summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-04 10:17:08 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-04 10:17:08 -0800
commit46ece27a0f0bba9f18c812c8176a9ac44f755bd0 (patch)
tree75575e147b48526584c724bb13074cc1b79055a1
parent4e8d2652accdb3157fea26945df3ee73b49eb363 (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/63643-0.txt2163
-rw-r--r--old/63643-0.zipbin34837 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63643-h.zipbin104439 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63643-h/63643-h.htm3662
-rw-r--r--old/63643-h/images/cover.jpgbin65963 -> 0 bytes
8 files changed, 17 insertions, 5825 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..84e281d
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #63643 (https://www.gutenberg.org/ebooks/63643)
diff --git a/old/63643-0.txt b/old/63643-0.txt
deleted file mode 100644
index db569c3..0000000
--- a/old/63643-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,2163 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die Krankheit, by Klabund (Alfred Henschke)
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this ebook.
-
-Title: Die Krankheit
-
-Author: Klabund (Alfred Henschke)
-
-Release Date: November 05, 2020 [EBook #63643]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was
- produced from images generously made available by The Internet
- Archive.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT ***
-
-
- Von _Klabund_ ist im gleichen Verlage erschienen:
-
- Morgenrot! Klabund!
- Die Tage dämmern!
-
- Gedichte
- Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--.
-
- Klabunds Karussell
-
- Zweite Auflage
- Geh. M. 3.--, geb. M. 4.--.
-
- Der Marketenderwagen
-
- Dritte Auflage
- Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--.
-
- Moreau
-
- Der Roman eines Soldaten
- Vierte Auflage
- Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--.
-
-
- In Vorbereitung:
-
- Die Himmelsleiter
-
- Gedichte.
-
-
-
-
- Die Krankheit
-
-
- Eine Erzählung
- von
- Klabund
-
- Zweite Auflage
-
-
- Berlin 1917
- Erich Reiß Verlag
-
-
- Geschrieben im Februar und März 1916
-
-
- Sybil Smolowa zu eigen
-
-
-
-
- I.
-
-
-»Sie sind also nur deshalb hierhergekommen, um zu sterben?« sagte der
-junge Deutsche und lief, die Hände in den unteren Taschen seiner
-kamelhaarbraunen Sportweste, aufgeregt und hustend durch den
-Zigarettenqualm.
-
-»Weshalb sonst?« sagte Sybil, die rauchend auf dem Bett lag, schlank und
-blond.
-
-»Scharmant, scharmant«, wisperte der kleine Japaner, der oben im
-Sanatorium Beaurivage Assistentendienste versah, und hielt ein blaues
-Speiglas, auf dem eine sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das
-Licht.
-
-»Zehn Kubikzentimeter Auswurf«, lächelte er, von irgendeiner inneren
-Fröhlichkeit betroffen.
-
-Er sprach fließend Deutsch und fließend Portugiesisch und gab sich
-zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese aus. Er unterhielt
-geheime Beziehungen zu dem Dienstmädchen des portugiesischen Konsuls.
-Das war eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet aussah. An
-Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille um den fettigen
-Hals, die das Bild des kleinen Japaners -- in seiner seidenen und
-faltenreichen Nationaltracht -- in sich verbarg.
-
-»Ich habe früher nur dunkle Frauen geliebt,« sagte der junge Deutsche
-und sah durch die Balkontür in den stürmenden Schnee, »Frauen mit
-schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln
-tappte mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es licht in mir.
-Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren und Hirschaugen. Dann eine mit
-roten Haaren und beinah blauen Augen, die violett glänzten. Meine
-Freunde verspotteten mich mit ihr und meinten, sie hätte neben ihren
-roten Haaren auch rote Augen, und ich liebte ein Kaninchen. -- Endlich
-wurde es ganz hell um mich. Die Sonne ging auf. Rasend blond aus einem
-Himmel blauer Blicke. Ich sah in den Mittag meines Lebens. Blauer
-Himmel, holde Sonne, warum wollen Sie mir nicht glauben, Sybil, daß Sie
-mein Tag sind?«
-
-»Oh!« Sybil wehrte leise ab. Sie schlug die Asche ihrer Zigarette auf
-den Bettvorleger.
-
-Der kleine Japaner stellte die blaue Flasche auf den Nachttisch und
-tanzte in eine dunkle Ecke des Zimmers. Man hörte ihn lachen: wie einen
-fremdartigen Wasservogel.
-
-Er unterhielt sich in seiner zischenden Sprache mit dem ausgestopften
-Papagei.
-
-Der bleiche bulgarische Offizier, der gekrümmt auf einem Hocker saß und
-in den Boden starrte, räusperte sich.
-
-Er hatte beide Balkankriege mitgemacht; die Schlacht bei Lüleburgas; die
-Belagerung von Adrianopel; den Stellungskampf an der Tschataldschalinie.
-Niemand durfte in seiner Anwesenheit vom Krieg sprechen. Ihm trat sofort
-der Schaum auf die Lippen.
-
-Als Professor Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, ihn das
-erstemal untersuchte und mit seinem eleganten weichen Hammer beklopfte,
-fiel er in Ohnmacht in dem Augenblick, als Dr. Froidevaux von einer
-chirurgischen Operation kommend, den weißen Mantel ein wenig mit Blut
-bespritzt, das Zimmer betrat.
-
-»Sybil,« sagte der Bulgare, »es wäre schlimm, wenn Sie stürben.
-Sylvester Glonner hat recht. Sie sind unsere blonde Sonne. Bei Ihnen im
-verqualmten Zimmer zu sitzen wärmt mehr, als auf der Liegehalle in der
-Mittagssonne schläfrig zu liegen. Die Davoser Sonne macht schläfrig. Sie
-machen wach.«
-
-Er fiel auf seinen Hocker zurück.
-
-Der junge Deutsche lehnte sich schwerfällig an den weiß polierten
-Schrank. Er erinnerte sich eines Verses von Hölderlin: Wo bist du?
-Trunken dämmert die Seele mir von aller deiner Wonne.
-
-»Wo bist du?« sagte er laut.
-
-Der Japaner lachte.
-
-Sylvester war, als hätte ein Blick von Sybil ihn flüchtig gestreift. Wie
-ein warmer Wind. Der Bulgare sah auf die Uhr:
-
-»Ich muß zur Liegekur. Es geht auf sechs.« Er klapperte an seinem
-Krückstock ohne Gruß zur Tür hinaus.
-
-Der kleine Japaner schwebte freundlich hinter ihm her.
-
-»Sie bleiben allein«, sagte Sylvester.
-
-»Wie immer ...«
-
-Sie blies den Zigarettenrauch in wahllosen Ornamenten zur Decke.
-
-Er gab ihr die Hand und ging.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische Stadt am Rande
-der Rocky mountains ... am Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum
-Abbruch jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels mit
-ihren funkelnden Liegehallen da und dort und kreuz und quer im Tal und
-an den Berglehnen errichtet. Obgleich sie selten über vier Stockwerke
-zählten, schienen sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der
-Liegehallen Wolkenkratzer.
-
-Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer, zwitschernde
-Brasilianer, duftende Französinnen, dunkle Russen wandelten im
-gleichmäßig getragenen Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von
-der Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei bis zum Grand-Hotel
-Belvedere und wieder zurück.
-
-Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten, oder ein
-Amerikaner, einen Skeleton wie einen Hund hinter sich herzerrend, über
-die Straße.
-
-Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger tönte
-Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack schwang eine graue Geige.
-»_Soupers de luxe en commande_« blinkte in goldenen Lettern unter der
-grau hüpfenden Geige.
-
-Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, fuhr in seinem
-schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze gehüllt, einen
-grüngestreiften Schal vorm Mund, königlich über die Promenade. Er war
-seit dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger Chefarzt und
-alleiniger Besitzer des renommierten und wohlflorierenden Sanatoriums
-Beaurivage, welches oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er
-war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach seinen Prinzipien in
-neunjähriger Kur ausgeheilt.
-
-Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten und beim Abschied
-von Davos seine Photographie bei Herrn Photographen Guardawal für drei
-Franken kauften, verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in
-verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm gesehen zu werden.
-Eigentlich hätten sie nach seiner Vorschrift schon Liegekur machen
-müssen. --
-
-Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich
-kaum in die Neue Züricher Zeitung vertieft, als Pein an seinen Tisch
-trat, Alfons Pein, der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der
-Bühnenmysterien »Kain und Abel« und »Golgatha«. Sein Leben und Dichten
-bestand in undeutlichen, verquollenen und verschwommenen Phantasien, die
-er mehr oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische Gedanken
-unterzulegen er sich krampfhaft bemühte.
-
-Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war eigentlich schon seit
-fünf Jahren gesund. Er hätte, ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten
-neu errungenen Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren können.
-Aber er fühlte wohl, daß er nur hier oben noch eine Rolle spielte, wo
-er, von den Kurgästen interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen
-belächelt, im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von kleinen
-blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und verwirrter Prosa versah.
-»Ich bin nun mal an Höhenluft gewöhnt«, schnaubte er und in seine Augen
-trat ein leerer, kindlicher Glanz.
-
-Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei Künsten weit über das
-Mittelmaß emporrage und daß man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur
-als Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... hatte sich
-früher einmal als Schauspieler und Regisseur betätigt (dazumal aus
-Geldmangel: aber dieses Motiv war bei ihm in Vergessenheit geraten) und
-gedachte dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen.
-
-»Wird sie spielen?« fragte er Sylvester.
-
-»Leider«, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth.
-
-Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter und wischte sich
-mit einem kleinen Spitzentaschentuch seine blaue Schneebrille ab.
-
-»Melange!« schnaubte er. »Die Sehnsucht jedes Schauspielers ist, auf der
-Bühne zu sterben. Vielleicht jedes Menschen. Ich habe viele Menschen
-sterben sehen. Der Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel.
-Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...«
-
-Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er verwest in sich, und das
-nennt er Romantik.
-
-»Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie ihr Leben.«
-
-Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem Löffel behutsam in den
-Kaffee getaucht hatte.
-
-»Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker«, sagte Sylvester.
-
-Peins strohbrauner Bart knisterte.
-
-»Dramatiker!«
-
-»In Ihrem Sinne ...« gab Sylvester lächelnd zu.
-
-Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in ihnen abgeknipst.
-
-»Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie ist ein Zustand des
-Leibes und der Seele. Ich wollte schon längst einmal eine Psychoanalyse
-der Schwindsucht schreiben.«
-
-»Tun Sie das.« Sylvester rief der Kellnerin »Zahlen!«
-
-
-
-
- III.
-
-
-Sylvester bewohnte in der Pension »Schönblick«, Davos-Dorf, ein schmales
-Südzimmer mit Privatbalkon im ersten Stock. Die Pension stand am Wald,
-dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und
-hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die
-vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres
-Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr.
-Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine
-Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr
-allgemein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit
-der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen und Absterben
-gebracht wird.
-
-In der Pension »Schönblick« wurde das Ehepaar Paustian deshalb mit einem
-gewissen gütigen Spott Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von
-jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und
-gleichsam innerlicher gewandelt hat.
-
-Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn die Freude des
-geistigen Kranken an Büchern verband.
-
-Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, schrieb in den
-wenigen Stunden, die er nicht Kur machen mußte, kleine literarische
-Betrachtungen über Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller,
-kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der
-Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las nur aus Höflichkeit Sylvesters
-Schriften, weil Sylvester sein Gast war. --
-
-Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das Gong zum Abendessen
-schlug.
-
-Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit Eau de Cologne und
-betrat den Speisesaal.
-
-Die Löffel klapperten in der Suppe.
-
-Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute Frau Bautz,
-Operettensängerin a. D. und wie alle Artisten aus Sachsen stammend,
-schrie in ihrer unangenehmen Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten
-an:
-
-»Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für meine nächste
-Hosenrolle?«
-
-Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen Krampski
-Toilettenfragen und die Mode des eleganten Herrn.
-
-»Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. Ausgeschlossen. Nicht
-für teures Geld. Ich brauche einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack,
-eine englische Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? 180 Franken hat
-er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur Shoping Sons. In den Dreck
-geworfen sind die 180 Franken.«
-
-Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und mißverstanden hatte,
-schnörkelte die Lippen:
-
-»Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.«
-
-»Ich habe einen Schneider in Basel,« sagte Krampski, »ich habe in jedem
-Land der Welt einen Schneider. Ich werde ihn nach Davos kommen lassen.
-Ich brauche einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?«
-
-Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches in
-Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein mochte.
-
-»Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd«, krähte der
-naturwissenschaftliche Oberlehrer. »Die Jagd bereichert die Kenntnisse
-des Menschen von der Natur. Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die
-hatte ein unausgetragenes Junges im Leib.«
-
-»Fabelhaft!« sagte Herr Klunkenbul. »Da haben Sie also eine Dublette zur
-Strecke gebracht!«
-
-»Es ist verboten, Ricken zu schießen«, sagte der Leutnant, leise
-verweisend.
-
-»Ricke -- was ist das?« fragte die hübsche Russin.
-
-»Ein weibliches Reh«, sagte Sylvester. --
-
-Er spricht mit mir, lächelte sie in sich hinein. --
-
-»Ich angle lieber«, die Operettensängerin wiegte sich in ihren Hüften.
-Sie sang die drei Worte wie einen Coupletrefrain.
-
-»Aber mit künstlichen Mücken«, sagte der Thorax. Der alte Herr
-Klunkenbul, Xylograph aus Braunschweig, ließ einige asthmatische
-Vokabeln aus seinem weißen Bart fallen; der stand wie eine beschneite
-Tanne im Hochwald seines Gesichts:
-
-»Davos ist im Glanz der funkelnden Wintersonne die reine Märchenwelt.«
-
-Man schien ihn nicht gehört zu haben und er wiederholte eigensinnig:
-
-»... die reine Märchenwelt ...«
-
-»Der Monismus ist eine bedauerliche Zeiterscheinung«, sagte Sylvester
-und wandte sich ernst an Herrn Klunkenbul.
-
-»Wie meinen Sie?« Herr Klunkenbuls Bart öffnete sich erstaunt.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte nur das Wort Monismus
-vernommen.
-
-»So glauben Sie nicht an Häckel und an seine wunderbaren
-Forschungsresultate?«
-
-»Ich glaube immer noch lieber an Gott«, sagte Sylvester.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer prustete überlegen. Herr
-Klunkenbul, der streng protestantisch gesinnt war, rief »Bravo!« und
-prostete Sylvester zu.
-
-Die hübsche Russin Agafja warf wie bunte Glasperlen strahlende Augen auf
-Sylvester.
-
-Er ist ein Dichter, dachte sie, ein deutscher Dichter -- aber ein
-Dichter, und sah Sonne, Mond und Sterne ihn umwandeln.
-
-Und während sie sich eine Mandarine schälte, sagte sie leise ein paar
-russische Verse:
-
- Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,
- Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran.
-
-»Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an den Affichen schillert
-in allen Regenbogenfarben.«
-
-»Der bunte Zettel wird sie freuen«, sagte Sylvester. »Sie wird an ihren
-toten Papagei denken.«
-
-»Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?«
-
-»Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht raten. Man _darf_
-ihr nicht raten. Hören Sie.«
-
-»Wer spielt denn den Mann?«
-
-»Der Mystiker, Herr Pein«, sagte Sylvester.
-
-»Und den Bruder?«
-
-Sylvester zögerte.
-
-»Es ist nicht ausgeschlossen, daß _ich_ ihn spiele. Aber bitte schweigen
-Sie noch davon. Auch der Bulgare möchte ihn spielen. Sogar der kleine
-Japaner.«
-
-»Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,« sagte der Thorax
-nachdenklich, »als ich noch in deutschen Mittelstädten Pepsinwein
-verkaufte. Ob ich es nicht wieder einmal versuche?«
-
-Die Pneumo streichelte seine Schulter.
