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Andrews + +Translator: Marie Schultz + +Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online + Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** + + + + + Robert Bontine + + + + + Enßlins Mark-Bände. + + In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen + in demselben Verlage: + + =Band= + + =1: Leben.= Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill. + =2: Theaterkinder.= Roman von L. Pany. + =3: Der goldene Schatten.= Roman von L. T. Meade. + =4: Gib mich frei!= Roman von H. Courths-Mahler. + =5: Die Bettelmaid.= Roman von J. Fitzgerald Molloy. + =6: Sein Recht.= Roman von E. Fischer-Markgraff. + =7: Eigenart.= Roman von C. von Ende. + =8: Auf eignen Füßen.= Roman von K. Krehmcke. + =9: Soldatentöchter.= Offiziergeschichten von Christa Hoch. + =10: Die Erbin.= Roman von H. Köhler. + =11: Das Recht auf Glück.= Roman von H. Gréville. + =12: Der Scharlachbuchstabe.= Roman von N. Hawthorne. + =13: Jessika von Duden u. a. Novellen.= Von G. Genzmer. + =14: Die goldene Stadt.= Roman von L. vom Vogelsberg. + =15: Freie Menschen.= Roman von Thé von Rom. + =16: Vom Baum der Erkenntnis.= Roman von H. Hessig. + =17: Ebba Hüsing.= Roman von Willrath Dreesen. + =18: Des Andern Ehre.= Roman von H. Courths-Mahler. + =19: Sulamith.= Roman von A. und C. Askew. + =20: Irrende Seelen.= Roman von V. Luzická. + =21: Mandus Frixens erste Reise.= Von E. G. Seeliger. + =22: Der Herzbruchhügel.= Roman von H. Vielé. + =23: Die Kosaken.= Erzählung von Leo A. Tolstoj. + =24: Viktoria.= Roman von G. von Mühlfeld. + =25: Nordnordwest. -- Die beiden Friesen.= Zwei Inselgeschichten. + Von Ewald Gerhard Seeliger. + =26: Hilde Schott.= Roman von Adolf Gerstmann. + =27: Waldasyl.= Roman von Johanna Klemm. + =28: Was Gott zusammenfügt ...= Roman von H. Courths-Mahler. + =29: Aus dämmernden Nächten.= Roman von Anny Wothe. + =30: Kajus Rungholt.= Roman von Charlotte Niese. + =31: Der verkaufte Kuß.= Roman von Alwin Römer. + =32: Durch Sturm und Not.= Roman von J. Gräfin Baudissin. + =33: Ich will vergelten.= Roman von Ellen Svala. + =34: Haus Schottmüller.= Roman von August Niemann. + =35: Robert Bontine.= Roman von C. Andrews. + + Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen: + + =36: Käthes Ehe.= Roman von H. Courths-Mahler. + =37: Herbstgewitter.= Roman von Anna Behrens. + =38: Das arme Glück.= Roman von L. vom Vogelsberg. + =39: Die Karsteins.= Roman von H. Lang-Anton. + =40: Von fremden Ufern.= Roman von Anny Wothe. + + _Die Sammlung wird fortgesetzt_. + + _Preis jedes Bandes_: 1 Mark oder 1 Krone 20 Heller + oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken. + + _Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._ + + _Verlangen Sie ~Enßlins~ Mark-Bände!_ + + + + + Robert Bontine + + + Roman + + von + + C. Andrews + + Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz + + 1. bis 12. Tausend + + + [Illustration] + + * * * * * + + Reutlingen + Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung + + + + + Nachdruck verboten. + + Alle Rechte vorbehalten. + + Übersetzungsrecht vorbehalten. + + ==Printed in Germany==. + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + Seite + + Kapitel 1. 5 + Kapitel 2. 21 + Kapitel 3. 35 + Kapitel 4. 48 + Kapitel 5. 59 + Kapitel 6. 71 + Kapitel 7. 83 + Kapitel 8. 91 + Kapitel 9. 101 + Kapitel 10. 113 + Kapitel 11. 126 + Kapitel 12. 138 + Kapitel 13. 152 + Kapitel 14. 165 + Kapitel 15. 175 + Kapitel 16. 189 + Kapitel 17. 203 + Kapitel 18. 213 + Kapitel 19. 224 + Kapitel 20. 240 + Kapitel 21. 256 + Kapitel 22. 265 + Kapitel 23. 283 + Kapitel 24. 298 + Kapitel 25. 309 + + + + +1. + + +Es schien, als ob das Gewitter sich in wenigen Minuten zusammengezogen +hätte. Den ganzen Tag war das Wetter wunderschön gewesen, warm und +sonnig. Es war schwer zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer +tiefer blau sei, -- an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, auf der +Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte Welle. Dann war plötzlich die +Sonne verschwunden, große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die +zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und See und Himmel +waren grau. Ein fahler Blitz zuckte am Horizont auf, ein dumpfes +Donnerrollen unterbrach die schwüle Stille, und schwere Regentropfen +begannen zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder, +und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, als freue er sich des +gestörten Friedens in der Natur. + +»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile allem Anschein nach keine +menschliche Behausung, und dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der +Tat!« + +Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der sie sagte, stehen, +um den Kragen seines leichten Oberrockes in die Höhe zu schlagen. Auf +der breiten, ebenen Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog, +war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch irgendein +Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren können. + +Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den Regen ins Gesicht +trieb, und eilte schnelleren Schrittes auf dem unebenen Fußpfade, den +er seit einer Stunde verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte +plötzlich, als ob der Donner, der über seinem Haupte krachte, ein Schuß +gewesen wäre, der unmittelbar an seinem Ohre abgefeuert worden. + +»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter ihm. »Sie finden weit +und breit kein Obdach und werden bis auf die Haut durchnäßt werden! +Hierher! Schnell!« + +Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine Strecke hinter ihm, +ungefähr in der Mitte zwischen dem Fußweg und dem steil abfallenden +Rande der Klippe, stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen +Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick stehen blieb und +sie schier verwundert anstarrte, winkte sie ihm gebieterisch mit der +Hand. + +»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst auch noch naß! Beeilen +Sie sich, der Regen wird bald noch schlimmer werden als jetzt.« + +Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, ihrem herrischen Befehle +folge gebend. Als er bei ihr anlangte, versank sie plötzlich und +verschwand unter dem nassen Gestrüpp. + +»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem Tone aus der Tiefe +herauf. »Seien Sie vorsichtig -- es kommen drei Stufen. Aber fallen +können Sie nicht.« + +Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein Lichtschein, der +zu hell war, als daß er durch das Laub hätte fallen können, zeigte +ihm das kleine höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese +Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen Felsstufen, neben +denen sie stand. Er war ein hochgewachsener Mann und mußte sich +deshalb bücken, um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während er +vorsichtig hinabstieg. Sie lachte. + +»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, »aber es ist doch +dem Naßwerden vorzuziehen. Geben Sie mir lieber die Hand, sonst möchten +Sie straucheln -- der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick! +Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß es noch schlimmer werden +würde.« + +Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in Strömen herab und +prasselte auf den Felsen nieder. Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin +das Gesicht zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen +erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten kam, fiel nur bis auf +die Hand, mit der sie die seinige ergriffen hatte. + +»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer so plötzlich zum Ausbruch?« +fragte er. + +»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. Aber ich kenne +die Vorboten und konnte deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht -- +nicht eher?« + +»Erst als Sie mich anriefen.« + +»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete am Eingang, um Sie +hereinzurufen, aber das erstemal hörten Sie mich nicht. Hierher! +Treten Sie dorthin, wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.« + +Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, umschloß die seine, und +er schritt vorsichtig hinter ihr die schmale, abschüssige Senkung +hinunter, an der sie ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der +Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der Wellen am Fuße der +Klippe vernehmlicher. Nach einer Minute etwa ließ sie seine Hand los. + +»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon sagte, ist es kein +besonders anziehender Zufluchtsort, aber er ist mir schon oft von +Nutzen gewesen.« + +Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche Höhle, die sich so +groß wie ein kleines Zimmer in der Vorderwand der Klippe befand. Mit +einem belustigenden Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie jetzt +erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen auf einen flachen +Vorsprung der Felswand nieder, der groß und niedrig genug für den Zweck +war. + +»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie führte, nicht wahr?« +meinte sie. + +Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte sich der Öffnung der +Höhle genähert und blickte nach unten. Eine dicht von Schlingpflanzen +überwucherte Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann fiel +die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. Ein Schauder überlief ihn, +als er auf die wogende Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem +Bereich des herabströmenden Regens zurück. + +»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort gewählt,« sagte er. +»Gefährlich?« gab sie zurück. + +»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier oben --« + +»O, eines Sturzes!« + +Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« meinte sie +gleichgültig. »Ich werde doch nicht so nahe herangehen, daß ich +hinabstürzen könnte.« + +»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, »ein Sturz von hier +oben würde den Tod bedeuten.« + +»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei vielen anderen Stellen +der Klippen behaupten. Die Felswände sind fast überall furchtbar steil. +Es ist schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch ein Geländer +zu schützen, glaube ich; aber der Plan ist wieder aufgegeben worden. +Vielleicht ist es auch kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden +Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, sind eine seltene +Erscheinung.« + +»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich hier fremd bin?« + +»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens fragten Sie mich, ob +unsere Gewitter sich immer so plötzlich zusammenzögen.« + +»Und drittens -- wußte ich nichts von diesem Ihrem Zufluchtsort,« +ergänzte er. + +»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, -- ich glaube, kaum +irgend jemand. Ich selbst habe ihn ganz zufällig entdeckt.« + +»So?« + +»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, und er verschwand in +dem Ginstergebüsch, das den Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen +herabgesprungen oder heruntergerutscht sein und konnte sich nicht +wieder herausfinden. Ich rief und wartete, und schließlich hörte ich +ihn bellen und leise winseln. Da fand ich das Loch und bahnte mir einen +Weg hinunter.« + +»Und so entdeckten Sie die Höhle?« + +»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, daß Sie bis auf die Haut +durchnäßt sein würden, ehe Sie St. Mellions erreichten.« + +»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.« + +Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört +habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in +den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die +flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört +zu mustern. + +Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll +entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war +so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter +fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der +Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich +schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige +Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund. + +Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und +wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich +den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut, +wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann +gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige, +aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen +sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden +Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge +weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres +durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte +blaue Augen nicht anziehender wurde. + +Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen +Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht +verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen +Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens, +-- zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, -- war den Männern nicht +eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. -- + +Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder +und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing. +Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht +verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt +sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen +Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte. + +»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir +erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht +schlimmer!« + +»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück. + +»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu. +»Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden. + +»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.« + +»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem Interesse. »Daher kommen Sie +also?« + +»Ich bin vor drei Tagen gelandet.« + +Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt. + +»Es war ein merkwürdiges Gefühl -- ich werde es niemals vergessen: mir +war zumute, als sei ich aus den Wolken auf die Erde niedergefallen.« + +»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?« + +»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in dem ganzen Lande kein Wesen +gibt, das ich kenne.« + +»O!« + +Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung zunichte. + +»Sie haben also keine Verwandten hier?« + +»Ich habe nirgends Verwandte, -- die ich kenne.« Er stockte seltsam in +der Mitte des Satzes, und sein Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten +vermutlich, ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?« + +»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions einen Verwandten in +Australien hätte, so würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz +England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß Sie sich zuerst +einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht haben. Ich fürchte, Sie ahnen +nicht, wie langweilig es hier ist.« + +»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl in der Sache.« + +»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig an. »Dann sind Sie +nicht zu Ihrem Vergnügen hergekommen?« + +»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein -- in Geschäften!« + +Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie ihr Gesicht fast +beleidigt abwandte und verstummte. Sie blickte wieder in das graue +Landschaftsbild und den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe. + +Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend nicht bewußt war, hub +wieder an: + +»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht sagen, +wie weit es noch bis St. Mellions ist?« + +»Ungefähr eine Viertelstunde.« + +Sie sprach sehr kurz zu ihm. + +»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur von Häusern erblicken.« + +»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« Vielleicht hatte er sie +gar nicht beleidigen wollen. Bei dieser Erwägung wurde sie wieder +fast liebenswürdig und setzte ihm auseinander, daß das Dorf in einer +Talmulde läge. + +»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er kein Wirtshaus hat?« + +»Nein -- sogar zwei.« + +Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem Tone fort: »Wir +werden nicht mehr lange gefangengehalten werden: die Wolken teilen +sich, der Regen wird gleich vorüber sein.« + +Sie hatte recht, denn wenige Minuten später schien die Sonne, und Meer +und Himmel waren blau. Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so +übernahm sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen Gang und +die drei Felsenstufen hinauf, durch das dichte Ginstergestrüpp, das den +Eingang verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. Hier nahm +der Fremde ernst den Hut ab und verneigte sich vor ihr. Sie hatte ihm +diesmal nicht die Hand gegeben. + +»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie gehen, -- entschuldigen +Sie, -- nicht denselben Weg wie ich?« + +»Nein.« + +Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte es schelmisch auf. +»Dorthin führt mein Weg,« sagte sie leichthin und deutete schräg über +die Halde auf eine dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht +verfehlen. Geradeaus! Adieu!« + +»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe einen Verstoß begangen. +Wenn das der Fall ist, so müssen Sie das, bitte, meinem Leben in +Australien zugute halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und müßte Ihnen +sicherlich meinen Namen nennen.« + +»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete sie lächelnd. + +»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.« + +»Danke, Herr Leath.« + +Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der Hoffnung, sie werde +jetzt ein gleiches tun, wußte sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus +Schelmerei eine Enttäuschung. + +»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt zwei Wirtshäuser in St. +Mellions. Gehen Sie nicht in den Schwarzen Adler -- die Schlafzimmer +sind dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, die den +gewissenhaftesten Eigentümer und die beste aller Wirtinnen haben.« + +»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.« + +Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er noch einen +Versuch -- diesmal einen direkten. -- »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit +nicht die Krone aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu +Dank verpflichtet bin?« + +»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur natürlich, daß Sie das +gerne wissen möchten -- freilich!« + +Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter und raffte geschickt +ihre Röcke zusammen, damit sie das regenfeuchte Gras nicht streiften. +»Nun, wenn Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie nur Ihre +Wirtin.« + +Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so leicht und schnell wie +ein Vogel dahin und blickte sich mit hellem Lachen noch einmal um. +Everard Leath schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die +Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach St. Mellions ein. + +Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war so steil, daß der einsame +Wanderer fast in die Schornsteine des Dorfes hinabsehen konnte. Er +ließ sich von einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem +Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die niedere Gaststube +der Chichester Arms. + +Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig zu seinem Empfange +herbeikam, führte ihn in ein kleines sauberes Wohnzimmer mit +getäfelten Wänden und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker +Butzenscheibenfenster, einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke und +riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen. + +Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, und nachdem er sich +in einem fünfeckigen Schlafzimmer von dem Reisestaub gesäubert hatte, +setzte er sich und wartete darauf. + +Als er mit der müßigen Neugier, die einem Menschen, der sich an einem +fremden Orte befindet, natürlich ist, aus einem der Fenster schaute, +sah er einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors Haus reiten. +Mit schnell erwachtem Interesse in den Zügen wandte er sich an das +Mädchen, das gerade die letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen +Tisch stellte, mit der Frage: + +»Wissen Sie, wer das ist?« + +»Das, gnädiger Herr?« + +Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch die Geranien und +erhielt sofort einen fröhlichen Gruß von dem Reiter. + +»O freilich -- das ist Herr Roy!« + +»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. »Das sagt mir nicht +viel. Wer mag Herr Roy sein?« + +»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er ist sein Einziger. +Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.« + +»Wie heißt Sir Jasper weiter?« + +»Sir Jasper Mortlake, Herr.« + +Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, der Sir Jasper nicht +kannte, war augenscheinlich in ihren Augen ein Phänomen. + +»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« meinte sie in fast +vorwurfsvollem Ton. + +»Nein -- niemals. Gehört ihm dies Haus?« + +»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler ist seines. Unser Herr ist +Herr Chichester. Wünschen Sie sonst noch etwas?« + +Leath hatte weiter keine Wünsche und begann sein Mahl, aber nicht ehe +er Roy Mortlake hatte davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen +Beifall gezollt hatte. + +Später, als er in einem der großen Stühle saß und seine Zigarre +rauchte, klopfte es, und seine rührige Wirtin trat ein, um sich zu +erkundigen, ob es ihm geschmeckt habe und wo sie sein Gepäck abholen +lassen könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in Market +Beverley stände. + +»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er. + +»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, gnädiger Herr. Oben auf +den Klippen entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.« + +»Den Weg bin ich gekommen.« + +Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin. + +»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert sind, gnädiger Herr, so +müssen Sie von dem Gewitter überrascht worden sein!« rief sie. + +»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei fällt mir ein, mir ist +aufgetragen, Ihnen eine Frage vorzulegen, Frau Buckstone.« + +»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?« + +»Ja, -- von einer Dame, die mir als rettender Engel erschien und mich +vor dem Naßwerden bewahrt hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.« + +Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem Tone sein Erlebnis. + +»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, und sagte mir, ich +möchte mich an Sie wenden, wenn ich ihn wissen wolle,« schloß er +lächelnd, »und fort war sie.« + +»War sie hübsch, gnädiger Herr?« + +»Hübsch? Freilich -- mehr als das. Aber wer war es? Können Sie es sich +denken?« + +»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. »Darüber kann +kaum ein Zweifel sein. Das war natürlich die Gräfin Florence.« + +»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den Namen mit erstauntem Blick. +»Was? Ist die junge Dame verheiratet?« + +»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter eines Grafen drüben +in Irland, der starb, als sie ein ganz kleines Ding war. Sie ist Sir +Jasper Mortlakes Nichte -- und wohnt meistens bei ihnen in Turret +Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger Herr? Es liegt +an der anderen Seite der Halde, etwa dreiviertel Stunden von hier.« + +»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete Leath und griff wieder +nach seiner Zigarre. + +»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach er halblaut und +gedankenvoll vor sich hin, als die geschäftige Wirtin den Tisch +abgeräumt und ihn allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger, +ungewöhnlicher Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret Court.« + +Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in +den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich +etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene +grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!« + +Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein +Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an +Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen +Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann +in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich +hinzumurmeln. + +»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo +ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob -- wenn ich +nicht mein Wort verpfändet hätte -- es nicht verständiger gewesen wäre, +ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort +betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen, +nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn +aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?« + +Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand. +»Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der +Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes, +an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und +schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine +Arbeit anfängt!« + +Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste +Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von +meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin +ich jetzt wohl meinem Ziele -- wieviel näher daran, Robert Bontine zu +finden?« + + + + +2. + + +Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene +Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt +der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten +Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden +hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte +Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, +von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen +ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über +die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer +genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in +dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte. + +Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die +sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten +zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter +immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war, +wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß +Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. +Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war +kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches +Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich +vor ihm fürchteten. + +An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten +Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady +Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so +hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für +ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, +blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig +angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche +Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten +noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre +über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene +Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll +die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen +Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf +Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von +Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit +zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste +Überzeugung war, -- daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen +war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und +Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen +Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der +Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen +schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich. + +Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine +ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus +ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten +zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper +Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter +vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war +nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur, +heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte. + +Cäcilie -- im Familienkreis stets Cis genannt -- war ein sehr hübsches +Mädchen, -- in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer +Schönheit berühmt, -- klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und +lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. -- Dem +Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer +stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und +dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied +zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten +im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. + +Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten +habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht +einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich +in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber was nützt das? Und ach, +was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch +begehen.« + +»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd. + +»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte +sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, -- dabei fällt mir +ein, -- wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte +oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer +eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.« + +»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?« + +»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen, +daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach +der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte +meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr +anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte +befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen +und bereit zu sein, sie zu begleiten.« + +»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du +wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich +verlieren!« + +Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich +lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden +Kopf. + +»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon +geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie +nicht begleiten werde.« + +»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.« + +»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab +Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es +überwunden haben.« + +»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein +gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin +von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast +ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen +Dame Trotz zu bieten. + +»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die +Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.« + +»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.« +Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände +im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres +kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig, +das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter +gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie +übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen +sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es +im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen +Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine +Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre +Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem +ich mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt -- was meinen +Aufenthalt betrifft wenigstens.« + +Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht +nicht tun könne, was ihr beliebte. + +»Hast du -- hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis, +anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme. + +»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich +der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr +auf die Nerven zu fallen, -- von der Laune, in die er sie versetzen +wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie +könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und +gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche +erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir +gewöhnlich langweilig.« + +Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy +heute morgen, Cis?« + +»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte +beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.« + +»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence +gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?« + +Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen +zarte Farbe dunkler wurde. + +»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt +bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du, +ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.« + +»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene, +die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch +sagen, wo du --« + +»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin, +daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz +recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in +sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen, +wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen +überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin +kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.« + +Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen -- +der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz +zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester +Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des +Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei +Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der +aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen +ihn begrüßte, würdig sei. + +Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde +sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf +eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe +hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich +aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen. + +»Flo,« -- Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, -- »ich +habe Chichester gesehen -- Hallo! Zum Kuckuck auch!« + +Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper +riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen +Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem +Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien. + +Er sah -- wenigstens auf den ersten Blick -- nicht so aus wie +jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu +verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches +rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als +das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos +und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er +sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein +blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht +hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen +waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug +und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher +erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit +einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren +Mann hätte schließen lassen. + +Ja -- Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war +entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann +für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich +auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt +und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen +Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des +Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten. + +Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind +blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß +seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen +scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr +netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären, +eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume +eingefallen sein würde. + +Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen, +während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy +schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht, +sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem +Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden +Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan +seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in +kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war +vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast +liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache +zu finden sein mochte, daß, wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens +die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund +Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein +würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt +sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern +hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen. + +»Ist -- kann ich -- wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady +Agathe ängstlich hervor. + +»Danke -- nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen +verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen +Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten, +hatte er eine unsägliche Verachtung. + +»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu. + +»Das ist er auch.« + +Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys +verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter +Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?« + +Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie +gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir +Jasper trat an die offene Glastür. + +»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts +zu tun, -- du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir +mitnehmen.« + +»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends länger, als er sehr +gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth +aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er +nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß -- es +ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?« + +»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine +kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit +schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine +Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du +wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und --« + +»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann -- +ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht +wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.« + +Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon +gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen +besorgen, Onkel Jasper.« + +»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte +ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm. + +»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu +Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und +außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem +Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis +und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen +bekommen. Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas +dabei zu bestellen?« + +Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine +Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem +Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence +pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer +Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den +Rasen hinaus. + +»Roy, lauf nach dem Stall hinüber -- tu’s mir zuliebe, und laß +Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht +fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.« + +Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte +ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß +Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen +demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin +ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.« + +»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab +Harry Wentworth lachend zurück. + +»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf +solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen? +Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun, +was sagt ihr beide?« + +»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry. + +»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin! +Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß +geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry, +ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich +unserer bemächtigt hat?« + +Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme +tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich +hinträllerte: + + »Mein Herz, ich will dich fragen, + Was ist denn Liebe, sag? + Zwei Seelen und ein Gedanke, + Zwei Herzen und ein Schlag.« -- + +»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher +Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich. + +»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem +verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich +sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich +sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen +gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.« + +»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis. + +»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch +wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus +dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte +Sache sei.« + +»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.« + +»Weiß Sir Jasper darum?« + +»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.« + +»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry +zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen +froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.« + +»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen +Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn +ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.« + + + + +3. + + +Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer +Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden +Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions +einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden +beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes +gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es +gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie +nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe +mit ihr auf. + +Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie +gern, -- wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch +verdienten, -- aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben +Art wie Florence. + +Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen +Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und +hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen +Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken, +und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher +Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun +können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf, +der nach dem Hause führte. + +Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen +Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen +aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine, +die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den +Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick +dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow +-- so hieß es -- wohnen möchte, als in Turret Court. + +Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an +die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick +erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick +des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar +legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf. + +»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und +dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte +sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily +zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald +wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, +stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes +Fenster. + +»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage +draußen im Sonnenschein sein sollten?« + +»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!« + +Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit +Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm +die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit +breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles, +träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz +alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar +wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen +seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias +Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre +älter gehalten wurde. + +»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang +Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher +Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. +Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen +zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des +Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher. + +»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von +mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie +meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence +lächelnd. + +»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.« + +Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige +Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der +Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen +zweiten herbeiholte. + +»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie +so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?« + +»Beides, Herr Sherriff.« + +Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum +Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche +ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn +wieder in den Umschlag. + +»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige +Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie +mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret +Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?« + +»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist +hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental +-- wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und +Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.« + +»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun, +liebes Kind.« + +Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das +liebreizende, strahlende Gesicht. + +»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes +vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?« + +»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden! +Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es +ihn vielleicht liebenswürdig machen -- wer weiß? Ich habe jetzt +angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal +einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den +Gassenhauer kennte!« + +»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd. + +»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die +Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge +Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht -- kommt +dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf +näherkommende Schritte -- Schritte, die ihr ganz fremd waren. + +Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind +es? Hier?« + +Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei +ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb. + +Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem +zum andern. + +Leath sprach zuerst. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung +davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu +finden.« + +Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen +richteten sich verwundert auf den Hausherrn. + +»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie. + +»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie +kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?« + +»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es +Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie +sollen es hören.« + +Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung, +wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in +der Klippenwand eine Zuflucht gefunden. + +»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig. + +»Kein Sterbenswort.« + +»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?« + +»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht +in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je +begegnet!« + +»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe +gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, +bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß +er keine Seele in St. Mellions kenne.« + +»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf +fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen +Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen +Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich +hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.« + +»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen +Mädchens wurde ernst. »Und er -- dieser Herr Leath -- brachte Sie nach +Hause, nicht wahr?« + +»Ja, mein Kind -- als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu +sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger +gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und +ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den +Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem +einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während +seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle. +Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere +Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein. +Ist diese Erklärung vollständig genug?« + +»J--a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in +etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie +einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.« + +»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?« + +»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie. + +»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor +zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die +ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.« + +»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln +legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie -- mögen +Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?« + +»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.« + +»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem +besonderen Grunde.« + +»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.« + +»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,« +setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke, +glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb +eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube +nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und +Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?« + +Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn +wieder kraus. »Herr Sherriff!« + +»Ich höre, liebes Kind.« + +»Glauben Sie, daß er dauernd hier -- in St. Mellions -- bleiben wird?« + +»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.« + +»Ja, ja, aber --« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn +hergeführt?« + +»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.« + +»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum +Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und +es war ihm Ernst damit.« + +»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon +gesagt hat.« + +Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den +Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig. + +»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?« + +»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann +lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen +diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.« + +»Ich bin viel zu reich -- es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben, +daß er viel Geld hat?« + +»In bescheidenem Maße -- ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung +deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut +gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten +sei.« + +»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig. + +»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt -- ich bin zu +unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die +Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden, +wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen, +liebes Kind?« + +»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete Florence, munter ihren +Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, +und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in +ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon +für drei Personen gedeckt war. + +Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die +Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu +treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah +Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen +ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber +niederließ. + +»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in +leichtem Tone. + +Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich. + +»Ja, Gräfin.« + +»Und sie stellte meine Person fest?« + +»Sofort.« + +»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.« + +»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu +schildern.« + +»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹ +sähe.« + +»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.« + +»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso +entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres +kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?« + +»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich +nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit +zu reden.« + +Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man +ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß +sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu +vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte. +Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine +Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte, +daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von +ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte. + +Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb +bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten +Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien, +aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen +charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch +sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie +sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu +entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit +vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit +einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig +wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht +hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen. + +»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit +über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?« + +Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie +in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder +geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb +Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr +hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben. + +»Wie meinen Sie?« sagte er fragend. + +»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei. +Finden Sie das etwa nicht?« + +»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier +fortzutreiben.« + +Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten +habe. + +»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?« + +»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu +keinem festen Entschlusse gelangt -- das heißt über meinen künftigen +Aufenthaltsort.« + +»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien +zurückkehren werden?« + +»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich +dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen +Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.« + +»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten +--« + +»Das habe ich allerdings nicht.« + +Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht. + +»-- so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England +vertauschen.« + +»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich +sagte, stehe ich ganz allein in der Welt -- schon seit acht Jahren.« + +Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei +diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine +Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die +sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast +noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen +abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte +verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine +Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an. +Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie +abstieß. + +In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr, +und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel +gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie +drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten +eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. +Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln, +weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden +schien. + + + + +4. + + +Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh +gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein +auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages, +denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand +angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er +sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte, +den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich +in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein. + +Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des +Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine +langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich +Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf +der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein +Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen +Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer +Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar +verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide -- sie trug im +Hause gern übermäßig lange Schleppen -- im Gespräch mit der einzigen +noch anwesenden Persönlichkeit. + +Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine +gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht +geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und +seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er +älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, -- er +hatte fast gar kein Mienenspiel, -- seine Gestalt hatte eine gewisse +Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine +Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der +Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig +war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen +Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde, +anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte +Antlitz sich gegenüber sah. + +»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein +halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd. +»Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.« + +»Von der Herzogin? So?« + +»Ja.« + +Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es +abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten. + +»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die +Gelegenheit, sie von unserer Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte +Talbot Chichester zögernd. + +»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort +und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die +Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich +daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser +ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren +Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte +schelmisch. + +»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst; +das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt. +»Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt +es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre +Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. +Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu +übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht +begriff.« + +»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst +zu erzählen -- warum, weiß ich nicht.« + +»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester +fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form +ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.« + +»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben +wird?« fragte Florence wieder. + +»Dagegen?« + +Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde +würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. +War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das +Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz +drei- oder viermal abzukaufen? + +»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine +ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich +wahr, -- wir haben die Ehre immer abgelehnt, -- aber in jeder anderen +Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als +Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht +für wahrscheinlich halten.« + +»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß +sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das? +Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.« + +»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?« + +»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post +schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen +schuld bin.« + +»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht +und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein +unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund +hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester, obgleich er ihr +Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie. + +Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens +ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem +kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders +verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei +dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern -- der Einfall +belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor +seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte +sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht, +ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das +unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot +Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und +sie hatte versprochen, ihn zu heiraten. + +Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer +stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen +dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen, +aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu. +Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus +nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen +hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt +vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl +und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu +bringen. + +»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden +Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt +nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war +furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr, +Flo?« + +»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers +gezupft und ihn nicht gehört -- ihre Augen schauten noch träumerisch +in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten +Abendhimmel glänzte. + +»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?« + +»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden +haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen, +Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist. +Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes +Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! +Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt +und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.« + +»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir +Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.« + +»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, -- die beiden sind +nämlich dicke Freunde, -- daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London +niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen +Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen, ich begreife es nicht, +wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich +ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.« + +»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz +allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso +glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.« + +»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht +der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender +Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben, +fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch +bei Mutter Buckstone?« + +»In den Chichester Arms?« + +Talbot Chichester stellte diese Frage. + +»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl -- sonnverbrannt -- erinnert mich +an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort. +»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir -- ich weiß nicht mehr +recht, wie es war -- als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte +Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er. +Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa, +Chichester?« + +»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester +Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt +nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour +begriffener Londoner.« + +Roy schüttelte den Kopf. + +»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre -- hat nicht den Londoner +Dialekt -- versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein. +Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal +danach fragen.« + +»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt +er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht, +und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.« + +»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?« + +»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.« + +»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du +warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt +hast du den Menschen gesehen?« + +»Soll ich’s dir sagen?« + +Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch +blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres +Bräutigams. »Ja -- wir sind heute abend alle sehr langweilig, und +deshalb will ich es tun.« + +Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte +ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten +Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard +Leath. + +Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den Leichtsinn der schönen +Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend, +folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden, +und schaute dann mit einem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, der aber +keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, +fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest +aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm. + +»Was ist denn los?« + +»Los?« + +»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil +ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot, +mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal +hin. So!« + +In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte +es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die +in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben. +Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie +ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen +Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen +gegen den Unbekannten zu machen. + +»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er. + +»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge +Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder +an. + +»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde +wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die +einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen naß werden +zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.« + +Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab -- er war so unendlich +mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los. + +Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte. + +Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence +stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan +hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte. + +»Fehlt dir etwas, Florence? Du -- du siehst so ernst aus, mein Herz!« + +»So?« + +Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich +sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.« + +»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der +Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war, +Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch +zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon +gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.« + +»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.« + +Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich +strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm +plötzlich all ihren Mut zusammen. + +»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas +fragen wollen. Ich kann es gar nicht begreifen -- er ist so ernst +und steif und kalt -- in jeder Beziehung so verschieden von dir -- es +wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.« + +»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!« + +Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich +halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange +war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein +ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone. + +»Florence!« + +»Nun, mein Schatz?« + +»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?« + +»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.« + +»O, ganz jung! Und hübsch?« + +»Nein -- und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.« + +»Und ist er nett, Florence?« + +»Wer?« + +»Nun, Herr Leath!« + +»Nett? Nein -- unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin +schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!« + + + + +5. + + +Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen +und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen +wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem +einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im +hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem +Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St. +Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence +gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große +Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er +außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten +Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können, +alle freundlich gewogen seien. + +»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?« + +»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug, +sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern +sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat +sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr +von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.« + +»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?« + +»Ja -- sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.« + +»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?« + +»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit +ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.« + +»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich +genügt doch ein Vormund, mein’ ich -- weshalb sind hier denn zwei?« + +»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das +ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für --« + +»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte +wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische +Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der +verstorbene Graf denn eine Ausnahme?« + +»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes +Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.« + +»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht +mündig?« + +»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz +ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, -- was +wahrscheinlich der Fall sein wird, -- daß sie sich in der Zwischenzeit +verheiratet.« + +»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?« + +»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden +Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so +fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.« + +»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten. +»Wie mag das gekommen sein?« + +»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist +seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe +finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu +glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf +seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.« + +»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter +wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath +nachdenklich. + +»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben, +daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge. +Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben, +so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre +Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß +nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe +Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die +Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper +niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu +zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den +Bräutigam geeinigt hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie +in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.« + +Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach +seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen. + +»Sie ist wohl noch nicht verlobt?« + +»Gräfin Florence? Nein -- meines Wissens nicht. Und wenn ich sage, +meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte +Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben, +davon bin ich überzeugt. Nein -- verlobt ist sie nicht. Ich muß +gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens +kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich +nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann, +und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.« + +»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam. + +»Mit dem Heiraten? Nein -- ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir +Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court -- sie +hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde +eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper +bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter +des Gutes -- ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde. +Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.« + +»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem +Posten haben. Nach dem, was ich mir aus den Reden der guten Leute +hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper +auszukommen.« + +»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine +Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper +ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt +bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und +ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er +behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.« + +»Ich fürchte, das sagt nicht viel.« + +Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte +Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn +hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in +eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben +konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?« + +»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und +blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte +auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen +Jahren -- mehr als dreißig -- einen bitteren Kummer gehabt, der sein +ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm +ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe. + +»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten, +in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich +überhaupt je wieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir. +Lassen Sie’s gut sein,« schloß er. + +Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in +dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war, +blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff +wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem +anderen Tone. + +»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte +er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, -- daß +ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß +sogleich damit fort.« + +Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus, +daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und +zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte +nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath +legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl +zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon +längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe. + +Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu +viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit +einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und +ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick +zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit +bekümmertem Ausdruck auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen +unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm +die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre +Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe. + +»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage +nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe. +Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal +ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das +soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen? +Wenigstens jetzt noch nicht?« + +»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin +entmutigt -- ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde -- was das +beste sein würde.« + +Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer +seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang +die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus, +sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte, +verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er +ihn aussprach: + +»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen +Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu +erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts +Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich +fest, und doch bin ich schwach genug, mich fast entmutigt zu fühlen, +weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es +scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen, +und doch ist dieser Ort -- St. Mellions -- der einzige Ausgangspunkt +für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die +Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach +einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde. +Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich +glaube, ich werde gehen.« + +»Das tut mir leid zu hören.« + +Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden, +hin, ohne eine Frage zu stellen. + +»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden +Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein +Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.« + +»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest +die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, +den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer +Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich +dafür bezahlte.« + + * * * * * + +Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang, +und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath, +der an sehr viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn +schnell und leicht zurück. + +Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt +dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu, +durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug. +Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer +Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art, +in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen +erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein +Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den +Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt +hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war, +veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden. + +»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert. + +»Jener Mensch.« + +»Welcher Mensch?« + +»Leath.« + +»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit +Interesse. »Was mag er nur wollen?« + +»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein +Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!« + +»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde +ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, -- +wissen muß, -- daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und +stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!« + +Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence +den Hut ab. + +»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu +erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper +einen Brief zu überbringen.« + +»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes +milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein. +»Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie +lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen? +Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen +bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?« + +»Gewiß erinnere ich mich dessen.« + +Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht +hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng +und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm +wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte. + +»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter. +»Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie +sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten +dürfen.« + +Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. Sie ärgerte sich +fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie +immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es +entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber +für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige +Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig +hob: + +»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath? +Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?« + +Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand +ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des +Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen. + +»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen. +Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, +Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.« + +»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie +sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.« + +Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis +kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen +Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn +er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte +Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht +Einspruch erhoben, denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger +Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene +Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade +in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der +Bildfläche. + + + + +6. + + +Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen +Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte +seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden +empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen, +ruhigen Gesicht, gemustert hatte -- liebenswürdig, steif und förmlich +oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an. + +Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu +sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen +haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von +selbst, und tat es mit großer Gewandtheit. + +»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd. +»Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath +reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er +ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.« + +»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt, +aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf. + +»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten Sie mir, +Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich +übernommen haben,« sprach er. + +Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der +Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche +steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen +dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich +bejahte. + +»Vielen Dank -- ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die +Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir +die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie +meiner Frau vorzustellen.« + +Leath nahm dankend an. + +Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit +sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm -- beides +sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir +Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie? +dachte seine Tochter. + +Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen +beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung -- nicht über Sir +Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit, +mit der Leath die Einladung aufnahm -- für sich. Er hatte keine Spur +der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber +anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine +Regung des Interesses und der Belustigung empfindend, sehr ernst und +schweigsam, -- etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence. + +Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte, +so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und +wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres +Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich +fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf +seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung +schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert? +So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein? +Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers +Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions +und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren, +zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden. +Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die +Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt. + +»Habe ich recht verstanden -- Sie kommen aus Australien, Herr Leath?« + +»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.« + +»Darf ich fragen, wo?« + +»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.« + +»Ihr ganzes Leben lang?« + +»Ja.« + +»Sie sind früher noch nie in England gewesen?« + +»Niemals.« + +»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?« + +»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber +mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.« + +»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?« + +»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre +-- seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin -- habe ich ganz allein in +der Welt gestanden.« + +»Sie haben keine Verwandten in England?« + +»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.« + +Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden, +der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher +Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst +vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein +Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt. + +Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige +Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer +der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war +freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die +Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret +Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war +von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner +Braut, und Cis -- ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys +Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner -- fiel das +Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen +einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer -- er war nach Market +Beverley geritten. + +Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es +mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, +oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer +ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch +in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu +sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie +antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich +nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath. + +»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle +Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht -- sie, die immer +jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? -- Die Pause, die nach +ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon +beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke +ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich: + +»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr +Leath?« + +»Nein -- aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms, +nicht wahr?« + +»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions -- mehr als +uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll. +Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich +nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?« + +»Nur von der Chaussee aus.« + +Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade +mit Florence, die zu ihm aufschaute. + +»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?« + +»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht --« Cis brach ab, dunkelrot im +Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen +durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen +Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer +kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie +auch erleichtert aufatmete: + +»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir +die Frage -- ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein +Geheimnis?« + +»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle +wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die +Herzogin -- die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund -- davon +in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.« + +»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten +werden?« + +»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt? Sie hält so +viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es +mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?« + +»Ganz sicher.« + +»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht +ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath +-- es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen, +daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und +das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er +keinen für gut genug für sie hält.« + +Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine +Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht +des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe +hinabbeugte, -- nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, -- nicht mehr +vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr +Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so +gleichgültig war er. + +Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie +abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte, +begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch +eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch +zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr +erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie. + +»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte +sie. »Man macht sich erst eine Vorstellung von einem Orte, wenn jemand +redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich +kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.« + +»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das +ist, Fräulein Mortlake?« + +»Wie dumm von mir, -- ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys +-- Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name +entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer +seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung +wisse. + +»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr +gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in +der Tat keine Ahnung davon, bis Har-- Herr Wentworth es mir erzählte.« + +»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch. + +»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.« + +»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie +unverwandt an. + +»Ja -- das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es +ungefähr so lange her sein.« + +Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen +und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort. + +Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm +schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und +einem freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und +förmlichste Verbeugung. + +Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis +blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die +beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit +Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount +zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und +regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze. + +»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich +nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht +leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht +helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu +schlecht von dir.« + +»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück. +»Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.« + +»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine +Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!« + +»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte +Florence rasch. + +»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm +gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr +Sherriff nichts davon wüßte.« + +»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der +Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.« + +Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie. +»Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, +daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff +gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.« + +Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!« + +»Ja, Liebste?« + +»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?« + +»Herr Leath? Nein -- ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.« + +»Ich aber --« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu +vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es +immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe +seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich +sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß, +daß sie da ist.« + +»Was sagst du da?« + +Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe, +herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner +Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die +gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges +Gesicht paßte zu seiner Stimme. + +Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger +Gelassenheit: + +»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte, daß Herr Leath +irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht +einfallen, wem.« + +»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst +du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen +Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken. + +»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine +Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und +ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen. +Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir +wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich +werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist, +so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.« + +Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß. +Cis war sprachlos. + +»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!« + +Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit +geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit. + + * * * * * + +Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast +eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda +eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf +der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann, mit +dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten, +sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer +sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der +ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter. + +»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.« + +»Ja.« + +»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber +wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, -- ganz anderen +Sinnes geworden, -- und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.« + + + + +7. + + +Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die +Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen +Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig. + +Lady Agathe, ihre Kinder -- Roy in einem weißleinenen Anzuge, in +dem er noch länger als sonst aussah -- und Florence saßen vor den +Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem +Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden. +Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten +Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben, +boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager +zurechtgemacht. + +Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien +gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden. + +»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte +ihn Florence. + +Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin +geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten +erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu +ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, der nicht +wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen +würde. + +Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm +reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis +die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung +mit ihm anzuknüpfen -- im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch +schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte. + +»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise +heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper +gesprochen habe.« + +»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen +lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht +aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir +ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim +Frühstück, Tante Agathe, -- er sitzt zu viel allein -- ich will ihn +bitten lassen, zu uns zu kommen.« + +Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten +brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien +der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich +liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester +wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm +gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im +stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien +aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen; er hatte +nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis, +und sagte: + +»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich +fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und +er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine +Güte!« + +»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich +schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er +streng. + +Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war, +antwortete: + +»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja +kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.« + +»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast +du ihn getroffen?« + +»Wo--o, ein paarmal bei dem alten Sherriff -- und bei Mutter +Buckstone -- und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern +leiden mag. Warum, Vater?« + +»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete +Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein +Fremder -- laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich +machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von +dir genannt zu hören, und damit basta!« + +Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys +Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie +Mortlake auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht +gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns. +Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis +auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten +davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten +nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald. + +Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit +gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an: + +»Entschuldigen Sie -- darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem +Leath wissen, Mortlake?« + +»Nichts -- gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?« + +»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie +so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie +möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.« + +»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen +freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt, +den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.« + +»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit +gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß -- ich habe ihm gerade heute +Lychet Hut -- Sie kennen doch das kleine Haus? -- vermietet, und wenn +Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.« + +»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen -- ihn als Mieter genommen?« +fragte der Baron ungläubig. + +»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.« + +»Ist es fest abgemacht?« + +»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus +bezahlt.« + +»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an +die Luft setzen?« + +»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?« + +»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter +die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache +rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff --« + +»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie +es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich +Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu +schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter +Narr!« + +Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter +blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt, +und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden +Gesichtern -- ratlose Bestürzung auf dem des Mannes -- lebhaftes +Staunen auf dem des Mädchens. + +Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren +hoch emporgezogen. + +»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn +gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!« + +»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?« + +»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten +Leute?« + +Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche +Frage: + +»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet +habe?« + +»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten, +wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?« + +»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich +habe schon alles Nötige angeordnet.« + +»Du bist das Ideal eines Hauswirts!« + +Das war er wirklich und verdiente das Kompliment. + +»Er wird es schrecklich einsam dort finden.« + +»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit +gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.« + +»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu +bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend. + +»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise +nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse +darüber ist.« + +»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er +den armen Roy anfuhr! -- Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte +schelmisch. + +»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.« + +»Du?« + +»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er +vielleicht ertrunken!« + +Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das +›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, +um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber +gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren +wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig +blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke +gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen +möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend +etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte. + +Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der +Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu. + +»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis. + +»Ich weiß es wahrlich nicht!« + +Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer +Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen +Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag +Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.« + +»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie +Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte +erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du +sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?« + +»Ja,« antwortete Florence kurz. + +»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend. + +»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen. +Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr +gern, nicht wahr, Schatz?« + +»Das will ich meinen -- viel lieber als die meisten, mit denen ich +sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn +einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut +gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,« +setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu, +»es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er +kennt ihn nicht, nicht wahr?« + +»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort. + +»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen -- schien sehr +erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er +mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich -- nicht wahr?« + +»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den +goldblonden Kopf empört in den Nacken. + + + + +8. + + +Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll +Sonnenschein. + +Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur -- Harry +hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich +und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte -- und überlegten, wie sie +den Morgen verbringen wollten. + +Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem +goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie +weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen +vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence +die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit +roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen +Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume +hervorschaute. + +»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis. + +»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich +muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes +Plätzchen aussuchen -- vielleicht meine Höhle -- und dort bleiben, +bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum +zweiten Frühstück erscheine. Komm mit, Tramp,« wandte sie sich an den +zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war. +Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London +halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen +und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich +erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden. + +Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence +erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die +Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als +peinlich. + +Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten +seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten +Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald +bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich +dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence +lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine +rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend +darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu +vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte, +während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich +wieder: »Warum habe ich es nur getan?« + +Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre +ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und +begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr +unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch +sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte +von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und +sie meinte mit einem leisen Seufzer: + +»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!« + +»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich +hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt +mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch +eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?« + +»Welcher Mensch?« wiederholte Cis. + +»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen, +Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.« + +»Sie meinen Herrn Leath -- Everard Leath.« + +»Ja, so heißt er -- ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja +der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen -- +natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir +wollen?« + +»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu +sprechen wünschte?« + +»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach +erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den +Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch +ziemlich wunderlich.« + +Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite Zigarre an und meinte +dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde. + +»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht +weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du +dazu, Cis?« + +Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch +immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe. + +»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch +seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort +auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber -- wer -- in des Kuckucks Namen +--« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und +Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten. +Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und +wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung. + +Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen +röteten sich vor Zorn. + +»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen -- Everard Leath,« sagte +sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick. + +»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie +ihm freien Zutritt gewährt, Florence?« + +»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm +einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig +weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.« + +»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht. +Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und +glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren +blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten +brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen +Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht -- wer +anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den +Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences +schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde +ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich +die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen. + +Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In +ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz, +daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie +seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar +hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn. + +»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch +hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der +Florences.« + +Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm +am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen +Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er +hinzu: + +»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich +hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre +Höhle betreten habe?« + +Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den +Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle +nenne. + +Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der +unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu +verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger +gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner +kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß +Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben +auf der Klippe gesellte. + +Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte +einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft +hatte, und fragte sie: + +»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?« + +»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt +vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?« + +»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath +war. Weißt du noch?« + +»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.« + +»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die +beiden sich unterhalten!« + +»Worüber reden sie denn?« fragte Florence. + +»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem +Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.« + +Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide +nicht auf die Unterhaltung der Herren. + +Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er +ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum +beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig +geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber +sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich +seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte +sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob +er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch +selbst in Australien gewesen sei. + +»Nein, aber ich habe davon gehört.« + +»So? Ja -- ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in +meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland +-- das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch, +ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es +wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt +worden.« + +»So?« + +»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts +Besonderes -- irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute +sich einlassen, wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber +er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl +in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte. +Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen +wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es +überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er +hatte nie davon gesprochen.« + +Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder +anzuzünden. + +Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte, +sagte langsam: + +»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen, +ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?« + +»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch +unverheiratet war.« + +»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?« + +»Dreißig? Ach nein -- so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.« + +Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen. + +»Wissen Sie das gewiß?« + +»Natürlich, ganz gewiß!« + +Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu +gutmütig, um ungeduldig zu werden. + +»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig, +und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine +Mutter hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in +England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein +halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die +verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr, +nicht dreißig oder annähernd soviel.« + +»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.« + +Leath sprach in ruhigem, hartem Tone. + +»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig +Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield. +Nein -- vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als +hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit? +Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.« + +Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt. +Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit +so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal +darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von +Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, +sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue +Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er +erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt. + +»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine +Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich +behaupten, daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben, +Liebling!« + +Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths +entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten, +forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis +und ihrem Verlobten entgangen -- die merkwürdige Veränderung in dem +ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen +zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit +einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte +sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer +beunruhigen sollte. + + + + +9. + + +Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von +der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem +Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende +Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms +aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn +instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu +wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das +dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über +einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt +des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich +begrüßend: + +»Da sind Sie wieder -- das ist recht.« + +»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?« + +»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?« + +»Nein -- draußen auf der Halde.« + +»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich, +ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.« + +Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen Fenster nieder. Das helle +Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke +lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen +Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere +Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes +Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er +mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der +Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht. + +»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich +nichts Unangenehmes begegnet?« + +»Unangenehmes?« + +Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich +sehe ein, daß ich mich geirrt habe -- das ist alles. Bis heute glaubte +ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St. +Mellions kam, fast getan sei -- weit gefehlt! Ich bin gerade so weit +wie vorher!« + +»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die +Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut +zu mieten?« fragte Sherriff. + +»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen, +nach London zu gehen -- weit besser!« + +»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?« + +»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem +Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.« + +Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu Boden. Der Ältere +brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und +vielleicht etwas vorwurfsvoll: + +»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein +Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an +Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht +wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das +unmöglich?« + +»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.« + +»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?« + +Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths +Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf. + +»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er, +»und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben +Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen, +und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache +erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte -- das +werden Sie sich wohl schon sagen können.« + +Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die +von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft +niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn +unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht; +vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes +quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich, +sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen +ohne Sorge zu denken. + +Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu. +Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in +seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit +doch merklicherem Zögern als vorher. + +»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb +Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?« + +»Ein anderer Grund?« + +Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen +Zügen lag, sah wenigstens echt aus. + +»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe +ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie +in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten +Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt +hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier +fortwünschen? Und ist es -- Gräfin Florence Esmond?« + +»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum +durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte, +abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe +oder nicht. + +»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort, +die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich +bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß +eine Schönheit und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann +naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen, +aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu +stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden +jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch +keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.« + +»Das wenigstens ist wahr.« + +»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die +Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich +oder nicht?« + +»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit +sagen; ich bewundere sie -- jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an +andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre +und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit +zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff, +aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten, +noch mich forttreiben.« + +Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar +eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, +als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der +Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen, +die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz +getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt +-- daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie +deutlich genug gezeigt. + +Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder. + +»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich, +das zu hören, mein lieber Junge -- wirklich herzlich! Es kann einen +Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das +er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den +Kopf zu setzen.« + +»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen +Gedanken gekommen sind.« + +»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre +Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört, +schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.« + +»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte, +hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn +allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences +Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort. +»Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.« + +»Ich war mehr als überrascht.« + +Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd +war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem +Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine +versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn +Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole +es -- er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich +zu machen.« + +»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in +seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen. + +»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu +verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit. + +Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen +düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten +hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, +geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen +schwer. + +»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, -- und Frauen wohl +ebenfalls, -- die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib +ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man +so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört; +für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein +Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder +zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von +einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war -- +einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann +aus mir gemacht hat?« + +»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft. + +»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?« + +»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.« + +»Ja, eine Frau -- für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den +Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich +kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die +näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie -- wie innig, das zu +sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch. +Ja -- ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib +zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren -- sie hatte sich +vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das +werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte +einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben -- +viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz +unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und +als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein +Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin +für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir +beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei, +das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie +sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten +wir -- mochte geschehen was da wollte -- heiraten. Sie ging. Ich kann +mir noch jetzt all den Schmerz -- all die Qual jener Trennung von ihr +vergegenwärtigen.« + +Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde +sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum +wiedererkannt haben. + +»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es +ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie +war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen. +Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr -- niemals! In den +ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich +fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam +noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn +seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir, +daß sie verheiratet sei.« + +Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung. + +»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie +mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich +will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe -- ich war jung, und +ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich +mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit +entsprach -- daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie +glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr +gehört.« + +»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?« + +»Nein -- dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten +haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.« + +»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?« + +»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso +weißem Haar wie das meine -- sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es +ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht +mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als +das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte, +nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte +das Gefühl, daß -- wie sie nun auch sein mag -- Sie sie hören sollten. +Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben +ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt +zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie +uns von etwas anderem reden.« + +Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten +war. + +»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie +mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, +denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben. +Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich +will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast +unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet, +wieder gutmachen zu lassen.« + +»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte +Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath -- ich bitte Sie +sogar, es nicht zu tun.« + +»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen +sagen, was mich von der anderen Seite der Welt hierher nach St. +Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann +aufzusuchen.« + +»Einen Mann? Wer ist er?« + +»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht +sein. Ich weiß es nicht.« + +»Was ist er denn?« + +»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.« + +»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?« + +»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.« + +»Recht für wen?« + +»Für die Lebenden und die Toten.« + +»Wissen Sie denn, daß er hier ist?« + +»Ich weiß, daß er hier war.« + +»Vor langer Zeit?« + +»Vor vielen Jahren.« + +»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?« + +»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er +einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie +könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie -- +haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?« + +»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe +ich den Namen niemals gehört.« + +»Das wissen Sie bestimmt?« + +»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen +je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt. +Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich +halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben +sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden. +»Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den +Namen Robert Bontine nie gehört.« + + + + +10. + + +Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal +als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht +allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war +durchaus nicht übertrieben. + +Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe +Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe +standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach +und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer +und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane +von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso +wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß +sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie +dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in +strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und +verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für +eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem +nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein +Mieter für das Haus gefunden. + +Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen +darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über +den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern. + +Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte, +der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle +notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte +sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und +Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner +Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe, +eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen +Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und +dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als +beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über +ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte +man sich in St. Mellions höchlichst. + +Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger +beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten +Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den +Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er +verkehrte. + +Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso +die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem +klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden. +Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und +Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten +war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet +Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein +Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry +Wentworth bei ihm gewesen. + +Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den +Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit +Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser +Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten +in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll, +aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn +Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig +niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der +Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster +auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal +hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band +gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war +aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls +glaubte er das. + +Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der +Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich +jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum +wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort +begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über +den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen +Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen, +sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt +hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie +stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte +ihn schon seit mehreren Minuten gesehen. + +Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim +Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden +gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot. +Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm +gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während +er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde. + +»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich +müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie. + +Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie +die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch +dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht +mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an +ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein, +-- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel +besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum +gewußt. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie +nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.« + +»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten +hinausblicken sollen.« + +»Sie haben die See gern?« fragte er. + +»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in +eine Nixe verwandelt werden.« + +Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn +ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben. + +»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?« + +»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher +Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« +setzte er ruhig hinzu. + +»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es +so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause +sehr einsam fühlen.« + +Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl, +die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre +eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine +auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen +bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen +würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich +seine gewöhnliche, strenge Schroffheit. + +Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte +bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath +sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie +brachte ihn dazu. + +Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde +gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene +Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr +lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben +ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum +ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine +direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen. + +»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,« +sagte Florence langsam, in Sinnen verloren. + +Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese +Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen +Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in +Falten gezogen. + +»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort +sehr gern leben.« + +»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch +vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!« + +»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?« + +»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.« + +»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine +Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst +Australien ansehen.« + +»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath +ruhig. + +»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?« + +»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.« + +Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und +sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt. +Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen +zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions +geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um +alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie +hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen. + +Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer +Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die +Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn +unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er: + +»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine +Frage an Sie zu richten?« + +»Eine Frage?« + +Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier, +und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß +sie pikiert sei. + +»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?« + +»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath, +der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, +daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich +unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.« + +»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die +sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie +kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit +innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit +gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich +jetzt!« warf sie leicht hin. + +»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie +am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten, +wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?« + +»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn +nicht alle.« + +»Und ihre Namen?« + +»Und ihre Namen, selbstverständlich!« + +Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt. + +»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?« + +Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter, +erregter Ausdruck trat in seine Züge. + +Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf. + +»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name. +Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten +zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen +hören.« + +»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath. + +»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert +oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens +sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.« + +Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von +Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr +so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?« + +»Ich hoffte es.« + +»Er ist vielleicht fortgezogen.« + +»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem +merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich +selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus. + +»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht +tot ist.« + +Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie +nicht. + +»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name +auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers +Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.« + +»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht, +daß Sir Jasper einen Bruder hat.« + +»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel +würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.« + +»Der Bruder war also der ältere?« + +»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.« + +»Und er hieß Robert?« + +»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt +werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.« + +»Ist es schon lange her?« + +»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper +heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!« + +Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht +unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug +gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie +sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls +auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas +Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch +berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie +war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern. + +»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein, +wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade +dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche. +Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er +ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade +darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben +wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.« + +»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im +Auslande?« + +»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt +umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.« + +Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und +schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. +»Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß +Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein +schrecklicher Tunichtgut.« + +»Inwiefern?« + +»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man +gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen +Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe +ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.« + +»Sir Jasper spricht nicht von ihm?« + +»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst +sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret +genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange +her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o -- +o --« + +Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen +Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische +Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich. + +Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen +mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?« + +»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen, +Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit +mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!« + +Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich +gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig +über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die +Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn +noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken +sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an +ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte +die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß +ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau. + +»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut +in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem +Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur +Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher +Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder +an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es +war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret +Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine +solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen +wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und +fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit. +Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf +der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du +nicht mit ihm reden darfst.« + +Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen, +eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold, +denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere +Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu, +daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser +Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath +zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was +vielleicht eine Entschuldigung für sie war. + + + + +11. + + +»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich +zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder +Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde +alt,« sprach Gräfin Florence. + +Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig +gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. +Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron +sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen +halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren +Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich +in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim +Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster +stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt. + +»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt, +Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer. + +Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn +sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie +trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten, +wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern +und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen +Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den +lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre +Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast +schwarz aus. + +Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und +beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den +Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter, +aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war, +und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu +sagen habe. + +»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige +Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du +es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit +dir besprechen.« + +Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die +Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig. +Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine +kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden +wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in +schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich +schmollend. + +Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand. +Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das +junge Mädchen denken. + +»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er +an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie +möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das +brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.« + +Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich +mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar +und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan. + +»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte +sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen +weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst +gestern gewesen!« + +»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!« + +»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit +undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt +sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!« + +»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht +ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung +ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht +tun solltest.« + +»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte +übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber +ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!« + +»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!« + +»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren +Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal +nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie +in Pontresina weilt? Unmöglich!« + +»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach +England zurückkehrt?« + +»Allerdings. Ganz entschieden.« + +»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.« + +Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig. + +»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor +ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes. +Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die +Herzogin!« + +Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen. + +»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten +lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten +geschieht.« + +»Freilich.« + +»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?« + +»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr? +Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?« + +Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich +vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise +hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte +sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu +ihm empor. + +»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich. +Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und +doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus +reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du +willst!« + +Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das +hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich +damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen. + +»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und +vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine +Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.« + +»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn +mit funkelnden Augen an. + +»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.« + +»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes, +leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter, +verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich +dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt -- +wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!« + +Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine. +»Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander +passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend. + +»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb +ungeduldigen Ton ein. + +Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir +mein Wort zurückgeben.« + +»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er +ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos +anstarrte. + +»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht +leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten +es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser +als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen, +weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen! +Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine +Schuld ist. Soll ich?« + +Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er +sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein. +Sieh!« + +Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es +klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre +Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er +sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu +verbergen. + +»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend +wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume +ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere +Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres +Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was +lasest du eben? Gedichte, glaube ich.« + +»Ja.« + +Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch +wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm, +den sie hatte fallen lassen. + +»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.« + +»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.« + +»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer +Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.« + +»Leath?« + +Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst +doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?« + +»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz. + +»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß +er hier nicht verkehrt?« + +»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen +und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort +ebensogern umherzuschlendern wie ich.« + +»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich +nicht gewagt, dich dort anzusprechen?« + +Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes +schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck +gleichgültiger Verwunderung an. + +»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in +nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative +ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es +wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut, +und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies +Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.« + +»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?« + +»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die +Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und +ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.« + +»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich +außerordentlich wundere.« + +Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg +an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem +Antlitz deutlicher hervortrat. + +»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals +hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das +ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich +mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß +ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?« + +»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber, +meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon, +einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu +begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen +Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber +nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, +als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt +davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.« + +»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen. + +»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber, +bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß +das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß +die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --« + +Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung. +Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen +Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose +Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer +Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte +von einem zum anderen. + +»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große +Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?« + +Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten +grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht +gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort +überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell +zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, +ihren Verlobten zu ärgern: + +»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber +Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden +zu mögen, Onkel Jasper!« + +»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er. + +»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den +jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten +Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu +sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt -- +vergessen Sie das nicht.« + +»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe +ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem +Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann, +und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich. + +»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus +vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus +anständiger Mensch ist.« + +»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?« + +»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen +zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang +aufhalten würde.« + +»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions +zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er +war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb +draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend. + +»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche +Angelegenheit.« + +»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen. +Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund +zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte. + +»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel +Jasper.« + +»Was?« + +Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt. + +»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat +es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine +Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert +Bontine, oder hast du den Namen je gehört?« + +»Nein!« + +Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den +Augen. + +»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions +gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb, +so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt, +ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte +ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige +Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein +verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade +unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß +gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen +Robert Bontine gehört hättest?« + +Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters +entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und +scharf zurück. + +»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den +Namen Robert Bontine niemals gehört.« + + + + +12. + + +Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit +dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten +die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose, +dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf +der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade. +In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem +heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt. + +Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard +Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte +erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des +Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und +trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit +offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens +zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten +nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte. + +»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin. + +Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die +ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in +heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich +wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es +zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle +Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte +immer näher. + +»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich +hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In +diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die +behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt, +haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!« + +Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters +übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber, +wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es +war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin +durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden +um die Ecke des Hauses. + +Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die +Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig +genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem +Sattel sprang. + +»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie +sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die +Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über +sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar +mit mir durchgegangen sein.« + +»Natürlich -- natürlich!« + +Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen +Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie +müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.« + +Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte +die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die +mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die +die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß +einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen +Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage +kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut +verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu +beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück. + +Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast +heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem +Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und +wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit +einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat. + +»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen +Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht +glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.« + +»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?« + +»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der +Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?« + +»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.« + +»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir +Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer +über die Halde gekommen sein!« + +»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu +wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.« + +»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es +nicht wundervoll?« + +Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte +der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab, +zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont +erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im +Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest +aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. +Leath trat einen Schritt auf sie zu. + +»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone. + +»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das +heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die +ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein +bin.« + +»Soll ich die Fensterläden vorlegen?« + +»Nein, lieber nicht.« + +»Dann müssen Sie sich setzen.« + +Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch +niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann +es nicht lange fortgehen.« + +»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es +kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange, +besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.« + +Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte +sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen, +und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter +hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den +beiden sprach. Dann trat er an den Tisch. + +»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher +sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.« + +Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu +sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im +gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste, +holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich +streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe. + +»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte +er. »Sie kamen also von Lychet Hook!« + +»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer, +Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr +befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland +zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr +zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.« + +Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als +ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹, +die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren. + +»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt, +sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort +geblieben?« + +»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady +Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich +würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch +wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.« + +»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein +Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und +trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren. + +»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood +Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein +meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen +Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?« + +»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!« + +Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an +die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone +hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der +Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; -- +welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte, +davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung. + +»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend +die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war +zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich, +aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich +dahin, wo der Pfeffer wächst.« + +»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!« + +»Das scheint so.« + +Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der +ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer +lachte. + +»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,« +meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich +Ihnen Schutz gewährte.« + +»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.« + +Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit +unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes +Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die +Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir +nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und +jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie +nicht bleiben!« + +»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem +Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie +war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im +mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem +Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das -- +nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!« + +»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach +dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit +schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist +augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das +Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.« + +»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in +einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer +Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie +werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.« + +»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit +stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose +Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz +allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte. +Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine +Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. +Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist +ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in +Turret Court denken?« + +»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei +Brentwoods geblieben.« + +Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem +Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis +für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie +plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück. + +»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und +meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!« + +»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe +verdrießen wird.« + +Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren +großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte. + +»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch +schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und +konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem +Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein? +Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?« + +Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester, +ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er +hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht +verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut, +und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische +Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹ +gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die +kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend +über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet. + +»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das +ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz +gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht +zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut +angeschrieben bin.« + +»Nein -- das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann +Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm +anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun -- +als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?« + +Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er +wußte weshalb. + +»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für +etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?« + +Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in +seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz, +der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine +Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne +verklang, hub Leath langsam an: + +»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich +getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich +herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin, +Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.« + +Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren +Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich, +obgleich auch mit einem Anflug von Kälte: + +»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!« + +»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung +bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie +allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.« + +»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.« + +»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein +könnte.« + +Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen +leichten und heiteren angeschlagen. + +»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und +jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne +einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie +müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich +will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung. +Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren. +Daran hätte ich schon eher denken sollen.« + +»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder +von ihrem Stuhl auf. + +»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten +Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter +machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz +erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht +zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und +außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen +Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen +mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde +vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.« + +»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir +nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem +Tone. + +Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der +sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen +zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen +gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen, +selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung +gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind +schutzheischend an ihn klammerte. + +»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,« +sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt -- +Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in +ihrer Obhut sicher geborgen sein.« + +»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie +ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in +dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht -- +abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.« + +»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle +Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß +zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie +werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?« + +»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich +fürchten würde.« + +»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im +Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret +Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am +besten so, glauben Sie mir.« + +»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte +ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten +wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen -- +hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!« + +Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch +ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe. +Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen. + +»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte +er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit +ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine +halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher +in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen +wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis +morgen früh empfehlen.« + +Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte +mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei +entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze +Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von +Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine +Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste +gedacht. + +Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf +sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich: + +»Was ist Ihnen?« + +»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und +gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag +auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie +zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!« + + + + +13. + + +Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an, +Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur +Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre +Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte, +plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon. +Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach +in ein silberhelles Lachen aus. + +»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?« + +»Vermutlich.« + +»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?« + +»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.« + +»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr +Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können +mich doch nicht an die Luft setzen.« + +»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.« + +»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein +lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.« + +»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.« + +»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das +Unvermeidliche finden, nicht wahr?« + +»Ja -- das müssen wir wohl.« + +Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr +beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die +Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte +die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu +verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß +sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie +fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich +die größte Mühe gab, nicht rot zu werden. + +»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie +freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter +auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte +Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche +Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten +zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute +für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen, +so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten. +Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie +nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie +ängstigt sich schrecklich.« + +Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein +Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut +er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das +Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte +und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen +großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen +und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine +Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz +so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in +Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad +in einen Bach. + +Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem +Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit +jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu +finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen +Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war +heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand! + +Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische, +als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er +entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins +Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm +lebhaft zuwandte. + +»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu +glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist +die Stute ruhig?« + +»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter +Reitknecht.« + +»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.« + +Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling, +und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde. + +»Hat der Regen nachgelassen?« + +»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr +laufen, überschwemmt zu werden.« + +Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an. + +»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?« + +»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?« + +»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen +Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?« + +»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um +Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich +mittags, und --« + +»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte +ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse. +Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre +Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.« + +Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu +folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im +Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies. +Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie +alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit +und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen +war einfach unwiderstehlich. + +»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos! +Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst +hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube, +ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst +bedienen zu müssen?« + +»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath +geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen, +wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die +verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen +reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt. + +»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht +werden.« + +»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich +schrecklich --« + +»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein +Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir +mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.« + +»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube, +es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel +Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die +Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als +eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie +das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.« + +Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer, +und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett +in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes +mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit +drolligzufriedener Miene. + +»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein +schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich +kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte, +und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden +könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.« + +»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath +trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. +Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck +verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen +zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne +ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung +einzugehen, so gut er konnte. + +»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es +lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen +kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu +setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.« + +Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als +sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen, +und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein +Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren +großen Korbstuhl zurücklehnte. + +»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn +Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen, +den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist +mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm +hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich +Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!« + +»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite -- +quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, +daß es im Erdgeschoß liegt?« + +»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne. + +»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?« + +»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und +Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen +kann.« + +Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der +Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine +Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.« + +»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen +leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.« + +Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die +Dinge, wie sie lagen. + +»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr +Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?« + +»Ja, das ist meine Absicht.« + +»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!« + +»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie +das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten +Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste +Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.« + +»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück. +»Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?« + +»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte, +und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in +Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer +fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.« + +»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« -- +Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur +anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich +selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind. +Weshalb sollte ich auch?« + +»Weshalb, in der Tat?« + +Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver +nieder. + +Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein +Licht herbeiholte und es für sie anzündete. + +»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?« + +»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt. + +»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen, +wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?« + +»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das +recht?« + +»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es +besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. +Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.« + +Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer +Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie +nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem +Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache, +denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen +konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche +Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte: + +»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das +Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß +Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?« + +»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke +Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.« + +»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.« + +Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ +sie eintreten. + +»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie +Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie +und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu +beschaffen ist.« + +Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch +die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht. +Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück, +wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte, +den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten +blauen australischen Himmel getan. -- + +Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen +erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell. +Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer +Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ +sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den +Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und +verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit, +im Sonnenschein auf und ab zu gehen. + +So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, -- +ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er +hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen +Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er +auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache +stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie +Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb +Leath stehen und sah sich um. + +»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es +mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war, +desto besser.« + +Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren +Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen +Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt +ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie +dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte +er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach +Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran, +die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu +erledigen. + +Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete, +an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst +nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert +anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und +ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte. +Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen. + +Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem +einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der +Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach +gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum. + +Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der +Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da +öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe, +sondern Sir Jasper selbst trat ein. + +War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine +Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für +gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur +Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich +umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von +seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich +begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war +es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes +Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen. + +Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf +den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen. + + + + +14. + + +Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem +wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene +Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht +so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er +hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne +in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es +lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem +Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken. + +»Was -- was wollen Sie?« + +Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken, +aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg. + +»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu +werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus +nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß +ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu +sprechen.« + +»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso +heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung +wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand +auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr +Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie +meiner Frau zu sagen haben können.« + +»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady +Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der +Überbringer einer Bestellung an sie.« + +»Einer Bestellung?« + +»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.« + +»Meines Mündels?« + +Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der +namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen. + +»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr +Leath?« + +»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische +Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach +mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer +Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin -- +unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden +ist.« + +»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!« + +»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch +des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde. +Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.« + +»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?« + +»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so +heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin +ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --« + +»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort +ist?« fragte Sir Jasper barsch. + +»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte. +Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, -- +was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte +davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht +haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem +Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen +Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen. +Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!« + +Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend +da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im +Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel +Schlimmeres. + +Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er +sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber. + +»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was +Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter +überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es +ihr heute morgen gut?« + +»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief +noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,« +antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, +während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets +freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in +Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte, +welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und +in der Tat auch für Roy abgab! + +»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben +wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen +soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten, +da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.« + +»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath +ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr +das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. +Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr +zu entschuldigen.« + +»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause +zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie +wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den +Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären +vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie +wird Ihnen danken wollen.« + +»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art. +»Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste +-- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun +konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als +ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr +kleines Abenteuer nicht schaden.« + +Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem +Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen. + +»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das -- +unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so +unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert +Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und +dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick +einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden -- +hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um +ein solches Gebaren zu erklären?« + + * * * * * + +Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer +mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem +Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis +gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und +fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, +bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten +auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer +etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte +nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der +Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach +ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹. + +Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch +immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte +Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor +der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf +ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine +dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht +umwölkte sich auf einen Augenblick. + +Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe +stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen +bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während +Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der +warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt +wurde. + +»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig +an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in +Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu +werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich +fast in Ohnmacht.« + +»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und +erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht +geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?« + +»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn +gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute +morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern +danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was +er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle +nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen, +was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer, +nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich +würde es verrückt machen! Dich nicht auch?« + +Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad +herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht +geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer +Cousine um. + +»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.« + +»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis +inkonsequent. + +Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher +geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden +Augen entgegen. + +»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher +Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich +abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm +diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen +Abend darin gesessen.« + +»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir +natürlich angenommen haben?« + +»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde +vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz. +Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich +gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel +Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit +gewohnt sein!« + +»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß +-- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine, +Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du +mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn +Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß, +besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht -- +nicht --« + +»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls +zu finden. Wenigstens sagte er es mir.« + +»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt. + +»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger +aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus +und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein, +obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt +noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier +sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte +ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.« + +»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht +hier?« rief Lady Agathe. + +»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand +außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein +Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war, +spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an. + +»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist +sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so +böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich +denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so +viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine +Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen -- +wirklich nicht.« + +Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn +Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem +Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus. + +»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert +bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! +Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist +bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!« + +»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.« + +»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und +unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und +unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath +auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen +mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er +von dieser --« + +Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit +jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr. + +»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei +es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte +verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!« + +Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der +Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, +während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und +Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß, +kein Wort sprach. -- + + + + +15. + + +Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über +die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer +Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser +sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence +sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er +sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte +fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte +er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester +beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er +hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand +abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort +Florence Esmond begegnen konnte. + +Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und +ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters +sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war +aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand +in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den +Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des +jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann +fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen: + +»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?« + +»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich +erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war. +Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --« + +»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?« + +»Von Gräfin Florence.« + +»Gräfin Florence?« + +»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch +nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. +Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.« + +Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel +von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte +sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der +Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend +über seinen langen weißen Bart. + +»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden, +als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre +Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch +den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden, +durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter +hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!« + +»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe +ich es. Aber Chichester ist ein Narr.« + +»Ein so großer doch kaum.« + +»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch, +voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und +jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares +Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange +davor.« + +»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester +könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« +fragte der alte Herr ungläubig. + +»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht. +Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr +gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und +was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie +besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie +selbst wird die Verlobung auflösen.« + +»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte +Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, +Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende +gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich +werden würde.« + +»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig +im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr +Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der +Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und +was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!« + +Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese +Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke +wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein +weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester +vielleicht schweres Unrecht.« + +»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei +ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen +Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.« + +Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch +ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus. + +»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es +in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind +-- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem +unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat, +ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das +wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret +Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre +er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen. +Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht +vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.« + +Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder, +ehe er wieder anhub: + +»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem +behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die +Frage ist nun -- was soll ich tun?« + +»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht +recht, Leath. Was sollten Sie tun?« + +»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das +würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?« + +»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der +Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was +Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen +aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich +ganz ruhig verhalten.« + +»Das ist Ihr Rat?« + +»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.« + +»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald +ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.« + +»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?« + +»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein. +Mein gewöhnliches Glück!« + +Es trat eine kurze Pause ein. + +»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in +Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber +da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage +erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?« + +»Nicht den geringsten.« + +»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions +und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine +Spur von Robert Bontine aufzufinden?« + +»Nein!« + +»Und Sie sind noch nicht entmutigt?« + +»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die +Nachforschungen nie einstellen.« + +»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?« + +»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,« +antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, +um so besser ist es für mich.« + +Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot +stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in +den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf +die Schulter. + +»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen +nicht gleichgültig?« + +Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen +und sah dann fort. + +»Ich bin ein Narr!« sagte er. + +Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte +sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der +alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so +würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche +und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres +Wort zwischen ihnen begraben sein. + +»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun, +wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen +verscheuchen.« -- + +Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit +konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen +waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond +hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur +hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so +teuer wie ein Sohn geworden war. + +Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte, +an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die +aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so +rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!« + +Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen +bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden +so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie +wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf +Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem +Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in +ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard +Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft +für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte +und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene +Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber +die Wunde konnte noch immer wehtun. + +Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als +in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde +der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt. + +Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als +daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich +dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort, +wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum +zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn +hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des +Zimmers öffnete und der Baron eintrat. + + * * * * * + +Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege +nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven +hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam, +sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen, +der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte, +um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu +beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek +von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn +erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als +jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt? +In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort +auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse +folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus. + +Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war +aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig. +Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in +die Wangen trieb. Er sagte hastig: + +»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe +auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es +sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist, +so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!« + +»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem +gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen +Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das +passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören, +weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers +Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er +hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war, +über Sie zu sprechen.« + +»Über mich?« + +»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er +augenscheinlich gegen Sie empfindet?« + +»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen -- +aber mehr auch nicht.« + +»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?« + +»Durchaus nicht! Wünscht er das?« + +»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu +reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig +von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung +steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die +Tür weisen sollte.« + +Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus. + +»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?« + +»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas +wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute +morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten, +und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence +erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den +Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.« + +»Gütiger Himmel! Das sagte er?« + +»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir, +daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen +abbrechen sollte.« + +»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?« + +»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.« + +»Wie?« + +»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen +oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir +Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu +schaffen.« + +»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf. +»Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.« + +»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere +mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso +handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht +zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich +tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß, +daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt +war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte. +Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach +Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts +Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie +zusammenzupacken.« + +»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der +Pforte gelassen und will es erst hereinholen.« + +Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff +vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult, +das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher +nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand +gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken +vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete, +zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte. + +»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend. + +»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen +Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat +etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche, +mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange +wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn +sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an +ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages, +wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich +erlebt habe -- erzählte?