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@@ -0,0 +1,9523 @@
+The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Robert Bontine
+
+Author: C. Andrews
+
+Translator: Marie Schultz
+
+Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+
+
+
+
+ Robert Bontine
+
+
+
+
+ Enßlins Mark-Bände.
+
+ In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen
+ in demselben Verlage:
+
+ =Band=
+
+ =1: Leben.= Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill.
+ =2: Theaterkinder.= Roman von L. Pany.
+ =3: Der goldene Schatten.= Roman von L. T. Meade.
+ =4: Gib mich frei!= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =5: Die Bettelmaid.= Roman von J. Fitzgerald Molloy.
+ =6: Sein Recht.= Roman von E. Fischer-Markgraff.
+ =7: Eigenart.= Roman von C. von Ende.
+ =8: Auf eignen Füßen.= Roman von K. Krehmcke.
+ =9: Soldatentöchter.= Offiziergeschichten von Christa Hoch.
+ =10: Die Erbin.= Roman von H. Köhler.
+ =11: Das Recht auf Glück.= Roman von H. Gréville.
+ =12: Der Scharlachbuchstabe.= Roman von N. Hawthorne.
+ =13: Jessika von Duden u. a. Novellen.= Von G. Genzmer.
+ =14: Die goldene Stadt.= Roman von L. vom Vogelsberg.
+ =15: Freie Menschen.= Roman von Thé von Rom.
+ =16: Vom Baum der Erkenntnis.= Roman von H. Hessig.
+ =17: Ebba Hüsing.= Roman von Willrath Dreesen.
+ =18: Des Andern Ehre.= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =19: Sulamith.= Roman von A. und C. Askew.
+ =20: Irrende Seelen.= Roman von V. Luzická.
+ =21: Mandus Frixens erste Reise.= Von E. G. Seeliger.
+ =22: Der Herzbruchhügel.= Roman von H. Vielé.
+ =23: Die Kosaken.= Erzählung von Leo A. Tolstoj.
+ =24: Viktoria.= Roman von G. von Mühlfeld.
+ =25: Nordnordwest. -- Die beiden Friesen.= Zwei Inselgeschichten.
+ Von Ewald Gerhard Seeliger.
+ =26: Hilde Schott.= Roman von Adolf Gerstmann.
+ =27: Waldasyl.= Roman von Johanna Klemm.
+ =28: Was Gott zusammenfügt ...= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =29: Aus dämmernden Nächten.= Roman von Anny Wothe.
+ =30: Kajus Rungholt.= Roman von Charlotte Niese.
+ =31: Der verkaufte Kuß.= Roman von Alwin Römer.
+ =32: Durch Sturm und Not.= Roman von J. Gräfin Baudissin.
+ =33: Ich will vergelten.= Roman von Ellen Svala.
+ =34: Haus Schottmüller.= Roman von August Niemann.
+ =35: Robert Bontine.= Roman von C. Andrews.
+
+ Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen:
+
+ =36: Käthes Ehe.= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =37: Herbstgewitter.= Roman von Anna Behrens.
+ =38: Das arme Glück.= Roman von L. vom Vogelsberg.
+ =39: Die Karsteins.= Roman von H. Lang-Anton.
+ =40: Von fremden Ufern.= Roman von Anny Wothe.
+
+ _Die Sammlung wird fortgesetzt_.
+
+ _Preis jedes Bandes_: 1 Mark oder 1 Krone 20 Heller
+ oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.
+
+ _Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
+
+ _Verlangen Sie ~Enßlins~ Mark-Bände!_
+
+
+
+
+ Robert Bontine
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ C. Andrews
+
+ Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz
+
+ 1. bis 12. Tausend
+
+
+ [Illustration]
+
+ * * * * *
+
+ Reutlingen
+ Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
+
+
+
+
+ Nachdruck verboten.
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+ Übersetzungsrecht vorbehalten.
+
+ ==Printed in Germany==.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+ Kapitel 1. 5
+ Kapitel 2. 21
+ Kapitel 3. 35
+ Kapitel 4. 48
+ Kapitel 5. 59
+ Kapitel 6. 71
+ Kapitel 7. 83
+ Kapitel 8. 91
+ Kapitel 9. 101
+ Kapitel 10. 113
+ Kapitel 11. 126
+ Kapitel 12. 138
+ Kapitel 13. 152
+ Kapitel 14. 165
+ Kapitel 15. 175
+ Kapitel 16. 189
+ Kapitel 17. 203
+ Kapitel 18. 213
+ Kapitel 19. 224
+ Kapitel 20. 240
+ Kapitel 21. 256
+ Kapitel 22. 265
+ Kapitel 23. 283
+ Kapitel 24. 298
+ Kapitel 25. 309
+
+
+
+
+1.
+
+
+Es schien, als ob das Gewitter sich in wenigen Minuten zusammengezogen
+hätte. Den ganzen Tag war das Wetter wunderschön gewesen, warm und
+sonnig. Es war schwer zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer
+tiefer blau sei, -- an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, auf der
+Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte Welle. Dann war plötzlich die
+Sonne verschwunden, große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die
+zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und See und Himmel
+waren grau. Ein fahler Blitz zuckte am Horizont auf, ein dumpfes
+Donnerrollen unterbrach die schwüle Stille, und schwere Regentropfen
+begannen zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder,
+und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, als freue er sich des
+gestörten Friedens in der Natur.
+
+»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile allem Anschein nach keine
+menschliche Behausung, und dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der
+Tat!«
+
+Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der sie sagte, stehen,
+um den Kragen seines leichten Oberrockes in die Höhe zu schlagen. Auf
+der breiten, ebenen Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog,
+war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch irgendein
+Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren können.
+
+Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den Regen ins Gesicht
+trieb, und eilte schnelleren Schrittes auf dem unebenen Fußpfade, den
+er seit einer Stunde verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte
+plötzlich, als ob der Donner, der über seinem Haupte krachte, ein Schuß
+gewesen wäre, der unmittelbar an seinem Ohre abgefeuert worden.
+
+»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter ihm. »Sie finden weit
+und breit kein Obdach und werden bis auf die Haut durchnäßt werden!
+Hierher! Schnell!«
+
+Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine Strecke hinter ihm,
+ungefähr in der Mitte zwischen dem Fußweg und dem steil abfallenden
+Rande der Klippe, stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen
+Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick stehen blieb und
+sie schier verwundert anstarrte, winkte sie ihm gebieterisch mit der
+Hand.
+
+»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst auch noch naß! Beeilen
+Sie sich, der Regen wird bald noch schlimmer werden als jetzt.«
+
+Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, ihrem herrischen Befehle
+folge gebend. Als er bei ihr anlangte, versank sie plötzlich und
+verschwand unter dem nassen Gestrüpp.
+
+»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem Tone aus der Tiefe
+herauf. »Seien Sie vorsichtig -- es kommen drei Stufen. Aber fallen
+können Sie nicht.«
+
+Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein Lichtschein, der
+zu hell war, als daß er durch das Laub hätte fallen können, zeigte
+ihm das kleine höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese
+Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen Felsstufen, neben
+denen sie stand. Er war ein hochgewachsener Mann und mußte sich
+deshalb bücken, um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während er
+vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.
+
+»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, »aber es ist doch
+dem Naßwerden vorzuziehen. Geben Sie mir lieber die Hand, sonst möchten
+Sie straucheln -- der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick!
+Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß es noch schlimmer werden
+würde.«
+
+Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in Strömen herab und
+prasselte auf den Felsen nieder. Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin
+das Gesicht zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen
+erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten kam, fiel nur bis auf
+die Hand, mit der sie die seinige ergriffen hatte.
+
+»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer so plötzlich zum Ausbruch?«
+fragte er.
+
+»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. Aber ich kenne
+die Vorboten und konnte deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht --
+nicht eher?«
+
+»Erst als Sie mich anriefen.«
+
+»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete am Eingang, um Sie
+hereinzurufen, aber das erstemal hörten Sie mich nicht. Hierher!
+Treten Sie dorthin, wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«
+
+Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, umschloß die seine, und
+er schritt vorsichtig hinter ihr die schmale, abschüssige Senkung
+hinunter, an der sie ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der
+Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der Wellen am Fuße der
+Klippe vernehmlicher. Nach einer Minute etwa ließ sie seine Hand los.
+
+»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon sagte, ist es kein
+besonders anziehender Zufluchtsort, aber er ist mir schon oft von
+Nutzen gewesen.«
+
+Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche Höhle, die sich so
+groß wie ein kleines Zimmer in der Vorderwand der Klippe befand. Mit
+einem belustigenden Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie jetzt
+erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen auf einen flachen
+Vorsprung der Felswand nieder, der groß und niedrig genug für den Zweck
+war.
+
+»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie führte, nicht wahr?«
+meinte sie.
+
+Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte sich der Öffnung der
+Höhle genähert und blickte nach unten. Eine dicht von Schlingpflanzen
+überwucherte Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann fiel
+die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. Ein Schauder überlief ihn,
+als er auf die wogende Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem
+Bereich des herabströmenden Regens zurück.
+
+»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort gewählt,« sagte er.
+»Gefährlich?« gab sie zurück.
+
+»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier oben --«
+
+»O, eines Sturzes!«
+
+Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« meinte sie
+gleichgültig. »Ich werde doch nicht so nahe herangehen, daß ich
+hinabstürzen könnte.«
+
+»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, »ein Sturz von hier
+oben würde den Tod bedeuten.«
+
+»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei vielen anderen Stellen
+der Klippen behaupten. Die Felswände sind fast überall furchtbar steil.
+Es ist schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch ein Geländer
+zu schützen, glaube ich; aber der Plan ist wieder aufgegeben worden.
+Vielleicht ist es auch kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden
+Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, sind eine seltene
+Erscheinung.«
+
+»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich hier fremd bin?«
+
+»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens fragten Sie mich, ob
+unsere Gewitter sich immer so plötzlich zusammenzögen.«
+
+»Und drittens -- wußte ich nichts von diesem Ihrem Zufluchtsort,«
+ergänzte er.
+
+»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, -- ich glaube, kaum
+irgend jemand. Ich selbst habe ihn ganz zufällig entdeckt.«
+
+»So?«
+
+»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, und er verschwand in
+dem Ginstergebüsch, das den Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen
+herabgesprungen oder heruntergerutscht sein und konnte sich nicht
+wieder herausfinden. Ich rief und wartete, und schließlich hörte ich
+ihn bellen und leise winseln. Da fand ich das Loch und bahnte mir einen
+Weg hinunter.«
+
+»Und so entdeckten Sie die Höhle?«
+
+»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, daß Sie bis auf die Haut
+durchnäßt sein würden, ehe Sie St. Mellions erreichten.«
+
+»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«
+
+Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört
+habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in
+den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die
+flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört
+zu mustern.
+
+Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll
+entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war
+so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter
+fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der
+Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich
+schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige
+Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund.
+
+Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und
+wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich
+den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut,
+wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann
+gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige,
+aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen
+sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden
+Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge
+weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres
+durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte
+blaue Augen nicht anziehender wurde.
+
+Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen
+Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht
+verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen
+Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens,
+-- zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, -- war den Männern nicht
+eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. --
+
+Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder
+und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing.
+Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht
+verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt
+sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen
+Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.
+
+»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir
+erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht
+schlimmer!«
+
+»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück.
+
+»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu.
+»Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden.
+
+»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.«
+
+»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem Interesse. »Daher kommen Sie
+also?«
+
+»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«
+
+Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.
+
+»Es war ein merkwürdiges Gefühl -- ich werde es niemals vergessen: mir
+war zumute, als sei ich aus den Wolken auf die Erde niedergefallen.«
+
+»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«
+
+»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in dem ganzen Lande kein Wesen
+gibt, das ich kenne.«
+
+»O!«
+
+Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung zunichte.
+
+»Sie haben also keine Verwandten hier?«
+
+»Ich habe nirgends Verwandte, -- die ich kenne.« Er stockte seltsam in
+der Mitte des Satzes, und sein Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten
+vermutlich, ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«
+
+»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions einen Verwandten in
+Australien hätte, so würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz
+England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß Sie sich zuerst
+einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht haben. Ich fürchte, Sie ahnen
+nicht, wie langweilig es hier ist.«
+
+»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl in der Sache.«
+
+»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig an. »Dann sind Sie
+nicht zu Ihrem Vergnügen hergekommen?«
+
+»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein -- in Geschäften!«
+
+Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie ihr Gesicht fast
+beleidigt abwandte und verstummte. Sie blickte wieder in das graue
+Landschaftsbild und den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.
+
+Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend nicht bewußt war, hub
+wieder an:
+
+»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht sagen,
+wie weit es noch bis St. Mellions ist?«
+
+»Ungefähr eine Viertelstunde.«
+
+Sie sprach sehr kurz zu ihm.
+
+»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur von Häusern erblicken.«
+
+»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« Vielleicht hatte er sie
+gar nicht beleidigen wollen. Bei dieser Erwägung wurde sie wieder
+fast liebenswürdig und setzte ihm auseinander, daß das Dorf in einer
+Talmulde läge.
+
+»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er kein Wirtshaus hat?«
+
+»Nein -- sogar zwei.«
+
+Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem Tone fort: »Wir
+werden nicht mehr lange gefangengehalten werden: die Wolken teilen
+sich, der Regen wird gleich vorüber sein.«
+
+Sie hatte recht, denn wenige Minuten später schien die Sonne, und Meer
+und Himmel waren blau. Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so
+übernahm sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen Gang und
+die drei Felsenstufen hinauf, durch das dichte Ginstergestrüpp, das den
+Eingang verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. Hier nahm
+der Fremde ernst den Hut ab und verneigte sich vor ihr. Sie hatte ihm
+diesmal nicht die Hand gegeben.
+
+»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie gehen, -- entschuldigen
+Sie, -- nicht denselben Weg wie ich?«
+
+»Nein.«
+
+Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte es schelmisch auf.
+»Dorthin führt mein Weg,« sagte sie leichthin und deutete schräg über
+die Halde auf eine dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht
+verfehlen. Geradeaus! Adieu!«
+
+»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe einen Verstoß begangen.
+Wenn das der Fall ist, so müssen Sie das, bitte, meinem Leben in
+Australien zugute halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und müßte Ihnen
+sicherlich meinen Namen nennen.«
+
+»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete sie lächelnd.
+
+»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.«
+
+»Danke, Herr Leath.«
+
+Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der Hoffnung, sie werde
+jetzt ein gleiches tun, wußte sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus
+Schelmerei eine Enttäuschung.
+
+»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt zwei Wirtshäuser in St.
+Mellions. Gehen Sie nicht in den Schwarzen Adler -- die Schlafzimmer
+sind dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, die den
+gewissenhaftesten Eigentümer und die beste aller Wirtinnen haben.«
+
+»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«
+
+Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er noch einen
+Versuch -- diesmal einen direkten. -- »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit
+nicht die Krone aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu
+Dank verpflichtet bin?«
+
+»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur natürlich, daß Sie das
+gerne wissen möchten -- freilich!«
+
+Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter und raffte geschickt
+ihre Röcke zusammen, damit sie das regenfeuchte Gras nicht streiften.
+»Nun, wenn Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie nur Ihre
+Wirtin.«
+
+Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so leicht und schnell wie
+ein Vogel dahin und blickte sich mit hellem Lachen noch einmal um.
+Everard Leath schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die
+Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach St. Mellions ein.
+
+Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war so steil, daß der einsame
+Wanderer fast in die Schornsteine des Dorfes hinabsehen konnte. Er
+ließ sich von einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem
+Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die niedere Gaststube
+der Chichester Arms.
+
+Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig zu seinem Empfange
+herbeikam, führte ihn in ein kleines sauberes Wohnzimmer mit
+getäfelten Wänden und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker
+Butzenscheibenfenster, einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke und
+riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen.
+
+Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, und nachdem er sich
+in einem fünfeckigen Schlafzimmer von dem Reisestaub gesäubert hatte,
+setzte er sich und wartete darauf.
+
+Als er mit der müßigen Neugier, die einem Menschen, der sich an einem
+fremden Orte befindet, natürlich ist, aus einem der Fenster schaute,
+sah er einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors Haus reiten.
+Mit schnell erwachtem Interesse in den Zügen wandte er sich an das
+Mädchen, das gerade die letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen
+Tisch stellte, mit der Frage:
+
+»Wissen Sie, wer das ist?«
+
+»Das, gnädiger Herr?«
+
+Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch die Geranien und
+erhielt sofort einen fröhlichen Gruß von dem Reiter.
+
+»O freilich -- das ist Herr Roy!«
+
+»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. »Das sagt mir nicht
+viel. Wer mag Herr Roy sein?«
+
+»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er ist sein Einziger.
+Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.«
+
+»Wie heißt Sir Jasper weiter?«
+
+»Sir Jasper Mortlake, Herr.«
+
+Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, der Sir Jasper nicht
+kannte, war augenscheinlich in ihren Augen ein Phänomen.
+
+»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« meinte sie in fast
+vorwurfsvollem Ton.
+
+»Nein -- niemals. Gehört ihm dies Haus?«
+
+»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler ist seines. Unser Herr ist
+Herr Chichester. Wünschen Sie sonst noch etwas?«
+
+Leath hatte weiter keine Wünsche und begann sein Mahl, aber nicht ehe
+er Roy Mortlake hatte davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen
+Beifall gezollt hatte.
+
+Später, als er in einem der großen Stühle saß und seine Zigarre
+rauchte, klopfte es, und seine rührige Wirtin trat ein, um sich zu
+erkundigen, ob es ihm geschmeckt habe und wo sie sein Gepäck abholen
+lassen könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in Market
+Beverley stände.
+
+»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.
+
+»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, gnädiger Herr. Oben auf
+den Klippen entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.«
+
+»Den Weg bin ich gekommen.«
+
+Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin.
+
+»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert sind, gnädiger Herr, so
+müssen Sie von dem Gewitter überrascht worden sein!« rief sie.
+
+»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei fällt mir ein, mir ist
+aufgetragen, Ihnen eine Frage vorzulegen, Frau Buckstone.«
+
+»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?«
+
+»Ja, -- von einer Dame, die mir als rettender Engel erschien und mich
+vor dem Naßwerden bewahrt hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«
+
+Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem Tone sein Erlebnis.
+
+»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, und sagte mir, ich
+möchte mich an Sie wenden, wenn ich ihn wissen wolle,« schloß er
+lächelnd, »und fort war sie.«
+
+»War sie hübsch, gnädiger Herr?«
+
+»Hübsch? Freilich -- mehr als das. Aber wer war es? Können Sie es sich
+denken?«
+
+»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. »Darüber kann
+kaum ein Zweifel sein. Das war natürlich die Gräfin Florence.«
+
+»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den Namen mit erstauntem Blick.
+»Was? Ist die junge Dame verheiratet?«
+
+»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter eines Grafen drüben
+in Irland, der starb, als sie ein ganz kleines Ding war. Sie ist Sir
+Jasper Mortlakes Nichte -- und wohnt meistens bei ihnen in Turret
+Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger Herr? Es liegt
+an der anderen Seite der Halde, etwa dreiviertel Stunden von hier.«
+
+»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete Leath und griff wieder
+nach seiner Zigarre.
