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-Project Gutenberg's Die Philosophie unserer Klassiker, by Karl Vorländer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.
-
-
-Title: Die Philosophie unserer Klassiker
- Lessing - Herder - Schiller - Goethe
-
-Author: Karl Vorländer
-
-Release Date: October 25, 2020 [EBook #63548]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Die
- Philosophie unserer Klassiker
-
- Lessing · Herder · Schiller · Goethe
-
- Von
-
- Karl Vorländer
-
- 1923
-
- J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.
-
- Berlin und Stuttgart
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-
-Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Goethe sagt einmal in einem seiner Sprüche in Prosa: Das _Klassische_
-ist das _Gesunde_, das Romantische ist das Kranke. Von der gleichen
-Ansicht ausgehend, habe ich im vergangenen Sommersemester die
-Philosophie unserer Klassiker _Lessing_, _Herder_, _Schiller_, _Goethe_
-meinen Zuhörern an der hiesigen Universität vorgetragen und lege sie
-nun hier, erweitert und ergänzt, einem breiteren Leserkreise vor. Ich
-tue das in der Überzeugung, daß es gerade in unserer Zeit und gerade
-auch in der Philosophie doppelt not tut, gegenüber aller ungesunden,
-sich auf unklare _Gefühle_ stützenden Romantik (verkappe sie sich
-hinter dem Namen reiner Ästhetik oder Theosophie oder Lebensphilosophie
-oder Patriotismus oder sonstwie immer), auf die reinen Quellen des
-Wahren, Guten und Schönen, wie sie in dem Denken und Dichten unserer
-großen Klassiker fließen, nachdrücklichst hinzuweisen. Während der
-Arbeit habe ich meine Freude daran gehabt, mich wieder einmal in ihre
-unvergänglichen, ewig jungen und wahren Gedankengänge vertiefen zu
-können, und hoffe, daß es meinen Lesern ähnlich gehen wird.
-
- _Münster i. W._, im September 1922
-
- =Karl Vorländer=
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Vorwort III
-
- Einleitung VII
-
-
- Lessing
-
- ~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760 (Meißen, Leipzig, Berlin) 3
-
- Auf der Fürstenschule zu Meißen -- Auf der Universität
- Leipzig -- Nach Berlin -- Stellung zur Religion um 1750
- -- Religionsphilosophische und religionsgeschichtliche Schriften
- der 50er Jahre -- Mit Moses Mendelssohn und F. Nicolai.
-
- ~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770 11
-
- Weitere religionsphilosophische Entwicklung -- Von Christian
- Wolff zu Leibniz und Spinoza -- Philosophie der Kunst
- (Ästhetik): Der »Laokoon« -- Die Hamburger Dramaturgie.
-
- ~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780 26
-
- Wiederum Religionsphilosophie: Wolfenbütteler Funde --
- Die Fragmente eines Ungenannten (Reimarus) -- Der Streit
- mit der Orthodoxie (Antigoeze) -- Ergebnisse.
-
- ~D.~ Philosophische Weltanschauung überhaupt 37
-
- 1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise. 2. Religions-
- und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts.
- 3. Ansichten über den Staat: Lessings politische
- Entwicklung. 4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in: Ernst
- und Falk. 5. Letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
- Pantheismus, Spinozismus.
-
- Schluß: Lessings Persönlichkeit 60
-
-
- Herder
-
- ~A.~ Der junge Herder bis zur Übersiedlung nach Weimar 1776 65
-
- 1. Die Jugend (Mohrungen, Königsberg) 1744 bis 1764 --
- Kant und Hamann 65
-
- 2. Vorherrschend literarisch-ästhetische Epoche 1765 bis 1772 69
-
- In Riga -- Reisetagebuch -- In Straßburg: Vom Ursprung
- der Sprache.
-
- 3. Vorherrschend religiöse Periode 1772 bis 1776 72
-
- Hofprediger in Bückeburg -- Älteste Urkunde des
- Menschengeschlechts -- Auch eine Philosophie usw.
- -- Vom Erkennen und Empfinden.
-
- ~B.~ Die Höhezeit 1776 bis 1788 77
-
- In Weimar -- Theologische Schriften -- 1. Die Ideen zur
- Philosophie der Geschichte der Menschheit -- Politische
- Anschauungen -- Kritik des Christentums -- Wirkung des
- Werks -- 2. Die Gespräche über »Gott« -- Spinozismus.
-
- ~C.~ Das Ende 1789 bis 1803 91
-
- Altersjahre -- Stellung zur Französischen Revolution -- Goethes
- Abwendung -- Der Kampf gegen Kant -- Tod.
-
-
- Schiller
-
- ~A.~ Die Anfänge 1779 bis 1786 99
-
- Auf der Karlsschule -- Die beiden medizinischen Dissertationen
- -- Rousseaus Einfluß: »Räuber« und Jugendlyrik.
-
- ~B.~ Die Übergangszeit 1787 bis 1790 103
-
- Die Philosophischen Briefe -- Die Götter Griechenlands und
- Die Künstler -- Studium der Geschichte -- Erste Bekanntschaft
- mit dem Kritizismus.
-
- ~C.~ Die Höhezeit: Schiller als Jünger Kants 1791 bis 1795 108
-
- Geschichtliche Entwicklung: Endgültige Bekehrung zu Kant --
- Die ersten ästhetischen Aufsätze -- Anmut und Würde -- Die
- ästhetischen Briefe -- Naive und sentimentalische Dichtung.
-
- ~D.~ Schillers Philosophie in seiner Reifezeit 113
-
- 1. Methodisches und theoretische Philosophie. 2. Ethik.
- 3. Ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene
- und das Sittlich-Schöne. 4. Stellung zu Griechentum und
- Christentum sowie zur Religion überhaupt. 5. Zusammenfassung
- und Ergebnisse. 6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik.
- 7. Schiller als Politiker. 8. Schiller, der Idealist.
-
-
- Goethe
-
- ~A.~ Anfänge 1774 bis 1776 151
-
- Im Elternhaus -- In Leipzig -- In Straßburg: Berührung
- mit der französischen Philosophie, mit Herder -- Erste
- Bekanntschaft mit Spinoza -- Philosophische Gedichte.
-
- ~B.~ Das erste Jahrzehnt in Weimar. Die italienische Reise
- 1776 bis 1788 160
-
- Pantheismus -- Neues Spinoza-Studium -- Nahe Freundschaft
- mit Herder -- Naturwissenschaftliche Studien (Metamorphose
- der Pflanzen) -- Einfluß Italiens auf seine Natur-
- und Kunstauffassung.
-
- ~C.~ Erstes Kant-Studium 1789 bis 1894 167
-
- Lektüre der Kritik der reinen Vernunft -- Einfluß der Kritik
- der Urteilskraft.
-
- ~D.~ Der Freundschaftsbund mit Schiller 1794 bis 1805. Die
- Altersjahre 1805 bis 1832 172
-
- Das glückliche Ereignis vom Sommer 1794 -- Das Jahrzehnt
- mit Schiller -- Verhältnis zu andern Denkern (Schelling,
- Herder u. a.) -- Spätere philosophische Studien u. Beziehungen.
-
- ~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit 179
-
- 1. Theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Religionsauffassung.
- 4. Politische Stellung. Sozialismus in Wilhelm Meisters
- Wanderjahren? 5. Die Kunst. Schluß.
-
-
- Zur Literatur 189
-
- Namenverzeichnis 192
-
-
-
-
-Einleitung
-
-Die Philosophie unserer Klassiker
-
-
-Wir wollen uns in diesen Vorlesungen mit der Philosophie unserer
-Klassiker, d. h. unserer klassischen deutschen Dichter beschäftigen.
-Wer sind diese _Klassiker_? Wir wurden in meiner Jugend gelehrt, drei
-Dichterpaare des achtzehnten Jahrhunderts als solche zu betrachten:
-Klopstock und Wieland, Lessing und Herder, Schiller und Goethe. Allein
-das erste Paar dürfte schon in der allgemeinen Schätzung längst aus
-deren Mitte ausgeschieden sein. Mögen noch so starke Wirkungen auch
-von Wieland und Klopstock auf die Steigerung des dichterischen Gefühls
-und der künstlerischen Einbildungskraft, auf die Fortbildung unserer
-Sprache und deren poetische Form, auf die Lyrik insbesondere und den
-Roman ausgegangen sein, mögen sie noch in den Schulstuben unserer
-Primaner an der herkömmlichen Stelle stehen: in die Masse unseres
-Volkes sind sie nicht eingedrungen, ja sogar in dem geistigen Leben
-der großen Mehrzahl unserer Gebildeten führen sie kein lebendiges
-Dasein mehr. Was Lessings bekanntes Epigramm von _Klopstocks_ berühmtem
-Messias-Epos sagte:
-
- »Wer wird nicht einen Klopstock _loben_!
- Doch wird ihn jeder _lesen_? Nein!«
-
-das gilt heute nicht bloß von Klopstock überhaupt mit seiner
-Vereinigung von antiker Form und christlich-germanischem, zum Teil
-fast nordisch-germanischem Inhalt, den selbst unsere begeistertsten
-»Nationalen« kaum mehr bewundern, ja vielfach gar nicht mehr kennen.
-Das gilt erst recht von _Wieland_ mit seiner dem französischen
-Geschmack im Zeitalter eines Ludwigs XV. nachstrebenden, vielfach ins
-Lüstern-Weichliche hinüberspielenden Denkweise und seiner geradezu
-abschreckenden Weitschweifigkeit des Stils. Vor allem aber, beide
-kommen als _Philosophen_, also für unser Thema überhaupt nicht in
-Betracht. Von dem frommen Sänger der Messiade oder der Erlöser-Oden
-brauche ich das gar nicht erst nachzuweisen: weder er selbst noch
-sonst jemand hat Klopstock jemals für die Philosophie reklamiert.
-Und Wieland hat sich zwar in seinen Romanen, sogar mit Vorliebe, mit
-Gestalten, die uns aus der griechischen Philosophie bekannt sind, von
-Pythagoras, Demokrit und Sokrates an bis zu dem Wundermann Peregrinus
-Proteus und dem Spötter Lucian, am meisten bezeichnenderweise mit
-solchen aus der Periode ihres Niedergangs, beschäftigt; indes mit
-seinen oberflächlich-breiten Erörterungen für philosophische Methode
-oder Wissenschaft, ja nur für die schärfere Erfassung philosophischer
-Probleme nicht das mindeste geleistet.
-
-Also bleibt es für uns bei den beiden anderen Paaren: _Lessing_ und
-_Herder_, _Schiller_ und _Goethe_, die heute noch, abgesehen vielleicht
-von dem minder bekannten Herder, bei allen denen lebendig sind, die
-überhaupt von den ewigen Geistesschätzen unserer klassischen Literatur
-und Dichtung zehren. Allein selbst bei diesen vier Großen läßt sich die
-Frage aufwerfen: Sind sie wirklich »_Philosophen_« im engeren Sinne des
-Wortes zu nennen? Hat doch keiner von ihnen ein philosophisches System
-entworfen, keiner sich selbst für einen Philosophen ausgegeben, keiner,
-wenn wir von Herders »Ideen« absehen, ein größeres philosophisches Buch
-geschrieben. Und doch, so lange es, um mit Kantischen Worten zu reden,
-eine Philosophie nicht bloß nach dem _Schul_-, sondern auch nach dem
-_Welt_begriff, mit anderen Worten eine Philosophie als Weltanschauung
-gibt, so lange werden auch Lessing und Herder, Schiller und Goethe in
-die Reihe der Philosophen gehören. Allerdings, und damit ergibt sich
-eine bestimmte Grenze für unsere Darstellung, nur, insoweit sie ihre
-Weltanschauung _philosophisch_ zu _begründen_ versucht haben.
-
-
-
-
-Lessing
-
-
-
-
-~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760
-
-Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)
-
-
-Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so modern
-an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit und
-Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit. Und doch ist er
-vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen hinterwäldlerischen
-Stadt der sächsischen Lausitz geboren, der Sohn eines rechtgläubigen
-lutherischen Pastors, der, ursprünglich auch gelehrten Studien
-zugewandt, in dem abgelegenen kleinen Nest immer mehr zum versauerten
-Orthodoxen und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester, eben
-unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit im Kampfe
-für das als recht Erkannte geerbt, daneben eine gewisse Achtung vor
-ehrlicher Orthodoxie beibehalten.
-
-Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden
-Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder Theophil erhalten:
-dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold wollte durchaus »von einem
-großen Haufen Bücher umgeben« gemalt sein. Kursachsen hatte seit der
-Reformation die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der
-junge Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während der
-fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule« Sankt Afra
-in _Meißen_ -- neben dem noch heute bekannten Schulpforta einem der
-ersten Gymnasien des Landes -- zubrachte. So tyrannisch wie Schiller
-und seine Jugendgefährten auf der Karlsschule wurden die Meißener
-Fürstenschüler zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an
-seine Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier
-stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es damals die
-englische Aufklärung zu vertreten angefangen hatte. Ähnlich wie in dem
-Königsberger Friedrichskolleg, in dem Kant ein Jahrzehnt früher seine
-acht Lehrjahre verbrachte, waren Religion mit 25 (!) und Latein mit 15
-Wochenstunden der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort
-eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassenden Geist
-nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die anderen zu schwer
-werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete sein Rektor von ihm, »es
-ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß.« Am meisten zog seinen
-verstandesscharfen Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis
-zum Spielen mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin und
-sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels gewesen
-ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid und wählte zum Thema
-seiner Abgangsrede (Juni 1746) »die Mathematik der Barbaren«, also der
-Nichtgriechen und -römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle
-»Glückwunschungsrede«, die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb,
-deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders
-altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im Grunde weder einen
-besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt zu verzeichnen habe,
-sondern daß jedes Jahr dem anderen gleich sei. Es ist eben eine im
-üblichen Geleise der herrschenden Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie
-einhergehende rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben,
-der den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis
-der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall« seiner --
-vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu haben behauptet.
-
-Auch auf der Universität _Leipzig_, die der Siebzehnjährige im
-September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als Studiosus der
-Theologie, bezieht, scheint er philosophisch keine besonderen neuen
-Einsichten gewonnen zu haben. Wohl gehen in seinem inneren und äußeren
-Leben große Umwälzungen vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit
-ihn »wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen« würde.
-Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die ganze Welt im
-kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in Goethes »Faust«. Er lernt
-Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt mit Schauspielern und anderen
-leichten Gesellen, dichtet nach der Zeitsitte leichte »anakreontische«
-Liedchen über Liebe und Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann
-1748 sein theologisches Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und
-geht zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt auf
-Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach der preußischen
-Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um 1750/51 in Wittenberg
-den Magistergrad, der ungefähr dem heutigen ~Dr. phil.~ entspricht,
-zu erwerben. Erst ein in ernster Auseinandersetzung mit dem Vater zur
-Rechtfertigung seines neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai
-1749 zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die
-Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit,
-die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht, »ob der ein
-besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im
-Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche
-geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der,
-der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg der _Untersuchung_
-zur Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu gelangen
-bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen
-Eltern auf Treue und Glauben annehmen soll.« Und vom christlichen
-Handeln bekennt er offen und scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man
-eines der vornehmsten Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben,
-nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen
-sind, die sich davor ausgeben ...«
-
-Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen schon
-ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn ferner auf demjenigen
-Gebiet philosophierend, das bis zu seinem Tode das _Haupt_gebiet seines
-Philosophierens gebildet hat: dem der _Religion_. Und sie zeigen ihn in
-derselben Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen,
-auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig gesagt, auf
-einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur fünf Jahre ältere junge Kant
-ging. »Der junge Gelehrte« richtet sich gegen die Pedanterie und
-Schulfuchserei, »der Freigeist« gegen die oberflächlichen Aufklärer,
-welche alle Frömmigkeit als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien,
-aber doch auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters
-freisprechend; und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit gegen
-Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«, den er übrigens schon um
-1751 geplant hat.
-
-Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann man auf den
-des berühmten französischen Skeptikers Pierre _Bayle_ hinweisen,
-jenes ersten Begründers der französischen Aufklärung, den schon der
-Student Lessing in den Vorlesungen des Professors Christ kennengelernt
-hatte, und dem er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die
-erst allmählich sich aus den Fesseln der Theologie losringenden
-freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann, einen
-Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem Einfluß gewesen
-ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame Geisteszüge: die ungeheure
-Belesenheit und Vielseitigkeit, die dialektische Meisterschaft, der
-Geist eindringender Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer
-Überzeugung, die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch- und
-verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle stand dann bald sein
-Nachfolger und Fortsetzer _Voltaire_, mit dem Lessing ja in Berlin
-als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich auch in persönliche, zuletzt
-recht unliebsame Berührung geraten ist; und neben ihm das Haupt der
-Enzyklopädisten, der feurige _Diderot_, der »durch Gänge voll Nacht zum
-glänzenden Throne der Wahrheit« führt.
-
-Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen Geist wie
-Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer fremde Anstöße anzunehmen.
-Wie der dreiundzwanzigjährige Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift,
-deren etwas selbstbewußten Titel Lessing in einem später mit Grund
-gestrichenen Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe
-mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen
-Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, so
-schreibt in demselben Alter auch der junge Lessing zu Wittenberg einem
-Bekannten den Vers ins Album:
-
- »Wie lange währt's, so bin ich hin
- Und einer Nachwelt untern Füßen;
- Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?
- Weiß _ich_ nur, _wer ich bin_.«
-
-Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der Zwanzigjährige,
-unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu denken, den stolzen Adlerflug
-des freien Genies beschrieben:
-
- »Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,
- Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh ...
- Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,
- Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.
- Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,
- Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«
-
-In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen
-Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher oder später
-in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück gebliebene
-religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »_Die Religion_«
-(veröffentlicht November 1751) und »_Über die menschliche
-Glückseligkeit_« (veröffentlicht 1753), auf die wir indes nicht näher
-eingehen: einmal, weil sie eben Fragmente geblieben sind und nicht
-viel mehr als Zeugnisse dieses inneren Ringens darstellen; dann auch,
-weil sie doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit
-dem wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von der er
-später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß er in ihr alle die
-verschiedenen neuerschienenen Schriften _für_ und _wider_ die Religion
-gierig verschlungen habe, ohne daß ihn eine ganz befriedigt hätte; sie
-hätten ihn vielmehr nur »von einer Seite zur anderen gerissen«. Und
-nun kommt eine Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines
-Lebens ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet:
-»Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte, desto
-zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender mir es der
-andere ganz zu Boden treten wollte: desto geneigter fühlte ich mich,
-es wenigstens in meinem Herzen aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des
-selbständigen Geistes, der in Dingen, die doch schließlich durch das
-persönliche Gefühl entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite
-aufgezwungen werden sollende sogenannte Verstandes»beweise« sich wehrt;
-der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende »Autoritäten« der einen
-oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei überhaupt, die ihm einmal
-in einem scherzhaften Liede die Verse eingibt:
-
- »Allen Narren, die sich ›isten‹,
- Zum Exempel Pietisten,
- Zum Exempel Atheisten,
- Zum Exempel Rabulisten
- -- -- -- -- -- --
- Quietisten und Sophisten
- -- -- -- -- -- --
- Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«
-
-In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten
-»_Rettungen_« einzelner von der hergebrachten Theologie, sei es
-der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter Persönlichkeiten
-oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf Ewigkeit« er untersuchen,
-denen er »unverdiente Flecken abwischen, falsche Verkleisterungen
-ihrer Schwächen auflösen« will. Dahin gehören z. B. die Rettungen
-einzelner durch die Autorität eines Luther niedergekämpften, nur
-unseren gelehrten Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus
-oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen
-Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen Predigers Adam
-Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden waren, weil sie -- das
-spätere Nathan-Problem! -- den Schein der Gleichberechtigung oder gar
-der Minderwertigkeit des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz
-vermieden hatten. Dahin auch die »_Gedanken über die Herrnhuter_«
-(1750), die im Grunde genommen -- sie sind freilich auch nur Fragmente
-geblieben -- so gut wie gar nicht von »diesen Leuten« selbst handeln,
-sondern sie nur zum Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze
-benutzen. Er gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der
-Religion auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h. von
-den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff -- Sokrates
-ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter Lehrer --, um daraus den
-Schluß zu ziehen: »Sie füllen den _Kopf_, und das _Herz_ bleibt leer.«
-Man wird »durchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der
-anderen nur immer haben _vernünfteln_, niemals _handeln_ wollen«. Und
-doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen«.
-Das haben die Herrnhuter auf dem Gebiet der Religion zu ihrem Ziel
-gemacht. Lessing wünscht, daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit
-ähnlichen Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau
-oder an Kants praktische Philosophie).
-
-Bei diesem Stand der Dinge brauchen wir uns nicht lange mit einzelnen
-trotzdem »vernünftelnden« Aufstellungen Lessings selbst aus der
-nämlichen Zeit, dem Beginn der fünfziger Jahre, aufzuhalten: etwa
-dem »_Christentum der Vernunft_«, das in 27 Paragraphen aus den
-_Leibniz_schen Begriffen der Vollkommenheit, der Harmonie, der
-allmählichen Stufenfolge aller Dinge und ähnlichem aufgebaut wird und,
-statt wie eine gesunde kritische Philosophie mit der Gottesidee etwa
-zu enden, sogleich mit Gott als dem »einzigen vollkommensten Wesen«
-einsetzt, während es mit einer mehr an Schleiermacher als an Kant
-erinnernden Formulierung des menschlichen Sittengesetzes schließt:
-»Handle deinen individualischen (wir sagen heute: individuellen)
-Vollkommenheiten gemäß!« Von der kirchlichen Religionsauffassung hat
-er persönlich sich um diese Zeit schon ganz frei gemacht: ein für die
-damaligen deutschen Verhältnisse und für seine eigene Entwicklung
-sehr vielsagendes Resultat. Das beweist unter anderem ein, wenigstens
-höchstwahrscheinlich, noch in die Berliner Zeit fallendes, in seinem
-Nachlaß gefundenes Bruchstück »_Über die Entstehung der geoffenbarten
-Religion_«. Und so konnte er beinahe ein Menschenalter später in
-einem, vielleicht eben dieser Offenheit wegen ungedruckt gebliebenen,
-Vorwortentwurf zum »Nathan« erklären: »Nathans Gesinnung gegenüber
-jeder positiven Religion ist _von jeher_ die meinige gewesen.«
-
-Dagegen hat er an einer, wie man in jener Zeit sagte, »_natürlichen_«
-Religion, mit dem Glauben an einen Weltschöpfer, nicht bloß damals,
-sondern anscheinend bis an sein Ende festgehalten. So tritt er
-gelegentlich für Albrecht v. Hallers, des auch von dem jungen Kant
-hochgeschätzten Schweizer Naturforschers und Dichters, Gottesglauben
-gegen den entschiedenen Materialismus eines Lamettrie ein, der in
-seinem »~L'homme machine~« den Menschen als ein mechanisches Uhrwerk
-aufgefaßt hatte. Und auch philosophisch entfernt er sich in den
-fünfziger Jahren noch wenig von der herrschenden Leibniz-Wolffschen,
-das heißt durch den trockenen Pedanten Christian Wolff verwässerten
-Leibnizschen Philosophie. Ganz seiner sonstigen, frischen, für alle
-reinen Gedanken aufgeschlossenen Art entgegen, meint er einmal 1752 in
-einer seiner Rezensionen in der damals schon bestehenden »Vossischen
-Zeitung« zu Berlin: »Das Neue sollte uns in den spekulativischen
-Teilen der Weltweisheit alle Zeit verdächtig sein.« Für unseren Zweck
-brauchen wir darum auch diese seine verhältnismäßig doch unbedeutenden
-Buchbesprechungen aus den Jahrgängen 1751 bis 1754 der »Vossischen«
-nicht einzeln auf seinen philosophischen Standpunkt hin zu durchmustern.
-
-Selbst nicht die ihrem Titel nach philosophischste seiner Abhandlungen:
-die 1755 aus Anlaß einer Preisaufgabe der Berliner Akademie der
-Wissenschaften erschienene: »_Pope ein Metaphysiker!_« Schon deshalb
-nicht, weil sie nicht von ihm allein, sondern gemeinsam mit dem
-in Berlin neu gewonnenen Freunde Moses Mendelssohn verfaßt ist.
-Und zweitens, weil wir uns heute auch wohl kaum noch für das Thema
-interessieren: 1. welches der wahre Sinn des Satzes »Alles ist
-gut« sei; der in des Engländers Pope (1689 bis 1744) seinerzeit
-vielbewundertem Lehrgedicht »Vom Menschen« (1729) vorkommt, 2. wieweit
-er mit Leibniz' Optimismus übereinstimme und 3. ob Popes System
-anzunehmen oder zu verwerfen sei. Sondern uns interessiert nur die Art
-von Lessings Behandlung, zu der ihm die Aufgabe der Akademie, über
-die er sich eigentlich mehr lustig macht, bloß den Anlaß gibt: seine
-reinliche Scheidung zwischen _Dichter_ und _Metaphysiker_. Gewiß, im
-weitesten Sinne des Wortes ist jeder Metaphysiker ein Dichter; aber ein
-System in Reime bringen heißt noch nicht dichten. Ein philosophischer
-Dichter ist darum noch kein Philosoph, ebensowenig wie ein poetischer
-Weltweiser an sich schon ein wahrer Poet: dasselbe Problem, das Kant
-vierzig Jahre später von der anderen Seite her ebenso scharf in Angriff
-genommen hat (in seinem Aufsatz »Von einem neuerdings erhobenen
-vornehmen Ton in der Philosophie«, 1796).
-
-Bei dieser Gelegenheit nur ein paar kurze Ausführungen über Lessings
-philosophisches Verhältnis zu den Berliner Freunden Moses _Mendelssohn_
-und Friedrich _Nicolai_; denn ihre persönlichen Beziehungen zu
-behandeln, ist hier nicht der Ort. Gemeinsam mit beiden ist ihm im
-Grunde nur ein Allerallgemeinstes: die Zugehörigkeit zu der großen
-_Aufklärungs_bewegung, die in England ihren Ursprung genommen,
-dann nach Frankreich sich verpflanzt hatte und jetzt, um die Mitte
-des achtzehnten Jahrhunderts, anfangs noch recht bescheiden, auch
-in Deutschland, und hier wieder am stärksten in dem von jeher
-freigeistigen und zum Vorwitz neigenden Berlin, ihre Schwingen zu
-regen begann. Im übrigen verdankt Lessing dem späteren Diktator der
-Berliner Aufklärung und langjährigen Herausgeber der Allgemeinen
-Deutschen Bibliothek von seiner philosophischen Eigenart so gut wie
-nichts; dem rührend anhänglichen jüdischen Freunde -- das darf man
-sagen, ohne dem braven Moses Mendelssohn zu nahe zu treten -- recht
-wenig. Wohl hat dieser ihm öfters, z. B. zu der Pope-Schrift und zum
-»Laokoon«, Material geliefert, sicherlich auch manche philosophische
-Einzelgedanken, namentlich auf ästhetischem Gebiet, in ihm angeregt.
-Aber bei aller warmen Empfindung, bei aller Klarheit des Stils fehlt
-ihm doch zu sehr die philosophische Kraft und Tiefe, als daß er dem
-großen Freunde eine wesentliche Förderung in seiner philosophischen
-Entwicklung hätte bieten können. Und schließlich auch der Mut des
-Genius. Wie hätte es einem Lessing begegnen können, daß er vor einem
-anderen Menschen, und wäre es auch der »Alleszermalmer« Kant, gleich
-Mendelssohn scheu sich zurückgezogen hätte!
-
-
-
-
-~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770
-
-
-Kant sagt einmal in seiner Anthropologie, daß die »Gründung eines
-Charakters«, d. h. in seinem Zusammenhang die endgültige Festsetzung
-einer Weltanschauung, bei den meisten Menschen sich erst in ihrem
-vierten Lebensjahrzehnt zu vollziehen pflege. Das dürfte wenigstens
-für die tieferen, nicht schnell mit sich fertigen Naturen zutreffen.
-Jedenfalls gilt es für Kant und für Lessing. Sei es, daß seine
-Versetzung in ganz andere äußere Lebensumstände, unter ganz andere
-Menschen, in ganz andere Beschäftigungen als die gewohnten, die seine
-Berufung als Sekretär des Generals Tauentzien nach Breslau und ins
-preußische Feldlager nach sich zog, ihn um so stärker auf sich selbst
-besinnen ließ, oder daß seine innere Entwicklung dahin drängte: er
-fühlt, daß er jetzt erst zum _Manne_ herangereift, ganz er selbst
-geworden ist. Nach der Genesung von einer Fieberkrankheit schreibt am
-5. August 1764 der bald Fünfunddreißigjährige an seinen Freund Ramler
-nach Berlin: »Die ernstliche Epoche meines Lebens naht heran; ich
-beginne, ein Mann zu werden.«
-
-Lessings religionsphilosophische und kirchengeschichtliche Studien
-gehen fort. Aber sie werden jetzt methodischer. Er beginnt die
-früheste Entwicklung des Christentums an der Quelle, das heißt in
-den Werken der Kirchenväter: eines Justin, eines Tertullian, eines
-Origenes und Augustin, zu studieren. Er schreibt eine Abhandlung
-über die von Plutarch erwähnte Richtung der »Elpistiker«, d. h. etwa
-»Hoffnungsfrohen«, und sucht bei dieser Gelegenheit nachzuweisen,
-daß ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben _keine_ Religion
-gedacht werden könne. Eine Ansicht, die unseres Erachtens schon durch
-den Buddhismus und das Judentum (wenigstens dem größten Teil seiner
-Geschichte nach) widerlegt wird; weshalb, beiläufig gesagt, auch Kant
-letzterem einmal den Charakter einer Religion abspricht. Im übrigen
-bemerkt Lessing, jene Hoffnung habe unter den Christen der ersten
-Jahrhunderte »viele falsche Märtyrer gemacht, die für nichts besser als
-Selbstmörder zu halten« seien.
-
-Eine zweite Abhandlung »Von der Art und Weise der _Fortpflanzung_ und
-_Ausbreitung_ der christlichen Religion« wendet sich gegen die Ansicht
-der Kirchenväter und die damit übereinstimmende ihrer zeitgenössischen
-Verteidiger, die darin die unmittelbare Hand Gottes erblickt, und
-macht demgegenüber auf die vielen »Menschlichkeiten«, die sich dabei
-zugetragen haben, überhaupt auf den ganz »natürlichen Lauf der Dinge«
-aufmerksam. Kurz, er unterstellt auch die Religionsgeschichte den
-Gesetzen wissenschaftlicher Kritik, die sich übrigens damals auch
-bereits innerhalb der protestantischen Theologie zu regen begann:
-»Sieh überall mit deinen eigenen Augen! Verunstalte nichts, beschönige
-nichts! Wie die Folgerungen fließen, laß sie fließen! Hemme ihren Strom
-nicht, lenke ihn nicht!«
-
-Jetzt erst werden auch seine _philosophischen_ Studien tiefer,
-eindringender. Er wendet sich von dem Nachahmer (Wolff) zur Quelle
-(Leibniz) zurück. Noch in der Pope-Schrift war der Begriff des
-Gedichts ganz im Sinne der Wolffschen Schulphilosophie bestimmt
-worden. Ähnliches war in der Abhandlung über die Fabel und in den
-Anmerkungen zu des Engländers Burke Schrift über das Schöne und
-Erhabene (1758) geschehen. Jetzt, in den sechziger Jahren, lernt er
-den echten _Leibniz_ eigentlich erst kennen, dessen »Neue Abhandlungen
-über den menschlichen Verstand« (französisch) eben (1765) ihrer
-Vergessenheit im Staube der Hannoverschen Bibliothek entrissen worden
-waren. Lessing hat sie zu übersetzen angefangen, auch Material zu einer
-Leibniz-Biographie gesammelt. Er hat nunmehr die Kluft zwischen Meister
-und Schüler so deutlich erkannt, daß er von der »Eingeschränktheit und
-Geschmacklosigkeit« Wolffs zu sprechen wagt.
-
-Und, was vielleicht noch wichtiger, er lernt jetzt auch den fast
-noch allgemein verfemten großen _Spinoza_ kennen und schätzen. Noch
-in dem Pope-Aufsatz hatte er zwar nichts dagegen gehabt, daß der ihm
-anscheinend durch Freund Mendelssohn näher gebrachte Shaftesbury das
-Wort »Natur« an die Stelle des Leibnizschen »Gott« gesetzt hatte;
-allein noch gar nicht daran gedacht, daß damit auch der Standpunkt
-des jüdisch-holländischen Weisen zusammenfällt, den er noch den
-»berufenen Irrgläubigen« nennt. Jetzt hat er den Spinoza zu würdigen
-gelernt. Er ist, eigentlich noch vor Herder, Goethe und F. H. Jacobi,
-der Wiederentdecker desselben geworden: was allerdings erst gegen
-Ende seines Lebens deutlicher hervortreten und erst fünf Jahre nach
-seinem Tode allgemein bekannt werden sollte; weshalb wir auf die ganze
-Frage seines »Spinozismus« noch einmal gegen Schluß im Zusammenhang
-zurückkommen werden. Wir werden ferner sehen, wie sich aus der besseren
-Würdigung des echten Leibniz und Spinozas auch eine vertieftere,
-seine Berliner Freunde überraschende Stellung in seinen theologischen
-Kämpfen der siebziger Jahre, im Streite zwischen der Orthodoxie und
-der Aufklärung, ergibt, wie er immer mehr auch über die letztere
-hinauswächst. Zunächst aber müssen wir jetzt eine ganz andere Seite
-seines Philosophierens ins Auge fassen: seine
-
-
-Philosophie der Kunst oder Ästhetik,
-
-zu der die beiden großen Schriften der sechziger Jahre: der »_Laokoon_«
-(1766) und die »_Hamburger Dramaturgie_« (1767 bis 1769) den Grund
-gelegt haben, hinter denen jetzt, mindestens schriftstellerisch, die
-religionsphilosophische Arbeit durchaus zurücktritt. Dies Jahrzehnt war
-vielmehr die Zeit, wo er nach dem Worte des Briten Macaulay zum _ersten
-Kritiker Europas_ sich emporschwang. Freilich nicht diese Kritik im
-einzelnen können wir zum Gegenstand unserer Erörterung machen, auch
-nicht auf ästhetische Einzelheiten eingehen, sondern bloß die großen
-philosophischen Grundzüge hervorheben.
-
-Betrachtet man beide Schriften nur von ihrer Außenseite, die vom
-lebendigen Kunst_beispiel_, im ersten Falle der Plastik, im anderen
-der Bühne ausgeht, so könnte man sie für zufällig hingeworfene
-Gelegenheitsschriften halten, wie es ja fast bei allen Werken Lessings
-der Fall zu sein scheint. Dringt man dagegen tiefer in sie ein, so
-merkt man auch hier, daß eine zusammenhängende Kunstansicht dahinter
-steckt: eine Kunstansicht, die auf einer ausgedehnten Kenntnis der
-zeitgenössischen Ästhetik, ja der Kunstschöpfungen aller Zeiten
-aufgebaut ist.
-
-Das Nächste und Grundlegendste ist, daß er -- was freilich schon der
-alte Aristoteles festgestellt und natürlich auch Platos Weisheit
-bereits entdeckt hatte, was aber erst durch Kants Begründung zum
-unverlierbaren Eigenbesitz der Philosophie geworden ist -- das
-Gebiet der Kunst oder, persönlicher ausgedrückt, die _gestaltende_
-Tätigkeit des schaffenden Künstlers von der _theoretischen_ des
-wissenschaftlichen, von der _praktischen_ des sittlichen Menschen
-scheidet oder doch zu scheiden beginnt. Wir werden später bei Schiller
-und Goethe sehen, wie diese »reinliche Scheidung« der drei menschlichen
-Kulturgebiete: Wissenschaft, Ethik und Kunst unter dem Einfluß Kants
-schon weiter fortgeschritten ist. Der
-
-
-Laokoon
-
-setzt sie, wie schon sein Nebentitel Ȇber die Grenzen der Malerei
-und der Poesie« besagt, _innerhalb_ der Künste zwischen »Poesie« und
-»Malerei«, d. h. dem künstlerischen Schaffen in Wort, Rhythmus und
-Melodie, wie es Dichtkunst und Musik betreiben, auf der einen, und dem
-Kunstschaffen in Form und Farbe, wie es den bildenden Künsten: Malerei,
-Bildhauerei und Baukunst, eigen ist, auf der anderen Seite fort.
-Lessing befand sich damit mitten in den Problemen und der Polemik,
-die über sie von den angesehensten Theoretikern der Gegenwart und
-letzten Vergangenheit, den Franzosen Dubos, Batteux und Diderot, den
-Engländern Hutcheson, Harris, Burke und Home, den Schweizern Bodmer
-und Breitinger, den Deutschen Mendelssohn, Nicolai und anderen geführt
-worden war. Speziell mit den beiden letzteren hatte er schon ein
-Jahrzehnt zuvor lange teils mündliche, teils schriftliche Diskussionen
-über Ursprung und Natur der tragischen Empfindungen gepflogen; ja
-in gewissem Sinne hatten ihn Mendelssohns »Betrachtungen über die
-Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften«
-auf das Thema seines »Laokoon« überhaupt gebracht. Und außerdem wollte
-er Ordnung auch in der _Praxis_ der bildenden und der Dichtkunst
-schaffen: den Hang zur Allegorie (z. B. Oeser) in jener, den Hang zur
-Schilderungssucht (Haller, Brockes, Ewald v. Kleist und Geßner) in
-dieser bekämpfen. Und das ist ihm denn auch, wenigstens für Poesie,
-so ziemlich gelungen: er hat der bis dahin fast allgemein geübten
-unkritischen Vermischung der Künste, die nach der blendenden Antithese
-des griechischen Dichters Simonides die Dichtkunst einfach zu einer
-»redenden Malerei«, die bildende zu einer »stummen Poesie« machen
-wollte, den kritischen Todesstoß versetzt. Dem Gebiet der bildenden
-Künste wies er die im Raume _neben_einander geordneten sichtbaren
-_Körper_, dem der redenden das in der Zeitfolge _nach_einander
-geordnete Gebiet der _Handlung_ zu.
-
-Gewiß, viele seiner Einzelansichten sind durch die moderne
-Kunstentwicklung und Kunstanschauung, ja zum Teil schon durch die
-frühere Kunstpraxis überholt. Wir werden z. B. heute nicht mehr so
-einseitig wie Lessing der antikisierenden Anschauung Winckelmanns
-folgen und allein die Schönheit, nicht die Wahrheit des Ausdrucks für
-den höchsten Zweck der bildenden Kunst erklären. Wir werden nicht
-so einseitig wie er die Form vor der Farbe, die Plastik vor der
-Malerei bevorzugen. Und wenn er die Landschafts-, die Historien-, die
-Genre-, ja sogar die Porträtmalerei verwirft, wenn er infolgedessen
-die großen Niederländer, sogar einen Rembrandt geringschätzt, was
-bleibt dann schließlich von der Malerei noch übrig? Es rächt sich
-hier, daß Lessing, ähnlich wie Kant, obschon wohl in nicht so starkem
-Maße wie dieser, die lebendige Anschauung, ja wohl auch die warme
-Empfänglichkeit für die großen Werke der bildenden Künstler der
-Renaissance, der Spanier, der Niederländer gemangelt hat. Ist er
-doch, als er endlich mit sechsundvierzig Jahren vom Frühjahr bis in
-den Winter 1775 Italien bereisen konnte, freilich als offizieller
-Reisebegleiter eines unreifen Prinzen und seines militärischen
-Gouverneurs, wenn anders wir nach den trockenen und dürftigen Notizen
-seines Tagebuches schließen dürfen, selbst dort von den Wundern
-der Natur und Kunst, die nach ihm so viele Nordländer entzückt
-haben, anscheinend wenig ergriffen worden. In ihm herrschte eben,
-ähnlich wieder wie bei dem ihm überhaupt in so mancher Hinsicht
-geistesverwandten Kant, auch in Kunstdingen die norddeutsche Reflexion,
-der eindringende Scharfsinn, die Neigung zum psychologischen
-Zergliedern vor, gegenüber der Gefühlswärme eines Herder, eines Goethe
-oder gar eines Heinse.
-
-Auch in seinem eigentlichen Felde, der Poesie, wird man seiner
-Bevorzugung des Epos und des später noch besonders zu erörternden
-Dramas vor der Lyrik nicht zuzustimmen brauchen. Obwohl im Grunde doch
-auch für die Lyrik sein oberstes Kunstgesetz zutrifft, wenn man bloß
-für »Handlung« das sinnverwandte »Bewegung« einsetzt, die auch durch
-die zarteste Stimmungs- oder Liebespoesie, ja _gerade_ durch diese (man
-denke etwa an Goethes Sesenheimer Lieder), wenn ebenso auch »Handlung«
-selbst durch Goethes, Schillers und Uhlands Balladen geht. Ja man
-könnte in Anwendung eines bekannten Wortes von Kant über Plato, daß man
-ihn besser verstehen könne, als er sich selbst verstand, untersuchen,
-ob nicht aus Lessings Gedanken noch andere und fruchtbarere Folgerungen
-zu ziehen sind, als er selbst sie in dem ja leider unvollendet
-gebliebenen »Laokoon« gezogen hat. So könnte man mit Schrempf aus dem
-Motiv der _Liebe_, die nach der Einleitung »den großen alten Meistern
-die Hand zu führen nicht müde geworden«, anknüpfend an den platonischen
-Eros, von der bildenden auch nach der Dichtkunst die Linien
-hinüberziehen und als deren eigentlichen Gegenstand den »menschlichen
-Helden« hinstellen, wie ihn der »Laokoon« in dem Philoktet des
-Sophokles zeichnet, der weder weichlich noch verhärtet ist, und von
-dem er sagt, er sei »das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, die
-Kunst nachahmen kann«. Für das Auge der Liebe dürfte auch, wie Schrempf
-feinsinnig bemerkt,[1] der scharfe Gegensatz von Schönheit und
-Wahrheit des Ausdrucks, den Lessing selbst noch zieht, nicht vorhanden
-sein. Wir lieben doch einen Menschen und deshalb auch seine Nachbildung
-in der Kunst (man denke namentlich an die religiöse Malerei!), wenn aus
-seinen Zügen eine schöne Seele spricht, auch wenn er auf körperliche
-Schönheit keinen Anspruch machen kann. Auch der Bildner des Laokoon
-erregt mein ästhetisches Wohlgefallen doch nur dadurch, daß er mir
-dessen Seelengröße bei allen seinen Qualen zeigt. Lessing kann und will
-vielleicht auch nicht mehr behaupten, als daß die griechischen Künstler
-selbst in der Darstellung der Leidenschaft, mithin des Ausdrucks, die
-Rücksicht auf die schöne Form nie vergessen haben.
-
-Es ist schade, daß der »Laokoon« ein Torso geblieben ist. Schon
-deshalb, weil Lessing sich in dem Vorliegenden fast ganz auf den
-Unterschied von Poesie und »Malerei« in der Darstellung sinnlich
-sichtbarer Gegenstände beschränkt hat. Wie er schon in seiner
-Abhandlung über die _Fabel_ (1759) auch für deren Erzählung eine
-Handlung, d. h. eine Folge von Veränderungen, die ein Ganzes ausmachen,
-gefordert hatte, so wollte er, wie die in seinem Nachlaß enthaltenen
-Entwürfe zeigen, in der beabsichtigten Fortsetzung des »Laokoon« seine
-Haupt- und Grundsätze auf alle wichtigen Stilfragen ausdehnen und
-nicht bloß die redende und bildende Kunst (darunter gewiß auch die
-im »Laokoon« vernachlässigte Baukunst), sondern auch die Musik, ja
-sogar die Tanzkunst bis zu einem gewissen Grade in den Kreis seiner
-Untersuchung ziehen.
-
-Seine Eigenart freilich und das Geheimnis seiner heute noch
-fortdauernden Wirkung auf uns liegt, wie wir es zum Teil schon
-sahen, nicht in dem systematischen Abschließen, sondern in dem stets
-lebendigen Forschen, das auch den Leser zum Mitphilosophieren zwingt.
-Er verschmäht absichtlich für seine im letzten Grunde sehr überdachten
-Untersuchungen die feste systematische Form. Er will, weder mit
-seinem »Laokoon« noch später mit seiner »Hamburger Dramaturgie«, ein
-ästhetisches Lehrbuch liefern, wie es nicht lange vorher, als erster in
-Deutschland, der Hallenser Professor Baumgarten mit seiner »Ästhetica«,
-trocken und pedantisch genug, der gelehrten Welt gegeben hatte. »An
-systematischen Lehrbüchern«, bemerkt -- auch für unsere Zeit noch
-sehr passend -- gleich die Vorrede zum »Laokoon«, »haben wir Deutsche
-überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen in
-der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf
-verstehen wir uns trotz einer Nation der Welt.« Lessing dagegen wählt
-mit Absicht den scheinbar regellosen Weg des bald hierhin, bald dorthin
-ablenkenden Spaziergängers, geht von lebendigen Beispielen, sei es der
-bildenden Kunst oder der dichterischen Praxis des Sophokles und vor
-allem des ewig jungen Vaters Homer aus, um aus ihnen erst zum Schluß
-einige wenige allgemeine Gesetze abzuleiten. Erst der sechzehnte
-Abschnitt beginnt, nach einem in der Mitte abgebrochenen Satze, mit
-den Worten: »Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten
-Gründen herzuleiten.« Gerade darum eignen sich seine wichtigsten
-kunstphilosophischen Schriften, nicht zu vergessen auch die schöne
-Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet«, noch heute so gut zur
-Lektüre unserer Primaner und Primanerinnen: nicht etwa als unantastbare
-Regel und Richtschnur, sondern als beständiger Anreiz zu eigenem
-Nachdenken, als Anknüpfungspunkt zu weiterführenden, vielleicht mit
-einem anderen Ergebnis oder besser noch mit der Aussicht auf neu sich
-auftuende Fragen schließenden Erörterungen. Sie sind zugleich ein
-treffliches Vorbild für den zukünftigen Schriftsteller oder Redner,
-daß er uns seine Gedanken nicht als fertige vortrage, sondern sie vor
-unseren Augen, ja in unserer Seele erst entstehen lasse, wie Homer den
-Schild des Achilleus.
-
-Daß neben den entdeckten obersten Kunstgesetzen auch noch eine Fülle
-fruchtbarer ästhetischer Einzelbegriffe gefunden oder festgestellt
-wird, wie die Wahl des fruchtbarsten Augenblicks für den Dichter und
-den bildenden Künstler, die Bestimmung des Reizes als der »Schönheit
-in Bewegung«, die Behandlung des Lächerlichen und des Häßlichen, des
-Furchtbaren, des Gräßlichen und des Ekelhaften, sei nur nebenher
-erwähnt. Auch die Beziehungen der Kunst zum Staat, zur Religion werden,
-wie jeder Leser des »Laokoon« weiß, bereits in den einleitenden
-Erörterungen berührt. Und seine letzte kunstphilosophische Abhandlung
-»Wie die Alten den Tod gebildet« -- nämlich nicht als Knochengerippe
-wie die Nordländer, selbst ein Holbein, Dürer oder Rethel, sondern als
-den Bruder des Schlafes -- schließt mit einer tiefempfundenen und sehr
-zu denken gebenden, gegen eine kunstfeindliche Richtung innerhalb des
-Protestantismus gerichteten Bemerkung über das Verhältnis von Kunst und
-Religion: »Nur die mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen
-entfernen; es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene
-wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt.«
-
-So wirkte denn der »Laokoon« schon zur Zeit seines Erscheinens mächtig
-auf alle freieren Geister in der bildenden Kunst und der Dichtung.
-Ein neuerer Gelehrter hat sich die Mühe genommen, alle erreichbaren
-Urteile der Zeitgenossen über die einzelnen Schriften Lessings
-zusammenzutragen. Aber wir bedürfen für unseren philosophischen Zweck
-nicht solches philologischen Sammelns teilweise doch ganz wertloser
-Äußerungen von Krethi und Plethi. Uns genügt zu einer nochmaligen
-Schlußbeleuchtung von Lessings kunstkritischer Tat das Urteil des
-einen _Goethe_, wie es sich im achten Buche des zweiten Teiles von
-»Dichtung und Wahrheit« findet. »Man muß Jüngling sein,« so schreibt
-er noch nach vierundeinhalb Jahrzehnten und doch mit lebendigster
-Erinnerung an die eigene Jünglingszeit, »um sich zu vergegenwärtigen,
-welche Wirkung Lessings ›Laokoon‹ auf uns ausübte.« Die »Wir«, das
-ist die junge Generation, die eine neue Blütezeit der deutschen
-Dichtung erstrebte und auch erreicht hat; nicht die alte, absterbende:
-die trockenen Gottschedianer auf der einen, die empfindsame und in
-breiten Beschreibungen sich ergehende sogenannte »Schweizer« Schule
-der Haller, Bodmer und Breitinger auf der anderen Seite, und doch auch
-die Männer des alten Geschmacks, die dem deutschen Dichtergenius noch
-nichts zutrauten, und zu denen selbst so große Geister wie Immanuel
-Kant und Friedrich der Große gehörten. Goethe fährt fort -- und nun
-kommt der feinste und wichtigste Zug seiner Charakteristik --: »indem
-uns dieses Werk aus der Region eines kümmerlichen _Anschauens_ in die
-freien Gefilde des _Gedankens_ hinriß.« Mit dem kümmerlichen Anschauen
-wird er wohl weniger das Gebiet der bildenden Kunst gemeint haben,
-denn hier hatte Johann Winckelmann bereits ein Jahrzehnt zuvor durch
-seine »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei
-und Bildhauerkunst« (1755) und von neuem eben erst (1764) durch seine
-»Geschichte der Kunst des Altertums« revolutionierend gewirkt,[2]
-sondern die Poesie. Die »Anschauung« muß auch auf dem Felde der
-Ästhetik durch den »Gedanken« oder, wie es kurz vorher bestimmter
-heißt, durch den »Begriff« erst erleuchtet, gewissermaßen erst sehend
-gemacht werden. Denn, wie Kant an einer bedeutsamen Stelle seiner
-»Kritik der reinen Vernunft« es formuliert: Begriffe ohne Anschauungen
-sind freilich »leer«, aber Anschauungen ohne Begriffe sind »blind«.
-Die so lange aus Mißverständnis beider Kunstarten hervorgegangene
-Vermischung und Verwischung von bildender und redender Kunst, wie
-sie in jener glänzenden Antithese des Simonides von der Poesie als
-redender Malerei und der Malerei als der stummen Poesie lag, sie war
-nach Goethes Ausdruck nun durch die Tat Lessings »auf einmal beseitigt«
-worden; die Gipfel beider Künste »erschienen nun getrennt«, wie nahe
-auch ihre »Basen« in dem schöpferischen Urquell alles Kunstschaffens
-überhaupt »zusammenstoßen mochten«. Und wenn er dann zum Schlusse
-ausführt, daß sie, d. h. die junge Generation, daraufhin »alle
-bisherige anleitende und urteilende Kritik wie einen abgetragenen Rock
-weggeworfen« hätten, so hat er damit die epochemachende tatsächliche
-Wirkung der Lessingschen Kunstschrift noch nach 45 Jahren aufs stärkste
-gekennzeichnet. In der Tat hat denn auch der »Laokoon« in dem nächsten
-Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen nach dem Urteil Wilhelm
-Diltheys »alle ästhetische und literarische Kritik bestimmt«, bis 1790
-ein noch Größerer kam, Kant mit seiner »Kritik der Urteilskraft«,
-die Schiller und Goethe, wie wir später sehen wollen, zusammenführen
-sollte. Allein nicht bloß die ästhetische Theorie, auch das
-dichterische Schaffen selbst hat der »Laokoon« nachhaltig beeinflußt.
-Das haben nicht bloß Herder und Wieland dankbar anerkannt (der letztere
-z. B. bemerkt einmal an einer Stelle, wo er sich in eine längere
-poetische Beschreibung einlassen will: »Hier zupft mich Lessing am
-Ohr!«), das haben auch Schiller und Goethe selber praktisch beachtet.
-Denken wir nur an Schillers großes kulturphilosophisches Gedicht »Der
-Spaziergang« -- welcher Unterschied gegen die trockenen Lehrgedichte
-eines Pope und Haller! -- oder an »Hermann und Dorothea« mit dem Gang
-der Löwenwirtin durch ihr Besitztum. Und ihnen nach, bewußt oder
-unbewußt, unsere besten neueren Dichter: die Gottfried Keller, Konrad
-Ferdinand Meyer, Theodor Storm und andere.
-
-Doch es wird Zeit, daß wir uns der _zweiten_ großen ästhetischen Tat
-Lessings zuwenden, seiner
-
-
-Hamburger Dramaturgie
-
-Wenn das Wesen der Poesie Handlung ist, so stellt ihren Höhepunkt die
-_dramatische_ Dichtung dar, die ihren Namen ja vom griechischen Worte
-(~drān~) für »handeln« hat und in »Akte«, d. h. Handlungen, zerfällt.
-War dies Thema im »Laokoon« nur gestreift worden, so kehrte Lessing in
-seiner »Hamburger Dramaturgie« zu der theoretischen Behandlung seines
-alten Lieblingsfeldes, des Schauspiels, zurück, dem er inzwischen
-durch seine »Minna von Barnhelm« eine seiner unvergänglichsten Gaben
-geschenkt hatte.[3] Auch diesmal wieder geht er, ja in noch weit
-höherem Grade als beim »Laokoon«, von der Praxis aus: den Ausführungen
-des neugegründeten, als großes deutsches Nationaltheater geplanten,
-leider aber nach kaum zwei Jahren aus Mangel an Interesse der
-maßgebenden Kreise gescheiterten Hamburger Schauspielhauses, zu dessen
-dramatischem Berater er gewählt worden war. Aus seiner Besprechung
-dieser Aufführungen, die sich infolge äußerer Umstände immer mehr auf
-die theoretische Seite beschränkte, erwuchs die berühmte »Hamburger
-Dramaturgie« (1767 bis 1769): jenes Buch, dessen Verfasser dramatischer
-Theoretiker, erfahrener Theatermann und dramatischer Dichter zugleich
-war, also alle drei erforderlichen Eigenschaften in gleichem Maße
-besaß; jenes Buch, von dem Gervinus in seiner »Geschichte der
-deutschen Dichtung« (IV, S. 399) sagt: er kenne »kein Buch, bei dem ein
-deutsches Gemüt über den Widerschein echt deutscher Natur, Tiefe der
-Erkenntnis, Gesundheit des Kopfes, Energie des Charakters und Reinheit
-des Geschmacks innigere Freude und gerechtfertigteren Stolz empfinden
-dürfte«.
-
-Wenn das Drama nach Diltheys zutreffendem Wort eine vollendet
-vergegenwärtigte Handlung ist, die Form der Handlung aber nur in der
-_Einheit_ gefunden werden kann, so bedarf gerade das Drama vor allem
-strengster Einheit der Handlung. Die von den französischen Ästhetikern
-und ihren Nachtretern, den deutschen Gottschedianern geforderten und
-dann in der dramatischen Praxis der Zeit fast ausnahmslos bis zur
-Schablone mit pedantischer Ängstlichkeit durchgeführten zwei weiteren
-»Einheiten« des Ortes und der Zeit, wonach die Handlung sich binnen
-vierundzwanzig Stunden womöglich in demselben Raume abspielen mußte,
-sind mithin unerheblich. Die stärkste Wirkung entfaltet die _tragische_
-Handlung. Wenn aber weiter alles menschliche Tun dem unterschiedslosen
-Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt, so muß auch die von dem
-genialsten und scheinbar regellosesten aller bisherigen Dramatiker,
-dem großen Shakespeare, geschaffene dichterische Welt ebenfalls einen
-lückenlosen Zusammenhang der inneren und äußeren Motivierung dieser
-Handlungen aufweisen. Eine jede von ihnen muß aus dem Charakter der
-handelnden Personen und der sie umgebenden Welt (ihrem »Milieu«)
-notwendig hervorgehen, genauer hervorzugehen scheinen. Die Tragödie
-insbesondere muß uns mitten in die tragischen Charaktere, in das Werden
-ihrer Leidenschaften versetzen, so lebendig, daß auch dem Zuschauer
-oder Leser alles klar und durchsichtig vor die Seele tritt. »Wir müssen
-bei jedem Schritt, den der Poet seine Personen tun läßt, bekennen: wir
-würden ihn in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, bei der nämlichen
-Lage der Sache selbst getan haben.«
-
-Unserem Ästhetiker scheint daher, wie schon dem alten Aristoteles in
-seiner »Poetik«, die Tragödie einen viel philosophischeren Charakter
-zu besitzen als die _Geschichte_. Denn »auf dem Theater sollen wir
-nicht lernen, was dieser oder jener einzelne Mensch getan _hat_,
-sondern« -- was Lessing offenbar für eine philosophische Einsicht hält
--- »was jeder Mensch unter gewissen gegebenen Umständen tun _werde_«.
-Man kann bestreiten, ob die recht verstandene Geschichte wirklich vom
-philosophischen Standpunkt aus dem Drama untergeordnet ist. Tiefere
-Geschichtschreiber und Geschichtsphilosophen werden es nicht zugeben.
-Sagt doch z. B. Auguste Comte, gerade die Geschichte lehre ~savoir pour
-prévoir~, »wissen, um vorauszuwissen«! Diese Frage steht überhaupt auf
-einem anderen Blatte, und wir wollen ihr jetzt nicht weiter nachgehen.
-Die Hauptfrage ist für den Dichter wie für den Theoretiker der Tragödie
-eine andere, die rein subjektive: Welches Gefühl soll die echte
-Tragödie im Gemüt des Zuschauers erwecken?
-
-Damit kommen wir zu der berühmten aristotelischen Begriffsbestimmung
-des Trauerspiels, von der uns hier nur der Schlußgedanke angeht,
-daß sie »vermittels des _Mitleids_ und der _Furcht_ die Reinigung
-derartiger Leidenschaften hervorbringt«. Wir wollen uns nicht mit
-den Einzelheiten dieser berühmten Definition, die bekanntlich eine
-ganze Literatur für sich hervorgebracht hat, aufhalten, z. B. mit der
-Frage, ob die »Reinigung« (Katharsis) eine Läuterung _der_ genannten
-beiden Leidenschaften selbst oder eine Befreiung _von_ ihnen bedeutet.
-Auch, ob »Furcht« bei Aristoteles in dem von Lessing angenommenen
-Sinne gemeint ist, sie sei »das auf uns selbst bezogene Mitleid«, mag
-zweifelhaft bleiben. Wir sind überhaupt nicht der von Lessing noch mit
-den meisten seiner Zeitgenossen geteilten Meinung, daß Aristoteles in
-diesen Dingen eine unfehlbare Richtschnur darstelle. Das Wesentliche
-scheint mir vielmehr mit Dilthey darin zu liegen, daß Lessing, ob mit
-oder ohne Aristoteles, das Mitleid in seiner ganzen Tiefe faßt, daß wir
-es uns erweitert denken müssen zum Mitempfinden überhaupt, gleichsam
-zum »Miterzittern unseres Innern«, wie wenn eine zweite Saite mit
-der zuerst angeschlagenen mitzutönen beginnt, so daß also neben der
-Mittrauer die Mit_freude_ mitumfaßt wird. So mußte Lessing den Kern
-der Handlung, den Kern der dramatischen Charaktere eines Shakespeare
-und anderer Großen in der _freien_, lebendigen _Bewegung großer
-Leidenschaften_ erblicken, wie er schon im »Laokoon« das Stoische als
-»untheatralisch« bezeichnet und die bloße Bewunderung einen »kalten
-Affekt« genannt hatte. Damit aber legt er den letzten Grund des
-dichterischen Schaffens in die Hand des _Genies_.
-
-Man hat Lessing häufig der Genieperiode des achtzehnten Jahrhunderts
-schroff entgegengesetzt. Gewiß, er hat deren Ausartungen nicht
-gebilligt. Und er selbst hat in dem Epilog zu seiner »Dramaturgie«
-allzu bescheiden von sich behauptet, nicht einmal ein Dichter, viel
-weniger ein Genie zu sein: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in
-mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in
-so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt; ich muß alles
-durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen.« Sicherlich, die
-_kritische_ Ader war in ihm stärker als die _produktive_ Schöpferkraft.
