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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 10:17:08 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this ebook. - -Title: Die Krankheit - -Author: Klabund (Alfred Henschke) - -Release Date: November 05, 2020 [EBook #63643] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was - produced from images generously made available by The Internet - Archive. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT *** - - - Von _Klabund_ ist im gleichen Verlage erschienen: - - Morgenrot! Klabund! - Die Tage dämmern! - - Gedichte - Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--. - - Klabunds Karussell - - Zweite Auflage - Geh. M. 3.--, geb. M. 4.--. - - Der Marketenderwagen - - Dritte Auflage - Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--. - - Moreau - - Der Roman eines Soldaten - Vierte Auflage - Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--. - - - In Vorbereitung: - - Die Himmelsleiter - - Gedichte. - - - - - Die Krankheit - - - Eine Erzählung - von - Klabund - - Zweite Auflage - - - Berlin 1917 - Erich Reiß Verlag - - - Geschrieben im Februar und März 1916 - - - Sybil Smolowa zu eigen - - - - - I. - - -»Sie sind also nur deshalb hierhergekommen, um zu sterben?« sagte der -junge Deutsche und lief, die Hände in den unteren Taschen seiner -kamelhaarbraunen Sportweste, aufgeregt und hustend durch den -Zigarettenqualm. - -»Weshalb sonst?« sagte Sybil, die rauchend auf dem Bett lag, schlank und -blond. - -»Scharmant, scharmant«, wisperte der kleine Japaner, der oben im -Sanatorium Beaurivage Assistentendienste versah, und hielt ein blaues -Speiglas, auf dem eine sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das -Licht. - -»Zehn Kubikzentimeter Auswurf«, lächelte er, von irgendeiner inneren -Fröhlichkeit betroffen. - -Er sprach fließend Deutsch und fließend Portugiesisch und gab sich -zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese aus. Er unterhielt -geheime Beziehungen zu dem Dienstmädchen des portugiesischen Konsuls. -Das war eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet aussah. An -Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille um den fettigen -Hals, die das Bild des kleinen Japaners -- in seiner seidenen und -faltenreichen Nationaltracht -- in sich verbarg. - -»Ich habe früher nur dunkle Frauen geliebt,« sagte der junge Deutsche -und sah durch die Balkontür in den stürmenden Schnee, »Frauen mit -schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln -tappte mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es licht in mir. -Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren und Hirschaugen. Dann eine mit -roten Haaren und beinah blauen Augen, die violett glänzten. Meine -Freunde verspotteten mich mit ihr und meinten, sie hätte neben ihren -roten Haaren auch rote Augen, und ich liebte ein Kaninchen. -- Endlich -wurde es ganz hell um mich. Die Sonne ging auf. Rasend blond aus einem -Himmel blauer Blicke. Ich sah in den Mittag meines Lebens. Blauer -Himmel, holde Sonne, warum wollen Sie mir nicht glauben, Sybil, daß Sie -mein Tag sind?« - -»Oh!« Sybil wehrte leise ab. Sie schlug die Asche ihrer Zigarette auf -den Bettvorleger. - -Der kleine Japaner stellte die blaue Flasche auf den Nachttisch und -tanzte in eine dunkle Ecke des Zimmers. Man hörte ihn lachen: wie einen -fremdartigen Wasservogel. - -Er unterhielt sich in seiner zischenden Sprache mit dem ausgestopften -Papagei. - -Der bleiche bulgarische Offizier, der gekrümmt auf einem Hocker saß und -in den Boden starrte, räusperte sich. - -Er hatte beide Balkankriege mitgemacht; die Schlacht bei Lüleburgas; die -Belagerung von Adrianopel; den Stellungskampf an der Tschataldschalinie. -Niemand durfte in seiner Anwesenheit vom Krieg sprechen. Ihm trat sofort -der Schaum auf die Lippen. - -Als Professor Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, ihn das -erstemal untersuchte und mit seinem eleganten weichen Hammer beklopfte, -fiel er in Ohnmacht in dem Augenblick, als Dr. Froidevaux von einer -chirurgischen Operation kommend, den weißen Mantel ein wenig mit Blut -bespritzt, das Zimmer betrat. - -»Sybil,« sagte der Bulgare, »es wäre schlimm, wenn Sie stürben. -Sylvester Glonner hat recht. Sie sind unsere blonde Sonne. Bei Ihnen im -verqualmten Zimmer zu sitzen wärmt mehr, als auf der Liegehalle in der -Mittagssonne schläfrig zu liegen. Die Davoser Sonne macht schläfrig. Sie -machen wach.« - -Er fiel auf seinen Hocker zurück. - -Der junge Deutsche lehnte sich schwerfällig an den weiß polierten -Schrank. Er erinnerte sich eines Verses von Hölderlin: Wo bist du? -Trunken dämmert die Seele mir von aller deiner Wonne. - -»Wo bist du?« sagte er laut. - -Der Japaner lachte. - -Sylvester war, als hätte ein Blick von Sybil ihn flüchtig gestreift. Wie -ein warmer Wind. Der Bulgare sah auf die Uhr: - -»Ich muß zur Liegekur. Es geht auf sechs.« Er klapperte an seinem -Krückstock ohne Gruß zur Tür hinaus. - -Der kleine Japaner schwebte freundlich hinter ihm her. - -»Sie bleiben allein«, sagte Sylvester. - -»Wie immer ...« - -Sie blies den Zigarettenrauch in wahllosen Ornamenten zur Decke. - -Er gab ihr die Hand und ging. - - - - - II. - - -Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische Stadt am Rande -der Rocky mountains ... am Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum -Abbruch jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels mit -ihren funkelnden Liegehallen da und dort und kreuz und quer im Tal und -an den Berglehnen errichtet. Obgleich sie selten über vier Stockwerke -zählten, schienen sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der -Liegehallen Wolkenkratzer. - -Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer, zwitschernde -Brasilianer, duftende Französinnen, dunkle Russen wandelten im -gleichmäßig getragenen Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von -der Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei bis zum Grand-Hotel -Belvedere und wieder zurück. - -Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten, oder ein -Amerikaner, einen Skeleton wie einen Hund hinter sich herzerrend, über -die Straße. - -Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger tönte -Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack schwang eine graue Geige. -»_Soupers de luxe en commande_« blinkte in goldenen Lettern unter der -grau hüpfenden Geige. - -Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, fuhr in seinem -schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze gehüllt, einen -grüngestreiften Schal vorm Mund, königlich über die Promenade. Er war -seit dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger Chefarzt und -alleiniger Besitzer des renommierten und wohlflorierenden Sanatoriums -Beaurivage, welches oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er -war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach seinen Prinzipien in -neunjähriger Kur ausgeheilt. - -Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten und beim Abschied -von Davos seine Photographie bei Herrn Photographen Guardawal für drei -Franken kauften, verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in -verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm gesehen zu werden. -Eigentlich hätten sie nach seiner Vorschrift schon Liegekur machen -müssen. -- - -Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich -kaum in die Neue Züricher Zeitung vertieft, als Pein an seinen Tisch -trat, Alfons Pein, der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der -Bühnenmysterien »Kain und Abel« und »Golgatha«. Sein Leben und Dichten -bestand in undeutlichen, verquollenen und verschwommenen Phantasien, die -er mehr oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische Gedanken -unterzulegen er sich krampfhaft bemühte. - -Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war eigentlich schon seit -fünf Jahren gesund. Er hätte, ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten -neu errungenen Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren können. -Aber er fühlte wohl, daß er nur hier oben noch eine Rolle spielte, wo -er, von den Kurgästen interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen -belächelt, im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von kleinen -blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und verwirrter Prosa versah. -»Ich bin nun mal an Höhenluft gewöhnt«, schnaubte er und in seine Augen -trat ein leerer, kindlicher Glanz. - -Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei Künsten weit über das -Mittelmaß emporrage und daß man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur -als Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... hatte sich -früher einmal als Schauspieler und Regisseur betätigt (dazumal aus -Geldmangel: aber dieses Motiv war bei ihm in Vergessenheit geraten) und -gedachte dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen. - -»Wird sie spielen?« fragte er Sylvester. - -»Leider«, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth. - -Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter und wischte sich -mit einem kleinen Spitzentaschentuch seine blaue Schneebrille ab. - -»Melange!« schnaubte er. »Die Sehnsucht jedes Schauspielers ist, auf der -Bühne zu sterben. Vielleicht jedes Menschen. Ich habe viele Menschen -sterben sehen. Der Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel. -Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...« - -Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er verwest in sich, und das -nennt er Romantik. - -»Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie ihr Leben.« - -Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem Löffel behutsam in den -Kaffee getaucht hatte. - -»Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker«, sagte Sylvester. - -Peins strohbrauner Bart knisterte. - -»Dramatiker!« - -»In Ihrem Sinne ...« gab Sylvester lächelnd zu. - -Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in ihnen abgeknipst. - -»Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie ist ein Zustand des -Leibes und der Seele. Ich wollte schon längst einmal eine Psychoanalyse -der Schwindsucht schreiben.« - -»Tun Sie das.« Sylvester rief der Kellnerin »Zahlen!« - - - - - III. - - -Sylvester bewohnte in der Pension »Schönblick«, Davos-Dorf, ein schmales -Südzimmer mit Privatbalkon im ersten Stock. Die Pension stand am Wald, -dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und -hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die -vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres -Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr. -Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine -Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr -allgemein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit -der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen und Absterben -gebracht wird. - -In der Pension »Schönblick« wurde das Ehepaar Paustian deshalb mit einem -gewissen gütigen Spott Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von -jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und -gleichsam innerlicher gewandelt hat. - -Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn die Freude des -geistigen Kranken an Büchern verband. - -Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, schrieb in den -wenigen Stunden, die er nicht Kur machen mußte, kleine literarische -Betrachtungen über Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller, -kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der -Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las nur aus Höflichkeit Sylvesters -Schriften, weil Sylvester sein Gast war. -- - -Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das Gong zum Abendessen -schlug. - -Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit Eau de Cologne und -betrat den Speisesaal. - -Die Löffel klapperten in der Suppe. - -Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute Frau Bautz, -Operettensängerin a. D. und wie alle Artisten aus Sachsen stammend, -schrie in ihrer unangenehmen Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten -an: - -»Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für meine nächste -Hosenrolle?« - -Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen Krampski -Toilettenfragen und die Mode des eleganten Herrn. - -»Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. Ausgeschlossen. Nicht -für teures Geld. Ich brauche einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack, -eine englische Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? 180 Franken hat -er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur Shoping Sons. In den Dreck -geworfen sind die 180 Franken.« - -Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und mißverstanden hatte, -schnörkelte die Lippen: - -»Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.« - -»Ich habe einen Schneider in Basel,« sagte Krampski, »ich habe in jedem -Land der Welt einen Schneider. Ich werde ihn nach Davos kommen lassen. -Ich brauche einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?« - -Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches in -Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein mochte. - -»Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd«, krähte der -naturwissenschaftliche Oberlehrer. »Die Jagd bereichert die Kenntnisse -des Menschen von der Natur. Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die -hatte ein unausgetragenes Junges im Leib.« - -»Fabelhaft!« sagte Herr Klunkenbul. »Da haben Sie also eine Dublette zur -Strecke gebracht!« - -»Es ist verboten, Ricken zu schießen«, sagte der Leutnant, leise -verweisend. - -»Ricke -- was ist das?« fragte die hübsche Russin. - -»Ein weibliches Reh«, sagte Sylvester. -- - -Er spricht mit mir, lächelte sie in sich hinein. -- - -»Ich angle lieber«, die Operettensängerin wiegte sich in ihren Hüften. -Sie sang die drei Worte wie einen Coupletrefrain. - -»Aber mit künstlichen Mücken«, sagte der Thorax. Der alte Herr -Klunkenbul, Xylograph aus Braunschweig, ließ einige asthmatische -Vokabeln aus seinem weißen Bart fallen; der stand wie eine beschneite -Tanne im Hochwald seines Gesichts: - -»Davos ist im Glanz der funkelnden Wintersonne die reine Märchenwelt.« - -Man schien ihn nicht gehört zu haben und er wiederholte eigensinnig: - -»... die reine Märchenwelt ...« - -»Der Monismus ist eine bedauerliche Zeiterscheinung«, sagte Sylvester -und wandte sich ernst an Herrn Klunkenbul. - -»Wie meinen Sie?« Herr Klunkenbuls Bart öffnete sich erstaunt. - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte nur das Wort Monismus -vernommen. - -»So glauben Sie nicht an Häckel und an seine wunderbaren -Forschungsresultate?« - -»Ich glaube immer noch lieber an Gott«, sagte Sylvester. - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer prustete überlegen. Herr -Klunkenbul, der streng protestantisch gesinnt war, rief »Bravo!« und -prostete Sylvester zu. - -Die hübsche Russin Agafja warf wie bunte Glasperlen strahlende Augen auf -Sylvester. - -Er ist ein Dichter, dachte sie, ein deutscher Dichter -- aber ein -Dichter, und sah Sonne, Mond und Sterne ihn umwandeln. - -Und während sie sich eine Mandarine schälte, sagte sie leise ein paar -russische Verse: - - Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen, - Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut. - - - - - IV. - - -Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran. - -»Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an den Affichen schillert -in allen Regenbogenfarben.« - -»Der bunte Zettel wird sie freuen«, sagte Sylvester. »Sie wird an ihren -toten Papagei denken.« - -»Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?« - -»Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht raten. Man _darf_ -ihr nicht raten. Hören Sie.« - -»Wer spielt denn den Mann?« - -»Der Mystiker, Herr Pein«, sagte Sylvester. - -»Und den Bruder?« - -Sylvester zögerte. - -»Es ist nicht ausgeschlossen, daß _ich_ ihn spiele. Aber bitte schweigen -Sie noch davon. Auch der Bulgare möchte ihn spielen. Sogar der kleine -Japaner.« - -»Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,« sagte der Thorax -nachdenklich, »als ich noch in deutschen Mittelstädten Pepsinwein -verkaufte. Ob ich es nicht wieder einmal versuche?« - -Die Pneumo streichelte seine Schulter. - -»Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du dein Exsudat -wegkurierst. Was hast du heute gegen 7 Uhr gemessen?« - -»37,9«, sagte der Thorax beschämt. - -»Also«, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand. »Komm, du mußt zu -Bett.« - -Sylvester verneigte sich leicht. - -Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft. Er spürte Kopfweh. - -Er ging die Schiastraße entlang. - -Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu Kolbinger. - -»Sekt!« sagte er strahlend. - -Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen Schnee. Ein harter -Ellenbogen stieß in seine rechte Hüfte. - -Er drehte den Kopf. - -Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen Mütze auf dem Kopf, -sah ihn an. - -»Kenne ich Sie?« fragte Sylvester. - -»Nein«, sagte das Mädchen trotzig. - -»Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen lassen?« - -»Ja«, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an. - -»Was wollen Sie von mir?« - -Das Mädchen lachte leise: - -»Sie!« - -»Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?« - -»Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.« - -»Welches Recht?« - -»Das Recht des Sterbenden.« - -Sie traten unter eine Laterne. - -Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht. Ihr Atem -durchschnitt die kalte Winterluft mit noch eisigerem Hauch. In ihrem -Körper rasselte es wie ein Motor. - -»Er schnurrt ab«, sagte das Mädchen. »Meine eine Lunge ist ganz weg. Und -meine andere dreiviertel. Ich sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur -mein Mund leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der -Einsamkeit. Küssen Sie mich!