+
+»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach er halblaut und
+gedankenvoll vor sich hin, als die geschäftige Wirtin den Tisch
+abgeräumt und ihn allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger,
+ungewöhnlicher Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret Court.«
+
+Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in
+den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich
+etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene
+grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!«
+
+Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein
+Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an
+Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen
+Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann
+in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich
+hinzumurmeln.
+
+»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo
+ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob -- wenn ich
+nicht mein Wort verpfändet hätte -- es nicht verständiger gewesen wäre,
+ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort
+betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen,
+nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn
+aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?«
+
+Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand.
+»Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der
+Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes,
+an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und
+schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine
+Arbeit anfängt!«
+
+Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste
+Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von
+meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin
+ich jetzt wohl meinem Ziele -- wieviel näher daran, Robert Bontine zu
+finden?«
+
+
+
+
+2.
+
+
+Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene
+Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt
+der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten
+Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden
+hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte
+Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher,
+von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen
+ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über
+die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer
+genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in
+dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.
+
+Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die
+sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten
+zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter
+immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war,
+wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß
+Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt.
+Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war
+kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches
+Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich
+vor ihm fürchteten.
+
+An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten
+Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady
+Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so
+hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für
+ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse,
+blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig
+angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche
+Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten
+noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre
+über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene
+Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll
+die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen
+Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf
+Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von
+Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit
+zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste
+Überzeugung war, -- daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen
+war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und
+Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen
+Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der
+Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen
+schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.
+
+Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine
+ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus
+ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten
+zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper
+Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter
+vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war
+nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur,
+heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte.
+
+Cäcilie -- im Familienkreis stets Cis genannt -- war ein sehr hübsches
+Mädchen, -- in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer
+Schönheit berühmt, -- klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und
+lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. -- Dem
+Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer
+stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und
+dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied
+zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten
+im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.
+
+Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten
+habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht
+einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich
+in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber was nützt das? Und ach,
+was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch
+begehen.«
+
+»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd.
+
+»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte
+sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, -- dabei fällt mir
+ein, -- wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte
+oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer
+eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.«
+
+»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?«
+
+»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen,
+daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach
+der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte
+meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr
+anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte
+befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen
+und bereit zu sein, sie zu begleiten.«
+
+»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du
+wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich
+verlieren!«
+
+Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich
+lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden
+Kopf.
+
+»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon
+geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie
+nicht begleiten werde.«
+
+»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.«
+
+»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab
+Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es
+überwunden haben.«
+
+»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein
+gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin
+von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast
+ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen
+Dame Trotz zu bieten.
+
+»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die
+Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.«
+
+»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.«
+Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände
+im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres
+kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig,
+das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter
+gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie
+übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen
+sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es
+im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen
+Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine
+Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre
+Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem
+ich mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt -- was meinen
+Aufenthalt betrifft wenigstens.«
+
+Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht
+nicht tun könne, was ihr beliebte.
+
+»Hast du -- hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis,
+anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.
+
+»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich
+der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr
+auf die Nerven zu fallen, -- von der Laune, in die er sie versetzen
+wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie
+könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und
+gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche
+erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir
+gewöhnlich langweilig.«
+
+Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy
+heute morgen, Cis?«
+
+»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte
+beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.«
+
+»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence
+gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?«
+
+Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen
+zarte Farbe dunkler wurde.
+
+»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt
+bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du,
+ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.«
+
+»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene,
+die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch
+sagen, wo du --«
+
+»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin,
+daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz
+recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in
+sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen,
+wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen
+überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin
+kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.«
+
+Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen --
+der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz
+zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester
+Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des
+Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei
+Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der
+aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen
+ihn begrüßte, würdig sei.
+
+Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde
+sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf
+eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe
+hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich
+aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.
+
+»Flo,« -- Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, -- »ich
+habe Chichester gesehen -- Hallo! Zum Kuckuck auch!«
+
+Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper
+riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen
+Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem
+Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien.
+
+Er sah -- wenigstens auf den ersten Blick -- nicht so aus wie
+jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu
+verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches
+rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als
+das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos
+und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er
+sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein
+blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht
+hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen
+waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug
+und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher
+erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit
+einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren
+Mann hätte schließen lassen.
+
+Ja -- Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war
+entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann
+für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich
+auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt
+und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen
+Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des
+Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten.
+
+Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind
+blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß
+seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen
+scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr
+netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären,
+eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume
+eingefallen sein würde.
+
+Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen,
+während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy
+schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht,
+sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem
+Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden
+Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan
+seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in
+kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war
+vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast
+liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache
+zu finden sein mochte, daß, wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens
+die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund
+Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein
+würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt
+sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern
+hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen.
+
+»Ist -- kann ich -- wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady
+Agathe ängstlich hervor.
+
+»Danke -- nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen
+verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen
+Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten,
+hatte er eine unsägliche Verachtung.
+
+»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu.
+
+»Das ist er auch.«
+
+Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys
+verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter
+Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«
+
+Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie
+gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir
+Jasper trat an die offene Glastür.
+
+»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts
+zu tun, -- du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir
+mitnehmen.«
+
+»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends länger, als er sehr
+gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth
+aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er
+nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß -- es
+ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«
+
+»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine
+kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit
+schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine
+Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du
+wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und --«
+
+»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann --
+ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht
+wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«
+
+Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon
+gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen
+besorgen, Onkel Jasper.«
+
+»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte
+ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm.
+
+»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu
+Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und
+außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem
+Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis
+und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen
+bekommen. Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas
+dabei zu bestellen?«
+
+Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine
+Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem
+Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence
+pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer
+Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den
+Rasen hinaus.
+
+»Roy, lauf nach dem Stall hinüber -- tu’s mir zuliebe, und laß
+Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht
+fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«
+
+Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte
+ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß
+Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen
+demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin
+ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.«
+
+»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab
+Harry Wentworth lachend zurück.
+
+»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf
+solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen?
+Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun,
+was sagt ihr beide?«
+
+»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry.
+
+»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin!
+Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß
+geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry,
+ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich
+unserer bemächtigt hat?«
+
+Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme
+tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich
+hinträllerte:
+
+ »Mein Herz, ich will dich fragen,
+ Was ist denn Liebe, sag?
+ Zwei Seelen und ein Gedanke,
+ Zwei Herzen und ein Schlag.« --
+
+»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher
+Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich.
+
+»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem
+verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich
+sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich
+sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen
+gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.«
+
+»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis.
+
+»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch
+wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus
+dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte
+Sache sei.«
+
+»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«
+
+»Weiß Sir Jasper darum?«
+
+»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«
+
+»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry
+zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen
+froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«
+
+»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen
+Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn
+ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«
+
+
+
+
+3.
+
+
+Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer
+Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden
+Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions
+einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden
+beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes
+gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es
+gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie
+nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe
+mit ihr auf.
+
+Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie
+gern, -- wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch
+verdienten, -- aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben
+Art wie Florence.
+
+Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen
+Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und
+hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen
+Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken,
+und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher
+Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun
+können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf,
+der nach dem Hause führte.
+
+Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen
+Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen
+aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine,
+die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den
+Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick
+dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow
+-- so hieß es -- wohnen möchte, als in Turret Court.
+
+Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an
+die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick
+erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick
+des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar
+legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf.
+
+»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und
+dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte
+sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily
+zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald
+wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen,
+stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes
+Fenster.
+
+»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage
+draußen im Sonnenschein sein sollten?«
+
+»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!«
+
+Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit
+Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm
+die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit
+breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles,
+träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz
+alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar
+wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen
+seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias
+Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre
+älter gehalten wurde.
+
+»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang
+Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher
+Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh.
+Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen
+zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des
+Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.
+
+»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von
+mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie
+meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence
+lächelnd.
+
+»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.«
+
+Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige
+Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der
+Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen
+zweiten herbeiholte.
+
+»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie
+so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?«
+
+»Beides, Herr Sherriff.«
+
+Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum
+Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche
+ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn
+wieder in den Umschlag.
+
+»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige
+Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie
+mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret
+Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«
+
+»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist
+hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental
+-- wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und
+Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.«
+
+»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun,
+liebes Kind.«
+
+Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das
+liebreizende, strahlende Gesicht.
+
+»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes
+vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?«
+
+»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden!
+Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es
+ihn vielleicht liebenswürdig machen -- wer weiß? Ich habe jetzt
+angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal
+einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den
+Gassenhauer kennte!«
+
+»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd.
+
+»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die
+Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge
+Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht -- kommt
+dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf
+näherkommende Schritte -- Schritte, die ihr ganz fremd waren.
+
+Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind
+es? Hier?«
+
+Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei
+ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb.
+
+Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem
+zum andern.
+
+Leath sprach zuerst.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung
+davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu
+finden.«
+
+Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen
+richteten sich verwundert auf den Hausherrn.
+
+»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.
+
+»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie
+kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?«
+
+»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es
+Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie
+sollen es hören.«
+
+Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung,
+wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in
+der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.
+
+»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig.
+
+»Kein Sterbenswort.«
+
+»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«
+
+»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht
+in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je
+begegnet!«
+
+»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe
+gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage,
+bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß
+er keine Seele in St. Mellions kenne.«
+
+»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf
+fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen
+Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen
+Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich
+hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.«
+
+»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen
+Mädchens wurde ernst. »Und er -- dieser Herr Leath -- brachte Sie nach
+Hause, nicht wahr?«
+
+»Ja, mein Kind -- als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu
+sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger
+gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und
+ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den
+Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem
+einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während
+seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle.
+Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere
+Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein.
+Ist diese Erklärung vollständig genug?«
+
+»J--a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in
+etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie
+einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«
+
+»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?«
+
+»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie.
+
+»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor
+zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die
+ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.«
+
+»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln
+legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie -- mögen
+Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?«
+
+»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.«
+
+»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem
+besonderen Grunde.«
+
+»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.«
+
+»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,«
+setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke,
+glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb
+eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube
+nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und
+Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?«
+
+Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn
+wieder kraus. »Herr Sherriff!«
+
+»Ich höre, liebes Kind.«
+
+»Glauben Sie, daß er dauernd hier -- in St. Mellions -- bleiben wird?«
+
+»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.«
+
+»Ja, ja, aber --« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn
+hergeführt?«
+
+»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.«
+
+»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum
+Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und
+es war ihm Ernst damit.«
+
+»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon
+gesagt hat.«
+
+Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den
+Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig.
+
+»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«
+
+»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann
+lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen
+diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«
+
+»Ich bin viel zu reich -- es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben,
+daß er viel Geld hat?«
+
+»In bescheidenem Maße -- ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung
+deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut
+gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten
+sei.«
+
+»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.
+
+»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt -- ich bin zu
+unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die
+Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden,
+wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen,
+liebes Kind?«
+
+»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete Florence, munter ihren
+Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah,
+und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in
+ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon
+für drei Personen gedeckt war.
+
+Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die
+Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu
+treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah
+Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen
+ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber
+niederließ.
+
+»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in
+leichtem Tone.
+
+Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.
+
+»Ja, Gräfin.«
+
+»Und sie stellte meine Person fest?«
+
+»Sofort.«
+
+»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.«
+
+»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu
+schildern.«
+
+»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹
+sähe.«
+
+»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.«
+
+»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso
+entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres
+kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?«
+
+»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich
+nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit
+zu reden.«
+
+Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man
+ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß
+sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu
+vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte.
+Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine
+Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte,
+daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von
+ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte.
+
+Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb
+bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten
+Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien,
+aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen
+charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch
+sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie
+sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu
+entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit
+vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit
+einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig
+wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht
+hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen.
+
+»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit
+über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?«
+
+Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie
+in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder
+geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb
+Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr
+hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.
+
+»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.
+
+»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei.
+Finden Sie das etwa nicht?«
+
+»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier
+fortzutreiben.«
+
+Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten
+habe.
+
+»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?«
+
+»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu
+keinem festen Entschlusse gelangt -- das heißt über meinen künftigen
+Aufenthaltsort.«
+
+»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien
+zurückkehren werden?«
+
+»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich
+dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen
+Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«
+
+»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten
+--«
+
+»Das habe ich allerdings nicht.«
+
+Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.
+
+»-- so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England
+vertauschen.«
+
+»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich
+sagte, stehe ich ganz allein in der Welt -- schon seit acht Jahren.«
+
+Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei
+diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine
+Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die
+sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast
+noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen
+abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte
+verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine
+Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an.
+Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie
+abstieß.
+
+In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr,
+und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel
+gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie
+drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten
+eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt.
+Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln,
+weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden
+schien.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh
+gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein
+auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages,
+denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand
+angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er
+sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte,
+den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich
+in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein.
+
+Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des
+Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine
+langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich
+Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf
+der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein
+Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen
+Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer
+Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar
+verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide -- sie trug im
+Hause gern übermäßig lange Schleppen -- im Gespräch mit der einzigen
+noch anwesenden Persönlichkeit.
+
+Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine
+gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht
+geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und
+seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er
+älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, -- er
+hatte fast gar kein Mienenspiel, -- seine Gestalt hatte eine gewisse
+Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine
+Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der
+Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig
+war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen
+Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde,
+anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte
+Antlitz sich gegenüber sah.
+
+»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein
+halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd.
+»Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.«
+
+»Von der Herzogin? So?«
+
+»Ja.«
+
+Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es
+abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten.
+
+»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die
+Gelegenheit, sie von unserer Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte
+Talbot Chichester zögernd.
+
+»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort
+und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die
+Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich
+daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser
+ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren
+Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte
+schelmisch.
+
+»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst;
+das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt.
+»Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt
+es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre
+Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat.
+Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu
+übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht
+begriff.«
+
+»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst
+zu erzählen -- warum, weiß ich nicht.«
+
+»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester
+fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form
+ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.«
+
+»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben
+wird?« fragte Florence wieder.
+
+»Dagegen?«
+
+Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde
+würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei.
+War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das
+Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz
+drei- oder viermal abzukaufen?
+
+»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine
+ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich
+wahr, -- wir haben die Ehre immer abgelehnt, -- aber in jeder anderen
+Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als
+Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht
+für wahrscheinlich halten.«
+
+»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß
+sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das?
+Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«
+
+»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?«
+
+»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post
+schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen
+schuld bin.«
+
+»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht
+und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein
+unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund
+hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester, obgleich er ihr
+Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie.
+
+Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens
+ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem
+kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders
+verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei
+dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern -- der Einfall
+belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor
+seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte
+sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht,
+ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das
+unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot
+Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und
+sie hatte versprochen, ihn zu heiraten.
+
+Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer
+stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen
+dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen,
+aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu.
+Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus
+nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen
+hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt
+vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl
+und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu
+bringen.
+
+»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden
+Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt
+nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war
+furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr,
+Flo?«
+
+»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers
+gezupft und ihn nicht gehört -- ihre Augen schauten noch träumerisch
+in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten
+Abendhimmel glänzte.
+
+»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?«
+
+»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden
+haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen,
+Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist.
+Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes
+Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht!
+Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt
+und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.«
+
+»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir
+Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.«
+
+»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, -- die beiden sind
+nämlich dicke Freunde, -- daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London
+niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen
+Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen, ich begreife es nicht,
+wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich
+ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«
+
+»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz
+allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso
+glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.«
+
+»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht
+der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender
+Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben,
+fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch
+bei Mutter Buckstone?«
+
+»In den Chichester Arms?«
+
+Talbot Chichester stellte diese Frage.
+
+»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl -- sonnverbrannt -- erinnert mich
+an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort.
+»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir -- ich weiß nicht mehr
+recht, wie es war -- als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte
+Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er.
+Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa,
+Chichester?«
+
+»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester
+Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt
+nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour
+begriffener Londoner.«
+
+Roy schüttelte den Kopf.
+
+»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre -- hat nicht den Londoner
+Dialekt -- versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein.
+Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal
+danach fragen.«
+
+»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt
+er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht,
+und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«
+
+»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«
+
+»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«
+
+»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du
+warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt
+hast du den Menschen gesehen?«
+
+»Soll ich’s dir sagen?«
+
+Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch
+blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres
+Bräutigams. »Ja -- wir sind heute abend alle sehr langweilig, und
+deshalb will ich es tun.«
+
+Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte
+ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten
+Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard
+Leath.
+
+Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den Leichtsinn der schönen
+Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend,
+folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden,
+und schaute dann mit einem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, der aber
+keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst,
+fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest
+aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm.
+
+»Was ist denn los?«
+
+»Los?«
+
+»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil
+ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot,
+mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal
+hin. So!«
+
+In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte
+es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die
+in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben.
+Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie
+ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen
+Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen
+gegen den Unbekannten zu machen.
+
+»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er.
+
+»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge
+Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder
+an.
+
+»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde
+wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die
+einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen naß werden
+zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.«
+
+Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab -- er war so unendlich
+mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los.
+
+Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte.
+
+Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence
+stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan
+hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte.
+
+»Fehlt dir etwas, Florence? Du -- du siehst so ernst aus, mein Herz!«
+
+»So?«
+
+Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich
+sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.«
+
+»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der
+Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war,
+Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch
+zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon
+gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«
+
+»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«
+
+Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich
+strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm
+plötzlich all ihren Mut zusammen.
+
+»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas
+fragen wollen. Ich kann es gar nicht begreifen -- er ist so ernst
+und steif und kalt -- in jeder Beziehung so verschieden von dir -- es
+wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.«
+
+»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!«
+
+Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich
+halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange
+war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein
+ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone.
+
+»Florence!«
+
+»Nun, mein Schatz?«
+
+»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«
+
+»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«
+
+»O, ganz jung! Und hübsch?«
+
+»Nein -- und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«
+
+»Und ist er nett, Florence?«
+
+»Wer?«
+
+»Nun, Herr Leath!«
+
+»Nett? Nein -- unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin
+schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!«
+
+
+
+
+5.
+
+
+Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen
+und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen
+wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem
+einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im
+hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem
+Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St.
+Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence
+gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große
+Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er
+außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten
+Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können,
+alle freundlich gewogen seien.
+
+»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«
+
+»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug,
+sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern
+sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat
+sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr
+von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.«
+
+»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?«
+
+»Ja -- sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.«
+
+»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«
+
+»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit
+ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.«
+
+»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich
+genügt doch ein Vormund, mein’ ich -- weshalb sind hier denn zwei?«
+
+»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das
+ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für --«
+
+»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte
+wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische
+Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der
+verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«
+
+»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes
+Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«
+
+»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht
+mündig?«
+
+»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz
+ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, -- was
+wahrscheinlich der Fall sein wird, -- daß sie sich in der Zwischenzeit
+verheiratet.«
+
+»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?«
+
+»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden
+Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so
+fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.«
+
+»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten.
+»Wie mag das gekommen sein?«
+
+»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist
+seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe
+finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu
+glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf
+seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.«
+
+»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter
+wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath
+nachdenklich.
+
+»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben,
+daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge.
+Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben,
+so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre
+Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß
+nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe
+Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die
+Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper
+niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu
+zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den
+Bräutigam geeinigt hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie
+in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.«
+
+Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach
+seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen.
