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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:08:54 -0700 |
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diff --git a/63991-0.txt b/63991-0.txt new file mode 100644 index 0000000..02ed891 --- /dev/null +++ b/63991-0.txt @@ -0,0 +1,2321 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon +Erwin Kisch + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl + Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band + 2 + +Author: Egon Erwin Kisch + +Editor: Rudolf Leonhard + +Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Jens Sadowski + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + + + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + + + + + AUSSENSEITER + DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + + + HERAUSGEGEBEN VON + RUDOLF LEONHARD + + BAND 2 + + + VERLAG DIE SCHMIEDE + BERLIN + + + + + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS + REDL + + + VON + EGON ERWIN KISCH + + + VERLAG DIE SCHMIEDE + BERLIN + + + EINBANDENTWURF + GEORG SALTER + BERLIN + + + 6.-10. TAUSEND + + Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin + + + + + + +Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des +Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf +bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses +Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage +politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters +kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen, +Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis +in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen +Armee als mißglückt entschied. + +Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden +gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so +hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als +undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche +Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er +verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld +er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag +gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses +Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof +und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die +Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander +widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten. + +Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem +Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der +Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär +jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte +und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung +dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre +verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des +Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang +viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die +Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand +durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art +zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte. +Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter +seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des +Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich +dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine +authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den +unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu +bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten. + +Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die +damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren, +Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den +nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef +im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen +stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr. +Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen +Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten +Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert +Grafen Sternberg zugrunde. + + + + + + +Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit +der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das +Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die +Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl +hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle +innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage +Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der +Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder +Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert, +jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne +daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren +Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die +vom Nebenzimmer aus bedient wurden. + +Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden, +ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der +einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder +Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch +Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte, +waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren +ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, -- +neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf +dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate +Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit +Seidenpulver bestreut. + +In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten +mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im +Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in +Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine +Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel +konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand +projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so +daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war, +von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit +Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller +spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in +Brüssel, Zürich und Lausanne. + +Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als +Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert: +unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß +der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein +energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers +Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die +Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des +Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt. +Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten +Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine +Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben +Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese +Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu +verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein +Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem +Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren +gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder +abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun +Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er +die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen +wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das +er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von +einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als +richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der +in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte +dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert +werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen +Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf +eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann +mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das +Verfahren gegen ihn einstellte. + +Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr +noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte. +Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung +befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler +vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der +jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm +sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den +15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung +etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte, +während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen +Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte. +Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als +Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier, +man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das +Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war, +hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die +Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen +die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen +Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und +bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen +Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die +Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden +Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil +sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen +Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand +brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der +antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten. + +Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren +hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der +Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das +Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom +Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti +aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen +Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo +der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese +ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in +militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene +vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des +Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze +Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur +Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig, +wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen +hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche +Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter +anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst +Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden +daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche +Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball -- +davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei. + + * * * * * + +Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die +postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien +erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen +Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine +sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war +anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es +sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem +Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug +150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau +jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse +war mit Schreibmaschine geschrieben. + +Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu +bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die +Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische +Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des +Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer +sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung +der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium +transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem +nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach +den Briefen, in denen so viel Geld war. + +Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, +weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen +Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur +Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit +Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der +Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war +der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen +stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos +hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein +Mietsauto. + +Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die +beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des +Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten +Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt« +gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung +gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen +Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem +Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden +Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung +angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. + +Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine +Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«. + +Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den +Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit +ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken +sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden +müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei. +Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten +vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das +Auto hält. Es ist leer. + +»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?« + +»Ins Café Kaiserhof.« + +»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.« + +Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und +finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem +Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der +Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der +so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort +weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am +Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren +kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als +Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr +befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.« + +Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht. +»Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus +Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i +net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil +war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.« + +Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn +gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer +Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd +nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im +Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des +österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des +angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es, +wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun +zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der +Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen! + +Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer +von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt +bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind. +Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch +anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl +die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade +hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine +der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem +Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste +frage, wem es gehört. + +Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und +legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben +Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der +Portier. + +»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen +gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...