« - -Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres verwesenden -Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer über die Promenade. -Zwei junge und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter ihr -her. - -Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg langsam empor. - -Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht im Dunst der -Nacht. - -An einer Bank hielt das Mädchen an. - -»Es sind zwölf unter Null«, sagte Sylvester. - -»O,« lächelte das Mädchen, »das macht nichts. Mir ist so warm als wären -wir im August.« - - - - - V. - - -Der Bulgare hatte Sylvester, Leutnant Rätten, den Literaten Pein und den -kleinen Japaner zu sich ins Sanatorium zum Tee gebeten. - -Natürlich machte jemand den Vorschlag, zu pokern. - -Der Bulgare holte ein Spiel amerikanischer Karten mit dem Joker aus der -Nachttischschublade. - -»Warum haben Sie denn die Karten im Nachttisch?« fragte Sylvester. - -»Wenn ich nachts aufwache und nicht wieder einschlafen kann, muß ich -etwas Interessantes zum Lesen haben. Dann betrachte ich mir die Karten.« - -Man spielte 1 Frank Satz, 10 Frank Grenze. - -Keiner sprach ein Wort. - -Der Japaner glänzte kupfern. - -Den Bulgaren strengte schon das Mischen so an, daß er hustete. - -Der Japaner gewann in lächerlich kurzer Zeit einige hundert Franken. Er -wollte sich empfehlen und einen ärztlichen Besuch vorschützen. - -»Dageblieben«, brüllte Sylvester. - -Der Japaner zuckte die Achseln und mischte. - -Pein verlor in einem fort. - -Er verlor über hundert Franken in einem einzigen Spiel an Sylvester, -weil Sylvester sein Full-hand mit einem Damen-vierling übertrumpfte. Das -gab eine Extrarunde mit doppeltem Satz. Eine sogenannte moralische -Ehrenrunde. - -»Vier Damen -- ominös!« sagte Pein. - -»Vier Damen sind weniger als eine«, sagte Sylvester. »Aber nicht beim -Poker.« - -Bei der moralischen Ehrenrunde wanderte von Geber zu Geber eine kleine -unzüchtige Holzschnitzerei, japanischer Herkunft und dem Japaner -gehörig, zwei männliche Figuren im widernatürlichen Beischlaf begriffen -darstellend. - -Der Japaner verlor. - -Von ihm glitt das Geld zu Sylvester hinüber. Die Glocke im Sanatorium -läutete zum Abendbrot. Der Bulgare klingelte und ließ sich das Essen auf -dem Zimmer servieren. - -Die übrigen verspürten wenig Hunger und sättigten sich eilig an den -Kuchenresten, die vom Tee zurückgeblieben waren. Sie tranken dazu -Danziger Goldwasser oder Allasch oder Curaçao. - -Keiner wollte aufhören zu spielen. - -»So gehen Sie doch«, sagte Sylvester zu dem kleinen Japaner. »Sie -wollten doch schon vor zwei Stunden gehen.« - -Der Japaner zuckte die Achseln und blieb. - -Sylvester genoß das Spiel. - -»Ein Abbild des Lebens«, sagte der Bulgare. »Wer gibt? Ich habe die -schönsten Stunden meines Lebens am Spieltisch verbracht. Schönere als je -mit Frauen.« - -»Nur wer mit dem Gelde _spielt_, soll spielen«, sagte Sylvester. - -Pein zupfte nervös an seinem Fransenbart. Er verlor noch immer. - -»Ich werde meinen Verlust wieder einholen«, sagte er zitternd. - -»Das werden Sie nicht«, trumpfte Sylvester seinen Zehnerdrilling mit -einem Flush. »Sie sind nur noch hier in Davos möglich. Unten, in der -Welt, haben Sie längst ausgespielt.« - -Pein wimmerte erregter: - -»Was soll das heißen? Erst neulich habe ich im Züricher Pfauentheater in -der führenden Rolle eines meiner Stücke gastiert und großen Beifall -gefunden.« - -Der Japaner lachte wie ein fremdartiger Wasservogel. - -»Der Fushijama muß jetzt ganz in Blüte stehen«, wisperte er, zu -Sylvester gewandt. »So sagen wir, wenn er beschneit ist. Aber auf den -Seen zu seinen Füßen blinkt ewiger Sommer. Da gleiten die kleinen -singenden Boote mit den Geishas und sie singen das süße Lied der -Kirschenblüte.« - -Es schlug ein Uhr. - -Die letzten drei Runden wurden angesagt. - -Als sie abrechneten, hatte nur Pein verloren: etwa fünfhundert Franken. -Er suchte fluchend nach seinen unförmigen Überschuhen. - -Sylvester verabschiedete sich rasch und schritt allein den Berg -hinunter. - -Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. In dem Haus an der Promenade, -in dem Sybil als einziger Pensionär wohnte, glänzte noch Licht. Als er -näher an das Haus kam, erkannte Sylvester, daß das Licht in Sybils -Zimmer brannte. - -Sie liest noch, dachte er. - - * * * * * - -Sybil aber lag wach im Bett und betrachtete Sylvesters Photographie, die -er ihr geschenkt hatte. Es war eine Amateuraufnahme des Bulgaren und sie -zeigte Sylvester in Gebirgstracht: braune Kniehosen, brauner Janker, an -das Geländer einer Waldbrücke gelehnt. - - - - - VI. - - -»Oh,« sagte Sybil, »die Ärzte sind noch weit zurück mit ihrer -Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell den Kranken zu heilen, -wollen sie immer generell und schematisch die Krankheit heilen. Eine -Krankheit ist aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur von -relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke. Sein Fleisch und -Blut. Das von den Medizinern nicht weniger als von den Juristen und den -Philologen mit Paragraphen dirigiert werden will.« - -»Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung des Krebses!« sagte -der kleine kluge Japaner. »Man kann konstitutionelle Krankheiten nicht -lokal zur Heilung bringen.« - -»Meine Mutter«, sagte Sylvester leise, »litt an Brustkrebs. Sie ist wohl -achtmal operiert worden. Ich war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht -helfen. Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand geschlagen.« - -»Wie leichtsinnig«, sagte Sybil, »sind die Ärzte hier oben mit ihren -Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige Temperaturerhöhung: gleich ins -Bett. Das mag bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben. Bei -Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett ist für den täglichen Tod, -den Schlaf, da. Wie leicht birgt es den richtigen Tod.« - -»Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als Beispiel eines Todes -gegolten, wie er sein soll«, meinte Sylvester. »Er starb draußen im -Freien, in der Sonne, unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den -letzten Blick einer Schwalbe zugehaucht.« - -»Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,« flüsterte der -Bulgare auf seinem Hocker, »die Tuberkuloseheilung auf die Basis der -sogenannten Liegekur zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in -den Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne sich zu rühren, -und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung, auf den Liegehallen -liegen. Als ich das erstemal nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes -wandelte, ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich ritt jeden -Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden und ritt mich wieder ins -Leben zurück. Nichts macht einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von -Leysin aus auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten Tod -prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich durch die jahrelange -Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich brauche dann und wann eine -Reaktion, um noch weiter zu können: eine Montblancbesteigung, ein -dampfendes Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen Poker.« - -»Die Ärzte bedenken nicht,« sagte Sylvester verächtlich, »daß sie das, -was sie auf der einen Seite gewinnen, auf der andern Seite wieder -verlieren. Einer macht neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen. -Seine Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit seinen -übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine Nerven sind herunter. -Seine Energie wie alter Kuchen zerbröselt. Er ist ein wachsweicher -Klumpen angefressenen Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit -taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein Parasit des Menschentums -und zu nichts als seinem Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig -Jahre alt, an der >_Dementia praecox_<.« - -Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf: - -»Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. Er liegt schon fünf Jahre -im Bett. Griechen haben außer ihm das Sanatorium bisher nicht -frequentiert. Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von ihrem -Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da keiner mit ihm griechisch -sprach, hat er in den fünf Jahren das Griechische, seine Muttersprache, -vergessen. Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken auch -nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder Griechisch noch Deutsch, -und schwebt sprachlos in Zeit und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch -beibringen.« - -Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über ihrem Bett. - -»Ihr müßt gehen,« sagte sie freundlich, »ich erwarte den alten Ronken.« - -Sie nahmen ihre Stöcke und gingen. - - - - - VII. - - -Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte Sybil mit seinem -eleganten weichen Hammer. - -»Mein liebes gnädiges Fräulein,« zwitscherte er, »wir werden Sie röntgen -müssen ...« - -»Tut das weh?« lächelte sie erschreckt, »ich habe Angst vor Schmerzen.« - -»Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose und beinahe -unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie sich so weit fühlen, daß Sie gehen -können, kommen Sie zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen -Schlitten.« -- - -Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins Sanatorium, sondern -bei Sylvester vor. - -Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte Arsenikpillen, als -der Kutscher auf die Veranda polterte: - -»Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn Doktor zu einer -Spazierfahrt einladen.« Er warf sich einen Schal um den Hals und fuhr im -Lift herunter. - -Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich. - -»Sybil,« sagte er, »Sie machen mich glücklich ...« - -»Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte«, sagte sie leise. - -Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, daß Sylvester -ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht auch wollte er sie nicht -empfinden. - -Sie glitten durchs Dorf, dem See zu. - -Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der Richtung Landquart-Zürich. - -»Möchten Sie«, fragte Sybil, »mit dem Zug zurück in die Ebene ... in den -Glanz ... in das Leben?« - -Er schüttelte den Kopf. - -»Ohne Sie?« - -Sie schwieg. - -Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem. - -»Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? Ich bin krank. Und -eine Schauspielerin. Eines von beiden schon sollte genügen, Sie zu -erschrecken.« - -»Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, Sybil. Und also bin -ich vielleicht kränker als Sie, Sybil. Ich bin ein Dichter und speie -immer Blut.« - -»Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den Augen ...« - -»Und ich,« sagte er bitter, »da ich Blut speie, lebe mit dem Mund ...« - -Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen. - -Sybil fröstelte. - -»Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.« - -Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten Bergspitzen, rosa, als -lagerten Quallen auf den Gipfeln. - -Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. Eigentlich -wandeln wir auf dem Grund des Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte -Stadt. Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als lebten wir, -mit Perlen und goldenen Ketten behängt, über den Meergrund. Der Himmel -wallt über uns, und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den -Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer um unsere Glieder. -Wir vermögen unsere Hände nicht mehr zu bewegen. Und gehen können wir in -der dicken Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere Augen -versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, bis zum Himmel zu dringen. -Aber sie sind fast erblindet von dem vielen In-die-Höhe-stieren. - - - - - VIII. - - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose. -An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin -und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an -der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als -rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das -niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich -sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche -Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose. - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des -ganzen Hauses inne. - -Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer -gemietet. - -Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters -vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein -ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden. -Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die -der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose -benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne -Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin -geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit -allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt -entnommen waren. »Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten«, pflegte -er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen. - -Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu -begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension -»Schönblick« anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose -Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar -nicht »reizend«, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten -sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk. - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und -daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu -verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich -- er hielt das -zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen -Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich -peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd -erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht? - - * * * * * - -Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus -dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei -abgereist. - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett. - -Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs -Zimmer zu bringen. - -Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen. -Die Pneumo selber mußte es tun. - -Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer -der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum -geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas -entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da. - -Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen -russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen -achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen -Verse: - - Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen, - Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut. - - - - - IX. - - -Lieber Harry! - -Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten, -die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich -nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen -den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen, -der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten -kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem -Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man -darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen -Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt -Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die -Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski, -der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der -naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt -man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind -zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt -mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend, -klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig -herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und -rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der -Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein -Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick -in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das -Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger -Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der -Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz -nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und -sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über -die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg, -Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos, -Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es -so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere -mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und -Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den -Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir -verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich -in einer Person. -- Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es -ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im »Weib«. Der Literat -Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein -werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich -fürchte ... für mich. Grüße die Freunde. - - Dein - Sylvester. - - - - - X. - - -Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte Papagei stand auf einem -kleinen Tisch neben ihr. Sie lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten -Vogel hin und wieder eine zu. - -»Friß, Vogel, oder werde lebendig!