+
+»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«
+
+»Gräfin Florence? Nein -- meines Wissens nicht. Und wenn ich sage,
+meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte
+Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben,
+davon bin ich überzeugt. Nein -- verlobt ist sie nicht. Ich muß
+gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens
+kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich
+nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann,
+und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«
+
+»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam.
+
+»Mit dem Heiraten? Nein -- ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir
+Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court -- sie
+hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde
+eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper
+bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter
+des Gutes -- ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde.
+Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.«
+
+»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem
+Posten haben. Nach dem, was ich mir aus den Reden der guten Leute
+hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper
+auszukommen.«
+
+»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine
+Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper
+ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt
+bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und
+ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er
+behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.«
+
+»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«
+
+Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte
+Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn
+hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in
+eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben
+konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?«
+
+»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und
+blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte
+auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen
+Jahren -- mehr als dreißig -- einen bitteren Kummer gehabt, der sein
+ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm
+ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe.
+
+»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten,
+in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich
+überhaupt je wieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir.
+Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.
+
+Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in
+dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war,
+blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff
+wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem
+anderen Tone.
+
+»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte
+er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, -- daß
+ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß
+sogleich damit fort.«
+
+Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus,
+daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und
+zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte
+nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath
+legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl
+zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon
+längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe.
+
+Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu
+viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit
+einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und
+ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick
+zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit
+bekümmertem Ausdruck auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen
+unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm
+die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre
+Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe.
+
+»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage
+nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe.
+Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal
+ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das
+soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen?
+Wenigstens jetzt noch nicht?«
+
+»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin
+entmutigt -- ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde -- was das
+beste sein würde.«
+
+Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer
+seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang
+die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus,
+sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte,
+verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er
+ihn aussprach:
+
+»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen
+Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu
+erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts
+Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich
+fest, und doch bin ich schwach genug, mich fast entmutigt zu fühlen,
+weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es
+scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen,
+und doch ist dieser Ort -- St. Mellions -- der einzige Ausgangspunkt
+für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die
+Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach
+einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde.
+Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich
+glaube, ich werde gehen.«
+
+»Das tut mir leid zu hören.«
+
+Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden,
+hin, ohne eine Frage zu stellen.
+
+»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden
+Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein
+Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«
+
+»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest
+die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt,
+den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer
+Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich
+dafür bezahlte.«
+
+ * * * * *
+
+Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang,
+und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath,
+der an sehr viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn
+schnell und leicht zurück.
+
+Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt
+dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu,
+durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug.
+Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer
+Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art,
+in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen
+erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein
+Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den
+Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt
+hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war,
+veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden.
+
+»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.
+
+»Jener Mensch.«
+
+»Welcher Mensch?«
+
+»Leath.«
+
+»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit
+Interesse. »Was mag er nur wollen?«
+
+»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein
+Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!«
+
+»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde
+ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, --
+wissen muß, -- daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und
+stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!«
+
+Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence
+den Hut ab.
+
+»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu
+erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper
+einen Brief zu überbringen.«
+
+»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes
+milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein.
+»Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie
+lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen?
+Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen
+bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«
+
+»Gewiß erinnere ich mich dessen.«
+
+Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht
+hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng
+und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm
+wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte.
+
+»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter.
+»Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie
+sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten
+dürfen.«
+
+Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. Sie ärgerte sich
+fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie
+immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es
+entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber
+für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige
+Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig
+hob:
+
+»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath?
+Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?«
+
+Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand
+ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des
+Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.
+
+»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen.
+Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich,
+Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«
+
+»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie
+sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«
+
+Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis
+kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen
+Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn
+er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte
+Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht
+Einspruch erhoben, denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger
+Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene
+Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade
+in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der
+Bildfläche.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen
+Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte
+seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden
+empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen,
+ruhigen Gesicht, gemustert hatte -- liebenswürdig, steif und förmlich
+oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an.
+
+Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu
+sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen
+haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von
+selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.
+
+»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd.
+»Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath
+reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er
+ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.«
+
+»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt,
+aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf.
+
+»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten Sie mir,
+Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich
+übernommen haben,« sprach er.
+
+Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der
+Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche
+steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen
+dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich
+bejahte.
+
+»Vielen Dank -- ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die
+Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir
+die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie
+meiner Frau vorzustellen.«
+
+Leath nahm dankend an.
+
+Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit
+sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm -- beides
+sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir
+Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie?
+dachte seine Tochter.
+
+Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen
+beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung -- nicht über Sir
+Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit,
+mit der Leath die Einladung aufnahm -- für sich. Er hatte keine Spur
+der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber
+anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine
+Regung des Interesses und der Belustigung empfindend, sehr ernst und
+schweigsam, -- etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.
+
+Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte,
+so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und
+wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres
+Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich
+fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf
+seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung
+schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert?
+So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein?
+Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers
+Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions
+und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren,
+zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden.
+Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die
+Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt.
+
+»Habe ich recht verstanden -- Sie kommen aus Australien, Herr Leath?«
+
+»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.«
+
+»Darf ich fragen, wo?«
+
+»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.«
+
+»Ihr ganzes Leben lang?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«
+
+»Niemals.«
+
+»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«
+
+»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber
+mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.«
+
+»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?«
+
+»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre
+-- seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin -- habe ich ganz allein in
+der Welt gestanden.«
+
+»Sie haben keine Verwandten in England?«
+
+»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.«
+
+Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden,
+der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher
+Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst
+vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein
+Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt.
+
+Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige
+Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer
+der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war
+freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die
+Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret
+Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war
+von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner
+Braut, und Cis -- ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys
+Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner -- fiel das
+Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen
+einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer -- er war nach Market
+Beverley geritten.
+
+Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es
+mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging,
+oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer
+ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch
+in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu
+sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie
+antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich
+nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath.
+
+»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle
+Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht -- sie, die immer
+jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? -- Die Pause, die nach
+ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon
+beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke
+ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:
+
+»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr
+Leath?«
+
+»Nein -- aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms,
+nicht wahr?«
+
+»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions -- mehr als
+uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll.
+Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich
+nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?«
+
+»Nur von der Chaussee aus.«
+
+Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade
+mit Florence, die zu ihm aufschaute.
+
+»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?«
+
+»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht --« Cis brach ab, dunkelrot im
+Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen
+durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen
+Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer
+kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie
+auch erleichtert aufatmete:
+
+»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir
+die Frage -- ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein
+Geheimnis?«
+
+»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle
+wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die
+Herzogin -- die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund -- davon
+in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.«
+
+»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten
+werden?«
+
+»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt? Sie hält so
+viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es
+mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?«
+
+»Ganz sicher.«
+
+»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht
+ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath
+-- es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen,
+daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und
+das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er
+keinen für gut genug für sie hält.«
+
+Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine
+Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht
+des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe
+hinabbeugte, -- nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, -- nicht mehr
+vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr
+Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so
+gleichgültig war er.
+
+Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie
+abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte,
+begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch
+eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch
+zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr
+erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie.
+
+»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte
+sie. »Man macht sich erst eine Vorstellung von einem Orte, wenn jemand
+redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich
+kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.«
+
+»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das
+ist, Fräulein Mortlake?«
+
+»Wie dumm von mir, -- ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys
+-- Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name
+entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer
+seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung
+wisse.
+
+»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr
+gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in
+der Tat keine Ahnung davon, bis Har-- Herr Wentworth es mir erzählte.«
+
+»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch.
+
+»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.«
+
+»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie
+unverwandt an.
+
+»Ja -- das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es
+ungefähr so lange her sein.«
+
+Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen
+und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort.
+
+Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm
+schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und
+einem freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und
+förmlichste Verbeugung.
+
+Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis
+blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die
+beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit
+Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount
+zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und
+regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze.
+
+»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich
+nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht
+leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht
+helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu
+schlecht von dir.«
+
+»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück.
+»Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.«
+
+»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine
+Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!«
+
+»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte
+Florence rasch.
+
+»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm
+gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr
+Sherriff nichts davon wüßte.«
+
+»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der
+Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«
+
+Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie.
+»Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis,
+daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff
+gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.«
+
+Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!«
+
+»Ja, Liebste?«
+
+»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?«
+
+»Herr Leath? Nein -- ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.«
+
+»Ich aber --« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu
+vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es
+immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe
+seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich
+sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß,
+daß sie da ist.«
+
+»Was sagst du da?«
+
+Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe,
+herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner
+Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die
+gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges
+Gesicht paßte zu seiner Stimme.
+
+Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger
+Gelassenheit:
+
+»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte, daß Herr Leath
+irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht
+einfallen, wem.«
+
+»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst
+du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen
+Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken.
+
+»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine
+Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und
+ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen.
+Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir
+wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich
+werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist,
+so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.«
+
+Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß.
+Cis war sprachlos.
+
+»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!«
+
+Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit
+geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit.
+
+ * * * * *
+
+Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast
+eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda
+eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf
+der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann, mit
+dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten,
+sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer
+sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der
+ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter.
+
+»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.«
+
+»Ja.«
+
+»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber
+wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, -- ganz anderen
+Sinnes geworden, -- und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«
+
+
+
+
+7.
+
+
+Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die
+Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen
+Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.
+
+Lady Agathe, ihre Kinder -- Roy in einem weißleinenen Anzuge, in
+dem er noch länger als sonst aussah -- und Florence saßen vor den
+Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem
+Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden.
+Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten
+Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben,
+boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager
+zurechtgemacht.
+
+Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien
+gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden.
+
+»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte
+ihn Florence.
+
+Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin
+geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten
+erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu
+ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, der nicht
+wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen
+würde.
+
+Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm
+reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis
+die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung
+mit ihm anzuknüpfen -- im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch
+schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte.
+
+»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise
+heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper
+gesprochen habe.«
+
+»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen
+lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht
+aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir
+ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim
+Frühstück, Tante Agathe, -- er sitzt zu viel allein -- ich will ihn
+bitten lassen, zu uns zu kommen.«
+
+Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten
+brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien
+der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich
+liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester
+wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm
+gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im
+stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien
+aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen; er hatte
+nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis,
+und sagte:
+
+»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich
+fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und
+er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine
+Güte!«
+
+»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich
+schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er
+streng.
+
+Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war,
+antwortete:
+
+»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja
+kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«
+
+»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast
+du ihn getroffen?«
+
+»Wo--o, ein paarmal bei dem alten Sherriff -- und bei Mutter
+Buckstone -- und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern
+leiden mag. Warum, Vater?«
+
+»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete
+Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein
+Fremder -- laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich
+machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von
+dir genannt zu hören, und damit basta!«
+
+Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys
+Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie
+Mortlake auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht
+gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns.
+Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis
+auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten
+davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten
+nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald.
+
+Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit
+gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an:
+
+»Entschuldigen Sie -- darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem
+Leath wissen, Mortlake?«
+
+»Nichts -- gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?«
+
+»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie
+so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie
+möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.«
+
+»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen
+freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt,
+den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«
+
+»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit
+gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß -- ich habe ihm gerade heute
+Lychet Hut -- Sie kennen doch das kleine Haus? -- vermietet, und wenn
+Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.«
+
+»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen -- ihn als Mieter genommen?«
+fragte der Baron ungläubig.
+
+»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«
+
+»Ist es fest abgemacht?«
+
+»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus
+bezahlt.«
+
+»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an
+die Luft setzen?«
+
+»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?«
+
+»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter
+die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache
+rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff --«
+
+»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie
+es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich
+Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu
+schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter
+Narr!«
+
+Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter
+blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt,
+und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden
+Gesichtern -- ratlose Bestürzung auf dem des Mannes -- lebhaftes
+Staunen auf dem des Mädchens.
+
+Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren
+hoch emporgezogen.
+
+»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn
+gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«
+
+»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«
+
+»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten
+Leute?«
+
+Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche
+Frage:
+
+»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet
+habe?«
+
+»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten,
+wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?«
+
+»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich
+habe schon alles Nötige angeordnet.«
+
+»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«
+
+Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.
+
+»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«
+
+»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit
+gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.«
+
+»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu
+bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend.
+
+»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise
+nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse
+darüber ist.«
+
+»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er
+den armen Roy anfuhr! -- Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte
+schelmisch.
+
+»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«
+
+»Du?«
+
+»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er
+vielleicht ertrunken!«
+
+Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das
+›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war,
+um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber
+gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren
+wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig
+blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke
+gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen
+möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend
+etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte.
+
+Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der
+Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu.
+
+»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.
+
+»Ich weiß es wahrlich nicht!«
+
+Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer
+Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen
+Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag
+Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.«
+
+»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie
+Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte
+erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du
+sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«
+
+»Ja,« antwortete Florence kurz.
+
+»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend.
+
+»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen.
+Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr
+gern, nicht wahr, Schatz?«
+
+»Das will ich meinen -- viel lieber als die meisten, mit denen ich
+sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn
+einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut
+gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,«
+setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu,
+»es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er
+kennt ihn nicht, nicht wahr?«
+
+»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.
+
+»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen -- schien sehr
+erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er
+mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich -- nicht wahr?«
+
+»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den
+goldblonden Kopf empört in den Nacken.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll
+Sonnenschein.
+
+Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur -- Harry
+hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich
+und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte -- und überlegten, wie sie
+den Morgen verbringen wollten.
+
+Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem
+goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie
+weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen
+vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence
+die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit
+roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen
+Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume
+hervorschaute.
+
+»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.
+
+»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich
+muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes
+Plätzchen aussuchen -- vielleicht meine Höhle -- und dort bleiben,
+bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum
+zweiten Frühstück erscheine. Komm mit, Tramp,« wandte sie sich an den
+zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war.
+Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London
+halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen
+und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich
+erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden.
+
+Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence
+erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die
+Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als
+peinlich.
+
+Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten
+seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten
+Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald
+bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich
+dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence
+lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine
+rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend
+darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu
+vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte,
+während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich
+wieder: »Warum habe ich es nur getan?«
+
+Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre
+ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und
+begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr
+unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch
+sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte
+von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und
+sie meinte mit einem leisen Seufzer:
+
+»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«
+
+»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich
+hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt
+mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch
+eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«
+
+»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.
+
+»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen,
+Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.«
+
+»Sie meinen Herrn Leath -- Everard Leath.«
+
+»Ja, so heißt er -- ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja
+der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen --
+natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir
+wollen?«
+
+»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu
+sprechen wünschte?«
+
+»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach
+erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den
+Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch
+ziemlich wunderlich.«
+
+Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite Zigarre an und meinte
+dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde.
+
+»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht
+weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du
+dazu, Cis?«
+
+Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch
+immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe.
+
+»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch
+seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort
+auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber -- wer -- in des Kuckucks Namen
+--« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und
+Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten.
+Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und
+wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung.
+
+Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen
+röteten sich vor Zorn.
+
+»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen -- Everard Leath,« sagte
+sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick.
+
+»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie
+ihm freien Zutritt gewährt, Florence?«
+
+»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm
+einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig
+weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.«
+
+»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht.
+Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und
+glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren
+blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten
+brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen
+Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht -- wer
+anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den
+Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences
+schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde
+ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich
+die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen.
+
+Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In
+ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz,
+daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie
+seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar
+hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn.
+
+»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch
+hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der
+Florences.«
+
+Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm
+am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen
+Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er
+hinzu:
+
+»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich
+hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre
+Höhle betreten habe?«
+
+Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den
+Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle
+nenne.
+
+Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der
+unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu
+verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger
+gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner
+kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß
+Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben
+auf der Klippe gesellte.
+
+Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte
+einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft
+hatte, und fragte sie:
+
+»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?«
+
+»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt
+vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?«
+
+»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath
+war. Weißt du noch?«
+
+»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.«
+
+»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die
+beiden sich unterhalten!«
+
+»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.
+
+»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem
+Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.«
+
+Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide
+nicht auf die Unterhaltung der Herren.
+
+Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er
+ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum
+beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig
+geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber
+sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich
+seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte
+sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob
+er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch
+selbst in Australien gewesen sei.
+
+»Nein, aber ich habe davon gehört.«
+
+»So? Ja -- ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in
+meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland
+-- das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch,
+ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es
+wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt
+worden.«
+
+»So?«
+
+»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts
+Besonderes -- irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute
+sich einlassen, wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber
+er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl
+in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte.
+Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen
+wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es
+überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er
+hatte nie davon gesprochen.«
+
+Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder
+anzuzünden.
+
+Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte,
+sagte langsam:
+
+»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen,
+ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?«
+
+»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch
+unverheiratet war.«
+
+»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«
+
+»Dreißig? Ach nein -- so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.«
+
+Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen.
+
+»Wissen Sie das gewiß?«
+
+»Natürlich, ganz gewiß!«
+
+Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu
+gutmütig, um ungeduldig zu werden.
+
+»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig,
+und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine
+Mutter hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in
+England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein
+halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die
+verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr,
+nicht dreißig oder annähernd soviel.«
+
+»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.«
+
+Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.
+
+»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig
+Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield.
+Nein -- vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als
+hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit?
+Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.«
+
+Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt.
+Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit
+so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal
+darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von
+Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen,
+sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue
+Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er
+erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt.
+
+»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine
+Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich
+behaupten, daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben,
+Liebling!«
+
+Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths
+entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten,
+forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis
+und ihrem Verlobten entgangen -- die merkwürdige Veränderung in dem
+ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen
+zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit
+einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte
+sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer
+beunruhigen sollte.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von
+der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem
+Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende
+Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms
+aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn
+instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu
+wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das
+dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über
+einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt
+des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich
+begrüßend:
+
+»Da sind Sie wieder -- das ist recht.«
+
+»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?«
+
+»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?«
+
+»Nein -- draußen auf der Halde.«
+
+»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich,
+ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.«
+
+Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen Fenster nieder. Das helle
+Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke
+lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen
+Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere
+Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes
+Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er
+mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der
+Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht.
+
+»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich
+nichts Unangenehmes begegnet?«
+
+»Unangenehmes?«
+
+Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich
+sehe ein, daß ich mich geirrt habe -- das ist alles. Bis heute glaubte
+ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St.
+Mellions kam, fast getan sei -- weit gefehlt! Ich bin gerade so weit
+wie vorher!«
+
+»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die
+Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut
+zu mieten?« fragte Sherriff.
+
+»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen,
+nach London zu gehen -- weit besser!«
+
+»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«
+
+»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem
+Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«
+
+Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu Boden. Der Ältere
+brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und
+vielleicht etwas vorwurfsvoll:
+
+»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein
+Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an
+Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht
+wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das
+unmöglich?«
+
+»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«
+
+»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«
+
+Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths
+Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.
+
+»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er,
+»und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben
+Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen,
+und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache
+erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte -- das
+werden Sie sich wohl schon sagen können.«
+
+Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die
+von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft
+niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn
+unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht;
+vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes
+quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich,
+sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen
+ohne Sorge zu denken.
+
+Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu.
+Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in
+seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit
+doch merklicherem Zögern als vorher.
