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-The Project Gutenberg EBook of Die Krankheit, by Klabund (Alfred Henschke)
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this ebook.
-
-Title: Die Krankheit
-
-Author: Klabund (Alfred Henschke)
-
-Release Date: November 05, 2020 [EBook #63643]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was
- produced from images generously made available by The Internet
- Archive.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT ***
-
-
- Von _Klabund_ ist im gleichen Verlage erschienen:
-
- Morgenrot! Klabund!
- Die Tage dämmern!
-
- Gedichte
- Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--.
-
- Klabunds Karussell
-
- Zweite Auflage
- Geh. M. 3.--, geb. M. 4.--.
-
- Der Marketenderwagen
-
- Dritte Auflage
- Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--.
-
- Moreau
-
- Der Roman eines Soldaten
- Vierte Auflage
- Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--.
-
-
- In Vorbereitung:
-
- Die Himmelsleiter
-
- Gedichte.
-
-
-
-
- Die Krankheit
-
-
- Eine Erzählung
- von
- Klabund
-
- Zweite Auflage
-
-
- Berlin 1917
- Erich Reiß Verlag
-
-
- Geschrieben im Februar und März 1916
-
-
- Sybil Smolowa zu eigen
-
-
-
-
- I.
-
-
-»Sie sind also nur deshalb hierhergekommen, um zu sterben?« sagte der
-junge Deutsche und lief, die Hände in den unteren Taschen seiner
-kamelhaarbraunen Sportweste, aufgeregt und hustend durch den
-Zigarettenqualm.
-
-»Weshalb sonst?« sagte Sybil, die rauchend auf dem Bett lag, schlank und
-blond.
-
-»Scharmant, scharmant«, wisperte der kleine Japaner, der oben im
-Sanatorium Beaurivage Assistentendienste versah, und hielt ein blaues
-Speiglas, auf dem eine sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das
-Licht.
-
-»Zehn Kubikzentimeter Auswurf«, lächelte er, von irgendeiner inneren
-Fröhlichkeit betroffen.
-
-Er sprach fließend Deutsch und fließend Portugiesisch und gab sich
-zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese aus. Er unterhielt
-geheime Beziehungen zu dem Dienstmädchen des portugiesischen Konsuls.
-Das war eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet aussah. An
-Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille um den fettigen
-Hals, die das Bild des kleinen Japaners -- in seiner seidenen und
-faltenreichen Nationaltracht -- in sich verbarg.
-
-»Ich habe früher nur dunkle Frauen geliebt,« sagte der junge Deutsche
-und sah durch die Balkontür in den stürmenden Schnee, »Frauen mit
-schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln
-tappte mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es licht in mir.
-Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren und Hirschaugen. Dann eine mit
-roten Haaren und beinah blauen Augen, die violett glänzten. Meine
-Freunde verspotteten mich mit ihr und meinten, sie hätte neben ihren
-roten Haaren auch rote Augen, und ich liebte ein Kaninchen. -- Endlich
-wurde es ganz hell um mich. Die Sonne ging auf. Rasend blond aus einem
-Himmel blauer Blicke. Ich sah in den Mittag meines Lebens. Blauer
-Himmel, holde Sonne, warum wollen Sie mir nicht glauben, Sybil, daß Sie
-mein Tag sind?«
-
-»Oh!« Sybil wehrte leise ab. Sie schlug die Asche ihrer Zigarette auf
-den Bettvorleger.
-
-Der kleine Japaner stellte die blaue Flasche auf den Nachttisch und
-tanzte in eine dunkle Ecke des Zimmers. Man hörte ihn lachen: wie einen
-fremdartigen Wasservogel.
-
-Er unterhielt sich in seiner zischenden Sprache mit dem ausgestopften
-Papagei.
-
-Der bleiche bulgarische Offizier, der gekrümmt auf einem Hocker saß und
-in den Boden starrte, räusperte sich.
-
-Er hatte beide Balkankriege mitgemacht; die Schlacht bei Lüleburgas; die
-Belagerung von Adrianopel; den Stellungskampf an der Tschataldschalinie.
-Niemand durfte in seiner Anwesenheit vom Krieg sprechen. Ihm trat sofort
-der Schaum auf die Lippen.
-
-Als Professor Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, ihn das
-erstemal untersuchte und mit seinem eleganten weichen Hammer beklopfte,
-fiel er in Ohnmacht in dem Augenblick, als Dr. Froidevaux von einer
-chirurgischen Operation kommend, den weißen Mantel ein wenig mit Blut
-bespritzt, das Zimmer betrat.
-
-»Sybil,« sagte der Bulgare, »es wäre schlimm, wenn Sie stürben.
-Sylvester Glonner hat recht. Sie sind unsere blonde Sonne. Bei Ihnen im
-verqualmten Zimmer zu sitzen wärmt mehr, als auf der Liegehalle in der
-Mittagssonne schläfrig zu liegen. Die Davoser Sonne macht schläfrig. Sie
-machen wach.«
-
-Er fiel auf seinen Hocker zurück.
-
-Der junge Deutsche lehnte sich schwerfällig an den weiß polierten
-Schrank. Er erinnerte sich eines Verses von Hölderlin: Wo bist du?
-Trunken dämmert die Seele mir von aller deiner Wonne.
-
-»Wo bist du?« sagte er laut.
-
-Der Japaner lachte.
-
-Sylvester war, als hätte ein Blick von Sybil ihn flüchtig gestreift. Wie
-ein warmer Wind. Der Bulgare sah auf die Uhr:
-
-»Ich muß zur Liegekur. Es geht auf sechs.« Er klapperte an seinem
-Krückstock ohne Gruß zur Tür hinaus.
-
-Der kleine Japaner schwebte freundlich hinter ihm her.
-
-»Sie bleiben allein«, sagte Sylvester.
-
-»Wie immer ...«
-
-Sie blies den Zigarettenrauch in wahllosen Ornamenten zur Decke.
-
-Er gab ihr die Hand und ging.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische Stadt am Rande
-der Rocky mountains ... am Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum
-Abbruch jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels mit
-ihren funkelnden Liegehallen da und dort und kreuz und quer im Tal und
-an den Berglehnen errichtet. Obgleich sie selten über vier Stockwerke
-zählten, schienen sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der
-Liegehallen Wolkenkratzer.
-
-Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer, zwitschernde
-Brasilianer, duftende Französinnen, dunkle Russen wandelten im
-gleichmäßig getragenen Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von
-der Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei bis zum Grand-Hotel
-Belvedere und wieder zurück.
-
-Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten, oder ein
-Amerikaner, einen Skeleton wie einen Hund hinter sich herzerrend, über
-die Straße.
-
-Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger tönte
-Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack schwang eine graue Geige.
-»_Soupers de luxe en commande_« blinkte in goldenen Lettern unter der
-grau hüpfenden Geige.
-
-Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, fuhr in seinem
-schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze gehüllt, einen
-grüngestreiften Schal vorm Mund, königlich über die Promenade. Er war
-seit dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger Chefarzt und
-alleiniger Besitzer des renommierten und wohlflorierenden Sanatoriums
-Beaurivage, welches oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er
-war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach seinen Prinzipien in
-neunjähriger Kur ausgeheilt.
-
-Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten und beim Abschied
-von Davos seine Photographie bei Herrn Photographen Guardawal für drei
-Franken kauften, verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in
-verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm gesehen zu werden.
