diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 63991-0.txt | 2321 | ||||
| -rw-r--r-- | 63991-0.zip | bin | 0 -> 51900 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 63991-h.zip | bin | 0 -> 351345 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 63991-h/63991-h.htm | 3932 | ||||
| -rw-r--r-- | 63991-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 83010 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 63991-h/images/logo1.jpg | bin | 0 -> 34488 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 63991-h/images/logo2.jpg | bin | 0 -> 6598 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 63991-h/images/portrait.jpg | bin | 0 -> 193083 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 63991-page-images.zip | bin | 0 -> 9110800 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/63991-0.txt | 2321 | ||||
| -rw-r--r-- | old/63991-0.zip | bin | 0 -> 51900 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63991-h.zip | bin | 0 -> 351345 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63991-h/63991-h.htm | 3932 | ||||
| -rw-r--r-- | old/63991-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 83010 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63991-h/images/logo1.jpg | bin | 0 -> 34488 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63991-h/images/logo2.jpg | bin | 0 -> 6598 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63991-h/images/portrait.jpg | bin | 0 -> 193083 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63991-page-images.zip | bin | 0 -> 9110800 bytes |
21 files changed, 12522 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/63991-0.txt b/63991-0.txt new file mode 100644 index 0000000..02ed891 --- /dev/null +++ b/63991-0.txt @@ -0,0 +1,2321 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon +Erwin Kisch + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl + Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band + 2 + +Author: Egon Erwin Kisch + +Editor: Rudolf Leonhard + +Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Jens Sadowski + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + + + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + + + + + AUSSENSEITER + DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + + + HERAUSGEGEBEN VON + RUDOLF LEONHARD + + BAND 2 + + + VERLAG DIE SCHMIEDE + BERLIN + + + + + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS + REDL + + + VON + EGON ERWIN KISCH + + + VERLAG DIE SCHMIEDE + BERLIN + + + EINBANDENTWURF + GEORG SALTER + BERLIN + + + 6.-10. TAUSEND + + Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin + + + + + + +Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des +Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf +bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses +Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage +politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters +kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen, +Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis +in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen +Armee als mißglückt entschied. + +Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden +gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so +hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als +undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche +Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er +verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld +er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag +gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses +Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof +und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die +Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander +widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten. + +Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem +Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der +Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär +jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte +und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung +dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre +verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des +Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang +viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die +Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand +durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art +zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte. +Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter +seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des +Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich +dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine +authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den +unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu +bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten. + +Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die +damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren, +Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den +nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef +im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen +stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr. +Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen +Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten +Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert +Grafen Sternberg zugrunde. + + + + + + +Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit +der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das +Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die +Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl +hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle +innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage +Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der +Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder +Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert, +jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne +daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren +Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die +vom Nebenzimmer aus bedient wurden. + +Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden, +ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der +einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder +Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch +Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte, +waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren +ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, -- +neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf +dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate +Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit +Seidenpulver bestreut. + +In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten +mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im +Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in +Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine +Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel +konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand +projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so +daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war, +von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit +Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller +spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in +Brüssel, Zürich und Lausanne. + +Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als +Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert: +unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß +der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein +energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers +Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die +Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des +Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt. +Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten +Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine +Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben +Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese +Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu +verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein +Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem +Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren +gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder +abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun +Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er +die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen +wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das +er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von +einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als +richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der +in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte +dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert +werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen +Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf +eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann +mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das +Verfahren gegen ihn einstellte. + +Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr +noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte. +Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung +befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler +vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der +jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm +sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den +15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung +etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte, +während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen +Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte. +Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als +Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier, +man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das +Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war, +hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die +Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen +die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen +Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und +bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen +Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die +Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden +Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil +sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen +Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand +brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der +antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten. + +Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren +hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der +Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das +Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom +Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti +aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen +Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo +der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese +ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in +militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene +vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des +Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze +Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur +Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig, +wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen +hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche +Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter +anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst +Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden +daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche +Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball -- +davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei. + + * * * * * + +Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die +postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien +erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen +Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine +sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war +anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es +sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem +Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug +150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau +jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse +war mit Schreibmaschine geschrieben. + +Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu +bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die +Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische +Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des +Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer +sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung +der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium +transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem +nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach +den Briefen, in denen so viel Geld war. + +Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, +weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen +Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur +Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit +Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der +Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war +der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen +stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos +hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein +Mietsauto. + +Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die +beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des +Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten +Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt« +gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung +gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen +Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem +Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden +Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung +angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. + +Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine +Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«. + +Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den +Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit +ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken +sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden +müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei. +Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten +vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das +Auto hält. Es ist leer. + +»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?« + +»Ins Café Kaiserhof.« + +»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.« + +Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und +finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem +Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der +Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der +so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort +weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am +Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren +kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als +Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr +befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.« + +Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht. +»Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus +Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i +net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil +war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.« + +Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn +gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer +Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd +nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im +Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des +österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des +angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es, +wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun +zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der +Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen! + +Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer +von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt +bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind. +Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch +anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl +die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade +hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine +der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem +Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste +frage, wem es gehört. + +Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und +legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben +Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der +Portier. + +»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen +gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...« + +Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser +benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe +aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut +den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem +Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen. + +Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe, +nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen +Stunden werde ich tot sein. + +Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse +rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er +wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich +kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des +Restaurants Klomser treten. + +Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 +aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie, +daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl +gehört.« + +Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst +Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße +ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur +Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der +alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café +Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, +der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten +sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens +kaltblütig versucht! + +Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom +Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. +Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in +beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr +Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger +Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur +Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe +ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die +Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die +anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist +kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von +Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im +Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die +Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von +Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den +Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als +Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball +13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und +dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann +keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl. + +Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung +haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie +gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere +aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, +deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) +und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die +Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der +Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die +Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, +und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst +kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und +bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto +ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind +Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen +Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe +nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem +Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland +war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten +sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da +Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die +Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter +überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen +italienischen Spionagezentrale. + +Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit +militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den +Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung +abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen +Gerechtigkeit entziehe? + +Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum +Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt +ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. +Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er +im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag +angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben +verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein +wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht +wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die +fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher +Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der +die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder +bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere, +binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon +Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er +den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und +dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich +vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo +sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem +Prager Zug eingetroffen war. + +In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein +junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange +Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in +Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund +wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. +fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. +Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es +sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren. + +»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge +den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem +Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren +Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land +fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran +nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück. + +Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim +Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer +Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf +den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«, +der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ... + +»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen +bitten?« + +»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!« + +Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch +den Speisesaal. + +In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf +Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er +kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite +dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung +braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die +Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein +Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im +verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den +oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß +ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, -- +sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt +nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten +aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die +Entscheidung aus: + +»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie +weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!« + +Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab +die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas +bekannt wird. + +»Er selbst, Exzellenz ...?« + +»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich +verstanden worden, Herr Oberst?« + +»Zu Befehl, Exzellenz!« + +»Heute nacht muß alles geschehen!« + +»Zu Befehl, Exzellenz!« + +»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst! +Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und +dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind +direkt an mich zu erstatten.« + +»Zu Befehl, Exzellenz.« + +Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte, +und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser +ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert +hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei +der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster +Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von +Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial +über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten +gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der +in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die +(den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese +zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und +Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in +der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper +überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er +eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in +seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem +Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die +Einsilbigkeit des Tischgenossen. + +Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich +seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen, +seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu +flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung +ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend? + +Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut +sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt +seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen +Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt +sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß +sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt +dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich +seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen +möchte. + +Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon +hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und +schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung +des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in +persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt +sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei +anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen +Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch +im Amt. + +»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt +er. + +»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.« + +»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?« + +»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?« + +»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er +spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen +hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag +ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?« + +»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. +Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich +morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich +gerne tun.« + +Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht +erzielen. + +Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind +inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs +gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und +suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im +IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k. +Majorauditor«. + +Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In +seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen +Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. +Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er +sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um +11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des +Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, +und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit +wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt +verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts +machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den +Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen. + +Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: +Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der +Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, +erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren +vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge +eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café +Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der +Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man +Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber +auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort +bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor +der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet. + + * * * * * + +Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der +Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins +Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin +muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. +Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist +in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben. + +Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht. + +»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich +habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu +schreiben.« + +Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene +Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps +adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines +Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte +eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als +die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu +haben.) + +Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen. + +»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er. + +Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und +Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager +Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich +damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine +Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?« + +Oberst Redl: »Nein.« + +Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr +Redl.« + +Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.« + +Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen +werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning +zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen. + +Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der +Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode +entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein +Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann +wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, +kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama +seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines +der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier +auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse +bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht +hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen +gehen.« + +Wie spät ist es? + +Melde gehorsamst: Fünf Uhr. + +Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung« +der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, +6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird +also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer +von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in +der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort +über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache +sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die +höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein +anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef +Spionage getrieben habe. + +Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er +feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot +auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende +Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt +worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous +geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, +er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese +Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines +vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere +eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, +wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu. + +»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten. +Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.« + +Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf +Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit +die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem +fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. +Man wartete aber nicht länger am Apparat. + +Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von +einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und +Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. +Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, +in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt +und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken +Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war +durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot +zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch +fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des +Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. +Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: +»Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich +büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.« + +Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt +sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für +mich.« + +Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten -- +jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die +Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die +Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. +Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus +nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. +In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den +Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem +aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, +sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern +Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und +wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. +Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem +Mörder. + +So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, +was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, +der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten +eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben +hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon +nichts gesagt? + +Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan? + +Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des +Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und +Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu +beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen +Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der +Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er +sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er +wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die +Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der +Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch +der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine +Ahnung: von der Spionage. + +Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die +Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals +geschafft. + +Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den +Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der +hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat +sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit +an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn +dienstliche Aufgaben geführt hatten ...« + +Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach +Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem +Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in +Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord +begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl +das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem +österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief +bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den +Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt +miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum +Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt +war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun +erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und +konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, +die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des +Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen +werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke. + + * * * * * + +»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus, +der mir von dieser Dienstreise erzählt. + +»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend, +kein Professionist.« + +»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?« + +»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.« + +FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und +bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers +Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der +Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen. + +»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der +Schubfächer verraten können?« + +»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch. + +»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.« + +»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig. + +Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein: +am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub +»Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des +»Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage: + + DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3). + Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl + seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das + Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht + imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln. + +Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der +Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp +vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen +der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner +pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner +aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines +Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar +nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam. + +»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige +Endback zu entschuldigen. + +»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend. + +»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt +und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß +aufbrechen.« + +»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir +haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.« + +»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann +alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission +aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach +Photographien von Plänen.« + +»So? Und wem gehört die Wohnung?« + +»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.« + +»Und der General war nicht da?« + +»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.« + +Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, +ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar +nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine +Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie +der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat +und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: +»Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch, +daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, +lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die +parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen +sich die Wiener Herren notiert haben. + +Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des +Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter +Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und +wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen +Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist, +ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt +einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung +ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung +mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man +riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in +Form eines Dementis bringen. »Von hervorragender Seite werden wir um +Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte +ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der +bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat +militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben +habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und +einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die +Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag +geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen, +usw.«. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist +so, wie wenn man sagt: »Der X. ist kein Falschspieler.« Aber +konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der +Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das +Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das +Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen +ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und +Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen +des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion +Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im +Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte. + +Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß +aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen +usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht, +Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze +Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen +Union-Holeschovice. + + * * * * * + +Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des +Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich +überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene +Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster +vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß +die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall +zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch +erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln, +Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf. + +Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte, +daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von +Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl +war homosexuell gewesen. + +Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von +der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der +hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn +Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte. + +»Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten, +und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du +mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, +daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am +Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch +die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr +keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was +sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich +warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß +nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?), +könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den +versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du +nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde +dann ...« + +Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen +worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu +beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch +Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel +scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den +Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, +das bewacht war. + +Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des +Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er +vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und +habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den +Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er +-- wegen widernatürlicher Unzucht -- zu drei Jahren schweren Kerkers +verurteilt. + +Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein +bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da +Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit +war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler +von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner +Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen +getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken +überhäuft. + +Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: +Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über +gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in +seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten +Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate +photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen +Generalstabsbücher -- des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke -- +verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und +Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle +über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von +Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert +und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz +Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich +auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen. + +Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete +Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen, +Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen +von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, -- so +allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die +sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück, +die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner +Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa +das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren +Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei +seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien +bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen, +daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand +betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft +zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und +eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren +in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in +Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt +Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen +müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der +österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des +Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner +Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg. +Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg. + + * * * * * + +Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und +Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein +so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord +Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er +habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben +vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903 +wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo, +Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im +Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu +haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf +freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden +seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen +hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters +und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate +später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des +nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die +Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende +Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften +Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch +den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an +der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo +nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch +seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen »Karl Weber« in +Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen +wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den +gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war, +wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium +des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung +mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen +russischen Paß vor, der auf den Namen »Karl Weber« lautete, und stellte +sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß +ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine +Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des +österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe +sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den +österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der +Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen +Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle. +Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der +wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische +Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de +Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde +Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er +war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die +tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien +kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über +seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser +interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase +durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck, +unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung +auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so +weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates +vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und +Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen +Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt +hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke +gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für +Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde +Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel +wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden +Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne +(weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt +hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und +gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen +geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der +Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts +wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in +ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal +in treffender Weise: »Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen +Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den +Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.« + +Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major +Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau. +Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den +weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des +Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in +dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung. +Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von +Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des +Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr +befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl +beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es +zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel +zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind +richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz +glücklich war. »Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine +Briefe versteckt?