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+The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Robert Bontine
+
+Author: C. Andrews
+
+Translator: Marie Schultz
+
+Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+
+
+
+
+ Robert Bontine
+
+
+
+
+ Enßlins Mark-Bände.
+
+ In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen
+ in demselben Verlage:
+
+ =Band=
+
+ =1: Leben.= Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill.
+ =2: Theaterkinder.= Roman von L. Pany.
+ =3: Der goldene Schatten.= Roman von L. T. Meade.
+ =4: Gib mich frei!= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =5: Die Bettelmaid.= Roman von J. Fitzgerald Molloy.
+ =6: Sein Recht.= Roman von E. Fischer-Markgraff.
+ =7: Eigenart.= Roman von C. von Ende.
+ =8: Auf eignen Füßen.= Roman von K. Krehmcke.
+ =9: Soldatentöchter.= Offiziergeschichten von Christa Hoch.
+ =10: Die Erbin.= Roman von H. Köhler.
+ =11: Das Recht auf Glück.= Roman von H. Gréville.
+ =12: Der Scharlachbuchstabe.= Roman von N. Hawthorne.
+ =13: Jessika von Duden u. a. Novellen.= Von G. Genzmer.
+ =14: Die goldene Stadt.= Roman von L. vom Vogelsberg.
+ =15: Freie Menschen.= Roman von Thé von Rom.
+ =16: Vom Baum der Erkenntnis.= Roman von H. Hessig.
+ =17: Ebba Hüsing.= Roman von Willrath Dreesen.
+ =18: Des Andern Ehre.= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =19: Sulamith.= Roman von A. und C. Askew.
+ =20: Irrende Seelen.= Roman von V. Luzická.
+ =21: Mandus Frixens erste Reise.= Von E. G. Seeliger.
+ =22: Der Herzbruchhügel.= Roman von H. Vielé.
+ =23: Die Kosaken.= Erzählung von Leo A. Tolstoj.
+ =24: Viktoria.= Roman von G. von Mühlfeld.
+ =25: Nordnordwest. -- Die beiden Friesen.= Zwei Inselgeschichten.
+ Von Ewald Gerhard Seeliger.
+ =26: Hilde Schott.= Roman von Adolf Gerstmann.
+ =27: Waldasyl.= Roman von Johanna Klemm.
+ =28: Was Gott zusammenfügt ...= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =29: Aus dämmernden Nächten.= Roman von Anny Wothe.
+ =30: Kajus Rungholt.= Roman von Charlotte Niese.
+ =31: Der verkaufte Kuß.= Roman von Alwin Römer.
+ =32: Durch Sturm und Not.= Roman von J. Gräfin Baudissin.
+ =33: Ich will vergelten.= Roman von Ellen Svala.
+ =34: Haus Schottmüller.= Roman von August Niemann.
+ =35: Robert Bontine.= Roman von C. Andrews.
+
+ Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen:
+
+ =36: Käthes Ehe.= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =37: Herbstgewitter.= Roman von Anna Behrens.
+ =38: Das arme Glück.= Roman von L. vom Vogelsberg.
+ =39: Die Karsteins.= Roman von H. Lang-Anton.
+ =40: Von fremden Ufern.= Roman von Anny Wothe.
+
+ _Die Sammlung wird fortgesetzt_.
+
+ _Preis jedes Bandes_: 1 Mark oder 1 Krone 20 Heller
+ oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.
+
+ _Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
+
+ _Verlangen Sie ~Enßlins~ Mark-Bände!_
+
+
+
+
+ Robert Bontine
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ C. Andrews
+
+ Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz
+
+ 1. bis 12. Tausend
+
+
+ [Illustration]
+
+ * * * * *
+
+ Reutlingen
+ Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
+
+
+
+
+ Nachdruck verboten.
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+ Übersetzungsrecht vorbehalten.
+
+ ==Printed in Germany==.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+ Kapitel 1. 5
+ Kapitel 2. 21
+ Kapitel 3. 35
+ Kapitel 4. 48
+ Kapitel 5. 59
+ Kapitel 6. 71
+ Kapitel 7. 83
+ Kapitel 8. 91
+ Kapitel 9. 101
+ Kapitel 10. 113
+ Kapitel 11. 126
+ Kapitel 12. 138
+ Kapitel 13. 152
+ Kapitel 14. 165
+ Kapitel 15. 175
+ Kapitel 16. 189
+ Kapitel 17. 203
+ Kapitel 18. 213
+ Kapitel 19. 224
+ Kapitel 20. 240
+ Kapitel 21. 256
+ Kapitel 22. 265
+ Kapitel 23. 283
+ Kapitel 24. 298
+ Kapitel 25. 309
+
+
+
+
+1.
+
+
+Es schien, als ob das Gewitter sich in wenigen Minuten zusammengezogen
+hätte. Den ganzen Tag war das Wetter wunderschön gewesen, warm und
+sonnig. Es war schwer zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer
+tiefer blau sei, -- an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, auf der
+Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte Welle. Dann war plötzlich die
+Sonne verschwunden, große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die
+zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und See und Himmel
+waren grau. Ein fahler Blitz zuckte am Horizont auf, ein dumpfes
+Donnerrollen unterbrach die schwüle Stille, und schwere Regentropfen
+begannen zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder,
+und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, als freue er sich des
+gestörten Friedens in der Natur.
+
+»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile allem Anschein nach keine
+menschliche Behausung, und dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der
+Tat!«
+
+Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der sie sagte, stehen,
+um den Kragen seines leichten Oberrockes in die Höhe zu schlagen. Auf
+der breiten, ebenen Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog,
+war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch irgendein
+Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren können.
+
+Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den Regen ins Gesicht
+trieb, und eilte schnelleren Schrittes auf dem unebenen Fußpfade, den
+er seit einer Stunde verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte
+plötzlich, als ob der Donner, der über seinem Haupte krachte, ein Schuß
+gewesen wäre, der unmittelbar an seinem Ohre abgefeuert worden.
+
+»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter ihm. »Sie finden weit
+und breit kein Obdach und werden bis auf die Haut durchnäßt werden!
+Hierher! Schnell!«
+
+Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine Strecke hinter ihm,
+ungefähr in der Mitte zwischen dem Fußweg und dem steil abfallenden
+Rande der Klippe, stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen
+Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick stehen blieb und
+sie schier verwundert anstarrte, winkte sie ihm gebieterisch mit der
+Hand.
+
+»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst auch noch naß! Beeilen
+Sie sich, der Regen wird bald noch schlimmer werden als jetzt.«
+
+Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, ihrem herrischen Befehle
+folge gebend. Als er bei ihr anlangte, versank sie plötzlich und
+verschwand unter dem nassen Gestrüpp.
+
+»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem Tone aus der Tiefe
+herauf. »Seien Sie vorsichtig -- es kommen drei Stufen. Aber fallen
+können Sie nicht.«
+
+Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein Lichtschein, der
+zu hell war, als daß er durch das Laub hätte fallen können, zeigte
+ihm das kleine höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese
+Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen Felsstufen, neben
+denen sie stand. Er war ein hochgewachsener Mann und mußte sich
+deshalb bücken, um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während er
+vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.
+
+»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, »aber es ist doch
+dem Naßwerden vorzuziehen. Geben Sie mir lieber die Hand, sonst möchten
+Sie straucheln -- der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick!
+Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß es noch schlimmer werden
+würde.«
+
+Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in Strömen herab und
+prasselte auf den Felsen nieder. Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin
+das Gesicht zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen
+erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten kam, fiel nur bis auf
+die Hand, mit der sie die seinige ergriffen hatte.
+
+»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer so plötzlich zum Ausbruch?«
+fragte er.
+
+»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. Aber ich kenne
+die Vorboten und konnte deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht --
+nicht eher?«
+
+»Erst als Sie mich anriefen.«
+
+»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete am Eingang, um Sie
+hereinzurufen, aber das erstemal hörten Sie mich nicht. Hierher!
+Treten Sie dorthin, wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«
+
+Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, umschloß die seine, und
+er schritt vorsichtig hinter ihr die schmale, abschüssige Senkung
+hinunter, an der sie ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der
+Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der Wellen am Fuße der
+Klippe vernehmlicher. Nach einer Minute etwa ließ sie seine Hand los.
+
+»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon sagte, ist es kein
+besonders anziehender Zufluchtsort, aber er ist mir schon oft von
+Nutzen gewesen.«
+
+Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche Höhle, die sich so
+groß wie ein kleines Zimmer in der Vorderwand der Klippe befand. Mit
+einem belustigenden Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie jetzt
+erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen auf einen flachen
+Vorsprung der Felswand nieder, der groß und niedrig genug für den Zweck
+war.
+
+»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie führte, nicht wahr?«
+meinte sie.
+
+Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte sich der Öffnung der
+Höhle genähert und blickte nach unten. Eine dicht von Schlingpflanzen
+überwucherte Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann fiel
+die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. Ein Schauder überlief ihn,
+als er auf die wogende Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem
+Bereich des herabströmenden Regens zurück.
+
+»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort gewählt,« sagte er.
+»Gefährlich?« gab sie zurück.
+
+»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier oben --«
+
+»O, eines Sturzes!«
+
+Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« meinte sie
+gleichgültig. »Ich werde doch nicht so nahe herangehen, daß ich
+hinabstürzen könnte.«
+
+»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, »ein Sturz von hier
+oben würde den Tod bedeuten.«
+
+»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei vielen anderen Stellen
+der Klippen behaupten. Die Felswände sind fast überall furchtbar steil.
+Es ist schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch ein Geländer
+zu schützen, glaube ich; aber der Plan ist wieder aufgegeben worden.
+Vielleicht ist es auch kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden
+Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, sind eine seltene
+Erscheinung.«
+
+»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich hier fremd bin?«
+
+»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens fragten Sie mich, ob
+unsere Gewitter sich immer so plötzlich zusammenzögen.«
+
+»Und drittens -- wußte ich nichts von diesem Ihrem Zufluchtsort,«
+ergänzte er.
+
+»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, -- ich glaube, kaum
+irgend jemand. Ich selbst habe ihn ganz zufällig entdeckt.«
+
+»So?«
+
+»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, und er verschwand in
+dem Ginstergebüsch, das den Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen
+herabgesprungen oder heruntergerutscht sein und konnte sich nicht
+wieder herausfinden. Ich rief und wartete, und schließlich hörte ich
+ihn bellen und leise winseln. Da fand ich das Loch und bahnte mir einen
+Weg hinunter.«
+
+»Und so entdeckten Sie die Höhle?«
+
+»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, daß Sie bis auf die Haut
+durchnäßt sein würden, ehe Sie St. Mellions erreichten.«
+
+»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«
+
+Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört
+habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in
+den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die
+flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört
+zu mustern.
+
+Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll
+entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war
+so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter
+fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der
+Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich
+schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige
+Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund.
+
+Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und
+wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich
+den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut,
+wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann
+gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige,
+aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen
+sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden
+Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge
+weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres
+durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte
+blaue Augen nicht anziehender wurde.
+
+Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen
+Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht
+verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen
+Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens,
+-- zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, -- war den Männern nicht
+eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. --
+
+Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder
+und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing.
+Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht
+verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt
+sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen
+Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.
+
+»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir
+erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht
+schlimmer!«
+
+»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück.
+
+»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu.
+»Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden.
+
+»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.«
+
+»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem Interesse. »Daher kommen Sie
+also?«
+
+»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«
+
+Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.
+
+»Es war ein merkwürdiges Gefühl -- ich werde es niemals vergessen: mir
+war zumute, als sei ich aus den Wolken auf die Erde niedergefallen.«
+
+»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«
+
+»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in dem ganzen Lande kein Wesen
+gibt, das ich kenne.«
+
+»O!«
+
+Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung zunichte.
+
+»Sie haben also keine Verwandten hier?«
+
+»Ich habe nirgends Verwandte, -- die ich kenne.« Er stockte seltsam in
+der Mitte des Satzes, und sein Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten
+vermutlich, ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«
+
+»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions einen Verwandten in
+Australien hätte, so würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz
+England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß Sie sich zuerst
+einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht haben. Ich fürchte, Sie ahnen
+nicht, wie langweilig es hier ist.«
+
+»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl in der Sache.«
+
+»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig an. »Dann sind Sie
+nicht zu Ihrem Vergnügen hergekommen?«
+
+»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein -- in Geschäften!«
+
+Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie ihr Gesicht fast
+beleidigt abwandte und verstummte. Sie blickte wieder in das graue
+Landschaftsbild und den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.
+
+Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend nicht bewußt war, hub
+wieder an:
+
+»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht sagen,
+wie weit es noch bis St. Mellions ist?«
+
+»Ungefähr eine Viertelstunde.«
+
+Sie sprach sehr kurz zu ihm.
+
+»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur von Häusern erblicken.«
+
+»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« Vielleicht hatte er sie
+gar nicht beleidigen wollen. Bei dieser Erwägung wurde sie wieder
+fast liebenswürdig und setzte ihm auseinander, daß das Dorf in einer
+Talmulde läge.
+
+»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er kein Wirtshaus hat?«
+
+»Nein -- sogar zwei.«
+
+Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem Tone fort: »Wir
+werden nicht mehr lange gefangengehalten werden: die Wolken teilen
+sich, der Regen wird gleich vorüber sein.«
+
+Sie hatte recht, denn wenige Minuten später schien die Sonne, und Meer
+und Himmel waren blau. Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so
+übernahm sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen Gang und
+die drei Felsenstufen hinauf, durch das dichte Ginstergestrüpp, das den
+Eingang verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. Hier nahm
+der Fremde ernst den Hut ab und verneigte sich vor ihr. Sie hatte ihm
+diesmal nicht die Hand gegeben.
+
+»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie gehen, -- entschuldigen
+Sie, -- nicht denselben Weg wie ich?«
+
+»Nein.«
+
+Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte es schelmisch auf.
+»Dorthin führt mein Weg,« sagte sie leichthin und deutete schräg über
+die Halde auf eine dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht
+verfehlen. Geradeaus! Adieu!«
+
+»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe einen Verstoß begangen.
+Wenn das der Fall ist, so müssen Sie das, bitte, meinem Leben in
+Australien zugute halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und müßte Ihnen
+sicherlich meinen Namen nennen.«
+
+»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete sie lächelnd.
+
+»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.«
+
+»Danke, Herr Leath.«
+
+Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der Hoffnung, sie werde
+jetzt ein gleiches tun, wußte sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus
+Schelmerei eine Enttäuschung.
+
+»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt zwei Wirtshäuser in St.
+Mellions. Gehen Sie nicht in den Schwarzen Adler -- die Schlafzimmer
+sind dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, die den
+gewissenhaftesten Eigentümer und die beste aller Wirtinnen haben.«
+
+»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«
+
+Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er noch einen
+Versuch -- diesmal einen direkten. -- »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit
+nicht die Krone aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu
+Dank verpflichtet bin?«
+
+»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur natürlich, daß Sie das
+gerne wissen möchten -- freilich!«
+
+Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter und raffte geschickt
+ihre Röcke zusammen, damit sie das regenfeuchte Gras nicht streiften.
+»Nun, wenn Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie nur Ihre
+Wirtin.«
+
+Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so leicht und schnell wie
+ein Vogel dahin und blickte sich mit hellem Lachen noch einmal um.
+Everard Leath schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die
+Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach St. Mellions ein.
+
+Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war so steil, daß der einsame
+Wanderer fast in die Schornsteine des Dorfes hinabsehen konnte. Er
+ließ sich von einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem
+Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die niedere Gaststube
+der Chichester Arms.
+
+Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig zu seinem Empfange
+herbeikam, führte ihn in ein kleines sauberes Wohnzimmer mit
+getäfelten Wänden und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker
+Butzenscheibenfenster, einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke und
+riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen.
+
+Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, und nachdem er sich
+in einem fünfeckigen Schlafzimmer von dem Reisestaub gesäubert hatte,
+setzte er sich und wartete darauf.
+
+Als er mit der müßigen Neugier, die einem Menschen, der sich an einem
+fremden Orte befindet, natürlich ist, aus einem der Fenster schaute,
+sah er einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors Haus reiten.
+Mit schnell erwachtem Interesse in den Zügen wandte er sich an das
+Mädchen, das gerade die letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen
+Tisch stellte, mit der Frage:
+
+»Wissen Sie, wer das ist?«
+
+»Das, gnädiger Herr?«
+
+Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch die Geranien und
+erhielt sofort einen fröhlichen Gruß von dem Reiter.
+
+»O freilich -- das ist Herr Roy!«
+
+»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. »Das sagt mir nicht
+viel. Wer mag Herr Roy sein?«
+
+»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er ist sein Einziger.
+Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.«
+
+»Wie heißt Sir Jasper weiter?«
+
+»Sir Jasper Mortlake, Herr.«
+
+Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, der Sir Jasper nicht
+kannte, war augenscheinlich in ihren Augen ein Phänomen.
+
+»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« meinte sie in fast
+vorwurfsvollem Ton.
+
+»Nein -- niemals. Gehört ihm dies Haus?«
+
+»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler ist seines. Unser Herr ist
+Herr Chichester. Wünschen Sie sonst noch etwas?«
+
+Leath hatte weiter keine Wünsche und begann sein Mahl, aber nicht ehe
+er Roy Mortlake hatte davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen
+Beifall gezollt hatte.
+
+Später, als er in einem der großen Stühle saß und seine Zigarre
+rauchte, klopfte es, und seine rührige Wirtin trat ein, um sich zu
+erkundigen, ob es ihm geschmeckt habe und wo sie sein Gepäck abholen
+lassen könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in Market
+Beverley stände.
+
+»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.
+
+»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, gnädiger Herr. Oben auf
+den Klippen entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.«
+
+»Den Weg bin ich gekommen.«
+
+Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin.
+
+»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert sind, gnädiger Herr, so
+müssen Sie von dem Gewitter überrascht worden sein!« rief sie.
+
+»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei fällt mir ein, mir ist
+aufgetragen, Ihnen eine Frage vorzulegen, Frau Buckstone.«
+
+»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?«
+
+»Ja, -- von einer Dame, die mir als rettender Engel erschien und mich
+vor dem Naßwerden bewahrt hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«
+
+Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem Tone sein Erlebnis.
+
+»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, und sagte mir, ich
+möchte mich an Sie wenden, wenn ich ihn wissen wolle,« schloß er
+lächelnd, »und fort war sie.«
+
+»War sie hübsch, gnädiger Herr?«
+
+»Hübsch? Freilich -- mehr als das. Aber wer war es? Können Sie es sich
+denken?«
+
+»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. »Darüber kann
+kaum ein Zweifel sein. Das war natürlich die Gräfin Florence.«
+
+»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den Namen mit erstauntem Blick.
+»Was? Ist die junge Dame verheiratet?«
+
+»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter eines Grafen drüben
+in Irland, der starb, als sie ein ganz kleines Ding war. Sie ist Sir
+Jasper Mortlakes Nichte -- und wohnt meistens bei ihnen in Turret
+Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger Herr? Es liegt
+an der anderen Seite der Halde, etwa dreiviertel Stunden von hier.«
+
+»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete Leath und griff wieder
+nach seiner Zigarre.
+
+»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach er halblaut und
+gedankenvoll vor sich hin, als die geschäftige Wirtin den Tisch
+abgeräumt und ihn allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger,
+ungewöhnlicher Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret Court.«
+
+Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in
+den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich
+etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene
+grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!«
+
+Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein
+Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an
+Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen
+Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann
+in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich
+hinzumurmeln.
+
+»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo
+ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob -- wenn ich
+nicht mein Wort verpfändet hätte -- es nicht verständiger gewesen wäre,
+ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort
+betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen,
+nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn
+aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?«
+
+Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand.
+»Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der
+Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes,
+an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und
+schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine
+Arbeit anfängt!«
+
+Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste
+Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von
+meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin
+ich jetzt wohl meinem Ziele -- wieviel näher daran, Robert Bontine zu
+finden?«
+
+
+
+
+2.
+
+
+Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene
+Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt
+der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten
+Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden
+hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte
+Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher,
+von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen
+ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über
+die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer
+genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in
+dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.
+
+Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die
+sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten
+zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter
+immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war,
+wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß
+Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt.
+Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war
+kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches
+Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich
+vor ihm fürchteten.
+
+An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten
+Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady
+Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so
+hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für
+ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse,
+blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig
+angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche
+Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten
+noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre
+über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene
+Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll
+die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen
+Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf
+Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von
+Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit
+zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste
+Überzeugung war, -- daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen
+war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und
+Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen
+Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der
+Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen
+schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.
+
+Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine
+ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus
+ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten
+zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper
+Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter
+vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war
+nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur,
+heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte.
+
+Cäcilie -- im Familienkreis stets Cis genannt -- war ein sehr hübsches
+Mädchen, -- in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer
+Schönheit berühmt, -- klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und
+lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. -- Dem
+Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer
+stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und
+dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied
+zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten
+im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.
+
+Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten
+habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht
+einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich
+in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber was nützt das? Und ach,
+was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch
+begehen.«
+
+»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd.
+
+»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte
+sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, -- dabei fällt mir
+ein, -- wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte
+oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer
+eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.«
+
+»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?«
+
+»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen,
+daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach
+der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte
+meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr
+anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte
+befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen
+und bereit zu sein, sie zu begleiten.«
+
+»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du
+wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich
+verlieren!«
+
+Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich
+lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden
+Kopf.
+
+»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon
+geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie
+nicht begleiten werde.«
+
+»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.«
+
+»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab
+Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es
+überwunden haben.«
+
+»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein
+gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin
+von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast
+ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen
+Dame Trotz zu bieten.
+
+»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die
+Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.«
+
+»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.«
+Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände
+im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres
+kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig,
+das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter
+gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie
+übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen
+sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es
+im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen
+Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine
+Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre
+Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem
+ich mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt -- was meinen
+Aufenthalt betrifft wenigstens.«
+
+Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht
+nicht tun könne, was ihr beliebte.
+
+»Hast du -- hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis,
+anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.
+
+»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich
+der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr
+auf die Nerven zu fallen, -- von der Laune, in die er sie versetzen
+wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie
+könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und
+gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche
+erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir
+gewöhnlich langweilig.«
+
+Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy
+heute morgen, Cis?«
+
+»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte
+beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.«
+
+»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence
+gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?«
+
+Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen
+zarte Farbe dunkler wurde.
+
+»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt
+bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du,
+ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.«
+
+»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene,
+die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch
+sagen, wo du --«
+
+»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin,
+daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz
+recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in
+sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen,
+wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen
+überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin
+kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.«
+
+Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen --
+der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz
+zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester
+Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des
+Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei
+Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der
+aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen
+ihn begrüßte, würdig sei.
+
+Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde
+sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf
+eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe
+hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich
+aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.
+
+»Flo,« -- Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, -- »ich
+habe Chichester gesehen -- Hallo! Zum Kuckuck auch!«
+
+Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper
+riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen
+Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem
+Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien.
+
+Er sah -- wenigstens auf den ersten Blick -- nicht so aus wie
+jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu
+verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches
+rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als
+das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos
+und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er
+sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein
+blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht
+hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen
+waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug
+und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher
+erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit
+einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren
+Mann hätte schließen lassen.
+
+Ja -- Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war
+entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann
+für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich
+auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt
+und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen
+Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des
+Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten.
+
+Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind
+blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß
+seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen
+scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr
+netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären,
+eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume
+eingefallen sein würde.
+
+Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen,
+während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy
+schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht,
+sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem
+Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden
+Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan
+seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in
+kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war
+vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast
+liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache
+zu finden sein mochte, daß, wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens
+die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund
+Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein
+würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt
+sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern
+hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen.
+
+»Ist -- kann ich -- wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady
+Agathe ängstlich hervor.
+
+»Danke -- nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen
+verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen
+Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten,
+hatte er eine unsägliche Verachtung.
+
+»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu.
+
+»Das ist er auch.«
+
+Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys
+verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter
+Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«
+
+Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie
+gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir
+Jasper trat an die offene Glastür.
+
+»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts
+zu tun, -- du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir
+mitnehmen.«
+
+»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends länger, als er sehr
+gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth
+aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er
+nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß -- es
+ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«
+
+»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine
+kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit
+schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine
+Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du
+wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und --«
+
+»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann --
+ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht
+wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«
+
+Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon
+gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen
+besorgen, Onkel Jasper.«
+
+»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte
+ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm.
+
+»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu
+Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und
+außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem
+Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis
+und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen
+bekommen. Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas
+dabei zu bestellen?«
+
+Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine
+Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem
+Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence
+pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer
+Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den
+Rasen hinaus.
+
+»Roy, lauf nach dem Stall hinüber -- tu’s mir zuliebe, und laß
+Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht
+fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«
+
+Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte
+ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß
+Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen
+demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin
+ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.«
+
+»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab
+Harry Wentworth lachend zurück.
+
+»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf
+solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen?
+Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun,
+was sagt ihr beide?«
+
+»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry.
+
+»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin!
+Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß
+geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry,
+ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich
+unserer bemächtigt hat?«
+
+Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme
+tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich
+hinträllerte:
+
+ »Mein Herz, ich will dich fragen,
+ Was ist denn Liebe, sag?
+ Zwei Seelen und ein Gedanke,
+ Zwei Herzen und ein Schlag.« --
+
+»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher
+Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich.
+
+»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem
+verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich
+sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich
+sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen
+gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.«
+
+»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis.
+
+»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch
+wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus
+dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte
+Sache sei.«
+
+»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«
+
+»Weiß Sir Jasper darum?«
+
+»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«
+
+»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry
+zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen
+froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«
+
+»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen
+Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn
+ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«
+
+
+
+
+3.
+
+
+Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer
+Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden
+Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions
+einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden
+beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes
+gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es
+gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie
+nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe
+mit ihr auf.
+
+Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie
+gern, -- wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch
+verdienten, -- aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben
+Art wie Florence.
+
+Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen
+Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und
+hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen
+Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken,
+und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher
+Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun
+können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf,
+der nach dem Hause führte.
+
+Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen
+Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen
+aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine,
+die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den
+Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick
+dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow
+-- so hieß es -- wohnen möchte, als in Turret Court.
+
+Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an
+die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick
+erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick
+des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar
+legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf.
+
+»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und
+dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte
+sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily
+zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald
+wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen,
+stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes
+Fenster.
+
+»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage
+draußen im Sonnenschein sein sollten?«
+
+»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!«
+
+Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit
+Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm
+die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit
+breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles,
+träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz
+alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar
+wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen
+seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias
+Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre
+älter gehalten wurde.
+
+»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang
+Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher
+Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh.
+Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen
+zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des
+Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.
+
+»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von
+mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie
+meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence
+lächelnd.
+
+»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.«
+
+Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige
+Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der
+Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen
+zweiten herbeiholte.
+
+»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie
+so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?«
+
+»Beides, Herr Sherriff.«
+
+Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum
+Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche
+ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn
+wieder in den Umschlag.
+
+»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige
+Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie
+mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret
+Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«
+
+»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist
+hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental
+-- wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und
+Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.«
+
+»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun,
+liebes Kind.«
+
+Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das
+liebreizende, strahlende Gesicht.
+
+»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes
+vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?«
+
+»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden!
+Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es
+ihn vielleicht liebenswürdig machen -- wer weiß? Ich habe jetzt
+angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal
+einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den
+Gassenhauer kennte!«
+
+»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd.
+
+»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die
+Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge
+Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht -- kommt
+dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf
+näherkommende Schritte -- Schritte, die ihr ganz fremd waren.
+
+Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind
+es? Hier?«
+
+Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei
+ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb.
+
+Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem
+zum andern.
+
+Leath sprach zuerst.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung
+davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu
+finden.«
+
+Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen
+richteten sich verwundert auf den Hausherrn.
+
+»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.
+
+»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie
+kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?«
+
+»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es
+Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie
+sollen es hören.«
+
+Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung,
+wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in
+der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.
+
+»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig.
+
+»Kein Sterbenswort.«
+
+»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«
+
+»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht
+in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je
+begegnet!«
+
+»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe
+gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage,
+bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß
+er keine Seele in St. Mellions kenne.«
+
+»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf
+fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen
+Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen
+Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich
+hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.«
+
+»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen
+Mädchens wurde ernst. »Und er -- dieser Herr Leath -- brachte Sie nach
+Hause, nicht wahr?«
+
+»Ja, mein Kind -- als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu
+sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger
+gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und
+ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den
+Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem
+einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während
+seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle.
+Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere
+Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein.
+Ist diese Erklärung vollständig genug?«
+
+»J--a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in
+etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie
+einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«
+
+»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?«
+
+»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie.
+
+»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor
+zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die
+ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.«
+
+»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln
+legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie -- mögen
+Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?«
+
+»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.«
+
+»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem
+besonderen Grunde.«
+
+»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.«
+
+»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,«
+setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke,
+glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb
+eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube
+nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und
+Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?«
+
+Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn
+wieder kraus. »Herr Sherriff!«
+
+»Ich höre, liebes Kind.«
+
+»Glauben Sie, daß er dauernd hier -- in St. Mellions -- bleiben wird?«
+
+»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.«
+
+»Ja, ja, aber --« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn
+hergeführt?«
+
+»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.«
+
+»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum
+Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und
+es war ihm Ernst damit.«
+
+»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon
+gesagt hat.«
+
+Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den
+Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig.
+
+»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«
+
+»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann
+lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen
+diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«
+
+»Ich bin viel zu reich -- es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben,
+daß er viel Geld hat?«
+
+»In bescheidenem Maße -- ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung
+deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut
+gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten
+sei.«
+
+»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.
+
+»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt -- ich bin zu
+unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die
+Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden,
+wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen,
+liebes Kind?«
+
+»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete Florence, munter ihren
+Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah,
+und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in
+ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon
+für drei Personen gedeckt war.
+
+Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die
+Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu
+treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah
+Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen
+ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber
+niederließ.
+
+»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in
+leichtem Tone.
+
+Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.
+
+»Ja, Gräfin.«
+
+»Und sie stellte meine Person fest?«
+
+»Sofort.«
+
+»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.«
+
+»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu
+schildern.«
+
+»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹
+sähe.«
+
+»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.«
+
+»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso
+entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres
+kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?«
+
+»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich
+nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit
+zu reden.«
+
+Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man
+ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß
+sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu
+vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte.
+Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine
+Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte,
+daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von
+ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte.
+
+Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb
+bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten
+Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien,
+aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen
+charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch
+sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie
+sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu
+entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit
+vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit
+einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig
+wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht
+hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen.
+
+»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit
+über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?«
+
+Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie
+in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder
+geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb
+Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr
+hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.
+
+»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.
+
+»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei.
+Finden Sie das etwa nicht?«
+
+»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier
+fortzutreiben.«
+
+Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten
+habe.
+
+»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?«
+
+»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu
+keinem festen Entschlusse gelangt -- das heißt über meinen künftigen
+Aufenthaltsort.«
+
+»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien
+zurückkehren werden?«
+
+»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich
+dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen
+Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«
+
+»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten
+--«
+
+»Das habe ich allerdings nicht.«
+
+Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.
+
+»-- so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England
+vertauschen.«
+
+»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich
+sagte, stehe ich ganz allein in der Welt -- schon seit acht Jahren.«
+
+Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei
+diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine
+Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die
+sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast
+noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen
+abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte
+verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine
+Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an.
+Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie
+abstieß.
+
+In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr,
+und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel
+gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie
+drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten
+eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt.
+Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln,
+weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden
+schien.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh
+gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein
+auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages,
+denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand
+angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er
+sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte,
+den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich
+in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein.
+
+Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des
+Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine
+langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich
+Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf
+der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein
+Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen
+Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer
+Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar
+verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide -- sie trug im
+Hause gern übermäßig lange Schleppen -- im Gespräch mit der einzigen
+noch anwesenden Persönlichkeit.
+
+Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine
+gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht
+geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und
+seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er
+älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, -- er
+hatte fast gar kein Mienenspiel, -- seine Gestalt hatte eine gewisse
+Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine
+Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der
+Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig
+war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen
+Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde,
+anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte
+Antlitz sich gegenüber sah.
+
+»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein
+halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd.
+»Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.«
+
+»Von der Herzogin? So?«
+
+»Ja.«
+
+Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es
+abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten.
+
+»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die
+Gelegenheit, sie von unserer Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte
+Talbot Chichester zögernd.
+
+»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort
+und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die
+Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich
+daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser
+ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren
+Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte
+schelmisch.
+
+»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst;
+das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt.
+»Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt
+es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre
+Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat.
+Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu
+übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht
+begriff.«
+
+»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst
+zu erzählen -- warum, weiß ich nicht.«
+
+»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester
+fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form
+ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.«
+
+»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben
+wird?« fragte Florence wieder.
+
+»Dagegen?«
+
+Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde
+würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei.
+War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das
+Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz
+drei- oder viermal abzukaufen?
+
+»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine
+ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich
+wahr, -- wir haben die Ehre immer abgelehnt, -- aber in jeder anderen
+Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als
+Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht
+für wahrscheinlich halten.«
+
+»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß
+sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das?
+Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«
+
+»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?«
+
+»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post
+schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen
+schuld bin.«
+
+»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht
+und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein
+unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund
+hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester, obgleich er ihr
+Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie.
+
+Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens
+ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem
+kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders
+verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei
+dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern -- der Einfall
+belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor
+seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte
+sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht,
+ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das
+unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot
+Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und
+sie hatte versprochen, ihn zu heiraten.
+
+Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer
+stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen
+dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen,
+aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu.
+Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus
+nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen
+hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt
+vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl
+und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu
+bringen.
+
+»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden
+Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt
+nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war
+furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr,
+Flo?«
+
+»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers
+gezupft und ihn nicht gehört -- ihre Augen schauten noch träumerisch
+in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten
+Abendhimmel glänzte.
+
+»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?«
+
+»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden
+haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen,
+Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist.
+Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes
+Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht!
+Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt
+und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.«
+
+»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir
+Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.«
+
+»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, -- die beiden sind
+nämlich dicke Freunde, -- daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London
+niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen
+Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen, ich begreife es nicht,
+wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich
+ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«
+
+»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz
+allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso
+glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.«
+
+»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht
+der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender
+Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben,
+fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch
+bei Mutter Buckstone?«
+
+»In den Chichester Arms?«
+
+Talbot Chichester stellte diese Frage.
+
+»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl -- sonnverbrannt -- erinnert mich
+an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort.
+»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir -- ich weiß nicht mehr
+recht, wie es war -- als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte
+Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er.
+Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa,
+Chichester?«
+
+»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester
+Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt
+nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour
+begriffener Londoner.«
+
+Roy schüttelte den Kopf.
+
+»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre -- hat nicht den Londoner
+Dialekt -- versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein.
+Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal
+danach fragen.«
+
+»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt
+er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht,
+und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«
+
+»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«
+
+»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«
+
+»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du
+warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt
+hast du den Menschen gesehen?«
+
+»Soll ich’s dir sagen?«
+
+Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch
+blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres
+Bräutigams. »Ja -- wir sind heute abend alle sehr langweilig, und
+deshalb will ich es tun.«
+
+Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte
+ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten
+Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard
+Leath.
+
+Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den Leichtsinn der schönen
+Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend,
+folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden,
+und schaute dann mit einem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, der aber
+keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst,
+fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest
+aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm.
+
+»Was ist denn los?«
+
+»Los?«
+
+»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil
+ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot,
+mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal
+hin. So!«
+
+In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte
+es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die
+in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben.
+Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie
+ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen
+Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen
+gegen den Unbekannten zu machen.
+
+»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er.
+
+»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge
+Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder
+an.
+
+»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde
+wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die
+einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen naß werden
+zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.«
+
+Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab -- er war so unendlich
+mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los.
+
+Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte.
+
+Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence
+stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan
+hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte.
+
+»Fehlt dir etwas, Florence? Du -- du siehst so ernst aus, mein Herz!«
+
+»So?«
+
+Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich
+sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.«
+
+»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der
+Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war,
+Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch
+zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon
+gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«
+
+»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«
+
+Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich
+strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm
+plötzlich all ihren Mut zusammen.
+
+»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas
+fragen wollen. Ich kann es gar nicht begreifen -- er ist so ernst
+und steif und kalt -- in jeder Beziehung so verschieden von dir -- es
+wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.«
+
+»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!«
+
+Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich
+halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange
+war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein
+ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone.
+
+»Florence!«
+
+»Nun, mein Schatz?«
+
+»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«
+
+»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«
+
+»O, ganz jung! Und hübsch?«
+
+»Nein -- und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«
+
+»Und ist er nett, Florence?«
+
+»Wer?«
+
+»Nun, Herr Leath!«
+
+»Nett? Nein -- unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin
+schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!«
+
+
+
+
+5.
+
+
+Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen
+und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen
+wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem
+einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im
+hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem
+Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St.
+Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence
+gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große
+Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er
+außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten
+Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können,
+alle freundlich gewogen seien.
+
+»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«
+
+»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug,
+sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern
+sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat
+sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr
+von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.«
+
+»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?«
+
+»Ja -- sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.«
+
+»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«
+
+»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit
+ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.«
+
+»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich
+genügt doch ein Vormund, mein’ ich -- weshalb sind hier denn zwei?«
+
+»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das
+ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für --«
+
+»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte
+wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische
+Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der
+verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«
+
+»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes
+Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«
+
+»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht
+mündig?«
+
+»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz
+ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, -- was
+wahrscheinlich der Fall sein wird, -- daß sie sich in der Zwischenzeit
+verheiratet.«
+
+»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?«
+
+»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden
+Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so
+fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.«
+
+»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten.
+»Wie mag das gekommen sein?«
+
+»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist
+seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe
+finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu
+glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf
+seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.«
+
+»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter
+wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath
+nachdenklich.
+
+»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben,
+daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge.
+Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben,
+so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre
+Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß
+nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe
+Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die
+Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper
+niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu
+zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den
+Bräutigam geeinigt hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie
+in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.«
+
+Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach
+seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen.
+
+»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«
+
+»Gräfin Florence? Nein -- meines Wissens nicht. Und wenn ich sage,
+meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte
+Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben,
+davon bin ich überzeugt. Nein -- verlobt ist sie nicht. Ich muß
+gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens
+kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich
+nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann,
+und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«
+
+»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam.
+
+»Mit dem Heiraten? Nein -- ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir
+Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court -- sie
+hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde
+eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper
+bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter
+des Gutes -- ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde.
+Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.«
+
+»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem
+Posten haben. Nach dem, was ich mir aus den Reden der guten Leute
+hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper
+auszukommen.«
+
+»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine
+Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper
+ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt
+bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und
+ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er
+behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.«
+
+»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«
+
+Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte
+Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn
+hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in
+eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben
+konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?«
+
+»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und
+blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte
+auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen
+Jahren -- mehr als dreißig -- einen bitteren Kummer gehabt, der sein
+ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm
+ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe.
+
+»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten,
+in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich
+überhaupt je wieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir.
+Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.
+
+Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in
+dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war,
+blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff
+wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem
+anderen Tone.
+
+»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte
+er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, -- daß
+ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß
+sogleich damit fort.«
+
+Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus,
+daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und
+zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte
+nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath
+legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl
+zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon
+längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe.
+
+Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu
+viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit
+einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und
+ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick
+zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit
+bekümmertem Ausdruck auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen
+unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm
+die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre
+Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe.
+
+»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage
+nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe.
+Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal
+ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das
+soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen?
+Wenigstens jetzt noch nicht?«
+
+»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin
+entmutigt -- ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde -- was das
+beste sein würde.«
+
+Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer
+seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang
+die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus,
+sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte,
+verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er
+ihn aussprach:
+
+»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen
+Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu
+erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts
+Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich
+fest, und doch bin ich schwach genug, mich fast entmutigt zu fühlen,
+weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es
+scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen,
+und doch ist dieser Ort -- St. Mellions -- der einzige Ausgangspunkt
+für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die
+Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach
+einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde.
+Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich
+glaube, ich werde gehen.«
+
+»Das tut mir leid zu hören.«
+
+Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden,
+hin, ohne eine Frage zu stellen.
+
+»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden
+Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein
+Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«
+
+»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest
+die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt,
+den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer
+Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich
+dafür bezahlte.«
+
+ * * * * *
+
+Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang,
+und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath,
+der an sehr viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn
+schnell und leicht zurück.
+
+Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt
+dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu,
+durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug.
+Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer
+Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art,
+in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen
+erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein
+Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den
+Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt
+hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war,
+veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden.
+
+»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.
+
+»Jener Mensch.«
+
+»Welcher Mensch?«
+
+»Leath.«
+
+»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit
+Interesse. »Was mag er nur wollen?«
+
+»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein
+Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!«
+
+»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde
+ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, --
+wissen muß, -- daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und
+stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!«
+
+Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence
+den Hut ab.
+
+»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu
+erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper
+einen Brief zu überbringen.«
+
+»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes
+milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein.
+»Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie
+lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen?
+Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen
+bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«
+
+»Gewiß erinnere ich mich dessen.«
+
+Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht
+hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng
+und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm
+wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte.
+
+»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter.
+»Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie
+sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten
+dürfen.«
+
+Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. Sie ärgerte sich
+fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie
+immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es
+entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber
+für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige
+Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig
+hob:
+
+»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath?
+Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?«
+
+Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand
+ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des
+Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.
+
+»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen.
+Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich,
+Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«
+
+»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie
+sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«
+
+Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis
+kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen
+Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn
+er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte
+Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht
+Einspruch erhoben, denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger
+Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene
+Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade
+in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der
+Bildfläche.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen
+Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte
+seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden
+empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen,
+ruhigen Gesicht, gemustert hatte -- liebenswürdig, steif und förmlich
+oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an.
+
+Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu
+sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen
+haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von
+selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.
+
+»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd.
+»Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath
+reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er
+ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.«
+
+»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt,
+aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf.
+
+»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten Sie mir,
+Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich
+übernommen haben,« sprach er.
+
+Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der
+Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche
+steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen
+dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich
+bejahte.
+
+»Vielen Dank -- ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die
+Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir
+die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie
+meiner Frau vorzustellen.«
+
+Leath nahm dankend an.
+
+Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit
+sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm -- beides
+sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir
+Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie?
+dachte seine Tochter.
+
+Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen
+beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung -- nicht über Sir
+Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit,
+mit der Leath die Einladung aufnahm -- für sich. Er hatte keine Spur
+der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber
+anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine
+Regung des Interesses und der Belustigung empfindend, sehr ernst und
+schweigsam, -- etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.
+
+Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte,
+so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und
+wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres
+Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich
+fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf
+seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung
+schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert?
+So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein?
+Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers
+Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions
+und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren,
+zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden.
+Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die
+Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt.
+
+»Habe ich recht verstanden -- Sie kommen aus Australien, Herr Leath?«
+
+»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.«
+
+»Darf ich fragen, wo?«
+
+»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.«
+
+»Ihr ganzes Leben lang?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«
+
+»Niemals.«
+
+»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«
+
+»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber
+mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.«
+
+»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?«
+
+»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre
+-- seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin -- habe ich ganz allein in
+der Welt gestanden.«
+
+»Sie haben keine Verwandten in England?«
+
+»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.«
+
+Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden,
+der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher
+Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst
+vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein
+Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt.
+
+Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige
+Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer
+der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war
+freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die
+Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret
+Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war
+von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner
+Braut, und Cis -- ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys
+Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner -- fiel das
+Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen
+einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer -- er war nach Market
+Beverley geritten.
+
+Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es
+mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging,
+oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer
+ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch
+in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu
+sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie
+antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich
+nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath.
+
+»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle
+Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht -- sie, die immer
+jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? -- Die Pause, die nach
+ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon
+beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke
+ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:
+
+»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr
+Leath?«
+
+»Nein -- aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms,
+nicht wahr?«
+
+»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions -- mehr als
+uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll.
+Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich
+nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?«
+
+»Nur von der Chaussee aus.«
+
+Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade
+mit Florence, die zu ihm aufschaute.
+
+»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?«
+
+»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht --« Cis brach ab, dunkelrot im
+Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen
+durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen
+Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer
+kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie
+auch erleichtert aufatmete:
+
+»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir
+die Frage -- ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein
+Geheimnis?«
+
+»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle
+wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die
+Herzogin -- die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund -- davon
+in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.«
+
+»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten
+werden?«
+
+»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt? Sie hält so
+viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es
+mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?«
+
+»Ganz sicher.«
+
+»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht
+ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath
+-- es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen,
+daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und
+das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er
+keinen für gut genug für sie hält.«
+
+Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine
+Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht
+des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe
+hinabbeugte, -- nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, -- nicht mehr
+vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr
+Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so
+gleichgültig war er.
+
+Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie
+abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte,
+begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch
+eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch
+zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr
+erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie.
+
+»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte
+sie. »Man macht sich erst eine Vorstellung von einem Orte, wenn jemand
+redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich
+kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.«
+
+»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das
+ist, Fräulein Mortlake?«
+
+»Wie dumm von mir, -- ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys
+-- Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name
+entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer
+seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung
+wisse.
+
+»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr
+gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in
+der Tat keine Ahnung davon, bis Har-- Herr Wentworth es mir erzählte.«
+
+»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch.
+
+»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.«
+
+»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie
+unverwandt an.
+
+»Ja -- das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es
+ungefähr so lange her sein.«
+
+Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen
+und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort.
+
+Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm
+schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und
+einem freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und
+förmlichste Verbeugung.
+
+Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis
+blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die
+beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit
+Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount
+zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und
+regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze.
+
+»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich
+nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht
+leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht
+helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu
+schlecht von dir.«
+
+»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück.
+»Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.«
+
+»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine
+Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!«
+
+»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte
+Florence rasch.
+
+»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm
+gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr
+Sherriff nichts davon wüßte.«
+
+»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der
+Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«
+
+Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie.
+»Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis,
+daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff
+gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.«
+
+Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!«
+
+»Ja, Liebste?«
+
+»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?«
+
+»Herr Leath? Nein -- ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.«
+
+»Ich aber --« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu
+vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es
+immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe
+seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich
+sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß,
+daß sie da ist.«
+
+»Was sagst du da?«
+
+Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe,
+herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner
+Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die
+gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges
+Gesicht paßte zu seiner Stimme.
+
+Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger
+Gelassenheit:
+
+»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte, daß Herr Leath
+irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht
+einfallen, wem.«
+
+»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst
+du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen
+Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken.
+
+»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine
+Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und
+ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen.
+Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir
+wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich
+werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist,
+so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.«
+
+Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß.
+Cis war sprachlos.
+
+»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!«
+
+Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit
+geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit.
+
+ * * * * *
+
+Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast
+eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda
+eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf
+der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann, mit
+dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten,
+sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer
+sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der
+ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter.
+
+»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.«
+
+»Ja.«
+
+»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber
+wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, -- ganz anderen
+Sinnes geworden, -- und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«
+
+
+
+
+7.
+
+
+Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die
+Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen
+Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.
+
+Lady Agathe, ihre Kinder -- Roy in einem weißleinenen Anzuge, in
+dem er noch länger als sonst aussah -- und Florence saßen vor den
+Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem
+Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden.
+Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten
+Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben,
+boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager
+zurechtgemacht.
+
+Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien
+gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden.
+
+»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte
+ihn Florence.
+
+Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin
+geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten
+erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu
+ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, der nicht
+wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen
+würde.
+
+Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm
+reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis
+die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung
+mit ihm anzuknüpfen -- im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch
+schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte.
+
+»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise
+heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper
+gesprochen habe.«
+
+»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen
+lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht
+aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir
+ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim
+Frühstück, Tante Agathe, -- er sitzt zu viel allein -- ich will ihn
+bitten lassen, zu uns zu kommen.«
+
+Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten
+brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien
+der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich
+liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester
+wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm
+gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im
+stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien
+aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen; er hatte
+nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis,
+und sagte:
+
+»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich
+fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und
+er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine
+Güte!«
+
+»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich
+schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er
+streng.
+
+Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war,
+antwortete:
+
+»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja
+kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«
+
+»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast
+du ihn getroffen?«
+
+»Wo--o, ein paarmal bei dem alten Sherriff -- und bei Mutter
+Buckstone -- und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern
+leiden mag. Warum, Vater?«
+
+»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete
+Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein
+Fremder -- laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich
+machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von
+dir genannt zu hören, und damit basta!«
+
+Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys
+Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie
+Mortlake auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht
+gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns.
+Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis
+auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten
+davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten
+nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald.
+
+Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit
+gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an:
+
+»Entschuldigen Sie -- darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem
+Leath wissen, Mortlake?«
+
+»Nichts -- gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?«
+
+»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie
+so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie
+möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.«
+
+»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen
+freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt,
+den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«
+
+»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit
+gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß -- ich habe ihm gerade heute
+Lychet Hut -- Sie kennen doch das kleine Haus? -- vermietet, und wenn
+Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.«
+
+»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen -- ihn als Mieter genommen?«
+fragte der Baron ungläubig.
+
+»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«
+
+»Ist es fest abgemacht?«
+
+»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus
+bezahlt.«
+
+»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an
+die Luft setzen?«
+
+»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?«
+
+»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter
+die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache
+rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff --«
+
+»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie
+es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich
+Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu
+schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter
+Narr!«
+
+Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter
+blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt,
+und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden
+Gesichtern -- ratlose Bestürzung auf dem des Mannes -- lebhaftes
+Staunen auf dem des Mädchens.
+
+Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren
+hoch emporgezogen.
+
+»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn
+gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«
+
+»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«
+
+»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten
+Leute?«
+
+Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche
+Frage:
+
+»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet
+habe?«
+
+»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten,
+wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?«
+
+»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich
+habe schon alles Nötige angeordnet.«
+
+»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«
+
+Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.
+
+»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«
+
+»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit
+gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.«
+
+»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu
+bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend.
+
+»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise
+nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse
+darüber ist.«
+
+»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er
+den armen Roy anfuhr! -- Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte
+schelmisch.
+
+»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«
+
+»Du?«
+
+»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er
+vielleicht ertrunken!«
+
+Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das
+›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war,
+um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber
+gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren
+wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig
+blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke
+gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen
+möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend
+etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte.
+
+Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der
+Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu.
+
+»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.
+
+»Ich weiß es wahrlich nicht!«
+
+Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer
+Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen
+Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag
+Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.«
+
+»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie
+Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte
+erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du
+sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«
+
+»Ja,« antwortete Florence kurz.
+
+»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend.
+
+»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen.
+Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr
+gern, nicht wahr, Schatz?«
+
+»Das will ich meinen -- viel lieber als die meisten, mit denen ich
+sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn
+einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut
+gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,«
+setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu,
+»es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er
+kennt ihn nicht, nicht wahr?«
+
+»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.
+
+»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen -- schien sehr
+erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er
+mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich -- nicht wahr?«
+
+»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den
+goldblonden Kopf empört in den Nacken.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll
+Sonnenschein.
+
+Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur -- Harry
+hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich
+und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte -- und überlegten, wie sie
+den Morgen verbringen wollten.
+
+Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem
+goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie
+weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen
+vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence
+die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit
+roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen
+Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume
+hervorschaute.
+
+»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.
+
+»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich
+muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes
+Plätzchen aussuchen -- vielleicht meine Höhle -- und dort bleiben,
+bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum
+zweiten Frühstück erscheine. Komm mit, Tramp,« wandte sie sich an den
+zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war.
+Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London
+halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen
+und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich
+erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden.
+
+Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence
+erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die
+Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als
+peinlich.
+
+Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten
+seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten
+Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald
+bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich
+dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence
+lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine
+rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend
+darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu
+vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte,
+während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich
+wieder: »Warum habe ich es nur getan?«
+
+Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre
+ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und
+begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr
+unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch
+sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte
+von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und
+sie meinte mit einem leisen Seufzer:
+
+»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«
+
+»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich
+hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt
+mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch
+eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«
+
+»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.
+
+»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen,
+Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.«
+
+»Sie meinen Herrn Leath -- Everard Leath.«
+
+»Ja, so heißt er -- ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja
+der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen --
+natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir
+wollen?«
+
+»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu
+sprechen wünschte?«
+
+»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach
+erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den
+Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch
+ziemlich wunderlich.«
+
+Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite Zigarre an und meinte
+dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde.
+
+»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht
+weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du
+dazu, Cis?«
+
+Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch
+immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe.
+
+»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch
+seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort
+auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber -- wer -- in des Kuckucks Namen
+--« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und
+Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten.
+Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und
+wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung.
+
+Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen
+röteten sich vor Zorn.
+
+»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen -- Everard Leath,« sagte
+sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick.
+
+»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie
+ihm freien Zutritt gewährt, Florence?«
+
+»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm
+einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig
+weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.«
+
+»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht.
+Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und
+glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren
+blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten
+brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen
+Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht -- wer
+anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den
+Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences
+schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde
+ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich
+die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen.
+
+Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In
+ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz,
+daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie
+seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar
+hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn.
+
+»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch
+hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der
+Florences.«
+
+Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm
+am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen
+Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er
+hinzu:
+
+»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich
+hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre
+Höhle betreten habe?«
+
+Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den
+Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle
+nenne.
+
+Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der
+unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu
+verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger
+gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner
+kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß
+Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben
+auf der Klippe gesellte.
+
+Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte
+einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft
+hatte, und fragte sie:
+
+»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?«
+
+»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt
+vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?«
+
+»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath
+war. Weißt du noch?«
+
+»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.«
+
+»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die
+beiden sich unterhalten!«
+
+»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.
+
+»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem
+Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.«
+
+Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide
+nicht auf die Unterhaltung der Herren.
+
+Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er
+ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum
+beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig
+geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber
+sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich
+seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte
+sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob
+er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch
+selbst in Australien gewesen sei.
+
+»Nein, aber ich habe davon gehört.«
+
+»So? Ja -- ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in
+meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland
+-- das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch,
+ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es
+wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt
+worden.«
+
+»So?«
+
+»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts
+Besonderes -- irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute
+sich einlassen, wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber
+er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl
+in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte.
+Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen
+wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es
+überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er
+hatte nie davon gesprochen.«
+
+Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder
+anzuzünden.
+
+Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte,
+sagte langsam:
+
+»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen,
+ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?«
+
+»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch
+unverheiratet war.«
+
+»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«
+
+»Dreißig? Ach nein -- so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.«
+
+Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen.
+
+»Wissen Sie das gewiß?«
+
+»Natürlich, ganz gewiß!«
+
+Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu
+gutmütig, um ungeduldig zu werden.
+
+»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig,
+und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine
+Mutter hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in
+England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein
+halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die
+verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr,
+nicht dreißig oder annähernd soviel.«
+
+»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.«
+
+Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.
+
+»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig
+Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield.
+Nein -- vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als
+hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit?
+Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.«
+
+Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt.
+Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit
+so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal
+darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von
+Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen,
+sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue
+Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er
+erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt.
+
+»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine
+Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich
+behaupten, daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben,
+Liebling!«
+
+Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths
+entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten,
+forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis
+und ihrem Verlobten entgangen -- die merkwürdige Veränderung in dem
+ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen
+zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit
+einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte
+sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer
+beunruhigen sollte.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von
+der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem
+Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende
+Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms
+aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn
+instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu
+wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das
+dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über
+einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt
+des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich
+begrüßend:
+
+»Da sind Sie wieder -- das ist recht.«
+
+»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?«
+
+»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?«
+
+»Nein -- draußen auf der Halde.«
+
+»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich,
+ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.«
+
+Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen Fenster nieder. Das helle
+Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke
+lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen
+Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere
+Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes
+Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er
+mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der
+Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht.
+
+»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich
+nichts Unangenehmes begegnet?«
+
+»Unangenehmes?«
+
+Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich
+sehe ein, daß ich mich geirrt habe -- das ist alles. Bis heute glaubte
+ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St.
+Mellions kam, fast getan sei -- weit gefehlt! Ich bin gerade so weit
+wie vorher!«
+
+»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die
+Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut
+zu mieten?« fragte Sherriff.
+
+»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen,
+nach London zu gehen -- weit besser!«
+
+»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«
+
+»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem
+Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«
+
+Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu Boden. Der Ältere
+brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und
+vielleicht etwas vorwurfsvoll:
+
+»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein
+Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an
+Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht
+wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das
+unmöglich?«
+
+»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«
+
+»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«
+
+Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths
+Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.
+
+»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er,
+»und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben
+Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen,
+und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache
+erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte -- das
+werden Sie sich wohl schon sagen können.«
+
+Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die
+von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft
+niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn
+unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht;
+vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes
+quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich,
+sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen
+ohne Sorge zu denken.
+
+Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu.
+Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in
+seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit
+doch merklicherem Zögern als vorher.
+
+»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb
+Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?«
+
+»Ein anderer Grund?«
+
+Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen
+Zügen lag, sah wenigstens echt aus.
+
+»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe
+ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie
+in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten
+Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt
+hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier
+fortwünschen? Und ist es -- Gräfin Florence Esmond?«
+
+»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum
+durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte,
+abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe
+oder nicht.
+
+»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort,
+die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich
+bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß
+eine Schönheit und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann
+naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen,
+aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu
+stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden
+jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch
+keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.«
+
+»Das wenigstens ist wahr.«
+
+»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die
+Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich
+oder nicht?«
+
+»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit
+sagen; ich bewundere sie -- jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an
+andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre
+und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit
+zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff,
+aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten,
+noch mich forttreiben.«
+
+Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar
+eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt,
+als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der
+Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen,
+die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz
+getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt
+-- daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie
+deutlich genug gezeigt.
+
+Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder.
+
+»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich,
+das zu hören, mein lieber Junge -- wirklich herzlich! Es kann einen
+Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das
+er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den
+Kopf zu setzen.«
+
+»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen
+Gedanken gekommen sind.«
+
+»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre
+Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört,
+schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«
+
+»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte,
+hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn
+allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences
+Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort.
+»Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.«
+
+»Ich war mehr als überrascht.«
+
+Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd
+war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem
+Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine
+versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn
+Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole
+es -- er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich
+zu machen.«
+
+»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in
+seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen.
+
+»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu
+verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit.
+
+Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen
+düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten
+hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub,
+geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen
+schwer.
+
+»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, -- und Frauen wohl
+ebenfalls, -- die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib
+ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man
+so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört;
+für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein
+Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder
+zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von
+einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war --
+einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann
+aus mir gemacht hat?«
+
+»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft.
+
+»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?«
+
+»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.«
+
+»Ja, eine Frau -- für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den
+Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich
+kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die
+näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie -- wie innig, das zu
+sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch.
+Ja -- ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib
+zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren -- sie hatte sich
+vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das
+werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte
+einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben --
+viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz
+unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und
+als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein
+Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin
+für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir
+beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei,
+das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie
+sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten
+wir -- mochte geschehen was da wollte -- heiraten. Sie ging. Ich kann
+mir noch jetzt all den Schmerz -- all die Qual jener Trennung von ihr
+vergegenwärtigen.«
+
+Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde
+sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum
+wiedererkannt haben.
+
+»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es
+ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie
+war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen.
+Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr -- niemals! In den
+ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich
+fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam
+noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn
+seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir,
+daß sie verheiratet sei.«
+
+Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.
+
+»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie
+mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich
+will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe -- ich war jung, und
+ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich
+mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit
+entsprach -- daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie
+glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr
+gehört.«
+
+»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«
+
+»Nein -- dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten
+haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.«
+
+»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?«
+
+»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso
+weißem Haar wie das meine -- sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es
+ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht
+mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als
+das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte,
+nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte
+das Gefühl, daß -- wie sie nun auch sein mag -- Sie sie hören sollten.
+Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben
+ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt
+zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie
+uns von etwas anderem reden.«
+
+Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten
+war.
+
+»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie
+mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige,
+denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben.
+Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich
+will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast
+unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet,
+wieder gutmachen zu lassen.«
+
+»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte
+Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath -- ich bitte Sie
+sogar, es nicht zu tun.«
+
+»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen
+sagen, was mich von der anderen Seite der Welt hierher nach St.
+Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann
+aufzusuchen.«
+
+»Einen Mann? Wer ist er?«
+
+»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht
+sein. Ich weiß es nicht.«
+
+»Was ist er denn?«
+
+»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.«
+
+»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?«
+
+»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«
+
+»Recht für wen?«
+
+»Für die Lebenden und die Toten.«
+
+»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«
+
+»Ich weiß, daß er hier war.«
+
+»Vor langer Zeit?«
+
+»Vor vielen Jahren.«
+
+»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?«
+
+»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er
+einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie
+könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie --
+haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?«
+
+»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe
+ich den Namen niemals gehört.«
+
+»Das wissen Sie bestimmt?«
+
+»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen
+je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt.
+Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich
+halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben
+sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden.
+»Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den
+Namen Robert Bontine nie gehört.«
+
+
+
+
+10.
+
+
+Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal
+als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht
+allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war
+durchaus nicht übertrieben.
+
+Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe
+Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe
+standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach
+und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer
+und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane
+von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso
+wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß
+sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie
+dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in
+strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und
+verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für
+eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem
+nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein
+Mieter für das Haus gefunden.
+
+Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen
+darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über
+den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.
+
+Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte,
+der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle
+notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte
+sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und
+Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner
+Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe,
+eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen
+Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und
+dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als
+beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über
+ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte
+man sich in St. Mellions höchlichst.
+
+Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger
+beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten
+Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den
+Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er
+verkehrte.
+
+Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso
+die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem
+klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden.
+Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und
+Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten
+war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet
+Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein
+Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry
+Wentworth bei ihm gewesen.
+
+Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den
+Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit
+Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser
+Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten
+in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll,
+aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn
+Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig
+niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der
+Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster
+auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal
+hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band
+gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war
+aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls
+glaubte er das.
+
+Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der
+Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich
+jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum
+wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort
+begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über
+den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen
+Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen,
+sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt
+hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie
+stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte
+ihn schon seit mehreren Minuten gesehen.
+
+Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim
+Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden
+gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot.
+Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm
+gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während
+er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.
+
+»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich
+müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.
+
+Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie
+die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch
+dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht
+mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an
+ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein,
+-- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel
+besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum
+gewußt.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie
+nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.«
+
+»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten
+hinausblicken sollen.«
+
+»Sie haben die See gern?« fragte er.
+
+»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in
+eine Nixe verwandelt werden.«
+
+Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn
+ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben.
+
+»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?«
+
+»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher
+Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,«
+setzte er ruhig hinzu.
+
+»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es
+so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause
+sehr einsam fühlen.«
+
+Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl,
+die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre
+eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine
+auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen
+bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen
+würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich
+seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.
+
+Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte
+bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath
+sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie
+brachte ihn dazu.
+
+Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde
+gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene
+Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr
+lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben
+ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum
+ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine
+direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen.
+
+»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,«
+sagte Florence langsam, in Sinnen verloren.
+
+Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese
+Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen
+Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in
+Falten gezogen.
+
+»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort
+sehr gern leben.«
+
+»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch
+vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!«
+
+»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«
+
+»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.«
+
+»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine
+Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst
+Australien ansehen.«
+
+»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath
+ruhig.
+
+»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«
+
+»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.«
+
+Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und
+sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt.
+Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen
+zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions
+geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um
+alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie
+hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen.
+
+Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer
+Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die
+Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn
+unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er:
+
+»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine
+Frage an Sie zu richten?«
+
+»Eine Frage?«
+
+Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier,
+und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß
+sie pikiert sei.
+
+»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?«
+
+»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath,
+der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich,
+daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich
+unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«
+
+»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die
+sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie
+kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit
+innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit
+gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich
+jetzt!« warf sie leicht hin.
+
+»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie
+am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten,
+wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?«
+
+»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn
+nicht alle.«
+
+»Und ihre Namen?«
+
+»Und ihre Namen, selbstverständlich!«
+
+Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.
+
+»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?«
+
+Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter,
+erregter Ausdruck trat in seine Züge.
+
+Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.
+
+»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name.
+Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten
+zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen
+hören.«
+
+»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.
+
+»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert
+oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens
+sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«
+
+Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von
+Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr
+so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«
+
+»Ich hoffte es.«
+
+»Er ist vielleicht fortgezogen.«
+
+»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem
+merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich
+selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus.
+
+»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht
+tot ist.«
+
+Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie
+nicht.
+
+»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name
+auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers
+Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«
+
+»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht,
+daß Sir Jasper einen Bruder hat.«
+
+»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel
+würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«
+
+»Der Bruder war also der ältere?«
+
+»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.«
+
+»Und er hieß Robert?«
+
+»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt
+werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«
+
+»Ist es schon lange her?«
+
+»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper
+heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!«
+
+Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht
+unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug
+gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie
+sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls
+auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas
+Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch
+berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie
+war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern.
+
+»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein,
+wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade
+dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche.
+Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er
+ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade
+darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben
+wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.«
+
+»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im
+Auslande?«
+
+»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt
+umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.«
+
+Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und
+schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf.
+»Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß
+Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein
+schrecklicher Tunichtgut.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man
+gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen
+Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe
+ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.«
+
+»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«
+
+»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst
+sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret
+genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange
+her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o --
+o --«
+
+Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen
+Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische
+Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.
+
+Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen
+mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?«
+
+»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen,
+Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit
+mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!«
+
+Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich
+gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig
+über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die
+Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn
+noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken
+sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an
+ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte
+die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß
+ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau.
+
+»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut
+in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem
+Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur
+Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher
+Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder
+an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es
+war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret
+Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine
+solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen
+wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und
+fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit.
+Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf
+der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du
+nicht mit ihm reden darfst.«
+
+Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen,
+eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold,
+denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere
+Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu,
+daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser
+Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath
+zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was
+vielleicht eine Entschuldigung für sie war.
+
+
+
+
+11.
+
+
+»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich
+zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder
+Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde
+alt,« sprach Gräfin Florence.
+
+Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig
+gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung.
+Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron
+sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen
+halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren
+Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich
+in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim
+Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster
+stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.
+
+»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt,
+Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer.
+
+Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn
+sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie
+trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,
+wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern
+und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen
+Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den
+lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre
+Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast
+schwarz aus.
+
+Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und
+beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den
+Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter,
+aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war,
+und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu
+sagen habe.
+
+»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige
+Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du
+es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit
+dir besprechen.«
+
+Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die
+Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig.
+Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine
+kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden
+wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in
+schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich
+schmollend.
+
+Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand.
+Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das
+junge Mädchen denken.
+
+»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er
+an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie
+möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das
+brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«
+
+Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich
+mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar
+und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan.
+
+»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte
+sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen
+weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst
+gestern gewesen!«
+
+»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!«
+
+»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit
+undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt
+sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«
+
+»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht
+ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung
+ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht
+tun solltest.«
+
+»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte
+übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber
+ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!«
+
+»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«
+
+»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren
+Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal
+nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie
+in Pontresina weilt? Unmöglich!«
+
+»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach
+England zurückkehrt?«
+
+»Allerdings. Ganz entschieden.«
+
+»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.«
+
+Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.
+
+»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor
+ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes.
+Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die
+Herzogin!«
+
+Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen.
+
+»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten
+lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten
+geschieht.«
+
+»Freilich.«
+
+»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?«
+
+»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr?
+Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?«
+
+Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich
+vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise
+hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte
+sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu
+ihm empor.
+
+»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich.
+Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und
+doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus
+reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du
+willst!«
+
+Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das
+hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich
+damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen.
+
+»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und
+vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine
+Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.«
+
+»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn
+mit funkelnden Augen an.
+
+»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«
+
+»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes,
+leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter,
+verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich
+dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt --
+wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«
+
+Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine.
+»Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander
+passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.
+
+»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb
+ungeduldigen Ton ein.
+
+Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir
+mein Wort zurückgeben.«
+
+»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er
+ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos
+anstarrte.
+
+»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht
+leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten
+es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser
+als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen,
+weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen!
+Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine
+Schuld ist. Soll ich?«
+
+Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er
+sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein.
+Sieh!«
+
+Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es
+klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre
+Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er
+sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu
+verbergen.
+
+»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend
+wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume
+ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere
+Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres
+Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was
+lasest du eben? Gedichte, glaube ich.«
+
+»Ja.«
+
+Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch
+wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm,
+den sie hatte fallen lassen.
+
+»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«
+
+»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.«
+
+»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer
+Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.«
+
+»Leath?«
+
+Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst
+doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?«
+
+»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz.
+
+»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß
+er hier nicht verkehrt?«
+
+»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen
+und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort
+ebensogern umherzuschlendern wie ich.«
+
+»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich
+nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«
+
+Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes
+schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck
+gleichgültiger Verwunderung an.
+
+»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in
+nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative
+ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es
+wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut,
+und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies
+Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«
+
+»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«
+
+»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die
+Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und
+ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.«
+
+»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich
+außerordentlich wundere.«
+
+Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg
+an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem
+Antlitz deutlicher hervortrat.
+
+»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals
+hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das
+ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich
+mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß
+ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?«
+
+»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber,
+meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon,
+einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu
+begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen
+Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber
+nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben,
+als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt
+davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.«
+
+»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen.
+
+»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber,
+bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß
+das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß
+die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --«
+
+Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung.
+Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen
+Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose
+Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer
+Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte
+von einem zum anderen.
+
+»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große
+Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?«
+
+Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten
+grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht
+gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort
+überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell
+zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht,
+ihren Verlobten zu ärgern:
+
+»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber
+Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden
+zu mögen, Onkel Jasper!«
+
+»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er.
+
+»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den
+jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten
+Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu
+sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt --
+vergessen Sie das nicht.«
+
+»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe
+ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem
+Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann,
+und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich.
+
+»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus
+vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus
+anständiger Mensch ist.«
+
+»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«
+
+»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen
+zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang
+aufhalten würde.«
+
+»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions
+zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er
+war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb
+draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend.
+
+»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche
+Angelegenheit.«
+
+»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen.
+Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund
+zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte.
+
+»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel
+Jasper.«
+
+»Was?«
+
+Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.
+
+»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat
+es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine
+Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert
+Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«
+
+»Nein!«
+
+Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den
+Augen.
+
+»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions
+gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb,
+so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt,
+ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte
+ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige
+Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein
+verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade
+unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß
+gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen
+Robert Bontine gehört hättest?«
+
+Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters
+entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und
+scharf zurück.
+
+»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den
+Namen Robert Bontine niemals gehört.«
+
+
+
+
+12.
+
+
+Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit
+dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten
+die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose,
+dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf
+der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade.
+In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem
+heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.
+
+Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard
+Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte
+erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des
+Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und
+trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit
+offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens
+zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten
+nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte.
+
+»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin.
+
+Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die
+ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in
+heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich
+wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es
+zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle
+Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte
+immer näher.
+
+»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich
+hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In
+diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die
+behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt,
+haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!«
+
+Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters
+übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber,
+wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es
+war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin
+durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden
+um die Ecke des Hauses.
+
+Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die
+Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig
+genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem
+Sattel sprang.
+
+»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie
+sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die
+Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über
+sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar
+mit mir durchgegangen sein.«
+
+»Natürlich -- natürlich!«
+
+Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen
+Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie
+müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.«
+
+Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte
+die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die
+mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die
+die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß
+einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen
+Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage
+kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut
+verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu
+beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.
+
+Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast
+heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem
+Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und
+wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit
+einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat.
+
+»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen
+Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht
+glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«
+
+»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«
+
+»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der
+Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«
+
+»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.«
+
+»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir
+Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer
+über die Halde gekommen sein!«
+
+»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu
+wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.«
+
+»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es
+nicht wundervoll?«
+
+Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte
+der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab,
+zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont
+erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im
+Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest
+aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen.
+Leath trat einen Schritt auf sie zu.
+
+»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone.
+
+»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das
+heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die
+ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein
+bin.«
+
+»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«
+
+»Nein, lieber nicht.«
+
+»Dann müssen Sie sich setzen.«
+
+Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch
+niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann
+es nicht lange fortgehen.«
+
+»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es
+kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange,
+besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.«
+
+Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte
+sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen,
+und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter
+hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den
+beiden sprach. Dann trat er an den Tisch.
+
+»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher
+sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.«
+
+Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu
+sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im
+gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste,
+holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich
+streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.
+
+»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte
+er. »Sie kamen also von Lychet Hook!«
+
+»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer,
+Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr
+befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland
+zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr
+zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.«
+
+Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als
+ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹,
+die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren.
+
+»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt,
+sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort
+geblieben?«
+
+»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady
+Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich
+würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch
+wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.«
+
+»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein
+Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und
+trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.
+
+»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood
+Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein
+meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen
+Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?«
+
+»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«
+
+Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an
+die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone
+hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der
+Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; --
+welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte,
+davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.
+
+»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend
+die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war
+zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich,
+aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich
+dahin, wo der Pfeffer wächst.«
+
+»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!«
+
+»Das scheint so.«
+
+Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der
+ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer
+lachte.
+
+»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,«
+meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich
+Ihnen Schutz gewährte.«
+
+»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«
+
+Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit
+unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes
+Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die
+Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir
+nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und
+jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie
+nicht bleiben!«
+
+»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem
+Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie
+war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im
+mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem
+Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das --
+nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!«
+
+»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach
+dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit
+schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist
+augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das
+Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.«
+
+»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in
+einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer
+Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie
+werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«
+
+»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit
+stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose
+Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz
+allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte.
+Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine
+Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte.
+Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist
+ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in
+Turret Court denken?«
+
+»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei
+Brentwoods geblieben.«
+
+Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem
+Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis
+für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie
+plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück.
+
+»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und
+meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!«
+
+»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe
+verdrießen wird.«
+
+Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren
+großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte.
+
+»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch
+schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und
+konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem
+Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein?
+Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?«
+
+Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester,
+ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er
+hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht
+verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut,
+und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische
+Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹
+gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die
+kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend
+über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet.
+
+»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das
+ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz
+gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht
+zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut
+angeschrieben bin.«
+
+»Nein -- das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann
+Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm
+anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun --
+als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?«
+
+Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er
+wußte weshalb.
+
+»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für
+etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?«
+
+Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in
+seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz,
+der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine
+Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne
+verklang, hub Leath langsam an:
+
+»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich
+getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich
+herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin,
+Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.«
+
+Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren
+Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich,
+obgleich auch mit einem Anflug von Kälte:
+
+»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«
+
+»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung
+bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie
+allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.«
+
+»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«
+
+»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein
+könnte.«
+
+Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen
+leichten und heiteren angeschlagen.
+
+»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und
+jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne
+einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie
+müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich
+will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung.
+Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren.
+Daran hätte ich schon eher denken sollen.«
+
+»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder
+von ihrem Stuhl auf.
+
+»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten
+Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter
+machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz
+erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht
+zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und
+außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen
+Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen
+mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde
+vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.«
+
+»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir
+nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem
+Tone.
+
+Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der
+sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen
+zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen
+gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen,
+selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung
+gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind
+schutzheischend an ihn klammerte.
+
+»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,«
+sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt --
+Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in
+ihrer Obhut sicher geborgen sein.«
+
+»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie
+ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in
+dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht --
+abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.«
+
+»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle
+Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß
+zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie
+werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?«
+
+»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich
+fürchten würde.«
+
+»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im
+Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret
+Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am
+besten so, glauben Sie mir.«
+
+»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte
+ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten
+wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen --
+hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!«
+
+Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch
+ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe.
+Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.
+
+»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte
+er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit
+ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine
+halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher
+in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen
+wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis
+morgen früh empfehlen.«
+
+Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte
+mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei
+entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze
+Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von
+Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine
+Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste
+gedacht.
+
+Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf
+sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich:
+
+»Was ist Ihnen?«
+
+»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und
+gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag
+auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie
+zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!«
+
+
+
+
+13.
+
+
+Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an,
+Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur
+Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre
+Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte,
+plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon.
+Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach
+in ein silberhelles Lachen aus.
+
+»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?«
+
+»Vermutlich.«
+
+»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«
+
+»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«
+
+»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr
+Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können
+mich doch nicht an die Luft setzen.«
+
+»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.«
+
+»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein
+lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.«
+
+»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.«
+
+»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das
+Unvermeidliche finden, nicht wahr?«
+
+»Ja -- das müssen wir wohl.«
+
+Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr
+beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die
+Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte
+die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu
+verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß
+sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie
+fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich
+die größte Mühe gab, nicht rot zu werden.
+
+»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie
+freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter
+auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte
+Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche
+Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten
+zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute
+für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen,
+so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten.
+Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie
+nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie
+ängstigt sich schrecklich.«
+
+Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein
+Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut
+er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das
+Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte
+und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen
+großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen
+und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine
+Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz
+so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in
+Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad
+in einen Bach.
+
+Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem
+Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit
+jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu
+finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen
+Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war
+heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!
+
+Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische,
+als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er
+entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins
+Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm
+lebhaft zuwandte.
+
+»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu
+glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist
+die Stute ruhig?«
+
+»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter
+Reitknecht.«
+
+»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.«
+
+Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling,
+und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.
+
+»Hat der Regen nachgelassen?«
+
+»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr
+laufen, überschwemmt zu werden.«
+
+Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.
+
+»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?«
+
+»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?«
+
+»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen
+Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?«
+
+»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um
+Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich
+mittags, und --«
+
+»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte
+ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse.
+Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre
+Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.«
+
+Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu
+folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im
+Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies.
+Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie
+alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit
+und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen
+war einfach unwiderstehlich.
+
+»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos!
+Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst
+hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube,
+ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst
+bedienen zu müssen?«
+
+»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath
+geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen,
+wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die
+verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen
+reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.
+
+»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht
+werden.«
+
+»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich
+schrecklich --«
+
+»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein
+Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir
+mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«
+
+»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube,
+es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel
+Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die
+Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als
+eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie
+das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.«
+
+Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer,
+und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett
+in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes
+mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit
+drolligzufriedener Miene.
+
+»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein
+schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich
+kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte,
+und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden
+könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.«
+
+»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath
+trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm.
+Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck
+verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen
+zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne
+ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung
+einzugehen, so gut er konnte.
+
+»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es
+lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen
+kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu
+setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.«
+
+Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als
+sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen,
+und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein
+Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren
+großen Korbstuhl zurücklehnte.
+
+»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn
+Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen,
+den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist
+mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm
+hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich
+Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«
+
+»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite --
+quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus,
+daß es im Erdgeschoß liegt?«
+
+»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.
+
+»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«
+
+»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und
+Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen
+kann.«
+
+Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der
+Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine
+Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«
+
+»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen
+leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.«
+
+Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die
+Dinge, wie sie lagen.
+
+»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr
+Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?«
+
+»Ja, das ist meine Absicht.«
+
+»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!«
+
+»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie
+das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten
+Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste
+Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«
+
+»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück.
+»Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?«
+
+»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte,
+und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in
+Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer
+fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«
+
+»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« --
+Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur
+anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich
+selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind.
+Weshalb sollte ich auch?«
+
+»Weshalb, in der Tat?«
+
+Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver
+nieder.
+
+Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein
+Licht herbeiholte und es für sie anzündete.
+
+»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?«
+
+»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.
+
+»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen,
+wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?«
+
+»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das
+recht?«
+
+»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es
+besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten.
+Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.«
+
+Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer
+Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie
+nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem
+Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache,
+denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen
+konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche
+Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte:
+
+»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das
+Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß
+Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?«
+
+»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke
+Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.«
+
+»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«
+
+Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ
+sie eintreten.
+
+»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie
+Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie
+und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu
+beschaffen ist.«
+
+Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch
+die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht.
+Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück,
+wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte,
+den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten
+blauen australischen Himmel getan. --
+
+Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen
+erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell.
+Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer
+Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ
+sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den
+Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und
+verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit,
+im Sonnenschein auf und ab zu gehen.
+
+So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, --
+ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er
+hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen
+Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er
+auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache
+stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie
+Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb
+Leath stehen und sah sich um.
+
+»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es
+mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war,
+desto besser.«
+
+Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren
+Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen
+Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt
+ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie
+dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte
+er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach
+Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran,
+die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu
+erledigen.
+
+Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete,
+an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst
+nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert
+anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und
+ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte.
+Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.
+
+Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem
+einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der
+Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach
+gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum.
+
+Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der
+Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da
+öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe,
+sondern Sir Jasper selbst trat ein.
+
+War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine
+Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für
+gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur
+Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich
+umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von
+seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich
+begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war
+es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes
+Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen.
+
+Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf
+den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem
+wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene
+Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht
+so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er
+hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne
+in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es
+lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem
+Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken.
+
+»Was -- was wollen Sie?«
+
+Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken,
+aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg.
+
+»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu
+werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus
+nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß
+ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu
+sprechen.«
+
+»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso
+heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung
+wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand
+auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr
+Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie
+meiner Frau zu sagen haben können.«
+
+»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady
+Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der
+Überbringer einer Bestellung an sie.«
+
+»Einer Bestellung?«
+
+»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.«
+
+»Meines Mündels?«
+
+Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der
+namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen.
+
+»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr
+Leath?«
+
+»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische
+Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach
+mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer
+Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin --
+unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden
+ist.«
+
+»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!«
+
+»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch
+des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde.
+Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.«
+
+»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?«
+
+»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so
+heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin
+ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --«
+
+»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort
+ist?« fragte Sir Jasper barsch.
+
+»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte.
+Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, --
+was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte
+davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht
+haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem
+Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen
+Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen.
+Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«
+
+Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend
+da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im
+Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel
+Schlimmeres.
+
+Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er
+sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.
+
+»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was
+Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter
+überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es
+ihr heute morgen gut?«
+
+»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief
+noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,«
+antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen,
+während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets
+freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in
+Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte,
+welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und
+in der Tat auch für Roy abgab!
+
+»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben
+wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen
+soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten,
+da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«
+
+»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath
+ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr
+das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow.
+Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr
+zu entschuldigen.«
+
+»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause
+zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie
+wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den
+Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären
+vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie
+wird Ihnen danken wollen.«
+
+»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art.
+»Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste
+-- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun
+konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als
+ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr
+kleines Abenteuer nicht schaden.«
+
+Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem
+Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.
+
+»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das --
+unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so
+unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert
+Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und
+dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick
+einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden --
+hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um
+ein solches Gebaren zu erklären?«
+
+ * * * * *
+
+Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer
+mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem
+Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis
+gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und
+fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört,
+bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten
+auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer
+etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte
+nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der
+Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach
+ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.
+
+Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch
+immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte
+Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor
+der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf
+ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine
+dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht
+umwölkte sich auf einen Augenblick.
+
+Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe
+stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen
+bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während
+Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der
+warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt
+wurde.
+
+»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig
+an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in
+Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu
+werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich
+fast in Ohnmacht.«
+
+»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und
+erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht
+geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«
+
+»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn
+gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute
+morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern
+danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was
+er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle
+nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen,
+was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer,
+nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich
+würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«
+
+Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad
+herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht
+geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer
+Cousine um.
+
+»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.«
+
+»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis
+inkonsequent.
+
+Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher
+geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden
+Augen entgegen.
+
+»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher
+Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich
+abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm
+diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen
+Abend darin gesessen.«
+
+»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir
+natürlich angenommen haben?«
+
+»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde
+vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz.
+Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich
+gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel
+Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit
+gewohnt sein!«
+
+»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß
+-- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine,
+Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du
+mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn
+Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß,
+besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht --
+nicht --«
+
+»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls
+zu finden. Wenigstens sagte er es mir.«
+
+»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt.
+
+»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger
+aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus
+und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein,
+obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt
+noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier
+sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte
+ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.«
+
+»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht
+hier?« rief Lady Agathe.
+
+»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand
+außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein
+Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war,
+spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an.
+
+»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist
+sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so
+böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich
+denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so
+viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine
+Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen --
+wirklich nicht.«
+
+Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn
+Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem
+Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.
+
+»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert
+bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte!
+Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist
+bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!«
+
+»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.«
+
+»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und
+unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und
+unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath
+auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen
+mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er
+von dieser --«
+
+Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit
+jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr.
+
+»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei
+es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte
+verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!«
+
+Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der
+Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin,
+während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und
+Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß,
+kein Wort sprach. --
+
+
+
+
+15.
+
+
+Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über
+die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer
+Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser
+sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence
+sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er
+sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte
+fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte
+er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester
+beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er
+hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand
+abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort
+Florence Esmond begegnen konnte.
+
+Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und
+ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters
+sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war
+aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand
+in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den
+Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des
+jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann
+fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen:
+
+»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«
+
+»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich
+erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war.
+Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --«
+
+»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?«
+
+»Von Gräfin Florence.«
+
+»Gräfin Florence?«
+
+»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch
+nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen.
+Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«
+
+Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel
+von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte
+sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der
+Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend
+über seinen langen weißen Bart.
+
+»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden,
+als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre
+Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch
+den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,
+durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter
+hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«
+
+»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe
+ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«
+
+»Ein so großer doch kaum.«
+
+»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch,
+voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und
+jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares
+Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange
+davor.«
+
+»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester
+könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?«
+fragte der alte Herr ungläubig.
+
+»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht.
+Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr
+gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und
+was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie
+besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie
+selbst wird die Verlobung auflösen.«
+
+»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte
+Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe,
+Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende
+gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich
+werden würde.«
+
+»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig
+im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr
+Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der
+Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und
+was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«
+
+Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese
+Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke
+wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein
+weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester
+vielleicht schweres Unrecht.«
+
+»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei
+ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen
+Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«
+
+Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch
+ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus.
+
+»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es
+in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind
+-- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem
+unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat,
+ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das
+wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret
+Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre
+er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen.
+Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht
+vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.«
+
+Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder,
+ehe er wieder anhub:
+
+»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem
+behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die
+Frage ist nun -- was soll ich tun?«
+
+»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht
+recht, Leath. Was sollten Sie tun?«
+
+»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das
+würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?«
+
+»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der
+Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was
+Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen
+aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich
+ganz ruhig verhalten.«
+
+»Das ist Ihr Rat?«
+
+»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«
+
+»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald
+ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.«
+
+»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«
+
+»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein.
+Mein gewöhnliches Glück!«
+
+Es trat eine kurze Pause ein.
+
+»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in
+Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber
+da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage
+erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«
+
+»Nicht den geringsten.«
+
+»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions
+und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine
+Spur von Robert Bontine aufzufinden?«
+
+»Nein!«
+
+»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«
+
+»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die
+Nachforschungen nie einstellen.«
+
+»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?«
+
+»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,«
+antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme,
+um so besser ist es für mich.«
+
+Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot
+stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in
+den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf
+die Schulter.
+
+»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen
+nicht gleichgültig?«
+
+Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen
+und sah dann fort.
+
+»Ich bin ein Narr!« sagte er.
+
+Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte
+sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der
+alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so
+würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche
+und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres
+Wort zwischen ihnen begraben sein.
+
+»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun,
+wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen
+verscheuchen.« --
+
+Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit
+konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen
+waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond
+hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur
+hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so
+teuer wie ein Sohn geworden war.
+
+Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte,
+an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die
+aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so
+rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«
+
+Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen
+bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden
+so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie
+wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf
+Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem
+Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in
+ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard
+Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft
+für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte
+und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene
+Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber
+die Wunde konnte noch immer wehtun.
+
+Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als
+in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde
+der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.
+
+Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als
+daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich
+dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort,
+wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum
+zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn
+hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des
+Zimmers öffnete und der Baron eintrat.
+
+ * * * * *
+
+Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege
+nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven
+hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam,
+sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen,
+der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte,
+um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu
+beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek
+von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn
+erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als
+jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt?
+In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort
+auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse
+folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus.
+
+Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war
+aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig.
+Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in
+die Wangen trieb. Er sagte hastig:
+
+»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe
+auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es
+sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist,
+so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!«
+
+»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem
+gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen
+Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das
+passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören,
+weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers
+Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er
+hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war,
+über Sie zu sprechen.«
+
+»Über mich?«
+
+»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er
+augenscheinlich gegen Sie empfindet?«
+
+»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen --
+aber mehr auch nicht.«
+
+»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?«
+
+»Durchaus nicht! Wünscht er das?«
+
+»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu
+reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig
+von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung
+steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die
+Tür weisen sollte.«
+
+Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus.
+
+»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«
+
+»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas
+wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute
+morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten,
+und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence
+erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den
+Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«
+
+»Gütiger Himmel! Das sagte er?«
+
+»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir,
+daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen
+abbrechen sollte.«
+
+»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?«
+
+»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«
+
+»Wie?«
+
+»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen
+oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir
+Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu
+schaffen.«
+
+»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf.
+»Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.«
+
+»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere
+mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso
+handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht
+zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich
+tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß,
+daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt
+war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte.
+Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach
+Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts
+Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie
+zusammenzupacken.«
+
+»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der
+Pforte gelassen und will es erst hereinholen.«
+
+Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff
+vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult,
+das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher
+nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand
+gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken
+vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete,
+zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.
+
+»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend.
+
+»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen
+Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat
+etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche,
+mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange
+wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn
+sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an
+ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages,
+wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich
+erlebt habe -- erzählte?«
+
+»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort.
+
+»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild
+besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins
+Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie
+von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht
+ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist
+jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar
+ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«
+
+Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath
+nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und
+stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.
+
+»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch
+nicht schon gesehen -- wie?«
+
+»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet
+grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«
+
+
+
+
+16.
+
+
+»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten,
+daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als
+abgetan ansehe, Florence?«
+
+»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu
+verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.
+
+Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen
+gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr
+blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren
+Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf
+ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden,
+und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte,
+die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde
+haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen.
+Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung
+tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung
+abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt
+haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der
+ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen,
+und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze
+wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich.
+Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem
+sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache
+abzufinden, so gut er es vermochte.
+
+Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und
+zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt
+hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen,
+nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich
+hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher
+Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn
+seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und
+sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen
+glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.
+
+»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,«
+sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn
+Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch
+vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es
+erfahren mußtest --«
+
+»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort.
+»Allerdings mußte ich das!«
+
+»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was
+ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und
+da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe
+das Thema satt.«
+
+»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt
+-- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence,
+begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen
+Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«
+
+»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.
+
+»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich!
+Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«
+
+»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich
+heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath
+den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein
+Frühstück.«
+
+»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon
+erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester.
+»Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es
+satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt
+bekommen, ehe es abgetan ist!«
+
+Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen.
+
+»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch
+unglückselige Sache es ist!«
+
+Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande
+nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose
+Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so
+hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf
+und nieder zu gehen.
+
+»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und
+man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das
+macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das
+nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine
+Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es
+ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein
+Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines
+Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«
+
+Er blieb wiederum vor ihr stehen.
+
+»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas
+leicht zu nehmen?«
+
+»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen
+senkend, lächelte sie.
+
+»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen
+angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du
+hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde
+es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence
+Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine
+zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«
+
+»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!«
+
+»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe
+dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge?
+Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich
+kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine
+Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder
+Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß --
+ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht
+der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer
+Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich
+bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie
+sind frei!«
+
+»Florence!«
+
+Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen
+und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich!
+Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --«
+
+»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring
+zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«
+
+»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer
+ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag,
+zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung
+jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und
+sie zu bestätigen scheinen.«
+
+»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch
+einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
+
+»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht
+überlegen --?«
+
+»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für
+allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum
+drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
+
+Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung,
+mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand.
+Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben,
+aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er
+liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er
+schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.
+
+»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu
+ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich
+meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein
+Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder
+eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --«
+
+»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde
+ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge
+zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«
+
+»Ist das dein Ernst?«
+
+Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von
+ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz
+um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem
+Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor
+zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. --
+
+Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid
+auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter
+Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und
+schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese
+abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere
+Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, --
+sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller
+Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf.
+
+»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes
+Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie
+hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen
+im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?«
+
+»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich
+geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen.
+Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du
+dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?«
+
+»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte
+ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich
+verstehe dich ganz und gar nicht.«
+
+»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es
+tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum
+Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«
+
+»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher
+Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese
+unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?«
+
+»Ja, ich habe es ihm erzählt.«
+
+»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe
+stockend.
+
+»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren
+werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«
+
+»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich
+fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich
+fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester
+fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das
+tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit
+einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen.
+»Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst
+du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?«
+
+»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath
+für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.«
+
+»Florence!«
+
+Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.
+
+»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht --
+wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt,
+»du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause
+wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir
+leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle
+Fälle nach Lychet Hut.«
+
+»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke
+doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«
+
+»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein
+seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte
+sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich
+mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester
+nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich
+geweigert, ihn zu heiraten.«
+
+ * * * * *
+
+Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf
+seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft,
+daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm,
+er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer
+der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte
+eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde.
+
+»Gräfin Esmond!«
+
+Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war
+vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah.
+
+»Sind Sie es wirklich?«
+
+»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter
+hierherverschlagen.«
+
+Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag
+auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre
+Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet,
+eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.
+
+»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu
+danken.«
+
+»Das war ganz unnötig.«
+
+Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch
+immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu
+schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für
+Sie tun konnte, gern geschehen ist.«
+
+»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke
+Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig
+zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind
+bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.«
+
+»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne.
+»Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes
+Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.«
+
+»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.
+
+»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? --
+Verständnis für die menschliche Natur.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und
+wurde ebenso blaß wie sie.
+
+»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern
+abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie
+meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn
+Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«
+
+Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.«
+
+»Das hat er getan!«
+
+»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich
+Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt
+wieder inne.
+
+»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht
+der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es
+ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu
+wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen,
+haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war
+es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen
+hörten.«
+
+Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und
+das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen,
+daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher
+Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde.
+Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und
+Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen.
+
+»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der
+wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier
+mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.«
+
+»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.
+
+»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.«
+
+Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr
+wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot
+Chichester gehörte.
+
+»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?«
+
+»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage.
+Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im
+Bungalow zu wohnen.«
+
+»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«
+
+»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es
+jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich
+wiederkommen werde.«
+
+Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen,
+in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten
+könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß
+sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben,
+obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es
+ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den
+er ihn gehalten, erwiesen hatte?
+
+»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence.
+
+Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich
+eine Frage an Sie richten darf?«
+
+»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie
+tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt
+beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich
+hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?«
+
+»Ja.«
+
+»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen
+ist‹.«
+
+»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, --
+Robert Bontine, -- aufzufinden?«
+
+»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.«
+
+»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?«
+
+»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das
+ist alles.«
+
+»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so
+sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie
+gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.«
+
+»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!«
+
+»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen
+denn, Herr Leath?«
+
+»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.«
+
+»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen.
+Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich
+weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte
+ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht,
+es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um
+Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.«
+
+Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr
+gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence
+fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte
+sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd,
+und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn
+allein.
+
+
+
+
+17.
+
+
+»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich
+Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein
+werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.
+
+Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens
+nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das
+trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den
+Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte
+Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte
+Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem
+Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm
+entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes
+Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne
+entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich
+immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt,
+und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er
+selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die
+Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich
+einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn
+er wußte es seit vierzig Jahren.
+
+»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie
+erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in
+seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die
+gestrige Erschütterung --«
+
+»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath
+dazwischen.
+
+»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir
+kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹
+Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß
+ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut
+erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!«
+
+Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine
+Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten,
+die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks
+zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung
+seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig
+Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte
+die Hand, die die seine umschloß.
+
+»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«
+
+»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes
+liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin
+als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres
+Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding,
+als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu
+denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf
+mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer
+Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot
+ist?«
+
+»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.«
+
+»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie
+hat sie Sie zurückgelassen? Allein?«
+
+»Ganz allein.«
+
+»Sie haben keine Geschwister gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten
+hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die
+Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von
+dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung
+geführt hatte.
+
+»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach
+er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen.
+Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild
+sofort erkannten.«
+
+»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich
+umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie
+gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich
+besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt.
+Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich
+verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben
+Frau gehören könnten.«
+
+»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone.
+Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte
+er dann sanft.
+
+»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath
+finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch
+grausamer.«
+
+»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen
+Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
+
+»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich
+Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens
+vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern
+gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den
+sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter,
+wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen
+die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht
+entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie
+schwer dafür gebüßt hat.«
+
+»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem
+tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen,
+ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch
+gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie
+von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
+
+»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst
+an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als
+Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme
+Seele damit meinte! Damals nicht.«
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster
+zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem
+Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die
+auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand.
+
+»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann
+tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen
+nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«
+
+»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«
+
+»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?«
+
+»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton
+war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich.
+
+»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«
+
+»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«
+
+»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?«
+
+»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.«
+
+»Und er ließ sie arm zurück?«
+
+»Er ließ sie am Bettelstabe.«
+
+»Er war also arm?«
+
+»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!«
+
+»Tragen Sie seinen Namen?«
+
+»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt,
+der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.«
+
+Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und
+nahm das Bild vom Tische.
+
+»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er
+ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie
+bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen,
+aber jetzt nicht.«
+
+Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und
+verschloß es sorgfältig.
+
+»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der
+Mortlakeschen Papiere zu helfen?«
+
+Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit,
+suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines
+Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben.
+
+Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff:
+
+»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten
+Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen
+Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«
+
+Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf
+den Tisch.
+
+Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit
+dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich
+Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten,
+enthielten, und setzte hinzu:
+
+»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger
+geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn
+der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen
+sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er
+arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt
+wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter
+seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen,
+wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit
+hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht
+haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem
+ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und
+anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein
+bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court
+herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht
+-- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie
+ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten
+geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges
+Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem
+Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf,
+leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es
+ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und
+ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut
+liegen.«
+
+»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das
+Paket aussah?«
+
+»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem
+verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten
+ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
+
+Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen
+Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich
+niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen.
+Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine
+Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit.
+Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet,
+und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf
+den kleineren.
+
+»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird
+kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
+
+Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war
+augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein
+dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden
+nicht viel anzufangen.
+
+Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches
+Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses
+zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas
+anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es
+langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das
+von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
+
+Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke
+wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber
+lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen,
+natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor
+sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben
+gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden
+Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm
+sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
+
+Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine
+Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz
+da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos
+und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme
+frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz
+zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem
+Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las
+es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den
+Briefen.
+
+Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift
+einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie
+von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr
+als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu
+Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie
+niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter
+Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so
+in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies
+nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda
+anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er
+auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence
+draußen vor dem offenen Fenster stehen.
+
+
+
+
+18.
+
+
+Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der
+Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte
+sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr
+Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie
+am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck
+um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte
+Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus.
+
+»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl
+nicht gehört?«
+
+Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht
+der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen
+hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen
+bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig
+zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine
+Aufforderung, ehe sie eintrat.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie
+nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff
+ist augenblicklich nicht hier.«
+
+Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein
+starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die
+Glastür ein und nahm Platz.
+
+»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause
+weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht
+stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen
+seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt
+habe.
+
+Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise --
+ihm war, als müsse er ersticken.
+
+Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut
+ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische
+verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr.
+Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt,
+ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff
+stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst
+wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den
+Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.
+
+Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des
+Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei.
+
+»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr
+bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme
+fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen
+ist?«
+
+»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.«
+
+Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich
+aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen?
+Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß
+er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher
+gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei
+dem Gedanken ballten sich ihre Hände.
+
+»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,«
+sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt
+inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß
+ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.«
+
+»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.
+
+»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln.
+»Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court,
+und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante
+und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin
+ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig.
+Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich
+in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina
+zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem
+herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn
+nicht mehr sehen sollte?«
+
+Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung
+auffaßte.
+
+»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde.
+Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.«
+Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als
+bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann
+Sie reisen?«
+
+»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins
+Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.«
+
+»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?«
+
+»Ja.«
+
+Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie
+sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«
+
+Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos
+überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen
+und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm
+auf dem Tische lag.
+
+»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte
+meines Gartens?«
+
+»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.
+
+»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?«
+
+»Ja.«
+
+»Weshalb war das?«
+
+»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.«
+
+»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie
+sich der Antwort?«
+
+»Ja.«
+
+Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr
+an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer
+bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich
+zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie.
+
+»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«
+
+Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick
+machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln
+zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.
+
+»Wollen Sie das lesen?«
+
+Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand.
+
+»Verstehen Sie es?«
+
+»Ich weiß, was es ist.«
+
+»Aber mehr begreifen Sie nicht?«
+
+»Nein.«
+
+Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr.
+
+»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte
+Sprache.«
+
+Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während
+sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den
+Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.
+
+»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden,
+-- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht
+wahr?«
+
+»Ja, das verstehe ich.«
+
+Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug
+und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war.
+
+»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie
+ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber
+zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen
+haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr
+erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob
+Sie begreifen.«
+
+Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie
+die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die
+Augen mit einem Schauder ab.
+
+»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin
+ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich
+von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu
+beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit --
+ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«
+
+Er deutete auf den kleineren Kasten.
+
+»Ich habe sie dort gefunden.«
+
+»Wann?«
+
+»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«
+
+»Und keiner weiß davon?«
+
+»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?«
+
+Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn
+von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam
+durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.
+
+»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte
+sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube
+ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«
+
+Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein
+würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner
+Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien
+ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein
+getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu
+reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich.
+
+»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun.
+Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam.
+Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß
+es mir gelungen?«
+
+»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt.
+Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!«
+
+Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das
+Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah
+jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper
+Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die
+Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie
+herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen
+Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte.
+
+»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?«
+
+»Tun?«
+
+Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte.
+
+»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich
+gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?«
+
+»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie
+sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken
+Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach --
+Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder
+-- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde
+Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre
+zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie
+ihrer, ich beschwöre Sie!«
+
+Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von
+ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.
+
+»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für
+die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich
+können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre
+Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das
+Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete
+Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich
+gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder
+gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte?
+Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das
+mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen
+zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß
+die Wahrheit sagen.«
+
+»O, Sie müssen es nicht -- Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände.
+»O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen
+-- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen.
+Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur
+einfallen sollte, wie.«
+
+Sie blickte ihn flehend an.
+
+»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich.
+Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen?
+Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen,
+und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken
+Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger
+Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich
+will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es
+nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«
+
+Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine
+ungeduldige Bewegung mit der Hand.
+
+»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu
+verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem
+Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied
+machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis,
+um mein Schweigen zu erkaufen.«
+
+Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen
+und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen,
+wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein
+Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte
+er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht
+und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose
+Gebärde der Verzweiflung.
+
+»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt.
+Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für
+Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist
+schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen.
+Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür
+geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«
+
+Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach
+in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine
+Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem
+fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger
+zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte
+und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber
+jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.
+
+»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes
+gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen
+Preis!«
+
+
+
+
+19.
+
+
+»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein
+Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.«
+
+So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende
+sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm
+ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt?
+Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte
+dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war
+eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen
+blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit
+weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres
+Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig
+sein wollte? Er hub wieder an:
+
+»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt,
+und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie
+vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch
+zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht
+hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen!«
+
+»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon
+gesagt?«
+
+Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie
+zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich
+nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie
+dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich
+Ihnen zu bieten?«
+
+»Das wissen Sie nicht?«
+
+»Nein. Was -- was?«
+
+»Sich selbst,« sprach er gelassen.
+
+»Mich selbst?«
+
+Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren
+Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte.
+Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr
+ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand
+ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich
+zu fassen.
+
+»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß,
+es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der
+niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß
+Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über
+meine Lippen kommen soll.«
+
+Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm
+fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung
+wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen:
+
+»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie
+mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines
+Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger
+gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus
+mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen
+dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence!
+Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind,
+-- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen
+mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem
+Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will
+ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.«
+
+Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches
+Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als
+er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging
+zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre
+Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht
+da.
+
+»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.
+
+»Ja.«
+
+»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?«
+
+»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«
+
+»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.«
+
+»Für jetzt und allezeit?«
+
+»Ja.«
+
+Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen.
+
+»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«
+
+»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich
+heiraten.«
+
+»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.«
+
+»Ebenso.«
+
+»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?«
+
+»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.«
+
+»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden
+lassen -- und nach Australien zurückkehren?«
+
+»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.«
+
+»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«
+
+»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
+
+»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«
+
+»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?«
+
+»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen
+nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen
+zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an.
+»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen
+das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie
+lachte bitter.
+
+»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich
+irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur
+mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will,
+die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.«
+
+»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie
+lieben mich?«
+
+»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich
+dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst
+zu sagen, was Sie wissen.«
+
+»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich
+hatte nie an so etwas gedacht.«
+
+»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie
+wissen es jetzt.«
+
+Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete
+seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war
+wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung.
+Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte
+es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst,
+ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie
+auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast
+auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren
+Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber
+nicht ausweichen wollte.
+
+»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse,
+Herr Leath?«
+
+»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.«
+
+»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?«
+
+»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern
+lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es
+nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber
+hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath
+kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie.
+Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen
+Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes
+bedienen, da Sie es gebraucht haben.«
+
+»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an.
+»Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe
+sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«
+
+»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.«
+
+Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an
+das Fenster, an das sie getreten war.
+
+»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie
+sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht
+anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der
+Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden
+sein.«
+
+»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es
+auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig.
+Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade
+Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen
+haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch
+einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
+
+Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben.
+Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber
+langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm
+sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ
+sie dann los.
+
+»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von
+dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu
+machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt,
+sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und
+abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«
+
+Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe
+daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran,
+auf dem sie sich niederließ.
+
+»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder!
+Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich
+aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit
+sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch
+etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.«
+
+Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit
+dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr
+nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen
+zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu
+werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde
+sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte
+sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte
+nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser
+schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen
+Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben,
+zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die
+zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und
+heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib
+werden.
+
+Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie
+den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren
+Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr
+zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein.
+
+Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde --
+sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war
+alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret
+Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen
+Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl,
+wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer
+augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde.
+
+»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig
+lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber
+ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen,
+selbst mit ihm zu reden.«
+
+»Ich ziehe es vor.«
+
+»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will,
+wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung
+durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«
+
+»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten
+könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.«
+
+»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir
+Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten,
+in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?«
+
+»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das
+Recht dazu, Herr Leath.«
+
+»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute
+Lebewohl sagen.«
+
+Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor
+ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes
+Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben.
+
+»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch
+nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie
+solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence,
+wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?«
+
+Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie
+vermochte nicht, ihn anzublicken.
+
+»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll
+Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie
+viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben,
+mir geraubt hat?«
+
+Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las
+Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er
+lachte in ganz anderem Tone.
+
+»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren
+vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als
+ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!«
+
+Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes
+Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht
+wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis
+morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«
+
+Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer
+Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle
+stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis
+sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und
+hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte.
+
+Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr
+oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab
+und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte,
+Sir Jasper antreffen.
+
+Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl
+sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete
+mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie
+stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl
+verändern würde, wenn sie mit ihm geredet.
+
+Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester
+gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr
+angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte,
+daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen
+gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien
+Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er
+ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:
+
+»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?«
+
+»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe,
+und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als
+sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie
+eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.
+
+»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?«
+
+»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im
+Bungalow.«
+
+»Nun? Was führte dich dorthin?«
+
+»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl
+sagen.«
+
+»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen
+Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und
+dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung
+zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich
+bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände
+übergehen, desto besser.«
+
+»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe
+ihn nicht gesehen.«
+
+»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich
+denn so aus der Fassung gebracht?«
+
+»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«
+
+»Leath? Den -- den Menschen?«
+
+Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt
+-- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret
+Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, --
+ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine
+gehört hätte. Er stammelte vor Wut.
+
+»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?«
+
+»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.«
+
+Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das
+Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen
+rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete
+und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den
+Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.
+
+»Er hat Robert Bontine gefunden.«
+
+Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an
+-- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt,
+so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er
+imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob
+er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend:
+
+»Weiter!«
+
+»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um
+dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann
+sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die
+Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die
+ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt.
+Verstehst du mich?«
+
+Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort:
+
+»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich
+zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck
+erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden --
+und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«
+
+»Wenn er wollte?«
+
+Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er
+auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie.
+
+»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein
+Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm
+diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe
+versprochen, ihn zu heiraten.«
+
+Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft
+umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in
+demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter:
+
+»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil er mir sein Wort
+gegeben hat, in dem Falle den Namen Robert Bontine nie wieder zu
+erwähnen. Ich mache mir nichts aus ihm -- werde mir nie etwas aus ihm
+machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn verlassen kann, weiß,
+daß er sein Wort halten wird. An unserem Hochzeitstage soll ich die
+Beweise, von denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, --
+das hat er mir auch versprochen. Ich werde meinem gegebenen Worte
+nicht untreu werden, und er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern,
+weshalb ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke ich -- ich habe
+Tante Agathe und ihre Kinder sehr lieb.«
+
+Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes Verständnis, wie
+eine gewisse Erleichterung zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im
+Lehnstuhle. Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. Florence
+hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. Nach einer Weile erhob sie
+sich und schritt auf die Türe zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte
+um ihre Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:
+
+»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich gehe. Ich fürchte,
+es ist kaum wahrscheinlich, daß die Herzogin mit meiner Verlobung
+zufrieden sein wird. Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause
+ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot Chichester von
+Highmount. Es ist möglich, daß sie ihre Einwilligung versagen wird.
+In dem Falle ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner
+Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert und daß du, Onkel
+Jasper, die deinige nicht verweigern wirst.«
+
+Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging die Treppe hinauf,
+um sich in ihr Zimmer zu begeben. Sie fühlte, daß es mit ihrer
+Selbstbeherrschung vorbei sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe.
+Auf der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade verließ.
+
+»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.
+
+Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht ihrer Cousine nicht
+deutlich sehen konnte.
+
+»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur stecken könntest! Weshalb
+hast du nicht im Bungalow auf mich gewartet? Du kannst dir mein
+Erstaunen vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.«
+
+»Ja -- ich kann mir denken, daß du erstaunt warest, Cis.«
+
+»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem Gedanken, daß du
+den langen, heißen Weg zu Fuß gemacht hast, noch dazu, wo du nicht
+wohl bist. Und --« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie wußte
+nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar Tagen merkwürdig
+verwandelten Florence eigentlich daran war -- »hm -- das Mädchen sagte,
+Florence, daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.«
+
+»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«
+
+»Was -- den ganzen Weg? Hierher nach Turret Court?« Aus ihren
+weitgeöffneten Augen sprach Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich,
+Florence, ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie
+tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute Munde seid! Du
+hattest ihn nicht mit dir gehen lassen dürfen. Er hat kein Recht, sich
+dir auf solche Weise aufzudrängen.«
+
+Florence lachte und legte der andern die Hände auf die Schultern.
+
+»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe Cäcilie. Aber in diesem
+besonderen Falle irrst du dich zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller
+Augen wie hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr Leath das
+Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. Ich habe soeben versprochen,
+ihn zu heiraten.«
+
+
+
+
+20.
+
+
+In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten und freundlichsten
+Raume des Schlosses, sah es trübselig aus. Lady Agathe, die in ihrem
+Lieblingsstuhl saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und
+schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den Boden herabgeglitten
+und lag dort vergessen. Cis, deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert
+aussah, stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. Vor noch
+nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter Sir Jasper geschlossen,
+der hinausgegangen war und all diesen Jammer zurückgelassen hatte.
+Wie unwillkommen sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch stets
+seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er doch nie mit einer so
+niederschmetternden Mitteilung erschienen wie eben, und die Wirkung,
+wenigstens auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit den
+kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner scharfen Stimme hatte
+er die Verlobung seines Mündels mit Everard Leath und seine eigene
+Einwilligung mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, wie
+er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu eingeschüchtert war, um
+angesichts seiner kaltblickenden Augen eine Szene zu machen, brach vor
+Erstaunen, Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus.
+
+»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte sie, »niemals, Cäcilie!
+Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen
+Ohren nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals spaßte, so würde
+ich sagen, er macht einen Scherz mit mir. Aber er sagte ganz deutlich,
+Florence hätte sich mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«
+
+»Ja, Mutter, das sagte er.«
+
+»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?«
+
+»Ja -- auch das.«
+
+»Ich kann -- ich will es nicht glauben!« rief Lady Agathe unter neuem
+Schluchzen. »Florence sollte sich mit solchem Menschen verlobt haben!
+Er ist doch durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der ihn nie
+ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn heiraten soll! O, ich bin
+wie betäubt! Sie macht sich doch gar nichts aus dem Menschen, nicht
+wahr?«
+
+»Ich -- ich fürchte nein, Mutter,« antwortete Cis mit verlegenem
+Zögern. »Aber ich habe seit langer Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in
+sie verliebt war.«
+
+»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady Agathe. »Wenn das so ist,
+so ist es eine unverschämte Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es,
+jammerschade, daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina gegangen
+ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, und sie hätte in aller
+Gemütsruhe Chichester geheiratet. Aber ich kann es nicht glauben,
+liebes Kind, daß es ihr Ernst ist -- ich kann es nicht. Dein Vater muß
+sie mißverstanden haben. Nein -- ich glaube nicht, daß es wahr ist, bis
+Florence selbst es mir bestätigt.«
+
+»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich um. »Florence hat es mir
+selbst erzählt.«
+
+»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. »Sie hat es dir gesagt?«
+
+»Ja -- gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir
+verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause
+bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden
+Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine
+Zustimmung gegeben hatte.«
+
+»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die
+Mutter mit einem neuen Tränenstrom.
+
+»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich -- so ganz anders als
+sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir
+erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu
+sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als
+ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer
+aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht
+nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in
+zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern
+leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte,
+ich wäre tot!«
+
+»Doch wohl nicht im Ernst, Cis -- hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines
+Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!«
+
+Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen
+in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das
+offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen
+allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr
+gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr:
+
+»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich
+angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls
+wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine
+Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.«
+
+Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber
+ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte
+und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges
+kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das
+Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen
+Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath
+gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere
+Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie
+nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer
+selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein -- sie bereute es
+nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem
+Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt
+das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein
+kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang
+sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das
+Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte.
+
+»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen
+Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence -- was kann dir nur in
+den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr
+Leath dich wirklich liebhat, Florence?«
+
+»Mich liebhat?«
+
+Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor sich, dessen kühler,
+ruhiger Ausdruck wie umgewandelt war, die leuchtenden Augen, die von
+verhaltener Leidenschaft vibrierende Stimme -- die ganze Glut des
+Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber auf sie ausgeübt
+hatte. Ob er sie liebte? Mochten seine Sünden gegen sie so groß sein,
+wie sie wollten, mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so sehr
+sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.
+
+»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt mich. Davon kannst du
+fest überzeugt sein.«
+
+»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« meinte Lady Agathe
+verzweifelt, »aber was die Herzogin sagen wird --«
+
+»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, was die Herzogin sagen
+wird. Onkel Jasper willigt ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir
+mein Vermögen zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« fiel ihr
+Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit ins Wort.
+
+»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. Wenn diese
+Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest du, daß die Verlobung
+geheimgehalten wird?«
+
+»Geheim?«
+
+Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um.
+»Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie
+geheimgehalten werden?«
+
+»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,«
+stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der -- unseligen
+Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es
+besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute
+lassen sich nicht den Mund verbieten -- es ist schändlich, aber sie
+werden --«
+
+Florence drehte sich jäh um.
+
+»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe,
+ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz
+preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger
+hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath
+erwartet mich, ich will gehen.«
+
+Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf
+Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem
+Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz,
+-- ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine
+und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß
+du glücklich bist, so stolz auf Roy, -- nicht wahr? -- deinen einzigen
+geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen -- nicht? -- und wenn ihm
+etwas zustieße -- dich vielleicht gar töten? Nein, nein -- sag’ nicht
+›Ja‹ -- antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«
+
+Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft
+in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis -- du siehst
+kläglich aus, -- du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst
+mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid,
+wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine
+Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz
+glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich
+gehen.«
+
+Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen:
+sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn
+sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu
+verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst
+als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem
+Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen
+ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage
+verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.
+
+Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im
+Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb
+stehen, und er kam sofort auf sie zu.
+
+»Ich -- ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas
+mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte,
+als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen
+Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht -- er hatte sie
+genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe.
+
+»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf
+seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, -- Sie sind sehr
+schnell gegangen, -- das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort
+steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«
+
+Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten,
+ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten
+hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß
+er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das
+war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie
+und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache
+nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie
+allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm
+wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder
+Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie
+wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn
+geliebt hätte!
+
+Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz
+geschaut.
+
+»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum
+Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht
+geschlafen?«
+
+»Ich habe es gar nicht versucht.«
+
+»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. Soll ich weiterreden,
+oder möchten Sie lieber, daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?«
+
+»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr gut anhören. Sagen Sie
+mir, bitte, alles, was Sie mir zu sagen haben,« sprach Florence
+gelassen.
+
+»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, daß zum Glück sehr
+wenig übrigbleibt.«
+
+Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, und wickelte es um die
+Finger.
+
+»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir Jasper gehabt?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, gesagt?«
+
+»Ja -- das habe ich getan.«
+
+»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich nicht?«
+
+»Nein -- das tut er nicht.«
+
+»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der Herzogin nicht bedürfen.«
+
+»Nein, die brauchen wir nicht.«
+
+»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich würde es vorziehen,
+daß Sie Ihr Vermögen behalten. Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich
+bin auch nicht reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau
+irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt sind.« Er hielt inne
+und spielte noch immer mit dem Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht
+unwissend,« hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder an,
+»aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt es mir wohl ob, ihn
+aufzusuchen, nicht wahr? Soll ich heute zu ihm gehen?«
+
+»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. Ihnen zu sagen, daß er Sie
+morgen sehen wolle.«
+
+»Gut. Wenn er es vorzieht -- um welche Stunde?«
+
+»Das überläßt er Ihnen.«
+
+»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.«
+
+Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe und Cis um ihre Verlobung
+wüßten und wie sie diese aufgenommen hätten, und Florence antwortete,
+daß sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien.
+
+»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein Mortlake ist ein
+allerliebstes kleines Geschöpfchen, und ich weiß, Sie halten viel von
+ihr. Wollen Sie ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit
+der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«
+
+»Ja -- das will ich tun.«
+
+Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie war sich einer
+Regung der Dankbarkeit bewußt. Er hätte ihr die Sache viel schwerer
+machen können; sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen,
+daß sie ihr Wort halte -- warum sollte er auch nicht? -- aber er war
+zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich gewesen.
+
+Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand nahm, und verbarg, so
+gut sie konnte, den Schauder, der sie durchbebte, als er die Lippen
+darauf drückte. Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich
+darauf die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte, daß sie
+Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht länger im Freien bleiben
+könne.
+
+»Das sollen Sie auch nicht.«
+
+Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in das blasse, müde
+Gesichtchen mit den dunklen Schatten unter den Augen, dem Schmerzenszug
+um die zarten Lippen.
+
+»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie elend Sie aussehen -- wie
+ein Schatten Ihres lieblichen Selbst! Und daran bin ich wohl schuld?
+Ich -- gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, Florence?«
+
+»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. Hohn und stumme Vorwürfe
+lagen darin. »Brauchen Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch,
+daß Sie mich darnach fragen?«
+
+»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt jetzt ihre beiden Hände
+und blickte mit düsterer Zärtlichkeit auf sie herab. »Ja -- ich bin
+wohl brutal -- ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie wohl
+freigeben, -- das müßte ich eigentlich! Ein guter Mensch würde das
+tun.« Er hielt inne und holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin
+kein guter Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«
+
+»Ich -- ich habe Sie nicht darum gebeten,« sprach Florence mit
+schwacher Stimme.
+
+Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens entbinden sollte, mit
+dem sie sein Schweigen erkauft hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken
+überlief es sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals tun
+würde.
+
+»Nein -- Sie haben mich nicht darum gebeten, -- das ist wahr. Aber ich
+kann sehen --«
+
+Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. »Mein armes kleines
+Lieb -- mein armes kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein
+Haar krümmen möchte -- liebe es so, daß ich mir die Hand abhauen würde,
+ihm zu dienen, wenn es sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um
+es so aussehen zu machen!«
+
+»Lieben?«
+
+Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu mächtig, um ihr zu
+widerstehen, trotz des panischen Schreckens, von dem sie sich eben
+erholt hatte: sie warf ihm einen Blick der Verachtung zu.
+
+»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, aber mehr tun Sie
+nicht.«
+
+»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? Glauben Sie das? Dann denken
+Sie hieran, mein Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«
+
+Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, zu kraftvoll, als daß
+sie ihm hätte wehren können, schloß er sie fest in die Arme und küßte
+sie zweimal mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick
+hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei losgerissen und
+floh über das Gras, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
+
+Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach einer unwillkürlichen
+Bewegung, sie zurückzuhalten, blieb er regungslos stehen und sah der
+Davoneilenden mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden,
+nachdem sie verschwunden, machte er kehrt und verließ den Garten von
+Turret Court.
+
+Er ging über die Halde und durch St. Mellions nach dem Bungalow. In
+gewohnter Weise durch die Veranda eintretend, fand er Sherriff im
+Wohnzimmer in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden Kasten
+standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und der alte Herr hielt einige
+Schriftstücke in der Hand. Sein schönes Gesicht war noch bleich und
+abgespannt, aber es hellte sich beim Eintritt des jungen Mannes auf.
+
+»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, Everard,« sagte er mit einem
+Lächeln, »und habe mich ohne Sie an die Arbeit gemacht.«
+
+»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem Augenblick steh’ ich zu
+Ihren Diensten, aber erst habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«
+
+»Mir mitzuteilen?«
+
+In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen lag etwas, das Sherriff
+veranlaßte, schnell aufzublicken.
+
+»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.
+
+»Nein -- oder hoffentlich werden Sie es nicht dafür halten.« Er
+hielt inne. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie mich vor einiger Zeit
+beschuldigten, Gräfin Florence Esmond zu lieben?«
+
+»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich dessen.«
+
+»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie recht hatten, denn ich
+war mir seit Wochen meiner eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich
+liebte sie -- ich tue es noch -- ich werde sie stets lieben! Aber
+nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, daß ich es ihr je sagen
+würde. Die Umstände haben sich indessen geändert, und ich habe es ihr
+gesagt. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt hat,
+meine Frau zu werden.«
+
+»Leath!«
+
+»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das sein würden.
+Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch mehr: Sir Jasper hat -- ihr, mir
+zwar noch nicht, -- seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«
+
+»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!«
+
+»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? Obwohl ich gern
+zugebe, daß ich keine sogenannte Partie für sie bin.«
+
+»Und sie -- Gräfin Florence -- hat versprochen, Sie zu heiraten?«
+
+»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, fürchte ich?«
+
+»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr als überrascht -- ich
+bin wie aus den Wolken gefallen!«
+
+Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das weiße Haar.
+
+»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, »daß sie Ihre
+Gefühle für sie erwidere -- nicht die leiseste. Und Sie sagen, sie tut
+es?«
+
+»Bis jetzt -- nein. Aber ich sage, daß sie es soll.«
+
+Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der ruhigen, gleichmäßigen
+Stimme, und der Redende regte sich nicht. Der Alte blickte mit einem
+Ausdruck zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf die stolze
+Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig dastand.
+
+»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich habe euch beide lieb,
+und nichts könnte mir ein größeres Glück gewähren, als euch miteinander
+glücklich zu sehen. -- Aber bedenken Sie, lieber Junge, um Florences
+und um Ihrer selbst willen, -- in der Ehe ist kein Glück möglich, wenn
+nicht auf beiden Seiten Liebe vorhanden ist.«
+
+»Das weiß ich sehr wohl.«
+
+»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben zu, daß Florence sich
+nicht so viel aus Ihnen macht wie Sie aus ihr. Hat die Art und Weise
+der Lösung ihres Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren
+Antrag anzunehmen?«
+
+»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine Eindruck sein, obwohl es
+-- um ihretwillen -- dem schlecht gehen wird, den ich das aussprechen
+höre! Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester ein Narr
+war, -- wofür ich ihm allerdings von Herzen dankbar bin, -- hat nichts
+damit zu tun, daß sie mir ihr Jawort gegeben.«
+
+»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, aber davon bin ich
+überzeugt,« setzte der alte Mann mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß
+Sie sie nicht heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie sie
+glücklich machen könnten.«
+
+Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es
+dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er,
+ohne sich umzuwenden:
+
+»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu
+heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.«
+
+
+
+
+21.
+
+
+Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und
+seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren
+seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und
+die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.
+
+Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert.
+Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete,
+allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe
+in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu
+reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege
+nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung,
+die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper
+Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch
+nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen,
+und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als
+Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.
+
+Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr
+bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner
+Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte,
+und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu
+Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen
+Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte,
+die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das
+weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer
+Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube
+übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die
+Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts
+würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei
+diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der
+sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.
+
+»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere
+denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!«
+rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der
+sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.
+
+Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid
+sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß
+schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug
+einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit
+einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der
+Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen
+Augen angstvoll zu klopfen begann.
+
+»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von
+Florences Verlobung?«
+
+»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann
+zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«
+
+Lady Agathe lächelte matt.
+
+»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem
+Briefe mitteilte.«
+
+»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich
+der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, --
+anderen Sinnes zu werden!«
+
+»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so
+herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch!
+Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady
+Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat
+sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet;
+er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --«
+
+»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei
+einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was
+fehlt ihm eigentlich?«
+
+»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte
+nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt
+zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen,
+so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu
+wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine
+Partie für sie.«
+
+»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin.
+
+»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube
+ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem
+Vierteljahr häuslich nieder, und --«
+
+»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere
+ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich
+sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«
+
+»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich,
+Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde
+sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien
+unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.«
+
+»So.«
+
+»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady
+Agathe hinzu.
+
+»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?«
+
+»Er scheint es allerdings zu wünschen.«
+
+Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die
+Sofakissen zurück.
+
+»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in
+Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.«
+
+»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.
+
+»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz
+ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt.
+Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein
+armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«
+
+Lady Agathe fing an zu weinen.
+
+»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie
+und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber
+mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«
+
+»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt
+geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe,
+bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit
+deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«
+
+Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in
+herrischem Tone.
+
+Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete
+sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich
+eintrat.
+
+Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem
+breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr
+kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre
+großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und
+sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem
+verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich,
+zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber
+ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat
+gewesen.
+
+»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich
+glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante
+Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?«
+
+Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren
+Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie
+schützend, den Arm um sie legte.
+
+Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem
+Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung.
+
+»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl
+daran, dünkt mich.«
+
+»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne
+dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf
+mich, nicht auf dich.«
+
+Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich
+fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?«
+
+»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel
+in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können.
+
+»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese
+Röte gibt.«
+
+In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die
+verschränkten Arme auf die Lehne.
+
+»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz
+offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath
+versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas
+ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was
+auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das
+weiß er.«
+
+»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir
+doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?«
+
+»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?«
+
+»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe,
+Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?«
+
+»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.«
+
+»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?«
+
+»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen.
+Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr
+fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen
+hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹
+nennen würde.«
+
+»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«
+
+»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«
+
+»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre
+mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper
+Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich
+wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner
+gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die
+glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der
+Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich
+zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie
+erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich
+nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu
+wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen,
+so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du
+seine Frau bist. Und damit basta!«
+
+Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte,
+daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde.
+
+»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,«
+sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir
+lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten.
+Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn
+zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in
+demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend
+etwas zu sagen, ehe ich gehe?«
+
+»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist
+wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch
+weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet,
+so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand
+vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!«
+
+»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.
+
+»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich
+zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich
+freizugeben.«
+
+»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn
+Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß
+ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den
+Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.«
+
+»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche
+Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt
+oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest
+entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«
+
+Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen,
+blickte sie die Herzogin an und sagte:
+
+»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.«
+
+»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt.
+
+»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller
+Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen
+würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe
+Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und
+die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier
+werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu
+empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit
+ihm hier sein.«
+
+
+
+
+22.
+
+
+Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer,
+in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter
+war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder
+Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen
+Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem
+Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er
+wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm
+äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im
+allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war
+nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze
+gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem
+Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von
+dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute,
+hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert
+Bontine gegen Florence erwähnt.
+
+Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich
+zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die
+täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm
+abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das
+ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.
+
+Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt
+hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.
+
+»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was
+gibt es denn?«
+
+Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können,
+und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau
+gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im
+Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur
+wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war
+und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck
+hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für
+den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht,
+mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie
+warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn
+geliebt hätte.
+
+»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein
+Liebling?«
+
+Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt,
+wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre
+Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie
+erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand.
+
+»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
+»Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich
+vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir
+selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht
+vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es
+sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«
+
+»Vorgefallen kaum.«
+
+Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen
+ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu
+sehr gelegener Zeit.«
+
+»Darf ich fragen, weshalb?«
+
+»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«
+
+»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --«
+
+»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht
+vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier
+ist?«
+
+»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie
+wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?«
+
+»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«
+
+»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«
+
+»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.
+
+»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.«
+
+Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht
+getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte,
+regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er
+mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben,
+aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht,
+dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte
+sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war
+unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein
+Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem
+Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst
+die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein
+Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch
+ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief.
+
+»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber
+vorher möchte ich noch etwas sagen.«
+
+Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung
+sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem
+Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden,
+ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich
+wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie
+Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen,
+solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!«
+
+Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer
+erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest
+über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.
+
+»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr
+sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.«
+
+»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das
+Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den
+Vorzug, durchaus wahr zu sein.
+
+»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit
+entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu
+machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar
+böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren,
+Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte.
+Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen
+mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich
+nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich
+ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.«
+
+Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie
+rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die
+voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch
+fester.
+
+»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die
+ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und
+dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf
+bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich
+werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten,
+oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«
+
+Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte
+sie aus freien Stücken noch nie getan.
+
+»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie
+Sie sagen, hinter uns haben.«
+
+Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch
+immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein
+Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd,
+in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst.
+
+Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei
+Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war
+ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath.
+Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die
+Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine
+Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In
+den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine
+Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern
+war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte
+nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen.
+
+»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen
+mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten
+möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie
+ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen
+bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem
+gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.«
+
+»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch
+heiraten, Everard.«
+
+Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte
+sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur
+eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand
+auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit
+dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich
+glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«
+
+Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie
+verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte
+während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich
+weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt.
+
+Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die
+Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und
+sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam
+behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die
+Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit
+müdem, ironischem Lächeln an.
+
+»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone,
+»ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin.
+Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist,
+das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin
+wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall,
+wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke
+Ihnen, Herr Leath.«
+
+»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick
+und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde
+Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.
+
+»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz
+erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest
+du, daß ich jetzt gehe?«
+
+Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich
+in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit
+seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre
+Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und
+schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die
+Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein
+Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung
+geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu
+widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu
+mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So
+ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an
+seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen
+Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen
+nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der
+Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.
+
+»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als
+Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch
+kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige
+Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr
+gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«
+
+»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich
+auszuruhen, wenn du kannst.«
+
+Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr
+tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er
+im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin,
+könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«
+
+Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum
+zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße
+Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte,
+sich loszureißen, aber er hielt sie fest.
+
+»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen?
+Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können,
+du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!«
+
+»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!«
+erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache
+mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun!
+Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen
+-- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen
+Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu
+zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen
+Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!«
+
+»Wirklich nicht?«
+
+Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde
+empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht,
+und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten.
+Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes
+kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig
+verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand
+schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber
+gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.«
+
+»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen
+sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!«
+
+Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach.
+
+Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte
+immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine
+Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine
+Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete
+eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem
+großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem
+Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die
+näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen
+Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.
+
+»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da
+waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff,
+fortzugehen -- wie?«
+
+»Ja. Weshalb?«
+
+»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein
+anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute
+gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch
+führen.«
+
+»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß
+ich Luft für sie sei.«
+
+»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat
+wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?«
+
+»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg.
+
+»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute
+morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein
+Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso
+gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die
+alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr
+ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu
+unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«
+
+»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«
+
+»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde
+haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?«
+
+»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte
+den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.«
+
+»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor
+zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie
+ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm
+aufgefallen ist?«
+
+Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des
+jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte
+Leath den Kopf.
+
+»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum
+dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt.
+Was sollte mir aufgefallen sein?«
+
+»Nun, wie er sich verändert hat!«
+
+»Hat er sich verändert?«
+
+»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er
+hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager
+wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für
+einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar
+auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene
+einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar
+nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte
+mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin
+überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St.
+Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows --
+auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er
+hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und
+gar nicht.«
+
+»Was wollte er damit sagen?«
+
+»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte
+nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem
+gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu
+ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist
+seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«
+
+»Umherzuschleichen?«
+
+»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter
+morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus
+dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie
+getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er
+meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war
+er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt
+zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die
+Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun
+pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens,
+denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es
+muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich
+nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«
+
+»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog
+sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings
+sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«
+
+»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei
+uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er
+wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber
+sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste
+noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten
+Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie
+nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«
+
+Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter
+Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte,
+war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu.
+Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken
+waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹
+von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte,
+sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub
+gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt,
+seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war
+nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend.
+Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und
+das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein
+Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas
+für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser
+gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut,
+nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde
+es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen
+Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die
+Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie
+gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon
+damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an
+Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er
+in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter
+gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem
+leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie
+sollte ihn noch lieben lernen!
+
+Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege
+abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu
+gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen
+Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande
+der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an
+die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick
+erschrocken stehen.
+
+»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,«
+sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.
+
+Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit
+starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am
+Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher
+Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah
+nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten
+ihn noch immer.
+
+»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst.
+Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre
+furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines
+Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht
+besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich
+diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich
+ihr entsagen? Wenn ich --«
+
+Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten
+hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen
+Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze
+Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war
+hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der
+ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante
+drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte
+sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte
+er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf
+dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei
+stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp
+festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten
+ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt,
+erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen
+Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er
+festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen
+Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er
+mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen
+und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle,
+und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden,
+blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences
+Felsenkammer zusammen.
+
+
+
+
+23.
+
+
+Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte
+es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort,
+der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das
+kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt
+stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.
+
+»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner
+freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der
+Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich,
+eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so
+kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath
+ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«
+
+»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als
+ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort;
+er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben
+Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das
+Mädchen.
+
+»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann
+gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,«
+fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der
+Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist
+es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern
+abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein,
+denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch
+in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er
+öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.«
+Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre
+fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden
+wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich
+glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.«
+
+Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür,
+der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der
+Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.
+
+»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er.
+
+»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich
+wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf
+den nächsten Stuhl sank.
+
+In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem
+leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde
+entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen
+und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an:
+
+»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court
+zurückkam, stürzte ich von der Klippe.«
+
+»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest
+aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen
+Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff.
+
+»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner
+anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch
+lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle,
+die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?«
+
+»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du
+hinunter?«
+
+»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt
+mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht
+meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein
+Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins
+Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen
+Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu
+werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.«
+
+Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten
+konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit
+einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte
+allmählich in sein Antlitz zurück.
+
+»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach
+fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.«
+
+»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.
+
+»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«
+
+»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster.
+
+»Nicht?«
+
+»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«
+
+»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen.
+
+»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und
+festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur
+Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß
+nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich,
+wie gesagt, hinabgestürzt.«
+
+»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt.
+
+»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich
+von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so
+gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein
+überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich
+kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann
+es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber
+er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es
+getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden
+worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein
+Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher
+genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir
+Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen,
+der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?«
+
+»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf.
+
+»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu
+war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde
+ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen
+-- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male
+gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er
+sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe
+ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen
+Verdacht zu schöpfen.«
+
+»Großer Gott! Welchen Verdacht?«
+
+»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt
+nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen,
+um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste
+nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen
+gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«
+
+»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt.
+
+»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert,
+weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich
+gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie
+haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt,
+weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar
+Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.«
+
+ * * * * *
+
+»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier
+sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so
+wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im
+Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis.
+
+Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie
+ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der
+großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht
+empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte,
+daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend
+umwandte.
+
+»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch
+aus, Schatz!«
+
+»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als
+dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und
+deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«
+
+»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe
+seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist
+wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich
+bin nicht recht aufgelegt dazu!«
+
+»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte
+Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden,
+Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du
+siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte,
+du trügest es nicht.«
+
+»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence
+mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine
+Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich
+nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?«
+
+»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin
+ist bei ihr.«
+
+»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich
+haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen.
+Will sie wirklich heute fort?«
+
+»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt,
+sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe.
+Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam!
+Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr
+gefürchtet!« sagte Cis lachend.
+
+»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.
+
+»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen
+sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley
+zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend
+ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du
+wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«
+
+Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln
+wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf
+die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.
+
+»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte
+sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen.
+Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte
+phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe
+sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten
+beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein
+Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist
+es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume!
+Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte
+wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in
+mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten
+und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens
+überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt
+es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und
+weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen?
+Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«
+
+Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte
+sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag
+sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war
+immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte
+zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn
+sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach
+irgendeiner Richtung hin erregen konnte.
+
+Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem
+Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so.
+Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.
+
+Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths
+zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt
+worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber
+das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine
+weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und
+sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie
+beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen.
+Sie eilte auf Leath zu.
+
+»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«
+
+»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem
+Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach
+er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper
+aufzusuchen.«
+
+»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde
+gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und
+etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf.
+»Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr
+Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das
+alles zu bedeuten hat!«
+
+Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte.
+
+»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?«
+
+»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr
+geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.«
+
+»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.«
+
+Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit
+weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte
+hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie
+er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf
+hob und auf Sherriff deutete.
+
+»Sie haben ihm alles gesagt?«
+
+»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen.
+Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen,
+aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt,
+du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches
+Schweigen beobachten wird wie du oder ich.«
+
+»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender
+Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung
+hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt
+-- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der
+einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein
+Kind.«
+
+»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos.
+»Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie
+blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«
+
+»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte
+miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen
+Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der
+gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten
+ein Zeuge zugegen ist.«
+
+»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?«
+
+»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?«
+
+Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas
+wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der
+Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand
+zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus
+ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein
+anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden,
+und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat
+in die Halle.
+
+Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er
+plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame,
+schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang
+schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt,
+erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein
+grausiger Anblick. Leath hub zu reden an.
+
+»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf
+der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier --
+und am Leben.«
+
+Sir Jasper gab keine Antwort.
+
+Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter.
+Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten
+Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre
+Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen.
+
+»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam,
+Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten
+Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war
+Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben
+sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den
+ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und
+für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie
+nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern
+-- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es
+nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die
+sich für Ihre Gattin hält.«
+
+Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er
+umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem
+starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:
+
+»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie
+erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie
+für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien
+sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor
+einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine
+haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig
+geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal
+überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie
+wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß
+ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten,
+daß ich Ihr Sohn war!«
+
+Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das
+Hinundherschwanken hatte aufgehört.
+
+»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es
+gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem
+Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit
+meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf.
+»Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie
+in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig
+Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von
+ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war
+diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten
+Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß
+ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet
+hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle.
+Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den
+Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie
+ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden.
+Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes.
+War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«
+
+Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge
+Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war
+schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr,
+als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte,
+schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.
+
+»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?«
+
+»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem
+Leibe -- ein Schlaganfall!«
+
+
+
+
+24.
+
+
+Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze
+getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer.
+In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die
+herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so
+daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und
+ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in
+beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das
+Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen.
+
+Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall
+sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn
+schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große
+Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine
+solche Erschütterung gehabt hatte?
+
+Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum
+fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser
+Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war,
+ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte
+bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe
+nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend
+leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein
+-- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte
+ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern
+jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem
+Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen,
+-- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere
+Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich
+ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von
+einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady
+Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen.
+
+Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer
+Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete,
+deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht
+beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich
+und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle
+festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr
+Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der
+zugegen gewesen.
+
+Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady
+Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend.
+Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall
+eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die
+Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und
+kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage
+schleppten sich schwer dahin.
+
+Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben
+Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel
+gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und
+zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.
+In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie
+hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr
+zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre
+Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern
+machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe,
+bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter
+und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen,
+keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte
+sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah,
+wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht
+trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen
+konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen
+Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.
+
+Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre
+Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit
+weitgeöffneten Augen empor.
+
+»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige
+Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?«
+
+Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret
+Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste
+Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer
+entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen
+konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet.
+Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes
+Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer
+Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in
+Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der
+Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden
+durfte.
+
+Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar
+zurück.
+
+»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier
+hereinführen, Morgan.«
+
+Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie
+ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern,
+und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie
+sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden
+Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches
+Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit --
+glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder
+verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence,
+welche bebend in ihrem Schoße lag.
+
+»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.«
+
+»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,«
+antwortete sie.
+
+»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es.
+Dann werde ich bis morgen warten.«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen,
+wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher
+darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht
+Platz nehmen?«
+
+»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist
+wohl keine Veränderung eingetreten?«
+
+»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht
+zu erwarten ist, nicht wahr?«
+
+»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache
+genug für mich, wenn ich danach verlangte.«
+
+Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig
+gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence
+unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte
+sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er,
+dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war.
+Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt,
+daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb
+sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit,
+die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den
+Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie
+es nicht länger ertragen konnte.
+
+»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so
+sonderbar aus!«
+
+»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, --
+passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und
+zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt
+hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am
+besten sage.«
+
+»Mir sage?« wiederholte sie.
+
+»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft
+auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung
+mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie
+möglich. Ich gehe fort, Florence.«
+
+»Fort?« rief sie. »Nach London?«
+
+»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien
+zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu
+verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in
+vier Tagen.«
+
+»Und -- und ich?«
+
+Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie
+emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte --
+Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie
+war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm
+entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und
+drängte sie dann sanft von sich.
+
+»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem
+Versprechen, mich zu heiraten.«
+
+Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen,
+schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als
+fürchte sie sich, sie abzuwenden.
+
+»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte
+er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die
+Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen
+schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als
+ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre
+Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe
+zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen
+lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug,
+Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und
+als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor
+gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib
+wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen,
+glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern
+brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es --
+ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für
+den Rest Ihres Lebens los.«
+
+Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem
+sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich
+nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath
+weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter
+traten ein.
+
+»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe
+verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!«
+
+Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe
+sie dieselbe erreicht hatte.
+
+»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen
+Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich
+Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.«
+
+»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete.
+
+»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort
+zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.«
+
+»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert.
+
+Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu.
+
+»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen
+Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick
+zu.
+
+»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich.
+Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von
+mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein
+unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.«
+
+»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß
+ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das
+Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein
+dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht
+glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre
+-- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war
+so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie
+etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß
+Sie sie freigeben.«
+
+»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln
+umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe
+es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein,
+seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach
+freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe,
+und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach
+Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England
+niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und
+mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie
+glücklichere Zeiten kommen mögen!«
+
+Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm
+mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab
+und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu
+des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie.
+
+»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches
+Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich --
+die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der
+regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er
+fast im Flüstertone, »lebe wohl!«
+
+Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem
+Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor:
+
+»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er
+vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung
+und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr
+sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?«
+
+Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden,
+sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf
+ihre Wange gedrückt hatte.
+
+Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie
+konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort
+und sie frei war.
+
+
+
+
+25.
+
+
+Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz
+dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins
+Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen
+gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel
+heran und setzte sich.
+
+»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick
+des andern.
+
+»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort steht wohl alles beim
+alten, und es ist keine Wendung zum Besseren eingetreten?«
+
+»Nein -- nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. Wie Sir Jasper
+jetzt daliegt, so kann er vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange
+ausreicht, noch fünf Jahre liegen.«
+
+Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mannes. »Wenn wir
+nach Rache getrachtet, so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.«
+
+»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte sanft, »nicht einmal um
+Marys willen. Aber ich bin alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht
+anders darüber gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung wie du.«
+
+»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete Leath mit einem
+Stirnrunzeln, »man führt keinen Streich nach einem Toten, und in
+Wirklichkeit ist er tot.«
+
+»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er wäre es in der Tat.«
+Sherriff hielt zögernd inne. »Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung,
+daß -- etwas nicht in Ordnung ist?«
+
+»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte es ihr sagen? Ihr Sohn
+wird Sir Roy werden. Sie wird nie was anderes erfahren.«
+
+»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, würde ein solcher
+Schlag sie getötet haben. Nun, du hast auf vieles -- auf sehr
+vieles verzichtet, Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei
+Unschuldige geschont, und was dir dafür wird, überwiegt alles andere
+weit, das weiß ich.«
+
+»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. »Was ist das, wenn ich
+fragen darf?«
+
+»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das Weib, das du liebst.«
+
+»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob er sich. »Es ist für mich
+am besten, sich kurz zu fassen, wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe
+Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben.«
+
+»Du hast sie freigegeben?«
+
+»Ja -- freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr das Versprechen
+abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, daß ich ihre Liebe erringen könne.
+Sie haßt mich, und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber --
+ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug über die Sache geredet;
+ich wäre ein schlechterer Kerl, als ich bin, hätte ich sie in eine
+unglückliche Ehe hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so
+anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen Kampf gekostet,
+das leugne ich nicht, aber ich glaube, ich habe das Schwerste jetzt
+überstanden. Wenn nicht, nun, so werde ich in Australien besser damit
+fertig werden als hier.«
+
+»In Australien?«
+
+»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet
+meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der
+fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten
+Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei
+Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?«
+
+»Zwei?« wiederholte der andere.
+
+»Ja -- wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen,
+seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben
+müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine
+Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter -- zum
+ersten Male versagte ihm fast die Stimme -- und fuhr fort: »Ich hoffe,
+Sie kommen mit -- von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben
+Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus
+tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen,
+nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater
+empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist
+schwer in Ihrem Alter -- mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung
+sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«
+
+»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt
+dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard --
+aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«
+
+Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das
+Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe
+bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig
+und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges
+Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die
+Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:
+
+»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen
+wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu
+berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein -- ja, ich leugne es
+nicht, es war unrecht -- Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu
+verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich
+weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr
+als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort
+zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen
+gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz
+auf dich.«
+
+»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster
+zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie
+Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz
+brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen.
+Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu
+tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott!
+Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich
+gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«
+
+»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir
+miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen
+hofftest, nimmst du nichts mit zurück -- gar nichts!«
+
+»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des
+Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!«
+
+ * * * * *
+
+Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne
+eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer,
+die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die
+Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften
+Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von
+Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor -- das letzte sichtbare
+Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren
+traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in
+der Ferne verschwamm, -- war es doch für viele der letzte Blick auf
+jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die
+Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des
+hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem
+stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die
+hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den
+letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in
+den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war
+nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen
+Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er
+dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten.
+
+»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf
+diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin,
+wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein
+Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den
+Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust
+empfunden hätte.«
+
+Sie gaben sich die Hände.
+
+»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise.
+
+»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem
+letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary
+umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich
+zu Hause fühlen.«
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone
+wieder an:
+
+»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein
+alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich
+doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig.
+Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« --
+
+Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt
+mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So
+scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr
+unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war
+verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen
+aus.
+
+»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich!
+Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein -- und hätte ich sie
+nie mit Augen geschaut, am besten!«
+
+Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die
+Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er
+die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren
+lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt
+in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte -- für ihn waren der
+bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern
+eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig,
+liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden
+Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm.
+Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es
+am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige
+Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde
+das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem
+Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals -- niemals!‹
+zugerufen hatte.
+
+»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich
+hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo
+alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen:
+Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr
+Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es
+hätte wenigstens sein können. Ja -- und vielleicht hätte sie mich ewig
+gehaßt. Besser so!«
+
+Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein
+Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung
+empor.
+
+»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte
+er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir
+wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie
+freigegeben.«
+
+»Everard!«
+
+Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter
+waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht
+unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt,
+ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht,
+in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten
+Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn --
+Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend
+hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse,
+mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft
+an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer
+Freude, an die er nicht zu glauben wagte.
+
+»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und
+während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch
+heißer.
+
+Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn
+mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt.
+
+»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist
+außer Sicht? Nein -- nein! Ich bin zu klug -- ich wollte mich nicht
+blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich
+an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber
+ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte,
+was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener
+Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir
+sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«
+
+Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, aber er sprach nicht.
+Er war seiner Bestürzung noch nicht Herr geworden: sie zu umfassen,
+sie anzuschauen, das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre Hand
+legte sich wieder um seinen Nacken.
+
+»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem Grauen, das mich
+befiel, als es mir zum Bewußtsein kam, daß du fort seiest? Zu der
+unerträglichen Pein, zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich
+niemals dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder hören
+würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz brach, als ich fühlte, daß
+ich dich verloren? Nein, nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder
+schmiegte sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, mein
+Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu bringen, dich zu
+lieben, und wie sehr hatte ich in meiner törichten Verblendung unrecht!
+Wie lange habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe Haß genannt?
+Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem du mich verlassen? Ich weiß es
+nicht -- es kommt auch nicht darauf an -- hier bin ich und kann nicht
+wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit wieder, Everard, aber
+wie konnte ich sie hinnehmen und dir dafür danken, wenn du mir mein
+Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und doch sagst du zu mir:
+›Kehre um‹!«
+
+»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte ich mit der ganzen Welt
+kämpfen müssen, um dich zu behalten!« Er küßte sie auf die Lippen.
+»Florence, wissen es die Deinen?«
+
+»Ja -- jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court verließ, wußten sie
+es noch nicht. Ich habe mich ohne ihr Wissen davongemacht. Ich wollte
+nicht Abschied nehmen -- das hätte Tränen gekostet -- Szenen gegeben.
+Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. Aber sie wissen es jetzt.
+Ich habe der Herzogin geschrieben, habe Briefe für Tante Agathe und
+Cis und einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß ich dir
+nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen gesagt, daß ich, wenn sie
+wieder von mir hörten, nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence
+Leath sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe du ihn mir
+gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe sind hinter mir verbrannt,«
+schloß sie lächelnd.
+
+Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er ihr Gesicht emporhob und
+sich zuwandte.
+
+»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt dich kostet? Du
+gibst sehr viel auf, mein Lieb!«
+
+»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich selbst,« antwortete sie
+innig, »was ich verliere, verliere ich um dich.«
+
+»Es kostet dich dein Vermögen?«
+
+»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger Vormund, und die
+Herzogin wird mir niemals vergeben. Ja -- das kostet es mich.«
+
+»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben lang geliebt hast,
+Kind!«
+
+»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin bei einem, den ich viel
+mehr liebe.«
+
+»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung Gehen, mein Weib.«
+
+»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück.
+
+Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die Arme, und sie küßten
+sich wieder. Das beredteste Wort war arm solch glückseligem Schweigen
+gegenüber.
+
+Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als ein näherkommender
+Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. Beide erkannten Sherriffs
+hohe Gestalt, der langsam herankam und im Zwielichte in der ihm noch
+unvertrauten Umgebung suchend umherspähte.
+
+Florence faßte die Hand ihres Verlobten und trat ein wenig vor.
+
+»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« sprach sie. »Schon deshalb
+würde ich ihn lieben, hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll
+auch mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.«
+
+
+
+
+Notizen des Bearbeiters:
+
+Inhaltsverzeichnis eingefügt.
+
+Fett gedruckter Text markiert durch: = ... =
+
+Gesperrt gedruckter Text markiert durch: _ ... _
+
+Unterstrichener Text markiert durch: ~ ... ~
+
+Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.
+
+Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
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+using this ebook.
+
+Title: Robert Bontine
+
+Author: C. Andrews
+
+Translator: Marie Schultz
+
+Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+</pre>
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+<p><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p>
+
+<p class="center font13 pmb1"><em class="gesperrt">En&szlig;lins Mark-B&auml;nde.</em></p>
+
+<p class="center font08">
+In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen<br />
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+</p>
+
+<table border="0" cellspacing="0" class="tdl" summary="En&szlig;lins Mark-B&auml;nde">
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+ <td align="right"><span class="font08">Band</span></td>
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+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>1:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Leben.</b> Preisgekr&ouml;nter M&uuml;nchner Roman. Von C. Camill.</span></td>
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+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>2:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Theaterkinder.</b> Roman von L. Pany.</span></td>
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+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>3:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der goldene Schatten.</b> Roman von L. T. Meade.</span></td>
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+ <td align="right"><span class="font08"><b>4:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Gib mich frei!</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>5:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Bettelmaid.</b> Roman von J. Fitzgerald Molloy.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>6:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Sein Recht.</b> Roman von E. Fischer-Markgraff.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>7:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Eigenart.</b> Roman von C. von Ende.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>8:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Auf eignen F&uuml;&szlig;en.</b> Roman von K. Krehmcke.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>9:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Soldatent&ouml;chter.</b> Offiziergeschichten von Christa Hoch.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>10:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Erbin.</b> Roman von H. K&ouml;hler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>11:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Das Recht auf Gl&uuml;ck.</b> Roman von H. Gr&eacute;ville.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>12:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der Scharlachbuchstabe.</b> Roman von N. Hawthorne.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>13:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Jessika von Duden u.~a. Novellen.</b> Von G. Genzmer.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>14:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die goldene Stadt.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>15:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Freie Menschen.</b> Roman von Th&eacute; von Rom.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>16:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Vom Baum der Erkenntnis.</b> Roman von H. Hessig.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>17:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Ebba H&uuml;sing.</b> Roman von Willrath Dreesen.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>18:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Des Andern Ehre.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>19:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Sulamith.</b> Roman von A. und C. Askew.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>20:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Irrende Seelen.</b> Roman von V. Luzick&aacute;.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>21:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Mandus Frixens erste Reise.</b> Von E. G. Seeliger.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>22:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der Herzbruchh&uuml;gel.</b> Roman von H. Viel&eacute;.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>23:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Kosaken.</b> Erz&auml;hlung von Leo A. Tolstoj.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>24:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Viktoria.</b> Roman von G. von M&uuml;hlfeld.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>25:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Nordnordwest. &mdash; Die beiden Friesen.</b> Zwei Inselgeschichten.
+ Von Ewald Gerhard Seeliger.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>26:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Hilde Schott.</b> Roman von Adolf Gerstmann.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>27:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Waldasyl.</b> Roman von Johanna Klemm.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>28:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Was Gott zusammenf&uuml;gt ...</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>29:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Aus d&auml;mmernden N&auml;chten.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>30:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Kajus Rungholt.</b> Roman von Charlotte Niese.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>31:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der verkaufte Ku&szlig;.</b> Roman von Alwin R&ouml;mer.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>32:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Durch Sturm und Not.</b> Roman von J. Gr&auml;fin Baudissin.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>33:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Ich will vergelten.</b> Roman von Ellen Svala.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>34:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Haus Schottm&uuml;ller.</b> Roman von August Niemann.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>35:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Robert Bontine.</b> Roman von C. Andrews.</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08">Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenr&auml;umen:</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>36:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>K&auml;thes Ehe.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>37:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Herbstgewitter.</b> Roman von Anna Behrens.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>38:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Das arme Gl&uuml;ck.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>39:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Karsteins.</b> Roman von H. Lang-Anton.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>40:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Von fremden Ufern.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08"><em class="gesperrt">Die Sammlung wird fortgesetzt</em>.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08"><em class="gesperrt">Preis jedes Bandes</em>: 1 Mark oder 1 Krone<br />
+ 20 Heller oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08"><em class="gesperrt">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</em>.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font12"><em class="gesperrt">Verlangen Sie <span class="u">En&szlig;lins</span> Mark-B&auml;nde!</em></span></td>
+ </tr>
+</table>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_3"></a></span></p>
+
+
+<p class="p3 center font30 pmb2">Robert Bontine</p>
+
+<p class="center font14 pmb1">Roman</p>
+
+<p class="center pmb1">von</p>
+
+<p class="center font14 pmb1">C. Andrews</p>
+
+<p class="center font08 pmb2">Autorisierte &Uuml;bersetzung von Marie Schultz</p>
+
+<p class="center font08 pmb2">1. bis 12. Tausend</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 120px;">
+ <img src="images/003_logo.jpg" width="120" height="154" alt="Logo." title="" />
+</div>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<hr class="tb" />
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Reutlingen</em></p>
+
+<p class="center font12 pmb3">En&szlig;lin &amp; Laiblins Verlagsbuchhandlung</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_4"></a></span></p>
+
+<p class="center font08 pmb1">Nachdruck verboten.</p>
+
+<p class="center font08 pmb1">Alle Rechte vorbehalten.</p>
+
+<p class="center font08 pmb1">&Uuml;bersetzungsrecht vorbehalten.</p>
+
+<p class="center pmb3"><em class="antiqua">Printed in Germany</em></p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_i"></a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Inhalt">Inhaltsverzeichnis</h2>
+</div>
+
+<div class="block4a">
+<table border="0" cellspacing="0" class="tdr" summary="Inhaltsverzeichnis/Contents">
+ <colgroup>
+ <col width="20%" /> <col width="4%" /> <col width="10%" />
+ </colgroup>
+ <tr>
+ <td colspan="3" align="right"><span class="font08">Seite</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>1.</td>
+ <td><a href="#Page_5">5</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>2.</td>
+ <td><a href="#Page_21">21</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>3.</td>
+ <td><a href="#Page_35">35</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>4.</td>
+ <td><a href="#Page_48">48</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>5.</td>
+ <td><a href="#Page_59">59</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>6.</td>
+ <td><a href="#Page_71">71</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>7.</td>
+ <td><a href="#Page_83">83</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>8.</td>
+ <td><a href="#Page_91">91</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>9.</td>
+ <td><a href="#Page_101">101</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>10.</td>
+ <td><a href="#Page_113">113</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>11.</td>
+ <td><a href="#Page_126">126</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>12.</td>
+ <td><a href="#Page_138">138</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>13.</td>
+ <td><a href="#Page_152">152</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>14.</td>
+ <td><a href="#Page_165">165</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>15.</td>
+ <td><a href="#Page_175">175</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>16.</td>
+ <td><a href="#Page_189">189</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>17.</td>
+ <td><a href="#Page_203">203</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>18.</td>
+ <td><a href="#Page_213">213</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>19.</td>
+ <td><a href="#Page_224">224</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>20.</td>
+ <td><a href="#Page_240">240</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>21.</td>
+ <td><a href="#Page_256">256</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>22.</td>
+ <td><a href="#Page_265">265</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>23.</td>
+ <td><a href="#Page_283">283</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>24.</td>
+ <td><a href="#Page_298">298</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>25.</td>
+ <td><a href="#Page_309">309</a></td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_1">1.</h2>
+</div>
+
+<p><span class="figleft1" style="width: 70px;">
+ <img src="images/capital_e.jpg" width="70" height="79" alt="E" title="" />
+</span>
+s schien, als ob das Gewitter sich in wenigen
+Minuten zusammengezogen h&auml;tte. Den ganzen
+Tag war das Wetter wundersch&ouml;n gewesen,
+warm und sonnig. Es war schwer
+zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer tiefer
+blau sei, &mdash; an ersterem zeigte sich kaum ein W&ouml;lkchen,
+auf der Meeresfl&auml;che kaum eine schaumgekr&ouml;nte
+Welle. Dann war pl&ouml;tzlich die Sonne verschwunden,
+gro&szlig;e, schwarze Wolkenb&auml;nke schoben sich &uuml;ber die
+zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und
+See und Himmel waren grau. Ein fahler Blitz zuckte
+am Horizont auf, ein dumpfes Donnerrollen unterbrach
+die schw&uuml;le Stille, und schwere Regentropfen begannen
+zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder,
+und der Wind erhob sich in heulenden St&ouml;&szlig;en,
+als freue er sich des gest&ouml;rten Friedens in der Natur.</p>
+
+<p>»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile
+allem Anschein nach keine menschliche Behausung, und
+dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der Tat!«</p>
+
+<p>Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der
+sie sagte, stehen, um den Kragen seines leichten Oberrockes
+in die H&ouml;he zu schlagen. Auf der breiten, ebenen
+Fl&auml;che, die sich vom Rande der Klippen her&uuml;berzog,
+war kein lebendes Wesen au&szlig;er ihm zu erblicken, noch
+ <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span>
+irgendein Geb&auml;ude, das ihm Obdach h&auml;tte gew&auml;hren
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den
+Regen ins Gesicht trieb, und eilte schnelleren Schrittes
+auf dem unebenen Fu&szlig;pfade, den er seit einer Stunde
+verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fu&szlig; zauderte pl&ouml;tzlich,
+als ob der Donner, der &uuml;ber seinem Haupte
+krachte, ein Schu&szlig; gewesen w&auml;re, der unmittelbar an
+seinem Ohre abgefeuert worden.</p>
+
+<p>»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter
+ihm. »Sie finden weit und breit kein Obdach und
+werden bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t werden! Hierher!
+Schnell!«</p>
+
+<p>Der Angeredete wandte sich j&auml;h um. Eine kleine
+Strecke hinter ihm, ungef&auml;hr in der Mitte zwischen dem
+Fu&szlig;weg und dem steil abfallenden Rande der Klippe,
+stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen
+Ginsterb&uuml;schen und Farnkraut. Als er einen Augenblick
+stehen blieb und sie schier verwundert anstarrte,
+winkte sie ihm gebieterisch mit der Hand.</p>
+
+<p>»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst
+auch noch na&szlig;! Beeilen Sie sich, der Regen wird bald
+noch schlimmer werden als jetzt.«</p>
+
+<p>Er lief &uuml;ber den kurzen, schl&uuml;pfrigen Rasen,
+ihrem herrischen Befehle folge gebend. Als er bei
+ihr anlangte, versank sie pl&ouml;tzlich und verschwand unter
+dem nassen Gestr&uuml;pp.</p>
+
+<p>»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem
+Tone aus der Tiefe herauf. »Seien Sie vorsichtig &mdash;
+es kommen drei Stufen. Aber fallen k&ouml;nnen Sie nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p>
+
+<p>Er schob die Bl&auml;tter beiseite und folgte ihr. Ein
+Lichtschein, der zu hell war, als da&szlig; er durch das
+Laub h&auml;tte fallen k&ouml;nnen, zeigte ihm das kleine
+h&ouml;hlen&auml;hnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese
+Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen
+Felsstufen, neben denen sie stand. Er war ein hochgewachsener
+Mann und mu&szlig;te sich deshalb b&uuml;cken,
+um nicht gegen das niedrige Dach zu sto&szlig;en, w&auml;hrend
+er vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.</p>
+
+<p>»Es ist nicht sehr h&uuml;bsch hier unten,« meinte sie,
+»aber es ist doch dem Na&szlig;werden vorzuziehen. Geben
+Sie mir lieber die Hand, sonst m&ouml;chten Sie straucheln &mdash;
+der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick!
+H&ouml;ren Sie nur, wie es regnet! Ich wu&szlig;te, da&szlig;
+es noch schlimmer werden w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in
+Str&ouml;men herab und prasselte auf den Felsen nieder.
+Aufhorchend wandte er seiner Gef&auml;hrtin das Gesicht
+zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen
+erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten
+kam, fiel nur bis auf die Hand, mit der sie die
+seinige ergriffen hatte.</p>
+
+<p>»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer
+so pl&ouml;tzlich zum Ausbruch?« fragte er.</p>
+
+<p>»Sehr oft. Es ist das eine Spezialit&auml;t von Rippondale.
+Aber ich kenne die Vorboten und konnte
+deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht &mdash; nicht
+eher?«</p>
+
+<p>»Erst als Sie mich anriefen.«</p>
+
+<p>»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete
+am Eingang, um Sie hereinzurufen, aber das erstemal
+ <span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span>
+h&ouml;rten Sie mich nicht. Hierher! Treten Sie dorthin,
+wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«</p>
+
+<p>Ihre Hand, die k&uuml;hl und na&szlig; vom Regen war,
+umschlo&szlig; die seine, und er schritt vorsichtig hinter ihr
+die schmale, absch&uuml;ssige Senkung hinunter, an der sie
+ihn entlangf&uuml;hrte. Mit jedem Schritte wurde der
+Lichtschein heller und das murmelnde Pl&auml;tschern der
+Wellen am Fu&szlig;e der Klippe vernehmlicher. Nach
+einer Minute etwa lie&szlig; sie seine Hand los.</p>
+
+<p>»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon
+sagte, ist es kein besonders anziehender Zufluchtsort,
+aber er ist mir schon oft von Nutzen gewesen.«</p>
+
+<p>Der absch&uuml;ssige Gang m&uuml;ndete in eine nat&uuml;rliche
+H&ouml;hle, die sich so gro&szlig; wie ein kleines Zimmer in der
+Vorderwand der Klippe befand. Mit einem belustigenden
+Blick in das Gesicht des Gef&auml;hrten, das sie
+jetzt erst deutlich sah, setzte sich das M&auml;dchen gelassen
+auf einen flachen Vorsprung der Felswand nieder, der
+gro&szlig; und niedrig genug f&uuml;r den Zweck war.</p>
+
+<p>»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie
+f&uuml;hrte, nicht wahr?« meinte sie.</p>
+
+<p>Er schien ihre Frage nicht zu h&ouml;ren. Er hatte
+sich der &Ouml;ffnung der H&ouml;hle gen&auml;hert und blickte nach
+unten. Eine dicht von Schlingpflanzen &uuml;berwucherte
+Felsplatte sprang etwa vier oder f&uuml;nf Fu&szlig; vor, dann
+fiel die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter.
+Ein Schauder &uuml;berlief ihn, als er auf die wogende
+Wasserfl&auml;che herniedersah, und er trat aus dem Bereich
+des herabstr&ouml;menden Regens zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Sie haben sich einen gef&auml;hrlichen Zufluchtsort
+gew&auml;hlt,« sagte er.<span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span>
+»Gef&auml;hrlich?« gab sie zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier
+oben &mdash;«</p>
+
+<p>»O, eines Sturzes!«</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,«
+meinte sie gleichg&uuml;ltig. »Ich werde doch nicht
+so nahe herangehen, da&szlig; ich hinabst&uuml;rzen k&ouml;nnte.«</p>
+
+<p>»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er,
+»ein Sturz von hier oben w&uuml;rde den Tod bedeuten.«</p>
+
+<p>»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe lie&szlig;e sich bei
+vielen anderen Stellen der Klippen behaupten. Die
+Felsw&auml;nde sind fast &uuml;berall furchtbar steil. Es ist
+schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch
+ein Gel&auml;nder zu sch&uuml;tzen, glaube ich; aber der Plan
+ist wieder aufgegeben worden. Vielleicht ist es auch
+kaum n&ouml;tig, denn die Eingeborenen kennen jeden
+Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie,
+sind eine seltene Erscheinung.«</p>
+
+<p>»Sie wissen also,« sagte er langsam, »da&szlig; ich
+hier fremd bin?«</p>
+
+<p>»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens
+fragten Sie mich, ob unsere Gewitter sich immer so
+pl&ouml;tzlich zusammenz&ouml;gen.«</p>
+
+<p>»Und drittens &mdash; wu&szlig;te ich nichts von diesem
+Ihrem Zufluchtsort,« erg&auml;nzte er.</p>
+
+<p>»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn,
+&mdash; ich glaube, kaum irgend jemand. Ich selbst habe
+ihn ganz zuf&auml;llig entdeckt.«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir,
+und er verschwand in dem Ginstergeb&uuml;sch, das den
+ <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span>
+Eingang verdeckt. Er mu&szlig; wohl die Stufen herabgesprungen
+oder heruntergerutscht sein und konnte
+sich nicht wieder herausfinden. Ich rief und wartete,
+und schlie&szlig;lich h&ouml;rte ich ihn bellen und leise winseln.
+Da fand ich das Loch und bahnte mir einen Weg
+hinunter.«</p>
+
+<p>»Und so entdeckten Sie die H&ouml;hle?«</p>
+
+<p>»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wu&szlig;te,
+da&szlig; Sie bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t sein w&uuml;rden, ehe
+Sie St. Mellions erreichten.«</p>
+
+<p>»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«</p>
+
+<p>Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes,
+da&szlig; sie ihn geh&ouml;rt habe, antwortete aber nicht. Sie
+wandte das Haupt und blickte in den grauen Himmel,
+auf die graue See, den str&ouml;menden Regen und die flammenden
+Blitze hinaus und gew&auml;hrte ihm so Gelegenheit,
+sie ungest&ouml;rt zu mustern.</p>
+
+<p>Sie war &uuml;ber Mittelgr&ouml;&szlig;e, ohne doch gro&szlig; zu
+sein; ihre kaum voll entwickelte Gestalt war biegsam
+und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war so schlicht
+und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem
+Beobachter fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar
+auf, die Schw&auml;rze der Brauen und der langen, gebogenen
+Wimpern, das dunkle, bl&auml;ulich schimmernde
+Grau der gro&szlig;en, gl&auml;nzenden irischen Augen, die
+schneeige Wei&szlig;e ihrer Haut und der sch&ouml;ngeschwungene
+kleine herrische Mund.</p>
+
+<p>Sein Urteil lautete, da&szlig; sie sch&ouml;n, da&szlig; sie sicherlich
+stolz und wahrscheinlich von heftigem Temperamente
+war, und er zerbrach sich den Kopf dar&uuml;ber,
+wer sie wohl sein m&ouml;ge. H&auml;tte sie ihn angeschaut,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span>
+wozu sie keine Neigung zu versp&uuml;ren schien, so w&uuml;rde
+sie einen Mann gesehen haben, der drei&szlig;ig Jahre alt
+sein mochte, dessen sehnige, aufrechte Gestalt auf gro&szlig;e
+Energie und Kraft schlie&szlig;en lie&szlig;, dessen sonnengebr&auml;unte
+Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen
+blonden Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart
+bildete, dessen Z&uuml;ge weder besonders h&uuml;bsch noch
+besonders unsch&ouml;n waren, und dessen &Auml;u&szlig;eres durch
+die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende,
+kalte blaue Augen nicht anziehender wurde.</p>
+
+<p>Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen,
+da&szlig; sie ohne allen Zweifel eine Dame sei, obgleich
+ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht verriet. Sie
+ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn f&uuml;r
+einen Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze
+Br&uuml;skheit des Benehmens, &mdash; zu unbewu&szlig;t, um als
+ungezogen zu gelten, &mdash; war den M&auml;nnern nicht
+eigen, mit denen t&auml;glich zu verkehren ihr Los war. &mdash;</p>
+
+<p>Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen
+rauschte hernieder und f&uuml;llte die Pause aus, die beiden
+schnell peinlich zu werden anfing. Das junge M&auml;dchen
+machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht
+verraten, da&szlig; sie sich der verstohlenen Musterung
+des Fremden bewu&szlig;t sei. Sie nahm den Matrosenhut
+ab, der die losen kastanienbraunen L&ouml;ckchen, die sich
+auf ihrer wei&szlig;en Stirn ringelten, verdeckt hatte.</p>
+
+<p>»Es ist unertr&auml;glich warm!« meinte sie ungeduldig.