+
+»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb
+Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?«
+
+»Ein anderer Grund?«
+
+Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen
+Zügen lag, sah wenigstens echt aus.
+
+»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe
+ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie
+in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten
+Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt
+hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier
+fortwünschen? Und ist es -- Gräfin Florence Esmond?«
+
+»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum
+durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte,
+abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe
+oder nicht.
+
+»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort,
+die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich
+bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß
+eine Schönheit und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann
+naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen,
+aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu
+stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden
+jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch
+keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.«
+
+»Das wenigstens ist wahr.«
+
+»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die
+Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich
+oder nicht?«
+
+»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit
+sagen; ich bewundere sie -- jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an
+andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre
+und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit
+zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff,
+aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten,
+noch mich forttreiben.«
+
+Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar
+eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt,
+als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der
+Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen,
+die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz
+getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt
+-- daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie
+deutlich genug gezeigt.
+
+Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder.
+
+»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich,
+das zu hören, mein lieber Junge -- wirklich herzlich! Es kann einen
+Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das
+er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den
+Kopf zu setzen.«
+
+»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen
+Gedanken gekommen sind.«
+
+»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre
+Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört,
+schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«
+
+»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte,
+hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn
+allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences
+Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort.
+»Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.«
+
+»Ich war mehr als überrascht.«
+
+Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd
+war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem
+Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine
+versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn
+Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole
+es -- er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich
+zu machen.«
+
+»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in
+seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen.
+
+»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu
+verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit.
+
+Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen
+düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten
+hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub,
+geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen
+schwer.
+
+»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, -- und Frauen wohl
+ebenfalls, -- die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib
+ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man
+so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört;
+für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein
+Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder
+zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von
+einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war --
+einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann
+aus mir gemacht hat?«
+
+»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft.
+
+»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?«
+
+»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.«
+
+»Ja, eine Frau -- für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den
+Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich
+kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die
+näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie -- wie innig, das zu
+sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch.
+Ja -- ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib
+zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren -- sie hatte sich
+vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das
+werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte
+einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben --
+viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz
+unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und
+als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein
+Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin
+für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir
+beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei,
+das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie
+sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten
+wir -- mochte geschehen was da wollte -- heiraten. Sie ging. Ich kann
+mir noch jetzt all den Schmerz -- all die Qual jener Trennung von ihr
+vergegenwärtigen.«
+
+Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde
+sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum
+wiedererkannt haben.
+
+»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es
+ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie
+war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen.
+Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr -- niemals! In den
+ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich
+fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam
+noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn
+seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir,
+daß sie verheiratet sei.«
+
+Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.
+
+»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie
+mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich
+will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe -- ich war jung, und
+ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich
+mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit
+entsprach -- daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie
+glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr
+gehört.«
+
+»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«
+
+»Nein -- dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten
+haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.«
+
+»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?«
+
+»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso
+weißem Haar wie das meine -- sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es
+ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht
+mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als
+das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte,
+nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte
+das Gefühl, daß -- wie sie nun auch sein mag -- Sie sie hören sollten.
+Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben
+ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt
+zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie
+uns von etwas anderem reden.«
+
+Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten
+war.
+
+»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie
+mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige,
+denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben.
+Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich
+will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast
+unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet,
+wieder gutmachen zu lassen.«
+
+»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte
+Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath -- ich bitte Sie
+sogar, es nicht zu tun.«
+
+»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen
+sagen, was mich von der anderen Seite der Welt hierher nach St.
+Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann
+aufzusuchen.«
+
+»Einen Mann? Wer ist er?«
+
+»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht
+sein. Ich weiß es nicht.«
+
+»Was ist er denn?«
+
+»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.«
+
+»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?«
+
+»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«
+
+»Recht für wen?«
+
+»Für die Lebenden und die Toten.«
+
+»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«
+
+»Ich weiß, daß er hier war.«
+
+»Vor langer Zeit?«
+
+»Vor vielen Jahren.«
+
+»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?«
+
+»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er
+einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie
+könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie --
+haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?«
+
+»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe
+ich den Namen niemals gehört.«
+
+»Das wissen Sie bestimmt?«
+
+»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen
+je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt.
+Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich
+halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben
+sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden.
+»Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den
+Namen Robert Bontine nie gehört.«
+
+
+
+
+10.
+
+
+Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal
+als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht
+allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war
+durchaus nicht übertrieben.
+
+Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe
+Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe
+standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach
+und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer
+und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane
+von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso
+wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß
+sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie
+dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in
+strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und
+verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für
+eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem
+nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein
+Mieter für das Haus gefunden.
+
+Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen
+darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über
+den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.
+
+Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte,
+der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle
+notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte
+sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und
+Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner
+Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe,
+eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen
+Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und
+dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als
+beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über
+ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte
+man sich in St. Mellions höchlichst.
+
+Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger
+beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten
+Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den
+Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er
+verkehrte.
+
+Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso
+die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem
+klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden.
+Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und
+Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten
+war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet
+Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein
+Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry
+Wentworth bei ihm gewesen.
+
+Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den
+Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit
+Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser
+Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten
+in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll,
+aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn
+Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig
+niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der
+Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster
+auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal
+hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band
+gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war
+aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls
+glaubte er das.
+
+Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der
+Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich
+jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum
+wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort
+begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über
+den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen
+Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen,
+sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt
+hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie
+stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte
+ihn schon seit mehreren Minuten gesehen.
+
+Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim
+Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden
+gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot.
+Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm
+gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während
+er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.
+
+»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich
+müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.
+
+Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie
+die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch
+dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht
+mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an
+ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein,
+-- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel
+besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum
+gewußt.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie
+nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.«
+
+»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten
+hinausblicken sollen.«
+
+»Sie haben die See gern?« fragte er.
+
+»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in
+eine Nixe verwandelt werden.«
+
+Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn
+ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben.
+
+»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?«
+
+»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher
+Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,«
+setzte er ruhig hinzu.
+
+»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es
+so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause
+sehr einsam fühlen.«
+
+Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl,
+die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre
+eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine
+auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen
+bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen
+würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich
+seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.
+
+Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte
+bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath
+sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie
+brachte ihn dazu.
+
+Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde
+gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene
+Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr
+lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben
+ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum
+ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine
+direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen.
+
+»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,«
+sagte Florence langsam, in Sinnen verloren.
+
+Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese
+Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen
+Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in
+Falten gezogen.
+
+»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort
+sehr gern leben.«
+
+»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch
+vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!«
+
+»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«
+
+»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.«
+
+»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine
+Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst
+Australien ansehen.«
+
+»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath
+ruhig.
+
+»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«
+
+»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.«
+
+Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und
+sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt.
+Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen
+zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions
+geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um
+alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie
+hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen.
+
+Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer
+Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die
+Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn
+unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er:
+
+»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine
+Frage an Sie zu richten?«
+
+»Eine Frage?«
+
+Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier,
+und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß
+sie pikiert sei.
+
+»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?«
+
+»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath,
+der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich,
+daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich
+unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«
+
+»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die
+sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie
+kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit
+innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit
+gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich
+jetzt!« warf sie leicht hin.
+
+»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie
+am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten,
+wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?«
+
+»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn
+nicht alle.«
+
+»Und ihre Namen?«
+
+»Und ihre Namen, selbstverständlich!«
+
+Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.
+
+»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?«
+
+Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter,
+erregter Ausdruck trat in seine Züge.
+
+Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.
+
+»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name.
+Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten
+zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen
+hören.«
+
+»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.
+
+»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert
+oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens
+sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«
+
+Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von
+Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr
+so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«
+
+»Ich hoffte es.«
+
+»Er ist vielleicht fortgezogen.«
+
+»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem
+merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich
+selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus.
+
+»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht
+tot ist.«
+
+Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie
+nicht.
+
+»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name
+auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers
+Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«
+
+»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht,
+daß Sir Jasper einen Bruder hat.«
+
+»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel
+würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«
+
+»Der Bruder war also der ältere?«
+
+»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.«
+
+»Und er hieß Robert?«
+
+»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt
+werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«
+
+»Ist es schon lange her?«
+
+»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper
+heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!«
+
+Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht
+unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug
+gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie
+sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls
+auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas
+Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch
+berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie
+war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern.
+
+»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein,
+wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade
+dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche.
+Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er
+ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade
+darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben
+wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.«
+
+»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im
+Auslande?«
+
+»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt
+umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.«
+
+Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und
+schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf.
+»Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß
+Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein
+schrecklicher Tunichtgut.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man
+gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen
+Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe
+ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.«
+
+»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«
+
+»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst
+sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret
+genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange
+her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o --
+o --«
+
+Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen
+Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische
+Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.
+
+Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen
+mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?«
+
+»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen,
+Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit
+mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!«
+
+Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich
+gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig
+über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die
+Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn
+noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken
+sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an
+ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte
+die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß
+ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau.
+
+»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut
+in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem
+Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur
+Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher
+Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder
+an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es
+war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret
+Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine
+solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen
+wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und
+fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit.
+Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf
+der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du
+nicht mit ihm reden darfst.«
+
+Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen,
+eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold,
+denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere
+Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu,
+daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser
+Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath
+zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was
+vielleicht eine Entschuldigung für sie war.
+
+
+
+
+11.
+
+
+»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich
+zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder
+Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde
+alt,« sprach Gräfin Florence.
+
+Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig
+gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung.
+Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron
+sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen
+halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren
+Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich
+in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim
+Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster
+stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.
+
+»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt,
+Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer.
+
+Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn
+sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie
+trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,
+wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern
+und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen
+Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den
+lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre
+Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast
+schwarz aus.
+
+Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und
+beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den
+Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter,
+aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war,
+und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu
+sagen habe.
+
+»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige
+Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du
+es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit
+dir besprechen.«
+
+Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die
+Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig.
+Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine
+kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden
+wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in
+schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich
+schmollend.
+
+Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand.
+Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das
+junge Mädchen denken.
+
+»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er
+an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie
+möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das
+brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«
+
+Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich
+mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar
+und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan.
+
+»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte
+sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen
+weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst
+gestern gewesen!«
+
+»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!«
+
+»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit
+undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt
+sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«
+
+»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht
+ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung
+ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht
+tun solltest.«
+
+»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte
+übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber
+ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!«
+
+»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«
+
+»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren
+Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal
+nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie
+in Pontresina weilt? Unmöglich!«
+
+»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach
+England zurückkehrt?«
+
+»Allerdings. Ganz entschieden.«
+
+»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.«
+
+Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.
+
+»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor
+ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes.
+Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die
+Herzogin!«
+
+Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen.
+
+»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten
+lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten
+geschieht.«
+
+»Freilich.«
+
+»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?«
+
+»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr?
+Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?«
+
+Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich
+vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise
+hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte
+sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu
+ihm empor.
+
+»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich.
+Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und
+doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus
+reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du
+willst!«
+
+Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das
+hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich
+damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen.
+
+»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und
+vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine
+Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.«
+
+»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn
+mit funkelnden Augen an.
+
+»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«
+
+»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes,
+leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter,
+verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich
+dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt --
+wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«
+
+Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine.
+»Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander
+passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.
+
+»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb
+ungeduldigen Ton ein.
+
+Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir
+mein Wort zurückgeben.«
+
+»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er
+ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos
+anstarrte.
+
+»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht
+leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten
+es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser
+als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen,
+weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen!
+Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine
+Schuld ist. Soll ich?«
+
+Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er
+sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein.
+Sieh!«
+
+Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es
+klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre
+Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er
+sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu
+verbergen.
+
+»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend
+wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume
+ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere
+Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres
+Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was
+lasest du eben? Gedichte, glaube ich.«
+
+»Ja.«
+
+Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch
+wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm,
+den sie hatte fallen lassen.
+
+»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«
+
+»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.«
+
+»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer
+Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.«
+
+»Leath?«
+
+Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst
+doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?«
+
+»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz.
+
+»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß
+er hier nicht verkehrt?«
+
+»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen
+und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort
+ebensogern umherzuschlendern wie ich.«
+
+»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich
+nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«
+
+Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes
+schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck
+gleichgültiger Verwunderung an.
+
+»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in
+nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative
+ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es
+wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut,
+und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies
+Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«
+
+»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«
+
+»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die
+Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und
+ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.«
+
+»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich
+außerordentlich wundere.«
+
+Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg
+an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem
+Antlitz deutlicher hervortrat.
+
+»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals
+hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das
+ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich
+mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß
+ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?«
+
+»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber,
+meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon,
+einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu
+begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen
+Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber
+nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben,
+als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt
+davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.«
+
+»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen.
+
+»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber,
+bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß
+das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß
+die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --«
+
+Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung.
+Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen
+Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose
+Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer
+Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte
+von einem zum anderen.
+
+»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große
+Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?«
+
+Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten
+grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht
+gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort
+überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell
+zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht,
+ihren Verlobten zu ärgern:
+
+»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber
+Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden
+zu mögen, Onkel Jasper!«
+
+»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er.
+
+»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den
+jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten
+Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu
+sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt --
+vergessen Sie das nicht.«
+
+»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe
+ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem
+Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann,
+und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich.
+
+»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus
+vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus
+anständiger Mensch ist.«
+
+»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«
+
+»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen
+zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang
+aufhalten würde.«
+
+»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions
+zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er
+war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb
+draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend.
+
+»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche
+Angelegenheit.«
+
+»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen.
+Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund
+zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte.
+
+»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel
+Jasper.«
+
+»Was?«
+
+Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.
+
+»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat
+es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine
+Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert
+Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«
+
+»Nein!«
+
+Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den
+Augen.
+
+»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions
+gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb,
+so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt,
+ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte
+ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige
+Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein
+verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade
+unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß
+gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen
+Robert Bontine gehört hättest?«
+
+Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters
+entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und
+scharf zurück.
+
+»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den
+Namen Robert Bontine niemals gehört.«
+
+
+
+
+12.
+
+
+Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit
+dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten
+die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose,
+dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf
+der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade.
+In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem
+heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.
+
+Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard
+Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte
+erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des
+Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und
+trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit
+offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens
+zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten
+nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte.
+
+»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin.
+
+Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die
+ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in
+heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich
+wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es
+zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle
+Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte
+immer näher.
+
+»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich
+hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In
+diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die
+behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt,
+haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!«
+
+Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters
+übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber,
+wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es
+war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin
+durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden
+um die Ecke des Hauses.
+
+Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die
+Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig
+genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem
+Sattel sprang.
+
+»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie
+sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die
+Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über
+sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar
+mit mir durchgegangen sein.«
+
+»Natürlich -- natürlich!«
+
+Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen
+Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie
+müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.«
+
+Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte
+die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die
+mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die
+die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß
+einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen
+Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage
+kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut
+verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu
+beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.
+
+Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast
+heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem
+Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und
+wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit
+einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat.
+
+»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen
+Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht
+glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«
+
+»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«
+
+»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der
+Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«
+
+»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.«
+
+»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir
+Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer
+über die Halde gekommen sein!«
+
+»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu
+wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.«
+
+»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es
+nicht wundervoll?«
+
+Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte
+der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab,
+zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont
+erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im
+Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest
+aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen.
+Leath trat einen Schritt auf sie zu.
+
+»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone.
+
+»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das
+heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die
+ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein
+bin.«
+
+»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«
+
+»Nein, lieber nicht.«
+
+»Dann müssen Sie sich setzen.«
+
+Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch
+niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann
+es nicht lange fortgehen.«
+
+»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es
+kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange,
+besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.«
+
+Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte
+sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen,
+und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter
+hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den
+beiden sprach. Dann trat er an den Tisch.
+
+»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher
+sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.«
+
+Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu
+sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im
+gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste,
+holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich
+streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.
+
+»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte
+er. »Sie kamen also von Lychet Hook!«
+
+»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer,
+Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr
+befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland
+zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr
+zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.«
+
+Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als
+ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹,
+die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren.
+
+»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt,
+sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort
+geblieben?«
+
+»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady
+Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich
+würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch
+wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.«
+
+»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein
+Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und
+trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.
+
+»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood
+Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein
+meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen
+Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?«
+
+»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«
+
+Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an
+die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone
+hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der
+Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; --
+welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte,
+davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.
+
+»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend
+die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war
+zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich,
+aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich
+dahin, wo der Pfeffer wächst.«
+
+»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!«
+
+»Das scheint so.«
+
+Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der
+ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer
+lachte.
+
+»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,«
+meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich
+Ihnen Schutz gewährte.«
+
+»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«
+
+Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit
+unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes
+Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die
+Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir
+nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und
+jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie
+nicht bleiben!«
+
+»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem
+Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie
+war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im
+mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem
+Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das --
+nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!«
+
+»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach
+dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit
+schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist
+augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das
+Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.«
+
+»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in
+einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer
+Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie
+werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«
+
+»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit
+stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose
+Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz
+allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte.
+Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine
+Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte.
+Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist
+ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in
+Turret Court denken?«
+
+»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei
+Brentwoods geblieben.«
+
+Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem
+Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis
+für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie
+plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück.
+
+»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und
+meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!«
+
+»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe
+verdrießen wird.«
+
+Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren
+großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte.
+
+»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch
+schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und
+konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem
+Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein?
+Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?«
+
+Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester,
+ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er
+hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht
+verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut,
+und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische
+Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹
+gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die
+kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend
+über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet.
+
+»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das
+ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz
+gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht
+zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut
+angeschrieben bin.«
+
+»Nein -- das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann
+Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm
+anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun --
+als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?«
+
+Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er
+wußte weshalb.
+
+»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für
+etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?«
+
+Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in
+seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz,
+der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine
+Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne
+verklang, hub Leath langsam an:
+
+»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich
+getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich
+herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin,
+Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.«
+
+Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren
+Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich,
+obgleich auch mit einem Anflug von Kälte:
+
+»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«
+
+»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung
+bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie
+allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.«
+
+»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«
+
+»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein
+könnte.«
+
+Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen
+leichten und heiteren angeschlagen.
+
+»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und
+jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne
+einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie
+müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich
+will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung.
+Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren.
+Daran hätte ich schon eher denken sollen.«
+
+»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder
+von ihrem Stuhl auf.
+
+»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten
+Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter
+machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz
+erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht
+zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und
+außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen
+Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen
+mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde
+vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.«
+
+»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir
+nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem
+Tone.
+
+Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der
+sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen
+zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen
+gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen,
+selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung
+gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind
+schutzheischend an ihn klammerte.
+
+»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,«
+sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt --
+Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in
+ihrer Obhut sicher geborgen sein.«
+
+»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie
+ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in
+dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht --
+abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.«
+
+»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle
+Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß
+zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie
+werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?«
+
+»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich
+fürchten würde.«
+
+»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im
+Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret
+Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am
+besten so, glauben Sie mir.«
+
+»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte
+ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten
+wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen --
+hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!«
+
+Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch
+ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe.
+Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.
+
+»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte
+er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit
+ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine
+halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher
+in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen
+wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis
+morgen früh empfehlen.«
+
+Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte
+mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei
+entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze
+Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von
+Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine
+Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste
+gedacht.