« + +»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort. + +»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild +besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins +Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie +von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht +ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist +jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar +ähnlich! Wollen Sie es ansehen?« + +Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath +nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und +stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig. + +»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch +nicht schon gesehen -- wie?« + +»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet +grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!« + + + + +16. + + +»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten, +daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als +abgetan ansehe, Florence?« + +»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu +verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig. + +Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen +gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr +blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren +Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf +ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden, +und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, +die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde +haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen. +Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung +tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung +abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt +haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der +ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen, +und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze +wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. +Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem +sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache +abzufinden, so gut er es vermochte. + +Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und +zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt +hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, +nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich +hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher +Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn +seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und +sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen +glänzenden Augen noch schärfer hervortrat. + +»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« +sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn +Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch +vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es +erfahren mußtest --« + +»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort. +»Allerdings mußte ich das!« + +»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was +ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und +da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe +das Thema satt.« + +»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt +-- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, +begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen +Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?« + +»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück. + +»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich! +Die Dienstboten hier müssen davon wissen!« + +»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich +heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath +den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein +Frühstück.« + +»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon +erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester. +»Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es +satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt +bekommen, ehe es abgetan ist!« + +Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen. + +»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch +unglückselige Sache es ist!« + +Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande +nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose +Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so +hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf +und nieder zu gehen. + +»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und +man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das +macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das +nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine +Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es +ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein +Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines +Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!« + +Er blieb wiederum vor ihr stehen. + +»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas +leicht zu nehmen?« + +»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen +senkend, lächelte sie. + +»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen +angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du +hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde +es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence +Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine +zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!« + +»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!« + +»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe +dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge? +Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich +kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine +Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder +Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß -- +ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht +der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer +Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich +bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie +sind frei!« + +»Florence!« + +Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen +und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! +Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --« + +»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring +zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.« + +»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer +ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag, +zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung +jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und +sie zu bestätigen scheinen.« + +»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch +einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!« + +»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht +überlegen --?« + +»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für +allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum +drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!« + +Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung, +mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand. +Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben, +aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er +liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er +schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb. + +»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu +ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich +meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein +Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder +eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --« + +»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde +ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge +zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.« + +»Ist das dein Ernst?« + +Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von +ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz +um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem +Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor +zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. -- + +Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid +auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter +Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und +schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese +abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere +Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, -- +sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller +Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf. + +»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes +Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie +hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen +im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?« + +»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich +geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen. +Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du +dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?« + +»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte +ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich +verstehe dich ganz und gar nicht.« + +»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es +tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum +Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?« + +»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher +Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese +unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?« + +»Ja, ich habe es ihm erzählt.« + +»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe +stockend. + +»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren +werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?« + +»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich +fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich +fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester +fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das +tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit +einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen. +»Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst +du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?« + +»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath +für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.« + +»Florence!« + +Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen. + +»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht -- +wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!« + +»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt, +»du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause +wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir +leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle +Fälle nach Lychet Hut.« + +»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke +doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?« + +»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein +seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte +sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich +mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester +nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich +geweigert, ihn zu heiraten.« + + * * * * * + +Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf +seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, +daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm, +er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer +der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte +eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde. + +»Gräfin Esmond!« + +Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war +vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah. + +»Sind Sie es wirklich?« + +»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter +hierherverschlagen.« + +Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag +auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre +Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet, +eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen. + +»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu +danken.« + +»Das war ganz unnötig.« + +Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch +immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu +schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für +Sie tun konnte, gern geschehen ist.« + +»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke +Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig +zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?« + +»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind +bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.« + +»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne. +»Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes +Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.« + +»Mir Glück wünschen?« wiederholte er. + +»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? -- +Verständnis für die menschliche Natur.« + +»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und +wurde ebenso blaß wie sie. + +»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern +abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?« + +»Ja.« + +»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie +meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn +Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.« + +Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.« + +»Das hat er getan!« + +»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich +Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt +wieder inne. + +»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht +der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es +ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu +wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen, +haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war +es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen +hörten.« + +Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und +das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen, +daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher +Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde. +Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und +Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen. + +»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der +wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier +mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.« + +»Sie gehen fort?« rief sie überrascht. + +»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.« + +Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr +wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot +Chichester gehörte. + +»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?« + +»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage. +Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im +Bungalow zu wohnen.« + +»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?« + +»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es +jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich +wiederkommen werde.« + +Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen, +in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten +könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß +sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben, +obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es +ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den +er ihn gehalten, erwiesen hatte? + +»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence. + +Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich +eine Frage an Sie richten darf?« + +»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie +tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt +beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich +hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?« + +»Ja.« + +»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen +ist‹.« + +»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, -- +Robert Bontine, -- aufzufinden?« + +»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.« + +»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?« + +»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das +ist alles.« + +»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so +sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie +gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.« + +»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!« + +»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen +denn, Herr Leath?« + +»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.« + +»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen. +Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich +weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte +ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht, +es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um +Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.« + +Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr +gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence +fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte +sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd, +und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn +allein. + + + + +17. + + +»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich +Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein +werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich. + +Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens +nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das +trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den +Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte +Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte +Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem +Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm +entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes +Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne +entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich +immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt, +und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er +selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die +Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich +einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn +er wußte es seit vierzig Jahren. + +»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie +erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in +seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die +gestrige Erschütterung --« + +»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath +dazwischen. + +»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir +kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹ +Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß +ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut +erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!« + +Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine +Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten, +die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks +zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung +seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig +Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte +die Hand, die die seine umschloß. + +»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?« + +»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes +liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin +als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres +Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding, +als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu +denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf +mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer +Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot +ist?« + +»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.« + +»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie +hat sie Sie zurückgelassen? Allein?« + +»Ganz allein.« + +»Sie haben keine Geschwister gehabt?« + +»Nein.« + +Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten +hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die +Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von +dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung +geführt hatte. + +»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach +er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen. +Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild +sofort erkannten.« + +»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich +umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie +gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich +besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt. +Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich +verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben +Frau gehören könnten.« + +»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone. +Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte +er dann sanft. + +»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath +finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch +grausamer.« + +»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen +Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht. + +»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich +Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens +vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern +gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den +sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter, +wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen +die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht +entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie +schwer dafür gebüßt hat.« + +»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem +tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, +ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch +gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie +von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?« + +»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst +an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als +Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme +Seele damit meinte! Damals nicht.« + +Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster +zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem +Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die +auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand. + +»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann +tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen +nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?« + +»Das wissen Sie, Herr Sherriff.« + +»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?« + +»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton +war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich. + +»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?« + +»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.« + +»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?« + +»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.« + +»Und er ließ sie arm zurück?« + +»Er ließ sie am Bettelstabe.« + +»Er war also arm?« + +»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!« + +»Tragen Sie seinen Namen?« + +»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt, +der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.« + +Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und +nahm das Bild vom Tische. + +»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er +ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie +bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen, +aber jetzt nicht.« + +Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und +verschloß es sorgfältig. + +»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der +Mortlakeschen Papiere zu helfen?« + +Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit, +suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines +Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben. + +Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff: + +»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten +Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen +Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.« + +Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf +den Tisch. + +Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit +dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich +Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten, +enthielten, und setzte hinzu: + +»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger +geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn +der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen +sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er +arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt +wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter +seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen, +wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit +hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht +haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem +ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und +anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein +bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court +herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht +-- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie +ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten +geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges +Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem +Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf, +leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es +ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und +ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut +liegen.« + +»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das +Paket aussah?« + +»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem +verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten +ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.« + +Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen +Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich +niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. +Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine +Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit. +Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, +und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf +den kleineren. + +»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird +kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.« + +Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war +augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein +dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden +nicht viel anzufangen. + +Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches +Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses +zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas +anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es +langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das +von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen. + +Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke +wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber +lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, +natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor +sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben +gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden +Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm +sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel. + +Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine +Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz +da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos +und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme +frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz +zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem +Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las +es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den +Briefen. + +Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift +einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie +von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr +als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu +Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie +niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter +Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so +in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies +nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda +anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er +auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence +draußen vor dem offenen Fenster stehen. + + + + +18. + + +Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der +Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte +sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr +Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie +am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck +um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte +Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus. + +»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl +nicht gehört?« + +Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht +der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen +hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen +bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig +zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine +Aufforderung, ehe sie eintrat. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie +nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff +ist augenblicklich nicht hier.« + +Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein +starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die +Glastür ein und nahm Platz. + +»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause +weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht +stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen +seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt +habe. + +Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise -- +ihm war, als müsse er ersticken. + +Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut +ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische +verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr. +Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt, +ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff +stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst +wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den +Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe. + +Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des +Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei. + +»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr +bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme +fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen +ist?« + +»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.« + +Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich +aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen? +Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß +er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher +gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei +dem Gedanken ballten sich ihre Hände. + +»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,« +sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt +inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß +ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.« + +»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er. + +»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln. +»Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court, +und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante +und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin +ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig. +Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich +in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina +zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem +herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn +nicht mehr sehen sollte?« + +Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung +auffaßte. + +»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde. +Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.« +Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als +bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann +Sie reisen?« + +»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins +Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.« + +»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?« + +»Ja.« + +Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie +sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« + +Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos +überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen +und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm +auf dem Tische lag. + +»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte +meines Gartens?« + +»Natürlich,« antwortete sie bestürzt. + +»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?« + +»Ja.« + +»Weshalb war das?« + +»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.« + +»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie +sich der Antwort?« + +»Ja.« + +Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr +an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer +bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich +zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie. + +»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.« + +Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick +machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln +zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr. + +»Wollen Sie das lesen?« + +Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand. + +»Verstehen Sie es?« + +»Ich weiß, was es ist.« + +»Aber mehr begreifen Sie nicht?« + +»Nein.« + +Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr. + +»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte +Sprache.« + +Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während +sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den +Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich. + +»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden, +-- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht +wahr?« + +»Ja, das verstehe ich.« + +Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug +und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war. + +»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie +ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber +zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen +haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr +erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob +Sie begreifen.« + +Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie +die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die +Augen mit einem Schauder ab. + +»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin +ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich +von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu +beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit -- +ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.« + +Er deutete auf den kleineren Kasten. + +»Ich habe sie dort gefunden.« + +»Wann?« + +»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.« + +»Und keiner weiß davon?« + +»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?« + +Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn +von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam +durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß. + +»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte +sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube +ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?« + +Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein +würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner +Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien +ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein +getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu +reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich. + +»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun. +Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam. +Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß +es mir gelungen?« + +»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt. +Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!« + +Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das +Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah +jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper +Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die +Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie +herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen +Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte. + +»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?« + +»Tun?« + +Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte. + +»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich +gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?« + +»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie +sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken +Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach -- +Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder +-- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde +Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre +zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie +ihrer, ich beschwöre Sie!« + +Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von +ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz. + +»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für +die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich +können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre +Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das +Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete +Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich +gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder +gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? +Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das +mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen +zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß +die Wahrheit sagen.« + +»O, Sie müssen es nicht -- Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände. +»O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen +-- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen. +Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur +einfallen sollte, wie.« + +Sie blickte ihn flehend an. + +»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich. +Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? +Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen, +und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken +Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger +Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich +will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es +nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!« + +Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine +ungeduldige Bewegung mit der Hand. + +»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu +verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem +Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied +machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, +um mein Schweigen zu erkaufen.« + +Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen +und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen, +wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein +Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte +er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht +und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose +Gebärde der Verzweiflung. + +»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt. +Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für +Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist +schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen. +Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür +geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!« + +Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach +in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine +Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem +fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger +zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte +und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber +jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr. + +»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes +gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen +Preis!« + + + + +19. + + +»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein +Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.« + +So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende +sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm +ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt? +Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte +dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war +eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen +blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit +weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres +Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig +sein wollte? Er hub wieder an: + +»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt, +und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie +vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch +zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht +hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn +Sie wollen!« + +»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon +gesagt?« + +Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie +zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich +nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie +dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich +Ihnen zu bieten?« + +»Das wissen Sie nicht?« + +»Nein. Was -- was?« + +»Sich selbst,« sprach er gelassen. + +»Mich selbst?« + +Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren +Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte. +Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr +ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand +ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich +zu fassen. + +»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß, +es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der +niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß +Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über +meine Lippen kommen soll.« + +Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm +fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung +wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen: + +»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie +mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines +Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger +gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus +mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen +dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence! +Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind, +-- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen +mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem +Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will +ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.« + +Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches +Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als +er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging +zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre +Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht +da. + +»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig. + +»Ja.« + +»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?« + +»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?« + +»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.« + +»Für jetzt und allezeit?« + +»Ja.« + +Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen. + +»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?« + +»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich +heiraten.« + +»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.« + +»Ebenso.« + +»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?« + +»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.« + +»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden +lassen -- und nach Australien zurückkehren?« + +»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.« + +»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?« + +»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?« + +»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?« + +»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?« + +»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen +nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen +zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an. +»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen +das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie +lachte bitter. + +»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich +irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur +mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will, +die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.« + +»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie +lieben mich?« + +»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich +dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst +zu sagen, was Sie wissen.« + +»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich +hatte nie an so etwas gedacht.« + +»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie +wissen es jetzt.« + +Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete +seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war +wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung. +Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte +es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst, +ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie +auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast +auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren +Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber +nicht ausweichen wollte. + +»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse, +Herr Leath?« + +»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.« + +»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?« + +»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern +lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es +nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber +hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath +kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie. +Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen +Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes +bedienen, da Sie es gebraucht haben.« + +»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an. +»Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe +sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.« + +»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.« + +Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an +das Fenster, an das sie getreten war. + +»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie +sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht +anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der +Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden +sein.« + +»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es +auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig. +Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade +Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen +haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch +einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?« + +Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben. +Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber +langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm +sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ +sie dann los. + +»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von +dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu +machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt, +sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und +abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.« + +Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe +daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, +auf dem sie sich niederließ. + +»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder! +Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich +aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit +sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch +etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.« + +Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit +dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr +nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen +zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu +werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde +sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte +sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte +nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser +schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen +Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben, +zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die +zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und +heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib +werden. + +Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie +den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren +Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr +zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein. + +Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde -- +sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war +alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret +Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen +Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl, +wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer +augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde. + +»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig +lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber +ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen, +selbst mit ihm zu reden.« + +»Ich ziehe es vor.« + +»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will, +wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung +durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?« + +»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten +könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.« + +»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir +Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, +in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?« + +»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das +Recht dazu, Herr Leath.« + +»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute +Lebewohl sagen.« + +Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor +ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes +Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben. + +»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch +nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie +solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence, +wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?« + +Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie +vermochte nicht, ihn anzublicken. + +»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll +Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie +viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben, +mir geraubt hat?« + +Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las +Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er +lachte in ganz anderem Tone. + +»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren +vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als +ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!« + +Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes +Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht +wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis +morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!« + +Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer +Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle +stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis +sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und +hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte. + +Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr +oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab +und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte, +Sir Jasper antreffen. + +Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl +sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete +mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie +stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl +verändern würde, wenn sie mit ihm geredet. + +Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester +gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr +angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte, +daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen +gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien +Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er +ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen: + +»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?« + +»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe, +und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als +sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie +eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze. + +»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?« + +»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im +Bungalow.« + +»Nun? Was führte dich dorthin?« + +»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl +sagen.« + +»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen +Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und +dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung +zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich +bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände +übergehen, desto besser.« + +»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe +ihn nicht gesehen.« + +»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich +denn so aus der Fassung gebracht?« + +»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.« + +»Leath? Den -- den Menschen?« + +Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt +-- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret +Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, -- +ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine +gehört hätte. Er stammelte vor Wut. + +»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?« + +»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.« + +Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das +Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen +rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete +und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den +Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich. + +»Er hat Robert Bontine gefunden.« + +Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an +-- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, +so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er +imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob +er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend: + +»Weiter!« + +»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um +dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann +sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die +Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die +ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt. +Verstehst du mich?« + +Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort: + +»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich +zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck +erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden -- +und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.« + +»Wenn er wollte?« + +Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er +auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie. + +»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein +Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm +diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe +versprochen, ihn zu heiraten.« + +Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft +umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in +demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter: + +»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil er mir sein Wort +gegeben hat, in dem Falle den Namen Robert Bontine nie wieder zu +erwähnen. Ich mache mir nichts aus ihm -- werde mir nie etwas aus ihm +machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn verlassen kann, weiß, +daß er sein Wort halten wird. An unserem Hochzeitstage soll ich die +Beweise, von denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, -- +das hat er mir auch versprochen. Ich werde meinem gegebenen Worte +nicht untreu werden, und er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern, +weshalb ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke ich -- ich habe +Tante Agathe und ihre Kinder sehr lieb.« + +Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes Verständnis, wie +eine gewisse Erleichterung zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im +Lehnstuhle. Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. Florence +hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. Nach einer Weile erhob sie +sich und schritt auf die Türe zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte +um ihre Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach: + +»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich gehe. Ich fürchte, +es ist kaum wahrscheinlich, daß die Herzogin mit meiner Verlobung +zufrieden sein wird. Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause +ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot Chichester von +Highmount. Es ist möglich, daß sie ihre Einwilligung versagen wird. +In dem Falle ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner +Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert und daß du, Onkel +Jasper, die deinige nicht verweigern wirst.« + +Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging die Treppe hinauf, +um sich in ihr Zimmer zu begeben. Sie fühlte, daß es mit ihrer +Selbstbeherrschung vorbei sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe. +Auf der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade verließ. + +»O, Florence, da bist du ja!« rief sie. + +Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht ihrer Cousine nicht +deutlich sehen konnte. + +»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur stecken könntest! Weshalb +hast du nicht im Bungalow auf mich gewartet? Du kannst dir mein +Erstaunen vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.« + +»Ja -- ich kann mir denken, daß du erstaunt warest, Cis.« + +»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem Gedanken, daß du +den langen, heißen Weg zu Fuß gemacht hast, noch dazu, wo du nicht +wohl bist. Und --« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie wußte +nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar Tagen merkwürdig +verwandelten Florence eigentlich daran war -- »hm -- das Mädchen sagte, +Florence, daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.« + +»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.« + +»Was -- den ganzen Weg? Hierher nach Turret Court?« Aus ihren +weitgeöffneten Augen sprach Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich, +Florence, ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie +tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute Munde seid! Du +hattest ihn nicht mit dir gehen lassen dürfen. Er hat kein Recht, sich +dir auf solche Weise aufzudrängen.« + +Florence lachte und legte der andern die Hände auf die Schultern. + +»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe Cäcilie. Aber in diesem +besonderen Falle irrst du dich zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller +Augen wie hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr Leath das +Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. Ich habe soeben versprochen, +ihn zu heiraten.« + + + + +20. + + +In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten und freundlichsten +Raume des Schlosses, sah es trübselig aus. Lady Agathe, die in ihrem +Lieblingsstuhl saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und +schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den Boden herabgeglitten +und lag dort vergessen. Cis, deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert +aussah, stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. Vor noch +nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter Sir Jasper geschlossen, +der hinausgegangen war und all diesen Jammer zurückgelassen hatte. +Wie unwillkommen sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch stets +seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er doch nie mit einer so +niederschmetternden Mitteilung erschienen wie eben, und die Wirkung, +wenigstens auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit den +kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner scharfen Stimme hatte +er die Verlobung seines Mündels mit Everard Leath und seine eigene +Einwilligung mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, wie +er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu eingeschüchtert war, um +angesichts seiner kaltblickenden Augen eine Szene zu machen, brach vor +Erstaunen, Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus. + +»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte sie, »niemals, Cäcilie! +Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen +Ohren nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals spaßte, so würde +ich sagen, er macht einen Scherz mit mir. Aber er sagte ganz deutlich, +Florence hätte sich mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?« + +»Ja, Mutter, das sagte er.« + +»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?« + +»Ja -- auch das.« + +»Ich kann -- ich will es nicht glauben!« rief Lady Agathe unter neuem +Schluchzen. »Florence sollte sich mit solchem Menschen verlobt haben! +Er ist doch durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der ihn nie +ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn heiraten soll! O, ich bin +wie betäubt! Sie macht sich doch gar nichts aus dem Menschen, nicht +wahr?« + +»Ich -- ich fürchte nein, Mutter,« antwortete Cis mit verlegenem +Zögern. »Aber ich habe seit langer Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in +sie verliebt war.« + +»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady Agathe. »Wenn das so ist, +so ist es eine unverschämte Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es, +jammerschade, daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina gegangen +ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, und sie hätte in aller +Gemütsruhe Chichester geheiratet. Aber ich kann es nicht glauben, +liebes Kind, daß es ihr Ernst ist -- ich kann es nicht. Dein Vater muß +sie mißverstanden haben. Nein -- ich glaube nicht, daß es wahr ist, bis +Florence selbst es mir bestätigt.« + +»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich um. »Florence hat es mir +selbst erzählt.« + +»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. »Sie hat es dir gesagt?« + +»Ja -- gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir +verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause +bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden +Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine +Zustimmung gegeben hatte.« + +»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die +Mutter mit einem neuen Tränenstrom. + +»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich -- so ganz anders als +sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir +erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu +sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als +ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer +aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht +nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in +zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern +leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, +ich wäre tot!« + +»Doch wohl nicht im Ernst, Cis -- hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines +Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!« + +Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen +in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das +offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen +allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr +gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr: + +»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich +angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls +wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine +Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.« + +Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber +ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte +und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges +kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das +Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen +Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath +gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere +Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie +nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer +selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein -- sie bereute es +nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem +Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt +das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein +kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang +sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das +Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte. + +»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen +Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence -- was kann dir nur in +den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr +Leath dich wirklich liebhat, Florence?« + +»Mich liebhat?« + +Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor sich, dessen kühler, +ruhiger Ausdruck wie umgewandelt war, die leuchtenden Augen, die von +verhaltener Leidenschaft vibrierende Stimme -- die ganze Glut des +Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber auf sie ausgeübt +hatte. Ob er sie liebte? Mochten seine Sünden gegen sie so groß sein, +wie sie wollten, mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so sehr +sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel. + +»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt mich. Davon kannst du +fest überzeugt sein.« + +»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« meinte Lady Agathe +verzweifelt, »aber was die Herzogin sagen wird --« + +»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, was die Herzogin sagen +wird. Onkel Jasper willigt ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir +mein Vermögen zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« fiel ihr +Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit ins Wort. + +»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. Wenn diese +Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest du, daß die Verlobung +geheimgehalten wird?« + +»Geheim?« + +Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um. +»Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie +geheimgehalten werden?« + +»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,« +stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der -- unseligen +Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es +besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute +lassen sich nicht den Mund verbieten -- es ist schändlich, aber sie +werden --« + +Florence drehte sich jäh um. + +»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe, +ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz +preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger +hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath +erwartet mich, ich will gehen.« + +Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf +Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem +Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz, +-- ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine +und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß +du glücklich bist, so stolz auf Roy, -- nicht wahr? -- deinen einzigen +geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen -- nicht? -- und wenn ihm +etwas zustieße -- dich vielleicht gar töten? Nein, nein -- sag’ nicht +›Ja‹ -- antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!« + +Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft +in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis -- du siehst +kläglich aus, -- du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst +mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid, +wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine +Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz +glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich +gehen.« + +Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen: +sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn +sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu +verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst +als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem +Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen +ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage +verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen. + +Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im +Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb +stehen, und er kam sofort auf sie zu. + +»Ich -- ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas +mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, +als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen +Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht -- er hatte sie +genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe. + +»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf +seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, -- Sie sind sehr +schnell gegangen, -- das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort +steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?« + +Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten, +ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten +hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß +er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das +war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie +und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache +nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie +allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm +wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder +Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie +wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn +geliebt hätte! + +Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz +geschaut. + +»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum +Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht +geschlafen?« + +»Ich habe es gar nicht versucht.« + +»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. Soll ich weiterreden, +oder möchten Sie lieber, daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?« + +»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr gut anhören. Sagen Sie +mir, bitte, alles, was Sie mir zu sagen haben,« sprach Florence +gelassen. + +»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, daß zum Glück sehr +wenig übrigbleibt.« + +Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, und wickelte es um die +Finger. + +»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir Jasper gehabt?« + +»Ja.« + +»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, gesagt?« + +»Ja -- das habe ich getan.« + +»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich nicht?« + +»Nein -- das tut er nicht.« + +»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der Herzogin nicht bedürfen.« + +»Nein, die brauchen wir nicht.« + +»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich würde es vorziehen, +daß Sie Ihr Vermögen behalten. Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich +bin auch nicht reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau +irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt sind.« Er hielt inne +und spielte noch immer mit dem Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht +unwissend,« hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder an, +»aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt es mir wohl ob, ihn +aufzusuchen, nicht wahr? Soll ich heute zu ihm gehen?« + +»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. Ihnen zu sagen, daß er Sie +morgen sehen wolle.« + +»Gut. Wenn er es vorzieht -- um welche Stunde?« + +»Das überläßt er Ihnen.« + +»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.« + +Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe und Cis um ihre Verlobung +wüßten und wie sie diese aufgenommen hätten, und Florence antwortete, +daß sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien. + +»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein Mortlake ist ein +allerliebstes kleines Geschöpfchen, und ich weiß, Sie halten viel von +ihr. Wollen Sie ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit +der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?« + +»Ja -- das will ich tun.« + +Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie war sich einer +Regung der Dankbarkeit bewußt. Er hätte ihr die Sache viel schwerer +machen können; sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen, +daß sie ihr Wort halte -- warum sollte er auch nicht? -- aber er war +zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich gewesen. + +Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand nahm, und verbarg, so +gut sie konnte, den Schauder, der sie durchbebte, als er die Lippen +darauf drückte. Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich +darauf die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte, daß sie +Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht länger im Freien bleiben +könne. + +»Das sollen Sie auch nicht.« + +Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in das blasse, müde +Gesichtchen mit den dunklen Schatten unter den Augen, dem Schmerzenszug +um die zarten Lippen. + +»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie elend Sie aussehen -- wie +ein Schatten Ihres lieblichen Selbst! Und daran bin ich wohl schuld? +Ich -- gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, Florence?« + +»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. Hohn und stumme Vorwürfe +lagen darin. »Brauchen Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch, +daß Sie mich darnach fragen?« + +»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt jetzt ihre beiden Hände +und blickte mit düsterer Zärtlichkeit auf sie herab. »Ja -- ich bin +wohl brutal -- ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie wohl +freigeben, -- das müßte ich eigentlich! Ein guter Mensch würde das +tun.« Er hielt inne und holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin +kein guter Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!« + +»Ich -- ich habe Sie nicht darum gebeten,« sprach Florence mit +schwacher Stimme. + +Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens entbinden sollte, mit +dem sie sein Schweigen erkauft hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken +überlief es sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals tun +würde. + +»Nein -- Sie haben mich nicht darum gebeten, -- das ist wahr. Aber ich +kann sehen --« + +Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. »Mein armes kleines +Lieb -- mein armes kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein +Haar krümmen möchte -- liebe es so, daß ich mir die Hand abhauen würde, +ihm zu dienen, wenn es sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um +es so aussehen zu machen!« + +»Lieben?« + +Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu mächtig, um ihr zu +widerstehen, trotz des panischen Schreckens, von dem sie sich eben +erholt hatte: sie warf ihm einen Blick der Verachtung zu. + +»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, aber mehr tun Sie +nicht.« + +»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? Glauben Sie das? Dann denken +Sie hieran, mein Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!« + +Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, zu kraftvoll, als daß +sie ihm hätte wehren können, schloß er sie fest in die Arme und küßte +sie zweimal mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick +hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei losgerissen und +floh über das Gras, ohne einen Blick zurückzuwerfen. + +Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach einer unwillkürlichen +Bewegung, sie zurückzuhalten, blieb er regungslos stehen und sah der +Davoneilenden mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden, +nachdem sie verschwunden, machte er kehrt und verließ den Garten von +Turret Court. + +Er ging über die Halde und durch St. Mellions nach dem Bungalow. In +gewohnter Weise durch die Veranda eintretend, fand er Sherriff im +Wohnzimmer in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden Kasten +standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und der alte Herr hielt einige +Schriftstücke in der Hand. Sein schönes Gesicht war noch bleich und +abgespannt, aber es hellte sich beim Eintritt des jungen Mannes auf. + +»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, Everard,« sagte er mit einem +Lächeln, »und habe mich ohne Sie an die Arbeit gemacht.« + +»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem Augenblick steh’ ich zu +Ihren Diensten, aber erst habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.« + +»Mir mitzuteilen?« + +In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen lag etwas, das Sherriff +veranlaßte, schnell aufzublicken. + +»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er. + +»Nein -- oder hoffentlich werden Sie es nicht dafür halten.« Er +hielt inne. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie mich vor einiger Zeit +beschuldigten, Gräfin Florence Esmond zu lieben?« + +»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich dessen.« + +»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie recht hatten, denn ich +war mir seit Wochen meiner eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich +liebte sie -- ich tue es noch -- ich werde sie stets lieben! Aber +nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, daß ich es ihr je sagen +würde. Die Umstände haben sich indessen geändert, und ich habe es ihr +gesagt. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt hat, +meine Frau zu werden.« + +»Leath!« + +»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das sein würden. +Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch mehr: Sir Jasper hat -- ihr, mir +zwar noch nicht, -- seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.« + +»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!« + +»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? Obwohl ich gern +zugebe, daß ich keine sogenannte Partie für sie bin.« + +»Und sie -- Gräfin Florence -- hat versprochen, Sie zu heiraten?« + +»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, fürchte ich?« + +»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr als überrascht -- ich +bin wie aus den Wolken gefallen!« + +Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das weiße Haar. + +»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, »daß sie Ihre +Gefühle für sie erwidere -- nicht die leiseste. Und Sie sagen, sie tut +es?« + +»Bis jetzt -- nein. Aber ich sage, daß sie es soll.« + +Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der ruhigen, gleichmäßigen +Stimme, und der Redende regte sich nicht. Der Alte blickte mit einem +Ausdruck zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf die stolze +Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig dastand. + +»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich habe euch beide lieb, +und nichts könnte mir ein größeres Glück gewähren, als euch miteinander +glücklich zu sehen. -- Aber bedenken Sie, lieber Junge, um Florences +und um Ihrer selbst willen, -- in der Ehe ist kein Glück möglich, wenn +nicht auf beiden Seiten Liebe vorhanden ist.« + +»Das weiß ich sehr wohl.« + +»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben zu, daß Florence sich +nicht so viel aus Ihnen macht wie Sie aus ihr. Hat die Art und Weise +der Lösung ihres Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren +Antrag anzunehmen?« + +»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine Eindruck sein, obwohl es +-- um ihretwillen -- dem schlecht gehen wird, den ich das aussprechen +höre! Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester ein Narr +war, -- wofür ich ihm allerdings von Herzen dankbar bin, -- hat nichts +damit zu tun, daß sie mir ihr Jawort gegeben.« + +»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, aber davon bin ich +überzeugt,« setzte der alte Mann mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß +Sie sie nicht heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie sie +glücklich machen könnten.« + +Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es +dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er, +ohne sich umzuwenden: + +»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu +heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.« + + + + +21. + + +Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und +seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren +seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und +die Herzogin war in Turret Court eingetroffen. + +Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert. +Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, +allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe +in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu +reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege +nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung, +die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper +Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch +nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen, +und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als +Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt. + +Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr +bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner +Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, +und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu +Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen +Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte, +die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das +weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer +Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube +übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die +Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts +würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei +diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der +sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog. + +»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere +denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« +rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der +sanften Hausherrin gegenüber, niederließ. + +Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid +sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß +schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug +einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit +einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der +Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen +Augen angstvoll zu klopfen begann. + +»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von +Florences Verlobung?« + +»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann +zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?« + +Lady Agathe lächelte matt. + +»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem +Briefe mitteilte.« + +»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich +der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, -- +anderen Sinnes zu werden!« + +»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so +herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch! +Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady +Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat +sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet; +er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --« + +»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei +einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was +fehlt ihm eigentlich?« + +»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte +nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt +zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen, +so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu +wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine +Partie für sie.« + +»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin. + +»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube +ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem +Vierteljahr häuslich nieder, und --« + +»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere +ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich +sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?« + +»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich, +Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde +sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien +unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.« + +»So.« + +»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady +Agathe hinzu. + +»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?« + +»Er scheint es allerdings zu wünschen.« + +Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die +Sofakissen zurück. + +»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in +Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.« + +»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe. + +»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz +ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt. +Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein +armer Verstand das nicht zu fassen vermag.« + +Lady Agathe fing an zu weinen. + +»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie +und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber +mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.« + +»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt +geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe, +bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit +deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.« + +Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in +herrischem Tone. + +Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete +sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich +eintrat. + +Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem +breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr +kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre +großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und +sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem +verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich, +zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber +ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat +gewesen. + +»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich +glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante +Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?« + +Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren +Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie +schützend, den Arm um sie legte. + +Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem +Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung. + +»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl +daran, dünkt mich.« + +»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne +dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf +mich, nicht auf dich.« + +Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich +fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?« + +»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel +in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können. + +»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese +Röte gibt.« + +In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die +verschränkten Arme auf die Lehne. + +»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz +offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath +versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas +ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was +auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das +weiß er.« + +»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir +doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?« + +»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?« + +»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe, +Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?« + +»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.« + +»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?« + +»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen. +Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr +fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen +hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹ +nennen würde.« + +»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?« + +»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.« + +»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre +mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper +Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich +wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner +gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die +glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der +Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich +zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie +erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich +nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu +wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen, +so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du +seine Frau bist. Und damit basta!« + +Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte, +daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde. + +»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,« +sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir +lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten. +Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn +zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in +demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend +etwas zu sagen, ehe ich gehe?« + +»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist +wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch +weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet, +so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand +vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!« + +»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig. + +»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich +zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich +freizugeben.« + +»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn +Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß +ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den +Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.« + +»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche +Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt +oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest +entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?« + +Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen, +blickte sie die Herzogin an und sagte: + +»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.« + +»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt. + +»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller +Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen +würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe +Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und +die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier +werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu +empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit +ihm hier sein.« + + + + +22. + + +Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer, +in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter +war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder +Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen +Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem +Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er +wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm +äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im +allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war +nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze +gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem +Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von +dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute, +hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert +Bontine gegen Florence erwähnt. + +Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich +zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die +täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm +abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das +ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte. + +Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt +hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie. + +»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was +gibt es denn?« + +Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können, +und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau +gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im +Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur +wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war +und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck +hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für +den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, +mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie +warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn +geliebt hätte. + +»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein +Liebling?« + +Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt, +wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre +Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie +erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand. + +»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor. +»Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.« + +»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich +vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir +selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht +vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es +sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?« + +»Vorgefallen kaum.« + +Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen +ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu +sehr gelegener Zeit.« + +»Darf ich fragen, weshalb?« + +»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.« + +»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --« + +»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht +vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier +ist?« + +»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie +wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?« + +»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.« + +»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?« + +»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend. + +»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.« + +Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht +getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte, +regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er +mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben, +aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht, +dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte +sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war +unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein +Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem +Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst +die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein +Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch +ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief. + +»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber +vorher möchte ich noch etwas sagen.« + +Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung +sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem +Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden, +ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich +wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie +Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen, +solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!« + +Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer +erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest +über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte. + +»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr +sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.« + +»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das +Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den +Vorzug, durchaus wahr zu sein. + +»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit +entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu +machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar +böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren, +Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. +Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen +mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich +nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich +ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.« + +Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie +rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die +voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch +fester. + +»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die +ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und +dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf +bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich +werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten, +oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?« + +Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte +sie aus freien Stücken noch nie getan. + +»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie +Sie sagen, hinter uns haben.« + +Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch +immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein +Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd, +in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst. + +Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei +Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war +ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath. +Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die +Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine +Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In +den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine +Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern +war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte +nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen. + +»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen +mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten +möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie +ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen +bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem +gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.« + +»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch +heiraten, Everard.« + +Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte +sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur +eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand +auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit +dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich +glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.« + +Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie +verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte +während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich +weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt. + +Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die +Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und +sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam +behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die +Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit +müdem, ironischem Lächeln an. + +»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone, +»ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin. +Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, +das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin +wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, +wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke +Ihnen, Herr Leath.« + +»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick +und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde +Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens. + +»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz +erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest +du, daß ich jetzt gehe?« + +Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich +in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit +seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre +Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und +schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die +Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein +Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung +geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu +widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu +mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So +ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an +seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen +Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen +nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der +Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte. + +»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als +Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch +kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige +Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr +gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.« + +»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich +auszuruhen, wenn du kannst.« + +Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr +tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er +im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, +könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?« + +Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum +zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße +Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte, +sich loszureißen, aber er hielt sie fest. + +»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen? +Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, +du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!« + +»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!« +erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache +mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun! +Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen +-- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen +Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu +zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen +Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!« + +»Wirklich nicht?« + +Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde +empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht, +und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten. +Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes +kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig +verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand +schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber +gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.« + +»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen +sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!« + +Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach. + +Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte +immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine +Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine +Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete +eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem +großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem +Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die +näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen +Gliedmaßen und gähnte ungezwungen. + +»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da +waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, +fortzugehen -- wie?« + +»Ja. Weshalb?« + +»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein +anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute +gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch +führen.« + +»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß +ich Luft für sie sei.« + +»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat +wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?« + +»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg. + +»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute +morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein +Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso +gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die +alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr +ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu +unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?« + +»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?« + +»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde +haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?« + +»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte +den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.« + +»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor +zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie +ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm +aufgefallen ist?« + +Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des +jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte +Leath den Kopf. + +»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum +dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt. +Was sollte mir aufgefallen sein?« + +»Nun, wie er sich verändert hat!« + +»Hat er sich verändert?« + +»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er +hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager +wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für +einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar +auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene +einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar +nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte +mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin +überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St. +Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows -- +auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er +hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und +gar nicht.« + +»Was wollte er damit sagen?« + +»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte +nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem +gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu +ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist +seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.« + +»Umherzuschleichen?« + +»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter +morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus +dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie +getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er +meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war +er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt +zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die +Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun +pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens, +denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es +muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich +nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.« + +»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog +sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings +sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.« + +»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei +uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er +wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber +sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste +noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten +Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie +nicht um Ihren Weg über die öde Halde.« + +Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter +Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte, +war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu. +Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken +waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ +von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte, +sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub +gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, +seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war +nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend. +Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und +das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein +Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas +für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser +gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut, +nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde +es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen +Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die +Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie +gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon +damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an +Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er +in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter +gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem +leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie +sollte ihn noch lieben lernen! + +Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege +abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu +gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen +Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande +der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an +die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick +erschrocken stehen. + +»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,« +sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen. + +Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit +starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am +Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher +Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah +nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten +ihn noch immer. + +»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst. +Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre +furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines +Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht +besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich +diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich +ihr entsagen? Wenn ich --« + +Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten +hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen +Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze +Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war +hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der +ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante +drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte +sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte +er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf +dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei +stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp +festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten +ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt, +erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen +Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er +festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen +Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er +mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen +und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle, +und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, +blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences +Felsenkammer zusammen. + + + + +23. + + +Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte +es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort, +der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das +kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt +stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte. + +»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner +freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der +Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich, +eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so +kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath +ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.« + +»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als +ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; +er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben +Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das +Mädchen. + +»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann +gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« +fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der +Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist +es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern +abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein, +denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch +in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er +öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.« +Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre +fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden +wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich +glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.« + +Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür, +der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der +Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte. + +»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er. + +»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich +wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf +den nächsten Stuhl sank. + +In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem +leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde +entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen +und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an: + +»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court +zurückkam, stürzte ich von der Klippe.« + +»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest +aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen +Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff. + +»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner +anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch +lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle, +die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?« + +»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du +hinunter?« + +»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt +mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht +meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein +Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins +Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen +Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu +werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.« + +Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten +konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit +einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte +allmählich in sein Antlitz zurück. + +»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach +fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.« + +»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte. + +»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?« + +»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster. + +»Nicht?« + +»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.« + +»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen. + +»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und +festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur +Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß +nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich, +wie gesagt, hinabgestürzt.« + +»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt. + +»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich +von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so +gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein +überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich +kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann +es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber +er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es +getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden +worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein +Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher +genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir +Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen, +der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?« + +»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf. + +»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu +war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde +ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen +-- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male +gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er +sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe +ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen +Verdacht zu schöpfen.« + +»Großer Gott! Welchen Verdacht?« + +»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt +nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, +um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste +nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen +gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.« + +»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt. + +»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert, +weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich +gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie +haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt, +weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar +Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.« + + * * * * * + +»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier +sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so +wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im +Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis. + +Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie +ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der +großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht +empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte, +daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend +umwandte. + +»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch +aus, Schatz!« + +»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als +dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und +deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!« + +»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe +seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist +wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich +bin nicht recht aufgelegt dazu!« + +»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte +Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden, +Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du +siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte, +du trügest es nicht.« + +»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence +mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine +Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich +nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?« + +»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin +ist bei ihr.« + +»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich +haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen. +Will sie wirklich heute fort?« + +»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt, +sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe. +Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! +Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr +gefürchtet!« sagte Cis lachend. + +»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt. + +»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen +sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley +zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend +ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du +wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.« + +Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln +wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf +die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen. + +»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte +sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen. +Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte +phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe +sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten +beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein +Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist +es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume! +Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte +wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in +mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten +und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens +überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt +es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und +weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen? +Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?« + +Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte +sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag +sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war +immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte +zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn +sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach +irgendeiner Richtung hin erregen konnte. + +Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem +Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. +Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff. + +Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths +zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt +worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber +das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine +weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und +sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie +beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen. +Sie eilte auf Leath zu. + +»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!« + +»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem +Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach +er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper +aufzusuchen.« + +»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde +gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und +etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf. +»Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr +Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das +alles zu bedeuten hat!« + +Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte. + +»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?« + +»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr +geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.« + +»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.« + +Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit +weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte +hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie +er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf +hob und auf Sherriff deutete. + +»Sie haben ihm alles gesagt?« + +»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen. +Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen, +aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt, +du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches +Schweigen beobachten wird wie du oder ich.« + +»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender +Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung +hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt +-- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der +einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein +Kind.« + +»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos. +»Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie +blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?« + +»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte +miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen +Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der +gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten +ein Zeuge zugegen ist.« + +»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?« + +»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?« + +Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas +wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der +Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand +zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus +ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein +anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden, +und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat +in die Halle. + +Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er +plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame, +schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang +schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt, +erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein +grausiger Anblick. Leath hub zu reden an. + +»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf +der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier -- +und am Leben.« + +Sir Jasper gab keine Antwort. + +Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter. +Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten +Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre +Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen. + +»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam, +Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten +Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war +Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben +sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den +ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und +für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie +nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern +-- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es +nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die +sich für Ihre Gattin hält.« + +Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er +umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem +starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort: + +»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie +erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie +für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien +sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor +einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine +haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig +geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal +überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie +wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß +ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten, +daß ich Ihr Sohn war!« + +Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das +Hinundherschwanken hatte aufgehört. + +»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es +gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem +Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit +meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf. +»Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie +in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig +Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von +ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war +diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten +Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß +ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet +hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle. +Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den +Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie +ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden. +Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes. +War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.« + +Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge +Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war +schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr, +als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte, +schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor. + +»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?« + +»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem +Leibe -- ein Schlaganfall!« + + + + +24. + + +Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze +getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer. +In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die +herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so +daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und +ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in +beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das +Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen. + +Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall +sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn +schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große +Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine +solche Erschütterung gehabt hatte? + +Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum +fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser +Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war, +ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte +bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe +nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend +leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein +-- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte +ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern +jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem +Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen, +-- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere +Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich +ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von +einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady +Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen. + +Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer +Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete, +deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht +beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich +und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle +festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr +Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der +zugegen gewesen. + +Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady +Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend. +Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall +eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die +Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und +kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage +schleppten sich schwer dahin. + +Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben +Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel +gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und +zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß. +In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie +hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr +zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre +Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern +machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe, +bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter +und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen, +keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte +sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah, +wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht +trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen +konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen +Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen. + +Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre +Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit +weitgeöffneten Augen empor. + +»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige +Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?« + +Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret +Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste +Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer +entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen +konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet. +Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes +Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer +Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in +Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der +Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden +durfte. + +Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar +zurück. + +»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier +hereinführen, Morgan.« + +Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie +ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, +und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie +sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden +Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches +Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit -- +glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder +verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence, +welche bebend in ihrem Schoße lag. + +»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.« + +»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,« +antwortete sie. + +»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es. +Dann werde ich bis morgen warten.« + +»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen, +wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher +darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht +Platz nehmen?« + +»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist +wohl keine Veränderung eingetreten?« + +»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht +zu erwarten ist, nicht wahr?« + +»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache +genug für mich, wenn ich danach verlangte.« + +Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig +gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence +unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte +sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er, +dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war. +Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, +daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb +sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit, +die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den +Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie +es nicht länger ertragen konnte. + +»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so +sonderbar aus!« + +»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, -- +passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und +zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt +hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am +besten sage.« + +»Mir sage?« wiederholte sie. + +»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft +auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung +mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie +möglich. Ich gehe fort, Florence.« + +»Fort?« rief sie. »Nach London?« + +»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien +zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu +verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in +vier Tagen.« + +»Und -- und ich?« + +Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie +emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte -- +Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie +war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm +entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und +drängte sie dann sanft von sich. + +»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem +Versprechen, mich zu heiraten.« + +Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen, +schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als +fürchte sie sich, sie abzuwenden. + +»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte +er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die +Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen +schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als +ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre +Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe +zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen +lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, +Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und +als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor +gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib +wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen, +glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern +brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es -- +ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für +den Rest Ihres Lebens los.« + +Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem +sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich +nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath +weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter +traten ein. + +»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe +verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!« + +Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe +sie dieselbe erreicht hatte. + +»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen +Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich +Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.« + +»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete. + +»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort +zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.« + +»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert. + +Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu. + +»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen +Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick +zu. + +»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich. +Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von +mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein +unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.« + +»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß +ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das +Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein +dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht +glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre +-- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war +so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie +etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß +Sie sie freigeben.« + +»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln +umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe +es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein, +seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach +freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe, +und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach +Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England +niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und +mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie +glücklichere Zeiten kommen mögen!« + +Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm +mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab +und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu +des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie. + +»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches +Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich -- +die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der +regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er +fast im Flüstertone, »lebe wohl!« + +Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem +Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor: + +»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er +vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung +und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr +sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?« + +Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden, +sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf +ihre Wange gedrückt hatte. + +Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie +konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort +und sie frei war. + + + + +25. + + +Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz +dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins +Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen +gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel +heran und setzte sich. + +»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick +des andern. + +»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort steht wohl alles beim +alten, und es ist keine Wendung zum Besseren eingetreten?« + +»Nein -- nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. Wie Sir Jasper +jetzt daliegt, so kann er vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange +ausreicht, noch fünf Jahre liegen.« + +Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mannes. »Wenn wir +nach Rache getrachtet, so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.« + +»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte sanft, »nicht einmal um +Marys willen. Aber ich bin alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht +anders darüber gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung wie du.« + +»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete Leath mit einem +Stirnrunzeln, »man führt keinen Streich nach einem Toten, und in +Wirklichkeit ist er tot.« + +»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er wäre es in der Tat.« +Sherriff hielt zögernd inne. »Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung, +daß -- etwas nicht in Ordnung ist?« + +»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte es ihr sagen? Ihr Sohn +wird Sir Roy werden. Sie wird nie was anderes erfahren.« + +»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, würde ein solcher +Schlag sie getötet haben. Nun, du hast auf vieles -- auf sehr +vieles verzichtet, Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei +Unschuldige geschont, und was dir dafür wird, überwiegt alles andere +weit, das weiß ich.« + +»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. »Was ist das, wenn ich +fragen darf?« + +»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das Weib, das du liebst.« + +»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob er sich. »Es ist für mich +am besten, sich kurz zu fassen, wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe +Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben.« + +»Du hast sie freigegeben?« + +»Ja -- freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr das Versprechen +abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, daß ich ihre Liebe erringen könne. +Sie haßt mich, und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber -- +ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug über die Sache geredet; +ich wäre ein schlechterer Kerl, als ich bin, hätte ich sie in eine +unglückliche Ehe hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so +anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen Kampf gekostet, +das leugne ich nicht, aber ich glaube, ich habe das Schwerste jetzt +überstanden. Wenn nicht, nun, so werde ich in Australien besser damit +fertig werden als hier.« + +»In Australien?« + +»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet +meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der +fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten +Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei +Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?« + +»Zwei?« wiederholte der andere. + +»Ja -- wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen, +seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben +müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine +Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter -- zum +ersten Male versagte ihm fast die Stimme -- und fuhr fort: »Ich hoffe, +Sie kommen mit -- von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben +Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus +tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen, +nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater +empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist +schwer in Ihrem Alter -- mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung +sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?« + +»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt +dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard -- +aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!« + +Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das +Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe +bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig +und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges +Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die +Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er: + +»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen +wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu +berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein -- ja, ich leugne es +nicht, es war unrecht -- Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu +verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich +weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr +als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort +zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen +gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz +auf dich.« + +»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster +zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie +Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz +brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen. +Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu +tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott! +Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich +gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.« + +»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir +miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen +hofftest, nimmst du nichts mit zurück -- gar nichts!« + +»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des +Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!« + + * * * * * + +Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne +eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer, +die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die +Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften +Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von +Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor -- das letzte sichtbare +Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren +traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in +der Ferne verschwamm, -- war es doch für viele der letzte Blick auf +jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die +Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des +hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem +stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die +hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den +letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in +den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war +nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen +Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er +dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten. + +»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf +diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin, +wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein +Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den +Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust +empfunden hätte.« + +Sie gaben sich die Hände. + +»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise. + +»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem +letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary +umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich +zu Hause fühlen.« + +Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone +wieder an: + +»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein +alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich +doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig. +Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« -- + +Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt +mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So +scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr +unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war +verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen +aus. + +»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich! +Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein -- und hätte ich sie +nie mit Augen geschaut, am besten!« + +Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die +Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er +die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren +lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt +in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte -- für ihn waren der +bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern +eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig, +liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden +Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm. +Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es +am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige +Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde +das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem +Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals -- niemals!‹ +zugerufen hatte. + +»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich +hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo +alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen: +Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr +Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es +hätte wenigstens sein können. Ja -- und vielleicht hätte sie mich ewig +gehaßt. Besser so!« + +Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein +Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung +empor. + +»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte +er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir +wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie +freigegeben.« + +»Everard!« + +Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter +waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht +unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt, +ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht, +in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten +Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn -- +Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend +hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse, +mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft +an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer +Freude, an die er nicht zu glauben wagte. + +»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und +während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch +heißer. + +Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn +mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt. + +»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist +außer Sicht? Nein -- nein! Ich bin zu klug -- ich wollte mich nicht +blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich +an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber +ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte, +was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener +Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir +sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?« + +Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, aber er sprach nicht. +Er war seiner Bestürzung noch nicht Herr geworden: sie zu umfassen, +sie anzuschauen, das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre Hand +legte sich wieder um seinen Nacken. + +»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem Grauen, das mich +befiel, als es mir zum Bewußtsein kam, daß du fort seiest? Zu der +unerträglichen Pein, zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich +niemals dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder hören +würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz brach, als ich fühlte, daß +ich dich verloren? Nein, nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder +schmiegte sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, mein +Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu bringen, dich zu +lieben, und wie sehr hatte ich in meiner törichten Verblendung unrecht! +Wie lange habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe Haß genannt? +Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem du mich verlassen? Ich weiß es +nicht -- es kommt auch nicht darauf an -- hier bin ich und kann nicht +wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit wieder, Everard, aber +wie konnte ich sie hinnehmen und dir dafür danken, wenn du mir mein +Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und doch sagst du zu mir: +›Kehre um‹!« + +»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte ich mit der ganzen Welt +kämpfen müssen, um dich zu behalten!« Er küßte sie auf die Lippen. +»Florence, wissen es die Deinen?« + +»Ja -- jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court verließ, wußten sie +es noch nicht. Ich habe mich ohne ihr Wissen davongemacht. Ich wollte +nicht Abschied nehmen -- das hätte Tränen gekostet -- Szenen gegeben. +Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. Aber sie wissen es jetzt. +Ich habe der Herzogin geschrieben, habe Briefe für Tante Agathe und +Cis und einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß ich dir +nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen gesagt, daß ich, wenn sie +wieder von mir hörten, nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence +Leath sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe du ihn mir +gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe sind hinter mir verbrannt,« +schloß sie lächelnd. + +Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er ihr Gesicht emporhob und +sich zuwandte. + +»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt dich kostet? Du +gibst sehr viel auf, mein Lieb!« + +»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich selbst,« antwortete sie +innig, »was ich verliere, verliere ich um dich.« + +»Es kostet dich dein Vermögen?« + +»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger Vormund, und die +Herzogin wird mir niemals vergeben. Ja -- das kostet es mich.« + +»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben lang geliebt hast, +Kind!« + +»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin bei einem, den ich viel +mehr liebe.« + +»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung Gehen, mein Weib.« + +»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück. + +Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die Arme, und sie küßten +sich wieder. Das beredteste Wort war arm solch glückseligem Schweigen +gegenüber. + +Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als ein näherkommender +Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. Beide erkannten Sherriffs +hohe Gestalt, der langsam herankam und im Zwielichte in der ihm noch +unvertrauten Umgebung suchend umherspähte. + +Florence faßte die Hand ihres Verlobten und trat ein wenig vor. + +»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« sprach sie. »Schon deshalb +würde ich ihn lieben, hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll +auch mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.« + + + + +Notizen des Bearbeiters: + +Inhaltsverzeichnis eingefügt. + +Fett gedruckter Text markiert durch: = ... = + +Gesperrt gedruckter Text markiert durch: _ ... _ + +Unterstrichener Text markiert durch: ~ ... ~ + +Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten. + +Offensichtliche Fehler wurden korrigiert. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** + +***** This file should be named 64003-0.txt or 64003-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/4/0/0/64003/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/64003-0.zip b/64003-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..afdd6a0 --- /dev/null +++ b/64003-0.zip diff --git a/64003-h.zip b/64003-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5bf4737 --- /dev/null +++ b/64003-h.zip diff --git a/64003-h/64003-h.htm b/64003-h/64003-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c205e17 --- /dev/null +++ b/64003-h/64003-h.htm @@ -0,0 +1,12605 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.1//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml11/DTD/xhtml11.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Robert Bontine, by C. Andrews. + </title> + + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +div.chapter {page-break-before: always;} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +.p3 {margin-top: 3em;} +.pmb1 {margin-bottom: 1em;} +.pmb2 {margin-bottom: 2em;} +.pmb3 {margin-bottom: 3em;} + +hr.tb {width: 45%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both;} + +hr.chap {width: 65%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both;} + +.block4a { + margin-left: 20%; + margin-right: 40%; +} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + + .tdl {text-align: left;} + .tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + +.u {text-decoration: underline;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; + font-style: normal;} + +.antiqua { + letter-spacing: 0.1em; + margin-right: -0.1em; + font-size: 90%; + font-family: Helvetica,Arial,sans-serif;} + +.font08 {font-size:0.8em;} +.font12 {font-size:1.2em;} +.font13 {font-size:1.3em;} +.font14 {font-size:1.4em;} +.font30 {font-size:3.0em;} + +h2.no-break + { + page-break-before: avoid; + padding-top: 2em; + } + +.break {page-break-before: always;} + +/* Images */ +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; +} + +.figleft1 { + float: left; + clear: left; + margin-left: 0; + margin-bottom: 0.3em; + margin-top: 0; + margin-right: 1em; + padding: 0; + text-align: center; +} + +/* Poetry */ +.poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; +} + +.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + +.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:smaller; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; } + + +@media handheld + { + .figleft1 { float: left; } + .gesperrt { + letter-spacing:0; + margin-right:0; + font-style:italic;} + + body {margin-left: 3%; + margin-right: 3%;} + + p {margin-top: .25em; + text-align: justify; + margin-bottom: .25em;} + + h2.no-break { + page-break-before: avoid; + padding-top: 0;} + + + hr.tb {width: 45%; + margin-top: 0.2em; + margin-bottom: 0.2em; + margin-left: 27%; + margin-right: 27%; + clear: both;} + hr.chap {width: 75%; + margin-top: 0.4em; + margin-bottom: 0.4em; + margin-left: 12%; + margin-right: 12%; + clear: both;} + + .block4a {margin-left: 20%; + margin-right: 40%;} + + .break {page-break-before: always;} + + .p3 {margin-top: 0.6em;} + .pmb1 {margin-bottom: 0.2em;} + .pmb2 {margin-bottom: 0.4em;} + .pmb3 {margin-bottom: 0.6em;} + + /* Poetry */ + .poem {margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left;} + + .poem .stanza {margin: 0.3em 0em 0.3em 0em;} + + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 0.6em; text-indent: -0.6em;} + + /* Transcriber's notes */ + .transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:smaller; + padding:0.3em; + margin-bottom:1em; + font-family:sans-serif, serif; } + +} + + +</style> + + +</head> + + +<body> +<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Robert Bontine + +Author: C. Andrews + +Translator: Marie Schultz + +Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online + Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** +</pre> + +<p class="pmb3" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_1"></a></span></p> + +<p class="pmb3" /> +<h1>Robert Bontine</h1> +<p class="pmb3" /> + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p> + +<p class="center font13 pmb1"><em class="gesperrt">Enßlins Mark-Bände.</em></p> + +<p class="center font08"> +In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen<br /> +in demselben Verlage: +</p> + +<table border="0" cellspacing="0" class="tdl" summary="Enßlins Mark-Bände"> + <colgroup> + <col width="10%" /> <col width="88%" /> + </colgroup> + <tr> + <td align="right"><span class="font08">Band</span></td> + <td> </td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>1:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Leben.</b> Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>2:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Theaterkinder.</b> Roman von L. Pany.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>3:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der goldene Schatten.</b> Roman von L. T. Meade.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>4:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Gib mich frei!</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>5:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Bettelmaid.</b> Roman von J. Fitzgerald Molloy.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>6:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Sein Recht.</b> Roman von E. Fischer-Markgraff.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>7:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Eigenart.</b> Roman von C. von Ende.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>8:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Auf eignen Füßen.</b> Roman von K. Krehmcke.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>9:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Soldatentöchter.</b> Offiziergeschichten von Christa Hoch.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>10:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Erbin.</b> Roman von H. Köhler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>11:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Das Recht auf Glück.</b> Roman von H. Gréville.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>12:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der Scharlachbuchstabe.</b> Roman von N. Hawthorne.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>13:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Jessika von Duden u.~a. Novellen.</b> Von G. Genzmer.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>14:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die goldene Stadt.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>15:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Freie Menschen.</b> Roman von Thé von Rom.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>16:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Vom Baum der Erkenntnis.</b> Roman von H. Hessig.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>17:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Ebba Hüsing.</b> Roman von Willrath Dreesen.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>18:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Des Andern Ehre.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>19:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Sulamith.</b> Roman von A. und C. Askew.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>20:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Irrende Seelen.</b> Roman von V. Luzická.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>21:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Mandus Frixens erste Reise.</b> Von E. G. Seeliger.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>22:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der Herzbruchhügel.</b> Roman von H. Vielé.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>23:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Kosaken.</b> Erzählung von Leo A. Tolstoj.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>24:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Viktoria.</b> Roman von G. von Mühlfeld.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>25:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Nordnordwest. — Die beiden Friesen.</b> Zwei Inselgeschichten. + Von Ewald Gerhard Seeliger.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>26:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Hilde Schott.</b> Roman von Adolf Gerstmann.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>27:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Waldasyl.</b> Roman von Johanna Klemm.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>28:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Was Gott zusammenfügt ...</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>29:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Aus dämmernden Nächten.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>30:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Kajus Rungholt.</b> Roman von Charlotte Niese.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>31:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der verkaufte Kuß.</b> Roman von Alwin Römer.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>32:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Durch Sturm und Not.</b> Roman von J. Gräfin Baudissin.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>33:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Ich will vergelten.</b> Roman von Ellen Svala.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>34:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Haus Schottmüller.</b> Roman von August Niemann.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>35:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Robert Bontine.</b> Roman von C. Andrews.</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08">Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen:</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>36:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Käthes Ehe.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>37:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Herbstgewitter.</b> Roman von Anna Behrens.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>38:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Das arme Glück.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>39:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Karsteins.</b> Roman von H. Lang-Anton.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>40:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Von fremden Ufern.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08"><em class="gesperrt">Die Sammlung wird fortgesetzt</em>.</span></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08"><em class="gesperrt">Preis jedes Bandes</em>: 1 Mark oder 1 Krone<br /> + 20 Heller oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08"><em class="gesperrt">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</em>.</span></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font12"><em class="gesperrt">Verlangen Sie <span class="u">Enßlins</span> Mark-Bände!</em></span></td> + </tr> +</table> +<p class="pmb3" /> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_3"></a></span></p> + + +<p class="p3 center font30 pmb2">Robert Bontine</p> + +<p class="center font14 pmb1">Roman</p> + +<p class="center pmb1">von</p> + +<p class="center font14 pmb1">C. Andrews</p> + +<p class="center font08 pmb2">Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz</p> + +<p class="center font08 pmb2">1. bis 12. Tausend</p> + +<div class="figcenter" style="width: 120px;"> + <img src="images/003_logo.jpg" width="120" height="154" alt="Logo." title="" /> +</div> +<p class="pmb3" /> + + +<hr class="tb" /> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Reutlingen</em></p> + +<p class="center font12 pmb3">Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_4"></a></span></p> + +<p class="center font08 pmb1">Nachdruck verboten.</p> + +<p class="center font08 pmb1">Alle Rechte vorbehalten.</p> + +<p class="center font08 pmb1">Übersetzungsrecht vorbehalten.</p> + +<p class="center pmb3"><em class="antiqua">Printed in Germany</em></p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_i"></a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Inhalt">Inhaltsverzeichnis</h2> +</div> + +<div class="block4a"> +<table border="0" cellspacing="0" class="tdr" summary="Inhaltsverzeichnis/Contents"> + <colgroup> + <col width="20%" /> <col width="4%" /> <col width="10%" /> + </colgroup> + <tr> + <td colspan="3" align="right"><span class="font08">Seite</span></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>1.</td> + <td><a href="#Page_5">5</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>2.</td> + <td><a href="#Page_21">21</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>3.</td> + <td><a href="#Page_35">35</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>4.</td> + <td><a href="#Page_48">48</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>5.</td> + <td><a href="#Page_59">59</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>6.</td> + <td><a href="#Page_71">71</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>7.</td> + <td><a href="#Page_83">83</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>8.</td> + <td><a href="#Page_91">91</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>9.</td> + <td><a href="#Page_101">101</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>10.</td> + <td><a href="#Page_113">113</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>11.</td> + <td><a href="#Page_126">126</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>12.</td> + <td><a href="#Page_138">138</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>13.</td> + <td><a href="#Page_152">152</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>14.</td> + <td><a href="#Page_165">165</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>15.</td> + <td><a href="#Page_175">175</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>16.</td> + <td><a href="#Page_189">189</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>17.</td> + <td><a href="#Page_203">203</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>18.</td> + <td><a href="#Page_213">213</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>19.</td> + <td><a href="#Page_224">224</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>20.</td> + <td><a href="#Page_240">240</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>21.</td> + <td><a href="#Page_256">256</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>22.</td> + <td><a href="#Page_265">265</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>23.</td> + <td><a href="#Page_283">283</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>24.</td> + <td><a href="#Page_298">298</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>25.</td> + <td><a href="#Page_309">309</a></td> + </tr> +</table> +</div> +<p class="pmb3" /> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_1">1.</h2> +</div> + +<p><span class="figleft1" style="width: 70px;"> + <img src="images/capital_e.jpg" width="70" height="79" alt="E" title="" /> +</span> +s schien, als ob das Gewitter sich in wenigen +Minuten zusammengezogen hätte. Den ganzen +Tag war das Wetter wunderschön gewesen, +warm und sonnig. Es war schwer +zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer tiefer +blau sei, — an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, +auf der Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte +Welle. Dann war plötzlich die Sonne verschwunden, +große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die +zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und +See und Himmel waren grau. Ein fahler Blitz zuckte +am Horizont auf, ein dumpfes Donnerrollen unterbrach +die schwüle Stille, und schwere Regentropfen begannen +zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder, +und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, +als freue er sich des gestörten Friedens in der Natur.</p> + +<p>»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile +allem Anschein nach keine menschliche Behausung, und +dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der Tat!«</p> + +<p>Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der +sie sagte, stehen, um den Kragen seines leichten Oberrockes +in die Höhe zu schlagen. Auf der breiten, ebenen +Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog, +war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch + <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span> +irgendein Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren +können.</p> + +<p>Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den +Regen ins Gesicht trieb, und eilte schnelleren Schrittes +auf dem unebenen Fußpfade, den er seit einer Stunde +verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte plötzlich, +als ob der Donner, der über seinem Haupte +krachte, ein Schuß gewesen wäre, der unmittelbar an +seinem Ohre abgefeuert worden.</p> + +<p>»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter +ihm. »Sie finden weit und breit kein Obdach und +werden bis auf die Haut durchnäßt werden! Hierher! +Schnell!«</p> + +<p>Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine +Strecke hinter ihm, ungefähr in der Mitte zwischen dem +Fußweg und dem steil abfallenden Rande der Klippe, +stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen +Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick +stehen blieb und sie schier verwundert anstarrte, +winkte sie ihm gebieterisch mit der Hand.</p> + +<p>»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst +auch noch naß! Beeilen Sie sich, der Regen wird bald +noch schlimmer werden als jetzt.«</p> + +<p>Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, +ihrem herrischen Befehle folge gebend. Als er bei +ihr anlangte, versank sie plötzlich und verschwand unter +dem nassen Gestrüpp.</p> + +<p>»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem +Tone aus der Tiefe herauf. »Seien Sie vorsichtig — +es kommen drei Stufen. Aber fallen können Sie nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p> + +<p>Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein +Lichtschein, der zu hell war, als daß er durch das +Laub hätte fallen können, zeigte ihm das kleine +höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese +Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen +Felsstufen, neben denen sie stand. Er war ein hochgewachsener +Mann und mußte sich deshalb bücken, +um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während +er vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.</p> + +<p>»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, +»aber es ist doch dem Naßwerden vorzuziehen. Geben +Sie mir lieber die Hand, sonst möchten Sie straucheln — +der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick! +Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß +es noch schlimmer werden würde.«</p> + +<p>Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in +Strömen herab und prasselte auf den Felsen nieder. +Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin das Gesicht +zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen +erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten +kam, fiel nur bis auf die Hand, mit der sie die +seinige ergriffen hatte.</p> + +<p>»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer +so plötzlich zum Ausbruch?« fragte er.</p> + +<p>»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. +Aber ich kenne die Vorboten und konnte +deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht — nicht +eher?«</p> + +<p>»Erst als Sie mich anriefen.«</p> + +<p>»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete +am Eingang, um Sie hereinzurufen, aber das erstemal + <span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span> +hörten Sie mich nicht. Hierher! Treten Sie dorthin, +wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«</p> + +<p>Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, +umschloß die seine, und er schritt vorsichtig hinter ihr +die schmale, abschüssige Senkung hinunter, an der sie +ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der +Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der +Wellen am Fuße der Klippe vernehmlicher. Nach +einer Minute etwa ließ sie seine Hand los.</p> + +<p>»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon +sagte, ist es kein besonders anziehender Zufluchtsort, +aber er ist mir schon oft von Nutzen gewesen.«</p> + +<p>Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche +Höhle, die sich so groß wie ein kleines Zimmer in der +Vorderwand der Klippe befand. Mit einem belustigenden +Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie +jetzt erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen +auf einen flachen Vorsprung der Felswand nieder, der +groß und niedrig genug für den Zweck war.</p> + +<p>»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie +führte, nicht wahr?« meinte sie.</p> + +<p>Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte +sich der Öffnung der Höhle genähert und blickte nach +unten. Eine dicht von Schlingpflanzen überwucherte +Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann +fiel die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. +Ein Schauder überlief ihn, als er auf die wogende +Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem Bereich +des herabströmenden Regens zurück.</p> + +<p>»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort +gewählt,« sagte er.<span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span> +»Gefährlich?« gab sie zurück.</p> + +<p>»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier +oben —«</p> + +<p>»O, eines Sturzes!«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« +meinte sie gleichgültig. »Ich werde doch nicht +so nahe herangehen, daß ich hinabstürzen könnte.«</p> + +<p>»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, +»ein Sturz von hier oben würde den Tod bedeuten.«</p> + +<p>»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei +vielen anderen Stellen der Klippen behaupten. Die +Felswände sind fast überall furchtbar steil. Es ist +schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch +ein Geländer zu schützen, glaube ich; aber der Plan +ist wieder aufgegeben worden. Vielleicht ist es auch +kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden +Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, +sind eine seltene Erscheinung.«</p> + +<p>»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich +hier fremd bin?«</p> + +<p>»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens +fragten Sie mich, ob unsere Gewitter sich immer so +plötzlich zusammenzögen.«</p> + +<p>»Und drittens — wußte ich nichts von diesem +Ihrem Zufluchtsort,« ergänzte er.</p> + +<p>»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, +— ich glaube, kaum irgend jemand. Ich selbst habe +ihn ganz zufällig entdeckt.«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, +und er verschwand in dem Ginstergebüsch, das den + <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span> +Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen herabgesprungen +oder heruntergerutscht sein und konnte +sich nicht wieder herausfinden. Ich rief und wartete, +und schließlich hörte ich ihn bellen und leise winseln. +Da fand ich das Loch und bahnte mir einen Weg +hinunter.«</p> + +<p>»Und so entdeckten Sie die Höhle?«</p> + +<p>»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, +daß Sie bis auf die Haut durchnäßt sein würden, ehe +Sie St. Mellions erreichten.«</p> + +<p>»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«</p> + +<p>Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, +daß sie ihn gehört habe, antwortete aber nicht. Sie +wandte das Haupt und blickte in den grauen Himmel, +auf die graue See, den strömenden Regen und die flammenden +Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, +sie ungestört zu mustern.</p> + +<p>Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu +sein; ihre kaum voll entwickelte Gestalt war biegsam +und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war so schlicht +und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem +Beobachter fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar +auf, die Schwärze der Brauen und der langen, gebogenen +Wimpern, das dunkle, bläulich schimmernde +Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die +schneeige Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene +kleine herrische Mund.</p> + +<p>Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich +stolz und wahrscheinlich von heftigem Temperamente +war, und er zerbrach sich den Kopf darüber, +wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span> +wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde +sie einen Mann gesehen haben, der dreißig Jahre alt +sein mochte, dessen sehnige, aufrechte Gestalt auf große +Energie und Kraft schließen ließ, dessen sonnengebräunte +Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen +blonden Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart +bildete, dessen Züge weder besonders hübsch noch +besonders unschön waren, und dessen Äußeres durch +die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, +kalte blaue Augen nicht anziehender wurde.</p> + +<p>Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, +daß sie ohne allen Zweifel eine Dame sei, obgleich +ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht verriet. Sie +ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für +einen Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze +Brüskheit des Benehmens, — zu unbewußt, um als +ungezogen zu gelten, — war den Männern nicht +eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. —</p> + +<p>Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen +rauschte hernieder und füllte die Pause aus, die beiden +schnell peinlich zu werden anfing. Das junge Mädchen +machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht +verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung +des Fremden bewußt sei. Sie nahm den Matrosenhut +ab, der die losen kastanienbraunen Löckchen, die sich +auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.</p> + +<p>»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. +»Und dabei sind wir erst in der ersten Hälfte +des Juni. Mitte August ist es sonst nicht schlimmer!«</p> + +<p>»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab +der Mann ruhig zurück.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span></p> + +<p>»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig +fragenden Blick zu. »Aber nicht in diesem Teile Englands,« +erklärte sie sehr entschieden.</p> + +<p>»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von +Australien.«</p> + +<p>»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem +Interesse. »Daher kommen Sie also?«</p> + +<p>»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«</p> + +<p>Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.</p> + +<p>»Es war ein merkwürdiges Gefühl — ich werde +es niemals vergessen: mir war zumute, als sei ich aus +den Wolken auf die Erde niedergefallen.«</p> + +<p>»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«</p> + +<p>»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in +dem ganzen Lande kein Wesen gibt, das ich kenne.«</p> + +<p>»O!«</p> + +<p>Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung +zunichte.</p> + +<p>»Sie haben also keine Verwandten hier?«</p> + +<p>»Ich habe nirgends Verwandte, — die ich kenne.« +Er stockte seltsam in der Mitte des Satzes, und sein +Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten vermutlich, +ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«</p> + +<p>»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions +einen Verwandten in Australien hätte, so +würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz +England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß +Sie sich zuerst einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht +haben. Ich fürchte, Sie ahnen nicht, wie +langweilig es hier ist.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span></p> + +<p>»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl +in der Sache.«</p> + +<p>»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig +an. »Dann sind Sie nicht zu Ihrem Vergnügen +hergekommen?«</p> + +<p>»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein +— in Geschäften!«</p> + +<p>Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie +ihr Gesicht fast beleidigt abwandte und verstummte. +Sie blickte wieder in das graue Landschaftsbild und +den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.</p> + +<p>Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend +nicht bewußt war, hub wieder an:</p> + +<p>»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können +Sie mir vielleicht sagen, wie weit es noch bis St. Mellions +ist?«</p> + +<p>»Ungefähr eine Viertelstunde.«</p> + +<p>Sie sprach sehr kurz zu ihm.</p> + +<p>»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur +von Häusern erblicken.«</p> + +<p>»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« +Vielleicht hatte er sie gar nicht beleidigen wollen. +Bei dieser Erwägung wurde sie wieder fast liebenswürdig +und setzte ihm auseinander, daß das Dorf +in einer Talmulde läge.</p> + +<p>»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er +kein Wirtshaus hat?«</p> + +<p>»Nein — sogar zwei.«</p> + +<p>Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem +Tone fort: »Wir werden nicht mehr lange<span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span> +gefangengehalten werden: die Wolken teilen sich, der +Regen wird gleich vorüber sein.«</p> + +<p>Sie hatte recht, denn wenige Minuten später +schien die Sonne, und Meer und Himmel waren blau. +Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so übernahm +sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen +Gang und die drei Felsenstufen hinauf, +durch das dichte Ginstergestrüpp, das den Eingang +verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. +Hier nahm der Fremde ernst den Hut ab und verneigte +sich vor ihr. Sie hatte ihm diesmal nicht die Hand +gegeben.</p> + +<p>»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie +gehen, — entschuldigen Sie, — nicht denselben Weg +wie ich?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte +es schelmisch auf. »Dorthin führt mein Weg,« sagte +sie leichthin und deutete schräg über die Halde auf eine +dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht +verfehlen. Geradeaus! Adieu!«</p> + +<p>»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe +einen Verstoß begangen. Wenn das der Fall ist, so +müssen Sie das, bitte, meinem Leben in Australien zugute +halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und +müßte Ihnen sicherlich meinen Namen nennen.«</p> + +<p>»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete +sie lächelnd.</p> + +<p>»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.«</p> + +<p>»Danke, Herr Leath.«</p> + +<p>Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der<span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span> +Hoffnung, sie werde jetzt ein gleiches tun, wußte +sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus Schelmerei eine +Enttäuschung.</p> + +<p>»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt +zwei Wirtshäuser in St. Mellions. Gehen Sie nicht +in den Schwarzen Adler — die Schlafzimmer sind +dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, +die den gewissenhaftesten Eigentümer und die beste +aller Wirtinnen haben.«</p> + +<p>»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«</p> + +<p>Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, +machte er noch einen Versuch — diesmal einen direkten. +— »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit nicht die Krone +aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu +Dank verpflichtet bin?«</p> + +<p>»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur +natürlich, daß Sie das gerne wissen möchten — +freilich!«</p> + +<p>Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter +und raffte geschickt ihre Röcke zusammen, damit sie +das regenfeuchte Gras nicht streiften. »Nun, wenn +Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie +nur Ihre Wirtin.«</p> + +<p>Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so +leicht und schnell wie ein Vogel dahin und blickte sich +mit hellem Lachen noch einmal um. Everard Leath +schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die +Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach +St. Mellions ein.</p> + +<p>Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war +so steil, daß der einsame Wanderer fast in die Schornsteine<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span> +des Dorfes hinabsehen konnte. Er ließ sich von +einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem +Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die +niedere Gaststube der Chichester Arms.</p> + +<p>Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig +zu seinem Empfange herbeikam, führte ihn in ein +kleines sauberes Wohnzimmer mit getäfelten Wänden +und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker Butzenscheibenfenster, +einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke +und riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen.</p> + +<p>Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, +und nachdem er sich in einem fünfeckigen Schlafzimmer +von dem Reisestaub gesäubert hatte, setzte er +sich und wartete darauf.</p> + +<p>Als er mit der müßigen Neugier, die einem +Menschen, der sich an einem fremden Orte befindet, +natürlich ist, aus einem der Fenster schaute, sah er +einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors +Haus reiten. Mit schnell erwachtem Interesse in den +Zügen wandte er sich an das Mädchen, das gerade die +letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen Tisch +stellte, mit der Frage:</p> + +<p>»Wissen Sie, wer das ist?«</p> + +<p>»Das, gnädiger Herr?«</p> + +<p>Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch +die Geranien und erhielt sofort einen fröhlichen Gruß +von dem Reiter.</p> + +<p>»O freilich — das ist Herr Roy!«</p> + +<p>»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. +»Das sagt mir nicht viel. Wer mag Herr Roy sein?«</p> + +<p>»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er<span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span> +ist sein Einziger. Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.«</p> + +<p>»Wie heißt Sir Jasper weiter?«</p> + +<p>»Sir Jasper Mortlake, Herr.«</p> + +<p>Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, +der Sir Jasper nicht kannte, war augenscheinlich +in ihren Augen ein Phänomen.</p> + +<p>»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« +meinte sie in fast vorwurfsvollem Ton.</p> + +<p>»Nein — niemals. Gehört ihm dies Haus?«</p> + +<p>»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler +ist seines. Unser Herr ist Herr Chichester. Wünschen +Sie sonst noch etwas?«</p> + +<p>Leath hatte weiter keine Wünsche und begann +sein Mahl, aber nicht ehe er Roy Mortlake hatte +davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen Beifall +gezollt hatte.</p> + +<p>Später, als er in einem der großen Stühle saß +und seine Zigarre rauchte, klopfte es, und seine rührige +Wirtin trat ein, um sich zu erkundigen, ob es ihm geschmeckt +habe und wo sie sein Gepäck abholen lassen +könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in +Market Beverley stände.</p> + +<p>»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.</p> + +<p>»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, +gnädiger Herr. Oben auf den Klippen +entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.«</p> + +<p>»Den Weg bin ich gekommen.«</p> + +<p>Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin.</p> + +<p>»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert<span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span> +sind, gnädiger Herr, so müssen Sie von dem +Gewitter überrascht worden sein!« rief sie.</p> + +<p>»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei +fällt mir ein, mir ist aufgetragen, Ihnen eine Frage +vorzulegen, Frau Buckstone.«</p> + +<p>»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?«</p> + +<p>»Ja, — von einer Dame, die mir als rettender +Engel erschien und mich vor dem Naßwerden bewahrt +hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«</p> + +<p>Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem +Tone sein Erlebnis.</p> + +<p>»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, +und sagte mir, ich möchte mich an Sie wenden, wenn +ich ihn wissen wolle,« schloß er lächelnd, »und fort +war sie.«</p> + +<p>»War sie hübsch, gnädiger Herr?«</p> + +<p>»Hübsch? Freilich — mehr als das. Aber wer +war es? Können Sie es sich denken?«</p> + +<p>»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. +»Darüber kann kaum ein Zweifel sein. Das +war natürlich die Gräfin Florence.«</p> + +<p>»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den +Namen mit erstauntem Blick. »Was? Ist die junge +Dame verheiratet?«</p> + +<p>»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter +eines Grafen drüben in Irland, der starb, als sie ein +ganz kleines Ding war. Sie ist Sir Jasper Mortlakes +Nichte — und wohnt meistens bei ihnen in Turret +Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger +Herr? Es liegt an der anderen Seite der Halde, +etwa dreiviertel Stunden von hier.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span></p> + +<p>»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete +Leath und griff wieder nach seiner Zigarre.</p> + +<p>»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach +er halblaut und gedankenvoll vor sich hin, als +die geschäftige Wirtin den Tisch abgeräumt und ihn +allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger, ungewöhnlicher +Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret +Court.«</p> + +<p>Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch +eines der Erkerfenster in den dunkelblauen Abendhimmel +hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich +etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst +könnten mir jene grauen Augen gefährlich werden, +fürchte ich!«</p> + +<p>Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das +ihn beschäftigte, und sein Antlitz wurde düsterer und +strenger, als er darüber nachsann. Nicht an Florences +graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf +ihrer weißen Stirn, noch an ihre schöngeschweiften +roten Lippen dachte er. Er begann in dem engen +Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor +sich hinzumurmeln.</p> + +<p>»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt +ein Ende kommen? Jetzt, wo ich hier bin, +steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob — wenn +ich nicht mein Wort verpfändet hätte — es nicht verständiger +gewesen wäre, ich hätte alles gehen lassen, +wie es wollte, und niemals diesen Ort betreten? Mein +Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen, +nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span> +dünkt. Soll ich ihn aufgeben, trotz meines gegebenen +Wortes wieder gehen?«</p> + +<p>Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte +seine kräftige Hand. »Bah! Welche Feigheit ist das +auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der Wolke gedenken, +die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes, +an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre +einsamer Arbeit und schweren Ringens, und will +nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine Arbeit +anfängt!«</p> + +<p class="pmb3">Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu +starren. »Nun, der erste Schritt ist getan. Ich bin +hier in Mellions, dessen Name mir fast von meiner +Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel +näher bin ich jetzt wohl meinem Ziele — wieviel +näher daran, Robert Bontine zu finden?«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_2">2.</h2> +</div> + +<p>Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court +hatte verschiedene Vorzüge, die es erklärlich machten, +daß es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie +war. Die bemalten, in die Wände eingefügten +Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis +auf den Boden hinabgehenden Glastüren führten auf +eine von Schlinggewächsen berankte Veranda, vor +der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, +von prangenden Blumenbeeten und üppigem +Gesträuch eingefaßter Rasen ausbreitete, und von der +man überdies eine wundervolle Aussicht über die +Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und +auf das ferne Meer genoß. Turret Court lag hoch, +so hoch, daß man von dort das Tal, in dessen grünem +Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.</p> + +<p>Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im +ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete, +ein behagliches Mittagsschläfchen halten zu +können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre +Tochter immer am besten singen konnte. Der größte +Vorzug aber von allen war, wie Gräfin Florence mehr +als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß Sir Jasper +seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. +Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen<span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span> +bei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann, +und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches Töchterchen +waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, +daß sie sich vor ihm fürchteten.</p> + +<p>An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht +in der Nähe des getäfelten Zimmers, sonst hätte dort +nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe +saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den +sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht +fast zu groß für ihre zarten weißen Hände zu +sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau, +die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig +angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. +Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz +mit den sanften Augen hatten noch etwas Mädchenhaftes, +obgleich sie schon zwei oder drei Jahre über +die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne +je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges +gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme +Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen +Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht +der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber +doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona, +pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit +zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, +was ihre innerste Überzeugung war, — daß es eine +ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau +ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung +und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder +ihrer beiden jungen Gefährtinnen zu lauschen, +die in bequemen Schaukelstühlen auf der Veranda + <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span> +saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden +Mädchen schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.</p> + +<p>Florences graue Augen blitzten schelmisch, während +sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch +tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen, +die Florence Esmond am besten kannten, +pflegten zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis +daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund, +beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter +vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. +Die Behauptung war nicht sehr übertrieben, denn +es entsprach des Mädchens innerster Natur, heiß zu +lieben, wo es überhaupt liebte.</p> + +<p>Cäcilie — im Familienkreis stets Cis genannt +— war ein sehr hübsches Mädchen, — in der ganzen +Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer +Schönheit berühmt, — klein und zart gebaut, mit +goldblondem Haar und lichtbraunen Augen und mit +vollendet schönen und zarten Farben. — Dem Aussehen +nach schien sie weit jünger als ihre größere +Cousine mit ihrer stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem +schlanken Hals und Nacken und dem hochmütig getragenen +braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied +zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige +Wochen. Beide hatten im vergangenen Winter ihren +zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.</p> + +<p>Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: +»Wie viele Torheiten habe ich mir im Leben schon +zuschulden kommen lassen, die dir nicht einmal eingefallen +wären, du gutes kleines Ding! Ich tue +freilich in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber + <span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span> +was nützt das? Und ach, was noch schlimmer ist, +wie zahllose werde ich voraussichtlich noch begehen.«</p> + +<p>»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte +Cäcilie lächelnd.</p> + +<p>»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund +wurde ernst; sie setzte sich aufrecht in ihrem Stuhle +hin. »Liebes Herz, — dabei fällt mir ein, — wie +du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte +oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir +meine ahnungslose Jungfer eine Bombe. Die Herzogin +hat geschrieben.«</p> + +<p>»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt +nach dir?«</p> + +<p>»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte +sie mich mit Vorwürfen, daß ich sie mitten in der +Saison im Stich gelassen, besonders nach der Mühe, +die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte +meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und +daß der Doktor ihr anempfohlen, ohne Aufschub nach +Pontresina abzureisen, und der vierte befiehlt mir, +heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen +und bereit zu sein, sie zu begleiten.«</p> + +<p>»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! +Du sagtest, du wolltest den ganzen Sommer +bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich verlieren!«</p> + +<p>Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre +Cousine erhob sich lachend, küßte sie und strich ihr +mit der weißen Hand über den blonden Kopf.</p> + +<p>»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! +Ich habe schon geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll +zu melden, daß ich sie nicht begleiten werde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span></p> + +<p>»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird +furchtbar böse werden.«</p> + +<p>»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England +zu bleiben,« gab Florence gelassen zur Antwort. +»Bis sie zurückkommt, wird sie es überwunden haben.«</p> + +<p>»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein +Mortlake empfand ein gut Teil Angst und Scham vor +Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin von Dunbar, +da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und +sah fast ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, +der hochgeborenen Dame Trotz zu bieten.</p> + +<p>»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater +in die Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. +»Ein Vormund ist genug.«</p> + +<p>»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer +schon zu viel ist.« Florence setzte sich wieder in ihren +Stuhl, verschränkte die Hände im Nacken unter dem +vollen, lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen +Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht +lästig, das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin +hat bei mir Gevatter gestanden, und so hätte sie +es wohl nicht gern gesehen, wenn sie übergangen +worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht +gewesen sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften +verstünden. Er hielt es im Interesse meiner +Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen Vormund +an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, +daß seine Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner +einzigen Schwester, fiel. Ihre Durchlaucht waren +unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem ich<span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span> +mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt +— was meinen Aufenthalt betrifft wenigstens.«</p> + +<p>Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin +in anderer Hinsicht nicht tun könne, was ihr beliebte.</p> + +<p>»Hast du — hast du es der Herzogin erzählt, +Florence?« fragte Cis, anscheinend ganz ohne allen +Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.</p> + +<p>»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu +warten. Teils weil ich der Ansicht war, mein Brief +sei sowieso schon hinreichend, um ihr auf die Nerven +zu fallen, — von der Laune, in die er sie versetzen +wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich +hielt, sie könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen +und Pontresina ganz und gar vergessen und +in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche erscheinen, +um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten +sind mir gewöhnlich langweilig.«</p> + +<p>Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab +und fragte: »Wo ist Roy heute morgen, Cis?«</p> + +<p>»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar +bestimmt. Er sagte beim ersten Frühstück, er wolle +nach Arborfield hinüberreiten.«</p> + +<p>»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« +setzte Florence gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst +du nicht zu Ende, Cis?«</p> + +<p>Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen +schaute, dessen zarte Farbe dunkler wurde.</p> + +<p>»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit +drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz +nett, einen Harry zu haben. Weißt du, ich denke mitunter, +wie mir das wohl gefallen würde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span></p> + +<p>»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit +der würdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor. +»Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen, +wo du —«</p> + +<p>»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch +davon überzeugt bin, daß ich es nie sein werde!« +beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht, +mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß +nicht, mich in sentimentalen Erwägungen zu ergehen. +In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich gehört, +und dich und Harry nur aus dem angemessenen +überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. +Und darin kann ich gleich anfangen, mich +zu üben, denn da sind sie schon.«</p> + +<p>Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden +her quer über den Rasen — der blonde, glattwangige, +langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde +Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der +Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry +Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries +von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit +drei Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch +mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des +noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen +ihn begrüßte, würdig sei.</p> + +<p>Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ +goldblonder Kopf wurde sorgfältig mit einem Sonnenschirm +beschützt, und Roy setzte sich auf eine Stufe +der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. +Lady Agathe hatte die Ankömmlinge nur mit einem<span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span> +freundlichen Lächeln begrüßt, sich aber nicht weiter +stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.</p> + +<p>»Flo,« — Roy liebte es, Gräfin Florences Namen +so abzukürzen, — »ich habe Chichester gesehen — +Hallo! Zum Kuckuck auch!«</p> + +<p>Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen +Sitze empor. Sir Jasper riß plötzlich die Tür auf und +betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Bestürzung +seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences +grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie +in diesem Raume erschien.</p> + +<p>Er sah — wenigstens auf den ersten Blick — +nicht so aus wie jemand, dessen plötzliches Erscheinen +geeignet war, eine Störung zu verursachen. Wie alle +Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches rosiges +Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und +Züge als das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, +zu glatt, zu farblos und ruhig nennen können. +An seinem letzten Geburtstage war er sechsundfünfzig +gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. +Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die +die grauen Fäden nicht hervortreten läßt, sein Antlitz +zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar +und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart +trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ +ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht +getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten, +ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren +Mann hätte schließen lassen.</p> + +<p>Ja — Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von +Turret Court, war entschieden ein schöner und auf + <span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span> +den ersten Blick ein anziehender Mann für fast jeden. +Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich +auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen +ebenso eisig kalt und strenge wie glänzend waren, +daß die schmalen, schöngeschnittenen Lippen sich gewöhnlich +fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse +des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose +Härte deuteten.</p> + +<p>Es gab indessen eine Menge Menschen, deren +Augen hierfür blind blieben, ebenso wie ihre Ohren +taub gegen die Tatsache waren, daß seine langsame, +klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen +scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper +für einen sehr netten Mann und Lady Agathe für eine +sehr glückliche Frau zu erklären, eine Ansicht, der zu +widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume eingefallen +sein würde.</p> + +<p>Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ +ihren Roman fallen, während ein ängstliches Beben +ihre zarte Gestalt durchlief. Roy schlich sich die +Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht, +sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. +Florence gab ihrem Schaukelstuhle einen Ruck und +blickte ihren Vormund mit fragenden Augen an. Ihr +jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan +seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges +Mädchen in kurzen Kleidern gewesen und er ihr +Vormund geworden war. Das war vielleicht ein +Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter +fast liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer +Grund in der Tatsache zu finden sein mochte, daß, + <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span> +wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens die Hälfte +des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend +Pfund Sterling jährlich weniger in die Tasche des +Barons geflossen sein würden. Es wurde gemeiniglich +angenommen, daß Turret Court fast so alt sei +wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an +irdischen Gütern hatte das Geschlecht der Mortlakes +nie Überfluß besessen.</p> + +<p>»Ist — kann ich — wünschest du irgend etwas, +Jasper?« stammelte Lady Agathe ängstlich hervor.</p> + +<p>»Danke — nein. Bitte, laß dich nicht stören.« +Der Baron warf einen verächtlichen Blick auf den +hingefallenen Roman; für die harmlosen Bände, die +das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten, +hatte er eine unsägliche Verachtung.</p> + +<p>»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, +hinzu.</p> + +<p>»Das ist er auch.«</p> + +<p>Florence übernahm die Antwort und deutete +nickend auf Roys verschwindende Gestalt, wofür ihr +ein vorwurfsvoller und entrüsteter Blick wurde. +»Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«</p> + +<p>Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage +zu stellen, oder würde sie gestellt haben, ohne eine +beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir Jasper +trat an die offene Glastür.</p> + +<p>»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne +zu: »Roy, du hast nichts zu tun, — du kannst nach +St. Mellions reiten und einen Brief von mir mitnehmen.«</p> + +<p>»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends<span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span> +länger, als er sehr gegen seinen Willen kehrtmachte. +»Ich komme gerade eben mit Wentworth +aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten +Tone, wie er nur anzuschlagen wagte, »und +die Sonne scheint so furchtbar heiß — es ist der reine +Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«</p> + +<p>»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich +bedaure unendlich, deine kostbare Muße in Anspruch +nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit schneidendem +Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, +meine Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, +sie zu erledigen. Du wirst Herrn Sherriff das Billett +bringen und —«</p> + +<p>»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. +»Der liebe alte Mann — ich habe ihn seit einer +Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht wohl! +Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«</p> + +<p>Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden +Handbewegung: »Schon gut, Roy, du kannst +davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen +besorgen, Onkel Jasper.«</p> + +<p>»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch +erst frühstücken,« wagte ihre Tante milde einzuwenden, +während sie ihren Roman aufnahm.</p> + +<p>»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich +bei Herrn Sherriff zu Gast laden. Er wird das gern +sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und außerdem +muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich +nach dem Datum des Basars erkundigen. Wenn wir +uns nicht sputen, so werden Cis und ich das Regiment +Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen bekommen. + <span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span> +Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist +noch irgend etwas dabei zu bestellen?«</p> + +<p>Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin +des Briefes eine Antwort mitzugeben sei. +Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem Mündel +ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. +Florence pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ +vor sich hin, schlug ihrer Tante das Buch wieder auf, +gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den Rasen +hinaus.</p> + +<p>»Roy, lauf nach dem Stall hinüber — tu’s mir +zuliebe, und laß Jakob mir Orange Lily satteln. +Aber er selbst braucht sich nicht fertigzumachen, denn +ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«</p> + +<p>Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar +und klopfte ihrer Cousine leicht auf die schöne +Wange. »Finden Sie nicht, daß Cis gut aussieht, +Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen +demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn +ich sie ansehe, so bin ich wirklich fast geneigt, mich +zu verlieben.«</p> + +<p>»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, +Gräfin Florence!« gab Harry Wentworth lachend +zurück.</p> + +<p>»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, +wie kommen Sie nur auf solchen Gedanken? Liege +ich nachts wach und kann nicht schlafen? Verliere +ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme +ich mich? Nun, was sagt ihr beide?«</p> + +<p>»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« +meinte Harry.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span></p> + +<p>»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond +von Ballancloona bin! Lebt wohl! Ich werde Herrn +Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß geben, +um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, +Harry, ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist +einem denn zumute, wenn sie sich unserer bemächtigt +hat?«</p> + +<p>Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause +zu, und ihre Stimme tönte fröhlich zu ihnen herüber, +während sie munter vor sich hinträllerte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> + <span class="i0">»Mein Herz, ich will dich fragen,<br /></span> + <span class="i0">Was ist denn Liebe, sag?<br /></span> + <span class="i0">Zwei Seelen und ein Gedanke,<br /></span> + <span class="i0">Zwei Herzen und ein Schlag.« —<br /></span> +</div></div> + +<p>»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis +mit zärtlicher Bewunderung und drückte Harrys Arm +liebevoll an sich.</p> + +<p>»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. +»Und sie ist außerdem verteufelt hübsch. Das steht +fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich sie sehe, +hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, +daß ich sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, +ich beneide einen gewissen Jemand, den wir beide +nennen könnten, nicht sonderlich.«</p> + +<p>»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen +Jemand,« erklärte Cis.</p> + +<p>»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß +ich es nicht bin. Welch wunderlicher Einfall veranlaßte +sie nur, solche Reden zu führen? Aus dem, +was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz +abgemachte Sache sei.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p> + +<p>»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«</p> + +<p>»Weiß Sir Jasper darum?«</p> + +<p>»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«</p> + +<p>»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? +Nette Aussichten!« Harry zuckte die Achseln und lachte. +»Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen froh, daß ich +nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«</p> + +<p class="pmb3">»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem +Widerspruch den hübschen Kopf, »es ist leicht, so zu +reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn ich du +wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_3">3.