+»Und dabei sind wir erst in der ersten H&auml;lfte
+des Juni. Mitte August ist es sonst nicht schlimmer!«</p>
+
+<p>»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab
+der Mann ruhig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span></p>
+
+<p>»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungl&auml;ubig
+fragenden Blick zu. »Aber nicht in diesem Teile Englands,«
+erkl&auml;rte sie sehr entschieden.</p>
+
+<p>»&Uuml;berhaupt nicht in England. Ich spreche von
+Australien.«</p>
+
+<p>»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem
+Interesse. »Daher kommen Sie also?«</p>
+
+<p>»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«</p>
+
+<p>Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.</p>
+
+<p>»Es war ein merkw&uuml;rdiges Gef&uuml;hl &mdash; ich werde
+es niemals vergessen: mir war zumute, als sei ich aus
+den Wolken auf die Erde niedergefallen.«</p>
+
+<p>»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«</p>
+
+<p>»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in
+dem ganzen Lande kein Wesen gibt, das ich kenne.«</p>
+
+<p>»O!«</p>
+
+<p>Die Worte machten ihre schnell gefa&szlig;te Vermutung
+zunichte.</p>
+
+<p>»Sie haben also keine Verwandten hier?«</p>
+
+<p>»Ich habe nirgends Verwandte, &mdash; die ich kenne.«
+Er stockte seltsam in der Mitte des Satzes, und sein
+L&auml;cheln war verschwunden. »Sie glaubten vermutlich,
+ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«</p>
+
+<p>»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions
+einen Verwandten in Australien h&auml;tte, so
+w&uuml;rde ich davon geh&ouml;rt haben. Aber da Ihnen ganz
+England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, da&szlig;
+Sie sich zuerst einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht
+haben. Ich f&uuml;rchte, Sie ahnen nicht, wie
+langweilig es hier ist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span></p>
+
+<p>»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl
+in der Sache.«</p>
+
+<p>»So?« Unwillk&uuml;rlich blickte sie ihn wieder neugierig
+an. »Dann sind Sie nicht zu Ihrem Vergn&uuml;gen
+hergekommen?«</p>
+
+<p>»Zu meinem Vergn&uuml;gen!« Er lachte bitter. »Nein
+&mdash; in Gesch&auml;ften!«</p>
+
+<p>Sein Ton war so schroff und abweisend, da&szlig; sie
+ihr Gesicht fast beleidigt abwandte und verstummte.
+Sie blickte wieder in das graue Landschaftsbild und
+den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.</p>
+
+<p>Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend
+nicht bewu&szlig;t war, hub wieder an:</p>
+
+<p>»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, k&ouml;nnen
+Sie mir vielleicht sagen, wie weit es noch bis St. Mellions
+ist?«</p>
+
+<p>»Ungef&auml;hr eine Viertelstunde.«</p>
+
+<p>Sie sprach sehr kurz zu ihm.</p>
+
+<p>»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur
+von H&auml;usern erblicken.«</p>
+
+<p>»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.«
+Vielleicht hatte er sie gar nicht beleidigen wollen.
+Bei dieser Erw&auml;gung wurde sie wieder fast liebensw&uuml;rdig
+und setzte ihm auseinander, da&szlig; das Dorf
+in einer Talmulde l&auml;ge.</p>
+
+<p>»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, da&szlig; er
+kein Wirtshaus hat?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; sogar zwei.«</p>
+
+<p>Sie blickte wieder seew&auml;rts und fuhr in ver&auml;ndertem
+Tone fort: »Wir werden nicht mehr lange<span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span>
+gefangengehalten werden: die Wolken teilen sich, der
+Regen wird gleich vor&uuml;ber sein.«</p>
+
+<p>Sie hatte recht, denn wenige Minuten sp&auml;ter
+schien die Sonne, und Meer und Himmel waren blau.
+Wie sie ihm in die H&ouml;hle vorangegangen war, so &uuml;bernahm
+sie auch jetzt wieder die F&uuml;hrung den absch&uuml;ssigen
+Gang und die drei Felsenstufen hinauf,
+durch das dichte Ginstergestr&uuml;pp, das den Eingang
+verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen.
+Hier nahm der Fremde ernst den Hut ab und verneigte
+sich vor ihr. Sie hatte ihm diesmal nicht die Hand
+gegeben.</p>
+
+<p>»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie
+gehen, &mdash; entschuldigen Sie, &mdash; nicht denselben Weg
+wie ich?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte, und in ihren grauen Augen blitzte
+es schelmisch auf. »Dorthin f&uuml;hrt mein Weg,« sagte
+sie leichthin und deutete schr&auml;g &uuml;ber die Halde auf eine
+dichte Baumgruppe, »und Sie k&ouml;nnen den Ihren nicht
+verfehlen. Geradeaus! Adieu!«</p>
+
+<p>»Einen Augenblick, bitte! Ich f&uuml;rchte, ich habe
+einen Versto&szlig; begangen. Wenn das der Fall ist, so
+m&uuml;ssen Sie das, bitte, meinem Leben in Australien zugute
+halten. Ich habe Ihre G&uuml;te angenommen und
+m&uuml;&szlig;te Ihnen sicherlich meinen Namen nennen.«</p>
+
+<p>»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete
+sie l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>»Dann will ich es tun. Ich hei&szlig;e Everard Leath.«</p>
+
+<p>»Danke, Herr Leath.«</p>
+
+<p>Da&szlig; er ihr seinen Namen genannt hatte, in der<span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span>
+Hoffnung, sie werde jetzt ein gleiches tun, wu&szlig;te
+sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus Schelmerei eine
+Entt&auml;uschung.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt
+zwei Wirtsh&auml;user in St. Mellions. Gehen Sie nicht
+in den Schwarzen Adler &mdash; die Schlafzimmer sind
+dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms,
+die den gewissenhaftesten Eigent&uuml;mer und die beste
+aller Wirtinnen haben.«</p>
+
+<p>»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«</p>
+
+<p>Wohl wissend, da&szlig; sie ihn hatte abblitzen lassen,
+machte er noch einen Versuch &mdash; diesmal einen direkten.
+&mdash; »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit nicht die Krone
+aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu
+Dank verpflichtet bin?«</p>
+
+<p>»Wie ich hei&szlig;e, meinen Sie? O ja! Es ist nur
+nat&uuml;rlich, da&szlig; Sie das gerne wissen m&ouml;chten &mdash;
+freilich!«</p>
+
+<p>Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter
+und raffte geschickt ihre R&ouml;cke zusammen, damit sie
+das regenfeuchte Gras nicht streiften. »Nun, wenn
+Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie
+nur Ihre Wirtin.«</p>
+
+<p>Sie huschte &uuml;ber den blitzenden Rasen fast so
+leicht und schnell wie ein Vogel dahin und blickte sich
+mit hellem Lachen noch einmal um. Everard Leath
+schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die
+Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach
+St. Mellions ein.</p>
+
+<p>Der Abhang, den er hinabsteigen mu&szlig;te, war
+so steil, da&szlig; der einsame Wanderer fast in die Schornsteine<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span>
+des Dorfes hinabsehen konnte. Er lie&szlig; sich von
+einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem
+Brunnen sch&ouml;pfte, zurechtweisen und betrat bald die
+niedere Gaststube der Chichester Arms.</p>
+
+<p>Die rosige und beh&auml;bige Wirtsfrau, die eilfertig
+zu seinem Empfange herbeikam, f&uuml;hrte ihn in ein
+kleines sauberes Wohnzimmer mit get&auml;felten W&auml;nden
+und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker Butzenscheibenfenster,
+einer F&uuml;lle leuchtendroter Geranienst&ouml;cke
+und riesigen kissenbedeckten Windsorst&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt,
+und nachdem er sich in einem f&uuml;nfeckigen Schlafzimmer
+von dem Reisestaub ges&auml;ubert hatte, setzte er
+sich und wartete darauf.</p>
+
+<p>Als er mit der m&uuml;&szlig;igen Neugier, die einem
+Menschen, der sich an einem fremden Orte befindet,
+nat&uuml;rlich ist, aus einem der Fenster schaute, sah er
+einen etwa achtzehnj&auml;hrigen blonden Burschen vors
+Haus reiten. Mit schnell erwachtem Interesse in den
+Z&uuml;gen wandte er sich an das M&auml;dchen, das gerade die
+letzten Sch&uuml;sseln hereinbrachte und auf seinen Tisch
+stellte, mit der Frage:</p>
+
+<p>»Wissen Sie, wer das ist?«</p>
+
+<p>»Das, gn&auml;diger Herr?«</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen steckte ihr bl&uuml;hendes Gesicht durch
+die Geranien und erhielt sofort einen fr&ouml;hlichen Gru&szlig;
+von dem Reiter.</p>
+
+<p>»O freilich &mdash; das ist Herr Roy!«</p>
+
+<p>»Ah!« Ein L&auml;cheln &uuml;berflog Leaths ernste Z&uuml;ge.
+»Das sagt mir nicht viel. Wer mag Herr Roy sein?«</p>
+
+<p>»Er ist Sir Jaspers Sohn, gn&auml;diger Herr. Er<span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span>
+ist sein Einziger. Au&szlig;erdem ist noch Fr&auml;ulein C&auml;cilie da.«</p>
+
+<p>»Wie hei&szlig;t Sir Jasper weiter?«</p>
+
+<p>»Sir Jasper Mortlake, Herr.«</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen blickte ihn verwundert an. Jemand,
+der Sir Jasper nicht kannte, war augenscheinlich
+in ihren Augen ein Ph&auml;nomen.</p>
+
+<p>»Sie haben doch sicherlich von ihm geh&ouml;rt?«
+meinte sie in fast vorwurfsvollem Ton.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; niemals. Geh&ouml;rt ihm dies Haus?«</p>
+
+<p>»Ach nein, gn&auml;diger Herr! Der Schwarze Adler
+ist seines. Unser Herr ist Herr Chichester. W&uuml;nschen
+Sie sonst noch etwas?«</p>
+
+<p>Leath hatte weiter keine W&uuml;nsche und begann
+sein Mahl, aber nicht ehe er Roy Mortlake hatte
+davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen Beifall
+gezollt hatte.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter, als er in einem der gro&szlig;en St&uuml;hle sa&szlig;
+und seine Zigarre rauchte, klopfte es, und seine r&uuml;hrige
+Wirtin trat ein, um sich zu erkundigen, ob es ihm geschmeckt
+habe und wo sie sein Gep&auml;ck abholen lassen
+k&ouml;nne, worauf er ihr sagte, da&szlig; es am Bahnhofe in
+Market Beverley st&auml;nde.</p>
+
+<p>»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.</p>
+
+<p>»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen,
+gn&auml;diger Herr. Oben auf den Klippen
+entlang m&ouml;gen es wohl anderthalb Meilen sein.«</p>
+
+<p>»Den Weg bin ich gekommen.«</p>
+
+<p>Ein pl&ouml;tzlicher Gedanke kam der Wirtin.</p>
+
+<p>»Wenn Sie zu Fu&szlig; von Market Beverley gewandert<span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span>
+sind, gn&auml;diger Herr, so m&uuml;ssen Sie von dem
+Gewitter &uuml;berrascht worden sein!« rief sie.</p>
+
+<p>»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei
+f&auml;llt mir ein, mir ist aufgetragen, Ihnen eine Frage
+vorzulegen, Frau Buckstone.«</p>
+
+<p>»Eine Frage? Mir, gn&auml;diger Herr?«</p>
+
+<p>»Ja, &mdash; von einer Dame, die mir als rettender
+Engel erschien und mich vor dem Na&szlig;werden bewahrt
+hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«</p>
+
+<p>Er schilderte in aller K&uuml;rze und in belustigtem
+Tone sein Erlebnis.</p>
+
+<p>»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen,
+und sagte mir, ich m&ouml;chte mich an Sie wenden, wenn
+ich ihn wissen wolle,« schlo&szlig; er l&auml;chelnd, »und fort
+war sie.«</p>
+
+<p>»War sie h&uuml;bsch, gn&auml;diger Herr?«</p>
+
+<p>»H&uuml;bsch? Freilich &mdash; mehr als das. Aber wer
+war es? K&ouml;nnen Sie es sich denken?«</p>
+
+<p>»O ja, gn&auml;diger Herr!« Die Wirtin l&auml;chelte ebenfalls.
+»Dar&uuml;ber kann kaum ein Zweifel sein. Das
+war nat&uuml;rlich die Gr&auml;fin Florence.«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence?« Leath wiederholte den
+Namen mit erstauntem Blick. »Was? Ist die junge
+Dame verheiratet?«</p>
+
+<p>»O nein. Gr&auml;fin Florence Esmond ist die Tochter
+eines Grafen dr&uuml;ben in Irland, der starb, als sie ein
+ganz kleines Ding war. Sie ist Sir Jasper Mortlakes
+Nichte &mdash; und wohnt meistens bei ihnen in Turret
+Court. Sie haben das Schlo&szlig; vielleicht bemerkt, gn&auml;diger
+Herr? Es liegt an der anderen Seite der Halde,
+etwa dreiviertel Stunden von hier.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span></p>
+
+<p>»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete
+Leath und griff wieder nach seiner Zigarre.</p>
+
+<p>»Das war also Gr&auml;fin Florence Esmond!« sprach
+er halblaut und gedankenvoll vor sich hin, als
+die gesch&auml;ftige Wirtin den Tisch abger&auml;umt und ihn
+allein gelassen hatte. »Ein merkw&uuml;rdiger, ungew&ouml;hnlicher
+Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret
+Court.«</p>
+
+<p>Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch
+eines der Erkerfenster in den dunkelblauen Abendhimmel
+hinausblickte. »Es ist ein Gl&uuml;ck, da&szlig; ich
+etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst
+k&ouml;nnten mir jene grauen Augen gef&auml;hrlich werden,
+f&uuml;rchte ich!«</p>
+
+<p>Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das
+ihn besch&auml;ftigte, und sein Antlitz wurde d&uuml;sterer und
+strenger, als er dar&uuml;ber nachsann. Nicht an Florences
+graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf
+ihrer wei&szlig;en Stirn, noch an ihre sch&ouml;ngeschweiften
+roten Lippen dachte er. Er begann in dem engen
+Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor
+sich hinzumurmeln.</p>
+
+<p>»Was wohl das Ende sein wird? Wird &uuml;berhaupt
+ein Ende kommen? Jetzt, wo ich hier bin,
+steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob &mdash; wenn
+ich nicht mein Wort verpf&auml;ndet h&auml;tte &mdash; es nicht verst&auml;ndiger
+gewesen w&auml;re, ich h&auml;tte alles gehen lassen,
+wie es wollte, und niemals diesen Ort betreten? Mein
+Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen,
+nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span>
+d&uuml;nkt. Soll ich ihn aufgeben, trotz meines gegebenen
+Wortes wieder gehen?«</p>
+
+<p>Seine Augen flammten pl&ouml;tzlich auf; er ballte
+seine kr&auml;ftige Hand. »Bah! Welche Feigheit ist das
+auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der Wolke gedenken,
+die meine Jugend verd&uuml;stert hat, des Sterbebettes,
+an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre
+einsamer Arbeit und schweren Ringens, und will
+nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine Arbeit
+anf&auml;ngt!«</p>
+
+<p class="pmb3">Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu
+starren. »Nun, der erste Schritt ist getan. Ich bin
+hier in Mellions, dessen Name mir fast von meiner
+Kindheit an vertraut und verha&szlig;t ist. Aber um wieviel
+n&auml;her bin ich jetzt wohl meinem Ziele &mdash; wieviel
+n&auml;her daran, Robert Bontine zu finden?«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_2">2.</h2>
+</div>
+
+<p>Das sogenannte get&auml;felte Zimmer in Turret Court
+hatte verschiedene Vorz&uuml;ge, die es erkl&auml;rlich machten,
+da&szlig; es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie
+war. Die bemalten, in die W&auml;nde eingef&uuml;gten
+Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis
+auf den Boden hinabgehenden Glast&uuml;ren f&uuml;hrten auf
+eine von Schlinggew&auml;chsen berankte Veranda, vor
+der sich gleich einem gr&uuml;nen Sammetteppich ein herrlicher,
+von prangenden Blumenbeeten und &uuml;ppigem
+Gestr&auml;uch eingefa&szlig;ter Rasen ausbreitete, und von der
+man &uuml;berdies eine wundervolle Aussicht &uuml;ber die
+Heide nach den zackigen Bergkuppen hin&uuml;ber und
+auf das ferne Meer geno&szlig;. Turret Court lag hoch,
+so hoch, da&szlig; man von dort das Tal, in dessen gr&uuml;nem
+Scho&szlig;e St. Mellions lag, sehen konnte.</p>
+
+<p>Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im
+ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete,
+ein behagliches Mittagsschl&auml;fchen halten zu
+k&ouml;nnen, und ferner das Klavier, zu dessen Kl&auml;ngen ihre
+Tochter immer am besten singen konnte. Der gr&ouml;&szlig;te
+Vorzug aber von allen war, wie Gr&auml;fin Florence mehr
+als einmal k&uuml;hn ausgesprochen hatte, da&szlig; Sir Jasper
+seine Schwelle h&ouml;chstens zw&ouml;lfmal im Jahre &uuml;berschritt.
+Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen<span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span>
+bei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann,
+und sowohl seine sanfte Frau wie sein h&uuml;bsches T&ouml;chterchen
+waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen,
+da&szlig; sie sich vor ihm f&uuml;rchteten.</p>
+
+<p>An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht
+in der N&auml;he des get&auml;felten Zimmers, sonst h&auml;tte dort
+nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe
+sa&szlig; an einer der offenen Glast&uuml;ren in dem Stuhle, den
+sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht
+fast zu gro&szlig; f&uuml;r ihre zarten wei&szlig;en H&auml;nde zu
+sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau,
+die einst h&uuml;bsch gewesen war, von jener blonden, rosig
+angehauchten Sch&ouml;nheit, die meistens so fr&uuml;h verbl&uuml;ht.
+Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz
+mit den sanften Augen hatten noch etwas M&auml;dchenhaftes,
+obgleich sie schon zwei oder drei Jahre &uuml;ber
+die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne
+je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges
+gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme
+Dame, wie es von der Tochter eines der &auml;ltesten irischen
+Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht
+der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber
+doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona,
+pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit
+zu sagen; nicht um die Welt h&auml;tte sie eingestanden,
+was ihre innerste &Uuml;berzeugung war, &mdash; da&szlig; es eine
+ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau
+ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbesch&auml;ftigung
+und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder
+ihrer beiden jungen Gef&auml;hrtinnen zu lauschen,
+die in bequemen Schaukelst&uuml;hlen auf der Veranda
+ <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span>
+sa&szlig;en. In ihren wei&szlig;en Kleidern sahen die beiden
+M&auml;dchen schneeiggefiederten V&ouml;geln nicht un&auml;hnlich.</p>
+
+<p>Florences graue Augen blitzten schelmisch, w&auml;hrend
+sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch
+tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen,
+die Florence Esmond am besten kannten,
+pflegten zu sagen, da&szlig;, wenn sie kein Geheimnis
+daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund,
+beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter
+verg&ouml;tterte und den jungen Roy kaum weniger liebte.
+Die Behauptung war nicht sehr &uuml;bertrieben, denn
+es entsprach des M&auml;dchens innerster Natur, hei&szlig; zu
+lieben, wo es &uuml;berhaupt liebte.</p>
+
+<p>C&auml;cilie &mdash; im Familienkreis stets Cis genannt
+&mdash; war ein sehr h&uuml;bsches M&auml;dchen, &mdash; in der ganzen
+Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer
+Sch&ouml;nheit ber&uuml;hmt, &mdash; klein und zart gebaut, mit
+goldblondem Haar und lichtbraunen Augen und mit
+vollendet sch&ouml;nen und zarten Farben. &mdash; Dem Aussehen
+nach schien sie weit j&uuml;nger als ihre gr&ouml;&szlig;ere
+Cousine mit ihrer stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem
+schlanken Hals und Nacken und dem hochm&uuml;tig getragenen
+braunen K&ouml;pfchen; aber der Altersunterschied
+zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige
+Wochen. Beide hatten im vergangenen Winter ihren
+zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie so plaudernd dasa&szlig;en, sagte Florence:
+»Wie viele Torheiten habe ich mir im Leben schon
+zuschulden kommen lassen, die dir nicht einmal eingefallen
+w&auml;ren, du gutes kleines Ding! Ich tue
+freilich in Sack und Asche Bu&szlig;e, das ist wahr, aber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span>
+was n&uuml;tzt das? Und ach, was noch schlimmer ist,
+wie zahllose werde ich voraussichtlich noch begehen.«</p>
+
+<p>»Das m&ouml;chte die Herzogin auch wissen,« meinte
+C&auml;cilie l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>»Die Herzogin! O!« Florences fr&ouml;hlicher Mund
+wurde ernst; sie setzte sich aufrecht in ihrem Stuhle
+hin. »Liebes Herz, &mdash; dabei f&auml;llt mir ein, &mdash; wie
+du wei&szlig;t, hatte ich heute morgen Kopfweh und fr&uuml;hst&uuml;ckte
+oben. Mit einer Tasse Tee &uuml;berreichte mir
+meine ahnungslose Jungfer eine Bombe. Die Herzogin
+hat geschrieben.«</p>
+
+<p>»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt
+nach dir?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Auf zwei Briefbogen &uuml;berh&auml;ufte
+sie mich mit Vorw&uuml;rfen, da&szlig; ich sie mitten in der
+Saison im Stich gelassen, besonders nach der M&uuml;he,
+die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte
+meldet mir, da&szlig; sie sich gar nicht wohl f&uuml;hle, und
+da&szlig; der Doktor ihr anempfohlen, ohne Aufschub nach
+Pontresina abzureisen, und der vierte befiehlt mir,
+heute &uuml;ber acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen
+und bereit zu sein, sie zu begleiten.«</p>
+
+<p>»O Florence! Welch eine schreckliche Entt&auml;uschung!
+Du sagtest, du wolltest den ganzen Sommer
+bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich verlieren!«</p>
+
+<p>Cis&rsquo; sch&ouml;ne Augen f&uuml;llten sich mit Tr&auml;nen. Ihre
+Cousine erhob sich lachend, k&uuml;&szlig;te sie und strich ihr
+mit der wei&szlig;en Hand &uuml;ber den blonden Kopf.</p>
+
+<p>»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes G&auml;nschen!
+Ich habe schon geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll
+zu melden, da&szlig; ich sie nicht begleiten werde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span></p>
+
+<p>»Wie lieb von dir! Aber ich f&uuml;rchte, sie wird
+furchtbar b&ouml;se werden.«</p>
+
+<p>»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England
+zu bleiben,« gab Florence gelassen zur Antwort.
+»Bis sie zur&uuml;ckkommt, wird sie es &uuml;berwunden haben.«</p>
+
+<p>»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fr&auml;ulein
+Mortlake empfand ein gut Teil Angst und Scham vor
+Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin von Dunbar,
+da sie ein sch&uuml;chternes kleines Gesch&ouml;pf war, und
+sah fast ebenso &auml;ngstlich aus, als h&auml;tte sie selbst gewagt,
+der hochgeborenen Dame Trotz zu bieten.</p>
+
+<p>»Ich m&ouml;chte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater
+in die Vormundschaft &uuml;ber dich, Florence,« sprach sie.
+»Ein Vormund ist genug.«</p>
+
+<p>»Liebste, ich bin oft der Meinung, da&szlig; einer
+schon zu viel ist.« Florence setzte sich wieder in ihren
+Stuhl, verschr&auml;nkte die H&auml;nde im Nacken unter dem
+vollen, lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen
+Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht
+l&auml;stig, das mu&szlig; ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin
+hat bei mir Gevatter gestanden, und so h&auml;tte sie
+es wohl nicht gern gesehen, wenn sie &uuml;bergangen
+worden w&auml;re. Und mein Vater mag wohl der Ansicht
+gewesen sein, da&szlig; Frauen nicht viel von Gesch&auml;ften
+verst&uuml;nden. Er hielt es im Interesse meiner
+Angelegenheiten f&uuml;r besser, ihr einen m&auml;nnlichen Vormund
+an die Seite zu stellen, und da war es nat&uuml;rlich,
+da&szlig; seine Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner
+einzigen Schwester, fiel. Ihre Durchlaucht waren
+unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem ich<span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span>
+m&uuml;ndig bin, kann ich &uuml;berhaupt tun, was mir beliebt
+&mdash; was meinen Aufenthalt betrifft wenigstens.«</p>
+
+<p>Der Ton lie&szlig; darauf schlie&szlig;en, da&szlig; die Sprecherin
+in anderer Hinsicht nicht tun k&ouml;nne, was ihr beliebte.</p>
+
+<p>»Hast du &mdash; hast du es der Herzogin erz&auml;hlt,
+Florence?« fragte Cis, anscheinend ganz ohne allen
+Zusammenhang, mit ged&auml;mpfter Stimme.</p>
+
+<p>»Nein, mein Herz. Ich beschlo&szlig;, damit noch zu
+warten. Teils weil ich der Ansicht war, mein Brief
+sei sowieso schon hinreichend, um ihr auf die Nerven
+zu fallen, &mdash; von der Laune, in die er sie versetzen
+wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es f&uuml;r m&ouml;glich
+hielt, sie k&ouml;nne ihren Doktor samt seinen Verordnungen
+und Pontresina ganz und gar vergessen und
+in h&ouml;chsteigener Person hier auf der Bildfl&auml;che erscheinen,
+um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten
+sind mir gew&ouml;hnlich langweilig.«</p>
+
+<p>Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab
+und fragte: »Wo ist Roy heute morgen, Cis?«</p>
+
+<p>»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich wei&szlig; es sogar
+bestimmt. Er sagte beim ersten Fr&uuml;hst&uuml;ck, er wolle
+nach Arborfield hin&uuml;berreiten.«</p>
+
+<p>»Und Harry zum zweiten Fr&uuml;hst&uuml;ck mitbringen!«
+setzte Florence gleichm&uuml;tig hinzu. »Weshalb sprichst
+du nicht zu Ende, Cis?«</p>
+
+<p>Sie lachte, w&auml;hrend sie in das Porzellangesichtchen
+schaute, dessen zarte Farbe dunkler wurde.</p>
+
+<p>»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit
+drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz
+nett, einen Harry zu haben. Wei&szlig;t du, ich denke mitunter,
+wie mir das wohl gefallen w&uuml;rde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span></p>
+
+<p>»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit
+der w&uuml;rdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor.
+»Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen,
+wo du &mdash;«</p>
+
+<p>»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch
+davon &uuml;berzeugt bin, da&szlig; ich es nie sein werde!«
+beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht,
+mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewi&szlig;
+nicht, mich in sentimentalen Erw&auml;gungen zu ergehen.
+In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich geh&ouml;rt,
+und dich und Harry nur aus dem angemessenen
+&uuml;berlegenen und unpers&ouml;nlichen Gesichtspunkte betrachten.
+Und darin kann ich gleich anfangen, mich
+zu &uuml;ben, denn da sind sie schon.«</p>
+
+<p>Zwei junge Leute kamen von den Stallgeb&auml;uden
+her quer &uuml;ber den Rasen &mdash; der blonde, glattwangige,
+langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde
+Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der
+Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry
+Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries
+von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit
+drei Monaten trug. Er war ein h&uuml;bscher Mensch
+mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des
+noch reizenderen Err&ouml;tens, mit dem sein Br&auml;utchen
+ihn begr&uuml;&szlig;te, w&uuml;rdig sei.</p>
+
+<p>Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis&rsquo;
+goldblonder Kopf wurde sorgf&auml;ltig mit einem Sonnenschirm
+besch&uuml;tzt, und Roy setzte sich auf eine Stufe
+der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl.
+Lady Agathe hatte die Ank&ouml;mmlinge nur mit einem<span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span>
+freundlichen L&auml;cheln begr&uuml;&szlig;t, sich aber nicht weiter
+st&ouml;ren lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.</p>
+
+<p>»Flo,« &mdash; Roy liebte es, Gr&auml;fin Florences Namen
+so abzuk&uuml;rzen, &mdash; »ich habe Chichester gesehen &mdash;
+Hallo! Zum Kuckuck auch!«</p>
+
+<p>Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen
+Sitze empor. Sir Jasper ri&szlig; pl&ouml;tzlich die T&uuml;r auf und
+betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Best&uuml;rzung
+seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences
+grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie
+in diesem Raume erschien.</p>
+
+<p>Er sah &mdash; wenigstens auf den ersten Blick &mdash;
+nicht so aus wie jemand, dessen pl&ouml;tzliches Erscheinen
+geeignet war, eine St&ouml;rung zu verursachen. Wie alle
+Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis&rsquo; h&uuml;bsches rosiges
+Gesichtchen hatte nicht regelm&auml;&szlig;igere Umrisse und
+Z&uuml;ge als das seine. Man h&auml;tte es fast allzu regelm&auml;&szlig;ig,
+zu glatt, zu farblos und ruhig nennen k&ouml;nnen.
+An seinem letzten Geburtstage war er sechsundf&uuml;nfzig
+gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus.
+Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die
+die grauen F&auml;den nicht hervortreten l&auml;&szlig;t, sein Antlitz
+zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar
+und gl&auml;nzend; da&szlig; er nur einen gro&szlig;en Schnurrbart
+trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, lie&szlig;
+ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht
+getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten,
+ungezwungenen Anstande, der auf einen viel j&uuml;ngeren
+Mann h&auml;tte schlie&szlig;en lassen.</p>
+
+<p>Ja &mdash; Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von
+Turret Court, war entschieden ein sch&ouml;ner und auf
+ <span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span>
+den ersten Blick ein anziehender Mann f&uuml;r fast jeden.
+Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich
+auf Physiognomik verstanden, da&szlig; seine grauen Augen
+ebenso eisig kalt und strenge wie gl&auml;nzend waren,
+da&szlig; die schmalen, sch&ouml;ngeschnittenen Lippen sich gew&ouml;hnlich
+fest aufeinanderpre&szlig;ten, und da&szlig; die Umrisse
+des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose
+H&auml;rte deuteten.</p>
+
+<p>Es gab indessen eine Menge Menschen, deren
+Augen hierf&uuml;r blind blieben, ebenso wie ihre Ohren
+taub gegen die Tatsache waren, da&szlig; seine langsame,
+klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen
+scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper
+f&uuml;r einen sehr netten Mann und Lady Agathe f&uuml;r eine
+sehr gl&uuml;ckliche Frau zu erkl&auml;ren, eine Ansicht, der zu
+widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume eingefallen
+sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und lie&szlig;
+ihren Roman fallen, w&auml;hrend ein &auml;ngstliches Beben
+ihre zarte Gestalt durchlief. Roy schlich sich die
+Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht,
+sich wom&ouml;glich ungesehen aus dem Staube zu machen.
+Florence gab ihrem Schaukelstuhle einen Ruck und
+blickte ihren Vormund mit fragenden Augen an. Ihr
+jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan
+seit der Zeit, wo sie ein &uuml;berm&uuml;tiges, dreizehnj&auml;hriges
+M&auml;dchen in kurzen Kleidern gewesen und er ihr
+Vormund geworden war. Das war vielleicht ein
+Grund, weshalb er fast immer h&ouml;flich und mitunter
+fast liebensw&uuml;rdig gegen sie war, obgleich ein anderer
+Grund in der Tatsache zu finden sein mochte, da&szlig;,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span>
+wenn sie es abgelehnt h&auml;tte, wenigstens die H&auml;lfte
+des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend
+Pfund Sterling j&auml;hrlich weniger in die Tasche des
+Barons geflossen sein w&uuml;rden. Es wurde gemeiniglich
+angenommen, da&szlig; Turret Court fast so alt sei
+wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an
+irdischen G&uuml;tern hatte das Geschlecht der Mortlakes
+nie &Uuml;berflu&szlig; besessen.</p>
+
+<p>»Ist &mdash; kann ich &mdash; w&uuml;nschest du irgend etwas,
+Jasper?« stammelte Lady Agathe &auml;ngstlich hervor.</p>
+
+<p>»Danke &mdash; nein. Bitte, la&szlig; dich nicht st&ouml;ren.«
+Der Baron warf einen ver&auml;chtlichen Blick auf den
+hingefallenen Roman; f&uuml;r die harmlosen B&auml;nde, die
+das Hauptinteresse und Vergn&uuml;gen seiner Gattin ausmachten,
+hatte er eine uns&auml;gliche Verachtung.</p>
+
+<p>»Ich glaubte, Roy w&auml;re hier,« setzte er, sich umblickend,
+hinzu.</p>
+
+<p>»Das ist er auch.«</p>
+
+<p>Florence &uuml;bernahm die Antwort und deutete
+nickend auf Roys verschwindende Gestalt, wof&uuml;r ihr
+ein vorwurfsvoller und entr&uuml;steter Blick wurde.
+»Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«</p>
+
+<p>Niemand au&szlig;er ihr h&auml;tte es gewagt, die Frage
+zu stellen, oder w&uuml;rde sie gestellt haben, ohne eine
+bei&szlig;end sarkastische Antwort zu erhalten. Sir Jasper
+trat an die offene Glast&uuml;r.</p>
+
+<p>»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne
+zu: »Roy, du hast nichts zu tun, &mdash; du kannst nach
+St. Mellions reiten und einen Brief von mir mitnehmen.«</p>
+
+<p>»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends<span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span>
+l&auml;nger, als er sehr gegen seinen Willen kehrtmachte.
+»Ich komme gerade eben mit Wentworth
+aus Arborfield zur&uuml;ck,« sagte er in einem so mi&szlig;vergn&uuml;gten
+Tone, wie er nur anzuschlagen wagte, »und
+die Sonne scheint so furchtbar hei&szlig; &mdash; es ist der reine
+Backofen. Hat es nicht bis nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck Zeit?«</p>
+
+<p>»Es hat nicht bis nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck Zeit. Ich
+bedaure unendlich, deine kostbare Mu&szlig;e in Anspruch
+nehmen zu m&uuml;ssen,« antwortete der Baron mit schneidendem
+Hohn. »Ungl&uuml;cklicherweise habe ich nicht Lust,
+meine Gesch&auml;fte warten zu lassen, bis es dir beliebt,
+sie zu erledigen. Du wirst Herrn Sherriff das Billett
+bringen und &mdash;«</p>
+
+<p>»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort.
+»Der liebe alte Mann &mdash; ich habe ihn seit einer
+Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht wohl!
+Wie sch&auml;ndlich! Das mu&szlig; ich wieder gutmachen.«</p>
+
+<p>Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden
+Handbewegung: »Schon gut, Roy, du kannst
+davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen
+besorgen, Onkel Jasper.«</p>
+
+<p>»Liebes Herz, es ist so hei&szlig;! Und du mu&szlig;t doch
+erst fr&uuml;hst&uuml;cken,« wagte ihre Tante milde einzuwenden,
+w&auml;hrend sie ihren Roman aufnahm.</p>
+
+<p>»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich
+bei Herrn Sherriff zu Gast laden. Er wird das gern
+sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und au&szlig;erdem
+mu&szlig; ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich
+nach dem Datum des Basars erkundigen. Wenn wir
+uns nicht sputen, so werden Cis und ich das Regiment
+Puppen daf&uuml;r nicht rechtzeitig fertig angezogen bekommen.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span>
+Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist
+noch irgend etwas dabei zu bestellen?«</p>
+
+<p>Es war nur noch auszurichten, da&szlig; der &Uuml;berbringerin
+des Briefes eine Antwort mitzugeben sei.
+Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem M&uuml;ndel
+ein paar sehr f&ouml;rmliche Dankesworte und ging hinaus.
+Florence pfiff ein paar Takte des &rsaquo;Hausgespenstes&lsaquo;
+vor sich hin, schlug ihrer Tante das Buch wieder auf,
+gab ihr einen Abschiedsku&szlig; und lief auf den Rasen
+hinaus.</p>
+
+<p>»Roy, lauf nach dem Stall hin&uuml;ber &mdash; tu&rsquo;s mir
+zuliebe, und la&szlig; Jakob mir Orange Lily satteln.
+Aber er selbst braucht sich nicht fertigzumachen, denn
+ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«</p>
+
+<p>Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar
+und klopfte ihrer Cousine leicht auf die sch&ouml;ne
+Wange. »Finden Sie nicht, da&szlig; Cis gut aussieht,
+Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, da&szlig; sie einen
+demoralisierenden Einflu&szlig; auf mich aus&uuml;bt? Wenn
+ich sie ansehe, so bin ich wirklich fast geneigt, mich
+zu verlieben.«</p>
+
+<p>»Nun, ich glaubte, der Schritt w&auml;re schon getan,
+Gr&auml;fin Florence!« gab Harry Wentworth lachend
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine G&uuml;te,
+wie kommen Sie nur auf solchen Gedanken? Liege
+ich nachts wach und kann nicht schlafen? Verliere
+ich den Appetit? Werde ich rot? H&auml;rme und gr&auml;me
+ich mich? Nun, was sagt ihr beide?«</p>
+
+<p>»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,«
+meinte Harry.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span></p>
+
+<p>»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond
+von Ballancloona bin! Lebt wohl! Ich werde Herrn
+Sherriff von euch gr&uuml;&szlig;en und ihm einen Ku&szlig; geben,
+um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich,
+Harry, ich sch&auml;me mich Ihrer! Liebe! Wie ist
+einem denn zumute, wenn sie sich unserer bem&auml;chtigt
+hat?«</p>
+
+<p>Sie eilte leichtf&uuml;&szlig;ig &uuml;ber den Rasen dem Hause
+zu, und ihre Stimme t&ouml;nte fr&ouml;hlich zu ihnen her&uuml;ber,
+w&auml;hrend sie munter vor sich hintr&auml;llerte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+ <span class="i0">»Mein Herz, ich will dich fragen,<br /></span>
+ <span class="i0">Was ist denn Liebe, sag?<br /></span>
+ <span class="i0">Zwei Seelen und ein Gedanke,<br /></span>
+ <span class="i0">Zwei Herzen und ein Schlag.« &mdash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>»Ist sie nicht ein liebes Gesch&ouml;pf?« sagte Cis
+mit z&auml;rtlicher Bewunderung und dr&uuml;ckte Harrys Arm
+liebevoll an sich.</p>
+
+<p>»Sie ist auf alle F&auml;lle ein Original.« Er lachte.
+»Und sie ist au&szlig;erdem verteufelt h&uuml;bsch. Das steht
+fest. Ich finde, sie wird jedesmal, da&szlig; ich sie sehe,
+h&uuml;bscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh,
+da&szlig; ich sie nicht heiraten soll, wei&szlig;t du. In der Tat,
+ich beneide einen gewissen Jemand, den wir beide
+nennen k&ouml;nnten, nicht sonderlich.«</p>
+
+<p>»Florence ist viel zu gut f&uuml;r jenen gewissen
+Jemand,« erkl&auml;rte Cis.</p>
+
+<p>»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, da&szlig;
+ich es nicht bin. Welch wunderlicher Einfall veranla&szlig;te
+sie nur, solche Reden zu f&uuml;hren? Aus dem,
+was du mir gesagt hast, schlo&szlig; ich, da&szlig; es eine ganz
+abgemachte Sache sei.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p>
+
+<p>»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«</p>
+
+<p>»Wei&szlig; Sir Jasper darum?«</p>
+
+<p>»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«</p>
+
+<p>»Und dann spricht deine gr&auml;fliche Cousine so?
+Nette Aussichten!« Harry zuckte die Achseln und lachte.
+»Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen froh, da&szlig; ich
+nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«</p>
+
+<p class="pmb3">»Ach,« meinte Cis und sch&uuml;ttelte in sinnendem
+Widerspruch den h&uuml;bschen Kopf, »es ist leicht, so zu
+reden! Ich w&uuml;rde es wohl ebenso machen, wenn ich du
+w&auml;re. Aber du verstehst Florence nicht.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_3">3.</h2>
+</div>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde
+Orange Lily, einer Goldfuchsstute, &uuml;ber die Halde und
+bog in den langsam abw&auml;rts f&uuml;hrenden Reitweg ein,
+der in die kleine, krumme Hauptstra&szlig;e von St.
+Mellions einm&uuml;ndete. Manche M&uuml;tzen flogen von
+den K&ouml;pfen, manche Knickse wurden beim Anblick der
+anmutigen Gestalt des bildh&uuml;bschen, sonnigen Antlitzes
+gemacht, das mit dem strahlendsten L&auml;cheln f&uuml;r
+jeden Gru&szlig; dankte. Es gab weder einen Mann, noch
+eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie nicht kannten,
+und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im
+Dorfe mit ihr auf.</p>
+
+<p>Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe
+und die h&uuml;bsche C&auml;cilie gern, &mdash; wie sie es f&uuml;r ihre
+Herzensg&uuml;te und vielen Wohltaten auch verdienten,
+&mdash; aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben
+Art wie Florence.</p>
+
+<p>Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und
+dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern
+vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer
+niedrigen wei&szlig;en Pforte, die sich inmitten einer hohen
+Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vorn&uuml;ber,
+sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden
+Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit und<span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span>
+Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur h&auml;tte tun
+k&ouml;nnen, nahm Orange Lilys Z&uuml;gel und ging den
+breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Es war ein niedriges, kleines Geb&auml;ude, das anscheinend
+nur aus wenigen Zimmern bestand und nur
+ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgef&uuml;hrt,
+von Schlinggew&auml;chsen bis an die niedrigen
+Schornsteine, die vielen T&uuml;ren und Fenster &uuml;berwuchert,
+mit bl&uuml;henden Blumen auf den Simsen, mit Balkon
+und Veranda bot es einen &uuml;beraus malerischen Anblick
+dar. Gr&auml;fin Florence hatte oft erkl&auml;rt, da&szlig;
+sie viel lieber im Bungalow &mdash; so hie&szlig; es &mdash; wohnen
+m&ouml;chte, als in Turret Court.</p>
+
+<p>Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer
+Uhrkette hing, an die Lippen und lie&szlig; einen hellen
+Pfiff ert&ouml;nen. In demselben Augenblick erschien schl&uuml;rfenden
+Ganges ein gro&szlig;er junger Mann, der beim
+Anblick des jungen M&auml;dchens einen riesigen Zeigefinger
+an sein strohgelbes Haar legte, denn eine M&uuml;tze
+hatte er nicht auf.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer
+liebensw&uuml;rdigen Weise und dankte ihm mit ihrem
+reizenden L&auml;cheln f&uuml;r seinen Gru&szlig;. Dann erkundigte
+sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn
+an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel
+Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle.
+Darauf schritt sie &uuml;ber den samtweichen Rasen, stieg
+die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges
+offenes Fenster.</p>
+
+<p>»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, da&szlig; Sie an<span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span>
+diesem wundervollen Tage drau&szlig;en im Sonnenschein
+sein sollten?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence! Mein liebes Kind, welch eine
+Freude, Sie zu sehen!«</p>
+
+<p>Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich
+schnell von einem mit B&uuml;chern bestreuten Tische, an
+dem er sa&szlig;, kam ans Fenster und nahm die Hand,
+die ihm das junge M&auml;dchen bot. Er war gro&szlig; und
+hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig
+geb&uuml;ckt. Er hatte ein stilles, tr&auml;umerisches, zerstreutes
+Wesen. Die meisten w&uuml;rden ihn f&uuml;r einen ganz alten
+Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht
+und sein Haar wie sein langer Vollbart schneewei&szlig;;
+nur die sch&ouml;ngeschwungenen Brauen seiner dunklen
+Augen waren noch schwarz. Trotzdem z&auml;hlte Matthias
+Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gew&ouml;hnlich f&uuml;r
+volle zehn Jahre &auml;lter gehalten wurde.</p>
+
+<p>»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind!
+Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!«
+sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und
+H&ouml;flichkeit &uuml;ber den kleinen hellbraunen Stulphandschuh.
+Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine
+weltm&auml;nnischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter
+Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der
+auf nichts stolz war als auf seine geliebten B&uuml;cher.</p>
+
+<p>»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es
+war sehr un&uuml;berlegt von mir, Sie so pl&ouml;tzlich anzureden.
+Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen
+Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?«
+fragte Florence l&auml;chelnd.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span></p>
+
+<p>»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen
+kommen.«</p>
+
+<p>Herr Sherriff stieg bei diesen Worten &uuml;ber die
+niedrige Fensterbr&uuml;stung, zog einen Korbstuhl herbei,
+der im Schatten der Veranda stand, und wartete, bis
+sie Platz genommen, ehe er sich einen zweiten herbeiholte.</p>
+
+<p>»F&uuml;hrt eine gesch&auml;ftliche Angelegenheit Sie her,
+Gr&auml;fin, oder sind Sie so freundlich, einem einsamen
+alten Manne einen Besuch zu machen?«</p>
+
+<p>»Beides, Herr Sherriff.«</p>
+
+<p>Sie setzte ihm auseinander, was sie hergef&uuml;hrt,
+und lud sich zum Fr&uuml;hst&uuml;ck bei ihm ein; dabei zog
+sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche ihres Reitkleides.
+Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn
+wieder in den Umschlag.</p>
+
+<p>»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie
+Sir Jasper vorige Woche gen&uuml;gend erkl&auml;rt zu haben.
+Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie mit ein paar
+Zeilen f&uuml;r ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret
+Court, Lady Agathe, Fr&auml;ulein C&auml;cilie?«</p>
+
+<p>»Meine Tante ist so wohl, wie sie &uuml;berhaupt
+sein kann, und Cis ist h&uuml;bscher denn je. Sie und
+Harry Wentworth machen mich ganz sentimental &mdash;
+wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy
+ist sehr fidel und Sir Jasper griesgr&auml;mlich. Ich bin,
+wie Sie mich vor sich sehen.«</p>
+
+<p>»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres
+k&ouml;nnen Sie nicht tun, liebes Kind.«</p>
+
+<p>Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, v&auml;terlichem
+L&auml;cheln in das liebreizende, strahlende Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span></p>
+
+<p>»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, da&szlig;
+irgend etwas Besonderes vorgefallen ist, was Sir
+Jasper verstimmt hat?«</p>
+
+<p>»Du meine G&uuml;te, nein. Es ist eben nur sein chronisches
+Leiden! Wenn ihm einmal wirklich etwas
+Widerw&auml;rtiges zustie&szlig;e, so w&uuml;rde es ihn vielleicht
+liebensw&uuml;rdig machen &mdash; wer wei&szlig;? Ich habe jetzt
+angefangen, &rsaquo;Das Hausgespenst&lsaquo; zu fl&ouml;ten, was der
+armen Agathe jedesmal einen furchtbaren Schrecken
+einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den Gassenhauer
+kennte!«</p>
+
+<p>»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr
+Sherriff l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern,
+wenn ich nur die Lippen spitzte. Ich sollte es nat&uuml;rlich
+nicht tun, nicht wahr? Junge Damen sollten niemals
+fl&ouml;ten. Da hat die arme Herzogin recht &mdash; kommt dort
+nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und
+horchte auf n&auml;herkommende Schritte &mdash; Schritte, die
+ihr ganz fremd waren.</p>
+
+<p>Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem
+Erstaunen: »Was, Sie sind es? Hier?«</p>
+
+<p>Es war Everard Leath, der um die Ecke der
+Veranda bog, und der bei ihrem Anblick in ebenso
+gro&szlig;em Staunen stehen blieb.</p>
+
+<p>Verwundert &uuml;ber ihr gegenseitiges Erkennen
+blickte Sherriff von einem zum andern.</p>
+
+<p>Leath sprach zuerst.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gr&auml;fin Esmond.
+Ich hatte keine Ahnung davon, da&szlig; Sie hier w&auml;ren,
+und erwartete, Herrn Sherriff allein zu finden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span></p>
+
+<p>Er verbeugte sich und entfernte sich wieder.
+Florences graue Augen richteten sich verwundert auf
+den Hausherrn.</p>
+
+<p>»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.</p>
+
+<p>»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine
+Frage vorzulegen: Wie kommt es, da&szlig; Sie ihn kennen
+und er Sie?«</p>
+
+<p>»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung
+hell auf. »Soll ich es Ihnen erz&auml;hlen?« meinte sie
+schelmisch in &uuml;berlegendem Tone. »Ja, Sie sollen
+es h&ouml;ren.«</p>
+
+<p>Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und
+sehr drollige Schilderung, wie es gekommen, da&szlig;
+Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in
+der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.</p>
+
+<p>»Hat er Ihnen nichts davon erz&auml;hlt?« fragte sie
+neugierig.</p>
+
+<p>»Kein Sterbenswort.«</p>
+
+<p>»Auch Sie gar nichts &uuml;ber mich gefragt?«</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen
+mir gegen&uuml;ber gar nicht in den Mund genommen! Ich
+hatte keine Ahnung davon, da&szlig; Sie ihm je begegnet!«</p>
+
+<p>»H&ouml;flich! Es nimmt mich sehr wunder, da&szlig; er
+sich &uuml;berhaupt die M&uuml;he gegeben hat, herauszufinden,
+wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, bitte, Herr
+Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von
+ihm, da&szlig; er keine Seele in St. Mellions kenne.«</p>
+
+<p>»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe
+seine Bekanntschaft auf fast ebenso zwanglose Weise
+gemacht wie Sie. Als ich vor einigen Abenden spazieren
+ging, &uuml;berkam mich einer meiner ungl&uuml;cklichen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span>
+Schw&auml;cheanf&auml;lle. Ja, ohne ihn w&uuml;rde ich hingest&uuml;rzt
+sein, denn ich hatte das Bewu&szlig;tsein fast g&auml;nzlich
+verloren.«</p>
+
+<p>»O, wie mir das leid tut!« Das fr&ouml;hliche, neugierige
+Gesicht des jungen M&auml;dchens wurde ernst.
+»Und er &mdash; dieser Herr Leath &mdash; brachte Sie nach
+Hause, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind &mdash; als ich mich hinreichend erholt
+hatte, um ihm zu sagen, wo ich wohnte, was ohne
+seine Kognakflasche wohl noch l&auml;nger gedauert haben
+w&uuml;rde. Nat&uuml;rlich kamen wir nachher ins Gespr&auml;ch,
+und ich erfuhr, da&szlig; er hier fremd, da&szlig; er aus
+Australien sei und in den Chichester Arms abgestiegen
+w&auml;re. Ich sagte ihm, da&szlig; er an einem einsamen alten
+Mann ein gutes Werk tun w&uuml;rde, wenn er mir
+w&auml;hrend seines Aufenthalts in St. Mellions einen
+Teil seiner Zeit widmen wolle. Er scheint sich auch
+einsam zu f&uuml;hlen, denn er ist jeden Tag mehrere
+Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn f&uuml;r
+heute zu Tisch ein. Ist diese Erkl&auml;rung vollst&auml;ndig
+genug?«</p>
+
+<p>»J&mdash;a.« Florence zog die Brauen zusammen.
+»Ausgenommen,« fuhr sie in etwas pikiertem Tone
+fort, »da&szlig; ich nicht recht einsehe, weshalb Sie einen
+v&ouml;llig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«</p>
+
+<p>»Habe ich gesagt, da&szlig; ich ihn sehr gern habe, mein
+Kind?«</p>
+
+<p>»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,«
+schmollte sie.</p>
+
+<p>»Selbst wenn dem so w&auml;re, so hat die Sache
+ihren Pr&auml;zedenzfall. Vor zehn Jahren zum Beispiel<span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span>
+wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die ich immer
+seither von Herzen liebgehabt habe.«</p>
+
+<p>»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit
+einem reizenden L&auml;cheln legte sie z&auml;rtlich die Hand
+auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie &mdash; m&ouml;gen Sie
+diesen Herrn Leath leiden? Nun?«</p>
+
+<p>»Ich gestehe, mein Herz, da&szlig; ich ihn sehr gern
+habe.«</p>
+
+<p>»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend,
+»aus keinem besonderen Grunde.«</p>
+
+<p>»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht
+leiden zu m&ouml;gen.«</p>
+
+<p>»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich
+f&uuml;hle mich getroffen,« setzte sie freim&uuml;tig hinzu, »denn
+jetzt, wo ich dar&uuml;ber nachdenke, glaube ich, da&szlig; dem
+so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb eigentlich.
+Sein Benehmen war allerdings br&uuml;sk, aber ich
+glaube nicht, da&szlig; das der Grund war. Aber wir
+k&ouml;nnen unseren Antipathien und Sympathien nie auf
+den Grund kommen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete
+hinaus und zog die Stirn wieder kraus. »Herr
+Sherriff!«</p>
+
+<p>»Ich h&ouml;re, liebes Kind.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie, da&szlig; er dauernd hier &mdash; in St.
+Mellions &mdash; bleiben wird?«</p>
+
+<p>»Ja, wenigstens vorl&auml;ufig. Das hat er mir
+gesagt.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, aber &mdash;« sie stockte. »Sie wissen wohl
+nicht, was ihn hergef&uuml;hrt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span></p>
+
+<p>»Dar&uuml;ber wei&szlig; ich ebensowenig wie Sie, mein
+Kind, gar nichts.«</p>
+
+<p>»Vielleicht wei&szlig; ich doch etwas. Jedenfalls wei&szlig;
+ich, da&szlig; er nicht zum Vergn&uuml;gen, sondern in Gesch&auml;ften
+gekommen ist. Das erz&auml;hlte er mir, und es war
+ihm Ernst damit.«</p>
+
+<p>»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung
+geben, da&szlig; er mir nichts davon gesagt hat.«</p>
+
+<p>Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter
+Stirn in den Garten hinaus. Everard Leath
+besch&auml;ftigte sie merkw&uuml;rdig.</p>
+
+<p>»Herr Sherriff, glauben Sie, da&szlig; er arm ist?«</p>
+
+<p>»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,«
+meinte der alte Mann l&auml;chelnd, »auch glaube ich nicht,
+da&szlig; er so reich ist wie Sie. Zwischen diesen beiden
+Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«</p>
+
+<p>»Ich bin viel zu reich &mdash; es ist einfach l&auml;cherlich!
+Also Sie glauben, da&szlig; er viel Geld hat?«</p>
+
+<p>»In bescheidenem Ma&szlig;e &mdash; ja. Im Laufe unserer
+gestrigen Unterhaltung deutete er an, da&szlig; er bis vor
+etwa einem Jahre mit bitterer Armut gek&auml;mpft habe,
+wo ein Umschwung in seinen Verh&auml;ltnissen eingetreten
+sei.«</p>
+
+<p>»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.</p>
+
+<p>»Ich verstand so viel, da&szlig; er mit Minen zu tun
+gehabt &mdash; ich bin zu unwissend in solchen Dingen,
+um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die Glocke,
+die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden,
+wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr
+Gabelfr&uuml;hst&uuml;ck anzusehen, liebes Kind?«</p>
+
+<p>»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete<span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span>
+Florence, munter ihren Ernst abstreifend, und dabei
+nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, und ging
+mit ihm aus der Veranda und durch eine offene
+Glast&uuml;r, die in ein h&uuml;bsches kleines Speisezimmer
+f&uuml;hrte, in dem der ovale Tisch schon f&uuml;r drei Personen
+gedeckt war.</p>
+
+<p>Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer
+und machte so die Gesellschaft vollst&auml;ndig. Da&szlig; er
+&uuml;berrascht war, sie noch dort zu treffen, und da&szlig; ihn
+das ein wenig aus der Fassung brachte, sah Florence
+sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebensw&uuml;rdig
+gegen ihn zu sein, und sie l&auml;chelte ihm zu, als er sich
+ihr gegen&uuml;ber niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr
+Leath?« fragte sie in leichtem Tone.</p>
+
+<p>Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.</p>
+
+<p>»Ja, Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Und sie stellte meine Person fest?«</p>
+
+<p>»Sofort.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Sie m&uuml;ssen mich sehr anschaulich geschildert
+haben.«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil, ich fand, da&szlig; es nicht n&ouml;tig war,
+Sie &uuml;berhaupt zu schildern.«</p>
+
+<p>»So? Vermutlich, weil sie fand, da&szlig; mein Benehmen
+mir &rsaquo;ganz &auml;hnlich&lsaquo; s&auml;he.«</p>
+
+<p>»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich,
+da&szlig; es sich so verhielt.«</p>
+
+<p>»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich f&uuml;rchte,
+da&szlig; sie ebenso entsetzt &uuml;ber mich ist, wie die Herzogin
+selbst. Und Sie haben Ihres kleinen Abenteuers nie
+gegen Herrn Sherriff erw&auml;hnt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span></p>
+
+<p>»Ich wu&szlig;te nicht, da&szlig; Sie Herrn Sherriff
+kannten, und ich hielt mich nicht f&uuml;r berechtigt, einem
+Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit zu
+reden.«</p>
+
+<p>Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem
+Benehmen, obgleich man ihn kaum h&auml;tte verlegen
+nennen k&ouml;nnen. Florence dachte im stillen, da&szlig; sein
+Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten
+Gelegenheit zu vertrautem und leichtem Verkehr mit
+ihrem Geschlechte gew&auml;hrt h&auml;tte. Aber sie empfand
+auch, als sie das Gespr&auml;ch abbrach, weil das kleine
+Dienstm&auml;dchen geschickt das kalte Gefl&uuml;gel und den
+Salat herumreichte, da&szlig; er ein Zartgef&uuml;hl und eine
+Zur&uuml;ckhaltung gezeigt, die sie weder von ihm erwartet
+noch ihm zugetraut hatte.</p>
+
+<p>Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen
+ihn, und sie blieb bei dem nun folgenden Gespr&auml;ch
+in der heitersten, liebensw&uuml;rdigsten Stimmung. Die
+Unterhaltung drehte sich gr&ouml;&szlig;tenteils um Australien,
+aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war
+und seinen charakteristischen, trockenen Ernst nicht
+leugnete, war ihr doch sowohl der Gespr&auml;chsstoff wie
+seine Art und Weise neu genug, um sie sehr zu interessieren
+und ihr viele wi&szlig;begierige und eifrige
+Fragen zu entlocken. Als sie endlich, &uuml;berrascht dar&uuml;ber,
+wie schnell die Zeit vergangen war, aufstand und
+erkl&auml;rte, da&szlig; sie fort m&uuml;sse, war es mit einer leisen
+Regung des Unmuts, weil sie &uuml;ber den Mann selbst
+so wenig wie je wu&szlig;te. Alles, was er erz&auml;hlt und was
+sie aus ihm herausgebracht hatte, war so ganz und
+gar unpers&ouml;nlich gewesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p>
+
+<p>»Haben Sie angefangen herauszufinden, da&szlig; ich
+Ihnen nur die Wahrheit &uuml;ber St. Mellions gesagt
+habe, Herr Leath?«</p>
+
+<p>Sie warf die Frage nachl&auml;ssig hin, nur um etwas
+zu sagen, als sie in der Veranda stand und zusah,
+wie ihre Fuchsstute auf und nieder gef&uuml;hrt wurde.
+Drinnen an seinem mit B&uuml;chern bedeckten Tische
+schrieb Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen
+sollte. Leath war ihr hinausgefolgt; wie
+sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich sagte Ihnen, da&szlig; es ein langweiliges
+kleines Nest sei. Finden Sie das etwa nicht?«</p>
+
+<p>»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig
+genug, um mich von hier fortzutreiben.«</p>
+
+<p>Sie err&ouml;tete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene
+Neugier erraten habe.</p>
+
+<p>»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier
+niederzulassen?«</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht sagen, Gr&auml;fin. F&uuml;r den
+Augenblick bin ich noch zu keinem festen Entschlusse
+gelangt &mdash; das hei&szlig;t &uuml;ber meinen k&uuml;nftigen Aufenthaltsort.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob
+Sie nach Australien zur&uuml;ckkehren werden?«</p>
+
+<p>»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich
+ist, da&szlig; ich dorthin zur&uuml;ckkehren werde.
+Aber Familienbande fesseln mich an keinen Teil der
+Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«</p>
+
+<p>»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum
+Beispiel eine Frau h&auml;tten &mdash;«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p>
+
+<p>»Das habe ich allerdings nicht.«</p>
+
+<p>Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.</p>
+
+<p>»&mdash; so w&uuml;rde sie m&ouml;glicherweise Australien nicht
+gern mit England vertauschen.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert
+nicht, Gr&auml;fin. Wie ich sagte, stehe ich ganz allein in
+der Welt &mdash; schon seit acht Jahren.«</p>
+
+<p>Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher
+oder bewegt bei diesen Worten, und das Antlitz, in das
+sie schaute, gab ihr keine Ermutigung zu dem teilnehmenden
+Blick oder der freundlichen Frage, die sie
+sich sonst vielleicht erlaubt haben w&uuml;rde, obgleich er
+ihr fast noch ein Fremder war. Sie wandte sich,
+um Herrn Sherriff das Briefchen abzunehmen, und
+&auml;rgerte sich &uuml;ber sich selbst, da&szlig; sie sich hatte verleiten
+lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der
+Mann und seine Angelegenheiten gingen sie, Florence
+Esmond, allerdings gar nichts an. Er hatte etwas
+Strenges und Kraftvolles an sich, eine K&auml;lte, die sie
+abstie&szlig;.</p>
+
+<p class="pmb3">In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine
+Liebensw&uuml;rdigkeit mehr, und die Verbeugung, die sie
+ihm machte, nachdem er sie in den Sattel gehoben,
+war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte.
+Aber sie drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit
+ihrer behandschuhten Rechten eine z&auml;rtliche Ku&szlig;hand
+zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. Sie
+wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht
+behandeln, weil er t&ouml;richterweise so gro&szlig;es Gefallen
+an Everard Leath zu finden schien.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_4">4.</h2>
+</div>
+
+<p>Das Mittagessen in Turret Court war vor&uuml;ber.
+Es wurde stets fr&uuml;h gespeist, denn Sir Jasper war
+magenleidend, und das Mahl war immer ein auserlesenes.
+F&uuml;r Lady Agathe war es die qualvollste
+Stunde des Tages, denn der Hausherr lie&szlig; es selten
+zu, da&szlig; die Mahlzeit f&uuml;r irgend jemand angenehm
+verlief, und am wenigsten naturgem&auml;&szlig; f&uuml;r sie. Jetzt
+hatte er sich in die Bibliothek zur&uuml;ckgezogen, einen
+Raum, in dem er geruhte, den gr&ouml;&szlig;ten Teil seiner
+Zeit zuzubringen, und die &uuml;brigen begaben sich in den
+Salon, &uuml;beraus froh, ihn los zu sein.</p>
+
+<p>Lady Agathe sa&szlig; in dem bequemen Sessel mit
+einem anderen Bande des Romans, in den sie sich am
+Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine langen
+Gliedma&szlig;en der L&auml;nge nach auf dem Sofa ausgestreckt,
+gab sich M&uuml;he, einzuschlafen, und st&ouml;hnte bisweilen
+&uuml;ber die Hitze; drau&szlig;en auf der Terrasse gingen Cis
+und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein Spitzentuch
+verh&uuml;llte den goldblonden Kopf und den Hals
+des jungen M&auml;dchens. Dicht an einem Fenster, bequem
+zur&uuml;ckgelehnt in einem ihrer Lieblingsschaukelst&uuml;hle,
+die H&auml;nde hinter dem kastanienbraunen Haar
+verschlungen, lag Florence in ihrem langen wei&szlig;en
+Kleide &mdash; sie trug im Hause gern &uuml;berm&auml;&szlig;ig lange<span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span>
+Schleppen &mdash; im Gespr&auml;ch mit der einzigen noch anwesenden
+Pers&ouml;nlichkeit.</p>
+
+<p>Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug
+tadellos sa&szlig;, der eine gute Figur sowie eine angenehme
+Stimme hatte, und dessen Gesicht geradezu
+sch&ouml;n war. Das einzige, was man an seinem &Auml;u&szlig;eren
+und seiner Pers&ouml;nlichkeit h&auml;tte aussetzen k&ouml;nnen, w&auml;re
+gewesen, da&szlig; er &auml;lter aussah als er war. Seine
+sch&ouml;nen Z&uuml;ge waren unbeweglich, &mdash; er hatte fast
+gar kein Mienenspiel, &mdash; seine Gestalt hatte eine gewisse
+Beh&auml;bigkeit, seine Bewegungen waren schwerf&auml;llig
+und langsam, seine Redeweise eint&ouml;nig und
+ernst; seinem Alter nach erst in der Bl&uuml;te der Jahre,
+hatte er seine Jugend doch schon eingeb&uuml;&szlig;t: mit achtunddrei&szlig;ig
+war er entschieden ein Mann mittleren
+Alters. In seinen ruhigen braunen Augen lag kaum
+ein Glanz, w&auml;hrend er die hin und her schaukelnde,
+anmutige Gestalt des M&auml;dchens betrachtete und das
+angeregte, lebhafte Antlitz sich gegen&uuml;ber sah.</p>
+
+<p>»Ich wu&szlig;te, da&szlig; ich dir etwas sagen wollte, was
+mir mindestens ein halbes dutzendmal wieder entfallen
+ist,« sagte Florence schaukelnd. »Heute morgen bekam
+ich einen Brief von der Herzogin.«</p>
+
+<p>»Von der Herzogin? So?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Sie erz&auml;hlte ihm dann kurz den Inhalt des
+Schreibens, und da&szlig; sie es abgelehnt, ihre Patin
+nach der Schweiz zu begleiten.</p>
+
+<p>»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst
+du vermutlich die Gelegenheit, sie von unserer<span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span>
+Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte Talbot
+Chichester z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die
+H&auml;nde unter dem Kopf fort und verschr&auml;nkte sie im
+Scho&szlig;. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die Wahrheit
+zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe nat&uuml;rlich
+daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse,
+da&szlig; es viel besser ist, damit zu warten, bis sie gl&uuml;cklich
+in Pontresina ist und ihren &Auml;rger dar&uuml;ber, da&szlig;
+ich nicht mit ihr gehe, &uuml;berwunden hat.« Sie lachte
+schelmisch.</p>
+
+<p>»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte
+Chichester ernst; das L&auml;cheln, mit dem er auf ihr
+Lachen geantwortet, war nur sehr matt. »Die Stellung,
+die Ihre Durchlaucht dir gegen&uuml;ber einnimmt,
+erheischt es von mir, da&szlig; ich sie von unserer Verlobung
+unterrichte und ihre Einwilligung in unsere
+Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. Ich
+wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen,
+es selbst zu &uuml;bernehmen, obgleich ich gestehen mu&szlig;,
+da&szlig; ich den Grund nicht recht begriff.«</p>
+
+<p>»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune
+von mir, es ihr selbst zu erz&auml;hlen &mdash; warum, wei&szlig;
+ich nicht.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich f&uuml;gte ich mich, da es dein Wunsch
+war,« fuhr Chichester fort, »es ist freilich wahr, da&szlig;
+es in gewissem Sinne nur eine Form ist, aber ich
+finde doch, es m&uuml;&szlig;te geschehen.«</p>
+
+<p>»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht,
+da&szlig; sie etwas dagegen haben wird?« fragte Florence
+wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span></p>
+
+<p>»Dagegen?«</p>
+
+<p>Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht.
+Sein Ton wurde w&uuml;rdevoller, er f&uuml;hlte, da&szlig;
+das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. War nicht
+die Familie Chichester auf Highmount sogar noch &auml;lter
+als das Geschlecht der Mortlakes, und reich genug,
+um ihnen ihren ganzen Besitz drei- oder viermal
+abzukaufen?</p>
+
+<p>»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig,
+»das ist sicherlich eine ziemlich &uuml;berfl&uuml;ssige Frage!
+Wir sind nicht von Adel, das ist freilich wahr, &mdash; wir
+haben die Ehre immer abgelehnt, &mdash; aber in jeder
+anderen Hinsicht ist es kaum m&ouml;glich, da&szlig; die Herzogin
+etwas gegen mich als Bewerber um deine Hand
+einzuwenden haben k&ouml;nnte. Du kannst das nicht f&uuml;r
+wahrscheinlich halten.«</p>
+
+<p>»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fr&ouml;hlich.
+»Ich glaube nicht, da&szlig; sie etwas dagegen haben wird;
+weshalb, wie du sagst, sollte sie das? Ich wollte
+nur gern wissen, wie du dar&uuml;ber d&auml;chtest.«</p>
+
+<p>»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen
+kurzem zu schreiben?«</p>
+
+<p>»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr
+mit derselben Post schreiben, damit sie erf&auml;hrt, da&szlig;
+ich an deinem bisherigen Schweigen schuld bin.«</p>
+
+<p>»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.«
+Florence nickte leicht und wandte ihr Gesicht dem
+Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein unterdr&uuml;cktes
+G&auml;hnen hinter der wei&szlig;en Hand, die sie sich vor den
+Mund hielt. Ein Plauderst&uuml;ndchen mit Talbot Chichester,<span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span>
+obgleich er ihr Verlobter war, wirkte nicht
+sehr belebend auf sie.</p>
+
+<p>Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die
+Hand des jungen M&auml;dchens ruhte auf dem Arm ihres
+Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem kleinen
+Ohre, w&auml;hrend er ihr Worte zufl&uuml;sterte, die niemand
+anders verstehen konnte. Florences rote Lippen
+zuckten eigent&uuml;mlich bei dem Gedanken, Chichester
+k&ouml;nne so gehen, so fl&uuml;stern &mdash; der Einfall belustigte
+sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder
+vor seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm
+ihr Jawort gab, hatte sie sich gesagt, da&szlig; sein gro&szlig;er
+Vorzug sei, da&szlig; er niemals versucht, ihr den Hof zu
+machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das
+unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime
+erstickt. Talbot Chichester hatte sich solcher Schw&auml;che
+niemals schuldig gemacht, und sie hatte versprochen,
+ihn zu heiraten.</p>
+
+<p>Cis und Harry gingen wieder vor&uuml;ber. Herr
+Chichester sa&szlig; noch immer stumm da. Florence schaute
+in den tiefstehenden Mond; das Schweigen dauerte
+fort. Roy, der seine fruchtlosen Bem&uuml;hungen, einzuschlafen,
+aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte
+auf das Paar am Fenster zu. Florences Verlobung
+mit dem &rsaquo;alten Chichester&lsaquo;, die er anfangs durchaus
+nicht hatte glauben wollen und mit unb&auml;ndigem Gel&auml;chter
+aufgenommen hatte, war dem J&uuml;ngling noch
+immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt vorkam, als
+s&auml;he Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen
+Stuhl und machte endg&uuml;ltig den Versuch, die Unterhaltung
+wieder in Gang zu bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span></p>
+
+<p>»Wie schauderhaft hei&szlig; es ist!« sagte er mit einem
+G&auml;hnen. »Finden Sie das nicht auch, Chichester?
+Ich habe mich von meinem Morgenritt nach Arborfield
+noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde
+war furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon
+bekommen, nicht wahr, Flo?«</p>
+
+<p>»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres
+gro&szlig;en gelben F&auml;chers gezupft und ihn nicht geh&ouml;rt
+&mdash; ihre Augen schauten noch tr&auml;umerisch in die tiefstehende,
+lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten
+Abendhimmel gl&auml;nzte.</p>
+
+<p>»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst
+du, Roy?«</p>
+
+<p>»Ich sage, du mu&szlig;t es auf der Halde heute
+morgen sehr hei&szlig; gefunden haben, nicht wahr? Wie
+ging&rsquo;s dem alten Sherriff? Sie m&uuml;ssen wissen, Chichester,
+ich behaupte immer, da&szlig; Florence in Sherriff
+verliebt ist. Wenn man es sich recht &uuml;berlegt, so ist
+es doch eigentlich ein starkes St&uuml;ck, da&szlig; sie solchem
+jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! Wundere
+mich oft dar&uuml;ber, da&szlig; er in solch gottverlassenem
+Neste bleibt und die liebensw&uuml;rdige Laune unseres
+Alten ertr&auml;gt.«</p>
+
+<p>»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen.
+»Was er von Sir Jasper erh&auml;lt, kommt
+zweifelsohne in Betracht bei ihm.«</p>
+
+<p>»Das ist&rsquo;s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet,
+&mdash; die beiden sind n&auml;mlich dicke Freunde, &mdash; da&szlig;,
+wenn Sherriff sich vor Jahren in London niedergelassen
+hatte, er sich dort durch seine Schriften l&auml;ngst
+einen Namen gemacht haben w&uuml;rde. Ich mu&szlig; gestehen,<span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span>
+ich begreife es nicht, wie ein Mensch hier in
+St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich ihm
+eine M&ouml;glichkeit bietet, fortzukommen.«</p>
+
+<p>»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence
+sanft, »und steht ganz allein in der Welt. Mit seinen
+B&uuml;chern und Blumen ist er hier ebenso gl&uuml;cklich,
+glaube ich, wie er anderswo sein w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Na, er h&auml;tte sich wohl l&auml;ngst aus dem Staube gemacht,
+wenn das nicht der Fall gewesen w&auml;re,« gab
+Roy zu. Er g&auml;hnte wieder in be&auml;ngstigender Weise.
+»Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der
+Scholle kleben, f&auml;llt mir ein,« fuhr er mit tr&auml;nenden
+Augen fort, »wer ist der Mensch bei Mutter
+Buckstone?«</p>
+
+<p>»In den Chichester Arms?«</p>
+
+<p>Talbot Chichester stellte diese Frage.</p>
+
+<p>»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl &mdash; sonnverbrannt
+&mdash; erinnert mich an jemand, den ich gesehen
+habe,« fuhr Roy unzusammenh&auml;ngend fort.
+»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir &mdash; ich
+wei&szlig; nicht mehr recht, wie es war &mdash; als ich hin&uuml;berritt,
+um zu sehen, ob mir der alte Buckstone das
+&Ouml;l f&uuml;r mein Rad besorgt h&auml;tte. Er wohnt dort, sagte
+er. Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag?
+Sie wissen es nicht etwa, Chichester?«</p>
+
+<p>»Ich bek&uuml;mmere mich allerdings nicht um jeden,
+der in den Chichester Arms absteigt.« Der Redende
+blickte belustigt. »Ich wu&szlig;te &uuml;berhaupt nicht, da&szlig;
+dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fu&szlig;tour
+begriffener Londoner.«</p>
+
+<p>Roy sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p>
+
+<p>»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre &mdash; hat
+nicht den Londoner Dialekt &mdash; versteht zu viel von
+Pferden, um ein Gro&szlig;st&auml;dter zu sein. Kommt wohl
+aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will
+ich ihn mal danach fragen.«</p>
+
+<p>»La&szlig; das nur! Es ist &uuml;berfl&uuml;ssig. Was seinen
+Namen anbetrifft, so hei&szlig;t er Everard Leath und
+kommt aus Australien. Wer er ist, wei&szlig; ich nicht,
+und was er will, das wei&szlig; er hoffentlich selbst.«</p>
+
+<p>»Er hat es dir doch nicht etwa erz&auml;hlt?«</p>
+
+<p>»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«</p>
+
+<p>»Nun, das ist famos!« Roy ri&szlig; die Augen noch
+weiter auf und lachte. »Du warst immer das wunderlichste
+M&auml;dchen unter der Sonne. Wo in aller Welt
+hast du den Menschen gesehen?«</p>
+
+<p>»Soll ich&rsquo;s dir sagen?«</p>
+
+<p>Sie setzte sich aufrecht und heftete l&auml;chelnd ihre
+schelmisch blitzenden Augen auf das verwunderte und
+fragende Antlitz ihres Br&auml;utigams. »Ja &mdash; wir sind
+heute abend alle sehr langweilig, und deshalb will
+ich es tun.«</p>
+
+<p>Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen
+geblieben, und sie winkte ihnen lustig, hereinzukommen.
+Und vor diesem nicht wenig erstaunten
+Publikum erz&auml;hlte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung
+mit Everard Leath.</p>
+
+<p>Nach manchen vorwurfsvollen Worten &uuml;ber den
+Leichtsinn der sch&ouml;nen Cousine schlenderten Cis und
+Harry davon, und Roy, noch immer g&auml;hnend, folgte
+ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden,
+und schaute dann mit einem L&auml;cheln zu<span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span>
+ihrem Verlobten empor, der aber keinen freundlichen
+Blick f&uuml;r sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, fast
+finster. Sie sah ihn mit immer gr&ouml;&szlig;er werdenden
+Augen und fest aufeinandergepre&szlig;ten Lippen an und
+ber&uuml;hrte dann leise seinen Arm.</p>
+
+<p>»Was ist denn los?«</p>
+
+<p>»Los?«</p>
+
+<p>»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus.
+Vielleicht, weil ich sagte, ich wollte Roy meine H&ouml;hle
+zeigen, und dir nicht anbot, mitzugehen? Sei nur
+recht artig, dann sollst du n&auml;chstens auch einmal
+hin. So!«</p>
+
+<p>In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf.
+Sie sprach, als gelte es, ein verdrie&szlig;liches Kind zu
+beschwichtigen. Die meisten M&auml;nner, die in sie verliebt
+gewesen, w&uuml;rden sie unwiderstehlich gefunden haben.
+Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm
+die Hand, mit der sie ihm den Arm gestreichelt hatte.
+Dann begann er in seiner gehaltenen Weise ihr Vorw&uuml;rfe
+&uuml;ber ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen
+gegen den Unbekannten zu machen.</p>
+
+<p>»Du darfst deine eigene Stellung und W&uuml;rde nicht
+vergessen,« schlo&szlig; er.</p>
+
+<p>»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch
+ahnt,« meinte das junge M&auml;dchen sinnend, als spr&auml;che
+sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder an.</p>
+
+<p>»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort.
+»Ich vergesse meine W&uuml;rde wohl mitunter. Wei&szlig;t
+du, es ist mir gar nicht eingefallen, da&szlig; die einzig
+richtige Handlungsweise gewesen w&auml;re, den Menschen<span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span>
+na&szlig; werden zu lassen. Welch ein Gl&uuml;ck, da&szlig; du so
+etwas nie tun k&ouml;nntest.«</p>
+
+<p>Herr Chichester ging jeglicher Sinn f&uuml;r Humor
+ab &mdash; er war so unendlich mit sich selbst zufrieden.
+Er l&auml;chelte und lie&szlig; ihre Hand los.</p>
+
+<p>Florence verbarg ein L&auml;cheln, als sie sich nach
+dem Fenster wandte.</p>
+
+<p>Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret
+Court verlassen. Florence stand allein am Fenster
+und blickte in den Mond, wie sie vorher getan hatte,
+als Cis z&auml;rtlich den Arm um sie legte.</p>
+
+<p>»Fehlt dir etwas, Florence? Du &mdash; du siehst so
+ernst aus, mein Herz!«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>Liebkosend fuhr Florence mit der Hand &uuml;ber
+Cis&rsquo; goldblondes Haar. »Ich sann wohl &uuml;ber mein
+unschickliches Benehmen nach.«</p>
+
+<p>»O,« meinte Cis verst&auml;ndnisvoll, »du meinst
+gegen jenen Menschen in der H&ouml;hle! Nun, ich mu&szlig;
+sagen, da&szlig; es ziemlich leichtsinnig von dir war,
+Liebste, aber nat&uuml;rlich hast du es nicht &uuml;berlegt. Das
+habe ich auch zu Harry gesagt. Es ist schade, da&szlig; du
+in Chichesters Gegenwart davon gesprochen hast. Ich
+glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«</p>
+
+<p>»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«</p>
+
+<p>Cis blickte in das sch&ouml;ne, gedankenvolle Antlitz,
+dessen gew&ouml;hnlich strahlender Ausdruck einem
+nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm pl&ouml;tzlich
+all ihren Mut zusammen.</p>
+
+<p>»Florence, werde nicht b&ouml;se, aber ich habe dich
+schon so oft etwas fragen wollen. Ich kann es gar<span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span>
+nicht begreifen &mdash; er ist so ernst und steif und kalt &mdash;
+in jeder Beziehung so verschieden von dir &mdash; es
+wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort
+gegeben.«</p>
+
+<p>»Mich auch,« gab Florence zerstreut zur&uuml;ck,
+»mich auch!«</p>
+
+<p>Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet.
+Sie blickte sich halb entsetzt, halb best&uuml;rzt
+um. Sie antwortete nicht, da sie bange war, n&auml;her
+auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im
+Mondschein ungewi&szlig; von der Seite an. Als sie wieder
+sprach, war es in anderem Tone.</p>
+
+<p>»Florence!«</p>
+
+<p>»Nun, mein Schatz?«</p>
+
+<p>»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«</p>
+
+<p>»Alt? Nein. Ungef&auml;hr drei&szlig;ig sollte ich denken.«</p>
+
+<p>»O, ganz jung! Und h&uuml;bsch?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; und h&auml;&szlig;lich auch nicht. Ganz gew&ouml;hnlich.«</p>
+
+<p>»Und ist er nett, Florence?«</p>
+
+<p>»Wer?«</p>
+
+<p>»Nun, Herr Leath!«</p>
+
+<p class="pmb3">»Nett? Nein &mdash; unausstehlich!« sagte Florence
+schroff. »Ich bin schrecklich m&uuml;de und mu&szlig; zu Bette
+gehen. Gute Nacht, mein Herz!«</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_5">5.</h2>
+</div>
+
+<p>Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo
+Gr&auml;fin Florence gesessen und mit dem freundlichen
+alten Hausherrn geplaudert hatte, standen wieder die
+beiden bequemen Korbst&uuml;hle; Herr Sherriff sa&szlig; in
+dem einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete
+drau&szlig;en lagen im hellen Morgensonnenschein.
+Leath war vor einer halben Stunde zu einem
+Plauderst&uuml;ndchen gekommen. Obgleich er noch nicht
+vierzehn Tage in St. Mellions weilte, war die Zuneigung
+des Alten, von der er zu Florence gesprochen,
+t&auml;glich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie
+gro&szlig;e Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr
+mit Leath gew&auml;hre, da er au&szlig;er dem Pfarrer
+kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten
+Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte
+erzeigen k&ouml;nnen, alle freundlich gewogen seien.</p>
+
+<p>»Sie sehen aber doch Gr&auml;fin Esmond mitunter?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick
+war ich undankbar genug, sie fast zu vergessen.
+Sie kommt &ouml;fter, als man es in Turret Court gern
+sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, da&szlig; sie kurze
+Kleider trug, hat sie mich liebgehabt, und was mich
+anbetrifft, so k&ouml;nnte ich kaum mehr von ihr halten,
+wenn sie meine Tochter w&auml;re.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span></p>
+
+<p>»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden
+habe?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; sie verlor beide Eltern, als sie ein
+Kind war.«</p>
+
+<p>»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«</p>
+
+<p>»Nur einer ihrer Vorm&uuml;nder. Er teilt sich in die
+Vormundschaft mit ihrer Patin, der verwitweten Herzogin
+von Dunbar.«</p>
+
+<p>»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor
+sich hin. »Gew&ouml;hnlich gen&uuml;gt doch ein Vormund, mein&rsquo;
+ich &mdash; weshalb sind hier denn zwei?«</p>
+
+<p>»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem
+gro&szlig;en Verm&ouml;gen, das ihr eines Tages geh&ouml;ren wird,
+hielt ihr Vater es wahrscheinlich f&uuml;r &mdash;«</p>
+
+<p>»Verm&ouml;gen?« fiel ihm Leath in verwundertem
+Tone ins Wort. Er lachte wieder. »Wie viele andere
+Leute, habe auch ich bisher irische Grafenkronen f&uuml;r
+gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der
+verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gr&auml;fin
+Florence wird ihr gro&szlig;es Verm&ouml;gen ihrer Mutter
+verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe, Sie sagen &rsaquo;wird verdanken&lsaquo;. Ist
+sie denn noch nicht m&uuml;ndig?«</p>
+
+<p>»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht
+in den Besitz ihres Verm&ouml;gens, ehe sie drei&szlig;ig Jahre
+z&auml;hlt, es sei denn, &mdash; was wahrscheinlich der Fall
+sein wird, &mdash; da&szlig; sie sich in der Zwischenzeit verheiratet.«</p>
+
+<p>»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann f&auml;llt
+es also ihr zu?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p>
+
+<p>»Es f&auml;llt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines
+oder ihrer beiden Vorm&uuml;nder heiratet; schlie&szlig;t sie
+eine Ehe ohne diese Einwilligung, so f&auml;llt das ganze
+an verschiedene milde Stiftungen.«</p>
+
+<p>»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath
+zog die Stirn in Falten. »Wie mag das gekommen
+sein?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; das nicht recht,« antwortete Sherriff
+z&ouml;gernd. »Es ist seltsam, wie Sie sagen. Die einzige
+Erkl&auml;rung, die ich daf&uuml;r habe finden k&ouml;nnen, ist die,
+da&szlig; ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu gl&uuml;cklich
+in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis,
+da&szlig; der Graf seine Frau nur ihres Geldes wegen
+geheiratet hatte.«</p>
+
+<p>»Und die letztwillige Verf&uuml;gung der Gr&auml;fin sollte
+ihre Tochter wahrscheinlich vor einer &auml;hnlichen Erfahrung
+bewahren,« bemerkte Leath nachdenklich.</p>
+
+<p>»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte
+Herzogin w&uuml;rden zugeben, da&szlig; das M&auml;dchen eine
+un&uuml;berlegte Heirat mit einem Gl&uuml;cksj&auml;ger einginge.
+Sollte sie bis zu ihrem drei&szlig;igsten Jahre unverehelicht
+bleiben, so mag die Gr&auml;fin sie wohl f&uuml;r alt genug
+gehalten haben, um ihre Interessen ohne Beistand
+wahren zu k&ouml;nnen. Es wundert Sie wohl, da&szlig; nur
+die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich
+machte dieselbe Bemerkung, als Gr&auml;fin Florence, von
+der ich das Ganze wei&szlig;, mir die Sache erz&auml;hlte. Sie
+lachte und sagte, da&szlig; die Herzogin und Sir Jasper
+niemals einer Ansicht w&auml;ren und selten zusammenk&auml;men,
+ohne sich zu zanken, und da&szlig;, wenn sie nicht
+heiraten sollte, ehe sie sich &uuml;ber den Br&auml;utigam geeinigt<span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span>
+h&auml;tten, wenig Aussicht daf&uuml;r vorhanden sei,
+da&szlig; sie in den n&auml;chsten Jahren unter die Haube
+kommen w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>Sherriff, der gew&ouml;hnlich nicht so beredt war,
+griff jetzt wieder nach seiner Pfeife und begann sie
+aufs neue zu f&uuml;llen.</p>
+
+<p>»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence? Nein &mdash; meines Wissens nicht.
+Und wenn ich sage, meines Wissens nicht, so hei&szlig;t das,
+&uuml;berhaupt nicht,« meinte der alte Herr l&auml;chelnd, »denn
+andernfalls w&uuml;rde sie es mir anvertraut haben, davon
+bin ich &uuml;berzeugt. Nein &mdash; verlobt ist sie nicht. Ich
+mu&szlig; gestehen, da&szlig; mich das aufrichtig freut; in dieser
+Gegend wenigstens kenne ich niemand, als dessen Frau
+ich sie sehen m&ouml;chte. Wenn mich nicht alles tr&uuml;gt, so
+hat sie ein Herz, das hei&szlig; und innig lieben kann, und
+dieses Herzens sind nur wenige M&auml;nner wert.«</p>
+
+<p>»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath
+langsam.</p>
+
+<p>»Mit dem Heiraten? Nein &mdash; ich glaube nicht.
+Im Gegenteil. Auch Sir Jasper nicht. Sie verbringt
+fast das ganze Jahr in Turret Court &mdash; sie h&auml;ngt
+sehr an Lady Agathe und Fr&auml;ulein Mortlake, und
+ihre Heirat w&uuml;rde eine Mindereinnahme von tausend
+Pfund Sterling j&auml;hrlich f&uuml;r Jasper bedeuten. Und ich
+bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter
+des Gutes &mdash; ich wei&szlig;, da&szlig; ihm der Verlust nicht
+angenehm sein w&uuml;rde. Die Mortlakes sind nicht allzu
+wohlhabend.«</p>
+
+<p>»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend
+an, »da&szlig; Sie Lust zu dem Posten haben. Nach dem,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span>
+was ich mir aus den Reden der guten Leute hier zusammengereimt
+habe, scheint es mir nicht leicht, mit
+Sir Jasper auszukommen.«</p>
+
+<p>»Nun,« antwortete der alte Mann mit gro&szlig;er
+Milde, w&auml;hrend er seine Pfeife schmauchte, »das mag
+im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper ist sehr
+rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein
+Gehalt bildet einen willkommenen Zuschu&szlig; zu meinem
+geringen Einkommen. Und ich habe wirklich kein
+Recht, mich &uuml;ber Sir Jasper zu beklagen. Er behandelt
+mich auf alle F&auml;lle ebenso gut, wenn nicht
+besser als andere.«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, das sagt nicht viel.«</p>
+
+<p>Leath blickte mit einem halb zornigen L&auml;cheln in
+das sch&ouml;ne alte Antlitz, das so sanft und gelassen war.
+»Nach allem, was ich &uuml;ber ihn h&ouml;rte, befremdet es
+mich, da&szlig; ein Mann mit Ihren F&auml;higkeiten sich in eine
+untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegen&uuml;ber
+begeben konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit
+doch nicht &uuml;bel?«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehm&uuml;tigem
+L&auml;cheln und blickte in den Garten hinaus;
+die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte auf seinem Knie.
+Dann erz&auml;hlte er mit leiser Stimme, da&szlig; er vor langen
+Jahren &mdash; mehr als drei&szlig;ig &mdash; einen bitteren Kummer
+gehabt, der sein ganzes Leben verd&uuml;stert, der allen
+Ehrgeiz, alles Streben in ihm ert&ouml;det, der ihn vor der
+Zeit alt gemacht habe.</p>
+
+<p>»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf
+meiner Pflichten, in meinem Garten bei meinen
+B&uuml;chern bin ich so gl&uuml;cklich, wie ich &uuml;berhaupt je<span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span>
+wieder werden kann. Doch genug davon, und genug
+von mir. Lassen Sie&rsquo;s gut sein,« schlo&szlig; er.</p>
+
+<p>Er legte die Hand &uuml;ber die Augen und sa&szlig; ein
+Weilchen so da. Leath, in dessen Gesicht ein ungewohnter
+sanfter, weicher Ausdruck getreten war,
+blickte r&uuml;cksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus.
+Als Sherriff wieder zu sprechen anhub, war es
+mit seiner gewohnten Ruhe und in einem anderen
+Tone.</p>
+
+<p>»Es freut mich, da&szlig; wir zuf&auml;llig auf Sir Jasper
+zu reden kamen,« sagte er, »denn dabei f&auml;llt mir ein,
+was ich sonst vergessen h&auml;rte, &mdash; da&szlig; ich ihm einen
+Brief schicken mu&szlig;, und zwar so bald wie m&ouml;glich. Joe
+mu&szlig; sogleich damit fort.«</p>
+
+<p>Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es
+stellte sich heraus, da&szlig; dieser mit einem Auftrage nach
+Lychet Hook geschickt worden, und zwar von dem
+Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erkl&auml;rte
+nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen
+zu m&uuml;ssen, aber Leath legte ihm die Hand auf die
+Schulter, dr&uuml;ckte ihn sanft in seinen Stuhl zur&uuml;ck und
+erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich
+schon l&auml;ngst gern einmal habe ansehen wollen, solange
+er in der Gegend bleibe.</p>
+
+<p>Sherriff, der recht gut wu&szlig;te, da&szlig; ihm die Hitze
+auf der Halde zu viel werden w&uuml;rde, erhob nur eine
+schwache Einsprache, die Leath mit einem Kopfnicken
+abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und
+ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im
+n&auml;chsten Augenblick zur&uuml;ckkehrte, sah er, da&szlig; der alte
+Herr aufgestanden war und mit bek&uuml;mmertem Ausdruck<span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span>
+auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf
+seinen unwillk&uuml;rlich fragenden Blick wandte Sherriff
+sich um und legte ihm die Hand auf die Schulter. Beide
+waren hochgewachsene M&auml;nner, und ihre Augen befanden
+sich ungef&auml;hr in derselben H&ouml;he.</p>
+
+<p>»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber
+ich glaube, ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte,
+da&szlig; ich Sie sehr liebgewonnen habe. Sie sprachen eben
+davon, da&szlig; Sie sich Turret Court gern einmal ansehen
+wollten, solange Sie hier in der Gegend w&auml;ren.
+Ich hoffe, das soll nicht hei&szlig;en, da&szlig; Sie daran denken,
+St. Mellions zu verlassen? Wenigstens jetzt noch
+nicht?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse
+gelangt. Ich bin entmutigt &mdash; ich kann noch
+nicht sagen, was ich tun werde &mdash; was das beste
+sein w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er
+diese Antwort, mit einer seltsamen festen Entschiedenheit,
+so abgebrochen und ohne Zusammenhang die
+kurzen S&auml;tze auch hervorgesto&szlig;en wurden. Sherriff
+sah best&uuml;rzt aus, sagte aber nichts. Leath, der sein
+Zartgef&uuml;hl, das keine Frage stellte, verstand, fuhr
+langsam fort, als w&auml;ge er jeden Satz sorgf&auml;ltig, ehe
+er ihn aussprach:</p>
+
+<p>»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen
+und seit meinen Knabenjahren beabsichtigt
+habe, eine bestimmte Angelegenheit zu erledigen. Sie
+d&uuml;rfen es mir nicht &uuml;belnehmen, wenn ich Ihnen
+nichts N&auml;heres dar&uuml;ber sage. Mein Entschlu&szlig;, es zu
+tun, steht unwiderruflich fest, und doch bin ich schwach<span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span>
+genug, mich fast entmutigt zu f&uuml;hlen, weil ich bisher
+keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich h&auml;tte, wie
+es scheint, ebensogut in Australien bleiben k&ouml;nnen, wie
+hierherzukommen, und doch ist dieser Ort &mdash; St. Mellions
+&mdash; der einzige Ausgangspunkt f&uuml;r meine Nachforschungen,
+den ich kenne. Heute morgen, als ich die
+Sache &uuml;berdachte, hielt ich es fast f&uuml;r verst&auml;ndiger,
+anderswo nach einer Spur zu suchen, die mich vielleicht
+hierher zur&uuml;ckf&uuml;hren w&uuml;rde. Ich bin noch unentschlossen,
+ob ich gehen oder bleiben werde. Aber
+ich glaube, ich werde gehen.«</p>
+
+<p>»Das tut mir leid zu h&ouml;ren.«</p>
+
+<p>Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm
+das, was ihm gesagt worden, hin, ohne eine Frage zu
+stellen.</p>
+
+<p>»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er
+ruhig, »hoffentlich werden Sie nicht vergessen, da&szlig;
+es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein Freund
+und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«</p>
+
+<p>»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle
+Rechte umschlo&szlig; fest die zarte Hand des Alten.
+»Au&szlig;er Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, den
+ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken
+w&uuml;rde, au&szlig;er Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach
+gew&auml;hren w&uuml;rde, ohne da&szlig; ich daf&uuml;r bezahlte.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der Weg &uuml;ber die Halde von St. Mellions nach
+Turret Court war lang, und in der Glut der Junisonne
+war es ein sehr hei&szlig;er Weg, aber Leath, der an sehr<span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span>
+viel hei&szlig;ere und l&auml;ngere M&auml;rsche gewohnt war, legte
+ihn schnell und leicht zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Am gro&szlig;en Einfahrtstor angekommen, blieb er
+z&ouml;gernd stehen und schritt dann auf eine nur angeklinkte
+Pforte in der hohen roten Mauer zu, durch
+die er eintrat und gem&auml;chlich den Weg nach dem
+Hause einschlug. Ehe er hundert Meter zur&uuml;ckgelegt
+hatte, blieb er stehen. In geringer Entfernung von
+ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger M&auml;dchen
+Art, in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei
+Damen dahin; in der einen erkannte er sofort die junge
+Gr&auml;fin, w&auml;hrend er die andere f&uuml;r Fr&auml;ulein Mortlake
+hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zuf&auml;llig
+den Kopf seitw&auml;rts und erkannte ihn ebenso schnell,
+wie er sie erkannt hatte. Der Ausruf des Staunens,
+der ihr entfuhr, so leise er auch war, veranla&szlig;te Cis,
+sich ebenfalls umzuwenden.</p>
+
+<p>»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.</p>
+
+<p>»Jener Mensch.«</p>
+
+<p>»Welcher Mensch?«</p>
+
+<p>»Leath.«</p>
+
+<p>»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er
+also?« sagte sie mit Interesse. »Was mag er nur
+wollen?«</p>
+
+<p>»Das kann uns kaum interessieren. La&szlig; uns nicht
+stehenbleiben, mein Herz! Wir tun, als h&auml;tten wir
+ihn nicht gesehen!«</p>
+
+<p>»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht
+sehr nett aus, finde ich,« fl&uuml;sterte sie, »und ich bin
+davon &uuml;berzeugt, da&szlig; er wei&szlig;, &mdash; wissen mu&szlig;, <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>&mdash;
+da&szlig; wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence,
+und stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mu&szlig;t
+du mich ihm vorstellen!«</p>
+
+<p>Leath schritt nach kurzem Z&ouml;gern auf die Damen
+zu und nahm vor Florence den Hut ab.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Gr&auml;fin! Ich hoffe, Ihnen nicht
+als Eindringling zu erscheinen, aber ich bin von Herrn
+Sherriff beauftragt, Sir Jasper einen Brief zu &uuml;berbringen.«</p>
+
+<p>»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erw&auml;hnung
+ihres alten Freundes milder gestimmt und
+entschied sich jetzt daf&uuml;r, liebensw&uuml;rdig zu sein. »Das
+ist ein ausreichender Empfehlungsbrief f&uuml;r den Park,«
+meinte sie l&auml;chelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine,
+Fr&auml;ulein Mortlake, vorstellen? Liebe Cis, du erinnerst
+dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen bin,
+Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; erinnere ich mich dessen.«</p>
+
+<p>Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten L&auml;cheln.
+Leath war nicht h&uuml;bsch, wie Harry, der ihr Sch&ouml;nheitsideal
+war, er sah etwas zu streng und zu ernst aus,
+aber sie konnte nichts &rsaquo;Unausstehliches&lsaquo; an ihm wahrnehmen
+und wunderte sich, weshalb Florence ihn so
+bezeichnet hatte.</p>
+
+<p>»Ich habe gelacht, als ich davon h&ouml;rte, Herr
+Leath,« sagte sie munter. »Wissen Sie wohl, da&szlig; Sie
+sich geehrt f&uuml;hlen sollten? Ich glaube, Sie sind der
+erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat
+betreten d&uuml;rfen.«</p>
+
+<p>Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span>
+Sie &auml;rgerte sich fast &uuml;ber Cis. Das allerliebste,
+muntere, freim&uuml;tige Benehmen, das sie immer geliebt
+und bewundert hatte, verdro&szlig; sie zum ersten Male.
+Es entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie
+Everard Leath gegen&uuml;ber f&uuml;r w&uuml;nschenswert hielt.
+Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige Gesichtchen
+und sprach, w&auml;hrend sie den kastanienbraunen
+Kopf hochm&uuml;tig hob:</p>
+
+<p>»Sie sagten, Sie h&auml;tten einen Brief f&uuml;r Sir
+Jasper, Herr Leath? Erwarten Sie eine Antwort, oder
+soll ich ihn Ihnen abnehmen?«</p>
+
+<p>Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als
+wolle sie die Hand ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich
+die Aush&auml;ndigung des Briefes. Leath aber
+machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr g&uuml;tig, Gr&auml;fin, aber ich brauche
+Sie nicht zu bem&uuml;hen. Als ich mich erbot, das Billett
+zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, Sir Jasper selbst
+aufzusuchen und eine Antwort von ihm zur&uuml;ckzubringen.«</p>
+
+<p>»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht
+aufhalten! Wenn Sie sich rechts wenden, so erreichen
+Sie das Haus auf dem k&uuml;rzesten Wege.«</p>
+
+<p class="pmb3">Leath verbeugte sich; er war nicht aus der
+Fassung zu bringen. Cis kniff ihrer Cousine in den
+Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
+Was n&uuml;tzte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen,
+wenn er im n&auml;chsten Augenblicke seiner Wege geschickt
+wurde? Was konnte Florence nur so pl&ouml;tzlich verstimmt
+haben? Sie h&auml;tte vielleicht Einspruch erhoben,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span>
+denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger Ausgelassenheit,
+w&auml;re nicht eine pl&ouml;tzliche und ganz unvorhergesehene
+Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt
+ert&ouml;nte auf einem der Pfade in der N&auml;he, und Sir
+Jasper in h&ouml;chsteigener Person erschien auf der Bildfl&auml;che.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_6">6.</h2>
+</div>
+
+<p>Cis wich einen Schritt zur&uuml;ck und warf Florence
+unwillk&uuml;rlich einen Blick schreckensvoller Best&uuml;rzung
+zu. Sir Jaspers Gegenwart sch&uuml;chterte seine Tochter
+fast ebenso ein wie seine Frau. Wie w&uuml;rde er den
+Fremden empfangen, den er, stehenbleibend, eine
+leichte Wolke auf dem sch&ouml;nen, ruhigen Gesicht, gemustert
+hatte &mdash; liebensw&uuml;rdig, steif und f&ouml;rmlich oder
+ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung
+an.</p>
+
+<p>W&auml;re es Cis &uuml;berlassen geblieben, die n&ouml;tigen erkl&auml;renden
+Worte zu sprechen, so w&uuml;rde sie sich wohl
+sehr schlecht aus der Sache gezogen haben. Aber
+Florence &uuml;bernahm das, als verst&uuml;nde es sich ganz
+von selbst, und tat es mit gro&szlig;er Gewandtheit.</p>
+
+<p>»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,«
+sagte sie l&auml;chelnd. »Du ersparst uns den Weg
+nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath
+reden h&ouml;ren, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche
+im Bungalow. Er ist so freundlich, dir einen Brief von
+Herrn Sherriff zu &uuml;berbringen.«</p>
+
+<p>»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine
+Stirn leicht gerunzelt, aber er blickte Leath an, und
+sein Ausdruck hellte sich auf.</p>
+
+<p>»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span>
+Gestatten Sie mir, Ihnen den Brief abzunehmen, dessen
+Besorgung Sie so freundlich &uuml;bernommen haben,«
+sprach er.</p>
+
+<p>Leath &uuml;berreichte ihm mit einer Verbeugung das
+Schreiben, das der Baron mit einem Wort der Entschuldigung
+erbrach, las und in die Tasche steckte; dann
+fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen
+d&uuml;rfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen,
+was dieser freundlich bejahte.</p>
+
+<p>»Vielen Dank &mdash; ich bin Ihnen sehr verbunden.
+Aber mittlerweile ist die Zeit des zweiten Fr&uuml;hst&uuml;cks
+gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir die Ehre, es
+mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein,
+Sie meiner Frau vorzustellen.«</p>
+
+<p>Leath nahm dankend an.</p>
+
+<p>Cis ri&szlig; hinter dem R&uuml;cken ihres Vaters ihre
+blauen Augen auf, so weit sie nur konnte, und kniff
+ihrer Cousine heftig in den Arm &mdash; beides sollte ihre
+grenzenlose &Uuml;berraschung ausdr&uuml;cken. Was war nur
+&uuml;ber Sir Jasper gekommen, da&szlig; er sich so liebensw&uuml;rdig
+zeigte wie noch nie? dachte seine Tochter.</p>
+
+<p>Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen
+der Augenbrauen beantwortete, behielt ihre
+eigene Verwunderung &mdash; nicht &uuml;ber Sir Jaspers
+Freundlichkeit, sondern &uuml;ber die Gelassenheit und Gewandtheit,
+mit der Leath die Einladung aufnahm &mdash;
+f&uuml;r sich. Er hatte keine Spur der Befangenheit und
+Verlegenheit verraten, die er ihr gegen&uuml;ber anfangs
+im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis
+weiter, eine Regung des Interesses und der Belustigung<span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span>
+empfindend, sehr ernst und schweigsam, &mdash; etwas
+&auml;u&szlig;erst Seltenes bei Gr&auml;fin Florence.</p>
+
+<p>Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen
+Zunge nicht plauderte, so gebrauchte sie doch ihre
+gro&szlig;en, gl&auml;nzenden irischen Augen und wunderte sich,
+auf einmal das ungewohnte L&auml;cheln aus dem Antlitz
+ihres Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen,
+seine Lippen sich fest aufeinanderpressen und seine
+Augen verstohlene Seitenblicke auf seinen Gef&auml;hrten
+werfen zu sehen. War seine liebensw&uuml;rdige Anwandlung
+schon vor&uuml;ber? Es sah fast so aus. Oder
+hatte ihn etwas ge&auml;rgert? So sah es noch mehr aus.
+Und dennoch, was konnte das gewesen sein? Weder sie
+noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur
+Sir Jaspers Fragen &uuml;ber die mutma&szlig;liche Dauer
+seines Aufenthaltes in St. Mellions und &Auml;hnliches
+beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren,
+zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam
+war er geworden. Als er gleich darauf wieder zu
+sprechen anhub, wandte er hastig die Augen ab; sie
+fand, da&szlig; seine Stimme nie so scharf geklungen
+wie jetzt.</p>
+
+<p>»Habe ich recht verstanden &mdash; Sie kommen aus
+Australien, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich
+eingeschifft.«</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, wo?«</p>
+
+<p>»In Sydney. Aber ich habe in Queensland
+gelebt.«</p>
+
+<p>»Ihr ganzes Leben lang?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p>
+
+<p>»Sie sind fr&uuml;her noch nie in England gewesen?«</p>
+
+<p>»Niemals.«</p>
+
+<p>»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«</p>
+
+<p>»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten
+Entschlu&szlig; gefa&szlig;t. Aber mich fesselt nichts an Australien,
+und es ist m&ouml;glich, da&szlig; ich es tue.«</p>
+
+<p>»Nichts? Sie wollen damit sagen, da&szlig; Sie keine
+Eltern haben?«</p>
+
+<p>»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. W&auml;hrend
+der letzten acht Jahre &mdash; seitdem ich zweiundzwanzig
+Jahre alt bin &mdash; habe ich ganz allein in
+der Welt gestanden.«</p>
+
+<p>»Sie haben keine Verwandten in England?«</p>
+
+<p>»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem
+Lande der Welt.«</p>
+
+<p>Die Fragen waren in einem herrischen, br&uuml;sken
+Ton gestellt worden, der beinahe ungezogen war;
+aber Leath hatte mit unverw&uuml;stlicher Gelassenheit
+bereitwillig und deutlich geantwortet, w&auml;hrend er
+ernst vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an.
+Sir Jasper hatte sein Schweigen nicht wieder gebrochen,
+noch Leath wieder angeblickt.</p>
+
+<p>Lady Agathe, der so pl&ouml;tzlich zugemutet wurde,
+die liebensw&uuml;rdige Wirtin einem jungen Manne gegen&uuml;ber
+zu spielen, von dem sie au&szlig;er der Geschichte mit
+Florences H&ouml;hle nie etwas geh&ouml;rt hatte, war freundlich
+und w&uuml;rde noch freundlicher gewesen sein, w&auml;re
+sie &uuml;ber die Empfindungen ihres Mannes im klaren
+gewesen. Chichester, der in Turret Court fr&uuml;hst&uuml;ckte,
+wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war<span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span>
+von angemessener H&ouml;flichkeit. Bei Tische sa&szlig; er nat&uuml;rlich
+neben seiner Braut, und Cis &mdash; ganz und
+gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys Abwesenheit
+war ihr fast jeder Mann lieber als keiner
+&mdash; fiel das Amt zu, den Fremden zu unterhalten.
+Sie, Jasper und seine Frau sa&szlig;en einander gegen&uuml;ber,
+und Roys Stuhl blieb leer &mdash; er war nach Market
+Beverley geritten.</p>
+
+<p>Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe
+nicht leicht. Es mochte daran liegen, da&szlig; ihr
+Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, oder da&szlig;
+die allgemeine Atmosph&auml;re etwas Bedr&uuml;ckendes hatte.
+Au&szlig;er ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen,
+ein Gespr&auml;ch in Gang zu bringen. Florences
+sonst so beredte Zunge hatte wenig zu sagen.
+Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund
+hin&uuml;ber; sie antwortete ihrem Verlobten, aber mehr
+tat sie nicht und wandte sich nicht ein einziges Mal
+direkt an Everard Leath.</p>
+
+<p>»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis
+und warf vorwurfsvolle Blicke &uuml;ber den Tisch. Weshalb
+sprach sie nicht &mdash; sie, die immer jedermann
+am&uuml;sieren konnte, wenn sie wollte? &mdash; Die Pause,
+die nach ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort
+eingetreten war, hatte schon beklemmend lange gedauert.
+Veranla&szlig;t durch die Richtung, die die Blicke
+ihres Gef&auml;hrten nahmen, fragte sie schlie&szlig;lich:</p>
+
+<p>»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen,
+glaube ich, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; aber ich habe von ihm geh&ouml;rt. Ihm
+geh&ouml;ren die Chichester Arms, nicht wahr?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p>
+
+<p>»Freilich, ihm geh&ouml;rt ein gro&szlig;er Teil von St.
+Mellions &mdash; mehr als uns,« sprach Cis. »Sein Besitz
+Highmount ist wirklich wundervoll. Manche finden
+ihn sch&ouml;ner als Turret Court, aber die Ansicht
+teile ich nicht. Haben Sie den Park und das Schlo&szlig;
+schon gesehen?«</p>
+
+<p>»Nur von der Chaussee aus.«</p>
+
+<p>Leath blickte wieder &uuml;ber den Tisch hin&uuml;ber.
+Chichester sprach gerade mit Florence, die zu ihm aufschaute.</p>
+
+<p>»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; nicht! Wissen Sie denn nicht &mdash;« Cis brach
+ab, dunkelrot im Gesicht, und verriet, was sie angefangen
+auszusprechen, so unbeholfen durch ihr schuldbewu&szlig;tes
+Aussehen, da&szlig; er sie sofort verstand. Einen
+Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach
+er mit einer k&uuml;hnen Gelassenheit, die seine Gef&auml;hrtin
+verbl&uuml;ffend fand, wenn sie auch erleichtert aufatmete:</p>
+
+<p>»Das wu&szlig;te ich allerdings nicht, Fr&auml;ulein Mortlake.
+Verzeihen Sie mir die Frage &mdash; ist Gr&auml;fin Esmonds
+Verlobung augenblicklich noch ein Geheimnis?«</p>
+
+<p>»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts
+der Art! Wir alle wissen es, aber sie soll noch nicht
+ver&ouml;ffentlicht werden, ehe die Herzogin &mdash; die Patin
+meiner Cousine und ihr zweiter Vormund &mdash; davon
+in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben
+hat.«</p>
+
+<p>»Soll Gr&auml;fin Florences Verlobung auch vor
+Herrn Sherriff geheimgehalten werden?«</p>
+
+<p>»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erz&auml;hlt?<span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span>
+Sie h&auml;lt so viel von ihm, da&szlig; ich glaubte, er
+sei einer der ersten, dem sie es mitgeteilt. Sind Sie
+sicher, da&szlig; er es nicht wei&szlig;?«</p>
+
+<p>»Ganz sicher.«</p>
+
+<p>»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus.
+»Das sieht ihr gar nicht &auml;hnlich! Bitte, erw&auml;hnen
+Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath &mdash; es
+k&ouml;nnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl
+so zusammenh&auml;ngen, da&szlig; sie glaubt, da&szlig; Herr Sherriff
+sich nicht dar&uuml;ber freuen w&uuml;rde. Und das glaub&rsquo; ich
+auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb,
+da&szlig; er keinen f&uuml;r gut genug f&uuml;r sie h&auml;lt.«</p>
+
+<p>Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder
+richteten sich seine Augen quer &uuml;ber den Tisch hin&uuml;ber
+auf das ruhige, sch&ouml;ne Gesicht des Mannes, das sich
+ein wenig zu dem kastanienbraunen M&auml;dchenkopfe
+hinabbeugte, &mdash; nur ein wenig mit artiger H&ouml;flichkeit,
+&mdash; nicht mehr vielleicht, als er sich eben zu Cis
+hinuntergebeugt hatte. Der ihr Br&auml;utigam? Er sah
+aus, als w&auml;re er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so
+gleichg&uuml;ltig war er.</p>
+
+<p>Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich,
+und nachdem sie abermals ohne Erfolg zu
+ihrer Cousine hin&uuml;bertelegraphiert hatte, begann sie
+einige Fragen &uuml;ber Australien zu stellen, an die sie,
+durch eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so
+da&szlig; endlich ein Gespr&auml;ch zwischen ihr und ihrem Tischnachbar
+in Gang kam, und was er ihr erz&auml;hlte, war
+wirklich am&uuml;sant und neu f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich selbst m&ouml;chte gern einmal nach
+Australien,« meinte sie. »Man macht sich erst eine<span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span>
+Vorstellung von einem Orte, wenn jemand redet, der
+dort gewesen ist, und der einzige au&szlig;er Ihnen, den
+ich kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie
+davon.«</p>
+
+<p>»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf.
+»Darf ich fragen, wer das ist, Fr&auml;ulein Mortlake?«</p>
+
+<p>»Wie dumm von mir, &mdash; ich dachte, das w&uuml;&szlig;ten
+Sie! Es ist Harrys &mdash; Herrn Wentworths Vater.«
+Sie err&ouml;tete leicht, als ihr der Name entschl&uuml;pfte
+und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer
+seiner &Auml;u&szlig;erungen entnommen, da&szlig; ihr Tischnachbar
+um ihre Verlobung wisse.</p>
+
+<p>»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es
+kann ihm dort nicht sehr gefallen haben, denn er
+spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in der Tat
+keine Ahnung davon, bis Har&mdash; Herr Wentworth
+es mir erz&auml;hlte.«</p>
+
+<p>»Wann war er dr&uuml;ben? K&uuml;rzlich?« fragte Leath
+rasch.</p>
+
+<p>»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet
+war.«</p>
+
+<p>»Vor drei&szlig;ig Jahren vielleicht?« fragte Leath
+wieder und blickte sie unverwandt an.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das mag schon sein! Sein Sohn ist f&uuml;nfundzwanzig,
+also mu&szlig; es ungef&auml;hr so lange her sein.«</p>
+
+<p>Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer
+Nichte das &uuml;bliche Zeichen und stand auf. Es blieb
+keine Zeit zu einer Antwort.</p>
+
+<p>Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort
+f&uuml;r Herrn Sherriff ihm schon gegeben worden. Seine
+Wirtin entlie&szlig; ihn mit einem H&auml;ndedruck und einem<span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span>
+freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die
+k&auml;lteste und f&ouml;rmlichste Verbeugung.</p>
+
+<p>Was war aus Sir Jaspers &uuml;berraschender Herzlichkeit
+geworden? Cis blickte wieder mit drolligem
+Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die beiden M&auml;dchen
+zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte
+mit Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter
+nach Highmount zur&uuml;ckrief, das Zimmer verlassen,
+und der Baron sa&szlig; stumm und regungslos vor
+sich hinbr&uuml;tend an seinem Platze.</p>
+
+<p>»Nun, ich mu&szlig; gestehen, ich wei&szlig; nicht, weshalb
+du ihn unausstehlich nennst, Florence,« g&auml;hnte
+Cis, »ich mu&szlig; freilich zugeben, da&szlig; es nicht leicht ist,
+sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht
+helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte.
+Es war zu schlecht von dir.«</p>
+
+<p>»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence
+trocken zur&uuml;ck. »Chichesters Unterhaltungsgabe war
+auch nicht gerade gl&auml;nzend.«</p>
+
+<p>»Apropos, Florence, ich finde, du h&auml;ttest Herrn
+Sherriff deine Verlobung mitteilen m&uuml;ssen. Er h&auml;lt
+so viel von dir!«</p>
+
+<p>»Herrn Sherriff? Woher wei&szlig;t du, da&szlig; ich
+das nicht getan habe?« fragte Florence rasch.</p>
+
+<p>»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschl&uuml;pfte
+mir ihm gegen&uuml;ber, da&szlig; du verlobt seiest.
+Er sagte, er wisse bestimmt, da&szlig; Herr Sherriff nichts
+davon w&uuml;&szlig;te.«</p>
+
+<p>»Was vermutlich hei&szlig;t, da&szlig; sie &uuml;ber mich gesprochen.
+Das sieht der Unversch&auml;mtheit des einen
+von ihnen wenigstens ganz &auml;hnlich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe,
+dann lachte sie. »Bah,« sagte sie dann in
+leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, da&szlig; du es
+Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn
+Sherriff gern aufkl&auml;ren, meinetwegen kann jedermann
+es erfahren.«</p>
+
+<p>Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener
+Stirn. »Cis!«</p>
+
+<p>»Ja, Liebste?«</p>
+
+<p>»Ist es dir nicht aufgefallen, da&szlig; er jemand
+furchtbar &auml;hnlich sieht?«</p>
+
+<p>»Herr Leath? Nein &mdash; ich habe keine &Auml;hnlichkeit
+gesehen.«</p>
+
+<p>»Ich aber &mdash;« sagte Florence langsam, als suche
+sie sich zu vergegenw&auml;rtigen, in welchem Zuge die
+&Auml;hnlichkeit l&auml;ge, »ich sehe es immer; schon am Tage
+des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe seitdem
+immer dar&uuml;ber nachgedacht. Wem von meinen
+Bekannten er &auml;hnlich sieht, und worin die &Auml;hnlichkeit
+liegt, wei&szlig; ich nicht, aber ich wei&szlig;, da&szlig; sie
+da ist.«</p>
+
+<p>»Was sagst du da?«</p>
+
+<p>Cis stie&szlig; einen leisen Schrei aus. Sie war an
+ihres Vaters scharfe, herrische Stimme gew&ouml;hnt, nicht
+an die Wut, die jetzt aus seiner Stimme klang. Er
+hatte sich erhoben und stand vorn&uuml;bergebeugt da, die
+gespreizten H&auml;nde schwer auf den Tisch gest&uuml;tzt. Sein
+blasses, zorniges Gesicht pa&szlig;te zu seiner Stimme.</p>
+
+<p>Florence, die seine Schroffheit &uuml;belnahm, antwortete
+mit hochm&uuml;tiger Gelassenheit:</p>
+
+<p>»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte,<span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span>
+da&szlig; Herr Leath irgend jemand au&szlig;erordentlich &auml;hnlich
+s&auml;he, und es will mir nicht einfallen, wem.«</p>
+
+<p>»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie
+ist es m&ouml;glich? Was kannst du wissen?« Er brach
+nach diesen schnell und rauh hervorgesto&szlig;enen Worten
+j&auml;h ab und lie&szlig; auch die ungest&uuml;m erhobene Hand
+sinken.</p>
+
+<p>»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster.
+»Unsinn! H&uuml;te deine Zunge besser. An dem Menschen
+hast du keine &Auml;hnlichkeit zu sehen, und ich rate dir,
+von dem Manne &uuml;berhaupt so wenig wie m&ouml;glich
+zu sehen. Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist
+ein Abenteurer, soviel wir wissen. Es war verkehrt
+von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich werde
+das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn
+du klug bist, so la&szlig; es mich nicht wieder h&ouml;ren,
+da&szlig; du so t&ouml;richte Reden f&uuml;hrst.«</p>
+
+<p>Er ging aus dem Zimmer. Die T&uuml;r fiel dr&ouml;hnend
+hinter ihm ins Schlo&szlig;. Cis war sprachlos.</p>
+
+<p>»Florence, was kann &uuml;ber ihn gekommen sein?
+Und so zu dir zu reden!«</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war
+gerunzelt, ihre Augen weit ge&ouml;ffnet; sie hatte keine
+Antwort bereit.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Sherriff war &uuml;ber einem seinem Lieblingsschriftsteller
+fast eingeschlafen, als er durch Everard Leath,
+der durch die Veranda eintrat, aufgeweckt wurde.
+Die Worte freudiger Begr&uuml;&szlig;ung, die er auf der Zunge
+hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann,<span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span>
+mit dem eine seltsame Ver&auml;nderung vorgegangen war.
+Seine Augen gl&auml;nzten, sein Gesicht war ger&ouml;tet, der
+gelassene Ausdruck verschwunden und einer sonderbaren
+frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte
+dem Alten, der ihn verwundert ansah, die Hand auf
+die Schulter.</p>
+
+<p>»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St.
+Mellions bleiben w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p class="pmb3">»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich
+w&uuml;rde aber wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes
+anderen Sinnes, &mdash; ganz anderen Sinnes geworden,
+&mdash; und mein Entschlu&szlig; ist gefa&szlig;t. Ich bleibe hier.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_7">7.</h2>
+</div>
+
+<p>Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen,
+denn die Hitze hatte noch zugenommen, und
+sogar in den k&uuml;hlen, gro&szlig;en, luftigen R&auml;umen von
+Turret Court empfanden alle sie als sehr l&auml;stig.</p>
+
+<p>Lady Agathe, ihre Kinder &mdash; Roy in einem wei&szlig;leinenen
+Anzuge, in dem er noch l&auml;nger als sonst aussah
+&mdash; und Florence sa&szlig;en vor den Fenstern des get&auml;felten
+Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem
+Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch
+gebracht worden. Es war dort entschieden k&uuml;hler als
+drinnen, und die wei&szlig;gekleideten M&auml;dchengestalten,
+die sich licht von dem gr&uuml;nen Hintergrund abhoben,
+boten ein h&uuml;bsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen
+und Decken ein Lager zurechtgemacht.</p>
+
+<p>Chichester, der wie immer k&uuml;hl, gelassen und
+vornehm aussah, erschien gerade, als die ersten Tassen
+eingeschenkt wurden.</p>
+
+<p>»W&uuml;nschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein
+Glas Bischof vor?« fragte ihn Florence.</p>
+
+<p>Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina
+an die Herzogin geschrieben und beide &auml;u&szlig;erst
+befriedigende und herzliche Antworten erhalten. Jetzt,
+wo Ihre Durchlaucht ihre f&ouml;rmliche Einwilligung zu
+ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>
+der nicht wu&szlig;te, da&szlig; Gr&auml;fin Florence Esmond
+als Herrin in Highmount einziehen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Chichester entschied sich f&uuml;r Tee und nahm die
+Tasse, die Florence ihm reichte. Er hatte Lady Agathe
+schon seine Verbeugung gemacht und Cis die Hand gesch&uuml;ttelt,
+die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung
+mit ihm anzukn&uuml;pfen &mdash; im stillen hielt sie
+ihn in der Beziehung noch schlimmer als &rsaquo;den Menschen
+Leath&lsaquo;, was sehr viel sagen wollte.</p>
+
+<p>»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte
+er dann, »ich speise heute bei dem Bischof. Ich mu&szlig;
+heimfahren, sobald ich Sir Jasper gesprochen habe.«</p>
+
+<p>»O, es ist ein gesch&auml;ftlicher Besuch?« meinte das
+junge M&auml;dchen l&auml;chelnd, »ich h&auml;tte dich also mit
+meinem frivolen Tee gar nicht aufhalten sollen. Mein
+Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir ihm sagen
+lassen, da&szlig; du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt
+beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, Tante Agathe, &mdash; er sitzt zu
+viel allein &mdash; ich will ihn bitten lassen, zu uns zu
+kommen.«</p>
+
+<p>Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale
+mit Fr&uuml;chten brachte, die n&ouml;tige Anweisung, und ein
+paar Minuten darauf erschien der Hausherr. Er hatte
+die Aufforderung augenscheinlich ziemlich liebensw&uuml;rdig
+aufgenommen. Die gesch&auml;ftliche Besprechung
+mit Chichester wurde rasch erledigt, w&auml;hrend er den
+Tee trank, den Florence ihm gereicht hatte. Er kehrte
+aber nicht ins Haus zur&uuml;ck, wie Cis im stillen gehofft,
+sondern lehnte sich in seinen Stuhl zur&uuml;ck und schien
+aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy g&auml;hnte ganz unverhohlen;<span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span>
+er hatte nicht solche Furcht vor seinem Vater,
+wie die sch&uuml;chterne kleine Cis, und sagte:</p>
+
+<p>»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas &Auml;hnliches
+erlebt habe! Ich fragte heute morgen Leath, ob
+es in Queensland noch hei&szlig;er w&auml;re, und er sagte,
+dies w&auml;re noch eine k&uuml;hle Temperatur dagegen.
+K&uuml;hl! Du meine G&uuml;te!«</p>
+
+<p>»Was hei&szlig;t das?« Sir Jasper brach mitten im
+Satz ab und drehte sich schnell nach seinem Sohn und
+Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er streng.</p>
+
+<p>Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung
+sehr verwundert war, antwortete:</p>
+
+<p>»Von dem Menschen aus Australien, Everard
+Leath. Doch du mu&szlig;t ihn ja kennen, er hat hier vorige
+Woche gefr&uuml;hst&uuml;ckt, wie mir Cis erz&auml;hlt hat.«</p>
+
+<p>»La&szlig; deine Schwester gef&auml;lligst aus dem Spiel
+und antworte mir. Wo hast du ihn getroffen?«</p>
+
+<p>»Wo&mdash;o, ein paarmal bei dem alten Sherriff
+&mdash; und bei Mutter Buckstone &mdash; und sonst im Orte.
+Er ist ein netter Mensch, den ich gern leiden mag.
+Warum, Vater?«</p>
+
+<p>»Weil ich w&uuml;nsche, da&szlig; du diese Bekanntschaft
+abbrichst,« antwortete Sir Jasper in demselben
+schroffen Tone. »Der Mensch ist f&uuml;r uns ein Fremder
+&mdash; la&szlig; ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff
+sich l&auml;cherlich machen will, so mag er es tun. Bitte,
+ich w&uuml;nsche ihn nicht wieder von dir genannt zu h&ouml;ren,
+und damit basta!«</p>
+
+<p>Es war vielleicht gut, da&szlig; der Baron das Thema
+fallen lie&szlig;, denn Roys Achselzucken und Grimasse verhie&szlig;en
+nur geringe F&uuml;gsamkeit. Die Familie Mortlake<span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span>
+auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht
+gewesen, und Roy besa&szlig; eine gute Portion
+ihres angeborenen Eigensinns. Er erhob sich langsam
+aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis auf,
+mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister
+schlenderten davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls
+in der N&auml;he ihres Gatten nicht behaglich f&uuml;hlen
+mochte, folgte ihnen bald.</p>
+
+<p>Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch
+des Hausherrn mit gerunzelter Stirn dagesessen.
+Jetzt hub er an:</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie &mdash; darf ich fragen, ob Sie
+irgend etwas von diesem Leath wissen, Mortlake?«</p>
+
+<p>»Nichts &mdash; gar nichts, was sollte ich wissen? Was
+meinen Sie?«</p>
+
+<p>»Ich glaubte, da&szlig; Sie etwas Nachteiliges von
+ihm w&uuml;&szlig;ten; da Sie so dagegen sind, da&szlig; Roy sich mit
+ihm abgibt, so k&ouml;nnten Sie m&ouml;glicherweise einen besonderen
+Grund daf&uuml;r haben.«</p>
+
+<p>»Allerdings habe ich etwas dagegen, da&szlig; mein
+Sohn in seinem Alter einen freundschaftlichen oder gar
+intimen Verkehr mit einem Menschen anf&auml;ngt, den
+ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«</p>
+
+<p>»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte
+Chichester mit gewohntem Gleichmut. »Ich
+meinte nur, da&szlig; &mdash; ich habe ihm gerade heute Lychet
+Hut &mdash; Sie kennen doch das kleine Haus? &mdash; vermietet,
+und wenn Sie wirklich etwas gegen ihn haben,
+so erf&uuml;hre ich es gern.«</p>
+
+<p>»Sie haben ihm Lychet Hut &uuml;berlassen &mdash; ihn als
+Mieter genommen?« fragte der Baron ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«</p>
+
+<p>»Ist es fest abgemacht?«</p>
+
+<p>»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat
+die halbe Miete im voraus bezahlt.«</p>
+
+<p>»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie
+k&ouml;nnen ihn nicht an die Luft setzen?«</p>
+
+<p>»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht
+wissen, wer er ist?«</p>
+
+<p>»Freilich. Aber in einem solchen Falle gen&uuml;gt
+es, wenn ein Mieter die Miete im voraus zahlt. Es
+steht nicht in meiner Macht, die Sache r&uuml;ckg&auml;ngig zu
+machen, selbst wenn ich es w&uuml;nschte. Herr Sherriff &mdash;«</p>
+
+<p>»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht
+zu &auml;ndern. Wenn Sie es in der Zukunft bedauern
+sollten, so denken Sie daran, da&szlig; ich Sie gewarnt
+und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse
+zu schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff
+ist ein alter Narr!«</p>
+
+<p>Er stand von seinem Stuhle auf. Gr&auml;fin Florence
+und ihr Verlobter blieben allein und sahen ihm nach,
+wie er rasch dem Hause zuschritt, und blickten dann
+einander an. Es lag Verwunderung auf beiden Gesichtern
+&mdash; ratlose Best&uuml;rzung auf dem des Mannes
+&mdash; lebhaftes Staunen auf dem des M&auml;dchens.</p>
+
+<p>Florence brach in Lachen aus und zuckte die
+Achseln; ihre Brauen waren hoch emporgezogen.</p>
+
+<p>»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden
+Einflu&szlig; auf ihn gehabt,« meinte sie, und setzte
+dann hinzu. »Wie er den Menschen ha&szlig;t!«</p>
+
+<p>»Leath? Ja, es scheint so. Du wei&szlig;t nicht, weshalb?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p>
+
+<p>»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder
+lieben wir die meisten Leute?«</p>
+
+<p>Chichester umging die Antwort und stellte statt
+dessen eine h&ouml;fliche Frage:</p>
+
+<p>»Hoffentlich mi&szlig;billigst du es nicht, da&szlig; ich ihm
+Lychet Hut vermietet habe?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht, obgleich ich mich &uuml;ber seinen
+Geschmack, es zu mieten, wundere. Es ist fast verfallen,
+nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf
+einiger Ausbesserung. Ich habe schon alles N&ouml;tige angeordnet.«</p>
+
+<p>»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«</p>
+
+<p>Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.</p>
+
+<p>»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«</p>
+
+<p>»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, da&szlig;
+er an Einsamkeit gew&ouml;hnt sei und eigentlich eine Vorliebe
+daf&uuml;r habe.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich gern. Wie eigent&uuml;mlich, da&szlig;
+er den Wunsch hat, hier zu bleiben,« sagte sie, die Stirn
+in Falten ziehend.</p>
+
+<p>»Er sagte mir, er w&uuml;rde wahrscheinlich nur drei
+Monate, m&ouml;glicherweise nicht einmal so lange bleiben.
+Es tut mir leid, da&szlig; Sir Jasper b&ouml;se dar&uuml;ber ist.«</p>
+
+<p>»Er war furchtbar schroff und verdrie&szlig;lich, nicht
+wahr? Und wie er den armen Roy anfuhr! &mdash;
+Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte schelmisch.</p>
+
+<p>»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«</p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p>
+
+<p>»Gewi&szlig;. H&auml;tte ich ihn neulich nicht in meine
+H&ouml;hle geladen, so w&auml;re er vielleicht ertrunken!«</p>
+
+<p>Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er
+wurde nicht gern an das &rsaquo;H&ouml;hlenabenteuer&lsaquo; seiner
+Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, um Leath
+den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch w&auml;re es
+ihm lieber gewesen, wenn die Anspielung unterblieben.
+Das wu&szlig;te Florence, deren wundersch&ouml;ne, schalkhafte
+Augen unter den gesenkten Wimpern &uuml;berm&uuml;tig
+blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter
+der Gedanke gekommen, da&szlig; sie ihren phlegmatischen
+Verlobten eifers&uuml;chtig machen m&ouml;chte. Aber
+sie w&uuml;rde es unter ihrer W&uuml;rde gehalten haben, irgend
+etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur
+Eifersucht gegeben h&auml;tte.</p>
+
+<p>Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, da&szlig;
+ihr Vater von der Bildfl&auml;che verschwunden, kamen
+wieder herzu.</p>
+
+<p>»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; es wahrlich nicht!«</p>
+
+<p>Florence war aufgestanden; es klang etwas wie
+Ungeduld aus ihrer Stimme. Schlank und aufrecht
+stand sie in ihrem schlichten wei&szlig;en Kleide da und
+nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust.
+»Er mag Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie l&auml;ssig.
+»Das ist wohl der Grund.«</p>
+
+<p>»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld
+und ahnte nicht, da&szlig; sie Chichester eine Tatsache verriet,
+die ihre Cousine ihn nicht hatte erfahren lassen
+wollen. »Wei&szlig;t du noch, wie b&ouml;se Papa wurde, als
+du sagtest, er sehe irgend jemand &auml;hnlich?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span></p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Florence kurz.</p>
+
+<p>»Sehe jemand &auml;hnlich?« wiederholte Chichester
+fragend.</p>
+
+<p>»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine
+&Auml;hnlichkeit sehen. Zuerst war Papa sehr liebensw&uuml;rdig
+gegen ihn, und Roy hat ihn sehr gern, nicht wahr,
+Schatz?«</p>
+
+<p>»Das will ich meinen &mdash; viel lieber als die
+meisten, mit denen ich sonst verkehre. Lassen Sie
+sich durch meinen Alten nicht gegen ihn einnehmen,
+Chichester! Er erz&auml;hlte mir heute morgen, da&szlig; er
+Lychet Hut gemietet h&auml;tte. Er ist ein famoser Kerl!
+Und dabei f&auml;llt mir ein,« setzte Roy mit einem Lachen
+und einem Blick auf seine Schwester hinzu, »es lag
+ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zur&uuml;ckk&auml;me.
+Er kennt ihn nicht, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.</p>
+
+<p>»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er
+es wissen &mdash; schien sehr erpicht darauf. Jetzt, wo
+ich dar&uuml;ber nachdenke, mu&szlig; ich sagen, da&szlig; er mich
+geh&ouml;rig &uuml;ber Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich
+&mdash; nicht wahr?«</p>
+
+<p class="pmb3">»Wunderlich? Ich nenne es unversch&auml;mt!« rief
+Cis und warf den goldblonden Kopf emp&ouml;rt in den
+Nacken.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_8">8.</h2>
+</div>
+
+<p>Harry war wieder daheim und Cis selig, denn
+f&uuml;r sie war die Welt voll Sonnenschein.</p>
+
+<p>Sie standen nach dem ersten Fr&uuml;hst&uuml;ck zusammen
+auf dem Flur &mdash; Harry hatte in Turret Court &uuml;bernachtet,
+nachdem er in Arborfield &uuml;ber sich und seine
+Erlebnisse Bericht erstattet hatte &mdash; und &uuml;berlegten,
+wie sie den Morgen verbringen wollten.</p>
+
+<p>Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren
+rosigen Wangen und dem goldblonden K&ouml;pfchen wie ein
+Nippfig&uuml;rchen aussah, erkl&auml;rte, da&szlig; sie weder Lawn-Tennis
+spielen noch ausfahren noch unter den Platanen
+vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden,
+als Florence die breite Treppe herabkam.
+Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit roten Bandschleifen
+und leuchtendrote Rosen auf ihrem gro&szlig;en,
+wei&szlig;en Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz
+wie eine taufrische Blume hervorschaute.</p>
+
+<p>»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.</p>
+
+<p>»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt
+nach der See; ich mu&szlig; sie sehen und rauschen h&ouml;ren.
+Deshalb werde ich mir ein nettes Pl&auml;tzchen aussuchen
+&mdash; vielleicht meine H&ouml;hle &mdash; und dort bleiben,
+bis ich hungrig werde. &Auml;ngstige dich daher nicht, wenn
+ich nicht zum zweiten Fr&uuml;hst&uuml;ck erscheine. Komm mit,<span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span>
+Tramp,« wandte sie sich an den zottigen Hund, der
+ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war.
+Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten
+Wintertage in London halb verhungert und ganz verwahrlost
+bis an ihre Wohnung nachgelaufen und hatte
+seitdem ein herrliches Leben gef&uuml;hrt, obwohl Roy
+ver&auml;chtlich erkl&auml;rte, das Vieh sei nicht wert, ertr&auml;nkt
+zu werden.</p>
+
+<p>Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschlie&szlig;en,
+und Florence erhob keinen Widerspruch; sie
+war daran gew&ouml;hnt, bei dem Brautpaar die Dritte
+im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals
+als peinlich.</p>
+
+<p>B&uuml;cher und Sonnenschirme wurden geholt, und die
+drei wanderten seew&auml;rts. Auf den grasbewachsenen,
+mit Ginstergestr&uuml;pp bedeckten Klippen gab es lauschige
+Pl&auml;tzchen genug, und sie machten es sich bald bequem.
+Die beiden M&auml;dchen setzten sich nieder; der Hund
+dr&auml;ngte sich dicht an Florence, und Harry streckte sich
+zu Cis&rsquo; F&uuml;&szlig;en hin. Florence l&auml;chelte, als sie das sah,
+und l&auml;chelte noch mehr, als eine kleine rosige Hand
+anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend
+dar&uuml;ber hinzustreichen. Sich Chichester in &auml;hnlicher
+Stellung zu vergegenw&auml;rtigen, w&auml;re komisch
+gewesen. Das junge M&auml;dchen seufzte, w&auml;hrend sie
+auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte
+sich wieder: »Warum habe ich es nur getan?«</p>
+
+<p>Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als
+Harry seine Zigarre ausgeraucht hatte, nahm er Cis
+ohne Umst&auml;nde ihr Buch weg und begann zu plaudern.
+Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr unterhaltender<span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span>
+Gesellschafter sein; Florence lie&szlig; ebenfalls
+ihr Buch sinken, und Cis h&ouml;rte ihm mit Entz&uuml;cken und
+Bewunderung zu. Er erz&auml;hlte von London, das sie,
+zu ihrem gro&szlig;en Bedauern, sehr wenig kannte, und
+sie meinte mit einem leisen Seufzer:</p>
+
+<p>»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«</p>
+
+<p>»Roy? Wie schade, da&szlig; er nicht mit hingereist
+ist! Ich wollte, ich h&auml;tte daran gedacht, ihm den Vorschlag
+zu machen. O, dabei f&auml;llt mir ein,« sprach Harry
+in ver&auml;ndertem Tone, »wer ist dieser Mensch eigentlich,
+der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«</p>
+
+<p>»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.</p>
+
+<p>»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie
+m&uuml;ssen ihn kennen, Florence, nicht wahr? Lychet Hut
+geh&ouml;rt Chichester.«</p>
+
+<p>»Sie meinen Herrn Leath &mdash; Everard Leath.«</p>
+
+<p>»Ja, so hei&szlig;t er &mdash; ich konnte nicht auf den Namen
+kommen. Das ist ja der Mensch, den Sie damals beim
+Gewitter in Ihre H&ouml;hle aufgenommen &mdash; nat&uuml;rlich,
+jetzt wei&szlig; ich schon. Was in aller Welt kann er von
+mir wollen?«</p>
+
+<p>»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt.
+»Sagte Roy, da&szlig; er Sie zu sprechen w&uuml;nschte?«</p>
+
+<p>»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich
+danach erkundigt zu haben, wann ich zur&uuml;ckk&auml;me,
+und da ich ihn nie mit den Augen gesehen, noch
+je seinen Namen geh&ouml;rt habe, so ist das doch ziemlich
+wunderlich.«</p>
+
+<p>Florence schwieg. Harry z&uuml;ndete sich eine zweite<span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span>
+Zigarre an und meinte dann, da&szlig; es bei der Hitze
+k&uuml;hler in Florences H&ouml;hle sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence
+l&auml;chelnd. »Es ist nicht weit. Das Geb&uuml;sch dort zur
+Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du dazu,
+Cis?«</p>
+
+<p>Cis meinte freilich, da&szlig; sie das Hinabsteigen in
+das schreckliche Loch immer unheimlich f&auml;nde und es
+nebenbei die Kleider verderbe.</p>
+
+<p>»Ihr Zufluchtsort ist &uuml;brigens vor unbefugten
+Eindringlingen durch seine versteckte Lage ziemlich
+sicher, Florence. Finden Sie je dort auch nur ein verirrtes
+Kaninchen? Aber &mdash; wer &mdash; in des Kuckucks
+Namen &mdash;« Harry stie&szlig; die letzten Worte im Tone
+gr&ouml;&szlig;ter Verwunderung aus, und Cis entfuhr ein leiser
+Schrei, als sie beide das Gestr&uuml;pp anstarrten. Das
+Farnkraut und die Ginsterb&uuml;sche bewegten sich,
+raschelten und wurden beiseitegeschoben: ein Mann
+erschien in der &Ouml;ffnung.</p>
+
+<p>Bei seinem Anblick blitzten Gr&auml;fin Florences
+Augen, und ihre Wangen r&ouml;teten sich vor Zorn.</p>
+
+<p>»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen &mdash;
+Everard Leath,« sagte sie kurz, als Antwort auf
+Harrys Blick.</p>
+
+<p>»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,«
+meinte er lachend, »haben Sie ihm freien Zutritt
+gew&auml;hrt, Florence?«</p>
+
+<p>»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich wei&szlig;
+nicht, was ihm einf&auml;llt. L&auml;cherlich! Blicken Sie nicht
+hin, Harry; rauchen Sie ruhig weiter! Wir brauchen
+ihn nicht zu sehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span></p>
+
+<p>»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kl&auml;glich.
+Sie hatte ganz recht. Everard Leaths blaue Augen
+waren ebenso weitsichtig wie scharf und gl&auml;nzend,
+und er hatte die beiden schlanken M&auml;dchengestalten
+in ihren blauen und grauen Kleidern sofort erkannt.
+Ein merkw&uuml;rdiges Leuchten brach aus seinen Augen
+und wurde noch heller beim Anblick des jungen
+Mannes, der zu Cis&rsquo; F&uuml;&szlig;en ausgestreckt lag. Roy
+war es nicht &mdash; wer anders konnte es sein als ihr
+Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den Z&auml;hnen
+und schritt, den Hut l&uuml;ftend, auf die Gruppe zu. W&auml;re
+Florences sch&ouml;nes Antlitz noch dreimal so hochm&uuml;tig
+und kalt gewesen, so w&uuml;rde ihn ihr Ausdruck nicht
+zur&uuml;ckgehalten haben. Er war entschlossen, sich die
+Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht
+entgehen zu lassen.</p>
+
+<p>Wenn Cis nicht gewesen, so h&auml;tte es peinlich f&uuml;r
+ihn sein k&ouml;nnen. In ihrer &Uuml;berraschung &uuml;ber sein
+pl&ouml;tzliches Auftauchen verga&szlig; sie ganz, da&szlig; sie eigentlich
+b&ouml;se auf ihn war, und lachte munter, w&auml;hrend sie
+seine Verbeugung erwiderte. Gr&auml;fin Florence hatte
+nur ein unsagbar hochm&uuml;tiges, kaum merkbares
+Neigen des Kopfes f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p>»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das
+schreckliche Loch hinunterzuklettern! Ihr Geschmack
+ist ebenso wunderlich wie der Florences.«</p>
+
+<p>Leath antwortete, da&szlig; er oft eine Zigarre in
+der H&ouml;hle rauche, die ihm am ersten Tage Schutz gew&auml;hrt.
+Und als es ihm gelang, Florences grauen
+Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu
+begegnen, setzte er hinzu:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span></p>
+
+<p>»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedr&auml;ngt habe,
+Gr&auml;fin, so darf ich hoffentlich auf Ihre Verzeihung
+rechnen, da&szlig; ich unaufgefordert Ihre H&ouml;hle betreten
+habe?«</p>
+
+<p>Florence entgegnete kalt, da&szlig; sie kein Anrecht
+auf ein Loch in den Klippen bes&auml;&szlig;e, und da&szlig; nur ihre
+Cousine aus Unsinn es &rsaquo;ihre&lsaquo; H&ouml;hle nenne.</p>
+
+<p>Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence
+so verstimmt sei; der ungl&uuml;ckliche Mann hatte doch
+nichts getan, um solche Behandlung zu verdienen,
+und sie wurde infolge dieser Erw&auml;gung noch liebensw&uuml;rdiger
+gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte.
+Harry war um seiner kleinen Braut willen
+herzlich und freundlich, und so geschah es, da&szlig; Leath
+in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen
+Gruppe oben auf der Klippe gesellte.</p>
+
+<p>Cis r&uuml;ckte nach einer Weile von den beiden jungen
+Leuten fort, legte einen Arm um die Taille ihrer
+Cousine, die sich in ihr Buch vertieft hatte, und
+fragte sie:</p>
+
+<p>»Es ist dir nicht unangenehm, da&szlig; er bleibt,
+nicht wahr, mein Herz?«</p>
+
+<p>»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein
+Dasein &uuml;berhaupt vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut.
+Was kann es mir ausmachen?«</p>
+
+<p>»Ich dachte, es w&auml;re dir nicht lieb, weil Papa
+so b&ouml;se &uuml;ber Herrn Leath war. Wei&szlig;t du noch?«</p>
+
+<p>»Dann erz&auml;hle ich ihm lieber nicht, da&szlig; wir ihn
+getroffen haben.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich nicht, und ich will auch Harry warnen.
+Wie lebhaft die beiden sich unterhalten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span></p>
+
+<p>»Wor&uuml;ber reden sie denn?« fragte Florence.</p>
+
+<p>»Ach, ich wei&szlig; nicht! &Uuml;ber Australien, glaube ich.
+Ich werde deinem Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte
+ist sehr interessant.«</p>
+
+<p>Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las
+weiter. Sie h&ouml;rten beide nicht auf die Unterhaltung
+der Herren.</p>
+
+<p>Leath erz&auml;hlte von seinem Leben in Australien,
+und Harry meinte, da&szlig; er ihn, so rauh und beschwerlich
+es auch oft gewesen sein m&ouml;ge, fast darum beneiden
+k&ouml;nnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er
+m&uuml;ndig geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige
+Zeit hinauszugehen, aber sein Vater, der irgendein
+Vorurteil gegen Australien hege, habe sich seinem
+Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte
+sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry
+verneinte und fragte, ob er schon erw&auml;hnt, da&szlig; sein
+Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch selbst in
+Australien gewesen sei.</p>
+
+<p>»Nein, aber ich habe davon geh&ouml;rt.«</p>
+
+<p>»So? Ja &mdash; ich glaube, er war ungef&auml;hr ein
+Jahr dr&uuml;ben, als er in meinem Alter war, und zwar
+haupts&auml;chlich in Ihrer Gegend, in Queensland &mdash;
+das wei&szlig; ich. Nun, ich wei&szlig; nichts N&auml;heres und w&uuml;rde
+Ihnen auch, ehrlich gestanden, nat&uuml;rlich nichts dar&uuml;ber
+erz&auml;hlen, wenn ich es w&uuml;&szlig;te, aber ich glaube, er ist
+dort in Unannehmlichkeiten verwickelt worden.«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>»Ja. Was es gewesen, wei&szlig; ich nicht, und
+wahrscheinlich war es nichts Besonderes &mdash; irgendein
+kleines Techtelmechtel, in das junge Leute sich einlassen,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span>
+wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht.
+Aber er ist ein Mensch, der nicht leicht vergi&szlig;t, und
+da mag er sich wohl in den Kopf gesetzt haben, da&szlig;
+mir etwas &Auml;hnliches passieren k&ouml;nnte. Jedenfalls erkl&auml;re
+ich es mir so, da&szlig; er mich nicht gehen lassen
+wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien
+eingenommen. Es &uuml;berraschte mich sehr, zu h&ouml;ren, da&szlig;
+er &uuml;berhaupt dort gewesen. Er hatte nie davon gesprochen.«</p>
+
+<p>Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich
+aufrecht, um sie wieder anzuz&uuml;nden.</p>
+
+<p>Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das
+Meer hinausblickte, sagte langsam:</p>
+
+<p>»Es ist sonderbar, da&szlig; er niemals davon geredet
+hat. Darf ich fragen, ob es viele Jahre her ist, da&szlig;
+Lord Carmichael in Queensland war?«</p>
+
+<p>»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit,
+als er noch unverheiratet war.«</p>
+
+<p>»Drei&szlig;ig Jahre oder mehr vielleicht?«</p>
+
+<p>»Drei&szlig;ig? Ach nein &mdash; so lange nicht. Achtundzwanzig
+ist das h&ouml;chste.«</p>
+
+<p>Harrys Zigarre brannte, und er st&uuml;tzte sich wieder
+auf den Ellbogen.</p>
+
+<p>»Wissen Sie das gewi&szlig;?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich, ganz gewi&szlig;!«</p>
+
+<p>Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war
+der junge Wentworth zu gutm&uuml;tig, um ungeduldig zu
+werden.</p>
+
+<p>»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich
+bin f&uuml;nfundzwanzig, und er war gerade ein Jahr
+verheiratet, als ich mich einstellte. Meine Mutter<span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span>
+hat mir erz&auml;hlt, da&szlig; er erst seit ein paar Monaten
+wieder in England war, als er sie kennen lernte, und
+sie heirateten, ehe ein halbes Jahr um war. Sie
+k&ouml;nnen achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die verstrichen,
+seitdem er nach Australien ging, aber keinen
+Tag mehr, nicht drei&szlig;ig oder ann&auml;hernd soviel.«</p>
+
+<p>»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie
+sagten.«</p>
+
+<p>Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.</p>
+
+<p>»O, ich irre mich nicht! Im n&auml;chsten Monat werden
+es neunundzwanzig Jahre, da&szlig; er seinen Vater
+verlor, und damals war er in Arborfield. Nein &mdash; vor
+drei&szlig;ig Jahren war er in England und niemals weiter
+als hin&uuml;ber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst
+du, Cis? Fr&uuml;hst&uuml;ckszeit? Ja, das mag schon sein.
+Ich bin bereit, wenn du es bist.«</p>
+
+<p>Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry
+erhob sich jetzt. Leichten Sinnes, wie er war, empfand
+er keine Neugier, weshalb er mit so sonderbarem
+Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal
+dar&uuml;ber nach. Er verabschiedete sich mit einigen
+herzlichen Worten von Leath und versprach, seiner
+Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, sobald er
+dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis&rsquo;
+blaue Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem
+Ausdruck, als er erhobenen Hauptes schnell in
+der Richtung von St. Mellions dahinschritt.</p>
+
+<p>»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und
+wie albern, sich in deine H&ouml;hle zu setzen, Florence!
+Wenn es nicht zu l&auml;cherlich w&auml;re, w&uuml;rde ich behaupten,<span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span>
+da&szlig; er unversch&auml;mt genug ist, sich in dich zu
+verlieben, Liebling!«</p>
+
+<p class="pmb3">Gr&auml;fin Florence antwortete nicht. Sie blickte
+Everard Leaths entschwindender Gestalt mit gerunzelten
+Brauen nach, einen best&uuml;rzten, forschenden Ausdruck
+in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was
+Cis und ihrem Verlobten entgangen &mdash; die merkw&uuml;rdige
+Ver&auml;nderung in dem ernsten, gelassenen Gesicht
+des Australiers. Was hatte nur jenen zornigen,
+entt&auml;uschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte
+sich mit einer unschuldigen Bewegung ab, b&ouml;se auf sich
+selbst, und doch seufzte sie. Es schien, als ob der Mensch
+sie immer besch&auml;ftigen, sie immer beunruhigen sollte.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_9">9.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu
+verlangsamen, von der Halde geraden Wegs nach St.
+Mellions hinunter und nach dem Bungalow, der f&uuml;r
+den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs
+dringende Einladung hatte er sein f&uuml;nfeckiges Zimmer
+in den Chichester Arms aufgegeben, um bis zum
+Augenblick, da seine neue Behausung f&uuml;r ihn instand
+gesetzt sein w&uuml;rde, bei dem liebensw&uuml;rdigen alten
+Herrn zu wohnen. Leath ging durch den Garten, dann
+durch die Veranda in das dahinterliegende Zimmer, wo
+Sherriff mit der Feder in der Hand &uuml;ber einige Rechnungsb&uuml;cher
+gebeugt sa&szlig;. Er blickte auf, als die Gestalt
+des jungen Mannes am Fenster erschien, und er
+sagte, ihn freundlich begr&uuml;&szlig;end:</p>
+
+<p>»Da sind Sie wieder &mdash; das ist recht.«</p>
+
+<p>»Ja,« gab Leath einsilbig zur&uuml;ck, »ich st&ouml;re Sie
+doch nicht?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer
+Wohnung gewesen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; drau&szlig;en auf der Halde.«</p>
+
+<p>»So! Es ist ein sch&ouml;ner Morgen f&uuml;r einen
+Spaziergang. Setzen Sie sich, ich bin gleich mit meiner
+Schreiberei fertig.«</p>
+
+<p>Leath lie&szlig; sich auf einem Stuhl am offenen<span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span>
+Fenster nieder. Das helle Sonnenlicht fiel voll auf sein
+Antlitz, auf dem eine finstere Wolke lag; er fuhr mit
+der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen Bart,
+w&auml;hrend er mit aufgest&uuml;tztem Ellbogen, anscheinend in
+d&uuml;stere Gedanken versunken, dasa&szlig;. Dem gleichg&uuml;ltigsten
+Auge h&auml;tte sein ernstes Vorsichhinbr&uuml;ten auffallen
+m&uuml;ssen. Sherriff, der aufblickte, als er mit
+seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein
+Ausdruck der Verwunderung und der Besorgnis &uuml;berflog
+sein sch&ouml;nes altes Gesicht.</p>
+
+<p>»Sie sehen verst&ouml;rt aus, Leath,« sagte er ruhig.
+»Ihnen ist hoffentlich nichts Unangenehmes begegnet?«</p>
+
+<p>»Unangenehmes?«</p>
+
+<p>Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das
+kaum. Das hei&szlig;t, ich sehe ein, da&szlig; ich mich geirrt
+habe &mdash; das ist alles. Bis heute glaubte ich, da&szlig;
+die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach
+St. Mellions kam, fast getan sei &mdash; weit gefehlt!
+Ich bin gerade so weit wie vorher!«</p>
+
+<p>»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum
+herausgestellt hat, die Veranlassung, da&szlig; Sie sich entschlossen,
+hier zu bleiben und Lychet Hut zu mieten?«
+fragte Sherriff.</p>
+
+<p>»Ja. Es w&auml;re besser gewesen, ich h&auml;tte den
+anderen Weg eingeschlagen, nach London zu gehen &mdash;
+weit besser!«</p>
+
+<p>»Hei&szlig;t das, da&szlig; Sie es jetzt tun wollen?«</p>
+
+<p>»Vielleicht. Ich wei&szlig; es noch nicht. Dieser Mi&szlig;erfolg
+hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich
+bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«</p>
+
+<p>Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu
+ <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span>
+Boden. Der &Auml;ltere brach nach einer kleinen Weile
+das Schweigen und sprach z&ouml;gernd und vielleicht etwas
+vorwurfsvoll:</p>
+
+<p>»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt,
+Leath. Ich habe kein Recht, dieses Vertrauen
+zu erzwingen, aber eine Frage m&ouml;chte ich an Sie
+richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden,
+eingeweiht w&auml;re, k&ouml;nnte ich Ihnen dann bei Ihrem
+Vorhaben helfen, oder ist das unm&ouml;glich?«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«</p>
+
+<p>»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«</p>
+
+<p>Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen
+Stimme, aber f&uuml;r Leaths Ohr klang etwas wie
+Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.</p>
+
+<p>»Halten Sie mich nicht f&uuml;r undankbar, lieber
+alter Freund,« sagte er, »und glauben Sie nicht, da&szlig;
+ich unempf&auml;nglich f&uuml;r Ihre G&uuml;te bin. Geben Sie mir
+ein wenig Zeit, mir klar zu machen, da&szlig; ich ein Esel
+gewesen, und wenn Sie mich dann anh&ouml;ren wollen,
+so sollen Sie die ganze Sache erfahren, soweit ich wei&szlig;.
+Es ist keine angenehme Geschichte &mdash; das werden Sie
+sich wohl schon sagen k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>Es lag eine unterdr&uuml;ckte Leidenschaftlichkeit in
+seinem Tone, die von einer Emp&ouml;rung sprach, die
+zwar durch eine eiserne Willenskraft niedergehalten
+wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn
+unaufh&ouml;rlich martern mu&szlig;te; das &uuml;berraschte Matthias
+Sherriff nicht; vom Anfang ihrer Bekanntschaft
+an hatte er erraten, da&szlig; ein geheimes qu&auml;lendes Leid
+am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht m&ouml;glich,<span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span>
+sich Everard Leath als einen gl&uuml;cklichen Menschen
+oder einen Menschen ohne Sorge zu denken.</p>
+
+<p>Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte
+Sherriff den R&uuml;cken zu. Sherriff folgte ihm mit den
+Augen, w&auml;hrend eine seltsame Ver&auml;nderung in seinem
+Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub,
+war es mit doch merklicherem Z&ouml;gern als vorher.</p>
+
+<p>»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer
+Kummer, Leath, weshalb Sie es f&uuml;r besser halten,
+St. Mellions zu verlassen?«</p>
+
+<p>»Ein anderer Grund?«</p>
+
+<p>Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung,
+die auf seinen Z&uuml;gen lag, sah wenigstens
+echt aus.</p>
+
+<p>»Ja, Sie m&uuml;ssen mir nicht z&uuml;rnen, wenn ich mich
+irre. Ich habe ebensowenig ein Recht, in dieser Sache
+Ihr Vertrauen zu erzwangen wie in der anderen,«
+sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten
+Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht
+beunruhigt hat. Gibt es noch einen anderen Grund,
+weshalb Sie sich von hier fortw&uuml;nschen? Und ist es &mdash;
+Gr&auml;fin Florence Esmond?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths
+Blick und Stimme wurde kaum durch die R&ouml;te, die
+unter seiner sonngebr&auml;unten Haut aufflammte, abgeschw&auml;cht;
+er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht
+geh&ouml;rt habe oder nicht.</p>
+
+<p>»Sie ist sehr sch&ouml;n,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung
+fort, die weiteres Leugnen oder Widerspruch
+abschneiden sollte, »und ich bin nicht so alt, Leath,
+da&szlig; ich vergessen h&auml;tte, welchen Einflu&szlig; eine Sch&ouml;nheit<span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span>
+und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann
+naturgem&auml;&szlig; aus&uuml;ben mu&szlig;. Ich wei&szlig;, Sie haben erst
+wenig von ihr gesehen, aber Sie haben genug gesehen,
+um unter dem Zauber ihres Wesens zu stehen.
+Sie haben mir erz&auml;hlt, da&szlig;, obgleich Sie ihre vor&uuml;bergehenden
+jugendlichen Schw&auml;rmereien gehabt h&auml;tten
+wie wir alle, Sie doch noch keine wirkliche tiefe Liebe
+f&uuml;r irgendein Weib empfunden haben.«</p>
+
+<p>»Das wenigstens ist wahr.«</p>
+
+<p>»Und macht die Gefahr f&uuml;r Sie jetzt nur um so
+gr&ouml;&szlig;er. Wenn ich die Sache zur Sprache bringe, so geschieht
+es um Ihretwillen. Irre ich mich oder nicht?«</p>
+
+<p>»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie
+&uuml;ber ihre Sch&ouml;nheit sagen; ich bewundere sie &mdash; jeder
+Mann w&uuml;rde das tun. Aber ich habe an andere Dinge
+zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei
+w&auml;re und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums
+und der Vornehmheit zwischen uns g&auml;hnte. Ich danke
+Ihnen f&uuml;r Ihr Interesse, Herr Sherriff, aber ich bin
+gefeit. Gr&auml;fin Florence wird mich weder hier festhalten,
+noch mich forttreiben.«</p>
+
+<p>Seine Stimme hatte fast ihren d&uuml;steren Klang verloren;
+es lag sogar eine gewisse Belustigung darin,
+und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, als er seinen
+Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der Begegnung
+auf der Halde, der ver&auml;chtlich blickenden
+grauen Augen, die sich kaum die M&uuml;he genommen
+hatten, ihn anzusehen, und des stolz getragenen hochm&uuml;tigen
+braunen K&ouml;pfchens. Reichtum, Rang, adlige
+Geburt &mdash; da&szlig; sie sich wohl bewu&szlig;t war, dies alles
+zu besitzen, hatte sie deutlich genug gezeigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span></p>
+
+<p>Sherriff l&auml;chelte und setzte sich mit erleichterter
+Miene wieder nieder.</p>
+
+<p>»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es
+freut mich herzlich, das zu h&ouml;ren, mein lieber Junge &mdash;
+wirklich herzlich! Es kann einen Mann kein zermalmenderer
+Schlag treffen als der Verlust des
+Weibes, das er liebt. Es mag t&ouml;richt von mir gewesen
+sein, mir den Gedanken in den Kopf zu setzen.«</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; gestehen, es wundert mich, wie Sie
+&uuml;berhaupt auf diesen Gedanken gekommen sind.«</p>
+
+<p>»Das wei&szlig; ich selbst kaum. Er kam mir zuerst,
+glaube ich, als ihre Verlobung mit Chichester ver&ouml;ffentlicht
+wurde. Sie schienen verst&ouml;rt, schienen daran
+zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«</p>
+
+<p>»Ich gebe zu, da&szlig; ich das tat. Wie ich Ihnen
+auseinandersetzte, hatte ich Herrn Chichester in Turret
+Court getroffen. Ich w&uuml;rde ihn allerdings nicht f&uuml;r
+den Mann gehalten haben, auf den Gr&auml;fin Florences
+Wahl fallen w&uuml;rde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit
+zur Antwort. »Wenn ich mich nicht irre,
+so waren auch Sie selbst &uuml;berrascht.«</p>
+
+<p>»Ich war mehr als &uuml;berrascht.«</p>
+
+<p>Sherriff sprach mit einer Sch&auml;rfe und Gereiztheit,
+die ihm sonst fremd war. »W&uuml;&szlig;te ich nicht, wie
+unabh&auml;ngig sie ihrer Stellung und ihrem Charakter
+nach ist, so w&auml;re ich fast geneigt gewesen, an irgendeine
+versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe
+nichts gegen Herrn Chichester; ich halte ihn f&uuml;r einen
+guten Menschen, aber ich wiederhole es &mdash; er ist
+weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie
+gl&uuml;cklich zu machen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span></p>
+
+<p>»Er scheint das erstere wenigstens getan zu
+haben,« warf Leath in seinem fr&uuml;heren gelassenen
+Tone kurz dazwischen.</p>
+
+<p>»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt wei&szlig; sie
+kaum, da&szlig; sie ein Herz zu verschenken hat!« erwiderte
+der Alte mit Entschiedenheit.</p>
+
+<p>Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allm&auml;hlich
+wieder einen d&uuml;steren, sinnenden Ausdruck
+an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte,
+verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub,
+geschah es mit sichtlicher &Uuml;berwindung, als werde ihm
+das Sprechen schwer.</p>
+
+<p>»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele M&auml;nner,
+&mdash; und Frauen wohl ebenfalls, &mdash; die die Liebe im
+besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als
+etwas, mit dem man spielt, &uuml;ber das man lacht und
+das man so bald wie m&ouml;glich vergi&szlig;t. Zu diesen Menschen
+habe ich nie geh&ouml;rt; f&uuml;r mich ist sie immer die
+wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben
+zum Guten oder Schlechten wenden, gl&uuml;cklich machen
+oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch,
+da&szlig; ich Ihnen einmal von einem Kummer erz&auml;hlt habe,
+der mir widerfahren, als ich jung war &mdash; einem
+Kummer, der einen vergr&auml;mten und mit der Welt
+zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete
+Leath sanft.</p>
+
+<p>»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen
+ist?«</p>
+
+<p>»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es.
+Eine Frau.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, eine Frau &mdash; f&uuml;r mich die einzige Frau
+auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen,
+sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die
+Geschichte in wenigen Worten erz&auml;hlen, ohne auf
+die n&auml;heren Umst&auml;nde einzugehen. Ich liebte sie &mdash;
+wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich
+glaubte, sie liebte mich auch. Ja &mdash; ich glaube, sie
+liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden,
+aber sie war sehr jung, sehr unerfahren &mdash; sie
+hatte sich vielleicht &uuml;ber sich selbst get&auml;uscht. Dem
+sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren.
+Ich war damals sehr arm und k&auml;mpfte einen
+schweren Kampf, mir notd&uuml;rftig meinen Unterhalt zu
+erwerben &mdash; viel zu arm, um ans Heiraten denken
+zu k&ouml;nnen. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und
+stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin,
+und als sie durch eine Familie, in der sie fr&uuml;her unterrichtet
+hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer
+Kolonien zu gehen, als Lehrerin f&uuml;r die Kinder eines
+Million&auml;rs, der wieder hinausging, da f&uuml;hlten wir
+beide, da&szlig; es bei dem hohen Gehalt, das man ihr
+bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich
+es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei
+Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer R&uuml;ckkehr,
+wollten wir &mdash; mochte geschehen was da wollte &mdash;
+heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den
+Schmerz &mdash; all die Qual jener Trennung von ihr
+vergegenw&auml;rtigen.«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gr&auml;fin
+Florence w&uuml;rde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck
+anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span></p>
+
+<p>»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine
+Erz&auml;hlung wieder auf, »es ist allt&auml;glich genug. Ich
+h&auml;tte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein
+sch&ouml;nes M&auml;dchen und mu&szlig;te die Bewunderung jedes
+Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten
+Zweifel an ihr &mdash; niemals! In den ersten Wochen
+waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und
+ich fand sie k&uuml;hl. Dann schrieb sie einige Wochen
+gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich k&ouml;nnte
+ihn Wort f&uuml;r Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr
+als drei&szlig;ig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er
+sagte mir, da&szlig; sie verheiratet sei.«</p>
+
+<p>Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der
+&Uuml;berraschung.</p>
+
+<p>»Sie gestand ihren Treubruch ein, erkl&auml;rte, sie
+wisse jetzt, da&szlig; sie mich niemals geliebt h&auml;tte, und beschwor
+mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon
+reden, was ich durchgemacht habe &mdash; ich war jung,
+und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr
+vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb
+ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach &mdash;
+da&szlig; ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte,
+da&szlig; sie gl&uuml;cklich werden m&ouml;ge. Seitdem habe ich niemals
+wieder etwas von ihr geh&ouml;rt.«</p>
+
+<p>»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; dessen bedurfte es nicht. Sie mag es
+f&uuml;r freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun.
+Von dem Tage an war sie f&uuml;r mich tot.«</p>
+
+<p>»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend
+etwas &uuml;ber sie geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt<span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span>
+sie noch, mit ebenso wei&szlig;em Haar wie das meine &mdash;
+sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam,
+sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges
+Gesicht mit den Tr&auml;nen, die ihr der Abschied erpre&szlig;te,
+deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick.
+Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr?
+Und allt&auml;glich genug, wie ich schon sagte. Aber ich
+hatte das Gef&uuml;hl, da&szlig; &mdash; wie sie nun auch sein mag
+&mdash; Sie sie h&ouml;ren sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen,
+zu erkl&auml;ren, weshalb ich soeben ernst und
+eindringlich war und weshalb ich mich einen mit
+der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von
+mir, und &uuml;bergenug! Lassen Sie uns von etwas
+anderem reden.«</p>
+
+<p>Leath stand auf und folgte Sherriff an das
+Fenster, an das er getreten war.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen herzlich f&uuml;r Ihr Vertrauen,«
+sprach er. »Glauben Sie mir, da&szlig; ich die Ehre, die
+Sie mir erzeigt haben, sch&auml;tze und w&uuml;rdige, denn ich
+wei&szlig;, Sie w&uuml;rden nicht jedem Ihre Geschichte erz&auml;hlt
+haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgef&uuml;hl
+nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens
+teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zur&uuml;ckhaltung,
+die ich Ihnen gegen&uuml;ber beobachtet, wieder
+gutmachen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Erz&auml;hlen Sie mir nichts, was Sie mir nicht
+gern sagen,« wehrte Sherriff hastig ab, »ich verlange
+es nicht, Leath &mdash; ich bitte Sie sogar, es nicht
+zu tun.«</p>
+
+<p>»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis
+m&ouml;chte ich Ihnen sagen, was mich von der anderen<span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span>
+Seite der Welt hierher nach St. Mellions gef&uuml;hrt hat.
+Ich bin hierhergekommen, um einen Mann aufzusuchen.«</p>
+
+<p>»Einen Mann? Wer ist er?«</p>
+
+<p>»Wenn ich darauf antworten k&ouml;nnte, so w&uuml;rde
+meine Aufgabe vollbracht sein. Ich wei&szlig; es nicht.«</p>
+
+<p>»Was ist er denn?«</p>
+
+<p>»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen
+je gehabt.«</p>
+
+<p>»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu
+nehmen?«</p>
+
+<p>»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«</p>
+
+<p>»Recht f&uuml;r wen?«</p>
+
+<p>»F&uuml;r die Lebenden und die Toten.«</p>
+
+<p>»Wissen Sie denn, da&szlig; er hier ist?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, da&szlig; er hier war.«</p>
+
+<p>»Vor langer Zeit?«</p>
+
+<p>»Vor vielen Jahren.«</p>
+
+<p>»Und mehr wissen Sie nicht &mdash; nicht einmal
+seinen Namen?«</p>
+
+<p>»Ja, den wei&szlig; ich, oder, wenn nicht seinen Namen,
+so doch den, den er einst f&uuml;hrte. Es ist mein einziger
+Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie k&ouml;nnten mir vielleicht
+helfen, &mdash; Sie m&ouml;gen recht haben. Kennen Sie
+&mdash; haben Sie jemals den Namen Robert Bontine
+geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein
+&mdash; meines Wissens habe ich den Namen niemals
+geh&ouml;rt.«</p>
+
+<p>»Das wissen Sie bestimmt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">»So bestimmt, wie es in solchen F&auml;llen m&ouml;glich
+ist. Wenn ich den Namen je geh&ouml;rt habe, so hat er sich
+meinem Ged&auml;chtnis nicht eingepr&auml;gt. Aber der Name
+ist eigenartig, und mein Ged&auml;chtnis ist gut &mdash; ich
+halte es kaum f&uuml;r wahrscheinlich, da&szlig; ich ihn vergessen
+haben sollte.« Er sch&uuml;ttelte den Kopf. »Nein,« sagte
+er dann entschieden. »Ungl&uuml;cklicherweise kann ich
+Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den Namen
+Robert Bontine nie geh&ouml;rt.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_10">10.</h2>
+</div>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence hatte im Gespr&auml;ch mit ihrem
+Verlobten Lychet Hut einmal als eine Ruine bezeichnet.
+Das war zwar &uuml;bertrieben, aber doch nicht
+allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt,
+und das war durchaus nicht &uuml;bertrieben.</p>
+
+<p>Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach
+Lychet Hook, fast eine halbe Stunde von St. Mellions
+entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe standen
+keine H&auml;user. Es war ein winziges H&auml;uschen mit
+einem Strohdach und enthielt nur zwei ger&auml;umige
+Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer und eine
+K&uuml;che. Es war vor ungef&auml;hr zehn Jahren nach
+eigenem Plane von einer alten, unverheirateten Dame
+erbaut worden, die ebenso wunderlich wie reich war
+und von der allgemein angenommen wurde, da&szlig; sie
+infolge einer ungl&uuml;cklichen Liebe der Menschheit entsagt
+habe. Wie dem auch gewesen sein mochte, so lebte
+sie dort bis zu ihrem Tode in strenger Zur&uuml;ckgezogenheit
+nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und verschroben
+war wie sie selbst. Dann hatte Chichester
+die Wohnung f&uuml;r eine l&auml;cherlich kleine Summe von
+ihren Erben erstanden und war trotzdem nicht auf
+seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder
+ein Mieter f&uuml;r das Haus gefunden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p>
+
+<p>Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon
+er seit drei Wochen darin hauste, hatte man in
+St. Mellions noch nicht aufgeh&ouml;rt, sich &uuml;ber den
+&rsaquo;sonderbaren Herrn aus Australien&lsaquo; zu wundern.</p>
+
+<p>Chichester, der, wie Gr&auml;fin Florence ihn mit
+Recht genannt hatte, der beste Hauswirt war, den
+man sich nur w&uuml;nschen konnte, hatte alle notwendigen
+Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath
+selbst hatte sich nach Market Beverley begeben und
+sich dort einfache M&ouml;bel und Haushaltungsgegenst&auml;nde
+bestellt, die er nach wunderlicher eigner Methode
+selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine &auml;ltliche
+Witwe, eine Schw&auml;gerin Buckstones, des Wirts der
+Chichester Arms, in seinen Dienst genommen, um f&uuml;r
+ihn und seine Bed&uuml;rfnisse zu sorgen, und dann sich in
+der abgelegenen Behausung h&auml;uslich niedergelassen,
+als beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen.