-Aber schon Goethe hat auf diese Selbstbezweifelung die richtige Antwort
-gegeben: »Lessing wollte den hohen Titel eines Genies ablehnen, aber
-seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn selber.« Erinnern wir uns
-auch seiner Jugendverse vom Adlerflug des Genies (S. 6 f.). Er ist
-jedenfalls nicht bloß selbst ein großes kritisches Genie gewesen,
-sondern hat vor allem auch das Wesen des Genies begriffen und seinen
-Alleinwert für die Dichtkunst gewürdigt. Ich gebe Ihnen im folgenden
-einige seiner Aussprüche wieder. Das Genie trägt nach ihm die Probe
-der Regeln in sich, es ist der geborene Kunstrichter und lacht über
-die Grenzscheidungen der Kritik. Es beweist durch die Tat, d. h.
-durch sein Werk, was möglich ist. Aus sich selbst, aus seinem eigenen
-Reichtum bringt es alle seine Schöpfungen hervor. Das höchste Genie,
-den göttlichen Schöpfer, im kleinen nachahmend, schafft sich seine
-eigene Welt. Freilich an anderen Stellen heißt es doch wieder im Geiste
-der _alten_ Zeit: mit Absicht dichten, d. h. mit Absicht »nachahmen«
-sei eben das, was das Genie von den kleinen Dichtern und Künstlern
-unterscheide. Zu dem ganz freien Begriff des Genies, wie ihn Kants
-»Kritik der Urteilskraft« lehrt, ist Lessing mithin doch nicht völlig
-vorgedrungen.
-
-Auch klebt er noch zu fest an den aristotelischen Begriffen: er hat
-sich von dem Einfluß der antiken Schicksalstragödie, die er in
-Sophokles verehrte, zu der rein modernen Charaktertragödie, welche die
-Katastrophe einzig und allein aus der tragischen Schuld des Helden
-herleitet, noch nicht gänzlich durchgerungen. Im letzten Grunde darf
-doch die Tragödie sich nicht damit begnügen, bloß die Darstellung einer
-rührenden, unser Mitleid erregenden Handlung zu sein; sondern muß uns
-durch den in ihr sichtbar werdenden, wenigstens _inneren_ Triumph
-der sittlich-vernünftigen Weltordnung befreien und erheben. Deshalb
-befriedigt uns z. B. der Ausgang von Schillers »Räubern« oder »Luise
-Millerin« mehr als der von Hauptmanns »Webern«, was ich übrigens zu
-meiner Freude schon in Abiturientenaufsätzen westfälischer Oberprimaner
-klar auseinandergesetzt fand.
-
-Mit seiner im Winter 1771/72 verfaßten »Emilia Galotti«, sozusagen
-der praktischen Verkörperung seiner dramatischen Theorie, schließt
-Lessings ästhetische Epoche ab; denn sein »Nathan« von 1776 dient
-anderen Zwecken. Noch einmal legt er hier in deren erstem Aufzug dem
-Maler Conti geistvolle ästhetische Aussprüche in den Mund, wie die,
-daß »Raffael das größte malerische Genie gewesen wäre, auch wenn er
-unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden«. Dann aber versiegt
-seine ästhetische Ader. Was er Ästhetisches der Welt zu sagen gehabt
-hatte, hatte er gesagt. Er wendet sich nun wieder den religiösen,
-zuletzt auch den geschichts-, staats- und allgemein-philosophischen
-Weltanschauungsfragen zu.
-
-Seine dramatischen Theorien aber haben auf Dichter, Ästhetiker und die
-praktischen Vertreter der Schauspielkunst nachhaltig eingewirkt. Wie
-wir bei dem »Laokoon« uns auf des einen Goethe Ausspruch bezogen haben,
-so möchten wir hier auch nur auf das Urteil unseres größten klassischen
-_Dramatikers_ hinweisen. Kein Geringerer als Friedrich Schiller
-schreibt am 4. Juni 1799 über die »Hamburger Dramaturgie« an Goethe:
-Lessing sei über das, was die Kunst betreffe, am klarsten gewesen,
-habe am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht und das
-Wesentlichste, worauf es ankomme, am unverrücktesten ins Auge gefaßt.
-Und um zum Schlusse auch noch einen Mann der Praxis zu zitieren: der
-große Mime Eduard Devrient rühmt in seiner »Geschichte der deutschen
-Schauspielkunst« gerade Lessing auch als deren Befreier: »Von nun an
-war der Schauspieler von allem Herkömmlichen, von allen Kunstmustern
-wieder unmittelbar an die Natur gewiesen. Er hatte Menschen, er hatte
-Leidenschaften, Schwächen und Tugenden darzustellen, Gedanken und
-Empfindungen auszusprechen; wie er sie kannte, wie er sie im eigenen
-Leben fand. Die Geschichte des deutschen Herzens war Gegenstand seiner
-Kunst geworden.«
-
-
-
-
-~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780
-
-
-Religionsphilosophie
-
-Im Mai 1770 hatte Lessing seine erste und -- letzte amtliche Stellung
-angetreten: die eines Bibliothekars an der berühmten _Wolfenbütteler_
-Bibliothek, bei deren reichen Bücherschätzen er sich zunächst, trotz
-aller Einsamkeit, ganz wohl fühlte. Unter ihren ungefähr sechstausend
-Handschriften hatte er bereits im selben Sommer eine längst verloren
-geglaubte Abhandlung des berühmten Frühscholastikers _Berengar_
-von Tours über die Abendmahlslehre entdeckt, über die er dann im
-Oktober desselben Jahres einen ausführlichen Vorbericht herausgab.
-Uns interessiert hier nicht die theologische Seite des Problems,
-insbesondere ob und wieweit Lessings Behauptung berechtigt ist, daß
-Berengars Auffassung derjenigen Luthers verwandt sei, wodurch er sich,
-wie er seiner späteren Gattin Eva König ironisch schreibt, bei »unseren
-lutherischen Theologen in den lieblichen Geruch von Rechtgläubigkeit
-setzte« und namentlich seinem alten Vater noch eine letzte Freude
-bereitete. Für ihn war das Ganze nur eine historisch-kritische Frage;
-denn er persönlich hatte längst der dogmatischen Auffassung Lebewohl
-gesagt, die Friedrich II. einmal gegen Voltaire »das empörendste
-und für das höchste Wesen beleidigendste Dogma« und zugleich »den
-Gipfel der Tollheit und des Blödsinns« erklärt hat, weil es darin
-bestehe: »seinen Gott zu _essen_«. Sondern uns interessieren auch
-hier wieder mehr seine beiläufigen Bemerkungen. Berengar war für sein
-zeitgenössisches elftes Jahrhundert ein Aufklärer und ein Ketzer
-gewesen. Dazu bemerkt der ihm geistesverwandte Lessing: »Das Ding, was
-man _Ketzer_ nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der
-mit seinen _eigenen_ Augen wenigstens hat sehen wollen. Die Frage ist
-nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja,
-in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung,
-die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden können.«
-Berengar hatte sich zuletzt freilich, wie so viele nach ihm, der
-Kirche »löblich unterworfen«. Dazu meint der Aufklärer des achtzehnten
-Jahrhunderts: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der
-Wahrheit aufzuopfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man
-Wahrheit lehren will, sie _ganz_ oder _gar nicht_ zu lehren, sie klar
-und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft
-und Nützlichkeit zu lehren ...« Ewig denkwürdige, ewig nachahmenswerte
-Worte! Und er läßt auch den Einwurf nicht gelten, daß die Vorurteile
-und Eindrücke unserer ersten Erziehung doch nie auszurotten wären.
-Im Gegenteil, »die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in
-unserer Kindheit beigebracht werden, sind gerade die allerflachsten,
-die sich am allerleichtesten durch selbsterworbene Begriffe auf ewig
-überstreichen lassen«.
-
-Der zweite Fund (1773) betraf eine Vorrede Leibnizens zu der Abhandlung
-eines Altorfer Gelehrten »_Von den ewigen Strafen_«. Auch hier
-setzte sich Lessing zum Erstaunen seiner aufklärerischen Berliner
-Freunde dafür ein, daß die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen
-konsequenter sei und deshalb auch von dem großen Leibniz, »der, wenn
-es nach mir ginge, nicht eine Zeile vergebens müßte geschrieben
-haben«, eher habe verteidigt werden können als die mildere Auffassung
-des rationalistischen Theologen Eberhard. Von dem »rohen und wüsten
-Begriff, in dem so mancher Theologe diese Lehre nimmt«, könne
-selbstverständlich bei einem Manne wie Leibniz keine Rede sein. Die
-»Hölle« ist »nichts anderes als der Inbegriff der _natürlichen_
-Strafen«. Seine bei dieser Gelegenheit verteidigte Unterscheidung von
-»exoterischer«, d. h. für die große Masse, und »esoterischer«, für
-die tiefer Denkenden bestimmter Lehre scheint freilich in geradem
-Widerspruch zu seinem vorhin zitierten schönen Worte von der Pflicht
-zur Wahrheit zu stehen.
-
-Deutlicher drückt er sich darüber in einem Briefe vom 2. Februar 1774
-an seinen Bruder Karl aus, der ihm offenbar seine Gegnerschaft gegen
-die »Aufklärung« vorgeworfen hatte. »Ich sollte es der Welt mißgönnen,
-daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen
-wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge?« Er
-würde sich selbst verabscheuen, wenn er bei seinen »Sudeleien« einen
-anderen Zweck verfolgt hätte! Er wolle nur nicht, daß das »unreine
-Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen«, eher »weggegossen«
-würde, als »bis man weiß, woher reineres nehmen«. »Mit der _Orthodoxie_
-war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr
-und der _Philosophie_ eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine
-jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber
-was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns
-unter dem Vorwand, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst
-unvernünftigen Philosophen.«
-
-Gotthold Lessing ist also im letzten Grunde viel radikaler als sein
-jüngerer Bruder, der die neumodische Aufklärungstheologie in Schutz
-nimmt, welche den »gereinigten« christlichen Glauben _beweisen_
-will. Sein Widerspruchsgeist und seine dialektische Kunst verleitet
-ihn jedoch, auch in der folgenden Schrift, die sich wiederum mit
-einem Leibnizschen Aufsatz, diesmal gegen »des Andreas Wissowatius
-Einwurf wider die _Dreieinigkeit_«, also einem anderen Hauptdogma des
-Christentums, beschäftigt, allzu sehr die Partei der angegriffenen
-Orthodoxie zu nehmen. Er geht in dieser Dialektik sogar so weit, daß
-er einmal meint, »einer übernatürlichen geoffenbarten Wahrheit, die
-wir _nicht verstehen sollen_«, gereiche diese »Unverständlichkeit«
-gerade zum »undurchdringlichsten Schilde«; womit wir dann glücklich bei
-des alten Kirchenvaters ~Credo, quia absurdum~ (Ich _glaube_, weil es
-vernunftwidrig ist) angekommen wären. Daß das nicht seine wirkliche An-
-und Absicht war, sollte sich bald in einem größeren Waffengang zeigen.
-
-Es trat schon hervor in einer seiner bereits (S. 8) erwähnten
-»Rettungen«: »Von Adam Neusern einige authentische Nachrichten«
-(1774): in gewisser Hinsicht einer unmittelbaren Ergänzung zu der
-Wissowatius-Schrift. Adam _Neuser_ war ein in der zweiten Hälfte des
-sechzehnten Jahrhunderts in Heidelberg als Pfarrer wirkender Bekämpfer
-der Dreieinigkeitslehre, der dem Henkerschicksal seines Amtsbruders
-Sylvan und seines berühmteren Vorgängers Servet in Genf (der
-bekanntlich wegen seines Glaubens an _einen_ Gott statt der offiziellen
-»Dreigötterei« [Tritheismus] von Kalvin, unter dem Beifall Luthers
-und Melanchthons, auf den Scheiterhaufen gebracht wurde) nur dadurch
-entging, daß er sich vor der Verfolgungswut seiner »christlichen«
-Amtsbrüder nach mancherlei Irrfahrten zu dem türkischen Großsultan
-rettete, unter dessen Schutz und in dessen Dienst als Dolmetscher
-er, Mohammedaner geworden, 1576 starb. Aus seinem von Lessing zum
-ersten Male veröffentlichten Schreiben an einen unbekannten Landsmann
-ergibt sich für einen Unbefangenen mindestens sein subjektiv gutes
-Bewußtsein. Allein, wie es sein Verteidiger bezüglich der leider zur
-Tat gewordenen Hinrichtung Sylvans ausführt, »die Theologen verlangten
-Blut, durchaus Blut«. Nicht einmal Zeit für »Besserung« zugestanden.
-»Nur erst den Kopf ab; mit der Besserung wird es sich schon finden, _so
-Gott will_!« Woran Lessing den Stoßseufzer schließt: »Welch ein Glück,
-daß die Zeiten vorbei sind, in welchen solche Gesinnungen Religion und
-Frömmigkeit hießen! Daß sie wenigstens unter dem Himmel vorbei sind,
-unter welchem wir leben! Aber welch ein demütigender Gedanke, wenn es
-möglich wäre, daß sie auch unter diesem Himmel einmal wiederkommen
-könnten!«
-
-Den Aufsatz über Neuser veröffentlichte Lessing zusammen mit einem
-inhaltlich verwandten »_Von Duldung der Deisten_«, das er als »Fragment
-eines _Ungenannten_« bezeichnete. Dies Fragment, das er unter den
-neuesten Handschriften der Wolfenbütteler Bibliothek gefunden haben
-will, handelt, um mit Lessing zu reden, »von der Vortrefflichkeit und
-Hinlänglichkeit der natürlichen Religion« und fordert die Duldung für
-Anhänger, »welche sich«, wie der »Ungenannte« sich ausdrückt, »in der
-Erkenntnis und Verehrung Gottes bloß an die gesunde Vernunft halten«.
-Der Herausgeber beschränkt sich auf eine kurze Einleitung, in der er
-die Fragmente als »mit der äußersten Freimütigkeit, zugleich aber mit
-dem äußersten Ernst geschrieben«, kurz als die Schrift eines offen und
-»geradezu« redenden »wahren, gesetzten Deutschen« charakterisiert;
-und auf einige angehängte Schlußseiten, auf denen er unter anderem die
-Gesinnung des Mohammedaner gewordenen Neuser mit der verwandten des
-»ungenannten« Deisten vergleicht, zum Schluß auch bereits sich ironisch
-über das heutige »vernünftige« Christentum äußert, von dem man nur
-»eigentlich nicht wisse, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das
-Christentum sitzt«.
-
-Der wirkliche Verfasser war der im März 1768 verstorbene Hamburger
-Gelehrte und Gymnasialprofessor Hermann Samuel _Reimarus_. Das von
-ihm hinterlassene, mehr als zweitausend Seiten starke Manuskript, das
-seine Tochter Elise dem ihr seit 1769 befreundeten Lessing anvertraut
-hatte, war betitelt »Apologie oder _Schutzschrift für die vernünftigen
-Verehrer Gottes_«, womit die seit ihrem Aufkommen in England um
-1700 so genannten »Deisten«, d. h. Anhänger eines allweisen und
-allgütigen Gottes, der jedoch die Welt bloß geschaffen hat, aber sie
-nachher ihren eigenen Gesetzen gemäß sich entwickeln läßt, gemeint
-sind. Das gründliche Buch des überaus ehrlichen, rechtschaffenen und
-selbständigen Verfassers stellt den vielleicht konsequentesten und
-scharfsinnigsten Angriff dar, der gegen das biblische Christentum und
-seine jüdische Vorstufe -- der erste Teil kritisiert das Alte, der
-zweite das Neue Testament -- bisher unternommen worden war. Reimarus
-bestreitet die Glaubwürdigkeit religiöser Offenbarungen, d. h.
-Mitteilung religiöser Wahrheiten an einzelne Personen bestimmter Zeiten
-und Völker, schon weil eine solche Ausnahmebehandlung Gottes Güte und
-Weisheit widersprechen würde. Zudem trage weder das Alte noch das Neue
-Testament den Charakter einer solchen Offenbarung. Sein Standpunkt
-ging also über den des damals den öffentlichen Geist beherrschenden
-sogenannten »aufgeklärten« oder »vernünftigen« Christentums an
-Folgerichtigkeit und Ehrlichkeit weit hinaus.
-
-Gerade deshalb hatte er unseren allen halben Wahrheiten abgeneigten
-Lessing angezogen, obschon dieser sich durchaus nicht mit ihm
-identifizierte, und er entschloß sich trotz des Abratens seiner
-Berliner Freunde, des weltklugen Nicolai und des zaghaften oder
-mindestens vorsichtigen Mendelssohn, zu der Veröffentlichung. Da aber
-die Berliner Zensur die Druckerlaubnis verweigerte, so benutzte er
-die Zensurfreiheit seines Bibliothekamtes, um wenigstens die ihm am
-wichtigsten erscheinenden Abschnitte desselben als »Beiträge« aus
-den Papieren eines »Ungenannten« herauszugeben. Es sind die berühmt
-gewordenen »_Wolfenbütteler Fragmente_«, die von ihm selbst zum Teil
-mit eigenen »Gegensätzen« versehen wurden. Das von uns bereits erwähnte
-1774 veröffentlichte, inhaltlich noch sehr gemäßigte Fragment war
-ziemlich unbeachtet geblieben. Anders die fünf folgenden, 1777 zusammen
-herausgegebenen. Schon die Überschriften weisen auf den Inhalt. Sie
-lauten: 1. Von der Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln. 2.
-Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete
-Art glauben könnten. 3. Durchgang der Israeliten durchs Rote Meer. 4.
-Daß die Bücher des Alten Testaments nicht geschrieben worden, eine
-Religion zu offenbaren. 5. Über die Auferstehungsgeschichte.
-
-Wie verhält sich nun Lessings eigener Standpunkt dazu? Lessing
-hat seine »allgemeine« Antwort in einer Reihe schlagender Sätze
-zusammengefaßt, die er später, einen jeden einzelnen, in glänzender
-Form gegen die Angriffe des Hauptpastors Goeze verteidigte und
-die seinen Standpunkt gegenüber der biblischen Überlieferung mit
-außerordentlicher Klarheit und Knappheit wiedergeben: 1. Die Bibel
-enthält offenbar mehr, als zur Religion gehört. 2. Es ist bloße
-Hypothese (Vermutung), daß die Bibel in diesem Mehreren gleich
-unfehlbar sei. 3. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist
-nicht die Religion. 4. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und
-gegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen den Geist und gegen
-die Religion. 5. Auch war die Religion, ehe eine Bibel war. 6. Das
-Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten. Es
-verlief eine geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb, und eine
-sehr beträchtliche, ehe der ganze Kanon[4] zustande kam. 7. Es mag also
-von diesen Schriften noch so viel abhangen, so kann doch unmöglich die
-ganze Wahrheit der christlichen Religion auf ihnen beruhen. 8. War
-ein Zeitraum, in welchem sie bereits so ausgebreitet war, in welchem
-sie sich bereits so vieler Seelen bemächtigt hatte und in welchem
-gleichwohl noch kein Buchstabe aus dem von ihr aufgezeichnet war, was
-bis auf uns gekommen ist, so muß es auch möglich sein, daß alles, was
-die Evangelisten und Apostel geschrieben haben, wiederum verloren ginge
-und die von ihnen gelehrte Religion doch bestände. 9. Die Religion ist
-nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie
-lehrten sie, weil sie wahr ist. Endlich 10. Aus ihrer inneren Wahrheit
-müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle
-schriftlichen Überlieferungen können ihr keine innere Wahrheit geben,
-wenn sie keine hat.
-
-Man sieht, Lessings Standpunkt ist keineswegs radikal. Er wird heute
-von vielen protestantischen Theologen an Radikalismus weit überboten
-und muß eigentlich von jedem vernünftig denkenden Christen zugegeben
-werden. Aber Lessing geht in der Einleitung zu diesen Sätzen noch
-folgerichtiger vor und überwindet damit bereits -- ähnlich wie
-später Kant und noch prinzipieller Schleiermacher -- den Standpunkt
-der »Aufklärung«. Er, der Held des klaren Verstandes, gründet
-gleichwohl die Religion auf ihren wahren Quell: das _Gefühl_. Möchten
-auch sämtliche Einwände des »Ungenannten« dem kritischen Verstand
-unwiderlegbar erscheinen, so könnte nur der gelehrte _Theologe_ darüber
-in Verlegenheit geraten, nicht der _Christ_. Denn »was gehen den
-Christen dieses Mannes Hypothesen und Erklärungen und Beweise an? Ihm
-ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in welchem
-er sich so selig _fühlet_«. Mag sein, daß Lessing für seine Person
-anders gedacht hat: jedenfalls hält er sich hier in den Grenzen der
-Verteidigung eines _persönlichen_, individuellen Christentums, das
-sich auf innere Erfahrung gründet: wie es innerhalb der evangelischen
-Theologie in neuerer Zeit die Ritschlsche Schule wieder erneuert hat.
-
-Zu der Veröffentlichung der »Fragmente« gehörte damals ein gewaltiger
-Mut. Warf doch Lessing damit allen theologischen Parteien den
-Fehdehandschuh hin. Bald regnete es denn auch Artikel, Flugschriften,
-Bücher, am meisten natürlich seitens der Rechtgläubigen. Einer von
-ihnen, der Schuldirektor Schumann aus Hannover, hatte in den von
-Christus getanen Wundern und in den in ihm »erfüllten« Weissagungen
-den »_Beweis des Geistes und der Kraft_« erblicken wollen. Ihm
-erwiderte Lessing in einem ebenso betitelten anonymen Aufsatz.
-Er will zwar -- anscheinend aus bloß taktischen Gründen -- die
-Tatsächlichkeit solcher Wunder nicht rundweg leugnen, bestreitet
-jedoch, daß sie, die wir doch nur auf Treu und Glauben anderer als
-wahr annehmen, für Jesu anderweitige Lehren beweisend sein könnten.
-Denn -- und nun kommt eine Leibniz entlehnte wichtige Unterscheidung
--- »_zufällige_ _Geschichts_wahrheiten (Leibniz sagt ~vérités de
-fait~, d. h. Tatsachen-Wahrheiten) können der Beweis von _notwendigen
-Vernunft_wahrheiten nie werden«. Wir alle, führt Lessing aus, glauben,
-daß ein Alexander der Große gelebt und einen großen Teil Asiens erobert
-hat; aber wer wollte auf diese historische Wahrheit eine wichtige
-philosophische oder moralische Wahrheit gründen! »Das ist der garstige
-breite Graben, über den ich nicht hinüber kann, so oft und ernstlich
-ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüberhelfen, der
-tu es; ich bitte, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an
-mir.«
-
-Noch milder und versöhnlicher ist die in Gestalt eines formvollendeten
-Zwiegesprächs wiedergegebene hübsche Legende des Kirchenvaters
-Hieronymus von dem letzten Vermächtnis des Evangelisten Johannes
-gehalten, der seine Jünger immer wieder ermahnt haben soll:
-»Kinderchen, _liebt_ euch!«, weil »das allein, wenn es geschieht,
-hinlänglich genug ist«. »Möchte doch alle,« so schließt Lessing,
-»welche das _Evangelium_ Johannis trennt, das _Testament_ Johannis
-wieder vereinigen!« Auch hier also wird das Praktische über das
-Theoretische, die Liebe über den Glauben gestellt. Ein Vorspiel zum
-»Nathan«! Und ein Vorbild für die Christenheit unserer Zeit, die in der
-Erfüllung dieses Testaments seitdem eher zurück- als vorwärtsgekommen
-ist.
-
-Ein dritter, diesmal von Lessing mit seinem Namen gezeichneter
-Aufsatz, die »_Duplik_« (d. h. eigentlich zweite Antwort) war an den
-Superintendenten Reß in Lessings Wohnort gerichtet.
-
-Sie enthält in ihrem ersten Abschnitt, mit dem sie den Charakter des
-edlen »Ungenannten« rechtfertigt, den berühmten Satz, daß der ganze
-Wert des Menschen nicht auf dem vermeintlichen _Besitz_ der Wahrheit
-beruhe, der vielmehr »ruhig, träge, stolz« mache, sondern auf der
-»aufrichtigen _Mühe_, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu
-kommen«; denn nur »durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich
-alle seine Kräfte«. Worauf dann das noch berühmtere Gleichnis folgt:
-»Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den
-einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz,
-mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir:
-›Wähle!‹, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ›Vater,
-gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‹« Vielleicht
-verleitet ihn auch hier seine Neigung zu glänzenden, die Gedanken
-scharf gegeneinander haltenden Antithesen zu einer überscharfen
-Formulierung der Gegensätze, so insbesondere durch den Zusatz »ewigen«
-Irrtums. Im übrigen ist wohl niemals der Wert reiner Wahrheitsforschung
-schöner formuliert worden.
-
-In der Sache selbst, der Verteidigung der Ehrlichkeit seines
-»Ungenannten« in Sachen seines »Sturmangriffs« gegen die biblische
-Auferstehungsgeschichte, ist seine Taktik wiederum sehr zurückhaltend.
-Der Ungenannte behaupte: »Die Auferstehung Christi ist _auch darum_
-nicht zu glauben, weil die Nachrichten der Evangelisten darin sich
-widersprechen.« Sein theologischer Gegner: »Sie ist schlechterdings
-zu glauben; _denn_ die Nachrichten widersprechen sich nicht.« Er
-(Lessing) sage nur: »Sie kann ihre gute Richtigkeit haben, _obschon_
-die Nachrichten sich widersprechen.«
-
-Aber seine, sei es nun tatsächliche oder taktische, Versöhnlichkeit
-half ihm nichts. Ein neuer Gegner, angesehener und schärfer als die
-vorherigen, trat wider ihn auf den Plan. Es war der nur durch Lessing
-zur Unsterblichkeit gelangte Hamburger Hauptpastor Johann Melchior
-_Goeze_.
-
-Im Kampfe gegen diesen Vertreter des rechtgläubigen Luthertums
-entstanden dann jene Meisterstücke der Polemik, die in der ganzen
-Weltliteratur kaum ihresgleichen besitzen. Zunächst, ihnen
-vorausgesandt noch, die verhältnismäßig noch friedliche »_Parabel_«:
-der Vergleich des Christentums mit einem unermeßlichen Palast von
-sonderbarer, namentlich nach außen hin sehr unregelmäßiger Bauart,
-zu dem vielerlei Eingänge führen, und der sein Hauptlicht von oben
-empfängt. Anstatt sich aber an der inneren Helligkeit des Palastes,
-der ihn erfüllenden gütigen Weisheit und an der Schönheit und Ordnung
-zu erfreuen, die sich von ihm über das ganze Land verbreitete --
-mit anderen Worten: anstatt des _Taten_christentums, gerieten die
-vermeinten Kenner seiner Architektur in beständige Zwistigkeiten
-über seine Außenseite. Und zwar glaubte und behauptete ein jeder den
-allein richtigen Grundriß dazu von den ersten Baumeistern überkommen
-zu haben. Allmählich dachten sie nur noch an ihre Grundrisse und gaben
-die wenigen, die einmal einen von diesen geliebten Grundrissen etwas
-näher zu beleuchten wagten, für »Mordbrenner des Palastes selbst« aus.
-Als nun einmal der Wächter: »Feuer im Palast!« rief, da stürzte jeder
--- nur nach seinem Grundriß, um ihn als das Kostbarste zu retten. In
-Wahrheit hatte der Palast gar nicht gebrannt: die erschrockenen Wächter
-hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten. Die Anwendung auf
-die christliche Religion, die mancherlei Zugänge zu ihr, ihre inneren
-Vorzüge, und im Gegensatz dazu die Beschränktheit und Rechthaberei der
-unduldsamen Konfessionellen ergibt sich von selbst.
-
-Die der Parabel folgende »_Bitte_« vergleicht den Verfasser und
-seinen pastoralen Gegner mit einem Kräuterkenner und einem Schäfer.
-Der letztere braucht nur an das Wohl der ihm anvertrauten Schäflein
-zu denken. Der Botaniker dagegen, im weiteren Sinne der Mann der
-_Wissenschaft_, hat einen anderen Beruf. Er muß auch die giftigen
-Kräuter -- und können Gifte nicht auch nützlich sein? -- nicht bloß
-selbst kennenlernen, sondern auch andere damit bekannt machen.
-Lessing bittet den Gegner, sich dies klarzumachen und demgemäß sein
-übereiltes Verdammungsurteil wider ihn zurückzunehmen. Als jedoch
-statt dessen ein nur noch schärferer Angriff Goezes erfolgte, da
-ergeht sein »_Absagungsschreiben_«, das mit wahrhaften Keulenschlägen
-vernichtend über den »Herrn Pastor« herfährt, und das man Satz für Satz
-lesen muß, um einen Begriff davon zu bekommen. Ich nehme daraus nur
-diejenige Stelle, in der er _Luthers_ Geist gegen seinen Nachtreter
-heraufbeschwört: »Sie, Herr Pastor, Sie hätten den allergeringsten
-Funken Lutherischen Geistes? ... Luther, Du! Großer, verkannter Mann!
-und von niemandem mehr verkannt als von den kurzsichtigen Starrköpfen,
-die, Deine Pantoffeln in der Hand, den von Dir gebahnten Weg schreiend,
-aber gleichgültig daherschlendern!« Und er appelliert weiter von dem
-_geschichtlichen_ Luther an einen _zukünftigen_. »Du hast uns von dem
-Joche der Tradition erlöset, wer erlöset uns von dem unerträglicheren
-Joche des Buchstabens! Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie Du
-es _jetzt_ lehren würdest, wie es Christus selbst lehren würde!«
-
-Die sich anschließenden »Axiomata (Grundsätze), wenn es deren in
-dergleichen Dingen gibt«, wider den Herrn Pastor Goeze in Hamburg
-haben wir bereits S. 31 kennengelernt. Und die dann folgenden
-»_Anti-Goezes_« bringen, trotz ihrer wunderbaren Form, inhaltlich,
-vor allem philosophisch, aber auch für die Kenntnis von Lessings
-religiöser Weltanschauung kaum etwas Neues mehr: man müßte denn die
-scharfe Wendung in dem ersten dieser zehn »notgedrungenen Beiträge«
-dahin zählen: »Herr Pastor, wenn Sie es dahin bringen, daß unsere
-Lutherschen Pastores unsere Päpste werden; daß diese uns vorschreiben
-können, wo wir aufhören sollen, in der Schrift zu forschen; daß diese
-unserem Forschen, der Mitteilung unseres Erforschten Schranken setzen
-dürfen: so bin ich der erste, der die Päpst_chen_ wieder mit dem
-_Papste_ vertauscht.« (Es gibt eben, wie Kant einmal sagt, wenngleich
-wenig, protestantische Katholiken und erzkatholische, vielleicht mehr,
-Protestanten.)
-
-Auf Lessings spätere, zum Teil erst aus seinem Nachlaß
-bekanntgewordenen theologischen Arbeiten, die ihn in Streit mit
-den liberalen Theologen seiner Zeit verwickelten -- den »großen
-Wespen«, die er damit aus ihrem Loche gelockt hatte, wie er spottet,
-wollen wir nur hinweisen. Denn sie interessieren letzten Endes doch
-mehr den Theologen als den Philosophen und sind überdies durch die
-kritische Bibelforschung der letzten anderthalb Jahrhunderte überholt.
-Dagegen möchte ich Ihnen ein auf nur zwei Blättern seines Nachlasses
-aufgezeichnetes, in sein letztes Lebensjahr (1780) fallendes Fragment:
-»_Die Religion Christi_« seiner Bedeutung wegen wörtlich mitteilen. Es
-besteht aus acht kurzen Paragraphen:
-
-§ 1. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein Problem. Daß
-er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt gewesen; daß er nie
-aufgehört hat, Mensch zu sein: das ist ausgemacht. § 2. Folglich
-sind die Religion _Christi_ und die _christliche_ Religion zwei ganz
-verschiedene Dinge. § 3. _Jene_, die Religion Christi, ist diejenige
-Religion, die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch
-mit ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr mit ihm
-gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der
-Charakter ist, den er sich von Christo als bloßem Menschen macht. § 4.
-_Diese_, die christliche Religion, ist diejenige Religion, die es für
-wahr annimmt, daß er mehr als Mensch gewesen und ihn selbst als solchen
-zum Gegenstand der Verehrung macht. § 5. Wie diese beiden Religionen,
-die Religion Christi sowohl als die christliche, in Christo als in
-einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich.
-§ 6. Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze beider in einem und
-demselben Buche finden. Wenigstens ist augenscheinlich, daß jene,
-nämlich die Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten enthalten
-ist als die christliche. § 7. Die Religion Christi ist mit den klarsten
-und deutlichsten Worten darin enthalten. § 8. Die christliche hingegen
-so ungewiß und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt,
-mit welcher zwei Menschen, solange als die Welt steht, den nämlichen
-Gedanken verbunden haben.
-
-Zur geplanten Vollendung seiner theologischen Arbeiten ist Lessing
-nicht mehr gekommen. Körperliche Krankheit, verbunden mit schwerem
-seelischem Druck, nicht zum wenigsten infolge des Todes seiner
-geliebten Frau nach kaum anderthalbjähriger glücklichster Ehe, raffte
-den kaum Zweiundfünfzigjährigen vor der Zeit dahin. Indes noch drei
-treffliche Gaben haben uns seine letzten Jahre beschert in drei
-Arbeiten, die uns zum Schlusse noch einmal seine
-
-
-
-
-~D.~ Philosophische Weltanschauung
-
-
-im Zusammenhang mit seiner _Ethik_ und _Religions-_ zugleich seine
-_Geschichts-_ und _Staatsauffassung_ vor Augen führen werden:
-
-1. seinen »_Nathan_«, 2. seine »_Erziehung des Menschengeschlechts_«
-und 3. seine Freimaurergespräche »_Ernst_ und _Falk_«. Dazu wird 4. zu
-berücksichtigen sein, was F. H. Jacobi von seinem bedeutsamen Gespräch
-mit Lessing im Jahre 1780 über den _Spinozismus_ berichtet hat.
-
-
-1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise
-
-Als die Aufregung über die »Fragmente« und Lessings Beigaben dazu unter
-den Orthodoxen immer stärker geworden war, wurde auf Andringen des
-braunschweigischen Konsistoriums am 13. Juli 1778 Lessing vom Herzog
-unter Androhung »schwerer Ungnade« jede fernere Publikation »dieser
-Fragmente und anderer ähnlicher Schriften« strengstens verboten.
-Daraufhin meinte er: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten
-Kanzel, auf dem _Theater_, wenigstens noch ungestört will predigen
-lassen.« Im Mai des folgenden Jahres erschien sein »dramatisches
-Gedicht«: Nathan der Weise.
-
-Ich setze hier den Inhalt des »Nathan« als bekannt voraus und gehe
-auch auf die massenhafte Literatur über das Stück mit keinem Worte
-ein. Über Sinn und Tendenz dieses seines letzten Dramas ist unendlich
-viel gestritten worden. Und doch ist beides, Sinn und Tendenz, im
-Grunde unendlich einfach und klar. Der Verfasser selbst hat es in
-einer anfangs beabsichtigten Vorrede in den Satz zusammengefaßt,
-sein Stück wolle lehren, »daß es nicht erst von gestern her unter
-allerlei Volk Leute gegeben, die sich über alle Religion« -- will
-sagen: _geoffenbarte_ Religion -- »hinweggesetzt hätten _und doch gute
-Leute gewesen wären_«. Es ist _die_ Religion, die allen sogenannten
-Religion_en_ oder vielmehr, wie statt dieses im Grunde blasphemischen
-und auch von Kant und Schiller mit Recht getadelten Plurals richtiger
-zu sagen ist: Religions_bekenntnissen_, als ihr echter Kern zugrunde
-liegt: die Religion der Menschlichkeit, die Religion, wie Kant es
-ausdrückt, »innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«, oder, wie der
-Neukantianer Paul Natorp es formuliert, »innerhalb der Grenzen der
-Humanität«: gegen die auch der Bekenner der _sogenannten_ »positiven«
-Religionen nichts einwenden kann, wenn sie auch seinem religiösen
-Bedürfnis nicht genügen mag.
-
-Ich begnüge mich, ihre Hauptzüge mit den unvergänglichen Versen
-Lessings Ihnen kurz vor Augen zu führen.
-
-Zunächst ihre Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der
-Natur:
-
- »Der Wunder höchstes ist,
- Daß uns die wahren, echten Wunder so
- Alltäglich werden können, werden sollen.«
-
-Sodann die Begründung auf das _Gefühl_, die tröstende Lehre:
-
- »Daß Ergebenheit
- In Gott von unserm Wähnen _über_ Gott
- So ganz und gar nicht abhängt.«
-
-Und dennoch die Verwahrung gegen bloße gefühlsmäßige Schwärmerei:
-
- »Begreifst du aber,
- Wie viel _andächtig schwärmen_ leichter als
- _Gut handeln_ ist?«
-
-Dieselbe Ansicht, die der treffliche deutsche Mystiker Meister Eckhart
-mit den Worten ausdrückt: »Wäre der Mensch in Verzückung, wie Sankt
-Paulus war, und wüßte einen siechen Menschen, der eines Süppleins von
-ihm bedürfte, ich achte es weit besser, daß du ließest aus Minne von
-der Verzückung und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.«[5]
-
-Nichts anderes als eine andere Anwendung seines »Testaments Johannis«
-(S. 33) ist das Fazit, was die berühmte Fabel von den drei Ringen zieht:
-
- »Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen
- Von Vorurteilen freien Liebe nach!«
-
-und, wie die Worte weiter lauten, genau dem neutestamentlichen Spruch
-entsprechend:
-
- »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«
-
-Unbedingteste Duldsamkeit für alle Meinungen ist Grundprinzip: »Ich
-habe nie verlangt, daß allen Bäumen _eine_ Rinde wachse«, sagt Saladin.
-
-Wer seine Religion, wer seinen Gott so auffaßt wie Nathan-Lessing, der
-muß einen Sondergott für bestimmte Nationen oder Individuen als eine
-Herabsetzung des Gottesbegriffs empfinden:
-
- »Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,
- Der einem Menschen eignet?«
-
-Damit hängt denn auch der dramatisch vielleicht nicht sehr geschickte,
-eher etwas enttäuschende, aber die Idee des Ganzen um so tiefer
-ausdrückende Schluß zusammen: daß die vorher einander gegnerisch
-gegenüberstehenden Nationen und Religionsbekenntnisse sich zu guter
-Letzt, ähnlich wie heute im Sozialismus, als Angehörige _einer_ Familie
-erkennen.
-
-Wenn man Lessings Humanitätsdrama mit unbefangenem, reinem Gemüt
-liest und auf sich wirken läßt, dann muß es einem wahrhaftig kläglich
-vorkommen, wenn ein Eugen Dühring oder -- etwas gemilderter, aber
-vielleicht um so gefährlicher -- Adolf Bartels in seinem Buche »Lessing
-und die Juden« mit antisemitischen Mätzchen gegen den »Juden« oder
-»judenhaften« Lessing zu Felde zieht. Wer so handelt, ist nicht
-wert, daß er dem Volke der Lessing und Kant, der Schiller und Goethe
-angehört. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß der Dichter die
-christlichen Gestalten seines Dramas, insbesondere den offiziellen
-Vertreter der Kirche, den Patriarchen, desgleichen die gutmütige, aber
-beschränkte Dajah entschieden ungünstiger geschildert hat als die
-Vertreter des Islam, des Judentums, der Parsi-Religion. Meiner Meinung
-nach war das eine logische Notwendigkeit, weil er sein Stück eben für
-ein _christliches_ Publikum schrieb, dem er beweisen wollte, daß es in
-anderen Religionsbekenntnissen ebenso gute oder bessere Menschen geben
-könne. Hätte er es für Mohammedaner oder Juden geschrieben, so hätte er
-umgekehrt die Vertreter der beiden übrigen Konfessionen heben müssen;
-der Patriarch wäre dann eben ein Rabbiner oder ein Mufti geworden.
-Von einer Herabsetzung des Christentums als solchem kann keine Rede
-sein. Ruft doch der Klosterbruder, übrigens eine sehr sympathische
-Christengestalt, Nathan gerade im entscheidenden Augenblick die das
-Christentum aufs höchste anerkennenden Worte zu, die jeder echte Christ
-Lessing selber zurufen könnte:
-
- »Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«
-
-Die höchste sittliche Wahrheit freilich steht für den Dichter mit Recht
-_über_ den Religionsbekenntnissen:
-
- »Sind Christ und Jude eher Christ und Jude
- Als Mensch?«
-
-Woran sich der gerade unserem Lessing aus tiefster Seele kommende
-Ausruf Nathans an den Tempelherrn schließt:
-
- »Ach, wenn ich einen mehr in Euch
- Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch
- Zu heißen!«
-
-Ein Wort, das gerade heute jedem Europäer, der sich zu einem
-sogenannten »Kultur«volk zählt, vor allem aber denen, die sich der
-Religion Jesu zurechnen, beschämend, mahnend, anfeuernd vor der Seele
-stehen müßte!
-
-Ja, Dilthey, der sonst die Gefühlsworte nicht liebt, hat recht, wenn er
-in diesem »unvergänglichen Gedicht«, ebenso wie in Goethes »Iphigenie«,
-eine so »reine Seelengröße« verkündet sieht, daß kein ernster Forscher
-der menschlichen Natur es lesen könne, ohne daß sein Auge feucht
-werde. Und Lessing hatte recht, wenn er als Motto das Wort des antiken
-Dichters über sein Drama setzte: »~Introite, nam et hic dii sunt!~«, zu
-deutsch: »Tretet ein, denn auch hier sind Götter.«
-
-Inhaltlich dem »Nathan« verwandt sind die letzten beiden --
-bezeichnenderweise beide ohne seinen Namen -- erschienenen Schriften
-Lessings: 1. die »_Freimaurergespräche_« zwischen Ernst und Falk und
-2. »_Die Erziehung des Menschengeschlechts_«. Der Zeitfolge nach ist
-es einerlei, welche von beiden wir zuerst behandeln. Von beiden ist
-ein erster Teil schon 1777 bezw. 1778 (gleichfalls anonym) und erst
-die zweite Hälfte in Lessings letztem Lebensjahr (1780) veröffentlicht
-worden. Wir ziehen es vor, mit der
-
-
-2. Religion und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts
-
-zu beginnen, weil ihr teils _religions_-, teils
-_geschichts_philosophischer Inhalt dem »Nathan« näher steht als der
-teils _geschichts_-, teils _staats_philosophische der »Gespräche für
-Freimäurer«.
-
-Die ersten dreiundfünfzig von den hundert Paragraphen der »Erziehung«
-waren bereits zusammen mit den fünf Fragmenten des »Ungenannten«, also
-1777 herausgegeben worden: auch sie angeblich unter den Bücherschätzen
-seiner Bibliothek gefunden. Selbst dem Sohne von Reimarus stellt er sie
-noch in einem Briefe vom 6. April 1778 dar als herrührend »von einem
-guten Freunde, der sich gern allerlei Hypothesen und Systeme macht,
-um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen«, mit dem für sein
-innerstes Wesen bezeichnenden Schlußsatz: »Jeder sage, was ihm Wahrheit
-dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!«
-
-Als Ganzes trägt die Schrift gleichwohl, wie mir scheint, einen etwas
-konservativeren Charakter als »Nathan der Weise« oder auch die ja
-nur zur Selbstverständigung niedergeschriebene »Religion Christi«.
-Der Verfasser sieht hier die _Offenbarung_ als in einem göttlichen
-Erziehungsplan der Menschheit gelegen an. Wie die Erziehung, so gibt
-auch die Offenbarung ihm zufolge »nichts, worauf die menschliche
-Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde«, sie gibt
-ihm das Wichtigste davon nur leichter und früher (§ 4); und zwar,
-gleich der Erziehung, nach einer bestimmten Ordnung. Nach dieser
-Einleitung, enthalten in § 1 bis 7, folgt dann von § 8 bis 52 die
-Erziehung des israelitischen Volkes durch das »Elementarbuch« des
-_Alten Testaments_. Für ein noch so rohes, auf noch so kindlicher
-Entwicklungsstufe stehendes Volk bedurfte es noch einer Erziehung
-durch unmittelbare, sinnliche Strafen und Belohnungen (§ 16). Es wußte
-noch nichts von einem zukünftigen Leben, von einer Unsterblichkeit
-der Seele (§ 17). Die meisten anderen Völker waren noch weit hinter
-ihm zurückgeblieben, einige glücklichere (Griechen, Römer) allerdings
-durch das bloße Licht ihrer natürlichen Vernunft ihm zuvorgekommen
-(§ 20, 21). Während des Exils, im Verkehr mit den religiös höher
-stehenden (obwohl ohne Offenbarung!) Persern, bekamen die Juden dann
-einen reineren Gottesbegriff, die Offenbarung ward durch die Vernunft
-erhellt, ihr Glaube erhob sich von ihrem Nationalgott Jehova zu
-dem an _einen_ Gott (§ 35 ff.). So entwuchsen sie allmählich ihrem
-Elementarbuch, insbesondere auch durch ihre Bekanntschaft mit der
-griechischen Philosophie in Ägypten (§ 42) und suchten nun in ihre
-kindlich-einfältigen heiligen Schriften allerlei Anspielungen und
-Fingerzeige, oft recht spitzfindig-rabbinisch, hineinzulegen (§ 43 bis
-52). Ein besserer Pädagog mußte kommen und »dem Kinde das erschöpfte
-Elementarbuch aus den Händen reißen« -- _Christus_ erschien (§ 53).
-
-Das Kind war zum Knaben geworden, der zum »_zweiten_ großen Schritt der
-Erziehung reif war« (§ 57 ff.). Christus ward der erste »zuverlässige«
-und »praktische« Lehrer der Unsterblichkeit der Seele (§ 58). Als
-zuverlässig galt er seinen Zeitgenossen durch die in ihm erfüllt
-scheinenden Weissagungen, durch seine Wunder, durch seine Auferstehung.
-»Ob wir noch _jetzt_ diese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen
-können, das lasse ich dahingestellt sein ... Alles das kann damals
-zur _Annehmung_ seiner Lehre wichtig gewesen sein: jetzt ist es zur
-Erkennung der Wahrheit seiner Lehre so wichtig nicht mehr.« (§ 59.)[6]
-
-Christus lehrte aber auch praktisch das Leben nach dieser Lehre
-einrichten durch »innere Reinigkeit des Herzens« (§ 61), die dann seine
-Jünger, wenn auch mit anderen weniger einleuchtenden Lehren vermischt,
-unter andere Völker verbreiteten (§ 62, 63). So ward das _Neue
-Testament_ das zweite, bessere Elementarbuch für das Menschengeschlecht
-(§ 64) und hat es seit 1700 Jahren mehr als alle anderen Bücher
-beschäftigt und erleuchtet, wenn auch vielleicht »nur durch das Licht,
-welches der menschliche Verstand selbst hineintrug« (§ 65). Es war
-auch gewiß »höchst nötig«, daß man »eine Zeitlang« dies Buch für
-das Nonplusultra aller Erkenntnis hielt (§ 67). Und »Du, fähigeres
-Individuum, der du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuchs
-stampfest und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mitschüler
-merken zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen beginnst«!
-(§ 68.) Lessing bemüht sich dann, in uns freilich etwas künstlich
-erscheinenden Ausführungen zu zeigen, was auch die menschliche Vernunft
-in den Geheimnissen der Dreieinigkeit, der Erbsünde, der Genugtuung des
-göttlichen Sohnes für sich finden könne (§ 73 bis 77). Es sei nicht
-wahr, meint er, »daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil
-gestiftet und der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden«.
-Nicht den Spekulationen, sondern »dem Unsinn, der Tyrannei, diesen
-Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre
-eigenen zu gönnen«, sei dieser Vorwurf zu machen (§ 78).
-
-Aber noch eine höhere Stufe, die Erziehung vom Knaben oder Jüngling zum
-Manne, der das Gute um seiner selbst, nicht um künftiger Belohnungen
-willen tut, stehe der Menschheit bevor. »Oder soll das menschliche
-Geschlecht auf diese höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit nie
-kommen?« (§ 81.) Das wäre eine Lästerung des Allgütigen. »Nein, sie
-wird gewiß kommen,« so ruft er in gläubigem Vertrauen aus, »die Zeit
-eines _neuen, ewigen Evangeliums_« des Geistes und der Wahrheit,
-»die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen
-wird« (§ 86). Schon im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert haben
-Schwärmer -- Lessing denkt wohl an Männer wie Joachim von Floris und
-Amalrich von Bene -- ein »drittes Zeitalter« der Welt prophezeit. Er
-macht dabei eine sehr gute Bemerkung über die Schwärmer überhaupt, bei
-der wir unwillkürlich auch an unsere heutigen politischen Schwärmer
-denken: »Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft,
-er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft
-beschleunigt und wünscht, daß sie durch _ihn_ beschleunigt werde. Wozu
-sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick seines
-Daseins reifen.« Und er erkennt auch den egoistischen Nebengedanken
-darin: »Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere
-erkennt, nicht auch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?« (§ 90.)
-Demgegenüber traut er auf die »ewige Vorsehung«, wenn auch manchmal
-ihre Schritte ihm »zurückzugehen scheinen sollten«! »Es ist nicht wahr,
-daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.« (§ 91.)
-
-Und nun kommt zum Schlusse der sonst anscheinend so verstandeskühle
-Lessing auf eine Hypothese, auf die, wie er auch schon früher
-gelegentlich geäußert hatte,[7] schon die ältesten Philosophen im
-Abend- wie im Morgenland gekommen seien: die _Seelenwanderung_
-(§ 93 ff.). Kann ich nicht schon einmal da gewesen sein, ohne daß
-ich es mir selbst bewußt bin, und »warum sollte ich nicht so oft
-wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen
-geschickt bin« (§ 98, 99)?
-
-Wir gehen nicht weiter auf diese Hypothese ein. Vielleicht war es eben
-nur ein Gedanke, den er einmal in das Publikum hineinwerfen wollte,
-ohne dafür öffentlich einstehen zu wollen, wie er ja auch die Schrift
-nicht mit seinem Namen gezeichnet hat. Aber ich habe sie Ihnen schon
-der Vollständigkeit wegen nicht vorenthalten wollen; schon um Ihnen
-zu zeigen, daß Lessing doch auch in Stunden ein wenig -- Schwärmer
-sein konnte. Für die Praxis des Lebens hat er solche Hypothesen nicht
-benutzt, ja er warnt auch andere davor. Die Vernunft, sagt er einmal,
-habe doch mit Glück gegen die törichte Begierde der Menschen, ihr
-Schicksal in _diesem_ Leben voraus zu wissen, geeifert: wann werde es
-ihr gelingen, ihnen die Neugier nach ihrem Schicksal in _jenem_ Leben
-ebenso verdächtig, ebenso lächerlich zu machen? Toren seien die, welche
-aus lauter Sorgen um ein künftiges Leben das gegenwärtige verlieren:
-»Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als
-einen künftigen Tag?« Lessing war ein viel zu frischer, lebensvoller,
-diesseitsfroher Mensch, um sich unfruchtbaren Grübeleien hinzugeben.
-
-Und so wenden auch wir uns jetzt seinen Gedanken über die diesseitige
-Gemeinschaft der Menschen, seinen Ideen von Geschichte und _Staat_ zu,
-die, soviel ich weiß, noch nirgends im Zusammenhang behandelt worden
-sind und auf die wir freilich auch nur einige Streiflichter werfen
-können und wollen.
-
-
-3. Ansichten über den Staat: Lessings politische Entwicklung
-
-Schon der sechzehnjährige Fürstenschüler hat den Kriegslärm ganz
-aus der Nähe kennengelernt. Am 9. Dezember 1745 wurde die Stadt
-Meißen bombardiert, und wenige Tage später donnerte von dem nahen
-Kesselsdorf der Schlachtenlärm herüber; die Stadt glich bald einem
-großen Lazarett. Aber all das scheint dem Primaner Gotthold Lessing,
-in einem Briefe an den Vater Pastor, in erster Linie doch nur als
-willkommener Anlaß zu dienen, um eher von der Schule zur Universität
-zu kommen; was ihm ja auch, wie wir wissen, gelungen ist. Auch sonst
-ist nichts von besonderen politischen Interessen des Jünglings aus
-seiner Gymnasiasten- und Studentenzeit bekannt. Er wird wohl, was
-bekanntlich Bismarck als Ergebnis der humanistischen Erziehung von sich
-und anderen behauptet hat -- und was, beiläufig gesagt, auch unsere
-heutigen Republikaner und Sozialisten sich merken sollten, anstatt
-gegen die Lektüre der antiken Klassiker zu eifern, die doch ein Karl
-Marx und ein Ferdinand Lassalle mit Vorliebe bis an ihr Ende gepflegt
-haben --, das Gymnasium mit _republikanischen_ Gesinnungen verlassen
-haben. Damit steht unter anderem auch die Tatsache in Einklang,
-daß der Zwanzigjährige einen politischen Gegenwartsstoff zu einer
-republikanischen Tragödie verarbeiten wollte. Im Jahre 1749 hatte ein
-demokratischer Berner Patriot Samuel Henzi eine Verschwörung gegen das
-dortige verrottete Klassen- und Willkürregiment weniger patrizischer
-Familien angestiftet, war aber entdeckt und hingerichtet worden. Unter
-dem frischen Eindruck dieses Ereignisses dichtete der junge Lessing die
-anderthalb Akte seines Trauerspiels »_Samuel Henzi_«, die er dann auch
-in der ersten Sammlung seiner Schriften veröffentlichte: ein für seine
-Zeit ungewöhnliches Wagnis.
-
-Daß er im folgenden Jahrzehnt ein antikes Drama »Das befreite
-Rom«, dessen Hauptheld der alte Königsstürzer Brutus war, und
-eine »Verginia«, in deren Titelheldin wir die Vorläuferin seiner
-späteren Emilia Galotti zu erblicken haben, entwarf, will vielleicht
-weniger besagen. Interessanter ist, daß er noch bis 1775 hin eine
-»antityrannische« Tragödie geplant hat, deren Held der berühmte
-Sklavenführer _Spartakus_ sein sollte. Während in seinem ersten
-Römerdrama das Volk noch, ähnlich wie bei Shakespeare, als ein
-wankelmütiger Pöbelhaufe dargestellt wird, wurde hier ein erklärter
-Proletarierführer zum Helden gemacht, der in einem (erhaltenen)
-Selbstgespräch den Ausspruch tut: »Sollte sich der Mensch nicht einer
-Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?«
-Lessing tadelt in diesem Zusammenhang auch die »fast lächerliche«
-Verachtung eben des Spartakus durch den römischen Geschichtschreiber,
-der die Gladiatoren noch unter die gewöhnliche »Untergattung von
-Menschen«, die Sklaven, stelle. Schade, daß er diesen Plan nicht
-ausgeführt hat.
-
-Lessing ist bekanntlich schon als zweiundzwanzigjähriger junger Mann
-aus seiner sächsischen Heimat nach Preußen gegangen. Aber es ist
-unrichtig, ihn deshalb und etwa noch wegen seiner »Minna von Barnhelm«
-oder seines Sekretärverhältnisses zu dem preußischen General v.
-Tauentzien, wie es gewöhnlich geschieht, schlechtweg als Verehrer
-des _Preußentums_ darzustellen. Gewiß, er besitzt eine Vorliebe
-für soldatische Gestalten: von dem jungen Helden des Trauerspiels
-»Philotas« an, auf das wir noch zurückkommen, über Tellheim, Just und
-Werner in der »Minna« bis zu dem alten Obersten Odoardo Galotti, ja
-bis zu Sultan Saladin und dem jungen Tempelherrn im »Nathan«. In jener
-Zeit ängstlichen Spießbürgertums war eben, wie selbst ein so radikaler
-Politiker wie Franz Mehring in seiner »Lessing-Legende« hervorhebt, der
-Soldatenstand der einzige, in dem sich, wenigstens zu Kriegszeiten,
-persönliche Tüchtigkeit entfalten konnte:
-
- »Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«
-
-und
-
- »Auf sich selber steht er da ganz allein,«
-
-wie Schiller die Wallensteinschen Reiter singen läßt. So konnte Lessing
-denken, wenngleich er den Krieg grundsätzlich verwarf, wie er in einer
-Rezension Rousseaus bemerkt: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir
-einander umbringen sollen?«
-
-Aber ihn deswegen zum begeisterten Preußen und Verehrer Friedrichs
-des Großen zu erheben, wäre verkehrt. Liegen von ihm auch nicht ganz
-so feindselige Äußerungen wie von dem berühmten Winckelmann vor, der
-das Preußen, dem er entstammte und entfloh, um nach Italien zu gehen,
-geradezu gehaßt hat, so schreibt doch noch der vierzigjährige Lessing
-im August 1769 an Nicolai nach Berlin: »Sagen Sie mir ja nichts von
-Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben. Sie reduziert
-sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel
-Sottisen (Dummheiten) zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie
-es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so
-frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie
-einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der
-gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie
-es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden
-bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das
-_sklavischste Land von Europa_ ist!« Ich denke, das ist deutlich genug.
-Freilich, die geliebten »Untertanen« Friedrichs II. waren selbst daran
-schuld, daß er gegen Ende seines Lebens von ihnen sagen konnte: »Ich
-bin es müde, über _Sklaven_ zu herrschen.«
-
-Also von einer speziellen Verehrung Friedrichs II., dem er zwar in
-der »Minna« einige hübsche Worte widmet, aber dessen eigenmächtiges
-Verfahren in militärischen Dingen doch auch dies Stück geißelt, oder
-gar des preußischen Staatswesens jener Zeit überhaupt kann keine
-Rede sein. »Die Dienste der Großen«, läßt er vielmehr gerade seinen
-Tellheim sagen, »sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der
-Erniedrigung nicht, die sie kosten.« Ebenso ist selbstverständlich
-der Dichter über jeden sächsischen Partikularismus erhaben. Und wie
-er am Schlusse seines Stückes die Sächsin Minna mit dem Preußen
-Tellheim sich verbinden läßt, so will er auch nichts anderes sein als
-ein Deutscher. Freilich nicht von der Art, die wir heute so zahlreich
-vertreten finden, die von ihrem Deutschtum viele und große Worte
-macht; sondern von der Art Kants und Schillers, Herders und Goethes,
-für die Patriotismus und Weltbürgertum keine Gegensätze waren. Gibt
-es im übrigen ein schöneres Lob der deutschen Sprache, als wenn er
-den französischen Windbeutel Riccaut sie eine »arme und plumpe Sprak«
-schelten läßt, weil sie Dinge wie das Betrügen ehrlich bei ihrem
-wahren Namen nennt? Und sind nicht Charaktere wie Tellheim, Werner,
-Minna Urbilder guter Deutscher?
-
-Aber Lessing, werden seine und unsere Gegner sagen, hat sich ja selbst
-den Patriotismus abgesprochen. In der Tat, er hat am 16. Dezember 1758
-seinem Freunde Gleim, dem Dichter der Kriegslieder eines preußischen
-Grenadiers, geschrieben, daß »das Lob eines eifrigen _Patrioten_«
-nach seiner Denkungsart das »Allerletzte« wäre, wonach er »geizen«
-würde: »_des_ Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich
-ein _Weltbürger_ sein sollte.« Und am 14. Februar 1759 gar: »Ich habe
-überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich
-Ihnen meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir
-aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.«
-Sätze wie den letzten würde heute wohl nur ein entschiedener Kommunist
-unterschreiben. Aber der Satz vorher bezeichnet als die Veranlassung
-dieser Äußerung Betrachtungen über »übertriebenen« Patriotismus, die
-nicht sowohl Gleims »Grenadiere« als »tausend ausschweifende Reden, die
-ich hier (in Berlin) alle Tage hören muß, bei mir rege gemacht hatten«.
-Und wenn er im weiteren Verlauf des Briefes von »kleinen Uneinigkeiten«
-spricht, die Gleims und seine Freundschaft nicht stören könnten und
-auch nicht gestört haben, so waren es offenbar nur Äußerungen eines
-übertriebenen preußischen Partikularismus gewesen, die er seiner
-deutschen und menschheitlichen Gesinnung gemäß nicht mitmachen konnte.
-
-Daß Lessing vielmehr den Patriotismus sogar in seinem höchsten, dem
-_Opfer_sinn zu würdigen versteht, beweist sein gleichfalls 1759
-entstandenes Drama »Philotas«, dessen Kerngedanke darin besteht, daß
-der Held, ein kaum sechzehnjähriger antiker Königssohn, der in die
-Gefangenschaft des Feindes geraten ist, sich ähnlich dem Kodrus der
-Griechen-, dem Regulus der Römersage freiwillig den Tod gibt, um nicht
-als Geisel seinem Vaterland einen ungünstigen Frieden aufzunötigen.