</h2> +</div> + +<p>Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde +Orange Lily, einer Goldfuchsstute, über die Halde und +bog in den langsam abwärts führenden Reitweg ein, +der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. +Mellions einmündete. Manche Mützen flogen von +den Köpfen, manche Knickse wurden beim Anblick der +anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes +gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für +jeden Gruß dankte. Es gab weder einen Mann, noch +eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie nicht kannten, +und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im +Dorfe mit ihr auf.</p> + +<p>Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe +und die hübsche Cäcilie gern, — wie sie es für ihre +Herzensgüte und vielen Wohltaten auch verdienten, +— aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben +Art wie Florence.</p> + +<p>Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und +dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern +vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer +niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen +Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, +sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden +Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit und<span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span> +Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun +können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den +breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte.</p> + +<p>Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend +nur aus wenigen Zimmern bestand und nur +ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgeführt, +von Schlinggewächsen bis an die niedrigen +Schornsteine, die vielen Türen und Fenster überwuchert, +mit blühenden Blumen auf den Simsen, mit Balkon +und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick +dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß +sie viel lieber im Bungalow — so hieß es — wohnen +möchte, als in Turret Court.</p> + +<p>Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer +Uhrkette hing, an die Lippen und ließ einen hellen +Pfiff ertönen. In demselben Augenblick erschien schlürfenden +Ganges ein großer junger Mann, der beim +Anblick des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger +an sein strohgelbes Haar legte, denn eine Mütze +hatte er nicht auf.</p> + +<p>»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer +liebenswürdigen Weise und dankte ihm mit ihrem +reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte +sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn +an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel +Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle. +Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, stieg +die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges +offenes Fenster.</p> + +<p>»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an<span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span> +diesem wundervollen Tage draußen im Sonnenschein +sein sollten?«</p> + +<p>»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine +Freude, Sie zu sehen!«</p> + +<p>Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich +schnell von einem mit Büchern bestreuten Tische, an +dem er saß, kam ans Fenster und nahm die Hand, +die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und +hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig +gebückt. Er hatte ein stilles, träumerisches, zerstreutes +Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz alten +Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht +und sein Haar wie sein langer Vollbart schneeweiß; +nur die schöngeschwungenen Brauen seiner dunklen +Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias +Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für +volle zehn Jahre älter gehalten wurde.</p> + +<p>»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! +Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!« +sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und +Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. +Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine +weltmännischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter +Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der +auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.</p> + +<p>»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es +war sehr unüberlegt von mir, Sie so plötzlich anzureden. +Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen +Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« +fragte Florence lächelnd.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span></p> + +<p>»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen +kommen.«</p> + +<p>Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die +niedrige Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, +der im Schatten der Veranda stand, und wartete, bis +sie Platz genommen, ehe er sich einen zweiten herbeiholte.</p> + +<p>»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, +Gräfin, oder sind Sie so freundlich, einem einsamen +alten Manne einen Besuch zu machen?«</p> + +<p>»Beides, Herr Sherriff.«</p> + +<p>Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, +und lud sich zum Frühstück bei ihm ein; dabei zog +sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche ihres Reitkleides. +Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn +wieder in den Umschlag.</p> + +<p>»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie +Sir Jasper vorige Woche genügend erklärt zu haben. +Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie mit ein paar +Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret +Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«</p> + +<p>»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt +sein kann, und Cis ist hübscher denn je. Sie und +Harry Wentworth machen mich ganz sentimental — +wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy +ist sehr fidel und Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, +wie Sie mich vor sich sehen.«</p> + +<p>»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres +können Sie nicht tun, liebes Kind.«</p> + +<p>Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem +Lächeln in das liebreizende, strahlende Gesicht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span></p> + +<p>»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß +irgend etwas Besonderes vorgefallen ist, was Sir +Jasper verstimmt hat?«</p> + +<p>»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches +Leiden! Wenn ihm einmal wirklich etwas +Widerwärtiges zustieße, so würde es ihn vielleicht +liebenswürdig machen — wer weiß? Ich habe jetzt +angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der +armen Agathe jedesmal einen furchtbaren Schrecken +einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den Gassenhauer +kennte!«</p> + +<p>»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr +Sherriff lächelnd.</p> + +<p>»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, +wenn ich nur die Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich +nicht tun, nicht wahr? Junge Damen sollten niemals +flöten. Da hat die arme Herzogin recht — kommt dort +nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und +horchte auf näherkommende Schritte — Schritte, die +ihr ganz fremd waren.</p> + +<p>Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem +Erstaunen: »Was, Sie sind es? Hier?«</p> + +<p>Es war Everard Leath, der um die Ecke der +Veranda bog, und der bei ihrem Anblick in ebenso +großem Staunen stehen blieb.</p> + +<p>Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen +blickte Sherriff von einem zum andern.</p> + +<p>Leath sprach zuerst.</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. +Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie hier wären, +und erwartete, Herrn Sherriff allein zu finden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span></p> + +<p>Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. +Florences graue Augen richteten sich verwundert auf +den Hausherrn.</p> + +<p>»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.</p> + +<p>»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine +Frage vorzulegen: Wie kommt es, daß Sie ihn kennen +und er Sie?«</p> + +<p>»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung +hell auf. »Soll ich es Ihnen erzählen?« meinte sie +schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie sollen +es hören.«</p> + +<p>Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und +sehr drollige Schilderung, wie es gekommen, daß +Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in +der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.</p> + +<p>»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie +neugierig.</p> + +<p>»Kein Sterbenswort.«</p> + +<p>»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«</p> + +<p>»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen +mir gegenüber gar nicht in den Mund genommen! Ich +hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je begegnet!«</p> + +<p>»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er +sich überhaupt die Mühe gegeben hat, herauszufinden, +wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, bitte, Herr +Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von +ihm, daß er keine Seele in St. Mellions kenne.«</p> + +<p>»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe +seine Bekanntschaft auf fast ebenso zwanglose Weise +gemacht wie Sie. Als ich vor einigen Abenden spazieren +ging, überkam mich einer meiner unglücklichen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span> +Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt +sein, denn ich hatte das Bewußtsein fast gänzlich +verloren.«</p> + +<p>»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige +Gesicht des jungen Mädchens wurde ernst. +»Und er — dieser Herr Leath — brachte Sie nach +Hause, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, mein Kind — als ich mich hinreichend erholt +hatte, um ihm zu sagen, wo ich wohnte, was ohne +seine Kognakflasche wohl noch länger gedauert haben +würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, +und ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus +Australien sei und in den Chichester Arms abgestiegen +wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem einsamen alten +Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir +während seines Aufenthalts in St. Mellions einen +Teil seiner Zeit widmen wolle. Er scheint sich auch +einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere +Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für +heute zu Tisch ein. Ist diese Erklärung vollständig +genug?«</p> + +<p>»J—a.« Florence zog die Brauen zusammen. +»Ausgenommen,« fuhr sie in etwas pikiertem Tone +fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie einen +völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«</p> + +<p>»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein +Kind?«</p> + +<p>»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« +schmollte sie.</p> + +<p>»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache +ihren Präzedenzfall. Vor zehn Jahren zum Beispiel<span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span> +wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die ich immer +seither von Herzen liebgehabt habe.«</p> + +<p>»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit +einem reizenden Lächeln legte sie zärtlich die Hand +auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie — mögen Sie +diesen Herrn Leath leiden? Nun?«</p> + +<p>»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern +habe.«</p> + +<p>»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, +»aus keinem besonderen Grunde.«</p> + +<p>»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht +leiden zu mögen.«</p> + +<p>»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich +fühle mich getroffen,« setzte sie freimütig hinzu, »denn +jetzt, wo ich darüber nachdenke, glaube ich, daß dem +so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb eigentlich. +Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich +glaube nicht, daß das der Grund war. Aber wir +können unseren Antipathien und Sympathien nie auf +den Grund kommen, nicht wahr?«</p> + +<p>Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete +hinaus und zog die Stirn wieder kraus. »Herr +Sherriff!«</p> + +<p>»Ich höre, liebes Kind.«</p> + +<p>»Glauben Sie, daß er dauernd hier — in St. +Mellions — bleiben wird?«</p> + +<p>»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir +gesagt.«</p> + +<p>»Ja, ja, aber —« sie stockte. »Sie wissen wohl +nicht, was ihn hergeführt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span></p> + +<p>»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein +Kind, gar nichts.«</p> + +<p>»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß +ich, daß er nicht zum Vergnügen, sondern in Geschäften +gekommen ist. Das erzählte er mir, und es war +ihm Ernst damit.«</p> + +<p>»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung +geben, daß er mir nichts davon gesagt hat.«</p> + +<p>Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter +Stirn in den Garten hinaus. Everard Leath +beschäftigte sie merkwürdig.</p> + +<p>»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«</p> + +<p>»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« +meinte der alte Mann lächelnd, »auch glaube ich nicht, +daß er so reich ist wie Sie. Zwischen diesen beiden +Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«</p> + +<p>»Ich bin viel zu reich — es ist einfach lächerlich! +Also Sie glauben, daß er viel Geld hat?«</p> + +<p>»In bescheidenem Maße — ja. Im Laufe unserer +gestrigen Unterhaltung deutete er an, daß er bis vor +etwa einem Jahre mit bitterer Armut gekämpft habe, +wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten +sei.«</p> + +<p>»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.</p> + +<p>»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun +gehabt — ich bin zu unwissend in solchen Dingen, +um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die Glocke, +die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden, +wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr +Gabelfrühstück anzusehen, liebes Kind?«</p> + +<p>»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete<span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span> +Florence, munter ihren Ernst abstreifend, und dabei +nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, und ging +mit ihm aus der Veranda und durch eine offene +Glastür, die in ein hübsches kleines Speisezimmer +führte, in dem der ovale Tisch schon für drei Personen +gedeckt war.</p> + +<p>Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer +und machte so die Gesellschaft vollständig. Daß er +überrascht war, sie noch dort zu treffen, und daß ihn +das ein wenig aus der Fassung brachte, sah Florence +sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig +gegen ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich +ihr gegenüber niederließ.</p> + +<p>»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr +Leath?« fragte sie in leichtem Tone.</p> + +<p>Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.</p> + +<p>»Ja, Gräfin.«</p> + +<p>»Und sie stellte meine Person fest?«</p> + +<p>»Sofort.«</p> + +<p>»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert +haben.«</p> + +<p>»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, +Sie überhaupt zu schildern.«</p> + +<p>»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen +mir ›ganz ähnlich‹ sähe.«</p> + +<p>»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, +daß es sich so verhielt.«</p> + +<p>»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, +daß sie ebenso entsetzt über mich ist, wie die Herzogin +selbst. Und Sie haben Ihres kleinen Abenteuers nie +gegen Herrn Sherriff erwähnt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span></p> + +<p>»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff +kannten, und ich hielt mich nicht für berechtigt, einem +Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit zu +reden.«</p> + +<p>Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem +Benehmen, obgleich man ihn kaum hätte verlegen +nennen können. Florence dachte im stillen, daß sein +Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten +Gelegenheit zu vertrautem und leichtem Verkehr mit +ihrem Geschlechte gewährt hätte. Aber sie empfand +auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine +Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den +Salat herumreichte, daß er ein Zartgefühl und eine +Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von ihm erwartet +noch ihm zugetraut hatte.</p> + +<p>Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen +ihn, und sie blieb bei dem nun folgenden Gespräch +in der heitersten, liebenswürdigsten Stimmung. Die +Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien, +aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war +und seinen charakteristischen, trockenen Ernst nicht +leugnete, war ihr doch sowohl der Gesprächsstoff wie +seine Art und Weise neu genug, um sie sehr zu interessieren +und ihr viele wißbegierige und eifrige +Fragen zu entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, +wie schnell die Zeit vergangen war, aufstand und +erklärte, daß sie fort müsse, war es mit einer leisen +Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst +so wenig wie je wußte. Alles, was er erzählt und was +sie aus ihm herausgebracht hatte, war so ganz und +gar unpersönlich gewesen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p> + +<p>»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich +Ihnen nur die Wahrheit über St. Mellions gesagt +habe, Herr Leath?«</p> + +<p>Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas +zu sagen, als sie in der Veranda stand und zusah, +wie ihre Fuchsstute auf und nieder geführt wurde. +Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische +schrieb Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen +sollte. Leath war ihr hinausgefolgt; wie +sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.</p> + +<p>»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.</p> + +<p>»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges +kleines Nest sei. Finden Sie das etwa nicht?«</p> + +<p>»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig +genug, um mich von hier fortzutreiben.«</p> + +<p>Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene +Neugier erraten habe.</p> + +<p>»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier +niederzulassen?«</p> + +<p>»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den +Augenblick bin ich noch zu keinem festen Entschlusse +gelangt — das heißt über meinen künftigen Aufenthaltsort.«</p> + +<p>»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob +Sie nach Australien zurückkehren werden?«</p> + +<p>»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich +ist, daß ich dorthin zurückkehren werde. +Aber Familienbande fesseln mich an keinen Teil der +Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«</p> + +<p>»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum +Beispiel eine Frau hätten —«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p> + +<p>»Das habe ich allerdings nicht.«</p> + +<p>Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.</p> + +<p>»— so würde sie möglicherweise Australien nicht +gern mit England vertauschen.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert +nicht, Gräfin. Wie ich sagte, stehe ich ganz allein in +der Welt — schon seit acht Jahren.«</p> + +<p>Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher +oder bewegt bei diesen Worten, und das Antlitz, in das +sie schaute, gab ihr keine Ermutigung zu dem teilnehmenden +Blick oder der freundlichen Frage, die sie +sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er +ihr fast noch ein Fremder war. Sie wandte sich, +um Herrn Sherriff das Briefchen abzunehmen, und +ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte verleiten +lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der +Mann und seine Angelegenheiten gingen sie, Florence +Esmond, allerdings gar nichts an. Er hatte etwas +Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie +abstieß.</p> + +<p class="pmb3">In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine +Liebenswürdigkeit mehr, und die Verbeugung, die sie +ihm machte, nachdem er sie in den Sattel gehoben, +war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. +Aber sie drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit +ihrer behandschuhten Rechten eine zärtliche Kußhand +zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. Sie +wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht +behandeln, weil er törichterweise so großes Gefallen +an Everard Leath zu finden schien.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_4">4.</h2> +</div> + +<p>Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. +Es wurde stets früh gespeist, denn Sir Jasper war +magenleidend, und das Mahl war immer ein auserlesenes. +Für Lady Agathe war es die qualvollste +Stunde des Tages, denn der Hausherr ließ es selten +zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand angenehm +verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt +hatte er sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen +Raum, in dem er geruhte, den größten Teil seiner +Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich in den +Salon, überaus froh, ihn los zu sein.</p> + +<p>Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit +einem anderen Bande des Romans, in den sie sich am +Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine langen +Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, +gab sich Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen +über die Hitze; draußen auf der Terrasse gingen Cis +und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein Spitzentuch +verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals +des jungen Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem +zurückgelehnt in einem ihrer Lieblingsschaukelstühle, +die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar +verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen +Kleide — sie trug im Hause gern übermäßig lange<span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span> +Schleppen — im Gespräch mit der einzigen noch anwesenden +Persönlichkeit.</p> + +<p>Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug +tadellos saß, der eine gute Figur sowie eine angenehme +Stimme hatte, und dessen Gesicht geradezu +schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren +und seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre +gewesen, daß er älter aussah als er war. Seine +schönen Züge waren unbeweglich, — er hatte fast +gar kein Mienenspiel, — seine Gestalt hatte eine gewisse +Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig +und langsam, seine Redeweise eintönig und +ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der Jahre, +hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig +war er entschieden ein Mann mittleren +Alters. In seinen ruhigen braunen Augen lag kaum +ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde, +anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das +angeregte, lebhafte Antlitz sich gegenüber sah.</p> + +<p>»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was +mir mindestens ein halbes dutzendmal wieder entfallen +ist,« sagte Florence schaukelnd. »Heute morgen bekam +ich einen Brief von der Herzogin.«</p> + +<p>»Von der Herzogin? So?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des +Schreibens, und daß sie es abgelehnt, ihre Patin +nach der Schweiz zu begleiten.</p> + +<p>»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst +du vermutlich die Gelegenheit, sie von unserer<span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span> +Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte Talbot +Chichester zögernd.</p> + +<p>»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die +Hände unter dem Kopf fort und verschränkte sie im +Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die Wahrheit +zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich +daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, +daß es viel besser ist, damit zu warten, bis sie glücklich +in Pontresina ist und ihren Ärger darüber, daß +ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte +schelmisch.</p> + +<p>»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte +Chichester ernst; das Lächeln, mit dem er auf ihr +Lachen geantwortet, war nur sehr matt. »Die Stellung, +die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, +erheischt es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung +unterrichte und ihre Einwilligung in unsere +Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. Ich +wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, +es selbst zu übernehmen, obgleich ich gestehen muß, +daß ich den Grund nicht recht begriff.«</p> + +<p>»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune +von mir, es ihr selbst zu erzählen — warum, weiß +ich nicht.«</p> + +<p>»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch +war,« fuhr Chichester fort, »es ist freilich wahr, daß +es in gewissem Sinne nur eine Form ist, aber ich +finde doch, es müßte geschehen.«</p> + +<p>»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, +daß sie etwas dagegen haben wird?« fragte Florence +wieder.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span></p> + +<p>»Dagegen?«</p> + +<p>Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. +Sein Ton wurde würdevoller, er fühlte, daß +das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. War nicht +die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter +als das Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, +um ihnen ihren ganzen Besitz drei- oder viermal +abzukaufen?</p> + +<p>»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, +»das ist sicherlich eine ziemlich überflüssige Frage! +Wir sind nicht von Adel, das ist freilich wahr, — wir +haben die Ehre immer abgelehnt, — aber in jeder +anderen Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin +etwas gegen mich als Bewerber um deine Hand +einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht für +wahrscheinlich halten.«</p> + +<p>»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. +»Ich glaube nicht, daß sie etwas dagegen haben wird; +weshalb, wie du sagst, sollte sie das? Ich wollte +nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«</p> + +<p>»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen +kurzem zu schreiben?«</p> + +<p>»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr +mit derselben Post schreiben, damit sie erfährt, daß +ich an deinem bisherigen Schweigen schuld bin.«</p> + +<p>»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« +Florence nickte leicht und wandte ihr Gesicht dem +Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein unterdrücktes +Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den +Mund hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester,<span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span> +obgleich er ihr Verlobter war, wirkte nicht +sehr belebend auf sie.</p> + +<p>Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die +Hand des jungen Mädchens ruhte auf dem Arm ihres +Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem kleinen +Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand +anders verstehen konnte. Florences rote Lippen +zuckten eigentümlich bei dem Gedanken, Chichester +könne so gehen, so flüstern — der Einfall belustigte +sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder +vor seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm +ihr Jawort gab, hatte sie sich gesagt, daß sein großer +Vorzug sei, daß er niemals versucht, ihr den Hof zu +machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das +unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime +erstickt. Talbot Chichester hatte sich solcher Schwäche +niemals schuldig gemacht, und sie hatte versprochen, +ihn zu heiraten.</p> + +<p>Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr +Chichester saß noch immer stumm da. Florence schaute +in den tiefstehenden Mond; das Schweigen dauerte +fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen, +aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte +auf das Paar am Fenster zu. Florences Verlobung +mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus +nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter +aufgenommen hatte, war dem Jüngling noch +immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt vorkam, als +sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen +Stuhl und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung +wieder in Gang zu bringen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span></p> + +<p>»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem +Gähnen. »Finden Sie das nicht auch, Chichester? +Ich habe mich von meinem Morgenritt nach Arborfield +noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde +war furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon +bekommen, nicht wahr, Flo?«</p> + +<p>»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres +großen gelben Fächers gezupft und ihn nicht gehört +— ihre Augen schauten noch träumerisch in die tiefstehende, +lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten +Abendhimmel glänzte.</p> + +<p>»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst +du, Roy?«</p> + +<p>»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute +morgen sehr heiß gefunden haben, nicht wahr? Wie +ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen, Chichester, +ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff +verliebt ist. Wenn man es sich recht überlegt, so ist +es doch eigentlich ein starkes Stück, daß sie solchem +jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! Wundere +mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem +Neste bleibt und die liebenswürdige Laune unseres +Alten erträgt.«</p> + +<p>»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. +»Was er von Sir Jasper erhält, kommt +zweifelsohne in Betracht bei ihm.«</p> + +<p>»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, +— die beiden sind nämlich dicke Freunde, — daß, +wenn Sherriff sich vor Jahren in London niedergelassen +hatte, er sich dort durch seine Schriften längst +einen Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen,<span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span> +ich begreife es nicht, wie ein Mensch hier in +St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich ihm +eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«</p> + +<p>»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence +sanft, »und steht ganz allein in der Welt. Mit seinen +Büchern und Blumen ist er hier ebenso glücklich, +glaube ich, wie er anderswo sein würde.«</p> + +<p>»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, +wenn das nicht der Fall gewesen wäre,« gab +Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender Weise. +»Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der +Scholle kleben, fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden +Augen fort, »wer ist der Mensch bei Mutter +Buckstone?«</p> + +<p>»In den Chichester Arms?«</p> + +<p>Talbot Chichester stellte diese Frage.</p> + +<p>»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl — sonnverbrannt +— erinnert mich an jemand, den ich gesehen +habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort. +»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir — ich +weiß nicht mehr recht, wie es war — als ich hinüberritt, +um zu sehen, ob mir der alte Buckstone das +Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte +er. Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? +Sie wissen es nicht etwa, Chichester?«</p> + +<p>»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, +der in den Chichester Arms absteigt.« Der Redende +blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt nicht, daß +dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour +begriffener Londoner.«</p> + +<p>Roy schüttelte den Kopf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p> + +<p>»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre — hat +nicht den Londoner Dialekt — versteht zu viel von +Pferden, um ein Großstädter zu sein. Kommt wohl +aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will +ich ihn mal danach fragen.«</p> + +<p>»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen +Namen anbetrifft, so heißt er Everard Leath und +kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht, +und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«</p> + +<p>»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«</p> + +<p>»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«</p> + +<p>»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch +weiter auf und lachte. »Du warst immer das wunderlichste +Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt +hast du den Menschen gesehen?«</p> + +<p>»Soll ich’s dir sagen?«</p> + +<p>Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre +schelmisch blitzenden Augen auf das verwunderte und +fragende Antlitz ihres Bräutigams. »Ja — wir sind +heute abend alle sehr langweilig, und deshalb will +ich es tun.«</p> + +<p>Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen +geblieben, und sie winkte ihnen lustig, hereinzukommen. +Und vor diesem nicht wenig erstaunten +Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung +mit Everard Leath.</p> + +<p>Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den +Leichtsinn der schönen Cousine schlenderten Cis und +Harry davon, und Roy, noch immer gähnend, folgte +ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden, +und schaute dann mit einem Lächeln zu<span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span> +ihrem Verlobten empor, der aber keinen freundlichen +Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, fast +finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden +Augen und fest aufeinandergepreßten Lippen an und +berührte dann leise seinen Arm.</p> + +<p>»Was ist denn los?«</p> + +<p>»Los?«</p> + +<p>»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. +Vielleicht, weil ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle +zeigen, und dir nicht anbot, mitzugehen? Sei nur +recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal +hin. So!«</p> + +<p>In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. +Sie sprach, als gelte es, ein verdrießliches Kind zu +beschwichtigen. Die meisten Männer, die in sie verliebt +gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben. +Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm +die Hand, mit der sie ihm den Arm gestreichelt hatte. +Dann begann er in seiner gehaltenen Weise ihr Vorwürfe +über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen +gegen den Unbekannten zu machen.</p> + +<p>»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht +vergessen,« schloß er.</p> + +<p>»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch +ahnt,« meinte das junge Mädchen sinnend, als spräche +sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder an.</p> + +<p>»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. +»Ich vergesse meine Würde wohl mitunter. Weißt +du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die einzig +richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen<span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span> +naß werden zu lassen. Welch ein Glück, daß du so +etwas nie tun könntest.«</p> + +<p>Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor +ab — er war so unendlich mit sich selbst zufrieden. +Er lächelte und ließ ihre Hand los.</p> + +<p>Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach +dem Fenster wandte.</p> + +<p>Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret +Court verlassen. Florence stand allein am Fenster +und blickte in den Mond, wie sie vorher getan hatte, +als Cis zärtlich den Arm um sie legte.</p> + +<p>»Fehlt dir etwas, Florence? Du — du siehst so +ernst aus, mein Herz!«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über +Cis’ goldblondes Haar. »Ich sann wohl über mein +unschickliches Benehmen nach.«</p> + +<p>»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst +gegen jenen Menschen in der Höhle! Nun, ich muß +sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war, +Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das +habe ich auch zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du +in Chichesters Gegenwart davon gesprochen hast. Ich +glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«</p> + +<p>»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«</p> + +<p>Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, +dessen gewöhnlich strahlender Ausdruck einem +nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm plötzlich +all ihren Mut zusammen.</p> + +<p>»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich +schon so oft etwas fragen wollen. Ich kann es gar<span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span> +nicht begreifen — er ist so ernst und steif und kalt — +in jeder Beziehung so verschieden von dir — es +wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort +gegeben.«</p> + +<p>»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, +»mich auch!«</p> + +<p>Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. +Sie blickte sich halb entsetzt, halb bestürzt +um. Sie antwortete nicht, da sie bange war, näher +auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im +Mondschein ungewiß von der Seite an. Als sie wieder +sprach, war es in anderem Tone.</p> + +<p>»Florence!«</p> + +<p>»Nun, mein Schatz?«</p> + +<p>»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«</p> + +<p>»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«</p> + +<p>»O, ganz jung! Und hübsch?«</p> + +<p>»Nein — und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«</p> + +<p>»Und ist er nett, Florence?«</p> + +<p>»Wer?«</p> + +<p>»Nun, Herr Leath!«</p> + +<p class="pmb3">»Nett? Nein — unausstehlich!« sagte Florence +schroff. »Ich bin schrecklich müde und muß zu Bette +gehen. Gute Nacht, mein Herz!«</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_5">5.</h2> +</div> + +<p>Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo +Gräfin Florence gesessen und mit dem freundlichen +alten Hausherrn geplaudert hatte, standen wieder die +beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in +dem einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete +draußen lagen im hellen Morgensonnenschein. +Leath war vor einer halben Stunde zu einem +Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht +vierzehn Tage in St. Mellions weilte, war die Zuneigung +des Alten, von der er zu Florence gesprochen, +täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie +große Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr +mit Leath gewähre, da er außer dem Pfarrer +kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten +Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte +erzeigen können, alle freundlich gewogen seien.</p> + +<p>»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«</p> + +<p>»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick +war ich undankbar genug, sie fast zu vergessen. +Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern +sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze +Kleider trug, hat sie mich liebgehabt, und was mich +anbetrifft, so könnte ich kaum mehr von ihr halten, +wenn sie meine Tochter wäre.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span></p> + +<p>»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden +habe?«</p> + +<p>»Ja — sie verlor beide Eltern, als sie ein +Kind war.«</p> + +<p>»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«</p> + +<p>»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die +Vormundschaft mit ihrer Patin, der verwitweten Herzogin +von Dunbar.«</p> + +<p>»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor +sich hin. »Gewöhnlich genügt doch ein Vormund, mein’ +ich — weshalb sind hier denn zwei?«</p> + +<p>»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem +großen Vermögen, das ihr eines Tages gehören wird, +hielt ihr Vater es wahrscheinlich für —«</p> + +<p>»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem +Tone ins Wort. Er lachte wieder. »Wie viele andere +Leute, habe auch ich bisher irische Grafenkronen für +gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der +verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«</p> + +<p>»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin +Florence wird ihr großes Vermögen ihrer Mutter +verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«</p> + +<p>»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist +sie denn noch nicht mündig?«</p> + +<p>»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht +in den Besitz ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre +zählt, es sei denn, — was wahrscheinlich der Fall +sein wird, — daß sie sich in der Zwischenzeit verheiratet.«</p> + +<p>»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt +es also ihr zu?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p> + +<p>»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines +oder ihrer beiden Vormünder heiratet; schließt sie +eine Ehe ohne diese Einwilligung, so fällt das ganze +an verschiedene milde Stiftungen.«</p> + +<p>»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath +zog die Stirn in Falten. »Wie mag das gekommen +sein?«</p> + +<p>»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff +zögernd. »Es ist seltsam, wie Sie sagen. Die einzige +Erklärung, die ich dafür habe finden können, ist die, +daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu glücklich +in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, +daß der Graf seine Frau nur ihres Geldes wegen +geheiratet hatte.«</p> + +<p>»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte +ihre Tochter wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung +bewahren,« bemerkte Leath nachdenklich.</p> + +<p>»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte +Herzogin würden zugeben, daß das Mädchen eine +unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge. +Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht +bleiben, so mag die Gräfin sie wohl für alt genug +gehalten haben, um ihre Interessen ohne Beistand +wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß nur +die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich +machte dieselbe Bemerkung, als Gräfin Florence, von +der ich das Ganze weiß, mir die Sache erzählte. Sie +lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper +niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, +ohne sich zu zanken, und daß, wenn sie nicht +heiraten sollte, ehe sie sich über den Bräutigam geeinigt<span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span> +hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, +daß sie in den nächsten Jahren unter die Haube +kommen würde.«</p> + +<p>Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, +griff jetzt wieder nach seiner Pfeife und begann sie +aufs neue zu füllen.</p> + +<p>»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«</p> + +<p>»Gräfin Florence? Nein — meines Wissens nicht. +Und wenn ich sage, meines Wissens nicht, so heißt das, +überhaupt nicht,« meinte der alte Herr lächelnd, »denn +andernfalls würde sie es mir anvertraut haben, davon +bin ich überzeugt. Nein — verlobt ist sie nicht. Ich +muß gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser +Gegend wenigstens kenne ich niemand, als dessen Frau +ich sie sehen möchte. Wenn mich nicht alles trügt, so +hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann, und +dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«</p> + +<p>»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath +langsam.</p> + +<p>»Mit dem Heiraten? Nein — ich glaube nicht. +Im Gegenteil. Auch Sir Jasper nicht. Sie verbringt +fast das ganze Jahr in Turret Court — sie hängt +sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und +ihre Heirat würde eine Mindereinnahme von tausend +Pfund Sterling jährlich für Jasper bedeuten. Und ich +bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter +des Gutes — ich weiß, daß ihm der Verlust nicht +angenehm sein würde. Die Mortlakes sind nicht allzu +wohlhabend.«</p> + +<p>»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend +an, »daß Sie Lust zu dem Posten haben. Nach dem,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span> +was ich mir aus den Reden der guten Leute hier zusammengereimt +habe, scheint es mir nicht leicht, mit +Sir Jasper auszukommen.«</p> + +<p>»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer +Milde, während er seine Pfeife schmauchte, »das mag +im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper ist sehr +rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein +Gehalt bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem +geringen Einkommen. Und ich habe wirklich kein +Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er behandelt +mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht +besser als andere.«</p> + +<p>»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«</p> + +<p>Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in +das schöne alte Antlitz, das so sanft und gelassen war. +»Nach allem, was ich über ihn hörte, befremdet es +mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in eine +untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber +begeben konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit +doch nicht übel?«</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem +Lächeln und blickte in den Garten hinaus; +die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte auf seinem Knie. +Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen +Jahren — mehr als dreißig — einen bitteren Kummer +gehabt, der sein ganzes Leben verdüstert, der allen +Ehrgeiz, alles Streben in ihm ertödet, der ihn vor der +Zeit alt gemacht habe.</p> + +<p>»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf +meiner Pflichten, in meinem Garten bei meinen +Büchern bin ich so glücklich, wie ich überhaupt je<span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span> +wieder werden kann. Doch genug davon, und genug +von mir. Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.</p> + +<p>Er legte die Hand über die Augen und saß ein +Weilchen so da. Leath, in dessen Gesicht ein ungewohnter +sanfter, weicher Ausdruck getreten war, +blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. +Als Sherriff wieder zu sprechen anhub, war es +mit seiner gewohnten Ruhe und in einem anderen +Tone.</p> + +<p>»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper +zu reden kamen,« sagte er, »denn dabei fällt mir ein, +was ich sonst vergessen härte, — daß ich ihm einen +Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe +muß sogleich damit fort.«</p> + +<p>Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es +stellte sich heraus, daß dieser mit einem Auftrage nach +Lychet Hook geschickt worden, und zwar von dem +Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte +nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen +zu müssen, aber Leath legte ihm die Hand auf die +Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl zurück und +erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich +schon längst gern einmal habe ansehen wollen, solange +er in der Gegend bleibe.</p> + +<p>Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze +auf der Halde zu viel werden würde, erhob nur eine +schwache Einsprache, die Leath mit einem Kopfnicken +abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und +ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im +nächsten Augenblick zurückkehrte, sah er, daß der alte +Herr aufgestanden war und mit bekümmertem Ausdruck<span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span> +auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf +seinen unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff +sich um und legte ihm die Hand auf die Schulter. Beide +waren hochgewachsene Männer, und ihre Augen befanden +sich ungefähr in derselben Höhe.</p> + +<p>»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber +ich glaube, ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, +daß ich Sie sehr liebgewonnen habe. Sie sprachen eben +davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal ansehen +wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. +Ich hoffe, das soll nicht heißen, daß Sie daran denken, +St. Mellions zu verlassen? Wenigstens jetzt noch +nicht?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse +gelangt. Ich bin entmutigt — ich kann noch +nicht sagen, was ich tun werde — was das beste +sein würde.«</p> + +<p>Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er +diese Antwort, mit einer seltsamen festen Entschiedenheit, +so abgebrochen und ohne Zusammenhang die +kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff +sah bestürzt aus, sagte aber nichts. Leath, der sein +Zartgefühl, das keine Frage stellte, verstand, fuhr +langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe +er ihn aussprach:</p> + +<p>»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen +und seit meinen Knabenjahren beabsichtigt +habe, eine bestimmte Angelegenheit zu erledigen. Sie +dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen +nichts Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu +tun, steht unwiderruflich fest, und doch bin ich schwach<span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span> +genug, mich fast entmutigt zu fühlen, weil ich bisher +keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie +es scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie +hierherzukommen, und doch ist dieser Ort — St. Mellions +— der einzige Ausgangspunkt für meine Nachforschungen, +den ich kenne. Heute morgen, als ich die +Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, +anderswo nach einer Spur zu suchen, die mich vielleicht +hierher zurückführen würde. Ich bin noch unentschlossen, +ob ich gehen oder bleiben werde. Aber +ich glaube, ich werde gehen.«</p> + +<p>»Das tut mir leid zu hören.«</p> + +<p>Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm +das, was ihm gesagt worden, hin, ohne eine Frage zu +stellen.</p> + +<p>»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er +ruhig, »hoffentlich werden Sie nicht vergessen, daß +es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein Freund +und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«</p> + +<p>»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle +Rechte umschloß fest die zarte Hand des Alten. +»Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, den +ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken +würde, außer Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach +gewähren würde, ohne daß ich dafür bezahlte.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der Weg über die Halde von St. Mellions nach +Turret Court war lang, und in der Glut der Junisonne +war es ein sehr heißer Weg, aber Leath, der an sehr<span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span> +viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte +ihn schnell und leicht zurück.</p> + +<p>Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er +zögernd stehen und schritt dann auf eine nur angeklinkte +Pforte in der hohen roten Mauer zu, durch +die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem +Hause einschlug. Ehe er hundert Meter zurückgelegt +hatte, blieb er stehen. In geringer Entfernung von +ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen +Art, in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei +Damen dahin; in der einen erkannte er sofort die junge +Gräfin, während er die andere für Fräulein Mortlake +hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig +den Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, +wie er sie erkannt hatte. Der Ausruf des Staunens, +der ihr entfuhr, so leise er auch war, veranlaßte Cis, +sich ebenfalls umzuwenden.</p> + +<p>»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.</p> + +<p>»Jener Mensch.«</p> + +<p>»Welcher Mensch?«</p> + +<p>»Leath.«</p> + +<p>»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er +also?« sagte sie mit Interesse. »Was mag er nur +wollen?«</p> + +<p>»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht +stehenbleiben, mein Herz! Wir tun, als hätten wir +ihn nicht gesehen!«</p> + +<p>»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht +sehr nett aus, finde ich,« flüsterte sie, »und ich bin +davon überzeugt, daß er weiß, — wissen muß, <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>— +daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, +und stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt +du mich ihm vorstellen!«</p> + +<p>Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen +zu und nahm vor Florence den Hut ab.</p> + +<p>»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht +als Eindringling zu erscheinen, aber ich bin von Herrn +Sherriff beauftragt, Sir Jasper einen Brief zu überbringen.«</p> + +<p>»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung +ihres alten Freundes milder gestimmt und +entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein. »Das +ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« +meinte sie lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, +Fräulein Mortlake, vorstellen? Liebe Cis, du erinnerst +dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen bin, +Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«</p> + +<p>»Gewiß erinnere ich mich dessen.«</p> + +<p>Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. +Leath war nicht hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal +war, er sah etwas zu streng und zu ernst aus, +aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm wahrnehmen +und wunderte sich, weshalb Florence ihn so +bezeichnet hatte.</p> + +<p>»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr +Leath,« sagte sie munter. »Wissen Sie wohl, daß Sie +sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie sind der +erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat +betreten dürfen.«</p> + +<p>Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. + <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span> +Sie ärgerte sich fast über Cis. Das allerliebste, +muntere, freimütige Benehmen, das sie immer geliebt +und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. +Es entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie +Everard Leath gegenüber für wünschenswert hielt. +Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige Gesichtchen +und sprach, während sie den kastanienbraunen +Kopf hochmütig hob:</p> + +<p>»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir +Jasper, Herr Leath? Erwarten Sie eine Antwort, oder +soll ich ihn Ihnen abnehmen?«</p> + +<p>Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als +wolle sie die Hand ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich +die Aushändigung des Briefes. Leath aber +machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.</p> + +<p>»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche +Sie nicht zu bemühen. Als ich mich erbot, das Billett +zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, Sir Jasper selbst +aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«</p> + +<p>»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht +aufhalten! Wenn Sie sich rechts wenden, so erreichen +Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«</p> + +<p class="pmb3">Leath verbeugte sich; er war nicht aus der +Fassung zu bringen. Cis kniff ihrer Cousine in den +Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. +Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, +wenn er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt +wurde? Was konnte Florence nur so plötzlich verstimmt +haben? Sie hätte vielleicht Einspruch erhoben, + <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span> +denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger Ausgelassenheit, +wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene +Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt +ertönte auf einem der Pfade in der Nähe, und Sir +Jasper in höchsteigener Person erschien auf der Bildfläche.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_6">6.</h2> +</div> + +<p>Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence +unwillkürlich einen Blick schreckensvoller Bestürzung +zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte seine Tochter +fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den +Fremden empfangen, den er, stehenbleibend, eine +leichte Wolke auf dem schönen, ruhigen Gesicht, gemustert +hatte — liebenswürdig, steif und förmlich oder +ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung +an.</p> + +<p>Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden +Worte zu sprechen, so würde sie sich wohl +sehr schlecht aus der Sache gezogen haben. Aber +Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz +von selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.</p> + +<p>»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« +sagte sie lächelnd. »Du ersparst uns den Weg +nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath +reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche +im Bungalow. Er ist so freundlich, dir einen Brief von +Herrn Sherriff zu überbringen.«</p> + +<p>»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine +Stirn leicht gerunzelt, aber er blickte Leath an, und +sein Ausdruck hellte sich auf.</p> + +<p>»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. + <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span> +Gestatten Sie mir, Ihnen den Brief abzunehmen, dessen +Besorgung Sie so freundlich übernommen haben,« +sprach er.</p> + +<p>Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das +Schreiben, das der Baron mit einem Wort der Entschuldigung +erbrach, las und in die Tasche steckte; dann +fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen +dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, +was dieser freundlich bejahte.</p> + +<p>»Vielen Dank — ich bin Ihnen sehr verbunden. +Aber mittlerweile ist die Zeit des zweiten Frühstücks +gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir die Ehre, es +mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, +Sie meiner Frau vorzustellen.«</p> + +<p>Leath nahm dankend an.</p> + +<p>Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre +blauen Augen auf, so weit sie nur konnte, und kniff +ihrer Cousine heftig in den Arm — beides sollte ihre +grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur +über Sir Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig +zeigte wie noch nie? dachte seine Tochter.</p> + +<p>Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen +der Augenbrauen beantwortete, behielt ihre +eigene Verwunderung — nicht über Sir Jaspers +Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit, +mit der Leath die Einladung aufnahm — +für sich. Er hatte keine Spur der Befangenheit und +Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber anfangs +im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis +weiter, eine Regung des Interesses und der Belustigung<span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span> +empfindend, sehr ernst und schweigsam, — etwas +äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.</p> + +<p>Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen +Zunge nicht plauderte, so gebrauchte sie doch ihre +großen, glänzenden irischen Augen und wunderte sich, +auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz +ihres Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, +seine Lippen sich fest aufeinanderpressen und seine +Augen verstohlene Seitenblicke auf seinen Gefährten +werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung +schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder +hatte ihn etwas geärgert? So sah es noch mehr aus. +Und dennoch, was konnte das gewesen sein? Weder sie +noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur +Sir Jaspers Fragen über die mutmaßliche Dauer +seines Aufenthaltes in St. Mellions und Ähnliches +beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren, +zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam +war er geworden. Als er gleich darauf wieder zu +sprechen anhub, wandte er hastig die Augen ab; sie +fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen +wie jetzt.</p> + +<p>»Habe ich recht verstanden — Sie kommen aus +Australien, Herr Leath?«</p> + +<p>»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich +eingeschifft.«</p> + +<p>»Darf ich fragen, wo?«</p> + +<p>»In Sydney. Aber ich habe in Queensland +gelebt.«</p> + +<p>»Ihr ganzes Leben lang?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p> + +<p>»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«</p> + +<p>»Niemals.«</p> + +<p>»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«</p> + +<p>»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten +Entschluß gefaßt. Aber mich fesselt nichts an Australien, +und es ist möglich, daß ich es tue.«</p> + +<p>»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine +Eltern haben?«</p> + +<p>»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während +der letzten acht Jahre — seitdem ich zweiundzwanzig +Jahre alt bin — habe ich ganz allein in +der Welt gestanden.«</p> + +<p>»Sie haben keine Verwandten in England?«</p> + +<p>»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem +Lande der Welt.«</p> + +<p>Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken +Ton gestellt worden, der beinahe ungezogen war; +aber Leath hatte mit unverwüstlicher Gelassenheit +bereitwillig und deutlich geantwortet, während er +ernst vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. +Sir Jasper hatte sein Schweigen nicht wieder gebrochen, +noch Leath wieder angeblickt.</p> + +<p>Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, +die liebenswürdige Wirtin einem jungen Manne gegenüber +zu spielen, von dem sie außer der Geschichte mit +Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war freundlich +und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre +sie über die Empfindungen ihres Mannes im klaren +gewesen. Chichester, der in Turret Court frühstückte, +wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war<span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span> +von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich +neben seiner Braut, und Cis — ganz und +gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys Abwesenheit +war ihr fast jeder Mann lieber als keiner +— fiel das Amt zu, den Fremden zu unterhalten. +Sie, Jasper und seine Frau saßen einander gegenüber, +und Roys Stuhl blieb leer — er war nach Market +Beverley geritten.</p> + +<p>Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe +nicht leicht. Es mochte daran liegen, daß ihr +Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, oder daß +die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. +Außer ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, +ein Gespräch in Gang zu bringen. Florences +sonst so beredte Zunge hatte wenig zu sagen. +Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund +hinüber; sie antwortete ihrem Verlobten, aber mehr +tat sie nicht und wandte sich nicht ein einziges Mal +direkt an Everard Leath.</p> + +<p>»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis +und warf vorwurfsvolle Blicke über den Tisch. Weshalb +sprach sie nicht — sie, die immer jedermann +amüsieren konnte, wenn sie wollte? — Die Pause, +die nach ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort +eingetreten war, hatte schon beklemmend lange gedauert. +Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke +ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:</p> + +<p>»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, +glaube ich, Herr Leath?«</p> + +<p>»Nein — aber ich habe von ihm gehört. Ihm +gehören die Chichester Arms, nicht wahr?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p> + +<p>»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. +Mellions — mehr als uns,« sprach Cis. »Sein Besitz +Highmount ist wirklich wundervoll. Manche finden +ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht +teile ich nicht. Haben Sie den Park und das Schloß +schon gesehen?«</p> + +<p>»Nur von der Chaussee aus.«</p> + +<p>Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. +Chichester sprach gerade mit Florence, die zu ihm aufschaute.</p> + +<p>»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht —« Cis brach +ab, dunkelrot im Gesicht, und verriet, was sie angefangen +auszusprechen, so unbeholfen durch ihr schuldbewußtes +Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen +Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach +er mit einer kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin +verblüffend fand, wenn sie auch erleichtert aufatmete:</p> + +<p>»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. +Verzeihen Sie mir die Frage — ist Gräfin Esmonds +Verlobung augenblicklich noch ein Geheimnis?«</p> + +<p>»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts +der Art! Wir alle wissen es, aber sie soll noch nicht +veröffentlicht werden, ehe die Herzogin — die Patin +meiner Cousine und ihr zweiter Vormund — davon +in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben +hat.«</p> + +<p>»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor +Herrn Sherriff geheimgehalten werden?«</p> + +<p>»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt?<span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span> +Sie hält so viel von ihm, daß ich glaubte, er +sei einer der ersten, dem sie es mitgeteilt. Sind Sie +sicher, daß er es nicht weiß?«</p> + +<p>»Ganz sicher.«</p> + +<p>»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. +»Das sieht ihr gar nicht ähnlich! Bitte, erwähnen +Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath — es +könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl +so zusammenhängen, daß sie glaubt, daß Herr Sherriff +sich nicht darüber freuen würde. Und das glaub’ ich +auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, +daß er keinen für gut genug für sie hält.«</p> + +<p>Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder +richteten sich seine Augen quer über den Tisch hinüber +auf das ruhige, schöne Gesicht des Mannes, das sich +ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe +hinabbeugte, — nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, +— nicht mehr vielleicht, als er sich eben zu Cis +hinuntergebeugt hatte. Der ihr Bräutigam? Er sah +aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so +gleichgültig war er.</p> + +<p>Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, +und nachdem sie abermals ohne Erfolg zu +ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte, begann sie +einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, +durch eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so +daß endlich ein Gespräch zwischen ihr und ihrem Tischnachbar +in Gang kam, und was er ihr erzählte, war +wirklich amüsant und neu für sie.</p> + +<p>»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach +Australien,« meinte sie. »Man macht sich erst eine<span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span> +Vorstellung von einem Orte, wenn jemand redet, der +dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den +ich kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie +davon.«</p> + +<p>»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. +»Darf ich fragen, wer das ist, Fräulein Mortlake?«</p> + +<p>»Wie dumm von mir, — ich dachte, das wüßten +Sie! Es ist Harrys — Herrn Wentworths Vater.« +Sie errötete leicht, als ihr der Name entschlüpfte +und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer +seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar +um ihre Verlobung wisse.</p> + +<p>»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es +kann ihm dort nicht sehr gefallen haben, denn er +spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in der Tat +keine Ahnung davon, bis Har— Herr Wentworth +es mir erzählte.«</p> + +<p>»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath +rasch.</p> + +<p>»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet +war.«</p> + +<p>»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath +wieder und blickte sie unverwandt an.</p> + +<p>»Ja — das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, +also muß es ungefähr so lange her sein.«</p> + +<p>Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer +Nichte das übliche Zeichen und stand auf. Es blieb +keine Zeit zu einer Antwort.</p> + +<p>Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort +für Herrn Sherriff ihm schon gegeben worden. Seine +Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und einem<span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span> +freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die +kälteste und förmlichste Verbeugung.</p> + +<p>Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit +geworden? Cis blickte wieder mit drolligem +Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die beiden Mädchen +zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte +mit Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter +nach Highmount zurückrief, das Zimmer verlassen, +und der Baron saß stumm und regungslos vor +sich hinbrütend an seinem Platze.</p> + +<p>»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb +du ihn unausstehlich nennst, Florence,« gähnte +Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht leicht ist, +sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht +helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. +Es war zu schlecht von dir.«</p> + +<p>»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence +trocken zurück. »Chichesters Unterhaltungsgabe war +auch nicht gerade glänzend.«</p> + +<p>»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn +Sherriff deine Verlobung mitteilen müssen. Er hält +so viel von dir!«</p> + +<p>»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich +das nicht getan habe?« fragte Florence rasch.</p> + +<p>»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte +mir ihm gegenüber, daß du verlobt seiest. +Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr Sherriff nichts +davon wüßte.«</p> + +<p>»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. +Das sieht der Unverschämtheit des einen +von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, +dann lachte sie. »Bah,« sagte sie dann in +leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, daß du es +Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn +Sherriff gern aufklären, meinetwegen kann jedermann +es erfahren.«</p> + +<p>Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener +Stirn. »Cis!«</p> + +<p>»Ja, Liebste?«</p> + +<p>»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand +furchtbar ähnlich sieht?«</p> + +<p>»Herr Leath? Nein — ich habe keine Ähnlichkeit +gesehen.«</p> + +<p>»Ich aber —« sagte Florence langsam, als suche +sie sich zu vergegenwärtigen, in welchem Zuge die +Ähnlichkeit läge, »ich sehe es immer; schon am Tage +des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe seitdem +immer darüber nachgedacht. Wem von meinen +Bekannten er ähnlich sieht, und worin die Ähnlichkeit +liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß sie +da ist.«</p> + +<p>»Was sagst du da?«</p> + +<p>Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an +ihres Vaters scharfe, herrische Stimme gewöhnt, nicht +an die Wut, die jetzt aus seiner Stimme klang. Er +hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die +gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein +blasses, zorniges Gesicht paßte zu seiner Stimme.</p> + +<p>Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete +mit hochmütiger Gelassenheit:</p> + +<p>»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte,<span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span> +daß Herr Leath irgend jemand außerordentlich ähnlich +sähe, und es will mir nicht einfallen, wem.«</p> + +<p>»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie +ist es möglich? Was kannst du wissen?« Er brach +nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen Worten +jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand +sinken.</p> + +<p>»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. +»Unsinn! Hüte deine Zunge besser. An dem Menschen +hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und ich rate dir, +von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich +zu sehen. Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist +ein Abenteurer, soviel wir wissen. Es war verkehrt +von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich werde +das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn +du klug bist, so laß es mich nicht wieder hören, +daß du so törichte Reden führst.«</p> + +<p>Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend +hinter ihm ins Schloß. Cis war sprachlos.</p> + +<p>»Florence, was kann über ihn gekommen sein? +Und so zu dir zu reden!«</p> + +<p>Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war +gerunzelt, ihre Augen weit geöffnet; sie hatte keine +Antwort bereit.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller +fast eingeschlafen, als er durch Everard Leath, +der durch die Veranda eintrat, aufgeweckt wurde. +Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf der Zunge +hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann,<span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span> +mit dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. +Seine Augen glänzten, sein Gesicht war gerötet, der +gelassene Ausdruck verschwunden und einer sonderbaren +frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte +dem Alten, der ihn verwundert ansah, die Hand auf +die Schulter.</p> + +<p>»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. +Mellions bleiben würde.«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p class="pmb3">»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich +würde aber wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes +anderen Sinnes, — ganz anderen Sinnes geworden, +— und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_7">7.</h2> +</div> + +<p>Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, +denn die Hitze hatte noch zugenommen, und +sogar in den kühlen, großen, luftigen Räumen von +Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.</p> + +<p>Lady Agathe, ihre Kinder — Roy in einem weißleinenen +Anzuge, in dem er noch länger als sonst aussah +— und Florence saßen vor den Fenstern des getäfelten +Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem +Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch +gebracht worden. Es war dort entschieden kühler als +drinnen, und die weißgekleideten Mädchengestalten, +die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben, +boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen +und Decken ein Lager zurechtgemacht.</p> + +<p>Chichester, der wie immer kühl, gelassen und +vornehm aussah, erschien gerade, als die ersten Tassen +eingeschenkt wurden.</p> + +<p>»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein +Glas Bischof vor?« fragte ihn Florence.</p> + +<p>Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina +an die Herzogin geschrieben und beide äußerst +befriedigende und herzliche Antworten erhalten. Jetzt, +wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu +ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, + <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span> +der nicht wußte, daß Gräfin Florence Esmond +als Herrin in Highmount einziehen würde.</p> + +<p>Chichester entschied sich für Tee und nahm die +Tasse, die Florence ihm reichte. Er hatte Lady Agathe +schon seine Verbeugung gemacht und Cis die Hand geschüttelt, +die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung +mit ihm anzuknüpfen — im stillen hielt sie +ihn in der Beziehung noch schlimmer als ›den Menschen +Leath‹, was sehr viel sagen wollte.</p> + +<p>»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte +er dann, »ich speise heute bei dem Bischof. Ich muß +heimfahren, sobald ich Sir Jasper gesprochen habe.«</p> + +<p>»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das +junge Mädchen lächelnd, »ich hätte dich also mit +meinem frivolen Tee gar nicht aufhalten sollen. Mein +Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir ihm sagen +lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt +beim Frühstück, Tante Agathe, — er sitzt zu +viel allein — ich will ihn bitten lassen, zu uns zu +kommen.«</p> + +<p>Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale +mit Früchten brachte, die nötige Anweisung, und ein +paar Minuten darauf erschien der Hausherr. Er hatte +die Aufforderung augenscheinlich ziemlich liebenswürdig +aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung +mit Chichester wurde rasch erledigt, während er den +Tee trank, den Florence ihm gereicht hatte. Er kehrte +aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im stillen gehofft, +sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien +aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen;<span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span> +er hatte nicht solche Furcht vor seinem Vater, +wie die schüchterne kleine Cis, und sagte:</p> + +<p>»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches +erlebt habe! Ich fragte heute morgen Leath, ob +es in Queensland noch heißer wäre, und er sagte, +dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. +Kühl! Du meine Güte!«</p> + +<p>»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im +Satz ab und drehte sich schnell nach seinem Sohn und +Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er streng.</p> + +<p>Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung +sehr verwundert war, antwortete:</p> + +<p>»Von dem Menschen aus Australien, Everard +Leath. Doch du mußt ihn ja kennen, er hat hier vorige +Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«</p> + +<p>»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel +und antworte mir. Wo hast du ihn getroffen?«</p> + +<p>»Wo—o, ein paarmal bei dem alten Sherriff +— und bei Mutter Buckstone — und sonst im Orte. +Er ist ein netter Mensch, den ich gern leiden mag. +Warum, Vater?«</p> + +<p>»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft +abbrichst,« antwortete Sir Jasper in demselben +schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein Fremder +— laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff +sich lächerlich machen will, so mag er es tun. Bitte, +ich wünsche ihn nicht wieder von dir genannt zu hören, +und damit basta!«</p> + +<p>Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema +fallen ließ, denn Roys Achselzucken und Grimasse verhießen +nur geringe Fügsamkeit. Die Familie Mortlake<span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span> +auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht +gewesen, und Roy besaß eine gute Portion +ihres angeborenen Eigensinns. Er erhob sich langsam +aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis auf, +mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister +schlenderten davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls +in der Nähe ihres Gatten nicht behaglich fühlen +mochte, folgte ihnen bald.</p> + +<p>Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch +des Hausherrn mit gerunzelter Stirn dagesessen. +Jetzt hub er an:</p> + +<p>»Entschuldigen Sie — darf ich fragen, ob Sie +irgend etwas von diesem Leath wissen, Mortlake?«</p> + +<p>»Nichts — gar nichts, was sollte ich wissen? Was +meinen Sie?«</p> + +<p>»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von +ihm wüßten; da Sie so dagegen sind, daß Roy sich mit +ihm abgibt, so könnten Sie möglicherweise einen besonderen +Grund dafür haben.«</p> + +<p>»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein +Sohn in seinem Alter einen freundschaftlichen oder gar +intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt, den +ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«</p> + +<p>»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte +Chichester mit gewohntem Gleichmut. »Ich +meinte nur, daß — ich habe ihm gerade heute Lychet +Hut — Sie kennen doch das kleine Haus? — vermietet, +und wenn Sie wirklich etwas gegen ihn haben, +so erführe ich es gern.«</p> + +<p>»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen — ihn als +Mieter genommen?« fragte der Baron ungläubig.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p> + +<p>»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«</p> + +<p>»Ist es fest abgemacht?«</p> + +<p>»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat +die halbe Miete im voraus bezahlt.«</p> + +<p>»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie +können ihn nicht an die Luft setzen?«</p> + +<p>»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht +wissen, wer er ist?«</p> + +<p>»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt +es, wenn ein Mieter die Miete im voraus zahlt. Es +steht nicht in meiner Macht, die Sache rückgängig zu +machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff —«</p> + +<p>»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht +zu ändern. Wenn Sie es in der Zukunft bedauern +sollten, so denken Sie daran, daß ich Sie gewarnt +und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse +zu schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff +ist ein alter Narr!«</p> + +<p>Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence +und ihr Verlobter blieben allein und sahen ihm nach, +wie er rasch dem Hause zuschritt, und blickten dann +einander an. Es lag Verwunderung auf beiden Gesichtern +— ratlose Bestürzung auf dem des Mannes +— lebhaftes Staunen auf dem des Mädchens.</p> + +<p>Florence brach in Lachen aus und zuckte die +Achseln; ihre Brauen waren hoch emporgezogen.</p> + +<p>»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden +Einfluß auf ihn gehabt,« meinte sie, und setzte +dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«</p> + +<p>»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p> + +<p>»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder +lieben wir die meisten Leute?«</p> + +<p>Chichester umging die Antwort und stellte statt +dessen eine höfliche Frage:</p> + +<p>»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm +Lychet Hut vermietet habe?«</p> + +<p>»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen +Geschmack, es zu mieten, wundere. Es ist fast verfallen, +nicht wahr?«</p> + +<p>»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf +einiger Ausbesserung. Ich habe schon alles Nötige angeordnet.«</p> + +<p>»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«</p> + +<p>Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.</p> + +<p>»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«</p> + +<p>»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß +er an Einsamkeit gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe +dafür habe.«</p> + +<p>»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß +er den Wunsch hat, hier zu bleiben,« sagte sie, die Stirn +in Falten ziehend.</p> + +<p>»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei +Monate, möglicherweise nicht einmal so lange bleiben. +Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse darüber ist.«</p> + +<p>»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht +wahr? Und wie er den armen Roy anfuhr! — +Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte schelmisch.</p> + +<p>»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p> + +<p>»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine +Höhle geladen, so wäre er vielleicht ertrunken!«</p> + +<p>Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er +wurde nicht gern an das ›Höhlenabenteuer‹ seiner +Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, um Leath +den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es +ihm lieber gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. +Das wußte Florence, deren wunderschöne, schalkhafte +Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig +blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter +der Gedanke gekommen, daß sie ihren phlegmatischen +Verlobten eifersüchtig machen möchte. Aber +sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend +etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur +Eifersucht gegeben hätte.</p> + +<p>Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß +ihr Vater von der Bildfläche verschwunden, kamen +wieder herzu.</p> + +<p>»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.</p> + +<p>»Ich weiß es wahrlich nicht!«</p> + +<p>Florence war aufgestanden; es klang etwas wie +Ungeduld aus ihrer Stimme. Schlank und aufrecht +stand sie in ihrem schlichten weißen Kleide da und +nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. +»Er mag Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. +»Das ist wohl der Grund.«</p> + +<p>»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld +und ahnte nicht, daß sie Chichester eine Tatsache verriet, +die ihre Cousine ihn nicht hatte erfahren lassen +wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als +du sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span></p> + +<p>»Ja,« antwortete Florence kurz.</p> + +<p>»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester +fragend.</p> + +<p>»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine +Ähnlichkeit sehen. Zuerst war Papa sehr liebenswürdig +gegen ihn, und Roy hat ihn sehr gern, nicht wahr, +Schatz?«</p> + +<p>»Das will ich meinen — viel lieber als die +meisten, mit denen ich sonst verkehre. Lassen Sie +sich durch meinen Alten nicht gegen ihn einnehmen, +Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er +Lychet Hut gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! +Und dabei fällt mir ein,« setzte Roy mit einem Lachen +und einem Blick auf seine Schwester hinzu, »es lag +ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. +Er kennt ihn nicht, nicht wahr?«</p> + +<p>»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.</p> + +<p>»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er +es wissen — schien sehr erpicht darauf. Jetzt, wo +ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er mich +gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich +— nicht wahr?«</p> + +<p class="pmb3">»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief +Cis und warf den goldblonden Kopf empört in den +Nacken.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_8">8.</h2> +</div> + +<p>Harry war wieder daheim und Cis selig, denn +für sie war die Welt voll Sonnenschein.</p> + +<p>Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen +auf dem Flur — Harry hatte in Turret Court übernachtet, +nachdem er in Arborfield über sich und seine +Erlebnisse Bericht erstattet hatte — und überlegten, +wie sie den Morgen verbringen wollten.</p> + +<p>Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren +rosigen Wangen und dem goldblonden Köpfchen wie ein +Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie weder Lawn-Tennis +spielen noch ausfahren noch unter den Platanen +vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, +als Florence die breite Treppe herabkam. +Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit roten Bandschleifen +und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, +weißen Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz +wie eine taufrische Blume hervorschaute.</p> + +<p>»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.</p> + +<p>»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt +nach der See; ich muß sie sehen und rauschen hören. +Deshalb werde ich mir ein nettes Plätzchen aussuchen +— vielleicht meine Höhle — und dort bleiben, +bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn +ich nicht zum zweiten Frühstück erscheine. Komm mit,<span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span> +Tramp,« wandte sie sich an den zottigen Hund, der +ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war. +Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten +Wintertage in London halb verhungert und ganz verwahrlost +bis an ihre Wohnung nachgelaufen und hatte +seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy +verächtlich erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt +zu werden.</p> + +<p>Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, +und Florence erhob keinen Widerspruch; sie +war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die Dritte +im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals +als peinlich.</p> + +<p>Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die +drei wanderten seewärts. Auf den grasbewachsenen, +mit Ginstergestrüpp bedeckten Klippen gab es lauschige +Plätzchen genug, und sie machten es sich bald bequem. +Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund +drängte sich dicht an Florence, und Harry streckte sich +zu Cis’ Füßen hin. Florence lächelte, als sie das sah, +und lächelte noch mehr, als eine kleine rosige Hand +anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend +darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher +Stellung zu vergegenwärtigen, wäre komisch +gewesen. Das junge Mädchen seufzte, während sie +auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte +sich wieder: »Warum habe ich es nur getan?«</p> + +<p>Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als +Harry seine Zigarre ausgeraucht hatte, nahm er Cis +ohne Umstände ihr Buch weg und begann zu plaudern. +Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr unterhaltender<span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span> +Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls +ihr Buch sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und +Bewunderung zu. Er erzählte von London, das sie, +zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und +sie meinte mit einem leisen Seufzer:</p> + +<p>»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«</p> + +<p>»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist +ist! Ich wollte, ich hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag +zu machen. O, dabei fällt mir ein,« sprach Harry +in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch eigentlich, +der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«</p> + +<p>»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.</p> + +<p>»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie +müssen ihn kennen, Florence, nicht wahr? Lychet Hut +gehört Chichester.«</p> + +<p>»Sie meinen Herrn Leath — Everard Leath.«</p> + +<p>»Ja, so heißt er — ich konnte nicht auf den Namen +kommen. Das ist ja der Mensch, den Sie damals beim +Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen — natürlich, +jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von +mir wollen?«</p> + +<p>»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. +»Sagte Roy, daß er Sie zu sprechen wünschte?«</p> + +<p>»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich +danach erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, +und da ich ihn nie mit den Augen gesehen, noch +je seinen Namen gehört habe, so ist das doch ziemlich +wunderlich.«</p> + +<p>Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite<span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span> +Zigarre an und meinte dann, daß es bei der Hitze +kühler in Florences Höhle sein würde.</p> + +<p>»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence +lächelnd. »Es ist nicht weit. Das Gebüsch dort zur +Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du dazu, +Cis?«</p> + +<p>Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in +das schreckliche Loch immer unheimlich fände und es +nebenbei die Kleider verderbe.</p> + +<p>»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten +Eindringlingen durch seine versteckte Lage ziemlich +sicher, Florence. Finden Sie je dort auch nur ein verirrtes +Kaninchen? Aber — wer — in des Kuckucks +Namen —« Harry stieß die letzten Worte im Tone +größter Verwunderung aus, und Cis entfuhr ein leiser +Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten. Das +Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, +raschelten und wurden beiseitegeschoben: ein Mann +erschien in der Öffnung.</p> + +<p>Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences +Augen, und ihre Wangen röteten sich vor Zorn.</p> + +<p>»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen — +Everard Leath,« sagte sie kurz, als Antwort auf +Harrys Blick.</p> + +<p>»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« +meinte er lachend, »haben Sie ihm freien Zutritt +gewährt, Florence?«</p> + +<p>»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß +nicht, was ihm einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht +hin, Harry; rauchen Sie ruhig weiter! Wir brauchen +ihn nicht zu sehen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span></p> + +<p>»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. +Sie hatte ganz recht. Everard Leaths blaue Augen +waren ebenso weitsichtig wie scharf und glänzend, +und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten +in ihren blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. +Ein merkwürdiges Leuchten brach aus seinen Augen +und wurde noch heller beim Anblick des jungen +Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy +war es nicht — wer anders konnte es sein als ihr +Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den Zähnen +und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre +Florences schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig +und kalt gewesen, so würde ihn ihr Ausdruck nicht +zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich die +Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht +entgehen zu lassen.</p> + +<p>Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für +ihn sein können. In ihrer Überraschung über sein +plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz, daß sie eigentlich +böse auf ihn war, und lachte munter, während sie +seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte +nur ein unsagbar hochmütiges, kaum merkbares +Neigen des Kopfes für ihn.</p> + +<p>»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das +schreckliche Loch hinunterzuklettern! Ihr Geschmack +ist ebenso wunderlich wie der Florences.«</p> + +<p>Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in +der Höhle rauche, die ihm am ersten Tage Schutz gewährt. +Und als es ihm gelang, Florences grauen +Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu +begegnen, setzte er hinzu:</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, +Gräfin, so darf ich hoffentlich auf Ihre Verzeihung +rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre Höhle betreten +habe?«</p> + +<p>Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht +auf ein Loch in den Klippen besäße, und daß nur ihre +Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle nenne.</p> + +<p>Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence +so verstimmt sei; der unglückliche Mann hatte doch +nichts getan, um solche Behandlung zu verdienen, +und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger +gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. +Harry war um seiner kleinen Braut willen +herzlich und freundlich, und so geschah es, daß Leath +in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen +Gruppe oben auf der Klippe gesellte.</p> + +<p>Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen +Leuten fort, legte einen Arm um die Taille ihrer +Cousine, die sich in ihr Buch vertieft hatte, und +fragte sie:</p> + +<p>»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, +nicht wahr, mein Herz?«</p> + +<p>»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein +Dasein überhaupt vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. +Was kann es mir ausmachen?«</p> + +<p>»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa +so böse über Herrn Leath war. Weißt du noch?«</p> + +<p>»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn +getroffen haben.«</p> + +<p>»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. +Wie lebhaft die beiden sich unterhalten!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span></p> + +<p>»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.</p> + +<p>»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. +Ich werde deinem Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte +ist sehr interessant.«</p> + +<p>Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las +weiter. Sie hörten beide nicht auf die Unterhaltung +der Herren.</p> + +<p>Leath erzählte von seinem Leben in Australien, +und Harry meinte, daß er ihn, so rauh und beschwerlich +es auch oft gewesen sein möge, fast darum beneiden +könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er +mündig geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige +Zeit hinauszugehen, aber sein Vater, der irgendein +Vorurteil gegen Australien hege, habe sich seinem +Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte +sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry +verneinte und fragte, ob er schon erwähnt, daß sein +Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch selbst in +Australien gewesen sei.</p> + +<p>»Nein, aber ich habe davon gehört.«</p> + +<p>»So? Ja — ich glaube, er war ungefähr ein +Jahr drüben, als er in meinem Alter war, und zwar +hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland — +das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde +Ihnen auch, ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber +erzählen, wenn ich es wüßte, aber ich glaube, er ist +dort in Unannehmlichkeiten verwickelt worden.«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und +wahrscheinlich war es nichts Besonderes — irgendein +kleines Techtelmechtel, in das junge Leute sich einlassen,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span> +wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. +Aber er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und +da mag er sich wohl in den Kopf gesetzt haben, daß +mir etwas Ähnliches passieren könnte. Jedenfalls erkläre +ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen +wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien +eingenommen. Es überraschte mich sehr, zu hören, daß +er überhaupt dort gewesen. Er hatte nie davon gesprochen.«</p> + +<p>Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich +aufrecht, um sie wieder anzuzünden.</p> + +<p>Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das +Meer hinausblickte, sagte langsam:</p> + +<p>»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet +hat. Darf ich fragen, ob es viele Jahre her ist, daß +Lord Carmichael in Queensland war?«</p> + +<p>»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, +als er noch unverheiratet war.«</p> + +<p>»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«</p> + +<p>»Dreißig? Ach nein — so lange nicht. Achtundzwanzig +ist das höchste.«</p> + +<p>Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder +auf den Ellbogen.</p> + +<p>»Wissen Sie das gewiß?«</p> + +<p>»Natürlich, ganz gewiß!«</p> + +<p>Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war +der junge Wentworth zu gutmütig, um ungeduldig zu +werden.</p> + +<p>»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich +bin fünfundzwanzig, und er war gerade ein Jahr +verheiratet, als ich mich einstellte. Meine Mutter<span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span> +hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten +wieder in England war, als er sie kennen lernte, und +sie heirateten, ehe ein halbes Jahr um war. Sie +können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die verstrichen, +seitdem er nach Australien ging, aber keinen +Tag mehr, nicht dreißig oder annähernd soviel.«</p> + +<p>»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie +sagten.«</p> + +<p>Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.</p> + +<p>»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden +es neunundzwanzig Jahre, daß er seinen Vater +verlor, und damals war er in Arborfield. Nein — vor +dreißig Jahren war er in England und niemals weiter +als hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst +du, Cis? Frühstückszeit? Ja, das mag schon sein. +Ich bin bereit, wenn du es bist.«</p> + +<p>Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry +erhob sich jetzt. Leichten Sinnes, wie er war, empfand +er keine Neugier, weshalb er mit so sonderbarem +Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal +darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen +herzlichen Worten von Leath und versprach, seiner +Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, sobald er +dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ +blaue Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem +Ausdruck, als er erhobenen Hauptes schnell in +der Richtung von St. Mellions dahinschritt.</p> + +<p>»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und +wie albern, sich in deine Höhle zu setzen, Florence! +Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich behaupten,<span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span> +daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu +verlieben, Liebling!«</p> + +<p class="pmb3">Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte +Everard Leaths entschwindender Gestalt mit gerunzelten +Brauen nach, einen bestürzten, forschenden Ausdruck +in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was +Cis und ihrem Verlobten entgangen — die merkwürdige +Veränderung in dem ernsten, gelassenen Gesicht +des Australiers. Was hatte nur jenen zornigen, +enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte +sich mit einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich +selbst, und doch seufzte sie. Es schien, als ob der Mensch +sie immer beschäftigen, sie immer beunruhigen sollte.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_9">9.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu +verlangsamen, von der Halde geraden Wegs nach St. +Mellions hinunter und nach dem Bungalow, der für +den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs +dringende Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer +in den Chichester Arms aufgegeben, um bis zum +Augenblick, da seine neue Behausung für ihn instand +gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten +Herrn zu wohnen. Leath ging durch den Garten, dann +durch die Veranda in das dahinterliegende Zimmer, wo +Sherriff mit der Feder in der Hand über einige Rechnungsbücher +gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt +des jungen Mannes am Fenster erschien, und er +sagte, ihn freundlich begrüßend:</p> + +<p>»Da sind Sie wieder — das ist recht.«</p> + +<p>»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie +doch nicht?«</p> + +<p>»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer +Wohnung gewesen?«</p> + +<p>»Nein — draußen auf der Halde.«</p> + +<p>»So! Es ist ein schöner Morgen für einen +Spaziergang. Setzen Sie sich, ich bin gleich mit meiner +Schreiberei fertig.«</p> + +<p>Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen<span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span> +Fenster nieder. Das helle Sonnenlicht fiel voll auf sein +Antlitz, auf dem eine finstere Wolke lag; er fuhr mit +der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen Bart, +während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in +düstere Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten +Auge hätte sein ernstes Vorsichhinbrüten auffallen +müssen. Sherriff, der aufblickte, als er mit +seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein +Ausdruck der Verwunderung und der Besorgnis überflog +sein schönes altes Gesicht.</p> + +<p>»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. +»Ihnen ist hoffentlich nichts Unangenehmes begegnet?«</p> + +<p>»Unangenehmes?«</p> + +<p>Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das +kaum. Das heißt, ich sehe ein, daß ich mich geirrt +habe — das ist alles. Bis heute glaubte ich, daß +die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach +St. Mellions kam, fast getan sei — weit gefehlt! +Ich bin gerade so weit wie vorher!«</p> + +<p>»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum +herausgestellt hat, die Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, +hier zu bleiben und Lychet Hut zu mieten?« +fragte Sherriff.</p> + +<p>»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den +anderen Weg eingeschlagen, nach London zu gehen — +weit besser!«</p> + +<p>»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«</p> + +<p>»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg +hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich +bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«</p> + +<p>Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu + <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span> +Boden. Der Ältere brach nach einer kleinen Weile +das Schweigen und sprach zögernd und vielleicht etwas +vorwurfsvoll:</p> + +<p>»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, +Leath. Ich habe kein Recht, dieses Vertrauen +zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an Sie +richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, +eingeweiht wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem +Vorhaben helfen, oder ist das unmöglich?«</p> + +<p>»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«</p> + +<p>»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«</p> + +<p>Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen +Stimme, aber für Leaths Ohr klang etwas wie +Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.</p> + +<p>»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber +alter Freund,« sagte er, »und glauben Sie nicht, daß +ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben Sie mir +ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel +gewesen, und wenn Sie mich dann anhören wollen, +so sollen Sie die ganze Sache erfahren, soweit ich weiß. +Es ist keine angenehme Geschichte — das werden Sie +sich wohl schon sagen können.«</p> + +<p>Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in +seinem Tone, die von einer Empörung sprach, die +zwar durch eine eiserne Willenskraft niedergehalten +wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn +unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias +Sherriff nicht; vom Anfang ihrer Bekanntschaft +an hatte er erraten, daß ein geheimes quälendes Leid +am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich,<span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span> +sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen +oder einen Menschen ohne Sorge zu denken.</p> + +<p>Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte +Sherriff den Rücken zu. Sherriff folgte ihm mit den +Augen, während eine seltsame Veränderung in seinem +Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, +war es mit doch merklicherem Zögern als vorher.</p> + +<p>»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer +Kummer, Leath, weshalb Sie es für besser halten, +St. Mellions zu verlassen?«</p> + +<p>»Ein anderer Grund?«</p> + +<p>Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, +die auf seinen Zügen lag, sah wenigstens +echt aus.</p> + +<p>»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich +irre. Ich habe ebensowenig ein Recht, in dieser Sache +Ihr Vertrauen zu erzwangen wie in der anderen,« +sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten +Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht +beunruhigt hat. Gibt es noch einen anderen Grund, +weshalb Sie sich von hier fortwünschen? Und ist es — +Gräfin Florence Esmond?«</p> + +<p>»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths +Blick und Stimme wurde kaum durch die Röte, die +unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte, abgeschwächt; +er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht +gehört habe oder nicht.</p> + +<p>»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung +fort, die weiteres Leugnen oder Widerspruch +abschneiden sollte, »und ich bin nicht so alt, Leath, +daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß eine Schönheit<span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span> +und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann +naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst +wenig von ihr gesehen, aber Sie haben genug gesehen, +um unter dem Zauber ihres Wesens zu stehen. +Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden +jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten +wie wir alle, Sie doch noch keine wirkliche tiefe Liebe +für irgendein Weib empfunden haben.«</p> + +<p>»Das wenigstens ist wahr.«</p> + +<p>»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so +größer. Wenn ich die Sache zur Sprache bringe, so geschieht +es um Ihretwillen. Irre ich mich oder nicht?«</p> + +<p>»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie +über ihre Schönheit sagen; ich bewundere sie — jeder +Mann würde das tun. Aber ich habe an andere Dinge +zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei +wäre und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums +und der Vornehmheit zwischen uns gähnte. Ich danke +Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff, aber ich bin +gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten, +noch mich forttreiben.«</p> + +<p>Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; +es lag sogar eine gewisse Belustigung darin, +und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, als er seinen +Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der Begegnung +auf der Halde, der verächtlich blickenden +grauen Augen, die sich kaum die Mühe genommen +hatten, ihn anzusehen, und des stolz getragenen hochmütigen +braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige +Geburt — daß sie sich wohl bewußt war, dies alles +zu besitzen, hatte sie deutlich genug gezeigt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span></p> + +<p>Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter +Miene wieder nieder.</p> + +<p>»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es +freut mich herzlich, das zu hören, mein lieber Junge — +wirklich herzlich! Es kann einen Mann kein zermalmenderer +Schlag treffen als der Verlust des +Weibes, das er liebt. Es mag töricht von mir gewesen +sein, mir den Gedanken in den Kopf zu setzen.«</p> + +<p>»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie +überhaupt auf diesen Gedanken gekommen sind.«</p> + +<p>»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, +glaube ich, als ihre Verlobung mit Chichester veröffentlicht +wurde. Sie schienen verstört, schienen daran +zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«</p> + +<p>»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen +auseinandersetzte, hatte ich Herrn Chichester in Turret +Court getroffen. Ich würde ihn allerdings nicht für +den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences +Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit +zur Antwort. »Wenn ich mich nicht irre, +so waren auch Sie selbst überrascht.«</p> + +<p>»Ich war mehr als überrascht.«</p> + +<p>Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, +die ihm sonst fremd war. »Wüßte ich nicht, wie +unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem Charakter +nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine +versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe +nichts gegen Herrn Chichester; ich halte ihn für einen +guten Menschen, aber ich wiederhole es — er ist +weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie +glücklich zu machen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span></p> + +<p>»Er scheint das erstere wenigstens getan zu +haben,« warf Leath in seinem früheren gelassenen +Tone kurz dazwischen.</p> + +<p>»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie +kaum, daß sie ein Herz zu verschenken hat!« erwiderte +der Alte mit Entschiedenheit.</p> + +<p>Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich +wieder einen düsteren, sinnenden Ausdruck +an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte, +verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, +geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm +das Sprechen schwer.</p> + +<p>»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, +— und Frauen wohl ebenfalls, — die die Liebe im +besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als +etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und +das man so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen +habe ich nie gehört; für mich ist sie immer die +wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben +zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen +oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, +daß ich Ihnen einmal von einem Kummer erzählt habe, +der mir widerfahren, als ich jung war — einem +Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt +zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«</p> + +<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete +Leath sanft.</p> + +<p>»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen +ist?«</p> + +<p>»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. +Eine Frau.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span></p> + +<p>»Ja, eine Frau — für mich die einzige Frau +auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen, +sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die +Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf +die näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie — +wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich +glaubte, sie liebte mich auch. Ja — ich glaube, sie +liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden, +aber sie war sehr jung, sehr unerfahren — sie +hatte sich vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem +sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren. +Ich war damals sehr arm und kämpfte einen +schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu +erwerben — viel zu arm, um ans Heiraten denken +zu können. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und +stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, +und als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet +hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer +Kolonien zu gehen, als Lehrerin für die Kinder eines +Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir +beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr +bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich +es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei +Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, +wollten wir — mochte geschehen was da wollte — +heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den +Schmerz — all die Qual jener Trennung von ihr +vergegenwärtigen.«</p> + +<p>Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin +Florence würde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck +anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span></p> + +<p>»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine +Erzählung wieder auf, »es ist alltäglich genug. Ich +hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein +schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes +Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten +Zweifel an ihr — niemals! In den ersten Wochen +waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und +ich fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen +gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich könnte +ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr +als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er +sagte mir, daß sie verheiratet sei.«</p> + +<p>Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der +Überraschung.</p> + +<p>»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie +wisse jetzt, daß sie mich niemals geliebt hätte, und beschwor +mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon +reden, was ich durchgemacht habe — ich war jung, +und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr +vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb +ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach — +daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, +daß sie glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals +wieder etwas von ihr gehört.«</p> + +<p>»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«</p> + +<p>»Nein — dessen bedurfte es nicht. Sie mag es +für freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun. +Von dem Tage an war sie für mich tot.«</p> + +<p>»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend +etwas über sie gehört?«</p> + +<p>»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt<span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span> +sie noch, mit ebenso weißem Haar wie das meine — +sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam, +sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges +Gesicht mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, +deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick. +Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr? +Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich +hatte das Gefühl, daß — wie sie nun auch sein mag +— Sie sie hören sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, +zu erklären, weshalb ich soeben ernst und +eindringlich war und weshalb ich mich einen mit +der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von +mir, und übergenug! Lassen Sie uns von etwas +anderem reden.«</p> + +<p>Leath stand auf und folgte Sherriff an das +Fenster, an das er getreten war.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« +sprach er. »Glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die +Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, denn ich +weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt +haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl +nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens +teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zurückhaltung, +die ich Ihnen gegenüber beobachtet, wieder +gutmachen zu lassen.«</p> + +<p>»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht +gern sagen,« wehrte Sherriff hastig ab, »ich verlange +es nicht, Leath — ich bitte Sie sogar, es nicht +zu tun.«</p> + +<p>»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis +möchte ich Ihnen sagen, was mich von der anderen<span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span> +Seite der Welt hierher nach St. Mellions geführt hat. +Ich bin hierhergekommen, um einen Mann aufzusuchen.«</p> + +<p>»Einen Mann? Wer ist er?«</p> + +<p>»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde +meine Aufgabe vollbracht sein. Ich weiß es nicht.«</p> + +<p>»Was ist er denn?«</p> + +<p>»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen +je gehabt.«</p> + +<p>»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu +nehmen?«</p> + +<p>»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«</p> + +<p>»Recht für wen?«</p> + +<p>»Für die Lebenden und die Toten.«</p> + +<p>»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«</p> + +<p>»Ich weiß, daß er hier war.«</p> + +<p>»Vor langer Zeit?«</p> + +<p>»Vor vielen Jahren.«</p> + +<p>»Und mehr wissen Sie nicht — nicht einmal +seinen Namen?«</p> + +<p>»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, +so doch den, den er einst führte. Es ist mein einziger +Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie könnten mir vielleicht +helfen, — Sie mögen recht haben. Kennen Sie +— haben Sie jemals den Namen Robert Bontine +gehört?«</p> + +<p>»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein +— meines Wissens habe ich den Namen niemals +gehört.«</p> + +<p>»Das wissen Sie bestimmt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span></p> + +<p class="pmb3">»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich +ist. Wenn ich den Namen je gehört habe, so hat er sich +meinem Gedächtnis nicht eingeprägt. Aber der Name +ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut — ich +halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen +haben sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte +er dann entschieden. »Unglücklicherweise kann ich +Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den Namen +Robert Bontine nie gehört.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_10">10.</h2> +</div> + +<p>Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem +Verlobten Lychet Hut einmal als eine Ruine bezeichnet. +Das war zwar übertrieben, aber doch nicht +allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, +und das war durchaus nicht übertrieben.</p> + +<p>Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach +Lychet Hook, fast eine halbe Stunde von St. Mellions +entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe standen +keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit +einem Strohdach und enthielt nur zwei geräumige +Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer und eine +Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach +eigenem Plane von einer alten, unverheirateten Dame +erbaut worden, die ebenso wunderlich wie reich war +und von der allgemein angenommen wurde, daß sie +infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt +habe. Wie dem auch gewesen sein mochte, so lebte +sie dort bis zu ihrem Tode in strenger Zurückgezogenheit +nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und verschroben +war wie sie selbst. Dann hatte Chichester +die Wohnung für eine lächerlich kleine Summe von +ihren Erben erstanden und war trotzdem nicht auf +seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder +ein Mieter für das Haus gefunden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p> + +<p>Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon +er seit drei Wochen darin hauste, hatte man in +St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über den +›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.</p> + +<p>Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit +Recht genannt hatte, der beste Hauswirt war, den +man sich nur wünschen konnte, hatte alle notwendigen +Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath +selbst hatte sich nach Market Beverley begeben und +sich dort einfache Möbel und Haushaltungsgegenstände +bestellt, die er nach wunderlicher eigner Methode +selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche +Witwe, eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der +Chichester Arms, in seinen Dienst genommen, um für +ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und dann sich in +der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, +als beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. +Und über ihn, über seinen Hausstand und +sein Benehmen im allgemeinen verwunderte man sich +in St. Mellions höchlichst.</p> + +<p>Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich +mehr oder weniger beliebt zu machen, trotz der halb +argwöhnischen, halb belustigten Neugier, mit der er +angesehen wurde — und zwar nicht nur von den +Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige +Haus, in dem er verkehrte.</p> + +<p>Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen +Pfarrers gemacht, ebenso die des Doktors und seiner +zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem klugen +kleinen Advokaten — ja, fast mit jedem war er bekannt +geworden. Und obgleich keine zweite Einladung<span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span> +nach Turret Court erfolgte und Sir Jasper ihn, als +er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten war, +kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake +oft in Lychet Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des +herrischen Verbots, das sein Vater gegen seine Besuche +erhoben, und mehr als einmal war auch Harry +Wentworth bei ihm gewesen.</p> + +<p>Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf +der Halde und auf den Feldwegen und einmal im +Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit Florence +und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm +bei dieser Gelegenheit recht freundlich begegnet, — +die Besuche ihres Verlobten in Lychet Hut waren ihr +kein Geheimnis, — Florence huldvoll, aber weniger +herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei +Herrn Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, +hatte ihn aber zufällig niemals getroffen. Obwohl +er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der Klippenwand +hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster +auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort +gesehen. Einmal hatte er auf der untersten der drei +unebenen Felsstufen ein blaues Band gefunden, das +wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das +war aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich +fern. Jedenfalls glaubte er das.</p> + +<p>Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im +Zusammenhang mit der Halde, daß er niemals dort +spazieren ging, — was er gewöhnlich jeden Tag tat, +— ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum +wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage +endlich dort begegnete. Er schlenderte langsam, dicht<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span> +am Rande der Klippe, über den wellenförmigen Boden +zwischen den Ginsterstauden und dem hohen Farnkraut +dahin, und als er plötzlich die Augen von dem +kurzen, sonnverbrannten Rasen, auf den er in +finsterem Brüten niedergestarrt hatte, emporhob, sah +er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie stand +und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf +ihn. Sie hatte ihn schon seit mehreren Minuten +gesehen.</p> + +<p>Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn +um so mehr beim Anblick ihres Lächelns, und so standen +sie sich nach wenigen Sekunden gegenüber, und +er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot. +Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem +sie sie ihm gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. +Das fiel ihm ein, während er sich darüber +wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.</p> + +<p>»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr +Leath! Ich glaubte schon, ich müßte Sie anrufen, +damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.</p> + +<p>Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, +ebenso herzlich wie die warme schnelle Berührung +ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch dachte sie +sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie +ihn nicht mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes +begrüßte und ohne ein Wort an ihm vorüberschritt. +Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein, — das +war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand +sie viel besser, als Gräfin Florence lieb gewesen +sein würde, hätte sie darum gewußt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span></p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß +gestehen, daß ich Sie nicht gesehen habe. Ich war +wohl in meine Gedanken vertieft.«</p> + +<p>»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf +die See hätten hinausblicken sollen.«</p> + +<p>»Sie haben die See gern?« fragte er.</p> + +<p>»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich +würde nach meinem Tode in eine Nixe verwandelt +werden.«</p> + +<p>Sie war weitergegangen mit einem Blick und +einer Handbewegung, die ihn ermutigt hatten, an +ihrer Seite zu bleiben.</p> + +<p>»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie +sie auch, nicht wahr?«</p> + +<p>»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher +sie wisse, mit welcher Regelmäßigkeit er auf der +Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« setzte er +ruhig hinzu.</p> + +<p>»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen +der Wellen, obschon es so schwermütig ist. Und ich +fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause sehr einsam +fühlen.«</p> + +<p>Aus der lieblichen Stimme klang freundliches +Interesse und Mitgefühl, die leuchtenden grauen +Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre eigenen +blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer +Cousine auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. +Er war sich vollkommen bewußt, daß sie bei ihrer +nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen würde, +aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, +milderte sich seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span></p> + +<p>Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, +wenn sie wollte, nicht hätte bezaubern können? Es +war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath sprach, +daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber +sie brachte ihn dazu.</p> + +<p>Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden +haben, wäre er über die Halde gekommen und hätte +sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene +Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich +im Grase, ihr lichtbraunes Haar vom Winde verweht, +und Everard Leath dicht neben ihr ausgestreckt, so daß +sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum ihres +kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte +ihn nur eine direkte Aufforderung bewogen haben, +sich dort niederzulassen.</p> + +<p>»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, +gefällt mir eigentlich,« sagte Florence langsam, in +Sinnen verloren.</p> + +<p>Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, +als sie diese Bemerkung machte. Sie hatte +das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen Augen +blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn +war leicht in Falten gezogen.</p> + +<p>»Ja, — es gefällt mir entschieden. Ich glaube +sogar, ich möchte dort sehr gern leben.«</p> + +<p>»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort +für einen Besuch vielleicht ganz erträglich finden würden +— aber als Heimat, nein!«</p> + +<p>»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span></p> + +<p>»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England +zurückwünschen.«</p> + +<p>»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist +und ich es als meine Heimat betrachte? Das ist vielleicht +wahr. Gerade wie Sie selbst Australien ansehen.«</p> + +<p>»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« +sagte Leath ruhig.</p> + +<p>»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«</p> + +<p>»Wenn mein Geschäft erledigt ist — ja.«</p> + +<p>Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence +das Blut in die Wangen, und sie wußte, daß sie sich +verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt. Gegen +ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren +Willen zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte +ihn nach St. Mellions geführt? Was hielt ihn dort +zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um alles in +der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, +aber sie hätte alles in der Welt darum gegeben, es +zu wissen.</p> + +<p>Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen +ihrer Lippen. Er veränderte seine +Stellung und runzelte einen Augenblick die Stirn mit +einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre +Augen ihn unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem +Blick begegnend, sagte er:</p> + +<p>»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl +gestatten würden, eine Frage an Sie zu richten?«</p> + +<p>»Eine Frage?«</p> + +<p>Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich +erwachenden Neugier, und außerdem wäre es unerträglich<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span> +gewesen, ihn glauben zu lassen, daß sie +pikiert sei.</p> + +<p>»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? +Was ist es?«</p> + +<p>»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam +dünken,« sagte Leath, der eine direkte Antwort +umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, daß Sie +sie beantworten können, — das weiß ich. Und doch +habe ich unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«</p> + +<p>»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« +lautete die Gegenfrage, die sie auf der Zunge hatte +und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie kannte die +Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten +Zeit innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur +wenig Gelegenheit gegeben, es zu wagen, Fragen an +sie zu richten. »Fragen Sie mich jetzt!« warf sie +leicht hin.</p> + +<p>»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern +Sie sich, daß Sie am ersten Tage unserer Bekanntschaft +sagten, Sie kennten die meisten, wenn +nicht alle Leute in dieser Gegend?«</p> + +<p>»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne +allerdings die meisten, wenn nicht alle.«</p> + +<p>»Und ihre Namen?«</p> + +<p>»Und ihre Namen, selbstverständlich!«</p> + +<p>Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.</p> + +<p>»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den +Namen Robert Bontine?«</p> + +<p>Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein +gespannter, lebhafter, erregter Ausdruck trat in seine +Züge.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span></p> + +<p>Florence blickte ihn an und schüttelte langsam +den Kopf.</p> + +<p>»Bontine?« sagte sie — »Bontine? Das ist ein +wunderlicher Name. Nein, Herr Leath, es tut mir +leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten zu müssen, +aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht +nennen hören.«</p> + +<p>»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.</p> + +<p>»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar +Dutzend des Namens Robert oder Bob aufzählen, +aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens +sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«</p> + +<p>Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit +einem Anfluge von Befangenheit an, über den sie sich +ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr so gar nicht ähnlich +sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«</p> + +<p>»Ich hoffte es.«</p> + +<p>»Er ist vielleicht fortgezogen.«</p> + +<p>»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er +sprach in einem merkwürdigen, erwägenden, mechanischen +Tone, gleichsam mehr zu sich selbst, als zu ihr, +und blickte düster auf das Meer hinaus.</p> + +<p>»Nein — er ist hier, wenn ich ihn nur finden +könnte, falls er nicht tot ist.«</p> + +<p>Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und +Florence hörte sie nicht.</p> + +<p>»Robert — Robert?« wiederholte sie sinnend. +»So gewöhnlich der Name auch in dieser Gegend sein +mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers Bruder +meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«</p> + +<p>»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh + <span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span> +um. »Ich wußte gar nicht, daß Sir Jasper einen +Bruder hat.«</p> + +<p>»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. +Er und nicht mein Onkel würde der Besitzer von +Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«</p> + +<p>»Der Bruder war also der ältere?«</p> + +<p>»O ja — er war um mehrere Jahre älter.«</p> + +<p>»Und er hieß Robert?«</p> + +<p>»Ja — Robert Georg Mortlake. Roy sollte, +glaube ich, nach ihm genannt werden, aber Tante +Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«</p> + +<p>»Ist es schon lange her?«</p> + +<p>»Daß Robert Mortlake starb? O — viele Jahre +— ehe Sir Jasper heiratete — etwa dreißig — oder +vielleicht noch länger!«</p> + +<p>Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. +Durchaus nicht unzufrieden darüber, — denn +sie fand, daß die Unterhaltung lange genug gedauert, +und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, +wie sie ihr am besten ein Ende machen könnte, +— stand Florence ebenfalls auf und nahm die hilfreiche +Hand, die er ihr darbot, als etwas Selbstverständliches +an. So flüchtig und gleichgültig sie sie +auch berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, +wie kalt sie war, obgleich sie sich kaum die +Mühe nahm, sich darüber zu wundern.</p> + +<p>»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß +dreißig Jahre her sein, wenn nicht länger, daß Robert +Mortlake starb. Nein — es sind gerade dreißig Jahre, +denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der +Kirche. Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, + <span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span> +wenn es Sie interessiert. Er ist in der südwestlichen +Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade darauf +hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park +begraben wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher +geschafft.«</p> + +<p>»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. +»Starb er denn im Auslande?«</p> + +<p>»Freilich! Er war meistens im Auslande — +hat sich in der ganzen Welt umhergetrieben — wo, +weiß ich nicht.«</p> + +<p>Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher +zu ihm hinüber und schlug die grauen Augen mit +plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. »Wissen Sie, +ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß +Roy nach ihm genannt wurde. Nun — das war der +Grund: er war ein schrecklicher Tunichtgut.«</p> + +<p>»Inwiefern?«</p> + +<p>»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die +Achseln. »Was meint man gewöhnlich, wenn man +von einem Menschen als von einem schrecklichen Tunichtgut +spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung +ist. Mehr habe ich nie darüber gehört, Robert Mortlake +ist verfemt in Turret Court.«</p> + +<p>»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«</p> + +<p>»Nein — und duldet auch nicht, daß irgendein +anderer es tut. Selbst sein unschuldiges Bild hängt verkehrt +an der Wand. Ich war indiskret genug, es +umzudrehen und mir anzuschauen — es ist noch gar +nicht lange her — und Sir Jasper war schrecklich — +war furchtbar böse. Ich, o — o —«</p> + +<p>Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit + <span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span> +einem plötzlichen Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung +an Leaths Antlitz; die frische Farbe wich +aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.</p> + +<p>Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, +das ihm auffallen mußte, blickte er sie an und sagte: +»Was ist Ihnen?«</p> + +<p>»Nichts — nichts!« Sie schüttelte hastig den +Kopf. »Ich muß gehen, Herr Leath; es ist später, als +ich dachte. Nein — kommen Sie nicht mit mir — +bitte, nicht! Leben Sie wohl!«</p> + +<p>Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich +sie schon zu sich gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig +sei, und eilte leichtfüßig über das kurze, braune +Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die +Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, +als sie ihn noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, +stehen und ihr nachblicken sah. Sie ahnte freilich +nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an +ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt +war. Er hatte die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff +in bitterem Tone erklärte, daß ihn anderes beschäftigte +als der Gedanke an die Schönheit einer +Frau.</p> + +<p>»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen +ist!« sagte sie halblaut in vorwurfsvollem Tone zu +sich selbst. »Und doch kam er mir in einem Augenblick +und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann +es nur Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es +erklären —. Bah! Welcher Unsinn! Weshalb sollte +ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder an +der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das + <span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span> +mindeste liegt! Es war dumm von mir, so mit ihm +zu reden; die Angelegenheit von Turret Court geht +ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht +eine solche Plaudertasche, aber was kann man von +einem irischen Mädchen wohl anderes erwarten?« +Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und fuhr +dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas +Besonnenheit. Deshalb, Florence Esmond, solltest du +besagtem Individuum wieder auf der Halde begegnen, +so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß +du nicht mit ihm reden darfst.«</p> + +<p class="pmb3">Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache +— ihn auszuführen, eine andere. Möglicherweise +waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold, denn es +geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen +weitere Begegnungen auf der Halde stattfanden, und +es trug sich ebenfalls zu, daß Gräfin Florence sich +meistens am Ende und nicht am Anfang dieser Zusammenkünfte +ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit +Everard Leath zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr +langweilig in Turret Court, was vielleicht eine Entschuldigung +für sie war.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_11">11.</h2> +</div> + +<p>»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden +merklich kürzer. Ich zählte heute morgen acht +braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder Sommer +ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich +glaube, ich werde alt,« sprach Gräfin Florence.</p> + +<p>Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. +Es war sehr langweilig gewesen. Sir Jasper war in +seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. Harry +und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man +den Baron sich selbst überlassen, damit er bei seinem +Glase Wein ein Schläfchen halte oder grüble, wie +es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren Roman +vertieft, und Cis war verschwunden, — wahrscheinlich, +um sich in ungestörter Einsamkeit weiter zu +langweilen. Chichester, der beim Betreten des Salons +seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster stehen +sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.</p> + +<p>»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. +Ich glaube, ich werde alt, Talbot!« wiederholte +Gräfin Florence mit einem Seufzer.</p> + +<p>Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie +wußte, daß sie Unsinn sprach. Sie sah in der Tat +heute abend fast wie ein Kind aus. Sie trug Schwarz, +was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,<span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span> +wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten +Schultern und Arme weiß hindurchschimmerten. +Sie hielt einen großen hellblauen Federfächer in der +Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den +lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen +Haares zusammen. Ihre Lippen waren dunkelrot, +ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast +schwarz aus.</p> + +<p>Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig +und beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit +wirklich sehr. Unter den Familienbildern in Highmount +gab es viele liebliche Frauengesichter, aber +keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, +daß dem so war, und es mahnte ihn daran, daß er +ihr heute abend etwas Besonderes zu sagen habe.</p> + +<p>»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, +das wird noch einige Jahre dauern, ehe ich das von +mir selbst sage — wie viele also, ehe du es zu tun +brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte +etwas mit dir besprechen.«</p> + +<p>Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für +sie in die Fensternische; er war immer außerordentlich +aufmerksam und artig. Florence blickte widerstrebend +auf den Sessel nieder und schnitt eine kleine +Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er +reden wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, +aber sie war in schalkhafter Stimmung und +aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich schmollend.</p> + +<p>Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren +und nahm ihre Hand. Gerade so hatte er es gemacht,<span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span> +als er um sie anhielt. Daran mußte das junge Mädchen +denken.</p> + +<p>»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit +gesprochen,« hub er an, »ich möchte, daß sie bald +stattfände. Ich bitte dich, so bald wie möglich einen +Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, — +das brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«</p> + +<p>Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie +an den Tag, an dem er sich mit ihr verlobte, erinnert; +sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar und erleichtert +aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er +getan.</p> + +<p>»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile +vorliegt,« versetzte sie. »Wir sind erst seit kurzer +Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen weichen, einschmeichelnden +Klang an. »Es kommt mir vor, als +sei es erst gestern gewesen!«</p> + +<p>»Es sind zwei Monate — eine ziemlich lange +Zeit!«</p> + +<p>»Nein, nein — eine sehr kurze Zeit! Cis und +Harry, die seit undenklichen Zeiten verlobt und seit +einer Ewigkeit ineinander verliebt sind, haben noch +nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«</p> + +<p>»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich +sehe wirklich nicht ein, was uns das angeht. Ich +hoffe, du wirst die Frage in Erwägung ziehen. Du +wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das +nicht tun solltest.«</p> + +<p>»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl +zurück und lachte übermütig. »Ich könnte dir ein<span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span> +Dutzend an den Fingern herzählen, aber ich will barmherzig +sein und nur einen anführen — die Herzogin!«</p> + +<p>»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«</p> + +<p>»Zu unserer Verlobung — ja. Aber, daß wir +auch nur an unseren Hochzeitstag denken ohne ihre +erhabene Erlaubnis — nein, tausendmal nein! Und +du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, +solange sie in Pontresina weilt? Unmöglich!«</p> + +<p>»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie +sie sind, bis sie nach England zurückkehrt?«</p> + +<p>»Allerdings. Ganz entschieden.«</p> + +<p>»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann +bange vor ihr ist.«</p> + +<p>Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.</p> + +<p>»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich +persönlich zittere vor ihr. Der Herzog starb jung; +wie es hieß, eines unnatürlichen Todes. Man hatte +recht — die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war +die Herzogin!«</p> + +<p>Sie bewegte den Fächer hin und her und begann +vor sich hinzusummen.</p> + +<p>»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir +alles beim alten lassen, bis sie zurückkommt, was +vielleicht erst in vier Monaten geschieht.«</p> + +<p>»Freilich.«</p> + +<p>»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über +die Sache rede?«</p> + +<p>»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes +Thema, nicht wahr? Welch wundervoller Mond? Und +schlug nicht dort eine Nachtigall?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span></p> + +<p>Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. +Florence war sich vollkommen bewußt, wie finster +sein Antlitz war, und sie begann leise hinter ihrem +Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte +sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger +Zerknirschung zu ihm empor.</p> + +<p>»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das +denke ich oft — wirklich. Ich habe dich eben geneckt, +bis ich dich fast böse gemacht habe, und doch +wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur +getan? Aus reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine +Ohrfeige dafür, wenn du willst!«</p> + +<p>Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. +Chichester rührte das hübsche Ohr nicht an. Er lächelte +ein wenig gezwungen und begnügte sich damit, ihr +die Hand auf die Schulter zu legen.</p> + +<p>»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich +etwas ernster und vernünftiger in dieser besonderen +Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine Meinung +aussprechen soll, in vielen Sachen.«</p> + +<p>»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich +bin?« Sie blickte ihn mit funkelnden Augen an.</p> + +<p>»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«</p> + +<p>»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, +törichtes, leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein +ernster, gesetzter, verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, +und ich weiß, daß ich dich hin und wieder +schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt — +wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«</p> + +<p>Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte + <span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span> +sich an die Gardine. »Ist dir je der Gedanke gekommen, +Talbot, daß wir gar nicht zueinander passen +könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.</p> + +<p>»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb +nachsichtigen, halb ungeduldigen Ton ein.</p> + +<p>Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde +an deiner Stelle mir mein Wort zurückgeben.«</p> + +<p>»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so +grenzenlos überrascht, daß er ihre Worte ganz mechanisch +wiederholte, während er sie fassungslos anstarrte.</p> + +<p>»Ja — ich würde es wirklich tun. Weshalb +nicht? Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden, und +du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten es ›nach +gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das +ist besser als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir +würde es das Herz brechen, weißt du, und was mich +anbetrifft — nun, ich habe keines zu brechen! Ich +will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es +allein meine Schuld ist. Soll ich?«</p> + +<p>Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den +blitzenden Ring. »Er sitzt sehr lose — er würde in +einem Augenblick abzustreifen sein. Sieh!«</p> + +<p>Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden +Ton behalten, aber es klang ein seltsamer, halb +rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre Hand und +schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen +Platz. Er sah verdrießlich aus und gab sich keine +Mühe, seine Verstimmung zu verbergen.</p> + +<p>»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du +bist heute abend wirklich kindischer denn je. Zum +Glück fällt es mir nicht im Traume ein, dich ernst zu<span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span> +nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere +Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch +ein weiteres Eingehen auf die Sache ärgern. Laß +uns von etwas anderem reden! Was lasest du eben? +Gedichte, glaube ich.«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von +ihm und sank apathisch wieder in ihren Stuhl, während +er den zerlesenen braunen Band aufnahm, den sie hatte +fallen lassen.</p> + +<p>»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«</p> + +<p>»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des +Namens gar nicht.«</p> + +<p>»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist +ein australischer Schriftsteller. Herr Leath hat mir +das Buch geliehen.«</p> + +<p>»Leath?«</p> + +<p>Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch +nieder. »Du meinst doch nicht meinen Mieter — +Leath, der in Lychet Hut wohnt?«</p> + +<p>»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das +Mädchen kurz.</p> + +<p>»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht +leiden könne, und daß er hier nicht verkehrt?«</p> + +<p>»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals +im Bungalow gesehen und bin ihm hin und +wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort ebensogern +umherzuschlendern wie ich.«</p> + +<p>»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, +er hat es doch sicherlich nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span></p> + +<p>Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; +sein glattes schönes Gesicht wurde rot. Florence +schaute ihn mit einem Ausdruck gleichgültiger +Verwunderung an.</p> + +<p>»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das +meinst,« sagte sie in nachlässigem Tone, »ich weiß +aber nicht, wer von uns die Initiative ergriffen hat. +Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß +es wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. +Er spricht sehr gut, und seine Unterhaltung fesselt mich. +Heute morgen brachte er mir dies Buch! Ich hatte +geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«</p> + +<p>»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«</p> + +<p>»Nein — das nicht. Er hatte gesagt, er wolle +es mitbringen, auf die Möglichkeit hin, daß ich da +sein würde. Ich hatte nichts zu tun und ging hin. +Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest +sie lesen.«</p> + +<p>»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, +über die ich mich außerordentlich wundere.«</p> + +<p>Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über +ihren Fächer hinweg an, während der halb belustigte, +halb spöttische Ausdruck auf ihrem Antlitz deutlicher +hervortrat.</p> + +<p>»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, +nachdem ich ihn mehrmals hier und anderswo getroffen +hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das +ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann +nicht sagen, daß ich mit dir übereinstimme, Talbot.<span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span> +Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß ich ihn ohne +Grund geschnitten hätte?«</p> + +<p>»Gewiß nicht — nein!« Sein ungewohnter +Ärger legte sich. »Aber, meine liebe Florence, ich bin, +wie du weißt, kein Freund davon, einen vertraulichen +Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu +begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der +verhängnisvollen Fehler unserer Zeit. Du hast ohne +Zweifel nicht genug darüber nachgedacht, sonst würdest +du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, als er +sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich +bin überzeugt davon, daß du das in Zukunft nicht +wieder tun wirst.«</p> + +<p>»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« +fragte das Mädchen.</p> + +<p>»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter +uns Stehende. Aber, bitte, laß ihn nicht wieder auf +der Halde mit dir reden! Ja, ich muß das dringend +von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, +daß die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper +gegen ihn hat —«</p> + +<p>Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf +der Verwunderung. Der Teppich war so dick, und +die Schirmlampen erhellten den großen Raum so wenig +ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose +Näherkommen des Barons gewahr geworden, und +es war kein geringer Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar +vor sich zu sehen. Er blickte von einem zum +anderen.</p> + +<p>»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,«<span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span> +sagte er. »Meine große Abneigung wogegen, wenn +ich fragen darf?«</p> + +<p>Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten +Ton; seine kalten grauen Augen hingen an dem Gesicht +seines Mündels. Wäre der Blick nicht gewesen, +so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort +überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab +sofort schroff und schnell zurück — vielleicht in dem +Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, ihren Verlobten +zu ärgern:</p> + +<p>»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab +meiner Verwunderung darüber Ausdruck, weshalb +du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden +zu mögen, Onkel Jasper!«</p> + +<p>»Leath?« Seine Augen wanderten von einem +zum anderen, dann lachte er.</p> + +<p>»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, +Chichester, wenn Sie den jungen Menschen zum Gegenstand +Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten +Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate +nicht gefolgt zu sein und ihm Ihr Haus vermietet +haben? Nun, ich habe Sie gewarnt — vergessen Sie +das nicht.«</p> + +<p>»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. +Aber als Mieter habe ich mich über Leath nicht zu +beklagen,« gab Chichester mit verwundertem Blick +zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng +gerechter Mann, und Sir Jaspers Warnung war +ihm wie unverständlich.</p> + +<p>»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, +daß ich ihm das Haus vermietet, ja, ich sage sogar,<span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span> +daß er, so viel ich weiß, ein durchaus anständiger +Mensch ist.«</p> + +<p>»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«</p> + +<p>»Das vermute ich — bis sein Mietsvertrag abläuft. +Er hat mir indessen zu verstehen gegeben, daß +er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang aufhalten +würde.«</p> + +<p>»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in +einem Orte wie St. Mellions zu tun haben?« fragte +der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er +war dicht an das offene Fenster getreten und stand +halb im Zimmer, halb draußen, den beiden anderen +den Rücken zuwendend.</p> + +<p>»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte +an eine geschäftliche Angelegenheit.«</p> + +<p>»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence +leicht dazwischen. Sie hatte keinen anderen Beweggrund, +als die Absicht, ihren Vormund zu ärgern, +wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt +hatte.</p> + +<p>»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, +um jemand zu suchen, Onkel Jasper.«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.</p> + +<p>»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence +gleichmütig. »Er hat es mir erzählt. Und der +Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine Frage +gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen +Robert Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span></p> + +<p>Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence +folgte ihm mit den Augen.</p> + +<p>»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist +nach St. Mellions gekommen, um den Mann aufzusuchen. +Wenn du mich fragst, weshalb, so muß ich +gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt, +ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. +Ich sagte ihm, ich hätte den Namen nie gehört, +und erzählte ihm, der einzige Robert, der zu +uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein +verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich +ihn höchsten Grade unwahrscheinlich, aber ich dachte, +ich wollte dich fragen, — ich muß gestehen, es interessiert +mich ein wenig, — ob du je einen Namen +Robert Bontine gehört hättest?«</p> + +<p>Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich +des Fensters entfernt. Aus der linden Sommernacht +klang seine Stimme langsam und scharf zurück.</p> + +<p class="pmb3">»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen +Bruder. Ich habe den Namen Robert Bontine +niemals gehört.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_12">12.</h2> +</div> + +<p>Es war ein außerordentlich heißer, drückender +Tag gewesen. Seit dem Morgen hingen drohende +Wolken tief am Himmel und verhüllten die Bergkuppen; +über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose, +dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch +regte sich auf der Halde; die See rauschte nur +leise plätschernd gegen das Gestade. In der Atmosphäre +hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die +einem heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.</p> + +<p>Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit +herein. Everard Leath, der allein in seinem +Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte erschrocken auf, +als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des +Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den +Band nieder und trat, die Zigarre zwischen den Lippen, +an das eine der beiden weit offenstehenden Fenster. +Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens +zum andern, und von diesem Fenster blickte man +quer über den Garten nach dem Fahrwege hinüber, +der nach Lychet Hook führte.</p> + +<p>»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er +halblaut vor sich hin.</p> + +<p>Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten +grelle Blitze, auf die ein leises, dumpfes Donnergrollen<span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span> +folgte; der Wind erhob sich in heulenden Stößen, und +dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich wolkenbruchartig +herab. Als Leath an das zweite Fenster +eilte, um es zu schließen, da der Regen von +jener Seite kam, wurde das fast dunkle Zimmer durch +helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte +immer näher.</p> + +<p>»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« +sagte er wieder vor sich hin. »Aber diesmal hat es +nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In diesem Unwetter +möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, +die behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen +Gewitter denkt, haben recht. Dort ist wahrhaftig +noch jemand unterwegs!«</p> + +<p>Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das +Toben des Wetters übertäubt, tönte jetzt vernehmlich +genug von der Landstraße herüber, wenn auch die +Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, +wer es war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick +sprengten Roß und Reiterin durch die offenstehende +Pforte quer durch den Garten und verschwanden um +die Ecke des Hauses.</p> + +<p>Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens +stürzte Leath auf die Tür zu, riß sie auf und kam +doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig genug, um +Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie +aus dem Sattel sprang.</p> + +<p>»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie +keuchend, während sie sich an seinen Arm klammerte +und taumelnd nach Atem rang. »Und die Stute auch, +sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft<span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span> +über sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so +würde sie ganz und gar mit mir durchgegangen sein.«</p> + +<p>»Natürlich — natürlich!«</p> + +<p>Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich +bäumenden Tieres. »Gehen Sie, bitte, hinein, Gräfin, +und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie müssen +bis auf die Haut durchnäßt sein.«</p> + +<p>Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde +Pferd hinein, machte die Tür zu und führte die Stute +durch den schmalen Korridor in die mit Steinfliesen +gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die +die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet +Hut besaß einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, +und bei einem solchen Wolkenbruch auch nur die paar +Meter zu gehen, konnte nicht in Frage kommen. +Einige Augenblicke verbrachte er damit, — was er +sehr gut verstand, — das am ganzen Leibe bebende, +in Schweiß gebadete Tier zu beschwichtigen und zu beruhigen, +und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.</p> + +<p>Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, +sich dort schon fast heimisch zu fühlen. Ihr Hut und +ihre Stulphandschuhe lagen auf dem Tische; sie +schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und +wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern +und Armen. Mit einem Lachen blickte sie sich um, +als Leath eintrat.</p> + +<p>»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte +sie, »der keinen Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich +bewährt er sich, obwohl ich nicht glaube, daß der +Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«</p> + +<p>»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span></p> + +<p>»Nein — dazu hatte ich keine Zeit. Ich war +ganz in der Nähe, als der Regen anfing, und bekam +nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«</p> + +<p>»Der Stute? Ganz gut — ich habe sie beruhigt.«</p> + +<p>»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! — +Es war ein Glück, daß mir Lychet Hut einfiel, und +daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer +über die Halde gekommen sein!«</p> + +<p>»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, +sich ins Freie zu wagen? Das Gewitter stand +schon seit einigen Stunden am Himmel.«</p> + +<p>»Vielleicht. Aber — o, was für ein Blitzstrahl! +Sehen Sie! Ist es nicht wundervoll?«</p> + +<p>Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. +Über ihnen krachte der Donner wahrhaft betäubend; +der Regen goß in Strömen herab, zackige Blitze zuckten +durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont erschien +auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. +Im Schein der Blitze sah er Florence mit +weitgeöffneten Augen und fest aufeinandergepreßten +Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. Leath +trat einen Schritt auf sie zu.</p> + +<p>»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte +er in sanftem Tone.</p> + +<p>»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere +Gewitter gern. Aber das heutige hat etwas Furchtbares, +nicht wahr? Man könnte fast glauben, die +ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, +daß ich nicht allein bin.«</p> + +<p>»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span></p> + +<p>»Nein, lieber nicht.«</p> + +<p>»Dann müssen Sie sich setzen.«</p> + +<p>Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den +sie sich mechanisch niederließ. »Es muß wenigstens +bald vorüber sein,« meinte er, »so kann es nicht lange +fortgehen.«</p> + +<p>»Ganz so schlimm nicht — aber vor zwei oder +drei Uhr morgens wird es kaum vorüber sein. Unsere +Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange, besonders +wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie +dieses.«</p> + +<p>Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln +zusammen und blickte sie unruhig an. Ihre +Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen, +und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in +das Unwetter hinausblickte. Es trat eine Pause ein, +während der keiner von den beiden sprach. Dann +trat er an den Tisch.</p> + +<p>»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es +wird Ihnen gemütlicher sein, Gräfin, wenn ich die +Lampe anzünde.«</p> + +<p>Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder +zu ihr zurück; ehe er zu sprechen anhub, beobachtete +er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im gelben +Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der +bezauberndste, holdseligste, auf dem seine Augen jemals +geruht, obgleich er sich streng sagte, daß er +mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.</p> + +<p>»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, +daß Sie ausgeritten?« sagte er. »Sie kamen also +von Lychet Hook!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p> + +<p>»Ja, — ich war nach Brentwood Hall geritten. +Ich habe Marion Lockyer, Lady Brentwoods Nichte, +mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr befreundet +bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus +Schottland zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute +morgen und bat mich, zu ihr zu kommen. Das tat +ich denn auch, und das erklärt die Sache.«</p> + +<p>Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und +herzlicher sein können als ihr Ton und ihr Benehmen. +Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹, die Herr +Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts +zu spüren.</p> + +<p>»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den +Heimritt gewagt, sollte ich denken. Wäre es nicht +vernünftiger gewesen, wenn Sie dort geblieben?«</p> + +<p>»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet +haben.« Sie lachte. »Lady Brentwood wollte mich +natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich würde +noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. +Ich muß doch wohl nicht so wetterkundig +sein, wie ich gedacht habe.«</p> + +<p>»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um +Sie ängstigen.« Sein Benehmen verriet noch eine gewisse +Unruhe, sein Ton war kurz und trocken und +bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.</p> + +<p>»Ach nun — sie werden annehmen, daß ich dort +geblieben! In Brentwood Hall wird man sich um +mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein meine +eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht +einmal einen Reitknecht mitnehmen. Töricht — nicht +wahr?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p> + +<p>»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«</p> + +<p>Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen +Strenge gesprochen, an die Gräfin Florence Esmond +durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone hatte +er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht +übel; der Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt +und halb verwundert; — welch peinliche Bestürzung +und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte, +davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.</p> + +<p>»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« +Sie verzog schmollend die Lippen, aber sie war dem +Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war zu schlimm, +Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das +weiß ich, aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, +als wünschten Sie mich dahin, wo der Pfeffer +wächst.«</p> + +<p>»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood +Hall geblieben!«</p> + +<p>»Das scheint so.«</p> + +<p>Sie war so ahnungslos über den Grund seines +Stillschweigens und der ungeduldigen Bewegung, die +er machte, daß sie nur noch schelmischer lachte.</p> + +<p>»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei +noch sehr dankbar sind,« meinte sie vorwurfsvoll und +schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich Ihnen Schutz +gewährte.«</p> + +<p>»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«</p> + +<p>Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam +er zurück und blickte mit unruhigem, unentschlossenem +Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes Antlitz nieder. +»Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich<span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span> +die Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten +Sie, daß Sie mir nicht tausendmal willkommen sind, +daß ich nicht mit Freuden alles und jedes für Sie täte, +was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie +nicht bleiben!«</p> + +<p>»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie +setzte sich in ihrem Stuhle aufrecht und blickte ihn mit +verwunderten Augen an — sie war aufrichtig erstaunt +und überrascht; sie verstand ihn nicht im mindesten. +»Sehen Sie doch nur — hören Sie nur! Kann +ich in diesem Unwetter über die Halde reiten? Nicht +um die Welt täte ich das — nicht, wenn ich ein +Dutzend Leute bei mir hätte!«</p> + +<p>»Nein — ich weiß — ich weiß!« Er machte eine +Handbewegung nach dem Fenster hin, gegen das der +Regen mit unverminderter Heftigkeit schlug, und sein +Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist +augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich +nicht. Aber das Gewitter kann vorüberziehen: in +einer Stunde kann alles vorbei sein.«</p> + +<p>»Vielleicht — aber nicht wahrscheinlich. Und die +Landstraße wird in einen wahren Morast verwandelt +sein — wie immer nach einem unserer Gewitter. Es +tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie +werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«</p> + +<p>»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit +und Gereiztheit stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger +Eigensinn und ihre arglose Gelassenheit trieben +ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz +allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren +konnte. Aus ihren letzten Worten klang es<span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span> +wie verwundeter Stolz, wie eine Regung schmerzlichen +Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. Sie +war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu +werden. »Es ist ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« +sprach er. »Was würden sie in Turret Court denken?«</p> + +<p>»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, +ich sei bei Brentwoods geblieben.«</p> + +<p>Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig +zu werden; in dem Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag +nicht das leiseste Verständnis für die Situation. Aber +als sie seinen Augen begegnete, errötete sie plötzlich +bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, +zurück.</p> + +<p>»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« +rief sie ungläubig, »und meinen, sie werden böse sein, +weil ich hier bei Ihnen bin!«</p> + +<p>»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir +Jasper und Lady Agathe verdrießen wird.«</p> + +<p>Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, +als sie ihn mit ihren großen, weitgeöffneten, empörten +Augen anblickte.</p> + +<p>»Aber es ist so töricht — so lächerlich! Keiner +von uns ist doch schuld an dem Gewitter! Und konnte +ich anders, als hierherkommen, und konnten Sie sich +weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns +dem Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? +Wie können sie böse sein? Weshalb sollten sie? Wie +kann irgend jemand darüber böse werden?«</p> + +<p>Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte +an Talbot Chichester, ihren Verlobten, an den sie +bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er hatte + <span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span> +den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, +die leicht verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount +wohl durchschaut, und erst am gestrigen Tage +hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische Schilderung +entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹ +gegen die Begegnungen und Unterhaltungen +auf der Halde erhoben. Die kleine Cis hatte das, was +ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend über das +bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder +berichtet.</p> + +<p>»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! +Ich weiß, daß das ausgeschlossen ist. Und hätten Sie +überall, nur nicht hier, Schutz gesucht, so hätte es +nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht zu +viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court +nicht gut angeschrieben bin.«</p> + +<p>»Nein — das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. +»Sir Jasper kann Sie nicht leiden, obgleich +ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm anders +übrig — was kann irgendeiner, der zu mir gehört, +anderes tun — als Ihnen für den Schutz danken, +den Sie mir gewährt haben?«</p> + +<p>Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob +hochmütig den Kopf — er wußte weshalb.</p> + +<p>»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es +wagen würde, mich für etwas, das ich tue, zur Rechenschaft +zu ziehen?«</p> + +<p>Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem +Hause, der es bis in seine Grundfesten zu erschüttern +schien, und ein flammender Blitz, der gerade zwischen +ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine<span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span> +Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen +in der Ferne verklang, hub Leath langsam an:</p> + +<p>»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu +sprechen, wie ich getan habe, denn Sie haben recht: +Wer, der Sie kennt, würde sich herausnehmen, etwas +zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin, +Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und +für Sie dachte.«</p> + +<p>Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und +dabei wieder in ihren Stuhl gesunken. Von dorther +antwortete sie ruhig und freundlich, obgleich auch +mit einem Anflug von Kälte:</p> + +<p>»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner +Dummheit um Entschuldigung bitten — es war verkehrt +von mir. Allem Anschein nach werden Sie +allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court +gelangen können.«</p> + +<p>»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«</p> + +<p>»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so +behaglich, wie er sein könnte.«</p> + +<p>Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er +dagegen hatte einen leichten und heiteren angeschlagen.</p> + +<p>»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber +sein sollte, — und jetzt sieht es nicht darnach +aus, — ist es rätselhaft, wie Sie ohne einen Wagen, +den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. +Sie müssen hier bleiben und es sich so bequem wie +möglich machen, und ich will nach dem Bungalow +hinübergehen — das ist die nächste Behausung. Herr +Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die<span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span> +Nacht gewähren. Daran hätte ich schon eher denken +sollen.«</p> + +<p>»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence +mechanisch. Sie fuhr wieder von ihrem Stuhl auf.</p> + +<p>»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie +wollen den weiten Weg — fast dreiviertel Stunden +— in solch einem furchtbaren Gewitter machen! Sie +würden bis auf die Haut durchnäßt — Sie könnten +vom Blitz erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr +Leath, — ich gebe es nicht zu, — Sie können unmöglich +glauben, daß ich das dulden würde! Und +außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es +in diesem einsamen Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, +nicht aushalten! O, Sie müssen mich hier +nicht allein lassen — wirklich nicht! Ich glaube, ich +würde vor Angst umkommen, ehe der Morgen +anbräche.«</p> + +<p>»Nein — nein — Sie mißverstehen mich! Glauben +Sie mir, es ist mir nicht eingefallen, Sie allein zu +lassen,« antwortete Leath in sanftem Tone.</p> + +<p>Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand +zu spüren, mit der sie sein Handgelenk umfaßte, wie +dem angstvollen Flehen ihrer Augen zu begegnen. +Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen +gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde +getroffen, selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten +Stimmung gewesen, sondern ein furchtsames +Geschöpfchen, das sich wie ein Kind schutzheischend +an ihn klammerte.</p> + +<p>»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie +hier allein zu lassen,« sprach er beschwichtigend. »Sie + <span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span> +kennen die Alte, die für mich sorgt — Frau Young +— Sie kennen alle Welt in St. Mellions — Sie werden +in ihrer Obhut sicher geborgen sein.«</p> + +<p>»Ja — ich — das mag schon sein. Ich hatte +sie vergessen.« Sie ließ seinen Arm los. »Aber, Herr +Leath, Sie müssen sich nicht in dies Unwetter hinauswagen, +nur weil ich hier bin. Es ist töricht — abgeschmackt! +Ich kann es wirklich nicht zulassen.«</p> + +<p>»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete +Leath heiter, »und gegen alle Unbill der Witterung +gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß +zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade +erschlagen. Sie werden sich in Frau Youngs Obhut +also nicht fürchten?«</p> + +<p>»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube +nicht, daß ich mich fürchten würde.«</p> + +<p>»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer +halben Stunde bin ich im Bungalow, und später, wenn +das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret Court +gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie +sind. Es ist am besten so, glauben Sie mir.«</p> + +<p>»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben +nach. »Trotzdem möchte ich viel lieber, Sie täten es +nicht, Herr Leath. Aber Sie warten wenigstens, bis +der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen +— hören Sie nur! Und der Blitz — sehen Sie!«</p> + +<p>Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die +Blitze waren noch ebenso blendend und ebenso häufig, +der Donner klang noch ebenso nahe. Leath machte die +Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.</p> + +<p>»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie<span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span> +nicht hinaussehen,« sagte er. »Ich habe hier eine +Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit ihnen +die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. +Ich will eine halbe Stunde warten, ich möchte, wenn +es angeht, Ihr Pferd gern sicher in den Stall bringen, +ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, +so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer +Fürsorge bis morgen früh empfehlen.«</p> + +<p>Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich +zu regen, und blickte mit einem bekümmerten Ausdruck +in den Augen gerade vor sich hin; dabei entging +es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der +ganze Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, +außer Haufen von Büchern von allen +Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath +seine Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich +nur an das Notwendigste gedacht.</p> + +<p>Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. +Beim ersten Blick auf sein Gesicht rief das junge +Mädchen unwillkürlich:</p> + +<p>»Was ist Ihnen?«</p> + +<p class="pmb3">»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, +»ich hatte ganz und gar vergessen, daß ich Frau Young +erlaubt hatte, heute nachmittag auszugehen, sie ist +nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie zurückgehalten +haben, daran habe ich nicht gedacht!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_13">13.</h2> +</div> + +<p>Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber +und sahen sich an, Leath mit düsterem, verstörtem +Antlitz, während Florences Züge nur Erstaunen bekundeten. +Dann trug ihr munteres Temperament +und ihre Empfindung, daß die Situation wirklich +etwas sehr Komisches hatte, plötzlich über ihre augenblickliche +Fassungslosigkeit den Sieg davon. Es zuckte +schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten — sie +brach in ein silberhelles Lachen aus.</p> + +<p>»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen +in den Chichester Arms?«</p> + +<p>»Vermutlich.«</p> + +<p>»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«</p> + +<p>»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«</p> + +<p>»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut +mir sehr leid, Herr Leath; ich weiß, daß ich Ihnen +schrecklich im Wege bin, aber Sie können mich doch +nicht an die Luft setzen.«</p> + +<p>»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen +würde.«</p> + +<p>»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen +und mich hier allein lassen — ich würde mich zu +Tode ängstigen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span></p> + +<p>»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht +gegen Ihren Willen tun.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut +es geht, in das Unvermeidliche finden, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja — das müssen wir wohl.«</p> + +<p>Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre +Stimme klang nicht mehr beklommen; in ihrem +Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die +Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence +sah es, runzelte die Stirn und ging dann entschlossen +ans Werk, seine Besorgnisse zu verscheuchen. Als sie +auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß sie sehr +nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. +Sie fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen +stieg, obgleich sie sich die größte Mühe gab, nicht rot +zu werden.</p> + +<p>»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen +mehr,« sagte sie freundlich, »wir sind beide das Opfer +der Umstände.« Sie lachte munter auf. »Ich bin doch +nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte +Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar +ganz gewöhnliche Sterbliche, die verständigerweise +nicht Lust haben, in den Wasserfluten zu ertrinken. +Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner +Stute für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie +mir den Weg zeigen wollen, so kann ich Ihnen vielleicht +helfen, zum Beispiel das Licht halten. Aber +ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn +Sie sie nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft +wie vorher, und sie ängstigt sich schrecklich.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span></p> + +<p>Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts +anderes übrig, als sein Unbehagen zu verbergen, +sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut er konnte, +und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, +wo er das Pferd gelassen, und während sie das noch +zitternde Tier streichelte und liebkoste, nahm er ihm +behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen großen +wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute +die Augen und führte sie hinaus. Florence stand in +der offenen Tür und hielt eine Lampe hoch empor, +um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr +ganz so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, +der Regen goß in Strömen herab, der Garten +war in einen Morast verwandelt und der Pfad in +einen Bach.</p> + +<p>Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem +er die Stute in dem Stand neben seinem eigenen +Pferde untergebracht hatte, das es mit jedem Rosse, +das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount +zu finden war, aufnehmen konnte, spritzte +das Wasser hoch über die hohen Reitstiefel, die er +trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war +heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!</p> + +<p>Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, +stand auf dem Tische, als er wieder in die Küche +trat, aber sie selbst war nicht dort. Er entledigte sich +seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins +Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, +daß sie sich ihm lebhaft zuwandte.</p> + +<p>»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich +fing schon an zu glauben, Sie hätten mir Ihr Wort<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span> +gebrochen und wären fortgegangen. Ist die Stute +ruhig?«</p> + +<p>»Völlig — und gut versorgt. Ich bin zum Glück +kein schlechter Reitknecht.«</p> + +<p>»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel +Mühe gemacht haben.«</p> + +<p>Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily +war ihr besonderer Liebling, und sie schenkte ihm +ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.</p> + +<p>»Hat der Regen nachgelassen?«</p> + +<p>»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, +sonst würden wir Gefahr laufen, überschwemmt zu +werden.«</p> + +<p>Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.</p> + +<p>»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben +acht geschlagen hat?«</p> + +<p>»Ist es schon so spät? Nein — das wußte ich +nicht. Sind Sie müde?«</p> + +<p>»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin +schrecklich hungrig. Wissen Sie wohl, daß ich gar +nicht zu Mittag gegessen habe?«</p> + +<p>»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! +Ich muß um Entschuldigung bitten! Frau +Young gibt mir mein Essen gewöhnlich mittags, +und —«</p> + +<p>»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence +schnell ein. »Ja, das meinte ich. Ich wollte nur sagen, +daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse. Zeigen +Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch +und Ihre Teller aufbewahren, und ich will Ihnen +helfen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span></p> + +<p>Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich +zu fügen und ihr zu folgen, obgleich sie sich draußen +in der Küche viel gewandter als er im Auftreiben +des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen +erwies. Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und +Plattmenage — sie fand sie alle und lachte mit +drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit und +vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr +fröhliches Lachen war einfach unwiderstehlich.</p> + +<p>»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, +»ich finde es famos! Eigentlich ist es ein Spaß, daß +Frau Young nicht hier ist, sonst hätte sie dies alles +getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube, ich +möchte arm sein — das heißt arm genug, um mich +mitunter selbst bedienen zu müssen?«</p> + +<p>»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« +antwortete Leath geradezu. Er selbst hatte nicht viel +mehr getan, als ihr zugesehen, wie sie im trüben +Lampenschein durch die Küche huschte, und die verschiedenen +Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen +reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.</p> + +<p>»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden +Sie wohl anderer Ansicht werden.«</p> + +<p>»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut +ist natürlich schrecklich —«</p> + +<p>»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen +ins Wort, und sein Gesicht wurde plötzlich finster, +»davon kann ich mitreden, sie ist mir mein Leben lang +zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«</p> + +<p>»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, +»nur, daß ich glaube, es lebt sich freier und leichter<span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span> +ohne so viel Geld und so viel Würde und so viel Dienerschaft. +O, das ist mitunter sehr lästig, die Versicherung +kann ich Ihnen geben — jedenfalls empfinde ich es +als eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht +wahr? Tragen Sie das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, +und wir wollen den Tisch decken.«</p> + +<p>Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging +es in die Speisekammer, und der größere Teil ihres +Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett in das +Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen +als letztes mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete +Florence ihr Werk mit drolligzufriedener +Miene.</p> + +<p>»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. +»Wenn Sie kein schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, +so darf ich wohl sagen, daß ich kein schlechtes Stubenmädchen +abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte, +und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten +zerschneiden könnte, ebensowenig, wie ich imstande +wäre, sie zu braten.«</p> + +<p>»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, +nicht wahr?« fragte Leath trocken, während sie sich +setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. Er sprach +ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck +verloren — er drängte alle unangenehmen Erwägungen +entschlossen zurück. Für den Augenblick +konnte er nichts anderes tun, als die Wonne ihrer +Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere +Stimmung einzugehen, so gut er konnte.</p> + +<p>»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein +Kochbuch kaufen und es lernen. Dabei fällt mir ein,<span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span> +daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen kann; deshalb +bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine +zu setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee +trinken.«</p> + +<p>Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter +Heftigkeit weiter, als sie nach einer Weile in die Küche +zurückkehrte, um Kaffee zu kochen, und auch noch nach +mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein +Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie +sich in ihren großen Korbstuhl zurücklehnte.</p> + +<p>»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es +ist doch erst zehn Uhr! Sie müssen das auf Rechnung +meiner ungewohnten Anstrengung setzen, den Kaffee +zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber +daran ist mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« +Sie blickte lachend zu ihm hinüber. »Sie haben +Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich +Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«</p> + +<p>»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer +an der anderen Seite — quer über dem Vorplatz. — +Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, daß es im +Erdgeschoß liegt?«</p> + +<p>»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.</p> + +<p>»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«</p> + +<p>»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen +die Küche und Frau Youngs Dachstübchen, +wo ich Sie entschieden nicht unterbringen kann.«</p> + +<p>Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse +schüttelte sie bei der Erwähnung der Bodenkammer den<span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span> +Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine Behausung +räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«</p> + +<p>»Das glaube ich gern — und zwar, daß es Ihnen +um Ihrer selbst willen leid tut, da ich Sie so ohne Umstände +aus Ihrem Gemache vertreibe.«</p> + +<p>Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu +machen — sie nahm die Dinge, wie sie lagen.</p> + +<p>»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl +mit einer Decke Ihr Nachtlager auf der Chaiselongue +aufschlagen?«</p> + +<p>»Ja, das ist meine Absicht.«</p> + +<p>»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich +für Sie werden!«</p> + +<p>»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet +habe, so würden Sie das nicht denken.« Er +stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten Sie +nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, +so tröste Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«</p> + +<p>»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, +zurück. »Haben Sie das gräßliche Ding +immer bei sich, und geladen?«</p> + +<p>»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich +draußen kampierte, und da dies Haus ziemlich einsam +liegt, habe ich dies Paar immer in Bereitschaft. +Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer +fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«</p> + +<p>»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht +um die Welt!« — Unwillkürlich wich sie noch weiter +zurück. »Ich wäre bange, es nur anzurühren, und<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span> +wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich +selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie +hier sind. Weshalb sollte ich auch?«</p> + +<p>»Weshalb, in der Tat?«</p> + +<p>Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, +legte er den Revolver nieder.</p> + +<p>Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm +zu, während er ein Licht herbeiholte und es für sie +anzündete.</p> + +<p>»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »— und morgen +früh?«</p> + +<p>»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.</p> + +<p>»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court +gehen, um ihnen zu sagen, wo ich bin, und daß sie mir +den Wagen schicken möchten?«</p> + +<p>»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald +ich kann. Ist Ihnen das recht?«</p> + +<p>»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte +nur vorschlagen, daß es besser wäre, wenn Sie nach +Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. Und +wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht +unten sein.«</p> + +<p>Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem +Ärger und ihrer Verwunderung mit dürren Worten gesagt +hatte: »Sir Jasper kann Sie nicht leiden!« und +errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem Gedanken, +er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag +mache, denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel<span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span> +wußte, wie sie ihm sagen konnte. Er verstand das +und antwortete vorsichtig, damit sie solche Kenntnis +nicht bei ihm voraussetzen sollte:</p> + +<p>»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. +Es freut mich, daß es das Richtige gewesen sein würde. +Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß Fräulein Mortlake +Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie +dazu?«</p> + +<p>»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das +Licht. »Ich danke Ihnen, Herr Leath. Nun will ich +Ihnen gute Nacht wünschen.«</p> + +<p>»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«</p> + +<p>Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, +machte die Tür auf und ließ sie eintreten.</p> + +<p>»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er +ruhig, »während Sie Umschau halten, ob Ihnen irgend +etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie und sagen +es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier +zu beschaffen ist.«</p> + +<p>Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen +steckte sie den Kopf durch die Tür, ihm das zu sagen, +gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht. +Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder +ins Wohnzimmer zurück, wo er gleich darauf die +Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte, den Revolver +dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter +dem weiten blauen australischen Himmel getan. —</p> + +<p>Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als +er am nächsten Morgen erwachte — das Gewitter war<span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span> +ganz vorüber, und die Sonne schien hell. Er stand leise +auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer +Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes +Ohr vernahm, ließ sich drinnen kein Laut hören. Sie +schlief anscheinend. Er schob den Riegel der Haustür +vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und verbrachte +die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen +verging, damit, im Sonnenschein auf und ab zu gehen.</p> + +<p>So hell und warm die Sonne auch schien, denn +sie stand schon hoch, — ihm hatten die ersten Nachtstunden +keinen Schlummer gebracht, und er hatte +viel länger als sonst geschlafen, — so hatte sie doch +die nassen Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. +Der Weg, in dem er auf und nieder +schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache +stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, +Blumen sowohl wie Gemüse, lagen ganz verregnet, +beschädigt und geknickt da. Einmal blieb Leath stehen +und sah sich um.</p> + +<p>»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte +er laut, »freut es mich, daß das Gewitter so heftig +gewesen. Ja — je schlimmer es war, desto besser.«</p> + +<p>Frau Young erschien bald darauf und war sehr +verwundert, ihren Herrn ihrer wartend zu finden. Sie +erging sich in wortreichen Entschuldigungen über ihr +Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt ihr ohne +Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und +setzte sie dort von Gräfin Florences Anwesenheit in +Kenntnis. Dann frühstückte er hastig im Stehen, +sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach Turret<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span> +Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag +daran, die unangenehme Aufgabe, die er vor sich +hatte, möglichst schnell zu erledigen.</p> + +<p>Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten +Wege gestattete, an seinem Bestimmungsorte +angelangt war, fragte er pflichtschuldigst nach Lady +Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert +anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin +schon unten sei, und ersuchte ihn, näherzutreten und +zu warten, während er sich erkundigte. Leath trat in +das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.</p> + +<p>Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll +Interesse um. Bei dem einen unglücklichen Besuch, den +er Turret Court abgestattet, war der Speisesaal das +einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach +gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein +schöner Raum.</p> + +<p>Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, +trat er an eines der Bücherregale und +musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da +öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht +Lady Agathe, sondern Sir Jasper selbst trat ein.</p> + +<p>War ihm die Bestellung gemacht worden, oder +hatte er einfach seine Frau den Mann nicht empfangen +lassen wollen, dem gegenüber er es für gut befunden, +eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung +zur Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath +vor, während er sich umwandte. Beide wurden sofort +beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von seiner Anwesenheit +in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen + <span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span> +sich begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens +und — ja, war es des Schreckens? — in sein +glattes, schönes Antlitz. Sein jähes Erblassen ließ +allerdings auf ein Erschrecken schließen.</p> + +<p class="pmb3">Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang +mit erhobener Hand auf den anderen zu, als wolle +er ihn niederschlagen.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_14">14.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath wich vor des Barons erhobener +Hand und seinem wutverzerrten, erstaunten, erblaßten +Antlitz nicht zurück. Seine eigene Verwunderung hielt +ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht +so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung +gemacht haben. Er hätte es in jedem Falle mit dem +schlanken, grauköpfigen älteren Manne in seinem +tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen +können. Es lag ebensoviel spöttische Belustigung wie +kühles Erstaunen in seinem Ausdruck. Sir Jasper +hielt inne und ließ die Hand sinken.</p> + +<p>»Was — was wollen Sie?«</p> + +<p>Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien +Zunge und Kehle trocken, aber Leaths Antwort erfolgte +umgehend. Seine Belustigung stieg.</p> + +<p>»Nichts von Ihnen, Sir Jasper — nicht einmal +an die Luft gesetzt zu werden. Ich komme nicht in +eigener Angelegenheit und auch durchaus nicht zu +meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, +daß ich nicht nach Ihnen gefragt habe. +Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu sprechen.«</p> + +<p>»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. +Er sprach noch ebenso heiser und undeutlich, schien +sich aber Mühe zu geben, seine Fassung wiederzuerlangen.<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span> +Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte +eine Hand auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich — +ich begreife nicht, Herr Leath,« sagte er in seiner gewohnten, +hochfahrenden Art, »was Sie meiner Frau +zu sagen haben können.«</p> + +<p>»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen +bei. »Ich habe Lady Agathe allerdings nichts zu +sagen, was mich angeht, sondern bin nur der Überbringer +einer Bestellung an sie.«</p> + +<p>»Einer Bestellung?«</p> + +<p>»Ja, — einer Bestellung Ihres Mündels.«</p> + +<p>»Meines Mündels?«</p> + +<p>Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit +anstatt der namenlosen Wut, die es noch eben zur +Schau getragen.</p> + +<p>»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence +Esmond reden, Herr Leath?«</p> + +<p>»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« +Das spöttische Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz +verschwunden. Er sprach mit ruhiger Gelassenheit. +»Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer Abwesenheit, +Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie — die Gräfin +— unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter +überrascht worden ist.«</p> + +<p>»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall +geblieben!«</p> + +<p>»Nein — leider nicht. Sie verließ Brentwood +Hall kurz vor dem Ausbruch des Gewitters, in dem +Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde. +Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut +erreicht hatte.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span></p> + +<p>»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, +in dem Sie wohnen?«</p> + +<p>»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein +anderes, das so heißt. Und ich preise mich glücklich, +daß ich dort war, um der Gräfin ein Obdach anbieten +zu können. Ihre Bestellung —«</p> + +<p>»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist — seit +gestern abend dort ist?« fragte Sir Jasper barsch.</p> + +<p>»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich +dem Unwetter aussetzte. Selbst wenn ich ihr einen +Wagen hätte zur Verfügung stellen können, — was +nicht der Fall ist, — wäre es nicht ausführbar gewesen. +Sie wollte davon nichts hören, daß ich sie +allein ließ, sonst würde ich versucht haben, auf irgendeine +Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem +Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, +ihr sofort einen Wagen zu schicken und ihr Pferd durch +einen Reitknecht holen zu lassen. Das ist alles, womit +ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«</p> + +<p>Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch +immer bleich und zornbebend da und umklammerte +die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im +Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, +sondern etwas viel Schlimmeres.</p> + +<p>Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand +Leaths Ärmel, und als er sich umwandte, sah er sich +Cis gegenüber.</p> + +<p>»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, +und habe gehört, was Sie erzählten! Wie schrecklich +für die arme Florence, von dem Gewitter überrascht<span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span> +zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! +Geht es ihr heute morgen gut?«</p> + +<p>»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; +sie schlief noch, als ich fortging, und daher +habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und +blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, während +er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis +war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry +Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen, +während Leath andererseits oft gedacht hatte, welch +ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben +würde und in der Tat auch für Roy abgab!</p> + +<p>»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in +Brentwood Hall geblieben wäre. Sonst hätte ich mich +wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen soll sie +gleich nach dem Frühstück holen — bis dahin muß +sie warten, da ich natürlich mitfahren werde. Sagen +Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«</p> + +<p>»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« +antwortete Leath ruhig, »aber ich fürchte, ich kann +Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fräulein +Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht +sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und +mich bei ihr zu entschuldigen.«</p> + +<p>»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß +Sie nicht nach Hause zurückkehren, da Sie sie heute +morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen +danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über +den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich +nicht zu erklären vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben,<span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span> +bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen +danken wollen.«</p> + +<p>»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in +seiner kurzen Art. »Was ich für die Gräfin getan +habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste — in +der Tat das einzige, was ich unter den Umständen +für sie tun konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter +alles viel besser erzählen, als ich es vermöchte. Guten +Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines +Abenteuer nicht schaden.«</p> + +<p>Sein Gesicht war ernst und finster, als er das +Haus verließ und zu dem Platze ging, an dem er sein +Pferd gelassen.</p> + +<p>»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr +als das — unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, +daß mein letzter Verdacht so unbegründet ist, wie mein +erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert Mortlake, +nicht Robert Bontine war — nicht gewesen sein +kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, +bei meinem bloßen Anblick einen tödlichen Schrecken +zu empfinden! Er kann mich nicht leiden — hat etwas +gegen mich — das ist wahr! — Aber ist das hinreichend, +um ein solches Gebaren zu erklären?«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren +Gatten — von ersterer mit beredtem Wortschwall, von +letzterem mit schroffer Kürze — von dem Abenteuer +ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis +gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und +dem Ankleiden und fuhr sofort über die Halde nach +Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, bekümmert, + <span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span> +erschrocken — die verschiedenartigsten Gefühle stürmten +auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das +Außergewöhnliche immer etwas Unrechtes war. Die +unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte nicht das +geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der +Mutter. Der Vorfall war natürlich etwas unangenehm +für Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch +eigentlich ein ›famoser Spaß‹.</p> + +<p>Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die +verwunderte und noch immer bestürzte Frau Young +sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte Räderrollen +auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen +vor der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden +Abend auf ihrem erschreckten Pferde geritten. +Es war klar, daß sie erwartet, eine dritte +Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, +denn ihr Gesicht umwölkte sich auf einen Augenblick.</p> + +<p>Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, +und Lady Agathe stieg, auf den Arm des +Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen bedurfte +keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad +hinauf, während Florence ihr bis an die Tür des +Zimmers entgegeneilte und von der warmherzigen +kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt +wurde.</p> + +<p>»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis +und drückte sie innig an sich. »Und welch ein Glück, +daß Herr Leath hier war! Du hättest in Brentwood +bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht +zu werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater +davon erzählen hörte, fiel ich fast in Ohnmacht.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p> + +<p>»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte +Florence lächelnd und erwiderte den Kuß ihrer Cousine +aufs innigste. »Mir hat es nicht geschadet, wie du +siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«</p> + +<p>»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich +gegen ihn gewesen — ich glaube es fast. Er +erzählte mir, er habe dich heute morgen noch nicht +gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern +danken wollen, aber davon nahm er weiter keine +Notiz — du weißt, was er für ein sonderbarer, halsstarriger +Mensch ist. Er sagte, er wolle nach dem +Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen, +was ich hiermit tue, mein Herz! Welch +ein kahles, häßliches Zimmer, nicht wahr? Wie in +aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich +würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«</p> + +<p>Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam +langsam den Gartenpfad herauf, und sie hatte einen +Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht geworfen. +Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach +ihrer Cousine um.</p> + +<p>»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte +sie geweint.«</p> + +<p>»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« +meinte Cis inkonsequent.</p> + +<p>Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die +plötzlich bleicher geworden, an einer Antwort. Sie +ging der Eintretenden mit blitzenden Augen entgegen.</p> + +<p>»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu +so ungewöhnlich früher Stunde herausgemacht hast! +Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich abgeholt hätte, + <span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span> +wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. +Nimm diesen Korbstuhl — er ist sehr bequem; ich +habe gestern den ganzen Abend darin gesessen.«</p> + +<p>»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood +geblieben, wie wir natürlich angenommen +haben?«</p> + +<p>»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt +habe, ich würde vor Ausbruch des Gewitters +heimgelangen,« antwortete Florence kurz. Sie stand +in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. +»Ich gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. +Ist Onkel Jasper deshalb so schrecklich böse? +Er sollte doch meine Unbesonnenheit gewohnt sein!«</p> + +<p>»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady +Agathes Kummer war zu groß — sie begann zu +weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine, +Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so +unbesonnen bist. Du mußt wissen, daß dein Hierbleiben, +in diesem elenden Hause, bei Herrn Leath — +einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend +etwas weiß, besonders, wo dein Onkel ihn so gar +nicht leiden kann, — nicht — nicht —«</p> + +<p>»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das +schien Herr Leath ebenfalls zu finden. Wenigstens +sagte er es mir.«</p> + +<p>»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe +entsetzt.</p> + +<p>»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint +die Sache richtiger aufgefaßt zu haben als ich. Er +wollte durchaus in das Unwetter hinaus und mich +hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte + <span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span> +ein, obgleich ich es ebenso albern und überflüssig +fand, wie ich es jetzt noch finde. Aber wir entdeckten, +daß sein dienstbarer Geist nicht hier sei: das Gewitter +hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte +ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein +zu bleiben.«</p> + +<p>»Seine Dienerin — die Person, die die Haustür +aufmachte — war nicht hier?« rief Lady Agathe.</p> + +<p>»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war +niemand hier — niemand außer uns beiden,« antwortete +Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein Lächeln, +das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln +war, spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken +an.</p> + +<p>»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit +schwacher Stimme. »Es ist sogar noch schlimmer, als +ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so böse +aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe +— ich denke nur daran, was die Leute sagen +werden. Und in Rippondale wird so viel geklatscht — +das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine +Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht +bleiben sollen — wirklich nicht.«</p> + +<p>Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise +und die des Herrn Leath. Sie bebte vor Zorn und +Ärger und verletztem Stolze. Bei einem Blick auf sie +brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.</p> + +<p>»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen +so besorgt und bekümmert bin,« rief sie schluchzend +aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! Ich hoffe +nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und + <span class="pagenum"><a id="Page_174">[S. 174]</a></span> +mir ist bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor +Chichester geheimzuhalten!«</p> + +<p>»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, +Chichester erzählen.«</p> + +<p>»Er ist so merkwürdig — so eigen,« jammerte +Lady Agathe, »und unglücklicherweise — ich muß +sagen, es war sehr unrecht und unvorsichtig, mein +Kind — haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath +auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es +erst gestern gegen mich und schien sehr verstimmt +darüber, und was er sagen wird, wenn er von +dieser —«</p> + +<p>Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen +konnte, wandte sich mit jäh ausbrechender Heftigkeit +zu ihr.</p> + +<p>»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was +kann irgend jemand, sei es Mann oder Weib, über +mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte +verloren, Tante Agathe — mehr als genug — ich +will nicht mehr hören!«</p> + +<p class="pmb3">Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu +reden. Sie weinte auf der Rückreise nach Turret Court +in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, während die +kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah +und Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen +Augen aufrecht dasaß, kein Wort sprach. —</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_15">15.</h2> +</div> + +<p>Als Everard Leath Turret Court verlassen, war +er geraden Weges über die Halde nach dem Bungalow +geritten. Es führte ihn kein besonderer Grund dorthin; +er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es +besser sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, +bis Gräfin Florence sie verlassen und die unglückselige +Episode vorüber sei. Obwohl er sich immer wieder +sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte fügen +müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, +so ertappte er sich doch fortwährend auf dem peinlichen +Gedanken, daß Chichester beschränkt, argwöhnisch und +ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er hätte voraussehen +können, was geschehen würde, er sich lieber die +Hand abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, +wo er wußte, daß er dort Florence Esmond begegnen +konnte.</p> + +<p>Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ +ein Pferd in Joes Obhut und ging auf das Haus zu. +Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters +sichtbar — die Blumen waren alle verregnet und geknickt, +der Kies war aus den sauber gehaltenen Wegen +hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand in der +Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung +traurig den Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht + <span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span> +hellte sich beim Näherkommen des jungen Mannes +auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. +Dann fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge +des anderen:</p> + +<p>»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht —,« er hielt inne, »vielleicht ist es +besser, ich erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich +nicht meine Absicht war. Aber ich weiß, daß Sie so +viel von ihr halten, und —«</p> + +<p>»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins +Wort. »Von wem?«</p> + +<p>»Von Gräfin Florence.«</p> + +<p>»Gräfin Florence?«</p> + +<p>»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und +weiß der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen +wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. +Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«</p> + +<p>Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in +dem wie gewöhnlich Stapel von Büchern umherlagen, +und während der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath +an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht +der Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich +beim Zuhören sinnend über seinen langen weißen Bart.</p> + +<p>»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte +er sehr entschieden, als der andere zu Ende war. +»Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend +jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch den +Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden, + <span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span> +durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten +sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer +Angst allein lassen!«</p> + +<p>»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt +zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester +ist ein Narr.«</p> + +<p>»Ein so großer doch kaum.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, +stolz, argwöhnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie +gehört ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der +auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares Selbst. +Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es — mir +ist bange davor.«</p> + +<p>»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie +glauben, Herr Chichester könne das zum Vorwand +nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« +fragte der alte Herr ungläubig.</p> + +<p>»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel +halte ich ihn doch nicht. Aber er könnte unklug genug +sein, argwöhnische Anspielungen ihr gegenüber zu +machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und +was in dem Falle geschehen würde, können wir uns +beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament +und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die +Verlobung auflösen.