-Eigentlich hätten sie nach seiner Vorschrift schon Liegekur machen
-müssen. --
-
-Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich
-kaum in die Neue Züricher Zeitung vertieft, als Pein an seinen Tisch
-trat, Alfons Pein, der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der
-Bühnenmysterien »Kain und Abel« und »Golgatha«. Sein Leben und Dichten
-bestand in undeutlichen, verquollenen und verschwommenen Phantasien, die
-er mehr oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische Gedanken
-unterzulegen er sich krampfhaft bemühte.
-
-Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war eigentlich schon seit
-fünf Jahren gesund. Er hätte, ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten
-neu errungenen Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren können.
-Aber er fühlte wohl, daß er nur hier oben noch eine Rolle spielte, wo
-er, von den Kurgästen interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen
-belächelt, im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von kleinen
-blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und verwirrter Prosa versah.
-»Ich bin nun mal an Höhenluft gewöhnt«, schnaubte er und in seine Augen
-trat ein leerer, kindlicher Glanz.
-
-Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei Künsten weit über das
-Mittelmaß emporrage und daß man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur
-als Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... hatte sich
-früher einmal als Schauspieler und Regisseur betätigt (dazumal aus
-Geldmangel: aber dieses Motiv war bei ihm in Vergessenheit geraten) und
-gedachte dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen.
-
-»Wird sie spielen?« fragte er Sylvester.
-
-»Leider«, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth.
-
-Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter und wischte sich
-mit einem kleinen Spitzentaschentuch seine blaue Schneebrille ab.
-
-»Melange!« schnaubte er. »Die Sehnsucht jedes Schauspielers ist, auf der
-Bühne zu sterben. Vielleicht jedes Menschen. Ich habe viele Menschen
-sterben sehen. Der Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel.
-Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...«
-
-Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er verwest in sich, und das
-nennt er Romantik.
-
-»Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie ihr Leben.«
-
-Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem Löffel behutsam in den
-Kaffee getaucht hatte.
-
-»Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker«, sagte Sylvester.
-
-Peins strohbrauner Bart knisterte.
-
-»Dramatiker!«
-
-»In Ihrem Sinne ...« gab Sylvester lächelnd zu.
-
-Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in ihnen abgeknipst.
-
-»Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie ist ein Zustand des
-Leibes und der Seele. Ich wollte schon längst einmal eine Psychoanalyse
-der Schwindsucht schreiben.«
-
-»Tun Sie das.« Sylvester rief der Kellnerin »Zahlen!«
-
-
-
-
- III.
-
-
-Sylvester bewohnte in der Pension »Schönblick«, Davos-Dorf, ein schmales
-Südzimmer mit Privatbalkon im ersten Stock. Die Pension stand am Wald,
-dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und
-hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die
-vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres
-Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr.
-Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine
-Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr
-allgemein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit
-der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen und Absterben
-gebracht wird.
-
-In der Pension »Schönblick« wurde das Ehepaar Paustian deshalb mit einem
-gewissen gütigen Spott Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von
-jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und
-gleichsam innerlicher gewandelt hat.
-
-Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn die Freude des
-geistigen Kranken an Büchern verband.
-
-Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, schrieb in den
-wenigen Stunden, die er nicht Kur machen mußte, kleine literarische
-Betrachtungen über Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller,
-kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der
-Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las nur aus Höflichkeit Sylvesters
-Schriften, weil Sylvester sein Gast war. --
-
-Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das Gong zum Abendessen
-schlug.
-
-Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit Eau de Cologne und
-betrat den Speisesaal.
-
-Die Löffel klapperten in der Suppe.
-
-Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute Frau Bautz,
-Operettensängerin a. D. und wie alle Artisten aus Sachsen stammend,
-schrie in ihrer unangenehmen Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten
-an:
-
-»Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für meine nächste
-Hosenrolle?«
-
-Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen Krampski
-Toilettenfragen und die Mode des eleganten Herrn.
-
-»Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. Ausgeschlossen. Nicht
-für teures Geld. Ich brauche einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack,
-eine englische Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? 180 Franken hat
-er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur Shoping Sons. In den Dreck
-geworfen sind die 180 Franken.«
-
-Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und mißverstanden hatte,
-schnörkelte die Lippen:
-
-»Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.«
-
-»Ich habe einen Schneider in Basel,« sagte Krampski, »ich habe in jedem
-Land der Welt einen Schneider. Ich werde ihn nach Davos kommen lassen.
-Ich brauche einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?«
-
-Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches in
-Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein mochte.
-
-»Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd«, krähte der
-naturwissenschaftliche Oberlehrer. »Die Jagd bereichert die Kenntnisse
-des Menschen von der Natur. Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die
-hatte ein unausgetragenes Junges im Leib.«
-
-»Fabelhaft!« sagte Herr Klunkenbul. »Da haben Sie also eine Dublette zur
-Strecke gebracht!«
-
-»Es ist verboten, Ricken zu schießen«, sagte der Leutnant, leise
-verweisend.
-
-»Ricke -- was ist das?« fragte die hübsche Russin.
-
-»Ein weibliches Reh«, sagte Sylvester. --
-
-Er spricht mit mir, lächelte sie in sich hinein. --
-
-»Ich angle lieber«, die Operettensängerin wiegte sich in ihren Hüften.
-Sie sang die drei Worte wie einen Coupletrefrain.
-
-»Aber mit künstlichen Mücken«, sagte der Thorax. Der alte Herr
-Klunkenbul, Xylograph aus Braunschweig, ließ einige asthmatische
-Vokabeln aus seinem weißen Bart fallen; der stand wie eine beschneite
-Tanne im Hochwald seines Gesichts:
-
-»Davos ist im Glanz der funkelnden Wintersonne die reine Märchenwelt.«
-
-Man schien ihn nicht gehört zu haben und er wiederholte eigensinnig:
-
-»... die reine Märchenwelt ...«
-
-»Der Monismus ist eine bedauerliche Zeiterscheinung«, sagte Sylvester
-und wandte sich ernst an Herrn Klunkenbul.
-
-»Wie meinen Sie?« Herr Klunkenbuls Bart öffnete sich erstaunt.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte nur das Wort Monismus
-vernommen.
-
-»So glauben Sie nicht an Häckel und an seine wunderbaren
-Forschungsresultate?«
-
-»Ich glaube immer noch lieber an Gott«, sagte Sylvester.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer prustete überlegen. Herr
-Klunkenbul, der streng protestantisch gesinnt war, rief »Bravo!« und
-prostete Sylvester zu.
-
-Die hübsche Russin Agafja warf wie bunte Glasperlen strahlende Augen auf
-Sylvester.
-
-Er ist ein Dichter, dachte sie, ein deutscher Dichter -- aber ein
-Dichter, und sah Sonne, Mond und Sterne ihn umwandeln.
-
-Und während sie sich eine Mandarine schälte, sagte sie leise ein paar
-russische Verse:
-
- Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,
- Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran.
-
-»Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an den Affichen schillert
-in allen Regenbogenfarben.«
-
-»Der bunte Zettel wird sie freuen«, sagte Sylvester. »Sie wird an ihren
-toten Papagei denken.«
-
-»Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?«
-
-»Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht raten. Man _darf_
-ihr nicht raten. Hören Sie.«
-
-»Wer spielt denn den Mann?«
-
-»Der Mystiker, Herr Pein«, sagte Sylvester.
