summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--63991-0.txt2321
-rw-r--r--63991-0.zipbin0 -> 51900 bytes
-rw-r--r--63991-h.zipbin0 -> 351345 bytes
-rw-r--r--63991-h/63991-h.htm3932
-rw-r--r--63991-h/images/cover.jpgbin0 -> 83010 bytes
-rw-r--r--63991-h/images/logo1.jpgbin0 -> 34488 bytes
-rw-r--r--63991-h/images/logo2.jpgbin0 -> 6598 bytes
-rw-r--r--63991-h/images/portrait.jpgbin0 -> 193083 bytes
-rw-r--r--63991-page-images.zipbin0 -> 9110800 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/63991-0.txt2321
-rw-r--r--old/63991-0.zipbin0 -> 51900 bytes
-rw-r--r--old/63991-h.zipbin0 -> 351345 bytes
-rw-r--r--old/63991-h/63991-h.htm3932
-rw-r--r--old/63991-h/images/cover.jpgbin0 -> 83010 bytes
-rw-r--r--old/63991-h/images/logo1.jpgbin0 -> 34488 bytes
-rw-r--r--old/63991-h/images/logo2.jpgbin0 -> 6598 bytes
-rw-r--r--old/63991-h/images/portrait.jpgbin0 -> 193083 bytes
-rw-r--r--old/63991-page-images.zipbin0 -> 9110800 bytes
21 files changed, 12522 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/63991-0.txt b/63991-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..02ed891
--- /dev/null
+++ b/63991-0.txt
@@ -0,0 +1,2321 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon
+Erwin Kisch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl
+ Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
+ 2
+
+Author: Egon Erwin Kisch
+
+Editor: Rudolf Leonhard
+
+Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Jens Sadowski
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+
+
+ AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
+ -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --
+
+
+
+
+ AUSSENSEITER
+ DER GESELLSCHAFT
+ -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --
+
+
+ HERAUSGEGEBEN VON
+ RUDOLF LEONHARD
+
+ BAND 2
+
+
+ VERLAG DIE SCHMIEDE
+ BERLIN
+
+
+
+
+ DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+ REDL
+
+
+ VON
+ EGON ERWIN KISCH
+
+
+ VERLAG DIE SCHMIEDE
+ BERLIN
+
+
+ EINBANDENTWURF
+ GEORG SALTER
+ BERLIN
+
+
+ 6.-10. TAUSEND
+
+ Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
+
+
+
+
+
+
+Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des
+Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf
+bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses
+Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage
+politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters
+kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen,
+Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis
+in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen
+Armee als mißglückt entschied.
+
+Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden
+gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so
+hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als
+undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche
+Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er
+verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld
+er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag
+gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses
+Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof
+und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die
+Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander
+widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten.
+
+Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem
+Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der
+Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär
+jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte
+und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung
+dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre
+verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des
+Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang
+viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die
+Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand
+durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art
+zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte.
+Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter
+seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des
+Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich
+dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine
+authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den
+unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu
+bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten.
+
+Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die
+damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren,
+Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den
+nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef
+im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen
+stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr.
+Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen
+Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten
+Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert
+Grafen Sternberg zugrunde.
+
+
+
+
+
+
+Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit
+der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das
+Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die
+Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl
+hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle
+innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage
+Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der
+Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder
+Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert,
+jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne
+daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren
+Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die
+vom Nebenzimmer aus bedient wurden.
+
+Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden,
+ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der
+einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder
+Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch
+Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte,
+waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren
+ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, --
+neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf
+dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate
+Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit
+Seidenpulver bestreut.
+
+In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten
+mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im
+Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in
+Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine
+Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel
+konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand
+projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so
+daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war,
+von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit
+Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller
+spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in
+Brüssel, Zürich und Lausanne.
+
+Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als
+Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert:
+unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß
+der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein
+energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers
+Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die
+Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des
+Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt.
+Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten
+Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine
+Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben
+Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese
+Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu
+verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein
+Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem
+Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren
+gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder
+abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun
+Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er
+die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen
+wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das
+er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von
+einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als
+richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der
+in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte
+dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert
+werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen
+Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf
+eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann
+mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das
+Verfahren gegen ihn einstellte.
+
+Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr
+noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte.
+Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung
+befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler
+vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der
+jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm
+sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den
+15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung
+etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte,
+während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen
+Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte.
+Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als
+Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier,
+man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das
+Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war,
+hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die
+Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen
+die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen
+Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und
+bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen
+Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die
+Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden
+Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil
+sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen
+Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand
+brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der
+antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten.
+
+Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren
+hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der
+Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das
+Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom
+Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti
+aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen
+Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo
+der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese
+ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in
+militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene
+vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des
+Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze
+Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur
+Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig,
+wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen
+hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche
+Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter
+anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst
+Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden
+daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche
+Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball --
+davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.
+
+ * * * * *
+
+Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die
+postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien
+erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen
+Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine
+sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war
+anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es
+sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem
+Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug
+150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau
+jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse
+war mit Schreibmaschine geschrieben.
+
+Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu
+bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die
+Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische
+Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des
+Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer
+sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung
+der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium
+transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem
+nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach
+den Briefen, in denen so viel Geld war.
+
+Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden,
+weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen
+Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur
+Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit
+Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der
+Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war
+der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen
+stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos
+hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein
+Mietsauto.
+
+Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die
+beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des
+Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten
+Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt«
+gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung
+gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen
+Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem
+Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden
+Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung
+angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.
+
+Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine
+Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«.
+
+Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den
+Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit
+ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken
+sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden
+müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei.
+Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten
+vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das
+Auto hält. Es ist leer.
+
+»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?«
+
+»Ins Café Kaiserhof.«
+
+»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.«
+
+Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und
+finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem
+Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der
+Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der
+so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort
+weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am
+Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren
+kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als
+Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr
+befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.«
+
+Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht.
+»Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus
+Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i
+net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil
+war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.«
+
+Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn
+gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer
+Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd
+nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im
+Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des
+österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des
+angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es,
+wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun
+zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der
+Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen!
+
+Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer
+von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt
+bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind.
+Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch
+anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl
+die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade
+hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine
+der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem
+Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste
+frage, wem es gehört.
+
+Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und
+legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben
+Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der
+Portier.
+
+»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen
+gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...«
+
+Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser
+benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe
+aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut
+den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem
+Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen.
+
+Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe,
+nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen
+Stunden werde ich tot sein.
+
+Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse
+rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er
+wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich
+kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des
+Restaurants Klomser treten.
+
+Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348
+aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie,
+daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl
+gehört.«
+
+Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst
+Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße
+ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur
+Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der
+alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café
+Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne,
+der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten
+sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens
+kaltblütig versucht!
+
+Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom
+Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k.
+Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in
+beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr
+Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger
+Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur
+Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe
+ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die
+Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die
+anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist
+kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von
+Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im
+Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die
+Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von
+Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den
+Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als
+Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball
+13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und
+dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann
+keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.
+
+Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung
+haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie
+gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere
+aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere,
+deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will)
+und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die
+Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der
+Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die
+Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an,
+und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst
+kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und
+bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto
+ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind
+Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen
+Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe
+nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem
+Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland
+war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten
+sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da
+Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die
+Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter
+überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen
+italienischen Spionagezentrale.
+
+Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit
+militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den
+Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung
+abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen
+Gerechtigkeit entziehe?
+
+Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum
+Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt
+ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau.
+Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er
+im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag
+angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben
+verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein
+wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht
+wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die
+fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher
+Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der
+die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder
+bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere,
+binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon
+Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er
+den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und
+dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich
+vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo
+sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem
+Prager Zug eingetroffen war.
+
+In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein
+junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange
+Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in
+Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund
+wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H.
+fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt.
+Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es
+sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
+
+»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge
+den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem
+Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren
+Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land
+fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran
+nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.
+
+Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim
+Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer
+Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf
+den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«,
+der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ...
+
+»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen
+bitten?«
+
+»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!«
+
+Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch
+den Speisesaal.
+
+In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf
+Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er
+kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite
+dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung
+braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die
+Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein
+Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im
+verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den
+oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß
+ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, --
+sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt
+nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten
+aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die
+Entscheidung aus:
+
+»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie
+weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!«
+
+Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab
+die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas
+bekannt wird.
+
+»Er selbst, Exzellenz ...?«
+
+»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich
+verstanden worden, Herr Oberst?«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz!«
+
+»Heute nacht muß alles geschehen!«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz!«
+
+»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst!
+Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und
+dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind
+direkt an mich zu erstatten.«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz.«
+
+Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte,
+und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser
+ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert
+hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei
+der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster
+Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von
+Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial
+über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten
+gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der
+in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die
+(den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese
+zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und
+Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in
+der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper
+überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er
+eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in
+seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem
+Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die
+Einsilbigkeit des Tischgenossen.
+
+Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich
+seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen,
+seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu
+flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung
+ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend?
+
+Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut
+sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt
+seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen
+Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt
+sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß
+sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt
+dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich
+seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen
+möchte.
+
+Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon
+hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und
+schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung
+des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in
+persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt
+sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei
+anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen
+Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch
+im Amt.
+
+»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt
+er.
+
+»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.«
+
+»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?«
+
+»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?«
+
+»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er
+spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen
+hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag
+ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?«
+
+»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt.
+Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich
+morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich
+gerne tun.«
+
+Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht
+erzielen.
+
+Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind
+inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs
+gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und
+suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im
+IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k.
+Majorauditor«.
+
+Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In
+seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen
+Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen.
+Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er
+sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um
+11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des
+Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung,
+und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit
+wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt
+verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts
+machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den
+Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.
+
+Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs:
+Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der
+Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium,
+erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren
+vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge
+eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café
+Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der
+Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man
+Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber
+auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort
+bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor
+der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet.
+
+ * * * * *
+
+Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der
+Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins
+Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin
+muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1.
+Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist
+in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.
+
+Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.
+
+»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich
+habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu
+schreiben.«
+
+Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene
+Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps
+adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines
+Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte
+eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als
+die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu
+haben.)
+
+Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.
+
+»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er.
+
+Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und
+Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager
+Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich
+damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine
+Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?«
+
+Oberst Redl: »Nein.«
+
+Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr
+Redl.«
+
+Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.«
+
+Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen
+werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning
+zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen.
+
+Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der
+Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode
+entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein
+Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann
+wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts,
+kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama
+seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines
+der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier
+auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse
+bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht
+hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen
+gehen.«
+
+Wie spät ist es?
+
+Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
+
+Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung«
+der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug,
+6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird
+also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer
+von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in
+der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort
+über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache
+sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die
+höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein
+anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef
+Spionage getrieben habe.
+
+Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er
+feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot
+auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende
+Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt
+worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous
+geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte,
+er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese
+Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines
+vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere
+eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später,
+wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.
+
+»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten.
+Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.«
+
+Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf
+Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit
+die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem
+fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen.
+Man wartete aber nicht länger am Apparat.
+
+Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von
+einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und
+Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen.
+Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend,
+in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt
+und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken
+Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war
+durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot
+zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch
+fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des
+Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v.
+Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand:
+»Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich
+büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.«
+
+Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt
+sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für
+mich.«
+
+Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten --
+jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die
+Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die
+Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg.
+Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus
+nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde.
+In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den
+Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem
+aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn,
+sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern
+Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und
+wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen.
+Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem
+Mörder.
+
+So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da,
+was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann,
+der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten
+eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben
+hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon
+nichts gesagt?
+
+Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?
+
+Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des
+Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und
+Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu
+beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen
+Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der
+Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er
+sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er
+wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die
+Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der
+Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch
+der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine
+Ahnung: von der Spionage.
+
+Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die
+Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals
+geschafft.
+
+Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den
+Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der
+hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat
+sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit
+an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn
+dienstliche Aufgaben geführt hatten ...«
+
+Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach
+Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem
+Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in
+Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord
+begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl
+das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem
+österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief
+bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den
+Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt
+miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum
+Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt
+war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun
+erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und
+konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls,
+die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des
+Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen
+werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
+
+ * * * * *
+
+»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus,
+der mir von dieser Dienstreise erzählt.
+
+»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend,
+kein Professionist.«
+
+»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?«
+
+»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.«
+
+FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und
+bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers
+Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der
+Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.
+
+»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der
+Schubfächer verraten können?«
+
+»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch.
+
+»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.«
+
+»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig.
+
+Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein:
+am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub
+»Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des
+»Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage:
+
+ DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3).
+ Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl
+ seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das
+ Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht
+ imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln.
+
+Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der
+Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp
+vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen
+der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner
+pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner
+aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines
+Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar
+nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam.
+
+»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige
+Endback zu entschuldigen.
+
+»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend.
+
+»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt
+und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß
+aufbrechen.«
+
+»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir
+haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.«
+
+»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann
+alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission
+aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach
+Photographien von Plänen.«
+
+»So? Und wem gehört die Wohnung?«
+
+»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.«
+
+»Und der General war nicht da?«
+
+»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.«
+
+Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist,
+ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar
+nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine
+Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie
+der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat
+und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat:
+»Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch,
+daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame,
+lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die
+parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen
+sich die Wiener Herren notiert haben.
+
+Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des
+Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter
+Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und
+wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen
+Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist,
+ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt
+einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung
+ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung
+mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man
+riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in
+Form eines Dementis bringen. »Von hervorragender Seite werden wir um
+Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte
+ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der
+bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat
+militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben
+habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und
+einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die
+Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag
+geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen,
+usw.«. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist
+so, wie wenn man sagt: »Der X. ist kein Falschspieler.« Aber
+konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der
+Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das
+Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das
+Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen
+ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und
+Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen
+des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion
+Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im
+Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
+
+Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß
+aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen
+usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht,
+Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze
+Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen
+Union-Holeschovice.
+
+ * * * * *
+
+Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des
+Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich
+überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene
+Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster
+vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß
+die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall
+zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch
+erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln,
+Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf.
+
+Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte,
+daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von
+Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl
+war homosexuell gewesen.
+
+Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von
+der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der
+hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn
+Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte.
+
+»Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten,
+und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du
+mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen,
+daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am
+Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch
+die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr
+keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was
+sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich
+warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß
+nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?),
+könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den
+versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du
+nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde
+dann ...«
+
+Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen
+worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu
+beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch
+Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel
+scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den
+Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt,
+das bewacht war.
+
+Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des
+Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er
+vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und
+habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den
+Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er
+-- wegen widernatürlicher Unzucht -- zu drei Jahren schweren Kerkers
+verurteilt.
+
+Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein
+bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da
+Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit
+war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler
+von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner
+Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen
+getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken
+überhäuft.
+
+Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor:
+Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über
+gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in
+seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten
+Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate
+photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen
+Generalstabsbücher -- des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke --
+verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und
+Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle
+über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von
+Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert
+und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz
+Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich
+auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen.
+
+Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete
+Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen,
+Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen
+von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, -- so
+allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die
+sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück,
+die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner
+Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa
+das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren
+Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei
+seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien
+bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen,
+daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand
+betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft
+zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und
+eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren
+in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in
+Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt
+Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen
+müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der
+österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des
+Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner
+Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg.
+Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
+
+ * * * * *
+
+Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und
+Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein
+so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord
+Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er
+habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben
+vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903
+wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo,
+Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im
+Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu
+haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf
+freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden
+seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen
+hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters
+und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate
+später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des
+nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die
+Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende
+Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften
+Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch
+den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an
+der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo
+nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch
+seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen »Karl Weber« in
+Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen
+wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den
+gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war,
+wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium
+des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung
+mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen
+russischen Paß vor, der auf den Namen »Karl Weber« lautete, und stellte
+sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß
+ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine
+Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des
+österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe
+sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den
+österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der
+Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen
+Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle.
+Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der
+wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische
+Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de
+Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde
+Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er
+war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die
+tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien
+kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über
+seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser
+interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase
+durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck,
+unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung
+auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so
+weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates
+vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und
+Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen
+Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt
+hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke
+gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für
+Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde
+Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel
+wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden
+Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne
+(weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt
+hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und
+gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen
+geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der
+Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts
+wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in
+ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal
+in treffender Weise: »Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen
+Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den
+Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.«
+
+Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major
+Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau.
+Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den
+weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des
+Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in
+dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung.
+Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von
+Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des
+Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr
+befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl
+beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es
+zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel
+zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind
+richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz
+glücklich war. »Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine
+Briefe versteckt?« fragte Redl. »Natürlich,« lachte das Kind und lief in
+das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und
+deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück
+umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen
+drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden
+Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg
+zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die
+widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen
+Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine
+Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski.
+
+Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden
+worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am
+Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer
+großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die
+beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, -- Majorauditor
+Haberditz war gerade abwesend, -- wollte Redl von Dr. Seliger einen
+streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im
+Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine
+Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit
+darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach
+Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der
+Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag
+ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach
+Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht,
+Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die
+Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen
+fortgesetzt wurden.
+
+Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er
+anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte,
+ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen.
+Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal
+unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage
+stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung,
+nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst
+Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka
+gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend
+einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht
+entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst
+Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen
+bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl
+wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders
+seine hemmenden Einwände.
+
+Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der
+angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen
+Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim
+Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im
+Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier »H« ein Stückchen
+der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war
+tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in
+trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß
+der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden
+sei, wie er sich beim Dossier »H« zu schaffen machte, daß darauf eine
+Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich
+ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage
+darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
+
+Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so
+ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan
+Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt
+haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich
+erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der
+Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt
+einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den
+Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als
+Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos,
+sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische
+Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und
+mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive
+österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische
+Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an
+Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt
+haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des
+Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die
+Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei
+einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer
+Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren »Loyalität«
+überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem
+russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich
+arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen
+auslieferte.
+
+Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf
+Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben.
+
+Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für
+Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode
+überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert.
+Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und
+hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt;
+auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller,
+der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war.
+Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren
+jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller
+verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der
+russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein
+und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche
+Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen
+Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des
+Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg
+zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher
+freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe
+beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst
+Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte
+seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls
+erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete
+nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es
+nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie
+verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war
+jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst
+wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf
+Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul
+und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese
+Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl
+gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren
+Tode ausgeliefert habe.
+
+Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am
+Weltkrieg. »Dieser Schurke,« sagt er von Redl, »hat jeden
+österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten
+wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen
+aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione
+erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre
+1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze
+österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, -- daher unsere
+Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten
+unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.«
+
+Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle
+österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland
+tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten
+erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich,
+ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen
+verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der
+österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar
+bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der
+Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten
+stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der
+ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten
+militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was
+man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt,
+wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er
+sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand.
+
+Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur
+Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich
+ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der
+sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte,
+bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder
+holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der
+Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem
+schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas
+ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese
+Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein
+Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten«
+Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm
+einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub
+nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab,
+so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der
+österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem
+Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das
+Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter
+doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn
+er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden.
+»Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat
+militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als
+militärisches Geheimnis angesehen werden!
+
+Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert
+waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard
+getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von
+Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren
+Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am
+Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen
+getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht
+zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.
+
+Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die
+sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und
+unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst
+aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der
+Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas
+Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von
+Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand
+der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione,
+Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion
+Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen
+Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten
+war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines
+Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des
+Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine
+zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu
+entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu
+überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den
+Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der
+Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die
+armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld
+verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig
+wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das
+Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung
+mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die
+wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten
+bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene
+nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege.
+Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische
+Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte,
+derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum
+Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität
+seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser
+Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher
+von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und
+vielleicht noch höher.
+
+ * * * * *
+
+Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum
+Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im
+k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der
+Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof
+exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und
+Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der
+Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis
+des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in
+aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl
+ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.«
+
+Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof
+geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des
+Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der
+Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg,
+Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr.
+38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
+
+ * * * * *
+
+Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem
+Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen
+Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die
+weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v.
+Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär
+hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der
+die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47
+h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag
+von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im
+Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten
+Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn
+Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel,
+Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar
+Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor.
+Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl
+getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die
+Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die
+Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus
+Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das
+photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven,
+Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen
+Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der
+Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener
+Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig
+zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine
+alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen
+versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im
+ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h
+geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde,
+die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie
+hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese
+Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der
+Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten
+gesellten.
+
+Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die
+Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des
+k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der
+Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der
+Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K
+samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und
+Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte
+übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der
+Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven
+etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30.
+November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über
+das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann,
+die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume
+in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses
+vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß
+gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung,
+d. i. 17 Prozent.
+
+Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms
+erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er
+entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der
+Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen
+Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage
+trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das
+Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.
+
+Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung
+standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind
+Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist,
+als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres,
+selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren
+jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder
+...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine
+Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines
+Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen
+zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die
+Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig
+hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem
+Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.
+
+Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die
+als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse
+maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu
+verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld
+verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre
+Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des
+Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
+
+Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die
+vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht
+bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er
+nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine
+Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint
+bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen
+zu sein.
+
+Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der
+Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln
+nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als
+der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon
+im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter,
+wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren
+Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit,
+die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen
+Freundin addiert.
+
+Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war
+Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren
+aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres
+Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.
+
+ * * * * *
+
+Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall
+betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich
+nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem
+anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch
+auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu
+konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode
+dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist,
+bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin:
+»... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit
+erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu
+begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man
+noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine
+Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte
+Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder
+Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der
+Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört.
+Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen,
+ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja
+nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich
+ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den
+Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit
+äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt
+habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die
+Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.«
+
+Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der
+Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog
+unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:
+
+»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn
+Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit
+eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle
+der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und
+Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort
+faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen
+die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte
+sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung
+aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man
+müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil
+bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.«
+
+Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen
+von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und
+Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der
+Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der
+krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein
+oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches,
+mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da
+eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen
+Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung,
+Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich
+war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher
+Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische
+Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der
+Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.
+
+Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen
+einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das
+Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:
+
+»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier
+ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas
+auffällt.«
+
+Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der
+Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs
+und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine
+Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der
+Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der
+Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen.
+Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines
+Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
+
+FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er
+durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat
+auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire
+niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen
+Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und
+dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten
+ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich.
+Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den
+oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden
+großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger
+endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden
+treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen
+die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden
+Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen
+Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste
+unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich
+heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein
+angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen
+sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines
+Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag
+eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte
+daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner
+Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht
+hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes
+Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto
+besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als
+Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht
+verantwortlich machen.
+
+Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu
+pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des
+Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens
+der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten
+Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des
+gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine
+ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch
+wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle
+spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das
+ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den
+Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der
+Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen
+abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach
+nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen
+mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate
+später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus
+dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen
+Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag.
+Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer
+Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der
+Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des
+Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag
+schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche
+Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich
+auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag
+geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte,
+hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht
+eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls
+für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß
+der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es
+vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf
+verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag
+mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit
+zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen
+bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung
+in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die
+Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes
+vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können
+oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag
+nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur
+Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte,
+ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam
+machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen
+Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde.
+Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur
+Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen,
+daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste
+Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem
+Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld
+überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des
+Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen --
+es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in
+Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen,
+bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.
+
+Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe
+des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort
+die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als
+meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des
+Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der
+Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.
+
+Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der
+Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in
+Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die
+Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr
+schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste
+Rückkehr Giesl's auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl
+nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten
+Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den
+Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar
+sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch
+auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu
+sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die
+Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro.
+Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein
+Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er
+ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des
+Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten
+des Brigadiers in Spalato bald frei würde. -- Die Aussicht, nach Jahren
+aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen,
+hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien,
+am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das
+Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete
+mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten
+Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben
+der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das
+Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte
+ich Gelegenheit, mich zu >rehabilitieren<! Also noch immer der alte
+Groll, -- es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich
+keinem fremden Urteil fügen.
+
+Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch
+zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des
+Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit
+Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir
+einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte
+meritorisch folgenden Wortlaut:
+
+>Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und
+geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten
+haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt
+und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.<
+
+Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:
+
+>Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil
+bleiben werde.<
+
+Dann nahm die Komödie ihren Fortgang -- -- mit dem Arzt wurde ein
+Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir
+uns denn auf eine >Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines
+halben Jahres zweifellos behoben sein wird<. Diesen weisen
+medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der
+Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den
+verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs
+Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des
+Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener
+Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos,
+die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner
+Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr,
+wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur
+Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz
+zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde
+meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in
+der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider
+Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers
+suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter
+anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die
+volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich
+mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein
+Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der
+Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch
+seine Offenheit verblüffte: >Ihnen kann es schließlich gleichgültig
+sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J.
+I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar,
+daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die
+Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist,
+dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon
+kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu
+geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...<
+
+Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem
+Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war --
+mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu
+erhärten.
+
+Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr.
+Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über
+mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich
+mit den Worten: >Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel
+gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?< Als ich Exz. Bolfras
+die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt
+hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht
+vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus
+vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint
+militaire d'Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in
+Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich
+hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden
+Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät
+hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der
+Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich
+die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen
+Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon
+um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein
+Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische
+Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der
+Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, -- kurz, ich stand
+beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten
+1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene
+Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe
+des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich
+die Pensionierung, -- der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen
+fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des
+Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei,
+dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und
+Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei
+angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So
+blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras' liegen. -- Dort
+lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine
+Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des
+Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in
+Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des
+Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in
+meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit
+serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem
+setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch.
+Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an
+dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen,
+weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß
+der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen
+mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn
+die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu
+kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz.
+v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen
+habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums
+gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen
+Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen
+brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und
+erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß
+geführt habe.«
+
+Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die
+Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes
+spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung »des Chefs«, der einen
+seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch
+den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im
+Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine
+aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein
+Dokument des »flaschengrünen Korpsgeistes«, mit dem sich die Korpsbrüder
+vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der
+Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen.
+(Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das
+Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten
+auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, -- sie duldeten
+keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die
+Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der
+Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz
+aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos)
+mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch
+durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang
+vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem
+Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der
+Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes
+nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des
+Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des
+Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der
+doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen
+der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen
+Generalstäbler verurteilen, -- deshalb Redls Selbstmord.
+
+Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden
+Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen
+Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der
+Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht
+aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das,
+was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer
+Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem
+einzigen Wort konnte man ihn zwingen.
+
+So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, -- er wird sich
+immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die
+Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit
+dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel
+oder mit dem Kommando zum Selbstmord.
+
+
+
+
+ In der Sammlung
+ AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
+ -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --
+ sind bis jetzt folgende Bände erschienen:
+
+
+ Band 1:
+
+ ALFRED DÖBLIN
+ DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND
+ IHR GIFTMORD
+
+ Band 2:
+
+ EGON ERWIN KISCH
+ DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+ REDL
+
+ Band 3:
+
+ EDUARD TRAUTNER
+ DER MORD AM
+ POLIZEIAGENTEN BLAU
+
+ Band 4:
+
+ ERNST WEISS
+ DER FALL VUKOBRANKOVICS
+
+ Band 5:
+
+ IWAN GOLL
+ GERMAINE BERTON,
+ DIE ROTE JUNGFRAU
+
+ Band 6:
+
+ THEODOR LESSING
+ HAARMANN, DIE GESCHICHTE
+ EINES WERWOLFS
+
+ Band 7:
+
+ KARL OTTEN
+ DER FALL STRAUSS
+
+ Band 8:
+
+ ARTHUR HOLITSCHER
+ DER FALL RAVACHOL
+
+ Band 9:
+
+ LEO LANIA
+ DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
+
+ Band 10:
+
+ FRANZ THEODOR CSOKOR
+ SCHUSS INS GESCHAEFT
+ DER FALL OTTO EISSLER
+
+ Band 11:
+
+ THOMAS SCHRAMEK
+ FREIHERR VON EGLOFFSTEIN
+ Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
+
+ Band 12:
+
+ KURT KERSTEN
+ DER MOSKAUER PROZESS GEGEN
+ DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
+
+ Band 13:
+
+ KARL FEDERN
+ DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
+
+ Band 14:
+
+ HERMANN UNGAR
+ DIE ERMORDUNG
+ DES HAUPTMANNS HANIKA
+
+ * * * * *
+
+ Ferner erscheinen noch Bände von:
+
+ HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER
+ HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO
+ MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB
+ WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.
+
+
+ OHLENROTH'SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 10]:
+ ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linse ...
+ ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen ...
+
+ [S. 32]:
+ ... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...
+ ... Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause ...
+
+ [S. 45]:
+ ... aufgetauchten Gerüchten ersucht, ...
+ ... aufgetauchten Gerüchte ersucht, ...
+
+ [S. 55]: (mehrfache Fälle)
+ ... Redls und des Auditors Dr. Seeliger dorthin. ...
+ ... Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. ...
+
+ [S. 66]:
+ ... mußte ihm den Kragen kosten, während ...
+ ... mußte ihn den Kragen kosten, während ...
+
+ [S. 76]:
+ ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem er ...
+ ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+
+***** This file should be named 63991-0.txt or 63991-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
+specific permission. If you do not charge anything for copies of this
+eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given
+away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
+not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
+trademark license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country outside the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you will have to check the laws of the country where
+ you are located before using this ebook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
+provided that
+
+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
+Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
+trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
diff --git a/63991-0.zip b/63991-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..57480ee
--- /dev/null
+++ b/63991-0.zip
Binary files differ
diff --git a/63991-h.zip b/63991-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..a87da67
--- /dev/null
+++ b/63991-h.zip
Binary files differ
diff --git a/63991-h/63991-h.htm b/63991-h/63991-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..892edff
--- /dev/null
+++ b/63991-h/63991-h.htm
@@ -0,0 +1,3932 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon Erwin Kisch</title>
+ <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
+ <!-- TITLE="Der Fall des Generalstabschefs Redl" -->
+ <!-- AUTHOR="Egon Erwin Kisch" -->
+ <!-- EDITOR="Rudolf Leonhard" -->
+ <!-- LANGUAGE="de" -->
+ <!-- PUBLISHER="Die Schmiede, Berlin" -->
+ <!-- DATE="1924" -->
+ <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
+
+<style type='text/css'>
+
+body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
+
+div.frontmatter { page-break-before:always; }
+.halftitle { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; }
+.halftitle .line2 { font-size:0.8em; }
+.logo1 { margin-top:2em; margin-bottom:2em; }
+.logo2 { margin-top:4em; margin-bottom:1em; }
+.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em;
+ font-size:1.5em; font-weight:bold; }
+.ser .line3{ font-size:0.67em; }
+.ed { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:1em; }
+.vol { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+.pub { text-indent:0; text-align:center; }
+h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em;
+ font-size:1.5em; font-weight:bold; }
+.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+.designer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; }
+.run { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:0.5em;
+ font-size:0.8em; }
+.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; }
+.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em;
+ page-break-before:always; }
+
+div.chapter{ page-break-before:always; }
+h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; }
+
+p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
+p.first { text-indent:0; }
+p.noindent { text-indent:0; }
+p.tb { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
+p.tb span.u{ vertical-align:40%; }
+p.tb span.l{ vertical-align:-15%; }
+p.block { margin:1em; text-indent:0; }
+
+.underline { text-decoration: underline; }
+.hidden { display:none; }
+
+/* ads */
+div.ads { margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:40em; font-size:0.8em;
+ margin-top:1em; }
+div.ads .ser { margin-bottom:0.5em; }
+div.ads .ser .line1 { font-size:0.8em; }
+div.ads .ser .line2 { font-size:1.25em; }
+div.ads .ser .line3 { font-size:0.8em; }
+div.ads .ser .line4 { font-size:0.8em; }
+div.ads div.table { text-align:center; }
+div.ads div.volumes { display:table; margin-left:auto; margin-right:auto;
+ border-collapse:collapse; }
+div.ads .r { display:table-row; }
+div.ads .v { display:table-cell; text-indent:0; text-align:left; vertical-align:top;
+ padding-top:0.5em; }
+div.ads .t { display:table-cell; text-indent:0; text-align:center; vertical-align:top;
+ padding-top:0.5em; }
+div.ads .t .firstline { font-size:1.25em; }
+div.ads .c { text-indent:0; text-align:center; }
+div.ads .s { font-size:0.8em; }
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+/* Transcriber's note */
+.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
+ color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
+ page-break-before:always; margin-top:3em; }
+.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
+.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
+.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
+.trnote ul li { list-style-type: square; }
+.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+
+/* page numbers */
+a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
+a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
+ letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
+ font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
+ border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
+ display: inline; }
+
+div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
+.logo1 img { max-width:10em; margin-bottom:5em; }
+.logo2 img { max-width:5em; }
+.portrait img { max-width:80%; }
+
+@media handheld {
+ body { margin-left:0; margin-right:0; }
+ a.pagenum { display:none; }
+ a.pagenum:after { display:none; }
+
+ div.ads { max-width:inherit; }
+}
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon
+Erwin Kisch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl
+ Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
+ 2
+
+Author: Egon Erwin Kisch
+
+Editor: Rudolf Leonhard
+
+Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Jens Sadowski
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+</pre>
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="halftitle">
+<span class="line1">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
+<span class="line2">&ndash; DIE VERBRECHEN DER GEGENWART &ndash;</span>
+</p>
+
+<div class="centerpic logo1">
+<img src="images/logo1.jpg" alt="" /></div>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="ser">
+<span class="line1">AUSSENSEITER</span><br />
+<span class="line2">DER GESELLSCHAFT</span><br />
+<span class="line3">&ndash; DIE VERBRECHEN DER GEGENWART &ndash;</span>
+</p>
+
+<p class="ed">
+HERAUSGEGEBEN VON<br />
+RUDOLF LEONHARD
+</p>
+
+<p class="vol">
+BAND 2
+</p>
+
+<div class="centerpic logo2">
+<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
+
+<p class="pub">
+VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
+BERLIN
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br />
+REDL
+</h1>
+
+<p class="aut">
+VON<br />
+EGON ERWIN KISCH
+</p>
+
+<div class="centerpic logo2">
+<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
+
+<p class="pub">
+VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
+BERLIN
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="designer">
+EINBANDENTWURF<br />
+GEORG SALTER<br />
+BERLIN
+</p>
+
+<p class="run">
+6.-10. TAUSEND
+</p>
+
+<p class="cop">
+Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic portrait">
+<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="intro" id="part-1" title="Vorwort">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat
+der erzwungene Selbstmord des Prager Korps-Generalstabschefs
+Oberst Alfred Redl und die
+bald darauf bekannt gewordene Tatsache seiner
+Spionagetätigkeit beispielloses Aufsehen
+hervorgerufen, was durch die gespannte europäische
+Lage politisch und durch den Rang
+und den Wirkungskreis des Täters kriminalistisch
+begründet war. Gerüchte, Interpellationen,
+Beschuldigungen, Verdächtigungen
+und Kombinationen überstürzten sich bis in
+den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der
+österreichisch-ungarischen Armee als mißglückt
+entschied.
+</p>
+
+<p>
+Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu
+freiwilligem Hinscheiden gewesen war, den
+monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu
+schaffen, so hat man auch nachher, als sich
+dieser Plan schon längst als undurchführbar
+erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart,
+für welche Großmächte der Generalstabsoberst
+seine Spionage betrieben, was er
+verraten, wohin er die militärischen Dokumente
+geliefert, wieviel Geld er dafür bekommen,
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+und wer schließlich den ungeheuerlichen
+Auftrag gegeben hatte, daß sich ein
+Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses
+Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung
+dieses Vorfalles auf Hof und Wehrmacht
+äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung
+der Tat und die Überführung des
+Täters wurden nur Darstellungen bekannt,
+die einander widersprachen oder die die Wahrheit
+verschleiern sollten.
+</p>
+
+<p>
+Dem österreichisch-ungarischen Generalstab,
+d. h. vor allem dem Evidenzbureau des
+Generalstabs wurde von den verschiedensten
+Seiten der Vorwurf gemacht, daran schuld zu
+sein, daß ein so hochgestellter Militär jahrelang
+ungehindert das Gewerbe eines Spions
+auszuüben vermocht hatte und daß durch
+den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle
+Aufklärung dieser politisch, militärisch und
+historisch wichtigen Kriminalaffäre verhindert
+worden sei. Im besonderen wurde der
+damalige Chef des Evidenzbureaus August
+Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang
+viel genannt. Als nun ein Jahr nach
+der Aufdeckung des Falles die Nachricht von
+der Versetzung General Urbañskis in den
+nichtaktiven Stand durch die Presse ging,
+war es begreiflich, daß man solcher Art zumindest
+an ein Verschulden des Evidenzbureaus
+glauben mußte. Feldmarschall-Leutnant
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der
+Großmutter seiner Gattin, der Frau Reinighaus,
+deren Sohn mit der Gattin des Feldmarschalls
+Conrad von Hötzendorf vermählt
+gewesen ist. Dort habe ich dem Chef des
+Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt,
+durch eine authentische Darstellung an
+Hand von Aufzeichnungen über den unaufgeklärt
+gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte
+zum Verstummen zu bringen, die das Evidenzbureau
+mit der Affäre in Zusammenhang
+brachten.
+</p>
+
+<p>
+Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten
+und Äußerungen von Beamten, die damals
+militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen
+waren, Material gewonnen; außer den
+Mitteilungen Urbañskis, liegen den nachfolgenden
+Darstellungen u. a. Äußerungen
+vom jetzigen Sektionschef im tschechoslovakischen
+Ministerium des Innern, Dr. Novak,
+des jetzigen stellvertretenden Generalauditors
+der tschechoslovakischen Armee Dr. Vorlicek,
+des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen
+Armee W. Haberditz, des Obersten
+Emil Seeliger, des emeritierten Auditors
+Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten
+Adalbert Grafen Sternberg zugrunde.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="main" id="part-2" title="Der Fall des Generalstabschefs Redl">
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in
+welcher Österreich-Ungarn seit der Annexion
+Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908
+das Evidenzbureau des Generalstabes übernommen
+hatte, bemüht sein, die Kundschafterstelle
+auszubauen. Unter seinem Vorgänger
+General von Giesl hatte der damalige Major
+Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle
+innegehabt, welcher die gesamte aktive
+und passive Spionage Österreich-Ungarns unterstand,
+d. h. die Organisation der Auskundschaftung
+fremder Militärverhältnisse und die
+Abwehr fremder Spionage im Inlande. Das
+Bureau war kriminalistisch modern organisiert,
+jeder geheime Besucher wurde im Profil
+und en face photographiert, ohne daß er davon
+wußte, denn in zwei Gemälde, die an
+der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a id="corr-0"></a>Linsen
+photographischer Apparate eingeschnitten,
+die vom Nebenzimmer aus bedient wurden.
+</p>
+
+<p>
+Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke
+hergestellt werden, ohne daß er
+es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte
+mit der einen Hand dem Besucher oder
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+der Besucherin Zigarrenschachtel oder Bonbonniere
+hin, die unsichtbar mit Mennige
+bestreut waren; auch Feuerzeug und Aschenbecher,
+die der Raucher zu sich heranziehen
+mußte, waren derart präpariert. Lehnte der
+Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren ab, so
+ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer
+abberufen, &ndash; neigte der Gast zur Spionage,
+so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der
+auf dem Tisch vorbereitet lag und mit dem
+Vermerk &bdquo;Geheim! Für reservate Einsichtnahme!&ldquo;
+versehen war. Auch dieses Dokument
+war natürlich mit Seidenpulver bestreut.
+</p>
+
+<p>
+In einem Kästchen an der Wand, das man
+wohl für eine Hausapotheke halten mochte,
+war ein Schallrohr eingebaut, das für den
+Stenographen im Nebenzimmer als Horchapparat
+dienen, aber auch den metallenen
+Stift in Bewegung setzen konnte, der das
+Gespräch wortgetreu in eine Grammophonplatte
+einritzte. Jedes reservate Buch oder
+Aktenfaszikel konnte binnen weniger Sekunden
+auseinandergeheftet, an die Wand projiziert,
+seitenweise photographiert und wieder
+gebunden werden, so daß es in kürzester Zeit
+wieder &ndash; wie unberührt &ndash; an der Stelle war,
+von wo es &bdquo;ausgeborgt&ldquo; worden. Man hatte
+hier Alben und Kartotheken mit Lichtbildern,
+Handschriften und Maschinenschriftproben
+aller spionageverdächtigen Personen
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Europas, besonders der Spionagezentren in
+Brüssel, Zürich und Lausanne.
+</p>
+
+<p>
+Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier
+Alfred Redl als Sachverständiger in
+allen Wiener Spionageprozessen fungiert: unerbittlich
+keine mildernden Umstände gelten
+lassend, das Höchstausmaß der gesetzlichen
+Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er
+durch sein energisches Auftreten die Verurteilung
+des ehemaligen Offiziers Alexander
+von Caric zu viereinhalb Jahren schweren
+Kerkers, die Verurteilung des internationalen
+Spions Paul Barstmann und des Italieners
+Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers
+erwirkt. Als Redl im Jahre 1904 bei dem
+wegen Spionage verhafteten Ergänzungsbezirks-Kommandanten
+von Lemberg, Major
+von Wienckowsky, eine Hausdurchsuchung
+vornahm, verwickelte er das sechsjährige
+Kind des eben Festgenommenen in ein liebevolles
+Gespräch, und es gelang ihm auf diese
+Weise herauszubekommen, wo Papa seine
+geheimen Briefschaften zu verstecken pflegte.
+Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls
+ist ein Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein
+Mann namens Jonasch hatte einem Photographen
+die Zeichnung eines Festungsplans
+zum photographieren gegeben. Dies wurde
+der Polizei gemeldet, und als Jonasch die
+Bilder abholen wollte, verhaftete man ihn.
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Er hatte wegen Betruges schon neun Jahre
+im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung
+gab er sofort zu, daß er die Photographien
+als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen
+wollte, doch sei es das gewöhnliche
+&bdquo;Schema einer modernen Festung&ldquo;, das er
+aus einem allgemein erhältlichen Buche über
+Fortifikationswesen von einem Maler hatte abzeichnen
+lassen. Nachdem sich diese Angabe
+als richtig erwies, wollte die Polizei den Mann
+freilassen. Aber Redl, der in allen Spionagesachen
+vorher befragt werden mußte, protestierte
+dagegen und beharrte darauf, daß
+Jonasch dem Strafgericht eingeliefert werde:
+&bdquo;Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er
+ein paar Wochen Untersuchungshaft absitzt?
+Und für uns ist es immer besser, wenn wir
+auf eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen
+können ...&ldquo; &ndash; Der Mann mußte auch
+wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen,
+bevor man das Verfahren gegen ihn einstellte.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg,
+daß die Spionageabwehr noch stärker
+organisiert wurde &ndash; stärker als selbst Redl
+ahnen mochte. Denn er war bald darauf als
+Oberstleutnant zur Truppendienstleistung befohlen
+worden, wie es für die Laufbahn der
+Generalstäbler vorgeschrieben war. Nach einem
+Jahr verlangte General von Giesl, der
+jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Garnison vorstand, daß ihm sein ehemaliger
+Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde.
+Bei den 15 österr.-ungar. Korpskommanden
+war je eine Generalstabsabteilung
+etabliert, deren Leiter den Titel eines &bdquo;Generalstabschefs&ldquo;
+führte, während dem Kommandanten
+des gesamten österreichisch-ungarischen
+Generalstabskorps der Titel &bdquo;Chef
+des k. u. k. Generalstabs&ldquo; gebührte. Nach
+langjähriger Dienstleistung in der Residenz
+wurde nun Redl als Oberst und Generalstabschef
+nach Prag versetzt. Man brauchte
+ihn hier, man bedurfte hier des Mannes mit
+den unterirdischen Konnexionen. Das Böhmische
+Staatsrecht, das gegen den Wiener
+Zentralismus gerichtet war, hatte hier tausende
+von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß
+gegen die Nationalsozialisten hatte
+manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen
+die Armee zu arbeiten entschlossen war, die
+Häupter der tschechischen Panslavisten verkehrten
+offiziell mit den russischen, serbischen
+und bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß,
+einer offenkundigen Heerschau
+der zukünftigen tschechischen Armee, waren
+die Generalstabsquartiere der slawischen
+Staaten als Gäste angemeldet, jeden Augenblick
+mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt
+werden, weil sie Episoden von
+der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Behandlung auf dem Gute Konopischt
+des Erzherzogs Franz Ferdinand brachten,
+&bdquo;Los von Wien&ldquo;, hieß die offene Parole,
+hinter der antidynastische Gesinnung und
+&bdquo;Hochverrat&ldquo; arbeiteten.
+</p>
+
+<p>
+Während nun Redl hier einen militärischen
+Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in
+Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung
+der Spionage in riesenhaften Ausmaßen
+ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit
+welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war,
+vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente
+Kriegsgefahr via facti aufgehoben
+worden, die Post wurde überwacht, in einem
+abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich
+an tausend Briefe und leitete dort, wo
+der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein.
+Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur
+vornahmen, wußten selbst nicht, daß
+sie in militärischem Auftrage handelten; sie
+glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem
+zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien
+und des Schmuggels. Von der Überwachung
+der Privatpost durch dieses &bdquo;Schwarze Kabinett&ldquo;,
+das erst eingerichtet wurde, als Redl
+schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert
+worden war, wußte er ebensowenig, wie
+sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege.
+Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen
+der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähung
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+waren die Spionageprozesse ins Unheimliche
+gestiegen. Unter anderen wurden
+auch der russische Militärattaché, ein Oberst
+Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage
+überführt. Beide wurden daraufhin abberufen,
+der erste, nachdem er durch das persönliche
+Verhalten Kaiser Franz Josefs &ndash; dieser
+brüskierte ihn beim Hofball &ndash; davon erfahren
+hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig
+geöffnet worden, die postlagernd unter
+der Chiffre &bdquo;Opernball 13&ldquo; beim Hauptpostamt
+Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen,
+und enthielten &ndash; ohne textlichen
+Kommentar &ndash; Geldbeträge in österreichischer
+Währung, der eine sechstausend Kronen,
+der andere achttausend Kronen; keinesfalls
+war anzunehmen, daß solche Summen
+poste restante geschickt würden, wenn es
+sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte.
+(Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau
+für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung
+stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während
+der russische Evidenzchef in Warschau
+jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke
+bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine
+geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen,
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen.
+Zwei Detektive wurden zu ständiger
+Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des
+Postamtes entsendet, die durch eine elektrische
+Klingel mit dem Postschalter verbunden
+war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin,
+daß die Briefe behoben werden, sollten sie den
+Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen,
+Monate. Der Beamte, der die Überwachung
+der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef
+Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert
+worden und hatte die Angelegenheit
+seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler
+Dr. Schober) übergeben. Niemand
+fragte nach den Briefen, in denen so viel
+Geld war.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags,
+gegen Schluß der Amtsstunden, weckte
+plötzlich das Glockensignal die Agenten aus
+ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch
+den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt
+zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter
+kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit,
+aber doch auch nicht mit auffallender
+Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der
+&bdquo;Opernball&ldquo;-Chiffre ausgehändigt hatte &ndash;
+war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach,
+sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten
+Herrn, der die Türe des angekurbelt
+gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+sahen auch den Wagen davonfahren. Es war
+ein Mietsauto.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte
+aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs
+nicht. Was half es ihnen, daß sie die
+Nummer des Autotaxis hatten lesen können?
+Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage
+den Chauffeur würden ausforschen können,
+woher und wohin der &bdquo;Ritt&ldquo; gegangen sei?
+Der Fremde war doch sicherlich weder von
+seiner Wohnung gekommen, noch in seine
+Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen
+Geldsummen steigt auf der Straße aus
+oder im Café oder vor einem Durchgang,
+und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher
+war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen
+sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt
+werden würde, deren Ausgang nicht
+zweifelhaft sein konnte.
+</p>
+
+<p>
+Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische
+Wehrmacht eine Kette von
+unglaublichen Zufällen, &bdquo;Jägerglück&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Während die beiden Agenten beraten, ob
+sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute
+nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen
+mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher
+Flucht des Unbekannten ausdenken
+sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei
+ihr Mißgeschick melden müßten, &ndash; &ndash;
+fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, &ndash; es ist
+der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten
+vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie
+pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es
+ist leer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt
+geführt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ins Café Kaiserhof.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs
+im Innern des Wagens und finden das
+Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus
+hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin
+sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast
+nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand.
+Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben
+weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und
+dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich
+ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind
+keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer
+servieren kann, aber er putzt die Karosserien
+und betätigt sich vornehmlich als
+Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört,
+wohin der gnä&rsquo; Herr befohlen hat: &bdquo;Ins
+Hotel Klomser.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird
+der Hotelportier ausgeforscht. &bdquo;Grad&rsquo; jetzt
+saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute
+saans aus Bulgarien.&ldquo; &ndash; &bdquo;Und vorher
+ein Herr allein?&ldquo; &ndash; &bdquo;Im Auto? Dös waaß
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+i net. Vor einer Viertelstund&rsquo; is der Herr
+Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös
+waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg&rsquo;fahren
+is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der
+Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat
+ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit
+einer Nachtruhe nicht anerkannt,
+wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd
+nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur
+Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal
+als berufenster Sachverständiger, als Leiter
+des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes
+die Schuld des angeklagten Spions
+in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig
+wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen
+wirklich ein Spion wäre und nun zufällig
+im selben Haus, ja vielleicht Wand an
+Wand mit dem Chef der Spionageabwehr
+wohnte, in der Höhle des Löwen!
+</p>
+
+<p>
+Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt
+keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der
+Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener
+Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt
+worden, daß die Briefe behoben sind.
+Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung
+ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der
+Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß
+Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite
+&ndash; er wohnt nämlich zufällig gerade hier.
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht
+werden. Während der eine der beiden Agenten
+zum Telephon geht, spricht der andere
+mit dem Portier. Er überreicht ihm das
+Messerfutteral, damit er seine Gäste frage,
+wem es gehört.
+</p>
+
+<p>
+Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen
+vom ersten Stock herab und legt dem
+Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf
+den Tisch. &bdquo;Haben Herr Oberst das Futteral
+Ihres Taschenmessers verloren?&ldquo; fragt der
+Portier.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja,&ldquo; antwortet Oberst Redl und steckt
+das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in
+die Tasche, &bdquo;wo habe ich es denn ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt
+hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er
+auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der
+Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er
+die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den
+Mann an, der neben dem Portier steht, und
+mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert,
+die auf dem Tisch liegen.
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl hat die Frage, wo er das
+Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende
+gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er
+weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein.
+</p>
+
+<p>
+Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig
+um und geht die Herrengasse rechts hinunter.
+Bevor er an der Ecke beim Café Central
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+ist, schaut er wieder zurück, ob niemand
+das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich
+kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer
+vor, die aus der Schwemme des Restaurants
+Klomser treten.
+</p>
+
+<p>
+Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen,
+die Nummer 12348 aufzurufen, die
+Geheimnummer der politischen Staatspolizei:
+&bdquo;Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, &ndash; das
+Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da die beiden Agenten an die Ecke der
+Strauchgasse kommen, &ndash; ist Oberst Redl
+verschwunden. Weder in der Strauchgasse,
+noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen.
+Kann er inzwischen den Haarhof erreicht
+haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst
+laufend nicht. Also ist er im Haus der alten
+Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat,
+zwei durch das Café Central und einen gegen
+die Freyung zu. Alle Achtung vor einem
+Manne, der vor zwei Minuten unvermutet
+entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein
+Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit
+des Entkommens kaltblütig versucht!
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel
+Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring
+zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau
+des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl!
+Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in
+beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um
+den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der
+Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle,
+fährt selbst sogleich zur Hauptpost,
+um den Schalterbeamten zu fragen, wie
+der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch
+ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre
+ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen
+suchen die anderen Herren im Evidenzbureau
+die Handschriften Redls hervor.
+Es ist kein Mangel daran: eine &bdquo;Anweisung
+zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern,
+verfaßt von Alfred Redl, k. u. k.
+Hauptmann im Generalstab&ldquo; ist da, fünfzig
+Paragraphen lang, ein &bdquo;Schema für die Beschaffung
+von Kundschaftermaterial&ldquo;, &bdquo;Normen
+zur Aufdeckung von Spionen im In- und
+Ausland&ldquo;, ein dickes Faszikel &bdquo;Gutachten in
+den Jahren 1900 bis 1905&ldquo;. Man bereitet all
+das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann
+Ronge vom Postamt kommt, den Zettel
+in der Hand, &bdquo;Opernball 13&ldquo;, bedarf es
+keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort
+leicht und dünn hingeschrieben, aber von
+einer ausgesprochenen Verstellung kann keine
+Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten
+Redl.
+</p>
+
+<p>
+Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer.
+In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen
+wieder ausgespäht. Aber auch
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien
+nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus
+der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr
+belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen
+muß, wenn er sich verteidigen will)
+und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er
+in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive,
+nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben
+der Fetzen aufhalten, und dem anderen
+kann er vielleicht entkommen. Aber
+die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der
+Freyung halten sie ein Auto an, und geben
+dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren.
+Dann erst kehrt der eine Agent in
+die Passage zurück, sammelt die Schnitzel
+und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren
+die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau,
+wo sie zusammengestellt werden. Es
+sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine
+Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan
+H. und drei Rezepisse über eingeschriebene
+Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne
+&ndash; alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau
+als Spionageadressen bekannt. Daß
+es Spionage für Rußland war, die der Adressat
+der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten
+sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische
+Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst
+mit Frankreich gekoppelt betrieb,
+war die Brüsseler Adresse (eine Expositur
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+französischer Spionage) nicht weiter überraschend.
+Aber die Lausanner Adresse war die
+der dortigen italienischen Spionagezentrale.
+</p>
+
+<p>
+Es muß gehandelt werden. Soll man sofort
+mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer
+oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man
+sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den
+weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten?
+Dem Verbrecher ermöglichen, daß er
+sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe?
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl geht über den Tiefen Graben
+und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai.
+Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten
+folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein.
+Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er
+heute um vier Uhr nachmittags in seinem
+Kettenwagen, den er im August 1911 bei
+Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus
+Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen
+A. R. in Goldbuchstaben verschlungen,
+auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist
+kein wagerechter Strich, sondern besteht aus
+zwei schrägen Linien: es sieht wie ein &bdquo;v&ldquo; aus.
+Auch ist eine Krone über dem Monogramm,
+zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, &ndash;
+aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher
+Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat
+er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände
+des Chassis in den unteren Teilen mit
+Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen
+vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der
+Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten
+Wagen nach Prag zurück. Dem
+Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei
+Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen,
+und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt
+zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz
+ein Mietsauto holen, und fuhr ins
+Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek
+vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem
+Prager Zug eingetroffen war.
+</p>
+
+<p>
+In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan
+H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier
+aus Stockerau, der Geliebte
+Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte
+stattgefunden, deren Substrat man später in
+Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in
+dem Hotel den jungen Freund wieder für sich
+gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant
+Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später
+Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld
+beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben.
+Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan
+ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Über Land fahren ...&ldquo; Und jetzt hastet
+Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal
+entlang, und denkt, wie gut es wäre, in
+seinem Tourenwagen zu sitzen und &ndash; auch
+ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten
+&ndash; schön über Land fahren zu können. Über
+Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß
+daran nicht zu denken ist, und kehrt über den
+Schottenring nach Hause zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski
+von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren.
+Im Speisesaal sitzt &bdquo;der Chef&ldquo; in großer
+Gesellschaft. &bdquo;Was bringst du mir Schönes?&ldquo;
+fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die
+Musik spielt ein Potpourri aus dem &bdquo;Graf von
+Luxemburg&ldquo;, der neuen Operette: Bist du&rsquo;s,
+lachendes Glück ...
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um
+ein Gespräch unter vier Augen bitten?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So dringend? Na, alsdann geh&rsquo;n wir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Generalstabes geht mit dem
+Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal.
+</p>
+
+<p>
+In einem Nebenraum erstattet Urbañski
+die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes
+gefaßt. Aber als er hört, um was es sich
+handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein
+Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses
+Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt,
+&ndash; Empörung braust heran, &ndash; die Truppe
+haßt den Generalstab ohnedies, &bdquo;die Auserwählten&ldquo;
+&ndash; was wird das Ausland sagen!
+der Feind! &ndash; welch ein Triumph! Alles schon
+morsch, sagt man gerne der Monarchie nach
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+&ndash; und im verbündeten Reich, welche Besorgnis,
+welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen
+Nationen, was wird geschehen,
+wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt!
+Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch
+ist, &ndash; sie fordert höchste Anspannungen &ndash;.
+Der Chef des Generalstabes denkt nach. &bdquo;Diese
+alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für
+fünf Minuten aufhören wollte!&ldquo; Er setzt sich,
+steht wieder auf. Spricht die Entscheidung
+aus:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Schuft muß ergriffen werden, man
+muß aus seinem Munde hören, wie weit der
+Verrat reicht und &ndash; dann muß er sofort
+sterben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht
+und &ndash; vor allem &ndash; dem Generalstab die
+Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben
+kann, wenn so etwas bekannt wird.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er selbst, Exzellenz ...?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache
+erfahren! Bin ich verstanden worden,
+Herr Oberst?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zu Befehl, Exzellenz!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heute nacht muß alles geschehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zu Befehl, Exzellenz!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen,
+Herr Oberst! Bestehend aus
+Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats,
+Ihnen und dem Leiter der Kundschafterstelle.
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+Nur vier Herren. Die Berichte
+sind direkt an mich zu erstatten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zu Befehl, Exzellenz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Während Oberst Redl, überwacht, in der
+Richtung zur Brigittenau strebte, und dann
+diese Absicht aufgab, wartete in der Halle
+des Hotels Klomser ein alter Bekannter auf
+ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert
+hat, um mit ihm den Abend zu verbringen:
+es ist der Generaladvokat bei der
+Generalprokuratur des Obersten Gerichts-
+und Kassationshofes, Erster Staatsanwalt
+Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen
+einander von Berufswegen. Wenn Redl als
+militärischer Gutachter Belastungsmaterial
+über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen
+Angeklagten gehäuft hatte, war
+es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger,
+der in seinem unwiderlegbaren, vehementen
+Plaidoyer diesem Gutachten die (den Angeklagten)
+vernichtende Wirkung lieh. Diese
+Mitarbeit hat diese zwei Menschen auch persönlich,
+menschlich zusammengeführt. Partner
+und Freunde sind sie. Sie gehen heute
+gemeinsam ins Restaurant Riedhof in der
+Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine
+Ahnung, daß das Souper überwacht wird. Er
+weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen
+Glas er eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher
+ist, wie er keinem in seiner langjährigen
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist.
+Was aber dem Generalprokurator auffällt, ist
+die Nervosität, die Aufregung, die Einsilbigkeit
+des Tischgenossen.
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich
+dem Tod entziehen? Soll er sich seinem
+Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen,
+seinen Rat einholen, seine Intervention
+erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins
+Ausland zu flüchten? Um im Sanatorium
+Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung
+ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen
+hinstellend?
