-
-<p>»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem
-Herzen beschloß ich sogleich, den Harem und
-seine Völkerschaften auszutilgen, und dies, da es
-Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie
-vor Freude erröten machte. Es war zugleich der
-sichtbare Abschluß einer stinkenden Vergangenheit,
-und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites
-Reich zum Guten. Aus den demütig ängstlichen
-Gesichtern um mich her wurden vertrauende und<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span>
-fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der
-Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und
-ich entbehrte nichts. Statt in schwüler Liebe weitete
-ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der
-Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd
-aller Leidenschaft wuchsen wir zusammen, sie, ich
-und das sprossende Kind in ihrem reinen Leibe.«</p>
-
-<p>Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die
-Kraft fand, ihn trockenen Auges zu betrachten. Mein
-Herz floß in Tränen über, so stark überwältigte mich
-die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu verwandtes
-Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen,
-indes mich der Engel mit dem Flammenschwerte
-aus dem Paradiese stieß. Jetzt verschattete sich sein
-eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler Stimme
-nahm er seine Erzählung wieder auf:</p>
-
-<p>»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze
-der Erde, um endlich doch mit leerer Hand und leerem
-Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie, die viel
-voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut,
-denn wie hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose
-Ruhe bewahren können. Mit heftigen Schmerzen
-traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das
-Kind beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span>
-Sie schleppte sich noch einen vollen Mond durch
-ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die
-Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den
-endlichen Trank. Da sie heimging, noch bis zuletzt
-von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam zu
-ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns
-nicht beschieden, Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich,
-treffen wir einander später unter besseren Sternen.
-Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden;
-halt es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog
-meinen Kopf mit ihren schwachen Händen nieder
-und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal. Sie
-war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst
-nicht ermessen, was es heißt, die Liebste zu verlieren&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in
-die gespannten Wundennarben drang und mein Gesicht
-mit tausend Martern zerriß. Der Emir ahnte
-nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte,
-und wie jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige
-Striemen war. Dennoch lauschte ich ihm gierig
-und gewann in aller Verzweiflung Trost in seinem
-Schmerz.</p>
-
-<p>»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span>
-dunkle Pforte zu stürzen, aber der lächelnde Friede
-ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo Aufgaben
-meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand.
-Das Kind wurde all mein Glück, und das Kind
-wird mein Schicksal.«</p>
-
-<p>Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte
-sich, er sah versonnen, fast heiter aus, als
-verschwiege er noch ein Letztes, Schönstes.</p>
-
-<p>»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte
-ich, mich gewaltsam ablenkend.</p>
-
-<p>»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen
-Namen, den ich zu verschweigen bitte, sie nannte
-es Herzeleide. Es war dies, glaube ich, eine Laune
-ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich
-Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide
-rief. Jedoch &ndash; was fragst du nicht nach dir
-selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der Weissagung
-besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern
-als in voller Klarheit. Eines Tags, ihrem
-irdischen Ende nahe, sagte sie von dir, du würdest
-mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte
-mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken;
-sie aber lächelte nach ihrer Art und deutete:
-›Deine Lanze wird ihn treffen, aber nicht verwunden.<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span>‹
-Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte
-ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd
-und glaubte, nicht einmal nach deinem Namen fragend,
-an einen Zufall, bis Gott mich eines Besseren
-belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden
-Triebe, daß ich dich mit nach Bachara nahm, denn
-seit Sobeidens erster Amme hatte ich keine christlichen
-Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir
-den größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer
-tun kann; du hast die vor einem entsetzlichen Tode
-bewahrt, die für mich wächst und die ich einstmals
-heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß
-wartet deiner, und meiner warten die Geschäfte, die
-du, bist du genesen, brüderlich mit mir teilen sollst,
-wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren
-willst.«</p>
-
-<p>Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner
-Decke und schloß:</p>
-
-<p>»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen
-Mönchen; doch siehe, er fiel von der Wand, als ich
-die Schatzkammer betrat, und ich nahm den Wink
-für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«</p>
-
-<p>Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und
-noch mehr Verwirrung und Erstaunen ließ er zurück.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-12">12</h3>
-</div>
-<p class="drop">Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit.
-Der Emir blieb jung, denn er sah in die Zukunft;
-ich wurde alt, denn ich vergrub mich in alte
-Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach
-&ndash; was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt
-haben? Eine schöne, ungetrübte Freundschaft umgab
-uns, mit lebendigen Armen über viele Klüfte
-greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte,
-reichte das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der
-knospenden Lieblichkeit entfaltete sich eine lilienschöne
-Blüte, bei mir ein Vaterherz erschließend
-und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht
-immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit
-nahekommen, wenn ich meine, der Emir wollte
-in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem gezwungenen
-Herzen wurde zusehends ein freiwilliges,
-je weiter Sobeide in die Jungfräulichkeit wuchs,
-und aus dem Berechnenden wurde ein Hingerissener,
-der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span>
-zügelte; denn trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide
-im Herzen ganz Kind.</p>
-
-<p>Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht
-gewesen war, seinem Wunsche keine Hindernisse zu
-bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich
-Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler,
-zu welchem ein Retter aus Lebensgefahr selbst aus
-so fernen Kindertagen leicht werden kann &ndash; wenn
-er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht
-getragen hätte. Von all dem abgesehen, kannte
-er die abendländische Seele nicht gut genug, um zu
-wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete, nichts
-von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch
-welch ein trüber Ausgang!</p>
-
-<p>Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines
-bunten Lebens auf, sie waren glücklich, rein und
-reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und teilte
-ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und
-nötig hielt. Dabei muß ich erwähnen, daß viele
-Gespräche mit dem Emir mich von Grund auf gewandelt
-hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte
-wie er in dem unerschütterlichen Vertrauen, der
-Tod sei nur ein Wechsel des irdischen Werkzeugs.
-Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span>
-sich auf <em class="gesperrt">Erden</em> räche! Wie tief, daß alles Schicksal
-nur ein Prüfstein Gottes ist. Da verlor mein eigen
-Geschick seine Schrecken, wie es denn schon vordem
-in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen
-war.</p>
-
-<p>Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen.
-Der Emir war einer der fähigsten Köpfe, die mir
-je begegnet sind; in einer stolzen, wilden Seele barg
-er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum.
-Seine Vornehmheit saß <em class="gesperrt">unter</em> dem Kleide
-und verriet ihn nie, in welche Lagen er auch durch
-sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er
-mit rührender Freundlichkeit und erwies mir, der
-ich nur etliche Jahre älter war, eine schier kindliche
-Achtung. Seine Diener waren gewohnt, mich als
-zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat
-führte ich oft während der Abwesenheit Jussufs die
-von ihm begonnenen Arbeiten weiter, als sei er der
-Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften
-mich, ich war reicher als je und hätte ein großes
-Schiff gebraucht, wenn mich das Gelüst in die Heimat
-getrieben haben würde. Aber was war mir die
-Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit
-und Jagd, und auch bei der Heirat Jussufs sollte<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span>
-das alte väterliche Verhältnis bestehen bleiben, dies
-war mir zugesichert.</p>
-
-<p>Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um
-so nachdenklicher zu, wenn sie ihre Bälle im Garten
-warfen oder Schachzabel spielten, darin der Emir
-ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als
-Sobeide, aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir
-seine Ruhe mehr und mehr und zog, nicht immer
-mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich
-hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen
-nahm ich für Kindlichkeit, Jussuf dawider litt es
-allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es als
-Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide
-war in einem Alter, darin die Frauen des Morgenlandes
-längst mannbar sind. Sie mochte es auch
-körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht
-in ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen
-Dingen. Ich hütete mich wohl, sie zu
-wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle
-sprengen, wenn es reif geworden ist.</p>
-
-<p>Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am
-liebsten und rechnete den Unterschied des Alters
-nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein Jüngling,
-sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span>
-war eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer
-noch schön wie zu jener Zeit, da ich ihm begegnete;
-ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß Sobeidens
-Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden
-würde. Aber »es war ihm nicht bestimmt«.</p>
-
-<p>Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig
-wie möglich; ich wußte, daß die abendländische
-Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und
-in einem bedauernswerten Niedergang begriffen
-war. Es ging mir nahe, doch ich sah nur die Folgen
-schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit
-stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187
-kehrte Jussuf nach mondelanger Fahrt zurück, bat
-mich in sein Gemach und teilte mir mit, Jerusalem
-sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei
-dieser Nachricht wurden alte Vorstellungen und
-Bilder so stark in mir, daß mir die Tränen in die
-Augen traten und ich an mich halten mußte, um
-nicht meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die
-bitterste Scham übermochte mich, hier tatlos gesessen
-zu haben, indes draußen auf dem Felde die Brüder
-den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für
-was, den Tod der Helden jedenfalls; und gleichviel
-für welchen Gedanken sie fochten, ich empfand meine<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span>
-Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das
-Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage
-vor den Sarazenen.</p>
-
-<p>Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte,
-er drückte mir die Hand und sagte herzlich:</p>
-
-<p>»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme
-dich nicht, auch deine Riesenkräfte hätten das Verhängnis
-nicht gewendet. &ndash; Doch ich komme wegen
-anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte
-nicht ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst
-viele der kriegstüchtigen Gefangenen eine Zeitlang
-in der Sklaverei zu behalten, wenn sie auch in der
-Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken,
-warum: die Christen werden sicherlich versuchen,
-die Grabeskirche wiederzugewinnen; uns
-aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu verstärken.
-Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort
-sind, denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch
-braucht Sobeide ein paar Gespielinnen, damit sie
-nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«</p>
-
-<p>Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der
-braunen Haut errötete.</p>
-
-<p>»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen
-Mönchen,« scherzte ich, frohgelaunt über die<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span>
-Abwechslung, und er, nicht minder heiter, tat einen
-Blick auf mein muselmanisch Gewand.</p>
-
-<p>»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen
-Mönchen,« rief er unter herzlichem Lachen, »es
-wird niemand deine Heiligkeit erkennen. Freund,
-wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«</p>
-
-<p>Mit solchen lockeren Reden begann das traurige
-Abenteuer. Meine Vorbereitungen waren bald getroffen;
-das Kind jauchzte hellauf, als es hörte, was
-ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern
-und Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne
-daß ein leises Gefühl mich warnte, denn selbst die
-Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit Je
-näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir
-zumute; das Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge
-der Männer, Weiber und Kinder meiner Art,
-das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen
-waren und obdachlos zurückkehrten, da die
-christlichen Schiffsherren sie ohne Geld nicht mitnehmen
-wollten, dies alles drückte meine Stimmung
-tief herab.</p>
-
-<p>Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt
-über die Ordnung und Zucht der Sarazenen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span>
-mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des Kampfes
-ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich
-zuletzt und trieb mich rasch an meine Geschäfte. Für
-Sobeide suchte ich einige Waislein aus dem Deutschen
-Hause aus, das war bald geschehen; darauf
-ritt ich die Gassen der Gefangenen ab, und eine
-nicht zu verjagende Unruhe ward Herr über mich,
-da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich
-sah kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen,
-Knechte ohne Herren, hochmütig noch im Unglück
-aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte.
-Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel
-ergriffen sank ich im Sattel zusammen und starrte
-irren Auges auf den Hals meines Pferdes, darauf
-die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge
-hatte ich mein eigenes Gesicht erblickt.</p>
-
-<p>Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich
-besann, daß mein Antlitz undurchdringlich geworden
-war und mit seiner grausen Entstellung jeder Ähnlichkeit
-spottete. Doch war meine Verwirrung noch
-so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem
-Jüngling meinen Bruder zu erkennen glaubte.
-Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott
-entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span>
-Spuk erlosch nicht, als ich meinen Irrtum erkannte
-und sah, daß dieser Jüngling höchstens ein Sohn
-des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.</p>
-
-<p>Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um
-Zug sah ich den Vater, und daneben in zorniger
-Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes
-die Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins!
-Es sollte Tropfen um Tropfen für meine Leiden
-bezahlen.</p>
-
-<p>»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.</p>
-
-<p>Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln
-glitt über sein Gesicht, als er die Heimatlaute im
-Munde eines Moslem fand, dann spottete er herbe:</p>
-
-<p>»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst
-du für schmutzige Geschäfte, Alter? Pfui über dich!
-Warst du ein Normanne, so schäme dich doppelt:
-ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«</p>
-
-<p>»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du
-nichts als eine Ware.«</p>
-
-<p>Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran
-und ward handelseinig. Mich hielt es nicht mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span>
-auf dem Markt und in der Stadt, durch die ich einst
-mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das
-Elend der abendländischen Ritterschaft, die nach
-allen Richtungen verstreut wurde, und sprengte mit
-meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll
-verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des
-Bastards kümmerte ich mich während der Reise
-nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen Leuten. Ich
-hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in
-schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun,
-die wenig Kummer verrieten. Er schien sich in der
-Gesellschaft wohlzufühlen, wie es dem Bastardblut
-geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und
-Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber
-zu keinem Ende. Eine unerklärliche Schwermut,
-mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend auf mein
-Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks
-rauschten die dunklen Fittiche wieder über mir, und
-abermals fragte ich nicht nach Gottes Willen. In
-Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne selbst
-das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert,
-von Dämonen zerrissen, aber von schlummerlosen
-Reisenächten gottlob ermattet, daß ich willenlos
-versank.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-13">13</h3>
-</div>
-<p class="drop">Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den
-Tag zurück. Die Erregung war einer Art von
-Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr
-Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich
-doch nicht mehr für immer erobern konnten. Und
-mählich klärte sich mein Besinnen: Was war Gott
-mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille
-Zeit verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit
-für dies mein Glück? Also, sprach mein
-Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine
-Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu
-und zögerte.</p>
-
-<p>Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ
-den Bastard zu mir kommen. Er musterte mit seinen
-schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu
-grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und
-schob die beiden zuspringenden Wachen mit mächtigen
-Armen beiseite. Ich winkte, sie gingen betroffen
-hinaus.</p>
-
-<p>»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,«
-höhnte der Junge, und bis auf die Stimme glich er
-dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte ich
-mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung
-für die schöne, kühne, blonde Jugend,<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span>
-die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und schon
-wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde
-dasaß. Über seine Frechheit weghörend, fragte ich
-kurz:</p>
-
-<p>»Du heißt?«</p>
-
-<p>»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf
-die Lippen und rief: »Was geht das dich an, alter
-Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft oder hast
-du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an
-die Juden in Genua, daß sie mich auslösen, und
-mach dein Geschäft an mir und dem christlichen Unglück,
-aber verschone mich mit deinem Anblick.«</p>
-
-<p>»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung
-ist nicht zu denken, du bleibst Sklave. Wer dein
-Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig sein. Vergiß
-dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir
-angewiesen werden, zur Zufriedenheit der Aufseher,
-so wird dir kein Leids geschehen.«</p>
-
-<p>Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer
-schoß, eine steile Lohe lief über seine Stirn, er
-sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender
-Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:</p>
-
-<p>»Mir ein Leids tun? Willst <em class="gesperrt">du</em> das etwa versuchen?