« + +Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser +benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe +aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut +den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem +Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen. + +Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe, +nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen +Stunden werde ich tot sein. + +Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse +rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er +wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich +kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des +Restaurants Klomser treten. + +Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 +aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie, +daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl +gehört.« + +Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst +Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße +ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur +Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der +alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café +Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, +der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten +sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens +kaltblütig versucht! + +Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom +Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. +Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in +beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr +Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger +Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur +Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe +ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die +Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die +anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist +kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von +Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im +Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die +Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von +Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den +Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als +Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball +13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und +dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann +keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl. + +Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung +haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie +gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere +aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, +deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) +und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die +Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der +Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die +Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, +und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst +kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und +bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto +ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind +Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen +Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe +nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem +Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland +war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten +sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da +Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die +Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter +überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen +italienischen Spionagezentrale. + +Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit +militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den +Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung +abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen +Gerechtigkeit entziehe? + +Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum +Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt +ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. +Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er +im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag +angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben +verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein +wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht +wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die +fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher +Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der +die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder +bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere, +binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon +Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er +den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und +dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich +vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo +sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem +Prager Zug eingetroffen war. + +In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein +junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange +Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in +Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund +wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. +fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. +Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es +sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren. + +»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge +den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem +Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren +Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land +fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran +nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück. + +Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim +Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer +Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf +den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«, +der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ... + +»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen +bitten?« + +»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!« + +Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch +den Speisesaal. + +In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf +Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er +kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite +dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung +braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die +Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein +Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im +verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den +oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß +ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, -- +sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt +nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten +aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die +Entscheidung aus: + +»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie +weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!« + +Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab +die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas +bekannt wird. + +»Er selbst, Exzellenz ...?« + +»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich +verstanden worden, Herr Oberst?« + +»Zu Befehl, Exzellenz!« + +»Heute nacht muß alles geschehen!« + +»Zu Befehl, Exzellenz!« + +»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst! +Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und +dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind +direkt an mich zu erstatten.« + +»Zu Befehl, Exzellenz.« + +Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte, +und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser +ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert +hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei +der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster +Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von +Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial +über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten +gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der +in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die +(den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese +zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und +Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in +der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper +überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er +eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in +seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem +Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die +Einsilbigkeit des Tischgenossen. + +Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich +seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen, +seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu +flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung +ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend? + +Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut +sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt +seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen +Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt +sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß +sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt +dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich +seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen +möchte. + +Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon +hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und +schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung +des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in +persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt +sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei +anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen +Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch +im Amt. + +»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt +er. + +»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.« + +»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?« + +»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?« + +»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er +spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen +hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag +ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?« + +»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. +Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich +morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich +gerne tun.« + +Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht +erzielen. + +Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind +inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs +gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und +suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im +IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k. +Majorauditor«. + +Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In +seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen +Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. +Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er +sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um +11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des +Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, +und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit +wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt +verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts +machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den +Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen. + +Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: +Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der +Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, +erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren +vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge +eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café +Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der +Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man +Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber +auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort +bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor +der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet. + + * * * * * + +Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der +Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins +Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin +muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. +Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist +in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben. + +Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht. + +»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich +habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu +schreiben.« + +Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene +Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps +adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines +Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte +eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als +die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu +haben.) + +Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen. + +»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er. + +Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und +Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager +Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich +damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine +Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?« + +Oberst Redl: »Nein.« + +Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr +Redl.« + +Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.« + +Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen +werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning +zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen. + +Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der +Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode +entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein +Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann +wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, +kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama +seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines +der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier +auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse +bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht +hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen +gehen.