+Und &uuml;ber ihn, &uuml;ber seinen Hausstand und
+sein Benehmen im allgemeinen verwunderte man sich
+in St. Mellions h&ouml;chlichst.</p>
+
+<p>Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich
+mehr oder weniger beliebt zu machen, trotz der halb
+argw&ouml;hnischen, halb belustigten Neugier, mit der er
+angesehen wurde &mdash; und zwar nicht nur von den
+D&ouml;rflern. Der Bungalow war nicht l&auml;nger das einzige
+Haus, in dem er verkehrte.</p>
+
+<p>Er hatte die Bekanntschaft des gutm&uuml;tigen
+Pfarrers gemacht, ebenso die des Doktors und seiner
+zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem klugen
+kleinen Advokaten &mdash; ja, fast mit jedem war er bekannt
+geworden. Und obgleich keine zweite Einladung<span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span>
+nach Turret Court erfolgte und Sir Jasper ihn, als
+er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten war,
+kaum gegr&uuml;&szlig;t hatte, so fand sich doch Roy Mortlake
+oft in Lychet Hut ein, mit g&auml;nzlicher Nichtachtung des
+herrischen Verbots, das sein Vater gegen seine Besuche
+erhoben, und mehr als einmal war auch Harry
+Wentworth bei ihm gewesen.</p>
+
+<p>Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf
+der Halde und auf den Feldwegen und einmal im
+Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit Florence
+und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm
+bei dieser Gelegenheit recht freundlich begegnet, &mdash;
+die Besuche ihres Verlobten in Lychet Hut waren ihr
+kein Geheimnis, &mdash; Florence huldvoll, aber weniger
+herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei
+Herrn Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen,
+hatte ihn aber zuf&auml;llig niemals getroffen. Obwohl
+er nicht selten in ihre Felsenh&ouml;hle in der Klippenwand
+hinabstieg und eine Zigarre rauchte, w&auml;hrend er finster
+auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort
+gesehen. Einmal hatte er auf der untersten der drei
+unebenen Felsstufen ein blaues Band gefunden, das
+wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das
+war aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich
+fern. Jedenfalls glaubte er das.</p>
+
+<p>Bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t stand sie so f&uuml;r ihn im
+Zusammenhang mit der Halde, da&szlig; er niemals dort
+spazieren ging, &mdash; was er gew&ouml;hnlich jeden Tag tat,
+&mdash; ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum
+wunder, da&szlig; er ihr an einem sonnigen Nachmittage
+endlich dort begegnete. Er schlenderte langsam, dicht<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span>
+am Rande der Klippe, &uuml;ber den wellenf&ouml;rmigen Boden
+zwischen den Ginsterstauden und dem hohen Farnkraut
+dahin, und als er pl&ouml;tzlich die Augen von dem
+kurzen, sonnverbrannten Rasen, auf den er in
+finsterem Br&uuml;ten niedergestarrt hatte, emporhob, sah
+er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie stand
+und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf
+ihn. Sie hatte ihn schon seit mehreren Minuten
+gesehen.</p>
+
+<p>Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn
+um so mehr beim Anblick ihres L&auml;chelns, und so standen
+sie sich nach wenigen Sekunden gegen&uuml;ber, und
+er umschlo&szlig; mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot.
+Es war das erstemal, da&szlig; er sie ber&uuml;hrt hatte, seitdem
+sie sie ihm gereicht, um ihn in die H&ouml;hle hinabzuf&uuml;hren.
+Das fiel ihm ein, w&auml;hrend er sich dar&uuml;ber
+wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.</p>
+
+<p>»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr
+Leath! Ich glaubte schon, ich m&uuml;&szlig;te Sie anrufen,
+damit Sie nicht &uuml;ber mich stolperten,« sagte sie.</p>
+
+<p>Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr L&auml;cheln,
+ebenso herzlich wie die warme schnelle Ber&uuml;hrung
+ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch dachte sie
+sich nichts dabei; es war nur eine Laune, da&szlig; sie
+ihn nicht mit leisem, hochm&uuml;tigem Neigen des Kopfes
+begr&uuml;&szlig;te und ohne ein Wort an ihm vor&uuml;berschritt.
+Es fiel ihr zuf&auml;llig ein, liebensw&uuml;rdig zu sein, &mdash; das
+war alles. Er wu&szlig;te das sehr wohl, denn er verstand
+sie viel besser, als Gr&auml;fin Florence lieb gewesen
+sein w&uuml;rde, h&auml;tte sie darum gewu&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span></p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gr&auml;fin; ich mu&szlig;
+gestehen, da&szlig; ich Sie nicht gesehen habe. Ich war
+wohl in meine Gedanken vertieft.«</p>
+
+<p>»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf
+die See h&auml;tten hinausblicken sollen.«</p>
+
+<p>»Sie haben die See gern?« fragte er.</p>
+
+<p>»So gern, da&szlig; meine Cousine behauptet, ich
+w&uuml;rde nach meinem Tode in eine Nixe verwandelt
+werden.«</p>
+
+<p>Sie war weitergegangen mit einem Blick und
+einer Handbewegung, die ihn ermutigt hatten, an
+ihrer Seite zu bleiben.</p>
+
+<p>»Wenn mich der Schein nicht tr&uuml;gt, so lieben Sie
+sie auch, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher
+sie wisse, mit welcher Regelm&auml;&szlig;igkeit er auf der
+Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« setzte er
+ruhig hinzu.</p>
+
+<p>»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen
+der Wellen, obschon es so schwerm&uuml;tig ist. Und ich
+f&uuml;rchte, Sie m&uuml;ssen sich in Ihrer Klause sehr einsam
+f&uuml;hlen.«</p>
+
+<p>Aus der lieblichen Stimme klang freundliches
+Interesse und Mitgef&uuml;hl, die leuchtenden grauen
+Augen waren voll Herzensg&uuml;te. Cis h&auml;tte ihre eigenen
+blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer
+Cousine auf Everard Leaths Antlitz h&auml;tte ruhen sehen.
+Er war sich vollkommen bewu&szlig;t, da&szlig; sie bei ihrer
+n&auml;chsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen w&uuml;rde,
+aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher,
+milderte sich seine gew&ouml;hnliche, strenge Schroffheit.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span></p>
+
+<p>Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond,
+wenn sie wollte, nicht h&auml;tte bezaubern k&ouml;nnen? Es
+war nur eine Grille, da&szlig; sie jetzt mit Leath sprach,
+da&szlig; sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber
+sie brachte ihn dazu.</p>
+
+<p>Was w&uuml;rde Sir Jasper Mortlake empfunden
+haben, w&auml;re er &uuml;ber die Halde gekommen und h&auml;tte
+sein M&uuml;ndel, bequem an eine mit Farn bewachsene
+Erh&ouml;hung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich
+im Grase, ihr lichtbraunes Haar vom Winde verweht,
+und Everard Leath dicht neben ihr ausgestreckt, so da&szlig;
+sein aufgest&uuml;tzter Ellenbogen fast den Saum ihres
+kornblumenblauen Kleides ber&uuml;hrte? Sicherlich konnte
+ihn nur eine direkte Aufforderung bewogen haben,
+sich dort niederzulassen.</p>
+
+<p>»Alles, was Sie mir &uuml;ber Queensland erz&auml;hlen,
+gef&auml;llt mir eigentlich,« sagte Florence langsam, in
+Sinnen verloren.</p>
+
+<p>Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert,
+als sie diese Bemerkung machte. Sie hatte
+das Kinn auf die Hand gest&uuml;tzt, ihre grauen Augen
+blickten auf das Meer hinaus, und ihre wei&szlig;e Stirn
+war leicht in Falten gezogen.</p>
+
+<p>»Ja, &mdash; es gef&auml;llt mir entschieden. Ich glaube
+sogar, ich m&ouml;chte dort sehr gern leben.«</p>
+
+<p>»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort
+f&uuml;r einen Besuch vielleicht ganz ertr&auml;glich finden w&uuml;rden
+&mdash; aber als Heimat, nein!«</p>
+
+<p>»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span></p>
+
+<p>»Ich glaube, Sie w&uuml;rden sich bald nach England
+zur&uuml;ckw&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>»Weil alles, an dem mein Herz h&auml;ngt, hier ist
+und ich es als meine Heimat betrachte? Das ist vielleicht
+wahr. Gerade wie Sie selbst Australien ansehen.«</p>
+
+<p>»Ja. Ich werde fr&uuml;her oder sp&auml;ter dahin zur&uuml;ckkehren,«
+sagte Leath ruhig.</p>
+
+<p>»Wenn Ihr Gesch&auml;ft erledigt ist?«</p>
+
+<p>»Wenn mein Gesch&auml;ft erledigt ist &mdash; ja.«</p>
+
+<p>Die Antwort gen&uuml;gte; dennoch stieg Florence
+das Blut in die Wangen, und sie wu&szlig;te, da&szlig; sie sich
+verletzt f&uuml;hlte, weil sie nicht mehr enthielt. Gegen
+ihren Willen dachte sie &uuml;ber ihn nach, und gegen ihren
+Willen zerbrach sie sich den Kopf &uuml;ber ihn. Was hatte
+ihn nach St. Mellions gef&uuml;hrt? Was hielt ihn dort
+zur&uuml;ck? Gr&auml;fin Esmond h&auml;tte es nicht um alles in
+der Welt &uuml;ber sich vermocht, die Fragen zu stellen,
+aber sie h&auml;tte alles in der Welt darum gegeben, es
+zu wissen.</p>
+
+<p>Leath gewahrte weder ihr Err&ouml;ten noch das Aufeinanderpressen
+ihrer Lippen. Er ver&auml;nderte seine
+Stellung und runzelte einen Augenblick die Stirn mit
+einem Ausdruck von Unentschlossenheit, da&szlig; ihre
+Augen ihn unwillk&uuml;rlich fragend anblickten. Ihrem
+Blick begegnend, sagte er:</p>
+
+<p>»Ich m&ouml;chte wissen, Gr&auml;fin, ob Sie mir wohl
+gestatten w&uuml;rden, eine Frage an Sie zu richten?«</p>
+
+<p>»Eine Frage?«</p>
+
+<p>Sie verga&szlig; ihre Gekr&auml;nktheit &uuml;ber ihrer pl&ouml;tzlich
+erwachenden Neugier, und au&szlig;erdem w&auml;re es unertr&auml;glich<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span>
+gewesen, ihn glauben zu lassen, da&szlig; sie
+pikiert sei.</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;,« sprach sie l&auml;chelnd. »Weshalb nicht?
+Was ist es?«</p>
+
+<p>»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam
+d&uuml;nken,« sagte Leath, der eine direkte Antwort
+umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, da&szlig; Sie
+sie beantworten k&ouml;nnen, &mdash; das wei&szlig; ich. Und doch
+habe ich unz&auml;hlige Male gew&uuml;nscht, sie zu stellen.«</p>
+
+<p>»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?«
+lautete die Gegenfrage, die sie auf der Zunge hatte
+und die ihr fast entschl&uuml;pft w&auml;re, aber sie kannte die
+Antwort darauf so gut, da&szlig; sie noch eben zur rechten
+Zeit innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur
+wenig Gelegenheit gegeben, es zu wagen, Fragen an
+sie zu richten. »Fragen Sie mich jetzt!« warf sie
+leicht hin.</p>
+
+<p>»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern
+Sie sich, da&szlig; Sie am ersten Tage unserer Bekanntschaft
+sagten, Sie kennten die meisten, wenn
+nicht alle Leute in dieser Gegend?«</p>
+
+<p>»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne
+allerdings die meisten, wenn nicht alle.«</p>
+
+<p>»Und ihre Namen?«</p>
+
+<p>»Und ihre Namen, selbstverst&auml;ndlich!«</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte ein wenig verwundert und belustigt.</p>
+
+<p>»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den
+Namen Robert Bontine?«</p>
+
+<p>Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein
+gespannter, lebhafter, erregter Ausdruck trat in seine
+Z&uuml;ge.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span></p>
+
+<p>Florence blickte ihn an und sch&uuml;ttelte langsam
+den Kopf.</p>
+
+<p>»Bontine?« sagte sie &mdash; »Bontine? Das ist ein
+wunderlicher Name. Nein, Herr Leath, es tut mir
+leid, Ihnen eine Entt&auml;uschung bereiten zu m&uuml;ssen,
+aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht
+nennen h&ouml;ren.«</p>
+
+<p>»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.</p>
+
+<p>»Ganz bestimmt. Ich k&ouml;nnte Ihnen ein paar
+Dutzend des Namens Robert oder Bob aufz&auml;hlen,
+aber keinen Bontine. Ich w&uuml;rde mich des Namens
+sicherlich erinnern, wenn ich ihn je geh&ouml;rt h&auml;tte.«</p>
+
+<p>Sie z&ouml;gerte einen Augenblick und hub dann mit
+einem Anfluge von Befangenheit an, &uuml;ber den sie sich
+&auml;rgerte, weil sie wu&szlig;te, da&szlig; sie ihr so gar nicht &auml;hnlich
+sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«</p>
+
+<p>»Ich hoffte es.«</p>
+
+<p>»Er ist vielleicht fortgezogen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er
+sprach in einem merkw&uuml;rdigen, erw&auml;genden, mechanischen
+Tone, gleichsam mehr zu sich selbst, als zu ihr,
+und blickte d&uuml;ster auf das Meer hinaus.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; er ist hier, wenn ich ihn nur finden
+k&ouml;nnte, falls er nicht tot ist.«</p>
+
+<p>Die letzten Worte fl&uuml;sterte er vor sich hin, und
+Florence h&ouml;rte sie nicht.</p>
+
+<p>»Robert &mdash; Robert?« wiederholte sie sinnend.
+»So gew&ouml;hnlich der Name auch in dieser Gegend sein
+mag, so habe ich doch au&szlig;er Sir Jaspers Bruder
+meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«</p>
+
+<p>»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich j&auml;h
+ <span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span>
+um. »Ich wu&szlig;te gar nicht, da&szlig; Sir Jasper einen
+Bruder hat.«</p>
+
+<p>»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren.
+Er und nicht mein Onkel w&uuml;rde der Besitzer von
+Turret Court sein, w&auml;re er am Leben geblieben.«</p>
+
+<p>»Der Bruder war also der &auml;ltere?«</p>
+
+<p>»O ja &mdash; er war um mehrere Jahre &auml;lter.«</p>
+
+<p>»Und er hie&szlig; Robert?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; Robert Georg Mortlake. Roy sollte,
+glaube ich, nach ihm genannt werden, aber Tante
+Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«</p>
+
+<p>»Ist es schon lange her?«</p>
+
+<p>»Da&szlig; Robert Mortlake starb? O &mdash; viele Jahre
+&mdash; ehe Sir Jasper heiratete &mdash; etwa drei&szlig;ig &mdash; oder
+vielleicht noch l&auml;nger!«</p>
+
+<p>Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben.
+Durchaus nicht unzufrieden dar&uuml;ber, &mdash; denn
+sie fand, da&szlig; die Unterhaltung lange genug gedauert,
+und hatte w&auml;hrend der letzten Minuten schon &uuml;berlegt,
+wie sie ihr am besten ein Ende machen k&ouml;nnte,
+&mdash; stand Florence ebenfalls auf und nahm die hilfreiche
+Hand, die er ihr darbot, als etwas Selbstverst&auml;ndliches
+an. So fl&uuml;chtig und gleichg&uuml;ltig sie sie
+auch ber&uuml;hrte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken,
+wie kalt sie war, obgleich sie sich kaum die
+M&uuml;he nahm, sich dar&uuml;ber zu wundern.</p>
+
+<p>»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es mu&szlig;
+drei&szlig;ig Jahre her sein, wenn nicht l&auml;nger, da&szlig; Robert
+Mortlake starb. Nein &mdash; es sind gerade drei&szlig;ig Jahre,
+denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der
+Kirche. Sie k&ouml;nnen sich ihn ansehen, Herr Leath,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span>
+wenn es Sie interessiert. Er ist in der s&uuml;dwestlichen
+Ecke; von unserm Gest&uuml;hl blickt man gerade darauf
+hin. Er liegt nat&uuml;rlich in der Familiengruft im Park
+begraben wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher
+geschafft.«</p>
+
+<p>»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig.
+»Starb er denn im Auslande?«</p>
+
+<p>»Freilich! Er war meistens im Auslande &mdash;
+hat sich in der ganzen Welt umhergetrieben &mdash; wo,
+wei&szlig; ich nicht.«</p>
+
+<p>Sie d&auml;mpfte die Stimme, beugte sich etwas n&auml;her
+zu ihm hin&uuml;ber und schlug die grauen Augen mit
+pl&ouml;tzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. »Wissen Sie,
+ich sagte eben, Tante Agathe h&auml;tte nicht gewollt, da&szlig;
+Roy nach ihm genannt wurde. Nun &mdash; das war der
+Grund: er war ein schrecklicher Tunichtgut.«</p>
+
+<p>»Inwiefern?«</p>
+
+<p>»Inwiefern? Was wei&szlig; ich!« Sie zuckte die
+Achseln. »Was meint man gew&ouml;hnlich, wenn man
+von einem Menschen als von einem schrecklichen Tunichtgut
+spricht? Wohl, da&szlig; er&rsquo;s in jeder Beziehung
+ist. Mehr habe ich nie dar&uuml;ber geh&ouml;rt, Robert Mortlake
+ist verfemt in Turret Court.«</p>
+
+<p>»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; und duldet auch nicht, da&szlig; irgendein
+anderer es tut. Selbst sein unschuldiges Bild h&auml;ngt verkehrt
+an der Wand. Ich war indiskret genug, es
+umzudrehen und mir anzuschauen &mdash; es ist noch gar
+nicht lange her &mdash; und Sir Jasper war schrecklich &mdash;
+war furchtbar b&ouml;se. Ich, o &mdash; o &mdash;«</p>
+
+<p>Sie trat zur&uuml;ck, ihre grauen Augen hingen mit
+ <span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span>
+einem pl&ouml;tzlichen Ausdruck der Best&uuml;rzung und Verwunderung
+an Leaths Antlitz; die frische Farbe wich
+aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.</p>
+
+<p>Verwundert &uuml;ber ihr schreckensvolles Erstaunen,
+das ihm auffallen mu&szlig;te, blickte er sie an und sagte:
+»Was ist Ihnen?«</p>
+
+<p>»Nichts &mdash; nichts!« Sie sch&uuml;ttelte hastig den
+Kopf. »Ich mu&szlig; gehen, Herr Leath; es ist sp&auml;ter, als
+ich dachte. Nein &mdash; kommen Sie nicht mit mir &mdash;
+bitte, nicht! Leben Sie wohl!«</p>
+
+<p>Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich
+sie schon zu sich gesagt, da&szlig; das eigentlich ganz &uuml;berfl&uuml;ssig
+sei, und eilte leichtf&uuml;&szlig;ig &uuml;ber das kurze, braune
+Gras dahin. Sie warf noch einen Blick &uuml;ber die
+Schulter zur&uuml;ck und fand best&auml;tigt, was sie schon gewu&szlig;t,
+als sie ihn noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen,
+stehen und ihr nachblicken sah. Sie ahnte freilich
+nicht, da&szlig;, obwohl seine Augen unverwandt an
+ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewu&szlig;t
+war. Er hatte die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff
+in bitterem Tone erkl&auml;rte, da&szlig; ihn anderes besch&auml;ftigte
+als der Gedanke an die Sch&ouml;nheit einer
+Frau.</p>
+
+<p>»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen
+ist!« sagte sie halblaut in vorwurfsvollem Tone zu
+sich selbst. »Und doch kam er mir in einem Augenblick
+und traf mich wie ein Schlag. Nat&uuml;rlich kann
+es nur Einbildung sein! Nat&uuml;rlich! Und doch w&uuml;rde es
+erkl&auml;ren &mdash;. Bah! Welcher Unsinn! Weshalb sollte
+ich nach einer Erkl&auml;rung suchen, wo mir weder an
+der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das
+ <span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span>
+mindeste liegt! Es war dumm von mir, so mit ihm
+zu reden; die Angelegenheit von Turret Court geht
+ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich w&auml;re nicht
+eine solche Plaudertasche, aber was kann man von
+einem irischen M&auml;dchen wohl anderes erwarten?«
+Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und fuhr
+dann in strengem Tone fort: »Auf alle F&auml;lle etwas
+Besonnenheit. Deshalb, Florence Esmond, solltest du
+besagtem Individuum wieder auf der Halde begegnen,
+so wirst du die G&uuml;te haben, daran zu denken, da&szlig;
+du nicht mit ihm reden darfst.«</p>
+
+<p class="pmb3">Solch einen Entschlu&szlig; zu fassen, war eine Sache
+&mdash; ihn auszuf&uuml;hren, eine andere. M&ouml;glicherweise
+waren die Schicksalsg&ouml;ttinnen ihm abhold, denn es
+geschah, da&szlig; in den zwei oder drei n&auml;chsten Wochen
+weitere Begegnungen auf der Halde stattfanden, und
+es trug sich ebenfalls zu, da&szlig; Gr&auml;fin Florence sich
+meistens am Ende und nicht am Anfang dieser Zusammenk&uuml;nfte
+ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit
+Everard Leath zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr
+langweilig in Turret Court, was vielleicht eine Entschuldigung
+f&uuml;r sie war.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_11">11.</h2>
+</div>
+
+<p>»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden
+merklich k&uuml;rzer. Ich z&auml;hlte heute morgen acht
+braune Bl&auml;tter auf dem Pflaumenbaum. Jeder Sommer
+ist k&uuml;rzer als der vorhergehende. Talbot, ich
+glaube, ich werde alt,« sprach Gr&auml;fin Florence.</p>
+
+<p>Das Mittagessen in Turret Court war vor&uuml;ber.
+Es war sehr langweilig gewesen. Sir Jasper war in
+seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. Harry
+und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man
+den Baron sich selbst &uuml;berlassen, damit er bei seinem
+Glase Wein ein Schl&auml;fchen halte oder gr&uuml;ble, wie
+es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren Roman
+vertieft, und Cis war verschwunden, &mdash; wahrscheinlich,
+um sich in ungest&ouml;rter Einsamkeit weiter zu
+langweilen. Chichester, der beim Betreten des Salons
+seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster stehen
+sah, hatte sich naturgem&auml;&szlig; zu ihr gesellt.</p>
+
+<p>»Ja, jeder Sommer ist k&uuml;rzer als der vorige.
+Ich glaube, ich werde alt, Talbot!« wiederholte
+Gr&auml;fin Florence mit einem Seufzer.</p>
+
+<p>Aber sie lachte, w&auml;hrend sie das sagte, denn sie
+wu&szlig;te, da&szlig; sie Unsinn sprach. Sie sah in der Tat
+heute abend fast wie ein Kind aus. Sie trug Schwarz,
+was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,<span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span>
+wolkigen und so d&uuml;nnen Stoff, da&szlig; ihre weich gerundeten
+Schultern und Arme wei&szlig; hindurchschimmerten.
+Sie hielt einen gro&szlig;en hellblauen Federf&auml;cher in der
+Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den
+lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen
+Haares zusammen. Ihre Lippen waren dunkelrot,
+ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast
+schwarz aus.</p>
+
+<p>Chichester blickte zu ihr nieder und l&auml;chelte nachsichtig
+und beif&auml;llig. Er bewunderte ihre Sch&ouml;nheit
+wirklich sehr. Unter den Familienbildern in Highmount
+gab es viele liebliche Frauengesichter, aber
+keines war sch&ouml;ner als das ihre. Es war ihm lieb,
+da&szlig; dem so war, und es mahnte ihn daran, da&szlig; er
+ihr heute abend etwas Besonderes zu sagen habe.</p>
+
+<p>»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence,
+das wird noch einige Jahre dauern, ehe ich das von
+mir selbst sage &mdash; wie viele also, ehe du es zu tun
+brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich m&ouml;chte
+etwas mit dir besprechen.«</p>
+
+<p>Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelst&uuml;hle f&uuml;r
+sie in die Fensternische; er war immer au&szlig;erordentlich
+aufmerksam und artig. Florence blickte widerstrebend
+auf den Sessel nieder und schnitt eine kleine
+Grimasse. Vielleicht wu&szlig;te sie nur zu gut, wovon er
+reden wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerw&uuml;nscht,
+aber sie war in schalkhafter Stimmung und
+aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich schmollend.</p>
+
+<p>Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren
+und nahm ihre Hand. Gerade so hatte er es gemacht,<span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span>
+als er um sie anhielt. Daran mu&szlig;te das junge M&auml;dchen
+denken.</p>
+
+<p>»Ich habe schon mit Sir Jasper &uuml;ber unsere Hochzeit
+gesprochen,« hub er an, »ich m&ouml;chte, da&szlig; sie bald
+stattf&auml;nde. Ich bitte dich, so bald wie m&ouml;glich einen
+Zeitpunkt zu bestimmen! Je fr&uuml;her, desto besser, &mdash;
+das brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te ihr die Hand, und wieder wurde sie
+an den Tag, an dem er sich mit ihr verlobte, erinnert;
+sie wu&szlig;te noch sehr wohl, wie sie dankbar und erleichtert
+aufgeatmet, da&szlig; das alles gewesen, was er
+getan.</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht ein, da&szlig; irgendein Grund zur Eile
+vorliegt,« versetzte sie. »Wir sind erst seit kurzer
+Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen weichen, einschmeichelnden
+Klang an. »Es kommt mir vor, als
+sei es erst gestern gewesen!«</p>
+
+<p>»Es sind zwei Monate &mdash; eine ziemlich lange
+Zeit!«</p>
+
+<p>»Nein, nein &mdash; eine sehr kurze Zeit! Cis und
+Harry, die seit undenklichen Zeiten verlobt und seit
+einer Ewigkeit ineinander verliebt sind, haben noch
+nicht einmal angefangen, &uuml;ber ihre Hochzeit zu reden!«</p>
+
+<p>»M&ouml;glicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich
+sehe wirklich nicht ein, was uns das angeht. Ich
+hoffe, du wirst die Frage in Erw&auml;gung ziehen. Du
+wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das
+nicht tun solltest.«</p>
+
+<p>»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl
+zur&uuml;ck und lachte &uuml;berm&uuml;tig. »Ich k&ouml;nnte dir ein<span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span>
+Dutzend an den Fingern herz&auml;hlen, aber ich will barmherzig
+sein und nur einen anf&uuml;hren &mdash; die Herzogin!«</p>
+
+<p>»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«</p>
+
+<p>»Zu unserer Verlobung &mdash; ja. Aber, da&szlig; wir
+auch nur an unseren Hochzeitstag denken ohne ihre
+erhabene Erlaubnis &mdash; nein, tausendmal nein! Und
+du verlangst wirklich, da&szlig; ich den Tag bestimme,
+solange sie in Pontresina weilt? Unm&ouml;glich!«</p>
+
+<p>»Du meinst, wir m&uuml;ssen die Dinge lassen, wie
+sie sind, bis sie nach England zur&uuml;ckkehrt?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Ganz entschieden.«</p>
+
+<p>»Du scheinst damit andeuten zu wollen, da&szlig; jedermann
+bange vor ihr ist.«</p>
+
+<p>Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.</p>
+
+<p>»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich
+pers&ouml;nlich zittere vor ihr. Der Herzog starb jung;
+wie es hie&szlig;, eines unnat&uuml;rlichen Todes. Man hatte
+recht &mdash; die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war
+die Herzogin!«</p>
+
+<p>Sie bewegte den F&auml;cher hin und her und begann
+vor sich hinzusummen.</p>
+
+<p>»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, da&szlig; wir
+alles beim alten lassen, bis sie zur&uuml;ckkommt, was
+vielleicht erst in vier Monaten geschieht.«</p>
+
+<p>»Freilich.«</p>
+
+<p>»Und du m&ouml;chtest nicht, da&szlig; ich noch weiter &uuml;ber
+die Sache rede?«</p>
+
+<p>»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes
+Thema, nicht wahr? Welch wundervoller Mond? Und
+schlug nicht dort eine Nachtigall?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span></p>
+
+<p>Talbot Chichester w&uuml;rdigte sie keiner Antwort.
+Florence war sich vollkommen bewu&szlig;t, wie finster
+sein Antlitz war, und sie begann leise hinter ihrem
+F&auml;cher zu singen. Pl&ouml;tzlich lie&szlig; sie ihn sinken, lehnte
+sich zur&uuml;ck und blickte mit einem Ausdruck drolliger
+Zerknirschung zu ihm empor.</p>
+
+<p>»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das
+denke ich oft &mdash; wirklich. Ich habe dich eben geneckt,
+bis ich dich fast b&ouml;se gemacht habe, und doch
+wirst du nicht leicht b&ouml;se. Weshalb habe ich das nur
+getan? Aus reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine
+Ohrfeige daf&uuml;r, wenn du willst!«</p>
+
+<p>Sie beugte sich lachend etwas n&auml;her zu ihm.
+Chichester r&uuml;hrte das h&uuml;bsche Ohr nicht an. Er l&auml;chelte
+ein wenig gezwungen und begn&uuml;gte sich damit, ihr
+die Hand auf die Schulter zu legen.</p>
+
+<p>»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich m&ouml;chte dich
+etwas ernster und vern&uuml;nftiger in dieser besonderen
+Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine Meinung
+aussprechen soll, in vielen Sachen.«</p>
+
+<p>»Was wohl hei&szlig;t, da&szlig; ich gr&auml;&szlig;lich oberfl&auml;chlich
+bin?« Sie blickte ihn mit funkelnden Augen an.</p>
+
+<p>»Ich w&uuml;rde nicht &rsaquo;gr&auml;&szlig;lich&lsaquo; sagen.«</p>
+
+<p>»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberfl&auml;chliches,
+t&ouml;richtes, leichtsinniges Gesch&ouml;pf, und du bist ein
+ernster, gesetzter, verst&auml;ndiger Mann. Wir sind grundverschieden,
+und ich wei&szlig;, da&szlig; ich dich hin und wieder
+schrecklich langweilen mu&szlig;. Und wir sind verlobt &mdash;
+wollen unser ganzes &uuml;briges Leben miteinander verbringen!«</p>
+
+<p>Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span>
+sich an die Gardine. »Ist dir je der Gedanke gekommen,
+Talbot, da&szlig; wir gar nicht zueinander passen
+k&ouml;nnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.</p>
+
+<p>»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb
+nachsichtigen, halb ungeduldigen Ton ein.</p>
+
+<p>Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich w&uuml;rde
+an deiner Stelle mir mein Wort zur&uuml;ckgeben.«</p>
+
+<p>»Dir dein Wort zur&uuml;ckgeben?« Er war so
+grenzenlos &uuml;berrascht, da&szlig; er ihre Worte ganz mechanisch
+wiederholte, w&auml;hrend er sie fassungslos anstarrte.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich w&uuml;rde es wirklich tun. Weshalb
+nicht? Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden, und
+du liebst ein ruhiges Leben. Wir k&ouml;nnten es &rsaquo;nach
+gegenseitiger &Uuml;bereinkunft&lsaquo; tun, wie man sagt. Das
+ist besser als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir
+w&uuml;rde es das Herz brechen, wei&szlig;t du, und was mich
+anbetrifft &mdash; nun, ich habe keines zu brechen! Ich
+will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, da&szlig; es
+allein meine Schuld ist. Soll ich?«</p>
+
+<p>Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den
+blitzenden Ring. »Er sitzt sehr lose &mdash; er w&uuml;rde in
+einem Augenblick abzustreifen sein. Sieh!«</p>
+
+<p>Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden
+Ton behalten, aber es klang ein seltsamer, halb
+r&uuml;hrender Ernst hindurch. Er ergriff ihre Hand und
+schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen
+Platz. Er sah verdrie&szlig;lich aus und gab sich keine
+M&uuml;he, seine Verstimmung zu verbergen.</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du
+bist heute abend wirklich kindischer denn je. Zum
+Gl&uuml;ck f&auml;llt es mir nicht im Traume ein, dich ernst zu<span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span>
+nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, &uuml;ber unsere
+Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch
+ein weiteres Eingehen auf die Sache &auml;rgern. La&szlig;
+uns von etwas anderem reden! Was lasest du eben?
+Gedichte, glaube ich.«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Mit v&ouml;llig ver&auml;ndertem Tone wandte sie sich von
+ihm und sank apathisch wieder in ihren Stuhl, w&auml;hrend
+er den zerlesenen braunen Band aufnahm, den sie hatte
+fallen lassen.</p>
+
+<p>»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«</p>
+
+<p>»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des
+Namens gar nicht.«</p>
+
+<p>»Vielleicht hast du ihn noch nie geh&ouml;rt. Er ist
+ein australischer Schriftsteller. Herr Leath hat mir
+das Buch geliehen.«</p>
+
+<p>»Leath?«</p>
+
+<p>Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch
+nieder. »Du meinst doch nicht meinen Mieter &mdash;
+Leath, der in Lychet Hut wohnt?«</p>
+
+<p>»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das
+M&auml;dchen kurz.</p>
+
+<p>»So? Aber ich verstand, da&szlig; Sir Jasper ihn nicht
+leiden k&ouml;nne, und da&szlig; er hier nicht verkehrt?«</p>
+
+<p>»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals
+im Bungalow gesehen und bin ihm hin und
+wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort ebensogern
+umherzuschlendern wie ich.«</p>
+
+<p>»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence,
+er hat es doch sicherlich nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span></p>
+
+<p>Blick und Ton lie&szlig;en eine innere Unruhe erkennen;
+sein glattes sch&ouml;nes Gesicht wurde rot. Florence
+schaute ihn mit einem Ausdruck gleichg&uuml;ltiger
+Verwunderung an.</p>
+
+<p>»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das
+meinst,« sagte sie in nachl&auml;ssigem Tone, »ich wei&szlig;
+aber nicht, wer von uns die Initiative ergriffen hat.
+Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich mu&szlig;
+es wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal.
+Er spricht sehr gut, und seine Unterhaltung fesselt mich.
+Heute morgen brachte er mir dies Buch! Ich hatte
+ge&auml;u&szlig;ert, da&szlig; ich es gern sehen m&ouml;chte.«</p>
+
+<p>»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; das nicht. Er hatte gesagt, er wolle
+es mitbringen, auf die M&ouml;glichkeit hin, da&szlig; ich da
+sein w&uuml;rde. Ich hatte nichts zu tun und ging hin.
+Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest
+sie lesen.«</p>
+
+<p>»Es war eine gro&szlig;e Unversch&auml;mtheit von ihm,
+&uuml;ber die ich mich au&szlig;erordentlich wundere.«</p>
+
+<p>Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn &uuml;ber
+ihren F&auml;cher hinweg an, w&auml;hrend der halb belustigte,
+halb sp&ouml;ttische Ausdruck auf ihrem Antlitz deutlicher
+hervortrat.</p>
+
+<p>»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete,
+nachdem ich ihn mehrmals hier und anderswo getroffen
+hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das
+ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann
+nicht sagen, da&szlig; ich mit dir &uuml;bereinstimme, Talbot.<span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span>
+Du h&auml;ttest doch wohl nicht gewollt, da&szlig; ich ihn ohne
+Grund geschnitten h&auml;tte?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; nicht &mdash; nein!« Sein ungewohnter
+&Auml;rger legte sich. »Aber, meine liebe Florence, ich bin,
+wie du wei&szlig;t, kein Freund davon, einen vertraulichen
+Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu
+beg&uuml;nstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der
+verh&auml;ngnisvollen Fehler unserer Zeit. Du hast ohne
+Zweifel nicht genug dar&uuml;ber nachgedacht, sonst w&uuml;rdest
+du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, als er
+sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich
+bin &uuml;berzeugt davon, da&szlig; du das in Zukunft nicht
+wieder tun wirst.«</p>
+
+<p>»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?«
+fragte das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>»Ich bin f&uuml;r ein artiges Benehmen gegen unter
+uns Stehende. Aber, bitte, la&szlig; ihn nicht wieder auf
+der Halde mit dir reden! Ja, ich mu&szlig; das dringend
+von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen,
+da&szlig; die Tatsache der gro&szlig;en Abneigung, die Sir Jasper
+gegen ihn hat &mdash;«</p>
+
+<p>Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf
+der Verwunderung. Der Teppich war so dick, und
+die Schirmlampen erhellten den gro&szlig;en Raum so wenig
+ausreichend, da&szlig; keiner von ihnen das fast ger&auml;uschlose
+N&auml;herkommen des Barons gewahr geworden, und
+es war kein geringer Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar
+vor sich zu sehen. Er blickte von einem zum
+anderen.</p>
+
+<p>»Ich glaubte, ich h&ouml;rte meinen Namen nennen,«<span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span>
+sagte er. »Meine gro&szlig;e Abneigung wogegen, wenn
+ich fragen darf?«</p>
+
+<p>Seine Stimme hatte ihren sch&auml;rfsten, sp&ouml;ttischsten
+Ton; seine kalten grauen Augen hingen an dem Gesicht
+seines M&uuml;ndels. W&auml;re der Blick nicht gewesen,
+so h&auml;tte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort
+&uuml;berlassen; aber es verdro&szlig; sie, und sie gab
+sofort schroff und schnell zur&uuml;ck &mdash; vielleicht in dem
+Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, ihren Verlobten
+zu &auml;rgern:</p>
+
+<p>»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab
+meiner Verwunderung dar&uuml;ber Ausdruck, weshalb
+du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden
+zu m&ouml;gen, Onkel Jasper!«</p>
+
+<p>»Leath?« Seine Augen wanderten von einem
+zum anderen, dann lachte er.</p>
+
+<p>»Sie m&uuml;ssen Mangel an Gespr&auml;chsstoff haben,
+Chichester, wenn Sie den jungen Menschen zum Gegenstand
+Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten
+Sie vielleicht, da&szlig; Sie es bedauerten, meinem Rate
+nicht gefolgt zu sein und ihm Ihr Haus vermietet
+haben? Nun, ich habe Sie gewarnt &mdash; vergessen Sie
+das nicht.«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich sehr wohl, da&szlig; Sie das getan.
+Aber als Mieter habe ich mich &uuml;ber Leath nicht zu
+beklagen,« gab Chichester mit verwundertem Blick
+zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng
+gerechter Mann, und Sir Jaspers Warnung war
+ihm wie unverst&auml;ndlich.</p>
+
+<p>»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern,
+da&szlig; ich ihm das Haus vermietet, ja, ich sage sogar,<span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span>
+da&szlig; er, so viel ich wei&szlig;, ein durchaus anst&auml;ndiger
+Mensch ist.«</p>
+
+<p>»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«</p>
+
+<p>»Das vermute ich &mdash; bis sein Mietsvertrag abl&auml;uft.
+Er hat mir indessen zu verstehen gegeben, da&szlig;
+er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang aufhalten
+w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in
+einem Orte wie St. Mellions zu tun haben?« fragte
+der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er
+war dicht an das offene Fenster getreten und stand
+halb im Zimmer, halb drau&szlig;en, den beiden anderen
+den R&uuml;cken zuwendend.</p>
+
+<p>»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte
+an eine gesch&auml;ftliche Angelegenheit.«</p>
+
+<p>»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence
+leicht dazwischen. Sie hatte keinen anderen Beweggrund,
+als die Absicht, ihren Vormund zu &auml;rgern,
+wie sie vorhin ihren Verlobten ge&auml;rgert und geneckt
+hatte.</p>
+
+<p>»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen,
+um jemand zu suchen, Onkel Jasper.«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.</p>
+
+<p>»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gr&auml;fin Florence
+gleichmütig. »Er hat es mir erzählt. Und der
+Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine Frage
+gestellt, die ich an dich richten m&ouml;chte. Kennst du einen
+Robert Bontine, oder hast du den Namen je geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span></p>
+
+<p>Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence
+folgte ihm mit den Augen.</p>
+
+<p>»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist
+nach St. Mellions gekommen, um den Mann aufzusuchen.
+Wenn du mich fragst, weshalb, so mu&szlig; ich
+gestehen, da&szlig; ich das nicht wei&szlig;; aber er beabsichtigt,
+ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen.
+Ich sagte ihm, ich h&auml;tte den Namen nie geh&ouml;rt,
+und erz&auml;hlte ihm, der einzige Robert, der zu
+uns in Turret Court in Beziehung st&auml;nde, sei dein
+verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist nat&uuml;rlich
+ihn h&ouml;chsten Grade unwahrscheinlich, aber ich dachte,
+ich wollte dich fragen, &mdash; ich mu&szlig; gestehen, es interessiert
+mich ein wenig, &mdash; ob du je einen Namen
+Robert Bontine geh&ouml;rt h&auml;ttest?«</p>
+
+<p>Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich
+des Fensters entfernt. Aus der linden Sommernacht
+klang seine Stimme langsam und scharf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p class="pmb3">»Ich kenne keinen Robert au&szlig;er meinem verstorbenen
+Bruder. Ich habe den Namen Robert Bontine
+niemals geh&ouml;rt.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_12">12.</h2>
+</div>
+
+<p>Es war ein au&szlig;erordentlich hei&szlig;er, dr&uuml;ckender
+Tag gewesen. Seit dem Morgen hingen drohende
+Wolken tief am Himmel und verh&uuml;llten die Bergkuppen;
+&uuml;ber ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose,
+dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch
+regte sich auf der Halde; die See rauschte nur
+leise pl&auml;tschernd gegen das Gestade. In der Atmosph&auml;re
+hatte jene be&auml;ngstigende Schw&uuml;le gelegen, die
+einem heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.</p>
+
+<p>Die D&auml;mmerung brach mit fast tropischer Pl&ouml;tzlichkeit
+herein. Everard Leath, der allein in seinem
+Wohnzimmer in Lychet Hut sa&szlig;, blickte erschrocken auf,
+als j&auml;h ein schwarzer Schatten auf die Seite des
+Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den
+Band nieder und trat, die Zigarre zwischen den Lippen,
+an das eine der beiden weit offenstehenden Fenster.
+Das Zimmer reichte von einem Ende des H&auml;uschens
+zum andern, und von diesem Fenster blickte man
+quer &uuml;ber den Garten nach dem Fahrwege hin&uuml;ber,
+der nach Lychet Hook f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er
+halblaut vor sich hin.</p>
+
+<p>Er wartete. Durch das schwere Gew&ouml;lk zuckten
+grelle Blitze, auf die ein leises, dumpfes Donnergrollen<span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span>
+folgte; der Wind erhob sich in heulenden St&ouml;&szlig;en, und
+dann rauschte und prasselte der Regen pl&ouml;tzlich wolkenbruchartig
+herab. Als Leath an das zweite Fenster
+eilte, um es zu schlie&szlig;en, da der Regen von
+jener Seite kam, wurde das fast dunkle Zimmer durch
+helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte
+immer n&auml;her.</p>
+
+<p>»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,«
+sagte er wieder vor sich hin. »Aber diesmal hat es
+nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In diesem Unwetter
+m&ouml;chte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute,
+die behaupten, da&szlig; man sein Lebtag an die Rippondaleschen
+Gewitter denkt, haben recht. Dort ist wahrhaftig
+noch jemand unterwegs!«</p>
+
+<p>Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das
+Toben des Wetters &uuml;bert&auml;ubt, t&ouml;nte jetzt vernehmlich
+genug von der Landstra&szlig;e her&uuml;ber, wenn auch die
+Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen lie&szlig;,
+wer es war, der dort nahte. Im n&auml;chsten Augenblick
+sprengten Ro&szlig; und Reiterin durch die offenstehende
+Pforte quer durch den Garten und verschwanden um
+die Ecke des Hauses.</p>
+
+<p>Mit einem lauten Ausruf ungl&auml;ubigen Staunens
+st&uuml;rzte Leath auf die T&uuml;r zu, ri&szlig; sie auf und kam
+doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig genug, um
+Florence Esmond aufzufangen und zu st&uuml;tzen, als sie
+aus dem Sattel sprang.</p>
+
+<p>»Sie m&uuml;ssen mich hierbleiben lassen,« rief sie
+keuchend, w&auml;hrend sie sich an seinen Arm klammerte
+und taumelnd nach Atem rang. »Und die Stute auch,
+sie hat sich ge&auml;ngstigt, ich habe fast die Herrschaft<span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span>
+&uuml;ber sie verloren. H&auml;tte sie noch weiter gemu&szlig;t, so
+w&uuml;rde sie ganz und gar mit mir durchgegangen sein.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich &mdash; nat&uuml;rlich!«</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te nach dem Z&uuml;gel des erschreckten, sich
+b&auml;umenden Tieres. »Gehen Sie, bitte, hinein, Gr&auml;fin,
+und lassen Sie mich die T&uuml;r schlie&szlig;en. Sie m&uuml;ssen
+bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t sein.«</p>
+
+<p>Sie lief ins Haus. Leath f&uuml;hrte das zitternde
+Pferd hinein, machte die T&uuml;r zu und f&uuml;hrte die Stute
+durch den schmalen Korridor in die mit Steinfliesen
+gepflasterte K&uuml;che hinter dem zweiten Zimmer, die
+die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet
+Hut besa&szlig; einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens,
+und bei einem solchen Wolkenbruch auch nur die paar
+Meter zu gehen, konnte nicht in Frage kommen.
+Einige Augenblicke verbrachte er damit, &mdash; was er
+sehr gut verstand, &mdash; das am ganzen Leibe bebende,
+in Schwei&szlig; gebadete Tier zu beschwichtigen und zu beruhigen,
+und kehrte dann ins Wohnzimmer zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die kurze Zeit hatte f&uuml;r Florence ausgereicht,
+sich dort schon fast heimisch zu f&uuml;hlen. Ihr Hut und
+ihre Stulphandschuhe lagen auf dem Tische; sie
+sch&uuml;ttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und
+wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern
+und Armen. Mit einem Lachen blickte sie sich um,
+als Leath eintrat.</p>
+
+<p>»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte
+sie, »der keinen Tropfen Wasser durchl&auml;&szlig;t. Hoffentlich
+bew&auml;hrt er sich, obwohl ich nicht glaube, da&szlig; der
+Verk&auml;ufer sich auch f&uuml;r eine Sintflut verb&uuml;rgte.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr na&szlig;?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; dazu hatte ich keine Zeit. Ich war
+ganz in der N&auml;he, als der Regen anfing, und bekam
+nur den ersten Gu&szlig;. Wie geht es Orange Lily?«</p>
+
+<p>»Der Stute? Ganz gut &mdash; ich habe sie beruhigt.«</p>
+
+<p>»Das arme Gesch&ouml;pf hat sich so ge&auml;ngstigt! &mdash;
+Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig; mir Lychet Hut einfiel, und
+da&szlig; Sie hier wohnen! Ich w&uuml;rde nie und nimmer
+&uuml;ber die Halde gekommen sein!«</p>
+
+<p>»Allerdings nicht. War es nicht recht unvern&uuml;nftig,
+sich ins Freie zu wagen? Das Gewitter stand
+schon seit einigen Stunden am Himmel.«</p>
+
+<p>»Vielleicht. Aber &mdash; o, was f&uuml;r ein Blitzstrahl!
+Sehen Sie! Ist es nicht wundervoll?«</p>
+
+<p>Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr.
+&Uuml;ber ihnen krachte der Donner wahrhaft bet&auml;ubend;
+der Regen go&szlig; in Str&ouml;men herab, zackige Blitze zuckten
+durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont erschien
+auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer.
+Im Schein der Blitze sah er Florence mit
+weitge&ouml;ffneten Augen und fest aufeinandergepre&szlig;ten
+Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. Leath
+trat einen Schritt auf sie zu.</p>
+
+<p>»Sie &auml;ngstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte
+er in sanftem Tone.</p>
+
+<p>»Sonst &auml;ngstige ich mich nicht; ich habe unsere
+Gewitter gern. Aber das heutige hat etwas Furchtbares,
+nicht wahr? Man k&ouml;nnte fast glauben, die
+ganze Atmosph&auml;re st&auml;nde in Flammen! Es freut mich,
+da&szlig; ich nicht allein bin.«</p>
+
+<p>»Soll ich die Fensterl&auml;den vorlegen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span></p>
+
+<p>»Nein, lieber nicht.«</p>
+
+<p>»Dann m&uuml;ssen Sie sich setzen.«</p>
+
+<p>Er rollte einen gro&szlig;en Lehnstuhl herbei, in den
+sie sich mechanisch niederlie&szlig;. »Es mu&szlig; wenigstens
+bald vor&uuml;ber sein,« meinte er, »so kann es nicht lange
+fortgehen.«</p>
+
+<p>»Ganz so schlimm nicht &mdash; aber vor zwei oder
+drei Uhr morgens wird es kaum vor&uuml;ber sein. Unsere
+Gewitter dauern gew&ouml;hnlich ziemlich lange, besonders
+wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie
+dieses.«</p>
+
+<p>Leath fuhr mit einem unwillk&uuml;rlichen Stirnrunzeln
+zusammen und blickte sie unruhig an. Ihre
+Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen,
+und ihr Antlitz war ihm abgewandt, w&auml;hrend er in
+das Unwetter hinausblickte. Es trat eine Pause ein,
+w&auml;hrend der keiner von den beiden sprach. Dann
+trat er an den Tisch.</p>
+
+<p>»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es
+wird Ihnen gem&uuml;tlicher sein, Gr&auml;fin, wenn ich die
+Lampe anz&uuml;nde.«</p>
+
+<p>Er z&uuml;ndete die Lampe an und kehrte dann wieder
+zu ihr zur&uuml;ck; ehe er zu sprechen anhub, beobachtete
+er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im gelben
+Lampenschein ergl&auml;nzte. Ihr Liebreiz war ihm der
+bezauberndste, holdseligste, auf dem seine Augen jemals
+geruht, obgleich er sich streng sagte, da&szlig; er
+mit Frauensch&ouml;nheit nichts zu schaffen habe.</p>
+
+<p>»Sie wollten mir erz&auml;hlen, wie es gekommen,
+da&szlig; Sie ausgeritten?« sagte er. »Sie kamen also
+von Lychet Hook!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, &mdash; ich war nach Brentwood Hall geritten.
+Ich habe Marion Lockyer, Lady Brentwoods Nichte,
+mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr befreundet
+bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus
+Schottland zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute
+morgen und bat mich, zu ihr zu kommen. Das tat
+ich denn auch, und das erkl&auml;rt die Sache.«</p>
+
+<p>Nichts h&auml;tte ungezwungener, freim&uuml;tiger und
+herzlicher sein k&ouml;nnen als ihr Ton und ihr Benehmen.
+Von jener &rsaquo;H&ouml;flichkeit gegen Untergebene&lsaquo;, die Herr
+Chichester so gn&auml;dig geruht zu billigen, war nichts
+zu sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>»Aber es ist keine Erkl&auml;rung daf&uuml;r, da&szlig; Sie den
+Heimritt gewagt, sollte ich denken. W&auml;re es nicht
+vern&uuml;nftiger gewesen, wenn Sie dort geblieben?«</p>
+
+<p>»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet
+haben.« Sie lachte. »Lady Brentwood wollte mich
+nat&uuml;rlich dort behalten, aber ich glaubte, ich w&uuml;rde
+noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen.
+Ich mu&szlig; doch wohl nicht so wetterkundig
+sein, wie ich gedacht habe.«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, man wird sich in Turret Court um
+Sie &auml;ngstigen.« Sein Benehmen verriet noch eine gewisse
+Unruhe, sein Ton war kurz und trocken und
+bildete den denkbar gr&ouml;&szlig;ten Gegensatz zu dem ihren.</p>
+
+<p>»Ach nun &mdash; sie werden annehmen, da&szlig; ich dort
+geblieben! In Brentwood Hall wird man sich um
+mich &auml;ngstigen. Aber es ist einzig und allein meine
+eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht
+einmal einen Reitknecht mitnehmen. T&ouml;richt &mdash; nicht
+wahr?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p>
+
+<p>»Sehr! Sie h&auml;tten bleiben sollen!«</p>
+
+<p>Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen
+Strenge gesprochen, an die Gr&auml;fin Florence Esmond
+durchaus nicht gew&ouml;hnt war. In solchem Tone hatte
+er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht
+&uuml;bel; der Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt
+und halb verwundert; &mdash; welch peinliche Best&uuml;rzung
+und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte,
+davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.</p>
+
+<p>»Sie sind nicht sehr liebensw&uuml;rdig, Herr Leath!«
+Sie verzog schmollend die Lippen, aber sie war dem
+Lachen viel n&auml;her als dem &Auml;rger. »Es war zu schlimm,
+Ihr Haus so buchst&auml;blich im Sturme zu nehmen, das
+wei&szlig; ich, aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen,
+als w&uuml;nschten Sie mich dahin, wo der Pfeffer
+w&auml;chst.«</p>
+
+<p>»Ich wollte allerdings, Sie w&auml;ren in Brentwood
+Hall geblieben!«</p>
+
+<p>»Das scheint so.«</p>
+
+<p>Sie war so ahnungslos &uuml;ber den Grund seines
+Stillschweigens und der ungeduldigen Bewegung, die
+er machte, da&szlig; sie nur noch schelmischer lachte.</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; gestehen, da&szlig; Sie weder sehr gastfrei
+noch sehr dankbar sind,« meinte sie vorwurfsvoll und
+schmollte wieder. »Sie wissen, da&szlig; ich Ihnen Schutz
+gew&auml;hrte.«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;. Das werde ich nie vergessen.«</p>
+
+<p>Er durchma&szlig; das Zimmer ruhelos, dann kam
+er zur&uuml;ck und blickte mit unruhigem, unentschlossenem
+Ausdruck in den Z&uuml;gen in ihr l&auml;chelndes Antlitz nieder.
+»Gr&auml;fin, Sie m&uuml;ssen wissen, da&szlig; Sie absichtlich<span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span>
+die Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten
+Sie, da&szlig; Sie mir nicht tausendmal willkommen sind,
+da&szlig; ich nicht mit Freuden alles und jedes f&uuml;r Sie t&auml;te,
+was in meiner Macht steht! Aber hier d&uuml;rfen Sie
+nicht bleiben!«</p>
+
+<p>»Nicht hier bleiben? O, das mu&szlig; ich aber.« Sie
+setzte sich in ihrem Stuhle aufrecht und blickte ihn mit
+verwunderten Augen an &mdash; sie war aufrichtig erstaunt
+und &uuml;berrascht; sie verstand ihn nicht im mindesten.
+»Sehen Sie doch nur &mdash; h&ouml;ren Sie nur! Kann
+ich in diesem Unwetter &uuml;ber die Halde reiten? Nicht
+um die Welt t&auml;te ich das &mdash; nicht, wenn ich ein
+Dutzend Leute bei mir h&auml;tte!«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich wei&szlig; &mdash; ich wei&szlig;!« Er machte eine
+Handbewegung nach dem Fenster hin, gegen das der
+Regen mit unverminderter Heftigkeit schlug, und sein
+Gesicht verd&uuml;sterte sich noch mehr. »Ich wei&szlig;, es ist
+augenblicklich unm&ouml;glich,« sagte er. »Das meinte ich
+nicht. Aber das Gewitter kann vor&uuml;berziehen: in
+einer Stunde kann alles vorbei sein.«</p>
+
+<p>»Vielleicht &mdash; aber nicht wahrscheinlich. Und die
+Landstra&szlig;e wird in einen wahren Morast verwandelt
+sein &mdash; wie immer nach einem unserer Gewitter. Es
+tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich f&uuml;rchte, Sie
+werden mich bis zum Morgen hier behalten m&uuml;ssen.«</p>
+
+<p>»Es ist unm&ouml;glich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit
+und Gereiztheit stampfte er mit dem Fu&szlig;e; ihr unschuldiger
+Eigensinn und ihre arglose Gelassenheit trieben
+ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz
+allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren
+konnte. Aus ihren letzten Worten klang es<span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span>
+wie verwundeter Stolz, wie eine Regung schmerzlichen
+&Auml;rgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. Sie
+war augenscheinlich nahe daran, b&ouml;se auf ihn zu
+werden. »Es ist ausgeschlossen, da&szlig; Sie hier bleiben,«
+sprach er. »Was w&uuml;rden sie in Turret Court denken?«</p>
+
+<p>»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben,
+ich sei bei Brentwoods geblieben.«</p>
+
+<p>Sie war noch zu best&uuml;rzt und erstaunt, um zornig
+zu werden; in dem Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag
+nicht das leiseste Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Situation. Aber
+als sie seinen Augen begegnete, err&ouml;tete sie pl&ouml;tzlich
+bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend,
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Ich glaube gar, Sie halten es f&uuml;r unpassend!«
+rief sie ungl&auml;ubig, »und meinen, sie werden b&ouml;se sein,
+weil ich hier bei Ihnen bin!«</p>
+
+<p>»Ich bef&uuml;rchte allerdings, da&szlig; Ihr Hiersein Sir
+Jasper und Lady Agathe verdrie&szlig;en wird.«</p>
+
+<p>Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen,
+als sie ihn mit ihren gro&szlig;en, weitge&ouml;ffneten, emp&ouml;rten
+Augen anblickte.</p>
+
+<p>»Aber es ist so t&ouml;richt &mdash; so l&auml;cherlich! Keiner
+von uns ist doch schuld an dem Gewitter! Und konnte
+ich anders, als hierherkommen, und konnten Sie sich
+weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns
+dem Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? B&ouml;se?
+Wie k&ouml;nnen sie b&ouml;se sein? Weshalb sollten sie? Wie
+kann irgend jemand dar&uuml;ber b&ouml;se werden?«</p>
+
+<p>Er h&auml;tte ihr sagen k&ouml;nnen, wer, denn er dachte
+an Talbot Chichester, ihren Verlobten, an den sie
+bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er hatte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span>
+den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit,
+die leicht verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount
+wohl durchschaut, und erst am gestrigen Tage
+hatte ihm Roy Mortlake eine sp&ouml;ttische Schilderung
+entworfen &uuml;ber die Einwendungen, die &rsaquo;der alte Chichester&lsaquo;
+gegen die Begegnungen und Unterhaltungen
+auf der Halde erhoben. Die kleine Cis hatte das, was
+ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend &uuml;ber das
+bewu&szlig;te Gespr&auml;ch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder
+berichtet.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie!
+Ich wei&szlig;, da&szlig; das ausgeschlossen ist. Und h&auml;tten Sie
+&uuml;berall, nur nicht hier, Schutz gesucht, so h&auml;tte es
+nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht zu
+viel heraus, wenn ich sage, da&szlig; ich in Turret Court
+nicht gut angeschrieben bin.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillk&uuml;rlich.
+»Sir Jasper kann Sie nicht leiden, obgleich
+ich nicht wei&szlig;, weshalb. Aber was bleibt ihm anders
+&uuml;brig &mdash; was kann irgendeiner, der zu mir geh&ouml;rt,
+anderes tun &mdash; als Ihnen f&uuml;r den Schutz danken,
+den Sie mir gew&auml;hrt haben?«</p>
+
+<p>Ihre Wangen ergl&uuml;hten aufs neue, und sie hob
+hochm&uuml;tig den Kopf &mdash; er wu&szlig;te weshalb.</p>
+
+<p>»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es
+wagen w&uuml;rde, mich f&uuml;r etwas, das ich tue, zur Rechenschaft
+zu ziehen?«</p>
+
+<p>Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar &uuml;ber dem
+Hause, der es bis in seine Grundfesten zu ersch&uuml;ttern
+schien, und ein flammender Blitz, der gerade zwischen
+ihnen niederfuhr, machte f&uuml;r den Augenblick eine<span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span>
+Antwort unm&ouml;glich. Erst als das letzte Donnerrollen
+in der Ferne verklang, hub Leath langsam an:</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, es war unrecht von mir, so zu
+sprechen, wie ich getan habe, denn Sie haben recht:
+Wer, der Sie kennt, w&uuml;rde sich herausnehmen, etwas
+zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gr&auml;fin,
+Sie wissen, da&szlig; das nur geschah, weil ich an Sie und
+f&uuml;r Sie dachte.«</p>
+
+<p>Sie war vor dem grellen Blitz zur&uuml;ckgewichen und
+dabei wieder in ihren Stuhl gesunken. Von dorther
+antwortete sie ruhig und freundlich, obgleich auch
+mit einem Anflug von K&auml;lte:</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;, davon bin ich &uuml;berzeugt, Herr Leath!«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen. Ich mu&szlig; wegen meiner
+Dummheit um Entschuldigung bitten &mdash; es war verkehrt
+von mir. Allem Anschein nach werden Sie
+allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court
+gelangen k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>»Das f&uuml;rchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«</p>
+
+<p>»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so
+behaglich, wie er sein k&ouml;nnte.«</p>
+
+<p>Ihr Ton war jetzt f&ouml;rmlich und gezwungen, er
+dagegen hatte einen leichten und heiteren angeschlagen.</p>
+
+<p>»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vor&uuml;ber
+sein sollte, &mdash; und jetzt sieht es nicht darnach
+aus, &mdash; ist es r&auml;tselhaft, wie Sie ohne einen Wagen,
+den ich nicht besitze, &uuml;ber die Halde kommen sollten.
+Sie m&uuml;ssen hier bleiben und es sich so bequem wie
+m&ouml;glich machen, und ich will nach dem Bungalow
+hin&uuml;bergehen &mdash; das ist die n&auml;chste Behausung. Herr
+Sherriff wird mir schon ein Unterkommen f&uuml;r die<span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span>
+Nacht gew&auml;hren. Daran h&auml;tte ich schon eher denken
+sollen.«</p>
+
+<p>»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence
+mechanisch. Sie fuhr wieder von ihrem Stuhl auf.</p>
+
+<p>»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie
+wollen den weiten Weg &mdash; fast dreiviertel Stunden
+&mdash; in solch einem furchtbaren Gewitter machen! Sie
+w&uuml;rden bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t &mdash; Sie k&ouml;nnten
+vom Blitz erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr
+Leath, &mdash; ich gebe es nicht zu, &mdash; Sie k&ouml;nnen unm&ouml;glich
+glauben, da&szlig; ich das dulden w&uuml;rde! Und
+au&szlig;erdem w&uuml;rde ich ganz allein sein! Ich k&ouml;nnte es
+in diesem einsamen Hause, noch dazu bei diesem Gewitter,
+nicht aushalten! O, Sie m&uuml;ssen mich hier
+nicht allein lassen &mdash; wirklich nicht! Ich glaube, ich
+w&uuml;rde vor Angst umkommen, ehe der Morgen
+anbr&auml;che.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein &mdash; Sie mi&szlig;verstehen mich! Glauben
+Sie mir, es ist mir nicht eingefallen, Sie allein zu
+lassen,« antwortete Leath in sanftem Tone.</p>
+
+<p>Es ber&uuml;hrte ihn sonderbar, das Zittern der Hand
+zu sp&uuml;ren, mit der sie sein Handgelenk umfa&szlig;te, wie
+dem angstvollen Flehen ihrer Augen zu begegnen.
+Dies war nicht Gr&auml;fin Esmond, die er zuerst kennen
+gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde
+getroffen, selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebensw&uuml;rdigsten
+Stimmung gewesen, sondern ein furchtsames
+Gesch&ouml;pfchen, das sich wie ein Kind schutzheischend
+an ihn klammerte.</p>
+
+<p>»Es w&uuml;rde mir nicht im Traume einfallen, Sie
+hier allein zu lassen,« sprach er beschwichtigend. »Sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span>
+kennen die Alte, die f&uuml;r mich sorgt &mdash; Frau Young
+&mdash; Sie kennen alle Welt in St. Mellions &mdash; Sie werden
+in ihrer Obhut sicher geborgen sein.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich &mdash; das mag schon sein. Ich hatte
+sie vergessen.« Sie lie&szlig; seinen Arm los. »Aber, Herr
+Leath, Sie m&uuml;ssen sich nicht in dies Unwetter hinauswagen,
+nur weil ich hier bin. Es ist t&ouml;richt &mdash; abgeschmackt!
+Ich kann es wirklich nicht zulassen.«</p>
+
+<p>»Ich bin an Unwetter gew&ouml;hnt,« antwortete
+Leath heiter, »und gegen alle Unbill der Witterung
+gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut na&szlig;
+zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade
+erschlagen. Sie werden sich in Frau Youngs Obhut
+also nicht f&uuml;rchten?«</p>
+
+<p>»Nein,« stammelte Florence z&ouml;gernd, »ich glaube
+nicht, da&szlig; ich mich f&uuml;rchten w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Dann m&uuml;ssen Sie mich gehen lassen! In einer
+halben Stunde bin ich im Bungalow, und sp&auml;ter, wenn
+das Gewitter nachl&auml;&szlig;t, will ich nach Turret Court
+gehen und Ihre Angeh&ouml;rigen wissen lassen, wo Sie
+sind. Es ist am besten so, glauben Sie mir.«</p>
+
+<p>»Gut,« gab das junge M&auml;dchen mit Widerstreben
+nach. »Trotzdem m&ouml;chte ich viel lieber, Sie t&auml;ten es
+nicht, Herr Leath. Aber Sie warten wenigstens, bis
+der Regen ein wenig nachl&auml;&szlig;t? Es gie&szlig;t in Str&ouml;men
+&mdash; h&ouml;ren Sie nur! Und der Blitz &mdash; sehen Sie!«</p>
+
+<p>Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die
+Blitze waren noch ebenso blendend und ebenso h&auml;ufig,
+der Donner klang noch ebenso nahe. Leath machte die
+L&auml;den zu und zog die Vorh&auml;nge zusammen.</p>
+
+<p>»Sie werden weniger &auml;ngstlich sein, wenn Sie<span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span>
+nicht hinaussehen,« sagte er. »Ich habe hier eine
+Menge B&uuml;cher; Sie m&uuml;ssen versuchen, sich mit ihnen
+die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen.
+Ich will eine halbe Stunde warten, ich m&ouml;chte, wenn
+es angeht, Ihr Pferd gern sicher in den Stall bringen,
+ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen wollen,
+so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer
+F&uuml;rsorge bis morgen fr&uuml;h empfehlen.«</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Zimmer. Florence sa&szlig;, ohne sich
+zu regen, und blickte mit einem bek&uuml;mmerten Ausdruck
+in den Augen gerade vor sich hin; dabei entging
+es ihr nicht, wie h&auml;&szlig;lich, wie kahl und schmucklos der
+ganze Raum war, ohne etwas H&uuml;bsches oder &Uuml;berfl&uuml;ssiges,
+au&szlig;er Haufen von B&uuml;chern von allen
+Formen, Farben und Gr&ouml;&szlig;en! Als Everard Leath
+seine Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich
+nur an das Notwendigste gedacht.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r &ouml;ffnete sich, und er kam wieder herein.
+Beim ersten Blick auf sein Gesicht rief das junge
+M&auml;dchen unwillk&uuml;rlich:</p>
+
+<p>»Was ist Ihnen?«</p>
+
+<p class="pmb3">»Es tut mir sehr leid, Gr&auml;fin,« sprach er hastig,
+»ich hatte ganz und gar vergessen, da&szlig; ich Frau Young
+erlaubt hatte, heute nachmittag auszugehen, sie ist
+nicht wiedergekommen. Das Gewitter mu&szlig; sie zur&uuml;ckgehalten
+haben, daran habe ich nicht gedacht!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_13">13.</h2>
+</div>
+
+<p>Die beiden standen sich einen Augenblick gegen&uuml;ber
+und sahen sich an, Leath mit d&uuml;sterem, verst&ouml;rtem
+Antlitz, w&auml;hrend Florences Z&uuml;ge nur Erstaunen bekundeten.
+Dann trug ihr munteres Temperament
+und ihre Empfindung, da&szlig; die Situation wirklich
+etwas sehr Komisches hatte, pl&ouml;tzlich &uuml;ber ihre augenblickliche
+Fassungslosigkeit den Sieg davon. Es zuckte
+schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten &mdash; sie
+brach in ein silberhelles Lachen aus.</p>
+
+<p>»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen
+in den Chichester Arms?«</p>
+
+<p>»Vermutlich.«</p>
+
+<p>»Und in dem Falle wird sie nicht zur&uuml;ckkommen?«</p>
+
+<p>»Nicht vor morgen fr&uuml;h, f&uuml;rchte ich.«</p>
+
+<p>»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut
+mir sehr leid, Herr Leath; ich wei&szlig;, da&szlig; ich Ihnen
+schrecklich im Wege bin, aber Sie k&ouml;nnen mich doch
+nicht an die Luft setzen.«</p>
+
+<p>»Es w&auml;re das letzte, was mir in den Sinn kommen
+w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Und es ist ebenso unm&ouml;glich, da&szlig; Sie fortgehen
+und mich hier allein lassen &mdash; ich w&uuml;rde mich zu
+Tode &auml;ngstigen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span></p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, es geht nicht. Ich w&uuml;rde es nicht
+gegen Ihren Willen tun.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen. Wir m&uuml;ssen uns also, so gut
+es geht, in das Unvermeidliche finden, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das m&uuml;ssen wir wohl.«</p>
+
+<p>Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre
+Stimme klang nicht mehr beklommen; in ihrem
+L&auml;cheln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die
+Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence
+sah es, runzelte die Stirn und ging dann entschlossen
+ans Werk, seine Besorgnisse zu verscheuchen. Als sie
+auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, da&szlig; sie sehr
+nahe daran sei, ihn schlie&szlig;lich doch leiden zu m&ouml;gen.
+Sie f&uuml;hlte, wie ihr das Blut hei&szlig; in die Wangen
+stieg, obgleich sie sich die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he gab, nicht rot
+zu werden.</p>
+
+<p>»Bitte, machen Sie sich keine unn&ouml;tigen Sorgen
+mehr,« sagte sie freundlich, »wir sind beide das Opfer
+der Umst&auml;nde.« Sie lachte munter auf. »Ich bin doch
+nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte
+Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar
+ganz gew&ouml;hnliche Sterbliche, die verst&auml;ndigerweise
+nicht Lust haben, in den Wasserfluten zu ertrinken.
+Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner
+Stute f&uuml;r die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie
+mir den Weg zeigen wollen, so kann ich Ihnen vielleicht
+helfen, zum Beispiel das Licht halten. Aber
+ich f&uuml;rchte, Sie m&uuml;ssen ihr die Augen verbinden, wenn
+Sie sie nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft
+wie vorher, und sie &auml;ngstigt sich schrecklich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span></p>
+
+<p>Sie schritt auf die T&uuml;r zu. Leath blieb nichts
+anderes &uuml;brig, als sein Unbehagen zu verbergen,
+sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut er konnte,
+und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die K&uuml;che,
+wo er das Pferd gelassen, und w&auml;hrend sie das noch
+zitternde Tier streichelte und liebkoste, nahm er ihm
+behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen gro&szlig;en
+wasserdichten Kutschermantel &uuml;ber, verband der Stute
+die Augen und f&uuml;hrte sie hinaus. Florence stand in
+der offenen T&uuml;r und hielt eine Lampe hoch empor,
+um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr
+ganz so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufh&ouml;rlich,
+der Regen go&szlig; in Str&ouml;men herab, der Garten
+war in einen Morast verwandelt und der Pfad in
+einen Bach.</p>
+
+<p>Als Leath wieder ins Haus zur&uuml;ckging, nachdem
+er die Stute in dem Stand neben seinem eigenen
+Pferde untergebracht hatte, das es mit jedem Rosse,
+das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount
+zu finden war, aufnehmen konnte, spritzte
+das Wasser hoch &uuml;ber die hohen Reitstiefel, die er
+trug, empor. An ein &Uuml;berschreiten der Halde war
+heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!</p>
+
+<p>Die Lampe, die Florence f&uuml;r ihn gehalten hatte,
+stand auf dem Tische, als er wieder in die K&uuml;che
+trat, aber sie selbst war nicht dort. Er entledigte sich
+seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins
+Wohnzimmer zur&uuml;ck. Sie stand am Tische; er sah,
+da&szlig; sie sich ihm lebhaft zuwandte.</p>
+
+<p>»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich
+fing schon an zu glauben, Sie h&auml;tten mir Ihr Wort<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span>
+gebrochen und w&auml;ren fortgegangen. Ist die Stute
+ruhig?«</p>
+
+<p>»V&ouml;llig &mdash; und gut versorgt. Ich bin zum Gl&uuml;ck
+kein schlechter Reitknecht.«</p>
+
+<p>»Es ist sehr lieb von Ihnen, da&szlig; Sie sich so viel
+M&uuml;he gemacht haben.«</p>
+
+<p>Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily
+war ihr besonderer Liebling, und sie schenkte ihm
+ein L&auml;cheln, das jeden Mann belohnt haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Hat der Regen nachgelassen?«</p>
+
+<p>»Kaum. Es ist gut, da&szlig; das Haus hoch liegt,
+sonst w&uuml;rden wir Gefahr laufen, &uuml;berschwemmt zu
+werden.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn mit ver&auml;ndertem Ausdruck an.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, Herr Leath, da&szlig; Ihre Uhr eben
+acht geschlagen hat?«</p>
+
+<p>»Ist es schon so sp&auml;t? Nein &mdash; das wu&szlig;te ich
+nicht. Sind Sie m&uuml;de?«</p>
+
+<p>»Gar nicht! M&uuml;de um acht Uhr? Aber ich bin
+schrecklich hungrig. Wissen Sie wohl, da&szlig; ich gar
+nicht zu Mittag gegessen habe?«</p>
+
+<p>»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht!
+Ich mu&szlig; um Entschuldigung bitten! Frau
+Young gibt mir mein Essen gew&ouml;hnlich mittags,
+und &mdash;«</p>
+
+<p>»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence
+schnell ein. »Ja, das meinte ich. Ich wollte nur sagen,
+da&szlig; es wohl Zeit zum Abendessen sein m&uuml;sse. Zeigen
+Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch
+und Ihre Teller aufbewahren, und ich will Ihnen
+helfen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span></p>
+
+<p>Wieder blieb ihm nichts anderes &uuml;brig, als sich
+zu f&uuml;gen und ihr zu folgen, obgleich sie sich drau&szlig;en
+in der K&uuml;che viel gewandter als er im Auftreiben
+des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen
+erwies. Messer, Gabeln, L&ouml;ffel, Teller, Gl&auml;ser und
+Plattmenage &mdash; sie fand sie alle und lachte mit
+drolligem Vergn&uuml;gen &uuml;ber ihre eigene Pfiffigkeit und
+vor Freude &uuml;ber die ungewohnte Besch&auml;ftigung; ihr
+fr&ouml;hliches Lachen war einfach unwiderstehlich.</p>
+
+<p>»Es ist wie ein Picknick,« erkl&auml;rte sie lustig,
+»ich finde es famos! Eigentlich ist es ein Spa&szlig;, da&szlig;
+Frau Young nicht hier ist, sonst h&auml;tte sie dies alles
+getan. Wissen Sie wohl, da&szlig; ich wirklich glaube, ich
+m&ouml;chte arm sein &mdash; das hei&szlig;t arm genug, um mich
+mitunter selbst bedienen zu m&uuml;ssen?«</p>
+
+<p>»Ich bezweifle, da&szlig; es Ihnen gefallen w&uuml;rde,«
+antwortete Leath geradezu. Er selbst hatte nicht viel
+mehr getan, als ihr zugesehen, wie sie im tr&uuml;ben
+Lampenschein durch die K&uuml;che huschte, und die verschiedenen
+Gegenst&auml;nde, die sie ihm mit allerhand Anweisungen
+reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.</p>
+
+<p>»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gr&auml;fin, w&uuml;rden
+Sie wohl anderer Ansicht werden.«</p>
+
+<p>»O, das wei&szlig; ich doch nicht recht! Wirkliche Armut
+ist nat&uuml;rlich schrecklich &mdash;«</p>
+
+<p>»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen
+ins Wort, und sein Gesicht wurde pl&ouml;tzlich finster,
+»davon kann ich mitreden, sie ist mir mein Leben lang
+zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«</p>
+
+<p>»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort,
+»nur, da&szlig; ich glaube, es lebt sich freier und leichter<span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span>
+ohne so viel Geld und so viel W&uuml;rde und so viel Dienerschaft.
+O, das ist mitunter sehr l&auml;stig, die Versicherung
+kann ich Ihnen geben &mdash; jedenfalls empfinde ich es
+als eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht
+wahr? Tragen Sie das Teebrett; ich nehme das Tischtuch,
+und wir wollen den Tisch decken.«</p>
+
+<p>Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging
+es in die Speisekammer, und der gr&ouml;&szlig;ere Teil ihres
+Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett in das
+Wohnzimmer bef&ouml;rdert. Als sie eine Schale mit Rosen
+als letztes mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete
+Florence ihr Werk mit drolligzufriedener
+Miene.</p>
+
+<p>»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie.
+»Wenn Sie kein schlechter Reitknecht sind, Herr Leath,
+so darf ich wohl sagen, da&szlig; ich kein schlechtes Stubenm&auml;dchen
+abgeben w&uuml;rde. Dort ist Ihr Platz, bitte,
+und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, da&szlig; ich Enten
+zerschneiden k&ouml;nnte, ebensowenig, wie ich imstande
+w&auml;re, sie zu braten.«</p>
+
+<p>»Das w&uuml;rde peinlich sein, wenn Sie arm w&auml;ren,
+nicht wahr?« fragte Leath trocken, w&auml;hrend sie sich
+setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. Er sprach
+ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verst&ouml;rten Ausdruck
+verloren &mdash; er dr&auml;ngte alle unangenehmen Erw&auml;gungen
+entschlossen zur&uuml;ck. F&uuml;r den Augenblick
+konnte er nichts anderes tun, als die Wonne ihrer
+N&auml;he auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere
+Stimmung einzugehen, so gut er konnte.</p>
+
+<p>»Bah! Nur ein Weilchen! Ich w&uuml;rde mir ein
+Kochbuch kaufen und es lernen. Dabei f&auml;llt mir ein,<span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span>
+da&szlig; ich jetzt wundersch&ouml;nen Kaffee machen kann; deshalb
+bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine
+zu setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee
+trinken.«</p>
+
+<p>Das Gewitter tobte noch mit fast unver&auml;nderter
+Heftigkeit weiter, als sie nach einer Weile in die K&uuml;che
+zur&uuml;ckkehrte, um Kaffee zu kochen, und auch noch nach
+mehr als einer Stunde, als Florence pl&ouml;tzlich ein
+G&auml;hnen nicht zu unterdr&uuml;cken vermochte, w&auml;hrend sie
+sich in ihren gro&szlig;en Korbstuhl zur&uuml;cklehnte.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich werde m&uuml;de,« sagte sie, »und es
+ist doch erst zehn Uhr! Sie m&uuml;ssen das auf Rechnung
+meiner ungewohnten Anstrengung setzen, den Kaffee
+zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber
+daran ist mein Mangel an &Uuml;bung schuld, wissen Sie.«
+Sie blickte lachend zu ihm hin&uuml;ber. »Sie haben
+Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt mu&szlig; ich
+Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«</p>
+
+<p>»Sofort, wenn Sie m&uuml;de sind. Es ist das Zimmer
+an der anderen Seite &mdash; quer &uuml;ber dem Vorplatz. &mdash;
+Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, da&szlig; es im
+Erdgescho&szlig; liegt?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten.« Sie hielt z&ouml;gernd inne.</p>
+
+<p>»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Es ist das einzige im Hause, au&szlig;er diesem, ausgenommen
+die K&uuml;che und Frau Youngs Dachst&uuml;bchen,
+wo ich Sie entschieden nicht unterbringen kann.«</p>
+
+<p>Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse
+sch&uuml;ttelte sie bei der Erw&auml;hnung der Bodenkammer den<span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span>
+Kopf. »Es tut mir sehr leid, da&szlig; meine Behausung
+r&auml;umlich so beschr&auml;nkt ist, Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich gern &mdash; und zwar, da&szlig; es Ihnen
+um Ihrer selbst willen leid tut, da ich Sie so ohne Umst&auml;nde
+aus Ihrem Gemache vertreibe.«</p>
+
+<p>Sie besa&szlig; zu viel Takt, um Einwendungen zu
+machen &mdash; sie nahm die Dinge, wie sie lagen.</p>
+
+<p>»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl
+mit einer Decke Ihr Nachtlager auf der Chaiselongue
+aufschlagen?«</p>
+
+<p>»Ja, das ist meine Absicht.«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, das wird schauderhaft unbehaglich
+f&uuml;r Sie werden!«</p>
+
+<p>»Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten, wie oft ich im Freien &uuml;bernachtet
+habe, so w&uuml;rden Sie das nicht denken.« Er
+stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten Sie
+nicht schlafen k&ouml;nnen oder sich in der Nacht &auml;ngstigen,
+so tr&ouml;ste Sie der Gedanke, da&szlig; ich Sie hiermit beschirme.«</p>
+
+<p>»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt,
+zur&uuml;ck. »Haben Sie das gr&auml;&szlig;liche Ding
+immer bei sich, und geladen?«</p>
+
+<p>»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich
+drau&szlig;en kampierte, und da dies Haus ziemlich einsam
+liegt, habe ich dies Paar immer in Bereitschaft.
+Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie w&uuml;rden sich sicherer
+f&uuml;hlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer h&auml;tten.«</p>
+
+<p>»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht
+um die Welt!« &mdash; Unwillk&uuml;rlich wich sie noch weiter
+zur&uuml;ck. »Ich w&auml;re bange, es nur anzur&uuml;hren, und<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span>
+wenn ich jemand ersch&ouml;sse, so w&uuml;rde vermutlich ich
+selbst es sein. Au&szlig;erdem f&uuml;rchte ich mich nicht, wenn Sie
+hier sind. Weshalb sollte ich auch?«</p>
+
+<p>»Weshalb, in der Tat?«</p>
+
+<p>Mit einem seltsamen L&auml;cheln, das sie nicht sah,
+legte er den Revolver nieder.</p>
+
+<p>Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm
+zu, w&auml;hrend er ein Licht herbeiholte und es f&uuml;r sie
+anz&uuml;ndete.</p>
+
+<p>»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »&mdash; und morgen
+fr&uuml;h?«</p>
+
+<p>»Ja?« fragte er, als sie z&ouml;gernd innehielt.</p>
+
+<p>»Sie werden nicht sehr fr&uuml;h nach Turret Court
+gehen, um ihnen zu sagen, wo ich bin, und da&szlig; sie mir
+den Wagen schicken m&ouml;chten?«</p>
+
+<p>»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald
+ich kann. Ist Ihnen das recht?«</p>
+
+<p>»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte
+nur vorschlagen, da&szlig; es besser w&auml;re, wenn Sie nach
+Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. Und
+wenn Sie zu fr&uuml;h kommen, so wird sie noch nicht
+unten sein.«</p>
+
+<p>Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem
+&Auml;rger und ihrer Verwunderung mit d&uuml;rren Worten gesagt
+hatte: »Sir Jasper kann Sie nicht leiden!« und
+err&ouml;tete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem Gedanken,
+er k&ouml;nne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag
+mache, denn sie ahnte nicht, da&szlig; er ebensoviel<span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span>
+wu&szlig;te, wie sie ihm sagen konnte. Er verstand das
+und antwortete vorsichtig, damit sie solche Kenntnis
+nicht bei ihm voraussetzen sollte:</p>
+
+<p>»Ich h&auml;tte sowieso nach Lady Agathe gefragt.
+Es freut mich, da&szlig; es das Richtige gewesen sein w&uuml;rde.
+Vielleicht k&ouml;nnte ich vorschlagen, da&szlig; Fr&auml;ulein Mortlake
+Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie
+dazu?«</p>
+
+<p>»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das
+Licht. »Ich danke Ihnen, Herr Leath. Nun will ich
+Ihnen gute Nacht w&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«</p>
+
+<p>Er ging mit ihr &uuml;ber den schmalen Korridor,
+machte die T&uuml;r auf und lie&szlig; sie eintreten.</p>
+
+<p>»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er
+ruhig, »w&auml;hrend Sie Umschau halten, ob Ihnen irgend
+etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie und sagen
+es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier
+zu beschaffen ist.«</p>
+
+<p>Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen
+steckte sie den Kopf durch die T&uuml;r, ihm das zu sagen,
+gab ihm die Hand und w&uuml;nschte ihm Gutenacht.
+Dann machte sie die T&uuml;r zu, und er kehrte wieder
+ins Wohnzimmer zur&uuml;ck, wo er gleich darauf die
+Lampe ausl&ouml;schte und sich aufs Sofa streckte, den Revolver
+dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter
+dem weiten blauen australischen Himmel getan. &mdash;</p>
+
+<p>Ein fast ebenso blauer Himmel gr&uuml;&szlig;te ihn, als
+er am n&auml;chsten Morgen erwachte &mdash; das Gewitter war<span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span>
+ganz vor&uuml;ber, und die Sonne schien hell. Er stand leise
+auf und horchte an der Schlafstubent&uuml;r, aber au&szlig;er
+Gr&auml;fin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes
+Ohr vernahm, lie&szlig; sich drinnen kein Laut h&ouml;ren. Sie
+schlief anscheinend. Er schob den Riegel der Haust&uuml;r
+vorsichtig zur&uuml;ck, damit er sie nicht st&ouml;re, und verbrachte
+die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen
+verging, damit, im Sonnenschein auf und ab zu gehen.</p>
+
+<p>So hell und warm die Sonne auch schien, denn
+sie stand schon hoch, &mdash; ihm hatten die ersten Nachtstunden
+keinen Schlummer gebracht, und er hatte
+viel l&auml;nger als sonst geschlafen, &mdash; so hatte sie doch
+die nassen Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet.
+Der Weg, in dem er auf und nieder
+schritt, war ein rieselnder Bach; eine gro&szlig;e Wasserlache
+stand jenseits der Pforte; die Gartengew&auml;chse,
+Blumen sowohl wie Gem&uuml;se, lagen ganz verregnet,
+besch&auml;digt und geknickt da. Einmal blieb Leath stehen
+und sah sich um.</p>
+
+<p>»Da sie &uuml;berhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte
+er laut, »freut es mich, da&szlig; das Gewitter so heftig
+gewesen. Ja &mdash; je schlimmer es war, desto besser.«</p>
+
+<p>Frau Young erschien bald darauf und war sehr
+verwundert, ihren Herrn ihrer wartend zu finden. Sie
+erging sich in wortreichen Entschuldigungen &uuml;ber ihr
+Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt ihr ohne
+Umst&auml;nde das Wort ab, f&uuml;hrte sie in die K&uuml;che und
+setzte sie dort von Gr&auml;fin Florences Anwesenheit in
+Kenntnis. Dann fr&uuml;hst&uuml;ckte er hastig im Stehen,
+sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach Turret<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span>
+Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag
+daran, die unangenehme Aufgabe, die er vor sich
+hatte, m&ouml;glichst schnell zu erledigen.</p>
+
+<p>Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten
+Wege gestattete, an seinem Bestimmungsorte
+angelangt war, fragte er pflichtschuldigst nach Lady
+Agathe. Der Diener, der den fr&uuml;hen Besuch verwundert
+anstarrte, wu&szlig;te nicht gewi&szlig;, ob die Gr&auml;fin
+schon unten sei, und ersuchte ihn, n&auml;herzutreten und
+zu warten, w&auml;hrend er sich erkundigte. Leath trat in
+das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.</p>
+
+<p>Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll
+Interesse um. Bei dem einen ungl&uuml;cklichen Besuch, den
+er Turret Court abgestattet, war der Speisesaal das
+einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach
+gefiel ihm besser: gro&szlig; und hoch, war es ein
+sch&ouml;ner Raum.</p>
+
+<p>Nachdem er einen allgemeinen &Uuml;berblick gewonnen,
+trat er an eines der B&uuml;cherregale und
+musterte die Titel der dort aufgereihten B&auml;nde. Da
+&ouml;ffnete sich die T&uuml;r, und er wandte sich um. Aber nicht
+Lady Agathe, sondern Sir Jasper selbst trat ein.</p>
+
+<p>War ihm die Bestellung gemacht worden, oder
+hatte er einfach seine Frau den Mann nicht empfangen
+lassen wollen, dem gegen&uuml;ber er es f&uuml;r gut befunden,
+eine bittere und durch nichts veranla&szlig;te Abneigung
+zur Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath
+vor, w&auml;hrend er sich umwandte. Beide wurden sofort
+beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von seiner Anwesenheit
+in dem Zimmer gewu&szlig;t, denn als ihre Augen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span>
+sich begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens
+und &mdash; ja, war es des Schreckens? &mdash; in sein
+glattes, sch&ouml;nes Antlitz. Sein j&auml;hes Erblassen lie&szlig;
+allerdings auf ein Erschrecken schlie&szlig;en.</p>
+
+<p class="pmb3">Er stie&szlig; einen heiseren Wutschrei aus und sprang
+mit erhobener Hand auf den anderen zu, als wolle
+er ihn niederschlagen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_14">14.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath wich vor des Barons erhobener
+Hand und seinem wutverzerrten, erstaunten, erbla&szlig;ten
+Antlitz nicht zur&uuml;ck. Seine eigene Verwunderung hielt
+ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht
+so gewesen, w&uuml;rde er keine ausweichende Bewegung
+gemacht haben. Er h&auml;tte es in jedem Falle mit dem
+schlanken, grauk&ouml;pfigen &auml;lteren Manne in seinem
+tadellos sitzenden schwarzen &Uuml;berrock aufnehmen
+k&ouml;nnen. Es lag ebensoviel sp&ouml;ttische Belustigung wie
+k&uuml;hles Erstaunen in seinem Ausdruck. Sir Jasper
+hielt inne und lie&szlig; die Hand sinken.</p>
+
+<p>»Was &mdash; was wollen Sie?«</p>
+
+<p>Die Worte wurden hervorgesto&szlig;en, als seien
+Zunge und Kehle trocken, aber Leaths Antwort erfolgte
+umgehend. Seine Belustigung stieg.</p>
+
+<p>»Nichts von Ihnen, Sir Jasper &mdash; nicht einmal
+an die Luft gesetzt zu werden. Ich komme nicht in
+eigener Angelegenheit und auch durchaus nicht zu
+meinem Vergn&uuml;gen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung,
+da&szlig; ich nicht nach Ihnen gefragt habe.
+Ich w&uuml;nschte Ihre Frau Gemahlin zu sprechen.«</p>
+
+<p>»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam.
+Er sprach noch ebenso heiser und undeutlich, schien
+sich aber M&uuml;he zu geben, seine Fassung wiederzuerlangen.<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span>
+Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte
+eine Hand auf die Lehne, um sich zu st&uuml;tzen. »Ich &mdash;
+ich begreife nicht, Herr Leath,« sagte er in seiner gewohnten,
+hochfahrenden Art, »was Sie meiner Frau
+zu sagen haben k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen
+bei. »Ich habe Lady Agathe allerdings nichts zu
+sagen, was mich angeht, sondern bin nur der &Uuml;berbringer
+einer Bestellung an sie.«</p>
+
+<p>»Einer Bestellung?«</p>
+
+<p>»Ja, &mdash; einer Bestellung Ihres M&uuml;ndels.«</p>
+
+<p>»Meines M&uuml;ndels?«</p>
+
+<p>Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungl&auml;ubigkeit
+anstatt der namenlosen Wut, die es noch eben zur
+Schau getragen.</p>
+
+<p>»Ist es m&ouml;glich, da&szlig; Sie von der Gr&auml;fin Florence
+Esmond reden, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Ich spreche allerdings von der Gr&auml;fin Florence.«
+Das sp&ouml;ttische L&auml;cheln war jetzt aus Leaths Antlitz
+verschwunden. Er sprach mit ruhiger Gelassenheit.
+»Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer Abwesenheit,
+Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, da&szlig; sie &mdash; die Gr&auml;fin
+&mdash; ungl&uuml;cklicherweise gestern abend von dem Gewitter
+&uuml;berrascht worden ist.«</p>
+
+<p>»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall
+geblieben!«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; leider nicht. Sie verlie&szlig; Brentwood
+Hall kurz vor dem Ausbruch des Gewitters, in dem
+Glauben, da&szlig; sie noch vorher heimgelangen w&uuml;rde.
+Zum Gl&uuml;ck brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut
+erreicht hatte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span></p>
+
+<p>»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus,
+in dem Sie wohnen?«</p>
+
+<p>»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein
+anderes, das so hei&szlig;t. Und ich preise mich gl&uuml;cklich,
+da&szlig; ich dort war, um der Gr&auml;fin ein Obdach anbieten
+zu k&ouml;nnen. Ihre Bestellung &mdash;«</p>
+
+<p>»Wollen Sie damit sagen, da&szlig; sie dort ist &mdash; seit
+gestern abend dort ist?« fragte Sir Jasper barsch.</p>
+
+<p>»Zweifelsohne. Es war unm&ouml;glich, da&szlig; sie sich
+dem Unwetter aussetzte. Selbst wenn ich ihr einen
+Wagen h&auml;tte zur Verf&uuml;gung stellen k&ouml;nnen, &mdash; was
+nicht der Fall ist, &mdash; w&auml;re es nicht ausf&uuml;hrbar gewesen.
+Sie wollte davon nichts h&ouml;ren, da&szlig; ich sie
+allein lie&szlig;, sonst w&uuml;rde ich versucht haben, auf irgendeine
+Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem
+Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie l&auml;&szlig;t Sie bitten,
+ihr sofort einen Wagen zu schicken und ihr Pferd durch
+einen Reitknecht holen zu lassen. Das ist alles, womit
+ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Zimmer; der Baron stand noch
+immer bleich und zornbebend da und umklammerte
+die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im
+Gesicht, der weder Erstaunen noch &Auml;rger ausdr&uuml;ckte,
+sondern etwas viel Schlimmeres.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en ber&uuml;hrte pl&ouml;tzlich eine kleine Hand
+Leaths &Auml;rmel, und als er sich umwandte, sah er sich
+Cis gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen,
+und habe geh&ouml;rt, was Sie erz&auml;hlten! Wie schrecklich
+f&uuml;r die arme Florence, von dem Gewitter &uuml;berrascht<span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span>
+zu werden! Aber welch ein Gl&uuml;ck, da&szlig; Sie da waren!
+Geht es ihr heute morgen gut?«</p>
+
+<p>»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen;
+sie schlief noch, als ich fortging, und daher
+habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und
+blickte l&auml;chelnd in die h&uuml;bschen blauen Augen, w&auml;hrend
+er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis
+war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry
+Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen,
+w&auml;hrend Leath andererseits oft gedacht hatte, welch
+ein holdes, liebensw&uuml;rdiges Schwesterchen sie abgeben
+w&uuml;rde und in der Tat auch f&uuml;r Roy abgab!</p>
+
+<p>»Wir glaubten nat&uuml;rlich alle, da&szlig; Florence in
+Brentwood Hall geblieben w&auml;re. Sonst h&auml;tte ich mich
+wohl halbtot um sie ge&auml;ngstigt. Der Wagen soll sie
+gleich nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck holen &mdash; bis dahin mu&szlig;
+sie warten, da ich nat&uuml;rlich mitfahren werde. Sagen
+Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence erwartet Sie, wie ich wei&szlig;,«
+antwortete Leath ruhig, »aber ich f&uuml;rchte, ich kann
+Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fr&auml;ulein
+Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht
+sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und
+mich bei ihr zu entschuldigen.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, da&szlig;
+Sie nicht nach Hause zur&uuml;ckkehren, da Sie sie heute
+morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen
+danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich &uuml;ber
+den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich
+nicht zu erkl&auml;ren vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben,<span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span>
+bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen
+danken wollen.«</p>
+
+<p>»Dank ist ganz &uuml;berfl&uuml;ssig,« antwortete Leath in
+seiner kurzen Art. »Was ich f&uuml;r die Gr&auml;fin getan
+habe, Fr&auml;ulein Mortlake, war das mindeste &mdash; in
+der Tat das einzige, was ich unter den Umst&auml;nden
+f&uuml;r sie tun konnte. Sie k&ouml;nnen Ihrer Frau Mutter
+alles viel besser erz&auml;hlen, als ich es verm&ouml;chte. Guten
+Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines
+Abenteuer nicht schaden.«</p>
+
+<p>Sein Gesicht war ernst und finster, als er das
+Haus verlie&szlig; und zu dem Platze ging, an dem er sein
+Pferd gelassen.</p>
+
+<p>»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr
+als das &mdash; unerkl&auml;rlich! Ich bin davon &uuml;berzeugt,
+da&szlig; mein letzter Verdacht so unbegr&uuml;ndet ist, wie mein
+erster war. Ich wei&szlig;, da&szlig; jener Tote, Robert Mortlake,
+nicht Robert Bontine war &mdash; nicht gewesen sein
+kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder,
+bei meinem blo&szlig;en Anblick einen t&ouml;dlichen Schrecken
+zu empfinden! Er kann mich nicht leiden &mdash; hat etwas
+gegen mich &mdash; das ist wahr! &mdash; Aber ist das hinreichend,
+um ein solches Gebaren zu erkl&auml;ren?«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren
+Gatten &mdash; von ersterer mit beredtem Wortschwall, von
+letzterem mit schroffer K&uuml;rze &mdash; von dem Abenteuer
+ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis
+gesetzt worden, beeilte sich mit dem Fr&uuml;hst&uuml;ck und
+dem Ankleiden und fuhr sofort &uuml;ber die Halde nach
+Lychet Hut. Sie war entsetzt, emp&ouml;rt, bek&uuml;mmert,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span>
+erschrocken &mdash; die verschiedenartigsten Gef&uuml;hle st&uuml;rmten
+auf die sanfte, schlichte Frau ein, f&uuml;r die das
+Au&szlig;ergew&ouml;hnliche immer etwas Unrechtes war. Die
+unschuldige Cis, die neben ihr sa&szlig;, hatte nicht das
+geringste Verst&auml;ndnis f&uuml;r die nerv&ouml;se Unruhe der
+Mutter. Der Vorfall war nat&uuml;rlich etwas unangenehm
+f&uuml;r Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch
+eigentlich ein &rsaquo;famoser Spa&szlig;&lsaquo;.</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence, die beim Fr&uuml;hst&uuml;ck sa&szlig;, das die
+verwunderte und noch immer best&uuml;rzte Frau Young
+sorgf&auml;ltig f&uuml;r sie hergerichtet hatte, h&ouml;rte R&auml;derrollen
+auf der durchweichten Landstra&szlig;e und sah den Wagen
+vor der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden
+Abend auf ihrem erschreckten Pferde geritten.
+Es war klar, da&szlig; sie erwartet, eine dritte
+Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen,
+denn ihr Gesicht umw&ouml;lkte sich auf einen Augenblick.</p>
+
+<p>Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen,
+und Lady Agathe stieg, auf den Arm des
+Bedienten gest&uuml;tzt, vorsichtig aus. Cis dagegen bedurfte
+keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad
+hinauf, w&auml;hrend Florence ihr bis an die T&uuml;r des
+Zimmers entgegeneilte und von der warmherzigen
+kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begr&uuml;&szlig;t
+wurde.</p>
+
+<p>»O Florence, was f&uuml;r ein Abenteuer!« rief Cis
+und dr&uuml;ckte sie innig an sich. »Und welch ein Gl&uuml;ck,
+da&szlig; Herr Leath hier war! Du h&auml;ttest in Brentwood
+bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter &uuml;berrascht
+zu werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater
+davon erz&auml;hlen h&ouml;rte, fiel ich fast in Ohnmacht.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p>
+
+<p>»Das w&auml;re unn&ouml;tig gewesen, Liebste,« meinte
+Florence l&auml;chelnd und erwiderte den Ku&szlig; ihrer Cousine
+aufs innigste. »Mir hat es nicht geschadet, wie du
+siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zur&uuml;ckgefahren?«</p>
+
+<p>»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich
+gegen ihn gewesen &mdash; ich glaube es fast. Er
+erz&auml;hlte mir, er habe dich heute morgen noch nicht
+gesehen, und ich meinte, du w&uuml;rdest ihm gewi&szlig; gern
+danken wollen, aber davon nahm er weiter keine
+Notiz &mdash; du wei&szlig;t, was er f&uuml;r ein sonderbarer, halsstarriger
+Mensch ist. Er sagte, er wolle nach dem
+Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen,
+was ich hiermit tue, mein Herz! Welch
+ein kahles, h&auml;&szlig;liches Zimmer, nicht wahr? Wie in
+aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich
+w&uuml;rde es verr&uuml;ckt machen! Dich nicht auch?«</p>
+
+<p>Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam
+langsam den Gartenpfad herauf, und sie hatte einen
+Blick auf ihr blasses, verst&ouml;rtes Gesicht geworfen.
+Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach
+ihrer Cousine um.</p>
+
+<p>»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als h&auml;tte
+sie geweint.«</p>
+
+<p>»Ach, ich wei&szlig; nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,«
+meinte Cis inkonsequent.</p>
+
+<p>Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die
+pl&ouml;tzlich bleicher geworden, an einer Antwort. Sie
+ging der Eintretenden mit blitzenden Augen entgegen.</p>
+
+<p>»Es tut mir leid, Tante Agathe, da&szlig; du dich zu
+so ungew&ouml;hnlich fr&uuml;her Stunde herausgemacht hast!
+Es w&auml;re genug gewesen, wenn Cis mich abgeholt h&auml;tte,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span>
+wenn es n&ouml;tig war, da&szlig; &uuml;berhaupt jemand kam.
+Nimm diesen Korbstuhl &mdash; er ist sehr bequem; ich
+habe gestern den ganzen Abend darin gesessen.«</p>
+
+<p>»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood
+geblieben, wie wir nat&uuml;rlich angenommen
+haben?«</p>
+
+<p>»Weil ich eigensinnig und tollk&uuml;hn war und geglaubt
+habe, ich w&uuml;rde vor Ausbruch des Gewitters
+heimgelangen,« antwortete Florence kurz. Sie stand
+in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten.
+»Ich gebe zu, da&szlig; es t&ouml;richt war, den Versuch zu unternehmen.
+Ist Onkel Jasper deshalb so schrecklich b&ouml;se?
+Er sollte doch meine Unbesonnenheit gewohnt sein!«</p>
+
+<p>»Deshalb nat&uuml;rlich nicht, liebes Kind!« Lady
+Agathes Kummer war zu gro&szlig; &mdash; sie begann zu
+weinen. »Du mu&szlig;t doch verstehen, wie ich es meine,
+Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so
+unbesonnen bist. Du mu&szlig;t wissen, da&szlig; dein Hierbleiben,
+in diesem elenden Hause, bei Herrn Leath &mdash;
+einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend
+etwas wei&szlig;, besonders, wo dein Onkel ihn so gar
+nicht leiden kann, &mdash; nicht &mdash; nicht &mdash;«</p>
+
+<p>»Passend war!« erg&auml;nzte Florence kalt. »Das
+schien Herr Leath ebenfalls zu finden. Wenigstens
+sagte er es mir.«</p>
+
+<p>»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe
+entsetzt.</p>
+
+<p>»Ja. Ich war sehr b&ouml;se dar&uuml;ber, aber er scheint
+die Sache richtiger aufgefa&szlig;t zu haben als ich. Er
+wollte durchaus in das Unwetter hinaus und mich
+hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span>
+ein, obgleich ich es ebenso albern und &uuml;berfl&uuml;ssig
+fand, wie ich es jetzt noch finde. Aber wir entdeckten,
+da&szlig; sein dienstbarer Geist nicht hier sei: das Gewitter
+hatte ihn in St. Mellions zur&uuml;ckgehalten. Da wollte
+ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein
+zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Seine Dienerin &mdash; die Person, die die Haust&uuml;r
+aufmachte &mdash; war nicht hier?« rief Lady Agathe.</p>
+
+<p>»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war
+niemand hier &mdash; niemand au&szlig;er uns beiden,« antwortete
+Florence. Sie war jetzt sehr bla&szlig;; ein L&auml;cheln,
+das sehr verschieden von ihrem gew&ouml;hnlichen L&auml;cheln
+war, spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken
+an.</p>
+
+<p>»Ach, gro&szlig;er Gott!« jammerte ihre Mutter mit
+schwacher Stimme. »Es ist sogar noch schlimmer, als
+ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so b&ouml;se
+aus, liebes Herz! Du wei&szlig;t, ich mache dir keine Vorw&uuml;rfe
+&mdash; ich denke nur daran, was die Leute sagen
+werden. Und in Rippondale wird so viel geklatscht &mdash;
+das wei&szlig;t du recht gut! Nat&uuml;rlich ist es nicht deine
+Schuld, da&szlig; du hierher kamst, aber du h&auml;ttest nicht
+bleiben sollen &mdash; wirklich nicht.«</p>
+
+<p>Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise
+und die des Herrn Leath. Sie bebte vor Zorn und
+&Auml;rger und verletztem Stolze. Bei einem Blick auf sie
+brach Lady Agathe aufs neue in Tr&auml;nen aus.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t doch wissen, da&szlig; ich nur deinetwegen
+so besorgt und bek&uuml;mmert bin,« rief sie schluchzend
+aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! Ich hoffe
+nur, da&szlig; sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_174">[S. 174]</a></span>
+mir ist bange; es wird ganz unm&ouml;glich sein, sie vor
+Chichester geheimzuhalten!«</p>
+
+<p>»Ganz unm&ouml;glich! Ich selbst will sie, wenn n&ouml;tig,
+Chichester erz&auml;hlen.«</p>
+
+<p>»Er ist so merkw&uuml;rdig &mdash; so eigen,« jammerte
+Lady Agathe, »und ungl&uuml;cklicherweise &mdash; ich mu&szlig;
+sagen, es war sehr unrecht und unvorsichtig, mein
+Kind &mdash; haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath
+auf der Halde sprechen sehen. Chichester erw&auml;hnte es
+erst gestern gegen mich und schien sehr verstimmt
+dar&uuml;ber, und was er sagen wird, wenn er von
+dieser &mdash;«</p>
+
+<p>Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen
+konnte, wandte sich mit j&auml;h ausbrechender Heftigkeit
+zu ihr.</p>
+
+<p>»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was
+kann irgend jemand, sei es Mann oder Weib, &uuml;ber
+mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte
+verloren, Tante Agathe &mdash; mehr als genug &mdash; ich
+will nicht mehr h&ouml;ren!«</p>
+
+<p class="pmb3">Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu
+reden. Sie weinte auf der R&uuml;ckreise nach Turret Court
+in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, w&auml;hrend die
+kleine Cis ihr gegen&uuml;ber bla&szlig; und bek&uuml;mmert aussah
+und Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen
+Augen aufrecht dasa&szlig;, kein Wort sprach. &mdash;</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_15">15.</h2>
+</div>
+
+<p>Als Everard Leath Turret Court verlassen, war
+er geraden Weges &uuml;ber die Halde nach dem Bungalow
+geritten. Es f&uuml;hrte ihn kein besonderer Grund dorthin;
+er hatte nur das unbestimmte Gef&uuml;hl, da&szlig; es
+besser sei, er kehre nicht in seine Behausung zur&uuml;ck,
+bis Gr&auml;fin Florence sie verlassen und die ungl&uuml;ckselige
+Episode vor&uuml;ber sei. Obwohl er sich immer wieder
+sagte, da&szlig; er sich der Macht der Umst&auml;nde hatte f&uuml;gen
+m&uuml;ssen, da&szlig; die Sache nicht zu vermeiden gewesen,
+so ertappte er sich doch fortw&auml;hrend auf dem peinlichen
+Gedanken, da&szlig; Chichester beschr&auml;nkt, argw&ouml;hnisch und
+ein Narr sei, und sagte sich, da&szlig;, wenn er h&auml;tte voraussehen
+k&ouml;nnen, was geschehen w&uuml;rde, er sich lieber die
+Hand abgehackt h&auml;tte, als auf die Halde zu gehen,
+wo er wu&szlig;te, da&szlig; er dort Florence Esmond begegnen
+konnte.</p>
+
+<p>Er bog in den Garten des Bungalow ein, lie&szlig;
+ein Pferd in Joes Obhut und ging auf das Haus zu.
+&Uuml;berall waren auch hier die Spuren des Unwetters
+sichtbar &mdash; die Blumen waren alle verregnet und geknickt,
+der Kies war aus den sauber gehaltenen Wegen
+hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand in der
+Veranda und sch&uuml;ttelte beim Anblick der Verw&uuml;stung
+traurig den Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht
+ <span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span>
+hellte sich beim N&auml;herkommen des jungen Mannes
+auf, und er reichte ihm mit einem L&auml;cheln die Hand.
+Dann fragte er nach einem Blick in die ernsten Z&uuml;ge
+des anderen:</p>
+
+<p>»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht &mdash;,« er hielt inne, »vielleicht ist es
+besser, ich erz&auml;hle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich
+nicht meine Absicht war. Aber ich wei&szlig;, da&szlig; Sie so
+viel von ihr halten, und &mdash;«</p>
+
+<p>»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins
+Wort. »Von wem?«</p>
+
+<p>»Von Gr&auml;fin Florence.«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence?«</p>
+
+<p>»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und
+wei&szlig; der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen
+wollen, so will ich Ihnen alles erz&auml;hlen.
+Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«</p>
+
+<p>Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in
+dem wie gew&ouml;hnlich Stapel von B&uuml;chern umherlagen,
+und w&auml;hrend der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath
+an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht
+der Vorf&auml;lle des gestrigen Abends. Sherriff strich
+beim Zuh&ouml;ren sinnend &uuml;ber seinen langen wei&szlig;en Bart.</p>
+
+<p>»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte
+er sehr entschieden, als der andere zu Ende war.
+»Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend
+jemand k&ouml;nnte glauben, da&szlig; das arme Kind durch den
+Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span>
+durchaus &uuml;bertrieben zu sein. Sie konnten
+sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer
+Angst allein lassen!«</p>
+
+<p>»Sie m&ouml;gen recht haben,« gab Leath bedr&uuml;ckt
+zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester
+ist ein Narr.«</p>
+
+<p>»Ein so gro&szlig;er doch kaum.«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht recht. Er ist sehr empfindlich,
+stolz, argw&ouml;hnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie
+geh&ouml;rt ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der
+auf sie f&auml;llt, f&auml;llt auf sein eigenes kostbares Selbst.
+Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es &mdash; mir
+ist bange davor.«</p>
+
+<p>»Damit wollen Sie doch nicht sagen, da&szlig; Sie
+glauben, Herr Chichester k&ouml;nne das zum Vorwand
+nehmen, seine Verlobung zur&uuml;ckgehen zu lassen?«
+fragte der alte Herr ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p>»Das vielleicht kaum. F&uuml;r einen solchen Esel
+halte ich ihn doch nicht. Aber er k&ouml;nnte unklug genug
+sein, argw&ouml;hnische Anspielungen ihr gegen&uuml;ber zu
+machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und
+was in dem Falle geschehen w&uuml;rde, k&ouml;nnen wir uns
+beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament
+und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die
+Verlobung aufl&ouml;sen.«</p>
+
+<p>»Wenn er das tun sollte &mdash; ja, allerdings. Aber
+das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »w&uuml;rde kaum
+ein Ungl&uuml;ck sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe,
+wie Sie wissen, die Partie nie f&uuml;r eine passende gehalten,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span>
+oder nie geglaubt, da&szlig; sie durch diese Heirat
+gl&uuml;cklich werden w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»An und f&uuml;r sich kein Ungl&uuml;ck &mdash; nein!« Der
+junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder.
+»Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche
+Wirkung das haben wird &mdash; welche Wirkung auf
+sie? Der Grund wird ruchbar werden &mdash; das mu&szlig;
+er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist &mdash; kann
+es m&ouml;glicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«</p>
+
+<p>Die fassungslose Best&uuml;rzung in Sherriffs Antlitz
+verriet, da&szlig; ihm diese Ansicht der Sache ebenso neu wie
+unwillkommen sei. Im Augenblicke wu&szlig;te er nichts
+zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand &uuml;ber sein
+wei&szlig;es Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge,
+wir tun Chichester vielleicht schweres Unrecht.«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zuf&auml;llig
+wei&szlig; ich, da&szlig; ich bei ihm nicht gut angeschrieben bin
+und da&szlig; es meinetwegen schon einen Wortwechsel
+zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«</p>
+
+<p>Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht
+wurde noch ernster. Leath stie&szlig; ein zorniges
+Lachen aus.</p>
+
+<p>»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich
+glaube nicht, da&szlig; es in ganz St. Mellions einen Menschen
+&mdash; sei es Mann, Weib oder Kind &mdash; gibt, der
+nicht wei&szlig;, da&szlig; Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem
+unbekannten Grunde mich nicht leiden kann.
+Ich wei&szlig;, da&szlig; er gelobt hat, ich solle sein Haus nie
+wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das wird
+ <span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span>
+ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich
+nach Turret Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie
+sei, da &mdash;. Aber still davon! W&auml;re er ein j&uuml;ngerer
+Mann, so h&auml;tte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen.
+Selbst so h&auml;tte ich es fast getan, wenn ich dies alles
+f&uuml;r sie nicht vorausgesehen und gef&uuml;rchtet h&auml;tte, die
+Sache noch schlimmer zu machen.«</p>
+
+<p>Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt
+ruhelos auf und nieder, ehe er wieder anhub:</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie
+mit diesem allem behellige, aber es hat mein Gem&uuml;t
+erleichtert, mich auszusprechen. Die Frage ist nun &mdash;
+was soll ich tun?«</p>
+
+<p>»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich
+&mdash; ich verstehe Sie nicht recht, Leath. Was sollten
+Sie tun?«</p>
+
+<p>»Soll ich fortgehen &mdash; diese Gegend verlassen?
+Ich habe gedacht, das w&uuml;rde vielleicht am besten
+sein. Was meinen Sie dazu?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, das w&uuml;rde ich jetzt noch nicht tun,«
+antwortete der Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten
+Sie, bis Sie sehen, was Chichester tut. Ihr sofortiges
+Verschwinden k&ouml;nnte wie Davonlaufen aussehen.
+Ein paar Tage lang wenigstens w&uuml;rde ich
+nichts tun und mich ganz ruhig verhalten.«</p>
+
+<p>»Das ist Ihr Rat?«</p>
+
+<p>»Ja, das t&auml;te ich an Ihrer Stelle.«</p>
+
+<p>»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span>
+recht. Aber sobald ich kann, will ich von hier fort.
+Je eher, desto besser.«</p>
+
+<p>»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«</p>
+
+<p>»Ja. Wenn ich sie nie genommen, w&uuml;rde dies
+alles nicht geschehen sein. Mein gew&ouml;hnliches Gl&uuml;ck!«</p>
+
+<p>Es trat eine kurze Pause ein.</p>
+
+<p>»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen,
+da&szlig; ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten dr&auml;ngen
+will &mdash; nichts liegt mir ferner. Aber da Sie davon
+reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage
+erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«</p>
+
+<p>»Nicht den geringsten.«</p>
+
+<p>»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich
+wei&szlig;, in St. Mellions und der Umgegend angestellt
+haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine Spur von
+Robert Bontine aufzufinden?«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p>»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«</p>
+
+<p>»Das will ich nicht sagen; es w&uuml;rde unwahr sein.
+Aber ich werde die Nachforschungen nie einstellen.«</p>
+
+<p>»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von
+hier fortzugehen?«</p>
+
+<p>»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und
+noch mehr, zu bleiben,« antwortete Leath finster und in
+bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, um so besser
+ist es f&uuml;r mich.«</p>
+
+<p>Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span>
+ein dunkles Rot stieg in seine gebr&auml;unten
+Wangen. Mit pl&ouml;tzlich ver&auml;ndertem Ausdruck in den
+eigenen Z&uuml;gen stand Sherriff auf und legte dem
+Freunde die Hand auf die Schulter.</p>
+
+<p>»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht
+gehabt. Sie ist Ihnen nicht gleichg&uuml;ltig?«</p>
+
+<p>Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde
+dem Blicke des anderen und sah dann fort.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Narr!« sagte er.</p>
+
+<p>Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath
+brach es. Er raffte sich aus seinem Br&uuml;ten auf und
+wandte sich vom Fenster ab. H&auml;tte der alte Herr beabsichtigt,
+auf seine letzten Worte zur&uuml;ckzukommen,
+so w&uuml;rde sein Ausdruck ihn davon zur&uuml;ckgehalten
+haben. Seine ungl&uuml;ckliche und hoffnungslose Liebe
+zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres Wort
+zwischen ihnen begraben sein.</p>
+
+<p>»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben
+morgens immer zu tun, wie ich wei&szlig;. Vielleicht wird
+ein scharfer Ritt meine tr&uuml;ben Ahnungen verscheuchen.«
+&mdash;</p>
+
+<p>Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf
+seine Arbeit konzentrieren. So viele Bef&uuml;rchtungen,
+so viele sorgenvolle Erw&auml;gungen waren seit Jahren
+nicht auf den alten Mann eingest&uuml;rmt. Florence Esmond
+hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden,
+wie eine Tochter nur h&auml;tte stehen k&ouml;nnen,
+und er wu&szlig;te jetzt, da&szlig; ihm Everard Leath fast so
+teuer wie ein Sohn geworden war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span></p>
+
+<p>Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der
+Klatsch, der sie bedrohte, an den er dachte, w&auml;hrend
+er so traurig dasa&szlig; und rauchte, sondern die aussichtslose
+Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als
+er so rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«</p>
+
+<p>Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie
+unter allen Umst&auml;nden bleiben mu&szlig;te, das konnte er,
+der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden so gut
+kannte, wohl ermessen. Er wu&szlig;te, was nur die
+wenigen, die sie wirklich verstanden, ahnten, da&szlig; der
+Stolz auf vornehme Geburt, auf Rang und Abstammung
+nicht st&auml;rker entwickelt sein konnte als bei diesem
+M&auml;dchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen w&auml;re,
+so hatte sie in ihren Unterhaltungen mit ihm niemals
+aus ihrer Abneigung gegen Everard Leath ein Hehl
+gemacht. Und nun mu&szlig;te er diese unselige Leidenschaft
+f&uuml;r sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er
+sich dessen erinnerte und des Schmerzes gedachte, den
+ihm vor vielen Jahren die eigene Herzenswunde verursacht
+hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber
+die Wunde konnte noch immer wehtun.</p>
+
+<p>Es war einige Stunden sp&auml;ter &mdash; er hatte noch
+immer nichts getan, als in wehm&uuml;tiges Gr&uuml;beln versunken
+in seinem Stuhle zu sitzen, &mdash; da wurde der
+Klopfer an der Haust&uuml;r laut in Bewegung gesetzt.</p>
+
+<p>Ein kurzes Zwiegespr&auml;ch folgte, das aber zu leise
+gef&uuml;hrt wurde, als da&szlig; er h&auml;tte h&ouml;ren k&ouml;nnen, was
+gesprochen wurde, und dann n&auml;herten sich dem Zimmer
+Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wu&szlig;te
+sofort, wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper
+ <span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span>
+Mortlake vielleicht kaum zweimal im Jahre einfiel,
+den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn hergef&uuml;hrt?
+Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die
+T&uuml;r des Zimmers &ouml;ffnete und der Baron eintrat.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ungef&auml;hr eine halbe Stunde sp&auml;ter, als Everard
+Leath auf dem Heimwege nach Lychet Hut, nach dem
+Ritte, durch den er seine erregten Nerven hatte beruhigen
+wollen, an der Gartenpforte des Bungalow
+vorbeikam, sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten
+und in seinen Wagen steigen, der gewartet hatte. Ein
+kurzer Blick in des Barons Gesicht gen&uuml;gte, um ihn
+pl&ouml;tzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag
+zu beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am
+Morgen in der Bibliothek von Turret Court gegen&uuml;berstanden
+und er drohend die Hand gegen ihn erhoben
+harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter
+gewesen als jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte
+ihn nach dem Bungalow gef&uuml;hrt? In seinem jetzigen
+Gem&uuml;tszustande war es ihm unm&ouml;glich, ohne Antwort
+auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath
+sprang, seinem Impulse folgend, aus dem Sattel und
+ging ins Haus.</p>
+
+<p>Sherriff stand am Tische; seine gew&ouml;hnlich geb&uuml;ckte
+Gestalt war aufgerichtet, sein von Natur
+ruhiges altes Gesicht ger&ouml;tet und zornig. Leath f&uuml;hlte,
+da&szlig; eine unklare Bef&uuml;rchtung ihm selbst das Blut
+hei&szlig; in die Wangen trieb. Er sagte hastig:</p>
+
+<p>»Ich sah Sir Jasper an der Pforte &mdash; ich konnte
+ihm ansehen und sehe auch Ihnen an, da&szlig; nicht alles
+ <span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span>
+ist, wie es sein sollte. Betrifft es sie?« Die Stimme
+versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so
+ist, so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und
+sagen Sie es mir!«</p>
+
+<p>»Verr&auml;t mein Gesicht denn so viel?« Mit einem
+halben L&auml;cheln und seinem gew&ouml;hnlichen freundlichen
+Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen Stuhl.
+»Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig,
+»und das passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz,
+Leath, und Sie sollen h&ouml;ren, weshalb, und mittlerweile
+machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers Besuch
+betraf Gr&auml;fin Florence nicht in dem Sinne, den Sie
+meinen. Er hat in der Tat ihren Namen kaum erw&auml;hnt.
+Der Zweck seines Besuches war, &uuml;ber Sie
+zu sprechen.«</p>
+
+<p>»&Uuml;ber mich?«</p>
+
+<p>»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund f&uuml;r den
+au&szlig;erordentlichen Ha&szlig;, den er augenscheinlich gegen
+Sie empfindet?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, da&szlig; er existiert &mdash; das erz&auml;hlte ich
+Ihnen heute morgen &mdash; aber mehr auch nicht.«</p>
+
+<p>»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu
+entfernen w&uuml;nscht?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht! W&uuml;nscht er das?«</p>
+
+<p>»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen,
+um &uuml;ber Sie zu reden? Er kam, um zu
+verlangen, da&szlig; ich, sein Verwalter, der abh&auml;ngig von
+ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von
+Beziehung steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende
+machen &mdash; kurz Ihnen die T&uuml;r weisen sollte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span></p>
+
+<p>Leath stie&szlig; einen Ausruf zorniger Verwunderung
+aus.</p>
+
+<p>»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; &mdash; da&szlig; Sie ein Mensch w&auml;ren, von dem
+niemand hier etwas wisse, da&szlig; Sie ihm pers&ouml;nlich
+unangenehm seien, da&szlig; Sie sich heute morgen in Turret
+Court sehr unversch&auml;mt gegen ihn benommen h&auml;tten,
+und schlie&szlig;lich, &mdash; das war das einzige Mal, da&szlig;
+er Gr&auml;fin Florence erw&auml;hnte, &mdash; da&szlig; Sie vielleicht
+durch Ihr Benehmen gestern abend den Ruf seines
+M&uuml;ndels ernstlich kompromittiert h&auml;tten.«</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel! Das sagte er?«</p>
+
+<p>»Ja. Aus diesen Gr&uuml;nden verlangte er, oder
+vielmehr befahl er mir, da&szlig; ich, in meiner abh&auml;ngigen
+Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen
+sollte.«</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet
+haben?«</p>
+
+<p>»Sehr wenig; aber ich bin nicht l&auml;nger sein Verwalter.«</p>
+
+<p>»Wie?«</p>
+
+<p>»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften
+machen zu lassen oder meinen Freund zu beleidigen.
+Ich habe meine Verbindung mit Sir Jasper
+Mortlake gel&ouml;st und mit seinen Angelegenheiten nichts
+mehr zu schaffen.«</p>
+
+<p>»Das haben Sie f&uuml;r mich getan, Herr Sherriff?«
+ <span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span>
+Leath sprang auf. »Dessen bin ich nicht wert,
+f&uuml;rchte ich.«</p>
+
+<p>»Dar&uuml;ber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete
+der andere mit einem L&auml;cheln, »und w&uuml;rde
+bei ruhiger &Uuml;berlegung genau ebenso handeln, wie
+ich in der Erregung getan. Sie brauchen &uuml;brigens
+nicht zu glauben, da&szlig; Sie die einzige Ursache gewesen
+sind f&uuml;r das, was ich tat. Sir Jasper beging einen
+nur allzu gew&ouml;hnlichen Fehler: er verga&szlig;, da&szlig; sein
+Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das
+Gehalt war nicht so hoch bemessen, als da&szlig; ich nicht
+ohne es leben k&ouml;nnte. Meine B&uuml;cher und Abrechnungen
+sollen, sobald ich sie fertig habe, nach Turret
+Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn
+Sie nichts Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht
+und helfen mir, sie zusammenzupacken.«</p>
+
+<p>»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich
+habe mein Pferd an der Pforte gelassen und will es
+erst hereinholen.«</p>
+
+<p>Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam,
+fand er Sherriff vor einem gro&szlig;en, altmodischen,
+messingbeschlagenen offenen Pult, das ihm
+schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er
+aber bisher nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte
+der Greis in die eine Hand gest&uuml;tzt; er schien etwas
+eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken vertieft,
+da&szlig; er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete,
+zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.</p>
+
+<p>»Ich st&ouml;re Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath
+stockend.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein &mdash; durchaus nicht &mdash; gewi&szlig; nicht!«
+Er blickte den jungen Mann an und dann wieder auf
+das, was er in der Hand hielt. »Ich tat etwas sehr
+T&ouml;richtes,« sprach er traurig, »ich st&ouml;berte in toter
+Asche, mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges
+St&uuml;ck Arbeit, solange wir jung sind, aber es ist noch
+trauriger, wenn wir alt geworden, denn sie kann nie
+wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung,
+da&szlig; an ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird.
+Erinnern Sie sich des Tages, wo ich Ihnen meinen
+kleinen Herzensroman &mdash; den einzigen Roman, den
+ich erlebt habe &mdash; erz&auml;hlte?«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath
+zur Antwort.</p>
+
+<p>»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt,
+da&szlig; ich Marys Bild besitze? Es ist gerade angefertigt,
+ehe sie mich verlie&szlig;, um ins Ausland zu gehen. Ich
+habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie
+von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in
+denen ich es nicht ertragen konnte, auf das eine oder
+andere einen Blick zu werfen. Es ist jetzt sehr verbla&szlig;t,
+aber damals war es wunderbar &auml;hnlich &mdash;
+wunderbar &auml;hnlich! Wollen Sie es ansehen?«</p>
+
+<p>Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen
+das Bild hin. Leath nahm es, blickte es an, hielt es
+n&auml;her an das Licht, sah genau hin und stie&szlig; dann einen
+lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.</p>
+
+<p>»Was gibt&rsquo;s?« fragte er mit bebender Stimme.
+»Sie &mdash; haben es doch nicht schon gesehen &mdash; wie?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war
+tief erbla&szlig;t und verriet grenzenlose Verwunderung.
+»Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_16">16.</h2>
+</div>
+
+<p>»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch
+unm&ouml;glich erwarten, da&szlig; ich diesen &mdash; diesen &auml;u&szlig;erst
+bedauerlichen Vorfall so leicht als abgetan ansehe,
+Florence?«</p>
+
+<p>»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine
+Silbe weiter dar&uuml;ber zu verlieren,« sagte Gr&auml;fin Florence
+gleichm&uuml;tig.</p>
+
+<p>Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren
+kalt und gelassen gesprochenen Worten h&auml;tte schlie&szlig;en
+k&ouml;nnen. Ihre Wangen waren sehr bla&szlig;, sie hielt den
+Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Br&auml;utigam
+ansah, waren unheimlich gl&auml;nzend. Sie waren
+allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in
+ihr Privatwohnzimmer gef&uuml;hrt worden, und dort hatte
+sie ihm mit den k&uuml;rzesten Worten, die sie finden konnte,
+die Geschichte der letzten Nacht erz&auml;hlt &mdash; es unter
+ihrer W&uuml;rde haltend, zu err&ouml;ten, etwas zu besch&ouml;nigen
+oder sich zu entschuldigen. Sie wu&szlig;te kaum, da&szlig; sie
+es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat,
+die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der
+Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone
+w&uuml;rde sie es ihm nicht erz&auml;hlt haben, h&auml;tte Leath keine
+Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr
+anfangs ganz ungeheuerlich, schlie&szlig;lich abgeschmackt<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span>
+vorgekommen, und w&auml;ren nicht Lady Agathes Tr&auml;nen
+und Jammern gewesen. Das Ganze w&auml;re ihr dann
+nur wie ein Spa&szlig; vorgekommen. Das war jetzt unm&ouml;glich.
+Sie erz&auml;hlte die Geschichte mit trotzig blitzenden
+Augen und in einem sorglosen, gleichg&uuml;ltigen Tone,
+ihm es &uuml;berlassend, sich mit der Sache abzufinden, so
+gut er es vermochte.</p>
+
+<p>Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester
+zu bes&auml;nftigen und zu vers&ouml;hnen, selbst wenn
+es sich um etwas ganz anderes gehandelt h&auml;tte. Er
+hatte mit dunkel ger&ouml;tetem Gesicht und einer zornigen,
+nerv&ouml;sen, gereizten Fassungslosigkeit zugeh&ouml;rt, die in
+den verdrie&szlig;lich hervorgesto&szlig;enen Worten gipfelte, auf
+die sie mit so ver&auml;chtlicher K&auml;lte geantwortet hatte. Er
+stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit
+machte es ihm unm&ouml;glich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete
+ihn, wobei der ver&auml;chtliche Ausdruck in ihren
+gro&szlig;en gl&auml;nzenden Augen noch sch&auml;rfer hervortrat.</p>
+
+<p>»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter
+dar&uuml;ber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm,
+aber es ist vor&uuml;ber; es war weder Herrn
+Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erz&auml;hlt,
+und das ist auch vor&uuml;ber. &mdash; Ich habe es dir aber erz&auml;hlt,
+weil ich fand, da&szlig; du es erfahren mu&szlig;test &mdash;«</p>
+
+<p>»Weil du fandest, ich m&uuml;sse es erfahren?« fiel er
+ihr heftig ins Wort. »Allerdings mu&szlig;te ich das!«</p>
+
+<p>»Ich hielt es f&uuml;r das Richtigste, weil jeder, weil
+alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,«
+sagte das junge M&auml;dchen hochm&uuml;tig, »und da es geschehen,
+wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich
+habe das Thema satt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span></p>
+
+<p>»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort.
+»Das ist leicht gesagt &mdash; aber vielleicht nicht ebenso
+leicht getan. G&uuml;tiger Himmel, Florence, begreifst du
+denn nicht, da&szlig; die Geschichte dieses &mdash; dieses unseligen
+Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller
+Leute Mund ist?«</p>
+
+<p>»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltbl&uuml;tig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja,
+es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier m&uuml;ssen davon
+wissen!«</p>
+
+<p>»Allerdings m&uuml;ssen sie das! Zwei von ihnen
+kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von
+Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath
+den Hausstand f&uuml;hrt, mu&szlig; es wissen. Sie sorgte heute
+morgen f&uuml;r mein Fr&uuml;hst&uuml;ck.«</p>
+
+<p>»Das hei&szlig;t also, da&szlig; sie alle jedem ihrer elenden
+Bekannten davon erz&auml;hlen und ihren gemeinen Kommentar
+dazu abgeben!« rief Chichester. »Und du verlangst,
+da&szlig; ich von dem Thema abbreche &mdash; sagst,
+da&szlig; du es satt hast! Gro&szlig;er Gott! Wir alle, wie wir
+da sind, werden es noch satt bekommen, ehe es
+abgetan ist!«</p>
+
+<p>Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt
+vor ihr stehen.</p>
+
+<p>»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen,
+welch ungl&uuml;ckselige Sache es ist!«</p>
+
+<p>Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem
+gereizten Zustande nur mit sich selbst besch&auml;ftigt, war
+er unf&auml;hig, die grenzenlose Verachtung, die in diesem
+Blick lag, zu lesen. H&auml;tte er es vermocht, so h&auml;tte<span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span>
+er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder
+an, auf und nieder zu gehen.</p>
+
+<p>»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit
+dem jenes Menschen! Und man wei&szlig;, da&szlig; du ihn getroffen
+&mdash; dich mit ihm unterhalten hast! Das macht
+es noch schlimmer &mdash; das gerade ist das Allerschlimmste.
+Wenn das nicht w&auml;re, so w&uuml;rde wohl mit
+dieser Sache selbst, in der ich dir keine Schuld beimesse,
+fertig zu werden sein. So aber ist es unm&ouml;glich.
+Es ist mir ganz schrecklich! Es ist unertr&auml;glich, entsetzlich,
+da&szlig; dein Name &mdash; der Name meiner zuk&uuml;nftigen
+Frau &mdash; der Name der Herrin meines Hauses
+&mdash; auch nur durch einen Hauch getr&uuml;bt werben sollte!«</p>
+
+<p>Er blieb wiederum vor ihr stehen.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t es doch begreiflich finden, da&szlig; es mir
+unm&ouml;glich ist, so etwas leicht zu nehmen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt
+in die seinen senkend, l&auml;chelte sie.</p>
+
+<p>»Es ist allerdings schrecklich, da&szlig; der gute Name
+deiner Zuk&uuml;nftigen angetastet werden sollte. Du tust
+recht, dich dar&uuml;ber aufzuregen; du hast mein volles
+Beileid. Denn was w&uuml;rde es dir ausgemacht &mdash; was
+w&uuml;rde es dir geschadet haben, h&auml;tte man nur auf mich
+&mdash; nur auf Florence Esmond, nur auf ein Weib einen
+Stein geworfen? Aber es ist deine zuk&uuml;nftige Frau.
+O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«</p>
+
+<p>»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich
+verstehe dich nicht!«</p>
+
+<p>»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und
+ich wenigstens verstehe dich. O, glaubst du, ich durchschaute
+dich nicht? Was macht dir Sorge? Da&szlig; ich,<span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span>
+ein hilfloses M&auml;dchen, vielleicht von all denen, die
+mich kennen, sch&auml;ndlich verleumdet werde? Nein, nein!
+Nur, da&szlig; ich deine Braut bin, ein Teil deiner selbst,
+dein Eigentum, und da&szlig; deshalb jeder Stein, der auf
+mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich wei&szlig; &mdash;
+ich wei&szlig;! Es ist genug, Herr Chichester &mdash; auf Sie
+soll auch nicht der leiseste Schatten meiner Schande
+fallen.« Sie zog in ungest&uuml;mer Heftigkeit den Verlobungsring
+vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich
+bin Ihre Braut nicht l&auml;nger! Ich gebe Ihnen Ihr
+Wort zur&uuml;ck, und Sie sind frei!«</p>
+
+<p>»Florence!«</p>
+
+<p>Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand
+und dem Ringe zusammen und hielt beide fest. »Das
+kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! Wenn
+unsere Verlobung jetzt gel&ouml;st w&uuml;rde &mdash;«</p>
+
+<p>»Sie ist gel&ouml;st!« Sie entzog ihm ihre Hand.
+»Nehmen Sie Ihren Ring zur&uuml;ck, Herr Chichester!
+Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«</p>
+
+<p>»Aber bedenke doch &mdash; ums Himmels willen!«
+Er trat vor ihrer ausgestreckten Hand, auf deren
+Innenfl&auml;che der blitzende Ring lag, zur&uuml;ck. »Bedenke,
+welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung
+jetzt zur&uuml;ckgeht! Das wird den schlimmsten
+Vermutungen Raum geben und sie zu best&auml;tigen
+scheinen.«</p>
+
+<p>»Das mu&szlig; dann seinen Lauf haben. Ich wei&szlig;,
+da&szlig; es so sein wird. Noch einmal, nehmen Sie Ihren
+Ring zur&uuml;ck!«</p>
+
+<p>»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht
+besinnen? Nicht &uuml;berlegen &mdash;?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span></p>
+
+<p>»Es gibt Dinge, bei denen es keiner &Uuml;berlegung
+bedarf. Ein- f&uuml;r allemal, Herr Chichester, ich will Sie
+nicht heiraten. Und zum drittenmal, nehmen Sie
+Ihren Ring zur&uuml;ck!«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie
+in aufrechter Haltung, mit hochgetragenem Haupte und
+stolz blickenden Augen vor ihm stand. Ihre h&ouml;hnische
+Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben,
+aber ihre Sch&ouml;nheit beschleunigte noch seinen
+Pulsschlag. Nein &mdash; er liebte sie nicht, aber es war
+schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er schritt zweimal
+durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.</p>
+
+<p>»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschlu&szlig;
+in Erw&auml;gung zu ziehen! Denke an die Folgen,
+wenn du jetzt unsere Verlobung l&ouml;st. Ich meinerseits
+habe mich vielleicht zu stark ausgedr&uuml;ckt. &mdash; Gib mir
+dein Wort, da&szlig; du diesen Menschen, diesen Leath, nie
+wiedersehen, nie wieder eine Silbe mit ihm sprechen
+willst, und ich &mdash;«</p>
+
+<p>»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald
+Sie fort sind, werde ich nach Lychet Hut reiten, um
+Herrn Leath f&uuml;r seine gestrige F&uuml;rsorge zu danken. Ich
+hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«</p>
+
+<p>»Ist das dein Ernst?«</p>
+
+<p>Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort
+weiter nahm er den Ring von ihrer ausgestreckten
+Hand, verbeugte sich f&ouml;rmlich, drehte sich kurz um und
+verlie&szlig; das Zimmer. Drei Minuten darauf sah
+Florence von ihrem Fenster aus sein Dogcart die
+Auffahrt hinunter dem gro&szlig;en Eingangstor zurollen<span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span>
+und wu&szlig;te, da&szlig; er fort sei, um nicht wiederzukehren. &mdash;</p>
+
+<p>Es war ungef&auml;hr eine halbe Stunde sp&auml;ter, als
+sie in ihrem Reitkleid auf der Treppe erschien. Noch
+immer sehr bleich, aber in aufrechter Haltung, mit
+weitge&ouml;ffneten, gl&auml;nzenden Augen stieg sie herab und
+schritt durch die innere Halle auf die Windfangt&uuml;re
+zu, die diese abschlo&szlig;; aber noch ehe sie sie erreicht,
+wurde schnell eine andere T&uuml;r ge&ouml;ffnet und Lady
+Agathe, mit verweinten Augen und sehr bla&szlig;, &mdash; sie
+hatte stundenlang fast unaufh&ouml;rlich geweint trotz Cis&rsquo;
+liebevoller Versuche, sie zu tr&ouml;sten, &mdash; kam heraus
+und hielt sie auf.</p>
+
+<p>»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir
+hinaufzukommen, liebes Kind. Ich konnte diese schreckliche
+Unruhe nicht l&auml;nger ertragen.« Sie hielt inne,
+denn anscheinend sah sie erst jetzt, da&szlig; das junge M&auml;dchen
+im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht
+etwa ausgehen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; aber ich kann ein Weilchen warten. Es
+tut mir leid, da&szlig; du dich ge&auml;ngstigt hast, Tante Agathe.
+Du h&auml;ttest mich rufen lassen sollen. Bitte, suche dich
+zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn
+du dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe?
+Was ist denn los?«</p>
+
+<p>»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur
+so fragen?« schluchzte ihre Tante. »Du bist so kalt und
+schroff und wunderlich, Florence. Ich verstehe dich
+ganz und gar nicht.«</p>
+
+<p>»Nicht?« Ein seltsames L&auml;cheln umspielte die
+Lippen des M&auml;dchens. »Es tut mir leid,« sprach sie<span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span>
+ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum Weinen
+bringen. Deshalb &auml;ngstigst du dich so?«</p>
+
+<p>»O, Florence, du mu&szlig;t doch wissen, in welch
+schrecklicher Gem&uuml;tsverfassung ich bin, bis ich h&ouml;re,
+was Chichester &uuml;ber diese unselige Sache gesagt hat!
+Du &mdash; du hast es ihm erz&auml;hlt?«</p>
+
+<p>»Ja, ich habe es ihm erz&auml;hlt.«</p>
+
+<p>»Und &mdash; und es ist alles erledigt und abgetan?«
+fragte Lady Agathe stockend.</p>
+
+<p>»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns
+&uuml;ber die Sache verloren werden. Sie ist ganz und gar
+erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind. Ach, mir f&auml;llt ein Stein vom
+Herzen, Florence! Ich f&uuml;rchtete &mdash; ich wei&szlig; wirklich
+nicht recht, was ich eigentlich f&uuml;rchtete! Es ist sonderbar,
+finde ich, da&szlig; Herr Chichester fortgefahren ist,
+ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das
+tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen,
+nicht wahr?« Mit einem Seufzer der Erleichterung
+trocknete sich Lady Agathe die Augen. »Wirklich,
+liebes Herz, du siehst zu bla&szlig; aus, um auszureiten!
+F&uuml;hlst du dich auch wohl genug dazu? Wohin
+willst du?«</p>
+
+<p>»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut
+anders, als Herrn Leath f&uuml;r die Freundlichkeit danken,
+die er mir gestern erzeigt hat.«</p>
+
+<p>»Florence!«</p>
+
+<p>Ihre Tante schlug entsetzt die H&auml;nde zusammen.</p>
+
+<p>»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das
+darfst du nicht &mdash; wirklich nicht! Das kann ich nicht
+zugeben!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span></p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,«
+sprach Florence kalt, »du vergi&szlig;t wohl, da&szlig;, obgleich
+ich in deinem und Onkel Jaspers Hause wohne, ich
+doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin!
+Es tut mir leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist,
+aber ich reite auf alle F&auml;lle nach Lychet Hut.«</p>
+
+<p>»Ach du meine G&uuml;te!« klagte Lady Agathe.
+»Bitte, mein Liebling, bedenke doch! Was wird Talbot
+Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«</p>
+
+<p>»Nichts &mdash;.« Das junge M&auml;dchen schritt auf die
+Haust&uuml;r zu, w&auml;hrend ein seltsames, bitteres L&auml;cheln
+ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte sie kurz.
+»Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast
+du mich mi&szlig;verstanden, Tante. Mein Gehen und
+Kommen geht Herrn Chichester nichts weiter an. Unsere
+Verlobung ist zur&uuml;ckgegangen. Ich habe mich geweigert,
+ihn zu heiraten.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Everard Leath, der rauchend in der T&uuml;r seines
+Hauses stand und auf seinen durchweichten Garten
+hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, da&szlig;,
+obgleich er den n&auml;herkommenden Hufschlag eines Pferdes
+vernahm, er doch nicht die Augen nach der Chaussee
+wandte, um zu sehen, wer der Reiter sei. So kam
+es, da&szlig; Florence auf ihrer Stute in die Pforte eingebogen
+und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr
+wurde.</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Esmond!«</p>
+
+<p>Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe
+zu bed&uuml;rfen, und war vom Pferde herunter, ehe er
+sich dessen versah.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p>
+
+<p>»Sind Sie es wirklich?«</p>
+
+<p>»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem
+Gewitter hierherverschlagen.«</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte und war sehr bleich; als sie ihm
+die Hand hinhielt, lag auf ihrem Antlitz ein Ausdruck,
+den er noch nie gesehen. Als er ihre Hand nahm, f&uuml;hlte
+er, da&szlig; das Schlimmste, was er f&uuml;r sie gef&uuml;rchtet, eingetreten
+sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.</p>
+
+<p>»Mich f&uuml;hrte der Wunsch her, Ihnen f&uuml;r Ihre
+gro&szlig;e Freundlichkeit zu danken.«</p>
+
+<p>»Das war ganz unn&ouml;tig.«</p>
+
+<p>Best&uuml;rzt, verwundert wie er war, wu&szlig;te er kaum,
+da&szlig; er ihre Hand noch immer festhielt, noch bemerkte
+sie es. »Ich wei&szlig; Ihre G&uuml;te wohl zu sch&auml;tzen, Gr&auml;fin,
+aber ich hoffe, Sie wissen, da&szlig; alles, was ich f&uuml;r Sie
+tun konnte, gern geschehen ist.«</p>
+
+<p>»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte
+Ihnen, aber ich danke Ihnen nichtsdestoweniger.«
+Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig zur&uuml;ck.
+»Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath!
+Weshalb?«</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung. Ich &mdash; ich wu&szlig;te
+das nicht. Sie sind bleich &mdash; Sie sehen ganz anders
+aus als sonst &mdash; das ist alles.«</p>
+
+<p>»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen,
+kalten L&auml;cheln inne. »Ich bin nicht nur gekommen,
+um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes
+Wort abw&auml;gend. »Ich wollte Ihnen auch Gl&uuml;ck
+w&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>»Mir Gl&uuml;ck w&uuml;nschen?« wiederholte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem &mdash; wie soll ich
+es nennen? &mdash; Verst&auml;ndnis f&uuml;r die menschliche Natur.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand
+sie nur zu gut und wurde ebenso bla&szlig; wie sie.</p>
+
+<p>»Nicht? Dann mu&szlig; ich Ihrem Ged&auml;chtnis zu
+Hilfe kommen. Ich war gestern abend nicht sehr
+h&ouml;flich &mdash; ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war
+auf meiner Seite. Sie meinten viel mehr, als Sie
+sagten, aber Sie h&auml;tten recht gehabt, wenn Sie alles,
+was Sie dachten, ausgesprochen h&auml;tten.«</p>
+
+<p>Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn
+Chichester ist gel&ouml;st.«</p>
+
+<p>»Das hat er getan!«</p>
+
+<p>»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles
+so gut &mdash; das sehe ich Ihnen an &mdash; da&szlig; ich nichts
+mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt wieder inne.</p>
+
+<p>»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, da&szlig; in
+meinen Augen auch nicht der leiseste Vorwurf Sie
+trifft,« sprach sie langsam, als falle es ihr schwer,
+die richtigen Worte zu w&auml;hlen, »und um aufs neue
+zu wiederholen, da&szlig; ich Ihnen danke. Sie sind besorgter
+um mich gewesen, haben mehr R&uuml;cksicht auf
+mich genommen, als ich selbst getan. Ich war es
+Ihnen schuldig, Herr Leath, da&szlig; Sie dies von meinen
+eigenen Lippen h&ouml;rten.«</p>
+
+<p>Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast
+wieder gewonnen, und das half ihm, die seine wieder
+zu erlangen. Er begriff vollkommen, da&szlig; er kein
+Wort &uuml;ber Talbot Chichester sagen d&uuml;rfe &mdash; da&szlig; jeglicher<span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span>
+Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der
+Emp&ouml;rung sie verletzen w&uuml;rde. Aber es war keine
+leichte Aufgabe, mit der n&ouml;tigen Gelassenheit und
+K&uuml;rze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war,
+sich zu beherrschen.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Gr&auml;fin,« sagte er. »Sie sind
+edelm&uuml;tig. Eine der wenigen angenehmen Erinnerungen,
+die ich beim Fortgehen von hier mitnehme,
+wird die Erinnerung an diese Worte sein.«</p>
+
+<p>»Sie gehen fort?« rief sie &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich werde in ein paar Tagen aus diesem
+Hause ziehen.«</p>
+
+<p>Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber
+sie verstand ihn sehr wohl. Er wollte jetzt nicht in
+einem Hause bleiben, das Talbot Chichester geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>»Wollen Sie damit sagen, da&szlig; Sie St. Mellions
+verlassen?«</p>
+
+<p>»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder
+vierzehn Tage. Ich habe Herrn Sherriff versprochen,
+w&auml;hrend meines Hierbleibens im Bungalow zu
+wohnen.«</p>
+
+<p>»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«</p>
+
+<p>»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen.
+Soweit ich es jetzt &uuml;berblicken kann, ist es nicht sehr
+wahrscheinlich, da&szlig; ich wiederkommen werde.«</p>
+
+<p>Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer,
+ihren Augen zu begegnen, in dem Gef&uuml;hl, da&szlig; seine
+eigenen m&ouml;glicherweise das Geheimnis verraten
+k&ouml;nnten, das er ihr niemals enth&uuml;llen durfte. Der
+blo&szlig;e Gedanke, da&szlig; sie frei sei, hatte ihm das Blut
+ungest&uuml;m durch die Adern getrieben, obgleich er sich<span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span>
+deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte
+es ihm ausmachen, da&szlig; Talbot Chichester sich als
+der gro&szlig;e Esel, f&uuml;r den er ihn gehalten, erwiesen hatte?</p>
+
+<p>»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte
+Florence.</p>
+
+<p>Sie blickte ihn ungewi&szlig; an. »Ich m&ouml;chte wohl
+wissen, Herr Leath, ob ich eine Frage an Sie richten
+darf?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; d&uuml;rfen Sie jede Frage an mich stellen.
+Aber die eine, die Sie tun wollen, brauchen Sie nicht
+zu stellen, ich kann sie ungefragt beantworten. Gehe
+ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich
+hier tun wollte? Das ist die Frage &mdash; nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und die Antwort lautet: &rsaquo;Ja, ich gehe, weil
+es mir g&auml;nzlich mi&szlig;lungen ist&lsaquo;.«</p>
+
+<p>»Es ist Ihnen nicht gegl&uuml;ckt, den Menschen, von
+dem Sie sprachen, &mdash; Robert Bontine, &mdash; aufzufinden?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich habe nicht die leiseste Spur von
+ihm gefunden.«</p>
+
+<p>»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen
+aufgeben?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen
+fortzusetzen, das ist alles.«</p>
+
+<p>»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen.
+»Sie waren so sicher, da&szlig; er hier sei &mdash;
+so fest &uuml;berzeugt davon! Sie haben mir nie gesagt,
+ob Sie ihn erkennen w&uuml;rden, wenn Sie ihm begegnen
+sollten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span></p>
+
+<p>»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit
+Augen gesehen!«</p>
+
+<p>»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose &Uuml;berraschung.
+»Was ist er Ihnen denn, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis,
+Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn
+Sie es mir sagen. Ich habe kein Recht, Sie darnach
+zu fragen, das wei&szlig; ich wohl &mdash; ich wei&szlig; kaum,
+weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie
+blickte ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, &mdash; Sie
+haben v&ouml;llig recht, es mir abzuschlagen und Ihr
+Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um Entschuldigung.
+Ich frage Sie nicht.«</p>
+
+<p class="pmb3">Jedem anderen Fragesteller gegen&uuml;ber w&uuml;rde er
+stumm geblieben sein; ihr gegen&uuml;ber blieb er es nicht.
+Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence fragte nicht
+weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte
+sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er
+sie auf ihr Pferd, und noch immer schweigend und
+verwundert ritt sie davon und lie&szlig; ihn allein.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_17">17.</h2>
+</div>
+
+<p>»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr
+Sherriff, obgleich Sie nach Ihrem gestrigen Anfall
+wohl eigentlich kaum wohl genug sein werden, um
+auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.</p>
+
+<p>Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen
+Versprechens nach dem Bungalow her&uuml;bergeritten
+und hatte sich sogleich in das trauliche Wohnzimmer
+des Hausherrn begeben, dessen bis auf den
+Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen
+umrankte Veranda und den sonnigen Garten
+dahinter hinausf&uuml;hrten. Der alte Herr, der in seinem
+gro&szlig;en Stuhle sa&szlig;, hatte seinen Freund mit einem
+L&auml;cheln willkommen gehei&szlig;en, war aber nicht aufgestanden
+und ihm entgegengegangen. Seine Augen
+blickten tr&uuml;be, sein sch&ouml;nes altes Gesicht war eingefallen
+und bla&szlig;, die Hand, die sich dem jungen
+Manne entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche
+Symptome stellten sich immer nach den Ohnmachtsanf&auml;llen
+ein, an denen er hin und wieder litt, und
+der Anfall am gestrigen Tage war ungew&ouml;hnlich
+schwer gewesen. Er selbst machte nicht viel Aufhebens
+von diesen Anwandlungen &mdash; die Tatsache, da&szlig; er
+an einer Herzschw&auml;che litt, die auch wahrscheinlich
+einst die Ursache seines Todes sein w&uuml;rde, beunruhigte
+ihn nicht; denn er wu&szlig;te es seit vierzig Jahren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span></p>
+
+<p>»Es ist sch&ouml;n, da&szlig; Sie kommen, mein alter Junge.
+Ich habe Sie erwartet,« antwortete er mit zitternder
+Stimme, w&auml;hrend er wieder in seinen Sessel sank.
+»Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die gestrige
+Ersch&uuml;tterung &mdash;«</p>
+
+<p>»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu
+reden?« warf Leath dazwischen.</p>
+
+<p>»Nein, nein! Es l&auml;&szlig;t mir keine Ruhe! Seitdem
+ich gestern wieder zu mir kam, habe ich mich
+gefragt: &rsaquo;Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?&lsaquo;
+Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie
+geht es zu, da&szlig; ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere
+Antlitz, dessen ich mich so gut erinnere, gesehen habe?
+Sie sind Marys Sohn &mdash; meiner Mary Sohn!«</p>
+
+<p>Eine wehm&uuml;tige Z&auml;rtlichkeit klang aus seiner
+Stimme, w&auml;hrend seine Augen erregt in den ernsten,
+gefa&szlig;ten Z&uuml;gen des J&uuml;ngeren forschten, die, so ernst
+sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks
+zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn r&uuml;hrte
+die tiefe Bewegung seines Gef&auml;hrten, r&uuml;hrte die Treue,
+die noch nach mehr als drei&szlig;ig Jahren der einst Geliebten
+ein solches Gedenken bewahrte. Er dr&uuml;ckte die
+Hand, die die seine umschlo&szlig;.</p>
+
+<p>»Sehen Sie keine &Auml;hnlichkeit?«</p>
+
+<p>»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn
+und dem Ausdruck des Mundes liegt etwas, das mich
+an Mary erinnert. Aber es liegt mehr H&auml;rte darin
+als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann &mdash; Sie
+haben ein schweres Leben hinter sich &mdash; das vergesse
+ich. Mary war ein junges Ding, als sie von mir ging<span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span>
+&mdash; so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu denken,
+da&szlig; ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich
+nicht auf mein Ged&auml;chtnis verlassen. Everard, haben
+Sie mir je in einem unserer Gespr&auml;che erz&auml;hlt, da&szlig;
+Sie Ihre Mutter verloren h&auml;tten &mdash; da&szlig; Mary
+tot ist?«</p>
+
+<p>»Ja, das habe ich Ihnen erz&auml;hlt. Sie ist vor acht
+Jahren gestorben.«</p>
+
+<p>»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre
+es erst heute! Und wie hat sie Sie zur&uuml;ckgelassen?
+Allein?«</p>
+
+<p>»Ganz allein.«</p>
+
+<p>»Sie haben keine Geschwister gehabt?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in
+den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn
+einen Augenblick, &ouml;ffnete die Lippen, als wollte er
+reden, schlo&szlig; sie wieder, seufzte und nahm von dem
+Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage
+zu der Entdeckung gef&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<p>»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges
+M&auml;dchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie
+mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem mu&szlig;
+sie sich sehr wenig ver&auml;ndert haben, da Sie das Bild
+sofort erkannten.«</p>
+
+<p>»Sie hatte sich ganz und gar ver&auml;ndert,« antwortete
+Leath, ohne sich umzuwenden. »H&auml;tte ich nur
+die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt,
+gehabt, so w&uuml;rde ich jenes Bild nie erkannt haben.
+Aber ich besitze ein ebensolches, das nat&uuml;rlich aus<span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span>
+derselben Zeit stammt. Ich wei&szlig; noch, da&szlig; ich es
+mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert
+fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und
+derselben Frau geh&ouml;ren k&ouml;nnten.«</p>
+
+<p>»Die Ver&auml;nderung war so gro&szlig;?« fragte der
+andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand &uuml;ber
+die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er
+dann sanft.</p>
+
+<p>»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,«
+antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu
+regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«</p>
+
+<p>»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte
+einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem
+sch&ouml;nen alten Gesicht.</p>
+
+<p>»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht
+schwer machen, indem ich Ihnen davon erz&auml;hle &mdash;
+weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vor&uuml;ber.
+Eine abgeh&auml;rmte, traurige, fr&uuml;h gealterte Frau, die
+gern gestorben w&auml;re, als ihre Stunde schlug, w&auml;re
+ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere M&uuml;tter
+uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich
+ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, da&szlig; Sie
+Ihnen die Treue gebrochen &mdash; so teuer sie mir war,
+so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie d&uuml;rfen
+mir glauben, wenn ich sage, da&szlig; sie schwer daf&uuml;r geb&uuml;&szlig;t
+hat.«</p>
+
+<p>»Ich habe es gef&uuml;rchtet &mdash; gef&uuml;rchtet!« sagte der
+alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft,
+da&szlig;, w&auml;re ihr Leben gl&uuml;cklich gewesen, ich wieder
+von ihr geh&ouml;rt haben w&uuml;rde, da&szlig; sie meiner doch noch<span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span>
+gedacht h&auml;tte und mich ihr Gl&uuml;ck h&auml;tte erfahren lassen.
+Sie haben nie von mir reden h&ouml;ren? Sie hat niemals
+zu Ihnen von mir gesprochen?«</p>
+
+<p>»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erz&auml;hlte
+mir einmal, da&szlig; sie selbst an ihrem Kummer und
+Leid schuld sei &mdash; da&szlig; sie mit offenen Augen als
+M&auml;dchen ihr Gl&uuml;ck von sich gesto&szlig;en. Jetzt verstehe
+ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«</p>
+
+<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte
+noch immer finster zum Fenster hinaus. Sherriff
+blickte ihn mit merkw&uuml;rdig zweifelndem Ausdruck
+z&ouml;gernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte,
+die auszusprechen der andere eine &auml;ngstliche
+Scheu empfand.</p>
+
+<p>»Everard &mdash;,« es war eine Kleinigkeit, aber es
+r&uuml;hrte den jungen Mann tief, als er bemerkte, da&szlig;
+ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen nannte, &mdash;
+»Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«</p>
+
+<p>»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«</p>
+
+<p>»Was &mdash; was haben Sie mir &uuml;ber Ihren Vater
+zu sagen?«</p>
+
+<p>»Was soll&rsquo;s mit ihm?« Er sprach, ohne sich
+umzuwenden, aber sein Ton war schroff und scharf,
+und seine kraftvolle Hand ballte sich.</p>
+
+<p>»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«</p>
+
+<p>»Ihre Mutter verlor ihn so fr&uuml;h schon? Ehe Sie
+geboren wurden?«</p>
+
+<p>»Allerdings &mdash; ehe ich geboren wurde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span></p>
+
+<p>»Und er lie&szlig; sie arm zur&uuml;ck?«</p>
+
+<p>»Er lie&szlig; sie am Bettelstabe.«</p>
+
+<p>»Er war also arm?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht, was er war. Ich wei&szlig; nichts &mdash;
+nichts!«</p>
+
+<p>»Tragen Sie seinen Namen?«</p>
+
+<p>»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem
+Bruder meiner Mutter genannt, der als Kind gestorben
+ist. Das hat sie mir erz&auml;hlt.«</p>
+
+<p>Sein Ton h&auml;tte nicht bitterer sein k&ouml;nnen. Herr
+Sherriff stand auf und nahm das Bild vom Tische.</p>
+
+<p>»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter &uuml;ber die Sache
+reden,« sprach er ruhig, »es geht uns beiden zu nahe.
+Ein anderes Mal werde ich Sie bitten, mir mehr aus
+Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erz&auml;hlen,
+aber jetzt nicht.«</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte
+das Bild hinein und verschlo&szlig; es sorgf&auml;ltig.</p>
+
+<p>»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim
+Ordnen der Mortlakeschen Papiere zu helfen?«</p>
+
+<p>Leath, der sich gewaltsam seinem Br&uuml;ten entri&szlig;,
+erkl&auml;rte sich bereit, suchte aber, allerdings vergeblich,
+den Alten zu &uuml;berreden, seines Befindens wegen die
+Arbeit auf morgen zu verschieben.</p>
+
+<p>Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet
+hatten, sagte Sherriff:</p>
+
+<p>»Die wichtigen Schriftst&uuml;cke und Pachtvertr&auml;ge
+sind in dem feuerfesten Schrank dort am Kamin. Es
+ <span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span>
+sind zwei Kasten, die beide in wei&szlig;en Buchstaben die
+Aufschrift &rsaquo;Mortlake&lsaquo; tragen.«</p>
+
+<p>Leath schlo&szlig; den Schrank auf, sah die beiden
+Kasten und stellte sie auf den Tisch.</p>
+
+<p>Sherriff bat ihn, den gr&ouml;&szlig;eren zuerst aufzuschlie&szlig;en,
+und meinte, mit dem anderen brauchten
+sie sich kaum zu befassen, da er haupts&auml;chlich Papiere,
+die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts,
+stammten, enthielten, und setzte hinzu:</p>
+
+<p>»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen
+von meinem Vorg&auml;nger geschickt worden. Jedenfalls
+hat Sir Jasper nicht darum gewu&szlig;t, denn der Kasten
+enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen
+sollte. Mein Vorg&auml;nger hatte ein Zimmer in Turret
+Court, in dem er arbeitete, in dem damals all diese
+B&uuml;cher und Schriften aufbewahrt wurden, und er erz&auml;hlte
+mir, da&szlig; Sir Jasper, der das P&auml;ckchen unter
+seinen Privatpapieren vermi&szlig;t haben mochte, und dem
+dann eingefallen, wo es war, ungehalten gewesen sei,
+da&szlig; er den kleineren Kasten mit hierhergeschickt h&auml;tte.
+Er mu&szlig; sich dann gleich auf den Weg gemacht haben,
+das Vermi&szlig;te wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen,
+nachdem ich die B&uuml;cher und Kasten erhalten,
+hier am Tische sa&szlig; wie jetzt und anfing, sie durchzusehen,
+ritt Sir Jasper drau&szlig;en vor. Es war ein bitterkalter
+Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret
+Court her&uuml;bergejagt, da&szlig; sein Pferd mit Schaum
+bedeckt war und sein Gesicht &mdash; selbst gestern sah er
+nicht so aus, wie damals. Er st&uuml;rzte wie ein Wahnsinniger
+zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen
+Kasten ge&ouml;ffnet h&auml;tte. Ich sagte nichts, denn sein<span class="pagenum"><a id="Page_210">[S. 210]</a></span>
+br&uuml;skes und heftiges Benehmen verletzte mich, sondern
+deutete auf den noch unber&uuml;hrt auf dem Tische
+stehenden Kasten und gab ihm den Schl&uuml;ssel. Er schlo&szlig;
+ihn auf, leerte ihn mit bebenden H&auml;nden, nahm ein
+Paket heraus, schleuderte es ins Kaminfeuer und
+war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen,
+und lie&szlig; die &uuml;brigen Schriftst&uuml;cke auf dem Tische
+und Fu&szlig;boden verstreut liegen.«</p>
+
+<p>»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf
+ich fragen, wie das Paket aussah?«</p>
+
+<p>»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach
+und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden.
+Haben Sie den gro&szlig;en Kasten ausgepackt?
+Dann wollen wir jetzt daran gehen.«</p>
+
+<p>Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich
+Sherriff mit allen Zeichen der Ersch&ouml;pfung in seinen
+Stuhl zur&uuml;ck und meinte, da&szlig; er sich niederlegen m&uuml;sse,
+wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen.
+Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer,
+blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab
+sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben
+Stunde war der Inhalt des gr&ouml;&szlig;eren Kastens geordnet,
+und w&auml;hrend er sich eine Zigarre anz&uuml;ndete,
+blickte er unschl&uuml;ssig auf den kleineren.</p>
+
+<p>»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es w&auml;re
+wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis
+des Barons bergen.«</p>
+
+<p>Er schlo&szlig; den Kasten auf und packte ihn aus. Der
+Inhalt war augenscheinlich lange nicht ber&uuml;hrt worden,
+denn ihm entstr&ouml;mte ein dumpfiger Geruch. Mit<span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span>
+den alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht
+viel anzufangen.</p>
+
+<p>Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und
+dies? Irgendein gerichtliches Dokument &uuml;ber das
+Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete
+&ouml;lige Pergament, zwischen dessen Falten
+noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben
+haben mochte? Er schlug es langsam auseinander,
+und ihm fiel ein kleines, flaches P&auml;ckchen,
+das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten
+wurde, entgegen.</p>
+
+<p>Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines?
+In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte
+erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er,
+und mit den Worten: »Ein zuf&auml;lliges Zusammentreffen,
+nat&uuml;rlich!« l&ouml;ste er das Band und breitete den
+Inhalt des P&auml;ckchens vor sich aus. Woraus bestand
+er? Aus einem B&uuml;ndel Briefe, die mit demselben
+gelben Bande zusammengebunden waren, einem
+kleinen, amtlich aussehenden Schriftst&uuml;ck, das f&uuml;r sich
+allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf
+und hielt sie so, da&szlig; das Licht darauffiel.</p>
+
+<p>Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel
+seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und
+er sa&szlig; mit starrem, tieferbla&szlig;tem Antlitz da. W&auml;hrend
+zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er
+regungslos und stumm, dann erhob er sich m&uuml;hsam und
+trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte
+ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz
+zur&uuml;ck. Mit pl&ouml;tzlich wiederkehrender, nat&uuml;rlicher<span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span>
+Energie und einem Laut, der wie ein L&auml;cheln klang,
+ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch,
+warf es auf den Tisch und streifte das Band von den
+Briefen.</p>
+
+<p class="pmb3">Es war ungef&auml;hr ein Dutzend. Alle au&szlig;er einem
+trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war
+zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen
+H&auml;nden. Die Tinte war verbla&szlig;t, die Daten lagen
+um mehr als drei&szlig;ig Jahre zur&uuml;ck. Einen nach dem
+andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath,
+dann lie&szlig; er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen
+und sa&szlig; mit auf die Brust gesenktem Haupte,
+gerunzelter Stirn und aufeinandergepre&szlig;ten Lippen
+in finsterem Br&uuml;ten da. Er war so in seine Gedanken
+vertieft, da&szlig; er die Schritte drau&szlig;en auf dem Kies
+nicht h&ouml;rte, noch merkte, da&szlig; sie auf den Steinfliesen
+der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als
+einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch
+immer in der Hand haltend, und sah Gr&auml;fin Florence
+drau&szlig;en vor dem offenen Fenster stehen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_18">18.</h2>
+</div>
+
+<p>Florence stand in der Veranda des Bungalow,
+und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf
+ihre schlanke wei&szlig;e Gestalt und verkl&auml;rte sie f&ouml;rmlich.
+Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete
+ihr Gesicht, aber lie&szlig; doch erkennen, da&szlig; sie fast
+ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und da&szlig;
+ein ungew&ouml;hnlich entschlossener Ausdruck um ihre
+Lippen lag. Mit dem sch&ouml;nen Antlitz war eine r&auml;tselhafte
+Ver&auml;nderung vorgegangen &mdash; es sah &auml;lter und
+strenger aus.</p>
+
+<p>»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath,
+aber Sie haben mich wohl nicht geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>Sie sprach in leichtem, nachl&auml;ssigem Tone, aber
+es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht
+stets ihm gegen&uuml;ber angeschlagen hatte;
+und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich
+dessen bewu&szlig;t. Er versuchte, sich zu fassen, schob die
+Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn
+es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe
+sie eintrat.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gr&auml;fin &mdash; ich mu&szlig;
+gestehen, da&szlig; ich Sie nicht geh&ouml;rt habe. Darf ich
+Sie bitten, n&auml;herzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich
+nicht hier.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span></p>
+
+<p>Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung
+und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen.
+Sie trat ruhig durch die Glast&uuml;r ein und
+nahm Platz.</p>
+
+<p>»Ich bin ein wenig m&uuml;de. Meine Cousine ist nach
+dem Pfarrhause weitergefahren und wird mich hier
+abholen. Lassen Sie sich nicht st&ouml;ren,« sagte sie, nachdem
+er ihr erz&auml;hlt, da&szlig; Sherriff gestern einen seiner
+Ohnmachtsanf&auml;lle gehabt und sich auch jetzt wieder
+niedergelegt habe.</p>
+
+<p>Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles
+mit ihm im Kreise &mdash; ihm war, als m&uuml;sse er ersticken.</p>
+
+<p>Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken.
+Sie nahm ihren Hut ab und hielt ihn auf dem Scho&szlig;e.
+Dabei wurde sie die auf dem Tische verstreuten Papiere,
+die verschlossenen und offenen Kasten gewahr.
+Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm
+und fragte ihn erregt, ob die Szene, die gestern
+zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff stattgefunden
+und von der er ja wissen m&uuml;sse, da sie ihn sonst wohl
+nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben
+w&uuml;rde, den Ohnmachtsanfall herbeigef&uuml;hrt habe.</p>
+
+<p>Everard verneinte und sagte, er wisse zuf&auml;llig,
+da&szlig; das Unwohlsein des Alten durch eine ganz andere
+Gem&uuml;tsbewegung verursacht worden sei.</p>
+
+<p>»Eine andere Gem&uuml;tsbewegung?« fragte sie und
+wurde pl&ouml;tzlich sehr bleich. »Er h&auml;lt viel von mir,«
+fuhr sie mit leicht bebender Stimme fort, »haben Sie
+ihm etwa erz&auml;hlt, da&szlig; meine Verlobung zur&uuml;ckgegangen
+ist?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich habe nichts davon erw&auml;hnt.«</p>
+
+<p>Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit
+schienen ihr endlich aufzufallen; sie blickte ihn betroffen
+an. Hatte er etwas &uuml;belgenommen? Es
+sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte
+sie nicht, da&szlig; er sich gekr&auml;nkt f&uuml;hlen sollte. War er
+nicht schlie&szlig;lich freundlicher gewesen als Lady Agathe,
+ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei dem Gedanken
+ballten sich ihre H&auml;nde.</p>
+
+<p>»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht
+h&auml;tten erw&auml;hnen sollen,« sprach sie ruhig. »Die Umst&auml;nde
+sind nicht gew&ouml;hnlicher Art.« Sie hielt inne.
+»Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst
+zu sagen, da&szlig; ich Herrn Chichester sein Wort zur&uuml;ckgegeben
+habe.«</p>
+
+<p>»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.</p>
+
+<p>»Ja.« Mit einem leichten, ver&auml;chtlichen L&auml;cheln
+zuckte sie die Achseln. »Es ist f&uuml;r mich jetzt kein sehr
+angenehmer Aufenthalt in Turret Court, und meine
+Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer f&uuml;r
+meine Tante und meine Cousine. Ich habe sie beide
+lieb, aber augenblicklich bin ich b&ouml;se auf sie, und
+daher ist es besser, wir trennen uns vorl&auml;ufig. Erst
+gehe ich zu Freunden nach London und werde dann
+wahrscheinlich in acht bis vierzehn Tagen mit der
+Herzogin von Dunbar in Pontresina zusammentreffen.
+Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem herzlichen
+Gru&szlig;e bestellen f&uuml;r den Fall, da&szlig; ich vor meiner
+Abreise ihn nicht mehr sehen sollte?«</p>
+
+<p>Leath murmelte etwas Unverst&auml;ndliches, was sie
+als eine Bejahung auffa&szlig;te.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span></p>
+
+<p>»Danke. Aber sagen Sie ihm, da&szlig; ich morgen
+wieder vorsprechen w&uuml;rde. Und Sie gehen ja auch
+fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.«
+Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen
+Ton als bisher. »Ich mu&szlig; Ihnen also
+auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann Sie
+reisen?«</p>
+
+<p>»Nein,« &mdash; zum ersten Male seit ihrem Eintritt
+blickte er ihr voll ins Gesicht, &mdash; »ich gehe nicht aus
+St. Mellions fort, Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Nein? Ihre &mdash; Ihre Pl&auml;ne haben sich also ge&auml;ndert?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden
+war. »Setzen Sie sich wieder! Ich habe
+Ihnen etwas zu sagen.«</p>
+
+<p>Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und
+sie war so namenlos &uuml;berrascht, da&szlig; sie unwillk&uuml;rlich
+gehorchte. Er blieb vor ihr stehen und pre&szlig;te die
+Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor
+ihm auf dem Tische lag.</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin, erinnern Sie sich unseres Gespr&auml;ches
+gestern an der Pforte meines Gartens?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich,« antwortete sie best&uuml;rzt.</p>
+
+<p>»Ich erz&auml;hlte Ihnen, da&szlig; ich St. Mellions verlie&szlig;e,
+und weshalb?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Weshalb war das?«</p>
+
+<p>»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine
+zu finden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p>
+
+<p>»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete
+sie. Erinnern Sie sich der Antwort?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Sie wurde immer bleicher, und ihre weitge&ouml;ffneten
+Augen hingen starr an ihm. Sie war sich
+eines l&auml;hmenden Schreckens bewu&szlig;t, der sich ihrer
+bem&auml;chtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie
+versuchte, sich zusammenzunehmen. »Weshalb stellen
+Sie mir diese Fragen?« sagte sie.</p>
+
+<p>»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«</p>
+
+<p>Ihre Lippen &ouml;ffneten sich, aber sie sagte nichts
+&mdash; sein Blick machte sie verstummen. Er nahm das
+eine Schriftst&uuml;ck, das einzeln zusammengefaltet in dem
+zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.</p>
+
+<p>»Wollen Sie das lesen?«</p>
+
+<p>Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der
+Hand.</p>
+
+<p>»Verstehen Sie es?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, was es ist.«</p>
+
+<p>»Aber mehr begreifen Sie nicht?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und
+gab ihn ihr.</p>
+
+<p>»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und
+f&uuml;hrt eine beredte Sprache.«</p>
+
+<p>Ihre Finger bebten so heftig, da&szlig; das d&uuml;nne
+Papier knisterte, w&auml;hrend sie den Brief las. Er war
+nicht lang. Sie lie&szlig; die Hand schlaff in den Scho&szlig;
+sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span></p>
+
+<p>»Sie verstehen, was geschehen war, als jene
+Zeilen geschrieben wurden, &mdash; welches Unrecht begangen,
+welche L&uuml;ge vorgebracht worden &mdash; nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, das verstehe ich.«</p>
+
+<p>Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine
+m&auml;nnliche Handschrift trug und ganz zerknittert und
+mitten durchgerissen war.</p>
+
+<p>»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie
+dabei an, »wurde, wie ich vermute, &mdash; nein, ich wei&szlig;,
+&mdash; von der Empf&auml;ngerin dem Schreiber zur&uuml;ckgeschickt.
+Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den
+Sie gelesen haben, war die Antwort darauf, und Sie
+k&ouml;nnen den Inhalt ungef&auml;hr erraten. Aber ich m&ouml;chte,
+da&szlig; Sie ihn ans&auml;hen und mir dann sagten, ob Sie
+begreifen.«</p>
+
+<p>Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen
+Minute streckte sie die zitternde Hand aus und nahm
+ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die Augen mit
+einem Schauder ab.</p>
+
+<p>»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit
+schwacher Stimme. »Ich bin ganz verwirrt &mdash; ich
+&auml;ngstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich von
+dem &uuml;berzeugen lasse, was Sie sich bem&uuml;hen, mir ohne
+ein Wort zu beweisen, ich wei&szlig; nicht, ob um mich zu
+schonen oder aus Grausamkeit &mdash; ehe ich das tue,
+sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«</p>
+
+<p>Er deutete auf den kleineren Kasten.</p>
+
+<p>»Ich habe sie dort gefunden.«</p>
+
+<p>»Wann?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span></p>
+
+<p>»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«</p>
+
+<p>»Und keiner wei&szlig; davon?«</p>
+
+<p>»Au&szlig;er uns &mdash; keiner. Wollen Sie den Brief
+ansehen?«</p>
+
+<p>Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie
+seinem Gehei&szlig; und las ihn von der ersten Seite bis
+zur Namensunterschrift auf der dritten langsam durch.
+Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Scho&szlig;.</p>
+
+<p>»Ich begreife alles, was Sie wollen, da&szlig; ich begreifen
+soll,« hauchte sie fast unh&ouml;rbar. Ihr Kopf
+sank zur&uuml;ck. »Mir wird schlecht, glaube ich,« stammelte
+sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«</p>
+
+<p>Auf dem B&uuml;fett stand Wein, den er ihr brachte,
+weil er ihr besser sein w&uuml;rde wie Wasser, wie er sagte.
+Es lag keine Z&auml;rtlichkeit in seiner Hilfeleistung, kaum
+sorgliche Beflissenheit &mdash; der ganze Mensch schien
+ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz.
+Als sie den Wein getrunken hatte, nahm er ihr das
+Glas aus der Hand und hub wieder zu reden an,
+ruhig und klar, aber nicht freundlich.</p>
+
+<p>»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren
+sich, wenn Sie das tun. Ich hatte ausreichende Beweise
+von allem, ehe ich nach England kam. Meine
+einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln
+Sie daran, da&szlig; es mir gelungen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber
+ich bin wie verwirrt. Das Ganze ist so entsetzlich.
+Lassen Sie mich nachdenken!«</p>
+
+<p>Er gehorchte, trat an den Tisch zur&uuml;ck und
+band die Briefe, das Dokument, die Photographie<span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span>
+wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah jetzt
+wieder wie das unschuldige flache P&auml;ckchen aus, das
+Sir Jasper Mortlake zu Asche verbrannt zu haben
+glaubte. Florence dr&uuml;ckte die H&auml;nde gegen die Augen.
+Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie herabsinken
+lie&szlig;, waren ihre Lippen v&ouml;llig farblos; nur in
+ihren gro&szlig;en Augen schien noch Leben zu sein, als sie
+ihn anblickte.</p>
+
+<p>»Was,« hauchte sie in fast unh&ouml;rbarem Fl&uuml;stertone,
+»was wollen Sie tun?«</p>
+
+<p>»Tun?«</p>
+
+<p>Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn,
+da&szlig; sie es brauchte.</p>
+
+<p>»Was sollte ich tun, als das eine &mdash; das zu tun
+ich der Toten feierlich gelobt habe &mdash; die Wahrheit
+verk&uuml;nden?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein &mdash; nur das nicht!« Ihre Stimme
+klang fast schrill; sie sprang auf und fa&szlig;te seinen Arm.
+»Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was
+das hei&szlig;en w&uuml;rde &mdash; die Schande &mdash; die Schmach &mdash;
+Verzweiflung! Und sie sind unschuldig &mdash; Tante
+Agathe und ihre Kinder &mdash; sie haben Ihnen nichts
+zuleide getan. Es w&uuml;rde Tante t&ouml;ten, w&uuml;rde Cis das
+Herz brechen &mdash; meiner armen kleinen Cis. Roys
+Leben w&auml;re zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig!
+&Uuml;berlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschw&ouml;re
+Sie!«</p>
+
+<p>Ihre H&auml;nde umklammerten noch immer seinen
+Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein
+weicherer Zug trat in sein Antlitz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span></p>
+
+<p>»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gr&auml;fin, da&szlig;
+die Unschuldigen f&uuml;r die Schuldigen leiden m&uuml;ssen.
+Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich k&ouml;nnen es
+&auml;ndern. Auch ich bedaure die ungl&uuml;ckliche Frau und
+ihre Kinder. Aber k&ouml;nnten Sie deshalb wollen, da&szlig;
+ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt,
+vergesse &mdash; das zugrunde gerichtete Leben, das
+ich habe erl&ouml;schen sehen, das Sterbebett, an dem ich
+gestanden, und das Gel&uuml;bde, das ich dort getan, das
+Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein
+ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? K&ouml;nnten
+Sie wirklich wollen, da&szlig; ich dies alles vergesse, da&szlig;
+ich das mir zugef&uuml;gte Unrecht beiseite schiebe, um ein
+barmherziges Schweigen zu beobachten? Das k&ouml;nnen
+Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich mu&szlig; die
+Wahrheit sagen.«</p>
+
+<p>»O, Sie m&uuml;ssen es nicht &mdash; Sie sollen es nicht!«
+Sie rang die H&auml;nde. »O, bedenken Sie sich &mdash; warten
+Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen &mdash; es mu&szlig;
+doch m&ouml;glich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu
+stimmen. Auf irgendeine Weise m&uuml;ssen Sie doch zu erweichen
+sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn flehend an.</p>
+
+<p>»Ach, um welchen Preis w&uuml;rden Sie meine Bitte
+erf&uuml;llen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen
+zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen
+Sie mir, da&szlig; Sie jeden Pfennig meines Verm&ouml;gens
+nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich,
+da&szlig; es Ihnen geh&ouml;ren soll. Denken Sie, um was
+ich flehe &mdash; um das Gl&uuml;ck und die Ehre dreier unschuldiger
+Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch<span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span>
+Mitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben,
+was ich besitze, und Ihnen danken, da&szlig; Sie es nehmen,
+wenn Sie nur nicht reden wollen!«</p>
+
+<p>Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend.
+Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der
+Hand.</p>
+
+<p>»Sie vergessen, Gr&auml;fin, da&szlig; es nicht nur Geld
+ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Verm&ouml;gen?
+St&uuml;nde es in Ihrer Macht, es in diesem
+Augenblick in meine H&auml;nde zu legen, so w&uuml;rde es
+keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es &mdash; Sie
+fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein
+Schweigen zu erkaufen.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepre&szlig;ten
+Lippen und die wie geschliffener Stahl
+blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos
+alles weitere Bitten sein w&uuml;rde. Er w&uuml;rde kein Erbarmen
+haben &mdash; er w&uuml;rde die Wahrheit verk&uuml;nden!
+Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont
+worden war &mdash; schonen, wo Recht und Gerechtigkeit
+auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Geb&auml;rde
+der Verzweiflung.</p>
+
+<p>»Sie haben recht,« brachte sie m&uuml;hsam hervor,
+»es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein &mdash; ich gebe es
+zu. Weshalb sollten Sie das f&uuml;r Menschen tun, aus
+denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist
+schrecklich! Aber Sie m&uuml;ssen es tun, da Sie es nicht
+anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, &mdash;
+ich w&uuml;rde fast mein Leben daf&uuml;r geben, k&ouml;nnte ich
+Sie davon zur&uuml;ckhalten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p>
+
+<p>Ihre Erregung &uuml;berw&auml;ltigte sie. Sie sank auf
+einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen
+aus. Zum ersten Male ging eine Ver&auml;nderung mit
+Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem
+fassungslosen Schmerze schluchzen h&ouml;rte. Es war ihm
+unm&ouml;glich, l&auml;nger zu vergessen, wer sie war &mdash; das
+Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem
+Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber
+jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat
+zu ihr.</p>
+
+<p class="pmb3">»Gr&auml;fin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich
+habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel
+von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_19">19.</h2>
+</div>
+
+<p>»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard
+Leath, »Sie k&ouml;nnen mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen.«</p>
+
+<p>So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so
+vernahm die Schluchzende sie doch, lie&szlig; vor Verwunderung
+die H&auml;nde herabsinken und wandte ihm
+ihr von Tr&auml;nen &uuml;berstr&ouml;mtes Gesicht zu. Hatte er
+das wirklich gesagt? Meinte er das so? Das Herz
+schien ihr fast stillzustehen und klopfte dann wieder
+ungest&uuml;m, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war
+eine Ver&auml;nderung vorgegangen; sein Antlitz war ger&ouml;tet,
+seine Augen blickten gl&auml;nzend und lebhaft. Sie
+rang nach Atem, w&auml;hrend sie ihn mit weitge&ouml;ffneten
+Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne
+ihres Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, da&szlig; er
+schweigen, da&szlig; er barmherzig sein wollte? Er hub
+wieder an:</p>
+
+<p>»Es gibt einen Preis &mdash; alle Menschen sind zu
+erkaufen, wie man sagt, und das mag wahr sein.
+Jedenfalls verh&auml;lt es sich mit mir so. Sie verga&szlig;en,
+da&szlig; Geld an sich nichts ist &mdash; f&uuml;r Ihr Verm&ouml;gen,
+w&auml;re es auch zwanzigmal so gro&szlig;, w&uuml;rde ich das,
+was Sie von mir heischen, nicht hergeben. Nichtsdestoweniger<span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span>
+k&ouml;nnen Sie mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen!«</p>
+
+<p>»Wenn ich will? Sie wissen, da&szlig; ich will! Habe
+ich das nicht schon gesagt?«</p>
+
+<p>Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was
+er meinte, als sie zitternd, mit gespanntem Ausdruck
+in den Augen aufstand. »Sagte ich nicht, da&szlig; ich fast
+mein Leben daf&uuml;r hingeben w&uuml;rde, wenn ich sie
+dadurch retten k&ouml;nnte? Aber welchen Preis au&szlig;er
+meinem Gelde habe ich Ihnen zu bieten?«</p>
+
+<p>»Das wissen Sie nicht?«</p>
+
+<p>»Nein. Was &mdash; was?«</p>
+
+<p>»Sich selbst,« sprach er gelassen.</p>
+
+<p>»Mich selbst?«</p>
+
+<p>Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den
+Lippen, w&auml;hrend sie in ihren Stuhl zur&uuml;cksank und
+ihn noch immer v&ouml;llig verst&auml;ndnislos anstarrte. Aber
+als er ihr fest in die Augen sah, scho&szlig; eine hei&szlig;e Blutwelle
+ihr ins Antlitz, und sie err&ouml;tete bis zu den Haarwurzeln
+&mdash; sie verstand ihn! Er sah es und schwieg
+einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich zu fassen.</p>
+
+<p>»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub
+er wieder an. »Ich wei&szlig;, es ist der h&ouml;chste, der mir
+geboten werden k&ouml;nnte, aber auch der niedrigste, den
+ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort,
+da&szlig; Sie mein Weib werden wollen, und ich schw&ouml;re
+Ihnen, da&szlig; kein Wort &uuml;ber meine Lippen kommen
+soll.«</p>
+
+<p>Sie sagte nichts und r&uuml;ckte in ihrem Sessel nur
+noch weiter von ihm fort. Sie sah aus wie ein ge&auml;ngstigtes<span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span>
+Kind. Als er diese Bewegung wahrnahm,
+sprach er mit bitterem Auflachen:</p>
+
+<p>»O, ich wei&szlig;, da&szlig; Sie sich nichts aus mir machen!
+Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ich habe
+Ihnen, der Tochter und Erbin eines Grafen, bis zu
+diesem Augenblicke niemals als ein Ebenb&uuml;rtiger
+gegen&uuml;bergestanden, Gr&auml;fin Florence. Wie sollten Sie
+sich etwas aus mir machen? Und Sie geh&ouml;rten einem
+andern; ich habe nicht einmal wagen d&uuml;rfen, um
+Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt,
+Florence! Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie
+ebensowenig wissen wie ein Kind, &mdash; was eines
+Mannes Liebe sein kann, und ich schw&ouml;re Ihnen, Sie
+sollen mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie
+jener fischbl&uuml;tige Narr, dem Sie den Laufpa&szlig; gegeben
+haben. Ich &mdash; aber ich erschrecke Sie. Ich will ganz
+ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen
+k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>Erstaunt und erschrocken &uuml;ber sein wie umgewandeltes
+leidenschaftliches Antlitz, seine leuchtenden
+Augen, seine beredte Sprache war sie, als er sich
+&uuml;ber sie beugte, noch weiter von ihm zur&uuml;ckgewichen.
+Er ging zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er
+weitersprach. Sie hatte ihre Stellung ver&auml;ndert und
+sa&szlig; mit fest zusammengepre&szlig;ten H&auml;nden aufrecht da.</p>
+
+<p>»K&ouml;nnen Sie mich jetzt anh&ouml;ren?« fragte er ruhig.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Was also ist Ihre Antwort &mdash; ja oder nein?«</p>
+
+<p>»Wenn es &rsaquo;Ja&lsaquo; ist, schw&ouml;ren Sie, zu schweigen?«</p>
+
+<p>»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbr&uuml;chliches
+Schweigen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span></p>
+
+<p>»F&uuml;r jetzt und allezeit?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem
+Tische liegende P&auml;ckchen.</p>
+
+<p>»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«</p>
+
+<p>»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem
+Tage, an dem Sie mich heiraten.«</p>
+
+<p>»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie
+Sie sagen.«</p>
+
+<p>»Ebenso.«</p>
+
+<p>»Sie wollen niemand erz&auml;hlen, da&szlig; Sie Robert
+Bontine gefunden haben?«</p>
+
+<p>»Ich will den Namen nicht wieder erw&auml;hnen,
+nicht einmal gegen Sie.«</p>
+
+<p>»Und Sie wollen &mdash; sie hier &mdash; in Frieden &mdash;
+in ungest&ouml;rtem Frieden lassen &mdash; und nach Australien
+zur&uuml;ckkehren?«</p>
+
+<p>»Das haben Sie zu entscheiden &mdash; als meine
+Frau.«</p>
+
+<p>»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«</p>
+
+<p>»Nichts! Noch einmal &mdash; lautet Ihre Antwort
+&rsaquo;Ja&lsaquo; oder &rsaquo;Nein&lsaquo;?«</p>
+
+<p>»Wenn sie &rsaquo;Nein&lsaquo; lautet, so werden Sie reden?«</p>
+
+<p>»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um
+nichts dahingeben?«</p>
+
+<p>»Allerdings, weshalb? Das Gl&uuml;ck und die Ehre
+der andern sind Ihnen nichts &mdash; ich gestehe, da&szlig; ich
+kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen zu rechnen,«
+sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span>
+»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles
+verzichten &mdash; wollen das der Toten geleistete Gel&uuml;bde,
+von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie lachte bitter.</p>
+
+<p>»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind
+schlie&szlig;lich tot. Wenn ich irgend jemand durch mein
+Schweigen ein Unrecht zuf&uuml;ge, so ist es nur mir selbst.
+Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich
+will, die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit
+vorgehen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Liebe?« wiederholte sie mit uns&auml;glicher Verachtung.
+»Sie sagen, Sie lieben mich?«</p>
+
+<p>»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf
+sie zu, bezwang sich dann aber schnell. »Nein,« sagte
+er gelassen, »ich brauche nicht erst zu sagen, was Sie
+wissen.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer
+heftigen Bewegung »Ich hatte nie an so etwas
+gedacht.«</p>
+
+<p>»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, da&szlig; ich
+Sie lieben sollte? Aber Sie wissen es jetzt.«</p>
+
+<p>Sie w&uuml;rde es geleugnet haben, h&auml;tte sie es vermocht,
+aber sie begegnete seinen Augen, und die Worte
+erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war wahr &mdash;
+er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine
+Offenbarung. Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen
+auflehnen, aber sie mu&szlig;te es glauben &mdash; er
+zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst,
+ihrem Zorn mu&szlig;te sie Talbot Chichesters gedenken,
+des Mannes, der sie auch geliebt haben sollte, und
+sie h&auml;tte in all ihrem Jammer fast auflachen k&ouml;nnen.<span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span>
+Sie stand auf, st&uuml;tzte sich mit der Hand auf ihren
+Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte,
+dem sie aber nicht ausweichen wollte.</p>
+
+<p>»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam,
+»da&szlig; ich Sie fast hasse, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Augenblicklich ja, Gr&auml;fin Florence &mdash; v&ouml;llig.«</p>
+
+<p>»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens,
+mich zu heiraten?«</p>
+
+<p>»Ich liebe Sie, und ich wei&szlig; wenigstens, da&szlig; Sie
+keinen andern lieben. Und m&ouml;ge Ihr Gef&uuml;hl f&uuml;r mich
+sein, was es wolle, so ist es nicht Verachtung. Die Sache
+keines Mannes ist einer Frau gegen&uuml;ber hoffnungslos,
+solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath
+kaltbl&uuml;tig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte
+sie. Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles,
+Ihrer Emp&ouml;rung &mdash; nennen Sie es, wie Sie wollen
+&mdash; bin ich willens. Ich will mich des Wortes
+bedienen, da Sie es gebraucht haben.«</p>
+
+<p>»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn
+wieder voll Verachtung an. »Die meisten M&auml;nner
+w&uuml;rden es sich, glaube ich, zweimal &uuml;berlegen, ehe
+sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«</p>
+
+<p>»Nein, Gr&auml;fin Florence, nicht, wenn Sie diese
+Frau w&auml;ren.«</p>
+
+<p>Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen
+Augenblicken folgte er ihr an das Fenster, an das sie
+getreten war.</p>
+
+<p>»Ich will nicht, da&szlig; Sie sich &uuml;bereilen,« sagte
+er ruhig; »wenn Sie sagen: &rsaquo;Gib mir bis morgen Zeit&lsaquo;,
+so will ich warten. Aber es ist nicht anzunehmen,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span>
+da&szlig; Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird
+der Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer
+oder h&ouml;herer geworden sein.«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, Sie halten mich f&uuml;r brutal, &mdash; ich
+f&uuml;rchte, ich bin es auch, &mdash; aber die Umst&auml;nde entschuldigen
+mich vielleicht ein wenig. Unfreundliche
+oder kalte Worte w&uuml;rde ich aus freier Wahl nicht
+gerade Ihnen gegen&uuml;ber brauchen. Dar&uuml;ber sollen
+Sie sich nicht zu beklagen haben, wenn Sie erst meine
+Frau sind. Ich stelle meine Frage noch einmal &mdash; ist
+Ihre Antwort &rsaquo;Ja&lsaquo; oder &rsaquo;Nein&lsaquo;?«</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te die Antwort, und sie ebenfalls &mdash; es
+konnte nur eine geben. Sie sagte nichts &mdash; Lippen
+und Zunge waren ihr wie ausgedorrt &mdash; aber langsam,
+sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin.
+Er nahm sie, umschlo&szlig; sie mit festem Drucke w&auml;hrend
+eines Augenblickes und lie&szlig; sie dann los.</p>
+
+<p>»Sie sollen Ihren Entschlu&szlig; nie zu bereuen
+haben,« sprach er. »Von dieser Stunde an wird es
+meine Aufgabe sein, Sie so gl&uuml;cklich zu machen, wie
+nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder
+liebt, sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen,
+ist jetzt vor&uuml;ber und abgetan &mdash; ich gewinne
+unendlich, wenn Sie mir daf&uuml;r gegeben werden.«</p>
+
+<p>Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig;
+wiederum war sie nahe daran, in hysterisches Weinen
+auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, auf dem
+sie sich niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er,
+»und das ist kein Wunder! Ich darf Sir Jaspers
+Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich aus<span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span>
+und erholen Sie sich, w&auml;hrend ich sie fortr&auml;ume. Wenn
+Sie bereit sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten.
+Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe
+wir auseinandergehen.«</p>
+
+<p>Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte
+sich wieder &mdash; mit dem hilflosen Gef&uuml;hl, da&szlig; ihr
+nichts anderes &uuml;brigblieb &mdash; da&szlig; ihr nie wieder etwas
+anderes &uuml;brigbleiben w&uuml;rde, als sich den Umst&auml;nden
+zu f&uuml;gen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths
+Weib zu werden. Sie w&uuml;rde bald aus ihrer dumpfen
+Bet&auml;ubung erwachen, w&uuml;rde sich zu leidenschaftlicher
+Emp&ouml;rung aufraffen, aber jetzt hatte sie keine Kraft,
+gegen das Unvermeidliche zu k&auml;mpfen. Sie konnte
+nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie st&uuml;rbe,
+w&uuml;rde dieser schreckliche, unerbittliche Mensch, der
+sie bei all seiner mitleidlosen Hartherzigkeit unerkl&auml;rlicherweise
+so liebte, keinen Grund haben, zu schweigen
+&mdash; er w&uuml;rde die furchtbare Wahrheit aussprechen,
+die zu verk&uuml;nden in seiner Macht stand. Nein, sie
+mu&szlig;te ihn lieben und heiraten. So sehr sie ihn auch
+hassen mochte, sie mu&szlig;te sein Weib werden.</p>
+
+<p>Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat
+und sie fragte, ob sie den Heimweg antreten wolle.
+Gehorsam stand sie auf und setzte ihren Hut auf. Hatte
+er doch das Recht, mit ihr zu gehen &mdash; war er nicht
+ihr zuk&uuml;nftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus
+den Fugen zu sein.</p>
+
+<p>Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen
+&uuml;ber die Halde &mdash; sie sprach aus freien St&uuml;cken keine
+einzige Silbe &mdash; und doch war alles, was er noch auf
+dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret Court<span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span>
+erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger
+deutlichen Worte bedurft. Er blieb stehen, als das
+Haus in Sicht kam, obwohl, wenn er es an ihrer
+Seite h&auml;tte betreten wollen, sie sich in ihrer augenblicklichen
+Gem&uuml;tsverfassung auch darein ergeben
+haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es w&uuml;rde
+Sir Jasper ebensowenig lieb sein, mich in seinem
+Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber ich
+will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, da&szlig;
+Sie es vorziehen, selbst mit ihm zu reden.«</p>
+
+<p>»Ich ziehe es vor.«</p>
+
+<p>»Sie besitzen solchen Mut, da&szlig; ich Ihnen das nicht
+ausreden will, wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie
+haben eine furchtbare Aufregung durchgemacht! Sie
+wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«</p>
+
+<p>»Ja. Glauben Sie, da&szlig; ich das noch l&auml;nger auf
+dem Herzen behalten k&ouml;nnte? Ich werde sofort
+zu ihm gehen.«</p>
+
+<p>»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig.
+»Sie wollen also Sir Jasper, Ihren Vormund, sofort
+von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, in Kenntnis
+setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen
+kommen?«</p>
+
+<p>»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, w&auml;hrend sie
+ihn ansah. »Sie haben das Recht dazu, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Freilich &mdash; es ist mein Recht. Also will ich
+Ihnen denn f&uuml;r heute Lebewohl sagen.«</p>
+
+<p>Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber
+er f&uuml;hlte, wie sie vor ihm zur&uuml;ckwich, wie er das<span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span>
+schon vorhin empfunden; und sein kurzes Auflachen
+klang ebenso bitter wie das ihre soeben.</p>
+
+<p>»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will
+Sie nicht k&uuml;ssen &mdash; noch nicht. Ich glaube nicht,
+da&szlig; mir etwas daran liegen w&uuml;rde, solange Sie solch
+ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand.
+»Florence, wie lange es wohl dauert, bis Sie mich
+k&uuml;ssen?«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht; ihre H&auml;nde bebten hilflos
+in den seinen; sie vermochte nicht, ihn anzublicken.</p>
+
+<p>»Nicht lange, glaub&rsquo; ich, nicht lange.« Seine
+Augen hingen voll Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz.
+»Aber ich m&ouml;chte wissen, wie viele K&uuml;sse jener
+Tor, der es zulie&szlig;, da&szlig; Sie mit ihm gebrochen haben,
+mir geraubt hat?«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig
+auf, und er las &Uuml;berraschung, Verachtung, lebhaften
+Widerspruch in ihren Z&uuml;gen. Er lachte in ganz anderem
+Tone.</p>
+
+<p>»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben,
+wie man einem Narren vergibt &mdash; mehr ist
+er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als
+ich glaubte, &mdash; um so besser f&uuml;r Sie und f&uuml;r mich!«</p>
+
+<p>Seine Stimme wurde weicher und klang nicht
+mehr triumphierend. »Armes Kind,« sprach er sanft,
+»Sie hassen mich jetzt mehr als je &mdash; nicht wahr?
+Das tut nichts. Sie sind ersch&ouml;pft, und ich halte Sie
+auf. Bis morgen also, leb&rsquo; wohl, leb&rsquo; wohl!«</p>
+
+<p>Er lie&szlig; ihre H&auml;nde los. Florence eilte davon;
+als sie sich bei einer Biegung des Weges umblickte,<span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span>
+sah sie ihn noch an derselben Stelle stehen, an der sie
+ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis sie
+au&szlig;er Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller
+weiter und hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht
+hatte.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie ohne Aufschub, ohne Z&ouml;gern
+tun m&uuml;sse, was ihr oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen.
+Sie nahm im Flur ihren Hut ab und begab
+sich dann in die Bibliothek. Dort mu&szlig;te sie, wie sie
+wu&szlig;te, Sir Jasper antreffen.</p>
+
+<p>Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in
+seinem gewohnten Stuhl sitzen, ein Buch in der Hand
+haltend. Er las nicht, sondern br&uuml;tete mit finster
+gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb
+sie stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein
+Gesicht sich wohl ver&auml;ndern w&uuml;rde, wenn sie mit
+ihm geredet.</p>
+
+<p>Zwischen Vormund und M&uuml;ndel hatte, seitdem
+Florence mit Chichester gebrochen, nur eine Zusammenkunft
+stattgefunden, die nicht sehr angenehm
+gewesen und in der das junge M&auml;dchen ihn daran erinnert
+hatte, da&szlig; sie m&uuml;ndig sei und da&szlig; sie Turret
+Court auf immer zu verlassen gedenke. Es ber&uuml;hrte
+ihn daher eigent&uuml;mlich, da&szlig; sie ihn aus freien St&uuml;cken
+aufsuchte, und er fragte sie in einem so bei&szlig;enden Tone,
+wie er ihn ihr gegen&uuml;ber noch niemals angeschlagen:</p>
+
+<p>»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre,
+Florence?«</p>
+
+<p>»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.«
+Sie war jetzt ganz nahe, und er schrak beim Anblick
+ihres Gesichtes unwillk&uuml;rlich zusammen. Als sie sich<span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span>
+mit den H&auml;nden auf eine Stuhllehne st&uuml;tzte, als bed&uuml;rfe
+sie eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.</p>
+
+<p>»Was gibt&rsquo;s?« fragte er br&uuml;sk. »Weshalb siehst
+du so aus? Was ist los?«</p>
+
+<p>»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war
+heute nachmittag im Bungalow.«</p>
+
+<p>»Nun? Was f&uuml;hrte dich dorthin?«</p>
+
+<p>»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise
+von St. Mellions Lebewohl sagen.«</p>
+
+<p>»Ah! Du hast, wie ich wei&szlig;, eine t&ouml;richte Zuneigung
+f&uuml;r den albernen Alten und er f&uuml;r dich. Ich
+verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und dich gebeten,
+mich wegen seiner gestrigen Unversch&auml;mtheit um
+Verzeihung zu bitten. Aber damit soll er mir vom
+Halse bleiben. Wie man sich bettet, so liegt man.
+Je eher meine Angelegenheiten in andere H&auml;nde &uuml;bergehen,
+desto besser.«</p>
+
+<p>»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte
+geschickt. Ich habe ihn nicht gesehen.«</p>
+
+<p>»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mi&szlig;trauen
+an. »Was hat dich denn so aus der Fassung
+gebracht?«</p>
+
+<p>»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«</p>
+
+<p>»Leath? Den &mdash; den Menschen?«</p>
+
+<p>Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern
+sehen wie jetzt &mdash; einmal, als er erkl&auml;rte,
+da&szlig; Everard Leath niemals wieder Turret Court betreten
+solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt
+hatte, &mdash; ach, wie unschuldig und arglos! &mdash; ob er
+je den Namen Robert Bontine geh&ouml;rt h&auml;tte. Er stammelte
+vor Wut.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span></p>
+
+<p>»Und &mdash; und er? Hat er gewagt, mit dir zu
+sprechen?«</p>
+
+<p>»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen,
+Onkel Jasper.«</p>
+
+<p>Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las
+in seinem Gesicht das Grauen vor dem, was kam.
+Er war geisterbleich &mdash; gro&szlig;e Schwei&szlig;tropfen rannen
+ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den
+Mund &ouml;ffnete und einen dumpfen Kehllaut ausstie&szlig;;
+er stand auf und wartete auf den Schlag. Sie blickte
+ihn an und versetzte ihm den gef&uuml;rchteten Streich.</p>
+
+<p>»Er hat Robert Bontine gefunden.«</p>
+
+<p>Er fiel in seinen Stuhl zur&uuml;ck. Mit verglasten
+Augen starrte er sie an &mdash; sprachlos. H&auml;tte noch die
+leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, so w&uuml;rde sie
+vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War
+er imstande, ihr zuzuh&ouml;ren &mdash; sie zu verstehen? W&auml;hrend
+sie das erwog, hob er die Hand, bewegte sie
+hilflos hin und her und stammelte keuchend:</p>
+
+<p>»Weiter!«</p>
+
+<p>»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte
+sie. »Ich bin hier, um dir das zu sagen. In meinem
+Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann sei, als
+ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die
+Beweise gesehen &mdash; Beweise, die du vernichtet glaubtest
+&mdash; Beweise, die ein kleines, mit einem gelben
+Bande zusammengebundenes Paket enthielt. Verstehst
+du mich?«</p>
+
+<p>Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie
+fuhr fort:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span></p>
+
+<p>»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in
+Australien. Ich zweifle nicht daran, da&szlig; er die Wahrheit
+redet. Er hat den Zweck erreicht, der ihn nach
+England gef&uuml;hrt, hat den Gesuchten gefunden &mdash; und
+wir beide wissen, was er tun k&ouml;nnte, wenn er wollte.«</p>
+
+<p>»Wenn er wollte?«</p>
+
+<p>Wie er vorhin das &rsaquo;Weiter!&lsaquo; keuchend hervorgesto&szlig;en
+hatte, so stie&szlig; er auch diese drei Worte m&uuml;hsam
+heraus. Florence wiederholte sie.</p>
+
+<p>»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab
+nur einen Preis, der sein Schweigen erkaufen konnte,
+und es traf sich zuf&auml;llig, da&szlig; ich ihm diesen Preis
+bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich
+habe versprochen, ihn zu heiraten.«</p>
+
+<p>Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen
+er krampfhaft umklammerte, w&auml;hrend er sie
+ungl&auml;ubig anstarrte. Sie sprach in demselben ruhigen,
+entschlossenen Tone weiter:</p>
+
+<p>»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil
+er mir sein Wort gegeben hat, in dem Falle den Namen
+Robert Bontine nie wieder zu erw&auml;hnen. Ich mache
+mir nichts aus ihm &mdash; werde mir nie etwas aus
+ihm machen, aber ich wei&szlig;, da&szlig; man sich auf ihn
+verlassen kann, wei&szlig;, da&szlig; er sein Wort halten wird.
+An unserem Hochzeitstage soll ich die Beweise, von
+denen ich sprach, eigenh&auml;ndig den Flammen &uuml;bergeben,
+&mdash; das hat er mir auch versprochen. Ich werde
+meinem gegebenen Worte nicht untreu werden, und
+er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern, weshalb
+ich es ihm gab, so wei&szlig;t du die Antwort, denke<span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span>
+ich &mdash; ich habe Tante Agathe und ihre Kinder
+sehr lieb.«</p>
+
+<p>Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufd&auml;mmerndes
+Verst&auml;ndnis, wie eine gewisse Erleichterung
+zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im Lehnstuhle.
+Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zur&uuml;ck.
+Florence hatte den Kopf auf die H&auml;nde sinken lassen.
+Nach einer Weile erhob sie sich und schritt auf die T&uuml;re
+zu. Ein bitter ironisches L&auml;cheln zuckte um ihre
+Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:</p>
+
+<p>»Noch etwas bleibt mir zu sagen &uuml;brig, ehe ich
+gehe. Ich f&uuml;rchte, es ist kaum wahrscheinlich, da&szlig; die
+Herzogin mit meiner Verlobung zufrieden sein wird.
+Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause
+ist, ist keine so annehmbare Partie f&uuml;r mich wie Talbot
+Chichester von Highmount. Es ist m&ouml;glich, da&szlig;
+sie ihre Einwilligung versagen wird. In dem Falle
+ist es mir lieb, zu wissen, da&szlig; die Zustimmung meiner
+Vorm&uuml;nder mir den Besitz meines Verm&ouml;gens sichert
+und da&szlig; du, Onkel Jasper, die deinige nicht verweigern
+wirst.«</p>
+
+<p>Sie verlie&szlig; ihn ohne ein weiteres Wort und ging
+die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zu begeben.
+Sie f&uuml;hlte, da&szlig; es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei
+sei, da&szlig; sie der Ruhe und Einsamkeit bed&uuml;rfe. Auf
+der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade
+verlie&szlig;.</p>
+
+<p>»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.</p>
+
+<p>Es war so dunkel im Korridor, da&szlig; sie das Gesicht
+ihrer Cousine nicht deutlich sehen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span></p>
+
+<p>»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur
+stecken k&ouml;nntest! Weshalb hast du nicht im Bungalow
+auf mich gewartet? Du kannst dir mein Erstaunen
+vorstellen, als ich dort ankam und h&ouml;rte, du seiest fort.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich kann mir denken, da&szlig; du erstaunt
+warest, Cis.«</p>
+
+<p>»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem
+Gedanken, da&szlig; du den langen, hei&szlig;en Weg zu Fu&szlig;
+gemacht hast, noch dazu, wo du nicht wohl bist.
+Und &mdash;« Cis lie&szlig; stockend die Stimme sinken, sie
+wu&szlig;te nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar
+Tagen merkw&uuml;rdig verwandelten Florence eigentlich
+daran war &mdash; »hm &mdash; das M&auml;dchen sagte, Florence,
+da&szlig; Herr Leath mit dir gegangen w&auml;re.«</p>
+
+<p>»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«</p>
+
+<p>»Was &mdash; den ganzen Weg? Hierher nach Turret
+Court?« Aus ihren weitge&ouml;ffneten Augen sprach
+Mi&szlig;billigung und Erstaunen. »O, wirklich, Florence,
+ich finde, das h&auml;ttest du nicht tun sollen,« meinte sie
+tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute
+Munde seid! Du hattest ihn nicht mit dir gehen lassen
+d&uuml;rfen. Er hat kein Recht, sich dir auf solche Weise
+aufzudr&auml;ngen.«</p>
+
+<p>Florence lachte und legte der andern die H&auml;nde
+auf die Schultern.</p>
+
+<p class="pmb3">»Du bist ein Prachtst&uuml;ck von Sittsamkeit, liebe
+C&auml;cilie. Aber in diesem besonderen Falle irrst du dich
+zuf&auml;llig ganz und gar. Sowohl vor aller Augen wie
+hinter dem R&uuml;cken von ganz Rippondale hat Herr
+Leath das Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat.
+Ich habe soeben versprochen, ihn zu heiraten.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_20">20.</h2>
+</div>
+
+<p>In dem get&auml;felten Zimmer, sonst dem traulichsten
+und freundlichsten Raume des Schlosses, sah es tr&uuml;bselig
+aus. Lady Agathe, die in ihrem Lieblingsstuhl
+sa&szlig;, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedr&uuml;ckt und
+schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den
+Boden herabgeglitten und lag dort vergessen. Cis,
+deren h&uuml;bsches Gesicht bla&szlig; und bek&uuml;mmert aussah,
+stand am Fenster und h&auml;tte am liebsten auch geweint.
+Vor noch nicht drei Minuten hatte sich die T&uuml;r hinter
+Sir Jasper geschlossen, der hinausgegangen war und
+all diesen Jammer zur&uuml;ckgelassen hatte. Wie unwillkommen
+sein Besuch in dem get&auml;felten Zimmer auch
+stets seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er
+doch nie mit einer so niederschmetternden Mitteilung
+erschienen wie eben, und die Wirkung, wenigstens
+auf die &auml;ltere Dame, war vernichtend gewesen. Mit
+den k&uuml;rzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner
+scharfen Stimme hatte er die Verlobung seines M&uuml;ndels
+mit Everard Leath und seine eigene Einwilligung
+mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus,
+wie er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu
+eingesch&uuml;chtert war, um angesichts seiner kaltblickenden
+Augen eine Szene zu machen, brach vor Erstaunen,
+Best&uuml;rzung und Entr&uuml;stung in Tr&auml;nen aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span></p>
+
+<p>»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte
+sie, »niemals, C&auml;cilie! Ich wei&szlig; nicht, wo mir der
+Kopf steht! Mir ist, als k&ouml;nnte ich meinen Ohren
+nicht trauen. Wenn dein Vater &uuml;berhaupt jemals
+spa&szlig;te, so w&uuml;rde ich sagen, er macht einen Scherz mit
+mir. Aber er sagte ganz deutlich, Florence h&auml;tte sich
+mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, Mutter, das sagte er.«</p>
+
+<p>»Und da&szlig; er eingewilligt h&auml;tte, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; auch das.«</p>
+
+<p>»Ich kann &mdash; ich will es nicht glauben!« rief
+Lady Agathe unter neuem Schluchzen. »Florence sollte
+sich mit solchem Menschen verlobt haben! Er ist doch
+durchaus keine Partie f&uuml;r sie! Und dein Vater, der
+ihn nie ausstehen zu k&ouml;nnen schien, sagt, da&szlig; sie ihn
+heiraten soll! O, ich bin wie bet&auml;ubt! Sie macht sich
+doch gar nichts aus dem Menschen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich f&uuml;rchte nein, Mutter,« antwortete
+Cis mit verlegenem Z&ouml;gern. »Aber ich habe seit langer
+Zeit gewu&szlig;t, da&szlig; Herr Leath sehr in sie verliebt war.«</p>
+
+<p>»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady
+Agathe. »Wenn das so ist, so ist es eine unversch&auml;mte
+Anma&szlig;ung von ihm. O, wie schade ist es, jammerschade,
+da&szlig; sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina
+gegangen ist! Dann w&auml;re dies alles nicht geschehen,
+und sie h&auml;tte in aller Gem&uuml;tsruhe Chichester geheiratet.
+Aber ich kann es nicht glauben, liebes Kind, da&szlig; es
+ihr Ernst ist &mdash; ich kann es nicht. Dein Vater mu&szlig; sie
+mi&szlig;verstanden haben. Nein &mdash; ich glaube nicht, da&szlig;
+es wahr ist, bis Florence selbst es mir best&auml;tigt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span></p>
+
+<p>»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich
+um. »Florence hat es mir selbst erz&auml;hlt.«</p>
+
+<p>»So?« Lady Agathe h&ouml;rte auf zu schluchzen.
+»Sie hat es dir gesagt?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; gestern. Anstatt im Bungalow auf mich
+zu warten, wie wir verabredet, hat sie sich von Herrn
+Leath, der dort war, nach Hause bringen lassen. Da
+hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden
+Fall erz&auml;hlte sie mir, da&szlig; sie sich mit ihm verlobt
+und da&szlig; Vater seine Zustimmung gegeben hatte.«</p>
+
+<p>»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren
+h&auml;tte?« fragte die Mutter mit einem neuen
+Tr&auml;nenstrom.</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich tat ich das! Sie war so wunderlich
+&mdash; so ganz anders als sonst, und sie lachte, als ich
+zu weinen anfing. Ich wollte es dir erz&auml;hlen, aber sie
+sagte &rsaquo;Nein&lsaquo;, sie wollte Papa bitten, es dir zu sagen.
+Du wei&szlig;t, da&szlig; sie gestern nicht zu Tische herunterkam,
+und als ich heute morgen nach dem ersten Fr&uuml;hst&uuml;ck
+sie in ihrem Ankleidezimmer aufsuchte, sahen ihre
+Augen so tr&uuml;be aus, als habe sie die ganze Nacht nicht
+geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!«
+rief Cis, in zornige Tr&auml;nen ausbrechend, »und ich
+mochte ihn fr&uuml;her ganz gern leiden, den Abscheulichen!
+Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, ich
+w&auml;re tot!«</p>
+
+<p>»Doch wohl nicht im Ernst, Cis &mdash; hoffentlich
+nicht! Unsinn, du kleines Ding! Was Harry wohl
+sagen w&uuml;rde, wenn er dich h&ouml;ren k&ouml;nnte!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span></p>
+
+<p>Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer
+Minute war sie drau&szlig;en in die Veranda getreten und
+horchend stehengeblieben, als durch das offene Fenster
+Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen
+allein h&auml;tte ihr verraten, wovon die Rede war,
+aber sie hatte mehr geh&ouml;rt. Sie trat ins Zimmer und
+sprach mit fester Stimme zu ihr:</p>
+
+<p>»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat
+gestern um mich angehalten, und ich habe mich mit
+ihm verlobt. Und es ist ebenfalls wahr, da&szlig; Onkel
+Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mu&szlig;t
+meine Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache
+ansehen.«</p>
+
+<p>Sie war noch immer sehr bla&szlig;, ihre gro&szlig;en Augen
+waren glanzlos, aber ihr bleiches Antlitz belebte sich,
+als sie sanft den Arm um Cis legte und ihr goldblondes
+Haar k&uuml;&szlig;te. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges
+kleines M&auml;dchen, das so bitterlich schluchzte! W&uuml;rde
+ihr nicht das Herz wirklich gebrochen sein, w&uuml;rde sie
+nicht ihren fr&ouml;hlichen jungen Br&auml;utigam verloren
+haben, w&auml;re nicht diese Verlobung mit Everard Leath
+gewesen, &uuml;ber die sie so herzbrechend weinte? Was
+f&uuml;r ganz andere Tr&auml;nen h&auml;tten Mutter und Tochter
+jetzt vergie&szlig;en k&ouml;nnen, h&auml;tte sie nicht aus Liebe und
+Mitleid zu ihnen jenes &uuml;bereilte Opfer ihrer selbst
+gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein &mdash; sie
+bereute es nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich
+sie schauderte bei dem Gedanken an die bevorstehende
+Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt das Recht
+hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es w&uuml;rde
+nur ein k&uuml;mmerliches Opfer sein, wenn sie sahen,<span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span>
+da&szlig; sie litt. Sie zwang sich zu einem L&auml;cheln, w&auml;hrend
+sie zu ihrer Tante trat und sanft das Taschentuch fortzog,
+das die arme Frau noch immer an die Augen
+dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady
+Agathe, »wir kennen diesen Leath gar nicht! Ich
+mu&szlig; offen reden, Florence &mdash; was kann dir nur
+in den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es
+getan? Glaubst du, da&szlig; Herr Leath dich wirklich
+liebhat, Florence?«</p>
+
+<p>»Mich liebhat?«</p>
+
+<p>Sie sah wieder das ger&ouml;tete, lebhafte Antlitz vor
+sich, dessen k&uuml;hler, ruhiger Ausdruck wie umgewandelt
+war, die leuchtenden Augen, die von verhaltener
+Leidenschaft vibrierende Stimme &mdash; die ganze Glut
+des Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber
+auf sie ausge&uuml;bt hatte. Ob er sie liebte? Mochten
+seine S&uuml;nden gegen sie so gro&szlig; sein, wie sie wollten,
+mochte sie vor ihm zur&uuml;ckbeben und ihn hassen, so
+sehr sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.</p>
+
+<p>»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt
+mich. Davon kannst du fest &uuml;berzeugt sein.«</p>
+
+<p>»Dann ist wohl nichts an der Sache zu &auml;ndern,«
+meinte Lady Agathe verzweifelt, »aber was die Herzogin
+sagen wird &mdash;«</p>
+
+<p>»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante,
+was die Herzogin sagen wird. Onkel Jasper willigt
+ein, wie du wei&szlig;t. Das ist genug, um mir mein Verm&ouml;gen
+zu sichern, und folglich alles, was n&ouml;tig ist,«
+fiel ihr Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit
+ins Wort.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span></p>
+
+<p>»Liebe Florence, ich mu&szlig; dich noch etwas fragen.
+Wenn diese Heirat wirklich stattfinden soll, w&uuml;nschest
+du, da&szlig; die Verlobung geheimgehalten wird?«</p>
+
+<p>»Geheim?«</p>
+
+<p>Einen Augenblick wandte sich Florence mit
+blitzenden Augen um. »Nein, ich sch&auml;me mich nicht
+dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie geheimgehalten
+werden?«</p>
+
+<p>»Liebes Herz, ich hoffte, du w&uuml;rdest verstehen,
+was ich meinte,« stammelte Lady Agathe &auml;ngstlich.
+»In Anbetracht all der &mdash; unseligen Klatschereien,
+die das schreckliche Gewitter verursacht hat, w&uuml;rde es
+besser sein, sie noch nicht zu ver&ouml;ffentlichen. Du wei&szlig;t,
+die Leute lassen sich nicht den Mund verbieten &mdash; es
+ist sch&auml;ndlich, aber sie werden &mdash;«</p>
+
+<p>Florence drehte sich j&auml;h um.</p>
+
+<p>»Ich m&ouml;chte nicht b&ouml;se werden, Tante,« sagte sie
+und gab sich M&uuml;he, ihre Stimme in der Gewalt zu
+behalten, w&auml;hrend sie die Hand aufs Herz pre&szlig;te,
+»aber ich f&uuml;rchte, ich werde heftig, wenn ich noch
+l&auml;nger hier bleibe. Wir wollen nicht weiter &uuml;ber
+die Sache reden. Herr Leath erwartet mich, ich
+will gehen.«</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich ging eine Ver&auml;nderung mit ihrem Antlitz
+vor; sie lief auf Lady Agathe zu, umschlang sie
+mit den Armen und rief in ganz anderem Tone: »Nein,
+nein! Es tut mir leid, da&szlig; ich das gesagt habe, mein
+Herz, &mdash; ich will nicht b&ouml;se werden! Nur frage mich
+nichts weiter und weine und h&auml;rme dich nicht mehr!
+La&szlig; mich denken, wenn ich dich ansehe, da&szlig; du gl&uuml;cklich
+bist, so stolz auf Roy, &mdash; nicht wahr? &mdash; deinen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span>
+einzigen geliebten Sohn! Es w&uuml;rde dir das Herz
+brechen &mdash; nicht? &mdash; und wenn ihm etwas zustie&szlig;e
+&mdash; dich vielleicht gar t&ouml;ten? Nein, nein &mdash; sag&rsquo; nicht
+&rsaquo;Ja&lsaquo; &mdash; antworte nicht, ich wei&szlig;, da&szlig; es so sein w&uuml;rde!«</p>
+
+<p>Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie
+und schaute ihr lebhaft in die verwundert aufblickenden
+Augen. »Und du, kleine Cis &mdash; du siehst kl&auml;glich
+aus, &mdash; du bist auch nicht ungl&uuml;cklich, mein Schatz.
+Du sollst mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe,
+wie gl&uuml;cklich ihr seid, wie lieb du ihn hast, wie schrecklich
+es dir w&auml;re, wenn du nicht seine Frau w&uuml;rdest!
+K&uuml;sse mich, Liebling, und sag&rsquo; mir, da&szlig; du jetzt
+ganz gl&uuml;cklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es
+auch. Jetzt la&szlig;t mich gehen.«</p>
+
+<p>Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege,
+auf dem sie gekommen: sie wu&szlig;te, da&szlig; sie in heftiges
+Schluchzen ausbrechen w&uuml;rde, wenn sie l&auml;nger bliebe,
+und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu verbergen,
+verraten h&auml;tte, und sie ging noch immer sehr
+schnell, selbst als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen
+werden konnte. In ihrem Kopfe wirbelte es,
+ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen ihre
+F&uuml;&szlig;e die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am
+vorigen Tage verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.</p>
+
+<p>Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen
+sah, hielt sie im Laufen inne und f&uuml;hlte pl&ouml;tzlich,
+wie es sie kalt &uuml;berlief. Sie blieb stehen, und er kam
+sofort auf sie zu.</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich habe Sie warten lassen,« brachte sie
+stockend heraus. Etwas mu&szlig;te sie sagen, und diese
+ <span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span>
+Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, als sie seinem
+Blick begegnete und den festen Druck seiner kr&auml;ftigen
+Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht
+&mdash; er hatte sie genommen, als w&auml;re es etwas, wozu
+er ein volles Recht habe.</p>
+
+<p>»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu
+warten.« Er l&auml;chelte auf seine ernste Art. »Sie sehen
+abgespannt aus, Florence, &mdash; Sie sind sehr schnell
+gegangen, &mdash; das h&auml;tten Sie meinetwegen nicht tun
+sollen. Dort steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«</p>
+
+<p>Sie machte eine zustimmende Bewegung, und
+w&auml;hrend sie sich setzten, lie&szlig; er sehr langsam ihre
+Hand los, die er bis jetzt festgehalten hatte. Florence
+schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, da&szlig;
+er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen
+hatte, und das war genug. Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig;
+er sich so beherrschte, dachte sie und bem&uuml;hte sich,
+ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache nicht
+schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er
+hatte sie allerdings bei ihrem Vornamen genannt,
+und das Recht mu&szlig;te sie ihm wohl zugestehen. Aber
+er h&auml;tte mehr tun oder sagen k&ouml;nnen, wo jeder Blick,
+jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte
+sie, wie wundersch&ouml;n es h&auml;tte sein m&uuml;ssen, so
+neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn geliebt h&auml;tte!</p>
+
+<p>Er brach das Schweigen, nachdem er pr&uuml;fend in
+ihr gesenktes Antlitz geschaut.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das
+ist nicht zum Verwundern. Ich f&uuml;rchte, Sie haben
+in der letzten Nacht nicht geschlafen?«</p>
+
+<p>»Ich habe es gar nicht versucht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span></p>
+
+<p>»Armes Kind! Sie m&uuml;ssen es heute nacht nachholen.
+Soll ich weiterreden, oder m&ouml;chten Sie lieber,
+da&szlig; ich es nicht t&auml;te? Wird es Ihnen zuviel?«</p>
+
+<p>»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr
+gut anh&ouml;ren. Sagen Sie mir, bitte, alles, was Sie mir
+zu sagen haben,« sprach Florence gelassen.</p>
+
+<p>»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen,
+da&szlig; zum Gl&uuml;ck sehr wenig &uuml;brigbleibt.«</p>
+
+<p>Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing,
+und wickelte es um die Finger.</p>
+
+<p>»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir
+Jasper gehabt?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten,
+gesagt?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das habe ich getan.«</p>
+
+<p>»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich
+nicht?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; das tut er nicht.«</p>
+
+<p>»Das ist gut, denn das hei&szlig;t doch, da&szlig; wir der
+Herzogin nicht bed&uuml;rfen.«</p>
+
+<p>»Nein, die brauchen wir nicht.«</p>
+
+<p>»Das ist wieder gut, denn ich mu&szlig; gestehen, ich
+w&uuml;rde es vorziehen, da&szlig; Sie Ihr Verm&ouml;gen behalten.
+Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich bin auch nicht
+reich, und es t&auml;te mir leid, wenn Sie als meine Frau
+irgend etwas entbehren m&uuml;&szlig;ten, an das Sie gew&ouml;hnt
+sind.« Er hielt inne und spielte noch immer mit dem
+Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht unwissend,«
+hub er in demselben nachl&auml;ssigen, leichten Tone wieder
+an, »aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt<span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span>
+es mir wohl ob, ihn aufzusuchen, nicht wahr? Soll
+ich heute zu ihm gehen?«</p>
+
+<p>»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt.
+Ihnen zu sagen, da&szlig; er Sie morgen sehen wolle.«</p>
+
+<p>»Gut. Wenn er es vorzieht &mdash; um welche
+Stunde?«</p>
+
+<p>»Das &uuml;berl&auml;&szlig;t er Ihnen.«</p>
+
+<p>»Dann wollen wir sagen, morgen um zw&ouml;lf.«</p>
+
+<p>Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe
+und Cis um ihre Verlobung w&uuml;&szlig;ten und wie sie diese
+aufgenommen h&auml;tten, und Florence antwortete, da&szlig;
+sie sehr &uuml;berrascht und ganz au&szlig;er sich dar&uuml;ber seien.</p>
+
+<p>»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fr&auml;ulein
+Mortlake ist ein allerliebstes kleines Gesch&ouml;pfchen,
+und ich wei&szlig;, Sie halten viel von ihr. Wollen Sie
+ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie w&uuml;rden mit
+der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das will ich tun.«</p>
+
+<p>Florence lehnte sich zur&uuml;ck und schlo&szlig; die Augen.
+Sie war sich einer Regung der Dankbarkeit bewu&szlig;t.
+Er h&auml;tte ihr die Sache viel schwerer machen k&ouml;nnen;
+sie f&uuml;hlte zwar, er w&uuml;rde unerbittlich darauf bestehen,
+da&szlig; sie ihr Wort halte &mdash; warum sollte er auch nicht?
+&mdash; aber er war zartf&uuml;hlend, r&uuml;cksichtsvoll und freundlich
+gewesen.</p>
+
+<p>Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand
+nahm, und verbarg, so gut sie konnte, den Schauder,
+der sie durchbebte, als er die Lippen darauf dr&uuml;ckte.
+Das konnte sie ertragen. Aber sie &ouml;ffnete gleich darauf
+die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erkl&auml;rte,<span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span>
+da&szlig; sie Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht
+l&auml;nger im Freien bleiben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>»Das sollen Sie auch nicht.«</p>
+
+<p>Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in
+das blasse, m&uuml;de Gesichtchen mit den dunklen Schatten
+unter den Augen, dem Schmerzenszug um die zarten
+Lippen.</p>
+
+<p>»Armes Kind!« entfuhr es ihm pl&ouml;tzlich. »Wie
+elend Sie aussehen &mdash; wie ein Schatten Ihres lieblichen
+Selbst! Und daran bin ich wohl schuld? Ich
+&mdash; g&uuml;tiger Himmel! Sind Sie sehr ungl&uuml;cklich,
+Florence?«</p>
+
+<p>»Ungl&uuml;cklich?« Sie warf ihm einen Blick zu.
+Hohn und stumme Vorw&uuml;rfe lagen darin. »Brauchen
+Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch, da&szlig;
+Sie mich darnach fragen?«</p>
+
+<p>»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt
+jetzt ihre beiden H&auml;nde und blickte mit d&uuml;sterer Z&auml;rtlichkeit
+auf sie herab. »Ja &mdash; ich bin wohl brutal &mdash;
+ich wei&szlig;, da&szlig; Sie mich daf&uuml;r halten! Ich m&uuml;&szlig;te Sie
+wohl freigeben, &mdash; das m&uuml;&szlig;te ich eigentlich! Ein
+guter Mensch w&uuml;rde das tun.« Er hielt inne und
+holte tief Atem. »Nun, ich f&uuml;rchte, ich bin kein guter
+Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich habe Sie nicht darum gebeten,«
+sprach Florence mit schwacher Stimme.</p>
+
+<p>Wenn er es t&auml;te? Wenn er sie des Versprechens
+entbinden sollte, mit dem sie sein Schweigen erkauft
+hatte? Schon bei dem blo&szlig;en Gedanken &uuml;berlief es
+sie kalt, obwohl sie sehr wohl wu&szlig;te, da&szlig; er es niemals
+tun w&uuml;rde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; Sie haben mich nicht darum gebeten,
+&mdash; das ist wahr. Aber ich kann sehen &mdash;«</p>
+
+<p>Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend.
+»Mein armes kleines Lieb &mdash; mein armes
+kleines M&auml;dchen! Ich liebe es so, da&szlig; ich ihm kein
+Haar kr&uuml;mmen m&ouml;chte &mdash; liebe es so, da&szlig; ich mir
+die Hand abhauen w&uuml;rde, ihm zu dienen, wenn es
+sein m&uuml;&szlig;te, und doch bin ich grausam genug, um es so
+aussehen zu machen!«</p>
+
+<p>»Lieben?«</p>
+
+<p>Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu
+m&auml;chtig, um ihr zu widerstehen, trotz des panischen
+Schreckens, von dem sie sich eben erholt hatte: sie
+warf ihm einen Blick der Verachtung zu.</p>
+
+<p>»Sie m&ouml;gen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath,
+aber mehr tun Sie nicht.«</p>
+
+<p>»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so?
+Glauben Sie das? Dann denken Sie hieran, mein
+Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«</p>
+
+<p>Zu pl&ouml;tzlich, als da&szlig; sie ihm h&auml;tte ausweichen,
+zu kraftvoll, als da&szlig; sie ihm h&auml;tte wehren k&ouml;nnen,
+schlo&szlig; er sie fest in die Arme und k&uuml;&szlig;te sie zweimal
+mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im n&auml;chsten Augenblick
+hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei
+losgerissen und floh &uuml;ber das Gras, ohne einen Blick
+zur&uuml;ckzuwerfen.</p>
+
+<p>Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach
+einer unwillk&uuml;rlichen Bewegung, sie zur&uuml;ckzuhalten,
+blieb er regungslos stehen und sah der Davoneilenden
+mit einem seltsamen L&auml;cheln nach. Erst einige Sekunden,<span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span>
+nachdem sie verschwunden, machte er kehrt
+und verlie&szlig; den Garten von Turret Court.</p>
+
+<p>Er ging &uuml;ber die Halde und durch St. Mellions
+nach dem Bungalow. In gewohnter Weise durch die
+Veranda eintretend, fand er Sherriff im Wohnzimmer
+in seinem gro&szlig;en Stuhl am Tische sitzen. Die beiden
+Kasten standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und
+der alte Herr hielt einige Schriftst&uuml;cke in der Hand.
+Sein sch&ouml;nes Gesicht war noch bleich und abgespannt,
+aber es hellte sich beim Eintritt des jungen
+Mannes auf.</p>
+
+<p>»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen,
+Everard,« sagte er mit einem L&auml;cheln, »und habe mich
+ohne Sie an die Arbeit gemacht.«</p>
+
+<p>»Sie h&auml;tten auf mich warten sollen. In einem
+Augenblick steh&rsquo; ich zu Ihren Diensten, aber erst
+habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«</p>
+
+<p>»Mir mitzuteilen?«</p>
+
+<p>In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen
+lag etwas, das Sherriff veranla&szlig;te, schnell aufzublicken.</p>
+
+<p>»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; oder hoffentlich werden Sie es nicht
+daf&uuml;r halten.« Er hielt inne. »Erinnern Sie sich
+noch, da&szlig; Sie mich vor einiger Zeit beschuldigten,
+Gr&auml;fin Florence Esmond zu lieben?«</p>
+
+<p>»Mein lieber Junge, nat&uuml;rlich erinnere ich mich
+dessen.«</p>
+
+<p>»Ich war nicht imstande, zu leugnen, da&szlig; Sie
+recht hatten, denn ich war mir seit Wochen meiner
+eigenen Torheit v&ouml;llig bewu&szlig;t gewesen. Ich liebte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span>
+sie &mdash; ich tue es noch &mdash; ich werde sie stets lieben!
+Aber nichts lag mir damals ferner als der Gedanke,
+da&szlig; ich es ihr je sagen w&uuml;rde. Die Umst&auml;nde haben
+sich indessen ge&auml;ndert, und ich habe es ihr gesagt.
+Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, da&szlig; sie eingewilligt
+hat, meine Frau zu werden.«</p>
+
+<p>»Leath!«</p>
+
+<p>»Sie sind &uuml;berrascht; ich wu&szlig;te, da&szlig; Sie das
+sein w&uuml;rden. Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch
+mehr: Sir Jasper hat &mdash; ihr, mir zwar noch nicht,
+&mdash; seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«</p>
+
+<p>»Seine Einwilligung? Wie? Unm&ouml;glich!«</p>
+
+<p>»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schlie&szlig;lich?
+Obwohl ich gern zugebe, da&szlig; ich keine sogenannte
+Partie f&uuml;r sie bin.«</p>
+
+<p>»Und sie &mdash; Gr&auml;fin Florence &mdash; hat versprochen,
+Sie zu heiraten?«</p>
+
+<p>»Ja. Das kommt Ihnen ebenso &uuml;berraschend,
+f&uuml;rchte ich?«</p>
+
+<p>»&Uuml;berraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr
+als &uuml;berrascht &mdash; ich bin wie aus den Wolken gefallen!«</p>
+
+<p>Sherriff fuhr best&uuml;rzt mit der Hand durch das
+wei&szlig;e Haar.</p>
+
+<p>»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam,
+»da&szlig; sie Ihre Gef&uuml;hle f&uuml;r sie erwidere &mdash; nicht
+die leiseste. Und Sie sagen, sie tut es?«</p>
+
+<p>»Bis jetzt &mdash; nein. Aber ich sage, da&szlig; sie
+es soll.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p>
+
+<p>Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der
+ruhigen, gleichm&auml;&szlig;igen Stimme, und der Redende regte
+sich nicht. Der Alte blickte mit einem Ausdruck
+zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf
+die stolze Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig
+dastand.</p>
+
+<p>»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich
+habe euch beide lieb, und nichts k&ouml;nnte mir ein
+gr&ouml;&szlig;eres Gl&uuml;ck gew&auml;hren, als euch miteinander gl&uuml;cklich
+zu sehen. &mdash; Aber bedenken Sie, lieber Junge,
+um Florences und um Ihrer selbst willen, &mdash; in der
+Ehe ist kein Gl&uuml;ck m&ouml;glich, wenn nicht auf beiden
+Seiten Liebe vorhanden ist.«</p>
+
+<p>»Das wei&szlig; ich sehr wohl.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben
+zu, da&szlig; Florence sich nicht so viel aus Ihnen macht wie
+Sie aus ihr. Hat die Art und Weise der L&ouml;sung ihres
+Verl&ouml;bnisses mit Chichester sie beeinflu&szlig;t, Ihren Antrag
+anzunehmen?«</p>
+
+<p>»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine
+Eindruck sein, obwohl es &mdash; um ihretwillen &mdash; dem
+schlecht gehen wird, den ich das aussprechen h&ouml;re!
+Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, da&szlig; Chichester
+ein Narr war, &mdash; wof&uuml;r ich ihm allerdings von Herzen
+dankbar bin, &mdash; hat nichts damit zu tun, da&szlig;
+sie mir ihr Jawort gegeben.«</p>
+
+<p>»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen,
+aber davon bin ich &uuml;berzeugt,« setzte der alte Mann
+mit besonderem Nachdruck hinzu, »da&szlig; Sie sie nicht
+heiraten w&uuml;rden, wenn Sie nicht glaubten, da&szlig; Sie
+sie gl&uuml;cklich machen k&ouml;nnten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span></p>
+
+<p>Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte
+zu einer Frage. Es dauerte eine volle Minute, ehe
+Leath antwortete, und dann sprach er, ohne sich umzuwenden:</p>
+
+<p class="pmb3">»Sie haben recht. Ich glaube, nichts k&ouml;nnte mich
+bewegen, sie zu heiraten, wenn ich nicht f&uuml;hlte, da&szlig;
+ich sie gl&uuml;cklich machen k&ouml;nnte.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_21">21.</h2>
+</div>
+
+<p>Der September mit seinen k&uuml;hlen Morgen, seinen
+sonnigen Tagen und seinen Nachtfr&ouml;sten war gekommen
+und fast vor&uuml;ber. Vier Wochen waren seit
+der Verlobung der Gr&auml;fin Esmond mit Everard Leath
+vergangen, und die Herzogin war in Turret Court
+eingetroffen.</p>
+
+<p>Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte
+ihr Kommen so verz&ouml;gert. Ein pl&ouml;tzlich aufgetretenes
+Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein
+durch Aufregung veranla&szlig;t worden &mdash; hatte sie in
+ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr
+Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre
+Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege
+nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche
+Verlobung, die ihr M&uuml;ndel eingegangen, zu l&ouml;sen.
+&mdash; Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in s&uuml;ndhafter
+Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch
+nie in ihrem Leben war die Herzogin so emp&ouml;rt und
+entr&uuml;stet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo
+in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht,
+da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.</p>
+
+<p>Und niemals erlitt irgend jemand eine gr&ouml;&szlig;ere
+Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem
+Wirte zuteil wurde. Mit steinerner H&ouml;flichkeit h&ouml;rte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span>
+der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte,
+und antwortete nur mit wenigen Worten. Er h&auml;tte
+seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung
+mit Herrn Leath gegeben und s&auml;he keinen Grund, sie
+zur&uuml;ckzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen
+sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran
+erinnern, da&szlig; das weiter keinen Unterschied mache,
+da es nur der Zustimmung eines ihrer Vorm&uuml;nder
+bed&uuml;rfe, um Gr&auml;fin Esmond ihr Verm&ouml;gen zu sichern.
+Er glaube &uuml;brigens, da&szlig; alles, was n&ouml;tig, gesagt sei,
+und schl&uuml;ge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts
+konnte von steiferer Artigkeit, nichts w&uuml;rdevoller und
+entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen
+Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft,
+aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in
+ihrem Leben geschlagen zur&uuml;ckzog.</p>
+
+<p>»Ihr m&uuml;&szlig;t alle miteinander verr&uuml;ckt geworden
+sein, Agathe! Eine andere denkbare Erkl&auml;rung f&uuml;r
+diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die
+Herzogin w&uuml;tend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl
+der sanften Hausherrin gegen&uuml;ber, niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau,
+deren schwarzes Kleid sie noch h&uuml;bscher und stattlicher
+erscheinen lie&szlig;. In ihren Adern flo&szlig; schottisches Blut,
+und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug
+einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog
+seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingefl&ouml;&szlig;t
+hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der
+das Herz unter dem Blick der gl&auml;nzenden hellbraunen
+Augen angstvoll zu klopfen begann.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p>
+
+<p>»Ich &mdash; was meinst du, Honoria?« stammelte sie.
+»Sprichst du von Florences Verlobung?«</p>
+
+<p>»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte,
+wei&szlig;t du, da&szlig; dein Mann zu diesem tollen Unsinn
+seine Einwilligung gegeben hat?«</p>
+
+<p>Lady Agathe l&auml;chelte matt.</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;, Honoria. Du wirst dich erinnern, da&szlig;
+ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«</p>
+
+<p>»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich
+finde, da&szlig; es wirklich der Fall ist. Er willigte ein
+und weigert sich &mdash; weigert sich, &mdash; anderen Sinnes
+zu werden!«</p>
+
+<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet,
+Honoria. Er ist so herrschs&uuml;chtig, besteht so sehr auf
+seinem Willen &mdash; das wei&szlig;t du doch! Ich machte
+ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte
+Lady Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte
+nicht auf mich h&ouml;ren. Er hat sich in der letzten Zeit
+ver&auml;ndert, oder ich habe es mir eingebildet; er ist
+wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als
+je. Er &mdash;«</p>
+
+<p>»Ver&auml;ndert? Ich habe nie in meinem Leben
+eine solche Ver&auml;nderung bei einem Menschen gesehen!
+Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was fehlt
+ihm eigentlich?«</p>
+
+<p>»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts
+mitgeteilt und wollte nicht auf mich h&ouml;ren, als ich
+ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt zu Rate zu ziehen.
+Um auf das zur&uuml;ckzukommen, von dem wir sprachen,
+so scheint er allerdings zu wollen, &mdash; ich m&ouml;chte fast
+ <span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span>
+sagen, zu w&uuml;nschen, &mdash; da&szlig; Florence Herrn Leath
+heiratet. Nat&uuml;rlich ist er keine Partie f&uuml;r sie.«</p>
+
+<p>»Partie? G&uuml;tiger Himmel, wer ist der Mensch?«
+rief die Herzogin.</p>
+
+<p>»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein
+Australier, glaube ich. Er kam nach St. Mellions
+und lie&szlig; sich dort vor etwa einem Vierteljahr h&auml;uslich
+nieder, und &mdash;«</p>
+
+<p>»Ja, ja, das habe ich alles schon geh&ouml;rt!« fiel
+ihr die andere ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper
+&mdash; was ihm gar nicht &auml;hnlich sieht! &mdash; war wohl
+unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«</p>
+
+<p>»Nein, nein &mdash; durchaus nicht. Ganz im Gegenteil.
+Du irrst dich, Honoria. Sir Jasper mochte Herrn
+Leath nicht leiden. Ja, er wurde sehr b&ouml;se mit Roy,
+weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien unerkl&auml;rlicherweise
+etwas gegen ihn zu haben.«</p>
+
+<p>»So.«</p>
+
+<p>»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich
+zu sehen,« setzte Lady Agathe hinzu.</p>
+
+<p>»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, da&szlig;
+Florence ihn heiratet?«</p>
+
+<p>»Er scheint es allerdings zu w&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>Die Herzogin lehnte sich mit einer Geb&auml;rde der
+Verzweiflung in die Sofakissen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden
+Behauptungen in Einklang zu bringen. Ich gestehe,
+da&szlig; ich nicht dazu imstande bin.«</p>
+
+<p>»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.</p>
+
+<p>»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr
+fort: »Ich mu&szlig; dir ganz ehrlich gestehen, Agathe, da&szlig;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span>
+das Ganze mir sehr r&auml;tselhaft vorkommt. Dir mag
+die Sache ja v&ouml;llig klar sein, aber ich gestehe offen,
+da&szlig; mein armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«</p>
+
+<p>Lady Agathe fing an zu weinen.</p>
+
+<p>»Es n&uuml;tzt nichts, da&szlig; du so &uuml;ber mich herf&auml;llst,
+Honoria,« sprach sie und dr&uuml;ckte ihr Taschentuch an
+die Augen, »gar nichts. Sprich lieber mit Florence.
+Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«</p>
+
+<p>»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn
+sie nicht ganz verr&uuml;ckt geworden ist, so will ich sie
+schon zur Vernunft bringen. Bleibe, bitte, hier,
+Agathe; es ist mir lieber, du h&ouml;rst, was ich sage. Mit
+deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«</p>
+
+<p>Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte
+ihren Befehl in herrischem Tone.</p>
+
+<p>Sie thronte wieder majest&auml;tisch auf dem Sofa,
+und Lady Agathe trocknete sich noch die Augen, als
+die T&uuml;r aufging und Florence gem&auml;chlich eintrat.</p>
+
+<p>Sie sah entz&uuml;ckend aus: sie trug ein dunkelrotes
+Samtkleid mit einem breiten Kragen und Manschetten
+aus alten gelblichen Spitzen, und ihr kastanienbraunes
+Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre
+gro&szlig;en, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische,
+sch&ouml;ne Farben, und sie l&auml;chelte, als sie mit stolz erhobenem
+K&ouml;pfchen n&auml;her trat. Dem verwunderten,
+entr&uuml;steten Blicke der Herzogin schien sie gl&uuml;cklich, zuversichtlich,
+belustigt, von schelmischem Trotz beseelt
+zu sein. Aber ihre Tante wu&szlig;te, da&szlig; ihre Figur
+schlanker war, als sie vor einem Monat gewesen.</p>
+
+<p>»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt
+Sie aussehen! Ich glaube, ich w&uuml;rde ein wenig
+ <span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span>
+vom Kaminfeuer fortr&uuml;cken. O, Tante Agathe, was
+fehlt dir denn, liebes Herz?«</p>
+
+<p>Die sp&ouml;ttische Heiterkeit war auf einmal wie
+weggewischt aus ihren Z&uuml;gen, als sie auf Lady Agathe
+zueilte und z&auml;rtlich tr&ouml;stend, wie sch&uuml;tzend, den Arm
+um sie legte.</p>
+
+<p>Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch
+stattlicher aus. In dem Auftreten des M&auml;dchens lag
+entschieden unversch&auml;mte Herausforderung.</p>
+
+<p>»Es ist kein Wunder, da&szlig; deine Tante weint,
+Florence! Sie tut wohl daran, d&uuml;nkt mich.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu
+gebracht haben. Trockne dir die Augen, Tantchen;
+wenn Durchlaucht b&ouml;se ist, so ist sie es auf mich, nicht
+auf dich.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihre Patin mit k&uuml;hler Gelassenheit
+an und fragte: »Ich f&uuml;rchte, Durchlaucht sind wieder
+b&ouml;se?«</p>
+
+<p>»B&ouml;se?« wiederholte die emp&ouml;rte Herzogin zornig.
+Sie h&auml;tte ihr M&uuml;ndel in diesem Augenblick mit der
+gr&ouml;&szlig;ten Wonne ohrfeigen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das sieht man Ihnen an. Es ist nicht
+das Feuer, das Ihnen diese R&ouml;te gibt.«</p>
+
+<p>In derselben nachl&auml;ssigen Art trat sie hinter einen
+Stuhl und legte die verschr&auml;nkten Arme auf die Lehne.</p>
+
+<p>»Es handelt sich nat&uuml;rlich um meine Verlobung.
+Lassen Sie mich ganz offen und deutlich reden. Nun
+denn, ich bin m&uuml;ndig und habe Herrn Leath versprochen,
+ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem
+Entschlusse etwas &auml;ndern. Bleiben wir beide am
+Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was auch geschehen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span>
+m&ouml;ge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen,
+und das wei&szlig; er.«</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel, Kind! Du mu&szlig;t verr&uuml;ckt geworden
+sein! Du willst mir doch nicht sagen, da&szlig; du
+in ihn verliebt bist?«</p>
+
+<p>»Weshalb nicht? K&ouml;nnte es einen besseren Grund
+geben, ihn zu heiraten?«</p>
+
+<p>»Du hast ein empf&auml;nglicheres Herz, als ich dir
+zugetraut habe, Florence! Vielleicht hattest du dich
+auch in Herrn Chichester verliebt?«</p>
+
+<p>»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester
+verliebt.«</p>
+
+<p>»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen
+verliebt zu sein?«</p>
+
+<p>»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen
+es dabei bewenden lassen. Und nennen Sie ihn, bitte,
+nicht &rsaquo;diesen Menschen&lsaquo;. Das ist nicht sehr fein. Ich
+glaube zwar nicht, da&szlig; er je im Leben eine Herzogin
+gesehen hat, aber ich bin &uuml;berzeugt davon, da&szlig; er
+Durchlaucht nie &rsaquo;diese Frau&lsaquo; nennen w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«</p>
+
+<p>»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«</p>
+
+<p>»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll
+zur&uuml;ck. »Jetzt h&ouml;re mich an, Florence! Durch
+die unglaubliche Verr&uuml;cktheit von Sir Jasper Mortlake
+&mdash; ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen,
+Agathe, und ich wiederhole: unglaubliche Verr&uuml;cktheit
+&mdash; hast du, die du bei deiner gesellschaftlichen
+Stellung, deiner Sch&ouml;nheit, deinem Verm&ouml;gen die gl&auml;nzendste
+Partie h&auml;ttest machen k&ouml;nnen &mdash; die Einwilligung
+eines der Vorm&uuml;nder zu dieser schmachvollen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span>
+Heirat erlangt, durch die du dich zugrunde richten
+wirst. Nun mache dir klar, da&szlig; du meine Zustimmung
+nie erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun
+werden, kommt f&uuml;r mich nicht in Betracht: ich ma&szlig;e
+mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu wollen.
+Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich
+sehen wollen, so ist es gut. Ich aber habe nichts
+mehr mit dir zu tun, sobald du seine Frau bist. Und
+damit basta!«</p>
+
+<p>Ihr bl&uuml;hendes Gesicht war bla&szlig; vor Zorn geworden,
+und Florence wu&szlig;te, da&szlig; nichts sie von diesem
+Entschlusse abbringen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und
+ich beklage mich nicht,« sprach sie ruhig, »aber selbst
+wenn die ganze Welt sich von mir lossagte, so w&uuml;rde
+ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten.
+Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich
+bin willens, ihn zu zahlen!« Sie machte einen Schritt
+auf die T&uuml;r zu und fragte in demselben gelassenen
+Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend etwas
+zu sagen, ehe ich gehe?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; noch eins!« Die Herzogin erhob sich
+w&uuml;tend. »Die Chance ist wenigstens nicht ausgeschlossen,«
+sagte sie eisig, »da&szlig; dieser Mensch weniger
+hartk&ouml;pfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich
+heiratet, so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde,
+und wenn niemand vern&uuml;nftig genug ist, ihm dies zu
+sagen, so soll er es von mir h&ouml;ren!«</p>
+
+<p>»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.</p>
+
+<p>»Zweck? Auf die Chance hin, &mdash; die zwar nur
+ <span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span>
+gering ist, das gebe ich zu, &mdash; da&szlig; er gesunden Menschenverstand
+und Herz genug besitzt, dich freizugeben.«</p>
+
+<p>»Das wird er niemals tun,« &mdash; sie l&auml;chelte matt,
+&mdash; »nicht wenn Durchlaucht ihm das Zweifache
+meines Verm&ouml;gens bieten w&uuml;rde. Ich mu&szlig; ihm Gerechtigkeit
+widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund
+f&uuml;r den Wunsch, mich heiraten zu wollen &mdash; er
+liebt mich.«</p>
+
+<p>»Liebt dich? T&auml;te er das, so w&uuml;rde er dich
+nicht auf diese sch&auml;ndliche Weise hinopfern!« erwiderte
+die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt oder nicht,
+er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich
+fest entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«</p>
+
+<p>Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine
+Meldung entgegengenommen, blickte sie die Herzogin
+an und sagte:</p>
+
+<p>»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist
+jetzt hier.«</p>
+
+<p>»Hier? Du meine G&uuml;te! Verkehrt der Mensch
+hier?« Florence l&auml;chelte kalt.</p>
+
+<p class="pmb3">»Durchlaucht scheinen zu vergessen, da&szlig; ich mit
+Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath
+verlobt bin. Unter diesen Umst&auml;nden w&uuml;rde es schwer
+sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe
+Ihnen best&auml;tigen wird, da&szlig; er sich nur sehr selten
+blicken l&auml;&szlig;t und die Gastfreundschaft des Hauses nicht
+mi&szlig;braucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet.
+Es ist mein Recht, meinen zuk&uuml;nftigen
+Gatten zu empfangen. Sie w&uuml;nschen ihn zu sprechen?
+In f&uuml;nf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_22">22.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in
+dem get&auml;felten Zimmer, in das er stets gef&uuml;hrt wurde,
+wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy
+zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begr&uuml;&szlig;te,
+oder Cis, oder schlie&szlig;lich Lady Agathe, die sich mit
+ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb
+&auml;ngstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte;
+aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er
+w&uuml;nschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn
+es schien ihm &auml;u&szlig;erst gleichg&uuml;ltig zu sein, mit welchen
+Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf
+seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie
+eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein
+Dutzend S&auml;tze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen
+zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen,
+aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und
+von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu
+werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und
+nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine
+gegen Florence erw&auml;hnt.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r ging auf, und sie trat eilfertiger als
+sonst ein &mdash; gew&ouml;hnlich z&ouml;gerte sie ein wenig, ehe
+sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die t&auml;glichen Zusammenk&uuml;nfte
+gew&auml;hrt, weil sie es nicht wagte, sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span>
+ihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort
+auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer
+Hand, als er diese fa&szlig;te.</p>
+
+<p>Er tat selten mehr als das, aber der wenigen
+Male, da er sie gek&uuml;&szlig;t hatte, erinnerte er sich nicht
+besser als sie.</p>
+
+<p>»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine
+Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«</p>
+
+<p>Er hielt sie dabei viel zu fest, als da&szlig; sie noch
+h&auml;tte zittern k&ouml;nnen, und blickte zu ihr nieder. Der Tag
+war ungew&ouml;hnlich d&uuml;ster und grau gewesen, und obgleich
+der Abend kaum angebrochen, war es dunkel
+im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt
+und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er
+erriet, mehr als da&szlig; er sah, da&szlig; sie bla&szlig; war und
+ihre gro&szlig;en verst&ouml;rt blickenden Augen einen ihm fremden
+Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, da&szlig; sie
+so zu ihm emporsahen, und f&uuml;r den Augenblick bezauberten
+sie ihn so, da&szlig; er die &auml;ngstliche Vorsicht,
+mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, au&szlig;er acht
+lie&szlig;. Er schlo&szlig; sie warm und z&auml;rtlich in die Arme,
+wie er es h&auml;tte tun k&ouml;nnen, wenn sie ihn geliebt h&auml;tte.</p>
+
+<p>»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus
+der Fassung gebracht, mein Liebling?«</p>
+
+<p>Wenn sie ihn geliebt h&auml;tte, wie w&uuml;rde sie sich
+innig an ihn geschmiegt, wie w&uuml;rden sie zusammen
+gelacht haben &uuml;ber die Herzogin und ihre Drohungen
+und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, w&auml;hrend
+sie erschauerte und &mdash; zu stolz, sich zu wehren
+&mdash; starr dastand.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span></p>
+
+<p>»Lassen Sie mich los, bitte!« stie&szlig; sie zwischen
+den Z&auml;hnen hervor. »Ich habe Sie schon &ouml;fter gebeten,
+mir dies zu ersparen, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem
+Lachen gab er sie frei. »Ich vergesse mitunter, wie
+du mich hassest &mdash; und habe freilich nur mir selbst
+deshalb Vorw&uuml;rfe zu machen! Du sorgst daf&uuml;r, da&szlig;
+ich es nicht vergesse. Aber ich bitte nochmals um
+Verzeihung &mdash; darum handelt es sich jetzt nicht. Es
+ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Vorgefallen kaum.«</p>
+
+<p>Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachl&auml;ssig
+gleichg&uuml;ltigen Ton gegen ihn an und trat einen Schritt
+von ihm fort. »Sie kommen zuf&auml;llig zu sehr gelegener
+Zeit.«</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, weshalb?«</p>
+
+<p>»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«</p>
+
+<p>»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen
+w&uuml;nscht &mdash;«</p>
+
+<p>»Nicht Sir Jasper. Er ist in Gesch&auml;ften nach
+Beverley und wird nicht vor Tische heimkommen.
+Vielleicht wissen Sie, da&szlig; die Herzogin hier ist?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in
+St. Mellions erz&auml;hlt. Sie w&uuml;nscht doch nicht etwa,
+mich zu sehen?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie hat den Wunsch ge&auml;u&szlig;ert.«</p>
+
+<p>»Und w&uuml;nschest du, da&szlig; ich zu ihr gehe?«</p>
+
+<p>»Ich halte es f&uuml;r das beste,« sagte sie stockend.</p>
+
+<p>»Dann stehe ich nat&uuml;rlich ganz zu deinen
+Diensten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p>
+
+<p>Er tat einen Schritt auf die T&uuml;r zu. Als Florence
+auf die aufrecht getragene Gestalt, in das gelassene,
+sonnengebr&auml;unte Antlitz blickte, regte sich, nicht zum
+erstenmal, ein wunderliches Gef&uuml;hl in ihr. Er mochte,
+wie sie ge&auml;u&szlig;ert, nie im Leben eine Herzogin gesehen
+haben, aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe
+bei der Aussicht, dieser einen gegen&uuml;ber stehen zu
+m&uuml;ssen. Sie mochte ihn hassen, mochte sich aufb&auml;umen
+gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war
+unm&ouml;glich, da&szlig; sie sich jemals seiner zu sch&auml;men h&auml;tte.
+Sie w&auml;re kein Weib gewesen, h&auml;tte sie nicht etwas
+wie Erleichterung und Stolz bei dem Gedanken empfunden.
+An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte
+selbst die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem
+Bewu&szlig;tsein lag ein Trost, und ein weicherer Ausdruck
+trat in ihr Antlitz, als sie durch ein Zeichen ihn an
+ihre Seite zur&uuml;ckrief.</p>
+
+<p>»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will
+mit Ihnen gehen, aber vorher m&ouml;chte ich noch etwas
+sagen.«</p>
+
+<p>Sie berichtete ihm dann kurz, wie emp&ouml;rt ihre
+Patin &uuml;ber ihre Verlobung sei, und setzte hinzu: »Das
+ber&uuml;hrt mich nicht weiter, da sie meinem Herzen nie
+nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden,
+ihr gegen&uuml;ber so gleichg&uuml;ltig und so &mdash; zufrieden
+zu scheinen, wie ich w&uuml;nschte. Sie ist eine
+kluge Frau und nicht so leicht zu t&auml;uschen wie Tante
+Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal
+zusetzen, solange sie hier ist. Sie darf es um keinen
+Preis!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span></p>
+
+<p>Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der
+Herzogin hatte sie tiefer ersch&uuml;ttert, als sie selbst wu&szlig;te.
+Er legte seine Hand ruhig und fest &uuml;ber die zitternden
+Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.</p>
+
+<p>»Das soll sie auch nicht. La&szlig; mich h&ouml;ren, was
+du w&uuml;nschest, da&szlig; ich ihr sagen soll, du wei&szlig;t, ich
+tue, was du willst.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich wei&szlig;, ich kann mich auf Sie verlassen.«
+Es war das Freundlichste, was sie ihm je
+gesagt, und es hatte noch dazu den Vorzug, durchaus
+wahr zu sein.</p>
+
+<p>»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen
+der Wahrheit entspricht, &mdash; da&szlig; ich mich weigere,
+unsere Verlobung r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen oder Sie
+zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar
+b&ouml;se machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren
+Stolz appellieren, Ihnen sagen, da&szlig; ich mich durch
+eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. H&ouml;ren Sie
+nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen
+mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen
+&mdash; machen Sie sich nichts daraus. Denken Sie nur
+daran, da&szlig; es furchtbar schwer f&uuml;r mich ist, und da&szlig;
+ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie
+k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>Es war das erstemal, da&szlig; sie ihn um etwas
+bat; sie wu&szlig;te kaum, wie r&uuml;hrend und eindringlich
+sie sprach, wie flehend ihre gro&szlig;en Augen, die voll
+Tr&auml;nen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschlo&szlig;
+die ihre noch fester.</p>
+
+<p>»Es gibt nur sehr wenige Dinge &mdash; nur ein
+einziges, glaube ich &mdash; die ich nicht tun w&uuml;rde, b&auml;test
+ <span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span>
+du mich darum,« sprach er ruhig, »und dies ist nicht
+jenes eine. Was k&ouml;nnte ich wohl lieber tun, als
+darauf bestehen, da&szlig; du mein bleibst? Du kannst dich
+darauf verlassen, ich werde den Ton anschlagen, den
+du w&uuml;nschest. M&ouml;chtest du noch warten, oder wollen
+wir gleich gehen, damit es &uuml;berstanden ist?«</p>
+
+<p>Nach kurzem Z&ouml;gern legte sie ruhig die Hand auf
+seinen Arm: das hatte sie aus freien St&uuml;cken noch nie
+getan.</p>
+
+<p>»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen,
+damit wir es, wie Sie sagen, hinter uns haben.«</p>
+
+<p>Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in
+ihrem Leben trat sie, noch immer an seinem Arme, vor
+die Herzogin und stand neben ihm, wie ein Weib an
+der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte &mdash;
+l&auml;chelnd, in unbek&uuml;mmerter Heiterkeit, voll Zuversicht
+auf ihn und sich selbst.</p>
+
+<p>Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin
+hatte schon zwei Niederlagen erlitten, und keiner
+ihrer beiden siegreichen Gegner war ihr mit k&uuml;hlerer
+Gelassenheit gegen&uuml;bergetreten, als Everard Leath.
+Auch ohne Florences Bitte w&uuml;rde er das wahrscheinlich
+getan haben. Die Herzogin war eine viel zu
+kluge Frau, um nicht zu wissen, da&szlig; sie eine Niederlage
+erlitten und da&szlig; ein fernerer Kampf hoffnungslos
+sei. In den wenigen kurzen Worten, mit denen
+Leath ihr antwortete, lag eine Entschlossenheit, die
+durch keinen Angriff ihrerseits zu ersch&uuml;ttern war.
+Die h&ouml;hnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert,
+hatte nicht einmal eine Ver&auml;nderung in seinem
+Gesichtsausdruck hervorgerufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span></p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence wei&szlig;, Durchlaucht,« sprach er
+ruhig, »da&szlig; ihr Verm&ouml;gen mir sehr gleichg&uuml;ltig ist.
+Wenn ich w&uuml;nsche, da&szlig; sie es behalten m&ouml;chte, so geschieht
+es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie
+ich es ihretwegen zu sein w&uuml;nschte. K&ouml;nnte Durchlaucht
+ihr es morgen bis auf den kleinsten Bruchteil
+nehmen, so w&uuml;rde das an unserem gegenseitigen Verh&auml;ltnis
+nichts &auml;ndern.«</p>
+
+<p>»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei,
+»ich w&uuml;rde dich doch heiraten, Everard.«</p>
+
+<p>Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt
+im Ohre, aber sie brachte sie entschlossen &uuml;ber die
+Lippen &mdash; war es doch nach ihrer Ansicht nur eine
+letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine gr&ouml;&szlig;ere
+als ihre Hand auf seinem Arm, ihre Stellung an
+seiner Seite. »Geld hatte nichts mit dem Versprechen,
+das ich dir gab, zu schaffen &mdash; das wei&szlig;t du. Ich
+glaube, Durchlaucht, damit w&auml;re die Sache erledigt.«</p>
+
+<p>Eine zornige Handbewegung der Herzogin war
+ihre einzige Entlassung. Sie verlie&szlig;en das Zimmer
+Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte
+w&auml;hrend der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen
+gedr&uuml;ckt, bitterlich weinend dagesessen und kein einziges
+Wort gesagt.</p>
+
+<p>Erst als sie wieder in dem get&auml;felten Zimmer
+waren, zog Florence die Hand zur&uuml;ck. Eine Lampe
+war in der Zwischenzeit angez&uuml;ndet worden, und sie
+sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All
+der m&uuml;hsam behauptete Trotz war wie weggewischt
+aus ihren Z&uuml;gen, jetzt, wo die Augen der Herzogin
+ <span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span>
+nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit m&uuml;dem,
+ironischem L&auml;cheln an.</p>
+
+<p>»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie
+in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, da&szlig;
+ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich m&ouml;chte wohl
+wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist,
+das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides
+vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in
+Ruhe lassen, aber das w&auml;re nicht der Fall, wenn Sie
+mir nicht geholfen h&auml;tten. Das vergesse ich nicht. Ich
+danke Ihnen, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die
+Ver&auml;nderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so
+verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die m&uuml;de
+Haltung der schlanken Gestalt, die Bl&auml;sse des schmalen
+Gesichtchens.</p>
+
+<p>»Es ist zu viel f&uuml;r dich, armes Kind,« meinte er
+sanft. »Du siehst ganz ersch&ouml;pft aus und bedarfst
+der Ruhe. Soll ich bleiben, oder m&ouml;chtest du, da&szlig;
+ich jetzt gehe?«</p>
+
+<p>Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende,
+ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande
+der Erregung, da&szlig; die weiche Z&auml;rtlichkeit seiner Worte,
+obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre
+Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in hei&szlig;e
+Tr&auml;nen aus und schluchzte fassungslos. Im n&auml;chsten
+Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und
+beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind
+h&auml;tte beschwichtigen k&ouml;nnen. Sie hatte bisher nie
+seine Umarmung geduldet; aus reiner Erm&uuml;dung tat
+sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder &uuml;ber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span>
+seine K&uuml;sse zu z&uuml;rnen. Seine Kraft war zu m&auml;chtig
+f&uuml;r sie, und dennoch lag ein merkw&uuml;rdiger Trost darin.
+So lie&szlig; sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen,
+barg ihre Tr&auml;nen an seiner Schulter und empfand fast
+etwas wie Freude &uuml;ber die innigen Liebesworte, die
+er ihr ins Ohr fl&uuml;sterte. Selbst als ihr Schluchzen
+nachlie&szlig; und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich
+Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm
+zu entziehen suchte.</p>
+
+<p>»Ich bin m&uuml;de,« sagte sie mit schwacher Stimme,
+gleichsam als Entschuldigung f&uuml;r diese Anwandlung
+von Schw&auml;che, &uuml;ber die sie doch kaum das Herz hatte,
+b&ouml;se zu sein, »schrecklich m&uuml;de. Ich habe vorige Nacht
+nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie
+sind &mdash; sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen
+Sie lieber, bitte.«</p>
+
+<p>»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst
+allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«</p>
+
+<p>Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt
+und hob jetzt sanft ihr tr&auml;nenfeuchtes Gesicht zu dem
+seinen empor. »Florence,« fragte er im Fl&uuml;stertone,
+»wenn du wirklich findest, da&szlig; ich gut gewesen bin,
+k&ouml;nntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken,
+Kind?«</p>
+
+<p>Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn
+seiner Worte war ihr kaum zum Bewu&szlig;tsein gekommen,
+aber als er sie k&uuml;&szlig;te, &uuml;berflutete eine hei&szlig;e
+Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach
+Luft und versuchte, sich loszurei&szlig;en, aber er hielt
+sie fest.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span></p>
+
+<p>»Florence,« sagte er langsam, »wei&szlig;t du, was
+du mich hast sehen lassen? Da&szlig;, wenn ich dir als
+Gleichberechtigter h&auml;tte gegen&uuml;bertreten k&ouml;nnen, du
+mich jetzt schon lieben w&uuml;rdest. Ja, das w&uuml;rdest du
+&mdash; das wei&szlig; ich!«</p>
+
+<p>»Nein!« Mit einer kr&auml;ftigen Anstrengung machte
+sie sich los. »Niemals!« erkl&auml;rte sie heftig, die Hand
+an die wogende Brust gedr&uuml;ckt. »Ich mache mir nichts
+aus Ihnen &mdash; ich kann es nicht &mdash; ich werde es nie
+tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich
+gewesen zu sein schienen &mdash; aber mich nicht so &mdash; so
+von Ihnen k&uuml;ssen lassen &mdash; das wissen Sie recht gut!
+Ich werde Ihre Frau, weil ich mu&szlig;, weil Sie mich
+dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie &mdash;
+nimmermehr! Unter keinen Umst&auml;nden je h&auml;tte ich
+Sie lieben k&ouml;nnen &mdash; das wei&szlig; ich!«</p>
+
+<p>»Wirklich nicht?«</p>
+
+<p>Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz,
+sah die Geb&auml;rde emp&ouml;rter Abwehr und l&auml;chelte
+wehm&uuml;tig. »Nun, vielleicht hast du recht, und vielleicht
+habe auch ich recht. Wir wollen nicht dar&uuml;ber
+streiten. Die Schicksalsg&ouml;ttinnen sind dir nicht besonders
+hold gewesen, armes kleines M&auml;dchen &mdash; aber
+auch mit mir sind sie nicht besonders gn&auml;dig verfahren!
+La&szlig; mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand
+schaden! Ich bleibe dabei, h&auml;tte ich nur eine
+Chance dir gegen&uuml;ber gehabt, so h&auml;ttest du mich jetzt
+schon lieben sollen.«</p>
+
+<p>»Niemals!« stie&szlig; sie wieder zwischen den Z&auml;hnen
+hervor. »Sie t&auml;uschen sich selbst, wenn Sie das
+glauben! Niemals!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span></p>
+
+<p>Und so verlie&szlig; er sie, und ihr &rsaquo;Niemals!&lsaquo; klang
+ihm im Ohre nach.</p>
+
+<p>Er w&uuml;rde sich in der Halle nicht aufgehalten
+haben &mdash; er pflegte immer Turret Court so schnell
+wie m&ouml;glich zu verlassen, sowie seine Zusammenkunft
+mit Florence vor&uuml;ber war, und es geschah selten, da&szlig;
+eine Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber
+der heutige Tag bildete eine Ausnahme. Ein Feuer
+brannte in der inneren Halle, und in einem gro&szlig;en
+Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er
+war unter dem Einflu&szlig; der einschl&auml;fernden W&auml;rme
+halb eingeschlummert, aber, durch die n&auml;herkommenden
+Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine
+langen Gliedma&szlig;en und g&auml;hnte ungezwungen.</p>
+
+<p>»O, Sie sind&rsquo;s, Leath? Wie geht es Ihnen?
+Wu&szlig;te gar nicht, da&szlig; Sie da waren, alter Junge.
+Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, fortzugehen
+&mdash; wie?«</p>
+
+<p>»Ja. Weshalb?«</p>
+
+<p>»O, nichts Besonderes! Sie w&uuml;rden zu Tisch
+bleiben, wenn Sie irgendein anderer w&auml;ren, aber ich
+wei&szlig;, es n&uuml;tzt nichts, Sie einzuladen. Heute g&auml;be es
+freilich einen Extraspa&szlig;. Sie k&ouml;nnten die Herzogin
+zu Tisch f&uuml;hren.«</p>
+
+<p>»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte
+eben mir mitzuteilen, da&szlig; ich Luft f&uuml;r sie sei.«</p>
+
+<p>»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog
+grinsend den Mund. »Hat wohl eine b&ouml;se Auseinandersetzung
+gegeben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p>
+
+<p>»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete
+Leath wortkarg.</p>
+
+<p>»Ein Gl&uuml;ck f&uuml;r Sie, da&szlig; sie kurz war! Sie und
+der Alte hatten heute morgen ein hitziges Wortgefecht.
+Ich h&ouml;rte etwas davon &mdash; war ein Hauptspa&szlig;! Sie
+zog indessen den k&uuml;rzeren. Wird bei Ihnen wohl
+ebenso gegangen sein? Geh&ouml;rt sich auch so! Sehe
+gar nicht ein, warum die alte Dame sich dazwischenstecken
+will! Was in aller Welt kann es ihr ausmachen,
+ob Florence Sie nimmt oder den alten
+Chichester? Geradezu unversch&auml;mt nenne ich es.
+Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«</p>
+
+<p>»Nein, ich bin zu Fu&szlig; gekommen. Weshalb?«</p>
+
+<p>»Nichts, als da&szlig; Sie einen schrecklich dunklen
+Marsch &uuml;ber die Halde haben werden. Apropos, haben
+Sie den Alten gesehen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; und h&auml;tte es auch nicht k&ouml;nnen, gesetzt
+den Fall, ich h&auml;tte den Wunsch gehabt. Er ist in
+Market Beverley, wie ich h&ouml;re.«</p>
+
+<p>»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie
+irrt sich aber, er kam vor zwei Stunden heim und
+sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie
+ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten
+Zeit nichts an ihm aufgefallen ist?«</p>
+
+<p>Es lag etwas Ungew&ouml;hnliches in dem Tone und
+dem Gesichtsausdruck des jungen Menschen. Mit
+einem schnellen fragenden Aufblick sch&uuml;ttelte Leath
+den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten
+ <span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span>
+vier Wochen kaum dreimal gesehen &mdash; jedenfalls nicht
+zwanzig Worte mit ihm gewechselt. Was sollte mir
+aufgefallen sein?«</p>
+
+<p>»Nun, wie er sich ver&auml;ndert hat!«</p>
+
+<p>»Hat er sich ver&auml;ndert?«</p>
+
+<p>»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet h&auml;tten,
+w&uuml;rden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf
+den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein
+Skelett, und das ist kein Wunder, denn er i&szlig;t kaum
+genug f&uuml;r einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter
+ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin
+ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen;
+und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar
+nicht reden will! Mit ihm mu&szlig; etwas nicht in Ordnung
+sein. Ich m&ouml;chte mit der Mutter und den M&auml;dchen
+nicht gern dar&uuml;ber reden, aber ich bin &uuml;berzeugt davon,
+da&szlig; es auch ihnen auffallen mu&szlig;. Erst gestern,
+in St. Mellions, redete mich der alte Burrows &mdash; Sie
+wissen, Doktor Burrows &mdash; auf der Stra&szlig;e an und
+wollte wissen, was mit ihm los w&auml;re. Sagte, er h&auml;tte
+es schon l&auml;ngst bemerkt, und sein Aussehen gefiele
+ihm ganz und gar nicht.«</p>
+
+<p>»Was wollte er damit sagen?«</p>
+
+<p>»Wei&szlig; ich nicht! Er ging wie die Katze um den
+hei&szlig;en Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus.
+Sie kennen ja die &Auml;rzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch.
+Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu
+ernsten Besorgnissen Anla&szlig; zu geben. Aber was mir
+nicht gef&auml;llt, ist seine neue Angewohnheit, drau&szlig;en
+umherzuschleichen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span></p>
+
+<p>»Umherzuschleichen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; zu allen Stunden und bei jedem Wetter,
+mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von
+uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett
+und drau&szlig;en. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er
+fr&uuml;her nie getan, ja, er ha&szlig;te das Spazierengehen
+geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern
+abend &mdash; wissen Sie noch, wie es regnete? &mdash; war
+er stundenlang drau&szlig;en auf der Halde und kam bis
+auf die Haut durchn&auml;&szlig;t zur&uuml;ck. In der Tat, ganz
+unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter
+glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst
+zu tun pflegte, schleicht er drau&szlig;en irgendwo umher.
+Ich wei&szlig; es meistens, denn seitdem ich es bemerkt
+habe, halte ich die Augen offen. Aber es mu&szlig; etwas
+nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen.
+W&uuml;&szlig;te ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen
+Kummer.«</p>
+
+<p>»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat
+keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten &Uuml;berzieher
+an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar.
+Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«</p>
+
+<p>»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal
+freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte w&uuml;rde
+mich geh&ouml;rig heruntermachen, wenn er w&uuml;&szlig;te, da&szlig;
+ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte &rsquo;mal mit Ihnen
+dar&uuml;ber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequ&auml;lt.
+Trage f&uuml;rs erste noch kein Verlangen danach,
+Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span>
+alter Junge &mdash; m&ouml;chte nur, Sie blieben zu Tische.
+Beneide Sie nicht um Ihren Weg &uuml;ber die &ouml;de Halde.«</p>
+
+<p>&Ouml;de sah die Halde allerdings aus, als Leath
+hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln,
+der Wind, der von der K&uuml;ste her&uuml;berwehte, war sehr
+scharf, und Leath kn&ouml;pfte instinktiv seinen &Uuml;berzieher
+zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung:
+seine Gedanken waren tr&uuml;be und nahmen
+ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte &rsaquo;Niemals!&lsaquo; von
+Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick,
+als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und
+das machte ihn blind und taub gegen alles andere.
+Er hatte keinen gl&uuml;cklichen Augenblick gehabt, seitdem
+sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden,
+aber er war nie so niedergeschlagen und ungl&uuml;cklich
+gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem &rsaquo;Niemals!&lsaquo;
+recht h&auml;tte! Wenn sie wirklich ihn und das
+Band, das sie an ihn kn&uuml;pfte, hassen sollte? Wenn
+sie erst sein Weib war, so w&uuml;rde das entsetzlich sein!
+Konnte ihm irgend etwas f&uuml;r solches Elend Ersatz gew&auml;hren?
+W&auml;re es nicht tausendmal besser gewesen,
+wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz
+geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine
+begonnen h&auml;tte? W&uuml;rde es m&ouml;glich sein, ihr zu
+entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben
+zur&uuml;ckkehren, aus seinem Ged&auml;chtnisse die Erinnerung
+an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszul&ouml;schen,
+als seien sie nie gewesen? Er gedachte der
+Sch&ouml;nheit, die es ihm angetan hatte, schon damals,
+als er sich gesagt, da&szlig; er an anderes zu denken habe
+als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer
+ <span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span>
+bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten,
+als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt;
+er gedachte des hei&szlig;en Err&ouml;tens, das ihr Antlitz bei
+seinem leidenschaftlichen Kusse &uuml;bergossen. Nein &mdash;
+es war nicht m&ouml;glich! Sie sollte ihn noch lieben
+lernen!</p>
+
+<p>Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er
+weit von dem Fu&szlig;wege abgekommen, den er h&auml;tte
+einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen.
+Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den
+felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand
+sich dicht am Rande der Klippe, &mdash; so dicht, da&szlig;
+ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante
+gebracht h&auml;tten, und er blieb einen Augenblick erschrocken
+stehen.</p>
+
+<p>»Es w&auml;re f&uuml;r niemand ein Verlust gewesen, wenn
+ich hinabgest&uuml;rzt w&auml;re,« sagte er halblaut, mit bitterem
+Auflachen.</p>
+
+<p>Er schritt weiter, dem Branden der Wogen
+lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht
+geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont
+auf, das schwere Gew&ouml;lk teilte sich, ein schwacher
+gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond
+durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences
+&rsaquo;Niemals!&lsaquo;, Florences Antlitz verfolgten ihn
+noch immer.</p>
+
+<p>»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin,
+»es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Ha&szlig;
+dauern &mdash; trotz meiner Liebe? Es w&auml;re furchtbar
+ <span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span>
+f&uuml;r uns beide &mdash; furchtbar! Armes Kind &mdash; armes
+kleines M&auml;dchen &mdash; und weshalb sollte er schwinden?
+Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein
+Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft
+aus dem Herzen rei&szlig;en und sie freigeben? Soll ich
+ihr entsagen? Wenn ich &mdash;«</p>
+
+<p class="pmb3">Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei.
+Hinter ihm ert&ouml;nten hastige Schritte, ihn traf ein
+Schlag vor die Stirn, da&szlig; vor seinen Augen grelle
+Flammen &uuml;ber den schwarzen Himmel und das
+schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit
+eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos,
+er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn
+so hinterr&uuml;cks &uuml;berfallen und ihn immer n&auml;her an
+die Felskante dr&auml;ngte; der Schlag auf den Kopf hatte
+ihn halb bet&auml;ubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen.
+Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht
+wieder zu erlangen, aber sein Fu&szlig; glitt auf
+dem kurzen schl&uuml;pfrigen Gras aus, und mit einem
+lauten Aufschrei st&uuml;rzte er kopf&uuml;ber hinunter, sich
+im Fallen an dem groben Gestr&uuml;pp festhaltend, das
+&uuml;ber den Klippenrand hin&uuml;berhing. Die Zweige
+knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder
+tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt,
+ergriff es auch mit der anderen Hand, f&uuml;hlte,
+da&szlig; die Wucht seines Falles gebrochen sei, da&szlig; er
+festen Boden unter den F&uuml;&szlig;en habe. W&auml;hrend der
+Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb
+liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter
+Anstrengung seine fast ersch&ouml;pften Kr&auml;fte
+zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprung
+ <span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span>
+in das Innere einer H&ouml;hle, und vorw&auml;rtsstolpernd,
+brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend,
+fast bewu&szlig;tlos auf dem steinigen Boden von Florences
+Felsenkammer zusammen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_23">23.</h2>
+</div>
+
+<p>Es regnete unaufh&ouml;rlich fast die ganze Nacht,
+aber gegen Morgen kl&auml;rte es sich auf. Ein scharfer
+Wind von der See her blies die Wolken fort, der
+Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell,
+als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow
+betrat, wo der Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch gedeckt stand, da&szlig; er geblendet
+die Hand &uuml;ber die Augen legte.</p>
+
+<p>»Es wird schlie&szlig;lich doch ein sch&ouml;ner Tag werden,«
+sagte er in seiner freundlichen Art zu dem nett aussehenden
+M&auml;dchen, das eilfertig mit der Kaffeekanne
+eintrat. »Als ich heute nacht den Regen h&ouml;rte, glaubte
+ich, eine zweite Sintflut br&auml;che herein. Ich erinnere
+mich kaum eines so kalten und nassen Septembers,
+wie der diesj&auml;hrige gewesen. Herr Leath ist wohl noch
+nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«</p>
+
+<p>»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen,
+gn&auml;diger Herr. Als ich bei ihm anklopfte,
+um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; er mu&szlig;
+also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben
+Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so
+leisen Schlaf,« sagte das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,«
+bemerkte der alte Mann gleichm&uuml;tig; »er wird wohl
+ <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span>
+gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« fuhr er, zu
+sich selbst redend, fort &mdash; in den langen Jahren der
+Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespr&auml;che angew&ouml;hnt,
+&mdash; »ist es sonderbar, da&szlig; der Junge so fr&uuml;h
+auf und davon ist, da er gestern abend erst so sp&auml;t nach
+Hause gekommen ist. Es mu&szlig; zw&ouml;lf gewesen sein,
+denn ich habe ihn gar nicht mehr geh&ouml;rt. Er ist
+nat&uuml;rlich zu Tisch in Turret Court geblieben. Nun,
+das ist gut. Ich wollte, das t&auml;te er &ouml;fter, aber es
+ist wohl seine eigene Schuld, da&szlig; es nicht geschieht.«
+Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich
+wollte, ich w&auml;re fester davon &uuml;berzeugt, als ich bin,
+da&szlig; es eine gl&uuml;ckliche Ehe werden wird. Aber sowohl
+in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das
+mich glauben l&auml;&szlig;t &mdash;. Ah, das ist sein Schritt, ja &mdash;
+er ist es.«</p>
+
+<p>Der Schritt kam n&auml;her, ein Schatten verdunkelte
+die offene Fenstert&uuml;r, der Sherriff mit freundlichem
+L&auml;cheln, das schnell einem Ausdruck der Verwunderung
+und Best&uuml;rzung wich, den Blick zuwandte.</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel, Leath, was ist geschehen?«
+rief er.</p>
+
+<p>»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht!
+Mir wird gleich wieder besser werden,« antwortete
+Leath, als er ins Zimmer trat und auf den n&auml;chsten
+Stuhl sank.</p>
+
+<p>In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge,
+mit seinem leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem
+Blute, das einer Kopfwunde entstr&ouml;mte, bedeckt war,
+sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span>
+Entsetzen machten den Alten stumm. Der J&uuml;ngere
+hub wieder an:</p>
+
+<p>»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend,
+als ich von Turret Court zur&uuml;ckkam, st&uuml;rzte ich von
+der Klippe.«</p>
+
+<p>»Der Klippe? Gro&szlig;er Gott! Du gingst zu nahe
+an die Kante und glittest aus? Und doch bist du hier,
+und am Leben! Der Sturz h&auml;tte einen Menschen
+zweimal t&ouml;ten k&ouml;nnen!« rief Sherriff.</p>
+
+<p>»Wie er mich get&ouml;tet haben w&uuml;rde, w&auml;re ich zuf&auml;llig
+an irgendeiner anderen Stelle hinabgefallen.
+Es ist ein wahres Wunder, da&szlig; ich noch lebe,« antwortete
+Leath. »Sie kennen die Stelle &mdash; die kleine
+H&ouml;hle, die sie &mdash; Florence &mdash; ihre Felsenkammer
+nennt?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen.
+Dort st&uuml;rztest du hinunter?«</p>
+
+<p>»Ja. Der Felsenvorsprung vor der H&ouml;hle hat
+mich gerettet. Ich hielt mich an irgend etwas fest &mdash;
+wie, wei&szlig; ich nicht. Es brach die Wucht meines Falles,
+und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein
+Leben hing an einem Haar &mdash; so nahe habe ich dem
+Tode noch niemals ins Auge geschaut, obwohl er mir
+mehrmals nahe genug gewesen ist. &mdash; Wollen Sie
+mir etwas Kognak geben? Ich war einf&auml;ltig genug,
+ohnm&auml;chtig zu werden, und kam erst vor etwa einer
+Stunde wieder ordentlich zu mir.«</p>
+
+<p>Sherriff, dessen H&auml;nde so zitterten, da&szlig; er die
+Flasche kaum halten konnte, holte schnell den Kognak
+ <span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span>
+herbei. Leath leerte das Glas mit einem Zuge, und
+die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte
+allm&auml;hlich in sein Antlitz zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Das tut gut,« sagte er. »Ich mu&szlig; gestehen, da&szlig;
+ich mich sehr schwach f&uuml;hle. Daran ist wohl der Schlag
+auf den Kopf schuld.«</p>
+
+<p>»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.</p>
+
+<p>»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«</p>
+
+<p>»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete
+Leath finster.</p>
+
+<p>»Nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, ich wurde hinuntergesto&szlig;en.«</p>
+
+<p>»Hinuntergesto&szlig;en?« antwortete Sherriff voll
+Entsetzen.</p>
+
+<p>»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und
+wurde gepackt und festgehalten, ehe ich wu&szlig;te, woran
+ich war; ich konnte mich nicht zur Wehr setzen. Der
+Schlag wurde zuerst nach mir gef&uuml;hrt &mdash; ich wei&szlig;
+nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen
+kannte, wurde ich, wie gesagt, hinabgest&uuml;rzt.«</p>
+
+<p>»Aber, g&uuml;tiger Himmel, Leath, das war Mord!«
+rief Sherriff entsetzt.</p>
+
+<p>»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er.
+»Der Mensch, der mich von der Klippe hinabstie&szlig;,
+wollte mich aus der Welt schaffen, so gewi&szlig;,
+wie wir beide einander gegen&uuml;bersitzen. Es war vielleicht
+kein &uuml;berlegter Mordanschlag, das behaupte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span>
+ich nicht &mdash; das glaube ich kaum. Er mag mir absichtlich
+gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann es
+nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf
+an. Aber er beabsichtigte, mich zu t&ouml;ten, und glaubte
+ohne Zweifel, da&szlig; er es getan. Und wenn es ihm gelungen,
+wenn ich tot auf dem Felsen gefunden worden
+w&auml;re, was w&uuml;rde es anders gewesen sein als ein Unfall,
+ein Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder
+bitter auf. »Er w&uuml;rde sicher genug, vollkommen sicher
+gewesen sein! Wer h&auml;tte daran gedacht, Sir Jasper
+Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung
+zu bringen, der mit seiner Einwilligung sein M&uuml;ndel
+heiraten sollte?«</p>
+
+<p>»Sir Jasper Mortlake?« stie&szlig; Sherriff hervor
+und sprang auf.</p>
+
+<p>»Freilich &mdash; er und kein anderer! Ich habe sein
+Gesicht gesehen; dazu war es nicht zu dunkel, und
+h&auml;tte ich es auch nicht erkannt, so w&uuml;rde ich es doch
+gewu&szlig;t haben. Er hat Grund genug, meinen Tod
+zu w&uuml;nschen &mdash; hatte es, wie ich jetzt wei&szlig;, seitdem
+er mich zum ersten Male gesehen und mich ha&szlig;te
+wegen der &Auml;hnlichkeit, an die zu glauben er sich
+f&uuml;rchtete. Damals konnte ich es mir nicht erkl&auml;ren,
+seitdem habe ich dar&uuml;ber gelacht, und ebenfalls &uuml;ber
+meine eigene Dummheit, keinen Verdacht zu sch&ouml;pfen.«</p>
+
+<p>»Gro&szlig;er Gott! Welchen Verdacht?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen erz&auml;hlen. Vor Ihnen wenigstens
+kann ich es jetzt nicht l&auml;nger geheimhalten,
+und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, um
+meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, da&szlig;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span>
+es f&uuml;rs erste nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl
+ich gleich jenem Menschen gegen&uuml;bertreten und
+ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«</p>
+
+<p>»Um &mdash; um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff
+best&uuml;rzt.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; um ihret-, um Florences willen. Sie
+haben sich gewundert, weshalb sie versprochen hat,
+mein Weib zu werden; Sie haben sich gewundert, weshalb
+Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie
+haben sich noch &uuml;ber manches andere gewundert. Sie
+wundern sich jetzt, weshalb er versucht hat, mich zu
+ermorden. H&ouml;ren Sie mir ein paar Minuten zu, so
+sollen Sie es erfahren.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er
+mu&szlig; sicher bald hier sein &mdash; er versprach, zum Fr&uuml;hst&uuml;ck
+zu kommen, und es ist ein so wundervoller Morgen
+nach dem Regen, da&szlig; es mich eine S&uuml;nde d&uuml;nkt,
+im Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?«
+fragte Cis.</p>
+
+<p>Sie kam die Treppe herab und kn&ouml;pfte sich die
+Handschuhe zu, als sie ihrer Cousine ansichtig wurde,
+die zwischen den Vorh&auml;ngen des einen der gro&szlig;en,
+viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle
+Licht empfing. Sie war so in Gedanken versunken,
+w&auml;hrend sie hinausblickte, da&szlig; sie sich erst, als die
+andere sie ber&uuml;hrte, zusammenschreckend umwandte.</p>
+
+<p>»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist
+recht! Du siehst so h&uuml;bsch aus, Schatz!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p>
+
+<p>»So?« Cis l&auml;chelte. »Blau steht mir immer gut,
+aber nicht besser als dir. Willst du nicht mitkommen,
+Florence? Du siehst so bla&szlig; aus, und deine Augen
+sind so tr&uuml;be. Die Luft w&uuml;rde dir sicher gut tun!«</p>
+
+<p>»Bla&szlig; &mdash; so?« Florence fuhr sich mit der Hand
+&uuml;ber die Stirn. »Ich habe seit einiger Zeit die dumme
+Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist wohl schuld
+daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen;
+ich bin nicht recht aufgelegt dazu!«</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t krank sein, du warst sonst immer zu
+allem aufgelegt,« sagte Cis mit z&auml;rtlicher Teilnahme.
+»Du bist auch viel magerer geworden, Liebling; gestern
+habe ich noch mit Mutter dar&uuml;ber gesprochen. Und
+du siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine
+Nonne aus. Ich wollte, du tr&uuml;gest es nicht.«</p>
+
+<p>»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas d&uuml;ster
+aus,« meinte Florence mit schwachem L&auml;cheln. »Mache
+dir um mich und mein Aussehen keine Sorge, kleine
+Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich
+nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe?
+Im get&auml;felten Zimmer?«</p>
+
+<p>»Ja. Aber ich w&uuml;rde sie dort nicht aufsuchen,
+Florence; die Herzogin ist bei ihr.«</p>
+
+<p>»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre
+Durchlaucht und ich haben hoffentlich das letzte notwendige
+Wort miteinander gesprochen. Will sie wirklich
+heute fort?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, &mdash; wei&szlig; es aber nicht gewi&szlig;. Sie
+hat Mutter gesagt, sie w&uuml;rde abreisen, sobald sie
+Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, da&szlig;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span>
+er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy
+behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht
+mit ihr gef&uuml;rchtet!« sagte Cis lachend.</p>
+
+<p>»Kaum, sollte ich denken.« Florence l&auml;chelte kalt.</p>
+
+<p>»O, nat&uuml;rlich war es nur ein Spa&szlig;! Trotzdem
+bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich
+sehr m&uuml;de von Market Beverley zur&uuml;ckgekommen.
+Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr
+elend ausgesehen und ist so verdrie&szlig;lich wie m&ouml;glich
+gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so
+mu&szlig; ich fort, sonst verfehle ich Harry.«</p>
+
+<p>Sie trippelte davon, die Fl&uuml;gelt&uuml;ren fielen hinter
+ihr zu. Das L&auml;cheln wich aus Florences Antlitz, als
+ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite
+Fensterbank und fuhr m&uuml;de mit der Hand &uuml;ber Stirn
+und Augen.</p>
+
+<p>»Ich wollte, ich k&ouml;nnte schlafen, wie ich sonst
+geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen
+N&auml;chte fangen an, mich zu &auml;ngstigen. Gesetzt, ich w&uuml;rde
+krank, &mdash; gesetzt, ich bek&auml;me Fieber? Ich k&ouml;nnte
+phantasieren &mdash; k&ouml;nnte alles erz&auml;hlen, verraten? Wer
+wei&szlig;? Ich habe sagen h&ouml;ren, Fieberkranke redeten
+immer von dem, was sie am meisten besch&auml;ftigt. Ich
+mu&szlig; einen Doktor zu Rate ziehen, mu&szlig; mir irgendein
+Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich
+schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen
+&mdash; ich habe so gr&auml;&szlig;liche Tr&auml;ume! Gestern nacht war
+es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich m&ouml;chte
+wissen, ob es das Vern&uuml;nftigste w&auml;re, wenn ich t&auml;te,
+was er zweimal in mich gedrungen, zu tun &mdash; und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span>
+ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm
+fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es w&uuml;rde
+wenigstens &uuml;berstanden &mdash; unwiderruflich sein, und
+da es geschehen mu&szlig;, was frommt es, es aufzuschieben?
+Ich mu&szlig; es tun &mdash; ich habe mein Wort gegeben!
+Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich
+z&ouml;gere, meines einzul&ouml;sen? Was ist das? So fr&uuml;h?
+Weshalb kommt er heute so fr&uuml;h?«</p>
+
+<p>Sie kannte den Schritt, der durch die &auml;u&szlig;ere Halle
+kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt
+vernommen, ohne da&szlig; ihr Pulsschlag sich, halb aus
+Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war
+immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der
+nachl&auml;ssigen K&auml;lte zu verbergen, die sie ihm gegen&uuml;ber
+gew&ouml;hnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, da&szlig;
+er sehen sollte, da&szlig; er sie &uuml;berhaupt nach irgendeiner
+Richtung hin erregen konnte.</p>
+
+<p>Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz
+gefa&szlig;tem, gleichg&uuml;ltigem Gesicht der Fl&uuml;gelt&uuml;r zu.
+Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die
+T&uuml;r ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.</p>
+
+<p>Dem M&auml;dchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller
+Best&uuml;rzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug
+war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren
+waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen,
+aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten
+worden und lie&szlig; eine wei&szlig;e Binde sehen. Das sowohl
+wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches
+Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt.
+Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich
+&uuml;ber sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span></p>
+
+<p>»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden?
+Sie haben sich weh getan!«</p>
+
+<p>»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie
+mit so schmerzlichem Drucke festgehalten. »Ich &mdash;
+wu&szlig;te nicht, da&szlig; du hier bist,« sprach er, »ich wollte
+dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir
+Jasper aufzusuchen.«</p>
+
+<p>»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie
+sind Sie zu der Wunde gekommen?« Sie blickte Sherriff
+an und dann wieder ihren Verlobten, und etwas
+wie schreckensvolles Verst&auml;ndnis d&auml;mmerte in ihren
+Z&uuml;gen auf. »Sie sind verletzt &mdash; Sie kommen her,
+um mit Sir Jasper zu reden? Herr Sherriff,« rief
+sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erz&auml;hlen, was das
+alles zu bedeuten hat!«</p>
+
+<p>Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser
+antworten konnte.</p>
+
+<p>»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens mu&szlig;
+es doch wohl erfahren?«</p>
+
+<p>»Erz&auml;hle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt
+noch vor ihr geheimhalten? Und sie hat ein Recht,
+es zu wissen.«</p>
+
+<p>»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie
+es mir.«</p>
+
+<p>Er tat es. Das junge M&auml;dchen sa&szlig; auf der
+Fensterbank und h&ouml;rte mit weitge&ouml;ffneten, entsetzten
+Augen, die unverwandt an seinem Gesichte hingen,
+der Erz&auml;hlung zu, die er barmherzigerweise so kurz
+ <span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span>
+machte, wie er konnte. Er war seit einer vollen Minute
+zu Ende, ehe sie den Kopf hob und auf Sherriff
+deutete.</p>
+
+<p>»Sie haben ihm alles gesagt?«</p>
+
+<p>»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl &mdash; ich konnte
+nicht l&auml;nger schweigen. Ich wei&szlig;, damit habe ich
+gewisserma&szlig;en unser &Uuml;bereinkommen gebrochen, aber
+nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund.
+Du wei&szlig;t, du darfst dich darauf verlassen, da&szlig; er ein
+ebenso unverbr&uuml;chliches Schweigen beobachten wird
+wie du oder ich.«</p>
+
+<p>»Sie d&uuml;rfen mir trauen, meine Liebe,« sprach
+Sherriff mit versagender Stimme. Er war bleicher
+als der junge Mann; die seelische Erregung hatte
+tiefe Spuren in seinen Z&uuml;gen zur&uuml;ckgelassen. »Ich &mdash;
+bin entsetzt &mdash; bin best&uuml;rzt! Aber um Ihrer selbst
+willen, um der Lebenden und der einen Toten willen
+k&ouml;nnen Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein
+Kind.«</p>
+
+<p>»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte
+Florence verst&auml;ndnislos. »Ja, das wei&szlig; ich. Das macht
+keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie blickte
+scheu zu Leath hin&uuml;ber. »Was wollen Sie tun?«</p>
+
+<p>»Sir Jasper aufsuchen. Endlich m&uuml;ssen wir ein
+paar deutliche Worte miteinander reden.« Er sah
+Sherriff an. »Und um meiner eigenen Sicherheit
+willen, um jeder M&ouml;glichkeit vorzubeugen, da&szlig; sich
+der gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, da&szlig;
+bei diesen Worten ein Zeuge zugegen ist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span></p>
+
+<p>»Ja?« Sie blickte noch &auml;ngstlicher. »Und hinterher
+&mdash; was dann?«</p>
+
+<p>»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch
+kommen?«</p>
+
+<p>Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone,
+und zum ersten Male etwas wie Z&auml;rtlichkeit &mdash; liebevolle
+Z&auml;rtlichkeit, die das Grauenvolle der Situation
+bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung,
+ihre Hand zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit
+verdr&auml;ngten die K&auml;lte aus ihrem Antlitz, als
+sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein
+anderer Ausdruck in ihre Z&uuml;ge, der ihn veranla&szlig;te,
+sich j&auml;h umzuwenden, und als er das tat, &ouml;ffnete Sir
+Jasper die T&uuml;r der Bibliothek und trat in die Halle.</p>
+
+<p>Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths
+Anblick blieb er pl&ouml;tzlich stehen, als sei er wie vom
+Donner ger&uuml;hrt. Eine seltsame, schreckliche Bl&auml;sse &uuml;berzog
+sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang schwer
+nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach
+einem Halt, erfa&szlig;te eine Stuhllehne und klammerte
+sich taumelnd daran fest &mdash; ein grausiger Anblick.
+Leath hub zu reden an.</p>
+
+<p>»Sie sehen, es ist Ihnen mi&szlig;gl&uuml;ckt. Ihr Versuch,
+mich gestern abend auf der Klippe ums Leben zu
+bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier &mdash; und am
+Leben.«</p>
+
+<p>Sir Jasper gab keine Antwort.</p>
+
+<p>Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einf&ouml;rmigen
+Tone weiter. Florence sa&szlig; bleich, mit weitoffenen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span>
+Augen und fest zusammengepre&szlig;ten H&auml;nden
+da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte
+er auf ihre Schulter gelegt, mit der andern beschattete
+er seine Augen.</p>
+
+<p>»Es w&auml;re besser gewesen, ich h&auml;tte damals, als
+ich zu Ihnen kam, Sie um Gr&auml;fin Florences Hand zu
+bitten, die wenigen unverbl&uuml;mten Worte gesprochen,
+Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war
+Florences Wunsch, da&szlig; alles, was zwischen uns
+lag, uner&ouml;rtert bleiben sollte, und ich f&uuml;gte mich
+ihm. Sie wu&szlig;ten, welches der Preis war, den ich
+f&uuml;r die Einwilligung Florences, meine Frau zu
+werden, zahlte, und f&uuml;r den sie willens war, sich zu
+opfern. Ich meinerseits wu&szlig;te, da&szlig; Sie nicht wagen
+w&uuml;rden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern
+&mdash; Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen
+Stellung willen, durften es nicht, um Ihrer beiden
+Kinder und um der ungl&uuml;cklichen Frau willen, die
+sich f&uuml;r Ihre Gattin h&auml;lt.«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen
+die Stuhllehne, die er umklammert hatte, machte aber
+sonst keine Bewegung, noch ging in seinem starren
+Antlitz eine Ver&auml;nderung vor. Leath fuhr fort:</p>
+
+<p>»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem
+Tage h&ouml;rten Sie es. Sie erfuhren, da&szlig; Gr&auml;fin Florence
+die Beweise gesehen hatte, die Sie f&uuml;r vernichtet
+hielten &mdash; Beweise, deren Duplikate in Australien
+sind, &mdash; die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston
+in Melbourne, vor einunddrei&szlig;ig Jahren, mit der Sie
+sich unter dem Namen Robert Bontine haben trauen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span>
+lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer &uuml;berdr&uuml;ssig
+geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem
+Schicksal &uuml;berlassen hatten, da&szlig; sie bis vor acht Jahren
+am Leben gewesen. Sie wu&szlig;ten, da&szlig; ich die Heirat
+beweisen konnte, wenn es mir beliebte, da&szlig; ich meine
+eigene rechtm&auml;&szlig;ige Geburt beweisen konnte, denn Sie
+wu&szlig;ten, da&szlig; ich Ihr Sohn war!«</p>
+
+<p>Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn
+noch immer an, aber das Hinundherschwanken hatte
+aufgeh&ouml;rt.</p>
+
+<p>»Sie wu&szlig;ten, da&szlig; ich Ihr Sohn war!« wiederholte
+Leath. »Sie hatten es gef&uuml;rchtet und geargw&ouml;hnt,
+das wei&szlig; ich jetzt, seit dem Tage, an dem Sie
+mich zum ersten Male gesehen und in meinen Z&uuml;gen
+die &Auml;hnlichkeit meiner verstorbenen Mutter entdeckt
+haben.« Er lachte ingrimmig auf. »Sie haben sie
+verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben
+sie in Armut und Schande verkommen lassen &mdash; jetzt,
+nach &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren, hat Sie die Rache ereilt.
+Die erste Geschichte, die ich von ihren Lippen vernahm,
+als ich alt genug war, sie zu verstehen, war diese &mdash;
+die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die
+letzten Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach,
+waren ein Gel&uuml;bde, da&szlig; ich den Mann an dem Orte
+in England, den er als seine Heimat bezeichnet hatte,
+aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von
+ihm fordern wolle. Es dauerte acht Jahre, aber ich
+habe jenes Versprechen nie aus den Augen verloren.
+Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie
+ich wei&szlig;, weshalb Sie gestern abend versucht haben,
+mich zu ermorden. Solange ich lebte, f&uuml;rchteten Sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span>
+mich, trotz meines gegebenen Wortes. War ich tot, so
+konnten Sie keinen Grund zum F&uuml;rchten mehr haben.«</p>
+
+<p>Florence schrie auf. Sir Jasper st&uuml;rzte hilflos
+zu Boden. Das junge M&auml;dchen sank auf die Knie und
+hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war schrecklich
+verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und
+starr, als s&auml;hen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls
+niedergebeugt hatte, schaute mit einem Ausdruck des
+Entsetzens zu dem j&uuml;ngeren Manne empor.</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel, Leath, was ist das? Der
+Tod?«</p>
+
+<p class="pmb3">»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es
+ist Tod bei lebendigem Leibe &mdash; ein Schlaganfall!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_24">24.</h2>
+</div>
+
+<p>Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper
+Mortlake wie vom Blitze getroffen vor Everard Leath
+hingest&uuml;rzt war, und so lag er noch immer. In Turret
+Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei &Auml;rzte,
+die herbeigerufen wurden, erkl&auml;rten, ihr Patient k&ouml;nne
+noch Jahre so daliegen wie jetzt &mdash; unverst&auml;ndliche
+Laute vor sich hinmurmelnd und ins Leere starrend.
+Es w&auml;re m&ouml;glich, da&szlig; er nach einiger Zeit in beschr&auml;nktem
+Ma&szlig;e die Gliedma&szlig;en wieder werde bewegen
+k&ouml;nnen, aber das Gehirn werde nie wieder
+funktionieren &mdash; das sei ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Sie stimmten auch darin &uuml;berein, diese ernsten
+Doktoren, da&szlig; der Anfall sich wahrscheinlich schon
+seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn schlie&szlig;lich
+veranla&szlig;t h&auml;tte, k&ouml;nne man unm&ouml;glich sagen.
+Eine gro&szlig;e Ersch&uuml;tterung m&ouml;glicherweise. Wu&szlig;te Lady
+Agathe, ob er irgendeine solche Ersch&uuml;tterung gehabt
+hatte?</p>
+
+<p>Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des
+Kummers und Schreckens kaum f&auml;hig war, etwas
+anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser
+Abh&auml;ngigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel
+st&auml;rker war, ihr so viel besser Trost zusprechen konnte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span>
+als ihre Tochter, weinte bei diesen Fragen nur aufs
+neue und erkl&auml;rte schluchzend, es habe nichts vorgelegen.
+Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend
+leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und
+vielleicht ein &mdash; wenig gr&auml;mlicher geworden, gab die
+ungl&uuml;ckliche Frau zu. Sie h&auml;tte ihrem Tyrannen jetzt,
+wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern jegliche
+Tugend zuerkannt &mdash; aber das war alles. An
+dem Abend, der dem Schlaganfall vorangegangen, war
+er nicht zum Essen heruntergekommen, &mdash; etwas sehr
+Ungewohntes von ihm, &mdash; aber sie hatte dem keine
+weitere Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag
+bekam, unterhielt er sich ruhig in der Halle mit ihrer
+Nichte und ihrem Verlobten. »Nein &mdash; von einer besonderen
+Gem&uuml;tsbewegung war keine Rede gewesen,«
+beteuerte Lady Agathe unschuldig. Gr&auml;fin Florence
+w&uuml;rde ihnen dasselbe sagen.</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence, die in diesen Tagen des Leids
+stets in unmittelbarer N&auml;he ihrer Tante blieb, ausgenommen,
+wenn sie die kleine Cis tr&ouml;stete, deren
+leidenschaftliche Schmerzensausbr&uuml;che selbst Harry
+nicht beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir
+Jasper habe bleich und wunderlich ausgesehen; er
+habe sich eine Weile an einem Stuhle festgehalten
+und sei dann pl&ouml;tzlich zu Boden gest&uuml;rzt. Herr Leath,
+ihr Verlobter, w&uuml;rde ihnen das best&auml;tigen, und ebenfalls
+Herr Sherriff, der zugegen gewesen.</p>
+
+<p>Aber die &Auml;rzte meinten, es sei nicht n&ouml;tig, sie
+zu befragen, Lady Agathes Bericht sei vollst&auml;ndig
+zufriedenstellend und ausreichend. Es w&auml;re unm&ouml;glich,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span>
+den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall eintreten
+w&uuml;rde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden;
+die Wissenschaft verm&ouml;ge viel, aber das k&ouml;nnte
+sie doch noch nicht. Und kopfsch&uuml;ttelnd verlie&szlig;en die
+Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage schleppten
+sich schwer dahin.</p>
+
+<p>Es war kaum f&uuml;nf Uhr, aber trotzdem brach die
+D&auml;mmerung des tr&uuml;ben Oktobertages herein; in dem
+get&auml;felten Zimmer w&auml;re es schon dunkel gewesen,
+h&auml;tte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell
+empor und zeigte Florence, die in einem bequemen
+Lehnstuhl vor dem Kamin sa&szlig;. In dem langen,
+schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, &mdash;
+sie hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen,
+&mdash; sah sie sehr zart und schlank und jung aus. Den
+Kopf lehnte sie m&uuml;de zur&uuml;ck; ihre Augen waren geschlossen,
+und die langen, schwarzen, dichten Wimpern
+machten die Bl&auml;sse ihres Gesichtes nur noch auffallender.
+Lady Agathe, bei all ihrem schmerzlichen Weinen
+und Jammern, sah nicht ersch&ouml;pfter und gebrochener
+aus als das M&auml;dchen, das, seitdem der Schlag gefallen,
+keine Tr&auml;ne vergossen hatte. Tr&auml;nen gab es
+f&uuml;r sie nicht mehr, hatte sie zu sich gesagt, w&auml;hrend sie
+halb verwundert, halb neidisch zusah, wie ihre Tante
+weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht
+tr&ouml;sten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen
+und weinen konnte, war vor mehr als einem Monat
+gestorben &mdash; an jenem sonnigen Nachmittage im
+Bungalow, und f&uuml;r sie gab es kein Auferstehen.</p>
+
+<p>Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer
+ <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span>
+Stunde ihre Stellung nicht ver&auml;ndert hatte. Ein Diener
+trat ein, und sie fuhr mit weitge&ouml;ffneten Augen empor.</p>
+
+<p>»Herr Leath ist da, gn&auml;diges Fr&auml;ulein. Er fragt,
+ob das gn&auml;dige Fr&auml;ulein wohl genug sei, ihn heute
+ein paar Minuten zu empfangen?«</p>
+
+<p>Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war
+Everard Leath nach Turret Court gekommen, aber
+nur einmal, und dann f&uuml;r die denkbar k&uuml;rzeste Zeit,
+hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer
+entschuldigt. Sie wu&szlig;te indessen, da&szlig; das nicht stets
+so weitergehen konnte und hatte heute im get&auml;felten
+Zimmer auf sein Kommen gewartet. Sie mu&szlig;te ihn
+sehen &mdash; er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes
+Wort mu&szlig;te sie halten wie er das seine, um
+Lady Agathes und ihrer Kinder willen mu&szlig;te alles
+bleiben, wie es gewesen. Da&szlig; Everard Leath in
+Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe &mdash; man
+h&auml;tte sagen k&ouml;nnen der Besitzer &mdash; von Turret Court,
+war eine Tatsache, die nie bekannt werden durfte.</p>
+
+<p>Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung
+geratenes Haar zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen.
+Sie k&ouml;nnen ihn hier hereinf&uuml;hren, Morgan.«</p>
+
+<p>Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht
+so in der Gewalt wie ihre Stimmung; sie begann
+beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, und als
+die T&uuml;r aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl.
+Leath sah, wie sie sich in die Polster schmiegte und
+ihn mit flehenden, erschreckenden Augen anblickte. Ein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span>
+seltsamer Ausdruck &mdash; es war ein ironisches L&auml;cheln
+und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit
+&mdash; glitt &uuml;ber sein Gesicht, aber er war im n&auml;chsten
+Augenblick wieder verschwunden. Er streckte die Hand
+aus und ergriff die von Florence, welche bebend in
+ihrem Scho&szlig;e lag.</p>
+
+<p>»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du
+siehst sehr bla&szlig; aus.«</p>
+
+<p>»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten
+kann, zu sein,« antwortete sie.</p>
+
+<p>»Wohl genug, da&szlig; ich mit dir sprechen kann?
+Wenn nicht, so sage es. Dann werde ich bis morgen
+warten.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht n&ouml;tig. Ich hatte mich schon entschlossen,
+Sie zu sehen, wenn Sie heute vork&auml;men.
+Es war sehr lieb von Ihnen, da&szlig; Sie nicht eher
+darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf.
+»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p>
+
+<p>»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.«
+Er hielt inne. »Es ist wohl keine Ver&auml;nderung eingetreten?«</p>
+
+<p>»In Sir Jaspers Zustand? Nein &mdash; keine. Sie
+wissen, da&szlig; das auch nicht zu erwarten ist, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei
+lebendigem Leibe. Rache genug f&uuml;r mich, wenn ich
+danach verlangte.«</p>
+
+<p>Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span>
+Gesicht merkw&uuml;rdig gefa&szlig;t und ernst. Sein ganzes
+Wesen war seltsam und f&uuml;r Florence unerkl&auml;rlich
+ver&auml;ndert. Er hatte ihre Hand nicht behalten &mdash; hatte
+sie nur eben lose einen Augenblick erfa&szlig;t und dann
+losgelassen &mdash; er, dessen H&auml;ndedruck immer eine innige
+Liebkosung an sich gewesen war. Unz&auml;hlige Male
+hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, da&szlig;
+sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf.
+Weshalb sah er so aus? Was wollte er ihr sagen?
+Eine angstvolle Beklommenheit, die jede Sekunde
+seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den Herzschlag
+des M&auml;dchens. Sie sprach endlich, denn sie
+f&uuml;hlte, da&szlig; sie es nicht l&auml;nger ertragen konnte.</p>
+
+<p>»Ist &mdash; ist irgend etwas passiert?« stammelte sie.
+»Sie sehen so sonderbar aus!«</p>
+
+<p>»Sonderbar? &mdash; So?« Er hob den Kopf und
+blickte sie an. »Nein, &mdash; passiert ist nichts. Ich habe
+einen Kampf auszuk&auml;mpfen gehabt, und zwar keinen
+leichten &mdash; das ist alles. Aber er ist vor&uuml;ber &mdash; er
+liegt hinter mir. Um so besser f&uuml;r mich. Ich &uuml;berlegte
+nur, wie ich es dir am besten sage.«</p>
+
+<p>»Mir sage?« wiederholte sie.</p>
+
+<p>»Ja. Sieh nicht so &auml;ngstlich aus, Kind! Den
+Ausdruck habe ich allzuoft auf deinem Gesicht gesehen
+&mdash; ich m&ouml;chte lieber eine andere Erinnerung mit
+hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich
+so kurz wie m&ouml;glich. Ich gehe fort, Florence.«</p>
+
+<p>»Fort?« rief sie. »Nach London?«</p>
+
+<p>»London? Was habe ich in London zu suchen?
+ <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span>
+Ich gehe nach Australien zur&uuml;ck &mdash; dem einzigen Fleck
+Erde, der mich angeht, den nie zu verlassen ich gut
+getan h&auml;tte. Ich fahre mit der &rsaquo;Etruria&lsaquo;. Sie geht
+in vier Tagen.«</p>
+
+<p>»Und &mdash; und ich?«</p>
+
+<p>Sie stie&szlig; die Worte, nach Atem ringend, hervor,
+w&auml;hrend sie emporfuhr und ihn mit weitge&ouml;ffneten,
+ungl&auml;ubigen Augen anstarrte &mdash; Verwunderung,
+Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Z&uuml;gen. Sie
+war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende
+Hand, die sie ihm entgegenstreckte, hielt sie einen
+Augenblick fest umschlossen und dr&auml;ngte sie dann sanft
+von sich.</p>
+
+<p>»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde
+Sie von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten.«</p>
+
+<p>Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und
+ihre gro&szlig;en, schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt
+an den seinen, als f&uuml;rchte sie sich, sie abzuwenden.</p>
+
+<p>»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu
+heiraten,« wiederholte er mit fester Stimme. »Ich
+befreie Sie von einer Verpflichtung, die Sie hassen
+und die Sie nie h&auml;tten eingehen sollen. Ich habe einen
+sch&auml;ndlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind &mdash;
+ich wu&szlig;te es, als ich es tat &mdash; ich habe mir feige
+Ihre Zuneigung f&uuml;r die Ihren und Ihre Selbstaufopferung
+zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die
+Liebe zu einem Weibe hat schon manchen Mann unw&uuml;rdige
+Handlungen begehen lassen. Dem sei nun,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span>
+wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, Sie
+zu einer Ehe, die Sie ungl&uuml;cklich machen mu&szlig;, zu
+zwingen, und als ich glaubte, Ihre Liebe erringen
+zu k&ouml;nnen, mag ich wohl ein Tor gewesen sein. Sie
+hassen mich. Und ha&szlig;ten Sie mich, wenn Sie mein
+Weib w&auml;ren, so w&uuml;rde ich uns beide, Sie und mich
+selbst, ums Leben bringen, glaube ich. Aber das ist
+eine Frage, die wir nicht weiter zu er&ouml;rtern brauchen;
+denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole
+es &mdash; ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien
+zur&uuml;ck. Sie sind mich f&uuml;r den Rest Ihres Lebens los.«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Das junge M&auml;dchen tastete nach
+dem Kaminsims, neben dem sie stand, und hielt sich
+daran fest; aber ihr Gesicht ver&auml;nderte sich nicht, und
+sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe
+Leath weiterreden konnte, ging die T&uuml;r auf, und Lady
+Agathe und ihre Tochter traten ein.</p>
+
+<p>»Liebe Florence &mdash; o, Herr Leath, Sie sind es!«
+stammelte Lady Agathe verwirrt, »ich wu&szlig;te nicht,
+da&szlig; Sie hier sind!«</p>
+
+<p>Sie wandte sich wieder nach der T&uuml;r, aber Leath
+hielt sie zur&uuml;ck, ehe sie dieselbe erreicht hatte.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich
+Sie bitten, einen Augenblick zu verweilen? W&auml;ren
+Sie nicht hereingekommen, so w&uuml;rde ich Sie vor
+meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten
+haben.«</p>
+
+<p>»Mich &mdash; um eine Unterredung?« stammelte die
+Angeredete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span></p>
+
+<p>»Ja. Ich m&ouml;chte Ihnen sagen, da&szlig; ich Gr&auml;fin
+Florence ihr Wort zur&uuml;ckgegeben habe. Unsere Verlobung
+ist aufgehoben.«</p>
+
+<p>»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe
+verwundert.</p>
+
+<p>Cis stie&szlig; einen leisen Schrei aus und lief auf
+ihre Cousine zu.</p>
+
+<p>»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in
+demselben ruhigen Tone. Er sah Florence nicht an,
+ja, warf ihr nicht einmal einen Blick zu.</p>
+
+<p>»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so
+trifft er ganz allein mich. Ihre Nichte macht
+sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von
+mir zu halten. Sie hat mich nicht get&auml;uscht, aber das
+Ganze war ein unseliger Irrtum. Unsere Verlobung
+h&auml;tte nie stattfinden sollen.«</p>
+
+<p>»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden,
+mu&szlig; ich sagen, da&szlig; ich v&ouml;llig mit Ihnen &uuml;bereinstimme,«
+sagte Lady Agathe und dr&uuml;ckte das Taschentuch
+an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer
+ein R&auml;tsel, ein dunkles R&auml;tsel gewesen &mdash; wie Florence
+selbst wei&szlig;. Ich kann nicht glauben, da&szlig; Ihre
+Ehe f&uuml;r einen von Ihnen gl&uuml;cklich ausgefallen w&auml;re
+&mdash; ich habe es nie geglaubt. Die &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse
+und alles war so ungleich. Und da Sie, wie Sie
+sagen, wissen, da&szlig; Florence sich nie etwas aus Ihnen
+gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht,
+da&szlig; Sie sie freigeben.«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span>
+finsteres L&auml;cheln umspielte seine Lippen einen Augenblick;
+aber wenn auch Lady Agathe es gesehen h&auml;tte,
+so w&uuml;rde sie doch weit entfernt davon gewesen sein,
+seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand
+hin und sprach freundlich: »Sie haben keinen Grund,
+mich gern zu haben, Lady Agathe, und ich wei&szlig;,
+Sie haben mich nicht leiden k&ouml;nnen. Aber da ich nach
+Australien zur&uuml;ckkehre und aller Wahrscheinlichkeit
+nach England niemals wiedersehen werde, wollen Sie
+mir da Lebewohl sagen und mir gestatten, Ihnen
+meine W&uuml;nsche auszusprechen, da&szlig; auch f&uuml;r Sie gl&uuml;cklichere
+Zeiten kommen m&ouml;gen!«</p>
+
+<p>Die gute Lady Agathe, die ger&uuml;hrt war, ohne
+zu wissen, weshalb, gab ihm mit einer gewissen Herzlichkeit
+die Hand. Er beugte sich auf sie herab und
+lie&szlig; sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und
+schlo&szlig; sie, zu des jungen M&auml;dchens unsagbarer Verwunderung,
+in die Arme und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »M&ouml;ge
+Ihnen ein gl&uuml;ckliches Leben beschieden sein!« Er schritt
+auf die T&uuml;r zu und drehte sich &mdash; die Hand schon auf
+dem T&uuml;rgriff &mdash; noch einmal um und blickte nach
+der regungslosen Gestalt am Kamin hin&uuml;ber. »Lebe
+wohl, Florence,« sagte er fast im Fl&uuml;stertone, »lebe
+wohl!«</p>
+
+<p>Die T&uuml;r fiel ins Schlo&szlig; &mdash; er war fort. Cis, die
+sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, sprudelte
+hervor:</p>
+
+<p>»Was soll das alles hei&szlig;en? Florence, was soll
+das hei&szlig;en? Er verg&ouml;tterte dich &mdash; das wei&szlig; ich &mdash;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span>
+und doch l&ouml;st er eure Verlobung und geht so davon!
+Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,«
+fuhr sie in grenzenloser Best&uuml;rzung fort, »warum
+hat er mich gek&uuml;&szlig;t?«</p>
+
+<p>Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie
+eine Antwort werden, sie sollte es nie erfahren, da&szlig;
+Everard Leath den Ku&szlig; eines Bruders auf ihre
+Wange gedr&uuml;ckt hatte.</p>
+
+<p class="pmb3">Florence h&ouml;rte sie nicht einmal. Sie stand stumm,
+wie bet&auml;ubt da. Sie konnte es nicht fassen, da&szlig; ihre
+Ketten von ihr gefallen &mdash; da&szlig; er fort und sie
+frei war.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_25">25.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath ging &uuml;ber die Halde nach dem
+Bungalow zur&uuml;ck. Es war ganz dunkel, ehe er dort
+anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins
+Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am
+Kamin ein Schl&auml;fchen gehalten, richtete sich bei seinem
+Eintritt auf. Leath zog einen Sessel heran und
+setzte sich.</p>
+
+<p>»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf
+einen fragenden Blick des andern.</p>
+
+<p>»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort
+steht wohl alles beim alten, und es ist keine Wendung
+zum Besseren eingetreten?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten.
+Wie Sir Jasper jetzt daliegt, so kann er
+vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange ausreicht,
+noch f&uuml;nf Jahre liegen.«</p>
+
+<p>Ein finsteres L&auml;cheln zuckte um die Lippen des
+jungen Mannes. »Wenn wir nach Rache getrachtet,
+so ist sie uns jetzt in vollem Ma&szlig;e geworden.«</p>
+
+<p>»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte
+sanft, »nicht einmal um Marys willen. Aber ich bin
+alt. Ich leugne nicht, da&szlig; ich vielleicht anders dar&uuml;ber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span>
+gedacht haben w&uuml;rde, Everard, w&auml;re ich so jung
+wie du.«</p>
+
+<p>»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete
+Leath mit einem Stirnrunzeln, »man f&uuml;hrt keinen
+Streich nach einem Toten, und in Wirklichkeit ist
+er tot.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr! Besser f&uuml;r seine Umgebung, er
+w&auml;re es in der Tat.« Sherriff hielt z&ouml;gernd inne.
+»Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung, da&szlig; &mdash;
+etwas nicht in Ordnung ist?«</p>
+
+<p>»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte
+es ihr sagen? Ihr Sohn wird Sir Roy werden. Sie
+wird nie was anderes erfahren.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen,
+w&uuml;rde ein solcher Schlag sie get&ouml;tet haben.
+Nun, du hast auf vieles &mdash; auf sehr vieles verzichtet,
+Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei Unschuldige
+geschont, und was dir daf&uuml;r wird, &uuml;berwiegt
+alles andere weit, das wei&szlig; ich.«</p>
+
+<p>»Was mir daf&uuml;r wird?« Leath lachte bitter auf.
+»Was ist das, wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Was?« gab Sherriff verwundert zur&uuml;ck. »Das
+Weib, das du liebst.«</p>
+
+<p>»Und das mich ha&szlig;t!« Mit einem Lachen erhob
+er sich. »Es ist f&uuml;r mich am besten, sich kurz zu fassen,
+wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe Gr&auml;fin Florence
+ihr Wort zur&uuml;ckgegeben.«</p>
+
+<p>»Du hast sie freigegeben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span></p>
+
+<p>»Ja &mdash; freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr
+das Versprechen abzuzwingen, ein Narr, zu glauben,
+da&szlig; ich ihre Liebe erringen k&ouml;nne. Sie ha&szlig;t mich,
+und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vor&uuml;ber
+&mdash; ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug
+&uuml;ber die Sache geredet; ich w&auml;re ein schlechterer Kerl,
+als ich bin, h&auml;tte ich sie in eine ungl&uuml;ckliche Ehe
+hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so
+anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen
+Kampf gekostet, das leugne ich nicht, aber ich glaube,
+ich habe das Schwerste jetzt &uuml;berstanden. Wenn nicht,
+nun, so werde ich in Australien besser damit fertig
+werden als hier.«</p>
+
+<p>»In Australien?«</p>
+
+<p>»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zur&uuml;ckzukehren.
+Da wartet meiner wenigstens Arbeit. Die
+&rsaquo;Etruria&lsaquo; geht in vier Tagen ab. Mit der fahre ich.«
+Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des
+alten Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm
+legte. »Soll ich zwei Fahrkarten nehmen, Herr
+Sherriff?«</p>
+
+<p>»Zwei?« wiederholte der andere.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; wollen Sie mit mir kommen? Ich habe
+Sie danach fragen wollen, seitdem ich zu dem Entschlusse
+gekommen bin, da&szlig; ich sie freigeben m&uuml;sse.
+Wenn mich hier nichts zur&uuml;ckh&auml;lt, so haben auch Sie
+keine Angeh&ouml;rigen hier.« Er legte dem Alten die
+Hand auf die Schulter &mdash; zum ersten Male versagte
+ihm fast die Stimme &mdash; und fuhr fort: »Ich hoffe,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span>
+Sie kommen mit &mdash; von ganzem Herzen hoffe ich
+es. Mehr als einmal haben Sie ge&auml;u&szlig;ert, da&szlig; Sie
+mich so liebh&auml;tten, als sei ich Ihr Sohn; aus tiefster
+Seele w&uuml;nsche ich, ich w&auml;re es. Ich habe, wie Sie
+wissen, nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem,
+was man f&uuml;r einen Vater empfinden sollte, empfinde
+ich f&uuml;r Sie, das wei&szlig; ich. Das Scheiden ist schwer in
+Ihrem Alter &mdash; mir in meiner Einsamkeit wird unsere
+Trennung sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«</p>
+
+<p>»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich
+bin freilich recht alt daf&uuml;r, um ein neues Leben in
+einem neuen Lande anzufangen, Everard &mdash; aber ich
+kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«</p>
+
+<p>Ein langer und fester H&auml;ndedruck besiegelte den
+Vertrag, und das Gespr&auml;ch der beiden drehte sich f&uuml;r
+den Rest des Abends nur um die nahe bevorstehende
+Reise und die n&ouml;tigen Vorbereitungen. Beide waren
+ruhig und heiter, und der Name der Gr&auml;fin Florence
+wurde nicht ein einziges Mal erw&auml;hnt. Nur als sie
+sich &rsaquo;Gute Nacht&lsaquo; w&uuml;nschten und Sherriff die Hand
+seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:</p>
+
+<p>»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn
+es gesprochen, brauchen wir, nur wenn du es w&uuml;nschen
+solltest, das Thema nie wieder zu ber&uuml;hren. Es mag
+vielleicht unrecht gewesen sein &mdash; ja, ich leugne es
+nicht, es war unrecht &mdash; Gr&auml;fin Florence zu zwingen,
+sich mit dir zu verloben; aber ich begreife wohl,
+wie gro&szlig; die Versuchung war, da ich wei&szlig;, wie innig
+du sie liebst, und ich mu&szlig; dir sagen, da&szlig; du das mehr
+ <span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span>
+als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als
+du ihr ihr Wort zur&uuml;ckgegeben und doch alles geopfert
+hast, was dir von Rechts wegen geh&ouml;rt h&auml;tte.
+Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin
+stolz auf dich.«</p>
+
+<p>»Ich tat das einzige, was ich &uuml;berhaupt konnte,«
+gab Leath d&uuml;ster zur Antwort. »Vielleicht barg sich
+ebensoviel Selbstsucht wie Selbstaufopferung dahinter.
+Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz brechen
+und nicht Schmach und Schande &uuml;ber ihre beiden Kinder
+bringen. Ich wei&szlig; &uuml;berhaupt nicht, ob ich es
+je fertig gebracht h&auml;tte, das zu tun. Der Gedanke
+wollte mir nie recht in den Sinn, das wei&szlig; Gott!
+Und das M&auml;dchen, das ich liebe, zum Weibe zu
+haben, w&auml;hrend sie mich geha&szlig;t, w&uuml;rde mich, glaube
+ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach
+der alte Mann, »gehen wir miteinander nach Australien,
+Everard, und von allem, was du zu erlangen
+hofftest, nimmst du nichts mit zur&uuml;ck &mdash; gar nichts!«</p>
+
+<p>»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal
+ein Wort des Dankes von ihr daf&uuml;r, da&szlig; ich sie
+freigegeben!«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im
+Westen, wo die Sonne eben untergegangen, rot ergl&uuml;hte,
+stampfte der gro&szlig;e Ozeandampfer, die &rsaquo;Etruria&lsaquo;,
+durch die sich h&ouml;her und h&ouml;her auft&uuml;rmenden Wogen.
+Die Klippen der felsigen K&uuml;ste Cornwalls waren
+nur noch in nebelhaften Umrissen wahrnehmbar, nur
+ <span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span>
+die beiden gro&szlig;en, violetten Spitzen von Kap Lizard
+ragten noch klar und deutlich empor &mdash; das letzte
+sichtbare Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord
+des gro&szlig;en Schiffes waren traurig und sehns&uuml;chtig
+darauf gerichtet, als es nach und nach in der Ferne
+verschwamm, &mdash; war es doch f&uuml;r viele der letzte Blick
+auf jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter
+Ferne, doch stets die Heimat bleiben w&uuml;rde. Aber kein
+Auge blickte wehm&uuml;tiger als das des hohen, wei&szlig;haarigen
+alten Mannes, der neben einem j&uuml;ngeren
+in einem stillen Winkel des oberen Decks stand, halb
+verborgen durch die hoch aufgestapelten Koffer und
+sonstigen Gep&auml;ckst&uuml;cke, die mit den letzten Passagieren
+in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in
+den Gep&auml;ckraum hinabgeschafft worden waren. Das
+gro&szlig;e Vorgebirge war nur noch ein wolkiger Fleck
+zwischen dem grauen Wasser und dem grauen Himmel,
+und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte,
+begegnete er dem stillen, teilnehmenden Blicke seines
+Gef&auml;hrten.</p>
+
+<p>»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam
+als Antwort auf diesen Blick, »ich leugne nicht,
+da&szlig; es mir schwer f&auml;llt. Ich bin, wie gesagt, eigentlich
+zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein Junge!
+Aber es ist &uuml;berstanden, und ich bin froh, da&szlig; ich
+hier bin. Den Verlust Englands werde ich nicht so
+empfinden, wie ich deinen Verlust empfunden h&auml;tte.«</p>
+
+<p>Sie gaben sich die H&auml;nde.</p>
+
+<p>»Ich hoffe, da&szlig; Sie es nie bereuen m&ouml;gen,« meinte
+Leath leise.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p>
+
+<p>»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh
+ist &uuml;berstanden mit dem letzten Blick auf England.
+In dem Lande, das das Grab meiner Mary umschlie&szlig;t,
+in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich
+sicherlich zu Hause f&uuml;hlen.«</p>
+
+<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub
+Sherriff in heiterem Tone wieder an:</p>
+
+<p>»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard.
+Ich bin, wie gesagt, ein alter Bursche, und die Unruhe
+und Aufregung der letzten Tage hat mich doch ziemlich
+angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht n&ouml;tig.
+Du wolltest rauchen, bleibe hier und z&uuml;nde dir eine
+Zigarre an.« &mdash;</p>
+
+<p>Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, wei&szlig;haarigen
+Gestalt mechanisch mit den Augen und wandte
+sich dann wieder landw&auml;rts. So scharf auch seine
+Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr unterscheiden.
+Himmel und See allein waren sichtbar. England
+war verschwunden. Er zuckte die Achseln und
+brach in ein bitteres Lachen aus.</p>
+
+<p>»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin.
+»Um so besser f&uuml;r mich! Wenn ich es nie gesehen,
+w&uuml;rde es noch besser sein &mdash; und h&auml;tte ich sie nie
+mit Augen geschaut, am besten!«</p>
+
+<p>Es kam jemand hinter dem gro&szlig;en Stapel Kisten
+und Koffer hervor. Die Person war ihm so nahe, da&szlig;
+er sie h&auml;tte ber&uuml;hren k&ouml;nnen, wenn er die Hand ausgestreckt
+h&auml;tte; aber ihre behutsamen Bewegungen
+waren lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine
+ <span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span>
+Augen blickten unverwandt in die Ferne, als er am
+Schiffsbord lehnte &mdash; f&uuml;r ihn waren der bleifarbene
+Himmel und das graue Meer von Bildern belebt,
+von Bildern eines einzigen Gesichtes. Heiter und
+sinnend, l&auml;chelnd und wehm&uuml;tig, liebevoll und leidenschaftlich
+erregt, reizend in jedem wechselnden Ausdruck
+schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz
+vor ihm. Nur ein Ausdruck lie&szlig; es kalt und starr
+erscheinen, und den trug es am h&auml;ufigsten. Welcher
+Ha&szlig;, welch angstvolle Scheu, welch zornige Emp&ouml;rung
+lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte,
+nie w&uuml;rde das Antlitz aus seinem Ged&auml;chtnisse entschwinden,
+mit dem sie an jenem Abend vor ihm zur&uuml;ckgewichen,
+als sie ihm ihr &rsaquo;Niemals &mdash; niemals!&lsaquo; zugerufen
+hatte.</p>
+
+<p>»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillk&uuml;rlich
+wieder vor sich hinsprechend, »es sprach Ha&szlig;
+aus ihren Z&uuml;gen. Und doch, jetzt, wo alles vor&uuml;ber
+ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen:
+Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich
+sie gezwungen, ihr Wort zu halten, w&uuml;rde ich trotz
+allem ihre Liebe gewonnen haben? Es h&auml;tte
+wenigstens sein k&ouml;nnen. Ja &mdash; und vielleicht h&auml;tte
+sie mich ewig geha&szlig;t. Besser so!«</p>
+
+<p>Die Gestalt schlich n&auml;her, aber sie glitt so leise und
+still wie ein Schatten dahin. Everard richtete sich mit
+einer ungeduldigen Bewegung empor.</p>
+
+<p>»Ich bin ein weichm&uuml;tiger Narr, da&szlig; es mir so
+nahe geht,« murmelte er, »aber sie h&auml;tte mir doch
+Lebewohl sagen k&ouml;nnen! Sie h&auml;tte mir wenigstens
+ <span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span>
+ein Wort des Dankes g&ouml;nnen m&uuml;ssen daf&uuml;r, da&szlig; ich sie
+freigegeben.«</p>
+
+<p>»Everard!«</p>
+
+<p>Der Name wurde von Lippen gefl&uuml;stert, die dicht
+an seiner Schulter waren; eine Hand ber&uuml;hrte ihn.
+Mit einem Schrei, den er nicht unterdr&uuml;cken konnte,
+drehte er sich hastig, von Staunen &uuml;berw&auml;ltigt, ungl&auml;ubig
+um. Florence war neben ihm, Florence, mit
+einem Gesicht, in dem Weinen und Lachen miteinander
+k&auml;mpften! Dann, im n&auml;chsten Augenblicke, war
+Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn &mdash;
+Liebe lag in ihrer Ber&uuml;hrung, Liebe in ihren Augen,
+Liebe in den bebend hervorgesto&szlig;enen Worten der Abwehr
+und des Flehens, Liebe in dem Kusse, mit dem
+ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll
+Leidenschaft an die Brust dr&uuml;ckte. Aber er war best&uuml;rzt,
+wie bet&auml;ubt von einer Freude, an die er nicht
+zu glauben wagte.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t umkehren, Kind,« sagte er. »Du mu&szlig;t
+wieder umkehren,« und w&auml;hrend er das sagte, zog
+er sie nur fester an sich und k&uuml;&szlig;te sie noch hei&szlig;er.</p>
+
+<p>Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen
+auf und blickte ihn mit feuchtschimmernden Augen an,
+die H&auml;nde um seinen Hals gelegt.</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; umkehren?« meinte sie mit fr&ouml;hlichem
+Lachen, »und das Land ist au&szlig;er Sicht? Nein &mdash; nein!
+Ich bin zu klug &mdash; ich wollte mich nicht blicken lassen,
+ehe es zum Umkehren zu sp&auml;t war. In Plymouth bin
+ich an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das
+ <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span>
+Schiff betrat, aber ich verstellte mich. Umkehren?«
+Sie lachte. »Und wenn ich es t&auml;te, was dann? Sie
+machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener
+Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was
+w&uuml;rden sie wohl von mir sagen, wenn ich mit dir
+davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«</p>
+
+<p>Er lachte auch und legte den Arm fester um sie,
+aber er sprach nicht. Er war seiner Best&uuml;rzung noch
+nicht Herr geworden: sie zu umfassen, sie anzuschauen,
+das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre
+Hand legte sich wieder um seinen Nacken.</p>
+
+<p>»Umkehren?« sagte sie. »Zur&uuml;ckkehren zu dem
+Grauen, das mich befiel, als es mir zum Bewu&szlig;tsein
+kam, da&szlig; du fort seiest? Zu der unertr&auml;glichen Pein,
+zu wissen, da&szlig;, so lange wir beide lebten, ich niemals
+dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder
+h&ouml;ren w&uuml;rde? Zu der Qual, die mir fast das Herz
+brach, als ich f&uuml;hlte, da&szlig; ich dich verloren? Nein,
+nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder schmiegte
+sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt,
+mein Geliebter, als du sagtest, du w&uuml;rdest mich dazu
+bringen, dich zu lieben, und wie sehr hatte ich in
+meiner t&ouml;richten Verblendung unrecht! Wie lange
+habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe
+Ha&szlig; genannt? Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem
+du mich verlassen? Ich wei&szlig; es nicht &mdash; es
+kommt auch nicht darauf an &mdash; hier bin ich und kann
+nicht wieder zur&uuml;ck. Ach, du gabst mir meine Freiheit
+wieder, Everard, aber wie konnte ich sie hinnehmen
+und dir daf&uuml;r danken, wenn du mir mein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span>
+Herz nicht zur&uuml;ckgabst. Du nimmst es mit dir und
+doch sagst du zu mir: &rsaquo;Kehre um&lsaquo;!«</p>
+
+<p>»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte
+ich mit der ganzen Welt k&auml;mpfen m&uuml;ssen, um dich zu
+behalten!« Er k&uuml;&szlig;te sie auf die Lippen. »Florence,
+wissen es die Deinen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court
+verlie&szlig;, wu&szlig;ten sie es noch nicht. Ich habe mich ohne
+ihr Wissen davongemacht. Ich wollte nicht Abschied
+nehmen &mdash; das h&auml;tte Tr&auml;nen gekostet &mdash; Szenen gegeben.
+Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir.
+Aber sie wissen es jetzt. Ich habe der Herzogin geschrieben,
+habe Briefe f&uuml;r Tante Agathe und Cis und
+einen Gru&szlig; f&uuml;r Roy zur&uuml;ckgelassen. Sie wissen, da&szlig;
+ich dir nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen
+gesagt, da&szlig; ich, wenn sie wieder von mir h&ouml;rten,
+nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence Leath
+sein w&uuml;rde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe
+du ihn mir gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe
+sind hinter mir verbrannt,« schlo&szlig; sie l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er
+ihr Gesicht emporhob und sich zuwandte.</p>
+
+<p>»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt
+dich kostet? Du gibst sehr viel auf, mein Lieb!«</p>
+
+<p>»Du hast alles f&uuml;r mich aufgegeben, sogar mich
+selbst,« antwortete sie innig, »was ich verliere, verliere
+ich um dich.«</p>
+
+<p>»Es kostet dich dein Verm&ouml;gen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span></p>
+
+<p>»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger
+Vormund, und die Herzogin wird mir niemals
+vergeben. Ja &mdash; das kostet es mich.«</p>
+
+<p>»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben
+lang geliebt hast, Kind!«</p>
+
+<p>»Ich gewinne nur.« Sie l&auml;chelte dabei. »Ich bin
+bei einem, den ich viel mehr liebe.«</p>
+
+<p>»F&uuml;r dich bedeutet es ein in die Verbannung
+Gehen, mein Weib.«</p>
+
+<p>»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die
+Arme, und sie k&uuml;&szlig;ten sich wieder. Das beredteste Wort
+war arm solch gl&uuml;ckseligem Schweigen gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als
+ein n&auml;herkommender Schritt sie veranla&szlig;te, sich umzuwenden.
+Beide erkannten Sherriffs hohe Gestalt, der
+langsam herankam und im Zwielichte in der ihm
+noch unvertrauten Umgebung suchend umhersp&auml;hte.</p>
+
+<p>Florence fa&szlig;te die Hand ihres Verlobten und
+trat ein wenig vor.</p>
+
+<p class="pmb3 pmb3">»Er liebt dich, als ob er dein Vater w&auml;re,«
+sprach sie. »Schon deshalb w&uuml;rde ich ihn lieben,
+h&auml;tte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll auch
+mein Vater sein. La&szlig; uns gehen und es ihm sagen.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p class="break pmb3" />
+
+<div class="transnote chapter">
+Anmerkungen des Bearbeiters<br />
+<br />
+- Eingef&uuml;gt: Inhaltsverzeichnis mit Links<br />
+
+- Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.<br />
+
+- Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.<br />
+
+
+</div>
+
+<p class="pmb3" />
+
+
+<pre style='margin-top:6em'>
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+
+This file should be named 64003-h.htm or 64003-h.zip
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
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+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
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+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+posted with the permission of the copyright holder found at the
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
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+provided that
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+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
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+ Literary Archive Foundation."
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+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or destroy all
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+ works.
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+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ receipt of the work.
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+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
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+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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+volunteers and employees are scattered throughout numerous
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+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews
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+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Robert Bontine
+
+Author: C. Andrews
+
+Translator: Marie Schultz
+
+Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003]
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+Language: German
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+Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+
+
+
+
+ Robert Bontine
+
+
+
+
+ Enßlins Mark-Bände.
+
+ In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen
+ in demselben Verlage:
+
+ =Band=
+
+ =1: Leben.= Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill.