-Oder vielleicht dein braunes Ziefer?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span></p>
-
-<p>Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle
-lief warm über mein Herz. Ach, du prächtige,
-großmaulige Jugend aus Nordland! Ach, ihr tolldreisten
-Riesen aus Schnee und Himmel und Gold!
-Ach, ihr hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus
-Wachs!</p>
-
-<p>Bastard oder nicht, der Junge war von echtem
-Korn, und wäre er eines anderen Sohn gewesen,
-ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen.
-Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung
-geworden sein, da er gegen mich offenbar
-wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er brachte
-mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen
-Hügeln, mit den Stimmen des Waldes und dem
-Leuchten der Wolken.</p>
-
-<p>Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene
-Blicke auf die Reste meines Mahles tat, er mußte
-noch nichts bekommen oder genommen haben. Ich
-legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie
-ihm, der dunkel errötete. »Nimm sie getrost. Ich
-verstehe deine Abwehr gut, aber du darfst nicht verhungern,
-und alles kommt aus derselben Küche. Ich
-werde dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst
-einmal als Sklave gehabt habe, bevor ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span></p>
-
-<p>»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge
-trotzig und schlug das Brot aus meiner Hand.</p>
-
-<p>Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und
-sein Freund ward. Den Heiland habe ich nicht so
-sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in den
-Staub wirfst.«</p>
-
-<p>Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er
-versuchte mich freimütig anzusehen und stammelte
-höflich:</p>
-
-<p>»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«</p>
-
-<p>»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal
-griff er zu, und ich sah seinem Hunger an, wie
-schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.</p>
-
-<p>»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin
-sorgt für Geiseln, denn da ihm das ganze
-Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor neuem
-Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«</p>
-
-<p>»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend.
-»Glaubst du, König Richard ließe sich das gefallen?
-Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er erfährt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span>
-die Augen. »Warum zieht dein Vater nicht zu
-Felde? Warum schickt er dich statt seiner?« fragte
-ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte
-sich, ein Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe,
-ob sie fröhlich sei.</p>
-
-<p>Bereitwillig gab er Antwort:</p>
-
-<p>»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu
-tun, insonderheit bei den Unruhen der englischen
-Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und
-untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag
-sie nicht verlassen. Auch hat er mich nicht geschickt,
-ich bin davongelaufen, sonst wäre ich nie ins Morgenland
-gekommen; denn ich bin der einzige Erbe
-zu Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein
-stilles Haus, Alter.«</p>
-
-<p>Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die
-alten Tage zogen wundersam leuchtend herauf.
-Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster,
-keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam
-nur traten seine Worte in mein Bewußtsein, herb
-und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit sei
-krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete
-Harald, mir zu folgen. Durch Palmenwege
-schritten wir zu dem Garten, den ich einige Jahre<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span>
-verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden,
-war etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt,
-der Garten wurde von dem Hauptgesinde
-mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der
-Emir nicht mehr her; ich wußte, warum. In der
-Mitte des Geheges wogte ein Rosenhain voll der
-edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung
-hatte ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt.
-Es war der Platz, auf dem Gertraudens
-Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr
-Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.</p>
-
-<p>Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.</p>
-
-<p>»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich
-mit verstellter Gelassenheit, »es ist, glaub es mir,
-gelinder als das meinige. Die Beschäftigung mit
-dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden
-tut wohl und macht ruhig. Niemand soll dich
-treiben; flick die alte Hütte und harre deiner Stunde
-in Geduld.«</p>
-
-<p>Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah
-mich mit lachenden Augen an:</p>
-
-<p>»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen:
-kann ich fliehen, so geschieht es.«</p>
-
-<p>Den anspringenden Schrecken &ndash; nachher wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span>
-mir bewußt, wie sicher mein Herz empfunden &ndash;
-dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich murmelte
-einige Worte zum Abschied und eilte hinaus,
-den Wachen die Fürsorge für den neuen Gärtner
-einschärfend.</p>
-
-<p>Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im
-Kreise ihrer neuen Gespielinnen, und die jungen,
-schönen Gesichter strahlten Freude über ihr unfaßbares
-Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein.
-Sie hatten ein ganz anderes Los befürchtet.</p>
-
-<p>»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir
-um den Hals. »Nun hast du eine ganze Gemeinde
-für dich und kannst wieder Priester sein!«</p>
-
-<p>Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach
-ein tolles Gelächter aus, und ich stimmte von Herzen
-ein. Wilder konnten die Gegensätze nicht in ein
-paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch
-von der mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und
-Leben und Geselligkeit schuf und jenseits der Mauer
-ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch
-in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum
-für Trauer, ich vergaß und genoß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-14">14</h3>
-</div>
-<p class="drop">Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe
-der Sehnsucht, jede leichte Bewegung wurde ihm
-zum Wesensspiegel. Da er nach seiner Rückkehr sich
-über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen
-flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie
-tief und barg verschämte Augen vor seinem heißen
-Blick; und als sie in der Abendstunde unter der
-Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie beide
-nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern
-hüpften, toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der
-Emir Schach, bei ungedecktem König; sie achteten es
-beide nicht. In starker Verwirrung stürzte das Kind
-die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief
-schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.</p>
-
-<p>»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit
-lächelnd, »nun ist ihr Gemüt doch wahrhaft
-genügend bewegt, und das Herzchen steht in Flammen.«</p>
-
-<p>Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem
-Strohhalm, seine Züge klärten sich auf, er faßte
-mich um die Schulter und stammelte:</p>
-
-<p>»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind
-verfolgt mich durch die Träume, aber ich kann, ich
-kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld wehrt<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span>
-mich ab. Wie? &ndash; Geduld? &ndash; Ich habe sie all die
-Jahre gehabt, nun aber geht es über meine Kraft.«</p>
-
-<p>Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun
-die letzten Wochen, die jungfräuliche Festung wolle
-ihren Stolz, sich nicht so leichtlich besiegen zu lassen,
-und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit
-halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast
-zurück. Wir waren ein paar alte Narren und wußten
-es nicht.</p>
-
-<p>Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf
-mich über, auch mein Schlaf wurde blasser und wich
-einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein Arg, daß
-Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames
-Benehmen anders zu erklären sein? Wen anders
-als ihn, der schön, treu und mächtig war? Es gab
-keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles
-denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor
-ihr verborgen. Und doch fühlte ich ein Gewitter in
-der Luft, der schwüle Hauch ließ mich nicht ruhen.
-Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich
-aufstand und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte
-ich meine Schritte an das Tor, hinter dem ich der
-Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen
-aufschließen und trat ein, angenehm von<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span>
-meinen Gedanken abgezogen von einer schmunzelnden
-Erinnerung an den Jüngling, der dort sein
-Herzogtum verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne
-Haß unter den Sternen der kühlen Nacht, das Vergangene
-schien abgetan, das Tote tot. Alles war
-still, das Rosengrab Gertraudens stand vergessen
-und traurig entblättert, die Wege herum waren
-vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und
-Büsche verwildert, unbeschnitten &ndash; Harald wünschte
-offenbar sein Brot nicht mit der Hände Arbeit zu
-verdienen. Eher beklommen und traurig als zürnend
-schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte
-wissen, was er trieb und dachte. Vielleicht hatte
-Verzweiflung ihn in den stählernen Fängen, und
-sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.</p>
-
-<p>Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß
-noch wach. Verwundert rieb ich mir die Augen: die
-ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen umrankt,
-in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem
-flachen Dach, das elende Gemäuer sah wie ein
-Märchen aus. Hier also steckten seine Tage, nur für
-sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich
-näher und spähte durch das Fenster, vor dem zu
-meinem höchsten Erstaunen ein seidener Vorhang<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span>
-hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende,
-Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte
-unsinnige Brocken Deutsch und Normannisch
-durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes, sehnendes
-Wort aus Mädchenmund &ndash; meine wilde
-Jugend stand so jäh vor mir, daß ich auf den Ärmel
-beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der Tunichtgut
-hatte eine der Gespielinnen Sobeidens
-über die Mauer gehoben und koste mit ihr; und so
-alt ich war, es reichte noch nicht zu einer greisen
-Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter
-eine hohe dunkle Staude, die Neugier hielt mich,
-ich wollte wissen, für welche der Schönen mein Herr
-Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen
-gerichtet hatte.</p>
-
-<p>Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt;
-doch endlich ging die Tür auf, der Junge stand breitbeinig
-davor und lauschte in die Nacht. Dann bog
-er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert,
-hüpfte in seinen Arm und ward auf leisen Sohlen
-an die Mauer getragen; vorsichtig machte ich mich
-hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf
-die Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen
-hatte, und ließ ein Seil herunter, daran<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span>
-ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne
-setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.</p>
-
-<p>Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen,
-daß mir ihr Gesicht entgehen sollte; aber jetzt, da
-die beiden auf der Mauer saßen, löste sich der
-Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich
-dem Beneidenswerten zu einem langen Kuß.</p>
-
-<p>Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner
-Brust. Es war Sobeide.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-15">15</h3>
-</div>
-<p class="drop">Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen
-Kopf ging, verschmolz in einer kalten Mordlust.
-Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben!
-Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige
-Freund, den ich auf Erden besaß, seine Sehnsucht
-in verschwiegenem Busen getragen, damit ein
-hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen
-Larve ihn um sein Eigentum betrog &ndash; er mußte
-sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige Trauer in
-das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das
-Grab setzt Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben.
-Ungeheures wollte Gott von mir, damit ich
-meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau,<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span>
-die ich geliebt hatte und noch immer liebte, sandte
-er in dies ferne Land zum Opfer meiner Treue, den
-Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten um
-der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte
-ich meinem Schicksal männlich entgegengehen.</p>
-
-<p>Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei
-der Hand und geleitete es in den Garten an die
-Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, und also
-spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner
-Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit
-verlockt hat. Er hat seine Strafe; forsche du der
-Dirne nach. Und damit du ein größeres Frauenrecht
-hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf
-den Neumond festsetzen.</p>
-
-<p>So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte
-von all dem unberührt bleiben. Wenn nicht der
-Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies mußte
-ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und
-barg mich in den Schatten, den blanken Dolch in
-der Faust. Seine sorglosen Schritte schollen über
-den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin
-und zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das
-Licht und ließ den Mond auf die kahlen Wände
-scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span>
-Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt;
-nicht um mein Leben hätte ich ihn so erschlagen können.
-Mit einem Sprung stand ich vor ihm und
-packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort
-und tat eine kaum merkliche Bewegung.</p>
-
-<p>»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?«
-fragte er gelassen und sah mich forschend
-an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und was willst
-du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch
-nicht, mich halten zu können!«</p>
-
-<p>Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand
-und nahm all seine Kraft zusammen.</p>
-
-<p>»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!«
-keuchte er, vor Unwillen und Anstrengung feuerfarben.
-»So laßt mich doch und sagt endlich Euer Begehren!«</p>
-
-<p>»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die
-Braut eines anderen zu stehlen?«</p>
-
-<p>»Ach, du Schleicher! &ndash; Die Braut eines &ndash;
-Mach dich nicht lächerlich, Alter; ich habe den ersten
-Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr täuschtet Euch
-in der Dunkelheit und meintet eine andere.«</p>
-
-<p>»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört.
-»War es nicht Sobeide, mit der du in deiner stinkenden
-Hütte freveltest?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span></p>
-
-<p>Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang
-nicht echt.</p>
-
-<p>»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst
-du? Wo sämtliche Rosen des Gartens zu ihrer
-Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen
-Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht,
-oder&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß
-die Lippen &ndash; wie eng beieinander wohnen Liebe
-und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn
-nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:</p>
-
-<p>»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr
-Wissen. Genug davon: sage mir eins: Hast du sie
-angetastet?«</p>
-
-<p>Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht,
-seine Augen gewannen eine Fülle rührender Kindlichkeit.
-Als er schließlich begriff, wogte ihm das
-Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand
-auf meinen Arm und schrie:</p>
-
-<p>»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem
-Ungläubigen willst du sie verschachern!«</p>
-
-<p>Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich
-zwei Schritt zurück, Tod in den glühenden Augen.
-Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde Befreiung<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span>
-war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich
-ihn nicht abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust,
-die aller Gründe vergaß, faßte uns beide, und
-wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in
-dem Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn
-uns beiden war nicht um Horcher zu tun.</p>
-
-<p>Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche
-Kraft war mir nirgends begegnet; ich keuchte unter
-seinen gewaltigen Armen und brauchte meine ganze
-Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf
-ihn über die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und
-drosselte ihn mit beiden Händen. Die Augen quollen
-ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte wegschauen.
-Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd
-seine weiße Brust und unter dem Herzen das dreigespaltene
-Mal der Trebilons.</p>
-
-<p>Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis
-zu den Füßen, ich starrte entsetzt in das verkrampfte
-Gesicht vor mir. Ich wollte schreien, aber nur ein
-heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß
-es nicht zu! Nicht zu!</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das
-Richtige zu tun, überhaupt zu handeln. Wie eine
-Feder schwang ich den schweren Körper auf meine<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span>
-Arme und lief nach den Trögen, in denen das
-Regenwasser für den Garten stand, netzte seine
-Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an dem leblosen
-Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang,
-ohne aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem
-heißen Drang nachzugeben, diese geliebten Lippen
-zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber Gott
-rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen
-nicht. Seine Liebe ergoß sich auch über diese grauenvolle
-Stunde und prüfte mich nicht über meine Kraft.
-Denn ich hätte es <em class="gesperrt">nicht</em> ertragen.</p>
-
-<p>Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes
-Gesicht, unsicher blickte er mich an. Ich
-legte den Finger auf den Mund und hieß ihn
-schweigen.</p>
-
-<p>»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir
-auch seltsam vorkommen. Bei dem ewigen Gott, ich
-will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich miteinander
-meint!«</p>
-
-<p>Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken,
-konnte ich nicht finden. Er sprang auf, taumelte
-und stützte sich an mir.</p>
-
-<p>»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene
-Art für Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span>
-ein Gaul oder wie mein Vater &ndash; sag, kann ich dir
-trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein
-christlich Herz?«</p>
-
-<p>»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge!