« - -Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels »Weib« und studierte -ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel ließ nur drei Figuren agieren: die -Frau, den Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen muß -theatralisch sehr geschickt verfertigt von dem Tiroler Dichter Korbinian -Zirl, demselben, dem jenes bemerkenswerte Festspiel »Andreas Hofer« -zugeschrieben wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen der Deutschen und -Österreicher höher schlagen ließ. Im »Andreas Hofer« wie im »Weib« -handelte es sich um eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch -bewegten Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. Das -Schauspiel »Weib« war von sämtlichen bedeutenden Bühnen Deutschlands -angenommen: in der bestimmten Erwartung eines klingenden Kassenerfolges. -Im »Deutschen Theater« in Berlin verdiente sich der berühmte böhmische -Komiker Zawadil Schnallenbaum als Mann die tragischen Sporen. Aber fast -überall im Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit verboten. -Katholische und protestantische Pfarrerverbände, Jünglingsvereine und -Vereine zum Schutz alleinreisender junger Mädchen erließen langatmige -Proteste gegen das »Weib«. Selbst ein Rabbiner gab seiner Entrüstung in -den Zionistischen Blättern Ausdruck. Der bekannte Zentrumsabgeordnete -Dr. Aborterer sah in dem Schauspiel »Weib« eine schamlose Aufreizung zur -Blutschande. - -Sybil war von der Rolle der Frau entzückt. - -Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem toten Papagei -wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird nach mir das Weib spielen? - -Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin bei der Premiere -dargestellt und rauschenden Beifall geerntet. - -Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer himmelblauen -Atlasschleife geschickt, darauf waren diese Worte in Gold gestickt: - - Der dankbare Dichter seinem Weib. - -Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und sie in seinem -treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit versichert: - -»Grad himmlisch is g'w'en, Fräul'n ... I hab beinah g'moant, i wär a -Dichter ...« - - * * * * * - -Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater stattfinden. Pein, -unterstützt von dem helläugigen Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen -Churer, der die Redaktion des »Davoser Intelligenzblattes« leitete, -hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, weil er selber spielte. - -»Unser Herr Alfons Pein«, so hatte Dr. Buri im Intelligenzblatt in der -Voranzeige schreiben müssen, »hat sich in liebenswürdiger Weise bereit -erklärt, die Rolle des Mann im >Weib< zu übernehmen.« - -Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, daß Tinte -und Asche über das Manuskript sprühten. - -»Chaibe.« - -Er konnte Pein nicht ausstehen. - -Dann schrieb er weiter: - -»Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein Sybil Lindquist von -den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, die sich zur Zeit zum Kurgebrauch -in Davos aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung in -Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie es eben nur eine Sybil -Lindquist vermag. Herr Sylvester Glonner, einer der Führer der -jungdeutschen Dichtung, den Davosern im besonderen nicht unbekannt als -Autor des groteskschwermütigen Davoser Romans >Die Krankheit<, spielt -die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf hat begonnen. Versorge sich ein -jeder rechtzeitig mit Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.« - -Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und zündete sich -erleichtert seine Pfeife an. - - - - - XI. - - -Für den 19. Februar nachmittag waren auch die diesjährigen Skikjöring- -und Pferderennen angesetzt. - -Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester telephonisch an: - -»Sylvester ...?« - -»Sybil?« - -»Sie müssen reiten ...« - -»Was muß ich?« - -»Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.« - -»Was soll das?« - -»Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.« - -»Aber Sybil, welche Idee!« - -»Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen Davoser Pokal -gewinnen.« - -»Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich würde nicht aus ihm -trinken dürfen, denn ich bekäme sofort Nierenschmerzen.« - -»Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das Rennen gewinnen. -Deshalb sollen Sie reiten. Ich werde auf Sie setzen beim Totalisator.« - -»Wann ist das Rennen?« - -»Am neunzehnten.« - -»Aber da müssen wir ja den Abend spielen!« - -»Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei. Um vier Uhr sind -sie spätestens zu Ende. Da haben Sie genug Zeit, sich bis acht -auszuruhen.« - -»Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe an dem Schauspiel -schon genug ...« - -»Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal _handeln_ sehn ... Tun Sie -einmal etwas! Handeln Sie einmal nicht künstlerisch künstlich, -dichterisch, schauspielerisch. Handeln Sie einmal menschlich ...« - -»Ich bin krank, Sybil ...« - -»Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.« Ihre Stimme klang flehend. - -»Ich werde reiten, Sybil.« -- - -Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er kannte und von dem er -wußte, daß er das Rennen nicht reiten würde, der aber zwei Pferde laufen -lassen wollte, und bat ihn, die »Miggi« reiten zu dürfen. In Graubünden -heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und alle Mädchen Miggi. - -Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten von Sylvesters -wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten sie den Kopf; bestellten sich -aber sofort telegraphisch Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner -wollte reiten. - -Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch, sich als Jockei -vorzustellen. - -»Was meinst du, Grete,« fragte er die Pneumo, »ob ich in vierzehn Tagen -reiten lernte und ob ich es aushielte?« - -»Kind,« sagte sie zärtlich, »was du für böse Träume hast. Du leidest -immer häufiger an Alpdrücken. Du mußt abends vor dem Zubettgehen einen -frischen Apfel essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...« - - - - - XII. - - -Sylvester gewann mit Miggi I den goldenen Pokal von Davos. - -Der Ausgang des Rennens rief beim Publikum eine ungeheure Aufregung -hervor. - -Sybil wurde halb ohnmächtig vom Platz getragen und mußte mit drei -Flaschen Eau de Cologne bespritzt werden, ehe sie wieder zu sich kam. - -Sylvester hob man auf die Schulter und trug ihn im Triumph in seine -Pension. - -Der Thorax war heilig beglückt. - -Die Pneumo weinte Freude. - -»Die reine Fata Morgana!« sagte Herr Klunkenbul und wußte wohl selbst -nicht, was er meinte. - -Sybil hatte ihr ganzes Geld beim Totalisator auf Sylvester gesetzt. -Leider fiel die Quote sehr niedrig aus: 17:10, denn man hatte, nicht aus -Sportlichkeit, aber aus Sensation oder Schwärmerei, auf den Dichter -gesetzt. - -Der Bulgare und der kleine Japaner gratulierten Sybil. Der Japaner -überreichte ihr eine Orchidee. - -»_Sie_ haben das Rennen gewonnen«, sagte der kluge, kleine Japaner. - -Sybil zuckte die Achseln. - - * * * * * - -Sylvester lag angekleidet auf seinem Bett. Graues Schicksal: dem Wort zu -dienen. Dem schwesterlichen Chaos. Den torkelnden Träumen. Als ob ich -ein lebendiger Mensch würde, wenn ich auf einem lebendigen Pferd reite. -Pferde tragen auch Schatten, oder, im Zirkus, hold uniformierte Affen -auf ihrem Rücken. Was wiege ich eigentlich? Hundertacht Pfund. Das -richtige Jockeigewicht. Was Sybil sich bei diesem Sieg denkt? Was habe -ich gewonnen? Ein paar sensationelle Notizen in der Tagespresse. Mein -Bild als Reiter in der »Woche«, der »Berliner Illustrierten Zeitung« und -im »Weltspiegel«. Seewald wird mich als Reiter ernstkomisch in Holz -schneiden und das schwarze Bild farbig betupfen. Denn man muß mich erst -künstlich bunt machen. Ich bin so ermüdet, als hätte man mich zu -Graubündner Fleisch geritten. Ich wage diesen Wahnsinn des heutigen -Rittes, den Wahnsinn des abendlichen Schauspiels vor den erglühten -Rampen. Würde ich wagen, Sybils Hand zu küssen? Nie. - - - - - XIII. - - -Die Vorstellung das »Weib« im Kurtheater ging vor ausverkauftem Hause in -Szene. Nach dem Rennerfolg des Nachmittags war der Züricher -Korrespondent des »Berliner Blattes« im Auto herbeigeeilt, um dem -Schauspiel beizuwohnen und telegraphisch darüber nach Berlin zu -berichten. - -»Sensationelle Sache«, sagte er zu Pein. Es war ein dicker jüdischer -Herr mit einer Hornbrille, hinter der zwei grüne Eulenaugen hervorsahen. - -»Die Lindquist ist schwer krank. Vielleicht stirbt sie auf der Bühne. -Und dieser olympische Stern am Himmel des Turfs: Sylvester Glonner: als -erstklassiger Dichter, erstklassiger Jockei, erstklassiger Schauspieler, -wie?« - -»Na«, sagte Pein und verabschiedete sich, verärgert, daß der -Korrespondent sich nicht mit ihm befaßte. - -»Altes Eisen,« sagte der jüdische Herr zu Dr. Buri, als Pein gegangen -war, »ich darf ihn beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen. Als -Schriftsteller meine ich. Als Schauspieler kenne ich ihn ja noch nicht. -Aber diese mystischen Fatzkereien. Ekelhaft.« - -»Schmierig«, meinte Dr. Buri. »Sie sind schmierig wie schlecht geputzte -Stiefel. Sie sollen glänzen wie Lack, aber es ist beim Altwarenhändler -billig erstandenes, rissiges Kalbsleder.« - -»Übrigens wichst er sie zuviel, seine lyrischen Stiefel«, sagte der -Korrespondent, den es beunruhigte, daß ein anderer in Bildern redete. -»Dagegen der Glonner, mein Lieber: ein Talent. Ein großes Talent. Wir -werden seinen nächsten Roman bringen, denn wir legen Wert auf ein -literarisches Feuilleton.« - - - - - XIV. - - -Mann und Frau leben nebeneinander. - -Die Frau haßt den Mann. - -Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren einer -höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen von Gier, hinter ihr -her. Die Frau haßt den Mann, weil sie ihn einmal liebte. - -Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte. - -Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander her. - -Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf. - -Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die verdüsterte Stube. -Halb verdurstet. Halb verhungert. Mit zerrissenen Kleidern, -zerbröckelten Schuhen. Er stützt sich auf einen selbstgeschnitzten -Wanderstab. Eine Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den Hals. -Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne. - -Der Mann ist ausgegangen. - -Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt seinen Ranzen ab und seinen -Stab. - -»Frau,« sagt er, »hier möchte ich bleiben. Hier ist meine Heimat.« - -»Ich habe einen Mann,« sagt die Frau, »er ist ein Tier.« - -»Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen, mit meiner -Mundharmonika beschwören«, sagt der Blonde und bläst ein paar Töne. - -Die Frau hat Tränen in den Augen. - -»Warum weinst du?« fragt der Blonde traurig. - -»Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.« - -»Keine Musik? Wie ist das möglich?« - -»Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen und alle -Musikinstrumente, die er im Hause fand: meine kleine Mundharmonika, -meine kleine Flöte.« - -»Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?« - -»Um unser Haus singen keine Vögel.« - -»Warum verläßt du deinen Mann nicht?« - -»Ich kenne keinen andern Mann ...« - -»Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen --?« - -»Vor vielen Jahren --« - -»der ging auf die Wanderschaft --« - -»-- und ließ nie wieder von sich hören --«. - -»Erinnerst du dich seiner?« - -»Immer ...« - -»Wann?« - -»Immer und immer. Wenn der Frühling von den roten Märzwolken -herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen. Wenn der Sommer die süßen -Heudüfte in meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die -herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter sterbend ihr -schwebendes Sein vergolden. Wenn der alte Winter im weißen Mantel -knirschend durch den knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen -Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend, zu dunkler Nacht: immer -und immer, zu jeder Stunde. Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In -jedem Blick.« - -»Frau!« - -»Junger Mensch!« - -»Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!« - - * * * * * - -Sybil erblaßte. - -Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn. - -Sie lehnte sich an die Wand der Hütte. - -»Sylvester!« - -»Sybil!« - -Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen Armen auf. - - - - - XV. - - -Beifall überfiel die offene Szene. - -»Fabelhaft!« sagte der dicke jüdische Herr mit der Hornbrille. Seine -Eulenaugen schillerten. - -Der Thorax, der in der ersten Reihe saß, zitterte. - -»Sie sterben beide auf offener Szene«, bebte er. - -Die Pneumo hatte Tränen in den Augen. - -»Brava!« rief ein Italiener wie wahnsinnig zu Sybil herauf. »Brava, -brava! ...« - -Der Bulgare wischte sich mit einem kleinen seidenen Tuch, einem Geschenk -Sybils, den Schweiß von der Stirn. - -Er mußte sich zusammenreißen, um in keinen Wutanfall auszubrechen. Um -nicht Schaum vor die Lippen zu kriegen. - -»Das ist Krieg!« dachte er entsetzt, »da fließt Blut ...« - -Der kleine Japaner lächelte, freundlich interessiert. - -Europäer ... dachte er. Sie haben alle Hitze aus dem Äther in sich -hineingesogen und verbrennen nun an- und ineinander unter einem kalten -Himmel. In Japan trippeln unter einem heißen Himmel kalte Menschen auf -Holzschuhen im klappernden Stakkato. Und ihre Liebe duftet weiß, kühl -und weiß wie die Schneeblüte des Fushijama. - - - - - XVI. - - -Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie unterlag in den -Wirtshäusern keiner Polizeistunde. - -In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum Abendessen. Nach dem -Abendessen wurde rote Bowle und Rosinenkuchen gereicht. - -Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner Gäste am Gürtel, atemlos -durch den Saal. Er mußte sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul -gebärdete sich als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom -Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen. - -Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, hustete heftig. Sie -konnte den parfümierten Duft der Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal -Rätten rauchte, nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot in -der Pension Schönblick aufgehoben. -- Der schwäbische Violinvirtuose -Krampski gab mit seiner Geige, der er häßliche Töne entlockte, einen -italienischen Straßenmusikanten zum besten. - -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil es am billigsten -war, eine Maske als Kostüm gewählt: Darwin. Er bemühte sich, einem -blaukarierten fahrigen Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen. - -Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb und violett. - -Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon drei Gläser Bowle -umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse schlotterte um seine magere Brust. -Um seinen Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote Strümpfe -funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. Eine Schirmmütze plattete -seinen hohen Kopf ab. - -Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in Nationaltracht, der -Japaner als deutscher Ritter und Minnesänger in einer hastig klappernden -Blechrüstung. - -Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren Kleid. - -Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf den Korridoren -geküßt. - -Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins »Rößli« gehen, droben im -Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei sicher sehr, sehr amüsant. - -Man klatschte und brüllte Beifall. - -Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter sich drein. - -Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem der Virtuose Krampski -mit Chopins Trauermarsch aufspielte. Im »Rößli« empfing sie ein -betäubender Lärm von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden Füßen. -Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten mit Dienst- und -Ladenmädchen. Dazwischen einige Berliner Kurgäste, Saaltöchter und -Soldaten. Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres -verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer durch den -Saal. Sie sang dazu die Marseillaise. - -Der Wirt vom »Rößli« wies den Herrschaften von Schönblick einen -bequemern Nebenraum an. Man gelangte von dort nach Belieben in den Saal -zum Tanzen, hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben. - -Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke seiner Rüstung -schlug, ging in den Saal, das portugiesische Dienstmädchen zu suchen. - -Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische Magier. Der -Straßenmusikant mit der blaukarierten Zofe und nach und nach die andern -alle. - -Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben endlich allein -zurück. - - - - - XVII. - - -»Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen«, sagte der Sioux und -ging wie irrsinnig auf den Apachen los. Er zuckte als Dolch einen -Fieberthermometer in der Hand. - -»Aber ich bin an beiden Lungen krank«, erwiderte der Apache höflich. -Seine Schirmmütze war ihm so tief in die Stirne gerutscht, daß seine -leicht entzündeten Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen. - -»Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden Lungen machen -lassen.« - -»Dann stürbe ich ... auf der Stelle.« - -»Das sollen Sie ja!« - -Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die Schminke von hellblauen -Adern durchdrungen, verschönte sich. Es wurde zart, wie wenn er eine -Hymne von Novalis las. - -»Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb sind Sie doch nur hier -oben, um zu sterben. Lebendig zu sterben.