« fragte Redl. »Natürlich,« lachte das Kind und lief in +das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und +deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück +umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen +drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden +Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg +zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die +widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen +Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine +Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski. + +Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden +worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am +Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer +großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die +beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, -- Majorauditor +Haberditz war gerade abwesend, -- wollte Redl von Dr. Seliger einen +streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im +Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine +Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit +darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach +Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der +Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag +ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach +Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, +Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die +Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen +fortgesetzt wurden. + +Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er +anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte, +ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen. +Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal +unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage +stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung, +nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst +Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka +gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend +einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht +entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst +Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen +bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl +wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders +seine hemmenden Einwände. + +Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der +angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen +Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim +Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im +Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier »H« ein Stückchen +der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war +tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in +trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß +der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden +sei, wie er sich beim Dossier »H« zu schaffen machte, daß darauf eine +Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich +ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage +darauf standrechtlich gehenkt worden sei. + +Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so +ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan +Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt +haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich +erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der +Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt +einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den +Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als +Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos, +sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische +Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und +mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive +österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische +Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an +Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt +haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des +Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die +Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei +einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer +Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren »Loyalität« +überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem +russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich +arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen +auslieferte. + +Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf +Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben. + +Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für +Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode +überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert. +Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und +hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; +auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller, +der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war. +Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren +jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller +verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der +russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein +und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche +Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen +Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des +Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg +zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher +freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe +beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst +Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte +seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls +erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete +nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es +nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie +verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war +jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst +wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf +Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul +und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese +Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl +gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren +Tode ausgeliefert habe. + +Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am +Weltkrieg. »Dieser Schurke,« sagt er von Redl, »hat jeden +österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten +wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen +aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione +erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre +1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze +österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, -- daher unsere +Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten +unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.« + +Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle +österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland +tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten +erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich, +ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen +verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der +österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar +bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der +Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten +stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der +ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten +militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was +man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, +wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er +sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand. + +Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur +Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich +ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der +sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, +bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder +holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der +Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem +schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas +ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese +Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein +Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten« +Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm +einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub +nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, +so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der +österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem +Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das +Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter +doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn +er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. +»Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat +militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als +militärisches Geheimnis angesehen werden! + +Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert +waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard +getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von +Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren +Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am +Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen +getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht +zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten. + +Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die +sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und +unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst +aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der +Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas +Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von +Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand +der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, +Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion +Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen +Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten +war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines +Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des +Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine +zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu +entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu +überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den +Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der +Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die +armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld +verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig +wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das +Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung +mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die +wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten +bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene +nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. +Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische +Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, +derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum +Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität +seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser +Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher +von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und +vielleicht noch höher. + + * * * * * + +Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum +Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im +k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der +Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof +exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und +Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der +Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis +des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in +aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl +ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.« + +Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof +geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des +Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der +Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, +Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. +38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben. + + * * * * * + +Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem +Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen +Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die +weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. +Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär +hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der +die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 +h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag +von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im +Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten +Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn +Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, +Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar +Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. +Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl +getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die +Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die +Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus +Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das +photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven, +Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen +Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der +Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener +Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig +zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine +alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen +versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im +ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h +geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, +die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie +hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese +Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der +Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten +gesellten. + +Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die +Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des +k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der +Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der +Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K +samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und +Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte +übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der +Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven +etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. +November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über +das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, +die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume +in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses +vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß +gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, +d. i. 17 Prozent. + +Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms +erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er +entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der +Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen +Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage +trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das +Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete. + +Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung +standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind +Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, +als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, +selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren +jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder +...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine +Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines +Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen +zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die +Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig +hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem +Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen. + +Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die +als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse +maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu +verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld +verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre +Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des +Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ... + +Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die +vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht +bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er +nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine +Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint +bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen +zu sein. + +Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der +Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln +nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als +der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon +im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, +wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren +Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, +die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen +Freundin addiert. + +Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war +Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren +aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres +Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte. + + * * * * * + +Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall +betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich +nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem +anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch +auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu +konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode +dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, +bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin: +»... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit +erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu +begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man +noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine +Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte +Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder +Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der +Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. +Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, +ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja +nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich +ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den +Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit +äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt +habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die +Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.« + +Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der +Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog +unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte: + +»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn +Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit +eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle +der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und +Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort +faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen +die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte +sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung +aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man +müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil +bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.« + +Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen +von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und +Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der +Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der +krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein +oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, +mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da +eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen +Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, +Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich +war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher +Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische +Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der +Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld. + +Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen +einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das +Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe: + +»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier +ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas +auffällt.« + +Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der +Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs +und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine +Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der +Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der +Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. +Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines +Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen. + +FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er +durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat +auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire +niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen +Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und +dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten +ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. +Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den +oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden +großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger +endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden +treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen +die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden +Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen +Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste +unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich +heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein +angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen +sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines +Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag +eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte +daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner +Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht +hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes +Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto +besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als +Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht +verantwortlich machen. + +Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu +pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des +Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens +der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten +Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des +gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine +ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch +wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle +spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das +ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den +Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der +Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen +abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach +nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen +mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate +später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus +dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen +Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. +Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer +Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der +Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des +Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag +schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche +Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich +auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag +geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, +hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht +eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls +für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß +der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es +vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf +verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag +mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit +zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen +bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung +in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die +Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes +vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können +oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag +nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur +Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, +ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam +machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen +Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. +Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur +Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen, +daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste +Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem +Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld +überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des +Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen -- +es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in +Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, +bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß. + +Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe +des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort +die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als +meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des +Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der +Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten. + +Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der +Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in +Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die +Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr +schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste +Rückkehr Giesl's auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl +nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten +Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den +Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar +sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch +auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu +sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die +Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro. +Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein +Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er +ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des +Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten +des Brigadiers in Spalato bald frei würde. -- Die Aussicht, nach Jahren +aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen, +hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien, +am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das +Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete +mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten +Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben +der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das +Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte +ich Gelegenheit, mich zu >rehabilitieren<! Also noch immer der alte +Groll, -- es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich +keinem fremden Urteil fügen. + +Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch +zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des +Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit +Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir +einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte +meritorisch folgenden Wortlaut: + +>Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und +geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten +haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt +und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.< + +Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern: + +>Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil +bleiben werde.< + +Dann nahm die Komödie ihren Fortgang -- -- mit dem Arzt wurde ein +Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir +uns denn auf eine >Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines +halben Jahres zweifellos behoben sein wird<. Diesen weisen +medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der +Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den +verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs +Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des +Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener +Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos, +die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner +Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr, +wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur +Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz +zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde +meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in +der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider +Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers +suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter +anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die +volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich +mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein +Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der +Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch +seine Offenheit verblüffte: >Ihnen kann es schließlich gleichgültig +sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J. +I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar, +daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die +Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist, +dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon +kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu +geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...< + +Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem +Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war -- +mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu +erhärten. + +Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr. +Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über +mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich +mit den Worten: >Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel +gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?< Als ich Exz. Bolfras +die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt +hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht +vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus +vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint +militaire d'Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in +Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich +hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden +Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät +hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der +Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich +die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen +Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon +um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein +Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische +Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der +Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, -- kurz, ich stand +beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten +1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene +Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe +des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich +die Pensionierung, -- der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen +fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des +Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei, +dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und +Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei +angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So +blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras' liegen. -- Dort +lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine +Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des +Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in +Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des +Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in +meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit +serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem +setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch. +Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an +dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen, +weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß +der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen +mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn +die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu +kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz. +v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen +habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums +gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen +Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen +brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und +erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß +geführt habe.« + +Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die +Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes +spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung »des Chefs«, der einen +seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch +den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im +Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine +aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein +Dokument des »flaschengrünen Korpsgeistes«, mit dem sich die Korpsbrüder +vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der +Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen. +(Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das +Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten +auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, -- sie duldeten +keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die +Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der +Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz +aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos) +mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch +durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang +vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem +Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der +Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes +nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des +Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des +Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der +doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen +der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen +Generalstäbler verurteilen, -- deshalb Redls Selbstmord. + +Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden +Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen +Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der +Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht +aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das, +was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer +Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem +einzigen Wort konnte man ihn zwingen. + +So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, -- er wird sich +immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die +Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit +dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel +oder mit dem Kommando zum Selbstmord. + + + + + In der Sammlung + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + sind bis jetzt folgende Bände erschienen: + + + Band 1: + + ALFRED DÖBLIN + DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND + IHR GIFTMORD + + Band 2: + + EGON ERWIN KISCH + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS + REDL + + Band 3: + + EDUARD TRAUTNER + DER MORD AM + POLIZEIAGENTEN BLAU + + Band 4: + + ERNST WEISS + DER FALL VUKOBRANKOVICS + + Band 5: + + IWAN GOLL + GERMAINE BERTON, + DIE ROTE JUNGFRAU + + Band 6: + + THEODOR LESSING + HAARMANN, DIE GESCHICHTE + EINES WERWOLFS + + Band 7: + + KARL OTTEN + DER FALL STRAUSS + + Band 8: + + ARTHUR HOLITSCHER + DER FALL RAVACHOL + + Band 9: + + LEO LANIA + DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS + + Band 10: + + FRANZ THEODOR CSOKOR + SCHUSS INS GESCHAEFT + DER FALL OTTO EISSLER + + Band 11: + + THOMAS SCHRAMEK + FREIHERR VON EGLOFFSTEIN + Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN + + Band 12: + + KURT KERSTEN + DER MOSKAUER PROZESS GEGEN + DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922 + + Band 13: + + KARL FEDERN + DER PROZESS MURRI-BONMARTINI + + Band 14: + + HERMANN UNGAR + DIE ERMORDUNG + DES HAUPTMANNS HANIKA + + * * * * * + + Ferner erscheinen noch Bände von: + + HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER + HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO + MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB + WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN. + + + OHLENROTH'SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT + + + Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 10]: + ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linse ... + ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen ... + + [S. 32]: + ... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ... + ... Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause ... + + [S. 45]: + ... aufgetauchten Gerüchten ersucht, ... + ... aufgetauchten Gerüchte ersucht, ... + + [S. 55]: (mehrfache Fälle) + ... Redls und des Auditors Dr. Seeliger dorthin. ... + ... Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. ... + + [S. 66]: + ... mußte ihm den Kragen kosten, während ... + ... mußte ihn den Kragen kosten, während ... + + [S. 76]: + ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem er ... + ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + +***** This file should be named 63991-0.txt or 63991-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given +away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks +not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country outside the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you will have to check the laws of the country where + you are located before using this ebook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm web site +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The +Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm +trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/63991-0.zip b/63991-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..57480ee --- /dev/null +++ b/63991-0.zip diff --git a/63991-h.zip b/63991-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a87da67 --- /dev/null +++ b/63991-h.zip diff --git a/63991-h/63991-h.htm b/63991-h/63991-h.htm new file mode 100644 index 0000000..892edff --- /dev/null +++ b/63991-h/63991-h.htm @@ -0,0 +1,3932 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon Erwin Kisch</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <!-- TITLE="Der Fall des Generalstabschefs Redl" --> + <!-- AUTHOR="Egon Erwin Kisch" --> + <!-- EDITOR="Rudolf Leonhard" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Die Schmiede, Berlin" --> + <!-- DATE="1924" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +.halftitle { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; } +.halftitle .line2 { font-size:0.8em; } +.logo1 { margin-top:2em; margin-bottom:2em; } +.logo2 { margin-top:4em; margin-bottom:1em; } +.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em; + font-size:1.5em; font-weight:bold; } +.ser .line3{ font-size:0.67em; } +.ed { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:1em; } +.vol { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em; + font-size:1.5em; font-weight:bold; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } +.designer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; } +.run { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:0.5em; + font-size:0.8em; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; + page-break-before:always; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.first { text-indent:0; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.tb { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; } +p.tb span.u{ vertical-align:40%; } +p.tb span.l{ vertical-align:-15%; } +p.block { margin:1em; text-indent:0; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +/* ads */ +div.ads { margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:40em; font-size:0.8em; + margin-top:1em; } +div.ads .ser { margin-bottom:0.5em; } +div.ads .ser .line1 { font-size:0.8em; } +div.ads .ser .line2 { font-size:1.25em; } +div.ads .ser .line3 { font-size:0.8em; } +div.ads .ser .line4 { font-size:0.8em; } +div.ads div.table { text-align:center; } +div.ads div.volumes { display:table; margin-left:auto; margin-right:auto; + border-collapse:collapse; } +div.ads .r { display:table-row; } +div.ads .v { display:table-cell; text-indent:0; text-align:left; vertical-align:top; + padding-top:0.5em; } +div.ads .t { display:table-cell; text-indent:0; text-align:center; vertical-align:top; + padding-top:0.5em; } +div.ads .t .firstline { font-size:1.25em; } +div.ads .c { text-indent:0; text-align:center; } +div.ads .s { font-size:0.8em; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +.logo1 img { max-width:10em; margin-bottom:5em; } +.logo2 img { max-width:5em; } +.portrait img { max-width:80%; } + +@media handheld { + body { margin-left:0; margin-right:0; } + a.pagenum { display:none; } + a.pagenum:after { display:none; } + + div.ads { max-width:inherit; } +} + +</style> +</head> + +<body> +<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon +Erwin Kisch + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl + Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band + 2 + +Author: Egon Erwin Kisch + +Editor: Rudolf Leonhard + +Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Jens Sadowski + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** +</pre> +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="halftitle"> +<span class="line1">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br /> +<span class="line2">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span> +</p> + +<div class="centerpic logo1"> +<img src="images/logo1.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="ser"> +<span class="line1">AUSSENSEITER</span><br /> +<span class="line2">DER GESELLSCHAFT</span><br /> +<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span> +</p> + +<p class="ed"> +HERAUSGEGEBEN VON<br /> +RUDOLF LEONHARD +</p> + +<p class="vol"> +BAND 2 +</p> + +<div class="centerpic logo2"> +<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div> + +<p class="pub"> +VERLAG DIE SCHMIEDE<br /> +BERLIN +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br /> +REDL +</h1> + +<p class="aut"> +VON<br /> +EGON ERWIN KISCH +</p> + +<div class="centerpic logo2"> +<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div> + +<p class="pub"> +VERLAG DIE SCHMIEDE<br /> +BERLIN +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="designer"> +EINBANDENTWURF<br /> +GEORG SALTER<br /> +BERLIN +</p> + +<p class="run"> +6.-10. TAUSEND +</p> + +<p class="cop"> +Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic portrait"> +<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="intro" id="part-1" title="Vorwort"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat +der erzwungene Selbstmord des Prager Korps-Generalstabschefs +Oberst Alfred Redl und die +bald darauf bekannt gewordene Tatsache seiner +Spionagetätigkeit beispielloses Aufsehen +hervorgerufen, was durch die gespannte europäische +Lage politisch und durch den Rang +und den Wirkungskreis des Täters kriminalistisch +begründet war. Gerüchte, Interpellationen, +Beschuldigungen, Verdächtigungen +und Kombinationen überstürzten sich bis in +den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der +österreichisch-ungarischen Armee als mißglückt +entschied. +</p> + +<p> +Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu +freiwilligem Hinscheiden gewesen war, den +monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu +schaffen, so hat man auch nachher, als sich +dieser Plan schon längst als undurchführbar +erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, +für welche Großmächte der Generalstabsoberst +seine Spionage betrieben, was er +verraten, wohin er die militärischen Dokumente +geliefert, wieviel Geld er dafür bekommen, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +und wer schließlich den ungeheuerlichen +Auftrag gegeben hatte, daß sich ein +Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses +Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung +dieses Vorfalles auf Hof und Wehrmacht +äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung +der Tat und die Überführung des +Täters wurden nur Darstellungen bekannt, +die einander widersprachen oder die die Wahrheit +verschleiern sollten. +</p> + +<p> +Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, +d. h. vor allem dem Evidenzbureau des +Generalstabs wurde von den verschiedensten +Seiten der Vorwurf gemacht, daran schuld zu +sein, daß ein so hochgestellter Militär jahrelang +ungehindert das Gewerbe eines Spions +auszuüben vermocht hatte und daß durch +den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle +Aufklärung dieser politisch, militärisch und +historisch wichtigen Kriminalaffäre verhindert +worden sei. Im besonderen wurde der +damalige Chef des Evidenzbureaus August +Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang +viel genannt. Als nun ein Jahr nach +der Aufdeckung des Falles die Nachricht von +der Versetzung General Urbañskis in den +nichtaktiven Stand durch die Presse ging, +war es begreiflich, daß man solcher Art zumindest +an ein Verschulden des Evidenzbureaus +glauben mußte. Feldmarschall-Leutnant +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der +Großmutter seiner Gattin, der Frau Reinighaus, +deren Sohn mit der Gattin des Feldmarschalls +Conrad von Hötzendorf vermählt +gewesen ist. Dort habe ich dem Chef des +Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, +durch eine authentische Darstellung an +Hand von Aufzeichnungen über den unaufgeklärt +gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte +zum Verstummen zu bringen, die das Evidenzbureau +mit der Affäre in Zusammenhang +brachten. +</p> + +<p> +Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten +und Äußerungen von Beamten, die damals +militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen +waren, Material gewonnen; außer den +Mitteilungen Urbañskis, liegen den nachfolgenden +Darstellungen u. a. Äußerungen +vom jetzigen Sektionschef im tschechoslovakischen +Ministerium des Innern, Dr. Novak, +des jetzigen stellvertretenden Generalauditors +der tschechoslovakischen Armee Dr. Vorlicek, +des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen +Armee W. Haberditz, des Obersten +Emil Seeliger, des emeritierten Auditors +Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten +Adalbert Grafen Sternberg zugrunde. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="main" id="part-2" title="Der Fall des Generalstabschefs Redl"> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in +welcher Österreich-Ungarn seit der Annexion +Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 +das Evidenzbureau des Generalstabes übernommen +hatte, bemüht sein, die Kundschafterstelle +auszubauen. Unter seinem Vorgänger +General von Giesl hatte der damalige Major +Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle +innegehabt, welcher die gesamte aktive +und passive Spionage Österreich-Ungarns unterstand, +d. h. die Organisation der Auskundschaftung +fremder Militärverhältnisse und die +Abwehr fremder Spionage im Inlande. Das +Bureau war kriminalistisch modern organisiert, +jeder geheime Besucher wurde im Profil +und en face photographiert, ohne daß er davon +wußte, denn in zwei Gemälde, die an +der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a id="corr-0"></a>Linsen +photographischer Apparate eingeschnitten, +die vom Nebenzimmer aus bedient wurden. +</p> + +<p> +Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke +hergestellt werden, ohne daß er +es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte +mit der einen Hand dem Besucher oder +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +der Besucherin Zigarrenschachtel oder Bonbonniere +hin, die unsichtbar mit Mennige +bestreut waren; auch Feuerzeug und Aschenbecher, +die der Raucher zu sich heranziehen +mußte, waren derart präpariert. Lehnte der +Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren ab, so +ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer +abberufen, – neigte der Gast zur Spionage, +so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der +auf dem Tisch vorbereitet lag und mit dem +Vermerk „Geheim! Für reservate Einsichtnahme!“ +versehen war. Auch dieses Dokument +war natürlich mit Seidenpulver bestreut. +</p> + +<p> +In einem Kästchen an der Wand, das man +wohl für eine Hausapotheke halten mochte, +war ein Schallrohr eingebaut, das für den +Stenographen im Nebenzimmer als Horchapparat +dienen, aber auch den metallenen +Stift in Bewegung setzen konnte, der das +Gespräch wortgetreu in eine Grammophonplatte +einritzte. Jedes reservate Buch oder +Aktenfaszikel konnte binnen weniger Sekunden +auseinandergeheftet, an die Wand projiziert, +seitenweise photographiert und wieder +gebunden werden, so daß es in kürzester Zeit +wieder – wie unberührt – an der Stelle war, +von wo es „ausgeborgt“ worden. Man hatte +hier Alben und Kartotheken mit Lichtbildern, +Handschriften und Maschinenschriftproben +aller spionageverdächtigen Personen +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Europas, besonders der Spionagezentren in +Brüssel, Zürich und Lausanne. +</p> + +<p> +Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier +Alfred Redl als Sachverständiger in +allen Wiener Spionageprozessen fungiert: unerbittlich +keine mildernden Umstände gelten +lassend, das Höchstausmaß der gesetzlichen +Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er +durch sein energisches Auftreten die Verurteilung +des ehemaligen Offiziers Alexander +von Caric zu viereinhalb Jahren schweren +Kerkers, die Verurteilung des internationalen +Spions Paul Barstmann und des Italieners +Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers +erwirkt. Als Redl im Jahre 1904 bei dem +wegen Spionage verhafteten Ergänzungsbezirks-Kommandanten +von Lemberg, Major +von Wienckowsky, eine Hausdurchsuchung +vornahm, verwickelte er das sechsjährige +Kind des eben Festgenommenen in ein liebevolles +Gespräch, und es gelang ihm auf diese +Weise herauszubekommen, wo Papa seine +geheimen Briefschaften zu verstecken pflegte. +Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls +ist ein Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein +Mann namens Jonasch hatte einem Photographen +die Zeichnung eines Festungsplans +zum photographieren gegeben. Dies wurde +der Polizei gemeldet, und als Jonasch die +Bilder abholen wollte, verhaftete man ihn. +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Er hatte wegen Betruges schon neun Jahre +im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung +gab er sofort zu, daß er die Photographien +als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen +wollte, doch sei es das gewöhnliche +„Schema einer modernen Festung“, das er +aus einem allgemein erhältlichen Buche über +Fortifikationswesen von einem Maler hatte abzeichnen +lassen. Nachdem sich diese Angabe +als richtig erwies, wollte die Polizei den Mann +freilassen. Aber Redl, der in allen Spionagesachen +vorher befragt werden mußte, protestierte +dagegen und beharrte darauf, daß +Jonasch dem Strafgericht eingeliefert werde: +„Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er +ein paar Wochen Untersuchungshaft absitzt? +Und für uns ist es immer besser, wenn wir +auf eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen +können ...“ – Der Mann mußte auch +wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, +bevor man das Verfahren gegen ihn einstellte. +</p> + +<p> +Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, +daß die Spionageabwehr noch stärker +organisiert wurde – stärker als selbst Redl +ahnen mochte. Denn er war bald darauf als +Oberstleutnant zur Truppendienstleistung befohlen +worden, wie es für die Laufbahn der +Generalstäbler vorgeschrieben war. Nach einem +Jahr verlangte General von Giesl, der +jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Garnison vorstand, daß ihm sein ehemaliger +Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. +Bei den 15 österr.-ungar. Korpskommanden +war je eine Generalstabsabteilung +etabliert, deren Leiter den Titel eines „Generalstabschefs“ +führte, während dem Kommandanten +des gesamten österreichisch-ungarischen +Generalstabskorps der Titel „Chef +des k. u. k. Generalstabs“ gebührte. Nach +langjähriger Dienstleistung in der Residenz +wurde nun Redl als Oberst und Generalstabschef +nach Prag versetzt. Man brauchte +ihn hier, man bedurfte hier des Mannes mit +den unterirdischen Konnexionen. Das Böhmische +Staatsrecht, das gegen den Wiener +Zentralismus gerichtet war, hatte hier tausende +von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß +gegen die Nationalsozialisten hatte +manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen +die Armee zu arbeiten entschlossen war, die +Häupter der tschechischen Panslavisten verkehrten +offiziell mit den russischen, serbischen +und bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, +einer offenkundigen Heerschau +der zukünftigen tschechischen Armee, waren +die Generalstabsquartiere der slawischen +Staaten als Gäste angemeldet, jeden Augenblick +mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt +werden, weil sie Episoden von +der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Behandlung auf dem Gute Konopischt +des Erzherzogs Franz Ferdinand brachten, +„Los von Wien“, hieß die offene Parole, +hinter der antidynastische Gesinnung und +„Hochverrat“ arbeiteten. +</p> + +<p> +Während nun Redl hier einen militärischen +Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in +Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung +der Spionage in riesenhaften Ausmaßen +ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit +welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, +vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente +Kriegsgefahr via facti aufgehoben +worden, die Post wurde überwacht, in einem +abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich +an tausend Briefe und leitete dort, wo +der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. +Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur +vornahmen, wußten selbst nicht, daß +sie in militärischem Auftrage handelten; sie +glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem +zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien +und des Schmuggels. Von der Überwachung +der Privatpost durch dieses „Schwarze Kabinett“, +das erst eingerichtet wurde, als Redl +schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert +worden war, wußte er ebensowenig, wie +sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. +Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen +der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähung +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +waren die Spionageprozesse ins Unheimliche +gestiegen. Unter anderen wurden +auch der russische Militärattaché, ein Oberst +Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage +überführt. Beide wurden daraufhin abberufen, +der erste, nachdem er durch das persönliche +Verhalten Kaiser Franz Josefs – dieser +brüskierte ihn beim Hofball – davon erfahren +hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig +geöffnet worden, die postlagernd unter +der Chiffre „Opernball 13“ beim Hauptpostamt +Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, +und enthielten – ohne textlichen +Kommentar – Geldbeträge in österreichischer +Währung, der eine sechstausend Kronen, +der andere achttausend Kronen; keinesfalls +war anzunehmen, daß solche Summen +poste restante geschickt würden, wenn es +sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. +(Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau +für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung +stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während +der russische Evidenzchef in Warschau +jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke +bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine +geschrieben. +</p> + +<p> +Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen. +Zwei Detektive wurden zu ständiger +Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des +Postamtes entsendet, die durch eine elektrische +Klingel mit dem Postschalter verbunden +war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin, +daß die Briefe behoben werden, sollten sie den +Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen, +Monate. Der Beamte, der die Überwachung +der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef +Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert +worden und hatte die Angelegenheit +seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler +Dr. Schober) übergeben. Niemand +fragte nach den Briefen, in denen so viel +Geld war. +</p> + +<p> +Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, +gegen Schluß der Amtsstunden, weckte +plötzlich das Glockensignal die Agenten aus +ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch +den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt +zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter +kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit, +aber doch auch nicht mit auffallender +Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der +„Opernball“-Chiffre ausgehändigt hatte – +war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, +sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten +Herrn, der die Türe des angekurbelt +gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +sahen auch den Wagen davonfahren. Es war +ein Mietsauto. +</p> + +<p> +Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte +aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs +nicht. Was half es ihnen, daß sie die +Nummer des Autotaxis hatten lesen können? +Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage +den Chauffeur würden ausforschen können, +woher und wohin der „Ritt“ gegangen sei? +Der Fremde war doch sicherlich weder von +seiner Wohnung gekommen, noch in seine +Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen +Geldsummen steigt auf der Straße aus +oder im Café oder vor einem Durchgang, +und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher +war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen +sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt +werden würde, deren Ausgang nicht +zweifelhaft sein konnte. +</p> + +<p> +Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische +Wehrmacht eine Kette von +unglaublichen Zufällen, „Jägerglück“. +</p> + +<p> +Während die beiden Agenten beraten, ob +sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute +nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen +mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher +Flucht des Unbekannten ausdenken +sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei +ihr Mißgeschick melden müßten, – – +fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, – es ist +der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten +vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie +pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es +ist leer. +</p> + +<p> +„Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt +geführt?