-
-»Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du dein Exsudat
-wegkurierst. Was hast du heute gegen 7 Uhr gemessen?«
-
-»37,9«, sagte der Thorax beschämt.
-
-»Also«, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand. »Komm, du mußt zu
-Bett.«
-
-Sylvester verneigte sich leicht.
-
-Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft. Er spürte Kopfweh.
-
-Er ging die Schiastraße entlang.
-
-Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu Kolbinger.
-
-»Sekt!« sagte er strahlend.
-
-Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen Schnee. Ein harter
-Ellenbogen stieß in seine rechte Hüfte.
-
-Er drehte den Kopf.
-
-Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen Mütze auf dem Kopf,
-sah ihn an.
-
-»Kenne ich Sie?« fragte Sylvester.
-
-»Nein«, sagte das Mädchen trotzig.
-
-»Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen lassen?«
-
-»Ja«, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an.
-
-»Was wollen Sie von mir?«
-
-Das Mädchen lachte leise:
-
-»Sie!«
-
-»Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?«
-
-»Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.«
-
-»Welches Recht?«
-
-»Das Recht des Sterbenden.«
-
-Sie traten unter eine Laterne.
-
-Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht. Ihr Atem
-durchschnitt die kalte Winterluft mit noch eisigerem Hauch. In ihrem
-Körper rasselte es wie ein Motor.
-
-»Er schnurrt ab«, sagte das Mädchen. »Meine eine Lunge ist ganz weg. Und
-meine andere dreiviertel. Ich sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur
-mein Mund leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der
-Einsamkeit. Küssen Sie mich!«
-
-Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres verwesenden
-Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer über die Promenade.
-Zwei junge und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter ihr
-her.
-
-Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg langsam empor.
-
-Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht im Dunst der
-Nacht.
-
-An einer Bank hielt das Mädchen an.
-
-»Es sind zwölf unter Null«, sagte Sylvester.
-
-»O,« lächelte das Mädchen, »das macht nichts. Mir ist so warm als wären
-wir im August.«
-
-
-
-
- V.
-
-
-Der Bulgare hatte Sylvester, Leutnant Rätten, den Literaten Pein und den
-kleinen Japaner zu sich ins Sanatorium zum Tee gebeten.
-
-Natürlich machte jemand den Vorschlag, zu pokern.
-
-Der Bulgare holte ein Spiel amerikanischer Karten mit dem Joker aus der
-Nachttischschublade.
-
-»Warum haben Sie denn die Karten im Nachttisch?« fragte Sylvester.
-
-»Wenn ich nachts aufwache und nicht wieder einschlafen kann, muß ich
-etwas Interessantes zum Lesen haben. Dann betrachte ich mir die Karten.«
-
-Man spielte 1 Frank Satz, 10 Frank Grenze.
-
-Keiner sprach ein Wort.
-
-Der Japaner glänzte kupfern.
-
-Den Bulgaren strengte schon das Mischen so an, daß er hustete.
-
-Der Japaner gewann in lächerlich kurzer Zeit einige hundert Franken. Er
-wollte sich empfehlen und einen ärztlichen Besuch vorschützen.
-
-»Dageblieben«, brüllte Sylvester.
-
-Der Japaner zuckte die Achseln und mischte.
-
-Pein verlor in einem fort.
-
-Er verlor über hundert Franken in einem einzigen Spiel an Sylvester,
-weil Sylvester sein Full-hand mit einem Damen-vierling übertrumpfte. Das
-gab eine Extrarunde mit doppeltem Satz. Eine sogenannte moralische
-Ehrenrunde.
-
-»Vier Damen -- ominös!« sagte Pein.
-
-»Vier Damen sind weniger als eine«, sagte Sylvester. »Aber nicht beim
-Poker.«
-
-Bei der moralischen Ehrenrunde wanderte von Geber zu Geber eine kleine
-unzüchtige Holzschnitzerei, japanischer Herkunft und dem Japaner
-gehörig, zwei männliche Figuren im widernatürlichen Beischlaf begriffen
-darstellend.
-
-Der Japaner verlor.
-
-Von ihm glitt das Geld zu Sylvester hinüber. Die Glocke im Sanatorium
-läutete zum Abendbrot. Der Bulgare klingelte und ließ sich das Essen auf
-dem Zimmer servieren.
-
-Die übrigen verspürten wenig Hunger und sättigten sich eilig an den
-Kuchenresten, die vom Tee zurückgeblieben waren. Sie tranken dazu
-Danziger Goldwasser oder Allasch oder Curaçao.
-
-Keiner wollte aufhören zu spielen.
-
-»So gehen Sie doch«, sagte Sylvester zu dem kleinen Japaner. »Sie
-wollten doch schon vor zwei Stunden gehen.«
-
-Der Japaner zuckte die Achseln und blieb.
-
-Sylvester genoß das Spiel.
-
-»Ein Abbild des Lebens«, sagte der Bulgare. »Wer gibt? Ich habe die
-schönsten Stunden meines Lebens am Spieltisch verbracht. Schönere als je
-mit Frauen.«
-
-»Nur wer mit dem Gelde _spielt_, soll spielen«, sagte Sylvester.
-
-Pein zupfte nervös an seinem Fransenbart. Er verlor noch immer.
-
-»Ich werde meinen Verlust wieder einholen«, sagte er zitternd.
-
-»Das werden Sie nicht«, trumpfte Sylvester seinen Zehnerdrilling mit
-einem Flush. »Sie sind nur noch hier in Davos möglich. Unten, in der
-Welt, haben Sie längst ausgespielt.«
-
-Pein wimmerte erregter:
-
-»Was soll das heißen? Erst neulich habe ich im Züricher Pfauentheater in
-der führenden Rolle eines meiner Stücke gastiert und großen Beifall
-gefunden.«
-
-Der Japaner lachte wie ein fremdartiger Wasservogel.
-
-»Der Fushijama muß jetzt ganz in Blüte stehen«, wisperte er, zu
-Sylvester gewandt. »So sagen wir, wenn er beschneit ist. Aber auf den
-Seen zu seinen Füßen blinkt ewiger Sommer. Da gleiten die kleinen
-singenden Boote mit den Geishas und sie singen das süße Lied der
-Kirschenblüte.«
-
-Es schlug ein Uhr.
-
-Die letzten drei Runden wurden angesagt.
-
-Als sie abrechneten, hatte nur Pein verloren: etwa fünfhundert Franken.
-Er suchte fluchend nach seinen unförmigen Überschuhen.
-
-Sylvester verabschiedete sich rasch und schritt allein den Berg
-hinunter.
-
-Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. In dem Haus an der Promenade,
-in dem Sybil als einziger Pensionär wohnte, glänzte noch Licht. Als er
-näher an das Haus kam, erkannte Sylvester, daß das Licht in Sybils
-Zimmer brannte.
-
-Sie liest noch, dachte er.
-
- * * * * *
-
-Sybil aber lag wach im Bett und betrachtete Sylvesters Photographie, die
-er ihr geschenkt hatte. Es war eine Amateuraufnahme des Bulgaren und sie
-zeigte Sylvester in Gebirgstracht: braune Kniehosen, brauner Janker, an
-das Geländer einer Waldbrücke gelehnt.
-
-
-
-
- VI.
-
-
-»Oh,« sagte Sybil, »die Ärzte sind noch weit zurück mit ihrer
-Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell den Kranken zu heilen,
-wollen sie immer generell und schematisch die Krankheit heilen. Eine
-Krankheit ist aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur von
-relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke. Sein Fleisch und
-Blut. Das von den Medizinern nicht weniger als von den Juristen und den
-Philologen mit Paragraphen dirigiert werden will.«
-
-»Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung des Krebses!« sagte
-der kleine kluge Japaner. »Man kann konstitutionelle Krankheiten nicht
-lokal zur Heilung bringen.«
-
-»Meine Mutter«, sagte Sylvester leise, »litt an Brustkrebs. Sie ist wohl
-achtmal operiert worden. Ich war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht
-helfen. Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand geschlagen.«
-
-»Wie leichtsinnig«, sagte Sybil, »sind die Ärzte hier oben mit ihren
-Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige Temperaturerhöhung: gleich ins
-Bett. Das mag bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben. Bei
-Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett ist für den täglichen Tod,
-den Schlaf, da. Wie leicht birgt es den richtigen Tod.«
-
-»Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als Beispiel eines Todes
-gegolten, wie er sein soll«, meinte Sylvester. »Er starb draußen im
-Freien, in der Sonne, unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den
-letzten Blick einer Schwalbe zugehaucht.«
-
-»Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,« flüsterte der
-Bulgare auf seinem Hocker, »die Tuberkuloseheilung auf die Basis der
-sogenannten Liegekur zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in
-den Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne sich zu rühren,
-und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung, auf den Liegehallen
-liegen. Als ich das erstemal nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes
-wandelte, ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich ritt jeden
-Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden und ritt mich wieder ins
-Leben zurück. Nichts macht einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von
-Leysin aus auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten Tod
-prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich durch die jahrelange
-Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich brauche dann und wann eine
-Reaktion, um noch weiter zu können: eine Montblancbesteigung, ein
-dampfendes Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen Poker.«
-
-»Die Ärzte bedenken nicht,« sagte Sylvester verächtlich, »daß sie das,
-was sie auf der einen Seite gewinnen, auf der andern Seite wieder
-verlieren. Einer macht neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen.
-Seine Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit seinen
-übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine Nerven sind herunter.
-Seine Energie wie alter Kuchen zerbröselt. Er ist ein wachsweicher
-Klumpen angefressenen Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit
-taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein Parasit des Menschentums
-und zu nichts als seinem Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig
-Jahre alt, an der >_Dementia praecox_<.«
-
-Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf:
-
-»Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. Er liegt schon fünf Jahre
-im Bett. Griechen haben außer ihm das Sanatorium bisher nicht
-frequentiert. Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von ihrem
-Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da keiner mit ihm griechisch
-sprach, hat er in den fünf Jahren das Griechische, seine Muttersprache,
-vergessen. Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken auch
-nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder Griechisch noch Deutsch,
-und schwebt sprachlos in Zeit und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch
-beibringen.«
-
-Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über ihrem Bett.
-
-»Ihr müßt gehen,« sagte sie freundlich, »ich erwarte den alten Ronken.«
-
-Sie nahmen ihre Stöcke und gingen.
-
-
-
-
- VII.
-
-
-Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte Sybil mit seinem
-eleganten weichen Hammer.
-
-»Mein liebes gnädiges Fräulein,« zwitscherte er, »wir werden Sie röntgen
-müssen ...«
-
-»Tut das weh?« lächelte sie erschreckt, »ich habe Angst vor Schmerzen.«
-
-»Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose und beinahe
-unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie sich so weit fühlen, daß Sie gehen
-können, kommen Sie zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen
-Schlitten.« --
-
-Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins Sanatorium, sondern
-bei Sylvester vor.
-
-Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte Arsenikpillen, als
-der Kutscher auf die Veranda polterte:
-
-»Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn Doktor zu einer
-Spazierfahrt einladen.« Er warf sich einen Schal um den Hals und fuhr im
-Lift herunter.
-
-Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich.
-
-»Sybil,« sagte er, »Sie machen mich glücklich ...«
-
-»Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte«, sagte sie leise.
-
-Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, daß Sylvester
-ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht auch wollte er sie nicht
-empfinden.
-
-Sie glitten durchs Dorf, dem See zu.
-
-Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der Richtung Landquart-Zürich.
-
-»Möchten Sie«, fragte Sybil, »mit dem Zug zurück in die Ebene ... in den
-Glanz ... in das Leben?«
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Ohne Sie?«
-
-Sie schwieg.
-
-Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem.
-
-»Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? Ich bin krank. Und
-eine Schauspielerin. Eines von beiden schon sollte genügen, Sie zu
-erschrecken.«
-
-»Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, Sybil. Und also bin
-ich vielleicht kränker als Sie, Sybil. Ich bin ein Dichter und speie
-immer Blut.«
-
-»Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den Augen ...«
-
-»Und ich,« sagte er bitter, »da ich Blut speie, lebe mit dem Mund ...«
-
-Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen.
-
-Sybil fröstelte.
-
-»Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.«
-
-Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten Bergspitzen, rosa, als
-lagerten Quallen auf den Gipfeln.
-
-Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. Eigentlich
-wandeln wir auf dem Grund des Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte
-Stadt. Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als lebten wir,
-mit Perlen und goldenen Ketten behängt, über den Meergrund. Der Himmel
-wallt über uns, und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den
-Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer um unsere Glieder.
-Wir vermögen unsere Hände nicht mehr zu bewegen. Und gehen können wir in
-der dicken Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere Augen
-versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, bis zum Himmel zu dringen.
-Aber sie sind fast erblindet von dem vielen In-die-Höhe-stieren.
-
-
-
-
- VIII.
-
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose.
-An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin
-und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an
-der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als
-rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das
-niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich
-sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche
-Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des
-ganzen Hauses inne.
-
-Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer
-gemietet.
-
-Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters
-vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein
-ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden.
-Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die
-der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose
-benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne
-Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin
-geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit
-allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt
-entnommen waren. »Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten«, pflegte
-er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen.
-
-Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu
-begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension
-»Schönblick« anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose
-Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar
-nicht »reizend«, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten
-sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und
-daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu
-verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich -- er hielt das
-zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen
-Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich
-peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd
-erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?
-
- * * * * *
-
-Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus
-dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei
-abgereist.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett.
-
-Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs
-Zimmer zu bringen.
-
-Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen.
-Die Pneumo selber mußte es tun.
-
-Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer
-der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum
-geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas
-entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da.
-
-Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen
-russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen
-achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen
-Verse:
-
- Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,
- Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.
-
-
-
-
- IX.
-
-
-Lieber Harry!
-
-Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten,
-die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich
-nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen
-den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen,
-der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten
-kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem
-Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man
-darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen
-Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt
-Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die
-Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski,
-der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der
-naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt
-man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind
-zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt
-mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend,
-klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig
-herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und
-rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der
-Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein
-Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick
-in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das
-Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger
-Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der
-Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz
-nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und
-sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über
-die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg,
-Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos,
-Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es
-so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere
-mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und
-Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den
-Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir
-verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich
-in einer Person. -- Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es
-ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im »Weib«. Der Literat
-Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein
-werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich
-fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.
-
- Dein
- Sylvester.
-
-
-
-
- X.
-
-
-Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte Papagei stand auf einem
-kleinen Tisch neben ihr. Sie lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten
-Vogel hin und wieder eine zu.
-
-»Friß, Vogel, oder werde lebendig!«
-
-Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels »Weib« und studierte
-ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel ließ nur drei Figuren agieren: die
-Frau, den Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen muß
-theatralisch sehr geschickt verfertigt von dem Tiroler Dichter Korbinian
-Zirl, demselben, dem jenes bemerkenswerte Festspiel »Andreas Hofer«
-zugeschrieben wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen der Deutschen und
-Österreicher höher schlagen ließ. Im »Andreas Hofer« wie im »Weib«
-handelte es sich um eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch
-bewegten Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. Das
-Schauspiel »Weib« war von sämtlichen bedeutenden Bühnen Deutschlands
-angenommen: in der bestimmten Erwartung eines klingenden Kassenerfolges.
-Im »Deutschen Theater« in Berlin verdiente sich der berühmte böhmische
-Komiker Zawadil Schnallenbaum als Mann die tragischen Sporen. Aber fast
-überall im Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit verboten.