« - -Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal Ähnliches? - -»Sehen Sie«, der Sioux konnte nicht mehr stehen und setzte sich stöhnend -auf einen Stuhl, »es ist mir ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich -selber kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer in den -Spiegel spähen ...« - -Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester sein -übermüdetes Gehirn. - -»Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, den hauttuberkulösen -Darwin. Ein unangenehmer Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und -Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern Gäste beschweren -sich immer über ihn. Aber ich rieche ihn gern, den Geruch der -Verwesung.« - -Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet er wie Pein. - -»Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus dem Haus tragen, und am -nächsten Morgen wird es heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte -immer auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein -unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern Lebens glänzt um -den Tod. Auf Erden ist doch immer Krieg.« - -Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht aus tausend -Seelen und spricht mit tausend Zungen. - -»Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb leicht. Wissen Sie, -wen ich sterben sehen möchte? Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne -untergeht und ein erhabener Aspekt.« - -Er hat Visionen, erschrak Sylvester, er prophezeit. -- - -Die Pneumo und Sybil tanzten leise nach einem Grammophon. Durch die -schmutzigen Fenstervorhänge blinzelte schon der Morgen. - -»Ich möchte jetzt lieber in einem Sarg als auf dem Liegestuhl liegen«, -sagte Sybil. »Aber die Kur beginnt schon wieder ... Ein neuer Tag. Er -ist so alt wie alle neuen Tage.« - -Sylvester hatte sich neben den Sioux gesetzt, und beide sahen schweigend -dem Tanz der Frauen zu. - -Plötzlich hielt Sybil inne. - -Sie sah nach dem Fenster, das bleich und übernächtig in den dämmernden -Morgen stierte. - -»Der Tag!« sagte sie. - -Ein ewiger Schmerz zuckte im Herzschlag dieser hingehauchten Worte. - -»Der Tag ...« wiederholte Sylvester für sich, »wessen Tag? Der meine -nicht ...« - -»Die Krankheit!« röchelte der Sioux. - -Sybil zog den Vorhang zurück. Da brach der erste Strahl des Morgenrotes -über die Berge. Aus Sybils Lippen, die kalkweiß erstarrt waren, lief ein -dünner, glänzender Blutfaden wie eine rote Schlange. - -Sie wandte sich lächelnd um: »Das Morgenrot!« und glitt sanft zu Boden. - - - - - XVIII. - - -Sylvester sprang sofort hinzu. Er trug sie auf das verschlissene -violette Plüschsofa, das den Raum zierte. - -»Ein Arzt!« brüllte plötzlich der Thorax. - -»Bleiben Sie bei ihr!« - -Die Pneumo nickte wortlos. - -Sylvester rannte durch den Saal. - -Da schlief in einer Ecke, an die Brust des portugiesischen -Dienstmädchens gelehnt, der kleine Japaner. - -Sylvester schüttelte ihn wach. - -»Man braucht Sie! Man ist erkrankt!« - -Der Japaner folgte. Seine Rüstung klapperte wie unzählige Blechbüchsen. -Er legte das gelbe, mausähnliche Ohr an Sybils Herz. - -Er faßte ihr den Puls. - -Er sah ihr auf den Mund. - -Dann zuckte er die Achseln. - -»Bringen Sie sie sofort nach Hause. Ich werde ihr eine -Kampfereinspritzung machen. Übrigens kann es sich nur darum handeln, das -Leben um ein paar Stunden zu verlängern.« - -»Das Sterben, meinen Sie«, sagte der Thorax. -- - -Ein Schlitten war in der Eile nicht aufzutreiben. Eben klingelte draußen -der erste Tram, der nach Davos-Platz fuhr. - -Sie schafften Sybil in den Tram, der von der sterbenden Sonne, dem -Apachen, der Geisha, dem Ritter, dem portugiesischen Dienstmädchen und -dem Sioux besetzt wurde. - -Zum Glück lag Sybils Pension an der Promenade. - -Der Tram konnte vor ihrer Wohnung halten. - -Als sie in ihrem Bett lag, schlug sie die Augen auf. - -»Bitte«, lächelte sie die Masken an, »verlassen Sie mich! Dank für Ihre -Teilnahme an meinem Leben!« - -Sie wehrte den Japaner ab. - -»Ich brauche keine Einspritzung. Ich will Sylvester noch einmal -sprechen.« - -Die Masken gingen. - -Der Apache blieb. - -»Sylvester,« sie legte alle Kraft ihres Herzens in ihren letzten Blick, -»du letzter Tag meines Lebens!« - -Er hielt ihre Hände. Sein roter Schal streifte ihre gläserne Stirn. - -»Drück mir die Augen zu!« - -Er fiel von einem Hammerschlag getroffen zermalmt an ihrem Bett -zusammen. Er hörte um sich leere Worte plappern, und es schien ihm, als -fange der tote Papagei, der auf dem Nachttisch stand, wieder zu sprechen -an. - - - - - XIX. - - -Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit an Sybils Grab. - -»Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. Einen blonden Baum.« - -Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte: - -»Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum in unserm Davoser -Klima sich auch nur einen Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde, -eine Minute, eine Sekunde hält.« - -Sylvester blieb starr. - -»Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, verlassen Sie sich -darauf.« - -Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, den Herrn von -seinem Aberwitz zu überzeugen. - -»Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige Schwedin. In Schweden -liebt man die Zitronenbäume nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das -Richtige oder eine Trauerweide.« - -»Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum auf das Grab -pflanzen. Es muß ein Baum sein, der Früchte trägt.« - -»Nicht _eine_ Frucht wird er tragen«, schrie der Gärtner und schlüpfte -aus der Friedhofspforte. - -Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten auf dem Metallblau des -Himmels. - -Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf standen nur diese zwei -Worte: Sybil Lindquist. Keine Altersangabe. Kein Geburts- und kein -Todesdatum. - -Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der Pneumo, dem Bulgaren, dem -Japaner und dem Leutnant gemeinsam gestiftet worden. - -Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof durchwandeln, -werden glauben, sie sei erst gestern gestorben. - - * * * * * - -Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem Java-Kapok gefüttert -und mit Schulterklappen und seitlichen Mufftaschen versehen war, auf -seinem Privatbalkon. - -Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: eine nicht einmal -besonders gelungene Ansichtskarte, die sie in einer ihrer Filmrollen als -amerikanische Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler -Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel. - -Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, klangen die -eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... Bob ... an sein durch wollene -Ohrmuscheln vor der Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen -hilfeheischend wie die Rufe von Ertrinkenden. - - - - - XX. - - -Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester, als der Zug in -Rorschach einlief. Hier ist also Friede. Und Frühling. Kein Schnee, -keine rosa Kälte mehr. Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen -Gesträuch. - -Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein. Kinder sprangen wie -Kaskaden steinerne Stufen herunter. Mädchen zwitscherten unter den -Laubengängen. Burschen lachten dröhnend. - -Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen Gassen. Aus -einem Restaurant, an dem ein Schild »Frohsinn« angebracht war, tönte -kleines Orchester. Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen von -Pergolesi. - -Ein Brunnen rauschte. - -Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die Gassen sich den Berg -hinauf. Und Sylvester glaubte zu weinen, sinnlos an eine Laterne -gebeugt. - - * * * * * - -Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in Dämmerung übergegangen. -Noch blaute der Tag über Sylvester. - -Er trat an den Bug. - -Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen, die nach Futter suchen. - -Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel; und auch mein Herz ist -schon zu zermürbt und von andern Vögeln zerfressen, als daß ich es euch -noch zum Fraß hinwerfen könnte. - - * * * * * - -Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn schwebte Lindau, in das -der Dampfer wie ein Komet flammend und rauchend rauschte. - - * * * * * - -Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck hielt. - -Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu. - -Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten gelbe Wolken. Sie waren -wie Aeroplane einer fremden Macht hinter ihm her, aber er war ihnen -längst entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ sie weiter, -immer weiter hinter sich. - - - - - XXI. - - -»Gehen wir in den Kino!« sagte Sylvester. - -»In welchen?« - -»In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt, in dem der erste -Platz dreißig Pfennig kostet, und in dem man sich unbedingt eine Angina -holt. -- Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.« -- - -Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes Plakat: ein -bleicher, blonder Frauenkopf, der sich wie eine Narzissenblüte auf einem -Stengel wiegte. »Narzissenblüte« hieß der Film, und das sollte den Namen -des Mädchens symbolisieren, denn unten auf dem Plakat waren ein -Negerboxer und ein brauner Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer -Viscount oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich, -daß der Film auf einem Konflikt zwischen dem Neger und dem Weißen -aufgebaut war. Ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond. - -Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur neben dem Kino. - -Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen. - -Harry sah einer schmalen Kellnerin nach. - -»Ißt du das Zeug gern?« - -Sylvester schüttelte den Kopf. - -»Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen Kastanien wärmen.« -- - -Die Leinwand flammte auf. - -Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen und Lauben -umgeben, trat eine schlanke, blonde Frau. - -Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes Sommerkleid und -einen Biedermeierstrohhut mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband -schwang sich vom Hut hernieder um den zarten Hals. - -Sie sah sich suchend um. - -Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden. Sie biß die -Lippen aufeinander. - -Nun glitt ihr Blick gradeaus. - -Er blieb an Sylvester haften. - -Sybil hatte Sylvester entdeckt. - -Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten, seine Hände -zitterten, die Muskeln ließen nach und die Kastanien rollten am Boden. - -»Ruhe!« rief eine Stimme. - -Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer. - -Sylvester marterte sich das Hirn: - -Wird sie tanzen? - -Da eilte von links ein eleganter junger Herr im Zylinder, Cutaway, in -grauen Hosen mit schwarzer Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend, -auf sie zu. - -Sie reichte ihm die Hand. - -Ihre Unruhe war verschwunden. - -Sie lächelte. - -Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor. - -Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete äffisch grinsend den -Wagenschlag. - -Sybil stieg ein. - -Der Herr folgte. - -Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine Parkallee von -Pappeln fliegen ... nun glitt es in den Wald und war den Blicken aller -hinter Bäumen entschwunden. - -Sylvester stand auf. - -An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der Schweiß stand ihm auf der -Stirn. - -»Gehen wir«, sagte er. -- - -Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf der Straße waren, -und das Entsetzen übte schon wieder Macht über ihn. Man müßte ihn wie -einen Hund über den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des -grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den Neger auf der Stelle -niederknallt, wer soll dann den Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen -Chausseegraben sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser Hirn würde -auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen im Winde wehen. Ein Kopf -ohne Hirn ... ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen ... -und ... so süß zu hoffen ... - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT *** - -***** This file should be named 63643-0.txt or 63643-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/6/4/63643/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this ebook. - -Title: Die Krankheit - -Author: Klabund (Alfred Henschke) - -Release Date: November 05, 2020 [EBook #63643] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was - produced from images generously made available by The Internet - Archive. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT *** -</pre> -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic cover"> -<img src="images/cover.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="ads chapter"> -<p class="adh"> -Von <em>Klabund</em> ist im gleichen Verlage erschienen: -</p> - -<p class="adb"> -Morgenrot! Klabund!<br /> -Die Tage dämmern! -</p> - -<p class="adp"> -Gedichte<br /> -Geh. M. 2.—, geb. M. 3.—. -</p> - -<p class="adb"> -Klabunds Karussell -</p> - -<p class="adp"> -Zweite Auflage<br /> -Geh. M. 3.—, geb. M. 4.—. -</p> - -<p class="adb"> -Der Marketenderwagen -</p> - -<p class="adp"> -Dritte Auflage<br /> -Geh. M. 2.—, geb. M. 3.—. -</p> - -<p class="adb"> -Moreau -</p> - -<p class="adp"> -Der Roman eines Soldaten<br /> -Vierte Auflage<br /> -Geh. M. 4.—, geb. M. 5.—. -</p> - -<p class="adh"> -In Vorbereitung: -</p> - -<p class="adb"> -Die Himmelsleiter -</p> - -<p class="adp"> -Gedichte. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h1 class="title"> -Die Krankheit -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Eine Erzählung</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Klabund</span> -</p> - -<p class="run"> -Zweite Auflage -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Berlin 1917</span><br /> -<span class="line2">Erich Reiß Verlag</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="date"> -Geschrieben im Februar und März 1916 -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="ded"> -Sybil Smolowa zu eigen -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-1"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -I. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -„Sie sind also nur deshalb hierhergekommen, um zu -sterben?“ sagte der junge Deutsche und lief, die Hände -in den unteren Taschen seiner kamelhaarbraunen Sportweste, -aufgeregt und hustend durch den Zigarettenqualm. -</p> - -<p> -„Weshalb sonst?“ sagte Sybil, die rauchend auf dem -Bett lag, schlank und blond. -</p> - -<p> -„Scharmant, scharmant“, wisperte der kleine Japaner, -der oben im Sanatorium Beaurivage Assistentendienste -versah, und hielt ein blaues Speiglas, auf dem eine -sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das Licht. -</p> - -<p> -„Zehn Kubikzentimeter Auswurf“, lächelte er, von -irgendeiner inneren Fröhlichkeit betroffen. -</p> - -<p> -Er sprach fließend Deutsch und fließend Portugiesisch -und gab sich zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese -aus. Er unterhielt geheime Beziehungen zu dem -Dienstmädchen des portugiesischen Konsuls. Das war -eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet aussah. -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -An Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille -um den fettigen Hals, die das Bild des kleinen -Japaners — in seiner seidenen und faltenreichen Nationaltracht -— in sich verbarg. -</p> - -<p> -„Ich habe früher nur dunkle Frauen geliebt,“ sagte -der junge Deutsche und sah durch die Balkontür in den -stürmenden Schnee, „Frauen mit schwarzen Haaren und -schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln tappte -mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es -licht in mir. Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren -und Hirschaugen. Dann eine mit roten Haaren und beinah -blauen Augen, die violett glänzten. Meine Freunde -verspotteten mich mit ihr und meinten, sie hätte neben -ihren roten Haaren auch rote Augen, und ich liebte ein -Kaninchen. — Endlich wurde es ganz hell um mich. -Die Sonne ging auf. Rasend blond aus einem Himmel -blauer Blicke. Ich sah in den Mittag meines -Lebens. Blauer Himmel, holde Sonne, warum wollen -Sie mir nicht glauben, Sybil, daß Sie mein Tag -sind?“ -</p> - -<p> -„Oh!“ Sybil wehrte leise ab. Sie schlug die Asche -ihrer Zigarette auf den Bettvorleger. -</p> - -<p> -Der kleine Japaner stellte die blaue Flasche auf den -Nachttisch und tanzte in eine dunkle Ecke des Zimmers. -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Man hörte ihn lachen: wie einen fremdartigen Wasservogel. -</p> - -<p> -Er unterhielt sich in seiner zischenden Sprache mit -dem ausgestopften Papagei. -</p> - -<p> -Der bleiche bulgarische Offizier, der gekrümmt auf -einem Hocker saß und in den Boden starrte, räusperte -sich. -</p> - -<p> -Er hatte beide Balkankriege mitgemacht; die Schlacht -bei Lüleburgas; die Belagerung von Adrianopel; den -Stellungskampf an der Tschataldschalinie. Niemand -durfte in seiner Anwesenheit vom Krieg sprechen. Ihm -trat sofort der Schaum auf die Lippen. -</p> - -<p> -Als Professor Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, -ihn das erstemal untersuchte und mit seinem -eleganten weichen Hammer beklopfte, fiel er in -Ohnmacht in dem Augenblick, als Dr. Froidevaux von -einer chirurgischen Operation kommend, den weißen Mantel -ein wenig mit Blut bespritzt, das Zimmer betrat. -</p> - -<p> -„Sybil,“ sagte der Bulgare, „es wäre schlimm, wenn -Sie stürben. Sylvester Glonner hat recht. Sie sind -unsere blonde Sonne. Bei Ihnen im verqualmten Zimmer -zu sitzen wärmt mehr, als auf der Liegehalle in der -Mittagssonne schläfrig zu liegen. Die Davoser Sonne -macht schläfrig. Sie machen wach.