«</p> + +<p>»Wenn er das tun sollte — ja, allerdings. Aber +das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »würde kaum +ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe, +wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende gehalten, + <span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span> +oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat +glücklich werden würde.«</p> + +<p>»An und für sich kein Unglück — nein!« Der +junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. +»Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche +Wirkung das haben wird — welche Wirkung auf +sie? Der Grund wird ruchbar werden — das muß +er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist — kann +es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«</p> + +<p>Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz +verriet, daß ihm diese Ansicht der Sache ebenso neu wie +unwillkommen sei. Im Augenblicke wußte er nichts +zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein +weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, +wir tun Chichester vielleicht schweres Unrecht.«</p> + +<p>»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig +weiß ich, daß ich bei ihm nicht gut angeschrieben bin +und daß es meinetwegen schon einen Wortwechsel +zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«</p> + +<p>Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht +wurde noch ernster. Leath stieß ein zorniges +Lachen aus.</p> + +<p>»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich +glaube nicht, daß es in ganz St. Mellions einen Menschen +— sei es Mann, Weib oder Kind — gibt, der +nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem +unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. +Ich weiß, daß er gelobt hat, ich solle sein Haus nie +wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das wird + <span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span> +ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich +nach Turret Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie +sei, da —. Aber still davon! Wäre er ein jüngerer +Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen. +Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles +für sie nicht vorausgesehen und gefürchtet hätte, die +Sache noch schlimmer zu machen.«</p> + +<p>Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt +ruhelos auf und nieder, ehe er wieder anhub:</p> + +<p>»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie +mit diesem allem behellige, aber es hat mein Gemüt +erleichtert, mich auszusprechen. Die Frage ist nun — +was soll ich tun?«</p> + +<p>»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich +— ich verstehe Sie nicht recht, Leath. Was sollten +Sie tun?«</p> + +<p>»Soll ich fortgehen — diese Gegend verlassen? +Ich habe gedacht, das würde vielleicht am besten +sein. Was meinen Sie dazu?«</p> + +<p>»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« +antwortete der Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten +Sie, bis Sie sehen, was Chichester tut. Ihr sofortiges +Verschwinden könnte wie Davonlaufen aussehen. +Ein paar Tage lang wenigstens würde ich +nichts tun und mich ganz ruhig verhalten.«</p> + +<p>»Das ist Ihr Rat?«</p> + +<p>»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«</p> + +<p>»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie + <span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span> +recht. Aber sobald ich kann, will ich von hier fort. +Je eher, desto besser.«</p> + +<p>»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«</p> + +<p>»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies +alles nicht geschehen sein. Mein gewöhnliches Glück!«</p> + +<p>Es trat eine kurze Pause ein.</p> + +<p>»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, +daß ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten drängen +will — nichts liegt mir ferner. Aber da Sie davon +reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage +erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«</p> + +<p>»Nicht den geringsten.«</p> + +<p>»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich +weiß, in St. Mellions und der Umgegend angestellt +haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine Spur von +Robert Bontine aufzufinden?«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p>»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«</p> + +<p>»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. +Aber ich werde die Nachforschungen nie einstellen.«</p> + +<p>»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von +hier fortzugehen?«</p> + +<p>»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und +noch mehr, zu bleiben,« antwortete Leath finster und in +bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, um so besser +ist es für mich.«</p> + +<p>Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, + <span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span> +ein dunkles Rot stieg in seine gebräunten +Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in den +eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem +Freunde die Hand auf die Schulter.</p> + +<p>»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht +gehabt. Sie ist Ihnen nicht gleichgültig?«</p> + +<p>Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde +dem Blicke des anderen und sah dann fort.</p> + +<p>»Ich bin ein Narr!« sagte er.</p> + +<p>Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath +brach es. Er raffte sich aus seinem Brüten auf und +wandte sich vom Fenster ab. Hätte der alte Herr beabsichtigt, +auf seine letzten Worte zurückzukommen, +so würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten +haben. Seine unglückliche und hoffnungslose Liebe +zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres Wort +zwischen ihnen begraben sein.</p> + +<p>»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben +morgens immer zu tun, wie ich weiß. Vielleicht wird +ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen verscheuchen.« +—</p> + +<p>Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf +seine Arbeit konzentrieren. So viele Befürchtungen, +so viele sorgenvolle Erwägungen waren seit Jahren +nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond +hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, +wie eine Tochter nur hätte stehen können, +und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so +teuer wie ein Sohn geworden war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span></p> + +<p>Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der +Klatsch, der sie bedrohte, an den er dachte, während +er so traurig dasaß und rauchte, sondern die aussichtslose +Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als +er so rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«</p> + +<p>Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie +unter allen Umständen bleiben mußte, das konnte er, +der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden so gut +kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die +wenigen, die sie wirklich verstanden, ahnten, daß der +Stolz auf vornehme Geburt, auf Rang und Abstammung +nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem +Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, +so hatte sie in ihren Unterhaltungen mit ihm niemals +aus ihrer Abneigung gegen Everard Leath ein Hehl +gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft +für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er +sich dessen erinnerte und des Schmerzes gedachte, den +ihm vor vielen Jahren die eigene Herzenswunde verursacht +hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber +die Wunde konnte noch immer wehtun.</p> + +<p>Es war einige Stunden später — er hatte noch +immer nichts getan, als in wehmütiges Grübeln versunken +in seinem Stuhle zu sitzen, — da wurde der +Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.</p> + +<p>Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise +geführt wurde, als daß er hätte hören können, was +gesprochen wurde, und dann näherten sich dem Zimmer +Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte +sofort, wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper + <span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span> +Mortlake vielleicht kaum zweimal im Jahre einfiel, +den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn hergeführt? +Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die +Tür des Zimmers öffnete und der Baron eintrat.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard +Leath auf dem Heimwege nach Lychet Hut, nach dem +Ritte, durch den er seine erregten Nerven hatte beruhigen +wollen, an der Gartenpforte des Bungalow +vorbeikam, sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten +und in seinen Wagen steigen, der gewartet hatte. Ein +kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte, um ihn +plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag +zu beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am +Morgen in der Bibliothek von Turret Court gegenüberstanden +und er drohend die Hand gegen ihn erhoben +harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter +gewesen als jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte +ihn nach dem Bungalow geführt? In seinem jetzigen +Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort +auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath +sprang, seinem Impulse folgend, aus dem Sattel und +ging ins Haus.</p> + +<p>Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte +Gestalt war aufgerichtet, sein von Natur +ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig. Leath fühlte, +daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut +heiß in die Wangen trieb. Er sagte hastig:</p> + +<p>»Ich sah Sir Jasper an der Pforte — ich konnte +ihm ansehen und sehe auch Ihnen an, daß nicht alles + <span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span> +ist, wie es sein sollte. Betrifft es sie?« Die Stimme +versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so +ist, so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und +sagen Sie es mir!«</p> + +<p>»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem +halben Lächeln und seinem gewöhnlichen freundlichen +Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen Stuhl. +»Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, +»und das passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, +Leath, und Sie sollen hören, weshalb, und mittlerweile +machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers Besuch +betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie +meinen. Er hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. +Der Zweck seines Besuches war, über Sie +zu sprechen.«</p> + +<p>»Über mich?«</p> + +<p>»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den +außerordentlichen Haß, den er augenscheinlich gegen +Sie empfindet?«</p> + +<p>»Ich weiß, daß er existiert — das erzählte ich +Ihnen heute morgen — aber mehr auch nicht.«</p> + +<p>»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu +entfernen wünscht?«</p> + +<p>»Durchaus nicht! Wünscht er das?«</p> + +<p>»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, +um über Sie zu reden? Er kam, um zu +verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig von +ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von +Beziehung steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende +machen — kurz Ihnen die Tür weisen sollte.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span></p> + +<p>Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung +aus.</p> + +<p>»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«</p> + +<p>»Gewiß — daß Sie ein Mensch wären, von dem +niemand hier etwas wisse, daß Sie ihm persönlich +unangenehm seien, daß Sie sich heute morgen in Turret +Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten, +und schließlich, — das war das einzige Mal, daß +er Gräfin Florence erwähnte, — daß Sie vielleicht +durch Ihr Benehmen gestern abend den Ruf seines +Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«</p> + +<p>»Gütiger Himmel! Das sagte er?«</p> + +<p>»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder +vielmehr befahl er mir, daß ich, in meiner abhängigen +Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen +sollte.«</p> + +<p>»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet +haben?«</p> + +<p>»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«</p> + +<p>»Wie?«</p> + +<p>»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften +machen zu lassen oder meinen Freund zu beleidigen. +Ich habe meine Verbindung mit Sir Jasper +Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts +mehr zu schaffen.«</p> + +<p>»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« + <span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span> +Leath sprang auf. »Dessen bin ich nicht wert, +fürchte ich.«</p> + +<p>»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete +der andere mit einem Lächeln, »und würde +bei ruhiger Überlegung genau ebenso handeln, wie +ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens +nicht zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen +sind für das, was ich tat. Sir Jasper beging einen +nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß, daß sein +Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das +Gehalt war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht +ohne es leben könnte. Meine Bücher und Abrechnungen +sollen, sobald ich sie fertig habe, nach Turret +Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn +Sie nichts Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht +und helfen mir, sie zusammenzupacken.«</p> + +<p>»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich +habe mein Pferd an der Pforte gelassen und will es +erst hereinholen.«</p> + +<p>Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, +fand er Sherriff vor einem großen, altmodischen, +messingbeschlagenen offenen Pult, das ihm +schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er +aber bisher nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte +der Greis in die eine Hand gestützt; er schien etwas +eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken vertieft, +daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete, +zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.</p> + +<p>»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath +stockend.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span></p> + +<p>»Nein — nein — durchaus nicht — gewiß nicht!« +Er blickte den jungen Mann an und dann wieder auf +das, was er in der Hand hielt. »Ich tat etwas sehr +Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter +Asche, mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges +Stück Arbeit, solange wir jung sind, aber es ist noch +trauriger, wenn wir alt geworden, denn sie kann nie +wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, +daß an ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. +Erinnern Sie sich des Tages, wo ich Ihnen meinen +kleinen Herzensroman — den einzigen Roman, den +ich erlebt habe — erzählte?«</p> + +<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath +zur Antwort.</p> + +<p>»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, +daß ich Marys Bild besitze? Es ist gerade angefertigt, +ehe sie mich verließ, um ins Ausland zu gehen. Ich +habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie +von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in +denen ich es nicht ertragen konnte, auf das eine oder +andere einen Blick zu werfen. Es ist jetzt sehr verblaßt, +aber damals war es wunderbar ähnlich — +wunderbar ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«</p> + +<p>Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen +das Bild hin. Leath nahm es, blickte es an, hielt es +näher an das Licht, sah genau hin und stieß dann einen +lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.</p> + +<p>»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. +»Sie — haben es doch nicht schon gesehen — wie?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span></p> + +<p class="pmb3">»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war +tief erblaßt und verriet grenzenlose Verwunderung. +»Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_16">16.</h2> +</div> + +<p>»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch +unmöglich erwarten, daß ich diesen — diesen äußerst +bedauerlichen Vorfall so leicht als abgetan ansehe, +Florence?«</p> + +<p>»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine +Silbe weiter darüber zu verlieren,« sagte Gräfin Florence +gleichmütig.</p> + +<p>Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren +kalt und gelassen gesprochenen Worten hätte schließen +können. Ihre Wangen waren sehr blaß, sie hielt den +Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Bräutigam +ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren +allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in +ihr Privatwohnzimmer geführt worden, und dort hatte +sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, +die Geschichte der letzten Nacht erzählt — es unter +ihrer Würde haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen +oder sich zu entschuldigen. Sie wußte kaum, daß sie +es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat, +die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der +Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone +würde sie es ihm nicht erzählt haben, hätte Leath keine +Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr +anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span> +vorgekommen, und wären nicht Lady Agathes Tränen +und Jammern gewesen. Das Ganze wäre ihr dann +nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. +Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden +Augen und in einem sorglosen, gleichgültigen Tone, +ihm es überlassend, sich mit der Sache abzufinden, so +gut er es vermochte.</p> + +<p>Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester +zu besänftigen und zu versöhnen, selbst wenn +es sich um etwas ganz anderes gehandelt hätte. Er +hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, +nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in +den verdrießlich hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf +die sie mit so verächtlicher Kälte geantwortet hatte. Er +stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit +machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete +ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren +großen glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.</p> + +<p>»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter +darüber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm, +aber es ist vorüber; es war weder Herrn +Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, +und das ist auch vorüber. — Ich habe es dir aber erzählt, +weil ich fand, daß du es erfahren mußtest —«</p> + +<p>»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er +ihr heftig ins Wort. »Allerdings mußte ich das!«</p> + +<p>»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil +alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,« +sagte das junge Mädchen hochmütig, »und da es geschehen, +wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich +habe das Thema satt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span></p> + +<p>»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. +»Das ist leicht gesagt — aber vielleicht nicht ebenso +leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, begreifst du +denn nicht, daß die Geschichte dieses — dieses unseligen +Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller +Leute Mund ist?«</p> + +<p>»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.</p> + +<p>»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, +es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier müssen davon +wissen!«</p> + +<p>»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen +kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von +Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath +den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute +morgen für mein Frühstück.«</p> + +<p>»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden +Bekannten davon erzählen und ihren gemeinen Kommentar +dazu abgeben!« rief Chichester. »Und du verlangst, +daß ich von dem Thema abbreche — sagst, +daß du es satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir +da sind, werden es noch satt bekommen, ehe es +abgetan ist!«</p> + +<p>Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt +vor ihr stehen.</p> + +<p>»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, +welch unglückselige Sache es ist!«</p> + +<p>Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem +gereizten Zustande nur mit sich selbst beschäftigt, war +er unfähig, die grenzenlose Verachtung, die in diesem +Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so hätte<span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span> +er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder +an, auf und nieder zu gehen.</p> + +<p>»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit +dem jenes Menschen! Und man weiß, daß du ihn getroffen +— dich mit ihm unterhalten hast! Das macht +es noch schlimmer — das gerade ist das Allerschlimmste. +Wenn das nicht wäre, so würde wohl mit +dieser Sache selbst, in der ich dir keine Schuld beimesse, +fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. +Es ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, +daß dein Name — der Name meiner zukünftigen +Frau — der Name der Herrin meines Hauses +— auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«</p> + +<p>Er blieb wiederum vor ihr stehen.</p> + +<p>»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir +unmöglich ist, so etwas leicht zu nehmen?«</p> + +<p>»Ja — ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt +in die seinen senkend, lächelte sie.</p> + +<p>»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name +deiner Zukünftigen angetastet werden sollte. Du tust +recht, dich darüber aufzuregen; du hast mein volles +Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht — was +würde es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich +— nur auf Florence Esmond, nur auf ein Weib einen +Stein geworfen? Aber es ist deine zukünftige Frau. +O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«</p> + +<p>»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich +verstehe dich nicht!«</p> + +<p>»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und +ich wenigstens verstehe dich. O, glaubst du, ich durchschaute +dich nicht? Was macht dir Sorge? Daß ich,<span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span> +ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die +mich kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! +Nur, daß ich deine Braut bin, ein Teil deiner selbst, +dein Eigentum, und daß deshalb jeder Stein, der auf +mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß — +ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester — auf Sie +soll auch nicht der leiseste Schatten meiner Schande +fallen.« Sie zog in ungestümer Heftigkeit den Verlobungsring +vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich +bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr +Wort zurück, und Sie sind frei!«</p> + +<p>»Florence!«</p> + +<p>Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand +und dem Ringe zusammen und hielt beide fest. »Das +kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! Wenn +unsere Verlobung jetzt gelöst würde —«</p> + +<p>»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. +»Nehmen Sie Ihren Ring zurück, Herr Chichester! +Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«</p> + +<p>»Aber bedenke doch — ums Himmels willen!« +Er trat vor ihrer ausgestreckten Hand, auf deren +Innenfläche der blitzende Ring lag, zurück. »Bedenke, +welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung +jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten +Vermutungen Raum geben und sie zu bestätigen +scheinen.«</p> + +<p>»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, +daß es so sein wird. Noch einmal, nehmen Sie Ihren +Ring zurück!«</p> + +<p>»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht +besinnen? Nicht überlegen —?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span></p> + +<p>»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung +bedarf. Ein- für allemal, Herr Chichester, ich will Sie +nicht heiraten. Und zum drittenmal, nehmen Sie +Ihren Ring zurück!«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie +in aufrechter Haltung, mit hochgetragenem Haupte und +stolz blickenden Augen vor ihm stand. Ihre höhnische +Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben, +aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen +Pulsschlag. Nein — er liebte sie nicht, aber es war +schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er schritt zweimal +durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.</p> + +<p>»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß +in Erwägung zu ziehen! Denke an die Folgen, +wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich meinerseits +habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. — Gib mir +dein Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie +wiedersehen, nie wieder eine Silbe mit ihm sprechen +willst, und ich —«</p> + +<p>»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald +Sie fort sind, werde ich nach Lychet Hut reiten, um +Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge zu danken. Ich +hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«</p> + +<p>»Ist das dein Ernst?«</p> + +<p>Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort +weiter nahm er den Ring von ihrer ausgestreckten +Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz um und +verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah +Florence von ihrem Fenster aus sein Dogcart die +Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor zurollen<span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span> +und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. —</p> + +<p>Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als +sie in ihrem Reitkleid auf der Treppe erschien. Noch +immer sehr bleich, aber in aufrechter Haltung, mit +weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und +schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre +zu, die diese abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, +wurde schnell eine andere Tür geöffnet und Lady +Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, — sie +hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ +liebevoller Versuche, sie zu trösten, — kam heraus +und hielt sie auf.</p> + +<p>»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir +hinaufzukommen, liebes Kind. Ich konnte diese schreckliche +Unruhe nicht länger ertragen.« Sie hielt inne, +denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen +im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht +etwa ausgehen?«</p> + +<p>»Ja — aber ich kann ein Weilchen warten. Es +tut mir leid, daß du dich geängstigt hast, Tante Agathe. +Du hättest mich rufen lassen sollen. Bitte, suche dich +zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn +du dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? +Was ist denn los?«</p> + +<p>»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur +so fragen?« schluchzte ihre Tante. »Du bist so kalt und +schroff und wunderlich, Florence. Ich verstehe dich +ganz und gar nicht.«</p> + +<p>»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die +Lippen des Mädchens. »Es tut mir leid,« sprach sie<span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span> +ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum Weinen +bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«</p> + +<p>»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch +schrecklicher Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, +was Chichester über diese unselige Sache gesagt hat! +Du — du hast es ihm erzählt?«</p> + +<p>»Ja, ich habe es ihm erzählt.«</p> + +<p>»Und — und es ist alles erledigt und abgetan?« +fragte Lady Agathe stockend.</p> + +<p>»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns +über die Sache verloren werden. Sie ist ganz und gar +erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«</p> + +<p>»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom +Herzen, Florence! Ich fürchtete — ich weiß wirklich +nicht recht, was ich eigentlich fürchtete! Es ist sonderbar, +finde ich, daß Herr Chichester fortgefahren ist, +ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das +tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, +nicht wahr?« Mit einem Seufzer der Erleichterung +trocknete sich Lady Agathe die Augen. »Wirklich, +liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! +Fühlst du dich auch wohl genug dazu? Wohin +willst du?«</p> + +<p>»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut +anders, als Herrn Leath für die Freundlichkeit danken, +die er mir gestern erzeigt hat.«</p> + +<p>»Florence!«</p> + +<p>Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.</p> + +<p>»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das +darfst du nicht — wirklich nicht! Das kann ich nicht +zugeben!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span></p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« +sprach Florence kalt, »du vergißt wohl, daß, obgleich +ich in deinem und Onkel Jaspers Hause wohne, ich +doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! +Es tut mir leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, +aber ich reite auf alle Fälle nach Lychet Hut.«</p> + +<p>»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. +»Bitte, mein Liebling, bedenke doch! Was wird Talbot +Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«</p> + +<p>»Nichts —.« Das junge Mädchen schritt auf die +Haustür zu, während ein seltsames, bitteres Lächeln +ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte sie kurz. +»Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast +du mich mißverstanden, Tante. Mein Gehen und +Kommen geht Herrn Chichester nichts weiter an. Unsere +Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich geweigert, +ihn zu heiraten.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Everard Leath, der rauchend in der Tür seines +Hauses stand und auf seinen durchweichten Garten +hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, daß, +obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes +vernahm, er doch nicht die Augen nach der Chaussee +wandte, um zu sehen, wer der Reiter sei. So kam +es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte eingebogen +und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr +wurde.</p> + +<p>»Gräfin Esmond!«</p> + +<p>Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe +zu bedürfen, und war vom Pferde herunter, ehe er +sich dessen versah.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p> + +<p>»Sind Sie es wirklich?«</p> + +<p>»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem +Gewitter hierherverschlagen.«</p> + +<p>Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm +die Hand hinhielt, lag auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, +den er noch nie gesehen. Als er ihre Hand nahm, fühlte +er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet, eingetreten +sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.</p> + +<p>»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre +große Freundlichkeit zu danken.«</p> + +<p>»Das war ganz unnötig.«</p> + +<p>Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, +daß er ihre Hand noch immer festhielt, noch bemerkte +sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu schätzen, Gräfin, +aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für Sie +tun konnte, gern geschehen ist.«</p> + +<p>»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte +Ihnen, aber ich danke Ihnen nichtsdestoweniger.« +Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig zurück. +»Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! +Weshalb?«</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung. Ich — ich wußte +das nicht. Sie sind bleich — Sie sehen ganz anders +aus als sonst — das ist alles.«</p> + +<p>»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, +kalten Lächeln inne. »Ich bin nicht nur gekommen, +um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes +Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück +wünschen.«</p> + +<p>»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span></p> + +<p>»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem — wie soll ich +es nennen? — Verständnis für die menschliche Natur.«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand +sie nur zu gut und wurde ebenso blaß wie sie.</p> + +<p>»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu +Hilfe kommen. Ich war gestern abend nicht sehr +höflich — ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war +auf meiner Seite. Sie meinten viel mehr, als Sie +sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn Sie alles, +was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«</p> + +<p>Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn +Chichester ist gelöst.«</p> + +<p>»Das hat er getan!«</p> + +<p>»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles +so gut — das sehe ich Ihnen an — daß ich nichts +mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt wieder inne.</p> + +<p>»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in +meinen Augen auch nicht der leiseste Vorwurf Sie +trifft,« sprach sie langsam, als falle es ihr schwer, +die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue +zu wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter +um mich gewesen, haben mehr Rücksicht auf +mich genommen, als ich selbst getan. Ich war es +Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen +eigenen Lippen hörten.«</p> + +<p>Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast +wieder gewonnen, und das half ihm, die seine wieder +zu erlangen. Er begriff vollkommen, daß er kein +Wort über Talbot Chichester sagen dürfe — daß jeglicher<span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span> +Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der +Empörung sie verletzen würde. Aber es war keine +leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und +Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, +sich zu beherrschen.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind +edelmütig. Eine der wenigen angenehmen Erinnerungen, +die ich beim Fortgehen von hier mitnehme, +wird die Erinnerung an diese Worte sein.«</p> + +<p>»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.</p> + +<p>»Ja — ich werde in ein paar Tagen aus diesem +Hause ziehen.«</p> + +<p>Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber +sie verstand ihn sehr wohl. Er wollte jetzt nicht in +einem Hause bleiben, das Talbot Chichester gehörte.</p> + +<p>»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions +verlassen?«</p> + +<p>»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder +vierzehn Tage. Ich habe Herrn Sherriff versprochen, +während meines Hierbleibens im Bungalow zu +wohnen.«</p> + +<p>»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«</p> + +<p>»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. +Soweit ich es jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr +wahrscheinlich, daß ich wiederkommen werde.«</p> + +<p>Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, +ihren Augen zu begegnen, in dem Gefühl, daß seine +eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten +könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der +bloße Gedanke, daß sie frei sei, hatte ihm das Blut +ungestüm durch die Adern getrieben, obgleich er sich<span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span> +deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte +es ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als +der große Esel, für den er ihn gehalten, erwiesen hatte?</p> + +<p>»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte +Florence.</p> + +<p>Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl +wissen, Herr Leath, ob ich eine Frage an Sie richten +darf?«</p> + +<p>»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. +Aber die eine, die Sie tun wollen, brauchen Sie nicht +zu stellen, ich kann sie ungefragt beantworten. Gehe +ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich +hier tun wollte? Das ist die Frage — nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil +es mir gänzlich mißlungen ist‹.«</p> + +<p>»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von +dem Sie sprachen, — Robert Bontine, — aufzufinden?«</p> + +<p>»Nein — ich habe nicht die leiseste Spur von +ihm gefunden.«</p> + +<p>»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen +aufgeben?«</p> + +<p>»Nein — ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen +fortzusetzen, das ist alles.«</p> + +<p>»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. +»Sie waren so sicher, daß er hier sei — +so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie gesagt, +ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen +sollten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span></p> + +<p>»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit +Augen gesehen!«</p> + +<p>»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. +»Was ist er Ihnen denn, Herr Leath?«</p> + +<p>»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, +Gräfin.«</p> + +<p>»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn +Sie es mir sagen. Ich habe kein Recht, Sie darnach +zu fragen, das weiß ich wohl — ich weiß kaum, +weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie +blickte ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, — Sie +haben völlig recht, es mir abzuschlagen und Ihr +Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um Entschuldigung. +Ich frage Sie nicht.«</p> + +<p class="pmb3">Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er +stumm geblieben sein; ihr gegenüber blieb er es nicht. +Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence fragte nicht +weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte +sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er +sie auf ihr Pferd, und noch immer schweigend und +verwundert ritt sie davon und ließ ihn allein.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_17">17.</h2> +</div> + +<p>»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr +Sherriff, obgleich Sie nach Ihrem gestrigen Anfall +wohl eigentlich kaum wohl genug sein werden, um +auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.</p> + +<p>Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen +Versprechens nach dem Bungalow herübergeritten +und hatte sich sogleich in das trauliche Wohnzimmer +des Hausherrn begeben, dessen bis auf den +Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen +umrankte Veranda und den sonnigen Garten +dahinter hinausführten. Der alte Herr, der in seinem +großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem +Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden +und ihm entgegengegangen. Seine Augen +blickten trübe, sein schönes altes Gesicht war eingefallen +und blaß, die Hand, die sich dem jungen +Manne entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche +Symptome stellten sich immer nach den Ohnmachtsanfällen +ein, an denen er hin und wieder litt, und +der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich +schwer gewesen. Er selbst machte nicht viel Aufhebens +von diesen Anwandlungen — die Tatsache, daß er +an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich +einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte +ihn nicht; denn er wußte es seit vierzig Jahren.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span></p> + +<p>»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. +Ich habe Sie erwartet,« antwortete er mit zitternder +Stimme, während er wieder in seinen Sessel sank. +»Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die gestrige +Erschütterung —«</p> + +<p>»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu +reden?« warf Leath dazwischen.</p> + +<p>»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem +ich gestern wieder zu mir kam, habe ich mich +gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹ +Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie +geht es zu, daß ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere +Antlitz, dessen ich mich so gut erinnere, gesehen habe? +Sie sind Marys Sohn — meiner Mary Sohn!«</p> + +<p>Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner +Stimme, während seine Augen erregt in den ernsten, +gefaßten Zügen des Jüngeren forschten, die, so ernst +sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks +zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte +die tiefe Bewegung seines Gefährten, rührte die Treue, +die noch nach mehr als dreißig Jahren der einst Geliebten +ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte die +Hand, die die seine umschloß.</p> + +<p>»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«</p> + +<p>»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn +und dem Ausdruck des Mundes liegt etwas, das mich +an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin +als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann — Sie +haben ein schweres Leben hinter sich — das vergesse +ich. Mary war ein junges Ding, als sie von mir ging<span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span> +— so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu denken, +daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich +nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben +Sie mir je in einem unserer Gespräche erzählt, daß +Sie Ihre Mutter verloren hätten — daß Mary +tot ist?«</p> + +<p>»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht +Jahren gestorben.«</p> + +<p>»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre +es erst heute! Und wie hat sie Sie zurückgelassen? +Allein?«</p> + +<p>»Ganz allein.«</p> + +<p>»Sie haben keine Geschwister gehabt?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in +den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn +einen Augenblick, öffnete die Lippen, als wollte er +reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von dem +Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage +zu der Entdeckung geführt hatte.</p> + +<p>»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges +Mädchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie +mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem muß +sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild +sofort erkannten.«</p> + +<p>»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete +Leath, ohne sich umzuwenden. »Hätte ich nur +die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt, +gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. +Aber ich besitze ein ebensolches, das natürlich aus<span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span> +derselben Zeit stammt. Ich weiß noch, daß ich es +mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert +fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und +derselben Frau gehören könnten.«</p> + +<p>»Die Veränderung war so groß?« fragte der +andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand über +die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er +dann sanft.</p> + +<p>»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« +antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu +regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«</p> + +<p>»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte +einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem +schönen alten Gesicht.</p> + +<p>»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht +schwer machen, indem ich Ihnen davon erzähle — +weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vorüber. +Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die +gern gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre +ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere Mütter +uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich +ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie +Ihnen die Treue gebrochen — so teuer sie mir war, +so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie dürfen +mir glauben, wenn ich sage, daß sie schwer dafür gebüßt +hat.«</p> + +<p>»Ich habe es gefürchtet — gefürchtet!« sagte der +alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, +daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, ich wieder +von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch<span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span> +gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. +Sie haben nie von mir reden hören? Sie hat niemals +zu Ihnen von mir gesprochen?«</p> + +<p>»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte +mir einmal, daß sie selbst an ihrem Kummer und +Leid schuld sei — daß sie mit offenen Augen als +Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe +ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«</p> + +<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte +noch immer finster zum Fenster hinaus. Sherriff +blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem Ausdruck +zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, +die auszusprechen der andere eine ängstliche +Scheu empfand.</p> + +<p>»Everard —,« es war eine Kleinigkeit, aber es +rührte den jungen Mann tief, als er bemerkte, daß +ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen nannte, — +»Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«</p> + +<p>»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«</p> + +<p>»Was — was haben Sie mir über Ihren Vater +zu sagen?«</p> + +<p>»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich +umzuwenden, aber sein Ton war schroff und scharf, +und seine kraftvolle Hand ballte sich.</p> + +<p>»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«</p> + +<p>»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie +geboren wurden?«</p> + +<p>»Allerdings — ehe ich geboren wurde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span></p> + +<p>»Und er ließ sie arm zurück?«</p> + +<p>»Er ließ sie am Bettelstabe.«</p> + +<p>»Er war also arm?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts — +nichts!«</p> + +<p>»Tragen Sie seinen Namen?«</p> + +<p>»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem +Bruder meiner Mutter genannt, der als Kind gestorben +ist. Das hat sie mir erzählt.«</p> + +<p>Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr +Sherriff stand auf und nahm das Bild vom Tische.</p> + +<p>»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache +reden,« sprach er ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. +Ein anderes Mal werde ich Sie bitten, mir mehr aus +Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen, +aber jetzt nicht.«</p> + +<p>Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte +das Bild hinein und verschloß es sorgfältig.</p> + +<p>»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim +Ordnen der Mortlakeschen Papiere zu helfen?«</p> + +<p>Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, +erklärte sich bereit, suchte aber, allerdings vergeblich, +den Alten zu überreden, seines Befindens wegen die +Arbeit auf morgen zu verschieben.</p> + +<p>Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet +hatten, sagte Sherriff:</p> + +<p>»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge +sind in dem feuerfesten Schrank dort am Kamin. Es + <span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span> +sind zwei Kasten, die beide in weißen Buchstaben die +Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«</p> + +<p>Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden +Kasten und stellte sie auf den Tisch.</p> + +<p>Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, +und meinte, mit dem anderen brauchten +sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich Papiere, +die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, +stammten, enthielten, und setzte hinzu:</p> + +<p>»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen +von meinem Vorgänger geschickt worden. Jedenfalls +hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn der Kasten +enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen +sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret +Court, in dem er arbeitete, in dem damals all diese +Bücher und Schriften aufbewahrt wurden, und er erzählte +mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter +seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem +dann eingefallen, wo es war, ungehalten gewesen sei, +daß er den kleineren Kasten mit hierhergeschickt hätte. +Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht haben, +das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, +nachdem ich die Bücher und Kasten erhalten, +hier am Tische saß wie jetzt und anfing, sie durchzusehen, +ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein bitterkalter +Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret +Court herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum +bedeckt war und sein Gesicht — selbst gestern sah er +nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie ein Wahnsinniger +zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen +Kasten geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein<span class="pagenum"><a id="Page_210">[S. 210]</a></span> +brüskes und heftiges Benehmen verletzte mich, sondern +deutete auf den noch unberührt auf dem Tische +stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß +ihn auf, leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein +Paket heraus, schleuderte es ins Kaminfeuer und +war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, +und ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische +und Fußboden verstreut liegen.«</p> + +<p>»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf +ich fragen, wie das Paket aussah?«</p> + +<p>»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach +und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden. +Haben Sie den großen Kasten ausgepackt? +Dann wollen wir jetzt daran gehen.«</p> + +<p>Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich +Sherriff mit allen Zeichen der Erschöpfung in seinen +Stuhl zurück und meinte, daß er sich niederlegen müsse, +wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. +Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, +blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab +sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben +Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, +und während er sich eine Zigarre anzündete, +blickte er unschlüssig auf den kleineren.</p> + +<p>»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre +wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis +des Barons bergen.«</p> + +<p>Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der +Inhalt war augenscheinlich lange nicht berührt worden, +denn ihm entströmte ein dumpfiger Geruch. Mit<span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span> +den alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht +viel anzufangen.</p> + +<p>Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und +dies? Irgendein gerichtliches Dokument über das +Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete +ölige Pergament, zwischen dessen Falten +noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben +haben mochte? Er schlug es langsam auseinander, +und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, +das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten +wurde, entgegen.</p> + +<p>Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? +In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte +erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er, +und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, +natürlich!« löste er das Band und breitete den +Inhalt des Päckchens vor sich aus. Woraus bestand +er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben +gelben Bande zusammengebunden waren, einem +kleinen, amtlich aussehenden Schriftstück, das für sich +allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf +und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.</p> + +<p>Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel +seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und +er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz da. Während +zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er +regungslos und stumm, dann erhob er sich mühsam und +trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte +ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz +zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher<span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span> +Energie und einem Laut, der wie ein Lächeln klang, +ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch, +warf es auf den Tisch und streifte das Band von den +Briefen.</p> + +<p class="pmb3">Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem +trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war +zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen +Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen +um mehr als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem +andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath, +dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen +und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, +gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen +in finsterem Brüten da. Er war so in seine Gedanken +vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies +nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen +der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als +einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch +immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence +draußen vor dem offenen Fenster stehen.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_18">18.</h2> +</div> + +<p>Florence stand in der Veranda des Bungalow, +und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf +ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte sie förmlich. +Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete +ihr Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast +ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und daß +ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck um ihre +Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte +Veränderung vorgegangen — es sah älter und +strenger aus.</p> + +<p>»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, +aber Sie haben mich wohl nicht gehört?«</p> + +<p>Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber +es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht +stets ihm gegenüber angeschlagen hatte; +und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich +dessen bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die +Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn +es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe +sie eintrat.</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin — ich muß +gestehen, daß ich Sie nicht gehört habe. Darf ich +Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich +nicht hier.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span></p> + +<p>Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung +und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. +Sie trat ruhig durch die Glastür ein und +nahm Platz.</p> + +<p>»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach +dem Pfarrhause weitergefahren und wird mich hier +abholen. Lassen Sie sich nicht stören,« sagte sie, nachdem +er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen seiner +Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder +niedergelegt habe.</p> + +<p>Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles +mit ihm im Kreise — ihm war, als müsse er ersticken.</p> + +<p>Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. +Sie nahm ihren Hut ab und hielt ihn auf dem Schoße. +Dabei wurde sie die auf dem Tische verstreuten Papiere, +die verschlossenen und offenen Kasten gewahr. +Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm +und fragte ihn erregt, ob die Szene, die gestern +zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff stattgefunden +und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst wohl +nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben +würde, den Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.</p> + +<p>Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, +daß das Unwohlsein des Alten durch eine ganz andere +Gemütsbewegung verursacht worden sei.</p> + +<p>»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und +wurde plötzlich sehr bleich. »Er hält viel von mir,« +fuhr sie mit leicht bebender Stimme fort, »haben Sie +ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen +ist?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p> + +<p>»Nein — ich habe nichts davon erwähnt.«</p> + +<p>Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit +schienen ihr endlich aufzufallen; sie blickte ihn betroffen +an. Hatte er etwas übelgenommen? Es +sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte +sie nicht, daß er sich gekränkt fühlen sollte. War er +nicht schließlich freundlicher gewesen als Lady Agathe, +ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei dem Gedanken +ballten sich ihre Hände.</p> + +<p>»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht +hätten erwähnen sollen,« sprach sie ruhig. »Die Umstände +sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt inne. +»Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst +zu sagen, daß ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben +habe.«</p> + +<p>»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.</p> + +<p>»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln +zuckte sie die Achseln. »Es ist für mich jetzt kein sehr +angenehmer Aufenthalt in Turret Court, und meine +Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für +meine Tante und meine Cousine. Ich habe sie beide +lieb, aber augenblicklich bin ich böse auf sie, und +daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig. Erst +gehe ich zu Freunden nach London und werde dann +wahrscheinlich in acht bis vierzehn Tagen mit der +Herzogin von Dunbar in Pontresina zusammentreffen. +Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem herzlichen +Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner +Abreise ihn nicht mehr sehen sollte?«</p> + +<p>Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie +als eine Bejahung auffaßte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span></p> + +<p>»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen +wieder vorsprechen würde. Und Sie gehen ja auch +fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.« +Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen +Ton als bisher. »Ich muß Ihnen also +auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann Sie +reisen?«</p> + +<p>»Nein,« — zum ersten Male seit ihrem Eintritt +blickte er ihr voll ins Gesicht, — »ich gehe nicht aus +St. Mellions fort, Gräfin.«</p> + +<p>»Nein? Ihre — Ihre Pläne haben sich also geändert?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden +war. »Setzen Sie sich wieder! Ich habe +Ihnen etwas zu sagen.«</p> + +<p>Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und +sie war so namenlos überrascht, daß sie unwillkürlich +gehorchte. Er blieb vor ihr stehen und preßte die +Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor +ihm auf dem Tische lag.</p> + +<p>»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches +gestern an der Pforte meines Gartens?«</p> + +<p>»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.</p> + +<p>»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, +und weshalb?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Weshalb war das?«</p> + +<p>»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine +zu finden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p> + +<p>»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete +sie. Erinnern Sie sich der Antwort?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten +Augen hingen starr an ihm. Sie war sich +eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer +bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie +versuchte, sich zusammenzunehmen. »Weshalb stellen +Sie mir diese Fragen?« sagte sie.</p> + +<p>»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«</p> + +<p>Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts +— sein Blick machte sie verstummen. Er nahm das +eine Schriftstück, das einzeln zusammengefaltet in dem +zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.</p> + +<p>»Wollen Sie das lesen?«</p> + +<p>Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der +Hand.</p> + +<p>»Verstehen Sie es?«</p> + +<p>»Ich weiß, was es ist.«</p> + +<p>»Aber mehr begreifen Sie nicht?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und +gab ihn ihr.</p> + +<p>»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und +führt eine beredte Sprache.«</p> + +<p>Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne +Papier knisterte, während sie den Brief las. Er war +nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den Schoß +sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span></p> + +<p>»Sie verstehen, was geschehen war, als jene +Zeilen geschrieben wurden, — welches Unrecht begangen, +welche Lüge vorgebracht worden — nicht +wahr?«</p> + +<p>»Ja, das verstehe ich.«</p> + +<p>Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine +männliche Handschrift trug und ganz zerknittert und +mitten durchgerissen war.</p> + +<p>»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie +dabei an, »wurde, wie ich vermute, — nein, ich weiß, +— von der Empfängerin dem Schreiber zurückgeschickt. +Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den +Sie gelesen haben, war die Antwort darauf, und Sie +können den Inhalt ungefähr erraten. Aber ich möchte, +daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob Sie +begreifen.«</p> + +<p>Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen +Minute streckte sie die zitternde Hand aus und nahm +ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die Augen mit +einem Schauder ab.</p> + +<p>»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit +schwacher Stimme. »Ich bin ganz verwirrt — ich +ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich von +dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne +ein Wort zu beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu +schonen oder aus Grausamkeit — ehe ich das tue, +sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«</p> + +<p>Er deutete auf den kleineren Kasten.</p> + +<p>»Ich habe sie dort gefunden.«</p> + +<p>»Wann?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span></p> + +<p>»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«</p> + +<p>»Und keiner weiß davon?«</p> + +<p>»Außer uns — keiner. Wollen Sie den Brief +ansehen?«</p> + +<p>Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie +seinem Geheiß und las ihn von der ersten Seite bis +zur Namensunterschrift auf der dritten langsam durch. +Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.</p> + +<p>»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen +soll,« hauchte sie fast unhörbar. Ihr Kopf +sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube ich,« stammelte +sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«</p> + +<p>Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, +weil er ihr besser sein würde wie Wasser, wie er sagte. +Es lag keine Zärtlichkeit in seiner Hilfeleistung, kaum +sorgliche Beflissenheit — der ganze Mensch schien +ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. +Als sie den Wein getrunken hatte, nahm er ihr das +Glas aus der Hand und hub wieder zu reden an, +ruhig und klar, aber nicht freundlich.</p> + +<p>»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren +sich, wenn Sie das tun. Ich hatte ausreichende Beweise +von allem, ehe ich nach England kam. Meine +einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln +Sie daran, daß es mir gelungen?«</p> + +<p>»Nein — daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber +ich bin wie verwirrt. Das Ganze ist so entsetzlich. +Lassen Sie mich nachdenken!«</p> + +<p>Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und +band die Briefe, das Dokument, die Photographie<span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span> +wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah jetzt +wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das +Sir Jasper Mortlake zu Asche verbrannt zu haben +glaubte. Florence drückte die Hände gegen die Augen. +Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie herabsinken +ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in +ihren großen Augen schien noch Leben zu sein, als sie +ihn anblickte.</p> + +<p>»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, +»was wollen Sie tun?«</p> + +<p>»Tun?«</p> + +<p>Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, +daß sie es brauchte.</p> + +<p>»Was sollte ich tun, als das eine — das zu tun +ich der Toten feierlich gelobt habe — die Wahrheit +verkünden?«</p> + +<p>»Nein — nein — nur das nicht!« Ihre Stimme +klang fast schrill; sie sprang auf und faßte seinen Arm. +»Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was +das heißen würde — die Schande — die Schmach — +Verzweiflung! Und sie sind unschuldig — Tante +Agathe und ihre Kinder — sie haben Ihnen nichts +zuleide getan. Es würde Tante töten, würde Cis das +Herz brechen — meiner armen kleinen Cis. Roys +Leben wäre zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! +Überlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschwöre +Sie!«</p> + +<p>Ihre Hände umklammerten noch immer seinen +Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein +weicherer Zug trat in sein Antlitz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span></p> + +<p>»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß +die Unschuldigen für die Schuldigen leiden müssen. +Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich können es +ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und +ihre Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß +ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt, +vergesse — das zugrunde gerichtete Leben, das +ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich +gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das +Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein +ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? Könnten +Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß +ich das mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein +barmherziges Schweigen zu beobachten? Das können +Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß die +Wahrheit sagen.«</p> + +<p>»O, Sie müssen es nicht — Sie sollen es nicht!« +Sie rang die Hände. »O, bedenken Sie sich — warten +Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen — es muß +doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu +stimmen. Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen +sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«</p> + +<p>Sie blickte ihn flehend an.</p> + +<p>»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte +erfüllen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen +zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen +Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens +nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich, +daß es Ihnen gehören soll. Denken Sie, um was +ich flehe — um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger +Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch<span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span> +Mitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben, +was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es nehmen, +wenn Sie nur nicht reden wollen!«</p> + +<p>Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. +Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der +Hand.</p> + +<p>»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld +ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Vermögen? +Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem +Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es +keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es — Sie +fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein +Schweigen zu erkaufen.«</p> + +<p>Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten +Lippen und die wie geschliffener Stahl +blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos +alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein Erbarmen +haben — er würde die Wahrheit verkünden! +Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont +worden war — schonen, wo Recht und Gerechtigkeit +auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Gebärde +der Verzweiflung.</p> + +<p>»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, +»es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein — ich gebe es +zu. Weshalb sollten Sie das für Menschen tun, aus +denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist +schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht +anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, — +ich würde fast mein Leben dafür geben, könnte ich +Sie davon zurückhalten!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p> + +<p>Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf +einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen +aus. Zum ersten Male ging eine Veränderung mit +Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem +fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm +unmöglich, länger zu vergessen, wer sie war — das +Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem +Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber +jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat +zu ihr.</p> + +<p class="pmb3">»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich +habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel +von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_19">19.</h2> +</div> + +<p>»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard +Leath, »Sie können mein Schweigen erkaufen, wenn +Sie wollen.«</p> + +<p>So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so +vernahm die Schluchzende sie doch, ließ vor Verwunderung +die Hände herabsinken und wandte ihm +ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er +das wirklich gesagt? Meinte er das so? Das Herz +schien ihr fast stillzustehen und klopfte dann wieder +ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war +eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, +seine Augen blickten glänzend und lebhaft. Sie +rang nach Atem, während sie ihn mit weitgeöffneten +Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne +ihres Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er +schweigen, daß er barmherzig sein wollte? Er hub +wieder an:</p> + +<p>»Es gibt einen Preis — alle Menschen sind zu +erkaufen, wie man sagt, und das mag wahr sein. +Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie vergaßen, +daß Geld an sich nichts ist — für Ihr Vermögen, +wäre es auch zwanzigmal so groß, würde ich das, +was Sie von mir heischen, nicht hergeben. Nichtsdestoweniger<span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span> +können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn +Sie wollen!«</p> + +<p>»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe +ich das nicht schon gesagt?«</p> + +<p>Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was +er meinte, als sie zitternd, mit gespanntem Ausdruck +in den Augen aufstand. »Sagte ich nicht, daß ich fast +mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie +dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer +meinem Gelde habe ich Ihnen zu bieten?«</p> + +<p>»Das wissen Sie nicht?«</p> + +<p>»Nein. Was — was?«</p> + +<p>»Sich selbst,« sprach er gelassen.</p> + +<p>»Mich selbst?«</p> + +<p>Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den +Lippen, während sie in ihren Stuhl zurücksank und +ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte. Aber +als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle +ihr ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln +— sie verstand ihn! Er sah es und schwieg +einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich zu fassen.</p> + +<p>»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub +er wieder an. »Ich weiß, es ist der höchste, der mir +geboten werden könnte, aber auch der niedrigste, den +ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, +daß Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre +Ihnen, daß kein Wort über meine Lippen kommen +soll.«</p> + +<p>Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur +noch weiter von ihm fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes<span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span> +Kind. Als er diese Bewegung wahrnahm, +sprach er mit bitterem Auflachen:</p> + +<p>»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! +Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ich habe +Ihnen, der Tochter und Erbin eines Grafen, bis zu +diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger +gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie +sich etwas aus mir machen? Und Sie gehörten einem +andern; ich habe nicht einmal wagen dürfen, um +Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, +Florence! Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie +ebensowenig wissen wie ein Kind, — was eines +Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie +sollen mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie +jener fischblütige Narr, dem Sie den Laufpaß gegeben +haben. Ich — aber ich erschrecke Sie. Ich will ganz +ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen +können.«</p> + +<p>Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes +leidenschaftliches Antlitz, seine leuchtenden +Augen, seine beredte Sprache war sie, als er sich +über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. +Er ging zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er +weitersprach. Sie hatte ihre Stellung verändert und +saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht da.</p> + +<p>»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Was also ist Ihre Antwort — ja oder nein?«</p> + +<p>»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«</p> + +<p>»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches +Schweigen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span></p> + +<p>»Für jetzt und allezeit?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem +Tische liegende Päckchen.</p> + +<p>»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«</p> + +<p>»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem +Tage, an dem Sie mich heiraten.«</p> + +<p>»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie +Sie sagen.«</p> + +<p>»Ebenso.«</p> + +<p>»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert +Bontine gefunden haben?«</p> + +<p>»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, +nicht einmal gegen Sie.«</p> + +<p>»Und Sie wollen — sie hier — in Frieden — +in ungestörtem Frieden lassen — und nach Australien +zurückkehren?«</p> + +<p>»Das haben Sie zu entscheiden — als meine +Frau.«</p> + +<p>»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«</p> + +<p>»Nichts! Noch einmal — lautet Ihre Antwort +›Ja‹ oder ›Nein‹?«</p> + +<p>»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«</p> + +<p>»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um +nichts dahingeben?«</p> + +<p>»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre +der andern sind Ihnen nichts — ich gestehe, daß ich +kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen zu rechnen,« +sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an. + <span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span> +»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles +verzichten — wollen das der Toten geleistete Gelübde, +von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie lachte bitter.</p> + +<p>»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind +schließlich tot. Wenn ich irgend jemand durch mein +Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur mir selbst. +Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich +will, die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit +vorgehen zu lassen.«</p> + +<p>»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. +»Sie sagen, Sie lieben mich?«</p> + +<p>»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf +sie zu, bezwang sich dann aber schnell. »Nein,« sagte +er gelassen, »ich brauche nicht erst zu sagen, was Sie +wissen.«</p> + +<p>»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer +heftigen Bewegung »Ich hatte nie an so etwas +gedacht.«</p> + +<p>»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich +Sie lieben sollte? Aber Sie wissen es jetzt.«</p> + +<p>Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, +aber sie begegnete seinen Augen, und die Worte +erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war wahr — +er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine +Offenbarung. Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen +auflehnen, aber sie mußte es glauben — er +zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst, +ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, +des Mannes, der sie auch geliebt haben sollte, und +sie hätte in all ihrem Jammer fast auflachen können.<span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span> +Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren +Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, +dem sie aber nicht ausweichen wollte.</p> + +<p>»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, +»daß ich Sie fast hasse, Herr Leath?«</p> + +<p>»Augenblicklich ja, Gräfin Florence — völlig.«</p> + +<p>»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, +mich zu heiraten?«</p> + +<p>»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie +keinen andern lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich +sein, was es wolle, so ist es nicht Verachtung. Die Sache +keines Mannes ist einer Frau gegenüber hoffnungslos, +solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath +kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte +sie. Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, +Ihrer Empörung — nennen Sie es, wie Sie wollen +— bin ich willens. Ich will mich des Wortes +bedienen, da Sie es gebraucht haben.«</p> + +<p>»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn +wieder voll Verachtung an. »Die meisten Männer +würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe +sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«</p> + +<p>»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese +Frau wären.«</p> + +<p>Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen +Augenblicken folgte er ihr an das Fenster, an das sie +getreten war.</p> + +<p>»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte +er ruhig; »wenn Sie sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, +so will ich warten. Aber es ist nicht anzunehmen, + <span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span> +daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird +der Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer +oder höherer geworden sein.«</p> + +<p>»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, — ich +fürchte, ich bin es auch, — aber die Umstände entschuldigen +mich vielleicht ein wenig. Unfreundliche +oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht +gerade Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen +Sie sich nicht zu beklagen haben, wenn Sie erst meine +Frau sind. Ich stelle meine Frage noch einmal — ist +Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«</p> + +<p>Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls — es +konnte nur eine geben. Sie sagte nichts — Lippen +und Zunge waren ihr wie ausgedorrt — aber langsam, +sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. +Er nahm sie, umschloß sie mit festem Drucke während +eines Augenblickes und ließ sie dann los.</p> + +<p>»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen +haben,« sprach er. »Von dieser Stunde an wird es +meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu machen, wie +nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder +liebt, sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, +ist jetzt vorüber und abgetan — ich gewinne +unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«</p> + +<p>Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; +wiederum war sie nahe daran, in hysterisches Weinen +auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, auf dem +sie sich niederließ.</p> + +<p>»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, +»und das ist kein Wunder! Ich darf Sir Jaspers +Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich aus<span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span> +und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn +Sie bereit sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. +Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe +wir auseinandergehen.«</p> + +<p>Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte +sich wieder — mit dem hilflosen Gefühl, daß ihr +nichts anderes übrigblieb — daß ihr nie wieder etwas +anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen +zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths +Weib zu werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen +Betäubung erwachen, würde sich zu leidenschaftlicher +Empörung aufraffen, aber jetzt hatte sie keine Kraft, +gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte +nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, +würde dieser schreckliche, unerbittliche Mensch, der +sie bei all seiner mitleidlosen Hartherzigkeit unerklärlicherweise +so liebte, keinen Grund haben, zu schweigen +— er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, +die zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie +mußte ihn lieben und heiraten. So sehr sie ihn auch +hassen mochte, sie mußte sein Weib werden.</p> + +<p>Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat +und sie fragte, ob sie den Heimweg antreten wolle. +Gehorsam stand sie auf und setzte ihren Hut auf. Hatte +er doch das Recht, mit ihr zu gehen — war er nicht +ihr zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus +den Fugen zu sein.</p> + +<p>Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen +über die Halde — sie sprach aus freien Stücken keine +einzige Silbe — und doch war alles, was er noch auf +dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret Court<span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span> +erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger +deutlichen Worte bedurft. Er blieb stehen, als das +Haus in Sicht kam, obwohl, wenn er es an ihrer +Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer augenblicklichen +Gemütsverfassung auch darein ergeben +haben würde.</p> + +<p>»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde +Sir Jasper ebensowenig lieb sein, mich in seinem +Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber ich +will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß +Sie es vorziehen, selbst mit ihm zu reden.«</p> + +<p>»Ich ziehe es vor.«</p> + +<p>»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht +ausreden will, wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie +haben eine furchtbare Aufregung durchgemacht! Sie +wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«</p> + +<p>»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf +dem Herzen behalten könnte? Ich werde sofort +zu ihm gehen.«</p> + +<p>»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. +»Sie wollen also Sir Jasper, Ihren Vormund, sofort +von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, in Kenntnis +setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen +kommen?«</p> + +<p>»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie +ihn ansah. »Sie haben das Recht dazu, Herr Leath.«</p> + +<p>»Freilich — es ist mein Recht. Also will ich +Ihnen denn für heute Lebewohl sagen.«</p> + +<p>Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber +er fühlte, wie sie vor ihm zurückwich, wie er das<span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span> +schon vorhin empfunden; und sein kurzes Auflachen +klang ebenso bitter wie das ihre soeben.</p> + +<p>»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will +Sie nicht küssen — noch nicht. Ich glaube nicht, +daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie solch +ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. +»Florence, wie lange es wohl dauert, bis Sie mich +küssen?«</p> + +<p>Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos +in den seinen; sie vermochte nicht, ihn anzublicken.</p> + +<p>»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine +Augen hingen voll Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. +»Aber ich möchte wissen, wie viele Küsse jener +Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben, +mir geraubt hat?«</p> + +<p>Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig +auf, und er las Überraschung, Verachtung, lebhaften +Widerspruch in ihren Zügen. Er lachte in ganz anderem +Tone.</p> + +<p>»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, +wie man einem Narren vergibt — mehr ist +er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als +ich glaubte, — um so besser für Sie und für mich!«</p> + +<p>Seine Stimme wurde weicher und klang nicht +mehr triumphierend. »Armes Kind,« sprach er sanft, +»Sie hassen mich jetzt mehr als je — nicht wahr? +Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie +auf. Bis morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«</p> + +<p>Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; +als sie sich bei einer Biegung des Weges umblickte,<span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span> +sah sie ihn noch an derselben Stelle stehen, an der sie +ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis sie +außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller +weiter und hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht +hatte.</p> + +<p>Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern +tun müsse, was ihr oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. +Sie nahm im Flur ihren Hut ab und begab +sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie +wußte, Sir Jasper antreffen.</p> + +<p>Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in +seinem gewohnten Stuhl sitzen, ein Buch in der Hand +haltend. Er las nicht, sondern brütete mit finster +gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb +sie stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein +Gesicht sich wohl verändern würde, wenn sie mit +ihm geredet.</p> + +<p>Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem +Florence mit Chichester gebrochen, nur eine Zusammenkunft +stattgefunden, die nicht sehr angenehm +gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert +hatte, daß sie mündig sei und daß sie Turret +Court auf immer zu verlassen gedenke. Es berührte +ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien Stücken +aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, +wie er ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:</p> + +<p>»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, +Florence?«</p> + +<p>»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« +Sie war jetzt ganz nahe, und er schrak beim Anblick +ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als sie sich<span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span> +mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe +sie eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.</p> + +<p>»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst +du so aus? Was ist los?«</p> + +<p>»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war +heute nachmittag im Bungalow.«</p> + +<p>»Nun? Was führte dich dorthin?«</p> + +<p>»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise +von St. Mellions Lebewohl sagen.«</p> + +<p>»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung +für den albernen Alten und er für dich. Ich +verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und dich gebeten, +mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um +Verzeihung zu bitten. Aber damit soll er mir vom +Halse bleiben. Wie man sich bettet, so liegt man. +Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände übergehen, +desto besser.«</p> + +<p>»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte +geschickt. Ich habe ihn nicht gesehen.«</p> + +<p>»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen +an. »Was hat dich denn so aus der Fassung +gebracht?«</p> + +<p>»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«</p> + +<p>»Leath? Den — den Menschen?«</p> + +<p>Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern +sehen wie jetzt — einmal, als er erklärte, +daß Everard Leath niemals wieder Turret Court betreten +solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt +hatte, — ach, wie unschuldig und arglos! — ob er +je den Namen Robert Bontine gehört hätte. Er stammelte +vor Wut.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span></p> + +<p>»Und — und er? Hat er gewagt, mit dir zu +sprechen?«</p> + +<p>»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, +Onkel Jasper.«</p> + +<p>Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las +in seinem Gesicht das Grauen vor dem, was kam. +Er war geisterbleich — große Schweißtropfen rannen +ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den +Mund öffnete und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; +er stand auf und wartete auf den Schlag. Sie blickte +ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.</p> + +<p>»Er hat Robert Bontine gefunden.«</p> + +<p>Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten +Augen starrte er sie an — sprachlos. Hätte noch die +leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, so würde sie +vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War +er imstande, ihr zuzuhören — sie zu verstehen? Während +sie das erwog, hob er die Hand, bewegte sie +hilflos hin und her und stammelte keuchend:</p> + +<p>»Weiter!«</p> + +<p>»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte +sie. »Ich bin hier, um dir das zu sagen. In meinem +Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann sei, als +ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die +Beweise gesehen — Beweise, die du vernichtet glaubtest +— Beweise, die ein kleines, mit einem gelben +Bande zusammengebundenes Paket enthielt. Verstehst +du mich?«</p> + +<p>Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie +fuhr fort:</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span></p> + +<p>»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in +Australien. Ich zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit +redet. Er hat den Zweck erreicht, der ihn nach +England geführt, hat den Gesuchten gefunden — und +wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«</p> + +<p>»Wenn er wollte?«</p> + +<p>Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen +hatte, so stieß er auch diese drei Worte mühsam +heraus. Florence wiederholte sie.</p> + +<p>»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab +nur einen Preis, der sein Schweigen erkaufen konnte, +und es traf sich zufällig, daß ich ihm diesen Preis +bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich +habe versprochen, ihn zu heiraten.«</p> + +<p>Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen +er krampfhaft umklammerte, während er sie +ungläubig anstarrte. Sie sprach in demselben ruhigen, +entschlossenen Tone weiter:</p> + +<p>»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil +er mir sein Wort gegeben hat, in dem Falle den Namen +Robert Bontine nie wieder zu erwähnen. Ich mache +mir nichts aus ihm — werde mir nie etwas aus +ihm machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn +verlassen kann, weiß, daß er sein Wort halten wird. +An unserem Hochzeitstage soll ich die Beweise, von +denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, +— das hat er mir auch versprochen. Ich werde +meinem gegebenen Worte nicht untreu werden, und +er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern, weshalb +ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke<span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span> +ich — ich habe Tante Agathe und ihre Kinder +sehr lieb.«</p> + +<p>Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes +Verständnis, wie eine gewisse Erleichterung +zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im Lehnstuhle. +Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. +Florence hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. +Nach einer Weile erhob sie sich und schritt auf die Türe +zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte um ihre +Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:</p> + +<p>»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich +gehe. Ich fürchte, es ist kaum wahrscheinlich, daß die +Herzogin mit meiner Verlobung zufrieden sein wird. +Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause +ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot +Chichester von Highmount. Es ist möglich, daß +sie ihre Einwilligung versagen wird. In dem Falle +ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner +Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert +und daß du, Onkel Jasper, die deinige nicht verweigern +wirst.«</p> + +<p>Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging +die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zu begeben. +Sie fühlte, daß es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei +sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe. Auf +der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade +verließ.</p> + +<p>»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.</p> + +<p>Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht +ihrer Cousine nicht deutlich sehen konnte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span></p> + +<p>»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur +stecken könntest! Weshalb hast du nicht im Bungalow +auf mich gewartet? Du kannst dir mein Erstaunen +vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.«</p> + +<p>»Ja — ich kann mir denken, daß du erstaunt +warest, Cis.«</p> + +<p>»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem +Gedanken, daß du den langen, heißen Weg zu Fuß +gemacht hast, noch dazu, wo du nicht wohl bist. +Und —« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie +wußte nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar +Tagen merkwürdig verwandelten Florence eigentlich +daran war — »hm — das Mädchen sagte, Florence, +daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.«</p> + +<p>»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«</p> + +<p>»Was — den ganzen Weg? Hierher nach Turret +Court?« Aus ihren weitgeöffneten Augen sprach +Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich, Florence, +ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie +tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute +Munde seid! Du hattest ihn nicht mit dir gehen lassen +dürfen. Er hat kein Recht, sich dir auf solche Weise +aufzudrängen.«</p> + +<p>Florence lachte und legte der andern die Hände +auf die Schultern.</p> + +<p class="pmb3">»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe +Cäcilie. Aber in diesem besonderen Falle irrst du dich +zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller Augen wie +hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr +Leath das Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. +Ich habe soeben versprochen, ihn zu heiraten.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_20">20.</h2> +</div> + +<p>In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten +und freundlichsten Raume des Schlosses, sah es trübselig +aus. Lady Agathe, die in ihrem Lieblingsstuhl +saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und +schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den +Boden herabgeglitten und lag dort vergessen. Cis, +deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert aussah, +stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. +Vor noch nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter +Sir Jasper geschlossen, der hinausgegangen war und +all diesen Jammer zurückgelassen hatte. Wie unwillkommen +sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch +stets seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er +doch nie mit einer so niederschmetternden Mitteilung +erschienen wie eben, und die Wirkung, wenigstens +auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit +den kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner +scharfen Stimme hatte er die Verlobung seines Mündels +mit Everard Leath und seine eigene Einwilligung +mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, +wie er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu +eingeschüchtert war, um angesichts seiner kaltblickenden +Augen eine Szene zu machen, brach vor Erstaunen, +Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span></p> + +<p>»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte +sie, »niemals, Cäcilie! Ich weiß nicht, wo mir der +Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen Ohren +nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals +spaßte, so würde ich sagen, er macht einen Scherz mit +mir. Aber er sagte ganz deutlich, Florence hätte sich +mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, Mutter, das sagte er.«</p> + +<p>»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja — auch das.«</p> + +<p>»Ich kann — ich will es nicht glauben!« rief +Lady Agathe unter neuem Schluchzen. »Florence sollte +sich mit solchem Menschen verlobt haben! Er ist doch +durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der +ihn nie ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn +heiraten soll! O, ich bin wie betäubt! Sie macht sich +doch gar nichts aus dem Menschen, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich — ich fürchte nein, Mutter,« antwortete +Cis mit verlegenem Zögern. »Aber ich habe seit langer +Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in sie verliebt war.«</p> + +<p>»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady +Agathe. »Wenn das so ist, so ist es eine unverschämte +Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es, jammerschade, +daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina +gegangen ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, +und sie hätte in aller Gemütsruhe Chichester geheiratet. +Aber ich kann es nicht glauben, liebes Kind, daß es +ihr Ernst ist — ich kann es nicht. Dein Vater muß sie +mißverstanden haben. Nein — ich glaube nicht, daß +es wahr ist, bis Florence selbst es mir bestätigt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span></p> + +<p>»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich +um. »Florence hat es mir selbst erzählt.«</p> + +<p>»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. +»Sie hat es dir gesagt?«</p> + +<p>»Ja — gestern. Anstatt im Bungalow auf mich +zu warten, wie wir verabredet, hat sie sich von Herrn +Leath, der dort war, nach Hause bringen lassen. Da +hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden +Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt +und daß Vater seine Zustimmung gegeben hatte.«</p> + +<p>»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren +hätte?« fragte die Mutter mit einem neuen +Tränenstrom.</p> + +<p>»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich +— so ganz anders als sonst, und sie lachte, als ich +zu weinen anfing. Ich wollte es dir erzählen, aber sie +sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu sagen. +Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, +und als ich heute morgen nach dem ersten Frühstück +sie in ihrem Ankleidezimmer aufsuchte, sahen ihre +Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht nicht +geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« +rief Cis, in zornige Tränen ausbrechend, »und ich +mochte ihn früher ganz gern leiden, den Abscheulichen! +Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, ich +wäre tot!«</p> + +<p>»Doch wohl nicht im Ernst, Cis — hoffentlich +nicht! Unsinn, du kleines Ding! Was Harry wohl +sagen würde, wenn er dich hören könnte!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span></p> + +<p>Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer +Minute war sie draußen in die Veranda getreten und +horchend stehengeblieben, als durch das offene Fenster +Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen +allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, +aber sie hatte mehr gehört. Sie trat ins Zimmer und +sprach mit fester Stimme zu ihr:</p> + +<p>»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat +gestern um mich angehalten, und ich habe mich mit +ihm verlobt. Und es ist ebenfalls wahr, daß Onkel +Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt +meine Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache +ansehen.«</p> + +<p>Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen +waren glanzlos, aber ihr bleiches Antlitz belebte sich, +als sie sanft den Arm um Cis legte und ihr goldblondes +Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges +kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde +ihr nicht das Herz wirklich gebrochen sein, würde sie +nicht ihren fröhlichen jungen Bräutigam verloren +haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath +gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was +für ganz andere Tränen hätten Mutter und Tochter +jetzt vergießen können, hätte sie nicht aus Liebe und +Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer selbst +gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein — sie +bereute es nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich +sie schauderte bei dem Gedanken an die bevorstehende +Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt das Recht +hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde +nur ein kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen,<span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span> +daß sie litt. Sie zwang sich zu einem Lächeln, während +sie zu ihrer Tante trat und sanft das Taschentuch fortzog, +das die arme Frau noch immer an die Augen +drückte.</p> + +<p>»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady +Agathe, »wir kennen diesen Leath gar nicht! Ich +muß offen reden, Florence — was kann dir nur +in den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es +getan? Glaubst du, daß Herr Leath dich wirklich +liebhat, Florence?«</p> + +<p>»Mich liebhat?«</p> + +<p>Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor +sich, dessen kühler, ruhiger Ausdruck wie umgewandelt +war, die leuchtenden Augen, die von verhaltener +Leidenschaft vibrierende Stimme — die ganze Glut +des Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber +auf sie ausgeübt hatte. Ob er sie liebte? Mochten +seine Sünden gegen sie so groß sein, wie sie wollten, +mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so +sehr sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.</p> + +<p>»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt +mich. Davon kannst du fest überzeugt sein.«</p> + +<p>»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« +meinte Lady Agathe verzweifelt, »aber was die Herzogin +sagen wird —«</p> + +<p>»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, +was die Herzogin sagen wird. Onkel Jasper willigt +ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir mein Vermögen +zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« +fiel ihr Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit +ins Wort.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span></p> + +<p>»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. +Wenn diese Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest +du, daß die Verlobung geheimgehalten wird?«</p> + +<p>»Geheim?«</p> + +<p>Einen Augenblick wandte sich Florence mit +blitzenden Augen um. »Nein, ich schäme mich nicht +dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie geheimgehalten +werden?«</p> + +<p>»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, +was ich meinte,« stammelte Lady Agathe ängstlich. +»In Anbetracht all der — unseligen Klatschereien, +die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es +besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, +die Leute lassen sich nicht den Mund verbieten — es +ist schändlich, aber sie werden —«</p> + +<p>Florence drehte sich jäh um.</p> + +<p>»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie +und gab sich Mühe, ihre Stimme in der Gewalt zu +behalten, während sie die Hand aufs Herz preßte, +»aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch +länger hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über +die Sache reden. Herr Leath erwartet mich, ich +will gehen.«</p> + +<p>Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz +vor; sie lief auf Lady Agathe zu, umschlang sie +mit den Armen und rief in ganz anderem Tone: »Nein, +nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein +Herz, — ich will nicht böse werden! Nur frage mich +nichts weiter und weine und härme dich nicht mehr! +Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß du glücklich +bist, so stolz auf Roy, — nicht wahr? — deinen + <span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span> +einzigen geliebten Sohn! Es würde dir das Herz +brechen — nicht? — und wenn ihm etwas zustieße +— dich vielleicht gar töten? Nein, nein — sag’ nicht +›Ja‹ — antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«</p> + +<p>Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie +und schaute ihr lebhaft in die verwundert aufblickenden +Augen. »Und du, kleine Cis — du siehst kläglich +aus, — du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. +Du sollst mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, +wie glücklich ihr seid, wie lieb du ihn hast, wie schrecklich +es dir wäre, wenn du nicht seine Frau würdest! +Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt +ganz glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es +auch. Jetzt laßt mich gehen.«</p> + +<p>Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, +auf dem sie gekommen: sie wußte, daß sie in heftiges +Schluchzen ausbrechen würde, wenn sie länger bliebe, +und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu verbergen, +verraten hätte, und sie ging noch immer sehr +schnell, selbst als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen +werden konnte. In ihrem Kopfe wirbelte es, +ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen ihre +Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am +vorigen Tage verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.</p> + +<p>Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen +sah, hielt sie im Laufen inne und fühlte plötzlich, +wie es sie kalt überlief. Sie blieb stehen, und er kam +sofort auf sie zu.</p> + +<p>»Ich — ich habe Sie warten lassen,« brachte sie +stockend heraus. Etwas mußte sie sagen, und diese + <span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span> +Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, als sie seinem +Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen +Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht +— er hatte sie genommen, als wäre es etwas, wozu +er ein volles Recht habe.</p> + +<p>»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu +warten.« Er lächelte auf seine ernste Art. »Sie sehen +abgespannt aus, Florence, — Sie sind sehr schnell +gegangen, — das hätten Sie meinetwegen nicht tun +sollen. Dort steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«</p> + +<p>Sie machte eine zustimmende Bewegung, und +während sie sich setzten, ließ er sehr langsam ihre +Hand los, die er bis jetzt festgehalten hatte. Florence +schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß +er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen +hatte, und das war genug. Es war ein Glück, daß +er sich so beherrschte, dachte sie und bemühte sich, +ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache nicht +schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er +hatte sie allerdings bei ihrem Vornamen genannt, +und das Recht mußte sie ihm wohl zugestehen. Aber +er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder Blick, +jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte +sie, wie wunderschön es hätte sein müssen, so +neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn geliebt hätte!</p> + +<p>Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in +ihr gesenktes Antlitz geschaut.</p> + +<p>»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das +ist nicht zum Verwundern. Ich fürchte, Sie haben +in der letzten Nacht nicht geschlafen?«</p> + +<p>»Ich habe es gar nicht versucht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span></p> + +<p>»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. +Soll ich weiterreden, oder möchten Sie lieber, +daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?«</p> + +<p>»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr +gut anhören. Sagen Sie mir, bitte, alles, was Sie mir +zu sagen haben,« sprach Florence gelassen.</p> + +<p>»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, +daß zum Glück sehr wenig übrigbleibt.«</p> + +<p>Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, +und wickelte es um die Finger.</p> + +<p>»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir +Jasper gehabt?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, +gesagt?«</p> + +<p>»Ja — das habe ich getan.«</p> + +<p>»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich +nicht?«</p> + +<p>»Nein — das tut er nicht.«</p> + +<p>»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der +Herzogin nicht bedürfen.«</p> + +<p>»Nein, die brauchen wir nicht.«</p> + +<p>»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich +würde es vorziehen, daß Sie Ihr Vermögen behalten. +Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich bin auch nicht +reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau +irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt +sind.« Er hielt inne und spielte noch immer mit dem +Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht unwissend,« +hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder +an, »aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt<span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span> +es mir wohl ob, ihn aufzusuchen, nicht wahr? Soll +ich heute zu ihm gehen?«</p> + +<p>»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. +Ihnen zu sagen, daß er Sie morgen sehen wolle.«</p> + +<p>»Gut. Wenn er es vorzieht — um welche +Stunde?«</p> + +<p>»Das überläßt er Ihnen.«</p> + +<p>»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.«</p> + +<p>Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe +und Cis um ihre Verlobung wüßten und wie sie diese +aufgenommen hätten, und Florence antwortete, daß +sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien.</p> + +<p>»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein +Mortlake ist ein allerliebstes kleines Geschöpfchen, +und ich weiß, Sie halten viel von ihr. Wollen Sie +ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit +der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«</p> + +<p>»Ja — das will ich tun.«</p> + +<p>Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. +Sie war sich einer Regung der Dankbarkeit bewußt. +Er hätte ihr die Sache viel schwerer machen können; +sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen, +daß sie ihr Wort halte — warum sollte er auch nicht? +— aber er war zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich +gewesen.</p> + +<p>Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand +nahm, und verbarg, so gut sie konnte, den Schauder, +der sie durchbebte, als er die Lippen darauf drückte. +Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich darauf +die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte,<span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span> +daß sie Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht +länger im Freien bleiben könne.</p> + +<p>»Das sollen Sie auch nicht.«</p> + +<p>Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in +das blasse, müde Gesichtchen mit den dunklen Schatten +unter den Augen, dem Schmerzenszug um die zarten +Lippen.</p> + +<p>»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie +elend Sie aussehen — wie ein Schatten Ihres lieblichen +Selbst! Und daran bin ich wohl schuld? Ich +— gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, +Florence?«</p> + +<p>»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. +Hohn und stumme Vorwürfe lagen darin. »Brauchen +Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch, daß +Sie mich darnach fragen?«</p> + +<p>»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt +jetzt ihre beiden Hände und blickte mit düsterer Zärtlichkeit +auf sie herab. »Ja — ich bin wohl brutal — +ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie +wohl freigeben, — das müßte ich eigentlich! Ein +guter Mensch würde das tun.« Er hielt inne und +holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin kein guter +Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«</p> + +<p>»Ich — ich habe Sie nicht darum gebeten,« +sprach Florence mit schwacher Stimme.</p> + +<p>Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens +entbinden sollte, mit dem sie sein Schweigen erkauft +hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken überlief es +sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals +tun würde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span></p> + +<p>»Nein — Sie haben mich nicht darum gebeten, +— das ist wahr. Aber ich kann sehen —«</p> + +<p>Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. +»Mein armes kleines Lieb — mein armes +kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein +Haar krümmen möchte — liebe es so, daß ich mir +die Hand abhauen würde, ihm zu dienen, wenn es +sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um es so +aussehen zu machen!«</p> + +<p>»Lieben?«</p> + +<p>Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu +mächtig, um ihr zu widerstehen, trotz des panischen +Schreckens, von dem sie sich eben erholt hatte: sie +warf ihm einen Blick der Verachtung zu.</p> + +<p>»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, +aber mehr tun Sie nicht.«</p> + +<p>»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? +Glauben Sie das? Dann denken Sie hieran, mein +Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«</p> + +<p>Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, +zu kraftvoll, als daß sie ihm hätte wehren können, +schloß er sie fest in die Arme und küßte sie zweimal +mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick +hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei +losgerissen und floh über das Gras, ohne einen Blick +zurückzuwerfen.</p> + +<p>Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach +einer unwillkürlichen Bewegung, sie zurückzuhalten, +blieb er regungslos stehen und sah der Davoneilenden +mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden,<span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span> +nachdem sie verschwunden, machte er kehrt +und verließ den Garten von Turret Court.</p> + +<p>Er ging über die Halde und durch St. Mellions +nach dem Bungalow. In gewohnter Weise durch die +Veranda eintretend, fand er Sherriff im Wohnzimmer +in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden +Kasten standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und +der alte Herr hielt einige Schriftstücke in der Hand. +Sein schönes Gesicht war noch bleich und abgespannt, +aber es hellte sich beim Eintritt des jungen +Mannes auf.</p> + +<p>»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, +Everard,« sagte er mit einem Lächeln, »und habe mich +ohne Sie an die Arbeit gemacht.«</p> + +<p>»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem +Augenblick steh’ ich zu Ihren Diensten, aber erst +habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«</p> + +<p>»Mir mitzuteilen?«</p> + +<p>In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen +lag etwas, das Sherriff veranlaßte, schnell aufzublicken.</p> + +<p>»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.</p> + +<p>»Nein — oder hoffentlich werden Sie es nicht +dafür halten.« Er hielt inne. »Erinnern Sie sich +noch, daß Sie mich vor einiger Zeit beschuldigten, +Gräfin Florence Esmond zu lieben?«</p> + +<p>»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich +dessen.«</p> + +<p>»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie +recht hatten, denn ich war mir seit Wochen meiner +eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich liebte + <span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span> +sie — ich tue es noch — ich werde sie stets lieben! +Aber nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, +daß ich es ihr je sagen würde. Die Umstände haben +sich indessen geändert, und ich habe es ihr gesagt. +Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt +hat, meine Frau zu werden.«</p> + +<p>»Leath!«</p> + +<p>»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das +sein würden. Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch +mehr: Sir Jasper hat — ihr, mir zwar noch nicht, +— seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«</p> + +<p>»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!«</p> + +<p>»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? +Obwohl ich gern zugebe, daß ich keine sogenannte +Partie für sie bin.«</p> + +<p>»Und sie — Gräfin Florence — hat versprochen, +Sie zu heiraten?«</p> + +<p>»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, +fürchte ich?«</p> + +<p>»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr +als überrascht — ich bin wie aus den Wolken gefallen!«</p> + +<p>Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das +weiße Haar.</p> + +<p>»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, +»daß sie Ihre Gefühle für sie erwidere — nicht +die leiseste. Und Sie sagen, sie tut es?«</p> + +<p>»Bis jetzt — nein. Aber ich sage, daß sie +es soll.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p> + +<p>Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der +ruhigen, gleichmäßigen Stimme, und der Redende regte +sich nicht. Der Alte blickte mit einem Ausdruck +zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf +die stolze Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig +dastand.</p> + +<p>»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich +habe euch beide lieb, und nichts könnte mir ein +größeres Glück gewähren, als euch miteinander glücklich +zu sehen. — Aber bedenken Sie, lieber Junge, +um Florences und um Ihrer selbst willen, — in der +Ehe ist kein Glück möglich, wenn nicht auf beiden +Seiten Liebe vorhanden ist.«</p> + +<p>»Das weiß ich sehr wohl.«</p> + +<p>»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben +zu, daß Florence sich nicht so viel aus Ihnen macht wie +Sie aus ihr. Hat die Art und Weise der Lösung ihres +Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren Antrag +anzunehmen?«</p> + +<p>»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine +Eindruck sein, obwohl es — um ihretwillen — dem +schlecht gehen wird, den ich das aussprechen höre! +Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester +ein Narr war, — wofür ich ihm allerdings von Herzen +dankbar bin, — hat nichts damit zu tun, daß +sie mir ihr Jawort gegeben.«</p> + +<p>»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, +aber davon bin ich überzeugt,« setzte der alte Mann +mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß Sie sie nicht +heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie +sie glücklich machen könnten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span></p> + +<p>Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte +zu einer Frage. Es dauerte eine volle Minute, ehe +Leath antwortete, und dann sprach er, ohne sich umzuwenden:</p> + +<p class="pmb3">»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich +bewegen, sie zu heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß +ich sie glücklich machen könnte.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_21">21.</h2> +</div> + +<p>Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen +sonnigen Tagen und seinen Nachtfrösten war gekommen +und fast vorüber. Vier Wochen waren seit +der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath +vergangen, und die Herzogin war in Turret Court +eingetroffen.</p> + +<p>Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte +ihr Kommen so verzögert. Ein plötzlich aufgetretenes +Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein +durch Aufregung veranlaßt worden — hatte sie in +ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr +Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre +Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege +nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche +Verlobung, die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. +— Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in sündhafter +Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch +nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und +entrüstet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo +in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht, +da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.</p> + +<p>Und niemals erlitt irgend jemand eine größere +Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem +Wirte zuteil wurde. Mit steinerner Höflichkeit hörte + <span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span> +der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, +und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte +seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung +mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen Grund, sie +zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen +sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran +erinnern, daß das weiter keinen Unterschied mache, +da es nur der Zustimmung eines ihrer Vormünder +bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. +Er glaube übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, +und schlüge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts +konnte von steiferer Artigkeit, nichts würdevoller und +entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen +Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, +aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in +ihrem Leben geschlagen zurückzog.</p> + +<p>»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden +sein, Agathe! Eine andere denkbare Erklärung für +diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die +Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl +der sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.</p> + +<p>Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, +deren schwarzes Kleid sie noch hübscher und stattlicher +erscheinen ließ. In ihren Adern floß schottisches Blut, +und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug +einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog +seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingeflößt +hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der +das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen +Augen angstvoll zu klopfen begann.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p> + +<p>»Ich — was meinst du, Honoria?« stammelte sie. +»Sprichst du von Florences Verlobung?«</p> + +<p>»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, +weißt du, daß dein Mann zu diesem tollen Unsinn +seine Einwilligung gegeben hat?«</p> + +<p>Lady Agathe lächelte matt.</p> + +<p>»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß +ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«</p> + +<p>»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich +finde, daß es wirklich der Fall ist. Er willigte ein +und weigert sich — weigert sich, — anderen Sinnes +zu werden!«</p> + +<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet, +Honoria. Er ist so herrschsüchtig, besteht so sehr auf +seinem Willen — das weißt du doch! Ich machte +ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte +Lady Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte +nicht auf mich hören. Er hat sich in der letzten Zeit +verändert, oder ich habe es mir eingebildet; er ist +wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als +je. Er —«</p> + +<p>»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben +eine solche Veränderung bei einem Menschen gesehen! +Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was fehlt +ihm eigentlich?«</p> + +<p>»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts +mitgeteilt und wollte nicht auf mich hören, als ich +ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt zu Rate zu ziehen. +Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen, +so scheint er allerdings zu wollen, — ich möchte fast + <span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span> +sagen, zu wünschen, — daß Florence Herrn Leath +heiratet. Natürlich ist er keine Partie für sie.«</p> + +<p>»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« +rief die Herzogin.</p> + +<p>»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein +Australier, glaube ich. Er kam nach St. Mellions +und ließ sich dort vor etwa einem Vierteljahr häuslich +nieder, und —«</p> + +<p>»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel +ihr die andere ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper +— was ihm gar nicht ähnlich sieht! — war wohl +unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«</p> + +<p>»Nein, nein — durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. +Du irrst dich, Honoria. Sir Jasper mochte Herrn +Leath nicht leiden. Ja, er wurde sehr böse mit Roy, +weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien unerklärlicherweise +etwas gegen ihn zu haben.«</p> + +<p>»So.«</p> + +<p>»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich +zu sehen,« setzte Lady Agathe hinzu.</p> + +<p>»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß +Florence ihn heiratet?«</p> + +<p>»Er scheint es allerdings zu wünschen.«</p> + +<p>Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der +Verzweiflung in die Sofakissen zurück.</p> + +<p>»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden +Behauptungen in Einklang zu bringen. Ich gestehe, +daß ich nicht dazu imstande bin.«</p> + +<p>»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.</p> + +<p>»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr +fort: »Ich muß dir ganz ehrlich gestehen, Agathe, daß + <span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span> +das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt. Dir mag +die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, +daß mein armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«</p> + +<p>Lady Agathe fing an zu weinen.</p> + +<p>»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, +Honoria,« sprach sie und drückte ihr Taschentuch an +die Augen, »gar nichts. Sprich lieber mit Florence. +Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«</p> + +<p>»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn +sie nicht ganz verrückt geworden ist, so will ich sie +schon zur Vernunft bringen. Bleibe, bitte, hier, +Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit +deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«</p> + +<p>Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte +ihren Befehl in herrischem Tone.</p> + +<p>Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, +und Lady Agathe trocknete sich noch die Augen, als +die Tür aufging und Florence gemächlich eintrat.</p> + +<p>Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes +Samtkleid mit einem breiten Kragen und Manschetten +aus alten gelblichen Spitzen, und ihr kastanienbraunes +Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre +großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, +schöne Farben, und sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem +Köpfchen näher trat. Dem verwunderten, +entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich, zuversichtlich, +belustigt, von schelmischem Trotz beseelt +zu sein. Aber ihre Tante wußte, daß ihre Figur +schlanker war, als sie vor einem Monat gewesen.</p> + +<p>»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt +Sie aussehen! Ich glaube, ich würde ein wenig + <span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span> +vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante Agathe, was +fehlt dir denn, liebes Herz?«</p> + +<p>Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie +weggewischt aus ihren Zügen, als sie auf Lady Agathe +zueilte und zärtlich tröstend, wie schützend, den Arm +um sie legte.</p> + +<p>Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch +stattlicher aus. In dem Auftreten des Mädchens lag +entschieden unverschämte Herausforderung.</p> + +<p>»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, +Florence! Sie tut wohl daran, dünkt mich.«</p> + +<p>»Nein — es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu +gebracht haben. Trockne dir die Augen, Tantchen; +wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf mich, nicht +auf dich.«</p> + +<p>Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit +an und fragte: »Ich fürchte, Durchlaucht sind wieder +böse?«</p> + +<p>»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. +Sie hätte ihr Mündel in diesem Augenblick mit der +größten Wonne ohrfeigen können.</p> + +<p>»Ja — das sieht man Ihnen an. Es ist nicht +das Feuer, das Ihnen diese Röte gibt.«</p> + +<p>In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen +Stuhl und legte die verschränkten Arme auf die Lehne.</p> + +<p>»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. +Lassen Sie mich ganz offen und deutlich reden. Nun +denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath versprochen, +ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem +Entschlusse etwas ändern. Bleiben wir beide am +Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was auch geschehen + <span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span> +möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, +und das weiß er.«</p> + +<p>»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden +sein! Du willst mir doch nicht sagen, daß du +in ihn verliebt bist?«</p> + +<p>»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund +geben, ihn zu heiraten?«</p> + +<p>»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir +zugetraut habe, Florence! Vielleicht hattest du dich +auch in Herrn Chichester verliebt?«</p> + +<p>»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester +verliebt.«</p> + +<p>»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen +verliebt zu sein?«</p> + +<p>»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen +es dabei bewenden lassen. Und nennen Sie ihn, bitte, +nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr fein. Ich +glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin +gesehen hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er +Durchlaucht nie ›diese Frau‹ nennen würde.«</p> + +<p>»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«</p> + +<p>»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«</p> + +<p>»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll +zurück. »Jetzt höre mich an, Florence! Durch +die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper Mortlake +— ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, +Agathe, und ich wiederhole: unglaubliche Verrücktheit +— hast du, die du bei deiner gesellschaftlichen +Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die glänzendste +Partie hättest machen können — die Einwilligung +eines der Vormünder zu dieser schmachvollen + <span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span> +Heirat erlangt, durch die du dich zugrunde richten +wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung +nie erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun +werden, kommt für mich nicht in Betracht: ich maße +mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu wollen. +Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich +sehen wollen, so ist es gut. Ich aber habe nichts +mehr mit dir zu tun, sobald du seine Frau bist. Und +damit basta!«</p> + +<p>Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, +und Florence wußte, daß nichts sie von diesem +Entschlusse abbringen würde.</p> + +<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und +ich beklage mich nicht,« sprach sie ruhig, »aber selbst +wenn die ganze Welt sich von mir lossagte, so würde +ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten. +Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich +bin willens, ihn zu zahlen!« Sie machte einen Schritt +auf die Tür zu und fragte in demselben gelassenen +Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend etwas +zu sagen, ehe ich gehe?«</p> + +<p>»Ja — noch eins!« Die Herzogin erhob sich +wütend. »Die Chance ist wenigstens nicht ausgeschlossen,« +sagte sie eisig, »daß dieser Mensch weniger +hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich +heiratet, so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, +und wenn niemand vernünftig genug ist, ihm dies zu +sagen, so soll er es von mir hören!«</p> + +<p>»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.</p> + +<p>»Zweck? Auf die Chance hin, — die zwar nur + <span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span> +gering ist, das gebe ich zu, — daß er gesunden Menschenverstand +und Herz genug besitzt, dich freizugeben.«</p> + +<p>»Das wird er niemals tun,« — sie lächelte matt, +— »nicht wenn Durchlaucht ihm das Zweifache +meines Vermögens bieten würde. Ich muß ihm Gerechtigkeit +widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund +für den Wunsch, mich heiraten zu wollen — er +liebt mich.«</p> + +<p>»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich +nicht auf diese schändliche Weise hinopfern!« erwiderte +die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt oder nicht, +er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich +fest entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«</p> + +<p>Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine +Meldung entgegengenommen, blickte sie die Herzogin +an und sagte:</p> + +<p>»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist +jetzt hier.«</p> + +<p>»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch +hier?« Florence lächelte kalt.</p> + +<p class="pmb3">»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit +Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath +verlobt bin. Unter diesen Umständen würde es schwer +sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe +Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten +blicken läßt und die Gastfreundschaft des Hauses nicht +mißbraucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet. +Es ist mein Recht, meinen zukünftigen +Gatten zu empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? +In fünf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_22">22.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in +dem getäfelten Zimmer, in das er stets geführt wurde, +wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy +zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, +oder Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit +ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb +ängstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte; +aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er +wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn +es schien ihm äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen +Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf +seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie +eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein +Dutzend Sätze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen +zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen, +aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und +von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu +werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und +nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine +gegen Florence erwähnt.</p> + +<p>Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als +sonst ein — gewöhnlich zögerte sie ein wenig, ehe +sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die täglichen Zusammenkünfte +gewährt, weil sie es nicht wagte, sie + <span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span> +ihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort +auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer +Hand, als er diese faßte.</p> + +<p>Er tat selten mehr als das, aber der wenigen +Male, da er sie geküßt hatte, erinnerte er sich nicht +besser als sie.</p> + +<p>»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine +Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«</p> + +<p>Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch +hätte zittern können, und blickte zu ihr nieder. Der Tag +war ungewöhnlich düster und grau gewesen, und obgleich +der Abend kaum angebrochen, war es dunkel +im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt +und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er +erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war und +ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden +Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, daß sie +so zu ihm emporsahen, und für den Augenblick bezauberten +sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, +mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht +ließ. Er schloß sie warm und zärtlich in die Arme, +wie er es hätte tun können, wenn sie ihn geliebt hätte.</p> + +<p>»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus +der Fassung gebracht, mein Liebling?«</p> + +<p>Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich +innig an ihn geschmiegt, wie würden sie zusammen +gelacht haben über die Herzogin und ihre Drohungen +und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während +sie erschauerte und — zu stolz, sich zu wehren +— starr dastand.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span></p> + +<p>»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen +den Zähnen hervor. »Ich habe Sie schon öfter gebeten, +mir dies zu ersparen, Herr Leath.«</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem +Lachen gab er sie frei. »Ich vergesse mitunter, wie +du mich hassest — und habe freilich nur mir selbst +deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß +ich es nicht vergesse. Aber ich bitte nochmals um +Verzeihung — darum handelt es sich jetzt nicht. Es +ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«</p> + +<p>»Vorgefallen kaum.«</p> + +<p>Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig +gleichgültigen Ton gegen ihn an und trat einen Schritt +von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu sehr gelegener +Zeit.«</p> + +<p>»Darf ich fragen, weshalb?«</p> + +<p>»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«</p> + +<p>»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen +wünscht —«</p> + +<p>»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach +Beverley und wird nicht vor Tische heimkommen. +Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier ist?«</p> + +<p>»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in +St. Mellions erzählt. Sie wünscht doch nicht etwa, +mich zu sehen?«</p> + +<p>»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«</p> + +<p>»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«</p> + +<p>»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.</p> + +<p>»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen +Diensten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p> + +<p>Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence +auf die aufrecht getragene Gestalt, in das gelassene, +sonnengebräunte Antlitz blickte, regte sich, nicht zum +erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er mochte, +wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen +haben, aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe +bei der Aussicht, dieser einen gegenüber stehen zu +müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte sich aufbäumen +gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war +unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. +Sie wäre kein Weib gewesen, hätte sie nicht etwas +wie Erleichterung und Stolz bei dem Gedanken empfunden. +An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte +selbst die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem +Bewußtsein lag ein Trost, und ein weicherer Ausdruck +trat in ihr Antlitz, als sie durch ein Zeichen ihn an +ihre Seite zurückrief.</p> + +<p>»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will +mit Ihnen gehen, aber vorher möchte ich noch etwas +sagen.«</p> + +<p>Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre +Patin über ihre Verlobung sei, und setzte hinzu: »Das +berührt mich nicht weiter, da sie meinem Herzen nie +nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden, +ihr gegenüber so gleichgültig und so — zufrieden +zu scheinen, wie ich wünschte. Sie ist eine +kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie Tante +Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal +zusetzen, solange sie hier ist. Sie darf es um keinen +Preis!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span></p> + +<p>Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der +Herzogin hatte sie tiefer erschüttert, als sie selbst wußte. +Er legte seine Hand ruhig und fest über die zitternden +Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.</p> + +<p>»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was +du wünschest, daß ich ihr sagen soll, du weißt, ich +tue, was du willst.«</p> + +<p>»Ja — ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« +Es war das Freundlichste, was sie ihm je +gesagt, und es hatte noch dazu den Vorzug, durchaus +wahr zu sein.</p> + +<p>»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen +der Wahrheit entspricht, — daß ich mich weigere, +unsere Verlobung rückgängig zu machen oder Sie +zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar +böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren +Stolz appellieren, Ihnen sagen, daß ich mich durch +eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. Hören Sie +nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen +mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen +— machen Sie sich nichts daraus. Denken Sie nur +daran, daß es furchtbar schwer für mich ist, und daß +ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie +können.«</p> + +<p>Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas +bat; sie wußte kaum, wie rührend und eindringlich +sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die voll +Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß +die ihre noch fester.</p> + +<p>»Es gibt nur sehr wenige Dinge — nur ein +einziges, glaube ich — die ich nicht tun würde, bätest + <span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span> +du mich darum,« sprach er ruhig, »und dies ist nicht +jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als +darauf bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich +darauf verlassen, ich werde den Ton anschlagen, den +du wünschest. Möchtest du noch warten, oder wollen +wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«</p> + +<p>Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf +seinen Arm: das hatte sie aus freien Stücken noch nie +getan.</p> + +<p>»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, +damit wir es, wie Sie sagen, hinter uns haben.«</p> + +<p>Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in +ihrem Leben trat sie, noch immer an seinem Arme, vor +die Herzogin und stand neben ihm, wie ein Weib an +der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte — +lächelnd, in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht +auf ihn und sich selbst.</p> + +<p>Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin +hatte schon zwei Niederlagen erlitten, und keiner +ihrer beiden siegreichen Gegner war ihr mit kühlerer +Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath. +Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich +getan haben. Die Herzogin war eine viel zu +kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine Niederlage +erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos +sei. In den wenigen kurzen Worten, mit denen +Leath ihr antwortete, lag eine Entschlossenheit, die +durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern war. +Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, +hatte nicht einmal eine Veränderung in seinem +Gesichtsausdruck hervorgerufen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span></p> + +<p>»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er +ruhig, »daß ihr Vermögen mir sehr gleichgültig ist. +Wenn ich wünsche, daß sie es behalten möchte, so geschieht +es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie +ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht +ihr es morgen bis auf den kleinsten Bruchteil +nehmen, so würde das an unserem gegenseitigen Verhältnis +nichts ändern.«</p> + +<p>»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, +»ich würde dich doch heiraten, Everard.«</p> + +<p>Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt +im Ohre, aber sie brachte sie entschlossen über die +Lippen — war es doch nach ihrer Ansicht nur eine +letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere +als ihre Hand auf seinem Arm, ihre Stellung an +seiner Seite. »Geld hatte nichts mit dem Versprechen, +das ich dir gab, zu schaffen — das weißt du. Ich +glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«</p> + +<p>Eine zornige Handbewegung der Herzogin war +ihre einzige Entlassung. Sie verließen das Zimmer +Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte +während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen +gedrückt, bitterlich weinend dagesessen und kein einziges +Wort gesagt.</p> + +<p>Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer +waren, zog Florence die Hand zurück. Eine Lampe +war in der Zwischenzeit angezündet worden, und sie +sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All +der mühsam behauptete Trotz war wie weggewischt +aus ihren Zügen, jetzt, wo die Augen der Herzogin + <span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span> +nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit müdem, +ironischem Lächeln an.</p> + +<p>»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie +in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, daß +ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich möchte wohl +wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, +das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides +vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in +Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, wenn Sie +mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich +danke Ihnen, Herr Leath.«</p> + +<p>»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die +Veränderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so +verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde +Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen +Gesichtchens.</p> + +<p>»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er +sanft. »Du siehst ganz erschöpft aus und bedarfst +der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest du, daß +ich jetzt gehe?«</p> + +<p>Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, +ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande +der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit seiner Worte, +obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre +Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße +Tränen aus und schluchzte fassungslos. Im nächsten +Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und +beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind +hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie +seine Umarmung geduldet; aus reiner Ermüdung tat +sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder über + <span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span> +seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu mächtig +für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. +So ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, +barg ihre Tränen an seiner Schulter und empfand fast +etwas wie Freude über die innigen Liebesworte, die +er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen +nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich +Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm +zu entziehen suchte.</p> + +<p>»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, +gleichsam als Entschuldigung für diese Anwandlung +von Schwäche, über die sie doch kaum das Herz hatte, +böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige Nacht +nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie +sind — sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen +Sie lieber, bitte.«</p> + +<p>»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst +allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«</p> + +<p>Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt +und hob jetzt sanft ihr tränenfeuchtes Gesicht zu dem +seinen empor. »Florence,« fragte er im Flüstertone, +»wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, +könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, +Kind?«</p> + +<p>Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn +seiner Worte war ihr kaum zum Bewußtsein gekommen, +aber als er sie küßte, überflutete eine heiße +Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach +Luft und versuchte, sich loszureißen, aber er hielt +sie fest.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span></p> + +<p>»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was +du mich hast sehen lassen? Daß, wenn ich dir als +Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, du +mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du +— das weiß ich!«</p> + +<p>»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte +sie sich los. »Niemals!« erklärte sie heftig, die Hand +an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache mir nichts +aus Ihnen — ich kann es nicht — ich werde es nie +tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich +gewesen zu sein schienen — aber mich nicht so — so +von Ihnen küssen lassen — das wissen Sie recht gut! +Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich +dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie — +nimmermehr! Unter keinen Umständen je hätte ich +Sie lieben können — das weiß ich!«</p> + +<p>»Wirklich nicht?«</p> + +<p>Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, +sah die Gebärde empörter Abwehr und lächelte +wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht, und vielleicht +habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber +streiten. Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders +hold gewesen, armes kleines Mädchen — aber +auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig verfahren! +Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand +schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine +Chance dir gegenüber gehabt, so hättest du mich jetzt +schon lieben sollen.«</p> + +<p>»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen +hervor. »Sie täuschen sich selbst, wenn Sie das +glauben! Niemals!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span></p> + +<p>Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang +ihm im Ohre nach.</p> + +<p>Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten +haben — er pflegte immer Turret Court so schnell +wie möglich zu verlassen, sowie seine Zusammenkunft +mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß +eine Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber +der heutige Tag bildete eine Ausnahme. Ein Feuer +brannte in der inneren Halle, und in einem großen +Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er +war unter dem Einfluß der einschläfernden Wärme +halb eingeschlummert, aber, durch die näherkommenden +Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine +langen Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.</p> + +<p>»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? +Wußte gar nicht, daß Sie da waren, alter Junge. +Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, fortzugehen +— wie?«</p> + +<p>»Ja. Weshalb?«</p> + +<p>»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch +bleiben, wenn Sie irgendein anderer wären, aber ich +weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute gäbe es +freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin +zu Tisch führen.«</p> + +<p>»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte +eben mir mitzuteilen, daß ich Luft für sie sei.«</p> + +<p>»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog +grinsend den Mund. »Hat wohl eine böse Auseinandersetzung +gegeben?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p> + +<p>»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete +Leath wortkarg.</p> + +<p>»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und +der Alte hatten heute morgen ein hitziges Wortgefecht. +Ich hörte etwas davon — war ein Hauptspaß! Sie +zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl +ebenso gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe +gar nicht ein, warum die alte Dame sich dazwischenstecken +will! Was in aller Welt kann es ihr ausmachen, +ob Florence Sie nimmt oder den alten +Chichester? Geradezu unverschämt nenne ich es. +Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«</p> + +<p>»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«</p> + +<p>»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen +Marsch über die Halde haben werden. Apropos, haben +Sie den Alten gesehen?«</p> + +<p>»Nein — und hätte es auch nicht können, gesetzt +den Fall, ich hätte den Wunsch gehabt. Er ist in +Market Beverley, wie ich höre.«</p> + +<p>»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie +irrt sich aber, er kam vor zwei Stunden heim und +sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie +ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten +Zeit nichts an ihm aufgefallen ist?«</p> + +<p>Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und +dem Gesichtsausdruck des jungen Menschen. Mit +einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte Leath +den Kopf.</p> + +<p>»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten + <span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span> +vier Wochen kaum dreimal gesehen — jedenfalls nicht +zwanzig Worte mit ihm gewechselt. Was sollte mir +aufgefallen sein?«</p> + +<p>»Nun, wie er sich verändert hat!«</p> + +<p>»Hat er sich verändert?«</p> + +<p>»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, +würden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf +den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein +Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum +genug für einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter +ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin +ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen; +und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar +nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung +sein. Ich möchte mit der Mutter und den Mädchen +nicht gern darüber reden, aber ich bin überzeugt davon, +daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, +in St. Mellions, redete mich der alte Burrows — Sie +wissen, Doktor Burrows — auf der Straße an und +wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er hätte +es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele +ihm ganz und gar nicht.«</p> + +<p>»Was wollte er damit sagen?«</p> + +<p>»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den +heißen Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus. +Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch. +Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu +ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir +nicht gefällt, ist seine neue Angewohnheit, draußen +umherzuschleichen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span></p> + +<p>»Umherzuschleichen?«</p> + +<p>»Ja — zu allen Stunden und bei jedem Wetter, +mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von +uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett +und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er +früher nie getan, ja, er haßte das Spazierengehen +geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern +abend — wissen Sie noch, wie es regnete? — war +er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis +auf die Haut durchnäßt zurück. In der Tat, ganz +unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter +glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst +zu tun pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. +Ich weiß es meistens, denn seitdem ich es bemerkt +habe, halte ich die Augen offen. Aber es muß etwas +nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. +Wüßte ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen +Kummer.«</p> + +<p>»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat +keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten Überzieher +an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar. +Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«</p> + +<p>»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal +freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte würde +mich gehörig heruntermachen, wenn er wüßte, daß +ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen +darüber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. +Trage fürs erste noch kein Verlangen danach, +Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend, + <span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span> +alter Junge — möchte nur, Sie blieben zu Tische. +Beneide Sie nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«</p> + +<p>Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath +hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln, +der Wind, der von der Küste herüberwehte, war sehr +scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher +zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: +seine Gedanken waren trübe und nahmen +ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ von +Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, +als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und +das machte ihn blind und taub gegen alles andere. +Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, seitdem +sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, +aber er war nie so niedergeschlagen und unglücklich +gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ +recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und das +Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn +sie erst sein Weib war, so würde das entsetzlich sein! +Konnte ihm irgend etwas für solches Elend Ersatz gewähren? +Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, +wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz +geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine +begonnen hätte? Würde es möglich sein, ihr zu +entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben +zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung +an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, +als seien sie nie gewesen? Er gedachte der +Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon damals, +als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe +als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer + <span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span> +bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten, +als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt; +er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei +seinem leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein — +es war nicht möglich! Sie sollte ihn noch lieben +lernen!</p> + +<p>Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er +weit von dem Fußwege abgekommen, den er hätte +einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen. +Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den +felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand +sich dicht am Rande der Klippe, — so dicht, daß +ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante +gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick erschrocken +stehen.</p> + +<p>»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn +ich hinabgestürzt wäre,« sagte er halblaut, mit bitterem +Auflachen.</p> + +<p>Er schritt weiter, dem Branden der Wogen +lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht +geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont +auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher +gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond +durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences +›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten ihn +noch immer.</p> + +<p>»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, +»es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Haß +dauern — trotz meiner Liebe? Es wäre furchtbar + <span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span> +für uns beide — furchtbar! Armes Kind — armes +kleines Mädchen — und weshalb sollte er schwinden? +Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein +Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft +aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich +ihr entsagen? Wenn ich —«</p> + +<p class="pmb3">Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. +Hinter ihm ertönten hastige Schritte, ihn traf ein +Schlag vor die Stirn, daß vor seinen Augen grelle +Flammen über den schwarzen Himmel und das +schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit +eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos, +er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn +so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an +die Felskante drängte; der Schlag auf den Kopf hatte +ihn halb betäubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen. +Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht +wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf +dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem +lauten Aufschrei stürzte er kopfüber hinunter, sich +im Fallen an dem groben Gestrüpp festhaltend, das +über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige +knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder +tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt, +ergriff es auch mit der anderen Hand, fühlte, +daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er +festen Boden unter den Füßen habe. Während der +Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb +liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter +Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte +zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprung + <span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span> +in das Innere einer Höhle, und vorwärtsstolpernd, +brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend, +fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences +Felsenkammer zusammen.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_23">23.</h2> +</div> + +<p>Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, +aber gegen Morgen klärte es sich auf. Ein scharfer +Wind von der See her blies die Wolken fort, der +Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, +als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow +betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt stand, daß er geblendet +die Hand über die Augen legte.</p> + +<p>»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« +sagte er in seiner freundlichen Art zu dem nett aussehenden +Mädchen, das eilfertig mit der Kaffeekanne +eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte +ich, eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere +mich kaum eines so kalten und nassen Septembers, +wie der diesjährige gewesen. Herr Leath ist wohl noch +nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«</p> + +<p>»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, +gnädiger Herr. Als ich bei ihm anklopfte, +um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; er muß +also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben +Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so +leisen Schlaf,« sagte das Mädchen.</p> + +<p>»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« +bemerkte der alte Mann gleichmütig; »er wird wohl + <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span> +gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« fuhr er, zu +sich selbst redend, fort — in den langen Jahren der +Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, +— »ist es sonderbar, daß der Junge so früh +auf und davon ist, da er gestern abend erst so spät nach +Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein, +denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist +natürlich zu Tisch in Turret Court geblieben. Nun, +das ist gut. Ich wollte, das täte er öfter, aber es +ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.« +Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich +wollte, ich wäre fester davon überzeugt, als ich bin, +daß es eine glückliche Ehe werden wird. Aber sowohl +in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das +mich glauben läßt —. Ah, das ist sein Schritt, ja — +er ist es.«</p> + +<p>Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte +die offene Fenstertür, der Sherriff mit freundlichem +Lächeln, das schnell einem Ausdruck der Verwunderung +und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.</p> + +<p>»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« +rief er.</p> + +<p>»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! +Mir wird gleich wieder besser werden,« antwortete +Leath, als er ins Zimmer trat und auf den nächsten +Stuhl sank.</p> + +<p>In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, +mit seinem leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem +Blute, das einer Kopfwunde entströmte, bedeckt war, +sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen und + <span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span> +Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere +hub wieder an:</p> + +<p>»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, +als ich von Turret Court zurückkam, stürzte ich von +der Klippe.«</p> + +<p>»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe +an die Kante und glittest aus? Und doch bist du hier, +und am Leben! Der Sturz hätte einen Menschen +zweimal töten können!« rief Sherriff.</p> + +<p>»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig +an irgendeiner anderen Stelle hinabgefallen. +Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch lebe,« antwortete +Leath. »Sie kennen die Stelle — die kleine +Höhle, die sie — Florence — ihre Felsenkammer +nennt?«</p> + +<p>»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. +Dort stürztest du hinunter?«</p> + +<p>»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat +mich gerettet. Ich hielt mich an irgend etwas fest — +wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht meines Falles, +und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein +Leben hing an einem Haar — so nahe habe ich dem +Tode noch niemals ins Auge geschaut, obwohl er mir +mehrmals nahe genug gewesen ist. — Wollen Sie +mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, +ohnmächtig zu werden, und kam erst vor etwa einer +Stunde wieder ordentlich zu mir.«</p> + +<p>Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die +Flasche kaum halten konnte, holte schnell den Kognak + <span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span> +herbei. Leath leerte das Glas mit einem Zuge, und +die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte +allmählich in sein Antlitz zurück.</p> + +<p>»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß +ich mich sehr schwach fühle. Daran ist wohl der Schlag +auf den Kopf schuld.«</p> + +<p>»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.</p> + +<p>»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«</p> + +<p>»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete +Leath finster.</p> + +<p>»Nicht?«</p> + +<p>»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«</p> + +<p>»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll +Entsetzen.</p> + +<p>»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und +wurde gepackt und festgehalten, ehe ich wußte, woran +ich war; ich konnte mich nicht zur Wehr setzen. Der +Schlag wurde zuerst nach mir geführt — ich weiß +nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen +kannte, wurde ich, wie gesagt, hinabgestürzt.«</p> + +<p>»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« +rief Sherriff entsetzt.</p> + +<p>»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. +»Der Mensch, der mich von der Klippe hinabstieß, +wollte mich aus der Welt schaffen, so gewiß, +wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht +kein überlegter Mordanschlag, das behaupte + <span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span> +ich nicht — das glaube ich kaum. Er mag mir absichtlich +gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann es +nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf +an. Aber er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte +ohne Zweifel, daß er es getan. Und wenn es ihm gelungen, +wenn ich tot auf dem Felsen gefunden worden +wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, +ein Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder +bitter auf. »Er würde sicher genug, vollkommen sicher +gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir Jasper +Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung +zu bringen, der mit seiner Einwilligung sein Mündel +heiraten sollte?«</p> + +<p>»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor +und sprang auf.</p> + +<p>»Freilich — er und kein anderer! Ich habe sein +Gesicht gesehen; dazu war es nicht zu dunkel, und +hätte ich es auch nicht erkannt, so würde ich es doch +gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod +zu wünschen — hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem +er mich zum ersten Male gesehen und mich haßte +wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er sich +fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, +seitdem habe ich darüber gelacht, und ebenfalls über +meine eigene Dummheit, keinen Verdacht zu schöpfen.«</p> + +<p>»Großer Gott! Welchen Verdacht?«</p> + +<p>»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens +kann ich es jetzt nicht länger geheimhalten, +und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, um +meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß + <span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span> +es fürs erste nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl +ich gleich jenem Menschen gegenübertreten und +ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«</p> + +<p>»Um — um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff +bestürzt.</p> + +<p>»Nein — um ihret-, um Florences willen. Sie +haben sich gewundert, weshalb sie versprochen hat, +mein Weib zu werden; Sie haben sich gewundert, weshalb +Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie +haben sich noch über manches andere gewundert. Sie +wundern sich jetzt, weshalb er versucht hat, mich zu +ermorden. Hören Sie mir ein paar Minuten zu, so +sollen Sie es erfahren.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er +muß sicher bald hier sein — er versprach, zum Frühstück +zu kommen, und es ist ein so wundervoller Morgen +nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, +im Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« +fragte Cis.</p> + +<p>Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die +Handschuhe zu, als sie ihrer Cousine ansichtig wurde, +die zwischen den Vorhängen des einen der großen, +viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle +Licht empfing. Sie war so in Gedanken versunken, +während sie hinausblickte, daß sie sich erst, als die +andere sie berührte, zusammenschreckend umwandte.</p> + +<p>»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist +recht! Du siehst so hübsch aus, Schatz!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p> + +<p>»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, +aber nicht besser als dir. Willst du nicht mitkommen, +Florence? Du siehst so blaß aus, und deine Augen +sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«</p> + +<p>»Blaß — so?« Florence fuhr sich mit der Hand +über die Stirn. »Ich habe seit einiger Zeit die dumme +Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist wohl schuld +daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; +ich bin nicht recht aufgelegt dazu!«</p> + +<p>»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu +allem aufgelegt,« sagte Cis mit zärtlicher Teilnahme. +»Du bist auch viel magerer geworden, Liebling; gestern +habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und +du siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine +Nonne aus. Ich wollte, du trügest es nicht.«</p> + +<p>»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster +aus,« meinte Florence mit schwachem Lächeln. »Mache +dir um mich und mein Aussehen keine Sorge, kleine +Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich +nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? +Im getäfelten Zimmer?«</p> + +<p>»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, +Florence; die Herzogin ist bei ihr.«</p> + +<p>»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre +Durchlaucht und ich haben hoffentlich das letzte notwendige +Wort miteinander gesprochen. Will sie wirklich +heute fort?«</p> + +<p>»Ich glaube, — weiß es aber nicht gewiß. Sie +hat Mutter gesagt, sie würde abreisen, sobald sie +Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, daß + <span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span> +er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy +behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht +mit ihr gefürchtet!« sagte Cis lachend.</p> + +<p>»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.</p> + +<p>»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem +bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich +sehr müde von Market Beverley zurückgekommen. +Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr +elend ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich +gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so +muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«</p> + +<p>Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter +ihr zu. Das Lächeln wich aus Florences Antlitz, als +ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite +Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn +und Augen.</p> + +<p>»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst +geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen +Nächte fangen an, mich zu ängstigen. Gesetzt, ich würde +krank, — gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte +phantasieren — könnte alles erzählen, verraten? Wer +weiß? Ich habe sagen hören, Fieberkranke redeten +immer von dem, was sie am meisten beschäftigt. Ich +muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein +Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich +schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen +— ich habe so gräßliche Träume! Gestern nacht war +es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte +wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, +was er zweimal in mich gedrungen, zu tun — und + <span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span> +ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm +fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde +wenigstens überstanden — unwiderruflich sein, und +da es geschehen muß, was frommt es, es aufzuschieben? +Ich muß es tun — ich habe mein Wort gegeben! +Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich +zögere, meines einzulösen? Was ist das? So früh? +Weshalb kommt er heute so früh?«</p> + +<p>Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle +kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt +vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag sich, halb aus +Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war +immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der +nachlässigen Kälte zu verbergen, die sie ihm gegenüber +gewöhnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, daß +er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach irgendeiner +Richtung hin erregen konnte.</p> + +<p>Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz +gefaßtem, gleichgültigem Gesicht der Flügeltür zu. +Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die +Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.</p> + +<p>Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller +Bestürzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug +war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren +waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, +aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten +worden und ließ eine weiße Binde sehen. Das sowohl +wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches +Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. +Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich +über sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span></p> + +<p>»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? +Sie haben sich weh getan!«</p> + +<p>»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie +mit so schmerzlichem Drucke festgehalten. »Ich — +wußte nicht, daß du hier bist,« sprach er, »ich wollte +dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir +Jasper aufzusuchen.«</p> + +<p>»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie +sind Sie zu der Wunde gekommen?« Sie blickte Sherriff +an und dann wieder ihren Verlobten, und etwas +wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren +Zügen auf. »Sie sind verletzt — Sie kommen her, +um mit Sir Jasper zu reden? Herr Sherriff,« rief +sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das +alles zu bedeuten hat!«</p> + +<p>Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser +antworten konnte.</p> + +<p>»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß +es doch wohl erfahren?«</p> + +<p>»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt +noch vor ihr geheimhalten? Und sie hat ein Recht, +es zu wissen.«</p> + +<p>»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie +es mir.«</p> + +<p>Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der +Fensterbank und hörte mit weitgeöffneten, entsetzten +Augen, die unverwandt an seinem Gesichte hingen, +der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz + <span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span> +machte, wie er konnte. Er war seit einer vollen Minute +zu Ende, ehe sie den Kopf hob und auf Sherriff +deutete.</p> + +<p>»Sie haben ihm alles gesagt?«</p> + +<p>»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl — ich konnte +nicht länger schweigen. Ich weiß, damit habe ich +gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen, aber +nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. +Du weißt, du darfst dich darauf verlassen, daß er ein +ebenso unverbrüchliches Schweigen beobachten wird +wie du oder ich.«</p> + +<p>»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach +Sherriff mit versagender Stimme. Er war bleicher +als der junge Mann; die seelische Erregung hatte +tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich — +bin entsetzt — bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst +willen, um der Lebenden und der einen Toten willen +können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein +Kind.«</p> + +<p>»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte +Florence verständnislos. »Ja, das weiß ich. Das macht +keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie blickte +scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«</p> + +<p>»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein +paar deutliche Worte miteinander reden.« Er sah +Sherriff an. »Und um meiner eigenen Sicherheit +willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich +der gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß +bei diesen Worten ein Zeuge zugegen ist.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span></p> + +<p>»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher +— was dann?«</p> + +<p>»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch +kommen?«</p> + +<p>Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, +und zum ersten Male etwas wie Zärtlichkeit — liebevolle +Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der Situation +bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, +ihre Hand zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit +verdrängten die Kälte aus ihrem Antlitz, als +sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein +anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, +sich jäh umzuwenden, und als er das tat, öffnete Sir +Jasper die Tür der Bibliothek und trat in die Halle.</p> + +<p>Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths +Anblick blieb er plötzlich stehen, als sei er wie vom +Donner gerührt. Eine seltsame, schreckliche Blässe überzog +sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang schwer +nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach +einem Halt, erfaßte eine Stuhllehne und klammerte +sich taumelnd daran fest — ein grausiger Anblick. +Leath hub zu reden an.</p> + +<p>»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, +mich gestern abend auf der Klippe ums Leben zu +bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier — und am +Leben.«</p> + +<p>Sir Jasper gab keine Antwort.</p> + +<p>Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen +Tone weiter. Florence saß bleich, mit weitoffenen + <span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span> +Augen und fest zusammengepreßten Händen +da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte +er auf ihre Schulter gelegt, mit der andern beschattete +er seine Augen.</p> + +<p>»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als +ich zu Ihnen kam, Sie um Gräfin Florences Hand zu +bitten, die wenigen unverblümten Worte gesprochen, +Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war +Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns +lag, unerörtert bleiben sollte, und ich fügte mich +ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den ich +für die Einwilligung Florences, meine Frau zu +werden, zahlte, und für den sie willens war, sich zu +opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie nicht wagen +würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern +— Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen +Stellung willen, durften es nicht, um Ihrer beiden +Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die +sich für Ihre Gattin hält.«</p> + +<p>Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen +die Stuhllehne, die er umklammert hatte, machte aber +sonst keine Bewegung, noch ging in seinem starren +Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:</p> + +<p>»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem +Tage hörten Sie es. Sie erfuhren, daß Gräfin Florence +die Beweise gesehen hatte, die Sie für vernichtet +hielten — Beweise, deren Duplikate in Australien +sind, — die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston +in Melbourne, vor einunddreißig Jahren, mit der Sie +sich unter dem Namen Robert Bontine haben trauen + <span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span> +lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig +geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem +Schicksal überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren +am Leben gewesen. Sie wußten, daß ich die Heirat +beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß ich meine +eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie +wußten, daß ich Ihr Sohn war!«</p> + +<p>Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn +noch immer an, aber das Hinundherschwanken hatte +aufgehört.</p> + +<p>»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte +Leath. »Sie hatten es gefürchtet und geargwöhnt, +das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem Sie +mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen +die Ähnlichkeit meiner verstorbenen Mutter entdeckt +haben.« Er lachte ingrimmig auf. »Sie haben sie +verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben +sie in Armut und Schande verkommen lassen — jetzt, +nach über dreißig Jahren, hat Sie die Rache ereilt. +Die erste Geschichte, die ich von ihren Lippen vernahm, +als ich alt genug war, sie zu verstehen, war diese — +die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die +letzten Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, +waren ein Gelübde, daß ich den Mann an dem Orte +in England, den er als seine Heimat bezeichnet hatte, +aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von +ihm fordern wolle. Es dauerte acht Jahre, aber ich +habe jenes Versprechen nie aus den Augen verloren. +Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie +ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, +mich zu ermorden. Solange ich lebte, fürchteten Sie + <span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span> +mich, trotz meines gegebenen Wortes. War ich tot, so +konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«</p> + +<p>Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos +zu Boden. Das junge Mädchen sank auf die Knie und +hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war schrecklich +verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und +starr, als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls +niedergebeugt hatte, schaute mit einem Ausdruck des +Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.</p> + +<p>»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der +Tod?«</p> + +<p class="pmb3">»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es +ist Tod bei lebendigem Leibe — ein Schlaganfall!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_24">24.</h2> +</div> + +<p>Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper +Mortlake wie vom Blitze getroffen vor Everard Leath +hingestürzt war, und so lag er noch immer. In Turret +Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, +die herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne +noch Jahre so daliegen wie jetzt — unverständliche +Laute vor sich hinmurmelnd und ins Leere starrend. +Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in beschränktem +Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen +können, aber das Gehirn werde nie wieder +funktionieren — das sei ausgeschlossen.</p> + +<p>Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten +Doktoren, daß der Anfall sich wahrscheinlich schon +seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn schließlich +veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. +Eine große Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady +Agathe, ob er irgendeine solche Erschütterung gehabt +hatte?</p> + +<p>Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des +Kummers und Schreckens kaum fähig war, etwas +anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser +Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel +stärker war, ihr so viel besser Trost zusprechen konnte + <span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span> +als ihre Tochter, weinte bei diesen Fragen nur aufs +neue und erklärte schluchzend, es habe nichts vorgelegen. +Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend +leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und +vielleicht ein — wenig grämlicher geworden, gab die +unglückliche Frau zu. Sie hätte ihrem Tyrannen jetzt, +wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern jegliche +Tugend zuerkannt — aber das war alles. An +dem Abend, der dem Schlaganfall vorangegangen, war +er nicht zum Essen heruntergekommen, — etwas sehr +Ungewohntes von ihm, — aber sie hatte dem keine +weitere Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag +bekam, unterhielt er sich ruhig in der Halle mit ihrer +Nichte und ihrem Verlobten. »Nein — von einer besonderen +Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« +beteuerte Lady Agathe unschuldig. Gräfin Florence +würde ihnen dasselbe sagen.</p> + +<p>Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids +stets in unmittelbarer Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, +wenn sie die kleine Cis tröstete, deren +leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry +nicht beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir +Jasper habe bleich und wunderlich ausgesehen; er +habe sich eine Weile an einem Stuhle festgehalten +und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, +ihr Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls +Herr Sherriff, der zugegen gewesen.</p> + +<p>Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie +zu befragen, Lady Agathes Bericht sei vollständig +zufriedenstellend und ausreichend. Es wäre unmöglich, + <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span> +den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall eintreten +würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; +die Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte +sie doch noch nicht. Und kopfschüttelnd verließen die +Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage schleppten +sich schwer dahin.</p> + +<p>Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die +Dämmerung des trüben Oktobertages herein; in dem +getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel gewesen, +hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell +empor und zeigte Florence, die in einem bequemen +Lehnstuhl vor dem Kamin saß. In dem langen, +schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, — +sie hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, +— sah sie sehr zart und schlank und jung aus. Den +Kopf lehnte sie müde zurück; ihre Augen waren geschlossen, +und die langen, schwarzen, dichten Wimpern +machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. +Lady Agathe, bei all ihrem schmerzlichen Weinen +und Jammern, sah nicht erschöpfter und gebrochener +aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen, +keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es +für sie nicht mehr, hatte sie zu sich gesagt, während sie +halb verwundert, halb neidisch zusah, wie ihre Tante +weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht +trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen +und weinen konnte, war vor mehr als einem Monat +gestorben — an jenem sonnigen Nachmittage im +Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.</p> + +<p>Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer + <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span> +Stunde ihre Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener +trat ein, und sie fuhr mit weitgeöffneten Augen empor.</p> + +<p>»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, +ob das gnädige Fräulein wohl genug sei, ihn heute +ein paar Minuten zu empfangen?«</p> + +<p>Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war +Everard Leath nach Turret Court gekommen, aber +nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste Zeit, +hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer +entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets +so weitergehen konnte und hatte heute im getäfelten +Zimmer auf sein Kommen gewartet. Sie mußte ihn +sehen — er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes +Wort mußte sie halten wie er das seine, um +Lady Agathes und ihrer Kinder willen mußte alles +bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in +Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe — man +hätte sagen können der Besitzer — von Turret Court, +war eine Tatsache, die nie bekannt werden durfte.</p> + +<p>Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung +geratenes Haar zurück.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. +Sie können ihn hier hereinführen, Morgan.«</p> + +<p>Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht +so in der Gewalt wie ihre Stimmung; sie begann +beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, und als +die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. +Leath sah, wie sie sich in die Polster schmiegte und +ihn mit flehenden, erschreckenden Augen anblickte. Ein + <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span> +seltsamer Ausdruck — es war ein ironisches Lächeln +und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit +— glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten +Augenblick wieder verschwunden. Er streckte die Hand +aus und ergriff die von Florence, welche bebend in +ihrem Schoße lag.</p> + +<p>»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du +siehst sehr blaß aus.«</p> + +<p>»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten +kann, zu sein,« antwortete sie.</p> + +<p>»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? +Wenn nicht, so sage es. Dann werde ich bis morgen +warten.«</p> + +<p>»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, +Sie zu sehen, wenn Sie heute vorkämen. +Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher +darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. +»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p> + +<p>»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« +Er hielt inne. »Es ist wohl keine Veränderung eingetreten?«</p> + +<p>»In Sir Jaspers Zustand? Nein — keine. Sie +wissen, daß das auch nicht zu erwarten ist, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei +lebendigem Leibe. Rache genug für mich, wenn ich +danach verlangte.«</p> + +<p>Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein + <span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span> +Gesicht merkwürdig gefaßt und ernst. Sein ganzes +Wesen war seltsam und für Florence unerklärlich +verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten — hatte +sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann +losgelassen — er, dessen Händedruck immer eine innige +Liebkosung an sich gewesen war. Unzählige Male +hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, daß +sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. +Weshalb sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? +Eine angstvolle Beklommenheit, die jede Sekunde +seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den Herzschlag +des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie +fühlte, daß sie es nicht länger ertragen konnte.</p> + +<p>»Ist — ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. +»Sie sehen so sonderbar aus!«</p> + +<p>»Sonderbar? — So?« Er hob den Kopf und +blickte sie an. »Nein, — passiert ist nichts. Ich habe +einen Kampf auszukämpfen gehabt, und zwar keinen +leichten — das ist alles. Aber er ist vorüber — er +liegt hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte +nur, wie ich es dir am besten sage.«</p> + +<p>»Mir sage?« wiederholte sie.</p> + +<p>»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den +Ausdruck habe ich allzuoft auf deinem Gesicht gesehen +— ich möchte lieber eine andere Erinnerung mit +hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich +so kurz wie möglich. Ich gehe fort, Florence.«</p> + +<p>»Fort?« rief sie. »Nach London?«</p> + +<p>»London? Was habe ich in London zu suchen? + <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span> +Ich gehe nach Australien zurück — dem einzigen Fleck +Erde, der mich angeht, den nie zu verlassen ich gut +getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht +in vier Tagen.«</p> + +<p>»Und — und ich?«</p> + +<p>Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, +während sie emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, +ungläubigen Augen anstarrte — Verwunderung, +Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie +war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende +Hand, die sie ihm entgegenstreckte, hielt sie einen +Augenblick fest umschlossen und drängte sie dann sanft +von sich.</p> + +<p>»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde +Sie von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten.«</p> + +<p>Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und +ihre großen, schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt +an den seinen, als fürchte sie sich, sie abzuwenden.</p> + +<p>»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu +heiraten,« wiederholte er mit fester Stimme. »Ich +befreie Sie von einer Verpflichtung, die Sie hassen +und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen +schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind — +ich wußte es, als ich es tat — ich habe mir feige +Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre Selbstaufopferung +zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die +Liebe zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige +Handlungen begehen lassen. Dem sei nun, + <span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span> +wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, Sie +zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu +zwingen, und als ich glaubte, Ihre Liebe erringen +zu können, mag ich wohl ein Tor gewesen sein. Sie +hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein +Weib wären, so würde ich uns beide, Sie und mich +selbst, ums Leben bringen, glaube ich. Aber das ist +eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern brauchen; +denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole +es — ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien +zurück. Sie sind mich für den Rest Ihres Lebens los.«</p> + +<p>Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach +dem Kaminsims, neben dem sie stand, und hielt sich +daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich nicht, und +sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe +Leath weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady +Agathe und ihre Tochter traten ein.</p> + +<p>»Liebe Florence — o, Herr Leath, Sie sind es!« +stammelte Lady Agathe verwirrt, »ich wußte nicht, +daß Sie hier sind!«</p> + +<p>Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath +hielt sie zurück, ehe sie dieselbe erreicht hatte.</p> + +<p>»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich +Sie bitten, einen Augenblick zu verweilen? Wären +Sie nicht hereingekommen, so würde ich Sie vor +meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten +haben.«</p> + +<p>»Mich — um eine Unterredung?« stammelte die +Angeredete.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span></p> + +<p>»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin +Florence ihr Wort zurückgegeben habe. Unsere Verlobung +ist aufgehoben.«</p> + +<p>»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe +verwundert.</p> + +<p>Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf +ihre Cousine zu.</p> + +<p>»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in +demselben ruhigen Tone. Er sah Florence nicht an, +ja, warf ihr nicht einmal einen Blick zu.</p> + +<p>»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so +trifft er ganz allein mich. Ihre Nichte macht +sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von +mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das +Ganze war ein unseliger Irrtum. Unsere Verlobung +hätte nie stattfinden sollen.«</p> + +<p>»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, +muß ich sagen, daß ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« +sagte Lady Agathe und drückte das Taschentuch +an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer +ein Rätsel, ein dunkles Rätsel gewesen — wie Florence +selbst weiß. Ich kann nicht glauben, daß Ihre +Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre +— ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse +und alles war so ungleich. Und da Sie, wie Sie +sagen, wissen, daß Florence sich nie etwas aus Ihnen +gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, +daß Sie sie freigeben.«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein + <span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span> +finsteres Lächeln umspielte seine Lippen einen Augenblick; +aber wenn auch Lady Agathe es gesehen hätte, +so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein, +seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand +hin und sprach freundlich: »Sie haben keinen Grund, +mich gern zu haben, Lady Agathe, und ich weiß, +Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach +Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit +nach England niemals wiedersehen werde, wollen Sie +mir da Lebewohl sagen und mir gestatten, Ihnen +meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie glücklichere +Zeiten kommen mögen!«</p> + +<p>Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne +zu wissen, weshalb, gab ihm mit einer gewissen Herzlichkeit +die Hand. Er beugte sich auf sie herab und +ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und +schloß sie, zu des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, +in die Arme und küßte sie.</p> + +<p>»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge +Ihnen ein glückliches Leben beschieden sein!« Er schritt +auf die Tür zu und drehte sich — die Hand schon auf +dem Türgriff — noch einmal um und blickte nach +der regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe +wohl, Florence,« sagte er fast im Flüstertone, »lebe +wohl!«</p> + +<p>Die Tür fiel ins Schloß — er war fort. Cis, die +sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, sprudelte +hervor:</p> + +<p>»Was soll das alles heißen? Florence, was soll +das heißen? Er vergötterte dich — das weiß ich — + <span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span> +und doch löst er eure Verlobung und geht so davon! +Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« +fuhr sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum +hat er mich geküßt?«</p> + +<p>Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie +eine Antwort werden, sie sollte es nie erfahren, daß +Everard Leath den Kuß eines Bruders auf ihre +Wange gedrückt hatte.</p> + +<p class="pmb3">Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, +wie betäubt da. Sie konnte es nicht fassen, daß ihre +Ketten von ihr gefallen — daß er fort und sie +frei war.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_25">25.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath ging über die Halde nach dem +Bungalow zurück. Es war ganz dunkel, ehe er dort +anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins +Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am +Kamin ein Schläfchen gehalten, richtete sich bei seinem +Eintritt auf. Leath zog einen Sessel heran und +setzte sich.</p> + +<p>»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf +einen fragenden Blick des andern.</p> + +<p>»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort +steht wohl alles beim alten, und es ist keine Wendung +zum Besseren eingetreten?«</p> + +<p>»Nein — nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. +Wie Sir Jasper jetzt daliegt, so kann er +vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange ausreicht, +noch fünf Jahre liegen.«</p> + +<p>Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des +jungen Mannes. »Wenn wir nach Rache getrachtet, +so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.«</p> + +<p>»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte +sanft, »nicht einmal um Marys willen. Aber ich bin +alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht anders darüber + <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span> +gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung +wie du.«</p> + +<p>»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete +Leath mit einem Stirnrunzeln, »man führt keinen +Streich nach einem Toten, und in Wirklichkeit ist +er tot.«</p> + +<p>»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er +wäre es in der Tat.« Sherriff hielt zögernd inne. +»Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung, daß — +etwas nicht in Ordnung ist?«</p> + +<p>»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte +es ihr sagen? Ihr Sohn wird Sir Roy werden. Sie +wird nie was anderes erfahren.«</p> + +<p>»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, +würde ein solcher Schlag sie getötet haben. +Nun, du hast auf vieles — auf sehr vieles verzichtet, +Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei Unschuldige +geschont, und was dir dafür wird, überwiegt +alles andere weit, das weiß ich.«</p> + +<p>»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. +»Was ist das, wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das +Weib, das du liebst.«</p> + +<p>»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob +er sich. »Es ist für mich am besten, sich kurz zu fassen, +wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe Gräfin Florence +ihr Wort zurückgegeben.«</p> + +<p>»Du hast sie freigegeben?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span></p> + +<p>»Ja — freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr +das Versprechen abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, +daß ich ihre Liebe erringen könne. Sie haßt mich, +und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber +— ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug +über die Sache geredet; ich wäre ein schlechterer Kerl, +als ich bin, hätte ich sie in eine unglückliche Ehe +hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so +anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen +Kampf gekostet, das leugne ich nicht, aber ich glaube, +ich habe das Schwerste jetzt überstanden. Wenn nicht, +nun, so werde ich in Australien besser damit fertig +werden als hier.«</p> + +<p>»In Australien?«</p> + +<p>»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. +Da wartet meiner wenigstens Arbeit. Die +›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der fahre ich.« +Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des +alten Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm +legte. »Soll ich zwei Fahrkarten nehmen, Herr +Sherriff?«</p> + +<p>»Zwei?« wiederholte der andere.</p> + +<p>»Ja — wollen Sie mit mir kommen? Ich habe +Sie danach fragen wollen, seitdem ich zu dem Entschlusse +gekommen bin, daß ich sie freigeben müsse. +Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie +keine Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die +Hand auf die Schulter — zum ersten Male versagte +ihm fast die Stimme — und fuhr fort: »Ich hoffe, + <span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span> +Sie kommen mit — von ganzem Herzen hoffe ich +es. Mehr als einmal haben Sie geäußert, daß Sie +mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus tiefster +Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie +wissen, nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, +was man für einen Vater empfinden sollte, empfinde +ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist schwer in +Ihrem Alter — mir in meiner Einsamkeit wird unsere +Trennung sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«</p> + +<p>»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich +bin freilich recht alt dafür, um ein neues Leben in +einem neuen Lande anzufangen, Everard — aber ich +kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«</p> + +<p>Ein langer und fester Händedruck besiegelte den +Vertrag, und das Gespräch der beiden drehte sich für +den Rest des Abends nur um die nahe bevorstehende +Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren +ruhig und heiter, und der Name der Gräfin Florence +wurde nicht ein einziges Mal erwähnt. Nur als sie +sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die Hand +seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:</p> + +<p>»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn +es gesprochen, brauchen wir, nur wenn du es wünschen +solltest, das Thema nie wieder zu berühren. Es mag +vielleicht unrecht gewesen sein — ja, ich leugne es +nicht, es war unrecht — Gräfin Florence zu zwingen, +sich mit dir zu verloben; aber ich begreife wohl, +wie groß die Versuchung war, da ich weiß, wie innig +du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr + <span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span> +als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als +du ihr ihr Wort zurückgegeben und doch alles geopfert +hast, was dir von Rechts wegen gehört hätte. +Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin +stolz auf dich.«</p> + +<p>»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« +gab Leath düster zur Antwort. »Vielleicht barg sich +ebensoviel Selbstsucht wie Selbstaufopferung dahinter. +Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz brechen +und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder +bringen. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es +je fertig gebracht hätte, das zu tun. Der Gedanke +wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott! +Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu +haben, während sie mich gehaßt, würde mich, glaube +ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«</p> + +<p>»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach +der alte Mann, »gehen wir miteinander nach Australien, +Everard, und von allem, was du zu erlangen +hofftest, nimmst du nichts mit zurück — gar nichts!«</p> + +<p>»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal +ein Wort des Dankes von ihr dafür, daß ich sie +freigegeben!«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im +Westen, wo die Sonne eben untergegangen, rot erglühte, +stampfte der große Ozeandampfer, die ›Etruria‹, +durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. +Die Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren +nur noch in nebelhaften Umrissen wahrnehmbar, nur + <span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span> +die beiden großen, violetten Spitzen von Kap Lizard +ragten noch klar und deutlich empor — das letzte +sichtbare Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord +des großen Schiffes waren traurig und sehnsüchtig +darauf gerichtet, als es nach und nach in der Ferne +verschwamm, — war es doch für viele der letzte Blick +auf jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter +Ferne, doch stets die Heimat bleiben würde. Aber kein +Auge blickte wehmütiger als das des hohen, weißhaarigen +alten Mannes, der neben einem jüngeren +in einem stillen Winkel des oberen Decks stand, halb +verborgen durch die hoch aufgestapelten Koffer und +sonstigen Gepäckstücke, die mit den letzten Passagieren +in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in +den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das +große Vorgebirge war nur noch ein wolkiger Fleck +zwischen dem grauen Wasser und dem grauen Himmel, +und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, +begegnete er dem stillen, teilnehmenden Blicke seines +Gefährten.</p> + +<p>»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam +als Antwort auf diesen Blick, »ich leugne nicht, +daß es mir schwer fällt. Ich bin, wie gesagt, eigentlich +zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein Junge! +Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich +hier bin. Den Verlust Englands werde ich nicht so +empfinden, wie ich deinen Verlust empfunden hätte.«</p> + +<p>Sie gaben sich die Hände.</p> + +<p>»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte +Leath leise.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p> + +<p>»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh +ist überstanden mit dem letzten Blick auf England. +In dem Lande, das das Grab meiner Mary umschließt, +in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich +sicherlich zu Hause fühlen.«</p> + +<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub +Sherriff in heiterem Tone wieder an:</p> + +<p>»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. +Ich bin, wie gesagt, ein alter Bursche, und die Unruhe +und Aufregung der letzten Tage hat mich doch ziemlich +angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig. +Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine +Zigarre an.« —</p> + +<p>Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen +Gestalt mechanisch mit den Augen und wandte +sich dann wieder landwärts. So scharf auch seine +Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr unterscheiden. +Himmel und See allein waren sichtbar. England +war verschwunden. Er zuckte die Achseln und +brach in ein bitteres Lachen aus.</p> + +<p>»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. +»Um so besser für mich! Wenn ich es nie gesehen, +würde es noch besser sein — und hätte ich sie nie +mit Augen geschaut, am besten!«</p> + +<p>Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten +und Koffer hervor. Die Person war ihm so nahe, daß +er sie hätte berühren können, wenn er die Hand ausgestreckt +hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen +waren lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine + <span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span> +Augen blickten unverwandt in die Ferne, als er am +Schiffsbord lehnte — für ihn waren der bleifarbene +Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, +von Bildern eines einzigen Gesichtes. Heiter und +sinnend, lächelnd und wehmütig, liebevoll und leidenschaftlich +erregt, reizend in jedem wechselnden Ausdruck +schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz +vor ihm. Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr +erscheinen, und den trug es am häufigsten. Welcher +Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige Empörung +lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, +nie würde das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, +mit dem sie an jenem Abend vor ihm zurückgewichen, +als sie ihm ihr ›Niemals — niemals!‹ zugerufen +hatte.</p> + +<p>»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich +wieder vor sich hinsprechend, »es sprach Haß +aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo alles vorüber +ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen: +Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich +sie gezwungen, ihr Wort zu halten, würde ich trotz +allem ihre Liebe gewonnen haben? Es hätte +wenigstens sein können. Ja — und vielleicht hätte +sie mich ewig gehaßt. Besser so!«</p> + +<p>Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und +still wie ein Schatten dahin. Everard richtete sich mit +einer ungeduldigen Bewegung empor.</p> + +<p>»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so +nahe geht,« murmelte er, »aber sie hätte mir doch +Lebewohl sagen können! Sie hätte mir wenigstens + <span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span> +ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie +freigegeben.«</p> + +<p>»Everard!«</p> + +<p>Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht +an seiner Schulter waren; eine Hand berührte ihn. +Mit einem Schrei, den er nicht unterdrücken konnte, +drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt, ungläubig +um. Florence war neben ihm, Florence, mit +einem Gesicht, in dem Weinen und Lachen miteinander +kämpften! Dann, im nächsten Augenblicke, war +Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn — +Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, +Liebe in den bebend hervorgestoßenen Worten der Abwehr +und des Flehens, Liebe in dem Kusse, mit dem +ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll +Leidenschaft an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, +wie betäubt von einer Freude, an die er nicht +zu glauben wagte.</p> + +<p>»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt +wieder umkehren,« und während er das sagte, zog +er sie nur fester an sich und küßte sie noch heißer.</p> + +<p>Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen +auf und blickte ihn mit feuchtschimmernden Augen an, +die Hände um seinen Hals gelegt.</p> + +<p>»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem +Lachen, »und das Land ist außer Sicht? Nein — nein! +Ich bin zu klug — ich wollte mich nicht blicken lassen, +ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin +ich an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das + <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span> +Schiff betrat, aber ich verstellte mich. Umkehren?« +Sie lachte. »Und wenn ich es täte, was dann? Sie +machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener +Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was +würden sie wohl von mir sagen, wenn ich mit dir +davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«</p> + +<p>Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, +aber er sprach nicht. Er war seiner Bestürzung noch +nicht Herr geworden: sie zu umfassen, sie anzuschauen, +das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre +Hand legte sich wieder um seinen Nacken.</p> + +<p>»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem +Grauen, das mich befiel, als es mir zum Bewußtsein +kam, daß du fort seiest? Zu der unerträglichen Pein, +zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich niemals +dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder +hören würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz +brach, als ich fühlte, daß ich dich verloren? Nein, +nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder schmiegte +sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, +mein Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu +bringen, dich zu lieben, und wie sehr hatte ich in +meiner törichten Verblendung unrecht! Wie lange +habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe +Haß genannt? Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem +du mich verlassen? Ich weiß es nicht — es +kommt auch nicht darauf an — hier bin ich und kann +nicht wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit +wieder, Everard, aber wie konnte ich sie hinnehmen +und dir dafür danken, wenn du mir mein + <span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span> +Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und +doch sagst du zu mir: ›Kehre um‹!«</p> + +<p>»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte +ich mit der ganzen Welt kämpfen müssen, um dich zu +behalten!« Er küßte sie auf die Lippen. »Florence, +wissen es die Deinen?«</p> + +<p>»Ja — jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court +verließ, wußten sie es noch nicht. Ich habe mich ohne +ihr Wissen davongemacht. Ich wollte nicht Abschied +nehmen — das hätte Tränen gekostet — Szenen gegeben. +Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. +Aber sie wissen es jetzt. Ich habe der Herzogin geschrieben, +habe Briefe für Tante Agathe und Cis und +einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß +ich dir nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen +gesagt, daß ich, wenn sie wieder von mir hörten, +nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence Leath +sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe +du ihn mir gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe +sind hinter mir verbrannt,« schloß sie lächelnd.</p> + +<p>Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er +ihr Gesicht emporhob und sich zuwandte.</p> + +<p>»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt +dich kostet? Du gibst sehr viel auf, mein Lieb!«</p> + +<p>»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich +selbst,« antwortete sie innig, »was ich verliere, verliere +ich um dich.«</p> + +<p>»Es kostet dich dein Vermögen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span></p> + +<p>»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger +Vormund, und die Herzogin wird mir niemals +vergeben. Ja — das kostet es mich.«</p> + +<p>»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben +lang geliebt hast, Kind!«</p> + +<p>»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin +bei einem, den ich viel mehr liebe.«</p> + +<p>»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung +Gehen, mein Weib.«</p> + +<p>»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück.</p> + +<p>Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die +Arme, und sie küßten sich wieder. Das beredteste Wort +war arm solch glückseligem Schweigen gegenüber.</p> + +<p>Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als +ein näherkommender Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. +Beide erkannten Sherriffs hohe Gestalt, der +langsam herankam und im Zwielichte in der ihm +noch unvertrauten Umgebung suchend umherspähte.</p> + +<p>Florence faßte die Hand ihres Verlobten und +trat ein wenig vor.</p> + +<p class="pmb3 pmb3">»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« +sprach sie. »Schon deshalb würde ich ihn lieben, +hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll auch +mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p class="break pmb3" /> + +<div class="transnote chapter"> +Anmerkungen des Bearbeiters<br /> +<br /> +- Eingefügt: Inhaltsverzeichnis mit Links<br /> + +- Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.<br /> + +- Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.<br /> + + +</div> + +<p class="pmb3" /> + + +<pre style='margin-top:6em'> +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** + +This file should be named 64003-h.htm or 64003-h.zip + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/6/4/0/0/64003/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. 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It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +</pre> +</body> +</html> diff --git a/64003-h/images/003_logo.jpg b/64003-h/images/003_logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3b7dcd9 --- /dev/null +++ b/64003-h/images/003_logo.jpg diff --git a/64003-h/images/capital_e.jpg b/64003-h/images/capital_e.