-
-»Und den Bruder?«
-
-Sylvester zögerte.
-
-»Es ist nicht ausgeschlossen, daß _ich_ ihn spiele. Aber bitte schweigen
-Sie noch davon. Auch der Bulgare möchte ihn spielen. Sogar der kleine
-Japaner.«
-
-»Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,« sagte der Thorax
-nachdenklich, »als ich noch in deutschen Mittelstädten Pepsinwein
-verkaufte. Ob ich es nicht wieder einmal versuche?«
-
-Die Pneumo streichelte seine Schulter.
-
-»Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du dein Exsudat
-wegkurierst. Was hast du heute gegen 7 Uhr gemessen?«
-
-»37,9«, sagte der Thorax beschämt.
-
-»Also«, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand. »Komm, du mußt zu
-Bett.«
-
-Sylvester verneigte sich leicht.
-
-Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft. Er spürte Kopfweh.
-
-Er ging die Schiastraße entlang.
-
-Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu Kolbinger.
-
-»Sekt!« sagte er strahlend.
-
-Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen Schnee. Ein harter
-Ellenbogen stieß in seine rechte Hüfte.
-
-Er drehte den Kopf.
-
-Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen Mütze auf dem Kopf,
-sah ihn an.
-
-»Kenne ich Sie?« fragte Sylvester.
-
-»Nein«, sagte das Mädchen trotzig.
-
-»Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen lassen?«
-
-»Ja«, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an.
-
-»Was wollen Sie von mir?«
-
-Das Mädchen lachte leise:
-
-»Sie!«
-
-»Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?«
-
-»Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.«
-
-»Welches Recht?«
-
-»Das Recht des Sterbenden.«
-
-Sie traten unter eine Laterne.
-
-Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht. Ihr Atem
-durchschnitt die kalte Winterluft mit noch eisigerem Hauch. In ihrem
-Körper rasselte es wie ein Motor.
-
-»Er schnurrt ab«, sagte das Mädchen. »Meine eine Lunge ist ganz weg. Und
-meine andere dreiviertel. Ich sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur
-mein Mund leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der
-Einsamkeit. Küssen Sie mich!«
-
-Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres verwesenden
-Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer über die Promenade.
-Zwei junge und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter ihr
-her.
-
-Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg langsam empor.
-
-Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht im Dunst der
-Nacht.
-
-An einer Bank hielt das Mädchen an.
-
-»Es sind zwölf unter Null«, sagte Sylvester.
-
-»O,« lächelte das Mädchen, »das macht nichts. Mir ist so warm als wären
-wir im August.«
-
-
-
-
- V.
-
-
-Der Bulgare hatte Sylvester, Leutnant Rätten, den Literaten Pein und den
-kleinen Japaner zu sich ins Sanatorium zum Tee gebeten.
-
-Natürlich machte jemand den Vorschlag, zu pokern.
-
-Der Bulgare holte ein Spiel amerikanischer Karten mit dem Joker aus der
-Nachttischschublade.
-
-»Warum haben Sie denn die Karten im Nachttisch?« fragte Sylvester.
-
-»Wenn ich nachts aufwache und nicht wieder einschlafen kann, muß ich
-etwas Interessantes zum Lesen haben. Dann betrachte ich mir die Karten.«
-
-Man spielte 1 Frank Satz, 10 Frank Grenze.
-
-Keiner sprach ein Wort.
-
-Der Japaner glänzte kupfern.
-
-Den Bulgaren strengte schon das Mischen so an, daß er hustete.
-
-Der Japaner gewann in lächerlich kurzer Zeit einige hundert Franken. Er
-wollte sich empfehlen und einen ärztlichen Besuch vorschützen.
-
-»Dageblieben«, brüllte Sylvester.
-
-Der Japaner zuckte die Achseln und mischte.
-
-Pein verlor in einem fort.
-
-Er verlor über hundert Franken in einem einzigen Spiel an Sylvester,
-weil Sylvester sein Full-hand mit einem Damen-vierling übertrumpfte. Das
-gab eine Extrarunde mit doppeltem Satz. Eine sogenannte moralische
-Ehrenrunde.
-
-»Vier Damen -- ominös!« sagte Pein.
-
-»Vier Damen sind weniger als eine«, sagte Sylvester. »Aber nicht beim
-Poker.«
-
-Bei der moralischen Ehrenrunde wanderte von Geber zu Geber eine kleine
-unzüchtige Holzschnitzerei, japanischer Herkunft und dem Japaner
-gehörig, zwei männliche Figuren im widernatürlichen Beischlaf begriffen
-darstellend.
-
-Der Japaner verlor.
-
-Von ihm glitt das Geld zu Sylvester hinüber. Die Glocke im Sanatorium
-läutete zum Abendbrot. Der Bulgare klingelte und ließ sich das Essen auf
-dem Zimmer servieren.
-
-Die übrigen verspürten wenig Hunger und sättigten sich eilig an den
-Kuchenresten, die vom Tee zurückgeblieben waren. Sie tranken dazu
-Danziger Goldwasser oder Allasch oder Curaçao.
-
-Keiner wollte aufhören zu spielen.
-
-»So gehen Sie doch«, sagte Sylvester zu dem kleinen Japaner. »Sie
-wollten doch schon vor zwei Stunden gehen.«
-
-Der Japaner zuckte die Achseln und blieb.
-
-Sylvester genoß das Spiel.
-
-»Ein Abbild des Lebens«, sagte der Bulgare. »Wer gibt? Ich habe die
-schönsten Stunden meines Lebens am Spieltisch verbracht. Schönere als je
-mit Frauen.«
-
-»Nur wer mit dem Gelde _spielt_, soll spielen«, sagte Sylvester.
-
-Pein zupfte nervös an seinem Fransenbart. Er verlor noch immer.
-
-»Ich werde meinen Verlust wieder einholen«, sagte er zitternd.
-
-»Das werden Sie nicht«, trumpfte Sylvester seinen Zehnerdrilling mit
-einem Flush. »Sie sind nur noch hier in Davos möglich. Unten, in der
-Welt, haben Sie längst ausgespielt.«
-
-Pein wimmerte erregter:
-
-»Was soll das heißen? Erst neulich habe ich im Züricher Pfauentheater in
-der führenden Rolle eines meiner Stücke gastiert und großen Beifall
-gefunden.«
-
-Der Japaner lachte wie ein fremdartiger Wasservogel.
-
-»Der Fushijama muß jetzt ganz in Blüte stehen«, wisperte er, zu
-Sylvester gewandt. »So sagen wir, wenn er beschneit ist. Aber auf den
-Seen zu seinen Füßen blinkt ewiger Sommer. Da gleiten die kleinen
-singenden Boote mit den Geishas und sie singen das süße Lied der
-Kirschenblüte.«
-
-Es schlug ein Uhr.
-
-Die letzten drei Runden wurden angesagt.
-
-Als sie abrechneten, hatte nur Pein verloren: etwa fünfhundert Franken.
-Er suchte fluchend nach seinen unförmigen Überschuhen.
-
-Sylvester verabschiedete sich rasch und schritt allein den Berg
-hinunter.
-
-Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. In dem Haus an der Promenade,
-in dem Sybil als einziger Pensionär wohnte, glänzte noch Licht. Als er
-näher an das Haus kam, erkannte Sylvester, daß das Licht in Sybils
-Zimmer brannte.