+</p>
+
+<p>
+Er schließt Kompromisse zwischen all diesen
+Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund
+nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen,
+er gibt seine Homosexualität nicht
+zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen,
+er gesteht nicht ein, daß er ein Spion
+ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren
+Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein
+Freund daraus eine Geistesstörung folgern
+könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen
+ungehinderten Rückkehr nach Prag,
+wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten,
+rückhaltlos anvertrauen
+möchte.
+</p>
+
+<p>
+Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt
+Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal
+wegen kleinerer Andeutungen Leute ins
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Gefängnis gebracht und schon wegen geringerer
+Momente sofortige Verhaftung oder
+Verweigerung des Strafaufschubes beantragt.
+Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem
+Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund.
+Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den
+Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu
+seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer,
+mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen
+wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst
+Redl beim Nachtmahl,&ldquo; beginnt er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie
+wünschen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oberst Redl hat anscheinend eine psychische
+Störung erlitten. Er spricht von moralischen
+Verfehlungen und Verbrechen, die
+er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte
+ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen.
+Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann
+mitgeben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heute abend läßt sich gar nichts mehr
+machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen
+Sie den Herrn Obersten und sagen Sie
+ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden
+&ndash; was in meinen Kräften steht, will ich
+gerne tun.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+Mehr als diese Zusicherung kann der Herr
+Oberstaatsanwalt nicht erzielen.
+</p>
+
+<p>
+Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann
+Ronge sind inzwischen
+in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des
+Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht
+in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen
+in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von
+Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie
+finden den Namen &bdquo;Wenzel Vorlicek, k. u. k.
+Majorauditor&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Armer Major Vorlicek<a id="corr-2"></a>! Vor seinem Hause
+steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung
+sind die Koffer gepackt. Er hat einen
+ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine
+schwerkranke Schwägerin nach Davos zu
+bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur
+mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er
+sie endlich erhalten, und hat in Davos
+telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr
+20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt
+treten der Chef des Evidenzbureaus und der
+Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung,
+und bringen ihm den Befehl, an einer
+Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger
+Untersuchung verbunden sein wird.
+Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände,
+der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts
+machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des
+Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins
+Auto steigen.
+</p>
+
+<p>
+Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs
+des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird
+aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission
+sein. Die vier Herren fahren zum
+Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst
+über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren
+vom Souper im Riedhof, von der Bitte
+des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte
+Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen.
+Auch im &bdquo;Café Kaiserhof&ldquo; waren die
+beiden Herren nach dem Souper, und von
+dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem
+Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man
+Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein
+Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin
+hat er nur Vertröstungen auf den nächsten
+Tag als Antwort bekommen. Um halb
+12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr.
+Pollak vor der Türe des &bdquo;Hotel Klomser&ldquo; von
+Oberst Redl verabschiedet.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der
+Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie &ndash;
+den Hotelinstruktionen entsprechend &ndash; nicht
+ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene
+Auftreten der Herren hin muß er
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an
+die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein
+heiseres &bdquo;Herein&ldquo; hörbar wird, öffnen sie.
+Oberst Redl ist in salopper Toilette beim
+Tisch gesessen und hat geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß, weshalb die Herren kommen,&ldquo;
+bringt er langsam heraus. &bdquo;Ich habe mein
+Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe
+zu schreiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf
+dem Tisch, der angefangene Brief war an General
+v. Giesl, den Kommandanten des Prager
+Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen
+ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden.
+(&bdquo;Ein dolchartiges Messer&ldquo; und eine
+&bdquo;Rebschnur&ldquo;, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister
+Georgi im Reichsrat, als
+die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl
+den Selbstmord befohlen zu haben.)
+</p>
+
+<p>
+Die Kommission befragt Redl nach seinen
+Komplizen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hatte keine Komplizen,&ldquo; erwidert er.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Frage nach dem Umfang seines
+Verrates, nach dessen Details und Dauer hat
+er zur Antwort, alle Beweise würden sich in
+seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude
+finden. Die Kommission gibt
+sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+verläßt, fragt einer: &bdquo;Eine Schußwaffe haben
+Sie, Herr Redl?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl: &bdquo;Nein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Mitglied der Kommission: &bdquo;Sie dürfen
+um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Redl (stockend): &bdquo;Ich bitte &ndash; gehorsamst &ndash;
+um einen &ndash; Revolver.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt
+ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines
+der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause,
+seinen Browning zu holen, um ihn &bdquo;Herrn
+Redl&ldquo; einzuhändigen.
+</p>
+
+<p>
+Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke
+der Herrengasse und der Bankgasse, damit
+sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem
+Tode entziehe. Sie können die Fenster von
+Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer.
+Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee
+zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt.
+Es vergehen Stunden auf Stunden.
+Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß
+verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen
+Abschluß gefunden habe. Abwechselnd
+fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach
+Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und
+abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen
+Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden
+verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen
+und dem Oberst sagen: &bdquo;Machen
+Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+Wie spät ist es?
+</p>
+
+<p>
+Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Man soll zeitig den Chef des Generalstabes
+anrufen und die &bdquo;Beendigung&ldquo; der Affäre
+melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem
+ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren,
+um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es
+wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch
+herbeigerufen &ndash; einer von den beiden,
+die gestern die Verfolgung Redls unternommen
+und noch in der Nacht einen Spezialschwur
+auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über
+diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis
+der ganzen Sache sollte auf zehn Personen
+beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten
+Persönlichkeiten der Monarchie befanden.
+Und niemals sollte ein anderer auch nur ein
+Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef
+Spionage getrieben habe.
+</p>
+
+<p>
+Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue
+Weisungen, wie er feststellen solle, was
+mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn
+tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten,
+damit nicht die auffallende Tatsache bekannt
+werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten
+entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels
+dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen
+wurde, begab sich der Detektiv in das
+Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn
+Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+früh diese Antwort auf einen Brief persönlich
+zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen
+Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der
+vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren.
+Der kam, kaum zwei Minuten später,
+wieder zurück und trat auf der Straße auf
+seine Auftraggeber zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Zimmer war offen,&ldquo; meldete er erregt,
+&bdquo;ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee
+liegt der Herr Oberst &ndash; tot.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere
+zu Ende &ndash; genau zwölf Stunden nach
+der Behebung der postlagernden Briefe. Man
+rief &ndash; damit die Leiche noch vor Tagesanbruch
+gefunden werde &ndash; das Hotel unter einem
+fingierten Namen an: der Herr Oberst möge
+sofort zum Telephon kommen. Man wartete
+aber nicht länger am Apparat.
+</p>
+
+<p>
+Wenige Minuten später verständigte das
+Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause
+vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär
+Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen,
+den Lokalaugenschein vorzunehmen.
+Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich,
+vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen,
+das Projektil hatte das Gaumendach
+durchbohrt und war schief von rechts
+nach links in das Gehirn gedrungen; im linken
+Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben,
+die Ausblutung war durch die linke
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er
+tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der
+Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich
+zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren
+Bruder des Entleibten und einer an den Prager
+Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen
+und ein offener Zettel ohne Adresse.
+Darauf stand: &bdquo;Leichtsinn und Leidenschaft
+haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich
+büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Nachschrift war hinzugefügt: &bdquo;Es ist
+¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte,
+meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet
+für mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord
+handle, und die Beamten &ndash; jedenfalls mit
+einer diesbezüglichen Weisung versehen &ndash;
+wollten die Amtshandlung rasch und ohne
+Aufsehen schließen. Doch hatten sie die
+Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht:
+Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch:
+&bdquo;In alt bewährter Treue&ldquo;) wollte sich
+durchaus nicht damit zufrieden geben, daß
+hier ein Selbstmord konstatiert werde. In
+schlechtem Deutsch und großer Aufregung
+erzählte er zuerst den Polizeibeamten und &ndash;
+als diese ihn beiseite schoben &ndash; dem aufhorchenden
+Hotelpersonal, der Browning gehöre
+nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei
+Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Einkäufe gemacht und für heute allerhand
+Anordnungen getroffen und wollte Dienstag
+in dem eigens restaurierten Auto nach Prag
+zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen
+worden, und der Revolver gehöre
+dem Mörder.
+</p>
+
+<p>
+So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen
+sein mußte, etwas war da, was dem
+Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh:
+der fremde Mann, der um halb sechs
+Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um
+dem Obersten eine Mitteilung zu bringen.
+Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben
+hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben!
+Warum hatte er davon nichts gesagt?
+</p>
+
+<p>
+Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht
+im Zimmer Nr. 1 getan?
+</p>
+
+<p>
+Die Kommission, zu der sich inzwischen
+auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt
+hatte, bemühte sich vergeblich, die
+Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen
+zu bringen. Besonders der Josef war nicht
+zu beruhigen. Da kam einer der Beamten
+auf den Gedanken, dem unbequemen Diener
+einzureden, der Herr Oberst habe sich eines
+Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen
+schuldig gemacht, und sich umgebracht, als
+er sich verraten sah. Im selben Augenblick
+verstummte der Diener. Denn er wußte ja
+von etwas, was weder die Polizeikommissäre
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord
+dirigiert hatten: von der Homosexualität
+Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission
+noch der brave Josef von der
+wahren Ursache des befohlenen Freitodes
+eine Ahnung: von der Spionage.
+</p>
+
+<p>
+Die Sachen des Erschossenen wurden nun
+verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend
+in einem Fourgon in die Totenkammer des
+Garnisonspitals geschafft.
+</p>
+
+<p>
+Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau
+gab eine Meldung über den Selbstmord des
+Prager Generalstabschefs aus, in der stand,
+&bdquo;der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine
+große Karriere bevorstand, hat sich in einem
+Anfall von Sinnesverwirrung ...&ldquo;, &bdquo;... in der
+letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit
+litt ...&ldquo;, &bdquo;... in Wien, wohin ihn dienstliche
+Aufgaben geführt hatten ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und
+Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden
+Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski
+speiste mit dem Korpskommandanten Baron
+Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis
+gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef
+Selbstmord begangen habe. Erst während
+des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das
+Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem
+Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten
+in Belgrad einen langen Brief bekommen,
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+in dem mitgeteilt wurde, die serbische
+Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich;
+beide Brüder korrespondierten unausgesetzt
+miteinander, da das 8. Korps für &bdquo;Fall
+3&ldquo; (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über
+die Save zwischen Drinamündung und Savemündung
+bestimmt war. Um so furchtbarer
+war die Erschütterung des Generals, als er
+nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann
+und Liebling alles verraten und konterkariert
+habe. Nach dem Essen begab man sich in
+die Wohnung Redls, die sich im Hause der
+Hauptwache, neben den Amtsräumen des
+Korpskommandos befand. Die Wohnung war
+verschlossen und mußte erbrochen werden.
+Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;Von einem Schlosser?&ldquo; frage ich den ehemaligen
+Chef des Evidenzbureaus, der mir von
+dieser Dienstreise erzählt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags,
+und kein Soldat anwesend, kein Professionist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Exzellenz wissen nicht mehr, woher man
+den Schlosser holte?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus
+der Nachbarschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger
+Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeit
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+auf alle Fragen des Interviewers
+Antwort gegeben &ndash; zum ersten Male
+scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht
+sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Schlosser hätte doch die gewaltsame
+Eröffnung der Wohnung und der Schubfächer
+verraten können?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie meinen?&ldquo; sagt Urbañski ironisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es
+sogar der Presse mitgeteilt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So?&ldquo; FML. Urbañski lächelt ungläubig.
+</p>
+
+<p>
+Und deshalb schaltet der Interviewer hier
+ein persönliches Erlebnis ein: am Sonntag, den
+25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub
+&bdquo;Sturm&ldquo; ein Fußballmatch gegen
+&bdquo;S. K. Union-Holeschovice&ldquo;. Die Notiz des
+&bdquo;Prager Tagblatt&ldquo; lautete am nächsten Tage:
+</p>
+
+<p class="block">
+DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz)
+5:7 (Halbzeit 3:3). Sturm
+war von Anfang an überlegen, was sich
+auch in der großen Zahl seines Scores
+ausdrückt. Doch war seine Verteidigung
+durch das Fehlen Mare&#269;eks und Wagners
+derart geschwächt, daß Atja allein nicht
+imstande war, alle Durchbrüche Unions
+zu vereiteln.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten
+ärgerte sich wohl der Obmann &bdquo;Sturms&ldquo;
+über das unangesagte Fernbleiben Wagners,
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+dem er knapp vorher eine Gefälligkeit erwiesen
+hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen
+der ersten Mannschaft manchmal zu
+erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner pünktliches
+Antreten versprochen &ndash; und schon am
+Sonntag blieb Wagner aus. Deshalb schaute
+besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur
+eines Prager Blattes und Prager Korrespondent
+einer Berliner Zeitung war) gar nicht
+freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins
+Bureau besuchen kam.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich konnte wirklich nicht kommen,&ldquo; versuchte
+sich der saumselige Endback zu entschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist mir egal.&ldquo; Der Obmann blieb ablehnend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich war schon angezogen, da kommt eine
+Ordonnanz in unsere Werkstatt und sagt, es
+soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen,
+ein Schloß aufbrechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erzähl&rsquo; mir keine Geschichten! So etwas
+dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene
+Stunde mit dem Anstoß gewartet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich mußte doch die Wohnung eines
+Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer
+und alle Schränke ... es war nämlich
+eine Kommission aus Wien da, die hat nach
+russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien
+von Plänen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So? Und wem gehört die Wohnung?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+&bdquo;Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel
+eingerichtete Wohnung.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und der General war nicht da?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, der ist gestern in Wien gestorben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Gestern in Wien gestorben? Der Obmann,
+der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem
+unentschuldbaren Endback und pflichttreuen
+Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er
+sagt ihm nicht mehr: &bdquo;Erzähl&rsquo; mir &sbquo;keine
+Geschichten&lsquo;&ldquo;, sondern läßt sich die Geschichte
+ganz genau erzählen, wie der Wiener
+Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten
+gereicht hat und wie der jedesmal
+verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt
+hat: &bdquo;Schrecklich, schrecklich! Wer hätte
+das für möglich gehalten!&ldquo; Auch, daß die
+Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat,
+wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände
+und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten
+Briefe seien von lauter Männern
+gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren
+notiert haben.
+</p>
+
+<p>
+Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß
+es sich um die Wohnung des Generalstabschefs
+Redl handelt, dessen Selbstmord samt
+begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau
+gemeldet und
+wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden
+ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion
+zu bewahren, um die er nicht ersucht
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+worden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man
+ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen
+Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag
+würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert
+werden. Oder soll man es doch versuchen?
+Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt
+sich zu einem Kompromiß: man riskiert
+die Beschlagnahme der Abendausgabe
+und wird die Nachricht in Form eines Dementis
+bringen. &bdquo;Von hervorragender Seite werden
+wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen
+aufgetauchten <a id="corr-9"></a>Gerüchte ersucht,
+daß der Generalstabschef des Prager Korps,
+Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in
+Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat
+militärischer Geheimnisse begangen und für
+Rußland Spionage getrieben habe. Die nach
+Prag entsandte Kommission, bestehend aus
+einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart
+des Korpskommandanten Baron Giesl
+die Dienstwohnung des Obersten Redl und
+deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte,
+hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu
+forschen, usw.&ldquo;. Solche Dementis versteht
+selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie
+wenn man sagt: &bdquo;Der X. ist kein Falschspieler.&ldquo;
+Aber konfiszieren ließ sich der Bericht
+schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt,
+das Dementi stamme vom
+Korps-Kommando, das Korps-Kommando
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls
+erschien das Abendblatt, der Draht gab die
+Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins
+Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig
+Dringlichkeitsanträge und Interpellationen
+eingereicht, und ganz Österreich wußte
+von den Ursachen des Selbstmordes, die die
+maßgebenden Kreise des Auslandes, deren
+Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort
+gewußt hatten, und die man im Inlande sogar
+vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte auf die Verhaftung des Spions
+und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren
+mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen
+usw. verzichtet, man hatte eine Nacht
+lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung
+leisten lassen. Und nun erfuhr
+die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein
+Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Erste, was die Kommission beim Eintritt
+in die Wohnung des Gerichteten verblüfft
+hatte, war der weibische Geschmack, der sich
+überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot
+gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf
+auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend,
+als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte
+und Figuren (bloß die große Napoleonbüste
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+über dem Schreibtisch war aus
+Bronze), überall zierliche Nippes, und alle
+drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch
+erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln,
+Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen,
+Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden
+war, und man feststellte, daß die zahllosen
+mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts
+von Männerhand stammten, hatte man
+die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war
+homosexuell gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb
+geworfen, zeugten von der Leidenschaft
+Redls für den jungen Ulanenoffizier in
+Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt
+und wollte es heiraten, während ihn Redl
+mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich
+gewinnen wollte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief
+vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es
+nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen
+willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit
+gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen,
+daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich
+machen wirst, am Anfang erscheint
+alles voller Illusionen und wunderschön, sind
+jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man,
+was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwas
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+von mir! Frauen mischen sich in alles, und
+das, was sie nicht verstehen sollen, ist das
+einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich
+noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin
+verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen
+soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren
+(Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen,
+und glaube auch, Dir den versprochenen
+Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu
+können. Wenn Du nach Wien kommen könntest,
+lieber Stefan, so schreibe mir sofort,
+würde dann ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei
+Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß
+sich, seinen Freund lieber mündlich zu
+beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr
+nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen
+Garnison kam. Die Unterredung im Hotel
+scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen
+zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen
+zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt,
+das bewacht war.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich
+nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls
+der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da
+er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität
+angezeigt worden und habe sich deshalb
+getötet. Es stellte sich heraus, daß er
+von den Spionagen seines Geliebten keine
+Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+&ndash; wegen widernatürlicher Unzucht &ndash; zu drei
+Jahren schweren Kerkers verurteilt.
+</p>
+
+<p>
+Der ständige Verkehr des Obersten mit dem
+jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen,
+doch hatte man darin nichts besonderes gefunden,
+da Redl den Leutnant überall als seinen
+Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der
+Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als
+Kadettenschüler von Redl verführt worden.
+Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung
+in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen
+getragen, ihm zwei Reitpferde
+gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken
+überhäuft.
+</p>
+
+<p>
+Beweise für die verräterische Tätigkeit
+Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen
+von Geldsendungen aus Rußland,
+Quittungen über gewechselte Rubel und vor
+allem photographische Platten. Er hatte in
+seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden
+Dienstbücher reservaten Charakters,
+Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche
+Elaborate photographiert, die in allen Staaten
+der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher
+&ndash; des Meisterwerkes des Feldmarschalls
+Moltke &ndash; verfaßt, aber natürlich
+überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen-
+und Dislozierungsverhältnissen entsprechend,
+adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung
+und Verpflegung, Eisenbahntransporte und
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Durchführung von Truppenverschiebungen
+hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert
+und aktuelle Befehle des Kriegsministers
+Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand
+und des Chefs des Generalstabes Conrad v.
+Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen
+innerhalb des 8. Korps bezogen.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen fand sich hier noch kein Beweis
+dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen,
+wie z. B. Aufmarschdispositionen,
+Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen
+oder die Namen von
+österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande
+verraten habe, &ndash; so allgemein dies damals
+auch behauptet wurde. Die Spuren des
+Verrats, die sich in seinen Fächern fanden,
+reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die
+Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser
+Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag
+von nahezu sechzigtausend Kronen verdient,
+etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus
+dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken
+deduzierte dann Landesverteidigungsminister
+Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung
+im Parlamente, daß die Verrätereien
+bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte
+sich darauf antworten lassen, daß Redl schon
+seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen
+Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile
+besitze. Redl hatte zwar glaubhaft
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+zu machen gewußt, daß er im Besitze eines
+großen Privatvermögens sei und eine große
+Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte
+vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing
+ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch
+in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm
+eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde
+und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine
+Verbrechen müßten daher mindestens bis in
+die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen
+Kundschafterstelle im
+Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei,
+wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung
+bei Regimentern der Grenzfestungen,
+beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl
+und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem
+größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß
+Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht,
+ein so merkwürdiges gewesen,
+daß zehn Jahre später, nach dem
+Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten
+der Verdacht auftauchen mußte, er
+habe damals eine Doppelrolle gespielt, und
+auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie
+sie teuflischer kaum gedacht werden kann.
+Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen
+gegen den Oberstauditor Hekailo,
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in
+Lemberg geführt, der im Verdachte stand,
+durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen
+zu haben. Während der streng geheim
+geführten Erhebungen wurde der auf freiem
+Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst
+nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten
+sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen
+hervorging, daß Hekailo auch die ganze
+Heiratskaution eines Rittmeisters und das
+Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte.
+Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann
+Alfred Redl in der Kanzlei
+des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm
+Haberditz, der die Untersuchung gegen
+Hekailo führte, und machte die überraschende
+Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen,
+von Redl beschafften Beweisen als
+Spion in russischen Diensten stand und
+wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der
+österreichisch-ungarischen Armeen den Russen
+an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe.
+Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner
+Flucht an einen Freund in Galizien sandte,
+kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt
+und seinen Decknamen &bdquo;Karl Weber&ldquo;
+in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren
+zu stellen wäre. Das bezügliche
+Aktenstück, in welchem natürlich
+nur von den gemeinen Verbrechen des Betruges
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+und der Veruntreuung die Rede war,
+wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren
+vom Ministerium des Äußern auf
+telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung
+mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet
+werden sollte, wies er einen russischen Paß
+vor, der auf den Namen &bdquo;Karl Weber&ldquo; lautete,
+und stellte sich unter den Schutz des russischen
+Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer
+Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des
+Festgenommenen eine Reise nach Brasilien
+unternehmen solle, als die Nachricht des
+österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba
+eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben,
+da man beim Öffnen seines Koffers
+ganz oben den österreichischen Paraderock
+gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der
+Verhaftete österreichischer Militär war, legten
+ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere
+mitleidvoll einen geladenen Revolver in die
+Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe
+ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten
+Gelegenheit, die ihm der eskortierende
+brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem
+Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro
+bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de
+Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest
+abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er
+war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht,
+und muß durch die tropische Hitze
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft
+in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß
+wurde nun Hekailo zuerst über
+seine vielseitigen Unterschlagungen verhört.
+Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für
+diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch
+seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes,
+Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser
+selbst war es, der drängte, die Untersuchung
+auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos
+auszudehnen. Endlich war es so weit,
+daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise
+seines Verrates vorhalten konnte. Sie
+bestanden in der Hauptsache aus Photographien
+und Briefen, die Hekailo unter der
+Deckadresse der beim russischen Generalstabschef
+in Warschau angestellten Gouvernante
+an diesen gesandt hatte. Nach Angabe
+Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke
+gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet,
+die das Ministerium für Landesverteidigung
+auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos
+wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger
+zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel
+wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens
+und des bestehenden Staatsvertrages
+mit Brasilien wegen Spionage nicht
+bestraft werden könne (weshalb er auch die
+Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt
+hatte), zeigte sich im Verlauf der
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Untersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden,
+was er allein oder mit Hilfe dritter
+den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion
+für die Alarmierung der Lemberger
+Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte
+er absolut nichts wissen und antwortete Redl,
+der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn
+gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes
+einzugestehen, einmal in treffender Weise:
+&bdquo;Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen
+Aufmarschplan verschafft haben? Den kann
+nur jemand aus den Generalstabsbureaus in
+Wien den Russen verkauft haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nach langem Drängen nannte Hekailo auch
+seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski,
+Ergänzungsbezirkskommandanten in
+Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der
+Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden
+Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung
+Redls und des Auditors Dr. <a id="corr-10"></a>Seliger dorthin.
+Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in
+dessen Bureau vorgenommen worden war,
+schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst
+fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen
+nichts von Bedeutung vor. Im
+Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen
+des Majors mit der deutschen Gouvernante.
+Das hübsche Kind war anfangs sehr
+befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt
+an. Erst als es Redl beim Händchen
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann,
+wurde es zutraulicher. Redl legte der
+Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei
+mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht
+darüber, daß das Kind richtige Antworten
+gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine
+ganz glücklich war. &bdquo;Bist du auch so gescheit,
+daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?&ldquo;
+fragte Redl. &bdquo;Natürlich,&ldquo; lachte das Kind und
+lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch
+unter den mächtigen Schreibtisch und deutete
+auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere
+Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen
+Knopf, und als man auf diesen drückte,
+öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden
+Dokumenten. Die Kommission
+konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg
+zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde
+beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie
+Redl das unschuldige Kind zum Verrat am
+eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei
+hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung
+davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher
+sei als Wienckowski.
+</p>
+
+<p>
+Wieviel gravierendes Material bei dieser
+Hausdurchsuchung gefunden worden war,
+kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten
+am Schluß ein Gewicht von
+120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in
+einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischen
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Posten bewacht, die die beiden
+Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal
+nun, &ndash; Majorauditor Haberditz war gerade
+abwesend, &ndash; wollte Redl von Dr. Seliger
+einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf
+zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel
+befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis
+auf seine Instruktionen ab, worauf sich
+Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf
+legte Redl dem Majorauditor nahe, er
+möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden,
+da in Warschau noch einige unklare
+Momente der Affäre zu erheben seien. Der
+Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab,
+da die Erhebungen für das Verfahren nicht
+relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren
+Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht,
+Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten,
+fuhr die Kommission nach
+Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen
+fortgesetzt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Da ging in Redl eine auffallende Veränderung
+vor, denn so eifrig er anfangs für die
+Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet
+hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich
+für dessen Unschuld einzusetzen. Dies
+ging so weit, daß der Untersuchungsleiter
+Haberditz es ihm einmal unter vier Augen
+vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit
+in Frage stellen mußte. Es kam zu einer
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+ziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach
+welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus
+Oberst Hordliczka die Ablösung
+Redls als Experten verlangte. Oberst
+Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht,
+und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken;
+zu einer Ablösung Redls könne er
+sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung
+des Hauptbeschuldigten ein Verdienst
+Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die
+Früchte seiner Bemühungen bringen wolle.
+Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden,
+Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender
+und unterließ besonders seine
+hemmenden Einwände.
+</p>
+
+<p>
+Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau
+ein Stück der angeblich von Major
+Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen
+Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da
+Österreich-Ungarn doch beim Warschauer
+Generalstab einen sehr verläßlichen russischen
+Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes
+wäre, aus dem Dossier &bdquo;H&ldquo; ein Stückchen
+der bewußten Schrift herauszureißen. Allein
+Majorauditor Haberditz war tief erschüttert,
+als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen
+in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick
+die Nachricht überbrachte, daß der bewußte
+russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet
+worden sei, wie er sich beim Dossier
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+&bdquo;H&ldquo; zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung
+seines Schreibtisches erfolgte, in welchem
+für Österreich ausgestellte Rechnungen
+gefunden wurden, und daß der Mann zwei
+Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Entlarvung Redls erscheint sein
+damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt:
+er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan
+Österreich-Ungarns an die Russen verkauft
+und wird den Russen gesagt haben, daß er
+nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für
+Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen
+Erfolg um so mehr, als damals der Verrat
+des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar
+wurde, und er unbedingt einen Sündenbock
+haben mußte. Da lieferten ihm die Russen
+denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus.
+Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo
+nach seiner Flucht nach Brasilien für
+sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem
+geworden war: hatte doch der russische
+Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte
+seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige
+fürchten. Als aber dann die Untersuchung
+auf aktive österreichische Offiziere übergriff,
+an welchen der russische Generalstab noch ein
+Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird
+es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer
+Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben.
+Das war der Grund, warum Redl plötzlich für
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+die Unschuld des Majors Wienckowski und des
+zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde
+zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen
+diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm
+aber nicht und Redl mußte nun in anderer
+Weise und um jeden Preis die Russen von
+seiner ferneren &bdquo;Loyalität&ldquo; überzeugen. Da
+beging er dann die größte Schurkerei, indem
+er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau,
+der für Österreich arbeitete, eine raffinierte
+Falle stellte, und ihn so dem Galgen
+auslieferte.
+</p>
+
+<p>
+Hekailo, Wienckowski und Acht wurden
+zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren
+verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von
+Josefstadt gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen
+russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst
+geleistet hatte, dem Tode überantwortete,
+ist durch die Promptheit der Denunziation
+erwähnenswert. Der Thronfolger
+Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch
+gewesen und hatte sich mit dem Zaren
+in verschiedenen politischen Fragen geeinigt;
+auf der Heimreise durch Rußland begleitete
+ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer
+Militärattaché in Petersburg
+war. Während der Fahrt trug der
+Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren
+jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen.
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom
+Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der
+russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch
+Laikow bei Müller ein und bot ihm den
+ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf
+an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant
+Müller trotz der erzherzoglichen Weisung
+nicht ungenutzt lassen, und vermittelte
+den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem
+Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg
+zurück und begegnete schon am ersten Tage
+bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen
+waren, einer frostigen, beinahe
+beleidigenden Ablehnung. Erst als er in
+der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch
+Selbstmord begangen habe, glaubte er diese
+Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen:
+man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm
+Laikow den Mobilisierungsplan angeboten,
+und vermutete nun, daß er den Unglücklichen
+dazu verleitet habe. Aber das war es nicht,
+was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen,
+sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion
+an Rußland verraten habe. Daran war jedoch
+Müller, der übrigens am selben Tage von
+seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig.
+Der ehemalige Reichsratsabgeordnete
+Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin
+des russischen Großfürsten Paul und mit dem
+österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+über diese Affäre gesprochen und deduziert
+aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen
+sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten,
+dem sicheren Tode ausgeliefert habe.