« + +Wie spät ist es? + +Melde gehorsamst: Fünf Uhr. + +Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung« +der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, +6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird +also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer +von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in +der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort +über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache +sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die +höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein +anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef +Spionage getrieben habe. + +Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er +feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot +auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende +Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt +worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous +geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, +er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese +Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines +vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere +eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, +wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu. + +»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten. +Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.« + +Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf +Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit +die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem +fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. +Man wartete aber nicht länger am Apparat. + +Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von +einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und +Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. +Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, +in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt +und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken +Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war +durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot +zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch +fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des +Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. +Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: +»Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich +büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.« + +Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt +sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für +mich.« + +Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten -- +jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die +Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die +Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. +Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus +nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. +In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den +Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem +aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, +sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern +Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und +wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. +Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem +Mörder. + +So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, +was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, +der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten +eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben +hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon +nichts gesagt? + +Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan? + +Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des +Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und +Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu +beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen +Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der +Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er +sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er +wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die +Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der +Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch +der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine +Ahnung: von der Spionage. + +Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die +Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals +geschafft. + +Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den +Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der +hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat +sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit +an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn +dienstliche Aufgaben geführt hatten ...« + +Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach +Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem +Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in +Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord +begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl +das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem +österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief +bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den +Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt +miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum +Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt +war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun +erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und +konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, +die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des +Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen +werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke. + + * * * * * + +»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus, +der mir von dieser Dienstreise erzählt. + +»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend, +kein Professionist.« + +»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?« + +»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.« + +FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und +bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers +Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der +Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen. + +»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der +Schubfächer verraten können?« + +»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch. + +»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.« + +»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig. + +Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein: +am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub +»Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des +»Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage: + + DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3). + Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl + seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das + Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht + imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln. + +Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der +Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp +vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen +der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner +pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner +aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines +Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar +nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam. + +»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige +Endback zu entschuldigen. + +»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend. + +»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt +und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß +aufbrechen.« + +»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir +haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.« + +»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann +alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission +aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach +Photographien von Plänen.« + +»So? Und wem gehört die Wohnung?« + +»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.« + +»Und der General war nicht da?« + +»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.« + +Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, +ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar +nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine +Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie +der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat +und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: +»Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch, +daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, +lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die +parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen +sich die Wiener Herren notiert haben. + +Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des +Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter +Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und +wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen +Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist, +ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt +einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung +ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung +mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man +riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in +Form eines Dementis bringen. »Von hervorragender Seite werden wir um +Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte +ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der +bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat +militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben +habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und +einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die +Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag +geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen, +usw.«. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist +so, wie wenn man sagt: »Der X. ist kein Falschspieler.« Aber +konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der +Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das +Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das +Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen +ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und +Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen +des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion +Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im +Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte. + +Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß +aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen +usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht, +Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze +Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen +Union-Holeschovice. + + * * * * * + +Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des +Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich +überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene +Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster +vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß +die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall +zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch +erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln, +Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf. + +Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte, +daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von +Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl +war homosexuell gewesen. + +Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von +der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der +hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn +Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte. + +»Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten, +und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du +mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, +daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am +Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch +die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr +keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was +sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich +warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß +nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?), +könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den +versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du +nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde +dann ...