-Katholische und protestantische Pfarrerverbände, Jünglingsvereine und
-Vereine zum Schutz alleinreisender junger Mädchen erließen langatmige
-Proteste gegen das »Weib«. Selbst ein Rabbiner gab seiner Entrüstung in
-den Zionistischen Blättern Ausdruck. Der bekannte Zentrumsabgeordnete
-Dr. Aborterer sah in dem Schauspiel »Weib« eine schamlose Aufreizung zur
-Blutschande.
-
-Sybil war von der Rolle der Frau entzückt.
-
-Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem toten Papagei
-wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird nach mir das Weib spielen?
-
-Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin bei der Premiere
-dargestellt und rauschenden Beifall geerntet.
-
-Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer himmelblauen
-Atlasschleife geschickt, darauf waren diese Worte in Gold gestickt:
-
- Der dankbare Dichter seinem Weib.
-
-Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und sie in seinem
-treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit versichert:
-
-»Grad himmlisch is g'w'en, Fräul'n ... I hab beinah g'moant, i wär a
-Dichter ...«
-
- * * * * *
-
-Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater stattfinden. Pein,
-unterstützt von dem helläugigen Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen
-Churer, der die Redaktion des »Davoser Intelligenzblattes« leitete,
-hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, weil er selber spielte.
-
-»Unser Herr Alfons Pein«, so hatte Dr. Buri im Intelligenzblatt in der
-Voranzeige schreiben müssen, »hat sich in liebenswürdiger Weise bereit
-erklärt, die Rolle des Mann im >Weib< zu übernehmen.«
-
-Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, daß Tinte
-und Asche über das Manuskript sprühten.
-
-»Chaibe.«
-
-Er konnte Pein nicht ausstehen.
-
-Dann schrieb er weiter:
-
-»Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein Sybil Lindquist von
-den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, die sich zur Zeit zum Kurgebrauch
-in Davos aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung in
-Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie es eben nur eine Sybil
-Lindquist vermag. Herr Sylvester Glonner, einer der Führer der
-jungdeutschen Dichtung, den Davosern im besonderen nicht unbekannt als
-Autor des groteskschwermütigen Davoser Romans >Die Krankheit<, spielt
-die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf hat begonnen. Versorge sich ein
-jeder rechtzeitig mit Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.«
-
-Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und zündete sich
-erleichtert seine Pfeife an.
-
-
-
-
- XI.
-
-
-Für den 19. Februar nachmittag waren auch die diesjährigen Skikjöring-
-und Pferderennen angesetzt.
-
-Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester telephonisch an:
-
-»Sylvester ...?«
-
-»Sybil?«
-
-»Sie müssen reiten ...«
-
-»Was muß ich?«
-
-»Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.«
-
-»Was soll das?«
-
-»Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.«
-
-»Aber Sybil, welche Idee!«
-
-»Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen Davoser Pokal
-gewinnen.«
-
-»Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich würde nicht aus ihm
-trinken dürfen, denn ich bekäme sofort Nierenschmerzen.«
-
-»Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das Rennen gewinnen.
-Deshalb sollen Sie reiten. Ich werde auf Sie setzen beim Totalisator.«
-
-»Wann ist das Rennen?«
-
-»Am neunzehnten.«
-
-»Aber da müssen wir ja den Abend spielen!«
-
-»Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei. Um vier Uhr sind
-sie spätestens zu Ende. Da haben Sie genug Zeit, sich bis acht
-auszuruhen.«
-
-»Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe an dem Schauspiel
-schon genug ...«
-
-»Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal _handeln_ sehn ... Tun Sie
-einmal etwas! Handeln Sie einmal nicht künstlerisch künstlich,
-dichterisch, schauspielerisch. Handeln Sie einmal menschlich ...«
-
-»Ich bin krank, Sybil ...«
-
-»Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.« Ihre Stimme klang flehend.
-
-»Ich werde reiten, Sybil.« --
-
-Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er kannte und von dem er
-wußte, daß er das Rennen nicht reiten würde, der aber zwei Pferde laufen
-lassen wollte, und bat ihn, die »Miggi« reiten zu dürfen. In Graubünden
-heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und alle Mädchen Miggi.
-
-Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten von Sylvesters
-wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten sie den Kopf; bestellten sich
-aber sofort telegraphisch Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner
-wollte reiten.
-
-Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch, sich als Jockei
-vorzustellen.
-
-»Was meinst du, Grete,« fragte er die Pneumo, »ob ich in vierzehn Tagen
-reiten lernte und ob ich es aushielte?«
-
-»Kind,« sagte sie zärtlich, »was du für böse Träume hast. Du leidest
-immer häufiger an Alpdrücken. Du mußt abends vor dem Zubettgehen einen
-frischen Apfel essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...«
-
-
-
-
- XII.
-
-
-Sylvester gewann mit Miggi I den goldenen Pokal von Davos.
-
-Der Ausgang des Rennens rief beim Publikum eine ungeheure Aufregung
-hervor.
-
-Sybil wurde halb ohnmächtig vom Platz getragen und mußte mit drei
-Flaschen Eau de Cologne bespritzt werden, ehe sie wieder zu sich kam.
-
-Sylvester hob man auf die Schulter und trug ihn im Triumph in seine
-Pension.
-
-Der Thorax war heilig beglückt.
-
-Die Pneumo weinte Freude.
-
-»Die reine Fata Morgana!« sagte Herr Klunkenbul und wußte wohl selbst
-nicht, was er meinte.
-
-Sybil hatte ihr ganzes Geld beim Totalisator auf Sylvester gesetzt.
-Leider fiel die Quote sehr niedrig aus: 17:10, denn man hatte, nicht aus
-Sportlichkeit, aber aus Sensation oder Schwärmerei, auf den Dichter
-gesetzt.
-
-Der Bulgare und der kleine Japaner gratulierten Sybil. Der Japaner
-überreichte ihr eine Orchidee.
-
-»_Sie_ haben das Rennen gewonnen«, sagte der kluge, kleine Japaner.
-
-Sybil zuckte die Achseln.
-
- * * * * *
-
-Sylvester lag angekleidet auf seinem Bett. Graues Schicksal: dem Wort zu
-dienen. Dem schwesterlichen Chaos. Den torkelnden Träumen. Als ob ich
-ein lebendiger Mensch würde, wenn ich auf einem lebendigen Pferd reite.
-Pferde tragen auch Schatten, oder, im Zirkus, hold uniformierte Affen
-auf ihrem Rücken. Was wiege ich eigentlich? Hundertacht Pfund. Das
-richtige Jockeigewicht. Was Sybil sich bei diesem Sieg denkt? Was habe
-ich gewonnen? Ein paar sensationelle Notizen in der Tagespresse. Mein
-Bild als Reiter in der »Woche«, der »Berliner Illustrierten Zeitung« und
-im »Weltspiegel«. Seewald wird mich als Reiter ernstkomisch in Holz
-schneiden und das schwarze Bild farbig betupfen. Denn man muß mich erst
-künstlich bunt machen. Ich bin so ermüdet, als hätte man mich zu
-Graubündner Fleisch geritten. Ich wage diesen Wahnsinn des heutigen
-Rittes, den Wahnsinn des abendlichen Schauspiels vor den erglühten
-Rampen. Würde ich wagen, Sybils Hand zu küssen? Nie.
-
-
-
-
- XIII.
-
-
-Die Vorstellung das »Weib« im Kurtheater ging vor ausverkauftem Hause in
-Szene. Nach dem Rennerfolg des Nachmittags war der Züricher
-Korrespondent des »Berliner Blattes« im Auto herbeigeeilt, um dem
-Schauspiel beizuwohnen und telegraphisch darüber nach Berlin zu
-berichten.
-
-»Sensationelle Sache«, sagte er zu Pein. Es war ein dicker jüdischer
-Herr mit einer Hornbrille, hinter der zwei grüne Eulenaugen hervorsahen.
-
-»Die Lindquist ist schwer krank. Vielleicht stirbt sie auf der Bühne.
-Und dieser olympische Stern am Himmel des Turfs: Sylvester Glonner: als
-erstklassiger Dichter, erstklassiger Jockei, erstklassiger Schauspieler,
-wie?«
-
-»Na«, sagte Pein und verabschiedete sich, verärgert, daß der
-Korrespondent sich nicht mit ihm befaßte.
-
-»Altes Eisen,« sagte der jüdische Herr zu Dr. Buri, als Pein gegangen
-war, »ich darf ihn beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen. Als
-Schriftsteller meine ich. Als Schauspieler kenne ich ihn ja noch nicht.
-Aber diese mystischen Fatzkereien. Ekelhaft.«
-
-»Schmierig«, meinte Dr. Buri. »Sie sind schmierig wie schlecht geputzte
-Stiefel. Sie sollen glänzen wie Lack, aber es ist beim Altwarenhändler
-billig erstandenes, rissiges Kalbsleder.«
-
-»Übrigens wichst er sie zuviel, seine lyrischen Stiefel«, sagte der
-Korrespondent, den es beunruhigte, daß ein anderer in Bildern redete.
-»Dagegen der Glonner, mein Lieber: ein Talent. Ein großes Talent. Wir
-werden seinen nächsten Roman bringen, denn wir legen Wert auf ein
-literarisches Feuilleton.«
-
-
-
-
- XIV.
-
-
-Mann und Frau leben nebeneinander.
-
-Die Frau haßt den Mann.
-
-Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren einer
-höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen von Gier, hinter ihr
-her. Die Frau haßt den Mann, weil sie ihn einmal liebte.
-
-Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte.
-
-Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander her.
-
-Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf.
-
-Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die verdüsterte Stube.
-Halb verdurstet. Halb verhungert. Mit zerrissenen Kleidern,
-zerbröckelten Schuhen. Er stützt sich auf einen selbstgeschnitzten
-Wanderstab. Eine Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den Hals.
-Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne.
-
-Der Mann ist ausgegangen.
-
-Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt seinen Ranzen ab und seinen
-Stab.
-
-»Frau,« sagt er, »hier möchte ich bleiben. Hier ist meine Heimat.«
-
-»Ich habe einen Mann,« sagt die Frau, »er ist ein Tier.«
-
-»Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen, mit meiner
-Mundharmonika beschwören«, sagt der Blonde und bläst ein paar Töne.
-
-Die Frau hat Tränen in den Augen.
-
-»Warum weinst du?« fragt der Blonde traurig.
-
-»Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.«
-
-»Keine Musik? Wie ist das möglich?«
-
-»Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen und alle
-Musikinstrumente, die er im Hause fand: meine kleine Mundharmonika,
-meine kleine Flöte.«
-
-»Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?«
-
-»Um unser Haus singen keine Vögel.«
-
-»Warum verläßt du deinen Mann nicht?«
-
-»Ich kenne keinen andern Mann ...«
-
-»Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen --?«
-
-»Vor vielen Jahren --«
-
-»der ging auf die Wanderschaft --«
-
-»-- und ließ nie wieder von sich hören --«.
-
-»Erinnerst du dich seiner?«
-
-»Immer ...«
-
-»Wann?«
-
-»Immer und immer. Wenn der Frühling von den roten Märzwolken
-herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen. Wenn der Sommer die süßen
-Heudüfte in meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die
-herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter sterbend ihr
-schwebendes Sein vergolden. Wenn der alte Winter im weißen Mantel
-knirschend durch den knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen
-Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend, zu dunkler Nacht: immer
-und immer, zu jeder Stunde. Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In
-jedem Blick.«
-
-»Frau!«
-
-»Junger Mensch!«
-
-»Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!«
-
- * * * * *
-
-Sybil erblaßte.
-
-Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn.
-
-Sie lehnte sich an die Wand der Hütte.
-
-»Sylvester!«
-
-»Sybil!«
-
-Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen Armen auf.
-
-
-
-
- XV.
-
-
-Beifall überfiel die offene Szene.
-
-»Fabelhaft!« sagte der dicke jüdische Herr mit der Hornbrille. Seine
-Eulenaugen schillerten.
-
-Der Thorax, der in der ersten Reihe saß, zitterte.
-
-»Sie sterben beide auf offener Szene«, bebte er.
-
-Die Pneumo hatte Tränen in den Augen.
-
-»Brava!« rief ein Italiener wie wahnsinnig zu Sybil herauf. »Brava,
-brava! ...«
-
-Der Bulgare wischte sich mit einem kleinen seidenen Tuch, einem Geschenk
-Sybils, den Schweiß von der Stirn.
-
-Er mußte sich zusammenreißen, um in keinen Wutanfall auszubrechen. Um
-nicht Schaum vor die Lippen zu kriegen.
-
-»Das ist Krieg!« dachte er entsetzt, »da fließt Blut ...«
-
-Der kleine Japaner lächelte, freundlich interessiert.
-
-Europäer ... dachte er. Sie haben alle Hitze aus dem Äther in sich
-hineingesogen und verbrennen nun an- und ineinander unter einem kalten
-Himmel. In Japan trippeln unter einem heißen Himmel kalte Menschen auf
-Holzschuhen im klappernden Stakkato. Und ihre Liebe duftet weiß, kühl
-und weiß wie die Schneeblüte des Fushijama.
-
-
-
-
- XVI.
-
-
-Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie unterlag in den
-Wirtshäusern keiner Polizeistunde.
-
-In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum Abendessen. Nach dem
-Abendessen wurde rote Bowle und Rosinenkuchen gereicht.
-
-Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner Gäste am Gürtel, atemlos
-durch den Saal. Er mußte sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul
-gebärdete sich als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom
-Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen.
-
-Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, hustete heftig. Sie
-konnte den parfümierten Duft der Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal
-Rätten rauchte, nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot in
-der Pension Schönblick aufgehoben. -- Der schwäbische Violinvirtuose
-Krampski gab mit seiner Geige, der er häßliche Töne entlockte, einen
-italienischen Straßenmusikanten zum besten.
-
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil es am billigsten
-war, eine Maske als Kostüm gewählt: Darwin. Er bemühte sich, einem
-blaukarierten fahrigen Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen.
-
-Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb und violett.
-
-Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon drei Gläser Bowle
-umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse schlotterte um seine magere Brust.
-Um seinen Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote Strümpfe
-funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. Eine Schirmmütze plattete
-seinen hohen Kopf ab.
-
-Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in Nationaltracht, der
-Japaner als deutscher Ritter und Minnesänger in einer hastig klappernden
-Blechrüstung.
-
-Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren Kleid.
-
-Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf den Korridoren
-geküßt.
-
-Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins »Rößli« gehen, droben im
-Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei sicher sehr, sehr amüsant.
-
-Man klatschte und brüllte Beifall.
-
-Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter sich drein.
-
-Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem der Virtuose Krampski
-mit Chopins Trauermarsch aufspielte. Im »Rößli« empfing sie ein
-betäubender Lärm von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden Füßen.
-Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten mit Dienst- und
-Ladenmädchen. Dazwischen einige Berliner Kurgäste, Saaltöchter und
-Soldaten. Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres
-verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer durch den
-Saal. Sie sang dazu die Marseillaise.
-
-Der Wirt vom »Rößli« wies den Herrschaften von Schönblick einen
-bequemern Nebenraum an. Man gelangte von dort nach Belieben in den Saal
-zum Tanzen, hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben.
-
-Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke seiner Rüstung
-schlug, ging in den Saal, das portugiesische Dienstmädchen zu suchen.
-
-Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische Magier. Der
-Straßenmusikant mit der blaukarierten Zofe und nach und nach die andern
-alle.
-
-Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben endlich allein
-zurück.
-
-
-
-
- XVII.
-
-
-»Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen«, sagte der Sioux und
-ging wie irrsinnig auf den Apachen los. Er zuckte als Dolch einen
-Fieberthermometer in der Hand.
-
-»Aber ich bin an beiden Lungen krank«, erwiderte der Apache höflich.
-Seine Schirmmütze war ihm so tief in die Stirne gerutscht, daß seine
-leicht entzündeten Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen.