-Wie alt bist du?« Er ahnte nicht, mit welcher
-Spannung ich an seinen Lippen hing.</p>
-
-<p>»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er
-verlegen, er fühlte seine grüne Jugend als wenig
-ausreichende Grundlage für Liebesdinge; »jedoch in
-unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«</p>
-
-<p>Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte
-mich in eine wundersame Welt; er war mein Sohn,
-mein eigen Fleisch und Blut. Die Zeit stimmte,
-Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und
-dies zu der Stunde, da ich Wildling sie schier zu
-Tode schlug. Späte Scham stieg mir in das früh
-ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ keine
-Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen,
-mein Kind nicht in die Arme zu schließen!
-Ich wußte nicht, wie das anstellen, da half er mir
-selber:</p>
-
-<p>»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir
-bürgen, daß du uns nicht beide verdirbst? Sobeide
-und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie kannst<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span>
-du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«</p>
-
-<p>In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein
-Herz, fast hätte ich laut gejubelt.</p>
-
-<p>»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das,
-was ich dir jetzt zeigen will, für immer zu schweigen!«</p>
-
-<p>Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber
-schob mein Gewand zur Seite und zeigte ihm das
-Mal unter meinem Herzen.</p>
-
-<p>»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite
-deiner Ahne. Nun bin ich der Mönch Ronald und
-tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«</p>
-
-<p>Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann
-sprang er auf mich zu, umarmte mich und küßte meinen
-zerschundenen Mund und rief:</p>
-
-<p>»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine
-Tochter, und dir &ndash; ein Bistum!«</p>
-
-<p>Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen
-lerchengleich aus meinem Herzen; alles, alles
-hatte mir Gott vergolten durch diesen einen kurzen
-Augenblick.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-16">16</h3>
-</div>
-<p class="drop">Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum
-Kampf. Jussuf war für einige Tage verritten; ich
-hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können. Der Himmel,
-der mich mit Freuden überschüttete, forderte
-von mir Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich
-hinein, was das Schicksal von mir erwartete. Pläne
-wurden geboren und verworfen, es blieb nur die
-Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen,
-und zagenden Herzens schritt ich in das Frauenhaus.</p>
-
-<p>Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so
-fröhlich mich sonst dieses Licht gemacht hätte, heut
-stimmte es mich schwermütig, denn ich kannte seinen
-Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse
-vor mir hatte. Mein Kind &ndash; war jener andere
-nicht viel mehr mein Kind? Ich schüttelte die Gedanken
-von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug
-nicht die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener
-Schicksalsfäden. Das Kind saß neben
-mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span></p>
-
-<p>»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und
-fühlte, wie sie schwerer an meine Brust sank.</p>
-
-<p>Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende
-Angst in den Augen.</p>
-
-<p>»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte ich und wußte genug.</p>
-
-<p>Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und
-weinte leise.</p>
-
-<p>»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt
-und verwöhnt, er liebt dich mit der Glut seines starken
-und treuen Herzens; nun läufst du ihm davon,
-mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«</p>
-
-<p>So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes
-meins vor Weh brechen wollte. Sie sank in sich zusammen
-und weinte auf meine Hände, unaufhaltsam
-quoll die bittere Flut aus ihren Augen.</p>
-
-<p>»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«</p>
-
-<p>Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte,
-und sie, die bis vor kurzem von Liebe nichts wußte,
-war nun ganz in Liebe getaucht.</p>
-
-<p>»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen
-Bruder, er ist der edelste und gütigste Mensch &ndash;
-nächst dir, Vater,« verbesserte sie sich und streichelte<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span>
-meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich
-seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann
-nicht von ihm lassen, im Leben und im Tode nicht.«</p>
-
-<p>Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus
-dem schlichten Grunde ihres Wesens wurzelecht und
-selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem
-Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in
-Fernen; mir blieb keine Wahl.</p>
-
-<p>»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte
-ich; »doch des seid gewiß, wir alle spielen mit
-dem Tode. Nur die Flucht rettet euch, und wehe,
-wenn uns Jussuf einholt!«</p>
-
-<p>»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit
-glücklichen Augen, sie hörte nur das Versprechen der
-Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber, Väterchen,
-mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«</p>
-
-<p>Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit
-überströmen, und er, der unser aller Schicksal in den
-Händen hielt, blieb betrogen, einsam, leer in seiner
-Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber
-entglitten sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf,
-und ihr Leib zuckte hilflos in meinem Arm.</p>
-
-<p>»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte
-niemandem mehr ein Leid!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span></p>
-
-<p>Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles
-Leben währender Kummer ist. Nur die Erinnerung
-blickt über das flache Feld und sieht nichts als den
-hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens,
-der Freude, der Lust.</p>
-
-<p>»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit
-zurückkehrend. »Es ist unmöglich, sie alle
-mitzunehmen; je weniger wir sind, um so größer die
-ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«</p>
-
-<p>»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so
-ganz Weib, daß ich in aller Trauer lächeln mußte;
-»er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum liebt er
-nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und
-klug, viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und
-Pein bringe.«</p>
-
-<p>Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld,
-die fremde Wünsche und Hoffnungen ihr auferlegten,
-drückte sie zu Boden; nur die junge, heiße
-Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den
-Sternen zu greifen.</p>
-
-<p>»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor
-Abend, reiten wir davon. Keins deiner Mädchen
-darf ein Wort erfahren; fort die Tränen, Verschwiegenheit
-ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-17">17</h3>
-</div>
-<p class="drop">Ich schlenderte in die Ställe und musterte die
-Pferde. Jussuf, dies ist der Dank für deine königlichen
-Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose
-Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein
-Fürst neben dir gehen durfte.</p>
-
-<p>Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag
-nichts Auffälliges in meinem Befehl, da ich oft mit
-Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich in den
-Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit
-dem gesunden Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke
-von einer Hammelkeule biß.</p>
-
-<p>»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und
-ich. Der Emir wird kaum vor morgen erwartet.
-Lege dein altes Gewand an und darüber diesen
-Mantel. Und &ndash; hast du die andere Keule noch?
-Gut, pack sie ein, ich will mich nicht auffällig versehen.
-Du erhältst Bescheid.«</p>
-
-<p>Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn,
-meiner verworrenen Gefühle kaum mehr Herr. In
-meinem Zimmer ging ich auf und ab und grübelte
-über einen Brief für den Emir, doch die schönsten,
-tiefsten Worte, die ich fand, dünkten mich armselig
-und schal. Das Mahl stand unberührt auf dem
-Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch,<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span>
-füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter
-Stirn eine Menge Goldes in meinen Gürtel
-und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst nahm
-den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt
-hatte, und all diese Dinge barg ich notdürftig
-unter meinem Mantel. Das Gewissen betäubte ich
-mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu
-schreiben. Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause
-meines Freundes &ndash; unter harten Augen verhehlte
-ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie.
-Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht,
-wohin sich wenden nach solcher Tat. Noch auf dem
-Wege zum Frauenhause beschloß ich, die beiden
-Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann
-männlich vor Jussuf zu treten: Hier bin ich, morde
-mich und kühle deine Rache in meinem Blut!</p>
-
-<p>Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige
-Erleichterung, meine Tatkraft spannte sich freudiger.
-Der Tod dünkte mich kein großes Ding, ich
-glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war
-mit solchem Abschluß zufrieden.</p>
-
-<p>Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da
-eine jähe Entscheidung verlangt ward, blutete ihr
-Herz um den Mann, dem sie eine sorglose Jugendzeit<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span>
-verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen,
-schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler;
-nichts von all den Beweisen von Jussufs
-Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen
-Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts
-dawider, stolz auf ihren hohen, adligen Sinn, und
-so wandten wir uns schweigend zu den Pferden,
-stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel
-führend, an die andere Seite des Gartens. Vom
-Sattel aus konnte ich die Mauer erreichen; Harald
-hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste
-versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe
-hielten wir an, banden die Schläuche und Vorräte
-auf die Kruppen und bereiteten uns besser auf den
-langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die
-Jugend zum erstenmal unter fremden Augen an;
-ihre holde, tastende Verwirrung hätte mich unter
-anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte
-es mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde
-an und ritten wortlos in die nahende Nacht, von
-niemandem belästigt, von keinem verfolgt.</p>
-
-<p>Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde
-sie in das Abendland begleiten; ich mühte mich ab,
-ihr meinen geänderten Entschluß in einer Weise<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span>
-mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen
-würde, aber zum Erfinden taugte mein Kopf heute
-nicht, ich verschob die Aussprache bis an den Morgen.
-Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz
-zu lindern vermöchte, ich besann mich auf
-meine Priesterrolle und stand so fern allen Formeln
-und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen
-Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen
-Reise selber ehelich miteinander verbinden; Gott,
-meinte ich, würde den Segen des Vaters dem des
-Priesters gleichstellen.</p>
-
-<p>Der Tag begann mit karger Sonne, mir war
-nicht zum Beichten zumute. Bei kurzen Rasten
-ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine
-andere Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige
-Hafen, der der Christenheit noch im Morgenlande
-verblieben war, und von dem aus wir mit einiger
-Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem
-Kummer lahmte Sobeidens Pferd; auch sie
-selbst war von der äußeren Anstrengung und inneren
-Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit
-Zwang in den Bügeln. Es kam so weit, daß Harald
-seine Beute vor sich in den Sattel nehmen und
-mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span>
-Kraft war dies eine kleine Last, und dennoch zitterten
-seine Hände, als ich ihm das Kind emporreichte.</p>
-
-<p>Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der
-Tiere willen zu einer längeren Ruhe bequemten,
-sprach ich den Kindern davon, sie gleich an Ort und
-Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in
-welche Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie
-griffen danach, als hätte ich ihnen die ewige Seligkeit
-geschenkt; es war doch <em class="gesperrt">ein</em> Ziel dieser Flucht,
-das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die
-beiden Kinder knieten unschuldig vor mir nieder,
-Hand in Hand. Die Stimme versagte mir fast, das
-Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar
-Worte stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete
-ich sie ein, zog sie an meine Brust und küßte sie
-beide in Herzenslust und Trauer.</p>
-
-<p>Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir
-hatten alle inmitten der Nachtkühle fieberheiße
-Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer Weile
-bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter
-den Sternen dahin, die beiden eng umschlungen, ich
-mit Sobeidens Pferd am Zaum hinterdrein. Einmal
-war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken,
-aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren,<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span>
-flimmernden Himmelssaum über dem silbernen
-Steppengrase.</p>
-
-<p>Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr
-verlassen, immer häufiger drehte ich den Kopf, und
-endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen eines
-Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich
-neben Harald, dem ich leise befahl, schneller fortzureiten,
-da ich, drohe Gefahr, rascher als er auf
-seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte
-kein Arg, trieb den müden Gaul zum Trabe und
-verschwand bald hinter den Hügeln.</p>
-
-<p>Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal
-zu, denn der aus dem Osten gegen mich anritt, war
-der Emir.</p>
-
-<p>Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den
-hemmungslosen Zorn in seinen Zügen; von seinem
-Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, der keinen
-Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit
-dem Dolche. Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet,
-sprengte er heran, Mord in den verwilderten
-Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der
-Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war
-verwirkt. Aber ich wollte dem Tod so lange wehren,
-bis ich Jussuf das Glück der Kinder abgerungen. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span>
-rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts
-hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein
-Pferd und rannte auf mich ein.</p>
-
-<p>Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet,
-nicht ich!</p>
-
-<p>Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war,
-zerschlug ich den Speerschaft mit dem Schwerte. Der
-Emir tat eine unglückliche Wendung im Sattel und
-stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand
-plötzlich still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten
-Tiere; Jussuf sank ohne einen Laut in
-meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und wurden
-mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er
-schlug die Augen auf und sah mich erstaunt, fast
-heiter an. Ich hatte die Hand auf seine Wunde gepreßt,
-aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam
-über meine Finger, er war verloren. Zu sprechen
-vermochte er nicht, seine Arme lagen an meinem
-Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden Kraft
-und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein
-Lächeln glitt über seine Züge und hielt mit einem
-an, als schaue er entzückt ein Wunderbares. Stöhnend
-strich ich ihm die Lider über die gebrochenen
-Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span>
-Schweiß und Staub. Dann hob ich ihn aus dem
-Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab
-und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken
-in den Anblick seines friedlichen Gesichts,
-das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel festhielt
-und so schön war wie im glücklichen Leben.
-Vielleicht, daß Gertraude seiner scheidenden Seele
-winkend den Weg in die neue Heimat gewiesen.</p>
-
-<p>Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den
-Seinen den blutigen Leichnam und mich selbst zum
-Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos
-trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch
-in jeder Stunde von Gefahr umgeben. Bei ihnen
-war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart,
-die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich
-ritt, hob ich mit dem Schwerte die Grasnarbe ab
-und grub dem Freunde ein Bett. Dann säuberte
-ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den
-Blutflecken, legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte
-das Grab zu. Ich sorgte, daß die Erde über ihm
-nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte,
-indem ich eine Menge Steine zusammentrug und
-einen Hügel von Gewicht und Dauer aufschichtete.
-Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span>
-Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier
-und ritt den Kindern nach.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-18">18</h3>
-</div>
-<p class="drop">Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da
-sie mich sahen, als ob ein Gespenst sie überrascht
-hätte. Und ich &ndash; gelassen bot ich des Emirs Grüße
-und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk
-an Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen
-und sei auf dem lahmen Tier langsam zu den Seinen
-verritten.</p>
-
-<p>Sobeide beugte sich über meine Hand und
-schluchzte leise:</p>
-
-<p>»Und du, Vater?«</p>
-
-<p>Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt,
-ich starrte über die glühende Steppe und trotzte dem
-Gott, der mich verfolgte, indes mein Herz wie ein
-gefangen Wild in seinem Kerker tobte.</p>
-
-<p>»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie
-ich rauh. Aber sie blickten mich erstaunt an und hörten
-mich nicht; die Worte blieben mir in der Kehle
-stecken.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Buch">Drittes Buch</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span></p>
-<h3 class="hidden" id="sect-19">19</h3>
-</div>
-<p class="drop">Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte,
-zu Wasser und Lande voll von Ereignissen.
-Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu geblieben,
-aber von diesem Wege, seit dem Morgen,
-an dem ich Jussuf begrub, habe ich nur eine dumpfe,
-bleischwere Erinnerung, als sei ich ihn ohnmächtig
-und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft
-berichtet, wie ich bei Stürmen unvernünftig auf
-Deck hin und her gelaufen sei, daß Harald mich halten
-und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich gedankenlos
-und ohne aufzuschauen durch Italien und
-über die Alpen geritten, und daß die Ärzte in
-Deutschland mich für zerrütteten Geistes erklärt
-hätten.</p>
-
-<p>Ich <em class="gesperrt">war</em> krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner
-Brust und verließ mich erst zu der Stunde, da ich
-die Grenze meines Landes überschritt. Dort stand
-am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei
-tief in den Stamm geschnittenen verschlungenen
-Herzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span></p>
-
-<p>Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte
-zu Sobeide:</p>
-
-<p>»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen,
-die mein Vater ehemals in den Baum geschnitten.
-Ich hätte Lust, auch unseren Bund hineinzuschreiben.
-Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«</p>
-
-<p>Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit.
-Sobeide mochte es zu lange dauern, daß ihr Eheliebster
-ein paar Schritt fern war, sie glitt aus dem
-Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich
-der Schleier von meiner Seele, ich starrte auf das
-Bild und sah zwei, die vor zwanzig Jahren die alten
-Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, glücklich
-gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an
-mir vorüber, klar und hart wie ein Wintertag, und
-abermals hielt ich an der Grenze meines Herzogtums,
-ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger
-Greis. Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer
-dunklen Lücke, ich ahnte, daß ich krank gewesen, ich
-fühlte, daß ich genesen sei.</p>
-
-<p>Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh,
-denn der Abend schon würde mir ein Wiedersehen
-bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht als alle
-Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span>
-Sinn, ohne mich mehr als flüchtig nur zu rühren,
-denn mein Herz lag, kaum erstanden, in anderen
-Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt.
-Ich sah den Himmel mit den wunderbaren
-Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen schwammen
-und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft
-der Heimaterde, stark und lenzgeschwellt, mir war,
-als senke meine Seele selige Würzlein in die Scholle
-und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge
-sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar
-wie ein Kindlein an mütterlicher Brust.</p>
-
-<p>Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein
-Schreibwerk hereinbricht, will ich deiner gedenken,
-du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste
-der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen,
-aber du vergißt ihrer nimmer. Du warst bei mir in
-der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum gedacht,
-du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat,
-Heimat, dich hab ich behalten von allen Gütern, dich
-allein hab ich geliebt, ob ich dich auch hundertmal
-verriet, gehemmt von Leidenschaften und Wünschen.
-Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und
-nichts war außer dir als toter Sand.</p>
-
-<p>Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span>
-Lächeln dem Ende dieses Tages entgegen.
-Die Kinder merkten verwundert, wie ich verständig
-in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder
-Freude ließ sich Harald den Zaum meines Rosses
-aus der Hand nehmen. Jetzt erst drang mir auch die
-äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein;
-die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht
-und ich selbst eine neue warme Kutte.
-Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf &ndash; gottlob,
-sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der
-Tonsur verschont.</p>
-
-<p>Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte
-im Walde, die Stille ging wie ein träumendes
-Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher
-Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte
-rückte näher. Plötzlich lag die Burg vor uns,
-steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond darüber
-lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten
-Wolkenwälder. Wortlos hielten wir an, gebannt
-von der großen Art dieses Bildes, von Erinnerungen
-und Hoffnungen überwältigt.</p>
-
-<p>»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise
-zu mir. Ich neigte den Kopf; Gottes Wege, Gottes
-seltsame Schicksale schlossen langsam ihren Kreis.<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span>
-Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling
-in das Haus seiner Väter zurück, Frieden und
-Liebe schienen am Ende des blutigen Pfades zu
-stehen.</p>
-
-<p>Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief
-bewegt und schämten uns der nassen Augen nicht.
-Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen
-und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg
-hinanritten; sie scheute sich, hier sogleich als künftige
-Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe von den
-Eltern erst bestätigt werden.</p>
-
-<p>Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der
-Lärm der Diener, als sie den Jungherrn sahen, hätte
-Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen die Alten
-herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen
-den Saal betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu
-betrachten, denn es dauerte lange, ehe die Reihe an
-mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden herbeigesehnt,
-ging nüchterner an mir vorüber, als ich
-gewähnt hatte, schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und
-Harren hätten meine Liebeskraft verbraucht. Ich
-kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für
-Aleit gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards
-fesselten mich fast ebenso stark. Trotz allem<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span>
-mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß
-ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser
-seltsamen Heimkehr war, verlassen im Hintergrunde
-stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß war, aus
-den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den
-schalen Rest der Höflichkeit zu bekommen.</p>
-
-<p>Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war
-bleicher und zarter, silberne Fäden trug sie im Haar,
-ihr Mund war weicher, ihr Blick versonnener. Mir
-schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden,
-und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe
-auf ihrer Stirn betrachtete, glaubte ich den Grund
-zu erkennen. Es war ein feiner Unterschied in der
-Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings,
-mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz,
-nichts fragend, weder mit Worten noch mit
-Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von
-seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen
-Atemzug, dann erst schloß sie auch die Tochter in
-die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung außer
-mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben
-von Claraforte rasch und wild an sich gepreßt hatte,
-sich zu Sobeide wandte, lag sein Auge auf ihr, als
-erforschte er ihr Blut bis in die fernsten Geschlechter,<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span>
-und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte:
-dies Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem
-anderen, harten, strengen Antlitz, das Furchen tiefer
-Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, wandelte
-sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen,
-und &ndash; weh! &ndash; mein arges Herz triumphierte
-darob.</p>
-
-<p>Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald
-zwischen den Eltern, Sobeide neben Aleit, ich neben
-dem Bastard, und nun erst faßten sie mich genauer,
-soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald
-erzählte kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard
-neigte sich verbindlich zu mir und sagte:</p>
-
-<p>»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger
-Vater. Verzeiht, wenn wir Euch über
-den Kindern vergaßen, es war die Freude des Wiedersehens.
-Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der
-Euch gehört.«</p>
-
-<p>Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und
-klar; ich vermeinte, eine jungfräuliche Röte überzöge
-sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß sie mich
-erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine
-liebkosende Berührung.</p>
-
-<p>»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span>
-horchte auf und starrte mich an, zum erstenmal klang
-der Name deutlich an sein Ohr.</p>
-
-<p>»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und
-sichtlich mit großer Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei
-Bewegung, es ward mir klar, sie wußte nichts
-von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und
-gab mir Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte,
-warum. Rasch antwortete ich, bevor das Benehmen
-des Bastards ihr auffällig werden konnte:</p>
-
-<p>»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die
-Stunde ist vorgerückt. Für heut, daß ich ehmals
-Benediktus hieß und nun eines Toten Namen
-trage.«</p>
-
-<p>Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine
-Wangen. Er legte das Messer, daran seine unruhigen
-Hände spielten, mit einem Ruck auf den
-Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:</p>
-
-<p>»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald,
-vielleicht ist es derselbe; sagt mir, ehrwürdiger
-Vater, wann ihn das Schicksal traf.«</p>
-
-<p>»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon,
-da Rainald von Chatillon den Sultan zum letztenmal
-besiegte. Seht, Herr, er führte treffliche Zeugnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span>
-mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften,
-als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm
-sie zu eigen; Gott möge es mir verzeihen.«</p>
-
-<p>Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein
-Gelächter, da ihm die Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse
-bekannt war. Und wiederum, zur selben Zeit,
-umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles
-Haupt, Trauer um das Wählingerblut, das er nun
-unter dem Wüstensande modern glaubte.</p>
-
-<p>»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich,
-»hier gilt das gleich. Wir hängen nicht an Formeln
-und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so lang es
-Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt
-Euch an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt.
-Wir wollen Euch danken, so lange wir leben,
-denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«</p>
-
-<p>Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe
-Bewegung zu beherrschen, offenbar hing sein Herz
-an diesem Erben des Wählingerlandes, als sei es
-sein eigener Sohn.</p>
-
-<p>»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten
-an, indem sie Sobeide umschlang und mit herzlichem
-Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.</p>
-
-<p>Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span>
-verräterisch. Kein Wort, keine Bewegung, und doch
-irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem
-Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin
-und legte eine ewige Kluft zwischen sie.</p>
-
-<p>Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der
-Bastard selbst geleitete mich in mein Gemach; ein
-Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich
-merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer
-für hohe Gäste, und folgte ihm mit sicheren
-Schritten; die mannigfachen Stufen fand ich
-blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an
-dieser genauen Erinnerung.</p>
-
-<p>Plötzlich sagte der Bastard rauh:</p>
-
-<p>»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das
-Haus von Kindesbeinen an vertraut.«</p>
-
-<p>»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich
-zurück, »ich mache mich anheischig, Euch im
-Dunkeln zu folgen.«</p>
-
-<p>Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu
-besänftigen, er hob die Riegel aus der Tür des mir
-bestimmten Zimmers und wünschte mir mit freierer
-Stimme eine geruhsame Nacht.</p>
-
-<p>Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter,
-unter einem Dach mit meiner verlorenen Liebe, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span>
-dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften
-zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten
-wie Sturmwinde um mein Lager; stöhnend
-wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang
-auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den
-mailichen Garten, darin aus Blütendüften eine
-Nachtigall dicht unter mir sang. Die Mauern, die
-Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau
-umsilbert in dem vollen Mond, die lauen Atemzüge
-der Frühlingserde bewegten kaum ein Blatt; trunken
-sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß
-im Rausch.</p>
-
-<p>Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker
-blickte der Bastard zu mir her, ich sah seine
-Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört ins
-Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand
-über das Mal auf meiner Brust deckend.</p>
-
-<p>Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in
-Aleits Kammer? Lebten sie auseinander?</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-20">20</h3>
-</div>
-<p class="drop">Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht;
-der Mensch, der es trug, war schon in meinen
-Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span>
-ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und
-schwieg erbittert. Fort aus diesem Hause! Jeder
-Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich konnte
-nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster
-toter Lenze beherbergte. Kaum war ich in der Kutte,
-als der Bastard eintrat.</p>
-
-<p>In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen
-zu lesen, aber das Tageslicht zeigte deutlich
-an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter verschont
-hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte
-mit gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich,
-ihm und Harald auf einem Ritt durch das Herzogtum
-zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein,
-einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die
-Herzogin freue sich auf die junge, schöne Helferin
-und wäre, da sie schwacher Gesundheit, gern mancher
-Bürde ihrer Pflichten ledig.</p>
-
-<p>Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte
-nichts argwöhnen, denn was sollte er mich sonst zu
-solchem Ritt bitten? Wie es auch sei, ich wollte an
-Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen
-und stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit
-nicht sogleich unter die Augen kommen zu müssen.
-Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild der<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span>
-heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte,
-völlig verwirrt, aufs neue rang die Seele um ihr
-himmlisch Teil. Und, ach, um ihr irdisches.</p>
-
-<p>Harald erwartete uns schon mit den Pferden;
-wir saßen auf und trabten ohne Geleit in den lichten
-Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes Ding;
-seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe
-Landes hatte in seinem Munde ihre Geschichte. Ich
-fand mich bald nicht mehr zurecht, mit wachsendem
-Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem
-Reich gemacht hatte. Da war kein Ödland
-mehr, da standen keine verfallenen Katen, da traf
-das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber
-saßen die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen
-Hügeln, das glatte, schiere Weidenvieh war einheitlich
-gezogen und warf satte, bunte Flecke auf
-schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt,
-damit Hirsche und Sauen nicht den Schweiß des
-Bauern verderben konnten; wohin ich blickte, sah
-ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der
-Bastard auch an mir getan, er war ein Fürst und
-Herr von echten Gottesgnaden und hatte sein Pfund
-nicht vergraben oder gar vergeudet.</p>
-
-<p>Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span>
-Tisch; es war dies der Sohn meines alten Zechgenossen
-Roger des Wilden, den inzwischen der
-Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein
-böses Früchtchen im Gedächtnis, fand aber einen
-wackeren, tüchtigen Mann, der Land und Volk in
-Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen
-und gekämmt in guter Haltung uns den Willkomm
-bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre Flachsköpfe
-machte, traf mein Auge zufällig den Blick des
-Bastards, der mir voll feinen Spottes über mein
-priesterlich Gebaren schien.</p>
-
-<p>Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern;
-der Herzog merkte mein Befremden über
-die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und
-sagte fast heiter:</p>
-
-<p>»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater
-Ronald; da hängt das Geld, das wir nicht in den
-Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das Wählingerland
-hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen
-außer denen, die uns dieser Wildling entführte.«</p>
-
-<p>Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald
-zu, der in fröhlichem Leichtsinn Antwort gab,
-daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide zugebracht und<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span>
-er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht
-dummer geworden, seit er die Welt jenseits der
-Grenzpfähle kenne, zumal da ihm sein Vater hier
-jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als die
-Jagd.</p>
-
-<p>»Dies kann bald genug anders werden,« sagte
-der Bastard leise; sein scharfer Blick verschleierte
-sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er ärgerte sich
-über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran
-die Wolken dunkler flogen, und bemerkte:</p>
-
-<p>»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald;
-mich deucht, der Tag wird mit Regen enden.«</p>
-
-<p>So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege,
-denn der Bastard hatte es offenbar darauf abgesehen,
-uns zu zeigen, wie das Land in jedem Winkel blühe
-und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich
-alles eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut
-des Wählingervolkes den Kranz. Zwischen seine
-Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke aus
-der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger
-auf die Wunden der Staatskunst seiner Nachbarn
-und des Rotbarts, der seinen besten Fürsten unbedacht
-der Meute seiner Herren und Bischöfe
-preisgegeben habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span></p>
-
-<p>»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann
-nach meinem Herzen,« sagte er schier zornig, »und
-wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte
-schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel,
-wir hätten gesiegt!«</p>
-
-<p>Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem
-Herzen, das zwanzig Jahre Frieden gehalten hatte
-und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht gestanden
-wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher
-Funke, sein Gesicht straffte sich männlich und
-gewann trotz aller Wildheit einen hohen, adligen
-Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal
-mit ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es
-fehlte nicht viel, so hätte ich ihm den Arm brüderlich
-um die Schulter gelegt.</p>
-
-<p>Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen,
-ein Regen, fein wie Nebel nur, schleierte
-die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den
-Boden.</p>
-
-<p>»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard,
-»damit uns Alten das Mahl gerichtet ist, und laß
-in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«</p>
-
-<p>Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin
-genug von der Weisheit der Älteren und konnte die<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span>
-Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu schließen.
-Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand
-im Laub. Der Bastard dagegen verhielt
-die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit klangloser
-Stimme:</p>
-
-<p>»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder
-Robert?«</p>
-
-<p>Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem
-jähen Wort, und sah ein uraltes, verfallenes Antlitz,
-voll einer fassungslosen Traurigkeit. Dies war
-sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor
-Mitleid. Er hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt,
-sie schwankte und zitterte in den lenzlichen
-Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem
-Beben ergriffen.</p>
-
-<p>»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,«
-fuhr er müde fort, »ich habe dir nichts von dem
-Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich
-habe sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«</p>
-
-<p>»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er,
-zermalmt von unsichtbaren Fäusten:</p>
-
-<p>»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«</p>
-
-<p>Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht
-der langen dunklen Tage warm in meine Brust,<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span>
-ich stand in einer inwendigen Lohe wie in Gottes
-Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward
-ich kindlich rein, geläutert von den Schlacken meiner
-sündigen Begierden, befreit von dem lärmenden
-Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine
-Hand beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns
-und tranken unsere Tränen.</p>
-
-<p>Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte
-er leise:</p>
-
-<p>»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden,
-bis wir Besseres wissen. Nicht um uns, aber
-um die anderen. Den Abend haben wir für uns,
-und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«</p>
-
-<p>Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve
-vor sein Gesicht, er reckte seine Gestalt, und wir
-ritten schweigend in unserer Väter Burg.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-21">21</h3>
-</div>
-<p class="drop">Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um
-so inniger klangen die Seelen zusammen. Wir betrachteten
-einander heimlich; auch Aleit, obzwar in
-dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und
-wieder einen seltsamen Blick auf mich. Ich sah erst
-jetzt genauer, wie überzart sie geworden war. Ihre
-Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend
-Reines, ihre Hände lagen blaß und durchscheinend
-auf der Decke, die sie der Abendkälte wegen über
-Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie, Jahrzehnte
-von mir getrennt, immer noch als mein eigen,
-und in tausend stillen Worten bat ich ihr alles ab,
-was Verzweiflung, Not und Elend in meinen Gedanken
-über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der
-Öllampe warf einen Schein um ihr Haupt, der mich
-Heiligung und Weihe dünkte, und zu meiner herzlichen
-Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte
-Groll in mir dahin.</p>
-
-<p>Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung
-loszureißen, doch der Bastard wurde ungeduldiger;<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span>
-ich merkte, wie er sich sehnte, sein Herz zu
-erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach.
-Es war das schlechteste in der Burg und hätte
-einem Mönch besser angestanden als dem Fürsten.
-Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus
-grobem Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch
-ein Feuerlein sprang lustig im Kamin und spiegelte
-sich in einer mächtigen Silberkanne.</p>
-
-<p>»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich
-selber gewonnen habe,« begann er ohne Umschweife.
-»Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle Trunk
-aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte
-seiner in den bitteren Nächten.«</p>
-
-<p>Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem
-Blut, das schwer und süß in meine Sinne zog und
-mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der südlichen
-Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten
-Heimatluft trotzen zu können.</p>
-
-<p>»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen
-nannte; aber erst in der Nacht, da ich dich Nackten
-auf dem Altan erspähte, ward mir Gewißheit.« Er
-legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter
-die Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr
-drängender fort: »Schenke mir diesen Abend, du<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span>
-kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte. Bediene
-dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem
-Bericht vergessen sollte, und verhalte dein Urteil
-über mich, bis ich ausgesprochen habe.«</p>
-
-<p>Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie
-damals spielerisch die Glut zusammen. Ihm selbst
-war es gleicherweise eine Erinnerung, er seufzte auf
-und sprach:</p>
-
-<p>»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber
-Gott behält die Fäden in der Hand. &ndash; Als ich
-zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht geworden,
-der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie
-es dem Hause des Todes ziemte, niemand begegnete
-mir auf den Gartenwegen. So sehr war ich von
-meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht einen
-Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich
-erkennen und entlarven. Aber gleich die erste Begegnung
-schien verhängnisvoll zu werden, denn von
-diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es
-war der Arzt des Priors von Vargan, der mich auf
-der Treppe grüßte und vertraut ansprach. Er meinte,
-der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und
-mir schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten.
-Wortlos wollte ich an ihm vorbei und in die Kemnaten,<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span>
-doch er zog mich an der Hand zurück und
-flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich
-für einen Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech,
-ich gedachte deines wüsten Lebens und lachte ihn aus:
-ob denn auch Tote gestört werden könnten. Worauf
-jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen
-Blicken maß: ›Tote nicht, Herr, aber Lebendige.
-Und ob es Euch lieb ist oder nicht, ich will mit
-Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹</p>
-
-<p>»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in
-der Gewalt, aber bei diesem Wort brachen mir die
-Knie weg, und ich sank an die Wand, im selben
-Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich
-mich aufraffte, war der Arzt verschwunden, ich hätte
-auch keine Frage für ihn gefunden. Wie ein Dieb
-öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges
-und starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein
-erhellte. Endlich gewöhnten sich meine Augen,
-ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die Stirn in
-Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die
-leise atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen
-und strickte. Ich zog die Tür vorsichtig zu und ging
-in dies Gemach; einem Diener, der mir begegnete,
-befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span>
-Wipold, jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er
-war, wie du dich erinnerst, deinen Taten nicht
-sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen
-Blicken, wie sehr er mich verachtete.«</p>
-
-<p>»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen
-lächelte.</p>
-
-<p>»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder,
-doch höre lieber. ›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten,
-›glaubst du mir, wenn ich ein neues Leben anzufangen
-verspreche?‹ &ndash; ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold
-messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon
-geschworen habt.‹ &ndash; ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig,
-›ich schwöre bei dem Leben meines ungeborenen Kindes.‹
-Der alte Mann starrte mich zornig an, an
-seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte
-ihm an meinem Ton etwas aufgefallen sein, er
-wurde unsicher und stammelte: ›Wenn ich dies glauben
-könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im
-Wählingerlande.‹ &ndash; ›Du kannst es glauben, Alter,‹
-versetzte ich, sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner
-zögernden Hand, ›diese Tage haben mir die Augen
-weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage mehr
-erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne
-Wein, ich verbringe die Nacht hier.<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span>‹</p>
-
-<p>»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen
-nieder und küßte meine Hände, und wenig fehlte, so
-hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein Herz, dem
-das Wählingerland teurer als das Leben war, in
-einer jungen Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter,
-und indes die Diener das Mahl trugen, kam
-er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist
-ein hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis
-Eures Vaters.‹ &ndash; So, Bruder, bin ich
-an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen
-hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten
-und nur in Herzensnot davon getrunken;
-dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen mehr
-darin.«</p>
-
-<p>Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum
-Becher, den ich füllte.</p>
-
-<p>»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte
-er schwermütig über meinen Eifer, und ich:</p>
-
-<p>»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und
-haben voreinander nichts voraus.«</p>
-
-<p>»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in
-einer strengen Schule gewesen, doch war auch vielleicht
-dein äußeres Leben bunter als meines, inwendig
-werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span>
-fast zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom
-Tode mit winkender Sichel bedroht, und ich hatte
-noch nicht den Mut gefunden, in ihre Kammer zu
-gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit
-Macht der Geschäfte meines Landes annahm, und
-hiervon, Bruder, will ich dir lieber schweigen. Genug,
-beim Niedergang finden sich überall willige
-Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern.
-Als ich mein Feld überblickte, begegnete ich störrigen
-Gesichtern, allen war meine Wandlung unbequem,
-außer dem geringen Volk und den wenigen von
-guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag
-als der eigentliche Born ihrer Kraft und die Quelle
-und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber nicht von dem
-zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich
-Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war
-schon gepflanzt. Ich betrat allein ihr Zimmer, sie
-lächelte mir matt entgegen und hob beide Arme. Ob
-ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen
-Gefühl niedersanken, eh sie mich erreichten &ndash; kurz,
-sie sanken nieder, und in ihren Augen glomm eine
-schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch über ihre
-Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes
-trotz all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span>
-Betruge getäuscht war und gläubig vertraute, du
-stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich still neben
-sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit
-während ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und
-nur zu dem Zweck, sie durch Taten von meiner
-Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie,
-mir zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge
-auf sie. Sie lag und weinte lautlos, stumm wie
-Perlen rannen die Tränen über das regungslose
-Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz
-durchtränkt schien. Du weißt, Bruder, ich liebte sie
-schon lange vordem, hoffnungslos und ohne
-Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines
-vielleicht doch einmal geträumten Traumes stand,
-konnte ich das lebendig gewordene Bild nicht fassen.
-Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen
-stieß sie selbst mich zurück &ndash; zu meinem Glück, denn
-sonst säßen wir nicht vor diesen Flammen. Endlich
-streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und flüsterte:
-›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja
-glücklich, daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir
-den guten Weg zu weisen. Hab Geduld mit mir,
-Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum,
-was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span>
-ihren Blicken, daß ich verstört vom Lager sprang.
-Vielleicht hatte der Unglückssturz wirklich ihr Gehirn
-erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder
-völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte
-allein sein, allein bleiben, und dies kam mir, der ich
-nicht daran dachte, dir, dem ich das Land genommen,
-auch die Ehre zu rauben &ndash; dies kam mir gelegen.
-Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden,
-daß ich oben im Turm mein Lager aufgeschlagen
-hätte und daß es vorerst das beste wäre, es bliebe
-so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des
-Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir
-auf, daß du von ihrer Schwangerschaft offenbar
-nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. Ich
-fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur
-auf den Wangen, entgegennahm; mein Herz zitterte,
-wie es nimmer vor dem Tode gezittert hätte, ich
-beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott,
-mitten in meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie
-wich mir erschrocken aus, von neuem in Glut getaucht.
-Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand und nahm
-Urlaub &ndash; Bruder, sie entließ mich mit einem Blick,
-den ich nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken
-und Frohlocken in einem blauen Glanz vereinigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span></p>
-
-<p>»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze
-nicht minder. Zwar war ich nach dieser
-Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte
-und also unser Plan gelungen, jedoch barg die
-Zukunft Kämpfe einer Art, die ich nicht gewollt
-hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre
-die Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog
-aus, ein Reich zu erobern, nicht aber ein Weib zu
-stehlen.</p>
-
-<p>»Der Sommer war gekommen und Aleit außer
-Bett, genesen zwar, doch zarten Wesens und in
-ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der
-Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin
-sehen, daß ich mein Lager im Turm beibehielt, zumal
-mich wachsende Geschäfte bis in die Nacht
-fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward
-Harald geboren, die Stunden fielen schwer und
-traurig über sie, und ich konnte ihr am wenigsten
-helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das
-ich sonst peinlich vermied, verritt ich tagelang und
-kehrte erst zurück, als der Sohn ihr im Arme lag.
-Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein eigen
-Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne
-daß ich eine ungeliebte Frau zu heiraten brauchte<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span>
-&ndash; dir zur Gesundheit, Bruder! &ndash; einen Erben
-vom echten Stamm!«</p>
-
-<p>Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da
-meine Zunge wie verdorrt im Gaumen lag. Aus
-seinen Worten stieg meine versunkene Jugendwelt
-auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte
-im treibenden Regen der Frühling und goß Flammen
-in meinen rüstigen Leib.</p>
-
-<p>Der andere fuhr fort:</p>
-
-<p>»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben,
-und so lebte die Gewohnheit uns, die wir nie
-verbunden waren, langsam auseinander. In ihrer
-Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen
-schuldig blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten,
-und wenn du meine kostbar gestickten
-Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte.
-Sie mußte in ihren Gedanken öfters bei
-mir weilen, vielleicht sehnte sie sich nach mir und
-überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun
-mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im
-Leben glaubte.</p>
-
-<p>»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde.
-Wipold starb; ich vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte
-nach innen, denn nach außen hin hielt ich<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span>
-es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im
-heißen Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft.
-Sie spielte mit dem Kinde auf dem Rasen am
-Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche
-Bild entzückte und riß mich hin. Dann ward das
-Kind von der Amme geholt; sie lag neben mir im
-Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken
-über das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die
-schwer von Segen unter der Sonne zu atmen vergaß.
-Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler
-als sonst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin
-und her, derweil mein Herz so laut schlug, daß es
-kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten
-Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:</p>
-
-<p>»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich
-das seltsame Leben nicht vor dir und mir klären
-möchte. Ich riß sie in die Arme, ich fühlte den Druck
-der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen,
-aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte
-sie totenblaß den Kopf und lief mit einer nichtigen
-Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; die
-Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und
-wollte das gestillte Kind der Mutter wiederbringen.<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span>
-Sie verweilte einen Augenblick, da der Junge nach
-meinen blanken Borten griff und munter krähte;
-doch ich, der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß
-wohl eine wehrende Bewegung gemacht haben, und
-die beiden stoben eilends davon. Harald glich in
-seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem
-Jünglingsalter schlug das Wählingergesicht durch.
-&ndash; Ich blieb auf dem Platze, wie ein Besiegter auf
-dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten
-genau so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit
-und tobte fruchtlos. Danach kam die Erkenntnis
-meines Raubversuches und peitschte mein Gewissen.
-Es war ja nichts geschehen, aber doch kann
-ich selbst heute noch nicht ohne grimmige Scham an
-diese Stunde denken. Ich war ein unreines Tier,
-das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste
-Frau zu zerbrechen willens war, betrügerisch und
-verächtlich mehr als im rohen Sturm der Leidenschaft.</p>
-
-<p>»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit,
-mich zu entschuldigen, war mir genommen. Was tut
-ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er nach
-einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen
-Stricken, und wahrlich, sie schnitten scharf genug<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span>
-ins Fleisch. Wir mieden uns eine Zeitlang
-mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall
-vergessen zu haben und gewann ihre bescheidene
-Heiterkeit zurück.</p>
-
-<p>»Als Harald älter wurde und der Mutter aus
-den Händen wuchs, fehlte ihr die tägliche Beschäftigung;
-sie fragte mich mehr denn früher nach dem
-Stand der Dinge im Lande und wurde mir in
-vielem eine kluge Beraterin, die oft mit klarem Herzen
-schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer
-fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter;
-aber nie wieder versuchte ich sie auf die Erde
-zu reißen. Diese Gefühle sind niemals über unsere
-Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der
-leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen
-uns wallte und einen lockenden, doch ehern
-trennenden Schleier bildete. Es ist kein Tag vergangen,
-Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein
-Herzschlag war in jedem, der mich erinnerte, wie
-kläglich und arm mein menschlich Teil geblieben
-war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden,
-obzwar ich sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen
-sind.«</p>
-
-<p>Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span>
-daß ich sie verstand. Eine Frage schwebte mir lange
-auf der Zunge, und wenn ich ihn auch quälte, es
-mußte heraus:</p>
-
-<p>»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest,
-der Gedanke, mich zurückzurufen? Ein Wanderer
-mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«</p>
-
-<p>Seine Züge vertieften sich und wurden hart,
-knisternd stob die Glut unter dem Schüreisen, die
-Flammen warfen flackernde Blitze über seine abgemagerten,
-blutleeren Hände. Er hob die Augen
-kühn zu mir und antwortete:</p>
-
-<p>»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt,
-so wirst du heute dankbar sein. Wir sind gegen das
-Schicksal angerannt und haben uns die Stirnen
-blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht
-missen. Das Wenige, das ich von deinem Leben
-weiß, lehrt mich deutlich, daß alles sein mußte.
-Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und
-unser Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift
-auf deinem Antlitz, die, dein irdisch Andenken für
-alle, die dich kannten, auslöschend, dir Tochter und
-Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine
-währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage
-mir offen, was du von deiner Heimkehr ersehntest?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span></p>
-
-<p>»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte
-ich, betäubt von dem unerwarteten Angriff. »Was
-soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich will
-nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in
-deinem Lande als dereinst ein paar Fuß Erde, die
-du mir nicht verweigern kannst.«</p>
-
-<p>In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen
-Worte, zornig über seine Frage, zornig über mich
-selbst, voller Groll über die Einsamkeit, in die er
-mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln
-spielte um seinen Mund.</p>
-
-<p>»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche
-Erregung, »einmal können wir Aleit und den Kindern
-alles erklären, und du gewinnst im Hause die
-alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das
-nicht gut, es wäre richtig, wenn ich nach außen Herzog
-bliebe. Doch sei dir auch dies zugestanden, wenn
-du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können
-wir unsere Geschichte in unserer Brust begraben,
-und du bleibst, ein Bruder und Freund, an meiner
-Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du
-auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen.
-Sage mir heute nichts, beschlaf es und künde mir
-morgen den Bescheid.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span></p>
-
-<p>Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz,
-seine strengen Augen lachten mich freundlich an.</p>
-
-<p>Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte
-Herz, fröhlich schwenkte ich die geleerte Kanne und
-rief:</p>
-
-<p>»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage
-vor den Kindern zum Narren machen? Und Aleit
-dazu? &ndash; Wir wandern den zweiten Pfad, aber &ndash;
-wie stehts mit der Wegzehrung?«</p>
-
-<p>Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit
-zitternden Händen unter den Tisch und holte einen
-verborgenen Krug hervor.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-22">22</h3>
-</div>
-<p class="drop">Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die
-Gemeinsamkeit der menschlichen Schulden drückte
-uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen,
-daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale
-kein Entsühnen bedeuten könnte. Wir vermeinten,
-es genügte, wenn zwei alte Narren ihre Liebe begrüben;
-wir schmückten die Gruft mit Rosen und
-waren stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an,
-was die Menschen in ihrem Gedächtnis behalten,
-sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt
-die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit
-menschlicher Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen
-Auge der Ewigkeit erfaßt. Die Kinder gingen
-ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher
-und schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne
-uns nicht gestoßen wäre. Wir vergaßen Aleits.</p>
-
-<p>Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue
-Kraft zu gewinnen, ihre Augen blickten fröhlich,
-ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten
-uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft
-Sobeidens zu. Es fiel mir nicht einmal auf,<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span>
-daß sie mich häufig suchte; sie fand schließlich Gefallen
-an meinen Geschichten aus dem Morgenlande
-und teilte sich andererseits gern dem Priester mit,
-den sie in mir vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen
-wir so selbstverständlich zueinander, daß mir der
-Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen waren,
-und aus der heißen Jugendgier ward ein milder,
-schöner Abendschatten, warm noch von den verglühten
-Tagessonnen. Mitunter, wenn ihre Augen mich
-liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem
-Wesen einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam
-mir ein Bedauern für den Bruder und eine scheue
-Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und Verspieltes
-zurückzufordern. Ich stand eng genug mit
-ihm, um mich offen auszusprechen.</p>
-
-<p>»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein
-Wunder, wenn Aleit dich sucht? Wir beide haben
-das Selbstverständliche verkehrt, und nun will es
-sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte
-ich von Aleit, daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«</p>
-
-<p>»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend
-ins Wort. »So lang Verstorbenes läßt sich nicht
-wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein, und wäre
-es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span>
-kärglich Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele
-sich zu der meinen ahnend neigt, so sollst du nicht
-glauben, ich zöge sie mit Absicht.«</p>
-
-<p>Der Bastard lächelte schmerzlich.</p>
-
-<p>»Es kann mir nichts genommen werden, was ich
-nicht einmal besessen habe. Plage dich mit anderen
-Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden, was dir
-ihr Herz bietet.«</p>
-
-<p>Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den
-Augen, wie er durch die herbstlichen Büsche ging,
-und mir schien, seine Schultern beugten sich mehr
-und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet
-wähnte, stand er vor einer Buche still und lehnte
-den Kopf an den Stamm, als überwältigte ihn ein
-plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und
-verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos
-blieb ich in meinem Stuhl sitzen, die Glieder versagten
-mir schier. Ich hatte ihn lieb, wie ich Jussuf
-geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie
-jenem. Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich
-auf der Welt war, ich vergaß es immer wieder und
-verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches
-Dasein.</p>
-
-<p>Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span>
-verlassen und abermals pilgernd die Erde zu durchwandern,
-dann wieder schien mir Friede in einer
-Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem
-Entschluß, der Winter brach früh und hart herein,
-Schneewolken überschütteten das Land und trieben
-uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem
-Licht die zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener
-und lieblicher tönten.</p>
-
-<p>Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach
-weilte und vor dem flackernden Feuer alten Dingen
-nachsann, derweil ich das Haus schlafen wähnte,
-trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn
-neben mich.</p>
-
-<p>»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst
-gewohnt war, mich bei Namen zu nennen, mit
-fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz
-befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du
-hier bist, bin ich gänzlich verändert.«</p>
-
-<p>In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück
-und hob die klaren, ehrlichen Augen zu mir auf, der
-ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und um Atem
-rang. Und sie:</p>
-
-<p>»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß
-meine Seele vor Geheimnissen sonderer Art steht,<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span>
-und« &ndash; wie ein Hauch kamen die Worte von todblassen
-Lippen &ndash; »schlimmer fast als meine Seele
-meine immer noch wachen Sinne. Hör mich, Priester
-oder Mensch, und sei mir ein klarer Bronnen,
-darin ich mein Herz kühlen kann.«</p>
-
-<p>Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer
-fast sachlichen Trockenheit fort:</p>
-
-<p>»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn
-kennst. Er war ein wilder, oder richtiger, ein wüster
-Jüngling mit unbekümmerten Lastern von Vatersseite
-her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung.
-Denke das Schlimmste, und du siehst recht.«</p>
-
-<p>Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer
-im feurigen Ofen um ihren kühlen Platz, denn
-was mir jetzt geschah, war grausamer als alle Martern,
-die menschlichen Gehirnen entsprungen waren.
-Feig zuckte das Herz in meiner Brust wie in einem
-Kessel geschmolzenen Bleies, die Augen glühten mir
-tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht,
-Nacht und Schatten verbargen mich.</p>
-
-<p>»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt
-mein Haus, und dies zu einer Zeit, da ich gesegneten
-Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn
-lieb und war sein eigen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span></p>
-
-<p>Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit
-solcher schlichten Süße, daß ich den Blick auf sie zu
-heben wagte. Ich sah ein Antlitz, das verklärt in
-seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und
-entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit,
-sie berichtete schwerer als vordem, indes sie mit
-dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn streifte:</p>
-
-<p>»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des
-Herzogs; ich reizte ihn so sehr, daß er sich vergaß,
-und habe die Schuld recht eigentlich selbst. Es wäre
-vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen
-Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine
-Stunde gefunden, mich ihm mitzuteilen. Wie es
-kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, daß
-ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist
-von Sinnen. Der Herzog kam nicht an mein
-Krankenbett, wohl aber brachte mir die Kammerfrau
-Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude
-füllten: er habe seinem wilden Volk den Abschied
-gegeben und schaffe von früh bis spät für das Wohl
-des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger
-Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger
-Mensch. Ich vermag nicht zu sagen, in welch hohen
-Himmel mich die Seligkeit trug, denn all mein<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span>
-Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte
-ich, kannte seit je seinen edlen, tapferen Kern, den
-er unter den Lastern barg, und ich war dankbar, daß
-ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein dürfen.
-Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich,
-ihn in die Arme zu schließen, mein Auge in sein
-kühnes, lachendes zu tauchen!«</p>
-
-<p>Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in
-ihren Zügen, sie stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos,
-fremd der zagsten Hoffnung, fuhr sie fort:</p>
-
-<p>»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt,
-daß es zwanzig Jahre Stunde um Stunde schmerzte.
-Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen
-glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von
-Weibern verpestet, sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt
-und geläutert. Aber da er sich zu mir wandte,
-artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine
-Fremdheit von ihm aus, die wie eine Wand aus
-Eis zwischen uns emporwuchs. Mein Herz hörte
-auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen,
-entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht
-mehr liebte &ndash; glaube mir, Mönch, denn du kannst
-es nicht wissen: es gibt nichts Schrecklicheres, als
-zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, als<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span>
-der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt
-und ohne Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du
-gestorben. Der Herzog bemerkte es und ging, verlassen
-von seiner wilden Weise, traurig fort.«</p>
-
-<p>Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie
-lehnte erschöpft in ihrem Stuhl, den Kopf im
-Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die blauen
-Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch
-ihres Atems dampfte in der Luft, die nicht mehr
-von den Kaminflammen erreicht wurde. Mit einem
-blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen zugleich,
-und sagte:</p>
-
-<p>»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der
-Herzog hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen,
-da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm über mich,
-ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein
-Sehnen hinauszuschreien, mein Sehnen und mein
-seliges Glück, zu lieben. Ich war zugleich gesättigt
-von Freude über Roberts Wandlung und dankte
-Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie
-erkoren. Stunde um Stunde horchte ich auf seinen
-Schritt; mir schien, mein Gehör wurde feiner und
-schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und
-lauschte, wie männlich und fest sie geworden war.<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span>
-Golden lag die Zukunft vor mir, denn ich liebte,
-und er liebte mich, das stand in seinem Blick geschrieben.
-&ndash; Schläfst du, Ronald? Langweile ich
-dich?«</p>
-
-<p>Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben,
-die Arme auf die Knie gestützt. Meine Brust ging
-schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der mein
-Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die
-Narben brannten, von der nahen Glut, der heißen
-Scham zermürbt, Vergangenheit und Gegenwart
-tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.</p>
-
-<p>»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort
-mehr hätte mich verraten.</p>
-
-<p>»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte
-mich der Herzog zum zweitenmal, und, Ronald,
-meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte ihn
-nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum
-aufsehen vor Scham, diesen gleichgültigen Menschen
-an meinem Lager zu wissen. Ich vermochte den
-Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten,
-und sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein
-Leben, ja das Leben meines Kindes darum gegeben,
-ihn in die Arme schließen und herzen zu
-dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne.<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span>
-War es seine Wandlung? Dann her,
-o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften Jüngling,
-den ich küssen durfte und dessen Seele rein in
-meiner Seele ruhte. Schon gab ich dem Gedanken
-Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte meine
-Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine
-derartige Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan,
-den ich befragte, sah mich erstaunt an und lachte.
-›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe und
-einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel
-dankbar, wie es das ganze Wählingerland ist; der
-Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in Bälde seid.
-Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹</p>
-
-<p>»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich
-dachte seiner schon genug. Mit unendlicher Liebe,
-wenn Robert fern war, mit Angst und Scham,
-wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der
-ehmals keine meiner kleinen Launen achtete, erfaßte
-mein verändertes Wesen mit vollkommenem Takt,
-und nur einmal strömte er über und riß mich an
-sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt
-Gesicht und ließ mich wieder, für immer.
-Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu gehen, er
-mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span>
-tat seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß;
-unsere frischen Leiber verwelkten glücklos wie unter
-Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß der
-Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er,
-das fühlte ich in jeder Stunde, nicht die Gottesmutter
-erkoren hatte. Ohne das Kind hätte ich dies
-verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an,
-Harald eines Tages den Männern überlassen zu
-müssen. Aber das Herz ist ein tapfer Wesen und
-stirbt nicht vom ersten Schlag.«</p>
-
-<p>Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen
-Seufzer; ich betrachtete sie verstohlen von der Seite.
-Wahrlich, ihr Herz war die Tapferkeit selber und
-leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme,
-blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind
-erwartete, war schön und herbsüß wie in der
-Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von der fiebernden
-Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete
-meinem Blick, las und senkte die Lider.</p>
-
-<p>»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch
-Schlimmeres zu berichten, das dein Auge am wenigsten
-verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief
-und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als
-sonst an den Herzog an und fand, was ich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span>
-suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß Alter
-und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert
-hatten, jedenfalls saßen wir nun öfters des Abends
-ruhig beisammen und rätselten über den Jungen,
-der uns beiden teuer war und in dem sich unsere
-Liebe wunschlos fand. Das gemeinsame Leid ließ
-die Scheidewand schwinden, es fand sich hier und da
-Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten &ndash;
-denn ich konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen
-lesen &ndash; meine Blicke in die Ferne, nach Jerusalem
-gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du
-kamst hierher und brachtest die Kinder, und von
-Stund an senkte mich ein neues Geheimnis in neue
-Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf beobachtet,
-es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich
-erzähle. Gleich in den ersten Tagen nach eurer Ankunft
-bemerkte ich eine eigentümliche Freude in mir,
-es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr
-der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich
-Robert mit veränderten Augen betrachtete und
-meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe erobernd
-in das alte Herz. Mir war, ich sei von
-Blindheit genesen, ich brannte, da wir alle beisammensaßen,
-ihn zu küssen, und nur eure Gegenwart<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span>
-hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander,
-und eines Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm
-hinüber in den Turm, beglückt von der jungen Glut,
-die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete
-Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich
-errötend vor ihm stand und schließlich vor Scham
-fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es war wie
-immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand
-vor mir, meine Liebe war verflogen. Mir fiel keine
-Ausrede ein, ich mochte auch nicht lügen; einen Gruß
-stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches
-Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war
-eine arge Zeit für mich, das Leben neben euch
-kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die Ursache
-meines merkwürdigen Wesens fand; es waren
-nicht die Kinder: es war deine Gegenwart, die
-Totes aufweckte.«</p>
-
-<p>Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und
-erwartete das Beil in meinen Nacken zischen; ich
-fühlte mich entlarvt, nackend vor dem letzten Richter,
-vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine
-jämmerliche Schuld.</p>
-
-<p>Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun
-müde und hoffnungslos, daß ich sie kaum erkannte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span></p>
-
-<p>»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn
-du es vermagst, welch ein Rätsel Gott unter so seltsamer
-Hülle verbirgt. Du hast manche Schicksale und
-vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals
-Ähnliches begegnet?«</p>
-
-<p>»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus
-dem atemlosen Wasser auftauchend. Ich vergaß jede
-Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den Laden auf
-und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen
-entgegen, die wie ungeheure graue Tiere durch den
-Nebel jagten und mit kühlen Zungen über mein
-Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah
-ich aus brennenden Augen ein Bild: die dorrende
-Wüste, von heißen Sandwolken überfegt, ein steinerner
-Hügel, und darunter, im Frieden des Todes
-lächelnd, Jussuf.</p>
-
-<p>Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig,
-von feigem Neid zerfressen und ermattet.</p>
-
-<p>Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand
-auf meine Schulter.</p>
-
-<p>»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von
-so verirrter Seele ab? Ist deine priesterliche Gewalt
-nicht groß genug, meine Schulden mit dem Absolvo
-zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wie<span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[210]</span>
-das deine gelitten hat, so große Sünde nicht mehr
-fassen? &ndash; Einen weiß ich, der mich dennoch aufnimmt,
-denn ich fühle seinen kalten Atem hinter
-mir.«</p>
-
-<p>Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse
-Angesicht von einem Schein verklärt, der nicht
-mehr von dieser Welt war. Von der eigenen Angst
-plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert
-auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor
-den Laden, schürte das Feuer noch einmal und stand
-wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß ich mein
-lahmes Herz empor und haschte ihre Hand.</p>
-
-<p>»Arme Frau,« sprach ich heiser vor Aufregung
-und unterdrückten Tränen, »wer wollte Euch richten?