-Und wie schmerzlich hat er es vermißt und am eigenen Leibe erfahren,
-daß »wir Deutsche noch keine Nation« waren! Weder in Berlin noch in
-Wien, weder in Hamburg noch in Mannheim konnte der größte Kritiker
-Deutschlands, konnte einer seiner besten Dichter auf die Dauer festen
-Fuß fassen. Bittere Sarkasmen enthalten die letzten »Stücke« seiner
-»Hamburger Dramaturgie« über den »gutherzigen Einfall«, den sein nie
-zu ertötender Idealismus selber gehegt hatte, »den Deutschen ein
-Nationaltheater zu verschaffen«, da wir Deutsche eben doch »keine
-Nation« seien. Er redet dabei nicht von der politischen Verfassung --
-obwohl das Monstrum des »Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation«
-jeden Vernünftigen zu dem Spott herausfordern mußte, den einer von den
-lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (im »Faust«) darüber ergießt --,
-»sondern bloß von dem sittlichen Charakter«. Aber »fast sollte man
-sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen«. Die reichen Hamburger und
-sonstigen deutschen Kapitalisten hatten eben für andere, materiellere
-Dinge mehr Geld übrig als für Lessings ideale Unternehmungen. Und so
-mußte dieser noch in seinem fünften Lebensjahrzehnt in die Dienste
-eines Kleinfürsten in einer einsamen deutschen Kleinstadt gehen.
-
-Daß ein Mann wie Lessing ein abgesagter Gegner alles Höflingstums und
-aller Standesvorrechte war, ist eigentlich selbstverständlich. Mit
-Recht hat schon Franz Mehring auf die scharfe Kritik eines königlichen
-Hoffestes auf dem Berliner Schloßplatz, ein sogenanntes Karussell
-oder Ringelrennen, das von dem anwesenden Voltaire in glänzenden
-Versen gepriesen wurde, durch den einundzwanzigjährigen Dichter in dem
-sarkastischen Gedicht »Auf ein Karussell« hingewiesen. Er hat auch
-einmal einen Aufsatz über die »Deutsche Freiheit« geschrieben, die zu
-Tacitus' Zeiten und auch das ganze Mittelalter hindurch wenigstens in
-der Form der Landstände den Absolutismus der Fürsten eingeschränkt
-habe. »Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich
-gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren« usw.? Und seine
-»Emilia Galotti«, ist sie etwas anderes als ein flammender, ingrimmiger
-Protest gegen fürstliche Willkür- und Mätressenwirtschaft, ein Stück,
-in dem sogar der gewiß doch maßvolle, selbst an einem Fürstenhof
-lebende Goethe den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten
-Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft« erblickte, den dann
-des jungen Schiller »Kabale und Liebe« zuerst vom italienischen auf
-einen deutschen Schauplatz zu übertragen wagte? So kann man in der Tat
--- es ist der eigentliche Grundgedanke von Mehrings »Lessing-Legende«
--- Lessing als ersten glänzenden Vertreter des aufstrebenden Bürgertums
-bezeichnen, das nur seines großen Vorkämpfers nicht würdig war,
-vielmehr durch wirtschaftliche und politische Rückständigkeit sich
-auszeichnete.
-
-Allein Lessing geht über diesen Bourgeoisstandpunkt, mindestens an
-einzelnen Stellen seiner Schriften, noch erheblich hinaus. So in dem
-merkwürdigen, in der großen Lessing-Ausgabe von Lachmann und Muncker
-(XVI, 520 f.) in zwei Fassungen vorliegenden kurzen »Gespräch über
-die Soldaten und Mönche«. Man streite darüber, ob es mehr Soldaten
-oder Mönche in der Welt gebe. Aber wenn der Landmann seine Saat von
-Schnecken und Mäusen vernichtet sehe, frage er nicht danach, welcher
-von beiden es mehr seien. Und nun folgt in der längeren Fassung
-folgendes Zwiegespräch:
-
- B. Was sind denn Soldaten?
-
- A. Beschützer des Staats.
-
- B. Und Mönche sind Stützen der Kirche.
-
- A. Mit eurer Kirche!
-
- B. Mit eurem Staate!
-
- A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der
- Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt.
-
- B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem
- Leben verheißt!
-
- A. Verheißt!
-
- B. Gimpel!
-
-So starke Ketzereien in so zugespitzter Form hat unser Held allerdings
-vorsichtigerweise in seinem Schreibpult zurückgehalten. Aber in
-milderer Ausprägung erkennen wir doch die gleiche Anschauung auch
-im »Nathan« und in den Freimaurergesprächen wieder. Im »Nathan«
-in der eigenartigen Gestalt des Derwischs Al-Hafi, der es in der
-kapitalistischen Welt nicht mehr aushalten kann -- denn »Borgen ist
-viel besser nicht als betteln, so wie Leihen, auf Wucher leihen nicht
-viel besser ist als stehlen«; und nun allerdings zum _Kampf_ dagegen
-sich nicht stark genug fühlt, sondern, »um das Werkzeug beider nicht zu
-sein« -- an den Ganges fliehen will. »Am Ganges, am Ganges nur gibt's
-_Menschen_!«, will sagen: vom Kapitalismus, diesem »Plunder«, dieser
-»Plackerei« erlöste Menschen. Von dieser Lebensansicht fühlt selbst
-der weise und kaufmännische Nathan sich so ergriffen, daß er in den,
-prinzipiell aufgefaßt, anarchistischen Ausruf ausbricht: »Der wahre
-Bettler ist doch einzig und allein der wahre König!« -- Und nun zu
-Lessings
-
-
-4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in Ernst und Falk
-
-seinen »_Gesprächen für Freimäurer_«, fünf an der Zahl, von denen die
-drei ersten 1778, die beiden letzten 1780, anonym auch sie unter dem
-Zwange der Zeit, erschienen sind. Lessing hatte sich im Jahre 1771
-zu Braunschweig in die Loge aufnehmen lassen (der ja auch Herder,
-Schiller und Goethe beitraten), aber schon ziemlich bald enttäuscht
-wieder zurückgezogen. Wir sehen hier von allem auf die Geschichte der
-Freimaurerei Bezüglichen, das in einzelnen Gesprächen eine ziemlich
-bedeutende Rolle spielt, ab und beschränken uns auf das, was sich
-aus ihnen für Lessings philosophische, insbesondere _staats- und
-gesellschafts_philosophische Ansichten gewinnen läßt. Das Wichtigste
-in dieser Hinsicht findet sich im zweiten, einiges noch im vierten
-Gespräch.
-
-Da ist es nun für den Sozialisten interessant, sozialphilosophischen
-Anschauungen zu begegnen, die der Verfasser zwar aus ihm
-vorangegangenen Denkern, wie den Franzosen Bodin und Montesquieu,[8]
-haben mag, die aber bis zu einem gewissen Grade schon an Karl _Marx_
-anklingen. Viele Staaten, läßt er im Verlauf des zweiten Gesprächs
-dessen Hauptwortführer (Falk) sagen, würden »ein ganz verschiedenes
-Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen,
-folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz
-verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen
-haben«. Erinnert das »Klima« mehr an die beiden obengenannten
-Geschichtsphilosophen, so die »Bedürfnisse« und ihre »Befriedigungen«
-mit ihrem ganzen ideologischen Überbau an Marx-Engels' ökonomische
-Geschichtsauffassung. Daß solche Anschauungen Lessings aber von lange
-her in ihm lagen, ergibt sich aus dem Umstand, daß er bereits im Januar
-1753 in einer Rezension der »Vossischen Zeitung« die sogenannten
-»moralischen Ursachen« der Völkerverschiedenheit geradezu als nichts
-anderes denn »Folgen der physischen« (er sagt noch: physikalischen)
-bezeichnet.
-
-Im übrigen ist freilich seine Staatsanschauung noch durchaus
-_individualistisch_, ja sein Staatsideal -- wir streiften den Gedanken
-schon beim Al-Hafi des »Nathan« -- beinahe anarchistisch. Die Ameisen
-werden als Vorbild hingestellt, weil sie die größte Geschäftigkeit und
-doch Ordnung zeigen und einander sogar helfen, obschon doch niemand
-sie zusammenhält und regiert. Und nun folgen in der bei Lessing so
-erfreuenden epigrammatischen Kürze Schlag auf Schlag die weiteren
-Fragen und Antworten: »Ordnung muß also doch auch _ohne Regierung_
-bestehen können.« -- »Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß,
-warum nicht?« -- »Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen
-wird?« -- »Wohl schwerlich!« -- »Schade!« -- »Jawohl!«
-
-Des weiteren wirft Falk die Frage auf, ob die _Menschen_ für die
-_Staaten_ oder die Staaten für die _Menschen_ da sind? Die Antwort
-wird dann in letzterem Sinne gegeben. Die Vereinigung der Menschen zu
-Staaten findet statt, damit durch diese und in ihnen jeder einzelne
-seinen Anteil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen
-kann. Die Glückseligkeit des Staates besteht in der Summe der
-Einzelglückseligkeiten aller seiner Glieder. »Außer dieser gibt es
-gar keine.« Und nun folgt ein Satz, aus dem man allerdings auch eine
-sozialistische Folgerung ziehen könnte. »Jede andere Glückseligkeit des
-Staates, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und
-leiden _müssen_, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!«
-
-Und zwar ist das alles von der _Natur_ so eingerichtet. Trotzdem
-entspringen auch aus der denkbar besten Staatsverfassung notwendig
-allerlei Übel. Vor allem ist ein _Welt_staat, schon wegen seiner
-ungeheuren Größe, nicht möglich, sondern nur _National_staaten. Und
-innerhalb derselben entstehen notgedrungen wiederum verschiedene
-_Stände_. Selbst die anfänglich _gleiche_ Verteilung des Besitzes
-vorausgesetzt, würde doch diese gleiche Verteilung keine zwei
-Menschenalter hindurch bestehen bleiben. Einer wird sein Eigentum
-besser zu nutzen wissen als der andere, der es womöglich dennoch unter
-mehr Nachkommen zu verteilen haben wird. Es wird also reichere und
-ärmere Glieder geben, aus dem wohltätigen Feuer der unvermeidlich
-unangenehme Rauch entstehen. Aber sollte man deshalb keinen Rauchfang
-erfinden? Lessing denkt dabei nicht etwa an Sozialisierung, auf die
-ihn Plato oder Morus an sich gebracht haben könnten, sondern an -- die
-Freimaurer! Es ist »recht sehr zu wünschen«, daß es in jedem Staate
-Männer geben möchte, die erstens »über die Vorurteile der Völkerschaft
-(also in unserer heutigen Sprache über einseitigen Nationalismus)
-hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört«;
-die zweitens »den Vorurteilen ihrer angeborenen Religion nicht
-unterlägen, nicht glaubten, daß alles notwendig gut und wahr sein
-müsse, was _sie_ für gut und wahr erkennen«; die endlich »bürgerliche
-Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in
-deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich
-dreist erhebt«.
-
-Solche Männer, die es »freiwillig über sich genommen haben,
-den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegenzuarbeiten«, die
-jene vielleicht unentrinnbaren Trennungen in Nationen, Stände,
-Religionsbekenntnisse nicht noch stärker einreißen lassen wollen, als
-es die Notwendigkeit erfordert, und ihre Folgen so unschädlich als
-möglich zu machen sich bestreben, sind die Freimaurer, oder _sollten_
-es wenigstens sein. Die Mitglieder einer »unsichtbaren Kirche«,
-deren »wahre Taten dahin zielen, alles, was man gemeiniglich gute
-Taten nennt, größtenteils entbehrlich zu machen«, eine wahrhafte
-_Internationale_, die freilich -- ebensowenig wie zurzeit die modernere
-Internationale der Arbeiter -- ihrer Idee entspricht. Mit Schärfe
-tadelt der Freimaurer Lessing namentlich die unsozialen Inkonsequenzen
-der Logen schon seiner Zeit. Wenn ein aufgeklärter Jude, wenn ein
-ehrlicher Schuster, wenn ein erfahrener und treuer Dienstbote es sich
-einfallen läßt, sich zur Aufnahme zu melden, so weist man sie ab: »Wir
-sind unter uns so gute Gesellschaft ... Prinzen, Grafen, Herren von,
-Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler.« Dazu das
-»Kapitale haben, diese Kapitale belegen, sie auf den letzten Pfennig
-zu nutzen suchen, sich ankaufen wollen, von Königen und Fürsten sich
-Privilegien geben lassen« usw. Sie scheinen ihm auf dem besten Wege,
-von ihren ursprünglichen Zielen ganz abzukommen. Ob die heutigen Logen
-nicht auch manchen dieser Tadel verdienen? Etwas demokratischer mag ein
-Teil von ihnen ja geworden sein; aber grundsätzlich herrscht doch wohl
-noch immer bei ihnen das Prinzip der »guten« Gesellschaft; abgesehen
-davon, daß Atheisten und daß von der Vollmitgliedschaft auch Frauen
-heute noch ausgeschlossen sind.[9]
-
-Aber das Bestehende verhält sich zum wahren Freimaurertum wie die
-bestehende, sehr mangelhafte Kirche, ja, man könnte erweiternd sagen:
-alle religiösen und politischen Parteien der Wirklichkeit, zu ihrer
-_Idee_. Und umgekehrt: man kann »die höchsten Pflichten der Maurerei
-erfüllen, ohne Freimaurer zu _heißen_«. Wahre Freimaurerei ist von
-jeher gewesen; sie ist so alt wie die bürgerliche Gesellschaft (hier
-natürlich im weitesten Sinne gemeint). Und ihr jetziges Schema, fügen
-wir hinzu: ihre Zeremonien und alles damit Zusammenhängende ist nur
-»Hülle« und »Einkleidung«. Die Hauptsache aber, die der Verfasser
-mit voller Deutlichkeit allerdings noch nicht ausspricht, liegt in
-dem aus seiner Gedankenreihe zu ziehenden Schlusse: Man soll das
-wahre Freimaurertum _unter alle Welt verbreiten_. Wie es zu Anfang
-in der kurzen Widmung an Ferdinand von Braunschweig heißt: »Das Volk
-lechzet schon lange und vergehet vor Durst!« Damit wäre freilich dem
-Freimaurer-Orden als _Geheim_bund das Urteil gesprochen.
-
-
-5. Lessings letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
-Pantheismus, Spinozismus
-
-Schon in der »Emilia Galotti« hatte die Gräfin Orsina ausgerufen:
-»Das Wort Zufall ist Gotteslästerung; nichts unter der Sonne ist
-Zufall.« Die in diesen Sätzen sich ausprägende Anschauung von der
-notwendigen und ausnahmlosen Naturbedingtheit alles schon Geschehenen,
-jetzt Geschehenden, noch Geschehenwerdenden, welche die Philosophie
-»Determinismus«, das heißt Bestimmtheit zu nennen pflegt, und die
-sich in religiöser Gestalt besonders im Islam und im Kalvinismus
-wiederfindet, scheint Lessing von jeher geteilt zu haben. Bereits eine
-Rezension aus dem März 1753 meint, daß die Leugner der Willensfreiheit
-wenigstens keine Feinde der Religion zu sein brauchen; auch in
-seiner Lehre von dem Wesen des tragischen Charakters sehen wir diese
-Lehre aufleuchten. Deutlicher spricht sich seine Vorrede zu des
-braunschweigischen Abtes Jerusalem »Philosophischen Aufsätzen« (1776),
-also aus seinen letzten Jahren über dies Problem aus. »Was verlieren
-wir denn,« fragt Lessing hier, »wenn man uns die Freiheit abspricht?«
-Und er antwortet: »Etwas, wenn es etwas ist, was wir nicht brauchen
-... Etwas, dessen Besitz uns weit unruhiger machen müßte, als das
-Bewußtsein seines Gegenteils ...« Fühlt sich doch auch der Religiöse,
-wie wir hinzusetzen möchten, im Schoße seines alles lenkenden und
-bestimmenden Gottes ruhig und befriedigt. Ebenso muß auch der Philosoph
-sich nach Lessing sagen: »Zwang und Notwendigkeit, nach welchem die
-Vorstellung des Besten wirket, wieviel willkommener sind sie mir
-als kahle Vermögenheit, unter den nämlichen Umständen bald so, bald
-anders handeln zu können!« Und er fährt fort: »Ich danke dem Schöpfer,
-daß ich _muß_, das _Beste_ muß. Wenn ich in diesen Schranken selbst
-so viel Fehltritte noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz
-allein überlassen wäre? einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich
-nach keinen Gesetzen richtet und mich darum nicht minder dem Zufall
-unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel in mir selbst hat?« Zufall
-bedeutet also Gesetzlosigkeit, Naturgesetzlichkeit Ausschließung jedes
-Zufalls, allgemeine Geltung des Kausalgesetzes (Gesetzes von Ursache
-und Wirkung), ohne das keine Naturwissenschaft, ja Wissenschaft
-überhaupt denkbar ist.
-
-Gerade starke Naturen haben das von jeher anerkannt und gleichwohl
-aus dem unversiegbaren Quell ihrer Persönlichkeit heraus zu diesem
-Naturmechanismus ihr trotziges: »Und _dennoch_!« gesprochen. Auf
-solche Weise löst sich auch der anscheinende Widerspruch zwischen jener
-Orsinaschen Verurteilung des Zufalls und dem bekannten: »_Kein Mensch
-muß müssen_« Nathans, dem dann das Wort Al-Hafis auf dem Fuße folgt:
-»Was er für _gut_ erkennt, das muß ein Derwisch.«
-
-Von der Seite der Ethik also oder der Moral, wie Lessing sagt, ist das
-System des Determinismus »geborgen«. Aber, fährt er fort: ob nicht
-die Spekulation Einwände dagegen erheben könnte, die sich nur durch
-ein zweites philosophisches System heben ließen? Mit diesem zweiten,
-»gemeine Augen ebenso befremdenden« System ist der _Spinozismus_
-gemeint.
-
-Wir haben im Laufe unserer bisherigen Darstellung das Wirken Spinozas,
-der bis dahin in Deutschland nach Lessings eigenem Ausdruck wie ein
-»toter Hund« angesehen worden war, auf unseren Dichter nur angedeutet.
-Wir wollen zunächst einen merkwürdigen undatierten, aber wahrscheinlich
-aus der Breslauer Zeit stammenden kleinen Aufsatz von ihm nachträglich
-noch erwähnen: »Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott.« Dort wird
-geradezu gesagt: »Es gibt kein Dasein außer Gott«, »alle Dinge sind in
-ihm wirklich«. »Die Begriffe, die Gott von den wirklichen Dingen hat,
-sind diese wirklichen Dinge selbst.« Auch der § 73 der »Erziehung des
-Menschengeschlechts«, der von der göttlichen Dreieinigkeit handelt,
-führt den nämlichen Gedanken aus. Das ist völliger _Pan_theismus
-(All-Gott-Lehre) oder, vielleicht noch genauer ausgedrückt,
-Pan_en_theismus (All-_in_-Gott-Lehre). Ganz zu Spinoza durchgedrungen
-aber ist Lessing, wie wir jetzt bestimmt wissen, spätestens in seinem
-letzten Lebensjahr.
-
-Am 5. Juli 1780 war Goethes und Hamanns Freund, der also philosophisch
-von ganz anderer Seite herkommende Düsseldorfer Friedrich Heinrich
-_Jacobi_, zum Besuch in Lessings einsamer Bibliothek eingetroffen.[10]
-Da erklärte dieser, dem Jacobi Goethes berühmtes philosophisches
-Gedicht »Prometheus« zu lesen gegeben, dem Gaste zu dessen Erstaunen:
-Er nehme durchaus kein Ärgernis an der Anschauung Goethes; er habe
-im Gegenteil den Gesichtspunkt, von dem aus das Gedicht verfaßt sei,
-»schon lange aus der ersten Hand«, nämlich aus _Spinoza_. Und nun die
-Hauptäußerung: »Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht
-mehr für mich Ἓν καὶ πᾶν (d. h. es gibt nur _ein_ All). Ich weiß nichts
-anderes.« Sie werden durch einen Besuch gestört. Am folgenden Morgen
-kommt Lessing zur Fortsetzung des Gesprächs auf Jacobis Zimmer. Er
-bekennt sich von neuem als Anhänger des Pantheisten: »Es gibt keine
-andere Philosophie als die des Spinoza.« Und weiter als entschiedenen
-Deterministen: »Ich begehre keinen freien Willen«, worein »der helle
-Kopf Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wußte«.
-
-Auffallenderweise bekennt er sich bei dieser Gelegenheit auch,
-ganz im Gegensatz zu der Philosophie seiner Zeit, als _Gegner des
-erkenntnistheoretischen Idealismus_, wie er von Parmenides und
-Plato begründet, von Descartes über Leibniz bis zu Kant und seinen
-Nachfolgern verkündet worden und unseres Erachtens unabweislich ist.
-Er erklärt es für ein menschliches Vorurteil, daß »wir den _Gedanken_
-als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm alles herleiten
-wollen«: während doch »alles, die Vorstellungen mit inbegriffen«, also
-»Ausdehnung, Bewegung, Gedanke« offenbar von »höheren« Prinzipien
-abhänge, in einer »höheren Kraft gegründet« sei, die »noch lange nicht
-damit erschöpft ist«. Er bedenkt dabei nicht, daß dies Ausgehen von
-einer »alle Begriffe übersteigenden«, gänzlich unbestimmten »höheren«
-Kraft uns in alle Dunkelheiten der Metaphysik und Theologie, ja
-unter Umständen Theosophie (oder, wie Rudolf Steiner es moderner
-umtauft: »Anthroposophie«) hineinführt. Zur weiteren Begründung dieser
-pantheistischen Metaphysik bezieht er sich auf einen merkwürdigen
-Gedanken von Leibniz, wonach die Gottheit sich in einem Zustand
-beständiger Expansion (Ausdehnung) und Kontraktion (Zusammenziehung)
-befände, womit zugleich Leben und Tod der Individuen in der Welt
-zusammenhängen soll; muß aber selbst zugeben, daß diese Stelle mit der
-sonstigen Überzeugung des Leibniz von einem _persönlichen_, außerhalb
-der Welt existierenden Gott in Widerspruch stehe. Lessing selbst,
-setzt Jacobi hinzu, konnte sich mit dem Gedanken eines unendlichen
-persönlichen Wesens, das unaufhörlich im Genuß seiner eigenen
-»Vollkommenheit« schwelge, nicht vertragen. »Er verknüpft mit demselben
-eine solche Vorstellung von unendlicher -- Langeweile, daß ihm angst
-und weh dabei werde.«
-
-Von Lessings Freunden wollte, als Jacobi vier Jahre nach dessen Tode
-in seiner Schrift Ȇber die Lehre des Spinoza, in Briefen an Moses
-Mendelssohn« dies Gespräch veröffentlichte, niemand an eine solche
-Änderung seiner Ansichten, die in der Tat ein völliges Abweichen von
-den Grundsätzen der »Aufklärung« darstellt, glauben. Und es entspann
-sich darüber 1785/86 ein äußerst heftiger Philosophenstreit, der bei
-Mendelssohns ohnehin kränklichem Körper dessen Tod beschleunigt hat.
-Wir werden bei Herder und Goethe darauf zurückzukommen haben.
-
-Ob Lessing im ganzen mehr Leibniz oder Spinoza zugeneigt habe,
-läßt sich schwer entscheiden. Zu Leibniz zogen ihn sicherlich
-dessen Hauptgedanken von der Entwicklung alles Lebendigen, von der
-ununterbrochenen Stetigkeit des Weltzusammenhanges, von der Verknüpfung
-kleinster vorstellender mit kleinsten körperlichen Einheiten in
-den »Monaden«; zu Spinoza -- _zuletzt_ doch, wie es nach Jacobis
-bestimmtem Zeugnis scheint, entscheidend -- die streng monistische
-Folgerichtigkeit von dessen Lehre. Schulmäßiger Anhänger eines
-bestimmten Systems, also Spinozist oder Leibnizianer zu werden, lag
-seiner unabhängigen Natur überhaupt nicht. Auch Jacobi gegenüber
-hatte er eigentlich bloß erklärt: »_Wenn_ ich mich nach jemand nennen
-soll, so weiß ich keinen anderen.« Völlig einem, und sei es auch der
-scharfsinnigste, Denker sich zuzuschwören, hinderte ihn sein lebhaftes
-Selbständigkeitsgefühl.
-
-Damit kommen wir zum Schlusse noch einmal zu Lessings philosophischer
-und menschlicher
-
-
-Persönlichkeit
-
-zurück. Mögen seine Einzeltheorien auf den verschiedenen Gebieten,
-auf denen er gearbeitet hat, in Religions-, Kunst-, Geschichts- und
-Staatsphilosophie, heute in mancherlei Hinsicht überholt sein: was uns
-immer wieder zu ihm und seinen Werken hinzieht, ist seine einzigartige
-Persönlichkeit. Schon seine Sprache, insbesondere seine Prosa, ist von
-großartiger Eigenartigkeit. »Solange Deutsch geschrieben ist, hat,
-dünkt mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben«, hat schon einer,
-der doch auch etwas davon verstand, J. G. Herder, dem eben Verstorbenen
-nachgerühmt; und sein Hauptbiograph (Erich Schmidt) hat ihr im zweiten
-Bande seines Werkes über ein halbes Hundert Lexikonseiten gewidmet;
-auch ich habe Ihnen mit Absicht durch zahlreiche Zitate seine Stilart
-nahe zu bringen gesucht. Aber wenn ein Franzose gesagt hat: Der Stil
-ist der Mann, so kann man ebensogut sagen: _Der Mann macht den Stil._
-Und so ist es bei Lessing: sein Stil geht aus seiner kraftvollen
-Persönlichkeit hervor. Diese Ehrlichkeit, diese Mannhaftigkeit, diese
-unbezähmbare Wahrheitsliebe, diese stete Kampfbereitschaft gegen
-alles Unrecht, der Haß gegen alle Unterdrücker, die Liebe zu den
-Unterdrückten, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald
-sie vollbracht ist, sein mit ungescheuter Selbstkritik verbundener
-echter Stolz, der Mut und die Selbstbeherrschung im Unglück: alle diese
-Charaktereigenschaften -- von seinen intellektuellen Vorzügen ganz zu
-schweigen -- haben sich selten in einem Menschen so vereinigt wie in
-Gotthold Ephraim Lessing.
-
-Gewiß, alle menschlichen Handlungen sind naturbedingt. Jeder von uns
-wird unter bestimmten Verhältnissen auch notwendig so handeln, wie er
-es tut. Aber zu den Beweggründen, und zwar den allerstärksten, eben
-dieses Handelns gehört auch sein freilich wieder durch Tausende von
-Umständen so oder so gewordener innerer Mensch, sein »Dämon«, wie
-schon der alte Heraklit gesagt hat. So berichtet denn auch derselbe
-Jacobi, der Lessings Determinismus bezeugt, einen scheinbar ganz
-entgegengesetzten Ausspruch von ihm: »Wo keine Selbstbestimmung
-ist, keine Freiheit, da ist keine Menschheit.« Ja, Lessing, der
-»Determinist« ist zugleich ein radikaler Prediger der _Freiheit_ auf
-allen Gebieten gewesen: in Religion und Staat, Ethik und Erziehung. Und
-er hat sie, hat seinen vollendeten Unabhängigkeitssinn vor allem auch
-in sein eigenes Leben hineingetragen. Er war gegen alles Sektenmachen,
-gegen alle Engigkeit und Beschränktheit. Er hat auch keine »Schule«
-gegründet, ja er _wollte_ keine gründen. Er hat sich nicht in das
-Universitäts-, das Hof-, das Beamtenleben hineinbegeben. Er trat auch
-nie mit sogenannter »Würde« auf. Im Gegenteil, »er warf die persönliche
-Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder
-aufnehmen zu können« (Goethe). Nur ein Pedant und Philister von Kopf
-und Herz wird sich »nie gehen lassen«.
-
-Freilich solche Menschen stehen dann in ihrer Stärke -- »der Starke ist
-am mächtigsten allein« -- und Höhe oft auch vereinsamt da, wie Lessing
-es einmal in seinen »Antiquarischen Briefen« in einem wundervollen
-Selbstvergleich mit einer einsam ihr Tagewerk vollziehenden Windmühle
-ausgeführt hat: »Da stehe ich auf meinem Platze ganz außer dem Dorf
-auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem
-und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas
-aufzuschütten habe, so mache ich es ab, es mag sein mit welchem Winde
-es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen
-weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Finger breit mehr, als
-gerade meine Flügel zu ihrem Umlauf brauchen. Nur diesen Umlauf lasse
-man ihnen frei ... Wen meine Flügel in die Luft schleudern, der hat es
-sich selbst zuzuschreiben.«
-
-Nun, Lessing hat sein Tagewerk wahrlich in reichlichem Maße getan.
-Und er hat stets zu seinen Taten gestanden: »Was ich tat, das tat
-ich!«, wie er seinen Tempelherrn sagen läßt. Und dabei, welch frischer
-_Lebensmut_ in ihm: »Wer gesund ist und arbeiten will,« schreibt er
-einmal an seine Eltern, »der hat nichts zu fürchten; Krankheiten aber
-und dergleichen Umstände zu befürchten, die außerstand setzen könnten
-zu arbeiten, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich
-habe ein besseres und habe Freunde.« Aber er will sich nur an Stellen
-festsetzen, für die er sich der geeignete Mann fühlt: »Wenn wir nicht
-versuchen, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, wagen wir uns öfters
-in eine falsche, wo wir uns kaum über das Mittelmäßige erheben,
-während wir uns in einer anderen zu einer bewundernswerten Höhe hätten
-schwingen können.« Indessen wo er seiner Meinung nach etwas Edles und
-Großes zu fördern vermag, geht er, wie oft auch enttäuscht, stets
-wieder darauf ein. Und wenn er dann wiederum scheitert, so merken wir
-an der Art seines Rückzugs, daß auch »in ihm dieselbe Überlegung wie
-in uns« vorhanden gewesen, daß jedoch in ihm »eine größere Wärme des
-Herzens war als in uns« (Gervinus).
-
-Und er bewährte diesen Mut, diese wahrhaft philosophische Gesinnung
-auch im schwersten Unglück und bis ans Ende. Als ihm, der nach langer
-Wartezeit zum späten Glück einer vortrefflichen Frau gelangt ist, diese
-Frau samt dem Neugeborenen nach kurzer Krankheit wieder entrissen
-wird, da schreibt er nur das freilich bittere Wort: »Ich wollte es
-auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht
-bekommen.« Und weiter an einen Freund: »Meine Frau ist tot, und diese
-Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele
-dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin
-ganz leicht.« Einige Tage darauf: »Wenn ich noch mit der einen Hälfte
-meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in
-Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es tun! Aber
-das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so
-fort zu duseln.« Und ein halbes Jahr später, nach allerlei anderem
-Mißgeschick, an die Freundin Elise Reimarus: »Doch ich bin zu stolz,
-mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse
-den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht
-selbst umstürzen will.« Er sollte ihn noch zweiundeinhalb Jahre treiben
-sehen, mannhaft und unerschrocken wie immer, bis ihm der Tod das stets
-kampfbereite Schwert des Geistes aus der Hand schlug.
-
-Man hat uns zu verschiedenen Zeiten Rembrandt, Goethe, Nietzsche,
-Fichte, Schopenhauer als _Erzieher_ gepriesen. Wir finden: gerade
-_Lessing_, von dem wir nun Abschied nehmen, kann uns, dem einzelnen
-und dem ganzen Volke, gerade in heutiger Zeit ein Vorbild, ein
-Erzieher sein. Denn er vereinigte mit der Klarheit des Kopfes, die
-uns heute auch in der Philosophie gegenüber allen Schwärmereien und
-Rückwärtsereien so not tut, die Wärme des Gefühls, da wo sie am Platze
-ist, und die Fähigkeit des Willens zu festem, entschlossenem Handeln.
-
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-
-
-Herder
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-
-~A.~ Der junge Herder
-
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-1. Die Jugend
-
-1744 bis 1764 (Mohrungen, Königsberg)
-
-_Herders_ Persönlichkeit steht zu derjenigen Lessings im schärfsten
-Gegensatz. Lessing erscheint uns heute noch beinahe wie ein Mitstreiter
-unserer Geisteskämpfe, wenigstens der religiös-philosophischen.
-Und auch in denjenigen von ihm behandelten Gegenständen, die uns
-Modernen ferner liegen, bleibt er, allein durch seine unübertreffliche
-Fragestellung, immer fesselnd, frisch und lebendig. Dem Namen Herders
-gegenüber regt sich dagegen bei den meisten Heutigen nicht viel
-mehr als eine mehr oder weniger verschwommene Erinnerung, daß man
-einmal im Schulunterricht von ihm gehört, daß er unter anderem Goethe
-beeinflußt hat. Und doch hat auch Herder mächtig auf Zeitgenossen und
-Nachwelt gewirkt, war er vor allem in seiner Jugend ein Schriftsteller
-von geradezu erstaunlicher Schaffenskraft, auch im Mannesalter noch
-bedeutend, um dann freilich rasch zu einem verbitterten und grämlichen
-Alter herabzusinken.
-
-Gleich Lessing ist auch der anderthalb Jahrzehnte nach ihm, am
-25. August 1744 in dem zwischen Sumpf, Wald und See gelegenen
-ostpreußischen Städtchen Mohrungen geborene Johann Gottfried Herder
-ein großer, ja ein unbändiger Leser gewesen: schon daheim im
-elterlichen Lehrer- und Küsterhaus oder noch lieber auf einem Baume
-des Gartens oder am See und im Wald der Heimat. Und dann, während
-und nachdem er die höhere Stadtschule des rauhen, pedantischen
-Rektors Grim durchlaufen, in der dürftigen Schlafkammer im Hause
-des harten Diakonus Trescho, der die Arbeitskraft des stillen und
-träumerischen angehenden Jünglings in geisttötendem Abschreiberdienst
-ausbeutet, bis der bald Achtzehnjährige durch die Freundlichkeit
-eines russischen Regimentswundarztes namens Schwartz-Erler[11] aus
-dieser Fron erlöst und mit nach Königsberg genommen wurde. Hier erst
-atmet er geistig auf, läßt sich auf eigene Faust als Studiosus der
-Theologie einschreiben und lernt in dem Buchladen des Verlegers Kanter
-die Gelehrtenwelt der Hauptstadt kennen, während er sich sein Brot
-als junger, anregender Lehrer an demselben, heute noch bestehenden,
-»Friedrichskolleg« verdient, in dem ein Menschenalter zuvor Immanuel
-Kant acht unfruchtbare Schuljahre verbracht hatte.
-
-Dieser selbe _Kant_, jetzt achtunddreißigjähriger Magister an der
-Akademie, also noch nicht Mitglied der Fakultät, aber »für sich allein
-eine ganze Fakultät«, wie Rudolf Haym sagt, ist der erste große Geist
-gewesen, der einen nachhaltigen Einfluß auf das begeisterungsfähige
-Gemüt des jugendlichen Herder geübt hat. Wie gerade begabtere Jünglinge
-auf der Universität oft von einem einzigen hervorragenden Lehrer mehr
-Anregung empfangen als von allen anderen zusammen, so war es auch hier.
-Elf Tage nach seiner Immatrikulation, am 21. August 1762, sitzt er
-zum erstenmal zu den Füßen des schon damals beliebten Magisters, der
-gerade über den Zusammenhang von Geist und Körper spricht, sich über
-den Gespensterglauben in behaglicher Ironie ergeht und schließlich
-das Problem vom Dasein Gottes behandelt. Von Stund' an hörte er alle
-Vorlesungen des geliebten, auch poetisch von ihm gefeierten Weltweisen:
-Logik, Metaphysik, Moral, Mathematik, physische Geographie. Kant
-gewährte dem talentvollen, aber armen Studenten, der einmal auch des
-Philosophen Ideen über Zeit und Ewigkeit in Verse setzt, die dieser
-dann am nächsten Morgen mit Anerkennung seinen Zuhörern vorlas, den
-unentgeltlichen Besuch aller seiner Vorlesungen. Noch nach mehr als
-einem Menschenalter, in seinen Humanitätsbriefen (1795), hat der
-Dichter dankbar dieser Lehrstunden Magister Kants gedacht: »Ich habe«,
-sagt er dort, »das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der
-mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren, hatte die fröhliche
-Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein
-greisestes Alter begleitet. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war
-ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude. Die gedankenreichste
-Rede floß von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm
-zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang.
-Mit eben dem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff, Baumgarten, Crusius,
-Hume« -- die angesehensten Philosophen der Zeit -- »prüfte und die
-Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker verfolgte, nahm er auch
-die damals erscheinenden Schriften Rousseaus, seinen Emil und seine
-Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene Naturentdeckung auf, würdigte
-sie und kam immer zurück auf die unbefangene Kenntnis der Natur und auf
-moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte,
-Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen
-er seinen Vortrag und Umgang belebte. Nichts Wissenswürdiges war
-ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein
-Namensehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung
-und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum
-Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüt fremde. Dieser Mann, den ich
-mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist _Immanuel Kant_;
-sein Bild steht angenehm vor mir.«
-
-Diese Charakteristik des einstigen Lehrers ist für unseren Zweck
-auch deshalb von besonderem Wert, weil sie uns schon hier einen
-hervorstechenden Zug von Herders eigenem Philosophieren zeigt. Weniger
-die systematische Philosophie zieht ihn an, als die geistreiche, über
-alle Gegenstände des geistigen Lebens der Menschheit und die Natur in
-freier Rede sich ergehende Art des Lehrers, wie er denn schon damals
-sich selbst das Philosophische ins Dichterische übersetzte. So waren
-und blieben ihm denn auch von Kants Schriften diejenigen am liebsten,
-die am wenigsten philosophische Systematik enthielten: wie die populär
-geschriebenen »Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen«
-(1764) und die von ihm in einer Königsberger Zeitung besprochenen
-»Träume eines Geistersehers« (1766). Daneben ließ er sich durch Kant zu
-Hume und Rousseau leiten, von denen ihn der letztere in seiner Natur-
-und Gefühlsbegeisterung, der schottische Skeptiker in seiner Abneigung
-gegen metaphysische Spekulation bestärkte. Indessen schon in zwei 1767
-zwischen beiden gewechselten Briefen macht sich, bei aller Wärme in
-der Form, für ein feineres Auge doch bereits die allmählich zwischen
-Lehrer und Schüler sich öffnende Kluft -- dort Vernunft, hier Gefühl --
-bemerkbar.
-
-So sollte denn auch schon in der ostpreußischen Hauptstadt eine ihm
-kongenialere Persönlichkeit von völlig entgegengesetzter Natur einen
-noch stärkeren Einfluß auf des jungen Herder rasch aufloderndes
-Gemüt gewinnen. Es war der damals noch ohne festen Beruf in seinem
-Elternhause lebende sogenannte »Magus des Nordens« Johann Georg
-_Hamann_ (1730 bis 1788). In geradem Gegensatz zu seinem Landsmann
-Kant, stellt Hamann die Leidenschaft über die Vernunft, das persönliche
-Gefühl über den besonnenen Willen, Tradition und Geschichte über
-philosophische Abstraktion und den vieldeutigen Begriff des »vollen,
-strömenden _Lebens_« über den »leeren Wortkram«, die trockene
-»Schulfuchserei« und das »scholastische Geschwätz« der Philosophen.
-Dieser Herder rasch ans Herz gewachsene wunderliche Mensch sucht nicht,
-sondern _flieht_, wie Kühnemann treffend sagt, den Zusammenhang der
-Gedanken, bewegt sich grundsätzlich in Gedanken_sprüngen_. »Wahrheiten,
-Grundsätzen, Systemen«, so schreibt er selbst 1759 an seinen Freund
-Lindner, »bin ich nicht gewachsen.« Seine Sache sind vielmehr nach
-seinem eigenen Geständnis »Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle«. Gott
-verlangt von uns »keine Kopfschmerzen, sondern Pulsschläge«. So lebt
-und webt er in den oft willkürlichsten Einfällen, Ahnungen, Gefühlen.
-Demgemäß ist auch sein zwar geistvoller, aber durchaus sprunghafter,
-absichtlich in Dunkelheiten sich ergehender Stil.
-
-Im Mittelpunkt des Hamannschen Denkens steht, nicht ohne daß eine auf
-ein ziemlich übles Weltleben in London erfolgte plötzliche Bekehrung
-dazu beigetragen hätte, die rein gefühlsmäßig aufgefaßte Bibel. Daneben
-die Offenbarung Gottes in _Natur_ und _Geschichte_. Beide sind ihm
-nichts anderes als »verborgene« Chiffern, deren »Schlüssel« wir in
-der Heiligen Schrift finden, und schließlich auch in der _Sprache_.
-Voll seherischen Tiefblicks zeigt sich Hamanns Genie, wenn er in
-die Ursprünge des geistigen Lebens bei dem einzelnen wie bei ganzen
-Völkern, in die Anfänge und das Wachstum der Sprache, insbesondere
-der Poesie, dieser »Muttersprache des menschlichen Geschlechts«,
-hineinleuchtet. Er will, wie ein Jahrhundert später sein religiöser
-Gegenfüßler Friedrich Nietzsche, seine Leser nicht überzeugen, sondern
-erregen, unter sich zwingen.
-
-Und dieser Mann ist mehr als irgendein anderer fortan -- mit Ausnahme
-einer kurzen Zeit, von der wir noch sprechen werden -- von Einfluß auf
-den leicht erreg- und entzündbaren Herder geworden. In ihm fand er,
-wie seine Gattin in den »Lebenserinnerungen« bezeugt, »was er suchte
-und bedurfte: ein mitempfindendes, liebevolles, glühendes Herz, ...
-einen an Gemüt und Geist hohen, geweihten Genius. So trug er seinen
-Hamann im Herzen, die innigste Sympathie verknüpfte sie beide für Zeit
-und Ewigkeit.« Noch später in Weimar war es für ihn stets ein Festtag,
-so oft er einen Brief seines geliebten Hamann aus Königsberg, zuletzt
-aus Münster erhielt; »seine ganze Seele war bewegt, Freudentränen
-standen in seinen Augen.«
-
-
-2. Die literarisch-ästhetische Epoche
-
-1765 bis 1772 (Riga, Reiseleben, Straßburg)
-
-Zu Ende des Jahres 1764 begleitete der »Magus« den scheidenden
-jungen Freund bis zum Tore. Denn dieser hatte sich entschieden, eine
-Lehrstelle an der Domschule zu _Riga_ anzunehmen, wurde später dort
-auch ein gern gehörter Prediger, der echtes Deutschtum und echtes
-Menschentum -- auch heute noch keine Gegensätze! -- zu vereinen
-wußte und, in diesem Falle doch mit Hamann nicht identisch, ein
-Christentum von durchaus freier, humaner Form vertrat. Daneben
-aber begann jetzt seine, bisher nur in einzelnen Gedichten und
-Selbstniederschriften geübte, Schriftstellerei. Im Jahre 1767
-(kleinere Aufsätze müssen wir übergehen) erschienen, noch ohne seinen
-Namen, seine »Fragmente über die neuere deutsche Literatur«, 1769
-seine »Kritischen Wälder«. Diese beiden Schriften, die Herders Namen
-zuerst in den literarischen Kreisen bekannt machten, haben zwar große
-Bedeutung für die Literaturgeschichte, nicht in gleichem Maße aber
-für die Philosophie. Erinnert die erste schon in ihrem Titel an die
-Literaturbriefe Lessings, mit dem überhaupt Herder fast sein ganzes
-Leben hindurch in Zustimmung und Widerspruch sich beschäftigt hat, so
-sind die »Kritischen Wälder« in ihrem wichtigsten Teile eine Kritik und
-Weiterbildung des »Laokoon«. Gegenüber dem Allgemeingültigen, das für
-Lessing wie später für Kant die Hauptsache ist, betont Herder schon
-hier mit Vorliebe die Berechtigung des _Individuellen_ und historisch
-Gewordenen. Lessings Zweiteilung in Malerei und Poesie stellt er die
-Dreiteilung in bildende Künste, Tonkunst und Dichtkunst entgegen, die
-den drei Grundbegriffen: Raum, Zeit und _Kraft_ entsprechen. Von der
-Malerei wird bestimmter die Plastik abgegrenzt, der er auch eine
-besondere, freilich erst ein Jahrzehnt später veröffentlichte, Schrift
-gewidmet hat. Die Malerei ist die Kunst des Gesichts-, die Musik die
-des Gehör-, die Plastik die des Tastsinns, die Dichtkunst die der
-Phantasie.
-
-Schon aus diesen kurzen Andeutungen sehen wir, daß Herder reich an
-anregenden, zum Teil auch neuen Gedanken ist, ohne doch im eigentlichen
-Sinne selbstschöpferisch zu sein. Übrigens hält es seine unruhige,
-bewegliche und auch -- selbstbewußte Natur auf die Dauer nicht in
-der immerhin doch abgelegenen Baltenstadt. Er tritt im Mai 1769
-eine große Seereise nach dem Westen mit zunächst noch unbestimmtem
-Ziele an. Auf dieser Fahrt gibt er sich nun aber nicht etwa bloß,
-wie man denken könnte, dem Naturgenuß des freien Meeres hin, sondern
-schreibt in seinem noch erhaltenen _Reisetagebuch_ -- der »Meister«
-der gegenwärtigen »Schule der Weisheit« in Darmstadt Graf Keyserling
-hat also einen berühmten Vorgänger -- allerlei Bekenntnisse,
-Selbstschilderungen, Rückblicke in die Vergangenheit und Vorblicke
-in die Zukunft nieder, die nicht nur eine noch heute anziehende
-Lektüre bilden, sondern auch für das Verständnis seines innersten
-Wesens von Bedeutung sind. Einen besonders breiten Raum nimmt darin,
-seiner bisherigen praktischen Wirksamkeit entsprechend, das Problem
-der _Erziehung_ ein. Er entwirft mancherlei, für seine Zeit sehr
-fortgeschrittene Volksbildungspläne und Zukunftsschulentwürfe, die zum
-Teil heute noch unsere Gedanken beschäftigen: wie die stärkere Betonung
-der damals noch ganz zurücktretenden Realien, insbesondere Geschichte,
-Geographie und Naturkunde, Beginn mit französischem Unterricht an
-Stelle des alten scholastischen Lateinbetriebs. Er fordert lebendigen
-Lektüre- und anregenden Philosophieunterricht, dessen Methode, wie bei
-Rousseau und Kant, eine natürliche sein soll. Er träumt davon, der
-Bildungsreformator der Ostseeprovinzen, ja Rußlands zu werden, denkt
-auch an eine gründliche Reform der philosophischen Wissenschaften
-und »einen lebendigen Unterricht darin im Geiste Kants«. Und daneben
-an das, was dann auch wirklich seine philosophische Haupttat werden
-sollte: an eine zusammenfassende, auf völkerpsychologischer Unterlage
-ruhende _Philosophie_ der Menschheits_geschichte_; Montesquieu soll
-dabei sein Vorbild sein. In Paris lernt er den ihm in mancher Beziehung
-geistesverwandten Diderot kennen, studiert er bildende Kunst und
-Theater. Dann reist er über Holland und Hamburg, wo er vierzehn
-anregende Tage im Umgang mit Lessing verlebt und mit Matthias Claudius
-Freundschaft schließt, nach Eutin, um für drei Jahre Reisebegleiter
-eines dortigen sechzehnjährigen Prinzen zu werden. Mit ihm reist er
-über Darmstadt, wo er seine spätere Frau, die zwanzigjährige Karoline
-Flachsland, kennenlernt, nach Straßburg.
-
-Sein _Straßburger_ Aufenthalt, der ihn bald von der lästigen
-Reisebegleiterstellung löst, aber durch eine nötig gewordene Augenkur
-sich noch über ein halbes Jahr in die Länge zog, ist, seitdem Goethe
-ihn zum erstenmal in »Dichtung und Wahrheit« erzählt, mehr als
-hundertmal in seiner Wichtigkeit für unsere literarische Entwicklung,
-vor allem für die des jugendlichen Goethe, geschildert worden. Er
-ist in der Tat in dieser Hinsicht kaum zu überschätzen. War in der
-Schätzung Homers und Shakespeares Lessing schon vorangegangen, so
-hat doch erst Herder ihr freie Bahn gebrochen, vor allem aber im
-_Volkslied_ und der Volksdichtung überhaupt den Keim aller echten
-Poesie enthüllt. Der »Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und
-der Lieder alter Völker«, denen dann später die epochemachenden
-»Stimmen der Völker in Liedern« folgten, sowie die »Abhandlung über
-Shakespeare«, die beide 1773 in dem berühmten Hefte »Von deutscher
-Art und Kunst« veröffentlicht wurden, sind in jener Straßburger Zeit
-entstanden.
-
-Ins philosophische Gebiet gehört aus jener Zeit nur die aus Anlaß
-eines Preisausschreibens der Berliner Akademie Ende 1771 in wenigen
-Wochen niedergeschriebene Abhandlung »_Über den Ursprung der
-Sprache_«. Bis dahin gab es über diesen Gegenstand drei Theorien:
-1. die orthodox-kirchliche, daß die Sprache dem Menschen von Gott
-unmittelbar anerschaffen sei; 2. die seit Aristoteles bei den meisten
-Philosophen übliche, daß sie von den Menschen durch willkürliche
-Übereinkunft (»Konvention«) behufs gegenseitiger Verständigung
-eingeführt worden sei; dazu war neuerdings 3. die von dem französischen
-Sensualisten Condillac aufgestellte gekommen, wonach sie aus der
-tierischen sich allmählich entwickelt habe. Demgegenüber vertritt
-nun Herder einen neuen, vermittelnden Standpunkt. Der Ursprung der
-Sprache ist auch ihm kein willkürlich künstlicher, sondern ein
-natürlicher. Rein menschlich aber auch darin, daß die Sprache im
-engeren Sinne des Worts sich doch grundsätzlich von den uns mit den
-Tieren gemeinsamen bloßen Empfindungslauten unterscheidet. Sie ist
-erst mit der »Besinnung« des Menschen auf sich selbst, also mit dem
-Denken entstanden, wenn auch in allen ursprünglichen Sprachen noch
-Reste reiner Naturlaute sich finden. Ferner: je näher der Mensch noch
-dem Naturzustande steht, desto sinnlicher, aber auch poetischer ist
-seine Sprache; je stärker das bewußte Denken sich in ihm entwickelt,
-desto abstrakter (begriffsmäßiger) wird sie. Unter dem Einfluß des
-verschiedenen Klimas und der verschiedenen Lebensweise bildeten sich
-dann verschiedene Sprachen auf der Erde aus. Und so findet denn die
-Sprachenentwicklung und damit die gesamte Bildung der Menschheit
-im Zusammenhang mit der nach einem höheren Plane fortschreitenden
-Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt statt. Damit geht die
-_Sprach_philosophie in die später von uns besonders zu behandelnde
-Herdersche _Geschichts_philosophie über. Seine Abhandlung von 1772 aber
-hat in Deutschland den ersten Grund zu einer brauchbaren Sprachtheorie
-gelegt, auf der dann, mit Wilhelm von Humboldts Forschungen beginnend,
-allmählich die moderne Sprach_wissenschaft_ sich aufbauen konnte.
-
-Unterdessen hatte ihres Verfassers wechselvoller äußerer Lebensgang
-eine neue Wendung erfahren. Der Siebenundzwanzigjährige war im April
-1771 als Oberpfarrer und Konsistorialrat nach Bückeburg übergesiedelt.
-Damit beginnt eine neue Epoche seiner geistig-seelischen Entwicklung,
-eine
-
-
-3. Vorherrschend religiöse Periode
-
-1772 bis 1776
-
-In der kleinen Residenzstadt Bückeburg, zwischen einem aufgeklärten,
-aber donquichotteartigen Grafen, der sich durch seine Soldatenspielerei
-bekannt gemacht hat, und seiner gemütstiefen, pietistischen Gemahlin,
-seinen Amtspflichten noch fremd gegenüberstehend, ohne Freund, bis er
-im Mai 1773 seine Karoline als Gattin heimführt, fühlt sich Herder in
-den zwei ersten Jahren äußerlich wie innerlich vereinsamt. So macht
-er denn jetzt eine neue innere Wandlung durch. Der Aufsatz Ȇber den
-Ursprung der Sprache« hatte ihn der Aufklärung nahe gezeigt und
-deshalb auch das Mißfallen Hamanns erregt, mit dem daher ein beinahe
-dreijähriges Stocken des Briefwechsels eingetreten war. Jetzt wendet er
-sich zu ihm zurück und dem gleichgearteten Lavater in Zürich zu. Von
-nun an gründet er seine Weltanschauung ganz auf _religiöse_ Gedanken,
-die ihn von der strengen Wissenschaft abführen, seinen Schriften
-einen rein persönlichen Charakter geben, ihn oft in sich selbst sich
-zurückziehen lassen. Er entscheidet sich endgültig für den geistlichen
-Beruf, stellt gegenüber der »herzensarmen« und »gedankenlosen« Zeit
-sein Leben auf Gott, schreibt eine Reihe -- bezeichnenderweise sämtlich
-unvollendet gebliebener -- _theologischer_ Schriften.
-
-Wir lassen die rein theologischen, wie die fünfzehn »Blätter an
-Prediger« (1774), die »Erläuterungen zum Neuen Testament« durch
-Vergleichung mit der Lehre des altpersischen Zendavesta (1775) und
-»Maran Atha, das Buch der Zukunft des Herrn« (1779), eine Arbeit
-über die Offenbarung Johannis, beiseite und beschränken uns auf die
-merkwürdige »_Älteste Urkunde des Menschengeschlechts_« (1774 bis
-1776), womit die ersten Kapitel des ersten Buches Mose gemeint sind.
-Herder deutet sie nicht etwa rationalistisch, wie ein Jahrzehnt später
-Kant in seinem »Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte« und Kant
-nachfolgend Schiller es getan haben, sieht sie aber auch nicht als
-absolute göttliche Heilswahrheit an, sondern -- als ein wundervolles
-Beispiel morgenländischer _Natur_empfindung und zugleich urältester
-Offenbarung Gottes in der Natur. In Wahrheit liegt ihm zufolge dieser
-Moses zugeschriebenen, aber einer orientalischen Gesamtanschauung
-entstammenden Schöpfungsgeschichte das Bild eines -- werdenden Tages
-zugrunde und ist in den Anordnungen des uralten »Schöpfungslieds«
-eine geheime Bilderschrift, geteilt nach der heiligen Siebenzahl,
-versteckt! Wir gehen nicht weiter auf diese und andere Phantasien
-ein, die natürlich auch damals nur bei Hamann und seinem Kreise
-Bewunderung fanden, darunter auch bei dem jungen Goethe, der begeistert
-über den Verfasser schrieb: »Er ist in die Tiefen seiner Empfindung
-hinabgestiegen, hat darin alle die hohe, heilige Kraft der simpeln
-Natur aufgewühlt und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem,
-hier und da morgenfreundlich lächelndem orphischem Gesang vom Aufgang
-herauf über die weite Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut (!) der
-neueren Geister, De- und Atheisten, Philologen, Textverbesserer,
-Orientalisten usw. mit Feuer und Schwefel und Flutsturm ausgetilgt!«
-Übrigens sind auch Herders übrige theologische Schriften dieser Epoche
-gegen die liberale Zeittheologie gerichtet.
-
-Ja, selbst seine ihrem Titel nach ins philosophische Feld schlagenden
-Schriften der siebziger Jahre sind tief in diesen Geist getaucht.
-So die 1774 anonym erschienene Abhandlung »_Auch eine Philosophie
-der Geschichte zur Bildung der Menschheit_«, nur daß sie in der Form
-der Denkweise »ungläubiger« Leser angepaßt ist. Im Gegensatz zu
-der sonstigen Geschichtsphilosophie des Jahrhunderts faßt sie den
-Gesamtgang der geschichtlichen Entwicklung als einen »Gang Gottes durch
-die Nationen«, als einen göttlichen Erziehungsplan auf; in letzterem
-Bilde mithin Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts« verwandt,
-aber viel gefühlsmäßiger als dieser. Ein fruchtbarer Gedanke aber ist
-jedenfalls darin enthalten. Gegenüber einem Skeptizismus, der überhaupt
-jeden tieferen Sinn in der historischen Entwicklung vermißte, und der
-Ansicht der Aufklärer andererseits, die sozusagen prinzipiell einen
-Fortschritt in ihr erblicken wollte, vertritt Herder, obwohl auch er
-einen Fortschritt durchaus nicht leugnet, den wahrhaft geschichtlichen
-Gedanken: Jedes Volk und jede Zeit hat seinen (ihren) Mittelpunkt in
-sich selbst und ist nur um ihrer selbst willen da. Die verschiedenen
-Epochen werden, wobei es freilich ohne Künstlichkeiten nicht abgeht,
-mit den Lebensaltern des Einzelmenschen: Kindheit, Knaben-, Jünglings-,
-und Mannesalter, verglichen. Auch das von der Aufklärung, ja selbst
-Kant, durchweg als »finster« betrachtete Mittelalter wird zum erstenmal
-nach seinen wertvollen Seiten (»Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit
-und Bürgerstärke«) gewürdigt; während gegen die Gegenwart der Vorwurf
-der Mechanisierung des gesamten Daseins, der Erstickung alles wahrhaft
-Menschlichen erhoben wird. Gebt uns statt der bloßen Ausbildung
-des Verstandes, der Papierkultur: »Herz! Wärme! Blut! Menschheit!
-Leben!« Dabei alles im echten Sturm- und Drangstil, in abgerissenen
-Sätzen, mit dunklen Andeutungen, ahnenden Ausblicken und vielen
-Ausrufungszeichen geschrieben. Ein Vorläufer des späteren großen
-geschichtsphilosophischen Werks, aber noch in durchaus schwärmerischem
-Gewande.
-
-Endlich entwirft Herder in diesem Jahr auch eine allerdings erst 1778
-abgeschlossene _Psychologie_: »Vom _Erkennen_ und _Empfinden_ der
-menschlichen Seele«, mit dem bezeichnenden Untertitel: »Bemerkungen
-und Träume«. Äußerlich ist sie wieder, wie so manche bedeutsame
-Abhandlung der Zeit (von Rousseau, Kant, Lessing, Mendelssohn), durch
-eine akademische Preisfrage veranlaßt. Natürlich wird das Empfinden
-als das allein ursprüngliche, daher innige und tiefe Element über die
-daraus nur abgeleitete Erkenntnis gestellt. Zwischen Körper und Seele
-existiert keine Scheidewand; beide stellen eine nur immer feinere
-»Hinaufläuterung« der Gotteskraft dar. Auf diese ganz Hamannsche
-Weise wird -- für uns auf den ersten Blick sehr auffallend -- eine
-fast mystisch begründete Seelenlehre dennoch mit der _Physiologie_
-verbunden, wie damals der berühmte, zugleich fromme und poetische
-Albrecht von Haller sie lehrte. Von den einfachsten Elementen, den
-Reizen, aufsteigend, verfolgt dann Herder den gesamten Aufbau des
-seelischen Lebens, freilich nach seiner uns nun schon bekannten Art
-ohne jede Schärfe der Grundbegriffe. Vielmehr sind ihm Sinnlichkeit,
-Anschauung, Glaube, Gefühl die eigentlichen Grundkräfte der
-menschlichen Seele; Biographien, vor allem Selbstbiographien, und
-Dichter die besten Fundgruben psychologischer Erkenntnis. Denken,
-Wollen und Fühlen -- welche eine kritische, wissenschaftliche
-Psychologie auseinanderzuhalten sich bemüht --, ihm sind sie alles
-dasselbe, alle drei bloß Stufen einer einzigen Kraft: der Energie
-unserer Seele. Von »reinen Grundsätzen«, wie kurz darauf Kant sie
-aufstellte, hält Herder nichts. Die höchste Vernunft und, was damit
-gleichgesetzt wird, das »reinste göttliche Wollen« stellt die »Liebe«
-dar. Und dann folgt, am Schluß des ersten Teiles, der ihn plötzlich als
--- Spinozisten enthüllende Satz: »Wollen wir dieses nicht dem heiligen
-Johannes, so mögen wir's dem ohne Zweifel noch göttlicheren (!) Spinoza
-glauben, dessen Philosophie und Moral sich ganz um diese Achse beweget.«
-
-Der zweite Teil bringt verhältnismäßig wenig Neues hinzu.