“ +</p> + +<p> +„Ins Café Kaiserhof.“ +</p> + +<p> +„Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.“ +</p> + +<p> +Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs +im Innern des Wagens und finden das +Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus +hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin +sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast +nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. +Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben +weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und +dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich +ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind +keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer +servieren kann, aber er putzt die Karosserien +und betätigt sich vornehmlich als +Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, +wohin der gnä’ Herr befohlen hat: „Ins +Hotel Klomser.“ +</p> + +<p> +Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird +der Hotelportier ausgeforscht. „Grad’ jetzt +saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute +saans aus Bulgarien.“ – „Und vorher +ein Herr allein?“ – „Im Auto? Dös waaß +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +i net. Vor einer Viertelstund’ is der Herr +Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös +waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg’fahren +is.“ +</p> + +<p> +Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der +Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat +ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit +einer Nachtruhe nicht anerkannt, +wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd +nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur +Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal +als berufenster Sachverständiger, als Leiter +des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes +die Schuld des angeklagten Spions +in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig +wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen +wirklich ein Spion wäre und nun zufällig +im selben Haus, ja vielleicht Wand an +Wand mit dem Chef der Spionageabwehr +wohnte, in der Höhle des Löwen! +</p> + +<p> +Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt +keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der +Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener +Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt +worden, daß die Briefe behoben sind. +Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung +ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der +Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß +Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite +– er wohnt nämlich zufällig gerade hier. +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht +werden. Während der eine der beiden Agenten +zum Telephon geht, spricht der andere +mit dem Portier. Er überreicht ihm das +Messerfutteral, damit er seine Gäste frage, +wem es gehört. +</p> + +<p> +Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen +vom ersten Stock herab und legt dem +Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf +den Tisch. „Haben Herr Oberst das Futteral +Ihres Taschenmessers verloren?“ fragt der +Portier. +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortet Oberst Redl und steckt +das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in +die Tasche, „wo habe ich es denn ...“ +</p> + +<p> +Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt +hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er +auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der +Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er +die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den +Mann an, der neben dem Portier steht, und +mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert, +die auf dem Tisch liegen. +</p> + +<p> +Oberst Redl hat die Frage, wo er das +Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende +gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er +weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein. +</p> + +<p> +Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig +um und geht die Herrengasse rechts hinunter. +Bevor er an der Ecke beim Café Central +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +ist, schaut er wieder zurück, ob niemand +das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich +kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer +vor, die aus der Schwemme des Restaurants +Klomser treten. +</p> + +<p> +Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, +die Nummer 12348 aufzurufen, die +Geheimnummer der politischen Staatspolizei: +„Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, – das +Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.“ +</p> + +<p> +Da die beiden Agenten an die Ecke der +Strauchgasse kommen, – ist Oberst Redl +verschwunden. Weder in der Strauchgasse, +noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen. +Kann er inzwischen den Haarhof erreicht +haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst +laufend nicht. Also ist er im Haus der alten +Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, +zwei durch das Café Central und einen gegen +die Freyung zu. Alle Achtung vor einem +Manne, der vor zwei Minuten unvermutet +entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein +Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit +des Entkommens kaltblütig versucht! +</p> + +<p> +Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel +Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring +zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau +des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl! +Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in +beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um +den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der +Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, +fährt selbst sogleich zur Hauptpost, +um den Schalterbeamten zu fragen, wie +der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch +ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre +ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen +suchen die anderen Herren im Evidenzbureau +die Handschriften Redls hervor. +Es ist kein Mangel daran: eine „Anweisung +zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern, +verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. +Hauptmann im Generalstab“ ist da, fünfzig +Paragraphen lang, ein „Schema für die Beschaffung +von Kundschaftermaterial“, „Normen +zur Aufdeckung von Spionen im In- und +Ausland“, ein dickes Faszikel „Gutachten in +den Jahren 1900 bis 1905“. Man bereitet all +das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann +Ronge vom Postamt kommt, den Zettel +in der Hand, „Opernball 13“, bedarf es +keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort +leicht und dünn hingeschrieben, aber von +einer ausgesprochenen Verstellung kann keine +Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten +Redl. +</p> + +<p> +Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. +In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen +wieder ausgespäht. Aber auch +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien +nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus +der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr +belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen +muß, wenn er sich verteidigen will) +und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er +in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive, +nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben +der Fetzen aufhalten, und dem anderen +kann er vielleicht entkommen. Aber +die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der +Freyung halten sie ein Auto an, und geben +dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. +Dann erst kehrt der eine Agent in +die Passage zurück, sammelt die Schnitzel +und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren +die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau, +wo sie zusammengestellt werden. Es +sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine +Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan +H. und drei Rezepisse über eingeschriebene +Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne +– alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau +als Spionageadressen bekannt. Daß +es Spionage für Rußland war, die der Adressat +der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten +sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische +Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst +mit Frankreich gekoppelt betrieb, +war die Brüsseler Adresse (eine Expositur +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +französischer Spionage) nicht weiter überraschend. +Aber die Lausanner Adresse war die +der dortigen italienischen Spionagezentrale. +</p> + +<p> +Es muß gehandelt werden. Soll man sofort +mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer +oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man +sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den +weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten? +Dem Verbrecher ermöglichen, daß er +sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe? +</p> + +<p> +Oberst Redl geht über den Tiefen Graben +und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai. +Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten +folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein. +Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er +heute um vier Uhr nachmittags in seinem +Kettenwagen, den er im August 1911 bei +Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus +Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen +A. R. in Goldbuchstaben verschlungen, +auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist +kein wagerechter Strich, sondern besteht aus +zwei schrägen Linien: es sieht wie ein „v“ aus. +Auch ist eine Krone über dem Monogramm, +zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, – +aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher +Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat +er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände +des Chassis in den unteren Teilen mit +Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen +vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der +Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten +Wagen nach Prag zurück. Dem +Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei +Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, +und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt +zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz +ein Mietsauto holen, und fuhr ins +Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek +vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem +Prager Zug eingetroffen war. +</p> + +<p> +In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan +H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier +aus Stockerau, der Geliebte +Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte +stattgefunden, deren Substrat man später in +Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in +dem Hotel den jungen Freund wieder für sich +gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant +Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später +Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld +beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. +Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan +ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren. +</p> + +<p> +„Über Land fahren ...“ Und jetzt hastet +Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal +entlang, und denkt, wie gut es wäre, in +seinem Tourenwagen zu sitzen und – auch +ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten +– schön über Land fahren zu können. Über +Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß +daran nicht zu denken ist, und kehrt über den +Schottenring nach Hause zurück. +</p> + +<p> +Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski +von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren. +Im Speisesaal sitzt „der Chef“ in großer +Gesellschaft. „Was bringst du mir Schönes?“ +fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die +Musik spielt ein Potpourri aus dem „Graf von +Luxemburg“, der neuen Operette: Bist du’s, +lachendes Glück ... +</p> + +<p> +„Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um +ein Gespräch unter vier Augen bitten?“ +</p> + +<p> +„So dringend? Na, alsdann geh’n wir!“ +</p> + +<p> +Der Chef des Generalstabes geht mit dem +Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal. +</p> + +<p> +In einem Nebenraum erstattet Urbañski +die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes +gefaßt. Aber als er hört, um was es sich +handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein +Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses +Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, +– Empörung braust heran, – die Truppe +haßt den Generalstab ohnedies, „die Auserwählten“ +– was wird das Ausland sagen! +der Feind! – welch ein Triumph! Alles schon +morsch, sagt man gerne der Monarchie nach +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +– und im verbündeten Reich, welche Besorgnis, +welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen +Nationen, was wird geschehen, +wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt! +Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch +ist, – sie fordert höchste Anspannungen –. +Der Chef des Generalstabes denkt nach. „Diese +alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für +fünf Minuten aufhören wollte!“ Er setzt sich, +steht wieder auf. Spricht die Entscheidung +aus: +</p> + +<p> +„Der Schuft muß ergriffen werden, man +muß aus seinem Munde hören, wie weit der +Verrat reicht und – dann muß er sofort +sterben!“ +</p> + +<p> +Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht +und – vor allem – dem Generalstab die +Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben +kann, wenn so etwas bekannt wird. +</p> + +<p> +„Er selbst, Exzellenz ...?“ +</p> + +<p> +„Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache +erfahren! Bin ich verstanden worden, +Herr Oberst?“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Exzellenz!“ +</p> + +<p> +„Heute nacht muß alles geschehen!“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Exzellenz!“ +</p> + +<p> +„Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, +Herr Oberst! Bestehend aus +Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, +Ihnen und dem Leiter der Kundschafterstelle. +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +Nur vier Herren. Die Berichte +sind direkt an mich zu erstatten.“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Exzellenz.“ +</p> + +<p> +Während Oberst Redl, überwacht, in der +Richtung zur Brigittenau strebte, und dann +diese Absicht aufgab, wartete in der Halle +des Hotels Klomser ein alter Bekannter auf +ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert +hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: +es ist der Generaladvokat bei der +Generalprokuratur des Obersten Gerichts- +und Kassationshofes, Erster Staatsanwalt +Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen +einander von Berufswegen. Wenn Redl als +militärischer Gutachter Belastungsmaterial +über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen +Angeklagten gehäuft hatte, war +es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, +der in seinem unwiderlegbaren, vehementen +Plaidoyer diesem Gutachten die (den Angeklagten) +vernichtende Wirkung lieh. Diese +Mitarbeit hat diese zwei Menschen auch persönlich, +menschlich zusammengeführt. Partner +und Freunde sind sie. Sie gehen heute +gemeinsam ins Restaurant Riedhof in der +Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine +Ahnung, daß das Souper überwacht wird. Er +weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen +Glas er eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher +ist, wie er keinem in seiner langjährigen +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. +Was aber dem Generalprokurator auffällt, ist +die Nervosität, die Aufregung, die Einsilbigkeit +des Tischgenossen. +</p> + +<p> +Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich +dem Tod entziehen? Soll er sich seinem +Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, +seinen Rat einholen, seine Intervention +erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins +Ausland zu flüchten? Um im Sanatorium +Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung +ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen +hinstellend? +</p> + +<p> +Er schließt Kompromisse zwischen all diesen +Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund +nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, +er gibt seine Homosexualität nicht +zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen, +er gesteht nicht ein, daß er ein Spion +ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren +Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein +Freund daraus eine Geistesstörung folgern +könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen +ungehinderten Rückkehr nach Prag, +wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, +rückhaltlos anvertrauen +möchte. +</p> + +<p> +Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt +Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal +wegen kleinerer Andeutungen Leute ins +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Gefängnis gebracht und schon wegen geringerer +Momente sofortige Verhaftung oder +Verweigerung des Strafaufschubes beantragt. +Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem +Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. +Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den +Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu +seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, +mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen +wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt. +</p> + +<p> +„Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst +Redl beim Nachtmahl,“ beginnt er. +</p> + +<p> +„Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.“ +</p> + +<p> +„Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?“ +</p> + +<p> +„Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie +wünschen?“ +</p> + +<p> +„Oberst Redl hat anscheinend eine psychische +Störung erlitten. Er spricht von moralischen +Verfehlungen und Verbrechen, die +er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte +ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen. +Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann +mitgeben?“ +</p> + +<p> +„Heute abend läßt sich gar nichts mehr +machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen +Sie den Herrn Obersten und sagen Sie +ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden +– was in meinen Kräften steht, will ich +gerne tun.“ +</p> + +<p> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +Mehr als diese Zusicherung kann der Herr +Oberstaatsanwalt nicht erzielen. +</p> + +<p> +Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann +Ronge sind inzwischen +in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des +Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht +in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen +in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von +Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie +finden den Namen „Wenzel Vorlicek, k. u. k. +Majorauditor“. +</p> + +<p> +Armer Major Vorlicek<a id="corr-2"></a>! Vor seinem Hause +steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung +sind die Koffer gepackt. Er hat einen +ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine +schwerkranke Schwägerin nach Davos zu +bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur +mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er +sie endlich erhalten, und hat in Davos +telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr +20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt +treten der Chef des Evidenzbureaus und der +Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, +und bringen ihm den Befehl, an einer +Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger +Untersuchung verbunden sein wird. +Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände, +der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts +machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des +Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins +Auto steigen. +</p> + +<p> +Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs +des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird +aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission +sein. Die vier Herren fahren zum +Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst +über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren +vom Souper im Riedhof, von der Bitte +des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte +Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. +Auch im „Café Kaiserhof“ waren die +beiden Herren nach dem Souper, und von +dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem +Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man +Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein +Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin +hat er nur Vertröstungen auf den nächsten +Tag als Antwort bekommen. Um halb +12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. +Pollak vor der Türe des „Hotel Klomser“ von +Oberst Redl verabschiedet. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der +Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie – +den Hotelinstruktionen entsprechend – nicht +ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene +Auftreten der Herren hin muß er +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an +die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein +heiseres „Herein“ hörbar wird, öffnen sie. +Oberst Redl ist in salopper Toilette beim +Tisch gesessen und hat geschrieben. +</p> + +<p> +Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im +Gesicht. +</p> + +<p> +„Ich weiß, weshalb die Herren kommen,“ +bringt er langsam heraus. „Ich habe mein +Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe +zu schreiben.“ +</p> + +<p> +Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf +dem Tisch, der angefangene Brief war an General +v. Giesl, den Kommandanten des Prager +Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen +ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden. +(„Ein dolchartiges Messer“ und eine +„Rebschnur“, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister +Georgi im Reichsrat, als +die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl +den Selbstmord befohlen zu haben.) +</p> + +<p> +Die Kommission befragt Redl nach seinen +Komplizen. +</p> + +<p> +„Ich hatte keine Komplizen,“ erwidert er. +</p> + +<p> +Auf die Frage nach dem Umfang seines +Verrates, nach dessen Details und Dauer hat +er zur Antwort, alle Beweise würden sich in +seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude +finden. Die Kommission gibt +sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +verläßt, fragt einer: „Eine Schußwaffe haben +Sie, Herr Redl?“ +</p> + +<p> +Oberst Redl: „Nein.“ +</p> + +<p> +Das Mitglied der Kommission: „Sie dürfen +um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.“ +</p> + +<p> +Redl (stockend): „Ich bitte – gehorsamst – +um einen – Revolver.“ +</p> + +<p> +Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt +ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines +der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, +seinen Browning zu holen, um ihn „Herrn +Redl“ einzuhändigen. +</p> + +<p> +Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke +der Herrengasse und der Bankgasse, damit +sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem +Tode entziehe. Sie können die Fenster von +Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer. +Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee +zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt. +Es vergehen Stunden auf Stunden. +Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß +verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen +Abschluß gefunden habe. Abwechselnd +fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach +Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und +abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen +Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden +verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen +und dem Oberst sagen: „Machen +Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +Wie spät ist es? +</p> + +<p> +Melde gehorsamst: Fünf Uhr. +</p> + +<p> +Man soll zeitig den Chef des Generalstabes +anrufen und die „Beendigung“ der Affäre +melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem +ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren, +um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es +wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch +herbeigerufen – einer von den beiden, +die gestern die Verfolgung Redls unternommen +und noch in der Nacht einen Spezialschwur +auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über +diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis +der ganzen Sache sollte auf zehn Personen +beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten +Persönlichkeiten der Monarchie befanden. +Und niemals sollte ein anderer auch nur ein +Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef +Spionage getrieben habe. +</p> + +<p> +Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue +Weisungen, wie er feststellen solle, was +mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn +tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, +damit nicht die auffallende Tatsache bekannt +werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten +entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels +dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen +wurde, begab sich der Detektiv in das +Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn +Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +früh diese Antwort auf einen Brief persönlich +zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen +Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der +vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren. +Der kam, kaum zwei Minuten später, +wieder zurück und trat auf der Straße auf +seine Auftraggeber zu. +</p> + +<p> +„Das Zimmer war offen,“ meldete er erregt, +„ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee +liegt der Herr Oberst – tot.“ +</p> + +<p> +Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere +zu Ende – genau zwölf Stunden nach +der Behebung der postlagernden Briefe. Man +rief – damit die Leiche noch vor Tagesanbruch +gefunden werde – das Hotel unter einem +fingierten Namen an: der Herr Oberst möge +sofort zum Telephon kommen. Man wartete +aber nicht länger am Apparat. +</p> + +<p> +Wenige Minuten später verständigte das +Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause +vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär +Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, +den Lokalaugenschein vorzunehmen. +Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, +vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen, +das Projektil hatte das Gaumendach +durchbohrt und war schief von rechts +nach links in das Gehirn gedrungen; im linken +Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, +die Ausblutung war durch die linke +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er +tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der +Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich +zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren +Bruder des Entleibten und einer an den Prager +Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen +und ein offener Zettel ohne Adresse. +Darauf stand: „Leichtsinn und Leidenschaft +haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich +büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.“ +</p> + +<p> +Als Nachschrift war hinzugefügt: „Es ist +¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte, +meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet +für mich.“ +</p> + +<p> +Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord +handle, und die Beamten – jedenfalls mit +einer diesbezüglichen Weisung versehen – +wollten die Amtshandlung rasch und ohne +Aufsehen schließen. Doch hatten sie die +Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: +Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch: +„In alt bewährter Treue“) wollte sich +durchaus nicht damit zufrieden geben, daß +hier ein Selbstmord konstatiert werde. In +schlechtem Deutsch und großer Aufregung +erzählte er zuerst den Polizeibeamten und – +als diese ihn beiseite schoben – dem aufhorchenden +Hotelpersonal, der Browning gehöre +nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei +Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Einkäufe gemacht und für heute allerhand +Anordnungen getroffen und wollte Dienstag +in dem eigens restaurierten Auto nach Prag +zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen +worden, und der Revolver gehöre +dem Mörder. +</p> + +<p> +So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen +sein mußte, etwas war da, was dem +Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: +der fremde Mann, der um halb sechs +Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um +dem Obersten eine Mitteilung zu bringen. +Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben +hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! +Warum hatte er davon nichts gesagt? +</p> + +<p> +Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht +im Zimmer Nr. 1 getan? +</p> + +<p> +Die Kommission, zu der sich inzwischen +auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt +hatte, bemühte sich vergeblich, die +Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen +zu bringen. Besonders der Josef war nicht +zu beruhigen. Da kam einer der Beamten +auf den Gedanken, dem unbequemen Diener +einzureden, der Herr Oberst habe sich eines +Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen +schuldig gemacht, und sich umgebracht, als +er sich verraten sah. Im selben Augenblick +verstummte der Diener. Denn er wußte ja +von etwas, was weder die Polizeikommissäre +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord +dirigiert hatten: von der Homosexualität +Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission +noch der brave Josef von der +wahren Ursache des befohlenen Freitodes +eine Ahnung: von der Spionage. +</p> + +<p> +Die Sachen des Erschossenen wurden nun +verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend +in einem Fourgon in die Totenkammer des +Garnisonspitals geschafft. +</p> + +<p> +Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau +gab eine Meldung über den Selbstmord des +Prager Generalstabschefs aus, in der stand, +„der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine +große Karriere bevorstand, hat sich in einem +Anfall von Sinnesverwirrung ...“, „... in der +letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit +litt ...“, „... in Wien, wohin ihn dienstliche +Aufgaben geführt hatten ...“ +</p> + +<p> +Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und +Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden +Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski +speiste mit dem Korpskommandanten Baron +Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis +gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef +Selbstmord begangen habe. Erst während +des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das +Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem +Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten +in Belgrad einen langen Brief bekommen, +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +in dem mitgeteilt wurde, die serbische +Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich; +beide Brüder korrespondierten unausgesetzt +miteinander, da das 8. Korps für „Fall +3“ (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über +die Save zwischen Drinamündung und Savemündung +bestimmt war. Um so furchtbarer +war die Erschütterung des Generals, als er +nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann +und Liebling alles verraten und konterkariert +habe. Nach dem Essen begab man sich in +die Wohnung Redls, die sich im Hause der +Hauptwache, neben den Amtsräumen des +Korpskommandos befand. Die Wohnung war +verschlossen und mußte erbrochen werden. +Ebenso der Schreibtisch und die Schränke. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +„Von einem Schlosser?“ frage ich den ehemaligen +Chef des Evidenzbureaus, der mir von +dieser Dienstreise erzählt. +</p> + +<p> +„Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, +und kein Soldat anwesend, kein Professionist.“ +</p> + +<p> +„Exzellenz wissen nicht mehr, woher man +den Schlosser holte?“ +</p> + +<p> +„Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus +der Nachbarschaft.“ +</p> + +<p> +FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger +Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeit +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +auf alle Fragen des Interviewers +Antwort gegeben – zum ersten Male +scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht +sich, seine dumme Frage zu entschuldigen. +</p> + +<p> +„Der Schlosser hätte doch die gewaltsame +Eröffnung der Wohnung und der Schubfächer +verraten können?“ +</p> + +<p> +„Sie meinen?“ sagt Urbañski ironisch. +</p> + +<p> +„Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es +sogar der Presse mitgeteilt.“ +</p> + +<p> +„So?“ FML. Urbañski lächelt ungläubig. +</p> + +<p> +Und deshalb schaltet der Interviewer hier +ein persönliches Erlebnis ein: am Sonntag, den +25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub +„Sturm“ ein Fußballmatch gegen +„S. K. Union-Holeschovice“. Die Notiz des +„Prager Tagblatt“ lautete am nächsten Tage: +</p> + +<p class="block"> +DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) +5:7 (Halbzeit 3:3). Sturm +war von Anfang an überlegen, was sich +auch in der großen Zahl seines Scores +ausdrückt. Doch war seine Verteidigung +durch das Fehlen Marečeks und Wagners +derart geschwächt, daß Atja allein nicht +imstande war, alle Durchbrüche Unions +zu vereiteln. +</p> + +<p class="noindent"> +Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten +ärgerte sich wohl der Obmann „Sturms“ +über das unangesagte Fernbleiben Wagners, +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +dem er knapp vorher eine Gefälligkeit erwiesen +hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen +der ersten Mannschaft manchmal zu +erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner pünktliches +Antreten versprochen – und schon am +Sonntag blieb Wagner aus. Deshalb schaute +besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur +eines Prager Blattes und Prager Korrespondent +einer Berliner Zeitung war) gar nicht +freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins +Bureau besuchen kam. +</p> + +<p> +„Ich konnte wirklich nicht kommen,“ versuchte +sich der saumselige Endback zu entschuldigen. +</p> + +<p> +„Das ist mir egal.“ Der Obmann blieb ablehnend. +</p> + +<p> +„Ich war schon angezogen, da kommt eine +Ordonnanz in unsere Werkstatt und sagt, es +soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, +ein Schloß aufbrechen.“ +</p> + +<p> +„Erzähl’ mir keine Geschichten! So etwas +dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene +Stunde mit dem Anstoß gewartet.“ +</p> + +<p> +„Aber ich mußte doch die Wohnung eines +Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer +und alle Schränke ... es war nämlich +eine Kommission aus Wien da, die hat nach +russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien +von Plänen.“ +</p> + +<p> +„So? Und wem gehört die Wohnung?“ +</p> + +<p> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +„Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel +eingerichtete Wohnung.“ +</p> + +<p> +„Und der General war nicht da?“ +</p> + +<p> +„Nein, der ist gestern in Wien gestorben.“ +</p> + +<p> +Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, +der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem +unentschuldbaren Endback und pflichttreuen +Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er +sagt ihm nicht mehr: „Erzähl’ mir ‚keine +Geschichten‘“, sondern läßt sich die Geschichte +ganz genau erzählen, wie der Wiener +Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten +gereicht hat und wie der jedesmal +verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt +hat: „Schrecklich, schrecklich! Wer hätte +das für möglich gehalten!“ Auch, daß die +Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, +wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände +und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten +Briefe seien von lauter Männern +gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren +notiert haben. +</p> + +<p> +Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß +es sich um die Wohnung des Generalstabschefs +Redl handelt, dessen Selbstmord samt +begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau +gemeldet und +wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden +ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion +zu bewahren, um die er nicht ersucht +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +worden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man +ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen +Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag +würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert +werden. Oder soll man es doch versuchen? +Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt +sich zu einem Kompromiß: man riskiert +die Beschlagnahme der Abendausgabe +und wird die Nachricht in Form eines Dementis +bringen. „Von hervorragender Seite werden +wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen +aufgetauchten <a id="corr-9"></a>Gerüchte ersucht, +daß der Generalstabschef des Prager Korps, +Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in +Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat +militärischer Geheimnisse begangen und für +Rußland Spionage getrieben habe. Die nach +Prag entsandte Kommission, bestehend aus +einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart +des Korpskommandanten Baron Giesl +die Dienstwohnung des Obersten Redl und +deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte, +hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu +forschen, usw.“. Solche Dementis versteht +selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie +wenn man sagt: „Der X. ist kein Falschspieler.“ +Aber konfiszieren ließ sich der Bericht +schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt, +das Dementi stamme vom +Korps-Kommando, das Korps-Kommando +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls +erschien das Abendblatt, der Draht gab die +Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins +Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig +Dringlichkeitsanträge und Interpellationen +eingereicht, und ganz Österreich wußte +von den Ursachen des Selbstmordes, die die +maßgebenden Kreise des Auslandes, deren +Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort +gewußt hatten, und die man im Inlande sogar +vor dem Kaiser geheimhalten wollte. +</p> + +<p> +Man hatte auf die Verhaftung des Spions +und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren +mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen +usw. verzichtet, man hatte eine Nacht +lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung +leisten lassen. Und nun erfuhr +die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein +Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Das Erste, was die Kommission beim Eintritt +in die Wohnung des Gerichteten verblüfft +hatte, war der weibische Geschmack, der sich +überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot +gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf +auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend, +als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte +und Figuren (bloß die große Napoleonbüste +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +über dem Schreibtisch war aus +Bronze), überall zierliche Nippes, und alle +drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch +erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, +Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen, +Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel +auf. +</p> + +<p> +Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden +war, und man feststellte, daß die zahllosen +mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts +von Männerhand stammten, hatte man +die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war +homosexuell gewesen. +</p> + +<p> +Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb +geworfen, zeugten von der Leidenschaft +Redls für den jungen Ulanenoffizier in +Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt +und wollte es heiraten, während ihn Redl +mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich +gewinnen wollte. +</p> + +<p> +„Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief +vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es +nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen +willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit +gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, +daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich +machen wirst, am Anfang erscheint +alles voller Illusionen und wunderschön, sind +jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man, +was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwas +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +von mir! Frauen mischen sich in alles, und +das, was sie nicht verstehen sollen, ist das +einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich +noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin +verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen +soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren +(Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, +und glaube auch, Dir den versprochenen +Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu +können. Wenn Du nach Wien kommen könntest, +lieber Stefan, so schreibe mir sofort, +würde dann ...“ +</p> + +<p> +Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei +Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß +sich, seinen Freund lieber mündlich zu +beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr +nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen +Garnison kam. Die Unterredung im Hotel +scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen +zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen +zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, +das bewacht war. +</p> + +<p> +Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich +nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls +der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da +er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität +angezeigt worden und habe sich deshalb +getötet. Es stellte sich heraus, daß er +von den Spionagen seines Geliebten keine +Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +– wegen widernatürlicher Unzucht – zu drei +Jahren schweren Kerkers verurteilt. +</p> + +<p> +Der ständige Verkehr des Obersten mit dem +jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen, +doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, +da Redl den Leutnant überall als seinen +Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der +Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als +Kadettenschüler von Redl verführt worden. +Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung +in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen +getragen, ihm zwei Reitpferde +gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken +überhäuft. +</p> + +<p> +Beweise für die verräterische Tätigkeit +Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen +von Geldsendungen aus Rußland, +Quittungen über gewechselte Rubel und vor +allem photographische Platten. Er hatte in +seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden +Dienstbücher reservaten Charakters, +Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche +Elaborate photographiert, die in allen Staaten +der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher +– des Meisterwerkes des Feldmarschalls +Moltke – verfaßt, aber natürlich +überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- +und Dislozierungsverhältnissen entsprechend, +adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung +und Verpflegung, Eisenbahntransporte und +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Durchführung von Truppenverschiebungen +hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert +und aktuelle Befehle des Kriegsministers +Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand +und des Chefs des Generalstabes Conrad v. +Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen +innerhalb des 8. Korps bezogen. +</p> + +<p> +Dagegen fand sich hier noch kein Beweis +dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen, +wie z. B. Aufmarschdispositionen, +Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen +oder die Namen von +österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande +verraten habe, – so allgemein dies damals +auch behauptet wurde. Die Spuren des +Verrats, die sich in seinen Fächern fanden, +reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die +Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser +Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag +von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, +etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus +dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken +deduzierte dann Landesverteidigungsminister +Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung +im Parlamente, daß die Verrätereien +bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte +sich darauf antworten lassen, daß Redl schon +seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen +Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile +besitze. Redl hatte zwar glaubhaft +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +zu machen gewußt, daß er im Besitze eines +großen Privatvermögens sei und eine große +Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte +vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing +ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch +in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm +eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde +und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine +Verbrechen müßten daher mindestens bis in +die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen +Kundschafterstelle im +Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei, +wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung +bei Regimentern der Grenzfestungen, +beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl +und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem +größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß +Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, +ein so merkwürdiges gewesen, +daß zehn Jahre später, nach dem +Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten +der Verdacht auftauchen mußte, er +habe damals eine Doppelrolle gespielt, und +auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie +sie teuflischer kaum gedacht werden kann. +Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen +gegen den Oberstauditor Hekailo, +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in +Lemberg geführt, der im Verdachte stand, +durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen +zu haben. Während der streng geheim +geführten Erhebungen wurde der auf freiem +Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst +nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten +sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen +hervorging, daß Hekailo auch die ganze +Heiratskaution eines Rittmeisters und das +Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. +Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann +Alfred Redl in der Kanzlei +des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm +Haberditz, der die Untersuchung gegen +Hekailo führte, und machte die überraschende +Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, +von Redl beschafften Beweisen als +Spion in russischen Diensten stand und +wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der +österreichisch-ungarischen Armeen den Russen +an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. +Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner +Flucht an einen Freund in Galizien sandte, +kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt +und seinen Decknamen „Karl Weber“ +in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren +zu stellen wäre. Das bezügliche +Aktenstück, in welchem natürlich +nur von den gemeinen Verbrechen des Betruges +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +und der Veruntreuung die Rede war, +wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren +vom Ministerium des Äußern auf +telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung +mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet +werden sollte, wies er einen russischen Paß +vor, der auf den Namen „Karl Weber“ lautete, +und stellte sich unter den Schutz des russischen +Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer +Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des +Festgenommenen eine Reise nach Brasilien +unternehmen solle, als die Nachricht des +österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba +eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben, +da man beim Öffnen seines Koffers +ganz oben den österreichischen Paraderock +gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der +Verhaftete österreichischer Militär war, legten +ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere +mitleidvoll einen geladenen Revolver in die +Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe +ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten +Gelegenheit, die ihm der eskortierende +brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem +Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro +bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de +Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest +abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er +war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, +und muß durch die tropische Hitze +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft +in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß +wurde nun Hekailo zuerst über +seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. +Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für +diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch +seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, +Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser +selbst war es, der drängte, die Untersuchung +auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos +auszudehnen. Endlich war es so weit, +daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise +seines Verrates vorhalten konnte. Sie +bestanden in der Hauptsache aus Photographien +und Briefen, die Hekailo unter der +Deckadresse der beim russischen Generalstabschef +in Warschau angestellten Gouvernante +an diesen gesandt hatte. Nach Angabe +Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke +gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, +die das Ministerium für Landesverteidigung +auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos +wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger +zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel +wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens +und des bestehenden Staatsvertrages +mit Brasilien wegen Spionage nicht +bestraft werden könne (weshalb er auch die +Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt +hatte), zeigte sich im Verlauf der +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Untersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden, +was er allein oder mit Hilfe dritter +den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion +für die Alarmierung der Lemberger +Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte +er absolut nichts wissen und antwortete Redl, +der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn +gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes +einzugestehen, einmal in treffender Weise: +„Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen +Aufmarschplan verschafft haben? Den kann +nur jemand aus den Generalstabsbureaus in +Wien den Russen verkauft haben.“ +</p> + +<p> +Nach langem Drängen nannte Hekailo auch +seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski, +Ergänzungsbezirkskommandanten in +Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der +Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden +Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung +Redls und des Auditors Dr. <a id="corr-10"></a>Seliger dorthin. +Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in +dessen Bureau vorgenommen worden war, +schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst +fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen +nichts von Bedeutung vor. Im +Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen +des Majors mit der deutschen Gouvernante. +Das hübsche Kind war anfangs sehr +befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt +an. Erst als es Redl beim Händchen +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, +wurde es zutraulicher. Redl legte der +Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei +mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht +darüber, daß das Kind richtige Antworten +gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine +ganz glücklich war. „Bist du auch so gescheit, +daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?