“ -</p> - -<p> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Er fiel auf seinen Hocker zurück. -</p> - -<p> -Der junge Deutsche lehnte sich schwerfällig an den -weiß polierten Schrank. Er erinnerte sich eines Verses -von Hölderlin: Wo bist du? Trunken dämmert die -Seele mir von aller deiner Wonne. -</p> - -<p> -„Wo bist du?“ sagte er laut. -</p> - -<p> -Der Japaner lachte. -</p> - -<p> -Sylvester war, als hätte ein Blick von Sybil ihn -flüchtig gestreift. Wie ein warmer Wind. Der Bulgare -sah auf die Uhr: -</p> - -<p> -„Ich muß zur Liegekur. Es geht auf sechs.“ Er -klapperte an seinem Krückstock ohne Gruß zur Tür -hinaus. -</p> - -<p> -Der kleine Japaner schwebte freundlich hinter ihm -her. -</p> - -<p> -„Sie bleiben allein“, sagte Sylvester. -</p> - -<p> -„Wie immer ...“ -</p> - -<p> -Sie blies den Zigarettenrauch in wahllosen Ornamenten -zur Decke. -</p> - -<p> -Er gab ihr die Hand und ging. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-2"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -II. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische -Stadt am Rande der Rocky mountains ... am -Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum Abbruch -jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels -mit ihren funkelnden Liegehallen da und dort und -kreuz und quer im Tal und an den Berglehnen errichtet. -Obgleich sie selten über vier Stockwerke zählten, schienen -sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der Liegehallen -Wolkenkratzer. -</p> - -<p> -Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer, -zwitschernde Brasilianer, duftende Französinnen, -dunkle Russen wandelten im gleichmäßig getragenen -Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von der -Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei -bis zum Grand-Hotel Belvedere und wieder zurück. -</p> - -<p> -Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten, -oder ein Amerikaner, einen Skeleton wie einen -Hund hinter sich herzerrend, über die Straße. -</p> - -<p> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger -tönte Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack -schwang eine graue Geige. „<span class="antiqua">Soupers de luxe en commande</span>“ -blinkte in goldenen Lettern unter der grau -hüpfenden Geige. -</p> - -<p> -Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, -fuhr in seinem schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze -gehüllt, einen grüngestreiften Schal vorm -Mund, königlich über die Promenade. Er war seit -dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger -Chefarzt und alleiniger Besitzer des renommierten und -wohlflorierenden Sanatoriums Beaurivage, welches -oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er -war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach -seinen Prinzipien in neunjähriger Kur ausgeheilt. -</p> - -<p> -Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten -und beim Abschied von Davos seine Photographie bei -Herrn Photographen Guardawal für drei Franken kauften, -verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in -verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm -gesehen zu werden. Eigentlich hätten sie nach seiner -Vorschrift schon Liegekur machen müssen. — -</p> - -<p> -Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu -lesen. Er hatte sich kaum in die Neue Züricher Zeitung -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -vertieft, als Pein an seinen Tisch trat, Alfons Pein, -der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der -Bühnenmysterien „Kain und Abel“ und „Golgatha“. -Sein Leben und Dichten bestand in undeutlichen, verquollenen -und verschwommenen Phantasien, die er mehr -oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische -Gedanken unterzulegen er sich krampfhaft bemühte. -</p> - -<p> -Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war -eigentlich schon seit fünf Jahren gesund. Er hätte, -ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten neu errungenen -Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren -können. Aber er fühlte wohl, daß er nur hier -oben noch eine Rolle spielte, wo er, von den Kurgästen -interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen belächelt, -im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von -kleinen blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und -verwirrter Prosa versah. „Ich bin nun mal an Höhenluft -gewöhnt“, schnaubte er und in seine Augen trat -ein leerer, kindlicher Glanz. -</p> - -<p> -Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei -Künsten weit über das Mittelmaß emporrage und daß -man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur als -Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... -hatte sich früher einmal als Schauspieler und Regisseur -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -betätigt (dazumal aus Geldmangel: aber dieses Motiv -war bei ihm in Vergessenheit geraten) und gedachte -dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen. -</p> - -<p> -„Wird sie spielen?“ fragte er Sylvester. -</p> - -<p> -„Leider“, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth. -</p> - -<p> -Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter -und wischte sich mit einem kleinen Spitzentaschentuch -seine blaue Schneebrille ab. -</p> - -<p> -„Melange!“ schnaubte er. „Die Sehnsucht jedes Schauspielers -ist, auf der Bühne zu sterben. Vielleicht jedes -Menschen. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Der -Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel. -Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...“ -</p> - -<p> -Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er -verwest in sich, und das nennt er Romantik. -</p> - -<p> -„Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie -ihr Leben.“ -</p> - -<p> -Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem -Löffel behutsam in den Kaffee getaucht hatte. -</p> - -<p> -„Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker“, sagte -Sylvester. -</p> - -<p> -Peins strohbrauner Bart knisterte. -</p> - -<p> -„Dramatiker!“ -</p> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -„In Ihrem Sinne ...“ gab Sylvester lächelnd zu. -</p> - -<p> -Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in -ihnen abgeknipst. -</p> - -<p> -„Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie -ist ein Zustand des Leibes und der Seele. Ich wollte -schon längst einmal eine Psychoanalyse der Schwindsucht -schreiben.“ -</p> - -<p> -„Tun Sie das.“ Sylvester rief der Kellnerin „Zahlen!“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-3"> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -III. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Sylvester bewohnte in der Pension „Schönblick“, -Davos-Dorf, ein schmales Südzimmer mit Privatbalkon -im ersten Stock. Die Pension stand am Wald, dicht vor -dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert -und hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, -zwei alten Davosern, die vor Jahren schwerkrank ins -Tal kamen und sich nach Besserung ihres Leidens dauernd -in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte -Dr. Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, -als sie noch seine Patienten im Sanatorium Beaurivage -waren, den Pneumothorax, jene nunmehr allgemein bekannte -und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit -der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum -Einschrumpfen und Absterben gebracht wird. -</p> - -<p> -In der Pension „Schönblick“ wurde das Ehepaar -Paustian deshalb mit einem gewissen gütigen Spott -Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, -gläserner und gleichsam innerlicher gewandelt hat. -</p> - -<p> -Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn -die Freude des geistigen Kranken an Büchern verband. -</p> - -<p> -Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, -schrieb in den wenigen Stunden, die er nicht Kur -machen mußte, kleine literarische Betrachtungen über -Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller, -kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die -Literatur der Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las -nur aus Höflichkeit Sylvesters Schriften, weil Sylvester -sein Gast war. — -</p> - -<p> -Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das -Gong zum Abendessen schlug. -</p> - -<p> -Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit -Eau de Cologne und betrat den Speisesaal. -</p> - -<p> -Die Löffel klapperten in der Suppe. -</p> - -<p> -Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute -Frau Bautz, Operettensängerin a. D. und wie -alle Artisten aus Sachsen stammend, schrie in ihrer unangenehmen -Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten -an: -</p> - -<p> -„Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für -meine nächste Hosenrolle?“ -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen -Krampski Toilettenfragen und die Mode des -eleganten Herrn. -</p> - -<p> -„Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. -Ausgeschlossen. Nicht für teures Geld. Ich brauche -einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack, eine englische -Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? -180 Franken hat er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur -Shoping Sons. In den Dreck geworfen sind die 180 -Franken.“ -</p> - -<p> -Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und -mißverstanden hatte, schnörkelte die Lippen: -</p> - -<p> -„Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.“ -</p> - -<p> -„Ich habe einen Schneider in Basel,“ sagte Krampski, -„ich habe in jedem Land der Welt einen Schneider. Ich -werde ihn nach Davos kommen lassen. Ich brauche -einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?“ -</p> - -<p> -Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches -in Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein -mochte. -</p> - -<p> -„Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd“, krähte -der naturwissenschaftliche Oberlehrer. „Die Jagd bereichert -die Kenntnisse des Menschen von der Natur. -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die hatte ein unausgetragenes -Junges im Leib.“ -</p> - -<p> -„Fabelhaft!“ sagte Herr Klunkenbul. „Da haben -Sie also eine Dublette zur Strecke gebracht!“ -</p> - -<p> -„Es ist verboten, Ricken zu schießen“, sagte der Leutnant, -leise verweisend. -</p> - -<p> -„Ricke — was ist das?“ fragte die hübsche Russin. -</p> - -<p> -„Ein weibliches Reh“, sagte Sylvester. — -</p> - -<p> -Er spricht mit mir, lächelte sie in sich hinein. — -</p> - -<p> -„Ich angle lieber“, die Operettensängerin wiegte sich -in ihren Hüften. Sie sang die drei Worte wie einen -Coupletrefrain. -</p> - -<p> -„Aber mit künstlichen Mücken“, sagte der Thorax. -Der alte Herr Klunkenbul, Xylograph aus Braunschweig, -ließ einige asthmatische Vokabeln aus seinem -weißen Bart fallen; der stand wie eine beschneite Tanne -im Hochwald seines Gesichts: -</p> - -<p> -„Davos ist im Glanz der funkelnden Wintersonne -die reine Märchenwelt.“ -</p> - -<p> -Man schien ihn nicht gehört zu haben und er wiederholte -eigensinnig: -</p> - -<p> -„... die reine Märchenwelt ...“ -</p> - -<p> -„Der Monismus ist eine bedauerliche Zeiterscheinung“, -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -sagte Sylvester und wandte sich ernst an Herrn Klunkenbul. -</p> - -<p> -„Wie meinen Sie?“ Herr Klunkenbuls Bart öffnete -sich erstaunt. -</p> - -<p> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte nur das -Wort Monismus vernommen. -</p> - -<p> -„So glauben Sie nicht an Häckel und an seine wunderbaren -Forschungsresultate?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube immer noch lieber an Gott“, sagte Sylvester. -</p> - -<p> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer prustete überlegen. -Herr Klunkenbul, der streng protestantisch gesinnt -war, rief „Bravo!“ und prostete Sylvester zu. -</p> - -<p> -Die hübsche Russin Agafja warf wie bunte Glasperlen -strahlende Augen auf Sylvester. -</p> - -<p> -Er ist ein Dichter, dachte sie, ein deutscher Dichter -— aber ein Dichter, und sah Sonne, Mond und Sterne -ihn umwandeln. -</p> - -<p> -Und während sie sich eine Mandarine schälte, sagte -sie leise ein paar russische Verse: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,</p> - <p class="verse">Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-4"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -IV. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran. -</p> - -<p> -„Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an -den Affichen schillert in allen Regenbogenfarben.“ -</p> - -<p> -„Der bunte Zettel wird sie freuen“, sagte Sylvester. -„Sie wird an ihren toten Papagei denken.“ -</p> - -<p> -„Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?“ -</p> - -<p> -„Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht -raten. Man <em>darf</em> ihr nicht raten. Hören Sie.“ -</p> - -<p> -„Wer spielt denn den Mann?“ -</p> - -<p> -„Der Mystiker, Herr Pein“, sagte Sylvester. -</p> - -<p> -„Und den Bruder?“ -</p> - -<p> -Sylvester zögerte. -</p> - -<p> -„Es ist nicht ausgeschlossen, daß <em>ich</em> ihn spiele. Aber -bitte schweigen Sie noch davon. Auch der Bulgare -möchte ihn spielen. Sogar der kleine Japaner.“ -</p> - -<p> -„Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,“ -sagte der Thorax nachdenklich, „als ich noch in deutschen -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Mittelstädten Pepsinwein verkaufte. Ob ich es -nicht wieder einmal versuche?“ -</p> - -<p> -Die Pneumo streichelte seine Schulter. -</p> - -<p> -„Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du -dein Exsudat wegkurierst. Was hast du heute gegen -7 Uhr gemessen?“ -</p> - -<p> -„37,9“, sagte der Thorax beschämt. -</p> - -<p> -„Also“, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand. -„Komm, du mußt zu Bett.“ -</p> - -<p> -Sylvester verneigte sich leicht. -</p> - -<p> -Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft. -Er spürte Kopfweh. -</p> - -<p> -Er ging die Schiastraße entlang. -</p> - -<p> -Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu -Kolbinger. -</p> - -<p> -„Sekt!“ sagte er strahlend. -</p> - -<p> -Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen -Schnee. Ein harter Ellenbogen stieß in seine rechte -Hüfte. -</p> - -<p> -Er drehte den Kopf. -</p> - -<p> -Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen -Mütze auf dem Kopf, sah ihn an. -</p> - -<p> -„Kenne ich Sie?“ fragte Sylvester. -</p> - -<p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -„Nein“, sagte das Mädchen trotzig. -</p> - -<p> -„Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen -lassen?“ -</p> - -<p> -„Ja“, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an. -</p> - -<p> -„Was wollen Sie von mir?“ -</p> - -<p> -Das Mädchen lachte leise: -</p> - -<p> -„Sie!“ -</p> - -<p> -„Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?“ -</p> - -<p> -„Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.“ -</p> - -<p> -„Welches Recht?“ -</p> - -<p> -„Das Recht des Sterbenden.“ -</p> - -<p> -Sie traten unter eine Laterne. -</p> - -<p> -Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht. -Ihr Atem durchschnitt die kalte Winterluft mit noch -eisigerem Hauch. In ihrem Körper rasselte es wie ein -Motor. -</p> - -<p> -„Er schnurrt ab“, sagte das Mädchen. „Meine eine -Lunge ist ganz weg. Und meine andere dreiviertel. Ich -sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur mein Mund -leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der -Einsamkeit. Küssen Sie mich!“ -</p> - -<p> -Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch -ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, -hüpfte quer über die Promenade. Zwei junge -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter -ihr her. -</p> - -<p> -Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg -langsam empor. -</p> - -<p> -Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht -im Dunst der Nacht. -</p> - -<p> -An einer Bank hielt das Mädchen an. -</p> - -<p> -„Es sind zwölf unter Null“, sagte Sylvester. -</p> - -<p> -„O,“ lächelte das Mädchen, „das macht nichts. Mir -ist so warm als wären wir im August.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-5"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -V. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Der Bulgare hatte Sylvester, Leutnant Rätten, den -Literaten Pein und den kleinen Japaner zu sich ins -Sanatorium zum Tee gebeten. -</p> - -<p> -Natürlich machte jemand den Vorschlag, zu pokern. -</p> - -<p> -Der Bulgare holte ein Spiel amerikanischer Karten -mit dem Joker aus der Nachttischschublade. -</p> - -<p> -„Warum haben Sie denn die Karten im Nachttisch?“ -fragte Sylvester. -</p> - -<p> -„Wenn ich nachts aufwache und nicht wieder einschlafen -kann, muß ich etwas Interessantes zum Lesen haben. -Dann betrachte ich mir die Karten.“ -</p> - -<p> -Man spielte 1 Frank Satz, 10 Frank Grenze. -</p> - -<p> -Keiner sprach ein Wort. -</p> - -<p> -Der Japaner glänzte kupfern. -</p> - -<p> -Den Bulgaren strengte schon das Mischen so an, daß -er hustete. -</p> - -<p> -Der Japaner gewann in lächerlich kurzer Zeit einige -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -hundert Franken. Er wollte sich empfehlen und einen -ärztlichen Besuch vorschützen. -</p> - -<p> -„Dageblieben“, brüllte Sylvester. -</p> - -<p> -Der Japaner zuckte die Achseln und mischte. -</p> - -<p> -Pein verlor in einem fort. -</p> - -<p> -Er verlor über hundert Franken in einem einzigen -Spiel an Sylvester, weil Sylvester sein Full-hand -mit einem Damen-vierling übertrumpfte. Das gab eine -Extrarunde mit doppeltem Satz. Eine sogenannte moralische -Ehrenrunde. -</p> - -<p> -„Vier Damen — ominös!“ sagte Pein. -</p> - -<p> -„Vier Damen sind weniger als eine“, sagte Sylvester. -„Aber nicht beim Poker.