-
-Sie liest noch, dachte er.
-
- * * * * *
-
-Sybil aber lag wach im Bett und betrachtete Sylvesters Photographie, die
-er ihr geschenkt hatte. Es war eine Amateuraufnahme des Bulgaren und sie
-zeigte Sylvester in Gebirgstracht: braune Kniehosen, brauner Janker, an
-das Geländer einer Waldbrücke gelehnt.
-
-
-
-
- VI.
-
-
-»Oh,« sagte Sybil, »die Ärzte sind noch weit zurück mit ihrer
-Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell den Kranken zu heilen,
-wollen sie immer generell und schematisch die Krankheit heilen. Eine
-Krankheit ist aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur von
-relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke. Sein Fleisch und
-Blut. Das von den Medizinern nicht weniger als von den Juristen und den
-Philologen mit Paragraphen dirigiert werden will.«
-
-»Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung des Krebses!« sagte
-der kleine kluge Japaner. »Man kann konstitutionelle Krankheiten nicht
-lokal zur Heilung bringen.«
-
-»Meine Mutter«, sagte Sylvester leise, »litt an Brustkrebs. Sie ist wohl
-achtmal operiert worden. Ich war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht
-helfen. Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand geschlagen.«
-
-»Wie leichtsinnig«, sagte Sybil, »sind die Ärzte hier oben mit ihren
-Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige Temperaturerhöhung: gleich ins
-Bett. Das mag bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben. Bei
-Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett ist für den täglichen Tod,
-den Schlaf, da. Wie leicht birgt es den richtigen Tod.«
-
-»Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als Beispiel eines Todes
-gegolten, wie er sein soll«, meinte Sylvester. »Er starb draußen im
-Freien, in der Sonne, unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den
-letzten Blick einer Schwalbe zugehaucht.«
-
-»Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,« flüsterte der
-Bulgare auf seinem Hocker, »die Tuberkuloseheilung auf die Basis der
-sogenannten Liegekur zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in
-den Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne sich zu rühren,
-und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung, auf den Liegehallen
-liegen. Als ich das erstemal nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes
-wandelte, ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich ritt jeden
-Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden und ritt mich wieder ins
-Leben zurück. Nichts macht einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von
-Leysin aus auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten Tod
-prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich durch die jahrelange
-Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich brauche dann und wann eine
-Reaktion, um noch weiter zu können: eine Montblancbesteigung, ein
-dampfendes Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen Poker.«
-
-»Die Ärzte bedenken nicht,« sagte Sylvester verächtlich, »daß sie das,
-was sie auf der einen Seite gewinnen, auf der andern Seite wieder
-verlieren. Einer macht neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen.
-Seine Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit seinen
-übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine Nerven sind herunter.
-Seine Energie wie alter Kuchen zerbröselt. Er ist ein wachsweicher
-Klumpen angefressenen Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit
-taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein Parasit des Menschentums
-und zu nichts als seinem Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig
-Jahre alt, an der >_Dementia praecox_<.«
-
-Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf:
-
-»Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. Er liegt schon fünf Jahre
-im Bett. Griechen haben außer ihm das Sanatorium bisher nicht
-frequentiert. Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von ihrem
-Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da keiner mit ihm griechisch
-sprach, hat er in den fünf Jahren das Griechische, seine Muttersprache,
-vergessen. Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken auch
-nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder Griechisch noch Deutsch,
-und schwebt sprachlos in Zeit und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch
-beibringen.«
-
-Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über ihrem Bett.
-
-»Ihr müßt gehen,« sagte sie freundlich, »ich erwarte den alten Ronken.«
-
-Sie nahmen ihre Stöcke und gingen.
-
-
-
-
- VII.
-
-
-Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte Sybil mit seinem
-eleganten weichen Hammer.
-
-»Mein liebes gnädiges Fräulein,« zwitscherte er, »wir werden Sie röntgen
-müssen ...«
-
-»Tut das weh?« lächelte sie erschreckt, »ich habe Angst vor Schmerzen.«
-
-»Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose und beinahe
-unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie sich so weit fühlen, daß Sie gehen
-können, kommen Sie zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen
-Schlitten.« --
-
-Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins Sanatorium, sondern
-bei Sylvester vor.
-
-Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte Arsenikpillen, als
-der Kutscher auf die Veranda polterte:
-
-»Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn Doktor zu einer
-Spazierfahrt einladen.« Er warf sich einen Schal um den Hals und fuhr im
-Lift herunter.
-
-Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich.
-
-»Sybil,« sagte er, »Sie machen mich glücklich ...«
-
-»Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte«, sagte sie leise.
-
-Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, daß Sylvester
-ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht auch wollte er sie nicht
-empfinden.
-
-Sie glitten durchs Dorf, dem See zu.
-
-Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der Richtung Landquart-Zürich.
-
-»Möchten Sie«, fragte Sybil, »mit dem Zug zurück in die Ebene ... in den
-Glanz ... in das Leben?«
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Ohne Sie?«
-
-Sie schwieg.
-
-Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem.
-
-»Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? Ich bin krank. Und
-eine Schauspielerin. Eines von beiden schon sollte genügen, Sie zu
-erschrecken.«
-
-»Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, Sybil. Und also bin
-ich vielleicht kränker als Sie, Sybil. Ich bin ein Dichter und speie
-immer Blut.«
-
-»Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den Augen ...«
-
-»Und ich,« sagte er bitter, »da ich Blut speie, lebe mit dem Mund ...«
-
-Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen.
-
-Sybil fröstelte.
-
-»Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.«
-
-Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten Bergspitzen, rosa, als
-lagerten Quallen auf den Gipfeln.
-
-Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. Eigentlich
-wandeln wir auf dem Grund des Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte
-Stadt. Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als lebten wir,
-mit Perlen und goldenen Ketten behängt, über den Meergrund. Der Himmel
-wallt über uns, und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den
-Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer um unsere Glieder.
-Wir vermögen unsere Hände nicht mehr zu bewegen. Und gehen können wir in
-der dicken Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere Augen
-versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, bis zum Himmel zu dringen.
-Aber sie sind fast erblindet von dem vielen In-die-Höhe-stieren.
-
-
-
-
- VIII.
-
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose.
-An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin
-und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an
-der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als
-rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das
-niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich
-sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche
-Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des
-ganzen Hauses inne.
-
-Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer
-gemietet.
-
-Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters
-vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein
-ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden.
-Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die
-der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose
-benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne
-Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin
-geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit
-allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt
-entnommen waren. »Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten«, pflegte
-er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen.
-
-Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu
-begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension
-»Schönblick« anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose
-Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar
-nicht »reizend«, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten
-sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und
-daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu
-verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich -- er hielt das
-zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen
-Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich
-peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd
-erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?
-
- * * * * *
-
-Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus
-dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei
-abgereist.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett.
-
-Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs
-Zimmer zu bringen.
-
-Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen.
-Die Pneumo selber mußte es tun.
-
-Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer
-der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum
-geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas
-entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da.
-
-Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen
-russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen
-achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen
-Verse:
-
- Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,
- Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.
-
-
-
-
- IX.
-
-
-Lieber Harry!