“ +fragte Redl. „Natürlich,“ lachte das Kind und +lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch +unter den mächtigen Schreibtisch und deutete +auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere +Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen +Knopf, und als man auf diesen drückte, +öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden +Dokumenten. Die Kommission +konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg +zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde +beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie +Redl das unschuldige Kind zum Verrat am +eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei +hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung +davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher +sei als Wienckowski. +</p> + +<p> +Wieviel gravierendes Material bei dieser +Hausdurchsuchung gefunden worden war, +kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten +am Schluß ein Gewicht von +120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in +einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischen +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Posten bewacht, die die beiden +Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal +nun, – Majorauditor Haberditz war gerade +abwesend, – wollte Redl von Dr. Seliger +einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf +zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel +befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis +auf seine Instruktionen ab, worauf sich +Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf +legte Redl dem Majorauditor nahe, er +möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden, +da in Warschau noch einige unklare +Momente der Affäre zu erheben seien. Der +Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab, +da die Erhebungen für das Verfahren nicht +relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren +Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, +Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, +fuhr die Kommission nach +Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen +fortgesetzt wurden. +</p> + +<p> +Da ging in Redl eine auffallende Veränderung +vor, denn so eifrig er anfangs für die +Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet +hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich +für dessen Unschuld einzusetzen. Dies +ging so weit, daß der Untersuchungsleiter +Haberditz es ihm einmal unter vier Augen +vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit +in Frage stellen mußte. Es kam zu einer +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +ziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach +welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus +Oberst Hordliczka die Ablösung +Redls als Experten verlangte. Oberst +Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht, +und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken; +zu einer Ablösung Redls könne er +sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung +des Hauptbeschuldigten ein Verdienst +Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die +Früchte seiner Bemühungen bringen wolle. +Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, +Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender +und unterließ besonders seine +hemmenden Einwände. +</p> + +<p> +Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau +ein Stück der angeblich von Major +Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen +Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da +Österreich-Ungarn doch beim Warschauer +Generalstab einen sehr verläßlichen russischen +Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes +wäre, aus dem Dossier „H“ ein Stückchen +der bewußten Schrift herauszureißen. Allein +Majorauditor Haberditz war tief erschüttert, +als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen +in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick +die Nachricht überbrachte, daß der bewußte +russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet +worden sei, wie er sich beim Dossier +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +„H“ zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung +seines Schreibtisches erfolgte, in welchem +für Österreich ausgestellte Rechnungen +gefunden wurden, und daß der Mann zwei +Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei. +</p> + +<p> +Nach der Entlarvung Redls erscheint sein +damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt: +er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan +Österreich-Ungarns an die Russen verkauft +und wird den Russen gesagt haben, daß er +nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für +Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen +Erfolg um so mehr, als damals der Verrat +des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar +wurde, und er unbedingt einen Sündenbock +haben mußte. Da lieferten ihm die Russen +denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus. +Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo +nach seiner Flucht nach Brasilien für +sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem +geworden war: hatte doch der russische +Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte +seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige +fürchten. Als aber dann die Untersuchung +auf aktive österreichische Offiziere übergriff, +an welchen der russische Generalstab noch ein +Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird +es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer +Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben. +Das war der Grund, warum Redl plötzlich für +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +die Unschuld des Majors Wienckowski und des +zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde +zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen +diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm +aber nicht und Redl mußte nun in anderer +Weise und um jeden Preis die Russen von +seiner ferneren „Loyalität“ überzeugen. Da +beging er dann die größte Schurkerei, indem +er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau, +der für Österreich arbeitete, eine raffinierte +Falle stellte, und ihn so dem Galgen +auslieferte. +</p> + +<p> +Hekailo, Wienckowski und Acht wurden +zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren +verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von +Josefstadt gestorben. +</p> + +<p> +Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen +russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst +geleistet hatte, dem Tode überantwortete, +ist durch die Promptheit der Denunziation +erwähnenswert. Der Thronfolger +Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch +gewesen und hatte sich mit dem Zaren +in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; +auf der Heimreise durch Rußland begleitete +ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer +Militärattaché in Petersburg +war. Während der Fahrt trug der +Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren +jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom +Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der +russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch +Laikow bei Müller ein und bot ihm den +ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf +an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant +Müller trotz der erzherzoglichen Weisung +nicht ungenutzt lassen, und vermittelte +den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem +Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg +zurück und begegnete schon am ersten Tage +bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen +waren, einer frostigen, beinahe +beleidigenden Ablehnung. Erst als er in +der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch +Selbstmord begangen habe, glaubte er diese +Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: +man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm +Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, +und vermutete nun, daß er den Unglücklichen +dazu verleitet habe. Aber das war es nicht, +was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, +sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion +an Rußland verraten habe. Daran war jedoch +Müller, der übrigens am selben Tage von +seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig. +Der ehemalige Reichsratsabgeordnete +Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin +des russischen Großfürsten Paul und mit dem +österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +über diese Affäre gesprochen und deduziert +aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen +sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, +dem sicheren Tode ausgeliefert habe. +</p> + +<p> +Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem +Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg. +„Dieser Schurke,“ sagt er von Redl, „hat +jeden österreichischen Spion denunziert, denn +der Fall des russischen Obersten wiederholte +sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse +den Russen aus und verhinderte, daß +wir die russischen Geheimnisse durch Spione +erfuhren. So blieb den Österreichern und den +Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von +75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische +Armee ausmachten, unbekannt, +– daher unsere Kriegslust und unsere +Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann +hätten unsere Generale die Hofwürdenträger +nicht in den Krieg getrieben.“ +</p> + +<p> +Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß +Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar +deutschen Spione, die in Rußland tätig waren, +an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten +erhoben. Diese Behauptungen haben +viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie +die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen +verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung +hat der österreichische +Landesverteidigungsminister FML. Lt. +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat +darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung +des Zeitpunktes, seit welchem Redl +in feindlichen Diensten stand. Georgi war +eben vom Generalstabskorps düpiert, das +Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten +versuchte, wenn er schon des größten militärischen +Verbrechens überführt war. Redl +mußte alles verraten, was man von ihm verlangte; +das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, +wie Redl zum Spionagedienst +angeworben worden sein muß, und wie sehr +er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber +befand. +</p> + +<p> +Ein Mann von den Fähigkeiten und dem +Range Redls konnte nicht so zur Spionage +verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns +üblich ist. Es war fast immer die gleiche +Methode: ein junger Leutnant, der sich auf +einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca +langweilte, bekam eines schönen Tages die +Aufforderung einer Schweizer oder holländischen +Zeitung, doch Stimmungsberichte über +das Leben der Ortsbewohner und über die +Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem +schriftstellerischen Talente gehört usw. +Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam +das Belegexemplar der Zeitung, die meist +eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah +sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +von 200 Franken und große Komplimente +der „entzückten“ Redaktion. Dann +verlangte man andere Mitteilungen von ihm +oder trug ihm einen Redakteurposten mit +fürstlichem Gehalt an, – er möge sich Urlaub +nehmen und nach Lausanne oder nach dem +Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man +die große Pression bei der Hand: Organe +der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft +hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber +dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis +streng gewahrt, „weil man +den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren +wolle“. Dies sagte dem armen Leutnant +genug. Wenn er sich nicht weiterhin +willfährig zeige, würde er verraten werden. +„Unbefugte Mitteilungen an die Presse“, vielleicht +gar „Verrat militärischer Geheimnisse“, +– denn was konnte nicht alles als militärisches +Geheimnis angesehen werden! +</p> + +<p> +Ranghöhere Offiziere, die strafweise in +Grenzstationen kommandiert waren, oder +durch die Einöde und die Einförmigkeit zu +Alkohol und Hasard getrieben worden waren, +wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote +von Geldleuten, die geheim im Dienste des +Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit +gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer +haben am Anfang dieses Jahrhunderts +in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +getrieben und sie waren es auch, die u. a. +Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst +zu pressen gewußt hatten. +</p> + +<p> +Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, +an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels +oder anderer Verbrechen schuldig gemacht +hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit +sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen. +Zu dieser Kategorie gehören die +berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte. +Friedrich der Große hat den Meisterdieb +Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten +aus dem Zuchthause von Stettin +holen lassen, damit er vor der Schlacht bei +Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag +auskundschafte. Auch der König der Spione, +Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder +Meinau, der grand espion Napoleons I., war +1805 in die Dienste der geheimen französischen +Militärpolizei getreten, als sein Straßburger +Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem +Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines +Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, +daß er als Leiter des Kundschafterdienstes +geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere +Beschäftigung, als Spione anzuwerben +und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge +zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten! +Da – trotz Lassalle – die Arbeit +stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke +auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun +könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte +und die trotzdem viel Geld verdienten, +mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er +sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen +Diensten hergegeben – wenn er nicht das +Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als +Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich +von Agenten fremder Mächte überwacht +werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre. +Diese Überwachungsorgane hatten bald +das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte +und Untergebene nicht wußten, – daß er +verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene +Umstände weisen sogar darauf hin, +daß jener russische Militärattaché, den Kaiser +Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige +gewesen war, der Redl – allerdings +lange vorher – zum Spionagedienst für Rußland +gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität +seines Gegners erfahren hatte, war +Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie +mußte <a id="corr-14"></a>ihn den Kragen kosten, während +er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe +steigen konnte, bis zum Generalstabschef und +vielleicht noch höher. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +Der Befehl des Platzkommandos Wien, der +sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt +für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, +Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war +bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne +übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche +ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die +Generaldecharge ein, und die Truppen und +Anstalten bestellten Trauerkränze, als am +Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche +absandte: „Das Leichenbegängnis +des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, +ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt. +Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl +ausgegebenen Weisungen außer Kraft +gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.“ +</p> + +<p> +Die Leiche wurde obduziert und dann im +Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein +Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, +die des Toten Bruder (der inzwischen seinen +Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft +liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt +Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem +Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38, +Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Die Schriftstücke, Bücher und photographischen +Platten, die mit dem Verrate Redls +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +in Zusammenhang stehen konnten, wurden in +einen großen Koffer gepackt, den der Chef des +Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren +Untersuchungen in Prag wurden den +Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und +Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär +hatte das Kleinseitner Bezirksgericht +den Notar Dr. Uhlir ernannt, der +die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine +Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in +der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher +auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen +im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im +Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine +ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken +(darunter 195 Oberhemden), Garderobe +mit zehn Uniformmänteln auf Seide und +Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke +und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, +400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, +10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß +eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, +mit dem sich Redl getötet hatte, und der +natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. +Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen +Inhalts. Die Sattelkammer, +wo sich Schabracken, Brustriemen und +Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen +und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das +photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten, +Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen +und Stativen, waren die +reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl +diese von eigens berufenen Tapezierern einer +Wiener Firma eingerichtet war, war sie +äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten +die Nippes von besonderem Geschmack ihres +Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin +z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten +Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand +nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung +gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt, +wozu sich noch ein Vollblutschimmel, +2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über +die bei der Auktion Witze gemacht wurden: +sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen +Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten +ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) +und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing +als weitere Aktivposten gesellten. +</p> + +<p> +Diesem Vermögen standen große Forderungen +gegenüber, die Uniformierungsanstalt +Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond +des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, +die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung +L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, +der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen +eine Forderung von 4400 K samt Zinsen +an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel +Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis, +Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) +und der Diener stellten sich gleichfalls +mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa +45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit +überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte +daher das Prager Landesgericht den Konkurs +über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger +Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die +Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in +einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner +Chotekgasse die Versteigerung des +Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter +den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß +gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen +30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent. +</p> + +<p> +Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion +ein Paket Rollfilms erstanden hatte, +entdeckte, daß einer der Films belichtet war. +Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers +im physikalischen Kabinett der Schule, wobei +die Photographie eines reservat ausgegebenen +Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch +J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat. +Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, +das ihn an das Evidenzbureau des +Generalstabs nach Wien weiterleitete. +</p> + +<p> +Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig +in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es +sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit +um so auffallender ist, als sich +im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, +selbstbeobachtendes Empfinden zu +äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch +junge Offiziere und Soldaten. „Mit Freude +ergreife ich die Feder ...“, – so beginnen die +meisten und mit Geldforderungen enden sie. +Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten +füllte eine Lade seines Schreibtisches: +durchwegs aristokratische Namen. Auf seine +Beziehungen zum böhmischen Adel schien er +sich besonders viel einzubilden, die Erlangung +des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu +sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen +müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag +eine Bürgerkrone zu setzen. +</p> + +<p> +Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager +Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des +Generalstabschefs galt. Aber sie war eine +„fausse maitresse“, nur da, um jeden aufkeimenden +Verdacht der Homosexualität zu +verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, +in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife +erklärend, daß ihr die Rücksicht auf +ihre Freundschaft mit Redl, „die von Dir +immerfort verlangte Wahrung des Dekorums“ +die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ... +</p> + +<p> +Für geistige Betätigungen Redls fanden sich +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte +Bibliothek militärischen Charakters +war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal +aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht, +im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen +gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak, +dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß +auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft +aufgebaut gewesen zu sein. +</p> + +<p> +Redl war groß und breit gewachsen, der +Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des +sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln +nachgeholfen. Er galt als der eifrigste +Mann des Generalstabskorps, als der prompteste +Aktenerlediger (in Deutschland hatte +denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff) +und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, +wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, +die Intrigen zu deren Verheimlichung und +zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, +die Affären mit seinen geheimen Freunden +und seiner öffentlichen Freundin addiert. +</p> + +<p> +Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn +Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k. +u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen +Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine +Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt +geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg +erlebt hätte. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +Während Kaiser Franz Josef die ganze +Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der +die Monarchie betroffen hatte, und gegen den +sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger +Franz Ferdinand auf einem anderen +Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als +für die Armee typisch auf und versuchte mit +allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren. +Er setzte nun mit Verfolgungen ein, +die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei +Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden +ist, bezieht sich der erste auf den Redl’schen +Selbstmord. Es heißt darin: „... Se. kais. +Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir +mit erhobener Stimme: ‚Es ist unchristlich, +einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der +Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und +wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn +zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei! +Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen +Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen? +Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund +ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt +unter dem Galgen die Segnungen der Religion, +– auf den Galgen hätte übrigens dieser +Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig +baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu +befehlen, ist unchristlich.‘ Ich erlaubte mir +zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht +befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +unterbrach mich ungnädig: ‚Nur keine Wortspaltereien! +Genug daran, daß man den +Selbstmord nicht verhindert hat.‘ Auch darüber +war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten, +daß man von der Veranlagung Redls +nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei +ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone +(den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben +wurde.“ +</p> + +<p> +Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt +sich mit der Reorganisation der Kriegsschule +und des Generalstabs, die der Erzherzog +unter dem Eindrucke der Causa Redl +durchführen wollte: +</p> + +<p> +„Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. +Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat +mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit +eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule +durchführen. Die Fälle der absolvierten +Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas +(Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor +allem aber Redls beweisen, daß die Moral +dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen +Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.- +und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs +des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais. +Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung +aller Herren auf diesem Posten und Regeneration +des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt +den Adel zum Gstb. heranziehen, +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die +Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen +könne.“ +</p> + +<p> +Der Erzherzog verkannte die Gründe für +diese Ausartungen von Kriegsschülern und +Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen +in die Kriegsschule waren +überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt +sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur +der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; +die besondere Befähigung für ein oder das andere +Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, +mathematisches oder Sprachentalent) war +eher hinderlich als fördernd, da eine solche +Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen +Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen +Aufwand an Selbstverleugnung, Energie +und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab +erforderlich war, hätte wohl jeder +ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß +solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden +könne, in verbrecherische Betätigungen um +der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte +der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen +Abkunft die Schuld. +</p> + +<p> +Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit +seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte, +wandte sich sein verschärfter Groll gegen das +Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem +Briefe: +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +„Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau +gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei +Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne +daß so etwas auffällt.“ +</p> + +<p> +Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von +Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der +erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des +Generalstabs und der Kriegsminister darauf +hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine +Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a id="corr-19"></a>es +den mit der Technik der Spionenentlarvung +so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der +Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte +auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte +die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines +Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen. +</p> + +<p> +FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen +und Kränkungen, die er durch den +Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer +Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den +Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire +niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht +wird: „Bei den vielen Berührungspunkten, +die zwischen der Militärkanzlei des +Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener +Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, +fühlten ich und mein Personal den Druck des +Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad +von Hötzendorf vertröstete mich mit dem +Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +des Thronfolgers, auf die kommenden +großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit +ergeben werde, dem Thronfolger endlich +klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer +geartetes Verschulden treffe. Man legte mir +vor allem die Zulassung des Selbstmordes als +gegen die christlich-katholische Religion verstoßend, +zur Last. Die zwingenden Motive, +die für den Selbstmord sprachen, waren von +allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden +– ich war nicht der Älteste unter ihnen +und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade +mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft +erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher +Aufwand, speziell sein „Autohalten“ +auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte +die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs, +es war ihm im Korpskommando-Gebäude +in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich +eingeräumt worden; er verfügte daher +über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte +ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor +Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte, +ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, +‚besitzt eigenes Vermögen‘. Solange er mein +Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen, +später, bei der Truppendienstleistung +in Wien und sodann als Generalstabschef in +Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel +nicht verantwortlich machen. +</p> + +<p> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Die Konzentration der Wut des Thronfolgers +auf meine Person war geradezu pathologisch, +es sollte noch ärger kommen. Bei den +großen Manövern des Jahres 1913, die in der +Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens +der Thronfolger ganz besonders hervor, +indem er plötzlich am zweiten Manövertag +die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über +den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des +Generalstabes und der Manöverleitung eine +ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute +ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes +‚Kavalleriekorps‘ auch eine +Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, +das ‚Attachéquartier‘, das ist die Vereinigung +aller fremdländischen Offiziere, die als +Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung +der fremden Offiziere war der Thronfolger +ganz gegen seine bisherige Gewohnheit +bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen +mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, +sprach nicht mit mir, so daß es die fremden +Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten. +So ging es nach den Manövern fort, +bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn +des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus +dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler +einen photographischen Apparat erstanden, +worin noch ein nicht entwickelter Film +lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion. +Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der +Sensationsmeldung, der Film enthielte einen +wichtigen Befehl des Thronfolgers an das +8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen +Stunden lag schon der telegraphische Befehl +aus Konopischt vor, ‚gerichtliche Untersuchung, +die Schuldigen auf das Strengste zu +bestrafen‘. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen +Untersuchung des Falles Redl, die +in Prag geführt wurde, organisationsgemäß +gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich +mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, +daß das Gericht eine Schadensumme festsetze, +die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für +die Heeresverwaltung entstanden ist, womit +ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß +Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich +fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig, +daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem +Wege erworbenen Gelde bereichern, +ganz besonders lag mir daran, daß +nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit +zusammenhingen und die trotz +eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen +Zufall noch vorhanden sein könnten, auf +dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände +kämen, wo sie neues Unheil anrichten +konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann +mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +vernichten, Geld oder Geldeswert einer +wohltätigen Sache zuwenden können oder +dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten +Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert; +so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur +Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich +hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in +Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam +machen, daß der Nachlaß vor Übergabe +an den Notar einer gründlichen Sichtung +vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls +unterzogen werde. Das Korpskommando hatte, +diesem Rate folgend, eine Kommission zur +Durchsicht des Nachlasses bestimmt – und +dennoch konnte es geschehen, daß niemand +daran dachte, den photographischen Apparat, +das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen. +Trotzdem alle diese Tatsachen dem +Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt +mehr denn je von meiner Schuld überzeugt, +wieder half keine Einsprache des Chefs des +Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die +Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen +– es war umsonst, man stand vor einer +Wand! Die Prager Auditoren wurden in +Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man +nicht so schnell absägen, bevor man einen +eingearbeiteten Nachfolger besaß. +</p> + +<p> +Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche +Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, +weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés +in Bukarest, Oberst von Hranilovic, +als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten +habe, weil der Chef des Generalstabes Wert +darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit +der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen +arbeiten. +</p> + +<p> +Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in +Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag +nach einer schweren Operation in einem Sanatorium +in Berlin. Die politischen Wogen gingen +noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres +Gesandten gerade auf diesem heißen Boden +wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät +der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr +Giesl’s auf seinen Posten. Kaum reisefähig, +eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit +erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen, +daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten +gegen den Gesandten bestünden, +um künstlich die Situation zu verwirren, und +zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten +während seiner Reise noch auf österreichischem +Gebiet erfolgen. Ich erhielt den +Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl +ungestört nach Cetinje gelange, weil die +Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in +die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl +wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +ein Torpedoboot gebracht, landete in der +Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen +Dienstposten gebracht wurde. Während +des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte +ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers +in Spalato bald frei würde. – Die Aussicht, +nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale, +ein ruhiges Provinzleben zu führen, +hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage +meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914, +den Kriegsminister um die Vormerkung für +das Brigadekommando in Spalato bat. Zu +meiner größten Überraschung eröffnete mir +der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, +bestimmten Befehl des Thronfolgers, +den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben +der Antrag des Kriegsministeriums gemacht +worden, mir das Brigadekommando Semlin +(an der serbischen Grenze) zu geben, dort +hätte ich Gelegenheit, mich zu ‚rehabilitieren‘! +Also noch immer der alte Groll, – es war +nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers +konnte sich keinem fremden Urteil fügen. +</p> + +<p> +Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord +dieser nur pathologisch zu erklärenden +Verfolgung. Auf ein Glockensignal des +Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos +wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen +sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, +daß er mir einen Befehl des Thronfolgers +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch +folgenden Wortlaut: +</p> + +<p> +‚Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, +daß die Energie und geistige Spannkraft +des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße +gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung +nicht mehr in Betracht kommt und +ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.‘ +</p> + +<p> +Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern: +</p> + +<p> +‚Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen +Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.‘ +</p> + +<p> +Dann nahm die Komödie ihren Fortgang +– – mit dem Arzt wurde ein Kompromiß +geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, +so einigten wir uns denn auf eine ‚Nervosität +mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben +Jahres zweifellos behoben sein wird‘. Diesen +weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich +auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission +an, worauf der Präses der Kommission +den verabredeten Antrag auf Beurlaubung +des Obersten von Urbañski auf sechs +Monate mit Wartegebühr stellte. So war es +zwischen dem Chef des Generalstabes, dem +Kriegsminister und mir besprochen, denn ein +offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers +schien ganz aussichtslos, die Zeiten +nicht danach angetan, daß diese Funktionäre +wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten. +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Ich leistete nun keinen Dienst mehr, +wickelte meine persönlichen Angelegenheiten +ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines +Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei +Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da +nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines +plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, +er wurde in der Presse kommentiert, +Parlamentarier verschiedener Schattierung +beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen +Gegner des Thronfolgers suchten mich +auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. +Unter anderen lud mich ein Erzherzog +zu sich. Auf die Aufforderung, ihm +die volle Wahrheit über meine Maßregelung +ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch +den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, +das mir ein Gespräch über dieses Thema +verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog, +er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, +der mich durch seine Offenheit verblüffte: +‚Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein, +ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette +das Emblême F. J. I. oder W. II. +tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns +darüber klar, daß unser Thron auf schwanker +Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee +ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur +Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns +geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +schon kursieren, und auch in Ihrem Fall +vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet, +das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...‘ +</p> + +<p> +Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe +eine Richtung bestand, die dem Thronfolger +die Eignung für die Nachfolge abzusprechen +bestrebt war – mein Fall sollte dazu beitragen, +den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten. +</p> + +<p> +Ernster war meine Aussprache mit dem +Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des +Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt +über mich in seine Hände kam, +ließ er mich zu sich bitten und empfing mich +mit den Worten: ‚Lieber Urbañski, haben Sie +einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich +davonjagen will?‘ Als ich Exz. Bolfras +die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive +Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er +auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät +nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte +mich in frischester Erinnerung aus vielfachen +Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 +als adjoint militaire d’Autriche-Hongrie der +Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb +tätig gewesen, als die Revolution in der +Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten +Ansturm der serbischen Wut anläßlich der +drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina +durchzuhalten gehabt, Se. Majestät +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +hatte persönlich meine Ansichten über die +voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört. +Während der folgenden Jahre hatte mein +Bureau täglich die informierenden Berichte +über die laufenden kriegerischen Verwickelungen, +Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. +geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn +sein mußten, wenn der Kaiser sein +Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung +hatten zwei russische Militärattachés +der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau +der Spionage überführt, ihren Posten +verlassen müssen, – kurz, ich stand beim +Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir +doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden, +eine für einen Oberst recht seltene +Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 +entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf +einen Generalsposten zu gelangen habe. Und +nun plötzlich die Pensionierung, – der Kaiser +werde unbedingt nach den Gründen fragen. +Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das +ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle +Vorstellungen der verantwortlichen Männer +sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten +Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger, +ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser +sei angesichts des leidenden Zustandes des +Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das +Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras’ liegen. +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +– Dort lag es noch unerledigt, als der +Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit +hierdurch in ein anderes Stadium +trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich +lange gegen die Abhaltung der Manöver in +Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten +feierlichen Einzug des Thronfolgers mit +seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren +doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen +eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits +feindselige Handlungen erwarten +ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger +das politische Besuchsprogramm für Bosnien +durch. Der Chef des Generalstabes mußte als +solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden +politischen Akt wollte er auf keinen +Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise +in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, +daß der Chef den Thronfolger unmittelbar +nach Schluß der Manöver verlassen mußte. +Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt +dieser Reise, traf ihn die Nachricht +des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort +nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach +seiner Ankunft in Wien verständigte mich +Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit +nunmehr eine andere Wendung genommen +habe; wenige Tage später kam ein Schreiben +des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung, +mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Urlaub von meinen Aufregungen und +Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach +der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer +Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando +derselben Division, die ich bis zum +Schluß geführt habe.“ +</p> + +<p> +Damit schließt das Memoire, aus dessen +Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors, +sondern auch des ganzen Generalstabes +spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung „des +Chefs“, der einen seiner Untergebenen einfach +zum Selbstmord kommandiert hat, sondern +auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten +versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche +behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt +und keine aktuelle Kriegsvorbereitung +verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument +des „flaschengrünen Korpsgeistes“, mit +dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen +Generalstab als höchste Klasse der +Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem +Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie +verachteten die Truppe, sie mißachteten das +Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren +handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers +und seiner Militärkanzlei nicht, – sie +duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. +Immer war die Prätorianergarde +mächtiger als der Regent. Selbst der +Weltskandal der Redl-Affäre gab dem Erzherzog +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz +aller Mühen und Anstrengungen einen ihm +(allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu +beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde +noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet +und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja, +der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt +wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt +und wie ein Hohn der Überlebenden +klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme +dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers. +Natürlich war die Haltung des Erzherzogs +von der Wut darüber bestimmt, daß +seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand, +und seinem Hochmut der Hochmut +der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. +Der Generalstab ließ keinen der Seinen +vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor +durfte einen Generalstäbler verurteilen, – deshalb +Redls Selbstmord. +</p> + +<p> +Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle +entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen +der Armee gewußt und um alle aktuellen +Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander +hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein +Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch +wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten +Nachrichten hätte liefern müssen, das, was +man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer +Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Spion. Mit einem einzigen +Wort konnte man ihn zwingen. +</p> + +<p> +So einzigartig der Kriminalfall Redl auch +scheinen mag, – er wird sich immer in irgendeiner +Form wiederholen. Denn die Staaten +sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens, +das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod +durch den Strang oder mit der Verbannung +nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando +zum Selbstmord. +</p> + +<div class="ads chapter"> +<p class="ser"> +<span class="line1">In der Sammlung</span><br /> +<span class="line2">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br /> +<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span><br /> +<span class="line4">sind bis jetzt folgende Bände erschienen:</span> +</p> + + <div class="table"> + <div class="volumes"> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 1: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">ALFRED DÖBLIN</span><br /> +DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND<br /> +IHR GIFTMORD +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 2: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">EGON ERWIN KISCH</span><br /> +DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br /> +REDL +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 3: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br /> +DER MORD AM<br /> +POLIZEIAGENTEN BLAU +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 4: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">ERNST WEISS</span><br /> +DER FALL VUKOBRANKOVICS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 5: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">IWAN GOLL</span><br /> +GERMAINE BERTON,<br /> +DIE ROTE JUNGFRAU +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 6: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">THEODOR LESSING</span><br /> +HAARMANN, DIE GESCHICHTE<br /> +EINES WERWOLFS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 7: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">KARL OTTEN</span><br /> +DER FALL STRAUSS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 8: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">ARTHUR HOLITSCHER</span><br /> +DER FALL RAVACHOL +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 9: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">LEO LANIA</span><br /> +DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 10: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">FRANZ THEODOR CSOKOR</span><br /> +SCHUSS INS GESCHAEFT<br /> +DER FALL OTTO EISSLER +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 11: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">THOMAS SCHRAMEK</span><br /> +FREIHERR VON EGLOFFSTEIN<br /> +Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 12: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">KURT KERSTEN</span><br /> +DER MOSKAUER PROZESS GEGEN<br /> +DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922 +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 13: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">KARL FEDERN</span><br /> +DER PROZESS MURRI-BONMARTINI +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 14: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">HERMANN UNGAR</span><br /> +DIE ERMORDUNG<br /> +DES HAUPTMANNS HANIKA +</p> + + </div> + </div> + </div> +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="s c"> +Ferner erscheinen noch Bände von: +</p> + +<p class="c"> +HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, +E. I. GUMBEL, WALTER HASENCLEVER, GEORG +KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS, +EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ +SCHICKELE, JAKOB WASSERMANN, ALFRED +WOLFENSTEIN. +</p> + +</div> + +<p class="printer"> +OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p class="skip_in_txt"> +Das Cover wurde vom Bearbeiter den ursprünglichen +Bucheinbänden der Serie nachempfunden und der <i>public domain</i> zur Verfügung gestellt. +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <span class="underline">Linse</span> ...<br /> +... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a href="#corr-0"><span class="underline">Linsen</span></a> ...<br /> +</li> + +<li> +... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...<br /> +... Armer Major Vorlicek<a href="#corr-2"><span class="underline">!</span></a> Vor seinem Hause ...<br /> +</li> + +<li> +... aufgetauchten <span class="underline">Gerüchten</span> ersucht, ...<br /> +... aufgetauchten <a href="#corr-9"><span class="underline">Gerüchte</span></a> ersucht, ...<br /> +</li> + +<li> + (mehrfache Fälle)<br /> +... Redls und des Auditors Dr. <span class="underline">Seeliger</span> dorthin. ...<br /> +... Redls und des Auditors Dr. <a href="#corr-10"><span class="underline">Seliger</span></a> dorthin. ...<br /> +</li> + +<li> +... mußte <span class="underline">ihm</span> den Kragen kosten, während ...<br /> +... mußte <a href="#corr-14"><span class="underline">ihn</span></a> den Kragen kosten, während ...<br /> +</li> + +<li> +... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <span class="underline">er</span> ...<br /> +... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a href="#corr-19"><span class="underline">es</span></a> ...<br /> +</li> +</ul> +</div> + + +<pre style='margin-top:6em'> +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + +This file should be named 63991-h.htm or 63991-h.zip + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given +away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks +not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country outside the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you will have to check the laws of the country where + you are located before using this ebook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm web site +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The +Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm +trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +</pre> +</body> +</html> diff --git a/63991-h/images/cover.jpg b/63991-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b2bfb21 --- /dev/null +++ b/63991-h/images/cover.jpg diff --git a/63991-h/images/logo1.jpg b/63991-h/images/logo1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..65381b9 --- /dev/null +++ b/63991-h/images/logo1.jpg diff --git a/63991-h/images/logo2.jpg b/63991-h/images/logo2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5c92f90 --- /dev/null +++ b/63991-h/images/logo2.jpg diff --git a/63991-h/images/portrait.jpg b/63991-h/images/portrait.