+</p>
+
+<p>
+Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem
+Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg.
+&bdquo;Dieser Schurke,&ldquo; sagt er von Redl, &bdquo;hat
+jeden österreichischen Spion denunziert, denn
+der Fall des russischen Obersten wiederholte
+sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse
+den Russen aus und verhinderte, daß
+wir die russischen Geheimnisse durch Spione
+erfuhren. So blieb den Österreichern und den
+Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von
+75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische
+Armee ausmachten, unbekannt,
+&ndash; daher unsere Kriegslust und unsere
+Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann
+hätten unsere Generale die Hofwürdenträger
+nicht in den Krieg getrieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß
+Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar
+deutschen Spione, die in Rußland tätig waren,
+an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten
+erhoben. Diese Behauptungen haben
+viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie
+die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen
+verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung
+hat der österreichische
+Landesverteidigungsminister FML. Lt.
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat
+darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung
+des Zeitpunktes, seit welchem Redl
+in feindlichen Diensten stand. Georgi war
+eben vom Generalstabskorps düpiert, das
+Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten
+versuchte, wenn er schon des größten militärischen
+Verbrechens überführt war. Redl
+mußte alles verraten, was man von ihm verlangte;
+das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt,
+wie Redl zum Spionagedienst
+angeworben worden sein muß, und wie sehr
+er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber
+befand.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann von den Fähigkeiten und dem
+Range Redls konnte nicht so zur Spionage
+verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns
+üblich ist. Es war fast immer die gleiche
+Methode: ein junger Leutnant, der sich auf
+einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca
+langweilte, bekam eines schönen Tages die
+Aufforderung einer Schweizer oder holländischen
+Zeitung, doch Stimmungsberichte über
+das Leben der Ortsbewohner und über die
+Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem
+schriftstellerischen Talente gehört usw.
+Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam
+das Belegexemplar der Zeitung, die meist
+eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah
+sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+von 200 Franken und große Komplimente
+der &bdquo;entzückten&ldquo; Redaktion. Dann
+verlangte man andere Mitteilungen von ihm
+oder trug ihm einen Redakteurposten mit
+fürstlichem Gehalt an, &ndash; er möge sich Urlaub
+nehmen und nach Lausanne oder nach dem
+Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man
+die große Pression bei der Hand: Organe
+der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft
+hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber
+dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis
+streng gewahrt, &bdquo;weil man
+den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren
+wolle&ldquo;. Dies sagte dem armen Leutnant
+genug. Wenn er sich nicht weiterhin
+willfährig zeige, würde er verraten werden.
+&bdquo;Unbefugte Mitteilungen an die Presse&ldquo;, vielleicht
+gar &bdquo;Verrat militärischer Geheimnisse&ldquo;,
+&ndash; denn was konnte nicht alles als militärisches
+Geheimnis angesehen werden!
+</p>
+
+<p>
+Ranghöhere Offiziere, die strafweise in
+Grenzstationen kommandiert waren, oder
+durch die Einöde und die Einförmigkeit zu
+Alkohol und Hasard getrieben worden waren,
+wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote
+von Geldleuten, die geheim im Dienste des
+Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit
+gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer
+haben am Anfang dieses Jahrhunderts
+in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+getrieben und sie waren es auch, die u. a.
+Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst
+zu pressen gewußt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die,
+an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels
+oder anderer Verbrechen schuldig gemacht
+hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit
+sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen.
+Zu dieser Kategorie gehören die
+berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte.
+Friedrich der Große hat den Meisterdieb
+Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten
+aus dem Zuchthause von Stettin
+holen lassen, damit er vor der Schlacht bei
+Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag
+auskundschafte. Auch der König der Spione,
+Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder
+Meinau, der grand espion Napoleons I., war
+1805 in die Dienste der geheimen französischen
+Militärpolizei getreten, als sein Straßburger
+Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem
+Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines
+Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen,
+daß er als Leiter des Kundschafterdienstes
+geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere
+Beschäftigung, als Spione anzuwerben
+und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge
+zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten!
+Da &ndash; trotz Lassalle &ndash; die Arbeit
+stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke
+auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun
+könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte
+und die trotzdem viel Geld verdienten,
+mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er
+sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen
+Diensten hergegeben &ndash; wenn er nicht das
+Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als
+Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich
+von Agenten fremder Mächte überwacht
+werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre.
+Diese Überwachungsorgane hatten bald
+das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte
+und Untergebene nicht wußten, &ndash; daß er
+verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene
+Umstände weisen sogar darauf hin,
+daß jener russische Militärattaché, den Kaiser
+Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige
+gewesen war, der Redl &ndash; allerdings
+lange vorher &ndash; zum Spionagedienst für Rußland
+gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität
+seines Gegners erfahren hatte, war
+Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie
+mußte <a id="corr-14"></a>ihn den Kragen kosten, während
+er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe
+steigen konnte, bis zum Generalstabschef und
+vielleicht noch höher.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+Der Befehl des Platzkommandos Wien, der
+sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt
+für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl,
+Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war
+bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne
+übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche
+ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die
+Generaldecharge ein, und die Truppen und
+Anstalten bestellten Trauerkränze, als am
+Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche
+absandte: &bdquo;Das Leichenbegängnis
+des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl,
+ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt.
+Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl
+ausgegebenen Weisungen außer Kraft
+gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Leiche wurde obduziert und dann im
+Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein
+Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten,
+die des Toten Bruder (der inzwischen seinen
+Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft
+liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt
+Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem
+Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38,
+Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Schriftstücke, Bücher und photographischen
+Platten, die mit dem Verrate Redls
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+in Zusammenhang stehen konnten, wurden in
+einen großen Koffer gepackt, den der Chef des
+Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren
+Untersuchungen in Prag wurden den
+Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und
+Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär
+hatte das Kleinseitner Bezirksgericht
+den Notar Dr. Uhlir ernannt, der
+die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine
+Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in
+der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher
+auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen
+im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im
+Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine
+ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken
+(darunter 195 Oberhemden), Garderobe
+mit zehn Uniformmänteln auf Seide und
+Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke
+und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen,
+400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel,
+10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß
+eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning,
+mit dem sich Redl getötet hatte, und der
+natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde.
+Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen
+Inhalts. Die Sattelkammer,
+wo sich Schabracken, Brustriemen und
+Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen
+und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das
+photographische Laboratorium mit Zeißapparaten,
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten,
+Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen
+und Stativen, waren die
+reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl
+diese von eigens berufenen Tapezierern einer
+Wiener Firma eingerichtet war, war sie
+äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten
+die Nippes von besonderem Geschmack ihres
+Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin
+z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten
+Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand
+nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung
+gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt,
+wozu sich noch ein Vollblutschimmel,
+2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über
+die bei der Auktion Witze gemacht wurden:
+sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen
+Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten
+ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.)
+und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing
+als weitere Aktivposten gesellten.
+</p>
+
+<p>
+Diesem Vermögen standen große Forderungen
+gegenüber, die Uniformierungsanstalt
+Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond
+des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen,
+die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung
+L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden,
+der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen
+eine Forderung von 4400 K samt Zinsen
+an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel
+Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis,
+Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen)
+und der Diener stellten sich gleichfalls
+mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa
+45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit
+überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte
+daher das Prager Landesgericht den Konkurs
+über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger
+Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die
+Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in
+einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner
+Chotekgasse die Versteigerung des
+Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter
+den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß
+gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen
+30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent.
+</p>
+
+<p>
+Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion
+ein Paket Rollfilms erstanden hatte,
+entdeckte, daß einer der Films belichtet war.
+Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers
+im physikalischen Kabinett der Schule, wobei
+die Photographie eines reservat ausgegebenen
+Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch
+J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat.
+Der Film wurde dem Korpskommando übergeben,
+das ihn an das Evidenzbureau des
+Generalstabs nach Wien weiterleitete.
+</p>
+
+<p>
+Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig
+in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es
+sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit
+um so auffallender ist, als sich
+im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres,
+selbstbeobachtendes Empfinden zu
+äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch
+junge Offiziere und Soldaten. &bdquo;Mit Freude
+ergreife ich die Feder ...&ldquo;, &ndash; so beginnen die
+meisten und mit Geldforderungen enden sie.
+Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten
+füllte eine Lade seines Schreibtisches:
+durchwegs aristokratische Namen. Auf seine
+Beziehungen zum böhmischen Adel schien er
+sich besonders viel einzubilden, die Erlangung
+des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu
+sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen
+müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag
+eine Bürgerkrone zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager
+Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des
+Generalstabschefs galt. Aber sie war eine
+&bdquo;fausse maitresse&ldquo;, nur da, um jeden aufkeimenden
+Verdacht der Homosexualität zu
+verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden,
+in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife
+erklärend, daß ihr die Rücksicht auf
+ihre Freundschaft mit Redl, &bdquo;die von Dir
+immerfort verlangte Wahrung des Dekorums&ldquo;
+die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
+</p>
+
+<p>
+Für geistige Betätigungen Redls fanden sich
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte
+Bibliothek militärischen Charakters
+war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal
+aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht,
+im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen
+gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak,
+dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß
+auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft
+aufgebaut gewesen zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Redl war groß und breit gewachsen, der
+Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des
+sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln
+nachgeholfen. Er galt als der eifrigste
+Mann des Generalstabskorps, als der prompteste
+Aktenerlediger (in Deutschland hatte
+denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff)
+und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter,
+wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage,
+die Intrigen zu deren Verheimlichung und
+zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit,
+die Affären mit seinen geheimen Freunden
+und seiner öffentlichen Freundin addiert.
+</p>
+
+<p>
+Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn
+Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k.
+u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen
+Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine
+Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt
+geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg
+erlebt hätte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+Während Kaiser Franz Josef die ganze
+Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der
+die Monarchie betroffen hatte, und gegen den
+sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger
+Franz Ferdinand auf einem anderen
+Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als
+für die Armee typisch auf und versuchte mit
+allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren.
+Er setzte nun mit Verfolgungen ein,
+die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei
+Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden
+ist, bezieht sich der erste auf den Redl&rsquo;schen
+Selbstmord. Es heißt darin: &bdquo;... Se. kais.
+Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir
+mit erhobener Stimme: &sbquo;Es ist unchristlich,
+einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der
+Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und
+wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn
+zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei!
+Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen
+Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen?
+Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund
+ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt
+unter dem Galgen die Segnungen der Religion,
+&ndash; auf den Galgen hätte übrigens dieser
+Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig
+baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu
+befehlen, ist unchristlich.&lsquo; Ich erlaubte mir
+zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht
+befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+unterbrach mich ungnädig: &sbquo;Nur keine Wortspaltereien!
+Genug daran, daß man den
+Selbstmord nicht verhindert hat.&lsquo; Auch darüber
+war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten,
+daß man von der Veranlagung Redls
+nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei
+ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone
+(den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben
+wurde.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt
+sich mit der Reorganisation der Kriegsschule
+und des Generalstabs, die der Erzherzog
+unter dem Eindrucke der Causa Redl
+durchführen wollte:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais.
+Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat
+mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit
+eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule
+durchführen. Die Fälle der absolvierten
+Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas
+(Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor
+allem aber Redls beweisen, daß die Moral
+dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen
+Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.-
+und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs
+des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais.
+Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung
+aller Herren auf diesem Posten und Regeneration
+des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt
+den Adel zum Gstb. heranziehen,
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die
+Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen
+könne.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Erzherzog verkannte die Gründe für
+diese Ausartungen von Kriegsschülern und
+Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen
+in die Kriegsschule waren
+überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt
+sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur
+der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte;
+die besondere Befähigung für ein oder das andere
+Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches,
+mathematisches oder Sprachentalent) war
+eher hinderlich als fördernd, da eine solche
+Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen
+Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen
+Aufwand an Selbstverleugnung, Energie
+und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab
+erforderlich war, hätte wohl jeder
+ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß
+solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden
+könne, in verbrecherische Betätigungen um
+der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte
+der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen
+Abkunft die Schuld.
+</p>
+
+<p>
+Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit
+seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte,
+wandte sich sein verschärfter Groll gegen das
+Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem
+Briefe:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+&bdquo;Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau
+gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei
+Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne
+daß so etwas auffällt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von
+Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der
+erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des
+Generalstabs und der Kriegsminister darauf
+hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine
+Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a id="corr-19"></a>es
+den mit der Technik der Spionenentlarvung
+so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der
+Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte
+auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte
+die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines
+Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
+</p>
+
+<p>
+FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen
+und Kränkungen, die er durch den
+Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer
+Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den
+Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire
+niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht
+wird: &bdquo;Bei den vielen Berührungspunkten,
+die zwischen der Militärkanzlei des
+Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener
+Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden,
+fühlten ich und mein Personal den Druck des
+Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad
+von Hötzendorf vertröstete mich mit dem
+Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+des Thronfolgers, auf die kommenden
+großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit
+ergeben werde, dem Thronfolger endlich
+klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer
+geartetes Verschulden treffe. Man legte mir
+vor allem die Zulassung des Selbstmordes als
+gegen die christlich-katholische Religion verstoßend,
+zur Last. Die zwingenden Motive,
+die für den Selbstmord sprachen, waren von
+allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden
+&ndash; ich war nicht der Älteste unter ihnen
+und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade
+mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft
+erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher
+Aufwand, speziell sein &bdquo;Autohalten&ldquo;
+auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte
+die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs,
+es war ihm im Korpskommando-Gebäude
+in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich
+eingeräumt worden; er verfügte daher
+über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte
+ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor
+Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte,
+ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen,
+&sbquo;besitzt eigenes Vermögen&lsquo;. Solange er mein
+Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen,
+später, bei der Truppendienstleistung
+in Wien und sodann als Generalstabschef in
+Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel
+nicht verantwortlich machen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Die Konzentration der Wut des Thronfolgers
+auf meine Person war geradezu pathologisch,
+es sollte noch ärger kommen. Bei den
+großen Manövern des Jahres 1913, die in der
+Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens
+der Thronfolger ganz besonders hervor,
+indem er plötzlich am zweiten Manövertag
+die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über
+den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des
+Generalstabes und der Manöverleitung eine
+ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute
+ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes
+&sbquo;Kavalleriekorps&lsquo; auch eine
+Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren,
+das &sbquo;Attachéquartier&lsquo;, das ist die Vereinigung
+aller fremdländischen Offiziere, die als
+Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung
+der fremden Offiziere war der Thronfolger
+ganz gegen seine bisherige Gewohnheit
+bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen
+mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand,
+sprach nicht mit mir, so daß es die fremden
+Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten.
+So ging es nach den Manövern fort,
+bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn
+des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus
+dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler
+einen photographischen Apparat erstanden,
+worin noch ein nicht entwickelter Film
+lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion.
+Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der
+Sensationsmeldung, der Film enthielte einen
+wichtigen Befehl des Thronfolgers an das
+8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen
+Stunden lag schon der telegraphische Befehl
+aus Konopischt vor, &sbquo;gerichtliche Untersuchung,
+die Schuldigen auf das Strengste zu
+bestrafen&lsquo;. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen
+Untersuchung des Falles Redl, die
+in Prag geführt wurde, organisationsgemäß
+gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich
+mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen,
+daß das Gericht eine Schadensumme festsetze,
+die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für
+die Heeresverwaltung entstanden ist, womit
+ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß
+Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich
+fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig,
+daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem
+Wege erworbenen Gelde bereichern,
+ganz besonders lag mir daran, daß
+nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit
+zusammenhingen und die trotz
+eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen
+Zufall noch vorhanden sein könnten, auf
+dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände
+kämen, wo sie neues Unheil anrichten
+konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann
+mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+vernichten, Geld oder Geldeswert einer
+wohltätigen Sache zuwenden können oder
+dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten
+Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert;
+so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur
+Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich
+hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in
+Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam
+machen, daß der Nachlaß vor Übergabe
+an den Notar einer gründlichen Sichtung
+vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls
+unterzogen werde. Das Korpskommando hatte,
+diesem Rate folgend, eine Kommission zur
+Durchsicht des Nachlasses bestimmt &ndash; und
+dennoch konnte es geschehen, daß niemand
+daran dachte, den photographischen Apparat,
+das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen.
+Trotzdem alle diese Tatsachen dem
+Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt
+mehr denn je von meiner Schuld überzeugt,
+wieder half keine Einsprache des Chefs des
+Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die
+Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen
+&ndash; es war umsonst, man stand vor einer
+Wand! Die Prager Auditoren wurden in
+Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man
+nicht so schnell absägen, bevor man einen
+eingearbeiteten Nachfolger besaß.
+</p>
+
+<p>
+Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche
+Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde,
+weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés
+in Bukarest, Oberst von Hranilovic,
+als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten
+habe, weil der Chef des Generalstabes Wert
+darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit
+der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen
+arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in
+Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag
+nach einer schweren Operation in einem Sanatorium
+in Berlin. Die politischen Wogen gingen
+noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres
+Gesandten gerade auf diesem heißen Boden
+wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät
+der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr
+Giesl&rsquo;s auf seinen Posten. Kaum reisefähig,
+eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit
+erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen,
+daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten
+gegen den Gesandten bestünden,
+um künstlich die Situation zu verwirren, und
+zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten
+während seiner Reise noch auf österreichischem
+Gebiet erfolgen. Ich erhielt den
+Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl
+ungestört nach Cetinje gelange, weil die
+Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in
+die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl
+wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+ein Torpedoboot gebracht, landete in der
+Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen
+Dienstposten gebracht wurde. Während
+des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte
+ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers
+in Spalato bald frei würde. &ndash; Die Aussicht,
+nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale,
+ein ruhiges Provinzleben zu führen,
+hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage
+meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914,
+den Kriegsminister um die Vormerkung für
+das Brigadekommando in Spalato bat. Zu
+meiner größten Überraschung eröffnete mir
+der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden,
+bestimmten Befehl des Thronfolgers,
+den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben
+der Antrag des Kriegsministeriums gemacht
+worden, mir das Brigadekommando Semlin
+(an der serbischen Grenze) zu geben, dort
+hätte ich Gelegenheit, mich zu &sbquo;rehabilitieren&lsquo;!
+Also noch immer der alte Groll, &ndash; es war
+nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers
+konnte sich keinem fremden Urteil fügen.
+</p>
+
+<p>
+Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord
+dieser nur pathologisch zu erklärenden
+Verfolgung. Auf ein Glockensignal des
+Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos
+wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen
+sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad,
+daß er mir einen Befehl des Thronfolgers
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch
+folgenden Wortlaut:
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt,
+daß die Energie und geistige Spannkraft
+des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße
+gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung
+nicht mehr in Betracht kommt und
+ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen
+Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Dann nahm die Komödie ihren Fortgang
+&ndash; &ndash; mit dem Arzt wurde ein Kompromiß
+geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund,
+so einigten wir uns denn auf eine &sbquo;Nervosität
+mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben
+Jahres zweifellos behoben sein wird&lsquo;. Diesen
+weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich
+auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission
+an, worauf der Präses der Kommission
+den verabredeten Antrag auf Beurlaubung
+des Obersten von Urbañski auf sechs
+Monate mit Wartegebühr stellte. So war es
+zwischen dem Chef des Generalstabes, dem
+Kriegsminister und mir besprochen, denn ein
+offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers
+schien ganz aussichtslos, die Zeiten
+nicht danach angetan, daß diese Funktionäre
+wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten.
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Ich leistete nun keinen Dienst mehr,
+wickelte meine persönlichen Angelegenheiten
+ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines
+Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei
+Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da
+nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines
+plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet,
+er wurde in der Presse kommentiert,
+Parlamentarier verschiedener Schattierung
+beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen
+Gegner des Thronfolgers suchten mich
+auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung.
+Unter anderen lud mich ein Erzherzog
+zu sich. Auf die Aufforderung, ihm
+die volle Wahrheit über meine Maßregelung
+ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch
+den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen,
+das mir ein Gespräch über dieses Thema
+verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog,
+er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz,
+der mich durch seine Offenheit verblüffte:
+&sbquo;Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein,
+ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette
+das Emblême F. J. I. oder W. II.
+tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns
+darüber klar, daß unser Thron auf schwanker
+Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee
+ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur
+Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns
+geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+schon kursieren, und auch in Ihrem Fall
+vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet,
+das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe
+eine Richtung bestand, die dem Thronfolger
+die Eignung für die Nachfolge abzusprechen
+bestrebt war &ndash; mein Fall sollte dazu beitragen,
+den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten.
+</p>
+
+<p>
+Ernster war meine Aussprache mit dem
+Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des
+Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt
+über mich in seine Hände kam,
+ließ er mich zu sich bitten und empfing mich
+mit den Worten: &sbquo;Lieber Urbañski, haben Sie
+einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich
+davonjagen will?&lsquo; Als ich Exz. Bolfras
+die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive
+Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er
+auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät
+nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte
+mich in frischester Erinnerung aus vielfachen
+Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908
+als adjoint militaire d&rsquo;Autriche-Hongrie der
+Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb
+tätig gewesen, als die Revolution in der
+Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten
+Ansturm der serbischen Wut anläßlich der
+drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina
+durchzuhalten gehabt, Se. Majestät
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+hatte persönlich meine Ansichten über die
+voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört.
+Während der folgenden Jahre hatte mein
+Bureau täglich die informierenden Berichte
+über die laufenden kriegerischen Verwickelungen,
+Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw.
+geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn
+sein mußten, wenn der Kaiser sein
+Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung
+hatten zwei russische Militärattachés
+der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau
+der Spionage überführt, ihren Posten
+verlassen müssen, &ndash; kurz, ich stand beim
+Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir
+doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden,
+eine für einen Oberst recht seltene
+Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914
+entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf
+einen Generalsposten zu gelangen habe. Und
+nun plötzlich die Pensionierung, &ndash; der Kaiser
+werde unbedingt nach den Gründen fragen.
+Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das
+ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle
+Vorstellungen der verantwortlichen Männer
+sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten
+Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger,
+ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser
+sei angesichts des leidenden Zustandes des
+Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das
+Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras&rsquo; liegen.
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+&ndash; Dort lag es noch unerledigt, als der
+Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit
+hierdurch in ein anderes Stadium
+trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich
+lange gegen die Abhaltung der Manöver in
+Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten
+feierlichen Einzug des Thronfolgers mit
+seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren
+doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen
+eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits
+feindselige Handlungen erwarten
+ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger
+das politische Besuchsprogramm für Bosnien
+durch. Der Chef des Generalstabes mußte als
+solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden
+politischen Akt wollte er auf keinen
+Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise
+in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde,
+daß der Chef den Thronfolger unmittelbar
+nach Schluß der Manöver verlassen mußte.
+Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt
+dieser Reise, traf ihn die Nachricht
+des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort
+nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach
+seiner Ankunft in Wien verständigte mich
+Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit
+nunmehr eine andere Wendung genommen
+habe; wenige Tage später kam ein Schreiben
+des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung,
+mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Urlaub von meinen Aufregungen und
+Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach
+der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer
+Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando
+derselben Division, die ich bis zum
+Schluß geführt habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Damit schließt das Memoire, aus dessen
+Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors,
+sondern auch des ganzen Generalstabes
+spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung &bdquo;des
+Chefs&ldquo;, der einen seiner Untergebenen einfach
+zum Selbstmord kommandiert hat, sondern
+auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten
+versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche
+behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt
+und keine aktuelle Kriegsvorbereitung
+verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument
+des &bdquo;flaschengrünen Korpsgeistes&ldquo;, mit
+dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen
+Generalstab als höchste Klasse der
+Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem
+Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie
+verachteten die Truppe, sie mißachteten das
+Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren
+handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers
+und seiner Militärkanzlei nicht, &ndash; sie
+duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten.
+Immer war die Prätorianergarde
+mächtiger als der Regent. Selbst der
+Weltskandal der Redl-Affäre gab dem Erzherzog
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz
+aller Mühen und Anstrengungen einen ihm
+(allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu
+beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde
+noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet
+und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja,
+der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt
+wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt
+und wie ein Hohn der Überlebenden
+klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme
+dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers.
+Natürlich war die Haltung des Erzherzogs
+von der Wut darüber bestimmt, daß
+seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand,
+und seinem Hochmut der Hochmut
+der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke.
+Der Generalstab ließ keinen der Seinen
+vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor
+durfte einen Generalstäbler verurteilen, &ndash; deshalb
+Redls Selbstmord.
+</p>
+
+<p>
+Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle
+entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen
+der Armee gewußt und um alle aktuellen
+Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander
+hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein
+Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch
+wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten
+Nachrichten hätte liefern müssen, das, was
+man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer
+Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Spion. Mit einem einzigen
+Wort konnte man ihn zwingen.
+</p>
+
+<p>
+So einzigartig der Kriminalfall Redl auch
+scheinen mag, &ndash; er wird sich immer in irgendeiner
+Form wiederholen. Denn die Staaten
+sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens,
+das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod
+durch den Strang oder mit der Verbannung
+nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando
+zum Selbstmord.
+</p>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="ser">
+<span class="line1">In der Sammlung</span><br />
+<span class="line2">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
+<span class="line3">&ndash; DIE VERBRECHEN DER GEGENWART &ndash;</span><br />
+<span class="line4">sind bis jetzt folgende Bände erschienen:</span>
+</p>
+
+ <div class="table">
+ <div class="volumes">
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 1:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">ALFRED DÖBLIN</span><br />
+DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND<br />
+IHR GIFTMORD
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 2:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">EGON ERWIN KISCH</span><br />
+DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br />
+REDL
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 3:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br />
+DER MORD AM<br />
+POLIZEIAGENTEN BLAU
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 4:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">ERNST WEISS</span><br />
+DER FALL VUKOBRANKOVICS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 5:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">IWAN GOLL</span><br />
+GERMAINE BERTON,<br />
+DIE ROTE JUNGFRAU
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 6:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">THEODOR LESSING</span><br />
+HAARMANN, DIE GESCHICHTE<br />
+EINES WERWOLFS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 7:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">KARL OTTEN</span><br />
+DER FALL STRAUSS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 8:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">ARTHUR HOLITSCHER</span><br />
+DER FALL RAVACHOL
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 9:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">LEO LANIA</span><br />
+DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 10:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">FRANZ THEODOR CSOKOR</span><br />
+SCHUSS INS GESCHAEFT<br />
+DER FALL OTTO EISSLER
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 11:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">THOMAS SCHRAMEK</span><br />
+FREIHERR VON EGLOFFSTEIN<br />
+Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 12:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">KURT KERSTEN</span><br />
+DER MOSKAUER PROZESS GEGEN<br />
+DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 13:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">KARL FEDERN</span><br />
+DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 14:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">HERMANN UNGAR</span><br />
+DIE ERMORDUNG<br />
+DES HAUPTMANNS HANIKA
+</p>
+
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="s c">
+Ferner erscheinen noch Bände von:
+</p>
+
+<p class="c">
+HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD,
+E. I. GUMBEL, WALTER HASENCLEVER, GEORG
+KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS,
+EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ
+SCHICKELE, JAKOB WASSERMANN, ALFRED
+WOLFENSTEIN.
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="printer">
+OHLENROTH&rsquo;SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p class="skip_in_txt">
+Das Cover wurde vom Bearbeiter den ursprünglichen
+Bucheinbänden der Serie nachempfunden und der <i>public domain</i> zur Verfügung gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <span class="underline">Linse</span> ...<br />
+... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a href="#corr-0"><span class="underline">Linsen</span></a> ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...<br />
+... Armer Major Vorlicek<a href="#corr-2"><span class="underline">!</span></a> Vor seinem Hause ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... aufgetauchten <span class="underline">Gerüchten</span> ersucht, ...<br />
+... aufgetauchten <a href="#corr-9"><span class="underline">Gerüchte</span></a> ersucht, ...<br />
+</li>
+
+<li>
+ (mehrfache Fälle)<br />
+... Redls und des Auditors Dr. <span class="underline">Seeliger</span> dorthin. ...<br />
+... Redls und des Auditors Dr. <a href="#corr-10"><span class="underline">Seliger</span></a> dorthin. ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... mußte <span class="underline">ihm</span> den Kragen kosten, während ...<br />
+... mußte <a href="#corr-14"><span class="underline">ihn</span></a> den Kragen kosten, während ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <span class="underline">er</span> ...<br />
+... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a href="#corr-19"><span class="underline">es</span></a> ...<br />
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<pre style='margin-top:6em'>
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+
+This file should be named 63991-h.htm or 63991-h.zip
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
+specific permission. If you do not charge anything for copies of this
+eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given
+away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
+not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
+trademark license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country outside the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you will have to check the laws of the country where
+ you are located before using this ebook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
+provided that
+
+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
+Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
+trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+</pre>
+</body>
+</html>
diff --git a/63991-h/images/cover.jpg b/63991-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..b2bfb21
--- /dev/null
+++ b/63991-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/63991-h/images/logo1.jpg b/63991-h/images/logo1.jpg
new file mode 100644
index 0000000..65381b9
--- /dev/null
+++ b/63991-h/images/logo1.jpg
Binary files differ
diff --git a/63991-h/images/logo2.jpg b/63991-h/images/logo2.jpg
new file mode 100644
index 0000000..5c92f90
--- /dev/null
+++ b/63991-h/images/logo2.jpg
Binary files differ
diff --git a/63991-h/images/portrait.jpg b/63991-h/images/portrait.jpg
new file mode 100644
index 0000000..96cc211
--- /dev/null
+++ b/63991-h/images/portrait.jpg
Binary files differ
diff --git a/63991-page-images.zip b/63991-page-images.zip
new file mode 100644
index 0000000..2038e4f
--- /dev/null
+++ b/63991-page-images.zip
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..d8db1ba
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #63991 (https://www.gutenberg.org/ebooks/63991)
diff --git a/old/63991-0.txt b/old/63991-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..02ed891
--- /dev/null
+++ b/old/63991-0.txt
@@ -0,0 +1,2321 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon
+Erwin Kisch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl
+ Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
+ 2
+
+Author: Egon Erwin Kisch
+
+Editor: Rudolf Leonhard
+
+Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Jens Sadowski
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+
+
+ AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
+ -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --
+
+
+
+
+ AUSSENSEITER
+ DER GESELLSCHAFT
+ -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --
+
+
+ HERAUSGEGEBEN VON
+ RUDOLF LEONHARD
+
+ BAND 2
+
+
+ VERLAG DIE SCHMIEDE
+ BERLIN
+
+
+
+
+ DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+ REDL
+
+
+ VON
+ EGON ERWIN KISCH
+
+
+ VERLAG DIE SCHMIEDE
+ BERLIN
+
+
+ EINBANDENTWURF
+ GEORG SALTER
+ BERLIN
+
+
+ 6.-10. TAUSEND
+
+ Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
+
+
+
+
+
+
+Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des
+Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf
+bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses
+Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage
+politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters
+kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen,
+Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis
+in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen
+Armee als mißglückt entschied.