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b22c58c --- /dev/null +++ b/64003-h/images/capital_e.jpg diff --git a/64003-h/images/cover.jpg b/64003-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6199d32 --- /dev/null +++ b/64003-h/images/cover.jpg diff --git a/64003-page-images.zip b/64003-page-images.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1d237f7 --- /dev/null +++ b/64003-page-images.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..38facb6 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #64003 (https://www.gutenberg.org/ebooks/64003) diff --git a/old/64003-0.txt b/old/64003-0.txt new file mode 100644 index 0000000..76afcf7 --- /dev/null +++ b/old/64003-0.txt @@ -0,0 +1,9523 @@ +The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Robert Bontine + +Author: C. Andrews + +Translator: Marie Schultz + +Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online + Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** + + + + + Robert Bontine + + + + + Enßlins Mark-Bände. + + In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen + in demselben Verlage: + + =Band= + + =1: Leben.= Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill. + =2: Theaterkinder.= Roman von L. Pany. + =3: Der goldene Schatten.= Roman von L. T. Meade. + =4: Gib mich frei!= Roman von H. Courths-Mahler. + =5: Die Bettelmaid.= Roman von J. Fitzgerald Molloy. + =6: Sein Recht.= Roman von E. Fischer-Markgraff. + =7: Eigenart.= Roman von C. von Ende. + =8: Auf eignen Füßen.= Roman von K. Krehmcke. + =9: Soldatentöchter.= Offiziergeschichten von Christa Hoch. + =10: Die Erbin.= Roman von H. Köhler. + =11: Das Recht auf Glück.= Roman von H. Gréville. + =12: Der Scharlachbuchstabe.= Roman von N. Hawthorne. + =13: Jessika von Duden u. a. Novellen.= Von G. Genzmer. + =14: Die goldene Stadt.= Roman von L. vom Vogelsberg. + =15: Freie Menschen.= Roman von Thé von Rom. + =16: Vom Baum der Erkenntnis.= Roman von H. Hessig. + =17: Ebba Hüsing.= Roman von Willrath Dreesen. + =18: Des Andern Ehre.= Roman von H. Courths-Mahler. + =19: Sulamith.= Roman von A. und C. Askew. + =20: Irrende Seelen.= Roman von V. Luzická. + =21: Mandus Frixens erste Reise.= Von E. G. Seeliger. + =22: Der Herzbruchhügel.= Roman von H. Vielé. + =23: Die Kosaken.= Erzählung von Leo A. Tolstoj. + =24: Viktoria.= Roman von G. von Mühlfeld. + =25: Nordnordwest. -- Die beiden Friesen.= Zwei Inselgeschichten. + Von Ewald Gerhard Seeliger. + =26: Hilde Schott.= Roman von Adolf Gerstmann. + =27: Waldasyl.= Roman von Johanna Klemm. + =28: Was Gott zusammenfügt ...= Roman von H. Courths-Mahler. + =29: Aus dämmernden Nächten.= Roman von Anny Wothe. + =30: Kajus Rungholt.= Roman von Charlotte Niese. + =31: Der verkaufte Kuß.= Roman von Alwin Römer. + =32: Durch Sturm und Not.= Roman von J. Gräfin Baudissin. + =33: Ich will vergelten.= Roman von Ellen Svala. + =34: Haus Schottmüller.= Roman von August Niemann. + =35: Robert Bontine.= Roman von C. Andrews. + + Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen: + + =36: Käthes Ehe.= Roman von H. Courths-Mahler. + =37: Herbstgewitter.= Roman von Anna Behrens. + =38: Das arme Glück.= Roman von L. vom Vogelsberg. + =39: Die Karsteins.= Roman von H. Lang-Anton. + =40: Von fremden Ufern.= Roman von Anny Wothe. + + _Die Sammlung wird fortgesetzt_. + + _Preis jedes Bandes_: 1 Mark oder 1 Krone 20 Heller + oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken. + + _Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._ + + _Verlangen Sie ~Enßlins~ Mark-Bände!_ + + + + + Robert Bontine + + + Roman + + von + + C. Andrews + + Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz + + 1. bis 12. Tausend + + + [Illustration] + + * * * * * + + Reutlingen + Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung + + + + + Nachdruck verboten. + + Alle Rechte vorbehalten. + + Übersetzungsrecht vorbehalten. + + ==Printed in Germany==. + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + Seite + + Kapitel 1. 5 + Kapitel 2. 21 + Kapitel 3. 35 + Kapitel 4. 48 + Kapitel 5. 59 + Kapitel 6. 71 + Kapitel 7. 83 + Kapitel 8. 91 + Kapitel 9. 101 + Kapitel 10. 113 + Kapitel 11. 126 + Kapitel 12. 138 + Kapitel 13. 152 + Kapitel 14. 165 + Kapitel 15. 175 + Kapitel 16. 189 + Kapitel 17. 203 + Kapitel 18. 213 + Kapitel 19. 224 + Kapitel 20. 240 + Kapitel 21. 256 + Kapitel 22. 265 + Kapitel 23. 283 + Kapitel 24. 298 + Kapitel 25. 309 + + + + +1. + + +Es schien, als ob das Gewitter sich in wenigen Minuten zusammengezogen +hätte. Den ganzen Tag war das Wetter wunderschön gewesen, warm und +sonnig. Es war schwer zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer +tiefer blau sei, -- an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, auf der +Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte Welle. Dann war plötzlich die +Sonne verschwunden, große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die +zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und See und Himmel +waren grau. Ein fahler Blitz zuckte am Horizont auf, ein dumpfes +Donnerrollen unterbrach die schwüle Stille, und schwere Regentropfen +begannen zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder, +und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, als freue er sich des +gestörten Friedens in der Natur. + +»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile allem Anschein nach keine +menschliche Behausung, und dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der +Tat!« + +Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der sie sagte, stehen, +um den Kragen seines leichten Oberrockes in die Höhe zu schlagen. Auf +der breiten, ebenen Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog, +war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch irgendein +Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren können. + +Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den Regen ins Gesicht +trieb, und eilte schnelleren Schrittes auf dem unebenen Fußpfade, den +er seit einer Stunde verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte +plötzlich, als ob der Donner, der über seinem Haupte krachte, ein Schuß +gewesen wäre, der unmittelbar an seinem Ohre abgefeuert worden. + +»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter ihm. »Sie finden weit +und breit kein Obdach und werden bis auf die Haut durchnäßt werden! +Hierher! Schnell!« + +Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine Strecke hinter ihm, +ungefähr in der Mitte zwischen dem Fußweg und dem steil abfallenden +Rande der Klippe, stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen +Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick stehen blieb und +sie schier verwundert anstarrte, winkte sie ihm gebieterisch mit der +Hand. + +»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst auch noch naß! Beeilen +Sie sich, der Regen wird bald noch schlimmer werden als jetzt.« + +Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, ihrem herrischen Befehle +folge gebend. Als er bei ihr anlangte, versank sie plötzlich und +verschwand unter dem nassen Gestrüpp. + +»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem Tone aus der Tiefe +herauf. »Seien Sie vorsichtig -- es kommen drei Stufen. Aber fallen +können Sie nicht.« + +Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein Lichtschein, der +zu hell war, als daß er durch das Laub hätte fallen können, zeigte +ihm das kleine höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese +Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen Felsstufen, neben +denen sie stand. Er war ein hochgewachsener Mann und mußte sich +deshalb bücken, um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während er +vorsichtig hinabstieg. Sie lachte. + +»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, »aber es ist doch +dem Naßwerden vorzuziehen. Geben Sie mir lieber die Hand, sonst möchten +Sie straucheln -- der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick! +Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß es noch schlimmer werden +würde.« + +Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in Strömen herab und +prasselte auf den Felsen nieder. Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin +das Gesicht zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen +erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten kam, fiel nur bis auf +die Hand, mit der sie die seinige ergriffen hatte. + +»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer so plötzlich zum Ausbruch?« +fragte er. + +»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. Aber ich kenne +die Vorboten und konnte deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht -- +nicht eher?« + +»Erst als Sie mich anriefen.« + +»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete am Eingang, um Sie +hereinzurufen, aber das erstemal hörten Sie mich nicht. Hierher! +Treten Sie dorthin, wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.« + +Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, umschloß die seine, und +er schritt vorsichtig hinter ihr die schmale, abschüssige Senkung +hinunter, an der sie ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der +Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der Wellen am Fuße der +Klippe vernehmlicher. Nach einer Minute etwa ließ sie seine Hand los. + +»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon sagte, ist es kein +besonders anziehender Zufluchtsort, aber er ist mir schon oft von +Nutzen gewesen.« + +Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche Höhle, die sich so +groß wie ein kleines Zimmer in der Vorderwand der Klippe befand. Mit +einem belustigenden Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie jetzt +erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen auf einen flachen +Vorsprung der Felswand nieder, der groß und niedrig genug für den Zweck +war. + +»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie führte, nicht wahr?« +meinte sie. + +Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte sich der Öffnung der +Höhle genähert und blickte nach unten. Eine dicht von Schlingpflanzen +überwucherte Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann fiel +die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. Ein Schauder überlief ihn, +als er auf die wogende Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem +Bereich des herabströmenden Regens zurück. + +»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort gewählt,« sagte er. +»Gefährlich?« gab sie zurück. + +»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier oben --« + +»O, eines Sturzes!« + +Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« meinte sie +gleichgültig. »Ich werde doch nicht so nahe herangehen, daß ich +hinabstürzen könnte.« + +»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, »ein Sturz von hier +oben würde den Tod bedeuten.« + +»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei vielen anderen Stellen +der Klippen behaupten. Die Felswände sind fast überall furchtbar steil. +Es ist schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch ein Geländer +zu schützen, glaube ich; aber der Plan ist wieder aufgegeben worden. +Vielleicht ist es auch kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden +Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, sind eine seltene +Erscheinung.« + +»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich hier fremd bin?« + +»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens fragten Sie mich, ob +unsere Gewitter sich immer so plötzlich zusammenzögen.« + +»Und drittens -- wußte ich nichts von diesem Ihrem Zufluchtsort,« +ergänzte er. + +»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, -- ich glaube, kaum +irgend jemand. Ich selbst habe ihn ganz zufällig entdeckt.« + +»So?« + +»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, und er verschwand in +dem Ginstergebüsch, das den Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen +herabgesprungen oder heruntergerutscht sein und konnte sich nicht +wieder herausfinden. Ich rief und wartete, und schließlich hörte ich +ihn bellen und leise winseln. Da fand ich das Loch und bahnte mir einen +Weg hinunter.« + +»Und so entdeckten Sie die Höhle?« + +»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, daß Sie bis auf die Haut +durchnäßt sein würden, ehe Sie St. Mellions erreichten.« + +»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.« + +Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört +habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in +den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die +flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört +zu mustern. + +Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll +entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war +so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter +fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der +Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich +schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige +Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund. + +Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und +wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich +den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut, +wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann +gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige, +aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen +sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden +Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge +weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres +durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte +blaue Augen nicht anziehender wurde. + +Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen +Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht +verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen +Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens, +-- zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, -- war den Männern nicht +eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. -- + +Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder +und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing. +Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht +verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt +sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen +Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte. + +»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir +erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht +schlimmer!« + +»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück. + +»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu. +»Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden. + +»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.« + +»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem Interesse. »Daher kommen Sie +also?« + +»Ich bin vor drei Tagen gelandet.« + +Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt. + +»Es war ein merkwürdiges Gefühl -- ich werde es niemals vergessen: mir +war zumute, als sei ich aus den Wolken auf die Erde niedergefallen.« + +»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?« + +»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in dem ganzen Lande kein Wesen +gibt, das ich kenne.« + +»O!« + +Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung zunichte. + +»Sie haben also keine Verwandten hier?« + +»Ich habe nirgends Verwandte, -- die ich kenne.« Er stockte seltsam in +der Mitte des Satzes, und sein Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten +vermutlich, ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?« + +»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions einen Verwandten in +Australien hätte, so würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz +England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß Sie sich zuerst +einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht haben. Ich fürchte, Sie ahnen +nicht, wie langweilig es hier ist.« + +»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl in der Sache.« + +»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig an. »Dann sind Sie +nicht zu Ihrem Vergnügen hergekommen?« + +»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein -- in Geschäften!« + +Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie ihr Gesicht fast +beleidigt abwandte und verstummte. Sie blickte wieder in das graue +Landschaftsbild und den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe. + +Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend nicht bewußt war, hub +wieder an: + +»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht sagen, +wie weit es noch bis St. Mellions ist?« + +»Ungefähr eine Viertelstunde.« + +Sie sprach sehr kurz zu ihm. + +»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur von Häusern erblicken.« + +»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« Vielleicht hatte er sie +gar nicht beleidigen wollen. Bei dieser Erwägung wurde sie wieder +fast liebenswürdig und setzte ihm auseinander, daß das Dorf in einer +Talmulde läge. + +»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er kein Wirtshaus hat?« + +»Nein -- sogar zwei.« + +Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem Tone fort: »Wir +werden nicht mehr lange gefangengehalten werden: die Wolken teilen +sich, der Regen wird gleich vorüber sein.« + +Sie hatte recht, denn wenige Minuten später schien die Sonne, und Meer +und Himmel waren blau. Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so +übernahm sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen Gang und +die drei Felsenstufen hinauf, durch das dichte Ginstergestrüpp, das den +Eingang verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. Hier nahm +der Fremde ernst den Hut ab und verneigte sich vor ihr. Sie hatte ihm +diesmal nicht die Hand gegeben. + +»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie gehen, -- entschuldigen +Sie, -- nicht denselben Weg wie ich?« + +»Nein.« + +Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte es schelmisch auf. +»Dorthin führt mein Weg,« sagte sie leichthin und deutete schräg über +die Halde auf eine dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht +verfehlen. Geradeaus! Adieu!« + +»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe einen Verstoß begangen. +Wenn das der Fall ist, so müssen Sie das, bitte, meinem Leben in +Australien zugute halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und müßte Ihnen +sicherlich meinen Namen nennen.« + +»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete sie lächelnd. + +»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.« + +»Danke, Herr Leath.« + +Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der Hoffnung, sie werde +jetzt ein gleiches tun, wußte sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus +Schelmerei eine Enttäuschung. + +»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt zwei Wirtshäuser in St. +Mellions. Gehen Sie nicht in den Schwarzen Adler -- die Schlafzimmer +sind dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, die den +gewissenhaftesten Eigentümer und die beste aller Wirtinnen haben.« + +»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.« + +Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er noch einen +Versuch -- diesmal einen direkten. -- »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit +nicht die Krone aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu +Dank verpflichtet bin?« + +»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur natürlich, daß Sie das +gerne wissen möchten -- freilich!« + +Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter und raffte geschickt +ihre Röcke zusammen, damit sie das regenfeuchte Gras nicht streiften. +»Nun, wenn Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie nur Ihre +Wirtin.« + +Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so leicht und schnell wie +ein Vogel dahin und blickte sich mit hellem Lachen noch einmal um. +Everard Leath schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die +Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach St. Mellions ein. + +Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war so steil, daß der einsame +Wanderer fast in die Schornsteine des Dorfes hinabsehen konnte. Er +ließ sich von einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem +Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die niedere Gaststube +der Chichester Arms. + +Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig zu seinem Empfange +herbeikam, führte ihn in ein kleines sauberes Wohnzimmer mit +getäfelten Wänden und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker +Butzenscheibenfenster, einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke und +riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen. + +Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, und nachdem er sich +in einem fünfeckigen Schlafzimmer von dem Reisestaub gesäubert hatte, +setzte er sich und wartete darauf. + +Als er mit der müßigen Neugier, die einem Menschen, der sich an einem +fremden Orte befindet, natürlich ist, aus einem der Fenster schaute, +sah er einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors Haus reiten. +Mit schnell erwachtem Interesse in den Zügen wandte er sich an das +Mädchen, das gerade die letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen +Tisch stellte, mit der Frage: + +»Wissen Sie, wer das ist?« + +»Das, gnädiger Herr?« + +Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch die Geranien und +erhielt sofort einen fröhlichen Gruß von dem Reiter. + +»O freilich -- das ist Herr Roy!« + +»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. »Das sagt mir nicht +viel. Wer mag Herr Roy sein?« + +»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er ist sein Einziger. +Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.« + +»Wie heißt Sir Jasper weiter?« + +»Sir Jasper Mortlake, Herr.« + +Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, der Sir Jasper nicht +kannte, war augenscheinlich in ihren Augen ein Phänomen. + +»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« meinte sie in fast +vorwurfsvollem Ton. + +»Nein -- niemals. Gehört ihm dies Haus?« + +»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler ist seines. Unser Herr ist +Herr Chichester. Wünschen Sie sonst noch etwas?« + +Leath hatte weiter keine Wünsche und begann sein Mahl, aber nicht ehe +er Roy Mortlake hatte davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen +Beifall gezollt hatte. + +Später, als er in einem der großen Stühle saß und seine Zigarre +rauchte, klopfte es, und seine rührige Wirtin trat ein, um sich zu +erkundigen, ob es ihm geschmeckt habe und wo sie sein Gepäck abholen +lassen könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in Market +Beverley stände. + +»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er. + +»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, gnädiger Herr. Oben auf +den Klippen entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.« + +»Den Weg bin ich gekommen.« + +Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin. + +»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert sind, gnädiger Herr, so +müssen Sie von dem Gewitter überrascht worden sein!« rief sie. + +»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei fällt mir ein, mir ist +aufgetragen, Ihnen eine Frage vorzulegen, Frau Buckstone.« + +»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?« + +»Ja, -- von einer Dame, die mir als rettender Engel erschien und mich +vor dem Naßwerden bewahrt hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.« + +Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem Tone sein Erlebnis. + +»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, und sagte mir, ich +möchte mich an Sie wenden, wenn ich ihn wissen wolle,« schloß er +lächelnd, »und fort war sie.« + +»War sie hübsch, gnädiger Herr?« + +»Hübsch? Freilich -- mehr als das. Aber wer war es? Können Sie es sich +denken?« + +»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. »Darüber kann +kaum ein Zweifel sein. Das war natürlich die Gräfin Florence.« + +»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den Namen mit erstauntem Blick. +»Was? Ist die junge Dame verheiratet?« + +»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter eines Grafen drüben +in Irland, der starb, als sie ein ganz kleines Ding war. Sie ist Sir +Jasper Mortlakes Nichte -- und wohnt meistens bei ihnen in Turret +Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger Herr? Es liegt +an der anderen Seite der Halde, etwa dreiviertel Stunden von hier.« + +»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete Leath und griff wieder +nach seiner Zigarre. + +»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach er halblaut und +gedankenvoll vor sich hin, als die geschäftige Wirtin den Tisch +abgeräumt und ihn allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger, +ungewöhnlicher Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret Court.« + +Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in +den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich +etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene +grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!« + +Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein +Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an +Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen +Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann +in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich +hinzumurmeln. + +»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo +ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob -- wenn ich +nicht mein Wort verpfändet hätte -- es nicht verständiger gewesen wäre, +ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort +betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen, +nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn +aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?« + +Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand. +»Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der +Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes, +an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und +schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine +Arbeit anfängt!« + +Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste +Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von +meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin +ich jetzt wohl meinem Ziele -- wieviel näher daran, Robert Bontine zu +finden?« + + + + +2. + + +Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene +Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt +der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten +Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden +hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte +Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, +von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen +ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über +die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer +genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in +dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte. + +Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die +sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten +zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter +immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war, +wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß +Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. +Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war +kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches +Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich +vor ihm fürchteten. + +An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten +Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady +Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so +hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für +ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, +blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig +angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche +Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten +noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre +über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene +Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll +die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen +Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf +Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von +Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit +zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste +Überzeugung war, -- daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen +war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und +Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen +Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der +Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen +schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich. + +Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine +ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus +ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten +zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper +Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter +vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war +nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur, +heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte. + +Cäcilie -- im Familienkreis stets Cis genannt -- war ein sehr hübsches +Mädchen, -- in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer +Schönheit berühmt, -- klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und +lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. -- Dem +Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer +stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und +dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied +zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten +im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. + +Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten +habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht +einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich +in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber was nützt das? Und ach, +was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch +begehen.« + +»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd. + +»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte +sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, -- dabei fällt mir +ein, -- wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte +oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer +eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.« + +»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?« + +»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen, +daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach +der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte +meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr +anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte +befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen +und bereit zu sein, sie zu begleiten.« + +»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du +wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich +verlieren!« + +Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich +lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden +Kopf. + +»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon +geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie +nicht begleiten werde.« + +»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.« + +»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab +Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es +überwunden haben.« + +»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein +gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin +von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast +ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen +Dame Trotz zu bieten. + +»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die +Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.« + +»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.« +Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände +im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres +kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig, +das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter +gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie +übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen +sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es +im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen +Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine +Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre +Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem +ich mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt -- was meinen +Aufenthalt betrifft wenigstens.« + +Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht +nicht tun könne, was ihr beliebte. + +»Hast du -- hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis, +anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme. + +»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich +der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr +auf die Nerven zu fallen, -- von der Laune, in die er sie versetzen +wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie +könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und +gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche +erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir +gewöhnlich langweilig.« + +Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy +heute morgen, Cis?« + +»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte +beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.« + +»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence +gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?« + +Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen +zarte Farbe dunkler wurde. + +»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt +bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du, +ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.« + +»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene, +die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch +sagen, wo du --« + +»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin, +daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz +recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in +sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen, +wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen +überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin +kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.« + +Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen -- +der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz +zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester +Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des +Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei +Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der +aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen +ihn begrüßte, würdig sei. + +Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde +sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf +eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe +hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich +aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen. + +»Flo,« -- Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, -- »ich +habe Chichester gesehen -- Hallo! Zum Kuckuck auch!« + +Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper +riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen +Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem +Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien. + +Er sah -- wenigstens auf den ersten Blick -- nicht so aus wie +jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu +verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches +rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als +das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos +und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er +sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein +blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht +hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen +waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug +und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher +erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit +einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren +Mann hätte schließen lassen. + +Ja -- Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war +entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann +für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich +auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt +und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen +Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des +Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten. + +Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind +blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß +seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen +scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr +netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären, +eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume +eingefallen sein würde. + +Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen, +während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy +schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht, +sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem +Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden +Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan +seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in +kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war +vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast +liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache +zu finden sein mochte, daß, wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens +die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund +Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein +würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt +sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern +hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen. + +»Ist -- kann ich -- wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady +Agathe ängstlich hervor. + +»Danke -- nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen +verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen +Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten, +hatte er eine unsägliche Verachtung. + +»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu. + +»Das ist er auch.« + +Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys +verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter +Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?« + +Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie +gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir +Jasper trat an die offene Glastür. + +»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts +zu tun, -- du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir +mitnehmen.« + +»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends länger, als er sehr +gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth +aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er +nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß -- es +ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?« + +»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine +kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit +schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine +Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du +wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und --« + +»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann -- +ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht +wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.« + +Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon +gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen +besorgen, Onkel Jasper.« + +»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte +ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm. + +»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu +Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und +außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem +Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis +und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen +bekommen. Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas +dabei zu bestellen?« + +Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine +Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem +Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence +pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer +Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den +Rasen hinaus. + +»Roy, lauf nach dem Stall hinüber -- tu’s mir zuliebe, und laß +Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht +fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.« + +Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte +ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß +Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen +demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin +ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.« + +»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab +Harry Wentworth lachend zurück. + +»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf +solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen? +Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun, +was sagt ihr beide?« + +»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry. + +»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin! +Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß +geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry, +ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich +unserer bemächtigt hat?« + +Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme +tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich +hinträllerte: + + »Mein Herz, ich will dich fragen, + Was ist denn Liebe, sag? + Zwei Seelen und ein Gedanke, + Zwei Herzen und ein Schlag.« -- + +»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher +Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich. + +»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem +verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich +sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich +sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen +gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.« + +»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis. + +»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch +wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus +dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte +Sache sei.« + +»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.« + +»Weiß Sir Jasper darum?« + +»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.« + +»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry +zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen +froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.« + +»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen +Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn +ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.« + + + + +3. + + +Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer +Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden +Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions +einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden +beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes +gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es +gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie +nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe +mit ihr auf. + +Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie +gern, -- wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch +verdienten, -- aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben +Art wie Florence. + +Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen +Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und +hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen +Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken, +und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher +Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun +können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf, +der nach dem Hause führte. + +Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen +Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen +aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine, +die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den +Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick +dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow +-- so hieß es -- wohnen möchte, als in Turret Court. + +Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an +die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick +erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick +des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar +legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf. + +»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und +dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte +sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily +zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald +wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, +stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes +Fenster. + +»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage +draußen im Sonnenschein sein sollten?« + +»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!« + +Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit +Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm +die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit +breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles, +träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz +alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar +wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen +seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias +Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre +älter gehalten wurde. + +»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang +Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher +Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. +Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen +zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des +Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher. + +»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von +mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie +meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence +lächelnd. + +»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.« + +Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige +Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der +Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen +zweiten herbeiholte. + +»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie +so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?« + +»Beides, Herr Sherriff.« + +Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum +Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche +ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn +wieder in den Umschlag. + +»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige +Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie +mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret +Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?« + +»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist +hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental +-- wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und +Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.« + +»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun, +liebes Kind.« + +Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das +liebreizende, strahlende Gesicht. + +»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes +vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?« + +»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden! +Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es +ihn vielleicht liebenswürdig machen -- wer weiß? Ich habe jetzt +angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal +einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den +Gassenhauer kennte!« + +»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd. + +»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die +Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge +Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht -- kommt +dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf +näherkommende Schritte -- Schritte, die ihr ganz fremd waren. + +Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind +es? Hier?« + +Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei +ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb. + +Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem +zum andern. + +Leath sprach zuerst. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung +davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu +finden.« + +Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen +richteten sich verwundert auf den Hausherrn. + +»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie. + +»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie +kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?« + +»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es +Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie +sollen es hören.« + +Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung, +wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in +der Klippenwand eine Zuflucht gefunden. + +»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig. + +»Kein Sterbenswort.« + +»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?« + +»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht +in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je +begegnet!« + +»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe +gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, +bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß +er keine Seele in St. Mellions kenne.« + +»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf +fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen +Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen +Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich +hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.« + +»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen +Mädchens wurde ernst. »Und er -- dieser Herr Leath -- brachte Sie nach +Hause, nicht wahr?« + +»Ja, mein Kind -- als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu +sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger +gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und +ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den +Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem +einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während +seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle. +Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere +Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein. +Ist diese Erklärung vollständig genug?« + +»J--a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in +etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie +einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.« + +»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?« + +»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie. + +»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor +zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die +ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.« + +»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln +legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie -- mögen +Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?« + +»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.« + +»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem +besonderen Grunde.« + +»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.« + +»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,« +setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke, +glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb +eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube +nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und +Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?« + +Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn +wieder kraus. »Herr Sherriff!« + +»Ich höre, liebes Kind.« + +»Glauben Sie, daß er dauernd hier -- in St. Mellions -- bleiben wird?« + +»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.« + +»Ja, ja, aber --« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn +hergeführt?« + +»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.« + +»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum +Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und +es war ihm Ernst damit.« + +»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon +gesagt hat.« + +Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den +Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig. + +»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?« + +»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann +lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen +diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.« + +»Ich bin viel zu reich -- es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben, +daß er viel Geld hat?« + +»In bescheidenem Maße -- ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung +deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut +gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten +sei.« + +»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig. + +»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt -- ich bin zu +unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die +Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden, +wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen, +liebes Kind?« + +»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete Florence, munter ihren +Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, +und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in +ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon +für drei Personen gedeckt war. + +Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die +Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu +treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah +Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen +ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber +niederließ. + +»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in +leichtem Tone. + +Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich. + +»Ja, Gräfin.« + +»Und sie stellte meine Person fest?« + +»Sofort.« + +»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.« + +»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu +schildern.« + +»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹ +sähe.« + +»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.« + +»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso +entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres +kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?« + +»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich +nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit +zu reden.« + +Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man +ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß +sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu +vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte. +Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine +Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte, +daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von +ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte. + +Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb +bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten +Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien, +aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen +charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch +sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie +sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu +entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit +vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit +einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig +wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht +hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen. + +»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit +über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?« + +Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie +in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder +geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb +Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr +hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben. + +»Wie meinen Sie?« sagte er fragend. + +»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei. +Finden Sie das etwa nicht?« + +»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier +fortzutreiben.« + +Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten +habe. + +»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?« + +»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu +keinem festen Entschlusse gelangt -- das heißt über meinen künftigen +Aufenthaltsort.« + +»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien +zurückkehren werden?« + +»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich +dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen +Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.« + +»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten +--« + +»Das habe ich allerdings nicht.« + +Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht. + +»-- so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England +vertauschen.« + +»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich +sagte, stehe ich ganz allein in der Welt -- schon seit acht Jahren.« + +Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei +diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine +Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die +sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast +noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen +abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte +verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine +Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an. +Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie +abstieß. + +In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr, +und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel +gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie +drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten +eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. +Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln, +weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden +schien. + + + + +4. + + +Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh +gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein +auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages, +denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand +angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er +sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte, +den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich +in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein. + +Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des +Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine +langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich +Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf +der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein +Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen +Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer +Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar +verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide -- sie trug im +Hause gern übermäßig lange Schleppen -- im Gespräch mit der einzigen +noch anwesenden Persönlichkeit. + +Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine +gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht +geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und +seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er +älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, -- er +hatte fast gar kein Mienenspiel, -- seine Gestalt hatte eine gewisse +Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine +Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der +Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig +war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen +Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde, +anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte +Antlitz sich gegenüber sah. + +»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein +halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd. +»Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.« + +»Von der Herzogin? So?« + +»Ja.« + +Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es +abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten. + +»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die +Gelegenheit, sie von unserer Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte +Talbot Chichester zögernd. + +»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort +und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die +Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich +daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser +ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren +Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte +schelmisch. + +»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst; +das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt. +»Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt +es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre +Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. +Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu +übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht +begriff.« + +»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst +zu erzählen -- warum, weiß ich nicht.« + +»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester +fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form +ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.« + +»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben +wird?« fragte Florence wieder. + +»Dagegen?« + +Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde +würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. +War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das +Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz +drei- oder viermal abzukaufen? + +»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine +ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich +wahr, -- wir haben die Ehre immer abgelehnt, -- aber in jeder anderen +Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als +Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht +für wahrscheinlich halten.« + +»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß +sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das? +Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.« + +»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?« + +»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post +schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen +schuld bin.« + +»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht +und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein +unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund +hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester, obgleich er ihr +Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie. + +Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens +ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem +kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders +verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei +dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern -- der Einfall +belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor +seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte +sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht, +ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das +unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot +Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und +sie hatte versprochen, ihn zu heiraten. + +Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer +stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen +dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen, +aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu. +Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus +nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen +hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt +vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl +und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu +bringen. + +»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden +Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt +nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war +furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr, +Flo?« + +»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers +gezupft und ihn nicht gehört -- ihre Augen schauten noch träumerisch +in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten +Abendhimmel glänzte. + +»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?« + +»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden +haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen, +Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist. +Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes +Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! +Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt +und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.« + +»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir +Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.« + +»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, -- die beiden sind +nämlich dicke Freunde, -- daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London +niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen +Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen, ich begreife es nicht, +wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich +ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.« + +»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz +allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso +glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.« + +»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht +der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender +Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben, +fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch +bei Mutter Buckstone?« + +»In den Chichester Arms?« + +Talbot Chichester stellte diese Frage. + +»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl -- sonnverbrannt -- erinnert mich +an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort. +»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir -- ich weiß nicht mehr +recht, wie es war -- als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte +Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er. +Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa, +Chichester?« + +»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester +Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt +nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour +begriffener Londoner.« + +Roy schüttelte den Kopf. + +»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre -- hat nicht den Londoner +Dialekt -- versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein. +Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal +danach fragen.« + +»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt +er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht, +und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.« + +»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?« + +»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.« + +»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du +warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt +hast du den Menschen gesehen?« + +»Soll ich’s dir sagen?« + +Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch +blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres +Bräutigams. »Ja -- wir sind heute abend alle sehr langweilig, und +deshalb will ich es tun.« + +Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte +ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten +Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard +Leath. + +Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den Leichtsinn der schönen +Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend, +folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden, +und schaute dann mit einem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, der aber +keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, +fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest +aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm. + +»Was ist denn los?« + +»Los?« + +»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil +ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot, +mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal +hin. So!« + +In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte +es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die +in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben. +Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie +ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen +Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen +gegen den Unbekannten zu machen. + +»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er. + +»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge +Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder +an. + +»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde +wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die +einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen naß werden +zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.« + +Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab -- er war so unendlich +mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los. + +Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte. + +Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence +stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan +hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte. + +»Fehlt dir etwas, Florence? Du -- du siehst so ernst aus, mein Herz!« + +»So?« + +Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich +sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.« + +»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der +Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war, +Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch +zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon +gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.« + +»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.« + +Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich +strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm +plötzlich all ihren Mut zusammen. + +»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas +fragen wollen. Ich kann es gar nicht begreifen -- er ist so ernst +und steif und kalt -- in jeder Beziehung so verschieden von dir -- es +wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.« + +»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!« + +Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich +halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange +war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein +ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone. + +»Florence!« + +»Nun, mein Schatz?« + +»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?« + +»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.« + +»O, ganz jung! Und hübsch?« + +»Nein -- und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.« + +»Und ist er nett, Florence?« + +»Wer?« + +»Nun, Herr Leath!« + +»Nett? Nein -- unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin +schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!« + + + + +5. + + +Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen +und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen +wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem +einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im +hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem +Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St. +Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence +gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große +Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er +außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten +Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können, +alle freundlich gewogen seien. + +»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?« + +»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug, +sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern +sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat +sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr +von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.« + +»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?« + +»Ja -- sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.« + +»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?« + +»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit +ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.« + +»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich +genügt doch ein Vormund, mein’ ich -- weshalb sind hier denn zwei?« + +»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das +ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für --« + +»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte +wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische +Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der +verstorbene Graf denn eine Ausnahme?« + +»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes +Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.« + +»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht +mündig?« + +»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz +ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, -- was +wahrscheinlich der Fall sein wird, -- daß sie sich in der Zwischenzeit +verheiratet.« + +»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?« + +»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden +Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so +fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.« + +»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten. +»Wie mag das gekommen sein?« + +»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist +seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe +finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu +glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf +seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.« + +»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter +wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath +nachdenklich. + +»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben, +daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge. +Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben, +so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre +Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß +nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe +Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die +Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper +niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu +zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den +Bräutigam geeinigt hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie +in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.« + +Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach +seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen. + +»Sie ist wohl noch nicht verlobt?« + +»Gräfin Florence? Nein -- meines Wissens nicht. Und wenn ich sage, +meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte +Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben, +davon bin ich überzeugt. Nein -- verlobt ist sie nicht. Ich muß +gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens +kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich +nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann, +und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.« + +»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam. + +»Mit dem Heiraten? Nein -- ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir +Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court -- sie +hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde +eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper +bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter +des Gutes -- ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde. +Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.« + +»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem +Posten haben. Nach dem, was ich mir aus den Reden der guten Leute +hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper +auszukommen.« + +»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine +Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper +ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt +bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und +ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er +behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.« + +»Ich fürchte, das sagt nicht viel.« + +Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte +Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn +hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in +eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben +konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?« + +»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und +blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte +auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen +Jahren -- mehr als dreißig -- einen bitteren Kummer gehabt, der sein +ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm +ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe. + +»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten, +in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich +überhaupt je wieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir. +Lassen Sie’s gut sein,« schloß er. + +Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in +dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war, +blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff +wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem +anderen Tone. + +»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte +er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, -- daß +ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß +sogleich damit fort.« + +Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus, +daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und +zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte +nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath +legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl +zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon +längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe. + +Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu +viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit +einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und +ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick +zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit +bekümmertem Ausdruck auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen +unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm +die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre +Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe. + +»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage +nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe. +Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal +ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das +soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen? +Wenigstens jetzt noch nicht?« + +»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin +entmutigt -- ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde -- was das +beste sein würde.« + +Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer +seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang +die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus, +sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte, +verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er +ihn aussprach: + +»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen +Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu +erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts +Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich +fest, und doch bin ich schwach genug, mich fast entmutigt zu fühlen, +weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es +scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen, +und doch ist dieser Ort -- St. Mellions -- der einzige Ausgangspunkt +für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die +Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach +einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde. +Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich +glaube, ich werde gehen.« + +»Das tut mir leid zu hören.« + +Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden, +hin, ohne eine Frage zu stellen. + +»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden +Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein +Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.« + +»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest +die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, +den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer +Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich +dafür bezahlte.« + + * * * * * + +Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang, +und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath, +der an sehr viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn +schnell und leicht zurück. + +Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt +dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu, +durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug. +Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer +Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art, +in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen +erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein +Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den +Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt +hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war, +veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden. + +»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert. + +»Jener Mensch.« + +»Welcher Mensch?« + +»Leath.« + +»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit +Interesse. »Was mag er nur wollen?« + +»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein +Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!« + +»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde +ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, -- +wissen muß, -- daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und +stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!« + +Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence +den Hut ab. + +»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu +erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper +einen Brief zu überbringen.« + +»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes +milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein. +»Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie +lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen? +Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen +bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?« + +»Gewiß erinnere ich mich dessen.« + +Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht +hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng +und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm +wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte. + +»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter. +»Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie +sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten +dürfen.« + +Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. Sie ärgerte sich +fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie +immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es +entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber +für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige +Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig +hob: + +»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath? +Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?« + +Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand +ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des +Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen. + +»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen. +Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, +Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.« + +»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie +sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.« + +Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis +kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen +Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn +er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte +Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht +Einspruch erhoben, denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger +Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene +Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade +in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der +Bildfläche. + + + + +6. + + +Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen +Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte +seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden +empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen, +ruhigen Gesicht, gemustert hatte -- liebenswürdig, steif und förmlich +oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an. + +Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu +sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen +haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von +selbst, und tat es mit großer Gewandtheit. + +»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd. +»Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath +reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er +ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.« + +»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt, +aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf. + +»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten Sie mir, +Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich +übernommen haben,« sprach er. + +Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der +Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche +steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen +dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich +bejahte. + +»Vielen Dank -- ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die +Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir +die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie +meiner Frau vorzustellen.« + +Leath nahm dankend an. + +Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit +sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm -- beides +sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir +Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie? +dachte seine Tochter. + +Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen +beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung -- nicht über Sir +Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit, +mit der Leath die Einladung aufnahm -- für sich. Er hatte keine Spur +der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber +anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine +Regung des Interesses und der Belustigung empfindend, sehr ernst und +schweigsam, -- etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence. + +Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte, +so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und +wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres +Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich +fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf +seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung +schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert? +So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein? +Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers +Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions +und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren, +zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden. +Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die +Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt. + +»Habe ich recht verstanden -- Sie kommen aus Australien, Herr Leath?« + +»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.« + +»Darf ich fragen, wo?« + +»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.« + +»Ihr ganzes Leben lang?« + +»Ja.« + +»Sie sind früher noch nie in England gewesen?« + +»Niemals.« + +»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?« + +»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber +mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.« + +»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?« + +»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre +-- seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin -- habe ich ganz allein in +der Welt gestanden.« + +»Sie haben keine Verwandten in England?« + +»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.« + +Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden, +der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher +Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst +vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein +Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt. + +Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige +Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer +der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war +freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die +Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret +Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war +von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner +Braut, und Cis -- ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys +Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner -- fiel das +Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen +einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer -- er war nach Market +Beverley geritten. + +Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es +mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, +oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer +ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch +in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu +sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie +antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich +nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath. + +»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle +Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht -- sie, die immer +jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? -- Die Pause, die nach +ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon +beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke +ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich: + +»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr +Leath?« + +»Nein -- aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms, +nicht wahr?« + +»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions -- mehr als +uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll. +Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich +nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?« + +»Nur von der Chaussee aus.« + +Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade +mit Florence, die zu ihm aufschaute. + +»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?« + +»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht --« Cis brach ab, dunkelrot im +Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen +durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen +Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer +kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie +auch erleichtert aufatmete: + +»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir +die Frage -- ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein +Geheimnis?« + +»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle +wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die +Herzogin -- die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund -- davon +in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.« + +»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten +werden?« + +»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt? Sie hält so +viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es +mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?« + +»Ganz sicher.« + +»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht +ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath +-- es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen, +daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und +das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er +keinen für gut genug für sie hält.« + +Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine +Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht +des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe +hinabbeugte, -- nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, -- nicht mehr +vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr +Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so +gleichgültig war er. + +Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie +abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte, +begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch +eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch +zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr +erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie. + +»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte +sie. »Man macht sich erst eine Vorstellung von einem Orte, wenn jemand +redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich +kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.« + +»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das +ist, Fräulein Mortlake?« + +»Wie dumm von mir, -- ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys +-- Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name +entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer +seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung +wisse. + +»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr +gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in +der Tat keine Ahnung davon, bis Har-- Herr Wentworth es mir erzählte.« + +»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch. + +»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.« + +»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie +unverwandt an. + +»Ja -- das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es +ungefähr so lange her sein.« + +Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen +und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort. + +Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm +schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und +einem freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und +förmlichste Verbeugung. + +Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis +blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die +beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit +Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount +zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und +regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze. + +»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich +nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht +leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht +helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu +schlecht von dir.« + +»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück. +»Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.« + +»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine +Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!« + +»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte +Florence rasch. + +»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm +gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr +Sherriff nichts davon wüßte.« + +»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der +Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.« + +Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie. +»Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, +daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff +gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.« + +Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!« + +»Ja, Liebste?« + +»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?« + +»Herr Leath? Nein -- ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.« + +»Ich aber --« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu +vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es +immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe +seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich +sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß, +daß sie da ist.« + +»Was sagst du da?« + +Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe, +herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner +Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die +gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges +Gesicht paßte zu seiner Stimme. + +Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger +Gelassenheit: + +»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte, daß Herr Leath +irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht +einfallen, wem.« + +»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst +du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen +Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken. + +»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine +Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und +ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen. +Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir +wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich +werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist, +so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.« + +Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß. +Cis war sprachlos. + +»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!« + +Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit +geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit. + + * * * * * + +Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast +eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda +eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf +der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann, mit +dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten, +sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer +sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der +ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter. + +»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.« + +»Ja.« + +»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber +wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, -- ganz anderen +Sinnes geworden, -- und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.« + + + + +7. + + +Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die +Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen +Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig. + +Lady Agathe, ihre Kinder -- Roy in einem weißleinenen Anzuge, in +dem er noch länger als sonst aussah -- und Florence saßen vor den +Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem +Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden. +Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten +Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben, +boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager +zurechtgemacht. + +Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien +gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden. + +»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte +ihn Florence. + +Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin +geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten +erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu +ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, der nicht +wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen +würde. + +Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm +reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis +die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung +mit ihm anzuknüpfen -- im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch +schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte. + +»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise +heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper +gesprochen habe.« + +»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen +lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht +aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir +ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim +Frühstück, Tante Agathe, -- er sitzt zu viel allein -- ich will ihn +bitten lassen, zu uns zu kommen.« + +Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten +brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien +der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich +liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester +wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm +gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im +stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien +aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen; er hatte +nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis, +und sagte: + +»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich +fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und +er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine +Güte!« + +»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich +schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er +streng. + +Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war, +antwortete: + +»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja +kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.« + +»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast +du ihn getroffen?« + +»Wo--o, ein paarmal bei dem alten Sherriff -- und bei Mutter +Buckstone -- und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern +leiden mag. Warum, Vater?« + +»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete +Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein +Fremder -- laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich +machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von +dir genannt zu hören, und damit basta!« + +Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys +Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie +Mortlake auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht +gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns. +Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis +auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten +davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten +nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald. + +Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit +gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an: + +»Entschuldigen Sie -- darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem +Leath wissen, Mortlake?« + +»Nichts -- gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?« + +»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie +so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie +möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.« + +»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen +freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt, +den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.« + +»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit +gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß -- ich habe ihm gerade heute +Lychet Hut -- Sie kennen doch das kleine Haus? -- vermietet, und wenn +Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.« + +»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen -- ihn als Mieter genommen?« +fragte der Baron ungläubig. + +»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.« + +»Ist es fest abgemacht?« + +»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus +bezahlt.« + +»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an +die Luft setzen?« + +»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?« + +»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter +die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache +rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff --« + +»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie +es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich +Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu +schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter +Narr!« + +Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter +blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt, +und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden +Gesichtern -- ratlose Bestürzung auf dem des Mannes -- lebhaftes +Staunen auf dem des Mädchens. + +Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren +hoch emporgezogen. + +»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn +gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!« + +»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?« + +»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten +Leute?« + +Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche +Frage: + +»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet +habe?« + +»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten, +wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?« + +»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich +habe schon alles Nötige angeordnet.« + +»Du bist das Ideal eines Hauswirts!« + +Das war er wirklich und verdiente das Kompliment. + +»Er wird es schrecklich einsam dort finden.« + +»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit +gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.« + +»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu +bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend. + +»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise +nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse +darüber ist.« + +»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er +den armen Roy anfuhr! -- Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte +schelmisch. + +»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.« + +»Du?« + +»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er +vielleicht ertrunken!« + +Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das +›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, +um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber +gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren +wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig +blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke +gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen +möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend +etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte. + +Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der +Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu. + +»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis. + +»Ich weiß es wahrlich nicht!« + +Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer +Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen +Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag +Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.« + +»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie +Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte +erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du +sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?« + +»Ja,« antwortete Florence kurz. + +»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend. + +»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen. +Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr +gern, nicht wahr, Schatz?« + +»Das will ich meinen -- viel lieber als die meisten, mit denen ich +sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn +einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut +gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,« +setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu, +»es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er +kennt ihn nicht, nicht wahr?« + +»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort. + +»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen -- schien sehr +erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er +mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich -- nicht wahr?« + +»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den +goldblonden Kopf empört in den Nacken. + + + + +8. + + +Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll +Sonnenschein. + +Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur -- Harry +hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich +und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte -- und überlegten, wie sie +den Morgen verbringen wollten. + +Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem +goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie +weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen +vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence +die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit +roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen +Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume +hervorschaute. + +»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis. + +»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich +muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes +Plätzchen aussuchen -- vielleicht meine Höhle -- und dort bleiben, +bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum +zweiten Frühstück erscheine. Komm mit, Tramp,« wandte sie sich an den +zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war. +Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London +halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen +und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich +erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden. + +Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence +erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die +Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als +peinlich. + +Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten +seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten +Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald +bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich +dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence +lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine +rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend +darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu +vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte, +während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich +wieder: »Warum habe ich es nur getan?« + +Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre +ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und +begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr +unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch +sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte +von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und +sie meinte mit einem leisen Seufzer: + +»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!« + +»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich +hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt +mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch +eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?« + +»Welcher Mensch?« wiederholte Cis. + +»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen, +Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.« + +»Sie meinen Herrn Leath -- Everard Leath.« + +»Ja, so heißt er -- ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja +der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen -- +natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir +wollen?« + +»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu +sprechen wünschte?« + +»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach +erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den +Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch +ziemlich wunderlich.« + +Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite Zigarre an und meinte +dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde. + +»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht +weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du +dazu, Cis?« + +Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch +immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe. + +»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch +seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort +auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber -- wer -- in des Kuckucks Namen +--« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und +Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten. +Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und +wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung. + +Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen +röteten sich vor Zorn. + +»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen -- Everard Leath,« sagte +sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick. + +»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie +ihm freien Zutritt gewährt, Florence?« + +»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm +einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig +weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.« + +»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht. +Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und +glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren +blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten +brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen +Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht -- wer +anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den +Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences +schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde +ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich +die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen. + +Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In +ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz, +daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie +seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar +hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn. + +»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch +hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der +Florences.« + +Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm +am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen +Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er +hinzu: + +»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich +hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre +Höhle betreten habe?« + +Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den +Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle +nenne. + +Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der +unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu +verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger +gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner +kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß +Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben +auf der Klippe gesellte. + +Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte +einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft +hatte, und fragte sie: + +»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?« + +»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt +vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?« + +»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath +war. Weißt du noch?« + +»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.« + +»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die +beiden sich unterhalten!« + +»Worüber reden sie denn?« fragte Florence. + +»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem +Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.« + +Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide +nicht auf die Unterhaltung der Herren. + +Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er +ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum +beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig +geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber +sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich +seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte +sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob +er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch +selbst in Australien gewesen sei. + +»Nein, aber ich habe davon gehört.« + +»So? Ja -- ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in +meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland +-- das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch, +ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es +wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt +worden.« + +»So?« + +»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts +Besonderes -- irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute +sich einlassen, wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber +er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl +in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte. +Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen +wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es +überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er +hatte nie davon gesprochen.« + +Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder +anzuzünden. + +Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte, +sagte langsam: + +»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen, +ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?« + +»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch +unverheiratet war.« + +»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?« + +»Dreißig? Ach nein -- so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.« + +Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen. + +»Wissen Sie das gewiß?« + +»Natürlich, ganz gewiß!« + +Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu +gutmütig, um ungeduldig zu werden. + +»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig, +und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine +Mutter hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in +England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein +halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die +verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr, +nicht dreißig oder annähernd soviel.« + +»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.« + +Leath sprach in ruhigem, hartem Tone. + +»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig +Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield. +Nein -- vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als +hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit? +Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.« + +Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt. +Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit +so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal +darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von +Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, +sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue +Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er +erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt. + +»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine +Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich +behaupten, daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben, +Liebling!« + +Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths +entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten, +forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis +und ihrem Verlobten entgangen -- die merkwürdige Veränderung in dem +ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen +zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit +einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte +sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer +beunruhigen sollte. + + + + +9. + + +Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von +der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem +Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende +Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms +aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn +instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu +wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das +dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über +einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt +des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich +begrüßend: + +»Da sind Sie wieder -- das ist recht.« + +»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?« + +»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?« + +»Nein -- draußen auf der Halde.« + +»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich, +ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.« + +Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen Fenster nieder. Das helle +Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke +lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen +Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere +Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes +Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er +mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der +Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht. + +»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich +nichts Unangenehmes begegnet?« + +»Unangenehmes?« + +Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich +sehe ein, daß ich mich geirrt habe -- das ist alles. Bis heute glaubte +ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St. +Mellions kam, fast getan sei -- weit gefehlt! Ich bin gerade so weit +wie vorher!« + +»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die +Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut +zu mieten?« fragte Sherriff. + +»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen, +nach London zu gehen -- weit besser!« + +»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?« + +»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem +Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.« + +Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu Boden. Der Ältere +brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und +vielleicht etwas vorwurfsvoll: + +»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein +Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an +Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht +wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das +unmöglich?« + +»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.« + +»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?« + +Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths +Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf. + +»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er, +»und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben +Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen, +und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache +erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte -- das +werden Sie sich wohl schon sagen können.« + +Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die +von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft +niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn +unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht; +vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes +quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich, +sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen +ohne Sorge zu denken. + +Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu. +Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in +seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit +doch merklicherem Zögern als vorher. + +»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb +Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?« + +»Ein anderer Grund?« + +Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen +Zügen lag, sah wenigstens echt aus. + +»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe +ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie +in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten +Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt +hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier +fortwünschen? Und ist es -- Gräfin Florence Esmond?« + +»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum +durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte, +abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe +oder nicht. + +»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort, +die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich +bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß +eine Schönheit und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann +naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen, +aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu +stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden +jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch +keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.« + +»Das wenigstens ist wahr.« + +»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die +Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich +oder nicht?« + +»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit +sagen; ich bewundere sie -- jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an +andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre +und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit +zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff, +aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten, +noch mich forttreiben.« + +Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar +eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, +als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der +Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen, +die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz +getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt +-- daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie +deutlich genug gezeigt. + +Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder. + +»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich, +das zu hören, mein lieber Junge -- wirklich herzlich! Es kann einen +Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das +er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den +Kopf zu setzen.« + +»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen +Gedanken gekommen sind.« + +»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre +Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört, +schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.« + +»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte, +hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn +allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences +Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort. +»Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.« + +»Ich war mehr als überrascht.« + +Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd +war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem +Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine +versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn +Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole +es -- er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich +zu machen.« + +»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in +seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen. + +»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu +verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit. + +Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen +düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten +hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, +geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen +schwer. + +»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, -- und Frauen wohl +ebenfalls, -- die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib +ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man +so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört; +für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein +Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder +zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von +einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war -- +einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann +aus mir gemacht hat?« + +»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft. + +»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?« + +»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.« + +»Ja, eine Frau -- für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den +Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich +kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die +näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie -- wie innig, das zu +sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch. +Ja -- ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib +zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren -- sie hatte sich +vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das +werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte +einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben -- +viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz +unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und +als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein +Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin +für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir +beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei, +das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie +sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten +wir -- mochte geschehen was da wollte -- heiraten. Sie ging. Ich kann +mir noch jetzt all den Schmerz -- all die Qual jener Trennung von ihr +vergegenwärtigen.« + +Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde +sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum +wiedererkannt haben. + +»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es +ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie +war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen. +Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr -- niemals! In den +ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich +fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam +noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn +seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir, +daß sie verheiratet sei.« + +Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung. + +»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie +mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich +will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe -- ich war jung, und +ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich +mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit +entsprach -- daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie +glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr +gehört.« + +»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?« + +»Nein -- dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten +haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.« + +»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?« + +»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso +weißem Haar wie das meine -- sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es +ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht +mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als +das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte, +nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte +das Gefühl, daß -- wie sie nun auch sein mag -- Sie sie hören sollten. +Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben +ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt +zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie +uns von etwas anderem reden.« + +Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten +war. + +»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie +mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, +denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben. +Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich +will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast +unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet, +wieder gutmachen zu lassen.« + +»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte +Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath -- ich bitte Sie +sogar, es nicht zu tun.« + +»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen +sagen, was mich von der anderen Seite der Welt hierher nach St. +Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann +aufzusuchen.« + +»Einen Mann? Wer ist er?« + +»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht +sein. Ich weiß es nicht.« + +»Was ist er denn?« + +»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.« + +»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?« + +»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.« + +»Recht für wen?« + +»Für die Lebenden und die Toten.« + +»Wissen Sie denn, daß er hier ist?« + +»Ich weiß, daß er hier war.« + +»Vor langer Zeit?« + +»Vor vielen Jahren.« + +»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?« + +»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er +einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie +könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie -- +haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?« + +»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe +ich den Namen niemals gehört.« + +»Das wissen Sie bestimmt?« + +»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen +je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt. +Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich +halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben +sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden. +»Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den +Namen Robert Bontine nie gehört.« + + + + +10. + + +Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal +als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht +allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war +durchaus nicht übertrieben. + +Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe +Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe +standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach +und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer +und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane +von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso +wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß +sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie +dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in +strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und +verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für +eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem +nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein +Mieter für das Haus gefunden. + +Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen +darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über +den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern. + +Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte, +der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle +notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte +sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und +Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner +Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe, +eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen +Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und +dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als +beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über +ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte +man sich in St. Mellions höchlichst. + +Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger +beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten +Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den +Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er +verkehrte. + +Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso +die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem +klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden. +Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und +Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten +war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet +Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein +Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry +Wentworth bei ihm gewesen. + +Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den +Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit +Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser +Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten +in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll, +aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn +Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig +niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der +Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster +auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal +hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band +gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war +aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls +glaubte er das. + +Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der +Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich +jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum +wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort +begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über +den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen +Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen, +sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt +hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie +stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte +ihn schon seit mehreren Minuten gesehen. + +Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim +Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden +gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot. +Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm +gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während +er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde. + +»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich +müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie. + +Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie +die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch +dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht +mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an +ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein, +-- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel +besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum +gewußt. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie +nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.« + +»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten +hinausblicken sollen.« + +»Sie haben die See gern?« fragte er. + +»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in +eine Nixe verwandelt werden.« + +Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn +ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben. + +»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?« + +»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher +Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« +setzte er ruhig hinzu. + +»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es +so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause +sehr einsam fühlen.« + +Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl, +die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre +eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine +auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen +bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen +würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich +seine gewöhnliche, strenge Schroffheit. + +Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte +bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath +sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie +brachte ihn dazu. + +Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde +gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene +Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr +lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben +ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum +ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine +direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen. + +»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,« +sagte Florence langsam, in Sinnen verloren. + +Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese +Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen +Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in +Falten gezogen. + +»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort +sehr gern leben.« + +»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch +vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!« + +»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?« + +»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.« + +»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine +Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst +Australien ansehen.« + +»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath +ruhig. + +»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?« + +»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.« + +Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und +sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt. +Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen +zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions +geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um +alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie +hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen. + +Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer +Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die +Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn +unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er: + +»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine +Frage an Sie zu richten?« + +»Eine Frage?« + +Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier, +und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß +sie pikiert sei. + +»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?« + +»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath, +der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, +daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich +unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.« + +»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die +sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie +kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit +innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit +gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich +jetzt!« warf sie leicht hin. + +»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie +am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten, +wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?« + +»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn +nicht alle.« + +»Und ihre Namen?« + +»Und ihre Namen, selbstverständlich!« + +Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt. + +»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?« + +Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter, +erregter Ausdruck trat in seine Züge. + +Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf. + +»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name. +Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten +zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen +hören.« + +»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath. + +»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert +oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens +sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.« + +Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von +Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr +so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?« + +»Ich hoffte es.« + +»Er ist vielleicht fortgezogen.« + +»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem +merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich +selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus. + +»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht +tot ist.« + +Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie +nicht. + +»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name +auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers +Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.« + +»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht, +daß Sir Jasper einen Bruder hat.« + +»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel +würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.« + +»Der Bruder war also der ältere?« + +»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.« + +»Und er hieß Robert?« + +»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt +werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.« + +»Ist es schon lange her?« + +»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper +heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!« + +Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht +unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug +gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie +sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls +auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas +Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch +berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie +war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern. + +»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein, +wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade +dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche. +Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er +ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade +darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben +wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.« + +»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im +Auslande?« + +»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt +umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.« + +Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und +schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. +»Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß +Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein +schrecklicher Tunichtgut.« + +»Inwiefern?« + +»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man +gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen +Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe +ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.« + +»Sir Jasper spricht nicht von ihm?« + +»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst +sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret +genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange +her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o -- +o --« + +Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen +Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische +Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich. + +Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen +mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?« + +»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen, +Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit +mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!« + +Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich +gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig +über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die +Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn +noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken +sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an +ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte +die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß +ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau. + +»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut +in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem +Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur +Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher +Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder +an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es +war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret +Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine +solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen +wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und +fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit. +Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf +der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du +nicht mit ihm reden darfst.« + +Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen, +eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold, +denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere +Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu, +daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser +Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath +zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was +vielleicht eine Entschuldigung für sie war. + + + + +11. + + +»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich +zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder +Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde +alt,« sprach Gräfin Florence. + +Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig +gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. +Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron +sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen +halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren +Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich +in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim +Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster +stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt. + +»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt, +Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer. + +Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn +sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie +trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten, +wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern +und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen +Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den +lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre +Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast +schwarz aus. + +Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und +beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den +Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter, +aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war, +und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu +sagen habe. + +»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige +Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du +es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit +dir besprechen.« + +Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die +Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig. +Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine +kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden +wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in +schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich +schmollend. + +Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand. +Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das +junge Mädchen denken. + +»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er +an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie +möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das +brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.« + +Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich +mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar +und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan. + +»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte +sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen +weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst +gestern gewesen!« + +»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!« + +»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit +undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt +sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!« + +»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht +ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung +ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht +tun solltest.« + +»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte +übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber +ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!« + +»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!« + +»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren +Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal +nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie +in Pontresina weilt? Unmöglich!« + +»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach +England zurückkehrt?« + +»Allerdings. Ganz entschieden.« + +»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.« + +Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig. + +»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor +ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes. +Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die +Herzogin!« + +Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen. + +»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten +lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten +geschieht.« + +»Freilich.« + +»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?« + +»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr? +Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?« + +Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich +vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise +hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte +sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu +ihm empor. + +»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich. +Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und +doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus +reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du +willst!« + +Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das +hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich +damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen. + +»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und +vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine +Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.« + +»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn +mit funkelnden Augen an. + +»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.« + +»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes, +leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter, +verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich +dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt -- +wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!« + +Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine. +»Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander +passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend. + +»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb +ungeduldigen Ton ein. + +Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir +mein Wort zurückgeben.« + +»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er +ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos +anstarrte. + +»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht +leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten +es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser +als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen, +weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen! +Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine +Schuld ist. Soll ich?« + +Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er +sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein. +Sieh!« + +Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es +klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre +Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er +sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu +verbergen. + +»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend +wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume +ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere +Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres +Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was +lasest du eben? Gedichte, glaube ich.« + +»Ja.« + +Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch +wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm, +den sie hatte fallen lassen. + +»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.« + +»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.« + +»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer +Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.« + +»Leath?« + +Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst +doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?« + +»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz. + +»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß +er hier nicht verkehrt?« + +»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen +und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort +ebensogern umherzuschlendern wie ich.« + +»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich +nicht gewagt, dich dort anzusprechen?« + +Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes +schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck +gleichgültiger Verwunderung an. + +»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in +nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative +ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es +wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut, +und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies +Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.« + +»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?« + +»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die +Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und +ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.« + +»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich +außerordentlich wundere.« + +Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg +an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem +Antlitz deutlicher hervortrat. + +»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals +hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das +ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich +mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß +ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?« + +»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber, +meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon, +einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu +begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen +Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber +nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, +als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt +davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.« + +»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen. + +»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber, +bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß +das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß +die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --« + +Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung. +Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen +Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose +Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer +Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte +von einem zum anderen. + +»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große +Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?« + +Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten +grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht +gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort +überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell +zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, +ihren Verlobten zu ärgern: + +»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber +Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden +zu mögen, Onkel Jasper!« + +»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er. + +»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den +jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten +Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu +sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt -- +vergessen Sie das nicht.« + +»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe +ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem +Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann, +und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich. + +»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus +vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus +anständiger Mensch ist.« + +»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?« + +»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen +zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang +aufhalten würde.« + +»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions +zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er +war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb +draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend. + +»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche +Angelegenheit.« + +»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen. +Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund +zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte. + +»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel +Jasper.« + +»Was?« + +Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt. + +»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat +es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine +Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert +Bontine, oder hast du den Namen je gehört?« + +»Nein!« + +Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den +Augen. + +»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions +gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb, +so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt, +ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte +ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige +Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein +verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade +unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß +gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen +Robert Bontine gehört hättest?« + +Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters +entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und +scharf zurück. + +»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den +Namen Robert Bontine niemals gehört.« + + + + +12. + + +Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit +dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten +die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose, +dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf +der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade. +In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem +heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt. + +Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard +Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte +erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des +Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und +trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit +offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens +zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten +nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte. + +»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin. + +Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die +ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in +heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich +wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es +zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle +Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte +immer näher. + +»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich +hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In +diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die +behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt, +haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!« + +Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters +übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber, +wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es +war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin +durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden +um die Ecke des Hauses. + +Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die +Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig +genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem +Sattel sprang. + +»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie +sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die +Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über +sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar +mit mir durchgegangen sein.« + +»Natürlich -- natürlich!« + +Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen +Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie +müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.« + +Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte +die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die +mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die +die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß +einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen +Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage +kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut +verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu +beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück. + +Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast +heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem +Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und +wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit +einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat. + +»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen +Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht +glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.« + +»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?« + +»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der +Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?« + +»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.« + +»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir +Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer +über die Halde gekommen sein!« + +»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu +wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.« + +»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es +nicht wundervoll?« + +Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte +der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab, +zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont +erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im +Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest +aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. +Leath trat einen Schritt auf sie zu. + +»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone. + +»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das +heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die +ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein +bin.« + +»Soll ich die Fensterläden vorlegen?« + +»Nein, lieber nicht.« + +»Dann müssen Sie sich setzen.« + +Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch +niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann +es nicht lange fortgehen.« + +»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es +kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange, +besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.« + +Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte +sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen, +und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter +hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den +beiden sprach. Dann trat er an den Tisch. + +»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher +sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.« + +Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu +sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im +gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste, +holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich +streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe. + +»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte +er. »Sie kamen also von Lychet Hook!« + +»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer, +Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr +befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland +zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr +zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.« + +Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als +ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹, +die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren. + +»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt, +sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort +geblieben?« + +»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady +Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich +würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch +wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.« + +»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein +Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und +trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren. + +»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood +Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein +meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen +Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?« + +»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!« + +Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an +die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone +hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der +Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; -- +welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte, +davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung. + +»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend +die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war +zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich, +aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich +dahin, wo der Pfeffer wächst.« + +»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!« + +»Das scheint so.« + +Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der +ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer +lachte. + +»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,« +meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich +Ihnen Schutz gewährte.« + +»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.« + +Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit +unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes +Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die +Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir +nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und +jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie +nicht bleiben!« + +»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem +Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie +war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im +mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem +Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das -- +nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!« + +»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach +dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit +schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist +augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das +Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.« + +»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in +einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer +Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie +werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.« + +»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit +stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose +Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz +allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte. +Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine +Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. +Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist +ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in +Turret Court denken?« + +»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei +Brentwoods geblieben.« + +Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem +Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis +für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie +plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück. + +»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und +meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!« + +»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe +verdrießen wird.« + +Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren +großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte. + +»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch +schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und +konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem +Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein? +Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?« + +Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester, +ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er +hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht +verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut, +und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische +Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹ +gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die +kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend +über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet. + +»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das +ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz +gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht +zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut +angeschrieben bin.« + +»Nein -- das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann +Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm +anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun -- +als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?« + +Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er +wußte weshalb. + +»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für +etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?« + +Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in +seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz, +der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine +Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne +verklang, hub Leath langsam an: + +»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich +getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich +herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin, +Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.« + +Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren +Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich, +obgleich auch mit einem Anflug von Kälte: + +»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!« + +»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung +bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie +allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.« + +»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.« + +»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein +könnte.« + +Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen +leichten und heiteren angeschlagen. + +»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und +jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne +einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie +müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich +will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung. +Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren. +Daran hätte ich schon eher denken sollen.« + +»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder +von ihrem Stuhl auf. + +»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten +Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter +machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz +erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht +zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und +außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen +Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen +mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde +vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.« + +»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir +nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem +Tone. + +Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der +sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen +zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen +gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen, +selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung +gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind +schutzheischend an ihn klammerte. + +»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,« +sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt -- +Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in +ihrer Obhut sicher geborgen sein.« + +»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie +ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in +dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht -- +abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.« + +»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle +Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß +zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie +werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?« + +»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich +fürchten würde.« + +»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im +Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret +Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am +besten so, glauben Sie mir.« + +»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte +ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten +wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen -- +hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!« + +Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch +ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe. +Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen. + +»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte +er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit +ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine +halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher +in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen +wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis +morgen früh empfehlen.« + +Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte +mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei +entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze +Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von +Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine +Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste +gedacht. + +Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf +sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich: + +»Was ist Ihnen?« + +»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und +gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag +auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie +zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!« + + + + +13. + + +Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an, +Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur +Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre +Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte, +plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon. +Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach +in ein silberhelles Lachen aus. + +»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?« + +»Vermutlich.« + +»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?« + +»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.« + +»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr +Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können +mich doch nicht an die Luft setzen.« + +»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.« + +»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein +lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.« + +»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.« + +»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das +Unvermeidliche finden, nicht wahr?« + +»Ja -- das müssen wir wohl.« + +Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr +beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die +Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte +die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu +verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß +sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie +fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich +die größte Mühe gab, nicht rot zu werden. + +»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie +freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter +auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte +Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche +Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten +zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute +für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen, +so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten. +Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie +nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie +ängstigt sich schrecklich.« + +Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein +Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut +er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das +Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte +und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen +großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen +und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine +Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz +so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in +Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad +in einen Bach. + +Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem +Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit +jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu +finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen +Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war +heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand! + +Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische, +als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er +entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins +Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm +lebhaft zuwandte. + +»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu +glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist +die Stute ruhig?« + +»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter +Reitknecht.« + +»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.« + +Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling, +und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde. + +»Hat der Regen nachgelassen?« + +»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr +laufen, überschwemmt zu werden.« + +Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an. + +»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?« + +»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?« + +»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen +Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?« + +»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um +Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich +mittags, und --« + +»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte +ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse. +Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre +Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.« + +Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu +folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im +Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies. +Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie +alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit +und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen +war einfach unwiderstehlich. + +»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos! +Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst +hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube, +ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst +bedienen zu müssen?« + +»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath +geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen, +wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die +verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen +reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt. + +»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht +werden.« + +»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich +schrecklich --« + +»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein +Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir +mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.« + +»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube, +es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel +Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die +Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als +eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie +das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.« + +Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer, +und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett +in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes +mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit +drolligzufriedener Miene. + +»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein +schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich +kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte, +und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden +könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.« + +»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath +trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. +Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck +verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen +zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne +ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung +einzugehen, so gut er konnte. + +»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es +lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen +kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu +setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.« + +Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als +sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen, +und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein +Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren +großen Korbstuhl zurücklehnte. + +»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn +Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen, +den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist +mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm +hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich +Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!« + +»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite -- +quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, +daß es im Erdgeschoß liegt?« + +»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne. + +»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?« + +»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und +Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen +kann.« + +Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der +Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine +Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.« + +»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen +leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.« + +Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die +Dinge, wie sie lagen. + +»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr +Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?« + +»Ja, das ist meine Absicht.« + +»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!« + +»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie +das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten +Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste +Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.« + +»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück. +»Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?« + +»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte, +und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in +Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer +fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.« + +»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« -- +Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur +anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich +selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind. +Weshalb sollte ich auch?« + +»Weshalb, in der Tat?« + +Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver +nieder. + +Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein +Licht herbeiholte und es für sie anzündete. + +»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?« + +»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt. + +»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen, +wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?« + +»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das +recht?« + +»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es +besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. +Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.« + +Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer +Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie +nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem +Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache, +denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen +konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche +Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte: + +»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das +Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß +Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?« + +»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke +Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.« + +»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.« + +Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ +sie eintreten. + +»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie +Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie +und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu +beschaffen ist.« + +Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch +die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht. +Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück, +wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte, +den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten +blauen australischen Himmel getan. -- + +Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen +erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell. +Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer +Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ +sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den +Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und +verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit, +im Sonnenschein auf und ab zu gehen. + +So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, -- +ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er +hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen +Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er +auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache +stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie +Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb +Leath stehen und sah sich um. + +»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es +mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war, +desto besser.« + +Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren +Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen +Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt +ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie +dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte +er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach +Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran, +die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu +erledigen. + +Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete, +an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst +nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert +anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und +ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte. +Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen. + +Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem +einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der +Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach +gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum. + +Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der +Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da +öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe, +sondern Sir Jasper selbst trat ein. + +War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine +Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für +gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur +Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich +umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von +seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich +begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war +es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes +Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen. + +Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf +den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen. + + + + +14. + + +Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem +wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene +Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht +so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er +hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne +in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es +lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem +Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken. + +»Was -- was wollen Sie?« + +Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken, +aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg. + +»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu +werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus +nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß +ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu +sprechen.« + +»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso +heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung +wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand +auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr +Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie +meiner Frau zu sagen haben können.« + +»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady +Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der +Überbringer einer Bestellung an sie.« + +»Einer Bestellung?« + +»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.« + +»Meines Mündels?« + +Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der +namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen. + +»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr +Leath?« + +»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische +Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach +mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer +Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin -- +unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden +ist.« + +»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!« + +»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch +des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde. +Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.« + +»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?« + +»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so +heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin +ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --« + +»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort +ist?« fragte Sir Jasper barsch. + +»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte. +Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, -- +was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte +davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht +haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem +Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen +Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen. +Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!« + +Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend +da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im +Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel +Schlimmeres. + +Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er +sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber. + +»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was +Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter +überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es +ihr heute morgen gut?« + +»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief +noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,« +antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, +während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets +freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in +Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte, +welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und +in der Tat auch für Roy abgab! + +»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben +wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen +soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten, +da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.« + +»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath +ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr +das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. +Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr +zu entschuldigen.« + +»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause +zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie +wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den +Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären +vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie +wird Ihnen danken wollen.« + +»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art. +»Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste +-- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun +konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als +ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr +kleines Abenteuer nicht schaden.« + +Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem +Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen. + +»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das -- +unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so +unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert +Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und +dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick +einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden -- +hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um +ein solches Gebaren zu erklären?« + + * * * * * + +Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer +mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem +Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis +gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und +fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, +bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten +auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer +etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte +nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der +Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach +ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹. + +Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch +immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte +Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor +der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf +ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine +dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht +umwölkte sich auf einen Augenblick. + +Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe +stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen +bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während +Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der +warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt +wurde. + +»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig +an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in +Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu +werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich +fast in Ohnmacht.« + +»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und +erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht +geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?« + +»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn +gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute +morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern +danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was +er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle +nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen, +was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer, +nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich +würde es verrückt machen! Dich nicht auch?« + +Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad +herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht +geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer +Cousine um. + +»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.« + +»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis +inkonsequent. + +Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher +geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden +Augen entgegen. + +»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher +Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich +abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm +diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen +Abend darin gesessen.« + +»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir +natürlich angenommen haben?« + +»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde +vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz. +Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich +gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel +Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit +gewohnt sein!« + +»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß +-- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine, +Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du +mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn +Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß, +besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht -- +nicht --« + +»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls +zu finden. Wenigstens sagte er es mir.« + +»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt. + +»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger +aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus +und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein, +obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt +noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier +sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte +ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.« + +»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht +hier?« rief Lady Agathe. + +»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand +außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein +Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war, +spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an. + +»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist +sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so +böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich +denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so +viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine +Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen -- +wirklich nicht.« + +Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn +Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem +Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus. + +»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert +bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! +Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist +bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!« + +»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.« + +»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und +unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und +unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath +auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen +mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er +von dieser --« + +Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit +jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr. + +»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei +es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte +verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!« + +Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der +Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, +während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und +Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß, +kein Wort sprach. -- + + + + +15. + + +Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über +die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer +Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser +sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence +sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er +sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte +fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte +er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester +beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er +hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand +abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort +Florence Esmond begegnen konnte. + +Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und +ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters +sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war +aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand +in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den +Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des +jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann +fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen: + +»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?« + +»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich +erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war. +Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --« + +»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?« + +»Von Gräfin Florence.« + +»Gräfin Florence?« + +»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch +nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. +Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.« + +Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel +von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte +sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der +Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend +über seinen langen weißen Bart. + +»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden, +als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre +Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch +den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden, +durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter +hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!« + +»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe +ich es. Aber Chichester ist ein Narr.« + +»Ein so großer doch kaum.« + +»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch, +voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und +jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares +Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange +davor.« + +»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester +könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« +fragte der alte Herr ungläubig. + +»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht. +Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr +gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und +was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie +besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie +selbst wird die Verlobung auflösen.« + +»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte +Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, +Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende +gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich +werden würde.« + +»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig +im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr +Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der +Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und +was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!« + +Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese +Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke +wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein +weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester +vielleicht schweres Unrecht.« + +»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei +ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen +Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.« + +Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch +ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus. + +»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es +in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind +-- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem +unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat, +ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das +wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret +Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre +er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen. +Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht +vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.« + +Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder, +ehe er wieder anhub: + +»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem +behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die +Frage ist nun -- was soll ich tun?« + +»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht +recht, Leath. Was sollten Sie tun?« + +»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das +würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?« + +»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der +Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was +Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen +aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich +ganz ruhig verhalten.« + +»Das ist Ihr Rat?« + +»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.« + +»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald +ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.« + +»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?« + +»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein. +Mein gewöhnliches Glück!« + +Es trat eine kurze Pause ein. + +»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in +Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber +da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage +erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?« + +»Nicht den geringsten.« + +»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions +und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine +Spur von Robert Bontine aufzufinden?« + +»Nein!« + +»Und Sie sind noch nicht entmutigt?« + +»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die +Nachforschungen nie einstellen.« + +»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?« + +»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,« +antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, +um so besser ist es für mich.« + +Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot +stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in +den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf +die Schulter. + +»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen +nicht gleichgültig?« + +Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen +und sah dann fort. + +»Ich bin ein Narr!« sagte er. + +Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte +sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der +alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so +würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche +und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres +Wort zwischen ihnen begraben sein. + +»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun, +wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen +verscheuchen.« -- + +Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit +konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen +waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond +hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur +hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so +teuer wie ein Sohn geworden war. + +Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte, +an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die +aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so +rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!« + +Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen +bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden +so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie +wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf +Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem +Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in +ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard +Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft +für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte +und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene +Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber +die Wunde konnte noch immer wehtun. + +Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als +in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde +der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt. + +Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als +daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich +dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort, +wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum +zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn +hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des +Zimmers öffnete und der Baron eintrat. + + * * * * * + +Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege +nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven +hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam, +sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen, +der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte, +um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu +beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek +von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn +erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als +jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt? +In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort +auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse +folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus. + +Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war +aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig. +Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in +die Wangen trieb. Er sagte hastig: + +»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe +auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es +sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist, +so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!« + +»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem +gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen +Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das +passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören, +weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers +Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er +hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war, +über Sie zu sprechen.« + +»Über mich?« + +»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er +augenscheinlich gegen Sie empfindet?« + +»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen -- +aber mehr auch nicht.« + +»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?« + +»Durchaus nicht! Wünscht er das?« + +»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu +reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig +von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung +steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die +Tür weisen sollte.« + +Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus. + +»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?« + +»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas +wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute +morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten, +und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence +erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den +Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.« + +»Gütiger Himmel! Das sagte er?« + +»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir, +daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen +abbrechen sollte.« + +»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?« + +»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.« + +»Wie?« + +»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen +oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir +Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu +schaffen.« + +»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf. +»Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.« + +»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere +mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso +handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht +zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich +tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß, +daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt +war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte. +Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach +Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts +Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie +zusammenzupacken.