-
-Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten,
-die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich
-nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen
-den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen,
-der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten
-kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem
-Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man
-darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen
-Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt
-Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die
-Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski,
-der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der
-naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt
-man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind
-zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt
-mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend,
-klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig
-herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und
-rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der
-Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein
-Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick
-in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das
-Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger
-Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der
-Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz
-nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und
-sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über
-die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg,
-Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos,
-Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es
-so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere
-mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und
-Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den
-Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir
-verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich
-in einer Person. -- Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es
-ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im »Weib«. Der Literat
-Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein
-werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich
-fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.
-
- Dein
- Sylvester.
-
-
-
-
- X.
-
-
-Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte Papagei stand auf einem
-kleinen Tisch neben ihr. Sie lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten
-Vogel hin und wieder eine zu.
-
-»Friß, Vogel, oder werde lebendig!«
-
-Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels »Weib« und studierte
-ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel ließ nur drei Figuren agieren: die
-Frau, den Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen muß
-theatralisch sehr geschickt verfertigt von dem Tiroler Dichter Korbinian
-Zirl, demselben, dem jenes bemerkenswerte Festspiel »Andreas Hofer«
-zugeschrieben wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen der Deutschen und
-Österreicher höher schlagen ließ. Im »Andreas Hofer« wie im »Weib«
-handelte es sich um eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch
-bewegten Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. Das
-Schauspiel »Weib« war von sämtlichen bedeutenden Bühnen Deutschlands
-angenommen: in der bestimmten Erwartung eines klingenden Kassenerfolges.
-Im »Deutschen Theater« in Berlin verdiente sich der berühmte böhmische
-Komiker Zawadil Schnallenbaum als Mann die tragischen Sporen. Aber fast
-überall im Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit verboten.
-Katholische und protestantische Pfarrerverbände, Jünglingsvereine und
-Vereine zum Schutz alleinreisender junger Mädchen erließen langatmige
-Proteste gegen das »Weib«. Selbst ein Rabbiner gab seiner Entrüstung in
-den Zionistischen Blättern Ausdruck. Der bekannte Zentrumsabgeordnete
-Dr. Aborterer sah in dem Schauspiel »Weib« eine schamlose Aufreizung zur
-Blutschande.
-
-Sybil war von der Rolle der Frau entzückt.
-
-Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem toten Papagei
-wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird nach mir das Weib spielen?
-
-Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin bei der Premiere
-dargestellt und rauschenden Beifall geerntet.
-
-Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer himmelblauen
-Atlasschleife geschickt, darauf waren diese Worte in Gold gestickt:
-
- Der dankbare Dichter seinem Weib.
-
-Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und sie in seinem
-treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit versichert:
-
-»Grad himmlisch is g'w'en, Fräul'n ... I hab beinah g'moant, i wär a
-Dichter ...«
-
- * * * * *
-
-Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater stattfinden. Pein,
-unterstützt von dem helläugigen Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen
-Churer, der die Redaktion des »Davoser Intelligenzblattes« leitete,
-hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, weil er selber spielte.
-
-»Unser Herr Alfons Pein«, so hatte Dr. Buri im Intelligenzblatt in der
-Voranzeige schreiben müssen, »hat sich in liebenswürdiger Weise bereit
-erklärt, die Rolle des Mann im >Weib< zu übernehmen.«
-
-Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, daß Tinte
-und Asche über das Manuskript sprühten.
-
-»Chaibe.«
-
-Er konnte Pein nicht ausstehen.
-
-Dann schrieb er weiter:
-
-»Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein Sybil Lindquist von
-den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, die sich zur Zeit zum Kurgebrauch
-in Davos aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung in
-Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie es eben nur eine Sybil
-Lindquist vermag. Herr Sylvester Glonner, einer der Führer der
-jungdeutschen Dichtung, den Davosern im besonderen nicht unbekannt als
-Autor des groteskschwermütigen Davoser Romans >Die Krankheit<, spielt
-die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf hat begonnen. Versorge sich ein
-jeder rechtzeitig mit Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.«
-
-Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und zündete sich
-erleichtert seine Pfeife an.
-
-
-
-
- XI.
-
-
-Für den 19. Februar nachmittag waren auch die diesjährigen Skikjöring-
-und Pferderennen angesetzt.
-
-Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester telephonisch an:
-
-»Sylvester ...?«
-
-»Sybil?«
-
-»Sie müssen reiten ...«
-
-»Was muß ich?«
-
-»Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.«
-
-»Was soll das?«
-
-»Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.«
-
-»Aber Sybil, welche Idee!«
-
-»Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen Davoser Pokal
-gewinnen.«
-
-»Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich würde nicht aus ihm
-trinken dürfen, denn ich bekäme sofort Nierenschmerzen.«
-
-»Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das Rennen gewinnen.
-Deshalb sollen Sie reiten. Ich werde auf Sie setzen beim Totalisator.«
-
-»Wann ist das Rennen?«
-
-»Am neunzehnten.«
-
-»Aber da müssen wir ja den Abend spielen!«
-
-»Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei. Um vier Uhr sind
-sie spätestens zu Ende. Da haben Sie genug Zeit, sich bis acht
-auszuruhen.«
-
-»Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe an dem Schauspiel
-schon genug ...«
-
-»Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal _handeln_ sehn ... Tun Sie
-einmal etwas! Handeln Sie einmal nicht künstlerisch künstlich,
-dichterisch, schauspielerisch. Handeln Sie einmal menschlich ...«
-
-»Ich bin krank, Sybil ...«
-
-»Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.« Ihre Stimme klang flehend.
-
-»Ich werde reiten, Sybil.« --
-
-Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er kannte und von dem er
-wußte, daß er das Rennen nicht reiten würde, der aber zwei Pferde laufen
-lassen wollte, und bat ihn, die »Miggi« reiten zu dürfen. In Graubünden
-heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und alle Mädchen Miggi.
-
-Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten von Sylvesters
-wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten sie den Kopf; bestellten sich
-aber sofort telegraphisch Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner
-wollte reiten.
-
-Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch, sich als Jockei
-vorzustellen.
-
-»Was meinst du, Grete,« fragte er die Pneumo, »ob ich in vierzehn Tagen
-reiten lernte und ob ich es aushielte?«
-
-»Kind,« sagte sie zärtlich, »was du für böse Träume hast. Du leidest
-immer häufiger an Alpdrücken. Du mußt abends vor dem Zubettgehen einen
-frischen Apfel essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...«
-
-
-
-
- XII.
-
-
-Sylvester gewann mit Miggi I den goldenen Pokal von Davos.
-
-Der Ausgang des Rennens rief beim Publikum eine ungeheure Aufregung
-hervor.
-
-Sybil wurde halb ohnmächtig vom Platz getragen und mußte mit drei
-Flaschen Eau de Cologne bespritzt werden, ehe sie wieder zu sich kam.
-
-Sylvester hob man auf die Schulter und trug ihn im Triumph in seine
-Pension.
-
-Der Thorax war heilig beglückt.
-
-Die Pneumo weinte Freude.
-
-»Die reine Fata Morgana!« sagte Herr Klunkenbul und wußte wohl selbst
-nicht, was er meinte.
-
-Sybil hatte ihr ganzes Geld beim Totalisator auf Sylvester gesetzt.
-Leider fiel die Quote sehr niedrig aus: 17:10, denn man hatte, nicht aus
-Sportlichkeit, aber aus Sensation oder Schwärmerei, auf den Dichter
-gesetzt.
-
-Der Bulgare und der kleine Japaner gratulierten Sybil. Der Japaner
-überreichte ihr eine Orchidee.