+ =2: Theaterkinder.= Roman von L. Pany.
+ =3: Der goldene Schatten.= Roman von L. T. Meade.
+ =4: Gib mich frei!= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =5: Die Bettelmaid.= Roman von J. Fitzgerald Molloy.
+ =6: Sein Recht.= Roman von E. Fischer-Markgraff.
+ =7: Eigenart.= Roman von C. von Ende.
+ =8: Auf eignen Füßen.= Roman von K. Krehmcke.
+ =9: Soldatentöchter.= Offiziergeschichten von Christa Hoch.
+ =10: Die Erbin.= Roman von H. Köhler.
+ =11: Das Recht auf Glück.= Roman von H. Gréville.
+ =12: Der Scharlachbuchstabe.= Roman von N. Hawthorne.
+ =13: Jessika von Duden u. a. Novellen.= Von G. Genzmer.
+ =14: Die goldene Stadt.= Roman von L. vom Vogelsberg.
+ =15: Freie Menschen.= Roman von Thé von Rom.
+ =16: Vom Baum der Erkenntnis.= Roman von H. Hessig.
+ =17: Ebba Hüsing.= Roman von Willrath Dreesen.
+ =18: Des Andern Ehre.= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =19: Sulamith.= Roman von A. und C. Askew.
+ =20: Irrende Seelen.= Roman von V. Luzická.
+ =21: Mandus Frixens erste Reise.= Von E. G. Seeliger.
+ =22: Der Herzbruchhügel.= Roman von H. Vielé.
+ =23: Die Kosaken.= Erzählung von Leo A. Tolstoj.
+ =24: Viktoria.= Roman von G. von Mühlfeld.
+ =25: Nordnordwest. -- Die beiden Friesen.= Zwei Inselgeschichten.
+ Von Ewald Gerhard Seeliger.
+ =26: Hilde Schott.= Roman von Adolf Gerstmann.
+ =27: Waldasyl.= Roman von Johanna Klemm.
+ =28: Was Gott zusammenfügt ...= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =29: Aus dämmernden Nächten.= Roman von Anny Wothe.
+ =30: Kajus Rungholt.= Roman von Charlotte Niese.
+ =31: Der verkaufte Kuß.= Roman von Alwin Römer.
+ =32: Durch Sturm und Not.= Roman von J. Gräfin Baudissin.
+ =33: Ich will vergelten.= Roman von Ellen Svala.
+ =34: Haus Schottmüller.= Roman von August Niemann.
+ =35: Robert Bontine.= Roman von C. Andrews.
+
+ Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen:
+
+ =36: Käthes Ehe.= Roman von H. Courths-Mahler.
+ =37: Herbstgewitter.= Roman von Anna Behrens.
+ =38: Das arme Glück.= Roman von L. vom Vogelsberg.
+ =39: Die Karsteins.= Roman von H. Lang-Anton.
+ =40: Von fremden Ufern.= Roman von Anny Wothe.
+
+ _Die Sammlung wird fortgesetzt_.
+
+ _Preis jedes Bandes_: 1 Mark oder 1 Krone 20 Heller
+ oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.
+
+ _Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
+
+ _Verlangen Sie ~Enßlins~ Mark-Bände!_
+
+
+
+
+ Robert Bontine
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ C. Andrews
+
+ Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz
+
+ 1. bis 12. Tausend
+
+
+ [Illustration]
+
+ * * * * *
+
+ Reutlingen
+ Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
+
+
+
+
+ Nachdruck verboten.
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+ Übersetzungsrecht vorbehalten.
+
+ ==Printed in Germany==.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+ Kapitel 1. 5
+ Kapitel 2. 21
+ Kapitel 3. 35
+ Kapitel 4. 48
+ Kapitel 5. 59
+ Kapitel 6. 71
+ Kapitel 7. 83
+ Kapitel 8. 91
+ Kapitel 9. 101
+ Kapitel 10. 113
+ Kapitel 11. 126
+ Kapitel 12. 138
+ Kapitel 13. 152
+ Kapitel 14. 165
+ Kapitel 15. 175
+ Kapitel 16. 189
+ Kapitel 17. 203
+ Kapitel 18. 213
+ Kapitel 19. 224
+ Kapitel 20. 240
+ Kapitel 21. 256
+ Kapitel 22. 265
+ Kapitel 23. 283
+ Kapitel 24. 298
+ Kapitel 25. 309
+
+
+
+
+1.
+
+
+Es schien, als ob das Gewitter sich in wenigen Minuten zusammengezogen
+hätte. Den ganzen Tag war das Wetter wunderschön gewesen, warm und
+sonnig. Es war schwer zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer
+tiefer blau sei, -- an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, auf der
+Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte Welle. Dann war plötzlich die
+Sonne verschwunden, große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die
+zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und See und Himmel
+waren grau. Ein fahler Blitz zuckte am Horizont auf, ein dumpfes
+Donnerrollen unterbrach die schwüle Stille, und schwere Regentropfen
+begannen zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder,
+und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, als freue er sich des
+gestörten Friedens in der Natur.
+
+»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile allem Anschein nach keine
+menschliche Behausung, und dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der
+Tat!«
+
+Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der sie sagte, stehen,
+um den Kragen seines leichten Oberrockes in die Höhe zu schlagen. Auf
+der breiten, ebenen Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog,
+war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch irgendein
+Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren können.
+
+Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den Regen ins Gesicht
+trieb, und eilte schnelleren Schrittes auf dem unebenen Fußpfade, den
+er seit einer Stunde verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte
+plötzlich, als ob der Donner, der über seinem Haupte krachte, ein Schuß
+gewesen wäre, der unmittelbar an seinem Ohre abgefeuert worden.
+
+»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter ihm. »Sie finden weit
+und breit kein Obdach und werden bis auf die Haut durchnäßt werden!
+Hierher! Schnell!«
+
+Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine Strecke hinter ihm,
+ungefähr in der Mitte zwischen dem Fußweg und dem steil abfallenden
+Rande der Klippe, stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen
+Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick stehen blieb und
+sie schier verwundert anstarrte, winkte sie ihm gebieterisch mit der
+Hand.
+
+»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst auch noch naß! Beeilen
+Sie sich, der Regen wird bald noch schlimmer werden als jetzt.«
+
+Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, ihrem herrischen Befehle
+folge gebend. Als er bei ihr anlangte, versank sie plötzlich und
+verschwand unter dem nassen Gestrüpp.
+
+»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem Tone aus der Tiefe
+herauf. »Seien Sie vorsichtig -- es kommen drei Stufen. Aber fallen
+können Sie nicht.«
+
+Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein Lichtschein, der
+zu hell war, als daß er durch das Laub hätte fallen können, zeigte
+ihm das kleine höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese
+Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen Felsstufen, neben
+denen sie stand. Er war ein hochgewachsener Mann und mußte sich
+deshalb bücken, um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während er
+vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.
+
+»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, »aber es ist doch
+dem Naßwerden vorzuziehen. Geben Sie mir lieber die Hand, sonst möchten
+Sie straucheln -- der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick!
+Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß es noch schlimmer werden
+würde.«
+
+Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in Strömen herab und
+prasselte auf den Felsen nieder. Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin
+das Gesicht zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen
+erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten kam, fiel nur bis auf
+die Hand, mit der sie die seinige ergriffen hatte.
+
+»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer so plötzlich zum Ausbruch?«
+fragte er.
+
+»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. Aber ich kenne
+die Vorboten und konnte deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht --
+nicht eher?«
+
+»Erst als Sie mich anriefen.«
+
+»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete am Eingang, um Sie
+hereinzurufen, aber das erstemal hörten Sie mich nicht. Hierher!
+Treten Sie dorthin, wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«
+
+Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, umschloß die seine, und
+er schritt vorsichtig hinter ihr die schmale, abschüssige Senkung
+hinunter, an der sie ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der
+Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der Wellen am Fuße der
+Klippe vernehmlicher. Nach einer Minute etwa ließ sie seine Hand los.
+
+»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon sagte, ist es kein
+besonders anziehender Zufluchtsort, aber er ist mir schon oft von
+Nutzen gewesen.«
+
+Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche Höhle, die sich so
+groß wie ein kleines Zimmer in der Vorderwand der Klippe befand. Mit
+einem belustigenden Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie jetzt
+erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen auf einen flachen
+Vorsprung der Felswand nieder, der groß und niedrig genug für den Zweck
+war.
+
+»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie führte, nicht wahr?«
+meinte sie.
+
+Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte sich der Öffnung der
+Höhle genähert und blickte nach unten. Eine dicht von Schlingpflanzen
+überwucherte Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann fiel
+die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. Ein Schauder überlief ihn,
+als er auf die wogende Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem
+Bereich des herabströmenden Regens zurück.
+
+»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort gewählt,« sagte er.
+»Gefährlich?« gab sie zurück.
+
+»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier oben --«
+
+»O, eines Sturzes!«
+
+Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« meinte sie
+gleichgültig. »Ich werde doch nicht so nahe herangehen, daß ich
+hinabstürzen könnte.«
+
+»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, »ein Sturz von hier
+oben würde den Tod bedeuten.«
+
+»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei vielen anderen Stellen
+der Klippen behaupten. Die Felswände sind fast überall furchtbar steil.
+Es ist schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch ein Geländer
+zu schützen, glaube ich; aber der Plan ist wieder aufgegeben worden.
+Vielleicht ist es auch kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden
+Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, sind eine seltene
+Erscheinung.«
+
+»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich hier fremd bin?«
+
+»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens fragten Sie mich, ob
+unsere Gewitter sich immer so plötzlich zusammenzögen.«
+
+»Und drittens -- wußte ich nichts von diesem Ihrem Zufluchtsort,«
+ergänzte er.
+
+»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, -- ich glaube, kaum
+irgend jemand. Ich selbst habe ihn ganz zufällig entdeckt.«
+
+»So?«
+
+»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, und er verschwand in
+dem Ginstergebüsch, das den Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen
+herabgesprungen oder heruntergerutscht sein und konnte sich nicht
+wieder herausfinden. Ich rief und wartete, und schließlich hörte ich
+ihn bellen und leise winseln. Da fand ich das Loch und bahnte mir einen
+Weg hinunter.«
+
+»Und so entdeckten Sie die Höhle?«
+
+»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, daß Sie bis auf die Haut
+durchnäßt sein würden, ehe Sie St. Mellions erreichten.«
+
+»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«
+
+Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört
+habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in
+den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die
+flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört
+zu mustern.
+
+Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll
+entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war
+so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter
+fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der
+Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich
+schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige
+Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund.
+
+Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und
+wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich
+den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut,
+wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann
+gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige,
+aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen
+sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden
+Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge
+weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres
+durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte
+blaue Augen nicht anziehender wurde.
+
+Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen
+Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht
+verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen
+Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens,
+-- zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, -- war den Männern nicht
+eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. --
+
+Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder
+und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing.
+Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht
+verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt
+sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen
+Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.
+
+»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir
+erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht
+schlimmer!«
+
+»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück.
+
+»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu.
+»Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden.
+
+»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.«
+
+»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem Interesse. »Daher kommen Sie
+also?«
+
+»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«
+
+Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.
+
+»Es war ein merkwürdiges Gefühl -- ich werde es niemals vergessen: mir
+war zumute, als sei ich aus den Wolken auf die Erde niedergefallen.«
+
+»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«
+
+»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in dem ganzen Lande kein Wesen
+gibt, das ich kenne.«
+
+»O!«
+
+Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung zunichte.
+
+»Sie haben also keine Verwandten hier?«
+
+»Ich habe nirgends Verwandte, -- die ich kenne.« Er stockte seltsam in
+der Mitte des Satzes, und sein Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten
+vermutlich, ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«
+
+»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions einen Verwandten in
+Australien hätte, so würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz
+England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß Sie sich zuerst
+einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht haben. Ich fürchte, Sie ahnen
+nicht, wie langweilig es hier ist.«
+
+»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl in der Sache.«
+
+»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig an. »Dann sind Sie
+nicht zu Ihrem Vergnügen hergekommen?«
+
+»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein -- in Geschäften!«
+
+Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie ihr Gesicht fast
+beleidigt abwandte und verstummte. Sie blickte wieder in das graue
+Landschaftsbild und den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.
+
+Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend nicht bewußt war, hub
+wieder an:
+
+»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht sagen,
+wie weit es noch bis St. Mellions ist?«
+
+»Ungefähr eine Viertelstunde.«
+
+Sie sprach sehr kurz zu ihm.
+
+»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur von Häusern erblicken.«
+
+»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« Vielleicht hatte er sie
+gar nicht beleidigen wollen. Bei dieser Erwägung wurde sie wieder
+fast liebenswürdig und setzte ihm auseinander, daß das Dorf in einer
+Talmulde läge.
+
+»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er kein Wirtshaus hat?«
+
+»Nein -- sogar zwei.«
+
+Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem Tone fort: »Wir
+werden nicht mehr lange gefangengehalten werden: die Wolken teilen
+sich, der Regen wird gleich vorüber sein.«
+
+Sie hatte recht, denn wenige Minuten später schien die Sonne, und Meer
+und Himmel waren blau. Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so
+übernahm sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen Gang und
+die drei Felsenstufen hinauf, durch das dichte Ginstergestrüpp, das den
+Eingang verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. Hier nahm
+der Fremde ernst den Hut ab und verneigte sich vor ihr. Sie hatte ihm
+diesmal nicht die Hand gegeben.
+
+»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie gehen, -- entschuldigen
+Sie, -- nicht denselben Weg wie ich?«
+
+»Nein.«
+
+Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte es schelmisch auf.
+»Dorthin führt mein Weg,« sagte sie leichthin und deutete schräg über
+die Halde auf eine dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht
+verfehlen. Geradeaus! Adieu!«
+
+»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe einen Verstoß begangen.
+Wenn das der Fall ist, so müssen Sie das, bitte, meinem Leben in
+Australien zugute halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und müßte Ihnen
+sicherlich meinen Namen nennen.«
+
+»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete sie lächelnd.
+
+»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.«
+
+»Danke, Herr Leath.«
+
+Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der Hoffnung, sie werde
+jetzt ein gleiches tun, wußte sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus
+Schelmerei eine Enttäuschung.
+
+»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt zwei Wirtshäuser in St.
+Mellions. Gehen Sie nicht in den Schwarzen Adler -- die Schlafzimmer
+sind dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, die den
+gewissenhaftesten Eigentümer und die beste aller Wirtinnen haben.«
+
+»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«
+
+Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er noch einen
+Versuch -- diesmal einen direkten. -- »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit
+nicht die Krone aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu
+Dank verpflichtet bin?«
+
+»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur natürlich, daß Sie das
+gerne wissen möchten -- freilich!«
+
+Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter und raffte geschickt
+ihre Röcke zusammen, damit sie das regenfeuchte Gras nicht streiften.
+»Nun, wenn Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie nur Ihre
+Wirtin.«
+
+Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so leicht und schnell wie
+ein Vogel dahin und blickte sich mit hellem Lachen noch einmal um.
+Everard Leath schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die
+Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach St. Mellions ein.
+
+Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war so steil, daß der einsame
+Wanderer fast in die Schornsteine des Dorfes hinabsehen konnte. Er
+ließ sich von einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem
+Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die niedere Gaststube
+der Chichester Arms.
+
+Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig zu seinem Empfange
+herbeikam, führte ihn in ein kleines sauberes Wohnzimmer mit
+getäfelten Wänden und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker
+Butzenscheibenfenster, einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke und
+riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen.
+
+Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, und nachdem er sich
+in einem fünfeckigen Schlafzimmer von dem Reisestaub gesäubert hatte,
+setzte er sich und wartete darauf.
+
+Als er mit der müßigen Neugier, die einem Menschen, der sich an einem
+fremden Orte befindet, natürlich ist, aus einem der Fenster schaute,
+sah er einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors Haus reiten.
+Mit schnell erwachtem Interesse in den Zügen wandte er sich an das
+Mädchen, das gerade die letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen
+Tisch stellte, mit der Frage:
+
+»Wissen Sie, wer das ist?«
+
+»Das, gnädiger Herr?«
+
+Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch die Geranien und
+erhielt sofort einen fröhlichen Gruß von dem Reiter.
+
+»O freilich -- das ist Herr Roy!«
+
+»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. »Das sagt mir nicht
+viel. Wer mag Herr Roy sein?«
+
+»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er ist sein Einziger.
+Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.«
+
+»Wie heißt Sir Jasper weiter?«
+
+»Sir Jasper Mortlake, Herr.«
+
+Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, der Sir Jasper nicht
+kannte, war augenscheinlich in ihren Augen ein Phänomen.
+
+»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« meinte sie in fast
+vorwurfsvollem Ton.
+
+»Nein -- niemals. Gehört ihm dies Haus?«
+
+»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler ist seines. Unser Herr ist
+Herr Chichester. Wünschen Sie sonst noch etwas?«
+
+Leath hatte weiter keine Wünsche und begann sein Mahl, aber nicht ehe
+er Roy Mortlake hatte davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen
+Beifall gezollt hatte.
+
+Später, als er in einem der großen Stühle saß und seine Zigarre
+rauchte, klopfte es, und seine rührige Wirtin trat ein, um sich zu
+erkundigen, ob es ihm geschmeckt habe und wo sie sein Gepäck abholen
+lassen könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in Market
+Beverley stände.
+
+»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.
+
+»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, gnädiger Herr. Oben auf
+den Klippen entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.«
+
+»Den Weg bin ich gekommen.«
+
+Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin.
+
+»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert sind, gnädiger Herr, so
+müssen Sie von dem Gewitter überrascht worden sein!« rief sie.
+
+»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei fällt mir ein, mir ist
+aufgetragen, Ihnen eine Frage vorzulegen, Frau Buckstone.«
+
+»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?«
+
+»Ja, -- von einer Dame, die mir als rettender Engel erschien und mich
+vor dem Naßwerden bewahrt hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«
+
+Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem Tone sein Erlebnis.
+
+»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, und sagte mir, ich
+möchte mich an Sie wenden, wenn ich ihn wissen wolle,« schloß er
+lächelnd, »und fort war sie.«
+
+»War sie hübsch, gnädiger Herr?«
+
+»Hübsch? Freilich -- mehr als das. Aber wer war es? Können Sie es sich
+denken?«
+
+»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. »Darüber kann
+kaum ein Zweifel sein. Das war natürlich die Gräfin Florence.«
+
+»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den Namen mit erstauntem Blick.
+»Was? Ist die junge Dame verheiratet?«
+
+»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter eines Grafen drüben
+in Irland, der starb, als sie ein ganz kleines Ding war. Sie ist Sir
+Jasper Mortlakes Nichte -- und wohnt meistens bei ihnen in Turret
+Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger Herr? Es liegt
+an der anderen Seite der Halde, etwa dreiviertel Stunden von hier.«
+
+»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete Leath und griff wieder
+nach seiner Zigarre.
+
+»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach er halblaut und
+gedankenvoll vor sich hin, als die geschäftige Wirtin den Tisch
+abgeräumt und ihn allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger,
+ungewöhnlicher Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret Court.«
+
+Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in
+den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich
+etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene
+grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!«
+
+Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein
+Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an
+Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen
+Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann
+in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich
+hinzumurmeln.
+
+»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo
+ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob -- wenn ich
+nicht mein Wort verpfändet hätte -- es nicht verständiger gewesen wäre,
+ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort
+betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen,
+nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn
+aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?«
+
+Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand.
+»Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der
+Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes,
+an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und
+schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine
+Arbeit anfängt!«
+
+Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste
+Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von
+meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin
+ich jetzt wohl meinem Ziele -- wieviel näher daran, Robert Bontine zu
+finden?«
+
+
+
+
+2.
+
+
+Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene
+Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt
+der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten
+Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden
+hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte
+Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher,
+von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen
+ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über
+die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer
+genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in
+dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.
+
+Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die
+sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten
+zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter
+immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war,
+wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß
+Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt.
+Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war
+kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches
+Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich
+vor ihm fürchteten.
+
+An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten
+Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady
+Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so
+hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für
+ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse,
+blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig
+angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche
+Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten
+noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre
+über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene
+Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll
+die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen
+Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf
+Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von
+Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit
+zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste
+Überzeugung war, -- daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen
+war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und
+Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen
+Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der
+Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen
+schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.
+
+Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine
+ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus
+ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten
+zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper
+Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter
+vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war
+nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur,
+heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte.
+
+Cäcilie -- im Familienkreis stets Cis genannt -- war ein sehr hübsches
+Mädchen, -- in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer
+Schönheit berühmt, -- klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und
+lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. -- Dem
+Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer
+stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und
+dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied
+zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten
+im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.
+
+Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten
+habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht
+einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich
+in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber was nützt das? Und ach,
+was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch
+begehen.«
+
+»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd.
+
+»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte
+sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, -- dabei fällt mir
+ein, -- wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte
+oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer
+eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.«
+
+»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?«
+
+»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen,
+daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach
+der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte
+meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr
+anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte
+befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen
+und bereit zu sein, sie zu begleiten.«
+
+»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du
+wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich
+verlieren!«
+
+Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich
+lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden
+Kopf.
+
+»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon
+geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie
+nicht begleiten werde.«
+
+»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.«
+
+»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab
+Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es
+überwunden haben.«
+
+»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein
+gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin
+von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast
+ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen
+Dame Trotz zu bieten.
+
+»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die
+Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.«
+
+»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.«
+Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände
+im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres
+kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig,
+das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter
+gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie
+übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen
+sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es
+im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen
+Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine
+Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre
+Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem
+ich mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt -- was meinen
+Aufenthalt betrifft wenigstens.«
+
+Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht
+nicht tun könne, was ihr beliebte.
+
+»Hast du -- hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis,
+anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.
+
+»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich
+der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr
+auf die Nerven zu fallen, -- von der Laune, in die er sie versetzen
+wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie
+könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und
+gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche
+erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir
+gewöhnlich langweilig.«
+
+Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy
+heute morgen, Cis?«
+
+»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte
+beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.«
+
+»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence
+gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?«
+
+Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen
+zarte Farbe dunkler wurde.
+
+»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt
+bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du,
+ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.«
+
+»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene,
+die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch
+sagen, wo du --«
+
+»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin,
+daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz
+recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in
+sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen,
+wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen
+überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin
+kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.«
+
+Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen --
+der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz
+zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester
+Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des
+Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei
+Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der
+aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen
+ihn begrüßte, würdig sei.
+
+Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde
+sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf
+eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe
+hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich
+aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.
+
+»Flo,« -- Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, -- »ich
+habe Chichester gesehen -- Hallo! Zum Kuckuck auch!«
+
+Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper
+riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen
+Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem
+Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien.
+
+Er sah -- wenigstens auf den ersten Blick -- nicht so aus wie
+jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu
+verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches
+rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als
+das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos
+und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er
+sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein
+blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht
+hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen
+waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug
+und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher
+erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit
+einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren
+Mann hätte schließen lassen.
+
+Ja -- Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war
+entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann
+für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich
+auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt
+und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen
+Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des
+Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten.
+
+Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind
+blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß
+seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen
+scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr
+netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären,
+eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume
+eingefallen sein würde.
+
+Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen,
+während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy
+schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht,
+sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem
+Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden
+Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan
+seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in
+kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war
+vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast
+liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache
+zu finden sein mochte, daß, wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens
+die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund
+Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein
+würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt
+sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern
+hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen.
+
+»Ist -- kann ich -- wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady
+Agathe ängstlich hervor.
+
+»Danke -- nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen
+verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen
+Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten,
+hatte er eine unsägliche Verachtung.
+
+»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu.
+
+»Das ist er auch.«
+
+Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys
+verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter
+Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«
+
+Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie
+gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir
+Jasper trat an die offene Glastür.
+
+»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts
+zu tun, -- du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir
+mitnehmen.«
+
+»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends länger, als er sehr
+gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth
+aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er
+nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß -- es
+ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«
+
+»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine
+kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit
+schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine
+Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du
+wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und --«
+
+»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann --
+ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht
+wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«
+
+Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon
+gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen
+besorgen, Onkel Jasper.«
+
+»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte
+ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm.
+
+»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu
+Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und
+außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem
+Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis
+und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen
+bekommen. Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas
+dabei zu bestellen?«
+
+Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine
+Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem
+Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence
+pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer
+Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den
+Rasen hinaus.
+
+»Roy, lauf nach dem Stall hinüber -- tu’s mir zuliebe, und laß
+Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht
+fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«
+
+Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte
+ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß
+Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen
+demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin
+ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.«
+
+»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab
+Harry Wentworth lachend zurück.
+
+»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf
+solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen?
+Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun,
+was sagt ihr beide?«
+
+»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry.
+
+»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin!
+Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß
+geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry,
+ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich
+unserer bemächtigt hat?«
+
+Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme
+tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich
+hinträllerte:
+
+ »Mein Herz, ich will dich fragen,
+ Was ist denn Liebe, sag?
+ Zwei Seelen und ein Gedanke,
+ Zwei Herzen und ein Schlag.« --
+
+»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher
+Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich.
+
+»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem
+verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich
+sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich
+sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen
+gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.«
+
+»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis.
+
+»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch
+wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus
+dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte
+Sache sei.«
+
+»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«
+
+»Weiß Sir Jasper darum?«
+
+»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«
+
+»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry
+zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen
+froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«
+
+»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen
+Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn
+ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«
+
+
+
+
+3.
+
+
+Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer
+Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden
+Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions
+einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden
+beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes
+gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es
+gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie
+nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe
+mit ihr auf.
+
+Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie
+gern, -- wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch
+verdienten, -- aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben
+Art wie Florence.
+
+Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen
+Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und
+hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen
+Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken,
+und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher
+Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun
+können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf,
+der nach dem Hause führte.
+
+Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen
+Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen
+aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine,
+die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den
+Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick
+dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow
+-- so hieß es -- wohnen möchte, als in Turret Court.
+
+Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an
+die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick
+erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick
+des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar
+legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf.
+
+»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und
+dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte
+sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily
+zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald
+wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen,
+stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes
+Fenster.
+
+»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage
+draußen im Sonnenschein sein sollten?«
+
+»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!«
+
+Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit
+Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm
+die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit
+breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles,
+träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz
+alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar
+wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen
+seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias
+Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre
+älter gehalten wurde.
+
+»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang
+Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher
+Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh.
+Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen
+zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des
+Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.
+
+»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von
+mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie
+meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence
+lächelnd.
+
+»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.«
+
+Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige
+Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der
+Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen
+zweiten herbeiholte.
+
+»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie
+so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?«
+
+»Beides, Herr Sherriff.«
+
+Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum
+Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche
+ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn
+wieder in den Umschlag.
+
+»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige
+Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie
+mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret
+Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«
+
+»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist
+hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental
+-- wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und
+Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.«
+
+»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun,
+liebes Kind.«
+
+Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das
+liebreizende, strahlende Gesicht.
+
+»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes
+vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?«
+
+»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden!
+Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es
+ihn vielleicht liebenswürdig machen -- wer weiß? Ich habe jetzt
+angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal
+einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den
+Gassenhauer kennte!«
+
+»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd.
+
+»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die
+Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge
+Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht -- kommt
+dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf
+näherkommende Schritte -- Schritte, die ihr ganz fremd waren.
+
+Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind
+es? Hier?«
+
+Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei
+ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb.
+
+Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem
+zum andern.
+
+Leath sprach zuerst.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung
+davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu
+finden.«
+
+Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen
+richteten sich verwundert auf den Hausherrn.
+
+»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.
+
+»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie
+kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?«
+
+»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es
+Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie
+sollen es hören.«
+
+Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung,
+wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in
+der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.
+
+»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig.
+
+»Kein Sterbenswort.«
+
+»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«
+
+»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht
+in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je
+begegnet!«
+
+»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe
+gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage,
+bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß
+er keine Seele in St. Mellions kenne.«
+
+»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf
+fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen
+Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen
+Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich
+hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.«
+
+»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen
+Mädchens wurde ernst. »Und er -- dieser Herr Leath -- brachte Sie nach
+Hause, nicht wahr?«
+
+»Ja, mein Kind -- als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu
+sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger
+gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und
+ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den
+Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem
+einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während
+seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle.
+Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere
+Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein.
+Ist diese Erklärung vollständig genug?«
+
+»J--a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in
+etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie
+einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«
+
+»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?«
+
+»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie.
+
+»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor
+zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die
+ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.«
+
+»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln
+legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie -- mögen
+Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?«
+
+»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.«
+
+»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem
+besonderen Grunde.«
+
+»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.«
+
+»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,«
+setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke,
+glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb
+eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube
+nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und
+Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?«
+
+Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn
+wieder kraus. »Herr Sherriff!«
+
+»Ich höre, liebes Kind.«
+
+»Glauben Sie, daß er dauernd hier -- in St. Mellions -- bleiben wird?«
+
+»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.«
+
+»Ja, ja, aber --« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn
+hergeführt?«
+
+»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.«
+
+»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum
+Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und
+es war ihm Ernst damit.«
+
+»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon
+gesagt hat.«
+
+Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den
+Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig.
+
+»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«
+
+»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann
+lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen
+diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«
+
+»Ich bin viel zu reich -- es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben,
+daß er viel Geld hat?«
+
+»In bescheidenem Maße -- ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung
+deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut
+gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten
+sei.«
+
+»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.
+
+»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt -- ich bin zu
+unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die
+Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden,
+wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen,
+liebes Kind?«
+
+»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete Florence, munter ihren
+Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah,
+und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in
+ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon
+für drei Personen gedeckt war.
+
+Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die
+Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu
+treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah
+Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen
+ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber
+niederließ.
+
+»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in
+leichtem Tone.
+
+Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.
+
+»Ja, Gräfin.«
+
+»Und sie stellte meine Person fest?«
+
+»Sofort.«
+
+»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.«
+
+»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu
+schildern.«
+
+»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹
+sähe.«
+
+»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.«
+
+»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso
+entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres
+kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?«
+
+»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich
+nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit
+zu reden.«
+
+Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man
+ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß
+sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu
+vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte.
+Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine
+Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte,
+daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von
+ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte.
+
+Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb
+bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten
+Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien,
+aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen
+charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch
+sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie
+sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu
+entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit
+vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit
+einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig
+wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht
+hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen.
+
+»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit
+über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?«
+
+Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie
+in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder
+geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb
+Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr
+hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.
+
+»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.
+
+»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei.
+Finden Sie das etwa nicht?«
+
+»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier
+fortzutreiben.«
+
+Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten
+habe.
+
+»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?«
+
+»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu
+keinem festen Entschlusse gelangt -- das heißt über meinen künftigen
+Aufenthaltsort.«
+
+»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien
+zurückkehren werden?«
+
+»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich
+dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen
+Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«
+
+»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten
+--«
+
+»Das habe ich allerdings nicht.«
+
+Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.
+
+»-- so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England
+vertauschen.«
+
+»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich
+sagte, stehe ich ganz allein in der Welt -- schon seit acht Jahren.«
+
+Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei
+diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine
+Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die
+sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast
+noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen
+abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte
+verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine
+Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an.
+Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie
+abstieß.
+
+In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr,
+und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel
+gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie
+drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten
+eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt.
+Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln,
+weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden
+schien.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh
+gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein
+auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages,
+denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand
+angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er
+sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte,
+den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich
+in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein.
+
+Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des
+Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine
+langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich
+Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf
+der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein
+Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen
+Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer
+Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar
+verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide -- sie trug im
+Hause gern übermäßig lange Schleppen -- im Gespräch mit der einzigen
+noch anwesenden Persönlichkeit.
+
+Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine
+gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht
+geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und
+seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er
+älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, -- er
+hatte fast gar kein Mienenspiel, -- seine Gestalt hatte eine gewisse
+Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine
+Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der
+Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig
+war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen
+Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde,
+anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte
+Antlitz sich gegenüber sah.
+
+»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein
+halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd.
+»Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.«
+
+»Von der Herzogin? So?«
+
+»Ja.«
+
+Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es
+abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten.
+
+»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die
+Gelegenheit, sie von unserer Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte
+Talbot Chichester zögernd.
+
+»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort
+und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die
+Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich
+daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser
+ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren
+Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte
+schelmisch.
+
+»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst;
+das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt.
+»Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt
+es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre
+Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat.
+Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu
+übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht
+begriff.«
+
+»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst
+zu erzählen -- warum, weiß ich nicht.«
+
+»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester
+fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form
+ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.«
+
+»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben
+wird?« fragte Florence wieder.
+
+»Dagegen?«
+
+Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde
+würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei.
+War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das
+Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz
+drei- oder viermal abzukaufen?
+
+»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine
+ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich
+wahr, -- wir haben die Ehre immer abgelehnt, -- aber in jeder anderen
+Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als
+Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht
+für wahrscheinlich halten.«
+
+»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß
+sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das?
+Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«
+
+»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?«
+
+»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post
+schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen
+schuld bin.«
+
+»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht
+und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein
+unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund
+hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester, obgleich er ihr
+Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie.
+
+Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens
+ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem
+kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders
+verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei
+dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern -- der Einfall
+belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor
+seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte
+sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht,
+ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das
+unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot
+Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und
+sie hatte versprochen, ihn zu heiraten.
+
+Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer
+stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen
+dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen,
+aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu.
+Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus
+nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen
+hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt
+vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl
+und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu
+bringen.
+
+»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden
+Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt
+nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war
+furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr,
+Flo?«
+
+»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers
+gezupft und ihn nicht gehört -- ihre Augen schauten noch träumerisch
+in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten
+Abendhimmel glänzte.
+
+»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?«
+
+»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden
+haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen,
+Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist.
+Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes
+Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht!
+Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt
+und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.«
+
+»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir
+Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.«
+
+»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, -- die beiden sind
+nämlich dicke Freunde, -- daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London
+niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen
+Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen, ich begreife es nicht,
+wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich
+ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«
+
+»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz
+allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso
+glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.«
+
+»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht
+der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender
+Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben,
+fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch
+bei Mutter Buckstone?«
+
+»In den Chichester Arms?«
+
+Talbot Chichester stellte diese Frage.
+
+»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl -- sonnverbrannt -- erinnert mich
+an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort.
+»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir -- ich weiß nicht mehr
+recht, wie es war -- als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte
+Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er.
+Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa,
+Chichester?«
+
+»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester
+Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt
+nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour
+begriffener Londoner.«
+
+Roy schüttelte den Kopf.
+
+»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre -- hat nicht den Londoner
+Dialekt -- versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein.
+Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal
+danach fragen.«
+
+»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt
+er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht,
+und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«
+
+»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«
+
+»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«
+
+»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du
+warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt
+hast du den Menschen gesehen?«
+
+»Soll ich’s dir sagen?«
+
+Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch
+blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres
+Bräutigams. »Ja -- wir sind heute abend alle sehr langweilig, und
+deshalb will ich es tun.«
+
+Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte
+ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten
+Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard
+Leath.
+
+Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den Leichtsinn der schönen
+Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend,
+folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden,
+und schaute dann mit einem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, der aber
+keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst,
+fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest
+aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm.
+
+»Was ist denn los?«
+
+»Los?«
+
+»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil
+ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot,
+mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal
+hin. So!«
+
+In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte
+es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die
+in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben.
+Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie
+ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen
+Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen
+gegen den Unbekannten zu machen.
+
+»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er.
+
+»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge
+Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder
+an.
+
+»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde
+wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die
+einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen naß werden
+zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.«
+
+Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab -- er war so unendlich
+mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los.
+
+Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte.
+
+Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence
+stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan
+hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte.
+
+»Fehlt dir etwas, Florence? Du -- du siehst so ernst aus, mein Herz!«
+
+»So?«
+
+Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich
+sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.«
+
+»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der
+Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war,
+Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch
+zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon
+gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«
+
+»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«
+
+Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich
+strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm
+plötzlich all ihren Mut zusammen.
+
+»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas
+fragen wollen. Ich kann es gar nicht begreifen -- er ist so ernst
+und steif und kalt -- in jeder Beziehung so verschieden von dir -- es
+wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.«
+
+»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!«
+
+Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich
+halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange
+war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein
+ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone.
+
+»Florence!«
+
+»Nun, mein Schatz?«
+
+»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«
+
+»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«
+
+»O, ganz jung! Und hübsch?«
+
+»Nein -- und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«
+
+»Und ist er nett, Florence?«
+
+»Wer?«
+
+»Nun, Herr Leath!«
+
+»Nett? Nein -- unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin
+schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!«
+
+
+
+
+5.
+
+
+Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen
+und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen
+wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem
+einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im
+hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem
+Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St.
+Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence
+gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große
+Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er
+außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten
+Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können,
+alle freundlich gewogen seien.
+
+»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«
+
+»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug,
+sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern
+sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat
+sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr
+von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.«
+
+»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?«
+
+»Ja -- sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.«
+
+»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«
+
+»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit
+ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.«
+
+»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich
+genügt doch ein Vormund, mein’ ich -- weshalb sind hier denn zwei?«
+
+»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das
+ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für --«
+
+»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte
+wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische
+Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der
+verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«
+
+»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes
+Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«
+
+»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht
+mündig?«
+
+»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz
+ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, -- was
+wahrscheinlich der Fall sein wird, -- daß sie sich in der Zwischenzeit
+verheiratet.«
+
+»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?«
+
+»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden
+Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so
+fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.«
+
+»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten.
+»Wie mag das gekommen sein?«
+
+»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist
+seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe
+finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu
+glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf
+seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.«
+
+»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter
+wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath
+nachdenklich.
+
+»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben,
+daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge.
+Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben,
+so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre
+Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß
+nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe
+Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die
+Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper
+niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu
+zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den
+Bräutigam geeinigt hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie
+in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.«
+
+Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach
+seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen.
+
+»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«
+
+»Gräfin Florence? Nein -- meines Wissens nicht. Und wenn ich sage,
+meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte
+Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben,
+davon bin ich überzeugt. Nein -- verlobt ist sie nicht. Ich muß
+gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens
+kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich
+nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann,
+und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«
+
+»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam.
+
+»Mit dem Heiraten? Nein -- ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir
+Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court -- sie
+hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde
+eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper
+bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter
+des Gutes -- ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde.
+Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.«
+
+»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem
+Posten haben. Nach dem, was ich mir aus den Reden der guten Leute
+hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper
+auszukommen.«
+
+»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine
+Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper
+ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt
+bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und
+ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er
+behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.«
+
+»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«
+
+Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte
+Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn
+hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in
+eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben
+konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?«
+
+»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und
+blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte
+auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen
+Jahren -- mehr als dreißig -- einen bitteren Kummer gehabt, der sein
+ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm
+ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe.
+
+»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten,
+in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich
+überhaupt je wieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir.
+Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.
+
+Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in
+dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war,
+blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff
+wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem
+anderen Tone.
+
+»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte
+er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, -- daß
+ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß
+sogleich damit fort.«
+
+Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus,
+daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und
+zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte
+nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath
+legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl
+zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon
+längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe.
+
+Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu
+viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit
+einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und
+ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick
+zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit
+bekümmertem Ausdruck auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen
+unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm
+die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre
+Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe.
+
+»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage
+nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe.
+Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal
+ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das
+soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen?
+Wenigstens jetzt noch nicht?«
+
+»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin
+entmutigt -- ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde -- was das
+beste sein würde.«
+
+Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer
+seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang
+die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus,
+sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte,
+verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er
+ihn aussprach:
+
+»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen
+Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu
+erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts
+Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich
+fest, und doch bin ich schwach genug, mich fast entmutigt zu fühlen,
+weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es
+scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen,
+und doch ist dieser Ort -- St. Mellions -- der einzige Ausgangspunkt
+für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die
+Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach
+einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde.
+Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich
+glaube, ich werde gehen.«
+
+»Das tut mir leid zu hören.«
+
+Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden,
+hin, ohne eine Frage zu stellen.
+
+»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden
+Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein
+Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«
+
+»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest
+die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt,
+den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer
+Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich
+dafür bezahlte.«
+
+ * * * * *
+
+Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang,
+und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath,
+der an sehr viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn
+schnell und leicht zurück.
+
+Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt
+dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu,
+durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug.
+Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer
+Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art,
+in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen
+erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein
+Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den
+Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt
+hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war,
+veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden.
+
+»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.
+
+»Jener Mensch.«
+
+»Welcher Mensch?«
+
+»Leath.«
+
+»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit
+Interesse. »Was mag er nur wollen?«
+
+»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein
+Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!«
+
+»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde
+ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, --
+wissen muß, -- daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und
+stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!«
+
+Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence
+den Hut ab.
+
+»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu
+erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper
+einen Brief zu überbringen.«
+
+»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes
+milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein.
+»Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie
+lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen?
+Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen
+bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«
+
+»Gewiß erinnere ich mich dessen.«
+
+Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht
+hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng
+und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm
+wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte.
+
+»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter.
+»Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie
+sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten
+dürfen.«
+
+Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. Sie ärgerte sich
+fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie
+immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es
+entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber
+für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige
+Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig
+hob:
+
+»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath?
+Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?«
+
+Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand
+ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des
+Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.
+
+»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen.
+Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich,
+Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«
+
+»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie
+sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«
+
+Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis
+kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen
+Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn
+er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte
+Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht
+Einspruch erhoben, denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger
+Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene
+Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade
+in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der
+Bildfläche.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen
+Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte
+seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden
+empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen,
+ruhigen Gesicht, gemustert hatte -- liebenswürdig, steif und förmlich
+oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an.
+
+Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu
+sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen
+haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von
+selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.
+
+»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd.
+»Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath
+reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er
+ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.«
+
+»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt,
+aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf.
+
+»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten Sie mir,
+Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich
+übernommen haben,« sprach er.
+
+Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der
+Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche
+steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen
+dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich
+bejahte.
+
+»Vielen Dank -- ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die
+Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir
+die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie
+meiner Frau vorzustellen.«
+
+Leath nahm dankend an.
+
+Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit
+sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm -- beides
+sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir
+Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie?
+dachte seine Tochter.
+
+Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen
+beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung -- nicht über Sir
+Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit,
+mit der Leath die Einladung aufnahm -- für sich. Er hatte keine Spur
+der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber
+anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine
+Regung des Interesses und der Belustigung empfindend, sehr ernst und
+schweigsam, -- etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.
+
+Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte,
+so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und
+wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres
+Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich
+fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf
+seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung
+schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert?
+So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein?
+Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers
+Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions
+und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren,
+zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden.
+Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die
+Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt.
+
+»Habe ich recht verstanden -- Sie kommen aus Australien, Herr Leath?«
+
+»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.«
+
+»Darf ich fragen, wo?«
+
+»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.«
+
+»Ihr ganzes Leben lang?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«
+
+»Niemals.«
+
+»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«
+
+»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber
+mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.«
+
+»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?«
+
+»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre
+-- seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin -- habe ich ganz allein in
+der Welt gestanden.«
+
+»Sie haben keine Verwandten in England?«
+
+»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.«
+
+Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden,
+der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher
+Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst
+vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein
+Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt.
+
+Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige
+Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer
+der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war
+freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die
+Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret
+Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war
+von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner
+Braut, und Cis -- ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys
+Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner -- fiel das
+Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen
+einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer -- er war nach Market
+Beverley geritten.
+
+Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es
+mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging,
+oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer
+ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch
+in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu
+sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie
+antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich
+nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath.
+
+»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle
+Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht -- sie, die immer
+jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? -- Die Pause, die nach
+ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon
+beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke
+ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:
+
+»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr
+Leath?«
+
+»Nein -- aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms,
+nicht wahr?«
+
+»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions -- mehr als
+uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll.
+Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich
+nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?«
+
+»Nur von der Chaussee aus.«
+
+Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade
+mit Florence, die zu ihm aufschaute.
+
+»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?«
+
+»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht --« Cis brach ab, dunkelrot im
+Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen
+durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen
+Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer
+kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie
+auch erleichtert aufatmete:
+
+»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir
+die Frage -- ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein
+Geheimnis?«
+
+»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle
+wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die
+Herzogin -- die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund -- davon
+in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.«
+
+»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten
+werden?«
+
+»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt? Sie hält so
+viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es
+mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?«
+
+»Ganz sicher.«
+
+»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht
+ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath
+-- es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen,
+daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und
+das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er
+keinen für gut genug für sie hält.«
+
+Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine
+Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht
+des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe
+hinabbeugte, -- nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, -- nicht mehr
+vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr
+Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so
+gleichgültig war er.
+
+Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie
+abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte,
+begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch
+eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch
+zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr
+erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie.
+
+»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte
+sie. »Man macht sich erst eine Vorstellung von einem Orte, wenn jemand
+redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich
+kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.«
+
+»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das
+ist, Fräulein Mortlake?«
+
+»Wie dumm von mir, -- ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys
+-- Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name
+entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer
+seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung
+wisse.
+
+»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr
+gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in
+der Tat keine Ahnung davon, bis Har-- Herr Wentworth es mir erzählte.«
+
+»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch.
+
+»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.«
+
+»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie
+unverwandt an.
+
+»Ja -- das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es
+ungefähr so lange her sein.«
+
+Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen
+und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort.
+
+Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm
+schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und
+einem freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und
+förmlichste Verbeugung.
+
+Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis
+blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die
+beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit
+Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount
+zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und
+regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze.
+
+»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich
+nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht
+leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht
+helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu
+schlecht von dir.«
+
+»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück.
+»Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.«
+
+»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine
+Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!«
+
+»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte
+Florence rasch.
+
+»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm
+gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr
+Sherriff nichts davon wüßte.«
+
+»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der
+Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«
+
+Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie.
+»Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis,
+daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff
+gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.«
+
+Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!«
+
+»Ja, Liebste?«
+
+»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?«
+
+»Herr Leath? Nein -- ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.«
+
+»Ich aber --« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu
+vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es
+immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe
+seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich
+sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß,
+daß sie da ist.«
+
+»Was sagst du da?«
+
+Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe,
+herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner
+Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die
+gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges
+Gesicht paßte zu seiner Stimme.
+
+Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger
+Gelassenheit:
+
+»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte, daß Herr Leath
+irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht
+einfallen, wem.«
+
+»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst
+du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen
+Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken.
+
+»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine
+Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und
+ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen.
+Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir
+wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich
+werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist,
+so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.«
+
+Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß.
+Cis war sprachlos.
+
+»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!«
+
+Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit
+geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit.
+
+ * * * * *
+
+Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast
+eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda
+eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf
+der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann, mit
+dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten,
+sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer
+sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der
+ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter.
+
+»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.«
+
+»Ja.«
+
+»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber
+wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, -- ganz anderen
+Sinnes geworden, -- und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«
+
+
+
+
+7.
+
+
+Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die
+Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen
+Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.
+
+Lady Agathe, ihre Kinder -- Roy in einem weißleinenen Anzuge, in
+dem er noch länger als sonst aussah -- und Florence saßen vor den
+Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem
+Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden.
+Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten
+Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben,
+boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager
+zurechtgemacht.
+
+Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien
+gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden.
+
+»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte
+ihn Florence.
+
+Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin
+geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten
+erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu
+ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, der nicht
+wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen
+würde.
+
+Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm
+reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis
+die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung
+mit ihm anzuknüpfen -- im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch
+schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte.
+
+»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise
+heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper
+gesprochen habe.«
+
+»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen
+lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht
+aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir
+ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim
+Frühstück, Tante Agathe, -- er sitzt zu viel allein -- ich will ihn
+bitten lassen, zu uns zu kommen.«
+
+Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten
+brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien
+der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich
+liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester
+wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm
+gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im
+stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien
+aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen; er hatte
+nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis,
+und sagte:
+
+»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich
+fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und
+er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine
+Güte!«
+
+»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich
+schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er
+streng.
+
+Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war,
+antwortete:
+
+»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja
+kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«
+
+»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast
+du ihn getroffen?«
+
+»Wo--o, ein paarmal bei dem alten Sherriff -- und bei Mutter
+Buckstone -- und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern
+leiden mag. Warum, Vater?«
+
+»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete
+Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein
+Fremder -- laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich
+machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von
+dir genannt zu hören, und damit basta!«
+
+Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys
+Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie
+Mortlake auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht
+gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns.
+Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis
+auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten
+davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten
+nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald.
+
+Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit
+gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an:
+
+»Entschuldigen Sie -- darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem
+Leath wissen, Mortlake?«
+
+»Nichts -- gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?«
+
+»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie
+so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie
+möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.«
+
+»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen
+freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt,
+den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«
+
+»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit
+gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß -- ich habe ihm gerade heute
+Lychet Hut -- Sie kennen doch das kleine Haus? -- vermietet, und wenn
+Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.«
+
+»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen -- ihn als Mieter genommen?«
+fragte der Baron ungläubig.
+
+»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«
+
+»Ist es fest abgemacht?«
+
+»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus
+bezahlt.«
+
+»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an
+die Luft setzen?«
+
+»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?«
+
+»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter
+die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache
+rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff --«
+
+»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie
+es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich
+Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu
+schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter
+Narr!«
+
+Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter
+blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt,
+und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden
+Gesichtern -- ratlose Bestürzung auf dem des Mannes -- lebhaftes
+Staunen auf dem des Mädchens.
+
+Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren
+hoch emporgezogen.
+
+»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn
+gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«
+
+»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«
+
+»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten
+Leute?«
+
+Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche
+Frage:
+
+»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet
+habe?«
+
+»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten,
+wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?«
+
+»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich
+habe schon alles Nötige angeordnet.«
+
+»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«
+
+Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.
+
+»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«
+
+»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit
+gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.«
+
+»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu
+bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend.
+
+»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise
+nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse
+darüber ist.«
+
+»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er
+den armen Roy anfuhr! -- Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte
+schelmisch.
+
+»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«
+
+»Du?«
+
+»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er
+vielleicht ertrunken!«
+
+Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das
+›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war,
+um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber
+gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren
+wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig
+blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke
+gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen
+möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend
+etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte.
+
+Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der
+Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu.
+
+»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.
+
+»Ich weiß es wahrlich nicht!«
+
+Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer
+Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen
+Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag
+Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.«
+
+»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie
+Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte
+erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du
+sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«
+
+»Ja,« antwortete Florence kurz.
+
+»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend.
+
+»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen.
+Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr
+gern, nicht wahr, Schatz?«
+
+»Das will ich meinen -- viel lieber als die meisten, mit denen ich
+sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn
+einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut
+gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,«
+setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu,
+»es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er
+kennt ihn nicht, nicht wahr?«
+
+»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.
+
+»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen -- schien sehr
+erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er
+mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich -- nicht wahr?«
+
+»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den
+goldblonden Kopf empört in den Nacken.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll
+Sonnenschein.
+
+Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur -- Harry
+hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich
+und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte -- und überlegten, wie sie
+den Morgen verbringen wollten.
+
+Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem
+goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie
+weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen
+vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence
+die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit
+roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen
+Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume
+hervorschaute.
+
+»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.
+
+»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich
+muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes
+Plätzchen aussuchen -- vielleicht meine Höhle -- und dort bleiben,
+bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum
+zweiten Frühstück erscheine. Komm mit, Tramp,« wandte sie sich an den
+zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war.
+Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London
+halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen
+und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich
+erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden.
+
+Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence
+erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die
+Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als
+peinlich.
+
+Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten
+seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten
+Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald
+bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich
+dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence
+lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine
+rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend
+darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu
+vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte,
+während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich
+wieder: »Warum habe ich es nur getan?«
+
+Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre
+ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und
+begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr
+unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch
+sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte
+von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und
+sie meinte mit einem leisen Seufzer:
+
+»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«
+
+»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich
+hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt
+mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch
+eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«
+
+»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.
+
+»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen,
+Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.«
+
+»Sie meinen Herrn Leath -- Everard Leath.«
+
+»Ja, so heißt er -- ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja
+der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen --
+natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir
+wollen?«
+
+»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu
+sprechen wünschte?«
+
+»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach
+erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den
+Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch
+ziemlich wunderlich.«
+
+Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite Zigarre an und meinte
+dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde.
+
+»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht
+weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du
+dazu, Cis?«
+
+Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch
+immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe.
+
+»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch
+seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort
+auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber -- wer -- in des Kuckucks Namen
+--« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und
+Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten.
+Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und
+wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung.
+
+Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen
+röteten sich vor Zorn.
+
+»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen -- Everard Leath,« sagte
+sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick.
+
+»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie
+ihm freien Zutritt gewährt, Florence?«
+
+»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm
+einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig
+weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.«
+
+»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht.
+Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und
+glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren
+blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten
+brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen
+Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht -- wer
+anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den
+Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences
+schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde
+ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich
+die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen.
+
+Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In
+ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz,
+daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie
+seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar
+hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn.
+
+»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch
+hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der
+Florences.«
+
+Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm
+am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen
+Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er
+hinzu:
+
+»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich
+hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre
+Höhle betreten habe?«
+
+Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den
+Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle
+nenne.
+
+Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der
+unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu
+verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger
+gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner
+kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß
+Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben
+auf der Klippe gesellte.
+
+Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte
+einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft
+hatte, und fragte sie:
+
+»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?«
+
+»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt
+vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?«
+
+»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath
+war. Weißt du noch?«
+
+»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.«
+
+»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die
+beiden sich unterhalten!«
+
+»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.
+
+»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem
+Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.«
+
+Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide
+nicht auf die Unterhaltung der Herren.
+
+Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er
+ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum
+beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig
+geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber
+sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich
+seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte
+sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob
+er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch
+selbst in Australien gewesen sei.
+
+»Nein, aber ich habe davon gehört.«
+
+»So? Ja -- ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in
+meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland
+-- das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch,
+ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es
+wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt
+worden.«
+
+»So?«
+
+»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts
+Besonderes -- irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute
+sich einlassen, wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber
+er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl
+in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte.
+Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen
+wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es
+überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er
+hatte nie davon gesprochen.«
+
+Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder
+anzuzünden.
+
+Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte,
+sagte langsam:
+
+»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen,
+ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?«
+
+»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch
+unverheiratet war.«
+
+»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«
+
+»Dreißig? Ach nein -- so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.«
+
+Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen.
+
+»Wissen Sie das gewiß?«
+
+»Natürlich, ganz gewiß!«
+
+Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu
+gutmütig, um ungeduldig zu werden.
+
+»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig,
+und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine
+Mutter hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in
+England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein
+halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die
+verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr,
+nicht dreißig oder annähernd soviel.«
+
+»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.«
+
+Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.
+
+»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig
+Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield.
+Nein -- vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als
+hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit?
+Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.«
+
+Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt.
+Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit
+so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal
+darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von
+Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen,
+sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue
+Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er
+erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt.
+
+»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine
+Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich
+behaupten, daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben,
+Liebling!«
+
+Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths
+entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten,
+forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis
+und ihrem Verlobten entgangen -- die merkwürdige Veränderung in dem
+ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen
+zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit
+einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte
+sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer
+beunruhigen sollte.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von
+der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem
+Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende
+Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms
+aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn
+instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu
+wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das
+dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über
+einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt
+des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich
+begrüßend:
+
+»Da sind Sie wieder -- das ist recht.«
+
+»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?«
+
+»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?«
+
+»Nein -- draußen auf der Halde.«
+
+»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich,
+ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.«
+
+Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen Fenster nieder. Das helle
+Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke
+lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen
+Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere
+Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes
+Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er
+mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der
+Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht.
+
+»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich
+nichts Unangenehmes begegnet?«
+
+»Unangenehmes?«
+
+Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich
+sehe ein, daß ich mich geirrt habe -- das ist alles. Bis heute glaubte
+ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St.
+Mellions kam, fast getan sei -- weit gefehlt! Ich bin gerade so weit
+wie vorher!«
+
+»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die
+Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut
+zu mieten?« fragte Sherriff.
+
+»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen,
+nach London zu gehen -- weit besser!«
+
+»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«
+
+»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem
+Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«
+
+Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu Boden. Der Ältere
+brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und
+vielleicht etwas vorwurfsvoll:
+
+»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein
+Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an
+Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht
+wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das
+unmöglich?«
+
+»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«
+
+»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«
+
+Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths
+Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.
+
+»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er,
+»und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben
+Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen,
+und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache
+erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte -- das
+werden Sie sich wohl schon sagen können.«
+
+Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die
+von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft
+niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn
+unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht;
+vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes
+quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich,
+sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen
+ohne Sorge zu denken.
+
+Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu.
+Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in
+seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit
+doch merklicherem Zögern als vorher.
+
+»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb
+Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?«
+
+»Ein anderer Grund?«
+
+Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen
+Zügen lag, sah wenigstens echt aus.
+
+»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe
+ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie
+in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten
+Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt
+hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier
+fortwünschen? Und ist es -- Gräfin Florence Esmond?«
+
+»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum
+durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte,
+abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe
+oder nicht.
+
+»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort,
+die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich
+bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß
+eine Schönheit und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann
+naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen,
+aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu
+stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden
+jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch
+keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.«
+
+»Das wenigstens ist wahr.«
+
+»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die
+Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich
+oder nicht?«
+
+»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit
+sagen; ich bewundere sie -- jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an
+andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre
+und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit
+zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff,
+aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten,
+noch mich forttreiben.«
+
+Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar
+eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt,
+als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der
+Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen,
+die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz
+getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt
+-- daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie
+deutlich genug gezeigt.
+
+Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder.
+
+»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich,
+das zu hören, mein lieber Junge -- wirklich herzlich! Es kann einen
+Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das
+er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den
+Kopf zu setzen.«
+
+»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen
+Gedanken gekommen sind.«
+
+»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre
+Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört,
+schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«
+
+»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte,
+hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn
+allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences
+Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort.
+»Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.«
+
+»Ich war mehr als überrascht.«
+
+Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd
+war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem
+Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine
+versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn
+Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole
+es -- er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich
+zu machen.«
+
+»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in
+seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen.
+
+»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu
+verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit.
+
+Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen
+düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten
+hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub,
+geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen
+schwer.
+
+»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, -- und Frauen wohl
+ebenfalls, -- die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib
+ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man
+so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört;
+für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein
+Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder
+zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von
+einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war --
+einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann
+aus mir gemacht hat?«
+
+»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft.
+
+»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?«
+
+»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.«
+
+»Ja, eine Frau -- für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den
+Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich
+kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die
+näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie -- wie innig, das zu
+sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch.
+Ja -- ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib
+zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren -- sie hatte sich
+vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das
+werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte
+einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben --
+viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz
+unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und
+als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein
+Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin
+für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir
+beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei,
+das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie
+sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten
+wir -- mochte geschehen was da wollte -- heiraten. Sie ging. Ich kann
+mir noch jetzt all den Schmerz -- all die Qual jener Trennung von ihr
+vergegenwärtigen.«
+
+Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde
+sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum
+wiedererkannt haben.
+
+»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es
+ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie
+war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen.
+Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr -- niemals! In den
+ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich
+fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam
+noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn
+seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir,
+daß sie verheiratet sei.«
+
+Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.
+
+»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie
+mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich
+will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe -- ich war jung, und
+ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich
+mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit
+entsprach -- daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie
+glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr
+gehört.«
+
+»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«
+
+»Nein -- dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten
+haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.«
+
+»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?«
+
+»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso
+weißem Haar wie das meine -- sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es
+ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht
+mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als
+das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte,
+nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte
+das Gefühl, daß -- wie sie nun auch sein mag -- Sie sie hören sollten.
+Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben
+ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt
+zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie
+uns von etwas anderem reden.«
+
+Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten
+war.
+
+»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie
+mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige,
+denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben.
+Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich
+will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast
+unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet,
+wieder gutmachen zu lassen.«
+
+»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte
+Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath -- ich bitte Sie
+sogar, es nicht zu tun.«
+
+»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen
+sagen, was mich von der anderen Seite der Welt hierher nach St.
+Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann
+aufzusuchen.«
+
+»Einen Mann? Wer ist er?«
+
+»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht
+sein. Ich weiß es nicht.«
+
+»Was ist er denn?«
+
+»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.«
+
+»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?«
+
+»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«
+
+»Recht für wen?«
+
+»Für die Lebenden und die Toten.«
+
+»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«
+
+»Ich weiß, daß er hier war.«
+
+»Vor langer Zeit?«
+
+»Vor vielen Jahren.«
+
+»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?«
+
+»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er
+einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie
+könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie --
+haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?«
+
+»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe
+ich den Namen niemals gehört.«
+
+»Das wissen Sie bestimmt?«
+
+»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen
+je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt.
+Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich
+halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben
+sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden.
+»Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den
+Namen Robert Bontine nie gehört.«
+
+
+
+
+10.
+
+
+Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal
+als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht
+allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war
+durchaus nicht übertrieben.
+
+Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe
+Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe
+standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach
+und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer
+und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane
+von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso
+wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß
+sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie
+dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in
+strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und
+verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für
+eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem
+nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein
+Mieter für das Haus gefunden.
+
+Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen
+darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über
+den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.
+
+Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte,
+der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle
+notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte
+sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und
+Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner
+Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe,
+eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen
+Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und
+dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als
+beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über
+ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte
+man sich in St. Mellions höchlichst.
+
+Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger
+beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten
+Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den
+Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er
+verkehrte.
+
+Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso
+die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem
+klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden.
+Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und
+Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten
+war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet
+Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein
+Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry
+Wentworth bei ihm gewesen.
+
+Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den
+Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit
+Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser
+Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten
+in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll,
+aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn
+Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig
+niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der
+Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster
+auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal
+hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band
+gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war
+aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls
+glaubte er das.
+
+Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der
+Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich
+jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum
+wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort
+begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über
+den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen
+Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen,
+sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt
+hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie
+stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte
+ihn schon seit mehreren Minuten gesehen.
+
+Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim
+Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden
+gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot.
+Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm
+gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während
+er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.
+
+»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich
+müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.
+
+Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie
+die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch
+dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht
+mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an
+ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein,
+-- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel
+besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum
+gewußt.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie
+nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.«
+
+»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten
+hinausblicken sollen.«
+
+»Sie haben die See gern?« fragte er.
+
+»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in
+eine Nixe verwandelt werden.«
+
+Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn
+ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben.
+
+»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?«
+
+»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher
+Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,«
+setzte er ruhig hinzu.
+
+»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es
+so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause
+sehr einsam fühlen.«
+
+Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl,
+die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre
+eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine
+auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen
+bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen
+würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich
+seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.
+
+Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte
+bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath
+sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie
+brachte ihn dazu.
+
+Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde
+gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene
+Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr
+lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben
+ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum
+ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine
+direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen.
+
+»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,«
+sagte Florence langsam, in Sinnen verloren.
+
+Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese
+Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen
+Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in
+Falten gezogen.
+
+»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort
+sehr gern leben.«
+
+»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch
+vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!«
+
+»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«
+
+»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.«
+
+»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine
+Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst
+Australien ansehen.«
+
+»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath
+ruhig.
+
+»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«
+
+»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.«
+
+Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und
+sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt.
+Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen
+zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions
+geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um
+alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie
+hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen.
+
+Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer
+Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die
+Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn
+unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er:
+
+»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine
+Frage an Sie zu richten?«
+
+»Eine Frage?«
+
+Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier,
+und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß
+sie pikiert sei.
+
+»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?«
+
+»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath,
+der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich,
+daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich
+unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«
+
+»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die
+sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie
+kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit
+innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit
+gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich
+jetzt!« warf sie leicht hin.
+
+»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie
+am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten,
+wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?«
+
+»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn
+nicht alle.«
+
+»Und ihre Namen?«
+
+»Und ihre Namen, selbstverständlich!«
+
+Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.
+
+»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?«
+
+Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter,
+erregter Ausdruck trat in seine Züge.
+
+Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.
+
+»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name.
+Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten
+zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen
+hören.«
+
+»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.
+
+»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert
+oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens
+sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«
+
+Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von
+Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr
+so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«
+
+»Ich hoffte es.«
+
+»Er ist vielleicht fortgezogen.«
+
+»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem
+merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich
+selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus.
+
+»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht
+tot ist.«
+
+Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie
+nicht.
+
+»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name
+auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers
+Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«
+
+»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht,
+daß Sir Jasper einen Bruder hat.«
+
+»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel
+würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«
+
+»Der Bruder war also der ältere?«
+
+»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.«
+
+»Und er hieß Robert?«
+
+»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt
+werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«
+
+»Ist es schon lange her?«
+
+»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper
+heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!«
+
+Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht
+unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug
+gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie
+sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls
+auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas
+Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch
+berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie
+war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern.
+
+»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein,
+wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade
+dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche.
+Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er
+ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade
+darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben
+wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.«
+
+»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im
+Auslande?«
+
+»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt
+umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.«
+
+Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und
+schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf.
+»Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß
+Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein
+schrecklicher Tunichtgut.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man
+gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen
+Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe
+ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.«
+
+»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«
+
+»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst
+sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret
+genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange
+her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o --
+o --«
+
+Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen
+Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische
+Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.
+
+Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen
+mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?«
+
+»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen,
+Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit
+mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!«
+
+Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich
+gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig
+über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die
+Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn
+noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken
+sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an
+ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte
+die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß
+ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau.
+
+»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut
+in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem
+Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur
+Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher
+Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder
+an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es
+war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret
+Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine
+solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen
+wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und
+fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit.
+Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf
+der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du
+nicht mit ihm reden darfst.«
+
+Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen,
+eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold,
+denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere
+Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu,
+daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser
+Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath
+zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was
+vielleicht eine Entschuldigung für sie war.
+
+
+
+
+11.
+
+
+»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich
+zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder
+Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde
+alt,« sprach Gräfin Florence.
+
+Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig
+gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung.
+Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron
+sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen
+halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren
+Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich
+in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim
+Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster
+stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.
+
+»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt,
+Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer.
+
+Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn
+sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie
+trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,
+wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern
+und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen
+Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den
+lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre
+Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast
+schwarz aus.
+
+Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und
+beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den
+Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter,
+aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war,
+und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu
+sagen habe.
+
+»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige
+Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du
+es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit
+dir besprechen.«
+
+Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die
+Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig.
+Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine
+kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden
+wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in
+schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich
+schmollend.
+
+Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand.
+Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das
+junge Mädchen denken.
+
+»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er
+an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie
+möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das
+brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«
+
+Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich
+mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar
+und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan.
+
+»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte
+sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen
+weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst
+gestern gewesen!«
+
+»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!«
+
+»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit
+undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt
+sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«
+
+»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht
+ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung
+ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht
+tun solltest.«
+
+»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte
+übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber
+ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!«
+
+»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«
+
+»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren
+Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal
+nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie
+in Pontresina weilt? Unmöglich!«
+
+»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach
+England zurückkehrt?«
+
+»Allerdings. Ganz entschieden.«
+
+»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.«
+
+Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.
+
+»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor
+ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes.
+Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die
+Herzogin!«
+
+Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen.
+
+»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten
+lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten
+geschieht.«
+
+»Freilich.«
+
+»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?«
+
+»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr?
+Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?«
+
+Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich
+vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise
+hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte
+sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu
+ihm empor.
+
+»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich.
+Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und
+doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus
+reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du
+willst!«
+
+Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das
+hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich
+damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen.
+
+»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und
+vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine
+Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.«
+
+»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn
+mit funkelnden Augen an.
+
+»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«
+
+»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes,
+leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter,
+verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich
+dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt --
+wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«
+
+Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine.
+»Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander
+passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.
+
+»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb
+ungeduldigen Ton ein.
+
+Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir
+mein Wort zurückgeben.«
+
+»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er
+ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos
+anstarrte.
+
+»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht
+leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten
+es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser
+als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen,
+weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen!
+Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine
+Schuld ist. Soll ich?«
+
+Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er
+sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein.
+Sieh!«
+
+Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es
+klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre
+Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er
+sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu
+verbergen.
+
+»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend
+wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume
+ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere
+Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres
+Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was
+lasest du eben? Gedichte, glaube ich.«
+
+»Ja.«
+
+Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch
+wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm,
+den sie hatte fallen lassen.
+
+»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«
+
+»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.«
+
+»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer
+Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.«
+
+»Leath?«
+
+Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst
+doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?«
+
+»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz.
+
+»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß
+er hier nicht verkehrt?«
+
+»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen
+und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort
+ebensogern umherzuschlendern wie ich.«
+
+»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich
+nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«
+
+Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes
+schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck
+gleichgültiger Verwunderung an.
+
+»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in
+nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative
+ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es
+wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut,
+und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies
+Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«
+
+»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«
+
+»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die
+Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und
+ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.«
+
+»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich
+außerordentlich wundere.«
+
+Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg
+an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem
+Antlitz deutlicher hervortrat.
+
+»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals
+hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das
+ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich
+mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß
+ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?«
+
+»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber,
+meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon,
+einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu
+begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen
+Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber
+nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben,
+als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt
+davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.«
+
+»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen.
+
+»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber,
+bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß
+das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß
+die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --«
+
+Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung.
+Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen
+Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose
+Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer
+Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte
+von einem zum anderen.
+
+»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große
+Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?«
+
+Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten
+grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht
+gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort
+überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell
+zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht,
+ihren Verlobten zu ärgern:
+
+»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber
+Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden
+zu mögen, Onkel Jasper!«
+
+»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er.
+
+»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den
+jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten
+Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu
+sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt --
+vergessen Sie das nicht.«
+
+»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe
+ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem
+Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann,
+und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich.
+
+»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus
+vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus
+anständiger Mensch ist.«
+
+»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«
+
+»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen
+zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang
+aufhalten würde.«
+
+»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions
+zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er
+war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb
+draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend.
+
+»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche
+Angelegenheit.«
+
+»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen.
+Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund
+zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte.
+
+»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel
+Jasper.«
+
+»Was?«
+
+Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.
+
+»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat
+es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine
+Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert
+Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«
+
+»Nein!«
+
+Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den
+Augen.
+
+»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions
+gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb,
+so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt,
+ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte
+ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige
+Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein
+verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade
+unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß
+gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen
+Robert Bontine gehört hättest?«
+
+Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters
+entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und
+scharf zurück.
+
+»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den
+Namen Robert Bontine niemals gehört.«
+
+
+
+
+12.
+
+
+Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit
+dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten
+die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose,
+dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf
+der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade.
+In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem
+heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.
+
+Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard
+Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte
+erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des
+Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und
+trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit
+offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens
+zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten
+nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte.
+
+»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin.
+
+Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die
+ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in
+heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich
+wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es
+zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle
+Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte
+immer näher.
+
+»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich
+hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In
+diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die
+behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt,
+haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!«
+
+Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters
+übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber,
+wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es
+war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin
+durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden
+um die Ecke des Hauses.
+
+Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die
+Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig
+genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem
+Sattel sprang.
+
+»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie
+sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die
+Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über
+sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar
+mit mir durchgegangen sein.«
+
+»Natürlich -- natürlich!«
+
+Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen
+Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie
+müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.«
+
+Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte
+die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die
+mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die
+die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß
+einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen
+Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage
+kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut
+verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu
+beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.
+
+Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast
+heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem
+Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und
+wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit
+einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat.
+
+»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen
+Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht
+glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«
+
+»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«
+
+»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der
+Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«
+
+»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.«
+
+»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir
+Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer
+über die Halde gekommen sein!«
+
+»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu
+wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.«
+
+»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es
+nicht wundervoll?«
+
+Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte
+der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab,
+zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont
+erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im
+Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest
+aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen.
+Leath trat einen Schritt auf sie zu.
+
+»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone.
+
+»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das
+heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die
+ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein
+bin.«
+
+»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«
+
+»Nein, lieber nicht.«
+
+»Dann müssen Sie sich setzen.«
+
+Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch
+niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann
+es nicht lange fortgehen.«
+
+»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es
+kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange,
+besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.«
+
+Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte
+sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen,
+und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter
+hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den
+beiden sprach. Dann trat er an den Tisch.
+
+»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher
+sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.«
+
+Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu
+sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im
+gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste,
+holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich
+streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.
+
+»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte
+er. »Sie kamen also von Lychet Hook!«
+
+»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer,
+Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr
+befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland
+zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr
+zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.«
+
+Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als
+ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹,
+die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren.
+
+»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt,
+sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort
+geblieben?«
+
+»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady
+Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich
+würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch
+wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.«
+
+»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein
+Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und
+trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.
+
+»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood
+Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein
+meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen
+Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?«
+
+»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«
+
+Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an
+die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone
+hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der
+Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; --
+welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte,
+davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.
+
+»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend
+die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war
+zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich,
+aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich
+dahin, wo der Pfeffer wächst.«
+
+»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!«
+
+»Das scheint so.«
+
+Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der
+ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer
+lachte.
+
+»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,«
+meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich
+Ihnen Schutz gewährte.«
+
+»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«
+
+Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit
+unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes
+Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die
+Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir
+nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und
+jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie
+nicht bleiben!«
+
+»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem
+Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie
+war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im
+mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem
+Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das --
+nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!«
+
+»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach
+dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit
+schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist
+augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das
+Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.«
+
+»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in
+einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer
+Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie
+werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«
+
+»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit
+stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose
+Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz
+allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte.
+Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine
+Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte.
+Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist
+ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in
+Turret Court denken?«
+
+»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei
+Brentwoods geblieben.«
+
+Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem
+Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis
+für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie
+plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück.
+
+»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und
+meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!«
+
+»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe
+verdrießen wird.«
+
+Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren
+großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte.
+
+»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch
+schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und
+konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem
+Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein?
+Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?«
+
+Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester,
+ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er
+hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht
+verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut,
+und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische
+Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹
+gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die
+kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend
+über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet.
+
+»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das
+ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz
+gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht
+zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut
+angeschrieben bin.«
+
+»Nein -- das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann
+Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm
+anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun --
+als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?«
+
+Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er
+wußte weshalb.
+
+»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für
+etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?«
+
+Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in
+seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz,
+der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine
+Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne
+verklang, hub Leath langsam an:
+
+»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich
+getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich
+herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin,
+Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.«
+
+Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren
+Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich,
+obgleich auch mit einem Anflug von Kälte:
+
+»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«
+
+»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung
+bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie
+allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.«
+
+»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«
+
+»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein
+könnte.«
+
+Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen
+leichten und heiteren angeschlagen.
+
+»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und
+jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne
+einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie
+müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich
+will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung.
+Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren.
+Daran hätte ich schon eher denken sollen.«
+
+»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder
+von ihrem Stuhl auf.
+
+»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten
+Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter
+machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz
+erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht
+zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und
+außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen
+Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen
+mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde
+vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.«
+
+»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir
+nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem
+Tone.
+
+Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der
+sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen
+zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen
+gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen,
+selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung
+gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind
+schutzheischend an ihn klammerte.
+
+»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,«
+sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt --
+Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in
+ihrer Obhut sicher geborgen sein.«
+
+»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie
+ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in
+dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht --
+abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.«
+
+»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle
+Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß
+zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie
+werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?«
+
+»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich
+fürchten würde.«
+
+»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im
+Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret
+Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am
+besten so, glauben Sie mir.«
+
+»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte
+ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten
+wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen --
+hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!«
+
+Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch
+ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe.
+Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.
+
+»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte
+er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit
+ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine
+halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher
+in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen
+wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis
+morgen früh empfehlen.«
+
+Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte
+mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei
+entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze
+Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von
+Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine
+Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste
+gedacht.
+
+Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf
+sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich:
+
+»Was ist Ihnen?«
+
+»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und
+gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag
+auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie
+zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!«
+
+
+
+
+13.
+
+
+Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an,
+Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur
+Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre
+Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte,
+plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon.
+Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach
+in ein silberhelles Lachen aus.
+
+»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?«
+
+»Vermutlich.«
+
+»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«
+
+»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«
+
+»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr
+Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können
+mich doch nicht an die Luft setzen.«
+
+»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.«
+
+»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein
+lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.«
+
+»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.«
+
+»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das
+Unvermeidliche finden, nicht wahr?«
+
+»Ja -- das müssen wir wohl.«
+
+Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr
+beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die
+Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte
+die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu
+verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß
+sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie
+fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich
+die größte Mühe gab, nicht rot zu werden.
+
+»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie
+freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter
+auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte
+Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche
+Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten
+zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute
+für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen,
+so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten.
+Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie
+nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie
+ängstigt sich schrecklich.«
+
+Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein
+Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut
+er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das
+Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte
+und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen
+großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen
+und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine
+Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz
+so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in
+Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad
+in einen Bach.
+
+Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem
+Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit
+jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu
+finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen
+Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war
+heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!
+
+Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische,
+als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er
+entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins
+Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm
+lebhaft zuwandte.
+
+»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu
+glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist
+die Stute ruhig?«
+
+»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter
+Reitknecht.«
+
+»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.«
+
+Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling,
+und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.
+
+»Hat der Regen nachgelassen?«
+
+»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr
+laufen, überschwemmt zu werden.«
+
+Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.
+
+»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?«
+
+»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?«
+
+»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen
+Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?«
+
+»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um
+Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich
+mittags, und --«
+
+»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte
+ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse.
+Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre
+Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.«
+
+Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu
+folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im
+Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies.
+Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie
+alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit
+und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen
+war einfach unwiderstehlich.
+
+»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos!
+Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst
+hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube,
+ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst
+bedienen zu müssen?«
+
+»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath
+geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen,
+wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die
+verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen
+reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.
+
+»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht
+werden.«
+
+»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich
+schrecklich --«
+
+»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein
+Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir
+mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«
+
+»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube,
+es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel
+Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die
+Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als
+eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie
+das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.«
+
+Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer,
+und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett
+in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes
+mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit
+drolligzufriedener Miene.
+
+»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein
+schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich
+kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte,
+und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden
+könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.«
+
+»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath
+trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm.
+Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck
+verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen
+zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne
+ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung
+einzugehen, so gut er konnte.
+
+»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es
+lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen
+kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu
+setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.«
+
+Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als
+sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen,
+und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein
+Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren
+großen Korbstuhl zurücklehnte.
+
+»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn
+Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen,
+den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist
+mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm
+hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich
+Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«
+
+»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite --
+quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus,
+daß es im Erdgeschoß liegt?«
+
+»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.
+
+»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«
+
+»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und
+Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen
+kann.«
+
+Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der
+Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine
+Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«
+
+»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen
+leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.«
+
+Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die
+Dinge, wie sie lagen.
+
+»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr
+Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?«
+
+»Ja, das ist meine Absicht.«
+
+»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!«
+
+»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie
+das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten
+Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste
+Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«
+
+»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück.
+»Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?«
+
+»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte,
+und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in
+Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer
+fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«
+
+»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« --
+Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur
+anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich
+selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind.
+Weshalb sollte ich auch?«
+
+»Weshalb, in der Tat?«
+
+Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver
+nieder.
+
+Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein
+Licht herbeiholte und es für sie anzündete.
+
+»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?«
+
+»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.
+
+»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen,
+wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?«
+
+»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das
+recht?«
+
+»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es
+besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten.
+Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.«
+
+Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer
+Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie
+nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem
+Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache,
+denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen
+konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche
+Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte:
+
+»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das
+Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß
+Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?«
+
+»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke
+Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.«
+
+»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«
+
+Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ
+sie eintreten.
+
+»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie
+Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie
+und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu
+beschaffen ist.«
+
+Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch
+die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht.
+Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück,
+wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte,
+den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten
+blauen australischen Himmel getan. --
+
+Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen
+erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell.
+Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer
+Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ
+sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den
+Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und
+verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit,
+im Sonnenschein auf und ab zu gehen.
+
+So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, --
+ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er
+hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen
+Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er
+auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache
+stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie
+Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb
+Leath stehen und sah sich um.
+
+»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es
+mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war,
+desto besser.«
+
+Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren
+Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen
+Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt
+ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie
+dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte
+er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach
+Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran,
+die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu
+erledigen.
+
+Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete,
+an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst
+nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert
+anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und
+ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte.
+Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.
+
+Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem
+einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der
+Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach
+gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum.
+
+Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der
+Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da
+öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe,
+sondern Sir Jasper selbst trat ein.
+
+War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine
+Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für
+gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur
+Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich
+umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von
+seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich
+begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war
+es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes
+Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen.
+
+Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf
+den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem
+wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene
+Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht
+so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er
+hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne
+in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es
+lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem
+Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken.
+
+»Was -- was wollen Sie?«
+
+Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken,
+aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg.
+
+»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu
+werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus
+nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß
+ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu
+sprechen.«
+
+»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso
+heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung
+wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand
+auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr
+Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie
+meiner Frau zu sagen haben können.«
+
+»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady
+Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der
+Überbringer einer Bestellung an sie.«
+
+»Einer Bestellung?«
+
+»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.«
+
+»Meines Mündels?«
+
+Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der
+namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen.
+
+»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr
+Leath?«
+
+»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische
+Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach
+mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer
+Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin --
+unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden
+ist.«
+
+»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!«
+
+»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch
+des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde.
+Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.«
+
+»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?«
+
+»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so
+heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin
+ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --«
+
+»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort
+ist?« fragte Sir Jasper barsch.
+
+»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte.
+Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, --
+was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte
+davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht
+haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem
+Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen
+Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen.
+Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«
+
+Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend
+da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im
+Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel
+Schlimmeres.
+
+Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er
+sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.
+
+»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was
+Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter
+überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es
+ihr heute morgen gut?«
+
+»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief
+noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,«
+antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen,
+während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets
+freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in
+Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte,
+welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und
+in der Tat auch für Roy abgab!
+
+»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben
+wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen
+soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten,
+da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«
+
+»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath
+ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr
+das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow.
+Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr
+zu entschuldigen.«
+
+»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause
+zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie
+wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den
+Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären
+vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie
+wird Ihnen danken wollen.«
+
+»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art.
+»Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste
+-- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun
+konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als
+ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr
+kleines Abenteuer nicht schaden.«
+
+Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem
+Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.
+
+»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das --
+unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so
+unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert
+Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und
+dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick
+einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden --
+hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um
+ein solches Gebaren zu erklären?«
+
+ * * * * *
+
+Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer
+mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem
+Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis
+gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und
+fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört,
+bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten
+auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer
+etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte
+nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der
+Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach
+ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.
+
+Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch
+immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte
+Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor
+der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf
+ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine
+dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht
+umwölkte sich auf einen Augenblick.
+
+Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe
+stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen
+bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während
+Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der
+warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt
+wurde.
+
+»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig
+an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in
+Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu
+werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich
+fast in Ohnmacht.«
+
+»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und
+erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht
+geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«
+
+»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn
+gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute
+morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern
+danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was
+er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle
+nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen,
+was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer,
+nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich
+würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«
+
+Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad
+herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht
+geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer
+Cousine um.
+
+»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.«
+
+»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis
+inkonsequent.
+
+Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher
+geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden
+Augen entgegen.
+
+»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher
+Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich
+abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm
+diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen
+Abend darin gesessen.«
+
+»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir
+natürlich angenommen haben?«
+
+»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde
+vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz.
+Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich
+gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel
+Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit
+gewohnt sein!«
+
+»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß
+-- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine,
+Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du
+mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn
+Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß,
+besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht --
+nicht --«
+
+»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls
+zu finden. Wenigstens sagte er es mir.«
+
+»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt.
+
+»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger
+aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus
+und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein,
+obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt
+noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier
+sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte
+ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.«
+
+»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht
+hier?« rief Lady Agathe.
+
+»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand
+außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein
+Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war,
+spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an.
+
+»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist
+sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so
+böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich
+denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so
+viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine
+Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen --
+wirklich nicht.«
+
+Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn
+Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem
+Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.
+
+»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert
+bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte!
+Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist
+bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!«
+
+»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.«
+
+»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und
+unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und
+unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath
+auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen
+mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er
+von dieser --«
+
+Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit
+jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr.
+
+»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei
+es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte
+verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!«
+
+Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der
+Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin,
+während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und
+Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß,
+kein Wort sprach. --
+
+
+
+
+15.
+
+
+Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über
+die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer
+Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser
+sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence
+sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er
+sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte
+fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte
+er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester
+beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er
+hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand
+abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort
+Florence Esmond begegnen konnte.
+
+Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und
+ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters
+sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war
+aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand
+in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den
+Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des
+jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann
+fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen:
+
+»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«
+
+»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich
+erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war.
+Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --«
+
+»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?«
+
+»Von Gräfin Florence.«
+
+»Gräfin Florence?«
+
+»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch
+nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen.
+Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«
+
+Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel
+von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte
+sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der
+Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend
+über seinen langen weißen Bart.
+
+»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden,
+als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre
+Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch
+den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,
+durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter
+hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«
+
+»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe
+ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«
+
+»Ein so großer doch kaum.«
+
+»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch,
+voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und
+jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares
+Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange
+davor.«
+
+»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester
+könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?«
+fragte der alte Herr ungläubig.
+
+»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht.
+Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr
+gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und
+was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie
+besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie
+selbst wird die Verlobung auflösen.«
+
+»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte
+Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe,
+Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende
+gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich
+werden würde.«
+
+»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig
+im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr
+Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der
+Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und
+was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«
+
+Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese
+Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke
+wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein
+weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester
+vielleicht schweres Unrecht.«
+
+»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei
+ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen
+Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«
+
+Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch
+ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus.
+
+»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es
+in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind
+-- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem
+unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat,
+ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das
+wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret
+Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre
+er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen.
+Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht
+vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.«
+
+Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder,
+ehe er wieder anhub:
+
+»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem
+behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die
+Frage ist nun -- was soll ich tun?«
+
+»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht
+recht, Leath. Was sollten Sie tun?«
+
+»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das
+würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?«
+
+»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der
+Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was
+Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen
+aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich
+ganz ruhig verhalten.«
+
+»Das ist Ihr Rat?«
+
+»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«
+
+»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald
+ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.«
+
+»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«
+
+»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein.
+Mein gewöhnliches Glück!«
+
+Es trat eine kurze Pause ein.
+
+»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in
+Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber
+da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage
+erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«
+
+»Nicht den geringsten.«
+
+»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions
+und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine
+Spur von Robert Bontine aufzufinden?«
+
+»Nein!«
+
+»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«
+
+»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die
+Nachforschungen nie einstellen.«
+
+»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?«
+
+»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,«
+antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme,
+um so besser ist es für mich.«
+
+Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot
+stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in
+den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf
+die Schulter.
+
+»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen
+nicht gleichgültig?«
+
+Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen
+und sah dann fort.
+
+»Ich bin ein Narr!« sagte er.
+
+Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte
+sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der
+alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so
+würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche
+und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres
+Wort zwischen ihnen begraben sein.
+
+»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun,
+wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen
+verscheuchen.« --
+
+Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit
+konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen
+waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond
+hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur
+hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so
+teuer wie ein Sohn geworden war.
+
+Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte,
+an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die
+aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so
+rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«
+
+Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen
+bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden
+so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie
+wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf
+Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem
+Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in
+ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard
+Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft
+für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte
+und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene
+Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber
+die Wunde konnte noch immer wehtun.
+
+Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als
+in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde
+der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.
+
+Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als
+daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich
+dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort,
+wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum
+zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn
+hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des
+Zimmers öffnete und der Baron eintrat.
+
+ * * * * *
+
+Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege
+nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven
+hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam,
+sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen,
+der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte,
+um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu
+beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek
+von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn
+erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als
+jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt?
+In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort
+auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse
+folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus.
+
+Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war
+aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig.
+Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in
+die Wangen trieb. Er sagte hastig:
+
+»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe
+auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es
+sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist,
+so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!«
+
+»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem
+gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen
+Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das
+passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören,
+weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers
+Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er
+hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war,
+über Sie zu sprechen.«
+
+»Über mich?«
+
+»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er
+augenscheinlich gegen Sie empfindet?«
+
+»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen --
+aber mehr auch nicht.«
+
+»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?«
+
+»Durchaus nicht! Wünscht er das?«
+
+»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu
+reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig
+von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung
+steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die
+Tür weisen sollte.«
+
+Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus.
+
+»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«
+
+»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas
+wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute
+morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten,
+und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence
+erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den
+Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«
+
+»Gütiger Himmel! Das sagte er?«
+
+»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir,
+daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen
+abbrechen sollte.«
+
+»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?«
+
+»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«
+
+»Wie?«
+
+»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen
+oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir
+Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu
+schaffen.«
+
+»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf.
+»Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.«
+
+»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere
+mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso
+handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht
+zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich
+tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß,
+daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt
+war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte.
+Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach
+Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts
+Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie
+zusammenzupacken.«
+
+»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der
+Pforte gelassen und will es erst hereinholen.«
+
+Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff
+vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult,
+das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher
+nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand
+gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken
+vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete,
+zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.
+
+»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend.
+
+»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen
+Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat
+etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche,
+mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange
+wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn
+sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an
+ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages,
+wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich
+erlebt habe -- erzählte?«
+
+»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort.
+
+»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild
+besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins
+Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie
+von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht
+ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist
+jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar
+ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«
+
+Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath
+nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und
+stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.
+
+»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch
+nicht schon gesehen -- wie?«
+
+»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet
+grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«
+
+
+
+
+16.
+
+
+»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten,
+daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als
+abgetan ansehe, Florence?«
+
+»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu
+verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.
+
+Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen
+gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr
+blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren
+Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf
+ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden,
+und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte,
+die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde
+haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen.
+Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung
+tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung
+abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt
+haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der
+ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen,
+und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze
+wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich.
+Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem
+sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache
+abzufinden, so gut er es vermochte.
+
+Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und
+zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt
+hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen,
+nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich
+hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher
+Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn
+seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und
+sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen
+glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.
+
+»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,«
+sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn
+Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch
+vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es
+erfahren mußtest --«
+
+»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort.
+»Allerdings mußte ich das!«
+
+»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was
+ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und
+da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe
+das Thema satt.«
+
+»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt
+-- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence,
+begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen
+Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«
+
+»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.
+
+»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich!
+Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«
+
+»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich
+heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath
+den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein
+Frühstück.«
+
+»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon
+erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester.
+»Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es
+satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt
+bekommen, ehe es abgetan ist!«
+
+Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen.
+
+»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch
+unglückselige Sache es ist!«
+
+Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande
+nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose
+Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so
+hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf
+und nieder zu gehen.
+
+»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und
+man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das
+macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das
+nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine
+Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es
+ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein
+Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines
+Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«
+
+Er blieb wiederum vor ihr stehen.
+
+»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas
+leicht zu nehmen?«
+
+»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen
+senkend, lächelte sie.
+
+»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen
+angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du
+hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde
+es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence
+Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine
+zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«
+
+»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!«
+
+»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe
+dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge?
+Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich
+kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine
+Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder
+Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß --
+ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht
+der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer
+Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich
+bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie
+sind frei!«
+
+»Florence!«
+
+Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen
+und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich!
+Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --«
+
+»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring
+zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«
+
+»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer
+ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag,
+zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung
+jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und
+sie zu bestätigen scheinen.«
+
+»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch
+einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
+
+»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht
+überlegen --?«
+
+»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für
+allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum
+drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
+
+Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung,
+mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand.
+Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben,
+aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er
+liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er
+schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.
+
+»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu
+ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich
+meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein
+Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder
+eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --«
+
+»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde
+ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge
+zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«
+
+»Ist das dein Ernst?«
+
+Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von
+ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz
+um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem
+Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor
+zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. --
+
+Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid
+auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter
+Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und
+schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese
+abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere
+Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, --
+sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller
+Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf.
+
+»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes
+Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie
+hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen
+im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?«
+
+»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich
+geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen.
+Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du
+dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?«
+
+»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte
+ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich
+verstehe dich ganz und gar nicht.«
+
+»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es
+tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum
+Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«
+
+»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher
+Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese
+unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?«
+
+»Ja, ich habe es ihm erzählt.«
+
+»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe
+stockend.
+
+»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren
+werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«
+
+»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich
+fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich
+fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester
+fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das
+tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit
+einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen.
+»Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst
+du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?«
+
+»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath
+für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.«
+
+»Florence!«
+
+Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.
+
+»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht --
+wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt,
+»du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause
+wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir
+leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle
+Fälle nach Lychet Hut.«
+
+»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke
+doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«
+
+»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein
+seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte
+sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich
+mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester
+nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich
+geweigert, ihn zu heiraten.«
+
+ * * * * *
+
+Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf
+seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft,
+daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm,
+er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer
+der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte
+eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde.
+
+»Gräfin Esmond!«
+
+Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war
+vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah.
+
+»Sind Sie es wirklich?«
+
+»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter
+hierherverschlagen.«
+
+Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag
+auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre
+Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet,
+eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.
+
+»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu
+danken.«
+
+»Das war ganz unnötig.«
+
+Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch
+immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu
+schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für
+Sie tun konnte, gern geschehen ist.«
+
+»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke
+Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig
+zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind
+bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.«
+
+»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne.
+»Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes
+Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.«
+
+»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.
+
+»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? --
+Verständnis für die menschliche Natur.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und
+wurde ebenso blaß wie sie.
+
+»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern
+abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie
+meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn
+Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«
+
+Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.«
+
+»Das hat er getan!«
+
+»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich
+Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt
+wieder inne.
+
+»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht
+der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es
+ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu
+wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen,
+haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war
+es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen
+hörten.«
+
+Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und
+das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen,
+daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher
+Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde.
+Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und
+Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen.
+
+»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der
+wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier
+mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.«
+
+»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.
+
+»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.«
+
+Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr
+wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot
+Chichester gehörte.
+
+»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?«
+
+»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage.
+Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im
+Bungalow zu wohnen.«
+
+»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«
+
+»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es
+jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich
+wiederkommen werde.«
+
+Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen,
+in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten
+könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß
+sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben,
+obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es
+ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den
+er ihn gehalten, erwiesen hatte?
+
+»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence.
+
+Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich
+eine Frage an Sie richten darf?«
+
+»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie
+tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt
+beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich
+hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?«
+
+»Ja.«
+
+»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen
+ist‹.«
+
+»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, --
+Robert Bontine, -- aufzufinden?«
+
+»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.«
+
+»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?«
+
+»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das
+ist alles.«
+
+»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so
+sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie
+gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.«
+
+»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!«
+
+»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen
+denn, Herr Leath?«
+
+»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.«
+
+»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen.
+Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich
+weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte
+ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht,
+es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um
+Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.«
+
+Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr
+gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence
+fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte
+sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd,
+und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn
+allein.
+
+
+
+
+17.
+
+
+»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich
+Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein
+werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.
+
+Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens
+nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das
+trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den
+Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte
+Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte
+Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem
+Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm
+entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes
+Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne
+entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich
+immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt,
+und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er
+selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die
+Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich
+einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn
+er wußte es seit vierzig Jahren.
+
+»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie
+erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in
+seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die
+gestrige Erschütterung --«
+
+»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath
+dazwischen.
+
+»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir
+kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹
+Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß
+ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut
+erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!«
+
+Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine
+Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten,
+die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks
+zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung
+seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig
+Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte
+die Hand, die die seine umschloß.
+
+»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«
+
+»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes
+liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin
+als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres
+Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding,
+als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu
+denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf
+mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer
+Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot
+ist?«
+
+»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.«
+
+»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie
+hat sie Sie zurückgelassen? Allein?«
+
+»Ganz allein.«
+
+»Sie haben keine Geschwister gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten
+hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die
+Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von
+dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung
+geführt hatte.
+
+»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach
+er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen.
+Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild
+sofort erkannten.«
+
+»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich
+umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie
+gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich
+besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt.
+Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich
+verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben
+Frau gehören könnten.«
+
+»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone.
+Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte
+er dann sanft.
+
+»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath
+finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch
+grausamer.«
+
+»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen
+Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
+
+»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich
+Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens
+vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern
+gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den
+sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter,
+wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen
+die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht
+entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie
+schwer dafür gebüßt hat.«
+
+»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem
+tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen,
+ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch
+gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie
+von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
+
+»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst
+an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als
+Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme
+Seele damit meinte! Damals nicht.«
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster
+zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem
+Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die
+auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand.
+
+»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann
+tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen
+nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«
+
+»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«
+
+»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?«
+
+»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton
+war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich.
+
+»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«
+
+»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«
+
+»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?«
+
+»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.«
+
+»Und er ließ sie arm zurück?«
+
+»Er ließ sie am Bettelstabe.«
+
+»Er war also arm?«
+
+»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!«
+
+»Tragen Sie seinen Namen?«
+
+»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt,
+der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.«
+
+Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und
+nahm das Bild vom Tische.
+
+»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er
+ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie
+bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen,
+aber jetzt nicht.«
+
+Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und
+verschloß es sorgfältig.
+
+»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der
+Mortlakeschen Papiere zu helfen?«
+
+Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit,
+suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines
+Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben.
+
+Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff:
+
+»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten
+Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen
+Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«
+
+Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf
+den Tisch.
+
+Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit
+dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich
+Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten,
+enthielten, und setzte hinzu:
+
+»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger
+geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn
+der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen
+sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er
+arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt
+wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter
+seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen,
+wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit
+hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht
+haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem
+ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und
+anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein
+bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court
+herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht
+-- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie
+ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten
+geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges
+Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem
+Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf,
+leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es
+ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und
+ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut
+liegen.«
+
+»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das
+Paket aussah?«
+
+»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem
+verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten
+ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
+
+Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen
+Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich
+niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen.
+Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine
+Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit.
+Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet,
+und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf
+den kleineren.
+
+»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird
+kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
+
+Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war
+augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein
+dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden
+nicht viel anzufangen.
+
+Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches
+Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses
+zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas
+anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es
+langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das
+von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
+
+Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke
+wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber
+lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen,
+natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor
+sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben
+gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden
+Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm
+sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
+
+Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine
+Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz
+da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos
+und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme
+frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz
+zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem
+Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las
+es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den
+Briefen.
+
+Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift
+einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie
+von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr
+als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu
+Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie
+niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter
+Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so
+in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies
+nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda
+anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er
+auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence
+draußen vor dem offenen Fenster stehen.
+
+
+
+
+18.
+
+
+Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der
+Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte
+sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr
+Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie
+am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck
+um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte
+Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus.
+
+»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl
+nicht gehört?«
+
+Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht
+der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen
+hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen
+bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig
+zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine
+Aufforderung, ehe sie eintrat.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie
+nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff
+ist augenblicklich nicht hier.«
+
+Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein
+starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die
+Glastür ein und nahm Platz.
+
+»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause
+weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht
+stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen
+seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt
+habe.
+
+Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise --
+ihm war, als müsse er ersticken.
+
+Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut
+ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische
+verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr.
+Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt,
+ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff
+stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst
+wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den
+Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.
+
+Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des
+Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei.
+
+»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr
+bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme
+fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen
+ist?«
+
+»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.«
+
+Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich
+aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen?
+Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß
+er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher
+gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei
+dem Gedanken ballten sich ihre Hände.
+
+»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,«
+sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt
+inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß
+ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.«
+
+»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.
+
+»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln.
+»Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court,
+und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante
+und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin
+ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig.
+Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich
+in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina
+zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem
+herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn
+nicht mehr sehen sollte?«
+
+Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung
+auffaßte.
+
+»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde.
+Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.«
+Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als
+bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann
+Sie reisen?«
+
+»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins
+Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.«
+
+»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?«
+
+»Ja.«
+
+Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie
+sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«
+
+Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos
+überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen
+und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm
+auf dem Tische lag.
+
+»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte
+meines Gartens?«
+
+»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.
+
+»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?«
+
+»Ja.«
+
+»Weshalb war das?«
+
+»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.«
+
+»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie
+sich der Antwort?«
+
+»Ja.«
+
+Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr
+an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer
+bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich
+zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie.
+
+»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«
+
+Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick
+machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln
+zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.
+
+»Wollen Sie das lesen?«
+
+Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand.
+
+»Verstehen Sie es?«
+
+»Ich weiß, was es ist.«
+
+»Aber mehr begreifen Sie nicht?«
+
+»Nein.«
+
+Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr.
+
+»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte
+Sprache.«
+
+Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während
+sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den
+Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.
+
+»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden,
+-- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht
+wahr?«
+
+»Ja, das verstehe ich.«
+
+Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug
+und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war.
+
+»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie
+ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber
+zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen
+haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr
+erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob
+Sie begreifen.«
+
+Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie
+die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die
+Augen mit einem Schauder ab.
+
+»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin
+ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich
+von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu
+beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit --
+ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«
+
+Er deutete auf den kleineren Kasten.
+
+»Ich habe sie dort gefunden.«
+
+»Wann?«
+
+»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«
+
+»Und keiner weiß davon?«
+
+»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?«
+
+Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn
+von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam
+durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.
+
+»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte
+sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube
+ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«
+
+Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein
+würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner
+Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien
+ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein
+getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu
+reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich.
+
+»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun.
+Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam.
+Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß
+es mir gelungen?«
+
+»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt.
+Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!«
+
+Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das
+Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah
+jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper
+Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die
+Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie
+herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen
+Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte.
+
+»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?«
+
+»Tun?«
+
+Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte.
+
+»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich
+gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?«
+
+»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie
+sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken
+Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach --
+Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder
+-- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde
+Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre
+zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie
+ihrer, ich beschwöre Sie!«
+
+Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von
+ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.
+
+»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für
+die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich
+können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre
+Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das
+Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete
+Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich
+gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder
+gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte?
+Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das
+mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen
+zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß
+die Wahrheit sagen.«
+
+»O, Sie müssen es nicht -- Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände.
+»O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen
+-- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen.
+Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur
+einfallen sollte, wie.«
+
+Sie blickte ihn flehend an.
+
+»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich.
+Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen?
+Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen,
+und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken
+Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger
+Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich
+will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es
+nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«
+
+Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine
+ungeduldige Bewegung mit der Hand.
+
+»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu
+verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem
+Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied
+machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis,
+um mein Schweigen zu erkaufen.«
+
+Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen
+und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen,
+wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein
+Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte
+er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht
+und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose
+Gebärde der Verzweiflung.
+
+»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt.
+Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für
+Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist
+schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen.
+Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür
+geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«
+
+Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach
+in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine
+Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem
+fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger
+zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte
+und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber
+jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.
+
+»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes
+gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen
+Preis!«
+
+
+
+
+19.
+
+
+»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein
+Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.«
+
+So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende
+sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm
+ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt?
+Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte
+dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war
+eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen
+blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit
+weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres
+Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig
+sein wollte? Er hub wieder an:
+
+»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt,
+und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie
+vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch
+zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht
+hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen!«
+
+»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon
+gesagt?«
+
+Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie
+zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich
+nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie
+dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich
+Ihnen zu bieten?«
+
+»Das wissen Sie nicht?«
+
+»Nein. Was -- was?«
+
+»Sich selbst,« sprach er gelassen.
+
+»Mich selbst?«
+
+Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren
+Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte.
+Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr
+ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand
+ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich
+zu fassen.
+
+»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß,
+es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der
+niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß
+Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über
+meine Lippen kommen soll.«
+
+Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm
+fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung
+wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen:
+
+»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie
+mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines
+Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger
+gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus
+mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen
+dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence!
+Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind,
+-- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen
+mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem
+Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will
+ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.«
+
+Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches
+Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als
+er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging
+zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre
+Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht
+da.
+
+»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.
+
+»Ja.«
+
+»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?«
+
+»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«
+
+»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.«
+
+»Für jetzt und allezeit?«
+
+»Ja.«
+
+Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen.
+
+»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«
+
+»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich
+heiraten.«
+
+»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.«
+
+»Ebenso.«
+
+»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?«
+
+»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.«
+
+»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden
+lassen -- und nach Australien zurückkehren?«
+
+»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.«
+
+»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«
+
+»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
+
+»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«
+
+»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?«
+
+»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen
+nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen
+zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an.
+»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen
+das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie
+lachte bitter.
+
+»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich
+irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur
+mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will,
+die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.«
+
+»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie
+lieben mich?«
+
+»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich
+dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst
+zu sagen, was Sie wissen.«
+
+»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich
+hatte nie an so etwas gedacht.«
+
+»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie
+wissen es jetzt.«
+
+Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete
+seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war
+wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung.
+Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte
+es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst,
+ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie
+auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast
+auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren
+Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber
+nicht ausweichen wollte.
+
+»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse,
+Herr Leath?«
+
+»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.«
+
+»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?«
+
+»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern
+lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es
+nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber
+hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath
+kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie.
+Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen
+Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes
+bedienen, da Sie es gebraucht haben.«
+
+»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an.
+»Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe
+sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«
+
+»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.«
+
+Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an
+das Fenster, an das sie getreten war.
+
+»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie
+sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht
+anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der
+Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden
+sein.«
+
+»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es
+auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig.
+Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade
+Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen
+haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch
+einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
+
+Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben.
+Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber
+langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm
+sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ
+sie dann los.
+
+»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von
+dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu
+machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt,
+sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und
+abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«
+
+Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe
+daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran,
+auf dem sie sich niederließ.
+
+»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder!
+Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich
+aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit
+sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch
+etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.«
+
+Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit
+dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr
+nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen
+zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu
+werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde
+sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte
+sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte
+nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser
+schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen
+Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben,
+zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die
+zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und
+heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib
+werden.
+
+Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie
+den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren
+Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr
+zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein.
+
+Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde --
+sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war
+alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret
+Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen
+Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl,
+wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer
+augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde.
+
+»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig
+lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber
+ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen,
+selbst mit ihm zu reden.«
+
+»Ich ziehe es vor.«
+
+»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will,
+wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung
+durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«
+
+»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten
+könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.«
+
+»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir
+Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten,
+in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?«
+
+»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das
+Recht dazu, Herr Leath.«
+
+»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute
+Lebewohl sagen.«
+
+Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor
+ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes
+Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben.
+
+»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch
+nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie
+solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence,
+wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?«
+
+Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie
+vermochte nicht, ihn anzublicken.
+
+»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll
+Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie
+viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben,
+mir geraubt hat?«
+
+Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las
+Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er
+lachte in ganz anderem Tone.
+
+»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren
+vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als
+ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!«
+
+Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes
+Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht
+wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis
+morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«
+
+Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer
+Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle
+stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis
+sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und
+hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte.
+
+Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr
+oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab
+und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte,
+Sir Jasper antreffen.
+
+Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl
+sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete
+mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie
+stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl
+verändern würde, wenn sie mit ihm geredet.
+
+Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester
+gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr
+angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte,
+daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen
+gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien
+Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er
+ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:
+
+»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?«
+
+»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe,
+und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als
+sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie
+eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.
+
+»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?«
+
+»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im
+Bungalow.«
+
+»Nun? Was führte dich dorthin?«
+
+»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl
+sagen.«
+
+»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen
+Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und
+dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung
+zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich
+bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände
+übergehen, desto besser.«
+
+»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe
+ihn nicht gesehen.«
+
+»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich
+denn so aus der Fassung gebracht?«
+
+»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«
+
+»Leath? Den -- den Menschen?«
+
+Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt
+-- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret
+Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, --
+ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine
+gehört hätte. Er stammelte vor Wut.
+
+»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?«
+
+»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.«
+
+Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das
+Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen
+rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete
+und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den
+Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.
+
+»Er hat Robert Bontine gefunden.«
+
+Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an
+-- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt,
+so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er
+imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob
+er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend:
+
+»Weiter!«
+
+»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um
+dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann
+sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die
+Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die
+ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt.
+Verstehst du mich?«
+
+Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort:
+
+»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich
+zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck
+erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden --
+und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«
+
+»Wenn er wollte?«
+
+Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er
+auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie.
+
+»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein
+Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm
+diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe
+versprochen, ihn zu heiraten.«
+
+Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft
+umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in
+demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter:
+
+»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil er mir sein Wort
+gegeben hat, in dem Falle den Namen Robert Bontine nie wieder zu
+erwähnen. Ich mache mir nichts aus ihm -- werde mir nie etwas aus ihm
+machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn verlassen kann, weiß,
+daß er sein Wort halten wird. An unserem Hochzeitstage soll ich die
+Beweise, von denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, --
+das hat er mir auch versprochen. Ich werde meinem gegebenen Worte
+nicht untreu werden, und er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern,
+weshalb ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke ich -- ich habe
+Tante Agathe und ihre Kinder sehr lieb.«
+
+Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes Verständnis, wie
+eine gewisse Erleichterung zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im
+Lehnstuhle. Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. Florence
+hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. Nach einer Weile erhob sie
+sich und schritt auf die Türe zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte
+um ihre Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:
+
+»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich gehe. Ich fürchte,
+es ist kaum wahrscheinlich, daß die Herzogin mit meiner Verlobung
+zufrieden sein wird. Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause
+ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot Chichester von
+Highmount. Es ist möglich, daß sie ihre Einwilligung versagen wird.
+In dem Falle ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner
+Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert und daß du, Onkel
+Jasper, die deinige nicht verweigern wirst.«
+
+Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging die Treppe hinauf,
+um sich in ihr Zimmer zu begeben. Sie fühlte, daß es mit ihrer
+Selbstbeherrschung vorbei sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe.
+Auf der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade verließ.
+
+»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.
+
+Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht ihrer Cousine nicht
+deutlich sehen konnte.
+
+»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur stecken könntest! Weshalb
+hast du nicht im Bungalow auf mich gewartet? Du kannst dir mein
+Erstaunen vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.«
+
+»Ja -- ich kann mir denken, daß du erstaunt warest, Cis.«
+
+»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem Gedanken, daß du
+den langen, heißen Weg zu Fuß gemacht hast, noch dazu, wo du nicht
+wohl bist. Und --« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie wußte
+nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar Tagen merkwürdig
+verwandelten Florence eigentlich daran war -- »hm -- das Mädchen sagte,
+Florence, daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.«
+
+»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«
+
+»Was -- den ganzen Weg? Hierher nach Turret Court?« Aus ihren
+weitgeöffneten Augen sprach Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich,
+Florence, ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie
+tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute Munde seid! Du
+hattest ihn nicht mit dir gehen lassen dürfen. Er hat kein Recht, sich
+dir auf solche Weise aufzudrängen.«
+
+Florence lachte und legte der andern die Hände auf die Schultern.
+
+»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe Cäcilie. Aber in diesem
+besonderen Falle irrst du dich zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller
+Augen wie hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr Leath das
+Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. Ich habe soeben versprochen,
+ihn zu heiraten.«
+
+
+
+
+20.
+
+
+In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten und freundlichsten
+Raume des Schlosses, sah es trübselig aus. Lady Agathe, die in ihrem
+Lieblingsstuhl saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und
+schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den Boden herabgeglitten
+und lag dort vergessen. Cis, deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert
+aussah, stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. Vor noch
+nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter Sir Jasper geschlossen,
+der hinausgegangen war und all diesen Jammer zurückgelassen hatte.
+Wie unwillkommen sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch stets
+seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er doch nie mit einer so
+niederschmetternden Mitteilung erschienen wie eben, und die Wirkung,
+wenigstens auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit den
+kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner scharfen Stimme hatte
+er die Verlobung seines Mündels mit Everard Leath und seine eigene
+Einwilligung mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, wie
+er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu eingeschüchtert war, um
+angesichts seiner kaltblickenden Augen eine Szene zu machen, brach vor
+Erstaunen, Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus.
+
+»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte sie, »niemals, Cäcilie!
+Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen
+Ohren nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals spaßte, so würde
+ich sagen, er macht einen Scherz mit mir. Aber er sagte ganz deutlich,
+Florence hätte sich mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«
+
+»Ja, Mutter, das sagte er.«
+
+»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?«
+
+»Ja -- auch das.«
+
+»Ich kann -- ich will es nicht glauben!« rief Lady Agathe unter neuem
+Schluchzen. »Florence sollte sich mit solchem Menschen verlobt haben!
+Er ist doch durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der ihn nie
+ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn heiraten soll! O, ich bin
+wie betäubt! Sie macht sich doch gar nichts aus dem Menschen, nicht
+wahr?«
+
+»Ich -- ich fürchte nein, Mutter,« antwortete Cis mit verlegenem
+Zögern. »Aber ich habe seit langer Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in
+sie verliebt war.«
+
+»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady Agathe. »Wenn das so ist,
+so ist es eine unverschämte Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es,
+jammerschade, daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina gegangen
+ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, und sie hätte in aller
+Gemütsruhe Chichester geheiratet. Aber ich kann es nicht glauben,
+liebes Kind, daß es ihr Ernst ist -- ich kann es nicht. Dein Vater muß
+sie mißverstanden haben. Nein -- ich glaube nicht, daß es wahr ist, bis
+Florence selbst es mir bestätigt.«
+
+»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich um. »Florence hat es mir
+selbst erzählt.«
+
+»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. »Sie hat es dir gesagt?«
+
+»Ja -- gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir
+verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause
+bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden
+Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine
+Zustimmung gegeben hatte.«
+
+»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die
+Mutter mit einem neuen Tränenstrom.
+
+»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich -- so ganz anders als
+sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir
+erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu
+sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als
+ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer
+aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht
+nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in
+zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern
+leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte,
+ich wäre tot!«
+
+»Doch wohl nicht im Ernst, Cis -- hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines
+Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!«
+
+Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen
+in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das
+offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen
+allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr
+gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr:
+
+»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich
+angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls
+wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine
+Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.«
+
+Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber
+ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte
+und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges
+kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das
+Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen
+Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath
+gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere
+Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie
+nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer
+selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein -- sie bereute es
+nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem
+Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt
+das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein
+kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang
+sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das
+Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte.
+
+»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen
+Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence -- was kann dir nur in
+den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr
+Leath dich wirklich liebhat, Florence?«
+
+»Mich liebhat?«
+
+Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor sich, dessen kühler,
+ruhiger Ausdruck wie umgewandelt war, die leuchtenden Augen, die von
+verhaltener Leidenschaft vibrierende Stimme -- die ganze Glut des
+Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber auf sie ausgeübt
+hatte. Ob er sie liebte? Mochten seine Sünden gegen sie so groß sein,
+wie sie wollten, mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so sehr
+sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.
+
+»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt mich. Davon kannst du
+fest überzeugt sein.«
+
+»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« meinte Lady Agathe
+verzweifelt, »aber was die Herzogin sagen wird --«
+
+»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, was die Herzogin sagen
+wird. Onkel Jasper willigt ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir
+mein Vermögen zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« fiel ihr
+Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit ins Wort.
+
+»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. Wenn diese
+Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest du, daß die Verlobung
+geheimgehalten wird?«
+
+»Geheim?«
+
+Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um.
+»Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie
+geheimgehalten werden?«
+
+»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,«
+stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der -- unseligen
+Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es
+besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute
+lassen sich nicht den Mund verbieten -- es ist schändlich, aber sie
+werden --«
+
+Florence drehte sich jäh um.
+
+»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe,
+ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz
+preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger
+hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath
+erwartet mich, ich will gehen.«
+
+Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf
+Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem
+Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz,
+-- ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine
+und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß
+du glücklich bist, so stolz auf Roy, -- nicht wahr? -- deinen einzigen
+geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen -- nicht? -- und wenn ihm
+etwas zustieße -- dich vielleicht gar töten? Nein, nein -- sag’ nicht
+›Ja‹ -- antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«
+
+Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft
+in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis -- du siehst
+kläglich aus, -- du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst
+mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid,
+wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine
+Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz
+glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich
+gehen.«
+
+Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen:
+sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn
+sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu
+verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst
+als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem
+Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen
+ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage
+verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.
+
+Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im
+Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb
+stehen, und er kam sofort auf sie zu.
+
+»Ich -- ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas
+mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte,
+als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen
+Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht -- er hatte sie
+genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe.
+
+»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf
+seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, -- Sie sind sehr
+schnell gegangen, -- das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort
+steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«
+
+Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten,
+ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten
+hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß
+er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das
+war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie
+und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache
+nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie
+allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm
+wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder
+Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie
+wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn
+geliebt hätte!
+
+Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz
+geschaut.
+
+»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum
+Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht
+geschlafen?«
+
+»Ich habe es gar nicht versucht.«
+
+»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. Soll ich weiterreden,
+oder möchten Sie lieber, daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?«
+
+»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr gut anhören. Sagen Sie
+mir, bitte, alles, was Sie mir zu sagen haben,« sprach Florence
+gelassen.
+
+»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, daß zum Glück sehr
+wenig übrigbleibt.«
+
+Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, und wickelte es um die
+Finger.
+
+»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir Jasper gehabt?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, gesagt?«
+
+»Ja -- das habe ich getan.«
+
+»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich nicht?«
+
+»Nein -- das tut er nicht.«
+
+»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der Herzogin nicht bedürfen.«
+
+»Nein, die brauchen wir nicht.«
+
+»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich würde es vorziehen,
+daß Sie Ihr Vermögen behalten. Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich
+bin auch nicht reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau
+irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt sind.« Er hielt inne
+und spielte noch immer mit dem Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht
+unwissend,« hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder an,
+»aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt es mir wohl ob, ihn
+aufzusuchen, nicht wahr? Soll ich heute zu ihm gehen?«
+
+»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. Ihnen zu sagen, daß er Sie
+morgen sehen wolle.«
+
+»Gut. Wenn er es vorzieht -- um welche Stunde?«
+
+»Das überläßt er Ihnen.«
+
+»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.«
+
+Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe und Cis um ihre Verlobung
+wüßten und wie sie diese aufgenommen hätten, und Florence antwortete,
+daß sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien.
+
+»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein Mortlake ist ein
+allerliebstes kleines Geschöpfchen, und ich weiß, Sie halten viel von
+ihr. Wollen Sie ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit
+der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«
+
+»Ja -- das will ich tun.«
+
+Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie war sich einer
+Regung der Dankbarkeit bewußt. Er hätte ihr die Sache viel schwerer
+machen können; sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen,
+daß sie ihr Wort halte -- warum sollte er auch nicht? -- aber er war
+zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich gewesen.
+
+Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand nahm, und verbarg, so
+gut sie konnte, den Schauder, der sie durchbebte, als er die Lippen
+darauf drückte. Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich
+darauf die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte, daß sie
+Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht länger im Freien bleiben
+könne.
+
+»Das sollen Sie auch nicht.«
+
+Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in das blasse, müde
+Gesichtchen mit den dunklen Schatten unter den Augen, dem Schmerzenszug
+um die zarten Lippen.
+
+»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie elend Sie aussehen -- wie
+ein Schatten Ihres lieblichen Selbst! Und daran bin ich wohl schuld?
+Ich -- gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, Florence?«
+
+»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. Hohn und stumme Vorwürfe
+lagen darin. »Brauchen Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch,
+daß Sie mich darnach fragen?«
+
+»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt jetzt ihre beiden Hände
+und blickte mit düsterer Zärtlichkeit auf sie herab. »Ja -- ich bin
+wohl brutal -- ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie wohl
+freigeben, -- das müßte ich eigentlich! Ein guter Mensch würde das
+tun.« Er hielt inne und holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin
+kein guter Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«
+
+»Ich -- ich habe Sie nicht darum gebeten,« sprach Florence mit
+schwacher Stimme.
+
+Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens entbinden sollte, mit
+dem sie sein Schweigen erkauft hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken
+überlief es sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals tun
+würde.
+
+»Nein -- Sie haben mich nicht darum gebeten, -- das ist wahr. Aber ich
+kann sehen --«
+
+Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. »Mein armes kleines
+Lieb -- mein armes kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein
+Haar krümmen möchte -- liebe es so, daß ich mir die Hand abhauen würde,
+ihm zu dienen, wenn es sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um
+es so aussehen zu machen!«
+
+»Lieben?«
+
+Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu mächtig, um ihr zu
+widerstehen, trotz des panischen Schreckens, von dem sie sich eben
+erholt hatte: sie warf ihm einen Blick der Verachtung zu.
+
+»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, aber mehr tun Sie
+nicht.«
+
+»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? Glauben Sie das? Dann denken
+Sie hieran, mein Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«
+
+Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, zu kraftvoll, als daß
+sie ihm hätte wehren können, schloß er sie fest in die Arme und küßte
+sie zweimal mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick
+hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei losgerissen und
+floh über das Gras, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
+
+Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach einer unwillkürlichen
+Bewegung, sie zurückzuhalten, blieb er regungslos stehen und sah der
+Davoneilenden mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden,
+nachdem sie verschwunden, machte er kehrt und verließ den Garten von
+Turret Court.
+
+Er ging über die Halde und durch St. Mellions nach dem Bungalow. In
+gewohnter Weise durch die Veranda eintretend, fand er Sherriff im
+Wohnzimmer in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden Kasten
+standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und der alte Herr hielt einige
+Schriftstücke in der Hand. Sein schönes Gesicht war noch bleich und
+abgespannt, aber es hellte sich beim Eintritt des jungen Mannes auf.
+
+»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, Everard,« sagte er mit einem
+Lächeln, »und habe mich ohne Sie an die Arbeit gemacht.«
+
+»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem Augenblick steh’ ich zu
+Ihren Diensten, aber erst habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«
+
+»Mir mitzuteilen?«
+
+In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen lag etwas, das Sherriff
+veranlaßte, schnell aufzublicken.
+
+»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.
+
+»Nein -- oder hoffentlich werden Sie es nicht dafür halten.« Er
+hielt inne. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie mich vor einiger Zeit
+beschuldigten, Gräfin Florence Esmond zu lieben?«
+
+»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich dessen.«
+
+»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie recht hatten, denn ich
+war mir seit Wochen meiner eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich
+liebte sie -- ich tue es noch -- ich werde sie stets lieben! Aber
+nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, daß ich es ihr je sagen
+würde. Die Umstände haben sich indessen geändert, und ich habe es ihr
+gesagt. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt hat,
+meine Frau zu werden.«
+
+»Leath!«
+
+»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das sein würden.
+Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch mehr: Sir Jasper hat -- ihr, mir
+zwar noch nicht, -- seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«
+
+»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!«
+
+»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? Obwohl ich gern
+zugebe, daß ich keine sogenannte Partie für sie bin.«
+
+»Und sie -- Gräfin Florence -- hat versprochen, Sie zu heiraten?«
+
+»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, fürchte ich?«
+
+»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr als überrascht -- ich
+bin wie aus den Wolken gefallen!«
+
+Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das weiße Haar.
+
+»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, »daß sie Ihre
+Gefühle für sie erwidere -- nicht die leiseste. Und Sie sagen, sie tut
+es?«
+
+»Bis jetzt -- nein. Aber ich sage, daß sie es soll.«
+
+Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der ruhigen, gleichmäßigen
+Stimme, und der Redende regte sich nicht. Der Alte blickte mit einem
+Ausdruck zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf die stolze
+Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig dastand.
+
+»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich habe euch beide lieb,
+und nichts könnte mir ein größeres Glück gewähren, als euch miteinander
+glücklich zu sehen. -- Aber bedenken Sie, lieber Junge, um Florences
+und um Ihrer selbst willen, -- in der Ehe ist kein Glück möglich, wenn
+nicht auf beiden Seiten Liebe vorhanden ist.«
+
+»Das weiß ich sehr wohl.«
+
+»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben zu, daß Florence sich
+nicht so viel aus Ihnen macht wie Sie aus ihr. Hat die Art und Weise
+der Lösung ihres Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren
+Antrag anzunehmen?«
+
+»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine Eindruck sein, obwohl es
+-- um ihretwillen -- dem schlecht gehen wird, den ich das aussprechen
+höre! Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester ein Narr
+war, -- wofür ich ihm allerdings von Herzen dankbar bin, -- hat nichts
+damit zu tun, daß sie mir ihr Jawort gegeben.«
+
+»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, aber davon bin ich
+überzeugt,« setzte der alte Mann mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß
+Sie sie nicht heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie sie
+glücklich machen könnten.«
+
+Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es
+dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er,
+ohne sich umzuwenden:
+
+»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu
+heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.«
+
+
+
+
+21.
+
+
+Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und
+seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren
+seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und
+die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.
+
+Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert.
+Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete,
+allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe
+in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu
+reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege
+nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung,
+die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper
+Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch
+nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen,
+und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als
+Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.
+
+Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr
+bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner
+Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte,
+und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu
+Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen
+Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte,
+die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das
+weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer
+Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube
+übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die
+Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts
+würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei
+diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der
+sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.
+
+»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere
+denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!«
+rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der
+sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.
+
+Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid
+sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß
+schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug
+einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit
+einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der
+Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen
+Augen angstvoll zu klopfen begann.
+
+»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von
+Florences Verlobung?«
+
+»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann
+zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«
+
+Lady Agathe lächelte matt.
+
+»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem
+Briefe mitteilte.«
+
+»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich
+der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, --
+anderen Sinnes zu werden!«
+
+»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so
+herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch!
+Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady
+Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat
+sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet;
+er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --«
+
+»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei
+einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was
+fehlt ihm eigentlich?«
+
+»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte
+nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt
+zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen,
+so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu
+wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine
+Partie für sie.«
+
+»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin.
+
+»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube
+ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem
+Vierteljahr häuslich nieder, und --«
+
+»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere
+ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich
+sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«
+
+»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich,
+Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde
+sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien
+unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.«
+
+»So.«
+
+»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady
+Agathe hinzu.
+
+»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?«
+
+»Er scheint es allerdings zu wünschen.«
+
+Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die
+Sofakissen zurück.
+
+»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in
+Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.«
+
+»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.
+
+»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz
+ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt.
+Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein
+armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«
+
+Lady Agathe fing an zu weinen.
+
+»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie
+und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber
+mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«
+
+»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt
+geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe,
+bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit
+deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«
+
+Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in
+herrischem Tone.
+
+Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete
+sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich
+eintrat.
+
+Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem
+breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr
+kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre
+großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und
+sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem
+verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich,
+zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber
+ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat
+gewesen.
+
+»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich
+glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante
+Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?«
+
+Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren
+Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie
+schützend, den Arm um sie legte.
+
+Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem
+Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung.
+
+»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl
+daran, dünkt mich.«
+
+»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne
+dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf
+mich, nicht auf dich.«
+
+Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich
+fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?«
+
+»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel
+in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können.
+
+»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese
+Röte gibt.«
+
+In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die
+verschränkten Arme auf die Lehne.
+
+»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz
+offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath
+versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas
+ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was
+auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das
+weiß er.«
+
+»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir
+doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?«
+
+»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?«
+
+»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe,
+Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?«
+
+»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.«
+
+»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?«
+
+»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen.
+Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr
+fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen
+hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹
+nennen würde.«
+
+»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«
+
+»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«
+
+»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre
+mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper
+Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich
+wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner
+gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die
+glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der
+Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich
+zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie
+erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich
+nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu
+wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen,
+so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du
+seine Frau bist. Und damit basta!«
+
+Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte,
+daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde.
+
+»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,«
+sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir
+lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten.
+Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn
+zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in
+demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend
+etwas zu sagen, ehe ich gehe?«
+
+»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist
+wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch
+weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet,
+so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand
+vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!«
+
+»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.
+
+»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich
+zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich
+freizugeben.«
+
+»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn
+Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß
+ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den
+Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.«
+
+»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche
+Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt
+oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest
+entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«
+
+Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen,
+blickte sie die Herzogin an und sagte:
+
+»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.«
+
+»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt.
+
+»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller
+Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen
+würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe
+Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und
+die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier
+werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu
+empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit
+ihm hier sein.«
+
+
+
+
+22.
+
+
+Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer,
+in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter
+war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder
+Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen
+Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem
+Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er
+wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm
+äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im
+allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war
+nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze
+gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem
+Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von
+dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute,
+hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert
+Bontine gegen Florence erwähnt.
+
+Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich
+zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die
+täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm
+abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das
+ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.
+
+Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt
+hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.
+
+»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was
+gibt es denn?«
+
+Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können,
+und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau
+gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im
+Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur
+wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war
+und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck
+hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für
+den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht,
+mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie
+warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn
+geliebt hätte.
+
+»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein
+Liebling?«
+
+Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt,
+wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre
+Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie
+erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand.
+
+»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
+»Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich
+vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir
+selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht
+vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es
+sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«
+
+»Vorgefallen kaum.«
+
+Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen
+ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu
+sehr gelegener Zeit.«
+
+»Darf ich fragen, weshalb?«
+
+»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«
+
+»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --«
+
+»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht
+vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier
+ist?«
+
+»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie
+wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?«
+
+»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«
+
+»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«
+
+»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.
+
+»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.«
+
+Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht
+getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte,
+regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er
+mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben,
+aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht,
+dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte
+sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war
+unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein
+Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem
+Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst
+die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein
+Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch
+ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief.
+
+»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber
+vorher möchte ich noch etwas sagen.«
+
+Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung
+sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem
+Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden,
+ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich
+wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie
+Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen,
+solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!«
+
+Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer
+erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest
+über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.
+
+»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr
+sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.«
+
+»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das
+Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den
+Vorzug, durchaus wahr zu sein.
+
+»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit
+entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu
+machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar
+böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren,
+Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte.
+Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen
+mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich
+nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich
+ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.«
+
+Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie
+rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die
+voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch
+fester.
+
+»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die
+ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und
+dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf
+bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich
+werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten,
+oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«
+
+Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte
+sie aus freien Stücken noch nie getan.
+
+»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie
+Sie sagen, hinter uns haben.«
+
+Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch
+immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein
+Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd,
+in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst.
+
+Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei
+Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war
+ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath.
+Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die
+Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine
+Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In
+den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine
+Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern
+war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte
+nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen.
+
+»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen
+mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten
+möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie
+ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen
+bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem
+gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.«
+
+»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch
+heiraten, Everard.«
+
+Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte
+sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur
+eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand
+auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit
+dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich
+glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«
+
+Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie
+verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte
+während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich
+weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt.
+
+Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die
+Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und
+sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam
+behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die
+Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit
+müdem, ironischem Lächeln an.
+
+»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone,
+»ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin.
+Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist,
+das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin
+wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall,
+wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke
+Ihnen, Herr Leath.«
+
+»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick
+und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde
+Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.
+
+»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz
+erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest
+du, daß ich jetzt gehe?«
+
+Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich
+in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit
+seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre
+Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und
+schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die
+Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein
+Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung
+geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu
+widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu
+mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So
+ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an
+seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen
+Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen
+nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der
+Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.
+
+»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als
+Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch
+kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige
+Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr
+gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«
+
+»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich
+auszuruhen, wenn du kannst.«
+
+Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr
+tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er
+im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin,
+könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«
+
+Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum
+zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße
+Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte,
+sich loszureißen, aber er hielt sie fest.
+
+»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen?
+Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können,
+du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!«
+
+»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!«
+erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache
+mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun!
+Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen
+-- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen
+Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu
+zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen
+Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!«
+
+»Wirklich nicht?«
+
+Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde
+empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht,
+und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten.
+Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes
+kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig
+verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand
+schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber
+gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.«
+
+»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen
+sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!«
+
+Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach.
+
+Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte
+immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine
+Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine
+Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete
+eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem
+großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem
+Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die
+näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen
+Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.
+
+»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da
+waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff,
+fortzugehen -- wie?«
+
+»Ja. Weshalb?«
+
+»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein
+anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute
+gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch
+führen.«
+
+»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß
+ich Luft für sie sei.«
+
+»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat
+wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?«
+
+»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg.
+
+»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute
+morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein
+Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso
+gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die
+alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr
+ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu
+unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«
+
+»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«
+
+»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde
+haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?«
+
+»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte
+den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.«
+
+»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor
+zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie
+ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm
+aufgefallen ist?«
+
+Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des
+jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte
+Leath den Kopf.
+
+»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum
+dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt.
+Was sollte mir aufgefallen sein?«
+
+»Nun, wie er sich verändert hat!«
+
+»Hat er sich verändert?«
+
+»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er
+hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager
+wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für
+einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar
+auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene
+einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar
+nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte
+mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin
+überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St.
+Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows --
+auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er
+hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und
+gar nicht.«
+
+»Was wollte er damit sagen?«
+
+»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte
+nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem
+gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu
+ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist
+seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«
+
+»Umherzuschleichen?«
+
+»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter
+morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus
+dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie
+getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er
+meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war
+er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt
+zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die
+Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun
+pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens,
+denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es
+muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich
+nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«
+
+»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog
+sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings
+sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«
+
+»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei
+uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er
+wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber
+sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste
+noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten
+Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie
+nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«
+
+Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter
+Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte,
+war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu.
+Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken
+waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹
+von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte,
+sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub
+gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt,
+seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war
+nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend.
+Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und
+das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein
+Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas
+für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser
+gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut,
+nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde
+es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen
+Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die
+Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie
+gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon
+damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an
+Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er
+in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter
+gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem
+leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie
+sollte ihn noch lieben lernen!
+
+Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege
+abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu
+gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen
+Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande
+der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an
+die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick
+erschrocken stehen.
+
+»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,«
+sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.
+
+Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit
+starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am
+Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher
+Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah
+nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten
+ihn noch immer.
+
+»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst.
+Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre
+furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines
+Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht
+besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich
+diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich
+ihr entsagen? Wenn ich --«
+
+Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten
+hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen
+Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze
+Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war
+hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der
+ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante
+drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte
+sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte
+er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf
+dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei
+stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp
+festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten
+ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt,
+erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen
+Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er
+festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen
+Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er
+mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen
+und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle,
+und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden,
+blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences
+Felsenkammer zusammen.
+
+
+
+
+23.
+
+
+Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte
+es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort,
+der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das
+kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt
+stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.
+
+»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner
+freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der
+Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich,
+eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so
+kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath
+ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«
+
+»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als
+ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort;
+er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben
+Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das
+Mädchen.
+
+»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann
+gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,«
+fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der
+Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist
+es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern
+abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein,
+denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch
+in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er
+öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.«
+Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre
+fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden
+wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich
+glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.«
+
+Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür,
+der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der
+Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.
+
+»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er.
+
+»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich
+wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf
+den nächsten Stuhl sank.
+
+In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem
+leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde
+entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen
+und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an:
+
+»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court
+zurückkam, stürzte ich von der Klippe.«
+
+»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest
+aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen
+Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff.
+
+»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner
+anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch
+lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle,
+die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?«
+
+»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du
+hinunter?«
+
+»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt
+mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht
+meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein
+Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins
+Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen
+Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu
+werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.«
+
+Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten
+konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit
+einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte
+allmählich in sein Antlitz zurück.
+
+»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach
+fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.«
+
+»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.
+
+»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«
+
+»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster.
+
+»Nicht?«
+
+»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«
+
+»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen.
+
+»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und
+festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur
+Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß
+nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich,
+wie gesagt, hinabgestürzt.«
+
+»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt.
+
+»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich
+von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so
+gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein
+überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich
+kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann
+es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber
+er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es
+getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden
+worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein
+Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher
+genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir
+Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen,
+der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?«
+
+»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf.
+
+»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu
+war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde
+ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen
+-- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male
+gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er
+sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe
+ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen
+Verdacht zu schöpfen.«
+
+»Großer Gott! Welchen Verdacht?«
+
+»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt
+nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen,
+um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste
+nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen
+gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«
+
+»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt.
+
+»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert,
+weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich
+gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie
+haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt,
+weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar
+Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.«
+
+ * * * * *
+
+»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier
+sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so
+wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im
+Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis.
+
+Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie
+ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der
+großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht
+empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte,
+daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend
+umwandte.
+
+»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch
+aus, Schatz!«
+
+»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als
+dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und
+deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«
+
+»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe
+seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist
+wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich
+bin nicht recht aufgelegt dazu!«
+
+»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte
+Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden,
+Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du
+siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte,
+du trügest es nicht.«
+
+»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence
+mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine
+Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich
+nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?«
+
+»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin
+ist bei ihr.«
+
+»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich
+haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen.
+Will sie wirklich heute fort?«
+
+»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt,
+sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe.
+Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam!
+Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr
+gefürchtet!« sagte Cis lachend.
+
+»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.
+
+»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen
+sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley
+zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend
+ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du
+wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«
+
+Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln
+wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf
+die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.
+
+»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte
+sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen.
+Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte
+phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe
+sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten
+beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein
+Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist
+es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume!
+Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte
+wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in
+mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten
+und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens
+überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt
+es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und
+weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen?
+Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«
+
+Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte
+sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag
+sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war
+immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte
+zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn
+sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach
+irgendeiner Richtung hin erregen konnte.
+
+Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem
+Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so.
+Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.
+
+Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths
+zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt
+worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber
+das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine
+weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und
+sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie
+beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen.
+Sie eilte auf Leath zu.
+
+»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«
+
+»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem
+Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach
+er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper
+aufzusuchen.«
+
+»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde
+gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und
+etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf.
+»Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr
+Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das
+alles zu bedeuten hat!«
+
+Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte.
+
+»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?«
+
+»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr
+geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.«
+
+»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.«
+
+Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit
+weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte
+hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie
+er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf
+hob und auf Sherriff deutete.
+
+»Sie haben ihm alles gesagt?«
+
+»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen.
+Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen,
+aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt,
+du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches
+Schweigen beobachten wird wie du oder ich.«
+
+»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender
+Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung
+hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt
+-- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der
+einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein
+Kind.«
+
+»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos.
+»Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie
+blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«
+
+»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte
+miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen
+Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der
+gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten
+ein Zeuge zugegen ist.«
+
+»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?«
+
+»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?«
+
+Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas
+wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der
+Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand
+zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus
+ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein
+anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden,
+und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat
+in die Halle.
+
+Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er
+plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame,
+schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang
+schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt,
+erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein
+grausiger Anblick. Leath hub zu reden an.
+
+»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf
+der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier --
+und am Leben.«
+
+Sir Jasper gab keine Antwort.
+
+Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter.
+Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten
+Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre
+Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen.
+
+»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam,
+Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten
+Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war
+Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben
+sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den
+ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und
+für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie
+nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern
+-- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es
+nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die
+sich für Ihre Gattin hält.«
+
+Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er
+umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem
+starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:
+
+»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie
+erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie
+für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien
+sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor
+einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine
+haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig
+geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal
+überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie
+wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß
+ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten,
+daß ich Ihr Sohn war!«
+
+Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das
+Hinundherschwanken hatte aufgehört.
+
+»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es
+gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem
+Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit
+meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf.
+»Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie
+in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig
+Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von
+ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war
+diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten
+Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß
+ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet
+hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle.
+Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den
+Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie
+ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden.
+Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes.
+War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«
+
+Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge
+Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war
+schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr,
+als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte,
+schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.
+
+»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?«
+
+»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem
+Leibe -- ein Schlaganfall!«
+
+
+
+
+24.
+
+
+Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze
+getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer.
+In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die
+herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so
+daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und
+ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in
+beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das
+Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen.
+
+Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall
+sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn
+schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große
+Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine
+solche Erschütterung gehabt hatte?
+
+Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum
+fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser
+Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war,
+ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte
+bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe
+nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend
+leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein
+-- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte
+ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern
+jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem
+Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen,
+-- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere
+Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich
+ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von
+einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady
+Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen.
+
+Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer
+Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete,
+deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht
+beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich
+und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle
+festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr
+Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der
+zugegen gewesen.
+
+Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady
+Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend.
+Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall
+eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die
+Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und
+kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage
+schleppten sich schwer dahin.
+
+Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben
+Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel
+gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und
+zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.
+In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie
+hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr
+zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre
+Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern
+machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe,
+bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter
+und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen,
+keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte
+sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah,
+wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht
+trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen
+konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen
+Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.
+
+Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre
+Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit
+weitgeöffneten Augen empor.
+
+»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige
+Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?«
+
+Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret
+Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste
+Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer
+entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen
+konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet.
+Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes
+Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer
+Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in
+Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der
+Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden
+durfte.
+
+Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar
+zurück.
+
+»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier
+hereinführen, Morgan.«
+
+Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie
+ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern,
+und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie
+sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden
+Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches
+Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit --
+glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder
+verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence,
+welche bebend in ihrem Schoße lag.
+
+»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.«
+
+»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,«
+antwortete sie.
+
+»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es.
+Dann werde ich bis morgen warten.«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen,
+wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher
+darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht
+Platz nehmen?«
+
+»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist
+wohl keine Veränderung eingetreten?«
+
+»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht
+zu erwarten ist, nicht wahr?«
+
+»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache
+genug für mich, wenn ich danach verlangte.«
+
+Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig
+gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence
+unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte
+sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er,
+dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war.
+Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt,
+daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb
+sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit,
+die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den
+Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie
+es nicht länger ertragen konnte.
+
+»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so
+sonderbar aus!«
+
+»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, --
+passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und
+zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt
+hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am
+besten sage.«
+
+»Mir sage?« wiederholte sie.
+
+»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft
+auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung
+mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie
+möglich. Ich gehe fort, Florence.«
+
+»Fort?« rief sie. »Nach London?«
+
+»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien
+zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu
+verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in
+vier Tagen.«
+
+»Und -- und ich?«
+
+Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie
+emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte --
+Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie
+war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm
+entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und
+drängte sie dann sanft von sich.
+
+»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem
+Versprechen, mich zu heiraten.«
+
+Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen,
+schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als
+fürchte sie sich, sie abzuwenden.
+
+»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte
+er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die
+Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen
+schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als
+ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre
+Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe
+zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen
+lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug,
+Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und
+als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor
+gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib
+wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen,
+glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern
+brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es --
+ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für
+den Rest Ihres Lebens los.«
+
+Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem
+sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich
+nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath
+weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter
+traten ein.
+
+»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe
+verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!«
+
+Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe
+sie dieselbe erreicht hatte.
+
+»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen
+Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich
+Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.«
+
+»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete.
+
+»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort
+zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.«
+
+»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert.
+
+Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu.
+
+»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen
+Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick
+zu.
+
+»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich.
+Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von
+mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein
+unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.«
+
+»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß
+ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das
+Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein
+dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht
+glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre
+-- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war
+so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie
+etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß
+Sie sie freigeben.«
+
+»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln
+umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe
+es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein,
+seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach
+freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe,
+und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach
+Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England
+niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und
+mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie
+glücklichere Zeiten kommen mögen!«
+
+Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm
+mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab
+und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu
+des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie.
+
+»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches
+Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich --
+die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der
+regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er
+fast im Flüstertone, »lebe wohl!«
+
+Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem
+Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor:
+
+»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er
+vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung
+und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr
+sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?«
+
+Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden,
+sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf
+ihre Wange gedrückt hatte.
+
+Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie
+konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort
+und sie frei war.
+
+
+
+
+25.
+
+
+Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz
+dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins
+Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen
+gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel
+heran und setzte sich.
+
+»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick
+des andern.
+
+»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort steht wohl alles beim
+alten, und es ist keine Wendung zum Besseren eingetreten?«
+
+»Nein -- nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. Wie Sir Jasper
+jetzt daliegt, so kann er vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange
+ausreicht, noch fünf Jahre liegen.«
+
+Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mannes. »Wenn wir
+nach Rache getrachtet, so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.«
+
+»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte sanft, »nicht einmal um
+Marys willen. Aber ich bin alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht
+anders darüber gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung wie du.«
+
+»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete Leath mit einem
+Stirnrunzeln, »man führt keinen Streich nach einem Toten, und in
+Wirklichkeit ist er tot.«
+
+»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er wäre es in der Tat.«
+Sherriff hielt zögernd inne. »Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung,
+daß -- etwas nicht in Ordnung ist?«
+
+»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte es ihr sagen? Ihr Sohn
+wird Sir Roy werden. Sie wird nie was anderes erfahren.«
+
+»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, würde ein solcher
+Schlag sie getötet haben. Nun, du hast auf vieles -- auf sehr
+vieles verzichtet, Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei
+Unschuldige geschont, und was dir dafür wird, überwiegt alles andere
+weit, das weiß ich.«
+
+»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. »Was ist das, wenn ich
+fragen darf?«
+
+»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das Weib, das du liebst.«
+
+»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob er sich. »Es ist für mich
+am besten, sich kurz zu fassen, wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe
+Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben.«
+
+»Du hast sie freigegeben?«
+
+»Ja -- freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr das Versprechen
+abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, daß ich ihre Liebe erringen könne.
+Sie haßt mich, und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber --
+ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug über die Sache geredet;
+ich wäre ein schlechterer Kerl, als ich bin, hätte ich sie in eine
+unglückliche Ehe hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so
+anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen Kampf gekostet,
+das leugne ich nicht, aber ich glaube, ich habe das Schwerste jetzt
+überstanden. Wenn nicht, nun, so werde ich in Australien besser damit
+fertig werden als hier.«
+
+»In Australien?«
+
+»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet
+meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der
+fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten
+Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei
+Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?«
+
+»Zwei?« wiederholte der andere.
+
+»Ja -- wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen,
+seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben
+müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine
+Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter -- zum
+ersten Male versagte ihm fast die Stimme -- und fuhr fort: »Ich hoffe,
+Sie kommen mit -- von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben
+Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus
+tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen,
+nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater
+empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist
+schwer in Ihrem Alter -- mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung
+sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«
+
+»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt
+dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard --
+aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«
+
+Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das
+Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe
+bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig
+und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges
+Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die
+Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:
+
+»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen
+wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu
+berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein -- ja, ich leugne es
+nicht, es war unrecht -- Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu
+verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich
+weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr
+als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort
+zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen
+gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz
+auf dich.«
+
+»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster
+zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie
+Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz
+brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen.
+Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu
+tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott!
+Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich
+gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«
+
+»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir
+miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen
+hofftest, nimmst du nichts mit zurück -- gar nichts!«
+
+»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des
+Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!«
+
+ * * * * *
+
+Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne
+eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer,
+die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die
+Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften
+Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von
+Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor -- das letzte sichtbare
+Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren
+traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in
+der Ferne verschwamm, -- war es doch für viele der letzte Blick auf
+jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die
+Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des
+hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem
+stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die
+hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den
+letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in
+den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war
+nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen
+Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er
+dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten.
+
+»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf
+diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin,
+wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein
+Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den
+Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust
+empfunden hätte.«
+
+Sie gaben sich die Hände.
+
+»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise.
+
+»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem
+letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary
+umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich
+zu Hause fühlen.«
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone
+wieder an:
+
+»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein
+alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich
+doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig.
+Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« --
+
+Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt
+mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So
+scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr
+unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war
+verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen
+aus.
+
+»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich!
+Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein -- und hätte ich sie
+nie mit Augen geschaut, am besten!«
+
+Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die
+Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er
+die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren
+lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt
+in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte -- für ihn waren der
+bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern
+eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig,
+liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden
+Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm.
+Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es
+am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige
+Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde
+das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem
+Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals -- niemals!‹
+zugerufen hatte.
+
+»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich
+hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo
+alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen:
+Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr
+Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es
+hätte wenigstens sein können. Ja -- und vielleicht hätte sie mich ewig
+gehaßt. Besser so!«
+
+Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein
+Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung
+empor.
+
+»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte
+er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir
+wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie
+freigegeben.«
+
+»Everard!«
+
+Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter
+waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht
+unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt,
+ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht,
+in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten
+Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn --
+Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend
+hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse,
+mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft
+an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer
+Freude, an die er nicht zu glauben wagte.
+
+»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und
+während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch
+heißer.
+
+Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn
+mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt.
+
+»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist
+außer Sicht? Nein -- nein! Ich bin zu klug -- ich wollte mich nicht
+blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich
+an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber
+ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte,
+was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener
+Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir
+sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«
+
+Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, aber er sprach nicht.
+Er war seiner Bestürzung noch nicht Herr geworden: sie zu umfassen,
+sie anzuschauen, das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre Hand
+legte sich wieder um seinen Nacken.
+
+»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem Grauen, das mich
+befiel, als es mir zum Bewußtsein kam, daß du fort seiest? Zu der
+unerträglichen Pein, zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich
+niemals dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder hören
+würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz brach, als ich fühlte, daß
+ich dich verloren? Nein, nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder
+schmiegte sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, mein
+Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu bringen, dich zu
+lieben, und wie sehr hatte ich in meiner törichten Verblendung unrecht!
+Wie lange habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe Haß genannt?
+Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem du mich verlassen? Ich weiß es
+nicht -- es kommt auch nicht darauf an -- hier bin ich und kann nicht
+wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit wieder, Everard, aber
+wie konnte ich sie hinnehmen und dir dafür danken, wenn du mir mein
+Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und doch sagst du zu mir:
+›Kehre um‹!«
+
+»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte ich mit der ganzen Welt
+kämpfen müssen, um dich zu behalten!« Er küßte sie auf die Lippen.
+»Florence, wissen es die Deinen?«
+
+»Ja -- jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court verließ, wußten sie
+es noch nicht. Ich habe mich ohne ihr Wissen davongemacht. Ich wollte
+nicht Abschied nehmen -- das hätte Tränen gekostet -- Szenen gegeben.
+Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. Aber sie wissen es jetzt.
+Ich habe der Herzogin geschrieben, habe Briefe für Tante Agathe und
+Cis und einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß ich dir
+nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen gesagt, daß ich, wenn sie
+wieder von mir hörten, nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence
+Leath sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe du ihn mir
+gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe sind hinter mir verbrannt,«
+schloß sie lächelnd.
+
+Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er ihr Gesicht emporhob und
+sich zuwandte.
+
+»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt dich kostet? Du
+gibst sehr viel auf, mein Lieb!«
+
+»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich selbst,« antwortete sie
+innig, »was ich verliere, verliere ich um dich.«
+
+»Es kostet dich dein Vermögen?«
+
+»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger Vormund, und die
+Herzogin wird mir niemals vergeben. Ja -- das kostet es mich.«
+
+»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben lang geliebt hast,
+Kind!«
+
+»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin bei einem, den ich viel
+mehr liebe.«
+
+»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung Gehen, mein Weib.«
+
+»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück.
+
+Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die Arme, und sie küßten
+sich wieder. Das beredteste Wort war arm solch glückseligem Schweigen
+gegenüber.
+
+Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als ein näherkommender
+Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. Beide erkannten Sherriffs
+hohe Gestalt, der langsam herankam und im Zwielichte in der ihm noch
+unvertrauten Umgebung suchend umherspähte.
+
+Florence faßte die Hand ihres Verlobten und trat ein wenig vor.
+
+»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« sprach sie. »Schon deshalb
+würde ich ihn lieben, hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll
+auch mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.«
+
+
+
+
+Notizen des Bearbeiters:
+
+Inhaltsverzeichnis eingefügt.
+
+Fett gedruckter Text markiert durch: = ... =
+
+Gesperrt gedruckter Text markiert durch: _ ... _
+
+Unterstrichener Text markiert durch: ~ ... ~
+
+Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.
+
+Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
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+
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+from people in all walks of life.
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+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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+<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Robert Bontine
+
+Author: C. Andrews
+
+Translator: Marie Schultz
+
+Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
+</pre>
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+<p class="pmb3" />
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+<p><span class="pagenum"><a id="Page_1"></a></span></p>
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+<p><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p>
+
+<p class="center font13 pmb1"><em class="gesperrt">En&szlig;lins Mark-B&auml;nde.</em></p>
+
+<p class="center font08">
+In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen<br />
+in demselben Verlage:
+</p>
+
+<table border="0" cellspacing="0" class="tdl" summary="En&szlig;lins Mark-B&auml;nde">
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+ <td>&nbsp;</td>
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+ <td><span class="font08"><b>Leben.</b> Preisgekr&ouml;nter M&uuml;nchner Roman. Von C. Camill.</span></td>
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+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>3:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der goldene Schatten.</b> Roman von L. T. Meade.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>4:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Gib mich frei!</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>5:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Bettelmaid.</b> Roman von J. Fitzgerald Molloy.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>6:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Sein Recht.</b> Roman von E. Fischer-Markgraff.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>7:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Eigenart.</b> Roman von C. von Ende.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>8:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Auf eignen F&uuml;&szlig;en.</b> Roman von K. Krehmcke.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>9:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Soldatent&ouml;chter.</b> Offiziergeschichten von Christa Hoch.</span></td>
+ </tr>
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+ <td align="right"><span class="font08"><b>10:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Erbin.</b> Roman von H. K&ouml;hler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>11:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Das Recht auf Gl&uuml;ck.</b> Roman von H. Gr&eacute;ville.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>12:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der Scharlachbuchstabe.</b> Roman von N. Hawthorne.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>13:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Jessika von Duden u.~a. Novellen.</b> Von G. Genzmer.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>14:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die goldene Stadt.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>15:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Freie Menschen.</b> Roman von Th&eacute; von Rom.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>16:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Vom Baum der Erkenntnis.</b> Roman von H. Hessig.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Ebba H&uuml;sing.</b> Roman von Willrath Dreesen.</span></td>
+ </tr>
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+ </tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Sulamith.</b> Roman von A. und C. Askew.</span></td>
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+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>21:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Mandus Frixens erste Reise.</b> Von E. G. Seeliger.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Der Herzbruchh&uuml;gel.</b> Roman von H. Viel&eacute;.</span></td>
+ </tr>
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+ </tr>
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+ </tr>
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+ Von Ewald Gerhard Seeliger.</span></td>
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+ <td><span class="font08"><b>Hilde Schott.</b> Roman von Adolf Gerstmann.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Waldasyl.</b> Roman von Johanna Klemm.</span></td>
+ </tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Was Gott zusammenf&uuml;gt ...</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Aus d&auml;mmernden N&auml;chten.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>30:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Kajus Rungholt.</b> Roman von Charlotte Niese.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>31:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Der verkaufte Ku&szlig;.</b> Roman von Alwin R&ouml;mer.</span></td>
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+ <tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Durch Sturm und Not.</b> Roman von J. Gr&auml;fin Baudissin.</span></td>
+ </tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Ich will vergelten.</b> Roman von Ellen Svala.</span></td>
+ </tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Haus Schottm&uuml;ller.</b> Roman von August Niemann.</span></td>
+ </tr>
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+ <td><span class="font08"><b>Robert Bontine.</b> Roman von C. Andrews.</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08">Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenr&auml;umen:</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>36:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>K&auml;thes Ehe.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td>
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+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>39:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Die Karsteins.</b> Roman von H. Lang-Anton.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right"><span class="font08"><b>40:</b></span></td>
+ <td><span class="font08"><b>Von fremden Ufern.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08"><em class="gesperrt">Die Sammlung wird fortgesetzt</em>.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08"><em class="gesperrt">Preis jedes Bandes</em>: 1 Mark oder 1 Krone<br />
+ 20 Heller oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.</span></td>
+ </tr>
+ <tr> <td align="right">&nbsp;</td> <td align="left">&nbsp;</td> </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font08"><em class="gesperrt">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</em>.</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2" align="center">
+ <span class="font12"><em class="gesperrt">Verlangen Sie <span class="u">En&szlig;lins</span> Mark-B&auml;nde!</em></span></td>
+ </tr>
+</table>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_3"></a></span></p>
+
+
+<p class="p3 center font30 pmb2">Robert Bontine</p>
+
+<p class="center font14 pmb1">Roman</p>
+
+<p class="center pmb1">von</p>
+
+<p class="center font14 pmb1">C. Andrews</p>
+
+<p class="center font08 pmb2">Autorisierte &Uuml;bersetzung von Marie Schultz</p>
+
+<p class="center font08 pmb2">1. bis 12. Tausend</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 120px;">
+ <img src="images/003_logo.jpg" width="120" height="154" alt="Logo." title="" />
+</div>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<hr class="tb" />
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Reutlingen</em></p>
+
+<p class="center font12 pmb3">En&szlig;lin &amp; Laiblins Verlagsbuchhandlung</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_4"></a></span></p>
+
+<p class="center font08 pmb1">Nachdruck verboten.</p>
+
+<p class="center font08 pmb1">Alle Rechte vorbehalten.</p>
+
+<p class="center font08 pmb1">&Uuml;bersetzungsrecht vorbehalten.</p>
+
+<p class="center pmb3"><em class="antiqua">Printed in Germany</em></p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_i"></a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Inhalt">Inhaltsverzeichnis</h2>
+</div>
+
+<div class="block4a">
+<table border="0" cellspacing="0" class="tdr" summary="Inhaltsverzeichnis/Contents">
+ <colgroup>
+ <col width="20%" /> <col width="4%" /> <col width="10%" />
+ </colgroup>
+ <tr>
+ <td colspan="3" align="right"><span class="font08">Seite</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>1.</td>
+ <td><a href="#Page_5">5</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>2.</td>
+ <td><a href="#Page_21">21</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>3.</td>
+ <td><a href="#Page_35">35</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>4.</td>
+ <td><a href="#Page_48">48</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>5.</td>
+ <td><a href="#Page_59">59</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>6.</td>
+ <td><a href="#Page_71">71</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>7.</td>
+ <td><a href="#Page_83">83</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>8.</td>
+ <td><a href="#Page_91">91</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>9.</td>
+ <td><a href="#Page_101">101</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>10.</td>
+ <td><a href="#Page_113">113</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>11.</td>
+ <td><a href="#Page_126">126</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>12.</td>
+ <td><a href="#Page_138">138</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>13.</td>
+ <td><a href="#Page_152">152</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>14.</td>
+ <td><a href="#Page_165">165</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>15.</td>
+ <td><a href="#Page_175">175</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>16.</td>
+ <td><a href="#Page_189">189</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>17.</td>
+ <td><a href="#Page_203">203</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>18.</td>
+ <td><a href="#Page_213">213</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>19.</td>
+ <td><a href="#Page_224">224</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>20.</td>
+ <td><a href="#Page_240">240</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>21.</td>
+ <td><a href="#Page_256">256</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>22.</td>
+ <td><a href="#Page_265">265</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>23.</td>
+ <td><a href="#Page_283">283</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>24.</td>
+ <td><a href="#Page_298">298</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Kapitel</td> <td>25.</td>
+ <td><a href="#Page_309">309</a></td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_1">1.</h2>
+</div>
+
+<p><span class="figleft1" style="width: 70px;">
+ <img src="images/capital_e.jpg" width="70" height="79" alt="E" title="" />
+</span>
+s schien, als ob das Gewitter sich in wenigen
+Minuten zusammengezogen h&auml;tte. Den ganzen
+Tag war das Wetter wundersch&ouml;n gewesen,
+warm und sonnig. Es war schwer
+zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer tiefer
+blau sei, &mdash; an ersterem zeigte sich kaum ein W&ouml;lkchen,
+auf der Meeresfl&auml;che kaum eine schaumgekr&ouml;nte
+Welle. Dann war pl&ouml;tzlich die Sonne verschwunden,
+gro&szlig;e, schwarze Wolkenb&auml;nke schoben sich &uuml;ber die
+zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und
+See und Himmel waren grau. Ein fahler Blitz zuckte
+am Horizont auf, ein dumpfes Donnerrollen unterbrach
+die schw&uuml;le Stille, und schwere Regentropfen begannen
+zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder,
+und der Wind erhob sich in heulenden St&ouml;&szlig;en,
+als freue er sich des gest&ouml;rten Friedens in der Natur.</p>
+
+<p>»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile
+allem Anschein nach keine menschliche Behausung, und
+dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der Tat!«</p>
+
+<p>Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der
+sie sagte, stehen, um den Kragen seines leichten Oberrockes
+in die H&ouml;he zu schlagen. Auf der breiten, ebenen
+Fl&auml;che, die sich vom Rande der Klippen her&uuml;berzog,
+war kein lebendes Wesen au&szlig;er ihm zu erblicken, noch
+ <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span>
+irgendein Geb&auml;ude, das ihm Obdach h&auml;tte gew&auml;hren
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den
+Regen ins Gesicht trieb, und eilte schnelleren Schrittes
+auf dem unebenen Fu&szlig;pfade, den er seit einer Stunde
+verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fu&szlig; zauderte pl&ouml;tzlich,
+als ob der Donner, der &uuml;ber seinem Haupte
+krachte, ein Schu&szlig; gewesen w&auml;re, der unmittelbar an
+seinem Ohre abgefeuert worden.</p>
+
+<p>»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter
+ihm. »Sie finden weit und breit kein Obdach und
+werden bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t werden! Hierher!
+Schnell!«</p>
+
+<p>Der Angeredete wandte sich j&auml;h um. Eine kleine
+Strecke hinter ihm, ungef&auml;hr in der Mitte zwischen dem
+Fu&szlig;weg und dem steil abfallenden Rande der Klippe,
+stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen
+Ginsterb&uuml;schen und Farnkraut. Als er einen Augenblick
+stehen blieb und sie schier verwundert anstarrte,
+winkte sie ihm gebieterisch mit der Hand.</p>
+
+<p>»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst
+auch noch na&szlig;! Beeilen Sie sich, der Regen wird bald
+noch schlimmer werden als jetzt.«</p>
+
+<p>Er lief &uuml;ber den kurzen, schl&uuml;pfrigen Rasen,
+ihrem herrischen Befehle folge gebend. Als er bei
+ihr anlangte, versank sie pl&ouml;tzlich und verschwand unter
+dem nassen Gestr&uuml;pp.</p>
+
+<p>»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem
+Tone aus der Tiefe herauf. »Seien Sie vorsichtig &mdash;
+es kommen drei Stufen. Aber fallen k&ouml;nnen Sie nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p>
+
+<p>Er schob die Bl&auml;tter beiseite und folgte ihr. Ein
+Lichtschein, der zu hell war, als da&szlig; er durch das
+Laub h&auml;tte fallen k&ouml;nnen, zeigte ihm das kleine
+h&ouml;hlen&auml;hnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese
+Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen
+Felsstufen, neben denen sie stand. Er war ein hochgewachsener
+Mann und mu&szlig;te sich deshalb b&uuml;cken,
+um nicht gegen das niedrige Dach zu sto&szlig;en, w&auml;hrend
+er vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.</p>
+
+<p>»Es ist nicht sehr h&uuml;bsch hier unten,« meinte sie,
+»aber es ist doch dem Na&szlig;werden vorzuziehen. Geben
+Sie mir lieber die Hand, sonst m&ouml;chten Sie straucheln &mdash;
+der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick!
+H&ouml;ren Sie nur, wie es regnet! Ich wu&szlig;te, da&szlig;
+es noch schlimmer werden w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in
+Str&ouml;men herab und prasselte auf den Felsen nieder.
+Aufhorchend wandte er seiner Gef&auml;hrtin das Gesicht
+zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen
+erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten
+kam, fiel nur bis auf die Hand, mit der sie die
+seinige ergriffen hatte.</p>
+
+<p>»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer
+so pl&ouml;tzlich zum Ausbruch?« fragte er.</p>
+
+<p>»Sehr oft. Es ist das eine Spezialit&auml;t von Rippondale.
+Aber ich kenne die Vorboten und konnte
+deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht &mdash; nicht
+eher?«</p>
+
+<p>»Erst als Sie mich anriefen.«</p>
+
+<p>»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete
+am Eingang, um Sie hereinzurufen, aber das erstemal
+ <span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span>
+h&ouml;rten Sie mich nicht. Hierher! Treten Sie dorthin,
+wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«</p>
+
+<p>Ihre Hand, die k&uuml;hl und na&szlig; vom Regen war,
+umschlo&szlig; die seine, und er schritt vorsichtig hinter ihr
+die schmale, absch&uuml;ssige Senkung hinunter, an der sie
+ihn entlangf&uuml;hrte. Mit jedem Schritte wurde der
+Lichtschein heller und das murmelnde Pl&auml;tschern der
+Wellen am Fu&szlig;e der Klippe vernehmlicher. Nach
+einer Minute etwa lie&szlig; sie seine Hand los.</p>
+
+<p>»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon
+sagte, ist es kein besonders anziehender Zufluchtsort,
+aber er ist mir schon oft von Nutzen gewesen.«</p>
+
+<p>Der absch&uuml;ssige Gang m&uuml;ndete in eine nat&uuml;rliche
+H&ouml;hle, die sich so gro&szlig; wie ein kleines Zimmer in der
+Vorderwand der Klippe befand. Mit einem belustigenden
+Blick in das Gesicht des Gef&auml;hrten, das sie
+jetzt erst deutlich sah, setzte sich das M&auml;dchen gelassen
+auf einen flachen Vorsprung der Felswand nieder, der
+gro&szlig; und niedrig genug f&uuml;r den Zweck war.</p>
+
+<p>»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie
+f&uuml;hrte, nicht wahr?« meinte sie.</p>
+
+<p>Er schien ihre Frage nicht zu h&ouml;ren. Er hatte
+sich der &Ouml;ffnung der H&ouml;hle gen&auml;hert und blickte nach
+unten. Eine dicht von Schlingpflanzen &uuml;berwucherte
+Felsplatte sprang etwa vier oder f&uuml;nf Fu&szlig; vor, dann
+fiel die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter.
+Ein Schauder &uuml;berlief ihn, als er auf die wogende
+Wasserfl&auml;che herniedersah, und er trat aus dem Bereich
+des herabstr&ouml;menden Regens zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Sie haben sich einen gef&auml;hrlichen Zufluchtsort
+gew&auml;hlt,« sagte er.<span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span>
+»Gef&auml;hrlich?« gab sie zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier
+oben &mdash;«</p>
+
+<p>»O, eines Sturzes!«</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,«
+meinte sie gleichg&uuml;ltig. »Ich werde doch nicht
+so nahe herangehen, da&szlig; ich hinabst&uuml;rzen k&ouml;nnte.«</p>
+
+<p>»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er,
+»ein Sturz von hier oben w&uuml;rde den Tod bedeuten.«</p>
+
+<p>»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe lie&szlig;e sich bei
+vielen anderen Stellen der Klippen behaupten. Die
+Felsw&auml;nde sind fast &uuml;berall furchtbar steil. Es ist
+schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch
+ein Gel&auml;nder zu sch&uuml;tzen, glaube ich; aber der Plan
+ist wieder aufgegeben worden. Vielleicht ist es auch
+kaum n&ouml;tig, denn die Eingeborenen kennen jeden
+Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie,
+sind eine seltene Erscheinung.«</p>
+
+<p>»Sie wissen also,« sagte er langsam, »da&szlig; ich
+hier fremd bin?«</p>
+
+<p>»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens
+fragten Sie mich, ob unsere Gewitter sich immer so
+pl&ouml;tzlich zusammenz&ouml;gen.«</p>
+
+<p>»Und drittens &mdash; wu&szlig;te ich nichts von diesem
+Ihrem Zufluchtsort,« erg&auml;nzte er.</p>
+
+<p>»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn,
+&mdash; ich glaube, kaum irgend jemand. Ich selbst habe
+ihn ganz zuf&auml;llig entdeckt.«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir,
+und er verschwand in dem Ginstergeb&uuml;sch, das den
+ <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span>
+Eingang verdeckt. Er mu&szlig; wohl die Stufen herabgesprungen
+oder heruntergerutscht sein und konnte
+sich nicht wieder herausfinden. Ich rief und wartete,
+und schlie&szlig;lich h&ouml;rte ich ihn bellen und leise winseln.
+Da fand ich das Loch und bahnte mir einen Weg
+hinunter.«</p>
+
+<p>»Und so entdeckten Sie die H&ouml;hle?«</p>
+
+<p>»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wu&szlig;te,
+da&szlig; Sie bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t sein w&uuml;rden, ehe
+Sie St. Mellions erreichten.«</p>
+
+<p>»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«</p>
+
+<p>Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes,
+da&szlig; sie ihn geh&ouml;rt habe, antwortete aber nicht. Sie
+wandte das Haupt und blickte in den grauen Himmel,
+auf die graue See, den str&ouml;menden Regen und die flammenden
+Blitze hinaus und gew&auml;hrte ihm so Gelegenheit,
+sie ungest&ouml;rt zu mustern.</p>
+
+<p>Sie war &uuml;ber Mittelgr&ouml;&szlig;e, ohne doch gro&szlig; zu
+sein; ihre kaum voll entwickelte Gestalt war biegsam
+und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war so schlicht
+und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem
+Beobachter fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar
+auf, die Schw&auml;rze der Brauen und der langen, gebogenen
+Wimpern, das dunkle, bl&auml;ulich schimmernde
+Grau der gro&szlig;en, gl&auml;nzenden irischen Augen, die
+schneeige Wei&szlig;e ihrer Haut und der sch&ouml;ngeschwungene
+kleine herrische Mund.</p>
+
+<p>Sein Urteil lautete, da&szlig; sie sch&ouml;n, da&szlig; sie sicherlich
+stolz und wahrscheinlich von heftigem Temperamente
+war, und er zerbrach sich den Kopf dar&uuml;ber,
+wer sie wohl sein m&ouml;ge. H&auml;tte sie ihn angeschaut,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span>
+wozu sie keine Neigung zu versp&uuml;ren schien, so w&uuml;rde
+sie einen Mann gesehen haben, der drei&szlig;ig Jahre alt
+sein mochte, dessen sehnige, aufrechte Gestalt auf gro&szlig;e
+Energie und Kraft schlie&szlig;en lie&szlig;, dessen sonnengebr&auml;unte
+Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen
+blonden Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart
+bildete, dessen Z&uuml;ge weder besonders h&uuml;bsch noch
+besonders unsch&ouml;n waren, und dessen &Auml;u&szlig;eres durch
+die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende,
+kalte blaue Augen nicht anziehender wurde.</p>
+
+<p>Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen,
+da&szlig; sie ohne allen Zweifel eine Dame sei, obgleich
+ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht verriet. Sie
+ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn f&uuml;r
+einen Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze
+Br&uuml;skheit des Benehmens, &mdash; zu unbewu&szlig;t, um als
+ungezogen zu gelten, &mdash; war den M&auml;nnern nicht
+eigen, mit denen t&auml;glich zu verkehren ihr Los war. &mdash;</p>
+
+<p>Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen
+rauschte hernieder und f&uuml;llte die Pause aus, die beiden
+schnell peinlich zu werden anfing. Das junge M&auml;dchen
+machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht
+verraten, da&szlig; sie sich der verstohlenen Musterung
+des Fremden bewu&szlig;t sei. Sie nahm den Matrosenhut
+ab, der die losen kastanienbraunen L&ouml;ckchen, die sich
+auf ihrer wei&szlig;en Stirn ringelten, verdeckt hatte.</p>
+
+<p>»Es ist unertr&auml;glich warm!« meinte sie ungeduldig.