« + +»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der +Pforte gelassen und will es erst hereinholen.« + +Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff +vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult, +das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher +nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand +gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken +vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete, +zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte. + +»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend. + +»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen +Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat +etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche, +mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange +wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn +sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an +ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages, +wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich +erlebt habe -- erzählte?« + +»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort. + +»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild +besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins +Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie +von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht +ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist +jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar +ähnlich! Wollen Sie es ansehen?« + +Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath +nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und +stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig. + +»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch +nicht schon gesehen -- wie?« + +»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet +grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!« + + + + +16. + + +»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten, +daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als +abgetan ansehe, Florence?« + +»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu +verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig. + +Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen +gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr +blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren +Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf +ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden, +und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, +die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde +haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen. +Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung +tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung +abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt +haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der +ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen, +und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze +wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. +Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem +sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache +abzufinden, so gut er es vermochte. + +Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und +zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt +hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, +nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich +hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher +Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn +seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und +sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen +glänzenden Augen noch schärfer hervortrat. + +»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« +sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn +Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch +vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es +erfahren mußtest --« + +»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort. +»Allerdings mußte ich das!« + +»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was +ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und +da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe +das Thema satt.« + +»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt +-- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, +begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen +Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?« + +»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück. + +»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich! +Die Dienstboten hier müssen davon wissen!« + +»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich +heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath +den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein +Frühstück.« + +»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon +erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester. +»Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es +satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt +bekommen, ehe es abgetan ist!« + +Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen. + +»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch +unglückselige Sache es ist!« + +Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande +nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose +Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so +hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf +und nieder zu gehen. + +»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und +man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das +macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das +nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine +Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es +ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein +Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines +Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!« + +Er blieb wiederum vor ihr stehen. + +»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas +leicht zu nehmen?« + +»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen +senkend, lächelte sie. + +»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen +angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du +hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde +es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence +Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine +zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!« + +»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!« + +»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe +dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge? +Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich +kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine +Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder +Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß -- +ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht +der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer +Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich +bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie +sind frei!« + +»Florence!« + +Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen +und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! +Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --« + +»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring +zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.« + +»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer +ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag, +zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung +jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und +sie zu bestätigen scheinen.« + +»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch +einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!« + +»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht +überlegen --?« + +»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für +allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum +drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!« + +Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung, +mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand. +Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben, +aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er +liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er +schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb. + +»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu +ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich +meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein +Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder +eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --« + +»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde +ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge +zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.« + +»Ist das dein Ernst?« + +Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von +ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz +um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem +Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor +zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. -- + +Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid +auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter +Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und +schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese +abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere +Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, -- +sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller +Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf. + +»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes +Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie +hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen +im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?« + +»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich +geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen. +Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du +dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?« + +»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte +ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich +verstehe dich ganz und gar nicht.« + +»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es +tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum +Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?« + +»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher +Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese +unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?« + +»Ja, ich habe es ihm erzählt.« + +»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe +stockend. + +»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren +werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?« + +»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich +fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich +fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester +fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das +tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit +einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen. +»Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst +du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?« + +»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath +für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.« + +»Florence!« + +Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen. + +»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht -- +wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!« + +»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt, +»du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause +wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir +leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle +Fälle nach Lychet Hut.« + +»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke +doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?« + +»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein +seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte +sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich +mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester +nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich +geweigert, ihn zu heiraten.« + + * * * * * + +Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf +seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, +daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm, +er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer +der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte +eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde. + +»Gräfin Esmond!« + +Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war +vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah. + +»Sind Sie es wirklich?« + +»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter +hierherverschlagen.« + +Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag +auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre +Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet, +eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen. + +»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu +danken.« + +»Das war ganz unnötig.« + +Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch +immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu +schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für +Sie tun konnte, gern geschehen ist.« + +»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke +Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig +zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?« + +»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind +bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.« + +»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne. +»Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes +Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.« + +»Mir Glück wünschen?« wiederholte er. + +»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? -- +Verständnis für die menschliche Natur.« + +»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und +wurde ebenso blaß wie sie. + +»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern +abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?« + +»Ja.« + +»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie +meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn +Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.« + +Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.« + +»Das hat er getan!« + +»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich +Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt +wieder inne. + +»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht +der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es +ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu +wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen, +haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war +es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen +hörten.« + +Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und +das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen, +daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher +Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde. +Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und +Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen. + +»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der +wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier +mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.« + +»Sie gehen fort?« rief sie überrascht. + +»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.« + +Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr +wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot +Chichester gehörte. + +»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?« + +»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage. +Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im +Bungalow zu wohnen.« + +»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?« + +»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es +jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich +wiederkommen werde.« + +Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen, +in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten +könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß +sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben, +obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es +ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den +er ihn gehalten, erwiesen hatte? + +»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence. + +Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich +eine Frage an Sie richten darf?« + +»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie +tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt +beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich +hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?« + +»Ja.« + +»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen +ist‹.« + +»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, -- +Robert Bontine, -- aufzufinden?« + +»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.« + +»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?« + +»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das +ist alles.« + +»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so +sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie +gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.« + +»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!« + +»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen +denn, Herr Leath?« + +»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.« + +»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen. +Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich +weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte +ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht, +es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um +Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.« + +Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr +gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence +fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte +sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd, +und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn +allein. + + + + +17. + + +»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich +Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein +werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich. + +Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens +nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das +trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den +Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte +Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte +Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem +Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm +entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes +Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne +entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich +immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt, +und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er +selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die +Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich +einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn +er wußte es seit vierzig Jahren. + +»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie +erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in +seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die +gestrige Erschütterung --« + +»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath +dazwischen. + +»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir +kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹ +Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß +ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut +erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!« + +Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine +Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten, +die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks +zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung +seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig +Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte +die Hand, die die seine umschloß. + +»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?« + +»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes +liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin +als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres +Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding, +als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu +denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf +mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer +Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot +ist?« + +»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.« + +»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie +hat sie Sie zurückgelassen? Allein?« + +»Ganz allein.« + +»Sie haben keine Geschwister gehabt?« + +»Nein.« + +Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten +hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die +Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von +dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung +geführt hatte. + +»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach +er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen. +Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild +sofort erkannten.« + +»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich +umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie +gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich +besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt. +Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich +verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben +Frau gehören könnten.« + +»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone. +Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte +er dann sanft. + +»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath +finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch +grausamer.« + +»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen +Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht. + +»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich +Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens +vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern +gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den +sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter, +wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen +die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht +entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie +schwer dafür gebüßt hat.« + +»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem +tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, +ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch +gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie +von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?« + +»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst +an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als +Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme +Seele damit meinte! Damals nicht.« + +Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster +zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem +Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die +auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand. + +»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann +tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen +nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?« + +»Das wissen Sie, Herr Sherriff.« + +»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?« + +»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton +war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich. + +»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?« + +»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.« + +»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?« + +»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.« + +»Und er ließ sie arm zurück?« + +»Er ließ sie am Bettelstabe.« + +»Er war also arm?« + +»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!« + +»Tragen Sie seinen Namen?« + +»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt, +der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.« + +Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und +nahm das Bild vom Tische. + +»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er +ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie +bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen, +aber jetzt nicht.« + +Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und +verschloß es sorgfältig. + +»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der +Mortlakeschen Papiere zu helfen?« + +Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit, +suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines +Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben. + +Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff: + +»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten +Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen +Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.« + +Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf +den Tisch. + +Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit +dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich +Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten, +enthielten, und setzte hinzu: + +»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger +geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn +der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen +sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er +arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt +wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter +seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen, +wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit +hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht +haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem +ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und +anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein +bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court +herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht +-- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie +ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten +geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges +Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem +Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf, +leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es +ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und +ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut +liegen.« + +»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das +Paket aussah?« + +»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem +verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten +ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.« + +Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen +Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich +niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. +Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine +Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit. +Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, +und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf +den kleineren. + +»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird +kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.« + +Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war +augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein +dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden +nicht viel anzufangen. + +Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches +Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses +zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas +anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es +langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das +von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen. + +Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke +wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber +lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, +natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor +sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben +gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden +Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm +sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel. + +Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine +Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz +da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos +und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme +frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz +zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem +Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las +es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den +Briefen. + +Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift +einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie +von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr +als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu +Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie +niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter +Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so +in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies +nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda +anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er +auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence +draußen vor dem offenen Fenster stehen. + + + + +18. + + +Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der +Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte +sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr +Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie +am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck +um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte +Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus. + +»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl +nicht gehört?« + +Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht +der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen +hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen +bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig +zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine +Aufforderung, ehe sie eintrat. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie +nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff +ist augenblicklich nicht hier.« + +Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein +starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die +Glastür ein und nahm Platz. + +»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause +weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht +stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen +seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt +habe. + +Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise -- +ihm war, als müsse er ersticken. + +Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut +ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische +verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr. +Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt, +ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff +stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst +wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den +Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe. + +Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des +Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei. + +»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr +bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme +fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen +ist?« + +»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.« + +Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich +aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen? +Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß +er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher +gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei +dem Gedanken ballten sich ihre Hände. + +»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,« +sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt +inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß +ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.« + +»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er. + +»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln. +»Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court, +und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante +und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin +ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig. +Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich +in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina +zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem +herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn +nicht mehr sehen sollte?« + +Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung +auffaßte. + +»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde. +Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.« +Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als +bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann +Sie reisen?« + +»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins +Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.« + +»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?« + +»Ja.« + +Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie +sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« + +Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos +überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen +und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm +auf dem Tische lag. + +»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte +meines Gartens?« + +»Natürlich,« antwortete sie bestürzt. + +»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?« + +»Ja.« + +»Weshalb war das?« + +»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.« + +»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie +sich der Antwort?« + +»Ja.« + +Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr +an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer +bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich +zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie. + +»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.« + +Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick +machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln +zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr. + +»Wollen Sie das lesen?« + +Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand. + +»Verstehen Sie es?« + +»Ich weiß, was es ist.« + +»Aber mehr begreifen Sie nicht?« + +»Nein.« + +Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr. + +»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte +Sprache.« + +Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während +sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den +Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich. + +»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden, +-- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht +wahr?« + +»Ja, das verstehe ich.« + +Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug +und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war. + +»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie +ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber +zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen +haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr +erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob +Sie begreifen.« + +Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie +die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die +Augen mit einem Schauder ab. + +»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin +ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich +von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu +beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit -- +ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.« + +Er deutete auf den kleineren Kasten. + +»Ich habe sie dort gefunden.« + +»Wann?« + +»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.« + +»Und keiner weiß davon?« + +»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?« + +Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn +von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam +durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß. + +»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte +sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube +ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?« + +Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein +würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner +Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien +ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein +getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu +reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich. + +»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun. +Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam. +Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß +es mir gelungen?« + +»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt. +Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!« + +Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das +Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah +jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper +Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die +Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie +herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen +Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte. + +»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?« + +»Tun?« + +Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte. + +»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich +gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?« + +»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie +sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken +Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach -- +Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder +-- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde +Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre +zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie +ihrer, ich beschwöre Sie!« + +Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von +ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz. + +»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für +die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich +können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre +Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das +Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete +Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich +gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder +gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? +Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das +mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen +zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß +die Wahrheit sagen.« + +»O, Sie müssen es nicht -- Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände. +»O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen +-- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen. +Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur +einfallen sollte, wie.« + +Sie blickte ihn flehend an. + +»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich. +Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? +Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen, +und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken +Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger +Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich +will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es +nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!« + +Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine +ungeduldige Bewegung mit der Hand. + +»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu +verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem +Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied +machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, +um mein Schweigen zu erkaufen.« + +Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen +und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen, +wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein +Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte +er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht +und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose +Gebärde der Verzweiflung. + +»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt. +Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für +Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist +schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen. +Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür +geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!« + +Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach +in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine +Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem +fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger +zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte +und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber +jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr. + +»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes +gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen +Preis!« + + + + +19. + + +»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein +Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.« + +So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende +sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm +ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt? +Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte +dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war +eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen +blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit +weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres +Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig +sein wollte? Er hub wieder an: + +»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt, +und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie +vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch +zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht +hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn +Sie wollen!« + +»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon +gesagt?« + +Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie +zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich +nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie +dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich +Ihnen zu bieten?« + +»Das wissen Sie nicht?« + +»Nein. Was -- was?« + +»Sich selbst,« sprach er gelassen. + +»Mich selbst?« + +Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren +Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte. +Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr +ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand +ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich +zu fassen. + +»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß, +es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der +niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß +Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über +meine Lippen kommen soll.« + +Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm +fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung +wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen: + +»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie +mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines +Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger +gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus +mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen +dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence! +Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind, +-- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen +mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem +Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will +ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.« + +Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches +Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als +er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging +zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre +Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht +da. + +»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig. + +»Ja.« + +»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?« + +»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?« + +»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.« + +»Für jetzt und allezeit?« + +»Ja.« + +Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen. + +»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?« + +»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich +heiraten.« + +»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.« + +»Ebenso.« + +»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?« + +»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.« + +»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden +lassen -- und nach Australien zurückkehren?« + +»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.« + +»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?« + +»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?« + +»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?« + +»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?« + +»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen +nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen +zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an. +»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen +das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie +lachte bitter. + +»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich +irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur +mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will, +die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.« + +»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie +lieben mich?« + +»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich +dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst +zu sagen, was Sie wissen.« + +»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich +hatte nie an so etwas gedacht.« + +»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie +wissen es jetzt.« + +Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete +seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war +wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung. +Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte +es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst, +ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie +auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast +auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren +Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber +nicht ausweichen wollte. + +»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse, +Herr Leath?« + +»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.« + +»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?« + +»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern +lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es +nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber +hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath +kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie. +Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen +Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes +bedienen, da Sie es gebraucht haben.« + +»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an. +»Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe +sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.« + +»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.« + +Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an +das Fenster, an das sie getreten war. + +»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie +sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht +anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der +Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden +sein.« + +»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es +auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig. +Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade +Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen +haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch +einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?« + +Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben. +Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber +langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm +sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ +sie dann los. + +»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von +dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu +machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt, +sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und +abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.« + +Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe +daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, +auf dem sie sich niederließ. + +»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder! +Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich +aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit +sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch +etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.« + +Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit +dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr +nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen +zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu +werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde +sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte +sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte +nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser +schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen +Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben, +zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die +zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und +heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib +werden. + +Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie +den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren +Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr +zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein. + +Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde -- +sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war +alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret +Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen +Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl, +wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer +augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde. + +»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig +lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber +ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen, +selbst mit ihm zu reden.« + +»Ich ziehe es vor.« + +»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will, +wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung +durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?« + +»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten +könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.« + +»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir +Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, +in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?« + +»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das +Recht dazu, Herr Leath.« + +»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute +Lebewohl sagen.« + +Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor +ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes +Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben. + +»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch +nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie +solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence, +wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?« + +Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie +vermochte nicht, ihn anzublicken. + +»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll +Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie +viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben, +mir geraubt hat?« + +Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las +Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er +lachte in ganz anderem Tone. + +»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren +vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als +ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!« + +Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes +Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht +wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis +morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!« + +Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer +Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle +stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis +sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und +hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte. + +Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr +oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab +und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte, +Sir Jasper antreffen. + +Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl +sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete +mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie +stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl +verändern würde, wenn sie mit ihm geredet. + +Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester +gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr +angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte, +daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen +gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien +Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er +ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen: + +»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?« + +»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe, +und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als +sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie +eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze. + +»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?« + +»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im +Bungalow.« + +»Nun? Was führte dich dorthin?« + +»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl +sagen.« + +»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen +Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und +dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung +zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich +bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände +übergehen, desto besser.« + +»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe +ihn nicht gesehen.« + +»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich +denn so aus der Fassung gebracht?« + +»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.« + +»Leath? Den -- den Menschen?« + +Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt +-- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret +Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, -- +ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine +gehört hätte. Er stammelte vor Wut. + +»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?« + +»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.« + +Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das +Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen +rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete +und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den +Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich. + +»Er hat Robert Bontine gefunden.« + +Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an +-- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, +so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er +imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob +er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend: + +»Weiter!« + +»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um +dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann +sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die +Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die +ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt. +Verstehst du mich?« + +Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort: + +»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich +zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck +erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden -- +und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.« + +»Wenn er wollte?« + +Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er +auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie. + +»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein +Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm +diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe +versprochen, ihn zu heiraten.« + +Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft +umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in +demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter: + +»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil er mir sein Wort +gegeben hat, in dem Falle den Namen Robert Bontine nie wieder zu +erwähnen. Ich mache mir nichts aus ihm -- werde mir nie etwas aus ihm +machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn verlassen kann, weiß, +daß er sein Wort halten wird. An unserem Hochzeitstage soll ich die +Beweise, von denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, -- +das hat er mir auch versprochen. Ich werde meinem gegebenen Worte +nicht untreu werden, und er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern, +weshalb ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke ich -- ich habe +Tante Agathe und ihre Kinder sehr lieb.« + +Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes Verständnis, wie +eine gewisse Erleichterung zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im +Lehnstuhle. Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. Florence +hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. Nach einer Weile erhob sie +sich und schritt auf die Türe zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte +um ihre Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach: + +»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich gehe. Ich fürchte, +es ist kaum wahrscheinlich, daß die Herzogin mit meiner Verlobung +zufrieden sein wird. Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause +ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot Chichester von +Highmount. Es ist möglich, daß sie ihre Einwilligung versagen wird. +In dem Falle ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner +Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert und daß du, Onkel +Jasper, die deinige nicht verweigern wirst.« + +Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging die Treppe hinauf, +um sich in ihr Zimmer zu begeben. Sie fühlte, daß es mit ihrer +Selbstbeherrschung vorbei sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe. +Auf der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade verließ. + +»O, Florence, da bist du ja!« rief sie. + +Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht ihrer Cousine nicht +deutlich sehen konnte. + +»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur stecken könntest! Weshalb +hast du nicht im Bungalow auf mich gewartet? Du kannst dir mein +Erstaunen vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.« + +»Ja -- ich kann mir denken, daß du erstaunt warest, Cis.« + +»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem Gedanken, daß du +den langen, heißen Weg zu Fuß gemacht hast, noch dazu, wo du nicht +wohl bist. Und --« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie wußte +nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar Tagen merkwürdig +verwandelten Florence eigentlich daran war -- »hm -- das Mädchen sagte, +Florence, daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.« + +»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.« + +»Was -- den ganzen Weg? Hierher nach Turret Court?« Aus ihren +weitgeöffneten Augen sprach Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich, +Florence, ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie +tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute Munde seid! Du +hattest ihn nicht mit dir gehen lassen dürfen. Er hat kein Recht, sich +dir auf solche Weise aufzudrängen.« + +Florence lachte und legte der andern die Hände auf die Schultern. + +»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe Cäcilie. Aber in diesem +besonderen Falle irrst du dich zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller +Augen wie hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr Leath das +Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. Ich habe soeben versprochen, +ihn zu heiraten.« + + + + +20. + + +In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten und freundlichsten +Raume des Schlosses, sah es trübselig aus. Lady Agathe, die in ihrem +Lieblingsstuhl saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und +schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den Boden herabgeglitten +und lag dort vergessen. Cis, deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert +aussah, stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. Vor noch +nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter Sir Jasper geschlossen, +der hinausgegangen war und all diesen Jammer zurückgelassen hatte. +Wie unwillkommen sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch stets +seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er doch nie mit einer so +niederschmetternden Mitteilung erschienen wie eben, und die Wirkung, +wenigstens auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit den +kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner scharfen Stimme hatte +er die Verlobung seines Mündels mit Everard Leath und seine eigene +Einwilligung mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, wie +er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu eingeschüchtert war, um +angesichts seiner kaltblickenden Augen eine Szene zu machen, brach vor +Erstaunen, Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus. + +»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte sie, »niemals, Cäcilie! +Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen +Ohren nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals spaßte, so würde +ich sagen, er macht einen Scherz mit mir. Aber er sagte ganz deutlich, +Florence hätte sich mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?« + +»Ja, Mutter, das sagte er.« + +»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?« + +»Ja -- auch das.« + +»Ich kann -- ich will es nicht glauben!« rief Lady Agathe unter neuem +Schluchzen. »Florence sollte sich mit solchem Menschen verlobt haben! +Er ist doch durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der ihn nie +ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn heiraten soll! O, ich bin +wie betäubt! Sie macht sich doch gar nichts aus dem Menschen, nicht +wahr?« + +»Ich -- ich fürchte nein, Mutter,« antwortete Cis mit verlegenem +Zögern. »Aber ich habe seit langer Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in +sie verliebt war.« + +»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady Agathe. »Wenn das so ist, +so ist es eine unverschämte Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es, +jammerschade, daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina gegangen +ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, und sie hätte in aller +Gemütsruhe Chichester geheiratet. Aber ich kann es nicht glauben, +liebes Kind, daß es ihr Ernst ist -- ich kann es nicht. Dein Vater muß +sie mißverstanden haben. Nein -- ich glaube nicht, daß es wahr ist, bis +Florence selbst es mir bestätigt.« + +»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich um. »Florence hat es mir +selbst erzählt.« + +»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. »Sie hat es dir gesagt?« + +»Ja -- gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir +verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause +bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden +Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine +Zustimmung gegeben hatte.« + +»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die +Mutter mit einem neuen Tränenstrom. + +»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich -- so ganz anders als +sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir +erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu +sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als +ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer +aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht +nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in +zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern +leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, +ich wäre tot!« + +»Doch wohl nicht im Ernst, Cis -- hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines +Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!« + +Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen +in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das +offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen +allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr +gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr: + +»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich +angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls +wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine +Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.« + +Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber +ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte +und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges +kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das +Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen +Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath +gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere +Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie +nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer +selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein -- sie bereute es +nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem +Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt +das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein +kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang +sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das +Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte. + +»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen +Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence -- was kann dir nur in +den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr +Leath dich wirklich liebhat, Florence?« + +»Mich liebhat?« + +Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor sich, dessen kühler, +ruhiger Ausdruck wie umgewandelt war, die leuchtenden Augen, die von +verhaltener Leidenschaft vibrierende Stimme -- die ganze Glut des +Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber auf sie ausgeübt +hatte. Ob er sie liebte? Mochten seine Sünden gegen sie so groß sein, +wie sie wollten, mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so sehr +sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel. + +»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt mich. Davon kannst du +fest überzeugt sein.« + +»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« meinte Lady Agathe +verzweifelt, »aber was die Herzogin sagen wird --« + +»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, was die Herzogin sagen +wird. Onkel Jasper willigt ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir +mein Vermögen zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« fiel ihr +Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit ins Wort. + +»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. Wenn diese +Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest du, daß die Verlobung +geheimgehalten wird?« + +»Geheim?« + +Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um. +»Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie +geheimgehalten werden?« + +»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,« +stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der -- unseligen +Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es +besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute +lassen sich nicht den Mund verbieten -- es ist schändlich, aber sie +werden --« + +Florence drehte sich jäh um. + +»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe, +ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz +preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger +hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath +erwartet mich, ich will gehen.« + +Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf +Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem +Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz, +-- ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine +und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß +du glücklich bist, so stolz auf Roy, -- nicht wahr? -- deinen einzigen +geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen -- nicht? -- und wenn ihm +etwas zustieße -- dich vielleicht gar töten? Nein, nein -- sag’ nicht +›Ja‹ -- antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!« + +Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft +in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis -- du siehst +kläglich aus, -- du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst +mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid, +wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine +Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz +glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich +gehen.« + +Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen: +sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn +sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu +verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst +als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem +Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen +ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage +verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen. + +Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im +Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb +stehen, und er kam sofort auf sie zu. + +»Ich -- ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas +mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, +als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen +Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht -- er hatte sie +genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe. + +»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf +seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, -- Sie sind sehr +schnell gegangen, -- das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort +steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?« + +Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten, +ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten +hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß +er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das +war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie +und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache +nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie +allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm +wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder +Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie +wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn +geliebt hätte! + +Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz +geschaut. + +»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum +Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht +geschlafen?« + +»Ich habe es gar nicht versucht.« + +»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. Soll ich weiterreden, +oder möchten Sie lieber, daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?« + +»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr gut anhören. Sagen Sie +mir, bitte, alles, was Sie mir zu sagen haben,« sprach Florence +gelassen. + +»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, daß zum Glück sehr +wenig übrigbleibt.« + +Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, und wickelte es um die +Finger. + +»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir Jasper gehabt?« + +»Ja.« + +»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, gesagt?« + +»Ja -- das habe ich getan.« + +»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich nicht?« + +»Nein -- das tut er nicht.« + +»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der Herzogin nicht bedürfen.« + +»Nein, die brauchen wir nicht.« + +»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich würde es vorziehen, +daß Sie Ihr Vermögen behalten. Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich +bin auch nicht reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau +irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt sind.« Er hielt inne +und spielte noch immer mit dem Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht +unwissend,« hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder an, +»aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt es mir wohl ob, ihn +aufzusuchen, nicht wahr? Soll ich heute zu ihm gehen?« + +»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. Ihnen zu sagen, daß er Sie +morgen sehen wolle.« + +»Gut. Wenn er es vorzieht -- um welche Stunde?« + +»Das überläßt er Ihnen.« + +»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.« + +Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe und Cis um ihre Verlobung +wüßten und wie sie diese aufgenommen hätten, und Florence antwortete, +daß sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien. + +»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein Mortlake ist ein +allerliebstes kleines Geschöpfchen, und ich weiß, Sie halten viel von +ihr. Wollen Sie ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit +der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?« + +»Ja -- das will ich tun.« + +Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie war sich einer +Regung der Dankbarkeit bewußt. Er hätte ihr die Sache viel schwerer +machen können; sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen, +daß sie ihr Wort halte -- warum sollte er auch nicht? -- aber er war +zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich gewesen. + +Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand nahm, und verbarg, so +gut sie konnte, den Schauder, der sie durchbebte, als er die Lippen +darauf drückte. Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich +darauf die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte, daß sie +Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht länger im Freien bleiben +könne. + +»Das sollen Sie auch nicht.« + +Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in das blasse, müde +Gesichtchen mit den dunklen Schatten unter den Augen, dem Schmerzenszug +um die zarten Lippen. + +»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie elend Sie aussehen -- wie +ein Schatten Ihres lieblichen Selbst! Und daran bin ich wohl schuld? +Ich -- gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, Florence?« + +»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. Hohn und stumme Vorwürfe +lagen darin. »Brauchen Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch, +daß Sie mich darnach fragen?« + +»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt jetzt ihre beiden Hände +und blickte mit düsterer Zärtlichkeit auf sie herab. »Ja -- ich bin +wohl brutal -- ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie wohl +freigeben, -- das müßte ich eigentlich! Ein guter Mensch würde das +tun.« Er hielt inne und holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin +kein guter Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!« + +»Ich -- ich habe Sie nicht darum gebeten,« sprach Florence mit +schwacher Stimme. + +Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens entbinden sollte, mit +dem sie sein Schweigen erkauft hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken +überlief es sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals tun +würde. + +»Nein -- Sie haben mich nicht darum gebeten, -- das ist wahr. Aber ich +kann sehen --« + +Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. »Mein armes kleines +Lieb -- mein armes kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein +Haar krümmen möchte -- liebe es so, daß ich mir die Hand abhauen würde, +ihm zu dienen, wenn es sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um +es so aussehen zu machen!« + +»Lieben?« + +Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu mächtig, um ihr zu +widerstehen, trotz des panischen Schreckens, von dem sie sich eben +erholt hatte: sie warf ihm einen Blick der Verachtung zu. + +»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, aber mehr tun Sie +nicht.« + +»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? Glauben Sie das? Dann denken +Sie hieran, mein Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!« + +Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, zu kraftvoll, als daß +sie ihm hätte wehren können, schloß er sie fest in die Arme und küßte +sie zweimal mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick +hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei losgerissen und +floh über das Gras, ohne einen Blick zurückzuwerfen. + +Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach einer unwillkürlichen +Bewegung, sie zurückzuhalten, blieb er regungslos stehen und sah der +Davoneilenden mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden, +nachdem sie verschwunden, machte er kehrt und verließ den Garten von +Turret Court. + +Er ging über die Halde und durch St. Mellions nach dem Bungalow. In +gewohnter Weise durch die Veranda eintretend, fand er Sherriff im +Wohnzimmer in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden Kasten +standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und der alte Herr hielt einige +Schriftstücke in der Hand. Sein schönes Gesicht war noch bleich und +abgespannt, aber es hellte sich beim Eintritt des jungen Mannes auf. + +»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, Everard,« sagte er mit einem +Lächeln, »und habe mich ohne Sie an die Arbeit gemacht.« + +»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem Augenblick steh’ ich zu +Ihren Diensten, aber erst habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.« + +»Mir mitzuteilen?« + +In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen lag etwas, das Sherriff +veranlaßte, schnell aufzublicken. + +»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er. + +»Nein -- oder hoffentlich werden Sie es nicht dafür halten.« Er +hielt inne. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie mich vor einiger Zeit +beschuldigten, Gräfin Florence Esmond zu lieben?« + +»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich dessen.« + +»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie recht hatten, denn ich +war mir seit Wochen meiner eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich +liebte sie -- ich tue es noch -- ich werde sie stets lieben! Aber +nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, daß ich es ihr je sagen +würde. Die Umstände haben sich indessen geändert, und ich habe es ihr +gesagt. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt hat, +meine Frau zu werden.« + +»Leath!« + +»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das sein würden. +Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch mehr: Sir Jasper hat -- ihr, mir +zwar noch nicht, -- seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.« + +»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!« + +»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? Obwohl ich gern +zugebe, daß ich keine sogenannte Partie für sie bin.« + +»Und sie -- Gräfin Florence -- hat versprochen, Sie zu heiraten?« + +»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, fürchte ich?« + +»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr als überrascht -- ich +bin wie aus den Wolken gefallen!« + +Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das weiße Haar. + +»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, »daß sie Ihre +Gefühle für sie erwidere -- nicht die leiseste. Und Sie sagen, sie tut +es?« + +»Bis jetzt -- nein. Aber ich sage, daß sie es soll.« + +Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der ruhigen, gleichmäßigen +Stimme, und der Redende regte sich nicht. Der Alte blickte mit einem +Ausdruck zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf die stolze +Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig dastand. + +»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich habe euch beide lieb, +und nichts könnte mir ein größeres Glück gewähren, als euch miteinander +glücklich zu sehen. -- Aber bedenken Sie, lieber Junge, um Florences +und um Ihrer selbst willen, -- in der Ehe ist kein Glück möglich, wenn +nicht auf beiden Seiten Liebe vorhanden ist.« + +»Das weiß ich sehr wohl.« + +»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben zu, daß Florence sich +nicht so viel aus Ihnen macht wie Sie aus ihr. Hat die Art und Weise +der Lösung ihres Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren +Antrag anzunehmen?« + +»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine Eindruck sein, obwohl es +-- um ihretwillen -- dem schlecht gehen wird, den ich das aussprechen +höre! Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester ein Narr +war, -- wofür ich ihm allerdings von Herzen dankbar bin, -- hat nichts +damit zu tun, daß sie mir ihr Jawort gegeben.« + +»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, aber davon bin ich +überzeugt,« setzte der alte Mann mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß +Sie sie nicht heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie sie +glücklich machen könnten.« + +Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es +dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er, +ohne sich umzuwenden: + +»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu +heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.« + + + + +21. + + +Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und +seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren +seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und +die Herzogin war in Turret Court eingetroffen. + +Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert. +Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, +allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe +in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu +reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege +nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung, +die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper +Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch +nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen, +und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als +Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt. + +Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr +bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner +Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, +und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu +Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen +Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte, +die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das +weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer +Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube +übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die +Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts +würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei +diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der +sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog. + +»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere +denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« +rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der +sanften Hausherrin gegenüber, niederließ. + +Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid +sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß +schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug +einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit +einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der +Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen +Augen angstvoll zu klopfen begann. + +»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von +Florences Verlobung?« + +»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann +zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?« + +Lady Agathe lächelte matt. + +»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem +Briefe mitteilte.« + +»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich +der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, -- +anderen Sinnes zu werden!« + +»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so +herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch! +Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady +Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat +sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet; +er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --« + +»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei +einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was +fehlt ihm eigentlich?« + +»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte +nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt +zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen, +so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu +wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine +Partie für sie.« + +»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin. + +»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube +ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem +Vierteljahr häuslich nieder, und --« + +»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere +ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich +sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?« + +»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich, +Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde +sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien +unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.« + +»So.« + +»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady +Agathe hinzu. + +»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?« + +»Er scheint es allerdings zu wünschen.« + +Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die +Sofakissen zurück. + +»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in +Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.« + +»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe. + +»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz +ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt. +Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein +armer Verstand das nicht zu fassen vermag.« + +Lady Agathe fing an zu weinen. + +»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie +und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber +mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.« + +»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt +geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe, +bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit +deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.« + +Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in +herrischem Tone. + +Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete +sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich +eintrat. + +Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem +breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr +kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre +großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und +sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem +verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich, +zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber +ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat +gewesen. + +»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich +glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante +Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?« + +Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren +Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie +schützend, den Arm um sie legte. + +Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem +Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung. + +»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl +daran, dünkt mich.« + +»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne +dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf +mich, nicht auf dich.« + +Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich +fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?« + +»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel +in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können. + +»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese +Röte gibt.« + +In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die +verschränkten Arme auf die Lehne. + +»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz +offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath +versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas +ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was +auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das +weiß er.« + +»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir +doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?« + +»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?« + +»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe, +Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?« + +»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.« + +»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?« + +»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen. +Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr +fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen +hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹ +nennen würde.« + +»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?« + +»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.« + +»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre +mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper +Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich +wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner +gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die +glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der +Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich +zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie +erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich +nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu +wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen, +so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du +seine Frau bist. Und damit basta!« + +Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte, +daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde. + +»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,« +sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir +lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten. +Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn +zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in +demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend +etwas zu sagen, ehe ich gehe?« + +»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist +wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch +weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet, +so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand +vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!« + +»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig. + +»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich +zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich +freizugeben.« + +»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn +Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß +ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den +Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.« + +»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche +Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt +oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest +entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?« + +Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen, +blickte sie die Herzogin an und sagte: + +»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.« + +»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt. + +»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller +Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen +würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe +Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und +die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier +werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu +empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit +ihm hier sein.« + + + + +22. + + +Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer, +in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter +war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder +Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen +Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem +Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er +wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm +äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im +allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war +nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze +gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem +Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von +dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute, +hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert +Bontine gegen Florence erwähnt. + +Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich +zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die +täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm +abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das +ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte. + +Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt +hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie. + +»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was +gibt es denn?« + +Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können, +und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau +gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im +Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur +wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war +und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck +hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für +den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, +mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie +warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn +geliebt hätte. + +»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein +Liebling?« + +Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt, +wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre +Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie +erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand. + +»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor. +»Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.« + +»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich +vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir +selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht +vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es +sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?« + +»Vorgefallen kaum.« + +Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen +ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu +sehr gelegener Zeit.« + +»Darf ich fragen, weshalb?« + +»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.« + +»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --« + +»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht +vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier +ist?« + +»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie +wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?« + +»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.« + +»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?« + +»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend. + +»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.« + +Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht +getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte, +regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er +mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben, +aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht, +dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte +sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war +unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein +Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem +Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst +die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein +Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch +ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief. + +»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber +vorher möchte ich noch etwas sagen.« + +Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung +sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem +Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden, +ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich +wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie +Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen, +solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!« + +Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer +erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest +über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte. + +»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr +sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.« + +»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das +Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den +Vorzug, durchaus wahr zu sein. + +»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit +entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu +machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar +böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren, +Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. +Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen +mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich +nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich +ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.« + +Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie +rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die +voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch +fester. + +»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die +ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und +dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf +bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich +werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten, +oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?« + +Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte +sie aus freien Stücken noch nie getan. + +»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie +Sie sagen, hinter uns haben.« + +Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch +immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein +Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd, +in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst. + +Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei +Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war +ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath. +Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die +Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine +Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In +den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine +Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern +war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte +nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen. + +»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen +mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten +möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie +ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen +bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem +gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.« + +»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch +heiraten, Everard.« + +Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte +sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur +eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand +auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit +dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich +glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.« + +Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie +verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte +während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich +weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt. + +Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die +Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und +sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam +behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die +Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit +müdem, ironischem Lächeln an. + +»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone, +»ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin. +Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, +das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin +wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, +wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke +Ihnen, Herr Leath.« + +»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick +und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde +Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens. + +»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz +erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest +du, daß ich jetzt gehe?« + +Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich +in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit +seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre +Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und +schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die +Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein +Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung +geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu +widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu +mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So +ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an +seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen +Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen +nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der +Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte. + +»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als +Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch +kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige +Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr +gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.« + +»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich +auszuruhen, wenn du kannst.« + +Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr +tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er +im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, +könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?« + +Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum +zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße +Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte, +sich loszureißen, aber er hielt sie fest. + +»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen? +Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, +du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!« + +»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!« +erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache +mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun! +Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen +-- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen +Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu +zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen +Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!« + +»Wirklich nicht?« + +Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde +empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht, +und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten. +Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes +kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig +verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand +schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber +gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.« + +»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen +sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!« + +Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach. + +Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte +immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine +Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine +Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete +eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem +großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem +Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die +näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen +Gliedmaßen und gähnte ungezwungen. + +»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da +waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, +fortzugehen -- wie?« + +»Ja. Weshalb?« + +»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein +anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute +gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch +führen.« + +»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß +ich Luft für sie sei.« + +»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat +wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?« + +»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg. + +»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute +morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein +Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso +gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die +alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr +ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu +unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?« + +»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?« + +»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde +haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?« + +»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte +den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.« + +»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor +zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie +ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm +aufgefallen ist?« + +Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des +jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte +Leath den Kopf. + +»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum +dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt. +Was sollte mir aufgefallen sein?« + +»Nun, wie er sich verändert hat!« + +»Hat er sich verändert?« + +»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er +hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager +wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für +einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar +auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene +einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar +nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte +mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin +überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St. +Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows -- +auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er +hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und +gar nicht.« + +»Was wollte er damit sagen?« + +»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte +nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem +gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu +ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist +seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.« + +»Umherzuschleichen?« + +»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter +morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus +dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie +getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er +meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war +er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt +zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die +Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun +pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens, +denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es +muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich +nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.« + +»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog +sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings +sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.« + +»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei +uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er +wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber +sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste +noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten +Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie +nicht um Ihren Weg über die öde Halde.« + +Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter +Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte, +war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu. +Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken +waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ +von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte, +sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub +gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, +seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war +nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend. +Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und +das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein +Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas +für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser +gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut, +nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde +es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen +Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die +Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie +gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon +damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an +Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er +in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter +gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem +leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie +sollte ihn noch lieben lernen! + +Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege +abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu +gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen +Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande +der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an +die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick +erschrocken stehen. + +»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,« +sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen. + +Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit +starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am +Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher +Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah +nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten +ihn noch immer. + +»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst. +Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre +furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines +Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht +besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich +diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich +ihr entsagen? Wenn ich --« + +Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten +hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen +Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze +Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war +hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der +ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante +drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte +sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte +er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf +dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei +stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp +festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten +ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt, +erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen +Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er +festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen +Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er +mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen +und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle, +und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, +blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences +Felsenkammer zusammen. + + + + +23. + + +Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte +es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort, +der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das +kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt +stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte. + +»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner +freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der +Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich, +eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so +kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath +ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.« + +»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als +ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; +er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben +Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das +Mädchen. + +»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann +gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« +fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der +Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist +es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern +abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein, +denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch +in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er +öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.« +Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre +fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden +wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich +glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.« + +Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür, +der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der +Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte. + +»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er. + +»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich +wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf +den nächsten Stuhl sank. + +In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem +leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde +entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen +und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an: + +»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court +zurückkam, stürzte ich von der Klippe.« + +»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest +aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen +Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff. + +»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner +anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch +lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle, +die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?« + +»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du +hinunter?« + +»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt +mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht +meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein +Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins +Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen +Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu +werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.« + +Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten +konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit +einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte +allmählich in sein Antlitz zurück. + +»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach +fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.« + +»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte. + +»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?« + +»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster. + +»Nicht?« + +»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.« + +»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen. + +»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und +festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur +Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß +nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich, +wie gesagt, hinabgestürzt.« + +»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt. + +»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich +von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so +gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein +überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich +kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann +es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber +er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es +getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden +worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein +Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher +genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir +Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen, +der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?« + +»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf. + +»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu +war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde +ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen +-- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male +gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er +sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe +ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen +Verdacht zu schöpfen.« + +»Großer Gott! Welchen Verdacht?« + +»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt +nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, +um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste +nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen +gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.« + +»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt. + +»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert, +weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich +gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie +haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt, +weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar +Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.« + + * * * * * + +»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier +sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so +wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im +Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis. + +Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie +ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der +großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht +empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte, +daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend +umwandte. + +»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch +aus, Schatz!« + +»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als +dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und +deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!« + +»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe +seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist +wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich +bin nicht recht aufgelegt dazu!« + +»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte +Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden, +Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du +siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte, +du trügest es nicht.« + +»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence +mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine +Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich +nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?« + +»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin +ist bei ihr.« + +»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich +haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen. +Will sie wirklich heute fort?« + +»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt, +sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe. +Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! +Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr +gefürchtet!« sagte Cis lachend. + +»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt. + +»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen +sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley +zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend +ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du +wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.« + +Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln +wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf +die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen. + +»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte +sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen. +Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte +phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe +sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten +beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein +Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist +es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume! +Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte +wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in +mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten +und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens +überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt +es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und +weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen? +Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?« + +Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte +sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag +sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war +immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte +zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn +sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach +irgendeiner Richtung hin erregen konnte. + +Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem +Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. +Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff. + +Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths +zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt +worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber +das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine +weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und +sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie +beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen. +Sie eilte auf Leath zu. + +»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!« + +»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem +Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach +er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper +aufzusuchen.« + +»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde +gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und +etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf. +»Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr +Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das +alles zu bedeuten hat!« + +Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte. + +»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?« + +»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr +geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.« + +»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.« + +Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit +weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte +hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie +er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf +hob und auf Sherriff deutete. + +»Sie haben ihm alles gesagt?« + +»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen. +Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen, +aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt, +du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches +Schweigen beobachten wird wie du oder ich.« + +»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender +Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung +hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt +-- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der +einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein +Kind.« + +»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos. +»Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie +blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?« + +»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte +miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen +Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der +gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten +ein Zeuge zugegen ist.« + +»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?« + +»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?« + +Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas +wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der +Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand +zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus +ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein +anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden, +und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat +in die Halle. + +Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er +plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame, +schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang +schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt, +erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein +grausiger Anblick. Leath hub zu reden an. + +»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf +der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier -- +und am Leben.« + +Sir Jasper gab keine Antwort. + +Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter. +Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten +Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre +Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen. + +»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam, +Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten +Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war +Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben +sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den +ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und +für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie +nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern +-- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es +nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die +sich für Ihre Gattin hält.« + +Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er +umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem +starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort: + +»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie +erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie +für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien +sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor +einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine +haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig +geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal +überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie +wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß +ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten, +daß ich Ihr Sohn war!« + +Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das +Hinundherschwanken hatte aufgehört. + +»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es +gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem +Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit +meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf. +»Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie +in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig +Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von +ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war +diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten +Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß +ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet +hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle. +Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den +Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie +ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden. +Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes. +War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.« + +Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge +Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war +schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr, +als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte, +schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor. + +»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?« + +»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem +Leibe -- ein Schlaganfall!« + + + + +24. + + +Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze +getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer. +In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die +herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so +daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und +ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in +beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das +Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen. + +Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall +sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn +schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große +Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine +solche Erschütterung gehabt hatte? + +Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum +fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser +Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war, +ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte +bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe +nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend +leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein +-- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte +ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern +jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem +Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen, +-- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere +Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich +ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von +einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady +Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen. + +Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer +Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete, +deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht +beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich +und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle +festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr +Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der +zugegen gewesen. + +Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady +Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend. +Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall +eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die +Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und +kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage +schleppten sich schwer dahin. + +Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben +Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel +gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und +zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß. +In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie +hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr +zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre +Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern +machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe, +bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter +und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen, +keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte +sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah, +wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht +trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen +konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen +Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen. + +Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre +Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit +weitgeöffneten Augen empor. + +»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige +Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?« + +Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret +Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste +Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer +entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen +konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet. +Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes +Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer +Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in +Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der +Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden +durfte. + +Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar +zurück. + +»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier +hereinführen, Morgan.« + +Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie +ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, +und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie +sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden +Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches +Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit -- +glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder +verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence, +welche bebend in ihrem Schoße lag. + +»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.« + +»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,« +antwortete sie. + +»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es. +Dann werde ich bis morgen warten.« + +»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen, +wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher +darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht +Platz nehmen?« + +»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist +wohl keine Veränderung eingetreten?« + +»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht +zu erwarten ist, nicht wahr?« + +»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache +genug für mich, wenn ich danach verlangte.« + +Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig +gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence +unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte +sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er, +dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war. +Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, +daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb +sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit, +die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den +Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie +es nicht länger ertragen konnte. + +»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so +sonderbar aus!« + +»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, -- +passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und +zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt +hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am +besten sage.« + +»Mir sage?« wiederholte sie. + +»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft +auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung +mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie +möglich. Ich gehe fort, Florence.« + +»Fort?« rief sie. »Nach London?« + +»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien +zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu +verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in +vier Tagen.« + +»Und -- und ich?« + +Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie +emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte -- +Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie +war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm +entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und +drängte sie dann sanft von sich. + +»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem +Versprechen, mich zu heiraten.« + +Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen, +schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als +fürchte sie sich, sie abzuwenden. + +»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte +er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die +Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen +schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als +ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre +Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe +zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen +lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, +Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und +als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor +gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib +wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen, +glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern +brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es -- +ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für +den Rest Ihres Lebens los.« + +Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem +sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich +nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath +weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter +traten ein. + +»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe +verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!« + +Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe +sie dieselbe erreicht hatte. + +»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen +Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich +Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.« + +»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete. + +»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort +zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.« + +»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert. + +Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu. + +»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen +Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick +zu. + +»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich. +Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von +mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein +unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.« + +»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß +ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das +Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein +dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht +glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre +-- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war +so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie +etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß +Sie sie freigeben.« + +»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln +umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe +es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein, +seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach +freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe, +und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach +Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England +niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und +mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie +glücklichere Zeiten kommen mögen!« + +Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm +mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab +und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu +des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie. + +»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches +Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich -- +die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der +regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er +fast im Flüstertone, »lebe wohl!« + +Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem +Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor: + +»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er +vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung +und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr +sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?« + +Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden, +sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf +ihre Wange gedrückt hatte. + +Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie +konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort +und sie frei war. + + + + +25. + + +Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz +dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins +Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen +gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel +heran und setzte sich. + +»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick +des andern. + +»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort steht wohl alles beim +alten, und es ist keine Wendung zum Besseren eingetreten?« + +»Nein -- nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. Wie Sir Jasper +jetzt daliegt, so kann er vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange +ausreicht, noch fünf Jahre liegen.« + +Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mannes. »Wenn wir +nach Rache getrachtet, so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.« + +»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte sanft, »nicht einmal um +Marys willen. Aber ich bin alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht +anders darüber gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung wie du.« + +»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete Leath mit einem +Stirnrunzeln, »man führt keinen Streich nach einem Toten, und in +Wirklichkeit ist er tot.« + +»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er wäre es in der Tat.« +Sherriff hielt zögernd inne. »Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung, +daß -- etwas nicht in Ordnung ist?« + +»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte es ihr sagen? Ihr Sohn +wird Sir Roy werden. Sie wird nie was anderes erfahren.« + +»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, würde ein solcher +Schlag sie getötet haben. Nun, du hast auf vieles -- auf sehr +vieles verzichtet, Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei +Unschuldige geschont, und was dir dafür wird, überwiegt alles andere +weit, das weiß ich.« + +»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. »Was ist das, wenn ich +fragen darf?« + +»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das Weib, das du liebst.« + +»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob er sich. »Es ist für mich +am besten, sich kurz zu fassen, wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe +Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben.« + +»Du hast sie freigegeben?« + +»Ja -- freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr das Versprechen +abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, daß ich ihre Liebe erringen könne. +Sie haßt mich, und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber -- +ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug über die Sache geredet; +ich wäre ein schlechterer Kerl, als ich bin, hätte ich sie in eine +unglückliche Ehe hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so +anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen Kampf gekostet, +das leugne ich nicht, aber ich glaube, ich habe das Schwerste jetzt +überstanden. Wenn nicht, nun, so werde ich in Australien besser damit +fertig werden als hier.« + +»In Australien?« + +»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet +meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der +fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten +Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei +Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?« + +»Zwei?« wiederholte der andere. + +»Ja -- wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen, +seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben +müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine +Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter -- zum +ersten Male versagte ihm fast die Stimme -- und fuhr fort: »Ich hoffe, +Sie kommen mit -- von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben +Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus +tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen, +nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater +empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist +schwer in Ihrem Alter -- mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung +sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?« + +»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt +dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard -- +aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!« + +Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das +Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe +bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig +und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges +Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die +Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er: + +»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen +wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu +berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein -- ja, ich leugne es +nicht, es war unrecht -- Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu +verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich +weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr +als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort +zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen +gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz +auf dich.« + +»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster +zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie +Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz +brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen. +Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu +tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott! +Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich +gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.« + +»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir +miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen +hofftest, nimmst du nichts mit zurück -- gar nichts!« + +»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des +Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!« + + * * * * * + +Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne +eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer, +die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die +Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften +Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von +Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor -- das letzte sichtbare +Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren +traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in +der Ferne verschwamm, -- war es doch für viele der letzte Blick auf +jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die +Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des +hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem +stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die +hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den +letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in +den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war +nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen +Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er +dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten. + +»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf +diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin, +wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein +Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den +Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust +empfunden hätte.« + +Sie gaben sich die Hände. + +»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise. + +»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem +letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary +umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich +zu Hause fühlen.« + +Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone +wieder an: + +»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein +alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich +doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig. +Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« -- + +Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt +mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So +scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr +unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war +verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen +aus. + +»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich! +Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein -- und hätte ich sie +nie mit Augen geschaut, am besten!« + +Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die +Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er +die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren +lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt +in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte -- für ihn waren der +bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern +eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig, +liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden +Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm. +Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es +am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige +Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde +das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem +Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals -- niemals!‹ +zugerufen hatte. + +»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich +hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo +alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen: +Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr +Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es +hätte wenigstens sein können. Ja -- und vielleicht hätte sie mich ewig +gehaßt. Besser so!« + +Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein +Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung +empor. + +»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte +er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir +wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie +freigegeben.« + +»Everard!« + +Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter +waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht +unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt, +ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht, +in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten +Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn -- +Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend +hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse, +mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft +an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer +Freude, an die er nicht zu glauben wagte. + +»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und +während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch +heißer. + +Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn +mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt. + +»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist +außer Sicht? Nein -- nein! Ich bin zu klug -- ich wollte mich nicht +blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich +an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber +ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte, +was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener +Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir +sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?« + +Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, aber er sprach nicht. +Er war seiner Bestürzung noch nicht Herr geworden: sie zu umfassen, +sie anzuschauen, das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre Hand +legte sich wieder um seinen Nacken. + +»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem Grauen, das mich +befiel, als es mir zum Bewußtsein kam, daß du fort seiest? Zu der +unerträglichen Pein, zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich +niemals dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder hören +würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz brach, als ich fühlte, daß +ich dich verloren? Nein, nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder +schmiegte sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, mein +Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu bringen, dich zu +lieben, und wie sehr hatte ich in meiner törichten Verblendung unrecht! +Wie lange habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe Haß genannt? +Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem du mich verlassen? Ich weiß es +nicht -- es kommt auch nicht darauf an -- hier bin ich und kann nicht +wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit wieder, Everard, aber +wie konnte ich sie hinnehmen und dir dafür danken, wenn du mir mein +Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und doch sagst du zu mir: +›Kehre um‹!« + +»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte ich mit der ganzen Welt +kämpfen müssen, um dich zu behalten!« Er küßte sie auf die Lippen. +»Florence, wissen es die Deinen?« + +»Ja -- jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court verließ, wußten sie +es noch nicht. Ich habe mich ohne ihr Wissen davongemacht. Ich wollte +nicht Abschied nehmen -- das hätte Tränen gekostet -- Szenen gegeben. +Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. Aber sie wissen es jetzt. +Ich habe der Herzogin geschrieben, habe Briefe für Tante Agathe und +Cis und einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß ich dir +nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen gesagt, daß ich, wenn sie +wieder von mir hörten, nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence +Leath sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe du ihn mir +gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe sind hinter mir verbrannt,« +schloß sie lächelnd. + +Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er ihr Gesicht emporhob und +sich zuwandte. + +»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt dich kostet? Du +gibst sehr viel auf, mein Lieb!« + +»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich selbst,« antwortete sie +innig, »was ich verliere, verliere ich um dich.« + +»Es kostet dich dein Vermögen?« + +»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger Vormund, und die +Herzogin wird mir niemals vergeben. Ja -- das kostet es mich.« + +»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben lang geliebt hast, +Kind!« + +»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin bei einem, den ich viel +mehr liebe.« + +»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung Gehen, mein Weib.« + +»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück. + +Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die Arme, und sie küßten +sich wieder. Das beredteste Wort war arm solch glückseligem Schweigen +gegenüber. + +Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als ein näherkommender +Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. Beide erkannten Sherriffs +hohe Gestalt, der langsam herankam und im Zwielichte in der ihm noch +unvertrauten Umgebung suchend umherspähte. + +Florence faßte die Hand ihres Verlobten und trat ein wenig vor. + +»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« sprach sie. »Schon deshalb +würde ich ihn lieben, hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll +auch mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.« + + + + +Notizen des Bearbeiters: + +Inhaltsverzeichnis eingefügt. + +Fett gedruckter Text markiert durch: = ... = + +Gesperrt gedruckter Text markiert durch: _ ... _ + +Unterstrichener Text markiert durch: ~ ... ~ + +Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten. + +Offensichtliche Fehler wurden korrigiert. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** + +***** This file should be named 64003-0.txt or 64003-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/4/0/0/64003/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Andrews. + </title> + + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +div.chapter {page-break-before: always;} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +.p3 {margin-top: 3em;} +.pmb1 {margin-bottom: 1em;} +.pmb2 {margin-bottom: 2em;} +.pmb3 {margin-bottom: 3em;} + +hr.tb {width: 45%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both;} + +hr.chap {width: 65%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both;} + +.block4a { + margin-left: 20%; + margin-right: 40%; +} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + + .tdl {text-align: left;} + .tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + +.u {text-decoration: underline;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; + font-style: normal;} + +.antiqua { + letter-spacing: 0.1em; + margin-right: -0.1em; + font-size: 90%; + font-family: Helvetica,Arial,sans-serif;} + +.font08 {font-size:0.8em;} +.font12 {font-size:1.2em;} +.font13 {font-size:1.3em;} +.font14 {font-size:1.4em;} +.font30 {font-size:3.0em;} + +h2.no-break + { + page-break-before: avoid; + padding-top: 2em; + } + +.break {page-break-before: always;} + +/* Images */ +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; +} + +.figleft1 { + float: left; + clear: left; + margin-left: 0; + margin-bottom: 0.3em; + margin-top: 0; + margin-right: 1em; + padding: 0; + text-align: center; +} + +/* Poetry */ +.poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; +} + +.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + +.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:smaller; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; } + + +@media handheld + { + .figleft1 { float: left; } + .gesperrt { + letter-spacing:0; + margin-right:0; + font-style:italic;} + + body {margin-left: 3%; + margin-right: 3%;} + + p {margin-top: .25em; + text-align: justify; + margin-bottom: .25em;} + + h2.no-break { + page-break-before: avoid; + padding-top: 0;} + + + hr.tb {width: 45%; + margin-top: 0.2em; + margin-bottom: 0.2em; + margin-left: 27%; + margin-right: 27%; + clear: both;} + hr.chap {width: 75%; + margin-top: 0.4em; + margin-bottom: 0.4em; + margin-left: 12%; + margin-right: 12%; + clear: both;} + + .block4a {margin-left: 20%; + margin-right: 40%;} + + .break {page-break-before: always;} + + .p3 {margin-top: 0.6em;} + .pmb1 {margin-bottom: 0.2em;} + .pmb2 {margin-bottom: 0.4em;} + .pmb3 {margin-bottom: 0.6em;} + + /* Poetry */ + .poem {margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left;} + + .poem .stanza {margin: 0.3em 0em 0.3em 0em;} + + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 0.6em; text-indent: -0.6em;} + + /* Transcriber's notes */ + .transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:smaller; + padding:0.3em; + margin-bottom:1em; + font-family:sans-serif, serif; } + +} + + +</style> + + +</head> + + +<body> +<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Robert Bontine, by C. Andrews + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Robert Bontine + +Author: C. Andrews + +Translator: Marie Schultz + +Release Date: December 10, 2020 [EBook #64003] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online + Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** +</pre> + +<p class="pmb3" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_1"></a></span></p> + +<p class="pmb3" /> +<h1>Robert Bontine</h1> +<p class="pmb3" /> + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p> + +<p class="center font13 pmb1"><em class="gesperrt">Enßlins Mark-Bände.</em></p> + +<p class="center font08"> +In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen<br /> +in demselben Verlage: +</p> + +<table border="0" cellspacing="0" class="tdl" summary="Enßlins Mark-Bände"> + <colgroup> + <col width="10%" /> <col width="88%" /> + </colgroup> + <tr> + <td align="right"><span class="font08">Band</span></td> + <td> </td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>1:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Leben.</b> Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>2:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Theaterkinder.</b> Roman von L. Pany.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>3:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der goldene Schatten.</b> Roman von L. T. Meade.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>4:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Gib mich frei!</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>5:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Bettelmaid.</b> Roman von J. Fitzgerald Molloy.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>6:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Sein Recht.</b> Roman von E. Fischer-Markgraff.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>7:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Eigenart.</b> Roman von C. von Ende.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>8:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Auf eignen Füßen.</b> Roman von K. Krehmcke.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>9:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Soldatentöchter.</b> Offiziergeschichten von Christa Hoch.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>10:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Erbin.</b> Roman von H. Köhler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>11:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Das Recht auf Glück.</b> Roman von H. Gréville.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>12:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der Scharlachbuchstabe.</b> Roman von N. Hawthorne.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>13:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Jessika von Duden u.~a. Novellen.</b> Von G. Genzmer.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>14:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die goldene Stadt.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>15:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Freie Menschen.</b> Roman von Thé von Rom.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>16:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Vom Baum der Erkenntnis.</b> Roman von H. Hessig.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>17:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Ebba Hüsing.</b> Roman von Willrath Dreesen.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>18:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Des Andern Ehre.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>19:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Sulamith.</b> Roman von A. und C. Askew.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>20:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Irrende Seelen.</b> Roman von V. Luzická.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>21:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Mandus Frixens erste Reise.</b> Von E. G. Seeliger.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>22:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der Herzbruchhügel.</b> Roman von H. Vielé.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>23:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Kosaken.</b> Erzählung von Leo A. Tolstoj.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>24:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Viktoria.</b> Roman von G. von Mühlfeld.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>25:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Nordnordwest. — Die beiden Friesen.</b> Zwei Inselgeschichten. + Von Ewald Gerhard Seeliger.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>26:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Hilde Schott.</b> Roman von Adolf Gerstmann.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>27:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Waldasyl.</b> Roman von Johanna Klemm.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>28:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Was Gott zusammenfügt ...</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>29:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Aus dämmernden Nächten.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>30:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Kajus Rungholt.</b> Roman von Charlotte Niese.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>31:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Der verkaufte Kuß.</b> Roman von Alwin Römer.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>32:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Durch Sturm und Not.</b> Roman von J. Gräfin Baudissin.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>33:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Ich will vergelten.</b> Roman von Ellen Svala.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>34:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Haus Schottmüller.</b> Roman von August Niemann.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>35:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Robert Bontine.</b> Roman von C. Andrews.</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08">Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen:</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>36:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Käthes Ehe.</b> Roman von H. Courths-Mahler.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>37:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Herbstgewitter.</b> Roman von Anna Behrens.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>38:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Das arme Glück.</b> Roman von L. vom Vogelsberg.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>39:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Die Karsteins.</b> Roman von H. Lang-Anton.</span></td> + </tr> + <tr> + <td align="right"><span class="font08"><b>40:</b></span></td> + <td><span class="font08"><b>Von fremden Ufern.</b> Roman von Anny Wothe.</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08"><em class="gesperrt">Die Sammlung wird fortgesetzt</em>.</span></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08"><em class="gesperrt">Preis jedes Bandes</em>: 1 Mark oder 1 Krone<br /> + 20 Heller oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken.</span></td> + </tr> + <tr> <td align="right"> </td> <td align="left"> </td> </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font08"><em class="gesperrt">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</em>.</span></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2" align="center"> + <span class="font12"><em class="gesperrt">Verlangen Sie <span class="u">Enßlins</span> Mark-Bände!</em></span></td> + </tr> +</table> +<p class="pmb3" /> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_3"></a></span></p> + + +<p class="p3 center font30 pmb2">Robert Bontine</p> + +<p class="center font14 pmb1">Roman</p> + +<p class="center pmb1">von</p> + +<p class="center font14 pmb1">C. Andrews</p> + +<p class="center font08 pmb2">Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz</p> + +<p class="center font08 pmb2">1. bis 12. Tausend</p> + +<div class="figcenter" style="width: 120px;"> + <img src="images/003_logo.jpg" width="120" height="154" alt="Logo." title="" /> +</div> +<p class="pmb3" /> + + +<hr class="tb" /> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Reutlingen</em></p> + +<p class="center font12 pmb3">Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_4"></a></span></p> + +<p class="center font08 pmb1">Nachdruck verboten.</p> + +<p class="center font08 pmb1">Alle Rechte vorbehalten.</p> + +<p class="center font08 pmb1">Übersetzungsrecht vorbehalten.</p> + +<p class="center pmb3"><em class="antiqua">Printed in Germany</em></p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_i"></a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Inhalt">Inhaltsverzeichnis</h2> +</div> + +<div class="block4a"> +<table border="0" cellspacing="0" class="tdr" summary="Inhaltsverzeichnis/Contents"> + <colgroup> + <col width="20%" /> <col width="4%" /> <col width="10%" /> + </colgroup> + <tr> + <td colspan="3" align="right"><span class="font08">Seite</span></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>1.</td> + <td><a href="#Page_5">5</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>2.</td> + <td><a href="#Page_21">21</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>3.</td> + <td><a href="#Page_35">35</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>4.</td> + <td><a href="#Page_48">48</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>5.</td> + <td><a href="#Page_59">59</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>6.</td> + <td><a href="#Page_71">71</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>7.</td> + <td><a href="#Page_83">83</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>8.</td> + <td><a href="#Page_91">91</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>9.</td> + <td><a href="#Page_101">101</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>10.</td> + <td><a href="#Page_113">113</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>11.</td> + <td><a href="#Page_126">126</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>12.</td> + <td><a href="#Page_138">138</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>13.</td> + <td><a href="#Page_152">152</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>14.</td> + <td><a href="#Page_165">165</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>15.</td> + <td><a href="#Page_175">175</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>16.</td> + <td><a href="#Page_189">189</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>17.</td> + <td><a href="#Page_203">203</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>18.</td> + <td><a href="#Page_213">213</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>19.</td> + <td><a href="#Page_224">224</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>20.</td> + <td><a href="#Page_240">240</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>21.</td> + <td><a href="#Page_256">256</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>22.</td> + <td><a href="#Page_265">265</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>23.</td> + <td><a href="#Page_283">283</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>24.</td> + <td><a href="#Page_298">298</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Kapitel</td> <td>25.</td> + <td><a href="#Page_309">309</a></td> + </tr> +</table> +</div> +<p class="pmb3" /> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_1">1.</h2> +</div> + +<p><span class="figleft1" style="width: 70px;"> + <img src="images/capital_e.jpg" width="70" height="79" alt="E" title="" /> +</span> +s schien, als ob das Gewitter sich in wenigen +Minuten zusammengezogen hätte. Den ganzen +Tag war das Wetter wunderschön gewesen, +warm und sonnig. Es war schwer +zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer tiefer +blau sei, — an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, +auf der Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte +Welle. Dann war plötzlich die Sonne verschwunden, +große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die +zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und +See und Himmel waren grau. Ein fahler Blitz zuckte +am Horizont auf, ein dumpfes Donnerrollen unterbrach +die schwüle Stille, und schwere Regentropfen begannen +zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder, +und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, +als freue er sich des gestörten Friedens in der Natur.</p> + +<p>»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile +allem Anschein nach keine menschliche Behausung, und +dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der Tat!«</p> + +<p>Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der +sie sagte, stehen, um den Kragen seines leichten Oberrockes +in die Höhe zu schlagen. Auf der breiten, ebenen +Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog, +war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch + <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span> +irgendein Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren +können.</p> + +<p>Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den +Regen ins Gesicht trieb, und eilte schnelleren Schrittes +auf dem unebenen Fußpfade, den er seit einer Stunde +verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte plötzlich, +als ob der Donner, der über seinem Haupte +krachte, ein Schuß gewesen wäre, der unmittelbar an +seinem Ohre abgefeuert worden.</p> + +<p>»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter +ihm. »Sie finden weit und breit kein Obdach und +werden bis auf die Haut durchnäßt werden! Hierher! +Schnell!«</p> + +<p>Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine +Strecke hinter ihm, ungefähr in der Mitte zwischen dem +Fußweg und dem steil abfallenden Rande der Klippe, +stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen +Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick +stehen blieb und sie schier verwundert anstarrte, +winkte sie ihm gebieterisch mit der Hand.</p> + +<p>»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst +auch noch naß! Beeilen Sie sich, der Regen wird bald +noch schlimmer werden als jetzt.«</p> + +<p>Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, +ihrem herrischen Befehle folge gebend. Als er bei +ihr anlangte, versank sie plötzlich und verschwand unter +dem nassen Gestrüpp.</p> + +<p>»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem +Tone aus der Tiefe herauf. »Seien Sie vorsichtig — +es kommen drei Stufen. Aber fallen können Sie nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p> + +<p>Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein +Lichtschein, der zu hell war, als daß er durch das +Laub hätte fallen können, zeigte ihm das kleine +höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese +Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen +Felsstufen, neben denen sie stand. Er war ein hochgewachsener +Mann und mußte sich deshalb bücken, +um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während +er vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.</p> + +<p>»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, +»aber es ist doch dem Naßwerden vorzuziehen. Geben +Sie mir lieber die Hand, sonst möchten Sie straucheln — +der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick! +Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß +es noch schlimmer werden würde.«</p> + +<p>Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in +Strömen herab und prasselte auf den Felsen nieder. +Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin das Gesicht +zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen +erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten +kam, fiel nur bis auf die Hand, mit der sie die +seinige ergriffen hatte.</p> + +<p>»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer +so plötzlich zum Ausbruch?« fragte er.</p> + +<p>»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. +Aber ich kenne die Vorboten und konnte +deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht — nicht +eher?«</p> + +<p>»Erst als Sie mich anriefen.«</p> + +<p>»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete +am Eingang, um Sie hereinzurufen, aber das erstemal + <span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span> +hörten Sie mich nicht. Hierher! Treten Sie dorthin, +wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«</p> + +<p>Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, +umschloß die seine, und er schritt vorsichtig hinter ihr +die schmale, abschüssige Senkung hinunter, an der sie +ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der +Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der +Wellen am Fuße der Klippe vernehmlicher. Nach +einer Minute etwa ließ sie seine Hand los.</p> + +<p>»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon +sagte, ist es kein besonders anziehender Zufluchtsort, +aber er ist mir schon oft von Nutzen gewesen.«</p> + +<p>Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche +Höhle, die sich so groß wie ein kleines Zimmer in der +Vorderwand der Klippe befand. Mit einem belustigenden +Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie +jetzt erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen +auf einen flachen Vorsprung der Felswand nieder, der +groß und niedrig genug für den Zweck war.</p> + +<p>»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie +führte, nicht wahr?« meinte sie.</p> + +<p>Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte +sich der Öffnung der Höhle genähert und blickte nach +unten. Eine dicht von Schlingpflanzen überwucherte +Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann +fiel die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. +Ein Schauder überlief ihn, als er auf die wogende +Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem Bereich +des herabströmenden Regens zurück.</p> + +<p>»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort +gewählt,« sagte er.<span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span> +»Gefährlich?« gab sie zurück.</p> + +<p>»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier +oben —«</p> + +<p>»O, eines Sturzes!«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« +meinte sie gleichgültig. »Ich werde doch nicht +so nahe herangehen, daß ich hinabstürzen könnte.«</p> + +<p>»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, +»ein Sturz von hier oben würde den Tod bedeuten.«</p> + +<p>»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei +vielen anderen Stellen der Klippen behaupten. Die +Felswände sind fast überall furchtbar steil. Es ist +schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch +ein Geländer zu schützen, glaube ich; aber der Plan +ist wieder aufgegeben worden. Vielleicht ist es auch +kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden +Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, +sind eine seltene Erscheinung.«</p> + +<p>»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich +hier fremd bin?«</p> + +<p>»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens +fragten Sie mich, ob unsere Gewitter sich immer so +plötzlich zusammenzögen.«</p> + +<p>»Und drittens — wußte ich nichts von diesem +Ihrem Zufluchtsort,« ergänzte er.</p> + +<p>»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, +— ich glaube, kaum irgend jemand. Ich selbst habe +ihn ganz zufällig entdeckt.«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, +und er verschwand in dem Ginstergebüsch, das den + <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span> +Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen herabgesprungen +oder heruntergerutscht sein und konnte +sich nicht wieder herausfinden. Ich rief und wartete, +und schließlich hörte ich ihn bellen und leise winseln. +Da fand ich das Loch und bahnte mir einen Weg +hinunter.«</p> + +<p>»Und so entdeckten Sie die Höhle?«</p> + +<p>»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, +daß Sie bis auf die Haut durchnäßt sein würden, ehe +Sie St. Mellions erreichten.«</p> + +<p>»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«</p> + +<p>Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, +daß sie ihn gehört habe, antwortete aber nicht. Sie +wandte das Haupt und blickte in den grauen Himmel, +auf die graue See, den strömenden Regen und die flammenden +Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, +sie ungestört zu mustern.</p> + +<p>Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu +sein; ihre kaum voll entwickelte Gestalt war biegsam +und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war so schlicht +und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem +Beobachter fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar +auf, die Schwärze der Brauen und der langen, gebogenen +Wimpern, das dunkle, bläulich schimmernde +Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die +schneeige Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene +kleine herrische Mund.</p> + +<p>Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich +stolz und wahrscheinlich von heftigem Temperamente +war, und er zerbrach sich den Kopf darüber, +wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span> +wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde +sie einen Mann gesehen haben, der dreißig Jahre alt +sein mochte, dessen sehnige, aufrechte Gestalt auf große +Energie und Kraft schließen ließ, dessen sonnengebräunte +Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen +blonden Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart +bildete, dessen Züge weder besonders hübsch noch +besonders unschön waren, und dessen Äußeres durch +die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, +kalte blaue Augen nicht anziehender wurde.</p> + +<p>Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, +daß sie ohne allen Zweifel eine Dame sei, obgleich +ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht verriet. Sie +ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für +einen Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze +Brüskheit des Benehmens, — zu unbewußt, um als +ungezogen zu gelten, — war den Männern nicht +eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. —</p> + +<p>Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen +rauschte hernieder und füllte die Pause aus, die beiden +schnell peinlich zu werden anfing. Das junge Mädchen +machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht +verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung +des Fremden bewußt sei. Sie nahm den Matrosenhut +ab, der die losen kastanienbraunen Löckchen, die sich +auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.</p> + +<p>»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. +»Und dabei sind wir erst in der ersten Hälfte +des Juni. Mitte August ist es sonst nicht schlimmer!«</p> + +<p>»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab +der Mann ruhig zurück.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span></p> + +<p>»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig +fragenden Blick zu. »Aber nicht in diesem Teile Englands,« +erklärte sie sehr entschieden.</p> + +<p>»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von +Australien.«</p> + +<p>»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem +Interesse. »Daher kommen Sie also?«</p> + +<p>»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«</p> + +<p>Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.</p> + +<p>»Es war ein merkwürdiges Gefühl — ich werde +es niemals vergessen: mir war zumute, als sei ich aus +den Wolken auf die Erde niedergefallen.«</p> + +<p>»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«</p> + +<p>»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in +dem ganzen Lande kein Wesen gibt, das ich kenne.«</p> + +<p>»O!«</p> + +<p>Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung +zunichte.</p> + +<p>»Sie haben also keine Verwandten hier?«</p> + +<p>»Ich habe nirgends Verwandte, — die ich kenne.« +Er stockte seltsam in der Mitte des Satzes, und sein +Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten vermutlich, +ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«</p> + +<p>»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions +einen Verwandten in Australien hätte, so +würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz +England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß +Sie sich zuerst einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht +haben. Ich fürchte, Sie ahnen nicht, wie +langweilig es hier ist.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span></p> + +<p>»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl +in der Sache.«</p> + +<p>»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig +an. »Dann sind Sie nicht zu Ihrem Vergnügen +hergekommen?«</p> + +<p>»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein +— in Geschäften!«</p> + +<p>Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie +ihr Gesicht fast beleidigt abwandte und verstummte. +Sie blickte wieder in das graue Landschaftsbild und +den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.</p> + +<p>Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend +nicht bewußt war, hub wieder an:</p> + +<p>»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können +Sie mir vielleicht sagen, wie weit es noch bis St. Mellions +ist?«</p> + +<p>»Ungefähr eine Viertelstunde.«</p> + +<p>Sie sprach sehr kurz zu ihm.</p> + +<p>»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur +von Häusern erblicken.«</p> + +<p>»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« +Vielleicht hatte er sie gar nicht beleidigen wollen. +Bei dieser Erwägung wurde sie wieder fast liebenswürdig +und setzte ihm auseinander, daß das Dorf +in einer Talmulde läge.</p> + +<p>»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er +kein Wirtshaus hat?«</p> + +<p>»Nein — sogar zwei.«</p> + +<p>Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem +Tone fort: »Wir werden nicht mehr lange<span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span> +gefangengehalten werden: die Wolken teilen sich, der +Regen wird gleich vorüber sein.«</p> + +<p>Sie hatte recht, denn wenige Minuten später +schien die Sonne, und Meer und Himmel waren blau. +Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so übernahm +sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen +Gang und die drei Felsenstufen hinauf, +durch das dichte Ginstergestrüpp, das den Eingang +verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. +Hier nahm der Fremde ernst den Hut ab und verneigte +sich vor ihr. Sie hatte ihm diesmal nicht die Hand +gegeben.</p> + +<p>»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie +gehen, — entschuldigen Sie, — nicht denselben Weg +wie ich?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte +es schelmisch auf. »Dorthin führt mein Weg,« sagte +sie leichthin und deutete schräg über die Halde auf eine +dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht +verfehlen. Geradeaus! Adieu!«</p> + +<p>»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe +einen Verstoß begangen. Wenn das der Fall ist, so +müssen Sie das, bitte, meinem Leben in Australien zugute +halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und +müßte Ihnen sicherlich meinen Namen nennen.«</p> + +<p>»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete +sie lächelnd.</p> + +<p>»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.«</p> + +<p>»Danke, Herr Leath.«</p> + +<p>Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der<span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span> +Hoffnung, sie werde jetzt ein gleiches tun, wußte +sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus Schelmerei eine +Enttäuschung.</p> + +<p>»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt +zwei Wirtshäuser in St. Mellions. Gehen Sie nicht +in den Schwarzen Adler — die Schlafzimmer sind +dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, +die den gewissenhaftesten Eigentümer und die beste +aller Wirtinnen haben.«</p> + +<p>»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«</p> + +<p>Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, +machte er noch einen Versuch — diesmal einen direkten. +— »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit nicht die Krone +aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu +Dank verpflichtet bin?«</p> + +<p>»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur +natürlich, daß Sie das gerne wissen möchten — +freilich!«</p> + +<p>Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter +und raffte geschickt ihre Röcke zusammen, damit sie +das regenfeuchte Gras nicht streiften. »Nun, wenn +Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie +nur Ihre Wirtin.«</p> + +<p>Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so +leicht und schnell wie ein Vogel dahin und blickte sich +mit hellem Lachen noch einmal um. Everard Leath +schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die +Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach +St. Mellions ein.</p> + +<p>Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war +so steil, daß der einsame Wanderer fast in die Schornsteine<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span> +des Dorfes hinabsehen konnte. Er ließ sich von +einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem +Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die +niedere Gaststube der Chichester Arms.</p> + +<p>Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig +zu seinem Empfange herbeikam, führte ihn in ein +kleines sauberes Wohnzimmer mit getäfelten Wänden +und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker Butzenscheibenfenster, +einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke +und riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen.</p> + +<p>Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, +und nachdem er sich in einem fünfeckigen Schlafzimmer +von dem Reisestaub gesäubert hatte, setzte er +sich und wartete darauf.</p> + +<p>Als er mit der müßigen Neugier, die einem +Menschen, der sich an einem fremden Orte befindet, +natürlich ist, aus einem der Fenster schaute, sah er +einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors +Haus reiten. Mit schnell erwachtem Interesse in den +Zügen wandte er sich an das Mädchen, das gerade die +letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen Tisch +stellte, mit der Frage:</p> + +<p>»Wissen Sie, wer das ist?«</p> + +<p>»Das, gnädiger Herr?«</p> + +<p>Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch +die Geranien und erhielt sofort einen fröhlichen Gruß +von dem Reiter.</p> + +<p>»O freilich — das ist Herr Roy!«</p> + +<p>»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. +»Das sagt mir nicht viel. Wer mag Herr Roy sein?«</p> + +<p>»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er<span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span> +ist sein Einziger. Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.«</p> + +<p>»Wie heißt Sir Jasper weiter?«</p> + +<p>»Sir Jasper Mortlake, Herr.«</p> + +<p>Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, +der Sir Jasper nicht kannte, war augenscheinlich +in ihren Augen ein Phänomen.</p> + +<p>»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« +meinte sie in fast vorwurfsvollem Ton.</p> + +<p>»Nein — niemals. Gehört ihm dies Haus?«</p> + +<p>»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler +ist seines. Unser Herr ist Herr Chichester. Wünschen +Sie sonst noch etwas?«</p> + +<p>Leath hatte weiter keine Wünsche und begann +sein Mahl, aber nicht ehe er Roy Mortlake hatte +davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen Beifall +gezollt hatte.</p> + +<p>Später, als er in einem der großen Stühle saß +und seine Zigarre rauchte, klopfte es, und seine rührige +Wirtin trat ein, um sich zu erkundigen, ob es ihm geschmeckt +habe und wo sie sein Gepäck abholen lassen +könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in +Market Beverley stände.</p> + +<p>»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.</p> + +<p>»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, +gnädiger Herr. Oben auf den Klippen +entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.«</p> + +<p>»Den Weg bin ich gekommen.«</p> + +<p>Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin.</p> + +<p>»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert<span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span> +sind, gnädiger Herr, so müssen Sie von dem +Gewitter überrascht worden sein!« rief sie.</p> + +<p>»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei +fällt mir ein, mir ist aufgetragen, Ihnen eine Frage +vorzulegen, Frau Buckstone.«</p> + +<p>»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?«</p> + +<p>»Ja, — von einer Dame, die mir als rettender +Engel erschien und mich vor dem Naßwerden bewahrt +hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«</p> + +<p>Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem +Tone sein Erlebnis.</p> + +<p>»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, +und sagte mir, ich möchte mich an Sie wenden, wenn +ich ihn wissen wolle,« schloß er lächelnd, »und fort +war sie.«</p> + +<p>»War sie hübsch, gnädiger Herr?«</p> + +<p>»Hübsch? Freilich — mehr als das. Aber wer +war es? Können Sie es sich denken?«</p> + +<p>»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. +»Darüber kann kaum ein Zweifel sein. Das +war natürlich die Gräfin Florence.«</p> + +<p>»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den +Namen mit erstauntem Blick. »Was? Ist die junge +Dame verheiratet?«</p> + +<p>»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter +eines Grafen drüben in Irland, der starb, als sie ein +ganz kleines Ding war. Sie ist Sir Jasper Mortlakes +Nichte — und wohnt meistens bei ihnen in Turret +Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger +Herr? Es liegt an der anderen Seite der Halde, +etwa dreiviertel Stunden von hier.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span></p> + +<p>»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete +Leath und griff wieder nach seiner Zigarre.</p> + +<p>»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach +er halblaut und gedankenvoll vor sich hin, als +die geschäftige Wirtin den Tisch abgeräumt und ihn +allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger, ungewöhnlicher +Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret +Court.«</p> + +<p>Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch +eines der Erkerfenster in den dunkelblauen Abendhimmel +hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich +etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst +könnten mir jene grauen Augen gefährlich werden, +fürchte ich!«</p> + +<p>Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das +ihn beschäftigte, und sein Antlitz wurde düsterer und +strenger, als er darüber nachsann. Nicht an Florences +graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf +ihrer weißen Stirn, noch an ihre schöngeschweiften +roten Lippen dachte er. Er begann in dem engen +Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor +sich hinzumurmeln.</p> + +<p>»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt +ein Ende kommen? Jetzt, wo ich hier bin, +steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob — wenn +ich nicht mein Wort verpfändet hätte — es nicht verständiger +gewesen wäre, ich hätte alles gehen lassen, +wie es wollte, und niemals diesen Ort betreten? Mein +Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen, +nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span> +dünkt. Soll ich ihn aufgeben, trotz meines gegebenen +Wortes wieder gehen?«</p> + +<p>Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte +seine kräftige Hand. »Bah! Welche Feigheit ist das +auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der Wolke gedenken, +die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes, +an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre +einsamer Arbeit und schweren Ringens, und will +nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine Arbeit +anfängt!«</p> + +<p class="pmb3">Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu +starren. »Nun, der erste Schritt ist getan. Ich bin +hier in Mellions, dessen Name mir fast von meiner +Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel +näher bin ich jetzt wohl meinem Ziele — wieviel +näher daran, Robert Bontine zu finden?«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_2">2.</h2> +</div> + +<p>Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court +hatte verschiedene Vorzüge, die es erklärlich machten, +daß es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie +war. Die bemalten, in die Wände eingefügten +Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis +auf den Boden hinabgehenden Glastüren führten auf +eine von Schlinggewächsen berankte Veranda, vor +der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, +von prangenden Blumenbeeten und üppigem +Gesträuch eingefaßter Rasen ausbreitete, und von der +man überdies eine wundervolle Aussicht über die +Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und +auf das ferne Meer genoß. Turret Court lag hoch, +so hoch, daß man von dort das Tal, in dessen grünem +Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.</p> + +<p>Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im +ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete, +ein behagliches Mittagsschläfchen halten zu +können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre +Tochter immer am besten singen konnte. Der größte +Vorzug aber von allen war, wie Gräfin Florence mehr +als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß Sir Jasper +seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. +Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen<span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span> +bei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann, +und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches Töchterchen +waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, +daß sie sich vor ihm fürchteten.</p> + +<p>An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht +in der Nähe des getäfelten Zimmers, sonst hätte dort +nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe +saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den +sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht +fast zu groß für ihre zarten weißen Hände zu +sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau, +die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig +angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. +Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz +mit den sanften Augen hatten noch etwas Mädchenhaftes, +obgleich sie schon zwei oder drei Jahre über +die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne +je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges +gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme +Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen +Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht +der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber +doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona, +pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit +zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, +was ihre innerste Überzeugung war, — daß es eine +ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau +ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung +und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder +ihrer beiden jungen Gefährtinnen zu lauschen, +die in bequemen Schaukelstühlen auf der Veranda + <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span> +saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden +Mädchen schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.</p> + +<p>Florences graue Augen blitzten schelmisch, während +sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch +tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen, +die Florence Esmond am besten kannten, +pflegten zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis +daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund, +beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter +vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. +Die Behauptung war nicht sehr übertrieben, denn +es entsprach des Mädchens innerster Natur, heiß zu +lieben, wo es überhaupt liebte.</p> + +<p>Cäcilie — im Familienkreis stets Cis genannt +— war ein sehr hübsches Mädchen, — in der ganzen +Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer +Schönheit berühmt, — klein und zart gebaut, mit +goldblondem Haar und lichtbraunen Augen und mit +vollendet schönen und zarten Farben. — Dem Aussehen +nach schien sie weit jünger als ihre größere +Cousine mit ihrer stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem +schlanken Hals und Nacken und dem hochmütig getragenen +braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied +zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige +Wochen. Beide hatten im vergangenen Winter ihren +zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.</p> + +<p>Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: +»Wie viele Torheiten habe ich mir im Leben schon +zuschulden kommen lassen, die dir nicht einmal eingefallen +wären, du gutes kleines Ding! Ich tue +freilich in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber + <span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span> +was nützt das? Und ach, was noch schlimmer ist, +wie zahllose werde ich voraussichtlich noch begehen.«</p> + +<p>»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte +Cäcilie lächelnd.</p> + +<p>»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund +wurde ernst; sie setzte sich aufrecht in ihrem Stuhle +hin. »Liebes Herz, — dabei fällt mir ein, — wie +du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte +oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir +meine ahnungslose Jungfer eine Bombe. Die Herzogin +hat geschrieben.«</p> + +<p>»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt +nach dir?«</p> + +<p>»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte +sie mich mit Vorwürfen, daß ich sie mitten in der +Saison im Stich gelassen, besonders nach der Mühe, +die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte +meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und +daß der Doktor ihr anempfohlen, ohne Aufschub nach +Pontresina abzureisen, und der vierte befiehlt mir, +heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen +und bereit zu sein, sie zu begleiten.«</p> + +<p>»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! +Du sagtest, du wolltest den ganzen Sommer +bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich verlieren!«</p> + +<p>Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre +Cousine erhob sich lachend, küßte sie und strich ihr +mit der weißen Hand über den blonden Kopf.</p> + +<p>»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! +Ich habe schon geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll +zu melden, daß ich sie nicht begleiten werde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span></p> + +<p>»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird +furchtbar böse werden.«</p> + +<p>»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England +zu bleiben,« gab Florence gelassen zur Antwort. +»Bis sie zurückkommt, wird sie es überwunden haben.«</p> + +<p>»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein +Mortlake empfand ein gut Teil Angst und Scham vor +Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin von Dunbar, +da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und +sah fast ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, +der hochgeborenen Dame Trotz zu bieten.</p> + +<p>»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater +in die Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. +»Ein Vormund ist genug.«</p> + +<p>»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer +schon zu viel ist.« Florence setzte sich wieder in ihren +Stuhl, verschränkte die Hände im Nacken unter dem +vollen, lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen +Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht +lästig, das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin +hat bei mir Gevatter gestanden, und so hätte sie +es wohl nicht gern gesehen, wenn sie übergangen +worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht +gewesen sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften +verstünden. Er hielt es im Interesse meiner +Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen Vormund +an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, +daß seine Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner +einzigen Schwester, fiel. Ihre Durchlaucht waren +unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem ich<span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span> +mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt +— was meinen Aufenthalt betrifft wenigstens.«</p> + +<p>Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin +in anderer Hinsicht nicht tun könne, was ihr beliebte.</p> + +<p>»Hast du — hast du es der Herzogin erzählt, +Florence?« fragte Cis, anscheinend ganz ohne allen +Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.</p> + +<p>»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu +warten. Teils weil ich der Ansicht war, mein Brief +sei sowieso schon hinreichend, um ihr auf die Nerven +zu fallen, — von der Laune, in die er sie versetzen +wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich +hielt, sie könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen +und Pontresina ganz und gar vergessen und +in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche erscheinen, +um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten +sind mir gewöhnlich langweilig.«</p> + +<p>Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab +und fragte: »Wo ist Roy heute morgen, Cis?«</p> + +<p>»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar +bestimmt. Er sagte beim ersten Frühstück, er wolle +nach Arborfield hinüberreiten.«</p> + +<p>»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« +setzte Florence gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst +du nicht zu Ende, Cis?«</p> + +<p>Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen +schaute, dessen zarte Farbe dunkler wurde.</p> + +<p>»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit +drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz +nett, einen Harry zu haben. Weißt du, ich denke mitunter, +wie mir das wohl gefallen würde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span></p> + +<p>»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit +der würdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor. +»Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen, +wo du —«</p> + +<p>»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch +davon überzeugt bin, daß ich es nie sein werde!« +beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht, +mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß +nicht, mich in sentimentalen Erwägungen zu ergehen. +In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich gehört, +und dich und Harry nur aus dem angemessenen +überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. +Und darin kann ich gleich anfangen, mich +zu üben, denn da sind sie schon.«</p> + +<p>Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden +her quer über den Rasen — der blonde, glattwangige, +langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde +Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der +Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry +Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries +von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit +drei Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch +mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des +noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen +ihn begrüßte, würdig sei.</p> + +<p>Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ +goldblonder Kopf wurde sorgfältig mit einem Sonnenschirm +beschützt, und Roy setzte sich auf eine Stufe +der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. +Lady Agathe hatte die Ankömmlinge nur mit einem<span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span> +freundlichen Lächeln begrüßt, sich aber nicht weiter +stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.</p> + +<p>»Flo,« — Roy liebte es, Gräfin Florences Namen +so abzukürzen, — »ich habe Chichester gesehen — +Hallo! Zum Kuckuck auch!«</p> + +<p>Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen +Sitze empor. Sir Jasper riß plötzlich die Tür auf und +betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Bestürzung +seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences +grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie +in diesem Raume erschien.</p> + +<p>Er sah — wenigstens auf den ersten Blick — +nicht so aus wie jemand, dessen plötzliches Erscheinen +geeignet war, eine Störung zu verursachen. Wie alle +Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches rosiges +Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und +Züge als das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, +zu glatt, zu farblos und ruhig nennen können. +An seinem letzten Geburtstage war er sechsundfünfzig +gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. +Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die +die grauen Fäden nicht hervortreten läßt, sein Antlitz +zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar +und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart +trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ +ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht +getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten, +ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren +Mann hätte schließen lassen.</p> + +<p>Ja — Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von +Turret Court, war entschieden ein schöner und auf + <span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span> +den ersten Blick ein anziehender Mann für fast jeden. +Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich +auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen +ebenso eisig kalt und strenge wie glänzend waren, +daß die schmalen, schöngeschnittenen Lippen sich gewöhnlich +fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse +des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose +Härte deuteten.</p> + +<p>Es gab indessen eine Menge Menschen, deren +Augen hierfür blind blieben, ebenso wie ihre Ohren +taub gegen die Tatsache waren, daß seine langsame, +klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen +scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper +für einen sehr netten Mann und Lady Agathe für eine +sehr glückliche Frau zu erklären, eine Ansicht, der zu +widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume eingefallen +sein würde.</p> + +<p>Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ +ihren Roman fallen, während ein ängstliches Beben +ihre zarte Gestalt durchlief. Roy schlich sich die +Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht, +sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. +Florence gab ihrem Schaukelstuhle einen Ruck und +blickte ihren Vormund mit fragenden Augen an. Ihr +jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan +seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges +Mädchen in kurzen Kleidern gewesen und er ihr +Vormund geworden war. Das war vielleicht ein +Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter +fast liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer +Grund in der Tatsache zu finden sein mochte, daß, + <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span> +wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens die Hälfte +des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend +Pfund Sterling jährlich weniger in die Tasche des +Barons geflossen sein würden. Es wurde gemeiniglich +angenommen, daß Turret Court fast so alt sei +wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an +irdischen Gütern hatte das Geschlecht der Mortlakes +nie Überfluß besessen.</p> + +<p>»Ist — kann ich — wünschest du irgend etwas, +Jasper?« stammelte Lady Agathe ängstlich hervor.</p> + +<p>»Danke — nein. Bitte, laß dich nicht stören.« +Der Baron warf einen verächtlichen Blick auf den +hingefallenen Roman; für die harmlosen Bände, die +das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten, +hatte er eine unsägliche Verachtung.</p> + +<p>»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, +hinzu.</p> + +<p>»Das ist er auch.«</p> + +<p>Florence übernahm die Antwort und deutete +nickend auf Roys verschwindende Gestalt, wofür ihr +ein vorwurfsvoller und entrüsteter Blick wurde. +»Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«</p> + +<p>Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage +zu stellen, oder würde sie gestellt haben, ohne eine +beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir Jasper +trat an die offene Glastür.</p> + +<p>»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne +zu: »Roy, du hast nichts zu tun, — du kannst nach +St. Mellions reiten und einen Brief von mir mitnehmen.«</p> + +<p>»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends<span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span> +länger, als er sehr gegen seinen Willen kehrtmachte. +»Ich komme gerade eben mit Wentworth +aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten +Tone, wie er nur anzuschlagen wagte, »und +die Sonne scheint so furchtbar heiß — es ist der reine +Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«</p> + +<p>»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich +bedaure unendlich, deine kostbare Muße in Anspruch +nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit schneidendem +Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, +meine Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, +sie zu erledigen. Du wirst Herrn Sherriff das Billett +bringen und —«</p> + +<p>»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. +»Der liebe alte Mann — ich habe ihn seit einer +Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht wohl! +Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«</p> + +<p>Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden +Handbewegung: »Schon gut, Roy, du kannst +davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen +besorgen, Onkel Jasper.«</p> + +<p>»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch +erst frühstücken,« wagte ihre Tante milde einzuwenden, +während sie ihren Roman aufnahm.</p> + +<p>»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich +bei Herrn Sherriff zu Gast laden. Er wird das gern +sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und außerdem +muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich +nach dem Datum des Basars erkundigen. Wenn wir +uns nicht sputen, so werden Cis und ich das Regiment +Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen bekommen. + <span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span> +Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist +noch irgend etwas dabei zu bestellen?«</p> + +<p>Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin +des Briefes eine Antwort mitzugeben sei. +Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem Mündel +ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. +Florence pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ +vor sich hin, schlug ihrer Tante das Buch wieder auf, +gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den Rasen +hinaus.</p> + +<p>»Roy, lauf nach dem Stall hinüber — tu’s mir +zuliebe, und laß Jakob mir Orange Lily satteln. +Aber er selbst braucht sich nicht fertigzumachen, denn +ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«</p> + +<p>Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar +und klopfte ihrer Cousine leicht auf die schöne +Wange. »Finden Sie nicht, daß Cis gut aussieht, +Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen +demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn +ich sie ansehe, so bin ich wirklich fast geneigt, mich +zu verlieben.«</p> + +<p>»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, +Gräfin Florence!« gab Harry Wentworth lachend +zurück.</p> + +<p>»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, +wie kommen Sie nur auf solchen Gedanken? Liege +ich nachts wach und kann nicht schlafen? Verliere +ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme +ich mich? Nun, was sagt ihr beide?«</p> + +<p>»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« +meinte Harry.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span></p> + +<p>»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond +von Ballancloona bin! Lebt wohl! Ich werde Herrn +Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß geben, +um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, +Harry, ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist +einem denn zumute, wenn sie sich unserer bemächtigt +hat?«</p> + +<p>Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause +zu, und ihre Stimme tönte fröhlich zu ihnen herüber, +während sie munter vor sich hinträllerte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> + <span class="i0">»Mein Herz, ich will dich fragen,<br /></span> + <span class="i0">Was ist denn Liebe, sag?<br /></span> + <span class="i0">Zwei Seelen und ein Gedanke,<br /></span> + <span class="i0">Zwei Herzen und ein Schlag.« —<br /></span> +</div></div> + +<p>»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis +mit zärtlicher Bewunderung und drückte Harrys Arm +liebevoll an sich.</p> + +<p>»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. +»Und sie ist außerdem verteufelt hübsch. Das steht +fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich sie sehe, +hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, +daß ich sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, +ich beneide einen gewissen Jemand, den wir beide +nennen könnten, nicht sonderlich.«</p> + +<p>»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen +Jemand,« erklärte Cis.</p> + +<p>»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß +ich es nicht bin. Welch wunderlicher Einfall veranlaßte +sie nur, solche Reden zu führen? Aus dem, +was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz +abgemachte Sache sei.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p> + +<p>»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«</p> + +<p>»Weiß Sir Jasper darum?