-
-»Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden Lungen machen
-lassen.«
-
-»Dann stürbe ich ... auf der Stelle.«
-
-»Das sollen Sie ja!«
-
-Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die Schminke von hellblauen
-Adern durchdrungen, verschönte sich. Es wurde zart, wie wenn er eine
-Hymne von Novalis las.
-
-»Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb sind Sie doch nur hier
-oben, um zu sterben. Lebendig zu sterben.«
-
-Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal Ähnliches?
-
-»Sehen Sie«, der Sioux konnte nicht mehr stehen und setzte sich stöhnend
-auf einen Stuhl, »es ist mir ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich
-selber kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer in den
-Spiegel spähen ...«
-
-Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester sein
-übermüdetes Gehirn.
-
-»Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, den hauttuberkulösen
-Darwin. Ein unangenehmer Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und
-Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern Gäste beschweren
-sich immer über ihn. Aber ich rieche ihn gern, den Geruch der
-Verwesung.«
-
-Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet er wie Pein.
-
-»Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus dem Haus tragen, und am
-nächsten Morgen wird es heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte
-immer auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein
-unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern Lebens glänzt um
-den Tod. Auf Erden ist doch immer Krieg.«
-
-Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht aus tausend
-Seelen und spricht mit tausend Zungen.
-
-»Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb leicht. Wissen Sie,
-wen ich sterben sehen möchte? Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne
-untergeht und ein erhabener Aspekt.«
-
-Er hat Visionen, erschrak Sylvester, er prophezeit. --
-
-Die Pneumo und Sybil tanzten leise nach einem Grammophon. Durch die
-schmutzigen Fenstervorhänge blinzelte schon der Morgen.
-
-»Ich möchte jetzt lieber in einem Sarg als auf dem Liegestuhl liegen«,
-sagte Sybil. »Aber die Kur beginnt schon wieder ... Ein neuer Tag. Er
-ist so alt wie alle neuen Tage.«
-
-Sylvester hatte sich neben den Sioux gesetzt, und beide sahen schweigend
-dem Tanz der Frauen zu.
-
-Plötzlich hielt Sybil inne.
-
-Sie sah nach dem Fenster, das bleich und übernächtig in den dämmernden
-Morgen stierte.
-
-»Der Tag!« sagte sie.
-
-Ein ewiger Schmerz zuckte im Herzschlag dieser hingehauchten Worte.
-
-»Der Tag ...« wiederholte Sylvester für sich, »wessen Tag? Der meine
-nicht ...«
-
-»Die Krankheit!« röchelte der Sioux.
-
-Sybil zog den Vorhang zurück. Da brach der erste Strahl des Morgenrotes
-über die Berge. Aus Sybils Lippen, die kalkweiß erstarrt waren, lief ein
-dünner, glänzender Blutfaden wie eine rote Schlange.
-
-Sie wandte sich lächelnd um: »Das Morgenrot!« und glitt sanft zu Boden.
-
-
-
-
- XVIII.
-
-
-Sylvester sprang sofort hinzu. Er trug sie auf das verschlissene
-violette Plüschsofa, das den Raum zierte.
-
-»Ein Arzt!« brüllte plötzlich der Thorax.
-
-»Bleiben Sie bei ihr!«
-
-Die Pneumo nickte wortlos.
-
-Sylvester rannte durch den Saal.
-
-Da schlief in einer Ecke, an die Brust des portugiesischen
-Dienstmädchens gelehnt, der kleine Japaner.
-
-Sylvester schüttelte ihn wach.
-
-»Man braucht Sie! Man ist erkrankt!«
-
-Der Japaner folgte. Seine Rüstung klapperte wie unzählige Blechbüchsen.
-Er legte das gelbe, mausähnliche Ohr an Sybils Herz.
-
-Er faßte ihr den Puls.
-
-Er sah ihr auf den Mund.
-
-Dann zuckte er die Achseln.
-
-»Bringen Sie sie sofort nach Hause. Ich werde ihr eine
-Kampfereinspritzung machen. Übrigens kann es sich nur darum handeln, das
-Leben um ein paar Stunden zu verlängern.«
-
-»Das Sterben, meinen Sie«, sagte der Thorax. --
-
-Ein Schlitten war in der Eile nicht aufzutreiben. Eben klingelte draußen
-der erste Tram, der nach Davos-Platz fuhr.
-
-Sie schafften Sybil in den Tram, der von der sterbenden Sonne, dem
-Apachen, der Geisha, dem Ritter, dem portugiesischen Dienstmädchen und
-dem Sioux besetzt wurde.
-
-Zum Glück lag Sybils Pension an der Promenade.
-
-Der Tram konnte vor ihrer Wohnung halten.
-
-Als sie in ihrem Bett lag, schlug sie die Augen auf.
-
-»Bitte«, lächelte sie die Masken an, »verlassen Sie mich! Dank für Ihre
-Teilnahme an meinem Leben!«
-
-Sie wehrte den Japaner ab.
-
-»Ich brauche keine Einspritzung. Ich will Sylvester noch einmal
-sprechen.«
-
-Die Masken gingen.
-
-Der Apache blieb.
-
-»Sylvester,« sie legte alle Kraft ihres Herzens in ihren letzten Blick,
-»du letzter Tag meines Lebens!«
-
-Er hielt ihre Hände. Sein roter Schal streifte ihre gläserne Stirn.
-
-»Drück mir die Augen zu!«
-
-Er fiel von einem Hammerschlag getroffen zermalmt an ihrem Bett
-zusammen. Er hörte um sich leere Worte plappern, und es schien ihm, als
-fange der tote Papagei, der auf dem Nachttisch stand, wieder zu sprechen
-an.
-
-
-
-
- XIX.
-
-
-Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit an Sybils Grab.
-
-»Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. Einen blonden Baum.«
-
-Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte:
-
-»Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum in unserm Davoser
-Klima sich auch nur einen Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde,
-eine Minute, eine Sekunde hält.«
-
-Sylvester blieb starr.
-
-»Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, verlassen Sie sich
-darauf.«
-
-Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, den Herrn von
-seinem Aberwitz zu überzeugen.
-
-»Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige Schwedin. In Schweden
-liebt man die Zitronenbäume nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das
-Richtige oder eine Trauerweide.«
-
-»Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum auf das Grab
-pflanzen. Es muß ein Baum sein, der Früchte trägt.«
-
-»Nicht _eine_ Frucht wird er tragen«, schrie der Gärtner und schlüpfte
-aus der Friedhofspforte.
-
-Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten auf dem Metallblau des
-Himmels.
-
-Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf standen nur diese zwei
-Worte: Sybil Lindquist. Keine Altersangabe. Kein Geburts- und kein
-Todesdatum.
-
-Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der Pneumo, dem Bulgaren, dem
-Japaner und dem Leutnant gemeinsam gestiftet worden.
-
-Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof durchwandeln,
-werden glauben, sie sei erst gestern gestorben.
-
- * * * * *
-
-Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem Java-Kapok gefüttert
-und mit Schulterklappen und seitlichen Mufftaschen versehen war, auf
-seinem Privatbalkon.
-
-Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: eine nicht einmal
-besonders gelungene Ansichtskarte, die sie in einer ihrer Filmrollen als
-amerikanische Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler
-Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel.
-
-Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, klangen die
-eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... Bob ... an sein durch wollene
-Ohrmuscheln vor der Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen
-hilfeheischend wie die Rufe von Ertrinkenden.
-
-
-
-
- XX.
-
-
-Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester, als der Zug in
-Rorschach einlief. Hier ist also Friede. Und Frühling. Kein Schnee,
-keine rosa Kälte mehr. Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen
-Gesträuch.
-
-Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein. Kinder sprangen wie
-Kaskaden steinerne Stufen herunter. Mädchen zwitscherten unter den
-Laubengängen. Burschen lachten dröhnend.
-
-Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen Gassen. Aus
-einem Restaurant, an dem ein Schild »Frohsinn« angebracht war, tönte
-kleines Orchester. Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen von
-Pergolesi.
-
-Ein Brunnen rauschte.
-
-Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die Gassen sich den Berg
-hinauf. Und Sylvester glaubte zu weinen, sinnlos an eine Laterne
-gebeugt.
-
- * * * * *
-
-Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in Dämmerung übergegangen.
-Noch blaute der Tag über Sylvester.
-
-Er trat an den Bug.
-
-Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen, die nach Futter suchen.
-
-Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel; und auch mein Herz ist
-schon zu zermürbt und von andern Vögeln zerfressen, als daß ich es euch
-noch zum Fraß hinwerfen könnte.
-
- * * * * *
-
-Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn schwebte Lindau, in das
-der Dampfer wie ein Komet flammend und rauchend rauschte.
-
- * * * * *
-
-Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck hielt.
-
-Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu.
-
-Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten gelbe Wolken. Sie waren
-wie Aeroplane einer fremden Macht hinter ihm her, aber er war ihnen
-längst entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ sie weiter,
-immer weiter hinter sich.
-
-
-
-
- XXI.
-
-
-»Gehen wir in den Kino!« sagte Sylvester.
-
-»In welchen?«
-
-»In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt, in dem der erste
-Platz dreißig Pfennig kostet, und in dem man sich unbedingt eine Angina
-holt. -- Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.« --
-
-Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes Plakat: ein
-bleicher, blonder Frauenkopf, der sich wie eine Narzissenblüte auf einem
-Stengel wiegte. »Narzissenblüte« hieß der Film, und das sollte den Namen
-des Mädchens symbolisieren, denn unten auf dem Plakat waren ein
-Negerboxer und ein brauner Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer
-Viscount oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich,
-daß der Film auf einem Konflikt zwischen dem Neger und dem Weißen
-aufgebaut war. Ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond.
-
-Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur neben dem Kino.
-
-Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen.
-
-Harry sah einer schmalen Kellnerin nach.
-
-»Ißt du das Zeug gern?«
-
-Sylvester schüttelte den Kopf.
-
-»Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen Kastanien wärmen.« --
-
-Die Leinwand flammte auf.
-
-Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen und Lauben
-umgeben, trat eine schlanke, blonde Frau.
-
-Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes Sommerkleid und
-einen Biedermeierstrohhut mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband
-schwang sich vom Hut hernieder um den zarten Hals.
-
-Sie sah sich suchend um.
-
-Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden. Sie biß die
-Lippen aufeinander.
-
-Nun glitt ihr Blick gradeaus.
-
-Er blieb an Sylvester haften.
-
-Sybil hatte Sylvester entdeckt.
-
-Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten, seine Hände
-zitterten, die Muskeln ließen nach und die Kastanien rollten am Boden.
-
-»Ruhe!« rief eine Stimme.
-
-Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer.
-
-Sylvester marterte sich das Hirn:
-
-Wird sie tanzen?
-
-Da eilte von links ein eleganter junger Herr im Zylinder, Cutaway, in
-grauen Hosen mit schwarzer Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend,
-auf sie zu.
-
-Sie reichte ihm die Hand.
-
-Ihre Unruhe war verschwunden.
-
-Sie lächelte.
-
-Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor.
-
-Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete äffisch grinsend den
-Wagenschlag.
-
-Sybil stieg ein.
-
-Der Herr folgte.
-
-Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine Parkallee von
-Pappeln fliegen ... nun glitt es in den Wald und war den Blicken aller
-hinter Bäumen entschwunden.
-
-Sylvester stand auf.
-
-An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der Schweiß stand ihm auf der
-Stirn.
-
-»Gehen wir«, sagte er. --
-
-Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf der Straße waren,
-und das Entsetzen übte schon wieder Macht über ihn. Man müßte ihn wie
-einen Hund über den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des
-grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den Neger auf der Stelle
-niederknallt, wer soll dann den Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen
-Chausseegraben sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser Hirn würde
-auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen im Winde wehen. Ein Kopf
-ohne Hirn ... ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen ...
-und ... so süß zu hoffen ...
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT ***
-
-***** This file should be named 63643-0.txt or 63643-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/3/6/4/63643/
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/63643-0.zip b/old/63643-0.zip
deleted file mode 100644
index cbc41b1..0000000
--- a/old/63643-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63643-h.zip b/old/63643-h.zip
deleted file mode 100644
index 42206ee..0000000
--- a/old/63643-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63643-h/63643-h.htm b/old/63643-h/63643-h.htm
deleted file mode 100644
index 1ee3907..0000000
--- a/old/63643-h/63643-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,3662 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
-"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Die Krankheit, by Klabund</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <!-- TITLE="Die Krankheit" -->
- <!-- AUTHOR="Klabund" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="Erich Reiß, Berlin" -->
- <!-- DATE="1917" -->
- <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
-
-<style type='text/css'>
-
-body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
-
-div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; }
-.cover img { max-width:100%; }
-h1.title { text-indent:0; text-align:center; }
-.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:2em;
- line-height:2em; }
-.aut .line2{ font-size:0.8em; }
-.run { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:3em; font-size:0.8em; }
-.pub { text-indent:0; text-align:center; }
-.pub .line1{ display:inline-block; border-top:2px solid black; padding-top:0.5em; }
-.date { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em;
- margin-bottom:4em; }
-.ded { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:4em; }
-
-div.chapter{ page-break-before:always; }
-h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:2em; }
-
-p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
-p.first { text-indent:0; }
-p.noindent { text-indent:0; }
-p.addr { text-indent:3em; margin-top:0.5em; }
-p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; margin-bottom:0.5em; }
-p.center { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
-hr.tb { border:0; border-top:1px solid black; margin:1em;
- margin-left:45%; width:10%; }
-
-/* "emphasis"--used for spaced out text */
-em { font-style:italic; }
-
-/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */
-.antiqua { font-style:italic; }
-
-.underline { text-decoration: underline; }
-.hidden { display:none; }
-
-/* poetry */
-div.poem-container { text-align:center; }
-div.poem-container div.poem { display:inline-block; }
-div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
-
-/* ads */
-div.ads { margin:auto; max-width:25em; font-size:0.8em; border:1px solid black;
- padding:0.5em; }
-div.ads .adh { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; }
-div.ads .adb { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; font-size:1.25em;
- margin-top:1em; }
-div.ads .adp { text-indent:0; text-align:center; }
-
-a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:hover { text-decoration: underline; }
-a:active { text-decoration: underline; }
-
-/* Transcriber's note */
-.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
- color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
- page-break-before:always; margin-top:3em; }
-span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc;
- color: #000; border:0; margin:0; padding:0;
- page-break-before:avoid; margin-top:0em; }
-.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
-.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
-.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
-.trnote ul li { list-style-type: square; }
-.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
-
-/* page numbers */
-a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
-a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-
-div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
-
-@media handheld {
- body { margin-left:0; margin-right:0; }
- div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; }
- em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; }
- div.ads { max-width:inherit; border:0; }
- a.pagenum { display:none; }
- a.pagenum:after { display:none; }
-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-<pre style='margin-bottom:6em;'>The Project Gutenberg EBook of Die Krankheit, by Klabund (Alfred Henschke)
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this ebook.
-
-Title: Die Krankheit
-
-Author: Klabund (Alfred Henschke)
-
-Release Date: November 05, 2020 [EBook #63643]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was
- produced from images generously made available by The Internet
- Archive.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT ***
-</pre>
-<div class="frontmatter chapter">
-<div class="centerpic cover">
-<img src="images/cover.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="adh">
-Von <em>Klabund</em> ist im gleichen Verlage erschienen:
-</p>
-
-<p class="adb">
-Morgenrot! Klabund!<br />
-Die Tage dämmern!
-</p>
-
-<p class="adp">
-Gedichte<br />
-Geh. M. 2.&mdash;, geb. M. 3.&mdash;.
-</p>
-
-<p class="adb">
-Klabunds Karussell
-</p>
-
-<p class="adp">
-Zweite Auflage<br />
-Geh. M. 3.&mdash;, geb. M. 4.&mdash;.