-Hat Gott Euch in so schwere Schicksale verstrickt
-und habt Ihr Euch so tapfer gehalten, dann
-ziemt Euch himmlischer Lohn weit eher als irdische
-Sühne. Euer Leben ist seltsam zerbrochen worden,
-doch glaubet, Frau, wir leben nicht zum letztenmal
-auf dieser Erde! Ihr beide, Robert und Ihr, seid
-eins in zweierlei Gestalt, und wechselt ihr das verwesliche
-Kleid, so wird ein neues Dasein die Frucht
-des alten weiterreifen bis in Ewigkeit. Des seid
-getrost und freut Euch: nimmer könnt ihr zwei euch<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[211]</span>
-verlieren, ewig werdet ihr verbunden sein, und eure
-Hölle und euer Paradies liegen nicht über den
-Sternen, sondern hier auf der Heimatscholle.«</p>
-
-<p>Ich sprach für mich selbst, für meine eigenen
-Wünsche, meinen eigenen Glauben. Und dies war
-es, was meinen Worten eine heiße Überzeugungskraft
-gab. Sie verstand nicht, was ich meinte, aber
-sie fühlte, wie ich in ihren aufleuchtenden Mienen
-las, eine Wahrhaftigkeit, die sie ergriff und erhob.
-Leise, mit schwingender Glückseligkeit fragte sie:</p>
-
-<p>»So ist es wahr, daß Liebende sich wiedersehen?«</p>
-
-<p>Ich antwortete, überwunden und siegreich in
-einem:</p>
-
-<p>»Sie sehen sich nicht wieder, sie bleiben immerdar
-vereint!«</p>
-
-<p>Unsere Augen tauchten ineinander, ruhig und
-warm wie Lichter in unbewegten Wassern, langsam
-lösten sich die Hände von ihrem festen Druck, und
-sie verließ mich wie ein Falter die Blüte, die er
-kosend öffnete.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span></p>
-
-<h3 class="hidden" id="sect-23">23</h3>
-</div>
-<p class="drop">Denen, die ihn brauchen, kommt der Frühling
-immer zu spät. Der Winter war so hart, daß wir
-fast täglich die Schneewehen im Hofe fortschaufeln
-mußten, um zu den Ställen und Nebengebäuden zu
-gelangen. Es wäre dies eine lustige Arbeit gewesen,
-wenn nicht Krankheit das Haus umdunkelt hätte.
-Aleit hatte recht gedeutet: der Unerbittliche stand
-hinter ihr, sie schmolz wie ein Licht, ohne Schmerzen,
-ohne daß der Arzt zu sagen gewußt hätte,
-warum. Wie Tag und Nacht liegen Leid und Lust
-beieinander; indes Aleit verblaßte, gebar Sobeide
-ein kräftiges Mädchen. Wir gaben es Aleit in die
-abgezehrten Arme, und ich taufte es selber; halb
-wider Willen und nur dem Drängen des Bastards
-nachgebend, ging ich der Kinder wegen noch einmal
-an die heiligen Dinge. Es ward Gertraude genannt,
-und das Bild der feinen, stolzen Frau mit
-den sternenhaften Augen schwebte vor mir, als ich
-die Tropfen der heimatlichen Quelle auf das rote,
-runzlige Gesichtchen sprengte. Der Rosengarten,
-der ihre Asche barg, duftete durch den Weihrauch,<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span>
-blendend klar schien sie aus den Höhen zu steigen
-und sich niederzuneigen. Vielleicht hatte ihre Seele
-dies kleine verwandte Wesen belebt, vielleicht weilte
-sie nun in Kindsgestalt unter uns, noch voll von
-himmlischen Erinnerungen des hohen Flugs auf
-Fittichen des Todes.</p>
-
-<p>Nach der Taufe verweilten wir noch ein kleines
-bei Aleit, und allen fiel die übernatürliche Blässe
-ihrer Stirn gegen die saftige, kreischende Gesundheit
-auf, die ihr Lager mit Geschrei erfüllte; schuldbewußt
-blickte ich auf den Bastard und begegnete
-seinem Auge. Es war unsere Sünde, unser frevelhafter
-Streit gegen das Schicksal, was diese bleiche
-Liebe in allzu frühen Tod trieb. Auf ihren zarten
-Schultern trug sie unsere argen Taten und zerbrach
-darunter, klaglos, schier freudig. Denn mit geheimem
-Schmerz fühlten wir es beide: das Sterben ward
-ihr nicht sauer.</p>
-
-<p>Über dem kam die kleine Gertraude zu kurz, wenigstens,
-was mich betraf; mein Herz dachte nur an
-Aleit. Über jene Nacht, da sie bei mir am Feuer
-gesessen, war nie wieder ein Wort zwischen uns
-gefallen; doch schien mir, sie sähe mich seit der
-Stunde noch lieber, heimlicher an. Seit Wintersonnenwende<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span>
-war sie bettlägerig, bedürfnislos und
-bescheiden, niemand zur Last als unseren Herzen.
-Selten besuchte ich sie unaufgefordert, doch sie bat
-mich öfters zu sich und plauderte mit mir über leichte
-Dinge, indes ich den Eindruck nicht verwischen
-konnte, sie verschweige tiefere Fragen und beschwere
-ihre Seele mit dem Unausgesprochenen. Im Hornung
-endlich, ich vermeine, auf St. Agathens Tag,
-löste sich der Bann. Wir waren im Zwielicht des
-Nachmittags beisammen, ihr Bett war dicht an den
-Kamin gerückt, die flackernden Flammen täuschten
-ihr ein Leben, das sie so glühend und emsig nicht
-mehr besaß. Draußen knarrte der Sturm und brach
-gefrorene Zweige, dumpf klatschten die Schneehauben
-der Pfosten und Erker in den Hof. Zwischen
-die Ölhäute der Fenster war ein Stückchen blauen
-Glases eingefügt, daraus sah eine märchenhafte, unwirkliche
-Welt.</p>
-
-<p>»Ronald,« sagte sie ohne Brücke, »ich habe deine
-Worte lange in mir bewegt, ich tauche in sie hinein
-wie in ein Meer, darin ich eine herrliche Perle
-weiß; aber der Schatz entgleitet immer wieder meiner
-Hand, immer wieder muß ich erschöpft an das
-gewohnte Ufer. Ich wollte dir nicht mit Fragen<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span>
-lästig fallen, nun aber finde ich keinen Weg mehr
-und bitte dich, hilf mir Törichten. Du sagtest, nach
-der Erdenzeit wandere die Seele in einen anderen
-Leib; ich will es glauben. Zu gleicher Zeit sprachest
-du, daß Liebende sich nimmer verlören. Dies ist zu
-schön, um es nicht zu glauben. Jedoch: wenn zwischen
-dem Scheiden zweier, die sich liebhatten,
-Jahre und Jahrzehnte liegen, so kommen sie doch
-nie mehr in der gleichen Jugend zueinander.«</p>
-
-<p>Sie sagte diese Worte mit meisterlicher Ruhe,
-aber mich betrog sie nicht mehr. Ich merkte an dem
-leisen Beben ihrer Hand die Angst ihres Herzens
-und fühlte mit ihr, da all dies auch in meiner Brust
-gekämpft und geblutet hatte.</p>
-
-<p>»Ihr könnt es nicht zusammenbringen,« hob ich
-an, »wenn Ihr das Leben mit der Sanduhr meßt.
-Vor dem, dem tausend Jahre wie ein Tag, ist unser
-Dasein nur ein Augenwinken. Kam nicht alles, was
-Euer Leben vorwärts, Eure Seele empor trieb,
-plötzlich wie ein Blitz? Vergeßt den Alltag, der
-zwischen den göttlichen Funken liegt, und Ihr habt
-nicht länger gelebt als eines Pulses Länge, auch
-wenn Ihr hundert Jahre zähltet.«</p>
-
-<p>Sie hörte mir gespannt zu, ihre kraftlosen Finger<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span>
-glitten dankbar über meine Hand, ihre Augen glänzten
-fröhlich.</p>
-
-<p>»So ist es,« rief sie frohlockend, »hab Dank, Ronald,
-vielen, vielen Dank! Doch sprich, was verschweigen
-uns unsere Mönche dies Köstliche und
-malen Paradies und Hölle, wo nichts als grüne,
-blühende Erde ist? Steht es nicht also in den heiligen
-Büchern? Lehrte dies nicht der Heiland?«</p>
-
-<p>Und wieder las ich die beherrschte Furcht in ihrem
-reinen, gläubigen Gemüt &ndash; um alle Seligkeit der
-Ewigkeit hätte ich sie nicht enttäuschen mögen.</p>
-
-<p>»Frau, es fassen nicht viele so hohe Dinge, darum
-setzt die Kirche ein Bild an Stelle der Wirklichkeit,
-und nicht einmal alle Priester werden in die tieferen
-Geheimnisse eingeführt.«</p>
-
-<p>»Du aber, Ronald,« bebten ihre Lippen, »sage,
-du gehörst zu den Eingeweihten?«</p>
-
-<p>»Ja, Herrin,« log ich verzweifelt und wandte
-mich in den Schatten. »Doch was macht Ihr für ein
-Wesen aus diesen Dingen, da doch die Welt so
-voller Wunder ist!«</p>
-
-<p>Sie antwortete nicht; ich fühlte, wie Trost und
-Ruhe in sie einzogen.</p>
-
-<p>Der Abend war angebrochen, Dienstvolk ging<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span>
-mit Fackeln über den Hof, Lärm und Gelächter klangen
-herauf.</p>
-
-<p>»Nimm mir die Wißbegier nicht übel, Ronald,
-denn ich habe es eilig. Mein Leib ist aufgebraucht
-und hält die Seele nur noch locker in dem lockeren
-Bau. Laß dir sagen, mein Freund, ohne dich wäre
-ich einen schweren Tod gestorben.«</p>
-
-<p>Ich widersprach ihr nicht, die heißen Zähren liefen
-mir in den Bart. Sagen konnte ich nichts, mochte
-ich nichts, da ihr die Wahrheit auf dem weißen
-Antlitz stand. Wie Irrlichter zuckten die Gedanken
-über mein dumpfes, gebundenes Hirn, ich gönnte dem
-gepeinigten Weibe die endliche Ruhe, und zugleich
-mochte ich sie nicht in dem kalten Grabe wissen.</p>
-
-<p>Die Schritte der anderen klangen in der Halle;
-ich schied hastig und verwirrt und drückte mich in
-meine Kammer, die Glocke überhörend, die zum
-Nachtmahl rief. Saß in der grimmen Kälte und
-weinte aufgelöst und ohne Weg in der Verworrenheit
-meiner Gefühle, bis der Bastard mich aufschreckte.</p>
-
-<p>»Der Brei wird kalt, Ronald! &ndash; Du weinst?«</p>
-
-<p>Er verstummte, er hatte nicht nötig, zu fragen.
-Schließlich machte er sich Luft und zeigte sein gepreßtes
-Herz:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span></p>
-
-<p>»Sind wir nicht wie zwei Mörder? &ndash; Bruder,
-Bruder, was haben wir getan! Um uns verblutet
-sie und fährt dahin, nicht auf einen raschen Streich,
-nein, grausam in zwanzigjähriger Qual, Stich um
-Stich! Ich kann sie kaum mehr ansehen, ohne zu
-erröten; wir alle gewannen, nur sie verlor. Was
-prüft Gott ihr Herz in solcher grausen Folter? Ist
-dies die gelobte Güte? Dies die Allmacht, die nicht
-wagt, einmal von dem betretenen Wege zu lassen,
-und lieber das Edelste in den Staub tritt?«</p>
-
-<p>Er starrte mich mit haßerfüllten Augen an, die
-Lästerungen strömten aus übervoller Brust, aber
-mir graute &ndash; graute vor mir selbst, der ich im eigenen
-Busen ein Echo seines Zornes fand. Ich hielt
-mir die Ohren zu und schrie verzweifelt:</p>
-
-<p>»Halt ein! Nichts wider Gott! Unsere Frucht,
-unserer bösen Taten Frucht ernten wir jetzt und
-dürfen nicht murren.«</p>
-
-<p>Jedoch mein Geschrei betäubte nicht die Gottesleere
-in meiner Seele und überzeugte ihn nicht. Er
-ging hinaus und rief einem Diener, daß er Mahl,
-Wein und Feuer schaffe und den Kindern melde,
-wir tafelten allein. Wir ertrugen, wie Kain, keines
-Menschen Blick.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span></p>
-
-<p>Da saßen wir die halbe Nacht, verbissen, wortlos,
-vom Trunk nur noch trauriger gestimmt; denn
-das Blut der Traube macht nur den Fröhlichen froh.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-24">24</h3>
-</div>
-<p class="drop">Sie sah den Lenz nicht mehr. Eines Nachts rief
-mich die Kammerfrau mit einem Gesicht, das alles
-kündete. Eilig nahm ich die Stufen und stieß vor
-ihrer Tür auf den Bastard. Wir vermieden uns
-anzusehen, bebend schlichen wir in das Gemach.