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..96cc211 --- /dev/null +++ b/63991-h/images/portrait.jpg diff --git a/63991-page-images.zip b/63991-page-images.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2038e4f --- /dev/null +++ b/63991-page-images.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..d8db1ba --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #63991 (https://www.gutenberg.org/ebooks/63991) diff --git a/old/63991-0.txt b/old/63991-0.txt new file mode 100644 index 0000000..02ed891 --- /dev/null +++ b/old/63991-0.txt @@ -0,0 +1,2321 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon +Erwin Kisch + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl + Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band + 2 + +Author: Egon Erwin Kisch + +Editor: Rudolf Leonhard + +Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Jens Sadowski + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + + + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + + + + + AUSSENSEITER + DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + + + HERAUSGEGEBEN VON + RUDOLF LEONHARD + + BAND 2 + + + VERLAG DIE SCHMIEDE + BERLIN + + + + + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS + REDL + + + VON + EGON ERWIN KISCH + + + VERLAG DIE SCHMIEDE + BERLIN + + + EINBANDENTWURF + GEORG SALTER + BERLIN + + + 6.-10. TAUSEND + + Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin + + + + + + +Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des +Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf +bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses +Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage +politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters +kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen, +Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis +in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen +Armee als mißglückt entschied. + +Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden +gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so +hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als +undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche +Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er +verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld +er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag +gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses +Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof +und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die +Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander +widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten. + +Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem +Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der +Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär +jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte +und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung +dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre +verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des +Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang +viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die +Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand +durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art +zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte. +Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter +seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des +Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich +dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine +authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den +unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu +bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten. + +Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die +damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren, +Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den +nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef +im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen +stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr. +Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen +Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten +Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert +Grafen Sternberg zugrunde. + + + + + + +Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit +der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das +Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die +Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl +hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle +innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage +Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der +Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder +Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert, +jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne +daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren +Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die +vom Nebenzimmer aus bedient wurden. + +Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden, +ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der +einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder +Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch +Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte, +waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren +ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, -- +neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf +dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate +Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit +Seidenpulver bestreut. + +In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten +mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im +Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in +Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine +Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel +konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand +projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so +daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war, +von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit +Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller +spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in +Brüssel, Zürich und Lausanne. + +Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als +Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert: +unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß +der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein +energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers +Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die +Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des +Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt. +Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten +Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine +Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben +Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese +Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu +verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein +Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem +Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren +gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder +abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun +Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er +die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen +wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das +er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von +einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als +richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der +in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte +dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert +werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen +Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf +eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann +mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das +Verfahren gegen ihn einstellte. + +Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr +noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte. +Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung +befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler +vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der +jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm +sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den +15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung +etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte, +während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen +Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte. +Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als +Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier, +man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das +Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war, +hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die +Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen +die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen +Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und +bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen +Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die +Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden +Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil +sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen +Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand +brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der +antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten. + +Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren +hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der +Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das +Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom +Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti +aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen +Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo +der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese +ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in +militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene +vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des +Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze +Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur +Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig, +wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen +hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche +Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter +anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst +Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden +daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche +Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball -- +davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei. + + * * * * * + +Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die +postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien +erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen +Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine +sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war +anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es +sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem +Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug +150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau +jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse +war mit Schreibmaschine geschrieben. + +Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu +bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die +Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische +Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des +Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer +sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung +der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium +transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem +nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach +den Briefen, in denen so viel Geld war. + +Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, +weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen +Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur +Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit +Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der +Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war +der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen +stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos +hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein +Mietsauto. + +Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die +beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des +Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten +Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt« +gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung +gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen +Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem +Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden +Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung +angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. + +Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine +Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«. + +Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den +Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit +ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken +sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden +müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei. +Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten +vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das +Auto hält. Es ist leer. + +»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?« + +»Ins Café Kaiserhof.« + +»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.« + +Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und +finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem +Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der +Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der +so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort +weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am +Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren +kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als +Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr +befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.« + +Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht. +»Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus +Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i +net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil +war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.« + +Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn +gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer +Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd +nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im +Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des +österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des +angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es, +wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun +zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der +Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen! + +Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer +von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt +bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind. +Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch +anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl +die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade +hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine +der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem +Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste +frage, wem es gehört. + +Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und +legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben +Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der +Portier. + +»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen +gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...« + +Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser +benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe +aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut +den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem +Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen. + +Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe, +nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen +Stunden werde ich tot sein. + +Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse +rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er +wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich +kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des +Restaurants Klomser treten. + +Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 +aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie, +daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl +gehört.« + +Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst +Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße +ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur +Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der +alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café +Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, +der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten +sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens +kaltblütig versucht! + +Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom +Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. +Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in +beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr +Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger +Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur +Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe +ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die +Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die +anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist +kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von +Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im +Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die +Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von +Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den +Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als +Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball +13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und +dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann +keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl. + +Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung +haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie +gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere +aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, +deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) +und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die +Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der +Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die +Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, +und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst +kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und +bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto +ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind +Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen +Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe +nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem +Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland +war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten +sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da +Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die +Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter +überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen +italienischen Spionagezentrale. + +Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit +militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den +Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung +abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen +Gerechtigkeit entziehe? + +Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum +Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt +ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. +Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er +im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag +angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben +verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein +wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht +wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die +fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher +Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der +die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder +bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere, +binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon +Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er +den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und +dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich +vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo +sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem +Prager Zug eingetroffen war. + +In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein +junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange +Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in +Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund +wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. +fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. +Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es +sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren. + +»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge +den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem +Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren +Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land +fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran +nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück. + +Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim +Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer +Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf +den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«, +der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ... + +»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen +bitten?« + +»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!« + +Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch +den Speisesaal. + +In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf +Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er +kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite +dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung +braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die +Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein +Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im +verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den +oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß +ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, -- +sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt +nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten +aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die +Entscheidung aus: + +»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie +weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!« + +Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab +die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas +bekannt wird. + +»Er selbst, Exzellenz ...?« + +»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich +verstanden worden, Herr Oberst?« + +»Zu Befehl, Exzellenz!« + +»Heute nacht muß alles geschehen!« + +»Zu Befehl, Exzellenz!« + +»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst! +Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und +dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind +direkt an mich zu erstatten.« + +»Zu Befehl, Exzellenz.« + +Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte, +und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser +ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert +hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei +der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster +Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von +Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial +über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten +gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der +in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die +(den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese +zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und +Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in +der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper +überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er +eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in +seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem +Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die +Einsilbigkeit des Tischgenossen. + +Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich +seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen, +seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu +flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung +ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend? + +Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut +sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt +seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen +Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt +sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß +sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt +dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich +seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen +möchte. + +Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon +hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und +schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung +des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in +persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt +sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei +anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen +Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch +im Amt. + +»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt +er. + +»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.« + +»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?« + +»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?« + +»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er +spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen +hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag +ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?« + +»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. +Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich +morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich +gerne tun.« + +Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht +erzielen. + +Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind +inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs +gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und +suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im +IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k. +Majorauditor«. + +Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In +seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen +Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. +Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er +sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um +11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des +Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, +und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit +wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt +verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts +machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den +Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen. + +Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: +Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der +Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, +erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren +vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge +eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café +Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der +Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man +Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber +auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort +bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor +der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet. + + * * * * * + +Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der +Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins +Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin +muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. +Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist +in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben. + +Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht. + +»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich +habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu +schreiben.« + +Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene +Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps +adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines +Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte +eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als +die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu +haben.) + +Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen. + +»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er. + +Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und +Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager +Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich +damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine +Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?« + +Oberst Redl: »Nein.« + +Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr +Redl.« + +Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.« + +Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen +werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning +zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen. + +Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der +Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode +entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein +Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann +wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, +kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama +seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines +der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier +auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse +bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht +hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen +gehen.« + +Wie spät ist es? + +Melde gehorsamst: Fünf Uhr. + +Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung« +der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, +6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird +also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer +von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in +der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort +über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache +sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die +höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein +anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef +Spionage getrieben habe. + +Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er +feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot +auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende +Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt +worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous +geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, +er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese +Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines +vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere +eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, +wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu. + +»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten. +Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.« + +Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf +Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit +die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem +fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. +Man wartete aber nicht länger am Apparat. + +Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von +einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und +Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. +Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, +in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt +und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken +Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war +durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot +zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch +fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des +Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. +Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: +»Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich +büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.« + +Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt +sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für +mich.« + +Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten -- +jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die +Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die +Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. +Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus +nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. +In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den +Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem +aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, +sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern +Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und +wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. +Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem +Mörder. + +So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, +was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, +der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten +eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben +hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon +nichts gesagt? + +Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan? + +Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des +Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und +Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu +beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen +Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der +Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er +sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er +wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die +Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der +Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch +der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine +Ahnung: von der Spionage. + +Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die +Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals +geschafft. + +Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den +Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der +hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat +sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit +an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn +dienstliche Aufgaben geführt hatten ...« + +Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach +Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem +Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in +Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord +begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl +das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem +österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief +bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den +Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt +miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum +Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt +war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun +erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und +konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, +die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des +Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen +werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke. + + * * * * * + +»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus, +der mir von dieser Dienstreise erzählt. + +»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend, +kein Professionist.« + +»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?« + +»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.« + +FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und +bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers +Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der +Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen. + +»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der +Schubfächer verraten können?« + +»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch. + +»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.« + +»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig. + +Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein: +am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub +»Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des +»Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage: + + DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3). + Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl + seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das + Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht + imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln. + +Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der +Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp +vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen +der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner +pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner +aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines +Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar +nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam. + +»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige +Endback zu entschuldigen. + +»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend. + +»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt +und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß +aufbrechen.« + +»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir +haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.« + +»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann +alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission +aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach +Photographien von Plänen.« + +»So? Und wem gehört die Wohnung?« + +»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.« + +»Und der General war nicht da?« + +»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.« + +Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, +ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar +nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine +Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie +der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat +und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: +»Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch, +daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, +lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die +parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen +sich die Wiener Herren notiert haben. + +Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des +Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter +Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und +wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen +Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist, +ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt +einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung +ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung +mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man +riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in +Form eines Dementis bringen. »Von hervorragender Seite werden wir um +Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte +ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der +bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat +militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben +habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und +einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die +Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag +geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen, +usw.«. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist +so, wie wenn man sagt: »Der X. ist kein Falschspieler.« Aber +konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der +Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das +Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das +Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen +ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und +Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen +des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion +Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im +Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte. + +Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß +aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen +usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht, +Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze +Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen +Union-Holeschovice. + + * * * * * + +Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des +Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich +überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene +Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster +vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß +die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall +zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch +erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln, +Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf. + +Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte, +daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von +Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl +war homosexuell gewesen. + +Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von +der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der +hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn +Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte. + +»Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten, +und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du +mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, +daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am +Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch +die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr +keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was +sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich +warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß +nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?), +könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den +versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du +nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde +dann ...« + +Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen +worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu +beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch +Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel +scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den +Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, +das bewacht war. + +Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des +Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er +vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und +habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den +Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er +-- wegen widernatürlicher Unzucht -- zu drei Jahren schweren Kerkers +verurteilt. + +Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein +bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da +Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit +war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler +von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner +Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen +getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken +überhäuft. + +Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: +Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über +gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in +seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten +Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate +photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen +Generalstabsbücher -- des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke -- +verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und +Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle +über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von +Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert +und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz +Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich +auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen. + +Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete +Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen, +Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen +von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, -- so +allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die +sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück, +die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner +Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa +das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren +Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei +seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien +bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen, +daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand +betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft +zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und +eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren +in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in +Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt +Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen +müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der +österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des +Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner +Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg. +Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg. + + * * * * * + +Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und +Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein +so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord +Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er +habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben +vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903 +wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo, +Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im +Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu +haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf +freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden +seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen +hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters +und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate +später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des +nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die +Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende +Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften +Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch +den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an +der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo +nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch +seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen »Karl Weber« in +Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen +wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den +gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war, +wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium +des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung +mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen +russischen Paß vor, der auf den Namen »Karl Weber« lautete, und stellte +sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß +ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine +Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des +österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe +sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den +österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der +Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen +Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle. +Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der +wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische +Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de +Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde +Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er +war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die +tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien +kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über +seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser +interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase +durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck, +unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung +auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so +weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates +vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und +Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen +Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt +hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke +gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für +Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde +Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel +wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden +Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne +(weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt +hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und +gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen +geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der +Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts +wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in +ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal +in treffender Weise: »Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen +Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den +Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.« + +Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major +Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau. +Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den +weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des +Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in +dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung. +Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von +Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des +Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr +befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl +beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es +zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel +zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind +richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz +glücklich war. »Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine +Briefe versteckt?