“ -</p> - -<p> -Bei der moralischen Ehrenrunde wanderte von Geber -zu Geber eine kleine unzüchtige Holzschnitzerei, japanischer -Herkunft und dem Japaner gehörig, zwei männliche Figuren -im widernatürlichen Beischlaf begriffen darstellend. -</p> - -<p> -Der Japaner verlor. -</p> - -<p> -Von ihm glitt das Geld zu Sylvester hinüber. Die -Glocke im Sanatorium läutete zum Abendbrot. Der -Bulgare klingelte und ließ sich das Essen auf dem Zimmer -servieren. -</p> - -<p> -Die übrigen verspürten wenig Hunger und sättigten -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -sich eilig an den Kuchenresten, die vom Tee zurückgeblieben -waren. Sie tranken dazu Danziger Goldwasser -oder Allasch oder Curaçao. -</p> - -<p> -Keiner wollte aufhören zu spielen. -</p> - -<p> -„So gehen Sie doch“, sagte Sylvester zu dem kleinen -Japaner. „Sie wollten doch schon vor zwei Stunden -gehen.“ -</p> - -<p> -Der Japaner zuckte die Achseln und blieb. -</p> - -<p> -Sylvester genoß das Spiel. -</p> - -<p> -„Ein Abbild des Lebens“, sagte der Bulgare. „Wer -gibt? Ich habe die schönsten Stunden meines Lebens -am Spieltisch verbracht. Schönere als je mit Frauen.“ -</p> - -<p> -„Nur wer mit dem Gelde <em>spielt</em>, soll spielen“, sagte -Sylvester. -</p> - -<p> -Pein zupfte nervös an seinem Fransenbart. Er verlor -noch immer. -</p> - -<p> -„Ich werde meinen Verlust wieder einholen“, sagte er -zitternd. -</p> - -<p> -„Das werden Sie nicht“, trumpfte Sylvester seinen -Zehnerdrilling mit einem Flush. „Sie sind nur noch -hier in Davos möglich. Unten, in der Welt, haben Sie -längst ausgespielt.“ -</p> - -<p> -Pein wimmerte erregter: -</p> - -<p> -„Was soll das heißen? Erst neulich habe ich im -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Züricher Pfauentheater in der führenden Rolle eines -meiner Stücke gastiert und großen Beifall gefunden.“ -</p> - -<p> -Der Japaner lachte wie ein fremdartiger Wasservogel. -</p> - -<p> -„Der Fushijama muß jetzt ganz in Blüte stehen“, -wisperte er, zu Sylvester gewandt. „So sagen wir, -wenn er beschneit ist. Aber auf den Seen zu seinen -Füßen blinkt ewiger Sommer. Da gleiten die kleinen -singenden Boote mit den Geishas und sie singen das -süße Lied der Kirschenblüte.“ -</p> - -<p> -Es schlug ein Uhr. -</p> - -<p> -Die letzten drei Runden wurden angesagt. -</p> - -<p> -Als sie abrechneten, hatte nur Pein verloren: etwa -fünfhundert Franken. Er suchte fluchend nach seinen -unförmigen Überschuhen. -</p> - -<p> -Sylvester verabschiedete sich rasch und schritt allein -den Berg hinunter. -</p> - -<p> -Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. In dem -Haus an der Promenade, in dem Sybil als einziger -Pensionär wohnte, glänzte noch Licht. Als er näher an -das Haus kam, erkannte Sylvester, daß das Licht in -Sybils Zimmer brannte. -</p> - -<p> -Sie liest noch, dachte er. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Sybil aber lag wach im Bett und betrachtete Sylvesters -Photographie, die er ihr geschenkt hatte. Es war -eine Amateuraufnahme des Bulgaren und sie zeigte -Sylvester in Gebirgstracht: braune Kniehosen, brauner -Janker, an das Geländer einer Waldbrücke gelehnt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-6"> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -VI. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -„Oh,“ sagte Sybil, „die Ärzte sind noch weit zurück -mit ihrer Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell -den Kranken zu heilen, wollen sie immer generell und -schematisch die Krankheit heilen. Eine Krankheit ist -aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur -von relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke. -Sein Fleisch und Blut. Das von den Medizinern nicht -weniger als von den Juristen und den Philologen mit -Paragraphen dirigiert werden will.“ -</p> - -<p> -„Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung -des Krebses!“ sagte der kleine kluge Japaner. „Man -kann konstitutionelle Krankheiten nicht lokal zur Heilung -bringen.“ -</p> - -<p> -„Meine Mutter“, sagte Sylvester leise, „litt an -Brustkrebs. Sie ist wohl achtmal operiert worden. Ich -war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht helfen. -Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand -geschlagen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -„Wie leichtsinnig“, sagte Sybil, „sind die Ärzte hier -oben mit ihren Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige -Temperaturerhöhung: gleich ins Bett. Das mag -bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben. -Bei Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett -ist für den täglichen Tod, den Schlaf, da. Wie leicht -birgt es den richtigen Tod.“ -</p> - -<p> -„Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als -Beispiel eines Todes gegolten, wie er sein soll“, meinte -Sylvester. „Er starb draußen im Freien, in der Sonne, -unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den letzten -Blick einer Schwalbe zugehaucht.“ -</p> - -<p> -„Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,“ -flüsterte der Bulgare auf seinem Hocker, „die -Tuberkuloseheilung auf die Basis der sogenannten Liegekur -zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in den -Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne -sich zu rühren, und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung, -auf den Liegehallen liegen. Als ich das erstemal -nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes wandelte, -ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich -ritt jeden Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden -und ritt mich wieder ins Leben zurück. Nichts macht -einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von Leysin aus -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten -Tod prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich -durch die jahrelange Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich -brauche dann und wann eine Reaktion, um noch weiter -zu können: eine Montblancbesteigung, ein dampfendes -Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen -Poker.“ -</p> - -<p> -„Die Ärzte bedenken nicht,“ sagte Sylvester verächtlich, -„daß sie das, was sie auf der einen Seite gewinnen, -auf der andern Seite wieder verlieren. Einer macht -neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen. Seine -Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit -seinen übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine -Nerven sind herunter. Seine Energie wie alter Kuchen -zerbröselt. Er ist ein wachsweicher Klumpen angefressenen -Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit -taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein -Parasit des Menschentums und zu nichts als seinem -Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig Jahre -alt, an der ‚<span class="antiqua">Dementia praecox</span>‘.“ -</p> - -<p> -Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf: -</p> - -<p> -„Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. -Er liegt schon fünf Jahre im Bett. Griechen haben -außer ihm das Sanatorium bisher nicht frequentiert. -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von -ihrem Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da -keiner mit ihm griechisch sprach, hat er in den fünf Jahren -das Griechische, seine Muttersprache, vergessen. -Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken -auch nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder -Griechisch noch Deutsch, und schwebt sprachlos in Zeit -und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch beibringen.“ -</p> - -<p> -Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über -ihrem Bett. -</p> - -<p> -„Ihr müßt gehen,“ sagte sie freundlich, „ich erwarte -den alten Ronken.“ -</p> - -<p> -Sie nahmen ihre Stöcke und gingen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-7"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -VII. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte -Sybil mit seinem eleganten weichen Hammer. -</p> - -<p> -„Mein liebes gnädiges Fräulein,“ zwitscherte er, „wir -werden Sie röntgen müssen ...“ -</p> - -<p> -„Tut das weh?“ lächelte sie erschreckt, „ich habe Angst -vor Schmerzen.“ -</p> - -<p> -„Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose -und beinahe unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie -sich so weit fühlen, daß Sie gehen können, kommen Sie -zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen -Schlitten.“ — -</p> - -<p> -Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins -Sanatorium, sondern bei Sylvester vor. -</p> - -<p> -Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte -Arsenikpillen, als der Kutscher auf die Veranda polterte: -</p> - -<p> -„Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn -Doktor zu einer Spazierfahrt einladen.“ Er warf sich -einen Schal um den Hals und fuhr im Lift herunter. -</p> - -<p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich. -</p> - -<p> -„Sybil,“ sagte er, „Sie machen mich glücklich ...“ -</p> - -<p> -„Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte“, sagte -sie leise. -</p> - -<p> -Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, -daß Sylvester ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht -auch wollte er sie nicht empfinden. -</p> - -<p> -Sie glitten durchs Dorf, dem See zu. -</p> - -<p> -Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der -Richtung Landquart-Zürich. -</p> - -<p> -„Möchten Sie“, fragte Sybil, „mit dem Zug zurück -in die Ebene ... in den Glanz ... in das Leben?“ -</p> - -<p> -Er schüttelte den Kopf. -</p> - -<p> -„Ohne Sie?“ -</p> - -<p> -Sie schwieg. -</p> - -<p> -Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem. -</p> - -<p> -„Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? -Ich bin krank. Und eine Schauspielerin. Eines von -beiden schon sollte genügen, Sie zu erschrecken.“ -</p> - -<p> -„Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, -Sybil. Und also bin ich vielleicht kränker als Sie, -Sybil. Ich bin ein Dichter und speie immer Blut.“ -</p> - -<p> -„Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den -Augen ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -„Und ich,“ sagte er bitter, „da ich Blut speie, lebe -mit dem Mund ...“ -</p> - -<p> -Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen. -</p> - -<p> -Sybil fröstelte. -</p> - -<p> -„Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.“ -</p> - -<p> -Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten -Bergspitzen, rosa, als lagerten Quallen auf den -Gipfeln. -</p> - -<p> -Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. -Eigentlich wandeln wir auf dem Grund des -Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte Stadt. -Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als -lebten wir, mit Perlen und goldenen Ketten behängt, -über den Meergrund. Der Himmel wallt über uns, -und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den -Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer -um unsere Glieder. Wir vermögen unsere Hände nicht -mehr zu bewegen. Und gehen können wir in der dicken -Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere -Augen versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, -bis zum Himmel zu dringen. Aber sie sind fast erblindet -von dem vielen In-die-Höhe-stieren. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-8"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -VIII. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener -Hauttuberkulose. An seiner linken Hand befand sich eine -winzige weißliche Spalte, die hin und wieder eine weiße -Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an der linken -Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, -als rühre er von einem Stich mit einem Federmesser -her. Übrigens wußte das niemand von den Herrschaften, -die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich sie sämtlich -an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche -Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose. -</p> - -<p> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste -Zimmer des ganzen Hauses inne. -</p> - -<p> -Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte -es der Oberlehrer gemietet. -</p> - -<p> -Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle -des Fensters vertrat, ging auf einen grauen Korridor -hinaus, von dem das Zimmer sein ganzes Licht empfing. -Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden. Es -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen -Tinkturen, die der naturwissenschaftliche Oberlehrer für -seine offene Hauttuberkulose benötigte, pestilenzialisch. -Das Zimmer mußte sich auch ohne Zentralheizung behelfen: -es wurde von einem durchlaufenden Kamin geheizt. -Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche -Oberlehrer mit allerlei Bildern benagelt, die in der -Hauptsache dem kleinen Witzblatt entnommen waren. -„Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten“, pflegte -er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu -blähen. -</p> - -<p> -Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, -ist schwer zu begreifen. Es waren doch mehrere angenehme -Herren in der Pension „Schönblick“ anzutreffen. -Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose Krampski, -welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien -gar nicht „reizend“, wie die abgetakelte Operettensängerin -zu verbreiten sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, -puccinesk. -</p> - -<p> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach -Karbol roch und daheim drei unmündige Kinder und -eine blasse sommersprossige Frau zu verwahren hatte, -die einem ausgewrungenen Handtuch glich — er hielt -das zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -in seinen schweißigen Armen. Floh die kleine Russin -vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich peinigen, erniedrigen, -bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd -erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht? -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen -die hübsche Russin aus dem Haus. Am nächsten Morgen -hieß es am Frühstückstisch, sie sei abgereist. -</p> - -<p> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen -Tag zu Bett. -</p> - -<p> -Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm -die Mahlzeiten aufs Zimmer zu bringen. -</p> - -<p> -Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine -stinkende Kammer tragen. Die Pneumo selber mußte -es tun. -</p> - -<p> -Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten -das Zimmer der kleinen Russin, das plötzlich -ein Stück leerer unausgefüllter Raum geworden -war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, -dem das Gas entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen -da. -</p> - -<p> -Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei -konfusen russischen Schriftzeichen bedeckt. Die -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Pneumo warf ihn nach einem kurzen achtlosen Blick beiseite. -Auf dem Zettel aber standen diese russischen -Verse: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,</p> - <p class="verse">Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-9"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -IX. -</h2> - -</div> - -<p class="addr"> -Lieber Harry! -</p> - -<p class="noindent"> -Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich -in den zwei Monaten, die ich nun wieder hier bin, recht -gut eingelebt. Mißverstehe mich nicht: leben, das heißt -hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen den -Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen -Herrn schwingen, der unerkannt am Präsidententisch -sitzt, und jederzeit die Glocke läuten kann. Dann ist -einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem -Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen -aufgestellt. Man darf sich nur bespiegeln. In dem edlen -Bulgaren. In der mütterlichen Pneumo. Dem taumelnden -Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt -Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat -Pein, die Operettensängerin, der kleine Japaner, der -Virtuose Krampski, der Leutnant. Einer taugt selbst zum -Spiegel nicht: der naturwissenschaftliche Oberlehrer. -In einer hübschen Russin bespiegelt man sich gern. -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel -blind zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche -Oberlehrer und schmeißt mit tellergroßen Steinen in -den Spiegel. Der zerbricht klirrend, klagend, anklagend. -Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig herausspringen, -verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel -und rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem -zarten Auge der Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen -Backenbart. Sybil ist kein Spiegel. Sie ist ein -See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick -in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon -spiele ich das Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre -her, daß ich an beiderseitiger Rippenfellentzündung erkrankte -und im Krankenhaus in Frankfurt an der Oder -lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz -nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die -Augen zum Himmel empor und sah die Madonna del -Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über -die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, -Brückenberg, Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, -Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos, Wehrawald und -wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie -es so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? -Ich erinnere mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -da war unser Krankenpfleger und Masseur zugleich -Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den -Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. -Bei mir verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger -und Totengräber bin ich in einer Person. — -Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es -ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im -„Weib“. Der Literat Pein den Mann. Ich ... den Bruder. -Wann ich wieder in München sein werde? Anfang -Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. -Ich fürchte ... für mich. Grüße die Freunde. -</p> - -<p class="sign"> -Dein<br /> -Sylvester. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-10"> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -X. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte -Papagei stand auf einem kleinen Tisch neben ihr. Sie -lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten Vogel -hin und wieder eine zu. -</p> - -<p> -„Friß, Vogel, oder werde lebendig!“ -</p> - -<p> -Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels -„Weib“ und studierte ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel -ließ nur drei Figuren agieren: die Frau, den -Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen -muß theatralisch sehr geschickt verfertigt von -dem Tiroler Dichter Korbinian Zirl, demselben, dem -jenes bemerkenswerte Festspiel „Andreas Hofer“ zugeschrieben -wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen -der Deutschen und Österreicher höher schlagen ließ. Im -„Andreas Hofer“ wie im „Weib“ handelte es sich um -eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch bewegten -Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. -Das Schauspiel „Weib“ war von sämtlichen bedeutenden -Bühnen Deutschlands angenommen: in der bestimmten -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Erwartung eines klingenden Kassenerfolges. Im -„Deutschen Theater“ in Berlin verdiente sich der berühmte -böhmische Komiker Zawadil Schnallenbaum als -Mann die tragischen Sporen. Aber fast überall im -Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit -verboten. Katholische und protestantische Pfarrerverbände, -Jünglingsvereine und Vereine zum Schutz alleinreisender -junger Mädchen erließen langatmige Proteste -gegen das „Weib“. Selbst ein Rabbiner gab seiner -Entrüstung in den Zionistischen Blättern Ausdruck. -Der bekannte Zentrumsabgeordnete Dr. Aborterer sah -in dem Schauspiel „Weib“ eine schamlose Aufreizung -zur Blutschande. -</p> - -<p> -Sybil war von der Rolle der Frau entzückt. -</p> - -<p> -Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem -toten Papagei wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird -nach mir das Weib spielen? -</p> - -<p> -Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin -bei der Premiere dargestellt und rauschenden Beifall -geerntet. -</p> - -<p> -Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer -himmelblauen Atlasschleife geschickt, darauf waren diese -Worte in Gold gestickt: -</p> - -<p class="center"> -Der dankbare Dichter seinem Weib. -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und -sie in seinem treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit -versichert: -</p> - -<p> -„Grad himmlisch is g’w’en, Fräul’n ... I hab beinah -g’moant, i wär a Dichter ...“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater -stattfinden. Pein, unterstützt von dem helläugigen -Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen Churer, -der die Redaktion des „Davoser Intelligenzblattes“ -leitete, hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, -weil er selber spielte. -</p> - -<p> -„Unser Herr Alfons Pein“, so hatte Dr. Buri im -Intelligenzblatt in der Voranzeige schreiben müssen, -„hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, -die Rolle des Mann im ‚Weib‘ zu übernehmen.“ -</p> - -<p> -Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, -daß Tinte und Asche über das Manuskript sprühten. -</p> - -<p> -„Chaibe.“ -</p> - -<p> -Er konnte Pein nicht ausstehen. -</p> - -<p> -Dann schrieb er weiter: -</p> - -<p> -„Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein -Sybil Lindquist von den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -die sich zur Zeit zum Kurgebrauch in Davos -aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung -in Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie -es eben nur eine Sybil Lindquist vermag. Herr Sylvester -Glonner, einer der Führer der jungdeutschen Dichtung, -den Davosern im besonderen nicht unbekannt als Autor -des groteskschwermütigen Davoser Romans ‚Die Krankheit‘, -spielt die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf -hat begonnen. Versorge sich ein jeder rechtzeitig mit -Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.“ -</p> - -<p> -Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und -zündete sich erleichtert seine Pfeife an. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-11"> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -XI. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Für den 19. Februar nachmittag waren auch die -diesjährigen Skikjöring- und Pferderennen angesetzt. -</p> - -<p> -Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester -telephonisch an: -</p> - -<p> -„Sylvester ...?“ -</p> - -<p> -„Sybil?“ -</p> - -<p> -„Sie müssen reiten ...“ -</p> - -<p> -„Was muß ich?“ -</p> - -<p> -„Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.“ -</p> - -<p> -„Was soll das?“ -</p> - -<p> -„Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.“ -</p> - -<p> -„Aber Sybil, welche Idee!“ -</p> - -<p> -„Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen -Davoser Pokal gewinnen.“ -</p> - -<p> -„Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich -würde nicht aus ihm trinken dürfen, denn ich bekäme -sofort Nierenschmerzen.“ -</p> - -<p> -„Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Rennen gewinnen. Deshalb sollen Sie reiten. Ich -werde auf Sie setzen beim Totalisator.“ -</p> - -<p> -„Wann ist das Rennen?“ -</p> - -<p> -„Am neunzehnten.“ -</p> - -<p> -„Aber da müssen wir ja den Abend spielen!“ -</p> - -<p> -„Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei. -Um vier Uhr sind sie spätestens zu Ende. Da haben -Sie genug Zeit, sich bis acht auszuruhen.“ -</p> - -<p> -„Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe -an dem Schauspiel schon genug ...“ -</p> - -<p> -„Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal <em>handeln</em> -sehn ... Tun Sie einmal etwas! Handeln Sie einmal -nicht künstlerisch künstlich, dichterisch, schauspielerisch. -Handeln Sie einmal menschlich ...“ -</p> - -<p> -„Ich bin krank, Sybil ...“ -</p> - -<p> -„Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.“ Ihre -Stimme klang flehend. -</p> - -<p> -„Ich werde reiten, Sybil.“ — -</p> - -<p> -Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er -kannte und von dem er wußte, daß er das Rennen nicht -reiten würde, der aber zwei Pferde laufen lassen wollte, -und bat ihn, die „Miggi“ reiten zu dürfen. In Graubünden -heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und -alle Mädchen Miggi. -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten -von Sylvesters wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten -sie den Kopf; bestellten sich aber sofort telegraphisch -Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner -wollte reiten. -</p> - -<p> -Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch, -sich als Jockei vorzustellen. -</p> - -<p> -„Was meinst du, Grete,“ fragte er die Pneumo, -„ob ich in vierzehn Tagen reiten lernte und ob ich es -aushielte?“ -</p> - -<p> -„Kind,“ sagte sie zärtlich, „was du für böse Träume -hast. Du leidest immer häufiger an Alpdrücken. Du -mußt abends vor dem Zubettgehen einen frischen Apfel -essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-12"> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -XII. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Sylvester gewann mit Miggi I den goldenen Pokal -von Davos. -</p> - -<p> -Der Ausgang des Rennens rief beim Publikum eine -ungeheure Aufregung hervor. -</p> - -<p> -Sybil wurde halb ohnmächtig vom Platz getragen -und mußte mit drei Flaschen Eau de Cologne bespritzt -werden, ehe sie wieder zu sich kam. -</p> - -<p> -Sylvester hob man auf die Schulter und trug ihn im -Triumph in seine Pension. -</p> - -<p> -Der Thorax war heilig beglückt. -</p> - -<p> -Die Pneumo weinte Freude. -</p> - -<p> -„Die reine Fata Morgana!“ sagte Herr Klunkenbul -und wußte wohl selbst nicht, was er meinte. -</p> - -<p> -Sybil hatte ihr ganzes Geld beim Totalisator auf -Sylvester gesetzt. Leider fiel die Quote sehr niedrig aus: -17:10, denn man hatte, nicht aus Sportlichkeit, aber -aus Sensation oder Schwärmerei, auf den Dichter -gesetzt. -</p> - -<p> -Der Bulgare und der kleine Japaner gratulierten -Sybil. Der Japaner überreichte ihr eine Orchidee. -</p> - -<p> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -„<em>Sie</em> haben das Rennen gewonnen“, sagte der kluge, -kleine Japaner. -</p> - -<p> -Sybil zuckte die Achseln. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Sylvester lag angekleidet auf seinem Bett. Graues -Schicksal: dem Wort zu dienen. Dem schwesterlichen -Chaos. Den torkelnden Träumen. Als ob ich ein lebendiger -Mensch würde, wenn ich auf einem lebendigen -Pferd reite. Pferde tragen auch Schatten, oder, im -Zirkus, hold uniformierte Affen auf ihrem Rücken. -Was wiege ich eigentlich? Hundertacht Pfund. Das -richtige Jockeigewicht. Was Sybil sich bei diesem Sieg -denkt? Was habe ich gewonnen? Ein paar sensationelle -Notizen in der Tagespresse. Mein Bild als -Reiter in der „Woche“, der „Berliner Illustrierten -Zeitung“ und im „Weltspiegel“. Seewald wird mich -als Reiter ernstkomisch in Holz schneiden und das -schwarze Bild farbig betupfen. Denn man muß mich -erst künstlich bunt machen. Ich bin so ermüdet, als -hätte man mich zu Graubündner Fleisch geritten. Ich -wage diesen Wahnsinn des heutigen Rittes, den Wahnsinn -des abendlichen Schauspiels vor den erglühten -Rampen. Würde ich wagen, Sybils Hand zu küssen? -Nie. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-13"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -XIII. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Vorstellung das „Weib“ im Kurtheater ging -vor ausverkauftem Hause in Szene. Nach dem Rennerfolg -des Nachmittags war der Züricher Korrespondent -des „Berliner Blattes“ im Auto herbeigeeilt, um dem -Schauspiel beizuwohnen und telegraphisch darüber nach -Berlin zu berichten. -</p> - -<p> -„Sensationelle Sache“, sagte er zu Pein. Es war -ein dicker jüdischer Herr mit einer Hornbrille, hinter -der zwei grüne Eulenaugen hervorsahen. -</p> - -<p> -„Die Lindquist ist schwer krank. Vielleicht stirbt sie -auf der Bühne. Und dieser olympische Stern am Himmel -des Turfs: Sylvester Glonner: als erstklassiger -Dichter, erstklassiger Jockei, erstklassiger Schauspieler, -wie?“ -</p> - -<p> -„Na“, sagte Pein und verabschiedete sich, verärgert, -daß der Korrespondent sich nicht mit ihm befaßte. -</p> - -<p> -„Altes Eisen,“ sagte der jüdische Herr zu Dr. Buri, -als Pein gegangen war, „ich darf ihn beim besten Willen -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -nicht mehr ernst nehmen. Als Schriftsteller meine ich. -Als Schauspieler kenne ich ihn ja noch nicht. Aber -diese mystischen Fatzkereien. Ekelhaft.“ -</p> - -<p> -„Schmierig“, meinte Dr. Buri. „Sie sind schmierig -wie schlecht geputzte Stiefel. Sie sollen glänzen wie -Lack, aber es ist beim Altwarenhändler billig erstandenes, -rissiges Kalbsleder.“ -</p> - -<p> -„Übrigens wichst er sie zuviel, seine lyrischen Stiefel“, -sagte der Korrespondent, den es beunruhigte, daß ein -anderer in Bildern redete. „Dagegen der Glonner, mein -Lieber: ein Talent. Ein großes Talent. Wir werden -seinen nächsten Roman bringen, denn wir legen Wert -auf ein literarisches Feuilleton.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-14"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -XIV. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Mann und Frau leben nebeneinander. -</p> - -<p> -Die Frau haßt den Mann. -</p> - -<p> -Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren -einer höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen -von Gier, hinter ihr her. Die Frau haßt den -Mann, weil sie ihn einmal liebte. -</p> - -<p> -Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte. -</p> - -<p> -Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander -her. -</p> - -<p> -Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf. -</p> - -<p> -Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die -verdüsterte Stube. Halb verdurstet. Halb verhungert. -Mit zerrissenen Kleidern, zerbröckelten Schuhen. Er -stützt sich auf einen selbstgeschnitzten Wanderstab. Eine -Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den -Hals. Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne. -</p> - -<p> -Der Mann ist ausgegangen. -</p> - -<p> -Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt -seinen Ranzen ab und seinen Stab. -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -„Frau,“ sagt er, „hier möchte ich bleiben. Hier ist -meine Heimat.“ -</p> - -<p> -„Ich habe einen Mann,“ sagt die Frau, „er ist ein -Tier.“ -</p> - -<p> -„Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen, -mit meiner Mundharmonika beschwören“, sagt der -Blonde und bläst ein paar Töne. -</p> - -<p> -Die Frau hat Tränen in den Augen. -</p> - -<p> -„Warum weinst du?“ fragt der Blonde traurig. -</p> - -<p> -„Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.“ -</p> - -<p> -„Keine Musik? Wie ist das möglich?“ -</p> - -<p> -„Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen -und alle Musikinstrumente, die er im Hause -fand: meine kleine Mundharmonika, meine kleine Flöte.“ -</p> - -<p> -„Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?“ -</p> - -<p> -„Um unser Haus singen keine Vögel.“ -</p> - -<p> -„Warum verläßt du deinen Mann nicht?“ -</p> - -<p> -„Ich kenne keinen andern Mann ...“ -</p> - -<p> -„Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen —?“ -</p> - -<p> -„Vor vielen Jahren —“ -</p> - -<p> -„der ging auf die Wanderschaft —“ -</p> - -<p> -„— und ließ nie wieder von sich hören —“. -</p> - -<p> -„Erinnerst du dich seiner?“ -</p> - -<p> -„Immer ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -„Wann?“ -</p> - -<p> -„Immer und immer. Wenn der Frühling von den -roten Märzwolken herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen. -Wenn der Sommer die süßen Heudüfte in -meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die -herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter -sterbend ihr schwebendes Sein vergolden. Wenn der -alte Winter im weißen Mantel knirschend durch den -knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen -Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend, -zu dunkler Nacht: immer und immer, zu jeder Stunde. -Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In jedem -Blick.“ -</p> - -<p> -„Frau!“ -</p> - -<p> -„Junger Mensch!“ -</p> - -<p> -„Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Sybil erblaßte. -</p> - -<p> -Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn. -</p> - -<p> -Sie lehnte sich an die Wand der Hütte. -</p> - -<p> -„Sylvester!“ -</p> - -<p> -„Sybil!“ -</p> - -<p> -Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen -Armen auf. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-15"> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -XV. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Beifall überfiel die offene Szene. -</p> - -<p> -„Fabelhaft!“ sagte der dicke jüdische Herr mit der -Hornbrille. Seine Eulenaugen schillerten. -</p> - -<p> -Der Thorax, der in der ersten Reihe saß, zitterte. -</p> - -<p> -„Sie sterben beide auf offener Szene“, bebte er. -</p> - -<p> -Die Pneumo hatte Tränen in den Augen. -</p> - -<p> -„Brava!“ rief ein Italiener wie wahnsinnig zu Sybil -herauf. „Brava, brava! ...“ -</p> - -<p> -Der Bulgare wischte sich mit einem kleinen seidenen -Tuch, einem Geschenk Sybils, den Schweiß von der -Stirn. -</p> - -<p> -Er mußte sich zusammenreißen, um in keinen Wutanfall -auszubrechen. Um nicht Schaum vor die Lippen -zu kriegen. -</p> - -<p> -„Das ist Krieg!“ dachte er entsetzt, „da fließt -Blut ...“ -</p> - -<p> -Der kleine Japaner lächelte, freundlich interessiert. -</p> - -<p> -Europäer ... dachte er. Sie haben alle Hitze aus -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -dem Äther in sich hineingesogen und verbrennen nun -an- und ineinander unter einem kalten Himmel. In -Japan trippeln unter einem heißen Himmel kalte Menschen -auf Holzschuhen im klappernden Stakkato. Und -ihre Liebe duftet weiß, kühl und weiß wie die Schneeblüte -des Fushijama. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-16"> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -XVI. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie -unterlag in den Wirtshäusern keiner Polizeistunde. -</p> - -<p> -In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum -Abendessen. Nach dem Abendessen wurde rote Bowle -und Rosinenkuchen gereicht. -</p> - -<p> -Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner -Gäste am Gürtel, atemlos durch den Saal. Er mußte -sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul gebärdete sich -als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom -Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen. -</p> - -<p> -Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, -hustete heftig. Sie konnte den parfümierten Duft der -Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal Rätten rauchte, -nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot -in der Pension Schönblick aufgehoben. — Der schwäbische -Violinvirtuose Krampski gab mit seiner Geige, der -er häßliche Töne entlockte, einen italienischen Straßenmusikanten -zum besten. -</p> - -<p> -Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -es am billigsten war, eine Maske als Kostüm gewählt: -Darwin. Er bemühte sich, einem blaukarierten fahrigen -Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen. -</p> - -<p> -Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb -und violett. -</p> - -<p> -Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon -drei Gläser Bowle umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse -schlotterte um seine magere Brust. Um seinen -Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote -Strümpfe funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. -Eine Schirmmütze plattete seinen hohen Kopf ab. -</p> - -<p> -Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in -Nationaltracht, der Japaner als deutscher Ritter und -Minnesänger in einer hastig klappernden Blechrüstung. -</p> - -<p> -Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren -Kleid. -</p> - -<p> -Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf -den Korridoren geküßt. -</p> - -<p> -Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins „Rößli“ -gehen, droben im Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei -sicher sehr, sehr amüsant. -</p> - -<p> -Man klatschte und brüllte Beifall. -</p> - -<p> -Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter -sich drein. -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem -der Virtuose Krampski mit Chopins Trauermarsch aufspielte. -Im „Rößli“ empfing sie ein betäubender Lärm -von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden -Füßen. Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten -mit Dienst- und Ladenmädchen. Dazwischen einige -Berliner Kurgäste, Saaltöchter und Soldaten. Eine -Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch -ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, -hüpfte quer durch den Saal. Sie sang dazu -die Marseillaise. -</p> - -<p> -Der Wirt vom „Rößli“ wies den Herrschaften von -Schönblick einen bequemern Nebenraum an. Man gelangte -von dort nach Belieben in den Saal zum Tanzen, -hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben. -</p> - -<p> -Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke -seiner Rüstung schlug, ging in den Saal, das portugiesische -Dienstmädchen zu suchen. -</p> - -<p> -Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische -Magier. Der Straßenmusikant mit der blaukarierten -Zofe und nach und nach die andern alle. -</p> - -<p> -Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben -endlich allein zurück. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-17"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -XVII. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -„Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen“, -sagte der Sioux und ging wie irrsinnig auf den Apachen -los. Er zuckte als Dolch einen Fieberthermometer in -der Hand. -</p> - -<p> -„Aber ich bin an beiden Lungen krank“, erwiderte -der Apache höflich. Seine Schirmmütze war ihm so -tief in die Stirne gerutscht, daß seine leicht entzündeten -Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen. -</p> - -<p> -„Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden -Lungen machen lassen.“ -</p> - -<p> -„Dann stürbe ich ... auf der Stelle.“ -</p> - -<p> -„Das sollen Sie ja!“ -</p> - -<p> -Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die -Schminke von hellblauen Adern durchdrungen, verschönte -sich. Es wurde zart, wie wenn er eine Hymne von -Novalis las. -</p> - -<p> -„Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb -sind Sie doch nur hier oben, um zu sterben. Lebendig -zu sterben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal -Ähnliches? -</p> - -<p> -„Sehen Sie“, der Sioux konnte nicht mehr stehen -und setzte sich stöhnend auf einen Stuhl, „es ist mir -ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich selber -kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer -in den Spiegel spähen ...“ -</p> - -<p> -Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester -sein übermüdetes Gehirn. -</p> - -<p> -„Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, -den hauttuberkulösen Darwin. Ein unangenehmer -Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und -Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern -Gäste beschweren sich immer über ihn. Aber ich rieche -ihn gern, den Geruch der Verwesung.“ -</p> - -<p> -Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet -er wie Pein. -</p> - -<p> -„Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus -dem Haus tragen, und am nächsten Morgen wird es -heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte immer -auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein -unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern -Lebens glänzt um den Tod. Auf Erden ist doch immer -Krieg.“ -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht -aus tausend Seelen und spricht mit tausend Zungen. -</p> - -<p> -„Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb -leicht. Wissen Sie, wen ich sterben sehen möchte? -Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne untergeht -und ein erhabener Aspekt.“ -</p> - -<p> -Er hat Visionen, erschrak Sylvester, er prophezeit. — -</p> - -<p> -Die Pneumo und Sybil tanzten leise nach einem -Grammophon. Durch die schmutzigen Fenstervorhänge -blinzelte schon der Morgen. -</p> - -<p> -„Ich möchte jetzt lieber in einem Sarg als auf dem -Liegestuhl liegen“, sagte Sybil. „Aber die Kur beginnt -schon wieder ... Ein neuer Tag. Er ist so alt wie alle -neuen Tage.“ -</p> - -<p> -Sylvester hatte sich neben den Sioux gesetzt, und -beide sahen schweigend dem Tanz der Frauen zu. -</p> - -<p> -Plötzlich hielt Sybil inne. -</p> - -<p> -Sie sah nach dem Fenster, das bleich und übernächtig -in den dämmernden Morgen stierte. -</p> - -<p> -„Der Tag!“ sagte sie. -</p> - -<p> -Ein ewiger Schmerz zuckte im Herzschlag dieser hingehauchten -Worte. -</p> - -<p> -„Der Tag ...“ wiederholte Sylvester für sich, „wessen -Tag? Der meine nicht ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -„Die Krankheit!“ röchelte der Sioux. -</p> - -<p> -Sybil zog den Vorhang zurück. Da brach der erste -Strahl des Morgenrotes über die Berge. Aus Sybils -Lippen, die kalkweiß erstarrt waren, lief ein dünner, -glänzender Blutfaden wie eine rote Schlange. -</p> - -<p> -Sie wandte sich lächelnd um: „Das Morgenrot!“ -und glitt sanft zu Boden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-18"> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -XVIII. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Sylvester sprang sofort hinzu. Er trug sie auf das -verschlissene violette Plüschsofa, das den Raum zierte. -</p> - -<p> -„Ein Arzt!“ brüllte plötzlich der Thorax. -</p> - -<p> -„Bleiben Sie bei ihr!“ -</p> - -<p> -Die Pneumo nickte wortlos. -</p> - -<p> -Sylvester rannte durch den Saal. -</p> - -<p> -Da schlief in einer Ecke, an die Brust des portugiesischen -Dienstmädchens gelehnt, der kleine Japaner. -</p> - -<p> -Sylvester schüttelte ihn wach. -</p> - -<p> -„Man braucht Sie! Man ist erkrankt!“ -</p> - -<p> -Der Japaner folgte. Seine Rüstung klapperte wie -unzählige Blechbüchsen. Er legte das gelbe, mausähnliche -Ohr an Sybils Herz. -</p> - -<p> -Er faßte ihr den Puls. -</p> - -<p> -Er sah ihr auf den Mund. -</p> - -<p> -Dann zuckte er die Achseln. -</p> - -<p> -„Bringen Sie sie sofort nach Hause. Ich werde ihr -eine Kampfereinspritzung machen. Übrigens kann es sich -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -nur darum handeln, das Leben um ein paar Stunden -zu verlängern.“ -</p> - -<p> -„Das Sterben, meinen Sie“, sagte der Thorax. — -</p> - -<p> -Ein Schlitten war in der Eile nicht aufzutreiben. -Eben klingelte draußen der erste Tram, der nach Davos-Platz -fuhr. -</p> - -<p> -Sie schafften Sybil in den Tram, der von der sterbenden -Sonne, dem Apachen, der Geisha, dem Ritter, -dem portugiesischen Dienstmädchen und dem Sioux -besetzt wurde. -</p> - -<p> -Zum Glück lag Sybils Pension an der Promenade. -</p> - -<p> -Der Tram konnte vor ihrer Wohnung halten. -</p> - -<p> -Als sie in ihrem Bett lag, schlug sie die Augen auf. -</p> - -<p> -„Bitte“, lächelte sie die Masken an, „verlassen Sie -mich! Dank für Ihre Teilnahme an meinem Leben!“ -</p> - -<p> -Sie wehrte den Japaner ab. -</p> - -<p> -„Ich brauche keine Einspritzung. Ich will Sylvester -noch einmal sprechen.“ -</p> - -<p> -Die Masken gingen. -</p> - -<p> -Der Apache blieb. -</p> - -<p> -„Sylvester,“ sie legte alle Kraft ihres Herzens in -ihren letzten Blick, „du letzter Tag meines Lebens!“ -</p> - -<p> -Er hielt ihre Hände. Sein roter Schal streifte ihre -gläserne Stirn. -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -„Drück mir die Augen zu!“ -</p> - -<p> -Er fiel von einem Hammerschlag getroffen zermalmt -an ihrem Bett zusammen. Er hörte um sich leere -Worte plappern, und es schien ihm, als fange der tote -Papagei, der auf dem Nachttisch stand, wieder zu -sprechen an. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-19"> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -XIX. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit -an Sybils Grab. -</p> - -<p> -„Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. -Einen blonden Baum.“ -</p> - -<p> -Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte: -</p> - -<p> -„Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum -in unserm Davoser Klima sich auch nur einen -Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde, eine -Minute, eine Sekunde hält.“ -</p> - -<p> -Sylvester blieb starr. -</p> - -<p> -„Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, -verlassen Sie sich darauf.“ -</p> - -<p> -Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, -den Herrn von seinem Aberwitz zu überzeugen. -</p> - -<p> -„Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige -Schwedin. In Schweden liebt man die Zitronenbäume -nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das Richtige oder -eine Trauerweide.“ -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -„Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum -auf das Grab pflanzen. Es muß ein Baum -sein, der Früchte trägt.“ -</p> - -<p> -„Nicht <em>eine</em> Frucht wird er tragen“, schrie der Gärtner -und schlüpfte aus der Friedhofspforte. -</p> - -<p> -Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten -auf dem Metallblau des Himmels. -</p> - -<p> -Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf -standen nur diese zwei Worte: Sybil Lindquist. Keine -Altersangabe. Kein Geburts- und kein Todesdatum. -</p> - -<p> -Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der -Pneumo, dem Bulgaren, dem Japaner und dem Leutnant -gemeinsam gestiftet worden. -</p> - -<p> -Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof -durchwandeln, werden glauben, sie sei erst gestern -gestorben. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem -Java-Kapok gefüttert und mit Schulterklappen und seitlichen -Mufftaschen versehen war, auf seinem Privatbalkon. -</p> - -<p> -Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: -eine nicht einmal besonders gelungene Ansichtskarte, -die sie in einer ihrer Filmrollen als amerikanische -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler -Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel. -</p> - -<p> -Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, -klangen die eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... -Bob ... an sein durch wollene Ohrmuscheln vor der -Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen hilfeheischend -wie die Rufe von Ertrinkenden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-20"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -XX. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester, -als der Zug in Rorschach einlief. Hier ist also Friede. -Und Frühling. Kein Schnee, keine rosa Kälte mehr. -Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen Gesträuch. -</p> - -<p> -Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein. -Kinder sprangen wie Kaskaden steinerne Stufen herunter. -Mädchen zwitscherten unter den Laubengängen. -Burschen lachten dröhnend. -</p> - -<p> -Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen -Gassen. Aus einem Restaurant, an dem ein -Schild „Frohsinn“ angebracht war, tönte kleines Orchester. -Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen -von Pergolesi. -</p> - -<p> -Ein Brunnen rauschte. -</p> - -<p> -Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die -Gassen sich den Berg hinauf. Und Sylvester glaubte -zu weinen, sinnlos an eine Laterne gebeugt. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in -Dämmerung übergegangen. Noch blaute der Tag über -Sylvester. -</p> - -<p> -Er trat an den Bug. -</p> - -<p> -Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen, -die nach Futter suchen. -</p> - -<p> -Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel; -und auch mein Herz ist schon zu zermürbt und von andern -Vögeln zerfressen, als daß ich es euch noch zum Fraß hinwerfen -könnte. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn -schwebte Lindau, in das der Dampfer wie ein Komet -flammend und rauchend rauschte. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck -hielt. -</p> - -<p> -Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu. -</p> - -<p> -Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten -gelbe Wolken. Sie waren wie Aeroplane einer fremden -Macht hinter ihm her, aber er war ihnen längst -entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ -sie weiter, immer weiter hinter sich. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-21"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -XXI. -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -„Gehen wir in den Kino!“ sagte Sylvester. -</p> - -<p> -„In welchen?“ -</p> - -<p> -„In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt, -in dem der erste Platz dreißig Pfennig kostet, -und in dem man sich unbedingt eine Angina holt. — -Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.“ -— -</p> - -<p> -Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes -Plakat: ein bleicher, blonder Frauenkopf, der -sich wie eine Narzissenblüte auf einem Stengel wiegte. -„Narzissenblüte“ hieß der Film, und das sollte den -Namen des Mädchens symbolisieren, denn unten auf -dem Plakat waren ein Negerboxer und ein brauner -Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer Viscount -oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich, -daß der Film auf einem Konflikt zwischen -dem Neger und dem Weißen aufgebaut war. Ein -Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond. -</p> - -<p> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur -neben dem Kino. -</p> - -<p> -Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen. -</p> - -<p> -Harry sah einer schmalen Kellnerin nach. -</p> - -<p> -„Ißt du das Zeug gern?“ -</p> - -<p> -Sylvester schüttelte den Kopf. -</p> - -<p> -„Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen -Kastanien wärmen.“ — -</p> - -<p> -Die Leinwand flammte auf. -</p> - -<p> -Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen -und Lauben umgeben, trat eine schlanke, blonde -Frau. -</p> - -<p> -Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes -Sommerkleid und einen Biedermeierstrohhut -mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband schwang -sich vom Hut hernieder um den zarten Hals. -</p> - -<p> -Sie sah sich suchend um. -</p> - -<p> -Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden. -Sie biß die Lippen aufeinander. -</p> - -<p> -Nun glitt ihr Blick gradeaus. -</p> - -<p> -Er blieb an Sylvester haften. -</p> - -<p> -Sybil hatte Sylvester entdeckt. -</p> - -<p> -Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten, -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -seine Hände zitterten, die Muskeln ließen nach und die -Kastanien rollten am Boden. -</p> - -<p> -„Ruhe!“ rief eine Stimme. -</p> - -<p> -Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer. -</p> - -<p> -Sylvester marterte sich das Hirn: -</p> - -<p> -Wird sie tanzen? -</p> - -<p> -Da eilte von links ein eleganter junger Herr im -Zylinder, Cutaway, in grauen Hosen mit schwarzer -Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend, auf -sie zu. -</p> - -<p> -Sie reichte ihm die Hand. -</p> - -<p> -Ihre Unruhe war verschwunden. -</p> - -<p> -Sie lächelte. -</p> - -<p> -Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor. -</p> - -<p> -Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete -äffisch grinsend den Wagenschlag. -</p> - -<p> -Sybil stieg ein. -</p> - -<p> -Der Herr folgte. -</p> - -<p> -Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine -Parkallee von Pappeln fliegen ... nun glitt es in -den Wald und war den Blicken aller hinter Bäumen -entschwunden. -</p> - -<p> -Sylvester stand auf. -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der -Schweiß stand ihm auf der Stirn. -</p> - -<p> -„Gehen wir“, sagte er. — -</p> - -<p> -Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf -der Straße waren, und das Entsetzen übte schon wieder -Macht über ihn. Man müßte ihn wie einen Hund über -den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des -grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den -Neger auf der Stelle niederknallt, wer soll dann den -Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen Chausseegraben -sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser -Hirn würde auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen -im Winde wehen. Ein Kopf ohne Hirn ... -ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen -... und ... so süß zu hoffen ... -</p> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -</p> - -</div> - - -<pre style='margin-top:6em'> -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEIT *** - -This file should be named 63643-h.htm or 63643-h.zip - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/6/3/6/4/63643/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - -</pre> -</body> -</html> diff --git a/old/63643-h/images/cover.jpg b/old/63643-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f412ff1..0000000 --- a/old/63643-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