+
+Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf
+sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich:
+
+»Was ist Ihnen?«
+
+»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und
+gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag
+auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie
+zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!«
+
+
+
+
+13.
+
+
+Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an,
+Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur
+Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre
+Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte,
+plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon.
+Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach
+in ein silberhelles Lachen aus.
+
+»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?«
+
+»Vermutlich.«
+
+»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«
+
+»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«
+
+»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr
+Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können
+mich doch nicht an die Luft setzen.«
+
+»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.«
+
+»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein
+lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.«
+
+»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.«
+
+»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das
+Unvermeidliche finden, nicht wahr?«
+
+»Ja -- das müssen wir wohl.«
+
+Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr
+beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die
+Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte
+die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu
+verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß
+sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie
+fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich
+die größte Mühe gab, nicht rot zu werden.
+
+»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie
+freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter
+auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte
+Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche
+Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten
+zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute
+für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen,
+so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten.
+Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie
+nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie
+ängstigt sich schrecklich.«
+
+Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein
+Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut
+er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das
+Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte
+und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen
+großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen
+und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine
+Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz
+so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in
+Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad
+in einen Bach.
+
+Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem
+Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit
+jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu
+finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen
+Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war
+heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!
+
+Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische,
+als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er
+entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins
+Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm
+lebhaft zuwandte.
+
+»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu
+glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist
+die Stute ruhig?«
+
+»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter
+Reitknecht.«
+
+»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.«
+
+Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling,
+und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.
+
+»Hat der Regen nachgelassen?«
+
+»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr
+laufen, überschwemmt zu werden.«
+
+Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.
+
+»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?«
+
+»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?«
+
+»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen
+Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?«
+
+»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um
+Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich
+mittags, und --«
+
+»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte
+ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse.
+Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre
+Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.«
+
+Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu
+folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im
+Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies.
+Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie
+alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit
+und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen
+war einfach unwiderstehlich.
+
+»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos!
+Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst
+hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube,
+ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst
+bedienen zu müssen?«
+
+»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath
+geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen,
+wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die
+verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen
+reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.
+
+»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht
+werden.«
+
+»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich
+schrecklich --«
+
+»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein
+Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir
+mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«
+
+»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube,
+es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel
+Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die
+Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als
+eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie
+das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.«
+
+Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer,
+und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett
+in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes
+mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit
+drolligzufriedener Miene.
+
+»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein
+schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich
+kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte,
+und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden
+könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.«
+
+»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath
+trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm.
+Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck
+verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen
+zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne
+ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung
+einzugehen, so gut er konnte.
+
+»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es
+lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen
+kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu
+setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.«
+
+Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als
+sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen,
+und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein
+Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren
+großen Korbstuhl zurücklehnte.
+
+»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn
+Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen,
+den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist
+mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm
+hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich
+Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«
+
+»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite --
+quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus,
+daß es im Erdgeschoß liegt?«
+
+»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.
+
+»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«
+
+»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und
+Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen
+kann.«
+
+Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der
+Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine
+Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«
+
+»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen
+leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.«
+
+Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die
+Dinge, wie sie lagen.
+
+»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr
+Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?«
+
+»Ja, das ist meine Absicht.«
+
+»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!«
+
+»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie
+das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten
+Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste
+Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«
+
+»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück.
+»Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?«
+
+»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte,
+und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in
+Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer
+fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«
+
+»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« --
+Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur
+anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich
+selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind.
+Weshalb sollte ich auch?«
+
+»Weshalb, in der Tat?«
+
+Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver
+nieder.
+
+Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein
+Licht herbeiholte und es für sie anzündete.
+
+»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?«
+
+»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.
+
+»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen,
+wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?«
+
+»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das
+recht?«
+
+»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es
+besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten.
+Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.«
+
+Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer
+Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie
+nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem
+Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache,
+denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen
+konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche
+Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte:
+
+»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das
+Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß
+Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?«
+
+»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke
+Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.«
+
+»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«
+
+Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ
+sie eintreten.
+
+»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie
+Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie
+und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu
+beschaffen ist.«
+
+Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch
+die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht.
+Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück,
+wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte,
+den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten
+blauen australischen Himmel getan. --
+
+Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen
+erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell.
+Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer
+Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ
+sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den
+Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und
+verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit,
+im Sonnenschein auf und ab zu gehen.
+
+So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, --
+ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er
+hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen
+Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er
+auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache
+stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie
+Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb
+Leath stehen und sah sich um.
+
+»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es
+mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war,
+desto besser.«
+
+Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren
+Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen
+Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt
+ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie
+dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte
+er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach
+Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran,
+die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu
+erledigen.
+
+Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete,
+an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst
+nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert
+anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und
+ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte.
+Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.
+
+Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem
+einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der
+Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach
+gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum.
+
+Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der
+Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da
+öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe,
+sondern Sir Jasper selbst trat ein.
+
+War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine
+Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für
+gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur
+Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich
+umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von
+seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich
+begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war
+es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes
+Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen.
+
+Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf
+den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem
+wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene
+Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht
+so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er
+hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne
+in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es
+lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem
+Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken.
+
+»Was -- was wollen Sie?«
+
+Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken,
+aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg.
+
+»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu
+werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus
+nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß
+ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu
+sprechen.«
+
+»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso
+heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung
+wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand
+auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr
+Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie
+meiner Frau zu sagen haben können.«
+
+»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady
+Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der
+Überbringer einer Bestellung an sie.«
+
+»Einer Bestellung?«
+
+»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.«
+
+»Meines Mündels?«
+
+Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der
+namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen.
+
+»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr
+Leath?«
+
+»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische
+Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach
+mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer
+Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin --
+unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden
+ist.«
+
+»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!«
+
+»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch
+des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde.
+Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.«
+
+»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?«
+
+»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so
+heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin
+ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --«
+
+»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort
+ist?« fragte Sir Jasper barsch.
+
+»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte.
+Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, --
+was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte
+davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht
+haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem
+Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen
+Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen.
+Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«
+
+Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend
+da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im
+Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel
+Schlimmeres.
+
+Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er
+sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.
+
+»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was
+Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter
+überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es
+ihr heute morgen gut?«
+
+»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief
+noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,«
+antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen,
+während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets
+freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in
+Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte,
+welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und
+in der Tat auch für Roy abgab!
+
+»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben
+wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen
+soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten,
+da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«
+
+»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath
+ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr
+das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow.
+Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr
+zu entschuldigen.«
+
+»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause
+zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie
+wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den
+Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären
+vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie
+wird Ihnen danken wollen.«
+
+»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art.
+»Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste
+-- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun
+konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als
+ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr
+kleines Abenteuer nicht schaden.«
+
+Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem
+Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.
+
+»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das --
+unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so
+unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert
+Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und
+dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick
+einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden --
+hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um
+ein solches Gebaren zu erklären?«
+
+ * * * * *
+
+Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer
+mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem
+Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis
+gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und
+fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört,
+bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten
+auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer
+etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte
+nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der
+Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach
+ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.
+
+Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch
+immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte
+Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor
+der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf
+ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine
+dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht
+umwölkte sich auf einen Augenblick.
+
+Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe
+stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen
+bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während
+Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der
+warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt
+wurde.
+
+»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig
+an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in
+Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu
+werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich
+fast in Ohnmacht.«
+
+»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und
+erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht
+geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«
+
+»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn
+gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute
+morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern
+danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was
+er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle
+nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen,
+was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer,
+nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich
+würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«
+
+Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad
+herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht
+geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer
+Cousine um.
+
+»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.«
+
+»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis
+inkonsequent.
+
+Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher
+geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden
+Augen entgegen.
+
+»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher
+Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich
+abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm
+diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen
+Abend darin gesessen.«
+
+»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir
+natürlich angenommen haben?«
+
+»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde
+vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz.
+Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich
+gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel
+Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit
+gewohnt sein!«
+
+»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß
+-- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine,
+Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du
+mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn
+Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß,
+besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht --
+nicht --«
+
+»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls
+zu finden. Wenigstens sagte er es mir.«
+
+»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt.
+
+»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger
+aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus
+und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein,
+obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt
+noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier
+sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte
+ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.«
+
+»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht
+hier?« rief Lady Agathe.
+
+»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand
+außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein
+Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war,
+spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an.
+
+»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist
+sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so
+böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich
+denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so
+viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine
+Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen --
+wirklich nicht.«
+
+Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn
+Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem
+Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.
+
+»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert
+bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte!
+Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist
+bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!«
+
+»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.«
+
+»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und
+unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und
+unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath
+auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen
+mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er
+von dieser --«
+
+Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit
+jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr.
+
+»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei
+es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte
+verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!«
+
+Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der
+Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin,
+während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und
+Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß,
+kein Wort sprach. --
+
+
+
+
+15.
+
+
+Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über
+die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer
+Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser
+sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence
+sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er
+sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte
+fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte
+er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester
+beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er
+hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand
+abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort
+Florence Esmond begegnen konnte.
+
+Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und
+ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters
+sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war
+aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand
+in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den
+Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des
+jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann
+fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen:
+
+»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«
+
+»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich
+erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war.
+Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --«
+
+»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?«
+
+»Von Gräfin Florence.«
+
+»Gräfin Florence?«
+
+»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch
+nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen.
+Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«
+
+Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel
+von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte
+sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der
+Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend
+über seinen langen weißen Bart.
+
+»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden,
+als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre
+Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch
+den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,
+durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter
+hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«
+
+»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe
+ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«
+
+»Ein so großer doch kaum.«
+
+»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch,
+voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und
+jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares
+Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange
+davor.«
+
+»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester
+könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?«
+fragte der alte Herr ungläubig.
+
+»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht.
+Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr
+gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und
+was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie
+besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie
+selbst wird die Verlobung auflösen.«
+
+»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte
+Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe,
+Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende
+gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich
+werden würde.«
+
+»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig
+im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr
+Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der
+Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und
+was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«
+
+Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese
+Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke
+wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein
+weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester
+vielleicht schweres Unrecht.«
+
+»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei
+ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen
+Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«
+
+Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch
+ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus.
+
+»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es
+in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind
+-- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem
+unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat,
+ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das
+wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret
+Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre
+er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen.
+Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht
+vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.«
+
+Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder,
+ehe er wieder anhub:
+
+»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem
+behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die
+Frage ist nun -- was soll ich tun?«
+
+»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht
+recht, Leath. Was sollten Sie tun?«
+
+»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das
+würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?«
+
+»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der
+Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was
+Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen
+aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich
+ganz ruhig verhalten.«
+
+»Das ist Ihr Rat?«
+
+»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«
+
+»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald
+ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.«
+
+»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«
+
+»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein.
+Mein gewöhnliches Glück!«
+
+Es trat eine kurze Pause ein.
+
+»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in
+Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber
+da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage
+erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«
+
+»Nicht den geringsten.«
+
+»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions
+und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine
+Spur von Robert Bontine aufzufinden?«
+
+»Nein!«
+
+»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«
+
+»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die
+Nachforschungen nie einstellen.«
+
+»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?«
+
+»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,«
+antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme,
+um so besser ist es für mich.«
+
+Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot
+stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in
+den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf
+die Schulter.
+
+»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen
+nicht gleichgültig?«
+
+Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen
+und sah dann fort.
+
+»Ich bin ein Narr!« sagte er.
+
+Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte
+sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der
+alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so
+würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche
+und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres
+Wort zwischen ihnen begraben sein.
+
+»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun,
+wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen
+verscheuchen.« --
+
+Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit
+konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen
+waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond
+hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur
+hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so
+teuer wie ein Sohn geworden war.
+
+Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte,
+an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die
+aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so
+rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«
+
+Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen
+bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden
+so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie
+wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf
+Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem
+Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in
+ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard
+Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft
+für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte
+und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene
+Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber
+die Wunde konnte noch immer wehtun.
+
+Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als
+in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde
+der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.
+
+Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als
+daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich
+dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort,
+wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum
+zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn
+hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des
+Zimmers öffnete und der Baron eintrat.
+
+ * * * * *
+
+Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege
+nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven
+hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam,
+sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen,
+der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte,
+um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu
+beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek
+von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn
+erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als
+jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt?
+In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort
+auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse
+folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus.
+
+Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war
+aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig.
+Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in
+die Wangen trieb. Er sagte hastig:
+
+»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe
+auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es
+sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist,
+so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!«
+
+»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem
+gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen
+Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das
+passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören,
+weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers
+Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er
+hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war,
+über Sie zu sprechen.«
+
+»Über mich?«
+
+»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er
+augenscheinlich gegen Sie empfindet?«
+
+»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen --
+aber mehr auch nicht.«
+
+»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?«
+
+»Durchaus nicht! Wünscht er das?«
+
+»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu
+reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig
+von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung
+steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die
+Tür weisen sollte.«
+
+Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus.
+
+»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«
+
+»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas
+wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute
+morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten,
+und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence
+erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den
+Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«
+
+»Gütiger Himmel! Das sagte er?«
+
+»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir,
+daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen
+abbrechen sollte.«
+
+»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?«
+
+»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«
+
+»Wie?«
+
+»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen
+oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir
+Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu
+schaffen.«
+
+»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf.
+»Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.«
+
+»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere
+mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso
+handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht
+zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich
+tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß,
+daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt
+war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte.
+Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach
+Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts
+Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie
+zusammenzupacken.«
+
+»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der
+Pforte gelassen und will es erst hereinholen.«
+
+Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff
+vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult,
+das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher
+nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand
+gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken
+vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete,
+zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.
+
+»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend.
+
+»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen
+Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat
+etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche,
+mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange
+wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn
+sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an
+ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages,
+wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich
+erlebt habe -- erzählte?«
+
+»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort.
+
+»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild
+besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins
+Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie
+von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht
+ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist
+jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar
+ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«
+
+Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath
+nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und
+stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.
+
+»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch
+nicht schon gesehen -- wie?«
+
+»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet
+grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«
+
+
+
+
+16.
+
+
+»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten,
+daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als
+abgetan ansehe, Florence?«
+
+»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu
+verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.
+
+Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen
+gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr
+blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren
+Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf
+ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden,
+und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte,
+die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde
+haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen.
+Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung
+tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung
+abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt
+haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der
+ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen,
+und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze
+wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich.
+Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem
+sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache
+abzufinden, so gut er es vermochte.
+
+Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und
+zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt
+hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen,
+nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich
+hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher
+Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn
+seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und
+sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen
+glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.
+
+»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,«
+sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn
+Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch
+vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es
+erfahren mußtest --«
+
+»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort.
+»Allerdings mußte ich das!«
+
+»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was
+ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und
+da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe
+das Thema satt.«
+
+»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt
+-- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence,
+begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen
+Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«
+
+»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.
+
+»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich!
+Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«
+
+»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich
+heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath
+den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein
+Frühstück.«
+
+»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon
+erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester.
+»Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es
+satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt
+bekommen, ehe es abgetan ist!«
+
+Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen.
+
+»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch
+unglückselige Sache es ist!«
+
+Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande
+nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose
+Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so
+hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf
+und nieder zu gehen.
+
+»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und
+man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das
+macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das
+nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine
+Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es
+ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein
+Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines
+Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«
+
+Er blieb wiederum vor ihr stehen.
+
+»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas
+leicht zu nehmen?«
+
+»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen
+senkend, lächelte sie.
+
+»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen
+angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du
+hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde
+es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence
+Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine
+zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«
+
+»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!«
+
+»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe
+dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge?
+Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich
+kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine
+Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder
+Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß --
+ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht
+der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer
+Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich
+bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie
+sind frei!«
+
+»Florence!«
+
+Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen
+und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich!
+Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --«
+
+»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring
+zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«
+
+»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer
+ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag,
+zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung
+jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und
+sie zu bestätigen scheinen.«
+
+»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch
+einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
+
+»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht
+überlegen --?«
+
+»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für
+allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum
+drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
+
+Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung,
+mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand.
+Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben,
+aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er
+liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er
+schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.
+
+»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu
+ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich
+meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein
+Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder
+eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --«
+
+»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde
+ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge
+zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«
+
+»Ist das dein Ernst?«
+
+Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von
+ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz
+um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem
+Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor
+zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. --
+
+Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid
+auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter
+Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und
+schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese
+abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere
+Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, --
+sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller
+Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf.
+
+»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes
+Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie
+hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen
+im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?«
+
+»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich
+geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen.
+Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du
+dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?«
+
+»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte
+ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich
+verstehe dich ganz und gar nicht.«
+
+»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es
+tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum
+Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«
+
+»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher
+Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese
+unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?«
+
+»Ja, ich habe es ihm erzählt.«
+
+»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe
+stockend.
+
+»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren
+werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«
+
+»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich
+fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich
+fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester
+fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das
+tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit
+einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen.
+»Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst
+du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?«
+
+»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath
+für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.«
+
+»Florence!«
+
+Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.
+
+»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht --
+wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt,
+»du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause
+wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir
+leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle
+Fälle nach Lychet Hut.«
+
+»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke
+doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«
+
+»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein
+seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte
+sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich
+mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester
+nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich
+geweigert, ihn zu heiraten.«
+
+ * * * * *
+
+Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf
+seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft,
+daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm,
+er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer
+der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte
+eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde.
+
+»Gräfin Esmond!«
+
+Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war
+vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah.
+
+»Sind Sie es wirklich?«
+
+»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter
+hierherverschlagen.«
+
+Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag
+auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre
+Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet,
+eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.
+
+»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu
+danken.«
+
+»Das war ganz unnötig.«
+
+Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch
+immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu
+schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für
+Sie tun konnte, gern geschehen ist.«
+
+»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke
+Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig
+zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind
+bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.«
+
+»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne.
+»Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes
+Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.«
+
+»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.
+
+»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? --
+Verständnis für die menschliche Natur.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und
+wurde ebenso blaß wie sie.
+
+»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern
+abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie
+meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn
+Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«
+
+Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.«
+
+»Das hat er getan!«
+
+»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich
+Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt
+wieder inne.
+
+»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht
+der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es
+ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu
+wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen,
+haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war
+es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen
+hörten.«
+
+Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und
+das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen,
+daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher
+Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde.
+Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und
+Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen.
+
+»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der
+wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier
+mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.«
+
+»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.
+
+»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.«
+
+Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr
+wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot
+Chichester gehörte.
+
+»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?«
+
+»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage.
+Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im
+Bungalow zu wohnen.«
+
+»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«
+
+»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es
+jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich
+wiederkommen werde.«
+
+Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen,
+in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten
+könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß
+sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben,
+obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es
+ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den
+er ihn gehalten, erwiesen hatte?
+
+»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence.
+
+Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich
+eine Frage an Sie richten darf?«
+
+»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie
+tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt
+beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich
+hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?«
+
+»Ja.«
+
+»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen
+ist‹.«
+
+»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, --
+Robert Bontine, -- aufzufinden?«
+
+»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.«
+
+»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?«
+
+»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das
+ist alles.«
+
+»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so
+sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie
+gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.«
+
+»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!«
+
+»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen
+denn, Herr Leath?«
+
+»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.«
+
+»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen.
+Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich
+weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte
+ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht,
+es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um
+Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.«
+
+Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr
+gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence
+fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte
+sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd,
+und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn
+allein.
+
+
+
+
+17.
+
+
+»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich
+Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein
+werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.
+
+Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens
+nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das
+trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den
+Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte
+Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte
+Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem
+Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm
+entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes
+Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne
+entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich
+immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt,
+und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er
+selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die
+Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich
+einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn
+er wußte es seit vierzig Jahren.
+
+»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie
+erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in
+seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die
+gestrige Erschütterung --«
+
+»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath
+dazwischen.
+
+»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir
+kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹
+Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß
+ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut
+erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!«
+
+Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine
+Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten,
+die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks
+zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung
+seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig
+Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte
+die Hand, die die seine umschloß.
+
+»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«
+
+»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes
+liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin
+als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres
+Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding,
+als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu
+denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf
+mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer
+Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot
+ist?«
+
+»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.«
+
+»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie
+hat sie Sie zurückgelassen? Allein?«
+
+»Ganz allein.«
+
+»Sie haben keine Geschwister gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten
+hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die
+Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von
+dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung
+geführt hatte.
+
+»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach
+er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen.
+Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild
+sofort erkannten.«
+
+»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich
+umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie
+gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich
+besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt.
+Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich
+verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben
+Frau gehören könnten.«
+
+»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone.
+Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte
+er dann sanft.
+
+»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath
+finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch
+grausamer.«
+
+»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen
+Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
+
+»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich
+Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens
+vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern
+gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den
+sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter,
+wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen
+die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht
+entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie
+schwer dafür gebüßt hat.«
+
+»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem
+tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen,
+ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch
+gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie
+von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
+
+»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst
+an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als
+Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme
+Seele damit meinte! Damals nicht.«
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster
+zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem
+Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die
+auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand.
+
+»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann
+tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen
+nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«
+
+»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«
+
+»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?«
+
+»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton
+war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich.
+
+»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«
+
+»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«
+
+»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?«
+
+»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.«
+
+»Und er ließ sie arm zurück?«
+
+»Er ließ sie am Bettelstabe.«
+
+»Er war also arm?«
+
+»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!«
+
+»Tragen Sie seinen Namen?«
+
+»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt,
+der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.«
+
+Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und
+nahm das Bild vom Tische.
+
+»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er
+ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie
+bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen,
+aber jetzt nicht.«
+
+Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und
+verschloß es sorgfältig.
+
+»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der
+Mortlakeschen Papiere zu helfen?«
+
+Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit,
+suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines
+Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben.
+
+Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff:
+
+»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten
+Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen
+Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«
+
+Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf
+den Tisch.
+
+Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit
+dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich
+Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten,
+enthielten, und setzte hinzu:
+
+»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger
+geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn
+der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen
+sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er
+arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt
+wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter
+seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen,
+wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit
+hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht
+haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem
+ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und
+anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein
+bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court
+herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht
+-- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie
+ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten
+geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges
+Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem
+Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf,
+leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es
+ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und
+ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut
+liegen.«
+
+»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das
+Paket aussah?«
+
+»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem
+verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten
+ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
+
+Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen
+Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich
+niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen.
+Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine
+Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit.
+Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet,
+und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf
+den kleineren.
+
+»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird
+kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
+
+Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war
+augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein
+dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden
+nicht viel anzufangen.
+
+Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches
+Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses
+zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas
+anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es
+langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das
+von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
+
+Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke
+wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber
+lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen,
+natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor
+sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben
+gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden
+Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm
+sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
+
+Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine
+Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz
+da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos
+und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme
+frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz
+zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem
+Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las
+es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den
+Briefen.
+
+Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift
+einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie
+von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr
+als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu
+Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie
+niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter
+Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so
+in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies
+nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda
+anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er
+auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence
+draußen vor dem offenen Fenster stehen.
+
+
+
+
+18.
+
+
+Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der
+Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte
+sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr
+Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie
+am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck
+um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte
+Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus.
+
+»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl
+nicht gehört?«
+
+Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht
+der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen
+hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen
+bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig
+zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine
+Aufforderung, ehe sie eintrat.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie
+nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff
+ist augenblicklich nicht hier.«
+
+Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein
+starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die
+Glastür ein und nahm Platz.
+
+»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause
+weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht
+stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen
+seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt
+habe.
+
+Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise --
+ihm war, als müsse er ersticken.
+
+Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut
+ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische
+verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr.
+Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt,
+ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff
+stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst
+wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den
+Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.
+
+Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des
+Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei.
+
+»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr
+bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme
+fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen
+ist?«
+
+»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.«
+
+Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich
+aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen?
+Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß
+er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher
+gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei
+dem Gedanken ballten sich ihre Hände.
+
+»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,«
+sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt
+inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß
+ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.«
+
+»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.
+
+»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln.
+»Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court,
+und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante
+und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin
+ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig.
+Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich
+in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina
+zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem
+herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn
+nicht mehr sehen sollte?«
+
+Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung
+auffaßte.
+
+»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde.
+Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.«
+Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als
+bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann
+Sie reisen?«
+
+»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins
+Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.«
+
+»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?«
+
+»Ja.«
+
+Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie
+sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«
+
+Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos
+überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen
+und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm
+auf dem Tische lag.
+
+»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte
+meines Gartens?«
+
+»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.
+
+»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?«
+
+»Ja.«
+
+»Weshalb war das?«
+
+»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.«
+
+»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie
+sich der Antwort?«
+
+»Ja.«
+
+Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr
+an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer
+bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich
+zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie.
+
+»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«
+
+Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick
+machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln
+zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.
+
+»Wollen Sie das lesen?«
+
+Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand.
+
+»Verstehen Sie es?«
+
+»Ich weiß, was es ist.«
+
+»Aber mehr begreifen Sie nicht?«
+
+»Nein.«
+
+Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr.
+
+»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte
+Sprache.«
+
+Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während
+sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den
+Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.
+
+»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden,
+-- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht
+wahr?«
+
+»Ja, das verstehe ich.«
+
+Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug
+und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war.
+
+»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie
+ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber
+zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen
+haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr
+erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob
+Sie begreifen.«
+
+Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie
+die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die
+Augen mit einem Schauder ab.
+
+»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin
+ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich
+von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu
+beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit --
+ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«
+
+Er deutete auf den kleineren Kasten.
+
+»Ich habe sie dort gefunden.«
+
+»Wann?«
+
+»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«
+
+»Und keiner weiß davon?«
+
+»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?«
+
+Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn
+von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam
+durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.
+
+»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte
+sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube
+ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«
+
+Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein
+würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner
+Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien
+ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein
+getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu
+reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich.
+
+»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun.
+Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam.
+Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß
+es mir gelungen?«
+
+»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt.
+Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!«
+
+Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das
+Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah
+jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper
+Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die
+Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie
+herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen
+Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte.
+
+»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?«
+
+»Tun?«
+
+Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte.
+
+»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich
+gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?«
+
+»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie
+sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken
+Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach --
+Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder
+-- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde
+Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre
+zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie
+ihrer, ich beschwöre Sie!«
+
+Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von
+ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.
+
+»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für
+die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich
+können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre
+Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das
+Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete
+Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich
+gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder
+gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte?
+Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das
+mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen
+zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß
+die Wahrheit sagen.«
+
+»O, Sie müssen es nicht -- Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände.
+»O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen
+-- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen.
+Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur
+einfallen sollte, wie.«
+
+Sie blickte ihn flehend an.
+
+»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich.
+Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen?
+Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen,
+und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken
+Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger
+Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich
+will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es
+nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«
+
+Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine
+ungeduldige Bewegung mit der Hand.
+
+»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu
+verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem
+Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied
+machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis,
+um mein Schweigen zu erkaufen.«
+
+Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen
+und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen,
+wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein
+Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte
+er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht
+und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose
+Gebärde der Verzweiflung.
+
+»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt.
+Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für
+Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist
+schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen.
+Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür
+geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«
+
+Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach
+in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine
+Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem
+fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger
+zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte
+und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber
+jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.
+
+»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes
+gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen
+Preis!«
+
+
+
+
+19.
+
+
+»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein
+Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.«
+
+So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende
+sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm
+ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt?
+Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte
+dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war
+eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen
+blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit
+weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres
+Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig
+sein wollte? Er hub wieder an:
+
+»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt,
+und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie
+vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch
+zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht
+hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen!«
+
+»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon
+gesagt?«
+
+Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie
+zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich
+nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie
+dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich
+Ihnen zu bieten?«
+
+»Das wissen Sie nicht?«
+
+»Nein. Was -- was?«
+
+»Sich selbst,« sprach er gelassen.
+
+»Mich selbst?«
+
+Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren
+Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte.
+Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr
+ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand
+ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich
+zu fassen.
+
+»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß,
+es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der
+niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß
+Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über
+meine Lippen kommen soll.«
+
+Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm
+fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung
+wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen:
+
+»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie
+mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines
+Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger
+gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus
+mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen
+dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence!
+Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind,
+-- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen
+mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem
+Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will
+ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.«
+
+Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches
+Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als
+er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging
+zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre
+Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht
+da.
+
+»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.
+
+»Ja.«
+
+»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?«
+
+»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«
+
+»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.«
+
+»Für jetzt und allezeit?«
+
+»Ja.«
+
+Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen.
+
+»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«
+
+»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich
+heiraten.«
+
+»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.«
+
+»Ebenso.«
+
+»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?«
+
+»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.«
+
+»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden
+lassen -- und nach Australien zurückkehren?«
+
+»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.«
+
+»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«
+
+»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
+
+»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«
+
+»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?«
+
+»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen
+nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen
+zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an.
+»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen
+das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie
+lachte bitter.
+
+»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich
+irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur
+mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will,
+die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.«
+
+»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie
+lieben mich?«
+
+»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich
+dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst
+zu sagen, was Sie wissen.«
+
+»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich
+hatte nie an so etwas gedacht.«
+
+»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie
+wissen es jetzt.«
+
+Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete
+seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war
+wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung.
+Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte
+es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst,
+ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie
+auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast
+auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren
+Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber
+nicht ausweichen wollte.
+
+»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse,
+Herr Leath?«
+
+»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.«
+
+»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?«
+
+»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern
+lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es
+nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber
+hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath
+kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie.
+Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen
+Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes
+bedienen, da Sie es gebraucht haben.«
+
+»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an.
+»Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe
+sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«
+
+»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.«
+
+Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an
+das Fenster, an das sie getreten war.
+
+»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie
+sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht
+anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der
+Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden
+sein.«
+
+»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es
+auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig.
+Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade
+Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen
+haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch
+einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
+
+Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben.
+Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber
+langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm
+sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ
+sie dann los.
+
+»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von
+dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu
+machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt,
+sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und
+abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«
+
+Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe
+daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran,
+auf dem sie sich niederließ.
+
+»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder!
+Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich
+aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit
+sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch
+etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.«
+
+Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit
+dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr
+nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen
+zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu
+werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde
+sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte
+sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte
+nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser
+schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen
+Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben,
+zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die
+zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und
+heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib
+werden.
+
+Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie
+den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren
+Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr
+zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein.
+
+Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde --
+sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war
+alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret
+Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen
+Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl,
+wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer
+augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde.
+
+»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig
+lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber
+ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen,
+selbst mit ihm zu reden.«
+
+»Ich ziehe es vor.«
+
+»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will,
+wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung
+durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«
+
+»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten
+könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.«
+
+»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir
+Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten,
+in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?«
+
+»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das
+Recht dazu, Herr Leath.«
+
+»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute
+Lebewohl sagen.«
+
+Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor
+ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes
+Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben.
+
+»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch
+nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie
+solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence,
+wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?«
+
+Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie
+vermochte nicht, ihn anzublicken.
+
+»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll
+Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie
+viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben,
+mir geraubt hat?«
+
+Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las
+Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er
+lachte in ganz anderem Tone.
+
+»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren
+vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als
+ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!«
+
+Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes
+Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht
+wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis
+morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«
+
+Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer
+Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle
+stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis
+sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und
+hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte.
+
+Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr
+oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab
+und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte,
+Sir Jasper antreffen.
+
+Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl
+sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete
+mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie
+stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl
+verändern würde, wenn sie mit ihm geredet.
+
+Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester
+gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr
+angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte,
+daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen
+gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien
+Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er
+ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:
+
+»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?«
+
+»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe,
+und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als
+sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie
+eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.
+
+»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?«
+
+»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im
+Bungalow.«
+
+»Nun? Was führte dich dorthin?«
+
+»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl
+sagen.«
+
+»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen
+Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und
+dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung
+zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich
+bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände
+übergehen, desto besser.«
+
+»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe
+ihn nicht gesehen.«
+
+»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich
+denn so aus der Fassung gebracht?«
+
+»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«
+
+»Leath? Den -- den Menschen?«
+
+Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt
+-- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret
+Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, --
+ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine
+gehört hätte. Er stammelte vor Wut.
+
+»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?«
+
+»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.«
+
+Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das
+Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen
+rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete
+und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den
+Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.
+
+»Er hat Robert Bontine gefunden.«
+
+Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an
+-- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt,
+so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er
+imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob
+er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend:
+
+»Weiter!«
+
+»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um
+dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann
+sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die
+Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die
+ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt.
+Verstehst du mich?«
+
+Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort:
+
+»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich
+zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck
+erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden --
+und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«
+
+»Wenn er wollte?«
+
+Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er
+auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie.
+
+»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein
+Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm
+diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe
+versprochen, ihn zu heiraten.«
+
+Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft
+umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in
+demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter:
+
+»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil er mir sein Wort
+gegeben hat, in dem Falle den Namen Robert Bontine nie wieder zu
+erwähnen. Ich mache mir nichts aus ihm -- werde mir nie etwas aus ihm
+machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn verlassen kann, weiß,
+daß er sein Wort halten wird. An unserem Hochzeitstage soll ich die
+Beweise, von denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, --
+das hat er mir auch versprochen. Ich werde meinem gegebenen Worte
+nicht untreu werden, und er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern,
+weshalb ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke ich -- ich habe
+Tante Agathe und ihre Kinder sehr lieb.«
+
+Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes Verständnis, wie
+eine gewisse Erleichterung zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im
+Lehnstuhle. Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. Florence
+hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. Nach einer Weile erhob sie
+sich und schritt auf die Türe zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte
+um ihre Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:
+
+»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich gehe. Ich fürchte,
+es ist kaum wahrscheinlich, daß die Herzogin mit meiner Verlobung
+zufrieden sein wird. Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause
+ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot Chichester von
+Highmount. Es ist möglich, daß sie ihre Einwilligung versagen wird.
+In dem Falle ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner
+Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert und daß du, Onkel
+Jasper, die deinige nicht verweigern wirst.«
+
+Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging die Treppe hinauf,
+um sich in ihr Zimmer zu begeben. Sie fühlte, daß es mit ihrer
+Selbstbeherrschung vorbei sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe.
+Auf der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade verließ.
+
+»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.
+
+Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht ihrer Cousine nicht
+deutlich sehen konnte.
+
+»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur stecken könntest! Weshalb
+hast du nicht im Bungalow auf mich gewartet? Du kannst dir mein
+Erstaunen vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.«
+
+»Ja -- ich kann mir denken, daß du erstaunt warest, Cis.«
+
+»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem Gedanken, daß du
+den langen, heißen Weg zu Fuß gemacht hast, noch dazu, wo du nicht
+wohl bist. Und --« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie wußte
+nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar Tagen merkwürdig
+verwandelten Florence eigentlich daran war -- »hm -- das Mädchen sagte,
+Florence, daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.«
+
+»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«
+
+»Was -- den ganzen Weg? Hierher nach Turret Court?« Aus ihren
+weitgeöffneten Augen sprach Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich,
+Florence, ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie
+tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute Munde seid! Du
+hattest ihn nicht mit dir gehen lassen dürfen. Er hat kein Recht, sich
+dir auf solche Weise aufzudrängen.«
+
+Florence lachte und legte der andern die Hände auf die Schultern.
+
+»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe Cäcilie. Aber in diesem
+besonderen Falle irrst du dich zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller
+Augen wie hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr Leath das
+Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. Ich habe soeben versprochen,
+ihn zu heiraten.«
+
+
+
+
+20.
+
+
+In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten und freundlichsten
+Raume des Schlosses, sah es trübselig aus. Lady Agathe, die in ihrem
+Lieblingsstuhl saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und
+schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den Boden herabgeglitten
+und lag dort vergessen. Cis, deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert
+aussah, stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. Vor noch
+nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter Sir Jasper geschlossen,
+der hinausgegangen war und all diesen Jammer zurückgelassen hatte.
+Wie unwillkommen sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch stets
+seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er doch nie mit einer so
+niederschmetternden Mitteilung erschienen wie eben, und die Wirkung,
+wenigstens auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit den
+kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner scharfen Stimme hatte
+er die Verlobung seines Mündels mit Everard Leath und seine eigene
+Einwilligung mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, wie
+er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu eingeschüchtert war, um
+angesichts seiner kaltblickenden Augen eine Szene zu machen, brach vor
+Erstaunen, Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus.
+
+»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte sie, »niemals, Cäcilie!
+Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen
+Ohren nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals spaßte, so würde
+ich sagen, er macht einen Scherz mit mir. Aber er sagte ganz deutlich,
+Florence hätte sich mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«
+
+»Ja, Mutter, das sagte er.«
+
+»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?«
+
+»Ja -- auch das.«
+
+»Ich kann -- ich will es nicht glauben!« rief Lady Agathe unter neuem
+Schluchzen. »Florence sollte sich mit solchem Menschen verlobt haben!
+Er ist doch durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der ihn nie
+ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn heiraten soll! O, ich bin
+wie betäubt! Sie macht sich doch gar nichts aus dem Menschen, nicht
+wahr?«
+
+»Ich -- ich fürchte nein, Mutter,« antwortete Cis mit verlegenem
+Zögern. »Aber ich habe seit langer Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in
+sie verliebt war.«
+
+»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady Agathe. »Wenn das so ist,
+so ist es eine unverschämte Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es,
+jammerschade, daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina gegangen
+ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, und sie hätte in aller
+Gemütsruhe Chichester geheiratet. Aber ich kann es nicht glauben,
+liebes Kind, daß es ihr Ernst ist -- ich kann es nicht. Dein Vater muß
+sie mißverstanden haben. Nein -- ich glaube nicht, daß es wahr ist, bis
+Florence selbst es mir bestätigt.«
+
+»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich um. »Florence hat es mir
+selbst erzählt.«
+
+»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. »Sie hat es dir gesagt?«
+
+»Ja -- gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir
+verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause
+bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden
+Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine
+Zustimmung gegeben hatte.«
+
+»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die
+Mutter mit einem neuen Tränenstrom.