-
-»_Sie_ haben das Rennen gewonnen«, sagte der kluge, kleine Japaner.
-
-Sybil zuckte die Achseln.
-
- * * * * *
-
-Sylvester lag angekleidet auf seinem Bett. Graues Schicksal: dem Wort zu
-dienen. Dem schwesterlichen Chaos. Den torkelnden Träumen. Als ob ich
-ein lebendiger Mensch würde, wenn ich auf einem lebendigen Pferd reite.
-Pferde tragen auch Schatten, oder, im Zirkus, hold uniformierte Affen
-auf ihrem Rücken. Was wiege ich eigentlich? Hundertacht Pfund. Das
-richtige Jockeigewicht. Was Sybil sich bei diesem Sieg denkt? Was habe
-ich gewonnen? Ein paar sensationelle Notizen in der Tagespresse. Mein
-Bild als Reiter in der »Woche«, der »Berliner Illustrierten Zeitung« und
-im »Weltspiegel«. Seewald wird mich als Reiter ernstkomisch in Holz
-schneiden und das schwarze Bild farbig betupfen. Denn man muß mich erst
-künstlich bunt machen. Ich bin so ermüdet, als hätte man mich zu
-Graubündner Fleisch geritten. Ich wage diesen Wahnsinn des heutigen
-Rittes, den Wahnsinn des abendlichen Schauspiels vor den erglühten
-Rampen. Würde ich wagen, Sybils Hand zu küssen? Nie.
-
-
-
-
- XIII.
-
-
-Die Vorstellung das »Weib« im Kurtheater ging vor ausverkauftem Hause in
-Szene. Nach dem Rennerfolg des Nachmittags war der Züricher
-Korrespondent des »Berliner Blattes« im Auto herbeigeeilt, um dem
-Schauspiel beizuwohnen und telegraphisch darüber nach Berlin zu
-berichten.
-
-»Sensationelle Sache«, sagte er zu Pein. Es war ein dicker jüdischer
-Herr mit einer Hornbrille, hinter der zwei grüne Eulenaugen hervorsahen.
-
-»Die Lindquist ist schwer krank. Vielleicht stirbt sie auf der Bühne.
-Und dieser olympische Stern am Himmel des Turfs: Sylvester Glonner: als
-erstklassiger Dichter, erstklassiger Jockei, erstklassiger Schauspieler,
-wie?«
-
-»Na«, sagte Pein und verabschiedete sich, verärgert, daß der
-Korrespondent sich nicht mit ihm befaßte.
-
-»Altes Eisen,« sagte der jüdische Herr zu Dr. Buri, als Pein gegangen
-war, »ich darf ihn beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen. Als
-Schriftsteller meine ich. Als Schauspieler kenne ich ihn ja noch nicht.
-Aber diese mystischen Fatzkereien. Ekelhaft.«
-
-»Schmierig«, meinte Dr. Buri. »Sie sind schmierig wie schlecht geputzte
-Stiefel. Sie sollen glänzen wie Lack, aber es ist beim Altwarenhändler
-billig erstandenes, rissiges Kalbsleder.«
-
-»Übrigens wichst er sie zuviel, seine lyrischen Stiefel«, sagte der
-Korrespondent, den es beunruhigte, daß ein anderer in Bildern redete.
-»Dagegen der Glonner, mein Lieber: ein Talent. Ein großes Talent. Wir
-werden seinen nächsten Roman bringen, denn wir legen Wert auf ein
-literarisches Feuilleton.«
-
-
-
-
- XIV.
-
-
-Mann und Frau leben nebeneinander.
-
-Die Frau haßt den Mann.
-
-Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren einer
-höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen von Gier, hinter ihr
-her. Die Frau haßt den Mann, weil sie ihn einmal liebte.
-
-Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte.
-
-Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander her.
-
-Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf.
-
-Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die verdüsterte Stube.
-Halb verdurstet. Halb verhungert. Mit zerrissenen Kleidern,
-zerbröckelten Schuhen. Er stützt sich auf einen selbstgeschnitzten
-Wanderstab. Eine Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den Hals.
-Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne.
-
-Der Mann ist ausgegangen.
-
-Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt seinen Ranzen ab und seinen
-Stab.
-
-»Frau,« sagt er, »hier möchte ich bleiben. Hier ist meine Heimat.«
-
-»Ich habe einen Mann,« sagt die Frau, »er ist ein Tier.«
-
-»Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen, mit meiner
-Mundharmonika beschwören«, sagt der Blonde und bläst ein paar Töne.
-
-Die Frau hat Tränen in den Augen.
-
-»Warum weinst du?« fragt der Blonde traurig.
-
-»Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.«
-
-»Keine Musik? Wie ist das möglich?«
-
-»Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen und alle
-Musikinstrumente, die er im Hause fand: meine kleine Mundharmonika,
-meine kleine Flöte.«
-
-»Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?«
-
-»Um unser Haus singen keine Vögel.«
-
-»Warum verläßt du deinen Mann nicht?«
-
-»Ich kenne keinen andern Mann ...«
-
-»Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen --?«
-
-»Vor vielen Jahren --«
-
-»der ging auf die Wanderschaft --«
-
-»-- und ließ nie wieder von sich hören --«.
-
-»Erinnerst du dich seiner?«
-
-»Immer ...«
-
-»Wann?«
-
-»Immer und immer. Wenn der Frühling von den roten Märzwolken
-herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen. Wenn der Sommer die süßen
-Heudüfte in meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die
-herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter sterbend ihr
-schwebendes Sein vergolden. Wenn der alte Winter im weißen Mantel
-knirschend durch den knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen
-Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend, zu dunkler Nacht: immer
-und immer, zu jeder Stunde. Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In
-jedem Blick.«
-
-»Frau!«
-
-»Junger Mensch!«
-
-»Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!«
-
- * * * * *
-
-Sybil erblaßte.
-
-Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn.
-
-Sie lehnte sich an die Wand der Hütte.
-
-»Sylvester!«
-
-»Sybil!«
-
-Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen Armen auf.
-
-
-
-
- XV.
-
-
-Beifall überfiel die offene Szene.
-
-»Fabelhaft!« sagte der dicke jüdische Herr mit der Hornbrille. Seine
-Eulenaugen schillerten.
-
-Der Thorax, der in der ersten Reihe saß, zitterte.
-
-»Sie sterben beide auf offener Szene«, bebte er.
-
-Die Pneumo hatte Tränen in den Augen.
-
-»Brava!« rief ein Italiener wie wahnsinnig zu Sybil herauf. »Brava,
-brava! ...«
-
-Der Bulgare wischte sich mit einem kleinen seidenen Tuch, einem Geschenk
-Sybils, den Schweiß von der Stirn.
-
-Er mußte sich zusammenreißen, um in keinen Wutanfall auszubrechen. Um
-nicht Schaum vor die Lippen zu kriegen.
-
-»Das ist Krieg!« dachte er entsetzt, »da fließt Blut ...«
-
-Der kleine Japaner lächelte, freundlich interessiert.
-
-Europäer ... dachte er. Sie haben alle Hitze aus dem Äther in sich
-hineingesogen und verbrennen nun an- und ineinander unter einem kalten
-Himmel. In Japan trippeln unter einem heißen Himmel kalte Menschen auf
-Holzschuhen im klappernden Stakkato. Und ihre Liebe duftet weiß, kühl
-und weiß wie die Schneeblüte des Fushijama.
-
-
-
-
- XVI.