+
+Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden
+gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so
+hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als
+undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche
+Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er
+verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld
+er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag
+gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses
+Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof
+und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die
+Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander
+widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten.
+
+Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem
+Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der
+Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär
+jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte
+und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung
+dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre
+verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des
+Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang
+viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die
+Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand
+durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art
+zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte.
+Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter
+seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des
+Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich
+dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine
+authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den
+unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu
+bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten.
+
+Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die
+damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren,
+Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den
+nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef
+im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen
+stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr.
+Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen
+Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten
+Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert
+Grafen Sternberg zugrunde.
+
+
+
+
+
+
+Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit
+der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das
+Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die
+Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl
+hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle
+innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage
+Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der
+Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder
+Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert,
+jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne
+daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren
+Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die
+vom Nebenzimmer aus bedient wurden.
+
+Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden,
+ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der
+einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder
+Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch
+Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte,
+waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren
+ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, --
+neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf
+dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate
+Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit
+Seidenpulver bestreut.
+
+In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten
+mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im
+Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in
+Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine
+Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel
+konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand
+projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so
+daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war,
+von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit
+Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller
+spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in
+Brüssel, Zürich und Lausanne.
+
+Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als
+Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert:
+unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß
+der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein
+energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers
+Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die
+Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des
+Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt.
+Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten
+Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine
+Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben
+Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese
+Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu
+verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein
+Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem
+Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren
+gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder
+abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun
+Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er
+die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen
+wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das
+er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von
+einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als
+richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der
+in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte
+dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert
+werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen
+Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf
+eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann
+mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das
+Verfahren gegen ihn einstellte.
+
+Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr
+noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte.
+Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung
+befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler
+vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der
+jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm
+sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den
+15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung
+etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte,
+während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen
+Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte.
+Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als
+Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier,
+man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das
+Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war,
+hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die
+Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen
+die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen
+Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und
+bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen
+Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die
+Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden
+Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil
+sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen
+Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand
+brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der
+antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten.
+
+Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren
+hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der
+Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das
+Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom
+Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti
+aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen
+Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo
+der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese
+ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in
+militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene
+vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des
+Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze
+Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur
+Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig,
+wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen
+hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche
+Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter
+anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst
+Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden
+daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche
+Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball --
+davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.
+
+ * * * * *
+
+Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die
+postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien
+erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen
+Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine
+sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war
+anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es
+sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem
+Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug
+150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau
+jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse
+war mit Schreibmaschine geschrieben.
+
+Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu
+bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die
+Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische
+Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des
+Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer
+sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung
+der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium
+transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem
+nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach
+den Briefen, in denen so viel Geld war.
+
+Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden,
+weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen
+Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur
+Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit
+Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der
+Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war
+der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen
+stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos
+hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein
+Mietsauto.
+
+Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die
+beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des
+Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten
+Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt«
+gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung
+gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen
+Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem
+Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden
+Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung
+angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.
+
+Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine
+Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«.
+
+Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den
+Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit
+ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken
+sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden
+müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei.
+Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten
+vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das
+Auto hält. Es ist leer.
+
+»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?«
+
+»Ins Café Kaiserhof.«
+
+»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.«
+
+Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und
+finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem
+Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der
+Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der
+so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort
+weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am
+Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren
+kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als
+Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr
+befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.«
+
+Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht.
+»Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus
+Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i
+net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil
+war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.«
+
+Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn
+gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer
+Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd
+nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im
+Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des
+österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des
+angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es,
+wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun
+zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der
+Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen!
+
+Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer
+von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt
+bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind.
+Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch
+anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl
+die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade
+hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine
+der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem
+Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste
+frage, wem es gehört.
+
+Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und
+legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben
+Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der
+Portier.
+
+»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen
+gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...«
+
+Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser
+benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe
+aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut
+den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem
+Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen.
+
+Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe,
+nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen
+Stunden werde ich tot sein.
+
+Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse
+rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er
+wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich
+kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des
+Restaurants Klomser treten.
+
+Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348
+aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie,
+daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl
+gehört.«
+
+Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst
+Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße
+ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur
+Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der
+alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café
+Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne,
+der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten
+sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens
+kaltblütig versucht!
+
+Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom
+Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k.
+Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in
+beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr
+Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger
+Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur
+Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe
+ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die
+Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die
+anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist
+kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von
+Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im
+Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die
+Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von
+Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den
+Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als
+Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball
+13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und
+dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann
+keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.
+
+Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung
+haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie
+gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere
+aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere,
+deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will)
+und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die
+Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der
+Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die
+Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an,
+und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst
+kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und
+bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto
+ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind
+Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen
+Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe
+nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem
+Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland
+war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten
+sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da
+Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die
+Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter
+überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen
+italienischen Spionagezentrale.
+
+Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit
+militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den
+Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung
+abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen
+Gerechtigkeit entziehe?
+
+Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum
+Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt
+ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau.
+Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er
+im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag
+angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben
+verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein
+wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht
+wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die
+fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher
+Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der
+die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder
+bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere,
+binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon
+Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er
+den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und
+dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich
+vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo
+sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem
+Prager Zug eingetroffen war.
+
+In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein
+junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange
+Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in
+Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund
+wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H.
+fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt.
+Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es
+sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
+
+»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge
+den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem
+Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren
+Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land
+fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran
+nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.
+
+Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim
+Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer
+Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf
+den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«,
+der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ...
+
+»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen
+bitten?«
+
+»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!«
+
+Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch
+den Speisesaal.
+
+In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf
+Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er
+kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite
+dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung
+braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die
+Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein
+Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im
+verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den
+oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß
+ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, --
+sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt
+nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten
+aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die
+Entscheidung aus:
+
+»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie
+weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!«
+
+Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab
+die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas
+bekannt wird.
+
+»Er selbst, Exzellenz ...?«
+
+»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich
+verstanden worden, Herr Oberst?«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz!«
+
+»Heute nacht muß alles geschehen!«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz!«
+
+»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst!
+Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und
+dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind
+direkt an mich zu erstatten.«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz.«
+
+Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte,
+und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser
+ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert
+hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei
+der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster
+Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von
+Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial
+über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten
+gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der
+in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die
+(den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese
+zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und
+Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in
+der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper
+überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er
+eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in
+seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem
+Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die
+Einsilbigkeit des Tischgenossen.
+
+Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich
+seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen,
+seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu
+flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung
+ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend?
+
+Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut
+sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt
+seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen
+Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt
+sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß
+sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt
+dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich
+seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen
+möchte.
+
+Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon
+hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und
+schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung
+des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in
+persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt
+sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei
+anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen
+Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch
+im Amt.
+
+»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt
+er.
+
+»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.«
+
+»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?«
+
+»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?«
+
+»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er
+spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen
+hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag
+ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?«
+
+»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt.
+Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich
+morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich
+gerne tun.«
+
+Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht
+erzielen.
+
+Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind
+inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs
+gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und
+suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im
+IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k.
+Majorauditor«.
+
+Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In
+seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen
+Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen.
+Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er
+sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um
+11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des
+Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung,
+und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit
+wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt
+verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts
+machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den
+Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.
+
+Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs:
+Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der
+Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium,
+erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren
+vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge
+eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café
+Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der
+Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man
+Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber
+auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort
+bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor
+der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet.
+
+ * * * * *
+
+Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der
+Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins
+Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin
+muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1.
+Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist
+in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.
+
+Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.
+
+»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich
+habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu
+schreiben.«
+
+Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene
+Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps
+adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines
+Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte
+eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als
+die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu
+haben.)
+
+Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.
+
+»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er.
+
+Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und
+Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager
+Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich
+damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine
+Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?«
+
+Oberst Redl: »Nein.«
+
+Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr
+Redl.«
+
+Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.«
+
+Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen
+werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning
+zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen.
+
+Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der
+Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode
+entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein
+Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann
+wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts,
+kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama
+seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines
+der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier
+auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse
+bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht
+hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen
+gehen.«
+
+Wie spät ist es?
+
+Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
+
+Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung«
+der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug,
+6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird
+also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer
+von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in
+der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort
+über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache
+sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die
+höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein
+anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef
+Spionage getrieben habe.
+
+Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er
+feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot
+auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende
+Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt
+worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous
+geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte,
+er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese
+Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines
+vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere
+eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später,
+wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.
+
+»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten.
+Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.«
+
+Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf
+Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit
+die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem
+fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen.
+Man wartete aber nicht länger am Apparat.
+
+Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von
+einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und
+Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen.
+Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend,
+in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt
+und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken
+Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war
+durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot
+zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch
+fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des
+Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v.
+Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand:
+»Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich
+büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.«
+
+Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt
+sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für
+mich.«
+
+Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten --
+jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die
+Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die
+Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg.
+Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus
+nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde.
+In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den
+Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem
+aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn,
+sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern
+Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und
+wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen.
+Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem
+Mörder.
+
+So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da,
+was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann,
+der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten
+eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben
+hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon
+nichts gesagt?
+
+Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?
+
+Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des
+Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und
+Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu
+beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen
+Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der
+Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er
+sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er
+wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die
+Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der
+Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch
+der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine
+Ahnung: von der Spionage.
+
+Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die
+Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals
+geschafft.
+
+Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den
+Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der
+hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat
+sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit
+an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn
+dienstliche Aufgaben geführt hatten ...«
+
+Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach
+Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem
+Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in
+Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord
+begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl
+das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem
+österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief
+bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den
+Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt
+miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum
+Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt
+war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun
+erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und
+konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls,
+die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des
+Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen
+werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
+
+ * * * * *
+
+»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus,
+der mir von dieser Dienstreise erzählt.
+
+»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend,
+kein Professionist.«
+
+»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?«
+
+»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.«
+
+FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und
+bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers
+Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der
+Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.
+
+»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der
+Schubfächer verraten können?«
+
+»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch.
+
+»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.«
+
+»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig.
+
+Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein:
+am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub
+»Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des
+»Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage:
+
+ DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3).
+ Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl
+ seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das
+ Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht
+ imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln.
+
+Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der
+Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp
+vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen
+der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner
+pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner
+aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines
+Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar
+nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam.
+
+»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige
+Endback zu entschuldigen.
+
+»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend.
+
+»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt
+und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß
+aufbrechen.«
+
+»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir
+haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.«
+
+»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann
+alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission
+aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach
+Photographien von Plänen.«
+
+»So? Und wem gehört die Wohnung?«
+
+»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.«
+
+»Und der General war nicht da?«
+
+»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.«
+
+Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist,
+ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar
+nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine
+Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie
+der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat
+und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat:
+»Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch,
+daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame,
+lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die
+parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen
+sich die Wiener Herren notiert haben.
+
+Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des
+Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter
+Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und
+wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen
+Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist,
+ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt
+einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung
+ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung
+mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man
+riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in
+Form eines Dementis bringen. »Von hervorragender Seite werden wir um
+Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte
+ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der
+bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat
+militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben
+habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und
+einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die
+Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag
+geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen,
+usw.«. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist
+so, wie wenn man sagt: »Der X. ist kein Falschspieler.« Aber
+konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der
+Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das
+Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das
+Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen
+ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und
+Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen
+des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion
+Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im
+Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
+
+Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß
+aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen
+usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht,
+Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze
+Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen
+Union-Holeschovice.
+
+ * * * * *
+
+Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des
+Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich
+überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene
+Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster
+vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß
+die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall
+zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch
+erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln,
+Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf.
+
+Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte,
+daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von
+Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl
+war homosexuell gewesen.
+
+Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von
+der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der
+hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn
+Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte.
+
+»Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten,
+und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du
+mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen,
+daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am
+Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch
+die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr
+keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was
+sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich
+warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß
+nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?),
+könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den
+versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du
+nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde
+dann ...«
+
+Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen
+worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu
+beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch
+Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel
+scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den
+Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt,
+das bewacht war.
+
+Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des
+Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er
+vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und
+habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den
+Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er
+-- wegen widernatürlicher Unzucht -- zu drei Jahren schweren Kerkers
+verurteilt.
+
+Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein
+bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da
+Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit
+war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler
+von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner
+Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen
+getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken
+überhäuft.
+
+Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor:
+Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über
+gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in
+seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten
+Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate
+photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen
+Generalstabsbücher -- des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke --
+verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und
+Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle
+über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von
+Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert
+und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz
+Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich
+auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen.
+
+Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete
+Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen,
+Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen
+von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, -- so
+allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die
+sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück,
+die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner
+Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa
+das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren
+Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei
+seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien
+bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen,
+daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand
+betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft
+zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und
+eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren
+in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in
+Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt
+Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen
+müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der
+österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des
+Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner
+Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg.
+Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
+
+ * * * * *
+
+Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und
+Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein
+so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord
+Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er
+habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben
+vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903
+wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo,
+Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im
+Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu
+haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf
+freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden
+seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen
+hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters
+und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate
+später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des
+nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die
+Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende
+Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften
+Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch
+den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an
+der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo
+nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch
+seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen »Karl Weber« in
+Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen
+wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den
+gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war,
+wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium
+des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung
+mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen
+russischen Paß vor, der auf den Namen »Karl Weber« lautete, und stellte
+sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß
+ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine
+Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des
+österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe
+sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den
+österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der
+Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen
+Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle.
+Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der
+wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische
+Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de
+Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde
+Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er
+war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die
+tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien
+kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über
+seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser
+interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase
+durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck,
+unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung
+auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so
+weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates
+vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und
+Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen
+Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt
+hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke
+gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für
+Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde
+Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel
+wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden
+Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne
+(weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt
+hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und
+gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen
+geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der
+Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts
+wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in
+ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal
+in treffender Weise: »Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen
+Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den
+Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.«
+
+Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major
+Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau.
+Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den
+weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des
+Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in
+dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung.
+Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von
+Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des
+Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr
+befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl
+beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es
+zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel
+zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind
+richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz
+glücklich war. »Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine
+Briefe versteckt?« fragte Redl. »Natürlich,« lachte das Kind und lief in
+das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und
+deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück
+umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen
+drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden
+Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg
+zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die
+widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen
+Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine
+Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski.
+
+Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden
+worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am
+Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer
+großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die
+beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, -- Majorauditor
+Haberditz war gerade abwesend, -- wollte Redl von Dr. Seliger einen
+streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im
+Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine
+Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit
+darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach
+Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der
+Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag
+ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach
+Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht,
+Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die
+Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen
+fortgesetzt wurden.
+
+Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er
+anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte,
+ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen.
+Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal
+unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage
+stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung,
+nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst
+Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka
+gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend
+einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht
+entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst
+Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen
+bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl
+wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders
+seine hemmenden Einwände.
+
+Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der
+angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen
+Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim
+Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im
+Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier »H« ein Stückchen
+der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war
+tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in
+trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß
+der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden
+sei, wie er sich beim Dossier »H« zu schaffen machte, daß darauf eine
+Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich
+ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage
+darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
+
+Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so
+ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan
+Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt
+haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich
+erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der
+Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt
+einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den
+Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als
+Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos,
+sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische
+Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und
+mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive
+österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische
+Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an
+Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt
+haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des
+Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die
+Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei
+einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer
+Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren »Loyalität«
+überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem
+russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich
+arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen
+auslieferte.
+
+Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf
+Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben.
+
+Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für
+Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode
+überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert.
+Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und
+hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt;
+auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller,
+der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war.
+Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren
+jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller
+verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der
+russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein
+und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche
+Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen
+Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des
+Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg
+zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher
+freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe
+beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst
+Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte
+seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls
+erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete
+nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es
+nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie
+verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war
+jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst
+wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf
+Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul
+und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese
+Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl
+gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren
+Tode ausgeliefert habe.
+
+Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am
+Weltkrieg. »Dieser Schurke,« sagt er von Redl, »hat jeden
+österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten
+wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen
+aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione
+erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre
+1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze
+österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, -- daher unsere
+Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten
+unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.«
+
+Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle
+österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland
+tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten
+erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich,
+ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen
+verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der
+österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar
+bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der
+Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten
+stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der
+ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten
+militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was
+man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt,
+wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er
+sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand.
+
+Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur
+Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich
+ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der
+sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte,
+bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder
+holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der
+Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem
+schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas
+ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese
+Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein
+Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten«
+Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm
+einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub
+nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab,
+so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der
+österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem
+Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das
+Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter
+doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn
+er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden.
+»Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat
+militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als
+militärisches Geheimnis angesehen werden!
+
+Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert
+waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard
+getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von
+Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren
+Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am
+Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen
+getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht
+zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.
+
+Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die
+sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und
+unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst
+aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der
+Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas
+Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von
+Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand
+der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione,
+Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion
+Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen
+Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten
+war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines
+Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des
+Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine
+zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu
+entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu
+überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den
+Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der
+Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die
+armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld
+verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig
+wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das
+Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung
+mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die
+wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten
+bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene
+nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege.
+Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische
+Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte,
+derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum
+Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität
+seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser
+Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher
+von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und
+vielleicht noch höher.
+
+ * * * * *
+
+Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum
+Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im
+k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der
+Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof
+exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und
+Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der
+Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis
+des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in
+aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl
+ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.«
+
+Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof
+geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des
+Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der
+Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg,
+Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr.
+38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
+
+ * * * * *
+
+Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem
+Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen
+Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die
+weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v.
+Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär
+hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der
+die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47
+h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag
+von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im
+Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten
+Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn
+Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel,
+Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar
+Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor.
+Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl
+getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die
+Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die
+Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus
+Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das
+photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven,
+Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen
+Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der
+Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener
+Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig
+zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine
+alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen
+versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im
+ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h
+geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde,
+die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie
+hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese
+Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der
+Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten
+gesellten.
+
+Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die
+Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des
+k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der
+Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der
+Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K
+samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und
+Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte
+übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der
+Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven
+etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30.
+November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über
+das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann,
+die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume
+in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses
+vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß
+gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung,
+d. i. 17 Prozent.
+
+Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms
+erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er
+entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der
+Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen
+Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage
+trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das
+Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.
+
+Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung
+standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind
+Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist,
+als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres,
+selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren
+jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder
+...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine
+Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines
+Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen
+zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die
+Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig
+hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem
+Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.
+
+Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die
+als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse
+maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu
+verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld
+verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre
+Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des
+Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
+
+Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die
+vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht
+bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er
+nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine
+Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint
+bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen
+zu sein.
+
+Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der
+Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln
+nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als
+der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon
+im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter,
+wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren
+Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit,
+die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen
+Freundin addiert.
+
+Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war
+Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren
+aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres
+Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.
+
+ * * * * *
+
+Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall
+betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich
+nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem
+anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch
+auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu
+konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode
+dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist,
+bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin:
+»... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit
+erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu
+begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man
+noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine
+Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte
+Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder
+Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der
+Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört.
+Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen,
+ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja
+nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich
+ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den
+Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit
+äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt
+habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die
+Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.«
+
+Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der
+Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog
+unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:
+
+»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn
+Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit
+eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle
+der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und
+Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort
+faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen
+die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte
+sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung
+aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man
+müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil
+bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.«
+
+Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen
+von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und
+Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der
+Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der
+krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein
+oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches,
+mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da
+eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen
+Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung,
+Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich
+war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher
+Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische
+Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der
+Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.
+
+Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen
+einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das
+Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:
+
+»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier
+ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas
+auffällt.«
+
+Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der
+Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs
+und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine
+Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der
+Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der
+Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen.
+Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines
+Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
+
+FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er
+durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat
+auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire
+niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen
+Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und
+dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten
+ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich.
+Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den
+oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden
+großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger
+endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden
+treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen
+die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden
+Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen
+Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste
+unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich
+heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein
+angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen
+sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines
+Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag
+eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte
+daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner
+Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht
+hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes
+Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto
+besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als
+Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht
+verantwortlich machen.
+
+Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu
+pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des
+Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens
+der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten
+Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des
+gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine
+ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch
+wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle
+spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das
+ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den
+Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der
+Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen
+abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach
+nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen
+mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate
+später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus
+dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen
+Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag.
+Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer
+Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der
+Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des
+Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag
+schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche
+Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich
+auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag
+geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte,
+hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht
+eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls
+für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß
+der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es
+vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf
+verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag
+mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit
+zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen
+bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung
+in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die
+Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes
+vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können
+oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag
+nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur
+Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte,
+ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam
+machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen
+Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde.
+Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur
+Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen,
+daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste
+Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem
+Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld
+überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des
+Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen --
+es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in
+Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen,
+bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.
+
+Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe
+des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort
+die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als
+meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des
+Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der
+Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.
+
+Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der
+Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in
+Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die
+Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr
+schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste
+Rückkehr Giesl's auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl
+nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten
+Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den
+Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar
+sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch
+auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu
+sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die
+Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro.
+Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein
+Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er
+ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des
+Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten
+des Brigadiers in Spalato bald frei würde. -- Die Aussicht, nach Jahren
+aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen,
+hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien,
+am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das
+Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete
+mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten
+Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben
+der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das
+Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte
+ich Gelegenheit, mich zu >rehabilitieren<! Also noch immer der alte
+Groll, -- es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich
+keinem fremden Urteil fügen.
+
+Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch
+zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des
+Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit
+Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir
+einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte
+meritorisch folgenden Wortlaut:
+
+>Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und
+geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten
+haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt
+und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.<
+
+Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:
+
+>Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil
+bleiben werde.<
+
+Dann nahm die Komödie ihren Fortgang -- -- mit dem Arzt wurde ein
+Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir
+uns denn auf eine >Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines
+halben Jahres zweifellos behoben sein wird<. Diesen weisen
+medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der
+Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den
+verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs
+Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des
+Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener
+Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos,
+die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner
+Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr,
+wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur
+Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz
+zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde
+meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in
+der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider
+Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers
+suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter
+anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die
+volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich
+mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein
+Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der
+Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch
+seine Offenheit verblüffte: >Ihnen kann es schließlich gleichgültig
+sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J.
+I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar,
+daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die
+Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist,
+dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon
+kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu
+geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...<
+
+Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem
+Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war --
+mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu
+erhärten.
+
+Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr.
+Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über
+mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich
+mit den Worten: >Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel
+gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?< Als ich Exz. Bolfras
+die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt
+hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht
+vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus
+vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint
+militaire d'Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in
+Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich
+hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden
+Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät
+hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der
+Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich
+die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen
+Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon
+um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein
+Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische
+Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der
+Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, -- kurz, ich stand
+beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten
+1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene
+Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe
+des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich
+die Pensionierung, -- der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen
+fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des
+Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei,
+dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und
+Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei
+angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So
+blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras' liegen. -- Dort
+lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine
+Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des
+Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in
+Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des
+Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in
+meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit
+serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem
+setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch.
+Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an
+dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen,
+weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß
+der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen
+mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn
+die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu
+kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz.
+v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen
+habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums
+gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen
+Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen
+brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und
+erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß
+geführt habe.«
+
+Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die
+Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes
+spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung »des Chefs«, der einen
+seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch
+den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im
+Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine
+aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein
+Dokument des »flaschengrünen Korpsgeistes«, mit dem sich die Korpsbrüder
+vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der
+Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen.
+(Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das
+Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten
+auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, -- sie duldeten
+keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die
+Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der
+Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz
+aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos)
+mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch
+durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang
+vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem
+Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der
+Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes
+nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des
+Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des
+Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der
+doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen
+der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen
+Generalstäbler verurteilen, -- deshalb Redls Selbstmord.
+
+Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden
+Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen
+Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der
+Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht
+aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das,
+was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer
+Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem
+einzigen Wort konnte man ihn zwingen.
+
+So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, -- er wird sich
+immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die
+Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit
+dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel
+oder mit dem Kommando zum Selbstmord.
+
+
+
+
+ In der Sammlung
+ AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
+ -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --
+ sind bis jetzt folgende Bände erschienen:
+
+
+ Band 1:
+
+ ALFRED DÖBLIN
+ DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND
+ IHR GIFTMORD
+
+ Band 2:
+
+ EGON ERWIN KISCH
+ DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+ REDL
+
+ Band 3:
+
+ EDUARD TRAUTNER
+ DER MORD AM
+ POLIZEIAGENTEN BLAU
+
+ Band 4:
+
+ ERNST WEISS
+ DER FALL VUKOBRANKOVICS
+
+ Band 5:
+
+ IWAN GOLL
+ GERMAINE BERTON,
+ DIE ROTE JUNGFRAU
+
+ Band 6:
+
+ THEODOR LESSING
+ HAARMANN, DIE GESCHICHTE
+ EINES WERWOLFS
+
+ Band 7:
+
+ KARL OTTEN
+ DER FALL STRAUSS
+
+ Band 8:
+
+ ARTHUR HOLITSCHER
+ DER FALL RAVACHOL
+
+ Band 9:
+
+ LEO LANIA
+ DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
+
+ Band 10:
+
+ FRANZ THEODOR CSOKOR
+ SCHUSS INS GESCHAEFT
+ DER FALL OTTO EISSLER
+
+ Band 11:
+
+ THOMAS SCHRAMEK
+ FREIHERR VON EGLOFFSTEIN
+ Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
+
+ Band 12:
+
+ KURT KERSTEN
+ DER MOSKAUER PROZESS GEGEN
+ DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
+
+ Band 13:
+
+ KARL FEDERN
+ DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
+
+ Band 14:
+
+ HERMANN UNGAR
+ DIE ERMORDUNG
+ DES HAUPTMANNS HANIKA
+
+ * * * * *
+
+ Ferner erscheinen noch Bände von:
+
+ HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER
+ HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO
+ MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB
+ WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.
+
+
+ OHLENROTH'SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 10]:
+ ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linse ...
+ ... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen ...
+
+ [S. 32]:
+ ... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...
+ ... Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause ...
+
+ [S. 45]:
+ ... aufgetauchten Gerüchten ersucht, ...
+ ... aufgetauchten Gerüchte ersucht, ...
+
+ [S. 55]: (mehrfache Fälle)
+ ... Redls und des Auditors Dr. Seeliger dorthin. ...
+ ... Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. ...
+
+ [S. 66]:
+ ... mußte ihm den Kragen kosten, während ...
+ ... mußte ihn den Kragen kosten, während ...
+
+ [S. 76]:
+ ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem er ...
+ ... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+
+***** This file should be named 63991-0.txt or 63991-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
+specific permission. If you do not charge anything for copies of this
+eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given
+away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
+not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
+trademark license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country outside the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you will have to check the laws of the country where
+ you are located before using this ebook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
+provided that
+
+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
+Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
+trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
diff --git a/old/63991-0.zip b/old/63991-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..57480ee
--- /dev/null
+++ b/old/63991-0.zip
Binary files differ
diff --git a/old/63991-h.zip b/old/63991-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..a87da67
--- /dev/null
+++ b/old/63991-h.zip
Binary files differ
diff --git a/old/63991-h/63991-h.htm b/old/63991-h/63991-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..892edff
--- /dev/null
+++ b/old/63991-h/63991-h.htm
@@ -0,0 +1,3932 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon Erwin Kisch</title>
+ <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
+ <!-- TITLE="Der Fall des Generalstabschefs Redl" -->
+ <!-- AUTHOR="Egon Erwin Kisch" -->
+ <!-- EDITOR="Rudolf Leonhard" -->
+ <!-- LANGUAGE="de" -->
+ <!-- PUBLISHER="Die Schmiede, Berlin" -->
+ <!-- DATE="1924" -->
+ <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
+
+<style type='text/css'>
+
+body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
+
+div.frontmatter { page-break-before:always; }
+.halftitle { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; }
+.halftitle .line2 { font-size:0.8em; }
+.logo1 { margin-top:2em; margin-bottom:2em; }
+.logo2 { margin-top:4em; margin-bottom:1em; }
+.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em;
+ font-size:1.5em; font-weight:bold; }
+.ser .line3{ font-size:0.67em; }
+.ed { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:1em; }
+.vol { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+.pub { text-indent:0; text-align:center; }
+h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:3em;
+ font-size:1.5em; font-weight:bold; }
+.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+.designer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; }
+.run { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:0.5em;
+ font-size:0.8em; }
+.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; }
+.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em;
+ page-break-before:always; }
+
+div.chapter{ page-break-before:always; }
+h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; }
+
+p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
+p.first { text-indent:0; }
+p.noindent { text-indent:0; }
+p.tb { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
+p.tb span.u{ vertical-align:40%; }
+p.tb span.l{ vertical-align:-15%; }
+p.block { margin:1em; text-indent:0; }
+
+.underline { text-decoration: underline; }
+.hidden { display:none; }
+
+/* ads */
+div.ads { margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:40em; font-size:0.8em;
+ margin-top:1em; }
+div.ads .ser { margin-bottom:0.5em; }
+div.ads .ser .line1 { font-size:0.8em; }
+div.ads .ser .line2 { font-size:1.25em; }
+div.ads .ser .line3 { font-size:0.8em; }
+div.ads .ser .line4 { font-size:0.8em; }
+div.ads div.table { text-align:center; }
+div.ads div.volumes { display:table; margin-left:auto; margin-right:auto;
+ border-collapse:collapse; }
+div.ads .r { display:table-row; }
+div.ads .v { display:table-cell; text-indent:0; text-align:left; vertical-align:top;
+ padding-top:0.5em; }
+div.ads .t { display:table-cell; text-indent:0; text-align:center; vertical-align:top;
+ padding-top:0.5em; }
+div.ads .t .firstline { font-size:1.25em; }
+div.ads .c { text-indent:0; text-align:center; }
+div.ads .s { font-size:0.8em; }
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+/* Transcriber's note */
+.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
+ color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
+ page-break-before:always; margin-top:3em; }
+.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
+.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
+.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
+.trnote ul li { list-style-type: square; }
+.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+
+/* page numbers */
+a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
+a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
+ letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
+ font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
+ border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
+ display: inline; }
+
+div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
+.logo1 img { max-width:10em; margin-bottom:5em; }
+.logo2 img { max-width:5em; }
+.portrait img { max-width:80%; }
+
+@media handheld {
+ body { margin-left:0; margin-right:0; }
+ a.pagenum { display:none; }
+ a.pagenum:after { display:none; }
+
+ div.ads { max-width:inherit; }
+}
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Der Fall des Generalstabschefs Redl, by Egon
+Erwin Kisch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this ebook.
+
+Title: Der Fall des Generalstabschefs Redl
+ Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
+ 2
+
+Author: Egon Erwin Kisch
+
+Editor: Rudolf Leonhard
+
+Release Date: December 08, 2020 [EBook #63991]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Jens Sadowski
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+</pre>
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="halftitle">
+<span class="line1">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
+<span class="line2">&ndash; DIE VERBRECHEN DER GEGENWART &ndash;</span>
+</p>
+
+<div class="centerpic logo1">
+<img src="images/logo1.jpg" alt="" /></div>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="ser">
+<span class="line1">AUSSENSEITER</span><br />
+<span class="line2">DER GESELLSCHAFT</span><br />
+<span class="line3">&ndash; DIE VERBRECHEN DER GEGENWART &ndash;</span>
+</p>
+
+<p class="ed">
+HERAUSGEGEBEN VON<br />
+RUDOLF LEONHARD
+</p>
+
+<p class="vol">
+BAND 2
+</p>
+
+<div class="centerpic logo2">
+<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
+
+<p class="pub">
+VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
+BERLIN
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br />
+REDL
+</h1>
+
+<p class="aut">
+VON<br />
+EGON ERWIN KISCH
+</p>
+
+<div class="centerpic logo2">
+<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
+
+<p class="pub">
+VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
+BERLIN
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="designer">
+EINBANDENTWURF<br />
+GEORG SALTER<br />
+BERLIN
+</p>
+
+<p class="run">
+6.-10. TAUSEND
+</p>
+
+<p class="cop">
+Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic portrait">
+<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="intro" id="part-1" title="Vorwort">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat
+der erzwungene Selbstmord des Prager Korps-Generalstabschefs
+Oberst Alfred Redl und die
+bald darauf bekannt gewordene Tatsache seiner
+Spionagetätigkeit beispielloses Aufsehen
+hervorgerufen, was durch die gespannte europäische
+Lage politisch und durch den Rang
+und den Wirkungskreis des Täters kriminalistisch
+begründet war. Gerüchte, Interpellationen,
+Beschuldigungen, Verdächtigungen
+und Kombinationen überstürzten sich bis in
+den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der
+österreichisch-ungarischen Armee als mißglückt
+entschied.
+</p>
+
+<p>
+Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu
+freiwilligem Hinscheiden gewesen war, den
+monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu
+schaffen, so hat man auch nachher, als sich
+dieser Plan schon längst als undurchführbar
+erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart,
+für welche Großmächte der Generalstabsoberst
+seine Spionage betrieben, was er
+verraten, wohin er die militärischen Dokumente
+geliefert, wieviel Geld er dafür bekommen,
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+und wer schließlich den ungeheuerlichen
+Auftrag gegeben hatte, daß sich ein
+Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses
+Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung
+dieses Vorfalles auf Hof und Wehrmacht
+äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung
+der Tat und die Überführung des
+Täters wurden nur Darstellungen bekannt,
+die einander widersprachen oder die die Wahrheit
+verschleiern sollten.
+</p>
+
+<p>
+Dem österreichisch-ungarischen Generalstab,
+d. h. vor allem dem Evidenzbureau des
+Generalstabs wurde von den verschiedensten
+Seiten der Vorwurf gemacht, daran schuld zu
+sein, daß ein so hochgestellter Militär jahrelang
+ungehindert das Gewerbe eines Spions
+auszuüben vermocht hatte und daß durch
+den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle
+Aufklärung dieser politisch, militärisch und
+historisch wichtigen Kriminalaffäre verhindert
+worden sei. Im besonderen wurde der
+damalige Chef des Evidenzbureaus August
+Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang
+viel genannt. Als nun ein Jahr nach
+der Aufdeckung des Falles die Nachricht von
+der Versetzung General Urbañskis in den
+nichtaktiven Stand durch die Presse ging,
+war es begreiflich, daß man solcher Art zumindest
+an ein Verschulden des Evidenzbureaus
+glauben mußte. Feldmarschall-Leutnant
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der
+Großmutter seiner Gattin, der Frau Reinighaus,
+deren Sohn mit der Gattin des Feldmarschalls
+Conrad von Hötzendorf vermählt
+gewesen ist. Dort habe ich dem Chef des
+Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt,
+durch eine authentische Darstellung an
+Hand von Aufzeichnungen über den unaufgeklärt
+gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte
+zum Verstummen zu bringen, die das Evidenzbureau
+mit der Affäre in Zusammenhang
+brachten.
+</p>
+
+<p>
+Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten
+und Äußerungen von Beamten, die damals
+militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen
+waren, Material gewonnen; außer den
+Mitteilungen Urbañskis, liegen den nachfolgenden
+Darstellungen u. a. Äußerungen
+vom jetzigen Sektionschef im tschechoslovakischen
+Ministerium des Innern, Dr. Novak,
+des jetzigen stellvertretenden Generalauditors
+der tschechoslovakischen Armee Dr. Vorlicek,
+des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen
+Armee W. Haberditz, des Obersten
+Emil Seeliger, des emeritierten Auditors
+Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten
+Adalbert Grafen Sternberg zugrunde.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="main" id="part-2" title="Der Fall des Generalstabschefs Redl">
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in
+welcher Österreich-Ungarn seit der Annexion
+Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908
+das Evidenzbureau des Generalstabes übernommen
+hatte, bemüht sein, die Kundschafterstelle
+auszubauen. Unter seinem Vorgänger
+General von Giesl hatte der damalige Major
+Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle
+innegehabt, welcher die gesamte aktive
+und passive Spionage Österreich-Ungarns unterstand,
+d. h. die Organisation der Auskundschaftung
+fremder Militärverhältnisse und die
+Abwehr fremder Spionage im Inlande. Das
+Bureau war kriminalistisch modern organisiert,
+jeder geheime Besucher wurde im Profil
+und en face photographiert, ohne daß er davon
+wußte, denn in zwei Gemälde, die an
+der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a id="corr-0"></a>Linsen
+photographischer Apparate eingeschnitten,
+die vom Nebenzimmer aus bedient wurden.
+</p>
+
+<p>
+Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke
+hergestellt werden, ohne daß er
+es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte
+mit der einen Hand dem Besucher oder
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+der Besucherin Zigarrenschachtel oder Bonbonniere
+hin, die unsichtbar mit Mennige
+bestreut waren; auch Feuerzeug und Aschenbecher,
+die der Raucher zu sich heranziehen
+mußte, waren derart präpariert. Lehnte der
+Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren ab, so
+ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer
+abberufen, &ndash; neigte der Gast zur Spionage,
+so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der
+auf dem Tisch vorbereitet lag und mit dem
+Vermerk &bdquo;Geheim! Für reservate Einsichtnahme!&ldquo;
+versehen war. Auch dieses Dokument
+war natürlich mit Seidenpulver bestreut.
+</p>
+
+<p>
+In einem Kästchen an der Wand, das man
+wohl für eine Hausapotheke halten mochte,
+war ein Schallrohr eingebaut, das für den
+Stenographen im Nebenzimmer als Horchapparat
+dienen, aber auch den metallenen
+Stift in Bewegung setzen konnte, der das
+Gespräch wortgetreu in eine Grammophonplatte
+einritzte. Jedes reservate Buch oder
+Aktenfaszikel konnte binnen weniger Sekunden
+auseinandergeheftet, an die Wand projiziert,
+seitenweise photographiert und wieder
+gebunden werden, so daß es in kürzester Zeit
+wieder &ndash; wie unberührt &ndash; an der Stelle war,
+von wo es &bdquo;ausgeborgt&ldquo; worden. Man hatte
+hier Alben und Kartotheken mit Lichtbildern,
+Handschriften und Maschinenschriftproben
+aller spionageverdächtigen Personen
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Europas, besonders der Spionagezentren in
+Brüssel, Zürich und Lausanne.
+</p>
+
+<p>
+Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier
+Alfred Redl als Sachverständiger in
+allen Wiener Spionageprozessen fungiert: unerbittlich
+keine mildernden Umstände gelten
+lassend, das Höchstausmaß der gesetzlichen
+Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er
+durch sein energisches Auftreten die Verurteilung
+des ehemaligen Offiziers Alexander
+von Caric zu viereinhalb Jahren schweren
+Kerkers, die Verurteilung des internationalen
+Spions Paul Barstmann und des Italieners
+Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers
+erwirkt. Als Redl im Jahre 1904 bei dem
+wegen Spionage verhafteten Ergänzungsbezirks-Kommandanten
+von Lemberg, Major
+von Wienckowsky, eine Hausdurchsuchung
+vornahm, verwickelte er das sechsjährige
+Kind des eben Festgenommenen in ein liebevolles
+Gespräch, und es gelang ihm auf diese
+Weise herauszubekommen, wo Papa seine
+geheimen Briefschaften zu verstecken pflegte.
+Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls
+ist ein Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein
+Mann namens Jonasch hatte einem Photographen
+die Zeichnung eines Festungsplans
+zum photographieren gegeben. Dies wurde
+der Polizei gemeldet, und als Jonasch die
+Bilder abholen wollte, verhaftete man ihn.
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Er hatte wegen Betruges schon neun Jahre
+im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung
+gab er sofort zu, daß er die Photographien
+als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen
+wollte, doch sei es das gewöhnliche
+&bdquo;Schema einer modernen Festung&ldquo;, das er
+aus einem allgemein erhältlichen Buche über
+Fortifikationswesen von einem Maler hatte abzeichnen
+lassen. Nachdem sich diese Angabe
+als richtig erwies, wollte die Polizei den Mann
+freilassen. Aber Redl, der in allen Spionagesachen
+vorher befragt werden mußte, protestierte
+dagegen und beharrte darauf, daß
+Jonasch dem Strafgericht eingeliefert werde:
+&bdquo;Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er
+ein paar Wochen Untersuchungshaft absitzt?
+Und für uns ist es immer besser, wenn wir
+auf eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen
+können ...&ldquo; &ndash; Der Mann mußte auch
+wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen,
+bevor man das Verfahren gegen ihn einstellte.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg,
+daß die Spionageabwehr noch stärker
+organisiert wurde &ndash; stärker als selbst Redl
+ahnen mochte. Denn er war bald darauf als
+Oberstleutnant zur Truppendienstleistung befohlen
+worden, wie es für die Laufbahn der
+Generalstäbler vorgeschrieben war. Nach einem
+Jahr verlangte General von Giesl, der
+jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Garnison vorstand, daß ihm sein ehemaliger
+Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde.
+Bei den 15 österr.-ungar. Korpskommanden
+war je eine Generalstabsabteilung
+etabliert, deren Leiter den Titel eines &bdquo;Generalstabschefs&ldquo;
+führte, während dem Kommandanten
+des gesamten österreichisch-ungarischen
+Generalstabskorps der Titel &bdquo;Chef
+des k. u. k. Generalstabs&ldquo; gebührte. Nach
+langjähriger Dienstleistung in der Residenz
+wurde nun Redl als Oberst und Generalstabschef
+nach Prag versetzt. Man brauchte
+ihn hier, man bedurfte hier des Mannes mit
+den unterirdischen Konnexionen. Das Böhmische
+Staatsrecht, das gegen den Wiener
+Zentralismus gerichtet war, hatte hier tausende
+von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß
+gegen die Nationalsozialisten hatte
+manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen
+die Armee zu arbeiten entschlossen war, die
+Häupter der tschechischen Panslavisten verkehrten
+offiziell mit den russischen, serbischen
+und bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß,
+einer offenkundigen Heerschau
+der zukünftigen tschechischen Armee, waren
+die Generalstabsquartiere der slawischen
+Staaten als Gäste angemeldet, jeden Augenblick
+mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt
+werden, weil sie Episoden von
+der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Behandlung auf dem Gute Konopischt
+des Erzherzogs Franz Ferdinand brachten,
+&bdquo;Los von Wien&ldquo;, hieß die offene Parole,
+hinter der antidynastische Gesinnung und
+&bdquo;Hochverrat&ldquo; arbeiteten.
+</p>
+
+<p>
+Während nun Redl hier einen militärischen
+Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in
+Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung
+der Spionage in riesenhaften Ausmaßen
+ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit
+welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war,
+vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente
+Kriegsgefahr via facti aufgehoben
+worden, die Post wurde überwacht, in einem
+abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich
+an tausend Briefe und leitete dort, wo
+der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein.
+Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur
+vornahmen, wußten selbst nicht, daß
+sie in militärischem Auftrage handelten; sie
+glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem
+zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien
+und des Schmuggels. Von der Überwachung
+der Privatpost durch dieses &bdquo;Schwarze Kabinett&ldquo;,
+das erst eingerichtet wurde, als Redl
+schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert
+worden war, wußte er ebensowenig, wie
+sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege.
+Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen
+der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähung
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+waren die Spionageprozesse ins Unheimliche
+gestiegen. Unter anderen wurden
+auch der russische Militärattaché, ein Oberst
+Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage
+überführt. Beide wurden daraufhin abberufen,
+der erste, nachdem er durch das persönliche
+Verhalten Kaiser Franz Josefs &ndash; dieser
+brüskierte ihn beim Hofball &ndash; davon erfahren
+hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig
+geöffnet worden, die postlagernd unter
+der Chiffre &bdquo;Opernball 13&ldquo; beim Hauptpostamt
+Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen,
+und enthielten &ndash; ohne textlichen
+Kommentar &ndash; Geldbeträge in österreichischer
+Währung, der eine sechstausend Kronen,
+der andere achttausend Kronen; keinesfalls
+war anzunehmen, daß solche Summen
+poste restante geschickt würden, wenn es
+sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte.
+(Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau
+für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung
+stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während
+der russische Evidenzchef in Warschau
+jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke
+bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine
+geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen,
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen.
+Zwei Detektive wurden zu ständiger
+Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des
+Postamtes entsendet, die durch eine elektrische
+Klingel mit dem Postschalter verbunden
+war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin,
+daß die Briefe behoben werden, sollten sie den
+Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen,
+Monate. Der Beamte, der die Überwachung
+der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef
+Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert
+worden und hatte die Angelegenheit
+seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler
+Dr. Schober) übergeben. Niemand
+fragte nach den Briefen, in denen so viel
+Geld war.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags,
+gegen Schluß der Amtsstunden, weckte
+plötzlich das Glockensignal die Agenten aus
+ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch
+den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt
+zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter
+kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit,
+aber doch auch nicht mit auffallender
+Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der
+&bdquo;Opernball&ldquo;-Chiffre ausgehändigt hatte &ndash;
+war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach,
+sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten
+Herrn, der die Türe des angekurbelt
+gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+sahen auch den Wagen davonfahren. Es war
+ein Mietsauto.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte
+aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs
+nicht. Was half es ihnen, daß sie die
+Nummer des Autotaxis hatten lesen können?
+Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage
+den Chauffeur würden ausforschen können,
+woher und wohin der &bdquo;Ritt&ldquo; gegangen sei?
+Der Fremde war doch sicherlich weder von
+seiner Wohnung gekommen, noch in seine
+Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen
+Geldsummen steigt auf der Straße aus
+oder im Café oder vor einem Durchgang,
+und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher
+war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen
+sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt
+werden würde, deren Ausgang nicht
+zweifelhaft sein konnte.
+</p>
+
+<p>
+Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische
+Wehrmacht eine Kette von
+unglaublichen Zufällen, &bdquo;Jägerglück&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Während die beiden Agenten beraten, ob
+sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute
+nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen
+mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher
+Flucht des Unbekannten ausdenken
+sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei
+ihr Mißgeschick melden müßten, &ndash; &ndash;
+fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, &ndash; es ist
+der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten
+vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie
+pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es
+ist leer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt
+geführt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ins Café Kaiserhof.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs
+im Innern des Wagens und finden das
+Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus
+hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin
+sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast
+nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand.
+Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben
+weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und
+dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich
+ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind
+keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer
+servieren kann, aber er putzt die Karosserien
+und betätigt sich vornehmlich als
+Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört,
+wohin der gnä&rsquo; Herr befohlen hat: &bdquo;Ins
+Hotel Klomser.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird
+der Hotelportier ausgeforscht. &bdquo;Grad&rsquo; jetzt
+saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute
+saans aus Bulgarien.&ldquo; &ndash; &bdquo;Und vorher
+ein Herr allein?&ldquo; &ndash; &bdquo;Im Auto? Dös waaß
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+i net. Vor einer Viertelstund&rsquo; is der Herr
+Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös
+waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg&rsquo;fahren
+is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der
+Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat
+ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit
+einer Nachtruhe nicht anerkannt,
+wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd
+nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur
+Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal
+als berufenster Sachverständiger, als Leiter
+des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes
+die Schuld des angeklagten Spions
+in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig
+wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen
+wirklich ein Spion wäre und nun zufällig
+im selben Haus, ja vielleicht Wand an
+Wand mit dem Chef der Spionageabwehr
+wohnte, in der Höhle des Löwen!
+</p>
+
+<p>
+Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt
+keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der
+Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener
+Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt
+worden, daß die Briefe behoben sind.
+Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung
+ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der
+Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß
+Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite
+&ndash; er wohnt nämlich zufällig gerade hier.
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht
+werden. Während der eine der beiden Agenten
+zum Telephon geht, spricht der andere
+mit dem Portier. Er überreicht ihm das
+Messerfutteral, damit er seine Gäste frage,
+wem es gehört.
+</p>
+
+<p>
+Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen
+vom ersten Stock herab und legt dem
+Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf
+den Tisch. &bdquo;Haben Herr Oberst das Futteral
+Ihres Taschenmessers verloren?&ldquo; fragt der
+Portier.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja,&ldquo; antwortet Oberst Redl und steckt
+das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in
+die Tasche, &bdquo;wo habe ich es denn ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt
+hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er
+auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der
+Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er
+die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den
+Mann an, der neben dem Portier steht, und
+mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert,
+die auf dem Tisch liegen.
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl hat die Frage, wo er das
+Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende
+gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er
+weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein.
+</p>
+
+<p>
+Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig
+um und geht die Herrengasse rechts hinunter.
+Bevor er an der Ecke beim Café Central
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+ist, schaut er wieder zurück, ob niemand
+das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich
+kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer
+vor, die aus der Schwemme des Restaurants
+Klomser treten.
+</p>
+
+<p>
+Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen,
+die Nummer 12348 aufzurufen, die
+Geheimnummer der politischen Staatspolizei:
+&bdquo;Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, &ndash; das
+Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da die beiden Agenten an die Ecke der
+Strauchgasse kommen, &ndash; ist Oberst Redl
+verschwunden. Weder in der Strauchgasse,
+noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen.
+Kann er inzwischen den Haarhof erreicht
+haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst
+laufend nicht. Also ist er im Haus der alten
+Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat,
+zwei durch das Café Central und einen gegen
+die Freyung zu. Alle Achtung vor einem
+Manne, der vor zwei Minuten unvermutet
+entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein
+Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit
+des Entkommens kaltblütig versucht!
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel
+Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring
+zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau
+des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl!
+Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in
+beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um
+den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der
+Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle,
+fährt selbst sogleich zur Hauptpost,
+um den Schalterbeamten zu fragen, wie
+der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch
+ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre
+ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen
+suchen die anderen Herren im Evidenzbureau
+die Handschriften Redls hervor.
+Es ist kein Mangel daran: eine &bdquo;Anweisung
+zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern,
+verfaßt von Alfred Redl, k. u. k.
+Hauptmann im Generalstab&ldquo; ist da, fünfzig
+Paragraphen lang, ein &bdquo;Schema für die Beschaffung
+von Kundschaftermaterial&ldquo;, &bdquo;Normen
+zur Aufdeckung von Spionen im In- und
+Ausland&ldquo;, ein dickes Faszikel &bdquo;Gutachten in
+den Jahren 1900 bis 1905&ldquo;. Man bereitet all
+das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann
+Ronge vom Postamt kommt, den Zettel
+in der Hand, &bdquo;Opernball 13&ldquo;, bedarf es
+keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort
+leicht und dünn hingeschrieben, aber von
+einer ausgesprochenen Verstellung kann keine
+Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten
+Redl.
+</p>
+
+<p>
+Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer.
+In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen
+wieder ausgespäht. Aber auch
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien
+nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus
+der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr
+belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen
+muß, wenn er sich verteidigen will)
+und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er
+in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive,
+nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben
+der Fetzen aufhalten, und dem anderen
+kann er vielleicht entkommen. Aber
+die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der
+Freyung halten sie ein Auto an, und geben
+dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren.
+Dann erst kehrt der eine Agent in
+die Passage zurück, sammelt die Schnitzel
+und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren
+die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau,
+wo sie zusammengestellt werden. Es
+sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine
+Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan
+H. und drei Rezepisse über eingeschriebene
+Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne
+&ndash; alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau
+als Spionageadressen bekannt. Daß
+es Spionage für Rußland war, die der Adressat
+der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten
+sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische
+Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst
+mit Frankreich gekoppelt betrieb,
+war die Brüsseler Adresse (eine Expositur
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+französischer Spionage) nicht weiter überraschend.
+Aber die Lausanner Adresse war die
+der dortigen italienischen Spionagezentrale.
+</p>
+
+<p>
+Es muß gehandelt werden. Soll man sofort
+mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer
+oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man
+sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den
+weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten?
+Dem Verbrecher ermöglichen, daß er
+sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe?
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl geht über den Tiefen Graben
+und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai.
+Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten
+folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein.
+Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er
+heute um vier Uhr nachmittags in seinem
+Kettenwagen, den er im August 1911 bei
+Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus
+Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen
+A. R. in Goldbuchstaben verschlungen,
+auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist
+kein wagerechter Strich, sondern besteht aus
+zwei schrägen Linien: es sieht wie ein &bdquo;v&ldquo; aus.
+Auch ist eine Krone über dem Monogramm,
+zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, &ndash;
+aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher
+Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat
+er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände
+des Chassis in den unteren Teilen mit
+Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen
+vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der
+Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten
+Wagen nach Prag zurück. Dem
+Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei
+Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen,
+und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt
+zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz
+ein Mietsauto holen, und fuhr ins
+Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek
+vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem
+Prager Zug eingetroffen war.
+</p>
+
+<p>
+In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan
+H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier
+aus Stockerau, der Geliebte
+Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte
+stattgefunden, deren Substrat man später in
+Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in
+dem Hotel den jungen Freund wieder für sich
+gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant
+Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später
+Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld
+beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben.
+Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan
+ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Über Land fahren ...&ldquo; Und jetzt hastet
+Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal
+entlang, und denkt, wie gut es wäre, in
+seinem Tourenwagen zu sitzen und &ndash; auch
+ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten
+&ndash; schön über Land fahren zu können. Über
+Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß
+daran nicht zu denken ist, und kehrt über den
+Schottenring nach Hause zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski
+von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren.
+Im Speisesaal sitzt &bdquo;der Chef&ldquo; in großer
+Gesellschaft. &bdquo;Was bringst du mir Schönes?&ldquo;
+fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die
+Musik spielt ein Potpourri aus dem &bdquo;Graf von
+Luxemburg&ldquo;, der neuen Operette: Bist du&rsquo;s,
+lachendes Glück ...
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um
+ein Gespräch unter vier Augen bitten?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So dringend? Na, alsdann geh&rsquo;n wir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Generalstabes geht mit dem
+Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal.
+</p>
+
+<p>
+In einem Nebenraum erstattet Urbañski
+die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes
+gefaßt. Aber als er hört, um was es sich
+handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein
+Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses
+Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt,
+&ndash; Empörung braust heran, &ndash; die Truppe
+haßt den Generalstab ohnedies, &bdquo;die Auserwählten&ldquo;
+&ndash; was wird das Ausland sagen!
+der Feind! &ndash; welch ein Triumph! Alles schon
+morsch, sagt man gerne der Monarchie nach
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+&ndash; und im verbündeten Reich, welche Besorgnis,
+welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen
+Nationen, was wird geschehen,
+wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt!
+Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch
+ist, &ndash; sie fordert höchste Anspannungen &ndash;.
+Der Chef des Generalstabes denkt nach. &bdquo;Diese
+alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für
+fünf Minuten aufhören wollte!&ldquo; Er setzt sich,
+steht wieder auf. Spricht die Entscheidung
+aus:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Schuft muß ergriffen werden, man
+muß aus seinem Munde hören, wie weit der
+Verrat reicht und &ndash; dann muß er sofort
+sterben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht
+und &ndash; vor allem &ndash; dem Generalstab die
+Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben
+kann, wenn so etwas bekannt wird.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er selbst, Exzellenz ...?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache
+erfahren! Bin ich verstanden worden,
+Herr Oberst?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zu Befehl, Exzellenz!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heute nacht muß alles geschehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zu Befehl, Exzellenz!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen,
+Herr Oberst! Bestehend aus
+Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats,
+Ihnen und dem Leiter der Kundschafterstelle.
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+Nur vier Herren. Die Berichte
+sind direkt an mich zu erstatten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zu Befehl, Exzellenz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Während Oberst Redl, überwacht, in der
+Richtung zur Brigittenau strebte, und dann
+diese Absicht aufgab, wartete in der Halle
+des Hotels Klomser ein alter Bekannter auf
+ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert
+hat, um mit ihm den Abend zu verbringen:
+es ist der Generaladvokat bei der
+Generalprokuratur des Obersten Gerichts-
+und Kassationshofes, Erster Staatsanwalt
+Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen
+einander von Berufswegen. Wenn Redl als
+militärischer Gutachter Belastungsmaterial
+über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen
+Angeklagten gehäuft hatte, war
+es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger,
+der in seinem unwiderlegbaren, vehementen
+Plaidoyer diesem Gutachten die (den Angeklagten)
+vernichtende Wirkung lieh. Diese
+Mitarbeit hat diese zwei Menschen auch persönlich,
+menschlich zusammengeführt. Partner
+und Freunde sind sie. Sie gehen heute
+gemeinsam ins Restaurant Riedhof in der
+Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine
+Ahnung, daß das Souper überwacht wird. Er
+weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen
+Glas er eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher
+ist, wie er keinem in seiner langjährigen
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist.
+Was aber dem Generalprokurator auffällt, ist
+die Nervosität, die Aufregung, die Einsilbigkeit
+des Tischgenossen.
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich
+dem Tod entziehen? Soll er sich seinem
+Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen,
+seinen Rat einholen, seine Intervention
+erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins
+Ausland zu flüchten? Um im Sanatorium
+Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung
+ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen
+hinstellend?
+</p>
+
+<p>
+Er schließt Kompromisse zwischen all diesen
+Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund
+nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen,
+er gibt seine Homosexualität nicht
+zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen,
+er gesteht nicht ein, daß er ein Spion
+ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren
+Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein
+Freund daraus eine Geistesstörung folgern
+könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen
+ungehinderten Rückkehr nach Prag,
+wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten,
+rückhaltlos anvertrauen
+möchte.
+</p>
+
+<p>
+Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt
+Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal
+wegen kleinerer Andeutungen Leute ins
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Gefängnis gebracht und schon wegen geringerer
+Momente sofortige Verhaftung oder
+Verweigerung des Strafaufschubes beantragt.
+Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem
+Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund.
+Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den
+Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu
+seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer,
+mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen
+wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst
+Redl beim Nachtmahl,&ldquo; beginnt er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie
+wünschen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oberst Redl hat anscheinend eine psychische
+Störung erlitten. Er spricht von moralischen
+Verfehlungen und Verbrechen, die
+er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte
+ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen.
+Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann
+mitgeben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heute abend läßt sich gar nichts mehr
+machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen
+Sie den Herrn Obersten und sagen Sie
+ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden
+&ndash; was in meinen Kräften steht, will ich
+gerne tun.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+Mehr als diese Zusicherung kann der Herr
+Oberstaatsanwalt nicht erzielen.
+</p>
+
+<p>
+Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann
+Ronge sind inzwischen
+in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des
+Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht
+in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen
+in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von
+Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie
+finden den Namen &bdquo;Wenzel Vorlicek, k. u. k.
+Majorauditor&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Armer Major Vorlicek<a id="corr-2"></a>! Vor seinem Hause
+steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung
+sind die Koffer gepackt. Er hat einen
+ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine
+schwerkranke Schwägerin nach Davos zu
+bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur
+mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er
+sie endlich erhalten, und hat in Davos
+telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr
+20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt
+treten der Chef des Evidenzbureaus und der
+Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung,
+und bringen ihm den Befehl, an einer
+Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger
+Untersuchung verbunden sein wird.
+Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände,
+der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts
+machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des
+Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins
+Auto steigen.
+</p>
+
+<p>
+Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs
+des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird
+aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission
+sein. Die vier Herren fahren zum
+Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst
+über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren
+vom Souper im Riedhof, von der Bitte
+des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte
+Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen.
+Auch im &bdquo;Café Kaiserhof&ldquo; waren die
+beiden Herren nach dem Souper, und von
+dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem
+Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man
+Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein
+Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin
+hat er nur Vertröstungen auf den nächsten
+Tag als Antwort bekommen. Um halb
+12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr.
+Pollak vor der Türe des &bdquo;Hotel Klomser&ldquo; von
+Oberst Redl verabschiedet.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der
+Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie &ndash;
+den Hotelinstruktionen entsprechend &ndash; nicht
+ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene
+Auftreten der Herren hin muß er
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an
+die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein
+heiseres &bdquo;Herein&ldquo; hörbar wird, öffnen sie.
+Oberst Redl ist in salopper Toilette beim
+Tisch gesessen und hat geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß, weshalb die Herren kommen,&ldquo;
+bringt er langsam heraus. &bdquo;Ich habe mein
+Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe
+zu schreiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf
+dem Tisch, der angefangene Brief war an General
+v. Giesl, den Kommandanten des Prager
+Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen
+ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden.
+(&bdquo;Ein dolchartiges Messer&ldquo; und eine
+&bdquo;Rebschnur&ldquo;, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister
+Georgi im Reichsrat, als
+die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl
+den Selbstmord befohlen zu haben.)
+</p>
+
+<p>
+Die Kommission befragt Redl nach seinen
+Komplizen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hatte keine Komplizen,&ldquo; erwidert er.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Frage nach dem Umfang seines
+Verrates, nach dessen Details und Dauer hat
+er zur Antwort, alle Beweise würden sich in
+seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude
+finden. Die Kommission gibt
+sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+verläßt, fragt einer: &bdquo;Eine Schußwaffe haben
+Sie, Herr Redl?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oberst Redl: &bdquo;Nein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Mitglied der Kommission: &bdquo;Sie dürfen
+um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Redl (stockend): &bdquo;Ich bitte &ndash; gehorsamst &ndash;
+um einen &ndash; Revolver.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt
+ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines
+der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause,
+seinen Browning zu holen, um ihn &bdquo;Herrn
+Redl&ldquo; einzuhändigen.
+</p>
+
+<p>
+Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke
+der Herrengasse und der Bankgasse, damit
+sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem
+Tode entziehe. Sie können die Fenster von
+Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer.
+Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee
+zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt.
+Es vergehen Stunden auf Stunden.
+Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß
+verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen
+Abschluß gefunden habe. Abwechselnd
+fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach
+Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und
+abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen
+Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden
+verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen
+und dem Oberst sagen: &bdquo;Machen
+Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+Wie spät ist es?
+</p>
+
+<p>
+Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Man soll zeitig den Chef des Generalstabes
+anrufen und die &bdquo;Beendigung&ldquo; der Affäre
+melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem
+ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren,
+um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es
+wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch
+herbeigerufen &ndash; einer von den beiden,
+die gestern die Verfolgung Redls unternommen
+und noch in der Nacht einen Spezialschwur
+auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über
+diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis
+der ganzen Sache sollte auf zehn Personen
+beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten
+Persönlichkeiten der Monarchie befanden.
+Und niemals sollte ein anderer auch nur ein
+Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef
+Spionage getrieben habe.
+</p>
+
+<p>
+Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue
+Weisungen, wie er feststellen solle, was
+mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn
+tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten,
+damit nicht die auffallende Tatsache bekannt
+werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten
+entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels
+dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen
+wurde, begab sich der Detektiv in das
+Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn
+Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+früh diese Antwort auf einen Brief persönlich
+zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen
+Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der
+vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren.
+Der kam, kaum zwei Minuten später,
+wieder zurück und trat auf der Straße auf
+seine Auftraggeber zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Zimmer war offen,&ldquo; meldete er erregt,
+&bdquo;ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee
+liegt der Herr Oberst &ndash; tot.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere
+zu Ende &ndash; genau zwölf Stunden nach
+der Behebung der postlagernden Briefe. Man
+rief &ndash; damit die Leiche noch vor Tagesanbruch
+gefunden werde &ndash; das Hotel unter einem
+fingierten Namen an: der Herr Oberst möge
+sofort zum Telephon kommen. Man wartete
+aber nicht länger am Apparat.
+</p>
+
+<p>
+Wenige Minuten später verständigte das
+Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause
+vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär
+Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen,
+den Lokalaugenschein vorzunehmen.
+Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich,
+vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen,
+das Projektil hatte das Gaumendach
+durchbohrt und war schief von rechts
+nach links in das Gehirn gedrungen; im linken
+Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben,
+die Ausblutung war durch die linke
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er
+tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der
+Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich
+zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren
+Bruder des Entleibten und einer an den Prager
+Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen
+und ein offener Zettel ohne Adresse.
+Darauf stand: &bdquo;Leichtsinn und Leidenschaft
+haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich
+büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Nachschrift war hinzugefügt: &bdquo;Es ist
+¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte,
+meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet
+für mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord
+handle, und die Beamten &ndash; jedenfalls mit
+einer diesbezüglichen Weisung versehen &ndash;
+wollten die Amtshandlung rasch und ohne
+Aufsehen schließen. Doch hatten sie die
+Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht:
+Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch:
+&bdquo;In alt bewährter Treue&ldquo;) wollte sich
+durchaus nicht damit zufrieden geben, daß
+hier ein Selbstmord konstatiert werde. In
+schlechtem Deutsch und großer Aufregung
+erzählte er zuerst den Polizeibeamten und &ndash;
+als diese ihn beiseite schoben &ndash; dem aufhorchenden
+Hotelpersonal, der Browning gehöre
+nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei
+Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Einkäufe gemacht und für heute allerhand
+Anordnungen getroffen und wollte Dienstag
+in dem eigens restaurierten Auto nach Prag
+zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen
+worden, und der Revolver gehöre
+dem Mörder.
+</p>
+
+<p>
+So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen
+sein mußte, etwas war da, was dem
+Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh:
+der fremde Mann, der um halb sechs
+Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um
+dem Obersten eine Mitteilung zu bringen.
+Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben
+hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben!
+Warum hatte er davon nichts gesagt?
+</p>
+
+<p>
+Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht
+im Zimmer Nr. 1 getan?
+</p>
+
+<p>
+Die Kommission, zu der sich inzwischen
+auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt
+hatte, bemühte sich vergeblich, die
+Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen
+zu bringen. Besonders der Josef war nicht
+zu beruhigen. Da kam einer der Beamten
+auf den Gedanken, dem unbequemen Diener
+einzureden, der Herr Oberst habe sich eines
+Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen
+schuldig gemacht, und sich umgebracht, als
+er sich verraten sah. Im selben Augenblick
+verstummte der Diener. Denn er wußte ja
+von etwas, was weder die Polizeikommissäre
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord
+dirigiert hatten: von der Homosexualität
+Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission
+noch der brave Josef von der
+wahren Ursache des befohlenen Freitodes
+eine Ahnung: von der Spionage.
+</p>
+
+<p>
+Die Sachen des Erschossenen wurden nun
+verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend
+in einem Fourgon in die Totenkammer des
+Garnisonspitals geschafft.
+</p>
+
+<p>
+Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau
+gab eine Meldung über den Selbstmord des
+Prager Generalstabschefs aus, in der stand,
+&bdquo;der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine
+große Karriere bevorstand, hat sich in einem
+Anfall von Sinnesverwirrung ...&ldquo;, &bdquo;... in der
+letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit
+litt ...&ldquo;, &bdquo;... in Wien, wohin ihn dienstliche
+Aufgaben geführt hatten ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und
+Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden
+Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski
+speiste mit dem Korpskommandanten Baron
+Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis
+gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef
+Selbstmord begangen habe. Erst während
+des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das
+Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem
+Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten
+in Belgrad einen langen Brief bekommen,
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+in dem mitgeteilt wurde, die serbische
+Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich;
+beide Brüder korrespondierten unausgesetzt
+miteinander, da das 8. Korps für &bdquo;Fall
+3&ldquo; (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über
+die Save zwischen Drinamündung und Savemündung
+bestimmt war. Um so furchtbarer
+war die Erschütterung des Generals, als er
+nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann
+und Liebling alles verraten und konterkariert
+habe. Nach dem Essen begab man sich in
+die Wohnung Redls, die sich im Hause der
+Hauptwache, neben den Amtsräumen des
+Korpskommandos befand. Die Wohnung war
+verschlossen und mußte erbrochen werden.
+Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;Von einem Schlosser?&ldquo; frage ich den ehemaligen
+Chef des Evidenzbureaus, der mir von
+dieser Dienstreise erzählt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags,
+und kein Soldat anwesend, kein Professionist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Exzellenz wissen nicht mehr, woher man
+den Schlosser holte?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus
+der Nachbarschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger
+Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeit
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+auf alle Fragen des Interviewers
+Antwort gegeben &ndash; zum ersten Male
+scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht
+sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Schlosser hätte doch die gewaltsame
+Eröffnung der Wohnung und der Schubfächer
+verraten können?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie meinen?&ldquo; sagt Urbañski ironisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es
+sogar der Presse mitgeteilt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So?&ldquo; FML. Urbañski lächelt ungläubig.
+</p>
+
+<p>
+Und deshalb schaltet der Interviewer hier
+ein persönliches Erlebnis ein: am Sonntag, den
+25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub
+&bdquo;Sturm&ldquo; ein Fußballmatch gegen
+&bdquo;S. K. Union-Holeschovice&ldquo;. Die Notiz des
+&bdquo;Prager Tagblatt&ldquo; lautete am nächsten Tage:
+</p>
+
+<p class="block">
+DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz)
+5:7 (Halbzeit 3:3). Sturm
+war von Anfang an überlegen, was sich
+auch in der großen Zahl seines Scores
+ausdrückt. Doch war seine Verteidigung
+durch das Fehlen Mare&#269;eks und Wagners
+derart geschwächt, daß Atja allein nicht
+imstande war, alle Durchbrüche Unions
+zu vereiteln.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten
+ärgerte sich wohl der Obmann &bdquo;Sturms&ldquo;
+über das unangesagte Fernbleiben Wagners,
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+dem er knapp vorher eine Gefälligkeit erwiesen
+hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen
+der ersten Mannschaft manchmal zu
+erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner pünktliches
+Antreten versprochen &ndash; und schon am
+Sonntag blieb Wagner aus. Deshalb schaute
+besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur
+eines Prager Blattes und Prager Korrespondent
+einer Berliner Zeitung war) gar nicht
+freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins
+Bureau besuchen kam.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich konnte wirklich nicht kommen,&ldquo; versuchte
+sich der saumselige Endback zu entschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist mir egal.&ldquo; Der Obmann blieb ablehnend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich war schon angezogen, da kommt eine
+Ordonnanz in unsere Werkstatt und sagt, es
+soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen,
+ein Schloß aufbrechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erzähl&rsquo; mir keine Geschichten! So etwas
+dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene
+Stunde mit dem Anstoß gewartet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich mußte doch die Wohnung eines
+Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer
+und alle Schränke ... es war nämlich
+eine Kommission aus Wien da, die hat nach
+russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien
+von Plänen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So? Und wem gehört die Wohnung?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+&bdquo;Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel
+eingerichtete Wohnung.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und der General war nicht da?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, der ist gestern in Wien gestorben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Gestern in Wien gestorben? Der Obmann,
+der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem
+unentschuldbaren Endback und pflichttreuen
+Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er
+sagt ihm nicht mehr: &bdquo;Erzähl&rsquo; mir &sbquo;keine
+Geschichten&lsquo;&ldquo;, sondern läßt sich die Geschichte
+ganz genau erzählen, wie der Wiener
+Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten
+gereicht hat und wie der jedesmal
+verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt
+hat: &bdquo;Schrecklich, schrecklich! Wer hätte
+das für möglich gehalten!&ldquo; Auch, daß die
+Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat,
+wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände
+und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten
+Briefe seien von lauter Männern
+gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren
+notiert haben.
+</p>
+
+<p>
+Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß
+es sich um die Wohnung des Generalstabschefs
+Redl handelt, dessen Selbstmord samt
+begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau
+gemeldet und
+wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden
+ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion
+zu bewahren, um die er nicht ersucht
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+worden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man
+ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen
+Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag
+würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert
+werden. Oder soll man es doch versuchen?
+Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt
+sich zu einem Kompromiß: man riskiert
+die Beschlagnahme der Abendausgabe
+und wird die Nachricht in Form eines Dementis
+bringen. &bdquo;Von hervorragender Seite werden
+wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen
+aufgetauchten <a id="corr-9"></a>Gerüchte ersucht,
+daß der Generalstabschef des Prager Korps,
+Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in
+Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat
+militärischer Geheimnisse begangen und für
+Rußland Spionage getrieben habe. Die nach
+Prag entsandte Kommission, bestehend aus
+einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart
+des Korpskommandanten Baron Giesl
+die Dienstwohnung des Obersten Redl und
+deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte,
+hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu
+forschen, usw.&ldquo;. Solche Dementis versteht
+selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie
+wenn man sagt: &bdquo;Der X. ist kein Falschspieler.&ldquo;
+Aber konfiszieren ließ sich der Bericht
+schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt,
+das Dementi stamme vom
+Korps-Kommando, das Korps-Kommando
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls
+erschien das Abendblatt, der Draht gab die
+Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins
+Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig
+Dringlichkeitsanträge und Interpellationen
+eingereicht, und ganz Österreich wußte
+von den Ursachen des Selbstmordes, die die
+maßgebenden Kreise des Auslandes, deren
+Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort
+gewußt hatten, und die man im Inlande sogar
+vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte auf die Verhaftung des Spions
+und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren
+mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen
+usw. verzichtet, man hatte eine Nacht
+lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung
+leisten lassen. Und nun erfuhr
+die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein
+Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Erste, was die Kommission beim Eintritt
+in die Wohnung des Gerichteten verblüfft
+hatte, war der weibische Geschmack, der sich
+überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot
+gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf
+auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend,
+als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte
+und Figuren (bloß die große Napoleonbüste
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+über dem Schreibtisch war aus
+Bronze), überall zierliche Nippes, und alle
+drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch
+erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln,
+Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen,
+Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden
+war, und man feststellte, daß die zahllosen
+mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts
+von Männerhand stammten, hatte man
+die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war
+homosexuell gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb
+geworfen, zeugten von der Leidenschaft
+Redls für den jungen Ulanenoffizier in
+Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt
+und wollte es heiraten, während ihn Redl
+mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich
+gewinnen wollte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief
+vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es
+nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen
+willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit
+gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen,
+daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich
+machen wirst, am Anfang erscheint
+alles voller Illusionen und wunderschön, sind
+jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man,
+was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwas
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+von mir! Frauen mischen sich in alles, und
+das, was sie nicht verstehen sollen, ist das
+einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich
+noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin
+verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen
+soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren
+(Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen,
+und glaube auch, Dir den versprochenen
+Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu
+können. Wenn Du nach Wien kommen könntest,
+lieber Stefan, so schreibe mir sofort,
+würde dann ...&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei
+Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß
+sich, seinen Freund lieber mündlich zu
+beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr
+nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen
+Garnison kam. Die Unterredung im Hotel
+scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen
+zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen
+zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt,
+das bewacht war.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich
+nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls
+der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da
+er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität
+angezeigt worden und habe sich deshalb
+getötet. Es stellte sich heraus, daß er
+von den Spionagen seines Geliebten keine
+Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+&ndash; wegen widernatürlicher Unzucht &ndash; zu drei
+Jahren schweren Kerkers verurteilt.
+</p>
+
+<p>
+Der ständige Verkehr des Obersten mit dem
+jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen,
+doch hatte man darin nichts besonderes gefunden,
+da Redl den Leutnant überall als seinen
+Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der
+Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als
+Kadettenschüler von Redl verführt worden.
+Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung
+in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen
+getragen, ihm zwei Reitpferde
+gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken
+überhäuft.
+</p>
+
+<p>
+Beweise für die verräterische Tätigkeit
+Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen
+von Geldsendungen aus Rußland,
+Quittungen über gewechselte Rubel und vor
+allem photographische Platten. Er hatte in
+seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden
+Dienstbücher reservaten Charakters,
+Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche
+Elaborate photographiert, die in allen Staaten
+der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher
+&ndash; des Meisterwerkes des Feldmarschalls
+Moltke &ndash; verfaßt, aber natürlich
+überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen-
+und Dislozierungsverhältnissen entsprechend,
+adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung
+und Verpflegung, Eisenbahntransporte und
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Durchführung von Truppenverschiebungen
+hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert
+und aktuelle Befehle des Kriegsministers
+Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand
+und des Chefs des Generalstabes Conrad v.
+Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen
+innerhalb des 8. Korps bezogen.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen fand sich hier noch kein Beweis
+dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen,
+wie z. B. Aufmarschdispositionen,
+Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen
+oder die Namen von
+österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande
+verraten habe, &ndash; so allgemein dies damals
+auch behauptet wurde. Die Spuren des
+Verrats, die sich in seinen Fächern fanden,
+reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die
+Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser
+Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag
+von nahezu sechzigtausend Kronen verdient,
+etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus
+dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken
+deduzierte dann Landesverteidigungsminister
+Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung
+im Parlamente, daß die Verrätereien
+bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte
+sich darauf antworten lassen, daß Redl schon
+seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen
+Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile
+besitze. Redl hatte zwar glaubhaft
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+zu machen gewußt, daß er im Besitze eines
+großen Privatvermögens sei und eine große
+Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte
+vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing
+ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch
+in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm
+eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde
+und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine
+Verbrechen müßten daher mindestens bis in
+die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen
+Kundschafterstelle im
+Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei,
+wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung
+bei Regimentern der Grenzfestungen,
+beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl
+und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem
+größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß
+Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht,
+ein so merkwürdiges gewesen,
+daß zehn Jahre später, nach dem
+Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten
+der Verdacht auftauchen mußte, er
+habe damals eine Doppelrolle gespielt, und
+auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie
+sie teuflischer kaum gedacht werden kann.
+Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen
+gegen den Oberstauditor Hekailo,
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in
+Lemberg geführt, der im Verdachte stand,
+durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen
+zu haben. Während der streng geheim
+geführten Erhebungen wurde der auf freiem
+Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst
+nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten
+sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen
+hervorging, daß Hekailo auch die ganze
+Heiratskaution eines Rittmeisters und das
+Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte.
+Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann
+Alfred Redl in der Kanzlei
+des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm
+Haberditz, der die Untersuchung gegen
+Hekailo führte, und machte die überraschende
+Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen,
+von Redl beschafften Beweisen als
+Spion in russischen Diensten stand und
+wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der
+österreichisch-ungarischen Armeen den Russen
+an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe.
+Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner
+Flucht an einen Freund in Galizien sandte,
+kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt
+und seinen Decknamen &bdquo;Karl Weber&ldquo;
+in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren
+zu stellen wäre. Das bezügliche
+Aktenstück, in welchem natürlich
+nur von den gemeinen Verbrechen des Betruges
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+und der Veruntreuung die Rede war,
+wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren
+vom Ministerium des Äußern auf
+telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung
+mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet
+werden sollte, wies er einen russischen Paß
+vor, der auf den Namen &bdquo;Karl Weber&ldquo; lautete,
+und stellte sich unter den Schutz des russischen
+Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer
+Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des
+Festgenommenen eine Reise nach Brasilien
+unternehmen solle, als die Nachricht des
+österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba
+eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben,
+da man beim Öffnen seines Koffers
+ganz oben den österreichischen Paraderock
+gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der
+Verhaftete österreichischer Militär war, legten
+ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere
+mitleidvoll einen geladenen Revolver in die
+Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe
+ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten
+Gelegenheit, die ihm der eskortierende
+brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem
+Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro
+bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de
+Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest
+abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er
+war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht,
+und muß durch die tropische Hitze
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft
+in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß
+wurde nun Hekailo zuerst über
+seine vielseitigen Unterschlagungen verhört.
+Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für
+diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch
+seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes,
+Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser
+selbst war es, der drängte, die Untersuchung
+auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos
+auszudehnen. Endlich war es so weit,
+daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise
+seines Verrates vorhalten konnte. Sie
+bestanden in der Hauptsache aus Photographien
+und Briefen, die Hekailo unter der
+Deckadresse der beim russischen Generalstabschef
+in Warschau angestellten Gouvernante
+an diesen gesandt hatte. Nach Angabe
+Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke
+gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet,
+die das Ministerium für Landesverteidigung
+auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos
+wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger
+zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel
+wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens
+und des bestehenden Staatsvertrages
+mit Brasilien wegen Spionage nicht
+bestraft werden könne (weshalb er auch die
+Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt
+hatte), zeigte sich im Verlauf der
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Untersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden,
+was er allein oder mit Hilfe dritter
+den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion
+für die Alarmierung der Lemberger
+Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte
+er absolut nichts wissen und antwortete Redl,
+der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn
+gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes
+einzugestehen, einmal in treffender Weise:
+&bdquo;Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen
+Aufmarschplan verschafft haben? Den kann
+nur jemand aus den Generalstabsbureaus in
+Wien den Russen verkauft haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nach langem Drängen nannte Hekailo auch
+seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski,
+Ergänzungsbezirkskommandanten in
+Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der
+Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden
+Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung
+Redls und des Auditors Dr. <a id="corr-10"></a>Seliger dorthin.
+Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in
+dessen Bureau vorgenommen worden war,
+schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst
+fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen
+nichts von Bedeutung vor. Im
+Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen
+des Majors mit der deutschen Gouvernante.
+Das hübsche Kind war anfangs sehr
+befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt
+an. Erst als es Redl beim Händchen
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann,
+wurde es zutraulicher. Redl legte der
+Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei
+mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht
+darüber, daß das Kind richtige Antworten
+gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine
+ganz glücklich war. &bdquo;Bist du auch so gescheit,
+daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?&ldquo;
+fragte Redl. &bdquo;Natürlich,&ldquo; lachte das Kind und
+lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch
+unter den mächtigen Schreibtisch und deutete
+auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere
+Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen
+Knopf, und als man auf diesen drückte,
+öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden
+Dokumenten. Die Kommission
+konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg
+zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde
+beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie
+Redl das unschuldige Kind zum Verrat am
+eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei
+hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung
+davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher
+sei als Wienckowski.
+</p>
+
+<p>
+Wieviel gravierendes Material bei dieser
+Hausdurchsuchung gefunden worden war,
+kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten
+am Schluß ein Gewicht von
+120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in
+einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischen
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Posten bewacht, die die beiden
+Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal
+nun, &ndash; Majorauditor Haberditz war gerade
+abwesend, &ndash; wollte Redl von Dr. Seliger
+einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf
+zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel
+befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis
+auf seine Instruktionen ab, worauf sich
+Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf
+legte Redl dem Majorauditor nahe, er
+möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden,
+da in Warschau noch einige unklare
+Momente der Affäre zu erheben seien. Der
+Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab,
+da die Erhebungen für das Verfahren nicht
+relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren
+Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht,
+Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten,
+fuhr die Kommission nach
+Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen
+fortgesetzt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Da ging in Redl eine auffallende Veränderung
+vor, denn so eifrig er anfangs für die
+Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet
+hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich
+für dessen Unschuld einzusetzen. Dies
+ging so weit, daß der Untersuchungsleiter
+Haberditz es ihm einmal unter vier Augen
+vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit
+in Frage stellen mußte. Es kam zu einer
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+ziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach
+welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus
+Oberst Hordliczka die Ablösung
+Redls als Experten verlangte. Oberst
+Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht,
+und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken;
+zu einer Ablösung Redls könne er
+sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung
+des Hauptbeschuldigten ein Verdienst
+Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die
+Früchte seiner Bemühungen bringen wolle.
+Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden,
+Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender
+und unterließ besonders seine
+hemmenden Einwände.
+</p>
+
+<p>
+Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau
+ein Stück der angeblich von Major
+Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen
+Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da
+Österreich-Ungarn doch beim Warschauer
+Generalstab einen sehr verläßlichen russischen
+Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes
+wäre, aus dem Dossier &bdquo;H&ldquo; ein Stückchen
+der bewußten Schrift herauszureißen. Allein
+Majorauditor Haberditz war tief erschüttert,
+als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen
+in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick
+die Nachricht überbrachte, daß der bewußte
+russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet
+worden sei, wie er sich beim Dossier
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+&bdquo;H&ldquo; zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung
+seines Schreibtisches erfolgte, in welchem
+für Österreich ausgestellte Rechnungen
+gefunden wurden, und daß der Mann zwei
+Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Entlarvung Redls erscheint sein
+damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt:
+er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan
+Österreich-Ungarns an die Russen verkauft
+und wird den Russen gesagt haben, daß er
+nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für
+Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen
+Erfolg um so mehr, als damals der Verrat
+des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar
+wurde, und er unbedingt einen Sündenbock
+haben mußte. Da lieferten ihm die Russen
+denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus.
+Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo
+nach seiner Flucht nach Brasilien für
+sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem
+geworden war: hatte doch der russische
+Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte
+seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige
+fürchten. Als aber dann die Untersuchung
+auf aktive österreichische Offiziere übergriff,
+an welchen der russische Generalstab noch ein
+Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird
+es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer
+Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben.
+Das war der Grund, warum Redl plötzlich für
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+die Unschuld des Majors Wienckowski und des
+zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde
+zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen
+diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm
+aber nicht und Redl mußte nun in anderer
+Weise und um jeden Preis die Russen von
+seiner ferneren &bdquo;Loyalität&ldquo; überzeugen. Da
+beging er dann die größte Schurkerei, indem
+er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau,
+der für Österreich arbeitete, eine raffinierte
+Falle stellte, und ihn so dem Galgen
+auslieferte.
+</p>
+
+<p>
+Hekailo, Wienckowski und Acht wurden
+zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren
+verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von
+Josefstadt gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen
+russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst
+geleistet hatte, dem Tode überantwortete,
+ist durch die Promptheit der Denunziation
+erwähnenswert. Der Thronfolger
+Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch
+gewesen und hatte sich mit dem Zaren
+in verschiedenen politischen Fragen geeinigt;
+auf der Heimreise durch Rußland begleitete
+ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer
+Militärattaché in Petersburg
+war. Während der Fahrt trug der
+Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren
+jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen.
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom
+Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der
+russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch
+Laikow bei Müller ein und bot ihm den
+ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf
+an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant
+Müller trotz der erzherzoglichen Weisung
+nicht ungenutzt lassen, und vermittelte
+den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem
+Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg
+zurück und begegnete schon am ersten Tage
+bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen
+waren, einer frostigen, beinahe
+beleidigenden Ablehnung. Erst als er in
+der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch
+Selbstmord begangen habe, glaubte er diese
+Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen:
+man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm
+Laikow den Mobilisierungsplan angeboten,
+und vermutete nun, daß er den Unglücklichen
+dazu verleitet habe. Aber das war es nicht,
+was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen,
+sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion
+an Rußland verraten habe. Daran war jedoch
+Müller, der übrigens am selben Tage von
+seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig.
+Der ehemalige Reichsratsabgeordnete
+Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin
+des russischen Großfürsten Paul und mit dem
+österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+über diese Affäre gesprochen und deduziert
+aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen
+sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten,
+dem sicheren Tode ausgeliefert habe.
+</p>
+
+<p>
+Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem
+Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg.
+&bdquo;Dieser Schurke,&ldquo; sagt er von Redl, &bdquo;hat
+jeden österreichischen Spion denunziert, denn
+der Fall des russischen Obersten wiederholte
+sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse
+den Russen aus und verhinderte, daß
+wir die russischen Geheimnisse durch Spione
+erfuhren. So blieb den Österreichern und den
+Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von
+75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische
+Armee ausmachten, unbekannt,
+&ndash; daher unsere Kriegslust und unsere
+Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann
+hätten unsere Generale die Hofwürdenträger
+nicht in den Krieg getrieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß
+Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar
+deutschen Spione, die in Rußland tätig waren,
+an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten
+erhoben. Diese Behauptungen haben
+viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie
+die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen
+verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung
+hat der österreichische
+Landesverteidigungsminister FML. Lt.