-</p>
-
-<p class="adb">
-Der Marketenderwagen
-</p>
-
-<p class="adp">
-Dritte Auflage<br />
-Geh. M. 2.&mdash;, geb. M. 3.&mdash;.
-</p>
-
-<p class="adb">
-Moreau
-</p>
-
-<p class="adp">
-Der Roman eines Soldaten<br />
-Vierte Auflage<br />
-Geh. M. 4.&mdash;, geb. M. 5.&mdash;.
-</p>
-
-<p class="adh">
-In Vorbereitung:
-</p>
-
-<p class="adb">
-Die Himmelsleiter
-</p>
-
-<p class="adp">
-Gedichte.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-Die Krankheit
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Eine Erzählung</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Klabund</span>
-</p>
-
-<p class="run">
-Zweite Auflage
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Berlin 1917</span><br />
-<span class="line2">Erich Reiß Verlag</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="date">
-Geschrieben im Februar und März 1916
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="ded">
-Sybil Smolowa zu eigen
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-1">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-I.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Sie sind also nur deshalb hierhergekommen, um zu
-sterben?&ldquo; sagte der junge Deutsche und lief, die Hände
-in den unteren Taschen seiner kamelhaarbraunen Sportweste,
-aufgeregt und hustend durch den Zigarettenqualm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb sonst?&ldquo; sagte Sybil, die rauchend auf dem
-Bett lag, schlank und blond.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Scharmant, scharmant&ldquo;, wisperte der kleine Japaner,
-der oben im Sanatorium Beaurivage Assistentendienste
-versah, und hielt ein blaues Speiglas, auf dem eine
-sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das Licht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zehn Kubikzentimeter Auswurf&ldquo;, lächelte er, von
-irgendeiner inneren Fröhlichkeit betroffen.
-</p>
-
-<p>
-Er sprach fließend Deutsch und fließend Portugiesisch
-und gab sich zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese
-aus. Er unterhielt geheime Beziehungen zu dem
-Dienstmädchen des portugiesischen Konsuls. Das war
-eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet aussah.
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-An Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille
-um den fettigen Hals, die das Bild des kleinen
-Japaners &mdash; in seiner seidenen und faltenreichen Nationaltracht
-&mdash; in sich verbarg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe früher nur dunkle Frauen geliebt,&ldquo; sagte
-der junge Deutsche und sah durch die Balkontür in den
-stürmenden Schnee, &bdquo;Frauen mit schwarzen Haaren und
-schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln tappte
-mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es
-licht in mir. Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren
-und Hirschaugen. Dann eine mit roten Haaren und beinah
-blauen Augen, die violett glänzten. Meine Freunde
-verspotteten mich mit ihr und meinten, sie hätte neben
-ihren roten Haaren auch rote Augen, und ich liebte ein
-Kaninchen. &mdash; Endlich wurde es ganz hell um mich.
-Die Sonne ging auf. Rasend blond aus einem Himmel
-blauer Blicke. Ich sah in den Mittag meines
-Lebens. Blauer Himmel, holde Sonne, warum wollen
-Sie mir nicht glauben, Sybil, daß Sie mein Tag
-sind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh!&ldquo; Sybil wehrte leise ab. Sie schlug die Asche
-ihrer Zigarette auf den Bettvorleger.
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Japaner stellte die blaue Flasche auf den
-Nachttisch und tanzte in eine dunkle Ecke des Zimmers.
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Man hörte ihn lachen: wie einen fremdartigen Wasservogel.
-</p>
-
-<p>
-Er unterhielt sich in seiner zischenden Sprache mit
-dem ausgestopften Papagei.
-</p>
-
-<p>
-Der bleiche bulgarische Offizier, der gekrümmt auf
-einem Hocker saß und in den Boden starrte, räusperte
-sich.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte beide Balkankriege mitgemacht; die Schlacht
-bei Lüleburgas; die Belagerung von Adrianopel; den
-Stellungskampf an der Tschataldschalinie. Niemand
-durfte in seiner Anwesenheit vom Krieg sprechen. Ihm
-trat sofort der Schaum auf die Lippen.
-</p>
-
-<p>
-Als Professor Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf,
-ihn das erstemal untersuchte und mit seinem
-eleganten weichen Hammer beklopfte, fiel er in
-Ohnmacht in dem Augenblick, als Dr. Froidevaux von
-einer chirurgischen Operation kommend, den weißen Mantel
-ein wenig mit Blut bespritzt, das Zimmer betrat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sybil,&ldquo; sagte der Bulgare, &bdquo;es wäre schlimm, wenn
-Sie stürben. Sylvester Glonner hat recht. Sie sind
-unsere blonde Sonne. Bei Ihnen im verqualmten Zimmer
-zu sitzen wärmt mehr, als auf der Liegehalle in der
-Mittagssonne schläfrig zu liegen. Die Davoser Sonne
-macht schläfrig. Sie machen wach.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Er fiel auf seinen Hocker zurück.
-</p>
-
-<p>
-Der junge Deutsche lehnte sich schwerfällig an den
-weiß polierten Schrank. Er erinnerte sich eines Verses
-von Hölderlin: Wo bist du? Trunken dämmert die
-Seele mir von aller deiner Wonne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo bist du?&ldquo; sagte er laut.
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner lachte.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester war, als hätte ein Blick von Sybil ihn
-flüchtig gestreift. Wie ein warmer Wind. Der Bulgare
-sah auf die Uhr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich muß zur Liegekur. Es geht auf sechs.&ldquo; Er
-klapperte an seinem Krückstock ohne Gruß zur Tür
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Japaner schwebte freundlich hinter ihm
-her.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie bleiben allein&ldquo;, sagte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie immer ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie blies den Zigarettenrauch in wahllosen Ornamenten
-zur Decke.
-</p>
-
-<p>
-Er gab ihr die Hand und ging.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-2">
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-II.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische
-Stadt am Rande der Rocky mountains ... am
-Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum Abbruch
-jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels
-mit ihren funkelnden Liegehallen da und dort und
-kreuz und quer im Tal und an den Berglehnen errichtet.
-Obgleich sie selten über vier Stockwerke zählten, schienen
-sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der Liegehallen
-Wolkenkratzer.
-</p>
-
-<p>
-Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer,
-zwitschernde Brasilianer, duftende Französinnen,
-dunkle Russen wandelten im gleichmäßig getragenen
-Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von der
-Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei
-bis zum Grand-Hotel Belvedere und wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten,
-oder ein Amerikaner, einen Skeleton wie einen
-Hund hinter sich herzerrend, über die Straße.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger
-tönte Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack
-schwang eine graue Geige. &bdquo;<span class="antiqua">Soupers de luxe en commande</span>&ldquo;
-blinkte in goldenen Lettern unter der grau
-hüpfenden Geige.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf,
-fuhr in seinem schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze
-gehüllt, einen grüngestreiften Schal vorm
-Mund, königlich über die Promenade. Er war seit
-dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger
-Chefarzt und alleiniger Besitzer des renommierten und
-wohlflorierenden Sanatoriums Beaurivage, welches
-oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er
-war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach
-seinen Prinzipien in neunjähriger Kur ausgeheilt.
-</p>
-
-<p>
-Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten
-und beim Abschied von Davos seine Photographie bei
-Herrn Photographen Guardawal für drei Franken kauften,
-verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in
-verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm
-gesehen zu werden. Eigentlich hätten sie nach seiner
-Vorschrift schon Liegekur machen müssen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu
-lesen. Er hatte sich kaum in die Neue Züricher Zeitung
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-vertieft, als Pein an seinen Tisch trat, Alfons Pein,
-der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der
-Bühnenmysterien &bdquo;Kain und Abel&ldquo; und &bdquo;Golgatha&ldquo;.
-Sein Leben und Dichten bestand in undeutlichen, verquollenen
-und verschwommenen Phantasien, die er mehr
-oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische
-Gedanken unterzulegen er sich krampfhaft bemühte.
-</p>
-
-<p>
-Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war
-eigentlich schon seit fünf Jahren gesund. Er hätte,
-ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten neu errungenen
-Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren
-können. Aber er fühlte wohl, daß er nur hier
-oben noch eine Rolle spielte, wo er, von den Kurgästen
-interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen belächelt,
-im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von
-kleinen blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und
-verwirrter Prosa versah. &bdquo;Ich bin nun mal an Höhenluft
-gewöhnt&ldquo;, schnaubte er und in seine Augen trat
-ein leerer, kindlicher Glanz.
-</p>
-
-<p>
-Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei
-Künsten weit über das Mittelmaß emporrage und daß
-man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur als
-Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ...
-hatte sich früher einmal als Schauspieler und Regisseur
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-betätigt (dazumal aus Geldmangel: aber dieses Motiv
-war bei ihm in Vergessenheit geraten) und gedachte
-dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wird sie spielen?&ldquo; fragte er Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leider&ldquo;, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth.
-</p>
-
-<p>
-Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter
-und wischte sich mit einem kleinen Spitzentaschentuch
-seine blaue Schneebrille ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Melange!&ldquo; schnaubte er. &bdquo;Die Sehnsucht jedes Schauspielers
-ist, auf der Bühne zu sterben. Vielleicht jedes
-Menschen. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Der
-Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel.
-Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er
-verwest in sich, und das nennt er Romantik.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie
-ihr Leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem
-Löffel behutsam in den Kaffee getaucht hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker&ldquo;, sagte
-Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-Peins strohbrauner Bart knisterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dramatiker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-&bdquo;In Ihrem Sinne ...&ldquo; gab Sylvester lächelnd zu.
-</p>
-
-<p>
-Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in
-ihnen abgeknipst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie
-ist ein Zustand des Leibes und der Seele. Ich wollte
-schon längst einmal eine Psychoanalyse der Schwindsucht
-schreiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tun Sie das.&ldquo; Sylvester rief der Kellnerin &bdquo;Zahlen!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-3">
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-III.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sylvester bewohnte in der Pension &bdquo;Schönblick&ldquo;,
-Davos-Dorf, ein schmales Südzimmer mit Privatbalkon
-im ersten Stock. Die Pension stand am Wald, dicht vor
-dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert
-und hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian,
-zwei alten Davosern, die vor Jahren schwerkrank ins
-Tal kamen und sich nach Besserung ihres Leidens dauernd
-in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte
-Dr. Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt,
-als sie noch seine Patienten im Sanatorium Beaurivage
-waren, den Pneumothorax, jene nunmehr allgemein bekannte
-und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit
-der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum
-Einschrumpfen und Absterben gebracht wird.
-</p>
-
-<p>
-In der Pension &bdquo;Schönblick&ldquo; wurde das Ehepaar
-Paustian deshalb mit einem gewissen gütigen Spott
-Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger,
-gläserner und gleichsam innerlicher gewandelt hat.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn
-die Freude des geistigen Kranken an Büchern verband.
-</p>
-
-<p>
-Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker,
-schrieb in den wenigen Stunden, die er nicht Kur
-machen mußte, kleine literarische Betrachtungen über
-Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller,
-kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die
-Literatur der Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las
-nur aus Höflichkeit Sylvesters Schriften, weil Sylvester
-sein Gast war. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das
-Gong zum Abendessen schlug.
-</p>
-
-<p>
-Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit
-Eau de Cologne und betrat den Speisesaal.
-</p>
-
-<p>
-Die Löffel klapperten in der Suppe.
-</p>
-
-<p>
-Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute
-Frau Bautz, Operettensängerin a. D. und wie
-alle Artisten aus Sachsen stammend, schrie in ihrer unangenehmen
-Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten
-an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für
-meine nächste Hosenrolle?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen
-Krampski Toilettenfragen und die Mode des
-eleganten Herrn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos.
-Ausgeschlossen. Nicht für teures Geld. Ich brauche
-einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack, eine englische
-Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen?
-180 Franken hat er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur
-Shoping Sons. In den Dreck geworfen sind die 180
-Franken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und
-mißverstanden hatte, schnörkelte die Lippen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe einen Schneider in Basel,&ldquo; sagte Krampski,
-&bdquo;ich habe in jedem Land der Welt einen Schneider. Ich
-werde ihn nach Davos kommen lassen. Ich brauche
-einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches
-in Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein
-mochte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd&ldquo;, krähte
-der naturwissenschaftliche Oberlehrer. &bdquo;Die Jagd bereichert
-die Kenntnisse des Menschen von der Natur.
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die hatte ein unausgetragenes
-Junges im Leib.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fabelhaft!&ldquo; sagte Herr Klunkenbul. &bdquo;Da haben
-Sie also eine Dublette zur Strecke gebracht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist verboten, Ricken zu schießen&ldquo;, sagte der Leutnant,
-leise verweisend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ricke &mdash; was ist das?&ldquo; fragte die hübsche Russin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein weibliches Reh&ldquo;, sagte Sylvester. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Er spricht mit mir, lächelte sie in sich hinein. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich angle lieber&ldquo;, die Operettensängerin wiegte sich
-in ihren Hüften. Sie sang die drei Worte wie einen
-Coupletrefrain.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber mit künstlichen Mücken&ldquo;, sagte der Thorax.
-Der alte Herr Klunkenbul, Xylograph aus Braunschweig,
-ließ einige asthmatische Vokabeln aus seinem
-weißen Bart fallen; der stand wie eine beschneite Tanne
-im Hochwald seines Gesichts:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Davos ist im Glanz der funkelnden Wintersonne
-die reine Märchenwelt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man schien ihn nicht gehört zu haben und er wiederholte
-eigensinnig:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;... die reine Märchenwelt ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Monismus ist eine bedauerliche Zeiterscheinung&ldquo;,
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-sagte Sylvester und wandte sich ernst an Herrn Klunkenbul.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie meinen Sie?&ldquo; Herr Klunkenbuls Bart öffnete
-sich erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte nur das
-Wort Monismus vernommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So glauben Sie nicht an Häckel und an seine wunderbaren
-Forschungsresultate?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube immer noch lieber an Gott&ldquo;, sagte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer prustete überlegen.
-Herr Klunkenbul, der streng protestantisch gesinnt
-war, rief &bdquo;Bravo!&ldquo; und prostete Sylvester zu.
-</p>
-
-<p>
-Die hübsche Russin Agafja warf wie bunte Glasperlen
-strahlende Augen auf Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-Er ist ein Dichter, dachte sie, ein deutscher Dichter
-&mdash; aber ein Dichter, und sah Sonne, Mond und Sterne
-ihn umwandeln.
-</p>
-
-<p>
-Und während sie sich eine Mandarine schälte, sagte
-sie leise ein paar russische Verse:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,</p>
- <p class="verse">Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-4">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-IV.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an
-den Affichen schillert in allen Regenbogenfarben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der bunte Zettel wird sie freuen&ldquo;, sagte Sylvester.
-&bdquo;Sie wird an ihren toten Papagei denken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht
-raten. Man <em>darf</em> ihr nicht raten. Hören Sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer spielt denn den Mann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mystiker, Herr Pein&ldquo;, sagte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und den Bruder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester zögerte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist nicht ausgeschlossen, daß <em>ich</em> ihn spiele. Aber
-bitte schweigen Sie noch davon. Auch der Bulgare
-möchte ihn spielen. Sogar der kleine Japaner.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,&ldquo;
-sagte der Thorax nachdenklich, &bdquo;als ich noch in deutschen
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Mittelstädten Pepsinwein verkaufte. Ob ich es
-nicht wieder einmal versuche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Pneumo streichelte seine Schulter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du
-dein Exsudat wegkurierst. Was hast du heute gegen
-7 Uhr gemessen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;37,9&ldquo;, sagte der Thorax beschämt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also&ldquo;, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand.
-&bdquo;Komm, du mußt zu Bett.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester verneigte sich leicht.
-</p>
-
-<p>
-Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft.