« fragte Redl. »Natürlich,« lachte das Kind und lief in +das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und +deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück +umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen +drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden +Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg +zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die +widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen +Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine +Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski. + +Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden +worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am +Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer +großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die +beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, -- Majorauditor +Haberditz war gerade abwesend, -- wollte Redl von Dr. Seliger einen +streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im +Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine +Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit +darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach +Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der +Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag +ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach +Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, +Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die +Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen +fortgesetzt wurden. + +Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er +anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte, +ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen. +Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal +unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage +stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung, +nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst +Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka +gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend +einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht +entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst +Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen +bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl +wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders +seine hemmenden Einwände. + +Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der +angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen +Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim +Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im +Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier »H« ein Stückchen +der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war +tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in +trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß +der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden +sei, wie er sich beim Dossier »H« zu schaffen machte, daß darauf eine +Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich +ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage +darauf standrechtlich gehenkt worden sei. + +Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so +ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan +Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt +haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich +erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der +Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt +einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den +Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als +Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos, +sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische +Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und +mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive +österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische +Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an +Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt +haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des +Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die +Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei +einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer +Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren »Loyalität« +überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem +russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich +arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen +auslieferte. + +Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf +Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben. + +Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für +Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode +überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert. +Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und +hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; +auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller, +der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war. +Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren +jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller +verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der +russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein +und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche +Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen +Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des +Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg +zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher +freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe +beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst +Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte +seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls +erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete +nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es +nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie +verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war +jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst +wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf +Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul +und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese +Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl +gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren +Tode ausgeliefert habe. + +Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am +Weltkrieg. »Dieser Schurke,« sagt er von Redl, »hat jeden +österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten +wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen +aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione +erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre +1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze +österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, -- daher unsere +Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten +unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.« + +Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle +österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland +tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten +erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich, +ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen +verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der +österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar +bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der +Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten +stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der +ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten +militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was +man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, +wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er +sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand. + +Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur +Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich +ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der +sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, +bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder +holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der +Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem +schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas +ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese +Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein +Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten« +Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm +einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub +nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, +so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der +österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem +Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das +Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter +doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn +er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. +»Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat +militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als +militärisches Geheimnis angesehen werden! + +Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert +waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard +getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von +Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren +Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am +Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen +getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht +zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten. + +Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die +sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und +unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst +aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der +Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas +Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von +Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand +der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, +Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion +Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen +Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten +war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines +Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des +Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine +zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu +entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu +überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den +Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der +Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die +armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld +verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig +wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das +Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung +mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die +wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten +bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene +nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. +Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische +Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, +derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum +Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität +seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser +Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher +von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und +vielleicht noch höher. + + * * * * * + +Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum +Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im +k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der +Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof +exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und +Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der +Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis +des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in +aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl +ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.« + +Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof +geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des +Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der +Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, +Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. +38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben. + + * * * * * + +Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem +Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen +Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die +weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. +Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär +hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der +die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 +h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag +von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im +Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten +Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn +Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, +Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar +Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. +Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl +getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die +Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die +Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus +Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das +photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven, +Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen +Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der +Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener +Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig +zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine +alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen +versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im +ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h +geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, +die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie +hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese +Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der +Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten +gesellten. + +Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die +Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des +k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der +Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der +Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K +samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und +Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte +übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der +Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven +etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. +November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über +das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, +die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume +in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses +vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß +gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, +d. i. 17 Prozent. + +Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms +erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er +entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der +Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen +Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage +trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das +Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete. + +Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung +standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind +Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, +als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, +selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren +jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder +...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine +Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines +Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen +zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die +Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig +hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem +Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen. + +Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die +als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse +maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu +verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld +verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre +Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des +Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ... + +Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die +vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht +bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er +nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine +Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint +bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen +zu sein. + +Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der +Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln +nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als +der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon +im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, +wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren +Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, +die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen +Freundin addiert. + +Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war +Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren +aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres +Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte. + + * * * * * + +Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall +betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich +nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem +anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch +auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu +konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode +dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, +bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin: +»... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit +erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu +begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man +noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine +Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte +Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder +Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der +Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. +Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, +ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja +nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich +ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den +Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit +äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt +habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die +Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.« + +Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der +Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog +unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte: + +»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn +Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit +eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle +der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und +Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort +faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen +die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte +sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung +aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man +müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil +bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.« + +Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen +von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und +Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der +Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der +krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein +oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, +mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da +eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen +Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, +Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich +war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher +Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische +Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der +Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld. + +Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen +einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das +Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe: + +»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier +ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas +auffällt.« + +Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der +Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs +und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine +Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der +Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der +Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. +Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines +Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen. + +FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er +durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat +auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire +niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen +Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und +dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten +ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. +Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den +oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden +großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger +endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden +treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen +die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden +Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen +Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste +unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich +heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein +angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen +sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines +Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag +eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte +daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner +Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht +hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes +Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto +besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als +Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht +verantwortlich machen. + +Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu +pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des +Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens +der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten +Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des +gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine +ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch +wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle +spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das +ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den +Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der +Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen +abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach +nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen +mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate +später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus +dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen +Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. +Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer +Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der +Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des +Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag +schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche +Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich +auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag +geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, +hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht +eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls +für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß +der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es +vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf +verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag +mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit +zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen +bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung +in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die +Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes +vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können +oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag +nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur +Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, +ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam +machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen +Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. +Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur +Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen, +daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste +Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem +Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld +überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des +Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen -- +es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in +Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, +bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß. + +Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe +des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort +die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als +meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des +Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der +Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten. + +Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der +Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in +Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die +Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr +schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste +Rückkehr Giesl's auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl +nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten +Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den +Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar +sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch +auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu +sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die +Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro. +Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein +Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er +ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des +Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten +des Brigadiers in Spalato bald frei würde. -- Die Aussicht, nach Jahren +aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen, +hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien, +am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das +Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete +mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten +Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben +der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das +Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte +ich Gelegenheit, mich zu >rehabilitieren<! Also noch immer der alte +Groll, -- es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich +keinem fremden Urteil fügen. + +Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch +zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des +Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit +Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir +einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte +meritorisch folgenden Wortlaut: + +>Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und +geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten +haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt +und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.< + +Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern: + +>Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil +bleiben werde.< + +Dann nahm die Komödie ihren Fortgang -- -- mit dem Arzt wurde ein +Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir +uns denn auf eine >Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines +halben Jahres zweifellos behoben sein wird<. Diesen weisen +medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der +Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den +verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs +Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des +Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener +Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos, +die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner +Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr, +wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur +Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz +zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde +meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in +der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider +Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers +suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter +anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die +volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich +mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein +Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der +Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch +seine Offenheit verblüffte: >Ihnen kann es schließlich gleichgültig +sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J. +I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar, +daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die +Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist, +dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon +kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu +geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...< + +Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem +Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war -- +mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu +erhärten. + +Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr. +Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über +mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich +mit den Worten: >Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel +gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?< Als ich Exz. Bolfras +die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt +hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht +vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus +vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint +militaire d'Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in +Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich +hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden +Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät +hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der +Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich +die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen +Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon +um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein +Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische +Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der +Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, -- kurz, ich stand +beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten +1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene +Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe +des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich +die Pensionierung, -- der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen +fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des +Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei, +dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und +Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei +angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So +blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras' liegen. -- Dort +lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine +Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des +Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in +Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des +Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in +meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit +serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem +setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch. +Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an +dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen, +weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß +der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen +mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn +die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu +kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz. +v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen +habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums +gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen +Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen +brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und +erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß +geführt habe.« + +Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die +Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes +spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung »des Chefs«, der einen +seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch +den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im +Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine +aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein +Dokument des »flaschengrünen Korpsgeistes«, mit dem sich die Korpsbrüder +vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der +Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen. +(Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das +Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten +auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, -- sie duldeten +keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die +Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der +Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz +aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos) +mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch +durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang +vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem +Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der +Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes +nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des +Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des +Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der +doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen +der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen +Generalstäbler verurteilen, -- deshalb Redls Selbstmord. + +Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden +Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen +Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der +Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht +aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das, +was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer +Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem +einzigen Wort konnte man ihn zwingen. + +So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, -- er wird sich +immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die +Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit +dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel +oder mit dem Kommando zum Selbstmord. + + + + + In der Sammlung + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART -- + sind bis jetzt folgende Bände erschienen: + + + Band 1: + + ALFRED DÖBLIN + DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND + IHR GIFTMORD + + Band 2: + + EGON ERWIN KISCH + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS + REDL + + Band 3: + + EDUARD TRAUTNER + DER MORD AM + POLIZEIAGENTEN BLAU + + Band 4: + + ERNST WEISS + DER FALL VUKOBRANKOVICS + + Band 5: + + IWAN GOLL + GERMAINE BERTON, + DIE ROTE JUNGFRAU + + Band 6: + + THEODOR LESSING + HAARMANN, DIE GESCHICHTE + EINES WERWOLFS + + Band 7: + + KARL OTTEN + DER FALL STRAUSS + + Band 8: + + ARTHUR HOLITSCHER + DER FALL RAVACHOL + + Band 9: + + LEO LANIA + DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS + + Band 10: + + FRANZ THEODOR CSOKOR + SCHUSS INS GESCHAEFT + DER FALL OTTO EISSLER + + Band 11: + + THOMAS SCHRAMEK + FREIHERR VON EGLOFFSTEIN + Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN + + Band 12: + + KURT KERSTEN + DER MOSKAUER PROZESS GEGEN + DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922 + + Band 13: + + KARL FEDERN + DER PROZESS MURRI-BONMARTINI + + Band 14: + + HERMANN UNGAR + DIE ERMORDUNG + DES HAUPTMANNS HANIKA + + * * * * * + + Ferner erscheinen noch Bände von: + + HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER + HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO + MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB + WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN. + + + OHLENROTH'SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT + + + Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 10]: + ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linse ... + ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen ... + + [S. 32]: + ... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ... + ... Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause ... + + [S. 45]: + ... aufgetauchten Gerüchten ersucht, ... + ... aufgetauchten Gerüchte ersucht, ... + + [S. 55]: (mehrfache Fälle) + ... Redls und des Auditors Dr. Seeliger dorthin. ... + ... Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. ... + + [S. 66]: + ... mußte ihm den Kragen kosten, während ... + ... mußte ihn den Kragen kosten, während ... + + [S. 76]: + ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem er ... + ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + +***** This file should be named 63991-0.txt or 63991-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given +away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks +not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country outside the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you will have to check the laws of the country where + you are located before using this ebook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm web site +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The +Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm +trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/63991-0.zip b/old/63991-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..57480ee --- /dev/null +++ b/old/63991-0.zip diff --git a/old/63991-h.zip b/old/63991-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a87da67 --- /dev/null +++ b/old/63991-h.zip diff --git a/old/63991-h/63991-h.htm b/old/63991-h/63991-h.htm new file mode 100644 index 0000000..892edff --- /dev/null +++ b/old/63991-h/63991-h.htm @@ -0,0 +1,3932 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon Erwin Kisch</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <!-- TITLE="Der Fall des Generalstabschefs Redl" --> + <!-- AUTHOR="Egon Erwin Kisch" --> + <!-- EDITOR="Rudolf Leonhard" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Die Schmiede, Berlin" --> + <!-- DATE="1924" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +.halftitle { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; } +.halftitle .line2 { font-size:0.8em; } +.logo1 { margin-top:2em; margin-bottom:2em; } +.logo2 { margin-top:4em; margin-bottom:1em; } +.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em; + font-size:1.5em; font-weight:bold; } +.ser .line3{ font-size:0.67em; } +.ed { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:1em; } +.vol { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em; + font-size:1.5em; font-weight:bold; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } +.designer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; } +.run { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:0.5em; + font-size:0.8em; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; + page-break-before:always; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.first { text-indent:0; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.tb { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; } +p.tb span.u{ vertical-align:40%; } +p.tb span.l{ vertical-align:-15%; } +p.block { margin:1em; text-indent:0; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +/* ads */ +div.ads { margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:40em; font-size:0.8em; + margin-top:1em; } +div.ads .ser { margin-bottom:0.5em; } +div.ads .ser .line1 { font-size:0.8em; } +div.ads .ser .line2 { font-size:1.25em; } +div.ads .ser .line3 { font-size:0.8em; } +div.ads .ser .line4 { font-size:0.8em; } +div.ads div.table { text-align:center; } +div.ads div.volumes { display:table; margin-left:auto; margin-right:auto; + border-collapse:collapse; } +div.ads .r { display:table-row; } +div.ads .v { display:table-cell; text-indent:0; text-align:left; vertical-align:top; + padding-top:0.5em; } +div.ads .t { display:table-cell; text-indent:0; text-align:center; vertical-align:top; + padding-top:0.5em; } +div.ads .t .firstline { font-size:1.25em; } +div.ads .c { text-indent:0; text-align:center; } +div.ads .s { font-size:0.8em; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +.logo1 img { max-width:10em; margin-bottom:5em; } +.logo2 img { max-width:5em; } +.portrait img { max-width:80%; } + +@media handheld { + body { margin-left:0; margin-right:0; } + a.pagenum { display:none; } + a.pagenum:after { display:none; } + + div.ads { max-width:inherit; } +} + +</style> +</head> + +<body> +<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon +Erwin Kisch + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this ebook. + +Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl + Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band + 2 + +Author: Egon Erwin Kisch + +Editor: Rudolf Leonhard + +Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Jens Sadowski + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** +</pre> +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="halftitle"> +<span class="line1">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br /> +<span class="line2">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span> +</p> + +<div class="centerpic logo1"> +<img src="images/logo1.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="ser"> +<span class="line1">AUSSENSEITER</span><br /> +<span class="line2">DER GESELLSCHAFT</span><br /> +<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span> +</p> + +<p class="ed"> +HERAUSGEGEBEN VON<br /> +RUDOLF LEONHARD +</p> + +<p class="vol"> +BAND 2 +</p> + +<div class="centerpic logo2"> +<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div> + +<p class="pub"> +VERLAG DIE SCHMIEDE<br /> +BERLIN +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br /> +REDL +</h1> + +<p class="aut"> +VON<br /> +EGON ERWIN KISCH +</p> + +<div class="centerpic logo2"> +<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div> + +<p class="pub"> +VERLAG DIE SCHMIEDE<br /> +BERLIN +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="designer"> +EINBANDENTWURF<br /> +GEORG SALTER<br /> +BERLIN +</p> + +<p class="run"> +6.-10. TAUSEND +</p> + +<p class="cop"> +Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic portrait"> +<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="intro" id="part-1" title="Vorwort"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat +der erzwungene Selbstmord des Prager Korps-Generalstabschefs +Oberst Alfred Redl und die +bald darauf bekannt gewordene Tatsache seiner +Spionagetätigkeit beispielloses Aufsehen +hervorgerufen, was durch die gespannte europäische +Lage politisch und durch den Rang +und den Wirkungskreis des Täters kriminalistisch +begründet war. Gerüchte, Interpellationen, +Beschuldigungen, Verdächtigungen +und Kombinationen überstürzten sich bis in +den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der +österreichisch-ungarischen Armee als mißglückt +entschied. +</p> + +<p> +Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu +freiwilligem Hinscheiden gewesen war, den +monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu +schaffen, so hat man auch nachher, als sich +dieser Plan schon längst als undurchführbar +erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, +für welche Großmächte der Generalstabsoberst +seine Spionage betrieben, was er +verraten, wohin er die militärischen Dokumente +geliefert, wieviel Geld er dafür bekommen, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +und wer schließlich den ungeheuerlichen +Auftrag gegeben hatte, daß sich ein +Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses +Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung +dieses Vorfalles auf Hof und Wehrmacht +äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung +der Tat und die Überführung des +Täters wurden nur Darstellungen bekannt, +die einander widersprachen oder die die Wahrheit +verschleiern sollten. +</p> + +<p> +Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, +d. h. vor allem dem Evidenzbureau des +Generalstabs wurde von den verschiedensten +Seiten der Vorwurf gemacht, daran schuld zu +sein, daß ein so hochgestellter Militär jahrelang +ungehindert das Gewerbe eines Spions +auszuüben vermocht hatte und daß durch +den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle +Aufklärung dieser politisch, militärisch und +historisch wichtigen Kriminalaffäre verhindert +worden sei. Im besonderen wurde der +damalige Chef des Evidenzbureaus August +Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang +viel genannt. Als nun ein Jahr nach +der Aufdeckung des Falles die Nachricht von +der Versetzung General Urbañskis in den +nichtaktiven Stand durch die Presse ging, +war es begreiflich, daß man solcher Art zumindest +an ein Verschulden des Evidenzbureaus +glauben mußte. Feldmarschall-Leutnant +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der +Großmutter seiner Gattin, der Frau Reinighaus, +deren Sohn mit der Gattin des Feldmarschalls +Conrad von Hötzendorf vermählt +gewesen ist. Dort habe ich dem Chef des +Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, +durch eine authentische Darstellung an +Hand von Aufzeichnungen über den unaufgeklärt +gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte +zum Verstummen zu bringen, die das Evidenzbureau +mit der Affäre in Zusammenhang +brachten. +</p> + +<p> +Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten +und Äußerungen von Beamten, die damals +militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen +waren, Material gewonnen; außer den +Mitteilungen Urbañskis, liegen den nachfolgenden +Darstellungen u. a. Äußerungen +vom jetzigen Sektionschef im tschechoslovakischen +Ministerium des Innern, Dr. Novak, +des jetzigen stellvertretenden Generalauditors +der tschechoslovakischen Armee Dr. Vorlicek, +des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen +Armee W. Haberditz, des Obersten +Emil Seeliger, des emeritierten Auditors +Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten +Adalbert Grafen Sternberg zugrunde. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="main" id="part-2" title="Der Fall des Generalstabschefs Redl"> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in +welcher Österreich-Ungarn seit der Annexion +Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 +das Evidenzbureau des Generalstabes übernommen +hatte, bemüht sein, die Kundschafterstelle +auszubauen. Unter seinem Vorgänger +General von Giesl hatte der damalige Major +Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle +innegehabt, welcher die gesamte aktive +und passive Spionage Österreich-Ungarns unterstand, +d. h. die Organisation der Auskundschaftung +fremder Militärverhältnisse und die +Abwehr fremder Spionage im Inlande. Das +Bureau war kriminalistisch modern organisiert, +jeder geheime Besucher wurde im Profil +und en face photographiert, ohne daß er davon +wußte, denn in zwei Gemälde, die an +der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a id="corr-0"></a>Linsen +photographischer Apparate eingeschnitten, +die vom Nebenzimmer aus bedient wurden. +</p> + +<p> +Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke +hergestellt werden, ohne daß er +es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte +mit der einen Hand dem Besucher oder +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +der Besucherin Zigarrenschachtel oder Bonbonniere +hin, die unsichtbar mit Mennige +bestreut waren; auch Feuerzeug und Aschenbecher, +die der Raucher zu sich heranziehen +mußte, waren derart präpariert. Lehnte der +Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren ab, so +ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer +abberufen, – neigte der Gast zur Spionage, +so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der +auf dem Tisch vorbereitet lag und mit dem +Vermerk „Geheim! Für reservate Einsichtnahme!“ +versehen war. Auch dieses Dokument +war natürlich mit Seidenpulver bestreut. +</p> + +<p> +In einem Kästchen an der Wand, das man +wohl für eine Hausapotheke halten mochte, +war ein Schallrohr eingebaut, das für den +Stenographen im Nebenzimmer als Horchapparat +dienen, aber auch den metallenen +Stift in Bewegung setzen konnte, der das +Gespräch wortgetreu in eine Grammophonplatte +einritzte. Jedes reservate Buch oder +Aktenfaszikel konnte binnen weniger Sekunden +auseinandergeheftet, an die Wand projiziert, +seitenweise photographiert und wieder +gebunden werden, so daß es in kürzester Zeit +wieder – wie unberührt – an der Stelle war, +von wo es „ausgeborgt“ worden. Man hatte +hier Alben und Kartotheken mit Lichtbildern, +Handschriften und Maschinenschriftproben +aller spionageverdächtigen Personen +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Europas, besonders der Spionagezentren in +Brüssel, Zürich und Lausanne. +</p> + +<p> +Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier +Alfred Redl als Sachverständiger in +allen Wiener Spionageprozessen fungiert: unerbittlich +keine mildernden Umstände gelten +lassend, das Höchstausmaß der gesetzlichen +Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er +durch sein energisches Auftreten die Verurteilung +des ehemaligen Offiziers Alexander +von Caric zu viereinhalb Jahren schweren +Kerkers, die Verurteilung des internationalen +Spions Paul Barstmann und des Italieners +Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers +erwirkt. Als Redl im Jahre 1904 bei dem +wegen Spionage verhafteten Ergänzungsbezirks-Kommandanten +von Lemberg, Major +von Wienckowsky, eine Hausdurchsuchung +vornahm, verwickelte er das sechsjährige +Kind des eben Festgenommenen in ein liebevolles +Gespräch, und es gelang ihm auf diese +Weise herauszubekommen, wo Papa seine +geheimen Briefschaften zu verstecken pflegte. +Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls +ist ein Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein +Mann namens Jonasch hatte einem Photographen +die Zeichnung eines Festungsplans +zum photographieren gegeben. Dies wurde +der Polizei gemeldet, und als Jonasch die +Bilder abholen wollte, verhaftete man ihn. +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Er hatte wegen Betruges schon neun Jahre +im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung +gab er sofort zu, daß er die Photographien +als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen +wollte, doch sei es das gewöhnliche +„Schema einer modernen Festung“, das er +aus einem allgemein erhältlichen Buche über +Fortifikationswesen von einem Maler hatte abzeichnen +lassen. Nachdem sich diese Angabe +als richtig erwies, wollte die Polizei den Mann +freilassen. Aber Redl, der in allen Spionagesachen +vorher befragt werden mußte, protestierte +dagegen und beharrte darauf, daß +Jonasch dem Strafgericht eingeliefert werde: +„Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er +ein paar Wochen Untersuchungshaft absitzt? +Und für uns ist es immer besser, wenn wir +auf eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen +können ...“ – Der Mann mußte auch +wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, +bevor man das Verfahren gegen ihn einstellte. +</p> + +<p> +Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, +daß die Spionageabwehr noch stärker +organisiert wurde – stärker als selbst Redl +ahnen mochte. Denn er war bald darauf als +Oberstleutnant zur Truppendienstleistung befohlen +worden, wie es für die Laufbahn der +Generalstäbler vorgeschrieben war. Nach einem +Jahr verlangte General von Giesl, der +jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Garnison vorstand, daß ihm sein ehemaliger +Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. +Bei den 15 österr.-ungar. Korpskommanden +war je eine Generalstabsabteilung +etabliert, deren Leiter den Titel eines „Generalstabschefs“ +führte, während dem Kommandanten +des gesamten österreichisch-ungarischen +Generalstabskorps der Titel „Chef +des k. u. k. Generalstabs“ gebührte. Nach +langjähriger Dienstleistung in der Residenz +wurde nun Redl als Oberst und Generalstabschef +nach Prag versetzt. Man brauchte +ihn hier, man bedurfte hier des Mannes mit +den unterirdischen Konnexionen. Das Böhmische +Staatsrecht, das gegen den Wiener +Zentralismus gerichtet war, hatte hier tausende +von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß +gegen die Nationalsozialisten hatte +manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen +die Armee zu arbeiten entschlossen war, die +Häupter der tschechischen Panslavisten verkehrten +offiziell mit den russischen, serbischen +und bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, +einer offenkundigen Heerschau +der zukünftigen tschechischen Armee, waren +die Generalstabsquartiere der slawischen +Staaten als Gäste angemeldet, jeden Augenblick +mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt +werden, weil sie Episoden von +der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Behandlung auf dem Gute Konopischt +des Erzherzogs Franz Ferdinand brachten, +„Los von Wien“, hieß die offene Parole, +hinter der antidynastische Gesinnung und +„Hochverrat“ arbeiteten. +</p> + +<p> +Während nun Redl hier einen militärischen +Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in +Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung +der Spionage in riesenhaften Ausmaßen +ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit +welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, +vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente +Kriegsgefahr via facti aufgehoben +worden, die Post wurde überwacht, in einem +abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich +an tausend Briefe und leitete dort, wo +der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. +Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur +vornahmen, wußten selbst nicht, daß +sie in militärischem Auftrage handelten; sie +glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem +zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien +und des Schmuggels. Von der Überwachung +der Privatpost durch dieses „Schwarze Kabinett“, +das erst eingerichtet wurde, als Redl +schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert +worden war, wußte er ebensowenig, wie +sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. +Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen +der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähung +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +waren die Spionageprozesse ins Unheimliche +gestiegen. Unter anderen wurden +auch der russische Militärattaché, ein Oberst +Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage +überführt. Beide wurden daraufhin abberufen, +der erste, nachdem er durch das persönliche +Verhalten Kaiser Franz Josefs – dieser +brüskierte ihn beim Hofball – davon erfahren +hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig +geöffnet worden, die postlagernd unter +der Chiffre „Opernball 13“ beim Hauptpostamt +Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, +und enthielten – ohne textlichen +Kommentar – Geldbeträge in österreichischer +Währung, der eine sechstausend Kronen, +der andere achttausend Kronen; keinesfalls +war anzunehmen, daß solche Summen +poste restante geschickt würden, wenn es +sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. +(Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau +für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung +stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während +der russische Evidenzchef in Warschau +jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke +bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine +geschrieben. +</p> + +<p> +Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen. +Zwei Detektive wurden zu ständiger +Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des +Postamtes entsendet, die durch eine elektrische +Klingel mit dem Postschalter verbunden +war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin, +daß die Briefe behoben werden, sollten sie den +Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen, +Monate. Der Beamte, der die Überwachung +der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef +Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert +worden und hatte die Angelegenheit +seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler +Dr. Schober) übergeben. Niemand +fragte nach den Briefen, in denen so viel +Geld war. +</p> + +<p> +Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, +gegen Schluß der Amtsstunden, weckte +plötzlich das Glockensignal die Agenten aus +ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch +den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt +zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter +kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit, +aber doch auch nicht mit auffallender +Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der +„Opernball“-Chiffre ausgehändigt hatte – +war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, +sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten +Herrn, der die Türe des angekurbelt +gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +sahen auch den Wagen davonfahren. Es war +ein Mietsauto. +</p> + +<p> +Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte +aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs +nicht. Was half es ihnen, daß sie die +Nummer des Autotaxis hatten lesen können? +Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage +den Chauffeur würden ausforschen können, +woher und wohin der „Ritt“ gegangen sei? +Der Fremde war doch sicherlich weder von +seiner Wohnung gekommen, noch in seine +Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen +Geldsummen steigt auf der Straße aus +oder im Café oder vor einem Durchgang, +und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher +war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen +sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt +werden würde, deren Ausgang nicht +zweifelhaft sein konnte. +</p> + +<p> +Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische +Wehrmacht eine Kette von +unglaublichen Zufällen, „Jägerglück“. +</p> + +<p> +Während die beiden Agenten beraten, ob +sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute +nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen +mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher +Flucht des Unbekannten ausdenken +sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei +ihr Mißgeschick melden müßten, – – +fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, – es ist +der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten +vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie +pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es +ist leer. +</p> + +<p> +„Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt +geführt?