-Aleit hatte den Nachmittag heiter mit uns allen
-verbracht; die kleinen Händchen Gertraudens hatten
-in ihrem nun völlig weißen Haar gespielt und ihr
-ein leises Lachen entlockt, das uns alle schmerzlich
-beglückte. Jetzt, da wir eintraten, sahen wir, es war
-der Abschied gewesen, sie wollte bei dem Letzten niemanden
-als uns beide um sich haben.</p>
-
-<p>Nichts war in der Kammer als ihre Augen, aus
-denen ein Meer von Liebe floß und unsere zitternden
-Herzen in warmer Woge fing und still machte.
-Wir knieten an dem Lager nieder und hielten ihre
-Hände; mit einem entwand sie sich uns, überirdischen
-Glanz in den Mienen, hob sich und zog den Herzog
-an ihre Brust und küßte ihn lange auf den Mund.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span></p>
-
-<p>»Lieber, Lieber du!« stammelte sie, ihre Wangen
-röteten sich noch einmal vor erstauntem Glück; sie
-ließ den Erschütterten, Fassungslosen, die Lider
-fielen ihr zu, sie sank in die Kissen zurück und schien
-mit einem Lächeln einzuschlafen.</p>
-
-<p>Robert und ich standen auf und sahen uns scheu
-und blaß an; wir wußten beide, wem der Kuß gegolten,
-wir waren beide glücklich in dem Gefühl
-ihres Glücks, aber wir schämten uns voreinander
-und glaubten, jeder aus anderem Grunde, er habe
-den anderen beraubt. Wir ahnten nicht, daß sie
-schon gestorben sei, und waren noch bei ihren letzten
-Worten, doch endlich empfanden auch unsere groben
-Sinne den Tod.</p>
-
-<p>Abermals brachen wir in die Knie, als habe ein
-flammendes Schwert uns mit einem Streich gefällt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="hidden" id="sect-25">25</h3>
-</div>
-<p class="drop">Mitten im Walde, rang ich ihm ab, wurde Aleit
-gebettet. Über ihre Gruft sollte mit Beginn der
-trockenen Jahreszeit eine Kapelle gebaut werden,
-und die sollte mein sein. Er gab meinem Wunsch
-nicht gern Raum, denn er wollte mich nicht im
-Hause missen. Ich aber setzte mich durch und zog<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span>
-im Sommer schier triumphierend in die Klause, die
-mich heute noch beherbergt. Die Quelle nahebei war
-die Tränke der Rehe und Hirsche, die mein altes
-Auge erfreuten; die Kinder und der Herzog selber
-kamen oft und ließen mir weder Hunger noch Durst.
-Es war kein Leben der Geißelung und sollte es auch
-nicht sein, ich wollte nichts als Ruhe und Frieden.
-Ein Gärtlein hatte ich angelegt, drin wachsen Blumen,
-Kräuter und Äpfel bunt durcheinander, und
-gottlob bedauert mich niemand mehr ob meiner
-selbstgewählten Einsamkeit, da ich sie so schön und
-farbenprächtig hergerichtet habe. Winters zieht der
-Schnee einen sicheren Schutz um mich.</p>
-
-<p>Dann beginnt erst die rechte Freude. Ich habe
-mir einen hellen Stern am Himmel gesucht und
-traue, Aleit, in welchem Kleide sie auch wandelt,
-blickt auch auf ihn, und unsere Augen begegnen sich
-in seinem Licht. Diesen Stern und diesen Glauben
-habe ich allein für mich; denn der Herzog, weiß ich,
-hält an dem himmlischen Paradiese fest und wähnt,
-dorten sei aller Sehnsucht Ende, und alle Liebesströme
-verschmölzen in Gottes Herzen zu <em class="gesperrt">einem</em> Kuß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center"><em class="antiqua">Bücher von Werner Jansen</em></p>
-</div>
-
-<p class="h2">Heinrich der Löwe <span class="smaller">/ Roman</span></p>
-
-<p class="center">40. Tausend / In Ganzleinen 4,50 Goldmark</p>
-
-<p class="noind">Werner Jansen, der dem deutschen Volke schon viele kraftvolle und stark verbreitete
-Sagenromane geschenkt hat, ist mit seinem neuesten Werke »Heinrich
-der Löwe« noch über sich hinaus gewachsen. Ein meisterlicher Stil vereinigt
-bei aller Ruhe eine solch hinreißende Wucht, daß man das Buch in
-einem Zuge liest. Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe werden mit
-einer Lebendigkeit, mit einer plastischen Greifbarkeit geschildert, daß sie in
-dieser Form zum dauernden Volksgut werden können. Und die Gegenwart
-scheint gerade den rechten Boden zu bilden, um die Sturmwogen, die damals
-die deutschen Geschicke aufwühlten, recht zu begreifen. Die Meisterschaft,
-mit der dieser gewaltige Stoff dargestellt wird, wird heute von
-Wenigen erreicht. Jansen bietet mit diesem Buche dem deutschen Volke eine
-Gabe dar, die es mit Stolz annehmen soll.</p>
-
-<p class="right">
-(Badische Post, Heidelberg)
-</p>
-
-<p class="h2">Das Buch Treue <span class="smaller">/ Nibelungenroman</span></p>
-
-<p class="center">100. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark</p>
-
-<p class="noind">… An diesem Buche weitet man sich, und Hoffnung strömt uns ins Tiefste,
-daß es nicht zu Ende sein kann mit dem deutschen Wesen! Werner Jansen
-hat das Alte neu werden lassen, und in mächtigem Strome rauscht es dahin,
-und stark und klingend ist die Sprache&nbsp;…</p>
-
-<p class="right">
-(Deutsche Warte)
-</p>
-
-<p class="h2">Das Buch Liebe <span class="smaller">/ Gudrunroman</span></p>
-
-<p class="center">80. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark</p>
-
-<p class="noind">…&nbsp;Manche Abschnitte haben eine geradezu monumentale Wirkung. Die
-Sprache ist markig und dichterisch edel. Dies prächtige hohe Lied der deutschen
-Frau gehört ohne Unterschied jung und alt &ndash; dem gesamten deutschen
-Volke.</p>
-
-<p class="right">
-(Hamburger Nachrichten)
-</p>
-
-<p class="h2">Das Buch Leidenschaft <span class="smaller">/ Amelungenroman</span></p>
-
-<p class="center">60. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark</p>
-
-<p class="noind">…&nbsp;Jansens Bücher mögen uns zur nationalen Bibel werden, auf daß in
-Finsternissen dieses Heute sie uns Priester seien und still, doch rastlos mitbauen
-am höchsten Ziele, das im tiefsten Grunde unserer Herzen uns allen
-vorschwebt: an der Erlösung unseres Volkes aus dem schmachvollen Joch
-der Gegenwart.</p>
-
-<p class="right">
-(Deutsch-österr. Tagesztg., Wien)
-</p>
-
-<p class="center larger p2">Diese drei Bände zusammen in farbigem Geschenkkarton 16,80 Gm.</p>
-
-<p class="h2">Leben, Lieben, Wandern vor hundert Jahren</p>
-
-<p class="center">Roman eines fahrenden Gesellen, nach einer
-Handschrift von <em class="gesperrt">Emma Schumacher</em> / Mit Bildern von <em class="gesperrt">Anton Kling</em></p>
-
-<p class="center">In Halbleinen 3 Goldmark</p>
-
-<p class="center">Ein liebes Buch aus glücklichen Tagen, zum Sinnen und Besinnen</p>
-
-<p class="h2">Herr Reineke Fuchs</p>
-
-<p class="center">Eine unheilige Weltbibel oder lustiger Hof- und Regentenspiegel</p>
-
-<p class="center">Mit 20 Zeichnungen nach Kaulbach von <em class="gesperrt">Ernst Verchau</em></p>
-
-<p class="center">Die geniale, befreiende Neudichtung des alten Reineke Fuchs</p>
-
-<p class="center">In Halbleinen 2,75 Goldmark</p>
-
-<p class="noind">Die Neugestaltung von Werner Jansen hat ein atembenehmendes Buch
-geschaffen … aber auch an der Spracheinkleidung ist zu spüren, daß hier ein
-begnadeter Dichter altes Literaturgut mit lebenweckendem Blut durchpulst. Kein
-Stilplunder wird hier geboten, nicht modische Schnörkeleien und Wort- und
-Satzverrenkungen, sondern die Redeweise ist edel und schlicht, untermischt mit
-kraftvoller Derbheit. Hier spricht ein Deutscher zu uns urdeutsch.</p>
-
-<p class="right">
-(Rudolf Borch)
-</p>
-
-<p class="noind p2">Von Hertha Podlich wurden handgeschrieben und sorgfältig in Offset gedruckt:</p>
-
-<p class="h2">Der Heiland <span class="smaller">/ Worte des Reinen</span></p>
-
-<p class="center">Ein Buch des Glaubens an die Unvergänglichkeit des Heilandswortes,
-zugleich ein Buch des <em class="gesperrt">Glaubens an Deutschland</em>, an die Heimat</p>
-
-<p class="center">In Halbleinen 3,50 Goldmark</p>
-
-<p class="h2">Gottes deutscher Garten</p>
-
-<p class="center">Die Blüten der geistlichen Liederdichtung in ausgewählten einzelnen Versen &ndash;
-ein Buch voll ewiger Jugend</p>
-
-<p class="center">In Halbleinen 3,50 Goldmark / In Ganzleinen 4 Goldmark</p>
-
-<p class="noind">Zwei köstliche Gaben verdanken wir Werner Jansen. Die eine umschließt
-Worte des Heilands. Es ist ein Buch heißen Glaubens an die Unvergänglichkeit
-des Heilandwortes, ein Buch auch des Glaubens an Deutschland, die
-Heimat. Das Gegenstück zu diesem köstlichen, von Hertha Podlich wundervoll
-geschriebenen Buch ist der von Werner Jansen bestellte »Gottes deutscher
-Garten«, ebenfalls von Hertha Podlich geschrieben. Aus dem blühenden
-Garten des evangelischen Kirchenliedes hat Jansen die schönsten Blüten zu
-einem reichen Kranze erlesen … Die Sonne ewiger Jugend leuchtet hier, das
-Herz der Heimat schlägt hier.</p>
-
-<p class="right">
-(Der Deutsche)
-</p>
-
-<p class="h2">Die Bücher deines Volkes</p>
-
-<p class="noind">Band 1: <em class="gesperrt">Die Märchen</em> / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern
-von Prof. <em class="gesperrt">Paul Hey</em> / Band 2: <em class="gesperrt">Die Volksbücher</em> / Mit 25 farbigen und
-schwarzen Einschaltbildern von <em class="gesperrt">Adolf Hosse</em> / Band 3: <em class="gesperrt">Die Volkssagen</em> /
-Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Prof. <em class="gesperrt">Paul Hey</em></p>
-
-<p class="center">Jeder der drei Ganzleinen-Prachtbände 30 Goldmark</p>
-
-<p class="center">Die köstlichsten Geschenkbücher für Menschen, deren Herz jung blieb</p>
-
-<p class="noind">Werner Jansen, der Wiedererwecker der deutschen Heldensagen und gründliche
-Kenner aller Quellen deutschen Volkstums, war wie kein zweiter zur Herausgabe
-dieser Sammlung berufen. Der Schatz, den das deutsche Volk in Jahrhunderten
-geschaffen hat, wird hier zum erstenmal in einer meisterlichen
-Sammlung wahrhaft volkstümlich vereinigt. Nicht für den Wissenschaftler,
-allein für den Genießer wurde die Auswahl aus dem viele hundert Bände
-füllenden Stoff getroffen, wurden zwecklose, ermüdende Breiten gestrichen,
-verdorrte Strecken mit frischem Leben erfüllt. In seinen Märchen und Sagen
-lebt Deutschland mit seiner Sehnsucht nach allen Fernen, mit seinen Tugenden
-und Lastern, seinem Glauben und Aberglauben, seiner Werktüchtigkeit
-und seinen Feierstunden, seiner einfältigen Torheit, seiner tiefsinnigen Weisheit.
-Die gesamte Ausstattung ist in jeder Weise mustergültig und dem Inhalt
-angepaßt. In den Bildern von Paul Hey spiegelt sich das Märchen selbst,
-mit halb lachendem, halb weinendem Auge.</p>
-
-<p class="right">
-(Bremer Nachrichten)
-</p>
-
-<p class="h2">Die frischen Kränze</p>
-
-<p class="center">Eine Sammlung deutscher Gedichte aller Zeiten</p>
-
-<p class="center">Bisher erschienen:</p>
-
-<ul class="nodeco licenter">
-<li>Band 1: <em class="gesperrt">Storm</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li>
-<li>Band 2: <em class="gesperrt">Mörike</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li>
-<li>Band 3: <em class="gesperrt">Eichendorff</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li>
-<li>Band 4: <em class="gesperrt">Keller</em> / <em class="gesperrt">Gedichte</em></li>
-</ul>
-
-<p class="center">Jeder Band in hübschem, farbenfrohem Gewande 5 Goldmark</p>
-
-<p class="center">Eine handgeschriebene, in ihrer Art und Auswahl einzig dastehende Bücherreihe</p>
-
-<p class="noind">In dieser von Werner Jansen herausgegebenen neuen Sammlung deutscher
-Gedichte aller Zeiten haben wir ein Werk vor uns, das inhaltlich und buchtechnisch
-unsere höchste Bewunderung und Liebe erregen muß … Bücher, die
-Sinne und Seele gleich tief in Schwingungen versetzen.</p>
-
-<p class="right">
-(Rhein.-Westf. Zeitung)
-</p>
-
-<p class="center smaller p2"><i>Ausführliches Verzeichnis steht auf Wunsch kostenlos zur Verfügung</i></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">Georg Westermann / Braunschweig / Hamburg</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-<p>Zur besseren Navigation im E-Book wurden unsichtbare Kapitelüberschriften
-ergänzt.</p>
-</div>
-
-<div style='display:block;margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE IRDISCHE UNSTERBLICHKEIT ***</div>
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-be renamed.
-</div>
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-For additional contact information:
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-
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-Dr. Gregory B. Newby<br />
-Chief Executive and Director<br />
-gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg&trade; electronic works
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&trade; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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