-Bloßes Spekulieren, heißt es dort, stumpft die Seele, bloßes
-Sentimentalisieren das Herz ab; beide gehören vielmehr zusammen und
-müssen sich unterstützen, wie es im klassischen Altertum gewesen sei.
-
-Gewiß, auch Lessing hatte sich, wie wir wissen, auf das klassische
-Altertum, auf das Testament Johannis und auf Spinoza berufen, aber
-auf ganz anderem Untergrund als dem des bloßen Gefühls. Für Herder
-dagegen sind sogar Charakter und _Genie_ dasselbe. »Genie oder (!)
-Charakter« heißt ihm jede lebendige, eigenartige Menschenart. Kurz,
-er hat, zusammen mit Hamann, in diesen Schriften eigentlich das
-theoretische Programm der Genieperiode jener siebziger Jahre, in der
-sie entstanden ist, entwickelt. Sie tragen, wie Kühnemann richtig
-bemerkt, einen durchaus »faustischen« Charakter, erinnern an den Faust
-der ersten Monologe, die ja wohl auch in ihrer Urgestalt ungefähr
-zur selben Zeit entstanden sind, mit seinem Überdruß gegenüber
-der bloßen Wortgelehrsamkeit, mit seinem Drängen nach urwüchsiger
-Natur und Schöpferkraft, zum Schauen und Gefühl. Ja, man kann sogar
-deutliche Parallelen im Ausdruck zwischen jenen ersten Faustszenen
-und den Herderschen Schriften dieser Jahre feststellen. Trotzdem ist
-von solchen Ähnlichkeiten in Gedanken und Ausdruck immer noch ein
-weiter Weg bis zu der merkwürdigen These Günther Jacobys, der in einem
-beinahe 500 Seiten zählenden Buche »Herder als Faust« (Leipzig 1911, F.
-Meiner), übrigens mit viel Geist und Belesenheit zu begründen versucht
-hat: nicht etwa bloß (was auch wir vielleicht zu unterschreiben geneigt
-wären) Herdersche Gedanken seien in weitem Maße in jenen Teilen des
-Urfaust enthalten, sondern geradezu _Herder_ sei _Faust_, d. h. _seine_
-inneren und äußeren Erlebnisse seien in dem Faust des ersten Teils,
-wenigstens bis zur Szene in Auerbachs Keller, enthalten. Ich empfehle,
-obschon ich die These selbst ablehne, doch den Lesern, die sich für das
-Problem interessieren, das wenig bekannt gewordene Buch zum Studium.
-
-Beide letztbesprochenen Schriften Herders aber, »Auch eine Philosophie«
-und »Vom Erkennen und Empfinden«, sind trotz ihres rein philosophischen
-Titels im letzten Grunde religiöser Art: nur daß in der ersten die
-allem Erdgeschehen zugrunde liegende Gottheit in der geschichtlichen
-Entwicklung, in der zweiten im menschlichen Einzelwesen und seinem
-Denken und Fühlen sich offenbart. Beide sind sie jünglinghafte
-Vorläufer der beiden Hauptwerke aus Herders Reifezeit, die ihn
-philosophisch auf der Höhe seiner Entwicklung zeigen: der »Ideen zur
-Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784 ff.) und der Gespräche
-über »Gott« (1786).
-
-
-
-
-~B.~ Die Höhezeit
-
-
-Am 1. Oktober 1776 waren Herders in die Stadt an der Ilm eingezogen.
-Aber er fühlte sich in der neuen Umgebung in den nächsten Jahren noch
-wenig wohl: vielmehr mannigfach eingeengt durch die zeitraubenden
-Geschäfte seines Generalsuperintendentenamtes wie durch die Rücksichten
-auf den Hof. Auch zu dem jungen Herzog, der ihn gerufen, ergab sich
-keine erquickliche Stellung, vor allem aber nicht zu Goethe, der doch
-diesen Ruf bewirkt, und der ihm jetzt in seinem kraftgenialischen
-Treiben allem Lebensernste abgewandt schien, während Goethe in Herder
-den ewig krittelnden Theologen erblickte.
-
-In die ersten Weimarer Jahre fallen nur literarische Aufsätze, die wir
-hier übergehen müssen. 1780/81 erscheinen seine bedeutsamen »_Briefe,
-das Studium der Theologie betreffend_«, ein Erziehungsbuch für künftige
-Geistliche. Sie wollen keinen Wissensstoff vermitteln, sondern zur
-religiösen Persönlichkeit heranbilden. Die beiden ersten der vier Teile
-des Buches handeln vom Alten und Neuen Testament, aber in durchaus
-undogmatischem Sinne. Man soll die Bibel »menschlich« lesen, d. h. so
-einfach und natürlich wie irgend ein anderes Buch. Zugleich nähert
-er sich wieder der Wissenschaft: die jungen Theologen sollen die
-Hilfsmittel der Sprachwissenschaft und der historischen Kritik nicht
-verachten; freilich wird auch ihr Einklang mit dem wahren Glauben
-hervorgekehrt. Dessen Kern ist die Persönlichkeit Jesu, der die volle
-Offenbarung von Gottes Erziehungsplan mit der Menschheit und zugleich
-das unendliche, vor jedem vor uns liegende Ziel darstellt. So ist denn
-auch der dritte Teil, die »Dogmatik«, ganz undogmatisch, der Geist des
-Christentums steht über allem Streit und Hader, erweist sich in Taten
-der Liebe.
-
-In den beiden nächsten Jahren (1782 und 1783) folgt dann das glänzende
-Buch »_Vom Geist der hebräischen Poesie_«, das man nicht ohne Grund
-als ein Seitenstück zu Winckelmanns Würdigung des Griechentums,
-nämlich als erste tiefere Würdigung des morgenländischen Geistes
-bezeichnet hat. Die Rückwendung zur Philosophie aber und zugleich
-sein bedeutendstes philosophisches Werk wird veranlaßt durch das an
-Goethes vierunddreißigstem Geburtstag (28. August 1783) neu beginnende
-Freundschaftsverhältnis zu diesem. _Goethe_ steckte damals tief in
-naturwissenschaftlichen Studien, von dem Streben getragen, die gesamte
-Natur in ihrer lebendigen Einheit zu erfassen, bis sie zuletzt im
-Menschen zum Bewußtsein ihrer selbst und ihres Schaffens gelangt.
-Das paßte so recht zu Herders Grundgedanken. Und so kann man wohl
-verstehen, wie beide sich in jener Zeit durch gegenseitiges geistiges
-Geben und Nehmen täglich gefördert fühlten; wie denn Goethe von ihren
-damaligen Unterhaltungen noch nach Jahren mit Wohlgefallen berichtet:
-»Unser tägliches Gespräch beschäftigte sich mit den Uranfängen der
-Wassererde und der darauf von alters her sich entwickelnden organischen
-Geschöpfe. Der Uranfang und dessen unablässiges Fortbilden ward immer
-besprochen und unser wissenschaftlicher Besitz durch wechselseitiges
-Mitteilen und Bekämpfen geläutert und bereichert.« Aus solchen
-Gesprächen entstand dann Herders größtes und reifstes Werk, dessen
-erster Teil bereits im folgenden Jahre (1784) herauskam, die
-
-
-1. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
-
-Es liegt in der Natur der Dinge, daß jemand, der eine
-Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit in großem Stile zu
-entwerfen versucht, weiter ausholt und der Menschheitsgeschichte eine
-solche der belebten und unbelebten Natur vorausschickt. So hat Kant
-seine Philosophie der Entwicklung -- denn eine solche verbirgt sich
-trotz alledem hinter seiner kritischen Philosophie -- mit seiner
-bekannten großartigen Weltentstehungslehre begonnen, um von da zu
-geologischen und geographischen Studien fortzuschreiten, von ihnen
-zur Anthropologie und zuletzt erst zu geschichtsphilosophischen
-Abhandlungen überzugehen. Ähnlich beginnt ein Jahrhundert später
-Herbert Spencer seine großgedachte Entwicklungslehre mit der
-Philosophie des Unorganischen, um daran nacheinander die Prinzipien der
-Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethik zu schließen.
-
-So setzt denn auch Herder mit astronomischen Betrachtungen ein;
-sein erster Satz lautet: »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«.
-Immerhin ist es doch etwas stark, daß der ganze erste Teil mit
-seinen fünf Büchern noch nichts vom eigentlichen Thema enthält, ja
-selbst die weiteren fünf Bücher des zweiten Teils nur eben bis zur
-wirklichen Menschheitsgeschichte heranführen. Vielmehr behandelt Buch
-1 astronomische, geologische und physisch-geographische Fragen, Buch
-2 und 3 solche der Biologie des Pflanzen- und Tierreichs, wie man
-damals auch in der Sprache der Wissenschaft noch sagte. Allerdings
-von vornherein im Vorausblick auf die »Krone der Schöpfung«, den
-Menschen. Wie die Erde ein Mittelgeschöpf unter den Planeten, so
-stellt der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde dar.
-Keine Frage, daß dieser das Ganze durchziehende Grundgedanke der
-_Entwicklung_ äußerst fruchtbar ist, daß auch im einzelnen reiche
-gedankliche Anregungen gegeben, daß insbesondere der zu seiner Zeit
-im Grunde ja noch gar nicht bestehenden geographischen Wissenschaft
-neue, fruchtbare Aufgaben gestellt werden. Auch der modernen
-Abstammungslehre, dem _Darwinismus_, steht Herder bis zu einem gewissen
-Grade nahe. Er betont immer wieder, daß die Pflanzen und die Tiere
-nach einem Urtypus gebildet seien, somit ein Exemplar das andere
-erkläre, daß eine Stufenleiter der auftretenden Unterschiede bestehe
--- man erinnere sich der gleichzeitigen »Metamorphose der Pflanzen«
-und Entdeckung des Zwischenkieferknochens durch Goethe --, und daß
-die verschiedenen Lebewesen _nach_einander aufgetreten seien. Er
-nimmt auch, wie übrigens schon der alte Grieche Heraklit und unser
-Walter von der Vogelweide, einen Kampf ums Dasein an: »alles ist im
-Streit gegeneinander, weil alles selbst bedrängt ist«. Und er teilt
-auch den Gedanken der Anpassung: daß nämlich die Formen des Lebenden
-den gegebenen Bedingungen sich umwandeln. Indessen halten sich nach
-seiner Meinung doch die durch äußere Einflüsse bewirkten Abänderungen
-in verhältnismäßig engen Grenzen. Vor allem wird, trotz gelegentlicher
-poetischer Sätze, wie: »der Menschen ältere Brüder sind die Tiere«, der
-Mensch vom Tiere scharf abgegrenzt. Als der grundlegende Unterschied
-wird übrigens nicht etwa, mit der heutigen Naturwissenschaft, das
-verschiedene Gehirngewicht (das auch Herder schon kannte), angegeben,
-sondern die aufrechte Stellung, die ihm die Hände frei machte und somit
-zu aller Kultur führte.
-
-Denn auf den Menschen und seine Kultur ist doch durch die »Vorsehung«
-von Anfang an alles abgezielt. Der Mensch ist, wie die sieben Kapitel
-des vierten Buches nacheinander ausführen, zur Vernunfttätigkeit, zur
-Kunst und Sprache, zu feineren Trieben und zur Freiheit, zu längerer
-Lebensdauer und stärkster Verbreitung über die Erde organisiert, zur
-Humanität, Religion und Hoffnung auf Unsterblichkeit gebildet. Ja, der
-heutige Mensch bildet höchstwahrscheinlich keinen Abschluß, sondern
-bloß einen Anfang. Denn, wie auf unserer Erde eine Reihe aufsteigender
-Formen und Kräfte herrscht, die auf einen zusammenhängenden
-Fortschritt hinzielen, so ist selbst unsere Humanität nur die »Knospe
-zu einer zukünftigen Blume«, und der jetzige Zustand der Menschheit
-»wahrscheinlich das verbindende Mittelglied zweier Welten«.
-
-Was den modern denkenden Naturwissenschafter von heute außer dem
-poetischen Stile an diesen Gedanken stört, ist das beständige
-vorzeitige Hineintragen von teleologischen, d. h. Zweckgedanken, des
-Wozu? in die naturwissenschaftliche Forschung, die doch zunächst nach
-Ursache und Wirkung der Dinge zu fragen hat. Aber diese teleologischen
-Gedankengänge lagen in der Zeit; von ihnen, von dem beständigen
-Einmischen der »Vorsehung« in den Natur- und Geschichtsverlauf, sind
-auch Lessing, Schiller und Goethe nicht frei. Mehr noch stört, mich
-wenigstens, die allzu gefühlsmäßige Art, die Herders ganzes Werk
-durchzieht und, wie wir es freilich nach allem Bisherigen von ihm
-erwarten mußten, Empfindungen allzuoft an Stelle von Gedanken setzt.
-
-Das hielt doch auch schon ein zeitgenössischer Denker dem »geistreichen
-Verfasser« entgegen. Es war kein Geringerer als Immanuel Kant, der
-(zunächst anonym) am 4. Januar 1785 in der »Jenaischen Allgemeinen
-Literaturzeitung« eine ausführliche Besprechung des ersten Teils von
-Herders Werk veröffentlichte.[12] Er gab dem Leser -- wie es Pflicht
-jedes wahrheitsliebenden Rezensenten ist -- ein objektives Bild des
-Herderschen Gedankenganges. Er ließ auch den schriftstellerischen
-Vorzügen seines einstigen Schülers alle Gerechtigkeit widerfahren,
-rühmte den »vielumfassenden Blick«, ja das »Genie« des »sinnreichen
-und beredten« Verfassers, seinen Scharfsinn in Auffindung von
-Ähnlichkeiten, die Kühnheit seiner Phantasie, den »großen
-Gedankengehalt«, die bei einem Theologen seltene Vorurteilslosigkeit
-des Denkens und im einzelnen »manche ebenso schön gesagte als edel und
-wahr gedachte Reflexionen«. Allein er vermißt, wie uns dünkt mit Recht,
-die von einem Philosophen zu erwartende »logische Pünktlichkeit in
-Bestimmung der Begriffe« und »sorgfältige Unterscheidung und Bewährung
-der Grundsätze«. Er kennzeichnet die Hauptzüge von Herders Wesen: das
-warme Gefühl, die durchaus persönliche Art, den dichterischen Stil,
-das Schwelgen in Bildern und Gleichnissen als ebensoviel Schwächen des
-_Philosophen_.
-
-Herder aber empfand die Kritik Kants als hämisch und platt, als
-»schief« und »umkehrend«. Und diese Empfindung wurde durch die
-lehrhafte Schlußermahnung, er möge »seinem lebhaften Genie« künftig
-»einigen Zwang auferlegen«, da die Aufgabe der Philosophie »mehr
-im Beschneiden als im Treiben üppiger Schößlinge« bestehe, er
-solle daher weniger durch Winke, Mutmaßungen und Gefühle als durch
-wissenschaftliche Beobachtung und behutsame Vernunft zu wirken suchen,
-keineswegs in ihm abgeschwächt. Wütend schrieb er einem Freunde: »Ich
-bin vierzig Jahre alt und sitze nicht mehr auf seinen metaphysischen
-Schulbänken.« Und die begeisterte Zustimmung seiner Freunde bestärkte
-ihn darin. Nur Hamann nahm den ihm persönlich bekannten Königsberger
-Denker dem Freunde gegenüber in Schutz, während Knebel in dem
-Rezensenten einen »gelehrten Esel« und eine »lichtscheue Fledermaus«
-erblicken wollte! Mit einer »Widerlegung« Kants in Wielands Teutschem
-Merkur sprang auch ein Anonymus ihm bei, der sich dann als Wielands
-Schwiegersohn K. L. Reinhold entpuppte und bald darauf in einen
-begeisterten Anhänger Kants verwandelte.
-
-Im Herbst 1785 erschien dann der _zweite_ Teil der »Ideen«. Auch er
-beschäftigt sich, mit Ausnahme des einleitenden sechsten Buches,
-das eine Art »Physiognomik«, also äußere Charakterisierung der
-verschiedenen Menschenzweige (von Rassen will er nichts wissen)
-entwirft, durchaus noch mit allgemeinen Problemen: insbesondere mit
-der Wechselwirkung der inneren (Herder: »genetischen«) Kräfte der
-Völker und ihrer äußeren, namentlich klimatischen Lebensbedingungen.
-Jedes Volk besitzt einen einheitlichen Charakter, der eine besondere
-Offenbarung der überall wirkenden göttlichen Kraft darstellt. Je
-nach Klima und Bedürfnissen verändern sich auch der Gebrauch der
-Sinne, die Phantasie, der praktische Verstand, die Empfindungen und
-Triebe, die Begriffe von der Glückseligkeit, dazu tritt überall der
-überwiegende Einfluß von Überlieferung und Gewohnheit. Das alles
-wird mit zahlreichen anschaulichen Beispielen vom Naturzustand an
-bis zur geschichtlichen Entwicklung belegt. Die Philosophie der
-Menschheitsgeschichte besteht nicht in der Betrachtung der äußeren
-Weltbegebenheiten, sondern in der Philosophie der Kultur und der
-bildenden Kräfte der Menschheit, so wie sie sich geschichtlich
-entfaltet haben. So setzt Herder hier seine sprachphilosophischen
-Erörterungen (S. 71 f.) fort und untersucht die Entstehung der Künste
-und Wissenschaften.
-
-Besondere Mühe hat ihm -- wir kommen damit zu Herders
-
-
-politischen Anschauungen
-
--- das Kapitel vom Staate (den »Regierungen«, wie er es nennt)
-gemacht; er hat es unter Goethes Einfluß nicht weniger als dreimal
-umgearbeitet, auch in seinen übrigen Schriften sich am seltensten
-darüber geäußert. Die Politik lag seinem gefühlsmäßigen Denken
-offenbar nicht. Auf diesem Gebiet ist er auch in den extremsten, ja
-wir dürfen sagen: rückständigsten individualistischen Vorstellungen
-befangen. Die Natur, und sie ist für ihn das Bestimmende, erschafft
-bloß Familien und Völker, keine Staaten. Alle Regierungen verdanken
-der Not und dem Krieg ihren Ursprung und sind lediglich um dieser Not
-willen da. Es wird unseren Lesern vielleicht nicht unsympathisch sein,
-wenn er bei dieser Gelegenheit gegen die einseitige, aber bis in die
-jüngste Zeit auch bei uns noch vorherrschend gewesene Bewunderung der
-Kriegshelden zu Felde zieht; so sagt er in starker Übertreibung einmal:
-die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts,
-gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen! Ebenso werden wir
-seinen Kampf gegen jede Art von Despotismus, sein wahrhaft christliches
-Eintreten für die Idee des ewigen Friedens, seine Auslegung des
-»Gottesgnadentums«, wonach die Fürsten sich der ihnen von der Vorsehung
-verliehenen Herrscherstellung durch eigene Mühe erst würdig machen
-müssen, voll anerkennen. Auch sein, des Theologen, Eintreten für die
-völlige Freiheit der wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen
-Betätigung, gegen jede Art von Knebelung der Wissenschaft durch
-»Inquisition« oder Zensur. Manche Theologen von heute könnten sich ein
-Muster daran nehmen!
-
-Um so mehr zu bedauern und höchstens durch die damaligen politischen
-Zustände erklärlich ist es, daß er den Wert des _Staates_ noch so wenig
-erkennt, daß er ihm bloß als eine künstliche Maschine erscheint. Wenn
-Herder in der Glückseligkeit der einzelnen den Endzweck der Menschheit
-sah, so fragte ihn Kant in seiner Besprechung des zweiten Teils der
-»Ideen« mit Grund: ob er denn etwa das Wohlbehagen der im bloßen
-Genusse, wie glückliche Rinder oder Schafe, dahinlebenden Bewohner
-der schönen Südseeinsel Tahiti als höchstes Ziel der Menschheit
-betrachte? Ein Ziel, dem Kant sein eigenes Ideal einer »nach Begriffen
-des Menschenrechts geordneten Staatsverfassung« gegenüberstellte.
-Von einer Antwort Herders auf diese Frage ist uns nichts bekannt.
-Dieser hatte seinerseits, ohne Kants Namen, dessen in seiner ersten
-geschichtsphilosophischen Schrift »Idee zu einer allgemeinen Geschichte
-in weltbürgerlicher Absicht« (1784) aufgestellten Satz angegriffen,
-daß die Naturanlagen des Menschen nicht im Individuum, sondern in
-der Gattung zu vollständiger Entwicklung zu kommen bestimmt seien.
-Auch dies weist der kritische Philosoph in seiner Besprechung mit
-überlegener Ruhe zurück.
-
-Wir werden auf Herders politische Ansichten bei seiner Stellung zur
-Französischen Revolution noch einmal kurz zu sprechen kommen. Hier sei
-nur um der Vollständigkeit willen noch erwähnt, daß das letzte (zehnte)
-Buch des zweiten Teiles die mehr geographische Frage der Urheimat des
-Menschengeschlechts erörtert, die er in Asien findet. Auch kommt er
-bei dieser Gelegenheit auf seine »Älteste Urkunde« (S. 73) und deren
-Zuverlässigkeit zurück. Er geht sogar so weit, mit der mosaischen
-Überlieferung als Tatsache anzunehmen, höhere Geister (die Elohim)
-hätten den ersten Menschen die Sprache gelehrt!
-
-Erst der dritte, Ostern 1787 erschienene Teil des Werkes geht dann
-zur eigentlichen Geschichte über. Er beschäftigt sich zunächst mit
-den Völkern Ost- und Südasiens, sodann mit Vorderasien und Ägypten,
-darauf mit der griechischen Kultur und zum Schluß mit der ihm weniger
-liegenden römischen Geschichte. Mit jener genialen Nachempfindung,
-die von jeher seine Stärke war, die Lücken der damaligen
-Geschichtsforschung und Völkerkunde ersetzend, weiß er von jedem dieser
-Völker ein charakteristisches Bild zu entwerfen. Die Hebräer treten in
-diesen Jahren des Geistesbundes mit Goethe gegenüber ihrer früheren
-Vorzugsstellung zurück. Im vollen Glanze seiner Schönheit erscheint
-dagegen das Griechentum. Das farbenreiche Gemälde der altgriechischen
-Sprache, Religion, Kunst, Sitte und Politik gehört zu den glänzenden
-Partien des Werks.
-
-Seinen Abschluß erhält der dritte Band wieder durch eine Reihe
-allgemeiner Ausführungen (Buch 15), welche die Ergebnisse des
-Bisherigen und so eigentlich die Summe seiner Geschichtsphilosophie
-ziehen. Die gesamte Menschheitsgeschichte erscheint hier als »eine
-reine _Natur_geschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach
-Ort und Zeit«. Die Philosophie der Endzwecke, die Frage des _Wozu_?
-statt des _Woher_? wird jetzt ausdrücklich abgewiesen. Trotz alledem
-waltet in der Geschichte ein tiefer Sinn und Zweck. Dieser Zweck ist,
-wir wissen es schon und hören es hier aufs neue, die _Humanität_. Wie
-in der äußeren Natur, so dienen auch in der Geschichte die zerstörenden
-Kräfte letzten Endes den erhaltenden. Der Gang der Geschichte ist
-zwar voll abgerissener Ecken, voll aus- und einspringender Winkel,
-aber er führt im ganzen doch vorwärts. »Es ist«, so schließen diese
-Betrachtungen, »keine Schwärmerei, zu hoffen, daß, wo irgend Menschen
-wohnen, einst auch vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen
-werden; glücklich nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die
-gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen Brudergeschlechts.«
-
-Damit wird freilich, wie Herders Biograph Rudolf Haym (II, 236) richtig
-bemerkt, die Geschichtsphilosophie zum frommen Glauben, das Naturgesetz
-zum moralischen Gebot, das Herder denn auch etwas verschwommen also
-formuliert: »Der Mensch sei Mensch, er bilde sich seinen Zustand nach
-dem, was er für das Beste erkennt.« So wird der letzte Zweck der
-Geschichte, den Herder ja freilich nur in der Glückseligkeit der
-einzelnen erblickt, _sittliche Aufgabe_ des Menschen: eine an sich
-richtige Erkenntnis, die nur nicht, wie es in den »Ideen« geschieht,
-mit der naturwissenschaftlichen Darstellung dieser Geschichte vermischt
-werden darf.
-
-Über den erst 1791 veröffentlichten _vierten_ und letzten Teil der
-»Ideen« können wir uns kurz fassen. Er leitet zu der Geschichte
-des Mittelalters über, die er dann in knapper Übersicht schildert.
-Das Bedeutendste darin ist die außerordentlich scharfe _Kritik_
-des _Christentums_ und seiner Hierarchie im 17. bezw. 19. und die
-Schilderung des Endes dieser Zeit im 20. Buche. Das Christentum
-erscheint, offenbar wieder unter Goethes Einfluß, in wesentlich
-anderer, ungünstigerer Beleuchtung als in der Bückeburger Periode.
-Es ist fast, als ob ein Aufklärer diesen Abschnitt geschrieben
-hätte. Vorangestellt wird die Person Jesu in ihrer rein menschlichen
-Größe. Dann aber in den stärksten Gegensatz zu der Religion Jesu die
-»Religion _an_ dich« (Lessing und Kant: die Religion _über_ Christus)
-gestellt, die an die Stelle »deines lebendigen Entwurfs zum Wohl der
-Menschen« die »gedankenlose Anbetung deiner Person und deines Kreuzes«
-setzte: der »trübe Abfluß deiner reinen Quelle«. Die berühmte dunkle
-Schilderung der _mittelalterlichen Kirche_, die ein Jahr später Kant
-zu einem anderthalb Seiten langen Satze seiner »Religion innerhalb der
-Grenzen der bloßen Vernunft« formte, wird in dem ausführlichen Kapitel
-des Generalsuperintendenten der evangelischen Kirche Sachsen-Weimars
-noch überboten. Schon in der ersten christlichen Zeit die »jüdische
-Dialektik« des Apostels Paulus, die Auffassung der Welt als eines
-großen Hospitals und der Kirche als Almosenkasse. Dann die Folgsamkeit
-der unmündigen Laienschaft, die endlosen elenden Lehrstreitigkeiten,
-die Konzile und Synoden, vielfach »eine Schande des Christentums und
-des gesunden Verstandes«, der »fromme Betrug« zum Prinzip erhoben, die
-Ausartung der Taufe in eine Teufelsbeschwörung, des Abendmahls zum
-»sündenvergebenden Mirakel«, zum »Reisegeld in die andere Welt«. Später
-das dem Geist Christi ganz fremde widersinnige Mönchs- und Nonnentum;
-schließlich das »zweiköpfige Ungeheuer« des Staatschristentums (das ja
-erst zu unseren Zeiten allmählich aus Europa zu weichen beginnt. K.
-V.).
-
-Sodann wird die Vermischung des Christentums mit einem Meer
-andersartiger Anschauungen: der morgenländischen, griechischen,
-lateinischen und zuletzt dem Geiste der germanischen Barbaren verfolgt,
-wodurch es in der Tat jedesmal eine andere Form angenommen hat (was
-man bis zur Gegenwart fortsetzen könnte. Wo bleibt da das »Wesen« des
-Christentums? K. V.). Gewiß, er _bedauert_ es, sein früheres Lob des
-Mittelalters -- man denke an die Bückeburger Zeit! -- einschränken
-zu müssen. Er erkennt auch den relativen Wert mancher hierarchischen
-Einrichtungen an; er weilt gern in der »schauerlichen« Dämmerung
-der ehrwürdigen mittelalterlichen Dome. Allein er schätzt sie im
-besten Falle doch nur als eine »grobe Hülse der Überlieferung«,
-die von der Kraft und dem überlegenden Verstand derer (die großen
-Päpste des Mittelalters!) zeugen, die »das Gute in sie legten«. Aber
-einen bleibenden Wert besitzt sie nicht: »wenn die Frucht reif ist,
-zerspringt die Schale«.
-
-Und so schildert denn das letzte Buch (20) das Heraufziehen einer neuen
-Zeit: nach dem Rittergeist und der »heiligen Narrheit« der »tollen«
-Kreuzzüge das Erwachen des Handelsgeistes in den Städten Norditaliens
-und der Hansa, das Entstehen eines Bürgerstandes, das Aufkommen der
-Landessprachen, das allmähliche Wiedererstehen der Wissenschaften, die
-Erfindungen und Entdeckungen: kurz den Beginn einer neuen europäischen
-Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Freilich, »an
-eine allgemeine durchgreifende Bildung _aller Stände_ und Völker«
-war damals noch nicht zu denken, und »_wann wird daran zu denken
-sein_?« »Indessen«, mit diesem tröstlichen Ausblick schließt das Werk,
-»geht die Vernunft und die verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit
-der Menschen ihren unaufhaltbaren Gang fort.« So ist denn doch noch
-etwas anderes möglich als ein Zerfallen in Einzelindividuen und deren
-Wohlbehagen: es gilt eine Vernunft und eine _gemeinsame_ Tätigkeit der
-Menschen, die vielleicht dermaleinst eine »durchgreifende Bildung aller
-Stände und Völker« herbeiführen wird.
-
-In Herders Nachlaß hat sich noch ein Entwurf für einen folgenden
-fünften Teil (21. bis 25. Buch) gefunden. Allein auch er führt nur bis
-ins siebzehnte Jahrhundert. So wäre also das Werk sowieso ein Torso
-geblieben. Ein vollendetes geschichtsphilosophisches System wollte ja
-der Verfasser ohnehin nicht geben, sondern nur Ideen zu einem solchen.
-
-In einem knappen Gesamturteil Herders »Ideen« wirklich gerecht zu
-werden, ist schwer. Vielleicht darf man zu seinem Lobe rühmen, daß
-niemand vor ihm die Menschheit »so einheitlich, so allumfassend und
-in so tiefen Perspektiven gesehen hat« (E. Kühnemann) oder, wenn man
-bescheidenere Worte vorzieht, sagen, daß er den von Leibniz zuerst
-zu nachdrücklicher Geltung gebrachten _Entwicklungs_gedanken von der
-Natur auf die Geschichte übertragen und sie in selbständiger Tat,
-übrigens auch mit großer Belesenheit und einer Fülle von Anregungen,
-durchgeführt hat. Diesen bedeutsamen Vorzügen stehen freilich auch
-bedeutende Schwächen gegenüber. Schon die ihm von manchen Kritikern
-als Lob angerechnete Methode, daß er die _Natur_ als _Geschichte_,
-die _Geschichte_ als _Natur_ behandelt, hat doch auch eine gewisse
-begriffliche Verschwommenheit und Unbestimmtheit im Gefolge, die wir
-schon in Kants Besprechung hervorgehoben sahen. Mit seiner ganzen Art
-hängt auch das immer wieder hervortretende Überwiegen der Empfindung
-über den Verstand, des Gefühls über den Begriff; der Phantasie über die
-Wissenschaft zusammen.
-
-Und ebenso die mangelnde Nachwirkung des Werks. Während Lessing, ganz
-männlich-kräftig in seinem Wesen, uns heute noch anzieht, so hat
-Herder etwas frauenhaft Weiches an sich, was den modernen Leser auf
-die Dauer nicht zu fesseln vermag. Ich wenigstens fühle mich, muß
-ich offen bekennen, außerstande, stundenlang hintereinander der oft
-zerfließenden und zudem heute wissenschaftlich veralteten Darstellung
-der »Ideen« mit Aufmerksamkeit zu folgen. Auf seine Zeit dagegen hat
-ihr Verfasser stark gewirkt. Nicht nur sein engerer Freundeskreis,
-darunter Männer von der Bedeutung eines Hamann und Goethe, sondern
-auch Naturforscher von dem Rang eines Blumenbach, Forster, Sömmering
-haben mit Begeisterung davon gesprochen. Von Philosophen haben sie
-besonders auf Schelling und Hegel eingewirkt, und aus uns näher
-liegender Zeit hat Hermann Lotze bekannt, daß sein »Mikrokosmus«
-eine mit den fortgeschrittenen wissenschaftlichen Anschauungen der
-Gegenwart begonnene Wiederholung des Herderschen Unternehmens sei.
-Von unseren Geschichtschreibern erinnert Ranke am meisten an ihn.
-Aber in der heutigen Geschichtswissenschaft und im geistigen Leben
-der Gegenwart spielt Herders reifstes Werk keine Rolle mehr, und
-die realistisch-wirtschaftliche Geschichtsauffassung, wie sie Marx
-und Engels vertreten haben, hat ihm kaum etwas zu verdanken. Trotz
-alledem kann man mit einem gewissen Recht mit Gundolf Herder als »den
-_ersten_ Mensch mit _historischem_ Sinn bezeichnen, der Griechentum
-oder Bibelwelt, Naturvölker oder Shakespeare als _geschichtliche_
-Erscheinungen in ihrer individuellen Besonderheit und Mannigfaltigkeit
-faßte und darstellte«. Darin besteht sein unvergängliches historisches
-Verdienst.
-
-
-2. Die Gespräche über »Gott«
-
-Diejenige Schrift Herders, welche die seinen »Ideen« zugrunde
-liegenden philosophischen Anschauungen seiner Reifezeit vielleicht am
-konzentriertesten zusammenfaßt, ist das 1787 erschienene, nur wenige
-Druckbogen umfassende kleine Buch »_Gott_. Einige Gespräche«, auch wohl
-das Spinoza-Büchlein genannt.
-
-Herder war philosophiegeschichtlich von _Leibniz_ ausgegangen. Schon
-Magister Kants Vorlesungen hatten ihn auf diesen bis dahin größten
-deutschen Philosophen aufmerksam gemacht. Christian Wolff hat ihn, der
-fünfzehn Jahre jünger als Lessing war, schon nicht mehr beeinflußt.
-Dagegen studierte er mit Eifer Leibniz an der Quelle, d. h. dessen 1765
-bekannt gewordene, gegen den englischen Empiristen Locke gerichtete
-»Neue Versuche über den menschlichen Verstand«. In Leibniz fand er
-den seinen eigenen Grundanschauungen verwandten Gedanken von der
-auf lebendige, göttliche Kräfte zurückgeführten, zweckbeherrschten
-Entwicklung im Reiche der Natur und des Geistes, welche beide sich
-zuletzt zu einer großen, vorausbestimmten Harmonie des gesamten
-Weltalls zusammenschließen. Damit verband er dann die damit leicht
-zu vereinende, ihm gleichfalls sympathische Gefühlsphilosophie des
-»liebenswürdigen Platos Europas«: des Engländers _Shaftesbury_ mit
-seinem Optimismus und seiner, freilich die Wirklichkeiten des Lebens
-stark verkennenden poetischen Schönheitsphilosophie, derzufolge die
-Schönheit und Harmonie des Alls auf das Dasein eines weisen und gütigen
-Weltgeistes führt. Shaftesbury aber wurde für ihn schließlich nur ein
-dichterischer Dolmetsch des großen _Spinoza_, auf den ihn, wie wir
-sahen, eigene Studien schon früher geleitet hatten, und der ihm dann
-seit 1783 durch F. H. Jacobi noch näher gebracht worden war.
-
-Schon um die Mitte der siebziger Jahre hatte er eine Schrift über
-diese seine drei philosophischen »Schutzheiligen« geplant. Nun kam
-Lessings Bekenntnis zu der All-Eins-Lehre Spinozas und der durch Jacobi
-angefachte große Philosophenstreit über Lessing-Spinoza hinzu. In
-diesen fühlt nun auch Herder sich veranlaßt, durch seine fünf Gespräche
-über »Gott« einzugreifen. Das heißt: er wollte sich eigentlich nicht
-an dem Streit beteiligen. »Gespräche sind keine Entscheidungen,
-noch minder wollen sie Zank erregen, denn über Gott werde ich _nie
-streiten_,« so erklärt er von vornherein in seiner Vorrede.
-
-Das erste Gespräch stellt eine Ehrenrettung des so lange verkannten
-niederländischen Weisen dar: sowohl seines Charakters als seiner
-Lehre. Ein Spinozist im strengen Sinne will zwar auch Theophron, der
-offenbar Herders Standpunkt vertritt, nicht heißen. Er gibt vielmehr
-eine Auslegung des Spinozismus, wie sie Herders eigener Persönlichkeit
-entspricht, und das bedeutet bei Herders Subjektivismus etwas noch ganz
-anderes als bei Lessing. Vor allem wird die ihm nicht passende streng
-logische Seite desselben als »kartesianische« Schlacken beseitigt, das
-Religiöse hervorgehoben. Spinoza ist nicht der Atheist, als den ihn
-haßerfüllte Gegner ausgegeben haben. Vielmehr ist die Gottheit für
-ihn sogar der Urquell alles Denkens und Seins, andererseits auch das
-Ziel alles Denkens und Fühlens. Er ist im Gegenteil, wie Herder mit
-Goethe sagt, der stärkste Gottesgläubige und beste Christ (~theissimus
-et christianissimus~), eher ein Schwärmer für Gottes Dasein als ein
-Leugner desselben zu nennen. Freilich ist dieser Gott nicht außerhalb,
-sondern _in_ der Welt, die er -- was freilich nicht bei Spinoza,
-sondern bei Leibniz steht -- mit seiner alles durchdringenden Kraft
-erfüllt, indem er, die Urkraft, sich in unendlichen Einzelkräften
-auf unendliche Weisen offenbart. Und diese Urkraft stellt, wie das
-dritte Gespräch beweisen will, zugleich die höchste Weisheit und
-Güte dar. Spinozas »Gott« ist für Herder gleichzeitig ein denkendes,
-wollendes und wirkendes Wesen. Und doch kein Gott der Willkür. Deshalb
-bedeutet die Naturgesetze erforschen ebensoviel als: Gottes Gedanken
-nachdenken. Was den Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn betrifft,
-so sucht das vierte Gespräch beide Standpunkte, den der Glaubens- und
-der Aufklärungsphilosophie, miteinander zu verbinden. Gottes Dasein
-ist schon durch den gesunden Verstand erweisbar. Die einzige Richtung,
-gegen die er sich wendet, ohne sie ausdrücklich beim Namen zu nennen,
-ist der Kritizismus. Auch zustimmende Aussprüche von Dichtern aller
-Zeiten werden zitiert; wie denn überhaupt die Gespräche, an deren
-letztem auch eine Frau (Theano) -- zu denken ist wohl an Karoline,
-Herders Gattin -- teilnimmt, die Herder eigentümliche poetische
-Stilfärbung tragen.
-
-Schließlich wird das Ergebnis, in dem die drei Unterredner zuletzt
-übereinstimmen, in zehn Sätzen formuliert. Das Wichtigste davon ist
-folgendes: Da Gott selbst Macht, Weisheit und Güte ist, so besitzt auch
-alles von ihm Geschaffene diese Eigenschaften. Alle die unzähligen
-Organismen sind Systeme lebendiger Kräfte, die der Weisheit, Güte und
-Schönheit einer Hauptkraft nach ewigen Regeln dienen. Jedes Wesen
-beharrt in sich selbst, vereinigt sich mit Gleichartigem, scheidet
-sich von Entgegengesetztem und verähnlicht sich in Abdrücken, die eine
-stetige Reihe bilden. Es gibt in der gesamten Schöpfung keinen Tod,
-sondern nur Verwandlung, keine Ruhe, sondern nur lebendiges Wirken
-von Kräften, die aus dem Chaos Ordnung, aus schlafenden wirkende
-Fähigkeiten schafft. Alles »Böse« ist nur Schranke und Gegensatz. Auch
-die Fehler der Menschen sind in den Augen eines verständigen Geistes
-gut; denn sie helfen ihm, als Kontraste, zu mehr Licht, Güte und
-Wahrheit.
-
-Alles in allem, wie der Kenner sieht, in der Tat eine Vereinigung
-von Spinoza mit Leibniz und Shaftesbury. Von den eigentlich und naiv
-Frommen: Lavater, Jacobi, Matthias Claudius hatte sich Herder damit
-gelöst. Um so enger war der Bund mit _Goethe_, der Herders Büchlein zu
-seinem Geburtstag 28. August 1787 in Rom empfing und sich in wahrhaft
-begeisterter Weise darüber äußerte, da er seine eigenen Gedanken darin
-wiederfand. Er sah in dem damit besonders verwandten dritten Teil der
-»Ideen« sein »liebwertestes Evangelium«, fand das neue Büchlein »voll
-würdiger Gottesgedanken«; er werde es in seiner »Einsamkeit noch oft
-lesen und beherzigen«, auch -- was ja den inneren Anteil eines Lesers
-am besten zeigt -- »Anmerkungen dazu machen, welche Anlaß zu künftigen
-Unterredungen geben können«. Herder aber hatte mit seinem Herzblut
-oder, wie er an seinen Schweizer Freund G. Müller schrieb, »mit
-sonderbarer innerer Überzeugung daran geschrieben«. Es enthielt, wie er
-sich zu Schiller äußerte, seine eigene, vollständig überzeugende Idee
-von Gott. Er hatte es (nach Karolinens »Lebenserinnerungen«) »mit der
-frömmsten Seele« verfaßt, und sie teilte beim Vorlesen des Manuskripts,
-wie auf gemeinsamen Spaziergängen, das Glück der Empfindungen und
-Vorstellungen, die Spinoza in ihm erweckt, in dem Grade, daß »Himmel
-und Erde ihnen neu waren«! Und als ein Göttinger Rezensent von den
-»bedenklichen Folgen« gesprochen hatte, die Herders Spinozismus für
-fromme Gemüter haben könnte, da fuhr Herder mit berechtigtem Grimme
-und im Vollgefühl seiner tiefreligiösen Weltanschauung los: Solche
-»Altweibertröstungen« seien keine Wahrheiten, »so wenig sie einen
-vernünftigen Menschen trösten werden«. »Die Leute wollen keinen Gott
-als in ihrer Uniform, ein menschliches Gabeltier, dem sie höchstens
-den Reichsapfel in die Hand geben; und dabei verkleistern sie sich
-die Vernunft, die einzige hohe Idee wahrzunehmen, die ihnen überall
-entgegenstrahlt, an der alles hängt und die alles, was man hoffen kann,
-gibt: Trost, Heiterkeit, Wahrheit, Gewißheit, ernstes, ewiges Dasein.
-Wer einen Tropfen dieses Wassers gekostet hat, der wird nicht dürsten
-in Ewigkeit.«
-
-
-
-
-~C.~ Das Ende
-
-
-Altersjahre. Der Kampf gegen Kant. Tod
-
-Herders allzufrüh zur Reife gelangtem Geist entspricht ein frühes
-Veralten. Man merkt es schon an der Wirkung seiner 1788/89
-angetretenen italienischen Reise. Dasselbe Ereignis, das Goethe erst
-zur vollen Mannes- und Dichterreife entwickelte, läßt bei dem erst
-vierundvierzigjährigen Herder, obwohl auch er sich von Jugend auf nach
-Italien gesehnt, bereits den Beginn des Greisentums hervortreten. Er
-fühlt sich durch die neuen Eindrücke weder beglückt noch gefördert.
-Auch die innere Differenz mit Goethe fängt wieder an sich zu regen.
-
-Sie wird verstärkt durch Herders Enthusiasmus für die _Französische
-Revolution_. Eigentlich politisches Verständnis hat ja diese ganze
-gefühls- und empfindungsmäßig eingestellte Natur nie besessen. Aber er
-begeisterte sich anfangs mehr als die übrigen Weimarer Größen für die
-Erhebung des Nachbarvolkes, in der sein Humanitätsideal zum ersten Male
-sich ihm zu verwirklichen schien. Starke antimonarchische Äußerungen,
-die sogar in seinen Predigten zuweilen einen gewissen Nachhall fanden,
-wurden über ihn kolportiert. Er, der sonst das Recht der Tradition
-so hochgehalten hatte, bekannte sich jetzt in seinen »_Briefen, die
-Humanität betreffend_«, die 1792 entworfen, freilich erst später zur
-Ausführung kamen, zur uneingeschränkten Demokratie, der gemäß im Staate
-»nur ein einziger Stand, das _Volk_, existiert, zu dem der König sowohl
-als der Bauer gehört«. Die Französische Revolution erklärte er für
-das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte seit Völkerwanderung und
-Reformation. Er sieht in ihrem Gefolge -- sehr unprophetisch! -- ein
-neues Zeitalter der Literatur, Philosophie und Religion für Deutschland
-heraufkommen.
-
-Allein sein Feuer ist nur ein Strohfeuer. Wie so viele andere, wie
-Klopstock und Wieland und leider auch -- Schiller, fühlt er sich
-durch die Gewalttätigkeiten, die der Verlauf der Dinge in Frankreich
-brachte, ebenso rasch wieder abgestoßen und pflegte später zu sagen:
-die Revolution habe uns ein Jahrhundert zurückgebracht. Und die
-Humanitätsbriefe (1793 bis 1794), anfangs ein Stück Zeitgeschichte,
-verlieren sich immer mehr ins Breite und verwandeln sich allgemach in
-uferlose Betrachtungen über alle möglichen Dinge: Literatur, Kunst,
-Religion, Erziehung, Recht, Geschichte und Völkerkunde. Daneben gibt
-er in den Jahren 1794 bis 1798, zu den theologischen Interessen seiner
-Bückeburger Periode zurückkehrend, eine Reihe »Christlicher Schriften«
-heraus, auf die wir nicht weiter einzugehen brauchen.
-
-Zu dem vorzeitigen Altern Herders tragen auch eine Reihe äußerer
-Umstände bei: zunehmende Kränklichkeit, finanzielle Sorgen, die durch
-die anwachsende und heranwachsende Familie immer drückender wurden.
-Vor allem aber das Gefühl steigender Vereinsamung. Schon 1788 war
-ihm im fernen Münster sein geliebter Hamann gestorben. Und die neuen
-Freundschaften, die in den neunziger Jahren kamen, wie die des jungen
-Jean Paul, oder das zeitweise nähere Verhältnis zu einem Vertreter
-der alten Generation wie Wieland, gaben ihm, abgesehen davon, daß
-sie vorübergehender Natur waren, keinen Ersatz: während doch gerade
-seine weiche Natur für die Entfaltung ihres Innenlebens von jeher der
-Anregung durch andere bedurft hatte.
-
-Vor allem aber war es die endgültige Abwendung _Goethes_, die ihn
-seine Isolierung am bittersten empfinden und ihn immer grämlicher und
-verbitterter werden ließ: Goethes, der im Jahre 1794 seinen Geistesbund
-mit Friedrich _Schiller_ schloß. Ich kann diese Ihnen ja aus der
-Literaturgeschichte bekannten Dinge hier nicht im einzelnen erzählen,
-zumal da wir auf ihre philosophische Seite eben bei Schiller und Goethe
-noch einmal zurückkommen werden, und begnüge mich daher mit der kurzen
-Zusammenfassung, daß in der geistigen Entwicklung Goethes Herder-_Nähe_
-Schiller-_Ferne_ und wiederum Schiller-Nähe Herder-Ferne bedeutet.
-Gewiß, äußerlich bleibt der Bruch zunächst noch verschleiert. Im Jahre
-1795 arbeiten alle drei noch gemeinsam an der vornehmsten literarischen
-Zeitschrift, die Deutschland wohl je besessen hat, an Schillers
-»Horen«, zusammen. Indes er läßt sich auf die Dauer nicht hintanhalten.
-Vor allem begriff Herder, der ja selbst nie ein schaffender Dichter,
-sondern stets nur ein feiner Nachempfinder fremder Poesie gewesen ist,
-den tief künstlerischen Standpunkt der beiden anderen nicht, der sie
-die Aufgabe der Kunst nicht in Moralpredigt und -lehre, sondern in
-freiem, schöpferischem Gestalten, ihren Wert nicht in irgendwelchem
-bürgerlichen oder erzieherischen Nutzen, sondern in der Tiefe des
-Schauens erblicken ließ, mit der echte Dichterkraft das Leben erfaßt.
-So fällt Schiller später, bei Gelegenheit einiger besonders schwacher
-Erzeugnisse des immerfort weiterschreibenden Herder, das scharfe
-Urteil: »Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich
-zuweilen im Ernst fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich
-trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich
-gewesen sein kann.« Und Goethe erklärte ebenfalls den ihm einst so nahe
-Stehenden für eine »pathologische«, d. h. krankhafte Natur.
-
-Noch einmal rafft sich dann in den letzten Jahren vor seinem Tode
-Herders einst so reger, jetzt müde gewordener Geist zu zwei wenigstens
-quantitativ größeren Leistungen auf, die beide gegen diejenige
-Philosophie gerichtet sind, der er seinen eigenen Rückgang in der
-Schätzung des Publikums zuschrieb, die _kritische_. Wir meinen die
-»Metakritik« von 1799 und die »Kalligone« von 1800. Heute ist man sich
-wohl in allen, auch den nicht kantfreundlichen Kreisen darüber einig,
-daß diese beiden ziemlich umfangreichen Schriften -- die »Metakritik«
-umfaßte zwei, die »Kalligone« gar drei Bände -- mit ihrem trockenen
-und geschmacklosen Stil, ihrer anmaßlichen Selbstgefälligkeit und
-ihrer giftig-hämischen Kritik des großen Königsberger Philosophen
-einen beklagenswerten Abfall von den Leistungen des jungen und des
-reifen Herder darstellen. Nur der Inhalt wird, zum Teil wenigstens, von
-einigen, z. B. dem schon von uns genannten G. Jacoby,[13] verteidigt.
-Wir können uns darüber kurz fassen.
-
-Das erste Werk, die Meta-, also eigentlich _Nach_kritik -- der Titel
-ist einer gleichartigen Schrift Hamanns nachgeahmt -- richtet sich
-gegen Kants Kritik der reinen Vernunft. Aber Herder hat den Kern
-des Kantischen Problems _überhaupt nicht verstanden_. Selbst ein
-ihm günstig gesinnter Schriftsteller wie C. Siegel erklärt: »Herder
-hatte keinen Sinn und konnte keinen haben für das eigentliche
-Kantische Problem: er ist nicht _Erkenntnistheoretiker_, sondern
-Erkenntnis_psychologe_.« (S. 89.) Für den erkenntniskritischen
-Standpunkt Kants fehlt ihm jedes Verständnis. Man darf ihm zufolge
-die Natur, also auch die daraus hervorgegangene Vernunft nicht
-kritisieren, sondern höchstens psychologisch untersuchen. Daraus
-erklärt sich alles Weitere. Hier und da findet sich gewiß einmal
-ein geistreicher, wenn auch nicht durchschlagender Gedanke, wenn er
-z. B. bei der ersten Antinomie Kants die Unendlichkeit des Raumes
-der Einbildungskraft, seine Endlichkeit dem Verstand zuschreibt.
-Bezeichnend für Herder wie für alle Dogmatiker (Spinoza, Schelling,
-Hegel!) ist auch, daß für ihn die »Gottheit« nicht das Ende, sondern
-den Ausgangspunkt, nicht die oberste Spitze, sondern die unantastbare
-Grundlage aller Erkenntnis darstellt.
-
-Wie die Metakritik gegen die erste, so ist die 1800 veröffentlichte
-_Kalligone_ gegen die dritte Kritik Kants, die Kritik der Urteilskraft,
-d. h. gegen den ästhetischen Teil gerichtet. Sie will also Herders
-ästhetische Theorie geben. Allein das »schöne Kind des Himmels«, wie
-er selbst den Titel verdeutscht, verdient seinen Namen keineswegs.
-Sie gibt höchstens bezüglich der einzelnen Künste, z. B. über ihren
-Zusammenhang mit den praktischen Bedürfnissen des Menschen, hier und
-da einen anregenden Gedanken, hat aber ebenso wie das erste Buch das
-Kantische Problem überhaupt nicht erfaßt, reißt vielmehr den Gegner
-nur einfach herunter. Schon der Grundgedanke der kritischen Methode,
-die begriffliche Scheidung und Abgrenzung des Nichtzusammengehörigen
-voneinander, z. B. die des Schönen vom bloß Angenehmen und vom Guten
-oder die zwischen Schönem und Erhabenem, erregt Herders Mißfallen. Er
-versteht nicht, was der feine Begriff der »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«
-für das Ästhetische bedeutet. Er faßt einen anderen ästhetischen
-Grundbegriff Kants, den des freien »Spiels« der Empfindungen, den
-Schillers ästhetische Schriften so meisterhaft ausgelegt und weiter
-ausgebildet haben, einfach in dem kindischen Sinne von Willkür und
-Tändelei, im Gegensatz zu _seinem_ eigenen »Ernst der Notwendigkeit«.
-Darüber ist natürlich kein Wort zu verlieren. Am bedauerlichsten ist,
-daß er, der selbst einst ein anerkannter Führer der jungen Genies der
-siebziger Jahre in der deutschen Literatur gewesen, jetzt nicht einmal
-die glänzende Bestimmung der Merkmale des Genies durch seinen einstigen
-Lehrer anerkennt, sondern aus reiner Oppositionslust bemäkelt.
-
-Natürlich hat Herder in seinem engeren Kreise und darüber hinaus bei
-einzelnen aus der Reihe der allmählich zahlreicher gewordenen Gegner
-der Kantischen Philosophie, zum Teil begeisterte, Zustimmung gefunden,
-von der ich eine Anzahl heute nur humoristisch anmutender Beispiele
-in meinem kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Buche »Kant --
-Schiller -- Goethe« (S. 180 bis 185) gesammelt habe. Aber an den
-größten Zeitgenossen, an Goethe und Schiller, ging seine im Grunde
-nur aus ohnmächtiger Wut entsprungene heftige Opposition gegen die
-erkenntnistheoretischen und ästhetischen Grundlagen der kritischen
-Philosophie, die in Privatbriefen von geradezu abstoßenden Wendungen
-noch überboten wurde, ebenso wirkungslos vorüber wie an der ganzen
-Folgezeit. Diese letzten Schriften bilden eines der traurigsten und
-beschämendsten Kapitel im literarischen Lebensweg Herders, der am 18.
-Dezember 1803, nicht ganz zwei Monate vor Immanuel Kant, seinen letzten
-Atemzug getan hat.
-
-Doch nicht mit diesem trüben Eindruck wollen wir von ihm Abschied
-nehmen. Sondern lieber an dasjenige denken, was er in seinen jüngeren
-und seinen Reifejahren für das deutsche Schrifttum und für deutsches
-Wesen, für eine tiefere und freiere Auffassung der Poesie und der
-Religion und vor allem der _Natur_ und der _Geschichte_ geleistet
-hat. Und wenn seine Verdienste um die strengere Philosophie auch
-nicht so groß sind wie die unserer anderen Klassiker, wenn er auch im
-Geistesleben unserer Gegenwart keine bedeutsame Rolle mehr spielt, so
-wollen wir an die edle Gesinnung denken, aus der sein bestes Wirken
-hervorgewachsen ist, und an den sie zusammenfassenden Wahlspruch der
-auch auf seinem Grabe steht und »_Licht! Liebe! Leben!_« lautet.
-
-
-
-
-Schiller
-
-
-Kommt man von Johann Gottfried Herder zu Friedrich Schiller, namentlich
-dem _jungen_ Schiller, so ist es einem, als sei man von einem friedlich
-leuchtenden Lichte geschieden und nahe sich einer hell lodernden
-Flamme. Schiller, der schon als sechsjähriger Knabe in Lorch gern
-vor seinen Geschwistern den Prediger auf der Kanzel gespielt hat,
-ist in Wahrheit dem ganzen deutschen Volke ein feuriger Prediger
-der _Freiheit_ geworden. Darum ist er auch von jeher ein Liebling
-des _Volkes_ und der _Jugend_ gewesen. Dem tut die Tatsache keinen
-Eintrag, daß mancher von uns, vielleicht weil er auf der Schule mit
-Schillers Gedichten und Dramen gewissermaßen überfüttert worden ist,
-vielleicht auch, weil das unseren Dichter kennzeichnende Pathos den
-reifer Gewordenen von sich abstößt, eine Zeitlang seiner überdrüssig
-geworden ist: um so sicherer kehrt er später, wenn er, älter und reifer
-geworden, sich von neuem in seine Weltanschauung vertieft, dauernd und
-endgültig zu ihm zurück. Vor allem der, welcher im allgemeinsten Sinne
-des Wortes philosophisch angelegt ist. Denn Friedrich Schiller ist der
-_philosophischste_ unter unseren Dichter-Klassikern.
-
-
-
-
-~A.~ Die Anfänge
-
-(1779 bis 1786)
-
-
-Schon als »Eleve« auf der von dem Württemberger Herzog gegründeten
-»Karlsschule«, welche die Söhne seiner Beamten bekanntlich zwangsweise
-besuchen mußten, hat der heranwachsende Knabe und Jüngling weit mehr
-als unsere Primaner, mehr auch als vor ihm Lessing, Kant oder Herder,
-von Philosophie erfahren. Wurde doch bereits der Vierzehnjährige mit
-sechs Wochenstunden Logik, Metaphysik und Philosophie-Geschichte,
-der Sechzehnjährige sogar mit nicht weniger als fünfzehn Stunden
-Philosophie und Rhetorik geplagt! Trotzdem, ja vielleicht eben wegen
-solcher Massenzufuhr philosophischen Stoffes trug dieser Unterricht,
-selbst unter einem so anregenden Lehrer, wie ihn die Karlsschüler
-zu Schillers Zeit in Professor Abel bekamen, noch dazu unter dem
-herrschenden Zwangssystem, verhältnismäßig wenig Frucht. Die ersten
-philosophischen Produkte des Neunzehn- bezw. Zwanzigjährigen sind
-zwei dem rhetorisch begabten jungen Manne von dem alten Sünder von
-Herzog »gnädigst auferlegte« _Lobreden_ zum Preise der Tugend »im
-Tempel der Tugend«, d. h. zum Geburtstag der freilich leidlich
-tugendhaft gewordenen herzoglichen Mätresse Franziska von Hohenheim.
-Die eine betitelt sich: »Gehört allzuviel Güte, Leutseligkeit und
-große Freigebigkeit im engsten Verstand zur Tugend?«, die zweite: »Die
-Tugend, in ihren Folgen betrachtet.« Wir gehen am besten über diese
-freilich schon von dem glänzenden Formtalent ebenso wie von der üppigen
-Phantasie ihres Verfassers zeugenden rhetorischen Stilübungen mit
-Schweigen hinweg.
-
-Gedanklich höher stehen die beiden fast zur selben Zeit entstandenen
-medizinischen Dissertationen, die der Zwanzigjährige als Probestück
-seiner medizinischen Kenntnisse bei dem Abgang von der Akademie
-einreichen mußte. Die erste, eine »_Philosophie der Physiologie_«,
-die uns nur zu etwa einem Viertel (11 von 41 Paragraphen) erhalten
-geblieben ist, enthält von wirklicher Physiologie ziemlich
-wenig. Wurde doch auf der Akademie die Medizin fast ohne jedes
-Demonstrationsmaterial betrieben. Es sind eben nur phantasievolle
-Gedanken, die ein begabter Dilettant ohne den soliden Untergrund von
-genauen Fachkenntnissen oder fester Methode entwickelt. Das Urteil
-der Professoren tadelte an der Arbeit den »gefährlichen Hang zum
-Besserwissen«, der sich in der verwegenen Sprache »auch gegen die
-würdigsten Männer« äußere, den teils zu freien und schwulstigen, teils
-zu blühenden und witzigen Stil, der den Sinn oft dunkel lasse; sie
-wurde deshalb auch nicht zum Druck zugelassen und der Verfasser, um
-»sein Feuer doch ein wenig zu dämpfen«, noch zu einem weiteren Jahr
-Aufenthalt auf der Akademie verurteilt. Mehr Gnade fand im folgenden
-Jahre (1780) die in allen Ausgaben der »Sämtlichen Werke« abgedruckte
-Dissertation: »_Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen
-mit seiner geistigen._« Beide Abhandlungen betreffen im Grunde das
-gleiche Thema: das Verhältnis zwischen Seele und Geist. In der ersten
-glaubt er, bezeichnend für die Philosophie des reifen Schiller, in
-dem von dem berühmtesten Physiologen der Zeit Albrecht v. Haller
-angenommenen »Nervengeist« eine »Mittelkraft« zwischen Geist und
-Materie, Seelischem und Sinnlichem gefunden zu haben. Die zweite kommt
-dem Materialismus mehr entgegen.