“ +</p> + +<p> +„Ins Café Kaiserhof.“ +</p> + +<p> +„Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.“ +</p> + +<p> +Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs +im Innern des Wagens und finden das +Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus +hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin +sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast +nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. +Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben +weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und +dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich +ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind +keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer +servieren kann, aber er putzt die Karosserien +und betätigt sich vornehmlich als +Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, +wohin der gnä’ Herr befohlen hat: „Ins +Hotel Klomser.“ +</p> + +<p> +Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird +der Hotelportier ausgeforscht. „Grad’ jetzt +saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute +saans aus Bulgarien.“ – „Und vorher +ein Herr allein?“ – „Im Auto? Dös waaß +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +i net. Vor einer Viertelstund’ is der Herr +Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös +waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg’fahren +is.“ +</p> + +<p> +Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der +Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat +ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit +einer Nachtruhe nicht anerkannt, +wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd +nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur +Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal +als berufenster Sachverständiger, als Leiter +des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes +die Schuld des angeklagten Spions +in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig +wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen +wirklich ein Spion wäre und nun zufällig +im selben Haus, ja vielleicht Wand an +Wand mit dem Chef der Spionageabwehr +wohnte, in der Höhle des Löwen! +</p> + +<p> +Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt +keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der +Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener +Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt +worden, daß die Briefe behoben sind. +Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung +ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der +Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß +Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite +– er wohnt nämlich zufällig gerade hier. +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht +werden. Während der eine der beiden Agenten +zum Telephon geht, spricht der andere +mit dem Portier. Er überreicht ihm das +Messerfutteral, damit er seine Gäste frage, +wem es gehört. +</p> + +<p> +Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen +vom ersten Stock herab und legt dem +Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf +den Tisch. „Haben Herr Oberst das Futteral +Ihres Taschenmessers verloren?“ fragt der +Portier. +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortet Oberst Redl und steckt +das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in +die Tasche, „wo habe ich es denn ...“ +</p> + +<p> +Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt +hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er +auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der +Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er +die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den +Mann an, der neben dem Portier steht, und +mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert, +die auf dem Tisch liegen. +</p> + +<p> +Oberst Redl hat die Frage, wo er das +Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende +gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er +weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein. +</p> + +<p> +Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig +um und geht die Herrengasse rechts hinunter. +Bevor er an der Ecke beim Café Central +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +ist, schaut er wieder zurück, ob niemand +das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich +kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer +vor, die aus der Schwemme des Restaurants +Klomser treten. +</p> + +<p> +Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, +die Nummer 12348 aufzurufen, die +Geheimnummer der politischen Staatspolizei: +„Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, – das +Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.“ +</p> + +<p> +Da die beiden Agenten an die Ecke der +Strauchgasse kommen, – ist Oberst Redl +verschwunden. Weder in der Strauchgasse, +noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen. +Kann er inzwischen den Haarhof erreicht +haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst +laufend nicht. Also ist er im Haus der alten +Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, +zwei durch das Café Central und einen gegen +die Freyung zu. Alle Achtung vor einem +Manne, der vor zwei Minuten unvermutet +entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein +Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit +des Entkommens kaltblütig versucht! +</p> + +<p> +Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel +Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring +zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau +des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl! +Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in +beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um +den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der +Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, +fährt selbst sogleich zur Hauptpost, +um den Schalterbeamten zu fragen, wie +der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch +ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre +ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen +suchen die anderen Herren im Evidenzbureau +die Handschriften Redls hervor. +Es ist kein Mangel daran: eine „Anweisung +zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern, +verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. +Hauptmann im Generalstab“ ist da, fünfzig +Paragraphen lang, ein „Schema für die Beschaffung +von Kundschaftermaterial“, „Normen +zur Aufdeckung von Spionen im In- und +Ausland“, ein dickes Faszikel „Gutachten in +den Jahren 1900 bis 1905“. Man bereitet all +das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann +Ronge vom Postamt kommt, den Zettel +in der Hand, „Opernball 13“, bedarf es +keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort +leicht und dünn hingeschrieben, aber von +einer ausgesprochenen Verstellung kann keine +Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten +Redl. +</p> + +<p> +Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. +In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen +wieder ausgespäht. Aber auch +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien +nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus +der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr +belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen +muß, wenn er sich verteidigen will) +und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er +in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive, +nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben +der Fetzen aufhalten, und dem anderen +kann er vielleicht entkommen. Aber +die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der +Freyung halten sie ein Auto an, und geben +dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. +Dann erst kehrt der eine Agent in +die Passage zurück, sammelt die Schnitzel +und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren +die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau, +wo sie zusammengestellt werden. Es +sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine +Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan +H. und drei Rezepisse über eingeschriebene +Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne +– alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau +als Spionageadressen bekannt. Daß +es Spionage für Rußland war, die der Adressat +der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten +sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische +Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst +mit Frankreich gekoppelt betrieb, +war die Brüsseler Adresse (eine Expositur +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +französischer Spionage) nicht weiter überraschend. +Aber die Lausanner Adresse war die +der dortigen italienischen Spionagezentrale. +</p> + +<p> +Es muß gehandelt werden. Soll man sofort +mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer +oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man +sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den +weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten? +Dem Verbrecher ermöglichen, daß er +sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe? +</p> + +<p> +Oberst Redl geht über den Tiefen Graben +und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai. +Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten +folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein. +Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er +heute um vier Uhr nachmittags in seinem +Kettenwagen, den er im August 1911 bei +Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus +Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen +A. R. in Goldbuchstaben verschlungen, +auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist +kein wagerechter Strich, sondern besteht aus +zwei schrägen Linien: es sieht wie ein „v“ aus. +Auch ist eine Krone über dem Monogramm, +zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, – +aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher +Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat +er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände +des Chassis in den unteren Teilen mit +Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen +vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der +Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten +Wagen nach Prag zurück. Dem +Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei +Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, +und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt +zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz +ein Mietsauto holen, und fuhr ins +Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek +vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem +Prager Zug eingetroffen war. +</p> + +<p> +In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan +H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier +aus Stockerau, der Geliebte +Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte +stattgefunden, deren Substrat man später in +Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in +dem Hotel den jungen Freund wieder für sich +gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant +Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später +Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld +beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. +Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan +ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren. +</p> + +<p> +„Über Land fahren ...“ Und jetzt hastet +Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal +entlang, und denkt, wie gut es wäre, in +seinem Tourenwagen zu sitzen und – auch +ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten +– schön über Land fahren zu können. Über +Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß +daran nicht zu denken ist, und kehrt über den +Schottenring nach Hause zurück. +</p> + +<p> +Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski +von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren. +Im Speisesaal sitzt „der Chef“ in großer +Gesellschaft. „Was bringst du mir Schönes?“ +fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die +Musik spielt ein Potpourri aus dem „Graf von +Luxemburg“, der neuen Operette: Bist du’s, +lachendes Glück ... +</p> + +<p> +„Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um +ein Gespräch unter vier Augen bitten?“ +</p> + +<p> +„So dringend? Na, alsdann geh’n wir!“ +</p> + +<p> +Der Chef des Generalstabes geht mit dem +Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal. +</p> + +<p> +In einem Nebenraum erstattet Urbañski +die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes +gefaßt. Aber als er hört, um was es sich +handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein +Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses +Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, +– Empörung braust heran, – die Truppe +haßt den Generalstab ohnedies, „die Auserwählten“ +– was wird das Ausland sagen! +der Feind! – welch ein Triumph! Alles schon +morsch, sagt man gerne der Monarchie nach +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +– und im verbündeten Reich, welche Besorgnis, +welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen +Nationen, was wird geschehen, +wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt! +Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch +ist, – sie fordert höchste Anspannungen –. +Der Chef des Generalstabes denkt nach. „Diese +alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für +fünf Minuten aufhören wollte!“ Er setzt sich, +steht wieder auf. Spricht die Entscheidung +aus: +</p> + +<p> +„Der Schuft muß ergriffen werden, man +muß aus seinem Munde hören, wie weit der +Verrat reicht und – dann muß er sofort +sterben!“ +</p> + +<p> +Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht +und – vor allem – dem Generalstab die +Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben +kann, wenn so etwas bekannt wird. +</p> + +<p> +„Er selbst, Exzellenz ...?“ +</p> + +<p> +„Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache +erfahren! Bin ich verstanden worden, +Herr Oberst?“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Exzellenz!“ +</p> + +<p> +„Heute nacht muß alles geschehen!“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Exzellenz!“ +</p> + +<p> +„Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, +Herr Oberst! Bestehend aus +Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, +Ihnen und dem Leiter der Kundschafterstelle. +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +Nur vier Herren. Die Berichte +sind direkt an mich zu erstatten.“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Exzellenz.“ +</p> + +<p> +Während Oberst Redl, überwacht, in der +Richtung zur Brigittenau strebte, und dann +diese Absicht aufgab, wartete in der Halle +des Hotels Klomser ein alter Bekannter auf +ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert +hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: +es ist der Generaladvokat bei der +Generalprokuratur des Obersten Gerichts- +und Kassationshofes, Erster Staatsanwalt +Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen +einander von Berufswegen. Wenn Redl als +militärischer Gutachter Belastungsmaterial +über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen +Angeklagten gehäuft hatte, war +es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, +der in seinem unwiderlegbaren, vehementen +Plaidoyer diesem Gutachten die (den Angeklagten) +vernichtende Wirkung lieh. Diese +Mitarbeit hat diese zwei Menschen auch persönlich, +menschlich zusammengeführt. Partner +und Freunde sind sie. Sie gehen heute +gemeinsam ins Restaurant Riedhof in der +Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine +Ahnung, daß das Souper überwacht wird. Er +weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen +Glas er eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher +ist, wie er keinem in seiner langjährigen +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. +Was aber dem Generalprokurator auffällt, ist +die Nervosität, die Aufregung, die Einsilbigkeit +des Tischgenossen. +</p> + +<p> +Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich +dem Tod entziehen? Soll er sich seinem +Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, +seinen Rat einholen, seine Intervention +erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins +Ausland zu flüchten? Um im Sanatorium +Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung +ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen +hinstellend? +</p> + +<p> +Er schließt Kompromisse zwischen all diesen +Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund +nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, +er gibt seine Homosexualität nicht +zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen, +er gesteht nicht ein, daß er ein Spion +ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren +Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein +Freund daraus eine Geistesstörung folgern +könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen +ungehinderten Rückkehr nach Prag, +wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, +rückhaltlos anvertrauen +möchte. +</p> + +<p> +Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt +Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal +wegen kleinerer Andeutungen Leute ins +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Gefängnis gebracht und schon wegen geringerer +Momente sofortige Verhaftung oder +Verweigerung des Strafaufschubes beantragt. +Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem +Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. +Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den +Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu +seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, +mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen +wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt. +</p> + +<p> +„Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst +Redl beim Nachtmahl,“ beginnt er. +</p> + +<p> +„Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.“ +</p> + +<p> +„Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?“ +</p> + +<p> +„Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie +wünschen?“ +</p> + +<p> +„Oberst Redl hat anscheinend eine psychische +Störung erlitten. Er spricht von moralischen +Verfehlungen und Verbrechen, die +er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte +ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen. +Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann +mitgeben?“ +</p> + +<p> +„Heute abend läßt sich gar nichts mehr +machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen +Sie den Herrn Obersten und sagen Sie +ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden +– was in meinen Kräften steht, will ich +gerne tun.“ +</p> + +<p> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +Mehr als diese Zusicherung kann der Herr +Oberstaatsanwalt nicht erzielen. +</p> + +<p> +Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann +Ronge sind inzwischen +in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des +Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht +in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen +in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von +Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie +finden den Namen „Wenzel Vorlicek, k. u. k. +Majorauditor“. +</p> + +<p> +Armer Major Vorlicek<a id="corr-2"></a>! Vor seinem Hause +steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung +sind die Koffer gepackt. Er hat einen +ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine +schwerkranke Schwägerin nach Davos zu +bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur +mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er +sie endlich erhalten, und hat in Davos +telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr +20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt +treten der Chef des Evidenzbureaus und der +Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, +und bringen ihm den Befehl, an einer +Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger +Untersuchung verbunden sein wird. +Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände, +der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts +machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des +Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins +Auto steigen. +</p> + +<p> +Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs +des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird +aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission +sein. Die vier Herren fahren zum +Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst +über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren +vom Souper im Riedhof, von der Bitte +des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte +Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. +Auch im „Café Kaiserhof“ waren die +beiden Herren nach dem Souper, und von +dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem +Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man +Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein +Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin +hat er nur Vertröstungen auf den nächsten +Tag als Antwort bekommen. Um halb +12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. +Pollak vor der Türe des „Hotel Klomser“ von +Oberst Redl verabschiedet. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der +Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie – +den Hotelinstruktionen entsprechend – nicht +ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene +Auftreten der Herren hin muß er +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an +die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein +heiseres „Herein“ hörbar wird, öffnen sie. +Oberst Redl ist in salopper Toilette beim +Tisch gesessen und hat geschrieben. +</p> + +<p> +Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im +Gesicht. +</p> + +<p> +„Ich weiß, weshalb die Herren kommen,“ +bringt er langsam heraus. „Ich habe mein +Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe +zu schreiben.“ +</p> + +<p> +Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf +dem Tisch, der angefangene Brief war an General +v. Giesl, den Kommandanten des Prager +Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen +ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden. +(„Ein dolchartiges Messer“ und eine +„Rebschnur“, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister +Georgi im Reichsrat, als +die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl +den Selbstmord befohlen zu haben.) +</p> + +<p> +Die Kommission befragt Redl nach seinen +Komplizen. +</p> + +<p> +„Ich hatte keine Komplizen,“ erwidert er. +</p> + +<p> +Auf die Frage nach dem Umfang seines +Verrates, nach dessen Details und Dauer hat +er zur Antwort, alle Beweise würden sich in +seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude +finden. Die Kommission gibt +sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +verläßt, fragt einer: „Eine Schußwaffe haben +Sie, Herr Redl?“ +</p> + +<p> +Oberst Redl: „Nein.“ +</p> + +<p> +Das Mitglied der Kommission: „Sie dürfen +um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.“ +</p> + +<p> +Redl (stockend): „Ich bitte – gehorsamst – +um einen – Revolver.“ +</p> + +<p> +Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt +ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines +der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, +seinen Browning zu holen, um ihn „Herrn +Redl“ einzuhändigen. +</p> + +<p> +Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke +der Herrengasse und der Bankgasse, damit +sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem +Tode entziehe. Sie können die Fenster von +Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer. +Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee +zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt. +Es vergehen Stunden auf Stunden. +Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß +verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen +Abschluß gefunden habe. Abwechselnd +fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach +Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und +abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen +Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden +verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen +und dem Oberst sagen: „Machen +Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +Wie spät ist es? +</p> + +<p> +Melde gehorsamst: Fünf Uhr. +</p> + +<p> +Man soll zeitig den Chef des Generalstabes +anrufen und die „Beendigung“ der Affäre +melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem +ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren, +um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es +wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch +herbeigerufen – einer von den beiden, +die gestern die Verfolgung Redls unternommen +und noch in der Nacht einen Spezialschwur +auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über +diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis +der ganzen Sache sollte auf zehn Personen +beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten +Persönlichkeiten der Monarchie befanden. +Und niemals sollte ein anderer auch nur ein +Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef +Spionage getrieben habe. +</p> + +<p> +Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue +Weisungen, wie er feststellen solle, was +mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn +tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, +damit nicht die auffallende Tatsache bekannt +werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten +entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels +dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen +wurde, begab sich der Detektiv in das +Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn +Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +früh diese Antwort auf einen Brief persönlich +zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen +Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der +vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren. +Der kam, kaum zwei Minuten später, +wieder zurück und trat auf der Straße auf +seine Auftraggeber zu. +</p> + +<p> +„Das Zimmer war offen,“ meldete er erregt, +„ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee +liegt der Herr Oberst – tot.“ +</p> + +<p> +Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere +zu Ende – genau zwölf Stunden nach +der Behebung der postlagernden Briefe. Man +rief – damit die Leiche noch vor Tagesanbruch +gefunden werde – das Hotel unter einem +fingierten Namen an: der Herr Oberst möge +sofort zum Telephon kommen. Man wartete +aber nicht länger am Apparat. +</p> + +<p> +Wenige Minuten später verständigte das +Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause +vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär +Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, +den Lokalaugenschein vorzunehmen. +Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, +vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen, +das Projektil hatte das Gaumendach +durchbohrt und war schief von rechts +nach links in das Gehirn gedrungen; im linken +Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, +die Ausblutung war durch die linke +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er +tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der +Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich +zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren +Bruder des Entleibten und einer an den Prager +Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen +und ein offener Zettel ohne Adresse. +Darauf stand: „Leichtsinn und Leidenschaft +haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich +büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.“ +</p> + +<p> +Als Nachschrift war hinzugefügt: „Es ist +¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte, +meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet +für mich.“ +</p> + +<p> +Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord +handle, und die Beamten – jedenfalls mit +einer diesbezüglichen Weisung versehen – +wollten die Amtshandlung rasch und ohne +Aufsehen schließen. Doch hatten sie die +Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: +Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch: +„In alt bewährter Treue“) wollte sich +durchaus nicht damit zufrieden geben, daß +hier ein Selbstmord konstatiert werde. In +schlechtem Deutsch und großer Aufregung +erzählte er zuerst den Polizeibeamten und – +als diese ihn beiseite schoben – dem aufhorchenden +Hotelpersonal, der Browning gehöre +nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei +Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Einkäufe gemacht und für heute allerhand +Anordnungen getroffen und wollte Dienstag +in dem eigens restaurierten Auto nach Prag +zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen +worden, und der Revolver gehöre +dem Mörder. +</p> + +<p> +So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen +sein mußte, etwas war da, was dem +Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: +der fremde Mann, der um halb sechs +Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um +dem Obersten eine Mitteilung zu bringen. +Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben +hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! +Warum hatte er davon nichts gesagt? +</p> + +<p> +Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht +im Zimmer Nr. 1 getan? +</p> + +<p> +Die Kommission, zu der sich inzwischen +auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt +hatte, bemühte sich vergeblich, die +Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen +zu bringen. Besonders der Josef war nicht +zu beruhigen. Da kam einer der Beamten +auf den Gedanken, dem unbequemen Diener +einzureden, der Herr Oberst habe sich eines +Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen +schuldig gemacht, und sich umgebracht, als +er sich verraten sah. Im selben Augenblick +verstummte der Diener. Denn er wußte ja +von etwas, was weder die Polizeikommissäre +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord +dirigiert hatten: von der Homosexualität +Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission +noch der brave Josef von der +wahren Ursache des befohlenen Freitodes +eine Ahnung: von der Spionage. +</p> + +<p> +Die Sachen des Erschossenen wurden nun +verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend +in einem Fourgon in die Totenkammer des +Garnisonspitals geschafft. +</p> + +<p> +Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau +gab eine Meldung über den Selbstmord des +Prager Generalstabschefs aus, in der stand, +„der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine +große Karriere bevorstand, hat sich in einem +Anfall von Sinnesverwirrung ...“, „... in der +letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit +litt ...“, „... in Wien, wohin ihn dienstliche +Aufgaben geführt hatten ...“ +</p> + +<p> +Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und +Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden +Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski +speiste mit dem Korpskommandanten Baron +Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis +gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef +Selbstmord begangen habe. Erst während +des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das +Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem +Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten +in Belgrad einen langen Brief bekommen, +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +in dem mitgeteilt wurde, die serbische +Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich; +beide Brüder korrespondierten unausgesetzt +miteinander, da das 8. Korps für „Fall +3“ (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über +die Save zwischen Drinamündung und Savemündung +bestimmt war. Um so furchtbarer +war die Erschütterung des Generals, als er +nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann +und Liebling alles verraten und konterkariert +habe. Nach dem Essen begab man sich in +die Wohnung Redls, die sich im Hause der +Hauptwache, neben den Amtsräumen des +Korpskommandos befand. Die Wohnung war +verschlossen und mußte erbrochen werden. +Ebenso der Schreibtisch und die Schränke. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +„Von einem Schlosser?“ frage ich den ehemaligen +Chef des Evidenzbureaus, der mir von +dieser Dienstreise erzählt. +</p> + +<p> +„Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, +und kein Soldat anwesend, kein Professionist.“ +</p> + +<p> +„Exzellenz wissen nicht mehr, woher man +den Schlosser holte?“ +</p> + +<p> +„Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus +der Nachbarschaft.“ +</p> + +<p> +FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger +Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeit +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +auf alle Fragen des Interviewers +Antwort gegeben – zum ersten Male +scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht +sich, seine dumme Frage zu entschuldigen. +</p> + +<p> +„Der Schlosser hätte doch die gewaltsame +Eröffnung der Wohnung und der Schubfächer +verraten können?“ +</p> + +<p> +„Sie meinen?“ sagt Urbañski ironisch. +</p> + +<p> +„Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es +sogar der Presse mitgeteilt.“ +</p> + +<p> +„So?“ FML. Urbañski lächelt ungläubig. +</p> + +<p> +Und deshalb schaltet der Interviewer hier +ein persönliches Erlebnis ein: am Sonntag, den +25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub +„Sturm“ ein Fußballmatch gegen +„S. K. Union-Holeschovice“. Die Notiz des +„Prager Tagblatt“ lautete am nächsten Tage: +</p> + +<p class="block"> +DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) +5:7 (Halbzeit 3:3). Sturm +war von Anfang an überlegen, was sich +auch in der großen Zahl seines Scores +ausdrückt. Doch war seine Verteidigung +durch das Fehlen Marečeks und Wagners +derart geschwächt, daß Atja allein nicht +imstande war, alle Durchbrüche Unions +zu vereiteln. +</p> + +<p class="noindent"> +Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten +ärgerte sich wohl der Obmann „Sturms“ +über das unangesagte Fernbleiben Wagners, +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +dem er knapp vorher eine Gefälligkeit erwiesen +hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen +der ersten Mannschaft manchmal zu +erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner pünktliches +Antreten versprochen – und schon am +Sonntag blieb Wagner aus. Deshalb schaute +besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur +eines Prager Blattes und Prager Korrespondent +einer Berliner Zeitung war) gar nicht +freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins +Bureau besuchen kam. +</p> + +<p> +„Ich konnte wirklich nicht kommen,“ versuchte +sich der saumselige Endback zu entschuldigen. +</p> + +<p> +„Das ist mir egal.“ Der Obmann blieb ablehnend. +</p> + +<p> +„Ich war schon angezogen, da kommt eine +Ordonnanz in unsere Werkstatt und sagt, es +soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, +ein Schloß aufbrechen.“ +</p> + +<p> +„Erzähl’ mir keine Geschichten! So etwas +dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene +Stunde mit dem Anstoß gewartet.“ +</p> + +<p> +„Aber ich mußte doch die Wohnung eines +Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer +und alle Schränke ... es war nämlich +eine Kommission aus Wien da, die hat nach +russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien +von Plänen.“ +</p> + +<p> +„So? Und wem gehört die Wohnung?“ +</p> + +<p> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +„Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel +eingerichtete Wohnung.“ +</p> + +<p> +„Und der General war nicht da?“ +</p> + +<p> +„Nein, der ist gestern in Wien gestorben.“ +</p> + +<p> +Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, +der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem +unentschuldbaren Endback und pflichttreuen +Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er +sagt ihm nicht mehr: „Erzähl’ mir ‚keine +Geschichten‘“, sondern läßt sich die Geschichte +ganz genau erzählen, wie der Wiener +Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten +gereicht hat und wie der jedesmal +verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt +hat: „Schrecklich, schrecklich! Wer hätte +das für möglich gehalten!“ Auch, daß die +Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, +wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände +und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten +Briefe seien von lauter Männern +gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren +notiert haben. +</p> + +<p> +Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß +es sich um die Wohnung des Generalstabschefs +Redl handelt, dessen Selbstmord samt +begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau +gemeldet und +wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden +ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion +zu bewahren, um die er nicht ersucht +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +worden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man +ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen +Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag +würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert +werden. Oder soll man es doch versuchen? +Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt +sich zu einem Kompromiß: man riskiert +die Beschlagnahme der Abendausgabe +und wird die Nachricht in Form eines Dementis +bringen. „Von hervorragender Seite werden +wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen +aufgetauchten <a id="corr-9"></a>Gerüchte ersucht, +daß der Generalstabschef des Prager Korps, +Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in +Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat +militärischer Geheimnisse begangen und für +Rußland Spionage getrieben habe. Die nach +Prag entsandte Kommission, bestehend aus +einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart +des Korpskommandanten Baron Giesl +die Dienstwohnung des Obersten Redl und +deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte, +hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu +forschen, usw.“. Solche Dementis versteht +selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie +wenn man sagt: „Der X. ist kein Falschspieler.“ +Aber konfiszieren ließ sich der Bericht +schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt, +das Dementi stamme vom +Korps-Kommando, das Korps-Kommando +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls +erschien das Abendblatt, der Draht gab die +Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins +Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig +Dringlichkeitsanträge und Interpellationen +eingereicht, und ganz Österreich wußte +von den Ursachen des Selbstmordes, die die +maßgebenden Kreise des Auslandes, deren +Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort +gewußt hatten, und die man im Inlande sogar +vor dem Kaiser geheimhalten wollte. +</p> + +<p> +Man hatte auf die Verhaftung des Spions +und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren +mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen +usw. verzichtet, man hatte eine Nacht +lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung +leisten lassen. Und nun erfuhr +die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein +Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Das Erste, was die Kommission beim Eintritt +in die Wohnung des Gerichteten verblüfft +hatte, war der weibische Geschmack, der sich +überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot +gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf +auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend, +als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte +und Figuren (bloß die große Napoleonbüste +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +über dem Schreibtisch war aus +Bronze), überall zierliche Nippes, und alle +drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch +erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, +Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen, +Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel +auf. +</p> + +<p> +Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden +war, und man feststellte, daß die zahllosen +mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts +von Männerhand stammten, hatte man +die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war +homosexuell gewesen. +</p> + +<p> +Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb +geworfen, zeugten von der Leidenschaft +Redls für den jungen Ulanenoffizier in +Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt +und wollte es heiraten, während ihn Redl +mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich +gewinnen wollte. +</p> + +<p> +„Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief +vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es +nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen +willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit +gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, +daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich +machen wirst, am Anfang erscheint +alles voller Illusionen und wunderschön, sind +jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man, +was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwas +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +von mir! Frauen mischen sich in alles, und +das, was sie nicht verstehen sollen, ist das +einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich +noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin +verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen +soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren +(Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, +und glaube auch, Dir den versprochenen +Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu +können. Wenn Du nach Wien kommen könntest, +lieber Stefan, so schreibe mir sofort, +würde dann ...“ +</p> + +<p> +Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei +Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß +sich, seinen Freund lieber mündlich zu +beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr +nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen +Garnison kam. Die Unterredung im Hotel +scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen +zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen +zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, +das bewacht war. +</p> + +<p> +Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich +nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls +der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da +er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität +angezeigt worden und habe sich deshalb +getötet. Es stellte sich heraus, daß er +von den Spionagen seines Geliebten keine +Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +– wegen widernatürlicher Unzucht – zu drei +Jahren schweren Kerkers verurteilt. +</p> + +<p> +Der ständige Verkehr des Obersten mit dem +jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen, +doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, +da Redl den Leutnant überall als seinen +Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der +Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als +Kadettenschüler von Redl verführt worden. +Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung +in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen +getragen, ihm zwei Reitpferde +gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken +überhäuft. +</p> + +<p> +Beweise für die verräterische Tätigkeit +Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen +von Geldsendungen aus Rußland, +Quittungen über gewechselte Rubel und vor +allem photographische Platten. Er hatte in +seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden +Dienstbücher reservaten Charakters, +Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche +Elaborate photographiert, die in allen Staaten +der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher +– des Meisterwerkes des Feldmarschalls +Moltke – verfaßt, aber natürlich +überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- +und Dislozierungsverhältnissen entsprechend, +adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung +und Verpflegung, Eisenbahntransporte und +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Durchführung von Truppenverschiebungen +hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert +und aktuelle Befehle des Kriegsministers +Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand +und des Chefs des Generalstabes Conrad v. +Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen +innerhalb des 8. Korps bezogen. +</p> + +<p> +Dagegen fand sich hier noch kein Beweis +dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen, +wie z. B. Aufmarschdispositionen, +Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen +oder die Namen von +österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande +verraten habe, – so allgemein dies damals +auch behauptet wurde. Die Spuren des +Verrats, die sich in seinen Fächern fanden, +reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die +Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser +Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag +von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, +etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus +dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken +deduzierte dann Landesverteidigungsminister +Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung +im Parlamente, daß die Verrätereien +bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte +sich darauf antworten lassen, daß Redl schon +seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen +Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile +besitze. Redl hatte zwar glaubhaft +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +zu machen gewußt, daß er im Besitze eines +großen Privatvermögens sei und eine große +Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte +vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing +ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch +in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm +eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde +und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine +Verbrechen müßten daher mindestens bis in +die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen +Kundschafterstelle im +Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei, +wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung +bei Regimentern der Grenzfestungen, +beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl +und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem +größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß +Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, +ein so merkwürdiges gewesen, +daß zehn Jahre später, nach dem +Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten +der Verdacht auftauchen mußte, er +habe damals eine Doppelrolle gespielt, und +auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie +sie teuflischer kaum gedacht werden kann. +Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen +gegen den Oberstauditor Hekailo, +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in +Lemberg geführt, der im Verdachte stand, +durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen +zu haben. Während der streng geheim +geführten Erhebungen wurde der auf freiem +Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst +nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten +sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen +hervorging, daß Hekailo auch die ganze +Heiratskaution eines Rittmeisters und das +Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. +Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann +Alfred Redl in der Kanzlei +des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm +Haberditz, der die Untersuchung gegen +Hekailo führte, und machte die überraschende +Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, +von Redl beschafften Beweisen als +Spion in russischen Diensten stand und +wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der +österreichisch-ungarischen Armeen den Russen +an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. +Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner +Flucht an einen Freund in Galizien sandte, +kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt +und seinen Decknamen „Karl Weber“ +in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren +zu stellen wäre. Das bezügliche +Aktenstück, in welchem natürlich +nur von den gemeinen Verbrechen des Betruges +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +und der Veruntreuung die Rede war, +wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren +vom Ministerium des Äußern auf +telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung +mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet +werden sollte, wies er einen russischen Paß +vor, der auf den Namen „Karl Weber“ lautete, +und stellte sich unter den Schutz des russischen +Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer +Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des +Festgenommenen eine Reise nach Brasilien +unternehmen solle, als die Nachricht des +österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba +eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben, +da man beim Öffnen seines Koffers +ganz oben den österreichischen Paraderock +gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der +Verhaftete österreichischer Militär war, legten +ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere +mitleidvoll einen geladenen Revolver in die +Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe +ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten +Gelegenheit, die ihm der eskortierende +brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem +Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro +bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de +Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest +abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er +war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, +und muß durch die tropische Hitze +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft +in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß +wurde nun Hekailo zuerst über +seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. +Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für +diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch +seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, +Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser +selbst war es, der drängte, die Untersuchung +auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos +auszudehnen. Endlich war es so weit, +daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise +seines Verrates vorhalten konnte. Sie +bestanden in der Hauptsache aus Photographien +und Briefen, die Hekailo unter der +Deckadresse der beim russischen Generalstabschef +in Warschau angestellten Gouvernante +an diesen gesandt hatte. Nach Angabe +Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke +gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, +die das Ministerium für Landesverteidigung +auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos +wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger +zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel +wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens +und des bestehenden Staatsvertrages +mit Brasilien wegen Spionage nicht +bestraft werden könne (weshalb er auch die +Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt +hatte), zeigte sich im Verlauf der +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Untersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden, +was er allein oder mit Hilfe dritter +den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion +für die Alarmierung der Lemberger +Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte +er absolut nichts wissen und antwortete Redl, +der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn +gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes +einzugestehen, einmal in treffender Weise: +„Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen +Aufmarschplan verschafft haben? Den kann +nur jemand aus den Generalstabsbureaus in +Wien den Russen verkauft haben.“ +</p> + +<p> +Nach langem Drängen nannte Hekailo auch +seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski, +Ergänzungsbezirkskommandanten in +Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der +Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden +Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung +Redls und des Auditors Dr. <a id="corr-10"></a>Seliger dorthin. +Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in +dessen Bureau vorgenommen worden war, +schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst +fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen +nichts von Bedeutung vor. Im +Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen +des Majors mit der deutschen Gouvernante. +Das hübsche Kind war anfangs sehr +befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt +an. Erst als es Redl beim Händchen +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, +wurde es zutraulicher. Redl legte der +Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei +mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht +darüber, daß das Kind richtige Antworten +gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine +ganz glücklich war. „Bist du auch so gescheit, +daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?