«</p> + +<p>»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«</p> + +<p>»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? +Nette Aussichten!« Harry zuckte die Achseln und lachte. +»Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen froh, daß ich +nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«</p> + +<p class="pmb3">»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem +Widerspruch den hübschen Kopf, »es ist leicht, so zu +reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn ich du +wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_3">3.</h2> +</div> + +<p>Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde +Orange Lily, einer Goldfuchsstute, über die Halde und +bog in den langsam abwärts führenden Reitweg ein, +der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. +Mellions einmündete. Manche Mützen flogen von +den Köpfen, manche Knickse wurden beim Anblick der +anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes +gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für +jeden Gruß dankte. Es gab weder einen Mann, noch +eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie nicht kannten, +und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im +Dorfe mit ihr auf.</p> + +<p>Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe +und die hübsche Cäcilie gern, — wie sie es für ihre +Herzensgüte und vielen Wohltaten auch verdienten, +— aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben +Art wie Florence.</p> + +<p>Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und +dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern +vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer +niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen +Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, +sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden +Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit und<span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span> +Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun +können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den +breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte.</p> + +<p>Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend +nur aus wenigen Zimmern bestand und nur +ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgeführt, +von Schlinggewächsen bis an die niedrigen +Schornsteine, die vielen Türen und Fenster überwuchert, +mit blühenden Blumen auf den Simsen, mit Balkon +und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick +dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß +sie viel lieber im Bungalow — so hieß es — wohnen +möchte, als in Turret Court.</p> + +<p>Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer +Uhrkette hing, an die Lippen und ließ einen hellen +Pfiff ertönen. In demselben Augenblick erschien schlürfenden +Ganges ein großer junger Mann, der beim +Anblick des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger +an sein strohgelbes Haar legte, denn eine Mütze +hatte er nicht auf.</p> + +<p>»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer +liebenswürdigen Weise und dankte ihm mit ihrem +reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte +sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn +an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel +Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle. +Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, stieg +die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges +offenes Fenster.</p> + +<p>»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an<span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span> +diesem wundervollen Tage draußen im Sonnenschein +sein sollten?«</p> + +<p>»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine +Freude, Sie zu sehen!«</p> + +<p>Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich +schnell von einem mit Büchern bestreuten Tische, an +dem er saß, kam ans Fenster und nahm die Hand, +die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und +hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig +gebückt. Er hatte ein stilles, träumerisches, zerstreutes +Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz alten +Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht +und sein Haar wie sein langer Vollbart schneeweiß; +nur die schöngeschwungenen Brauen seiner dunklen +Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias +Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für +volle zehn Jahre älter gehalten wurde.</p> + +<p>»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! +Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!« +sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und +Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. +Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine +weltmännischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter +Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der +auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.</p> + +<p>»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es +war sehr unüberlegt von mir, Sie so plötzlich anzureden. +Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen +Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« +fragte Florence lächelnd.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span></p> + +<p>»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen +kommen.«</p> + +<p>Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die +niedrige Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, +der im Schatten der Veranda stand, und wartete, bis +sie Platz genommen, ehe er sich einen zweiten herbeiholte.</p> + +<p>»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, +Gräfin, oder sind Sie so freundlich, einem einsamen +alten Manne einen Besuch zu machen?«</p> + +<p>»Beides, Herr Sherriff.«</p> + +<p>Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, +und lud sich zum Frühstück bei ihm ein; dabei zog +sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche ihres Reitkleides. +Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn +wieder in den Umschlag.</p> + +<p>»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie +Sir Jasper vorige Woche genügend erklärt zu haben. +Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie mit ein paar +Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret +Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«</p> + +<p>»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt +sein kann, und Cis ist hübscher denn je. Sie und +Harry Wentworth machen mich ganz sentimental — +wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy +ist sehr fidel und Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, +wie Sie mich vor sich sehen.«</p> + +<p>»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres +können Sie nicht tun, liebes Kind.«</p> + +<p>Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem +Lächeln in das liebreizende, strahlende Gesicht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span></p> + +<p>»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß +irgend etwas Besonderes vorgefallen ist, was Sir +Jasper verstimmt hat?«</p> + +<p>»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches +Leiden! Wenn ihm einmal wirklich etwas +Widerwärtiges zustieße, so würde es ihn vielleicht +liebenswürdig machen — wer weiß? Ich habe jetzt +angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der +armen Agathe jedesmal einen furchtbaren Schrecken +einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den Gassenhauer +kennte!«</p> + +<p>»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr +Sherriff lächelnd.</p> + +<p>»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, +wenn ich nur die Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich +nicht tun, nicht wahr? Junge Damen sollten niemals +flöten. Da hat die arme Herzogin recht — kommt dort +nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und +horchte auf näherkommende Schritte — Schritte, die +ihr ganz fremd waren.</p> + +<p>Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem +Erstaunen: »Was, Sie sind es? Hier?«</p> + +<p>Es war Everard Leath, der um die Ecke der +Veranda bog, und der bei ihrem Anblick in ebenso +großem Staunen stehen blieb.</p> + +<p>Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen +blickte Sherriff von einem zum andern.</p> + +<p>Leath sprach zuerst.</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. +Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie hier wären, +und erwartete, Herrn Sherriff allein zu finden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span></p> + +<p>Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. +Florences graue Augen richteten sich verwundert auf +den Hausherrn.</p> + +<p>»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.</p> + +<p>»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine +Frage vorzulegen: Wie kommt es, daß Sie ihn kennen +und er Sie?«</p> + +<p>»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung +hell auf. »Soll ich es Ihnen erzählen?« meinte sie +schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie sollen +es hören.«</p> + +<p>Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und +sehr drollige Schilderung, wie es gekommen, daß +Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in +der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.</p> + +<p>»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie +neugierig.</p> + +<p>»Kein Sterbenswort.«</p> + +<p>»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«</p> + +<p>»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen +mir gegenüber gar nicht in den Mund genommen! Ich +hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je begegnet!«</p> + +<p>»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er +sich überhaupt die Mühe gegeben hat, herauszufinden, +wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, bitte, Herr +Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von +ihm, daß er keine Seele in St. Mellions kenne.«</p> + +<p>»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe +seine Bekanntschaft auf fast ebenso zwanglose Weise +gemacht wie Sie. Als ich vor einigen Abenden spazieren +ging, überkam mich einer meiner unglücklichen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span> +Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt +sein, denn ich hatte das Bewußtsein fast gänzlich +verloren.«</p> + +<p>»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige +Gesicht des jungen Mädchens wurde ernst. +»Und er — dieser Herr Leath — brachte Sie nach +Hause, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, mein Kind — als ich mich hinreichend erholt +hatte, um ihm zu sagen, wo ich wohnte, was ohne +seine Kognakflasche wohl noch länger gedauert haben +würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, +und ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus +Australien sei und in den Chichester Arms abgestiegen +wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem einsamen alten +Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir +während seines Aufenthalts in St. Mellions einen +Teil seiner Zeit widmen wolle. Er scheint sich auch +einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere +Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für +heute zu Tisch ein. Ist diese Erklärung vollständig +genug?«</p> + +<p>»J—a.« Florence zog die Brauen zusammen. +»Ausgenommen,« fuhr sie in etwas pikiertem Tone +fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie einen +völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«</p> + +<p>»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein +Kind?«</p> + +<p>»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« +schmollte sie.</p> + +<p>»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache +ihren Präzedenzfall. Vor zehn Jahren zum Beispiel<span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span> +wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die ich immer +seither von Herzen liebgehabt habe.«</p> + +<p>»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit +einem reizenden Lächeln legte sie zärtlich die Hand +auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie — mögen Sie +diesen Herrn Leath leiden? Nun?«</p> + +<p>»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern +habe.«</p> + +<p>»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, +»aus keinem besonderen Grunde.«</p> + +<p>»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht +leiden zu mögen.«</p> + +<p>»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich +fühle mich getroffen,« setzte sie freimütig hinzu, »denn +jetzt, wo ich darüber nachdenke, glaube ich, daß dem +so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb eigentlich. +Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich +glaube nicht, daß das der Grund war. Aber wir +können unseren Antipathien und Sympathien nie auf +den Grund kommen, nicht wahr?«</p> + +<p>Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete +hinaus und zog die Stirn wieder kraus. »Herr +Sherriff!«</p> + +<p>»Ich höre, liebes Kind.«</p> + +<p>»Glauben Sie, daß er dauernd hier — in St. +Mellions — bleiben wird?«</p> + +<p>»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir +gesagt.«</p> + +<p>»Ja, ja, aber —« sie stockte. »Sie wissen wohl +nicht, was ihn hergeführt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span></p> + +<p>»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein +Kind, gar nichts.«</p> + +<p>»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß +ich, daß er nicht zum Vergnügen, sondern in Geschäften +gekommen ist. Das erzählte er mir, und es war +ihm Ernst damit.«</p> + +<p>»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung +geben, daß er mir nichts davon gesagt hat.«</p> + +<p>Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter +Stirn in den Garten hinaus. Everard Leath +beschäftigte sie merkwürdig.</p> + +<p>»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«</p> + +<p>»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« +meinte der alte Mann lächelnd, »auch glaube ich nicht, +daß er so reich ist wie Sie. Zwischen diesen beiden +Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«</p> + +<p>»Ich bin viel zu reich — es ist einfach lächerlich! +Also Sie glauben, daß er viel Geld hat?«</p> + +<p>»In bescheidenem Maße — ja. Im Laufe unserer +gestrigen Unterhaltung deutete er an, daß er bis vor +etwa einem Jahre mit bitterer Armut gekämpft habe, +wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten +sei.«</p> + +<p>»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.</p> + +<p>»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun +gehabt — ich bin zu unwissend in solchen Dingen, +um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die Glocke, +die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden, +wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr +Gabelfrühstück anzusehen, liebes Kind?«</p> + +<p>»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete<span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span> +Florence, munter ihren Ernst abstreifend, und dabei +nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, und ging +mit ihm aus der Veranda und durch eine offene +Glastür, die in ein hübsches kleines Speisezimmer +führte, in dem der ovale Tisch schon für drei Personen +gedeckt war.</p> + +<p>Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer +und machte so die Gesellschaft vollständig. Daß er +überrascht war, sie noch dort zu treffen, und daß ihn +das ein wenig aus der Fassung brachte, sah Florence +sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig +gegen ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich +ihr gegenüber niederließ.</p> + +<p>»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr +Leath?« fragte sie in leichtem Tone.</p> + +<p>Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.</p> + +<p>»Ja, Gräfin.«</p> + +<p>»Und sie stellte meine Person fest?«</p> + +<p>»Sofort.«</p> + +<p>»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert +haben.«</p> + +<p>»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, +Sie überhaupt zu schildern.«</p> + +<p>»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen +mir ›ganz ähnlich‹ sähe.«</p> + +<p>»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, +daß es sich so verhielt.«</p> + +<p>»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, +daß sie ebenso entsetzt über mich ist, wie die Herzogin +selbst. Und Sie haben Ihres kleinen Abenteuers nie +gegen Herrn Sherriff erwähnt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span></p> + +<p>»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff +kannten, und ich hielt mich nicht für berechtigt, einem +Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit zu +reden.«</p> + +<p>Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem +Benehmen, obgleich man ihn kaum hätte verlegen +nennen können. Florence dachte im stillen, daß sein +Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten +Gelegenheit zu vertrautem und leichtem Verkehr mit +ihrem Geschlechte gewährt hätte. Aber sie empfand +auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine +Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den +Salat herumreichte, daß er ein Zartgefühl und eine +Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von ihm erwartet +noch ihm zugetraut hatte.</p> + +<p>Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen +ihn, und sie blieb bei dem nun folgenden Gespräch +in der heitersten, liebenswürdigsten Stimmung. Die +Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien, +aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war +und seinen charakteristischen, trockenen Ernst nicht +leugnete, war ihr doch sowohl der Gesprächsstoff wie +seine Art und Weise neu genug, um sie sehr zu interessieren +und ihr viele wißbegierige und eifrige +Fragen zu entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, +wie schnell die Zeit vergangen war, aufstand und +erklärte, daß sie fort müsse, war es mit einer leisen +Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst +so wenig wie je wußte. Alles, was er erzählt und was +sie aus ihm herausgebracht hatte, war so ganz und +gar unpersönlich gewesen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p> + +<p>»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich +Ihnen nur die Wahrheit über St. Mellions gesagt +habe, Herr Leath?«</p> + +<p>Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas +zu sagen, als sie in der Veranda stand und zusah, +wie ihre Fuchsstute auf und nieder geführt wurde. +Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische +schrieb Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen +sollte. Leath war ihr hinausgefolgt; wie +sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.</p> + +<p>»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.</p> + +<p>»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges +kleines Nest sei. Finden Sie das etwa nicht?«</p> + +<p>»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig +genug, um mich von hier fortzutreiben.«</p> + +<p>Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene +Neugier erraten habe.</p> + +<p>»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier +niederzulassen?«</p> + +<p>»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den +Augenblick bin ich noch zu keinem festen Entschlusse +gelangt — das heißt über meinen künftigen Aufenthaltsort.«</p> + +<p>»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob +Sie nach Australien zurückkehren werden?«</p> + +<p>»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich +ist, daß ich dorthin zurückkehren werde. +Aber Familienbande fesseln mich an keinen Teil der +Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«</p> + +<p>»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum +Beispiel eine Frau hätten —«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p> + +<p>»Das habe ich allerdings nicht.«</p> + +<p>Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.</p> + +<p>»— so würde sie möglicherweise Australien nicht +gern mit England vertauschen.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert +nicht, Gräfin. Wie ich sagte, stehe ich ganz allein in +der Welt — schon seit acht Jahren.«</p> + +<p>Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher +oder bewegt bei diesen Worten, und das Antlitz, in das +sie schaute, gab ihr keine Ermutigung zu dem teilnehmenden +Blick oder der freundlichen Frage, die sie +sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er +ihr fast noch ein Fremder war. Sie wandte sich, +um Herrn Sherriff das Briefchen abzunehmen, und +ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte verleiten +lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der +Mann und seine Angelegenheiten gingen sie, Florence +Esmond, allerdings gar nichts an. Er hatte etwas +Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie +abstieß.</p> + +<p class="pmb3">In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine +Liebenswürdigkeit mehr, und die Verbeugung, die sie +ihm machte, nachdem er sie in den Sattel gehoben, +war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. +Aber sie drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit +ihrer behandschuhten Rechten eine zärtliche Kußhand +zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. Sie +wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht +behandeln, weil er törichterweise so großes Gefallen +an Everard Leath zu finden schien.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_4">4.</h2> +</div> + +<p>Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. +Es wurde stets früh gespeist, denn Sir Jasper war +magenleidend, und das Mahl war immer ein auserlesenes. +Für Lady Agathe war es die qualvollste +Stunde des Tages, denn der Hausherr ließ es selten +zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand angenehm +verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt +hatte er sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen +Raum, in dem er geruhte, den größten Teil seiner +Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich in den +Salon, überaus froh, ihn los zu sein.</p> + +<p>Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit +einem anderen Bande des Romans, in den sie sich am +Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine langen +Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, +gab sich Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen +über die Hitze; draußen auf der Terrasse gingen Cis +und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein Spitzentuch +verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals +des jungen Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem +zurückgelehnt in einem ihrer Lieblingsschaukelstühle, +die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar +verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen +Kleide — sie trug im Hause gern übermäßig lange<span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span> +Schleppen — im Gespräch mit der einzigen noch anwesenden +Persönlichkeit.</p> + +<p>Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug +tadellos saß, der eine gute Figur sowie eine angenehme +Stimme hatte, und dessen Gesicht geradezu +schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren +und seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre +gewesen, daß er älter aussah als er war. Seine +schönen Züge waren unbeweglich, — er hatte fast +gar kein Mienenspiel, — seine Gestalt hatte eine gewisse +Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig +und langsam, seine Redeweise eintönig und +ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der Jahre, +hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig +war er entschieden ein Mann mittleren +Alters. In seinen ruhigen braunen Augen lag kaum +ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde, +anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das +angeregte, lebhafte Antlitz sich gegenüber sah.</p> + +<p>»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was +mir mindestens ein halbes dutzendmal wieder entfallen +ist,« sagte Florence schaukelnd. »Heute morgen bekam +ich einen Brief von der Herzogin.«</p> + +<p>»Von der Herzogin? So?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des +Schreibens, und daß sie es abgelehnt, ihre Patin +nach der Schweiz zu begleiten.</p> + +<p>»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst +du vermutlich die Gelegenheit, sie von unserer<span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span> +Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte Talbot +Chichester zögernd.</p> + +<p>»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die +Hände unter dem Kopf fort und verschränkte sie im +Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die Wahrheit +zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich +daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, +daß es viel besser ist, damit zu warten, bis sie glücklich +in Pontresina ist und ihren Ärger darüber, daß +ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte +schelmisch.</p> + +<p>»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte +Chichester ernst; das Lächeln, mit dem er auf ihr +Lachen geantwortet, war nur sehr matt. »Die Stellung, +die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, +erheischt es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung +unterrichte und ihre Einwilligung in unsere +Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. Ich +wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, +es selbst zu übernehmen, obgleich ich gestehen muß, +daß ich den Grund nicht recht begriff.«</p> + +<p>»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune +von mir, es ihr selbst zu erzählen — warum, weiß +ich nicht.«</p> + +<p>»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch +war,« fuhr Chichester fort, »es ist freilich wahr, daß +es in gewissem Sinne nur eine Form ist, aber ich +finde doch, es müßte geschehen.«</p> + +<p>»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, +daß sie etwas dagegen haben wird?« fragte Florence +wieder.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span></p> + +<p>»Dagegen?«</p> + +<p>Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. +Sein Ton wurde würdevoller, er fühlte, daß +das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. War nicht +die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter +als das Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, +um ihnen ihren ganzen Besitz drei- oder viermal +abzukaufen?</p> + +<p>»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, +»das ist sicherlich eine ziemlich überflüssige Frage! +Wir sind nicht von Adel, das ist freilich wahr, — wir +haben die Ehre immer abgelehnt, — aber in jeder +anderen Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin +etwas gegen mich als Bewerber um deine Hand +einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht für +wahrscheinlich halten.«</p> + +<p>»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. +»Ich glaube nicht, daß sie etwas dagegen haben wird; +weshalb, wie du sagst, sollte sie das? Ich wollte +nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«</p> + +<p>»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen +kurzem zu schreiben?«</p> + +<p>»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr +mit derselben Post schreiben, damit sie erfährt, daß +ich an deinem bisherigen Schweigen schuld bin.«</p> + +<p>»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« +Florence nickte leicht und wandte ihr Gesicht dem +Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein unterdrücktes +Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den +Mund hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester,<span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span> +obgleich er ihr Verlobter war, wirkte nicht +sehr belebend auf sie.</p> + +<p>Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die +Hand des jungen Mädchens ruhte auf dem Arm ihres +Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem kleinen +Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand +anders verstehen konnte. Florences rote Lippen +zuckten eigentümlich bei dem Gedanken, Chichester +könne so gehen, so flüstern — der Einfall belustigte +sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder +vor seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm +ihr Jawort gab, hatte sie sich gesagt, daß sein großer +Vorzug sei, daß er niemals versucht, ihr den Hof zu +machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das +unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime +erstickt. Talbot Chichester hatte sich solcher Schwäche +niemals schuldig gemacht, und sie hatte versprochen, +ihn zu heiraten.</p> + +<p>Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr +Chichester saß noch immer stumm da. Florence schaute +in den tiefstehenden Mond; das Schweigen dauerte +fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen, +aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte +auf das Paar am Fenster zu. Florences Verlobung +mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus +nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter +aufgenommen hatte, war dem Jüngling noch +immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt vorkam, als +sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen +Stuhl und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung +wieder in Gang zu bringen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span></p> + +<p>»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem +Gähnen. »Finden Sie das nicht auch, Chichester? +Ich habe mich von meinem Morgenritt nach Arborfield +noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde +war furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon +bekommen, nicht wahr, Flo?«</p> + +<p>»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres +großen gelben Fächers gezupft und ihn nicht gehört +— ihre Augen schauten noch träumerisch in die tiefstehende, +lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten +Abendhimmel glänzte.</p> + +<p>»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst +du, Roy?«</p> + +<p>»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute +morgen sehr heiß gefunden haben, nicht wahr? Wie +ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen, Chichester, +ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff +verliebt ist. Wenn man es sich recht überlegt, so ist +es doch eigentlich ein starkes Stück, daß sie solchem +jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! Wundere +mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem +Neste bleibt und die liebenswürdige Laune unseres +Alten erträgt.«</p> + +<p>»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. +»Was er von Sir Jasper erhält, kommt +zweifelsohne in Betracht bei ihm.«</p> + +<p>»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, +— die beiden sind nämlich dicke Freunde, — daß, +wenn Sherriff sich vor Jahren in London niedergelassen +hatte, er sich dort durch seine Schriften längst +einen Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen,<span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span> +ich begreife es nicht, wie ein Mensch hier in +St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich ihm +eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«</p> + +<p>»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence +sanft, »und steht ganz allein in der Welt. Mit seinen +Büchern und Blumen ist er hier ebenso glücklich, +glaube ich, wie er anderswo sein würde.«</p> + +<p>»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, +wenn das nicht der Fall gewesen wäre,« gab +Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender Weise. +»Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der +Scholle kleben, fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden +Augen fort, »wer ist der Mensch bei Mutter +Buckstone?«</p> + +<p>»In den Chichester Arms?«</p> + +<p>Talbot Chichester stellte diese Frage.</p> + +<p>»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl — sonnverbrannt +— erinnert mich an jemand, den ich gesehen +habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort. +»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir — ich +weiß nicht mehr recht, wie es war — als ich hinüberritt, +um zu sehen, ob mir der alte Buckstone das +Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte +er. Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? +Sie wissen es nicht etwa, Chichester?«</p> + +<p>»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, +der in den Chichester Arms absteigt.« Der Redende +blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt nicht, daß +dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour +begriffener Londoner.«</p> + +<p>Roy schüttelte den Kopf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p> + +<p>»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre — hat +nicht den Londoner Dialekt — versteht zu viel von +Pferden, um ein Großstädter zu sein. Kommt wohl +aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will +ich ihn mal danach fragen.«</p> + +<p>»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen +Namen anbetrifft, so heißt er Everard Leath und +kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht, +und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«</p> + +<p>»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«</p> + +<p>»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«</p> + +<p>»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch +weiter auf und lachte. »Du warst immer das wunderlichste +Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt +hast du den Menschen gesehen?«</p> + +<p>»Soll ich’s dir sagen?«</p> + +<p>Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre +schelmisch blitzenden Augen auf das verwunderte und +fragende Antlitz ihres Bräutigams. »Ja — wir sind +heute abend alle sehr langweilig, und deshalb will +ich es tun.«</p> + +<p>Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen +geblieben, und sie winkte ihnen lustig, hereinzukommen. +Und vor diesem nicht wenig erstaunten +Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung +mit Everard Leath.</p> + +<p>Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den +Leichtsinn der schönen Cousine schlenderten Cis und +Harry davon, und Roy, noch immer gähnend, folgte +ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden, +und schaute dann mit einem Lächeln zu<span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span> +ihrem Verlobten empor, der aber keinen freundlichen +Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, fast +finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden +Augen und fest aufeinandergepreßten Lippen an und +berührte dann leise seinen Arm.</p> + +<p>»Was ist denn los?«</p> + +<p>»Los?«</p> + +<p>»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. +Vielleicht, weil ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle +zeigen, und dir nicht anbot, mitzugehen? Sei nur +recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal +hin. So!«</p> + +<p>In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. +Sie sprach, als gelte es, ein verdrießliches Kind zu +beschwichtigen. Die meisten Männer, die in sie verliebt +gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben. +Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm +die Hand, mit der sie ihm den Arm gestreichelt hatte. +Dann begann er in seiner gehaltenen Weise ihr Vorwürfe +über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen +gegen den Unbekannten zu machen.</p> + +<p>»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht +vergessen,« schloß er.</p> + +<p>»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch +ahnt,« meinte das junge Mädchen sinnend, als spräche +sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder an.</p> + +<p>»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. +»Ich vergesse meine Würde wohl mitunter. Weißt +du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die einzig +richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen<span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span> +naß werden zu lassen. Welch ein Glück, daß du so +etwas nie tun könntest.«</p> + +<p>Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor +ab — er war so unendlich mit sich selbst zufrieden. +Er lächelte und ließ ihre Hand los.</p> + +<p>Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach +dem Fenster wandte.</p> + +<p>Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret +Court verlassen. Florence stand allein am Fenster +und blickte in den Mond, wie sie vorher getan hatte, +als Cis zärtlich den Arm um sie legte.</p> + +<p>»Fehlt dir etwas, Florence? Du — du siehst so +ernst aus, mein Herz!«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über +Cis’ goldblondes Haar. »Ich sann wohl über mein +unschickliches Benehmen nach.«</p> + +<p>»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst +gegen jenen Menschen in der Höhle! Nun, ich muß +sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war, +Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das +habe ich auch zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du +in Chichesters Gegenwart davon gesprochen hast. Ich +glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«</p> + +<p>»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«</p> + +<p>Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, +dessen gewöhnlich strahlender Ausdruck einem +nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm plötzlich +all ihren Mut zusammen.</p> + +<p>»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich +schon so oft etwas fragen wollen. Ich kann es gar<span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span> +nicht begreifen — er ist so ernst und steif und kalt — +in jeder Beziehung so verschieden von dir — es +wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort +gegeben.«</p> + +<p>»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, +»mich auch!«</p> + +<p>Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. +Sie blickte sich halb entsetzt, halb bestürzt +um. Sie antwortete nicht, da sie bange war, näher +auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im +Mondschein ungewiß von der Seite an. Als sie wieder +sprach, war es in anderem Tone.</p> + +<p>»Florence!«</p> + +<p>»Nun, mein Schatz?«</p> + +<p>»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«</p> + +<p>»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«</p> + +<p>»O, ganz jung! Und hübsch?«</p> + +<p>»Nein — und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«</p> + +<p>»Und ist er nett, Florence?«</p> + +<p>»Wer?«</p> + +<p>»Nun, Herr Leath!«</p> + +<p class="pmb3">»Nett? Nein — unausstehlich!« sagte Florence +schroff. »Ich bin schrecklich müde und muß zu Bette +gehen. Gute Nacht, mein Herz!«</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_5">5.</h2> +</div> + +<p>Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo +Gräfin Florence gesessen und mit dem freundlichen +alten Hausherrn geplaudert hatte, standen wieder die +beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in +dem einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete +draußen lagen im hellen Morgensonnenschein. +Leath war vor einer halben Stunde zu einem +Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht +vierzehn Tage in St. Mellions weilte, war die Zuneigung +des Alten, von der er zu Florence gesprochen, +täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie +große Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr +mit Leath gewähre, da er außer dem Pfarrer +kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten +Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte +erzeigen können, alle freundlich gewogen seien.</p> + +<p>»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«</p> + +<p>»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick +war ich undankbar genug, sie fast zu vergessen. +Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern +sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze +Kleider trug, hat sie mich liebgehabt, und was mich +anbetrifft, so könnte ich kaum mehr von ihr halten, +wenn sie meine Tochter wäre.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span></p> + +<p>»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden +habe?«</p> + +<p>»Ja — sie verlor beide Eltern, als sie ein +Kind war.«</p> + +<p>»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«</p> + +<p>»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die +Vormundschaft mit ihrer Patin, der verwitweten Herzogin +von Dunbar.«</p> + +<p>»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor +sich hin. »Gewöhnlich genügt doch ein Vormund, mein’ +ich — weshalb sind hier denn zwei?«</p> + +<p>»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem +großen Vermögen, das ihr eines Tages gehören wird, +hielt ihr Vater es wahrscheinlich für —«</p> + +<p>»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem +Tone ins Wort. Er lachte wieder. »Wie viele andere +Leute, habe auch ich bisher irische Grafenkronen für +gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der +verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«</p> + +<p>»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin +Florence wird ihr großes Vermögen ihrer Mutter +verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«</p> + +<p>»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist +sie denn noch nicht mündig?«</p> + +<p>»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht +in den Besitz ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre +zählt, es sei denn, — was wahrscheinlich der Fall +sein wird, — daß sie sich in der Zwischenzeit verheiratet.«</p> + +<p>»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt +es also ihr zu?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p> + +<p>»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines +oder ihrer beiden Vormünder heiratet; schließt sie +eine Ehe ohne diese Einwilligung, so fällt das ganze +an verschiedene milde Stiftungen.«</p> + +<p>»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath +zog die Stirn in Falten. »Wie mag das gekommen +sein?«</p> + +<p>»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff +zögernd. »Es ist seltsam, wie Sie sagen. Die einzige +Erklärung, die ich dafür habe finden können, ist die, +daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu glücklich +in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, +daß der Graf seine Frau nur ihres Geldes wegen +geheiratet hatte.«</p> + +<p>»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte +ihre Tochter wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung +bewahren,« bemerkte Leath nachdenklich.</p> + +<p>»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte +Herzogin würden zugeben, daß das Mädchen eine +unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge. +Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht +bleiben, so mag die Gräfin sie wohl für alt genug +gehalten haben, um ihre Interessen ohne Beistand +wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß nur +die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich +machte dieselbe Bemerkung, als Gräfin Florence, von +der ich das Ganze weiß, mir die Sache erzählte. Sie +lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper +niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, +ohne sich zu zanken, und daß, wenn sie nicht +heiraten sollte, ehe sie sich über den Bräutigam geeinigt<span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span> +hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, +daß sie in den nächsten Jahren unter die Haube +kommen würde.«</p> + +<p>Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, +griff jetzt wieder nach seiner Pfeife und begann sie +aufs neue zu füllen.</p> + +<p>»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«</p> + +<p>»Gräfin Florence? Nein — meines Wissens nicht. +Und wenn ich sage, meines Wissens nicht, so heißt das, +überhaupt nicht,« meinte der alte Herr lächelnd, »denn +andernfalls würde sie es mir anvertraut haben, davon +bin ich überzeugt. Nein — verlobt ist sie nicht. Ich +muß gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser +Gegend wenigstens kenne ich niemand, als dessen Frau +ich sie sehen möchte. Wenn mich nicht alles trügt, so +hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann, und +dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«</p> + +<p>»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath +langsam.</p> + +<p>»Mit dem Heiraten? Nein — ich glaube nicht. +Im Gegenteil. Auch Sir Jasper nicht. Sie verbringt +fast das ganze Jahr in Turret Court — sie hängt +sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und +ihre Heirat würde eine Mindereinnahme von tausend +Pfund Sterling jährlich für Jasper bedeuten. Und ich +bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter +des Gutes — ich weiß, daß ihm der Verlust nicht +angenehm sein würde. Die Mortlakes sind nicht allzu +wohlhabend.«</p> + +<p>»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend +an, »daß Sie Lust zu dem Posten haben. Nach dem,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span> +was ich mir aus den Reden der guten Leute hier zusammengereimt +habe, scheint es mir nicht leicht, mit +Sir Jasper auszukommen.«</p> + +<p>»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer +Milde, während er seine Pfeife schmauchte, »das mag +im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper ist sehr +rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein +Gehalt bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem +geringen Einkommen. Und ich habe wirklich kein +Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er behandelt +mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht +besser als andere.«</p> + +<p>»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«</p> + +<p>Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in +das schöne alte Antlitz, das so sanft und gelassen war. +»Nach allem, was ich über ihn hörte, befremdet es +mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in eine +untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber +begeben konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit +doch nicht übel?«</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem +Lächeln und blickte in den Garten hinaus; +die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte auf seinem Knie. +Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen +Jahren — mehr als dreißig — einen bitteren Kummer +gehabt, der sein ganzes Leben verdüstert, der allen +Ehrgeiz, alles Streben in ihm ertödet, der ihn vor der +Zeit alt gemacht habe.</p> + +<p>»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf +meiner Pflichten, in meinem Garten bei meinen +Büchern bin ich so glücklich, wie ich überhaupt je<span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span> +wieder werden kann. Doch genug davon, und genug +von mir. Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.</p> + +<p>Er legte die Hand über die Augen und saß ein +Weilchen so da. Leath, in dessen Gesicht ein ungewohnter +sanfter, weicher Ausdruck getreten war, +blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. +Als Sherriff wieder zu sprechen anhub, war es +mit seiner gewohnten Ruhe und in einem anderen +Tone.</p> + +<p>»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper +zu reden kamen,« sagte er, »denn dabei fällt mir ein, +was ich sonst vergessen härte, — daß ich ihm einen +Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe +muß sogleich damit fort.«</p> + +<p>Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es +stellte sich heraus, daß dieser mit einem Auftrage nach +Lychet Hook geschickt worden, und zwar von dem +Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte +nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen +zu müssen, aber Leath legte ihm die Hand auf die +Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl zurück und +erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich +schon längst gern einmal habe ansehen wollen, solange +er in der Gegend bleibe.</p> + +<p>Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze +auf der Halde zu viel werden würde, erhob nur eine +schwache Einsprache, die Leath mit einem Kopfnicken +abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und +ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im +nächsten Augenblick zurückkehrte, sah er, daß der alte +Herr aufgestanden war und mit bekümmertem Ausdruck<span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span> +auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf +seinen unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff +sich um und legte ihm die Hand auf die Schulter. Beide +waren hochgewachsene Männer, und ihre Augen befanden +sich ungefähr in derselben Höhe.</p> + +<p>»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber +ich glaube, ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, +daß ich Sie sehr liebgewonnen habe. Sie sprachen eben +davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal ansehen +wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. +Ich hoffe, das soll nicht heißen, daß Sie daran denken, +St. Mellions zu verlassen? Wenigstens jetzt noch +nicht?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse +gelangt. Ich bin entmutigt — ich kann noch +nicht sagen, was ich tun werde — was das beste +sein würde.«</p> + +<p>Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er +diese Antwort, mit einer seltsamen festen Entschiedenheit, +so abgebrochen und ohne Zusammenhang die +kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff +sah bestürzt aus, sagte aber nichts. Leath, der sein +Zartgefühl, das keine Frage stellte, verstand, fuhr +langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe +er ihn aussprach:</p> + +<p>»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen +und seit meinen Knabenjahren beabsichtigt +habe, eine bestimmte Angelegenheit zu erledigen. Sie +dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen +nichts Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu +tun, steht unwiderruflich fest, und doch bin ich schwach<span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span> +genug, mich fast entmutigt zu fühlen, weil ich bisher +keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie +es scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie +hierherzukommen, und doch ist dieser Ort — St. Mellions +— der einzige Ausgangspunkt für meine Nachforschungen, +den ich kenne. Heute morgen, als ich die +Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, +anderswo nach einer Spur zu suchen, die mich vielleicht +hierher zurückführen würde. Ich bin noch unentschlossen, +ob ich gehen oder bleiben werde. Aber +ich glaube, ich werde gehen.«</p> + +<p>»Das tut mir leid zu hören.«</p> + +<p>Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm +das, was ihm gesagt worden, hin, ohne eine Frage zu +stellen.</p> + +<p>»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er +ruhig, »hoffentlich werden Sie nicht vergessen, daß +es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein Freund +und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«</p> + +<p>»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle +Rechte umschloß fest die zarte Hand des Alten. +»Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, den +ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken +würde, außer Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach +gewähren würde, ohne daß ich dafür bezahlte.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der Weg über die Halde von St. Mellions nach +Turret Court war lang, und in der Glut der Junisonne +war es ein sehr heißer Weg, aber Leath, der an sehr<span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span> +viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte +ihn schnell und leicht zurück.</p> + +<p>Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er +zögernd stehen und schritt dann auf eine nur angeklinkte +Pforte in der hohen roten Mauer zu, durch +die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem +Hause einschlug. Ehe er hundert Meter zurückgelegt +hatte, blieb er stehen. In geringer Entfernung von +ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen +Art, in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei +Damen dahin; in der einen erkannte er sofort die junge +Gräfin, während er die andere für Fräulein Mortlake +hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig +den Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, +wie er sie erkannt hatte. Der Ausruf des Staunens, +der ihr entfuhr, so leise er auch war, veranlaßte Cis, +sich ebenfalls umzuwenden.</p> + +<p>»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.</p> + +<p>»Jener Mensch.«</p> + +<p>»Welcher Mensch?«</p> + +<p>»Leath.«</p> + +<p>»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er +also?« sagte sie mit Interesse. »Was mag er nur +wollen?«</p> + +<p>»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht +stehenbleiben, mein Herz! Wir tun, als hätten wir +ihn nicht gesehen!«</p> + +<p>»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht +sehr nett aus, finde ich,« flüsterte sie, »und ich bin +davon überzeugt, daß er weiß, — wissen muß, <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>— +daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, +und stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt +du mich ihm vorstellen!«</p> + +<p>Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen +zu und nahm vor Florence den Hut ab.</p> + +<p>»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht +als Eindringling zu erscheinen, aber ich bin von Herrn +Sherriff beauftragt, Sir Jasper einen Brief zu überbringen.«</p> + +<p>»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung +ihres alten Freundes milder gestimmt und +entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein. »Das +ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« +meinte sie lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, +Fräulein Mortlake, vorstellen? Liebe Cis, du erinnerst +dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen bin, +Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«</p> + +<p>»Gewiß erinnere ich mich dessen.«</p> + +<p>Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. +Leath war nicht hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal +war, er sah etwas zu streng und zu ernst aus, +aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm wahrnehmen +und wunderte sich, weshalb Florence ihn so +bezeichnet hatte.</p> + +<p>»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr +Leath,« sagte sie munter. »Wissen Sie wohl, daß Sie +sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie sind der +erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat +betreten dürfen.«</p> + +<p>Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. + <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span> +Sie ärgerte sich fast über Cis. Das allerliebste, +muntere, freimütige Benehmen, das sie immer geliebt +und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. +Es entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie +Everard Leath gegenüber für wünschenswert hielt. +Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige Gesichtchen +und sprach, während sie den kastanienbraunen +Kopf hochmütig hob:</p> + +<p>»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir +Jasper, Herr Leath? Erwarten Sie eine Antwort, oder +soll ich ihn Ihnen abnehmen?«</p> + +<p>Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als +wolle sie die Hand ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich +die Aushändigung des Briefes. Leath aber +machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.</p> + +<p>»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche +Sie nicht zu bemühen. Als ich mich erbot, das Billett +zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, Sir Jasper selbst +aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«</p> + +<p>»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht +aufhalten! Wenn Sie sich rechts wenden, so erreichen +Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«</p> + +<p class="pmb3">Leath verbeugte sich; er war nicht aus der +Fassung zu bringen. Cis kniff ihrer Cousine in den +Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. +Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, +wenn er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt +wurde? Was konnte Florence nur so plötzlich verstimmt +haben? Sie hätte vielleicht Einspruch erhoben, + <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span> +denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger Ausgelassenheit, +wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene +Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt +ertönte auf einem der Pfade in der Nähe, und Sir +Jasper in höchsteigener Person erschien auf der Bildfläche.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_6">6.</h2> +</div> + +<p>Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence +unwillkürlich einen Blick schreckensvoller Bestürzung +zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte seine Tochter +fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den +Fremden empfangen, den er, stehenbleibend, eine +leichte Wolke auf dem schönen, ruhigen Gesicht, gemustert +hatte — liebenswürdig, steif und förmlich oder +ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung +an.</p> + +<p>Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden +Worte zu sprechen, so würde sie sich wohl +sehr schlecht aus der Sache gezogen haben. Aber +Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz +von selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.</p> + +<p>»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« +sagte sie lächelnd. »Du ersparst uns den Weg +nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath +reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche +im Bungalow. Er ist so freundlich, dir einen Brief von +Herrn Sherriff zu überbringen.«</p> + +<p>»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine +Stirn leicht gerunzelt, aber er blickte Leath an, und +sein Ausdruck hellte sich auf.</p> + +<p>»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. + <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span> +Gestatten Sie mir, Ihnen den Brief abzunehmen, dessen +Besorgung Sie so freundlich übernommen haben,« +sprach er.</p> + +<p>Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das +Schreiben, das der Baron mit einem Wort der Entschuldigung +erbrach, las und in die Tasche steckte; dann +fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen +dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, +was dieser freundlich bejahte.</p> + +<p>»Vielen Dank — ich bin Ihnen sehr verbunden. +Aber mittlerweile ist die Zeit des zweiten Frühstücks +gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir die Ehre, es +mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, +Sie meiner Frau vorzustellen.«</p> + +<p>Leath nahm dankend an.</p> + +<p>Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre +blauen Augen auf, so weit sie nur konnte, und kniff +ihrer Cousine heftig in den Arm — beides sollte ihre +grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur +über Sir Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig +zeigte wie noch nie? dachte seine Tochter.</p> + +<p>Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen +der Augenbrauen beantwortete, behielt ihre +eigene Verwunderung — nicht über Sir Jaspers +Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit, +mit der Leath die Einladung aufnahm — +für sich. Er hatte keine Spur der Befangenheit und +Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber anfangs +im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis +weiter, eine Regung des Interesses und der Belustigung<span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span> +empfindend, sehr ernst und schweigsam, — etwas +äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.</p> + +<p>Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen +Zunge nicht plauderte, so gebrauchte sie doch ihre +großen, glänzenden irischen Augen und wunderte sich, +auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz +ihres Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, +seine Lippen sich fest aufeinanderpressen und seine +Augen verstohlene Seitenblicke auf seinen Gefährten +werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung +schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder +hatte ihn etwas geärgert? So sah es noch mehr aus. +Und dennoch, was konnte das gewesen sein? Weder sie +noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur +Sir Jaspers Fragen über die mutmaßliche Dauer +seines Aufenthaltes in St. Mellions und Ähnliches +beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren, +zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam +war er geworden. Als er gleich darauf wieder zu +sprechen anhub, wandte er hastig die Augen ab; sie +fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen +wie jetzt.</p> + +<p>»Habe ich recht verstanden — Sie kommen aus +Australien, Herr Leath?«</p> + +<p>»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich +eingeschifft.«</p> + +<p>»Darf ich fragen, wo?«</p> + +<p>»In Sydney. Aber ich habe in Queensland +gelebt.«</p> + +<p>»Ihr ganzes Leben lang?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p> + +<p>»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«</p> + +<p>»Niemals.«</p> + +<p>»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«</p> + +<p>»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten +Entschluß gefaßt. Aber mich fesselt nichts an Australien, +und es ist möglich, daß ich es tue.«</p> + +<p>»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine +Eltern haben?«</p> + +<p>»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während +der letzten acht Jahre — seitdem ich zweiundzwanzig +Jahre alt bin — habe ich ganz allein in +der Welt gestanden.«</p> + +<p>»Sie haben keine Verwandten in England?«</p> + +<p>»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem +Lande der Welt.«</p> + +<p>Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken +Ton gestellt worden, der beinahe ungezogen war; +aber Leath hatte mit unverwüstlicher Gelassenheit +bereitwillig und deutlich geantwortet, während er +ernst vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. +Sir Jasper hatte sein Schweigen nicht wieder gebrochen, +noch Leath wieder angeblickt.</p> + +<p>Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, +die liebenswürdige Wirtin einem jungen Manne gegenüber +zu spielen, von dem sie außer der Geschichte mit +Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war freundlich +und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre +sie über die Empfindungen ihres Mannes im klaren +gewesen. Chichester, der in Turret Court frühstückte, +wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war<span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span> +von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich +neben seiner Braut, und Cis — ganz und +gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys Abwesenheit +war ihr fast jeder Mann lieber als keiner +— fiel das Amt zu, den Fremden zu unterhalten. +Sie, Jasper und seine Frau saßen einander gegenüber, +und Roys Stuhl blieb leer — er war nach Market +Beverley geritten.</p> + +<p>Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe +nicht leicht. Es mochte daran liegen, daß ihr +Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, oder daß +die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. +Außer ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, +ein Gespräch in Gang zu bringen. Florences +sonst so beredte Zunge hatte wenig zu sagen. +Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund +hinüber; sie antwortete ihrem Verlobten, aber mehr +tat sie nicht und wandte sich nicht ein einziges Mal +direkt an Everard Leath.</p> + +<p>»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis +und warf vorwurfsvolle Blicke über den Tisch. Weshalb +sprach sie nicht — sie, die immer jedermann +amüsieren konnte, wenn sie wollte? — Die Pause, +die nach ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort +eingetreten war, hatte schon beklemmend lange gedauert. +Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke +ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:</p> + +<p>»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, +glaube ich, Herr Leath?«</p> + +<p>»Nein — aber ich habe von ihm gehört. Ihm +gehören die Chichester Arms, nicht wahr?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p> + +<p>»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. +Mellions — mehr als uns,« sprach Cis. »Sein Besitz +Highmount ist wirklich wundervoll. Manche finden +ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht +teile ich nicht. Haben Sie den Park und das Schloß +schon gesehen?«</p> + +<p>»Nur von der Chaussee aus.«</p> + +<p>Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. +Chichester sprach gerade mit Florence, die zu ihm aufschaute.</p> + +<p>»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht —« Cis brach +ab, dunkelrot im Gesicht, und verriet, was sie angefangen +auszusprechen, so unbeholfen durch ihr schuldbewußtes +Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen +Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach +er mit einer kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin +verblüffend fand, wenn sie auch erleichtert aufatmete:</p> + +<p>»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. +Verzeihen Sie mir die Frage — ist Gräfin Esmonds +Verlobung augenblicklich noch ein Geheimnis?«</p> + +<p>»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts +der Art! Wir alle wissen es, aber sie soll noch nicht +veröffentlicht werden, ehe die Herzogin — die Patin +meiner Cousine und ihr zweiter Vormund — davon +in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben +hat.«</p> + +<p>»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor +Herrn Sherriff geheimgehalten werden?«</p> + +<p>»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt?<span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span> +Sie hält so viel von ihm, daß ich glaubte, er +sei einer der ersten, dem sie es mitgeteilt. Sind Sie +sicher, daß er es nicht weiß?«</p> + +<p>»Ganz sicher.«</p> + +<p>»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. +»Das sieht ihr gar nicht ähnlich! Bitte, erwähnen +Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath — es +könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl +so zusammenhängen, daß sie glaubt, daß Herr Sherriff +sich nicht darüber freuen würde. Und das glaub’ ich +auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, +daß er keinen für gut genug für sie hält.«</p> + +<p>Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder +richteten sich seine Augen quer über den Tisch hinüber +auf das ruhige, schöne Gesicht des Mannes, das sich +ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe +hinabbeugte, — nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, +— nicht mehr vielleicht, als er sich eben zu Cis +hinuntergebeugt hatte. Der ihr Bräutigam? Er sah +aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so +gleichgültig war er.</p> + +<p>Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, +und nachdem sie abermals ohne Erfolg zu +ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte, begann sie +einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, +durch eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so +daß endlich ein Gespräch zwischen ihr und ihrem Tischnachbar +in Gang kam, und was er ihr erzählte, war +wirklich amüsant und neu für sie.</p> + +<p>»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach +Australien,« meinte sie. »Man macht sich erst eine<span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span> +Vorstellung von einem Orte, wenn jemand redet, der +dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den +ich kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie +davon.«</p> + +<p>»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. +»Darf ich fragen, wer das ist, Fräulein Mortlake?«</p> + +<p>»Wie dumm von mir, — ich dachte, das wüßten +Sie! Es ist Harrys — Herrn Wentworths Vater.« +Sie errötete leicht, als ihr der Name entschlüpfte +und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer +seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar +um ihre Verlobung wisse.</p> + +<p>»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es +kann ihm dort nicht sehr gefallen haben, denn er +spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in der Tat +keine Ahnung davon, bis Har— Herr Wentworth +es mir erzählte.«</p> + +<p>»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath +rasch.</p> + +<p>»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet +war.«</p> + +<p>»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath +wieder und blickte sie unverwandt an.</p> + +<p>»Ja — das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, +also muß es ungefähr so lange her sein.«</p> + +<p>Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer +Nichte das übliche Zeichen und stand auf. Es blieb +keine Zeit zu einer Antwort.</p> + +<p>Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort +für Herrn Sherriff ihm schon gegeben worden. Seine +Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und einem<span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span> +freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die +kälteste und förmlichste Verbeugung.</p> + +<p>Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit +geworden? Cis blickte wieder mit drolligem +Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die beiden Mädchen +zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte +mit Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter +nach Highmount zurückrief, das Zimmer verlassen, +und der Baron saß stumm und regungslos vor +sich hinbrütend an seinem Platze.</p> + +<p>»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb +du ihn unausstehlich nennst, Florence,« gähnte +Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht leicht ist, +sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht +helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. +Es war zu schlecht von dir.«</p> + +<p>»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence +trocken zurück. »Chichesters Unterhaltungsgabe war +auch nicht gerade glänzend.«</p> + +<p>»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn +Sherriff deine Verlobung mitteilen müssen. Er hält +so viel von dir!«</p> + +<p>»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich +das nicht getan habe?« fragte Florence rasch.</p> + +<p>»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte +mir ihm gegenüber, daß du verlobt seiest. +Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr Sherriff nichts +davon wüßte.«</p> + +<p>»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. +Das sieht der Unverschämtheit des einen +von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, +dann lachte sie. »Bah,« sagte sie dann in +leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, daß du es +Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn +Sherriff gern aufklären, meinetwegen kann jedermann +es erfahren.«</p> + +<p>Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener +Stirn. »Cis!«</p> + +<p>»Ja, Liebste?«</p> + +<p>»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand +furchtbar ähnlich sieht?«</p> + +<p>»Herr Leath? Nein — ich habe keine Ähnlichkeit +gesehen.«</p> + +<p>»Ich aber —« sagte Florence langsam, als suche +sie sich zu vergegenwärtigen, in welchem Zuge die +Ähnlichkeit läge, »ich sehe es immer; schon am Tage +des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe seitdem +immer darüber nachgedacht. Wem von meinen +Bekannten er ähnlich sieht, und worin die Ähnlichkeit +liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß sie +da ist.«</p> + +<p>»Was sagst du da?«</p> + +<p>Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an +ihres Vaters scharfe, herrische Stimme gewöhnt, nicht +an die Wut, die jetzt aus seiner Stimme klang. Er +hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die +gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein +blasses, zorniges Gesicht paßte zu seiner Stimme.</p> + +<p>Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete +mit hochmütiger Gelassenheit:</p> + +<p>»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte,<span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span> +daß Herr Leath irgend jemand außerordentlich ähnlich +sähe, und es will mir nicht einfallen, wem.«</p> + +<p>»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie +ist es möglich? Was kannst du wissen?« Er brach +nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen Worten +jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand +sinken.</p> + +<p>»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. +»Unsinn! Hüte deine Zunge besser. An dem Menschen +hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und ich rate dir, +von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich +zu sehen. Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist +ein Abenteurer, soviel wir wissen. Es war verkehrt +von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich werde +das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn +du klug bist, so laß es mich nicht wieder hören, +daß du so törichte Reden führst.«</p> + +<p>Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend +hinter ihm ins Schloß. Cis war sprachlos.</p> + +<p>»Florence, was kann über ihn gekommen sein? +Und so zu dir zu reden!«</p> + +<p>Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war +gerunzelt, ihre Augen weit geöffnet; sie hatte keine +Antwort bereit.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller +fast eingeschlafen, als er durch Everard Leath, +der durch die Veranda eintrat, aufgeweckt wurde. +Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf der Zunge +hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann,<span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span> +mit dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. +Seine Augen glänzten, sein Gesicht war gerötet, der +gelassene Ausdruck verschwunden und einer sonderbaren +frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte +dem Alten, der ihn verwundert ansah, die Hand auf +die Schulter.</p> + +<p>»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. +Mellions bleiben würde.«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p class="pmb3">»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich +würde aber wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes +anderen Sinnes, — ganz anderen Sinnes geworden, +— und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_7">7.</h2> +</div> + +<p>Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, +denn die Hitze hatte noch zugenommen, und +sogar in den kühlen, großen, luftigen Räumen von +Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.</p> + +<p>Lady Agathe, ihre Kinder — Roy in einem weißleinenen +Anzuge, in dem er noch länger als sonst aussah +— und Florence saßen vor den Fenstern des getäfelten +Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem +Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch +gebracht worden. Es war dort entschieden kühler als +drinnen, und die weißgekleideten Mädchengestalten, +die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben, +boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen +und Decken ein Lager zurechtgemacht.</p> + +<p>Chichester, der wie immer kühl, gelassen und +vornehm aussah, erschien gerade, als die ersten Tassen +eingeschenkt wurden.</p> + +<p>»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein +Glas Bischof vor?« fragte ihn Florence.</p> + +<p>Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina +an die Herzogin geschrieben und beide äußerst +befriedigende und herzliche Antworten erhalten. Jetzt, +wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu +ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, + <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span> +der nicht wußte, daß Gräfin Florence Esmond +als Herrin in Highmount einziehen würde.</p> + +<p>Chichester entschied sich für Tee und nahm die +Tasse, die Florence ihm reichte. Er hatte Lady Agathe +schon seine Verbeugung gemacht und Cis die Hand geschüttelt, +die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung +mit ihm anzuknüpfen — im stillen hielt sie +ihn in der Beziehung noch schlimmer als ›den Menschen +Leath‹, was sehr viel sagen wollte.</p> + +<p>»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte +er dann, »ich speise heute bei dem Bischof. Ich muß +heimfahren, sobald ich Sir Jasper gesprochen habe.«</p> + +<p>»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das +junge Mädchen lächelnd, »ich hätte dich also mit +meinem frivolen Tee gar nicht aufhalten sollen. Mein +Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir ihm sagen +lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt +beim Frühstück, Tante Agathe, — er sitzt zu +viel allein — ich will ihn bitten lassen, zu uns zu +kommen.«</p> + +<p>Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale +mit Früchten brachte, die nötige Anweisung, und ein +paar Minuten darauf erschien der Hausherr. Er hatte +die Aufforderung augenscheinlich ziemlich liebenswürdig +aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung +mit Chichester wurde rasch erledigt, während er den +Tee trank, den Florence ihm gereicht hatte. Er kehrte +aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im stillen gehofft, +sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien +aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen;<span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span> +er hatte nicht solche Furcht vor seinem Vater, +wie die schüchterne kleine Cis, und sagte:</p> + +<p>»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches +erlebt habe! Ich fragte heute morgen Leath, ob +es in Queensland noch heißer wäre, und er sagte, +dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. +Kühl! Du meine Güte!«</p> + +<p>»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im +Satz ab und drehte sich schnell nach seinem Sohn und +Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er streng.</p> + +<p>Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung +sehr verwundert war, antwortete:</p> + +<p>»Von dem Menschen aus Australien, Everard +Leath. Doch du mußt ihn ja kennen, er hat hier vorige +Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«</p> + +<p>»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel +und antworte mir. Wo hast du ihn getroffen?«</p> + +<p>»Wo—o, ein paarmal bei dem alten Sherriff +— und bei Mutter Buckstone — und sonst im Orte. +Er ist ein netter Mensch, den ich gern leiden mag. +Warum, Vater?«</p> + +<p>»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft +abbrichst,« antwortete Sir Jasper in demselben +schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein Fremder +— laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff +sich lächerlich machen will, so mag er es tun. Bitte, +ich wünsche ihn nicht wieder von dir genannt zu hören, +und damit basta!«</p> + +<p>Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema +fallen ließ, denn Roys Achselzucken und Grimasse verhießen +nur geringe Fügsamkeit. Die Familie Mortlake<span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span> +auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht +gewesen, und Roy besaß eine gute Portion +ihres angeborenen Eigensinns. Er erhob sich langsam +aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis auf, +mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister +schlenderten davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls +in der Nähe ihres Gatten nicht behaglich fühlen +mochte, folgte ihnen bald.</p> + +<p>Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch +des Hausherrn mit gerunzelter Stirn dagesessen. +Jetzt hub er an:</p> + +<p>»Entschuldigen Sie — darf ich fragen, ob Sie +irgend etwas von diesem Leath wissen, Mortlake?«</p> + +<p>»Nichts — gar nichts, was sollte ich wissen? Was +meinen Sie?«</p> + +<p>»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von +ihm wüßten; da Sie so dagegen sind, daß Roy sich mit +ihm abgibt, so könnten Sie möglicherweise einen besonderen +Grund dafür haben.«</p> + +<p>»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein +Sohn in seinem Alter einen freundschaftlichen oder gar +intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt, den +ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«</p> + +<p>»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte +Chichester mit gewohntem Gleichmut. »Ich +meinte nur, daß — ich habe ihm gerade heute Lychet +Hut — Sie kennen doch das kleine Haus? — vermietet, +und wenn Sie wirklich etwas gegen ihn haben, +so erführe ich es gern.«</p> + +<p>»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen — ihn als +Mieter genommen?« fragte der Baron ungläubig.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p> + +<p>»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«</p> + +<p>»Ist es fest abgemacht?«</p> + +<p>»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat +die halbe Miete im voraus bezahlt.«</p> + +<p>»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie +können ihn nicht an die Luft setzen?«</p> + +<p>»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht +wissen, wer er ist?«</p> + +<p>»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt +es, wenn ein Mieter die Miete im voraus zahlt. Es +steht nicht in meiner Macht, die Sache rückgängig zu +machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff —«</p> + +<p>»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht +zu ändern. Wenn Sie es in der Zukunft bedauern +sollten, so denken Sie daran, daß ich Sie gewarnt +und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse +zu schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff +ist ein alter Narr!«</p> + +<p>Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence +und ihr Verlobter blieben allein und sahen ihm nach, +wie er rasch dem Hause zuschritt, und blickten dann +einander an. Es lag Verwunderung auf beiden Gesichtern +— ratlose Bestürzung auf dem des Mannes +— lebhaftes Staunen auf dem des Mädchens.</p> + +<p>Florence brach in Lachen aus und zuckte die +Achseln; ihre Brauen waren hoch emporgezogen.</p> + +<p>»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden +Einfluß auf ihn gehabt,« meinte sie, und setzte +dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«</p> + +<p>»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p> + +<p>»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder +lieben wir die meisten Leute?«</p> + +<p>Chichester umging die Antwort und stellte statt +dessen eine höfliche Frage:</p> + +<p>»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm +Lychet Hut vermietet habe?«</p> + +<p>»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen +Geschmack, es zu mieten, wundere. Es ist fast verfallen, +nicht wahr?«</p> + +<p>»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf +einiger Ausbesserung. Ich habe schon alles Nötige angeordnet.«</p> + +<p>»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«</p> + +<p>Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.</p> + +<p>»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«</p> + +<p>»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß +er an Einsamkeit gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe +dafür habe.«</p> + +<p>»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß +er den Wunsch hat, hier zu bleiben,« sagte sie, die Stirn +in Falten ziehend.</p> + +<p>»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei +Monate, möglicherweise nicht einmal so lange bleiben. +Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse darüber ist.«</p> + +<p>»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht +wahr? Und wie er den armen Roy anfuhr! — +Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte schelmisch.</p> + +<p>»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p> + +<p>»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine +Höhle geladen, so wäre er vielleicht ertrunken!«</p> + +<p>Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er +wurde nicht gern an das ›Höhlenabenteuer‹ seiner +Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, um Leath +den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es +ihm lieber gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. +Das wußte Florence, deren wunderschöne, schalkhafte +Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig +blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter +der Gedanke gekommen, daß sie ihren phlegmatischen +Verlobten eifersüchtig machen möchte. Aber +sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend +etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur +Eifersucht gegeben hätte.</p> + +<p>Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß +ihr Vater von der Bildfläche verschwunden, kamen +wieder herzu.</p> + +<p>»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.</p> + +<p>»Ich weiß es wahrlich nicht!«</p> + +<p>Florence war aufgestanden; es klang etwas wie +Ungeduld aus ihrer Stimme. Schlank und aufrecht +stand sie in ihrem schlichten weißen Kleide da und +nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. +»Er mag Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. +»Das ist wohl der Grund.«</p> + +<p>»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld +und ahnte nicht, daß sie Chichester eine Tatsache verriet, +die ihre Cousine ihn nicht hatte erfahren lassen +wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als +du sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span></p> + +<p>»Ja,« antwortete Florence kurz.</p> + +<p>»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester +fragend.</p> + +<p>»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine +Ähnlichkeit sehen. Zuerst war Papa sehr liebenswürdig +gegen ihn, und Roy hat ihn sehr gern, nicht wahr, +Schatz?«</p> + +<p>»Das will ich meinen — viel lieber als die +meisten, mit denen ich sonst verkehre. Lassen Sie +sich durch meinen Alten nicht gegen ihn einnehmen, +Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er +Lychet Hut gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! +Und dabei fällt mir ein,« setzte Roy mit einem Lachen +und einem Blick auf seine Schwester hinzu, »es lag +ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. +Er kennt ihn nicht, nicht wahr?«</p> + +<p>»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.</p> + +<p>»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er +es wissen — schien sehr erpicht darauf. Jetzt, wo +ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er mich +gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich +— nicht wahr?«</p> + +<p class="pmb3">»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief +Cis und warf den goldblonden Kopf empört in den +Nacken.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_8">8.</h2> +</div> + +<p>Harry war wieder daheim und Cis selig, denn +für sie war die Welt voll Sonnenschein.</p> + +<p>Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen +auf dem Flur — Harry hatte in Turret Court übernachtet, +nachdem er in Arborfield über sich und seine +Erlebnisse Bericht erstattet hatte — und überlegten, +wie sie den Morgen verbringen wollten.</p> + +<p>Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren +rosigen Wangen und dem goldblonden Köpfchen wie ein +Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie weder Lawn-Tennis +spielen noch ausfahren noch unter den Platanen +vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, +als Florence die breite Treppe herabkam. +Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit roten Bandschleifen +und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, +weißen Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz +wie eine taufrische Blume hervorschaute.</p> + +<p>»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.</p> + +<p>»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt +nach der See; ich muß sie sehen und rauschen hören. +Deshalb werde ich mir ein nettes Plätzchen aussuchen +— vielleicht meine Höhle — und dort bleiben, +bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn +ich nicht zum zweiten Frühstück erscheine. Komm mit,<span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span> +Tramp,« wandte sie sich an den zottigen Hund, der +ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war. +Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten +Wintertage in London halb verhungert und ganz verwahrlost +bis an ihre Wohnung nachgelaufen und hatte +seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy +verächtlich erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt +zu werden.</p> + +<p>Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, +und Florence erhob keinen Widerspruch; sie +war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die Dritte +im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals +als peinlich.</p> + +<p>Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die +drei wanderten seewärts. Auf den grasbewachsenen, +mit Ginstergestrüpp bedeckten Klippen gab es lauschige +Plätzchen genug, und sie machten es sich bald bequem. +Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund +drängte sich dicht an Florence, und Harry streckte sich +zu Cis’ Füßen hin. Florence lächelte, als sie das sah, +und lächelte noch mehr, als eine kleine rosige Hand +anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend +darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher +Stellung zu vergegenwärtigen, wäre komisch +gewesen. Das junge Mädchen seufzte, während sie +auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte +sich wieder: »Warum habe ich es nur getan?«</p> + +<p>Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als +Harry seine Zigarre ausgeraucht hatte, nahm er Cis +ohne Umstände ihr Buch weg und begann zu plaudern. +Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr unterhaltender<span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span> +Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls +ihr Buch sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und +Bewunderung zu. Er erzählte von London, das sie, +zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und +sie meinte mit einem leisen Seufzer:</p> + +<p>»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«</p> + +<p>»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist +ist! Ich wollte, ich hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag +zu machen. O, dabei fällt mir ein,« sprach Harry +in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch eigentlich, +der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«</p> + +<p>»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.</p> + +<p>»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie +müssen ihn kennen, Florence, nicht wahr? Lychet Hut +gehört Chichester.«</p> + +<p>»Sie meinen Herrn Leath — Everard Leath.«</p> + +<p>»Ja, so heißt er — ich konnte nicht auf den Namen +kommen. Das ist ja der Mensch, den Sie damals beim +Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen — natürlich, +jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von +mir wollen?«</p> + +<p>»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. +»Sagte Roy, daß er Sie zu sprechen wünschte?«</p> + +<p>»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich +danach erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, +und da ich ihn nie mit den Augen gesehen, noch +je seinen Namen gehört habe, so ist das doch ziemlich +wunderlich.«</p> + +<p>Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite<span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span> +Zigarre an und meinte dann, daß es bei der Hitze +kühler in Florences Höhle sein würde.</p> + +<p>»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence +lächelnd. »Es ist nicht weit. Das Gebüsch dort zur +Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du dazu, +Cis?«</p> + +<p>Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in +das schreckliche Loch immer unheimlich fände und es +nebenbei die Kleider verderbe.</p> + +<p>»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten +Eindringlingen durch seine versteckte Lage ziemlich +sicher, Florence. Finden Sie je dort auch nur ein verirrtes +Kaninchen? Aber — wer — in des Kuckucks +Namen —« Harry stieß die letzten Worte im Tone +größter Verwunderung aus, und Cis entfuhr ein leiser +Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten. Das +Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, +raschelten und wurden beiseitegeschoben: ein Mann +erschien in der Öffnung.</p> + +<p>Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences +Augen, und ihre Wangen röteten sich vor Zorn.</p> + +<p>»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen — +Everard Leath,« sagte sie kurz, als Antwort auf +Harrys Blick.</p> + +<p>»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« +meinte er lachend, »haben Sie ihm freien Zutritt +gewährt, Florence?«</p> + +<p>»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß +nicht, was ihm einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht +hin, Harry; rauchen Sie ruhig weiter! Wir brauchen +ihn nicht zu sehen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span></p> + +<p>»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. +Sie hatte ganz recht. Everard Leaths blaue Augen +waren ebenso weitsichtig wie scharf und glänzend, +und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten +in ihren blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. +Ein merkwürdiges Leuchten brach aus seinen Augen +und wurde noch heller beim Anblick des jungen +Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy +war es nicht — wer anders konnte es sein als ihr +Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den Zähnen +und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre +Florences schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig +und kalt gewesen, so würde ihn ihr Ausdruck nicht +zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich die +Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht +entgehen zu lassen.</p> + +<p>Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für +ihn sein können. In ihrer Überraschung über sein +plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz, daß sie eigentlich +böse auf ihn war, und lachte munter, während sie +seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte +nur ein unsagbar hochmütiges, kaum merkbares +Neigen des Kopfes für ihn.</p> + +<p>»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das +schreckliche Loch hinunterzuklettern! Ihr Geschmack +ist ebenso wunderlich wie der Florences.«</p> + +<p>Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in +der Höhle rauche, die ihm am ersten Tage Schutz gewährt. +Und als es ihm gelang, Florences grauen +Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu +begegnen, setzte er hinzu:</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, +Gräfin, so darf ich hoffentlich auf Ihre Verzeihung +rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre Höhle betreten +habe?«</p> + +<p>Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht +auf ein Loch in den Klippen besäße, und daß nur ihre +Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle nenne.</p> + +<p>Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence +so verstimmt sei; der unglückliche Mann hatte doch +nichts getan, um solche Behandlung zu verdienen, +und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger +gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. +Harry war um seiner kleinen Braut willen +herzlich und freundlich, und so geschah es, daß Leath +in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen +Gruppe oben auf der Klippe gesellte.</p> + +<p>Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen +Leuten fort, legte einen Arm um die Taille ihrer +Cousine, die sich in ihr Buch vertieft hatte, und +fragte sie:</p> + +<p>»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, +nicht wahr, mein Herz?«</p> + +<p>»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein +Dasein überhaupt vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. +Was kann es mir ausmachen?«</p> + +<p>»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa +so böse über Herrn Leath war. Weißt du noch?«</p> + +<p>»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn +getroffen haben.«</p> + +<p>»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. +Wie lebhaft die beiden sich unterhalten!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span></p> + +<p>»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.</p> + +<p>»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. +Ich werde deinem Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte +ist sehr interessant.«</p> + +<p>Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las +weiter. Sie hörten beide nicht auf die Unterhaltung +der Herren.</p> + +<p>Leath erzählte von seinem Leben in Australien, +und Harry meinte, daß er ihn, so rauh und beschwerlich +es auch oft gewesen sein möge, fast darum beneiden +könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er +mündig geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige +Zeit hinauszugehen, aber sein Vater, der irgendein +Vorurteil gegen Australien hege, habe sich seinem +Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte +sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry +verneinte und fragte, ob er schon erwähnt, daß sein +Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch selbst in +Australien gewesen sei.</p> + +<p>»Nein, aber ich habe davon gehört.«</p> + +<p>»So? Ja — ich glaube, er war ungefähr ein +Jahr drüben, als er in meinem Alter war, und zwar +hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland — +das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde +Ihnen auch, ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber +erzählen, wenn ich es wüßte, aber ich glaube, er ist +dort in Unannehmlichkeiten verwickelt worden.«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und +wahrscheinlich war es nichts Besonderes — irgendein +kleines Techtelmechtel, in das junge Leute sich einlassen,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span> +wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. +Aber er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und +da mag er sich wohl in den Kopf gesetzt haben, daß +mir etwas Ähnliches passieren könnte. Jedenfalls erkläre +ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen +wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien +eingenommen. Es überraschte mich sehr, zu hören, daß +er überhaupt dort gewesen. Er hatte nie davon gesprochen.«</p> + +<p>Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich +aufrecht, um sie wieder anzuzünden.</p> + +<p>Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das +Meer hinausblickte, sagte langsam:</p> + +<p>»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet +hat. Darf ich fragen, ob es viele Jahre her ist, daß +Lord Carmichael in Queensland war?«</p> + +<p>»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, +als er noch unverheiratet war.«</p> + +<p>»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«</p> + +<p>»Dreißig? Ach nein — so lange nicht. Achtundzwanzig +ist das höchste.«</p> + +<p>Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder +auf den Ellbogen.</p> + +<p>»Wissen Sie das gewiß?«</p> + +<p>»Natürlich, ganz gewiß!«</p> + +<p>Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war +der junge Wentworth zu gutmütig, um ungeduldig zu +werden.</p> + +<p>»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich +bin fünfundzwanzig, und er war gerade ein Jahr +verheiratet, als ich mich einstellte. Meine Mutter<span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span> +hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten +wieder in England war, als er sie kennen lernte, und +sie heirateten, ehe ein halbes Jahr um war. Sie +können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die verstrichen, +seitdem er nach Australien ging, aber keinen +Tag mehr, nicht dreißig oder annähernd soviel.«</p> + +<p>»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie +sagten.«</p> + +<p>Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.</p> + +<p>»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden +es neunundzwanzig Jahre, daß er seinen Vater +verlor, und damals war er in Arborfield. Nein — vor +dreißig Jahren war er in England und niemals weiter +als hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst +du, Cis? Frühstückszeit? Ja, das mag schon sein. +Ich bin bereit, wenn du es bist.«</p> + +<p>Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry +erhob sich jetzt. Leichten Sinnes, wie er war, empfand +er keine Neugier, weshalb er mit so sonderbarem +Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal +darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen +herzlichen Worten von Leath und versprach, seiner +Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, sobald er +dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ +blaue Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem +Ausdruck, als er erhobenen Hauptes schnell in +der Richtung von St. Mellions dahinschritt.</p> + +<p>»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und +wie albern, sich in deine Höhle zu setzen, Florence! +Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich behaupten,<span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span> +daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu +verlieben, Liebling!«</p> + +<p class="pmb3">Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte +Everard Leaths entschwindender Gestalt mit gerunzelten +Brauen nach, einen bestürzten, forschenden Ausdruck +in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was +Cis und ihrem Verlobten entgangen — die merkwürdige +Veränderung in dem ernsten, gelassenen Gesicht +des Australiers. Was hatte nur jenen zornigen, +enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte +sich mit einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich +selbst, und doch seufzte sie. Es schien, als ob der Mensch +sie immer beschäftigen, sie immer beunruhigen sollte.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_9">9.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu +verlangsamen, von der Halde geraden Wegs nach St. +Mellions hinunter und nach dem Bungalow, der für +den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs +dringende Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer +in den Chichester Arms aufgegeben, um bis zum +Augenblick, da seine neue Behausung für ihn instand +gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten +Herrn zu wohnen. Leath ging durch den Garten, dann +durch die Veranda in das dahinterliegende Zimmer, wo +Sherriff mit der Feder in der Hand über einige Rechnungsbücher +gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt +des jungen Mannes am Fenster erschien, und er +sagte, ihn freundlich begrüßend:</p> + +<p>»Da sind Sie wieder — das ist recht.«</p> + +<p>»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie +doch nicht?«</p> + +<p>»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer +Wohnung gewesen?«</p> + +<p>»Nein — draußen auf der Halde.«</p> + +<p>»So! Es ist ein schöner Morgen für einen +Spaziergang. Setzen Sie sich, ich bin gleich mit meiner +Schreiberei fertig.«</p> + +<p>Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen<span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span> +Fenster nieder. Das helle Sonnenlicht fiel voll auf sein +Antlitz, auf dem eine finstere Wolke lag; er fuhr mit +der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen Bart, +während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in +düstere Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten +Auge hätte sein ernstes Vorsichhinbrüten auffallen +müssen. Sherriff, der aufblickte, als er mit +seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein +Ausdruck der Verwunderung und der Besorgnis überflog +sein schönes altes Gesicht.</p> + +<p>»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. +»Ihnen ist hoffentlich nichts Unangenehmes begegnet?«</p> + +<p>»Unangenehmes?«</p> + +<p>Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das +kaum. Das heißt, ich sehe ein, daß ich mich geirrt +habe — das ist alles. Bis heute glaubte ich, daß +die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach +St. Mellions kam, fast getan sei — weit gefehlt! +Ich bin gerade so weit wie vorher!«</p> + +<p>»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum +herausgestellt hat, die Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, +hier zu bleiben und Lychet Hut zu mieten?« +fragte Sherriff.</p> + +<p>»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den +anderen Weg eingeschlagen, nach London zu gehen — +weit besser!«</p> + +<p>»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«</p> + +<p>»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg +hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich +bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«</p> + +<p>Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu + <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span> +Boden. Der Ältere brach nach einer kleinen Weile +das Schweigen und sprach zögernd und vielleicht etwas +vorwurfsvoll:</p> + +<p>»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, +Leath. Ich habe kein Recht, dieses Vertrauen +zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an Sie +richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, +eingeweiht wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem +Vorhaben helfen, oder ist das unmöglich?«</p> + +<p>»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«</p> + +<p>»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«</p> + +<p>Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen +Stimme, aber für Leaths Ohr klang etwas wie +Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.</p> + +<p>»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber +alter Freund,« sagte er, »und glauben Sie nicht, daß +ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben Sie mir +ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel +gewesen, und wenn Sie mich dann anhören wollen, +so sollen Sie die ganze Sache erfahren, soweit ich weiß. +Es ist keine angenehme Geschichte — das werden Sie +sich wohl schon sagen können.«</p> + +<p>Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in +seinem Tone, die von einer Empörung sprach, die +zwar durch eine eiserne Willenskraft niedergehalten +wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn +unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias +Sherriff nicht; vom Anfang ihrer Bekanntschaft +an hatte er erraten, daß ein geheimes quälendes Leid +am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich,<span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span> +sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen +oder einen Menschen ohne Sorge zu denken.</p> + +<p>Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte +Sherriff den Rücken zu. Sherriff folgte ihm mit den +Augen, während eine seltsame Veränderung in seinem +Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, +war es mit doch merklicherem Zögern als vorher.</p> + +<p>»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer +Kummer, Leath, weshalb Sie es für besser halten, +St. Mellions zu verlassen?«</p> + +<p>»Ein anderer Grund?«</p> + +<p>Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, +die auf seinen Zügen lag, sah wenigstens +echt aus.</p> + +<p>»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich +irre. Ich habe ebensowenig ein Recht, in dieser Sache +Ihr Vertrauen zu erzwangen wie in der anderen,« +sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten +Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht +beunruhigt hat. Gibt es noch einen anderen Grund, +weshalb Sie sich von hier fortwünschen? Und ist es — +Gräfin Florence Esmond?«</p> + +<p>»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths +Blick und Stimme wurde kaum durch die Röte, die +unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte, abgeschwächt; +er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht +gehört habe oder nicht.</p> + +<p>»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung +fort, die weiteres Leugnen oder Widerspruch +abschneiden sollte, »und ich bin nicht so alt, Leath, +daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß eine Schönheit<span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span> +und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann +naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst +wenig von ihr gesehen, aber Sie haben genug gesehen, +um unter dem Zauber ihres Wesens zu stehen. +Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden +jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten +wie wir alle, Sie doch noch keine wirkliche tiefe Liebe +für irgendein Weib empfunden haben.«</p> + +<p>»Das wenigstens ist wahr.«</p> + +<p>»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so +größer. Wenn ich die Sache zur Sprache bringe, so geschieht +es um Ihretwillen. Irre ich mich oder nicht?«</p> + +<p>»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie +über ihre Schönheit sagen; ich bewundere sie — jeder +Mann würde das tun. Aber ich habe an andere Dinge +zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei +wäre und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums +und der Vornehmheit zwischen uns gähnte. Ich danke +Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff, aber ich bin +gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten, +noch mich forttreiben.«</p> + +<p>Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; +es lag sogar eine gewisse Belustigung darin, +und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, als er seinen +Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der Begegnung +auf der Halde, der verächtlich blickenden +grauen Augen, die sich kaum die Mühe genommen +hatten, ihn anzusehen, und des stolz getragenen hochmütigen +braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige +Geburt — daß sie sich wohl bewußt war, dies alles +zu besitzen, hatte sie deutlich genug gezeigt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span></p> + +<p>Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter +Miene wieder nieder.</p> + +<p>»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es +freut mich herzlich, das zu hören, mein lieber Junge — +wirklich herzlich! Es kann einen Mann kein zermalmenderer +Schlag treffen als der Verlust des +Weibes, das er liebt. Es mag töricht von mir gewesen +sein, mir den Gedanken in den Kopf zu setzen.«</p> + +<p>»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie +überhaupt auf diesen Gedanken gekommen sind.«</p> + +<p>»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, +glaube ich, als ihre Verlobung mit Chichester veröffentlicht +wurde. Sie schienen verstört, schienen daran +zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«</p> + +<p>»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen +auseinandersetzte, hatte ich Herrn Chichester in Turret +Court getroffen. Ich würde ihn allerdings nicht für +den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences +Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit +zur Antwort. »Wenn ich mich nicht irre, +so waren auch Sie selbst überrascht.«</p> + +<p>»Ich war mehr als überrascht.«</p> + +<p>Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, +die ihm sonst fremd war. »Wüßte ich nicht, wie +unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem Charakter +nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine +versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe +nichts gegen Herrn Chichester; ich halte ihn für einen +guten Menschen, aber ich wiederhole es — er ist +weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie +glücklich zu machen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span></p> + +<p>»Er scheint das erstere wenigstens getan zu +haben,« warf Leath in seinem früheren gelassenen +Tone kurz dazwischen.</p> + +<p>»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie +kaum, daß sie ein Herz zu verschenken hat!« erwiderte +der Alte mit Entschiedenheit.</p> + +<p>Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich +wieder einen düsteren, sinnenden Ausdruck +an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte, +verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, +geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm +das Sprechen schwer.</p> + +<p>»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, +— und Frauen wohl ebenfalls, — die die Liebe im +besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als +etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und +das man so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen +habe ich nie gehört; für mich ist sie immer die +wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben +zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen +oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, +daß ich Ihnen einmal von einem Kummer erzählt habe, +der mir widerfahren, als ich jung war — einem +Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt +zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«</p> + +<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete +Leath sanft.</p> + +<p>»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen +ist?«</p> + +<p>»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. +Eine Frau.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span></p> + +<p>»Ja, eine Frau — für mich die einzige Frau +auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen, +sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die +Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf +die näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie — +wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich +glaubte, sie liebte mich auch. Ja — ich glaube, sie +liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden, +aber sie war sehr jung, sehr unerfahren — sie +hatte sich vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem +sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren. +Ich war damals sehr arm und kämpfte einen +schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu +erwerben — viel zu arm, um ans Heiraten denken +zu können. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und +stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, +und als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet +hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer +Kolonien zu gehen, als Lehrerin für die Kinder eines +Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir +beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr +bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich +es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei +Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, +wollten wir — mochte geschehen was da wollte — +heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den +Schmerz — all die Qual jener Trennung von ihr +vergegenwärtigen.«</p> + +<p>Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin +Florence würde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck +anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span></p> + +<p>»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine +Erzählung wieder auf, »es ist alltäglich genug. Ich +hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein +schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes +Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten +Zweifel an ihr — niemals! In den ersten Wochen +waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und +ich fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen +gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich könnte +ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr +als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er +sagte mir, daß sie verheiratet sei.«</p> + +<p>Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der +Überraschung.</p> + +<p>»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie +wisse jetzt, daß sie mich niemals geliebt hätte, und beschwor +mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon +reden, was ich durchgemacht habe — ich war jung, +und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr +vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb +ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach — +daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, +daß sie glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals +wieder etwas von ihr gehört.«</p> + +<p>»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«</p> + +<p>»Nein — dessen bedurfte es nicht. Sie mag es +für freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun. +Von dem Tage an war sie für mich tot.«</p> + +<p>»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend +etwas über sie gehört?«</p> + +<p>»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt<span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span> +sie noch, mit ebenso weißem Haar wie das meine — +sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam, +sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges +Gesicht mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, +deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick. +Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr? +Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich +hatte das Gefühl, daß — wie sie nun auch sein mag +— Sie sie hören sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, +zu erklären, weshalb ich soeben ernst und +eindringlich war und weshalb ich mich einen mit +der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von +mir, und übergenug! Lassen Sie uns von etwas +anderem reden.«</p> + +<p>Leath stand auf und folgte Sherriff an das +Fenster, an das er getreten war.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« +sprach er. »Glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die +Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, denn ich +weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt +haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl +nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens +teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zurückhaltung, +die ich Ihnen gegenüber beobachtet, wieder +gutmachen zu lassen.«</p> + +<p>»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht +gern sagen,« wehrte Sherriff hastig ab, »ich verlange +es nicht, Leath — ich bitte Sie sogar, es nicht +zu tun.«</p> + +<p>»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis +möchte ich Ihnen sagen, was mich von der anderen<span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span> +Seite der Welt hierher nach St. Mellions geführt hat. +Ich bin hierhergekommen, um einen Mann aufzusuchen.«</p> + +<p>»Einen Mann? Wer ist er?«</p> + +<p>»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde +meine Aufgabe vollbracht sein. Ich weiß es nicht.«</p> + +<p>»Was ist er denn?«</p> + +<p>»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen +je gehabt.«</p> + +<p>»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu +nehmen?«</p> + +<p>»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«</p> + +<p>»Recht für wen?«</p> + +<p>»Für die Lebenden und die Toten.«</p> + +<p>»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«</p> + +<p>»Ich weiß, daß er hier war.«</p> + +<p>»Vor langer Zeit?«</p> + +<p>»Vor vielen Jahren.«</p> + +<p>»Und mehr wissen Sie nicht — nicht einmal +seinen Namen?«</p> + +<p>»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, +so doch den, den er einst führte. Es ist mein einziger +Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie könnten mir vielleicht +helfen, — Sie mögen recht haben. Kennen Sie +— haben Sie jemals den Namen Robert Bontine +gehört?«</p> + +<p>»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein +— meines Wissens habe ich den Namen niemals +gehört.«</p> + +<p>»Das wissen Sie bestimmt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span></p> + +<p class="pmb3">»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich +ist. Wenn ich den Namen je gehört habe, so hat er sich +meinem Gedächtnis nicht eingeprägt. Aber der Name +ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut — ich +halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen +haben sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte +er dann entschieden. »Unglücklicherweise kann ich +Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den Namen +Robert Bontine nie gehört.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_10">10.</h2> +</div> + +<p>Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem +Verlobten Lychet Hut einmal als eine Ruine bezeichnet. +Das war zwar übertrieben, aber doch nicht +allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, +und das war durchaus nicht übertrieben.</p> + +<p>Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach +Lychet Hook, fast eine halbe Stunde von St. Mellions +entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe standen +keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit +einem Strohdach und enthielt nur zwei geräumige +Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer und eine +Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach +eigenem Plane von einer alten, unverheirateten Dame +erbaut worden, die ebenso wunderlich wie reich war +und von der allgemein angenommen wurde, daß sie +infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt +habe. Wie dem auch gewesen sein mochte, so lebte +sie dort bis zu ihrem Tode in strenger Zurückgezogenheit +nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und verschroben +war wie sie selbst. Dann hatte Chichester +die Wohnung für eine lächerlich kleine Summe von +ihren Erben erstanden und war trotzdem nicht auf +seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder +ein Mieter für das Haus gefunden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p> + +<p>Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon +er seit drei Wochen darin hauste, hatte man in +St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über den +›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.</p> + +<p>Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit +Recht genannt hatte, der beste Hauswirt war, den +man sich nur wünschen konnte, hatte alle notwendigen +Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath +selbst hatte sich nach Market Beverley begeben und +sich dort einfache Möbel und Haushaltungsgegenstände +bestellt, die er nach wunderlicher eigner Methode +selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche +Witwe, eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der +Chichester Arms, in seinen Dienst genommen, um für +ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und dann sich in +der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, +als beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. +Und über ihn, über seinen Hausstand und +sein Benehmen im allgemeinen verwunderte man sich +in St. Mellions höchlichst.</p> + +<p>Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich +mehr oder weniger beliebt zu machen, trotz der halb +argwöhnischen, halb belustigten Neugier, mit der er +angesehen wurde — und zwar nicht nur von den +Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige +Haus, in dem er verkehrte.</p> + +<p>Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen +Pfarrers gemacht, ebenso die des Doktors und seiner +zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem klugen +kleinen Advokaten — ja, fast mit jedem war er bekannt +geworden. Und obgleich keine zweite Einladung<span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span> +nach Turret Court erfolgte und Sir Jasper ihn, als +er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten war, +kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake +oft in Lychet Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des +herrischen Verbots, das sein Vater gegen seine Besuche +erhoben, und mehr als einmal war auch Harry +Wentworth bei ihm gewesen.</p> + +<p>Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf +der Halde und auf den Feldwegen und einmal im +Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit Florence +und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm +bei dieser Gelegenheit recht freundlich begegnet, — +die Besuche ihres Verlobten in Lychet Hut waren ihr +kein Geheimnis, — Florence huldvoll, aber weniger +herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei +Herrn Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, +hatte ihn aber zufällig niemals getroffen. Obwohl +er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der Klippenwand +hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster +auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort +gesehen. Einmal hatte er auf der untersten der drei +unebenen Felsstufen ein blaues Band gefunden, das +wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das +war aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich +fern. Jedenfalls glaubte er das.</p> + +<p>Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im +Zusammenhang mit der Halde, daß er niemals dort +spazieren ging, — was er gewöhnlich jeden Tag tat, +— ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum +wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage +endlich dort begegnete. Er schlenderte langsam, dicht<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span> +am Rande der Klippe, über den wellenförmigen Boden +zwischen den Ginsterstauden und dem hohen Farnkraut +dahin, und als er plötzlich die Augen von dem +kurzen, sonnverbrannten Rasen, auf den er in +finsterem Brüten niedergestarrt hatte, emporhob, sah +er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie stand +und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf +ihn. Sie hatte ihn schon seit mehreren Minuten +gesehen.</p> + +<p>Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn +um so mehr beim Anblick ihres Lächelns, und so standen +sie sich nach wenigen Sekunden gegenüber, und +er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot. +Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem +sie sie ihm gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. +Das fiel ihm ein, während er sich darüber +wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.</p> + +<p>»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr +Leath! Ich glaubte schon, ich müßte Sie anrufen, +damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.</p> + +<p>Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, +ebenso herzlich wie die warme schnelle Berührung +ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch dachte sie +sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie +ihn nicht mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes +begrüßte und ohne ein Wort an ihm vorüberschritt. +Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein, — das +war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand +sie viel besser, als Gräfin Florence lieb gewesen +sein würde, hätte sie darum gewußt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span></p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß +gestehen, daß ich Sie nicht gesehen habe. Ich war +wohl in meine Gedanken vertieft.«</p> + +<p>»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf +die See hätten hinausblicken sollen.«</p> + +<p>»Sie haben die See gern?« fragte er.</p> + +<p>»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich +würde nach meinem Tode in eine Nixe verwandelt +werden.«</p> + +<p>Sie war weitergegangen mit einem Blick und +einer Handbewegung, die ihn ermutigt hatten, an +ihrer Seite zu bleiben.</p> + +<p>»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie +sie auch, nicht wahr?«</p> + +<p>»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher +sie wisse, mit welcher Regelmäßigkeit er auf der +Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« setzte er +ruhig hinzu.</p> + +<p>»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen +der Wellen, obschon es so schwermütig ist. Und ich +fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause sehr einsam +fühlen.«</p> + +<p>Aus der lieblichen Stimme klang freundliches +Interesse und Mitgefühl, die leuchtenden grauen +Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre eigenen +blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer +Cousine auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. +Er war sich vollkommen bewußt, daß sie bei ihrer +nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen würde, +aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, +milderte sich seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span></p> + +<p>Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, +wenn sie wollte, nicht hätte bezaubern können? Es +war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath sprach, +daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber +sie brachte ihn dazu.</p> + +<p>Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden +haben, wäre er über die Halde gekommen und hätte +sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene +Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich +im Grase, ihr lichtbraunes Haar vom Winde verweht, +und Everard Leath dicht neben ihr ausgestreckt, so daß +sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum ihres +kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte +ihn nur eine direkte Aufforderung bewogen haben, +sich dort niederzulassen.</p> + +<p>»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, +gefällt mir eigentlich,« sagte Florence langsam, in +Sinnen verloren.</p> + +<p>Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, +als sie diese Bemerkung machte. Sie hatte +das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen Augen +blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn +war leicht in Falten gezogen.</p> + +<p>»Ja, — es gefällt mir entschieden. Ich glaube +sogar, ich möchte dort sehr gern leben.«</p> + +<p>»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort +für einen Besuch vielleicht ganz erträglich finden würden +— aber als Heimat, nein!«</p> + +<p>»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span></p> + +<p>»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England +zurückwünschen.«</p> + +<p>»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist +und ich es als meine Heimat betrachte? Das ist vielleicht +wahr. Gerade wie Sie selbst Australien ansehen.«</p> + +<p>»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« +sagte Leath ruhig.</p> + +<p>»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«</p> + +<p>»Wenn mein Geschäft erledigt ist — ja.«</p> + +<p>Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence +das Blut in die Wangen, und sie wußte, daß sie sich +verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt. Gegen +ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren +Willen zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte +ihn nach St. Mellions geführt? Was hielt ihn dort +zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um alles in +der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, +aber sie hätte alles in der Welt darum gegeben, es +zu wissen.</p> + +<p>Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen +ihrer Lippen. Er veränderte seine +Stellung und runzelte einen Augenblick die Stirn mit +einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre +Augen ihn unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem +Blick begegnend, sagte er:</p> + +<p>»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl +gestatten würden, eine Frage an Sie zu richten?«</p> + +<p>»Eine Frage?«</p> + +<p>Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich +erwachenden Neugier, und außerdem wäre es unerträglich<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span> +gewesen, ihn glauben zu lassen, daß sie +pikiert sei.</p> + +<p>»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? +Was ist es?«</p> + +<p>»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam +dünken,« sagte Leath, der eine direkte Antwort +umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, daß Sie +sie beantworten können, — das weiß ich. Und doch +habe ich unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«</p> + +<p>»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« +lautete die Gegenfrage, die sie auf der Zunge hatte +und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie kannte die +Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten +Zeit innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur +wenig Gelegenheit gegeben, es zu wagen, Fragen an +sie zu richten. »Fragen Sie mich jetzt!« warf sie +leicht hin.</p> + +<p>»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern +Sie sich, daß Sie am ersten Tage unserer Bekanntschaft +sagten, Sie kennten die meisten, wenn +nicht alle Leute in dieser Gegend?«</p> + +<p>»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne +allerdings die meisten, wenn nicht alle.«</p> + +<p>»Und ihre Namen?«</p> + +<p>»Und ihre Namen, selbstverständlich!«</p> + +<p>Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.</p> + +<p>»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den +Namen Robert Bontine?«</p> + +<p>Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein +gespannter, lebhafter, erregter Ausdruck trat in seine +Züge.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span></p> + +<p>Florence blickte ihn an und schüttelte langsam +den Kopf.</p> + +<p>»Bontine?« sagte sie — »Bontine? Das ist ein +wunderlicher Name. Nein, Herr Leath, es tut mir +leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten zu müssen, +aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht +nennen hören.«</p> + +<p>»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.</p> + +<p>»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar +Dutzend des Namens Robert oder Bob aufzählen, +aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens +sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«</p> + +<p>Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit +einem Anfluge von Befangenheit an, über den sie sich +ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr so gar nicht ähnlich +sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«</p> + +<p>»Ich hoffte es.«</p> + +<p>»Er ist vielleicht fortgezogen.«</p> + +<p>»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er +sprach in einem merkwürdigen, erwägenden, mechanischen +Tone, gleichsam mehr zu sich selbst, als zu ihr, +und blickte düster auf das Meer hinaus.</p> + +<p>»Nein — er ist hier, wenn ich ihn nur finden +könnte, falls er nicht tot ist.«</p> + +<p>Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und +Florence hörte sie nicht.</p> + +<p>»Robert — Robert?« wiederholte sie sinnend. +»So gewöhnlich der Name auch in dieser Gegend sein +mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers Bruder +meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«</p> + +<p>»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh + <span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span> +um. »Ich wußte gar nicht, daß Sir Jasper einen +Bruder hat.«</p> + +<p>»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. +Er und nicht mein Onkel würde der Besitzer von +Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«</p> + +<p>»Der Bruder war also der ältere?«</p> + +<p>»O ja — er war um mehrere Jahre älter.«</p> + +<p>»Und er hieß Robert?«</p> + +<p>»Ja — Robert Georg Mortlake. Roy sollte, +glaube ich, nach ihm genannt werden, aber Tante +Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«</p> + +<p>»Ist es schon lange her?«</p> + +<p>»Daß Robert Mortlake starb? O — viele Jahre +— ehe Sir Jasper heiratete — etwa dreißig — oder +vielleicht noch länger!«</p> + +<p>Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. +Durchaus nicht unzufrieden darüber, — denn +sie fand, daß die Unterhaltung lange genug gedauert, +und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, +wie sie ihr am besten ein Ende machen könnte, +— stand Florence ebenfalls auf und nahm die hilfreiche +Hand, die er ihr darbot, als etwas Selbstverständliches +an. So flüchtig und gleichgültig sie sie +auch berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, +wie kalt sie war, obgleich sie sich kaum die +Mühe nahm, sich darüber zu wundern.</p> + +<p>»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß +dreißig Jahre her sein, wenn nicht länger, daß Robert +Mortlake starb. Nein — es sind gerade dreißig Jahre, +denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der +Kirche. Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, + <span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span> +wenn es Sie interessiert. Er ist in der südwestlichen +Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade darauf +hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park +begraben wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher +geschafft.«</p> + +<p>»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. +»Starb er denn im Auslande?«</p> + +<p>»Freilich! Er war meistens im Auslande — +hat sich in der ganzen Welt umhergetrieben — wo, +weiß ich nicht.«</p> + +<p>Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher +zu ihm hinüber und schlug die grauen Augen mit +plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. »Wissen Sie, +ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß +Roy nach ihm genannt wurde. Nun — das war der +Grund: er war ein schrecklicher Tunichtgut.«</p> + +<p>»Inwiefern?«</p> + +<p>»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die +Achseln. »Was meint man gewöhnlich, wenn man +von einem Menschen als von einem schrecklichen Tunichtgut +spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung +ist. Mehr habe ich nie darüber gehört, Robert Mortlake +ist verfemt in Turret Court.«</p> + +<p>»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«</p> + +<p>»Nein — und duldet auch nicht, daß irgendein +anderer es tut. Selbst sein unschuldiges Bild hängt verkehrt +an der Wand. Ich war indiskret genug, es +umzudrehen und mir anzuschauen — es ist noch gar +nicht lange her — und Sir Jasper war schrecklich — +war furchtbar böse. Ich, o — o —«</p> + +<p>Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit + <span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span> +einem plötzlichen Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung +an Leaths Antlitz; die frische Farbe wich +aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.</p> + +<p>Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, +das ihm auffallen mußte, blickte er sie an und sagte: +»Was ist Ihnen?«</p> + +<p>»Nichts — nichts!« Sie schüttelte hastig den +Kopf. »Ich muß gehen, Herr Leath; es ist später, als +ich dachte. Nein — kommen Sie nicht mit mir — +bitte, nicht! Leben Sie wohl!«</p> + +<p>Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich +sie schon zu sich gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig +sei, und eilte leichtfüßig über das kurze, braune +Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die +Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, +als sie ihn noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, +stehen und ihr nachblicken sah. Sie ahnte freilich +nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an +ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt +war. Er hatte die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff +in bitterem Tone erklärte, daß ihn anderes beschäftigte +als der Gedanke an die Schönheit einer +Frau.</p> + +<p>»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen +ist!« sagte sie halblaut in vorwurfsvollem Tone zu +sich selbst. »Und doch kam er mir in einem Augenblick +und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann +es nur Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es +erklären —. Bah! Welcher Unsinn! Weshalb sollte +ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder an +der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das + <span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span> +mindeste liegt! Es war dumm von mir, so mit ihm +zu reden; die Angelegenheit von Turret Court geht +ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht +eine solche Plaudertasche, aber was kann man von +einem irischen Mädchen wohl anderes erwarten?« +Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und fuhr +dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas +Besonnenheit. Deshalb, Florence Esmond, solltest du +besagtem Individuum wieder auf der Halde begegnen, +so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß +du nicht mit ihm reden darfst.«</p> + +<p class="pmb3">Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache +— ihn auszuführen, eine andere. Möglicherweise +waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold, denn es +geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen +weitere Begegnungen auf der Halde stattfanden, und +es trug sich ebenfalls zu, daß Gräfin Florence sich +meistens am Ende und nicht am Anfang dieser Zusammenkünfte +ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit +Everard Leath zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr +langweilig in Turret Court, was vielleicht eine Entschuldigung +für sie war.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_11">11.</h2> +</div> + +<p>»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden +merklich kürzer. Ich zählte heute morgen acht +braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder Sommer +ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich +glaube, ich werde alt,« sprach Gräfin Florence.</p> + +<p>Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. +Es war sehr langweilig gewesen. Sir Jasper war in +seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. Harry +und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man +den Baron sich selbst überlassen, damit er bei seinem +Glase Wein ein Schläfchen halte oder grüble, wie +es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren Roman +vertieft, und Cis war verschwunden, — wahrscheinlich, +um sich in ungestörter Einsamkeit weiter zu +langweilen. Chichester, der beim Betreten des Salons +seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster stehen +sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.</p> + +<p>»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. +Ich glaube, ich werde alt, Talbot!« wiederholte +Gräfin Florence mit einem Seufzer.</p> + +<p>Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie +wußte, daß sie Unsinn sprach. Sie sah in der Tat +heute abend fast wie ein Kind aus. Sie trug Schwarz, +was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,<span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span> +wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten +Schultern und Arme weiß hindurchschimmerten. +Sie hielt einen großen hellblauen Federfächer in der +Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den +lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen +Haares zusammen. Ihre Lippen waren dunkelrot, +ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast +schwarz aus.</p> + +<p>Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig +und beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit +wirklich sehr. Unter den Familienbildern in Highmount +gab es viele liebliche Frauengesichter, aber +keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, +daß dem so war, und es mahnte ihn daran, daß er +ihr heute abend etwas Besonderes zu sagen habe.</p> + +<p>»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, +das wird noch einige Jahre dauern, ehe ich das von +mir selbst sage — wie viele also, ehe du es zu tun +brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte +etwas mit dir besprechen.«</p> + +<p>Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für +sie in die Fensternische; er war immer außerordentlich +aufmerksam und artig. Florence blickte widerstrebend +auf den Sessel nieder und schnitt eine kleine +Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er +reden wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, +aber sie war in schalkhafter Stimmung und +aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich schmollend.</p> + +<p>Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren +und nahm ihre Hand. Gerade so hatte er es gemacht,<span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span> +als er um sie anhielt. Daran mußte das junge Mädchen +denken.</p> + +<p>»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit +gesprochen,« hub er an, »ich möchte, daß sie bald +stattfände. Ich bitte dich, so bald wie möglich einen +Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, — +das brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«</p> + +<p>Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie +an den Tag, an dem er sich mit ihr verlobte, erinnert; +sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar und erleichtert +aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er +getan.</p> + +<p>»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile +vorliegt,« versetzte sie. »Wir sind erst seit kurzer +Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen weichen, einschmeichelnden +Klang an. »Es kommt mir vor, als +sei es erst gestern gewesen!«</p> + +<p>»Es sind zwei Monate — eine ziemlich lange +Zeit!«</p> + +<p>»Nein, nein — eine sehr kurze Zeit! Cis und +Harry, die seit undenklichen Zeiten verlobt und seit +einer Ewigkeit ineinander verliebt sind, haben noch +nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«</p> + +<p>»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich +sehe wirklich nicht ein, was uns das angeht. Ich +hoffe, du wirst die Frage in Erwägung ziehen. Du +wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das +nicht tun solltest.«</p> + +<p>»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl +zurück und lachte übermütig. »Ich könnte dir ein<span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span> +Dutzend an den Fingern herzählen, aber ich will barmherzig +sein und nur einen anführen — die Herzogin!«</p> + +<p>»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«</p> + +<p>»Zu unserer Verlobung — ja. Aber, daß wir +auch nur an unseren Hochzeitstag denken ohne ihre +erhabene Erlaubnis — nein, tausendmal nein! Und +du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, +solange sie in Pontresina weilt? Unmöglich!«</p> + +<p>»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie +sie sind, bis sie nach England zurückkehrt?«</p> + +<p>»Allerdings. Ganz entschieden.«</p> + +<p>»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann +bange vor ihr ist.«</p> + +<p>Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.</p> + +<p>»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich +persönlich zittere vor ihr. Der Herzog starb jung; +wie es hieß, eines unnatürlichen Todes. Man hatte +recht — die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war +die Herzogin!«</p> + +<p>Sie bewegte den Fächer hin und her und begann +vor sich hinzusummen.</p> + +<p>»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir +alles beim alten lassen, bis sie zurückkommt, was +vielleicht erst in vier Monaten geschieht.«</p> + +<p>»Freilich.«</p> + +<p>»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über +die Sache rede?«</p> + +<p>»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes +Thema, nicht wahr? Welch wundervoller Mond? Und +schlug nicht dort eine Nachtigall?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span></p> + +<p>Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. +Florence war sich vollkommen bewußt, wie finster +sein Antlitz war, und sie begann leise hinter ihrem +Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte +sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger +Zerknirschung zu ihm empor.</p> + +<p>»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das +denke ich oft — wirklich. Ich habe dich eben geneckt, +bis ich dich fast böse gemacht habe, und doch +wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur +getan? Aus reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine +Ohrfeige dafür, wenn du willst!«</p> + +<p>Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. +Chichester rührte das hübsche Ohr nicht an. Er lächelte +ein wenig gezwungen und begnügte sich damit, ihr +die Hand auf die Schulter zu legen.</p> + +<p>»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich +etwas ernster und vernünftiger in dieser besonderen +Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine Meinung +aussprechen soll, in vielen Sachen.«</p> + +<p>»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich +bin?« Sie blickte ihn mit funkelnden Augen an.</p> + +<p>»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«</p> + +<p>»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, +törichtes, leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein +ernster, gesetzter, verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, +und ich weiß, daß ich dich hin und wieder +schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt — +wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«</p> + +<p>Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte + <span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span> +sich an die Gardine. »Ist dir je der Gedanke gekommen, +Talbot, daß wir gar nicht zueinander passen +könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.</p> + +<p>»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb +nachsichtigen, halb ungeduldigen Ton ein.</p> + +<p>Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde +an deiner Stelle mir mein Wort zurückgeben.«</p> + +<p>»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so +grenzenlos überrascht, daß er ihre Worte ganz mechanisch +wiederholte, während er sie fassungslos anstarrte.</p> + +<p>»Ja — ich würde es wirklich tun. Weshalb +nicht? Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden, und +du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten es ›nach +gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das +ist besser als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir +würde es das Herz brechen, weißt du, und was mich +anbetrifft — nun, ich habe keines zu brechen! Ich +will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es +allein meine Schuld ist. Soll ich?«</p> + +<p>Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den +blitzenden Ring. »Er sitzt sehr lose — er würde in +einem Augenblick abzustreifen sein. Sieh!«</p> + +<p>Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden +Ton behalten, aber es klang ein seltsamer, halb +rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre Hand und +schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen +Platz. Er sah verdrießlich aus und gab sich keine +Mühe, seine Verstimmung zu verbergen.</p> + +<p>»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du +bist heute abend wirklich kindischer denn je. Zum +Glück fällt es mir nicht im Traume ein, dich ernst zu<span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span> +nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere +Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch +ein weiteres Eingehen auf die Sache ärgern. Laß +uns von etwas anderem reden! Was lasest du eben? +Gedichte, glaube ich.«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von +ihm und sank apathisch wieder in ihren Stuhl, während +er den zerlesenen braunen Band aufnahm, den sie hatte +fallen lassen.</p> + +<p>»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«</p> + +<p>»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des +Namens gar nicht.«</p> + +<p>»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist +ein australischer Schriftsteller. Herr Leath hat mir +das Buch geliehen.«</p> + +<p>»Leath?«</p> + +<p>Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch +nieder. »Du meinst doch nicht meinen Mieter — +Leath, der in Lychet Hut wohnt?«</p> + +<p>»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das +Mädchen kurz.</p> + +<p>»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht +leiden könne, und daß er hier nicht verkehrt?«</p> + +<p>»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals +im Bungalow gesehen und bin ihm hin und +wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort ebensogern +umherzuschlendern wie ich.«</p> + +<p>»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, +er hat es doch sicherlich nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span></p> + +<p>Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; +sein glattes schönes Gesicht wurde rot. Florence +schaute ihn mit einem Ausdruck gleichgültiger +Verwunderung an.</p> + +<p>»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das +meinst,« sagte sie in nachlässigem Tone, »ich weiß +aber nicht, wer von uns die Initiative ergriffen hat. +Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß +es wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. +Er spricht sehr gut, und seine Unterhaltung fesselt mich. +Heute morgen brachte er mir dies Buch! Ich hatte +geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«</p> + +<p>»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«</p> + +<p>»Nein — das nicht. Er hatte gesagt, er wolle +es mitbringen, auf die Möglichkeit hin, daß ich da +sein würde. Ich hatte nichts zu tun und ging hin. +Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest +sie lesen.«</p> + +<p>»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, +über die ich mich außerordentlich wundere.«</p> + +<p>Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über +ihren Fächer hinweg an, während der halb belustigte, +halb spöttische Ausdruck auf ihrem Antlitz deutlicher +hervortrat.</p> + +<p>»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, +nachdem ich ihn mehrmals hier und anderswo getroffen +hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das +ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann +nicht sagen, daß ich mit dir übereinstimme, Talbot.<span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span> +Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß ich ihn ohne +Grund geschnitten hätte?«</p> + +<p>»Gewiß nicht — nein!« Sein ungewohnter +Ärger legte sich. »Aber, meine liebe Florence, ich bin, +wie du weißt, kein Freund davon, einen vertraulichen +Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu +begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der +verhängnisvollen Fehler unserer Zeit. Du hast ohne +Zweifel nicht genug darüber nachgedacht, sonst würdest +du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, als er +sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich +bin überzeugt davon, daß du das in Zukunft nicht +wieder tun wirst.«</p> + +<p>»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« +fragte das Mädchen.</p> + +<p>»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter +uns Stehende. Aber, bitte, laß ihn nicht wieder auf +der Halde mit dir reden! Ja, ich muß das dringend +von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, +daß die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper +gegen ihn hat —«</p> + +<p>Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf +der Verwunderung. Der Teppich war so dick, und +die Schirmlampen erhellten den großen Raum so wenig +ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose +Näherkommen des Barons gewahr geworden, und +es war kein geringer Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar +vor sich zu sehen. Er blickte von einem zum +anderen.</p> + +<p>»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,«<span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span> +sagte er. »Meine große Abneigung wogegen, wenn +ich fragen darf?«</p> + +<p>Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten +Ton; seine kalten grauen Augen hingen an dem Gesicht +seines Mündels. Wäre der Blick nicht gewesen, +so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort +überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab +sofort schroff und schnell zurück — vielleicht in dem +Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, ihren Verlobten +zu ärgern:</p> + +<p>»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab +meiner Verwunderung darüber Ausdruck, weshalb +du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden +zu mögen, Onkel Jasper!«</p> + +<p>»Leath?« Seine Augen wanderten von einem +zum anderen, dann lachte er.</p> + +<p>»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, +Chichester, wenn Sie den jungen Menschen zum Gegenstand +Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten +Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate +nicht gefolgt zu sein und ihm Ihr Haus vermietet +haben? Nun, ich habe Sie gewarnt — vergessen Sie +das nicht.«</p> + +<p>»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. +Aber als Mieter habe ich mich über Leath nicht zu +beklagen,« gab Chichester mit verwundertem Blick +zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng +gerechter Mann, und Sir Jaspers Warnung war +ihm wie unverständlich.</p> + +<p>»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, +daß ich ihm das Haus vermietet, ja, ich sage sogar,<span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span> +daß er, so viel ich weiß, ein durchaus anständiger +Mensch ist.«</p> + +<p>»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«</p> + +<p>»Das vermute ich — bis sein Mietsvertrag abläuft. +Er hat mir indessen zu verstehen gegeben, daß +er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang aufhalten +würde.«</p> + +<p>»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in +einem Orte wie St. Mellions zu tun haben?« fragte +der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er +war dicht an das offene Fenster getreten und stand +halb im Zimmer, halb draußen, den beiden anderen +den Rücken zuwendend.</p> + +<p>»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte +an eine geschäftliche Angelegenheit.«</p> + +<p>»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence +leicht dazwischen. Sie hatte keinen anderen Beweggrund, +als die Absicht, ihren Vormund zu ärgern, +wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt +hatte.</p> + +<p>»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, +um jemand zu suchen, Onkel Jasper.«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.</p> + +<p>»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence +gleichmütig. »Er hat es mir erzählt. Und der +Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine Frage +gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen +Robert Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span></p> + +<p>Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence +folgte ihm mit den Augen.</p> + +<p>»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist +nach St. Mellions gekommen, um den Mann aufzusuchen. +Wenn du mich fragst, weshalb, so muß ich +gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt, +ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. +Ich sagte ihm, ich hätte den Namen nie gehört, +und erzählte ihm, der einzige Robert, der zu +uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein +verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich +ihn höchsten Grade unwahrscheinlich, aber ich dachte, +ich wollte dich fragen, — ich muß gestehen, es interessiert +mich ein wenig, — ob du je einen Namen +Robert Bontine gehört hättest?«</p> + +<p>Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich +des Fensters entfernt. Aus der linden Sommernacht +klang seine Stimme langsam und scharf zurück.</p> + +<p class="pmb3">»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen +Bruder. Ich habe den Namen Robert Bontine +niemals gehört.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_12">12.</h2> +</div> + +<p>Es war ein außerordentlich heißer, drückender +Tag gewesen. Seit dem Morgen hingen drohende +Wolken tief am Himmel und verhüllten die Bergkuppen; +über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose, +dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch +regte sich auf der Halde; die See rauschte nur +leise plätschernd gegen das Gestade. In der Atmosphäre +hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die +einem heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.</p> + +<p>Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit +herein. Everard Leath, der allein in seinem +Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte erschrocken auf, +als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des +Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den +Band nieder und trat, die Zigarre zwischen den Lippen, +an das eine der beiden weit offenstehenden Fenster. +Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens +zum andern, und von diesem Fenster blickte man +quer über den Garten nach dem Fahrwege hinüber, +der nach Lychet Hook führte.</p> + +<p>»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er +halblaut vor sich hin.</p> + +<p>Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten +grelle Blitze, auf die ein leises, dumpfes Donnergrollen<span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span> +folgte; der Wind erhob sich in heulenden Stößen, und +dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich wolkenbruchartig +herab. Als Leath an das zweite Fenster +eilte, um es zu schließen, da der Regen von +jener Seite kam, wurde das fast dunkle Zimmer durch +helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte +immer näher.</p> + +<p>»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« +sagte er wieder vor sich hin. »Aber diesmal hat es +nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In diesem Unwetter +möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, +die behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen +Gewitter denkt, haben recht. Dort ist wahrhaftig +noch jemand unterwegs!«</p> + +<p>Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das +Toben des Wetters übertäubt, tönte jetzt vernehmlich +genug von der Landstraße herüber, wenn auch die +Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, +wer es war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick +sprengten Roß und Reiterin durch die offenstehende +Pforte quer durch den Garten und verschwanden um +die Ecke des Hauses.</p> + +<p>Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens +stürzte Leath auf die Tür zu, riß sie auf und kam +doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig genug, um +Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie +aus dem Sattel sprang.</p> + +<p>»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie +keuchend, während sie sich an seinen Arm klammerte +und taumelnd nach Atem rang. »Und die Stute auch, +sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft<span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span> +über sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so +würde sie ganz und gar mit mir durchgegangen sein.«</p> + +<p>»Natürlich — natürlich!«</p> + +<p>Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich +bäumenden Tieres. »Gehen Sie, bitte, hinein, Gräfin, +und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie müssen +bis auf die Haut durchnäßt sein.«</p> + +<p>Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde +Pferd hinein, machte die Tür zu und führte die Stute +durch den schmalen Korridor in die mit Steinfliesen +gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die +die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet +Hut besaß einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, +und bei einem solchen Wolkenbruch auch nur die paar +Meter zu gehen, konnte nicht in Frage kommen. +Einige Augenblicke verbrachte er damit, — was er +sehr gut verstand, — das am ganzen Leibe bebende, +in Schweiß gebadete Tier zu beschwichtigen und zu beruhigen, +und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.</p> + +<p>Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, +sich dort schon fast heimisch zu fühlen. Ihr Hut und +ihre Stulphandschuhe lagen auf dem Tische; sie +schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und +wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern +und Armen. Mit einem Lachen blickte sie sich um, +als Leath eintrat.</p> + +<p>»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte +sie, »der keinen Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich +bewährt er sich, obwohl ich nicht glaube, daß der +Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«</p> + +<p>»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span></p> + +<p>»Nein — dazu hatte ich keine Zeit. Ich war +ganz in der Nähe, als der Regen anfing, und bekam +nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«</p> + +<p>»Der Stute? Ganz gut — ich habe sie beruhigt.«</p> + +<p>»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! — +Es war ein Glück, daß mir Lychet Hut einfiel, und +daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer +über die Halde gekommen sein!«</p> + +<p>»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, +sich ins Freie zu wagen? Das Gewitter stand +schon seit einigen Stunden am Himmel.«</p> + +<p>»Vielleicht. Aber — o, was für ein Blitzstrahl! +Sehen Sie! Ist es nicht wundervoll?«</p> + +<p>Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. +Über ihnen krachte der Donner wahrhaft betäubend; +der Regen goß in Strömen herab, zackige Blitze zuckten +durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont erschien +auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. +Im Schein der Blitze sah er Florence mit +weitgeöffneten Augen und fest aufeinandergepreßten +Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. Leath +trat einen Schritt auf sie zu.</p> + +<p>»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte +er in sanftem Tone.</p> + +<p>»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere +Gewitter gern. Aber das heutige hat etwas Furchtbares, +nicht wahr? Man könnte fast glauben, die +ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, +daß ich nicht allein bin.«</p> + +<p>»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span></p> + +<p>»Nein, lieber nicht.«</p> + +<p>»Dann müssen Sie sich setzen.«</p> + +<p>Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den +sie sich mechanisch niederließ. »Es muß wenigstens +bald vorüber sein,« meinte er, »so kann es nicht lange +fortgehen.«</p> + +<p>»Ganz so schlimm nicht — aber vor zwei oder +drei Uhr morgens wird es kaum vorüber sein. Unsere +Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange, besonders +wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie +dieses.«</p> + +<p>Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln +zusammen und blickte sie unruhig an. Ihre +Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen, +und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in +das Unwetter hinausblickte. Es trat eine Pause ein, +während der keiner von den beiden sprach. Dann +trat er an den Tisch.</p> + +<p>»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es +wird Ihnen gemütlicher sein, Gräfin, wenn ich die +Lampe anzünde.«</p> + +<p>Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder +zu ihr zurück; ehe er zu sprechen anhub, beobachtete +er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im gelben +Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der +bezauberndste, holdseligste, auf dem seine Augen jemals +geruht, obgleich er sich streng sagte, daß er +mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.</p> + +<p>»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, +daß Sie ausgeritten?« sagte er. »Sie kamen also +von Lychet Hook!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p> + +<p>»Ja, — ich war nach Brentwood Hall geritten. +Ich habe Marion Lockyer, Lady Brentwoods Nichte, +mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr befreundet +bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus +Schottland zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute +morgen und bat mich, zu ihr zu kommen. Das tat +ich denn auch, und das erklärt die Sache.«</p> + +<p>Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und +herzlicher sein können als ihr Ton und ihr Benehmen. +Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹, die Herr +Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts +zu spüren.</p> + +<p>»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den +Heimritt gewagt, sollte ich denken. Wäre es nicht +vernünftiger gewesen, wenn Sie dort geblieben?«</p> + +<p>»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet +haben.« Sie lachte. »Lady Brentwood wollte mich +natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich würde +noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. +Ich muß doch wohl nicht so wetterkundig +sein, wie ich gedacht habe.«</p> + +<p>»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um +Sie ängstigen.« Sein Benehmen verriet noch eine gewisse +Unruhe, sein Ton war kurz und trocken und +bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.</p> + +<p>»Ach nun — sie werden annehmen, daß ich dort +geblieben! In Brentwood Hall wird man sich um +mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein meine +eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht +einmal einen Reitknecht mitnehmen. Töricht — nicht +wahr?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p> + +<p>»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«</p> + +<p>Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen +Strenge gesprochen, an die Gräfin Florence Esmond +durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone hatte +er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht +übel; der Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt +und halb verwundert; — welch peinliche Bestürzung +und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte, +davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.</p> + +<p>»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« +Sie verzog schmollend die Lippen, aber sie war dem +Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war zu schlimm, +Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das +weiß ich, aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, +als wünschten Sie mich dahin, wo der Pfeffer +wächst.«</p> + +<p>»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood +Hall geblieben!«</p> + +<p>»Das scheint so.«</p> + +<p>Sie war so ahnungslos über den Grund seines +Stillschweigens und der ungeduldigen Bewegung, die +er machte, daß sie nur noch schelmischer lachte.</p> + +<p>»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei +noch sehr dankbar sind,« meinte sie vorwurfsvoll und +schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich Ihnen Schutz +gewährte.«</p> + +<p>»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«</p> + +<p>Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam +er zurück und blickte mit unruhigem, unentschlossenem +Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes Antlitz nieder. +»Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich<span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span> +die Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten +Sie, daß Sie mir nicht tausendmal willkommen sind, +daß ich nicht mit Freuden alles und jedes für Sie täte, +was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie +nicht bleiben!«</p> + +<p>»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie +setzte sich in ihrem Stuhle aufrecht und blickte ihn mit +verwunderten Augen an — sie war aufrichtig erstaunt +und überrascht; sie verstand ihn nicht im mindesten. +»Sehen Sie doch nur — hören Sie nur! Kann +ich in diesem Unwetter über die Halde reiten? Nicht +um die Welt täte ich das — nicht, wenn ich ein +Dutzend Leute bei mir hätte!«</p> + +<p>»Nein — ich weiß — ich weiß!« Er machte eine +Handbewegung nach dem Fenster hin, gegen das der +Regen mit unverminderter Heftigkeit schlug, und sein +Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist +augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich +nicht. Aber das Gewitter kann vorüberziehen: in +einer Stunde kann alles vorbei sein.«</p> + +<p>»Vielleicht — aber nicht wahrscheinlich. Und die +Landstraße wird in einen wahren Morast verwandelt +sein — wie immer nach einem unserer Gewitter. Es +tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie +werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«</p> + +<p>»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit +und Gereiztheit stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger +Eigensinn und ihre arglose Gelassenheit trieben +ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz +allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren +konnte. Aus ihren letzten Worten klang es<span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span> +wie verwundeter Stolz, wie eine Regung schmerzlichen +Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. Sie +war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu +werden. »Es ist ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« +sprach er. »Was würden sie in Turret Court denken?«</p> + +<p>»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, +ich sei bei Brentwoods geblieben.«</p> + +<p>Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig +zu werden; in dem Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag +nicht das leiseste Verständnis für die Situation. Aber +als sie seinen Augen begegnete, errötete sie plötzlich +bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, +zurück.</p> + +<p>»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« +rief sie ungläubig, »und meinen, sie werden böse sein, +weil ich hier bei Ihnen bin!«</p> + +<p>»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir +Jasper und Lady Agathe verdrießen wird.«</p> + +<p>Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, +als sie ihn mit ihren großen, weitgeöffneten, empörten +Augen anblickte.</p> + +<p>»Aber es ist so töricht — so lächerlich! Keiner +von uns ist doch schuld an dem Gewitter! Und konnte +ich anders, als hierherkommen, und konnten Sie sich +weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns +dem Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? +Wie können sie böse sein? Weshalb sollten sie? Wie +kann irgend jemand darüber böse werden?«</p> + +<p>Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte +an Talbot Chichester, ihren Verlobten, an den sie +bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er hatte + <span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span> +den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, +die leicht verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount +wohl durchschaut, und erst am gestrigen Tage +hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische Schilderung +entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹ +gegen die Begegnungen und Unterhaltungen +auf der Halde erhoben. Die kleine Cis hatte das, was +ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend über das +bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder +berichtet.</p> + +<p>»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! +Ich weiß, daß das ausgeschlossen ist. Und hätten Sie +überall, nur nicht hier, Schutz gesucht, so hätte es +nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht zu +viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court +nicht gut angeschrieben bin.«</p> + +<p>»Nein — das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. +»Sir Jasper kann Sie nicht leiden, obgleich +ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm anders +übrig — was kann irgendeiner, der zu mir gehört, +anderes tun — als Ihnen für den Schutz danken, +den Sie mir gewährt haben?«</p> + +<p>Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob +hochmütig den Kopf — er wußte weshalb.</p> + +<p>»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es +wagen würde, mich für etwas, das ich tue, zur Rechenschaft +zu ziehen?«</p> + +<p>Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem +Hause, der es bis in seine Grundfesten zu erschüttern +schien, und ein flammender Blitz, der gerade zwischen +ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine<span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span> +Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen +in der Ferne verklang, hub Leath langsam an:</p> + +<p>»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu +sprechen, wie ich getan habe, denn Sie haben recht: +Wer, der Sie kennt, würde sich herausnehmen, etwas +zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin, +Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und +für Sie dachte.«</p> + +<p>Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und +dabei wieder in ihren Stuhl gesunken. Von dorther +antwortete sie ruhig und freundlich, obgleich auch +mit einem Anflug von Kälte:</p> + +<p>»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner +Dummheit um Entschuldigung bitten — es war verkehrt +von mir. Allem Anschein nach werden Sie +allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court +gelangen können.«</p> + +<p>»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«</p> + +<p>»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so +behaglich, wie er sein könnte.«</p> + +<p>Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er +dagegen hatte einen leichten und heiteren angeschlagen.</p> + +<p>»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber +sein sollte, — und jetzt sieht es nicht darnach +aus, — ist es rätselhaft, wie Sie ohne einen Wagen, +den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. +Sie müssen hier bleiben und es sich so bequem wie +möglich machen, und ich will nach dem Bungalow +hinübergehen — das ist die nächste Behausung. Herr +Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die<span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span> +Nacht gewähren. Daran hätte ich schon eher denken +sollen.«</p> + +<p>»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence +mechanisch. Sie fuhr wieder von ihrem Stuhl auf.</p> + +<p>»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie +wollen den weiten Weg — fast dreiviertel Stunden +— in solch einem furchtbaren Gewitter machen! Sie +würden bis auf die Haut durchnäßt — Sie könnten +vom Blitz erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr +Leath, — ich gebe es nicht zu, — Sie können unmöglich +glauben, daß ich das dulden würde! Und +außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es +in diesem einsamen Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, +nicht aushalten! O, Sie müssen mich hier +nicht allein lassen — wirklich nicht! Ich glaube, ich +würde vor Angst umkommen, ehe der Morgen +anbräche.«</p> + +<p>»Nein — nein — Sie mißverstehen mich! Glauben +Sie mir, es ist mir nicht eingefallen, Sie allein zu +lassen,« antwortete Leath in sanftem Tone.</p> + +<p>Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand +zu spüren, mit der sie sein Handgelenk umfaßte, wie +dem angstvollen Flehen ihrer Augen zu begegnen. +Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen +gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde +getroffen, selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten +Stimmung gewesen, sondern ein furchtsames +Geschöpfchen, das sich wie ein Kind schutzheischend +an ihn klammerte.</p> + +<p>»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie +hier allein zu lassen,« sprach er beschwichtigend. »Sie + <span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span> +kennen die Alte, die für mich sorgt — Frau Young +— Sie kennen alle Welt in St. Mellions — Sie werden +in ihrer Obhut sicher geborgen sein.«</p> + +<p>»Ja — ich — das mag schon sein. Ich hatte +sie vergessen.« Sie ließ seinen Arm los. »Aber, Herr +Leath, Sie müssen sich nicht in dies Unwetter hinauswagen, +nur weil ich hier bin. Es ist töricht — abgeschmackt! +Ich kann es wirklich nicht zulassen.«</p> + +<p>»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete +Leath heiter, »und gegen alle Unbill der Witterung +gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß +zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade +erschlagen. Sie werden sich in Frau Youngs Obhut +also nicht fürchten?«</p> + +<p>»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube +nicht, daß ich mich fürchten würde.«</p> + +<p>»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer +halben Stunde bin ich im Bungalow, und später, wenn +das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret Court +gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie +sind. Es ist am besten so, glauben Sie mir.«</p> + +<p>»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben +nach. »Trotzdem möchte ich viel lieber, Sie täten es +nicht, Herr Leath. Aber Sie warten wenigstens, bis +der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen +— hören Sie nur! Und der Blitz — sehen Sie!«</p> + +<p>Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die +Blitze waren noch ebenso blendend und ebenso häufig, +der Donner klang noch ebenso nahe. Leath machte die +Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.</p> + +<p>»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie<span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span> +nicht hinaussehen,« sagte er. »Ich habe hier eine +Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit ihnen +die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. +Ich will eine halbe Stunde warten, ich möchte, wenn +es angeht, Ihr Pferd gern sicher in den Stall bringen, +ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, +so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer +Fürsorge bis morgen früh empfehlen.«</p> + +<p>Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich +zu regen, und blickte mit einem bekümmerten Ausdruck +in den Augen gerade vor sich hin; dabei entging +es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der +ganze Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, +außer Haufen von Büchern von allen +Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath +seine Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich +nur an das Notwendigste gedacht.</p> + +<p>Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. +Beim ersten Blick auf sein Gesicht rief das junge +Mädchen unwillkürlich:</p> + +<p>»Was ist Ihnen?«</p> + +<p class="pmb3">»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, +»ich hatte ganz und gar vergessen, daß ich Frau Young +erlaubt hatte, heute nachmittag auszugehen, sie ist +nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie zurückgehalten +haben, daran habe ich nicht gedacht!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_13">13.</h2> +</div> + +<p>Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber +und sahen sich an, Leath mit düsterem, verstörtem +Antlitz, während Florences Züge nur Erstaunen bekundeten. +Dann trug ihr munteres Temperament +und ihre Empfindung, daß die Situation wirklich +etwas sehr Komisches hatte, plötzlich über ihre augenblickliche +Fassungslosigkeit den Sieg davon. Es zuckte +schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten — sie +brach in ein silberhelles Lachen aus.</p> + +<p>»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen +in den Chichester Arms?«</p> + +<p>»Vermutlich.«</p> + +<p>»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«</p> + +<p>»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«</p> + +<p>»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut +mir sehr leid, Herr Leath; ich weiß, daß ich Ihnen +schrecklich im Wege bin, aber Sie können mich doch +nicht an die Luft setzen.«</p> + +<p>»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen +würde.«</p> + +<p>»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen +und mich hier allein lassen — ich würde mich zu +Tode ängstigen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span></p> + +<p>»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht +gegen Ihren Willen tun.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut +es geht, in das Unvermeidliche finden, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja — das müssen wir wohl.«</p> + +<p>Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre +Stimme klang nicht mehr beklommen; in ihrem +Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die +Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence +sah es, runzelte die Stirn und ging dann entschlossen +ans Werk, seine Besorgnisse zu verscheuchen. Als sie +auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß sie sehr +nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. +Sie fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen +stieg, obgleich sie sich die größte Mühe gab, nicht rot +zu werden.</p> + +<p>»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen +mehr,« sagte sie freundlich, »wir sind beide das Opfer +der Umstände.« Sie lachte munter auf. »Ich bin doch +nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte +Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar +ganz gewöhnliche Sterbliche, die verständigerweise +nicht Lust haben, in den Wasserfluten zu ertrinken. +Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner +Stute für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie +mir den Weg zeigen wollen, so kann ich Ihnen vielleicht +helfen, zum Beispiel das Licht halten. Aber +ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn +Sie sie nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft +wie vorher, und sie ängstigt sich schrecklich.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span></p> + +<p>Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts +anderes übrig, als sein Unbehagen zu verbergen, +sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut er konnte, +und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, +wo er das Pferd gelassen, und während sie das noch +zitternde Tier streichelte und liebkoste, nahm er ihm +behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen großen +wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute +die Augen und führte sie hinaus. Florence stand in +der offenen Tür und hielt eine Lampe hoch empor, +um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr +ganz so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, +der Regen goß in Strömen herab, der Garten +war in einen Morast verwandelt und der Pfad in +einen Bach.</p> + +<p>Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem +er die Stute in dem Stand neben seinem eigenen +Pferde untergebracht hatte, das es mit jedem Rosse, +das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount +zu finden war, aufnehmen konnte, spritzte +das Wasser hoch über die hohen Reitstiefel, die er +trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war +heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!</p> + +<p>Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, +stand auf dem Tische, als er wieder in die Küche +trat, aber sie selbst war nicht dort. Er entledigte sich +seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins +Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, +daß sie sich ihm lebhaft zuwandte.</p> + +<p>»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich +fing schon an zu glauben, Sie hätten mir Ihr Wort<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span> +gebrochen und wären fortgegangen. Ist die Stute +ruhig?«</p> + +<p>»Völlig — und gut versorgt. Ich bin zum Glück +kein schlechter Reitknecht.«</p> + +<p>»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel +Mühe gemacht haben.«</p> + +<p>Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily +war ihr besonderer Liebling, und sie schenkte ihm +ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.</p> + +<p>»Hat der Regen nachgelassen?«</p> + +<p>»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, +sonst würden wir Gefahr laufen, überschwemmt zu +werden.«</p> + +<p>Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.</p> + +<p>»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben +acht geschlagen hat?«</p> + +<p>»Ist es schon so spät? Nein — das wußte ich +nicht. Sind Sie müde?«</p> + +<p>»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin +schrecklich hungrig. Wissen Sie wohl, daß ich gar +nicht zu Mittag gegessen habe?«</p> + +<p>»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! +Ich muß um Entschuldigung bitten! Frau +Young gibt mir mein Essen gewöhnlich mittags, +und —«</p> + +<p>»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence +schnell ein. »Ja, das meinte ich. Ich wollte nur sagen, +daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse. Zeigen +Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch +und Ihre Teller aufbewahren, und ich will Ihnen +helfen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span></p> + +<p>Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich +zu fügen und ihr zu folgen, obgleich sie sich draußen +in der Küche viel gewandter als er im Auftreiben +des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen +erwies. Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und +Plattmenage — sie fand sie alle und lachte mit +drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit und +vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr +fröhliches Lachen war einfach unwiderstehlich.</p> + +<p>»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, +»ich finde es famos! Eigentlich ist es ein Spaß, daß +Frau Young nicht hier ist, sonst hätte sie dies alles +getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube, ich +möchte arm sein — das heißt arm genug, um mich +mitunter selbst bedienen zu müssen?«</p> + +<p>»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« +antwortete Leath geradezu. Er selbst hatte nicht viel +mehr getan, als ihr zugesehen, wie sie im trüben +Lampenschein durch die Küche huschte, und die verschiedenen +Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen +reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.</p> + +<p>»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden +Sie wohl anderer Ansicht werden.«</p> + +<p>»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut +ist natürlich schrecklich —«</p> + +<p>»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen +ins Wort, und sein Gesicht wurde plötzlich finster, +»davon kann ich mitreden, sie ist mir mein Leben lang +zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«</p> + +<p>»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, +»nur, daß ich glaube, es lebt sich freier und leichter<span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span> +ohne so viel Geld und so viel Würde und so viel Dienerschaft. +O, das ist mitunter sehr lästig, die Versicherung +kann ich Ihnen geben — jedenfalls empfinde ich es +als eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht +wahr? Tragen Sie das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, +und wir wollen den Tisch decken.«</p> + +<p>Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging +es in die Speisekammer, und der größere Teil ihres +Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett in das +Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen +als letztes mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete +Florence ihr Werk mit drolligzufriedener +Miene.</p> + +<p>»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. +»Wenn Sie kein schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, +so darf ich wohl sagen, daß ich kein schlechtes Stubenmädchen +abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte, +und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten +zerschneiden könnte, ebensowenig, wie ich imstande +wäre, sie zu braten.«</p> + +<p>»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, +nicht wahr?« fragte Leath trocken, während sie sich +setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. Er sprach +ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck +verloren — er drängte alle unangenehmen Erwägungen +entschlossen zurück. Für den Augenblick +konnte er nichts anderes tun, als die Wonne ihrer +Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere +Stimmung einzugehen, so gut er konnte.</p> + +<p>»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein +Kochbuch kaufen und es lernen. Dabei fällt mir ein,<span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span> +daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen kann; deshalb +bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine +zu setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee +trinken.«</p> + +<p>Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter +Heftigkeit weiter, als sie nach einer Weile in die Küche +zurückkehrte, um Kaffee zu kochen, und auch noch nach +mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein +Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie +sich in ihren großen Korbstuhl zurücklehnte.</p> + +<p>»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es +ist doch erst zehn Uhr! Sie müssen das auf Rechnung +meiner ungewohnten Anstrengung setzen, den Kaffee +zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber +daran ist mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« +Sie blickte lachend zu ihm hinüber. »Sie haben +Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich +Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«</p> + +<p>»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer +an der anderen Seite — quer über dem Vorplatz. — +Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, daß es im +Erdgeschoß liegt?«</p> + +<p>»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.</p> + +<p>»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«</p> + +<p>»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen +die Küche und Frau Youngs Dachstübchen, +wo ich Sie entschieden nicht unterbringen kann.«</p> + +<p>Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse +schüttelte sie bei der Erwähnung der Bodenkammer den<span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span> +Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine Behausung +räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«</p> + +<p>»Das glaube ich gern — und zwar, daß es Ihnen +um Ihrer selbst willen leid tut, da ich Sie so ohne Umstände +aus Ihrem Gemache vertreibe.«</p> + +<p>Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu +machen — sie nahm die Dinge, wie sie lagen.</p> + +<p>»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl +mit einer Decke Ihr Nachtlager auf der Chaiselongue +aufschlagen?«</p> + +<p>»Ja, das ist meine Absicht.«</p> + +<p>»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich +für Sie werden!«</p> + +<p>»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet +habe, so würden Sie das nicht denken.« Er +stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten Sie +nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, +so tröste Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«</p> + +<p>»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, +zurück. »Haben Sie das gräßliche Ding +immer bei sich, und geladen?«</p> + +<p>»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich +draußen kampierte, und da dies Haus ziemlich einsam +liegt, habe ich dies Paar immer in Bereitschaft. +Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer +fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«</p> + +<p>»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht +um die Welt!« — Unwillkürlich wich sie noch weiter +zurück. »Ich wäre bange, es nur anzurühren, und<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span> +wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich +selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie +hier sind. Weshalb sollte ich auch?«</p> + +<p>»Weshalb, in der Tat?«</p> + +<p>Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, +legte er den Revolver nieder.</p> + +<p>Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm +zu, während er ein Licht herbeiholte und es für sie +anzündete.</p> + +<p>»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »— und morgen +früh?«</p> + +<p>»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.</p> + +<p>»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court +gehen, um ihnen zu sagen, wo ich bin, und daß sie mir +den Wagen schicken möchten?«</p> + +<p>»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald +ich kann. Ist Ihnen das recht?«</p> + +<p>»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte +nur vorschlagen, daß es besser wäre, wenn Sie nach +Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. Und +wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht +unten sein.«</p> + +<p>Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem +Ärger und ihrer Verwunderung mit dürren Worten gesagt +hatte: »Sir Jasper kann Sie nicht leiden!« und +errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem Gedanken, +er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag +mache, denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel<span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span> +wußte, wie sie ihm sagen konnte. Er verstand das +und antwortete vorsichtig, damit sie solche Kenntnis +nicht bei ihm voraussetzen sollte:</p> + +<p>»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. +Es freut mich, daß es das Richtige gewesen sein würde. +Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß Fräulein Mortlake +Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie +dazu?«</p> + +<p>»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das +Licht. »Ich danke Ihnen, Herr Leath. Nun will ich +Ihnen gute Nacht wünschen.«</p> + +<p>»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«</p> + +<p>Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, +machte die Tür auf und ließ sie eintreten.</p> + +<p>»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er +ruhig, »während Sie Umschau halten, ob Ihnen irgend +etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie und sagen +es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier +zu beschaffen ist.«</p> + +<p>Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen +steckte sie den Kopf durch die Tür, ihm das zu sagen, +gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht. +Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder +ins Wohnzimmer zurück, wo er gleich darauf die +Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte, den Revolver +dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter +dem weiten blauen australischen Himmel getan. —</p> + +<p>Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als +er am nächsten Morgen erwachte — das Gewitter war<span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span> +ganz vorüber, und die Sonne schien hell. Er stand leise +auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer +Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes +Ohr vernahm, ließ sich drinnen kein Laut hören. Sie +schlief anscheinend. Er schob den Riegel der Haustür +vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und verbrachte +die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen +verging, damit, im Sonnenschein auf und ab zu gehen.</p> + +<p>So hell und warm die Sonne auch schien, denn +sie stand schon hoch, — ihm hatten die ersten Nachtstunden +keinen Schlummer gebracht, und er hatte +viel länger als sonst geschlafen, — so hatte sie doch +die nassen Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. +Der Weg, in dem er auf und nieder +schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache +stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, +Blumen sowohl wie Gemüse, lagen ganz verregnet, +beschädigt und geknickt da. Einmal blieb Leath stehen +und sah sich um.</p> + +<p>»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte +er laut, »freut es mich, daß das Gewitter so heftig +gewesen. Ja — je schlimmer es war, desto besser.«</p> + +<p>Frau Young erschien bald darauf und war sehr +verwundert, ihren Herrn ihrer wartend zu finden. Sie +erging sich in wortreichen Entschuldigungen über ihr +Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt ihr ohne +Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und +setzte sie dort von Gräfin Florences Anwesenheit in +Kenntnis. Dann frühstückte er hastig im Stehen, +sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach Turret<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span> +Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag +daran, die unangenehme Aufgabe, die er vor sich +hatte, möglichst schnell zu erledigen.</p> + +<p>Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten +Wege gestattete, an seinem Bestimmungsorte +angelangt war, fragte er pflichtschuldigst nach Lady +Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert +anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin +schon unten sei, und ersuchte ihn, näherzutreten und +zu warten, während er sich erkundigte. Leath trat in +das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.</p> + +<p>Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll +Interesse um. Bei dem einen unglücklichen Besuch, den +er Turret Court abgestattet, war der Speisesaal das +einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach +gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein +schöner Raum.</p> + +<p>Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, +trat er an eines der Bücherregale und +musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da +öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht +Lady Agathe, sondern Sir Jasper selbst trat ein.</p> + +<p>War ihm die Bestellung gemacht worden, oder +hatte er einfach seine Frau den Mann nicht empfangen +lassen wollen, dem gegenüber er es für gut befunden, +eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung +zur Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath +vor, während er sich umwandte. Beide wurden sofort +beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von seiner Anwesenheit +in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen + <span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span> +sich begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens +und — ja, war es des Schreckens? — in sein +glattes, schönes Antlitz. Sein jähes Erblassen ließ +allerdings auf ein Erschrecken schließen.</p> + +<p class="pmb3">Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang +mit erhobener Hand auf den anderen zu, als wolle +er ihn niederschlagen.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_14">14.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath wich vor des Barons erhobener +Hand und seinem wutverzerrten, erstaunten, erblaßten +Antlitz nicht zurück. Seine eigene Verwunderung hielt +ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht +so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung +gemacht haben. Er hätte es in jedem Falle mit dem +schlanken, grauköpfigen älteren Manne in seinem +tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen +können. Es lag ebensoviel spöttische Belustigung wie +kühles Erstaunen in seinem Ausdruck. Sir Jasper +hielt inne und ließ die Hand sinken.</p> + +<p>»Was — was wollen Sie?«</p> + +<p>Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien +Zunge und Kehle trocken, aber Leaths Antwort erfolgte +umgehend. Seine Belustigung stieg.</p> + +<p>»Nichts von Ihnen, Sir Jasper — nicht einmal +an die Luft gesetzt zu werden. Ich komme nicht in +eigener Angelegenheit und auch durchaus nicht zu +meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, +daß ich nicht nach Ihnen gefragt habe. +Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu sprechen.«</p> + +<p>»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. +Er sprach noch ebenso heiser und undeutlich, schien +sich aber Mühe zu geben, seine Fassung wiederzuerlangen.<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span> +Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte +eine Hand auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich — +ich begreife nicht, Herr Leath,« sagte er in seiner gewohnten, +hochfahrenden Art, »was Sie meiner Frau +zu sagen haben können.«</p> + +<p>»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen +bei. »Ich habe Lady Agathe allerdings nichts zu +sagen, was mich angeht, sondern bin nur der Überbringer +einer Bestellung an sie.«</p> + +<p>»Einer Bestellung?«</p> + +<p>»Ja, — einer Bestellung Ihres Mündels.«</p> + +<p>»Meines Mündels?«</p> + +<p>Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit +anstatt der namenlosen Wut, die es noch eben zur +Schau getragen.</p> + +<p>»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence +Esmond reden, Herr Leath?«</p> + +<p>»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« +Das spöttische Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz +verschwunden. Er sprach mit ruhiger Gelassenheit. +»Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer Abwesenheit, +Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie — die Gräfin +— unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter +überrascht worden ist.«</p> + +<p>»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall +geblieben!«</p> + +<p>»Nein — leider nicht. Sie verließ Brentwood +Hall kurz vor dem Ausbruch des Gewitters, in dem +Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde. +Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut +erreicht hatte.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span></p> + +<p>»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, +in dem Sie wohnen?«</p> + +<p>»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein +anderes, das so heißt. Und ich preise mich glücklich, +daß ich dort war, um der Gräfin ein Obdach anbieten +zu können. Ihre Bestellung —«</p> + +<p>»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist — seit +gestern abend dort ist?« fragte Sir Jasper barsch.</p> + +<p>»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich +dem Unwetter aussetzte. Selbst wenn ich ihr einen +Wagen hätte zur Verfügung stellen können, — was +nicht der Fall ist, — wäre es nicht ausführbar gewesen. +Sie wollte davon nichts hören, daß ich sie +allein ließ, sonst würde ich versucht haben, auf irgendeine +Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem +Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, +ihr sofort einen Wagen zu schicken und ihr Pferd durch +einen Reitknecht holen zu lassen. Das ist alles, womit +ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«</p> + +<p>Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch +immer bleich und zornbebend da und umklammerte +die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im +Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, +sondern etwas viel Schlimmeres.</p> + +<p>Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand +Leaths Ärmel, und als er sich umwandte, sah er sich +Cis gegenüber.</p> + +<p>»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, +und habe gehört, was Sie erzählten! Wie schrecklich +für die arme Florence, von dem Gewitter überrascht<span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span> +zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! +Geht es ihr heute morgen gut?«</p> + +<p>»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; +sie schlief noch, als ich fortging, und daher +habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und +blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, während +er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis +war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry +Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen, +während Leath andererseits oft gedacht hatte, welch +ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben +würde und in der Tat auch für Roy abgab!</p> + +<p>»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in +Brentwood Hall geblieben wäre. Sonst hätte ich mich +wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen soll sie +gleich nach dem Frühstück holen — bis dahin muß +sie warten, da ich natürlich mitfahren werde. Sagen +Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«</p> + +<p>»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« +antwortete Leath ruhig, »aber ich fürchte, ich kann +Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fräulein +Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht +sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und +mich bei ihr zu entschuldigen.«</p> + +<p>»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß +Sie nicht nach Hause zurückkehren, da Sie sie heute +morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen +danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über +den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich +nicht zu erklären vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben,<span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span> +bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen +danken wollen.«</p> + +<p>»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in +seiner kurzen Art. »Was ich für die Gräfin getan +habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste — in +der Tat das einzige, was ich unter den Umständen +für sie tun konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter +alles viel besser erzählen, als ich es vermöchte. Guten +Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines +Abenteuer nicht schaden.«</p> + +<p>Sein Gesicht war ernst und finster, als er das +Haus verließ und zu dem Platze ging, an dem er sein +Pferd gelassen.</p> + +<p>»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr +als das — unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, +daß mein letzter Verdacht so unbegründet ist, wie mein +erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert Mortlake, +nicht Robert Bontine war — nicht gewesen sein +kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, +bei meinem bloßen Anblick einen tödlichen Schrecken +zu empfinden! Er kann mich nicht leiden — hat etwas +gegen mich — das ist wahr! — Aber ist das hinreichend, +um ein solches Gebaren zu erklären?«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren +Gatten — von ersterer mit beredtem Wortschwall, von +letzterem mit schroffer Kürze — von dem Abenteuer +ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis +gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und +dem Ankleiden und fuhr sofort über die Halde nach +Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, bekümmert, + <span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span> +erschrocken — die verschiedenartigsten Gefühle stürmten +auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das +Außergewöhnliche immer etwas Unrechtes war. Die +unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte nicht das +geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der +Mutter. Der Vorfall war natürlich etwas unangenehm +für Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch +eigentlich ein ›famoser Spaß‹.</p> + +<p>Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die +verwunderte und noch immer bestürzte Frau Young +sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte Räderrollen +auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen +vor der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden +Abend auf ihrem erschreckten Pferde geritten. +Es war klar, daß sie erwartet, eine dritte +Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, +denn ihr Gesicht umwölkte sich auf einen Augenblick.</p> + +<p>Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, +und Lady Agathe stieg, auf den Arm des +Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen bedurfte +keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad +hinauf, während Florence ihr bis an die Tür des +Zimmers entgegeneilte und von der warmherzigen +kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt +wurde.</p> + +<p>»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis +und drückte sie innig an sich. »Und welch ein Glück, +daß Herr Leath hier war! Du hättest in Brentwood +bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht +zu werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater +davon erzählen hörte, fiel ich fast in Ohnmacht.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p> + +<p>»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte +Florence lächelnd und erwiderte den Kuß ihrer Cousine +aufs innigste. »Mir hat es nicht geschadet, wie du +siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«</p> + +<p>»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich +gegen ihn gewesen — ich glaube es fast. Er +erzählte mir, er habe dich heute morgen noch nicht +gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern +danken wollen, aber davon nahm er weiter keine +Notiz — du weißt, was er für ein sonderbarer, halsstarriger +Mensch ist. Er sagte, er wolle nach dem +Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen, +was ich hiermit tue, mein Herz! Welch +ein kahles, häßliches Zimmer, nicht wahr? Wie in +aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich +würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«</p> + +<p>Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam +langsam den Gartenpfad herauf, und sie hatte einen +Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht geworfen. +Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach +ihrer Cousine um.</p> + +<p>»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte +sie geweint.«</p> + +<p>»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« +meinte Cis inkonsequent.</p> + +<p>Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die +plötzlich bleicher geworden, an einer Antwort. Sie +ging der Eintretenden mit blitzenden Augen entgegen.</p> + +<p>»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu +so ungewöhnlich früher Stunde herausgemacht hast! +Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich abgeholt hätte, + <span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span> +wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. +Nimm diesen Korbstuhl — er ist sehr bequem; ich +habe gestern den ganzen Abend darin gesessen.«</p> + +<p>»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood +geblieben, wie wir natürlich angenommen +haben?«</p> + +<p>»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt +habe, ich würde vor Ausbruch des Gewitters +heimgelangen,« antwortete Florence kurz. Sie stand +in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. +»Ich gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. +Ist Onkel Jasper deshalb so schrecklich böse? +Er sollte doch meine Unbesonnenheit gewohnt sein!«</p> + +<p>»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady +Agathes Kummer war zu groß — sie begann zu +weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine, +Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so +unbesonnen bist. Du mußt wissen, daß dein Hierbleiben, +in diesem elenden Hause, bei Herrn Leath — +einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend +etwas weiß, besonders, wo dein Onkel ihn so gar +nicht leiden kann, — nicht — nicht —«</p> + +<p>»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das +schien Herr Leath ebenfalls zu finden. Wenigstens +sagte er es mir.«</p> + +<p>»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe +entsetzt.</p> + +<p>»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint +die Sache richtiger aufgefaßt zu haben als ich. Er +wollte durchaus in das Unwetter hinaus und mich +hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte + <span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span> +ein, obgleich ich es ebenso albern und überflüssig +fand, wie ich es jetzt noch finde. Aber wir entdeckten, +daß sein dienstbarer Geist nicht hier sei: das Gewitter +hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte +ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein +zu bleiben.«</p> + +<p>»Seine Dienerin — die Person, die die Haustür +aufmachte — war nicht hier?« rief Lady Agathe.</p> + +<p>»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war +niemand hier — niemand außer uns beiden,« antwortete +Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein Lächeln, +das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln +war, spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken +an.</p> + +<p>»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit +schwacher Stimme. »Es ist sogar noch schlimmer, als +ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so böse +aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe +— ich denke nur daran, was die Leute sagen +werden. Und in Rippondale wird so viel geklatscht — +das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine +Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht +bleiben sollen — wirklich nicht.«</p> + +<p>Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise +und die des Herrn Leath. Sie bebte vor Zorn und +Ärger und verletztem Stolze. Bei einem Blick auf sie +brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.</p> + +<p>»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen +so besorgt und bekümmert bin,« rief sie schluchzend +aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! Ich hoffe +nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und + <span class="pagenum"><a id="Page_174">[S. 174]</a></span> +mir ist bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor +Chichester geheimzuhalten!«</p> + +<p>»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, +Chichester erzählen.«</p> + +<p>»Er ist so merkwürdig — so eigen,« jammerte +Lady Agathe, »und unglücklicherweise — ich muß +sagen, es war sehr unrecht und unvorsichtig, mein +Kind — haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath +auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es +erst gestern gegen mich und schien sehr verstimmt +darüber, und was er sagen wird, wenn er von +dieser —«</p> + +<p>Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen +konnte, wandte sich mit jäh ausbrechender Heftigkeit +zu ihr.</p> + +<p>»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was +kann irgend jemand, sei es Mann oder Weib, über +mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte +verloren, Tante Agathe — mehr als genug — ich +will nicht mehr hören!«</p> + +<p class="pmb3">Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu +reden. Sie weinte auf der Rückreise nach Turret Court +in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, während die +kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah +und Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen +Augen aufrecht dasaß, kein Wort sprach. —</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_15">15.</h2> +</div> + +<p>Als Everard Leath Turret Court verlassen, war +er geraden Weges über die Halde nach dem Bungalow +geritten. Es führte ihn kein besonderer Grund dorthin; +er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es +besser sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, +bis Gräfin Florence sie verlassen und die unglückselige +Episode vorüber sei. Obwohl er sich immer wieder +sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte fügen +müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, +so ertappte er sich doch fortwährend auf dem peinlichen +Gedanken, daß Chichester beschränkt, argwöhnisch und +ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er hätte voraussehen +können, was geschehen würde, er sich lieber die +Hand abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, +wo er wußte, daß er dort Florence Esmond begegnen +konnte.</p> + +<p>Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ +ein Pferd in Joes Obhut und ging auf das Haus zu. +Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters +sichtbar — die Blumen waren alle verregnet und geknickt, +der Kies war aus den sauber gehaltenen Wegen +hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand in der +Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung +traurig den Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht + <span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span> +hellte sich beim Näherkommen des jungen Mannes +auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. +Dann fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge +des anderen:</p> + +<p>»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht —,« er hielt inne, »vielleicht ist es +besser, ich erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich +nicht meine Absicht war. Aber ich weiß, daß Sie so +viel von ihr halten, und —«</p> + +<p>»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins +Wort. »Von wem?«</p> + +<p>»Von Gräfin Florence.«</p> + +<p>»Gräfin Florence?«</p> + +<p>»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und +weiß der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen +wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. +Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«</p> + +<p>Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in +dem wie gewöhnlich Stapel von Büchern umherlagen, +und während der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath +an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht +der Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich +beim Zuhören sinnend über seinen langen weißen Bart.</p> + +<p>»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte +er sehr entschieden, als der andere zu Ende war. +»Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend +jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch den +Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden, + <span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span> +durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten +sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer +Angst allein lassen!«</p> + +<p>»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt +zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester +ist ein Narr.«</p> + +<p>»Ein so großer doch kaum.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, +stolz, argwöhnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie +gehört ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der +auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares Selbst. +Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es — mir +ist bange davor.