-
-Aber nicht in diesen Schülerarbeiten, auch nicht in der schulmäßigen
-Beschäftigung mit dem deutschen Popularphilosophen Garve und dem
-englischen Popularphilosophen Ferguson, die beide einen verdünnten
-Aufguß von Shaftesburys Schönheitsphilosophie darstellten, fand die
-Seele des jungen Philosophen ihren wahren Ausdruck. Wohl hat der
-englische Philosoph der Schönheit und der Harmonie des Eindrucks auf
-sein dichterisches Gemüt nicht ganz verfehlt. Aber weit mächtiger
-war der Einfluß des die ganze junge Dichtergeneration jener Tage
-befeuernden Jean Jacques _Rousseau_. In Rousseau fand nach seinem
-eigenen Geständnis »die Indignation« seiner in der Tyrannei der
-Karlsschule beständig verletzten »Menschenwürde Gehalt und Gestalt,
-Erfüllung und Ziel«. Seiner Verherrlichung als eines »Riesen« gegenüber
-den »Zwergen« seiner Splitterrichter, »denen nie Prometheus' Feuer
-blies«, gilt eines seiner frühesten Gedichte. Und ein späteres, in die
-Sammlung der »Werke« aufgenommenes begrüßt Rousseaus Grab als »Monument
-von unserer Zeiten Schande«, als das Grab dessen, »der aus Christen
-Menschen wirbt«. Rousseaus »Zurück zur Natur!« beim einzelnen und im
-Staat gibt überhaupt Schillers ganzer Jugendzeit das Gepräge.
-
-Insbesondere auch seinen ersten _Dramen_. Denn wie Lessing in seinem
-»Nathan« noch einmal seine »alte Kanzel«, das Theater bestieg, so hat
-der junge Schiller, wie die Überschrift seines bekannten Aufsatzes
-zeigt, »die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet«. Gewiß, seine
-»_Räuber_« sind noch stark von religiös-biblischen Gedanken durchsetzt:
-wir brauchen nur an die erschütternde Schilderung des Jüngsten Gerichts
-in der Szene zwischen Franz Moor und dem alten Daniel zu erinnern.
-Und eben diesem Bösewicht Franz legt er mit Vorliebe materialistische
-Gedankengänge in den Mund: einmal sogar eine Stelle aus seiner eigenen
-Dissertation. Aber den Hauptton gibt doch Rousseaus Natur- und
-Freiheitsbegeisterung an, Rousseaus, der ihn hingewiesen gegenüber dem
-»tintenklecksenden Säkulum« auf Plutarchs »große Menschen«, Rousseaus,
-dessen Opposition gegen die sogenannte Zivilisation sich in dem Munde
-seines Karl Moor erweitert zu einer Art genialen Anarchismus: »Da
-verrammeln sie die Natur mit abgeschmackten Konventionen ... Ich soll
-meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in
-Gesetze. Das _Gesetz_ hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug
-geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber
-die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.« Freilich, zum
-Schluß des Dramas kommt sein Held zu einem anderen Ergebnis: »O über
-mich Narren, der ich wähnte ..., die Gesetze durch Gesetzlosigkeit
-aufrechtzuhalten«, und der jetzt einsieht, daß »zwei Menschen wie
-ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden«, der
-sich sodann ganz folgerichtig der Justiz ausliefert, um sich aufs Rad
-flechten zu lassen.
-
-Aus den _Gedichten_ des ersten Jahrzehnts greifen wir drei zur
-Kennzeichnung seiner weiteren philosophischen Entwicklung heraus.
-Zunächst die beiden einander verwandten: »_Freigeisterei der
-Leidenschaft_« (später gekürzt unter der Überschrift »Kampf«) und
-»_Resignation_«: beide aus seinem leidenschaftlichen Verhältnis zu
-Charlotte von Kalb entsprungen und beide nicht mit Unrecht in Franz
-Mehrings »Schiller« (1905) zugleich als die einzigen wirklichen
-Liebesgedichte Schillers bezeichnet (wenn man etwa von Theklas
-»Der Eichwald brauset« absieht. K. V.); denn die überspannten Oden
-an »Laura« können ebensowenig als solche zählen wie gelegentliche
-spätere Albumverse an seine Frau und andere Damen. Beide Gedichte,
-namentlich das zweite, zeigen eine Weltanschauung, die sich bereits
-der Kantischen nähert, ohne daß er Kant schon näher kennt oder gar
-nennt: die Kluft zwischen Pflicht und Sinnlichkeit. Im ersten bäumt
-sich die Sinnlichkeit auf gegen die grausame Härte des Sittengesetzes;
-im zweiten siegt das moralische Reich, freilich nur so, daß für den
-entgangenen Genuß des Diesseits die Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits
-in Aussicht gestellt wird. Später sucht er die Versöhnung zwischen
-beiden, die Überbrückung jener Kluft.
-
-Schon das berühmte _Lied an die Freude_ (Ende 1788), im Kreise seiner
-Dresdener Freunde gedichtet, zeigt ihn in ganz anderer Stimmung und
-Weltauffassung. Die Freude ist es jetzt, welche die Menschen verbindet,
-einander gleich macht, sie zur Güte und zu Gott, dem liebenden Vater
-des Alls, erhebt, sie, die Urkraft und zugleich das Endziel der Natur.
-»Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!«, so klingt
-es jetzt zu uns und dringt vertiefter noch in den freudevollen Tönen
-von Beethovens unsterblicher Neunten -- vielleicht dem Schönsten, was
-Musik je geschaffen hat -- in unsere Seele.
-
-
-
-
-~B.~ Die Übergangszeit
-
-(1787 bis 1790)
-
-
-»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein!« --
-Schiller _war_ es gelungen: er hatte in Gottfried _Körner_ (dem Vater
-Theodors) einen Freund fürs Leben gefunden. Man kann nicht leicht den
-Einfluß überschätzen, den Körner während des Jahrzehnts 1784 bis 1794
-auf die philosophische Entwicklung des jüngeren Freundes gewonnen
-hat. Er spiegelt sich zunächst wider in den bis 1786 entstandenen
-»_Philosophischen Briefen_« zwischen Julius (Schiller) und Raphael
-(Körner).
-
-Eingeschoben ist in sie ein wahrscheinlich schon aus Schillers
-Stuttgarter Zeit herrührendes Stück: die »_Theosophie des Julius_«,
-die sich in poetisch-gefühlsmäßigen Betrachtungen über das Universum
-als Gedanke Gottes, über unser Verstehen der anderen Geister
-durch Philosophie und Dichtung, über die Liebe als »allmächtigen
-Magnet in der Geisterwelt«, als Quelle der Andacht und erhabensten
-Tugend und über Aufopferung ergeht, um schließlich wieder zu der
-Gleichung Gott-Universum-Natur zurückzukehren. Diese ganze Art zu
-philosophieren wird von Julius-Schiller selbst später sehr gut dadurch
-charakterisiert, daß er von ihr sagt: »Mein _Herz_ suchte sich eine
-Philosophie, und die Phantasie unterschob ihre Träume. Die _wärmste_
-war mir die wahre.«
-
-Von dieser Gefühlsphilosophie hat ihn Raphael-Körner befreit. Ehe wir
-das schildern, müssen wir jedoch eines neuen Momentes gedenken, das
-gegen Ende der achtziger Jahre entscheidend in Schillers geistige
-Entwicklung eingreift: des _Griechentums_. Er liest, wie er im August
-1788 an Freund Körner schreibt, »fast nichts als Homer« (den er leider,
-weil des Griechischen unkundig, nicht an der Quelle genießen kann)
-und will in den nächsten zwei Jahren keine modernen Schriftsteller
-mehr lesen, weil sie ihn nur »von sich selbst abführen«. Er bedarf
-nach seinem Bekenntnis der Alten »im höchsten Grade«, um seinen
-eigenen Geschmack zu reinigen, ihn von Spitzfindigkeit, Künstlichkeit
-und Witzelei zur wahren Einfachheit, zur »Klassizität« zu führen.
-Der poetisch-philosophische Ertrag dieser Zeit sind vor allem die
-beiden großen Gedichte »_Die Götter Griechenlands_« (1788) und »_Die
-Künstler_« (1789).
-
-Das erste, das übrigens, abgesehen von seinen in der Tat großen Längen,
-auch den Beifall des eben aus Italien zurückgekehrten Goethe bei seinem
-ersten Zusammentreffen mit Schiller zu Rudolstadt fand, repräsentiert
-zwar nicht eigentlich den antiken Geist selber; dafür ist es, um zwei
-spätere Schillersche Begriffe zu brauchen, zu wenig »naiv«, zu sehr
-»sentimentalisch« gedacht. Es ist ein Sehnsuchtslied, der Sehnsucht
-nach Poesie und Natur, darum gegen die bloß »mechanische« Wissenschaft
-gerichtet, die »knechtisch dem Gesetz der Schwere« dienende,
-»entgötterte« Natur:
-
- »Wo jetzt nur, wie unsere Weisen sagen,
- Seelenlos ein Feuerball sich dreht,
- Lenkte damals seinen goldnen Wagen
- Helios in stiller Majestät.«
-
-Und nicht minder wider -- das Christentum:
-
- »Einen zu bereichern unter allen,
- Mußte diese Götterwelt vergehn«,
-
-der statt »finsteren Ernstes und traurigen Entsagens« einzig und allein
-»das Schöne heilig war«.
-
-In demselben Geiste, dem Schiller _fortan treu blieb_, sind »Die
-Künstler« gehalten, welche die _Kunst_ an die höchste Stelle unter
-allen geistigen Mächten setzen, höher selbst als Erkenntnis, Moral
-und Religion. »Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der
-Erkenntnis Land«, mit dem mahnenden Schlußwort an die Künstler selbst:
-
- »Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
- Bewahret sie!«
-
-Die Kunst ist ihm nunmehr Anfang und letzte Vollendung der
-Menschenbildung. Ja, sie kann dem damaligen Schiller selbst Ethik
-und Religion ersetzen. »Kann man«, so schreibt im Einklang mit
-solcher Anschauung der todkranke Friedrich Albert _Lange_, dieser
-große Sozialist, »den christlichen Gedanken der Ergebung schöner auf
-_philosophisch_ ausdrücken« als mit jenen prachtvollen Versen aus den
-»Künstlern«:
-
- »Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
- Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
- Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
- Mit freundlich dargebotnem Busen
- Vom sanften Bogen der Notwendigkeit!«
-
-Noch ein weiteres Moment endlich gehört in die Entwicklung Schillers zu
-Ende der achtziger Jahre: das Studium der _Geschichte_, das er bisher
-fast völlig verabsäumt hatte. »Täglich wird mir die Geschichte teurer,«
-schreibt er am 15. April 1786 an Körner. »Ich wollte, daß ich zehn
-Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube,
-ich würde ein ganz anderer Kerl sein.« Aus diesen seinen eifrigen
-historischen Studien sind dann seine »Geschichte des Dreißigjährigen
-Krieges«, »Der Abfall der Niederlande« und einige kleinere Arbeiten
-hervorgegangen. Trotzdem war die Geschichtschreibung nicht das Feld,
-auf dem sein Geist glänzen konnte. Um Geschichts_forscher_ zu sein,
-war er zu sehr Dichter und Philosoph. Seine historischen Dramen sind
-vielmehr der eigentliche Spiegel seiner Geschichtsauffassung, wo es um
-»der Menschheit große Gegenstände« geht, geworden.
-
-Immerhin gaben seine geschichtlichen Arbeiten wenigstens den äußeren
-Anlaß, ihn als _Professor_ nach Jena zu berufen. Am 26. und 27. Mai
-des Revolutionsjahres 1789 eröffnete er dort sein Kolleg, dessen beide
-ersten Vorlesungen unter dem Titel »_Was heißt und zu welchem Ende
-studiert man Universalgeschichte?_« in Wielands »Teutschem Merkur«
-erschienen. In der ersten entwarf er sein Vorlesungsprogramm: er wollte
-nicht für »Brotgelehrte«, sondern für »philosophische Köpfe« lesen. Und
-so hat er sich auch ferner als wahrer Professor der _Philosophie_ in
-seinen Geschichtsvorlesungen bewährt.[14]
-
-Körner, zu dem wir jetzt wieder zurückkehren, wollte darin Spuren
-_kantischen_ Philosophierens spüren. Damit kommen wir zu unseres Helden
-allmählicher Bekehrung zu Kant, die eben unter Körners vorherrschendem
-Einfluß erfolgt ist, der ihm schon früh, aber anfangs »immer vergebens
-von Kant vorgepredigt« hatte. K. L. _Reinhold_ zwar, der aus einem
-Kloster entsprungene österreichische Barnabitermönch, der in Weimar
-Wielands Schwiegersohn geworden war und soeben durch seine gut
-geschriebenen »Briefe über Kantische Philosophie« Wesentliches zur
-Verbreitung der neuen Lehre beigebracht hatte, hat ihn zuerst, als
-er im August 1787 eine Woche bei ihm wohnte, zur Lektüre einiger
-kleiner Aufsätze Kants in der Berliner Monatsschrift veranlaßt, unter
-denen ihn namentlich die »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in
-weltbürgerlicher Absicht« befriedigte, so daß er Körner schrieb:
-»Daß ich Kant noch lesen und vielleicht studieren werde, scheint mir
-ziemlich ausgemacht.« Bis dahin hatte Schiller überhaupt, seiner
-Dichternatur folgend, aus den »wenigen« philosophischen Schriften,
-die er gelesen, sich »nur das genommen, was sich dichterisch fühlen
-und behandeln läßt« (so an Körner am 15. April 1788). Aber der
-spießbürgerlich-ängstliche Reinhold war ihm nicht sympathisch.
-»Reinhold« -- so lautet eine Schillers Eigenart noch weit mehr als
-diejenige Reinholds charakterisierende Bemerkung gegen Körner -- »wird
-sich nie zu kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in
-der Wirklichkeit (!), erheben, und das ist schlimm.« So beruht denn
-Schillers Wendung zur kritischen Philosophie weniger auf dem Einfluß
-des begeisterten neuen Kantjüngers Reinhold, der damals erklärte, daß
-Kant »nach hundert Jahren die Reputation (den Ruf) von Jesus Christus
-haben« werde, als auf dem des kritischeren Körner.
-
-Schon in dem ersten der »Philosophischen Briefe« hatte er seinen
-Julius dem Raphael schreiben lassen: »Was hast Du aus mir gemacht,
-Raphael? Was ist seit kurzem aus mir geworden! ... Ich _empfand_ und
-war glücklich. Raphael hat mich _denken_ gelehrt, und ich bin auf dem
-Wege, meine Erschaffung zu beweinen.« Wenn er ihn dann weiter klagen
-läßt: »Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab; Du hast
-mich verachten gelehrt, wo ich anbetete«, so haben wir das letztere
-schwerlich auf Körner und _Schiller_ zu beziehen.
-
-Denn von schweren religiösen Kämpfen bei letzterem besitzen wir sonst
-nirgends das geringste Zeugnis, weder in seinen Tausenden von Briefen
-noch in seinen Werken. Aber das erstere wird zutreffen. Durch Körners
-Einfluß war an die Stelle der bloßen Empfindung, die sein bisheriges
-Philosophieren beherrschte, immer mehr das Denken getreten. Den
-Abschluß der »Philosophischen Briefe« nun bildet ein letzter Brief
-des Raphael, der _wirklich_ von Körner an Schiller am 4. April 1788
-geschrieben worden ist und, noch ohne Kants Namen zu nennen, ganz in
-dessen Sinne darauf hinweist, daß aller Philosophie eine anscheinend
-»etwas trockene Untersuchung über die Natur der menschlichen
-Erkenntnis« vorangehen müsse.
-
-Schiller vermutet in seiner Antwort vom 15. April richtig, daß des
-Freundes Wendung von den »demütigenden Grenzen des menschlichen
-Wissens« eine »entfernte Drohung mit dem _Kant_« enthalte!
-Noch sträubt sich seine Dichternatur gegen diese Nüchternheit.
-Und äußere Hindernisse (Berufung nach Jena, Verlobung, Heirat)
-verhindern zunächst weiteres philosophisches Studium, auch die
-geplante Antwort des »Julius« auf Raphaels letzten Brief. Aber
-im Novemberheft 1790 der »Thalia« erscheint ein Abschnitt seiner
-Vorlesung über Universalgeschichte als Aufsatz unter der Überschrift
-»Etwas über die erste Menschengesellschaft« mit der Bemerkung: »Es
-ist wohl bei den wenigsten Lesern nötig zu erinnern, daß diese
-Ideen auf Veranlassung eines Kantischen Aufsatzes in der Berliner
-Monatsschrift entstanden sind.« Es war dies Kants geistreiche und
-durchaus allgemeinverständliche Abhandlung »Mutmaßlicher Anfang der
-Menschengeschichte« (Januar 1786).[15] Wenige Monate später erfolgte
-die entscheidende Wendung zu dem kritischen Philosophen.
-
-
-
-
-~C.~ Die Höhezeit. Schiller als Jünger Kants
-
-(1791 bis 1795)
-
-
-Das erste Bekenntnis Schillers zu Kant stammt vom 3. März 1791. Er
-überrascht Freund Körner mit der Nachricht, daß er sich Kants »Kritik
-der Urteilskraft« angeschafft habe und sie eifrig studiere. Sie »reiße
-ihn hin durch ihren lichtvollen, geistreichen Inhalt«, der ihm als
-Ästhetiker ja schon ziemlich vertraut sei, und er lerne bei dieser
-Gelegenheit auch die übrige Kantische Philosophie kennen. Sie erscheine
-ihm als kein »unübersteiglicher Berg« mehr; er hege das größte
-Verlangen, sich nach und nach in sie hineinzuarbeiten!
-
-Ich will nun nicht, wie ich es im ersten Teil meines Buches »Kant
--- Schiller -- Goethe« getan, die ganze Reihe der in den nächsten
-fünf Jahren entstehenden philosophischen Aufsätze Schillers in
-chronologischer Folge durchmustern, sondern lieber seine Philosophie
-im ganzen, d. i. in _sachlichem_ Zusammenhang zu schildern versuchen.
-Vorausschicken möchte ich allerdings doch im folgenden eine Reihe
-besonders wichtiger persönlicher Bekenntnisse Schillers über seine
-philosophische _Entwicklung_ in diesen Jahren. Die Titel seiner
-Abhandlungen werden dabei, mit einigen zwanglosen Bemerkungen dazu, von
-selbst erwähnt werden.
-
-Seit Mitte Dezember 1791 war Schiller durch ein Jahresgehalt
-schleswig-holsteinischer Verehrer, eines Prinzen von Augustenburg und
-eines Grafen Schimmelmann, zum ersten Male in seinem Leben instand
-gesetzt, ohne Nahrungssorgen ganz seinem inneren Drange zu leben. »Ich
-habe endlich einmal Muße,« schrieb er seinem Körner, »zu lernen und zu
-sammeln und _für die Ewigkeit_ zu arbeiten.« Und wie ernst betrieb er
-diese Arbeit! Er studierte -- _Kantische_ Philosophie. »Mein Entschluß
-ist unwiderruflich gefaßt, sie nicht eher zu verlassen, bis ich sie
-ergründet habe, wenn mich dieses auch drei Jahre kosten könnte,«
-schreibt er am Neujahrstag 1792. Er hat sich kurz vorher die beiden
-anderen Kritiken Kants angeschafft. Und er hat Wort gehalten. So sehr,
-daß er sich in den folgenden drei Jahren aller dichterischen Produktion
-enthält, um nur endlich einmal philosophisch mit sich selbst ins reine
-zu kommen.
-
-Im Januar 1792 erscheint in der »Thalia« die erste jener durch
-Gedankengehalt wie durch glänzende Sprache gleich ausgezeichneten
-Abhandlungen meist ästhetischen Inhalts, die gleichmäßig den Dichter
-wie den Philosophen verraten: »_Über den Grund des Vergnügens an
-tragischen Gegenständen_«, im folgenden Monat eine zweite »_Über die
-tragische Kunst_«. Beide sind in streng Kantischem Geiste geschrieben.
-Noch im Oktober des Jahres, kurz vor Beginn seines Privatissimums über
-Ästhetik, »steckt er bis an die Ohren« in Kants Urteilskraft. Gegenüber
-Körner haben sich jetzt die Rollen umgetauscht: Schiller ist jetzt
-der eifrigere Kantianer, der den Freund kritisch zurechtweist. Auch
-in Kants theoretische Philosophie hat er jetzt einzudringen begonnen.
-Aus einem großen Briefe vom 18. Februar 1793 stammt sein begeistertes
-Bekenntnis: »Es ist gewiß von einem sterblichen Menschen kein größeres
-Wort noch gesprochen worden als dieses Kantische, was zugleich der
-Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: _Bestimme dich aus dir selbst!_
-Sowie das in der theoretischen Philosophie: _Die Natur steht unter dem
-Verstandesgesetz._« Und an seinen nach Bonn übergesiedelten jungen
-Freund Fischenich schreibt er fast zur selben Zeit auf die frohe Kunde
-hin, daß Kants Philosophie dort bei Lehrern und Lernenden gute Aufnahme
-finde: »Bei der studierenden Jugend wundert es mich übrigens nicht
-sehr, denn _diese_ Philosophie hat keinen anderen Gegner zu fürchten
-als _Vorurteile_, die« -- ach, könnte man das von der _heutigen
-studierenden_ Jugend doch auch sagen! -- »in jungen Köpfen doch nicht
-zu besorgen sind.« Die neue Philosophie sei zudem, fügt er am 20. März
-desselben Jahres hinzu, viel _poetischer_ als die Leibnizsche und habe
-einen weit größeren Charakter!
-
-In »_Anmut und Würde_« (Februar 1793), die zum ersten Male Schillers
-eigene ästhetische Theorie, wenn auch nur als eine Art Vorläufer
-der »Ästhetischen Briefe« entwickelt, wendet er sich zum ersten Male
-in seinen Schriften ausdrücklich an den »unsterblichen Verfasser
-der Kritik«, dem der Ruhm gebühre, »die gesunde Vernunft aus der
-philosophierenden wiederhergestellt zu haben«, und unter dem die Moral
-»endlich aufgehört habe, die Sprache des Vergnügens zu reden«. Freilich
-der Zustimmung folgen jetzt auch die Einwände, die unsere systematische
-Darstellung später zu schildern haben wird. Im folgenden Jahre (1794)
-kam dann Kant, der übrigens schon im Jahre 1789 durch einen gemeinsamen
-Bekannten dem Dichter einen Gruß hatte zugehen lassen, in der zweiten
-Auflage seiner »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« in
-einer neu hinzugefügten Anmerkung (S. 22 meiner Ausgabe) ausführlich
-und in sehr freundlicher Weise auf Schillers Einwände gegen ihn zurück,
-was den letzteren natürlich mit großer Freude erfüllte.
-
-Im März und April erschien weiter die Abhandlung »_Vom Erhabenen_« in
-zwei Teilen, deren erster später (1801) in einer umgearbeiteten, von
-Kant stärker abweichenden Gestalt unter dem Titel »_Über_ das Erhabene«
-in die Sammlung seiner »Kleinen prosaischen Schriften« aufgenommen
-wurde, während der zweite die Überschrift »_Über das Pathetische_«
-erhielt. Sehr kantisch sind auch die vom Februar 1793 bis Anfang 1794
-an den _Prinzen von Augustenburg_ gerichteten zehn _Briefe_ gehalten.
-Kants Philosophie, heißt es z. B. im ersten dieser Briefe, »die sich
-so oft nachsagen lassen müsse, daß sie nur immer einreiße und nichts
-aufbaue« -- was man bekanntlich auch so und so oft vom Sozialismus
-behauptet hat --, sei so fruchtbar, daß sie die festen Grundsteine
-zu einem System der Ästhetik darbiete. Und der zweite unterscheidet
-das eigentliche Gebäude (Kants) von dem »Gerüst«, das die Handwerker
-(die Kant_ianer_) darum gelegt. Im sechsten, zu Anfang Dezember 1798
-verfaßten bekennt er, daß er »im Hauptpunkte der Sittenlehre vollkommen
-kantisch denke«.
-
-Das Jahr 1794 bringt am gleichen Tage (13. Juni) die Einladung zur
-Mitarbeit an den »Horen« an Goethe und -- Kant nebst einem dankbar
-bescheidenen Begleitschreiben an den letzteren, der freilich erst am 1.
-März des folgenden Jahres mit nicht allzu großem Verständnis seinem
-berühmtesten Jünger erwidert hat. Wieder läßt dieser im Sommer 1794
-eine Zeitlang »alle Arbeiten liegen, um den Kant zu studieren«. Er
-steht jetzt auf dem Höhepunkt seiner _Abwendung_ von der _Poesie_, so
-daß ihm sogar vor der Arbeit am eigenen Entwurf zu seinem »Wallenstein«
-graut (!), »denn ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich
-eigentlich nichts weniger vorstellen kann als einen Dichter (!)« --
-eine seltsame, aber für diese Zeit bezeichnende Selbsttäuschung --,
-»und daß höchstens da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist
-mich überrascht«! Er habe »im Poetischen seit drei oder vier Jahren« --
-also genau seit seiner Wendung zur kritischen Philosophie! -- »einen
-völlig neuen Menschen angezogen«. Vor allem aber gibt er in einem
-bedeutsamen Briefe vom 28. Oktober dieses Jahres dem neugewonnenen
-Freunde _Goethe_ gegenüber seinem »_Kantischen Glauben_« einen so
-lebendigen Ausdruck, daß wir seine Sätze wörtlich hierhersetzen müssen:
-»Die Kantische Philosophie übt in den Hauptpunkten selbst keine Duldung
-aus und trägt einen viel zu rigoristischen (strengen) Charakter, als
-daß eine Akkomodation (Anpassung) mit ihr möglich wäre. Aber dies
-macht ihr in meinen Augen Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die
-Willkür vertragen kann. Eine solche Philosophie will daher auch nicht
-mit bloßem Kopfschütteln abgefertigt sein. Im offenen, hellen und
-zugänglichen Felde der Untersuchung erbaut sie ihr System, sucht nie
-den Schatten und reserviert dem Privatgefühl nichts, aber so, wie sie
-ihre Nachbarn behandelt, will sie wieder behandelt sein, und es ist
-zu verzeihen, wenn sie nichts als Beweisgründe achtet. Es erschreckt
-mich gar nicht zu denken, daß das Gesetz der Veränderung, vor welchem
-kein menschliches und kein göttliches Werk Gnade findet, auch die
-Form dieser Philosophie sowie jede andere zerstören wird; aber die
-Fundamente derselben werden dies Schicksal nicht zu fürchten haben,
-denn so alt das Menschengeschlecht ist und solange es eine Vernunft
-gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt und im ganzen danach
-gehandelt.«
-
-Im Jahre 1795 endlich erscheint die philosophische Hauptschrift
-Schillers, seine »_Briefe über die ästhetische Erziehung des
-Menschen_«, die Goethe »wie einen köstlichen, seiner Natur analogen
-Trank« hinunterschlürfte, und die gleichzeitig auch Kant »vortrefflich«
-fand. Lagen ihnen doch nach Schillers eigenem Bekenntnis »größtenteils
-Kantische Grundsätze« zugrunde. Wie denn überhaupt »über diejenigen
-Ideen, welche in dem praktischen Teil des Kantischen Systems die
-herrschenden sind, nur die Philosophen entzweit, die Menschen von
-jeher einig gewesen« seien. Schade, daß der einundsiebzigjährige Kant
-nicht mehr zu der von ihm geplanten Besprechung der Ȁsthetischen
-Briefe« gekommen ist, zu der er sich schon Notizen gemacht hatte,
-die ich zuerst in dem Nachlaßwerk des großen Königsbergers entdeckt
-habe (vergl. »Kant -- Schiller -- Goethe«, S. 36, Anmerkung). Wie
-sehr übrigens damals Kants Philosophie in alle möglichen Kreise
-eingedrungen war, davon gibt der Schillersche Briefwechsel dieser Zeit
-zwei hübsche Belege. Nach einer Mitteilung Goethes wurden Kantische
-Ideen von Künstlern in allegorischen Bildern dargestellt. Und Schillers
-»Ästhetische Briefe« wurden zusammen mit Kants und Reinholds Schriften
-von einem Zirkel -- preußischer Husarenoffiziere, die am Rhein gegen
-die Franzosen zu Felde lagen, eifrig studiert, demselben Kreise, in dem
-später auch Schillers prächtiges Reiterlied aus »Wallensteins Lager«
-»mit Enthusiasmus gesungen« wurde.
-
-Neben dem umgearbeiteten Aufsatz »Über das Erhabene« (S. 110) erschien
-dann Ende 1795 und Anfang 1796 in den »Horen« als letzte ästhetische
-Abhandlung Schillers die »_Über naive und sentimentalische Dichtung_«,
-die für ihn eine »Brücke« zu der über dem Philosophieren der letzten
-Jahre gänzlich zurückgetretenen »poetischen Produktion« darstellen
-sollte. Diese regt sich nun endlich wieder, und zwar, gewissermaßen zum
-Abschied von seiner philosophischen Epoche, in jenen _philosophischen
-Gedichten_, die eine Vereinigung von tiefstem Gedankengehalt mit
-schwungvoller, formvollendeter Sprache darstellen, wie sie seit
-Platos Tagen nicht dagewesen war und vielleicht nur von Nietzsche,
-wenigstens was die formale Seite betrifft, wieder erreicht worden
-ist. Philosophische Lektüre und Erörterungen über sie, namentlich mit
-dem neugewonnenen Freunde Goethe, der jetzt immer mehr an die Stelle
-Körners tritt, kommen zwar auch in Zukunft noch vor, sind aber nicht
-mehr das Ausschlaggebende. An den _Grundgedanken_ der kritischen
-Philosophie hat er auch in diesem seinem letzten Lebensjahrzehnt,
-sowohl gegenüber den älteren Gegnern Kants (Herder und seinem Kreis)
-als auch den neuesten, über ihn hinausgewachsen sich dünkenden (Fichte,
-Schelling, der Romantik überhaupt) festgehalten. Wir wenden uns nun
-einer zusammenhängenden systematischen Betrachtung von Schillers
-Philosophie zu, soweit eine solche möglich ist.
-
-
-
-
-~D.~ Schillers Philosophie in der Reifezeit
-
-
-1. Methodisches. Theoretische Philosophie
-
-Die erste Aufgabe der Philosophie muß eine _methodische_ sein:
-reinliche Scheidung der drei Gedankenwelten, die dem Erkennen, dem
-Wollen und der schaffenden Phantasie in unserer Seele entsprechen
-und seit Platos Zeiten unter den populären Namen des Wahren, Guten
-und Schönen jedem von uns bekannt sind; mit anderen Worten: der
-_Wissenschaft_, _Sittlichkeit_ und _Kunst_. Dieser von Kant an den
-Anfang aller philosophischen Arbeit gestellten methodischen Scheidung
-stimmt auch Schiller sogleich in seiner ersten ästhetischen Abhandlung
-»Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen« zu. Auch
-er will die Kunst von ihren »ernsteren Schwestern« unterscheiden: der
-durch den Verstand geleiteten Wissenschaft, der durch die Vernunft
-geleiteten Sittlichkeit. Ebenso hat er von Kant gelernt, daß der
-»Transzendental«-, also der kritische Philosoph »sich keineswegs dafür
-ausgibt, die Möglichkeit der Dinge selbst zu erklären, sondern sich
-damit begnügt, die Kenntnisse festzusetzen, aus welchen die Möglichkeit
-der Erfahrung begriffen wird« (19. ästhetischer Brief). Er hat ferner
-den idealistischen Kern von Kants Philosophieren wohl erfaßt, wenn
-er dessen ganze theoretische Philosophie in den Satz zusammenfaßt:
-»Die Natur steht unter dem Verstandesgesetz«, demnach weiß, daß die
-sogenannten Naturgesetze von unserem Verstand selbst gefunden und
-»gemacht« werden. Und er hat in seiner ersten großen und folgenreichen
-philosophischen Unterredung mit Goethe, die wir bei diesem noch näher
-kennenlernen werden, auch den grundlegenden Unterschied zwischen
-Erfahrung und Idee in seiner ganzen Tiefe begriffen.
-
-So hat sich Schiller auch _theoretisch_ auf den Boden der kritischen
-Philosophie gestellt. Allein für die genauere Aus- und Durchbildung
-dieser allgemeinen Grundgedanken, für die Philosophie der
-_Wissenschaft_ hat er sich, wohl schon infolge seiner Dichternatur,
-weniger interessiert. Stand er doch namentlich den sichersten und
-exaktesten Wissenschaften, die in Kants System eine so große Rolle
-spielen, der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschaft,
-ziemlich fremd gegenüber. Kants Philosophie ist ihm vielmehr in erster
-Linie »geläuterte _Lebens_philosophie« gewesen. Er würde daher wohl
-auch den bekannten Satz Fichtes unterschrieben haben: »Was für eine
-Philosophie man wähle, hängt davon ab, was für ein _Mensch_ man ist.«
-
-Jedenfalls ist sein stoffliches Interesse in der Philosophie in erster
-Linie auf deren praktischen Teil, d. h. auf die _Ethik_ und _Ästhetik_
-gerichtet; daneben werden wir seine _politisch_-philosophischen
-Gedanken und seine, freilich stark in den Hintergrund tretende,
-_Religions_philosophie zu betrachten haben.
-
-
-2. Die Ethik
-
-Die Ethik oder wissenschaftliche Lehre der Sittlichkeit hat sich
-allezeit vor ihrer Vermischung mit dem _Gefühl_ zu hüten gehabt. So eng
-auch jedes sittliche Wollen mit einem Gefühl, sei es der Kraft oder
-der Freiheit, sei es der Lust oder auch der Unlust, verbunden ist: es
-darf nicht davon abhängig sein. Gewiß, ohne die Wärme und Weichheit des
-Gefühls erscheint der Wille, und gerade der reinste und energischste
-am meisten, hart und kalt; man spricht dann von einem eisernen oder
-rauhen Willen, von starren, kalten, nüchternen Grundsätzen. Ebenso
-wie man von bitteren oder grausamen Wahrheiten redet, wenn sie
-langgehegte Lieblingsträume zerstören. Und so drängt sich denn echt
-menschlich das _Lust_gefühl -- am verlockendsten in seinen feinsten
-Gestalten, den geistigen Freuden und religiösen Gefühlen -- an das
-reine, sittliche Wollen mit einer fast unwiderstehlichen Macht heran,
-sucht ihm die Reinheit und Selbständigkeit zu rauben, die als etwas
-Eingebildetes, Hohles, Unwirkliches hingestellt wird, das sich der
-lebendigen Wirklichkeit der Gefühle beugen müsse. Oder auch es zu
-überbieten, zur moralischen oder religiösen Schwärmerei zu übertreiben,
-der auch der Schlaffste zuweilen gern sich hingibt, um nur, wie Lessing
-seinen Nathan sagen ließ, »gut handeln nicht zu dürfen«. Diesem
-Andringen des Gefühls und damit der Gefährlichkeit einer bloßen Lust-
-oder Glückslehre gegenüber, die schließlich von den individuellen
-und beliebigen Gefühlen jedes einzelnen abhängt, muß die Ethik ihre
-Selbständigkeit zu wahren bestrebt sein, auf die Gefahr hin, als
-»rigoristisch«, d. h. überstreng verschrien zu werden.
-
-Das ist denn auch der Kantischen Ethik, welche diese Züge trägt,
-bis zum heutigen Tage oft genug, ja meist begegnet. Und es heißt
-gewöhnlich, das philosophische Verdienst _Schillers_ bestehe darin,
-den schroffen, sittlichen »Rigorismus« Kants »ästhetisch gemildert«
-zu haben. Wir sind anderer Meinung, und wir können uns auch nicht der
-Ansicht Kuno Fischers (allerdings nur in der _ersten_ Auflage seines
-»Schiller als Philosoph«) anschließen, daß unser Dichter-Philosoph den
-ästhetischen Gesichtspunkt anfangs _unter_, dann _neben_, zuletzt aber
-_über_ den moralischen gestellt habe. Er hat vielmehr nicht bloß in
-den ersten Zeiten seiner Kantbegeisterung, sondern auch später Kants
-ethischen »Rigorismus« in dem von uns bezeichneten _methodischen_ Sinne
-durchaus gebilligt.
-
-So behauptet er dem anders gearteten Goethe gegenüber in seinem großen
-Bekenntnisbrief vom 28. Oktober 1794, daß der »rigoristische« Charakter
-der kritischen Philosophie ihr in seinen Augen gerade Ehre mache.
-Und dem Gefühlsphilosophen Schlosser, Goethes Schwager, der Kants
-strenge Methode angegriffen hatte, liest er in einem Briefe an Goethe
-vom 9. Februar 1798 gründlich genug den Text. Es sei unverzeihlich,
-»daß ein Schriftsteller, der auf eine gewisse Ehre hält, auf einem
-so reinlichen Feld«, wie es das philosophische durch Kant geworden
-sei, »so unphilosophisch und unreinlich sich betragen darf«. Er und
-Goethe wüßten doch auch, daß der Mensch auf der höchsten Stufe seiner
-seelischen Tätigkeit selbst als ein »verbundenes Ganze« handle; darum
-würde es ihnen aber doch niemals einfallen, dem Zergliedern und
-Unterscheiden, »worauf alles Forschen beruht«, in der Philosophie den
-Krieg zu machen, wie ja auch der Chemiker die Synthesen der Natur
-absichtlich und künstlich aufhebe. Aber »diese Herren Schlosser« wollen
-sich auch durch die Metaphysik hindurch »riechen und fühlen«, wollen
-»das Physische vergeistigen und das Geistige vermenschlichen«. Und bald
-darauf, am 2. März, wird auch die Anwendung auf Ethik und Ästhetik
-gemacht. Es sei bemerkenswert, daß »die Schlaffheit über ästhetische
-Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden zeigt«, und
-daß umgekehrt »das reine Streben nach dem hohen Schönen«, also reine
-und strenge Ästhetik, bei aller Duldsamkeit gegen die menschliche
-Natur, dennoch »den Rigorismus im Moralischen, mithin reine und strenge
-Ethik« mit sich führen werde.
-
-Die Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, das »Heroische«
-(Kühnemann), lag ja eigentlich von Anbeginn in Schillers Natur. Schon
-die Schulrede des Neunzehnjährigen hatte den stoischen Gedanken
-vertreten, daß das Sittliche im Kampfe sich am besten bewähre. Wir
-erinnern ferner an die Gedichte »Kampf« und »Resignation« (S. 102).
-Auch in seinen ästhetischen Abhandlungen tritt sie von Anfang an
-hervor. Gleich in der ersten vom Januar 1792 finden sich Gedanken wie:
-Das Prinzip der Sittlichkeit erfordert eine von jeder Naturkraft,
-also auch von moralischen Trieben unabhängige Vernunft; das sittliche
-Verdienst nimmt in umgekehrtem Grade ab, wie Lust und Neigung zunehmen;
-das höchste moralische Vergnügen wird jederzeit von Schmerz begleitet
-sein. Ebendeshalb seine Vorliebe für die Tragödie! Aber die gleiche
-methodische Anschauung bleibt auch späterhin herrschend. Wir verweisen
-auf die zahlreichen Belegstellen in unserem »Kant -- Schiller --
-Goethe« und heben hier nur die wichtigsten hervor.
-
-In dem noch nicht von uns erwähnten Aufsatz »_Über die notwendigen
-Grenzen beim Gebrauch schöner Formen_« erklärt er, daß die moralische
-Bestimmung des Menschen »völlige Unabhängigkeit des Willens von allem
-Einfluß sinnlicher Antriebe erfordere«, während die, noch heute von so
-vielen Über-Modernen verkündete, _ästhetische_ Moral die »große Gefahr«
-in sich berge, daß der Ernst der moralischen Gesetzgebung sich nach
-dem Interesse der Einbildungskraft richte und so -- ein Kantischer
-Ausdruck! -- »die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet« werde. Die
-Sinnlichkeit wird als der »natürliche innere Feind aller Moralität«
-bezeichnet (»Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«), vor
-dem wir uns in die heilige Freiheit der Geister (»Über das Erhabene«)
-in die unbezwingliche Burg unserer moralischen Freiheit (Ȇber das
-Pathetische«), in den heiteren Horizont der sittlichen Ideen (»Über die
-tragische Kunst«), in die Freiheit der Gedanken (»Ideal und Leben«)
-flüchten müssen. Ja, der letzte (24.) der »Briefe über die ästhetische
-Erziehung des Menschen«, die doch gewiß den ästhetischen Gesichtspunkt
-so hoch wie möglich stellen, bezeichnet ausdrücklich »alle ...
-Glückseligkeitssysteme, sie mögen den heutigen Tag oder das ganze
-Leben oder, was sie um nichts ehrwürdiger macht, die _ganze Ewigkeit_
-zu ihrem Gegenstand haben«, als »bloß« einem »Ideal der _Begierde_«
-entsprungen, »mithin einer Forderung, die nur von einer ins Absolute
-strebenden _Tierheit_ kann aufgeworfen werden«. Hier wird sogar Kants
-»Rigorismus« von dem Dichter-Philosophen noch übertroffen!
-
-Kurz, wir dürfen als das Ergebnis dieser Erörterungen über Schillers
-Stellung zu Kants reiner Ethik seinen Satz aus »Anmut und Würde«
-bezeichnen: »Über die Sache selbst kann nach den von Kant geführten
-Beweisen unter denkenden Köpfen, die überzeugt sein wollen, kein
-Streit mehr sein, und ich wüßte kaum, wie man nicht lieber sein ganzes
-Menschensein aufgeben, als über diese Angelegenheit ein anderes
-Resultat von der Vernunft erhalten wollte.«
-
-Freilich, das ganze und volle Menschentum ist mehr als bloße Ethik.
-»Die menschliche Natur«, sagt der Dichter in Schiller, »ist ein
-verbundeneres Ganze in der Wirklichkeit, als es dem Philosophen, der
-nur durch Trennen etwas vermag, erlaubt ist, sie erscheinen zu lassen.«
-Die reine Ethik, das hat Schiller nirgends verhehlt, bedarf in ihrer
-Anwendung auf den wirklichen, vollen Menschen einer _Ergänzung_ nach
-der Seite des _Gefühls_. Diese Gefühlsergänzung kann auf zweierlei
-Weise erfolgen: durch die _Ästhetik_ und durch die _Religion_. Die
-letztere Lösung hat er nur angedeutet, die erstere dagegen, die seiner
-Dichternatur zumeist am Herzen lag, in breiter Ausführung gegeben. Ihr
-wenden wir uns zunächst zu.
-
-
-3. Die ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene und das
-Sittlich-Schöne
-
-Wenn strenge methodische Scheidung der verschiedenen Richtungen
-menschlichen Bewußtseins auch die erste Aufgabe einer Philosophie als
-Wissenschaft ist, so darf es doch dabei nicht sein Bewenden haben.
-Wenn und nachdem Selbständigkeit und Eigentümlichkeit der einzelnen
-Gebiete durch ihre methodische Isolierung gesichert sind, können,
-ja müssen nunmehr die Verbindungsbrücken geschlagen werden. Das
-verbindende Element aber, das zunächst ferngehalten werden mußte,
-damit sie, damit Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst ihre Reinheit
-nicht verloren, ist das _Gefühl_. Ein Sittenwesen ohne Gefühl wäre ein
-leerer Schemen ohne Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem
-Blut. Und mag es auch das Vorrecht des Dichters sein, diesen »Quell aus
-verborgenen Tiefen« in seiner ganzen Allgewalt darzustellen, so ist es
-doch nicht, wie Schiller einmal sagt, »die Dichtung beinahe allein,
-welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt,
-welche ... gleichsam den _ganzen Menschen_ in uns wiederherstellt«.
-Die Philosophie hat vielmehr dasselbe Interesse daran. Ist doch
-ohne das Gefühl keine Anwendung des durch die rein formale Methode
-gefundenen obersten Sittengesetzes auf den wirklichen Menschen,
-dies sinnlich-vernünftige Mischwesen, kurzum keine angewandte Ethik
-möglich. Schon indem wir es als Triebfeder unseres Handelns denken,
-wird notwendig ein Gefühl mitgedacht. Dadurch nun, daß die Sittlichkeit
-gefühlt wird, tritt sie in den Bereich der _Ästhetik_. Die beiden
-ästhetischen Grundbegriffe aber, wenigstens zu Kants und Schillers
-Zeiten, waren das Erhabene und das Schöne.
-
-Die Form, unter der das Sittliche unserem Gefühl _zunächst_ erscheint,
-ist das
-
-
-Sittlich-Erhabene
-
-Mit Recht konnte Kant unserem Dichter an jener einzigen Stelle, wo er
-ihn in seinen Schriften behandelt hat,[16] zurufen: daß das Gefühl des
-Erhabenen unserer eigenen Bestimmung »uns mehr hinreiße als alles
-Schöne«, und daß Herakles »erst nach bezwungenen Ungeheuern« in den
-Olymp emporsteige, um hier Führer der Musen zu werden. Wem konnte
-eine solche Lehre sympathischer sein als Schiller, dem »Prediger der
-Freiheit«, wie Goethe ihn einmal, in bewußtem Gegensatz zu sich selber,
-charakterisiert. Und wenn derselbe Goethe an anderer Stelle von dem
-toten Freunde sagt: »Die Kantische Philosophie, die den Menschen so
-hoch _erhebt_, indem sie ihn einzuengen scheint, hatte er mit Freuden
-in sich aufgenommen«, so hatte er gerade dasjenige mit einem treffenden
-Worte gekennzeichnet, was die Ähnlichkeit beider Persönlichkeiten, die
-auch Körner auffiel, ausmacht, die auf ihrem vorzugsweise sittlichen
-Charakter beruht. Daher auch Schillers Vorliebe für die _Tragödie_,
-deren Begriff er ausdrücklich aus der Lust am moralisch Zweckmäßigen
-abgeleitet und im Zusammenhang mit dem Erhabenen entwickelt hat.
-Goethes Lieblingscharaktere (wir denken dabei etwa an Gretchen und
-Klärchen, Egmont und Faust) handeln nach dem Affekt, sagt Gervinus
-einmal, diejenigen Schillers (Verrina, Posa, Max Piccolomini) nach dem
-kategorischen Imperativ der Pflicht.
-
-Dieser Grundrichtung des _Dichters_ Schiller, im _Sittlichen_ den
-würdigsten Stoff für die vollendete Kunstform zu suchen, entspricht
-auch sein philosophisches Verhalten. Wie stark er gerade von Kants
-Begriff des _Erhabenen_ gepackt wurde, beweist schon die äußere
-Tatsache, daß die Mehrzahl seiner ästhetischen Aufsätze mit ihm, und
-zwar vorzugsweise dem Sittlich-Erhabenen, sich beschäftigt. Die beiden
-Abhandlungen über das Tragische, die beiden Vom und Über das Erhabene,
-der größte Teil der »Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene
-ästhetische Gegenstände«, der zweite Teil von »Anmut und Würde«
-gehören hierher: während der Entwicklung des Begriffs des _Schönen_
-eigentlich nur die »Anmut« und die »Ästhetischen Briefe« dienen, die
-hier nicht genannten Aufsätze aber beide Begriffe ungefähr gleich stark
-berücksichtigen. Wir begnügen uns daher vorläufig mit diesen kurzen
-Ausführungen, zumal da wir später noch einmal auf die Vereinigung
-beider zurückzukommen haben.
-
-Schon im Erhabenen liegt, wie widerspruchsvoll es im ersten Augenblick
-auch klingen möge, das Schöne verborgen. Denn in das demütigende
-Gefühl unserer Unterwerfung unter das Sittengesetz mischt sich bereits
-ein Gefühl des Stolzes und der Lust darüber, daß wir selbst in unserem
-eigenen Inneren die Idee dieses obersten Gesetzes unseres Handelns
-erzeugt haben, daß wir somit unsere eigenen Gesetzgeber (»autonom«),
-daß es unsere eigene Persönlichkeit, unser »besseres Selbst« ist,
-dem wir nach Kant im »freien Selbstzwang« gehorchen. Jetzt steht das
-Göttliche, d. i. das Gute, nicht mehr in feierlicher Majestät vor
-unseren Augen, sondern es steigt hernieder von seinem Weltenthron in
-die Tiefe unseres Herzens.
-
- »Des Gesetzes strenge Fessel bindet
- Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,
- Mit des Menschen Widerstand verschwindet
- Auch des Gottes Majestät.«
-
-Nunmehr werden Sittlichkeit und »Natur« einander vermählt, die Natur
-ist sittlich geworden und das Sittliche erscheint als Natur: beide
-zusammen machen erst den ganzen vollendeten Menschen aus. Das ist das
-Ideal des
-
-
-Sittlich-Schönen,
-
-das zwar, wie wir an anderem Orte nachgewiesen haben, bei Kant nicht
-völlig fehlte, aber erst von Schiller in seiner ganzen Herrlichkeit
-uns vor Augen gestellt worden ist. Es erinnert an das altgriechische
-»Schön-und-Gute«, aber die dort -- außer bei Plato -- und dann
-wieder in der Renaissance hervortretende Vermischung beider ist
-jetzt vermieden, die unbewußte Naivität vertieft durch das sittliche
-Bewußtsein. Die Kultur soll uns -- ein von Kant übernommener Gedanke!
--- auf dem Wege der Vernunft und Freiheit zurückführen zur wahren und
-echten Natur und Menschlichkeit: ein Gedanke, der übrigens in der
-ganzen, von Rousseau durchtränkten Zeit liegt und dem wir ja auch bei
-Herder begegneten.
-
-Wie der Gegensatz, so lag auch das Streben nach einer _Harmonie_
-zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit von Anfang an in Schillers
-Natur. Wir haben es schon in seiner »Philosophie der Physiologie«, in
-seinem Begriff der »Mittelkraft« kennengelernt. Und ebenso klingt es
-aus zahlreichen Gedichten, dramatischen Stellen und Briefen wieder.
-Von seinen philosophischen Abhandlungen behandelt »_Anmut und Würde_«
-eben dieses Problem. Die sinnliche Natur des Menschen, heißt es hier,
-ist seiner »reinen Geistesnatur« beigesellt nicht als Last, die er
-abwerfen, oder als »grobe Hülle«, die er abstreifen soll -- wie es oft
-genug mystische Verzückung oder mönchische Askese gefordert und zu
-üben versucht hat --, sondern »um sie aufs innigste mit seinem höheren
-Selbst zu vereinbaren«. An dieser Stelle glaubt er denn auch zum ersten
-Male Kant _entgegen_treten zu müssen, dessen Moralphilosophie »die
-Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen habe, die alle Grazie
-davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen
-könnte, auf dem Wege einer finsteren und mönchischen Asketik die
-moralische Vollkommenheit zu suchen«. Sicherlich würde eine solche
-»Mißdeutung« dem »heiteren und freien Geist« des »großen Weltweisen«
-unter allen »die empörendste« sein; indes habe doch er selbst durch die
-»strenge und grelle Entgegensetzung« beider Prinzipien (_Pflicht_ und
-_Lust_) einen »starken, obgleich bei seiner Absicht vielleicht kaum zu
-vermeidenden Anlaß dazu gegeben«.
-
-Schon die beschränkenden Zusätze zeigen, daß er Kant persönlich in
-Schutz nehmen will, der überdies die teils in »grobem Materialismus«,
-teils in »nicht weniger bedenklichen Perfektionsgrundsätzen«
-(»Vervollkommnungs«-Moral) aufgehende Zeitmoral unnachsichtlich habe
-angreifen und deshalb der harte »Drako« seiner Zeit habe werden
-müssen, weil sie ihm des weisen und milden »Solon« »noch nicht wert
-und empfänglich schien«. Aber, fährt er fort, »womit hatten es die
-Kinder des Hauses verschuldet, daß er nur für die Knechte sorgte?«
-Weil der moralische Weichling dem Gesetz der Vernunft gern eine
-Laxheit geben möchte, die es zum Spielball seines Beliebens macht,
-mußte ihm deshalb eine Starrheit beigelegt werden, welche »die
-kraftvolle Äußerung moralischer Freiheit nur in eine rühmlichere
-Art von Knechtschaft verwandelt«? Wir wollen hier nicht näher auf
-Kants Verteidigung eingehen, der gerade auf diesen Punkt in seiner
-»Religion innerhalb usw.« erwiderte und auch seinerseits eine frohe
-und mutige, nicht ängstlich-sklavische Gemütsstimmung als das der
-Tugend eignende Temperament angesehen wissen wollte. Inwieweit auch er
-das Sittlich-Schöne anerkennt, haben wir an anderem Orte (»Kant --
-Schiller -- Goethe«, S. 94 bis 107) ausführlich dargelegt. Hier haben
-wir es nur mit Schillers Entwicklung der sittlichen Schönheit zu tun,
-die sich auf die Beschaffenheit des Menschen als »vernünftig-sinnlichen
-Wesens« gründet.
-
-Nach Schiller muß des Menschen sittliche Denkart aus seiner »gesamten«
-Menschheit hervorquellen, sie muß ihm zur _Natur_ geworden sein.
-Denn »der bloß niedergeworfene Feind kann wieder aufstehen, aber
-der versöhnte ist wahrhaft überwunden«. Hiergegen läßt sich meines
-Erachtens der Einwand machen, daß der wirkliche Mensch, wie er _ist_,
-mit allen seinen Schwächen, eben immer wieder jenes »Aufstehens«
-bedarf, weil er das Ideal der »_schönen Seele_«, die Schiller als das
-»Siegel der vollendeten Menschheit« preist, in der Tat nie erreicht.
-Wie denn Schiller selbst am Anfang des Abschnitts über »Würde«
-zugesteht, daß jene »Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner
-Humanität, bloß eine _Idee_« ist, »welcher gemäß zu werden er mit
-anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung
-nie ganz erreichen kann«. Also ist doch auch die schöne Seele bloß
-ein schönes Ideal, und es ist vom methodischen Standpunkt aus gesehen
-sogar gefährlich, wenn Schiller in diesem Zusammenhang zugunsten der
-Sinnlichkeit anführt, sie erst leihe dem sittlichen Menschen »das ganze
-Feuer ihrer Gefühle« zu dem »Triumph, der über sie selbst gefeiert
-wird«. Denn was ist nicht schon alles in der Weltgeschichte, namentlich
-in Religion und Politik, mit dem »Feuer der Gefühle« gerechtfertigt
-worden!
-
-Aber _ein_ tiefer und schöner Gedanke liegt sicher im Begriff der
-»schönen Seele«, nämlich, daß der Mensch »nicht dazu bestimmt ist,
-_einzelne_ sittliche _Handlungen_ zu verrichten, sondern ein sittliches
-Wesen zu sein«, wie Schiller es in dem bekannten Doppelvers ausgedrückt
-hat:
-
- »Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen
- Zahlen mit dem, was sie _tun_, edle mit dem, was sie _sind_.«
-
-Eine solche Seele weiß auch gar nicht um ihre eigene Schönheit: »mit
-einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt (!) aus ihr handelte« --
-freilich wieder ein gefährlicher Vergleich --, »übt sie der Menschheit
-peinlichste Pflichten aus«. Die Sinnlichkeit sieht jetzt nicht mehr
-am Vernunftgesetz schwindelnd empor, sondern der Gesetzgeber selbst,
-nämlich der »Gott in uns«, hat sich zum Sinnlichen herabgeneigt und
-sieht sich befriedigt durch »die Übereinstimmung des Zufälligen der
-Natur mit dem Notwendigen der Vernunft«. Das in dem aus Lust und Unlust
-gemischten Gefühl der _Achtung_ angespannte Gemüt kommt zur Auflösung,
-Ruhe und Harmonie in dem ungemischten Gefühl der _Liebe_.
-
-Soweit die philosophische Erörterung in »Anmut und Würde«. Es würden
-sich dazu selbstverständlich noch zahlreiche Parallelstellen aus
-anderen Abhandlungen, namentlich aus den Briefen über ästhetische
-Erziehung, die ja gerade diesen ästhetischen Zustand zum pädagogischen
-Endziel machen, sowie aus den Bruchstücken der Vorlesungen über
-Ästhetik, aus den Gedichten und den Briefen beibringen lassen. Unter
-den letzteren möchten wir den Leser besonders auf zwei hinweisen.
-Einmal auf den schon in anderem Zusammenhang erwähnten vierzehn
-Seiten langen Brief an Körner vom 18. Februar 1793, wo unter anderem
-in Anknüpfung an eine der Geschichte vom barmherzigen Samariter
-verwandte Erzählung der Unterschied einer gutherzigen, nützlichen,
-rein moralischen, großmütigen und sittlich-schönen Handlung beleuchtet
-wird. Und auf den zehn Tage später an denselben Freund gerichteten
-Brief, der ein wundervolles Gleichnis, das wir ähnlich auch in
-Vischers »Auch einer« gefunden zu haben uns erinnern, zu unserem Thema
-bringt. Einen Vogel im Fluge nennt dort der Dichter »die glücklichste
-Darstellung des durch die _Form_ bezwungenen _Stoffes_, der durch die
-Kraft überwundenen _Schwere_«. Die Schwerkraft verhalte sich nämlich
-»ungefähr ebenso gegen die lebendige Kraft des Vogels, wie sich bei
-reinen Willensbestimmungen die Neigung zu der gesetzgebenden Vernunft
-verhält«. Der Adler also, der durch den reinen Äther, die Wolken unter
-sich (bei Vischer: ~nunc pluat~, jetzt möge es regnen!) der Sonne
-zuschwebt, ist an sich das Symbol des Erhabenen, und Flügel werden als
-»Symbol der Freiheit« gebraucht. Er stellt aber zugleich auch den Sieg
-der _reinen Schönheit_ dar, denn »Schönheit nehmen wir überall wahr, wo
-die Masse von der Form und ... von den lebendigen Kräften ... völlig
-beherrscht wird«.
-
-Dem entspricht dann genau, um von anderen Gedichten zu schweigen, die
-vielleicht durch jenes Kantische Gleichnis von Herakles als »Musaget«
-(Führer der Musen) im Olymp angeregte herrliche Schlußstrophe der Krone
-von Schillers Gedankenlyrik »Das Ideal und das Leben«, welche die
-»Himmelfahrt« des von seinen Erdenleiden erlösten Herakles und seine
-Begrüßung durch Hebe, die Göttin der ewigen Jugend, schildert:
-
- »Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
- Flammend sich von Menschen scheidet
- Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
- Froh des neuen, ungewohnten Schwebens
- Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens
- Schweres Traumbild sinkt -- und sinkt -- und sinkt.
- Des Olympus Harmonien empfangen
- Den Verklärten in Kronions Saal,
- Und die Göttin mit den Rosenwangen
- Reicht ihm lächelnd den Pokal.«
-
-
-4. Stellung zu Griechentum und Christentum und zur Religion überhaupt
-
-Mit Gedankengängen wie dem letzten befinden wir uns ganz im Banne
-griechischer, genauer allerdings _neu_hellenischer Anschauungen, wie
-sie der Humanitätsstandpunkt unserer Klassiker: Lessing und Herder,
-Schiller und Goethe, wenn auch bei den einzelnen in verschiedenem Maße
-und verschiedener Färbung, enthält. Wie sollen wir Heutigen uns dazu
-stellen?
-
-Gewiß, auch das Sittliche darf den Menschen nicht von seiner
-natürlichen Grundlage lösen wollen. Weltflüchtiges, sinnen-
-und schönheitsfeindliches Mönchtum, sei es buddhistisches oder
-christliches, das in allem Sinnlichen nur Sünde sieht und daher einen
-aufs schärfste zu bekämpfenden Feind in ihm erblickt, kann nicht das
-Ideal eines mit Fleisch und Blut bekleideten Wesens sein, das eine
-gleichmäßig harmonische Ausbildung _aller_ seiner Fähigkeiten erstrebt.
-Noch nie ist, nach einem bekannten Spruche des römischen Dichters
-Horaz, die Natur gewaltsam unterdrückt worden, ohne sich dafür zu
-rächen. So gesehen, war es eine Art Akt geschichtlicher Notwendigkeit,
-daß aus der Mönchszelle selbst Luther, der Befreier vom Mönchtum,
-erstand. Die natürlichen Neigungen sind, auch nach dem Urteil eines so
-strengen Ethikers wie Kant, an sich keineswegs etwas Böses; sie müssen
-nur in die Bahn des Guten gelenkt werden, damit das Gefühl, das zur
-wahren Freudigkeit des sittlichen Handelns unentbehrlich ist, um mit
-Schiller zu sprechen, »eifrige Teilnehmerin an der reinen Sittlichkeit«
-wird.
-
-Trotz alledem vermögen wir, scheint mir, heute zu jenem hellenischen
-Harmoniegefühl, jenem optimistischen Glauben an die Güte alles
-Natürlichen, jener lebensfrohen Schönheitsreligion, wie sie das
-Zeitalter des Perikles beseelte, dann nach zwei Jahrtausenden noch
-einmal im lebensfrohen Geiste der Renaissance und des Humanismus zum
-Ausdruck kam und auch noch in einzelnen philosophischen Nachzüglern des
-achtzehnten Jahrhunderts, wie Shaftesbury, lebendig wurde, ebensowenig
-zurückkehren wie zu der glücklichen Naivität unseres Kindesalters.