+»Und dabei sind wir erst in der ersten H&auml;lfte
+des Juni. Mitte August ist es sonst nicht schlimmer!«</p>
+
+<p>»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab
+der Mann ruhig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span></p>
+
+<p>»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungl&auml;ubig
+fragenden Blick zu. »Aber nicht in diesem Teile Englands,«
+erkl&auml;rte sie sehr entschieden.</p>
+
+<p>»&Uuml;berhaupt nicht in England. Ich spreche von
+Australien.«</p>
+
+<p>»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem
+Interesse. »Daher kommen Sie also?«</p>
+
+<p>»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«</p>
+
+<p>Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.</p>
+
+<p>»Es war ein merkw&uuml;rdiges Gef&uuml;hl &mdash; ich werde
+es niemals vergessen: mir war zumute, als sei ich aus
+den Wolken auf die Erde niedergefallen.«</p>
+
+<p>»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«</p>
+
+<p>»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in
+dem ganzen Lande kein Wesen gibt, das ich kenne.«</p>
+
+<p>»O!«</p>
+
+<p>Die Worte machten ihre schnell gefa&szlig;te Vermutung
+zunichte.</p>
+
+<p>»Sie haben also keine Verwandten hier?«</p>
+
+<p>»Ich habe nirgends Verwandte, &mdash; die ich kenne.«
+Er stockte seltsam in der Mitte des Satzes, und sein
+L&auml;cheln war verschwunden. »Sie glaubten vermutlich,
+ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«</p>
+
+<p>»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions
+einen Verwandten in Australien h&auml;tte, so
+w&uuml;rde ich davon geh&ouml;rt haben. Aber da Ihnen ganz
+England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, da&szlig;
+Sie sich zuerst einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht
+haben. Ich f&uuml;rchte, Sie ahnen nicht, wie
+langweilig es hier ist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span></p>
+
+<p>»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl
+in der Sache.«</p>
+
+<p>»So?« Unwillk&uuml;rlich blickte sie ihn wieder neugierig
+an. »Dann sind Sie nicht zu Ihrem Vergn&uuml;gen
+hergekommen?«</p>
+
+<p>»Zu meinem Vergn&uuml;gen!« Er lachte bitter. »Nein
+&mdash; in Gesch&auml;ften!«</p>
+
+<p>Sein Ton war so schroff und abweisend, da&szlig; sie
+ihr Gesicht fast beleidigt abwandte und verstummte.
+Sie blickte wieder in das graue Landschaftsbild und
+den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.</p>
+
+<p>Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend
+nicht bewu&szlig;t war, hub wieder an:</p>
+
+<p>»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, k&ouml;nnen
+Sie mir vielleicht sagen, wie weit es noch bis St. Mellions
+ist?«</p>
+
+<p>»Ungef&auml;hr eine Viertelstunde.«</p>
+
+<p>Sie sprach sehr kurz zu ihm.</p>
+
+<p>»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur
+von H&auml;usern erblicken.«</p>
+
+<p>»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.«
+Vielleicht hatte er sie gar nicht beleidigen wollen.
+Bei dieser Erw&auml;gung wurde sie wieder fast liebensw&uuml;rdig
+und setzte ihm auseinander, da&szlig; das Dorf
+in einer Talmulde l&auml;ge.</p>
+
+<p>»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, da&szlig; er
+kein Wirtshaus hat?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; sogar zwei.«</p>
+
+<p>Sie blickte wieder seew&auml;rts und fuhr in ver&auml;ndertem
+Tone fort: »Wir werden nicht mehr lange<span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span>
+gefangengehalten werden: die Wolken teilen sich, der
+Regen wird gleich vor&uuml;ber sein.«</p>
+
+<p>Sie hatte recht, denn wenige Minuten sp&auml;ter
+schien die Sonne, und Meer und Himmel waren blau.
+Wie sie ihm in die H&ouml;hle vorangegangen war, so &uuml;bernahm
+sie auch jetzt wieder die F&uuml;hrung den absch&uuml;ssigen
+Gang und die drei Felsenstufen hinauf,
+durch das dichte Ginstergestr&uuml;pp, das den Eingang
+verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen.
+Hier nahm der Fremde ernst den Hut ab und verneigte
+sich vor ihr. Sie hatte ihm diesmal nicht die Hand
+gegeben.</p>
+
+<p>»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie
+gehen, &mdash; entschuldigen Sie, &mdash; nicht denselben Weg
+wie ich?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte, und in ihren grauen Augen blitzte
+es schelmisch auf. »Dorthin f&uuml;hrt mein Weg,« sagte
+sie leichthin und deutete schr&auml;g &uuml;ber die Halde auf eine
+dichte Baumgruppe, »und Sie k&ouml;nnen den Ihren nicht
+verfehlen. Geradeaus! Adieu!«</p>
+
+<p>»Einen Augenblick, bitte! Ich f&uuml;rchte, ich habe
+einen Versto&szlig; begangen. Wenn das der Fall ist, so
+m&uuml;ssen Sie das, bitte, meinem Leben in Australien zugute
+halten. Ich habe Ihre G&uuml;te angenommen und
+m&uuml;&szlig;te Ihnen sicherlich meinen Namen nennen.«</p>
+
+<p>»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete
+sie l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>»Dann will ich es tun. Ich hei&szlig;e Everard Leath.«</p>
+
+<p>»Danke, Herr Leath.«</p>
+
+<p>Da&szlig; er ihr seinen Namen genannt hatte, in der<span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span>
+Hoffnung, sie werde jetzt ein gleiches tun, wu&szlig;te
+sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus Schelmerei eine
+Entt&auml;uschung.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt
+zwei Wirtsh&auml;user in St. Mellions. Gehen Sie nicht
+in den Schwarzen Adler &mdash; die Schlafzimmer sind
+dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms,
+die den gewissenhaftesten Eigent&uuml;mer und die beste
+aller Wirtinnen haben.«</p>
+
+<p>»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«</p>
+
+<p>Wohl wissend, da&szlig; sie ihn hatte abblitzen lassen,
+machte er noch einen Versuch &mdash; diesmal einen direkten.
+&mdash; »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit nicht die Krone
+aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu
+Dank verpflichtet bin?«</p>
+
+<p>»Wie ich hei&szlig;e, meinen Sie? O ja! Es ist nur
+nat&uuml;rlich, da&szlig; Sie das gerne wissen m&ouml;chten &mdash;
+freilich!«</p>
+
+<p>Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter
+und raffte geschickt ihre R&ouml;cke zusammen, damit sie
+das regenfeuchte Gras nicht streiften. »Nun, wenn
+Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie
+nur Ihre Wirtin.«</p>
+
+<p>Sie huschte &uuml;ber den blitzenden Rasen fast so
+leicht und schnell wie ein Vogel dahin und blickte sich
+mit hellem Lachen noch einmal um. Everard Leath
+schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die
+Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach
+St. Mellions ein.</p>
+
+<p>Der Abhang, den er hinabsteigen mu&szlig;te, war
+so steil, da&szlig; der einsame Wanderer fast in die Schornsteine<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span>
+des Dorfes hinabsehen konnte. Er lie&szlig; sich von
+einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem
+Brunnen sch&ouml;pfte, zurechtweisen und betrat bald die
+niedere Gaststube der Chichester Arms.</p>
+
+<p>Die rosige und beh&auml;bige Wirtsfrau, die eilfertig
+zu seinem Empfange herbeikam, f&uuml;hrte ihn in ein
+kleines sauberes Wohnzimmer mit get&auml;felten W&auml;nden
+und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker Butzenscheibenfenster,
+einer F&uuml;lle leuchtendroter Geranienst&ouml;cke
+und riesigen kissenbedeckten Windsorst&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt,
+und nachdem er sich in einem f&uuml;nfeckigen Schlafzimmer
+von dem Reisestaub ges&auml;ubert hatte, setzte er
+sich und wartete darauf.</p>
+
+<p>Als er mit der m&uuml;&szlig;igen Neugier, die einem
+Menschen, der sich an einem fremden Orte befindet,
+nat&uuml;rlich ist, aus einem der Fenster schaute, sah er
+einen etwa achtzehnj&auml;hrigen blonden Burschen vors
+Haus reiten. Mit schnell erwachtem Interesse in den
+Z&uuml;gen wandte er sich an das M&auml;dchen, das gerade die
+letzten Sch&uuml;sseln hereinbrachte und auf seinen Tisch
+stellte, mit der Frage:</p>
+
+<p>»Wissen Sie, wer das ist?«</p>
+
+<p>»Das, gn&auml;diger Herr?«</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen steckte ihr bl&uuml;hendes Gesicht durch
+die Geranien und erhielt sofort einen fr&ouml;hlichen Gru&szlig;
+von dem Reiter.</p>
+
+<p>»O freilich &mdash; das ist Herr Roy!«</p>
+
+<p>»Ah!« Ein L&auml;cheln &uuml;berflog Leaths ernste Z&uuml;ge.
+»Das sagt mir nicht viel. Wer mag Herr Roy sein?«</p>
+
+<p>»Er ist Sir Jaspers Sohn, gn&auml;diger Herr. Er<span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span>
+ist sein Einziger. Au&szlig;erdem ist noch Fr&auml;ulein C&auml;cilie da.«</p>
+
+<p>»Wie hei&szlig;t Sir Jasper weiter?«</p>
+
+<p>»Sir Jasper Mortlake, Herr.«</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen blickte ihn verwundert an. Jemand,
+der Sir Jasper nicht kannte, war augenscheinlich
+in ihren Augen ein Ph&auml;nomen.</p>
+
+<p>»Sie haben doch sicherlich von ihm geh&ouml;rt?«
+meinte sie in fast vorwurfsvollem Ton.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; niemals. Geh&ouml;rt ihm dies Haus?«</p>
+
+<p>»Ach nein, gn&auml;diger Herr! Der Schwarze Adler
+ist seines. Unser Herr ist Herr Chichester. W&uuml;nschen
+Sie sonst noch etwas?«</p>
+
+<p>Leath hatte weiter keine W&uuml;nsche und begann
+sein Mahl, aber nicht ehe er Roy Mortlake hatte
+davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen Beifall
+gezollt hatte.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter, als er in einem der gro&szlig;en St&uuml;hle sa&szlig;
+und seine Zigarre rauchte, klopfte es, und seine r&uuml;hrige
+Wirtin trat ein, um sich zu erkundigen, ob es ihm geschmeckt
+habe und wo sie sein Gep&auml;ck abholen lassen
+k&ouml;nne, worauf er ihr sagte, da&szlig; es am Bahnhofe in
+Market Beverley st&auml;nde.</p>
+
+<p>»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.</p>
+
+<p>»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen,
+gn&auml;diger Herr. Oben auf den Klippen
+entlang m&ouml;gen es wohl anderthalb Meilen sein.«</p>
+
+<p>»Den Weg bin ich gekommen.«</p>
+
+<p>Ein pl&ouml;tzlicher Gedanke kam der Wirtin.</p>
+
+<p>»Wenn Sie zu Fu&szlig; von Market Beverley gewandert<span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span>
+sind, gn&auml;diger Herr, so m&uuml;ssen Sie von dem
+Gewitter &uuml;berrascht worden sein!« rief sie.</p>
+
+<p>»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei
+f&auml;llt mir ein, mir ist aufgetragen, Ihnen eine Frage
+vorzulegen, Frau Buckstone.«</p>
+
+<p>»Eine Frage? Mir, gn&auml;diger Herr?«</p>
+
+<p>»Ja, &mdash; von einer Dame, die mir als rettender
+Engel erschien und mich vor dem Na&szlig;werden bewahrt
+hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«</p>
+
+<p>Er schilderte in aller K&uuml;rze und in belustigtem
+Tone sein Erlebnis.</p>
+
+<p>»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen,
+und sagte mir, ich m&ouml;chte mich an Sie wenden, wenn
+ich ihn wissen wolle,« schlo&szlig; er l&auml;chelnd, »und fort
+war sie.«</p>
+
+<p>»War sie h&uuml;bsch, gn&auml;diger Herr?«</p>
+
+<p>»H&uuml;bsch? Freilich &mdash; mehr als das. Aber wer
+war es? K&ouml;nnen Sie es sich denken?«</p>
+
+<p>»O ja, gn&auml;diger Herr!« Die Wirtin l&auml;chelte ebenfalls.
+»Dar&uuml;ber kann kaum ein Zweifel sein. Das
+war nat&uuml;rlich die Gr&auml;fin Florence.«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence?« Leath wiederholte den
+Namen mit erstauntem Blick. »Was? Ist die junge
+Dame verheiratet?«</p>
+
+<p>»O nein. Gr&auml;fin Florence Esmond ist die Tochter
+eines Grafen dr&uuml;ben in Irland, der starb, als sie ein
+ganz kleines Ding war. Sie ist Sir Jasper Mortlakes
+Nichte &mdash; und wohnt meistens bei ihnen in Turret
+Court. Sie haben das Schlo&szlig; vielleicht bemerkt, gn&auml;diger
+Herr? Es liegt an der anderen Seite der Halde,
+etwa dreiviertel Stunden von hier.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span></p>
+
+<p>»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete
+Leath und griff wieder nach seiner Zigarre.</p>
+
+<p>»Das war also Gr&auml;fin Florence Esmond!« sprach
+er halblaut und gedankenvoll vor sich hin, als
+die gesch&auml;ftige Wirtin den Tisch abger&auml;umt und ihn
+allein gelassen hatte. »Ein merkw&uuml;rdiger, ungew&ouml;hnlicher
+Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret
+Court.«</p>
+
+<p>Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch
+eines der Erkerfenster in den dunkelblauen Abendhimmel
+hinausblickte. »Es ist ein Gl&uuml;ck, da&szlig; ich
+etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst
+k&ouml;nnten mir jene grauen Augen gef&auml;hrlich werden,
+f&uuml;rchte ich!«</p>
+
+<p>Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das
+ihn besch&auml;ftigte, und sein Antlitz wurde d&uuml;sterer und
+strenger, als er dar&uuml;ber nachsann. Nicht an Florences
+graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf
+ihrer wei&szlig;en Stirn, noch an ihre sch&ouml;ngeschweiften
+roten Lippen dachte er. Er begann in dem engen
+Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor
+sich hinzumurmeln.</p>
+
+<p>»Was wohl das Ende sein wird? Wird &uuml;berhaupt
+ein Ende kommen? Jetzt, wo ich hier bin,
+steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob &mdash; wenn
+ich nicht mein Wort verpf&auml;ndet h&auml;tte &mdash; es nicht verst&auml;ndiger
+gewesen w&auml;re, ich h&auml;tte alles gehen lassen,
+wie es wollte, und niemals diesen Ort betreten? Mein
+Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen,
+nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span>
+d&uuml;nkt. Soll ich ihn aufgeben, trotz meines gegebenen
+Wortes wieder gehen?«</p>
+
+<p>Seine Augen flammten pl&ouml;tzlich auf; er ballte
+seine kr&auml;ftige Hand. »Bah! Welche Feigheit ist das
+auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der Wolke gedenken,
+die meine Jugend verd&uuml;stert hat, des Sterbebettes,
+an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre
+einsamer Arbeit und schweren Ringens, und will
+nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine Arbeit
+anf&auml;ngt!«</p>
+
+<p class="pmb3">Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu
+starren. »Nun, der erste Schritt ist getan. Ich bin
+hier in Mellions, dessen Name mir fast von meiner
+Kindheit an vertraut und verha&szlig;t ist. Aber um wieviel
+n&auml;her bin ich jetzt wohl meinem Ziele &mdash; wieviel
+n&auml;her daran, Robert Bontine zu finden?«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_2">2.</h2>
+</div>
+
+<p>Das sogenannte get&auml;felte Zimmer in Turret Court
+hatte verschiedene Vorz&uuml;ge, die es erkl&auml;rlich machten,
+da&szlig; es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie
+war. Die bemalten, in die W&auml;nde eingef&uuml;gten
+Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis
+auf den Boden hinabgehenden Glast&uuml;ren f&uuml;hrten auf
+eine von Schlinggew&auml;chsen berankte Veranda, vor
+der sich gleich einem gr&uuml;nen Sammetteppich ein herrlicher,
+von prangenden Blumenbeeten und &uuml;ppigem
+Gestr&auml;uch eingefa&szlig;ter Rasen ausbreitete, und von der
+man &uuml;berdies eine wundervolle Aussicht &uuml;ber die
+Heide nach den zackigen Bergkuppen hin&uuml;ber und
+auf das ferne Meer geno&szlig;. Turret Court lag hoch,
+so hoch, da&szlig; man von dort das Tal, in dessen gr&uuml;nem
+Scho&szlig;e St. Mellions lag, sehen konnte.</p>
+
+<p>Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im
+ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete,
+ein behagliches Mittagsschl&auml;fchen halten zu
+k&ouml;nnen, und ferner das Klavier, zu dessen Kl&auml;ngen ihre
+Tochter immer am besten singen konnte. Der gr&ouml;&szlig;te
+Vorzug aber von allen war, wie Gr&auml;fin Florence mehr
+als einmal k&uuml;hn ausgesprochen hatte, da&szlig; Sir Jasper
+seine Schwelle h&ouml;chstens zw&ouml;lfmal im Jahre &uuml;berschritt.
+Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen<span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span>
+bei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann,
+und sowohl seine sanfte Frau wie sein h&uuml;bsches T&ouml;chterchen
+waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen,
+da&szlig; sie sich vor ihm f&uuml;rchteten.</p>
+
+<p>An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht
+in der N&auml;he des get&auml;felten Zimmers, sonst h&auml;tte dort
+nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe
+sa&szlig; an einer der offenen Glast&uuml;ren in dem Stuhle, den
+sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht
+fast zu gro&szlig; f&uuml;r ihre zarten wei&szlig;en H&auml;nde zu
+sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau,
+die einst h&uuml;bsch gewesen war, von jener blonden, rosig
+angehauchten Sch&ouml;nheit, die meistens so fr&uuml;h verbl&uuml;ht.
+Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz
+mit den sanften Augen hatten noch etwas M&auml;dchenhaftes,
+obgleich sie schon zwei oder drei Jahre &uuml;ber
+die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne
+je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges
+gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme
+Dame, wie es von der Tochter eines der &auml;ltesten irischen
+Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht
+der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber
+doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona,
+pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit
+zu sagen; nicht um die Welt h&auml;tte sie eingestanden,
+was ihre innerste &Uuml;berzeugung war, &mdash; da&szlig; es eine
+ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau
+ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbesch&auml;ftigung
+und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder
+ihrer beiden jungen Gef&auml;hrtinnen zu lauschen,
+die in bequemen Schaukelst&uuml;hlen auf der Veranda
+ <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span>
+sa&szlig;en. In ihren wei&szlig;en Kleidern sahen die beiden
+M&auml;dchen schneeiggefiederten V&ouml;geln nicht un&auml;hnlich.</p>
+
+<p>Florences graue Augen blitzten schelmisch, w&auml;hrend
+sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch
+tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen,
+die Florence Esmond am besten kannten,
+pflegten zu sagen, da&szlig;, wenn sie kein Geheimnis
+daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund,
+beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter
+verg&ouml;tterte und den jungen Roy kaum weniger liebte.
+Die Behauptung war nicht sehr &uuml;bertrieben, denn
+es entsprach des M&auml;dchens innerster Natur, hei&szlig; zu
+lieben, wo es &uuml;berhaupt liebte.</p>
+
+<p>C&auml;cilie &mdash; im Familienkreis stets Cis genannt
+&mdash; war ein sehr h&uuml;bsches M&auml;dchen, &mdash; in der ganzen
+Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer
+Sch&ouml;nheit ber&uuml;hmt, &mdash; klein und zart gebaut, mit
+goldblondem Haar und lichtbraunen Augen und mit
+vollendet sch&ouml;nen und zarten Farben. &mdash; Dem Aussehen
+nach schien sie weit j&uuml;nger als ihre gr&ouml;&szlig;ere
+Cousine mit ihrer stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem
+schlanken Hals und Nacken und dem hochm&uuml;tig getragenen
+braunen K&ouml;pfchen; aber der Altersunterschied
+zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige
+Wochen. Beide hatten im vergangenen Winter ihren
+zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie so plaudernd dasa&szlig;en, sagte Florence:
+»Wie viele Torheiten habe ich mir im Leben schon
+zuschulden kommen lassen, die dir nicht einmal eingefallen
+w&auml;ren, du gutes kleines Ding! Ich tue
+freilich in Sack und Asche Bu&szlig;e, das ist wahr, aber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span>
+was n&uuml;tzt das? Und ach, was noch schlimmer ist,
+wie zahllose werde ich voraussichtlich noch begehen.«</p>
+
+<p>»Das m&ouml;chte die Herzogin auch wissen,« meinte
+C&auml;cilie l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>»Die Herzogin! O!« Florences fr&ouml;hlicher Mund
+wurde ernst; sie setzte sich aufrecht in ihrem Stuhle
+hin. »Liebes Herz, &mdash; dabei f&auml;llt mir ein, &mdash; wie
+du wei&szlig;t, hatte ich heute morgen Kopfweh und fr&uuml;hst&uuml;ckte
+oben. Mit einer Tasse Tee &uuml;berreichte mir
+meine ahnungslose Jungfer eine Bombe. Die Herzogin
+hat geschrieben.«</p>
+
+<p>»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt
+nach dir?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Auf zwei Briefbogen &uuml;berh&auml;ufte
+sie mich mit Vorw&uuml;rfen, da&szlig; ich sie mitten in der
+Saison im Stich gelassen, besonders nach der M&uuml;he,
+die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte
+meldet mir, da&szlig; sie sich gar nicht wohl f&uuml;hle, und
+da&szlig; der Doktor ihr anempfohlen, ohne Aufschub nach
+Pontresina abzureisen, und der vierte befiehlt mir,
+heute &uuml;ber acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen
+und bereit zu sein, sie zu begleiten.«</p>
+
+<p>»O Florence! Welch eine schreckliche Entt&auml;uschung!
+Du sagtest, du wolltest den ganzen Sommer
+bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich verlieren!«</p>
+
+<p>Cis&rsquo; sch&ouml;ne Augen f&uuml;llten sich mit Tr&auml;nen. Ihre
+Cousine erhob sich lachend, k&uuml;&szlig;te sie und strich ihr
+mit der wei&szlig;en Hand &uuml;ber den blonden Kopf.</p>
+
+<p>»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes G&auml;nschen!
+Ich habe schon geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll
+zu melden, da&szlig; ich sie nicht begleiten werde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span></p>
+
+<p>»Wie lieb von dir! Aber ich f&uuml;rchte, sie wird
+furchtbar b&ouml;se werden.«</p>
+
+<p>»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England
+zu bleiben,« gab Florence gelassen zur Antwort.
+»Bis sie zur&uuml;ckkommt, wird sie es &uuml;berwunden haben.«</p>
+
+<p>»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fr&auml;ulein
+Mortlake empfand ein gut Teil Angst und Scham vor
+Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin von Dunbar,
+da sie ein sch&uuml;chternes kleines Gesch&ouml;pf war, und
+sah fast ebenso &auml;ngstlich aus, als h&auml;tte sie selbst gewagt,
+der hochgeborenen Dame Trotz zu bieten.</p>
+
+<p>»Ich m&ouml;chte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater
+in die Vormundschaft &uuml;ber dich, Florence,« sprach sie.
+»Ein Vormund ist genug.«</p>
+
+<p>»Liebste, ich bin oft der Meinung, da&szlig; einer
+schon zu viel ist.« Florence setzte sich wieder in ihren
+Stuhl, verschr&auml;nkte die H&auml;nde im Nacken unter dem
+vollen, lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen
+Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht
+l&auml;stig, das mu&szlig; ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin
+hat bei mir Gevatter gestanden, und so h&auml;tte sie
+es wohl nicht gern gesehen, wenn sie &uuml;bergangen
+worden w&auml;re. Und mein Vater mag wohl der Ansicht
+gewesen sein, da&szlig; Frauen nicht viel von Gesch&auml;ften
+verst&uuml;nden. Er hielt es im Interesse meiner
+Angelegenheiten f&uuml;r besser, ihr einen m&auml;nnlichen Vormund
+an die Seite zu stellen, und da war es nat&uuml;rlich,
+da&szlig; seine Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner
+einzigen Schwester, fiel. Ihre Durchlaucht waren
+unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem ich<span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span>
+m&uuml;ndig bin, kann ich &uuml;berhaupt tun, was mir beliebt
+&mdash; was meinen Aufenthalt betrifft wenigstens.«</p>
+
+<p>Der Ton lie&szlig; darauf schlie&szlig;en, da&szlig; die Sprecherin
+in anderer Hinsicht nicht tun k&ouml;nne, was ihr beliebte.</p>
+
+<p>»Hast du &mdash; hast du es der Herzogin erz&auml;hlt,
+Florence?« fragte Cis, anscheinend ganz ohne allen
+Zusammenhang, mit ged&auml;mpfter Stimme.</p>
+
+<p>»Nein, mein Herz. Ich beschlo&szlig;, damit noch zu
+warten. Teils weil ich der Ansicht war, mein Brief
+sei sowieso schon hinreichend, um ihr auf die Nerven
+zu fallen, &mdash; von der Laune, in die er sie versetzen
+wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es f&uuml;r m&ouml;glich
+hielt, sie k&ouml;nne ihren Doktor samt seinen Verordnungen
+und Pontresina ganz und gar vergessen und
+in h&ouml;chsteigener Person hier auf der Bildfl&auml;che erscheinen,
+um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten
+sind mir gew&ouml;hnlich langweilig.«</p>
+
+<p>Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab
+und fragte: »Wo ist Roy heute morgen, Cis?«</p>
+
+<p>»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich wei&szlig; es sogar
+bestimmt. Er sagte beim ersten Fr&uuml;hst&uuml;ck, er wolle
+nach Arborfield hin&uuml;berreiten.«</p>
+
+<p>»Und Harry zum zweiten Fr&uuml;hst&uuml;ck mitbringen!«
+setzte Florence gleichm&uuml;tig hinzu. »Weshalb sprichst
+du nicht zu Ende, Cis?«</p>
+
+<p>Sie lachte, w&auml;hrend sie in das Porzellangesichtchen
+schaute, dessen zarte Farbe dunkler wurde.</p>
+
+<p>»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit
+drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz
+nett, einen Harry zu haben. Wei&szlig;t du, ich denke mitunter,
+wie mir das wohl gefallen w&uuml;rde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span></p>
+
+<p>»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit
+der w&uuml;rdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor.
+»Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen,
+wo du &mdash;«</p>
+
+<p>»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch
+davon &uuml;berzeugt bin, da&szlig; ich es nie sein werde!«
+beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht,
+mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewi&szlig;
+nicht, mich in sentimentalen Erw&auml;gungen zu ergehen.
+In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich geh&ouml;rt,
+und dich und Harry nur aus dem angemessenen
+&uuml;berlegenen und unpers&ouml;nlichen Gesichtspunkte betrachten.
+Und darin kann ich gleich anfangen, mich
+zu &uuml;ben, denn da sind sie schon.«</p>
+
+<p>Zwei junge Leute kamen von den Stallgeb&auml;uden
+her quer &uuml;ber den Rasen &mdash; der blonde, glattwangige,
+langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde
+Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der
+Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry
+Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries
+von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit
+drei Monaten trug. Er war ein h&uuml;bscher Mensch
+mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des
+noch reizenderen Err&ouml;tens, mit dem sein Br&auml;utchen
+ihn begr&uuml;&szlig;te, w&uuml;rdig sei.</p>
+
+<p>Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis&rsquo;
+goldblonder Kopf wurde sorgf&auml;ltig mit einem Sonnenschirm
+besch&uuml;tzt, und Roy setzte sich auf eine Stufe
+der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl.
+Lady Agathe hatte die Ank&ouml;mmlinge nur mit einem<span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span>
+freundlichen L&auml;cheln begr&uuml;&szlig;t, sich aber nicht weiter
+st&ouml;ren lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.</p>
+
+<p>»Flo,« &mdash; Roy liebte es, Gr&auml;fin Florences Namen
+so abzuk&uuml;rzen, &mdash; »ich habe Chichester gesehen &mdash;
+Hallo! Zum Kuckuck auch!«</p>
+
+<p>Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen
+Sitze empor. Sir Jasper ri&szlig; pl&ouml;tzlich die T&uuml;r auf und
+betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Best&uuml;rzung
+seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences
+grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie
+in diesem Raume erschien.</p>
+
+<p>Er sah &mdash; wenigstens auf den ersten Blick &mdash;
+nicht so aus wie jemand, dessen pl&ouml;tzliches Erscheinen
+geeignet war, eine St&ouml;rung zu verursachen. Wie alle
+Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis&rsquo; h&uuml;bsches rosiges
+Gesichtchen hatte nicht regelm&auml;&szlig;igere Umrisse und
+Z&uuml;ge als das seine. Man h&auml;tte es fast allzu regelm&auml;&szlig;ig,
+zu glatt, zu farblos und ruhig nennen k&ouml;nnen.
+An seinem letzten Geburtstage war er sechsundf&uuml;nfzig
+gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus.
+Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die
+die grauen F&auml;den nicht hervortreten l&auml;&szlig;t, sein Antlitz
+zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar
+und gl&auml;nzend; da&szlig; er nur einen gro&szlig;en Schnurrbart
+trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, lie&szlig;
+ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht
+getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten,
+ungezwungenen Anstande, der auf einen viel j&uuml;ngeren
+Mann h&auml;tte schlie&szlig;en lassen.</p>
+
+<p>Ja &mdash; Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von
+Turret Court, war entschieden ein sch&ouml;ner und auf
+ <span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span>
+den ersten Blick ein anziehender Mann f&uuml;r fast jeden.
+Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich
+auf Physiognomik verstanden, da&szlig; seine grauen Augen
+ebenso eisig kalt und strenge wie gl&auml;nzend waren,
+da&szlig; die schmalen, sch&ouml;ngeschnittenen Lippen sich gew&ouml;hnlich
+fest aufeinanderpre&szlig;ten, und da&szlig; die Umrisse
+des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose
+H&auml;rte deuteten.</p>
+
+<p>Es gab indessen eine Menge Menschen, deren
+Augen hierf&uuml;r blind blieben, ebenso wie ihre Ohren
+taub gegen die Tatsache waren, da&szlig; seine langsame,
+klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen
+scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper
+f&uuml;r einen sehr netten Mann und Lady Agathe f&uuml;r eine
+sehr gl&uuml;ckliche Frau zu erkl&auml;ren, eine Ansicht, der zu
+widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume eingefallen
+sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und lie&szlig;
+ihren Roman fallen, w&auml;hrend ein &auml;ngstliches Beben
+ihre zarte Gestalt durchlief. Roy schlich sich die
+Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht,
+sich wom&ouml;glich ungesehen aus dem Staube zu machen.
+Florence gab ihrem Schaukelstuhle einen Ruck und
+blickte ihren Vormund mit fragenden Augen an. Ihr
+jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan
+seit der Zeit, wo sie ein &uuml;berm&uuml;tiges, dreizehnj&auml;hriges
+M&auml;dchen in kurzen Kleidern gewesen und er ihr
+Vormund geworden war. Das war vielleicht ein
+Grund, weshalb er fast immer h&ouml;flich und mitunter
+fast liebensw&uuml;rdig gegen sie war, obgleich ein anderer
+Grund in der Tatsache zu finden sein mochte, da&szlig;,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span>
+wenn sie es abgelehnt h&auml;tte, wenigstens die H&auml;lfte
+des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend
+Pfund Sterling j&auml;hrlich weniger in die Tasche des
+Barons geflossen sein w&uuml;rden. Es wurde gemeiniglich
+angenommen, da&szlig; Turret Court fast so alt sei
+wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an
+irdischen G&uuml;tern hatte das Geschlecht der Mortlakes
+nie &Uuml;berflu&szlig; besessen.</p>
+
+<p>»Ist &mdash; kann ich &mdash; w&uuml;nschest du irgend etwas,
+Jasper?« stammelte Lady Agathe &auml;ngstlich hervor.</p>
+
+<p>»Danke &mdash; nein. Bitte, la&szlig; dich nicht st&ouml;ren.«
+Der Baron warf einen ver&auml;chtlichen Blick auf den
+hingefallenen Roman; f&uuml;r die harmlosen B&auml;nde, die
+das Hauptinteresse und Vergn&uuml;gen seiner Gattin ausmachten,
+hatte er eine uns&auml;gliche Verachtung.</p>
+
+<p>»Ich glaubte, Roy w&auml;re hier,« setzte er, sich umblickend,
+hinzu.</p>
+
+<p>»Das ist er auch.«</p>
+
+<p>Florence &uuml;bernahm die Antwort und deutete
+nickend auf Roys verschwindende Gestalt, wof&uuml;r ihr
+ein vorwurfsvoller und entr&uuml;steter Blick wurde.
+»Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«</p>
+
+<p>Niemand au&szlig;er ihr h&auml;tte es gewagt, die Frage
+zu stellen, oder w&uuml;rde sie gestellt haben, ohne eine
+bei&szlig;end sarkastische Antwort zu erhalten. Sir Jasper
+trat an die offene Glast&uuml;r.</p>
+
+<p>»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne
+zu: »Roy, du hast nichts zu tun, &mdash; du kannst nach
+St. Mellions reiten und einen Brief von mir mitnehmen.«</p>
+
+<p>»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends<span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span>
+l&auml;nger, als er sehr gegen seinen Willen kehrtmachte.
+»Ich komme gerade eben mit Wentworth
+aus Arborfield zur&uuml;ck,« sagte er in einem so mi&szlig;vergn&uuml;gten
+Tone, wie er nur anzuschlagen wagte, »und
+die Sonne scheint so furchtbar hei&szlig; &mdash; es ist der reine
+Backofen. Hat es nicht bis nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck Zeit?«</p>
+
+<p>»Es hat nicht bis nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck Zeit. Ich
+bedaure unendlich, deine kostbare Mu&szlig;e in Anspruch
+nehmen zu m&uuml;ssen,« antwortete der Baron mit schneidendem
+Hohn. »Ungl&uuml;cklicherweise habe ich nicht Lust,
+meine Gesch&auml;fte warten zu lassen, bis es dir beliebt,
+sie zu erledigen. Du wirst Herrn Sherriff das Billett
+bringen und &mdash;«</p>
+
+<p>»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort.
+»Der liebe alte Mann &mdash; ich habe ihn seit einer
+Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht wohl!
+Wie sch&auml;ndlich! Das mu&szlig; ich wieder gutmachen.«</p>
+
+<p>Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden
+Handbewegung: »Schon gut, Roy, du kannst
+davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen
+besorgen, Onkel Jasper.«</p>
+
+<p>»Liebes Herz, es ist so hei&szlig;! Und du mu&szlig;t doch
+erst fr&uuml;hst&uuml;cken,« wagte ihre Tante milde einzuwenden,
+w&auml;hrend sie ihren Roman aufnahm.</p>
+
+<p>»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich
+bei Herrn Sherriff zu Gast laden. Er wird das gern
+sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und au&szlig;erdem
+mu&szlig; ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich
+nach dem Datum des Basars erkundigen. Wenn wir
+uns nicht sputen, so werden Cis und ich das Regiment
+Puppen daf&uuml;r nicht rechtzeitig fertig angezogen bekommen.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span>
+Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist
+noch irgend etwas dabei zu bestellen?«</p>
+
+<p>Es war nur noch auszurichten, da&szlig; der &Uuml;berbringerin
+des Briefes eine Antwort mitzugeben sei.
+Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem M&uuml;ndel
+ein paar sehr f&ouml;rmliche Dankesworte und ging hinaus.
+Florence pfiff ein paar Takte des &rsaquo;Hausgespenstes&lsaquo;
+vor sich hin, schlug ihrer Tante das Buch wieder auf,
+gab ihr einen Abschiedsku&szlig; und lief auf den Rasen
+hinaus.</p>
+
+<p>»Roy, lauf nach dem Stall hin&uuml;ber &mdash; tu&rsquo;s mir
+zuliebe, und la&szlig; Jakob mir Orange Lily satteln.
+Aber er selbst braucht sich nicht fertigzumachen, denn
+ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«</p>
+
+<p>Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar
+und klopfte ihrer Cousine leicht auf die sch&ouml;ne
+Wange. »Finden Sie nicht, da&szlig; Cis gut aussieht,
+Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, da&szlig; sie einen
+demoralisierenden Einflu&szlig; auf mich aus&uuml;bt? Wenn
+ich sie ansehe, so bin ich wirklich fast geneigt, mich
+zu verlieben.«</p>
+
+<p>»Nun, ich glaubte, der Schritt w&auml;re schon getan,
+Gr&auml;fin Florence!« gab Harry Wentworth lachend
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine G&uuml;te,
+wie kommen Sie nur auf solchen Gedanken? Liege
+ich nachts wach und kann nicht schlafen? Verliere
+ich den Appetit? Werde ich rot? H&auml;rme und gr&auml;me
+ich mich? Nun, was sagt ihr beide?«</p>
+
+<p>»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,«
+meinte Harry.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span></p>
+
+<p>»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond
+von Ballancloona bin! Lebt wohl! Ich werde Herrn
+Sherriff von euch gr&uuml;&szlig;en und ihm einen Ku&szlig; geben,
+um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich,
+Harry, ich sch&auml;me mich Ihrer! Liebe! Wie ist
+einem denn zumute, wenn sie sich unserer bem&auml;chtigt
+hat?«</p>
+
+<p>Sie eilte leichtf&uuml;&szlig;ig &uuml;ber den Rasen dem Hause
+zu, und ihre Stimme t&ouml;nte fr&ouml;hlich zu ihnen her&uuml;ber,
+w&auml;hrend sie munter vor sich hintr&auml;llerte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+ <span class="i0">»Mein Herz, ich will dich fragen,<br /></span>
+ <span class="i0">Was ist denn Liebe, sag?<br /></span>
+ <span class="i0">Zwei Seelen und ein Gedanke,<br /></span>
+ <span class="i0">Zwei Herzen und ein Schlag.« &mdash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>»Ist sie nicht ein liebes Gesch&ouml;pf?« sagte Cis
+mit z&auml;rtlicher Bewunderung und dr&uuml;ckte Harrys Arm
+liebevoll an sich.</p>
+
+<p>»Sie ist auf alle F&auml;lle ein Original.« Er lachte.
+»Und sie ist au&szlig;erdem verteufelt h&uuml;bsch. Das steht
+fest. Ich finde, sie wird jedesmal, da&szlig; ich sie sehe,
+h&uuml;bscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh,
+da&szlig; ich sie nicht heiraten soll, wei&szlig;t du. In der Tat,
+ich beneide einen gewissen Jemand, den wir beide
+nennen k&ouml;nnten, nicht sonderlich.«</p>
+
+<p>»Florence ist viel zu gut f&uuml;r jenen gewissen
+Jemand,« erkl&auml;rte Cis.</p>
+
+<p>»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, da&szlig;
+ich es nicht bin. Welch wunderlicher Einfall veranla&szlig;te
+sie nur, solche Reden zu f&uuml;hren? Aus dem,
+was du mir gesagt hast, schlo&szlig; ich, da&szlig; es eine ganz
+abgemachte Sache sei.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p>
+
+<p>»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«</p>
+
+<p>»Wei&szlig; Sir Jasper darum?«</p>
+
+<p>»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«</p>
+
+<p>»Und dann spricht deine gr&auml;fliche Cousine so?
+Nette Aussichten!« Harry zuckte die Achseln und lachte.
+»Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen froh, da&szlig; ich
+nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«</p>
+
+<p class="pmb3">»Ach,« meinte Cis und sch&uuml;ttelte in sinnendem
+Widerspruch den h&uuml;bschen Kopf, »es ist leicht, so zu
+reden! Ich w&uuml;rde es wohl ebenso machen, wenn ich du
+w&auml;re. Aber du verstehst Florence nicht.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_3">3.</h2>
+</div>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde
+Orange Lily, einer Goldfuchsstute, &uuml;ber die Halde und
+bog in den langsam abw&auml;rts f&uuml;hrenden Reitweg ein,
+der in die kleine, krumme Hauptstra&szlig;e von St.
+Mellions einm&uuml;ndete. Manche M&uuml;tzen flogen von
+den K&ouml;pfen, manche Knickse wurden beim Anblick der
+anmutigen Gestalt des bildh&uuml;bschen, sonnigen Antlitzes
+gemacht, das mit dem strahlendsten L&auml;cheln f&uuml;r
+jeden Gru&szlig; dankte. Es gab weder einen Mann, noch
+eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie nicht kannten,
+und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im
+Dorfe mit ihr auf.</p>
+
+<p>Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe
+und die h&uuml;bsche C&auml;cilie gern, &mdash; wie sie es f&uuml;r ihre
+Herzensg&uuml;te und vielen Wohltaten auch verdienten,
+&mdash; aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben
+Art wie Florence.</p>
+
+<p>Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und
+dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern
+vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer
+niedrigen wei&szlig;en Pforte, die sich inmitten einer hohen
+Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vorn&uuml;ber,
+sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden
+Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit und<span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span>
+Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur h&auml;tte tun
+k&ouml;nnen, nahm Orange Lilys Z&uuml;gel und ging den
+breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Es war ein niedriges, kleines Geb&auml;ude, das anscheinend
+nur aus wenigen Zimmern bestand und nur
+ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgef&uuml;hrt,
+von Schlinggew&auml;chsen bis an die niedrigen
+Schornsteine, die vielen T&uuml;ren und Fenster &uuml;berwuchert,
+mit bl&uuml;henden Blumen auf den Simsen, mit Balkon
+und Veranda bot es einen &uuml;beraus malerischen Anblick
+dar. Gr&auml;fin Florence hatte oft erkl&auml;rt, da&szlig;
+sie viel lieber im Bungalow &mdash; so hie&szlig; es &mdash; wohnen
+m&ouml;chte, als in Turret Court.</p>
+
+<p>Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer
+Uhrkette hing, an die Lippen und lie&szlig; einen hellen
+Pfiff ert&ouml;nen. In demselben Augenblick erschien schl&uuml;rfenden
+Ganges ein gro&szlig;er junger Mann, der beim
+Anblick des jungen M&auml;dchens einen riesigen Zeigefinger
+an sein strohgelbes Haar legte, denn eine M&uuml;tze
+hatte er nicht auf.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer
+liebensw&uuml;rdigen Weise und dankte ihm mit ihrem
+reizenden L&auml;cheln f&uuml;r seinen Gru&szlig;. Dann erkundigte
+sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn
+an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel
+Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle.
+Darauf schritt sie &uuml;ber den samtweichen Rasen, stieg
+die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges
+offenes Fenster.</p>
+
+<p>»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, da&szlig; Sie an<span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span>
+diesem wundervollen Tage drau&szlig;en im Sonnenschein
+sein sollten?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence! Mein liebes Kind, welch eine
+Freude, Sie zu sehen!«</p>
+
+<p>Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich
+schnell von einem mit B&uuml;chern bestreuten Tische, an
+dem er sa&szlig;, kam ans Fenster und nahm die Hand,
+die ihm das junge M&auml;dchen bot. Er war gro&szlig; und
+hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig
+geb&uuml;ckt. Er hatte ein stilles, tr&auml;umerisches, zerstreutes
+Wesen. Die meisten w&uuml;rden ihn f&uuml;r einen ganz alten
+Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht
+und sein Haar wie sein langer Vollbart schneewei&szlig;;
+nur die sch&ouml;ngeschwungenen Brauen seiner dunklen
+Augen waren noch schwarz. Trotzdem z&auml;hlte Matthias
+Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gew&ouml;hnlich f&uuml;r
+volle zehn Jahre &auml;lter gehalten wurde.</p>
+
+<p>»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind!
+Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!«
+sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und
+H&ouml;flichkeit &uuml;ber den kleinen hellbraunen Stulphandschuh.
+Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine
+weltm&auml;nnischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter
+Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der
+auf nichts stolz war als auf seine geliebten B&uuml;cher.</p>
+
+<p>»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es
+war sehr un&uuml;berlegt von mir, Sie so pl&ouml;tzlich anzureden.
+Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen
+Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?«
+fragte Florence l&auml;chelnd.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span></p>
+
+<p>»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen
+kommen.«</p>
+
+<p>Herr Sherriff stieg bei diesen Worten &uuml;ber die
+niedrige Fensterbr&uuml;stung, zog einen Korbstuhl herbei,
+der im Schatten der Veranda stand, und wartete, bis
+sie Platz genommen, ehe er sich einen zweiten herbeiholte.</p>
+
+<p>»F&uuml;hrt eine gesch&auml;ftliche Angelegenheit Sie her,
+Gr&auml;fin, oder sind Sie so freundlich, einem einsamen
+alten Manne einen Besuch zu machen?«</p>
+
+<p>»Beides, Herr Sherriff.«</p>
+
+<p>Sie setzte ihm auseinander, was sie hergef&uuml;hrt,
+und lud sich zum Fr&uuml;hst&uuml;ck bei ihm ein; dabei zog
+sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche ihres Reitkleides.
+Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn
+wieder in den Umschlag.</p>
+
+<p>»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie
+Sir Jasper vorige Woche gen&uuml;gend erkl&auml;rt zu haben.
+Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie mit ein paar
+Zeilen f&uuml;r ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret
+Court, Lady Agathe, Fr&auml;ulein C&auml;cilie?«</p>
+
+<p>»Meine Tante ist so wohl, wie sie &uuml;berhaupt
+sein kann, und Cis ist h&uuml;bscher denn je. Sie und
+Harry Wentworth machen mich ganz sentimental &mdash;
+wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy
+ist sehr fidel und Sir Jasper griesgr&auml;mlich. Ich bin,
+wie Sie mich vor sich sehen.«</p>
+
+<p>»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres
+k&ouml;nnen Sie nicht tun, liebes Kind.«</p>
+
+<p>Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, v&auml;terlichem
+L&auml;cheln in das liebreizende, strahlende Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span></p>
+
+<p>»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, da&szlig;
+irgend etwas Besonderes vorgefallen ist, was Sir
+Jasper verstimmt hat?«</p>
+
+<p>»Du meine G&uuml;te, nein. Es ist eben nur sein chronisches
+Leiden! Wenn ihm einmal wirklich etwas
+Widerw&auml;rtiges zustie&szlig;e, so w&uuml;rde es ihn vielleicht
+liebensw&uuml;rdig machen &mdash; wer wei&szlig;? Ich habe jetzt
+angefangen, &rsaquo;Das Hausgespenst&lsaquo; zu fl&ouml;ten, was der
+armen Agathe jedesmal einen furchtbaren Schrecken
+einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den Gassenhauer
+kennte!«</p>
+
+<p>»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr
+Sherriff l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern,
+wenn ich nur die Lippen spitzte. Ich sollte es nat&uuml;rlich
+nicht tun, nicht wahr? Junge Damen sollten niemals
+fl&ouml;ten. Da hat die arme Herzogin recht &mdash; kommt dort
+nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und
+horchte auf n&auml;herkommende Schritte &mdash; Schritte, die
+ihr ganz fremd waren.</p>
+
+<p>Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem
+Erstaunen: »Was, Sie sind es? Hier?«</p>
+
+<p>Es war Everard Leath, der um die Ecke der
+Veranda bog, und der bei ihrem Anblick in ebenso
+gro&szlig;em Staunen stehen blieb.</p>
+
+<p>Verwundert &uuml;ber ihr gegenseitiges Erkennen
+blickte Sherriff von einem zum andern.</p>
+
+<p>Leath sprach zuerst.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gr&auml;fin Esmond.
+Ich hatte keine Ahnung davon, da&szlig; Sie hier w&auml;ren,
+und erwartete, Herrn Sherriff allein zu finden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span></p>
+
+<p>Er verbeugte sich und entfernte sich wieder.
+Florences graue Augen richteten sich verwundert auf
+den Hausherrn.</p>
+
+<p>»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.</p>
+
+<p>»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine
+Frage vorzulegen: Wie kommt es, da&szlig; Sie ihn kennen
+und er Sie?«</p>
+
+<p>»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung
+hell auf. »Soll ich es Ihnen erz&auml;hlen?« meinte sie
+schelmisch in &uuml;berlegendem Tone. »Ja, Sie sollen
+es h&ouml;ren.«</p>
+
+<p>Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und
+sehr drollige Schilderung, wie es gekommen, da&szlig;
+Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in
+der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.</p>
+
+<p>»Hat er Ihnen nichts davon erz&auml;hlt?« fragte sie
+neugierig.</p>
+
+<p>»Kein Sterbenswort.«</p>
+
+<p>»Auch Sie gar nichts &uuml;ber mich gefragt?«</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen
+mir gegen&uuml;ber gar nicht in den Mund genommen! Ich
+hatte keine Ahnung davon, da&szlig; Sie ihm je begegnet!«</p>
+
+<p>»H&ouml;flich! Es nimmt mich sehr wunder, da&szlig; er
+sich &uuml;berhaupt die M&uuml;he gegeben hat, herauszufinden,
+wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, bitte, Herr
+Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von
+ihm, da&szlig; er keine Seele in St. Mellions kenne.«</p>
+
+<p>»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe
+seine Bekanntschaft auf fast ebenso zwanglose Weise
+gemacht wie Sie. Als ich vor einigen Abenden spazieren
+ging, &uuml;berkam mich einer meiner ungl&uuml;cklichen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span>
+Schw&auml;cheanf&auml;lle. Ja, ohne ihn w&uuml;rde ich hingest&uuml;rzt
+sein, denn ich hatte das Bewu&szlig;tsein fast g&auml;nzlich
+verloren.«</p>
+
+<p>»O, wie mir das leid tut!« Das fr&ouml;hliche, neugierige
+Gesicht des jungen M&auml;dchens wurde ernst.
+»Und er &mdash; dieser Herr Leath &mdash; brachte Sie nach
+Hause, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind &mdash; als ich mich hinreichend erholt
+hatte, um ihm zu sagen, wo ich wohnte, was ohne
+seine Kognakflasche wohl noch l&auml;nger gedauert haben
+w&uuml;rde. Nat&uuml;rlich kamen wir nachher ins Gespr&auml;ch,
+und ich erfuhr, da&szlig; er hier fremd, da&szlig; er aus
+Australien sei und in den Chichester Arms abgestiegen
+w&auml;re. Ich sagte ihm, da&szlig; er an einem einsamen alten
+Mann ein gutes Werk tun w&uuml;rde, wenn er mir
+w&auml;hrend seines Aufenthalts in St. Mellions einen
+Teil seiner Zeit widmen wolle. Er scheint sich auch
+einsam zu f&uuml;hlen, denn er ist jeden Tag mehrere
+Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn f&uuml;r
+heute zu Tisch ein. Ist diese Erkl&auml;rung vollst&auml;ndig
+genug?«</p>
+
+<p>»J&mdash;a.« Florence zog die Brauen zusammen.
+»Ausgenommen,« fuhr sie in etwas pikiertem Tone
+fort, »da&szlig; ich nicht recht einsehe, weshalb Sie einen
+v&ouml;llig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«</p>
+
+<p>»Habe ich gesagt, da&szlig; ich ihn sehr gern habe, mein
+Kind?«</p>
+
+<p>»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,«
+schmollte sie.</p>
+
+<p>»Selbst wenn dem so w&auml;re, so hat die Sache
+ihren Pr&auml;zedenzfall. Vor zehn Jahren zum Beispiel<span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span>
+wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die ich immer
+seither von Herzen liebgehabt habe.«</p>
+
+<p>»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit
+einem reizenden L&auml;cheln legte sie z&auml;rtlich die Hand
+auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie &mdash; m&ouml;gen Sie
+diesen Herrn Leath leiden? Nun?«</p>
+
+<p>»Ich gestehe, mein Herz, da&szlig; ich ihn sehr gern
+habe.«</p>
+
+<p>»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend,
+»aus keinem besonderen Grunde.«</p>
+
+<p>»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht
+leiden zu m&ouml;gen.«</p>
+
+<p>»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich
+f&uuml;hle mich getroffen,« setzte sie freim&uuml;tig hinzu, »denn
+jetzt, wo ich dar&uuml;ber nachdenke, glaube ich, da&szlig; dem
+so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb eigentlich.
+Sein Benehmen war allerdings br&uuml;sk, aber ich
+glaube nicht, da&szlig; das der Grund war. Aber wir
+k&ouml;nnen unseren Antipathien und Sympathien nie auf
+den Grund kommen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete
+hinaus und zog die Stirn wieder kraus. »Herr
+Sherriff!«</p>
+
+<p>»Ich h&ouml;re, liebes Kind.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie, da&szlig; er dauernd hier &mdash; in St.
+Mellions &mdash; bleiben wird?«</p>
+
+<p>»Ja, wenigstens vorl&auml;ufig. Das hat er mir
+gesagt.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, aber &mdash;« sie stockte. »Sie wissen wohl
+nicht, was ihn hergef&uuml;hrt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span></p>
+
+<p>»Dar&uuml;ber wei&szlig; ich ebensowenig wie Sie, mein
+Kind, gar nichts.«</p>
+
+<p>»Vielleicht wei&szlig; ich doch etwas. Jedenfalls wei&szlig;
+ich, da&szlig; er nicht zum Vergn&uuml;gen, sondern in Gesch&auml;ften
+gekommen ist. Das erz&auml;hlte er mir, und es war
+ihm Ernst damit.«</p>
+
+<p>»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung
+geben, da&szlig; er mir nichts davon gesagt hat.«</p>
+
+<p>Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter
+Stirn in den Garten hinaus. Everard Leath
+besch&auml;ftigte sie merkw&uuml;rdig.</p>
+
+<p>»Herr Sherriff, glauben Sie, da&szlig; er arm ist?«</p>
+
+<p>»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,«
+meinte der alte Mann l&auml;chelnd, »auch glaube ich nicht,
+da&szlig; er so reich ist wie Sie. Zwischen diesen beiden
+Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«</p>
+
+<p>»Ich bin viel zu reich &mdash; es ist einfach l&auml;cherlich!
+Also Sie glauben, da&szlig; er viel Geld hat?«</p>
+
+<p>»In bescheidenem Ma&szlig;e &mdash; ja. Im Laufe unserer
+gestrigen Unterhaltung deutete er an, da&szlig; er bis vor
+etwa einem Jahre mit bitterer Armut gek&auml;mpft habe,
+wo ein Umschwung in seinen Verh&auml;ltnissen eingetreten
+sei.«</p>
+
+<p>»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.</p>
+
+<p>»Ich verstand so viel, da&szlig; er mit Minen zu tun
+gehabt &mdash; ich bin zu unwissend in solchen Dingen,
+um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die Glocke,
+die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden,
+wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr
+Gabelfr&uuml;hst&uuml;ck anzusehen, liebes Kind?«</p>
+
+<p>»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete<span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span>
+Florence, munter ihren Ernst abstreifend, und dabei
+nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, und ging
+mit ihm aus der Veranda und durch eine offene
+Glast&uuml;r, die in ein h&uuml;bsches kleines Speisezimmer
+f&uuml;hrte, in dem der ovale Tisch schon f&uuml;r drei Personen
+gedeckt war.</p>
+
+<p>Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer
+und machte so die Gesellschaft vollst&auml;ndig. Da&szlig; er
+&uuml;berrascht war, sie noch dort zu treffen, und da&szlig; ihn
+das ein wenig aus der Fassung brachte, sah Florence
+sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebensw&uuml;rdig
+gegen ihn zu sein, und sie l&auml;chelte ihm zu, als er sich
+ihr gegen&uuml;ber niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr
+Leath?« fragte sie in leichtem Tone.</p>
+
+<p>Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.</p>
+
+<p>»Ja, Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Und sie stellte meine Person fest?«</p>
+
+<p>»Sofort.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Sie m&uuml;ssen mich sehr anschaulich geschildert
+haben.«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil, ich fand, da&szlig; es nicht n&ouml;tig war,
+Sie &uuml;berhaupt zu schildern.«</p>
+
+<p>»So? Vermutlich, weil sie fand, da&szlig; mein Benehmen
+mir &rsaquo;ganz &auml;hnlich&lsaquo; s&auml;he.«</p>
+
+<p>»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich,
+da&szlig; es sich so verhielt.«</p>
+
+<p>»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich f&uuml;rchte,
+da&szlig; sie ebenso entsetzt &uuml;ber mich ist, wie die Herzogin
+selbst. Und Sie haben Ihres kleinen Abenteuers nie
+gegen Herrn Sherriff erw&auml;hnt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span></p>
+
+<p>»Ich wu&szlig;te nicht, da&szlig; Sie Herrn Sherriff
+kannten, und ich hielt mich nicht f&uuml;r berechtigt, einem
+Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit zu
+reden.«</p>
+
+<p>Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem
+Benehmen, obgleich man ihn kaum h&auml;tte verlegen
+nennen k&ouml;nnen. Florence dachte im stillen, da&szlig; sein
+Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten
+Gelegenheit zu vertrautem und leichtem Verkehr mit
+ihrem Geschlechte gew&auml;hrt h&auml;tte. Aber sie empfand
+auch, als sie das Gespr&auml;ch abbrach, weil das kleine
+Dienstm&auml;dchen geschickt das kalte Gefl&uuml;gel und den
+Salat herumreichte, da&szlig; er ein Zartgef&uuml;hl und eine
+Zur&uuml;ckhaltung gezeigt, die sie weder von ihm erwartet
+noch ihm zugetraut hatte.</p>
+
+<p>Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen
+ihn, und sie blieb bei dem nun folgenden Gespr&auml;ch
+in der heitersten, liebensw&uuml;rdigsten Stimmung. Die
+Unterhaltung drehte sich gr&ouml;&szlig;tenteils um Australien,
+aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war
+und seinen charakteristischen, trockenen Ernst nicht
+leugnete, war ihr doch sowohl der Gespr&auml;chsstoff wie
+seine Art und Weise neu genug, um sie sehr zu interessieren
+und ihr viele wi&szlig;begierige und eifrige
+Fragen zu entlocken. Als sie endlich, &uuml;berrascht dar&uuml;ber,
+wie schnell die Zeit vergangen war, aufstand und
+erkl&auml;rte, da&szlig; sie fort m&uuml;sse, war es mit einer leisen
+Regung des Unmuts, weil sie &uuml;ber den Mann selbst
+so wenig wie je wu&szlig;te. Alles, was er erz&auml;hlt und was
+sie aus ihm herausgebracht hatte, war so ganz und
+gar unpers&ouml;nlich gewesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p>
+
+<p>»Haben Sie angefangen herauszufinden, da&szlig; ich
+Ihnen nur die Wahrheit &uuml;ber St. Mellions gesagt
+habe, Herr Leath?«</p>
+
+<p>Sie warf die Frage nachl&auml;ssig hin, nur um etwas
+zu sagen, als sie in der Veranda stand und zusah,
+wie ihre Fuchsstute auf und nieder gef&uuml;hrt wurde.
+Drinnen an seinem mit B&uuml;chern bedeckten Tische
+schrieb Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen
+sollte. Leath war ihr hinausgefolgt; wie
+sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich sagte Ihnen, da&szlig; es ein langweiliges
+kleines Nest sei. Finden Sie das etwa nicht?«</p>
+
+<p>»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig
+genug, um mich von hier fortzutreiben.«</p>
+
+<p>Sie err&ouml;tete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene
+Neugier erraten habe.</p>
+
+<p>»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier
+niederzulassen?«</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht sagen, Gr&auml;fin. F&uuml;r den
+Augenblick bin ich noch zu keinem festen Entschlusse
+gelangt &mdash; das hei&szlig;t &uuml;ber meinen k&uuml;nftigen Aufenthaltsort.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob
+Sie nach Australien zur&uuml;ckkehren werden?«</p>
+
+<p>»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich
+ist, da&szlig; ich dorthin zur&uuml;ckkehren werde.
+Aber Familienbande fesseln mich an keinen Teil der
+Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«</p>
+
+<p>»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum
+Beispiel eine Frau h&auml;tten &mdash;«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p>
+
+<p>»Das habe ich allerdings nicht.«</p>
+
+<p>Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.</p>
+
+<p>»&mdash; so w&uuml;rde sie m&ouml;glicherweise Australien nicht
+gern mit England vertauschen.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert
+nicht, Gr&auml;fin. Wie ich sagte, stehe ich ganz allein in
+der Welt &mdash; schon seit acht Jahren.«</p>
+
+<p>Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher
+oder bewegt bei diesen Worten, und das Antlitz, in das
+sie schaute, gab ihr keine Ermutigung zu dem teilnehmenden
+Blick oder der freundlichen Frage, die sie
+sich sonst vielleicht erlaubt haben w&uuml;rde, obgleich er
+ihr fast noch ein Fremder war. Sie wandte sich,
+um Herrn Sherriff das Briefchen abzunehmen, und
+&auml;rgerte sich &uuml;ber sich selbst, da&szlig; sie sich hatte verleiten
+lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der
+Mann und seine Angelegenheiten gingen sie, Florence
+Esmond, allerdings gar nichts an. Er hatte etwas
+Strenges und Kraftvolles an sich, eine K&auml;lte, die sie
+abstie&szlig;.</p>
+
+<p class="pmb3">In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine
+Liebensw&uuml;rdigkeit mehr, und die Verbeugung, die sie
+ihm machte, nachdem er sie in den Sattel gehoben,
+war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte.
+Aber sie drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit
+ihrer behandschuhten Rechten eine z&auml;rtliche Ku&szlig;hand
+zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. Sie
+wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht
+behandeln, weil er t&ouml;richterweise so gro&szlig;es Gefallen
+an Everard Leath zu finden schien.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_4">4.</h2>
+</div>
+
+<p>Das Mittagessen in Turret Court war vor&uuml;ber.
+Es wurde stets fr&uuml;h gespeist, denn Sir Jasper war
+magenleidend, und das Mahl war immer ein auserlesenes.
+F&uuml;r Lady Agathe war es die qualvollste
+Stunde des Tages, denn der Hausherr lie&szlig; es selten
+zu, da&szlig; die Mahlzeit f&uuml;r irgend jemand angenehm
+verlief, und am wenigsten naturgem&auml;&szlig; f&uuml;r sie. Jetzt
+hatte er sich in die Bibliothek zur&uuml;ckgezogen, einen
+Raum, in dem er geruhte, den gr&ouml;&szlig;ten Teil seiner
+Zeit zuzubringen, und die &uuml;brigen begaben sich in den
+Salon, &uuml;beraus froh, ihn los zu sein.</p>
+
+<p>Lady Agathe sa&szlig; in dem bequemen Sessel mit
+einem anderen Bande des Romans, in den sie sich am
+Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine langen
+Gliedma&szlig;en der L&auml;nge nach auf dem Sofa ausgestreckt,
+gab sich M&uuml;he, einzuschlafen, und st&ouml;hnte bisweilen
+&uuml;ber die Hitze; drau&szlig;en auf der Terrasse gingen Cis
+und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein Spitzentuch
+verh&uuml;llte den goldblonden Kopf und den Hals
+des jungen M&auml;dchens. Dicht an einem Fenster, bequem
+zur&uuml;ckgelehnt in einem ihrer Lieblingsschaukelst&uuml;hle,
+die H&auml;nde hinter dem kastanienbraunen Haar
+verschlungen, lag Florence in ihrem langen wei&szlig;en
+Kleide &mdash; sie trug im Hause gern &uuml;berm&auml;&szlig;ig lange<span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span>
+Schleppen &mdash; im Gespr&auml;ch mit der einzigen noch anwesenden
+Pers&ouml;nlichkeit.</p>
+
+<p>Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug
+tadellos sa&szlig;, der eine gute Figur sowie eine angenehme
+Stimme hatte, und dessen Gesicht geradezu
+sch&ouml;n war. Das einzige, was man an seinem &Auml;u&szlig;eren
+und seiner Pers&ouml;nlichkeit h&auml;tte aussetzen k&ouml;nnen, w&auml;re
+gewesen, da&szlig; er &auml;lter aussah als er war. Seine
+sch&ouml;nen Z&uuml;ge waren unbeweglich, &mdash; er hatte fast
+gar kein Mienenspiel, &mdash; seine Gestalt hatte eine gewisse
+Beh&auml;bigkeit, seine Bewegungen waren schwerf&auml;llig
+und langsam, seine Redeweise eint&ouml;nig und
+ernst; seinem Alter nach erst in der Bl&uuml;te der Jahre,
+hatte er seine Jugend doch schon eingeb&uuml;&szlig;t: mit achtunddrei&szlig;ig
+war er entschieden ein Mann mittleren
+Alters. In seinen ruhigen braunen Augen lag kaum
+ein Glanz, w&auml;hrend er die hin und her schaukelnde,
+anmutige Gestalt des M&auml;dchens betrachtete und das
+angeregte, lebhafte Antlitz sich gegen&uuml;ber sah.</p>
+
+<p>»Ich wu&szlig;te, da&szlig; ich dir etwas sagen wollte, was
+mir mindestens ein halbes dutzendmal wieder entfallen
+ist,« sagte Florence schaukelnd. »Heute morgen bekam
+ich einen Brief von der Herzogin.«</p>
+
+<p>»Von der Herzogin? So?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Sie erz&auml;hlte ihm dann kurz den Inhalt des
+Schreibens, und da&szlig; sie es abgelehnt, ihre Patin
+nach der Schweiz zu begleiten.</p>
+
+<p>»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst
+du vermutlich die Gelegenheit, sie von unserer<span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span>
+Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte Talbot
+Chichester z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die
+H&auml;nde unter dem Kopf fort und verschr&auml;nkte sie im
+Scho&szlig;. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die Wahrheit
+zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe nat&uuml;rlich
+daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse,
+da&szlig; es viel besser ist, damit zu warten, bis sie gl&uuml;cklich
+in Pontresina ist und ihren &Auml;rger dar&uuml;ber, da&szlig;
+ich nicht mit ihr gehe, &uuml;berwunden hat.« Sie lachte
+schelmisch.</p>
+
+<p>»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte
+Chichester ernst; das L&auml;cheln, mit dem er auf ihr
+Lachen geantwortet, war nur sehr matt. »Die Stellung,
+die Ihre Durchlaucht dir gegen&uuml;ber einnimmt,
+erheischt es von mir, da&szlig; ich sie von unserer Verlobung
+unterrichte und ihre Einwilligung in unsere
+Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. Ich
+wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen,
+es selbst zu &uuml;bernehmen, obgleich ich gestehen mu&szlig;,
+da&szlig; ich den Grund nicht recht begriff.«</p>
+
+<p>»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune
+von mir, es ihr selbst zu erz&auml;hlen &mdash; warum, wei&szlig;
+ich nicht.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich f&uuml;gte ich mich, da es dein Wunsch
+war,« fuhr Chichester fort, »es ist freilich wahr, da&szlig;
+es in gewissem Sinne nur eine Form ist, aber ich
+finde doch, es m&uuml;&szlig;te geschehen.«</p>
+
+<p>»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht,
+da&szlig; sie etwas dagegen haben wird?« fragte Florence
+wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span></p>
+
+<p>»Dagegen?«</p>
+
+<p>Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht.
+Sein Ton wurde w&uuml;rdevoller, er f&uuml;hlte, da&szlig;
+das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. War nicht
+die Familie Chichester auf Highmount sogar noch &auml;lter
+als das Geschlecht der Mortlakes, und reich genug,
+um ihnen ihren ganzen Besitz drei- oder viermal
+abzukaufen?</p>
+
+<p>»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig,
+»das ist sicherlich eine ziemlich &uuml;berfl&uuml;ssige Frage!
+Wir sind nicht von Adel, das ist freilich wahr, &mdash; wir
+haben die Ehre immer abgelehnt, &mdash; aber in jeder
+anderen Hinsicht ist es kaum m&ouml;glich, da&szlig; die Herzogin
+etwas gegen mich als Bewerber um deine Hand
+einzuwenden haben k&ouml;nnte. Du kannst das nicht f&uuml;r
+wahrscheinlich halten.«</p>
+
+<p>»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fr&ouml;hlich.
+»Ich glaube nicht, da&szlig; sie etwas dagegen haben wird;
+weshalb, wie du sagst, sollte sie das? Ich wollte
+nur gern wissen, wie du dar&uuml;ber d&auml;chtest.«</p>
+
+<p>»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen
+kurzem zu schreiben?«</p>
+
+<p>»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr
+mit derselben Post schreiben, damit sie erf&auml;hrt, da&szlig;
+ich an deinem bisherigen Schweigen schuld bin.«</p>
+
+<p>»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.«
+Florence nickte leicht und wandte ihr Gesicht dem
+Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein unterdr&uuml;cktes
+G&auml;hnen hinter der wei&szlig;en Hand, die sie sich vor den
+Mund hielt. Ein Plauderst&uuml;ndchen mit Talbot Chichester,<span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span>
+obgleich er ihr Verlobter war, wirkte nicht
+sehr belebend auf sie.</p>
+
+<p>Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die
+Hand des jungen M&auml;dchens ruhte auf dem Arm ihres
+Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem kleinen
+Ohre, w&auml;hrend er ihr Worte zufl&uuml;sterte, die niemand
+anders verstehen konnte. Florences rote Lippen
+zuckten eigent&uuml;mlich bei dem Gedanken, Chichester
+k&ouml;nne so gehen, so fl&uuml;stern &mdash; der Einfall belustigte
+sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder
+vor seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm
+ihr Jawort gab, hatte sie sich gesagt, da&szlig; sein gro&szlig;er
+Vorzug sei, da&szlig; er niemals versucht, ihr den Hof zu
+machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das
+unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime
+erstickt. Talbot Chichester hatte sich solcher Schw&auml;che
+niemals schuldig gemacht, und sie hatte versprochen,
+ihn zu heiraten.</p>
+
+<p>Cis und Harry gingen wieder vor&uuml;ber. Herr
+Chichester sa&szlig; noch immer stumm da. Florence schaute
+in den tiefstehenden Mond; das Schweigen dauerte
+fort. Roy, der seine fruchtlosen Bem&uuml;hungen, einzuschlafen,
+aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte
+auf das Paar am Fenster zu. Florences Verlobung
+mit dem &rsaquo;alten Chichester&lsaquo;, die er anfangs durchaus
+nicht hatte glauben wollen und mit unb&auml;ndigem Gel&auml;chter
+aufgenommen hatte, war dem J&uuml;ngling noch
+immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt vorkam, als
+s&auml;he Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen
+Stuhl und machte endg&uuml;ltig den Versuch, die Unterhaltung
+wieder in Gang zu bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span></p>
+
+<p>»Wie schauderhaft hei&szlig; es ist!« sagte er mit einem
+G&auml;hnen. »Finden Sie das nicht auch, Chichester?
+Ich habe mich von meinem Morgenritt nach Arborfield
+noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde
+war furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon
+bekommen, nicht wahr, Flo?«</p>
+
+<p>»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres
+gro&szlig;en gelben F&auml;chers gezupft und ihn nicht geh&ouml;rt
+&mdash; ihre Augen schauten noch tr&auml;umerisch in die tiefstehende,
+lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten
+Abendhimmel gl&auml;nzte.</p>
+
+<p>»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst
+du, Roy?«</p>
+
+<p>»Ich sage, du mu&szlig;t es auf der Halde heute
+morgen sehr hei&szlig; gefunden haben, nicht wahr? Wie
+ging&rsquo;s dem alten Sherriff? Sie m&uuml;ssen wissen, Chichester,
+ich behaupte immer, da&szlig; Florence in Sherriff
+verliebt ist. Wenn man es sich recht &uuml;berlegt, so ist
+es doch eigentlich ein starkes St&uuml;ck, da&szlig; sie solchem
+jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! Wundere
+mich oft dar&uuml;ber, da&szlig; er in solch gottverlassenem
+Neste bleibt und die liebensw&uuml;rdige Laune unseres
+Alten ertr&auml;gt.«</p>
+
+<p>»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen.
+»Was er von Sir Jasper erh&auml;lt, kommt
+zweifelsohne in Betracht bei ihm.«</p>
+
+<p>»Das ist&rsquo;s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet,
+&mdash; die beiden sind n&auml;mlich dicke Freunde, &mdash; da&szlig;,
+wenn Sherriff sich vor Jahren in London niedergelassen
+hatte, er sich dort durch seine Schriften l&auml;ngst
+einen Namen gemacht haben w&uuml;rde. Ich mu&szlig; gestehen,<span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span>
+ich begreife es nicht, wie ein Mensch hier in
+St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich ihm
+eine M&ouml;glichkeit bietet, fortzukommen.«</p>
+
+<p>»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence
+sanft, »und steht ganz allein in der Welt. Mit seinen
+B&uuml;chern und Blumen ist er hier ebenso gl&uuml;cklich,
+glaube ich, wie er anderswo sein w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Na, er h&auml;tte sich wohl l&auml;ngst aus dem Staube gemacht,
+wenn das nicht der Fall gewesen w&auml;re,« gab
+Roy zu. Er g&auml;hnte wieder in be&auml;ngstigender Weise.
+»Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der
+Scholle kleben, f&auml;llt mir ein,« fuhr er mit tr&auml;nenden
+Augen fort, »wer ist der Mensch bei Mutter
+Buckstone?«</p>
+
+<p>»In den Chichester Arms?«</p>
+
+<p>Talbot Chichester stellte diese Frage.</p>
+
+<p>»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl &mdash; sonnverbrannt
+&mdash; erinnert mich an jemand, den ich gesehen
+habe,« fuhr Roy unzusammenh&auml;ngend fort.
+»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir &mdash; ich
+wei&szlig; nicht mehr recht, wie es war &mdash; als ich hin&uuml;berritt,
+um zu sehen, ob mir der alte Buckstone das
+&Ouml;l f&uuml;r mein Rad besorgt h&auml;tte. Er wohnt dort, sagte
+er. Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag?
+Sie wissen es nicht etwa, Chichester?«</p>
+
+<p>»Ich bek&uuml;mmere mich allerdings nicht um jeden,
+der in den Chichester Arms absteigt.« Der Redende
+blickte belustigt. »Ich wu&szlig;te &uuml;berhaupt nicht, da&szlig;
+dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fu&szlig;tour
+begriffener Londoner.«</p>
+
+<p>Roy sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p>
+
+<p>»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre &mdash; hat
+nicht den Londoner Dialekt &mdash; versteht zu viel von
+Pferden, um ein Gro&szlig;st&auml;dter zu sein. Kommt wohl
+aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will
+ich ihn mal danach fragen.«</p>
+
+<p>»La&szlig; das nur! Es ist &uuml;berfl&uuml;ssig. Was seinen
+Namen anbetrifft, so hei&szlig;t er Everard Leath und
+kommt aus Australien. Wer er ist, wei&szlig; ich nicht,
+und was er will, das wei&szlig; er hoffentlich selbst.«</p>
+
+<p>»Er hat es dir doch nicht etwa erz&auml;hlt?«</p>
+
+<p>»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«</p>
+
+<p>»Nun, das ist famos!« Roy ri&szlig; die Augen noch
+weiter auf und lachte. »Du warst immer das wunderlichste
+M&auml;dchen unter der Sonne. Wo in aller Welt
+hast du den Menschen gesehen?«</p>
+
+<p>»Soll ich&rsquo;s dir sagen?«</p>
+
+<p>Sie setzte sich aufrecht und heftete l&auml;chelnd ihre
+schelmisch blitzenden Augen auf das verwunderte und
+fragende Antlitz ihres Br&auml;utigams. »Ja &mdash; wir sind
+heute abend alle sehr langweilig, und deshalb will
+ich es tun.«</p>
+
+<p>Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen
+geblieben, und sie winkte ihnen lustig, hereinzukommen.
+Und vor diesem nicht wenig erstaunten
+Publikum erz&auml;hlte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung
+mit Everard Leath.</p>
+
+<p>Nach manchen vorwurfsvollen Worten &uuml;ber den
+Leichtsinn der sch&ouml;nen Cousine schlenderten Cis und
+Harry davon, und Roy, noch immer g&auml;hnend, folgte
+ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden,
+und schaute dann mit einem L&auml;cheln zu<span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span>
+ihrem Verlobten empor, der aber keinen freundlichen
+Blick f&uuml;r sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, fast
+finster. Sie sah ihn mit immer gr&ouml;&szlig;er werdenden
+Augen und fest aufeinandergepre&szlig;ten Lippen an und
+ber&uuml;hrte dann leise seinen Arm.</p>
+
+<p>»Was ist denn los?«</p>
+
+<p>»Los?«</p>
+
+<p>»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus.
+Vielleicht, weil ich sagte, ich wollte Roy meine H&ouml;hle
+zeigen, und dir nicht anbot, mitzugehen? Sei nur
+recht artig, dann sollst du n&auml;chstens auch einmal
+hin. So!«</p>
+
+<p>In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf.
+Sie sprach, als gelte es, ein verdrie&szlig;liches Kind zu
+beschwichtigen. Die meisten M&auml;nner, die in sie verliebt
+gewesen, w&uuml;rden sie unwiderstehlich gefunden haben.
+Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm
+die Hand, mit der sie ihm den Arm gestreichelt hatte.
+Dann begann er in seiner gehaltenen Weise ihr Vorw&uuml;rfe
+&uuml;ber ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen
+gegen den Unbekannten zu machen.</p>
+
+<p>»Du darfst deine eigene Stellung und W&uuml;rde nicht
+vergessen,« schlo&szlig; er.</p>
+
+<p>»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch
+ahnt,« meinte das junge M&auml;dchen sinnend, als spr&auml;che
+sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder an.</p>
+
+<p>»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort.
+»Ich vergesse meine W&uuml;rde wohl mitunter. Wei&szlig;t
+du, es ist mir gar nicht eingefallen, da&szlig; die einzig
+richtige Handlungsweise gewesen w&auml;re, den Menschen<span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span>
+na&szlig; werden zu lassen. Welch ein Gl&uuml;ck, da&szlig; du so
+etwas nie tun k&ouml;nntest.«</p>
+
+<p>Herr Chichester ging jeglicher Sinn f&uuml;r Humor
+ab &mdash; er war so unendlich mit sich selbst zufrieden.
+Er l&auml;chelte und lie&szlig; ihre Hand los.</p>
+
+<p>Florence verbarg ein L&auml;cheln, als sie sich nach
+dem Fenster wandte.</p>
+
+<p>Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret
+Court verlassen. Florence stand allein am Fenster
+und blickte in den Mond, wie sie vorher getan hatte,
+als Cis z&auml;rtlich den Arm um sie legte.</p>
+
+<p>»Fehlt dir etwas, Florence? Du &mdash; du siehst so
+ernst aus, mein Herz!«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>Liebkosend fuhr Florence mit der Hand &uuml;ber
+Cis&rsquo; goldblondes Haar. »Ich sann wohl &uuml;ber mein
+unschickliches Benehmen nach.«</p>
+
+<p>»O,« meinte Cis verst&auml;ndnisvoll, »du meinst
+gegen jenen Menschen in der H&ouml;hle! Nun, ich mu&szlig;
+sagen, da&szlig; es ziemlich leichtsinnig von dir war,
+Liebste, aber nat&uuml;rlich hast du es nicht &uuml;berlegt. Das
+habe ich auch zu Harry gesagt. Es ist schade, da&szlig; du
+in Chichesters Gegenwart davon gesprochen hast. Ich
+glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«</p>
+
+<p>»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«</p>
+
+<p>Cis blickte in das sch&ouml;ne, gedankenvolle Antlitz,
+dessen gew&ouml;hnlich strahlender Ausdruck einem
+nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm pl&ouml;tzlich
+all ihren Mut zusammen.</p>
+
+<p>»Florence, werde nicht b&ouml;se, aber ich habe dich
+schon so oft etwas fragen wollen. Ich kann es gar<span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span>
+nicht begreifen &mdash; er ist so ernst und steif und kalt &mdash;
+in jeder Beziehung so verschieden von dir &mdash; es
+wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort
+gegeben.«</p>
+
+<p>»Mich auch,« gab Florence zerstreut zur&uuml;ck,
+»mich auch!«</p>
+
+<p>Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet.
+Sie blickte sich halb entsetzt, halb best&uuml;rzt
+um. Sie antwortete nicht, da sie bange war, n&auml;her
+auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im
+Mondschein ungewi&szlig; von der Seite an. Als sie wieder
+sprach, war es in anderem Tone.</p>
+
+<p>»Florence!«</p>
+
+<p>»Nun, mein Schatz?«</p>
+
+<p>»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«</p>
+
+<p>»Alt? Nein. Ungef&auml;hr drei&szlig;ig sollte ich denken.«</p>
+
+<p>»O, ganz jung! Und h&uuml;bsch?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; und h&auml;&szlig;lich auch nicht. Ganz gew&ouml;hnlich.«</p>
+
+<p>»Und ist er nett, Florence?«</p>
+
+<p>»Wer?«</p>
+
+<p>»Nun, Herr Leath!«</p>
+
+<p class="pmb3">»Nett? Nein &mdash; unausstehlich!« sagte Florence
+schroff. »Ich bin schrecklich m&uuml;de und mu&szlig; zu Bette
+gehen. Gute Nacht, mein Herz!«</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_5">5.</h2>
+</div>
+
+<p>Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo
+Gr&auml;fin Florence gesessen und mit dem freundlichen
+alten Hausherrn geplaudert hatte, standen wieder die
+beiden bequemen Korbst&uuml;hle; Herr Sherriff sa&szlig; in
+dem einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete
+drau&szlig;en lagen im hellen Morgensonnenschein.
+Leath war vor einer halben Stunde zu einem
+Plauderst&uuml;ndchen gekommen. Obgleich er noch nicht
+vierzehn Tage in St. Mellions weilte, war die Zuneigung
+des Alten, von der er zu Florence gesprochen,
+t&auml;glich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie
+gro&szlig;e Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr
+mit Leath gew&auml;hre, da er au&szlig;er dem Pfarrer
+kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten
+Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte
+erzeigen k&ouml;nnen, alle freundlich gewogen seien.</p>
+
+<p>»Sie sehen aber doch Gr&auml;fin Esmond mitunter?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick
+war ich undankbar genug, sie fast zu vergessen.
+Sie kommt &ouml;fter, als man es in Turret Court gern
+sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, da&szlig; sie kurze
+Kleider trug, hat sie mich liebgehabt, und was mich
+anbetrifft, so k&ouml;nnte ich kaum mehr von ihr halten,
+wenn sie meine Tochter w&auml;re.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span></p>
+
+<p>»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden
+habe?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; sie verlor beide Eltern, als sie ein
+Kind war.«</p>
+
+<p>»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«</p>
+
+<p>»Nur einer ihrer Vorm&uuml;nder. Er teilt sich in die
+Vormundschaft mit ihrer Patin, der verwitweten Herzogin
+von Dunbar.«</p>
+
+<p>»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor
+sich hin. »Gew&ouml;hnlich gen&uuml;gt doch ein Vormund, mein&rsquo;
+ich &mdash; weshalb sind hier denn zwei?«</p>
+
+<p>»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem
+gro&szlig;en Verm&ouml;gen, das ihr eines Tages geh&ouml;ren wird,
+hielt ihr Vater es wahrscheinlich f&uuml;r &mdash;«</p>
+
+<p>»Verm&ouml;gen?« fiel ihm Leath in verwundertem
+Tone ins Wort. Er lachte wieder. »Wie viele andere
+Leute, habe auch ich bisher irische Grafenkronen f&uuml;r
+gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der
+verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gr&auml;fin
+Florence wird ihr gro&szlig;es Verm&ouml;gen ihrer Mutter
+verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe, Sie sagen &rsaquo;wird verdanken&lsaquo;. Ist
+sie denn noch nicht m&uuml;ndig?«</p>
+
+<p>»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht
+in den Besitz ihres Verm&ouml;gens, ehe sie drei&szlig;ig Jahre
+z&auml;hlt, es sei denn, &mdash; was wahrscheinlich der Fall
+sein wird, &mdash; da&szlig; sie sich in der Zwischenzeit verheiratet.«</p>
+
+<p>»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann f&auml;llt
+es also ihr zu?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p>
+
+<p>»Es f&auml;llt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines
+oder ihrer beiden Vorm&uuml;nder heiratet; schlie&szlig;t sie
+eine Ehe ohne diese Einwilligung, so f&auml;llt das ganze
+an verschiedene milde Stiftungen.«</p>
+
+<p>»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath
+zog die Stirn in Falten. »Wie mag das gekommen
+sein?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; das nicht recht,« antwortete Sherriff
+z&ouml;gernd. »Es ist seltsam, wie Sie sagen. Die einzige
+Erkl&auml;rung, die ich daf&uuml;r habe finden k&ouml;nnen, ist die,
+da&szlig; ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu gl&uuml;cklich
+in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis,
+da&szlig; der Graf seine Frau nur ihres Geldes wegen
+geheiratet hatte.«</p>
+
+<p>»Und die letztwillige Verf&uuml;gung der Gr&auml;fin sollte
+ihre Tochter wahrscheinlich vor einer &auml;hnlichen Erfahrung
+bewahren,« bemerkte Leath nachdenklich.</p>
+
+<p>»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte
+Herzogin w&uuml;rden zugeben, da&szlig; das M&auml;dchen eine
+un&uuml;berlegte Heirat mit einem Gl&uuml;cksj&auml;ger einginge.
+Sollte sie bis zu ihrem drei&szlig;igsten Jahre unverehelicht
+bleiben, so mag die Gr&auml;fin sie wohl f&uuml;r alt genug
+gehalten haben, um ihre Interessen ohne Beistand
+wahren zu k&ouml;nnen. Es wundert Sie wohl, da&szlig; nur
+die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich
+machte dieselbe Bemerkung, als Gr&auml;fin Florence, von
+der ich das Ganze wei&szlig;, mir die Sache erz&auml;hlte. Sie
+lachte und sagte, da&szlig; die Herzogin und Sir Jasper
+niemals einer Ansicht w&auml;ren und selten zusammenk&auml;men,
+ohne sich zu zanken, und da&szlig;, wenn sie nicht
+heiraten sollte, ehe sie sich &uuml;ber den Br&auml;utigam geeinigt<span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span>
+h&auml;tten, wenig Aussicht daf&uuml;r vorhanden sei,
+da&szlig; sie in den n&auml;chsten Jahren unter die Haube
+kommen w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>Sherriff, der gew&ouml;hnlich nicht so beredt war,
+griff jetzt wieder nach seiner Pfeife und begann sie
+aufs neue zu f&uuml;llen.</p>
+
+<p>»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence? Nein &mdash; meines Wissens nicht.
+Und wenn ich sage, meines Wissens nicht, so hei&szlig;t das,
+&uuml;berhaupt nicht,« meinte der alte Herr l&auml;chelnd, »denn
+andernfalls w&uuml;rde sie es mir anvertraut haben, davon
+bin ich &uuml;berzeugt. Nein &mdash; verlobt ist sie nicht. Ich
+mu&szlig; gestehen, da&szlig; mich das aufrichtig freut; in dieser
+Gegend wenigstens kenne ich niemand, als dessen Frau
+ich sie sehen m&ouml;chte. Wenn mich nicht alles tr&uuml;gt, so
+hat sie ein Herz, das hei&szlig; und innig lieben kann, und
+dieses Herzens sind nur wenige M&auml;nner wert.«</p>
+
+<p>»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath
+langsam.</p>
+
+<p>»Mit dem Heiraten? Nein &mdash; ich glaube nicht.
+Im Gegenteil. Auch Sir Jasper nicht. Sie verbringt
+fast das ganze Jahr in Turret Court &mdash; sie h&auml;ngt
+sehr an Lady Agathe und Fr&auml;ulein Mortlake, und
+ihre Heirat w&uuml;rde eine Mindereinnahme von tausend
+Pfund Sterling j&auml;hrlich f&uuml;r Jasper bedeuten. Und ich
+bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter
+des Gutes &mdash; ich wei&szlig;, da&szlig; ihm der Verlust nicht
+angenehm sein w&uuml;rde. Die Mortlakes sind nicht allzu
+wohlhabend.«</p>
+
+<p>»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend
+an, »da&szlig; Sie Lust zu dem Posten haben. Nach dem,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span>
+was ich mir aus den Reden der guten Leute hier zusammengereimt
+habe, scheint es mir nicht leicht, mit
+Sir Jasper auszukommen.«</p>
+
+<p>»Nun,« antwortete der alte Mann mit gro&szlig;er
+Milde, w&auml;hrend er seine Pfeife schmauchte, »das mag
+im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper ist sehr
+rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein
+Gehalt bildet einen willkommenen Zuschu&szlig; zu meinem
+geringen Einkommen. Und ich habe wirklich kein
+Recht, mich &uuml;ber Sir Jasper zu beklagen. Er behandelt
+mich auf alle F&auml;lle ebenso gut, wenn nicht
+besser als andere.«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, das sagt nicht viel.«</p>
+
+<p>Leath blickte mit einem halb zornigen L&auml;cheln in
+das sch&ouml;ne alte Antlitz, das so sanft und gelassen war.
+»Nach allem, was ich &uuml;ber ihn h&ouml;rte, befremdet es
+mich, da&szlig; ein Mann mit Ihren F&auml;higkeiten sich in eine
+untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegen&uuml;ber
+begeben konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit
+doch nicht &uuml;bel?«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehm&uuml;tigem
+L&auml;cheln und blickte in den Garten hinaus;
+die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte auf seinem Knie.
+Dann erz&auml;hlte er mit leiser Stimme, da&szlig; er vor langen
+Jahren &mdash; mehr als drei&szlig;ig &mdash; einen bitteren Kummer
+gehabt, der sein ganzes Leben verd&uuml;stert, der allen
+Ehrgeiz, alles Streben in ihm ert&ouml;det, der ihn vor der
+Zeit alt gemacht habe.</p>
+
+<p>»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf
+meiner Pflichten, in meinem Garten bei meinen
+B&uuml;chern bin ich so gl&uuml;cklich, wie ich &uuml;berhaupt je<span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span>
+wieder werden kann. Doch genug davon, und genug
+von mir. Lassen Sie&rsquo;s gut sein,« schlo&szlig; er.</p>
+
+<p>Er legte die Hand &uuml;ber die Augen und sa&szlig; ein
+Weilchen so da. Leath, in dessen Gesicht ein ungewohnter
+sanfter, weicher Ausdruck getreten war,
+blickte r&uuml;cksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus.
+Als Sherriff wieder zu sprechen anhub, war es
+mit seiner gewohnten Ruhe und in einem anderen
+Tone.</p>
+
+<p>»Es freut mich, da&szlig; wir zuf&auml;llig auf Sir Jasper
+zu reden kamen,« sagte er, »denn dabei f&auml;llt mir ein,
+was ich sonst vergessen h&auml;rte, &mdash; da&szlig; ich ihm einen
+Brief schicken mu&szlig;, und zwar so bald wie m&ouml;glich. Joe
+mu&szlig; sogleich damit fort.«</p>
+
+<p>Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es
+stellte sich heraus, da&szlig; dieser mit einem Auftrage nach
+Lychet Hook geschickt worden, und zwar von dem
+Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erkl&auml;rte
+nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen
+zu m&uuml;ssen, aber Leath legte ihm die Hand auf die
+Schulter, dr&uuml;ckte ihn sanft in seinen Stuhl zur&uuml;ck und
+erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich
+schon l&auml;ngst gern einmal habe ansehen wollen, solange
+er in der Gegend bleibe.</p>
+
+<p>Sherriff, der recht gut wu&szlig;te, da&szlig; ihm die Hitze
+auf der Halde zu viel werden w&uuml;rde, erhob nur eine
+schwache Einsprache, die Leath mit einem Kopfnicken
+abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und
+ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im
+n&auml;chsten Augenblick zur&uuml;ckkehrte, sah er, da&szlig; der alte
+Herr aufgestanden war und mit bek&uuml;mmertem Ausdruck<span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span>
+auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf
+seinen unwillk&uuml;rlich fragenden Blick wandte Sherriff
+sich um und legte ihm die Hand auf die Schulter. Beide
+waren hochgewachsene M&auml;nner, und ihre Augen befanden
+sich ungef&auml;hr in derselben H&ouml;he.</p>
+
+<p>»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber
+ich glaube, ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte,
+da&szlig; ich Sie sehr liebgewonnen habe. Sie sprachen eben
+davon, da&szlig; Sie sich Turret Court gern einmal ansehen
+wollten, solange Sie hier in der Gegend w&auml;ren.
+Ich hoffe, das soll nicht hei&szlig;en, da&szlig; Sie daran denken,
+St. Mellions zu verlassen? Wenigstens jetzt noch
+nicht?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse
+gelangt. Ich bin entmutigt &mdash; ich kann noch
+nicht sagen, was ich tun werde &mdash; was das beste
+sein w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er
+diese Antwort, mit einer seltsamen festen Entschiedenheit,
+so abgebrochen und ohne Zusammenhang die
+kurzen S&auml;tze auch hervorgesto&szlig;en wurden. Sherriff
+sah best&uuml;rzt aus, sagte aber nichts. Leath, der sein
+Zartgef&uuml;hl, das keine Frage stellte, verstand, fuhr
+langsam fort, als w&auml;ge er jeden Satz sorgf&auml;ltig, ehe
+er ihn aussprach:</p>
+
+<p>»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen
+und seit meinen Knabenjahren beabsichtigt
+habe, eine bestimmte Angelegenheit zu erledigen. Sie
+d&uuml;rfen es mir nicht &uuml;belnehmen, wenn ich Ihnen
+nichts N&auml;heres dar&uuml;ber sage. Mein Entschlu&szlig;, es zu
+tun, steht unwiderruflich fest, und doch bin ich schwach<span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span>
+genug, mich fast entmutigt zu f&uuml;hlen, weil ich bisher
+keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich h&auml;tte, wie
+es scheint, ebensogut in Australien bleiben k&ouml;nnen, wie
+hierherzukommen, und doch ist dieser Ort &mdash; St. Mellions
+&mdash; der einzige Ausgangspunkt f&uuml;r meine Nachforschungen,
+den ich kenne. Heute morgen, als ich die
+Sache &uuml;berdachte, hielt ich es fast f&uuml;r verst&auml;ndiger,
+anderswo nach einer Spur zu suchen, die mich vielleicht
+hierher zur&uuml;ckf&uuml;hren w&uuml;rde. Ich bin noch unentschlossen,
+ob ich gehen oder bleiben werde. Aber
+ich glaube, ich werde gehen.«</p>
+
+<p>»Das tut mir leid zu h&ouml;ren.«</p>
+
+<p>Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm
+das, was ihm gesagt worden, hin, ohne eine Frage zu
+stellen.</p>
+
+<p>»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er
+ruhig, »hoffentlich werden Sie nicht vergessen, da&szlig;
+es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein Freund
+und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«</p>
+
+<p>»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle
+Rechte umschlo&szlig; fest die zarte Hand des Alten.
+»Au&szlig;er Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, den
+ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken
+w&uuml;rde, au&szlig;er Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach
+gew&auml;hren w&uuml;rde, ohne da&szlig; ich daf&uuml;r bezahlte.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der Weg &uuml;ber die Halde von St. Mellions nach
+Turret Court war lang, und in der Glut der Junisonne
+war es ein sehr hei&szlig;er Weg, aber Leath, der an sehr<span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span>
+viel hei&szlig;ere und l&auml;ngere M&auml;rsche gewohnt war, legte
+ihn schnell und leicht zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Am gro&szlig;en Einfahrtstor angekommen, blieb er
+z&ouml;gernd stehen und schritt dann auf eine nur angeklinkte
+Pforte in der hohen roten Mauer zu, durch
+die er eintrat und gem&auml;chlich den Weg nach dem
+Hause einschlug. Ehe er hundert Meter zur&uuml;ckgelegt
+hatte, blieb er stehen. In geringer Entfernung von
+ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger M&auml;dchen
+Art, in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei
+Damen dahin; in der einen erkannte er sofort die junge
+Gr&auml;fin, w&auml;hrend er die andere f&uuml;r Fr&auml;ulein Mortlake
+hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zuf&auml;llig
+den Kopf seitw&auml;rts und erkannte ihn ebenso schnell,
+wie er sie erkannt hatte. Der Ausruf des Staunens,
+der ihr entfuhr, so leise er auch war, veranla&szlig;te Cis,
+sich ebenfalls umzuwenden.</p>
+
+<p>»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.</p>
+
+<p>»Jener Mensch.«</p>
+
+<p>»Welcher Mensch?«</p>
+
+<p>»Leath.«</p>
+
+<p>»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er
+also?« sagte sie mit Interesse. »Was mag er nur
+wollen?«</p>
+
+<p>»Das kann uns kaum interessieren. La&szlig; uns nicht
+stehenbleiben, mein Herz! Wir tun, als h&auml;tten wir
+ihn nicht gesehen!«</p>
+
+<p>»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht
+sehr nett aus, finde ich,« fl&uuml;sterte sie, »und ich bin
+davon &uuml;berzeugt, da&szlig; er wei&szlig;, &mdash; wissen mu&szlig;, <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>&mdash;
+da&szlig; wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence,
+und stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mu&szlig;t
+du mich ihm vorstellen!«</p>
+
+<p>Leath schritt nach kurzem Z&ouml;gern auf die Damen
+zu und nahm vor Florence den Hut ab.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Gr&auml;fin! Ich hoffe, Ihnen nicht
+als Eindringling zu erscheinen, aber ich bin von Herrn
+Sherriff beauftragt, Sir Jasper einen Brief zu &uuml;berbringen.«</p>
+
+<p>»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erw&auml;hnung
+ihres alten Freundes milder gestimmt und
+entschied sich jetzt daf&uuml;r, liebensw&uuml;rdig zu sein. »Das
+ist ein ausreichender Empfehlungsbrief f&uuml;r den Park,«
+meinte sie l&auml;chelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine,
+Fr&auml;ulein Mortlake, vorstellen? Liebe Cis, du erinnerst
+dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen bin,
+Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; erinnere ich mich dessen.«</p>
+
+<p>Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten L&auml;cheln.
+Leath war nicht h&uuml;bsch, wie Harry, der ihr Sch&ouml;nheitsideal
+war, er sah etwas zu streng und zu ernst aus,
+aber sie konnte nichts &rsaquo;Unausstehliches&lsaquo; an ihm wahrnehmen
+und wunderte sich, weshalb Florence ihn so
+bezeichnet hatte.</p>
+
+<p>»Ich habe gelacht, als ich davon h&ouml;rte, Herr
+Leath,« sagte sie munter. »Wissen Sie wohl, da&szlig; Sie
+sich geehrt f&uuml;hlen sollten? Ich glaube, Sie sind der
+erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat
+betreten d&uuml;rfen.«</p>
+
+<p>Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span>
+Sie &auml;rgerte sich fast &uuml;ber Cis. Das allerliebste,
+muntere, freim&uuml;tige Benehmen, das sie immer geliebt
+und bewundert hatte, verdro&szlig; sie zum ersten Male.
+Es entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie
+Everard Leath gegen&uuml;ber f&uuml;r w&uuml;nschenswert hielt.
+Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige Gesichtchen
+und sprach, w&auml;hrend sie den kastanienbraunen
+Kopf hochm&uuml;tig hob:</p>
+
+<p>»Sie sagten, Sie h&auml;tten einen Brief f&uuml;r Sir
+Jasper, Herr Leath? Erwarten Sie eine Antwort, oder
+soll ich ihn Ihnen abnehmen?«</p>
+
+<p>Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als
+wolle sie die Hand ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich
+die Aush&auml;ndigung des Briefes. Leath aber
+machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr g&uuml;tig, Gr&auml;fin, aber ich brauche
+Sie nicht zu bem&uuml;hen. Als ich mich erbot, das Billett
+zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, Sir Jasper selbst
+aufzusuchen und eine Antwort von ihm zur&uuml;ckzubringen.«</p>
+
+<p>»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht
+aufhalten! Wenn Sie sich rechts wenden, so erreichen
+Sie das Haus auf dem k&uuml;rzesten Wege.«</p>
+
+<p class="pmb3">Leath verbeugte sich; er war nicht aus der
+Fassung zu bringen. Cis kniff ihrer Cousine in den
+Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
+Was n&uuml;tzte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen,
+wenn er im n&auml;chsten Augenblicke seiner Wege geschickt
+wurde? Was konnte Florence nur so pl&ouml;tzlich verstimmt
+haben? Sie h&auml;tte vielleicht Einspruch erhoben,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span>
+denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger Ausgelassenheit,
+w&auml;re nicht eine pl&ouml;tzliche und ganz unvorhergesehene
+Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt
+ert&ouml;nte auf einem der Pfade in der N&auml;he, und Sir
+Jasper in h&ouml;chsteigener Person erschien auf der Bildfl&auml;che.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_6">6.</h2>
+</div>
+
+<p>Cis wich einen Schritt zur&uuml;ck und warf Florence
+unwillk&uuml;rlich einen Blick schreckensvoller Best&uuml;rzung
+zu. Sir Jaspers Gegenwart sch&uuml;chterte seine Tochter
+fast ebenso ein wie seine Frau. Wie w&uuml;rde er den
+Fremden empfangen, den er, stehenbleibend, eine
+leichte Wolke auf dem sch&ouml;nen, ruhigen Gesicht, gemustert
+hatte &mdash; liebensw&uuml;rdig, steif und f&ouml;rmlich oder
+ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung
+an.</p>
+
+<p>W&auml;re es Cis &uuml;berlassen geblieben, die n&ouml;tigen erkl&auml;renden
+Worte zu sprechen, so w&uuml;rde sie sich wohl
+sehr schlecht aus der Sache gezogen haben. Aber
+Florence &uuml;bernahm das, als verst&uuml;nde es sich ganz
+von selbst, und tat es mit gro&szlig;er Gewandtheit.</p>
+
+<p>»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,«
+sagte sie l&auml;chelnd. »Du ersparst uns den Weg
+nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath
+reden h&ouml;ren, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche
+im Bungalow. Er ist so freundlich, dir einen Brief von
+Herrn Sherriff zu &uuml;berbringen.«</p>
+
+<p>»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine
+Stirn leicht gerunzelt, aber er blickte Leath an, und
+sein Ausdruck hellte sich auf.</p>
+
+<p>»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span>
+Gestatten Sie mir, Ihnen den Brief abzunehmen, dessen
+Besorgung Sie so freundlich &uuml;bernommen haben,«
+sprach er.</p>
+
+<p>Leath &uuml;berreichte ihm mit einer Verbeugung das
+Schreiben, das der Baron mit einem Wort der Entschuldigung
+erbrach, las und in die Tasche steckte; dann
+fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen
+d&uuml;rfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen,
+was dieser freundlich bejahte.</p>
+
+<p>»Vielen Dank &mdash; ich bin Ihnen sehr verbunden.
+Aber mittlerweile ist die Zeit des zweiten Fr&uuml;hst&uuml;cks
+gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir die Ehre, es
+mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein,
+Sie meiner Frau vorzustellen.«</p>
+
+<p>Leath nahm dankend an.</p>
+
+<p>Cis ri&szlig; hinter dem R&uuml;cken ihres Vaters ihre
+blauen Augen auf, so weit sie nur konnte, und kniff
+ihrer Cousine heftig in den Arm &mdash; beides sollte ihre
+grenzenlose &Uuml;berraschung ausdr&uuml;cken. Was war nur
+&uuml;ber Sir Jasper gekommen, da&szlig; er sich so liebensw&uuml;rdig
+zeigte wie noch nie? dachte seine Tochter.</p>
+
+<p>Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen
+der Augenbrauen beantwortete, behielt ihre
+eigene Verwunderung &mdash; nicht &uuml;ber Sir Jaspers
+Freundlichkeit, sondern &uuml;ber die Gelassenheit und Gewandtheit,
+mit der Leath die Einladung aufnahm &mdash;
+f&uuml;r sich. Er hatte keine Spur der Befangenheit und
+Verlegenheit verraten, die er ihr gegen&uuml;ber anfangs
+im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis
+weiter, eine Regung des Interesses und der Belustigung<span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span>
+empfindend, sehr ernst und schweigsam, &mdash; etwas
+&auml;u&szlig;erst Seltenes bei Gr&auml;fin Florence.</p>
+
+<p>Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen
+Zunge nicht plauderte, so gebrauchte sie doch ihre
+gro&szlig;en, gl&auml;nzenden irischen Augen und wunderte sich,
+auf einmal das ungewohnte L&auml;cheln aus dem Antlitz
+ihres Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen,
+seine Lippen sich fest aufeinanderpressen und seine
+Augen verstohlene Seitenblicke auf seinen Gef&auml;hrten
+werfen zu sehen. War seine liebensw&uuml;rdige Anwandlung
+schon vor&uuml;ber? Es sah fast so aus. Oder
+hatte ihn etwas ge&auml;rgert? So sah es noch mehr aus.
+Und dennoch, was konnte das gewesen sein? Weder sie
+noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur
+Sir Jaspers Fragen &uuml;ber die mutma&szlig;liche Dauer
+seines Aufenthaltes in St. Mellions und &Auml;hnliches
+beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren,
+zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam
+war er geworden. Als er gleich darauf wieder zu
+sprechen anhub, wandte er hastig die Augen ab; sie
+fand, da&szlig; seine Stimme nie so scharf geklungen
+wie jetzt.</p>
+
+<p>»Habe ich recht verstanden &mdash; Sie kommen aus
+Australien, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich
+eingeschifft.«</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, wo?«</p>
+
+<p>»In Sydney. Aber ich habe in Queensland
+gelebt.«</p>
+
+<p>»Ihr ganzes Leben lang?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p>
+
+<p>»Sie sind fr&uuml;her noch nie in England gewesen?«</p>
+
+<p>»Niemals.«</p>
+
+<p>»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«</p>
+
+<p>»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten
+Entschlu&szlig; gefa&szlig;t. Aber mich fesselt nichts an Australien,
+und es ist m&ouml;glich, da&szlig; ich es tue.«</p>
+
+<p>»Nichts? Sie wollen damit sagen, da&szlig; Sie keine
+Eltern haben?«</p>
+
+<p>»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. W&auml;hrend
+der letzten acht Jahre &mdash; seitdem ich zweiundzwanzig
+Jahre alt bin &mdash; habe ich ganz allein in
+der Welt gestanden.«</p>
+
+<p>»Sie haben keine Verwandten in England?«</p>
+
+<p>»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem
+Lande der Welt.«</p>
+
+<p>Die Fragen waren in einem herrischen, br&uuml;sken
+Ton gestellt worden, der beinahe ungezogen war;
+aber Leath hatte mit unverw&uuml;stlicher Gelassenheit
+bereitwillig und deutlich geantwortet, w&auml;hrend er
+ernst vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an.
+Sir Jasper hatte sein Schweigen nicht wieder gebrochen,
+noch Leath wieder angeblickt.</p>
+
+<p>Lady Agathe, der so pl&ouml;tzlich zugemutet wurde,
+die liebensw&uuml;rdige Wirtin einem jungen Manne gegen&uuml;ber
+zu spielen, von dem sie au&szlig;er der Geschichte mit
+Florences H&ouml;hle nie etwas geh&ouml;rt hatte, war freundlich
+und w&uuml;rde noch freundlicher gewesen sein, w&auml;re
+sie &uuml;ber die Empfindungen ihres Mannes im klaren
+gewesen. Chichester, der in Turret Court fr&uuml;hst&uuml;ckte,
+wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war<span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span>
+von angemessener H&ouml;flichkeit. Bei Tische sa&szlig; er nat&uuml;rlich
+neben seiner Braut, und Cis &mdash; ganz und
+gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys Abwesenheit
+war ihr fast jeder Mann lieber als keiner
+&mdash; fiel das Amt zu, den Fremden zu unterhalten.
+Sie, Jasper und seine Frau sa&szlig;en einander gegen&uuml;ber,
+und Roys Stuhl blieb leer &mdash; er war nach Market
+Beverley geritten.</p>
+
+<p>Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe
+nicht leicht. Es mochte daran liegen, da&szlig; ihr
+Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, oder da&szlig;
+die allgemeine Atmosph&auml;re etwas Bedr&uuml;ckendes hatte.
+Au&szlig;er ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen,
+ein Gespr&auml;ch in Gang zu bringen. Florences
+sonst so beredte Zunge hatte wenig zu sagen.
+Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund
+hin&uuml;ber; sie antwortete ihrem Verlobten, aber mehr
+tat sie nicht und wandte sich nicht ein einziges Mal
+direkt an Everard Leath.</p>
+
+<p>»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis
+und warf vorwurfsvolle Blicke &uuml;ber den Tisch. Weshalb
+sprach sie nicht &mdash; sie, die immer jedermann
+am&uuml;sieren konnte, wenn sie wollte? &mdash; Die Pause,
+die nach ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort
+eingetreten war, hatte schon beklemmend lange gedauert.
+Veranla&szlig;t durch die Richtung, die die Blicke
+ihres Gef&auml;hrten nahmen, fragte sie schlie&szlig;lich:</p>
+
+<p>»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen,
+glaube ich, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; aber ich habe von ihm geh&ouml;rt. Ihm
+geh&ouml;ren die Chichester Arms, nicht wahr?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p>
+
+<p>»Freilich, ihm geh&ouml;rt ein gro&szlig;er Teil von St.
+Mellions &mdash; mehr als uns,« sprach Cis. »Sein Besitz
+Highmount ist wirklich wundervoll. Manche finden
+ihn sch&ouml;ner als Turret Court, aber die Ansicht
+teile ich nicht. Haben Sie den Park und das Schlo&szlig;
+schon gesehen?«</p>
+
+<p>»Nur von der Chaussee aus.«</p>
+
+<p>Leath blickte wieder &uuml;ber den Tisch hin&uuml;ber.
+Chichester sprach gerade mit Florence, die zu ihm aufschaute.</p>
+
+<p>»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; nicht! Wissen Sie denn nicht &mdash;« Cis brach
+ab, dunkelrot im Gesicht, und verriet, was sie angefangen
+auszusprechen, so unbeholfen durch ihr schuldbewu&szlig;tes
+Aussehen, da&szlig; er sie sofort verstand. Einen
+Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach
+er mit einer k&uuml;hnen Gelassenheit, die seine Gef&auml;hrtin
+verbl&uuml;ffend fand, wenn sie auch erleichtert aufatmete:</p>
+
+<p>»Das wu&szlig;te ich allerdings nicht, Fr&auml;ulein Mortlake.
+Verzeihen Sie mir die Frage &mdash; ist Gr&auml;fin Esmonds
+Verlobung augenblicklich noch ein Geheimnis?«</p>
+
+<p>»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts
+der Art! Wir alle wissen es, aber sie soll noch nicht
+ver&ouml;ffentlicht werden, ehe die Herzogin &mdash; die Patin
+meiner Cousine und ihr zweiter Vormund &mdash; davon
+in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben
+hat.«</p>
+
+<p>»Soll Gr&auml;fin Florences Verlobung auch vor
+Herrn Sherriff geheimgehalten werden?«</p>
+
+<p>»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erz&auml;hlt?<span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span>
+Sie h&auml;lt so viel von ihm, da&szlig; ich glaubte, er
+sei einer der ersten, dem sie es mitgeteilt. Sind Sie
+sicher, da&szlig; er es nicht wei&szlig;?«</p>
+
+<p>»Ganz sicher.«</p>
+
+<p>»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus.
+»Das sieht ihr gar nicht &auml;hnlich! Bitte, erw&auml;hnen
+Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath &mdash; es
+k&ouml;nnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl
+so zusammenh&auml;ngen, da&szlig; sie glaubt, da&szlig; Herr Sherriff
+sich nicht dar&uuml;ber freuen w&uuml;rde. Und das glaub&rsquo; ich
+auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb,
+da&szlig; er keinen f&uuml;r gut genug f&uuml;r sie h&auml;lt.«</p>
+
+<p>Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder
+richteten sich seine Augen quer &uuml;ber den Tisch hin&uuml;ber
+auf das ruhige, sch&ouml;ne Gesicht des Mannes, das sich
+ein wenig zu dem kastanienbraunen M&auml;dchenkopfe
+hinabbeugte, &mdash; nur ein wenig mit artiger H&ouml;flichkeit,
+&mdash; nicht mehr vielleicht, als er sich eben zu Cis
+hinuntergebeugt hatte. Der ihr Br&auml;utigam? Er sah
+aus, als w&auml;re er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so
+gleichg&uuml;ltig war er.</p>
+
+<p>Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich,
+und nachdem sie abermals ohne Erfolg zu
+ihrer Cousine hin&uuml;bertelegraphiert hatte, begann sie
+einige Fragen &uuml;ber Australien zu stellen, an die sie,
+durch eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so
+da&szlig; endlich ein Gespr&auml;ch zwischen ihr und ihrem Tischnachbar
+in Gang kam, und was er ihr erz&auml;hlte, war
+wirklich am&uuml;sant und neu f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich selbst m&ouml;chte gern einmal nach
+Australien,« meinte sie. »Man macht sich erst eine<span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span>
+Vorstellung von einem Orte, wenn jemand redet, der
+dort gewesen ist, und der einzige au&szlig;er Ihnen, den
+ich kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie
+davon.«</p>
+
+<p>»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf.
+»Darf ich fragen, wer das ist, Fr&auml;ulein Mortlake?«</p>
+
+<p>»Wie dumm von mir, &mdash; ich dachte, das w&uuml;&szlig;ten
+Sie! Es ist Harrys &mdash; Herrn Wentworths Vater.«
+Sie err&ouml;tete leicht, als ihr der Name entschl&uuml;pfte
+und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer
+seiner &Auml;u&szlig;erungen entnommen, da&szlig; ihr Tischnachbar
+um ihre Verlobung wisse.</p>
+
+<p>»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es
+kann ihm dort nicht sehr gefallen haben, denn er
+spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in der Tat
+keine Ahnung davon, bis Har&mdash; Herr Wentworth
+es mir erz&auml;hlte.«</p>
+
+<p>»Wann war er dr&uuml;ben? K&uuml;rzlich?« fragte Leath
+rasch.</p>
+
+<p>»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet
+war.«</p>
+
+<p>»Vor drei&szlig;ig Jahren vielleicht?« fragte Leath
+wieder und blickte sie unverwandt an.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das mag schon sein! Sein Sohn ist f&uuml;nfundzwanzig,
+also mu&szlig; es ungef&auml;hr so lange her sein.«</p>
+
+<p>Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer
+Nichte das &uuml;bliche Zeichen und stand auf. Es blieb
+keine Zeit zu einer Antwort.</p>
+
+<p>Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort
+f&uuml;r Herrn Sherriff ihm schon gegeben worden. Seine
+Wirtin entlie&szlig; ihn mit einem H&auml;ndedruck und einem<span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span>
+freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die
+k&auml;lteste und f&ouml;rmlichste Verbeugung.</p>
+
+<p>Was war aus Sir Jaspers &uuml;berraschender Herzlichkeit
+geworden? Cis blickte wieder mit drolligem
+Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die beiden M&auml;dchen
+zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte
+mit Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter
+nach Highmount zur&uuml;ckrief, das Zimmer verlassen,
+und der Baron sa&szlig; stumm und regungslos vor
+sich hinbr&uuml;tend an seinem Platze.</p>
+
+<p>»Nun, ich mu&szlig; gestehen, ich wei&szlig; nicht, weshalb
+du ihn unausstehlich nennst, Florence,« g&auml;hnte
+Cis, »ich mu&szlig; freilich zugeben, da&szlig; es nicht leicht ist,
+sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht
+helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte.
+Es war zu schlecht von dir.«</p>
+
+<p>»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence
+trocken zur&uuml;ck. »Chichesters Unterhaltungsgabe war
+auch nicht gerade gl&auml;nzend.«</p>
+
+<p>»Apropos, Florence, ich finde, du h&auml;ttest Herrn
+Sherriff deine Verlobung mitteilen m&uuml;ssen. Er h&auml;lt
+so viel von dir!«</p>
+
+<p>»Herrn Sherriff? Woher wei&szlig;t du, da&szlig; ich
+das nicht getan habe?« fragte Florence rasch.</p>
+
+<p>»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschl&uuml;pfte
+mir ihm gegen&uuml;ber, da&szlig; du verlobt seiest.
+Er sagte, er wisse bestimmt, da&szlig; Herr Sherriff nichts
+davon w&uuml;&szlig;te.«</p>
+
+<p>»Was vermutlich hei&szlig;t, da&szlig; sie &uuml;ber mich gesprochen.
+Das sieht der Unversch&auml;mtheit des einen
+von ihnen wenigstens ganz &auml;hnlich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe,
+dann lachte sie. »Bah,« sagte sie dann in
+leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, da&szlig; du es
+Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn
+Sherriff gern aufkl&auml;ren, meinetwegen kann jedermann
+es erfahren.«</p>
+
+<p>Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener
+Stirn. »Cis!«</p>
+
+<p>»Ja, Liebste?«</p>
+
+<p>»Ist es dir nicht aufgefallen, da&szlig; er jemand
+furchtbar &auml;hnlich sieht?«</p>
+
+<p>»Herr Leath? Nein &mdash; ich habe keine &Auml;hnlichkeit
+gesehen.«</p>
+
+<p>»Ich aber &mdash;« sagte Florence langsam, als suche
+sie sich zu vergegenw&auml;rtigen, in welchem Zuge die
+&Auml;hnlichkeit l&auml;ge, »ich sehe es immer; schon am Tage
+des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe seitdem
+immer dar&uuml;ber nachgedacht. Wem von meinen
+Bekannten er &auml;hnlich sieht, und worin die &Auml;hnlichkeit
+liegt, wei&szlig; ich nicht, aber ich wei&szlig;, da&szlig; sie
+da ist.«</p>
+
+<p>»Was sagst du da?«</p>
+
+<p>Cis stie&szlig; einen leisen Schrei aus. Sie war an
+ihres Vaters scharfe, herrische Stimme gew&ouml;hnt, nicht
+an die Wut, die jetzt aus seiner Stimme klang. Er
+hatte sich erhoben und stand vorn&uuml;bergebeugt da, die
+gespreizten H&auml;nde schwer auf den Tisch gest&uuml;tzt. Sein
+blasses, zorniges Gesicht pa&szlig;te zu seiner Stimme.</p>
+
+<p>Florence, die seine Schroffheit &uuml;belnahm, antwortete
+mit hochm&uuml;tiger Gelassenheit:</p>
+
+<p>»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte,<span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span>
+da&szlig; Herr Leath irgend jemand au&szlig;erordentlich &auml;hnlich
+s&auml;he, und es will mir nicht einfallen, wem.«</p>
+
+<p>»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie
+ist es m&ouml;glich? Was kannst du wissen?« Er brach
+nach diesen schnell und rauh hervorgesto&szlig;enen Worten
+j&auml;h ab und lie&szlig; auch die ungest&uuml;m erhobene Hand
+sinken.</p>
+
+<p>»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster.
+»Unsinn! H&uuml;te deine Zunge besser. An dem Menschen
+hast du keine &Auml;hnlichkeit zu sehen, und ich rate dir,
+von dem Manne &uuml;berhaupt so wenig wie m&ouml;glich
+zu sehen. Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist
+ein Abenteurer, soviel wir wissen. Es war verkehrt
+von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich werde
+das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn
+du klug bist, so la&szlig; es mich nicht wieder h&ouml;ren,
+da&szlig; du so t&ouml;richte Reden f&uuml;hrst.«</p>
+
+<p>Er ging aus dem Zimmer. Die T&uuml;r fiel dr&ouml;hnend
+hinter ihm ins Schlo&szlig;. Cis war sprachlos.</p>
+
+<p>»Florence, was kann &uuml;ber ihn gekommen sein?
+Und so zu dir zu reden!«</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war
+gerunzelt, ihre Augen weit ge&ouml;ffnet; sie hatte keine
+Antwort bereit.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Sherriff war &uuml;ber einem seinem Lieblingsschriftsteller
+fast eingeschlafen, als er durch Everard Leath,
+der durch die Veranda eintrat, aufgeweckt wurde.
+Die Worte freudiger Begr&uuml;&szlig;ung, die er auf der Zunge
+hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann,<span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span>
+mit dem eine seltsame Ver&auml;nderung vorgegangen war.
+Seine Augen gl&auml;nzten, sein Gesicht war ger&ouml;tet, der
+gelassene Ausdruck verschwunden und einer sonderbaren
+frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte
+dem Alten, der ihn verwundert ansah, die Hand auf
+die Schulter.</p>
+
+<p>»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St.
+Mellions bleiben w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p class="pmb3">»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich
+w&uuml;rde aber wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes
+anderen Sinnes, &mdash; ganz anderen Sinnes geworden,
+&mdash; und mein Entschlu&szlig; ist gefa&szlig;t. Ich bleibe hier.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_7">7.</h2>
+</div>
+
+<p>Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen,
+denn die Hitze hatte noch zugenommen, und
+sogar in den k&uuml;hlen, gro&szlig;en, luftigen R&auml;umen von
+Turret Court empfanden alle sie als sehr l&auml;stig.</p>
+
+<p>Lady Agathe, ihre Kinder &mdash; Roy in einem wei&szlig;leinenen
+Anzuge, in dem er noch l&auml;nger als sonst aussah
+&mdash; und Florence sa&szlig;en vor den Fenstern des get&auml;felten
+Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem
+Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch
+gebracht worden. Es war dort entschieden k&uuml;hler als
+drinnen, und die wei&szlig;gekleideten M&auml;dchengestalten,
+die sich licht von dem gr&uuml;nen Hintergrund abhoben,
+boten ein h&uuml;bsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen
+und Decken ein Lager zurechtgemacht.</p>
+
+<p>Chichester, der wie immer k&uuml;hl, gelassen und
+vornehm aussah, erschien gerade, als die ersten Tassen
+eingeschenkt wurden.</p>
+
+<p>»W&uuml;nschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein
+Glas Bischof vor?« fragte ihn Florence.</p>
+
+<p>Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina
+an die Herzogin geschrieben und beide &auml;u&szlig;erst
+befriedigende und herzliche Antworten erhalten. Jetzt,
+wo Ihre Durchlaucht ihre f&ouml;rmliche Einwilligung zu
+ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>
+der nicht wu&szlig;te, da&szlig; Gr&auml;fin Florence Esmond
+als Herrin in Highmount einziehen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Chichester entschied sich f&uuml;r Tee und nahm die
+Tasse, die Florence ihm reichte. Er hatte Lady Agathe
+schon seine Verbeugung gemacht und Cis die Hand gesch&uuml;ttelt,
+die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung
+mit ihm anzukn&uuml;pfen &mdash; im stillen hielt sie
+ihn in der Beziehung noch schlimmer als &rsaquo;den Menschen
+Leath&lsaquo;, was sehr viel sagen wollte.</p>
+
+<p>»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte
+er dann, »ich speise heute bei dem Bischof. Ich mu&szlig;
+heimfahren, sobald ich Sir Jasper gesprochen habe.«</p>
+
+<p>»O, es ist ein gesch&auml;ftlicher Besuch?« meinte das
+junge M&auml;dchen l&auml;chelnd, »ich h&auml;tte dich also mit
+meinem frivolen Tee gar nicht aufhalten sollen. Mein
+Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir ihm sagen
+lassen, da&szlig; du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt
+beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, Tante Agathe, &mdash; er sitzt zu
+viel allein &mdash; ich will ihn bitten lassen, zu uns zu
+kommen.«</p>
+
+<p>Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale
+mit Fr&uuml;chten brachte, die n&ouml;tige Anweisung, und ein
+paar Minuten darauf erschien der Hausherr. Er hatte
+die Aufforderung augenscheinlich ziemlich liebensw&uuml;rdig
+aufgenommen. Die gesch&auml;ftliche Besprechung
+mit Chichester wurde rasch erledigt, w&auml;hrend er den
+Tee trank, den Florence ihm gereicht hatte. Er kehrte
+aber nicht ins Haus zur&uuml;ck, wie Cis im stillen gehofft,
+sondern lehnte sich in seinen Stuhl zur&uuml;ck und schien
+aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy g&auml;hnte ganz unverhohlen;<span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span>
+er hatte nicht solche Furcht vor seinem Vater,
+wie die sch&uuml;chterne kleine Cis, und sagte:</p>
+
+<p>»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas &Auml;hnliches
+erlebt habe! Ich fragte heute morgen Leath, ob
+es in Queensland noch hei&szlig;er w&auml;re, und er sagte,
+dies w&auml;re noch eine k&uuml;hle Temperatur dagegen.
+K&uuml;hl! Du meine G&uuml;te!«</p>
+
+<p>»Was hei&szlig;t das?« Sir Jasper brach mitten im
+Satz ab und drehte sich schnell nach seinem Sohn und
+Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er streng.</p>
+
+<p>Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung
+sehr verwundert war, antwortete:</p>
+
+<p>»Von dem Menschen aus Australien, Everard
+Leath. Doch du mu&szlig;t ihn ja kennen, er hat hier vorige
+Woche gefr&uuml;hst&uuml;ckt, wie mir Cis erz&auml;hlt hat.«</p>
+
+<p>»La&szlig; deine Schwester gef&auml;lligst aus dem Spiel
+und antworte mir. Wo hast du ihn getroffen?«</p>
+
+<p>»Wo&mdash;o, ein paarmal bei dem alten Sherriff
+&mdash; und bei Mutter Buckstone &mdash; und sonst im Orte.
+Er ist ein netter Mensch, den ich gern leiden mag.
+Warum, Vater?«</p>
+
+<p>»Weil ich w&uuml;nsche, da&szlig; du diese Bekanntschaft
+abbrichst,« antwortete Sir Jasper in demselben
+schroffen Tone. »Der Mensch ist f&uuml;r uns ein Fremder
+&mdash; la&szlig; ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff
+sich l&auml;cherlich machen will, so mag er es tun. Bitte,
+ich w&uuml;nsche ihn nicht wieder von dir genannt zu h&ouml;ren,
+und damit basta!«</p>
+
+<p>Es war vielleicht gut, da&szlig; der Baron das Thema
+fallen lie&szlig;, denn Roys Achselzucken und Grimasse verhie&szlig;en
+nur geringe F&uuml;gsamkeit. Die Familie Mortlake<span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span>
+auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht
+gewesen, und Roy besa&szlig; eine gute Portion
+ihres angeborenen Eigensinns. Er erhob sich langsam
+aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis auf,
+mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister
+schlenderten davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls
+in der N&auml;he ihres Gatten nicht behaglich f&uuml;hlen
+mochte, folgte ihnen bald.</p>
+
+<p>Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch
+des Hausherrn mit gerunzelter Stirn dagesessen.
+Jetzt hub er an:</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie &mdash; darf ich fragen, ob Sie
+irgend etwas von diesem Leath wissen, Mortlake?«</p>
+
+<p>»Nichts &mdash; gar nichts, was sollte ich wissen? Was
+meinen Sie?«</p>
+
+<p>»Ich glaubte, da&szlig; Sie etwas Nachteiliges von
+ihm w&uuml;&szlig;ten; da Sie so dagegen sind, da&szlig; Roy sich mit
+ihm abgibt, so k&ouml;nnten Sie m&ouml;glicherweise einen besonderen
+Grund daf&uuml;r haben.«</p>
+
+<p>»Allerdings habe ich etwas dagegen, da&szlig; mein
+Sohn in seinem Alter einen freundschaftlichen oder gar
+intimen Verkehr mit einem Menschen anf&auml;ngt, den
+ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«</p>
+
+<p>»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte
+Chichester mit gewohntem Gleichmut. »Ich
+meinte nur, da&szlig; &mdash; ich habe ihm gerade heute Lychet
+Hut &mdash; Sie kennen doch das kleine Haus? &mdash; vermietet,
+und wenn Sie wirklich etwas gegen ihn haben,
+so erf&uuml;hre ich es gern.«</p>
+
+<p>»Sie haben ihm Lychet Hut &uuml;berlassen &mdash; ihn als
+Mieter genommen?« fragte der Baron ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«</p>
+
+<p>»Ist es fest abgemacht?«</p>
+
+<p>»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat
+die halbe Miete im voraus bezahlt.«</p>
+
+<p>»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie
+k&ouml;nnen ihn nicht an die Luft setzen?«</p>
+
+<p>»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht
+wissen, wer er ist?«</p>
+
+<p>»Freilich. Aber in einem solchen Falle gen&uuml;gt
+es, wenn ein Mieter die Miete im voraus zahlt. Es
+steht nicht in meiner Macht, die Sache r&uuml;ckg&auml;ngig zu
+machen, selbst wenn ich es w&uuml;nschte. Herr Sherriff &mdash;«</p>
+
+<p>»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht
+zu &auml;ndern. Wenn Sie es in der Zukunft bedauern
+sollten, so denken Sie daran, da&szlig; ich Sie gewarnt
+und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse
+zu schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff
+ist ein alter Narr!«</p>
+
+<p>Er stand von seinem Stuhle auf. Gr&auml;fin Florence
+und ihr Verlobter blieben allein und sahen ihm nach,
+wie er rasch dem Hause zuschritt, und blickten dann
+einander an. Es lag Verwunderung auf beiden Gesichtern
+&mdash; ratlose Best&uuml;rzung auf dem des Mannes
+&mdash; lebhaftes Staunen auf dem des M&auml;dchens.</p>
+
+<p>Florence brach in Lachen aus und zuckte die
+Achseln; ihre Brauen waren hoch emporgezogen.</p>
+
+<p>»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden
+Einflu&szlig; auf ihn gehabt,« meinte sie, und setzte
+dann hinzu. »Wie er den Menschen ha&szlig;t!«</p>
+
+<p>»Leath? Ja, es scheint so. Du wei&szlig;t nicht, weshalb?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p>
+
+<p>»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder
+lieben wir die meisten Leute?«</p>
+
+<p>Chichester umging die Antwort und stellte statt
+dessen eine h&ouml;fliche Frage:</p>
+
+<p>»Hoffentlich mi&szlig;billigst du es nicht, da&szlig; ich ihm
+Lychet Hut vermietet habe?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht, obgleich ich mich &uuml;ber seinen
+Geschmack, es zu mieten, wundere. Es ist fast verfallen,
+nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf
+einiger Ausbesserung. Ich habe schon alles N&ouml;tige angeordnet.«</p>
+
+<p>»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«</p>
+
+<p>Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.</p>
+
+<p>»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«</p>
+
+<p>»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, da&szlig;
+er an Einsamkeit gew&ouml;hnt sei und eigentlich eine Vorliebe
+daf&uuml;r habe.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich gern. Wie eigent&uuml;mlich, da&szlig;
+er den Wunsch hat, hier zu bleiben,« sagte sie, die Stirn
+in Falten ziehend.</p>
+
+<p>»Er sagte mir, er w&uuml;rde wahrscheinlich nur drei
+Monate, m&ouml;glicherweise nicht einmal so lange bleiben.
+Es tut mir leid, da&szlig; Sir Jasper b&ouml;se dar&uuml;ber ist.«</p>
+
+<p>»Er war furchtbar schroff und verdrie&szlig;lich, nicht
+wahr? Und wie er den armen Roy anfuhr! &mdash;
+Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte schelmisch.</p>
+
+<p>»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«</p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p>
+
+<p>»Gewi&szlig;. H&auml;tte ich ihn neulich nicht in meine
+H&ouml;hle geladen, so w&auml;re er vielleicht ertrunken!«</p>
+
+<p>Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er
+wurde nicht gern an das &rsaquo;H&ouml;hlenabenteuer&lsaquo; seiner
+Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, um Leath
+den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch w&auml;re es
+ihm lieber gewesen, wenn die Anspielung unterblieben.
+Das wu&szlig;te Florence, deren wundersch&ouml;ne, schalkhafte
+Augen unter den gesenkten Wimpern &uuml;berm&uuml;tig
+blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter
+der Gedanke gekommen, da&szlig; sie ihren phlegmatischen
+Verlobten eifers&uuml;chtig machen m&ouml;chte. Aber
+sie w&uuml;rde es unter ihrer W&uuml;rde gehalten haben, irgend
+etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur
+Eifersucht gegeben h&auml;tte.</p>
+
+<p>Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, da&szlig;
+ihr Vater von der Bildfl&auml;che verschwunden, kamen
+wieder herzu.</p>
+
+<p>»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; es wahrlich nicht!«</p>
+
+<p>Florence war aufgestanden; es klang etwas wie
+Ungeduld aus ihrer Stimme. Schlank und aufrecht
+stand sie in ihrem schlichten wei&szlig;en Kleide da und
+nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust.
+»Er mag Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie l&auml;ssig.
+»Das ist wohl der Grund.«</p>
+
+<p>»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld
+und ahnte nicht, da&szlig; sie Chichester eine Tatsache verriet,
+die ihre Cousine ihn nicht hatte erfahren lassen
+wollen. »Wei&szlig;t du noch, wie b&ouml;se Papa wurde, als
+du sagtest, er sehe irgend jemand &auml;hnlich?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span></p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Florence kurz.</p>
+
+<p>»Sehe jemand &auml;hnlich?« wiederholte Chichester
+fragend.</p>
+
+<p>»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine
+&Auml;hnlichkeit sehen. Zuerst war Papa sehr liebensw&uuml;rdig
+gegen ihn, und Roy hat ihn sehr gern, nicht wahr,
+Schatz?«</p>
+
+<p>»Das will ich meinen &mdash; viel lieber als die
+meisten, mit denen ich sonst verkehre. Lassen Sie
+sich durch meinen Alten nicht gegen ihn einnehmen,
+Chichester! Er erz&auml;hlte mir heute morgen, da&szlig; er
+Lychet Hut gemietet h&auml;tte. Er ist ein famoser Kerl!
+Und dabei f&auml;llt mir ein,« setzte Roy mit einem Lachen
+und einem Blick auf seine Schwester hinzu, »es lag
+ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zur&uuml;ckk&auml;me.
+Er kennt ihn nicht, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.</p>
+
+<p>»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er
+es wissen &mdash; schien sehr erpicht darauf. Jetzt, wo
+ich dar&uuml;ber nachdenke, mu&szlig; ich sagen, da&szlig; er mich
+geh&ouml;rig &uuml;ber Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich
+&mdash; nicht wahr?«</p>
+
+<p class="pmb3">»Wunderlich? Ich nenne es unversch&auml;mt!« rief
+Cis und warf den goldblonden Kopf emp&ouml;rt in den
+Nacken.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_8">8.</h2>
+</div>
+
+<p>Harry war wieder daheim und Cis selig, denn
+f&uuml;r sie war die Welt voll Sonnenschein.</p>
+
+<p>Sie standen nach dem ersten Fr&uuml;hst&uuml;ck zusammen
+auf dem Flur &mdash; Harry hatte in Turret Court &uuml;bernachtet,
+nachdem er in Arborfield &uuml;ber sich und seine
+Erlebnisse Bericht erstattet hatte &mdash; und &uuml;berlegten,
+wie sie den Morgen verbringen wollten.</p>
+
+<p>Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren
+rosigen Wangen und dem goldblonden K&ouml;pfchen wie ein
+Nippfig&uuml;rchen aussah, erkl&auml;rte, da&szlig; sie weder Lawn-Tennis
+spielen noch ausfahren noch unter den Platanen
+vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden,
+als Florence die breite Treppe herabkam.
+Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit roten Bandschleifen
+und leuchtendrote Rosen auf ihrem gro&szlig;en,
+wei&szlig;en Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz
+wie eine taufrische Blume hervorschaute.</p>
+
+<p>»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.</p>
+
+<p>»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt
+nach der See; ich mu&szlig; sie sehen und rauschen h&ouml;ren.
+Deshalb werde ich mir ein nettes Pl&auml;tzchen aussuchen
+&mdash; vielleicht meine H&ouml;hle &mdash; und dort bleiben,
+bis ich hungrig werde. &Auml;ngstige dich daher nicht, wenn
+ich nicht zum zweiten Fr&uuml;hst&uuml;ck erscheine. Komm mit,<span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span>
+Tramp,« wandte sie sich an den zottigen Hund, der
+ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war.
+Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten
+Wintertage in London halb verhungert und ganz verwahrlost
+bis an ihre Wohnung nachgelaufen und hatte
+seitdem ein herrliches Leben gef&uuml;hrt, obwohl Roy
+ver&auml;chtlich erkl&auml;rte, das Vieh sei nicht wert, ertr&auml;nkt
+zu werden.</p>
+
+<p>Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschlie&szlig;en,
+und Florence erhob keinen Widerspruch; sie
+war daran gew&ouml;hnt, bei dem Brautpaar die Dritte
+im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals
+als peinlich.</p>
+
+<p>B&uuml;cher und Sonnenschirme wurden geholt, und die
+drei wanderten seew&auml;rts. Auf den grasbewachsenen,
+mit Ginstergestr&uuml;pp bedeckten Klippen gab es lauschige
+Pl&auml;tzchen genug, und sie machten es sich bald bequem.
+Die beiden M&auml;dchen setzten sich nieder; der Hund
+dr&auml;ngte sich dicht an Florence, und Harry streckte sich
+zu Cis&rsquo; F&uuml;&szlig;en hin. Florence l&auml;chelte, als sie das sah,
+und l&auml;chelte noch mehr, als eine kleine rosige Hand
+anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend
+dar&uuml;ber hinzustreichen. Sich Chichester in &auml;hnlicher
+Stellung zu vergegenw&auml;rtigen, w&auml;re komisch
+gewesen. Das junge M&auml;dchen seufzte, w&auml;hrend sie
+auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte
+sich wieder: »Warum habe ich es nur getan?«</p>
+
+<p>Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als
+Harry seine Zigarre ausgeraucht hatte, nahm er Cis
+ohne Umst&auml;nde ihr Buch weg und begann zu plaudern.
+Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr unterhaltender<span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span>
+Gesellschafter sein; Florence lie&szlig; ebenfalls
+ihr Buch sinken, und Cis h&ouml;rte ihm mit Entz&uuml;cken und
+Bewunderung zu. Er erz&auml;hlte von London, das sie,
+zu ihrem gro&szlig;en Bedauern, sehr wenig kannte, und
+sie meinte mit einem leisen Seufzer:</p>
+
+<p>»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«</p>
+
+<p>»Roy? Wie schade, da&szlig; er nicht mit hingereist
+ist! Ich wollte, ich h&auml;tte daran gedacht, ihm den Vorschlag
+zu machen. O, dabei f&auml;llt mir ein,« sprach Harry
+in ver&auml;ndertem Tone, »wer ist dieser Mensch eigentlich,
+der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«</p>
+
+<p>»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.</p>
+
+<p>»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie
+m&uuml;ssen ihn kennen, Florence, nicht wahr? Lychet Hut
+geh&ouml;rt Chichester.«</p>
+
+<p>»Sie meinen Herrn Leath &mdash; Everard Leath.«</p>
+
+<p>»Ja, so hei&szlig;t er &mdash; ich konnte nicht auf den Namen
+kommen. Das ist ja der Mensch, den Sie damals beim
+Gewitter in Ihre H&ouml;hle aufgenommen &mdash; nat&uuml;rlich,
+jetzt wei&szlig; ich schon. Was in aller Welt kann er von
+mir wollen?«</p>
+
+<p>»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt.
+»Sagte Roy, da&szlig; er Sie zu sprechen w&uuml;nschte?«</p>
+
+<p>»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich
+danach erkundigt zu haben, wann ich zur&uuml;ckk&auml;me,
+und da ich ihn nie mit den Augen gesehen, noch
+je seinen Namen geh&ouml;rt habe, so ist das doch ziemlich
+wunderlich.«</p>
+
+<p>Florence schwieg. Harry z&uuml;ndete sich eine zweite<span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span>
+Zigarre an und meinte dann, da&szlig; es bei der Hitze
+k&uuml;hler in Florences H&ouml;hle sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence
+l&auml;chelnd. »Es ist nicht weit. Das Geb&uuml;sch dort zur
+Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du dazu,
+Cis?«</p>
+
+<p>Cis meinte freilich, da&szlig; sie das Hinabsteigen in
+das schreckliche Loch immer unheimlich f&auml;nde und es
+nebenbei die Kleider verderbe.</p>
+
+<p>»Ihr Zufluchtsort ist &uuml;brigens vor unbefugten
+Eindringlingen durch seine versteckte Lage ziemlich
+sicher, Florence. Finden Sie je dort auch nur ein verirrtes
+Kaninchen? Aber &mdash; wer &mdash; in des Kuckucks
+Namen &mdash;« Harry stie&szlig; die letzten Worte im Tone
+gr&ouml;&szlig;ter Verwunderung aus, und Cis entfuhr ein leiser
+Schrei, als sie beide das Gestr&uuml;pp anstarrten. Das
+Farnkraut und die Ginsterb&uuml;sche bewegten sich,
+raschelten und wurden beiseitegeschoben: ein Mann
+erschien in der &Ouml;ffnung.</p>
+
+<p>Bei seinem Anblick blitzten Gr&auml;fin Florences
+Augen, und ihre Wangen r&ouml;teten sich vor Zorn.</p>
+
+<p>»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen &mdash;
+Everard Leath,« sagte sie kurz, als Antwort auf
+Harrys Blick.</p>
+
+<p>»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,«
+meinte er lachend, »haben Sie ihm freien Zutritt
+gew&auml;hrt, Florence?«</p>
+
+<p>»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich wei&szlig;
+nicht, was ihm einf&auml;llt. L&auml;cherlich! Blicken Sie nicht
+hin, Harry; rauchen Sie ruhig weiter! Wir brauchen
+ihn nicht zu sehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span></p>
+
+<p>»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kl&auml;glich.
+Sie hatte ganz recht. Everard Leaths blaue Augen
+waren ebenso weitsichtig wie scharf und gl&auml;nzend,
+und er hatte die beiden schlanken M&auml;dchengestalten
+in ihren blauen und grauen Kleidern sofort erkannt.
+Ein merkw&uuml;rdiges Leuchten brach aus seinen Augen
+und wurde noch heller beim Anblick des jungen
+Mannes, der zu Cis&rsquo; F&uuml;&szlig;en ausgestreckt lag. Roy
+war es nicht &mdash; wer anders konnte es sein als ihr
+Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den Z&auml;hnen
+und schritt, den Hut l&uuml;ftend, auf die Gruppe zu. W&auml;re
+Florences sch&ouml;nes Antlitz noch dreimal so hochm&uuml;tig
+und kalt gewesen, so w&uuml;rde ihn ihr Ausdruck nicht
+zur&uuml;ckgehalten haben. Er war entschlossen, sich die
+Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht
+entgehen zu lassen.</p>
+
+<p>Wenn Cis nicht gewesen, so h&auml;tte es peinlich f&uuml;r
+ihn sein k&ouml;nnen. In ihrer &Uuml;berraschung &uuml;ber sein
+pl&ouml;tzliches Auftauchen verga&szlig; sie ganz, da&szlig; sie eigentlich
+b&ouml;se auf ihn war, und lachte munter, w&auml;hrend sie
+seine Verbeugung erwiderte. Gr&auml;fin Florence hatte
+nur ein unsagbar hochm&uuml;tiges, kaum merkbares
+Neigen des Kopfes f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p>»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das
+schreckliche Loch hinunterzuklettern! Ihr Geschmack
+ist ebenso wunderlich wie der Florences.«</p>
+
+<p>Leath antwortete, da&szlig; er oft eine Zigarre in
+der H&ouml;hle rauche, die ihm am ersten Tage Schutz gew&auml;hrt.
+Und als es ihm gelang, Florences grauen
+Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu
+begegnen, setzte er hinzu:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span></p>
+
+<p>»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedr&auml;ngt habe,
+Gr&auml;fin, so darf ich hoffentlich auf Ihre Verzeihung
+rechnen, da&szlig; ich unaufgefordert Ihre H&ouml;hle betreten
+habe?«</p>
+
+<p>Florence entgegnete kalt, da&szlig; sie kein Anrecht
+auf ein Loch in den Klippen bes&auml;&szlig;e, und da&szlig; nur ihre
+Cousine aus Unsinn es &rsaquo;ihre&lsaquo; H&ouml;hle nenne.</p>
+
+<p>Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence
+so verstimmt sei; der ungl&uuml;ckliche Mann hatte doch
+nichts getan, um solche Behandlung zu verdienen,
+und sie wurde infolge dieser Erw&auml;gung noch liebensw&uuml;rdiger
+gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte.
+Harry war um seiner kleinen Braut willen
+herzlich und freundlich, und so geschah es, da&szlig; Leath
+in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen
+Gruppe oben auf der Klippe gesellte.</p>
+
+<p>Cis r&uuml;ckte nach einer Weile von den beiden jungen
+Leuten fort, legte einen Arm um die Taille ihrer
+Cousine, die sich in ihr Buch vertieft hatte, und
+fragte sie:</p>
+
+<p>»Es ist dir nicht unangenehm, da&szlig; er bleibt,
+nicht wahr, mein Herz?«</p>
+
+<p>»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein
+Dasein &uuml;berhaupt vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut.
+Was kann es mir ausmachen?«</p>
+
+<p>»Ich dachte, es w&auml;re dir nicht lieb, weil Papa
+so b&ouml;se &uuml;ber Herrn Leath war. Wei&szlig;t du noch?«</p>
+
+<p>»Dann erz&auml;hle ich ihm lieber nicht, da&szlig; wir ihn
+getroffen haben.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich nicht, und ich will auch Harry warnen.
+Wie lebhaft die beiden sich unterhalten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span></p>
+
+<p>»Wor&uuml;ber reden sie denn?« fragte Florence.</p>
+
+<p>»Ach, ich wei&szlig; nicht! &Uuml;ber Australien, glaube ich.
+Ich werde deinem Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte
+ist sehr interessant.«</p>
+
+<p>Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las
+weiter. Sie h&ouml;rten beide nicht auf die Unterhaltung
+der Herren.</p>
+
+<p>Leath erz&auml;hlte von seinem Leben in Australien,
+und Harry meinte, da&szlig; er ihn, so rauh und beschwerlich
+es auch oft gewesen sein m&ouml;ge, fast darum beneiden
+k&ouml;nnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er
+m&uuml;ndig geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige
+Zeit hinauszugehen, aber sein Vater, der irgendein
+Vorurteil gegen Australien hege, habe sich seinem
+Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte
+sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry
+verneinte und fragte, ob er schon erw&auml;hnt, da&szlig; sein
+Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch selbst in
+Australien gewesen sei.</p>
+
+<p>»Nein, aber ich habe davon geh&ouml;rt.«</p>
+
+<p>»So? Ja &mdash; ich glaube, er war ungef&auml;hr ein
+Jahr dr&uuml;ben, als er in meinem Alter war, und zwar
+haupts&auml;chlich in Ihrer Gegend, in Queensland &mdash;
+das wei&szlig; ich. Nun, ich wei&szlig; nichts N&auml;heres und w&uuml;rde
+Ihnen auch, ehrlich gestanden, nat&uuml;rlich nichts dar&uuml;ber
+erz&auml;hlen, wenn ich es w&uuml;&szlig;te, aber ich glaube, er ist
+dort in Unannehmlichkeiten verwickelt worden.«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>»Ja. Was es gewesen, wei&szlig; ich nicht, und
+wahrscheinlich war es nichts Besonderes &mdash; irgendein
+kleines Techtelmechtel, in das junge Leute sich einlassen,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span>
+wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht.
+Aber er ist ein Mensch, der nicht leicht vergi&szlig;t, und
+da mag er sich wohl in den Kopf gesetzt haben, da&szlig;
+mir etwas &Auml;hnliches passieren k&ouml;nnte. Jedenfalls erkl&auml;re
+ich es mir so, da&szlig; er mich nicht gehen lassen
+wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien
+eingenommen. Es &uuml;berraschte mich sehr, zu h&ouml;ren, da&szlig;
+er &uuml;berhaupt dort gewesen. Er hatte nie davon gesprochen.«</p>
+
+<p>Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich
+aufrecht, um sie wieder anzuz&uuml;nden.</p>
+
+<p>Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das
+Meer hinausblickte, sagte langsam:</p>
+
+<p>»Es ist sonderbar, da&szlig; er niemals davon geredet
+hat. Darf ich fragen, ob es viele Jahre her ist, da&szlig;
+Lord Carmichael in Queensland war?«</p>
+
+<p>»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit,
+als er noch unverheiratet war.«</p>
+
+<p>»Drei&szlig;ig Jahre oder mehr vielleicht?«</p>
+
+<p>»Drei&szlig;ig? Ach nein &mdash; so lange nicht. Achtundzwanzig
+ist das h&ouml;chste.«</p>
+
+<p>Harrys Zigarre brannte, und er st&uuml;tzte sich wieder
+auf den Ellbogen.</p>
+
+<p>»Wissen Sie das gewi&szlig;?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich, ganz gewi&szlig;!«</p>
+
+<p>Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war
+der junge Wentworth zu gutm&uuml;tig, um ungeduldig zu
+werden.</p>
+
+<p>»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich
+bin f&uuml;nfundzwanzig, und er war gerade ein Jahr
+verheiratet, als ich mich einstellte. Meine Mutter<span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span>
+hat mir erz&auml;hlt, da&szlig; er erst seit ein paar Monaten
+wieder in England war, als er sie kennen lernte, und
+sie heirateten, ehe ein halbes Jahr um war. Sie
+k&ouml;nnen achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die verstrichen,
+seitdem er nach Australien ging, aber keinen
+Tag mehr, nicht drei&szlig;ig oder ann&auml;hernd soviel.«</p>
+
+<p>»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie
+sagten.«</p>
+
+<p>Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.</p>
+
+<p>»O, ich irre mich nicht! Im n&auml;chsten Monat werden
+es neunundzwanzig Jahre, da&szlig; er seinen Vater
+verlor, und damals war er in Arborfield. Nein &mdash; vor
+drei&szlig;ig Jahren war er in England und niemals weiter
+als hin&uuml;ber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst
+du, Cis? Fr&uuml;hst&uuml;ckszeit? Ja, das mag schon sein.
+Ich bin bereit, wenn du es bist.«</p>
+
+<p>Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry
+erhob sich jetzt. Leichten Sinnes, wie er war, empfand
+er keine Neugier, weshalb er mit so sonderbarem
+Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal
+dar&uuml;ber nach. Er verabschiedete sich mit einigen
+herzlichen Worten von Leath und versprach, seiner
+Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, sobald er
+dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis&rsquo;
+blaue Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem
+Ausdruck, als er erhobenen Hauptes schnell in
+der Richtung von St. Mellions dahinschritt.</p>
+
+<p>»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und
+wie albern, sich in deine H&ouml;hle zu setzen, Florence!
+Wenn es nicht zu l&auml;cherlich w&auml;re, w&uuml;rde ich behaupten,<span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span>
+da&szlig; er unversch&auml;mt genug ist, sich in dich zu
+verlieben, Liebling!«</p>
+
+<p class="pmb3">Gr&auml;fin Florence antwortete nicht. Sie blickte
+Everard Leaths entschwindender Gestalt mit gerunzelten
+Brauen nach, einen best&uuml;rzten, forschenden Ausdruck
+in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was
+Cis und ihrem Verlobten entgangen &mdash; die merkw&uuml;rdige
+Ver&auml;nderung in dem ernsten, gelassenen Gesicht
+des Australiers. Was hatte nur jenen zornigen,
+entt&auml;uschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte
+sich mit einer unschuldigen Bewegung ab, b&ouml;se auf sich
+selbst, und doch seufzte sie. Es schien, als ob der Mensch
+sie immer besch&auml;ftigen, sie immer beunruhigen sollte.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_9">9.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu
+verlangsamen, von der Halde geraden Wegs nach St.
+Mellions hinunter und nach dem Bungalow, der f&uuml;r
+den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs
+dringende Einladung hatte er sein f&uuml;nfeckiges Zimmer
+in den Chichester Arms aufgegeben, um bis zum
+Augenblick, da seine neue Behausung f&uuml;r ihn instand
+gesetzt sein w&uuml;rde, bei dem liebensw&uuml;rdigen alten
+Herrn zu wohnen. Leath ging durch den Garten, dann
+durch die Veranda in das dahinterliegende Zimmer, wo
+Sherriff mit der Feder in der Hand &uuml;ber einige Rechnungsb&uuml;cher
+gebeugt sa&szlig;. Er blickte auf, als die Gestalt
+des jungen Mannes am Fenster erschien, und er
+sagte, ihn freundlich begr&uuml;&szlig;end:</p>
+
+<p>»Da sind Sie wieder &mdash; das ist recht.«</p>
+
+<p>»Ja,« gab Leath einsilbig zur&uuml;ck, »ich st&ouml;re Sie
+doch nicht?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer
+Wohnung gewesen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; drau&szlig;en auf der Halde.«</p>
+
+<p>»So! Es ist ein sch&ouml;ner Morgen f&uuml;r einen
+Spaziergang. Setzen Sie sich, ich bin gleich mit meiner
+Schreiberei fertig.«</p>
+
+<p>Leath lie&szlig; sich auf einem Stuhl am offenen<span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span>
+Fenster nieder. Das helle Sonnenlicht fiel voll auf sein
+Antlitz, auf dem eine finstere Wolke lag; er fuhr mit
+der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen Bart,
+w&auml;hrend er mit aufgest&uuml;tztem Ellbogen, anscheinend in
+d&uuml;stere Gedanken versunken, dasa&szlig;. Dem gleichg&uuml;ltigsten
+Auge h&auml;tte sein ernstes Vorsichhinbr&uuml;ten auffallen
+m&uuml;ssen. Sherriff, der aufblickte, als er mit
+seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein
+Ausdruck der Verwunderung und der Besorgnis &uuml;berflog
+sein sch&ouml;nes altes Gesicht.</p>
+
+<p>»Sie sehen verst&ouml;rt aus, Leath,« sagte er ruhig.
+»Ihnen ist hoffentlich nichts Unangenehmes begegnet?«</p>
+
+<p>»Unangenehmes?«</p>
+
+<p>Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das
+kaum. Das hei&szlig;t, ich sehe ein, da&szlig; ich mich geirrt
+habe &mdash; das ist alles. Bis heute glaubte ich, da&szlig;
+die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach
+St. Mellions kam, fast getan sei &mdash; weit gefehlt!
+Ich bin gerade so weit wie vorher!«</p>
+
+<p>»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum
+herausgestellt hat, die Veranlassung, da&szlig; Sie sich entschlossen,
+hier zu bleiben und Lychet Hut zu mieten?«
+fragte Sherriff.</p>
+
+<p>»Ja. Es w&auml;re besser gewesen, ich h&auml;tte den
+anderen Weg eingeschlagen, nach London zu gehen &mdash;
+weit besser!«</p>
+
+<p>»Hei&szlig;t das, da&szlig; Sie es jetzt tun wollen?«</p>
+
+<p>»Vielleicht. Ich wei&szlig; es noch nicht. Dieser Mi&szlig;erfolg
+hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich
+bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«</p>
+
+<p>Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu
+ <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span>
+Boden. Der &Auml;ltere brach nach einer kleinen Weile
+das Schweigen und sprach z&ouml;gernd und vielleicht etwas
+vorwurfsvoll:</p>
+
+<p>»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt,
+Leath. Ich habe kein Recht, dieses Vertrauen
+zu erzwingen, aber eine Frage m&ouml;chte ich an Sie
+richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden,
+eingeweiht w&auml;re, k&ouml;nnte ich Ihnen dann bei Ihrem
+Vorhaben helfen, oder ist das unm&ouml;glich?«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«</p>
+
+<p>»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«</p>
+
+<p>Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen
+Stimme, aber f&uuml;r Leaths Ohr klang etwas wie
+Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.</p>
+
+<p>»Halten Sie mich nicht f&uuml;r undankbar, lieber
+alter Freund,« sagte er, »und glauben Sie nicht, da&szlig;
+ich unempf&auml;nglich f&uuml;r Ihre G&uuml;te bin. Geben Sie mir
+ein wenig Zeit, mir klar zu machen, da&szlig; ich ein Esel
+gewesen, und wenn Sie mich dann anh&ouml;ren wollen,
+so sollen Sie die ganze Sache erfahren, soweit ich wei&szlig;.
+Es ist keine angenehme Geschichte &mdash; das werden Sie
+sich wohl schon sagen k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>Es lag eine unterdr&uuml;ckte Leidenschaftlichkeit in
+seinem Tone, die von einer Emp&ouml;rung sprach, die
+zwar durch eine eiserne Willenskraft niedergehalten
+wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn
+unaufh&ouml;rlich martern mu&szlig;te; das &uuml;berraschte Matthias
+Sherriff nicht; vom Anfang ihrer Bekanntschaft
+an hatte er erraten, da&szlig; ein geheimes qu&auml;lendes Leid
+am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht m&ouml;glich,<span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span>
+sich Everard Leath als einen gl&uuml;cklichen Menschen
+oder einen Menschen ohne Sorge zu denken.</p>
+
+<p>Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte
+Sherriff den R&uuml;cken zu. Sherriff folgte ihm mit den
+Augen, w&auml;hrend eine seltsame Ver&auml;nderung in seinem
+Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub,
+war es mit doch merklicherem Z&ouml;gern als vorher.</p>
+
+<p>»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer
+Kummer, Leath, weshalb Sie es f&uuml;r besser halten,
+St. Mellions zu verlassen?«</p>
+
+<p>»Ein anderer Grund?«</p>
+
+<p>Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung,
+die auf seinen Z&uuml;gen lag, sah wenigstens
+echt aus.</p>
+
+<p>»Ja, Sie m&uuml;ssen mir nicht z&uuml;rnen, wenn ich mich
+irre. Ich habe ebensowenig ein Recht, in dieser Sache
+Ihr Vertrauen zu erzwangen wie in der anderen,«
+sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten
+Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht
+beunruhigt hat. Gibt es noch einen anderen Grund,
+weshalb Sie sich von hier fortw&uuml;nschen? Und ist es &mdash;
+Gr&auml;fin Florence Esmond?«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths
+Blick und Stimme wurde kaum durch die R&ouml;te, die
+unter seiner sonngebr&auml;unten Haut aufflammte, abgeschw&auml;cht;
+er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht
+geh&ouml;rt habe oder nicht.</p>
+
+<p>»Sie ist sehr sch&ouml;n,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung
+fort, die weiteres Leugnen oder Widerspruch
+abschneiden sollte, »und ich bin nicht so alt, Leath,
+da&szlig; ich vergessen h&auml;tte, welchen Einflu&szlig; eine Sch&ouml;nheit<span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span>
+und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann
+naturgem&auml;&szlig; aus&uuml;ben mu&szlig;. Ich wei&szlig;, Sie haben erst
+wenig von ihr gesehen, aber Sie haben genug gesehen,
+um unter dem Zauber ihres Wesens zu stehen.
+Sie haben mir erz&auml;hlt, da&szlig;, obgleich Sie ihre vor&uuml;bergehenden
+jugendlichen Schw&auml;rmereien gehabt h&auml;tten
+wie wir alle, Sie doch noch keine wirkliche tiefe Liebe
+f&uuml;r irgendein Weib empfunden haben.«</p>
+
+<p>»Das wenigstens ist wahr.«</p>
+
+<p>»Und macht die Gefahr f&uuml;r Sie jetzt nur um so
+gr&ouml;&szlig;er. Wenn ich die Sache zur Sprache bringe, so geschieht
+es um Ihretwillen. Irre ich mich oder nicht?«</p>
+
+<p>»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie
+&uuml;ber ihre Sch&ouml;nheit sagen; ich bewundere sie &mdash; jeder
+Mann w&uuml;rde das tun. Aber ich habe an andere Dinge
+zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei
+w&auml;re und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums
+und der Vornehmheit zwischen uns g&auml;hnte. Ich danke
+Ihnen f&uuml;r Ihr Interesse, Herr Sherriff, aber ich bin
+gefeit. Gr&auml;fin Florence wird mich weder hier festhalten,
+noch mich forttreiben.«</p>
+
+<p>Seine Stimme hatte fast ihren d&uuml;steren Klang verloren;
+es lag sogar eine gewisse Belustigung darin,
+und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, als er seinen
+Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der Begegnung
+auf der Halde, der ver&auml;chtlich blickenden
+grauen Augen, die sich kaum die M&uuml;he genommen
+hatten, ihn anzusehen, und des stolz getragenen hochm&uuml;tigen
+braunen K&ouml;pfchens. Reichtum, Rang, adlige
+Geburt &mdash; da&szlig; sie sich wohl bewu&szlig;t war, dies alles
+zu besitzen, hatte sie deutlich genug gezeigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span></p>
+
+<p>Sherriff l&auml;chelte und setzte sich mit erleichterter
+Miene wieder nieder.</p>
+
+<p>»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es
+freut mich herzlich, das zu h&ouml;ren, mein lieber Junge &mdash;
+wirklich herzlich! Es kann einen Mann kein zermalmenderer
+Schlag treffen als der Verlust des
+Weibes, das er liebt. Es mag t&ouml;richt von mir gewesen
+sein, mir den Gedanken in den Kopf zu setzen.«</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; gestehen, es wundert mich, wie Sie
+&uuml;berhaupt auf diesen Gedanken gekommen sind.«</p>
+
+<p>»Das wei&szlig; ich selbst kaum. Er kam mir zuerst,
+glaube ich, als ihre Verlobung mit Chichester ver&ouml;ffentlicht
+wurde. Sie schienen verst&ouml;rt, schienen daran
+zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«</p>
+
+<p>»Ich gebe zu, da&szlig; ich das tat. Wie ich Ihnen
+auseinandersetzte, hatte ich Herrn Chichester in Turret
+Court getroffen. Ich w&uuml;rde ihn allerdings nicht f&uuml;r
+den Mann gehalten haben, auf den Gr&auml;fin Florences
+Wahl fallen w&uuml;rde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit
+zur Antwort. »Wenn ich mich nicht irre,
+so waren auch Sie selbst &uuml;berrascht.«</p>
+
+<p>»Ich war mehr als &uuml;berrascht.«</p>
+
+<p>Sherriff sprach mit einer Sch&auml;rfe und Gereiztheit,
+die ihm sonst fremd war. »W&uuml;&szlig;te ich nicht, wie
+unabh&auml;ngig sie ihrer Stellung und ihrem Charakter
+nach ist, so w&auml;re ich fast geneigt gewesen, an irgendeine
+versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe
+nichts gegen Herrn Chichester; ich halte ihn f&uuml;r einen
+guten Menschen, aber ich wiederhole es &mdash; er ist
+weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie
+gl&uuml;cklich zu machen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span></p>
+
+<p>»Er scheint das erstere wenigstens getan zu
+haben,« warf Leath in seinem fr&uuml;heren gelassenen
+Tone kurz dazwischen.</p>
+
+<p>»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt wei&szlig; sie
+kaum, da&szlig; sie ein Herz zu verschenken hat!« erwiderte
+der Alte mit Entschiedenheit.</p>
+
+<p>Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allm&auml;hlich
+wieder einen d&uuml;steren, sinnenden Ausdruck
+an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte,
+verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub,
+geschah es mit sichtlicher &Uuml;berwindung, als werde ihm
+das Sprechen schwer.</p>
+
+<p>»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele M&auml;nner,
+&mdash; und Frauen wohl ebenfalls, &mdash; die die Liebe im
+besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als
+etwas, mit dem man spielt, &uuml;ber das man lacht und
+das man so bald wie m&ouml;glich vergi&szlig;t. Zu diesen Menschen
+habe ich nie geh&ouml;rt; f&uuml;r mich ist sie immer die
+wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben
+zum Guten oder Schlechten wenden, gl&uuml;cklich machen
+oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch,
+da&szlig; ich Ihnen einmal von einem Kummer erz&auml;hlt habe,
+der mir widerfahren, als ich jung war &mdash; einem
+Kummer, der einen vergr&auml;mten und mit der Welt
+zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete
+Leath sanft.</p>
+
+<p>»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen
+ist?«</p>
+
+<p>»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es.
+Eine Frau.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, eine Frau &mdash; f&uuml;r mich die einzige Frau
+auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen,
+sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die
+Geschichte in wenigen Worten erz&auml;hlen, ohne auf
+die n&auml;heren Umst&auml;nde einzugehen. Ich liebte sie &mdash;
+wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich
+glaubte, sie liebte mich auch. Ja &mdash; ich glaube, sie
+liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden,
+aber sie war sehr jung, sehr unerfahren &mdash; sie
+hatte sich vielleicht &uuml;ber sich selbst get&auml;uscht. Dem
+sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren.
+Ich war damals sehr arm und k&auml;mpfte einen
+schweren Kampf, mir notd&uuml;rftig meinen Unterhalt zu
+erwerben &mdash; viel zu arm, um ans Heiraten denken
+zu k&ouml;nnen. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und
+stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin,
+und als sie durch eine Familie, in der sie fr&uuml;her unterrichtet
+hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer
+Kolonien zu gehen, als Lehrerin f&uuml;r die Kinder eines
+Million&auml;rs, der wieder hinausging, da f&uuml;hlten wir
+beide, da&szlig; es bei dem hohen Gehalt, das man ihr
+bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich
+es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei
+Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer R&uuml;ckkehr,
+wollten wir &mdash; mochte geschehen was da wollte &mdash;
+heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den
+Schmerz &mdash; all die Qual jener Trennung von ihr
+vergegenw&auml;rtigen.«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gr&auml;fin
+Florence w&uuml;rde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck
+anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span></p>
+
+<p>»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine
+Erz&auml;hlung wieder auf, »es ist allt&auml;glich genug. Ich
+h&auml;tte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein
+sch&ouml;nes M&auml;dchen und mu&szlig;te die Bewunderung jedes
+Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten
+Zweifel an ihr &mdash; niemals! In den ersten Wochen
+waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und
+ich fand sie k&uuml;hl. Dann schrieb sie einige Wochen
+gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich k&ouml;nnte
+ihn Wort f&uuml;r Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr
+als drei&szlig;ig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er
+sagte mir, da&szlig; sie verheiratet sei.«</p>
+
+<p>Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der
+&Uuml;berraschung.</p>
+
+<p>»Sie gestand ihren Treubruch ein, erkl&auml;rte, sie
+wisse jetzt, da&szlig; sie mich niemals geliebt h&auml;tte, und beschwor
+mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon
+reden, was ich durchgemacht habe &mdash; ich war jung,
+und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr
+vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb
+ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach &mdash;
+da&szlig; ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte,
+da&szlig; sie gl&uuml;cklich werden m&ouml;ge. Seitdem habe ich niemals
+wieder etwas von ihr geh&ouml;rt.«</p>
+
+<p>»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; dessen bedurfte es nicht. Sie mag es
+f&uuml;r freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun.
+Von dem Tage an war sie f&uuml;r mich tot.«</p>
+
+<p>»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend
+etwas &uuml;ber sie geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt<span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span>
+sie noch, mit ebenso wei&szlig;em Haar wie das meine &mdash;
+sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam,
+sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges
+Gesicht mit den Tr&auml;nen, die ihr der Abschied erpre&szlig;te,
+deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick.
+Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr?
+Und allt&auml;glich genug, wie ich schon sagte. Aber ich
+hatte das Gef&uuml;hl, da&szlig; &mdash; wie sie nun auch sein mag
+&mdash; Sie sie h&ouml;ren sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen,
+zu erkl&auml;ren, weshalb ich soeben ernst und
+eindringlich war und weshalb ich mich einen mit
+der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von
+mir, und &uuml;bergenug! Lassen Sie uns von etwas
+anderem reden.«</p>
+
+<p>Leath stand auf und folgte Sherriff an das
+Fenster, an das er getreten war.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen herzlich f&uuml;r Ihr Vertrauen,«
+sprach er. »Glauben Sie mir, da&szlig; ich die Ehre, die
+Sie mir erzeigt haben, sch&auml;tze und w&uuml;rdige, denn ich
+wei&szlig;, Sie w&uuml;rden nicht jedem Ihre Geschichte erz&auml;hlt
+haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgef&uuml;hl
+nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens
+teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zur&uuml;ckhaltung,
+die ich Ihnen gegen&uuml;ber beobachtet, wieder
+gutmachen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Erz&auml;hlen Sie mir nichts, was Sie mir nicht
+gern sagen,« wehrte Sherriff hastig ab, »ich verlange
+es nicht, Leath &mdash; ich bitte Sie sogar, es nicht
+zu tun.«</p>
+
+<p>»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis
+m&ouml;chte ich Ihnen sagen, was mich von der anderen<span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span>
+Seite der Welt hierher nach St. Mellions gef&uuml;hrt hat.
+Ich bin hierhergekommen, um einen Mann aufzusuchen.«</p>
+
+<p>»Einen Mann? Wer ist er?«</p>
+
+<p>»Wenn ich darauf antworten k&ouml;nnte, so w&uuml;rde
+meine Aufgabe vollbracht sein. Ich wei&szlig; es nicht.«</p>
+
+<p>»Was ist er denn?«</p>
+
+<p>»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen
+je gehabt.«</p>
+
+<p>»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu
+nehmen?«</p>
+
+<p>»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«</p>
+
+<p>»Recht f&uuml;r wen?«</p>
+
+<p>»F&uuml;r die Lebenden und die Toten.«</p>
+
+<p>»Wissen Sie denn, da&szlig; er hier ist?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, da&szlig; er hier war.«</p>
+
+<p>»Vor langer Zeit?«</p>
+
+<p>»Vor vielen Jahren.«</p>
+
+<p>»Und mehr wissen Sie nicht &mdash; nicht einmal
+seinen Namen?«</p>
+
+<p>»Ja, den wei&szlig; ich, oder, wenn nicht seinen Namen,
+so doch den, den er einst f&uuml;hrte. Es ist mein einziger
+Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie k&ouml;nnten mir vielleicht
+helfen, &mdash; Sie m&ouml;gen recht haben. Kennen Sie
+&mdash; haben Sie jemals den Namen Robert Bontine
+geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein
+&mdash; meines Wissens habe ich den Namen niemals
+geh&ouml;rt.«</p>
+
+<p>»Das wissen Sie bestimmt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">»So bestimmt, wie es in solchen F&auml;llen m&ouml;glich
+ist. Wenn ich den Namen je geh&ouml;rt habe, so hat er sich
+meinem Ged&auml;chtnis nicht eingepr&auml;gt. Aber der Name
+ist eigenartig, und mein Ged&auml;chtnis ist gut &mdash; ich
+halte es kaum f&uuml;r wahrscheinlich, da&szlig; ich ihn vergessen
+haben sollte.« Er sch&uuml;ttelte den Kopf. »Nein,« sagte
+er dann entschieden. »Ungl&uuml;cklicherweise kann ich
+Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den Namen
+Robert Bontine nie geh&ouml;rt.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_10">10.</h2>
+</div>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence hatte im Gespr&auml;ch mit ihrem
+Verlobten Lychet Hut einmal als eine Ruine bezeichnet.
+Das war zwar &uuml;bertrieben, aber doch nicht
+allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt,
+und das war durchaus nicht &uuml;bertrieben.</p>
+
+<p>Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach
+Lychet Hook, fast eine halbe Stunde von St. Mellions
+entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe standen
+keine H&auml;user. Es war ein winziges H&auml;uschen mit
+einem Strohdach und enthielt nur zwei ger&auml;umige
+Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer und eine
+K&uuml;che. Es war vor ungef&auml;hr zehn Jahren nach
+eigenem Plane von einer alten, unverheirateten Dame
+erbaut worden, die ebenso wunderlich wie reich war
+und von der allgemein angenommen wurde, da&szlig; sie
+infolge einer ungl&uuml;cklichen Liebe der Menschheit entsagt
+habe. Wie dem auch gewesen sein mochte, so lebte
+sie dort bis zu ihrem Tode in strenger Zur&uuml;ckgezogenheit
+nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und verschroben
+war wie sie selbst. Dann hatte Chichester
+die Wohnung f&uuml;r eine l&auml;cherlich kleine Summe von
+ihren Erben erstanden und war trotzdem nicht auf
+seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder
+ein Mieter f&uuml;r das Haus gefunden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p>
+
+<p>Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon
+er seit drei Wochen darin hauste, hatte man in
+St. Mellions noch nicht aufgeh&ouml;rt, sich &uuml;ber den
+&rsaquo;sonderbaren Herrn aus Australien&lsaquo; zu wundern.</p>
+
+<p>Chichester, der, wie Gr&auml;fin Florence ihn mit
+Recht genannt hatte, der beste Hauswirt war, den
+man sich nur w&uuml;nschen konnte, hatte alle notwendigen
+Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath
+selbst hatte sich nach Market Beverley begeben und
+sich dort einfache M&ouml;bel und Haushaltungsgegenst&auml;nde
+bestellt, die er nach wunderlicher eigner Methode
+selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine &auml;ltliche
+Witwe, eine Schw&auml;gerin Buckstones, des Wirts der
+Chichester Arms, in seinen Dienst genommen, um f&uuml;r
+ihn und seine Bed&uuml;rfnisse zu sorgen, und dann sich in
+der abgelegenen Behausung h&auml;uslich niedergelassen,
+als beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen.