-
-
-Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie unterlag in den
-Wirtshäusern keiner Polizeistunde.
-
-In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum Abendessen. Nach dem
-Abendessen wurde rote Bowle und Rosinenkuchen gereicht.
-
-Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner Gäste am Gürtel, atemlos
-durch den Saal. Er mußte sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul
-gebärdete sich als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom
-Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen.
-
-Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, hustete heftig. Sie
-konnte den parfümierten Duft der Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal
-Rätten rauchte, nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot in
-der Pension Schönblick aufgehoben. -- Der schwäbische Violinvirtuose
-Krampski gab mit seiner Geige, der er häßliche Töne entlockte, einen
-italienischen Straßenmusikanten zum besten.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil es am billigsten
-war, eine Maske als Kostüm gewählt: Darwin. Er bemühte sich, einem
-blaukarierten fahrigen Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen.
-
-Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb und violett.
-
-Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon drei Gläser Bowle
-umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse schlotterte um seine magere Brust.
-Um seinen Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote Strümpfe
-funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. Eine Schirmmütze plattete
-seinen hohen Kopf ab.
-
-Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in Nationaltracht, der
-Japaner als deutscher Ritter und Minnesänger in einer hastig klappernden
-Blechrüstung.
-
-Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren Kleid.
-
-Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf den Korridoren
-geküßt.
-
-Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins »Rößli« gehen, droben im
-Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei sicher sehr, sehr amüsant.
-
-Man klatschte und brüllte Beifall.
-
-Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter sich drein.
-
-Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem der Virtuose Krampski
-mit Chopins Trauermarsch aufspielte. Im »Rößli« empfing sie ein
-betäubender Lärm von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden Füßen.
-Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten mit Dienst- und
-Ladenmädchen. Dazwischen einige Berliner Kurgäste, Saaltöchter und
-Soldaten. Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres
-verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer durch den
-Saal. Sie sang dazu die Marseillaise.
-
-Der Wirt vom »Rößli« wies den Herrschaften von Schönblick einen
-bequemern Nebenraum an. Man gelangte von dort nach Belieben in den Saal
-zum Tanzen, hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben.
-
-Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke seiner Rüstung
-schlug, ging in den Saal, das portugiesische Dienstmädchen zu suchen.
-
-Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische Magier. Der
-Straßenmusikant mit der blaukarierten Zofe und nach und nach die andern
-alle.
-
-Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben endlich allein
-zurück.
-
-
-
-
- XVII.
-
-
-»Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen«, sagte der Sioux und
-ging wie irrsinnig auf den Apachen los. Er zuckte als Dolch einen
-Fieberthermometer in der Hand.
-
-»Aber ich bin an beiden Lungen krank«, erwiderte der Apache höflich.
-Seine Schirmmütze war ihm so tief in die Stirne gerutscht, daß seine
-leicht entzündeten Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen.
-
-»Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden Lungen machen
-lassen.«
-
-»Dann stürbe ich ... auf der Stelle.«
-
-»Das sollen Sie ja!«
-
-Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die Schminke von hellblauen
-Adern durchdrungen, verschönte sich. Es wurde zart, wie wenn er eine
-Hymne von Novalis las.
-
-»Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb sind Sie doch nur hier
-oben, um zu sterben. Lebendig zu sterben.«
-
-Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal Ähnliches?
-
-»Sehen Sie«, der Sioux konnte nicht mehr stehen und setzte sich stöhnend
-auf einen Stuhl, »es ist mir ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich
-selber kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer in den
-Spiegel spähen ...«
-
-Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester sein
-übermüdetes Gehirn.
-
-»Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, den hauttuberkulösen
-Darwin. Ein unangenehmer Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und
-Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern Gäste beschweren
-sich immer über ihn. Aber ich rieche ihn gern, den Geruch der
-Verwesung.«
-
-Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet er wie Pein.
-
-»Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus dem Haus tragen, und am
-nächsten Morgen wird es heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte
-immer auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein
-unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern Lebens glänzt um
-den Tod. Auf Erden ist doch immer Krieg.«
-
-Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht aus tausend
-Seelen und spricht mit tausend Zungen.
-
-»Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb leicht. Wissen Sie,
-wen ich sterben sehen möchte? Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne
-untergeht und ein erhabener Aspekt.«
-
-Er hat Visionen, erschrak Sylvester, er prophezeit. --
-
-Die Pneumo und Sybil tanzten leise nach einem Grammophon. Durch die
-schmutzigen Fenstervorhänge blinzelte schon der Morgen.
-
-»Ich möchte jetzt lieber in einem Sarg als auf dem Liegestuhl liegen«,
-sagte Sybil. »Aber die Kur beginnt schon wieder ... Ein neuer Tag. Er
-ist so alt wie alle neuen Tage.«
-
-Sylvester hatte sich neben den Sioux gesetzt, und beide sahen schweigend
-dem Tanz der Frauen zu.
-
-Plötzlich hielt Sybil inne.
-
-Sie sah nach dem Fenster, das bleich und übernächtig in den dämmernden
-Morgen stierte.
-
-»Der Tag!« sagte sie.
-
-Ein ewiger Schmerz zuckte im Herzschlag dieser hingehauchten Worte.
-
-»Der Tag ...« wiederholte Sylvester für sich, »wessen Tag? Der meine
-nicht ...«
-
-»Die Krankheit!« röchelte der Sioux.
-
-Sybil zog den Vorhang zurück. Da brach der erste Strahl des Morgenrotes
-über die Berge. Aus Sybils Lippen, die kalkweiß erstarrt waren, lief ein
-dünner, glänzender Blutfaden wie eine rote Schlange.
-
-Sie wandte sich lächelnd um: »Das Morgenrot!« und glitt sanft zu Boden.
-
-
-
-
- XVIII.
-
-
-Sylvester sprang sofort hinzu. Er trug sie auf das verschlissene
-violette Plüschsofa, das den Raum zierte.
-
-»Ein Arzt!« brüllte plötzlich der Thorax.
-
-»Bleiben Sie bei ihr!«
-
-Die Pneumo nickte wortlos.
-
-Sylvester rannte durch den Saal.
-
-Da schlief in einer Ecke, an die Brust des portugiesischen
-Dienstmädchens gelehnt, der kleine Japaner.
-
-Sylvester schüttelte ihn wach.
-
-»Man braucht Sie! Man ist erkrankt!«
-
-Der Japaner folgte. Seine Rüstung klapperte wie unzählige Blechbüchsen.
-Er legte das gelbe, mausähnliche Ohr an Sybils Herz.
-
-Er faßte ihr den Puls.
-
-Er sah ihr auf den Mund.
-
-Dann zuckte er die Achseln.
-
-»Bringen Sie sie sofort nach Hause. Ich werde ihr eine
-Kampfereinspritzung machen. Übrigens kann es sich nur darum handeln, das
-Leben um ein paar Stunden zu verlängern.«
-
-»Das Sterben, meinen Sie«, sagte der Thorax. --
-
-Ein Schlitten war in der Eile nicht aufzutreiben. Eben klingelte draußen
-der erste Tram, der nach Davos-Platz fuhr.
-
-Sie schafften Sybil in den Tram, der von der sterbenden Sonne, dem
-Apachen, der Geisha, dem Ritter, dem portugiesischen Dienstmädchen und
-dem Sioux besetzt wurde.
-
-Zum Glück lag Sybils Pension an der Promenade.