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat
+darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung
+des Zeitpunktes, seit welchem Redl
+in feindlichen Diensten stand. Georgi war
+eben vom Generalstabskorps düpiert, das
+Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten
+versuchte, wenn er schon des größten militärischen
+Verbrechens überführt war. Redl
+mußte alles verraten, was man von ihm verlangte;
+das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt,
+wie Redl zum Spionagedienst
+angeworben worden sein muß, und wie sehr
+er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber
+befand.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann von den Fähigkeiten und dem
+Range Redls konnte nicht so zur Spionage
+verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns
+üblich ist. Es war fast immer die gleiche
+Methode: ein junger Leutnant, der sich auf
+einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca
+langweilte, bekam eines schönen Tages die
+Aufforderung einer Schweizer oder holländischen
+Zeitung, doch Stimmungsberichte über
+das Leben der Ortsbewohner und über die
+Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem
+schriftstellerischen Talente gehört usw.
+Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam
+das Belegexemplar der Zeitung, die meist
+eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah
+sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+von 200 Franken und große Komplimente
+der &bdquo;entzückten&ldquo; Redaktion. Dann
+verlangte man andere Mitteilungen von ihm
+oder trug ihm einen Redakteurposten mit
+fürstlichem Gehalt an, &ndash; er möge sich Urlaub
+nehmen und nach Lausanne oder nach dem
+Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man
+die große Pression bei der Hand: Organe
+der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft
+hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber
+dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis
+streng gewahrt, &bdquo;weil man
+den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren
+wolle&ldquo;. Dies sagte dem armen Leutnant
+genug. Wenn er sich nicht weiterhin
+willfährig zeige, würde er verraten werden.
+&bdquo;Unbefugte Mitteilungen an die Presse&ldquo;, vielleicht
+gar &bdquo;Verrat militärischer Geheimnisse&ldquo;,
+&ndash; denn was konnte nicht alles als militärisches
+Geheimnis angesehen werden!
+</p>
+
+<p>
+Ranghöhere Offiziere, die strafweise in
+Grenzstationen kommandiert waren, oder
+durch die Einöde und die Einförmigkeit zu
+Alkohol und Hasard getrieben worden waren,
+wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote
+von Geldleuten, die geheim im Dienste des
+Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit
+gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer
+haben am Anfang dieses Jahrhunderts
+in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+getrieben und sie waren es auch, die u. a.
+Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst
+zu pressen gewußt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die,
+an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels
+oder anderer Verbrechen schuldig gemacht
+hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit
+sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen.
+Zu dieser Kategorie gehören die
+berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte.
+Friedrich der Große hat den Meisterdieb
+Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten
+aus dem Zuchthause von Stettin
+holen lassen, damit er vor der Schlacht bei
+Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag
+auskundschafte. Auch der König der Spione,
+Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder
+Meinau, der grand espion Napoleons I., war
+1805 in die Dienste der geheimen französischen
+Militärpolizei getreten, als sein Straßburger
+Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem
+Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines
+Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen,
+daß er als Leiter des Kundschafterdienstes
+geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere
+Beschäftigung, als Spione anzuwerben
+und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge
+zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten!
+Da &ndash; trotz Lassalle &ndash; die Arbeit
+stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke
+auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun
+könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte
+und die trotzdem viel Geld verdienten,
+mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er
+sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen
+Diensten hergegeben &ndash; wenn er nicht das
+Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als
+Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich
+von Agenten fremder Mächte überwacht
+werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre.
+Diese Überwachungsorgane hatten bald
+das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte
+und Untergebene nicht wußten, &ndash; daß er
+verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene
+Umstände weisen sogar darauf hin,
+daß jener russische Militärattaché, den Kaiser
+Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige
+gewesen war, der Redl &ndash; allerdings
+lange vorher &ndash; zum Spionagedienst für Rußland
+gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität
+seines Gegners erfahren hatte, war
+Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie
+mußte <a id="corr-14"></a>ihn den Kragen kosten, während
+er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe
+steigen konnte, bis zum Generalstabschef und
+vielleicht noch höher.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+Der Befehl des Platzkommandos Wien, der
+sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt
+für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl,
+Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war
+bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne
+übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche
+ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die
+Generaldecharge ein, und die Truppen und
+Anstalten bestellten Trauerkränze, als am
+Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche
+absandte: &bdquo;Das Leichenbegängnis
+des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl,
+ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt.
+Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl
+ausgegebenen Weisungen außer Kraft
+gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Leiche wurde obduziert und dann im
+Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein
+Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten,
+die des Toten Bruder (der inzwischen seinen
+Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft
+liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt
+Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem
+Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38,
+Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Schriftstücke, Bücher und photographischen
+Platten, die mit dem Verrate Redls
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+in Zusammenhang stehen konnten, wurden in
+einen großen Koffer gepackt, den der Chef des
+Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren
+Untersuchungen in Prag wurden den
+Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und
+Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär
+hatte das Kleinseitner Bezirksgericht
+den Notar Dr. Uhlir ernannt, der
+die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine
+Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in
+der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher
+auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen
+im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im
+Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine
+ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken
+(darunter 195 Oberhemden), Garderobe
+mit zehn Uniformmänteln auf Seide und
+Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke
+und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen,
+400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel,
+10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß
+eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning,
+mit dem sich Redl getötet hatte, und der
+natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde.
+Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen
+Inhalts. Die Sattelkammer,
+wo sich Schabracken, Brustriemen und
+Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen
+und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das
+photographische Laboratorium mit Zeißapparaten,
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten,
+Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen
+und Stativen, waren die
+reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl
+diese von eigens berufenen Tapezierern einer
+Wiener Firma eingerichtet war, war sie
+äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten
+die Nippes von besonderem Geschmack ihres
+Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin
+z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten
+Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand
+nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung
+gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt,
+wozu sich noch ein Vollblutschimmel,
+2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über
+die bei der Auktion Witze gemacht wurden:
+sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen
+Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten
+ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.)
+und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing
+als weitere Aktivposten gesellten.
+</p>
+
+<p>
+Diesem Vermögen standen große Forderungen
+gegenüber, die Uniformierungsanstalt
+Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond
+des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen,
+die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung
+L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden,
+der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen
+eine Forderung von 4400 K samt Zinsen
+an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel
+Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis,
+Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen)
+und der Diener stellten sich gleichfalls
+mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa
+45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit
+überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte
+daher das Prager Landesgericht den Konkurs
+über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger
+Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die
+Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in
+einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner
+Chotekgasse die Versteigerung des
+Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter
+den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß
+gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen
+30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent.
+</p>
+
+<p>
+Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion
+ein Paket Rollfilms erstanden hatte,
+entdeckte, daß einer der Films belichtet war.
+Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers
+im physikalischen Kabinett der Schule, wobei
+die Photographie eines reservat ausgegebenen
+Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch
+J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat.
+Der Film wurde dem Korpskommando übergeben,
+das ihn an das Evidenzbureau des
+Generalstabs nach Wien weiterleitete.
+</p>
+
+<p>
+Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig
+in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es
+sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit
+um so auffallender ist, als sich
+im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres,
+selbstbeobachtendes Empfinden zu
+äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch
+junge Offiziere und Soldaten. &bdquo;Mit Freude
+ergreife ich die Feder ...&ldquo;, &ndash; so beginnen die
+meisten und mit Geldforderungen enden sie.
+Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten
+füllte eine Lade seines Schreibtisches:
+durchwegs aristokratische Namen. Auf seine
+Beziehungen zum böhmischen Adel schien er
+sich besonders viel einzubilden, die Erlangung
+des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu
+sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen
+müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag
+eine Bürgerkrone zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager
+Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des
+Generalstabschefs galt. Aber sie war eine
+&bdquo;fausse maitresse&ldquo;, nur da, um jeden aufkeimenden
+Verdacht der Homosexualität zu
+verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden,
+in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife
+erklärend, daß ihr die Rücksicht auf
+ihre Freundschaft mit Redl, &bdquo;die von Dir
+immerfort verlangte Wahrung des Dekorums&ldquo;
+die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
+</p>
+
+<p>
+Für geistige Betätigungen Redls fanden sich
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte
+Bibliothek militärischen Charakters
+war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal
+aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht,
+im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen
+gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak,
+dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß
+auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft
+aufgebaut gewesen zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Redl war groß und breit gewachsen, der
+Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des
+sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln
+nachgeholfen. Er galt als der eifrigste
+Mann des Generalstabskorps, als der prompteste
+Aktenerlediger (in Deutschland hatte
+denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff)
+und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter,
+wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage,
+die Intrigen zu deren Verheimlichung und
+zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit,
+die Affären mit seinen geheimen Freunden
+und seiner öffentlichen Freundin addiert.
+</p>
+
+<p>
+Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn
+Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k.
+u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen
+Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine
+Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt
+geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg
+erlebt hätte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<span class="u">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="l">*</span>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<span class="u">*</span>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+Während Kaiser Franz Josef die ganze
+Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der
+die Monarchie betroffen hatte, und gegen den
+sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger
+Franz Ferdinand auf einem anderen
+Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als
+für die Armee typisch auf und versuchte mit
+allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren.
+Er setzte nun mit Verfolgungen ein,
+die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei
+Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden
+ist, bezieht sich der erste auf den Redl&rsquo;schen
+Selbstmord. Es heißt darin: &bdquo;... Se. kais.
+Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir
+mit erhobener Stimme: &sbquo;Es ist unchristlich,
+einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der
+Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und
+wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn
+zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei!
+Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen
+Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen?
+Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund
+ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt
+unter dem Galgen die Segnungen der Religion,
+&ndash; auf den Galgen hätte übrigens dieser
+Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig
+baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu
+befehlen, ist unchristlich.&lsquo; Ich erlaubte mir
+zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht
+befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+unterbrach mich ungnädig: &sbquo;Nur keine Wortspaltereien!
+Genug daran, daß man den
+Selbstmord nicht verhindert hat.&lsquo; Auch darüber
+war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten,
+daß man von der Veranlagung Redls
+nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei
+ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone
+(den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben
+wurde.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt
+sich mit der Reorganisation der Kriegsschule
+und des Generalstabs, die der Erzherzog
+unter dem Eindrucke der Causa Redl
+durchführen wollte:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais.
+Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat
+mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit
+eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule
+durchführen. Die Fälle der absolvierten
+Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas
+(Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor
+allem aber Redls beweisen, daß die Moral
+dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen
+Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.-
+und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs
+des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais.
+Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung
+aller Herren auf diesem Posten und Regeneration
+des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt
+den Adel zum Gstb. heranziehen,
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die
+Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen
+könne.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Erzherzog verkannte die Gründe für
+diese Ausartungen von Kriegsschülern und
+Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen
+in die Kriegsschule waren
+überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt
+sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur
+der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte;
+die besondere Befähigung für ein oder das andere
+Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches,
+mathematisches oder Sprachentalent) war
+eher hinderlich als fördernd, da eine solche
+Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen
+Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen
+Aufwand an Selbstverleugnung, Energie
+und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab
+erforderlich war, hätte wohl jeder
+ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß
+solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden
+könne, in verbrecherische Betätigungen um
+der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte
+der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen
+Abkunft die Schuld.
+</p>
+
+<p>
+Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit
+seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte,
+wandte sich sein verschärfter Groll gegen das
+Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem
+Briefe:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+&bdquo;Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau
+gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei
+Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne
+daß so etwas auffällt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von
+Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der
+erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des
+Generalstabs und der Kriegsminister darauf
+hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine
+Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a id="corr-19"></a>es
+den mit der Technik der Spionenentlarvung
+so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der
+Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte
+auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte
+die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines
+Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
+</p>
+
+<p>
+FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen
+und Kränkungen, die er durch den
+Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer
+Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den
+Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire
+niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht
+wird: &bdquo;Bei den vielen Berührungspunkten,
+die zwischen der Militärkanzlei des
+Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener
+Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden,
+fühlten ich und mein Personal den Druck des
+Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad
+von Hötzendorf vertröstete mich mit dem
+Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+des Thronfolgers, auf die kommenden
+großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit
+ergeben werde, dem Thronfolger endlich
+klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer
+geartetes Verschulden treffe. Man legte mir
+vor allem die Zulassung des Selbstmordes als
+gegen die christlich-katholische Religion verstoßend,
+zur Last. Die zwingenden Motive,
+die für den Selbstmord sprachen, waren von
+allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden
+&ndash; ich war nicht der Älteste unter ihnen
+und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade
+mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft
+erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher
+Aufwand, speziell sein &bdquo;Autohalten&ldquo;
+auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte
+die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs,
+es war ihm im Korpskommando-Gebäude
+in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich
+eingeräumt worden; er verfügte daher
+über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte
+ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor
+Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte,
+ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen,
+&sbquo;besitzt eigenes Vermögen&lsquo;. Solange er mein
+Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen,
+später, bei der Truppendienstleistung
+in Wien und sodann als Generalstabschef in
+Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel
+nicht verantwortlich machen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Die Konzentration der Wut des Thronfolgers
+auf meine Person war geradezu pathologisch,
+es sollte noch ärger kommen. Bei den
+großen Manövern des Jahres 1913, die in der
+Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens
+der Thronfolger ganz besonders hervor,
+indem er plötzlich am zweiten Manövertag
+die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über
+den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des
+Generalstabes und der Manöverleitung eine
+ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute
+ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes
+&sbquo;Kavalleriekorps&lsquo; auch eine
+Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren,
+das &sbquo;Attachéquartier&lsquo;, das ist die Vereinigung
+aller fremdländischen Offiziere, die als
+Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung
+der fremden Offiziere war der Thronfolger
+ganz gegen seine bisherige Gewohnheit
+bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen
+mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand,
+sprach nicht mit mir, so daß es die fremden
+Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten.
+So ging es nach den Manövern fort,
+bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn
+des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus
+dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler
+einen photographischen Apparat erstanden,
+worin noch ein nicht entwickelter Film
+lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion.
+Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der
+Sensationsmeldung, der Film enthielte einen
+wichtigen Befehl des Thronfolgers an das
+8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen
+Stunden lag schon der telegraphische Befehl
+aus Konopischt vor, &sbquo;gerichtliche Untersuchung,
+die Schuldigen auf das Strengste zu
+bestrafen&lsquo;. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen
+Untersuchung des Falles Redl, die
+in Prag geführt wurde, organisationsgemäß
+gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich
+mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen,
+daß das Gericht eine Schadensumme festsetze,
+die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für
+die Heeresverwaltung entstanden ist, womit
+ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß
+Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich
+fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig,
+daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem
+Wege erworbenen Gelde bereichern,
+ganz besonders lag mir daran, daß
+nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit
+zusammenhingen und die trotz
+eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen
+Zufall noch vorhanden sein könnten, auf
+dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände
+kämen, wo sie neues Unheil anrichten
+konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann
+mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+vernichten, Geld oder Geldeswert einer
+wohltätigen Sache zuwenden können oder
+dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten
+Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert;
+so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur
+Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich
+hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in
+Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam
+machen, daß der Nachlaß vor Übergabe
+an den Notar einer gründlichen Sichtung
+vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls
+unterzogen werde. Das Korpskommando hatte,
+diesem Rate folgend, eine Kommission zur
+Durchsicht des Nachlasses bestimmt &ndash; und
+dennoch konnte es geschehen, daß niemand
+daran dachte, den photographischen Apparat,
+das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen.
+Trotzdem alle diese Tatsachen dem
+Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt
+mehr denn je von meiner Schuld überzeugt,
+wieder half keine Einsprache des Chefs des
+Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die
+Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen
+&ndash; es war umsonst, man stand vor einer
+Wand! Die Prager Auditoren wurden in
+Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man
+nicht so schnell absägen, bevor man einen
+eingearbeiteten Nachfolger besaß.
+</p>
+
+<p>
+Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche
+Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde,
+weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés
+in Bukarest, Oberst von Hranilovic,
+als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten
+habe, weil der Chef des Generalstabes Wert
+darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit
+der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen
+arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in
+Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag
+nach einer schweren Operation in einem Sanatorium
+in Berlin. Die politischen Wogen gingen
+noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres
+Gesandten gerade auf diesem heißen Boden
+wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät
+der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr
+Giesl&rsquo;s auf seinen Posten. Kaum reisefähig,
+eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit
+erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen,
+daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten
+gegen den Gesandten bestünden,
+um künstlich die Situation zu verwirren, und
+zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten
+während seiner Reise noch auf österreichischem
+Gebiet erfolgen. Ich erhielt den
+Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl
+ungestört nach Cetinje gelange, weil die
+Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in
+die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl
+wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+ein Torpedoboot gebracht, landete in der
+Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen
+Dienstposten gebracht wurde. Während
+des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte
+ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers
+in Spalato bald frei würde. &ndash; Die Aussicht,
+nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale,
+ein ruhiges Provinzleben zu führen,
+hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage
+meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914,
+den Kriegsminister um die Vormerkung für
+das Brigadekommando in Spalato bat. Zu
+meiner größten Überraschung eröffnete mir
+der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden,
+bestimmten Befehl des Thronfolgers,
+den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben
+der Antrag des Kriegsministeriums gemacht
+worden, mir das Brigadekommando Semlin
+(an der serbischen Grenze) zu geben, dort
+hätte ich Gelegenheit, mich zu &sbquo;rehabilitieren&lsquo;!
+Also noch immer der alte Groll, &ndash; es war
+nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers
+konnte sich keinem fremden Urteil fügen.
+</p>
+
+<p>
+Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord
+dieser nur pathologisch zu erklärenden
+Verfolgung. Auf ein Glockensignal des
+Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos
+wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen
+sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad,
+daß er mir einen Befehl des Thronfolgers
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch
+folgenden Wortlaut:
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt,
+daß die Energie und geistige Spannkraft
+des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße
+gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung
+nicht mehr in Betracht kommt und
+ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen
+Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Dann nahm die Komödie ihren Fortgang
+&ndash; &ndash; mit dem Arzt wurde ein Kompromiß
+geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund,
+so einigten wir uns denn auf eine &sbquo;Nervosität
+mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben
+Jahres zweifellos behoben sein wird&lsquo;. Diesen
+weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich
+auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission
+an, worauf der Präses der Kommission
+den verabredeten Antrag auf Beurlaubung
+des Obersten von Urbañski auf sechs
+Monate mit Wartegebühr stellte. So war es
+zwischen dem Chef des Generalstabes, dem
+Kriegsminister und mir besprochen, denn ein
+offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers
+schien ganz aussichtslos, die Zeiten
+nicht danach angetan, daß diese Funktionäre
+wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten.
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Ich leistete nun keinen Dienst mehr,
+wickelte meine persönlichen Angelegenheiten
+ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines
+Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei
+Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da
+nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines
+plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet,
+er wurde in der Presse kommentiert,
+Parlamentarier verschiedener Schattierung
+beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen
+Gegner des Thronfolgers suchten mich
+auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung.
+Unter anderen lud mich ein Erzherzog
+zu sich. Auf die Aufforderung, ihm
+die volle Wahrheit über meine Maßregelung
+ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch
+den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen,
+das mir ein Gespräch über dieses Thema
+verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog,
+er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz,
+der mich durch seine Offenheit verblüffte:
+&sbquo;Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein,
+ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette
+das Emblême F. J. I. oder W. II.
+tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns
+darüber klar, daß unser Thron auf schwanker
+Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee
+ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur
+Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns
+geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+schon kursieren, und auch in Ihrem Fall
+vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet,
+das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe
+eine Richtung bestand, die dem Thronfolger
+die Eignung für die Nachfolge abzusprechen
+bestrebt war &ndash; mein Fall sollte dazu beitragen,
+den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten.
+</p>
+
+<p>
+Ernster war meine Aussprache mit dem
+Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des
+Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt
+über mich in seine Hände kam,
+ließ er mich zu sich bitten und empfing mich
+mit den Worten: &sbquo;Lieber Urbañski, haben Sie
+einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich
+davonjagen will?&lsquo; Als ich Exz. Bolfras
+die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive
+Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er
+auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät
+nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte
+mich in frischester Erinnerung aus vielfachen
+Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908
+als adjoint militaire d&rsquo;Autriche-Hongrie der
+Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb
+tätig gewesen, als die Revolution in der
+Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten
+Ansturm der serbischen Wut anläßlich der
+drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina
+durchzuhalten gehabt, Se. Majestät
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+hatte persönlich meine Ansichten über die
+voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört.
+Während der folgenden Jahre hatte mein
+Bureau täglich die informierenden Berichte
+über die laufenden kriegerischen Verwickelungen,
+Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw.
+geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn
+sein mußten, wenn der Kaiser sein
+Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung
+hatten zwei russische Militärattachés
+der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau
+der Spionage überführt, ihren Posten
+verlassen müssen, &ndash; kurz, ich stand beim
+Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir
+doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden,
+eine für einen Oberst recht seltene
+Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914
+entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf
+einen Generalsposten zu gelangen habe. Und
+nun plötzlich die Pensionierung, &ndash; der Kaiser
+werde unbedingt nach den Gründen fragen.
+Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das
+ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle
+Vorstellungen der verantwortlichen Männer
+sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten
+Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger,
+ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser
+sei angesichts des leidenden Zustandes des
+Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das
+Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras&rsquo; liegen.
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+&ndash; Dort lag es noch unerledigt, als der
+Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit
+hierdurch in ein anderes Stadium
+trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich
+lange gegen die Abhaltung der Manöver in
+Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten
+feierlichen Einzug des Thronfolgers mit
+seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren
+doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen
+eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits
+feindselige Handlungen erwarten
+ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger
+das politische Besuchsprogramm für Bosnien
+durch. Der Chef des Generalstabes mußte als
+solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden
+politischen Akt wollte er auf keinen
+Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise
+in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde,
+daß der Chef den Thronfolger unmittelbar
+nach Schluß der Manöver verlassen mußte.
+Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt
+dieser Reise, traf ihn die Nachricht
+des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort
+nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach
+seiner Ankunft in Wien verständigte mich
+Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit
+nunmehr eine andere Wendung genommen
+habe; wenige Tage später kam ein Schreiben
+des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung,
+mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Urlaub von meinen Aufregungen und
+Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach
+der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer
+Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando
+derselben Division, die ich bis zum
+Schluß geführt habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Damit schließt das Memoire, aus dessen
+Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors,
+sondern auch des ganzen Generalstabes
+spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung &bdquo;des
+Chefs&ldquo;, der einen seiner Untergebenen einfach
+zum Selbstmord kommandiert hat, sondern
+auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten
+versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche
+behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt
+und keine aktuelle Kriegsvorbereitung
+verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument
+des &bdquo;flaschengrünen Korpsgeistes&ldquo;, mit
+dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen
+Generalstab als höchste Klasse der
+Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem
+Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie
+verachteten die Truppe, sie mißachteten das
+Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren
+handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers
+und seiner Militärkanzlei nicht, &ndash; sie
+duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten.
+Immer war die Prätorianergarde
+mächtiger als der Regent. Selbst der
+Weltskandal der Redl-Affäre gab dem Erzherzog
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz
+aller Mühen und Anstrengungen einen ihm
+(allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu
+beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde
+noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet
+und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja,
+der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt
+wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt
+und wie ein Hohn der Überlebenden
+klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme
+dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers.
+Natürlich war die Haltung des Erzherzogs
+von der Wut darüber bestimmt, daß
+seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand,
+und seinem Hochmut der Hochmut
+der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke.
+Der Generalstab ließ keinen der Seinen
+vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor
+durfte einen Generalstäbler verurteilen, &ndash; deshalb
+Redls Selbstmord.
+</p>
+
+<p>
+Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle
+entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen
+der Armee gewußt und um alle aktuellen
+Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander
+hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein
+Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch
+wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten
+Nachrichten hätte liefern müssen, das, was
+man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer
+Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Spion. Mit einem einzigen
+Wort konnte man ihn zwingen.
+</p>
+
+<p>
+So einzigartig der Kriminalfall Redl auch
+scheinen mag, &ndash; er wird sich immer in irgendeiner
+Form wiederholen. Denn die Staaten
+sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens,
+das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod
+durch den Strang oder mit der Verbannung
+nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando
+zum Selbstmord.
+</p>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="ser">
+<span class="line1">In der Sammlung</span><br />
+<span class="line2">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
+<span class="line3">&ndash; DIE VERBRECHEN DER GEGENWART &ndash;</span><br />
+<span class="line4">sind bis jetzt folgende Bände erschienen:</span>
+</p>
+
+ <div class="table">
+ <div class="volumes">
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 1:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">ALFRED DÖBLIN</span><br />
+DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND<br />
+IHR GIFTMORD
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 2:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">EGON ERWIN KISCH</span><br />
+DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS<br />
+REDL
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 3:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br />
+DER MORD AM<br />
+POLIZEIAGENTEN BLAU
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 4:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">ERNST WEISS</span><br />
+DER FALL VUKOBRANKOVICS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 5:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">IWAN GOLL</span><br />
+GERMAINE BERTON,<br />
+DIE ROTE JUNGFRAU
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 6:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">THEODOR LESSING</span><br />
+HAARMANN, DIE GESCHICHTE<br />
+EINES WERWOLFS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 7:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">KARL OTTEN</span><br />
+DER FALL STRAUSS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 8:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">ARTHUR HOLITSCHER</span><br />
+DER FALL RAVACHOL
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 9:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">LEO LANIA</span><br />
+DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 10:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">FRANZ THEODOR CSOKOR</span><br />
+SCHUSS INS GESCHAEFT<br />
+DER FALL OTTO EISSLER
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 11:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">THOMAS SCHRAMEK</span><br />
+FREIHERR VON EGLOFFSTEIN<br />
+Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 12:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">KURT KERSTEN</span><br />
+DER MOSKAUER PROZESS GEGEN<br />
+DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 13:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">KARL FEDERN</span><br />
+DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
+</p>
+
+ </div>
+ <div class="r">
+<p class="v">
+Band 14:
+</p>
+
+<p class="t">
+<span class="firstline">HERMANN UNGAR</span><br />
+DIE ERMORDUNG<br />
+DES HAUPTMANNS HANIKA
+</p>
+
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+<p class="tb">
+*
+</p>
+
+<p class="s c">
+Ferner erscheinen noch Bände von:
+</p>
+
+<p class="c">
+HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD,
+E. I. GUMBEL, WALTER HASENCLEVER, GEORG
+KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS,
+EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ
+SCHICKELE, JAKOB WASSERMANN, ALFRED
+WOLFENSTEIN.
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="printer">
+OHLENROTH&rsquo;SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p class="skip_in_txt">
+Das Cover wurde vom Bearbeiter den ursprünglichen
+Bucheinbänden der Serie nachempfunden und der <i>public domain</i> zur Verfügung gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <span class="underline">Linse</span> ...<br />
+... der Wand hingen, waren Öffnungen für die <a href="#corr-0"><span class="underline">Linsen</span></a> ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...<br />
+... Armer Major Vorlicek<a href="#corr-2"><span class="underline">!</span></a> Vor seinem Hause ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... aufgetauchten <span class="underline">Gerüchten</span> ersucht, ...<br />
+... aufgetauchten <a href="#corr-9"><span class="underline">Gerüchte</span></a> ersucht, ...<br />
+</li>
+
+<li>
+ (mehrfache Fälle)<br />
+... Redls und des Auditors Dr. <span class="underline">Seeliger</span> dorthin. ...<br />
+... Redls und des Auditors Dr. <a href="#corr-10"><span class="underline">Seliger</span></a> dorthin. ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... mußte <span class="underline">ihm</span> den Kragen kosten, während ...<br />
+... mußte <a href="#corr-14"><span class="underline">ihn</span></a> den Kragen kosten, während ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <span class="underline">er</span> ...<br />
+... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem <a href="#corr-19"><span class="underline">es</span></a> ...<br />
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<pre style='margin-top:6em'>
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
+REDL ***
+
+This file should be named 63991-h.htm or 63991-h.zip
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/6/3/9/9/63991/
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
+specific permission. If you do not charge anything for copies of this
+eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given
+away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
+not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
+trademark license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country outside the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you will have to check the laws of the country where
+ you are located before using this ebook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
+provided that
+
+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
+Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
+trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+</pre>
+</body>
+</html>
diff --git a/old/63991-h/images/cover.jpg b/old/63991-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..b2bfb21
--- /dev/null
+++ b/old/63991-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/old/63991-h/images/logo1.jpg b/old/63991-h/images/logo1.jpg
new file mode 100644
index 0000000..65381b9
--- /dev/null
+++ b/old/63991-h/images/logo1.jpg
Binary files differ
diff --git a/old/63991-h/images/logo2.jpg b/old/63991-h/images/logo2.jpg
new file mode 100644
index 0000000..5c92f90
--- /dev/null
+++ b/old/63991-h/images/logo2.jpg
Binary files differ
diff --git a/old/63991-h/images/portrait.jpg b/old/63991-h/images/portrait.jpg
new file mode 100644
index 0000000..96cc211
--- /dev/null
+++ b/old/63991-h/images/portrait.jpg
Binary files differ
diff --git a/old/63991-page-images.zip b/old/63991-page-images.zip
new file mode 100644
index 0000000..2038e4f
--- /dev/null
+++ b/old/63991-page-images.zip
Binary files differ