+
+»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich -- so ganz anders als
+sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir
+erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu
+sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als
+ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer
+aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht
+nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in
+zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern
+leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte,
+ich wäre tot!«
+
+»Doch wohl nicht im Ernst, Cis -- hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines
+Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!«
+
+Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen
+in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das
+offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen
+allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr
+gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr:
+
+»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich
+angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls
+wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine
+Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.«
+
+Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber
+ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte
+und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges
+kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das
+Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen
+Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath
+gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere
+Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie
+nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer
+selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein -- sie bereute es
+nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem
+Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt
+das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein
+kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang
+sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das
+Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte.
+
+»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen
+Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence -- was kann dir nur in
+den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr
+Leath dich wirklich liebhat, Florence?«
+
+»Mich liebhat?«
+
+Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor sich, dessen kühler,
+ruhiger Ausdruck wie umgewandelt war, die leuchtenden Augen, die von
+verhaltener Leidenschaft vibrierende Stimme -- die ganze Glut des
+Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber auf sie ausgeübt
+hatte. Ob er sie liebte? Mochten seine Sünden gegen sie so groß sein,
+wie sie wollten, mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so sehr
+sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.
+
+»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt mich. Davon kannst du
+fest überzeugt sein.«
+
+»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« meinte Lady Agathe
+verzweifelt, »aber was die Herzogin sagen wird --«
+
+»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, was die Herzogin sagen
+wird. Onkel Jasper willigt ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir
+mein Vermögen zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« fiel ihr
+Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit ins Wort.
+
+»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. Wenn diese
+Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest du, daß die Verlobung
+geheimgehalten wird?«
+
+»Geheim?«
+
+Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um.
+»Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie
+geheimgehalten werden?«
+
+»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,«
+stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der -- unseligen
+Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es
+besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute
+lassen sich nicht den Mund verbieten -- es ist schändlich, aber sie
+werden --«
+
+Florence drehte sich jäh um.
+
+»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe,
+ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz
+preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger
+hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath
+erwartet mich, ich will gehen.«
+
+Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf
+Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem
+Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz,
+-- ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine
+und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß
+du glücklich bist, so stolz auf Roy, -- nicht wahr? -- deinen einzigen
+geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen -- nicht? -- und wenn ihm
+etwas zustieße -- dich vielleicht gar töten? Nein, nein -- sag’ nicht
+›Ja‹ -- antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«
+
+Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft
+in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis -- du siehst
+kläglich aus, -- du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst
+mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid,
+wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine
+Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz
+glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich
+gehen.«
+
+Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen:
+sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn
+sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu
+verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst
+als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem
+Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen
+ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage
+verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.
+
+Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im
+Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb
+stehen, und er kam sofort auf sie zu.
+
+»Ich -- ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas
+mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte,
+als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen
+Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht -- er hatte sie
+genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe.
+
+»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf
+seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, -- Sie sind sehr
+schnell gegangen, -- das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort
+steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«
+
+Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten,
+ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten
+hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß
+er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das
+war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie
+und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache
+nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie
+allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm
+wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder
+Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie
+wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn
+geliebt hätte!
+
+Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz
+geschaut.
+
+»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum
+Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht
+geschlafen?«
+
+»Ich habe es gar nicht versucht.«
+
+»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. Soll ich weiterreden,
+oder möchten Sie lieber, daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?«
+
+»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr gut anhören. Sagen Sie
+mir, bitte, alles, was Sie mir zu sagen haben,« sprach Florence
+gelassen.
+
+»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, daß zum Glück sehr
+wenig übrigbleibt.«
+
+Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, und wickelte es um die
+Finger.
+
+»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir Jasper gehabt?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, gesagt?«
+
+»Ja -- das habe ich getan.«
+
+»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich nicht?«
+
+»Nein -- das tut er nicht.«
+
+»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der Herzogin nicht bedürfen.«
+
+»Nein, die brauchen wir nicht.«
+
+»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich würde es vorziehen,
+daß Sie Ihr Vermögen behalten. Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich
+bin auch nicht reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau
+irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt sind.« Er hielt inne
+und spielte noch immer mit dem Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht
+unwissend,« hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder an,
+»aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt es mir wohl ob, ihn
+aufzusuchen, nicht wahr? Soll ich heute zu ihm gehen?«
+
+»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. Ihnen zu sagen, daß er Sie
+morgen sehen wolle.«
+
+»Gut. Wenn er es vorzieht -- um welche Stunde?«
+
+»Das überläßt er Ihnen.«
+
+»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.«
+
+Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe und Cis um ihre Verlobung
+wüßten und wie sie diese aufgenommen hätten, und Florence antwortete,
+daß sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien.
+
+»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein Mortlake ist ein
+allerliebstes kleines Geschöpfchen, und ich weiß, Sie halten viel von
+ihr. Wollen Sie ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit
+der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«
+
+»Ja -- das will ich tun.«
+
+Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie war sich einer
+Regung der Dankbarkeit bewußt. Er hätte ihr die Sache viel schwerer
+machen können; sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen,
+daß sie ihr Wort halte -- warum sollte er auch nicht? -- aber er war
+zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich gewesen.
+
+Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand nahm, und verbarg, so
+gut sie konnte, den Schauder, der sie durchbebte, als er die Lippen
+darauf drückte. Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich
+darauf die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte, daß sie
+Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht länger im Freien bleiben
+könne.
+
+»Das sollen Sie auch nicht.«
+
+Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in das blasse, müde
+Gesichtchen mit den dunklen Schatten unter den Augen, dem Schmerzenszug
+um die zarten Lippen.
+
+»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie elend Sie aussehen -- wie
+ein Schatten Ihres lieblichen Selbst! Und daran bin ich wohl schuld?
+Ich -- gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, Florence?«
+
+»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. Hohn und stumme Vorwürfe
+lagen darin. »Brauchen Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch,
+daß Sie mich darnach fragen?«
+
+»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt jetzt ihre beiden Hände
+und blickte mit düsterer Zärtlichkeit auf sie herab. »Ja -- ich bin
+wohl brutal -- ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie wohl
+freigeben, -- das müßte ich eigentlich! Ein guter Mensch würde das
+tun.« Er hielt inne und holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin
+kein guter Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«
+
+»Ich -- ich habe Sie nicht darum gebeten,« sprach Florence mit
+schwacher Stimme.
+
+Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens entbinden sollte, mit
+dem sie sein Schweigen erkauft hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken
+überlief es sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals tun
+würde.
+
+»Nein -- Sie haben mich nicht darum gebeten, -- das ist wahr. Aber ich
+kann sehen --«
+
+Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. »Mein armes kleines
+Lieb -- mein armes kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein
+Haar krümmen möchte -- liebe es so, daß ich mir die Hand abhauen würde,
+ihm zu dienen, wenn es sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um
+es so aussehen zu machen!«
+
+»Lieben?«
+
+Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu mächtig, um ihr zu
+widerstehen, trotz des panischen Schreckens, von dem sie sich eben
+erholt hatte: sie warf ihm einen Blick der Verachtung zu.
+
+»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, aber mehr tun Sie
+nicht.«
+
+»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? Glauben Sie das? Dann denken
+Sie hieran, mein Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«
+
+Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, zu kraftvoll, als daß
+sie ihm hätte wehren können, schloß er sie fest in die Arme und küßte
+sie zweimal mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick
+hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei losgerissen und
+floh über das Gras, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
+
+Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach einer unwillkürlichen
+Bewegung, sie zurückzuhalten, blieb er regungslos stehen und sah der
+Davoneilenden mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden,
+nachdem sie verschwunden, machte er kehrt und verließ den Garten von
+Turret Court.
+
+Er ging über die Halde und durch St. Mellions nach dem Bungalow. In
+gewohnter Weise durch die Veranda eintretend, fand er Sherriff im
+Wohnzimmer in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden Kasten
+standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und der alte Herr hielt einige
+Schriftstücke in der Hand. Sein schönes Gesicht war noch bleich und
+abgespannt, aber es hellte sich beim Eintritt des jungen Mannes auf.
+
+»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, Everard,« sagte er mit einem
+Lächeln, »und habe mich ohne Sie an die Arbeit gemacht.«
+
+»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem Augenblick steh’ ich zu
+Ihren Diensten, aber erst habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«
+
+»Mir mitzuteilen?«
+
+In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen lag etwas, das Sherriff
+veranlaßte, schnell aufzublicken.
+
+»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.
+
+»Nein -- oder hoffentlich werden Sie es nicht dafür halten.« Er
+hielt inne. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie mich vor einiger Zeit
+beschuldigten, Gräfin Florence Esmond zu lieben?«
+
+»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich dessen.«
+
+»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie recht hatten, denn ich
+war mir seit Wochen meiner eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich
+liebte sie -- ich tue es noch -- ich werde sie stets lieben! Aber
+nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, daß ich es ihr je sagen
+würde. Die Umstände haben sich indessen geändert, und ich habe es ihr
+gesagt. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt hat,
+meine Frau zu werden.«
+
+»Leath!«
+
+»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das sein würden.
+Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch mehr: Sir Jasper hat -- ihr, mir
+zwar noch nicht, -- seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«
+
+»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!«
+
+»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? Obwohl ich gern
+zugebe, daß ich keine sogenannte Partie für sie bin.«
+
+»Und sie -- Gräfin Florence -- hat versprochen, Sie zu heiraten?«
+
+»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, fürchte ich?«
+
+»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr als überrascht -- ich
+bin wie aus den Wolken gefallen!«
+
+Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das weiße Haar.
+
+»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, »daß sie Ihre
+Gefühle für sie erwidere -- nicht die leiseste. Und Sie sagen, sie tut
+es?«
+
+»Bis jetzt -- nein. Aber ich sage, daß sie es soll.«
+
+Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der ruhigen, gleichmäßigen
+Stimme, und der Redende regte sich nicht. Der Alte blickte mit einem
+Ausdruck zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf die stolze
+Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig dastand.
+
+»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich habe euch beide lieb,
+und nichts könnte mir ein größeres Glück gewähren, als euch miteinander
+glücklich zu sehen. -- Aber bedenken Sie, lieber Junge, um Florences
+und um Ihrer selbst willen, -- in der Ehe ist kein Glück möglich, wenn
+nicht auf beiden Seiten Liebe vorhanden ist.«
+
+»Das weiß ich sehr wohl.«
+
+»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben zu, daß Florence sich
+nicht so viel aus Ihnen macht wie Sie aus ihr. Hat die Art und Weise
+der Lösung ihres Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren
+Antrag anzunehmen?«
+
+»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine Eindruck sein, obwohl es
+-- um ihretwillen -- dem schlecht gehen wird, den ich das aussprechen
+höre! Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester ein Narr
+war, -- wofür ich ihm allerdings von Herzen dankbar bin, -- hat nichts
+damit zu tun, daß sie mir ihr Jawort gegeben.«
+
+»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, aber davon bin ich
+überzeugt,« setzte der alte Mann mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß
+Sie sie nicht heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie sie
+glücklich machen könnten.«
+
+Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es
+dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er,
+ohne sich umzuwenden:
+
+»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu
+heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.«
+
+
+
+
+21.
+
+
+Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und
+seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren
+seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und
+die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.
+
+Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert.
+Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete,
+allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe
+in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu
+reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege
+nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung,
+die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper
+Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch
+nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen,
+und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als
+Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.
+
+Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr
+bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner
+Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte,
+und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu
+Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen
+Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte,
+die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das
+weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer
+Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube
+übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die
+Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts
+würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei
+diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der
+sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.
+
+»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere
+denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!«
+rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der
+sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.
+
+Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid
+sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß
+schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug
+einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit
+einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der
+Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen
+Augen angstvoll zu klopfen begann.
+
+»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von
+Florences Verlobung?«
+
+»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann
+zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«
+
+Lady Agathe lächelte matt.
+
+»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem
+Briefe mitteilte.«
+
+»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich
+der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, --
+anderen Sinnes zu werden!«
+
+»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so
+herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch!
+Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady
+Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat
+sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet;
+er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --«
+
+»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei
+einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was
+fehlt ihm eigentlich?«
+
+»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte
+nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt
+zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen,
+so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu
+wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine
+Partie für sie.«
+
+»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin.
+
+»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube
+ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem
+Vierteljahr häuslich nieder, und --«
+
+»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere
+ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich
+sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«
+
+»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich,
+Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde
+sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien
+unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.«
+
+»So.«
+
+»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady
+Agathe hinzu.
+
+»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?«
+
+»Er scheint es allerdings zu wünschen.«
+
+Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die
+Sofakissen zurück.
+
+»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in
+Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.«
+
+»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.
+
+»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz
+ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt.
+Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein
+armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«
+
+Lady Agathe fing an zu weinen.
+
+»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie
+und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber
+mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«
+
+»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt
+geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe,
+bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit
+deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«
+
+Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in
+herrischem Tone.
+
+Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete
+sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich
+eintrat.
+
+Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem
+breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr
+kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre
+großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und
+sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem
+verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich,
+zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber
+ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat
+gewesen.
+
+»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich
+glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante
+Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?«
+
+Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren
+Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie
+schützend, den Arm um sie legte.
+
+Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem
+Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung.
+
+»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl
+daran, dünkt mich.«
+
+»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne
+dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf
+mich, nicht auf dich.«
+
+Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich
+fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?«
+
+»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel
+in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können.
+
+»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese
+Röte gibt.«
+
+In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die
+verschränkten Arme auf die Lehne.
+
+»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz
+offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath
+versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas
+ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was
+auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das
+weiß er.«
+
+»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir
+doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?«
+
+»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?«
+
+»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe,
+Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?«
+
+»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.«
+
+»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?«
+
+»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen.
+Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr
+fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen
+hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹
+nennen würde.«
+
+»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«
+
+»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«
+
+»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre
+mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper
+Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich
+wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner
+gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die
+glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der
+Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich
+zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie
+erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich
+nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu
+wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen,
+so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du
+seine Frau bist. Und damit basta!«
+
+Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte,
+daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde.
+
+»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,«
+sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir
+lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten.
+Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn
+zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in
+demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend
+etwas zu sagen, ehe ich gehe?«
+
+»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist
+wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch
+weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet,
+so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand
+vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!«
+
+»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.
+
+»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich
+zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich
+freizugeben.«
+
+»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn
+Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß
+ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den
+Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.«
+
+»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche
+Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt
+oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest
+entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«
+
+Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen,
+blickte sie die Herzogin an und sagte:
+
+»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.«
+
+»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt.
+
+»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller
+Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen
+würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe
+Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und
+die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier
+werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu
+empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit
+ihm hier sein.«
+
+
+
+
+22.
+
+
+Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer,
+in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter
+war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder
+Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen
+Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem
+Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er
+wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm
+äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im
+allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war
+nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze
+gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem
+Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von
+dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute,
+hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert
+Bontine gegen Florence erwähnt.
+
+Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich
+zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die
+täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm
+abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das
+ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.
+
+Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt
+hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.
+
+»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was
+gibt es denn?«
+
+Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können,
+und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau
+gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im
+Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur
+wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war
+und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck
+hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für
+den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht,
+mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie
+warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn
+geliebt hätte.
+
+»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein
+Liebling?«
+
+Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt,
+wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre
+Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie
+erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand.
+
+»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
+»Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich
+vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir
+selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht
+vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es
+sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«
+
+»Vorgefallen kaum.«
+
+Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen
+ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu
+sehr gelegener Zeit.«
+
+»Darf ich fragen, weshalb?«
+
+»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«
+
+»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --«
+
+»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht
+vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier
+ist?«
+
+»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie
+wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?«
+
+»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«
+
+»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«
+
+»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.
+
+»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.«
+
+Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht
+getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte,
+regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er
+mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben,
+aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht,
+dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte
+sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war
+unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein
+Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem
+Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst
+die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein
+Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch
+ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief.
+
+»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber
+vorher möchte ich noch etwas sagen.«
+
+Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung
+sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem
+Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden,
+ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich
+wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie
+Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen,
+solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!«
+
+Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer
+erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest
+über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.
+
+»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr
+sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.«
+
+»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das
+Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den
+Vorzug, durchaus wahr zu sein.
+
+»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit
+entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu
+machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar
+böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren,
+Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte.
+Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen
+mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich
+nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich
+ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.«
+
+Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie
+rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die
+voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch
+fester.
+
+»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die
+ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und
+dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf
+bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich
+werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten,
+oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«
+
+Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte
+sie aus freien Stücken noch nie getan.
+
+»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie
+Sie sagen, hinter uns haben.«
+
+Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch
+immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein
+Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd,
+in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst.
+
+Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei
+Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war
+ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath.
+Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die
+Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine
+Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In
+den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine
+Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern
+war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte
+nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen.
+
+»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen
+mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten
+möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie
+ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen
+bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem
+gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.«
+
+»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch
+heiraten, Everard.«
+
+Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte
+sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur
+eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand
+auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit
+dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich
+glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«
+
+Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie
+verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte
+während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich
+weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt.
+
+Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die
+Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und
+sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam
+behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die
+Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit
+müdem, ironischem Lächeln an.
+
+»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone,
+»ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin.
+Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist,
+das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin
+wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall,
+wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke
+Ihnen, Herr Leath.«
+
+»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick
+und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde
+Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.
+
+»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz
+erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest
+du, daß ich jetzt gehe?«
+
+Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich
+in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit
+seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre
+Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und
+schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die
+Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein
+Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung
+geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu
+widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu
+mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So
+ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an
+seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen
+Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen
+nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der
+Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.
+
+»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als
+Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch
+kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige
+Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr
+gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«
+
+»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich
+auszuruhen, wenn du kannst.«
+
+Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr
+tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er
+im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin,
+könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«
+
+Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum
+zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße
+Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte,
+sich loszureißen, aber er hielt sie fest.
+
+»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen?
+Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können,
+du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!«
+
+»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!«
+erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache
+mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun!
+Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen
+-- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen
+Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu
+zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen
+Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!«
+
+»Wirklich nicht?«
+
+Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde
+empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht,
+und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten.
+Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes
+kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig
+verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand
+schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber
+gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.«
+
+»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen
+sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!«
+
+Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach.
+
+Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte
+immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine
+Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine
+Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete
+eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem
+großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem
+Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die
+näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen
+Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.
+
+»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da
+waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff,
+fortzugehen -- wie?«
+
+»Ja. Weshalb?«
+
+»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein
+anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute
+gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch
+führen.«
+
+»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß
+ich Luft für sie sei.«
+
+»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat
+wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?«
+
+»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg.
+
+»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute
+morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein
+Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso
+gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die
+alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr
+ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu
+unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«
+
+»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«
+
+»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde
+haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?«
+
+»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte
+den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.«
+
+»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor
+zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie
+ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm
+aufgefallen ist?«
+
+Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des
+jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte
+Leath den Kopf.
+
+»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum
+dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt.
+Was sollte mir aufgefallen sein?«
+
+»Nun, wie er sich verändert hat!«
+
+»Hat er sich verändert?«
+
+»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er
+hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager
+wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für
+einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar
+auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene
+einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar
+nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte
+mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin
+überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St.
+Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows --
+auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er
+hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und
+gar nicht.«
+
+»Was wollte er damit sagen?«
+
+»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte
+nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem
+gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu
+ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist
+seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«
+
+»Umherzuschleichen?«
+
+»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter
+morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus
+dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie
+getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er
+meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war
+er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt
+zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die
+Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun
+pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens,
+denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es
+muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich
+nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«
+
+»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog
+sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings
+sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«
+
+»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei
+uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er
+wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber
+sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste
+noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten
+Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie
+nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«
+
+Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter
+Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte,
+war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu.
+Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken
+waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹
+von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte,
+sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub
+gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt,
+seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war
+nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend.
+Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und
+das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein
+Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas
+für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser
+gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut,
+nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde
+es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen
+Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die
+Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie
+gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon
+damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an
+Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er
+in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter
+gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem
+leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie
+sollte ihn noch lieben lernen!
+
+Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege
+abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu
+gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen
+Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande
+der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an
+die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick
+erschrocken stehen.
+
+»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,«
+sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.
+
+Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit
+starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am
+Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher
+Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah
+nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten
+ihn noch immer.
+
+»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst.
+Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre
+furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines
+Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht
+besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich
+diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich
+ihr entsagen? Wenn ich --«
+
+Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten
+hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen
+Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze
+Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war
+hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der
+ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante
+drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte
+sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte
+er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf
+dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei
+stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp
+festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten
+ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt,
+erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen
+Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er
+festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen
+Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er
+mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen
+und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle,
+und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden,
+blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences
+Felsenkammer zusammen.
+
+
+
+
+23.
+
+
+Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte
+es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort,
+der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das
+kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt
+stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.
+
+»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner
+freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der
+Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich,
+eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so
+kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath
+ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«
+
+»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als
+ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort;
+er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben
+Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das
+Mädchen.
+
+»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann
+gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,«
+fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der
+Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist
+es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern
+abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein,
+denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch
+in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er
+öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.«
+Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre
+fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden
+wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich
+glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.«
+
+Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür,
+der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der
+Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.
+
+»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er.
+
+»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich
+wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf
+den nächsten Stuhl sank.
+
+In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem
+leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde
+entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen
+und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an:
+
+»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court
+zurückkam, stürzte ich von der Klippe.«
+
+»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest
+aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen
+Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff.
+
+»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner
+anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch
+lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle,
+die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?«
+
+»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du
+hinunter?«
+
+»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt
+mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht
+meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein
+Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins
+Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen
+Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu
+werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.«
+
+Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten
+konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit
+einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte
+allmählich in sein Antlitz zurück.
+
+»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach
+fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.«
+
+»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.
+
+»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«
+
+»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster.
+
+»Nicht?«
+
+»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«
+
+»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen.
+
+»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und
+festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur
+Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß
+nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich,
+wie gesagt, hinabgestürzt.«
+
+»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt.
+
+»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich
+von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so
+gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein
+überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich
+kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann
+es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber
+er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es
+getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden
+worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein
+Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher
+genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir
+Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen,
+der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?«
+
+»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf.
+
+»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu
+war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde
+ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen
+-- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male
+gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er
+sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe
+ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen
+Verdacht zu schöpfen.«
+
+»Großer Gott! Welchen Verdacht?«
+
+»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt
+nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen,
+um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste
+nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen
+gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«
+
+»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt.
+
+»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert,
+weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich
+gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie
+haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt,
+weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar
+Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.«
+
+ * * * * *
+
+»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier
+sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so
+wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im
+Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis.
+
+Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie
+ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der
+großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht
+empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte,
+daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend
+umwandte.
+
+»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch
+aus, Schatz!«
+
+»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als
+dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und
+deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«
+
+»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe
+seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist
+wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich
+bin nicht recht aufgelegt dazu!«
+
+»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte
+Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden,
+Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du
+siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte,
+du trügest es nicht.«
+
+»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence
+mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine
+Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich
+nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?«
+
+»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin
+ist bei ihr.«
+
+»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich
+haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen.
+Will sie wirklich heute fort?«
+
+»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt,
+sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe.
+Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam!
+Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr
+gefürchtet!« sagte Cis lachend.
+
+»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.
+
+»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen
+sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley
+zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend
+ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du
+wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«
+
+Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln
+wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf
+die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.
+
+»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte
+sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen.
+Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte
+phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe
+sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten
+beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein
+Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist
+es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume!
+Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte
+wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in
+mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten
+und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens
+überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt
+es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und
+weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen?
+Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«
+
+Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte
+sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag
+sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war
+immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte
+zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn
+sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach
+irgendeiner Richtung hin erregen konnte.
+
+Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem
+Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so.
+Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.
+
+Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths
+zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt
+worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber
+das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine
+weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und
+sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie
+beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen.
+Sie eilte auf Leath zu.
+
+»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«
+
+»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem
+Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach
+er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper
+aufzusuchen.«
+
+»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde
+gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und
+etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf.
+»Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr
+Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das
+alles zu bedeuten hat!«
+
+Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte.
+
+»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?«
+
+»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr
+geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.«
+
+»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.«
+
+Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit
+weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte
+hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie
+er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf
+hob und auf Sherriff deutete.
+
+»Sie haben ihm alles gesagt?«
+
+»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen.
+Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen,
+aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt,
+du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches
+Schweigen beobachten wird wie du oder ich.«
+
+»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender
+Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung
+hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt
+-- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der
+einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein
+Kind.«
+
+»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos.
+»Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie
+blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«
+
+»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte
+miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen
+Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der
+gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten
+ein Zeuge zugegen ist.«
+
+»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?«
+
+»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?«
+
+Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas
+wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der
+Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand
+zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus
+ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein
+anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden,
+und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat
+in die Halle.
+
+Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er
+plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame,
+schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang
+schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt,
+erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein
+grausiger Anblick. Leath hub zu reden an.
+
+»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf
+der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier --
+und am Leben.«
+
+Sir Jasper gab keine Antwort.
+
+Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter.
+Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten
+Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre
+Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen.
+
+»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam,
+Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten
+Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war
+Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben
+sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den
+ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und
+für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie
+nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern
+-- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es
+nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die
+sich für Ihre Gattin hält.«
+
+Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er
+umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem
+starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:
+
+»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie
+erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie
+für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien
+sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor
+einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine
+haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig
+geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal
+überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie
+wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß
+ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten,
+daß ich Ihr Sohn war!«
+
+Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das
+Hinundherschwanken hatte aufgehört.
+
+»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es
+gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem
+Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit
+meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf.
+»Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie
+in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig
+Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von
+ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war
+diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten
+Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß
+ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet
+hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle.
+Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den
+Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie
+ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden.
+Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes.
+War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«
+
+Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge
+Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war
+schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr,
+als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte,
+schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.
+
+»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?«
+
+»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem
+Leibe -- ein Schlaganfall!«
+
+
+
+
+24.
+
+
+Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze
+getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer.
+In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die
+herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so
+daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und
+ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in
+beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das
+Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen.
+
+Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall
+sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn
+schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große
+Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine
+solche Erschütterung gehabt hatte?
+
+Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum
+fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser
+Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war,
+ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte
+bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe
+nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend
+leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein
+-- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte
+ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern
+jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem
+Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen,
+-- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere
+Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich
+ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von
+einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady
+Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen.
+
+Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer
+Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete,
+deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht
+beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich
+und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle
+festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr
+Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der
+zugegen gewesen.
+
+Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady
+Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend.
+Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall
+eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die
+Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und
+kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage
+schleppten sich schwer dahin.
+
+Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben
+Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel
+gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und
+zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.
+In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie
+hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr
+zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre
+Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern
+machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe,
+bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter
+und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen,
+keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte
+sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah,
+wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht
+trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen
+konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen
+Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.
+
+Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre
+Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit
+weitgeöffneten Augen empor.
+
+»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige
+Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?«
+
+Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret
+Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste
+Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer
+entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen
+konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet.
+Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes
+Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer
+Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in
+Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der
+Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden
+durfte.
+
+Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar
+zurück.
+
+»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier
+hereinführen, Morgan.«
+
+Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie
+ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern,
+und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie
+sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden
+Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches
+Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit --
+glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder
+verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence,
+welche bebend in ihrem Schoße lag.
+
+»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.«
+
+»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,«
+antwortete sie.
+
+»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es.
+Dann werde ich bis morgen warten.«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen,
+wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher
+darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht
+Platz nehmen?«
+
+»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist
+wohl keine Veränderung eingetreten?«
+
+»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht
+zu erwarten ist, nicht wahr?«
+
+»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache
+genug für mich, wenn ich danach verlangte.«
+
+Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig
+gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence
+unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte
+sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er,
+dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war.
+Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt,
+daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb
+sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit,
+die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den
+Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie
+es nicht länger ertragen konnte.
+
+»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so
+sonderbar aus!«
+
+»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, --
+passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und
+zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt
+hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am
+besten sage.«
+
+»Mir sage?« wiederholte sie.
+
+»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft
+auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung
+mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie
+möglich. Ich gehe fort, Florence.«
+
+»Fort?« rief sie. »Nach London?«
+
+»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien
+zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu
+verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in
+vier Tagen.«
+
+»Und -- und ich?«
+
+Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie
+emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte --
+Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie
+war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm
+entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und
+drängte sie dann sanft von sich.
+
+»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem
+Versprechen, mich zu heiraten.«
+
+Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen,
+schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als
+fürchte sie sich, sie abzuwenden.
+
+»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte
+er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die
+Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen
+schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als
+ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre
+Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe
+zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen
+lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug,
+Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und
+als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor
+gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib
+wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen,
+glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern
+brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es --
+ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für
+den Rest Ihres Lebens los.«
+
+Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem
+sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich
+nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath
+weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter
+traten ein.
+
+»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe
+verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!«
+
+Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe
+sie dieselbe erreicht hatte.
+
+»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen
+Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich
+Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.«
+
+»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete.
+
+»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort
+zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.«
+
+»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert.
+
+Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu.
+
+»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen
+Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick
+zu.
+
+»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich.
+Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von
+mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein
+unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.«
+
+»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß
+ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das
+Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein
+dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht
+glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre
+-- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war
+so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie
+etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß
+Sie sie freigeben.«
+
+»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln
+umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe
+es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein,
+seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach
+freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe,
+und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach
+Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England
+niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und
+mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie
+glücklichere Zeiten kommen mögen!«
+
+Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm
+mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab
+und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu
+des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie.
+
+»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches
+Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich --
+die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der
+regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er
+fast im Flüstertone, »lebe wohl!«
+
+Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem
+Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor:
+
+»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er
+vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung
+und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr
+sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?«
+
+Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden,
+sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf
+ihre Wange gedrückt hatte.
+
+Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie
+konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort
+und sie frei war.
+
+
+
+
+25.
+
+
+Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz
+dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins
+Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen
+gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel
+heran und setzte sich.
+
+»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick
+des andern.
+
+»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort steht wohl alles beim
+alten, und es ist keine Wendung zum Besseren eingetreten?«
+
+»Nein -- nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. Wie Sir Jasper
+jetzt daliegt, so kann er vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange
+ausreicht, noch fünf Jahre liegen.«
+
+Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mannes. »Wenn wir
+nach Rache getrachtet, so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.«
+
+»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte sanft, »nicht einmal um
+Marys willen. Aber ich bin alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht
+anders darüber gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung wie du.«
+
+»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete Leath mit einem
+Stirnrunzeln, »man führt keinen Streich nach einem Toten, und in
+Wirklichkeit ist er tot.«
+
+»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er wäre es in der Tat.«
+Sherriff hielt zögernd inne. »Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung,
+daß -- etwas nicht in Ordnung ist?«
+
+»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte es ihr sagen? Ihr Sohn
+wird Sir Roy werden. Sie wird nie was anderes erfahren.«
+
+»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, würde ein solcher
+Schlag sie getötet haben. Nun, du hast auf vieles -- auf sehr
+vieles verzichtet, Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei
+Unschuldige geschont, und was dir dafür wird, überwiegt alles andere
+weit, das weiß ich.«
+
+»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. »Was ist das, wenn ich
+fragen darf?«
+
+»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das Weib, das du liebst.«
+
+»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob er sich. »Es ist für mich
+am besten, sich kurz zu fassen, wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe
+Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben.«
+
+»Du hast sie freigegeben?«
+
+»Ja -- freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr das Versprechen
+abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, daß ich ihre Liebe erringen könne.
+Sie haßt mich, und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber --
+ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug über die Sache geredet;
+ich wäre ein schlechterer Kerl, als ich bin, hätte ich sie in eine
+unglückliche Ehe hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so
+anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen Kampf gekostet,
+das leugne ich nicht, aber ich glaube, ich habe das Schwerste jetzt
+überstanden. Wenn nicht, nun, so werde ich in Australien besser damit
+fertig werden als hier.«
+
+»In Australien?«
+
+»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet
+meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der
+fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten
+Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei
+Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?«
+
+»Zwei?« wiederholte der andere.
+
+»Ja -- wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen,
+seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben
+müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine
+Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter -- zum
+ersten Male versagte ihm fast die Stimme -- und fuhr fort: »Ich hoffe,
+Sie kommen mit -- von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben
+Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus
+tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen,
+nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater
+empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist
+schwer in Ihrem Alter -- mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung
+sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«
+
+»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt
+dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard --
+aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«
+
+Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das
+Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe
+bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig
+und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges
+Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die
+Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:
+
+»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen
+wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu
+berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein -- ja, ich leugne es
+nicht, es war unrecht -- Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu
+verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich
+weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr
+als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort
+zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen
+gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz
+auf dich.«
+
+»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster
+zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie
+Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz
+brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen.
+Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu
+tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott!
+Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich
+gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«
+
+»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir
+miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen
+hofftest, nimmst du nichts mit zurück -- gar nichts!«
+
+»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des
+Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!«
+
+ * * * * *
+
+Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne
+eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer,
+die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die
+Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften
+Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von
+Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor -- das letzte sichtbare
+Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren
+traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in
+der Ferne verschwamm, -- war es doch für viele der letzte Blick auf
+jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die
+Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des
+hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem
+stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die
+hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den
+letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in
+den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war
+nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen
+Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er
+dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten.
+
+»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf
+diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin,
+wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein
+Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den
+Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust
+empfunden hätte.«
+
+Sie gaben sich die Hände.
+
+»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise.
+
+»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem
+letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary
+umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich
+zu Hause fühlen.«
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone
+wieder an:
+
+»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein
+alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich
+doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig.
+Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« --
+
+Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt
+mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So
+scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr
+unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war
+verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen
+aus.
+
+»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich!
+Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein -- und hätte ich sie
+nie mit Augen geschaut, am besten!«
+
+Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die
+Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er
+die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren
+lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt
+in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte -- für ihn waren der
+bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern
+eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig,
+liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden
+Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm.
+Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es
+am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige
+Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde
+das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem
+Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals -- niemals!‹
+zugerufen hatte.
+
+»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich
+hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo
+alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen:
+Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr
+Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es
+hätte wenigstens sein können. Ja -- und vielleicht hätte sie mich ewig
+gehaßt. Besser so!«
+
+Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein
+Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung
+empor.
+
+»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte
+er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir
+wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie
+freigegeben.«
+
+»Everard!«
+
+Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter
+waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht
+unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt,
+ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht,
+in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten
+Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn --
+Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend
+hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse,
+mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft
+an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer
+Freude, an die er nicht zu glauben wagte.
+
+»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und
+während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch
+heißer.
+
+Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn
+mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt.
+
+»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist
+außer Sicht? Nein -- nein! Ich bin zu klug -- ich wollte mich nicht
+blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich
+an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber
+ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte,
+was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener
+Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir
+sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«
+
+Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, aber er sprach nicht.
+Er war seiner Bestürzung noch nicht Herr geworden: sie zu umfassen,
+sie anzuschauen, das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre Hand
+legte sich wieder um seinen Nacken.
+
+»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem Grauen, das mich
+befiel, als es mir zum Bewußtsein kam, daß du fort seiest? Zu der
+unerträglichen Pein, zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich
+niemals dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder hören
+würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz brach, als ich fühlte, daß
+ich dich verloren? Nein, nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder
+schmiegte sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, mein
+Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu bringen, dich zu
+lieben, und wie sehr hatte ich in meiner törichten Verblendung unrecht!
+Wie lange habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe Haß genannt?
+Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem du mich verlassen? Ich weiß es
+nicht -- es kommt auch nicht darauf an -- hier bin ich und kann nicht
+wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit wieder, Everard, aber
+wie konnte ich sie hinnehmen und dir dafür danken, wenn du mir mein
+Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und doch sagst du zu mir:
+›Kehre um‹!«
+
+»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte ich mit der ganzen Welt
+kämpfen müssen, um dich zu behalten!« Er küßte sie auf die Lippen.
+»Florence, wissen es die Deinen?«
+
+»Ja -- jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court verließ, wußten sie
+es noch nicht. Ich habe mich ohne ihr Wissen davongemacht. Ich wollte
+nicht Abschied nehmen -- das hätte Tränen gekostet -- Szenen gegeben.
+Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. Aber sie wissen es jetzt.
+Ich habe der Herzogin geschrieben, habe Briefe für Tante Agathe und
+Cis und einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß ich dir
+nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen gesagt, daß ich, wenn sie
+wieder von mir hörten, nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence
+Leath sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe du ihn mir
+gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe sind hinter mir verbrannt,«
+schloß sie lächelnd.
+
+Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er ihr Gesicht emporhob und
+sich zuwandte.
+
+»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt dich kostet? Du
+gibst sehr viel auf, mein Lieb!«
+
+»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich selbst,« antwortete sie
+innig, »was ich verliere, verliere ich um dich.«
+
+»Es kostet dich dein Vermögen?«
+
+»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger Vormund, und die
+Herzogin wird mir niemals vergeben. Ja -- das kostet es mich.«
+
+»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben lang geliebt hast,
+Kind!«
+
+»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin bei einem, den ich viel
+mehr liebe.«
+
+»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung Gehen, mein Weib.«
+
+»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück.
+
+Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die Arme, und sie küßten
+sich wieder. Das beredteste Wort war arm solch glückseligem Schweigen
+gegenüber.
+
+Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als ein näherkommender
+Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. Beide erkannten Sherriffs
+hohe Gestalt, der langsam herankam und im Zwielichte in der ihm noch
+unvertrauten Umgebung suchend umherspähte.
+
+Florence faßte die Hand ihres Verlobten und trat ein wenig vor.
+
+»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« sprach sie. »Schon deshalb
+würde ich ihn lieben, hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll
+auch mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.«
+
+
+
+
+Notizen des Bearbeiters:
+
+Inhaltsverzeichnis eingefügt.
+
+Fett gedruckter Text markiert durch: = ... =
+
+Gesperrt gedruckter Text markiert durch: _ ... _
+
+Unterstrichener Text markiert durch: ~ ... ~
+
+Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.
+
+Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
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+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country outside the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you will have to check the laws of the country where
+ you are located before using this ebook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
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+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+provided that
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+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
+Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
+trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
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+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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