“ +fragte Redl. „Natürlich,“ lachte das Kind und +lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch +unter den mächtigen Schreibtisch und deutete +auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere +Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen +Knopf, und als man auf diesen drückte, +öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden +Dokumenten. Die Kommission +konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg +zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde +beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie +Redl das unschuldige Kind zum Verrat am +eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei +hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung +davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher +sei als Wienckowski. +</p> + +<p> +Wieviel gravierendes Material bei dieser +Hausdurchsuchung gefunden worden war, +kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten +am Schluß ein Gewicht von +120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in +einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischen +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Posten bewacht, die die beiden +Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal +nun, – Majorauditor Haberditz war gerade +abwesend, – wollte Redl von Dr. Seliger +einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf +zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel +befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis +auf seine Instruktionen ab, worauf sich +Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf +legte Redl dem Majorauditor nahe, er +möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden, +da in Warschau noch einige unklare +Momente der Affäre zu erheben seien. Der +Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab, +da die Erhebungen für das Verfahren nicht +relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren +Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, +Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, +fuhr die Kommission nach +Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen +fortgesetzt wurden. +</p> + +<p> +Da ging in Redl eine auffallende Veränderung +vor, denn so eifrig er anfangs für die +Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet +hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich +für dessen Unschuld einzusetzen. Dies +ging so weit, daß der Untersuchungsleiter +Haberditz es ihm einmal unter vier Augen +vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit +in Frage stellen mußte. Es kam zu einer +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +ziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach +welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus +Oberst Hordliczka die Ablösung +Redls als Experten verlangte. Oberst +Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht, +und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken; +zu einer Ablösung Redls könne er +sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung +des Hauptbeschuldigten ein Verdienst +Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die +Früchte seiner Bemühungen bringen wolle. +Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, +Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender +und unterließ besonders seine +hemmenden Einwände. +</p> + +<p> +Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau +ein Stück der angeblich von Major +Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen +Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da +Österreich-Ungarn doch beim Warschauer +Generalstab einen sehr verläßlichen russischen +Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes +wäre, aus dem Dossier „H“ ein Stückchen +der bewußten Schrift herauszureißen. Allein +Majorauditor Haberditz war tief erschüttert, +als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen +in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick +die Nachricht überbrachte, daß der bewußte +russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet +worden sei, wie er sich beim Dossier +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +„H“ zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung +seines Schreibtisches erfolgte, in welchem +für Österreich ausgestellte Rechnungen +gefunden wurden, und daß der Mann zwei +Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei. +</p> + +<p> +Nach der Entlarvung Redls erscheint sein +damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt: +er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan +Österreich-Ungarns an die Russen verkauft +und wird den Russen gesagt haben, daß er +nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für +Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen +Erfolg um so mehr, als damals der Verrat +des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar +wurde, und er unbedingt einen Sündenbock +haben mußte. Da lieferten ihm die Russen +denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus. +Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo +nach seiner Flucht nach Brasilien für +sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem +geworden war: hatte doch der russische +Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte +seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige +fürchten. Als aber dann die Untersuchung +auf aktive österreichische Offiziere übergriff, +an welchen der russische Generalstab noch ein +Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird +es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer +Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben. +Das war der Grund, warum Redl plötzlich für +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +die Unschuld des Majors Wienckowski und des +zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde +zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen +diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm +aber nicht und Redl mußte nun in anderer +Weise und um jeden Preis die Russen von +seiner ferneren „Loyalität“ überzeugen. Da +beging er dann die größte Schurkerei, indem +er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau, +der für Österreich arbeitete, eine raffinierte +Falle stellte, und ihn so dem Galgen +auslieferte. +</p> + +<p> +Hekailo, Wienckowski und Acht wurden +zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren +verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von +Josefstadt gestorben. +</p> + +<p> +Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen +russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst +geleistet hatte, dem Tode überantwortete, +ist durch die Promptheit der Denunziation +erwähnenswert. Der Thronfolger +Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch +gewesen und hatte sich mit dem Zaren +in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; +auf der Heimreise durch Rußland begleitete +ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer +Militärattaché in Petersburg +war. Während der Fahrt trug der +Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren +jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom +Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der +russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch +Laikow bei Müller ein und bot ihm den +ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf +an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant +Müller trotz der erzherzoglichen Weisung +nicht ungenutzt lassen, und vermittelte +den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem +Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg +zurück und begegnete schon am ersten Tage +bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen +waren, einer frostigen, beinahe +beleidigenden Ablehnung. Erst als er in +der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch +Selbstmord begangen habe, glaubte er diese +Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: +man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm +Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, +und vermutete nun, daß er den Unglücklichen +dazu verleitet habe. Aber das war es nicht, +was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, +sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion +an Rußland verraten habe. Daran war jedoch +Müller, der übrigens am selben Tage von +seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig. +Der ehemalige Reichsratsabgeordnete +Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin +des russischen Großfürsten Paul und mit dem +österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +über diese Affäre gesprochen und deduziert +aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen +sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, +dem sicheren Tode ausgeliefert habe. +</p> + +<p> +Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem +Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg. +„Dieser Schurke,“ sagt er von Redl, „hat +jeden österreichischen Spion denunziert, denn +der Fall des russischen Obersten wiederholte +sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse +den Russen aus und verhinderte, daß +wir die russischen Geheimnisse durch Spione +erfuhren. So blieb den Österreichern und den +Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von +75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische +Armee ausmachten, unbekannt, +– daher unsere Kriegslust und unsere +Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann +hätten unsere Generale die Hofwürdenträger +nicht in den Krieg getrieben.“ +</p> + +<p> +Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß +Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar +deutschen Spione, die in Rußland tätig waren, +an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten +erhoben. Diese Behauptungen haben +viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie +die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen +verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung +hat der österreichische +Landesverteidigungsminister FML. Lt. +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat +darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung +des Zeitpunktes, seit welchem Redl +in feindlichen Diensten stand. Georgi war +eben vom Generalstabskorps düpiert, das +Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten +versuchte, wenn er schon des größten militärischen +Verbrechens überführt war. Redl +mußte alles verraten, was man von ihm verlangte; +das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, +wie Redl zum Spionagedienst +angeworben worden sein muß, und wie sehr +er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber +befand. +</p> + +<p> +Ein Mann von den Fähigkeiten und dem +Range Redls konnte nicht so zur Spionage +verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns +üblich ist. Es war fast immer die gleiche +Methode: ein junger Leutnant, der sich auf +einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca +langweilte, bekam eines schönen Tages die +Aufforderung einer Schweizer oder holländischen +Zeitung, doch Stimmungsberichte über +das Leben der Ortsbewohner und über die +Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem +schriftstellerischen Talente gehört usw. +Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam +das Belegexemplar der Zeitung, die meist +eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah +sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +von 200 Franken und große Komplimente +der „entzückten“ Redaktion. Dann +verlangte man andere Mitteilungen von ihm +oder trug ihm einen Redakteurposten mit +fürstlichem Gehalt an, – er möge sich Urlaub +nehmen und nach Lausanne oder nach dem +Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man +die große Pression bei der Hand: Organe +der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft +hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber +dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis +streng gewahrt, „weil man +den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren +wolle“. Dies sagte dem armen Leutnant +genug. Wenn er sich nicht weiterhin +willfährig zeige, würde er verraten werden. +„Unbefugte Mitteilungen an die Presse“, vielleicht +gar „Verrat militärischer Geheimnisse“, +– denn was konnte nicht alles als militärisches +Geheimnis angesehen werden! +</p> + +<p> +Ranghöhere Offiziere, die strafweise in +Grenzstationen kommandiert waren, oder +durch die Einöde und die Einförmigkeit zu +Alkohol und Hasard getrieben worden waren, +wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote +von Geldleuten, die geheim im Dienste des +Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit +gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer +haben am Anfang dieses Jahrhunderts +in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +getrieben und sie waren es auch, die u. a. +Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst +zu pressen gewußt hatten. +</p> + +<p> +Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, +an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels +oder anderer Verbrechen schuldig gemacht +hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit +sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen. +Zu dieser Kategorie gehören die +berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte. +Friedrich der Große hat den Meisterdieb +Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten +aus dem Zuchthause von Stettin +holen lassen, damit er vor der Schlacht bei +Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag +auskundschafte. Auch der König der Spione, +Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder +Meinau, der grand espion Napoleons I., war +1805 in die Dienste der geheimen französischen +Militärpolizei getreten, als sein Straßburger +Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem +Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines +Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, +daß er als Leiter des Kundschafterdienstes +geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere +Beschäftigung, als Spione anzuwerben +und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge +zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten! +Da – trotz Lassalle – die Arbeit +stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke +auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun +könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte +und die trotzdem viel Geld verdienten, +mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er +sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen +Diensten hergegeben – wenn er nicht das +Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als +Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich +von Agenten fremder Mächte überwacht +werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre. +Diese Überwachungsorgane hatten bald +das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte +und Untergebene nicht wußten, – daß er +verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene +Umstände weisen sogar darauf hin, +daß jener russische Militärattaché, den Kaiser +Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige +gewesen war, der Redl – allerdings +lange vorher – zum Spionagedienst für Rußland +gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität +seines Gegners erfahren hatte, war +Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie +mußte <a id="corr-14"></a>ihn den Kragen kosten, während +er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe +steigen konnte, bis zum Generalstabschef und +vielleicht noch höher. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +Der Befehl des Platzkommandos Wien, der +sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt +für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, +Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war +bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne +übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche +ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die +Generaldecharge ein, und die Truppen und +Anstalten bestellten Trauerkränze, als am +Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche +absandte: „Das Leichenbegängnis +des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, +ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt. +Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl +ausgegebenen Weisungen außer Kraft +gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.“ +</p> + +<p> +Die Leiche wurde obduziert und dann im +Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein +Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, +die des Toten Bruder (der inzwischen seinen +Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft +liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt +Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem +Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38, +Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +Die Schriftstücke, Bücher und photographischen +Platten, die mit dem Verrate Redls +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +in Zusammenhang stehen konnten, wurden in +einen großen Koffer gepackt, den der Chef des +Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren +Untersuchungen in Prag wurden den +Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und +Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär +hatte das Kleinseitner Bezirksgericht +den Notar Dr. Uhlir ernannt, der +die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine +Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in +der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher +auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen +im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im +Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine +ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken +(darunter 195 Oberhemden), Garderobe +mit zehn Uniformmänteln auf Seide und +Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke +und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, +400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, +10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß +eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, +mit dem sich Redl getötet hatte, und der +natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. +Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen +Inhalts. Die Sattelkammer, +wo sich Schabracken, Brustriemen und +Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen +und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das +photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten, +Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen +und Stativen, waren die +reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl +diese von eigens berufenen Tapezierern einer +Wiener Firma eingerichtet war, war sie +äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten +die Nippes von besonderem Geschmack ihres +Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin +z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten +Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand +nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung +gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt, +wozu sich noch ein Vollblutschimmel, +2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über +die bei der Auktion Witze gemacht wurden: +sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen +Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten +ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) +und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing +als weitere Aktivposten gesellten. +</p> + +<p> +Diesem Vermögen standen große Forderungen +gegenüber, die Uniformierungsanstalt +Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond +des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, +die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung +L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, +der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen +eine Forderung von 4400 K samt Zinsen +an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel +Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis, +Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) +und der Diener stellten sich gleichfalls +mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa +45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit +überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte +daher das Prager Landesgericht den Konkurs +über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger +Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die +Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in +einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner +Chotekgasse die Versteigerung des +Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter +den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß +gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen +30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent. +</p> + +<p> +Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion +ein Paket Rollfilms erstanden hatte, +entdeckte, daß einer der Films belichtet war. +Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers +im physikalischen Kabinett der Schule, wobei +die Photographie eines reservat ausgegebenen +Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch +J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat. +Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, +das ihn an das Evidenzbureau des +Generalstabs nach Wien weiterleitete. +</p> + +<p> +Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig +in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es +sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit +um so auffallender ist, als sich +im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, +selbstbeobachtendes Empfinden zu +äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch +junge Offiziere und Soldaten. „Mit Freude +ergreife ich die Feder ...“, – so beginnen die +meisten und mit Geldforderungen enden sie. +Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten +füllte eine Lade seines Schreibtisches: +durchwegs aristokratische Namen. Auf seine +Beziehungen zum böhmischen Adel schien er +sich besonders viel einzubilden, die Erlangung +des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu +sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen +müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag +eine Bürgerkrone zu setzen. +</p> + +<p> +Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager +Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des +Generalstabschefs galt. Aber sie war eine +„fausse maitresse“, nur da, um jeden aufkeimenden +Verdacht der Homosexualität zu +verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, +in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife +erklärend, daß ihr die Rücksicht auf +ihre Freundschaft mit Redl, „die von Dir +immerfort verlangte Wahrung des Dekorums“ +die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ... +</p> + +<p> +Für geistige Betätigungen Redls fanden sich +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte +Bibliothek militärischen Charakters +war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal +aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht, +im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen +gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak, +dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß +auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft +aufgebaut gewesen zu sein. +</p> + +<p> +Redl war groß und breit gewachsen, der +Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des +sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln +nachgeholfen. Er galt als der eifrigste +Mann des Generalstabskorps, als der prompteste +Aktenerlediger (in Deutschland hatte +denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff) +und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, +wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, +die Intrigen zu deren Verheimlichung und +zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, +die Affären mit seinen geheimen Freunden +und seiner öffentlichen Freundin addiert. +</p> + +<p> +Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn +Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k. +u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen +Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine +Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt +geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg +erlebt hätte. +</p> + +<p class="tb"> +<span class="u">*</span> <span class="l">*</span> <span class="u">*</span> +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +Während Kaiser Franz Josef die ganze +Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der +die Monarchie betroffen hatte, und gegen den +sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger +Franz Ferdinand auf einem anderen +Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als +für die Armee typisch auf und versuchte mit +allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren. +Er setzte nun mit Verfolgungen ein, +die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei +Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden +ist, bezieht sich der erste auf den Redl’schen +Selbstmord. Es heißt darin: „... Se. kais. +Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir +mit erhobener Stimme: ‚Es ist unchristlich, +einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der +Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und +wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn +zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei! +Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen +Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen? +Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund +ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt +unter dem Galgen die Segnungen der Religion, +– auf den Galgen hätte übrigens dieser +Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig +baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu +befehlen, ist unchristlich.‘ Ich erlaubte mir +zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht +befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +unterbrach mich ungnädig: ‚Nur keine Wortspaltereien! +Genug daran, daß man den +Selbstmord nicht verhindert hat.‘ Auch darüber +war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten, +daß man von der Veranlagung Redls +nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei +ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone +(den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben +wurde.“ +</p> + +<p> +Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt +sich mit der Reorganisation der Kriegsschule +und des Generalstabs, die der Erzherzog +unter dem Eindrucke der Causa Redl +durchführen wollte: +</p> + +<p> +„Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. +Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat +mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit +eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule +durchführen. Die Fälle der absolvierten +Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas +(Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor +allem aber Redls beweisen, daß die Moral +dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen +Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.- +und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs +des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais. +Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung +aller Herren auf diesem Posten und Regeneration +des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt +den Adel zum Gstb. heranziehen, +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die +Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen +könne.“ +</p> + +<p> +Der Erzherzog verkannte die Gründe für +diese Ausartungen von Kriegsschülern und +Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen +in die Kriegsschule waren +überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt +sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur +der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; +die besondere Befähigung für ein oder das andere +Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, +mathematisches oder Sprachentalent) war +eher hinderlich als fördernd, da eine solche +Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen +Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen +Aufwand an Selbstverleugnung, Energie +und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab +erforderlich war, hätte wohl jeder +ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß +solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden +könne, in verbrecherische Betätigungen um +der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte +der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen +Abkunft die Schuld. +</p> + +<p> +Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit +seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte, +wandte sich sein verschärfter Groll gegen das +Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem +Briefe: +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +„Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau +gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei +Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne +daß so etwas auffällt.“ +</p> + +<p> +Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von +Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der +erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des +Generalstabs und der Kriegsminister darauf +hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine +Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a id="corr-19"></a>es +den mit der Technik der Spionenentlarvung +so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der +Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte +auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte +die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines +Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen. +</p> + +<p> +FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen +und Kränkungen, die er durch den +Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer +Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den +Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire +niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht +wird: „Bei den vielen Berührungspunkten, +die zwischen der Militärkanzlei des +Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener +Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, +fühlten ich und mein Personal den Druck des +Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad +von Hötzendorf vertröstete mich mit dem +Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +des Thronfolgers, auf die kommenden +großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit +ergeben werde, dem Thronfolger endlich +klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer +geartetes Verschulden treffe. Man legte mir +vor allem die Zulassung des Selbstmordes als +gegen die christlich-katholische Religion verstoßend, +zur Last. Die zwingenden Motive, +die für den Selbstmord sprachen, waren von +allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden +– ich war nicht der Älteste unter ihnen +und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade +mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft +erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher +Aufwand, speziell sein „Autohalten“ +auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte +die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs, +es war ihm im Korpskommando-Gebäude +in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich +eingeräumt worden; er verfügte daher +über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte +ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor +Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte, +ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, +‚besitzt eigenes Vermögen‘. Solange er mein +Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen, +später, bei der Truppendienstleistung +in Wien und sodann als Generalstabschef in +Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel +nicht verantwortlich machen. +</p> + +<p> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Die Konzentration der Wut des Thronfolgers +auf meine Person war geradezu pathologisch, +es sollte noch ärger kommen. Bei den +großen Manövern des Jahres 1913, die in der +Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens +der Thronfolger ganz besonders hervor, +indem er plötzlich am zweiten Manövertag +die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über +den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des +Generalstabes und der Manöverleitung eine +ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute +ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes +‚Kavalleriekorps‘ auch eine +Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, +das ‚Attachéquartier‘, das ist die Vereinigung +aller fremdländischen Offiziere, die als +Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung +der fremden Offiziere war der Thronfolger +ganz gegen seine bisherige Gewohnheit +bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen +mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, +sprach nicht mit mir, so daß es die fremden +Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten. +So ging es nach den Manövern fort, +bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn +des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus +dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler +einen photographischen Apparat erstanden, +worin noch ein nicht entwickelter Film +lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion. +Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der +Sensationsmeldung, der Film enthielte einen +wichtigen Befehl des Thronfolgers an das +8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen +Stunden lag schon der telegraphische Befehl +aus Konopischt vor, ‚gerichtliche Untersuchung, +die Schuldigen auf das Strengste zu +bestrafen‘. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen +Untersuchung des Falles Redl, die +in Prag geführt wurde, organisationsgemäß +gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich +mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, +daß das Gericht eine Schadensumme festsetze, +die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für +die Heeresverwaltung entstanden ist, womit +ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß +Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich +fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig, +daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem +Wege erworbenen Gelde bereichern, +ganz besonders lag mir daran, daß +nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit +zusammenhingen und die trotz +eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen +Zufall noch vorhanden sein könnten, auf +dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände +kämen, wo sie neues Unheil anrichten +konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann +mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +vernichten, Geld oder Geldeswert einer +wohltätigen Sache zuwenden können oder +dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten +Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert; +so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur +Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich +hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in +Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam +machen, daß der Nachlaß vor Übergabe +an den Notar einer gründlichen Sichtung +vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls +unterzogen werde. Das Korpskommando hatte, +diesem Rate folgend, eine Kommission zur +Durchsicht des Nachlasses bestimmt – und +dennoch konnte es geschehen, daß niemand +daran dachte, den photographischen Apparat, +das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen. +Trotzdem alle diese Tatsachen dem +Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt +mehr denn je von meiner Schuld überzeugt, +wieder half keine Einsprache des Chefs des +Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die +Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen +– es war umsonst, man stand vor einer +Wand! Die Prager Auditoren wurden in +Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man +nicht so schnell absägen, bevor man einen +eingearbeiteten Nachfolger besaß. +</p> + +<p> +Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche +Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, +weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés +in Bukarest, Oberst von Hranilovic, +als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten +habe, weil der Chef des Generalstabes Wert +darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit +der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen +arbeiten. +</p> + +<p> +Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in +Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag +nach einer schweren Operation in einem Sanatorium +in Berlin. Die politischen Wogen gingen +noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres +Gesandten gerade auf diesem heißen Boden +wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät +der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr +Giesl’s auf seinen Posten. Kaum reisefähig, +eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit +erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen, +daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten +gegen den Gesandten bestünden, +um künstlich die Situation zu verwirren, und +zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten +während seiner Reise noch auf österreichischem +Gebiet erfolgen. Ich erhielt den +Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl +ungestört nach Cetinje gelange, weil die +Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in +die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl +wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +ein Torpedoboot gebracht, landete in der +Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen +Dienstposten gebracht wurde. Während +des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte +ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers +in Spalato bald frei würde. – Die Aussicht, +nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale, +ein ruhiges Provinzleben zu führen, +hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage +meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914, +den Kriegsminister um die Vormerkung für +das Brigadekommando in Spalato bat. Zu +meiner größten Überraschung eröffnete mir +der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, +bestimmten Befehl des Thronfolgers, +den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben +der Antrag des Kriegsministeriums gemacht +worden, mir das Brigadekommando Semlin +(an der serbischen Grenze) zu geben, dort +hätte ich Gelegenheit, mich zu ‚rehabilitieren‘! +Also noch immer der alte Groll, – es war +nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers +konnte sich keinem fremden Urteil fügen. +</p> + +<p> +Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord +dieser nur pathologisch zu erklärenden +Verfolgung. Auf ein Glockensignal des +Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos +wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen +sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, +daß er mir einen Befehl des Thronfolgers +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch +folgenden Wortlaut: +</p> + +<p> +‚Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, +daß die Energie und geistige Spannkraft +des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße +gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung +nicht mehr in Betracht kommt und +ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.‘ +</p> + +<p> +Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern: +</p> + +<p> +‚Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen +Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.‘ +</p> + +<p> +Dann nahm die Komödie ihren Fortgang +– – mit dem Arzt wurde ein Kompromiß +geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, +so einigten wir uns denn auf eine ‚Nervosität +mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben +Jahres zweifellos behoben sein wird‘. Diesen +weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich +auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission +an, worauf der Präses der Kommission +den verabredeten Antrag auf Beurlaubung +des Obersten von Urbañski auf sechs +Monate mit Wartegebühr stellte. So war es +zwischen dem Chef des Generalstabes, dem +Kriegsminister und mir besprochen, denn ein +offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers +schien ganz aussichtslos, die Zeiten +nicht danach angetan, daß diese Funktionäre +wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten. +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Ich leistete nun keinen Dienst mehr, +wickelte meine persönlichen Angelegenheiten +ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines +Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei +Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da +nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines +plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, +er wurde in der Presse kommentiert, +Parlamentarier verschiedener Schattierung +beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen +Gegner des Thronfolgers suchten mich +auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. +Unter anderen lud mich ein Erzherzog +zu sich. Auf die Aufforderung, ihm +die volle Wahrheit über meine Maßregelung +ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch +den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, +das mir ein Gespräch über dieses Thema +verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog, +er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, +der mich durch seine Offenheit verblüffte: +‚Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein, +ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette +das Emblême F. J. I. oder W. II. +tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns +darüber klar, daß unser Thron auf schwanker +Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee +ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur +Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns +geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +schon kursieren, und auch in Ihrem Fall +vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet, +das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...‘ +</p> + +<p> +Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe +eine Richtung bestand, die dem Thronfolger +die Eignung für die Nachfolge abzusprechen +bestrebt war – mein Fall sollte dazu beitragen, +den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten. +</p> + +<p> +Ernster war meine Aussprache mit dem +Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des +Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt +über mich in seine Hände kam, +ließ er mich zu sich bitten und empfing mich +mit den Worten: ‚Lieber Urbañski, haben Sie +einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich +davonjagen will?‘ Als ich Exz. Bolfras +die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive +Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er +auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät +nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte +mich in frischester Erinnerung aus vielfachen +Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 +als adjoint militaire d’Autriche-Hongrie der +Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb +tätig gewesen, als die Revolution in der +Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten +Ansturm der serbischen Wut anläßlich der +drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina +durchzuhalten gehabt, Se. Majestät +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +hatte persönlich meine Ansichten über die +voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört. +Während der folgenden Jahre hatte mein +Bureau täglich die informierenden Berichte +über die laufenden kriegerischen Verwickelungen, +Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. +geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn +sein mußten, wenn der Kaiser sein +Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung +hatten zwei russische Militärattachés +der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau +der Spionage überführt, ihren Posten +verlassen müssen, – kurz, ich stand beim +Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir +doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden, +eine für einen Oberst recht seltene +Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 +entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf +einen Generalsposten zu gelangen habe. Und +nun plötzlich die Pensionierung, – der Kaiser +werde unbedingt nach den Gründen fragen. +Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das +ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle +Vorstellungen der verantwortlichen Männer +sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten +Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger, +ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser +sei angesichts des leidenden Zustandes des +Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das +Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras’ liegen. +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +– Dort lag es noch unerledigt, als der +Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit +hierdurch in ein anderes Stadium +trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich +lange gegen die Abhaltung der Manöver in +Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten +feierlichen Einzug des Thronfolgers mit +seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren +doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen +eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits +feindselige Handlungen erwarten +ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger +das politische Besuchsprogramm für Bosnien +durch. Der Chef des Generalstabes mußte als +solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden +politischen Akt wollte er auf keinen +Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise +in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, +daß der Chef den Thronfolger unmittelbar +nach Schluß der Manöver verlassen mußte. +Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt +dieser Reise, traf ihn die Nachricht +des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort +nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach +seiner Ankunft in Wien verständigte mich +Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit +nunmehr eine andere Wendung genommen +habe; wenige Tage später kam ein Schreiben +des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung, +mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Urlaub von meinen Aufregungen und +Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach +der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer +Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando +derselben Division, die ich bis zum +Schluß geführt habe.“ +</p> + +<p> +Damit schließt das Memoire, aus dessen +Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors, +sondern auch des ganzen Generalstabes +spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung „des +Chefs“, der einen seiner Untergebenen einfach +zum Selbstmord kommandiert hat, sondern +auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten +versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche +behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt +und keine aktuelle Kriegsvorbereitung +verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument +des „flaschengrünen Korpsgeistes“, mit +dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen +Generalstab als höchste Klasse der +Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem +Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie +verachteten die Truppe, sie mißachteten das +Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren +handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers +und seiner Militärkanzlei nicht, – sie +duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. +Immer war die Prätorianergarde +mächtiger als der Regent. Selbst der +Weltskandal der Redl-Affäre gab dem Erzherzog +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz +aller Mühen und Anstrengungen einen ihm +(allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu +beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde +noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet +und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja, +der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt +wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt +und wie ein Hohn der Überlebenden +klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme +dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers. +Natürlich war die Haltung des Erzherzogs +von der Wut darüber bestimmt, daß +seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand, +und seinem Hochmut der Hochmut +der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. +Der Generalstab ließ keinen der Seinen +vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor +durfte einen Generalstäbler verurteilen, – deshalb +Redls Selbstmord. +</p> + +<p> +Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle +entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen +der Armee gewußt und um alle aktuellen +Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander +hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein +Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch +wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten +Nachrichten hätte liefern müssen, das, was +man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer +Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Spion. Mit einem einzigen +Wort konnte man ihn zwingen. +</p> + +<p> +So einzigartig der Kriminalfall Redl auch +scheinen mag, – er wird sich immer in irgendeiner +Form wiederholen. Denn die Staaten +sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens, +das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod +durch den Strang oder mit der Verbannung +nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando +zum Selbstmord. +</p> + +<div class="ads chapter"> +<p class="ser"> +<span class="line1">In der Sammlung</span><br /> +<span class="line2">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br /> +<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span><br /> +<span class="line4">sind bis jetzt folgende Bände erschienen:</span> +</p> + + <div class="table"> + <div class="volumes"> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 1: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">ALFRED DÖBLIN</span><br /> +DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND<br /> +IHR GIFTMORD +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 2: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">EGON ERWIN KISCH</span><br /> +DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br /> +REDL +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 3: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br /> +DER MORD AM<br /> +POLIZEIAGENTEN BLAU +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 4: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">ERNST WEISS</span><br /> +DER FALL VUKOBRANKOVICS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 5: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">IWAN GOLL</span><br /> +GERMAINE BERTON,<br /> +DIE ROTE JUNGFRAU +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 6: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">THEODOR LESSING</span><br /> +HAARMANN, DIE GESCHICHTE<br /> +EINES WERWOLFS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 7: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">KARL OTTEN</span><br /> +DER FALL STRAUSS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 8: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">ARTHUR HOLITSCHER</span><br /> +DER FALL RAVACHOL +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 9: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">LEO LANIA</span><br /> +DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 10: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">FRANZ THEODOR CSOKOR</span><br /> +SCHUSS INS GESCHAEFT<br /> +DER FALL OTTO EISSLER +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 11: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">THOMAS SCHRAMEK</span><br /> +FREIHERR VON EGLOFFSTEIN<br /> +Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 12: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">KURT KERSTEN</span><br /> +DER MOSKAUER PROZESS GEGEN<br /> +DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922 +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 13: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">KARL FEDERN</span><br /> +DER PROZESS MURRI-BONMARTINI +</p> + + </div> + <div class="r"> +<p class="v"> +Band 14: +</p> + +<p class="t"> +<span class="firstline">HERMANN UNGAR</span><br /> +DIE ERMORDUNG<br /> +DES HAUPTMANNS HANIKA +</p> + + </div> + </div> + </div> +<p class="tb"> +* +</p> + +<p class="s c"> +Ferner erscheinen noch Bände von: +</p> + +<p class="c"> +HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, +E. I. GUMBEL, WALTER HASENCLEVER, GEORG +KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS, +EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ +SCHICKELE, JAKOB WASSERMANN, ALFRED +WOLFENSTEIN. +</p> + +</div> + +<p class="printer"> +OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p class="skip_in_txt"> +Das Cover wurde vom Bearbeiter den ursprünglichen +Bucheinbänden der Serie nachempfunden und der <i>public domain</i> zur Verfügung gestellt. +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <span class="underline">Linse</span> ...<br /> +... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a href="#corr-0"><span class="underline">Linsen</span></a> ...<br /> +</li> + +<li> +... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...<br /> +... Armer Major Vorlicek<a href="#corr-2"><span class="underline">!</span></a> Vor seinem Hause ...<br /> +</li> + +<li> +... aufgetauchten <span class="underline">Gerüchten</span> ersucht, ...<br /> +... aufgetauchten <a href="#corr-9"><span class="underline">Gerüchte</span></a> ersucht, ...<br /> +</li> + +<li> + (mehrfache Fälle)<br /> +... Redls und des Auditors Dr. <span class="underline">Seeliger</span> dorthin. ...<br /> +... Redls und des Auditors Dr. <a href="#corr-10"><span class="underline">Seliger</span></a> dorthin. ...<br /> +</li> + +<li> +... mußte <span class="underline">ihm</span> den Kragen kosten, während ...<br /> +... mußte <a href="#corr-14"><span class="underline">ihn</span></a> den Kragen kosten, während ...<br /> +</li> + +<li> +... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <span class="underline">er</span> ...<br /> +... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a href="#corr-19"><span class="underline">es</span></a> ...<br /> +</li> +</ul> +</div> + + +<pre style='margin-top:6em'> +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS +REDL *** + +This file should be named 63991-h.htm or 63991-h.zip + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given +away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks +not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country outside the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you will have to check the laws of the country where + you are located before using this ebook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm web site +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The +Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm +trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +</pre> +</body> +</html> diff --git a/old/63991-h/images/cover.jpg b/old/63991-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b2bfb21 --- /dev/null +++ b/old/63991-h/images/cover.jpg diff --git a/old/63991-h/images/logo1.jpg b/old/63991-h/images/logo1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..65381b9 --- /dev/null +++ b/old/63991-h/images/logo1.jpg diff --git a/old/63991-h/images/logo2.jpg b/old/63991-h/images/logo2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5c92f90 --- /dev/null +++ b/old/63991-h/images/logo2.jpg diff --git a/old/63991-h/images/portrait.jpg b/old/63991-h/images/portrait.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..96cc211 --- /dev/null +++ b/old/63991-h/images/portrait.jpg diff --git a/old/63991-page-images.zip b/old/63991-page-images.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2038e4f --- /dev/null +++ b/old/63991-page-images.zip |