-Und wenn selbst in dem schönheitsdurstigen Volke der alten Griechen
--- wobei wir von der Volks- und Mysterienreligion ganz absehen
-wollen -- ein Xenophanes, ein Sokrates und vor allem, bei all seinem
-Schönheitsgefühl, ein Plato zur reinen Geistigkeit hinstreben, so ging
-es mit jenem naiven Sich-eins-fühlen von Natur und Sittlichkeit erst
-recht zu Ende, seitdem das _Christentum_ mit seinem Sündenbewußtsein in
-die Welt trat, das nun kaum mehr auszurotten ist.
-
-Und hat es, auch von einem ganz undogmatischen und unkirchlichen
-Standpunkt aus, der für uns selbstverständlich ist, wirklich so
-unrecht damit? Wir verstehen dabei unter der »Sünde« freilich kein
-mystisch-religiöses Gefühl, sondern den _Egoismus_, der nur den eigenen
-Vorteil sucht, anstatt sich dem Ganzen hinzugeben, den Eigenwillen,
-den »zu bändigen« Schiller selbst im »Kampf mit dem Drachen« als »der
-Pflichten schwerste« bezeichnet hat. Trotzdem gibt er doch in einem
-Brief an Goethe vom 9. Juli 1796, im Anschluß an seine Beurteilung
-von dessen »Wilhelm Meister«, Goethe recht: »Die _gesunde_ und
-_schöne Natur_ braucht keine _Moral_« und, wie er hinzusetzt, auch
-keinen _Gott_ und keine _Unsterblichkeit_, die für die »_ästhetische
-Geistesstimmung_« seines Erachtens »nie zu ernstlichen Angelegenheiten
-und Bedürfnissen werden können«. Aber wo gibt es, fragen wir, solche
-Naturen, die ohne inneren Kampf durch den bloßen Instinkt des Gefühls
-in allen Fällen von selber das Richtige treffen? Sagt doch Schiller
-selbst zu Anfang seines »Ideal und Leben«, daß die »Vermählung« von
-»Sinnenglück« und »Seelenfrieden« nur dem olympischen Zeus gegeben
-sei, während dem Menschen zwischen beiden »nur die bange Wahl« bleibe.
-Und hat gerade er doch in seinen Dramen keine rein harmonische »schöne
-Seele«, wie Goethe in seiner Iphigenie oder der Prinzessin im »Tasso«,
-zu schaffen vermocht, sondern gerade in seinen hervorragendsten
-Frauengestalten, wie Maria Stuart, Johanna, Thekla, die Erhebung
-des »schönen« Charakters zu sittlicher Größe dargestellt. Die reine
-Harmonie mag uns als schönes Ideal vorleuchten, fürs Leben taugt der
-sittliche Kampf.
-
-Schiller und noch stärker, wie wir gleich hinzufügen können,
-Goethe stehen jedenfalls _mehr_ auf der Griechenseite und gegen
-das Christentum. Daher auch ihre Unzufriedenheit mit dem von Kant
-angenommenen »Hang zum radikalen Bösen in der Menschennatur«. Die
-Griechen dagegen erscheinen ihm als Muster jener ungebrochenen Einheit
-und Ganzheit des Menschenwesens: »Zugleich voll Form und voll Fülle,
-zugleich philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch,
-sehen wir sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der
-Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigen.«
-
-Bei dieser Gelegenheit einige Bemerkungen über Schillers Verhältnis zur
-_Religion_ überhaupt. Wir haben schon früher bemerkt, daß von einem mit
-schweren inneren Kämpfen verbundenen schroffen Bruch mit den biblischen
-Jugendanschauungen in des Dichters religiöser Entwicklung nichts zu
-merken ist. Die Stellung des reifen Schiller zur Religion kennzeichnet
-sich am kürzesten durch sein bekanntes Distichon, das »Mein Glaube«
-überschrieben ist:
-
- »Welche Religion ich bekenne? -- Keine von allen,
- Die du mir nennst! -- Und warum keine? -- _Aus_ Religion!«
-
-Daraus ergibt sich eine Ablehnung aller sogenannten »positiven«
-Religionsbekenntnisse aus reinem, das »Göttliche« mit dem _Guten_
-gleichsetzendem Religionsgefühl, stärker fast noch als bei Lessing
-und Herder. Es ist daher auch unglaublich töricht, wie es zuweilen
-geschieht, aus seiner »Jungfrau von Orleans« oder »Maria Stuart« --
-im ersten Falle aus der sympathischen Charakterisierung der frommen
-Titelheldin, im zweiten aus der schwärmerischen Schilderung des
-katholischen Kultus durch den jungen Fanatiker Mortimer -- eine
-»Verherrlichung« der römischen Kirche herauszulesen. Gerade so töricht,
-nebenbei bemerkt, wie die der mittelalterlich-feudalen Anschauung des
-Ritters Dunois entsprechende:
-
- »Für seinen König muß das Volk sich opfern,
- Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt«
-
-als Schillers persönliche politische Ansicht auszugeben.
-
-Er stand seiner ganzen Bildung und Gesinnung nach hoch über
-konfessionellen Gegensätzen und wußte daher beiden ihr historisches
-und ästhetisches Recht zu geben, wobei in letzterem Falle der
-englisch-schottische Kalvinismus natürlich ungünstig abschneiden mußte.
-
-Bezeichnend für seine ablehnende Stellung zum kirchlichen Christentum
-waren schon seine »Götter Griechenlands«, ist aus der späteren Zeit
-sein Urteil über Kants Religionsschrift von 1792, die aus Rücksichten
-auf die preußische Zensur in Jena gedruckt und von dem eifrig
-interessierten Dichter schon vor Vollendung des Drucks eingesehen
-wurde. Mit Kants freier, sinnbildlicher bezw. moralischer Auslegung
-der christlichen Lehren von der Erlösung, vom Logos, von Himmel
-und Hölle, vom Reiche Gottes erklärt er sich zwar einverstanden.
-Aber radikaler als Kant und sein Freund Körner, hegt er Bedenken
-gegen den pädagogischen Zweck, den der Philosoph in dieser Schrift
-mit ihrer Anknüpfung der »Resultate des philosophischen Denkens an
-die -- Kindervernunft (!)« verfolge: nämlich »das Vorhandene nicht
-_wegzuwerfen_, solange noch ein Nutzen davon zu erwarten sei, sondern
-es vielmehr zu _veredeln_«. Die sogenannten »Religionsverteidiger«
-würden bei ihrer bekannten Beschaffenheit, wie er sich recht
-sarkastisch äußert, seine »Unterstützung annehmen«, seine
-»philosophischen Gründe aber wegwerfen«; so habe »Kant dann weiter
-nichts getan, als das morsche Gebäude der Dummheit geflickt«. So scharf
-stand Schiller der Orthodoxie gegenüber.
-
-Auch über das Verhältnis der Religion zur Ethik äußert er sich zur
-selben Zeit in der Abhandlung »Vom Erhabenen« ziemlich absprechend:
-»Nur die _Religion_, nicht aber die _Moral_ stellt Beruhigungsgründe
-für unsere Sinnlichkeit auf. Die Moral befolgt die Vorschrift der
-Vernunft unerbittlich und ohne alle Rücksicht auf das Interesse unserer
-Sinnlichkeit; die Religion aber ist es, die zwischen den Forderungen
-der Vernunft und dem Anliegen der Sinnlichkeit eine Aussöhnung, eine
-Übereinkunft zu stiften sucht.« Ebenso in einer aus 1794 stammenden
-Äußerung zu einer Kritik seines auch von uns bereits (S. 102) berührten
-Jugendgedichts »Resignation«: »So (d. h. sich in ihrer Rechnung
-betrogen zu sehen) kann und soll es jeder Tugend und jeder Resignation
-ergehen, die bloß deswegen ausgeübt wird, weil sie in einem anderen
-Leben gute Zahlung erwartet. Unsere moralischen Pflichten binden uns
-nicht kontraktmäßig, sondern unbedingt. Tugenden, die bloß gegen
-Assignation an künftige Güter ausgeübt werden, taugen nichts. Die
-Tugend hat _innere_ Notwendigkeit, auch wenn es kein anderes Leben
-gäbe. Das Gedicht ist also nicht gegen die wahre Tugend, sondern nur
-gegen _die_ Religionstugend gerichtet, welche mit dem Weltschöpfer
-einen Akkord schließt und gute Handlungen auf Interessen ausleiht, und
-diese interessierte Tugend verdient mit Recht jene strenge Abfertigung
-des Genius.«
-
-Entgegenkommender spricht sich ein Brief an Goethe vom 17. August
-1795 im Anschluß an eine Besprechung der »Bekenntnisse einer schönen
-Seele« in »Wilhelm Meister« aus: »Ich finde in der christlichen
-Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und
-die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß
-deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen
-dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentümlichen Charakterzug
-des Christentums, der es von allen monotheistischen Religionen
-unterscheidet, so liegt er in nichts anderem als in der Aufhebung
-des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das
-Christentum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also
-in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der
-Menschwerdung des Heiligen und in diesem Sinne die einzige ästhetische
-Religion.« Worauf dann freilich die beißende Schlußbemerkung folgt:
-»Daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der
-weiblichen Natur so viel Glück gemacht und nur in Weibern noch in einer
-gewissen erträglichen Form angetroffen wird.«
-
-
-5. Zusammenfassung und Ergebnisse
-
-Doch kehren wir noch einmal zu unserm Hauptthema zurück: Genügt die
-bloß _ästhetische_ Gemütsstimmung »schöner« Sittlichkeit wirklich zu
-einer uns völlig befriedigenden Weltanschauung? Können Sittlichkeit
-und Menschennatur in der Tat restlos ineinander aufgehen? Wir meinen:
-Auf die Dauer _nein_!, und berufen uns dabei auf das Urteil aller
-erfahrenen Menschenkenner, unter anderem auch auf das in Kants
-»Anthropologie« zitierte eines so wenig christlich Denkenden wie
-Friedrich der Große »von der verfluchten Rasse, der wir angehören«.
-Der Riß zwischen Sein und Sollen, Wirklichkeit und Ideal besteht nun
-einmal, so gewiß wie das Schlechte, andere sagen: die Schwachheit
-der menschlichen Natur. Und solange das Böse nicht ausstirbt, darf
-auch der Kampf dagegen nicht aufhören, ist immer neue Erhebung,
-tägliche »Wiedergeburt« des Guten in uns notwendig. Mögen wir uns
-zeitweise in jenen Zustand vermählter Natur (»Sinnenglück«) und
-Sittlichkeit (»Seelenfrieden«) versetzen können: er hält nicht
-dauernd stand vor den tausend Widerwärtigkeiten des Lebens. In
-Lagen, wo wir die moralische Feuerprobe bestehen müssen, reicht das
-Natürliche, auch in seiner veredelten Gestalt als Sittlich-Schönes
-nicht aus; das Sittlich-Erhabene muß hinzutreten, uns emporziehen in
-die unbezwingliche Burg unseres besseren Selbst. Schönheit ist, im
-Körperlichen wie im Seelischen, allzu häufig nicht gepaart mit Stärke.
-
-Lassen sich ferner mit schöner Sittlichkeit, mit den edlen Neigungen
-des Mitleids (Schopenhauer) und der Sympathie (Shaftesbury) allein die
-großen _öffentlichen_ Aufgaben in _Staat_ und Gesellschaft lösen? Nein.
-Der reine »Ästhet« neigt zur ruhigen Betrachtung der Dinge anstatt
-zur Tat, zu beschaulichem Selbstgenuß statt des Wirkens für andere,
-trägt daher einen ausgesprochen geistesaristokratischen, dagegen
-unpolitischen und unsozialen Charakter. Doch wir werden auf Schillers
-Verhältnis zum _Staat_ noch besonders zu sprechen kommen. Jedenfalls
-fordert das Sittengesetz der Pflicht andere Taten von uns als das
-Schwelgen in Gefühlen. Das Ideal der Pflanze, das der lyrischen, am
-liebsten in sich selbst ruhenden Natur Herders so zusagte, eignet sich
-nicht zum Vorbild für den Menschen, der nicht zum Vegetieren, sondern
-zum Handeln geboren ist. Schiller, der in Kants Schule gegangen war,
-setzt darum in seinem Distichon »Das Höchste« bezeichnenderweise ein
-»wollend« hinzu; denn er wußte, daß im Gegensatz zur »ganzen Natur«
-der Mensch »das Wesen ist, welches _will_«. Auch die Tatsache, daß er
-in »Anmut und Würde«, übrigens auch darin Kant folgend, _Anmut_ als
-besonderen Ausdruck der _weiblichen_ Tugend darstellt, die sich nach
-seiner Meinung »selten zu der höchsten Idee sittlicher Reinheit erhebt
-und es selten weiter als zu affektierten (gefühlsmäßigen) Handlungen
-bringt«, beweist, daß sie dem Dichter nicht als Kennzeichen des
-vollen Menschen gilt, wie andererseits freilich auch nicht allein die
-»_Würde_« des _Mannes_.
-
-Mit einem Worte: Erhabene und schöne Sittlichkeit besitzen _beide_
-ihren eigenen Wert. Keine Harmonie ohne voraufgegangenen Kampf, aber
-das Ziel des Kampfes Harmonie! Will dagegen ein jedes von beiden für
-sich allein alles bedeuten, so wird es notwendig einseitig, wie das die
-großen geschichtlichen Erscheinungen gezeigt haben. Der christliche
-Dualismus traut der menschlichen Natur zu wenig zu und ist deshalb oft
-sinnen-, ja menschenfeindlich geworden. Selbst ein Luther, der doch
-ein neues, weltförmiges Christentum stiften wollte, verzweifelt an der
-eigenen Vernunft und Kraft. Das alte Griechentum dagegen und seine
-Wiedergeburt in der Zeit der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts
-und wiederum in der Zeit unserer klassischen Dichtung traut ihr zuviel
-zu, wenn es allen Halt und Maßstab in das souveräne Belieben des
-Einzelmenschen verlegt. Was soll nun unser sittliches Zukunftsideal
-sein? Um es einmal mit F. A. Lange in religiös-ästhetischem Bilde
-auszudrücken: erhabene Domeshallen mit himmelanstrebenden Türmen
-oder die klassisch-schönen Säulenordnungen hellenischer Tempel? Ich
-denke, viele von uns werden doch mit dem Sozialisten Lange neben jenem
-heiteren Tempel der Freude wenigstens eine »gotische Kapelle« für
-»bekümmerte Gemüter« schon im Hinblick auf das soziale Elend nicht
-entbehren wollen. Die moderne Ethik sollte meines Erachtens beide
-Elemente, das antike Harmoniegefühl und den sittlichen Idealismus der
-Tat, der sich umsetzt in kräftiges politisch-soziales Handeln, in sich
-aufzunehmen und womöglich zu einer höheren Einheit zu verbinden suchen.
-
-
-6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik[17]
-
-In dem Grundstandpunkt, daß das künstlerische Schaffen und Genießen
-eine besondere, von denen der Wissenschaft und Sittlichkeit
-grundsätzlich geschiedene Provinz des menschlichen Geistes darstellt,
-sahen wir unseren Dichter-Philosophen dem Verfasser der »Kritik der
-Urteilskraft« folgen. Desgleichen teilt er mit ihm die Ansicht, daß
-das künstlerische Erleben eine Bewegung des Gefühls darstellt und die
-Lust am Schönen weder durch logische Begriffe vermittelt noch durch
-sittliche Gebote beeinflußt ist.
-
-Aber er sucht, über Kant hinausgehend, einen _objektiven_ Maßstab
-der Schönheit festzustellen und glaubt ihn in einem langen Schreiben
-an Körner vom 18. Februar 1793, das er zu einer besonderen Schrift
-»Kallias« auszuarbeiten gedachte, in dem Satze: »Schönheit ist Freiheit
-in der Erscheinung« gefunden zu haben. Dieser an und für sich etwas
-dunkle Satz soll besagen: Im ästhetischen Urteil erscheint uns die
-ganze Natur, einschließlich des Menschen, als die Darstellung von
-freien, ihr eigenes Leben und Gesetz erfüllenden Wesen.
-
-Den Ausdruck dieses eigentümlichen Wesens einer jeden Person, eines
-jeden Dinges nennt Schiller, vielleicht durch Aristoteles und seine
-modernen Nachfolger, vielleicht auch schon durch Fichte beeinflußt,
-dessen _Form_. Schon auf dem theoretischen und dem ethischen Gebiet
-des Kritizismus spielt die Form eine sehr bedeutsame Rolle, wie ich in
-meiner Doktor-Dissertation[18] nachgewiesen habe. Schiller überträgt
-das nun auch auf das ästhetische Gebiet.
-
-Er unterscheidet drei Begriffe: die gestaltende Form, den zu
-gestaltenden Stoff und den schaffenden Künstler. Künstlerisch arbeiten
-heißt eben: dem Stoffe Form geben, den Stoff durch die Form vertilgen,
-wie es in der neunten Strophe von »Ideal und Leben« von den »heiteren
-Regionen, wo die neuen Formen wohnen«, beschrieben wird:
-
- »Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,
- Und im Staube bleibt die Schwere
- Mit dem _Stoff_, den sie beherrscht, zurück.
- Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
- Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen
- Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
- Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
- In des Sieges hoher Sicherheit,
- Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
- Menschlicher Bedürftigkeit.«
-
-Ein weiterer Begriff der Schillerschen Ästhetik ist der ästhetische
-oder schöne _Schein_. In der Wissenschaft wollen wir das Wirkliche
-erkennen, in der Ethik dem Guten durch unser Handeln Wirklichkeit
-verschaffen; der Gegenstand des ästhetischen Triebes dagegen ist der
-bloße Schein der Dinge, an dem nur »der Blick sich zu weiden« vermag,
-der Blick auf eine nur der »dichtenden« Seele wahrnehmbare eigene Welt.
-Im Gegensatz zu der Arbeit der Wissenschaft, dem Tun des Guten erweist
-der ästhetische Schein sich als bloßes _Spiel_: ein Spiel jedoch, das
-die Gesamtheit der menschlichen Gemütskräfte in Anspruch nimmt. Die
-Kunst versetzt sie in ein freies Spiel miteinander, d. h. eine rein
-sich selbst genügende Bewegung, die an keinen bestimmten Zweck gebunden
-ist, wie denn Kant die ästhetische Zweckmäßigkeit, im Gegensatz zur
-praktischen, als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« bezeichnet hatte. Mit
-dem Angenehmen, Guten und Wahren ist es dem Menschen _ernst_; mit dem
-Schönen _spielt_ er, d. h. er erfreut sich an ihm mit seiner vollen
-Menschennatur. »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des
-Wortes _Mensch_ ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« (15.
-ästhetischer Brief.)
-
-Die Wirkung des Schönen ist entweder eine schmelzende (auflösende) oder
-eine energische (anspannende). Auflösend wirkt die Schönheit, indem sie
-uns im Spieltrieb von der einseitigen Spannung des Stoff- (Sach-) oder
-des Formtriebs befreit und _fühlen_ lehrt, sobald wir Gefahr laufen, zu
-verknöchern, _denken_, wenn wir verdumpfen. Anspannend dagegen, wenn
-sie beide Teile in ihrer Kraft erhält, der Erschlaffung entgegenwirkt.
-So belebt das Schöne samt dem Erhabenen (denn nichts anderes ist
-eigentlich die »energische« Schönheit) alle Kräfte unserer Seele und
-stellt uns in der vollen Einheit unseres lebendigen Wesens dar.
-
-Wenden wir uns nun zum Schlusse Schillers Anwendung der ästhetischen
-Theorie auf sein eigenstes Schaffensgebiet, die _Dichtung_, zu. Die
-Hauptschrift, zugleich diejenige, nach deren Vollendung er von der
-Philosophie wieder zum poetischen Schaffen übergeht, ist die große
-Abhandlung von 1795/96
-
-
-Ueber naive und sentimentalische Dichtung,
-
-die man wohl »ein einziges Zwiegespräch mit Goethe« genannt
-hat, der dem naiven, so wie Schiller dem sentimentalen, Dichter
-entspricht. Sie geht aus von dem Reiz, den das _Naive_, Natürliche
-auf den Kulturmenschen ausübt. Die Naivität eines Kindes oder eines
-Naturmenschen erfreut und rührt uns als ein Sieg der Natureinfalt
-über die Künstelei der Zivilisation. Auch das Genie ist naiv, reine
-Naturkraft; wobei Natur als das Dasein der Dinge nach eigenen und
-unabänderlichen Gesetzen verstanden wird. In der Blume, der Quelle,
-dem bemoosten Stein, dem Vogelsang, der Kindheit lieben wir das ruhige
-Wirken aus sich, die ewige Einheit mit sich selbst. »Sie sind, was wir
-_waren_ und was wir wieder werden sollen.«
-
-Bewahrer der Natur sind nun in erster Linie die _Dichter_, sei es, daß
-sie »Natur« sind oder die verlorene suchen. Das dichterische Genie
-ist gleichsam der zur Person gewordene Spieltrieb, der ja ebenfalls
-nach seelischen Einfällen und Gefühlen, nicht nach logischen Begriffen
-verfährt. Naive Dichter sind Homer und Shakespeare; sentimental
-(gefühlvoll) ist Werther, der den Homer liest. Dem Naiven ist die
-Natur eine Selbstverständlichkeit, dem Sentimentalen ist sie ein Ziel
-seiner Sehnsucht. Naiv ist deshalb die Antike in ihrer Blütezeit,
-ihrer ungebrochenen Einheit von Natur und Kultur; sentimental das
-Christentum, in dem sich dieser Bruch vollzogen hat, aber auch
-der _moderne_ Mensch überhaupt. Und ferner kehrt in dem Kontrast
-»naiv-sentimental« der uns bekannte Gegensatz der harmonischen schönen
-Seele auf der einen, des sittlich-erhabenen Charakters auf der anderen
-Seite wieder.
-
-Die Hauptgattungen der sentimentalen, mithin spezifisch modernen
-Poesie sind die Satire, die Elegie und die Idylle, über die sich
-dann der Verfasser im einzelnen geistreich und mit anschaulichen
-Beispielen aus der ganzen Weltliteratur ergeht. Alle drei betreffen das
-Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit: die Satire, die strafende
-wie die spottende, stellt den Abstand beider voneinander, die Elegie
-das Ideal als ein verlorenes, die Idylle dasselbe als erreicht dar.
-Groß und echt ist die Dichtung nur, wo Gedanken und Gefühle von
-allgemeinmenschlicher Bedeutung, nicht bloß subjektives Fühlen des
-Dichters den Stoff beseelt. So muß aus der scherzhaften Satire die
-Überlegenheit der schönen Seele, aus der strafenden oder pathetischen
-der erhabene Charakter sprechen; muß die Sehnsucht der Elegie nach
-einem verlorenen Ideal gehen, die Idylle uns nicht in ein arkadisches
-Schäferleben, sondern in den Zukunftsstand einer neuen, harmonisch
-vollendeten Menschheit -- also das, was der Sozialist Utopie nennt
--- führen. _Schillers_ »Sentimentalität« bedeutet jedenfalls keine
-Rousseau-Klopstock-Ossiansche Empfindsamkeit, im Gegenteil herben
-Lebensrealismus.
-
-Er unterscheidet auch »wirkliche« und »wahre« Natur. Wir wollen in
-dem Werk des Dichters nicht die Zufälligkeiten der Wirklichkeit,
-etwa die natürlichen Ausbrüche der Leidenschaft, dargestellt sehen,
-wenigstens nicht als sein eigentliches Ziel, sondern »eine innere
-Notwendigkeit des Daseins«. Mit dem »Affentalent gemeiner Nachahmung«,
-wie es auch heute noch der extreme Naturalismus predigt, ist es nicht
-getan; nur in Kopf und Herz von künstlerisch-menschlich ausgebildeten
-Dichterpersönlichkeiten formt sich auch der niedere Stoff zu edlem
-Gebilde. Die Gefahr für den naiven Dichter besteht im Herabsinken
-zum Platten, Geistlosen, Gewöhnlichen; die für den sentimentalen in
-der Überspannung zum Gehalt- und Gestaltlosen einer schwärmerisch
-schrankenlosen Einbildungskraft. Die Aufgabe der Poesie ist weder
-angenehme Erholung im gewöhnlichen Sinne des Wortes noch moralische
-Besserung und Belehrung. Der Geisteszustand der meisten Menschen
-ist -- wie wahr trifft Schillers tief sozialer Blick hier auch noch
-die Gegenwart! -- »auf der einen Seite anspannende und erschöpfende
-Arbeit, auf der anderen erschlaffender Genuß«. Die Dichtkunst aber
-verlangt einen ganzen und vollen _Menschen_, »einen offenen Sinn, ein
-erweitertes Herz, einen frischen und ungeschwächten Geist«. Darum --
-das Wort behält auch heute noch seine volle Geltung -- die Seltenheit
-wirklich guten Geschmacks und entsprechenden Urteils in Fragen der
-Poesie, die nur aus feinster und edelster Bildung des Herzens und des
-Geistes hervorgehen können.
-
-Endlich: dem naiven Dichter entspricht der _Realist_, dem sentimentalen
-der _Idealist_. Der erste läßt sich in seinem Denken und Tun durch
-die bloße Erfahrung bestimmen, der zweite durch die Vernunft. Während
-der Realist nur an das Nächste, an den Einzelfall denkt, strebt
-der Idealist bis zu den obersten Voraussetzungen aller Erkenntnis
-vorzudringen, worüber er freilich oft das Besondere vernachlässigt, so
-daß er an Einsicht verliert, was er an Übersicht gewinnt. Des letzteren
-Charakter wird eine Hoheit und Größe zeigen, deren der Realist nicht
-fähig ist. Dieser redet in Sachen des Geschmacks dem Vergnügen,
-in Sachen der Moral der Glückseligkeit das Wort; ja selbst in der
-Religion vergißt er seinen Vorteil nicht gern, wenn er ihn auch durch
-den Begriff des höchsten Gutes zu veredeln und zu heiligen sucht. Der
-Idealist erstrebt die Freiheit selbst auf Kosten seines Wohlstandes. Er
-vergißt freilich über seinem Säen und Pflanzen für die Ewigkeit häufig
-die Gegenwart, über dem Ganzen, für das er leben möchte, den einzelnen.
-Der Realist wird oft würdiger handeln, als es seine Theorie zuläßt,
-während der Idealist öfters erhabener denkt, als er handelt. Beide
-unterliegen noch besonderen Gefahren: der Realist der einer blinden und
-wahllosen Ergebung in die Macht der Umstände, der Idealist derjenigen,
-ein Phantast zu werden. Auch hier liegt das wahre Ideal in der
-Vereinigung: beide sind notwendige Menschentypen, aber beide ergänzen
-einander.
-
-Wie wahr der Dichter hier die Wirklichkeit gesehen, wird jeder Leser
-mit uns gefühlt haben. So mündet auch Schillers, des »Idealisten«
-Ästhetik wie seine Dichtung, wie sein ganzes Schaffen schließlich in
-eine Philosophie des Lebens aus.
-
-
-7. Schiller als Politiker
-
-Es würde uns etwas an unserem Schiller fehlen, wollten wir nicht von
-seinem Verhältnis zu demjenigen reden, was auf der großen Weltbühne vor
-sich geht,
-
- »Wo um der Menschheit große Gegenstände,
- Um Freiheit und um Herrschaft wird gerungen,«
-
-mit anderen Worten von seiner Stellung zur _Politik_. Schiller ist von
-Anfang an politisch interessiert gewesen. Freilich besteht ein großer
-Unterschied zwischen dem jungen und dem älteren Schiller. Uns ist
-leider nur ein kurzer Überblick möglich.[19]
-
-Die politische Stimmung des aus kleinen, engen Verhältnissen
-stammenden, dann in der Karlsschule unter härtestem Druck und Drill
-gehaltenen Jünglings ist leidenschaftliche Opposition, repräsentiert
-durch »_Die Räuber_«, über deren allgemeine Bedeutung wir uns schon
-auf Seite 101 f. ausgesprochen haben, und die schon in ihrem Motto
-~In tyrannos~ (gegen die Tyrannen) und mit ihrer Titelvignette, dem
-aufsteigenden, grimmig seine Pranken erhebenden Löwen die revolutionäre
-Gesinnung ihres Dichters ausdrücken. Dasselbe Gesicht zeigen die
-gleichzeitig entstandenen leidenschaftlichen Gedichte der »Anthologie
-auf das Jahr 1782«, z. B. »Die schlimmen Monarchen«. Kein Wunder, wenn
-ein zeitgenössischer, anscheinend etwas größenwahnsinnig angelegter
-Fürst über den von der Jugend vergötterten jungen Dichter-Revolutionär
-die Äußerung getan haben soll: Wenn ich mit dem Gedanken umgegangen
-wäre, die Welt zu erschaffen, und vorausgesehen hätte, daß Schillers
-»Räuber« darin würden geschrieben werden, so hätte ich die Welt _nicht_
-erschaffen! -- Der »_Fiesko_« ist zwar schon wesentlich zahmer, aber
-doch ein »republikanisches Trauerspiel«, das den Pfälzer Philistern, in
-deren Adern »kein römisches Blut floß«, schon zu weit ging.
-
-»_Kabale und Liebe_« dagegen ist wieder eine _soziale Tragödie_, in
-der selbst nach dem Urteil eines politisch so gemäßigten Mannes wie
-H. Hettner »Fäulnis und Verderbnis« als »der Grundzug aller unserer
-staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen« zum Vorschein kommen.
-Kühner als Lessing in seiner »Emilia Galotti« wagt der Dichter es,
-die Handlung nach Deutschland zu verlegen. Die gewissenlose Kabale
-der Hofkreise gegenüber den natürlichen Rechten des Herzens, die
-Mätressenwirtschaft, die Klassenjustiz, der Verkauf der Landeskinder:
-das alles wird mit solcher Lebenswahrheit und in so glühenden Farben
-geschildert, daß das Drama auch heute, nach 140 Jahren, noch wie ein
-Blitz in ein empfängliches, natürlich empfindendes Publikum einschlägt,
-wenn es mit Feuer gespielt wird, wie ich es selbst bei einer Aufführung
-durch Schüler im Jahre nach der Revolution erlebte.
-
-In einer öffentlichen Vorlesung vor der »Kurpfälzischen Deutschen
-Gesellschaft« zu Mannheim am 26. Juni 1784 -- später unter dem Titel
-»Über die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet« unter seine
-Werke aufgenommen -- verkündet Schiller es geradezu als den Beruf der
-Bühne, ihre Gerichtsbarkeit da auszuüben, »wo das Gebiet der weltlichen
-Gesetze sich endigt«. »Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und
-im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer
-Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet,
-übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor
-einen schrecklichen Richterstuhl.« Wie stark in jenen Zeiten sein
-politisches Interesse war, geht unter anderem auch daraus hervor,
-daß ihm damals ein zukünftiges Wirken als _Staatsmann_ als Wunsch
-vorschwebte. Einer seiner Jugendfreunde hat einmal geäußert: Wenn
-Schiller nicht ein großer Dichter geworden wäre, so hätte er gewiß
-eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt, freilich mit dem
-bezeichnenden Zusatz: er würde sie dann wohl als Festungsgefangener
-geendet haben. Und der Musiker Andreas Streicher, der 1782 mit ihm aus
-Stuttgart floh, berichtete von ihrer Trennungsstunde im März 1785: wie
-er (Streicher) Kapellmeister, so hätte Schiller damals -- Minister
-werden wollen!
-
-Vielleicht hängt damit innerlich schon der Keim zu dem späteren »_Don
-Carlos_« zusammen, in dem ja Marquis Posa seine völkerbeglückenden
-Pläne als Minister König Philipps verwirklichen will. Anfangs
-war bekanntlich das Stück anders gedacht: als ein tragisches
-»Familiengemälde im königlichen Hause« und zugleich als ein
-Tendenzstück gegen die Jesuiten: »eine Menschenart, welche der Dolch
-der Tragödie bisher nur gestreift hat«, und gegen die Inquisition,
-deren »Schandfleck« er, um die »prostituierte Menschheit zu rächen«,
-»fürchterlich an den Pranger stellen« wollte. Während der jahrelangen
-Ausarbeitung änderte sich dann, mit der inneren Entwicklung des
-Dichters, auch der Plan des Dramas. So wie es jetzt vorliegt, stellt es
-eine Anwendung der ethischen Zeitgedanken: Humanität, Weltbürgertum,
-Glaubens- und Gedankenfreiheit auf den _Staat_ dar, verkündet durch
-den begeisterten Mund des idealistischen und dabei doch als weltklug
-geschilderten Malteserritters. Mit »Kabale und Liebe« verglichen,
-haben wir freilich nur einen stark abgeblaßten Liberalismus vor uns:
-nicht mehr Rousseau, sondern Montesquieu, dessen »Geist der Gesetze«
-er ungefähr gleichzeitig studiert. Gewiß wird »Männerstolz vor
-Königsthronen« -- »ich kann nicht Fürstendiener sein!« -- und Kampf
-gegen den Despotismus gepredigt. Aber von der Masse des Volkes ist
-kaum, von einem sozialen Untergrund gar nicht mehr die Rede. Das Ganze
-spielt sich in der Sphäre des Hoflebens ab. Auf den Thronfolger setzt
-Posa seine Hoffnung. Also Kronprinzenliberalismus!
-
-Immerhin ist Schiller in dieser und der zunächst folgenden Zeit noch
-lebhaft politisch interessiert. »Was ist den Menschen wichtiger als die
-glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in der alle unsere Kräfte
-zum Treiben gebracht werden sollen?« schreibt er an die Schwestern von
-Lengefeld am 4. Dezember 1788. Auch seine »Geschichte des Abfalls der
-Vereinigten Niederlande« (1788) ist, wie der einleitende Abschnitt
-zeigt, von der ja schon im »Don Carlos« hervortretenden Sympathie für
-den Freiheitskampf eines kleinen, bedrängten Volkes um sein Recht
-»gegen die furchtbaren Kräfte der Tyrannei« diktiert.
-
-In diesen Zusammenhang gehören auch die schon unter dem Einfluß Kants
-geschriebenen kleinen _geschichtsphilosophischen_ Aufsätze; vor allem
-aber die bereits behandelte _Antrittsrede_ über das Studium der
-Universalgeschichte, welche Sätze enthält wie den folgenden: »Alle
-denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.« Oder:
-»Unser _menschliches_ Jahrhundert« -- an einer anderen Stelle heißt
-es statt dessen: »Das Zeitalter der _Vernunft_« -- »herbeizuführen,
-haben sich alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.« Und zum Schlusse
-den Appell an seine jugendlichen Zuhörer, auch ihrerseits zu diesem
-weltgeschichtlichen Ergebnis beizutragen.
-
-Fast zur selben Zeit, als Friedrich Schiller vom Jenaer
-Universitätskatheder diese Worte sprach (Mai 1789), hatte man
-jenseits des Rheins den Staat der Vernunft in die Wirklichkeit zu
-übersetzen begonnen: in der _Französischen Revolution_. Sie hat in
-ihren ersten Jahren, wie wohl alle großen Geister des damaligen
-Deutschlands, darunter sogar den alten Messiassänger Klopstock und
-den konservativen Minister Goethe, selbstverständlich auch Schiller
-in ihren Bann gezogen. Aber nur wenige dieser Größen, darunter der
-alte Immanuel Kant, blieben diesem politischen Idealismus auch über
-die sogenannte Schreckenszeit hinaus treu. Auch Schiller fühlte
-sich durch die terroristischen Handlungen des Konvents, vor allem
-die Hinrichtung des Königs, dermaßen abgeschreckt, daß er an Körner
-am 8. Februar 1793 die entsetzten Worte schrieb: »Ich kann seit
-vierzehn Tagen keine französische Zeitung lesen, so sehr ekeln
-diese elenden Schindersknechte mich an!« Das schrieb der einstige
-»Stürmer und Dränger«, den der Konvent selbst im August 1792 zusammen
-mit Washington, Klopstock und Pestalozzi zum »Ehrenbürger« der
-französischen Republik ernannt hatte. Und diese ablehnende Stimmung
-hat er dann beibehalten. Sie spiegelt sich wider in den bekannten
-abschreckenden Schilderungen des »Aufruhrs« und der weiblichen »Hyänen«
-in der »Glocke«; wo der Dichter des Idealismus sich sogar dahin
-versteigt, von »ewig Blinden« zu sprechen, denen man »des Lichtes
-Himmelsfackel« nicht leihen dürfe, hingegen als höchstes staatliches
-Gut die »heilige« bürgerliche »Ordnung« preist. Man kann zur
-psychologischen Erklärung dieser Tatsache auf seine veränderten äußeren
-Lebensverhältnisse hinweisen. Er war nicht mehr der »literarische
-Vagabund« von ehedem, sondern ein seßhaft gewordener Jenaer Professor,
-ein ehrsamer Ehemann und Familienvater, ein Weimarischer Hofrat, der
-sich schließlich mit Rücksicht auf die höfischen Beziehungen seiner
-Frau auch die sogenannte »Erhebung« in den Adelstand gefallen ließ.
-Für uns ist es wichtiger, die innere, die philosophische Wandlung zu
-verfolgen, die dieser politischen Wandlung zugrunde lag.
-
-Wir haben dafür seit einigen Jahrzehnten eine ausgezeichnete Quelle in
-den _ursprünglichen_, 1793 geschriebenen philosophischen Briefen an den
-Prinzen von Augustenburg, von denen die spätere Fassung der gedruckten
-»Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) in sehr
-wesentlichen Stücken abweicht. Ohne hier auf alle Einzelheiten eingehen
-zu können, müssen wir doch das für unser Thema Wichtigste, schon weil
-es manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweist, herausheben. Es
-findet sich namentlich in dem ausführlichen zweiten Briefe vom 18.
-Juli 1793, wobei ich allerdings eine andere, rein sachlich bestimmte
-Reihenfolge einzuschlagen mir gestatte.
-
-Vor den in der Revolution gemachten Erfahrungen, schreibt er hier an
-den übrigens freidenkenden Prinzen, »konnte man sich allenfalls mit dem
-lieblichen Wahne schmeicheln, daß der unmerkliche, aber ununterbrochene
-Einfluß denkender Köpfe, die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der
-Wahrheit, der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich
-zum Empfang des Besseren gestimmt und so eine Epoche vorbereitet haben
-müßten, wo die Philosophie den moralischen Weltbau übernehmen und das
-Licht über die Finsternis siegen könnte«. Man sei in der »theoretischen
-Kultur«, also in der Erkenntnis schon so weit vorgedrungen gewesen,
-daß »auch die ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfingen
-und der Thron tausendjähriger Vorurteile erschüttert ward«. Und als
-nun »eine geistreiche, mutvolle, lange Zeit als Muster betrachtete
-Nation« daran ging, ihren »positiven« Gesellschaftszustand gewaltsam
-zu verlassen, um sich in den »Naturstand« zurückzuversetzen, »für den
-die _Vernunft_ die alleinige und absolute Herrscherin ist«, da mußte
-»jeder, der sich Mensch nennt«, vor allem jeder »Selbstdenker« den
-lebhaftesten Anteil daran nehmen. Denn wenn ein Gesetz des weisen
-Solon denjenigen Bürger verdammt, der bei einem Aufstand keine
-Partei nimmt, wie konnte man in diesem Falle, »wo das große Schicksal
-der Menschheit zur Frage gebracht ist«, neutral bleiben, »ohne
-sich der strafbarsten Gleichgültigkeit gegen das, was dem Menschen
-das Heiligste sein muß, schuldig zu machen«! Denn hier ist »eine
-Angelegenheit, über welche sonst nur das Recht des Stärkeren und die
-Konvenienz zu entscheiden hätte, vor dem Richterstuhl reiner Vernunft
-anhängig gemacht«, die, wie es an einer anderen Stelle im Anschluß
-an Kants Ethik heißt, »den Menschen als Selbstzweck respektiert und
-behandelt«.[20] Und bei den Gesetzen hat ein jeder Selbstdenker, als
-Beisitzer jenes Vernunftgerichts, mitzusprechen, indem er sie »als
-mitbestellter Repräsentant der Vernunft zu diktieren berechtigt und
-aufrechtzuerhalten verpflichtet ist«.
-
-Aber, wie es in einem Distichon von 1797 heißt, »der große _Moment_
-fand ein kleines _Geschlecht_«. Der Gebrauch, den das französische
-Volk von diesem großen Geschenk des Augenblicks machte, bewies, »daß
-das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht
-entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu
-frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt
-der Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist zur
-bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt«.
-»Rohe, gesetzlose Triebe« -- man hört den Dichter der »Glocke« --, die
-»nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung ... mit unlenksamer
-Wut ihrer tierischen Befriedigung zueilen« in den niederen, und der
-»noch niedrigere« Anblick der Erschlaffung und Entartung des Charakters
-in den »zivilisierten« Klassen: das ist die Signatur der Gegenwart.
-Wir wollen diesen Sätzen nicht entgegenhalten, was Immanuel Kant in
-demselben Jahre 1793 in seiner Religionsschrift über die angeblich
-mangelnde »Reife zur Freiheit« schreibt. Schiller jedenfalls stellt
-sich auf einen pessimistischen Standpunkt. Auch für ihn bleibt
-gewiß »_politische_ und _bürgerliche Freiheit_ immer und ewig das
-_heiligste_ aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und
-das _große Zentrum aller Kultur_«. Und wenn das Vernunftgesetz auf
-den Thron erhoben und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes
-gemacht wäre, schreibt er, »so wollte ich auf ewig _von den Musen
-Abschied nehmen_ und dem herrlichsten aller Kunstwerke, der _Monarchie
-der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen_«. Allein »jeder Versuch
-einer Staatsverfassung aus _Prinzipien_« -- und jede andere ist »bloßes
-Not- und Flickwerk«! -- kann für ihn nur in Frage kommen, wenn »der
-Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben
-ist«, und das sei -- »eine Arbeit für mehr als ein Jahrhundert«!
-
-Daraus zieht nun unser Dichter die Folgerung: weniger die Aufklärung
-des _Verstandes_, für die schon genug geschehen sei, als die sittliche
-Reinigung und Stärkung des _Willens_, vor allem aber die Veredlung
-der _Gefühle_ sei für jetzt das Wichtigste. Es ist das Programm der
-_ästhetischen Kultur_, das dann die »Ästhetischen Briefe« von 1795 in
-reicher Begründung und Ausführung weiter entwickeln. Hierauf näher
-einzugehen, zu zeigen, wie nach Schillers Auffassung die ästhetische
-Erziehung den Menschen aus dem »Notstaat« der Wirklichkeit allmählich
-zum »Vernunftstaat« emporführt, dürfen wir uns um so eher versagen,
-als wir ja die ganze Frage von Schillers ethisch-ästhetischem Ideal
-schon oben ausführlich genug behandelt haben und -- diese ganze,
-ihm als _Dichter_ freilich naheliegende und durch den Verkehr mit
-gleichgesinnten Geistern wie Goethe und Wilhelm v. Humboldt sicherlich
-noch gestärkte ästhetische Auffassung mit Bezug auf _politische_ Dinge
-sich doch eigentlich als ein großer Trugschluß erwiesen hat. Rein
-ästhetische Kultur vermag nicht einmal den einzelnen politisch reif
-und mündig zu machen, geschweige denn ein ganzes Volk. Gewiß, eine
-starke Beimischung ethisch-ästhetischer Kultur würde dem deutschen
-Machtstaat von 1866 bis 1918 nichts geschadet haben und auch unserem
-heutigen angeblichen Kulturstaat nichts schaden. Indes, das ist nicht
-die _erste_ Frage. Die Vorbedingung für einen wahrhaften Staat der
-Vernunft, wie ihn ja auch Schiller letzten Endes erstrebt, ist, wie
-_wir_ inzwischen gelernt haben, die politisch-ökonomische Befreiung der
-Massen.
-
-Und da können wir mit Befriedigung feststellen, daß der »Idealist«
-Schiller in dieser Beziehung, d. h. hinsichtlich der _ökonomischen_
-Grundlage alles staatlichen Lebens, wenigstens nicht ganz blind
-gewesen ist.[21] Sie alle werden seine bekannte Strophe aus dem
-Erscheinungsjahr der »Ästhetischen Briefe« (1795) kennen:
-
- »Einstweilen, bis den Bau der Welt
- Philosophie zusammenhält,
- Erhält sie das Getriebe
- Durch _Hunger_ und durch _Liebe_.«
-
-Und vielleicht auch den noch deutlicheren Doppelvers, den er den bloßen
-Moralpredigern von »Menschenwürde« entgegenhält:
-
- »Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen.
- Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«
-
-Genau dasselbe sagt er im vierten Briefe an den Prinzen (November
-1798): »Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich
-satt gegessen hat; aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben,
-wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.« Schon der zweite Brief
-hatte ausgeführt, daß »das Bedürfnis und der Drang der physischen
-Lage, die Abhängigkeit des Menschen von tausend Verhältnissen, die ihm
-Fesseln anlegen«, seinen Aufflug in die »Regionen des Idealischen«,
-speziell auch die der Kunst, verhindern, womit die wirtschaftliche
-Grundlage jenes in den »Briefen« von 1795 gepredigten idealen Reiches
-der ästhetischen Kultur zugegeben ist. »Mit der Verbesserung ihres
-_physischen_ Zustandes«, heißt es demgemäß im vierten Briefe ganz
-marxistisch, »muß man das Aufklärungswerk bei einer Nation beginnen.«
-Denn »der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den harten Kampf
-mit dem physischen Bedürfnis viel zu sehr ermüdet und abgespannt,
-als daß er sich zu einem neuen und inneren Kampfe mit Wahnbegriffen
-und Vorurteilen aufraffen sollte«. Er ergreift daher mit hungrigem
-Glauben die Formeln, mit denen es Staat und Priestertum »von jeher« --
-wie nicht bloß die französischen Materialisten, sondern auch Kant und
-Heinrich Heine sagen -- »gelungen ist, das erwachte Freiheitsbedürfnis
-ihrer Mündel abzufinden«.
-
-Auch die seelische Verstümmelung des Menschen durch geisttötende
-Fabrik- oder Facharbeit hat Schiller bereits klar gesehen: »Ewig nur
-an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich
-der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige
-Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die
-Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur
-auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner
-Wissenschaft.« So müssen die Individuen »unter dem Fluche dieses
-Weltzwecks«, nämlich des (aus Kants Geschichtsphilosophie übernommenen)
-Widerstreits der menschlichen Kräfte, leiden und ihre Natur durch
-jahrtausendelange Sklavenarbeit »verstümmeln« lassen, bis dereinst
-einmal der »_freie Wuchs der Menschheit_« sich entfalten kann. Und
-nicht mit Unrecht hat es Mehring auf den modernen Klasssenkampf der
-Lohnarbeiterschaft angewandt, wenn Schiller ein anderes Mal erklärt,
-daß zwar Sklaverei »niedrig« und eine sklavische Gesinnung in der
-Freiheit gar »verächtlich« ist, eine bloße »sklavische _Beschäftigung_«
-dagegen, falls sie mit Hoheit der Gesinnung verbunden ist, ins Erhabene
-übergehen kann. Wieder an einer anderen Stelle kritisiert er schon
-vor Fichte, wenn auch nicht so scharf wie dieser, den bürgerlichen
-Eigentumsbegriff: »Eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechts, wobei
-ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der bloßen Natur
-nicht gegründet.«
-
-Wir haben diese Stellen zitiert, um Schillers soziale Einsicht
-zu beweisen. Aber es liegt uns fern, unseren Dichter deshalb zum
-_Sozialisten_ stempeln zu wollen. Im Gegenteil, in den auf 1795
-folgenden Jahren zieht er sich mehr und mehr, wie von der Philosophie,
-so erst recht von aller Politik, ja überhaupt aus der rauhen
-Wirklichkeit in das schöne Reich des Ideals zurück. »Glühend für
-die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen
-Menschen«, aber »_gleichgültig_ gegen das ganze Geschlecht, wie
-es _wirklich_ vorhanden ist«, bezeichnet er dem jungen kant- und
-menschheitsbegeisterten Mediziner Erhard im Mai 1795 als seinen
-»Wahlspruch« und rät auch ihm, sich von dem Weltbürgertum »ganz und gar
-zurückzuziehen«, um »mit Ihrem _Herzen_ sich in den engeren Kreis der
-Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem
-_Geist_ in der Welt des Ideals leben«!
-
-Damit hängt seine völlige Rückwendung zur Poesie in seinem letzten
-Lebensjahrzehnt (1795 bis 1805) zusammen. Seinen deutschen Mitbürgern
-aber rief er die Worte zu:
-
- »Zur _Nation_ euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,
- Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu _Menschen_ euch aus!«
-
-Und doch hat ihn auch in der Dichtung das Politische nie losgelassen.
-Zeugnis seine historischen Dramen: der »Wallenstein«, »Maria Stuart«,
-»Die Jungfrau von Orleans«, der »Tell« und der »Demetrius«. Auch das
-Schicksal seiner Nation hat ihn nicht gleichgültig gelassen, wie aus
-den Fragmenten des Nachlasses zu ersehen ist, auf die vor allen Tönnies
-aufmerksam gemacht hat. Wie auf unsere _Gegenwart_ gemünzt erscheinen
-Sätze wie die folgenden: »Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo
-er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige
-Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick
-bestimmt -- darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und
-freuen?« Und er antwortet: »Ja, er darf's. Er geht unglücklich aus dem
-Kampfe; aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren ...
-Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten ...
-Die deutsche Würde ist eine _sittliche_ Größe, sie wohnt im Charakter
-der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.« Und
-schließlich können und wollen wir, in der inneren wie in der äußeren
-Politik, die auch von Franz Mehring als »herrliches Bekenntnis«
-gepriesenen Worte Stauffachers in der Rütliszene als sein politisches
-Testament an uns betrachten:
-
- »Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
- Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
- Wenn unerträglich wird die Last, -- greift er
- Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
- Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
- Die droben hangen unveräußerlich
- Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.«
-
-
-8. Schiller, der Idealist
-
-Schillers philosophische Gedankenwelt ist eigentlich unerschöpflich,
-denn ihr innerster Lebenskern, die _Idee_, kann ihrer Natur nach
-nie versiegen. Das empfinden wir immer wieder, so oft wir in seine
-philosophischen Aufsätze, in den Ideengehalt seiner Dramen und
-nicht zum wenigsten auch in seine vortreffliche _Gedankenlyrik_ uns
-versenken. Werfen wir auf diese zum Schluß noch einen kurzen Blick!
-Wir haben schon seine »Resignation«, seinen »Kampf«, seine »Götter
-Griechenlands«, seine »Künstler« und vor allem die herrlichste
-und auch von ihm selbst am höchsten gestellte Schöpfung dieser
-Art: »Das Ideal und das Leben« berührt. Ich erinnere des weiteren
-an das Goethe besonders wohlgefallende »_Die Ideale_«, die den
-schwärmerischen Idealismus des Jünglings zu dem scheinbar nüchternen,
-aber gehaltvolleren und bleibenderen des reifen Mannes vertiefen:
-dem Idealismus der nie ermattenden und rastlos, obzwar mit kleinen
-Schritten vorwärtsdringenden _Arbeit_ (»Beschäftigung«, sagt Schiller)
-und der _Freundschaft_, die wir uns erweitert denken können zur
-Gesinnungsgemeinschaft überhaupt. Oder an den »_Spaziergang_«, der, von
-der Einzelpersönlichkeit ablenkend, in der anspruchslosen Form eines
-Spazierganges uns ein Bild des kulturgeschichtlichen Werdeganges der
-Menschheit entwirft und von der ersten Einfalt der Natur durch die
-Spannungen und den Streit des Kulturlebens uns zuletzt in den Schoß
-der reinen Natur wieder zurückführt. Oder an seine in köstlicher Fülle
-vorhandene, in der Regel in die antike Form des Distichons (Hexameter
-mit Pentameter) gegossene _Spruchdichtung_. Hervorgehoben seien hier
-nur die unsere früheren Ausführungen über des Dichters ethische
-Anschauungen erläuternden: »Die moralische Kraft«, »Die Führer des
-Lebens«; die zum Politischen hinüberleitenden: »Pflicht für jeden«
-und »An einen Weltverbesserer«, sowie das fein psychologische kurze
-Distichon über die »Sprache«. Und an das Wort von der »Philosophie«,
-das uns zum Schlusse noch einmal so recht Schillers allem pedantischen
-Richtungs- und Schulwesen abgewandte philosophische Art vor Augen zu
-führen geeignet ist:
-
- »Welche wohl bleibt von allen Philosophi_en_? Ich weiß nicht.
- Aber _die_ Philosophie, hoff' ich, soll ewig bestehn.«
-
-So wird denn auch der Dichter Schiller, solange deutsche Philosophie
-besteht, d. h. hoffentlich noch für lange Zeiten, als ihr zugehörig
-betrachtet werden. Und was für eine Philosophie war, besser _ist_ das?
-Das hat er uns in den letzten Zeilen seiner »Worte des Wahnes« gesagt.
-Das Schöne, das Wahre und (wir dürfen in seinem Sinne hinzusetzen) auch
-das Göttliche oder Gute,
-
- »Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
- Es ist _in_ dir, du bringst es ewig hervor!«
-
-Es ist mit anderen Worten die Philosophie des _Idealismus_ von Platon
-bis Kant und Schiller und über sie hinaus bis zu uns, die »ewig
-bestehen« wird und soll.
-
-Denn der Mensch bedarf einer Erhebung über die alltägliche
-Wirklichkeit. Er wird sich nie völlig befriedigt fühlen allein durch
-die »Erfahrung«, d. h. durch die auch noch so vollständig bis in alle
-Einzelheiten erforschte Welt der _Wissenschaft_. Er wird sich immer
-aus der Tiefe seines eigenen Innern noch eine andere, eine ideale Welt
-schaffen, die allerdings keine logisch oder naturwissenschaftlich
-benennbare Welt des Seienden sein wird, sondern eine von ihm selbst
-»gedichtete« Welt der _Werte_. Es kommt nur darauf an, was man unter
-»Dichten« versteht, und ob diese Werte haltbar sind. Eine solche Welt
-aber hat uns Friedrich Schiller gelehrt, wenn er uns »die Angst des
-Irdischen von uns werfen«, wenn er uns »aus dem engen, dumpfen Leben«
-fliehen heißt »in des Ideales Reich«, in das Gedankenland der Idee, wo
-alle Arbeit ihre Ruhe, aller Kampf seinen Frieden, alle Not ihr Ende
-findet. Damit steht er dem ursprünglichen Christentum vielleicht näher
-als die Dogmatik der Aufklärung seiner Zeit, die zwar den Gottes- und
-Unsterblichkeitsbegriff festhielt, aber die Lehre von der Erlösung als
-vernunftwidrig fahren ließ.
-
-Freilich diese Erlösung ist nicht die kirchliche, von außen an uns
-herangetragene, und durch das Blutopfer eines Gottes uns erkauft,
-sondern, wie bei Kant, eine _Selbst_erlösung des wahrhaft »glaubenden«
-Menschen, der das Überirdische, Unaussprechliche, »Göttliche« als sein
-wahres Wesen wieder erkennt und es deswegen »in den eigenen Willen
-aufzunehmen« vermag. Gewiß, solche Augenblicke reinster religiöser
-Erhebung können bei der Natur unserer Seele nicht beständig andauern.
-Dennoch wirken sie, so oft sie wiederkehren, befreiend und läuternd
-auf das Gemüt. So hat unter anderen einer der edelsten Jünger und
-Dolmetscher unseres Dichter-Philosophen, Friedrich Albert Lange (1828
-bis 1875), seinen Schiller aufgefaßt. Und ebenso steht es mit der
-_Kunst_. Denn wer will, um ein Wort desselben Lange zu variieren, die
-Neunte Sinfonie Beethovens oder die Lyrik Goethes »widerlegen« oder
-Raffaels Madonna des »Irrtums« zeihen?
-
-Unser praktisches Handeln aber stelle sich, damit Schillers »Staat
-der Vernunft« einst heraufgeführt werde, unter das Banner jener
-Wille und Herz erhebenden großen Idee, die, wie Lange sagt, »den
-Egoismus hinwegfegt und menschliche Vollkommenheit in menschlicher
-Genossenschaft an die Stelle der rastlosen Arbeit setzt, die allein den
-persönlichen Vorteil ins Auge faßt«. Auch das ist, wenngleich nicht mit
-den Worten des geschichtlichen Schiller, ja vielleicht nicht einmal
-genau in den Grenzen seines in der Hauptsache noch individualistisch
-befangenen politischen Sinnes, wohl aber in der Richtung seiner
-weltumspannenden Liebe -- »Seid umschlungen, Millionen!« --, seines
-Glühens für die Idee der Menschheit gedacht, den wir uns nur auf die
-sozialen Verhältnisse der Gegenwart übertragen denken, wenn wir für die
-Verwirklichung des weltumspannenden Gedankens eintreten, den Schiller
-noch nicht gekannt hat: den des _Sozialismus_.
-
-
-
-
-Goethe
-
-
-Goethe sagte einmal gegen Ende seines Lebens, am 4. Februar 1829, von
-sich: »Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten;
-der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.«
-Und ein andermal gesteht er sogar, daß ihm »für Philosophie im
-eigentlichen Sinne« das Organ gefehlt habe. Er hat auch in seinem
-langen Leben nie eine philosophische Abhandlung geschrieben, geschweige
-denn ein philosophisches System entworfen. Und dennoch, ein so
-allumfassender nicht bloß Dichter-, sondern auch Denkergeist wie er muß
-ein positives Verhältnis zur Philosophie besessen haben: wenn nicht
-im Schulsinne, so doch im Sinne einer Weltanschauung. Nicht minder
-als Lessing oder Herder. Freilich, der _Philosoph_ in ihm war, wie er
-selbst sagt, nur _eine_ der »verschiedenen Richtungen seines Wesens«,
-und er nahm aus der Philosophie immer nur, »was seiner Natur gemäß
-war«. Noch weniger als Lessing, Herder und Schiller konnte Goethe je
-ein -ist oder -aner, etwa der Spinozist, als der er früher vielfach
-angesehen wurde, oder ein Kantianer werden. Mit dieser Einschränkung
-also wollen wir seinen philosophischen Entwicklungsgang betrachten.
-Denn vor allem bei ihm, der eine so entwicklungsfähige Natur besaß,
-der immer beflissen war, zu lernen und Neues seinem geistigen Ich
-anzugleichen, der mit der wechselnd ihn umgebenden geistigen,
-wissenschaftlichen, politischen Welt sich auch vielfach gewandelt
-hat, müssen wir den Weg der _entwicklungs_geschichtlichen Darstellung
-einschlagen. Der jugendliche Goethe ist auch philosophisch ein
-anderer als der reife Mann, und von diesem ist wieder der alte Goethe
-unterschieden.
-
-
-
-
-~A~. Die Anfänge
-
-1764 bis 1776 (Leipzig, Frankfurt, Straßburg)
-
-
-Wolfgang Goethe war ein frühreifer Knabe. Schon der Fünfzehnjährige
-wirft sich, wie er uns im sechsten Buche von »Dichtung und Wahrheit«
-erzählt, angeregt von einem älteren Freunde, teils um sich von seinem
-ersten Liebeskummer zu zerstreuen, teils um sich zur Universität
-vorzubereiten, auf das ihm bis dahin »ganz neue und fremde« Feld der
-Philosophie. Aber die theoretische Philosophie stößt ihn schon damals
-ab. Er findet, eine »abgesonderte« Philosophie sei gar nicht nötig,
-sie sei vielmehr bereits in Religion und Poesie vollkommen enthalten.
-Dagegen unterhält ihn die Geschichte der Philosophie mit ihren
-wechselnden Meinungen. Aber auch hier eigentlich nur die Praktiker:
-der weise Sokrates, der ihn an Christus erinnert, der wackere Stoiker
-Epiktet aus dem ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit, der
-bekanntlich in seiner Ethik ebenfalls vieles mit dem Christentum gemein
-hat, obwohl er es noch nicht gekannt hat, wie ich vor Jahren einmal in
-einem besonderen Aufsatz nachgewiesen habe.[22] Später vertieft er sich
-auch zeitweise in das große Diktionnaire des französischen Skeptikers
-Pierre Bayle, das er in seines Vaters Bücherei entdeckt hat.