-Er spürte Kopfweh.
-</p>
-
-<p>
-Er ging die Schiastraße entlang.
-</p>
-
-<p>
-Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu
-Kolbinger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sekt!&ldquo; sagte er strahlend.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen
-Schnee. Ein harter Ellenbogen stieß in seine rechte
-Hüfte.
-</p>
-
-<p>
-Er drehte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen
-Mütze auf dem Kopf, sah ihn an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kenne ich Sie?&ldquo; fragte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-&bdquo;Nein&ldquo;, sagte das Mädchen trotzig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen
-lassen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja&ldquo;, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie von mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Mädchen lachte leise:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welches Recht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Recht des Sterbenden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie traten unter eine Laterne.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht.
-Ihr Atem durchschnitt die kalte Winterluft mit noch
-eisigerem Hauch. In ihrem Körper rasselte es wie ein
-Motor.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er schnurrt ab&ldquo;, sagte das Mädchen. &bdquo;Meine eine
-Lunge ist ganz weg. Und meine andere dreiviertel. Ich
-sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur mein Mund
-leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der
-Einsamkeit. Küssen Sie mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch
-ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend,
-hüpfte quer über die Promenade. Zwei junge
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter
-ihr her.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg
-langsam empor.
-</p>
-
-<p>
-Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht
-im Dunst der Nacht.
-</p>
-
-<p>
-An einer Bank hielt das Mädchen an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es sind zwölf unter Null&ldquo;, sagte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O,&ldquo; lächelte das Mädchen, &bdquo;das macht nichts. Mir
-ist so warm als wären wir im August.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-5">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-V.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der Bulgare hatte Sylvester, Leutnant Rätten, den
-Literaten Pein und den kleinen Japaner zu sich ins
-Sanatorium zum Tee gebeten.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich machte jemand den Vorschlag, zu pokern.
-</p>
-
-<p>
-Der Bulgare holte ein Spiel amerikanischer Karten
-mit dem Joker aus der Nachttischschublade.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum haben Sie denn die Karten im Nachttisch?&ldquo;
-fragte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich nachts aufwache und nicht wieder einschlafen
-kann, muß ich etwas Interessantes zum Lesen haben.
-Dann betrachte ich mir die Karten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man spielte 1 Frank Satz, 10 Frank Grenze.
-</p>
-
-<p>
-Keiner sprach ein Wort.
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner glänzte kupfern.
-</p>
-
-<p>
-Den Bulgaren strengte schon das Mischen so an, daß
-er hustete.
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner gewann in lächerlich kurzer Zeit einige
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-hundert Franken. Er wollte sich empfehlen und einen
-ärztlichen Besuch vorschützen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dageblieben&ldquo;, brüllte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner zuckte die Achseln und mischte.
-</p>
-
-<p>
-Pein verlor in einem fort.
-</p>
-
-<p>
-Er verlor über hundert Franken in einem einzigen
-Spiel an Sylvester, weil Sylvester sein Full-hand
-mit einem Damen-vierling übertrumpfte. Das gab eine
-Extrarunde mit doppeltem Satz. Eine sogenannte moralische
-Ehrenrunde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vier Damen &mdash; ominös!&ldquo; sagte Pein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vier Damen sind weniger als eine&ldquo;, sagte Sylvester.
-&bdquo;Aber nicht beim Poker.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei der moralischen Ehrenrunde wanderte von Geber
-zu Geber eine kleine unzüchtige Holzschnitzerei, japanischer
-Herkunft und dem Japaner gehörig, zwei männliche Figuren
-im widernatürlichen Beischlaf begriffen darstellend.
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner verlor.
-</p>
-
-<p>
-Von ihm glitt das Geld zu Sylvester hinüber. Die
-Glocke im Sanatorium läutete zum Abendbrot. Der
-Bulgare klingelte und ließ sich das Essen auf dem Zimmer
-servieren.
-</p>
-
-<p>
-Die übrigen verspürten wenig Hunger und sättigten
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-sich eilig an den Kuchenresten, die vom Tee zurückgeblieben
-waren. Sie tranken dazu Danziger Goldwasser
-oder Allasch oder Curaçao.
-</p>
-
-<p>
-Keiner wollte aufhören zu spielen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So gehen Sie doch&ldquo;, sagte Sylvester zu dem kleinen
-Japaner. &bdquo;Sie wollten doch schon vor zwei Stunden
-gehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner zuckte die Achseln und blieb.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester genoß das Spiel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Abbild des Lebens&ldquo;, sagte der Bulgare. &bdquo;Wer
-gibt? Ich habe die schönsten Stunden meines Lebens
-am Spieltisch verbracht. Schönere als je mit Frauen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur wer mit dem Gelde <em>spielt</em>, soll spielen&ldquo;, sagte
-Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-Pein zupfte nervös an seinem Fransenbart. Er verlor
-noch immer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde meinen Verlust wieder einholen&ldquo;, sagte er
-zitternd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das werden Sie nicht&ldquo;, trumpfte Sylvester seinen
-Zehnerdrilling mit einem Flush. &bdquo;Sie sind nur noch
-hier in Davos möglich. Unten, in der Welt, haben Sie
-längst ausgespielt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pein wimmerte erregter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll das heißen? Erst neulich habe ich im
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Züricher Pfauentheater in der führenden Rolle eines
-meiner Stücke gastiert und großen Beifall gefunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner lachte wie ein fremdartiger Wasservogel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Fushijama muß jetzt ganz in Blüte stehen&ldquo;,
-wisperte er, zu Sylvester gewandt. &bdquo;So sagen wir,
-wenn er beschneit ist. Aber auf den Seen zu seinen
-Füßen blinkt ewiger Sommer. Da gleiten die kleinen
-singenden Boote mit den Geishas und sie singen das
-süße Lied der Kirschenblüte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es schlug ein Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Die letzten drei Runden wurden angesagt.
-</p>
-
-<p>
-Als sie abrechneten, hatte nur Pein verloren: etwa
-fünfhundert Franken. Er suchte fluchend nach seinen
-unförmigen Überschuhen.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester verabschiedete sich rasch und schritt allein
-den Berg hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. In dem
-Haus an der Promenade, in dem Sybil als einziger
-Pensionär wohnte, glänzte noch Licht. Als er näher an
-das Haus kam, erkannte Sylvester, daß das Licht in
-Sybils Zimmer brannte.
-</p>
-
-<p>
-Sie liest noch, dachte er.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Sybil aber lag wach im Bett und betrachtete Sylvesters
-Photographie, die er ihr geschenkt hatte. Es war
-eine Amateuraufnahme des Bulgaren und sie zeigte
-Sylvester in Gebirgstracht: braune Kniehosen, brauner
-Janker, an das Geländer einer Waldbrücke gelehnt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-6">
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-VI.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Oh,&ldquo; sagte Sybil, &bdquo;die Ärzte sind noch weit zurück
-mit ihrer Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell
-den Kranken zu heilen, wollen sie immer generell und
-schematisch die Krankheit heilen. Eine Krankheit ist
-aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur
-von relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke.
-Sein Fleisch und Blut. Das von den Medizinern nicht
-weniger als von den Juristen und den Philologen mit
-Paragraphen dirigiert werden will.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung
-des Krebses!&ldquo; sagte der kleine kluge Japaner. &bdquo;Man
-kann konstitutionelle Krankheiten nicht lokal zur Heilung
-bringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Mutter&ldquo;, sagte Sylvester leise, &bdquo;litt an
-Brustkrebs. Sie ist wohl achtmal operiert worden. Ich
-war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht helfen.
-Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand
-geschlagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-&bdquo;Wie leichtsinnig&ldquo;, sagte Sybil, &bdquo;sind die Ärzte hier
-oben mit ihren Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige
-Temperaturerhöhung: gleich ins Bett. Das mag
-bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben.
-Bei Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett
-ist für den täglichen Tod, den Schlaf, da. Wie leicht
-birgt es den richtigen Tod.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als
-Beispiel eines Todes gegolten, wie er sein soll&ldquo;, meinte
-Sylvester. &bdquo;Er starb draußen im Freien, in der Sonne,
-unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den letzten
-Blick einer Schwalbe zugehaucht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,&ldquo;
-flüsterte der Bulgare auf seinem Hocker, &bdquo;die
-Tuberkuloseheilung auf die Basis der sogenannten Liegekur
-zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in den
-Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne
-sich zu rühren, und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung,
-auf den Liegehallen liegen. Als ich das erstemal
-nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes wandelte,
-ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich
-ritt jeden Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden
-und ritt mich wieder ins Leben zurück. Nichts macht
-einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von Leysin aus
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten
-Tod prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich
-durch die jahrelange Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich
-brauche dann und wann eine Reaktion, um noch weiter
-zu können: eine Montblancbesteigung, ein dampfendes
-Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen
-Poker.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Ärzte bedenken nicht,&ldquo; sagte Sylvester verächtlich,
-&bdquo;daß sie das, was sie auf der einen Seite gewinnen,
-auf der andern Seite wieder verlieren. Einer macht
-neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen. Seine
-Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit
-seinen übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine
-Nerven sind herunter. Seine Energie wie alter Kuchen
-zerbröselt. Er ist ein wachsweicher Klumpen angefressenen
-Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit
-taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein
-Parasit des Menschentums und zu nichts als seinem
-Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig Jahre
-alt, an der &sbquo;<span class="antiqua">Dementia praecox</span>&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium.
-Er liegt schon fünf Jahre im Bett. Griechen haben
-außer ihm das Sanatorium bisher nicht frequentiert.
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von
-ihrem Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da
-keiner mit ihm griechisch sprach, hat er in den fünf Jahren
-das Griechische, seine Muttersprache, vergessen.
-Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken
-auch nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder
-Griechisch noch Deutsch, und schwebt sprachlos in Zeit
-und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch beibringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über
-ihrem Bett.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr müßt gehen,&ldquo; sagte sie freundlich, &bdquo;ich erwarte
-den alten Ronken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nahmen ihre Stöcke und gingen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-7">
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-VII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte
-Sybil mit seinem eleganten weichen Hammer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein liebes gnädiges Fräulein,&ldquo; zwitscherte er, &bdquo;wir
-werden Sie röntgen müssen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tut das weh?&ldquo; lächelte sie erschreckt, &bdquo;ich habe Angst
-vor Schmerzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose
-und beinahe unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie
-sich so weit fühlen, daß Sie gehen können, kommen Sie
-zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen
-Schlitten.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins
-Sanatorium, sondern bei Sylvester vor.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte
-Arsenikpillen, als der Kutscher auf die Veranda polterte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn
-Doktor zu einer Spazierfahrt einladen.&ldquo; Er warf sich
-einen Schal um den Hals und fuhr im Lift herunter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sybil,&ldquo; sagte er, &bdquo;Sie machen mich glücklich ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte&ldquo;, sagte
-sie leise.
-</p>
-
-<p>
-Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig,
-daß Sylvester ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht
-auch wollte er sie nicht empfinden.
-</p>
-
-<p>
-Sie glitten durchs Dorf, dem See zu.
-</p>
-
-<p>
-Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der
-Richtung Landquart-Zürich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Möchten Sie&ldquo;, fragte Sybil, &bdquo;mit dem Zug zurück
-in die Ebene ... in den Glanz ... in das Leben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schüttelte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ohne Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg.
-</p>
-
-<p>
-Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester?
-Ich bin krank. Und eine Schauspielerin. Eines von
-beiden schon sollte genügen, Sie zu erschrecken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu,
-Sybil. Und also bin ich vielleicht kränker als Sie,
-Sybil. Ich bin ein Dichter und speie immer Blut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den
-Augen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-&bdquo;Und ich,&ldquo; sagte er bitter, &bdquo;da ich Blut speie, lebe
-mit dem Mund ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen.
-</p>
-
-<p>
-Sybil fröstelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten
-Bergspitzen, rosa, als lagerten Quallen auf den
-Gipfeln.
-</p>
-
-<p>
-Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester.
-Eigentlich wandeln wir auf dem Grund des
-Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte Stadt.
-Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als
-lebten wir, mit Perlen und goldenen Ketten behängt,
-über den Meergrund. Der Himmel wallt über uns,
-und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den
-Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer
-um unsere Glieder. Wir vermögen unsere Hände nicht
-mehr zu bewegen. Und gehen können wir in der dicken
-Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere
-Augen versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres,
-bis zum Himmel zu dringen. Aber sie sind fast erblindet
-von dem vielen In-die-Höhe-stieren.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-8">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-VIII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener
-Hauttuberkulose. An seiner linken Hand befand sich eine
-winzige weißliche Spalte, die hin und wieder eine weiße
-Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an der linken
-Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah,
-als rühre er von einem Stich mit einem Federmesser
-her. Übrigens wußte das niemand von den Herrschaften,
-die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich sie sämtlich
-an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche
-Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.
-</p>
-
-<p>
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste
-Zimmer des ganzen Hauses inne.
-</p>
-
-<p>
-Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte
-es der Oberlehrer gemietet.
-</p>
-
-<p>
-Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle
-des Fensters vertrat, ging auf einen grauen Korridor
-hinaus, von dem das Zimmer sein ganzes Licht empfing.
-Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden. Es
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen
-Tinkturen, die der naturwissenschaftliche Oberlehrer für
-seine offene Hauttuberkulose benötigte, pestilenzialisch.
-Das Zimmer mußte sich auch ohne Zentralheizung behelfen:
-es wurde von einem durchlaufenden Kamin geheizt.
-Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche
-Oberlehrer mit allerlei Bildern benagelt, die in der
-Hauptsache dem kleinen Witzblatt entnommen waren.
-&bdquo;Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten&ldquo;, pflegte
-er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu
-blähen.
-</p>
-
-<p>
-Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel,
-ist schwer zu begreifen. Es waren doch mehrere angenehme
-Herren in der Pension &bdquo;Schönblick&ldquo; anzutreffen.
-Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose Krampski,
-welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien
-gar nicht &bdquo;reizend&ldquo;, wie die abgetakelte Operettensängerin
-zu verbreiten sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal,
-puccinesk.
-</p>
-
-<p>
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach
-Karbol roch und daheim drei unmündige Kinder und
-eine blasse sommersprossige Frau zu verwahren hatte,
-die einem ausgewrungenen Handtuch glich &mdash; er hielt
-das zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-in seinen schweißigen Armen. Floh die kleine Russin
-vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich peinigen, erniedrigen,
-bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd
-erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen
-die hübsche Russin aus dem Haus. Am nächsten Morgen
-hieß es am Frühstückstisch, sie sei abgereist.
-</p>
-
-<p>
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen
-Tag zu Bett.
-</p>
-
-<p>
-Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm
-die Mahlzeiten aufs Zimmer zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine
-stinkende Kammer tragen. Die Pneumo selber mußte
-es tun.
-</p>
-
-<p>
-Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten
-das Zimmer der kleinen Russin, das plötzlich
-ein Stück leerer unausgefüllter Raum geworden
-war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon,
-dem das Gas entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen
-da.
-</p>
-
-<p>
-Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei
-konfusen russischen Schriftzeichen bedeckt. Die
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Pneumo warf ihn nach einem kurzen achtlosen Blick beiseite.
-Auf dem Zettel aber standen diese russischen
-Verse:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,</p>
- <p class="verse">Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-9">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-IX.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="addr">
-Lieber Harry!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich
-in den zwei Monaten, die ich nun wieder hier bin, recht
-gut eingelebt. Mißverstehe mich nicht: leben, das heißt
-hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen den
-Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen
-Herrn schwingen, der unerkannt am Präsidententisch
-sitzt, und jederzeit die Glocke läuten kann. Dann ist
-einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem
-Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen
-aufgestellt. Man darf sich nur bespiegeln. In dem edlen
-Bulgaren. In der mütterlichen Pneumo. Dem taumelnden
-Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt
-Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat
-Pein, die Operettensängerin, der kleine Japaner, der
-Virtuose Krampski, der Leutnant. Einer taugt selbst zum
-Spiegel nicht: der naturwissenschaftliche Oberlehrer.