+Und &uuml;ber ihn, &uuml;ber seinen Hausstand und
+sein Benehmen im allgemeinen verwunderte man sich
+in St. Mellions h&ouml;chlichst.</p>
+
+<p>Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich
+mehr oder weniger beliebt zu machen, trotz der halb
+argw&ouml;hnischen, halb belustigten Neugier, mit der er
+angesehen wurde &mdash; und zwar nicht nur von den
+D&ouml;rflern. Der Bungalow war nicht l&auml;nger das einzige
+Haus, in dem er verkehrte.</p>
+
+<p>Er hatte die Bekanntschaft des gutm&uuml;tigen
+Pfarrers gemacht, ebenso die des Doktors und seiner
+zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem klugen
+kleinen Advokaten &mdash; ja, fast mit jedem war er bekannt
+geworden. Und obgleich keine zweite Einladung<span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span>
+nach Turret Court erfolgte und Sir Jasper ihn, als
+er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten war,
+kaum gegr&uuml;&szlig;t hatte, so fand sich doch Roy Mortlake
+oft in Lychet Hut ein, mit g&auml;nzlicher Nichtachtung des
+herrischen Verbots, das sein Vater gegen seine Besuche
+erhoben, und mehr als einmal war auch Harry
+Wentworth bei ihm gewesen.</p>
+
+<p>Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf
+der Halde und auf den Feldwegen und einmal im
+Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit Florence
+und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm
+bei dieser Gelegenheit recht freundlich begegnet, &mdash;
+die Besuche ihres Verlobten in Lychet Hut waren ihr
+kein Geheimnis, &mdash; Florence huldvoll, aber weniger
+herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei
+Herrn Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen,
+hatte ihn aber zuf&auml;llig niemals getroffen. Obwohl
+er nicht selten in ihre Felsenh&ouml;hle in der Klippenwand
+hinabstieg und eine Zigarre rauchte, w&auml;hrend er finster
+auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort
+gesehen. Einmal hatte er auf der untersten der drei
+unebenen Felsstufen ein blaues Band gefunden, das
+wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das
+war aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich
+fern. Jedenfalls glaubte er das.</p>
+
+<p>Bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t stand sie so f&uuml;r ihn im
+Zusammenhang mit der Halde, da&szlig; er niemals dort
+spazieren ging, &mdash; was er gew&ouml;hnlich jeden Tag tat,
+&mdash; ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum
+wunder, da&szlig; er ihr an einem sonnigen Nachmittage
+endlich dort begegnete. Er schlenderte langsam, dicht<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span>
+am Rande der Klippe, &uuml;ber den wellenf&ouml;rmigen Boden
+zwischen den Ginsterstauden und dem hohen Farnkraut
+dahin, und als er pl&ouml;tzlich die Augen von dem
+kurzen, sonnverbrannten Rasen, auf den er in
+finsterem Br&uuml;ten niedergestarrt hatte, emporhob, sah
+er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie stand
+und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf
+ihn. Sie hatte ihn schon seit mehreren Minuten
+gesehen.</p>
+
+<p>Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn
+um so mehr beim Anblick ihres L&auml;chelns, und so standen
+sie sich nach wenigen Sekunden gegen&uuml;ber, und
+er umschlo&szlig; mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot.
+Es war das erstemal, da&szlig; er sie ber&uuml;hrt hatte, seitdem
+sie sie ihm gereicht, um ihn in die H&ouml;hle hinabzuf&uuml;hren.
+Das fiel ihm ein, w&auml;hrend er sich dar&uuml;ber
+wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.</p>
+
+<p>»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr
+Leath! Ich glaubte schon, ich m&uuml;&szlig;te Sie anrufen,
+damit Sie nicht &uuml;ber mich stolperten,« sagte sie.</p>
+
+<p>Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr L&auml;cheln,
+ebenso herzlich wie die warme schnelle Ber&uuml;hrung
+ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch dachte sie
+sich nichts dabei; es war nur eine Laune, da&szlig; sie
+ihn nicht mit leisem, hochm&uuml;tigem Neigen des Kopfes
+begr&uuml;&szlig;te und ohne ein Wort an ihm vor&uuml;berschritt.
+Es fiel ihr zuf&auml;llig ein, liebensw&uuml;rdig zu sein, &mdash; das
+war alles. Er wu&szlig;te das sehr wohl, denn er verstand
+sie viel besser, als Gr&auml;fin Florence lieb gewesen
+sein w&uuml;rde, h&auml;tte sie darum gewu&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span></p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gr&auml;fin; ich mu&szlig;
+gestehen, da&szlig; ich Sie nicht gesehen habe. Ich war
+wohl in meine Gedanken vertieft.«</p>
+
+<p>»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf
+die See h&auml;tten hinausblicken sollen.«</p>
+
+<p>»Sie haben die See gern?« fragte er.</p>
+
+<p>»So gern, da&szlig; meine Cousine behauptet, ich
+w&uuml;rde nach meinem Tode in eine Nixe verwandelt
+werden.«</p>
+
+<p>Sie war weitergegangen mit einem Blick und
+einer Handbewegung, die ihn ermutigt hatten, an
+ihrer Seite zu bleiben.</p>
+
+<p>»Wenn mich der Schein nicht tr&uuml;gt, so lieben Sie
+sie auch, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher
+sie wisse, mit welcher Regelm&auml;&szlig;igkeit er auf der
+Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« setzte er
+ruhig hinzu.</p>
+
+<p>»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen
+der Wellen, obschon es so schwerm&uuml;tig ist. Und ich
+f&uuml;rchte, Sie m&uuml;ssen sich in Ihrer Klause sehr einsam
+f&uuml;hlen.«</p>
+
+<p>Aus der lieblichen Stimme klang freundliches
+Interesse und Mitgef&uuml;hl, die leuchtenden grauen
+Augen waren voll Herzensg&uuml;te. Cis h&auml;tte ihre eigenen
+blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer
+Cousine auf Everard Leaths Antlitz h&auml;tte ruhen sehen.
+Er war sich vollkommen bewu&szlig;t, da&szlig; sie bei ihrer
+n&auml;chsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen w&uuml;rde,
+aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher,
+milderte sich seine gew&ouml;hnliche, strenge Schroffheit.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span></p>
+
+<p>Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond,
+wenn sie wollte, nicht h&auml;tte bezaubern k&ouml;nnen? Es
+war nur eine Grille, da&szlig; sie jetzt mit Leath sprach,
+da&szlig; sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber
+sie brachte ihn dazu.</p>
+
+<p>Was w&uuml;rde Sir Jasper Mortlake empfunden
+haben, w&auml;re er &uuml;ber die Halde gekommen und h&auml;tte
+sein M&uuml;ndel, bequem an eine mit Farn bewachsene
+Erh&ouml;hung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich
+im Grase, ihr lichtbraunes Haar vom Winde verweht,
+und Everard Leath dicht neben ihr ausgestreckt, so da&szlig;
+sein aufgest&uuml;tzter Ellenbogen fast den Saum ihres
+kornblumenblauen Kleides ber&uuml;hrte? Sicherlich konnte
+ihn nur eine direkte Aufforderung bewogen haben,
+sich dort niederzulassen.</p>
+
+<p>»Alles, was Sie mir &uuml;ber Queensland erz&auml;hlen,
+gef&auml;llt mir eigentlich,« sagte Florence langsam, in
+Sinnen verloren.</p>
+
+<p>Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert,
+als sie diese Bemerkung machte. Sie hatte
+das Kinn auf die Hand gest&uuml;tzt, ihre grauen Augen
+blickten auf das Meer hinaus, und ihre wei&szlig;e Stirn
+war leicht in Falten gezogen.</p>
+
+<p>»Ja, &mdash; es gef&auml;llt mir entschieden. Ich glaube
+sogar, ich m&ouml;chte dort sehr gern leben.«</p>
+
+<p>»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort
+f&uuml;r einen Besuch vielleicht ganz ertr&auml;glich finden w&uuml;rden
+&mdash; aber als Heimat, nein!«</p>
+
+<p>»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span></p>
+
+<p>»Ich glaube, Sie w&uuml;rden sich bald nach England
+zur&uuml;ckw&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>»Weil alles, an dem mein Herz h&auml;ngt, hier ist
+und ich es als meine Heimat betrachte? Das ist vielleicht
+wahr. Gerade wie Sie selbst Australien ansehen.«</p>
+
+<p>»Ja. Ich werde fr&uuml;her oder sp&auml;ter dahin zur&uuml;ckkehren,«
+sagte Leath ruhig.</p>
+
+<p>»Wenn Ihr Gesch&auml;ft erledigt ist?«</p>
+
+<p>»Wenn mein Gesch&auml;ft erledigt ist &mdash; ja.«</p>
+
+<p>Die Antwort gen&uuml;gte; dennoch stieg Florence
+das Blut in die Wangen, und sie wu&szlig;te, da&szlig; sie sich
+verletzt f&uuml;hlte, weil sie nicht mehr enthielt. Gegen
+ihren Willen dachte sie &uuml;ber ihn nach, und gegen ihren
+Willen zerbrach sie sich den Kopf &uuml;ber ihn. Was hatte
+ihn nach St. Mellions gef&uuml;hrt? Was hielt ihn dort
+zur&uuml;ck? Gr&auml;fin Esmond h&auml;tte es nicht um alles in
+der Welt &uuml;ber sich vermocht, die Fragen zu stellen,
+aber sie h&auml;tte alles in der Welt darum gegeben, es
+zu wissen.</p>
+
+<p>Leath gewahrte weder ihr Err&ouml;ten noch das Aufeinanderpressen
+ihrer Lippen. Er ver&auml;nderte seine
+Stellung und runzelte einen Augenblick die Stirn mit
+einem Ausdruck von Unentschlossenheit, da&szlig; ihre
+Augen ihn unwillk&uuml;rlich fragend anblickten. Ihrem
+Blick begegnend, sagte er:</p>
+
+<p>»Ich m&ouml;chte wissen, Gr&auml;fin, ob Sie mir wohl
+gestatten w&uuml;rden, eine Frage an Sie zu richten?«</p>
+
+<p>»Eine Frage?«</p>
+
+<p>Sie verga&szlig; ihre Gekr&auml;nktheit &uuml;ber ihrer pl&ouml;tzlich
+erwachenden Neugier, und au&szlig;erdem w&auml;re es unertr&auml;glich<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span>
+gewesen, ihn glauben zu lassen, da&szlig; sie
+pikiert sei.</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;,« sprach sie l&auml;chelnd. »Weshalb nicht?
+Was ist es?«</p>
+
+<p>»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam
+d&uuml;nken,« sagte Leath, der eine direkte Antwort
+umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, da&szlig; Sie
+sie beantworten k&ouml;nnen, &mdash; das wei&szlig; ich. Und doch
+habe ich unz&auml;hlige Male gew&uuml;nscht, sie zu stellen.«</p>
+
+<p>»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?«
+lautete die Gegenfrage, die sie auf der Zunge hatte
+und die ihr fast entschl&uuml;pft w&auml;re, aber sie kannte die
+Antwort darauf so gut, da&szlig; sie noch eben zur rechten
+Zeit innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur
+wenig Gelegenheit gegeben, es zu wagen, Fragen an
+sie zu richten. »Fragen Sie mich jetzt!« warf sie
+leicht hin.</p>
+
+<p>»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern
+Sie sich, da&szlig; Sie am ersten Tage unserer Bekanntschaft
+sagten, Sie kennten die meisten, wenn
+nicht alle Leute in dieser Gegend?«</p>
+
+<p>»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne
+allerdings die meisten, wenn nicht alle.«</p>
+
+<p>»Und ihre Namen?«</p>
+
+<p>»Und ihre Namen, selbstverst&auml;ndlich!«</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte ein wenig verwundert und belustigt.</p>
+
+<p>»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den
+Namen Robert Bontine?«</p>
+
+<p>Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein
+gespannter, lebhafter, erregter Ausdruck trat in seine
+Z&uuml;ge.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span></p>
+
+<p>Florence blickte ihn an und sch&uuml;ttelte langsam
+den Kopf.</p>
+
+<p>»Bontine?« sagte sie &mdash; »Bontine? Das ist ein
+wunderlicher Name. Nein, Herr Leath, es tut mir
+leid, Ihnen eine Entt&auml;uschung bereiten zu m&uuml;ssen,
+aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht
+nennen h&ouml;ren.«</p>
+
+<p>»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.</p>
+
+<p>»Ganz bestimmt. Ich k&ouml;nnte Ihnen ein paar
+Dutzend des Namens Robert oder Bob aufz&auml;hlen,
+aber keinen Bontine. Ich w&uuml;rde mich des Namens
+sicherlich erinnern, wenn ich ihn je geh&ouml;rt h&auml;tte.«</p>
+
+<p>Sie z&ouml;gerte einen Augenblick und hub dann mit
+einem Anfluge von Befangenheit an, &uuml;ber den sie sich
+&auml;rgerte, weil sie wu&szlig;te, da&szlig; sie ihr so gar nicht &auml;hnlich
+sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«</p>
+
+<p>»Ich hoffte es.«</p>
+
+<p>»Er ist vielleicht fortgezogen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er
+sprach in einem merkw&uuml;rdigen, erw&auml;genden, mechanischen
+Tone, gleichsam mehr zu sich selbst, als zu ihr,
+und blickte d&uuml;ster auf das Meer hinaus.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; er ist hier, wenn ich ihn nur finden
+k&ouml;nnte, falls er nicht tot ist.«</p>
+
+<p>Die letzten Worte fl&uuml;sterte er vor sich hin, und
+Florence h&ouml;rte sie nicht.</p>
+
+<p>»Robert &mdash; Robert?« wiederholte sie sinnend.
+»So gew&ouml;hnlich der Name auch in dieser Gegend sein
+mag, so habe ich doch au&szlig;er Sir Jaspers Bruder
+meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«</p>
+
+<p>»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich j&auml;h
+ <span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span>
+um. »Ich wu&szlig;te gar nicht, da&szlig; Sir Jasper einen
+Bruder hat.«</p>
+
+<p>»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren.
+Er und nicht mein Onkel w&uuml;rde der Besitzer von
+Turret Court sein, w&auml;re er am Leben geblieben.«</p>
+
+<p>»Der Bruder war also der &auml;ltere?«</p>
+
+<p>»O ja &mdash; er war um mehrere Jahre &auml;lter.«</p>
+
+<p>»Und er hie&szlig; Robert?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; Robert Georg Mortlake. Roy sollte,
+glaube ich, nach ihm genannt werden, aber Tante
+Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«</p>
+
+<p>»Ist es schon lange her?«</p>
+
+<p>»Da&szlig; Robert Mortlake starb? O &mdash; viele Jahre
+&mdash; ehe Sir Jasper heiratete &mdash; etwa drei&szlig;ig &mdash; oder
+vielleicht noch l&auml;nger!«</p>
+
+<p>Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben.
+Durchaus nicht unzufrieden dar&uuml;ber, &mdash; denn
+sie fand, da&szlig; die Unterhaltung lange genug gedauert,
+und hatte w&auml;hrend der letzten Minuten schon &uuml;berlegt,
+wie sie ihr am besten ein Ende machen k&ouml;nnte,
+&mdash; stand Florence ebenfalls auf und nahm die hilfreiche
+Hand, die er ihr darbot, als etwas Selbstverst&auml;ndliches
+an. So fl&uuml;chtig und gleichg&uuml;ltig sie sie
+auch ber&uuml;hrte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken,
+wie kalt sie war, obgleich sie sich kaum die
+M&uuml;he nahm, sich dar&uuml;ber zu wundern.</p>
+
+<p>»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es mu&szlig;
+drei&szlig;ig Jahre her sein, wenn nicht l&auml;nger, da&szlig; Robert
+Mortlake starb. Nein &mdash; es sind gerade drei&szlig;ig Jahre,
+denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der
+Kirche. Sie k&ouml;nnen sich ihn ansehen, Herr Leath,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span>
+wenn es Sie interessiert. Er ist in der s&uuml;dwestlichen
+Ecke; von unserm Gest&uuml;hl blickt man gerade darauf
+hin. Er liegt nat&uuml;rlich in der Familiengruft im Park
+begraben wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher
+geschafft.«</p>
+
+<p>»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig.
+»Starb er denn im Auslande?«</p>
+
+<p>»Freilich! Er war meistens im Auslande &mdash;
+hat sich in der ganzen Welt umhergetrieben &mdash; wo,
+wei&szlig; ich nicht.«</p>
+
+<p>Sie d&auml;mpfte die Stimme, beugte sich etwas n&auml;her
+zu ihm hin&uuml;ber und schlug die grauen Augen mit
+pl&ouml;tzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. »Wissen Sie,
+ich sagte eben, Tante Agathe h&auml;tte nicht gewollt, da&szlig;
+Roy nach ihm genannt wurde. Nun &mdash; das war der
+Grund: er war ein schrecklicher Tunichtgut.«</p>
+
+<p>»Inwiefern?«</p>
+
+<p>»Inwiefern? Was wei&szlig; ich!« Sie zuckte die
+Achseln. »Was meint man gew&ouml;hnlich, wenn man
+von einem Menschen als von einem schrecklichen Tunichtgut
+spricht? Wohl, da&szlig; er&rsquo;s in jeder Beziehung
+ist. Mehr habe ich nie dar&uuml;ber geh&ouml;rt, Robert Mortlake
+ist verfemt in Turret Court.«</p>
+
+<p>»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; und duldet auch nicht, da&szlig; irgendein
+anderer es tut. Selbst sein unschuldiges Bild h&auml;ngt verkehrt
+an der Wand. Ich war indiskret genug, es
+umzudrehen und mir anzuschauen &mdash; es ist noch gar
+nicht lange her &mdash; und Sir Jasper war schrecklich &mdash;
+war furchtbar b&ouml;se. Ich, o &mdash; o &mdash;«</p>
+
+<p>Sie trat zur&uuml;ck, ihre grauen Augen hingen mit
+ <span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span>
+einem pl&ouml;tzlichen Ausdruck der Best&uuml;rzung und Verwunderung
+an Leaths Antlitz; die frische Farbe wich
+aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.</p>
+
+<p>Verwundert &uuml;ber ihr schreckensvolles Erstaunen,
+das ihm auffallen mu&szlig;te, blickte er sie an und sagte:
+»Was ist Ihnen?«</p>
+
+<p>»Nichts &mdash; nichts!« Sie sch&uuml;ttelte hastig den
+Kopf. »Ich mu&szlig; gehen, Herr Leath; es ist sp&auml;ter, als
+ich dachte. Nein &mdash; kommen Sie nicht mit mir &mdash;
+bitte, nicht! Leben Sie wohl!«</p>
+
+<p>Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich
+sie schon zu sich gesagt, da&szlig; das eigentlich ganz &uuml;berfl&uuml;ssig
+sei, und eilte leichtf&uuml;&szlig;ig &uuml;ber das kurze, braune
+Gras dahin. Sie warf noch einen Blick &uuml;ber die
+Schulter zur&uuml;ck und fand best&auml;tigt, was sie schon gewu&szlig;t,
+als sie ihn noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen,
+stehen und ihr nachblicken sah. Sie ahnte freilich
+nicht, da&szlig;, obwohl seine Augen unverwandt an
+ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewu&szlig;t
+war. Er hatte die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff
+in bitterem Tone erkl&auml;rte, da&szlig; ihn anderes besch&auml;ftigte
+als der Gedanke an die Sch&ouml;nheit einer
+Frau.</p>
+
+<p>»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen
+ist!« sagte sie halblaut in vorwurfsvollem Tone zu
+sich selbst. »Und doch kam er mir in einem Augenblick
+und traf mich wie ein Schlag. Nat&uuml;rlich kann
+es nur Einbildung sein! Nat&uuml;rlich! Und doch w&uuml;rde es
+erkl&auml;ren &mdash;. Bah! Welcher Unsinn! Weshalb sollte
+ich nach einer Erkl&auml;rung suchen, wo mir weder an
+der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das
+ <span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span>
+mindeste liegt! Es war dumm von mir, so mit ihm
+zu reden; die Angelegenheit von Turret Court geht
+ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich w&auml;re nicht
+eine solche Plaudertasche, aber was kann man von
+einem irischen M&auml;dchen wohl anderes erwarten?«
+Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und fuhr
+dann in strengem Tone fort: »Auf alle F&auml;lle etwas
+Besonnenheit. Deshalb, Florence Esmond, solltest du
+besagtem Individuum wieder auf der Halde begegnen,
+so wirst du die G&uuml;te haben, daran zu denken, da&szlig;
+du nicht mit ihm reden darfst.«</p>
+
+<p class="pmb3">Solch einen Entschlu&szlig; zu fassen, war eine Sache
+&mdash; ihn auszuf&uuml;hren, eine andere. M&ouml;glicherweise
+waren die Schicksalsg&ouml;ttinnen ihm abhold, denn es
+geschah, da&szlig; in den zwei oder drei n&auml;chsten Wochen
+weitere Begegnungen auf der Halde stattfanden, und
+es trug sich ebenfalls zu, da&szlig; Gr&auml;fin Florence sich
+meistens am Ende und nicht am Anfang dieser Zusammenk&uuml;nfte
+ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit
+Everard Leath zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr
+langweilig in Turret Court, was vielleicht eine Entschuldigung
+f&uuml;r sie war.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_11">11.</h2>
+</div>
+
+<p>»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden
+merklich k&uuml;rzer. Ich z&auml;hlte heute morgen acht
+braune Bl&auml;tter auf dem Pflaumenbaum. Jeder Sommer
+ist k&uuml;rzer als der vorhergehende. Talbot, ich
+glaube, ich werde alt,« sprach Gr&auml;fin Florence.</p>
+
+<p>Das Mittagessen in Turret Court war vor&uuml;ber.
+Es war sehr langweilig gewesen. Sir Jasper war in
+seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. Harry
+und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man
+den Baron sich selbst &uuml;berlassen, damit er bei seinem
+Glase Wein ein Schl&auml;fchen halte oder gr&uuml;ble, wie
+es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren Roman
+vertieft, und Cis war verschwunden, &mdash; wahrscheinlich,
+um sich in ungest&ouml;rter Einsamkeit weiter zu
+langweilen. Chichester, der beim Betreten des Salons
+seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster stehen
+sah, hatte sich naturgem&auml;&szlig; zu ihr gesellt.</p>
+
+<p>»Ja, jeder Sommer ist k&uuml;rzer als der vorige.
+Ich glaube, ich werde alt, Talbot!« wiederholte
+Gr&auml;fin Florence mit einem Seufzer.</p>
+
+<p>Aber sie lachte, w&auml;hrend sie das sagte, denn sie
+wu&szlig;te, da&szlig; sie Unsinn sprach. Sie sah in der Tat
+heute abend fast wie ein Kind aus. Sie trug Schwarz,
+was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,<span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span>
+wolkigen und so d&uuml;nnen Stoff, da&szlig; ihre weich gerundeten
+Schultern und Arme wei&szlig; hindurchschimmerten.
+Sie hielt einen gro&szlig;en hellblauen Federf&auml;cher in der
+Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den
+lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen
+Haares zusammen. Ihre Lippen waren dunkelrot,
+ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast
+schwarz aus.</p>
+
+<p>Chichester blickte zu ihr nieder und l&auml;chelte nachsichtig
+und beif&auml;llig. Er bewunderte ihre Sch&ouml;nheit
+wirklich sehr. Unter den Familienbildern in Highmount
+gab es viele liebliche Frauengesichter, aber
+keines war sch&ouml;ner als das ihre. Es war ihm lieb,
+da&szlig; dem so war, und es mahnte ihn daran, da&szlig; er
+ihr heute abend etwas Besonderes zu sagen habe.</p>
+
+<p>»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence,
+das wird noch einige Jahre dauern, ehe ich das von
+mir selbst sage &mdash; wie viele also, ehe du es zu tun
+brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich m&ouml;chte
+etwas mit dir besprechen.«</p>
+
+<p>Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelst&uuml;hle f&uuml;r
+sie in die Fensternische; er war immer au&szlig;erordentlich
+aufmerksam und artig. Florence blickte widerstrebend
+auf den Sessel nieder und schnitt eine kleine
+Grimasse. Vielleicht wu&szlig;te sie nur zu gut, wovon er
+reden wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerw&uuml;nscht,
+aber sie war in schalkhafter Stimmung und
+aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich schmollend.</p>
+
+<p>Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren
+und nahm ihre Hand. Gerade so hatte er es gemacht,<span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span>
+als er um sie anhielt. Daran mu&szlig;te das junge M&auml;dchen
+denken.</p>
+
+<p>»Ich habe schon mit Sir Jasper &uuml;ber unsere Hochzeit
+gesprochen,« hub er an, »ich m&ouml;chte, da&szlig; sie bald
+stattf&auml;nde. Ich bitte dich, so bald wie m&ouml;glich einen
+Zeitpunkt zu bestimmen! Je fr&uuml;her, desto besser, &mdash;
+das brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te ihr die Hand, und wieder wurde sie
+an den Tag, an dem er sich mit ihr verlobte, erinnert;
+sie wu&szlig;te noch sehr wohl, wie sie dankbar und erleichtert
+aufgeatmet, da&szlig; das alles gewesen, was er
+getan.</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht ein, da&szlig; irgendein Grund zur Eile
+vorliegt,« versetzte sie. »Wir sind erst seit kurzer
+Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen weichen, einschmeichelnden
+Klang an. »Es kommt mir vor, als
+sei es erst gestern gewesen!«</p>
+
+<p>»Es sind zwei Monate &mdash; eine ziemlich lange
+Zeit!«</p>
+
+<p>»Nein, nein &mdash; eine sehr kurze Zeit! Cis und
+Harry, die seit undenklichen Zeiten verlobt und seit
+einer Ewigkeit ineinander verliebt sind, haben noch
+nicht einmal angefangen, &uuml;ber ihre Hochzeit zu reden!«</p>
+
+<p>»M&ouml;glicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich
+sehe wirklich nicht ein, was uns das angeht. Ich
+hoffe, du wirst die Frage in Erw&auml;gung ziehen. Du
+wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das
+nicht tun solltest.«</p>
+
+<p>»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl
+zur&uuml;ck und lachte &uuml;berm&uuml;tig. »Ich k&ouml;nnte dir ein<span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span>
+Dutzend an den Fingern herz&auml;hlen, aber ich will barmherzig
+sein und nur einen anf&uuml;hren &mdash; die Herzogin!«</p>
+
+<p>»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«</p>
+
+<p>»Zu unserer Verlobung &mdash; ja. Aber, da&szlig; wir
+auch nur an unseren Hochzeitstag denken ohne ihre
+erhabene Erlaubnis &mdash; nein, tausendmal nein! Und
+du verlangst wirklich, da&szlig; ich den Tag bestimme,
+solange sie in Pontresina weilt? Unm&ouml;glich!«</p>
+
+<p>»Du meinst, wir m&uuml;ssen die Dinge lassen, wie
+sie sind, bis sie nach England zur&uuml;ckkehrt?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Ganz entschieden.«</p>
+
+<p>»Du scheinst damit andeuten zu wollen, da&szlig; jedermann
+bange vor ihr ist.«</p>
+
+<p>Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.</p>
+
+<p>»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich
+pers&ouml;nlich zittere vor ihr. Der Herzog starb jung;
+wie es hie&szlig;, eines unnat&uuml;rlichen Todes. Man hatte
+recht &mdash; die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war
+die Herzogin!«</p>
+
+<p>Sie bewegte den F&auml;cher hin und her und begann
+vor sich hinzusummen.</p>
+
+<p>»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, da&szlig; wir
+alles beim alten lassen, bis sie zur&uuml;ckkommt, was
+vielleicht erst in vier Monaten geschieht.«</p>
+
+<p>»Freilich.«</p>
+
+<p>»Und du m&ouml;chtest nicht, da&szlig; ich noch weiter &uuml;ber
+die Sache rede?«</p>
+
+<p>»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes
+Thema, nicht wahr? Welch wundervoller Mond? Und
+schlug nicht dort eine Nachtigall?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span></p>
+
+<p>Talbot Chichester w&uuml;rdigte sie keiner Antwort.
+Florence war sich vollkommen bewu&szlig;t, wie finster
+sein Antlitz war, und sie begann leise hinter ihrem
+F&auml;cher zu singen. Pl&ouml;tzlich lie&szlig; sie ihn sinken, lehnte
+sich zur&uuml;ck und blickte mit einem Ausdruck drolliger
+Zerknirschung zu ihm empor.</p>
+
+<p>»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das
+denke ich oft &mdash; wirklich. Ich habe dich eben geneckt,
+bis ich dich fast b&ouml;se gemacht habe, und doch
+wirst du nicht leicht b&ouml;se. Weshalb habe ich das nur
+getan? Aus reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine
+Ohrfeige daf&uuml;r, wenn du willst!«</p>
+
+<p>Sie beugte sich lachend etwas n&auml;her zu ihm.
+Chichester r&uuml;hrte das h&uuml;bsche Ohr nicht an. Er l&auml;chelte
+ein wenig gezwungen und begn&uuml;gte sich damit, ihr
+die Hand auf die Schulter zu legen.</p>
+
+<p>»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich m&ouml;chte dich
+etwas ernster und vern&uuml;nftiger in dieser besonderen
+Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine Meinung
+aussprechen soll, in vielen Sachen.«</p>
+
+<p>»Was wohl hei&szlig;t, da&szlig; ich gr&auml;&szlig;lich oberfl&auml;chlich
+bin?« Sie blickte ihn mit funkelnden Augen an.</p>
+
+<p>»Ich w&uuml;rde nicht &rsaquo;gr&auml;&szlig;lich&lsaquo; sagen.«</p>
+
+<p>»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberfl&auml;chliches,
+t&ouml;richtes, leichtsinniges Gesch&ouml;pf, und du bist ein
+ernster, gesetzter, verst&auml;ndiger Mann. Wir sind grundverschieden,
+und ich wei&szlig;, da&szlig; ich dich hin und wieder
+schrecklich langweilen mu&szlig;. Und wir sind verlobt &mdash;
+wollen unser ganzes &uuml;briges Leben miteinander verbringen!«</p>
+
+<p>Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span>
+sich an die Gardine. »Ist dir je der Gedanke gekommen,
+Talbot, da&szlig; wir gar nicht zueinander passen
+k&ouml;nnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.</p>
+
+<p>»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb
+nachsichtigen, halb ungeduldigen Ton ein.</p>
+
+<p>Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich w&uuml;rde
+an deiner Stelle mir mein Wort zur&uuml;ckgeben.«</p>
+
+<p>»Dir dein Wort zur&uuml;ckgeben?« Er war so
+grenzenlos &uuml;berrascht, da&szlig; er ihre Worte ganz mechanisch
+wiederholte, w&auml;hrend er sie fassungslos anstarrte.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich w&uuml;rde es wirklich tun. Weshalb
+nicht? Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden, und
+du liebst ein ruhiges Leben. Wir k&ouml;nnten es &rsaquo;nach
+gegenseitiger &Uuml;bereinkunft&lsaquo; tun, wie man sagt. Das
+ist besser als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir
+w&uuml;rde es das Herz brechen, wei&szlig;t du, und was mich
+anbetrifft &mdash; nun, ich habe keines zu brechen! Ich
+will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, da&szlig; es
+allein meine Schuld ist. Soll ich?«</p>
+
+<p>Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den
+blitzenden Ring. »Er sitzt sehr lose &mdash; er w&uuml;rde in
+einem Augenblick abzustreifen sein. Sieh!«</p>
+
+<p>Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden
+Ton behalten, aber es klang ein seltsamer, halb
+r&uuml;hrender Ernst hindurch. Er ergriff ihre Hand und
+schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen
+Platz. Er sah verdrie&szlig;lich aus und gab sich keine
+M&uuml;he, seine Verstimmung zu verbergen.</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du
+bist heute abend wirklich kindischer denn je. Zum
+Gl&uuml;ck f&auml;llt es mir nicht im Traume ein, dich ernst zu<span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span>
+nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, &uuml;ber unsere
+Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch
+ein weiteres Eingehen auf die Sache &auml;rgern. La&szlig;
+uns von etwas anderem reden! Was lasest du eben?
+Gedichte, glaube ich.«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Mit v&ouml;llig ver&auml;ndertem Tone wandte sie sich von
+ihm und sank apathisch wieder in ihren Stuhl, w&auml;hrend
+er den zerlesenen braunen Band aufnahm, den sie hatte
+fallen lassen.</p>
+
+<p>»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«</p>
+
+<p>»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des
+Namens gar nicht.«</p>
+
+<p>»Vielleicht hast du ihn noch nie geh&ouml;rt. Er ist
+ein australischer Schriftsteller. Herr Leath hat mir
+das Buch geliehen.«</p>
+
+<p>»Leath?«</p>
+
+<p>Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch
+nieder. »Du meinst doch nicht meinen Mieter &mdash;
+Leath, der in Lychet Hut wohnt?«</p>
+
+<p>»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das
+M&auml;dchen kurz.</p>
+
+<p>»So? Aber ich verstand, da&szlig; Sir Jasper ihn nicht
+leiden k&ouml;nne, und da&szlig; er hier nicht verkehrt?«</p>
+
+<p>»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals
+im Bungalow gesehen und bin ihm hin und
+wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort ebensogern
+umherzuschlendern wie ich.«</p>
+
+<p>»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence,
+er hat es doch sicherlich nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span></p>
+
+<p>Blick und Ton lie&szlig;en eine innere Unruhe erkennen;
+sein glattes sch&ouml;nes Gesicht wurde rot. Florence
+schaute ihn mit einem Ausdruck gleichg&uuml;ltiger
+Verwunderung an.</p>
+
+<p>»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das
+meinst,« sagte sie in nachl&auml;ssigem Tone, »ich wei&szlig;
+aber nicht, wer von uns die Initiative ergriffen hat.
+Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich mu&szlig;
+es wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal.
+Er spricht sehr gut, und seine Unterhaltung fesselt mich.
+Heute morgen brachte er mir dies Buch! Ich hatte
+ge&auml;u&szlig;ert, da&szlig; ich es gern sehen m&ouml;chte.«</p>
+
+<p>»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; das nicht. Er hatte gesagt, er wolle
+es mitbringen, auf die M&ouml;glichkeit hin, da&szlig; ich da
+sein w&uuml;rde. Ich hatte nichts zu tun und ging hin.
+Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest
+sie lesen.«</p>
+
+<p>»Es war eine gro&szlig;e Unversch&auml;mtheit von ihm,
+&uuml;ber die ich mich au&szlig;erordentlich wundere.«</p>
+
+<p>Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn &uuml;ber
+ihren F&auml;cher hinweg an, w&auml;hrend der halb belustigte,
+halb sp&ouml;ttische Ausdruck auf ihrem Antlitz deutlicher
+hervortrat.</p>
+
+<p>»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete,
+nachdem ich ihn mehrmals hier und anderswo getroffen
+hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das
+ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann
+nicht sagen, da&szlig; ich mit dir &uuml;bereinstimme, Talbot.<span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span>
+Du h&auml;ttest doch wohl nicht gewollt, da&szlig; ich ihn ohne
+Grund geschnitten h&auml;tte?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; nicht &mdash; nein!« Sein ungewohnter
+&Auml;rger legte sich. »Aber, meine liebe Florence, ich bin,
+wie du wei&szlig;t, kein Freund davon, einen vertraulichen
+Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu
+beg&uuml;nstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der
+verh&auml;ngnisvollen Fehler unserer Zeit. Du hast ohne
+Zweifel nicht genug dar&uuml;ber nachgedacht, sonst w&uuml;rdest
+du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, als er
+sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich
+bin &uuml;berzeugt davon, da&szlig; du das in Zukunft nicht
+wieder tun wirst.«</p>
+
+<p>»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?«
+fragte das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>»Ich bin f&uuml;r ein artiges Benehmen gegen unter
+uns Stehende. Aber, bitte, la&szlig; ihn nicht wieder auf
+der Halde mit dir reden! Ja, ich mu&szlig; das dringend
+von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen,
+da&szlig; die Tatsache der gro&szlig;en Abneigung, die Sir Jasper
+gegen ihn hat &mdash;«</p>
+
+<p>Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf
+der Verwunderung. Der Teppich war so dick, und
+die Schirmlampen erhellten den gro&szlig;en Raum so wenig
+ausreichend, da&szlig; keiner von ihnen das fast ger&auml;uschlose
+N&auml;herkommen des Barons gewahr geworden, und
+es war kein geringer Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar
+vor sich zu sehen. Er blickte von einem zum
+anderen.</p>
+
+<p>»Ich glaubte, ich h&ouml;rte meinen Namen nennen,«<span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span>
+sagte er. »Meine gro&szlig;e Abneigung wogegen, wenn
+ich fragen darf?«</p>
+
+<p>Seine Stimme hatte ihren sch&auml;rfsten, sp&ouml;ttischsten
+Ton; seine kalten grauen Augen hingen an dem Gesicht
+seines M&uuml;ndels. W&auml;re der Blick nicht gewesen,
+so h&auml;tte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort
+&uuml;berlassen; aber es verdro&szlig; sie, und sie gab
+sofort schroff und schnell zur&uuml;ck &mdash; vielleicht in dem
+Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, ihren Verlobten
+zu &auml;rgern:</p>
+
+<p>»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab
+meiner Verwunderung dar&uuml;ber Ausdruck, weshalb
+du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden
+zu m&ouml;gen, Onkel Jasper!«</p>
+
+<p>»Leath?« Seine Augen wanderten von einem
+zum anderen, dann lachte er.</p>
+
+<p>»Sie m&uuml;ssen Mangel an Gespr&auml;chsstoff haben,
+Chichester, wenn Sie den jungen Menschen zum Gegenstand
+Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten
+Sie vielleicht, da&szlig; Sie es bedauerten, meinem Rate
+nicht gefolgt zu sein und ihm Ihr Haus vermietet
+haben? Nun, ich habe Sie gewarnt &mdash; vergessen Sie
+das nicht.«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich sehr wohl, da&szlig; Sie das getan.
+Aber als Mieter habe ich mich &uuml;ber Leath nicht zu
+beklagen,« gab Chichester mit verwundertem Blick
+zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng
+gerechter Mann, und Sir Jaspers Warnung war
+ihm wie unverst&auml;ndlich.</p>
+
+<p>»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern,
+da&szlig; ich ihm das Haus vermietet, ja, ich sage sogar,<span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span>
+da&szlig; er, so viel ich wei&szlig;, ein durchaus anst&auml;ndiger
+Mensch ist.«</p>
+
+<p>»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«</p>
+
+<p>»Das vermute ich &mdash; bis sein Mietsvertrag abl&auml;uft.
+Er hat mir indessen zu verstehen gegeben, da&szlig;
+er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang aufhalten
+w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in
+einem Orte wie St. Mellions zu tun haben?« fragte
+der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er
+war dicht an das offene Fenster getreten und stand
+halb im Zimmer, halb drau&szlig;en, den beiden anderen
+den R&uuml;cken zuwendend.</p>
+
+<p>»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte
+an eine gesch&auml;ftliche Angelegenheit.«</p>
+
+<p>»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence
+leicht dazwischen. Sie hatte keinen anderen Beweggrund,
+als die Absicht, ihren Vormund zu &auml;rgern,
+wie sie vorhin ihren Verlobten ge&auml;rgert und geneckt
+hatte.</p>
+
+<p>»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen,
+um jemand zu suchen, Onkel Jasper.«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.</p>
+
+<p>»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gr&auml;fin Florence
+gleichmütig. »Er hat es mir erzählt. Und der
+Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine Frage
+gestellt, die ich an dich richten m&ouml;chte. Kennst du einen
+Robert Bontine, oder hast du den Namen je geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span></p>
+
+<p>Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence
+folgte ihm mit den Augen.</p>
+
+<p>»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist
+nach St. Mellions gekommen, um den Mann aufzusuchen.
+Wenn du mich fragst, weshalb, so mu&szlig; ich
+gestehen, da&szlig; ich das nicht wei&szlig;; aber er beabsichtigt,
+ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen.
+Ich sagte ihm, ich h&auml;tte den Namen nie geh&ouml;rt,
+und erz&auml;hlte ihm, der einzige Robert, der zu
+uns in Turret Court in Beziehung st&auml;nde, sei dein
+verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist nat&uuml;rlich
+ihn h&ouml;chsten Grade unwahrscheinlich, aber ich dachte,
+ich wollte dich fragen, &mdash; ich mu&szlig; gestehen, es interessiert
+mich ein wenig, &mdash; ob du je einen Namen
+Robert Bontine geh&ouml;rt h&auml;ttest?«</p>
+
+<p>Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich
+des Fensters entfernt. Aus der linden Sommernacht
+klang seine Stimme langsam und scharf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p class="pmb3">»Ich kenne keinen Robert au&szlig;er meinem verstorbenen
+Bruder. Ich habe den Namen Robert Bontine
+niemals geh&ouml;rt.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_12">12.</h2>
+</div>
+
+<p>Es war ein au&szlig;erordentlich hei&szlig;er, dr&uuml;ckender
+Tag gewesen. Seit dem Morgen hingen drohende
+Wolken tief am Himmel und verh&uuml;llten die Bergkuppen;
+&uuml;ber ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose,
+dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch
+regte sich auf der Halde; die See rauschte nur
+leise pl&auml;tschernd gegen das Gestade. In der Atmosph&auml;re
+hatte jene be&auml;ngstigende Schw&uuml;le gelegen, die
+einem heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.</p>
+
+<p>Die D&auml;mmerung brach mit fast tropischer Pl&ouml;tzlichkeit
+herein. Everard Leath, der allein in seinem
+Wohnzimmer in Lychet Hut sa&szlig;, blickte erschrocken auf,
+als j&auml;h ein schwarzer Schatten auf die Seite des
+Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den
+Band nieder und trat, die Zigarre zwischen den Lippen,
+an das eine der beiden weit offenstehenden Fenster.
+Das Zimmer reichte von einem Ende des H&auml;uschens
+zum andern, und von diesem Fenster blickte man
+quer &uuml;ber den Garten nach dem Fahrwege hin&uuml;ber,
+der nach Lychet Hook f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er
+halblaut vor sich hin.</p>
+
+<p>Er wartete. Durch das schwere Gew&ouml;lk zuckten
+grelle Blitze, auf die ein leises, dumpfes Donnergrollen<span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span>
+folgte; der Wind erhob sich in heulenden St&ouml;&szlig;en, und
+dann rauschte und prasselte der Regen pl&ouml;tzlich wolkenbruchartig
+herab. Als Leath an das zweite Fenster
+eilte, um es zu schlie&szlig;en, da der Regen von
+jener Seite kam, wurde das fast dunkle Zimmer durch
+helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte
+immer n&auml;her.</p>
+
+<p>»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,«
+sagte er wieder vor sich hin. »Aber diesmal hat es
+nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In diesem Unwetter
+m&ouml;chte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute,
+die behaupten, da&szlig; man sein Lebtag an die Rippondaleschen
+Gewitter denkt, haben recht. Dort ist wahrhaftig
+noch jemand unterwegs!«</p>
+
+<p>Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das
+Toben des Wetters &uuml;bert&auml;ubt, t&ouml;nte jetzt vernehmlich
+genug von der Landstra&szlig;e her&uuml;ber, wenn auch die
+Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen lie&szlig;,
+wer es war, der dort nahte. Im n&auml;chsten Augenblick
+sprengten Ro&szlig; und Reiterin durch die offenstehende
+Pforte quer durch den Garten und verschwanden um
+die Ecke des Hauses.</p>
+
+<p>Mit einem lauten Ausruf ungl&auml;ubigen Staunens
+st&uuml;rzte Leath auf die T&uuml;r zu, ri&szlig; sie auf und kam
+doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig genug, um
+Florence Esmond aufzufangen und zu st&uuml;tzen, als sie
+aus dem Sattel sprang.</p>
+
+<p>»Sie m&uuml;ssen mich hierbleiben lassen,« rief sie
+keuchend, w&auml;hrend sie sich an seinen Arm klammerte
+und taumelnd nach Atem rang. »Und die Stute auch,
+sie hat sich ge&auml;ngstigt, ich habe fast die Herrschaft<span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span>
+&uuml;ber sie verloren. H&auml;tte sie noch weiter gemu&szlig;t, so
+w&uuml;rde sie ganz und gar mit mir durchgegangen sein.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich &mdash; nat&uuml;rlich!«</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te nach dem Z&uuml;gel des erschreckten, sich
+b&auml;umenden Tieres. »Gehen Sie, bitte, hinein, Gr&auml;fin,
+und lassen Sie mich die T&uuml;r schlie&szlig;en. Sie m&uuml;ssen
+bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t sein.«</p>
+
+<p>Sie lief ins Haus. Leath f&uuml;hrte das zitternde
+Pferd hinein, machte die T&uuml;r zu und f&uuml;hrte die Stute
+durch den schmalen Korridor in die mit Steinfliesen
+gepflasterte K&uuml;che hinter dem zweiten Zimmer, die
+die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet
+Hut besa&szlig; einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens,
+und bei einem solchen Wolkenbruch auch nur die paar
+Meter zu gehen, konnte nicht in Frage kommen.
+Einige Augenblicke verbrachte er damit, &mdash; was er
+sehr gut verstand, &mdash; das am ganzen Leibe bebende,
+in Schwei&szlig; gebadete Tier zu beschwichtigen und zu beruhigen,
+und kehrte dann ins Wohnzimmer zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die kurze Zeit hatte f&uuml;r Florence ausgereicht,
+sich dort schon fast heimisch zu f&uuml;hlen. Ihr Hut und
+ihre Stulphandschuhe lagen auf dem Tische; sie
+sch&uuml;ttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und
+wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern
+und Armen. Mit einem Lachen blickte sie sich um,
+als Leath eintrat.</p>
+
+<p>»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte
+sie, »der keinen Tropfen Wasser durchl&auml;&szlig;t. Hoffentlich
+bew&auml;hrt er sich, obwohl ich nicht glaube, da&szlig; der
+Verk&auml;ufer sich auch f&uuml;r eine Sintflut verb&uuml;rgte.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr na&szlig;?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; dazu hatte ich keine Zeit. Ich war
+ganz in der N&auml;he, als der Regen anfing, und bekam
+nur den ersten Gu&szlig;. Wie geht es Orange Lily?«</p>
+
+<p>»Der Stute? Ganz gut &mdash; ich habe sie beruhigt.«</p>
+
+<p>»Das arme Gesch&ouml;pf hat sich so ge&auml;ngstigt! &mdash;
+Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig; mir Lychet Hut einfiel, und
+da&szlig; Sie hier wohnen! Ich w&uuml;rde nie und nimmer
+&uuml;ber die Halde gekommen sein!«</p>
+
+<p>»Allerdings nicht. War es nicht recht unvern&uuml;nftig,
+sich ins Freie zu wagen? Das Gewitter stand
+schon seit einigen Stunden am Himmel.«</p>
+
+<p>»Vielleicht. Aber &mdash; o, was f&uuml;r ein Blitzstrahl!
+Sehen Sie! Ist es nicht wundervoll?«</p>
+
+<p>Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr.
+&Uuml;ber ihnen krachte der Donner wahrhaft bet&auml;ubend;
+der Regen go&szlig; in Str&ouml;men herab, zackige Blitze zuckten
+durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont erschien
+auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer.
+Im Schein der Blitze sah er Florence mit
+weitge&ouml;ffneten Augen und fest aufeinandergepre&szlig;ten
+Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. Leath
+trat einen Schritt auf sie zu.</p>
+
+<p>»Sie &auml;ngstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte
+er in sanftem Tone.</p>
+
+<p>»Sonst &auml;ngstige ich mich nicht; ich habe unsere
+Gewitter gern. Aber das heutige hat etwas Furchtbares,
+nicht wahr? Man k&ouml;nnte fast glauben, die
+ganze Atmosph&auml;re st&auml;nde in Flammen! Es freut mich,
+da&szlig; ich nicht allein bin.«</p>
+
+<p>»Soll ich die Fensterl&auml;den vorlegen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span></p>
+
+<p>»Nein, lieber nicht.«</p>
+
+<p>»Dann m&uuml;ssen Sie sich setzen.«</p>
+
+<p>Er rollte einen gro&szlig;en Lehnstuhl herbei, in den
+sie sich mechanisch niederlie&szlig;. »Es mu&szlig; wenigstens
+bald vor&uuml;ber sein,« meinte er, »so kann es nicht lange
+fortgehen.«</p>
+
+<p>»Ganz so schlimm nicht &mdash; aber vor zwei oder
+drei Uhr morgens wird es kaum vor&uuml;ber sein. Unsere
+Gewitter dauern gew&ouml;hnlich ziemlich lange, besonders
+wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie
+dieses.«</p>
+
+<p>Leath fuhr mit einem unwillk&uuml;rlichen Stirnrunzeln
+zusammen und blickte sie unruhig an. Ihre
+Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen,
+und ihr Antlitz war ihm abgewandt, w&auml;hrend er in
+das Unwetter hinausblickte. Es trat eine Pause ein,
+w&auml;hrend der keiner von den beiden sprach. Dann
+trat er an den Tisch.</p>
+
+<p>»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es
+wird Ihnen gem&uuml;tlicher sein, Gr&auml;fin, wenn ich die
+Lampe anz&uuml;nde.«</p>
+
+<p>Er z&uuml;ndete die Lampe an und kehrte dann wieder
+zu ihr zur&uuml;ck; ehe er zu sprechen anhub, beobachtete
+er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im gelben
+Lampenschein ergl&auml;nzte. Ihr Liebreiz war ihm der
+bezauberndste, holdseligste, auf dem seine Augen jemals
+geruht, obgleich er sich streng sagte, da&szlig; er
+mit Frauensch&ouml;nheit nichts zu schaffen habe.</p>
+
+<p>»Sie wollten mir erz&auml;hlen, wie es gekommen,
+da&szlig; Sie ausgeritten?« sagte er. »Sie kamen also
+von Lychet Hook!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, &mdash; ich war nach Brentwood Hall geritten.
+Ich habe Marion Lockyer, Lady Brentwoods Nichte,
+mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr befreundet
+bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus
+Schottland zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute
+morgen und bat mich, zu ihr zu kommen. Das tat
+ich denn auch, und das erkl&auml;rt die Sache.«</p>
+
+<p>Nichts h&auml;tte ungezwungener, freim&uuml;tiger und
+herzlicher sein k&ouml;nnen als ihr Ton und ihr Benehmen.
+Von jener &rsaquo;H&ouml;flichkeit gegen Untergebene&lsaquo;, die Herr
+Chichester so gn&auml;dig geruht zu billigen, war nichts
+zu sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>»Aber es ist keine Erkl&auml;rung daf&uuml;r, da&szlig; Sie den
+Heimritt gewagt, sollte ich denken. W&auml;re es nicht
+vern&uuml;nftiger gewesen, wenn Sie dort geblieben?«</p>
+
+<p>»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet
+haben.« Sie lachte. »Lady Brentwood wollte mich
+nat&uuml;rlich dort behalten, aber ich glaubte, ich w&uuml;rde
+noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen.
+Ich mu&szlig; doch wohl nicht so wetterkundig
+sein, wie ich gedacht habe.«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, man wird sich in Turret Court um
+Sie &auml;ngstigen.« Sein Benehmen verriet noch eine gewisse
+Unruhe, sein Ton war kurz und trocken und
+bildete den denkbar gr&ouml;&szlig;ten Gegensatz zu dem ihren.</p>
+
+<p>»Ach nun &mdash; sie werden annehmen, da&szlig; ich dort
+geblieben! In Brentwood Hall wird man sich um
+mich &auml;ngstigen. Aber es ist einzig und allein meine
+eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht
+einmal einen Reitknecht mitnehmen. T&ouml;richt &mdash; nicht
+wahr?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p>
+
+<p>»Sehr! Sie h&auml;tten bleiben sollen!«</p>
+
+<p>Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen
+Strenge gesprochen, an die Gr&auml;fin Florence Esmond
+durchaus nicht gew&ouml;hnt war. In solchem Tone hatte
+er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht
+&uuml;bel; der Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt
+und halb verwundert; &mdash; welch peinliche Best&uuml;rzung
+und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte,
+davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.</p>
+
+<p>»Sie sind nicht sehr liebensw&uuml;rdig, Herr Leath!«
+Sie verzog schmollend die Lippen, aber sie war dem
+Lachen viel n&auml;her als dem &Auml;rger. »Es war zu schlimm,
+Ihr Haus so buchst&auml;blich im Sturme zu nehmen, das
+wei&szlig; ich, aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen,
+als w&uuml;nschten Sie mich dahin, wo der Pfeffer
+w&auml;chst.«</p>
+
+<p>»Ich wollte allerdings, Sie w&auml;ren in Brentwood
+Hall geblieben!«</p>
+
+<p>»Das scheint so.«</p>
+
+<p>Sie war so ahnungslos &uuml;ber den Grund seines
+Stillschweigens und der ungeduldigen Bewegung, die
+er machte, da&szlig; sie nur noch schelmischer lachte.</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; gestehen, da&szlig; Sie weder sehr gastfrei
+noch sehr dankbar sind,« meinte sie vorwurfsvoll und
+schmollte wieder. »Sie wissen, da&szlig; ich Ihnen Schutz
+gew&auml;hrte.«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;. Das werde ich nie vergessen.«</p>
+
+<p>Er durchma&szlig; das Zimmer ruhelos, dann kam
+er zur&uuml;ck und blickte mit unruhigem, unentschlossenem
+Ausdruck in den Z&uuml;gen in ihr l&auml;chelndes Antlitz nieder.
+»Gr&auml;fin, Sie m&uuml;ssen wissen, da&szlig; Sie absichtlich<span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span>
+die Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten
+Sie, da&szlig; Sie mir nicht tausendmal willkommen sind,
+da&szlig; ich nicht mit Freuden alles und jedes f&uuml;r Sie t&auml;te,
+was in meiner Macht steht! Aber hier d&uuml;rfen Sie
+nicht bleiben!«</p>
+
+<p>»Nicht hier bleiben? O, das mu&szlig; ich aber.« Sie
+setzte sich in ihrem Stuhle aufrecht und blickte ihn mit
+verwunderten Augen an &mdash; sie war aufrichtig erstaunt
+und &uuml;berrascht; sie verstand ihn nicht im mindesten.
+»Sehen Sie doch nur &mdash; h&ouml;ren Sie nur! Kann
+ich in diesem Unwetter &uuml;ber die Halde reiten? Nicht
+um die Welt t&auml;te ich das &mdash; nicht, wenn ich ein
+Dutzend Leute bei mir h&auml;tte!«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich wei&szlig; &mdash; ich wei&szlig;!« Er machte eine
+Handbewegung nach dem Fenster hin, gegen das der
+Regen mit unverminderter Heftigkeit schlug, und sein
+Gesicht verd&uuml;sterte sich noch mehr. »Ich wei&szlig;, es ist
+augenblicklich unm&ouml;glich,« sagte er. »Das meinte ich
+nicht. Aber das Gewitter kann vor&uuml;berziehen: in
+einer Stunde kann alles vorbei sein.«</p>
+
+<p>»Vielleicht &mdash; aber nicht wahrscheinlich. Und die
+Landstra&szlig;e wird in einen wahren Morast verwandelt
+sein &mdash; wie immer nach einem unserer Gewitter. Es
+tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich f&uuml;rchte, Sie
+werden mich bis zum Morgen hier behalten m&uuml;ssen.«</p>
+
+<p>»Es ist unm&ouml;glich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit
+und Gereiztheit stampfte er mit dem Fu&szlig;e; ihr unschuldiger
+Eigensinn und ihre arglose Gelassenheit trieben
+ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz
+allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren
+konnte. Aus ihren letzten Worten klang es<span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span>
+wie verwundeter Stolz, wie eine Regung schmerzlichen
+&Auml;rgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. Sie
+war augenscheinlich nahe daran, b&ouml;se auf ihn zu
+werden. »Es ist ausgeschlossen, da&szlig; Sie hier bleiben,«
+sprach er. »Was w&uuml;rden sie in Turret Court denken?«</p>
+
+<p>»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben,
+ich sei bei Brentwoods geblieben.«</p>
+
+<p>Sie war noch zu best&uuml;rzt und erstaunt, um zornig
+zu werden; in dem Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag
+nicht das leiseste Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Situation. Aber
+als sie seinen Augen begegnete, err&ouml;tete sie pl&ouml;tzlich
+bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend,
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Ich glaube gar, Sie halten es f&uuml;r unpassend!«
+rief sie ungl&auml;ubig, »und meinen, sie werden b&ouml;se sein,
+weil ich hier bei Ihnen bin!«</p>
+
+<p>»Ich bef&uuml;rchte allerdings, da&szlig; Ihr Hiersein Sir
+Jasper und Lady Agathe verdrie&szlig;en wird.«</p>
+
+<p>Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen,
+als sie ihn mit ihren gro&szlig;en, weitge&ouml;ffneten, emp&ouml;rten
+Augen anblickte.</p>
+
+<p>»Aber es ist so t&ouml;richt &mdash; so l&auml;cherlich! Keiner
+von uns ist doch schuld an dem Gewitter! Und konnte
+ich anders, als hierherkommen, und konnten Sie sich
+weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns
+dem Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? B&ouml;se?
+Wie k&ouml;nnen sie b&ouml;se sein? Weshalb sollten sie? Wie
+kann irgend jemand dar&uuml;ber b&ouml;se werden?«</p>
+
+<p>Er h&auml;tte ihr sagen k&ouml;nnen, wer, denn er dachte
+an Talbot Chichester, ihren Verlobten, an den sie
+bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er hatte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span>
+den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit,
+die leicht verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount
+wohl durchschaut, und erst am gestrigen Tage
+hatte ihm Roy Mortlake eine sp&ouml;ttische Schilderung
+entworfen &uuml;ber die Einwendungen, die &rsaquo;der alte Chichester&lsaquo;
+gegen die Begegnungen und Unterhaltungen
+auf der Halde erhoben. Die kleine Cis hatte das, was
+ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend &uuml;ber das
+bewu&szlig;te Gespr&auml;ch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder
+berichtet.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie!
+Ich wei&szlig;, da&szlig; das ausgeschlossen ist. Und h&auml;tten Sie
+&uuml;berall, nur nicht hier, Schutz gesucht, so h&auml;tte es
+nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht zu
+viel heraus, wenn ich sage, da&szlig; ich in Turret Court
+nicht gut angeschrieben bin.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillk&uuml;rlich.
+»Sir Jasper kann Sie nicht leiden, obgleich
+ich nicht wei&szlig;, weshalb. Aber was bleibt ihm anders
+&uuml;brig &mdash; was kann irgendeiner, der zu mir geh&ouml;rt,
+anderes tun &mdash; als Ihnen f&uuml;r den Schutz danken,
+den Sie mir gew&auml;hrt haben?«</p>
+
+<p>Ihre Wangen ergl&uuml;hten aufs neue, und sie hob
+hochm&uuml;tig den Kopf &mdash; er wu&szlig;te weshalb.</p>
+
+<p>»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es
+wagen w&uuml;rde, mich f&uuml;r etwas, das ich tue, zur Rechenschaft
+zu ziehen?«</p>
+
+<p>Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar &uuml;ber dem
+Hause, der es bis in seine Grundfesten zu ersch&uuml;ttern
+schien, und ein flammender Blitz, der gerade zwischen
+ihnen niederfuhr, machte f&uuml;r den Augenblick eine<span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span>
+Antwort unm&ouml;glich. Erst als das letzte Donnerrollen
+in der Ferne verklang, hub Leath langsam an:</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, es war unrecht von mir, so zu
+sprechen, wie ich getan habe, denn Sie haben recht:
+Wer, der Sie kennt, w&uuml;rde sich herausnehmen, etwas
+zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gr&auml;fin,
+Sie wissen, da&szlig; das nur geschah, weil ich an Sie und
+f&uuml;r Sie dachte.«</p>
+
+<p>Sie war vor dem grellen Blitz zur&uuml;ckgewichen und
+dabei wieder in ihren Stuhl gesunken. Von dorther
+antwortete sie ruhig und freundlich, obgleich auch
+mit einem Anflug von K&auml;lte:</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;, davon bin ich &uuml;berzeugt, Herr Leath!«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen. Ich mu&szlig; wegen meiner
+Dummheit um Entschuldigung bitten &mdash; es war verkehrt
+von mir. Allem Anschein nach werden Sie
+allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court
+gelangen k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>»Das f&uuml;rchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«</p>
+
+<p>»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so
+behaglich, wie er sein k&ouml;nnte.«</p>
+
+<p>Ihr Ton war jetzt f&ouml;rmlich und gezwungen, er
+dagegen hatte einen leichten und heiteren angeschlagen.</p>
+
+<p>»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vor&uuml;ber
+sein sollte, &mdash; und jetzt sieht es nicht darnach
+aus, &mdash; ist es r&auml;tselhaft, wie Sie ohne einen Wagen,
+den ich nicht besitze, &uuml;ber die Halde kommen sollten.
+Sie m&uuml;ssen hier bleiben und es sich so bequem wie
+m&ouml;glich machen, und ich will nach dem Bungalow
+hin&uuml;bergehen &mdash; das ist die n&auml;chste Behausung. Herr
+Sherriff wird mir schon ein Unterkommen f&uuml;r die<span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span>
+Nacht gew&auml;hren. Daran h&auml;tte ich schon eher denken
+sollen.«</p>
+
+<p>»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence
+mechanisch. Sie fuhr wieder von ihrem Stuhl auf.</p>
+
+<p>»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie
+wollen den weiten Weg &mdash; fast dreiviertel Stunden
+&mdash; in solch einem furchtbaren Gewitter machen! Sie
+w&uuml;rden bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t &mdash; Sie k&ouml;nnten
+vom Blitz erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr
+Leath, &mdash; ich gebe es nicht zu, &mdash; Sie k&ouml;nnen unm&ouml;glich
+glauben, da&szlig; ich das dulden w&uuml;rde! Und
+au&szlig;erdem w&uuml;rde ich ganz allein sein! Ich k&ouml;nnte es
+in diesem einsamen Hause, noch dazu bei diesem Gewitter,
+nicht aushalten! O, Sie m&uuml;ssen mich hier
+nicht allein lassen &mdash; wirklich nicht! Ich glaube, ich
+w&uuml;rde vor Angst umkommen, ehe der Morgen
+anbr&auml;che.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein &mdash; Sie mi&szlig;verstehen mich! Glauben
+Sie mir, es ist mir nicht eingefallen, Sie allein zu
+lassen,« antwortete Leath in sanftem Tone.</p>
+
+<p>Es ber&uuml;hrte ihn sonderbar, das Zittern der Hand
+zu sp&uuml;ren, mit der sie sein Handgelenk umfa&szlig;te, wie
+dem angstvollen Flehen ihrer Augen zu begegnen.
+Dies war nicht Gr&auml;fin Esmond, die er zuerst kennen
+gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde
+getroffen, selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebensw&uuml;rdigsten
+Stimmung gewesen, sondern ein furchtsames
+Gesch&ouml;pfchen, das sich wie ein Kind schutzheischend
+an ihn klammerte.</p>
+
+<p>»Es w&uuml;rde mir nicht im Traume einfallen, Sie
+hier allein zu lassen,« sprach er beschwichtigend. »Sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span>
+kennen die Alte, die f&uuml;r mich sorgt &mdash; Frau Young
+&mdash; Sie kennen alle Welt in St. Mellions &mdash; Sie werden
+in ihrer Obhut sicher geborgen sein.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich &mdash; das mag schon sein. Ich hatte
+sie vergessen.« Sie lie&szlig; seinen Arm los. »Aber, Herr
+Leath, Sie m&uuml;ssen sich nicht in dies Unwetter hinauswagen,
+nur weil ich hier bin. Es ist t&ouml;richt &mdash; abgeschmackt!
+Ich kann es wirklich nicht zulassen.«</p>
+
+<p>»Ich bin an Unwetter gew&ouml;hnt,« antwortete
+Leath heiter, »und gegen alle Unbill der Witterung
+gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut na&szlig;
+zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade
+erschlagen. Sie werden sich in Frau Youngs Obhut
+also nicht f&uuml;rchten?«</p>
+
+<p>»Nein,« stammelte Florence z&ouml;gernd, »ich glaube
+nicht, da&szlig; ich mich f&uuml;rchten w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Dann m&uuml;ssen Sie mich gehen lassen! In einer
+halben Stunde bin ich im Bungalow, und sp&auml;ter, wenn
+das Gewitter nachl&auml;&szlig;t, will ich nach Turret Court
+gehen und Ihre Angeh&ouml;rigen wissen lassen, wo Sie
+sind. Es ist am besten so, glauben Sie mir.«</p>
+
+<p>»Gut,« gab das junge M&auml;dchen mit Widerstreben
+nach. »Trotzdem m&ouml;chte ich viel lieber, Sie t&auml;ten es
+nicht, Herr Leath. Aber Sie warten wenigstens, bis
+der Regen ein wenig nachl&auml;&szlig;t? Es gie&szlig;t in Str&ouml;men
+&mdash; h&ouml;ren Sie nur! Und der Blitz &mdash; sehen Sie!«</p>
+
+<p>Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die
+Blitze waren noch ebenso blendend und ebenso h&auml;ufig,
+der Donner klang noch ebenso nahe. Leath machte die
+L&auml;den zu und zog die Vorh&auml;nge zusammen.</p>
+
+<p>»Sie werden weniger &auml;ngstlich sein, wenn Sie<span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span>
+nicht hinaussehen,« sagte er. »Ich habe hier eine
+Menge B&uuml;cher; Sie m&uuml;ssen versuchen, sich mit ihnen
+die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen.
+Ich will eine halbe Stunde warten, ich m&ouml;chte, wenn
+es angeht, Ihr Pferd gern sicher in den Stall bringen,
+ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen wollen,
+so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer
+F&uuml;rsorge bis morgen fr&uuml;h empfehlen.«</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Zimmer. Florence sa&szlig;, ohne sich
+zu regen, und blickte mit einem bek&uuml;mmerten Ausdruck
+in den Augen gerade vor sich hin; dabei entging
+es ihr nicht, wie h&auml;&szlig;lich, wie kahl und schmucklos der
+ganze Raum war, ohne etwas H&uuml;bsches oder &Uuml;berfl&uuml;ssiges,
+au&szlig;er Haufen von B&uuml;chern von allen
+Formen, Farben und Gr&ouml;&szlig;en! Als Everard Leath
+seine Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich
+nur an das Notwendigste gedacht.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r &ouml;ffnete sich, und er kam wieder herein.
+Beim ersten Blick auf sein Gesicht rief das junge
+M&auml;dchen unwillk&uuml;rlich:</p>
+
+<p>»Was ist Ihnen?«</p>
+
+<p class="pmb3">»Es tut mir sehr leid, Gr&auml;fin,« sprach er hastig,
+»ich hatte ganz und gar vergessen, da&szlig; ich Frau Young
+erlaubt hatte, heute nachmittag auszugehen, sie ist
+nicht wiedergekommen. Das Gewitter mu&szlig; sie zur&uuml;ckgehalten
+haben, daran habe ich nicht gedacht!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_13">13.</h2>
+</div>
+
+<p>Die beiden standen sich einen Augenblick gegen&uuml;ber
+und sahen sich an, Leath mit d&uuml;sterem, verst&ouml;rtem
+Antlitz, w&auml;hrend Florences Z&uuml;ge nur Erstaunen bekundeten.
+Dann trug ihr munteres Temperament
+und ihre Empfindung, da&szlig; die Situation wirklich
+etwas sehr Komisches hatte, pl&ouml;tzlich &uuml;ber ihre augenblickliche
+Fassungslosigkeit den Sieg davon. Es zuckte
+schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten &mdash; sie
+brach in ein silberhelles Lachen aus.</p>
+
+<p>»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen
+in den Chichester Arms?«</p>
+
+<p>»Vermutlich.«</p>
+
+<p>»Und in dem Falle wird sie nicht zur&uuml;ckkommen?«</p>
+
+<p>»Nicht vor morgen fr&uuml;h, f&uuml;rchte ich.«</p>
+
+<p>»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut
+mir sehr leid, Herr Leath; ich wei&szlig;, da&szlig; ich Ihnen
+schrecklich im Wege bin, aber Sie k&ouml;nnen mich doch
+nicht an die Luft setzen.«</p>
+
+<p>»Es w&auml;re das letzte, was mir in den Sinn kommen
+w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Und es ist ebenso unm&ouml;glich, da&szlig; Sie fortgehen
+und mich hier allein lassen &mdash; ich w&uuml;rde mich zu
+Tode &auml;ngstigen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span></p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, es geht nicht. Ich w&uuml;rde es nicht
+gegen Ihren Willen tun.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen. Wir m&uuml;ssen uns also, so gut
+es geht, in das Unvermeidliche finden, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das m&uuml;ssen wir wohl.«</p>
+
+<p>Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre
+Stimme klang nicht mehr beklommen; in ihrem
+L&auml;cheln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die
+Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence
+sah es, runzelte die Stirn und ging dann entschlossen
+ans Werk, seine Besorgnisse zu verscheuchen. Als sie
+auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, da&szlig; sie sehr
+nahe daran sei, ihn schlie&szlig;lich doch leiden zu m&ouml;gen.
+Sie f&uuml;hlte, wie ihr das Blut hei&szlig; in die Wangen
+stieg, obgleich sie sich die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he gab, nicht rot
+zu werden.</p>
+
+<p>»Bitte, machen Sie sich keine unn&ouml;tigen Sorgen
+mehr,« sagte sie freundlich, »wir sind beide das Opfer
+der Umst&auml;nde.« Sie lachte munter auf. »Ich bin doch
+nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte
+Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar
+ganz gew&ouml;hnliche Sterbliche, die verst&auml;ndigerweise
+nicht Lust haben, in den Wasserfluten zu ertrinken.
+Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner
+Stute f&uuml;r die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie
+mir den Weg zeigen wollen, so kann ich Ihnen vielleicht
+helfen, zum Beispiel das Licht halten. Aber
+ich f&uuml;rchte, Sie m&uuml;ssen ihr die Augen verbinden, wenn
+Sie sie nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft
+wie vorher, und sie &auml;ngstigt sich schrecklich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span></p>
+
+<p>Sie schritt auf die T&uuml;r zu. Leath blieb nichts
+anderes &uuml;brig, als sein Unbehagen zu verbergen,
+sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut er konnte,
+und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die K&uuml;che,
+wo er das Pferd gelassen, und w&auml;hrend sie das noch
+zitternde Tier streichelte und liebkoste, nahm er ihm
+behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen gro&szlig;en
+wasserdichten Kutschermantel &uuml;ber, verband der Stute
+die Augen und f&uuml;hrte sie hinaus. Florence stand in
+der offenen T&uuml;r und hielt eine Lampe hoch empor,
+um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr
+ganz so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufh&ouml;rlich,
+der Regen go&szlig; in Str&ouml;men herab, der Garten
+war in einen Morast verwandelt und der Pfad in
+einen Bach.</p>
+
+<p>Als Leath wieder ins Haus zur&uuml;ckging, nachdem
+er die Stute in dem Stand neben seinem eigenen
+Pferde untergebracht hatte, das es mit jedem Rosse,
+das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount
+zu finden war, aufnehmen konnte, spritzte
+das Wasser hoch &uuml;ber die hohen Reitstiefel, die er
+trug, empor. An ein &Uuml;berschreiten der Halde war
+heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!</p>
+
+<p>Die Lampe, die Florence f&uuml;r ihn gehalten hatte,
+stand auf dem Tische, als er wieder in die K&uuml;che
+trat, aber sie selbst war nicht dort. Er entledigte sich
+seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins
+Wohnzimmer zur&uuml;ck. Sie stand am Tische; er sah,
+da&szlig; sie sich ihm lebhaft zuwandte.</p>
+
+<p>»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich
+fing schon an zu glauben, Sie h&auml;tten mir Ihr Wort<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span>
+gebrochen und w&auml;ren fortgegangen. Ist die Stute
+ruhig?«</p>
+
+<p>»V&ouml;llig &mdash; und gut versorgt. Ich bin zum Gl&uuml;ck
+kein schlechter Reitknecht.«</p>
+
+<p>»Es ist sehr lieb von Ihnen, da&szlig; Sie sich so viel
+M&uuml;he gemacht haben.«</p>
+
+<p>Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily
+war ihr besonderer Liebling, und sie schenkte ihm
+ein L&auml;cheln, das jeden Mann belohnt haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Hat der Regen nachgelassen?«</p>
+
+<p>»Kaum. Es ist gut, da&szlig; das Haus hoch liegt,
+sonst w&uuml;rden wir Gefahr laufen, &uuml;berschwemmt zu
+werden.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn mit ver&auml;ndertem Ausdruck an.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, Herr Leath, da&szlig; Ihre Uhr eben
+acht geschlagen hat?«</p>
+
+<p>»Ist es schon so sp&auml;t? Nein &mdash; das wu&szlig;te ich
+nicht. Sind Sie m&uuml;de?«</p>
+
+<p>»Gar nicht! M&uuml;de um acht Uhr? Aber ich bin
+schrecklich hungrig. Wissen Sie wohl, da&szlig; ich gar
+nicht zu Mittag gegessen habe?«</p>
+
+<p>»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht!
+Ich mu&szlig; um Entschuldigung bitten! Frau
+Young gibt mir mein Essen gew&ouml;hnlich mittags,
+und &mdash;«</p>
+
+<p>»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence
+schnell ein. »Ja, das meinte ich. Ich wollte nur sagen,
+da&szlig; es wohl Zeit zum Abendessen sein m&uuml;sse. Zeigen
+Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch
+und Ihre Teller aufbewahren, und ich will Ihnen
+helfen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span></p>
+
+<p>Wieder blieb ihm nichts anderes &uuml;brig, als sich
+zu f&uuml;gen und ihr zu folgen, obgleich sie sich drau&szlig;en
+in der K&uuml;che viel gewandter als er im Auftreiben
+des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen
+erwies. Messer, Gabeln, L&ouml;ffel, Teller, Gl&auml;ser und
+Plattmenage &mdash; sie fand sie alle und lachte mit
+drolligem Vergn&uuml;gen &uuml;ber ihre eigene Pfiffigkeit und
+vor Freude &uuml;ber die ungewohnte Besch&auml;ftigung; ihr
+fr&ouml;hliches Lachen war einfach unwiderstehlich.</p>
+
+<p>»Es ist wie ein Picknick,« erkl&auml;rte sie lustig,
+»ich finde es famos! Eigentlich ist es ein Spa&szlig;, da&szlig;
+Frau Young nicht hier ist, sonst h&auml;tte sie dies alles
+getan. Wissen Sie wohl, da&szlig; ich wirklich glaube, ich
+m&ouml;chte arm sein &mdash; das hei&szlig;t arm genug, um mich
+mitunter selbst bedienen zu m&uuml;ssen?«</p>
+
+<p>»Ich bezweifle, da&szlig; es Ihnen gefallen w&uuml;rde,«
+antwortete Leath geradezu. Er selbst hatte nicht viel
+mehr getan, als ihr zugesehen, wie sie im tr&uuml;ben
+Lampenschein durch die K&uuml;che huschte, und die verschiedenen
+Gegenst&auml;nde, die sie ihm mit allerhand Anweisungen
+reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.</p>
+
+<p>»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gr&auml;fin, w&uuml;rden
+Sie wohl anderer Ansicht werden.«</p>
+
+<p>»O, das wei&szlig; ich doch nicht recht! Wirkliche Armut
+ist nat&uuml;rlich schrecklich &mdash;«</p>
+
+<p>»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen
+ins Wort, und sein Gesicht wurde pl&ouml;tzlich finster,
+»davon kann ich mitreden, sie ist mir mein Leben lang
+zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«</p>
+
+<p>»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort,
+»nur, da&szlig; ich glaube, es lebt sich freier und leichter<span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span>
+ohne so viel Geld und so viel W&uuml;rde und so viel Dienerschaft.
+O, das ist mitunter sehr l&auml;stig, die Versicherung
+kann ich Ihnen geben &mdash; jedenfalls empfinde ich es
+als eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht
+wahr? Tragen Sie das Teebrett; ich nehme das Tischtuch,
+und wir wollen den Tisch decken.«</p>
+
+<p>Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging
+es in die Speisekammer, und der gr&ouml;&szlig;ere Teil ihres
+Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett in das
+Wohnzimmer bef&ouml;rdert. Als sie eine Schale mit Rosen
+als letztes mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete
+Florence ihr Werk mit drolligzufriedener
+Miene.</p>
+
+<p>»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie.
+»Wenn Sie kein schlechter Reitknecht sind, Herr Leath,
+so darf ich wohl sagen, da&szlig; ich kein schlechtes Stubenm&auml;dchen
+abgeben w&uuml;rde. Dort ist Ihr Platz, bitte,
+und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, da&szlig; ich Enten
+zerschneiden k&ouml;nnte, ebensowenig, wie ich imstande
+w&auml;re, sie zu braten.«</p>
+
+<p>»Das w&uuml;rde peinlich sein, wenn Sie arm w&auml;ren,
+nicht wahr?« fragte Leath trocken, w&auml;hrend sie sich
+setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. Er sprach
+ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verst&ouml;rten Ausdruck
+verloren &mdash; er dr&auml;ngte alle unangenehmen Erw&auml;gungen
+entschlossen zur&uuml;ck. F&uuml;r den Augenblick
+konnte er nichts anderes tun, als die Wonne ihrer
+N&auml;he auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere
+Stimmung einzugehen, so gut er konnte.</p>
+
+<p>»Bah! Nur ein Weilchen! Ich w&uuml;rde mir ein
+Kochbuch kaufen und es lernen. Dabei f&auml;llt mir ein,<span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span>
+da&szlig; ich jetzt wundersch&ouml;nen Kaffee machen kann; deshalb
+bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine
+zu setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee
+trinken.«</p>
+
+<p>Das Gewitter tobte noch mit fast unver&auml;nderter
+Heftigkeit weiter, als sie nach einer Weile in die K&uuml;che
+zur&uuml;ckkehrte, um Kaffee zu kochen, und auch noch nach
+mehr als einer Stunde, als Florence pl&ouml;tzlich ein
+G&auml;hnen nicht zu unterdr&uuml;cken vermochte, w&auml;hrend sie
+sich in ihren gro&szlig;en Korbstuhl zur&uuml;cklehnte.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich werde m&uuml;de,« sagte sie, »und es
+ist doch erst zehn Uhr! Sie m&uuml;ssen das auf Rechnung
+meiner ungewohnten Anstrengung setzen, den Kaffee
+zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber
+daran ist mein Mangel an &Uuml;bung schuld, wissen Sie.«
+Sie blickte lachend zu ihm hin&uuml;ber. »Sie haben
+Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt mu&szlig; ich
+Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«</p>
+
+<p>»Sofort, wenn Sie m&uuml;de sind. Es ist das Zimmer
+an der anderen Seite &mdash; quer &uuml;ber dem Vorplatz. &mdash;
+Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, da&szlig; es im
+Erdgescho&szlig; liegt?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten.« Sie hielt z&ouml;gernd inne.</p>
+
+<p>»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Es ist das einzige im Hause, au&szlig;er diesem, ausgenommen
+die K&uuml;che und Frau Youngs Dachst&uuml;bchen,
+wo ich Sie entschieden nicht unterbringen kann.«</p>
+
+<p>Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse
+sch&uuml;ttelte sie bei der Erw&auml;hnung der Bodenkammer den<span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span>
+Kopf. »Es tut mir sehr leid, da&szlig; meine Behausung
+r&auml;umlich so beschr&auml;nkt ist, Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich gern &mdash; und zwar, da&szlig; es Ihnen
+um Ihrer selbst willen leid tut, da ich Sie so ohne Umst&auml;nde
+aus Ihrem Gemache vertreibe.«</p>
+
+<p>Sie besa&szlig; zu viel Takt, um Einwendungen zu
+machen &mdash; sie nahm die Dinge, wie sie lagen.</p>
+
+<p>»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl
+mit einer Decke Ihr Nachtlager auf der Chaiselongue
+aufschlagen?«</p>
+
+<p>»Ja, das ist meine Absicht.«</p>
+
+<p>»Ich f&uuml;rchte, das wird schauderhaft unbehaglich
+f&uuml;r Sie werden!«</p>
+
+<p>»Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten, wie oft ich im Freien &uuml;bernachtet
+habe, so w&uuml;rden Sie das nicht denken.« Er
+stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten Sie
+nicht schlafen k&ouml;nnen oder sich in der Nacht &auml;ngstigen,
+so tr&ouml;ste Sie der Gedanke, da&szlig; ich Sie hiermit beschirme.«</p>
+
+<p>»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt,
+zur&uuml;ck. »Haben Sie das gr&auml;&szlig;liche Ding
+immer bei sich, und geladen?«</p>
+
+<p>»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich
+drau&szlig;en kampierte, und da dies Haus ziemlich einsam
+liegt, habe ich dies Paar immer in Bereitschaft.
+Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie w&uuml;rden sich sicherer
+f&uuml;hlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer h&auml;tten.«</p>
+
+<p>»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht
+um die Welt!« &mdash; Unwillk&uuml;rlich wich sie noch weiter
+zur&uuml;ck. »Ich w&auml;re bange, es nur anzur&uuml;hren, und<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span>
+wenn ich jemand ersch&ouml;sse, so w&uuml;rde vermutlich ich
+selbst es sein. Au&szlig;erdem f&uuml;rchte ich mich nicht, wenn Sie
+hier sind. Weshalb sollte ich auch?«</p>
+
+<p>»Weshalb, in der Tat?«</p>
+
+<p>Mit einem seltsamen L&auml;cheln, das sie nicht sah,
+legte er den Revolver nieder.</p>
+
+<p>Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm
+zu, w&auml;hrend er ein Licht herbeiholte und es f&uuml;r sie
+anz&uuml;ndete.</p>
+
+<p>»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »&mdash; und morgen
+fr&uuml;h?«</p>
+
+<p>»Ja?« fragte er, als sie z&ouml;gernd innehielt.</p>
+
+<p>»Sie werden nicht sehr fr&uuml;h nach Turret Court
+gehen, um ihnen zu sagen, wo ich bin, und da&szlig; sie mir
+den Wagen schicken m&ouml;chten?«</p>
+
+<p>»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald
+ich kann. Ist Ihnen das recht?«</p>
+
+<p>»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte
+nur vorschlagen, da&szlig; es besser w&auml;re, wenn Sie nach
+Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. Und
+wenn Sie zu fr&uuml;h kommen, so wird sie noch nicht
+unten sein.«</p>
+
+<p>Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem
+&Auml;rger und ihrer Verwunderung mit d&uuml;rren Worten gesagt
+hatte: »Sir Jasper kann Sie nicht leiden!« und
+err&ouml;tete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem Gedanken,
+er k&ouml;nne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag
+mache, denn sie ahnte nicht, da&szlig; er ebensoviel<span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span>
+wu&szlig;te, wie sie ihm sagen konnte. Er verstand das
+und antwortete vorsichtig, damit sie solche Kenntnis
+nicht bei ihm voraussetzen sollte:</p>
+
+<p>»Ich h&auml;tte sowieso nach Lady Agathe gefragt.
+Es freut mich, da&szlig; es das Richtige gewesen sein w&uuml;rde.
+Vielleicht k&ouml;nnte ich vorschlagen, da&szlig; Fr&auml;ulein Mortlake
+Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie
+dazu?«</p>
+
+<p>»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das
+Licht. »Ich danke Ihnen, Herr Leath. Nun will ich
+Ihnen gute Nacht w&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«</p>
+
+<p>Er ging mit ihr &uuml;ber den schmalen Korridor,
+machte die T&uuml;r auf und lie&szlig; sie eintreten.</p>
+
+<p>»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er
+ruhig, »w&auml;hrend Sie Umschau halten, ob Ihnen irgend
+etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie und sagen
+es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier
+zu beschaffen ist.«</p>
+
+<p>Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen
+steckte sie den Kopf durch die T&uuml;r, ihm das zu sagen,
+gab ihm die Hand und w&uuml;nschte ihm Gutenacht.
+Dann machte sie die T&uuml;r zu, und er kehrte wieder
+ins Wohnzimmer zur&uuml;ck, wo er gleich darauf die
+Lampe ausl&ouml;schte und sich aufs Sofa streckte, den Revolver
+dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter
+dem weiten blauen australischen Himmel getan. &mdash;</p>
+
+<p>Ein fast ebenso blauer Himmel gr&uuml;&szlig;te ihn, als
+er am n&auml;chsten Morgen erwachte &mdash; das Gewitter war<span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span>
+ganz vor&uuml;ber, und die Sonne schien hell. Er stand leise
+auf und horchte an der Schlafstubent&uuml;r, aber au&szlig;er
+Gr&auml;fin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes
+Ohr vernahm, lie&szlig; sich drinnen kein Laut h&ouml;ren. Sie
+schlief anscheinend. Er schob den Riegel der Haust&uuml;r
+vorsichtig zur&uuml;ck, damit er sie nicht st&ouml;re, und verbrachte
+die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen
+verging, damit, im Sonnenschein auf und ab zu gehen.</p>
+
+<p>So hell und warm die Sonne auch schien, denn
+sie stand schon hoch, &mdash; ihm hatten die ersten Nachtstunden
+keinen Schlummer gebracht, und er hatte
+viel l&auml;nger als sonst geschlafen, &mdash; so hatte sie doch
+die nassen Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet.
+Der Weg, in dem er auf und nieder
+schritt, war ein rieselnder Bach; eine gro&szlig;e Wasserlache
+stand jenseits der Pforte; die Gartengew&auml;chse,
+Blumen sowohl wie Gem&uuml;se, lagen ganz verregnet,
+besch&auml;digt und geknickt da. Einmal blieb Leath stehen
+und sah sich um.</p>
+
+<p>»Da sie &uuml;berhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte
+er laut, »freut es mich, da&szlig; das Gewitter so heftig
+gewesen. Ja &mdash; je schlimmer es war, desto besser.«</p>
+
+<p>Frau Young erschien bald darauf und war sehr
+verwundert, ihren Herrn ihrer wartend zu finden. Sie
+erging sich in wortreichen Entschuldigungen &uuml;ber ihr
+Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt ihr ohne
+Umst&auml;nde das Wort ab, f&uuml;hrte sie in die K&uuml;che und
+setzte sie dort von Gr&auml;fin Florences Anwesenheit in
+Kenntnis. Dann fr&uuml;hst&uuml;ckte er hastig im Stehen,
+sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach Turret<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span>
+Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag
+daran, die unangenehme Aufgabe, die er vor sich
+hatte, m&ouml;glichst schnell zu erledigen.</p>
+
+<p>Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten
+Wege gestattete, an seinem Bestimmungsorte
+angelangt war, fragte er pflichtschuldigst nach Lady
+Agathe. Der Diener, der den fr&uuml;hen Besuch verwundert
+anstarrte, wu&szlig;te nicht gewi&szlig;, ob die Gr&auml;fin
+schon unten sei, und ersuchte ihn, n&auml;herzutreten und
+zu warten, w&auml;hrend er sich erkundigte. Leath trat in
+das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.</p>
+
+<p>Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll
+Interesse um. Bei dem einen ungl&uuml;cklichen Besuch, den
+er Turret Court abgestattet, war der Speisesaal das
+einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach
+gefiel ihm besser: gro&szlig; und hoch, war es ein
+sch&ouml;ner Raum.</p>
+
+<p>Nachdem er einen allgemeinen &Uuml;berblick gewonnen,
+trat er an eines der B&uuml;cherregale und
+musterte die Titel der dort aufgereihten B&auml;nde. Da
+&ouml;ffnete sich die T&uuml;r, und er wandte sich um. Aber nicht
+Lady Agathe, sondern Sir Jasper selbst trat ein.</p>
+
+<p>War ihm die Bestellung gemacht worden, oder
+hatte er einfach seine Frau den Mann nicht empfangen
+lassen wollen, dem gegen&uuml;ber er es f&uuml;r gut befunden,
+eine bittere und durch nichts veranla&szlig;te Abneigung
+zur Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath
+vor, w&auml;hrend er sich umwandte. Beide wurden sofort
+beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von seiner Anwesenheit
+in dem Zimmer gewu&szlig;t, denn als ihre Augen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span>
+sich begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens
+und &mdash; ja, war es des Schreckens? &mdash; in sein
+glattes, sch&ouml;nes Antlitz. Sein j&auml;hes Erblassen lie&szlig;
+allerdings auf ein Erschrecken schlie&szlig;en.</p>
+
+<p class="pmb3">Er stie&szlig; einen heiseren Wutschrei aus und sprang
+mit erhobener Hand auf den anderen zu, als wolle
+er ihn niederschlagen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_14">14.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath wich vor des Barons erhobener
+Hand und seinem wutverzerrten, erstaunten, erbla&szlig;ten
+Antlitz nicht zur&uuml;ck. Seine eigene Verwunderung hielt
+ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht
+so gewesen, w&uuml;rde er keine ausweichende Bewegung
+gemacht haben. Er h&auml;tte es in jedem Falle mit dem
+schlanken, grauk&ouml;pfigen &auml;lteren Manne in seinem
+tadellos sitzenden schwarzen &Uuml;berrock aufnehmen
+k&ouml;nnen. Es lag ebensoviel sp&ouml;ttische Belustigung wie
+k&uuml;hles Erstaunen in seinem Ausdruck. Sir Jasper
+hielt inne und lie&szlig; die Hand sinken.</p>
+
+<p>»Was &mdash; was wollen Sie?«</p>
+
+<p>Die Worte wurden hervorgesto&szlig;en, als seien
+Zunge und Kehle trocken, aber Leaths Antwort erfolgte
+umgehend. Seine Belustigung stieg.</p>
+
+<p>»Nichts von Ihnen, Sir Jasper &mdash; nicht einmal
+an die Luft gesetzt zu werden. Ich komme nicht in
+eigener Angelegenheit und auch durchaus nicht zu
+meinem Vergn&uuml;gen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung,
+da&szlig; ich nicht nach Ihnen gefragt habe.
+Ich w&uuml;nschte Ihre Frau Gemahlin zu sprechen.«</p>
+
+<p>»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam.
+Er sprach noch ebenso heiser und undeutlich, schien
+sich aber M&uuml;he zu geben, seine Fassung wiederzuerlangen.<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span>
+Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte
+eine Hand auf die Lehne, um sich zu st&uuml;tzen. »Ich &mdash;
+ich begreife nicht, Herr Leath,« sagte er in seiner gewohnten,
+hochfahrenden Art, »was Sie meiner Frau
+zu sagen haben k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen
+bei. »Ich habe Lady Agathe allerdings nichts zu
+sagen, was mich angeht, sondern bin nur der &Uuml;berbringer
+einer Bestellung an sie.«</p>
+
+<p>»Einer Bestellung?«</p>
+
+<p>»Ja, &mdash; einer Bestellung Ihres M&uuml;ndels.«</p>
+
+<p>»Meines M&uuml;ndels?«</p>
+
+<p>Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungl&auml;ubigkeit
+anstatt der namenlosen Wut, die es noch eben zur
+Schau getragen.</p>
+
+<p>»Ist es m&ouml;glich, da&szlig; Sie von der Gr&auml;fin Florence
+Esmond reden, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Ich spreche allerdings von der Gr&auml;fin Florence.«
+Das sp&ouml;ttische L&auml;cheln war jetzt aus Leaths Antlitz
+verschwunden. Er sprach mit ruhiger Gelassenheit.
+»Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer Abwesenheit,
+Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, da&szlig; sie &mdash; die Gr&auml;fin
+&mdash; ungl&uuml;cklicherweise gestern abend von dem Gewitter
+&uuml;berrascht worden ist.«</p>
+
+<p>»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall
+geblieben!«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; leider nicht. Sie verlie&szlig; Brentwood
+Hall kurz vor dem Ausbruch des Gewitters, in dem
+Glauben, da&szlig; sie noch vorher heimgelangen w&uuml;rde.
+Zum Gl&uuml;ck brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut
+erreicht hatte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span></p>
+
+<p>»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus,
+in dem Sie wohnen?«</p>
+
+<p>»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein
+anderes, das so hei&szlig;t. Und ich preise mich gl&uuml;cklich,
+da&szlig; ich dort war, um der Gr&auml;fin ein Obdach anbieten
+zu k&ouml;nnen. Ihre Bestellung &mdash;«</p>
+
+<p>»Wollen Sie damit sagen, da&szlig; sie dort ist &mdash; seit
+gestern abend dort ist?« fragte Sir Jasper barsch.</p>
+
+<p>»Zweifelsohne. Es war unm&ouml;glich, da&szlig; sie sich
+dem Unwetter aussetzte. Selbst wenn ich ihr einen
+Wagen h&auml;tte zur Verf&uuml;gung stellen k&ouml;nnen, &mdash; was
+nicht der Fall ist, &mdash; w&auml;re es nicht ausf&uuml;hrbar gewesen.
+Sie wollte davon nichts h&ouml;ren, da&szlig; ich sie
+allein lie&szlig;, sonst w&uuml;rde ich versucht haben, auf irgendeine
+Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem
+Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie l&auml;&szlig;t Sie bitten,
+ihr sofort einen Wagen zu schicken und ihr Pferd durch
+einen Reitknecht holen zu lassen. Das ist alles, womit
+ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Zimmer; der Baron stand noch
+immer bleich und zornbebend da und umklammerte
+die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im
+Gesicht, der weder Erstaunen noch &Auml;rger ausdr&uuml;ckte,
+sondern etwas viel Schlimmeres.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en ber&uuml;hrte pl&ouml;tzlich eine kleine Hand
+Leaths &Auml;rmel, und als er sich umwandte, sah er sich
+Cis gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen,
+und habe geh&ouml;rt, was Sie erz&auml;hlten! Wie schrecklich
+f&uuml;r die arme Florence, von dem Gewitter &uuml;berrascht<span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span>
+zu werden! Aber welch ein Gl&uuml;ck, da&szlig; Sie da waren!
+Geht es ihr heute morgen gut?«</p>
+
+<p>»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen;
+sie schlief noch, als ich fortging, und daher
+habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und
+blickte l&auml;chelnd in die h&uuml;bschen blauen Augen, w&auml;hrend
+er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis
+war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry
+Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen,
+w&auml;hrend Leath andererseits oft gedacht hatte, welch
+ein holdes, liebensw&uuml;rdiges Schwesterchen sie abgeben
+w&uuml;rde und in der Tat auch f&uuml;r Roy abgab!</p>
+
+<p>»Wir glaubten nat&uuml;rlich alle, da&szlig; Florence in
+Brentwood Hall geblieben w&auml;re. Sonst h&auml;tte ich mich
+wohl halbtot um sie ge&auml;ngstigt. Der Wagen soll sie
+gleich nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck holen &mdash; bis dahin mu&szlig;
+sie warten, da ich nat&uuml;rlich mitfahren werde. Sagen
+Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence erwartet Sie, wie ich wei&szlig;,«
+antwortete Leath ruhig, »aber ich f&uuml;rchte, ich kann
+Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fr&auml;ulein
+Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht
+sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und
+mich bei ihr zu entschuldigen.«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, da&szlig;
+Sie nicht nach Hause zur&uuml;ckkehren, da Sie sie heute
+morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen
+danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich &uuml;ber
+den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich
+nicht zu erkl&auml;ren vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben,<span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span>
+bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen
+danken wollen.«</p>
+
+<p>»Dank ist ganz &uuml;berfl&uuml;ssig,« antwortete Leath in
+seiner kurzen Art. »Was ich f&uuml;r die Gr&auml;fin getan
+habe, Fr&auml;ulein Mortlake, war das mindeste &mdash; in
+der Tat das einzige, was ich unter den Umst&auml;nden
+f&uuml;r sie tun konnte. Sie k&ouml;nnen Ihrer Frau Mutter
+alles viel besser erz&auml;hlen, als ich es verm&ouml;chte. Guten
+Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines
+Abenteuer nicht schaden.«</p>
+
+<p>Sein Gesicht war ernst und finster, als er das
+Haus verlie&szlig; und zu dem Platze ging, an dem er sein
+Pferd gelassen.</p>
+
+<p>»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr
+als das &mdash; unerkl&auml;rlich! Ich bin davon &uuml;berzeugt,
+da&szlig; mein letzter Verdacht so unbegr&uuml;ndet ist, wie mein
+erster war. Ich wei&szlig;, da&szlig; jener Tote, Robert Mortlake,
+nicht Robert Bontine war &mdash; nicht gewesen sein
+kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder,
+bei meinem blo&szlig;en Anblick einen t&ouml;dlichen Schrecken
+zu empfinden! Er kann mich nicht leiden &mdash; hat etwas
+gegen mich &mdash; das ist wahr! &mdash; Aber ist das hinreichend,
+um ein solches Gebaren zu erkl&auml;ren?«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren
+Gatten &mdash; von ersterer mit beredtem Wortschwall, von
+letzterem mit schroffer K&uuml;rze &mdash; von dem Abenteuer
+ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis
+gesetzt worden, beeilte sich mit dem Fr&uuml;hst&uuml;ck und
+dem Ankleiden und fuhr sofort &uuml;ber die Halde nach
+Lychet Hut. Sie war entsetzt, emp&ouml;rt, bek&uuml;mmert,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span>
+erschrocken &mdash; die verschiedenartigsten Gef&uuml;hle st&uuml;rmten
+auf die sanfte, schlichte Frau ein, f&uuml;r die das
+Au&szlig;ergew&ouml;hnliche immer etwas Unrechtes war. Die
+unschuldige Cis, die neben ihr sa&szlig;, hatte nicht das
+geringste Verst&auml;ndnis f&uuml;r die nerv&ouml;se Unruhe der
+Mutter. Der Vorfall war nat&uuml;rlich etwas unangenehm
+f&uuml;r Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch
+eigentlich ein &rsaquo;famoser Spa&szlig;&lsaquo;.</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence, die beim Fr&uuml;hst&uuml;ck sa&szlig;, das die
+verwunderte und noch immer best&uuml;rzte Frau Young
+sorgf&auml;ltig f&uuml;r sie hergerichtet hatte, h&ouml;rte R&auml;derrollen
+auf der durchweichten Landstra&szlig;e und sah den Wagen
+vor der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden
+Abend auf ihrem erschreckten Pferde geritten.
+Es war klar, da&szlig; sie erwartet, eine dritte
+Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen,
+denn ihr Gesicht umw&ouml;lkte sich auf einen Augenblick.</p>
+
+<p>Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen,
+und Lady Agathe stieg, auf den Arm des
+Bedienten gest&uuml;tzt, vorsichtig aus. Cis dagegen bedurfte
+keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad
+hinauf, w&auml;hrend Florence ihr bis an die T&uuml;r des
+Zimmers entgegeneilte und von der warmherzigen
+kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begr&uuml;&szlig;t
+wurde.</p>
+
+<p>»O Florence, was f&uuml;r ein Abenteuer!« rief Cis
+und dr&uuml;ckte sie innig an sich. »Und welch ein Gl&uuml;ck,
+da&szlig; Herr Leath hier war! Du h&auml;ttest in Brentwood
+bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter &uuml;berrascht
+zu werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater
+davon erz&auml;hlen h&ouml;rte, fiel ich fast in Ohnmacht.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p>
+
+<p>»Das w&auml;re unn&ouml;tig gewesen, Liebste,« meinte
+Florence l&auml;chelnd und erwiderte den Ku&szlig; ihrer Cousine
+aufs innigste. »Mir hat es nicht geschadet, wie du
+siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zur&uuml;ckgefahren?«</p>
+
+<p>»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich
+gegen ihn gewesen &mdash; ich glaube es fast. Er
+erz&auml;hlte mir, er habe dich heute morgen noch nicht
+gesehen, und ich meinte, du w&uuml;rdest ihm gewi&szlig; gern
+danken wollen, aber davon nahm er weiter keine
+Notiz &mdash; du wei&szlig;t, was er f&uuml;r ein sonderbarer, halsstarriger
+Mensch ist. Er sagte, er wolle nach dem
+Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen,
+was ich hiermit tue, mein Herz! Welch
+ein kahles, h&auml;&szlig;liches Zimmer, nicht wahr? Wie in
+aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich
+w&uuml;rde es verr&uuml;ckt machen! Dich nicht auch?«</p>
+
+<p>Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam
+langsam den Gartenpfad herauf, und sie hatte einen
+Blick auf ihr blasses, verst&ouml;rtes Gesicht geworfen.
+Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach
+ihrer Cousine um.</p>
+
+<p>»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als h&auml;tte
+sie geweint.«</p>
+
+<p>»Ach, ich wei&szlig; nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,«
+meinte Cis inkonsequent.</p>
+
+<p>Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die
+pl&ouml;tzlich bleicher geworden, an einer Antwort. Sie
+ging der Eintretenden mit blitzenden Augen entgegen.</p>
+
+<p>»Es tut mir leid, Tante Agathe, da&szlig; du dich zu
+so ungew&ouml;hnlich fr&uuml;her Stunde herausgemacht hast!
+Es w&auml;re genug gewesen, wenn Cis mich abgeholt h&auml;tte,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span>
+wenn es n&ouml;tig war, da&szlig; &uuml;berhaupt jemand kam.
+Nimm diesen Korbstuhl &mdash; er ist sehr bequem; ich
+habe gestern den ganzen Abend darin gesessen.«</p>
+
+<p>»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood
+geblieben, wie wir nat&uuml;rlich angenommen
+haben?«</p>
+
+<p>»Weil ich eigensinnig und tollk&uuml;hn war und geglaubt
+habe, ich w&uuml;rde vor Ausbruch des Gewitters
+heimgelangen,« antwortete Florence kurz. Sie stand
+in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten.
+»Ich gebe zu, da&szlig; es t&ouml;richt war, den Versuch zu unternehmen.
+Ist Onkel Jasper deshalb so schrecklich b&ouml;se?
+Er sollte doch meine Unbesonnenheit gewohnt sein!«</p>
+
+<p>»Deshalb nat&uuml;rlich nicht, liebes Kind!« Lady
+Agathes Kummer war zu gro&szlig; &mdash; sie begann zu
+weinen. »Du mu&szlig;t doch verstehen, wie ich es meine,
+Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so
+unbesonnen bist. Du mu&szlig;t wissen, da&szlig; dein Hierbleiben,
+in diesem elenden Hause, bei Herrn Leath &mdash;
+einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend
+etwas wei&szlig;, besonders, wo dein Onkel ihn so gar
+nicht leiden kann, &mdash; nicht &mdash; nicht &mdash;«</p>
+
+<p>»Passend war!« erg&auml;nzte Florence kalt. »Das
+schien Herr Leath ebenfalls zu finden. Wenigstens
+sagte er es mir.«</p>
+
+<p>»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe
+entsetzt.</p>
+
+<p>»Ja. Ich war sehr b&ouml;se dar&uuml;ber, aber er scheint
+die Sache richtiger aufgefa&szlig;t zu haben als ich. Er
+wollte durchaus in das Unwetter hinaus und mich
+hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span>
+ein, obgleich ich es ebenso albern und &uuml;berfl&uuml;ssig
+fand, wie ich es jetzt noch finde. Aber wir entdeckten,
+da&szlig; sein dienstbarer Geist nicht hier sei: das Gewitter
+hatte ihn in St. Mellions zur&uuml;ckgehalten. Da wollte
+ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein
+zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Seine Dienerin &mdash; die Person, die die Haust&uuml;r
+aufmachte &mdash; war nicht hier?« rief Lady Agathe.</p>
+
+<p>»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war
+niemand hier &mdash; niemand au&szlig;er uns beiden,« antwortete
+Florence. Sie war jetzt sehr bla&szlig;; ein L&auml;cheln,
+das sehr verschieden von ihrem gew&ouml;hnlichen L&auml;cheln
+war, spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken
+an.</p>
+
+<p>»Ach, gro&szlig;er Gott!« jammerte ihre Mutter mit
+schwacher Stimme. »Es ist sogar noch schlimmer, als
+ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so b&ouml;se
+aus, liebes Herz! Du wei&szlig;t, ich mache dir keine Vorw&uuml;rfe
+&mdash; ich denke nur daran, was die Leute sagen
+werden. Und in Rippondale wird so viel geklatscht &mdash;
+das wei&szlig;t du recht gut! Nat&uuml;rlich ist es nicht deine
+Schuld, da&szlig; du hierher kamst, aber du h&auml;ttest nicht
+bleiben sollen &mdash; wirklich nicht.«</p>
+
+<p>Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise
+und die des Herrn Leath. Sie bebte vor Zorn und
+&Auml;rger und verletztem Stolze. Bei einem Blick auf sie
+brach Lady Agathe aufs neue in Tr&auml;nen aus.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t doch wissen, da&szlig; ich nur deinetwegen
+so besorgt und bek&uuml;mmert bin,« rief sie schluchzend
+aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! Ich hoffe
+nur, da&szlig; sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_174">[S. 174]</a></span>
+mir ist bange; es wird ganz unm&ouml;glich sein, sie vor
+Chichester geheimzuhalten!«</p>
+
+<p>»Ganz unm&ouml;glich! Ich selbst will sie, wenn n&ouml;tig,
+Chichester erz&auml;hlen.«</p>
+
+<p>»Er ist so merkw&uuml;rdig &mdash; so eigen,« jammerte
+Lady Agathe, »und ungl&uuml;cklicherweise &mdash; ich mu&szlig;
+sagen, es war sehr unrecht und unvorsichtig, mein
+Kind &mdash; haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath
+auf der Halde sprechen sehen. Chichester erw&auml;hnte es
+erst gestern gegen mich und schien sehr verstimmt
+dar&uuml;ber, und was er sagen wird, wenn er von
+dieser &mdash;«</p>
+
+<p>Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen
+konnte, wandte sich mit j&auml;h ausbrechender Heftigkeit
+zu ihr.</p>
+
+<p>»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was
+kann irgend jemand, sei es Mann oder Weib, &uuml;ber
+mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte
+verloren, Tante Agathe &mdash; mehr als genug &mdash; ich
+will nicht mehr h&ouml;ren!«</p>
+
+<p class="pmb3">Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu
+reden. Sie weinte auf der R&uuml;ckreise nach Turret Court
+in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, w&auml;hrend die
+kleine Cis ihr gegen&uuml;ber bla&szlig; und bek&uuml;mmert aussah
+und Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen
+Augen aufrecht dasa&szlig;, kein Wort sprach. &mdash;</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_15">15.</h2>
+</div>
+
+<p>Als Everard Leath Turret Court verlassen, war
+er geraden Weges &uuml;ber die Halde nach dem Bungalow
+geritten. Es f&uuml;hrte ihn kein besonderer Grund dorthin;
+er hatte nur das unbestimmte Gef&uuml;hl, da&szlig; es
+besser sei, er kehre nicht in seine Behausung zur&uuml;ck,
+bis Gr&auml;fin Florence sie verlassen und die ungl&uuml;ckselige
+Episode vor&uuml;ber sei. Obwohl er sich immer wieder
+sagte, da&szlig; er sich der Macht der Umst&auml;nde hatte f&uuml;gen
+m&uuml;ssen, da&szlig; die Sache nicht zu vermeiden gewesen,
+so ertappte er sich doch fortw&auml;hrend auf dem peinlichen
+Gedanken, da&szlig; Chichester beschr&auml;nkt, argw&ouml;hnisch und
+ein Narr sei, und sagte sich, da&szlig;, wenn er h&auml;tte voraussehen
+k&ouml;nnen, was geschehen w&uuml;rde, er sich lieber die
+Hand abgehackt h&auml;tte, als auf die Halde zu gehen,
+wo er wu&szlig;te, da&szlig; er dort Florence Esmond begegnen
+konnte.</p>
+
+<p>Er bog in den Garten des Bungalow ein, lie&szlig;
+ein Pferd in Joes Obhut und ging auf das Haus zu.
+&Uuml;berall waren auch hier die Spuren des Unwetters
+sichtbar &mdash; die Blumen waren alle verregnet und geknickt,
+der Kies war aus den sauber gehaltenen Wegen
+hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand in der
+Veranda und sch&uuml;ttelte beim Anblick der Verw&uuml;stung
+traurig den Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht
+ <span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span>
+hellte sich beim N&auml;herkommen des jungen Mannes
+auf, und er reichte ihm mit einem L&auml;cheln die Hand.
+Dann fragte er nach einem Blick in die ernsten Z&uuml;ge
+des anderen:</p>
+
+<p>»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht &mdash;,« er hielt inne, »vielleicht ist es
+besser, ich erz&auml;hle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich
+nicht meine Absicht war. Aber ich wei&szlig;, da&szlig; Sie so
+viel von ihr halten, und &mdash;«</p>
+
+<p>»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins
+Wort. »Von wem?«</p>
+
+<p>»Von Gr&auml;fin Florence.«</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence?«</p>
+
+<p>»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und
+wei&szlig; der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen
+wollen, so will ich Ihnen alles erz&auml;hlen.
+Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«</p>
+
+<p>Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in
+dem wie gew&ouml;hnlich Stapel von B&uuml;chern umherlagen,
+und w&auml;hrend der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath
+an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht
+der Vorf&auml;lle des gestrigen Abends. Sherriff strich
+beim Zuh&ouml;ren sinnend &uuml;ber seinen langen wei&szlig;en Bart.</p>
+
+<p>»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte
+er sehr entschieden, als der andere zu Ende war.
+»Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend
+jemand k&ouml;nnte glauben, da&szlig; das arme Kind durch den
+Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span>
+durchaus &uuml;bertrieben zu sein. Sie konnten
+sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer
+Angst allein lassen!«</p>
+
+<p>»Sie m&ouml;gen recht haben,« gab Leath bedr&uuml;ckt
+zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester
+ist ein Narr.«</p>
+
+<p>»Ein so gro&szlig;er doch kaum.«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht recht. Er ist sehr empfindlich,
+stolz, argw&ouml;hnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie
+geh&ouml;rt ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der
+auf sie f&auml;llt, f&auml;llt auf sein eigenes kostbares Selbst.
+Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es &mdash; mir
+ist bange davor.«</p>
+
+<p>»Damit wollen Sie doch nicht sagen, da&szlig; Sie
+glauben, Herr Chichester k&ouml;nne das zum Vorwand
+nehmen, seine Verlobung zur&uuml;ckgehen zu lassen?«
+fragte der alte Herr ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p>»Das vielleicht kaum. F&uuml;r einen solchen Esel
+halte ich ihn doch nicht. Aber er k&ouml;nnte unklug genug
+sein, argw&ouml;hnische Anspielungen ihr gegen&uuml;ber zu
+machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und
+was in dem Falle geschehen w&uuml;rde, k&ouml;nnen wir uns
+beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament
+und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die
+Verlobung aufl&ouml;sen.«</p>
+
+<p>»Wenn er das tun sollte &mdash; ja, allerdings. Aber
+das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »w&uuml;rde kaum
+ein Ungl&uuml;ck sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe,
+wie Sie wissen, die Partie nie f&uuml;r eine passende gehalten,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span>
+oder nie geglaubt, da&szlig; sie durch diese Heirat
+gl&uuml;cklich werden w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»An und f&uuml;r sich kein Ungl&uuml;ck &mdash; nein!« Der
+junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder.
+»Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche
+Wirkung das haben wird &mdash; welche Wirkung auf
+sie? Der Grund wird ruchbar werden &mdash; das mu&szlig;
+er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist &mdash; kann
+es m&ouml;glicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«</p>
+
+<p>Die fassungslose Best&uuml;rzung in Sherriffs Antlitz
+verriet, da&szlig; ihm diese Ansicht der Sache ebenso neu wie
+unwillkommen sei. Im Augenblicke wu&szlig;te er nichts
+zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand &uuml;ber sein
+wei&szlig;es Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge,
+wir tun Chichester vielleicht schweres Unrecht.«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zuf&auml;llig
+wei&szlig; ich, da&szlig; ich bei ihm nicht gut angeschrieben bin
+und da&szlig; es meinetwegen schon einen Wortwechsel
+zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«</p>
+
+<p>Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht
+wurde noch ernster. Leath stie&szlig; ein zorniges
+Lachen aus.</p>
+
+<p>»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich
+glaube nicht, da&szlig; es in ganz St. Mellions einen Menschen
+&mdash; sei es Mann, Weib oder Kind &mdash; gibt, der
+nicht wei&szlig;, da&szlig; Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem
+unbekannten Grunde mich nicht leiden kann.
+Ich wei&szlig;, da&szlig; er gelobt hat, ich solle sein Haus nie
+wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das wird
+ <span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span>
+ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich
+nach Turret Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie
+sei, da &mdash;. Aber still davon! W&auml;re er ein j&uuml;ngerer
+Mann, so h&auml;tte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen.
+Selbst so h&auml;tte ich es fast getan, wenn ich dies alles
+f&uuml;r sie nicht vorausgesehen und gef&uuml;rchtet h&auml;tte, die
+Sache noch schlimmer zu machen.«</p>
+
+<p>Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt
+ruhelos auf und nieder, ehe er wieder anhub:</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie
+mit diesem allem behellige, aber es hat mein Gem&uuml;t
+erleichtert, mich auszusprechen. Die Frage ist nun &mdash;
+was soll ich tun?«</p>
+
+<p>»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich
+&mdash; ich verstehe Sie nicht recht, Leath. Was sollten
+Sie tun?«</p>
+
+<p>»Soll ich fortgehen &mdash; diese Gegend verlassen?
+Ich habe gedacht, das w&uuml;rde vielleicht am besten
+sein. Was meinen Sie dazu?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, das w&uuml;rde ich jetzt noch nicht tun,«
+antwortete der Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten
+Sie, bis Sie sehen, was Chichester tut. Ihr sofortiges
+Verschwinden k&ouml;nnte wie Davonlaufen aussehen.
+Ein paar Tage lang wenigstens w&uuml;rde ich
+nichts tun und mich ganz ruhig verhalten.«</p>
+
+<p>»Das ist Ihr Rat?«</p>
+
+<p>»Ja, das t&auml;te ich an Ihrer Stelle.«</p>
+
+<p>»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span>
+recht. Aber sobald ich kann, will ich von hier fort.
+Je eher, desto besser.«</p>
+
+<p>»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«</p>
+
+<p>»Ja. Wenn ich sie nie genommen, w&uuml;rde dies
+alles nicht geschehen sein. Mein gew&ouml;hnliches Gl&uuml;ck!«</p>
+
+<p>Es trat eine kurze Pause ein.</p>
+
+<p>»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen,
+da&szlig; ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten dr&auml;ngen
+will &mdash; nichts liegt mir ferner. Aber da Sie davon
+reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage
+erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«</p>
+
+<p>»Nicht den geringsten.«</p>
+
+<p>»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich
+wei&szlig;, in St. Mellions und der Umgegend angestellt
+haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine Spur von
+Robert Bontine aufzufinden?«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p>»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«</p>
+
+<p>»Das will ich nicht sagen; es w&uuml;rde unwahr sein.
+Aber ich werde die Nachforschungen nie einstellen.«</p>
+
+<p>»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von
+hier fortzugehen?«</p>
+
+<p>»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und
+noch mehr, zu bleiben,« antwortete Leath finster und in
+bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, um so besser
+ist es f&uuml;r mich.«</p>
+
+<p>Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span>
+ein dunkles Rot stieg in seine gebr&auml;unten
+Wangen. Mit pl&ouml;tzlich ver&auml;ndertem Ausdruck in den
+eigenen Z&uuml;gen stand Sherriff auf und legte dem
+Freunde die Hand auf die Schulter.</p>
+
+<p>»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht
+gehabt. Sie ist Ihnen nicht gleichg&uuml;ltig?«</p>
+
+<p>Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde
+dem Blicke des anderen und sah dann fort.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Narr!« sagte er.</p>
+
+<p>Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath
+brach es. Er raffte sich aus seinem Br&uuml;ten auf und
+wandte sich vom Fenster ab. H&auml;tte der alte Herr beabsichtigt,
+auf seine letzten Worte zur&uuml;ckzukommen,
+so w&uuml;rde sein Ausdruck ihn davon zur&uuml;ckgehalten
+haben. Seine ungl&uuml;ckliche und hoffnungslose Liebe
+zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres Wort
+zwischen ihnen begraben sein.</p>
+
+<p>»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben
+morgens immer zu tun, wie ich wei&szlig;. Vielleicht wird
+ein scharfer Ritt meine tr&uuml;ben Ahnungen verscheuchen.«
+&mdash;</p>
+
+<p>Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf
+seine Arbeit konzentrieren. So viele Bef&uuml;rchtungen,
+so viele sorgenvolle Erw&auml;gungen waren seit Jahren
+nicht auf den alten Mann eingest&uuml;rmt. Florence Esmond
+hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden,
+wie eine Tochter nur h&auml;tte stehen k&ouml;nnen,
+und er wu&szlig;te jetzt, da&szlig; ihm Everard Leath fast so
+teuer wie ein Sohn geworden war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span></p>
+
+<p>Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der
+Klatsch, der sie bedrohte, an den er dachte, w&auml;hrend
+er so traurig dasa&szlig; und rauchte, sondern die aussichtslose
+Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als
+er so rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«</p>
+
+<p>Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie
+unter allen Umst&auml;nden bleiben mu&szlig;te, das konnte er,
+der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden so gut
+kannte, wohl ermessen. Er wu&szlig;te, was nur die
+wenigen, die sie wirklich verstanden, ahnten, da&szlig; der
+Stolz auf vornehme Geburt, auf Rang und Abstammung
+nicht st&auml;rker entwickelt sein konnte als bei diesem
+M&auml;dchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen w&auml;re,
+so hatte sie in ihren Unterhaltungen mit ihm niemals
+aus ihrer Abneigung gegen Everard Leath ein Hehl
+gemacht. Und nun mu&szlig;te er diese unselige Leidenschaft
+f&uuml;r sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er
+sich dessen erinnerte und des Schmerzes gedachte, den
+ihm vor vielen Jahren die eigene Herzenswunde verursacht
+hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber
+die Wunde konnte noch immer wehtun.</p>
+
+<p>Es war einige Stunden sp&auml;ter &mdash; er hatte noch
+immer nichts getan, als in wehm&uuml;tiges Gr&uuml;beln versunken
+in seinem Stuhle zu sitzen, &mdash; da wurde der
+Klopfer an der Haust&uuml;r laut in Bewegung gesetzt.</p>
+
+<p>Ein kurzes Zwiegespr&auml;ch folgte, das aber zu leise
+gef&uuml;hrt wurde, als da&szlig; er h&auml;tte h&ouml;ren k&ouml;nnen, was
+gesprochen wurde, und dann n&auml;herten sich dem Zimmer
+Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wu&szlig;te
+sofort, wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper
+ <span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span>
+Mortlake vielleicht kaum zweimal im Jahre einfiel,
+den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn hergef&uuml;hrt?
+Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die
+T&uuml;r des Zimmers &ouml;ffnete und der Baron eintrat.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ungef&auml;hr eine halbe Stunde sp&auml;ter, als Everard
+Leath auf dem Heimwege nach Lychet Hut, nach dem
+Ritte, durch den er seine erregten Nerven hatte beruhigen
+wollen, an der Gartenpforte des Bungalow
+vorbeikam, sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten
+und in seinen Wagen steigen, der gewartet hatte. Ein
+kurzer Blick in des Barons Gesicht gen&uuml;gte, um ihn
+pl&ouml;tzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag
+zu beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am
+Morgen in der Bibliothek von Turret Court gegen&uuml;berstanden
+und er drohend die Hand gegen ihn erhoben
+harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter
+gewesen als jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte
+ihn nach dem Bungalow gef&uuml;hrt? In seinem jetzigen
+Gem&uuml;tszustande war es ihm unm&ouml;glich, ohne Antwort
+auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath
+sprang, seinem Impulse folgend, aus dem Sattel und
+ging ins Haus.</p>
+
+<p>Sherriff stand am Tische; seine gew&ouml;hnlich geb&uuml;ckte
+Gestalt war aufgerichtet, sein von Natur
+ruhiges altes Gesicht ger&ouml;tet und zornig. Leath f&uuml;hlte,
+da&szlig; eine unklare Bef&uuml;rchtung ihm selbst das Blut
+hei&szlig; in die Wangen trieb. Er sagte hastig:</p>
+
+<p>»Ich sah Sir Jasper an der Pforte &mdash; ich konnte
+ihm ansehen und sehe auch Ihnen an, da&szlig; nicht alles
+ <span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span>
+ist, wie es sein sollte. Betrifft es sie?« Die Stimme
+versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so
+ist, so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und
+sagen Sie es mir!«</p>
+
+<p>»Verr&auml;t mein Gesicht denn so viel?« Mit einem
+halben L&auml;cheln und seinem gew&ouml;hnlichen freundlichen
+Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen Stuhl.
+»Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig,
+»und das passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz,
+Leath, und Sie sollen h&ouml;ren, weshalb, und mittlerweile
+machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers Besuch
+betraf Gr&auml;fin Florence nicht in dem Sinne, den Sie
+meinen. Er hat in der Tat ihren Namen kaum erw&auml;hnt.
+Der Zweck seines Besuches war, &uuml;ber Sie
+zu sprechen.«</p>
+
+<p>»&Uuml;ber mich?«</p>
+
+<p>»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund f&uuml;r den
+au&szlig;erordentlichen Ha&szlig;, den er augenscheinlich gegen
+Sie empfindet?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, da&szlig; er existiert &mdash; das erz&auml;hlte ich
+Ihnen heute morgen &mdash; aber mehr auch nicht.«</p>
+
+<p>»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu
+entfernen w&uuml;nscht?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht! W&uuml;nscht er das?«</p>
+
+<p>»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen,
+um &uuml;ber Sie zu reden? Er kam, um zu
+verlangen, da&szlig; ich, sein Verwalter, der abh&auml;ngig von
+ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von
+Beziehung steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende
+machen &mdash; kurz Ihnen die T&uuml;r weisen sollte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span></p>
+
+<p>Leath stie&szlig; einen Ausruf zorniger Verwunderung
+aus.</p>
+
+<p>»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; &mdash; da&szlig; Sie ein Mensch w&auml;ren, von dem
+niemand hier etwas wisse, da&szlig; Sie ihm pers&ouml;nlich
+unangenehm seien, da&szlig; Sie sich heute morgen in Turret
+Court sehr unversch&auml;mt gegen ihn benommen h&auml;tten,
+und schlie&szlig;lich, &mdash; das war das einzige Mal, da&szlig;
+er Gr&auml;fin Florence erw&auml;hnte, &mdash; da&szlig; Sie vielleicht
+durch Ihr Benehmen gestern abend den Ruf seines
+M&uuml;ndels ernstlich kompromittiert h&auml;tten.«</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel! Das sagte er?«</p>
+
+<p>»Ja. Aus diesen Gr&uuml;nden verlangte er, oder
+vielmehr befahl er mir, da&szlig; ich, in meiner abh&auml;ngigen
+Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen
+sollte.«</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet
+haben?«</p>
+
+<p>»Sehr wenig; aber ich bin nicht l&auml;nger sein Verwalter.«</p>
+
+<p>»Wie?«</p>
+
+<p>»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften
+machen zu lassen oder meinen Freund zu beleidigen.
+Ich habe meine Verbindung mit Sir Jasper
+Mortlake gel&ouml;st und mit seinen Angelegenheiten nichts
+mehr zu schaffen.«</p>
+
+<p>»Das haben Sie f&uuml;r mich getan, Herr Sherriff?«
+ <span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span>
+Leath sprang auf. »Dessen bin ich nicht wert,
+f&uuml;rchte ich.«</p>
+
+<p>»Dar&uuml;ber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete
+der andere mit einem L&auml;cheln, »und w&uuml;rde
+bei ruhiger &Uuml;berlegung genau ebenso handeln, wie
+ich in der Erregung getan. Sie brauchen &uuml;brigens
+nicht zu glauben, da&szlig; Sie die einzige Ursache gewesen
+sind f&uuml;r das, was ich tat. Sir Jasper beging einen
+nur allzu gew&ouml;hnlichen Fehler: er verga&szlig;, da&szlig; sein
+Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das
+Gehalt war nicht so hoch bemessen, als da&szlig; ich nicht
+ohne es leben k&ouml;nnte. Meine B&uuml;cher und Abrechnungen
+sollen, sobald ich sie fertig habe, nach Turret
+Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn
+Sie nichts Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht
+und helfen mir, sie zusammenzupacken.«</p>
+
+<p>»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich
+habe mein Pferd an der Pforte gelassen und will es
+erst hereinholen.«</p>
+
+<p>Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam,
+fand er Sherriff vor einem gro&szlig;en, altmodischen,
+messingbeschlagenen offenen Pult, das ihm
+schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er
+aber bisher nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte
+der Greis in die eine Hand gest&uuml;tzt; er schien etwas
+eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken vertieft,
+da&szlig; er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete,
+zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.</p>
+
+<p>»Ich st&ouml;re Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath
+stockend.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein &mdash; durchaus nicht &mdash; gewi&szlig; nicht!«
+Er blickte den jungen Mann an und dann wieder auf
+das, was er in der Hand hielt. »Ich tat etwas sehr
+T&ouml;richtes,« sprach er traurig, »ich st&ouml;berte in toter
+Asche, mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges
+St&uuml;ck Arbeit, solange wir jung sind, aber es ist noch
+trauriger, wenn wir alt geworden, denn sie kann nie
+wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung,
+da&szlig; an ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird.
+Erinnern Sie sich des Tages, wo ich Ihnen meinen
+kleinen Herzensroman &mdash; den einzigen Roman, den
+ich erlebt habe &mdash; erz&auml;hlte?«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath
+zur Antwort.</p>
+
+<p>»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt,
+da&szlig; ich Marys Bild besitze? Es ist gerade angefertigt,
+ehe sie mich verlie&szlig;, um ins Ausland zu gehen. Ich
+habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie
+von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in
+denen ich es nicht ertragen konnte, auf das eine oder
+andere einen Blick zu werfen. Es ist jetzt sehr verbla&szlig;t,
+aber damals war es wunderbar &auml;hnlich &mdash;
+wunderbar &auml;hnlich! Wollen Sie es ansehen?«</p>
+
+<p>Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen
+das Bild hin. Leath nahm es, blickte es an, hielt es
+n&auml;her an das Licht, sah genau hin und stie&szlig; dann einen
+lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.</p>
+
+<p>»Was gibt&rsquo;s?« fragte er mit bebender Stimme.
+»Sie &mdash; haben es doch nicht schon gesehen &mdash; wie?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war
+tief erbla&szlig;t und verriet grenzenlose Verwunderung.
+»Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_16">16.</h2>
+</div>
+
+<p>»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch
+unm&ouml;glich erwarten, da&szlig; ich diesen &mdash; diesen &auml;u&szlig;erst
+bedauerlichen Vorfall so leicht als abgetan ansehe,
+Florence?«</p>
+
+<p>»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine
+Silbe weiter dar&uuml;ber zu verlieren,« sagte Gr&auml;fin Florence
+gleichm&uuml;tig.</p>
+
+<p>Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren
+kalt und gelassen gesprochenen Worten h&auml;tte schlie&szlig;en
+k&ouml;nnen. Ihre Wangen waren sehr bla&szlig;, sie hielt den
+Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Br&auml;utigam
+ansah, waren unheimlich gl&auml;nzend. Sie waren
+allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in
+ihr Privatwohnzimmer gef&uuml;hrt worden, und dort hatte
+sie ihm mit den k&uuml;rzesten Worten, die sie finden konnte,
+die Geschichte der letzten Nacht erz&auml;hlt &mdash; es unter
+ihrer W&uuml;rde haltend, zu err&ouml;ten, etwas zu besch&ouml;nigen
+oder sich zu entschuldigen. Sie wu&szlig;te kaum, da&szlig; sie
+es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat,
+die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der
+Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone
+w&uuml;rde sie es ihm nicht erz&auml;hlt haben, h&auml;tte Leath keine
+Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr
+anfangs ganz ungeheuerlich, schlie&szlig;lich abgeschmackt<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span>
+vorgekommen, und w&auml;ren nicht Lady Agathes Tr&auml;nen
+und Jammern gewesen. Das Ganze w&auml;re ihr dann
+nur wie ein Spa&szlig; vorgekommen. Das war jetzt unm&ouml;glich.
+Sie erz&auml;hlte die Geschichte mit trotzig blitzenden
+Augen und in einem sorglosen, gleichg&uuml;ltigen Tone,
+ihm es &uuml;berlassend, sich mit der Sache abzufinden, so
+gut er es vermochte.</p>
+
+<p>Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester
+zu bes&auml;nftigen und zu vers&ouml;hnen, selbst wenn
+es sich um etwas ganz anderes gehandelt h&auml;tte. Er
+hatte mit dunkel ger&ouml;tetem Gesicht und einer zornigen,
+nerv&ouml;sen, gereizten Fassungslosigkeit zugeh&ouml;rt, die in
+den verdrie&szlig;lich hervorgesto&szlig;enen Worten gipfelte, auf
+die sie mit so ver&auml;chtlicher K&auml;lte geantwortet hatte. Er
+stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit
+machte es ihm unm&ouml;glich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete
+ihn, wobei der ver&auml;chtliche Ausdruck in ihren
+gro&szlig;en gl&auml;nzenden Augen noch sch&auml;rfer hervortrat.</p>
+
+<p>»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter
+dar&uuml;ber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm,
+aber es ist vor&uuml;ber; es war weder Herrn
+Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erz&auml;hlt,
+und das ist auch vor&uuml;ber. &mdash; Ich habe es dir aber erz&auml;hlt,
+weil ich fand, da&szlig; du es erfahren mu&szlig;test &mdash;«</p>
+
+<p>»Weil du fandest, ich m&uuml;sse es erfahren?« fiel er
+ihr heftig ins Wort. »Allerdings mu&szlig;te ich das!«</p>
+
+<p>»Ich hielt es f&uuml;r das Richtigste, weil jeder, weil
+alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,«
+sagte das junge M&auml;dchen hochm&uuml;tig, »und da es geschehen,
+wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich
+habe das Thema satt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span></p>
+
+<p>»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort.
+»Das ist leicht gesagt &mdash; aber vielleicht nicht ebenso
+leicht getan. G&uuml;tiger Himmel, Florence, begreifst du
+denn nicht, da&szlig; die Geschichte dieses &mdash; dieses unseligen
+Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller
+Leute Mund ist?«</p>
+
+<p>»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltbl&uuml;tig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja,
+es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier m&uuml;ssen davon
+wissen!«</p>
+
+<p>»Allerdings m&uuml;ssen sie das! Zwei von ihnen
+kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von
+Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath
+den Hausstand f&uuml;hrt, mu&szlig; es wissen. Sie sorgte heute
+morgen f&uuml;r mein Fr&uuml;hst&uuml;ck.«</p>
+
+<p>»Das hei&szlig;t also, da&szlig; sie alle jedem ihrer elenden
+Bekannten davon erz&auml;hlen und ihren gemeinen Kommentar
+dazu abgeben!« rief Chichester. »Und du verlangst,
+da&szlig; ich von dem Thema abbreche &mdash; sagst,
+da&szlig; du es satt hast! Gro&szlig;er Gott! Wir alle, wie wir
+da sind, werden es noch satt bekommen, ehe es
+abgetan ist!«</p>
+
+<p>Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt
+vor ihr stehen.</p>
+
+<p>»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen,
+welch ungl&uuml;ckselige Sache es ist!«</p>
+
+<p>Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem
+gereizten Zustande nur mit sich selbst besch&auml;ftigt, war
+er unf&auml;hig, die grenzenlose Verachtung, die in diesem
+Blick lag, zu lesen. H&auml;tte er es vermocht, so h&auml;tte<span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span>
+er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder
+an, auf und nieder zu gehen.</p>
+
+<p>»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit
+dem jenes Menschen! Und man wei&szlig;, da&szlig; du ihn getroffen
+&mdash; dich mit ihm unterhalten hast! Das macht
+es noch schlimmer &mdash; das gerade ist das Allerschlimmste.
+Wenn das nicht w&auml;re, so w&uuml;rde wohl mit
+dieser Sache selbst, in der ich dir keine Schuld beimesse,
+fertig zu werden sein. So aber ist es unm&ouml;glich.
+Es ist mir ganz schrecklich! Es ist unertr&auml;glich, entsetzlich,
+da&szlig; dein Name &mdash; der Name meiner zuk&uuml;nftigen
+Frau &mdash; der Name der Herrin meines Hauses
+&mdash; auch nur durch einen Hauch getr&uuml;bt werben sollte!«</p>
+
+<p>Er blieb wiederum vor ihr stehen.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t es doch begreiflich finden, da&szlig; es mir
+unm&ouml;glich ist, so etwas leicht zu nehmen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt
+in die seinen senkend, l&auml;chelte sie.</p>
+
+<p>»Es ist allerdings schrecklich, da&szlig; der gute Name
+deiner Zuk&uuml;nftigen angetastet werden sollte. Du tust
+recht, dich dar&uuml;ber aufzuregen; du hast mein volles
+Beileid. Denn was w&uuml;rde es dir ausgemacht &mdash; was
+w&uuml;rde es dir geschadet haben, h&auml;tte man nur auf mich
+&mdash; nur auf Florence Esmond, nur auf ein Weib einen
+Stein geworfen? Aber es ist deine zuk&uuml;nftige Frau.
+O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«</p>
+
+<p>»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich
+verstehe dich nicht!«</p>
+
+<p>»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und
+ich wenigstens verstehe dich. O, glaubst du, ich durchschaute
+dich nicht? Was macht dir Sorge? Da&szlig; ich,<span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span>
+ein hilfloses M&auml;dchen, vielleicht von all denen, die
+mich kennen, sch&auml;ndlich verleumdet werde? Nein, nein!
+Nur, da&szlig; ich deine Braut bin, ein Teil deiner selbst,
+dein Eigentum, und da&szlig; deshalb jeder Stein, der auf
+mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich wei&szlig; &mdash;
+ich wei&szlig;! Es ist genug, Herr Chichester &mdash; auf Sie
+soll auch nicht der leiseste Schatten meiner Schande
+fallen.« Sie zog in ungest&uuml;mer Heftigkeit den Verlobungsring
+vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich
+bin Ihre Braut nicht l&auml;nger! Ich gebe Ihnen Ihr
+Wort zur&uuml;ck, und Sie sind frei!«</p>
+
+<p>»Florence!«</p>
+
+<p>Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand
+und dem Ringe zusammen und hielt beide fest. »Das
+kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! Wenn
+unsere Verlobung jetzt gel&ouml;st w&uuml;rde &mdash;«</p>
+
+<p>»Sie ist gel&ouml;st!« Sie entzog ihm ihre Hand.
+»Nehmen Sie Ihren Ring zur&uuml;ck, Herr Chichester!
+Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«</p>
+
+<p>»Aber bedenke doch &mdash; ums Himmels willen!«
+Er trat vor ihrer ausgestreckten Hand, auf deren
+Innenfl&auml;che der blitzende Ring lag, zur&uuml;ck. »Bedenke,
+welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung
+jetzt zur&uuml;ckgeht! Das wird den schlimmsten
+Vermutungen Raum geben und sie zu best&auml;tigen
+scheinen.«</p>
+
+<p>»Das mu&szlig; dann seinen Lauf haben. Ich wei&szlig;,
+da&szlig; es so sein wird. Noch einmal, nehmen Sie Ihren
+Ring zur&uuml;ck!«</p>
+
+<p>»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht
+besinnen? Nicht &uuml;berlegen &mdash;?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span></p>
+
+<p>»Es gibt Dinge, bei denen es keiner &Uuml;berlegung
+bedarf. Ein- f&uuml;r allemal, Herr Chichester, ich will Sie
+nicht heiraten. Und zum drittenmal, nehmen Sie
+Ihren Ring zur&uuml;ck!«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie
+in aufrechter Haltung, mit hochgetragenem Haupte und
+stolz blickenden Augen vor ihm stand. Ihre h&ouml;hnische
+Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben,
+aber ihre Sch&ouml;nheit beschleunigte noch seinen
+Pulsschlag. Nein &mdash; er liebte sie nicht, aber es war
+schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er schritt zweimal
+durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.</p>
+
+<p>»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschlu&szlig;
+in Erw&auml;gung zu ziehen! Denke an die Folgen,
+wenn du jetzt unsere Verlobung l&ouml;st. Ich meinerseits
+habe mich vielleicht zu stark ausgedr&uuml;ckt. &mdash; Gib mir
+dein Wort, da&szlig; du diesen Menschen, diesen Leath, nie
+wiedersehen, nie wieder eine Silbe mit ihm sprechen
+willst, und ich &mdash;«</p>
+
+<p>»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald
+Sie fort sind, werde ich nach Lychet Hut reiten, um
+Herrn Leath f&uuml;r seine gestrige F&uuml;rsorge zu danken. Ich
+hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«</p>
+
+<p>»Ist das dein Ernst?«</p>
+
+<p>Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort
+weiter nahm er den Ring von ihrer ausgestreckten
+Hand, verbeugte sich f&ouml;rmlich, drehte sich kurz um und
+verlie&szlig; das Zimmer. Drei Minuten darauf sah
+Florence von ihrem Fenster aus sein Dogcart die
+Auffahrt hinunter dem gro&szlig;en Eingangstor zurollen<span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span>
+und wu&szlig;te, da&szlig; er fort sei, um nicht wiederzukehren. &mdash;</p>
+
+<p>Es war ungef&auml;hr eine halbe Stunde sp&auml;ter, als
+sie in ihrem Reitkleid auf der Treppe erschien. Noch
+immer sehr bleich, aber in aufrechter Haltung, mit
+weitge&ouml;ffneten, gl&auml;nzenden Augen stieg sie herab und
+schritt durch die innere Halle auf die Windfangt&uuml;re
+zu, die diese abschlo&szlig;; aber noch ehe sie sie erreicht,
+wurde schnell eine andere T&uuml;r ge&ouml;ffnet und Lady
+Agathe, mit verweinten Augen und sehr bla&szlig;, &mdash; sie
+hatte stundenlang fast unaufh&ouml;rlich geweint trotz Cis&rsquo;
+liebevoller Versuche, sie zu tr&ouml;sten, &mdash; kam heraus
+und hielt sie auf.</p>
+
+<p>»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir
+hinaufzukommen, liebes Kind. Ich konnte diese schreckliche
+Unruhe nicht l&auml;nger ertragen.« Sie hielt inne,
+denn anscheinend sah sie erst jetzt, da&szlig; das junge M&auml;dchen
+im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht
+etwa ausgehen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; aber ich kann ein Weilchen warten. Es
+tut mir leid, da&szlig; du dich ge&auml;ngstigt hast, Tante Agathe.
+Du h&auml;ttest mich rufen lassen sollen. Bitte, suche dich
+zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn
+du dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe?
+Was ist denn los?«</p>
+
+<p>»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur
+so fragen?« schluchzte ihre Tante. »Du bist so kalt und
+schroff und wunderlich, Florence. Ich verstehe dich
+ganz und gar nicht.«</p>
+
+<p>»Nicht?« Ein seltsames L&auml;cheln umspielte die
+Lippen des M&auml;dchens. »Es tut mir leid,« sprach sie<span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span>
+ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum Weinen
+bringen. Deshalb &auml;ngstigst du dich so?«</p>
+
+<p>»O, Florence, du mu&szlig;t doch wissen, in welch
+schrecklicher Gem&uuml;tsverfassung ich bin, bis ich h&ouml;re,
+was Chichester &uuml;ber diese unselige Sache gesagt hat!
+Du &mdash; du hast es ihm erz&auml;hlt?«</p>
+
+<p>»Ja, ich habe es ihm erz&auml;hlt.«</p>
+
+<p>»Und &mdash; und es ist alles erledigt und abgetan?«
+fragte Lady Agathe stockend.</p>
+
+<p>»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns
+&uuml;ber die Sache verloren werden. Sie ist ganz und gar
+erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind. Ach, mir f&auml;llt ein Stein vom
+Herzen, Florence! Ich f&uuml;rchtete &mdash; ich wei&szlig; wirklich
+nicht recht, was ich eigentlich f&uuml;rchtete! Es ist sonderbar,
+finde ich, da&szlig; Herr Chichester fortgefahren ist,
+ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das
+tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen,
+nicht wahr?« Mit einem Seufzer der Erleichterung
+trocknete sich Lady Agathe die Augen. »Wirklich,
+liebes Herz, du siehst zu bla&szlig; aus, um auszureiten!
+F&uuml;hlst du dich auch wohl genug dazu? Wohin
+willst du?«</p>
+
+<p>»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut
+anders, als Herrn Leath f&uuml;r die Freundlichkeit danken,
+die er mir gestern erzeigt hat.«</p>
+
+<p>»Florence!«</p>
+
+<p>Ihre Tante schlug entsetzt die H&auml;nde zusammen.</p>
+
+<p>»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das
+darfst du nicht &mdash; wirklich nicht! Das kann ich nicht
+zugeben!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span></p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,«
+sprach Florence kalt, »du vergi&szlig;t wohl, da&szlig;, obgleich
+ich in deinem und Onkel Jaspers Hause wohne, ich
+doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin!
+Es tut mir leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist,
+aber ich reite auf alle F&auml;lle nach Lychet Hut.«</p>
+
+<p>»Ach du meine G&uuml;te!« klagte Lady Agathe.
+»Bitte, mein Liebling, bedenke doch! Was wird Talbot
+Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«</p>
+
+<p>»Nichts &mdash;.« Das junge M&auml;dchen schritt auf die
+Haust&uuml;r zu, w&auml;hrend ein seltsames, bitteres L&auml;cheln
+ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte sie kurz.
+»Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast
+du mich mi&szlig;verstanden, Tante. Mein Gehen und
+Kommen geht Herrn Chichester nichts weiter an. Unsere
+Verlobung ist zur&uuml;ckgegangen. Ich habe mich geweigert,
+ihn zu heiraten.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Everard Leath, der rauchend in der T&uuml;r seines
+Hauses stand und auf seinen durchweichten Garten
+hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, da&szlig;,
+obgleich er den n&auml;herkommenden Hufschlag eines Pferdes
+vernahm, er doch nicht die Augen nach der Chaussee
+wandte, um zu sehen, wer der Reiter sei. So kam
+es, da&szlig; Florence auf ihrer Stute in die Pforte eingebogen
+und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr
+wurde.</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Esmond!«</p>
+
+<p>Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe
+zu bed&uuml;rfen, und war vom Pferde herunter, ehe er
+sich dessen versah.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p>
+
+<p>»Sind Sie es wirklich?«</p>
+
+<p>»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem
+Gewitter hierherverschlagen.«</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte und war sehr bleich; als sie ihm
+die Hand hinhielt, lag auf ihrem Antlitz ein Ausdruck,
+den er noch nie gesehen. Als er ihre Hand nahm, f&uuml;hlte
+er, da&szlig; das Schlimmste, was er f&uuml;r sie gef&uuml;rchtet, eingetreten
+sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.</p>
+
+<p>»Mich f&uuml;hrte der Wunsch her, Ihnen f&uuml;r Ihre
+gro&szlig;e Freundlichkeit zu danken.«</p>
+
+<p>»Das war ganz unn&ouml;tig.«</p>
+
+<p>Best&uuml;rzt, verwundert wie er war, wu&szlig;te er kaum,
+da&szlig; er ihre Hand noch immer festhielt, noch bemerkte
+sie es. »Ich wei&szlig; Ihre G&uuml;te wohl zu sch&auml;tzen, Gr&auml;fin,
+aber ich hoffe, Sie wissen, da&szlig; alles, was ich f&uuml;r Sie
+tun konnte, gern geschehen ist.«</p>
+
+<p>»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte
+Ihnen, aber ich danke Ihnen nichtsdestoweniger.«
+Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig zur&uuml;ck.
+»Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath!
+Weshalb?«</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung. Ich &mdash; ich wu&szlig;te
+das nicht. Sie sind bleich &mdash; Sie sehen ganz anders
+aus als sonst &mdash; das ist alles.«</p>
+
+<p>»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen,
+kalten L&auml;cheln inne. »Ich bin nicht nur gekommen,
+um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes
+Wort abw&auml;gend. »Ich wollte Ihnen auch Gl&uuml;ck
+w&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>»Mir Gl&uuml;ck w&uuml;nschen?« wiederholte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span></p>
+
+<p>»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem &mdash; wie soll ich
+es nennen? &mdash; Verst&auml;ndnis f&uuml;r die menschliche Natur.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand
+sie nur zu gut und wurde ebenso bla&szlig; wie sie.</p>
+
+<p>»Nicht? Dann mu&szlig; ich Ihrem Ged&auml;chtnis zu
+Hilfe kommen. Ich war gestern abend nicht sehr
+h&ouml;flich &mdash; ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war
+auf meiner Seite. Sie meinten viel mehr, als Sie
+sagten, aber Sie h&auml;tten recht gehabt, wenn Sie alles,
+was Sie dachten, ausgesprochen h&auml;tten.«</p>
+
+<p>Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn
+Chichester ist gel&ouml;st.«</p>
+
+<p>»Das hat er getan!«</p>
+
+<p>»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles
+so gut &mdash; das sehe ich Ihnen an &mdash; da&szlig; ich nichts
+mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt wieder inne.</p>
+
+<p>»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, da&szlig; in
+meinen Augen auch nicht der leiseste Vorwurf Sie
+trifft,« sprach sie langsam, als falle es ihr schwer,
+die richtigen Worte zu w&auml;hlen, »und um aufs neue
+zu wiederholen, da&szlig; ich Ihnen danke. Sie sind besorgter
+um mich gewesen, haben mehr R&uuml;cksicht auf
+mich genommen, als ich selbst getan. Ich war es
+Ihnen schuldig, Herr Leath, da&szlig; Sie dies von meinen
+eigenen Lippen h&ouml;rten.«</p>
+
+<p>Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast
+wieder gewonnen, und das half ihm, die seine wieder
+zu erlangen. Er begriff vollkommen, da&szlig; er kein
+Wort &uuml;ber Talbot Chichester sagen d&uuml;rfe &mdash; da&szlig; jeglicher<span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span>
+Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der
+Emp&ouml;rung sie verletzen w&uuml;rde. Aber es war keine
+leichte Aufgabe, mit der n&ouml;tigen Gelassenheit und
+K&uuml;rze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war,
+sich zu beherrschen.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Gr&auml;fin,« sagte er. »Sie sind
+edelm&uuml;tig. Eine der wenigen angenehmen Erinnerungen,
+die ich beim Fortgehen von hier mitnehme,
+wird die Erinnerung an diese Worte sein.«</p>
+
+<p>»Sie gehen fort?« rief sie &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich werde in ein paar Tagen aus diesem
+Hause ziehen.«</p>
+
+<p>Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber
+sie verstand ihn sehr wohl. Er wollte jetzt nicht in
+einem Hause bleiben, das Talbot Chichester geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>»Wollen Sie damit sagen, da&szlig; Sie St. Mellions
+verlassen?«</p>
+
+<p>»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder
+vierzehn Tage. Ich habe Herrn Sherriff versprochen,
+w&auml;hrend meines Hierbleibens im Bungalow zu
+wohnen.«</p>
+
+<p>»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«</p>
+
+<p>»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen.
+Soweit ich es jetzt &uuml;berblicken kann, ist es nicht sehr
+wahrscheinlich, da&szlig; ich wiederkommen werde.«</p>
+
+<p>Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer,
+ihren Augen zu begegnen, in dem Gef&uuml;hl, da&szlig; seine
+eigenen m&ouml;glicherweise das Geheimnis verraten
+k&ouml;nnten, das er ihr niemals enth&uuml;llen durfte. Der
+blo&szlig;e Gedanke, da&szlig; sie frei sei, hatte ihm das Blut
+ungest&uuml;m durch die Adern getrieben, obgleich er sich<span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span>
+deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte
+es ihm ausmachen, da&szlig; Talbot Chichester sich als
+der gro&szlig;e Esel, f&uuml;r den er ihn gehalten, erwiesen hatte?</p>
+
+<p>»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte
+Florence.</p>
+
+<p>Sie blickte ihn ungewi&szlig; an. »Ich m&ouml;chte wohl
+wissen, Herr Leath, ob ich eine Frage an Sie richten
+darf?«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig; d&uuml;rfen Sie jede Frage an mich stellen.
+Aber die eine, die Sie tun wollen, brauchen Sie nicht
+zu stellen, ich kann sie ungefragt beantworten. Gehe
+ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich
+hier tun wollte? Das ist die Frage &mdash; nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und die Antwort lautet: &rsaquo;Ja, ich gehe, weil
+es mir g&auml;nzlich mi&szlig;lungen ist&lsaquo;.«</p>
+
+<p>»Es ist Ihnen nicht gegl&uuml;ckt, den Menschen, von
+dem Sie sprachen, &mdash; Robert Bontine, &mdash; aufzufinden?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich habe nicht die leiseste Spur von
+ihm gefunden.«</p>
+
+<p>»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen
+aufgeben?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen
+fortzusetzen, das ist alles.«</p>
+
+<p>»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen.
+»Sie waren so sicher, da&szlig; er hier sei &mdash;
+so fest &uuml;berzeugt davon! Sie haben mir nie gesagt,
+ob Sie ihn erkennen w&uuml;rden, wenn Sie ihm begegnen
+sollten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span></p>
+
+<p>»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit
+Augen gesehen!«</p>
+
+<p>»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose &Uuml;berraschung.
+»Was ist er Ihnen denn, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis,
+Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn
+Sie es mir sagen. Ich habe kein Recht, Sie darnach
+zu fragen, das wei&szlig; ich wohl &mdash; ich wei&szlig; kaum,
+weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie
+blickte ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, &mdash; Sie
+haben v&ouml;llig recht, es mir abzuschlagen und Ihr
+Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um Entschuldigung.
+Ich frage Sie nicht.«</p>
+
+<p class="pmb3">Jedem anderen Fragesteller gegen&uuml;ber w&uuml;rde er
+stumm geblieben sein; ihr gegen&uuml;ber blieb er es nicht.
+Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence fragte nicht
+weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte
+sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er
+sie auf ihr Pferd, und noch immer schweigend und
+verwundert ritt sie davon und lie&szlig; ihn allein.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_17">17.</h2>
+</div>
+
+<p>»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr
+Sherriff, obgleich Sie nach Ihrem gestrigen Anfall
+wohl eigentlich kaum wohl genug sein werden, um
+auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.</p>
+
+<p>Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen
+Versprechens nach dem Bungalow her&uuml;bergeritten
+und hatte sich sogleich in das trauliche Wohnzimmer
+des Hausherrn begeben, dessen bis auf den
+Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen
+umrankte Veranda und den sonnigen Garten
+dahinter hinausf&uuml;hrten. Der alte Herr, der in seinem
+gro&szlig;en Stuhle sa&szlig;, hatte seinen Freund mit einem
+L&auml;cheln willkommen gehei&szlig;en, war aber nicht aufgestanden
+und ihm entgegengegangen. Seine Augen
+blickten tr&uuml;be, sein sch&ouml;nes altes Gesicht war eingefallen
+und bla&szlig;, die Hand, die sich dem jungen
+Manne entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche
+Symptome stellten sich immer nach den Ohnmachtsanf&auml;llen
+ein, an denen er hin und wieder litt, und
+der Anfall am gestrigen Tage war ungew&ouml;hnlich
+schwer gewesen. Er selbst machte nicht viel Aufhebens
+von diesen Anwandlungen &mdash; die Tatsache, da&szlig; er
+an einer Herzschw&auml;che litt, die auch wahrscheinlich
+einst die Ursache seines Todes sein w&uuml;rde, beunruhigte
+ihn nicht; denn er wu&szlig;te es seit vierzig Jahren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span></p>
+
+<p>»Es ist sch&ouml;n, da&szlig; Sie kommen, mein alter Junge.
+Ich habe Sie erwartet,« antwortete er mit zitternder
+Stimme, w&auml;hrend er wieder in seinen Sessel sank.
+»Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die gestrige
+Ersch&uuml;tterung &mdash;«</p>
+
+<p>»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu
+reden?« warf Leath dazwischen.</p>
+
+<p>»Nein, nein! Es l&auml;&szlig;t mir keine Ruhe! Seitdem
+ich gestern wieder zu mir kam, habe ich mich
+gefragt: &rsaquo;Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?&lsaquo;
+Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie
+geht es zu, da&szlig; ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere
+Antlitz, dessen ich mich so gut erinnere, gesehen habe?
+Sie sind Marys Sohn &mdash; meiner Mary Sohn!«</p>
+
+<p>Eine wehm&uuml;tige Z&auml;rtlichkeit klang aus seiner
+Stimme, w&auml;hrend seine Augen erregt in den ernsten,
+gefa&szlig;ten Z&uuml;gen des J&uuml;ngeren forschten, die, so ernst
+sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks
+zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn r&uuml;hrte
+die tiefe Bewegung seines Gef&auml;hrten, r&uuml;hrte die Treue,
+die noch nach mehr als drei&szlig;ig Jahren der einst Geliebten
+ein solches Gedenken bewahrte. Er dr&uuml;ckte die
+Hand, die die seine umschlo&szlig;.</p>
+
+<p>»Sehen Sie keine &Auml;hnlichkeit?«</p>
+
+<p>»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn
+und dem Ausdruck des Mundes liegt etwas, das mich
+an Mary erinnert. Aber es liegt mehr H&auml;rte darin
+als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann &mdash; Sie
+haben ein schweres Leben hinter sich &mdash; das vergesse
+ich. Mary war ein junges Ding, als sie von mir ging<span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span>
+&mdash; so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu denken,
+da&szlig; ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich
+nicht auf mein Ged&auml;chtnis verlassen. Everard, haben
+Sie mir je in einem unserer Gespr&auml;che erz&auml;hlt, da&szlig;
+Sie Ihre Mutter verloren h&auml;tten &mdash; da&szlig; Mary
+tot ist?«</p>
+
+<p>»Ja, das habe ich Ihnen erz&auml;hlt. Sie ist vor acht
+Jahren gestorben.«</p>
+
+<p>»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre
+es erst heute! Und wie hat sie Sie zur&uuml;ckgelassen?
+Allein?«</p>
+
+<p>»Ganz allein.«</p>
+
+<p>»Sie haben keine Geschwister gehabt?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in
+den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn
+einen Augenblick, &ouml;ffnete die Lippen, als wollte er
+reden, schlo&szlig; sie wieder, seufzte und nahm von dem
+Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage
+zu der Entdeckung gef&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<p>»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges
+M&auml;dchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie
+mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem mu&szlig;
+sie sich sehr wenig ver&auml;ndert haben, da Sie das Bild
+sofort erkannten.«</p>
+
+<p>»Sie hatte sich ganz und gar ver&auml;ndert,« antwortete
+Leath, ohne sich umzuwenden. »H&auml;tte ich nur
+die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt,
+gehabt, so w&uuml;rde ich jenes Bild nie erkannt haben.
+Aber ich besitze ein ebensolches, das nat&uuml;rlich aus<span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span>
+derselben Zeit stammt. Ich wei&szlig; noch, da&szlig; ich es
+mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert
+fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und
+derselben Frau geh&ouml;ren k&ouml;nnten.«</p>
+
+<p>»Die Ver&auml;nderung war so gro&szlig;?« fragte der
+andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand &uuml;ber
+die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er
+dann sanft.</p>
+
+<p>»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,«
+antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu
+regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«</p>
+
+<p>»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte
+einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem
+sch&ouml;nen alten Gesicht.</p>
+
+<p>»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht
+schwer machen, indem ich Ihnen davon erz&auml;hle &mdash;
+weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vor&uuml;ber.
+Eine abgeh&auml;rmte, traurige, fr&uuml;h gealterte Frau, die
+gern gestorben w&auml;re, als ihre Stunde schlug, w&auml;re
+ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere M&uuml;tter
+uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich
+ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, da&szlig; Sie
+Ihnen die Treue gebrochen &mdash; so teuer sie mir war,
+so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie d&uuml;rfen
+mir glauben, wenn ich sage, da&szlig; sie schwer daf&uuml;r geb&uuml;&szlig;t
+hat.«</p>
+
+<p>»Ich habe es gef&uuml;rchtet &mdash; gef&uuml;rchtet!« sagte der
+alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft,
+da&szlig;, w&auml;re ihr Leben gl&uuml;cklich gewesen, ich wieder
+von ihr geh&ouml;rt haben w&uuml;rde, da&szlig; sie meiner doch noch<span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span>
+gedacht h&auml;tte und mich ihr Gl&uuml;ck h&auml;tte erfahren lassen.
+Sie haben nie von mir reden h&ouml;ren? Sie hat niemals
+zu Ihnen von mir gesprochen?«</p>
+
+<p>»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erz&auml;hlte
+mir einmal, da&szlig; sie selbst an ihrem Kummer und
+Leid schuld sei &mdash; da&szlig; sie mit offenen Augen als
+M&auml;dchen ihr Gl&uuml;ck von sich gesto&szlig;en. Jetzt verstehe
+ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«</p>
+
+<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte
+noch immer finster zum Fenster hinaus. Sherriff
+blickte ihn mit merkw&uuml;rdig zweifelndem Ausdruck
+z&ouml;gernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte,
+die auszusprechen der andere eine &auml;ngstliche
+Scheu empfand.</p>
+
+<p>»Everard &mdash;,« es war eine Kleinigkeit, aber es
+r&uuml;hrte den jungen Mann tief, als er bemerkte, da&szlig;
+ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen nannte, &mdash;
+»Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«</p>
+
+<p>»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«</p>
+
+<p>»Was &mdash; was haben Sie mir &uuml;ber Ihren Vater
+zu sagen?«</p>
+
+<p>»Was soll&rsquo;s mit ihm?« Er sprach, ohne sich
+umzuwenden, aber sein Ton war schroff und scharf,
+und seine kraftvolle Hand ballte sich.</p>
+
+<p>»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«</p>
+
+<p>»Ihre Mutter verlor ihn so fr&uuml;h schon? Ehe Sie
+geboren wurden?«</p>
+
+<p>»Allerdings &mdash; ehe ich geboren wurde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span></p>
+
+<p>»Und er lie&szlig; sie arm zur&uuml;ck?«</p>
+
+<p>»Er lie&szlig; sie am Bettelstabe.«</p>
+
+<p>»Er war also arm?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht, was er war. Ich wei&szlig; nichts &mdash;
+nichts!«</p>
+
+<p>»Tragen Sie seinen Namen?«</p>
+
+<p>»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem
+Bruder meiner Mutter genannt, der als Kind gestorben
+ist. Das hat sie mir erz&auml;hlt.«</p>
+
+<p>Sein Ton h&auml;tte nicht bitterer sein k&ouml;nnen. Herr
+Sherriff stand auf und nahm das Bild vom Tische.</p>
+
+<p>»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter &uuml;ber die Sache
+reden,« sprach er ruhig, »es geht uns beiden zu nahe.
+Ein anderes Mal werde ich Sie bitten, mir mehr aus
+Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erz&auml;hlen,
+aber jetzt nicht.«</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte
+das Bild hinein und verschlo&szlig; es sorgf&auml;ltig.</p>
+
+<p>»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim
+Ordnen der Mortlakeschen Papiere zu helfen?«</p>
+
+<p>Leath, der sich gewaltsam seinem Br&uuml;ten entri&szlig;,
+erkl&auml;rte sich bereit, suchte aber, allerdings vergeblich,
+den Alten zu &uuml;berreden, seines Befindens wegen die
+Arbeit auf morgen zu verschieben.</p>
+
+<p>Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet
+hatten, sagte Sherriff:</p>
+
+<p>»Die wichtigen Schriftst&uuml;cke und Pachtvertr&auml;ge
+sind in dem feuerfesten Schrank dort am Kamin. Es
+ <span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span>
+sind zwei Kasten, die beide in wei&szlig;en Buchstaben die
+Aufschrift &rsaquo;Mortlake&lsaquo; tragen.«</p>
+
+<p>Leath schlo&szlig; den Schrank auf, sah die beiden
+Kasten und stellte sie auf den Tisch.</p>
+
+<p>Sherriff bat ihn, den gr&ouml;&szlig;eren zuerst aufzuschlie&szlig;en,
+und meinte, mit dem anderen brauchten
+sie sich kaum zu befassen, da er haupts&auml;chlich Papiere,
+die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts,
+stammten, enthielten, und setzte hinzu:</p>
+
+<p>»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen
+von meinem Vorg&auml;nger geschickt worden. Jedenfalls
+hat Sir Jasper nicht darum gewu&szlig;t, denn der Kasten
+enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen
+sollte. Mein Vorg&auml;nger hatte ein Zimmer in Turret
+Court, in dem er arbeitete, in dem damals all diese
+B&uuml;cher und Schriften aufbewahrt wurden, und er erz&auml;hlte
+mir, da&szlig; Sir Jasper, der das P&auml;ckchen unter
+seinen Privatpapieren vermi&szlig;t haben mochte, und dem
+dann eingefallen, wo es war, ungehalten gewesen sei,
+da&szlig; er den kleineren Kasten mit hierhergeschickt h&auml;tte.
+Er mu&szlig; sich dann gleich auf den Weg gemacht haben,
+das Vermi&szlig;te wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen,
+nachdem ich die B&uuml;cher und Kasten erhalten,
+hier am Tische sa&szlig; wie jetzt und anfing, sie durchzusehen,
+ritt Sir Jasper drau&szlig;en vor. Es war ein bitterkalter
+Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret
+Court her&uuml;bergejagt, da&szlig; sein Pferd mit Schaum
+bedeckt war und sein Gesicht &mdash; selbst gestern sah er
+nicht so aus, wie damals. Er st&uuml;rzte wie ein Wahnsinniger
+zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen
+Kasten ge&ouml;ffnet h&auml;tte. Ich sagte nichts, denn sein<span class="pagenum"><a id="Page_210">[S. 210]</a></span>
+br&uuml;skes und heftiges Benehmen verletzte mich, sondern
+deutete auf den noch unber&uuml;hrt auf dem Tische
+stehenden Kasten und gab ihm den Schl&uuml;ssel. Er schlo&szlig;
+ihn auf, leerte ihn mit bebenden H&auml;nden, nahm ein
+Paket heraus, schleuderte es ins Kaminfeuer und
+war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen,
+und lie&szlig; die &uuml;brigen Schriftst&uuml;cke auf dem Tische
+und Fu&szlig;boden verstreut liegen.«</p>
+
+<p>»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf
+ich fragen, wie das Paket aussah?«</p>
+
+<p>»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach
+und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden.
+Haben Sie den gro&szlig;en Kasten ausgepackt?
+Dann wollen wir jetzt daran gehen.«</p>
+
+<p>Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich
+Sherriff mit allen Zeichen der Ersch&ouml;pfung in seinen
+Stuhl zur&uuml;ck und meinte, da&szlig; er sich niederlegen m&uuml;sse,
+wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen.
+Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer,
+blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab
+sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben
+Stunde war der Inhalt des gr&ouml;&szlig;eren Kastens geordnet,
+und w&auml;hrend er sich eine Zigarre anz&uuml;ndete,
+blickte er unschl&uuml;ssig auf den kleineren.</p>
+
+<p>»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es w&auml;re
+wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis
+des Barons bergen.«</p>
+
+<p>Er schlo&szlig; den Kasten auf und packte ihn aus. Der
+Inhalt war augenscheinlich lange nicht ber&uuml;hrt worden,
+denn ihm entstr&ouml;mte ein dumpfiger Geruch. Mit<span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span>
+den alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht
+viel anzufangen.</p>
+
+<p>Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und
+dies? Irgendein gerichtliches Dokument &uuml;ber das
+Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete
+&ouml;lige Pergament, zwischen dessen Falten
+noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben
+haben mochte? Er schlug es langsam auseinander,
+und ihm fiel ein kleines, flaches P&auml;ckchen,
+das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten
+wurde, entgegen.</p>
+
+<p>Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines?
+In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte
+erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er,
+und mit den Worten: »Ein zuf&auml;lliges Zusammentreffen,
+nat&uuml;rlich!« l&ouml;ste er das Band und breitete den
+Inhalt des P&auml;ckchens vor sich aus. Woraus bestand
+er? Aus einem B&uuml;ndel Briefe, die mit demselben
+gelben Bande zusammengebunden waren, einem
+kleinen, amtlich aussehenden Schriftst&uuml;ck, das f&uuml;r sich
+allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf
+und hielt sie so, da&szlig; das Licht darauffiel.</p>
+
+<p>Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel
+seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und
+er sa&szlig; mit starrem, tieferbla&szlig;tem Antlitz da. W&auml;hrend
+zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er
+regungslos und stumm, dann erhob er sich m&uuml;hsam und
+trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte
+ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz
+zur&uuml;ck. Mit pl&ouml;tzlich wiederkehrender, nat&uuml;rlicher<span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span>
+Energie und einem Laut, der wie ein L&auml;cheln klang,
+ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch,
+warf es auf den Tisch und streifte das Band von den
+Briefen.</p>
+
+<p class="pmb3">Es war ungef&auml;hr ein Dutzend. Alle au&szlig;er einem
+trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war
+zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen
+H&auml;nden. Die Tinte war verbla&szlig;t, die Daten lagen
+um mehr als drei&szlig;ig Jahre zur&uuml;ck. Einen nach dem
+andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath,
+dann lie&szlig; er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen
+und sa&szlig; mit auf die Brust gesenktem Haupte,
+gerunzelter Stirn und aufeinandergepre&szlig;ten Lippen
+in finsterem Br&uuml;ten da. Er war so in seine Gedanken
+vertieft, da&szlig; er die Schritte drau&szlig;en auf dem Kies
+nicht h&ouml;rte, noch merkte, da&szlig; sie auf den Steinfliesen
+der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als
+einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch
+immer in der Hand haltend, und sah Gr&auml;fin Florence
+drau&szlig;en vor dem offenen Fenster stehen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_18">18.</h2>
+</div>
+
+<p>Florence stand in der Veranda des Bungalow,
+und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf
+ihre schlanke wei&szlig;e Gestalt und verkl&auml;rte sie f&ouml;rmlich.
+Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete
+ihr Gesicht, aber lie&szlig; doch erkennen, da&szlig; sie fast
+ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und da&szlig;
+ein ungew&ouml;hnlich entschlossener Ausdruck um ihre
+Lippen lag. Mit dem sch&ouml;nen Antlitz war eine r&auml;tselhafte
+Ver&auml;nderung vorgegangen &mdash; es sah &auml;lter und
+strenger aus.</p>
+
+<p>»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath,
+aber Sie haben mich wohl nicht geh&ouml;rt?«</p>
+
+<p>Sie sprach in leichtem, nachl&auml;ssigem Tone, aber
+es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht
+stets ihm gegen&uuml;ber angeschlagen hatte;
+und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich
+dessen bewu&szlig;t. Er versuchte, sich zu fassen, schob die
+Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn
+es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe
+sie eintrat.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gr&auml;fin &mdash; ich mu&szlig;
+gestehen, da&szlig; ich Sie nicht geh&ouml;rt habe. Darf ich
+Sie bitten, n&auml;herzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich
+nicht hier.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span></p>
+
+<p>Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung
+und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen.
+Sie trat ruhig durch die Glast&uuml;r ein und
+nahm Platz.</p>
+
+<p>»Ich bin ein wenig m&uuml;de. Meine Cousine ist nach
+dem Pfarrhause weitergefahren und wird mich hier
+abholen. Lassen Sie sich nicht st&ouml;ren,« sagte sie, nachdem
+er ihr erz&auml;hlt, da&szlig; Sherriff gestern einen seiner
+Ohnmachtsanf&auml;lle gehabt und sich auch jetzt wieder
+niedergelegt habe.</p>
+
+<p>Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles
+mit ihm im Kreise &mdash; ihm war, als m&uuml;sse er ersticken.</p>
+
+<p>Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken.
+Sie nahm ihren Hut ab und hielt ihn auf dem Scho&szlig;e.
+Dabei wurde sie die auf dem Tische verstreuten Papiere,
+die verschlossenen und offenen Kasten gewahr.
+Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm
+und fragte ihn erregt, ob die Szene, die gestern
+zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff stattgefunden
+und von der er ja wissen m&uuml;sse, da sie ihn sonst wohl
+nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben
+w&uuml;rde, den Ohnmachtsanfall herbeigef&uuml;hrt habe.</p>
+
+<p>Everard verneinte und sagte, er wisse zuf&auml;llig,
+da&szlig; das Unwohlsein des Alten durch eine ganz andere
+Gem&uuml;tsbewegung verursacht worden sei.</p>
+
+<p>»Eine andere Gem&uuml;tsbewegung?« fragte sie und
+wurde pl&ouml;tzlich sehr bleich. »Er h&auml;lt viel von mir,«
+fuhr sie mit leicht bebender Stimme fort, »haben Sie
+ihm etwa erz&auml;hlt, da&szlig; meine Verlobung zur&uuml;ckgegangen
+ist?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; ich habe nichts davon erw&auml;hnt.«</p>
+
+<p>Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit
+schienen ihr endlich aufzufallen; sie blickte ihn betroffen
+an. Hatte er etwas &uuml;belgenommen? Es
+sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte
+sie nicht, da&szlig; er sich gekr&auml;nkt f&uuml;hlen sollte. War er
+nicht schlie&szlig;lich freundlicher gewesen als Lady Agathe,
+ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei dem Gedanken
+ballten sich ihre H&auml;nde.</p>
+
+<p>»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht
+h&auml;tten erw&auml;hnen sollen,« sprach sie ruhig. »Die Umst&auml;nde
+sind nicht gew&ouml;hnlicher Art.« Sie hielt inne.
+»Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst
+zu sagen, da&szlig; ich Herrn Chichester sein Wort zur&uuml;ckgegeben
+habe.«</p>
+
+<p>»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.</p>
+
+<p>»Ja.« Mit einem leichten, ver&auml;chtlichen L&auml;cheln
+zuckte sie die Achseln. »Es ist f&uuml;r mich jetzt kein sehr
+angenehmer Aufenthalt in Turret Court, und meine
+Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer f&uuml;r
+meine Tante und meine Cousine. Ich habe sie beide
+lieb, aber augenblicklich bin ich b&ouml;se auf sie, und
+daher ist es besser, wir trennen uns vorl&auml;ufig. Erst
+gehe ich zu Freunden nach London und werde dann
+wahrscheinlich in acht bis vierzehn Tagen mit der
+Herzogin von Dunbar in Pontresina zusammentreffen.
+Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem herzlichen
+Gru&szlig;e bestellen f&uuml;r den Fall, da&szlig; ich vor meiner
+Abreise ihn nicht mehr sehen sollte?«</p>
+
+<p>Leath murmelte etwas Unverst&auml;ndliches, was sie
+als eine Bejahung auffa&szlig;te.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span></p>
+
+<p>»Danke. Aber sagen Sie ihm, da&szlig; ich morgen
+wieder vorsprechen w&uuml;rde. Und Sie gehen ja auch
+fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.«
+Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen
+Ton als bisher. »Ich mu&szlig; Ihnen also
+auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann Sie
+reisen?«</p>
+
+<p>»Nein,« &mdash; zum ersten Male seit ihrem Eintritt
+blickte er ihr voll ins Gesicht, &mdash; »ich gehe nicht aus
+St. Mellions fort, Gr&auml;fin.«</p>
+
+<p>»Nein? Ihre &mdash; Ihre Pl&auml;ne haben sich also ge&auml;ndert?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden
+war. »Setzen Sie sich wieder! Ich habe
+Ihnen etwas zu sagen.«</p>
+
+<p>Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und
+sie war so namenlos &uuml;berrascht, da&szlig; sie unwillk&uuml;rlich
+gehorchte. Er blieb vor ihr stehen und pre&szlig;te die
+Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor
+ihm auf dem Tische lag.</p>
+
+<p>»Gr&auml;fin, erinnern Sie sich unseres Gespr&auml;ches
+gestern an der Pforte meines Gartens?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich,« antwortete sie best&uuml;rzt.</p>
+
+<p>»Ich erz&auml;hlte Ihnen, da&szlig; ich St. Mellions verlie&szlig;e,
+und weshalb?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Weshalb war das?«</p>
+
+<p>»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine
+zu finden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p>
+
+<p>»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete
+sie. Erinnern Sie sich der Antwort?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Sie wurde immer bleicher, und ihre weitge&ouml;ffneten
+Augen hingen starr an ihm. Sie war sich
+eines l&auml;hmenden Schreckens bewu&szlig;t, der sich ihrer
+bem&auml;chtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie
+versuchte, sich zusammenzunehmen. »Weshalb stellen
+Sie mir diese Fragen?« sagte sie.</p>
+
+<p>»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«</p>
+
+<p>Ihre Lippen &ouml;ffneten sich, aber sie sagte nichts
+&mdash; sein Blick machte sie verstummen. Er nahm das
+eine Schriftst&uuml;ck, das einzeln zusammengefaltet in dem
+zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.</p>
+
+<p>»Wollen Sie das lesen?«</p>
+
+<p>Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der
+Hand.</p>
+
+<p>»Verstehen Sie es?«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, was es ist.«</p>
+
+<p>»Aber mehr begreifen Sie nicht?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und
+gab ihn ihr.</p>
+
+<p>»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und
+f&uuml;hrt eine beredte Sprache.«</p>
+
+<p>Ihre Finger bebten so heftig, da&szlig; das d&uuml;nne
+Papier knisterte, w&auml;hrend sie den Brief las. Er war
+nicht lang. Sie lie&szlig; die Hand schlaff in den Scho&szlig;
+sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span></p>
+
+<p>»Sie verstehen, was geschehen war, als jene
+Zeilen geschrieben wurden, &mdash; welches Unrecht begangen,
+welche L&uuml;ge vorgebracht worden &mdash; nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, das verstehe ich.«</p>
+
+<p>Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine
+m&auml;nnliche Handschrift trug und ganz zerknittert und
+mitten durchgerissen war.</p>
+
+<p>»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie
+dabei an, »wurde, wie ich vermute, &mdash; nein, ich wei&szlig;,
+&mdash; von der Empf&auml;ngerin dem Schreiber zur&uuml;ckgeschickt.
+Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den
+Sie gelesen haben, war die Antwort darauf, und Sie
+k&ouml;nnen den Inhalt ungef&auml;hr erraten. Aber ich m&ouml;chte,
+da&szlig; Sie ihn ans&auml;hen und mir dann sagten, ob Sie
+begreifen.«</p>
+
+<p>Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen
+Minute streckte sie die zitternde Hand aus und nahm
+ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die Augen mit
+einem Schauder ab.</p>
+
+<p>»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit
+schwacher Stimme. »Ich bin ganz verwirrt &mdash; ich
+&auml;ngstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich von
+dem &uuml;berzeugen lasse, was Sie sich bem&uuml;hen, mir ohne
+ein Wort zu beweisen, ich wei&szlig; nicht, ob um mich zu
+schonen oder aus Grausamkeit &mdash; ehe ich das tue,
+sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«</p>
+
+<p>Er deutete auf den kleineren Kasten.</p>
+
+<p>»Ich habe sie dort gefunden.«</p>
+
+<p>»Wann?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span></p>
+
+<p>»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«</p>
+
+<p>»Und keiner wei&szlig; davon?«</p>
+
+<p>»Au&szlig;er uns &mdash; keiner. Wollen Sie den Brief
+ansehen?«</p>
+
+<p>Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie
+seinem Gehei&szlig; und las ihn von der ersten Seite bis
+zur Namensunterschrift auf der dritten langsam durch.
+Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Scho&szlig;.</p>
+
+<p>»Ich begreife alles, was Sie wollen, da&szlig; ich begreifen
+soll,« hauchte sie fast unh&ouml;rbar. Ihr Kopf
+sank zur&uuml;ck. »Mir wird schlecht, glaube ich,« stammelte
+sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«</p>
+
+<p>Auf dem B&uuml;fett stand Wein, den er ihr brachte,
+weil er ihr besser sein w&uuml;rde wie Wasser, wie er sagte.
+Es lag keine Z&auml;rtlichkeit in seiner Hilfeleistung, kaum
+sorgliche Beflissenheit &mdash; der ganze Mensch schien
+ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz.
+Als sie den Wein getrunken hatte, nahm er ihr das
+Glas aus der Hand und hub wieder zu reden an,
+ruhig und klar, aber nicht freundlich.</p>
+
+<p>»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren
+sich, wenn Sie das tun. Ich hatte ausreichende Beweise
+von allem, ehe ich nach England kam. Meine
+einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln
+Sie daran, da&szlig; es mir gelungen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber
+ich bin wie verwirrt. Das Ganze ist so entsetzlich.
+Lassen Sie mich nachdenken!«</p>
+
+<p>Er gehorchte, trat an den Tisch zur&uuml;ck und
+band die Briefe, das Dokument, die Photographie<span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span>
+wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah jetzt
+wieder wie das unschuldige flache P&auml;ckchen aus, das
+Sir Jasper Mortlake zu Asche verbrannt zu haben
+glaubte. Florence dr&uuml;ckte die H&auml;nde gegen die Augen.
+Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie herabsinken
+lie&szlig;, waren ihre Lippen v&ouml;llig farblos; nur in
+ihren gro&szlig;en Augen schien noch Leben zu sein, als sie
+ihn anblickte.</p>
+
+<p>»Was,« hauchte sie in fast unh&ouml;rbarem Fl&uuml;stertone,
+»was wollen Sie tun?«</p>
+
+<p>»Tun?«</p>
+
+<p>Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn,
+da&szlig; sie es brauchte.</p>
+
+<p>»Was sollte ich tun, als das eine &mdash; das zu tun
+ich der Toten feierlich gelobt habe &mdash; die Wahrheit
+verk&uuml;nden?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein &mdash; nur das nicht!« Ihre Stimme
+klang fast schrill; sie sprang auf und fa&szlig;te seinen Arm.
+»Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was
+das hei&szlig;en w&uuml;rde &mdash; die Schande &mdash; die Schmach &mdash;
+Verzweiflung! Und sie sind unschuldig &mdash; Tante
+Agathe und ihre Kinder &mdash; sie haben Ihnen nichts
+zuleide getan. Es w&uuml;rde Tante t&ouml;ten, w&uuml;rde Cis das
+Herz brechen &mdash; meiner armen kleinen Cis. Roys
+Leben w&auml;re zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig!
+&Uuml;berlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschw&ouml;re
+Sie!«</p>
+
+<p>Ihre H&auml;nde umklammerten noch immer seinen
+Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein
+weicherer Zug trat in sein Antlitz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span></p>
+
+<p>»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gr&auml;fin, da&szlig;
+die Unschuldigen f&uuml;r die Schuldigen leiden m&uuml;ssen.
+Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich k&ouml;nnen es
+&auml;ndern. Auch ich bedaure die ungl&uuml;ckliche Frau und
+ihre Kinder. Aber k&ouml;nnten Sie deshalb wollen, da&szlig;
+ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt,
+vergesse &mdash; das zugrunde gerichtete Leben, das
+ich habe erl&ouml;schen sehen, das Sterbebett, an dem ich
+gestanden, und das Gel&uuml;bde, das ich dort getan, das
+Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein
+ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? K&ouml;nnten
+Sie wirklich wollen, da&szlig; ich dies alles vergesse, da&szlig;
+ich das mir zugef&uuml;gte Unrecht beiseite schiebe, um ein
+barmherziges Schweigen zu beobachten? Das k&ouml;nnen
+Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich mu&szlig; die
+Wahrheit sagen.«</p>
+
+<p>»O, Sie m&uuml;ssen es nicht &mdash; Sie sollen es nicht!«
+Sie rang die H&auml;nde. »O, bedenken Sie sich &mdash; warten
+Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen &mdash; es mu&szlig;
+doch m&ouml;glich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu
+stimmen. Auf irgendeine Weise m&uuml;ssen Sie doch zu erweichen
+sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn flehend an.</p>
+
+<p>»Ach, um welchen Preis w&uuml;rden Sie meine Bitte
+erf&uuml;llen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen
+zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen
+Sie mir, da&szlig; Sie jeden Pfennig meines Verm&ouml;gens
+nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich,
+da&szlig; es Ihnen geh&ouml;ren soll. Denken Sie, um was
+ich flehe &mdash; um das Gl&uuml;ck und die Ehre dreier unschuldiger
+Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch<span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span>
+Mitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben,
+was ich besitze, und Ihnen danken, da&szlig; Sie es nehmen,
+wenn Sie nur nicht reden wollen!«</p>
+
+<p>Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend.
+Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der
+Hand.</p>
+
+<p>»Sie vergessen, Gr&auml;fin, da&szlig; es nicht nur Geld
+ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Verm&ouml;gen?
+St&uuml;nde es in Ihrer Macht, es in diesem
+Augenblick in meine H&auml;nde zu legen, so w&uuml;rde es
+keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es &mdash; Sie
+fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein
+Schweigen zu erkaufen.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepre&szlig;ten
+Lippen und die wie geschliffener Stahl
+blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos
+alles weitere Bitten sein w&uuml;rde. Er w&uuml;rde kein Erbarmen
+haben &mdash; er w&uuml;rde die Wahrheit verk&uuml;nden!
+Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont
+worden war &mdash; schonen, wo Recht und Gerechtigkeit
+auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Geb&auml;rde
+der Verzweiflung.</p>
+
+<p>»Sie haben recht,« brachte sie m&uuml;hsam hervor,
+»es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein &mdash; ich gebe es
+zu. Weshalb sollten Sie das f&uuml;r Menschen tun, aus
+denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist
+schrecklich! Aber Sie m&uuml;ssen es tun, da Sie es nicht
+anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, &mdash;
+ich w&uuml;rde fast mein Leben daf&uuml;r geben, k&ouml;nnte ich
+Sie davon zur&uuml;ckhalten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p>
+
+<p>Ihre Erregung &uuml;berw&auml;ltigte sie. Sie sank auf
+einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen
+aus. Zum ersten Male ging eine Ver&auml;nderung mit
+Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem
+fassungslosen Schmerze schluchzen h&ouml;rte. Es war ihm
+unm&ouml;glich, l&auml;nger zu vergessen, wer sie war &mdash; das
+Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem
+Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber
+jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat
+zu ihr.</p>
+
+<p class="pmb3">»Gr&auml;fin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich
+habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel
+von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_19">19.</h2>
+</div>
+
+<p>»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard
+Leath, »Sie k&ouml;nnen mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen.«</p>
+
+<p>So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so
+vernahm die Schluchzende sie doch, lie&szlig; vor Verwunderung
+die H&auml;nde herabsinken und wandte ihm
+ihr von Tr&auml;nen &uuml;berstr&ouml;mtes Gesicht zu. Hatte er
+das wirklich gesagt? Meinte er das so? Das Herz
+schien ihr fast stillzustehen und klopfte dann wieder
+ungest&uuml;m, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war
+eine Ver&auml;nderung vorgegangen; sein Antlitz war ger&ouml;tet,
+seine Augen blickten gl&auml;nzend und lebhaft. Sie
+rang nach Atem, w&auml;hrend sie ihn mit weitge&ouml;ffneten
+Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne
+ihres Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, da&szlig; er
+schweigen, da&szlig; er barmherzig sein wollte? Er hub
+wieder an:</p>
+
+<p>»Es gibt einen Preis &mdash; alle Menschen sind zu
+erkaufen, wie man sagt, und das mag wahr sein.
+Jedenfalls verh&auml;lt es sich mit mir so. Sie verga&szlig;en,
+da&szlig; Geld an sich nichts ist &mdash; f&uuml;r Ihr Verm&ouml;gen,
+w&auml;re es auch zwanzigmal so gro&szlig;, w&uuml;rde ich das,
+was Sie von mir heischen, nicht hergeben. Nichtsdestoweniger<span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span>
+k&ouml;nnen Sie mein Schweigen erkaufen, wenn
+Sie wollen!«</p>
+
+<p>»Wenn ich will? Sie wissen, da&szlig; ich will! Habe
+ich das nicht schon gesagt?«</p>
+
+<p>Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was
+er meinte, als sie zitternd, mit gespanntem Ausdruck
+in den Augen aufstand. »Sagte ich nicht, da&szlig; ich fast
+mein Leben daf&uuml;r hingeben w&uuml;rde, wenn ich sie
+dadurch retten k&ouml;nnte? Aber welchen Preis au&szlig;er
+meinem Gelde habe ich Ihnen zu bieten?«</p>
+
+<p>»Das wissen Sie nicht?«</p>
+
+<p>»Nein. Was &mdash; was?«</p>
+
+<p>»Sich selbst,« sprach er gelassen.</p>
+
+<p>»Mich selbst?«</p>
+
+<p>Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den
+Lippen, w&auml;hrend sie in ihren Stuhl zur&uuml;cksank und
+ihn noch immer v&ouml;llig verst&auml;ndnislos anstarrte. Aber
+als er ihr fest in die Augen sah, scho&szlig; eine hei&szlig;e Blutwelle
+ihr ins Antlitz, und sie err&ouml;tete bis zu den Haarwurzeln
+&mdash; sie verstand ihn! Er sah es und schwieg
+einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich zu fassen.</p>
+
+<p>»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub
+er wieder an. »Ich wei&szlig;, es ist der h&ouml;chste, der mir
+geboten werden k&ouml;nnte, aber auch der niedrigste, den
+ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort,
+da&szlig; Sie mein Weib werden wollen, und ich schw&ouml;re
+Ihnen, da&szlig; kein Wort &uuml;ber meine Lippen kommen
+soll.«</p>
+
+<p>Sie sagte nichts und r&uuml;ckte in ihrem Sessel nur
+noch weiter von ihm fort. Sie sah aus wie ein ge&auml;ngstigtes<span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span>
+Kind. Als er diese Bewegung wahrnahm,
+sprach er mit bitterem Auflachen:</p>
+
+<p>»O, ich wei&szlig;, da&szlig; Sie sich nichts aus mir machen!
+Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ich habe
+Ihnen, der Tochter und Erbin eines Grafen, bis zu
+diesem Augenblicke niemals als ein Ebenb&uuml;rtiger
+gegen&uuml;bergestanden, Gr&auml;fin Florence. Wie sollten Sie
+sich etwas aus mir machen? Und Sie geh&ouml;rten einem
+andern; ich habe nicht einmal wagen d&uuml;rfen, um
+Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt,
+Florence! Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie
+ebensowenig wissen wie ein Kind, &mdash; was eines
+Mannes Liebe sein kann, und ich schw&ouml;re Ihnen, Sie
+sollen mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie
+jener fischbl&uuml;tige Narr, dem Sie den Laufpa&szlig; gegeben
+haben. Ich &mdash; aber ich erschrecke Sie. Ich will ganz
+ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen
+k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>Erstaunt und erschrocken &uuml;ber sein wie umgewandeltes
+leidenschaftliches Antlitz, seine leuchtenden
+Augen, seine beredte Sprache war sie, als er sich
+&uuml;ber sie beugte, noch weiter von ihm zur&uuml;ckgewichen.
+Er ging zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er
+weitersprach. Sie hatte ihre Stellung ver&auml;ndert und
+sa&szlig; mit fest zusammengepre&szlig;ten H&auml;nden aufrecht da.</p>
+
+<p>»K&ouml;nnen Sie mich jetzt anh&ouml;ren?« fragte er ruhig.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Was also ist Ihre Antwort &mdash; ja oder nein?«</p>
+
+<p>»Wenn es &rsaquo;Ja&lsaquo; ist, schw&ouml;ren Sie, zu schweigen?«</p>
+
+<p>»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbr&uuml;chliches
+Schweigen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span></p>
+
+<p>»F&uuml;r jetzt und allezeit?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem
+Tische liegende P&auml;ckchen.</p>
+
+<p>»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«</p>
+
+<p>»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem
+Tage, an dem Sie mich heiraten.«</p>
+
+<p>»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie
+Sie sagen.«</p>
+
+<p>»Ebenso.«</p>
+
+<p>»Sie wollen niemand erz&auml;hlen, da&szlig; Sie Robert
+Bontine gefunden haben?«</p>
+
+<p>»Ich will den Namen nicht wieder erw&auml;hnen,
+nicht einmal gegen Sie.«</p>
+
+<p>»Und Sie wollen &mdash; sie hier &mdash; in Frieden &mdash;
+in ungest&ouml;rtem Frieden lassen &mdash; und nach Australien
+zur&uuml;ckkehren?«</p>
+
+<p>»Das haben Sie zu entscheiden &mdash; als meine
+Frau.«</p>
+
+<p>»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«</p>
+
+<p>»Nichts! Noch einmal &mdash; lautet Ihre Antwort
+&rsaquo;Ja&lsaquo; oder &rsaquo;Nein&lsaquo;?«</p>
+
+<p>»Wenn sie &rsaquo;Nein&lsaquo; lautet, so werden Sie reden?«</p>
+
+<p>»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um
+nichts dahingeben?«</p>
+
+<p>»Allerdings, weshalb? Das Gl&uuml;ck und die Ehre
+der andern sind Ihnen nichts &mdash; ich gestehe, da&szlig; ich
+kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen zu rechnen,«
+sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span>
+»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles
+verzichten &mdash; wollen das der Toten geleistete Gel&uuml;bde,
+von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie lachte bitter.</p>
+
+<p>»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind
+schlie&szlig;lich tot. Wenn ich irgend jemand durch mein
+Schweigen ein Unrecht zuf&uuml;ge, so ist es nur mir selbst.
+Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich
+will, die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit
+vorgehen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Liebe?« wiederholte sie mit uns&auml;glicher Verachtung.
+»Sie sagen, Sie lieben mich?«</p>
+
+<p>»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf
+sie zu, bezwang sich dann aber schnell. »Nein,« sagte
+er gelassen, »ich brauche nicht erst zu sagen, was Sie
+wissen.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer
+heftigen Bewegung »Ich hatte nie an so etwas
+gedacht.«</p>
+
+<p>»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, da&szlig; ich
+Sie lieben sollte? Aber Sie wissen es jetzt.«</p>
+
+<p>Sie w&uuml;rde es geleugnet haben, h&auml;tte sie es vermocht,
+aber sie begegnete seinen Augen, und die Worte
+erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war wahr &mdash;
+er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine
+Offenbarung. Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen
+auflehnen, aber sie mu&szlig;te es glauben &mdash; er
+zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst,
+ihrem Zorn mu&szlig;te sie Talbot Chichesters gedenken,
+des Mannes, der sie auch geliebt haben sollte, und
+sie h&auml;tte in all ihrem Jammer fast auflachen k&ouml;nnen.<span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span>
+Sie stand auf, st&uuml;tzte sich mit der Hand auf ihren
+Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte,
+dem sie aber nicht ausweichen wollte.</p>
+
+<p>»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam,
+»da&szlig; ich Sie fast hasse, Herr Leath?«</p>
+
+<p>»Augenblicklich ja, Gr&auml;fin Florence &mdash; v&ouml;llig.«</p>
+
+<p>»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens,
+mich zu heiraten?«</p>
+
+<p>»Ich liebe Sie, und ich wei&szlig; wenigstens, da&szlig; Sie
+keinen andern lieben. Und m&ouml;ge Ihr Gef&uuml;hl f&uuml;r mich
+sein, was es wolle, so ist es nicht Verachtung. Die Sache
+keines Mannes ist einer Frau gegen&uuml;ber hoffnungslos,
+solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath
+kaltbl&uuml;tig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte
+sie. Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles,
+Ihrer Emp&ouml;rung &mdash; nennen Sie es, wie Sie wollen
+&mdash; bin ich willens. Ich will mich des Wortes
+bedienen, da Sie es gebraucht haben.«</p>
+
+<p>»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn
+wieder voll Verachtung an. »Die meisten M&auml;nner
+w&uuml;rden es sich, glaube ich, zweimal &uuml;berlegen, ehe
+sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«</p>
+
+<p>»Nein, Gr&auml;fin Florence, nicht, wenn Sie diese
+Frau w&auml;ren.«</p>
+
+<p>Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen
+Augenblicken folgte er ihr an das Fenster, an das sie
+getreten war.</p>
+
+<p>»Ich will nicht, da&szlig; Sie sich &uuml;bereilen,« sagte
+er ruhig; »wenn Sie sagen: &rsaquo;Gib mir bis morgen Zeit&lsaquo;,
+so will ich warten. Aber es ist nicht anzunehmen,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span>
+da&szlig; Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird
+der Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer
+oder h&ouml;herer geworden sein.«</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, Sie halten mich f&uuml;r brutal, &mdash; ich
+f&uuml;rchte, ich bin es auch, &mdash; aber die Umst&auml;nde entschuldigen
+mich vielleicht ein wenig. Unfreundliche
+oder kalte Worte w&uuml;rde ich aus freier Wahl nicht
+gerade Ihnen gegen&uuml;ber brauchen. Dar&uuml;ber sollen
+Sie sich nicht zu beklagen haben, wenn Sie erst meine
+Frau sind. Ich stelle meine Frage noch einmal &mdash; ist
+Ihre Antwort &rsaquo;Ja&lsaquo; oder &rsaquo;Nein&lsaquo;?«</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te die Antwort, und sie ebenfalls &mdash; es
+konnte nur eine geben. Sie sagte nichts &mdash; Lippen
+und Zunge waren ihr wie ausgedorrt &mdash; aber langsam,
+sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin.
+Er nahm sie, umschlo&szlig; sie mit festem Drucke w&auml;hrend
+eines Augenblickes und lie&szlig; sie dann los.</p>
+
+<p>»Sie sollen Ihren Entschlu&szlig; nie zu bereuen
+haben,« sprach er. »Von dieser Stunde an wird es
+meine Aufgabe sein, Sie so gl&uuml;cklich zu machen, wie
+nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder
+liebt, sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen,
+ist jetzt vor&uuml;ber und abgetan &mdash; ich gewinne
+unendlich, wenn Sie mir daf&uuml;r gegeben werden.«</p>
+
+<p>Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig;
+wiederum war sie nahe daran, in hysterisches Weinen
+auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, auf dem
+sie sich niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er,
+»und das ist kein Wunder! Ich darf Sir Jaspers
+Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich aus<span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span>
+und erholen Sie sich, w&auml;hrend ich sie fortr&auml;ume. Wenn
+Sie bereit sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten.
+Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe
+wir auseinandergehen.«</p>
+
+<p>Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte
+sich wieder &mdash; mit dem hilflosen Gef&uuml;hl, da&szlig; ihr
+nichts anderes &uuml;brigblieb &mdash; da&szlig; ihr nie wieder etwas
+anderes &uuml;brigbleiben w&uuml;rde, als sich den Umst&auml;nden
+zu f&uuml;gen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths
+Weib zu werden. Sie w&uuml;rde bald aus ihrer dumpfen
+Bet&auml;ubung erwachen, w&uuml;rde sich zu leidenschaftlicher
+Emp&ouml;rung aufraffen, aber jetzt hatte sie keine Kraft,
+gegen das Unvermeidliche zu k&auml;mpfen. Sie konnte
+nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie st&uuml;rbe,
+w&uuml;rde dieser schreckliche, unerbittliche Mensch, der
+sie bei all seiner mitleidlosen Hartherzigkeit unerkl&auml;rlicherweise
+so liebte, keinen Grund haben, zu schweigen
+&mdash; er w&uuml;rde die furchtbare Wahrheit aussprechen,
+die zu verk&uuml;nden in seiner Macht stand. Nein, sie
+mu&szlig;te ihn lieben und heiraten. So sehr sie ihn auch
+hassen mochte, sie mu&szlig;te sein Weib werden.</p>
+
+<p>Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat
+und sie fragte, ob sie den Heimweg antreten wolle.
+Gehorsam stand sie auf und setzte ihren Hut auf. Hatte
+er doch das Recht, mit ihr zu gehen &mdash; war er nicht
+ihr zuk&uuml;nftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus
+den Fugen zu sein.</p>
+
+<p>Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen
+&uuml;ber die Halde &mdash; sie sprach aus freien St&uuml;cken keine
+einzige Silbe &mdash; und doch war alles, was er noch auf
+dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret Court<span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span>
+erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger
+deutlichen Worte bedurft. Er blieb stehen, als das
+Haus in Sicht kam, obwohl, wenn er es an ihrer
+Seite h&auml;tte betreten wollen, sie sich in ihrer augenblicklichen
+Gem&uuml;tsverfassung auch darein ergeben
+haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es w&uuml;rde
+Sir Jasper ebensowenig lieb sein, mich in seinem
+Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber ich
+will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, da&szlig;
+Sie es vorziehen, selbst mit ihm zu reden.«</p>
+
+<p>»Ich ziehe es vor.«</p>
+
+<p>»Sie besitzen solchen Mut, da&szlig; ich Ihnen das nicht
+ausreden will, wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie
+haben eine furchtbare Aufregung durchgemacht! Sie
+wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«</p>
+
+<p>»Ja. Glauben Sie, da&szlig; ich das noch l&auml;nger auf
+dem Herzen behalten k&ouml;nnte? Ich werde sofort
+zu ihm gehen.«</p>
+
+<p>»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig.
+»Sie wollen also Sir Jasper, Ihren Vormund, sofort
+von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, in Kenntnis
+setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen
+kommen?«</p>
+
+<p>»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, w&auml;hrend sie
+ihn ansah. »Sie haben das Recht dazu, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Freilich &mdash; es ist mein Recht. Also will ich
+Ihnen denn f&uuml;r heute Lebewohl sagen.«</p>
+
+<p>Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber
+er f&uuml;hlte, wie sie vor ihm zur&uuml;ckwich, wie er das<span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span>
+schon vorhin empfunden; und sein kurzes Auflachen
+klang ebenso bitter wie das ihre soeben.</p>
+
+<p>»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will
+Sie nicht k&uuml;ssen &mdash; noch nicht. Ich glaube nicht,
+da&szlig; mir etwas daran liegen w&uuml;rde, solange Sie solch
+ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand.
+»Florence, wie lange es wohl dauert, bis Sie mich
+k&uuml;ssen?«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht; ihre H&auml;nde bebten hilflos
+in den seinen; sie vermochte nicht, ihn anzublicken.</p>
+
+<p>»Nicht lange, glaub&rsquo; ich, nicht lange.« Seine
+Augen hingen voll Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz.
+»Aber ich m&ouml;chte wissen, wie viele K&uuml;sse jener
+Tor, der es zulie&szlig;, da&szlig; Sie mit ihm gebrochen haben,
+mir geraubt hat?«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig
+auf, und er las &Uuml;berraschung, Verachtung, lebhaften
+Widerspruch in ihren Z&uuml;gen. Er lachte in ganz anderem
+Tone.</p>
+
+<p>»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben,
+wie man einem Narren vergibt &mdash; mehr ist
+er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als
+ich glaubte, &mdash; um so besser f&uuml;r Sie und f&uuml;r mich!«</p>
+
+<p>Seine Stimme wurde weicher und klang nicht
+mehr triumphierend. »Armes Kind,« sprach er sanft,
+»Sie hassen mich jetzt mehr als je &mdash; nicht wahr?
+Das tut nichts. Sie sind ersch&ouml;pft, und ich halte Sie
+auf. Bis morgen also, leb&rsquo; wohl, leb&rsquo; wohl!«</p>
+
+<p>Er lie&szlig; ihre H&auml;nde los. Florence eilte davon;
+als sie sich bei einer Biegung des Weges umblickte,<span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span>
+sah sie ihn noch an derselben Stelle stehen, an der sie
+ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis sie
+au&szlig;er Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller
+weiter und hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht
+hatte.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie ohne Aufschub, ohne Z&ouml;gern
+tun m&uuml;sse, was ihr oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen.
+Sie nahm im Flur ihren Hut ab und begab
+sich dann in die Bibliothek. Dort mu&szlig;te sie, wie sie
+wu&szlig;te, Sir Jasper antreffen.</p>
+
+<p>Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in
+seinem gewohnten Stuhl sitzen, ein Buch in der Hand
+haltend. Er las nicht, sondern br&uuml;tete mit finster
+gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb
+sie stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein
+Gesicht sich wohl ver&auml;ndern w&uuml;rde, wenn sie mit
+ihm geredet.</p>
+
+<p>Zwischen Vormund und M&uuml;ndel hatte, seitdem
+Florence mit Chichester gebrochen, nur eine Zusammenkunft
+stattgefunden, die nicht sehr angenehm
+gewesen und in der das junge M&auml;dchen ihn daran erinnert
+hatte, da&szlig; sie m&uuml;ndig sei und da&szlig; sie Turret
+Court auf immer zu verlassen gedenke. Es ber&uuml;hrte
+ihn daher eigent&uuml;mlich, da&szlig; sie ihn aus freien St&uuml;cken
+aufsuchte, und er fragte sie in einem so bei&szlig;enden Tone,
+wie er ihn ihr gegen&uuml;ber noch niemals angeschlagen:</p>
+
+<p>»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre,
+Florence?«</p>
+
+<p>»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.«
+Sie war jetzt ganz nahe, und er schrak beim Anblick
+ihres Gesichtes unwillk&uuml;rlich zusammen. Als sie sich<span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span>
+mit den H&auml;nden auf eine Stuhllehne st&uuml;tzte, als bed&uuml;rfe
+sie eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.</p>
+
+<p>»Was gibt&rsquo;s?« fragte er br&uuml;sk. »Weshalb siehst
+du so aus? Was ist los?«</p>
+
+<p>»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war
+heute nachmittag im Bungalow.«</p>
+
+<p>»Nun? Was f&uuml;hrte dich dorthin?«</p>
+
+<p>»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise
+von St. Mellions Lebewohl sagen.«</p>
+
+<p>»Ah! Du hast, wie ich wei&szlig;, eine t&ouml;richte Zuneigung
+f&uuml;r den albernen Alten und er f&uuml;r dich. Ich
+verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und dich gebeten,
+mich wegen seiner gestrigen Unversch&auml;mtheit um
+Verzeihung zu bitten. Aber damit soll er mir vom
+Halse bleiben. Wie man sich bettet, so liegt man.
+Je eher meine Angelegenheiten in andere H&auml;nde &uuml;bergehen,
+desto besser.«</p>
+
+<p>»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte
+geschickt. Ich habe ihn nicht gesehen.«</p>
+
+<p>»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mi&szlig;trauen
+an. »Was hat dich denn so aus der Fassung
+gebracht?«</p>
+
+<p>»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«</p>
+
+<p>»Leath? Den &mdash; den Menschen?«</p>
+
+<p>Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern
+sehen wie jetzt &mdash; einmal, als er erkl&auml;rte,
+da&szlig; Everard Leath niemals wieder Turret Court betreten
+solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt
+hatte, &mdash; ach, wie unschuldig und arglos! &mdash; ob er
+je den Namen Robert Bontine geh&ouml;rt h&auml;tte. Er stammelte
+vor Wut.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span></p>
+
+<p>»Und &mdash; und er? Hat er gewagt, mit dir zu
+sprechen?«</p>
+
+<p>»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen,
+Onkel Jasper.«</p>
+
+<p>Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las
+in seinem Gesicht das Grauen vor dem, was kam.
+Er war geisterbleich &mdash; gro&szlig;e Schwei&szlig;tropfen rannen
+ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den
+Mund &ouml;ffnete und einen dumpfen Kehllaut ausstie&szlig;;
+er stand auf und wartete auf den Schlag. Sie blickte
+ihn an und versetzte ihm den gef&uuml;rchteten Streich.</p>
+
+<p>»Er hat Robert Bontine gefunden.«</p>
+
+<p>Er fiel in seinen Stuhl zur&uuml;ck. Mit verglasten
+Augen starrte er sie an &mdash; sprachlos. H&auml;tte noch die
+leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, so w&uuml;rde sie
+vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War
+er imstande, ihr zuzuh&ouml;ren &mdash; sie zu verstehen? W&auml;hrend
+sie das erwog, hob er die Hand, bewegte sie
+hilflos hin und her und stammelte keuchend:</p>
+
+<p>»Weiter!«</p>
+
+<p>»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte
+sie. »Ich bin hier, um dir das zu sagen. In meinem
+Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann sei, als
+ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die
+Beweise gesehen &mdash; Beweise, die du vernichtet glaubtest
+&mdash; Beweise, die ein kleines, mit einem gelben
+Bande zusammengebundenes Paket enthielt. Verstehst
+du mich?«</p>
+
+<p>Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie
+fuhr fort:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span></p>
+
+<p>»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in
+Australien. Ich zweifle nicht daran, da&szlig; er die Wahrheit
+redet. Er hat den Zweck erreicht, der ihn nach
+England gef&uuml;hrt, hat den Gesuchten gefunden &mdash; und
+wir beide wissen, was er tun k&ouml;nnte, wenn er wollte.«</p>
+
+<p>»Wenn er wollte?«</p>
+
+<p>Wie er vorhin das &rsaquo;Weiter!&lsaquo; keuchend hervorgesto&szlig;en
+hatte, so stie&szlig; er auch diese drei Worte m&uuml;hsam
+heraus. Florence wiederholte sie.</p>
+
+<p>»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab
+nur einen Preis, der sein Schweigen erkaufen konnte,
+und es traf sich zuf&auml;llig, da&szlig; ich ihm diesen Preis
+bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich
+habe versprochen, ihn zu heiraten.«</p>
+
+<p>Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen
+er krampfhaft umklammerte, w&auml;hrend er sie
+ungl&auml;ubig anstarrte. Sie sprach in demselben ruhigen,
+entschlossenen Tone weiter:</p>
+
+<p>»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil
+er mir sein Wort gegeben hat, in dem Falle den Namen
+Robert Bontine nie wieder zu erw&auml;hnen. Ich mache
+mir nichts aus ihm &mdash; werde mir nie etwas aus
+ihm machen, aber ich wei&szlig;, da&szlig; man sich auf ihn
+verlassen kann, wei&szlig;, da&szlig; er sein Wort halten wird.
+An unserem Hochzeitstage soll ich die Beweise, von
+denen ich sprach, eigenh&auml;ndig den Flammen &uuml;bergeben,
+&mdash; das hat er mir auch versprochen. Ich werde
+meinem gegebenen Worte nicht untreu werden, und
+er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern, weshalb
+ich es ihm gab, so wei&szlig;t du die Antwort, denke<span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span>
+ich &mdash; ich habe Tante Agathe und ihre Kinder
+sehr lieb.«</p>
+
+<p>Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufd&auml;mmerndes
+Verst&auml;ndnis, wie eine gewisse Erleichterung
+zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im Lehnstuhle.
+Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zur&uuml;ck.
+Florence hatte den Kopf auf die H&auml;nde sinken lassen.
+Nach einer Weile erhob sie sich und schritt auf die T&uuml;re
+zu. Ein bitter ironisches L&auml;cheln zuckte um ihre
+Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:</p>
+
+<p>»Noch etwas bleibt mir zu sagen &uuml;brig, ehe ich
+gehe. Ich f&uuml;rchte, es ist kaum wahrscheinlich, da&szlig; die
+Herzogin mit meiner Verlobung zufrieden sein wird.
+Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause
+ist, ist keine so annehmbare Partie f&uuml;r mich wie Talbot
+Chichester von Highmount. Es ist m&ouml;glich, da&szlig;
+sie ihre Einwilligung versagen wird. In dem Falle
+ist es mir lieb, zu wissen, da&szlig; die Zustimmung meiner
+Vorm&uuml;nder mir den Besitz meines Verm&ouml;gens sichert
+und da&szlig; du, Onkel Jasper, die deinige nicht verweigern
+wirst.«</p>
+
+<p>Sie verlie&szlig; ihn ohne ein weiteres Wort und ging
+die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zu begeben.
+Sie f&uuml;hlte, da&szlig; es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei
+sei, da&szlig; sie der Ruhe und Einsamkeit bed&uuml;rfe. Auf
+der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade
+verlie&szlig;.</p>
+
+<p>»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.</p>
+
+<p>Es war so dunkel im Korridor, da&szlig; sie das Gesicht
+ihrer Cousine nicht deutlich sehen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span></p>
+
+<p>»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur
+stecken k&ouml;nntest! Weshalb hast du nicht im Bungalow
+auf mich gewartet? Du kannst dir mein Erstaunen
+vorstellen, als ich dort ankam und h&ouml;rte, du seiest fort.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich kann mir denken, da&szlig; du erstaunt
+warest, Cis.«</p>
+
+<p>»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem
+Gedanken, da&szlig; du den langen, hei&szlig;en Weg zu Fu&szlig;
+gemacht hast, noch dazu, wo du nicht wohl bist.
+Und &mdash;« Cis lie&szlig; stockend die Stimme sinken, sie
+wu&szlig;te nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar
+Tagen merkw&uuml;rdig verwandelten Florence eigentlich
+daran war &mdash; »hm &mdash; das M&auml;dchen sagte, Florence,
+da&szlig; Herr Leath mit dir gegangen w&auml;re.«</p>
+
+<p>»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«</p>
+
+<p>»Was &mdash; den ganzen Weg? Hierher nach Turret
+Court?« Aus ihren weitge&ouml;ffneten Augen sprach
+Mi&szlig;billigung und Erstaunen. »O, wirklich, Florence,
+ich finde, das h&auml;ttest du nicht tun sollen,« meinte sie
+tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute
+Munde seid! Du hattest ihn nicht mit dir gehen lassen
+d&uuml;rfen. Er hat kein Recht, sich dir auf solche Weise
+aufzudr&auml;ngen.«</p>
+
+<p>Florence lachte und legte der andern die H&auml;nde
+auf die Schultern.</p>
+
+<p class="pmb3">»Du bist ein Prachtst&uuml;ck von Sittsamkeit, liebe
+C&auml;cilie. Aber in diesem besonderen Falle irrst du dich
+zuf&auml;llig ganz und gar. Sowohl vor aller Augen wie
+hinter dem R&uuml;cken von ganz Rippondale hat Herr
+Leath das Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat.
+Ich habe soeben versprochen, ihn zu heiraten.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_20">20.</h2>
+</div>
+
+<p>In dem get&auml;felten Zimmer, sonst dem traulichsten
+und freundlichsten Raume des Schlosses, sah es tr&uuml;bselig
+aus. Lady Agathe, die in ihrem Lieblingsstuhl
+sa&szlig;, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedr&uuml;ckt und
+schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den
+Boden herabgeglitten und lag dort vergessen. Cis,
+deren h&uuml;bsches Gesicht bla&szlig; und bek&uuml;mmert aussah,
+stand am Fenster und h&auml;tte am liebsten auch geweint.
+Vor noch nicht drei Minuten hatte sich die T&uuml;r hinter
+Sir Jasper geschlossen, der hinausgegangen war und
+all diesen Jammer zur&uuml;ckgelassen hatte. Wie unwillkommen
+sein Besuch in dem get&auml;felten Zimmer auch
+stets seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er
+doch nie mit einer so niederschmetternden Mitteilung
+erschienen wie eben, und die Wirkung, wenigstens
+auf die &auml;ltere Dame, war vernichtend gewesen. Mit
+den k&uuml;rzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner
+scharfen Stimme hatte er die Verlobung seines M&uuml;ndels
+mit Everard Leath und seine eigene Einwilligung
+mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus,
+wie er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu
+eingesch&uuml;chtert war, um angesichts seiner kaltblickenden
+Augen eine Szene zu machen, brach vor Erstaunen,
+Best&uuml;rzung und Entr&uuml;stung in Tr&auml;nen aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span></p>
+
+<p>»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte
+sie, »niemals, C&auml;cilie! Ich wei&szlig; nicht, wo mir der
+Kopf steht! Mir ist, als k&ouml;nnte ich meinen Ohren
+nicht trauen. Wenn dein Vater &uuml;berhaupt jemals
+spa&szlig;te, so w&uuml;rde ich sagen, er macht einen Scherz mit
+mir. Aber er sagte ganz deutlich, Florence h&auml;tte sich
+mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, Mutter, das sagte er.«</p>
+
+<p>»Und da&szlig; er eingewilligt h&auml;tte, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; auch das.«</p>
+
+<p>»Ich kann &mdash; ich will es nicht glauben!« rief
+Lady Agathe unter neuem Schluchzen. »Florence sollte
+sich mit solchem Menschen verlobt haben! Er ist doch
+durchaus keine Partie f&uuml;r sie! Und dein Vater, der
+ihn nie ausstehen zu k&ouml;nnen schien, sagt, da&szlig; sie ihn
+heiraten soll! O, ich bin wie bet&auml;ubt! Sie macht sich
+doch gar nichts aus dem Menschen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich f&uuml;rchte nein, Mutter,« antwortete
+Cis mit verlegenem Z&ouml;gern. »Aber ich habe seit langer
+Zeit gewu&szlig;t, da&szlig; Herr Leath sehr in sie verliebt war.«</p>
+
+<p>»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady
+Agathe. »Wenn das so ist, so ist es eine unversch&auml;mte
+Anma&szlig;ung von ihm. O, wie schade ist es, jammerschade,
+da&szlig; sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina
+gegangen ist! Dann w&auml;re dies alles nicht geschehen,
+und sie h&auml;tte in aller Gem&uuml;tsruhe Chichester geheiratet.
+Aber ich kann es nicht glauben, liebes Kind, da&szlig; es
+ihr Ernst ist &mdash; ich kann es nicht. Dein Vater mu&szlig; sie
+mi&szlig;verstanden haben. Nein &mdash; ich glaube nicht, da&szlig;
+es wahr ist, bis Florence selbst es mir best&auml;tigt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span></p>
+
+<p>»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich
+um. »Florence hat es mir selbst erz&auml;hlt.«</p>
+
+<p>»So?« Lady Agathe h&ouml;rte auf zu schluchzen.
+»Sie hat es dir gesagt?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; gestern. Anstatt im Bungalow auf mich
+zu warten, wie wir verabredet, hat sie sich von Herrn
+Leath, der dort war, nach Hause bringen lassen. Da
+hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden
+Fall erz&auml;hlte sie mir, da&szlig; sie sich mit ihm verlobt
+und da&szlig; Vater seine Zustimmung gegeben hatte.«</p>
+
+<p>»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren
+h&auml;tte?« fragte die Mutter mit einem neuen
+Tr&auml;nenstrom.</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich tat ich das! Sie war so wunderlich
+&mdash; so ganz anders als sonst, und sie lachte, als ich
+zu weinen anfing. Ich wollte es dir erz&auml;hlen, aber sie
+sagte &rsaquo;Nein&lsaquo;, sie wollte Papa bitten, es dir zu sagen.
+Du wei&szlig;t, da&szlig; sie gestern nicht zu Tische herunterkam,
+und als ich heute morgen nach dem ersten Fr&uuml;hst&uuml;ck
+sie in ihrem Ankleidezimmer aufsuchte, sahen ihre
+Augen so tr&uuml;be aus, als habe sie die ganze Nacht nicht
+geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!«
+rief Cis, in zornige Tr&auml;nen ausbrechend, »und ich
+mochte ihn fr&uuml;her ganz gern leiden, den Abscheulichen!
+Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, ich
+w&auml;re tot!«</p>
+
+<p>»Doch wohl nicht im Ernst, Cis &mdash; hoffentlich
+nicht! Unsinn, du kleines Ding! Was Harry wohl
+sagen w&uuml;rde, wenn er dich h&ouml;ren k&ouml;nnte!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span></p>
+
+<p>Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer
+Minute war sie drau&szlig;en in die Veranda getreten und
+horchend stehengeblieben, als durch das offene Fenster
+Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen
+allein h&auml;tte ihr verraten, wovon die Rede war,
+aber sie hatte mehr geh&ouml;rt. Sie trat ins Zimmer und
+sprach mit fester Stimme zu ihr:</p>
+
+<p>»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat
+gestern um mich angehalten, und ich habe mich mit
+ihm verlobt. Und es ist ebenfalls wahr, da&szlig; Onkel
+Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mu&szlig;t
+meine Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache
+ansehen.«</p>
+
+<p>Sie war noch immer sehr bla&szlig;, ihre gro&szlig;en Augen
+waren glanzlos, aber ihr bleiches Antlitz belebte sich,
+als sie sanft den Arm um Cis legte und ihr goldblondes
+Haar k&uuml;&szlig;te. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges
+kleines M&auml;dchen, das so bitterlich schluchzte! W&uuml;rde
+ihr nicht das Herz wirklich gebrochen sein, w&uuml;rde sie
+nicht ihren fr&ouml;hlichen jungen Br&auml;utigam verloren
+haben, w&auml;re nicht diese Verlobung mit Everard Leath
+gewesen, &uuml;ber die sie so herzbrechend weinte? Was
+f&uuml;r ganz andere Tr&auml;nen h&auml;tten Mutter und Tochter
+jetzt vergie&szlig;en k&ouml;nnen, h&auml;tte sie nicht aus Liebe und
+Mitleid zu ihnen jenes &uuml;bereilte Opfer ihrer selbst
+gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein &mdash; sie
+bereute es nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich
+sie schauderte bei dem Gedanken an die bevorstehende
+Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt das Recht
+hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es w&uuml;rde
+nur ein k&uuml;mmerliches Opfer sein, wenn sie sahen,<span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span>
+da&szlig; sie litt. Sie zwang sich zu einem L&auml;cheln, w&auml;hrend
+sie zu ihrer Tante trat und sanft das Taschentuch fortzog,
+das die arme Frau noch immer an die Augen
+dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady
+Agathe, »wir kennen diesen Leath gar nicht! Ich
+mu&szlig; offen reden, Florence &mdash; was kann dir nur
+in den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es
+getan? Glaubst du, da&szlig; Herr Leath dich wirklich
+liebhat, Florence?«</p>
+
+<p>»Mich liebhat?«</p>
+
+<p>Sie sah wieder das ger&ouml;tete, lebhafte Antlitz vor
+sich, dessen k&uuml;hler, ruhiger Ausdruck wie umgewandelt
+war, die leuchtenden Augen, die von verhaltener
+Leidenschaft vibrierende Stimme &mdash; die ganze Glut
+des Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber
+auf sie ausge&uuml;bt hatte. Ob er sie liebte? Mochten
+seine S&uuml;nden gegen sie so gro&szlig; sein, wie sie wollten,
+mochte sie vor ihm zur&uuml;ckbeben und ihn hassen, so
+sehr sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.</p>
+
+<p>»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt
+mich. Davon kannst du fest &uuml;berzeugt sein.«</p>
+
+<p>»Dann ist wohl nichts an der Sache zu &auml;ndern,«
+meinte Lady Agathe verzweifelt, »aber was die Herzogin
+sagen wird &mdash;«</p>
+
+<p>»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante,
+was die Herzogin sagen wird. Onkel Jasper willigt
+ein, wie du wei&szlig;t. Das ist genug, um mir mein Verm&ouml;gen
+zu sichern, und folglich alles, was n&ouml;tig ist,«
+fiel ihr Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit
+ins Wort.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span></p>
+
+<p>»Liebe Florence, ich mu&szlig; dich noch etwas fragen.
+Wenn diese Heirat wirklich stattfinden soll, w&uuml;nschest
+du, da&szlig; die Verlobung geheimgehalten wird?«</p>
+
+<p>»Geheim?«</p>
+
+<p>Einen Augenblick wandte sich Florence mit
+blitzenden Augen um. »Nein, ich sch&auml;me mich nicht
+dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie geheimgehalten
+werden?«</p>
+
+<p>»Liebes Herz, ich hoffte, du w&uuml;rdest verstehen,
+was ich meinte,« stammelte Lady Agathe &auml;ngstlich.
+»In Anbetracht all der &mdash; unseligen Klatschereien,
+die das schreckliche Gewitter verursacht hat, w&uuml;rde es
+besser sein, sie noch nicht zu ver&ouml;ffentlichen. Du wei&szlig;t,
+die Leute lassen sich nicht den Mund verbieten &mdash; es
+ist sch&auml;ndlich, aber sie werden &mdash;«</p>
+
+<p>Florence drehte sich j&auml;h um.</p>
+
+<p>»Ich m&ouml;chte nicht b&ouml;se werden, Tante,« sagte sie
+und gab sich M&uuml;he, ihre Stimme in der Gewalt zu
+behalten, w&auml;hrend sie die Hand aufs Herz pre&szlig;te,
+»aber ich f&uuml;rchte, ich werde heftig, wenn ich noch
+l&auml;nger hier bleibe. Wir wollen nicht weiter &uuml;ber
+die Sache reden. Herr Leath erwartet mich, ich
+will gehen.«</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich ging eine Ver&auml;nderung mit ihrem Antlitz
+vor; sie lief auf Lady Agathe zu, umschlang sie
+mit den Armen und rief in ganz anderem Tone: »Nein,
+nein! Es tut mir leid, da&szlig; ich das gesagt habe, mein
+Herz, &mdash; ich will nicht b&ouml;se werden! Nur frage mich
+nichts weiter und weine und h&auml;rme dich nicht mehr!
+La&szlig; mich denken, wenn ich dich ansehe, da&szlig; du gl&uuml;cklich
+bist, so stolz auf Roy, &mdash; nicht wahr? &mdash; deinen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span>
+einzigen geliebten Sohn! Es w&uuml;rde dir das Herz
+brechen &mdash; nicht? &mdash; und wenn ihm etwas zustie&szlig;e
+&mdash; dich vielleicht gar t&ouml;ten? Nein, nein &mdash; sag&rsquo; nicht
+&rsaquo;Ja&lsaquo; &mdash; antworte nicht, ich wei&szlig;, da&szlig; es so sein w&uuml;rde!«</p>
+
+<p>Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie
+und schaute ihr lebhaft in die verwundert aufblickenden
+Augen. »Und du, kleine Cis &mdash; du siehst kl&auml;glich
+aus, &mdash; du bist auch nicht ungl&uuml;cklich, mein Schatz.
+Du sollst mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe,
+wie gl&uuml;cklich ihr seid, wie lieb du ihn hast, wie schrecklich
+es dir w&auml;re, wenn du nicht seine Frau w&uuml;rdest!
+K&uuml;sse mich, Liebling, und sag&rsquo; mir, da&szlig; du jetzt
+ganz gl&uuml;cklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es
+auch. Jetzt la&szlig;t mich gehen.«</p>
+
+<p>Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege,
+auf dem sie gekommen: sie wu&szlig;te, da&szlig; sie in heftiges
+Schluchzen ausbrechen w&uuml;rde, wenn sie l&auml;nger bliebe,
+und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu verbergen,
+verraten h&auml;tte, und sie ging noch immer sehr
+schnell, selbst als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen
+werden konnte. In ihrem Kopfe wirbelte es,
+ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen ihre
+F&uuml;&szlig;e die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am
+vorigen Tage verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.</p>
+
+<p>Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen
+sah, hielt sie im Laufen inne und f&uuml;hlte pl&ouml;tzlich,
+wie es sie kalt &uuml;berlief. Sie blieb stehen, und er kam
+sofort auf sie zu.</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich habe Sie warten lassen,« brachte sie
+stockend heraus. Etwas mu&szlig;te sie sagen, und diese
+ <span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span>
+Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, als sie seinem
+Blick begegnete und den festen Druck seiner kr&auml;ftigen
+Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht
+&mdash; er hatte sie genommen, als w&auml;re es etwas, wozu
+er ein volles Recht habe.</p>
+
+<p>»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu
+warten.« Er l&auml;chelte auf seine ernste Art. »Sie sehen
+abgespannt aus, Florence, &mdash; Sie sind sehr schnell
+gegangen, &mdash; das h&auml;tten Sie meinetwegen nicht tun
+sollen. Dort steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«</p>
+
+<p>Sie machte eine zustimmende Bewegung, und
+w&auml;hrend sie sich setzten, lie&szlig; er sehr langsam ihre
+Hand los, die er bis jetzt festgehalten hatte. Florence
+schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, da&szlig;
+er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen
+hatte, und das war genug. Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig;
+er sich so beherrschte, dachte sie und bem&uuml;hte sich,
+ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache nicht
+schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er
+hatte sie allerdings bei ihrem Vornamen genannt,
+und das Recht mu&szlig;te sie ihm wohl zugestehen. Aber
+er h&auml;tte mehr tun oder sagen k&ouml;nnen, wo jeder Blick,
+jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte
+sie, wie wundersch&ouml;n es h&auml;tte sein m&uuml;ssen, so
+neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn geliebt h&auml;tte!</p>
+
+<p>Er brach das Schweigen, nachdem er pr&uuml;fend in
+ihr gesenktes Antlitz geschaut.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das
+ist nicht zum Verwundern. Ich f&uuml;rchte, Sie haben
+in der letzten Nacht nicht geschlafen?«</p>
+
+<p>»Ich habe es gar nicht versucht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span></p>
+
+<p>»Armes Kind! Sie m&uuml;ssen es heute nacht nachholen.
+Soll ich weiterreden, oder m&ouml;chten Sie lieber,
+da&szlig; ich es nicht t&auml;te? Wird es Ihnen zuviel?«</p>
+
+<p>»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr
+gut anh&ouml;ren. Sagen Sie mir, bitte, alles, was Sie mir
+zu sagen haben,« sprach Florence gelassen.</p>
+
+<p>»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen,
+da&szlig; zum Gl&uuml;ck sehr wenig &uuml;brigbleibt.«</p>
+
+<p>Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing,
+und wickelte es um die Finger.</p>
+
+<p>»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir
+Jasper gehabt?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten,
+gesagt?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das habe ich getan.«</p>
+
+<p>»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich
+nicht?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; das tut er nicht.«</p>
+
+<p>»Das ist gut, denn das hei&szlig;t doch, da&szlig; wir der
+Herzogin nicht bed&uuml;rfen.«</p>
+
+<p>»Nein, die brauchen wir nicht.«</p>
+
+<p>»Das ist wieder gut, denn ich mu&szlig; gestehen, ich
+w&uuml;rde es vorziehen, da&szlig; Sie Ihr Verm&ouml;gen behalten.
+Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich bin auch nicht
+reich, und es t&auml;te mir leid, wenn Sie als meine Frau
+irgend etwas entbehren m&uuml;&szlig;ten, an das Sie gew&ouml;hnt
+sind.« Er hielt inne und spielte noch immer mit dem
+Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht unwissend,«
+hub er in demselben nachl&auml;ssigen, leichten Tone wieder
+an, »aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt<span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span>
+es mir wohl ob, ihn aufzusuchen, nicht wahr? Soll
+ich heute zu ihm gehen?«</p>
+
+<p>»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt.
+Ihnen zu sagen, da&szlig; er Sie morgen sehen wolle.«</p>
+
+<p>»Gut. Wenn er es vorzieht &mdash; um welche
+Stunde?«</p>
+
+<p>»Das &uuml;berl&auml;&szlig;t er Ihnen.«</p>
+
+<p>»Dann wollen wir sagen, morgen um zw&ouml;lf.«</p>
+
+<p>Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe
+und Cis um ihre Verlobung w&uuml;&szlig;ten und wie sie diese
+aufgenommen h&auml;tten, und Florence antwortete, da&szlig;
+sie sehr &uuml;berrascht und ganz au&szlig;er sich dar&uuml;ber seien.</p>
+
+<p>»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fr&auml;ulein
+Mortlake ist ein allerliebstes kleines Gesch&ouml;pfchen,
+und ich wei&szlig;, Sie halten viel von ihr. Wollen Sie
+ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie w&uuml;rden mit
+der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das will ich tun.«</p>
+
+<p>Florence lehnte sich zur&uuml;ck und schlo&szlig; die Augen.
+Sie war sich einer Regung der Dankbarkeit bewu&szlig;t.
+Er h&auml;tte ihr die Sache viel schwerer machen k&ouml;nnen;
+sie f&uuml;hlte zwar, er w&uuml;rde unerbittlich darauf bestehen,
+da&szlig; sie ihr Wort halte &mdash; warum sollte er auch nicht?
+&mdash; aber er war zartf&uuml;hlend, r&uuml;cksichtsvoll und freundlich
+gewesen.</p>
+
+<p>Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand
+nahm, und verbarg, so gut sie konnte, den Schauder,
+der sie durchbebte, als er die Lippen darauf dr&uuml;ckte.
+Das konnte sie ertragen. Aber sie &ouml;ffnete gleich darauf
+die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erkl&auml;rte,<span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span>
+da&szlig; sie Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht
+l&auml;nger im Freien bleiben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>»Das sollen Sie auch nicht.«</p>
+
+<p>Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in
+das blasse, m&uuml;de Gesichtchen mit den dunklen Schatten
+unter den Augen, dem Schmerzenszug um die zarten
+Lippen.</p>
+
+<p>»Armes Kind!« entfuhr es ihm pl&ouml;tzlich. »Wie
+elend Sie aussehen &mdash; wie ein Schatten Ihres lieblichen
+Selbst! Und daran bin ich wohl schuld? Ich
+&mdash; g&uuml;tiger Himmel! Sind Sie sehr ungl&uuml;cklich,
+Florence?«</p>
+
+<p>»Ungl&uuml;cklich?« Sie warf ihm einen Blick zu.
+Hohn und stumme Vorw&uuml;rfe lagen darin. »Brauchen
+Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch, da&szlig;
+Sie mich darnach fragen?«</p>
+
+<p>»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt
+jetzt ihre beiden H&auml;nde und blickte mit d&uuml;sterer Z&auml;rtlichkeit
+auf sie herab. »Ja &mdash; ich bin wohl brutal &mdash;
+ich wei&szlig;, da&szlig; Sie mich daf&uuml;r halten! Ich m&uuml;&szlig;te Sie
+wohl freigeben, &mdash; das m&uuml;&szlig;te ich eigentlich! Ein
+guter Mensch w&uuml;rde das tun.« Er hielt inne und
+holte tief Atem. »Nun, ich f&uuml;rchte, ich bin kein guter
+Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich habe Sie nicht darum gebeten,«
+sprach Florence mit schwacher Stimme.</p>
+
+<p>Wenn er es t&auml;te? Wenn er sie des Versprechens
+entbinden sollte, mit dem sie sein Schweigen erkauft
+hatte? Schon bei dem blo&szlig;en Gedanken &uuml;berlief es
+sie kalt, obwohl sie sehr wohl wu&szlig;te, da&szlig; er es niemals
+tun w&uuml;rde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span></p>
+
+<p>»Nein &mdash; Sie haben mich nicht darum gebeten,
+&mdash; das ist wahr. Aber ich kann sehen &mdash;«</p>
+
+<p>Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend.
+»Mein armes kleines Lieb &mdash; mein armes
+kleines M&auml;dchen! Ich liebe es so, da&szlig; ich ihm kein
+Haar kr&uuml;mmen m&ouml;chte &mdash; liebe es so, da&szlig; ich mir
+die Hand abhauen w&uuml;rde, ihm zu dienen, wenn es
+sein m&uuml;&szlig;te, und doch bin ich grausam genug, um es so
+aussehen zu machen!«</p>
+
+<p>»Lieben?«</p>
+
+<p>Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu
+m&auml;chtig, um ihr zu widerstehen, trotz des panischen
+Schreckens, von dem sie sich eben erholt hatte: sie
+warf ihm einen Blick der Verachtung zu.</p>
+
+<p>»Sie m&ouml;gen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath,
+aber mehr tun Sie nicht.«</p>
+
+<p>»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so?
+Glauben Sie das? Dann denken Sie hieran, mein
+Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«</p>
+
+<p>Zu pl&ouml;tzlich, als da&szlig; sie ihm h&auml;tte ausweichen,
+zu kraftvoll, als da&szlig; sie ihm h&auml;tte wehren k&ouml;nnen,
+schlo&szlig; er sie fest in die Arme und k&uuml;&szlig;te sie zweimal
+mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im n&auml;chsten Augenblick
+hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei
+losgerissen und floh &uuml;ber das Gras, ohne einen Blick
+zur&uuml;ckzuwerfen.</p>
+
+<p>Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach
+einer unwillk&uuml;rlichen Bewegung, sie zur&uuml;ckzuhalten,
+blieb er regungslos stehen und sah der Davoneilenden
+mit einem seltsamen L&auml;cheln nach. Erst einige Sekunden,<span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span>
+nachdem sie verschwunden, machte er kehrt
+und verlie&szlig; den Garten von Turret Court.</p>
+
+<p>Er ging &uuml;ber die Halde und durch St. Mellions
+nach dem Bungalow. In gewohnter Weise durch die
+Veranda eintretend, fand er Sherriff im Wohnzimmer
+in seinem gro&szlig;en Stuhl am Tische sitzen. Die beiden
+Kasten standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und
+der alte Herr hielt einige Schriftst&uuml;cke in der Hand.
+Sein sch&ouml;nes Gesicht war noch bleich und abgespannt,
+aber es hellte sich beim Eintritt des jungen
+Mannes auf.</p>
+
+<p>»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen,
+Everard,« sagte er mit einem L&auml;cheln, »und habe mich
+ohne Sie an die Arbeit gemacht.«</p>
+
+<p>»Sie h&auml;tten auf mich warten sollen. In einem
+Augenblick steh&rsquo; ich zu Ihren Diensten, aber erst
+habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«</p>
+
+<p>»Mir mitzuteilen?«</p>
+
+<p>In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen
+lag etwas, das Sherriff veranla&szlig;te, schnell aufzublicken.</p>
+
+<p>»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; oder hoffentlich werden Sie es nicht
+daf&uuml;r halten.« Er hielt inne. »Erinnern Sie sich
+noch, da&szlig; Sie mich vor einiger Zeit beschuldigten,
+Gr&auml;fin Florence Esmond zu lieben?«</p>
+
+<p>»Mein lieber Junge, nat&uuml;rlich erinnere ich mich
+dessen.«</p>
+
+<p>»Ich war nicht imstande, zu leugnen, da&szlig; Sie
+recht hatten, denn ich war mir seit Wochen meiner
+eigenen Torheit v&ouml;llig bewu&szlig;t gewesen. Ich liebte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span>
+sie &mdash; ich tue es noch &mdash; ich werde sie stets lieben!
+Aber nichts lag mir damals ferner als der Gedanke,
+da&szlig; ich es ihr je sagen w&uuml;rde. Die Umst&auml;nde haben
+sich indessen ge&auml;ndert, und ich habe es ihr gesagt.
+Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, da&szlig; sie eingewilligt
+hat, meine Frau zu werden.«</p>
+
+<p>»Leath!«</p>
+
+<p>»Sie sind &uuml;berrascht; ich wu&szlig;te, da&szlig; Sie das
+sein w&uuml;rden. Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch
+mehr: Sir Jasper hat &mdash; ihr, mir zwar noch nicht,
+&mdash; seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«</p>
+
+<p>»Seine Einwilligung? Wie? Unm&ouml;glich!«</p>
+
+<p>»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schlie&szlig;lich?
+Obwohl ich gern zugebe, da&szlig; ich keine sogenannte
+Partie f&uuml;r sie bin.«</p>
+
+<p>»Und sie &mdash; Gr&auml;fin Florence &mdash; hat versprochen,
+Sie zu heiraten?«</p>
+
+<p>»Ja. Das kommt Ihnen ebenso &uuml;berraschend,
+f&uuml;rchte ich?«</p>
+
+<p>»&Uuml;berraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr
+als &uuml;berrascht &mdash; ich bin wie aus den Wolken gefallen!«</p>
+
+<p>Sherriff fuhr best&uuml;rzt mit der Hand durch das
+wei&szlig;e Haar.</p>
+
+<p>»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam,
+»da&szlig; sie Ihre Gef&uuml;hle f&uuml;r sie erwidere &mdash; nicht
+die leiseste. Und Sie sagen, sie tut es?«</p>
+
+<p>»Bis jetzt &mdash; nein. Aber ich sage, da&szlig; sie
+es soll.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p>
+
+<p>Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der
+ruhigen, gleichm&auml;&szlig;igen Stimme, und der Redende regte
+sich nicht. Der Alte blickte mit einem Ausdruck
+zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf
+die stolze Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig
+dastand.</p>
+
+<p>»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich
+habe euch beide lieb, und nichts k&ouml;nnte mir ein
+gr&ouml;&szlig;eres Gl&uuml;ck gew&auml;hren, als euch miteinander gl&uuml;cklich
+zu sehen. &mdash; Aber bedenken Sie, lieber Junge,
+um Florences und um Ihrer selbst willen, &mdash; in der
+Ehe ist kein Gl&uuml;ck m&ouml;glich, wenn nicht auf beiden
+Seiten Liebe vorhanden ist.«</p>
+
+<p>»Das wei&szlig; ich sehr wohl.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben
+zu, da&szlig; Florence sich nicht so viel aus Ihnen macht wie
+Sie aus ihr. Hat die Art und Weise der L&ouml;sung ihres
+Verl&ouml;bnisses mit Chichester sie beeinflu&szlig;t, Ihren Antrag
+anzunehmen?«</p>
+
+<p>»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine
+Eindruck sein, obwohl es &mdash; um ihretwillen &mdash; dem
+schlecht gehen wird, den ich das aussprechen h&ouml;re!
+Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, da&szlig; Chichester
+ein Narr war, &mdash; wof&uuml;r ich ihm allerdings von Herzen
+dankbar bin, &mdash; hat nichts damit zu tun, da&szlig;
+sie mir ihr Jawort gegeben.«</p>
+
+<p>»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen,
+aber davon bin ich &uuml;berzeugt,« setzte der alte Mann
+mit besonderem Nachdruck hinzu, »da&szlig; Sie sie nicht
+heiraten w&uuml;rden, wenn Sie nicht glaubten, da&szlig; Sie
+sie gl&uuml;cklich machen k&ouml;nnten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span></p>
+
+<p>Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte
+zu einer Frage. Es dauerte eine volle Minute, ehe
+Leath antwortete, und dann sprach er, ohne sich umzuwenden:</p>
+
+<p class="pmb3">»Sie haben recht. Ich glaube, nichts k&ouml;nnte mich
+bewegen, sie zu heiraten, wenn ich nicht f&uuml;hlte, da&szlig;
+ich sie gl&uuml;cklich machen k&ouml;nnte.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_21">21.</h2>
+</div>
+
+<p>Der September mit seinen k&uuml;hlen Morgen, seinen
+sonnigen Tagen und seinen Nachtfr&ouml;sten war gekommen
+und fast vor&uuml;ber. Vier Wochen waren seit
+der Verlobung der Gr&auml;fin Esmond mit Everard Leath
+vergangen, und die Herzogin war in Turret Court
+eingetroffen.</p>
+
+<p>Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte
+ihr Kommen so verz&ouml;gert. Ein pl&ouml;tzlich aufgetretenes
+Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein
+durch Aufregung veranla&szlig;t worden &mdash; hatte sie in
+ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr
+Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre
+Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege
+nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche
+Verlobung, die ihr M&uuml;ndel eingegangen, zu l&ouml;sen.
+&mdash; Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in s&uuml;ndhafter
+Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch
+nie in ihrem Leben war die Herzogin so emp&ouml;rt und
+entr&uuml;stet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo
+in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht,
+da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.</p>
+
+<p>Und niemals erlitt irgend jemand eine gr&ouml;&szlig;ere
+Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem
+Wirte zuteil wurde. Mit steinerner H&ouml;flichkeit h&ouml;rte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span>
+der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte,
+und antwortete nur mit wenigen Worten. Er h&auml;tte
+seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung
+mit Herrn Leath gegeben und s&auml;he keinen Grund, sie
+zur&uuml;ckzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen
+sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran
+erinnern, da&szlig; das weiter keinen Unterschied mache,
+da es nur der Zustimmung eines ihrer Vorm&uuml;nder
+bed&uuml;rfe, um Gr&auml;fin Esmond ihr Verm&ouml;gen zu sichern.
+Er glaube &uuml;brigens, da&szlig; alles, was n&ouml;tig, gesagt sei,
+und schl&uuml;ge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts
+konnte von steiferer Artigkeit, nichts w&uuml;rdevoller und
+entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen
+Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft,
+aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in
+ihrem Leben geschlagen zur&uuml;ckzog.</p>
+
+<p>»Ihr m&uuml;&szlig;t alle miteinander verr&uuml;ckt geworden
+sein, Agathe! Eine andere denkbare Erkl&auml;rung f&uuml;r
+diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die
+Herzogin w&uuml;tend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl
+der sanften Hausherrin gegen&uuml;ber, niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau,
+deren schwarzes Kleid sie noch h&uuml;bscher und stattlicher
+erscheinen lie&szlig;. In ihren Adern flo&szlig; schottisches Blut,
+und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug
+einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog
+seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingefl&ouml;&szlig;t
+hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der
+das Herz unter dem Blick der gl&auml;nzenden hellbraunen
+Augen angstvoll zu klopfen begann.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p>
+
+<p>»Ich &mdash; was meinst du, Honoria?« stammelte sie.
+»Sprichst du von Florences Verlobung?«</p>
+
+<p>»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte,
+wei&szlig;t du, da&szlig; dein Mann zu diesem tollen Unsinn
+seine Einwilligung gegeben hat?«</p>
+
+<p>Lady Agathe l&auml;chelte matt.</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;, Honoria. Du wirst dich erinnern, da&szlig;
+ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«</p>
+
+<p>»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich
+finde, da&szlig; es wirklich der Fall ist. Er willigte ein
+und weigert sich &mdash; weigert sich, &mdash; anderen Sinnes
+zu werden!«</p>
+
+<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet,
+Honoria. Er ist so herrschs&uuml;chtig, besteht so sehr auf
+seinem Willen &mdash; das wei&szlig;t du doch! Ich machte
+ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte
+Lady Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte
+nicht auf mich h&ouml;ren. Er hat sich in der letzten Zeit
+ver&auml;ndert, oder ich habe es mir eingebildet; er ist
+wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als
+je. Er &mdash;«</p>
+
+<p>»Ver&auml;ndert? Ich habe nie in meinem Leben
+eine solche Ver&auml;nderung bei einem Menschen gesehen!
+Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was fehlt
+ihm eigentlich?«</p>
+
+<p>»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts
+mitgeteilt und wollte nicht auf mich h&ouml;ren, als ich
+ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt zu Rate zu ziehen.
+Um auf das zur&uuml;ckzukommen, von dem wir sprachen,
+so scheint er allerdings zu wollen, &mdash; ich m&ouml;chte fast
+ <span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span>
+sagen, zu w&uuml;nschen, &mdash; da&szlig; Florence Herrn Leath
+heiratet. Nat&uuml;rlich ist er keine Partie f&uuml;r sie.«</p>
+
+<p>»Partie? G&uuml;tiger Himmel, wer ist der Mensch?«
+rief die Herzogin.</p>
+
+<p>»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein
+Australier, glaube ich. Er kam nach St. Mellions
+und lie&szlig; sich dort vor etwa einem Vierteljahr h&auml;uslich
+nieder, und &mdash;«</p>
+
+<p>»Ja, ja, das habe ich alles schon geh&ouml;rt!« fiel
+ihr die andere ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper
+&mdash; was ihm gar nicht &auml;hnlich sieht! &mdash; war wohl
+unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«</p>
+
+<p>»Nein, nein &mdash; durchaus nicht. Ganz im Gegenteil.
+Du irrst dich, Honoria. Sir Jasper mochte Herrn
+Leath nicht leiden. Ja, er wurde sehr b&ouml;se mit Roy,
+weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien unerkl&auml;rlicherweise
+etwas gegen ihn zu haben.«</p>
+
+<p>»So.«</p>
+
+<p>»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich
+zu sehen,« setzte Lady Agathe hinzu.</p>
+
+<p>»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, da&szlig;
+Florence ihn heiratet?«</p>
+
+<p>»Er scheint es allerdings zu w&uuml;nschen.«</p>
+
+<p>Die Herzogin lehnte sich mit einer Geb&auml;rde der
+Verzweiflung in die Sofakissen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden
+Behauptungen in Einklang zu bringen. Ich gestehe,
+da&szlig; ich nicht dazu imstande bin.«</p>
+
+<p>»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.</p>
+
+<p>»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr
+fort: »Ich mu&szlig; dir ganz ehrlich gestehen, Agathe, da&szlig;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span>
+das Ganze mir sehr r&auml;tselhaft vorkommt. Dir mag
+die Sache ja v&ouml;llig klar sein, aber ich gestehe offen,
+da&szlig; mein armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«</p>
+
+<p>Lady Agathe fing an zu weinen.</p>
+
+<p>»Es n&uuml;tzt nichts, da&szlig; du so &uuml;ber mich herf&auml;llst,
+Honoria,« sprach sie und dr&uuml;ckte ihr Taschentuch an
+die Augen, »gar nichts. Sprich lieber mit Florence.
+Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«</p>
+
+<p>»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn
+sie nicht ganz verr&uuml;ckt geworden ist, so will ich sie
+schon zur Vernunft bringen. Bleibe, bitte, hier,
+Agathe; es ist mir lieber, du h&ouml;rst, was ich sage. Mit
+deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«</p>
+
+<p>Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte
+ihren Befehl in herrischem Tone.</p>
+
+<p>Sie thronte wieder majest&auml;tisch auf dem Sofa,
+und Lady Agathe trocknete sich noch die Augen, als
+die T&uuml;r aufging und Florence gem&auml;chlich eintrat.</p>
+
+<p>Sie sah entz&uuml;ckend aus: sie trug ein dunkelrotes
+Samtkleid mit einem breiten Kragen und Manschetten
+aus alten gelblichen Spitzen, und ihr kastanienbraunes
+Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre
+gro&szlig;en, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische,
+sch&ouml;ne Farben, und sie l&auml;chelte, als sie mit stolz erhobenem
+K&ouml;pfchen n&auml;her trat. Dem verwunderten,
+entr&uuml;steten Blicke der Herzogin schien sie gl&uuml;cklich, zuversichtlich,
+belustigt, von schelmischem Trotz beseelt
+zu sein. Aber ihre Tante wu&szlig;te, da&szlig; ihre Figur
+schlanker war, als sie vor einem Monat gewesen.</p>
+
+<p>»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt
+Sie aussehen! Ich glaube, ich w&uuml;rde ein wenig
+ <span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span>
+vom Kaminfeuer fortr&uuml;cken. O, Tante Agathe, was
+fehlt dir denn, liebes Herz?«</p>
+
+<p>Die sp&ouml;ttische Heiterkeit war auf einmal wie
+weggewischt aus ihren Z&uuml;gen, als sie auf Lady Agathe
+zueilte und z&auml;rtlich tr&ouml;stend, wie sch&uuml;tzend, den Arm
+um sie legte.</p>
+
+<p>Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch
+stattlicher aus. In dem Auftreten des M&auml;dchens lag
+entschieden unversch&auml;mte Herausforderung.</p>
+
+<p>»Es ist kein Wunder, da&szlig; deine Tante weint,
+Florence! Sie tut wohl daran, d&uuml;nkt mich.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu
+gebracht haben. Trockne dir die Augen, Tantchen;
+wenn Durchlaucht b&ouml;se ist, so ist sie es auf mich, nicht
+auf dich.«</p>
+
+<p>Sie blickte ihre Patin mit k&uuml;hler Gelassenheit
+an und fragte: »Ich f&uuml;rchte, Durchlaucht sind wieder
+b&ouml;se?«</p>
+
+<p>»B&ouml;se?« wiederholte die emp&ouml;rte Herzogin zornig.
+Sie h&auml;tte ihr M&uuml;ndel in diesem Augenblick mit der
+gr&ouml;&szlig;ten Wonne ohrfeigen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; das sieht man Ihnen an. Es ist nicht
+das Feuer, das Ihnen diese R&ouml;te gibt.«</p>
+
+<p>In derselben nachl&auml;ssigen Art trat sie hinter einen
+Stuhl und legte die verschr&auml;nkten Arme auf die Lehne.</p>
+
+<p>»Es handelt sich nat&uuml;rlich um meine Verlobung.
+Lassen Sie mich ganz offen und deutlich reden. Nun
+denn, ich bin m&uuml;ndig und habe Herrn Leath versprochen,
+ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem
+Entschlusse etwas &auml;ndern. Bleiben wir beide am
+Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was auch geschehen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span>
+m&ouml;ge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen,
+und das wei&szlig; er.«</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel, Kind! Du mu&szlig;t verr&uuml;ckt geworden
+sein! Du willst mir doch nicht sagen, da&szlig; du
+in ihn verliebt bist?«</p>
+
+<p>»Weshalb nicht? K&ouml;nnte es einen besseren Grund
+geben, ihn zu heiraten?«</p>
+
+<p>»Du hast ein empf&auml;nglicheres Herz, als ich dir
+zugetraut habe, Florence! Vielleicht hattest du dich
+auch in Herrn Chichester verliebt?«</p>
+
+<p>»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester
+verliebt.«</p>
+
+<p>»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen
+verliebt zu sein?«</p>
+
+<p>»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen
+es dabei bewenden lassen. Und nennen Sie ihn, bitte,
+nicht &rsaquo;diesen Menschen&lsaquo;. Das ist nicht sehr fein. Ich
+glaube zwar nicht, da&szlig; er je im Leben eine Herzogin
+gesehen hat, aber ich bin &uuml;berzeugt davon, da&szlig; er
+Durchlaucht nie &rsaquo;diese Frau&lsaquo; nennen w&uuml;rde.«</p>
+
+<p>»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«</p>
+
+<p>»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«</p>
+
+<p>»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll
+zur&uuml;ck. »Jetzt h&ouml;re mich an, Florence! Durch
+die unglaubliche Verr&uuml;cktheit von Sir Jasper Mortlake
+&mdash; ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen,
+Agathe, und ich wiederhole: unglaubliche Verr&uuml;cktheit
+&mdash; hast du, die du bei deiner gesellschaftlichen
+Stellung, deiner Sch&ouml;nheit, deinem Verm&ouml;gen die gl&auml;nzendste
+Partie h&auml;ttest machen k&ouml;nnen &mdash; die Einwilligung
+eines der Vorm&uuml;nder zu dieser schmachvollen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span>
+Heirat erlangt, durch die du dich zugrunde richten
+wirst. Nun mache dir klar, da&szlig; du meine Zustimmung
+nie erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun
+werden, kommt f&uuml;r mich nicht in Betracht: ich ma&szlig;e
+mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu wollen.
+Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich
+sehen wollen, so ist es gut. Ich aber habe nichts
+mehr mit dir zu tun, sobald du seine Frau bist. Und
+damit basta!«</p>
+
+<p>Ihr bl&uuml;hendes Gesicht war bla&szlig; vor Zorn geworden,
+und Florence wu&szlig;te, da&szlig; nichts sie von diesem
+Entschlusse abbringen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und
+ich beklage mich nicht,« sprach sie ruhig, »aber selbst
+wenn die ganze Welt sich von mir lossagte, so w&uuml;rde
+ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten.
+Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich
+bin willens, ihn zu zahlen!« Sie machte einen Schritt
+auf die T&uuml;r zu und fragte in demselben gelassenen
+Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend etwas
+zu sagen, ehe ich gehe?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; noch eins!« Die Herzogin erhob sich
+w&uuml;tend. »Die Chance ist wenigstens nicht ausgeschlossen,«
+sagte sie eisig, »da&szlig; dieser Mensch weniger
+hartk&ouml;pfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich
+heiratet, so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde,
+und wenn niemand vern&uuml;nftig genug ist, ihm dies zu
+sagen, so soll er es von mir h&ouml;ren!«</p>
+
+<p>»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.</p>
+
+<p>»Zweck? Auf die Chance hin, &mdash; die zwar nur
+ <span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span>
+gering ist, das gebe ich zu, &mdash; da&szlig; er gesunden Menschenverstand
+und Herz genug besitzt, dich freizugeben.«</p>
+
+<p>»Das wird er niemals tun,« &mdash; sie l&auml;chelte matt,
+&mdash; »nicht wenn Durchlaucht ihm das Zweifache
+meines Verm&ouml;gens bieten w&uuml;rde. Ich mu&szlig; ihm Gerechtigkeit
+widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund
+f&uuml;r den Wunsch, mich heiraten zu wollen &mdash; er
+liebt mich.«</p>
+
+<p>»Liebt dich? T&auml;te er das, so w&uuml;rde er dich
+nicht auf diese sch&auml;ndliche Weise hinopfern!« erwiderte
+die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt oder nicht,
+er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich
+fest entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«</p>
+
+<p>Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine
+Meldung entgegengenommen, blickte sie die Herzogin
+an und sagte:</p>
+
+<p>»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist
+jetzt hier.«</p>
+
+<p>»Hier? Du meine G&uuml;te! Verkehrt der Mensch
+hier?« Florence l&auml;chelte kalt.</p>
+
+<p class="pmb3">»Durchlaucht scheinen zu vergessen, da&szlig; ich mit
+Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath
+verlobt bin. Unter diesen Umst&auml;nden w&uuml;rde es schwer
+sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe
+Ihnen best&auml;tigen wird, da&szlig; er sich nur sehr selten
+blicken l&auml;&szlig;t und die Gastfreundschaft des Hauses nicht
+mi&szlig;braucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet.
+Es ist mein Recht, meinen zuk&uuml;nftigen
+Gatten zu empfangen. Sie w&uuml;nschen ihn zu sprechen?
+In f&uuml;nf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_22">22.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in
+dem get&auml;felten Zimmer, in das er stets gef&uuml;hrt wurde,
+wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy
+zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begr&uuml;&szlig;te,
+oder Cis, oder schlie&szlig;lich Lady Agathe, die sich mit
+ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb
+&auml;ngstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte;
+aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er
+w&uuml;nschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn
+es schien ihm &auml;u&szlig;erst gleichg&uuml;ltig zu sein, mit welchen
+Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf
+seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie
+eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein
+Dutzend S&auml;tze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen
+zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen,
+aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und
+von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu
+werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und
+nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine
+gegen Florence erw&auml;hnt.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r ging auf, und sie trat eilfertiger als
+sonst ein &mdash; gew&ouml;hnlich z&ouml;gerte sie ein wenig, ehe
+sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die t&auml;glichen Zusammenk&uuml;nfte
+gew&auml;hrt, weil sie es nicht wagte, sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span>
+ihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort
+auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer
+Hand, als er diese fa&szlig;te.</p>
+
+<p>Er tat selten mehr als das, aber der wenigen
+Male, da er sie gek&uuml;&szlig;t hatte, erinnerte er sich nicht
+besser als sie.</p>
+
+<p>»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine
+Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«</p>
+
+<p>Er hielt sie dabei viel zu fest, als da&szlig; sie noch
+h&auml;tte zittern k&ouml;nnen, und blickte zu ihr nieder. Der Tag
+war ungew&ouml;hnlich d&uuml;ster und grau gewesen, und obgleich
+der Abend kaum angebrochen, war es dunkel
+im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt
+und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er
+erriet, mehr als da&szlig; er sah, da&szlig; sie bla&szlig; war und
+ihre gro&szlig;en verst&ouml;rt blickenden Augen einen ihm fremden
+Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, da&szlig; sie
+so zu ihm emporsahen, und f&uuml;r den Augenblick bezauberten
+sie ihn so, da&szlig; er die &auml;ngstliche Vorsicht,
+mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, au&szlig;er acht
+lie&szlig;. Er schlo&szlig; sie warm und z&auml;rtlich in die Arme,
+wie er es h&auml;tte tun k&ouml;nnen, wenn sie ihn geliebt h&auml;tte.</p>
+
+<p>»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus
+der Fassung gebracht, mein Liebling?«</p>
+
+<p>Wenn sie ihn geliebt h&auml;tte, wie w&uuml;rde sie sich
+innig an ihn geschmiegt, wie w&uuml;rden sie zusammen
+gelacht haben &uuml;ber die Herzogin und ihre Drohungen
+und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, w&auml;hrend
+sie erschauerte und &mdash; zu stolz, sich zu wehren
+&mdash; starr dastand.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span></p>
+
+<p>»Lassen Sie mich los, bitte!« stie&szlig; sie zwischen
+den Z&auml;hnen hervor. »Ich habe Sie schon &ouml;fter gebeten,
+mir dies zu ersparen, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem
+Lachen gab er sie frei. »Ich vergesse mitunter, wie
+du mich hassest &mdash; und habe freilich nur mir selbst
+deshalb Vorw&uuml;rfe zu machen! Du sorgst daf&uuml;r, da&szlig;
+ich es nicht vergesse. Aber ich bitte nochmals um
+Verzeihung &mdash; darum handelt es sich jetzt nicht. Es
+ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Vorgefallen kaum.«</p>
+
+<p>Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachl&auml;ssig
+gleichg&uuml;ltigen Ton gegen ihn an und trat einen Schritt
+von ihm fort. »Sie kommen zuf&auml;llig zu sehr gelegener
+Zeit.«</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, weshalb?«</p>
+
+<p>»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«</p>
+
+<p>»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen
+w&uuml;nscht &mdash;«</p>
+
+<p>»Nicht Sir Jasper. Er ist in Gesch&auml;ften nach
+Beverley und wird nicht vor Tische heimkommen.
+Vielleicht wissen Sie, da&szlig; die Herzogin hier ist?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in
+St. Mellions erz&auml;hlt. Sie w&uuml;nscht doch nicht etwa,
+mich zu sehen?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie hat den Wunsch ge&auml;u&szlig;ert.«</p>
+
+<p>»Und w&uuml;nschest du, da&szlig; ich zu ihr gehe?«</p>
+
+<p>»Ich halte es f&uuml;r das beste,« sagte sie stockend.</p>
+
+<p>»Dann stehe ich nat&uuml;rlich ganz zu deinen
+Diensten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p>
+
+<p>Er tat einen Schritt auf die T&uuml;r zu. Als Florence
+auf die aufrecht getragene Gestalt, in das gelassene,
+sonnengebr&auml;unte Antlitz blickte, regte sich, nicht zum
+erstenmal, ein wunderliches Gef&uuml;hl in ihr. Er mochte,
+wie sie ge&auml;u&szlig;ert, nie im Leben eine Herzogin gesehen
+haben, aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe
+bei der Aussicht, dieser einen gegen&uuml;ber stehen zu
+m&uuml;ssen. Sie mochte ihn hassen, mochte sich aufb&auml;umen
+gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war
+unm&ouml;glich, da&szlig; sie sich jemals seiner zu sch&auml;men h&auml;tte.
+Sie w&auml;re kein Weib gewesen, h&auml;tte sie nicht etwas
+wie Erleichterung und Stolz bei dem Gedanken empfunden.
+An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte
+selbst die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem
+Bewu&szlig;tsein lag ein Trost, und ein weicherer Ausdruck
+trat in ihr Antlitz, als sie durch ein Zeichen ihn an
+ihre Seite zur&uuml;ckrief.</p>
+
+<p>»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will
+mit Ihnen gehen, aber vorher m&ouml;chte ich noch etwas
+sagen.«</p>
+
+<p>Sie berichtete ihm dann kurz, wie emp&ouml;rt ihre
+Patin &uuml;ber ihre Verlobung sei, und setzte hinzu: »Das
+ber&uuml;hrt mich nicht weiter, da sie meinem Herzen nie
+nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden,
+ihr gegen&uuml;ber so gleichg&uuml;ltig und so &mdash; zufrieden
+zu scheinen, wie ich w&uuml;nschte. Sie ist eine
+kluge Frau und nicht so leicht zu t&auml;uschen wie Tante
+Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal
+zusetzen, solange sie hier ist. Sie darf es um keinen
+Preis!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span></p>
+
+<p>Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der
+Herzogin hatte sie tiefer ersch&uuml;ttert, als sie selbst wu&szlig;te.
+Er legte seine Hand ruhig und fest &uuml;ber die zitternden
+Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.</p>
+
+<p>»Das soll sie auch nicht. La&szlig; mich h&ouml;ren, was
+du w&uuml;nschest, da&szlig; ich ihr sagen soll, du wei&szlig;t, ich
+tue, was du willst.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ich wei&szlig;, ich kann mich auf Sie verlassen.«
+Es war das Freundlichste, was sie ihm je
+gesagt, und es hatte noch dazu den Vorzug, durchaus
+wahr zu sein.</p>
+
+<p>»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen
+der Wahrheit entspricht, &mdash; da&szlig; ich mich weigere,
+unsere Verlobung r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen oder Sie
+zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar
+b&ouml;se machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren
+Stolz appellieren, Ihnen sagen, da&szlig; ich mich durch
+eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. H&ouml;ren Sie
+nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen
+mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen
+&mdash; machen Sie sich nichts daraus. Denken Sie nur
+daran, da&szlig; es furchtbar schwer f&uuml;r mich ist, und da&szlig;
+ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie
+k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p>Es war das erstemal, da&szlig; sie ihn um etwas
+bat; sie wu&szlig;te kaum, wie r&uuml;hrend und eindringlich
+sie sprach, wie flehend ihre gro&szlig;en Augen, die voll
+Tr&auml;nen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschlo&szlig;
+die ihre noch fester.</p>
+
+<p>»Es gibt nur sehr wenige Dinge &mdash; nur ein
+einziges, glaube ich &mdash; die ich nicht tun w&uuml;rde, b&auml;test
+ <span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span>
+du mich darum,« sprach er ruhig, »und dies ist nicht
+jenes eine. Was k&ouml;nnte ich wohl lieber tun, als
+darauf bestehen, da&szlig; du mein bleibst? Du kannst dich
+darauf verlassen, ich werde den Ton anschlagen, den
+du w&uuml;nschest. M&ouml;chtest du noch warten, oder wollen
+wir gleich gehen, damit es &uuml;berstanden ist?«</p>
+
+<p>Nach kurzem Z&ouml;gern legte sie ruhig die Hand auf
+seinen Arm: das hatte sie aus freien St&uuml;cken noch nie
+getan.</p>
+
+<p>»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen,
+damit wir es, wie Sie sagen, hinter uns haben.«</p>
+
+<p>Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in
+ihrem Leben trat sie, noch immer an seinem Arme, vor
+die Herzogin und stand neben ihm, wie ein Weib an
+der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte &mdash;
+l&auml;chelnd, in unbek&uuml;mmerter Heiterkeit, voll Zuversicht
+auf ihn und sich selbst.</p>
+
+<p>Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin
+hatte schon zwei Niederlagen erlitten, und keiner
+ihrer beiden siegreichen Gegner war ihr mit k&uuml;hlerer
+Gelassenheit gegen&uuml;bergetreten, als Everard Leath.
+Auch ohne Florences Bitte w&uuml;rde er das wahrscheinlich
+getan haben. Die Herzogin war eine viel zu
+kluge Frau, um nicht zu wissen, da&szlig; sie eine Niederlage
+erlitten und da&szlig; ein fernerer Kampf hoffnungslos
+sei. In den wenigen kurzen Worten, mit denen
+Leath ihr antwortete, lag eine Entschlossenheit, die
+durch keinen Angriff ihrerseits zu ersch&uuml;ttern war.
+Die h&ouml;hnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert,
+hatte nicht einmal eine Ver&auml;nderung in seinem
+Gesichtsausdruck hervorgerufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span></p>
+
+<p>»Gr&auml;fin Florence wei&szlig;, Durchlaucht,« sprach er
+ruhig, »da&szlig; ihr Verm&ouml;gen mir sehr gleichg&uuml;ltig ist.
+Wenn ich w&uuml;nsche, da&szlig; sie es behalten m&ouml;chte, so geschieht
+es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie
+ich es ihretwegen zu sein w&uuml;nschte. K&ouml;nnte Durchlaucht
+ihr es morgen bis auf den kleinsten Bruchteil
+nehmen, so w&uuml;rde das an unserem gegenseitigen Verh&auml;ltnis
+nichts &auml;ndern.«</p>
+
+<p>»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei,
+»ich w&uuml;rde dich doch heiraten, Everard.«</p>
+
+<p>Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt
+im Ohre, aber sie brachte sie entschlossen &uuml;ber die
+Lippen &mdash; war es doch nach ihrer Ansicht nur eine
+letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine gr&ouml;&szlig;ere
+als ihre Hand auf seinem Arm, ihre Stellung an
+seiner Seite. »Geld hatte nichts mit dem Versprechen,
+das ich dir gab, zu schaffen &mdash; das wei&szlig;t du. Ich
+glaube, Durchlaucht, damit w&auml;re die Sache erledigt.«</p>
+
+<p>Eine zornige Handbewegung der Herzogin war
+ihre einzige Entlassung. Sie verlie&szlig;en das Zimmer
+Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte
+w&auml;hrend der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen
+gedr&uuml;ckt, bitterlich weinend dagesessen und kein einziges
+Wort gesagt.</p>
+
+<p>Erst als sie wieder in dem get&auml;felten Zimmer
+waren, zog Florence die Hand zur&uuml;ck. Eine Lampe
+war in der Zwischenzeit angez&uuml;ndet worden, und sie
+sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All
+der m&uuml;hsam behauptete Trotz war wie weggewischt
+aus ihren Z&uuml;gen, jetzt, wo die Augen der Herzogin
+ <span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span>
+nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit m&uuml;dem,
+ironischem L&auml;cheln an.</p>
+
+<p>»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie
+in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, da&szlig;
+ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich m&ouml;chte wohl
+wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist,
+das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides
+vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in
+Ruhe lassen, aber das w&auml;re nicht der Fall, wenn Sie
+mir nicht geholfen h&auml;tten. Das vergesse ich nicht. Ich
+danke Ihnen, Herr Leath.«</p>
+
+<p>»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die
+Ver&auml;nderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so
+verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die m&uuml;de
+Haltung der schlanken Gestalt, die Bl&auml;sse des schmalen
+Gesichtchens.</p>
+
+<p>»Es ist zu viel f&uuml;r dich, armes Kind,« meinte er
+sanft. »Du siehst ganz ersch&ouml;pft aus und bedarfst
+der Ruhe. Soll ich bleiben, oder m&ouml;chtest du, da&szlig;
+ich jetzt gehe?«</p>
+
+<p>Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende,
+ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande
+der Erregung, da&szlig; die weiche Z&auml;rtlichkeit seiner Worte,
+obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre
+Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in hei&szlig;e
+Tr&auml;nen aus und schluchzte fassungslos. Im n&auml;chsten
+Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und
+beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind
+h&auml;tte beschwichtigen k&ouml;nnen. Sie hatte bisher nie
+seine Umarmung geduldet; aus reiner Erm&uuml;dung tat
+sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder &uuml;ber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span>
+seine K&uuml;sse zu z&uuml;rnen. Seine Kraft war zu m&auml;chtig
+f&uuml;r sie, und dennoch lag ein merkw&uuml;rdiger Trost darin.
+So lie&szlig; sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen,
+barg ihre Tr&auml;nen an seiner Schulter und empfand fast
+etwas wie Freude &uuml;ber die innigen Liebesworte, die
+er ihr ins Ohr fl&uuml;sterte. Selbst als ihr Schluchzen
+nachlie&szlig; und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich
+Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm
+zu entziehen suchte.</p>
+
+<p>»Ich bin m&uuml;de,« sagte sie mit schwacher Stimme,
+gleichsam als Entschuldigung f&uuml;r diese Anwandlung
+von Schw&auml;che, &uuml;ber die sie doch kaum das Herz hatte,
+b&ouml;se zu sein, »schrecklich m&uuml;de. Ich habe vorige Nacht
+nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie
+sind &mdash; sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen
+Sie lieber, bitte.«</p>
+
+<p>»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst
+allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«</p>
+
+<p>Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt
+und hob jetzt sanft ihr tr&auml;nenfeuchtes Gesicht zu dem
+seinen empor. »Florence,« fragte er im Fl&uuml;stertone,
+»wenn du wirklich findest, da&szlig; ich gut gewesen bin,
+k&ouml;nntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken,
+Kind?«</p>
+
+<p>Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn
+seiner Worte war ihr kaum zum Bewu&szlig;tsein gekommen,
+aber als er sie k&uuml;&szlig;te, &uuml;berflutete eine hei&szlig;e
+Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach
+Luft und versuchte, sich loszurei&szlig;en, aber er hielt
+sie fest.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span></p>
+
+<p>»Florence,« sagte er langsam, »wei&szlig;t du, was
+du mich hast sehen lassen? Da&szlig;, wenn ich dir als
+Gleichberechtigter h&auml;tte gegen&uuml;bertreten k&ouml;nnen, du
+mich jetzt schon lieben w&uuml;rdest. Ja, das w&uuml;rdest du
+&mdash; das wei&szlig; ich!«</p>
+
+<p>»Nein!« Mit einer kr&auml;ftigen Anstrengung machte
+sie sich los. »Niemals!« erkl&auml;rte sie heftig, die Hand
+an die wogende Brust gedr&uuml;ckt. »Ich mache mir nichts
+aus Ihnen &mdash; ich kann es nicht &mdash; ich werde es nie
+tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich
+gewesen zu sein schienen &mdash; aber mich nicht so &mdash; so
+von Ihnen k&uuml;ssen lassen &mdash; das wissen Sie recht gut!
+Ich werde Ihre Frau, weil ich mu&szlig;, weil Sie mich
+dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie &mdash;
+nimmermehr! Unter keinen Umst&auml;nden je h&auml;tte ich
+Sie lieben k&ouml;nnen &mdash; das wei&szlig; ich!«</p>
+
+<p>»Wirklich nicht?«</p>
+
+<p>Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz,
+sah die Geb&auml;rde emp&ouml;rter Abwehr und l&auml;chelte
+wehm&uuml;tig. »Nun, vielleicht hast du recht, und vielleicht
+habe auch ich recht. Wir wollen nicht dar&uuml;ber
+streiten. Die Schicksalsg&ouml;ttinnen sind dir nicht besonders
+hold gewesen, armes kleines M&auml;dchen &mdash; aber
+auch mit mir sind sie nicht besonders gn&auml;dig verfahren!
+La&szlig; mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand
+schaden! Ich bleibe dabei, h&auml;tte ich nur eine
+Chance dir gegen&uuml;ber gehabt, so h&auml;ttest du mich jetzt
+schon lieben sollen.«</p>
+
+<p>»Niemals!« stie&szlig; sie wieder zwischen den Z&auml;hnen
+hervor. »Sie t&auml;uschen sich selbst, wenn Sie das
+glauben! Niemals!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span></p>
+
+<p>Und so verlie&szlig; er sie, und ihr &rsaquo;Niemals!&lsaquo; klang
+ihm im Ohre nach.</p>
+
+<p>Er w&uuml;rde sich in der Halle nicht aufgehalten
+haben &mdash; er pflegte immer Turret Court so schnell
+wie m&ouml;glich zu verlassen, sowie seine Zusammenkunft
+mit Florence vor&uuml;ber war, und es geschah selten, da&szlig;
+eine Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber
+der heutige Tag bildete eine Ausnahme. Ein Feuer
+brannte in der inneren Halle, und in einem gro&szlig;en
+Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er
+war unter dem Einflu&szlig; der einschl&auml;fernden W&auml;rme
+halb eingeschlummert, aber, durch die n&auml;herkommenden
+Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine
+langen Gliedma&szlig;en und g&auml;hnte ungezwungen.</p>
+
+<p>»O, Sie sind&rsquo;s, Leath? Wie geht es Ihnen?
+Wu&szlig;te gar nicht, da&szlig; Sie da waren, alter Junge.
+Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, fortzugehen
+&mdash; wie?«</p>
+
+<p>»Ja. Weshalb?«</p>
+
+<p>»O, nichts Besonderes! Sie w&uuml;rden zu Tisch
+bleiben, wenn Sie irgendein anderer w&auml;ren, aber ich
+wei&szlig;, es n&uuml;tzt nichts, Sie einzuladen. Heute g&auml;be es
+freilich einen Extraspa&szlig;. Sie k&ouml;nnten die Herzogin
+zu Tisch f&uuml;hren.«</p>
+
+<p>»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte
+eben mir mitzuteilen, da&szlig; ich Luft f&uuml;r sie sei.«</p>
+
+<p>»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog
+grinsend den Mund. »Hat wohl eine b&ouml;se Auseinandersetzung
+gegeben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p>
+
+<p>»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete
+Leath wortkarg.</p>
+
+<p>»Ein Gl&uuml;ck f&uuml;r Sie, da&szlig; sie kurz war! Sie und
+der Alte hatten heute morgen ein hitziges Wortgefecht.
+Ich h&ouml;rte etwas davon &mdash; war ein Hauptspa&szlig;! Sie
+zog indessen den k&uuml;rzeren. Wird bei Ihnen wohl
+ebenso gegangen sein? Geh&ouml;rt sich auch so! Sehe
+gar nicht ein, warum die alte Dame sich dazwischenstecken
+will! Was in aller Welt kann es ihr ausmachen,
+ob Florence Sie nimmt oder den alten
+Chichester? Geradezu unversch&auml;mt nenne ich es.
+Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«</p>
+
+<p>»Nein, ich bin zu Fu&szlig; gekommen. Weshalb?«</p>
+
+<p>»Nichts, als da&szlig; Sie einen schrecklich dunklen
+Marsch &uuml;ber die Halde haben werden. Apropos, haben
+Sie den Alten gesehen?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; und h&auml;tte es auch nicht k&ouml;nnen, gesetzt
+den Fall, ich h&auml;tte den Wunsch gehabt. Er ist in
+Market Beverley, wie ich h&ouml;re.«</p>
+
+<p>»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie
+irrt sich aber, er kam vor zwei Stunden heim und
+sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie
+ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten
+Zeit nichts an ihm aufgefallen ist?«</p>
+
+<p>Es lag etwas Ungew&ouml;hnliches in dem Tone und
+dem Gesichtsausdruck des jungen Menschen. Mit
+einem schnellen fragenden Aufblick sch&uuml;ttelte Leath
+den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten
+ <span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span>
+vier Wochen kaum dreimal gesehen &mdash; jedenfalls nicht
+zwanzig Worte mit ihm gewechselt. Was sollte mir
+aufgefallen sein?«</p>
+
+<p>»Nun, wie er sich ver&auml;ndert hat!«</p>
+
+<p>»Hat er sich ver&auml;ndert?«</p>
+
+<p>»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet h&auml;tten,
+w&uuml;rden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf
+den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein
+Skelett, und das ist kein Wunder, denn er i&szlig;t kaum
+genug f&uuml;r einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter
+ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin
+ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen;
+und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar
+nicht reden will! Mit ihm mu&szlig; etwas nicht in Ordnung
+sein. Ich m&ouml;chte mit der Mutter und den M&auml;dchen
+nicht gern dar&uuml;ber reden, aber ich bin &uuml;berzeugt davon,
+da&szlig; es auch ihnen auffallen mu&szlig;. Erst gestern,
+in St. Mellions, redete mich der alte Burrows &mdash; Sie
+wissen, Doktor Burrows &mdash; auf der Stra&szlig;e an und
+wollte wissen, was mit ihm los w&auml;re. Sagte, er h&auml;tte
+es schon l&auml;ngst bemerkt, und sein Aussehen gefiele
+ihm ganz und gar nicht.«</p>
+
+<p>»Was wollte er damit sagen?«</p>
+
+<p>»Wei&szlig; ich nicht! Er ging wie die Katze um den
+hei&szlig;en Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus.
+Sie kennen ja die &Auml;rzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch.
+Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu
+ernsten Besorgnissen Anla&szlig; zu geben. Aber was mir
+nicht gef&auml;llt, ist seine neue Angewohnheit, drau&szlig;en
+umherzuschleichen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span></p>
+
+<p>»Umherzuschleichen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; zu allen Stunden und bei jedem Wetter,
+mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von
+uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett
+und drau&szlig;en. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er
+fr&uuml;her nie getan, ja, er ha&szlig;te das Spazierengehen
+geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern
+abend &mdash; wissen Sie noch, wie es regnete? &mdash; war
+er stundenlang drau&szlig;en auf der Halde und kam bis
+auf die Haut durchn&auml;&szlig;t zur&uuml;ck. In der Tat, ganz
+unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter
+glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst
+zu tun pflegte, schleicht er drau&szlig;en irgendwo umher.
+Ich wei&szlig; es meistens, denn seitdem ich es bemerkt
+habe, halte ich die Augen offen. Aber es mu&szlig; etwas
+nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen.
+W&uuml;&szlig;te ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen
+Kummer.«</p>
+
+<p>»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat
+keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten &Uuml;berzieher
+an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar.
+Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«</p>
+
+<p>»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal
+freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte w&uuml;rde
+mich geh&ouml;rig heruntermachen, wenn er w&uuml;&szlig;te, da&szlig;
+ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte &rsquo;mal mit Ihnen
+dar&uuml;ber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequ&auml;lt.
+Trage f&uuml;rs erste noch kein Verlangen danach,
+Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span>
+alter Junge &mdash; m&ouml;chte nur, Sie blieben zu Tische.
+Beneide Sie nicht um Ihren Weg &uuml;ber die &ouml;de Halde.«</p>
+
+<p>&Ouml;de sah die Halde allerdings aus, als Leath
+hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln,
+der Wind, der von der K&uuml;ste her&uuml;berwehte, war sehr
+scharf, und Leath kn&ouml;pfte instinktiv seinen &Uuml;berzieher
+zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung:
+seine Gedanken waren tr&uuml;be und nahmen
+ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte &rsaquo;Niemals!&lsaquo; von
+Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick,
+als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und
+das machte ihn blind und taub gegen alles andere.
+Er hatte keinen gl&uuml;cklichen Augenblick gehabt, seitdem
+sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden,
+aber er war nie so niedergeschlagen und ungl&uuml;cklich
+gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem &rsaquo;Niemals!&lsaquo;
+recht h&auml;tte! Wenn sie wirklich ihn und das
+Band, das sie an ihn kn&uuml;pfte, hassen sollte? Wenn
+sie erst sein Weib war, so w&uuml;rde das entsetzlich sein!
+Konnte ihm irgend etwas f&uuml;r solches Elend Ersatz gew&auml;hren?
+W&auml;re es nicht tausendmal besser gewesen,
+wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz
+geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine
+begonnen h&auml;tte? W&uuml;rde es m&ouml;glich sein, ihr zu
+entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben
+zur&uuml;ckkehren, aus seinem Ged&auml;chtnisse die Erinnerung
+an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszul&ouml;schen,
+als seien sie nie gewesen? Er gedachte der
+Sch&ouml;nheit, die es ihm angetan hatte, schon damals,
+als er sich gesagt, da&szlig; er an anderes zu denken habe
+als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer
+ <span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span>
+bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten,
+als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt;
+er gedachte des hei&szlig;en Err&ouml;tens, das ihr Antlitz bei
+seinem leidenschaftlichen Kusse &uuml;bergossen. Nein &mdash;
+es war nicht m&ouml;glich! Sie sollte ihn noch lieben
+lernen!</p>
+
+<p>Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er
+weit von dem Fu&szlig;wege abgekommen, den er h&auml;tte
+einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen.
+Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den
+felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand
+sich dicht am Rande der Klippe, &mdash; so dicht, da&szlig;
+ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante
+gebracht h&auml;tten, und er blieb einen Augenblick erschrocken
+stehen.</p>
+
+<p>»Es w&auml;re f&uuml;r niemand ein Verlust gewesen, wenn
+ich hinabgest&uuml;rzt w&auml;re,« sagte er halblaut, mit bitterem
+Auflachen.</p>
+
+<p>Er schritt weiter, dem Branden der Wogen
+lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht
+geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont
+auf, das schwere Gew&ouml;lk teilte sich, ein schwacher
+gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond
+durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences
+&rsaquo;Niemals!&lsaquo;, Florences Antlitz verfolgten ihn
+noch immer.</p>
+
+<p>»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin,
+»es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Ha&szlig;
+dauern &mdash; trotz meiner Liebe? Es w&auml;re furchtbar
+ <span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span>
+f&uuml;r uns beide &mdash; furchtbar! Armes Kind &mdash; armes
+kleines M&auml;dchen &mdash; und weshalb sollte er schwinden?
+Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein
+Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft
+aus dem Herzen rei&szlig;en und sie freigeben? Soll ich
+ihr entsagen? Wenn ich &mdash;«</p>
+
+<p class="pmb3">Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei.
+Hinter ihm ert&ouml;nten hastige Schritte, ihn traf ein
+Schlag vor die Stirn, da&szlig; vor seinen Augen grelle
+Flammen &uuml;ber den schwarzen Himmel und das
+schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit
+eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos,
+er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn
+so hinterr&uuml;cks &uuml;berfallen und ihn immer n&auml;her an
+die Felskante dr&auml;ngte; der Schlag auf den Kopf hatte
+ihn halb bet&auml;ubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen.
+Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht
+wieder zu erlangen, aber sein Fu&szlig; glitt auf
+dem kurzen schl&uuml;pfrigen Gras aus, und mit einem
+lauten Aufschrei st&uuml;rzte er kopf&uuml;ber hinunter, sich
+im Fallen an dem groben Gestr&uuml;pp festhaltend, das
+&uuml;ber den Klippenrand hin&uuml;berhing. Die Zweige
+knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder
+tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt,
+ergriff es auch mit der anderen Hand, f&uuml;hlte,
+da&szlig; die Wucht seines Falles gebrochen sei, da&szlig; er
+festen Boden unter den F&uuml;&szlig;en habe. W&auml;hrend der
+Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb
+liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter
+Anstrengung seine fast ersch&ouml;pften Kr&auml;fte
+zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprung
+ <span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span>
+in das Innere einer H&ouml;hle, und vorw&auml;rtsstolpernd,
+brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend,
+fast bewu&szlig;tlos auf dem steinigen Boden von Florences
+Felsenkammer zusammen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_23">23.</h2>
+</div>
+
+<p>Es regnete unaufh&ouml;rlich fast die ganze Nacht,
+aber gegen Morgen kl&auml;rte es sich auf. Ein scharfer
+Wind von der See her blies die Wolken fort, der
+Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell,
+als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow
+betrat, wo der Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch gedeckt stand, da&szlig; er geblendet
+die Hand &uuml;ber die Augen legte.</p>
+
+<p>»Es wird schlie&szlig;lich doch ein sch&ouml;ner Tag werden,«
+sagte er in seiner freundlichen Art zu dem nett aussehenden
+M&auml;dchen, das eilfertig mit der Kaffeekanne
+eintrat. »Als ich heute nacht den Regen h&ouml;rte, glaubte
+ich, eine zweite Sintflut br&auml;che herein. Ich erinnere
+mich kaum eines so kalten und nassen Septembers,
+wie der diesj&auml;hrige gewesen. Herr Leath ist wohl noch
+nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«</p>
+
+<p>»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen,
+gn&auml;diger Herr. Als ich bei ihm anklopfte,
+um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; er mu&szlig;
+also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben
+Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so
+leisen Schlaf,« sagte das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,«
+bemerkte der alte Mann gleichm&uuml;tig; »er wird wohl
+ <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span>
+gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« fuhr er, zu
+sich selbst redend, fort &mdash; in den langen Jahren der
+Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespr&auml;che angew&ouml;hnt,
+&mdash; »ist es sonderbar, da&szlig; der Junge so fr&uuml;h
+auf und davon ist, da er gestern abend erst so sp&auml;t nach
+Hause gekommen ist. Es mu&szlig; zw&ouml;lf gewesen sein,
+denn ich habe ihn gar nicht mehr geh&ouml;rt. Er ist
+nat&uuml;rlich zu Tisch in Turret Court geblieben. Nun,
+das ist gut. Ich wollte, das t&auml;te er &ouml;fter, aber es
+ist wohl seine eigene Schuld, da&szlig; es nicht geschieht.«
+Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich
+wollte, ich w&auml;re fester davon &uuml;berzeugt, als ich bin,
+da&szlig; es eine gl&uuml;ckliche Ehe werden wird. Aber sowohl
+in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das
+mich glauben l&auml;&szlig;t &mdash;. Ah, das ist sein Schritt, ja &mdash;
+er ist es.«</p>
+
+<p>Der Schritt kam n&auml;her, ein Schatten verdunkelte
+die offene Fenstert&uuml;r, der Sherriff mit freundlichem
+L&auml;cheln, das schnell einem Ausdruck der Verwunderung
+und Best&uuml;rzung wich, den Blick zuwandte.</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel, Leath, was ist geschehen?«
+rief er.</p>
+
+<p>»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht!
+Mir wird gleich wieder besser werden,« antwortete
+Leath, als er ins Zimmer trat und auf den n&auml;chsten
+Stuhl sank.</p>
+
+<p>In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge,
+mit seinem leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem
+Blute, das einer Kopfwunde entstr&ouml;mte, bedeckt war,
+sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span>
+Entsetzen machten den Alten stumm. Der J&uuml;ngere
+hub wieder an:</p>
+
+<p>»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend,
+als ich von Turret Court zur&uuml;ckkam, st&uuml;rzte ich von
+der Klippe.«</p>
+
+<p>»Der Klippe? Gro&szlig;er Gott! Du gingst zu nahe
+an die Kante und glittest aus? Und doch bist du hier,
+und am Leben! Der Sturz h&auml;tte einen Menschen
+zweimal t&ouml;ten k&ouml;nnen!« rief Sherriff.</p>
+
+<p>»Wie er mich get&ouml;tet haben w&uuml;rde, w&auml;re ich zuf&auml;llig
+an irgendeiner anderen Stelle hinabgefallen.
+Es ist ein wahres Wunder, da&szlig; ich noch lebe,« antwortete
+Leath. »Sie kennen die Stelle &mdash; die kleine
+H&ouml;hle, die sie &mdash; Florence &mdash; ihre Felsenkammer
+nennt?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen.
+Dort st&uuml;rztest du hinunter?«</p>
+
+<p>»Ja. Der Felsenvorsprung vor der H&ouml;hle hat
+mich gerettet. Ich hielt mich an irgend etwas fest &mdash;
+wie, wei&szlig; ich nicht. Es brach die Wucht meines Falles,
+und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein
+Leben hing an einem Haar &mdash; so nahe habe ich dem
+Tode noch niemals ins Auge geschaut, obwohl er mir
+mehrmals nahe genug gewesen ist. &mdash; Wollen Sie
+mir etwas Kognak geben? Ich war einf&auml;ltig genug,
+ohnm&auml;chtig zu werden, und kam erst vor etwa einer
+Stunde wieder ordentlich zu mir.«</p>
+
+<p>Sherriff, dessen H&auml;nde so zitterten, da&szlig; er die
+Flasche kaum halten konnte, holte schnell den Kognak
+ <span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span>
+herbei. Leath leerte das Glas mit einem Zuge, und
+die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte
+allm&auml;hlich in sein Antlitz zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Das tut gut,« sagte er. »Ich mu&szlig; gestehen, da&szlig;
+ich mich sehr schwach f&uuml;hle. Daran ist wohl der Schlag
+auf den Kopf schuld.«</p>
+
+<p>»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.</p>
+
+<p>»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«</p>
+
+<p>»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete
+Leath finster.</p>
+
+<p>»Nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, ich wurde hinuntergesto&szlig;en.«</p>
+
+<p>»Hinuntergesto&szlig;en?« antwortete Sherriff voll
+Entsetzen.</p>
+
+<p>»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und
+wurde gepackt und festgehalten, ehe ich wu&szlig;te, woran
+ich war; ich konnte mich nicht zur Wehr setzen. Der
+Schlag wurde zuerst nach mir gef&uuml;hrt &mdash; ich wei&szlig;
+nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen
+kannte, wurde ich, wie gesagt, hinabgest&uuml;rzt.«</p>
+
+<p>»Aber, g&uuml;tiger Himmel, Leath, das war Mord!«
+rief Sherriff entsetzt.</p>
+
+<p>»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er.
+»Der Mensch, der mich von der Klippe hinabstie&szlig;,
+wollte mich aus der Welt schaffen, so gewi&szlig;,
+wie wir beide einander gegen&uuml;bersitzen. Es war vielleicht
+kein &uuml;berlegter Mordanschlag, das behaupte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span>
+ich nicht &mdash; das glaube ich kaum. Er mag mir absichtlich
+gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann es
+nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf
+an. Aber er beabsichtigte, mich zu t&ouml;ten, und glaubte
+ohne Zweifel, da&szlig; er es getan. Und wenn es ihm gelungen,
+wenn ich tot auf dem Felsen gefunden worden
+w&auml;re, was w&uuml;rde es anders gewesen sein als ein Unfall,
+ein Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder
+bitter auf. »Er w&uuml;rde sicher genug, vollkommen sicher
+gewesen sein! Wer h&auml;tte daran gedacht, Sir Jasper
+Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung
+zu bringen, der mit seiner Einwilligung sein M&uuml;ndel
+heiraten sollte?«</p>
+
+<p>»Sir Jasper Mortlake?« stie&szlig; Sherriff hervor
+und sprang auf.</p>
+
+<p>»Freilich &mdash; er und kein anderer! Ich habe sein
+Gesicht gesehen; dazu war es nicht zu dunkel, und
+h&auml;tte ich es auch nicht erkannt, so w&uuml;rde ich es doch
+gewu&szlig;t haben. Er hat Grund genug, meinen Tod
+zu w&uuml;nschen &mdash; hatte es, wie ich jetzt wei&szlig;, seitdem
+er mich zum ersten Male gesehen und mich ha&szlig;te
+wegen der &Auml;hnlichkeit, an die zu glauben er sich
+f&uuml;rchtete. Damals konnte ich es mir nicht erkl&auml;ren,
+seitdem habe ich dar&uuml;ber gelacht, und ebenfalls &uuml;ber
+meine eigene Dummheit, keinen Verdacht zu sch&ouml;pfen.«</p>
+
+<p>»Gro&szlig;er Gott! Welchen Verdacht?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen erz&auml;hlen. Vor Ihnen wenigstens
+kann ich es jetzt nicht l&auml;nger geheimhalten,
+und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, um
+meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, da&szlig;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span>
+es f&uuml;rs erste nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl
+ich gleich jenem Menschen gegen&uuml;bertreten und
+ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«</p>
+
+<p>»Um &mdash; um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff
+best&uuml;rzt.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; um ihret-, um Florences willen. Sie
+haben sich gewundert, weshalb sie versprochen hat,
+mein Weib zu werden; Sie haben sich gewundert, weshalb
+Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie
+haben sich noch &uuml;ber manches andere gewundert. Sie
+wundern sich jetzt, weshalb er versucht hat, mich zu
+ermorden. H&ouml;ren Sie mir ein paar Minuten zu, so
+sollen Sie es erfahren.«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er
+mu&szlig; sicher bald hier sein &mdash; er versprach, zum Fr&uuml;hst&uuml;ck
+zu kommen, und es ist ein so wundervoller Morgen
+nach dem Regen, da&szlig; es mich eine S&uuml;nde d&uuml;nkt,
+im Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?«
+fragte Cis.</p>
+
+<p>Sie kam die Treppe herab und kn&ouml;pfte sich die
+Handschuhe zu, als sie ihrer Cousine ansichtig wurde,
+die zwischen den Vorh&auml;ngen des einen der gro&szlig;en,
+viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle
+Licht empfing. Sie war so in Gedanken versunken,
+w&auml;hrend sie hinausblickte, da&szlig; sie sich erst, als die
+andere sie ber&uuml;hrte, zusammenschreckend umwandte.</p>
+
+<p>»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist
+recht! Du siehst so h&uuml;bsch aus, Schatz!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p>
+
+<p>»So?« Cis l&auml;chelte. »Blau steht mir immer gut,
+aber nicht besser als dir. Willst du nicht mitkommen,
+Florence? Du siehst so bla&szlig; aus, und deine Augen
+sind so tr&uuml;be. Die Luft w&uuml;rde dir sicher gut tun!«</p>
+
+<p>»Bla&szlig; &mdash; so?« Florence fuhr sich mit der Hand
+&uuml;ber die Stirn. »Ich habe seit einiger Zeit die dumme
+Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist wohl schuld
+daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen;
+ich bin nicht recht aufgelegt dazu!«</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t krank sein, du warst sonst immer zu
+allem aufgelegt,« sagte Cis mit z&auml;rtlicher Teilnahme.
+»Du bist auch viel magerer geworden, Liebling; gestern
+habe ich noch mit Mutter dar&uuml;ber gesprochen. Und
+du siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine
+Nonne aus. Ich wollte, du tr&uuml;gest es nicht.«</p>
+
+<p>»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas d&uuml;ster
+aus,« meinte Florence mit schwachem L&auml;cheln. »Mache
+dir um mich und mein Aussehen keine Sorge, kleine
+Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich
+nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe?
+Im get&auml;felten Zimmer?«</p>
+
+<p>»Ja. Aber ich w&uuml;rde sie dort nicht aufsuchen,
+Florence; die Herzogin ist bei ihr.«</p>
+
+<p>»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre
+Durchlaucht und ich haben hoffentlich das letzte notwendige
+Wort miteinander gesprochen. Will sie wirklich
+heute fort?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, &mdash; wei&szlig; es aber nicht gewi&szlig;. Sie
+hat Mutter gesagt, sie w&uuml;rde abreisen, sobald sie
+Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, da&szlig;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span>
+er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy
+behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht
+mit ihr gef&uuml;rchtet!« sagte Cis lachend.</p>
+
+<p>»Kaum, sollte ich denken.« Florence l&auml;chelte kalt.</p>
+
+<p>»O, nat&uuml;rlich war es nur ein Spa&szlig;! Trotzdem
+bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich
+sehr m&uuml;de von Market Beverley zur&uuml;ckgekommen.
+Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr
+elend ausgesehen und ist so verdrie&szlig;lich wie m&ouml;glich
+gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so
+mu&szlig; ich fort, sonst verfehle ich Harry.«</p>
+
+<p>Sie trippelte davon, die Fl&uuml;gelt&uuml;ren fielen hinter
+ihr zu. Das L&auml;cheln wich aus Florences Antlitz, als
+ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite
+Fensterbank und fuhr m&uuml;de mit der Hand &uuml;ber Stirn
+und Augen.</p>
+
+<p>»Ich wollte, ich k&ouml;nnte schlafen, wie ich sonst
+geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen
+N&auml;chte fangen an, mich zu &auml;ngstigen. Gesetzt, ich w&uuml;rde
+krank, &mdash; gesetzt, ich bek&auml;me Fieber? Ich k&ouml;nnte
+phantasieren &mdash; k&ouml;nnte alles erz&auml;hlen, verraten? Wer
+wei&szlig;? Ich habe sagen h&ouml;ren, Fieberkranke redeten
+immer von dem, was sie am meisten besch&auml;ftigt. Ich
+mu&szlig; einen Doktor zu Rate ziehen, mu&szlig; mir irgendein
+Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich
+schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen
+&mdash; ich habe so gr&auml;&szlig;liche Tr&auml;ume! Gestern nacht war
+es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich m&ouml;chte
+wissen, ob es das Vern&uuml;nftigste w&auml;re, wenn ich t&auml;te,
+was er zweimal in mich gedrungen, zu tun &mdash; und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span>
+ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm
+fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es w&uuml;rde
+wenigstens &uuml;berstanden &mdash; unwiderruflich sein, und
+da es geschehen mu&szlig;, was frommt es, es aufzuschieben?
+Ich mu&szlig; es tun &mdash; ich habe mein Wort gegeben!
+Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich
+z&ouml;gere, meines einzul&ouml;sen? Was ist das? So fr&uuml;h?
+Weshalb kommt er heute so fr&uuml;h?«</p>
+
+<p>Sie kannte den Schritt, der durch die &auml;u&szlig;ere Halle
+kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt
+vernommen, ohne da&szlig; ihr Pulsschlag sich, halb aus
+Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war
+immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der
+nachl&auml;ssigen K&auml;lte zu verbergen, die sie ihm gegen&uuml;ber
+gew&ouml;hnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, da&szlig;
+er sehen sollte, da&szlig; er sie &uuml;berhaupt nach irgendeiner
+Richtung hin erregen konnte.</p>
+
+<p>Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz
+gefa&szlig;tem, gleichg&uuml;ltigem Gesicht der Fl&uuml;gelt&uuml;r zu.
+Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die
+T&uuml;r ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.</p>
+
+<p>Dem M&auml;dchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller
+Best&uuml;rzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug
+war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren
+waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen,
+aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten
+worden und lie&szlig; eine wei&szlig;e Binde sehen. Das sowohl
+wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches
+Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt.
+Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich
+&uuml;ber sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span></p>
+
+<p>»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden?
+Sie haben sich weh getan!«</p>
+
+<p>»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie
+mit so schmerzlichem Drucke festgehalten. »Ich &mdash;
+wu&szlig;te nicht, da&szlig; du hier bist,« sprach er, »ich wollte
+dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir
+Jasper aufzusuchen.«</p>
+
+<p>»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie
+sind Sie zu der Wunde gekommen?« Sie blickte Sherriff
+an und dann wieder ihren Verlobten, und etwas
+wie schreckensvolles Verst&auml;ndnis d&auml;mmerte in ihren
+Z&uuml;gen auf. »Sie sind verletzt &mdash; Sie kommen her,
+um mit Sir Jasper zu reden? Herr Sherriff,« rief
+sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erz&auml;hlen, was das
+alles zu bedeuten hat!«</p>
+
+<p>Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser
+antworten konnte.</p>
+
+<p>»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens mu&szlig;
+es doch wohl erfahren?«</p>
+
+<p>»Erz&auml;hle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt
+noch vor ihr geheimhalten? Und sie hat ein Recht,
+es zu wissen.«</p>
+
+<p>»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie
+es mir.«</p>
+
+<p>Er tat es. Das junge M&auml;dchen sa&szlig; auf der
+Fensterbank und h&ouml;rte mit weitge&ouml;ffneten, entsetzten
+Augen, die unverwandt an seinem Gesichte hingen,
+der Erz&auml;hlung zu, die er barmherzigerweise so kurz
+ <span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span>
+machte, wie er konnte. Er war seit einer vollen Minute
+zu Ende, ehe sie den Kopf hob und auf Sherriff
+deutete.</p>
+
+<p>»Sie haben ihm alles gesagt?«</p>
+
+<p>»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl &mdash; ich konnte
+nicht l&auml;nger schweigen. Ich wei&szlig;, damit habe ich
+gewisserma&szlig;en unser &Uuml;bereinkommen gebrochen, aber
+nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund.
+Du wei&szlig;t, du darfst dich darauf verlassen, da&szlig; er ein
+ebenso unverbr&uuml;chliches Schweigen beobachten wird
+wie du oder ich.«</p>
+
+<p>»Sie d&uuml;rfen mir trauen, meine Liebe,« sprach
+Sherriff mit versagender Stimme. Er war bleicher
+als der junge Mann; die seelische Erregung hatte
+tiefe Spuren in seinen Z&uuml;gen zur&uuml;ckgelassen. »Ich &mdash;
+bin entsetzt &mdash; bin best&uuml;rzt! Aber um Ihrer selbst
+willen, um der Lebenden und der einen Toten willen
+k&ouml;nnen Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein
+Kind.«</p>
+
+<p>»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte
+Florence verst&auml;ndnislos. »Ja, das wei&szlig; ich. Das macht
+keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie blickte
+scheu zu Leath hin&uuml;ber. »Was wollen Sie tun?«</p>
+
+<p>»Sir Jasper aufsuchen. Endlich m&uuml;ssen wir ein
+paar deutliche Worte miteinander reden.« Er sah
+Sherriff an. »Und um meiner eigenen Sicherheit
+willen, um jeder M&ouml;glichkeit vorzubeugen, da&szlig; sich
+der gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, da&szlig;
+bei diesen Worten ein Zeuge zugegen ist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span></p>
+
+<p>»Ja?« Sie blickte noch &auml;ngstlicher. »Und hinterher
+&mdash; was dann?«</p>
+
+<p>»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch
+kommen?«</p>
+
+<p>Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone,
+und zum ersten Male etwas wie Z&auml;rtlichkeit &mdash; liebevolle
+Z&auml;rtlichkeit, die das Grauenvolle der Situation
+bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung,
+ihre Hand zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit
+verdr&auml;ngten die K&auml;lte aus ihrem Antlitz, als
+sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein
+anderer Ausdruck in ihre Z&uuml;ge, der ihn veranla&szlig;te,
+sich j&auml;h umzuwenden, und als er das tat, &ouml;ffnete Sir
+Jasper die T&uuml;r der Bibliothek und trat in die Halle.</p>
+
+<p>Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths
+Anblick blieb er pl&ouml;tzlich stehen, als sei er wie vom
+Donner ger&uuml;hrt. Eine seltsame, schreckliche Bl&auml;sse &uuml;berzog
+sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang schwer
+nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach
+einem Halt, erfa&szlig;te eine Stuhllehne und klammerte
+sich taumelnd daran fest &mdash; ein grausiger Anblick.
+Leath hub zu reden an.</p>
+
+<p>»Sie sehen, es ist Ihnen mi&szlig;gl&uuml;ckt. Ihr Versuch,
+mich gestern abend auf der Klippe ums Leben zu
+bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier &mdash; und am
+Leben.«</p>
+
+<p>Sir Jasper gab keine Antwort.</p>
+
+<p>Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einf&ouml;rmigen
+Tone weiter. Florence sa&szlig; bleich, mit weitoffenen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span>
+Augen und fest zusammengepre&szlig;ten H&auml;nden
+da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte
+er auf ihre Schulter gelegt, mit der andern beschattete
+er seine Augen.</p>
+
+<p>»Es w&auml;re besser gewesen, ich h&auml;tte damals, als
+ich zu Ihnen kam, Sie um Gr&auml;fin Florences Hand zu
+bitten, die wenigen unverbl&uuml;mten Worte gesprochen,
+Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war
+Florences Wunsch, da&szlig; alles, was zwischen uns
+lag, uner&ouml;rtert bleiben sollte, und ich f&uuml;gte mich
+ihm. Sie wu&szlig;ten, welches der Preis war, den ich
+f&uuml;r die Einwilligung Florences, meine Frau zu
+werden, zahlte, und f&uuml;r den sie willens war, sich zu
+opfern. Ich meinerseits wu&szlig;te, da&szlig; Sie nicht wagen
+w&uuml;rden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern
+&mdash; Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen
+Stellung willen, durften es nicht, um Ihrer beiden
+Kinder und um der ungl&uuml;cklichen Frau willen, die
+sich f&uuml;r Ihre Gattin h&auml;lt.«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen
+die Stuhllehne, die er umklammert hatte, machte aber
+sonst keine Bewegung, noch ging in seinem starren
+Antlitz eine Ver&auml;nderung vor. Leath fuhr fort:</p>
+
+<p>»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem
+Tage h&ouml;rten Sie es. Sie erfuhren, da&szlig; Gr&auml;fin Florence
+die Beweise gesehen hatte, die Sie f&uuml;r vernichtet
+hielten &mdash; Beweise, deren Duplikate in Australien
+sind, &mdash; die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston
+in Melbourne, vor einunddrei&szlig;ig Jahren, mit der Sie
+sich unter dem Namen Robert Bontine haben trauen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span>
+lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer &uuml;berdr&uuml;ssig
+geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem
+Schicksal &uuml;berlassen hatten, da&szlig; sie bis vor acht Jahren
+am Leben gewesen. Sie wu&szlig;ten, da&szlig; ich die Heirat
+beweisen konnte, wenn es mir beliebte, da&szlig; ich meine
+eigene rechtm&auml;&szlig;ige Geburt beweisen konnte, denn Sie
+wu&szlig;ten, da&szlig; ich Ihr Sohn war!«</p>
+
+<p>Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn
+noch immer an, aber das Hinundherschwanken hatte
+aufgeh&ouml;rt.</p>
+
+<p>»Sie wu&szlig;ten, da&szlig; ich Ihr Sohn war!« wiederholte
+Leath. »Sie hatten es gef&uuml;rchtet und geargw&ouml;hnt,
+das wei&szlig; ich jetzt, seit dem Tage, an dem Sie
+mich zum ersten Male gesehen und in meinen Z&uuml;gen
+die &Auml;hnlichkeit meiner verstorbenen Mutter entdeckt
+haben.« Er lachte ingrimmig auf. »Sie haben sie
+verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben
+sie in Armut und Schande verkommen lassen &mdash; jetzt,
+nach &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren, hat Sie die Rache ereilt.
+Die erste Geschichte, die ich von ihren Lippen vernahm,
+als ich alt genug war, sie zu verstehen, war diese &mdash;
+die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die
+letzten Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach,
+waren ein Gel&uuml;bde, da&szlig; ich den Mann an dem Orte
+in England, den er als seine Heimat bezeichnet hatte,
+aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von
+ihm fordern wolle. Es dauerte acht Jahre, aber ich
+habe jenes Versprechen nie aus den Augen verloren.
+Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie
+ich wei&szlig;, weshalb Sie gestern abend versucht haben,
+mich zu ermorden. Solange ich lebte, f&uuml;rchteten Sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span>
+mich, trotz meines gegebenen Wortes. War ich tot, so
+konnten Sie keinen Grund zum F&uuml;rchten mehr haben.«</p>
+
+<p>Florence schrie auf. Sir Jasper st&uuml;rzte hilflos
+zu Boden. Das junge M&auml;dchen sank auf die Knie und
+hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war schrecklich
+verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und
+starr, als s&auml;hen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls
+niedergebeugt hatte, schaute mit einem Ausdruck des
+Entsetzens zu dem j&uuml;ngeren Manne empor.</p>
+
+<p>»G&uuml;tiger Himmel, Leath, was ist das? Der
+Tod?«</p>
+
+<p class="pmb3">»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es
+ist Tod bei lebendigem Leibe &mdash; ein Schlaganfall!«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_24">24.</h2>
+</div>
+
+<p>Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper
+Mortlake wie vom Blitze getroffen vor Everard Leath
+hingest&uuml;rzt war, und so lag er noch immer. In Turret
+Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei &Auml;rzte,
+die herbeigerufen wurden, erkl&auml;rten, ihr Patient k&ouml;nne
+noch Jahre so daliegen wie jetzt &mdash; unverst&auml;ndliche
+Laute vor sich hinmurmelnd und ins Leere starrend.
+Es w&auml;re m&ouml;glich, da&szlig; er nach einiger Zeit in beschr&auml;nktem
+Ma&szlig;e die Gliedma&szlig;en wieder werde bewegen
+k&ouml;nnen, aber das Gehirn werde nie wieder
+funktionieren &mdash; das sei ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Sie stimmten auch darin &uuml;berein, diese ernsten
+Doktoren, da&szlig; der Anfall sich wahrscheinlich schon
+seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn schlie&szlig;lich
+veranla&szlig;t h&auml;tte, k&ouml;nne man unm&ouml;glich sagen.
+Eine gro&szlig;e Ersch&uuml;tterung m&ouml;glicherweise. Wu&szlig;te Lady
+Agathe, ob er irgendeine solche Ersch&uuml;tterung gehabt
+hatte?</p>
+
+<p>Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des
+Kummers und Schreckens kaum f&auml;hig war, etwas
+anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser
+Abh&auml;ngigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel
+st&auml;rker war, ihr so viel besser Trost zusprechen konnte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span>
+als ihre Tochter, weinte bei diesen Fragen nur aufs
+neue und erkl&auml;rte schluchzend, es habe nichts vorgelegen.
+Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend
+leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und
+vielleicht ein &mdash; wenig gr&auml;mlicher geworden, gab die
+ungl&uuml;ckliche Frau zu. Sie h&auml;tte ihrem Tyrannen jetzt,
+wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern jegliche
+Tugend zuerkannt &mdash; aber das war alles. An
+dem Abend, der dem Schlaganfall vorangegangen, war
+er nicht zum Essen heruntergekommen, &mdash; etwas sehr
+Ungewohntes von ihm, &mdash; aber sie hatte dem keine
+weitere Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag
+bekam, unterhielt er sich ruhig in der Halle mit ihrer
+Nichte und ihrem Verlobten. »Nein &mdash; von einer besonderen
+Gem&uuml;tsbewegung war keine Rede gewesen,«
+beteuerte Lady Agathe unschuldig. Gr&auml;fin Florence
+w&uuml;rde ihnen dasselbe sagen.</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Florence, die in diesen Tagen des Leids
+stets in unmittelbarer N&auml;he ihrer Tante blieb, ausgenommen,
+wenn sie die kleine Cis tr&ouml;stete, deren
+leidenschaftliche Schmerzensausbr&uuml;che selbst Harry
+nicht beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir
+Jasper habe bleich und wunderlich ausgesehen; er
+habe sich eine Weile an einem Stuhle festgehalten
+und sei dann pl&ouml;tzlich zu Boden gest&uuml;rzt. Herr Leath,
+ihr Verlobter, w&uuml;rde ihnen das best&auml;tigen, und ebenfalls
+Herr Sherriff, der zugegen gewesen.</p>
+
+<p>Aber die &Auml;rzte meinten, es sei nicht n&ouml;tig, sie
+zu befragen, Lady Agathes Bericht sei vollst&auml;ndig
+zufriedenstellend und ausreichend. Es w&auml;re unm&ouml;glich,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span>
+den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall eintreten
+w&uuml;rde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden;
+die Wissenschaft verm&ouml;ge viel, aber das k&ouml;nnte
+sie doch noch nicht. Und kopfsch&uuml;ttelnd verlie&szlig;en die
+Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage schleppten
+sich schwer dahin.</p>
+
+<p>Es war kaum f&uuml;nf Uhr, aber trotzdem brach die
+D&auml;mmerung des tr&uuml;ben Oktobertages herein; in dem
+get&auml;felten Zimmer w&auml;re es schon dunkel gewesen,
+h&auml;tte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell
+empor und zeigte Florence, die in einem bequemen
+Lehnstuhl vor dem Kamin sa&szlig;. In dem langen,
+schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, &mdash;
+sie hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen,
+&mdash; sah sie sehr zart und schlank und jung aus. Den
+Kopf lehnte sie m&uuml;de zur&uuml;ck; ihre Augen waren geschlossen,
+und die langen, schwarzen, dichten Wimpern
+machten die Bl&auml;sse ihres Gesichtes nur noch auffallender.
+Lady Agathe, bei all ihrem schmerzlichen Weinen
+und Jammern, sah nicht ersch&ouml;pfter und gebrochener
+aus als das M&auml;dchen, das, seitdem der Schlag gefallen,
+keine Tr&auml;ne vergossen hatte. Tr&auml;nen gab es
+f&uuml;r sie nicht mehr, hatte sie zu sich gesagt, w&auml;hrend sie
+halb verwundert, halb neidisch zusah, wie ihre Tante
+weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht
+tr&ouml;sten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen
+und weinen konnte, war vor mehr als einem Monat
+gestorben &mdash; an jenem sonnigen Nachmittage im
+Bungalow, und f&uuml;r sie gab es kein Auferstehen.</p>
+
+<p>Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer
+ <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span>
+Stunde ihre Stellung nicht ver&auml;ndert hatte. Ein Diener
+trat ein, und sie fuhr mit weitge&ouml;ffneten Augen empor.</p>
+
+<p>»Herr Leath ist da, gn&auml;diges Fr&auml;ulein. Er fragt,
+ob das gn&auml;dige Fr&auml;ulein wohl genug sei, ihn heute
+ein paar Minuten zu empfangen?«</p>
+
+<p>Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war
+Everard Leath nach Turret Court gekommen, aber
+nur einmal, und dann f&uuml;r die denkbar k&uuml;rzeste Zeit,
+hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer
+entschuldigt. Sie wu&szlig;te indessen, da&szlig; das nicht stets
+so weitergehen konnte und hatte heute im get&auml;felten
+Zimmer auf sein Kommen gewartet. Sie mu&szlig;te ihn
+sehen &mdash; er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes
+Wort mu&szlig;te sie halten wie er das seine, um
+Lady Agathes und ihrer Kinder willen mu&szlig;te alles
+bleiben, wie es gewesen. Da&szlig; Everard Leath in
+Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe &mdash; man
+h&auml;tte sagen k&ouml;nnen der Besitzer &mdash; von Turret Court,
+war eine Tatsache, die nie bekannt werden durfte.</p>
+
+<p>Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung
+geratenes Haar zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen.
+Sie k&ouml;nnen ihn hier hereinf&uuml;hren, Morgan.«</p>
+
+<p>Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht
+so in der Gewalt wie ihre Stimmung; sie begann
+beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, und als
+die T&uuml;r aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl.
+Leath sah, wie sie sich in die Polster schmiegte und
+ihn mit flehenden, erschreckenden Augen anblickte. Ein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span>
+seltsamer Ausdruck &mdash; es war ein ironisches L&auml;cheln
+und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit
+&mdash; glitt &uuml;ber sein Gesicht, aber er war im n&auml;chsten
+Augenblick wieder verschwunden. Er streckte die Hand
+aus und ergriff die von Florence, welche bebend in
+ihrem Scho&szlig;e lag.</p>
+
+<p>»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du
+siehst sehr bla&szlig; aus.«</p>
+
+<p>»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten
+kann, zu sein,« antwortete sie.</p>
+
+<p>»Wohl genug, da&szlig; ich mit dir sprechen kann?
+Wenn nicht, so sage es. Dann werde ich bis morgen
+warten.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht n&ouml;tig. Ich hatte mich schon entschlossen,
+Sie zu sehen, wenn Sie heute vork&auml;men.
+Es war sehr lieb von Ihnen, da&szlig; Sie nicht eher
+darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf.
+»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p>
+
+<p>»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.«
+Er hielt inne. »Es ist wohl keine Ver&auml;nderung eingetreten?«</p>
+
+<p>»In Sir Jaspers Zustand? Nein &mdash; keine. Sie
+wissen, da&szlig; das auch nicht zu erwarten ist, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei
+lebendigem Leibe. Rache genug f&uuml;r mich, wenn ich
+danach verlangte.«</p>
+
+<p>Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span>
+Gesicht merkw&uuml;rdig gefa&szlig;t und ernst. Sein ganzes
+Wesen war seltsam und f&uuml;r Florence unerkl&auml;rlich
+ver&auml;ndert. Er hatte ihre Hand nicht behalten &mdash; hatte
+sie nur eben lose einen Augenblick erfa&szlig;t und dann
+losgelassen &mdash; er, dessen H&auml;ndedruck immer eine innige
+Liebkosung an sich gewesen war. Unz&auml;hlige Male
+hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, da&szlig;
+sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf.
+Weshalb sah er so aus? Was wollte er ihr sagen?
+Eine angstvolle Beklommenheit, die jede Sekunde
+seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den Herzschlag
+des M&auml;dchens. Sie sprach endlich, denn sie
+f&uuml;hlte, da&szlig; sie es nicht l&auml;nger ertragen konnte.</p>
+
+<p>»Ist &mdash; ist irgend etwas passiert?« stammelte sie.
+»Sie sehen so sonderbar aus!«</p>
+
+<p>»Sonderbar? &mdash; So?« Er hob den Kopf und
+blickte sie an. »Nein, &mdash; passiert ist nichts. Ich habe
+einen Kampf auszuk&auml;mpfen gehabt, und zwar keinen
+leichten &mdash; das ist alles. Aber er ist vor&uuml;ber &mdash; er
+liegt hinter mir. Um so besser f&uuml;r mich. Ich &uuml;berlegte
+nur, wie ich es dir am besten sage.«</p>
+
+<p>»Mir sage?« wiederholte sie.</p>
+
+<p>»Ja. Sieh nicht so &auml;ngstlich aus, Kind! Den
+Ausdruck habe ich allzuoft auf deinem Gesicht gesehen
+&mdash; ich m&ouml;chte lieber eine andere Erinnerung mit
+hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich
+so kurz wie m&ouml;glich. Ich gehe fort, Florence.«</p>
+
+<p>»Fort?« rief sie. »Nach London?«</p>
+
+<p>»London? Was habe ich in London zu suchen?
+ <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span>
+Ich gehe nach Australien zur&uuml;ck &mdash; dem einzigen Fleck
+Erde, der mich angeht, den nie zu verlassen ich gut
+getan h&auml;tte. Ich fahre mit der &rsaquo;Etruria&lsaquo;. Sie geht
+in vier Tagen.«</p>
+
+<p>»Und &mdash; und ich?«</p>
+
+<p>Sie stie&szlig; die Worte, nach Atem ringend, hervor,
+w&auml;hrend sie emporfuhr und ihn mit weitge&ouml;ffneten,
+ungl&auml;ubigen Augen anstarrte &mdash; Verwunderung,
+Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Z&uuml;gen. Sie
+war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende
+Hand, die sie ihm entgegenstreckte, hielt sie einen
+Augenblick fest umschlossen und dr&auml;ngte sie dann sanft
+von sich.</p>
+
+<p>»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde
+Sie von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten.«</p>
+
+<p>Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und
+ihre gro&szlig;en, schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt
+an den seinen, als f&uuml;rchte sie sich, sie abzuwenden.</p>
+
+<p>»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu
+heiraten,« wiederholte er mit fester Stimme. »Ich
+befreie Sie von einer Verpflichtung, die Sie hassen
+und die Sie nie h&auml;tten eingehen sollen. Ich habe einen
+sch&auml;ndlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind &mdash;
+ich wu&szlig;te es, als ich es tat &mdash; ich habe mir feige
+Ihre Zuneigung f&uuml;r die Ihren und Ihre Selbstaufopferung
+zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die
+Liebe zu einem Weibe hat schon manchen Mann unw&uuml;rdige
+Handlungen begehen lassen. Dem sei nun,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span>
+wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, Sie
+zu einer Ehe, die Sie ungl&uuml;cklich machen mu&szlig;, zu
+zwingen, und als ich glaubte, Ihre Liebe erringen
+zu k&ouml;nnen, mag ich wohl ein Tor gewesen sein. Sie
+hassen mich. Und ha&szlig;ten Sie mich, wenn Sie mein
+Weib w&auml;ren, so w&uuml;rde ich uns beide, Sie und mich
+selbst, ums Leben bringen, glaube ich. Aber das ist
+eine Frage, die wir nicht weiter zu er&ouml;rtern brauchen;
+denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole
+es &mdash; ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien
+zur&uuml;ck. Sie sind mich f&uuml;r den Rest Ihres Lebens los.«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Das junge M&auml;dchen tastete nach
+dem Kaminsims, neben dem sie stand, und hielt sich
+daran fest; aber ihr Gesicht ver&auml;nderte sich nicht, und
+sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe
+Leath weiterreden konnte, ging die T&uuml;r auf, und Lady
+Agathe und ihre Tochter traten ein.</p>
+
+<p>»Liebe Florence &mdash; o, Herr Leath, Sie sind es!«
+stammelte Lady Agathe verwirrt, »ich wu&szlig;te nicht,
+da&szlig; Sie hier sind!«</p>
+
+<p>Sie wandte sich wieder nach der T&uuml;r, aber Leath
+hielt sie zur&uuml;ck, ehe sie dieselbe erreicht hatte.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich
+Sie bitten, einen Augenblick zu verweilen? W&auml;ren
+Sie nicht hereingekommen, so w&uuml;rde ich Sie vor
+meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten
+haben.«</p>
+
+<p>»Mich &mdash; um eine Unterredung?« stammelte die
+Angeredete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span></p>
+
+<p>»Ja. Ich m&ouml;chte Ihnen sagen, da&szlig; ich Gr&auml;fin
+Florence ihr Wort zur&uuml;ckgegeben habe. Unsere Verlobung
+ist aufgehoben.«</p>
+
+<p>»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe
+verwundert.</p>
+
+<p>Cis stie&szlig; einen leisen Schrei aus und lief auf
+ihre Cousine zu.</p>
+
+<p>»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in
+demselben ruhigen Tone. Er sah Florence nicht an,
+ja, warf ihr nicht einmal einen Blick zu.</p>
+
+<p>»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so
+trifft er ganz allein mich. Ihre Nichte macht
+sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von
+mir zu halten. Sie hat mich nicht get&auml;uscht, aber das
+Ganze war ein unseliger Irrtum. Unsere Verlobung
+h&auml;tte nie stattfinden sollen.«</p>
+
+<p>»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden,
+mu&szlig; ich sagen, da&szlig; ich v&ouml;llig mit Ihnen &uuml;bereinstimme,«
+sagte Lady Agathe und dr&uuml;ckte das Taschentuch
+an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer
+ein R&auml;tsel, ein dunkles R&auml;tsel gewesen &mdash; wie Florence
+selbst wei&szlig;. Ich kann nicht glauben, da&szlig; Ihre
+Ehe f&uuml;r einen von Ihnen gl&uuml;cklich ausgefallen w&auml;re
+&mdash; ich habe es nie geglaubt. Die &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse
+und alles war so ungleich. Und da Sie, wie Sie
+sagen, wissen, da&szlig; Florence sich nie etwas aus Ihnen
+gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht,
+da&szlig; Sie sie freigeben.«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span>
+finsteres L&auml;cheln umspielte seine Lippen einen Augenblick;
+aber wenn auch Lady Agathe es gesehen h&auml;tte,
+so w&uuml;rde sie doch weit entfernt davon gewesen sein,
+seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand
+hin und sprach freundlich: »Sie haben keinen Grund,
+mich gern zu haben, Lady Agathe, und ich wei&szlig;,
+Sie haben mich nicht leiden k&ouml;nnen. Aber da ich nach
+Australien zur&uuml;ckkehre und aller Wahrscheinlichkeit
+nach England niemals wiedersehen werde, wollen Sie
+mir da Lebewohl sagen und mir gestatten, Ihnen
+meine W&uuml;nsche auszusprechen, da&szlig; auch f&uuml;r Sie gl&uuml;cklichere
+Zeiten kommen m&ouml;gen!«</p>
+
+<p>Die gute Lady Agathe, die ger&uuml;hrt war, ohne
+zu wissen, weshalb, gab ihm mit einer gewissen Herzlichkeit
+die Hand. Er beugte sich auf sie herab und
+lie&szlig; sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und
+schlo&szlig; sie, zu des jungen M&auml;dchens unsagbarer Verwunderung,
+in die Arme und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »M&ouml;ge
+Ihnen ein gl&uuml;ckliches Leben beschieden sein!« Er schritt
+auf die T&uuml;r zu und drehte sich &mdash; die Hand schon auf
+dem T&uuml;rgriff &mdash; noch einmal um und blickte nach
+der regungslosen Gestalt am Kamin hin&uuml;ber. »Lebe
+wohl, Florence,« sagte er fast im Fl&uuml;stertone, »lebe
+wohl!«</p>
+
+<p>Die T&uuml;r fiel ins Schlo&szlig; &mdash; er war fort. Cis, die
+sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, sprudelte
+hervor:</p>
+
+<p>»Was soll das alles hei&szlig;en? Florence, was soll
+das hei&szlig;en? Er verg&ouml;tterte dich &mdash; das wei&szlig; ich &mdash;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span>
+und doch l&ouml;st er eure Verlobung und geht so davon!
+Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,«
+fuhr sie in grenzenloser Best&uuml;rzung fort, »warum
+hat er mich gek&uuml;&szlig;t?«</p>
+
+<p>Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie
+eine Antwort werden, sie sollte es nie erfahren, da&szlig;
+Everard Leath den Ku&szlig; eines Bruders auf ihre
+Wange gedr&uuml;ckt hatte.</p>
+
+<p class="pmb3">Florence h&ouml;rte sie nicht einmal. Sie stand stumm,
+wie bet&auml;ubt da. Sie konnte es nicht fassen, da&szlig; ihre
+Ketten von ihr gefallen &mdash; da&szlig; er fort und sie
+frei war.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Kapitel_25">25.</h2>
+</div>
+
+<p>Everard Leath ging &uuml;ber die Halde nach dem
+Bungalow zur&uuml;ck. Es war ganz dunkel, ehe er dort
+anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins
+Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am
+Kamin ein Schl&auml;fchen gehalten, richtete sich bei seinem
+Eintritt auf. Leath zog einen Sessel heran und
+setzte sich.</p>
+
+<p>»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf
+einen fragenden Blick des andern.</p>
+
+<p>»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort
+steht wohl alles beim alten, und es ist keine Wendung
+zum Besseren eingetreten?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten.
+Wie Sir Jasper jetzt daliegt, so kann er
+vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange ausreicht,
+noch f&uuml;nf Jahre liegen.«</p>
+
+<p>Ein finsteres L&auml;cheln zuckte um die Lippen des
+jungen Mannes. »Wenn wir nach Rache getrachtet,
+so ist sie uns jetzt in vollem Ma&szlig;e geworden.«</p>
+
+<p>»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte
+sanft, »nicht einmal um Marys willen. Aber ich bin
+alt. Ich leugne nicht, da&szlig; ich vielleicht anders dar&uuml;ber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span>
+gedacht haben w&uuml;rde, Everard, w&auml;re ich so jung
+wie du.«</p>
+
+<p>»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete
+Leath mit einem Stirnrunzeln, »man f&uuml;hrt keinen
+Streich nach einem Toten, und in Wirklichkeit ist
+er tot.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr! Besser f&uuml;r seine Umgebung, er
+w&auml;re es in der Tat.« Sherriff hielt z&ouml;gernd inne.
+»Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung, da&szlig; &mdash;
+etwas nicht in Ordnung ist?«</p>
+
+<p>»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte
+es ihr sagen? Ihr Sohn wird Sir Roy werden. Sie
+wird nie was anderes erfahren.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen,
+w&uuml;rde ein solcher Schlag sie get&ouml;tet haben.
+Nun, du hast auf vieles &mdash; auf sehr vieles verzichtet,
+Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei Unschuldige
+geschont, und was dir daf&uuml;r wird, &uuml;berwiegt
+alles andere weit, das wei&szlig; ich.«</p>
+
+<p>»Was mir daf&uuml;r wird?« Leath lachte bitter auf.
+»Was ist das, wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Was?« gab Sherriff verwundert zur&uuml;ck. »Das
+Weib, das du liebst.«</p>
+
+<p>»Und das mich ha&szlig;t!« Mit einem Lachen erhob
+er sich. »Es ist f&uuml;r mich am besten, sich kurz zu fassen,
+wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe Gr&auml;fin Florence
+ihr Wort zur&uuml;ckgegeben.«</p>
+
+<p>»Du hast sie freigegeben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span></p>
+
+<p>»Ja &mdash; freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr
+das Versprechen abzuzwingen, ein Narr, zu glauben,
+da&szlig; ich ihre Liebe erringen k&ouml;nne. Sie ha&szlig;t mich,
+und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vor&uuml;ber
+&mdash; ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug
+&uuml;ber die Sache geredet; ich w&auml;re ein schlechterer Kerl,
+als ich bin, h&auml;tte ich sie in eine ungl&uuml;ckliche Ehe
+hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so
+anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen
+Kampf gekostet, das leugne ich nicht, aber ich glaube,
+ich habe das Schwerste jetzt &uuml;berstanden. Wenn nicht,
+nun, so werde ich in Australien besser damit fertig
+werden als hier.«</p>
+
+<p>»In Australien?«</p>
+
+<p>»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zur&uuml;ckzukehren.
+Da wartet meiner wenigstens Arbeit. Die
+&rsaquo;Etruria&lsaquo; geht in vier Tagen ab. Mit der fahre ich.«
+Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des
+alten Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm
+legte. »Soll ich zwei Fahrkarten nehmen, Herr
+Sherriff?«</p>
+
+<p>»Zwei?« wiederholte der andere.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; wollen Sie mit mir kommen? Ich habe
+Sie danach fragen wollen, seitdem ich zu dem Entschlusse
+gekommen bin, da&szlig; ich sie freigeben m&uuml;sse.
+Wenn mich hier nichts zur&uuml;ckh&auml;lt, so haben auch Sie
+keine Angeh&ouml;rigen hier.« Er legte dem Alten die
+Hand auf die Schulter &mdash; zum ersten Male versagte
+ihm fast die Stimme &mdash; und fuhr fort: »Ich hoffe,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span>
+Sie kommen mit &mdash; von ganzem Herzen hoffe ich
+es. Mehr als einmal haben Sie ge&auml;u&szlig;ert, da&szlig; Sie
+mich so liebh&auml;tten, als sei ich Ihr Sohn; aus tiefster
+Seele w&uuml;nsche ich, ich w&auml;re es. Ich habe, wie Sie
+wissen, nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem,
+was man f&uuml;r einen Vater empfinden sollte, empfinde
+ich f&uuml;r Sie, das wei&szlig; ich. Das Scheiden ist schwer in
+Ihrem Alter &mdash; mir in meiner Einsamkeit wird unsere
+Trennung sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«</p>
+
+<p>»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich
+bin freilich recht alt daf&uuml;r, um ein neues Leben in
+einem neuen Lande anzufangen, Everard &mdash; aber ich
+kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«</p>
+
+<p>Ein langer und fester H&auml;ndedruck besiegelte den
+Vertrag, und das Gespr&auml;ch der beiden drehte sich f&uuml;r
+den Rest des Abends nur um die nahe bevorstehende
+Reise und die n&ouml;tigen Vorbereitungen. Beide waren
+ruhig und heiter, und der Name der Gr&auml;fin Florence
+wurde nicht ein einziges Mal erw&auml;hnt. Nur als sie
+sich &rsaquo;Gute Nacht&lsaquo; w&uuml;nschten und Sherriff die Hand
+seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:</p>
+
+<p>»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn
+es gesprochen, brauchen wir, nur wenn du es w&uuml;nschen
+solltest, das Thema nie wieder zu ber&uuml;hren. Es mag
+vielleicht unrecht gewesen sein &mdash; ja, ich leugne es
+nicht, es war unrecht &mdash; Gr&auml;fin Florence zu zwingen,
+sich mit dir zu verloben; aber ich begreife wohl,
+wie gro&szlig; die Versuchung war, da ich wei&szlig;, wie innig
+du sie liebst, und ich mu&szlig; dir sagen, da&szlig; du das mehr
+ <span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span>
+als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als
+du ihr ihr Wort zur&uuml;ckgegeben und doch alles geopfert
+hast, was dir von Rechts wegen geh&ouml;rt h&auml;tte.
+Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin
+stolz auf dich.«</p>
+
+<p>»Ich tat das einzige, was ich &uuml;berhaupt konnte,«
+gab Leath d&uuml;ster zur Antwort. »Vielleicht barg sich
+ebensoviel Selbstsucht wie Selbstaufopferung dahinter.
+Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz brechen
+und nicht Schmach und Schande &uuml;ber ihre beiden Kinder
+bringen. Ich wei&szlig; &uuml;berhaupt nicht, ob ich es
+je fertig gebracht h&auml;tte, das zu tun. Der Gedanke
+wollte mir nie recht in den Sinn, das wei&szlig; Gott!
+Und das M&auml;dchen, das ich liebe, zum Weibe zu
+haben, w&auml;hrend sie mich geha&szlig;t, w&uuml;rde mich, glaube
+ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach
+der alte Mann, »gehen wir miteinander nach Australien,
+Everard, und von allem, was du zu erlangen
+hofftest, nimmst du nichts mit zur&uuml;ck &mdash; gar nichts!«</p>
+
+<p>»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal
+ein Wort des Dankes von ihr daf&uuml;r, da&szlig; ich sie
+freigegeben!«</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im
+Westen, wo die Sonne eben untergegangen, rot ergl&uuml;hte,
+stampfte der gro&szlig;e Ozeandampfer, die &rsaquo;Etruria&lsaquo;,
+durch die sich h&ouml;her und h&ouml;her auft&uuml;rmenden Wogen.
+Die Klippen der felsigen K&uuml;ste Cornwalls waren
+nur noch in nebelhaften Umrissen wahrnehmbar, nur
+ <span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span>
+die beiden gro&szlig;en, violetten Spitzen von Kap Lizard
+ragten noch klar und deutlich empor &mdash; das letzte
+sichtbare Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord
+des gro&szlig;en Schiffes waren traurig und sehns&uuml;chtig
+darauf gerichtet, als es nach und nach in der Ferne
+verschwamm, &mdash; war es doch f&uuml;r viele der letzte Blick
+auf jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter
+Ferne, doch stets die Heimat bleiben w&uuml;rde. Aber kein
+Auge blickte wehm&uuml;tiger als das des hohen, wei&szlig;haarigen
+alten Mannes, der neben einem j&uuml;ngeren
+in einem stillen Winkel des oberen Decks stand, halb
+verborgen durch die hoch aufgestapelten Koffer und
+sonstigen Gep&auml;ckst&uuml;cke, die mit den letzten Passagieren
+in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in
+den Gep&auml;ckraum hinabgeschafft worden waren. Das
+gro&szlig;e Vorgebirge war nur noch ein wolkiger Fleck
+zwischen dem grauen Wasser und dem grauen Himmel,
+und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte,
+begegnete er dem stillen, teilnehmenden Blicke seines
+Gef&auml;hrten.</p>
+
+<p>»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam
+als Antwort auf diesen Blick, »ich leugne nicht,
+da&szlig; es mir schwer f&auml;llt. Ich bin, wie gesagt, eigentlich
+zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein Junge!
+Aber es ist &uuml;berstanden, und ich bin froh, da&szlig; ich
+hier bin. Den Verlust Englands werde ich nicht so
+empfinden, wie ich deinen Verlust empfunden h&auml;tte.«</p>
+
+<p>Sie gaben sich die H&auml;nde.</p>
+
+<p>»Ich hoffe, da&szlig; Sie es nie bereuen m&ouml;gen,« meinte
+Leath leise.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p>
+
+<p>»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh
+ist &uuml;berstanden mit dem letzten Blick auf England.
+In dem Lande, das das Grab meiner Mary umschlie&szlig;t,
+in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich
+sicherlich zu Hause f&uuml;hlen.«</p>
+
+<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub
+Sherriff in heiterem Tone wieder an:</p>
+
+<p>»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard.
+Ich bin, wie gesagt, ein alter Bursche, und die Unruhe
+und Aufregung der letzten Tage hat mich doch ziemlich
+angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht n&ouml;tig.
+Du wolltest rauchen, bleibe hier und z&uuml;nde dir eine
+Zigarre an.« &mdash;</p>
+
+<p>Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, wei&szlig;haarigen
+Gestalt mechanisch mit den Augen und wandte
+sich dann wieder landw&auml;rts. So scharf auch seine
+Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr unterscheiden.
+Himmel und See allein waren sichtbar. England
+war verschwunden. Er zuckte die Achseln und
+brach in ein bitteres Lachen aus.</p>
+
+<p>»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin.
+»Um so besser f&uuml;r mich! Wenn ich es nie gesehen,
+w&uuml;rde es noch besser sein &mdash; und h&auml;tte ich sie nie
+mit Augen geschaut, am besten!«</p>
+
+<p>Es kam jemand hinter dem gro&szlig;en Stapel Kisten
+und Koffer hervor. Die Person war ihm so nahe, da&szlig;
+er sie h&auml;tte ber&uuml;hren k&ouml;nnen, wenn er die Hand ausgestreckt
+h&auml;tte; aber ihre behutsamen Bewegungen
+waren lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine
+ <span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span>
+Augen blickten unverwandt in die Ferne, als er am
+Schiffsbord lehnte &mdash; f&uuml;r ihn waren der bleifarbene
+Himmel und das graue Meer von Bildern belebt,
+von Bildern eines einzigen Gesichtes. Heiter und
+sinnend, l&auml;chelnd und wehm&uuml;tig, liebevoll und leidenschaftlich
+erregt, reizend in jedem wechselnden Ausdruck
+schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz
+vor ihm. Nur ein Ausdruck lie&szlig; es kalt und starr
+erscheinen, und den trug es am h&auml;ufigsten. Welcher
+Ha&szlig;, welch angstvolle Scheu, welch zornige Emp&ouml;rung
+lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte,
+nie w&uuml;rde das Antlitz aus seinem Ged&auml;chtnisse entschwinden,
+mit dem sie an jenem Abend vor ihm zur&uuml;ckgewichen,
+als sie ihm ihr &rsaquo;Niemals &mdash; niemals!&lsaquo; zugerufen
+hatte.</p>
+
+<p>»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillk&uuml;rlich
+wieder vor sich hinsprechend, »es sprach Ha&szlig;
+aus ihren Z&uuml;gen. Und doch, jetzt, wo alles vor&uuml;ber
+ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen:
+Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich
+sie gezwungen, ihr Wort zu halten, w&uuml;rde ich trotz
+allem ihre Liebe gewonnen haben? Es h&auml;tte
+wenigstens sein k&ouml;nnen. Ja &mdash; und vielleicht h&auml;tte
+sie mich ewig geha&szlig;t. Besser so!«</p>
+
+<p>Die Gestalt schlich n&auml;her, aber sie glitt so leise und
+still wie ein Schatten dahin. Everard richtete sich mit
+einer ungeduldigen Bewegung empor.</p>
+
+<p>»Ich bin ein weichm&uuml;tiger Narr, da&szlig; es mir so
+nahe geht,« murmelte er, »aber sie h&auml;tte mir doch
+Lebewohl sagen k&ouml;nnen! Sie h&auml;tte mir wenigstens
+ <span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span>
+ein Wort des Dankes g&ouml;nnen m&uuml;ssen daf&uuml;r, da&szlig; ich sie
+freigegeben.«</p>
+
+<p>»Everard!«</p>
+
+<p>Der Name wurde von Lippen gefl&uuml;stert, die dicht
+an seiner Schulter waren; eine Hand ber&uuml;hrte ihn.
+Mit einem Schrei, den er nicht unterdr&uuml;cken konnte,
+drehte er sich hastig, von Staunen &uuml;berw&auml;ltigt, ungl&auml;ubig
+um. Florence war neben ihm, Florence, mit
+einem Gesicht, in dem Weinen und Lachen miteinander
+k&auml;mpften! Dann, im n&auml;chsten Augenblicke, war
+Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn &mdash;
+Liebe lag in ihrer Ber&uuml;hrung, Liebe in ihren Augen,
+Liebe in den bebend hervorgesto&szlig;enen Worten der Abwehr
+und des Flehens, Liebe in dem Kusse, mit dem
+ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll
+Leidenschaft an die Brust dr&uuml;ckte. Aber er war best&uuml;rzt,
+wie bet&auml;ubt von einer Freude, an die er nicht
+zu glauben wagte.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t umkehren, Kind,« sagte er. »Du mu&szlig;t
+wieder umkehren,« und w&auml;hrend er das sagte, zog
+er sie nur fester an sich und k&uuml;&szlig;te sie noch hei&szlig;er.</p>
+
+<p>Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen
+auf und blickte ihn mit feuchtschimmernden Augen an,
+die H&auml;nde um seinen Hals gelegt.</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; umkehren?« meinte sie mit fr&ouml;hlichem
+Lachen, »und das Land ist au&szlig;er Sicht? Nein &mdash; nein!
+Ich bin zu klug &mdash; ich wollte mich nicht blicken lassen,
+ehe es zum Umkehren zu sp&auml;t war. In Plymouth bin
+ich an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das
+ <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span>
+Schiff betrat, aber ich verstellte mich. Umkehren?«
+Sie lachte. »Und wenn ich es t&auml;te, was dann? Sie
+machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener
+Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was
+w&uuml;rden sie wohl von mir sagen, wenn ich mit dir
+davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«</p>
+
+<p>Er lachte auch und legte den Arm fester um sie,
+aber er sprach nicht. Er war seiner Best&uuml;rzung noch
+nicht Herr geworden: sie zu umfassen, sie anzuschauen,
+das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre
+Hand legte sich wieder um seinen Nacken.</p>
+
+<p>»Umkehren?« sagte sie. »Zur&uuml;ckkehren zu dem
+Grauen, das mich befiel, als es mir zum Bewu&szlig;tsein
+kam, da&szlig; du fort seiest? Zu der unertr&auml;glichen Pein,
+zu wissen, da&szlig;, so lange wir beide lebten, ich niemals
+dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder
+h&ouml;ren w&uuml;rde? Zu der Qual, die mir fast das Herz
+brach, als ich f&uuml;hlte, da&szlig; ich dich verloren? Nein,
+nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder schmiegte
+sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt,
+mein Geliebter, als du sagtest, du w&uuml;rdest mich dazu
+bringen, dich zu lieben, und wie sehr hatte ich in
+meiner t&ouml;richten Verblendung unrecht! Wie lange
+habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe
+Ha&szlig; genannt? Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem
+du mich verlassen? Ich wei&szlig; es nicht &mdash; es
+kommt auch nicht darauf an &mdash; hier bin ich und kann
+nicht wieder zur&uuml;ck. Ach, du gabst mir meine Freiheit
+wieder, Everard, aber wie konnte ich sie hinnehmen
+und dir daf&uuml;r danken, wenn du mir mein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span>
+Herz nicht zur&uuml;ckgabst. Du nimmst es mit dir und
+doch sagst du zu mir: &rsaquo;Kehre um&lsaquo;!«</p>
+
+<p>»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte
+ich mit der ganzen Welt k&auml;mpfen m&uuml;ssen, um dich zu
+behalten!« Er k&uuml;&szlig;te sie auf die Lippen. »Florence,
+wissen es die Deinen?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court
+verlie&szlig;, wu&szlig;ten sie es noch nicht. Ich habe mich ohne
+ihr Wissen davongemacht. Ich wollte nicht Abschied
+nehmen &mdash; das h&auml;tte Tr&auml;nen gekostet &mdash; Szenen gegeben.
+Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir.
+Aber sie wissen es jetzt. Ich habe der Herzogin geschrieben,
+habe Briefe f&uuml;r Tante Agathe und Cis und
+einen Gru&szlig; f&uuml;r Roy zur&uuml;ckgelassen. Sie wissen, da&szlig;
+ich dir nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen
+gesagt, da&szlig; ich, wenn sie wieder von mir h&ouml;rten,
+nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence Leath
+sein w&uuml;rde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe
+du ihn mir gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe
+sind hinter mir verbrannt,« schlo&szlig; sie l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er
+ihr Gesicht emporhob und sich zuwandte.</p>
+
+<p>»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt
+dich kostet? Du gibst sehr viel auf, mein Lieb!«</p>
+
+<p>»Du hast alles f&uuml;r mich aufgegeben, sogar mich
+selbst,« antwortete sie innig, »was ich verliere, verliere
+ich um dich.«</p>
+
+<p>»Es kostet dich dein Verm&ouml;gen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span></p>
+
+<p>»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger
+Vormund, und die Herzogin wird mir niemals
+vergeben. Ja &mdash; das kostet es mich.«</p>
+
+<p>»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben
+lang geliebt hast, Kind!«</p>
+
+<p>»Ich gewinne nur.« Sie l&auml;chelte dabei. »Ich bin
+bei einem, den ich viel mehr liebe.«</p>
+
+<p>»F&uuml;r dich bedeutet es ein in die Verbannung
+Gehen, mein Weib.«</p>
+
+<p>»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die
+Arme, und sie k&uuml;&szlig;ten sich wieder. Das beredteste Wort
+war arm solch gl&uuml;ckseligem Schweigen gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als
+ein n&auml;herkommender Schritt sie veranla&szlig;te, sich umzuwenden.
+Beide erkannten Sherriffs hohe Gestalt, der
+langsam herankam und im Zwielichte in der ihm
+noch unvertrauten Umgebung suchend umhersp&auml;hte.</p>
+
+<p>Florence fa&szlig;te die Hand ihres Verlobten und
+trat ein wenig vor.</p>
+
+<p class="pmb3 pmb3">»Er liebt dich, als ob er dein Vater w&auml;re,«
+sprach sie. »Schon deshalb w&uuml;rde ich ihn lieben,
+h&auml;tte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll auch
+mein Vater sein. La&szlig; uns gehen und es ihm sagen.«</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p class="break pmb3" />
+
+<div class="transnote chapter">
+Anmerkungen des Bearbeiters<br />
+<br />
+- Eingef&uuml;gt: Inhaltsverzeichnis mit Links<br />
+
+- Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.<br />
+
+- Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.<br />
+
+
+</div>
+
+<p class="pmb3" />
+
+
+<pre style='margin-top:6em'>
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE ***
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+
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+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
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+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
+
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+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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+
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+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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