« + +Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen +worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu +beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch +Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel +scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den +Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, +das bewacht war. + +Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des +Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er +vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und +habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den +Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er +-- wegen widernatürlicher Unzucht -- zu drei Jahren schweren Kerkers +verurteilt. + +Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein +bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da +Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit +war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler +von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner +Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen +getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken +überhäuft. + +Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: +Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über +gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in +seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten +Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate +photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen +Generalstabsbücher -- des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke -- +verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und +Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle +über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von +Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert +und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz +Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich +auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen. + +Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete +Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen, +Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen +von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, -- so +allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die +sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück, +die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner +Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa +das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren +Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei +seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien +bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen, +daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand +betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft +zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und +eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren +in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in +Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt +Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen +müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der +österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des +Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner +Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg. +Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg. + + * * * * * + +Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und +Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein +so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord +Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er +habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben +vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903 +wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo, +Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im +Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu +haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf +freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden +seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen +hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters +und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate +später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des +nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die +Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende +Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften +Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch +den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an +der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo +nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch +seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen »Karl Weber« in +Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen +wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den +gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war, +wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium +des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung +mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen +russischen Paß vor, der auf den Namen »Karl Weber« lautete, und stellte +sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß +ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine +Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des +österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe +sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den +österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der +Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen +Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle. +Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der +wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische +Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de +Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde +Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er +war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die +tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien +kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über +seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser +interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase +durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck, +unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung +auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so +weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates +vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und +Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen +Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt +hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke +gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für +Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde +Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel +wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden +Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne +(weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt +hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und +gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen +geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der +Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts +wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in +ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal +in treffender Weise: »Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen +Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den +Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.« + +Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major +Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau. +Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den +weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des +Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in +dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung. +Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von +Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des +Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr +befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl +beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es +zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel +zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind +richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz +glücklich war. »Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine +Briefe versteckt?« fragte Redl. »Natürlich,« lachte das Kind und lief in +das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und +deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück +umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen +drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden +Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg +zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die +widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen +Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine +Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski. + +Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden +worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am +Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer +großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die +beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, -- Majorauditor +Haberditz war gerade abwesend, -- wollte Redl von Dr. Seliger einen +streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im +Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine +Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit +darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach +Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der +Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag +ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach +Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, +Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die +Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen +fortgesetzt wurden. + +Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er +anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte, +ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen. +Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal +unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage +stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung, +nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst +Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka +gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend +einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht +entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst +Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen +bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl +wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders +seine hemmenden Einwände. + +Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der +angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen +Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim +Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im +Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier »H« ein Stückchen +der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war +tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in +trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß +der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden +sei, wie er sich beim Dossier »H« zu schaffen machte, daß darauf eine +Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich +ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage +darauf standrechtlich gehenkt worden sei. + +Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so +ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan +Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt +haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich +erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der +Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt +einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den +Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als +Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos, +sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische +Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und +mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive +österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische +Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an +Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt +haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des +Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die +Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei +einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer +Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren »Loyalität« +überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem +russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich +arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen +auslieferte. + +Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf +Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben. + +Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für +Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode +überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert. +Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und +hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; +auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller, +der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war. +Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren +jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller +verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der +russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein +und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche +Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen +Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des +Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg +zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher +freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe +beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst +Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte +seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls +erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete +nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es +nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie +verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war +jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst +wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf +Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul +und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese +Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl +gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren +Tode ausgeliefert habe. + +Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am +Weltkrieg. »Dieser Schurke,« sagt er von Redl, »hat jeden +österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten +wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen +aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione +erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre +1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze +österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, -- daher unsere +Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten +unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.