-In einer hübschen Russin bespiegelt man sich gern.
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel
-blind zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche
-Oberlehrer und schmeißt mit tellergroßen Steinen in
-den Spiegel. Der zerbricht klirrend, klagend, anklagend.
-Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig herausspringen,
-verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel
-und rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem
-zarten Auge der Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen
-Backenbart. Sybil ist kein Spiegel. Sie ist ein
-See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick
-in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon
-spiele ich das Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre
-her, daß ich an beiderseitiger Rippenfellentzündung erkrankte
-und im Krankenhaus in Frankfurt an der Oder
-lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz
-nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die
-Augen zum Himmel empor und sah die Madonna del
-Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über
-die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum,
-Brückenberg, Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde,
-Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos, Wehrawald und
-wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie
-es so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit?
-Ich erinnere mich eines Sanatoriums im Schwarzwald,
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-da war unser Krankenpfleger und Masseur zugleich
-Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den
-Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol.
-Bei mir verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger
-und Totengräber bin ich in einer Person. &mdash;
-Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es
-ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im
-&bdquo;Weib&ldquo;. Der Literat Pein den Mann. Ich ... den Bruder.
-Wann ich wieder in München sein werde? Anfang
-Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert.
-Ich fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein<br />
-Sylvester.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-10">
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-X.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte
-Papagei stand auf einem kleinen Tisch neben ihr. Sie
-lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten Vogel
-hin und wieder eine zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Friß, Vogel, oder werde lebendig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels
-&bdquo;Weib&ldquo; und studierte ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel
-ließ nur drei Figuren agieren: die Frau, den
-Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen
-muß theatralisch sehr geschickt verfertigt von
-dem Tiroler Dichter Korbinian Zirl, demselben, dem
-jenes bemerkenswerte Festspiel &bdquo;Andreas Hofer&ldquo; zugeschrieben
-wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen
-der Deutschen und Österreicher höher schlagen ließ. Im
-&bdquo;Andreas Hofer&ldquo; wie im &bdquo;Weib&ldquo; handelte es sich um
-eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch bewegten
-Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt.
-Das Schauspiel &bdquo;Weib&ldquo; war von sämtlichen bedeutenden
-Bühnen Deutschlands angenommen: in der bestimmten
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Erwartung eines klingenden Kassenerfolges. Im
-&bdquo;Deutschen Theater&ldquo; in Berlin verdiente sich der berühmte
-böhmische Komiker Zawadil Schnallenbaum als
-Mann die tragischen Sporen. Aber fast überall im
-Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit
-verboten. Katholische und protestantische Pfarrerverbände,
-Jünglingsvereine und Vereine zum Schutz alleinreisender
-junger Mädchen erließen langatmige Proteste
-gegen das &bdquo;Weib&ldquo;. Selbst ein Rabbiner gab seiner
-Entrüstung in den Zionistischen Blättern Ausdruck.
-Der bekannte Zentrumsabgeordnete Dr. Aborterer sah
-in dem Schauspiel &bdquo;Weib&ldquo; eine schamlose Aufreizung
-zur Blutschande.
-</p>
-
-<p>
-Sybil war von der Rolle der Frau entzückt.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem
-toten Papagei wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird
-nach mir das Weib spielen?
-</p>
-
-<p>
-Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin
-bei der Premiere dargestellt und rauschenden Beifall
-geerntet.
-</p>
-
-<p>
-Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer
-himmelblauen Atlasschleife geschickt, darauf waren diese
-Worte in Gold gestickt:
-</p>
-
-<p class="center">
-Der dankbare Dichter seinem Weib.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und
-sie in seinem treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit
-versichert:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Grad himmlisch is g&rsquo;w&rsquo;en, Fräul&rsquo;n ... I hab beinah
-g&rsquo;moant, i wär a Dichter ...&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater
-stattfinden. Pein, unterstützt von dem helläugigen
-Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen Churer,
-der die Redaktion des &bdquo;Davoser Intelligenzblattes&ldquo;
-leitete, hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem,
-weil er selber spielte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unser Herr Alfons Pein&ldquo;, so hatte Dr. Buri im
-Intelligenzblatt in der Voranzeige schreiben müssen,
-&bdquo;hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt,
-die Rolle des Mann im &sbquo;Weib&lsquo; zu übernehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher,
-daß Tinte und Asche über das Manuskript sprühten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Chaibe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er konnte Pein nicht ausstehen.
-</p>
-
-<p>
-Dann schrieb er weiter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein
-Sybil Lindquist von den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen,
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-die sich zur Zeit zum Kurgebrauch in Davos
-aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung
-in Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie
-es eben nur eine Sybil Lindquist vermag. Herr Sylvester
-Glonner, einer der Führer der jungdeutschen Dichtung,
-den Davosern im besonderen nicht unbekannt als Autor
-des groteskschwermütigen Davoser Romans &sbquo;Die Krankheit&lsquo;,
-spielt die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf
-hat begonnen. Versorge sich ein jeder rechtzeitig mit
-Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und
-zündete sich erleichtert seine Pfeife an.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-11">
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-XI.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Für den 19. Februar nachmittag waren auch die
-diesjährigen Skikjöring- und Pferderennen angesetzt.
-</p>
-
-<p>
-Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester
-telephonisch an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sylvester ...?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sybil?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie müssen reiten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was muß ich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Sybil, welche Idee!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen
-Davoser Pokal gewinnen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich
-würde nicht aus ihm trinken dürfen, denn ich bekäme
-sofort Nierenschmerzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Rennen gewinnen. Deshalb sollen Sie reiten. Ich
-werde auf Sie setzen beim Totalisator.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wann ist das Rennen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Am neunzehnten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber da müssen wir ja den Abend spielen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei.
-Um vier Uhr sind sie spätestens zu Ende. Da haben
-Sie genug Zeit, sich bis acht auszuruhen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe
-an dem Schauspiel schon genug ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal <em>handeln</em>
-sehn ... Tun Sie einmal etwas! Handeln Sie einmal
-nicht künstlerisch künstlich, dichterisch, schauspielerisch.
-Handeln Sie einmal menschlich ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin krank, Sybil ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.&ldquo; Ihre
-Stimme klang flehend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde reiten, Sybil.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er
-kannte und von dem er wußte, daß er das Rennen nicht
-reiten würde, der aber zwei Pferde laufen lassen wollte,
-und bat ihn, die &bdquo;Miggi&ldquo; reiten zu dürfen. In Graubünden
-heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und
-alle Mädchen Miggi.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten
-von Sylvesters wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten
-sie den Kopf; bestellten sich aber sofort telegraphisch
-Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner
-wollte reiten.
-</p>
-
-<p>
-Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch,
-sich als Jockei vorzustellen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was meinst du, Grete,&ldquo; fragte er die Pneumo,
-&bdquo;ob ich in vierzehn Tagen reiten lernte und ob ich es
-aushielte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kind,&ldquo; sagte sie zärtlich, &bdquo;was du für böse Träume
-hast. Du leidest immer häufiger an Alpdrücken. Du
-mußt abends vor dem Zubettgehen einen frischen Apfel
-essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-12">
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-XII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sylvester gewann mit Miggi I den goldenen Pokal
-von Davos.
-</p>
-
-<p>
-Der Ausgang des Rennens rief beim Publikum eine
-ungeheure Aufregung hervor.
-</p>
-
-<p>
-Sybil wurde halb ohnmächtig vom Platz getragen
-und mußte mit drei Flaschen Eau de Cologne bespritzt
-werden, ehe sie wieder zu sich kam.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester hob man auf die Schulter und trug ihn im
-Triumph in seine Pension.
-</p>
-
-<p>
-Der Thorax war heilig beglückt.
-</p>
-
-<p>
-Die Pneumo weinte Freude.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die reine Fata Morgana!&ldquo; sagte Herr Klunkenbul
-und wußte wohl selbst nicht, was er meinte.
-</p>
-
-<p>
-Sybil hatte ihr ganzes Geld beim Totalisator auf
-Sylvester gesetzt. Leider fiel die Quote sehr niedrig aus:
-17:10, denn man hatte, nicht aus Sportlichkeit, aber
-aus Sensation oder Schwärmerei, auf den Dichter
-gesetzt.
-</p>
-
-<p>
-Der Bulgare und der kleine Japaner gratulierten
-Sybil. Der Japaner überreichte ihr eine Orchidee.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-&bdquo;<em>Sie</em> haben das Rennen gewonnen&ldquo;, sagte der kluge,
-kleine Japaner.
-</p>
-
-<p>
-Sybil zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Sylvester lag angekleidet auf seinem Bett. Graues
-Schicksal: dem Wort zu dienen. Dem schwesterlichen
-Chaos. Den torkelnden Träumen. Als ob ich ein lebendiger
-Mensch würde, wenn ich auf einem lebendigen
-Pferd reite. Pferde tragen auch Schatten, oder, im
-Zirkus, hold uniformierte Affen auf ihrem Rücken.
-Was wiege ich eigentlich? Hundertacht Pfund. Das
-richtige Jockeigewicht. Was Sybil sich bei diesem Sieg
-denkt? Was habe ich gewonnen? Ein paar sensationelle
-Notizen in der Tagespresse. Mein Bild als
-Reiter in der &bdquo;Woche&ldquo;, der &bdquo;Berliner Illustrierten
-Zeitung&ldquo; und im &bdquo;Weltspiegel&ldquo;. Seewald wird mich
-als Reiter ernstkomisch in Holz schneiden und das
-schwarze Bild farbig betupfen. Denn man muß mich
-erst künstlich bunt machen. Ich bin so ermüdet, als
-hätte man mich zu Graubündner Fleisch geritten. Ich
-wage diesen Wahnsinn des heutigen Rittes, den Wahnsinn
-des abendlichen Schauspiels vor den erglühten
-Rampen. Würde ich wagen, Sybils Hand zu küssen?
-Nie.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-13">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-XIII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Vorstellung das &bdquo;Weib&ldquo; im Kurtheater ging
-vor ausverkauftem Hause in Szene. Nach dem Rennerfolg
-des Nachmittags war der Züricher Korrespondent
-des &bdquo;Berliner Blattes&ldquo; im Auto herbeigeeilt, um dem
-Schauspiel beizuwohnen und telegraphisch darüber nach
-Berlin zu berichten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sensationelle Sache&ldquo;, sagte er zu Pein. Es war
-ein dicker jüdischer Herr mit einer Hornbrille, hinter
-der zwei grüne Eulenaugen hervorsahen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Lindquist ist schwer krank. Vielleicht stirbt sie
-auf der Bühne. Und dieser olympische Stern am Himmel
-des Turfs: Sylvester Glonner: als erstklassiger
-Dichter, erstklassiger Jockei, erstklassiger Schauspieler,
-wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na&ldquo;, sagte Pein und verabschiedete sich, verärgert,
-daß der Korrespondent sich nicht mit ihm befaßte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Altes Eisen,&ldquo; sagte der jüdische Herr zu Dr. Buri,
-als Pein gegangen war, &bdquo;ich darf ihn beim besten Willen
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-nicht mehr ernst nehmen. Als Schriftsteller meine ich.
-Als Schauspieler kenne ich ihn ja noch nicht. Aber
-diese mystischen Fatzkereien. Ekelhaft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schmierig&ldquo;, meinte Dr. Buri. &bdquo;Sie sind schmierig
-wie schlecht geputzte Stiefel. Sie sollen glänzen wie
-Lack, aber es ist beim Altwarenhändler billig erstandenes,
-rissiges Kalbsleder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Übrigens wichst er sie zuviel, seine lyrischen Stiefel&ldquo;,
-sagte der Korrespondent, den es beunruhigte, daß ein
-anderer in Bildern redete. &bdquo;Dagegen der Glonner, mein
-Lieber: ein Talent. Ein großes Talent. Wir werden
-seinen nächsten Roman bringen, denn wir legen Wert
-auf ein literarisches Feuilleton.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-14">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-XIV.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Mann und Frau leben nebeneinander.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau haßt den Mann.
-</p>
-
-<p>
-Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren
-einer höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen
-von Gier, hinter ihr her. Die Frau haßt den
-Mann, weil sie ihn einmal liebte.
-</p>
-
-<p>
-Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte.
-</p>
-
-<p>
-Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander
-her.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die
-verdüsterte Stube. Halb verdurstet. Halb verhungert.
-Mit zerrissenen Kleidern, zerbröckelten Schuhen. Er
-stützt sich auf einen selbstgeschnitzten Wanderstab. Eine
-Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den
-Hals. Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne.
-</p>
-
-<p>
-Der Mann ist ausgegangen.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt
-seinen Ranzen ab und seinen Stab.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-&bdquo;Frau,&ldquo; sagt er, &bdquo;hier möchte ich bleiben. Hier ist
-meine Heimat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe einen Mann,&ldquo; sagt die Frau, &bdquo;er ist ein
-Tier.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen,
-mit meiner Mundharmonika beschwören&ldquo;, sagt der
-Blonde und bläst ein paar Töne.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau hat Tränen in den Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum weinst du?&ldquo; fragt der Blonde traurig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Keine Musik? Wie ist das möglich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen
-und alle Musikinstrumente, die er im Hause
-fand: meine kleine Mundharmonika, meine kleine Flöte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um unser Haus singen keine Vögel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum verläßt du deinen Mann nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kenne keinen andern Mann ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vor vielen Jahren &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;der ging auf die Wanderschaft &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; und ließ nie wieder von sich hören &mdash;&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erinnerst du dich seiner?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Immer ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-&bdquo;Wann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Immer und immer. Wenn der Frühling von den
-roten Märzwolken herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen.
-Wenn der Sommer die süßen Heudüfte in
-meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die
-herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter
-sterbend ihr schwebendes Sein vergolden. Wenn der
-alte Winter im weißen Mantel knirschend durch den
-knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen
-Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend,
-zu dunkler Nacht: immer und immer, zu jeder Stunde.
-Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In jedem
-Blick.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Frau!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junger Mensch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Sybil erblaßte.
-</p>
-
-<p>
-Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Sie lehnte sich an die Wand der Hütte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sylvester!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sybil!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen
-Armen auf.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-15">
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-XV.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Beifall überfiel die offene Szene.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fabelhaft!&ldquo; sagte der dicke jüdische Herr mit der
-Hornbrille. Seine Eulenaugen schillerten.
-</p>
-
-<p>
-Der Thorax, der in der ersten Reihe saß, zitterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sterben beide auf offener Szene&ldquo;, bebte er.
-</p>
-
-<p>
-Die Pneumo hatte Tränen in den Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brava!&ldquo; rief ein Italiener wie wahnsinnig zu Sybil
-herauf. &bdquo;Brava, brava! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Bulgare wischte sich mit einem kleinen seidenen
-Tuch, einem Geschenk Sybils, den Schweiß von der
-Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Er mußte sich zusammenreißen, um in keinen Wutanfall
-auszubrechen. Um nicht Schaum vor die Lippen
-zu kriegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist Krieg!&ldquo; dachte er entsetzt, &bdquo;da fließt
-Blut ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Japaner lächelte, freundlich interessiert.