-
-Der Tram konnte vor ihrer Wohnung halten.
-
-Als sie in ihrem Bett lag, schlug sie die Augen auf.
-
-»Bitte«, lächelte sie die Masken an, »verlassen Sie mich! Dank für Ihre
-Teilnahme an meinem Leben!«
-
-Sie wehrte den Japaner ab.
-
-»Ich brauche keine Einspritzung. Ich will Sylvester noch einmal
-sprechen.«
-
-Die Masken gingen.
-
-Der Apache blieb.
-
-»Sylvester,« sie legte alle Kraft ihres Herzens in ihren letzten Blick,
-»du letzter Tag meines Lebens!«
-
-Er hielt ihre Hände. Sein roter Schal streifte ihre gläserne Stirn.
-
-»Drück mir die Augen zu!«
-
-Er fiel von einem Hammerschlag getroffen zermalmt an ihrem Bett
-zusammen. Er hörte um sich leere Worte plappern, und es schien ihm, als
-fange der tote Papagei, der auf dem Nachttisch stand, wieder zu sprechen
-an.
-
-
-
-
- XIX.
-
-
-Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit an Sybils Grab.
-
-»Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. Einen blonden Baum.«
-
-Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte:
-
-»Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum in unserm Davoser
-Klima sich auch nur einen Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde,
-eine Minute, eine Sekunde hält.«
-
-Sylvester blieb starr.
-
-»Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, verlassen Sie sich
-darauf.«
-
-Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, den Herrn von
-seinem Aberwitz zu überzeugen.
-
-»Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige Schwedin. In Schweden
-liebt man die Zitronenbäume nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das
-Richtige oder eine Trauerweide.«
-
-»Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum auf das Grab
-pflanzen. Es muß ein Baum sein, der Früchte trägt.«
-
-»Nicht _eine_ Frucht wird er tragen«, schrie der Gärtner und schlüpfte
-aus der Friedhofspforte.
-
-Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten auf dem Metallblau des
-Himmels.
-
-Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf standen nur diese zwei
-Worte: Sybil Lindquist. Keine Altersangabe. Kein Geburts- und kein
-Todesdatum.
-
-Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der Pneumo, dem Bulgaren, dem
-Japaner und dem Leutnant gemeinsam gestiftet worden.
-
-Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof durchwandeln,
-werden glauben, sie sei erst gestern gestorben.
-
- * * * * *
-
-Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem Java-Kapok gefüttert
-und mit Schulterklappen und seitlichen Mufftaschen versehen war, auf
-seinem Privatbalkon.
-
-Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: eine nicht einmal
-besonders gelungene Ansichtskarte, die sie in einer ihrer Filmrollen als
-amerikanische Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler
-Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel.
-
-Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, klangen die
-eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... Bob ... an sein durch wollene
-Ohrmuscheln vor der Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen
-hilfeheischend wie die Rufe von Ertrinkenden.
-
-
-
-
- XX.
-
-
-Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester, als der Zug in
-Rorschach einlief. Hier ist also Friede. Und Frühling. Kein Schnee,
-keine rosa Kälte mehr. Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen
-Gesträuch.
-
-Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein. Kinder sprangen wie
-Kaskaden steinerne Stufen herunter. Mädchen zwitscherten unter den
-Laubengängen. Burschen lachten dröhnend.
-
-Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen Gassen. Aus
-einem Restaurant, an dem ein Schild »Frohsinn« angebracht war, tönte
-kleines Orchester. Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen von
-Pergolesi.
-
-Ein Brunnen rauschte.
-
-Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die Gassen sich den Berg
-hinauf. Und Sylvester glaubte zu weinen, sinnlos an eine Laterne
-gebeugt.
-
- * * * * *
-
-Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in Dämmerung übergegangen.
-Noch blaute der Tag über Sylvester.
-
-Er trat an den Bug.
-
-Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen, die nach Futter suchen.
-
-Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel; und auch mein Herz ist
-schon zu zermürbt und von andern Vögeln zerfressen, als daß ich es euch
-noch zum Fraß hinwerfen könnte.
-
- * * * * *
-
-Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn schwebte Lindau, in das
-der Dampfer wie ein Komet flammend und rauchend rauschte.
-
- * * * * *
-
-Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck hielt.
-
-Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu.
-
-Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten gelbe Wolken. Sie waren
-wie Aeroplane einer fremden Macht hinter ihm her, aber er war ihnen
-längst entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ sie weiter,
-immer weiter hinter sich.
-
-
-
-
- XXI.
-
-
-»Gehen wir in den Kino!« sagte Sylvester.
-
-»In welchen?«
-
-»In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt, in dem der erste
-Platz dreißig Pfennig kostet, und in dem man sich unbedingt eine Angina
-holt. -- Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.« --
-
-Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes Plakat: ein
-bleicher, blonder Frauenkopf, der sich wie eine Narzissenblüte auf einem
-Stengel wiegte. »Narzissenblüte« hieß der Film, und das sollte den Namen
-des Mädchens symbolisieren, denn unten auf dem Plakat waren ein
-Negerboxer und ein brauner Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer
-Viscount oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich,
-daß der Film auf einem Konflikt zwischen dem Neger und dem Weißen
-aufgebaut war. Ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond.
-
-Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur neben dem Kino.
-
-Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen.
-
-Harry sah einer schmalen Kellnerin nach.
-
-»Ißt du das Zeug gern?«
-
-Sylvester schüttelte den Kopf.
-
-»Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen Kastanien wärmen.« --
-
-Die Leinwand flammte auf.
-
-Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen und Lauben
-umgeben, trat eine schlanke, blonde Frau.
-
-Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes Sommerkleid und
-einen Biedermeierstrohhut mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband
-schwang sich vom Hut hernieder um den zarten Hals.
-
-Sie sah sich suchend um.
-
-Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden. Sie biß die
-Lippen aufeinander.
-
-Nun glitt ihr Blick gradeaus.
-
-Er blieb an Sylvester haften.
-
-Sybil hatte Sylvester entdeckt.
-
-Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten, seine Hände
-zitterten, die Muskeln ließen nach und die Kastanien rollten am Boden.
-
-»Ruhe!« rief eine Stimme.
-
-Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer.
-
-Sylvester marterte sich das Hirn:
-
-Wird sie tanzen?
-
-Da eilte von links ein eleganter junger Herr im Zylinder, Cutaway, in
-grauen Hosen mit schwarzer Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend,
-auf sie zu.
-
-Sie reichte ihm die Hand.
-
-Ihre Unruhe war verschwunden.
-
-Sie lächelte.
-
-Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor.
-
-Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete äffisch grinsend den
-Wagenschlag.
-
-Sybil stieg ein.
-
-Der Herr folgte.
-
-Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine Parkallee von
-Pappeln fliegen ... nun glitt es in den Wald und war den Blicken aller
-hinter Bäumen entschwunden.
-
-Sylvester stand auf.
-
-An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der Schweiß stand ihm auf der
-Stirn.
-
-»Gehen wir«, sagte er. --
-
-Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf der Straße waren,
-und das Entsetzen übte schon wieder Macht über ihn. Man müßte ihn wie
-einen Hund über den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des
-grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den Neger auf der Stelle
-niederknallt, wer soll dann den Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen
-Chausseegraben sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser Hirn würde
-auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen im Winde wehen. Ein Kopf
-ohne Hirn ... ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen ...
-und ... so süß zu hoffen ...
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT ***
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