« + +Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle +österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland +tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten +erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich, +ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen +verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der +österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar +bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der +Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten +stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der +ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten +militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was +man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, +wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er +sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand. + +Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur +Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich +ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der +sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, +bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder +holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der +Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem +schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas +ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese +Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein +Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten« +Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm +einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub +nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, +so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der +österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem +Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das +Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter +doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn +er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. +»Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat +militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als +militärisches Geheimnis angesehen werden! + +Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert +waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard +getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von +Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren +Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am +Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen +getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht +zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten. + +Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die +sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und +unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst +aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der +Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas +Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von +Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand +der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, +Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion +Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen +Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten +war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines +Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des +Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine +zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu +entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu +überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den +Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der +Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die +armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld +verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig +wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das +Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung +mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die +wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten +bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene +nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. +Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische +Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, +derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum +Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität +seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser +Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher +von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und +vielleicht noch höher. + + * * * * * + +Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum +Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im +k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der +Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof +exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und +Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der +Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis +des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in +aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl +ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.« + +Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof +geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des +Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der +Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, +Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. +38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben. + + * * * * * + +Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem +Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen +Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die +weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. +Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär +hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der +die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 +h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag +von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im +Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten +Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn +Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, +Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar +Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. +Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl +getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die +Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die +Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus +Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das +photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven, +Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen +Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der +Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener +Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig +zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine +alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen +versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im +ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h +geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, +die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie +hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese +Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der +Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten +gesellten. + +Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die +Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des +k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der +Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der +Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K +samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und +Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte +übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der +Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven +etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. +November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über +das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, +die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume +in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses +vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß +gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, +d. i. 17 Prozent. + +Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms +erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er +entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der +Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen +Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage +trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das +Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete. + +Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung +standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind +Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, +als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, +selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren +jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder +...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine +Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines +Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen +zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die +Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig +hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem +Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen. + +Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die +als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse +maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu +verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld +verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre +Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des +Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ... + +Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die +vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht +bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er +nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine +Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint +bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen +zu sein. + +Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der +Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln +nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als +der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon +im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, +wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren +Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, +die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen +Freundin addiert. + +Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war +Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren +aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres +Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte. + + * * * * * + +Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall +betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich +nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem +anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch +auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu +konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode +dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, +bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin: +»... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit +erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu +begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man +noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine +Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte +Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder +Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der +Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. +Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, +ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja +nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich +ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den +Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit +äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt +habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die +Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.« + +Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der +Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog +unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte: + +»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn +Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit +eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle +der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und +Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort +faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen +die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte +sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung +aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man +müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil +bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.« + +Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen +von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und +Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der +Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der +krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein +oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, +mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da +eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen +Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, +Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich +war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher +Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische +Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der +Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld. + +Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen +einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das +Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe: + +»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier +ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas +auffällt.« + +Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der +Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs +und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine +Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der +Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der +Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. +Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines +Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen. + +FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er +durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat +auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire +niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen +Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und +dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten +ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. +Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den +oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden +großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger +endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden +treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen +die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden +Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen +Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste +unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich +heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein +angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen +sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines +Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag +eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte +daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner +Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht +hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes +Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto +besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als +Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht +verantwortlich machen. + +Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu +pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des +Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens +der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten +Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des +gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine +ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch +wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle +spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das +ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den +Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der +Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen +abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach +nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen +mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate +später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus +dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen +Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. +Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer +Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der +Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des +Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag +schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche +Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich +auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag +geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, +hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht +eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls +für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß +der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es +vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf +verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag +mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit +zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen +bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung +in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die +Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes +vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können +oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag +nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur +Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, +ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam +machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen +Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. +Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur +Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen, +daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste +Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem +Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld +überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des +Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen -- +es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in +Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, +bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß. + +Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe +des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort +die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als +meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des +Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der +Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten. + +Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der +Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in +Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die +Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr +schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste +Rückkehr Giesl's auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl +nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten +Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den +Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar +sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch +auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu +sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die +Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro. +Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein +Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er +ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des +Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten +des Brigadiers in Spalato bald frei würde. -- Die Aussicht, nach Jahren +aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen, +hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien, +am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das +Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete +mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten +Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben +der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das +Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte +ich Gelegenheit, mich zu >rehabilitieren<! Also noch immer der alte +Groll, -- es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich +keinem fremden Urteil fügen. + +Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch +zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des +Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit +Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir +einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte +meritorisch folgenden Wortlaut: + +>Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und +geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten +haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt +und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.< + +Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern: + +>Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil +bleiben werde.< + +Dann nahm die Komödie ihren Fortgang -- -- mit dem Arzt wurde ein +Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir +uns denn auf eine >Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines +halben Jahres zweifellos behoben sein wird<. Diesen weisen +medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der +Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den +verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs +Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des +Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener +Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos, +die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner +Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr, +wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur +Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz +zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde +meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in +der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider +Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers +suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter +anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die +volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich +mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein +Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der +Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch +seine Offenheit verblüffte: >Ihnen kann es schließlich gleichgültig +sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J. +I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar, +daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die +Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist, +dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon +kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu +geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...< + +Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem +Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war -- +mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu +erhärten. + +Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr. +Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über +mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich +mit den Worten: >Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel +gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?< Als ich Exz. Bolfras +die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt +hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht +vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus +vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint +militaire d'Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in +Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich +hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden +Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät +hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der +Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich +die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen +Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon +um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein +Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische +Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der +Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, -- kurz, ich stand +beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten +1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene +Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe +des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich +die Pensionierung, -- der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen +fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des +Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei, +dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und +Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei +angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So +blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras' liegen. -- Dort +lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine +Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des +Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in +Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des +Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in +meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit +serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem +setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch. +Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an +dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen, +weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß +der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen +mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn +die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu +kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz. +v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen +habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums +gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen +Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen +brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und +erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß +geführt habe.« + +Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die +Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes +spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung »des Chefs«, der einen +seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch +den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im +Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine +aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein +Dokument des »flaschengrünen Korpsgeistes«, mit dem sich die Korpsbrüder +vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der +Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen. +(Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das +Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten +auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, -- sie duldeten +keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die +Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der +Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz +aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos) +mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch +durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang +vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem +Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der +Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes +nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des +Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des +Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der +doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen +der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen +Generalstäbler verurteilen, -- deshalb Redls Selbstmord. + +Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden +Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen +Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der +Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht +aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das, +was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer +Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem +einzigen Wort konnte man ihn zwingen. + +So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, -- er wird sich +immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die +Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit +dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel +oder mit dem Kommando zum Selbstmord. + + + + + In der Sammlung + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + sind bis jetzt folgende Bände erschienen: + + + Band 1: + + ALFRED DÖBLIN + DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND + IHR GIFTMORD + + Band 2: + + EGON ERWIN KISCH + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS + REDL + + Band 3: + + EDUARD TRAUTNER + DER MORD AM + POLIZEIAGENTEN BLAU + + Band 4: + + ERNST WEISS + DER FALL VUKOBRANKOVICS + + Band 5: + + IWAN GOLL + GERMAINE BERTON, + DIE ROTE JUNGFRAU + + Band 6: + + THEODOR LESSING + HAARMANN, DIE GESCHICHTE + EINES WERWOLFS + + Band 7: + + KARL OTTEN + DER FALL STRAUSS + + Band 8: + + ARTHUR HOLITSCHER + DER FALL RAVACHOL + + Band 9: + + LEO LANIA + DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS + + Band 10: + + FRANZ THEODOR CSOKOR + SCHUSS INS GESCHAEFT + DER FALL OTTO EISSLER + + Band 11: + + THOMAS SCHRAMEK + FREIHERR VON EGLOFFSTEIN + Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN + + Band 12: + + KURT KERSTEN + DER MOSKAUER PROZESS GEGEN + DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922 + + Band 13: + + KARL FEDERN + DER PROZESS MURRI-BONMARTINI + + Band 14: + + HERMANN UNGAR + DIE ERMORDUNG + DES HAUPTMANNS HANIKA + + * * * * * + + Ferner erscheinen noch Bände von: + + HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER + HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO + MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB + WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN. + + + OHLENROTH'SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT + + + Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 10]: + ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linse ... + ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen ... + + [S. 32]: + ... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ... + ... Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause ... + + [S. 45]: + ... aufgetauchten Gerüchten ersucht, ... + ... aufgetauchten Gerüchte ersucht, ... + + [S. 55]: (mehrfache Fälle) + ... Redls und des Auditors Dr. Seeliger dorthin. ... + ... Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. ... + + [S. 66]: + ... mußte ihm den Kragen kosten, während ... + ... mußte ihn den Kragen kosten, während ... + + [S. 76]: + ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem er ... + ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + +***** This file should be named 63991-0.txt or 63991-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. 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