-</p>
-
-<p>
-Europäer ... dachte er. Sie haben alle Hitze aus
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-dem Äther in sich hineingesogen und verbrennen nun
-an- und ineinander unter einem kalten Himmel. In
-Japan trippeln unter einem heißen Himmel kalte Menschen
-auf Holzschuhen im klappernden Stakkato. Und
-ihre Liebe duftet weiß, kühl und weiß wie die Schneeblüte
-des Fushijama.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-16">
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-XVI.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie
-unterlag in den Wirtshäusern keiner Polizeistunde.
-</p>
-
-<p>
-In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum
-Abendessen. Nach dem Abendessen wurde rote Bowle
-und Rosinenkuchen gereicht.
-</p>
-
-<p>
-Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner
-Gäste am Gürtel, atemlos durch den Saal. Er mußte
-sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul gebärdete sich
-als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom
-Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen.
-</p>
-
-<p>
-Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet,
-hustete heftig. Sie konnte den parfümierten Duft der
-Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal Rätten rauchte,
-nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot
-in der Pension Schönblick aufgehoben. &mdash; Der schwäbische
-Violinvirtuose Krampski gab mit seiner Geige, der
-er häßliche Töne entlockte, einen italienischen Straßenmusikanten
-zum besten.
-</p>
-
-<p>
-Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-es am billigsten war, eine Maske als Kostüm gewählt:
-Darwin. Er bemühte sich, einem blaukarierten fahrigen
-Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen.
-</p>
-
-<p>
-Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb
-und violett.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon
-drei Gläser Bowle umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse
-schlotterte um seine magere Brust. Um seinen
-Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote
-Strümpfe funkelten aus blauen, rauschenden Hosen.
-Eine Schirmmütze plattete seinen hohen Kopf ab.
-</p>
-
-<p>
-Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in
-Nationaltracht, der Japaner als deutscher Ritter und
-Minnesänger in einer hastig klappernden Blechrüstung.
-</p>
-
-<p>
-Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren
-Kleid.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf
-den Korridoren geküßt.
-</p>
-
-<p>
-Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins &bdquo;Rößli&ldquo;
-gehen, droben im Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei
-sicher sehr, sehr amüsant.
-</p>
-
-<p>
-Man klatschte und brüllte Beifall.
-</p>
-
-<p>
-Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter
-sich drein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem
-der Virtuose Krampski mit Chopins Trauermarsch aufspielte.
-Im &bdquo;Rößli&ldquo; empfing sie ein betäubender Lärm
-von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden
-Füßen. Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten
-mit Dienst- und Ladenmädchen. Dazwischen einige
-Berliner Kurgäste, Saaltöchter und Soldaten. Eine
-Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch
-ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend,
-hüpfte quer durch den Saal. Sie sang dazu
-die Marseillaise.
-</p>
-
-<p>
-Der Wirt vom &bdquo;Rößli&ldquo; wies den Herrschaften von
-Schönblick einen bequemern Nebenraum an. Man gelangte
-von dort nach Belieben in den Saal zum Tanzen,
-hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke
-seiner Rüstung schlug, ging in den Saal, das portugiesische
-Dienstmädchen zu suchen.
-</p>
-
-<p>
-Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische
-Magier. Der Straßenmusikant mit der blaukarierten
-Zofe und nach und nach die andern alle.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben
-endlich allein zurück.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-17">
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-XVII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen&ldquo;,
-sagte der Sioux und ging wie irrsinnig auf den Apachen
-los. Er zuckte als Dolch einen Fieberthermometer in
-der Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich bin an beiden Lungen krank&ldquo;, erwiderte
-der Apache höflich. Seine Schirmmütze war ihm so
-tief in die Stirne gerutscht, daß seine leicht entzündeten
-Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden
-Lungen machen lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann stürbe ich ... auf der Stelle.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sollen Sie ja!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die
-Schminke von hellblauen Adern durchdrungen, verschönte
-sich. Es wurde zart, wie wenn er eine Hymne von
-Novalis las.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb
-sind Sie doch nur hier oben, um zu sterben. Lebendig
-zu sterben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal
-Ähnliches?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie&ldquo;, der Sioux konnte nicht mehr stehen
-und setzte sich stöhnend auf einen Stuhl, &bdquo;es ist mir
-ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich selber
-kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer
-in den Spiegel spähen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester
-sein übermüdetes Gehirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer,
-den hauttuberkulösen Darwin. Ein unangenehmer
-Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und
-Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern
-Gäste beschweren sich immer über ihn. Aber ich rieche
-ihn gern, den Geruch der Verwesung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet
-er wie Pein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus
-dem Haus tragen, und am nächsten Morgen wird es
-heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte immer
-auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein
-unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern
-Lebens glänzt um den Tod. Auf Erden ist doch immer
-Krieg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht
-aus tausend Seelen und spricht mit tausend Zungen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb
-leicht. Wissen Sie, wen ich sterben sehen möchte?
-Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne untergeht
-und ein erhabener Aspekt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hat Visionen, erschrak Sylvester, er prophezeit. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Pneumo und Sybil tanzten leise nach einem
-Grammophon. Durch die schmutzigen Fenstervorhänge
-blinzelte schon der Morgen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte jetzt lieber in einem Sarg als auf dem
-Liegestuhl liegen&ldquo;, sagte Sybil. &bdquo;Aber die Kur beginnt
-schon wieder ... Ein neuer Tag. Er ist so alt wie alle
-neuen Tage.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester hatte sich neben den Sioux gesetzt, und
-beide sahen schweigend dem Tanz der Frauen zu.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich hielt Sybil inne.
-</p>
-
-<p>
-Sie sah nach dem Fenster, das bleich und übernächtig
-in den dämmernden Morgen stierte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Tag!&ldquo; sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-Ein ewiger Schmerz zuckte im Herzschlag dieser hingehauchten
-Worte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Tag ...&ldquo; wiederholte Sylvester für sich, &bdquo;wessen
-Tag? Der meine nicht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-&bdquo;Die Krankheit!&ldquo; röchelte der Sioux.
-</p>
-
-<p>
-Sybil zog den Vorhang zurück. Da brach der erste
-Strahl des Morgenrotes über die Berge. Aus Sybils
-Lippen, die kalkweiß erstarrt waren, lief ein dünner,
-glänzender Blutfaden wie eine rote Schlange.
-</p>
-
-<p>
-Sie wandte sich lächelnd um: &bdquo;Das Morgenrot!&ldquo;
-und glitt sanft zu Boden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-18">
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-XVIII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sylvester sprang sofort hinzu. Er trug sie auf das
-verschlissene violette Plüschsofa, das den Raum zierte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Arzt!&ldquo; brüllte plötzlich der Thorax.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bleiben Sie bei ihr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Pneumo nickte wortlos.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester rannte durch den Saal.
-</p>
-
-<p>
-Da schlief in einer Ecke, an die Brust des portugiesischen
-Dienstmädchens gelehnt, der kleine Japaner.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester schüttelte ihn wach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man braucht Sie! Man ist erkrankt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Japaner folgte. Seine Rüstung klapperte wie
-unzählige Blechbüchsen. Er legte das gelbe, mausähnliche
-Ohr an Sybils Herz.
-</p>
-
-<p>
-Er faßte ihr den Puls.
-</p>
-
-<p>
-Er sah ihr auf den Mund.
-</p>
-
-<p>
-Dann zuckte er die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bringen Sie sie sofort nach Hause. Ich werde ihr
-eine Kampfereinspritzung machen. Übrigens kann es sich
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-nur darum handeln, das Leben um ein paar Stunden
-zu verlängern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Sterben, meinen Sie&ldquo;, sagte der Thorax. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein Schlitten war in der Eile nicht aufzutreiben.
-Eben klingelte draußen der erste Tram, der nach Davos-Platz
-fuhr.
-</p>
-
-<p>
-Sie schafften Sybil in den Tram, der von der sterbenden
-Sonne, dem Apachen, der Geisha, dem Ritter,
-dem portugiesischen Dienstmädchen und dem Sioux
-besetzt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Zum Glück lag Sybils Pension an der Promenade.
-</p>
-
-<p>
-Der Tram konnte vor ihrer Wohnung halten.
-</p>
-
-<p>
-Als sie in ihrem Bett lag, schlug sie die Augen auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte&ldquo;, lächelte sie die Masken an, &bdquo;verlassen Sie
-mich! Dank für Ihre Teilnahme an meinem Leben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wehrte den Japaner ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich brauche keine Einspritzung. Ich will Sylvester
-noch einmal sprechen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Masken gingen.
-</p>
-
-<p>
-Der Apache blieb.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sylvester,&ldquo; sie legte alle Kraft ihres Herzens in
-ihren letzten Blick, &bdquo;du letzter Tag meines Lebens!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hielt ihre Hände. Sein roter Schal streifte ihre
-gläserne Stirn.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-&bdquo;Drück mir die Augen zu!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er fiel von einem Hammerschlag getroffen zermalmt
-an ihrem Bett zusammen. Er hörte um sich leere
-Worte plappern, und es schien ihm, als fange der tote
-Papagei, der auf dem Nachttisch stand, wieder zu
-sprechen an.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-19">
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-XIX.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit
-an Sybils Grab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab.
-Einen blonden Baum.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum
-in unserm Davoser Klima sich auch nur einen
-Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde, eine
-Minute, eine Sekunde hält.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester blieb starr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten,
-verlassen Sie sich darauf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten,
-den Herrn von seinem Aberwitz zu überzeugen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige
-Schwedin. In Schweden liebt man die Zitronenbäume
-nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das Richtige oder
-eine Trauerweide.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-&bdquo;Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum
-auf das Grab pflanzen. Es muß ein Baum
-sein, der Früchte trägt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht <em>eine</em> Frucht wird er tragen&ldquo;, schrie der Gärtner
-und schlüpfte aus der Friedhofspforte.
-</p>
-
-<p>
-Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten
-auf dem Metallblau des Himmels.
-</p>
-
-<p>
-Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf
-standen nur diese zwei Worte: Sybil Lindquist. Keine
-Altersangabe. Kein Geburts- und kein Todesdatum.
-</p>
-
-<p>
-Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der
-Pneumo, dem Bulgaren, dem Japaner und dem Leutnant
-gemeinsam gestiftet worden.
-</p>
-
-<p>
-Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof
-durchwandeln, werden glauben, sie sei erst gestern
-gestorben.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem
-Java-Kapok gefüttert und mit Schulterklappen und seitlichen
-Mufftaschen versehen war, auf seinem Privatbalkon.
-</p>
-
-<p>
-Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils:
-eine nicht einmal besonders gelungene Ansichtskarte,
-die sie in einer ihrer Filmrollen als amerikanische
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler
-Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel.
-</p>
-
-<p>
-Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog,
-klangen die eintönigen Rufe: Bob ... Bob ...
-Bob ... an sein durch wollene Ohrmuscheln vor der
-Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen hilfeheischend
-wie die Rufe von Ertrinkenden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-20">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-XX.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester,
-als der Zug in Rorschach einlief. Hier ist also Friede.
-Und Frühling. Kein Schnee, keine rosa Kälte mehr.
-Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen Gesträuch.
-</p>
-
-<p>
-Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein.
-Kinder sprangen wie Kaskaden steinerne Stufen herunter.
-Mädchen zwitscherten unter den Laubengängen.
-Burschen lachten dröhnend.
-</p>
-
-<p>
-Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen
-Gassen. Aus einem Restaurant, an dem ein
-Schild &bdquo;Frohsinn&ldquo; angebracht war, tönte kleines Orchester.
-Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen
-von Pergolesi.
-</p>
-
-<p>
-Ein Brunnen rauschte.
-</p>
-
-<p>
-Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die
-Gassen sich den Berg hinauf. Und Sylvester glaubte
-zu weinen, sinnlos an eine Laterne gebeugt.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in
-Dämmerung übergegangen. Noch blaute der Tag über
-Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-Er trat an den Bug.
-</p>
-
-<p>
-Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen,
-die nach Futter suchen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel;
-und auch mein Herz ist schon zu zermürbt und von andern
-Vögeln zerfressen, als daß ich es euch noch zum Fraß hinwerfen
-könnte.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn
-schwebte Lindau, in das der Dampfer wie ein Komet
-flammend und rauchend rauschte.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck
-hielt.
-</p>
-
-<p>
-Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu.
-</p>
-
-<p>
-Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten
-gelbe Wolken. Sie waren wie Aeroplane einer fremden
-Macht hinter ihm her, aber er war ihnen längst
-entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ
-sie weiter, immer weiter hinter sich.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-21">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-XXI.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Gehen wir in den Kino!&ldquo; sagte Sylvester.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In welchen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt,
-in dem der erste Platz dreißig Pfennig kostet,
-und in dem man sich unbedingt eine Angina holt. &mdash;
-Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.&ldquo;
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes
-Plakat: ein bleicher, blonder Frauenkopf, der
-sich wie eine Narzissenblüte auf einem Stengel wiegte.
-&bdquo;Narzissenblüte&ldquo; hieß der Film, und das sollte den
-Namen des Mädchens symbolisieren, denn unten auf
-dem Plakat waren ein Negerboxer und ein brauner
-Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer Viscount
-oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich,
-daß der Film auf einem Konflikt zwischen
-dem Neger und dem Weißen aufgebaut war. Ein
-Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur
-neben dem Kino.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen.
-</p>
-
-<p>
-Harry sah einer schmalen Kellnerin nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ißt du das Zeug gern?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sylvester schüttelte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen
-Kastanien wärmen.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Leinwand flammte auf.
-</p>
-
-<p>
-Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen
-und Lauben umgeben, trat eine schlanke, blonde
-Frau.
-</p>
-
-<p>
-Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes
-Sommerkleid und einen Biedermeierstrohhut
-mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband schwang
-sich vom Hut hernieder um den zarten Hals.
-</p>
-
-<p>
-Sie sah sich suchend um.
-</p>
-
-<p>
-Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden.
-Sie biß die Lippen aufeinander.
-</p>
-
-<p>
-Nun glitt ihr Blick gradeaus.
-</p>
-
-<p>
-Er blieb an Sylvester haften.
-</p>
-
-<p>
-Sybil hatte Sylvester entdeckt.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten,
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-seine Hände zitterten, die Muskeln ließen nach und die
-Kastanien rollten am Boden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ruhe!&ldquo; rief eine Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester marterte sich das Hirn:
-</p>
-
-<p>
-Wird sie tanzen?
-</p>
-
-<p>
-Da eilte von links ein eleganter junger Herr im
-Zylinder, Cutaway, in grauen Hosen mit schwarzer
-Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend, auf
-sie zu.
-</p>
-
-<p>
-Sie reichte ihm die Hand.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Unruhe war verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor.
-</p>
-
-<p>
-Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete
-äffisch grinsend den Wagenschlag.
-</p>
-
-<p>
-Sybil stieg ein.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr folgte.
-</p>
-
-<p>
-Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine
-Parkallee von Pappeln fliegen ... nun glitt es in
-den Wald und war den Blicken aller hinter Bäumen
-entschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Sylvester stand auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der
-Schweiß stand ihm auf der Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gehen wir&ldquo;, sagte er. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf
-der Straße waren, und das Entsetzen übte schon wieder
-Macht über ihn. Man müßte ihn wie einen Hund über
-den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des
-grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den
-Neger auf der Stelle niederknallt, wer soll dann den
-Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen Chausseegraben
-sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser
-Hirn würde auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen
-im Winde wehen. Ein Kopf ohne Hirn ...
-ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen
-... und ... so süß zu hoffen ...
-</p>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-</p>
-
-</div>
-
-
-<pre style='margin-top:6em'>
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT ***
-
-This file should be named 63643-h.htm or 63643-h.zip
-
-This and all associated files of various formats will be found in:
-http://www.gutenberg.org/6/3/6/4/63643/
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-</pre>
-</body>
-</html>
diff --git a/old/63643-h/images/cover.jpg b/old/63643-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index f412ff1..0000000
--- a/old/63643-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