«</p> + +<p>»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie +glauben, Herr Chichester könne das zum Vorwand +nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« +fragte der alte Herr ungläubig.</p> + +<p>»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel +halte ich ihn doch nicht. Aber er könnte unklug genug +sein, argwöhnische Anspielungen ihr gegenüber zu +machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und +was in dem Falle geschehen würde, können wir uns +beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament +und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die +Verlobung auflösen.«</p> + +<p>»Wenn er das tun sollte — ja, allerdings. Aber +das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »würde kaum +ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe, +wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende gehalten, + <span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span> +oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat +glücklich werden würde.«</p> + +<p>»An und für sich kein Unglück — nein!« Der +junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. +»Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche +Wirkung das haben wird — welche Wirkung auf +sie? Der Grund wird ruchbar werden — das muß +er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist — kann +es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«</p> + +<p>Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz +verriet, daß ihm diese Ansicht der Sache ebenso neu wie +unwillkommen sei. Im Augenblicke wußte er nichts +zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein +weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, +wir tun Chichester vielleicht schweres Unrecht.«</p> + +<p>»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig +weiß ich, daß ich bei ihm nicht gut angeschrieben bin +und daß es meinetwegen schon einen Wortwechsel +zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«</p> + +<p>Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht +wurde noch ernster. Leath stieß ein zorniges +Lachen aus.</p> + +<p>»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich +glaube nicht, daß es in ganz St. Mellions einen Menschen +— sei es Mann, Weib oder Kind — gibt, der +nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem +unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. +Ich weiß, daß er gelobt hat, ich solle sein Haus nie +wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das wird + <span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span> +ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich +nach Turret Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie +sei, da —. Aber still davon! Wäre er ein jüngerer +Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen. +Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles +für sie nicht vorausgesehen und gefürchtet hätte, die +Sache noch schlimmer zu machen.«</p> + +<p>Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt +ruhelos auf und nieder, ehe er wieder anhub:</p> + +<p>»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie +mit diesem allem behellige, aber es hat mein Gemüt +erleichtert, mich auszusprechen. Die Frage ist nun — +was soll ich tun?«</p> + +<p>»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich +— ich verstehe Sie nicht recht, Leath. Was sollten +Sie tun?«</p> + +<p>»Soll ich fortgehen — diese Gegend verlassen? +Ich habe gedacht, das würde vielleicht am besten +sein. Was meinen Sie dazu?«</p> + +<p>»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« +antwortete der Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten +Sie, bis Sie sehen, was Chichester tut. Ihr sofortiges +Verschwinden könnte wie Davonlaufen aussehen. +Ein paar Tage lang wenigstens würde ich +nichts tun und mich ganz ruhig verhalten.«</p> + +<p>»Das ist Ihr Rat?«</p> + +<p>»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«</p> + +<p>»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie + <span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span> +recht. Aber sobald ich kann, will ich von hier fort. +Je eher, desto besser.«</p> + +<p>»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«</p> + +<p>»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies +alles nicht geschehen sein. Mein gewöhnliches Glück!«</p> + +<p>Es trat eine kurze Pause ein.</p> + +<p>»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, +daß ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten drängen +will — nichts liegt mir ferner. Aber da Sie davon +reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage +erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«</p> + +<p>»Nicht den geringsten.«</p> + +<p>»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich +weiß, in St. Mellions und der Umgegend angestellt +haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine Spur von +Robert Bontine aufzufinden?«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p>»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«</p> + +<p>»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. +Aber ich werde die Nachforschungen nie einstellen.«</p> + +<p>»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von +hier fortzugehen?«</p> + +<p>»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und +noch mehr, zu bleiben,« antwortete Leath finster und in +bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, um so besser +ist es für mich.«</p> + +<p>Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, + <span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span> +ein dunkles Rot stieg in seine gebräunten +Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in den +eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem +Freunde die Hand auf die Schulter.</p> + +<p>»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht +gehabt. Sie ist Ihnen nicht gleichgültig?«</p> + +<p>Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde +dem Blicke des anderen und sah dann fort.</p> + +<p>»Ich bin ein Narr!« sagte er.</p> + +<p>Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath +brach es. Er raffte sich aus seinem Brüten auf und +wandte sich vom Fenster ab. Hätte der alte Herr beabsichtigt, +auf seine letzten Worte zurückzukommen, +so würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten +haben. Seine unglückliche und hoffnungslose Liebe +zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres Wort +zwischen ihnen begraben sein.</p> + +<p>»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben +morgens immer zu tun, wie ich weiß. Vielleicht wird +ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen verscheuchen.« +—</p> + +<p>Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf +seine Arbeit konzentrieren. So viele Befürchtungen, +so viele sorgenvolle Erwägungen waren seit Jahren +nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond +hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, +wie eine Tochter nur hätte stehen können, +und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so +teuer wie ein Sohn geworden war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span></p> + +<p>Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der +Klatsch, der sie bedrohte, an den er dachte, während +er so traurig dasaß und rauchte, sondern die aussichtslose +Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als +er so rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«</p> + +<p>Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie +unter allen Umständen bleiben mußte, das konnte er, +der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden so gut +kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die +wenigen, die sie wirklich verstanden, ahnten, daß der +Stolz auf vornehme Geburt, auf Rang und Abstammung +nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem +Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, +so hatte sie in ihren Unterhaltungen mit ihm niemals +aus ihrer Abneigung gegen Everard Leath ein Hehl +gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft +für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er +sich dessen erinnerte und des Schmerzes gedachte, den +ihm vor vielen Jahren die eigene Herzenswunde verursacht +hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber +die Wunde konnte noch immer wehtun.</p> + +<p>Es war einige Stunden später — er hatte noch +immer nichts getan, als in wehmütiges Grübeln versunken +in seinem Stuhle zu sitzen, — da wurde der +Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.</p> + +<p>Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise +geführt wurde, als daß er hätte hören können, was +gesprochen wurde, und dann näherten sich dem Zimmer +Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte +sofort, wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper + <span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span> +Mortlake vielleicht kaum zweimal im Jahre einfiel, +den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn hergeführt? +Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die +Tür des Zimmers öffnete und der Baron eintrat.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard +Leath auf dem Heimwege nach Lychet Hut, nach dem +Ritte, durch den er seine erregten Nerven hatte beruhigen +wollen, an der Gartenpforte des Bungalow +vorbeikam, sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten +und in seinen Wagen steigen, der gewartet hatte. Ein +kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte, um ihn +plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag +zu beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am +Morgen in der Bibliothek von Turret Court gegenüberstanden +und er drohend die Hand gegen ihn erhoben +harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter +gewesen als jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte +ihn nach dem Bungalow geführt? In seinem jetzigen +Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort +auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath +sprang, seinem Impulse folgend, aus dem Sattel und +ging ins Haus.</p> + +<p>Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte +Gestalt war aufgerichtet, sein von Natur +ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig. Leath fühlte, +daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut +heiß in die Wangen trieb. Er sagte hastig:</p> + +<p>»Ich sah Sir Jasper an der Pforte — ich konnte +ihm ansehen und sehe auch Ihnen an, daß nicht alles + <span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span> +ist, wie es sein sollte. Betrifft es sie?« Die Stimme +versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so +ist, so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und +sagen Sie es mir!«</p> + +<p>»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem +halben Lächeln und seinem gewöhnlichen freundlichen +Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen Stuhl. +»Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, +»und das passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, +Leath, und Sie sollen hören, weshalb, und mittlerweile +machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers Besuch +betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie +meinen. Er hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. +Der Zweck seines Besuches war, über Sie +zu sprechen.«</p> + +<p>»Über mich?«</p> + +<p>»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den +außerordentlichen Haß, den er augenscheinlich gegen +Sie empfindet?«</p> + +<p>»Ich weiß, daß er existiert — das erzählte ich +Ihnen heute morgen — aber mehr auch nicht.«</p> + +<p>»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu +entfernen wünscht?«</p> + +<p>»Durchaus nicht! Wünscht er das?«</p> + +<p>»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, +um über Sie zu reden? Er kam, um zu +verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig von +ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von +Beziehung steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende +machen — kurz Ihnen die Tür weisen sollte.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span></p> + +<p>Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung +aus.</p> + +<p>»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«</p> + +<p>»Gewiß — daß Sie ein Mensch wären, von dem +niemand hier etwas wisse, daß Sie ihm persönlich +unangenehm seien, daß Sie sich heute morgen in Turret +Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten, +und schließlich, — das war das einzige Mal, daß +er Gräfin Florence erwähnte, — daß Sie vielleicht +durch Ihr Benehmen gestern abend den Ruf seines +Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«</p> + +<p>»Gütiger Himmel! Das sagte er?«</p> + +<p>»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder +vielmehr befahl er mir, daß ich, in meiner abhängigen +Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen +sollte.«</p> + +<p>»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet +haben?«</p> + +<p>»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«</p> + +<p>»Wie?«</p> + +<p>»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften +machen zu lassen oder meinen Freund zu beleidigen. +Ich habe meine Verbindung mit Sir Jasper +Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts +mehr zu schaffen.«</p> + +<p>»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« + <span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span> +Leath sprang auf. »Dessen bin ich nicht wert, +fürchte ich.«</p> + +<p>»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete +der andere mit einem Lächeln, »und würde +bei ruhiger Überlegung genau ebenso handeln, wie +ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens +nicht zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen +sind für das, was ich tat. Sir Jasper beging einen +nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß, daß sein +Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das +Gehalt war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht +ohne es leben könnte. Meine Bücher und Abrechnungen +sollen, sobald ich sie fertig habe, nach Turret +Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn +Sie nichts Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht +und helfen mir, sie zusammenzupacken.«</p> + +<p>»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich +habe mein Pferd an der Pforte gelassen und will es +erst hereinholen.«</p> + +<p>Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, +fand er Sherriff vor einem großen, altmodischen, +messingbeschlagenen offenen Pult, das ihm +schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er +aber bisher nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte +der Greis in die eine Hand gestützt; er schien etwas +eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken vertieft, +daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete, +zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.</p> + +<p>»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath +stockend.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span></p> + +<p>»Nein — nein — durchaus nicht — gewiß nicht!« +Er blickte den jungen Mann an und dann wieder auf +das, was er in der Hand hielt. »Ich tat etwas sehr +Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter +Asche, mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges +Stück Arbeit, solange wir jung sind, aber es ist noch +trauriger, wenn wir alt geworden, denn sie kann nie +wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, +daß an ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. +Erinnern Sie sich des Tages, wo ich Ihnen meinen +kleinen Herzensroman — den einzigen Roman, den +ich erlebt habe — erzählte?«</p> + +<p>»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath +zur Antwort.</p> + +<p>»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, +daß ich Marys Bild besitze? Es ist gerade angefertigt, +ehe sie mich verließ, um ins Ausland zu gehen. Ich +habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie +von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in +denen ich es nicht ertragen konnte, auf das eine oder +andere einen Blick zu werfen. Es ist jetzt sehr verblaßt, +aber damals war es wunderbar ähnlich — +wunderbar ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«</p> + +<p>Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen +das Bild hin. Leath nahm es, blickte es an, hielt es +näher an das Licht, sah genau hin und stieß dann einen +lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.</p> + +<p>»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. +»Sie — haben es doch nicht schon gesehen — wie?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span></p> + +<p class="pmb3">»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war +tief erblaßt und verriet grenzenlose Verwunderung. +»Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_16">16.</h2> +</div> + +<p>»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch +unmöglich erwarten, daß ich diesen — diesen äußerst +bedauerlichen Vorfall so leicht als abgetan ansehe, +Florence?«</p> + +<p>»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine +Silbe weiter darüber zu verlieren,« sagte Gräfin Florence +gleichmütig.</p> + +<p>Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren +kalt und gelassen gesprochenen Worten hätte schließen +können. Ihre Wangen waren sehr blaß, sie hielt den +Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Bräutigam +ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren +allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in +ihr Privatwohnzimmer geführt worden, und dort hatte +sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, +die Geschichte der letzten Nacht erzählt — es unter +ihrer Würde haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen +oder sich zu entschuldigen. Sie wußte kaum, daß sie +es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat, +die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der +Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone +würde sie es ihm nicht erzählt haben, hätte Leath keine +Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr +anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span> +vorgekommen, und wären nicht Lady Agathes Tränen +und Jammern gewesen. Das Ganze wäre ihr dann +nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. +Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden +Augen und in einem sorglosen, gleichgültigen Tone, +ihm es überlassend, sich mit der Sache abzufinden, so +gut er es vermochte.</p> + +<p>Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester +zu besänftigen und zu versöhnen, selbst wenn +es sich um etwas ganz anderes gehandelt hätte. Er +hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, +nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in +den verdrießlich hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf +die sie mit so verächtlicher Kälte geantwortet hatte. Er +stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit +machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete +ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren +großen glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.</p> + +<p>»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter +darüber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm, +aber es ist vorüber; es war weder Herrn +Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, +und das ist auch vorüber. — Ich habe es dir aber erzählt, +weil ich fand, daß du es erfahren mußtest —«</p> + +<p>»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er +ihr heftig ins Wort. »Allerdings mußte ich das!«</p> + +<p>»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil +alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,« +sagte das junge Mädchen hochmütig, »und da es geschehen, +wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich +habe das Thema satt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span></p> + +<p>»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. +»Das ist leicht gesagt — aber vielleicht nicht ebenso +leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, begreifst du +denn nicht, daß die Geschichte dieses — dieses unseligen +Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller +Leute Mund ist?«</p> + +<p>»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.</p> + +<p>»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, +es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier müssen davon +wissen!«</p> + +<p>»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen +kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von +Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath +den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute +morgen für mein Frühstück.«</p> + +<p>»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden +Bekannten davon erzählen und ihren gemeinen Kommentar +dazu abgeben!« rief Chichester. »Und du verlangst, +daß ich von dem Thema abbreche — sagst, +daß du es satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir +da sind, werden es noch satt bekommen, ehe es +abgetan ist!«</p> + +<p>Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt +vor ihr stehen.</p> + +<p>»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, +welch unglückselige Sache es ist!«</p> + +<p>Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem +gereizten Zustande nur mit sich selbst beschäftigt, war +er unfähig, die grenzenlose Verachtung, die in diesem +Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so hätte<span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span> +er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder +an, auf und nieder zu gehen.</p> + +<p>»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit +dem jenes Menschen! Und man weiß, daß du ihn getroffen +— dich mit ihm unterhalten hast! Das macht +es noch schlimmer — das gerade ist das Allerschlimmste. +Wenn das nicht wäre, so würde wohl mit +dieser Sache selbst, in der ich dir keine Schuld beimesse, +fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. +Es ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, +daß dein Name — der Name meiner zukünftigen +Frau — der Name der Herrin meines Hauses +— auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«</p> + +<p>Er blieb wiederum vor ihr stehen.</p> + +<p>»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir +unmöglich ist, so etwas leicht zu nehmen?«</p> + +<p>»Ja — ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt +in die seinen senkend, lächelte sie.</p> + +<p>»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name +deiner Zukünftigen angetastet werden sollte. Du tust +recht, dich darüber aufzuregen; du hast mein volles +Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht — was +würde es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich +— nur auf Florence Esmond, nur auf ein Weib einen +Stein geworfen? Aber es ist deine zukünftige Frau. +O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«</p> + +<p>»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich +verstehe dich nicht!«</p> + +<p>»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und +ich wenigstens verstehe dich. O, glaubst du, ich durchschaute +dich nicht? Was macht dir Sorge? Daß ich,<span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span> +ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die +mich kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! +Nur, daß ich deine Braut bin, ein Teil deiner selbst, +dein Eigentum, und daß deshalb jeder Stein, der auf +mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß — +ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester — auf Sie +soll auch nicht der leiseste Schatten meiner Schande +fallen.« Sie zog in ungestümer Heftigkeit den Verlobungsring +vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich +bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr +Wort zurück, und Sie sind frei!«</p> + +<p>»Florence!«</p> + +<p>Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand +und dem Ringe zusammen und hielt beide fest. »Das +kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! Wenn +unsere Verlobung jetzt gelöst würde —«</p> + +<p>»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. +»Nehmen Sie Ihren Ring zurück, Herr Chichester! +Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«</p> + +<p>»Aber bedenke doch — ums Himmels willen!« +Er trat vor ihrer ausgestreckten Hand, auf deren +Innenfläche der blitzende Ring lag, zurück. »Bedenke, +welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung +jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten +Vermutungen Raum geben und sie zu bestätigen +scheinen.«</p> + +<p>»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, +daß es so sein wird. Noch einmal, nehmen Sie Ihren +Ring zurück!«</p> + +<p>»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht +besinnen? Nicht überlegen —?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span></p> + +<p>»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung +bedarf. Ein- für allemal, Herr Chichester, ich will Sie +nicht heiraten. Und zum drittenmal, nehmen Sie +Ihren Ring zurück!«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie +in aufrechter Haltung, mit hochgetragenem Haupte und +stolz blickenden Augen vor ihm stand. Ihre höhnische +Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben, +aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen +Pulsschlag. Nein — er liebte sie nicht, aber es war +schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er schritt zweimal +durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.</p> + +<p>»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß +in Erwägung zu ziehen! Denke an die Folgen, +wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich meinerseits +habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. — Gib mir +dein Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie +wiedersehen, nie wieder eine Silbe mit ihm sprechen +willst, und ich —«</p> + +<p>»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald +Sie fort sind, werde ich nach Lychet Hut reiten, um +Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge zu danken. Ich +hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«</p> + +<p>»Ist das dein Ernst?«</p> + +<p>Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort +weiter nahm er den Ring von ihrer ausgestreckten +Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz um und +verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah +Florence von ihrem Fenster aus sein Dogcart die +Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor zurollen<span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span> +und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. —</p> + +<p>Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als +sie in ihrem Reitkleid auf der Treppe erschien. Noch +immer sehr bleich, aber in aufrechter Haltung, mit +weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und +schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre +zu, die diese abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, +wurde schnell eine andere Tür geöffnet und Lady +Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, — sie +hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ +liebevoller Versuche, sie zu trösten, — kam heraus +und hielt sie auf.</p> + +<p>»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir +hinaufzukommen, liebes Kind. Ich konnte diese schreckliche +Unruhe nicht länger ertragen.« Sie hielt inne, +denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen +im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht +etwa ausgehen?«</p> + +<p>»Ja — aber ich kann ein Weilchen warten. Es +tut mir leid, daß du dich geängstigt hast, Tante Agathe. +Du hättest mich rufen lassen sollen. Bitte, suche dich +zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn +du dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? +Was ist denn los?«</p> + +<p>»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur +so fragen?« schluchzte ihre Tante. »Du bist so kalt und +schroff und wunderlich, Florence. Ich verstehe dich +ganz und gar nicht.«</p> + +<p>»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die +Lippen des Mädchens. »Es tut mir leid,« sprach sie<span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span> +ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum Weinen +bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«</p> + +<p>»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch +schrecklicher Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, +was Chichester über diese unselige Sache gesagt hat! +Du — du hast es ihm erzählt?«</p> + +<p>»Ja, ich habe es ihm erzählt.«</p> + +<p>»Und — und es ist alles erledigt und abgetan?« +fragte Lady Agathe stockend.</p> + +<p>»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns +über die Sache verloren werden. Sie ist ganz und gar +erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«</p> + +<p>»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom +Herzen, Florence! Ich fürchtete — ich weiß wirklich +nicht recht, was ich eigentlich fürchtete! Es ist sonderbar, +finde ich, daß Herr Chichester fortgefahren ist, +ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das +tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, +nicht wahr?« Mit einem Seufzer der Erleichterung +trocknete sich Lady Agathe die Augen. »Wirklich, +liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! +Fühlst du dich auch wohl genug dazu? Wohin +willst du?«</p> + +<p>»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut +anders, als Herrn Leath für die Freundlichkeit danken, +die er mir gestern erzeigt hat.«</p> + +<p>»Florence!«</p> + +<p>Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.</p> + +<p>»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das +darfst du nicht — wirklich nicht! Das kann ich nicht +zugeben!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span></p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« +sprach Florence kalt, »du vergißt wohl, daß, obgleich +ich in deinem und Onkel Jaspers Hause wohne, ich +doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! +Es tut mir leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, +aber ich reite auf alle Fälle nach Lychet Hut.«</p> + +<p>»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. +»Bitte, mein Liebling, bedenke doch! Was wird Talbot +Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«</p> + +<p>»Nichts —.« Das junge Mädchen schritt auf die +Haustür zu, während ein seltsames, bitteres Lächeln +ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte sie kurz. +»Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast +du mich mißverstanden, Tante. Mein Gehen und +Kommen geht Herrn Chichester nichts weiter an. Unsere +Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich geweigert, +ihn zu heiraten.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Everard Leath, der rauchend in der Tür seines +Hauses stand und auf seinen durchweichten Garten +hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, daß, +obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes +vernahm, er doch nicht die Augen nach der Chaussee +wandte, um zu sehen, wer der Reiter sei. So kam +es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte eingebogen +und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr +wurde.</p> + +<p>»Gräfin Esmond!«</p> + +<p>Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe +zu bedürfen, und war vom Pferde herunter, ehe er +sich dessen versah.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p> + +<p>»Sind Sie es wirklich?«</p> + +<p>»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem +Gewitter hierherverschlagen.«</p> + +<p>Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm +die Hand hinhielt, lag auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, +den er noch nie gesehen. Als er ihre Hand nahm, fühlte +er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet, eingetreten +sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.</p> + +<p>»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre +große Freundlichkeit zu danken.«</p> + +<p>»Das war ganz unnötig.«</p> + +<p>Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, +daß er ihre Hand noch immer festhielt, noch bemerkte +sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu schätzen, Gräfin, +aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für Sie +tun konnte, gern geschehen ist.«</p> + +<p>»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte +Ihnen, aber ich danke Ihnen nichtsdestoweniger.« +Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig zurück. +»Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! +Weshalb?«</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung. Ich — ich wußte +das nicht. Sie sind bleich — Sie sehen ganz anders +aus als sonst — das ist alles.«</p> + +<p>»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, +kalten Lächeln inne. »Ich bin nicht nur gekommen, +um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes +Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück +wünschen.«</p> + +<p>»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span></p> + +<p>»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem — wie soll ich +es nennen? — Verständnis für die menschliche Natur.«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand +sie nur zu gut und wurde ebenso blaß wie sie.</p> + +<p>»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu +Hilfe kommen. Ich war gestern abend nicht sehr +höflich — ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war +auf meiner Seite. Sie meinten viel mehr, als Sie +sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn Sie alles, +was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«</p> + +<p>Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn +Chichester ist gelöst.«</p> + +<p>»Das hat er getan!«</p> + +<p>»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles +so gut — das sehe ich Ihnen an — daß ich nichts +mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt wieder inne.</p> + +<p>»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in +meinen Augen auch nicht der leiseste Vorwurf Sie +trifft,« sprach sie langsam, als falle es ihr schwer, +die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue +zu wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter +um mich gewesen, haben mehr Rücksicht auf +mich genommen, als ich selbst getan. Ich war es +Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen +eigenen Lippen hörten.«</p> + +<p>Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast +wieder gewonnen, und das half ihm, die seine wieder +zu erlangen. Er begriff vollkommen, daß er kein +Wort über Talbot Chichester sagen dürfe — daß jeglicher<span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span> +Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der +Empörung sie verletzen würde. Aber es war keine +leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und +Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, +sich zu beherrschen.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind +edelmütig. Eine der wenigen angenehmen Erinnerungen, +die ich beim Fortgehen von hier mitnehme, +wird die Erinnerung an diese Worte sein.«</p> + +<p>»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.</p> + +<p>»Ja — ich werde in ein paar Tagen aus diesem +Hause ziehen.«</p> + +<p>Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber +sie verstand ihn sehr wohl. Er wollte jetzt nicht in +einem Hause bleiben, das Talbot Chichester gehörte.</p> + +<p>»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions +verlassen?«</p> + +<p>»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder +vierzehn Tage. Ich habe Herrn Sherriff versprochen, +während meines Hierbleibens im Bungalow zu +wohnen.«</p> + +<p>»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«</p> + +<p>»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. +Soweit ich es jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr +wahrscheinlich, daß ich wiederkommen werde.«</p> + +<p>Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, +ihren Augen zu begegnen, in dem Gefühl, daß seine +eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten +könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der +bloße Gedanke, daß sie frei sei, hatte ihm das Blut +ungestüm durch die Adern getrieben, obgleich er sich<span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span> +deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte +es ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als +der große Esel, für den er ihn gehalten, erwiesen hatte?</p> + +<p>»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte +Florence.</p> + +<p>Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl +wissen, Herr Leath, ob ich eine Frage an Sie richten +darf?«</p> + +<p>»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. +Aber die eine, die Sie tun wollen, brauchen Sie nicht +zu stellen, ich kann sie ungefragt beantworten. Gehe +ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich +hier tun wollte? Das ist die Frage — nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil +es mir gänzlich mißlungen ist‹.«</p> + +<p>»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von +dem Sie sprachen, — Robert Bontine, — aufzufinden?«</p> + +<p>»Nein — ich habe nicht die leiseste Spur von +ihm gefunden.«</p> + +<p>»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen +aufgeben?«</p> + +<p>»Nein — ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen +fortzusetzen, das ist alles.«</p> + +<p>»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. +»Sie waren so sicher, daß er hier sei — +so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie gesagt, +ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen +sollten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span></p> + +<p>»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit +Augen gesehen!«</p> + +<p>»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. +»Was ist er Ihnen denn, Herr Leath?«</p> + +<p>»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, +Gräfin.«</p> + +<p>»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn +Sie es mir sagen. Ich habe kein Recht, Sie darnach +zu fragen, das weiß ich wohl — ich weiß kaum, +weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie +blickte ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, — Sie +haben völlig recht, es mir abzuschlagen und Ihr +Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um Entschuldigung. +Ich frage Sie nicht.«</p> + +<p class="pmb3">Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er +stumm geblieben sein; ihr gegenüber blieb er es nicht. +Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence fragte nicht +weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte +sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er +sie auf ihr Pferd, und noch immer schweigend und +verwundert ritt sie davon und ließ ihn allein.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_17">17.</h2> +</div> + +<p>»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr +Sherriff, obgleich Sie nach Ihrem gestrigen Anfall +wohl eigentlich kaum wohl genug sein werden, um +auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.</p> + +<p>Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen +Versprechens nach dem Bungalow herübergeritten +und hatte sich sogleich in das trauliche Wohnzimmer +des Hausherrn begeben, dessen bis auf den +Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen +umrankte Veranda und den sonnigen Garten +dahinter hinausführten. Der alte Herr, der in seinem +großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem +Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden +und ihm entgegengegangen. Seine Augen +blickten trübe, sein schönes altes Gesicht war eingefallen +und blaß, die Hand, die sich dem jungen +Manne entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche +Symptome stellten sich immer nach den Ohnmachtsanfällen +ein, an denen er hin und wieder litt, und +der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich +schwer gewesen. Er selbst machte nicht viel Aufhebens +von diesen Anwandlungen — die Tatsache, daß er +an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich +einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte +ihn nicht; denn er wußte es seit vierzig Jahren.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span></p> + +<p>»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. +Ich habe Sie erwartet,« antwortete er mit zitternder +Stimme, während er wieder in seinen Sessel sank. +»Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die gestrige +Erschütterung —«</p> + +<p>»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu +reden?« warf Leath dazwischen.</p> + +<p>»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem +ich gestern wieder zu mir kam, habe ich mich +gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹ +Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie +geht es zu, daß ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere +Antlitz, dessen ich mich so gut erinnere, gesehen habe? +Sie sind Marys Sohn — meiner Mary Sohn!«</p> + +<p>Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner +Stimme, während seine Augen erregt in den ernsten, +gefaßten Zügen des Jüngeren forschten, die, so ernst +sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks +zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte +die tiefe Bewegung seines Gefährten, rührte die Treue, +die noch nach mehr als dreißig Jahren der einst Geliebten +ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte die +Hand, die die seine umschloß.</p> + +<p>»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«</p> + +<p>»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn +und dem Ausdruck des Mundes liegt etwas, das mich +an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin +als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann — Sie +haben ein schweres Leben hinter sich — das vergesse +ich. Mary war ein junges Ding, als sie von mir ging<span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span> +— so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu denken, +daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich +nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben +Sie mir je in einem unserer Gespräche erzählt, daß +Sie Ihre Mutter verloren hätten — daß Mary +tot ist?«</p> + +<p>»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht +Jahren gestorben.«</p> + +<p>»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre +es erst heute! Und wie hat sie Sie zurückgelassen? +Allein?«</p> + +<p>»Ganz allein.«</p> + +<p>»Sie haben keine Geschwister gehabt?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in +den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn +einen Augenblick, öffnete die Lippen, als wollte er +reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von dem +Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage +zu der Entdeckung geführt hatte.</p> + +<p>»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges +Mädchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie +mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem muß +sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild +sofort erkannten.«</p> + +<p>»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete +Leath, ohne sich umzuwenden. »Hätte ich nur +die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt, +gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. +Aber ich besitze ein ebensolches, das natürlich aus<span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span> +derselben Zeit stammt. Ich weiß noch, daß ich es +mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert +fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und +derselben Frau gehören könnten.«</p> + +<p>»Die Veränderung war so groß?« fragte der +andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand über +die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er +dann sanft.</p> + +<p>»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« +antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu +regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«</p> + +<p>»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte +einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem +schönen alten Gesicht.</p> + +<p>»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht +schwer machen, indem ich Ihnen davon erzähle — +weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vorüber. +Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die +gern gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre +ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere Mütter +uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich +ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie +Ihnen die Treue gebrochen — so teuer sie mir war, +so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie dürfen +mir glauben, wenn ich sage, daß sie schwer dafür gebüßt +hat.«</p> + +<p>»Ich habe es gefürchtet — gefürchtet!« sagte der +alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, +daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, ich wieder +von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch<span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span> +gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. +Sie haben nie von mir reden hören? Sie hat niemals +zu Ihnen von mir gesprochen?«</p> + +<p>»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte +mir einmal, daß sie selbst an ihrem Kummer und +Leid schuld sei — daß sie mit offenen Augen als +Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe +ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«</p> + +<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte +noch immer finster zum Fenster hinaus. Sherriff +blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem Ausdruck +zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, +die auszusprechen der andere eine ängstliche +Scheu empfand.</p> + +<p>»Everard —,« es war eine Kleinigkeit, aber es +rührte den jungen Mann tief, als er bemerkte, daß +ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen nannte, — +»Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«</p> + +<p>»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«</p> + +<p>»Was — was haben Sie mir über Ihren Vater +zu sagen?«</p> + +<p>»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich +umzuwenden, aber sein Ton war schroff und scharf, +und seine kraftvolle Hand ballte sich.</p> + +<p>»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«</p> + +<p>»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie +geboren wurden?«</p> + +<p>»Allerdings — ehe ich geboren wurde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span></p> + +<p>»Und er ließ sie arm zurück?«</p> + +<p>»Er ließ sie am Bettelstabe.«</p> + +<p>»Er war also arm?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts — +nichts!«</p> + +<p>»Tragen Sie seinen Namen?«</p> + +<p>»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem +Bruder meiner Mutter genannt, der als Kind gestorben +ist. Das hat sie mir erzählt.«</p> + +<p>Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr +Sherriff stand auf und nahm das Bild vom Tische.</p> + +<p>»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache +reden,« sprach er ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. +Ein anderes Mal werde ich Sie bitten, mir mehr aus +Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen, +aber jetzt nicht.«</p> + +<p>Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte +das Bild hinein und verschloß es sorgfältig.</p> + +<p>»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim +Ordnen der Mortlakeschen Papiere zu helfen?«</p> + +<p>Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, +erklärte sich bereit, suchte aber, allerdings vergeblich, +den Alten zu überreden, seines Befindens wegen die +Arbeit auf morgen zu verschieben.</p> + +<p>Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet +hatten, sagte Sherriff:</p> + +<p>»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge +sind in dem feuerfesten Schrank dort am Kamin. Es + <span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span> +sind zwei Kasten, die beide in weißen Buchstaben die +Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«</p> + +<p>Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden +Kasten und stellte sie auf den Tisch.</p> + +<p>Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, +und meinte, mit dem anderen brauchten +sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich Papiere, +die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, +stammten, enthielten, und setzte hinzu:</p> + +<p>»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen +von meinem Vorgänger geschickt worden. Jedenfalls +hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn der Kasten +enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen +sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret +Court, in dem er arbeitete, in dem damals all diese +Bücher und Schriften aufbewahrt wurden, und er erzählte +mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter +seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem +dann eingefallen, wo es war, ungehalten gewesen sei, +daß er den kleineren Kasten mit hierhergeschickt hätte. +Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht haben, +das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, +nachdem ich die Bücher und Kasten erhalten, +hier am Tische saß wie jetzt und anfing, sie durchzusehen, +ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein bitterkalter +Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret +Court herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum +bedeckt war und sein Gesicht — selbst gestern sah er +nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie ein Wahnsinniger +zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen +Kasten geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein<span class="pagenum"><a id="Page_210">[S. 210]</a></span> +brüskes und heftiges Benehmen verletzte mich, sondern +deutete auf den noch unberührt auf dem Tische +stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß +ihn auf, leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein +Paket heraus, schleuderte es ins Kaminfeuer und +war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, +und ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische +und Fußboden verstreut liegen.«</p> + +<p>»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf +ich fragen, wie das Paket aussah?«</p> + +<p>»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach +und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden. +Haben Sie den großen Kasten ausgepackt? +Dann wollen wir jetzt daran gehen.«</p> + +<p>Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich +Sherriff mit allen Zeichen der Erschöpfung in seinen +Stuhl zurück und meinte, daß er sich niederlegen müsse, +wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. +Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, +blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab +sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben +Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, +und während er sich eine Zigarre anzündete, +blickte er unschlüssig auf den kleineren.</p> + +<p>»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre +wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis +des Barons bergen.«</p> + +<p>Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der +Inhalt war augenscheinlich lange nicht berührt worden, +denn ihm entströmte ein dumpfiger Geruch. Mit<span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span> +den alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht +viel anzufangen.</p> + +<p>Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und +dies? Irgendein gerichtliches Dokument über das +Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete +ölige Pergament, zwischen dessen Falten +noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben +haben mochte? Er schlug es langsam auseinander, +und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, +das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten +wurde, entgegen.</p> + +<p>Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? +In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte +erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er, +und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, +natürlich!« löste er das Band und breitete den +Inhalt des Päckchens vor sich aus. Woraus bestand +er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben +gelben Bande zusammengebunden waren, einem +kleinen, amtlich aussehenden Schriftstück, das für sich +allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf +und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.</p> + +<p>Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel +seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und +er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz da. Während +zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er +regungslos und stumm, dann erhob er sich mühsam und +trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte +ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz +zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher<span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span> +Energie und einem Laut, der wie ein Lächeln klang, +ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch, +warf es auf den Tisch und streifte das Band von den +Briefen.</p> + +<p class="pmb3">Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem +trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war +zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen +Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen +um mehr als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem +andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath, +dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen +und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, +gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen +in finsterem Brüten da. Er war so in seine Gedanken +vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies +nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen +der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als +einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch +immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence +draußen vor dem offenen Fenster stehen.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_18">18.</h2> +</div> + +<p>Florence stand in der Veranda des Bungalow, +und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf +ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte sie förmlich. +Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete +ihr Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast +ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und daß +ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck um ihre +Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte +Veränderung vorgegangen — es sah älter und +strenger aus.</p> + +<p>»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, +aber Sie haben mich wohl nicht gehört?«</p> + +<p>Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber +es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht +stets ihm gegenüber angeschlagen hatte; +und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich +dessen bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die +Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn +es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe +sie eintrat.</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin — ich muß +gestehen, daß ich Sie nicht gehört habe. Darf ich +Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich +nicht hier.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span></p> + +<p>Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung +und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. +Sie trat ruhig durch die Glastür ein und +nahm Platz.</p> + +<p>»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach +dem Pfarrhause weitergefahren und wird mich hier +abholen. Lassen Sie sich nicht stören,« sagte sie, nachdem +er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen seiner +Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder +niedergelegt habe.</p> + +<p>Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles +mit ihm im Kreise — ihm war, als müsse er ersticken.</p> + +<p>Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. +Sie nahm ihren Hut ab und hielt ihn auf dem Schoße. +Dabei wurde sie die auf dem Tische verstreuten Papiere, +die verschlossenen und offenen Kasten gewahr. +Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm +und fragte ihn erregt, ob die Szene, die gestern +zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff stattgefunden +und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst wohl +nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben +würde, den Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.</p> + +<p>Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, +daß das Unwohlsein des Alten durch eine ganz andere +Gemütsbewegung verursacht worden sei.</p> + +<p>»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und +wurde plötzlich sehr bleich. »Er hält viel von mir,« +fuhr sie mit leicht bebender Stimme fort, »haben Sie +ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen +ist?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p> + +<p>»Nein — ich habe nichts davon erwähnt.«</p> + +<p>Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit +schienen ihr endlich aufzufallen; sie blickte ihn betroffen +an. Hatte er etwas übelgenommen? Es +sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte +sie nicht, daß er sich gekränkt fühlen sollte. War er +nicht schließlich freundlicher gewesen als Lady Agathe, +ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei dem Gedanken +ballten sich ihre Hände.</p> + +<p>»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht +hätten erwähnen sollen,« sprach sie ruhig. »Die Umstände +sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt inne. +»Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst +zu sagen, daß ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben +habe.«</p> + +<p>»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.</p> + +<p>»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln +zuckte sie die Achseln. »Es ist für mich jetzt kein sehr +angenehmer Aufenthalt in Turret Court, und meine +Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für +meine Tante und meine Cousine. Ich habe sie beide +lieb, aber augenblicklich bin ich böse auf sie, und +daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig. Erst +gehe ich zu Freunden nach London und werde dann +wahrscheinlich in acht bis vierzehn Tagen mit der +Herzogin von Dunbar in Pontresina zusammentreffen. +Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem herzlichen +Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner +Abreise ihn nicht mehr sehen sollte?«</p> + +<p>Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie +als eine Bejahung auffaßte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span></p> + +<p>»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen +wieder vorsprechen würde. Und Sie gehen ja auch +fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.« +Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen +Ton als bisher. »Ich muß Ihnen also +auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann Sie +reisen?«</p> + +<p>»Nein,« — zum ersten Male seit ihrem Eintritt +blickte er ihr voll ins Gesicht, — »ich gehe nicht aus +St. Mellions fort, Gräfin.«</p> + +<p>»Nein? Ihre — Ihre Pläne haben sich also geändert?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden +war. »Setzen Sie sich wieder! Ich habe +Ihnen etwas zu sagen.«</p> + +<p>Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und +sie war so namenlos überrascht, daß sie unwillkürlich +gehorchte. Er blieb vor ihr stehen und preßte die +Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor +ihm auf dem Tische lag.</p> + +<p>»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches +gestern an der Pforte meines Gartens?«</p> + +<p>»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.</p> + +<p>»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, +und weshalb?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Weshalb war das?«</p> + +<p>»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine +zu finden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p> + +<p>»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete +sie. Erinnern Sie sich der Antwort?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten +Augen hingen starr an ihm. Sie war sich +eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer +bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie +versuchte, sich zusammenzunehmen. »Weshalb stellen +Sie mir diese Fragen?« sagte sie.</p> + +<p>»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«</p> + +<p>Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts +— sein Blick machte sie verstummen. Er nahm das +eine Schriftstück, das einzeln zusammengefaltet in dem +zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.</p> + +<p>»Wollen Sie das lesen?«</p> + +<p>Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der +Hand.</p> + +<p>»Verstehen Sie es?«</p> + +<p>»Ich weiß, was es ist.«</p> + +<p>»Aber mehr begreifen Sie nicht?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und +gab ihn ihr.</p> + +<p>»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und +führt eine beredte Sprache.«</p> + +<p>Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne +Papier knisterte, während sie den Brief las. Er war +nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den Schoß +sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span></p> + +<p>»Sie verstehen, was geschehen war, als jene +Zeilen geschrieben wurden, — welches Unrecht begangen, +welche Lüge vorgebracht worden — nicht +wahr?«</p> + +<p>»Ja, das verstehe ich.«</p> + +<p>Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine +männliche Handschrift trug und ganz zerknittert und +mitten durchgerissen war.</p> + +<p>»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie +dabei an, »wurde, wie ich vermute, — nein, ich weiß, +— von der Empfängerin dem Schreiber zurückgeschickt. +Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den +Sie gelesen haben, war die Antwort darauf, und Sie +können den Inhalt ungefähr erraten. Aber ich möchte, +daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob Sie +begreifen.«</p> + +<p>Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen +Minute streckte sie die zitternde Hand aus und nahm +ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die Augen mit +einem Schauder ab.</p> + +<p>»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit +schwacher Stimme. »Ich bin ganz verwirrt — ich +ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich von +dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne +ein Wort zu beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu +schonen oder aus Grausamkeit — ehe ich das tue, +sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«</p> + +<p>Er deutete auf den kleineren Kasten.</p> + +<p>»Ich habe sie dort gefunden.«</p> + +<p>»Wann?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span></p> + +<p>»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«</p> + +<p>»Und keiner weiß davon?«</p> + +<p>»Außer uns — keiner. Wollen Sie den Brief +ansehen?«</p> + +<p>Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie +seinem Geheiß und las ihn von der ersten Seite bis +zur Namensunterschrift auf der dritten langsam durch. +Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.</p> + +<p>»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen +soll,« hauchte sie fast unhörbar. Ihr Kopf +sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube ich,« stammelte +sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«</p> + +<p>Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, +weil er ihr besser sein würde wie Wasser, wie er sagte. +Es lag keine Zärtlichkeit in seiner Hilfeleistung, kaum +sorgliche Beflissenheit — der ganze Mensch schien +ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. +Als sie den Wein getrunken hatte, nahm er ihr das +Glas aus der Hand und hub wieder zu reden an, +ruhig und klar, aber nicht freundlich.</p> + +<p>»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren +sich, wenn Sie das tun. Ich hatte ausreichende Beweise +von allem, ehe ich nach England kam. Meine +einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln +Sie daran, daß es mir gelungen?«</p> + +<p>»Nein — daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber +ich bin wie verwirrt. Das Ganze ist so entsetzlich. +Lassen Sie mich nachdenken!«</p> + +<p>Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und +band die Briefe, das Dokument, die Photographie<span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span> +wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah jetzt +wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das +Sir Jasper Mortlake zu Asche verbrannt zu haben +glaubte. Florence drückte die Hände gegen die Augen. +Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie herabsinken +ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in +ihren großen Augen schien noch Leben zu sein, als sie +ihn anblickte.</p> + +<p>»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, +»was wollen Sie tun?«</p> + +<p>»Tun?«</p> + +<p>Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, +daß sie es brauchte.</p> + +<p>»Was sollte ich tun, als das eine — das zu tun +ich der Toten feierlich gelobt habe — die Wahrheit +verkünden?«</p> + +<p>»Nein — nein — nur das nicht!« Ihre Stimme +klang fast schrill; sie sprang auf und faßte seinen Arm. +»Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was +das heißen würde — die Schande — die Schmach — +Verzweiflung! Und sie sind unschuldig — Tante +Agathe und ihre Kinder — sie haben Ihnen nichts +zuleide getan. Es würde Tante töten, würde Cis das +Herz brechen — meiner armen kleinen Cis. Roys +Leben wäre zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! +Überlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschwöre +Sie!«</p> + +<p>Ihre Hände umklammerten noch immer seinen +Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein +weicherer Zug trat in sein Antlitz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span></p> + +<p>»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß +die Unschuldigen für die Schuldigen leiden müssen. +Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich können es +ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und +ihre Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß +ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt, +vergesse — das zugrunde gerichtete Leben, das +ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich +gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das +Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein +ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? Könnten +Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß +ich das mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein +barmherziges Schweigen zu beobachten? Das können +Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß die +Wahrheit sagen.«</p> + +<p>»O, Sie müssen es nicht — Sie sollen es nicht!« +Sie rang die Hände. »O, bedenken Sie sich — warten +Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen — es muß +doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu +stimmen. Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen +sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«</p> + +<p>Sie blickte ihn flehend an.</p> + +<p>»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte +erfüllen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen +zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen +Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens +nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich, +daß es Ihnen gehören soll. Denken Sie, um was +ich flehe — um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger +Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch<span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span> +Mitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben, +was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es nehmen, +wenn Sie nur nicht reden wollen!«</p> + +<p>Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. +Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der +Hand.</p> + +<p>»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld +ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Vermögen? +Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem +Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es +keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es — Sie +fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein +Schweigen zu erkaufen.«</p> + +<p>Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten +Lippen und die wie geschliffener Stahl +blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos +alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein Erbarmen +haben — er würde die Wahrheit verkünden! +Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont +worden war — schonen, wo Recht und Gerechtigkeit +auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Gebärde +der Verzweiflung.</p> + +<p>»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, +»es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein — ich gebe es +zu. Weshalb sollten Sie das für Menschen tun, aus +denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist +schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht +anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, — +ich würde fast mein Leben dafür geben, könnte ich +Sie davon zurückhalten!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p> + +<p>Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf +einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen +aus. Zum ersten Male ging eine Veränderung mit +Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem +fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm +unmöglich, länger zu vergessen, wer sie war — das +Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem +Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber +jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat +zu ihr.</p> + +<p class="pmb3">»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich +habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel +von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_19">19.</h2> +</div> + +<p>»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard +Leath, »Sie können mein Schweigen erkaufen, wenn +Sie wollen.«</p> + +<p>So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so +vernahm die Schluchzende sie doch, ließ vor Verwunderung +die Hände herabsinken und wandte ihm +ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er +das wirklich gesagt? Meinte er das so? Das Herz +schien ihr fast stillzustehen und klopfte dann wieder +ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war +eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, +seine Augen blickten glänzend und lebhaft. Sie +rang nach Atem, während sie ihn mit weitgeöffneten +Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne +ihres Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er +schweigen, daß er barmherzig sein wollte? Er hub +wieder an:</p> + +<p>»Es gibt einen Preis — alle Menschen sind zu +erkaufen, wie man sagt, und das mag wahr sein. +Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie vergaßen, +daß Geld an sich nichts ist — für Ihr Vermögen, +wäre es auch zwanzigmal so groß, würde ich das, +was Sie von mir heischen, nicht hergeben. Nichtsdestoweniger<span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span> +können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn +Sie wollen!«</p> + +<p>»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe +ich das nicht schon gesagt?«</p> + +<p>Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was +er meinte, als sie zitternd, mit gespanntem Ausdruck +in den Augen aufstand. »Sagte ich nicht, daß ich fast +mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie +dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer +meinem Gelde habe ich Ihnen zu bieten?«</p> + +<p>»Das wissen Sie nicht?«</p> + +<p>»Nein. Was — was?«</p> + +<p>»Sich selbst,« sprach er gelassen.</p> + +<p>»Mich selbst?«</p> + +<p>Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den +Lippen, während sie in ihren Stuhl zurücksank und +ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte. Aber +als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle +ihr ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln +— sie verstand ihn! Er sah es und schwieg +einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich zu fassen.</p> + +<p>»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub +er wieder an. »Ich weiß, es ist der höchste, der mir +geboten werden könnte, aber auch der niedrigste, den +ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, +daß Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre +Ihnen, daß kein Wort über meine Lippen kommen +soll.«</p> + +<p>Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur +noch weiter von ihm fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes<span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span> +Kind. Als er diese Bewegung wahrnahm, +sprach er mit bitterem Auflachen:</p> + +<p>»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! +Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ich habe +Ihnen, der Tochter und Erbin eines Grafen, bis zu +diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger +gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie +sich etwas aus mir machen? Und Sie gehörten einem +andern; ich habe nicht einmal wagen dürfen, um +Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, +Florence! Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie +ebensowenig wissen wie ein Kind, — was eines +Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie +sollen mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie +jener fischblütige Narr, dem Sie den Laufpaß gegeben +haben. Ich — aber ich erschrecke Sie. Ich will ganz +ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen +können.«</p> + +<p>Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes +leidenschaftliches Antlitz, seine leuchtenden +Augen, seine beredte Sprache war sie, als er sich +über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. +Er ging zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er +weitersprach. Sie hatte ihre Stellung verändert und +saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht da.</p> + +<p>»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Was also ist Ihre Antwort — ja oder nein?«</p> + +<p>»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«</p> + +<p>»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches +Schweigen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span></p> + +<p>»Für jetzt und allezeit?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem +Tische liegende Päckchen.</p> + +<p>»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«</p> + +<p>»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem +Tage, an dem Sie mich heiraten.«</p> + +<p>»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie +Sie sagen.«</p> + +<p>»Ebenso.«</p> + +<p>»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert +Bontine gefunden haben?«</p> + +<p>»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, +nicht einmal gegen Sie.«</p> + +<p>»Und Sie wollen — sie hier — in Frieden — +in ungestörtem Frieden lassen — und nach Australien +zurückkehren?«</p> + +<p>»Das haben Sie zu entscheiden — als meine +Frau.«</p> + +<p>»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«</p> + +<p>»Nichts! Noch einmal — lautet Ihre Antwort +›Ja‹ oder ›Nein‹?«</p> + +<p>»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«</p> + +<p>»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um +nichts dahingeben?«</p> + +<p>»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre +der andern sind Ihnen nichts — ich gestehe, daß ich +kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen zu rechnen,« +sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an. + <span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span> +»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles +verzichten — wollen das der Toten geleistete Gelübde, +von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie lachte bitter.</p> + +<p>»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind +schließlich tot. Wenn ich irgend jemand durch mein +Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur mir selbst. +Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich +will, die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit +vorgehen zu lassen.«</p> + +<p>»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. +»Sie sagen, Sie lieben mich?«</p> + +<p>»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf +sie zu, bezwang sich dann aber schnell. »Nein,« sagte +er gelassen, »ich brauche nicht erst zu sagen, was Sie +wissen.«</p> + +<p>»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer +heftigen Bewegung »Ich hatte nie an so etwas +gedacht.«</p> + +<p>»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich +Sie lieben sollte? Aber Sie wissen es jetzt.«</p> + +<p>Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, +aber sie begegnete seinen Augen, und die Worte +erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war wahr — +er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine +Offenbarung. Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen +auflehnen, aber sie mußte es glauben — er +zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst, +ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, +des Mannes, der sie auch geliebt haben sollte, und +sie hätte in all ihrem Jammer fast auflachen können.<span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span> +Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren +Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, +dem sie aber nicht ausweichen wollte.</p> + +<p>»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, +»daß ich Sie fast hasse, Herr Leath?«</p> + +<p>»Augenblicklich ja, Gräfin Florence — völlig.«</p> + +<p>»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, +mich zu heiraten?«</p> + +<p>»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie +keinen andern lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich +sein, was es wolle, so ist es nicht Verachtung. Die Sache +keines Mannes ist einer Frau gegenüber hoffnungslos, +solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath +kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte +sie. Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, +Ihrer Empörung — nennen Sie es, wie Sie wollen +— bin ich willens. Ich will mich des Wortes +bedienen, da Sie es gebraucht haben.«</p> + +<p>»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn +wieder voll Verachtung an. »Die meisten Männer +würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe +sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«</p> + +<p>»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese +Frau wären.«</p> + +<p>Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen +Augenblicken folgte er ihr an das Fenster, an das sie +getreten war.</p> + +<p>»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte +er ruhig; »wenn Sie sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, +so will ich warten. Aber es ist nicht anzunehmen, + <span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span> +daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird +der Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer +oder höherer geworden sein.«</p> + +<p>»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, — ich +fürchte, ich bin es auch, — aber die Umstände entschuldigen +mich vielleicht ein wenig. Unfreundliche +oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht +gerade Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen +Sie sich nicht zu beklagen haben, wenn Sie erst meine +Frau sind. Ich stelle meine Frage noch einmal — ist +Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«</p> + +<p>Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls — es +konnte nur eine geben. Sie sagte nichts — Lippen +und Zunge waren ihr wie ausgedorrt — aber langsam, +sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. +Er nahm sie, umschloß sie mit festem Drucke während +eines Augenblickes und ließ sie dann los.</p> + +<p>»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen +haben,« sprach er. »Von dieser Stunde an wird es +meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu machen, wie +nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder +liebt, sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, +ist jetzt vorüber und abgetan — ich gewinne +unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«</p> + +<p>Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; +wiederum war sie nahe daran, in hysterisches Weinen +auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, auf dem +sie sich niederließ.</p> + +<p>»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, +»und das ist kein Wunder! Ich darf Sir Jaspers +Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich aus<span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span> +und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn +Sie bereit sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. +Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe +wir auseinandergehen.«</p> + +<p>Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte +sich wieder — mit dem hilflosen Gefühl, daß ihr +nichts anderes übrigblieb — daß ihr nie wieder etwas +anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen +zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths +Weib zu werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen +Betäubung erwachen, würde sich zu leidenschaftlicher +Empörung aufraffen, aber jetzt hatte sie keine Kraft, +gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte +nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, +würde dieser schreckliche, unerbittliche Mensch, der +sie bei all seiner mitleidlosen Hartherzigkeit unerklärlicherweise +so liebte, keinen Grund haben, zu schweigen +— er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, +die zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie +mußte ihn lieben und heiraten. So sehr sie ihn auch +hassen mochte, sie mußte sein Weib werden.</p> + +<p>Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat +und sie fragte, ob sie den Heimweg antreten wolle. +Gehorsam stand sie auf und setzte ihren Hut auf. Hatte +er doch das Recht, mit ihr zu gehen — war er nicht +ihr zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus +den Fugen zu sein.</p> + +<p>Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen +über die Halde — sie sprach aus freien Stücken keine +einzige Silbe — und doch war alles, was er noch auf +dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret Court<span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span> +erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger +deutlichen Worte bedurft. Er blieb stehen, als das +Haus in Sicht kam, obwohl, wenn er es an ihrer +Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer augenblicklichen +Gemütsverfassung auch darein ergeben +haben würde.</p> + +<p>»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde +Sir Jasper ebensowenig lieb sein, mich in seinem +Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber ich +will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß +Sie es vorziehen, selbst mit ihm zu reden.«</p> + +<p>»Ich ziehe es vor.«</p> + +<p>»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht +ausreden will, wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie +haben eine furchtbare Aufregung durchgemacht! Sie +wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«</p> + +<p>»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf +dem Herzen behalten könnte? Ich werde sofort +zu ihm gehen.«</p> + +<p>»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. +»Sie wollen also Sir Jasper, Ihren Vormund, sofort +von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, in Kenntnis +setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen +kommen?«</p> + +<p>»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie +ihn ansah. »Sie haben das Recht dazu, Herr Leath.«</p> + +<p>»Freilich — es ist mein Recht. Also will ich +Ihnen denn für heute Lebewohl sagen.«</p> + +<p>Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber +er fühlte, wie sie vor ihm zurückwich, wie er das<span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span> +schon vorhin empfunden; und sein kurzes Auflachen +klang ebenso bitter wie das ihre soeben.</p> + +<p>»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will +Sie nicht küssen — noch nicht. Ich glaube nicht, +daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie solch +ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. +»Florence, wie lange es wohl dauert, bis Sie mich +küssen?«</p> + +<p>Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos +in den seinen; sie vermochte nicht, ihn anzublicken.</p> + +<p>»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine +Augen hingen voll Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. +»Aber ich möchte wissen, wie viele Küsse jener +Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben, +mir geraubt hat?«</p> + +<p>Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig +auf, und er las Überraschung, Verachtung, lebhaften +Widerspruch in ihren Zügen. Er lachte in ganz anderem +Tone.</p> + +<p>»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, +wie man einem Narren vergibt — mehr ist +er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als +ich glaubte, — um so besser für Sie und für mich!«</p> + +<p>Seine Stimme wurde weicher und klang nicht +mehr triumphierend. »Armes Kind,« sprach er sanft, +»Sie hassen mich jetzt mehr als je — nicht wahr? +Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie +auf. Bis morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«</p> + +<p>Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; +als sie sich bei einer Biegung des Weges umblickte,<span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span> +sah sie ihn noch an derselben Stelle stehen, an der sie +ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis sie +außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller +weiter und hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht +hatte.</p> + +<p>Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern +tun müsse, was ihr oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. +Sie nahm im Flur ihren Hut ab und begab +sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie +wußte, Sir Jasper antreffen.</p> + +<p>Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in +seinem gewohnten Stuhl sitzen, ein Buch in der Hand +haltend. Er las nicht, sondern brütete mit finster +gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb +sie stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein +Gesicht sich wohl verändern würde, wenn sie mit +ihm geredet.</p> + +<p>Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem +Florence mit Chichester gebrochen, nur eine Zusammenkunft +stattgefunden, die nicht sehr angenehm +gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert +hatte, daß sie mündig sei und daß sie Turret +Court auf immer zu verlassen gedenke. Es berührte +ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien Stücken +aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, +wie er ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:</p> + +<p>»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, +Florence?«</p> + +<p>»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« +Sie war jetzt ganz nahe, und er schrak beim Anblick +ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als sie sich<span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span> +mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe +sie eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.</p> + +<p>»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst +du so aus? Was ist los?«</p> + +<p>»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war +heute nachmittag im Bungalow.«</p> + +<p>»Nun? Was führte dich dorthin?«</p> + +<p>»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise +von St. Mellions Lebewohl sagen.«</p> + +<p>»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung +für den albernen Alten und er für dich. Ich +verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und dich gebeten, +mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um +Verzeihung zu bitten. Aber damit soll er mir vom +Halse bleiben. Wie man sich bettet, so liegt man. +Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände übergehen, +desto besser.«</p> + +<p>»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte +geschickt. Ich habe ihn nicht gesehen.«</p> + +<p>»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen +an. »Was hat dich denn so aus der Fassung +gebracht?«</p> + +<p>»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«</p> + +<p>»Leath? Den — den Menschen?«</p> + +<p>Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern +sehen wie jetzt — einmal, als er erklärte, +daß Everard Leath niemals wieder Turret Court betreten +solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt +hatte, — ach, wie unschuldig und arglos! — ob er +je den Namen Robert Bontine gehört hätte. Er stammelte +vor Wut.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span></p> + +<p>»Und — und er? Hat er gewagt, mit dir zu +sprechen?«</p> + +<p>»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, +Onkel Jasper.«</p> + +<p>Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las +in seinem Gesicht das Grauen vor dem, was kam. +Er war geisterbleich — große Schweißtropfen rannen +ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den +Mund öffnete und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; +er stand auf und wartete auf den Schlag. Sie blickte +ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.</p> + +<p>»Er hat Robert Bontine gefunden.«</p> + +<p>Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten +Augen starrte er sie an — sprachlos. Hätte noch die +leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, so würde sie +vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War +er imstande, ihr zuzuhören — sie zu verstehen? Während +sie das erwog, hob er die Hand, bewegte sie +hilflos hin und her und stammelte keuchend:</p> + +<p>»Weiter!«</p> + +<p>»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte +sie. »Ich bin hier, um dir das zu sagen. In meinem +Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann sei, als +ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die +Beweise gesehen — Beweise, die du vernichtet glaubtest +— Beweise, die ein kleines, mit einem gelben +Bande zusammengebundenes Paket enthielt. Verstehst +du mich?«</p> + +<p>Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie +fuhr fort:</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span></p> + +<p>»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in +Australien. Ich zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit +redet. Er hat den Zweck erreicht, der ihn nach +England geführt, hat den Gesuchten gefunden — und +wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«</p> + +<p>»Wenn er wollte?«</p> + +<p>Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen +hatte, so stieß er auch diese drei Worte mühsam +heraus. Florence wiederholte sie.</p> + +<p>»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab +nur einen Preis, der sein Schweigen erkaufen konnte, +und es traf sich zufällig, daß ich ihm diesen Preis +bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich +habe versprochen, ihn zu heiraten.«</p> + +<p>Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen +er krampfhaft umklammerte, während er sie +ungläubig anstarrte. Sie sprach in demselben ruhigen, +entschlossenen Tone weiter:</p> + +<p>»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil +er mir sein Wort gegeben hat, in dem Falle den Namen +Robert Bontine nie wieder zu erwähnen. Ich mache +mir nichts aus ihm — werde mir nie etwas aus +ihm machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn +verlassen kann, weiß, daß er sein Wort halten wird. +An unserem Hochzeitstage soll ich die Beweise, von +denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, +— das hat er mir auch versprochen. Ich werde +meinem gegebenen Worte nicht untreu werden, und +er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern, weshalb +ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke<span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span> +ich — ich habe Tante Agathe und ihre Kinder +sehr lieb.«</p> + +<p>Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes +Verständnis, wie eine gewisse Erleichterung +zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im Lehnstuhle. +Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. +Florence hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. +Nach einer Weile erhob sie sich und schritt auf die Türe +zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte um ihre +Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:</p> + +<p>»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich +gehe. Ich fürchte, es ist kaum wahrscheinlich, daß die +Herzogin mit meiner Verlobung zufrieden sein wird. +Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause +ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot +Chichester von Highmount. Es ist möglich, daß +sie ihre Einwilligung versagen wird. In dem Falle +ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner +Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert +und daß du, Onkel Jasper, die deinige nicht verweigern +wirst.«</p> + +<p>Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging +die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zu begeben. +Sie fühlte, daß es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei +sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe. Auf +der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade +verließ.</p> + +<p>»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.</p> + +<p>Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht +ihrer Cousine nicht deutlich sehen konnte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span></p> + +<p>»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur +stecken könntest! Weshalb hast du nicht im Bungalow +auf mich gewartet? Du kannst dir mein Erstaunen +vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.«</p> + +<p>»Ja — ich kann mir denken, daß du erstaunt +warest, Cis.«</p> + +<p>»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem +Gedanken, daß du den langen, heißen Weg zu Fuß +gemacht hast, noch dazu, wo du nicht wohl bist. +Und —« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie +wußte nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar +Tagen merkwürdig verwandelten Florence eigentlich +daran war — »hm — das Mädchen sagte, Florence, +daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.«</p> + +<p>»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«</p> + +<p>»Was — den ganzen Weg? Hierher nach Turret +Court?« Aus ihren weitgeöffneten Augen sprach +Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich, Florence, +ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie +tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute +Munde seid! Du hattest ihn nicht mit dir gehen lassen +dürfen. Er hat kein Recht, sich dir auf solche Weise +aufzudrängen.«</p> + +<p>Florence lachte und legte der andern die Hände +auf die Schultern.</p> + +<p class="pmb3">»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe +Cäcilie. Aber in diesem besonderen Falle irrst du dich +zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller Augen wie +hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr +Leath das Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. +Ich habe soeben versprochen, ihn zu heiraten.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_20">20.</h2> +</div> + +<p>In dem getäfelten Zimmer, sonst dem traulichsten +und freundlichsten Raume des Schlosses, sah es trübselig +aus. Lady Agathe, die in ihrem Lieblingsstuhl +saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und +schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den +Boden herabgeglitten und lag dort vergessen. Cis, +deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert aussah, +stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. +Vor noch nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter +Sir Jasper geschlossen, der hinausgegangen war und +all diesen Jammer zurückgelassen hatte. Wie unwillkommen +sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch +stets seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er +doch nie mit einer so niederschmetternden Mitteilung +erschienen wie eben, und die Wirkung, wenigstens +auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit +den kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner +scharfen Stimme hatte er die Verlobung seines Mündels +mit Everard Leath und seine eigene Einwilligung +mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, +wie er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu +eingeschüchtert war, um angesichts seiner kaltblickenden +Augen eine Szene zu machen, brach vor Erstaunen, +Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span></p> + +<p>»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte +sie, »niemals, Cäcilie! Ich weiß nicht, wo mir der +Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen Ohren +nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals +spaßte, so würde ich sagen, er macht einen Scherz mit +mir. Aber er sagte ganz deutlich, Florence hätte sich +mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, Mutter, das sagte er.«</p> + +<p>»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja — auch das.«</p> + +<p>»Ich kann — ich will es nicht glauben!« rief +Lady Agathe unter neuem Schluchzen. »Florence sollte +sich mit solchem Menschen verlobt haben! Er ist doch +durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der +ihn nie ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn +heiraten soll! O, ich bin wie betäubt! Sie macht sich +doch gar nichts aus dem Menschen, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich — ich fürchte nein, Mutter,« antwortete +Cis mit verlegenem Zögern. »Aber ich habe seit langer +Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in sie verliebt war.«</p> + +<p>»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady +Agathe. »Wenn das so ist, so ist es eine unverschämte +Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es, jammerschade, +daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina +gegangen ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, +und sie hätte in aller Gemütsruhe Chichester geheiratet. +Aber ich kann es nicht glauben, liebes Kind, daß es +ihr Ernst ist — ich kann es nicht. Dein Vater muß sie +mißverstanden haben. Nein — ich glaube nicht, daß +es wahr ist, bis Florence selbst es mir bestätigt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span></p> + +<p>»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich +um. »Florence hat es mir selbst erzählt.«</p> + +<p>»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. +»Sie hat es dir gesagt?«</p> + +<p>»Ja — gestern. Anstatt im Bungalow auf mich +zu warten, wie wir verabredet, hat sie sich von Herrn +Leath, der dort war, nach Hause bringen lassen. Da +hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden +Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt +und daß Vater seine Zustimmung gegeben hatte.«</p> + +<p>»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren +hätte?« fragte die Mutter mit einem neuen +Tränenstrom.</p> + +<p>»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich +— so ganz anders als sonst, und sie lachte, als ich +zu weinen anfing. Ich wollte es dir erzählen, aber sie +sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu sagen. +Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, +und als ich heute morgen nach dem ersten Frühstück +sie in ihrem Ankleidezimmer aufsuchte, sahen ihre +Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht nicht +geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« +rief Cis, in zornige Tränen ausbrechend, »und ich +mochte ihn früher ganz gern leiden, den Abscheulichen! +Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, ich +wäre tot!«</p> + +<p>»Doch wohl nicht im Ernst, Cis — hoffentlich +nicht! Unsinn, du kleines Ding! Was Harry wohl +sagen würde, wenn er dich hören könnte!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span></p> + +<p>Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer +Minute war sie draußen in die Veranda getreten und +horchend stehengeblieben, als durch das offene Fenster +Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen +allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, +aber sie hatte mehr gehört. Sie trat ins Zimmer und +sprach mit fester Stimme zu ihr:</p> + +<p>»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat +gestern um mich angehalten, und ich habe mich mit +ihm verlobt. Und es ist ebenfalls wahr, daß Onkel +Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt +meine Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache +ansehen.«</p> + +<p>Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen +waren glanzlos, aber ihr bleiches Antlitz belebte sich, +als sie sanft den Arm um Cis legte und ihr goldblondes +Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges +kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde +ihr nicht das Herz wirklich gebrochen sein, würde sie +nicht ihren fröhlichen jungen Bräutigam verloren +haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath +gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was +für ganz andere Tränen hätten Mutter und Tochter +jetzt vergießen können, hätte sie nicht aus Liebe und +Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer selbst +gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein — sie +bereute es nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich +sie schauderte bei dem Gedanken an die bevorstehende +Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt das Recht +hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde +nur ein kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen,<span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span> +daß sie litt. Sie zwang sich zu einem Lächeln, während +sie zu ihrer Tante trat und sanft das Taschentuch fortzog, +das die arme Frau noch immer an die Augen +drückte.</p> + +<p>»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady +Agathe, »wir kennen diesen Leath gar nicht! Ich +muß offen reden, Florence — was kann dir nur +in den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es +getan? Glaubst du, daß Herr Leath dich wirklich +liebhat, Florence?«</p> + +<p>»Mich liebhat?«</p> + +<p>Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor +sich, dessen kühler, ruhiger Ausdruck wie umgewandelt +war, die leuchtenden Augen, die von verhaltener +Leidenschaft vibrierende Stimme — die ganze Glut +des Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber +auf sie ausgeübt hatte. Ob er sie liebte? Mochten +seine Sünden gegen sie so groß sein, wie sie wollten, +mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so +sehr sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.</p> + +<p>»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt +mich. Davon kannst du fest überzeugt sein.«</p> + +<p>»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« +meinte Lady Agathe verzweifelt, »aber was die Herzogin +sagen wird —«</p> + +<p>»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, +was die Herzogin sagen wird. Onkel Jasper willigt +ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir mein Vermögen +zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« +fiel ihr Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit +ins Wort.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span></p> + +<p>»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. +Wenn diese Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest +du, daß die Verlobung geheimgehalten wird?«</p> + +<p>»Geheim?«</p> + +<p>Einen Augenblick wandte sich Florence mit +blitzenden Augen um. »Nein, ich schäme mich nicht +dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie geheimgehalten +werden?«</p> + +<p>»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, +was ich meinte,« stammelte Lady Agathe ängstlich. +»In Anbetracht all der — unseligen Klatschereien, +die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es +besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, +die Leute lassen sich nicht den Mund verbieten — es +ist schändlich, aber sie werden —«</p> + +<p>Florence drehte sich jäh um.</p> + +<p>»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie +und gab sich Mühe, ihre Stimme in der Gewalt zu +behalten, während sie die Hand aufs Herz preßte, +»aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch +länger hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über +die Sache reden. Herr Leath erwartet mich, ich +will gehen.«</p> + +<p>Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz +vor; sie lief auf Lady Agathe zu, umschlang sie +mit den Armen und rief in ganz anderem Tone: »Nein, +nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein +Herz, — ich will nicht böse werden! Nur frage mich +nichts weiter und weine und härme dich nicht mehr! +Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß du glücklich +bist, so stolz auf Roy, — nicht wahr? — deinen + <span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span> +einzigen geliebten Sohn! Es würde dir das Herz +brechen — nicht? — und wenn ihm etwas zustieße +— dich vielleicht gar töten? Nein, nein — sag’ nicht +›Ja‹ — antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«</p> + +<p>Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie +und schaute ihr lebhaft in die verwundert aufblickenden +Augen. »Und du, kleine Cis — du siehst kläglich +aus, — du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. +Du sollst mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, +wie glücklich ihr seid, wie lieb du ihn hast, wie schrecklich +es dir wäre, wenn du nicht seine Frau würdest! +Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt +ganz glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es +auch. Jetzt laßt mich gehen.«</p> + +<p>Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, +auf dem sie gekommen: sie wußte, daß sie in heftiges +Schluchzen ausbrechen würde, wenn sie länger bliebe, +und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu verbergen, +verraten hätte, und sie ging noch immer sehr +schnell, selbst als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen +werden konnte. In ihrem Kopfe wirbelte es, +ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen ihre +Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am +vorigen Tage verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.</p> + +<p>Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen +sah, hielt sie im Laufen inne und fühlte plötzlich, +wie es sie kalt überlief. Sie blieb stehen, und er kam +sofort auf sie zu.</p> + +<p>»Ich — ich habe Sie warten lassen,« brachte sie +stockend heraus. Etwas mußte sie sagen, und diese + <span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span> +Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, als sie seinem +Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen +Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht +— er hatte sie genommen, als wäre es etwas, wozu +er ein volles Recht habe.</p> + +<p>»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu +warten.« Er lächelte auf seine ernste Art. »Sie sehen +abgespannt aus, Florence, — Sie sind sehr schnell +gegangen, — das hätten Sie meinetwegen nicht tun +sollen. Dort steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«</p> + +<p>Sie machte eine zustimmende Bewegung, und +während sie sich setzten, ließ er sehr langsam ihre +Hand los, die er bis jetzt festgehalten hatte. Florence +schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß +er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen +hatte, und das war genug. Es war ein Glück, daß +er sich so beherrschte, dachte sie und bemühte sich, +ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache nicht +schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er +hatte sie allerdings bei ihrem Vornamen genannt, +und das Recht mußte sie ihm wohl zugestehen. Aber +er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder Blick, +jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte +sie, wie wunderschön es hätte sein müssen, so +neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn geliebt hätte!</p> + +<p>Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in +ihr gesenktes Antlitz geschaut.</p> + +<p>»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das +ist nicht zum Verwundern. Ich fürchte, Sie haben +in der letzten Nacht nicht geschlafen?«</p> + +<p>»Ich habe es gar nicht versucht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span></p> + +<p>»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. +Soll ich weiterreden, oder möchten Sie lieber, +daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?«</p> + +<p>»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr +gut anhören. Sagen Sie mir, bitte, alles, was Sie mir +zu sagen haben,« sprach Florence gelassen.</p> + +<p>»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, +daß zum Glück sehr wenig übrigbleibt.«</p> + +<p>Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, +und wickelte es um die Finger.</p> + +<p>»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir +Jasper gehabt?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, +gesagt?«</p> + +<p>»Ja — das habe ich getan.«</p> + +<p>»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich +nicht?«</p> + +<p>»Nein — das tut er nicht.«</p> + +<p>»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der +Herzogin nicht bedürfen.«</p> + +<p>»Nein, die brauchen wir nicht.«</p> + +<p>»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich +würde es vorziehen, daß Sie Ihr Vermögen behalten. +Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich bin auch nicht +reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau +irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt +sind.« Er hielt inne und spielte noch immer mit dem +Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht unwissend,« +hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder +an, »aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt<span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span> +es mir wohl ob, ihn aufzusuchen, nicht wahr? Soll +ich heute zu ihm gehen?«</p> + +<p>»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. +Ihnen zu sagen, daß er Sie morgen sehen wolle.«</p> + +<p>»Gut. Wenn er es vorzieht — um welche +Stunde?«</p> + +<p>»Das überläßt er Ihnen.«</p> + +<p>»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.«</p> + +<p>Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe +und Cis um ihre Verlobung wüßten und wie sie diese +aufgenommen hätten, und Florence antwortete, daß +sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien.</p> + +<p>»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein +Mortlake ist ein allerliebstes kleines Geschöpfchen, +und ich weiß, Sie halten viel von ihr. Wollen Sie +ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit +der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«</p> + +<p>»Ja — das will ich tun.«</p> + +<p>Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. +Sie war sich einer Regung der Dankbarkeit bewußt. +Er hätte ihr die Sache viel schwerer machen können; +sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen, +daß sie ihr Wort halte — warum sollte er auch nicht? +— aber er war zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich +gewesen.</p> + +<p>Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand +nahm, und verbarg, so gut sie konnte, den Schauder, +der sie durchbebte, als er die Lippen darauf drückte. +Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich darauf +die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte,<span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span> +daß sie Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht +länger im Freien bleiben könne.</p> + +<p>»Das sollen Sie auch nicht.«</p> + +<p>Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in +das blasse, müde Gesichtchen mit den dunklen Schatten +unter den Augen, dem Schmerzenszug um die zarten +Lippen.</p> + +<p>»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie +elend Sie aussehen — wie ein Schatten Ihres lieblichen +Selbst! Und daran bin ich wohl schuld? Ich +— gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, +Florence?«</p> + +<p>»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. +Hohn und stumme Vorwürfe lagen darin. »Brauchen +Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch, daß +Sie mich darnach fragen?«</p> + +<p>»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt +jetzt ihre beiden Hände und blickte mit düsterer Zärtlichkeit +auf sie herab. »Ja — ich bin wohl brutal — +ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie +wohl freigeben, — das müßte ich eigentlich! Ein +guter Mensch würde das tun.« Er hielt inne und +holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin kein guter +Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«</p> + +<p>»Ich — ich habe Sie nicht darum gebeten,« +sprach Florence mit schwacher Stimme.</p> + +<p>Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens +entbinden sollte, mit dem sie sein Schweigen erkauft +hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken überlief es +sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals +tun würde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span></p> + +<p>»Nein — Sie haben mich nicht darum gebeten, +— das ist wahr. Aber ich kann sehen —«</p> + +<p>Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. +»Mein armes kleines Lieb — mein armes +kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein +Haar krümmen möchte — liebe es so, daß ich mir +die Hand abhauen würde, ihm zu dienen, wenn es +sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um es so +aussehen zu machen!«</p> + +<p>»Lieben?«</p> + +<p>Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu +mächtig, um ihr zu widerstehen, trotz des panischen +Schreckens, von dem sie sich eben erholt hatte: sie +warf ihm einen Blick der Verachtung zu.</p> + +<p>»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, +aber mehr tun Sie nicht.«</p> + +<p>»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? +Glauben Sie das? Dann denken Sie hieran, mein +Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«</p> + +<p>Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, +zu kraftvoll, als daß sie ihm hätte wehren können, +schloß er sie fest in die Arme und küßte sie zweimal +mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick +hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei +losgerissen und floh über das Gras, ohne einen Blick +zurückzuwerfen.</p> + +<p>Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach +einer unwillkürlichen Bewegung, sie zurückzuhalten, +blieb er regungslos stehen und sah der Davoneilenden +mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden,<span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span> +nachdem sie verschwunden, machte er kehrt +und verließ den Garten von Turret Court.</p> + +<p>Er ging über die Halde und durch St. Mellions +nach dem Bungalow. In gewohnter Weise durch die +Veranda eintretend, fand er Sherriff im Wohnzimmer +in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden +Kasten standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und +der alte Herr hielt einige Schriftstücke in der Hand. +Sein schönes Gesicht war noch bleich und abgespannt, +aber es hellte sich beim Eintritt des jungen +Mannes auf.</p> + +<p>»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, +Everard,« sagte er mit einem Lächeln, »und habe mich +ohne Sie an die Arbeit gemacht.«</p> + +<p>»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem +Augenblick steh’ ich zu Ihren Diensten, aber erst +habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«</p> + +<p>»Mir mitzuteilen?«</p> + +<p>In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen +lag etwas, das Sherriff veranlaßte, schnell aufzublicken.</p> + +<p>»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.</p> + +<p>»Nein — oder hoffentlich werden Sie es nicht +dafür halten.« Er hielt inne. »Erinnern Sie sich +noch, daß Sie mich vor einiger Zeit beschuldigten, +Gräfin Florence Esmond zu lieben?«</p> + +<p>»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich +dessen.«</p> + +<p>»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie +recht hatten, denn ich war mir seit Wochen meiner +eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich liebte + <span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span> +sie — ich tue es noch — ich werde sie stets lieben! +Aber nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, +daß ich es ihr je sagen würde. Die Umstände haben +sich indessen geändert, und ich habe es ihr gesagt. +Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt +hat, meine Frau zu werden.«</p> + +<p>»Leath!«</p> + +<p>»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das +sein würden. Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch +mehr: Sir Jasper hat — ihr, mir zwar noch nicht, +— seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«</p> + +<p>»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!«</p> + +<p>»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? +Obwohl ich gern zugebe, daß ich keine sogenannte +Partie für sie bin.«</p> + +<p>»Und sie — Gräfin Florence — hat versprochen, +Sie zu heiraten?«</p> + +<p>»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, +fürchte ich?«</p> + +<p>»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr +als überrascht — ich bin wie aus den Wolken gefallen!«</p> + +<p>Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das +weiße Haar.</p> + +<p>»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, +»daß sie Ihre Gefühle für sie erwidere — nicht +die leiseste. Und Sie sagen, sie tut es?«</p> + +<p>»Bis jetzt — nein. Aber ich sage, daß sie +es soll.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p> + +<p>Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der +ruhigen, gleichmäßigen Stimme, und der Redende regte +sich nicht. Der Alte blickte mit einem Ausdruck +zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf +die stolze Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig +dastand.</p> + +<p>»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich +habe euch beide lieb, und nichts könnte mir ein +größeres Glück gewähren, als euch miteinander glücklich +zu sehen. — Aber bedenken Sie, lieber Junge, +um Florences und um Ihrer selbst willen, — in der +Ehe ist kein Glück möglich, wenn nicht auf beiden +Seiten Liebe vorhanden ist.«</p> + +<p>»Das weiß ich sehr wohl.«</p> + +<p>»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben +zu, daß Florence sich nicht so viel aus Ihnen macht wie +Sie aus ihr. Hat die Art und Weise der Lösung ihres +Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren Antrag +anzunehmen?«</p> + +<p>»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine +Eindruck sein, obwohl es — um ihretwillen — dem +schlecht gehen wird, den ich das aussprechen höre! +Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester +ein Narr war, — wofür ich ihm allerdings von Herzen +dankbar bin, — hat nichts damit zu tun, daß +sie mir ihr Jawort gegeben.«</p> + +<p>»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, +aber davon bin ich überzeugt,« setzte der alte Mann +mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß Sie sie nicht +heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie +sie glücklich machen könnten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span></p> + +<p>Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte +zu einer Frage. Es dauerte eine volle Minute, ehe +Leath antwortete, und dann sprach er, ohne sich umzuwenden:</p> + +<p class="pmb3">»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich +bewegen, sie zu heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß +ich sie glücklich machen könnte.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_21">21.</h2> +</div> + +<p>Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen +sonnigen Tagen und seinen Nachtfrösten war gekommen +und fast vorüber. Vier Wochen waren seit +der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath +vergangen, und die Herzogin war in Turret Court +eingetroffen.</p> + +<p>Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte +ihr Kommen so verzögert. Ein plötzlich aufgetretenes +Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein +durch Aufregung veranlaßt worden — hatte sie in +ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr +Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre +Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege +nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche +Verlobung, die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. +— Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in sündhafter +Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch +nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und +entrüstet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo +in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht, +da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.</p> + +<p>Und niemals erlitt irgend jemand eine größere +Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem +Wirte zuteil wurde. Mit steinerner Höflichkeit hörte + <span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span> +der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, +und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte +seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung +mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen Grund, sie +zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen +sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran +erinnern, daß das weiter keinen Unterschied mache, +da es nur der Zustimmung eines ihrer Vormünder +bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. +Er glaube übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, +und schlüge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts +konnte von steiferer Artigkeit, nichts würdevoller und +entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen +Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, +aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in +ihrem Leben geschlagen zurückzog.</p> + +<p>»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden +sein, Agathe! Eine andere denkbare Erklärung für +diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die +Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl +der sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.</p> + +<p>Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, +deren schwarzes Kleid sie noch hübscher und stattlicher +erscheinen ließ. In ihren Adern floß schottisches Blut, +und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug +einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog +seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingeflößt +hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der +das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen +Augen angstvoll zu klopfen begann.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p> + +<p>»Ich — was meinst du, Honoria?« stammelte sie. +»Sprichst du von Florences Verlobung?«</p> + +<p>»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, +weißt du, daß dein Mann zu diesem tollen Unsinn +seine Einwilligung gegeben hat?«</p> + +<p>Lady Agathe lächelte matt.</p> + +<p>»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß +ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«</p> + +<p>»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich +finde, daß es wirklich der Fall ist. Er willigte ein +und weigert sich — weigert sich, — anderen Sinnes +zu werden!«</p> + +<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet, +Honoria. Er ist so herrschsüchtig, besteht so sehr auf +seinem Willen — das weißt du doch! Ich machte +ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte +Lady Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte +nicht auf mich hören. Er hat sich in der letzten Zeit +verändert, oder ich habe es mir eingebildet; er ist +wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als +je. Er —«</p> + +<p>»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben +eine solche Veränderung bei einem Menschen gesehen! +Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was fehlt +ihm eigentlich?«</p> + +<p>»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts +mitgeteilt und wollte nicht auf mich hören, als ich +ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt zu Rate zu ziehen. +Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen, +so scheint er allerdings zu wollen, — ich möchte fast + <span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span> +sagen, zu wünschen, — daß Florence Herrn Leath +heiratet. Natürlich ist er keine Partie für sie.«</p> + +<p>»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« +rief die Herzogin.</p> + +<p>»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein +Australier, glaube ich. Er kam nach St. Mellions +und ließ sich dort vor etwa einem Vierteljahr häuslich +nieder, und —«</p> + +<p>»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel +ihr die andere ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper +— was ihm gar nicht ähnlich sieht! — war wohl +unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«</p> + +<p>»Nein, nein — durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. +Du irrst dich, Honoria. Sir Jasper mochte Herrn +Leath nicht leiden. Ja, er wurde sehr böse mit Roy, +weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien unerklärlicherweise +etwas gegen ihn zu haben.«</p> + +<p>»So.«</p> + +<p>»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich +zu sehen,« setzte Lady Agathe hinzu.</p> + +<p>»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß +Florence ihn heiratet?«</p> + +<p>»Er scheint es allerdings zu wünschen.«</p> + +<p>Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der +Verzweiflung in die Sofakissen zurück.</p> + +<p>»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden +Behauptungen in Einklang zu bringen. Ich gestehe, +daß ich nicht dazu imstande bin.«</p> + +<p>»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.</p> + +<p>»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr +fort: »Ich muß dir ganz ehrlich gestehen, Agathe, daß + <span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span> +das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt. Dir mag +die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, +daß mein armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«</p> + +<p>Lady Agathe fing an zu weinen.</p> + +<p>»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, +Honoria,« sprach sie und drückte ihr Taschentuch an +die Augen, »gar nichts. Sprich lieber mit Florence. +Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«</p> + +<p>»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn +sie nicht ganz verrückt geworden ist, so will ich sie +schon zur Vernunft bringen. Bleibe, bitte, hier, +Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit +deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«</p> + +<p>Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte +ihren Befehl in herrischem Tone.</p> + +<p>Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, +und Lady Agathe trocknete sich noch die Augen, als +die Tür aufging und Florence gemächlich eintrat.</p> + +<p>Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes +Samtkleid mit einem breiten Kragen und Manschetten +aus alten gelblichen Spitzen, und ihr kastanienbraunes +Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre +großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, +schöne Farben, und sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem +Köpfchen näher trat. Dem verwunderten, +entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich, zuversichtlich, +belustigt, von schelmischem Trotz beseelt +zu sein. Aber ihre Tante wußte, daß ihre Figur +schlanker war, als sie vor einem Monat gewesen.</p> + +<p>»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt +Sie aussehen! Ich glaube, ich würde ein wenig + <span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span> +vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante Agathe, was +fehlt dir denn, liebes Herz?«</p> + +<p>Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie +weggewischt aus ihren Zügen, als sie auf Lady Agathe +zueilte und zärtlich tröstend, wie schützend, den Arm +um sie legte.</p> + +<p>Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch +stattlicher aus. In dem Auftreten des Mädchens lag +entschieden unverschämte Herausforderung.</p> + +<p>»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, +Florence! Sie tut wohl daran, dünkt mich.«</p> + +<p>»Nein — es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu +gebracht haben. Trockne dir die Augen, Tantchen; +wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf mich, nicht +auf dich.«</p> + +<p>Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit +an und fragte: »Ich fürchte, Durchlaucht sind wieder +böse?«</p> + +<p>»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. +Sie hätte ihr Mündel in diesem Augenblick mit der +größten Wonne ohrfeigen können.</p> + +<p>»Ja — das sieht man Ihnen an. Es ist nicht +das Feuer, das Ihnen diese Röte gibt.«</p> + +<p>In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen +Stuhl und legte die verschränkten Arme auf die Lehne.</p> + +<p>»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. +Lassen Sie mich ganz offen und deutlich reden. Nun +denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath versprochen, +ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem +Entschlusse etwas ändern. Bleiben wir beide am +Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was auch geschehen + <span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span> +möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, +und das weiß er.«</p> + +<p>»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden +sein! Du willst mir doch nicht sagen, daß du +in ihn verliebt bist?«</p> + +<p>»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund +geben, ihn zu heiraten?«</p> + +<p>»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir +zugetraut habe, Florence! Vielleicht hattest du dich +auch in Herrn Chichester verliebt?«</p> + +<p>»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester +verliebt.«</p> + +<p>»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen +verliebt zu sein?«</p> + +<p>»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen +es dabei bewenden lassen. Und nennen Sie ihn, bitte, +nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr fein. Ich +glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin +gesehen hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er +Durchlaucht nie ›diese Frau‹ nennen würde.«</p> + +<p>»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«</p> + +<p>»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«</p> + +<p>»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll +zurück. »Jetzt höre mich an, Florence! Durch +die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper Mortlake +— ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, +Agathe, und ich wiederhole: unglaubliche Verrücktheit +— hast du, die du bei deiner gesellschaftlichen +Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die glänzendste +Partie hättest machen können — die Einwilligung +eines der Vormünder zu dieser schmachvollen + <span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span> +Heirat erlangt, durch die du dich zugrunde richten +wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung +nie erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun +werden, kommt für mich nicht in Betracht: ich maße +mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu wollen. +Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich +sehen wollen, so ist es gut. Ich aber habe nichts +mehr mit dir zu tun, sobald du seine Frau bist. Und +damit basta!«</p> + +<p>Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, +und Florence wußte, daß nichts sie von diesem +Entschlusse abbringen würde.</p> + +<p>»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und +ich beklage mich nicht,« sprach sie ruhig, »aber selbst +wenn die ganze Welt sich von mir lossagte, so würde +ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten. +Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich +bin willens, ihn zu zahlen!« Sie machte einen Schritt +auf die Tür zu und fragte in demselben gelassenen +Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend etwas +zu sagen, ehe ich gehe?«</p> + +<p>»Ja — noch eins!« Die Herzogin erhob sich +wütend. »Die Chance ist wenigstens nicht ausgeschlossen,« +sagte sie eisig, »daß dieser Mensch weniger +hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich +heiratet, so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, +und wenn niemand vernünftig genug ist, ihm dies zu +sagen, so soll er es von mir hören!«</p> + +<p>»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.</p> + +<p>»Zweck? Auf die Chance hin, — die zwar nur + <span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span> +gering ist, das gebe ich zu, — daß er gesunden Menschenverstand +und Herz genug besitzt, dich freizugeben.«</p> + +<p>»Das wird er niemals tun,« — sie lächelte matt, +— »nicht wenn Durchlaucht ihm das Zweifache +meines Vermögens bieten würde. Ich muß ihm Gerechtigkeit +widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund +für den Wunsch, mich heiraten zu wollen — er +liebt mich.«</p> + +<p>»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich +nicht auf diese schändliche Weise hinopfern!« erwiderte +die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt oder nicht, +er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich +fest entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«</p> + +<p>Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine +Meldung entgegengenommen, blickte sie die Herzogin +an und sagte:</p> + +<p>»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist +jetzt hier.«</p> + +<p>»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch +hier?« Florence lächelte kalt.</p> + +<p class="pmb3">»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit +Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath +verlobt bin. Unter diesen Umständen würde es schwer +sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe +Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten +blicken läßt und die Gastfreundschaft des Hauses nicht +mißbraucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet. +Es ist mein Recht, meinen zukünftigen +Gatten zu empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? +In fünf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_22">22.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in +dem getäfelten Zimmer, in das er stets geführt wurde, +wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy +zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, +oder Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit +ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb +ängstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte; +aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er +wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn +es schien ihm äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen +Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf +seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie +eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein +Dutzend Sätze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen +zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen, +aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und +von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu +werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und +nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine +gegen Florence erwähnt.</p> + +<p>Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als +sonst ein — gewöhnlich zögerte sie ein wenig, ehe +sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die täglichen Zusammenkünfte +gewährt, weil sie es nicht wagte, sie + <span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span> +ihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort +auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer +Hand, als er diese faßte.</p> + +<p>Er tat selten mehr als das, aber der wenigen +Male, da er sie geküßt hatte, erinnerte er sich nicht +besser als sie.</p> + +<p>»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine +Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«</p> + +<p>Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch +hätte zittern können, und blickte zu ihr nieder. Der Tag +war ungewöhnlich düster und grau gewesen, und obgleich +der Abend kaum angebrochen, war es dunkel +im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt +und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er +erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war und +ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden +Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, daß sie +so zu ihm emporsahen, und für den Augenblick bezauberten +sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, +mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht +ließ. Er schloß sie warm und zärtlich in die Arme, +wie er es hätte tun können, wenn sie ihn geliebt hätte.</p> + +<p>»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus +der Fassung gebracht, mein Liebling?«</p> + +<p>Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich +innig an ihn geschmiegt, wie würden sie zusammen +gelacht haben über die Herzogin und ihre Drohungen +und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während +sie erschauerte und — zu stolz, sich zu wehren +— starr dastand.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span></p> + +<p>»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen +den Zähnen hervor. »Ich habe Sie schon öfter gebeten, +mir dies zu ersparen, Herr Leath.«</p> + +<p>»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem +Lachen gab er sie frei. »Ich vergesse mitunter, wie +du mich hassest — und habe freilich nur mir selbst +deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß +ich es nicht vergesse. Aber ich bitte nochmals um +Verzeihung — darum handelt es sich jetzt nicht. Es +ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«</p> + +<p>»Vorgefallen kaum.«</p> + +<p>Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig +gleichgültigen Ton gegen ihn an und trat einen Schritt +von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu sehr gelegener +Zeit.«</p> + +<p>»Darf ich fragen, weshalb?«</p> + +<p>»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«</p> + +<p>»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen +wünscht —«</p> + +<p>»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach +Beverley und wird nicht vor Tische heimkommen. +Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier ist?«</p> + +<p>»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in +St. Mellions erzählt. Sie wünscht doch nicht etwa, +mich zu sehen?«</p> + +<p>»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«</p> + +<p>»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«</p> + +<p>»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.</p> + +<p>»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen +Diensten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p> + +<p>Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence +auf die aufrecht getragene Gestalt, in das gelassene, +sonnengebräunte Antlitz blickte, regte sich, nicht zum +erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er mochte, +wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen +haben, aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe +bei der Aussicht, dieser einen gegenüber stehen zu +müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte sich aufbäumen +gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war +unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. +Sie wäre kein Weib gewesen, hätte sie nicht etwas +wie Erleichterung und Stolz bei dem Gedanken empfunden. +An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte +selbst die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem +Bewußtsein lag ein Trost, und ein weicherer Ausdruck +trat in ihr Antlitz, als sie durch ein Zeichen ihn an +ihre Seite zurückrief.</p> + +<p>»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will +mit Ihnen gehen, aber vorher möchte ich noch etwas +sagen.«</p> + +<p>Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre +Patin über ihre Verlobung sei, und setzte hinzu: »Das +berührt mich nicht weiter, da sie meinem Herzen nie +nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden, +ihr gegenüber so gleichgültig und so — zufrieden +zu scheinen, wie ich wünschte. Sie ist eine +kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie Tante +Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal +zusetzen, solange sie hier ist. Sie darf es um keinen +Preis!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span></p> + +<p>Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der +Herzogin hatte sie tiefer erschüttert, als sie selbst wußte. +Er legte seine Hand ruhig und fest über die zitternden +Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.</p> + +<p>»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was +du wünschest, daß ich ihr sagen soll, du weißt, ich +tue, was du willst.«</p> + +<p>»Ja — ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« +Es war das Freundlichste, was sie ihm je +gesagt, und es hatte noch dazu den Vorzug, durchaus +wahr zu sein.</p> + +<p>»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen +der Wahrheit entspricht, — daß ich mich weigere, +unsere Verlobung rückgängig zu machen oder Sie +zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar +böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren +Stolz appellieren, Ihnen sagen, daß ich mich durch +eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. Hören Sie +nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen +mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen +— machen Sie sich nichts daraus. Denken Sie nur +daran, daß es furchtbar schwer für mich ist, und daß +ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie +können.«</p> + +<p>Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas +bat; sie wußte kaum, wie rührend und eindringlich +sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die voll +Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß +die ihre noch fester.</p> + +<p>»Es gibt nur sehr wenige Dinge — nur ein +einziges, glaube ich — die ich nicht tun würde, bätest + <span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span> +du mich darum,« sprach er ruhig, »und dies ist nicht +jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als +darauf bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich +darauf verlassen, ich werde den Ton anschlagen, den +du wünschest. Möchtest du noch warten, oder wollen +wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«</p> + +<p>Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf +seinen Arm: das hatte sie aus freien Stücken noch nie +getan.</p> + +<p>»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, +damit wir es, wie Sie sagen, hinter uns haben.«</p> + +<p>Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in +ihrem Leben trat sie, noch immer an seinem Arme, vor +die Herzogin und stand neben ihm, wie ein Weib an +der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte — +lächelnd, in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht +auf ihn und sich selbst.</p> + +<p>Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin +hatte schon zwei Niederlagen erlitten, und keiner +ihrer beiden siegreichen Gegner war ihr mit kühlerer +Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath. +Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich +getan haben. Die Herzogin war eine viel zu +kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine Niederlage +erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos +sei. In den wenigen kurzen Worten, mit denen +Leath ihr antwortete, lag eine Entschlossenheit, die +durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern war. +Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, +hatte nicht einmal eine Veränderung in seinem +Gesichtsausdruck hervorgerufen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span></p> + +<p>»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er +ruhig, »daß ihr Vermögen mir sehr gleichgültig ist. +Wenn ich wünsche, daß sie es behalten möchte, so geschieht +es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie +ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht +ihr es morgen bis auf den kleinsten Bruchteil +nehmen, so würde das an unserem gegenseitigen Verhältnis +nichts ändern.«</p> + +<p>»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, +»ich würde dich doch heiraten, Everard.«</p> + +<p>Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt +im Ohre, aber sie brachte sie entschlossen über die +Lippen — war es doch nach ihrer Ansicht nur eine +letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere +als ihre Hand auf seinem Arm, ihre Stellung an +seiner Seite. »Geld hatte nichts mit dem Versprechen, +das ich dir gab, zu schaffen — das weißt du. Ich +glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«</p> + +<p>Eine zornige Handbewegung der Herzogin war +ihre einzige Entlassung. Sie verließen das Zimmer +Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte +während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen +gedrückt, bitterlich weinend dagesessen und kein einziges +Wort gesagt.</p> + +<p>Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer +waren, zog Florence die Hand zurück. Eine Lampe +war in der Zwischenzeit angezündet worden, und sie +sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All +der mühsam behauptete Trotz war wie weggewischt +aus ihren Zügen, jetzt, wo die Augen der Herzogin + <span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span> +nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit müdem, +ironischem Lächeln an.</p> + +<p>»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie +in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, daß +ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich möchte wohl +wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, +das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides +vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in +Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, wenn Sie +mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich +danke Ihnen, Herr Leath.«</p> + +<p>»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die +Veränderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so +verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde +Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen +Gesichtchens.</p> + +<p>»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er +sanft. »Du siehst ganz erschöpft aus und bedarfst +der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest du, daß +ich jetzt gehe?«</p> + +<p>Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, +ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande +der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit seiner Worte, +obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre +Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße +Tränen aus und schluchzte fassungslos. Im nächsten +Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und +beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind +hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie +seine Umarmung geduldet; aus reiner Ermüdung tat +sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder über + <span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span> +seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu mächtig +für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. +So ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, +barg ihre Tränen an seiner Schulter und empfand fast +etwas wie Freude über die innigen Liebesworte, die +er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen +nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich +Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm +zu entziehen suchte.</p> + +<p>»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, +gleichsam als Entschuldigung für diese Anwandlung +von Schwäche, über die sie doch kaum das Herz hatte, +böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige Nacht +nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie +sind — sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen +Sie lieber, bitte.«</p> + +<p>»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst +allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«</p> + +<p>Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt +und hob jetzt sanft ihr tränenfeuchtes Gesicht zu dem +seinen empor. »Florence,« fragte er im Flüstertone, +»wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, +könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, +Kind?«</p> + +<p>Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn +seiner Worte war ihr kaum zum Bewußtsein gekommen, +aber als er sie küßte, überflutete eine heiße +Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach +Luft und versuchte, sich loszureißen, aber er hielt +sie fest.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span></p> + +<p>»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was +du mich hast sehen lassen? Daß, wenn ich dir als +Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, du +mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du +— das weiß ich!«</p> + +<p>»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte +sie sich los. »Niemals!« erklärte sie heftig, die Hand +an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache mir nichts +aus Ihnen — ich kann es nicht — ich werde es nie +tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich +gewesen zu sein schienen — aber mich nicht so — so +von Ihnen küssen lassen — das wissen Sie recht gut! +Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich +dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie — +nimmermehr! Unter keinen Umständen je hätte ich +Sie lieben können — das weiß ich!«</p> + +<p>»Wirklich nicht?«</p> + +<p>Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, +sah die Gebärde empörter Abwehr und lächelte +wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht, und vielleicht +habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber +streiten. Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders +hold gewesen, armes kleines Mädchen — aber +auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig verfahren! +Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand +schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine +Chance dir gegenüber gehabt, so hättest du mich jetzt +schon lieben sollen.«</p> + +<p>»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen +hervor. »Sie täuschen sich selbst, wenn Sie das +glauben! Niemals!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span></p> + +<p>Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang +ihm im Ohre nach.</p> + +<p>Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten +haben — er pflegte immer Turret Court so schnell +wie möglich zu verlassen, sowie seine Zusammenkunft +mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß +eine Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber +der heutige Tag bildete eine Ausnahme. Ein Feuer +brannte in der inneren Halle, und in einem großen +Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er +war unter dem Einfluß der einschläfernden Wärme +halb eingeschlummert, aber, durch die näherkommenden +Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine +langen Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.</p> + +<p>»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? +Wußte gar nicht, daß Sie da waren, alter Junge. +Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, fortzugehen +— wie?«</p> + +<p>»Ja. Weshalb?«</p> + +<p>»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch +bleiben, wenn Sie irgendein anderer wären, aber ich +weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute gäbe es +freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin +zu Tisch führen.«</p> + +<p>»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte +eben mir mitzuteilen, daß ich Luft für sie sei.«</p> + +<p>»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog +grinsend den Mund. »Hat wohl eine böse Auseinandersetzung +gegeben?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p> + +<p>»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete +Leath wortkarg.</p> + +<p>»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und +der Alte hatten heute morgen ein hitziges Wortgefecht. +Ich hörte etwas davon — war ein Hauptspaß! Sie +zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl +ebenso gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe +gar nicht ein, warum die alte Dame sich dazwischenstecken +will! Was in aller Welt kann es ihr ausmachen, +ob Florence Sie nimmt oder den alten +Chichester? Geradezu unverschämt nenne ich es. +Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«</p> + +<p>»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«</p> + +<p>»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen +Marsch über die Halde haben werden. Apropos, haben +Sie den Alten gesehen?«</p> + +<p>»Nein — und hätte es auch nicht können, gesetzt +den Fall, ich hätte den Wunsch gehabt. Er ist in +Market Beverley, wie ich höre.«</p> + +<p>»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie +irrt sich aber, er kam vor zwei Stunden heim und +sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie +ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten +Zeit nichts an ihm aufgefallen ist?«</p> + +<p>Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und +dem Gesichtsausdruck des jungen Menschen. Mit +einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte Leath +den Kopf.</p> + +<p>»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten + <span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span> +vier Wochen kaum dreimal gesehen — jedenfalls nicht +zwanzig Worte mit ihm gewechselt. Was sollte mir +aufgefallen sein?«</p> + +<p>»Nun, wie er sich verändert hat!«</p> + +<p>»Hat er sich verändert?«</p> + +<p>»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, +würden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf +den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein +Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum +genug für einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter +ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin +ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen; +und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar +nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung +sein. Ich möchte mit der Mutter und den Mädchen +nicht gern darüber reden, aber ich bin überzeugt davon, +daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, +in St. Mellions, redete mich der alte Burrows — Sie +wissen, Doktor Burrows — auf der Straße an und +wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er hätte +es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele +ihm ganz und gar nicht.«</p> + +<p>»Was wollte er damit sagen?«</p> + +<p>»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den +heißen Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus. +Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch. +Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu +ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir +nicht gefällt, ist seine neue Angewohnheit, draußen +umherzuschleichen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span></p> + +<p>»Umherzuschleichen?«</p> + +<p>»Ja — zu allen Stunden und bei jedem Wetter, +mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von +uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett +und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er +früher nie getan, ja, er haßte das Spazierengehen +geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern +abend — wissen Sie noch, wie es regnete? — war +er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis +auf die Haut durchnäßt zurück. In der Tat, ganz +unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter +glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst +zu tun pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. +Ich weiß es meistens, denn seitdem ich es bemerkt +habe, halte ich die Augen offen. Aber es muß etwas +nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. +Wüßte ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen +Kummer.«</p> + +<p>»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat +keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten Überzieher +an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar. +Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«</p> + +<p>»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal +freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte würde +mich gehörig heruntermachen, wenn er wüßte, daß +ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen +darüber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. +Trage fürs erste noch kein Verlangen danach, +Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend, + <span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span> +alter Junge — möchte nur, Sie blieben zu Tische. +Beneide Sie nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«</p> + +<p>Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath +hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln, +der Wind, der von der Küste herüberwehte, war sehr +scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher +zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: +seine Gedanken waren trübe und nahmen +ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ von +Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, +als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und +das machte ihn blind und taub gegen alles andere. +Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, seitdem +sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, +aber er war nie so niedergeschlagen und unglücklich +gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ +recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und das +Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn +sie erst sein Weib war, so würde das entsetzlich sein! +Konnte ihm irgend etwas für solches Elend Ersatz gewähren? +Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, +wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz +geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine +begonnen hätte? Würde es möglich sein, ihr zu +entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben +zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung +an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, +als seien sie nie gewesen? Er gedachte der +Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon damals, +als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe +als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer + <span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span> +bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten, +als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt; +er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei +seinem leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein — +es war nicht möglich! Sie sollte ihn noch lieben +lernen!</p> + +<p>Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er +weit von dem Fußwege abgekommen, den er hätte +einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen. +Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den +felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand +sich dicht am Rande der Klippe, — so dicht, daß +ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante +gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick erschrocken +stehen.</p> + +<p>»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn +ich hinabgestürzt wäre,« sagte er halblaut, mit bitterem +Auflachen.</p> + +<p>Er schritt weiter, dem Branden der Wogen +lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht +geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont +auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher +gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond +durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences +›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten ihn +noch immer.</p> + +<p>»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, +»es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Haß +dauern — trotz meiner Liebe? Es wäre furchtbar + <span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span> +für uns beide — furchtbar! Armes Kind — armes +kleines Mädchen — und weshalb sollte er schwinden? +Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein +Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft +aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich +ihr entsagen? Wenn ich —«</p> + +<p class="pmb3">Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. +Hinter ihm ertönten hastige Schritte, ihn traf ein +Schlag vor die Stirn, daß vor seinen Augen grelle +Flammen über den schwarzen Himmel und das +schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit +eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos, +er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn +so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an +die Felskante drängte; der Schlag auf den Kopf hatte +ihn halb betäubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen. +Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht +wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf +dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem +lauten Aufschrei stürzte er kopfüber hinunter, sich +im Fallen an dem groben Gestrüpp festhaltend, das +über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige +knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder +tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt, +ergriff es auch mit der anderen Hand, fühlte, +daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er +festen Boden unter den Füßen habe. Während der +Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb +liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter +Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte +zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprung + <span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span> +in das Innere einer Höhle, und vorwärtsstolpernd, +brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend, +fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences +Felsenkammer zusammen.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_23">23.</h2> +</div> + +<p>Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, +aber gegen Morgen klärte es sich auf. Ein scharfer +Wind von der See her blies die Wolken fort, der +Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, +als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow +betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt stand, daß er geblendet +die Hand über die Augen legte.</p> + +<p>»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« +sagte er in seiner freundlichen Art zu dem nett aussehenden +Mädchen, das eilfertig mit der Kaffeekanne +eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte +ich, eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere +mich kaum eines so kalten und nassen Septembers, +wie der diesjährige gewesen. Herr Leath ist wohl noch +nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«</p> + +<p>»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, +gnädiger Herr. Als ich bei ihm anklopfte, +um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; er muß +also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben +Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so +leisen Schlaf,« sagte das Mädchen.</p> + +<p>»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« +bemerkte der alte Mann gleichmütig; »er wird wohl + <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span> +gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« fuhr er, zu +sich selbst redend, fort — in den langen Jahren der +Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, +— »ist es sonderbar, daß der Junge so früh +auf und davon ist, da er gestern abend erst so spät nach +Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein, +denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist +natürlich zu Tisch in Turret Court geblieben. Nun, +das ist gut. Ich wollte, das täte er öfter, aber es +ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.« +Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich +wollte, ich wäre fester davon überzeugt, als ich bin, +daß es eine glückliche Ehe werden wird. Aber sowohl +in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das +mich glauben läßt —. Ah, das ist sein Schritt, ja — +er ist es.«</p> + +<p>Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte +die offene Fenstertür, der Sherriff mit freundlichem +Lächeln, das schnell einem Ausdruck der Verwunderung +und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.</p> + +<p>»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« +rief er.</p> + +<p>»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! +Mir wird gleich wieder besser werden,« antwortete +Leath, als er ins Zimmer trat und auf den nächsten +Stuhl sank.</p> + +<p>In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, +mit seinem leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem +Blute, das einer Kopfwunde entströmte, bedeckt war, +sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen und + <span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span> +Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere +hub wieder an:</p> + +<p>»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, +als ich von Turret Court zurückkam, stürzte ich von +der Klippe.«</p> + +<p>»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe +an die Kante und glittest aus? Und doch bist du hier, +und am Leben! Der Sturz hätte einen Menschen +zweimal töten können!« rief Sherriff.</p> + +<p>»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig +an irgendeiner anderen Stelle hinabgefallen. +Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch lebe,« antwortete +Leath. »Sie kennen die Stelle — die kleine +Höhle, die sie — Florence — ihre Felsenkammer +nennt?«</p> + +<p>»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. +Dort stürztest du hinunter?«</p> + +<p>»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat +mich gerettet. Ich hielt mich an irgend etwas fest — +wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht meines Falles, +und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein +Leben hing an einem Haar — so nahe habe ich dem +Tode noch niemals ins Auge geschaut, obwohl er mir +mehrmals nahe genug gewesen ist. — Wollen Sie +mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, +ohnmächtig zu werden, und kam erst vor etwa einer +Stunde wieder ordentlich zu mir.«</p> + +<p>Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die +Flasche kaum halten konnte, holte schnell den Kognak + <span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span> +herbei. Leath leerte das Glas mit einem Zuge, und +die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte +allmählich in sein Antlitz zurück.</p> + +<p>»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß +ich mich sehr schwach fühle. Daran ist wohl der Schlag +auf den Kopf schuld.«</p> + +<p>»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.</p> + +<p>»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«</p> + +<p>»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete +Leath finster.</p> + +<p>»Nicht?«</p> + +<p>»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«</p> + +<p>»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll +Entsetzen.</p> + +<p>»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und +wurde gepackt und festgehalten, ehe ich wußte, woran +ich war; ich konnte mich nicht zur Wehr setzen. Der +Schlag wurde zuerst nach mir geführt — ich weiß +nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen +kannte, wurde ich, wie gesagt, hinabgestürzt.«</p> + +<p>»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« +rief Sherriff entsetzt.</p> + +<p>»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. +»Der Mensch, der mich von der Klippe hinabstieß, +wollte mich aus der Welt schaffen, so gewiß, +wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht +kein überlegter Mordanschlag, das behaupte + <span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span> +ich nicht — das glaube ich kaum. Er mag mir absichtlich +gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann es +nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf +an. Aber er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte +ohne Zweifel, daß er es getan. Und wenn es ihm gelungen, +wenn ich tot auf dem Felsen gefunden worden +wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, +ein Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder +bitter auf. »Er würde sicher genug, vollkommen sicher +gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir Jasper +Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung +zu bringen, der mit seiner Einwilligung sein Mündel +heiraten sollte?«</p> + +<p>»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor +und sprang auf.</p> + +<p>»Freilich — er und kein anderer! Ich habe sein +Gesicht gesehen; dazu war es nicht zu dunkel, und +hätte ich es auch nicht erkannt, so würde ich es doch +gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod +zu wünschen — hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem +er mich zum ersten Male gesehen und mich haßte +wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er sich +fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, +seitdem habe ich darüber gelacht, und ebenfalls über +meine eigene Dummheit, keinen Verdacht zu schöpfen.«</p> + +<p>»Großer Gott! Welchen Verdacht?«</p> + +<p>»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens +kann ich es jetzt nicht länger geheimhalten, +und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, um +meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß + <span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span> +es fürs erste nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl +ich gleich jenem Menschen gegenübertreten und +ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«</p> + +<p>»Um — um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff +bestürzt.</p> + +<p>»Nein — um ihret-, um Florences willen. Sie +haben sich gewundert, weshalb sie versprochen hat, +mein Weib zu werden; Sie haben sich gewundert, weshalb +Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie +haben sich noch über manches andere gewundert. Sie +wundern sich jetzt, weshalb er versucht hat, mich zu +ermorden. Hören Sie mir ein paar Minuten zu, so +sollen Sie es erfahren.«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er +muß sicher bald hier sein — er versprach, zum Frühstück +zu kommen, und es ist ein so wundervoller Morgen +nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, +im Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« +fragte Cis.</p> + +<p>Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die +Handschuhe zu, als sie ihrer Cousine ansichtig wurde, +die zwischen den Vorhängen des einen der großen, +viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle +Licht empfing. Sie war so in Gedanken versunken, +während sie hinausblickte, daß sie sich erst, als die +andere sie berührte, zusammenschreckend umwandte.</p> + +<p>»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist +recht! Du siehst so hübsch aus, Schatz!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p> + +<p>»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, +aber nicht besser als dir. Willst du nicht mitkommen, +Florence? Du siehst so blaß aus, und deine Augen +sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«</p> + +<p>»Blaß — so?« Florence fuhr sich mit der Hand +über die Stirn. »Ich habe seit einiger Zeit die dumme +Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist wohl schuld +daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; +ich bin nicht recht aufgelegt dazu!«</p> + +<p>»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu +allem aufgelegt,« sagte Cis mit zärtlicher Teilnahme. +»Du bist auch viel magerer geworden, Liebling; gestern +habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und +du siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine +Nonne aus. Ich wollte, du trügest es nicht.«</p> + +<p>»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster +aus,« meinte Florence mit schwachem Lächeln. »Mache +dir um mich und mein Aussehen keine Sorge, kleine +Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich +nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? +Im getäfelten Zimmer?«</p> + +<p>»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, +Florence; die Herzogin ist bei ihr.«</p> + +<p>»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre +Durchlaucht und ich haben hoffentlich das letzte notwendige +Wort miteinander gesprochen. Will sie wirklich +heute fort?«</p> + +<p>»Ich glaube, — weiß es aber nicht gewiß. Sie +hat Mutter gesagt, sie würde abreisen, sobald sie +Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, daß + <span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span> +er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy +behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht +mit ihr gefürchtet!« sagte Cis lachend.</p> + +<p>»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.</p> + +<p>»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem +bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich +sehr müde von Market Beverley zurückgekommen. +Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr +elend ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich +gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so +muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«</p> + +<p>Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter +ihr zu. Das Lächeln wich aus Florences Antlitz, als +ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite +Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn +und Augen.</p> + +<p>»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst +geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen +Nächte fangen an, mich zu ängstigen. Gesetzt, ich würde +krank, — gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte +phantasieren — könnte alles erzählen, verraten? Wer +weiß? Ich habe sagen hören, Fieberkranke redeten +immer von dem, was sie am meisten beschäftigt. Ich +muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein +Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich +schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen +— ich habe so gräßliche Träume! Gestern nacht war +es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte +wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, +was er zweimal in mich gedrungen, zu tun — und + <span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span> +ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm +fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde +wenigstens überstanden — unwiderruflich sein, und +da es geschehen muß, was frommt es, es aufzuschieben? +Ich muß es tun — ich habe mein Wort gegeben! +Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich +zögere, meines einzulösen? Was ist das? So früh? +Weshalb kommt er heute so früh?«</p> + +<p>Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle +kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt +vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag sich, halb aus +Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war +immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der +nachlässigen Kälte zu verbergen, die sie ihm gegenüber +gewöhnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, daß +er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach irgendeiner +Richtung hin erregen konnte.</p> + +<p>Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz +gefaßtem, gleichgültigem Gesicht der Flügeltür zu. +Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die +Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.</p> + +<p>Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller +Bestürzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug +war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren +waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, +aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten +worden und ließ eine weiße Binde sehen. Das sowohl +wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches +Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. +Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich +über sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span></p> + +<p>»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? +Sie haben sich weh getan!«</p> + +<p>»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie +mit so schmerzlichem Drucke festgehalten. »Ich — +wußte nicht, daß du hier bist,« sprach er, »ich wollte +dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir +Jasper aufzusuchen.«</p> + +<p>»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie +sind Sie zu der Wunde gekommen?« Sie blickte Sherriff +an und dann wieder ihren Verlobten, und etwas +wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren +Zügen auf. »Sie sind verletzt — Sie kommen her, +um mit Sir Jasper zu reden? Herr Sherriff,« rief +sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das +alles zu bedeuten hat!«</p> + +<p>Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser +antworten konnte.</p> + +<p>»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß +es doch wohl erfahren?«</p> + +<p>»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt +noch vor ihr geheimhalten? Und sie hat ein Recht, +es zu wissen.«</p> + +<p>»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie +es mir.«</p> + +<p>Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der +Fensterbank und hörte mit weitgeöffneten, entsetzten +Augen, die unverwandt an seinem Gesichte hingen, +der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz + <span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span> +machte, wie er konnte. Er war seit einer vollen Minute +zu Ende, ehe sie den Kopf hob und auf Sherriff +deutete.</p> + +<p>»Sie haben ihm alles gesagt?«</p> + +<p>»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl — ich konnte +nicht länger schweigen. Ich weiß, damit habe ich +gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen, aber +nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. +Du weißt, du darfst dich darauf verlassen, daß er ein +ebenso unverbrüchliches Schweigen beobachten wird +wie du oder ich.«</p> + +<p>»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach +Sherriff mit versagender Stimme. Er war bleicher +als der junge Mann; die seelische Erregung hatte +tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich — +bin entsetzt — bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst +willen, um der Lebenden und der einen Toten willen +können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein +Kind.«</p> + +<p>»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte +Florence verständnislos. »Ja, das weiß ich. Das macht +keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie blickte +scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«</p> + +<p>»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein +paar deutliche Worte miteinander reden.« Er sah +Sherriff an. »Und um meiner eigenen Sicherheit +willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich +der gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß +bei diesen Worten ein Zeuge zugegen ist.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span></p> + +<p>»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher +— was dann?«</p> + +<p>»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch +kommen?«</p> + +<p>Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, +und zum ersten Male etwas wie Zärtlichkeit — liebevolle +Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der Situation +bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, +ihre Hand zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit +verdrängten die Kälte aus ihrem Antlitz, als +sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein +anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, +sich jäh umzuwenden, und als er das tat, öffnete Sir +Jasper die Tür der Bibliothek und trat in die Halle.</p> + +<p>Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths +Anblick blieb er plötzlich stehen, als sei er wie vom +Donner gerührt. Eine seltsame, schreckliche Blässe überzog +sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang schwer +nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach +einem Halt, erfaßte eine Stuhllehne und klammerte +sich taumelnd daran fest — ein grausiger Anblick. +Leath hub zu reden an.</p> + +<p>»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, +mich gestern abend auf der Klippe ums Leben zu +bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier — und am +Leben.«</p> + +<p>Sir Jasper gab keine Antwort.</p> + +<p>Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen +Tone weiter. Florence saß bleich, mit weitoffenen + <span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span> +Augen und fest zusammengepreßten Händen +da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte +er auf ihre Schulter gelegt, mit der andern beschattete +er seine Augen.</p> + +<p>»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als +ich zu Ihnen kam, Sie um Gräfin Florences Hand zu +bitten, die wenigen unverblümten Worte gesprochen, +Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war +Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns +lag, unerörtert bleiben sollte, und ich fügte mich +ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den ich +für die Einwilligung Florences, meine Frau zu +werden, zahlte, und für den sie willens war, sich zu +opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie nicht wagen +würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern +— Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen +Stellung willen, durften es nicht, um Ihrer beiden +Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die +sich für Ihre Gattin hält.«</p> + +<p>Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen +die Stuhllehne, die er umklammert hatte, machte aber +sonst keine Bewegung, noch ging in seinem starren +Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:</p> + +<p>»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem +Tage hörten Sie es. Sie erfuhren, daß Gräfin Florence +die Beweise gesehen hatte, die Sie für vernichtet +hielten — Beweise, deren Duplikate in Australien +sind, — die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston +in Melbourne, vor einunddreißig Jahren, mit der Sie +sich unter dem Namen Robert Bontine haben trauen + <span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span> +lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig +geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem +Schicksal überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren +am Leben gewesen. Sie wußten, daß ich die Heirat +beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß ich meine +eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie +wußten, daß ich Ihr Sohn war!«</p> + +<p>Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn +noch immer an, aber das Hinundherschwanken hatte +aufgehört.</p> + +<p>»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte +Leath. »Sie hatten es gefürchtet und geargwöhnt, +das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem Sie +mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen +die Ähnlichkeit meiner verstorbenen Mutter entdeckt +haben.« Er lachte ingrimmig auf. »Sie haben sie +verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben +sie in Armut und Schande verkommen lassen — jetzt, +nach über dreißig Jahren, hat Sie die Rache ereilt. +Die erste Geschichte, die ich von ihren Lippen vernahm, +als ich alt genug war, sie zu verstehen, war diese — +die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die +letzten Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, +waren ein Gelübde, daß ich den Mann an dem Orte +in England, den er als seine Heimat bezeichnet hatte, +aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von +ihm fordern wolle. Es dauerte acht Jahre, aber ich +habe jenes Versprechen nie aus den Augen verloren. +Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie +ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, +mich zu ermorden. Solange ich lebte, fürchteten Sie + <span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span> +mich, trotz meines gegebenen Wortes. War ich tot, so +konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«</p> + +<p>Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos +zu Boden. Das junge Mädchen sank auf die Knie und +hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war schrecklich +verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und +starr, als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls +niedergebeugt hatte, schaute mit einem Ausdruck des +Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.</p> + +<p>»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der +Tod?«</p> + +<p class="pmb3">»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es +ist Tod bei lebendigem Leibe — ein Schlaganfall!«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_24">24.</h2> +</div> + +<p>Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper +Mortlake wie vom Blitze getroffen vor Everard Leath +hingestürzt war, und so lag er noch immer. In Turret +Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, +die herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne +noch Jahre so daliegen wie jetzt — unverständliche +Laute vor sich hinmurmelnd und ins Leere starrend. +Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in beschränktem +Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen +können, aber das Gehirn werde nie wieder +funktionieren — das sei ausgeschlossen.</p> + +<p>Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten +Doktoren, daß der Anfall sich wahrscheinlich schon +seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn schließlich +veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. +Eine große Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady +Agathe, ob er irgendeine solche Erschütterung gehabt +hatte?</p> + +<p>Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des +Kummers und Schreckens kaum fähig war, etwas +anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser +Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel +stärker war, ihr so viel besser Trost zusprechen konnte + <span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span> +als ihre Tochter, weinte bei diesen Fragen nur aufs +neue und erklärte schluchzend, es habe nichts vorgelegen. +Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend +leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und +vielleicht ein — wenig grämlicher geworden, gab die +unglückliche Frau zu. Sie hätte ihrem Tyrannen jetzt, +wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern jegliche +Tugend zuerkannt — aber das war alles. An +dem Abend, der dem Schlaganfall vorangegangen, war +er nicht zum Essen heruntergekommen, — etwas sehr +Ungewohntes von ihm, — aber sie hatte dem keine +weitere Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag +bekam, unterhielt er sich ruhig in der Halle mit ihrer +Nichte und ihrem Verlobten. »Nein — von einer besonderen +Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« +beteuerte Lady Agathe unschuldig. Gräfin Florence +würde ihnen dasselbe sagen.</p> + +<p>Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids +stets in unmittelbarer Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, +wenn sie die kleine Cis tröstete, deren +leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry +nicht beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir +Jasper habe bleich und wunderlich ausgesehen; er +habe sich eine Weile an einem Stuhle festgehalten +und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, +ihr Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls +Herr Sherriff, der zugegen gewesen.</p> + +<p>Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie +zu befragen, Lady Agathes Bericht sei vollständig +zufriedenstellend und ausreichend. Es wäre unmöglich, + <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span> +den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall eintreten +würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; +die Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte +sie doch noch nicht. Und kopfschüttelnd verließen die +Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage schleppten +sich schwer dahin.</p> + +<p>Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die +Dämmerung des trüben Oktobertages herein; in dem +getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel gewesen, +hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell +empor und zeigte Florence, die in einem bequemen +Lehnstuhl vor dem Kamin saß. In dem langen, +schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, — +sie hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, +— sah sie sehr zart und schlank und jung aus. Den +Kopf lehnte sie müde zurück; ihre Augen waren geschlossen, +und die langen, schwarzen, dichten Wimpern +machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. +Lady Agathe, bei all ihrem schmerzlichen Weinen +und Jammern, sah nicht erschöpfter und gebrochener +aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen, +keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es +für sie nicht mehr, hatte sie zu sich gesagt, während sie +halb verwundert, halb neidisch zusah, wie ihre Tante +weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht +trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen +und weinen konnte, war vor mehr als einem Monat +gestorben — an jenem sonnigen Nachmittage im +Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.</p> + +<p>Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer + <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span> +Stunde ihre Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener +trat ein, und sie fuhr mit weitgeöffneten Augen empor.</p> + +<p>»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, +ob das gnädige Fräulein wohl genug sei, ihn heute +ein paar Minuten zu empfangen?«</p> + +<p>Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war +Everard Leath nach Turret Court gekommen, aber +nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste Zeit, +hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer +entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets +so weitergehen konnte und hatte heute im getäfelten +Zimmer auf sein Kommen gewartet. Sie mußte ihn +sehen — er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes +Wort mußte sie halten wie er das seine, um +Lady Agathes und ihrer Kinder willen mußte alles +bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in +Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe — man +hätte sagen können der Besitzer — von Turret Court, +war eine Tatsache, die nie bekannt werden durfte.</p> + +<p>Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung +geratenes Haar zurück.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. +Sie können ihn hier hereinführen, Morgan.«</p> + +<p>Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht +so in der Gewalt wie ihre Stimmung; sie begann +beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, und als +die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. +Leath sah, wie sie sich in die Polster schmiegte und +ihn mit flehenden, erschreckenden Augen anblickte. Ein + <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span> +seltsamer Ausdruck — es war ein ironisches Lächeln +und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit +— glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten +Augenblick wieder verschwunden. Er streckte die Hand +aus und ergriff die von Florence, welche bebend in +ihrem Schoße lag.</p> + +<p>»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du +siehst sehr blaß aus.«</p> + +<p>»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten +kann, zu sein,« antwortete sie.</p> + +<p>»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? +Wenn nicht, so sage es. Dann werde ich bis morgen +warten.«</p> + +<p>»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, +Sie zu sehen, wenn Sie heute vorkämen. +Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher +darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. +»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p> + +<p>»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« +Er hielt inne. »Es ist wohl keine Veränderung eingetreten?«</p> + +<p>»In Sir Jaspers Zustand? Nein — keine. Sie +wissen, daß das auch nicht zu erwarten ist, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei +lebendigem Leibe. Rache genug für mich, wenn ich +danach verlangte.«</p> + +<p>Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein + <span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span> +Gesicht merkwürdig gefaßt und ernst. Sein ganzes +Wesen war seltsam und für Florence unerklärlich +verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten — hatte +sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann +losgelassen — er, dessen Händedruck immer eine innige +Liebkosung an sich gewesen war. Unzählige Male +hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, daß +sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. +Weshalb sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? +Eine angstvolle Beklommenheit, die jede Sekunde +seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den Herzschlag +des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie +fühlte, daß sie es nicht länger ertragen konnte.</p> + +<p>»Ist — ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. +»Sie sehen so sonderbar aus!«</p> + +<p>»Sonderbar? — So?« Er hob den Kopf und +blickte sie an. »Nein, — passiert ist nichts. Ich habe +einen Kampf auszukämpfen gehabt, und zwar keinen +leichten — das ist alles. Aber er ist vorüber — er +liegt hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte +nur, wie ich es dir am besten sage.«</p> + +<p>»Mir sage?« wiederholte sie.</p> + +<p>»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den +Ausdruck habe ich allzuoft auf deinem Gesicht gesehen +— ich möchte lieber eine andere Erinnerung mit +hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich +so kurz wie möglich. Ich gehe fort, Florence.«</p> + +<p>»Fort?« rief sie. »Nach London?«</p> + +<p>»London? Was habe ich in London zu suchen? + <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span> +Ich gehe nach Australien zurück — dem einzigen Fleck +Erde, der mich angeht, den nie zu verlassen ich gut +getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht +in vier Tagen.«</p> + +<p>»Und — und ich?«</p> + +<p>Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, +während sie emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, +ungläubigen Augen anstarrte — Verwunderung, +Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie +war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende +Hand, die sie ihm entgegenstreckte, hielt sie einen +Augenblick fest umschlossen und drängte sie dann sanft +von sich.</p> + +<p>»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde +Sie von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten.«</p> + +<p>Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und +ihre großen, schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt +an den seinen, als fürchte sie sich, sie abzuwenden.</p> + +<p>»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu +heiraten,« wiederholte er mit fester Stimme. »Ich +befreie Sie von einer Verpflichtung, die Sie hassen +und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen +schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind — +ich wußte es, als ich es tat — ich habe mir feige +Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre Selbstaufopferung +zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die +Liebe zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige +Handlungen begehen lassen. Dem sei nun, + <span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span> +wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, Sie +zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu +zwingen, und als ich glaubte, Ihre Liebe erringen +zu können, mag ich wohl ein Tor gewesen sein. Sie +hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein +Weib wären, so würde ich uns beide, Sie und mich +selbst, ums Leben bringen, glaube ich. Aber das ist +eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern brauchen; +denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole +es — ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien +zurück. Sie sind mich für den Rest Ihres Lebens los.«</p> + +<p>Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach +dem Kaminsims, neben dem sie stand, und hielt sich +daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich nicht, und +sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe +Leath weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady +Agathe und ihre Tochter traten ein.</p> + +<p>»Liebe Florence — o, Herr Leath, Sie sind es!« +stammelte Lady Agathe verwirrt, »ich wußte nicht, +daß Sie hier sind!«</p> + +<p>Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath +hielt sie zurück, ehe sie dieselbe erreicht hatte.</p> + +<p>»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich +Sie bitten, einen Augenblick zu verweilen? Wären +Sie nicht hereingekommen, so würde ich Sie vor +meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten +haben.«</p> + +<p>»Mich — um eine Unterredung?« stammelte die +Angeredete.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span></p> + +<p>»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin +Florence ihr Wort zurückgegeben habe. Unsere Verlobung +ist aufgehoben.«</p> + +<p>»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe +verwundert.</p> + +<p>Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf +ihre Cousine zu.</p> + +<p>»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in +demselben ruhigen Tone. Er sah Florence nicht an, +ja, warf ihr nicht einmal einen Blick zu.</p> + +<p>»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so +trifft er ganz allein mich. Ihre Nichte macht +sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von +mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das +Ganze war ein unseliger Irrtum. Unsere Verlobung +hätte nie stattfinden sollen.«</p> + +<p>»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, +muß ich sagen, daß ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« +sagte Lady Agathe und drückte das Taschentuch +an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer +ein Rätsel, ein dunkles Rätsel gewesen — wie Florence +selbst weiß. Ich kann nicht glauben, daß Ihre +Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre +— ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse +und alles war so ungleich. Und da Sie, wie Sie +sagen, wissen, daß Florence sich nie etwas aus Ihnen +gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, +daß Sie sie freigeben.«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein + <span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span> +finsteres Lächeln umspielte seine Lippen einen Augenblick; +aber wenn auch Lady Agathe es gesehen hätte, +so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein, +seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand +hin und sprach freundlich: »Sie haben keinen Grund, +mich gern zu haben, Lady Agathe, und ich weiß, +Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach +Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit +nach England niemals wiedersehen werde, wollen Sie +mir da Lebewohl sagen und mir gestatten, Ihnen +meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie glücklichere +Zeiten kommen mögen!«</p> + +<p>Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne +zu wissen, weshalb, gab ihm mit einer gewissen Herzlichkeit +die Hand. Er beugte sich auf sie herab und +ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und +schloß sie, zu des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, +in die Arme und küßte sie.</p> + +<p>»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge +Ihnen ein glückliches Leben beschieden sein!« Er schritt +auf die Tür zu und drehte sich — die Hand schon auf +dem Türgriff — noch einmal um und blickte nach +der regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe +wohl, Florence,« sagte er fast im Flüstertone, »lebe +wohl!«</p> + +<p>Die Tür fiel ins Schloß — er war fort. Cis, die +sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, sprudelte +hervor:</p> + +<p>»Was soll das alles heißen? Florence, was soll +das heißen? Er vergötterte dich — das weiß ich — + <span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span> +und doch löst er eure Verlobung und geht so davon! +Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« +fuhr sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum +hat er mich geküßt?«</p> + +<p>Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie +eine Antwort werden, sie sollte es nie erfahren, daß +Everard Leath den Kuß eines Bruders auf ihre +Wange gedrückt hatte.</p> + +<p class="pmb3">Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, +wie betäubt da. Sie konnte es nicht fassen, daß ihre +Ketten von ihr gefallen — daß er fort und sie +frei war.</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Kapitel_25">25.</h2> +</div> + +<p>Everard Leath ging über die Halde nach dem +Bungalow zurück. Es war ganz dunkel, ehe er dort +anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins +Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am +Kamin ein Schläfchen gehalten, richtete sich bei seinem +Eintritt auf. Leath zog einen Sessel heran und +setzte sich.</p> + +<p>»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf +einen fragenden Blick des andern.</p> + +<p>»Das habe ich mir gedacht, mein Junge. Dort +steht wohl alles beim alten, und es ist keine Wendung +zum Besseren eingetreten?«</p> + +<p>»Nein — nicht die mindeste. Es ist nicht zu erwarten. +Wie Sir Jasper jetzt daliegt, so kann er +vielleicht, wenn seine Lebenskraft so lange ausreicht, +noch fünf Jahre liegen.«</p> + +<p>Ein finsteres Lächeln zuckte um die Lippen des +jungen Mannes. »Wenn wir nach Rache getrachtet, +so ist sie uns jetzt in vollem Maße geworden.«</p> + +<p>»Ich trachte nicht darnach,« versetzte der Alte +sanft, »nicht einmal um Marys willen. Aber ich bin +alt. Ich leugne nicht, daß ich vielleicht anders darüber + <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span> +gedacht haben würde, Everard, wäre ich so jung +wie du.«</p> + +<p>»Mich verlangt auch nicht darnach,« antwortete +Leath mit einem Stirnrunzeln, »man führt keinen +Streich nach einem Toten, und in Wirklichkeit ist +er tot.«</p> + +<p>»Das ist wahr! Besser für seine Umgebung, er +wäre es in der Tat.« Sherriff hielt zögernd inne. +»Du glaubst, Lady Agathe hat keine Ahnung, daß — +etwas nicht in Ordnung ist?«</p> + +<p>»Durchaus keine. Wie sollte sie auch? Wer sollte +es ihr sagen? Ihr Sohn wird Sir Roy werden. Sie +wird nie was anderes erfahren.«</p> + +<p>»Ich hoffe nicht. Ganz von ihren Kindern abgesehen, +würde ein solcher Schlag sie getötet haben. +Nun, du hast auf vieles — auf sehr vieles verzichtet, +Everard, hast viel aufgegeben, aber du hast drei Unschuldige +geschont, und was dir dafür wird, überwiegt +alles andere weit, das weiß ich.«</p> + +<p>»Was mir dafür wird?« Leath lachte bitter auf. +»Was ist das, wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Was?« gab Sherriff verwundert zurück. »Das +Weib, das du liebst.«</p> + +<p>»Und das mich haßt!« Mit einem Lachen erhob +er sich. »Es ist für mich am besten, sich kurz zu fassen, +wie ich auch ihr soeben sagte. Ich habe Gräfin Florence +ihr Wort zurückgegeben.«</p> + +<p>»Du hast sie freigegeben?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span></p> + +<p>»Ja — freigegeben. Ich war ein Schuft, ihr +das Versprechen abzuzwingen, ein Narr, zu glauben, +daß ich ihre Liebe erringen könne. Sie haßt mich, +und ich habe sie deshalb freigegeben. Es ist vorüber +— ich habe ihr Lebewohl gesagt. Damit ist genug +über die Sache geredet; ich wäre ein schlechterer Kerl, +als ich bin, hätte ich sie in eine unglückliche Ehe +hineinzwingen wollen. Sie brauchen mich nicht so +anzusehen, mein lieber alter Freund. Es hat einen +Kampf gekostet, das leugne ich nicht, aber ich glaube, +ich habe das Schwerste jetzt überstanden. Wenn nicht, +nun, so werde ich in Australien besser damit fertig +werden als hier.«</p> + +<p>»In Australien?«</p> + +<p>»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. +Da wartet meiner wenigstens Arbeit. Die +›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der fahre ich.« +Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des +alten Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm +legte. »Soll ich zwei Fahrkarten nehmen, Herr +Sherriff?«</p> + +<p>»Zwei?« wiederholte der andere.</p> + +<p>»Ja — wollen Sie mit mir kommen? Ich habe +Sie danach fragen wollen, seitdem ich zu dem Entschlusse +gekommen bin, daß ich sie freigeben müsse. +Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie +keine Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die +Hand auf die Schulter — zum ersten Male versagte +ihm fast die Stimme — und fuhr fort: »Ich hoffe, + <span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span> +Sie kommen mit — von ganzem Herzen hoffe ich +es. Mehr als einmal haben Sie geäußert, daß Sie +mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus tiefster +Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie +wissen, nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, +was man für einen Vater empfinden sollte, empfinde +ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist schwer in +Ihrem Alter — mir in meiner Einsamkeit wird unsere +Trennung sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«</p> + +<p>»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich +bin freilich recht alt dafür, um ein neues Leben in +einem neuen Lande anzufangen, Everard — aber ich +kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«</p> + +<p>Ein langer und fester Händedruck besiegelte den +Vertrag, und das Gespräch der beiden drehte sich für +den Rest des Abends nur um die nahe bevorstehende +Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren +ruhig und heiter, und der Name der Gräfin Florence +wurde nicht ein einziges Mal erwähnt. Nur als sie +sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die Hand +seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:</p> + +<p>»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn +es gesprochen, brauchen wir, nur wenn du es wünschen +solltest, das Thema nie wieder zu berühren. Es mag +vielleicht unrecht gewesen sein — ja, ich leugne es +nicht, es war unrecht — Gräfin Florence zu zwingen, +sich mit dir zu verloben; aber ich begreife wohl, +wie groß die Versuchung war, da ich weiß, wie innig +du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr + <span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span> +als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als +du ihr ihr Wort zurückgegeben und doch alles geopfert +hast, was dir von Rechts wegen gehört hätte. +Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin +stolz auf dich.«</p> + +<p>»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« +gab Leath düster zur Antwort. »Vielleicht barg sich +ebensoviel Selbstsucht wie Selbstaufopferung dahinter. +Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz brechen +und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder +bringen. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es +je fertig gebracht hätte, das zu tun. Der Gedanke +wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott! +Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu +haben, während sie mich gehaßt, würde mich, glaube +ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«</p> + +<p>»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach +der alte Mann, »gehen wir miteinander nach Australien, +Everard, und von allem, was du zu erlangen +hofftest, nimmst du nichts mit zurück — gar nichts!«</p> + +<p>»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal +ein Wort des Dankes von ihr dafür, daß ich sie +freigegeben!«</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im +Westen, wo die Sonne eben untergegangen, rot erglühte, +stampfte der große Ozeandampfer, die ›Etruria‹, +durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. +Die Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren +nur noch in nebelhaften Umrissen wahrnehmbar, nur + <span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span> +die beiden großen, violetten Spitzen von Kap Lizard +ragten noch klar und deutlich empor — das letzte +sichtbare Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord +des großen Schiffes waren traurig und sehnsüchtig +darauf gerichtet, als es nach und nach in der Ferne +verschwamm, — war es doch für viele der letzte Blick +auf jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter +Ferne, doch stets die Heimat bleiben würde. Aber kein +Auge blickte wehmütiger als das des hohen, weißhaarigen +alten Mannes, der neben einem jüngeren +in einem stillen Winkel des oberen Decks stand, halb +verborgen durch die hoch aufgestapelten Koffer und +sonstigen Gepäckstücke, die mit den letzten Passagieren +in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in +den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das +große Vorgebirge war nur noch ein wolkiger Fleck +zwischen dem grauen Wasser und dem grauen Himmel, +und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, +begegnete er dem stillen, teilnehmenden Blicke seines +Gefährten.</p> + +<p>»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam +als Antwort auf diesen Blick, »ich leugne nicht, +daß es mir schwer fällt. Ich bin, wie gesagt, eigentlich +zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein Junge! +Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich +hier bin. Den Verlust Englands werde ich nicht so +empfinden, wie ich deinen Verlust empfunden hätte.«</p> + +<p>Sie gaben sich die Hände.</p> + +<p>»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte +Leath leise.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p> + +<p>»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh +ist überstanden mit dem letzten Blick auf England. +In dem Lande, das das Grab meiner Mary umschließt, +in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich +sicherlich zu Hause fühlen.«</p> + +<p>Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub +Sherriff in heiterem Tone wieder an:</p> + +<p>»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. +Ich bin, wie gesagt, ein alter Bursche, und die Unruhe +und Aufregung der letzten Tage hat mich doch ziemlich +angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig. +Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine +Zigarre an.« —</p> + +<p>Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen +Gestalt mechanisch mit den Augen und wandte +sich dann wieder landwärts. So scharf auch seine +Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr unterscheiden. +Himmel und See allein waren sichtbar. England +war verschwunden. Er zuckte die Achseln und +brach in ein bitteres Lachen aus.</p> + +<p>»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. +»Um so besser für mich! Wenn ich es nie gesehen, +würde es noch besser sein — und hätte ich sie nie +mit Augen geschaut, am besten!«</p> + +<p>Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten +und Koffer hervor. Die Person war ihm so nahe, daß +er sie hätte berühren können, wenn er die Hand ausgestreckt +hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen +waren lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine + <span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span> +Augen blickten unverwandt in die Ferne, als er am +Schiffsbord lehnte — für ihn waren der bleifarbene +Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, +von Bildern eines einzigen Gesichtes. Heiter und +sinnend, lächelnd und wehmütig, liebevoll und leidenschaftlich +erregt, reizend in jedem wechselnden Ausdruck +schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz +vor ihm. Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr +erscheinen, und den trug es am häufigsten. Welcher +Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige Empörung +lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, +nie würde das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, +mit dem sie an jenem Abend vor ihm zurückgewichen, +als sie ihm ihr ›Niemals — niemals!‹ zugerufen +hatte.</p> + +<p>»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich +wieder vor sich hinsprechend, »es sprach Haß +aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo alles vorüber +ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen: +Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich +sie gezwungen, ihr Wort zu halten, würde ich trotz +allem ihre Liebe gewonnen haben? Es hätte +wenigstens sein können. Ja — und vielleicht hätte +sie mich ewig gehaßt. Besser so!«</p> + +<p>Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und +still wie ein Schatten dahin. Everard richtete sich mit +einer ungeduldigen Bewegung empor.</p> + +<p>»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so +nahe geht,« murmelte er, »aber sie hätte mir doch +Lebewohl sagen können! Sie hätte mir wenigstens + <span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span> +ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie +freigegeben.«</p> + +<p>»Everard!«</p> + +<p>Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht +an seiner Schulter waren; eine Hand berührte ihn. +Mit einem Schrei, den er nicht unterdrücken konnte, +drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt, ungläubig +um. Florence war neben ihm, Florence, mit +einem Gesicht, in dem Weinen und Lachen miteinander +kämpften! Dann, im nächsten Augenblicke, war +Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn — +Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, +Liebe in den bebend hervorgestoßenen Worten der Abwehr +und des Flehens, Liebe in dem Kusse, mit dem +ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll +Leidenschaft an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, +wie betäubt von einer Freude, an die er nicht +zu glauben wagte.</p> + +<p>»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt +wieder umkehren,« und während er das sagte, zog +er sie nur fester an sich und küßte sie noch heißer.</p> + +<p>Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen +auf und blickte ihn mit feuchtschimmernden Augen an, +die Hände um seinen Hals gelegt.</p> + +<p>»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem +Lachen, »und das Land ist außer Sicht? Nein — nein! +Ich bin zu klug — ich wollte mich nicht blicken lassen, +ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin +ich an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das + <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span> +Schiff betrat, aber ich verstellte mich. Umkehren?« +Sie lachte. »Und wenn ich es täte, was dann? Sie +machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener +Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was +würden sie wohl von mir sagen, wenn ich mit dir +davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«</p> + +<p>Er lachte auch und legte den Arm fester um sie, +aber er sprach nicht. Er war seiner Bestürzung noch +nicht Herr geworden: sie zu umfassen, sie anzuschauen, +das schien alles zu sein, was er vermochte. Ihre +Hand legte sich wieder um seinen Nacken.</p> + +<p>»Umkehren?« sagte sie. »Zurückkehren zu dem +Grauen, das mich befiel, als es mir zum Bewußtsein +kam, daß du fort seiest? Zu der unerträglichen Pein, +zu wissen, daß, so lange wir beide lebten, ich niemals +dein Antlitz wiedersehen, noch deine Stimme je wieder +hören würde? Zu der Qual, die mir fast das Herz +brach, als ich fühlte, daß ich dich verloren? Nein, +nein! Nur das nicht!« Mit einem Schauder schmiegte +sie sich an ihn. »Ach, wie sehr hast du recht gehabt, +mein Geliebter, als du sagtest, du würdest mich dazu +bringen, dich zu lieben, und wie sehr hatte ich in +meiner törichten Verblendung unrecht! Wie lange +habe ich dich wohl schon geliebt und meine Liebe +Haß genannt? Oder habe ich dich erst geliebt, nachdem +du mich verlassen? Ich weiß es nicht — es +kommt auch nicht darauf an — hier bin ich und kann +nicht wieder zurück. Ach, du gabst mir meine Freiheit +wieder, Everard, aber wie konnte ich sie hinnehmen +und dir dafür danken, wenn du mir mein + <span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span> +Herz nicht zurückgabst. Du nimmst es mit dir und +doch sagst du zu mir: ›Kehre um‹!«</p> + +<p>»Umkehren? Nie und nimmermehr, und sollte +ich mit der ganzen Welt kämpfen müssen, um dich zu +behalten!« Er küßte sie auf die Lippen. »Florence, +wissen es die Deinen?«</p> + +<p>»Ja — jetzt wissen sie es. Als ich Turret Court +verließ, wußten sie es noch nicht. Ich habe mich ohne +ihr Wissen davongemacht. Ich wollte nicht Abschied +nehmen — das hätte Tränen gekostet — Szenen gegeben. +Das wollte ich nicht; ich wollte nur zu dir. +Aber sie wissen es jetzt. Ich habe der Herzogin geschrieben, +habe Briefe für Tante Agathe und Cis und +einen Gruß für Roy zurückgelassen. Sie wissen, daß +ich dir nachgereist bin, und weshalb. Ich habe ihnen +gesagt, daß ich, wenn sie wieder von mir hörten, +nicht mehr Florence Esmond, sondern Florence Leath +sein würde. Ich habe mir den Namen angeeignet, ehe +du ihn mir gegeben hast. Du siehst, meine Schiffe +sind hinter mir verbrannt,« schloß sie lächelnd.</p> + +<p>Ein Schweigen trat ein. Er brach es, indem er +ihr Gesicht emporhob und sich zuwandte.</p> + +<p>»Florence, hast du auch bedacht, was dieser Schritt +dich kostet? Du gibst sehr viel auf, mein Lieb!«</p> + +<p>»Du hast alles für mich aufgegeben, sogar mich +selbst,« antwortete sie innig, »was ich verliere, verliere +ich um dich.«</p> + +<p>»Es kostet dich dein Vermögen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span></p> + +<p>»Die Herzogin ist jetzt in Wirklichkeit mein einziger +Vormund, und die Herzogin wird mir niemals +vergeben. Ja — das kostet es mich.«</p> + +<p>»Du verlierst alle diejenigen, die du dein Leben +lang geliebt hast, Kind!«</p> + +<p>»Ich gewinne nur.« Sie lächelte dabei. »Ich bin +bei einem, den ich viel mehr liebe.«</p> + +<p>»Für dich bedeutet es ein in die Verbannung +Gehen, mein Weib.«</p> + +<p>»Mit dir, meinem Gatten,« gab sie leise zurück.</p> + +<p>Er sagte nichts mehr. Er zog sie fester in die +Arme, und sie küßten sich wieder. Das beredteste Wort +war arm solch glückseligem Schweigen gegenüber.</p> + +<p>Keiner von ihnen hatte wieder gesprochen, als +ein näherkommender Schritt sie veranlaßte, sich umzuwenden. +Beide erkannten Sherriffs hohe Gestalt, der +langsam herankam und im Zwielichte in der ihm +noch unvertrauten Umgebung suchend umherspähte.</p> + +<p>Florence faßte die Hand ihres Verlobten und +trat ein wenig vor.</p> + +<p class="pmb3 pmb3">»Er liebt dich, als ob er dein Vater wäre,« +sprach sie. »Schon deshalb würde ich ihn lieben, +hätte ich ihn nicht immer liebgehabt. Er soll auch +mein Vater sein. Laß uns gehen und es ihm sagen.«</p> + + +<p class="break" /> +<hr class="chap" /> + +<p class="break pmb3" /> + +<div class="transnote chapter"> +Anmerkungen des Bearbeiters<br /> +<br /> +- Eingefügt: Inhaltsverzeichnis mit Links<br /> + +- Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten.<br /> + +- Offensichtliche Fehler wurden korrigiert.<br /> + + +</div> + +<p class="pmb3" /> + + +<pre style='margin-top:6em'> +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBERT BONTINE *** + +This file should be named 64003-h.htm or 64003-h.zip + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/6/4/0/0/64003/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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