-
-Im Herbst 1765 bezieht dann der eben Sechzehnjährige -- ein
-Abiturientenexamen war damals ja noch nicht nötig -- die _Leipziger_
-Universität. Aber auch hier stößt ihn das übliche ~Collegium Logicum~
-ab, wie es der Mephisto dem Schüler in der berühmten Faustszene so
-ergötzlich beschreibt:
-
- »Da wird der Geist euch wohl dressiert,
- In spanische Stiefeln eingeschnürt usw.«
-
-Das »Auseinanderzerren, Vereinzeln und gleichsam Zerstören« der von uns
-in Wirklichkeit so leicht und bequem vollzogenen Geistesoperationen,
-das die Logik notwendig betreiben muß, widerstrebt dem jungen
-Dichtergeist, der aufs Schauen gerichtet war. Kein Wunder, daß
-ihm die damalige _Wolff_sche Schulphilosophie mit ihrem dürren,
-nichtssagenden Gerede über alles mögliche mißfiel, deren Verdienst, wie
-er in »Dichtung und Wahrheit« sehr richtig sagt, in dem Ordnen unter
-bestimmte Rubriken und einer »an sich respektabeln« Methode bestand,
-während »das oft Dunkle und unnütz Scheinende ihres Inhalts«, die
-unzeitige Anwendung jener Methode[23] und die »allzu große Verbreitung
-über so viele Gegenstände« sie dem Publikum »fremd, ungenießbar und
-endlich entbehrlich« machte. Unter den Philosophen des »gesunden
-Menschenverstandes«, die dieser gelehrten Schulphilosophie schließlich
-den Garaus machen, hebt er als vielbewunderte Schriftsteller Moses
-Mendelssohn und Garve, später, in einer Rezension der »Frankfurter
-Gelehrten Anzeigen« 1773, auch Kant hervor. Mehr zogen Lessing, daneben
-der Kunsthistoriker Winckelmann und Oeser, der ausübende Künstler und
-Direktor der Leipziger Zeichenakademie, seinen künstlerischen Sinn an.
-
-Nachdem er dann in der Frankfurter Heimat (1768 bis 1770) eine
-Zeitlang unter dem Einfluß des frommen Fräuleins von Klettenberg die
-Schriften der Herrnhuter gelesen und mystisch-chemische Beschäftigungen
-getrieben, geriet er während seines _Straßburger_ Aufenthalts 1770/71,
-wie wir bereits wissen, in den geistigen Bann Herders; jedoch zunächst
-mehr in literarischer Beziehung. Von den französischen Enzyklopädisten
-fühlten er und sein engerer Freundeskreis, die jungen »Stürmer und
-Dränger« sich wenig angezogen, am ehesten noch von dem der deutschen
-Art verwandteren Diderot. Religiös glaubten sie sich selbst schon
-genügend aufgeklärt zu haben. »Auf philosophische Weise erleuchtet und
-gefördert zu werden«, hatten sie überhaupt »keinen Trieb noch Hang«.
-Insbesondere das sehr konsequent materialistische, aber sehr trocken
-und weitschweifig geschriebene ~Système de la nature~ erschien ihnen
-»so grau, so kimmerisch (d. h. nebelhaft-finster), so totenhaft, daß
-wir ... davor wie vor einem Gespenst schauderten«. Und wenn sie von
-den _Enzyklopädisten_ reden hörten oder einen Band ihres ungeheuren
-Werkes aufschlugen, so war es ihnen zumute, »als wenn man zwischen
-den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik
-hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug' und Sinn
-verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das
-mannigfaltigste ineinandergreifenden Anstalt in Betrachtung dessen,
-was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen
-Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt«. Wieder eine
-Auflehnung des Gefühls gegen das Abstrahieren der Wissenschaft!
-
-Mehr mußte dem gefühlsmäßigen Denken der jugendschäumenden Genossen
-natürlich Rousseau zusagen, dessen Geist ja Werther entflammt, während
-seine eigentliche Philosophie auf Goethe keinen besonders tiefen
-Eindruck gemacht zu haben scheint. Auch Voltaire, »das Wunder seiner
-Zeit«, imponierte ihnen bis zu einem gewissen Grade. Überhaupt dürfen
-wir nicht verschweigen, daß Goethe sein abfälliges Urteil von damals
-später doch selbst korrigiert hat. Am 3. Januar 1830 erklärte er
-Eckermann: »Es geht aus meiner Biographie (er meint »Dichtung und
-Wahrheit«) nicht deutlich hervor, was diese Männer (_Voltaire_ und
-seine großen Zeitgenossen) für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt
-und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene
-Füße in ein wahres Verhältnis zur Natur zu stellen.«
-
-Gegenüber stand er den französischen philosophischen Hauptwortführern
-also doch. Gefesselt dagegen fühlte er sich von einem Philosophen,
-der in »Dichtung und Wahrheit« nicht erwähnt wird, dem italienischen
-Pantheisten und Wahrheitsmärtyrer Giordano _Bruno_, der bekanntlich
-um seiner Überzeugung willen am 17. Februar 1600 öffentlich zu Rom
-von der Inquisition verbrannt wurde: wie Goethe ein Dichter und
-Denker zugleich, wie Goethe auf die Einheit von Gott und Natur,
-als den Urquell alles Wahren, Guten und Schönen, gerichtet. Der
-Einundzwanzigjährige hat schon damals Brunos Hauptschrift »Von der
-Ursache, dem Prinzip und dem Einen« gelesen und ihn in den Notizen
-seines Tagebuchs gegen die Angriffe Bayles verteidigt. Er ist auch
-später (1812) aus anderem Anlaß wieder auf ihn zurückgekommen. Übrigens
-bemerkt Goethe von seinem Wissen um 1773, daß es »noch sprunghaft und
-ohne eigentlichen Zusammenhang gewesen sei«.
-
-
-Spinoza-Studium. Philosophische Gedichte
-
-(1774 ff.)
-
-Durch sein frühes Bruno-Studium, aber auch durch seine Naturanschauung
-und seine ganze bisherige Entwicklung war Goethe für das Verständnis
-eines größeren, wenn auch scheinbar ihm ganz entgegengesetzten Denkers
-herangereift, desselben, den wir auch auf Lessing und Herder einwirken
-sahen: Baruch _Spinozas_.
-
-Zunächst muß freilich seine Hinneigung zu dem Amsterdamer Weisen
-auffallen. Hatte er doch als das Ergebnis jener Straßburger Berührung
-mit der französischen Philosophie die Tatsache festgestellt, »daß wir
-aller Philosophie, besonders aber der _Metaphysik_, recht herzlich gram
-wurden und blieben, dagegen aber aufs lebendige Wissen, Erfahren, Tun
-und Dichten uns nur desto lebhafter und leidenschaftlicher hinwarfen«:
-der Metaphysik, von der er seinen Mephisto dem Schüler sarkastisch
-vororakeln läßt:
-
- »Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,
- Was in des Menschen Hirn nicht paßt,
- Für, was drein geht und nicht drein geht,
- Ein prächtig Wort zu Diensten steht!«
-
-Und nun _war_ Spinoza ein Metaphysiker, und sogar ein recht
-dogmatischer, dessen »Ethica« alles andere als eine Ethik in unserem
-Sinne, vielmehr ein in sich geschlossenes System von streng logischem
-Aufbau nach »geometrischer«, ja beinahe scholastischer Methode
-darstellt. Wie reimt sich das zusammen?
-
-Wir können in Goethes Spinoza-Studium zwei auseinanderliegende
-Perioden unterscheiden: die erste um die Mitte der siebziger Jahre,
-die zweite von 1783 bis 1786. Zunächst hatte er »das Dasein und die
-Denkweise« des »außerordentlichen Mannes« nur »unvollständig und wie
-auf den Raub« in sich aufgenommen. Und was fesselte ihn an dieser
-der seinen so entgegengesetzten Persönlichkeit? Nun, hier bewährte
-sich einmal der bekannte Satz, daß die Gegensätze sich anziehen. Nach
-seinem eigenen Geständnis zog ihn zu Spinoza gerade die zu dem eigenen
-»alles aufregenden« Streben in stärkstem Gegensatz stehende, »alles
-ausgleichende« Ruhe, die das »Widerspiel« seiner poetischen Sinnes- und
-Darstellungsweise bildende mathematische Methode, die auch die Welt
-des Sittlichen eben dieser Methode unterwerfende Behandlung. Gerade
-das machte ihn zum »leidenschaftlichen Schüler«, zum »entschiedensten
-Verehrer« des jüdischen Denkers. Er fand hier, was er suchte:
-Beruhigung seiner Leidenschaften und »eine große und freie Aussicht
-über die sinnliche und sittliche Welt«. Ganz besonders fesselte ihn
-Spinozas »grenzenlose Uneigennützigkeit«, wie sie sich in dessen Satze
-aussprach: »Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn
-wieder liebe.«[24]
-
-Zunächst freilich sieht es in Goethes Innerem noch wie »ein siedendes
-und gärendes Chaos« aus. Der auf einer Reise an den Niederrhein
-neugewonnene Freund Fritz Jacobi in Düsseldorf, in philosophischem
-Denken und auch in der Kenntnis Spinozas ihm schon weit voran, sucht es
-zu klären. Wir hören von leidenschaftlicher Freundschaftsverbindung in
-stillen Mondscheinnächten.
-
-Später in Frankfurt, nachdem er längere Zeit nicht an Spinoza gedacht,
-treibt ihn das zufällige Auffinden eines gegen diesen gerichteten
-Pamphlets in der väterlichen Bibliothek sowie die Lektüre von Bayles
-Artikel »Spinoza« von neuem zu den nachgelassenen Werken des großen
-Denkers. »Dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an.« Nie glaubte
-er »die Welt so deutlich erblickt zu haben«, wie durch diese von
-der öffentlichen Meinung der damaligen Zeitphilosophie noch »so
-gefürchtete, ja verabscheute Vorstellungsart«. Vor allem befriedigte
-ihn aufs tiefste Spinozas Lehre vom gelassenen Entsagen gegenüber
-dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen, also der sittliche Kern im
-Spinozismus, wie er selbst ihn später dichterisch ausgedrückt hat in
-den Versen:
-
- »Nach ewigen, ehernen
- Großen Gesetzen
- Müssen wir alle
- Unseres Daseins
- Kreise vollenden.«
-
-Neben der friedlichen Wirkung, die Spinoza auf sein Inneres übte,
-fühlt er sich in seinem Zutrauen auf ihn auch dadurch bestärkt, daß
-auch seine ihm von der Klettenberg her (S. 153) »werten Mystiker«, ja
-sogar Leibniz des Spinozismus verdächtigt worden waren und der berühmte
-holländische Anatom Boerhave aus demselben Grunde von der Theologie
-zur Medizin hatte übergehen müssen. Aber auch für seine religiöse und
-Naturanschauung wird ihm Spinoza der Führer, oder besser gesagt: kam
-Spinozas Pantheismus seinem innersten Drang entgegen. Von Kindheit
-an war er mit einem tiefinnerlichen Gefühl für das Walten der Natur,
-vom Kleinsten bis zum Größten, insbesondere in allem Lebendigen,
-begabt gewesen. Die ganze Welt ist ihm Werden, Bewegen, Wirken einer
-allmächtigen Kraft, das er in der Entfaltung der Blume ebenso erblickt
-wie in dem Kreisen der Wandelsterne um den Sonnenball. Daher --
-worauf Gundolf (S. 106) aufmerksam macht -- auch seine Vorliebe für
-Wortverbindungen mit »_All_«: allgegenwärtig, alliebend, allsehnend,
-Allumfasser, Allerhalter und ähnliche, und für die damit verbundene
-religiöse Grundstimmung sein Lieblingswort »heilig«. Nur daß der
-Allgott, der bei Spinoza sozusagen in mathematischer und doch auch
-wieder mystischer Ruhe erscheint, bei ihm zu lauter Kraft, Wirksamkeit
-und Leben wird. Ganz diesem pantheistischen Naturgefühl ist auch sein
-»Ganymed« entsprungen. In die Zeit seines ersten Spinoza-Studiums fällt
-auch sein berühmtes pantheistisches Glaubensbekenntnis, das er dem von
-Gretchen gefragten Faust in den Mund legt. Zuerst die ehrfürchtige
-Demut vor dem Unendlichen:
-
- »Wer darf ihn nennen?
- Und wer bekennen:
- Ich glaub' ihn!
- Wer empfinden
- Und sich unterwinden
- Zu sagen: Ich glaub' ihn nicht!«
-
-Dann die kurze Formulierung:
-
- »Der Allumfasser,
- Der Allerhalter
- Faßt und erhält er nicht
- Dich, mich, sich selbst?«
-
-Darauf das astronomische All:
-
- »Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
- Liegt die Erde nicht hier unten fest?
- Und steigen hüben und drüben
- Ewige Sterne nicht herauf?«
-
-Gewandt zum Menschlichen, Körperlich-Seelischen:
-
- »Und drängt nicht alles
- Nach Haupt und Herzen dir
- Und webt in ewigem Geheimnis
- Unsichtbar, sichtbar, neben dir?«
-
-Und zuletzt das ganz gefühlsmäßige Ende:
-
- »Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
- Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
- Nenn' das dann, wie du willst,
- Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
- Ich habe keinen Namen
- Dafür. Gefühl ist alles,
- Name Schall und Rauch,
- Umnebelnd Himmelsglut.«
-
-Trotz alledem wollte auch er, ebenso wie Herder und Lessing, kein
-Spinoz_ist_ heißen: »Denke man aber nicht, daß ich seine Schriften
-hätte unterschreiben und mich dazu buchstäblich bekennen mögen.« Denn
-man werde »dem Verfasser von Faust und Werther« wohl zutrauen, daß er
-nicht »den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der als
-Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische Kultur sich
-zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben«.
-
-Den besten Beweis dafür, daß auch ganz andere, entgegengesetzte Gefühle
-mit dieser ergebungsvollen Resignation in seinem Innern rangen, beweist
-sein beinahe gleichzeitig (Ende 1774) entstandenes wundervolles
-»_Prometheus_«-Gedicht, in dem der uralte Titanentrotz sich auflehnt
-gegen die vermeinten Götter da droben, die nur in der Hoffnung
-törichter Kinder und Bettler leben. Es stimmt allenfalls noch mit
-Spinozas Denkart, wenn die _alte_ Gottesvorstellung tapfer aufgegeben
-wird, als wenn jenseits der Sonne »ein Ohr« wäre, »zu hören meine
-Klage«, und »ein Herz wie meins, sich der Bedrängten zu erbarmen«,
-und ein »ewiges, als Herr über Menschen und Göttern« gleichmäßig
-waltendes Schicksal angenommen wird. Aber ganz anders gestimmt ist
-doch die trotzige Zuversicht auf das eigene »heilig glühende Herz«, das
-»alles _selbst_ vollendet hat«, und die Ablehnung jedes weltflüchtigen
-Entsagens, weil »nicht alle Blütenträume reiften«. Ein Symbol festen,
-bewußten, tatenfreudigen Manneswillens und Persönlichkeitsbewußtseins
-ist vielmehr dieser Prometheus, der »Menschen formt nach seinem Bilde«:
-
- »Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
- Zu leiden, zu weinen,
- Zu genießen und zu freuen sich,
- Und dein (des Zeus!) nicht zu achten,
- Wie ich!«
-
-Hier haben wir nicht den in das All aufgehenden, sich selbst
-_aufgebenden_, sondern den sich selbst behauptenden Menschen vor uns.
-Wir können hier leider nicht die Wirkung dieses Gedichts auf die
-bedeutenderen Zeitgenossen -- Lessings haben wir bereits gedacht --
-verfolgen, sondern erwähnen nur noch das gleichgeartete bekannte von
-1777:
-
- »Allen Gewalten
- Zum Trutz sich erhalten,
- Nimmer sich beugen,
- Kräftig sich zeigen,
- Rufet die Arme
- Der Götter herbei.«
-
-Während »_Die Grenzen der Menschheit_« (1781) im Gegensatz dazu, wieder
-mehr die Beschränktheit menschlichen Wollens und Wirkens gegenüber dem
-ewig flutenden Schicksalsstrom betonen:
-
- »Uns hebt die Welle,
- Verschlingt die Welle
- Und wir versinken.«
-
-Endlich das dritte im Bunde jener herrlichen Gedankendichtung mit der
-Überschrift »_Das Göttliche_«, entstanden 1783, das in gewissem Sinne
-beide Gedanken miteinander verbindet. Gegenüber der »unfühlenden«
-_Natur_, der über Böse und Gute gleichmäßig leuchtenden Sonne,
-gegenüber dem blind unter die Menge tappenden Glück steht der _Mensch_,
-der »unterscheidet, wählet und richtet«, der allein dem Augenblick
-Dauer zu verleihen vermag und diese Kraft dazu benutzen soll, »edel,
-hilfreich und gut« zu sein und »unermüdet das Nützliche und Rechte zu
-schaffen«.
-
-
-
-
-~B~. Das erste Weimarer Jahrzehnt
-
-Die italienische Reise
-
-(1776 bis 1788)
-
-
-Mit diesen philosophischen Gedichten -- eine Gedankenlyrik von ganz
-anderer Art wie diejenige Schillers und doch nicht minder philosophisch
-als sie -- sind wir bereits in die _Weimarer_ Epoche unseres Dichters
-getreten, deren erste Jahre in jenem jugendlich-genialen Treiben, das
-uns allen aus seinem Leben bekannt ist, dahinflossen, um dann einer
-fleißigen und gewissenhaften Beamtenarbeit im Dienste des kleinen
-Landes zu weichen, die man oft allzusehr als etwas Besonderes gerühmt
-hat, während Franz Mehring über sie sarkastisch, aber nicht ohne
-Grund gemeint hat, daß »jeder passable preußische Landrat« sie auch
-heute noch leiste »ohne jeden Anspruch auf die Lorbeeren der Mit-
-und Nachwelt«. Die philosophische Entwicklung unseres Helden tritt
-zwar in diesen Jahren (1776 bis 1784) zurück, aber sie bleibt nicht
-stehen. Zeugnis davon die eben besprochenen drei Gedichte, dann aber
-ein interessantes und bedeutsames philosophisches Fragment, betitelt
-»_Die Natur_«, das als Manuskript für einen engeren Kreis zuerst im
-»Tiefurter Journal« von 1782 erschien; ein »dichterischer Hymnus und
-ein philosophisches Bekenntnis« zugleich (Gundolf), das wir den Leser
-Satz für Satz -- sie sind alle ebenso voll Lebens wie einfach und
-allgemeinverständlich -- zu lesen bitten.
-
-Wir heben eine Reihe daraus hervor: »Wir leben mitten in der Natur
-und sind ihr fremd. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine
-Gewalt über sie. Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu
-haben und macht sich nichts aus den Individuen. Jedes ihrer Werke
-hat ein eigenes Wesen, und doch macht alles eins aus. Sie spielt ein
-Schauspiel, ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt
-sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. Sie hüllt den Menschen in
-Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie hat keine Sprache
-noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und
-spricht. Sie ist ganz und doch immer unvollendet. Sie verbirgt sich in
-tausend Namen und ist immer dieselbe. Sie hat mich hereingestellt, sie
-wird mich auch herausführen. Sie mag mit mir schalten. Ich vertraue
-mich ihr.«
-
-Das ist in der Tat, wie Goethe 44 Jahre später davon gesagt hat,
-eine Stufe zum _Pantheismus_, und so kehrt er denn auch bald darauf
-zu dessen philosophischem Vertreter Spinoza zurück. Den äußeren
-Anstoß hatte wohl der Besuch Fritz Jacobis in Weimar von Mitte
-bis Ende September 1784 gegeben, der ihm von seinem uns bekannten
-Spinoza-Gespräch mit Lessing erzählt hatte. Wie Lessing, hatte auch
-Goethe schon früher (Juni 1784) gegen Charlotte v. Stein erklärt:
-»Ich begehre keinen freien Willen.« Und: »Wie eingeschränkt ist der
-Mensch, bald an Verstand, bald an Kraft, bald an Gewalt, bald an
-Wille!« Diesmal treibt er sein Spinoza-Studium zusammen mit _Herder_.
-Im November des Jahres 1784 liest er nun mit Frau v. Stein gemeinsam
-von neuem Spinozas Ethik, die er am 19. von Jena in einer lateinischen
-Ausgabe mitbringt, »wo alles viel deutlicher und schöner ist«. »Ich
-fühle mich ihm sehr nahe,« schreibt er am 11. November an Knebel,
-»obgleich sein Geist viel reiner als der meine ist.« Die Lektüre
-Spinozas bildet den ganzen Winter 1784/85 hindurch, neben Herders
-»Ideen«, einen Teil der vertrauten Abendunterhaltungen mit dem Ehepaar
-Herder und Charlotte Stein. Herder schreibt darüber am 20. Dezember an
-Jacobi: »Goethe hat, seit Du weg bist, den Spinoza gelesen, und es ist
-mir ein großer Probierstein, daß er ihn ganz so verstanden, wie ich ihn
-verstehe.« Und am 27. desselben Monats meldet Goethe selbst Charlotte,
-seiner »Seelenführerin«: »Ich las noch zuletzt in _unserem Heiligen_.«
-
-Noch bedeutsamer spricht sich sein Briefwechsel mit Jacobi aus. Nach
-einem Briefe vom 12. Januar 1785 liest Goethe den Spinoza immer wieder
-und »übt sich an ihm«. In seinem Urteil über ihn ist er mehr mit Herder
-als mit Jacobi einverstanden. Am 9. Juni wird der jüdische Denker
-von Goethe lebhaft gegen den alten Vorwurf des Atheismus verteidigt,
-im Gegenteil als ~theissimus et christianissimus~ gepriesen. »Er
-_beweist_ nicht das Dasein Gottes, das Dasein _ist_ Gott«, das man
-freilich nur in den Einzeldingen und aus ihnen erkennen könne, zu
-deren näherer und tieferer Betrachtung er sich gerade durch Spinoza
-aufgemuntert fühle, obwohl vor dessen Blick alle einzelnen Dinge
-zu verschwinden scheinen. Allerdings -- und nun kommen für seine
-philosophische Sinnesart wieder sehr charakteristische Bemerkungen
--- habe er nie »die Schriften dieses trefflichen Mannes in einer
-Folge gelesen«; auch habe ihm nie dessen ganzes Lehrgebäude »völlig
-überschaulich vor der Seele gestanden«. »Meine Vorstellungs- und
-Lebensart erlauben's nicht.« Aber wenn er in ihn hineinsehe, glaube er
-ihn zu verstehen; er stehe für ihn nie mit sich selbst in Widerspruch;
-was Jacobi über ihn schreibe, scheine ihm nicht im eigensten Sinne
-Spinozas gedacht. Übrigens habe er (Goethe) nie auf »metaphysische
-Vorstellungsart Ansprüche gemacht«. Herder werde es demnächst besser
-ausdrücken. Er (Goethe) suche jetzt auf Bergen und in den Bergwerken
-Ilmenaus das Göttliche »in Kräutern und Steinen«!
-
-Am 21. Oktober 1785 äußert er nochmals gegenüber Jacobis
-Spinoza-Büchlein, den Spinozismus dürfe man nur aus sich selbst
-erklären, und bezeichnet sich selbst wiederum in der ihm eigenen Weise
-als dessen Anhänger: daß er nämlich, »ohne seine Vorstellungsart von
-Natur zu haben, doch, wenn die Rede wäre, ein Buch anzugeben, das unter
-allen, die ich kenne, am meisten mit der meinigen übereinkommt, die
-Ethik des Spinoza nennen müsse«. Die Briefe von Ende 1785 und Anfang
-1786 drehen sich um den bekannten Philosophenstreit Jacobi-Mendelssohn
-über Lessings Spinozismus, der Goethe, wie aus einem Februarbrief 1786
-an Frau v. Stein zu schließen, gegenüber Spinozas Größe recht kleinlich
-und armselig erscheint.
-
-Bei dieser Gelegenheit nun predigt ihm Jacobi zum ersten Male von --
-_Kants_ Philosophie vor, natürlich wie _er_ ihn auffaßt: den »wahren
-Kern« derselben, den Kant selbst noch nicht gekostet habe! So ist
-der Glaubens- und Gefühlsphilosoph F. H. Jacobi einer der ersten
-in der zahlreichen Reihe derer, die Kants »wahren Kern« besser als
-dieser selbst begriffen zu haben beanspruchten. Leider existiert eine
-Antwort Goethes auf diesen Brief nicht. Einen nachhaltigen Eindruck
-hat er jedenfalls nicht hervorgerufen; denn in dem nächsterhaltenen
-Briefe Goethes vom 14. April 1786 berichtet dieser fast nur von
-seinen mancherlei naturwissenschaftlichen Studien, um bloß einmal
-die bezeichnende Frage dazwischen zu werfen: »Was machst Du alter
-Metaphysikus? Was bereitest Du Freunden und Feinden?« (Homerische
-Wendung. K. V.)
-
-Der letzte Brief Goethes aus dieser ganzen Zeit (5. Mai 1786) geht
-sogar ziemlich aggressiv gegen Jacobis eigentümliche Glaubensmetaphysik
-vor mit den Worten: »Gott hat _Dich_ mit der _Metaphisik_ (so!)
-gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, _mich_ mit der
-_Phisik_ (so!) gesegnet.« Und weiter recht antitheologisch: »Ich halte
-mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten (gemeint ist
-natürlich Spinoza) und überlasse Euch alles, was Ihr Religion heißt
-und heißen müßt.« Im Gegensatz zu Jacobis »Glauben« will er sich an
-Spinozas »Schauen« (~scientia intuitiva~, eigentlich anschauendes
-Wissen) halten und sein ganzes Leben der Betrachtung der »Dinge«
-widmen, einerlei, wie weit er damit kommt.
-
-Einverstanden dagegen war er in diesen Jahren ganz mit _Herder_,
-wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt und soeben wieder an
-verschiedenen Stellen gesehen haben. Herder überträgt er, weil ihm
-selbst die nötigen Vorkenntnisse fehlen, die weitere philosophische
-Verteidigung Spinozas gegen Jacobi. Herders »Ideen« findet er
-»köstlich«, sagt zu ihrem ganzen Inhalt »Ja und Amen« (20. Februar
-1785). Und noch am 17. Mai 1787 schreibt er ihm aus Rom: »Wir sind so
-nah in unseren Vorstellungsarten, als es möglich ist, ohne eins zu
-sein, und in den Hauptpunkten am nächsten.« Am 12. Oktober 1787 von
-ebendort: »Sie (d. h. der dritte Teil der »Ideen«) sind mir als das
-liebenswerteste Evangelium gekommen, und die interessantesten Studien
-meines Lebens laufen alle da zusammen. Woran man sich so lange geplackt
-hat, (das) wird einem nun so vollständig vorgeführt. Wieviel Lust zu
-allem Guten hast Du mir durch dieses Buch gegeben und erneut.« Und
-auch vierzehn Tage später, nachdem er den ganzen dritten Teil zu Ende
-gelesen, findet er alles »durchaus köstlich gedacht und geschrieben«,
-auch den Schluß »herrlich, wahr und erquicklich«. Weiter kann man doch
-in Anerkennung und Lob nicht gehen! Und auch anderen gegenüber äußert
-er sich mit der nämlichen Begeisterung. Auch Herders Büchlein über
-»Gott« gefiel ihm aufs beste, wie wir bereits S. 91 sahen; es leistete
-ihm »die beste Gesellschaft«, zusammenstimmend mit dem spinozistischen
-»Eins und Alles«, dem er gerade jetzt auch in der Botanik auf der Spur
-war.
-
-Schon mehrmals sind wir in unseren letzten Betrachtungen auf
-die _naturwissenschaftlichen_ Studien Goethes gestoßen, die dem
-bisherigen Städter (Frankfurt, Leipzig, Straßburg) ganz natürlich
-aus der »Land-, Wald- und Gartenatmosphäre« des kleinen Weimar,
-desgleichen aus seiner amtlichen Beschäftigung mit dem weimarischen
-Forst- und Bergwesen erwachsen waren, während ihn zur Anatomie und
-Osteologie (Knochenlehre) unter anderem die zeitweise Teilnahme an
-den physiognomischen Bestrebungen seines Freundes Lavater anregte.
-Wissenschaft »auf dem Papier und zum Papier« hat ihn nie gereizt,
-sondern immer nur die Beziehung zum Lebendigen. Deshalb sind auch seine
-Sätze nie ganz abstrakt, losgelöst von der sinnlichen Wirklichkeit.
-Aber seine Naturbetrachtung ist zugleich auch immer philosophisch. Ihm
-lag stets bloß daran, wie er in seinem Alter einmal zu Eckermann gesagt
-hat, »die einzelnen Erscheinungen auf ein allgemeines Grundgesetz
-zurückzuführen«. So sucht er in den verschiedenartigen Organen der
-Pflanze ein einheitliches Gebilde zu erkennen, das er Blatt nannte, und
-dessen mannigfaltigen Umbildungen er nun nachspürte, bis er zu seiner,
-ihm erst in Italien völlig aufgegangenen Lehre von der _Metamorphose
-der Pflanze_ gelangte, die er bekanntlich auch dichterisch dargestellt
-hat, die wir jedoch inhaltlich hier nicht näher behandeln können. Lesen
-Sie über alles das seine vortreffliche »Geschichte meines botanischen
-Studiums« (1817) nach. Und ähnlich in der _Zoologie_. Hier entdeckt er,
-von seinem Glauben an die Einheitlichkeit der Natur zu aufmerksamster
-Beobachtung des einzelnen getrieben, im Frühjahr 1784 das Dasein des
-bei den übrigen Tieren vorhandenen Zwischenkieferknochens auch beim
-Menschen, der damit, dem Affen noch näher verwandt, in die große
-Ordnung der Natur eingereiht wurde. Er jubelte darüber, daß sich ihm
-»alle Eingeweide bewegen«. Bis er dann zuletzt in einem Aufsatz »Über
-einen aufzustellenden Typus zur Erleichterung der vergleichenden
-Anatomie« (1796) zu einer die heutige Deszendenzlehre in ihrem
-Grundgedanken schon völlig vorausnehmenden Formulierung gelangt: »Daß
-alle vollkommenen organischen Naturen, worunter wir Fische, Amphibien,
-Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen
-sehen, alle nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr
-beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch
-täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.«
-
-So ist Goethe nicht bei jener fast mystischen, jedenfalls
-pantheistischen Metaphysik, wie sie das Fragment von 1782 mit
-seiner Unendlichkeit und Tiefe, aber auch Unbestimmtheit des
-_Gefühls_ enthielt, stehengeblieben, sondern den schwierigen Weg der
-beobachtenden, rechnenden und vergleichenden _Wissenschaft_ gegangen,
-um zur klaren und bestimmten Einheit des Natur_gesetzes_ zu gelangen,
-wie er es dichterisch in die Worte gefaßt hat:
-
- »Willst du ins Unendliche schreiten,
- Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.«
-
-Oder:
-
- »Willst du dich am Ganzen erquicken,
- So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.«
-
-Gerade in der keuschen und reinen Hingabe an das einzelne, wie Ernst
-Cassirer einmal in seinem schönen Buche »Freiheit und Form« sagt,
-gestaltet sich ihm eine neue Anschauung vom Zusammenhang des Ganzen.
-
-Indem sich der Dichter durch Spinoza in seinem Glauben einerseits an
-die Einheitlichkeit der gesamten Natur, anderseits an die Notwendigkeit
-alles Geschehens bestärkt sah, war auch sein innerer Sturm und Drang
-einigermaßen zur Ruhe gelangt. Ende 1775 schon schreibt er: »Ich lerne
-täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit. Bin tief in der See.«
-Die neue Weltfrömmigkeit löst ihn im letzten Grunde schon jetzt von
-den Neuchristen von der Art Hamanns, F. Jacobis und Lavaters. An den
-letzteren schreibt er z. B. um diese Zeit: »Alle Deine Ideale sollen
-mich nicht irreführen.« Er will vielmehr vor allem »_wahr_ sein, gut
-und böse wie die Natur«.
-
-Die _italienische Reise_ (1786 bis 1788) hat mehr Bedeutung für den
-Dichter und Künstler Goethe gehabt als für den Philosophen. Für
-die Weiterbildung seiner philosophischen Anschauungen dürfte das
-Wichtigste gewesen sein, daß ihm hier der tiefe innere Zusammenhang
-zwischen Kunst und Natur aufging. Die Natur in der Kunst, die Kunst
-in der Natur zu entdecken, war in der Tat auch kein Ort so geeignet
-wie Rom, wo nicht bloß die Denkmäler der Antike, sondern selbst die
-Landschaft, die Bäume, die Sitten stilisiert erscheinen. So schreibt
-er denn auch von dort: »Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die
-höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen
-hervorgebracht worden: alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen.
-Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.« Nicht, wie früher, die Kraft
-des leidenschaftlich bewegten Künstlers oder Dichters, sondern Maß
-und Regel, kurz die _Form_ wird jetzt als das entscheidende Moment
-hervorgehoben. Auch in der Kunst dringt er nunmehr, wie schon vorher
-in der Natur, auf das »Urbildliche« und »Typische«. Das in voller
-Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen (wie bei Schiller!)
-wirkende _Gesetz_ bringt das objektiv Schöne hervor.
-
-In einer in Italien entstandenen Abhandlung unterscheidet er als die
-drei Stufen, die der echte Künstler durchlaufen müsse, die einfache
-Nachahmung der Natur, die Manier, den Stil. Unter der »_einfachen
-Nachahmung_« versteht er die ruhige, treue, sorgfältige und reine
-Hingabe an den Stoff, den die Natur uns darbietet. Die »_Manier_«
-bedeutet in dem »hohen und respektablen« Sinne, in dem Goethe das
-Wort gebraucht, die Unterwerfung des bloß Stofflichen unter den
-einheitlichen, persönlichen Künstlerwillen. Der »_Stil_« endlich
-stellt den höchst erreichbaren Grad der Kunst durch Überwindung des
-bloß Stofflichen der Natur einer-, des subjektiven Künstlerbeliebens
-andererseits dar. Er »ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis,
-auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und
-greiflichen Gestalten zu erkennen«.
-
-So war Goethe fast als ein antiker Mensch aus Italien zurückgekommen.
-Und so stammen denn auch, beiläufig gesagt, aus den Jahren nach dieser
-Rückkehr die stärksten Äußerungen gegen das Christentum, die wir bei
-ihm gelesen zu haben uns erinnern. Sie finden sich namentlich in den
-Briefen an Herder. So schreibt am 4. September 1788 der erste Minister
-an den -- Generalsuperintendenten Sachsen-Weimars das oft zitierte Wort
-von dem »Märchen von Christus« und erklärt, daß er das Christentum
-»_auch_ von der Kunstseite« recht erbärmlich finde. Am 15. März 1790
-will er nach Venedig, um am Palmsonntag »als ein Heide von den Leiden
-des guten Mannes (!) auch einigen Vorteil zu haben«!
-
-Sittlich und theoretisch aber war aus dem »_Gefühls_«-Goethe ein
-»_Gedanken_«-Goethe geworden, wie Gundolf sich einmal in prägnanter
-Zusammenfassung ausdrückt. Dem jungen Werther war das Gefühl noch
-alles gewesen: »Dies _Herz_, das ganz allein die Quelle von allem ist,
-aller Kraft, aller Seligkeit und -- alles Elends.« Jetzt war diese
-Werther-Stimmung endgültig überwunden. Fortan herrscht in seiner Seele
--- von einzelnen Rückfällen vielleicht abgesehen -- ein unbezwingliches
-Vertrauen auf die eigene Kraft zur Lebenssteuerung, wie es der
-wundervolle Schluß des schon in den ersten Weimarer Jahren entstandenen
-Gedichts »Die Seefahrt« ausdrückt:
-
- »Doch er stehet männlich an dem Steuer,
- Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
- Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen
- Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe
- Und vertrauet, scheiternd oder landend,
- Seinen Göttern.«
-
-Aber es fehlte noch eine tiefere philosophische Begründung. Diese
-sollte ihm -- _Kant_ geben.
-
-
-
-
-~C.~ Das erste Kant-Studium
-
-(1789 bis 1794)
-
-
-Als Goethe 1788 aus Italien heimkehrte, fand er, dank ihres eifrigen
-Verkünders Reinhold Bemühungen, Jena voll von der neuen Kantischen
-Lehre und mußte schon deshalb notwendig »von ihr Notiz nehmen«. Aber
-wichtiger war der innere Drang. Immer schon hatte er sich seine
-eigene »naturgemäße« Methode gebildet, allein er _suchte_ nach einer
-»metaphysischen« Grundlage, der seine Denkweise sich angleichen
-könnte; denn er hatte gemerkt, daß er in einer, wenn auch noch so
-»fruchtbaren«, Dunkelheit dahinlebte. Nun studierte er, wie durch
-Wieland bezeugt ist, seit etwa Beginn 1789 mit großem Eifer Kants
-»_Kritik der reinen Vernunft_«,[25] wollte auch mit Reinhold »eine
-große Konferenz darüber« halten, zu der es indes nicht gekommen zu sein
-scheint. Freilich nur einzelnes sagte ihm zu. So gefiel ihm gleich
-der Eingang des Werkes, und seinen vollkommenen Beifall fand Kants
-Satz: Wenngleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung angeht, so
-entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Aber
-ins »Labyrinth« selbst konnte und wollte er sich nicht wagen: »Bald
-hinderte mich die Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich
-fühlte mich nirgend gebessert.« Und er versteht manches, z. B. die
-wichtigen Begriffe Analytisch und Synthetisch, ganz anders wie Kant.
-Als die Hauptfrage erscheint ihm die _psychologische_: »Wieviel
-unser Selbst und wieviel die Außenwelt zu unserem geistigen Dasein
-beitragen«, während für Kant das Wesentliche die _erkenntniskritische_
-Frage nach der Gewißheit unseres Erkennens und damit nach einer
-Philosophie als Wissenschaft ist. Immerhin glaubt er einzelne Kapitel
-besser als andere zu verstehen und »gewann gar manches zu seinem
-Hausgebrauch«.
-
-Er macht sich ein Inhaltsverzeichnis dazu, mit dem er allerdings nicht
-zu Ende gekommen ist,[26] und dem er eine knapp zusammenfassende und
-populäre »Kurze Vorstellung der Kantischen Philosophie« von der Hand
-des Wittenberger Theologieprofessors Reinhard beigelegt hat. Daß er
-mit kritischem Auge gelesen hat, ergibt sich aus einzelnen im Nachlaß
-darüber gefundenen Bemerkungen, von denen wir allerdings nicht mit
-Sicherheit wissen, ob sie schon aus dieser _ersten_ Zeit seines
-Kant-Studiums stammen. Noch interessanter war mir es, aus Goethes
-eigenem Handexemplar, das ich mit Erlaubnis des damaligen Direktors
-des Goethe-National-Museums (d. h. des Goethe-Hauses) zu Weimar ~Dr.~
-Ruland auf längere Zeit mit mir nehmen durfte, an der Hand seiner
-zahlreichen Anstreichungen und Unterstreichungen festzustellen, was
-ihn darin am meisten interessierte. Ich habe darüber im Anhang zu
-meinem »Kant -- Schiller -- Goethe« (S. 272 bis 279) einen genauen
-Bericht gegeben und verweise alle diejenigen Leser darauf, die sich
-für diese Einzelheiten interessieren. Hier, wo ich keine eingehendere
-Kenntnis des Kantischen Systems voraussetzen darf, muß ich mich näheren
-Eingehens enthalten.
-
-Die im Jahre 1788 erschienene ethische Hauptschrift Kants, die »Kritik
-der _praktischen_ Vernunft«, scheint Goethes Interesse in geringerem
-Grade erregt zu haben. Er hat sie auch nicht selbst besessen; wohl
-dagegen die in Kants Ethik am besten einführende populär geschriebene
-»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785), und zwar, was für die
-Zeit seiner Kant-Studien bezeichnend ist, erst in der Auflage von
-1792.[27]
-
-Weit tiefer wirkte, und zwar alsbald nach ihrem Erscheinen (1790)
-die »_Kritik der Urteilskraft_« auf ihn ein. Ihr hat er noch nach 27
-Jahren bekannt »eine höchst frohe Lebensepoche schuldig zu sein«.
-Während die Kritik der reinen Vernunft seinen philosophischen
-»Dämmerzustand« noch nicht völlig zu heben vermocht, während er die
-»Metamorphose der Pflanzen« 1790 noch geschrieben hatte, ohne zu
-wissen, daß sie ganz im Sinne der Kantischen Lehre sei, fand er das
-neue Werk des kritischen Philosophen in seinen Hauptgedanken seinem
-eigenen »bisherigen Schaffen, Tun und Denken ganz analog«. Das
-Wichtigste aus seiner höchst lebendigen Selbstschilderung scheint
-uns in einer dreifachen Übereinstimmung zu liegen. Einmal, daß auch
-nach Kant, der ja in seinem Werk die Kritik der ästhetischen mit
-derjenigen der teleologischen vereinigt hatte, Kunst und vergleichende
-Naturkunde miteinander nah verwandt seien, sich derselben Urteilskraft
-unterwerfen. Zweitens (was noch wichtiger), daß jede von beiden, Kunst
-und Natur, um ihrer _selbst_ willen da sei und beide »unendliche
-Welten« doch _für_einander existierten.[28] Und drittens, daß er seine
-alte Abneigung gegen die »Endursachen«, d. h. die Verwischung des
-Kausalitäts-(Ursache-)Prinzips durch den Zweckbegriff nun »geregelt und
-gerechtfertigt« sah.
-
-Freilich faßte er auch jetzt wieder den Philosophen nach seiner
-Dichter- und Künstlerart auf, die er schon bezüglich seiner Lektüre der
-Kritik der reinen Vernunft mit den Worten charakterisiert hatte: »Wenn
-ich nach meiner Weise über Gegenstände philosophierte, so tat ich es
-mit unbewußter Naivität und glaubte wirklich, ich sähe meine Meinungen
-vor Augen.« Er sprach dann auch bloß aus, »was in mir aufgeregt war«,
-nicht, was er gelesen hatte. Damit stimmt genau, was _Schiller_ über
-seine erste vertrautere philosophische Unterhaltung mit dem ihm damals
-noch kühl gegenüberstehenden Nebenbuhler am 1. November 1790 an Freund
-Körner berichtet. Es ist zugleich für die Wesensart beider Männer so
-bezeichnend, daß wir das Wichtigste davon hierhersetzen müssen: »Goethe
-war gestern bei uns, und das Gespräch kam bald auf Kant. Interessant
-ist's, wie er alles in seine Art kleidet und überraschend zurückgibt,
-was er las ... Ihm ist die ganze Philosophie _subjektivisch_, und da
-hört denn Überzeugung und Streit zugleich auf. Seine Philosophie mag
-ich auch nicht ganz; sie holt zuviel aus der _Sinnen_welt, wo ich aus
-der _Seele_ hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und
-betastet mir zuviel. Aber sein Geist wirkt und forscht nach allen
-Direktionen und strebt, sich ein Ganzes zu erbauen, und das macht ihn
-mir zum großen Manne.«
-
-Auch Körnern war Goethe »zu _sinnlich_ in der Philosophie«, was
-freilich für sie beide (Schiller und Körner) als Gegengift gegen
-ihre vorherrschend intellektuelle Anlage ganz heilsam sei. Er
-bezeugt übrigens, daß Goethe, im Unterschied von Schiller, nicht der
-ästhetische, sondern der teleologische Teil des Werkes zuerst gefesselt
-habe. Gerade, weil Goethe nun bei den strengeren Kantianern (zu denen
-allerdings Schiller damals noch nicht zählte) mit seiner eigenartigen
-Auffassung Kants wenig Anklang fand, studierte er, »auf sich selbst
-zurückgewiesen«, dessen Buch immer aufs neue. Auch in diesem Falle hat
-er sein Exemplar mit zahlreichen Strichen -- besonders im zweiten,
-naturphilosophischen Teil -- versehen, die ihn »später noch erfreuten«;
-ja auch mit einzelnen Randbemerkungen. Durch ein Fragezeichen am Rande
-protestiert er gegen Kants Herabsetzung des Kunst- zugunsten des
-Naturschönen; außerdem interessieren ihn namentlich die Bestimmung des
-Kunstzwecks, das Verhältnis der Kunst zur Moral und die Vergleichung
-der einzelnen Künste in bezug auf ihren Wert. In dem zweiten, die
-organische Naturwissenschaft behandelnden Teile erregten vor allem
-die Definition des Naturzwecks, die Selbstorganisation der Natur,
-das Problem eines »anschauenden« Verstandes und ganz besonders der
-interessante achtzigste Paragraph vom Verhältnis des mechanischen zum
-Zweckprinzip mit seiner berühmten Vorausahnung darwinistischer Ideen
-sein Interesse.
-
-Das nähere Studium der »Kritik der Urteilskraft« führte ihn dann auch
-wieder zu demjenigen der theoretischen Vernunftkritik zurück. »Beide
-Werke, aus _einem_ Geist entsprungen, deuten immer eins aufs andere.«
-Auch Kants »Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft« (die
-er in den beiden ersten Auflagen von 1786 und 1787 besaß) hatte er
-damals schon studiert und daraus den Satz gezogen, daß Anziehungs- und
-Abstoßungskraft zum Wesen der Materie gehören, so daß er beruhigt war,
-seine Weltanschauung nach dieser Seite hin »unter Kantischer Autorität
-fortsetzen zu können«.
-
-Dagegen stößt Kants _religions_philosophischer Standpunkt, jedenfalls
-seine Annahme eines radikalen Hanges zum Schlechten seine damals, wie
-wir schon von Herder her wissen, besonders antichristlich-hellenisch
-gestimmte Natur entschieden ab. In einem Briefe an Herder (7. Juni
-1793) geht er so weit, zu schreiben, Kant habe »seinen philosophischen
-Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von
-mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit dem
-Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch -- auch
-Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen«. Und einen Monat
-später gebraucht er dasselbe ebenso unästhetische wie ungerechte Bild.
-
-Trotz allen Interesses, trotz aller Hochschätzung steht indes bis
-Sommer 1794 zwischen Goethe und dem Kritizismus, ja zwischen ihm und
-der Philosophie überhaupt noch etwas Fremdes, Unausgeglichenes, wie es
-noch am 24. Juni dieses Jahres in einem Brief an Fichte zum Ausdruck
-kommt, dem er sich zum größten Danke verpflichtet fühlen würde, wenn
-er ihn »endlich mit den Philosophen versöhne, die ich nie entbehren
-und mit denen ich mich niemals vereinigen konnte«. Diese Versöhnung,
-soweit sie bei seiner Eigenart überhaupt möglich war, sollte ihm
-nun zwar nicht von der seinem Wesen ganz entgegengesetzten Person
-Fichtes kommen, aber von anderer Seite. Er stand unmittelbar vor dem
-»glücklichen Ereignis« seiner dauernden Verbindung mit _Schiller_.
-
-
-
-
-~D~. Der Freundschaftsbund mit Schiller
-
-(1794 bis 1805)
-
-
-Die Altersjahre (1805 bis 1832)
-
-Unter den Ursachen, die bis zum Jahre 1794 ein näheres Verhältnis zu
-Schiller nicht aufkommen ließen, führt Goethe in seinen »Annalen« zu
-eben diesem Jahre als eine der wichtigsten Schillers Begeisterung für
-die Kantische Philosophie an. Bei Schiller und Kant scheinbar alles
-Vernunft, Geist, Wille -- bei ihm und Herder Erfahrung, Natur, Gefühl.
-Eine »ungeheure Kluft« schien zwischen den zwei »Geistesantipoden«
-befestigt zu sein. Und doch sollte es anders kommen. Hatte nicht zum
-wenigsten gerade _Kant_ sie bisher getrennt, so sollte der nämliche
-Kant sie nunmehr zusammenführen zu jenem »Bunde«, der bis zu Schillers
-frühzeitigem Tode »ununterbrochen gedauert und für uns und andere
-manches Gute gewirkt hat« (Goethe).
-
-Es geschah durch eine wahrscheinlich Ende Juni oder Anfang Juli
-1794[29] stattgefundene Unterredung, die uns Goethe selber erzählt
-hat. Gelegentlich einer zufälligen gemeinsamen Heimkehr aus einer
-Sitzung der Jenaer Naturforschenden Gesellschaft trägt Goethe dem
-bisherigen Gegner seine »Metamorphose der Pflanze« vor, läßt vor
-seinen Augen eine symbolische Pflanze entstehen. Als er geendet,
-schüttelt Schiller den Kopf und sagt: »Das ist keine _Erfahrung_, das
-ist eine _Idee_.« Goethe, als »hartnäckiger Realist«, ist erstaunt,
-dann verdrießlich, widerstreitet. Schließlich wird für den Abend
-Waffenstillstand geschlossen. Aber der »Realist«, der sich nach seinem
-eigenen Geständnis bei den Einwürfen des »gebildeten Kantianers«
-Schiller anfangs ganz unglücklich fühlte, ahnt bald, daß zwischen
-seiner »Erfahrung« und Kants »Idee« etwas »Vermittelndes, Bezügliches«
-obwalten müsse, ohne es schon klar zu erkennen. Diese Erkenntnis hat
-ihm in den folgenden Jahren Kants Philosophie gebracht, die nun erst
-durch einen ihrer geistvollsten Jünger voll und eindringlich auf ihn zu
-wirken begann.
-
-»Nach diesem glücklichen Beginnen«, um wieder Goethes eigene Worte zu
-gebrauchen, »entwickelten sich in Verfolg eines zehnjährigen Umganges
-die philosophischen Anlagen, _inwiefern meine Natur sie enthielt_,
-nach und nach.« Und noch deutlicher sprechen die Annalen von 1795 es
-aus, daß er mit der Kantischen Philosophie und »daher auch« ihrer
-damaligen Hauptpflanzstätte Jena »durch das Verhältnis zu Jena immer
-mehr zusammenwuchs«. »Wir wissen nun,« schreibt Goethe nach einer
-»vierzehntägigen Konferenz« am 1. Oktober an den neugewonnenen Freund,
-»daß wir in _Prinzipien einig_ sind und die Kreise unseres Empfindens,
-Denkens und Wirkens teils koinzidieren (zusammenfallen), teils sich
-berühren.«
-
-Ich bin weit entfernt davon, wie mir es von mehreren Seiten angedichtet
-worden ist, Goethe um solcher Selbstäußerungen willen zum »Kantianer«
-machen zu wollen. Dafür sind und bleiben die Naturen beider zu
-verschieden. »Intuitive« Geister wie Goethe haben, nach der berühmten
-Charakteristik Schillers in den ersten großen Briefen vom 23. und
-31. August desselben Jahres an den neuen Freund, »wenig Ursache, von
-der Philosophie zu borgen, die nur von ihnen lernen kann«. Philosoph
-im strengen Sinne des Wortes ist Goethe auch jetzt nicht geworden.
-Ihm ging das Scheiden und Trennen, das Abstrahieren und Zergliedern,
-das die Philosophie notwendig betreiben muß, in weit stärkerem Grade
-als Schiller wider seine Dichternatur. Er fühlt sich auch weiterhin,
-nach mehrfachem eigenen Bekenntnis, in der speziell philosophischen
-»Denkart« nicht bewandert. Ja, gegenüber seinem Kunstfreund Heinrich
-Meyer versteigt er sich einmal zu der Äußerung: »Für uns andere, die
-wir doch eigentlich zu Künstlern geboren sind, bleiben doch immer die
-Spekulation sowie das Studium der elementaren Naturlehre« -- womit
-die theoretische Physik im Gegensatz zu der von Goethe bevorzugten
-Biologie gemeint ist -- »falsche Tendenzen.« Auch braucht er öfters
-Kantische Begriffe in seinem eigenen, von Kant abweichenden Sinne. Und
-gegenüber Schiller fühlt und bekennt er sich stets gewissermaßen als
-das philosophische Naturkind, dem jener als der theoretische Helfer und
-Lenker, Autorität und Richter in allen philosophischen Fragen gilt,
-wie Schiller mit Stolz einmal seinem Kollegen Fichte meldet (3. August
-1795).
-
-Allein die Philosophie wird ihm doch »immer werter«, weil sie ihn
-»täglich immer mehr lehrte, mich von mir selbst zu scheiden«, und weil
-sie »durch die höhere Vorstellung von Kunst und Wissenschaft, welche
-sie begünstigte«, ihn »vornehmer und reicher« machte. Er ist nicht mehr
-der alle Philosophie abweisende »steife Realist« von früher (an Jacobi,
-17. Oktober 1796), sondern bekennt, daß er durch »treues Vorschreiten
-und bescheidenes Aufmerken« von jenem »steifen Realismus« und einer
-»stockenden Objektivität« dahin gekommen sei, Schillers philosophische
-Ausführungen vom Tage vorher als »mein eigenes Glaubensbekenntnis
-unterschreiben« zu können (an Schiller 13. Januar 1798). Und diese
-»Ausführungen« sind eben doch kritische Philosophie, wenn auch mit
-Schillerscher Färbung. Vor allem erregen sein höchstes Wohlgefallen
-die »Ästhetischen Briefe«, in denen er, was er »für recht sei langer
-Zeit erkannt, was ich teils lebte, teils zu leben wünschte, auf eine so
-zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand«. Mit Eifer wird alles
-Neue von Kant gelesen und besprochen; ja Goethe ist es jetzt zuweilen,
-der den Freund auf eine neu erschienene Schrift des Königsberger
-Philosophen aufmerksam macht.
-
-Natürlich werden auch andere, alte und neue, Philosophen besprochen und
-studiert. So zum Beispiel im April 1797 Aristoteles' Politik. Anfangs
-häufig gemeinsam mit den Brüdern Humboldt. Später auch in einer Art
-philosophischem Kränzchen, an dem die in Jena habilitierten jungen
-Philosophen Niethammer, Schelling und Hegel teilnehmen, von denen der
-Erstgenannte ihm in der zweiten Hälfte des Jahres 1800 auch die neueste
-Philosophie in sogenannten Colloquiis (Unterredungen) vorträgt. Von den
-neuesten Philosophen ist ihm der durch und durch subjektive _Fichte_
-am unsympathischsten. Er bekennt, dessen Denkweise »nur mit Mühe und
-von ferne folgen« zu können. »An eine engere Verbindung mit ihm ist
-nicht zu denken,« meint er 1798 ähnlich wie Schiller. Das bezeugt auch
-Goethes Handexemplar von Fichtes »Begriff der Wissenschaftslehre«
-(1794), das von dem Dichter mit zahlreichen Bleistiftstrichen,
-Fragezeichen und einzelnen Randbemerkungen versehen ist. Bedenklich
-erscheint ihm besonders, daß alles mögliche menschliche Wissen in der
-»allgemeinen Wissenschaftslehre« schon enthalten sein soll; unter
-Fichtes »ersten Grundsatz«: »Ich bin Ich« schreibt Goethe spöttisch:
-Alles ist alles; neben Fichtes Wendung: »die von uns unabhängige Natur«
-die Worte: »aber doch mit uns _verbunden_, deren lebendige Teile wir
-sind« u. ä.
-
-Auch von _Schelling_ hatten die Freunde anfangs mehr erhofft. Schiller
-war freilich von dieser neuen Art Idealismus noch mehr enttäuscht
-als Goethe, der z. B. am 31. Dezember 1798 entschuldigend bemerkt,
-Schellings Ideen müßten »freilich noch manchmal durchs Läuterfeuer«.
-Schellings Philosophie ist bekanntlich aus dem Läuterfeuer überhaupt
-nicht herausgekommen! Bei Gelegenheit von dessen Naturphilosophie gibt
-unser Dichter übrigens einmal eine gute Charakteristik seines eigenen
-naturphilosophischen Standpunktes. Während die Natur_philosophen_ ~à
-la~ Schelling und Hegel alles »von oben herunter«, die Natur_forscher_
-im engeren Sinne alles »von unten hinauf« leiten wollten, so finde er
-selbst als Natur_schauer_ sein Heil »nur in der Anschauung, die in der
-Mitte liegt« (an Schiller, 27. und 30. Juni 1798); wie er denn schon
-sechs Jahre vorher einen in derselben Richtung gehaltenen Aufsatz
-»Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt« geschrieben
-hatte. -- _Hegel_, der zur Zeit von Schillers Tod allein noch von dem
-spekulativen Dreiblatt (Fichte, Schelling, Hegel) in Jena war, wurde
-es, wie Goethe klagt, schon damals schwer, sich anderen mitzuteilen,
-und er hatte sein erstes bedeutendes Werk noch nicht geschrieben.
-
-Von _Herder_ entfernt sich, wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt
-sahen, Goethe durch seine Freundschaft mit Schiller immer mehr.
-Überhaupt fühlt er mit Schiller und den wenigen anderen Freunden (den
-Humboldts, H. Meyer) sich als eine geschlossene Partei gegenüber
-den Streithändeln Kants mit dem gesamten Herderschen Kreise, den
-Geschichtsphilosophen von der Art Jacobis und Goethes eigenem Schwager
-Schlosser und den Berliner Aufklärern ~à la~ Nicolai auf der einen, der
-beginnenden Romantik auf der anderen Seite. Es sind die unseren beiden
-Dichter-Klassikern mit der klassischen Philosophie (Kants) gemeinsamen
-Gegner, denen der lustig-scharfe Xenienkrieg des Jahres 1796 gilt. Noch
-stärker fast tritt das gelegentlich der letzten gehässigen Angriffe
-Herders gegen den Kritizismus hervor, weshalb denn auch die Wut des
-gesamten Herderschen Kreises gegen unsere beiden Weimarer Dioskuren
-ging.
-
-Aus den letzten mit Schiller gemeinsam zu Weimar verlebten Jahren sind
-begreiflicherweise nur wenige briefliche Zeugnisse über ihre Stellung
-zur Philosophie erhalten. Wennschon bei Schiller, so tritt erst recht
-bei Goethe der spezielle Kantianismus in diesen bei beiden überhaupt
-mehr dem dichterischen Schaffen gewidmeten Jahren zurück. Aber das
-neue philosophische Fundament, das ihm gegenüber seinem früheren teils
-Spinozismus, teils »Realismus« der kritische Idealismus gegeben hatte,
-ist geblieben.
-
-Die ungeheure Lücke, die Schillers Hinscheiden in Goethes geistige
-Existenz riß -- er verlor mit ihm, wie er am 1. Juni 1805 an Zelter
-schreibt, »die Hälfte seines Daseins« --, machte sich natürlich
-in philosophischer Hinsicht besonders fühlbar. Trotzdem ist seine
-Bemerkung in den Annalen von 1817, daß er sich seitdem »von aller
-Philosophie entfernt« habe, nicht buchstäblich aufzufassen. Gewiß,
-zahlreiche andere Interessen nehmen ihn wieder mehr als in dem
-stark philosophischen Jahrzehnt 1790 bis 1800 in Beschlag. Aber das
-philosophische Interesse verschwindet doch fortan nie völlig mehr.
-Ich habe an anderer Stelle[30] -- zum ersten Male in der Geschichte
-der Goethe-Literatur -- Jahr für Jahr genau zusammengestellt, was
-an Goethes philosophischen Studien, Äußerungen und Beziehungen aus
-den 27 Jahren von Schillers Tod bis zu seinem eigenen Ende (1805 bis
-1832) bezeugt ist, weil nur so ein begründetes, nicht phrasenhaft und
-ins Blaue hinein phantasierendes Urteil über seinen philosophischen
-Standpunkt in diesen Jahren zu gewinnen war. Allein ich will mich hier
-nicht wiederholen und schon der Kürze halber nur eine summarische
-Zusammenfassung der wichtigsten dort gewonnenen Ergebnisse geben.
-
-Goethe fährt auch in diesem Zeitraum fort, neue philosophische
-Erscheinungen von Belang zu lesen, studiert z. B. von 1807 bis 1809
-für seine »Geschichte der Farbenlehre« zahlreiche ältere und neuere
-Philosophen an der Hand von Buhles (eines Göttinger Professors)
-»Philosophiegeschichte« und hebt in seiner Schrift, außer der berühmten
-vergleichenden Schilderung der beiden antiken Philosophenhäupter
-Plato und Aristoteles, namentlich die Bedeutung des lange verkannten
-mittelalterlichen Neuerers Roger Baco kräftig hervor. Er bildet
-sich ein selbständiges Urteil in dem von 1811 bis 1813 währenden
-Philosophenstreit zwischen der Glaubensphilosophie seines alten
-Freundes Jacobi und dem damaligen Pantheismus des wandlungsfähigen
-_Schelling_ zugunsten des letzteren, wobei er sich zeitweise wieder von
-seiner alten Liebe Spinoza und von Giordano Bruno beeinflußt zeigt. Er
-steht in den Jahren 1815 bis 1819 in näheren Beziehungen zu dem damals
-in Weimar lebenden jungen _Schopenhauer_ und liest im letztgenannten
-Jahre dessen eben erschienene »Welt als Wille und Vorstellung«.
-Wobei sich jedoch, bei aller »wechselseitigen Belehrung«, die innere
-Verschiedenheit beider bald so stark bemerkbar macht, daß sie wie
-zwei Freunde, von denen »der eine nach Norden, der andere nach Süden
-will«, einander »schnell aus dem Gesicht« kommen. Über den inzwischen
-zu immer größerer Berühmtheit aufgestiegenen _Hegel_ hat er sich zu
-verschiedenen Zeiten verschieden, im ganzen aber doch mehr ablehnend
-als zustimmend ausgesprochen. Auch die Entwicklung der auswärtigen
-Philosophie, z. B. den Eklektizismus des Franzosen Viktor Cousin
-und die Nützlichkeitslehre des Engländers Bentham, verfolgt er mit
-Teilnahme.
-
-Die Vorarbeiten zu der höchst lesenswerten »Geschichte meines
-botanischen Studiums« führen ihn dann im Jahre 1817 noch einmal zu
-erneutem _Kant_-Studium zurück. Dem verdanken wir eine Reihe kleinerer,
-später unter seine Schriften »Zur Naturwissenschaft im allgemeinen«
-aufgenommene Aufsätze: »Einwirkung der neueren Philosophie«,
-»Anschauende Urteilskraft«, »Bedenken und Ergebung«, »Bildungstrieb«.
-Der erste gibt uns nächst einem anderen, »Glückliches Ereignis«
-betitelten, der seine Verbindung mit Schiller behandelt und später
-den Annalen von 1794 eingefügt wurde, die reichsten, in unserer
-Darstellung benutzten historischen Aufschlüsse. Der zweite gewährt
-das meiste systematische Interesse. Wir gewahren hier den Punkt, wo
-der Dichter und »Naturschauer« über die verstandesmäßige Erkenntnis
-des reflektierenden Philosophen zum »schauenden« Urteil des Künstlers
-hinstrebt.
-
-Allein Goethe hat nicht vergessen, was er der kritischen Philosophie
-verdankt. Gerade in seinem letzten Lebensjahrzehnt gedenkt er ihrer
-häufig mit dankbarer Wärme. Er betitelt den »Alten vom Königsberge«
-mit den lobendsten Ausdrücken wie: unser Meister, der köstliche Mann,
-unser herrlicher, unser vortrefflicher Kant. Wir wollen aus den von
-uns an anderer Stelle wiedergegebenen Zeugnissen über ihn nur die
-beiden letzten, aus seinem _letzten_ Lebensjahr stammenden anführen.
-Am 8. Juli 1831 gibt er in einem Brief an den Musiker Zelter den
-Künstlern der Gegenwart den Rat, wenn anders sie sich »Natur und
-Naturell« bewahren wollten, zu Kant zurückzukehren und dessen Kritik
-der Urteilskraft zu studieren. Und am 18. September des gleichen
-Jahres zieht der mehr als Zweiundachtzigjährige in einem Brief an
-Staatsrat Schultz gleichsam die Summe dessen, was die Philosophie
-des klassischen deutschen Idealismus ihm gewesen, mit den Worten:
-»Ich danke der kritischen und idealistischen Philosophie, daß sie
-mich auf _mich selbst_ aufmerksam gemacht hat; das ist ein ungeheurer
-Gewinn.« Freilich vermißt er an ihr, an der »idealistischen« der
-Fichte, Schelling, Hegel wohl noch mehr als an der kritischen Kants,
-das unmittelbar anschauliche Ergreifen des _Gegenstandes_: »Sie
-kommt aber nie zum Objekt; dieses müssen wir so gut wie der gemeine
-Menschenverstand zugeben, um vom unwandelbaren Verhältnis zu ihm die
-Freude des Lebens zu genießen.«
-
-Suchen wir uns nun, nach dieser langen geschichtlichen Entwicklung, in
-einem letzten Abschnitt in knapper Zusammenfassung klarzumachen, was
-von philosophischen Gedanken in Goethes Weltanschauung dauernd haften
-geblieben ist.
-
-
-
-
-~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit
-
-
-Bei Lessing und Herder, ja auch noch bei Schiller ließ sich ihre
-philosophische Weltanschauung in wenigen großen Zügen zusammenfassen;
-bei Goethe ist das nicht möglich. Selbst nicht, wenn wir -- seine
-von uns bereits geschilderte frühere Entwicklung beiseite lassend
--- auf den reifen, auf den alten Goethe, auf den Dichter »in der
-Epoche seiner Vollendung«, wie Otto Harnack es in dem Titel seines
-gleichnamigen Buches ausgedrückt hat, uns beschränken. Dafür ist Goethe
-zu vielseitig, man möchte beinahe sagen: zu _all_seitig. Außerdem
-hat er seine philosophischen Gedanken noch weniger als die anderen
-systematisch oder auch nur zusammenhängend entwickelt; sondern nur
-gelegentlich in Briefen, Gesprächen, Dichtungen, Tagebüchern und sonst
-hingeworfenen Gedanken, in zahllosen »Maximen und Reflexionen« ihnen
-Ausdruck gegeben. Wir können also mit unserem folgenden Versuch nur die
-allgemeine Richtung angeben, die seinen allgemein-philosophischen,
-ethischen, politischen, religiösen, ästhetischen Anschauungen zugrunde
-liegt; und auch dies nur in groben Umrissen. Der aufmerksame Leser
-des Bisherigen wird sich danach hoffentlich doch ein einigermaßen
-anschauliches Bild von Goethes »Philosophie« machen können.
-
-1. Von dem, was uns heute als die unentbehrliche Grundlage
-jeder haltbaren Philosophie erscheint, von einer allem
-Darauflos-Philosophieren voraufgehenden eindringenden
-_Erkenntniskritik_, ist bei ihm sehr wenig zu spüren. Philosophie ist
-für ihn _nicht_, wie für Kant, in erster Linie _Wissenschaft_, die auf
-das Faktum von Mathematik und mathematischer Naturwissenschaft sich
-gründet. Er steht vielmehr der ersteren gleichgültig, der letzteren,
-zumal in ihrer von den Zeitgenossen fast allgemein akzeptierten
-Verkörperung in Newtons Methode, sogar beinahe feindlich gegenüber. Das
-Zerlegen in Berechenbares und Meßbares, welches das Ziel der modernen
-Physik ist, widerstrebt seiner durchaus auf das Organische gerichteten,
-nicht dem Allgemeinen, sondern dem Einzelnen, nicht dem Sein, sondern
-dem Werden zugewandten Natur. Und wenn er auch durch Schiller, den
-Gundolf einmal den »Gesandten« aus dem »Reiche Kants« an Goethe nennt,
-für den idealistischen Grundgedanken von der Spontaneität, d. h.
-selbständigen Zeugungskraft des menschlichen Geistes, gewonnen wurde,
-so blieb doch sein Denken, vor allem in der äußeren Natur, aufs engste
-mit den Gegenständen verbunden, weshalb es denn auch unter seinem
-Beifall der Anthropologe Heinroth 1823 geradezu als »gegenständlich«
-bezeichnen konnte.
-
-Oder vielmehr, er sucht eine Verbindung zwischen beiden. In dem für
-die Kenntnis seiner philosophischen Methode besonders wichtigen, 1799
-für die »Propyläen« verfaßten Aufsatz »_Der Sammler und die Seinigen_«
-heißt es z. B. ganz idealistisch: »Es gibt keine Erfahrung, die nicht
-produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.« Selbst das Göttliche
-würden wir nicht kennen, »wenn es der Mensch nicht fühlte und selbst
-hervorbrächte«. Und in den »Sprüchen in Prosa« sagt er: »Suchet _in_
-euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, wenn da draußen,
-wie ihr es immer heißen möget, eine Natur lieget, die ja und amen
-zu allem sagt, was ihr in euch selbst gefunden habt.« Daher auch,
-nebenbei bemerkt, sein Spott gegen die »Philister«, die das »Innere der
-Natur« für ein undurchdringliches Geheimnis hielten. Rudolf Steiner in
-seinem Büchlein »Goethes Weltanschauung« will darin einen Gegensatz zum
-Kritizismus erblicken. Das Gegenteil ist der Fall. Vielmehr wendet sich
-gerade Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« (2. Auflage, S. 333 f.)
-gleichfalls ausdrücklich gegen die »ganz unbilligen und unvernünftigen«
-Klagen mancher Leute, daß »wir das Innere der Dinge gar nicht
-einsehen«, und erklärt dazu: »Ins Innere der Natur dringt Beobachtung
-und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen,
-wieweit dieses mit der Zeit gehen werde.« Diesen vielsagenden Satz hat
-Goethe in seinem Handexemplar doppelt angestrichen: so daß vielleicht
-anzunehmen ist, daß er gerade durch ihn zu seinem »heiteren Reimstück«
-vom »Inneren der Natur« angeregt wurde. In gleichem Sinne erklärt er an
-einer anderen Stelle: »Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in
-seine und der Welt Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt
-noch abgeschlossen.«
-
-Mit dieser Voraussetzung eines immer weiteren Vorwärtsdringens echter
-wissenschaftlicher Forschung ist die von Anfang an in Goethes Natur
-liegende, aber durch Kant in ihm bestärkte Neigung zu kritischer
-_Selbstbescheidung_ gegenüber dogmatischem Allwissenheitsdünkel
-durchaus vereinbar, wie sie sich vor allem in dem berühmten Spruche
-(Nr. 1019) ausprägt: »Das schönste Glück des denkenden Menschen ist,
-das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig
-zu verehren.« Wozu man jedoch die beiden ihn umrahmenden Sprüche
-hinzunehmen muß: »Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher
-kommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen
-weiß, desto mehr sieht man, daß das Unerforschliche keinen praktischen
-Nutzen hat.« (1018.) Und andererseits: »Derjenige, der sich mit
-Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.«
-(1020.) Auch dies letzte Wort ist gesund kritisch gedacht und durchaus
-nicht im Sinne skeptischen Verzichts auf die Wissenschaft aufzufassen.
-Oder gar im Sinne der Mystik. Denn wie wenig auch Goethe, schon als
-Dichter, geneigt ist, das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, das
-»Wunder« in uns und der äußeren Natur einfach wegzuleugnen, so bedeutet
-es doch für ihn niemals ein Durchbrechen der Naturgesetze, sondern
-höchstens eine Grenze, bis zu der unser Erkennen hinanführt.
-
-Die eben zitierte Wendung vom »praktischen Nutzen« endlich, die sich
-in anderen Sprüchen zu allgemeineren Sätzen erweitert, wie: »Was
-_fruchtbar_ ist, ist wahr«, »Ich halte für wahr, was mich _fördert_«,
-»Wir sind aufs _Leben_, nicht auf die Betrachtung angewiesen«, scheinen
-freilich Goethe ganz in die Nähe des heutigen »Pragmatismus« eines
-James und Bergson oder, wenn man will, auch Nietzsches zu rücken.
-Allein dem stehen doch genug Aussprüche anderer Art gegenüber, wie
-der aus dem »Faust«, daß »_Vernunft_ und _Wissenschaft_« des Menschen
-»allerhöchste Kraft« darstellen, die beweisen, daß ihm der Geist über
-das Blut, das apollinisch-klare Element, um mit Nietzsche zu reden,
-über das dionysisch-trunkene geht. Wir bekennen uns, sagt er einmal,
-zu »dem Geschlecht, das aus dem Dunklen ins _Helle_ strebt«. Und
-derselbe Gundolf, der ihn eben jenem Pragmatismus annähern will, hat,
-wir sahen es S. 167, von seiner Läuterung aus dem _Gefühls_-Goethe der
-jungen in den _Gedanken_-Goethe der reiferen Jahre gesprochen, hat mit
-der Neigung zur Übertreibung, die sein geistvolles Werk kennzeichnet,
-erklärt, daß Goethe, »der Anlage nach einer der dunkel-drangvollsten,
-gefühlsüberschwenglichsten, widerrationalsten Menschen, sich zur
-Heilung in die intellektuelle Klarheit begab, sich zur vollkommensten
-_Denkordnung_ erzog und es fertig brachte, die ganze dunkle angeborene
-Tiefe seiner Lebensfülle in _helle Begriffe_, Einsichten, Reflexionen,
-Maximen, Sentenzen heraufzuholen«, so daß er in ein ganz anderes
-geistiges »Klima« kam, das der »_Ideale_ und _Grundsätze_« statt der
-»Qualen und Wonnen«. Diese größere »Helligkeit« der Begriffe hat ihm
-eben die Philosophie, hat ihm, wenn es Gundolf auch nicht Wort haben
-will, in erster Linie Kants Kritizismus gegeben; wie es sich auch
-einmal in Goethes Gelegenheitsäußerung zu dem jungen Schopenhauer
-widerspiegelt: »Wenn ich eine Seite im Kant lese, wird mir zumute, als
-träte ich in ein helles Zimmer.«
-
-2. Die »Ideale und Grundsätze« führen uns auf ein anderes Gebiet: das
-der _Ethik_. Auch hier läßt sich der Unterschied zwischen dem Prediger
-der Natur (Goethe) und denen der Freiheit, die zugleich sittliche
-Gebundenheit unter die Pflicht ist (Kant, Schiller), natürlich nicht
-verwischen. Wir erinnern an des ersteren entschiedene und fortdauernde
-Abneigung gegen den radikalen Hang zum Bösen, der dem Christentum
-und Kant zufolge in der Menschennatur unausrottbar liegen soll.
-Demgegenüber bekennt Goethe bis zum letzten Augenblick, und das denn
-doch wieder in Übereinstimmung mit Kant, im Gegensatz dagegen zu dem
-Nirwana des Buddhismus, der Maja der Brahminen und dem irdischen
-Jammertal des Christentums: »Wie es auch sei, das Leben, es ist _gut_.«
-Goethe ist und bleibt überhaupt ein durchaus _diesseitsfroher_ Mensch.
-
-»Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt«, ist seine theoretische
-Weltansicht, und daraus entspringt unmittelbar sein praktischer Glaube:
-»Das Drüben kann mich wenig kümmern«; vielmehr:
-
- »Aus _dieser_ Erde quillen meine Freuden,
- Und diese Sonne scheinet meinen Leiden.«
-
-Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsfragen ist seiner Meinung nach
-»für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun
-haben. Ein tüchtiger Mensch, der schon hier etwas Ordentliches zu sein
-gedenkt, und der dafür täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken
-hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich
-in dieser.«
-
-Gewiß, Goethe verkörpert das sittliche Ideal am liebsten in weiblicher
-Gestalt: Iphigenie, Leonore, Natalie und anderen. Aber es muß doch
-jedem Unbefangenen auffallen, wie stark und häufig er sich, seit
-seiner Freundschaft mit Schiller, namentlich aber in seinen späteren
-Jahren, zu den großen Grundgedanken von Kants Ethik bekannt hat. So
-zu dem _Pflicht_begriff: »Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch
-als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan« (Spruch 44), zum
-_kategorischen Imperativ_, der in der Naturforschung ebenso am Platze
-sei wie im Sittlichen (915), zur Anerkennung des _guten Willens_ als
-»Hauptfundaments des Sittlichen«. Und vor allem auch zum Gedanken
-der sittlichen _Autonomie_ (Selbstgesetzgebung): Pflicht ist, »wo man
-liebt, was man _sich selbst_ befiehlt« (565). Denn
-
- »Das selbständige Gewissen
- Ist Sonne deinem Sittentag«,
-
-das _Gewissen_, »das keines Ahnherrn bedarf«, mit dem »alles gegeben
-ist«, das »nur mit der inneren eigenen Welt zu tun hat«.
-
-Sicherlich, die Motive sind vielfach bei Kant und Goethe, ihrer völlig
-entgegengesetzten Naturanlage entsprechend, sehr verschieden, und die
-methodische Begründung fehlt bei dem Dichter-Denker durchaus. Aber in
-ihrem Ergebnis kommen sie doch, wie man sieht, mannigfach überein.
-
-3. Das stimmt denn auch bis zu einem gewissen Grade für ihre
-_Religions_auffassung. Gewiß sind auch hier grundlegende Unterschiede,
-ja Gegensätze vorhanden. Goethes vielseitigem Wesen entspricht es
-recht, wenn er sie auf einem Zettel seines Nachlasses einmal in die
-Worte kleidet: »Wir sind naturforschend _Pan_theisten, dichtend
-_Poly_theisten, sittlich _Mono_theisten.« Von Spinoza her, aber auch
-aus seinem innersten Gefühl heraus hat er sich auch später gegen
-einen Gott gewehrt, der nur »von außen stieße, das All im Kreis am
-Finger laufen ließe«. _Sein_ Gott lebte und webte _in_ der Natur, war
-schließlich nichts anderes als deren geistiger Inbegriff. Aber daneben
-ist ihm doch die Gottheit auch Verkörperung der höchsten Sittlichkeit.
-In seinem Handexemplar der »Kritik der Urteilskraft« schreibt er zu
-einer Stelle des § 86, wo ihr Verfasser den Gottesglauben rein auf
-die Moral baut, ein ~optime~ (»sehr gut!«) an den Rand, und wenige
-Seiten später: »Gefühl von Menschenwürde« objektiviert (zum Gegenstand
-gemacht) = Gott.
-
-Im übrigen hat er in »Wilhelm Meisters Wanderjahren« das schöne
-Wort von den drei Stufen der _Ehrfurcht_ gesprochen: der Ehrfurcht
-vor dem _über_ uns, vor dem _unter_ uns und vor uns selbst, also
-vor dem _in_ uns. In jenem Wort von der ruhigen Verehrung des
-»Unerforschlichen« sprach sich die erste Ehrfurcht aus; mit ihr
-verwandt ist auch das Gefühl dankbarer Hingabe in den bekannten Zeilen
-des Vierundsiebzigjährigen:
-
- »In unseres Busens Reine wogt ein Streben
- Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
- Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.«
-
-Aber die höchste Art der Ehrfurcht ist ihm doch eben die vor dem
-Göttlichen _in_ uns selbst. Und darum ist auch der Grundgedanke
-seiner größten Dichtung, des _Faust_, ganz Kant und Schillers Denkart
-entsprechend, der der _Selbsterlösung_: der Erlösung nicht durch
-irgendeine von außen kommende Gnade, sondern durch die eigene Tat: sei
-es die Tat des Gedankens (»Wer immer strebend sich bemüht ...«), sei
-es die des tätigen Wirkens für andere, womit der alte Faust sein Leben
-beschließt. Und ebenso in der Iphigenie: »Alle menschlichen Gebrechen
-Sühnet reine Menschlichkeit.«
-
-4. Obwohl Goethe als einziger unter unseren vier Klassikern
-jahrzehntelang, offiziell oder inoffiziell, ein höheres Staatsamt
-bekleidet hat, ist gerade sein Wesen im Grunde doch _unpolitisch_. Das
-tritt schon in der in der Hauptsache lyrischen Art seiner Dichtkunst
-und vielleicht noch mehr in seinen historischen Dramen wie »Götz«
-und »Egmont« hervor, die zwar vielerlei politischen Stoff enthalten,
-aber letzten Endes doch unpolitischen Charakter tragen. Auch in der
-_Geschichte_ ist ihm das Individuelle und Biographische interessanter
-als das Politische und Kulturgeschichtliche. Die größten politischen
-Ereignisse seiner Zeit: die große Revolution von 1789, die Knechtung
-Europas durch Napoleon und die Wiederbefreiung von ihm haben ihn
-verhältnismäßig kalt gelassen. Auffallend ist insbesondere, wie wenig
-die weltgeschichtliche _Französische Revolution_, im Vergleich mit
-Kant, Schiller, aber auch dem ihm in der historischen Anschauung sonst
-wesensverwandteren Herder (vergl. S. 92) ihn innerlich gepackt hat.
-Denn sein vielzitiertes Wort gelegentlich der Kanonade von Valmy,
-daß mit diesem Tage eine neue Epoche der Weltgeschichte beginne,
-oder der sechste Gesang von Hermann und Dorothea können doch nicht
-entschuldigen, daß ein so weltbewegendes Ereignis ihn nur zu so
-kläglichen dichterischen Erzeugnissen wie »Der Großkophta«, »Die
-Aufgeregten« und »Der Bürgergeneral« veranlassen konnte. Im Grunde
-ist er eben in politischen Dingen eine durchaus _konservative_
-Natur, wenn auch natürlich nicht im landläufigen Sinne geistigen
-Rückschritts, sondern etwa im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus
-gewesen. Politische Zielsetzungen, Forderungen, »Lockrufe« (Gundolf)
-wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder auch Patriotismus,
-Befreiungskampf, haben für ihn, den im wesentlichen bloß Betrachtenden,
-keine Schlagkraft besessen. Unordnung erscheint ihm unerträglicher als
-selbst Ungerechtigkeit. Die politische Geschichte hat er gelegentlich
-als einen bloßen »Mischmasch von Irrtum und Gewalt« bezeichnet. Die
-große Revolution seiner Tage hatte in seinen Augen nur den Nachteil,
-gleich der religiösen des sechzehnten Jahrhunderts: »ruhige Bildung
-zurückzudrängen«.
-
-Über sein _Weltbürgertum_ brauchen wir uns nicht weiter zu verbreiten.
-Das ist ihm mit Lessing, Herder und Schiller gemein. Dagegen hat
-man ihn neuerdings wohl mit Bezug auf die »Pädagogische Provinz« in
-»Wilhelm Meisters Wanderjahren« zum _Sozialisten_ machen wollen. Diese
-seine _pädagogisch-soziale Utopie_, etwas seinem sonstigen auf die
-unmittelbare Wirklichkeit gerichteten Wesen ganz Widerstrebendes,
-erinnert ihrer Gattung nach vielleicht am ehesten an Platos »Staat«,
-ist aber weit unlebendiger, schemenhafter und nüchterner als
-dieser. Im Grunde ist sie wohl, ähnlich wie Hegels gleichzeitige
-Staatsphilosophie, eine Mahnung an die in fast reinem Individualismus
-aufgehende Zeit, sich des Gemeinschaftlichen zu erinnern, wie er schon
-in dem bekannten Distichon von 1797 gemahnt hatte:
-
- »Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes
- Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.«
-
-Jeder soll sich in _einem_ Fache, am besten in einem Handwerk,
-aufs beste ausbilden, das gibt »höhere Bildung als Halbheit im
-Hundertfältigen«; und dann warten, welche Stelle im Gemeinleben ihm
-zugeteilt wird. Die Leitung seiner in letzter Linie zu einem »Weltbund«
-sich zusammenschließenden idealen Gesellschaft sollen, ähnlich wie bei
-Plato, weitschauende, das Ganze der gesellschaftlichen Zusammenhänge
-überblickende, über Sonderwünsche und -interessen erhabene Greise
-haben. Schon der Nebentitel »Die Entsagenden« zeigt das Unfrische,
-Resignierende des Entwurfs. Von wirtschaftlichen Grundlagen des neuen
-Gemeinwesens ist keine Rede, nur von Religion und Sitte, Obrigkeit und
-Polizei wird einiges gesagt.
-
-Die Hauptsache ist die _Erziehung_, die in einer großen Anstalt
-gemeinschaftlich stattfindet, damit der Knabe frühzeitig »selbstische
-Vereinzelung« aufgebe. Auf körperliche Ausbildung und praktische Arbeit
-wird großer Wert gelegt, der ganze Unterricht auf Anschauung gegründet,
-auch die Sprachen lebendig-praktisch übermittelt, alles tote Wortwissen
-vermieden; Willkür und Laune übrigens nicht geduldet. Das eigentliche
-Leitmotiv des »Weltbundes« ist Gemeinnützigkeit, »trachte jeder überall
-sich und anderen zu nützen« sein Wahlspruch. Nur nach dem, was einer
-leistet, wird gefragt, jeder Standesunterschied soll aufgehoben sein.
-Alles, auch das äußere Milieu: Landschaft, Wohnung, Kleidung, Gerät
-wird von oben herab bestimmt. Interessant ist das Voraussehen eines
-wesentlich sozialen, technischen und werktätigen Zeitalters.
-
-Daß Goethe auch in seinen jüngeren Jahren nicht ohne soziales Empfinden
-war, zeigt eine noch wenig bekannte Stelle aus einem Briefe vom März
-1779 an Frau von Stein, wo er klagt, er komme in der Arbeit an seinem
-Humanitäts-Drama, der »Iphigenie«, nicht recht vorwärts, weil ihn dabei
-beständig die Gedanken an die -- hungernden Weber in Apolda störten.
-Ebendahin gehört ja auch das: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß« und,
-in anderem Zusammenhang, das: »Vom Rechte, das mit uns geboren, von
-dem ist leider nie die Frage.« So finden wir auch in dem Plane der
-»Wanderjahre« nicht bloß, wie es bei einem Goethe selbstverständlich,
-allerlei anregende, sondern auch sozialistische Gedanken, die er zum
-Teil mit dem gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich gemein hat.
-Aber als Ganzes wirkt doch die in Romanform weitläufig, oft bis ins
-Pedantische ausgeführte Utopie schemenhaft und weltabgewandt, daher
-auf die Dauer -- langweilig. Wäre nicht Goethe der Verfasser, man
-würde sie nicht lesen. An eine praktische Wirkung des Romans, den er
-übrigens erst in seinem achtzigsten Lebensjahr vollendete, hat der
-Dichter ohnehin nicht gedacht; er läßt zum Schlusse die Mitglieder
-seiner Gesellschaft, des zähen Schlendrians in der Alten Welt müde, zur
-Fortsetzung ihrer Arbeit -- nach Amerika auswandern.
-
-_Wir_ erblicken das sozialistische Ideal, wenn wir es denn einmal mit
-Goethe in inneren Zusammenhang bringen wollen, viel schöner formuliert
-in den letzten Worten des sterbenden Faust:
-
- »Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
- Nicht sicher zwar, doch _tätig frei_ zu wohnen
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
- Auf _freiem Grund_ mit _freiem Volke_ stehn.«
-
-5. Das oberste und eigenste Gebiet ist und bleibt indes für Goethe doch
-schließlich die _Kunst_. Auch hier hat er -- von einzelnem zu sprechen,
-ist nicht der Raum vorhanden -- je länger je mehr der _Philosophie_ die
-Ehre gegeben, die ihr gebührt. »Wer gegenwärtig über Kunst schreiben
-oder gar streiten will, der sollte einige Ahnung haben von dem, was die
-Philosophie in unseren Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.«
-(Spruch 704.) Auch hier hat sich sein philosophisches Denken letzten
-Endes zu dem schöpferischen Idealismus des selbsterzeugenden
-menschlichen Geistes bekannt: »Kein Porträt kann etwas taugen, als
-wenn es der Maler im eigentlichen Sinne erschafft« (Der Sammler). Und
-verallgemeinert: »Es gibt einen allgemeinen Punkt, aus welchem alle
-ihre (der Kunst) Gesetze ausfließen: das menschliche Gemüt.« »Die Kunst
-ist nur _durch_ den Menschen und für ihn.«
-
-Die Kunst und ihr philosophischer Ausdruck, die Ästhetik, bildet aber
-nur ein für sich bestehendes Gebiet des menschlichen Bewußtseins neben
-Natur und Sittlichkeit: gleich diesen in letzter Linie der Gesetzgebung
-des Menschen untergeordnet, der überall, »wo er bedeutend auftritt«
--- in Wissenschaft und Staat, Sittlichkeit, Kunst und Religion --,
-»gesetzgebend sich verhält«. Diese Gesetze aufzusuchen ist die Aufgabe
-der _Philosophie_; und insofern er sich darum sein Leben lang bemüht,
-hat auch Wolfgang Goethe seinen Anteil zur deutschen Philosophie
-beigetragen. So gehört auch er -- neben Lessing, Herder und Schiller --
-als vierter und letzter, aber mit nicht minderem Recht als sie, in die
-Reihe
-
- _unserer Klassiker-Philosophen_.
-
-
-
-
-Anhang
-
-Zur Literatur
-
-
-Es wäre unangebracht, unseren Lesern an dieser Stelle eine möglichst
-vollständige Zusammenstellung aller Schriften, die über die
-philosophischen Anschauungen unserer Dichter-Klassiker oder irgendeine
-Seite derselben handeln, zu geben. Wir verweisen diejenigen, die sich
-dafür interessieren, auf den bibliographischen Anhang zu _Ueberwegs_
-»Grundriß der Geschichte der Philosophie«, 3. Band, dessen neueste
-(11.) Auflage (besorgt von Professor M. Frischeisen-Köhler, Berlin
-1914) allein über Lessing nicht weniger als 52 Schriftentitel anführt.
-Der Leser würde dabei nur vor einem Heere von Namen und Titeln stehen,
-mit denen er wenig anzufangen wüßte. Wir beschränken uns vielmehr im
-folgenden auf eine Angabe derjenigen literarischen Hilfsmittel, die wir
-für die wichtigsten und förderndsten halten.
-
-Von den allgemeinen literaturgeschichtlichen Darstellungen halten wir
-noch immer für eine der besten Hermann _Hettners_ »Literaturgeschichte
-des achtzehnten Jahrhunderts«, 3. Teil; daneben ist, namentlich für
-Lessing, auch des alten Gervinus »Geschichte der deutschen Dichtung«
-(1842) noch sehr brauchbar.
-
-Über _Lessing_ besitzen wir, nachdem die beiden früh verstorbenen
-Danzel und Guhrauer mit einer für ihre Zeit (1850 bezw. 1854) sehr
-verdienstlichen Darstellung vorangegangen waren, seit 1884 eine
-vorläufig abschließende biographische Darstellung in dem zweibändigen
-Werke von _Erich Schmidt_ »Lessing. Geschichte seines Lebens und
-seiner Schriften«, 3. Auflage 1909, die freilich gerade philosophisch
-nicht ausreicht. Eine gute Ergänzung dazu bietet die knappe, aber
-bedeutende Darstellung, die _Wilhelm Dilthey_ 1867 in den »Preußischen
-Jahrbüchern« gab, und die erweitert seit 1905 in Diltheys »Das Erlebnis
-und die Dichtung« (4. Auflage 1912) aufgenommen ist. Die eindringendste
-Monographie über »Lessing als Philosoph« hat bis jetzt Christoph
-_Schrempf_, der eigenartige schwäbische Theologe und Philosoph, in
-Band 19 von Frommanns »Klassikern der Philosophie« (Stuttgart 1905)
-geliefert. Vom marxistischen Standpunkt aus hat _Franz Mehring_ ein
-umfassendes Gemälde der Zeit Friedrichs des Großen und Lessings gegeben
-in seiner »_Lessing-Legende_« (Stuttgart 1922, Dietz, 8. Auflage),
-in der Lessing als der literarische Wortführer des aufstrebenden
-Bürgertums gezeichnet wird.
-
-Für _Herder_ hat eine hervorragende große und grundlegende
-Gesamtdarstellung in zwei mächtigen Lexikonbänden von zusammen über
-1600 Seiten _Rudolf Haym_, »Herder nach seinem Leben und seinem
-Wirken« (Berlin 1880 bis 1882), geliefert. Eine knappere, darum vielen
-unserer Leser vielleicht willkommenere Darstellung in einem immerhin
-noch starken Bande gibt _Eugen Kühnemanns_ »Herder« (zweite, neu
-bearbeitete Auflage, München 1912, O. Beck): geistreich, freilich
-auch stark subjektiv, das Seelische stark herausholend. Eine noch
-kürzere Sonderdarstellung von »Herder als Philosoph«, an Umfang
-der Schrempfschen von Lessing entsprechend, enthält die Arbeit des
-österreichischen Gelehrten C. _Siegel_ (Stuttgart 1907, Cotta),
-sorgfältig und klar, freilich auch etwas trocken. In unserem Text haben
-wir außerdem auf das eigenartige Buch von Günther _Jacoby_ »Herder als
-Faust« (Leipzig 1911) hingewiesen, der auch den letzten Kampf Herders
-gegen Kant und beider Begründung der Ästhetik in besonderen Schriften
-behandelt hat.
-
-Über _Schiller_ liegt eine große Biographie, die auch philosophisch
-völlig befriedigte, nicht vor. Die kürzere von E. _Kühnemann_
-(München 1906) steht in dieser Beziehung hinter seiner eben genannten
-Herder-Biographie zurück. Tiefer philosophisch geht seine kleinere
-Schrift »Kants und Schillers Begründung der Ästhetik 1895«. Aus der
-Masse der bei Ueberweg (11. Auflage 1914) S. 105 bis 107 zitierten
-Arbeiten über Schillers Philosophie ragen hervor: _Kuno Fischer_,
-Schiller als Philosoph, 1858, 2. Auflage, Heidelberg 1892; _K.
-Tomaschek_, Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft, Wien 1862;
-_F. A. Lange_, Einleitung und Kommentar zu Schillers philosophischen
-Gedichten, aus dem Nachlaß herausgegeben von O. A. Ellissen, Leipzig
-1897. Ferner das Festheft der Kant-Studien: »Schiller als Philosoph
-und seine Beziehungen zu Kant«, Berlin 1905; _Karl Vorländer_, Kant --
-Schiller -- Goethe, 1. Teil, Leipzig 1907, 2. Auflage 1922.
-
-Mit _Goethe_ als Philosoph hat man sich eingehender erst viel später
-zu beschäftigen begonnen. Früher wurde er in der Regel bloß als
-_Spinozist_ betrachtet (z. B. von Danzel, »Über Goethes Spinozismus«,
-Hamburg 1843). Erst ich selber habe seit 1897 in verschiedenen, später
-erweiterten und zu meinem ebengenannten Buche »Kant -- Schiller --
-Goethe«, 2. Teil zusammengefaßten, Aufsätzen auf den nachhaltigen
-Einfluß Kant-Schillers auf den reifen Goethe (von 1790 an) hingewiesen.
-Siebecks Monographie »Goethe als Denker« (Stuttgart 1902) dringt nicht
-tief; Christoph Schrempf ist über »den jungen Goethe« (Stuttgart 1908)
-nicht hinausgekommen. Manche wertvolle Einzelbeiträge sind natürlich
-auch in der langen Reihe der von der »Goethe-Gesellschaft« (Weimar)
-herausgegebenen »Jahrbücher« enthalten. So hat, wie ich selbst einst
-auf Wunsch des Herausgebers in dem von 1898 eine kurze zusammenfassende
-Darstellung von »Goethe und Kant« gab, in dem neuesten (1922) der
-kürzlich aus dem Leben geschiedene Otto Braun einen Aufsatz »Goethe
-und Schelling« veröffentlicht, der allerdings nichts wesentlich Neues
-bringt. Ein anderer (W. Hertz) sucht ebendort wahrscheinlich zu
-machen, daß der übermütige Baccalaureus im zweiten Teil des »Faust«
-nicht auf den jungen Fichte, sondern auf den jungen Schopenhauer
-gehe. Ein dritter (Hartung) behandelt das interessante Thema »Goethe
-als Staatsmann«, O. Marcuse »Goethe als Rechtsbildner«. Von den
-großen allgemeinen Darstellungen sind philosophisch am wertvollsten
-diejenigen Chamberlains und namentlich _Gundolfs_ (Goethe, 1916). Als
-gut unterrichtende Einführung ist auch die Einleitung _Heynachers_ in
-seiner Ausgabe (s. unten) zu empfehlen.
-
-Die _Philosophische Bibliothek_ (Leipzig, Verlag F. Meiner) hat
-sich das Verdienst erworben, die wichtigsten philosophischen Stücke
-aller von uns behandelten vier Klassiker in guten _Auswahl-Ausgaben_
-mit Einleitungen der Herausgeber zu veröffentlichen. So: _Lessings_
-Philosophie von P. _Lorentz_, 1909, Herders Philosophie von Horst
-_Stephan_, 1906, _Schillers_ Philosophische Schriften und Gedichte von
-E. Kühnemann, 2. Auflage 1909, _Goethes_ Philosophie aus seinen Werken
-von M. _Heynacher_, 2. Auflage 1922.
-
-
-
-
-Namenverzeichnis
-
-
- Abel 99 f.
-
- Amalrich von Bene 44.
-
- Aristoteles 14, 23, 24, 71, 169 Anm., 175, 177.
-
- Augustenburg, Herzog von 108, 110, 140, 143.
-
- Augustin 12.
-
-
- Baco, Roger 177.
-
- Bartels 40.
-
- Batteux 14.
-
- Baumgarten 17 f., 66, 169 Anm.
-
- Bayle 5 f., 152, 156.
-
- Beethoven 103, 148.
-
- Berengar 26 f.
-
- Bergson 182.
-
- Bismarck 46.
-
- Blumenbach 87.
-
- Bodin 52.
-
- Bodmer 15, 19.
-
- Boerhave 157.
-
- Braun, O. 191.
-
- Breitinger 15, 19.
-
- Brockes 15.
-
- Bruno 154 f., 169 Anm., 177.
-
- Brutus 46.
-
- Buhle 177.
-
- Burke 12, 15.
-
-
- Campanella 169 Anm.
-
- Cardano 8.
-
- Cassirer, E. 165.
-
- Chamberlain, H. St. 191.
-
- Christ 6.
-
- Christus s. Jesus.
-
- Claudius, Matthias 71, 90.
-
- Cochläus 8.
-
- Comte 23.
-
- Condillac 71.
-
- Crusius 67.
-
-
- Danzel 189, 190.
-
- Darwin 79.
-
- Demokrit VIII.
-
- Descartes 58, 158.
-
- Devrient 25 f.
-
- Diderot 6, 14, 71, 153.
-
- Dilthey, 20, 22, 23, 41, 189.
-
- Drako 121.
-
- Dubos 14.
-
- Dühring 40.
-
- Dürer 19.
-
-
- Eberhard 27.
-
- Eckermann 154, 164.
-
- Eckhart 39.
-
- Ellissen 190.
-
- Engels 88.
-
- Epiktet 152, 169 Anm.
-
- Erhard 145.
-
-
- Ferguson 101.
-
- Fichte 62, 113, 169 Anm., 172, 174, 175, 179.
-
- Fischenich 109.
-
- Fischer, Kuno 115, 190.
-
- Forster 87.
-
- Friedrich II. 6, 19, 26, 47 f., 129.
-
- Frischeisen-Köhler 189.
-
-
- Garve 153.
-
- Gervinus 21 f., 62, 189.
-
- Geßner 15.
-
- Gleim 49.
-
- _Goethe_ III, VII f., 4, 13, 14, 16, 19 ff., 24, 40, 41, 48,
- 50, 52, 57 f., 59, 61 f., 65, 71, 73 f., 76 ff., 82, 84 f.,
- 89 ff., 104, 110 f., 112, 115 f., 119, 124 ff., 133, 139,
- 142, 148, =149--188=, 190 f.
-
- Goeze 31, 34 ff.
-
- Gottschedianer 22.
-
- Guhrauer 189.
-
- Gundolf 157, 160, 167, 180, 182, 186, 191.
-
-
- Haller, A. von 9, 15, 19, 75, 101.
-
- Hamann 57, 68 f., 73, 75 f., 81, 87, 93, 165.
-
- Harnack, O. 179.
-
- Harris 14.
-
- Hartung 191.
-
- Hauptmann 25.
-
- Haym 66, 84, 94 Anm., 190.
-
- Hegel 87, 95, 169 Anm., 175 f., 178 f., 186.
-
- Heine, H. 144.
-
- Heinrich 106 Anm.
-
- Heinroth 180.
-
- Heinse 16.
-
- Henzi 46.
-
- Heraklit 60, 79.
-
- _Herder_ VII f., 13, 16, 20, 52, 59, 60, =65= bis =96=, 99,
- 113, 120, 124, 126, 130, 151, 158, =161= ff., 171 f., 176,
- 185, 190.
-
- Herder, Karoline 69, 71, 72, 90 f.
-
- Hettner 137, 189.
-
- Heynacher 191.
-
- Hieronymus 33.
-
- Hohenheim, Franziska von 100.
-
- Holbein 19.
-
- Home 15.
-
- Homer 18, 71, 104, 133.
-
- Hoven von 141 Anm.
-
- Humboldt, Alexander von 175 f.
-
- Humboldt, Wilhelm von 72, 142, 175 f.
-
- Hume 67.
-
- Hutcheson 14.
-
-
- Jacobi, F. H. 13, 57 ff., 89 f., 156, 161 ff., 174, 176 f.
-
- Jacoby, G. 76, 94, 190.
-
- James 182.
-
- Jean Paul 93.
-
- Jerusalem 56.
-
- Jesus 8, 32 ff., 43, 85, 106, 152, 167.
-
- Joachim von Floris 44.
-
- Johannes 33, 73.
-
- Justi 20 Anm.
-
- Justin 12.
-
-
- Kalb, Charlotte von 102.
-
- Kalvin 29, 127.
-
- Kant VIII, 3, 5, 6, 8 f., 10, 11, 12, 14, 15 f., 19 f., 24, 32,
- 36, 38, 40, 43 Anm., 48, 66 f., 69, 70, 73, 75, 78, 80 f.,
- 83, 85, 87 f., 94 f., 96, 102, =106= ff. bis =132=, 138 f.,
- 141, 144, 147, 153, 162, =167= ff., 178 f., 181, 183 f.,
- 185.
-
- Keller, Gottfr. 21.
-
- Kepler 67.
-
- Keyserling 70.
-
- Kleist, E. Chr. von 15.
-
- Klettenberg, S. von 153, 157.
-
- Klopstock VII f., 92, 134, 139.
-
- Knebel 81, 161.
-
- König, Eva 26, 37, 62.
-
- Körner, G. 103 ff., 123, 127, 139, 170 f.
-
- Kühnemann 68, 76, 87, 94 Anm., 116, 131, Anm., 190, 191.
-
-
- Lachmann 51.
-
- Lamettrie 9.
-
- Lange, F. A. 105, 130, 148, 190.
-
- Lassalle 46.
-
- Lavater 73, 90, 165.
-
- Leibniz 4, 8, 9, 12 f., 27, 28, 33, 58 f., 66, 88 ff., 109.
-
- Lemnius 8.
-
- Lengefeld, Charlotte von 138, 140.
-
- _Lessing_, G. E. VII f., =1--62=, 65, 69, 71, 74 ff., 80, 85,
- 89, 99, 124, 126, 137, 151, 153, 158 f., 161, 179, 186,
- 189 f.
-
- Lessing, Karl 27 f.
-
- Lessing, Theophil 3.
-
- Lindner 68.
-
- Locke 88.
-
- Lorentz 191.
-
- Lotze 87 f.
-
- Luther 8, 26, 35 f., 124 f.
-
- Lucian VIII.
-
-
- Macaulay 13.
-
- Malebranche 169 Anm.
-
- Marcuse 191.
-
- Marx, K. 46, 52, 88.
-
- Mehring 47, 50 f., 102, 136 Anm., 160, 189 f.
-
- Mendelssohn 10 f., 13, 15, 30, 59, 75, 90, 153, 162.
-
- Meyer, H. 174, 176.
-
- Meyer, K. F. 21.
-
- Montesquieu 52, 70.
-
- Morus 54.
-
- Müller 9, 91.
-
- Muncker 51.
-
-
- Natorp 38.
-
- Neuser 8, 28 f.
-
- Newton 67.
-
- Nicolai 10 f., 15, 30, 48.
-
- Niethammer 175.
-
- Nietzsche 62, 68, 112, 182.
-
-
- Oeser 15, 153.
-
- Origenes 12.
-
- Ossian 134.
-
-
- Parmenides 58.
-
- Paulus 85.
-
- Perikles 125.
-
- Pestalozzi 139.
-
- Plato 14, 16, 54, 58, 88, 112, 113, 120, 125, 147, 169 Anm.,
- 177, 186.
-
- Plutarch 12.
-
- Pope 10, 12 f.
-
- Pythagoras VIII.
-
-
- Raffael 25, 148.
-
- Ramler 11.
-
- Ranke 88.
-
- Reimarus, Elise 30, 62.
-
- Reimarus, Herm. 29 ff., 42.
-
- Reinhard 168.
-
- Reinhold 81, 106, 112, 167 f.
-
- Rembrandt 15, 62.
-
- Reß 33.
-
- Rethel 19.
-
- Ritschl 32.
-
- Rousseau 8, 47, 67, 70, 75, 101 f., 120, 134, 154.
-
- Ruland 169.
-
-
- Saint-Simon 187.
-
- Schelling 87, 95, 113, 169 Anm., 175 f., 177.
-
- _Schiller_ 14, 16, 20 f., 25, 38, 40, 47, 48, 50, 52, 73, 80,
- 92 f., 96, =97--148=, 160, 166, 170 f., =171= bis =177=,
- 179 f., 183, 186, 190.
-
- Schleiermacher 32.
-
- Schlosser 115 f., 176.
-
- Schmidt, Erich 60, 189.
-
- Schopenhauer 62, 129, 169 Anm., 178, 182.
-
- Schrempf 16, 189, 190.
-
- Schumann 32 f.
-
- Schwartz-Erler 65.
-
- Servet 29.
-
- Shaftesbury 13, 88 f., 101, 125, 129.
-
- Shakespeare 21 Anm., 23, 71, 88, 133.
-
- Siebeck 191.
-
- Siegel 94, 190.
-
- Simonides 15, 20.
-
- Sokrates VIII, 8, 125, 152.
-
- Solon 121.
-
- Sömmering 87.
-
- Sonnenfels 48.
-
- Sophokles 16, 25.
-
- Spartakus 47.
-
- Spencer 78.
-
- Spinoza 13, 38, 57 ff., 75 f., 88 ff., 95, 155 ff., 169 Anm.,
- 177, 184.
-
- Stein, Charlotte v. 161 f., 187.
-
- Steiner, Rudolf 58, 181.
-
- Stephan, H. 191.
-
- Storm, Th. 21.
-
- Streicher 137.
-
- Sylvan 29.
-
-
- Tacitus 50.
-
- Tauentzien von 11, 47.
-
- Tomaschek 190.
-
- Tönnies 136 Anm.
-
- Trescho 65.
-
-
- Ueberweg 189, 190.
-
- Uhland 16.
-
-
- Vischer 123.
-
- Voltaire 6, 26, 50, 154.
-
-
- Walter von der Vogelweide 79.
-
- Warda 65 Anm.
-
- Washington 139.
-
- Wieland VII f., 20 f., 81, 92, 93, 106.
-
- Winckelmann 6, 15, 20, 48, 77 f., 153.
-
- Wissowatius 28.
-
- Wolff 4, 8, 9, 12, 66, 88, 152 f., 153 Anm.
-
-
- Xenophanes 125.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
- [1] Seite 101 seiner im Anhang zitierten Schrift.
-
- [2] Wir besitzen über Winckelmann ein vortreffliches Werk in
- Karl _Justi_: Winckelmann, sein Leben, sein Werk und seine
- Zeitgenossen (2 Bände, 1866 und 1872, 2. Auflage 3 Bände
- 1898).
-
- [3] Wir sehen hier, um die ohnehin reiche Stoffülle nicht noch
- zu vergrößern, von seinem ersten Eintreten für Shakespeare
- gegen Gottsched in den »Literaturbriefen« der fünfziger
- Jahre ab.
-
- [4] Das heißt die später als maßgebend angesehene, die heutigen
- neutestamentlichen Schriften umfassende Sammlung.
-
- [5] Wenn Lessing die Recha von Moses sagen läßt: »_Wo_ er
- stand, stand er vor Gott«, so fühlt man sich gleichfalls
- an Eckharts Gedanken erinnert: daß man Gott beim Herdfeuer
- oder im Stalle ebenso gegenwärtig haben könne als in der
- Einöde oder in der Klosterzelle. Und Eckharts Ansicht,
- daß das wahre Gebet keiner Worte bedürfe, hat Lessing
- in der Minna von Barnhelm in dem schönen Satze Ausdruck
- gegeben: »Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das
- vollkommenste Gebet.«
-
- [6] Denselben Gedanken finden wir in Kants Religion innerhalb
- der Grenzen der bloßen Vernunft (in meiner Ausgabe, Bd. 45
- der Philosophischen Bibliothek) S. 96 f.
-
- [7] In einem handschriftlichen Bruchstück: »Daß mehr als fünf
- Sinne für den Menschen sein können.«
-
- [8] Über beide siehe meine »Volkstümliche Geschichte der
- Philosophie«. 2. Auflage. Dietz Nachf., Stuttgart 1922.
-
- [9] Lessing ist übrigens gegen eine Einmischung des Ordens in
- die Politik. Selbst das Eintreten mit bewaffneter Hand
- für Menschenrechte, wie es die Nordamerikaner in ihrem
- gleichzeitigen Freiheitskampf wider England taten, weist
- sein konsequenter Pazifismus ab. Denn »was Blut kostet, ist
- ganz gewiß kein Blut wert«.
-
- [10] Die folgende Darstellung fußt auf dem eingehenden und
- einen durchaus zuverlässigen Eindruck machenden Bericht
- Jacobis, den er 1785 veröffentlicht hat. Wir beschränken
- uns natürlich auf das, was Lessings _philosophische_
- Anschauungen betrifft.
-
- [11] So ist der Name durch den bekannten Kantkenner Artur Warda
- in Königsberg jetzt festgestellt.
-
- [12] Abgedruckt mit ihrer Fortsetzung unter anderem in meiner
- Kantausgabe in der Philosophischen Bibliothek Band 47 I,
- S. 21 bis 46. Wir benutzen zu unserer obigen Darstellung
- einen Teil der Gedanken unserer dortigen Einleitung.
-
- [13] Herders und Kants Ästhetik, Leipzig 1907. Vergl. außer
- Siegels Monographie (siehe Anhang) ferner E. Kühnemann,
- Herders letzter Kampf gegen Kant, in »Aufsätze zur
- Literaturgeschichte«, M. Bernays gewidmet. Hamburg 1893.
- Die beiden bedeutendsten Herderbiographen, Haym und
- Kühnemann, lehnen den Herderschen Standpunkt ab.
-
- [14] Ein Neidhammel unter seinen Kollegen, der Professor
- der Geschichte Heinrich, hatte den Anschlag der
- Antrittsvorlesung in den Buchläden durch den Pedell
- herunterreißen lassen, weil sich Schiller darauf als
- Professor der _Geschichte_ (statt der _Philosophie_)
- bezeichnet hatte, was damals mehr galt. Schiller schrieb
- dazu: »Ist das nicht erbärmlich? Mit solchen Menschen habe
- ich zu tun.«
-
- [15] Abgedruckt in meiner Ausgabe in der »Philosophischen
- Bibliothek« Band 47 I, S. 47 bis 64; vergl. meine
- Einleitung dazu S. XXI bis XXIV.
-
- [16] Religion innerhalb der Grenzen usw. S. 22, Anmerkung.
-
- [17] Vergl. Eugen Kühnemann, Kants und Schillers Begründung
- der Ästhetik, 1895; auch desselben Einleitung zu seiner
- Auswahl-Ausgabe.
-
- [18] K. Vorländer, Der Formalismus der Kantischen Ethik in
- seiner Notwendigkeit und Fruchtbarkeit. Marburg 1893.
-
- [19] Näheres siehe unter anderem bei Ferdinand _Tönnies_,
- Schiller als Zeitbürger und Politiker. Berlin 1905.
- Auch _Mehrings_ im Anhang zitiertes Schiller-Büchlein
- vom gleichen Schiller-Jubiläumsjahr gibt wertvolle
- Gesichtspunkte.
-
- [20] Zu seinem Jugendfreunde v. Hoven äußerte er während
- seines Aufenthalts in der schwäbischen Heimat 1793: »Die
- eigentlichen Prinzipien, die einer wahrhaft glücklichen
- bürgerlichen Verfassung zum Grunde gelegt werden müssen,
- sind noch nirgends anders als hier«, indem er auf Kants
- Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische lag, hinwies.
-
- [21] Ich habe auf diese noch wenig beachtete Seite Schillers
- bereits in meinem Schriftchen »Kant, Fichte, Hegel und der
- Sozialismus« (1920 bei P. Cassirer, jetzt Vorwärts-Verlag)
- hingewiesen.
-
- [22] Christliche Gedanken eines heidnischen Philosophen.
- Preußische Jahrbücher 1897.
-
- [23] Die Geschichte ist Wolff nur zur moralischen Belehrung
- da. Die Poeten dienen »zur Belustigung der Ohren«, müssen
- aber unter Staatsaufsicht gestellt werden, auf daß sie
- nicht »durch verliebte und unzüchtige Verse gute Sitten
- verderben«. In der Politik gilt das Wort vom »beschränkten
- Untertanenverstand«. In einem der acht Quartbände seines
- »Naturrechts« behandelt Wolff unter anderem ausführlich die
- Frage, ob lautes Schmatzen beim Essen gegen das Naturrecht
- sei. Vergl. meine Volkstümliche Geschichte der Philosophie
- S. 194 bis 197.
-
- [24] Was Goethe dann bekanntlich in seinem Wilhelm Meister
- auch auf die Geschlechterliebe in dem, wie er selbst sagt,
- »frechen« Wort der losen Philine ausgedehnt hat: »Wenn ich
- dich liebe, was geht's dich an!«
-
- [25] Er besaß sie übrigens erst in der dritten Auflage von 1790.
-
- [26] Es findet sich, wie alles von Goethes Hand Stammende, in
- der großen Weimarer Ausgabe seiner Werke, Briefe usw. Einen
- ausführlichen Bericht gebe ich in meinem »Kant -- Schiller
- -- Goethe« S. 146 bis 149.
-
- [27] Ich habe a. a. O. S. 268 bis 271 auch einen genauen
- Bericht über Goethes philosophische Bücherei gegeben.
- Sie zählte 186 Nummern mit etwa 220 Bänden. Neben
- vielen unbedeutenden Widmungsexemplaren philosophischer
- Zeitgenossen finden sich von bekannteren Denkern:
- Einzelnes von Giordano Bruno, Plato, Aristoteles, Epiktet,
- Campanella, Hobbes, Malebranche, Baumgarten, Lambert; alles
- von _Spinoza_; das Wichtigste von Fichte, Schelling, Hegel
- und Schopenhauer.
-
- [28] Während seiner Kampagne in Frankreich (Oktober 1792)
- setzte er einem jungen in Kants Schriften beschlagenen
- Lehrer in Trier als Sinn der kritischen Lehre auseinander:
- ein Kunstwerk solle wie ein Naturwerk, ein Naturwerk wie
- ein Kunstwerk behandelt und der Wert eines jeden aus sich
- selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet werden.
-
- [29] Über das Datum vergl. meine genaue Untersuchung in
- »Kantstudien« I, S. 316 f., kürzer wiederholt in »Kant --
- Schiller -- Goethe« S. 158 f.
-
- [30] Kant -- Schiller -- Goethe S. 196 bis 245.
-
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-Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-Wir empfehlen:
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-
-Volkstümliche Geschichte der Philosophie
-
-Von =Karl Vorländer=
-
-Internationale Bibliothek Band 62
-
-In der Vorrede zu diesem Werk schreibt der Verfasser: Schon lange war
-es mein Wunsch, neben meiner zweibändigen Geschichte der Philosophie,
-die sich hauptsächlich in den Kreisen der Studierenden eingebürgert
-zu haben scheint, eine kürzere Darstellung desselben Stoffes für den
-freidenkenden Mann aus dem Volke zu schreiben, der für die großen
-Weltanschauungsfragen interessiert ist. Das ist allerdings keine
-leichte Aufgabe und ist wohl deshalb bisher noch nie versucht worden.
-Denn ein solches Buch soll kurz sein und doch die Hauptprobleme der
-Philosophie klar herausarbeiten, ihre Hauptgestalten lebensvoll
-schildern; allgemeinverständlich, ohne doch an der Oberfläche zu
-bleiben. Nun, »ich hab's gewagt!« Eine Aufforderung von Professor
-Ferdinand Jakob Schmidt in der Neuen Zeit vom 12. März 1920
-bestärkte mich in dem Entschluß. Jahrelanger geistiger Verkehr mit
-bildungsdurstigen Männern der verschiedensten Kreise läßt mich hoffen,
-daß ich den Ton im allgemeinen getroffen habe.
-
-
-Marx, Engels und Lassalle als Philosophen
-
-Von =Karl Vorländer=
-
- I. =Marx' Anfänge.=
-
- II. =Die Sturm- und Drangperiode=: 1. Marx 1842 bis 1845. -- 2.
- Engels' philosophische Anfänge. -- 3. Marx und Engels 1845.
-
- III. =Die Entstehung des historischen Materialismus=: 1. Die
- Thesen über Feuerbach. -- 2. Die »Deutsche Ideologie«. --
- 3. Der Anti-Proudhon. -- 4. Das Kommunistische Manifest.
-
- IV. =Die Ausbildung der dialektischen Methode=: 1. Zur Kritik
- der politischen Ökonomie. -- 2. Engels über Marx (1859). --
- 3. Marx und Hegel. -- 4. »Das Kapital«.
-
- V. =Engels' Anti-Dühring und Feuerbach=: 1. Der Anti-Dühring.
- -- 2. Der »Feuerbach«.
-
- VI. =Engels' letzte Modifikationen des historischen
- Materialismus.=
-
- VII. =Lassalle als Philosoph=: 1. Jugend- und
- Universitätsjahre. -- 2. Der »Heraklit«. Die fünfziger
- Jahre. -- 3. Lassalle und Fichte (1860 bis 1862).
- -- 4. Das »System der erworbenen Rechte«. -- 5. Das
- »Arbeiterprogramm«.
-
-
-
-
-Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-
-Internationale Bibliothek
-
- 1 =Tschulok=, Entwicklungstheorie (Darwins Lehre).
-
- 2 =Kautsky=, Marx' Ökonomische Lehren.
-
- 5 =Kautsky=, Thomas More und seine Utopie.
-
- 6 =Bebel=, Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien.
-
- 8 =Stern=, Die Philosophie Spinozas.
-
- 9 =Bebel=, Die Frau und der Sozialismus. Mit einem Porträt
- Bebels.
-
- 10 =Lissagaray=, Die Geschichte der Kommune 1871. Illustriert.
-
- 11 =Engels=, Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und
- des Staats. Nach Lewis H. Morgans Forschungen.
-
- 12 =Marx=, Das Elend der Philosophie.
-
- 13 =Kautsky=, Erfurter Programm. In seinem grundsätzlichen
- Teil erläutert.
-
- 14 =Engels=, Die Lage der arbeitenden Klasse in England.
-
- 17 =Mehring=, Die Lessing-Legende. Eine Rettung.
-
- 21 =Engels=, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft.
-
- 24 =Marx=, Revolution und Konterrevolution in Deutschland.
-
- 26~a~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 1. Leben und Tod.
-
- 26~b~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 2. Kleinere Aufsätze.
-
- 26~c~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 3. Moses oder Darwin?
-
- 29 =Plechanow=, Beiträge zur Geschichte des Materialismus.
-
- 30 =Marx=, Zur Kritik der politischen Ökonomie.
-
- 33 =Deutsch=, Sechzehn Jahre in Sibirien. Erinnerung eines
- Revolutionärs.
-
- 35 bis 37~a~ =Marx=, Theorien über den Mehrwert. 4 Bände.
-
- 38 =Kautsky=, Ethik und materialistische Geschichtsauffassung.
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- 40 =Pashitnow=, Die Lage der arbeitenden Klasse in Rußland.
-
- 41 =Deutsch= (Verfasser von »Sechzehn Jahre in Sibirien«),
- Viermal entflohen.
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- 44 =Bernstein=, Sozialismus und Demokratie in der großen
- englischen Revolution.
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- 45 =Kautsky=, Der Ursprung des Christentums. Eine historische
- Untersuchung.
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- 47--48~b~ =Kautsky=, Vorläufer des neueren Sozialismus. 4 Bände.
-
- 50 =Kautsky=, Vermehrung und Entwicklung in Natur und
- Gesellschaft.
-
- 52 =Salvioli=, Der Kapitalismus im Altertum. Studien über die
- römische Wirtschaftsgeschichte. Aus dem Französischen
- übersetzt von Karl Kautsky jun.
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- 53 =Adler=, Marxistische Probleme. Beiträge zur Theorie der
- materialistischen Geschichtsauffassung und Dialektik.
-
- 57 =Noske=, Kolonialpolitik und Sozialdemokratie.
-
- 58 =Hepner=, Josef Dietzgens Philosophische Lehren.
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- 61 =Bernstein=, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die
- Aufgaben der Sozialdemokratie.
-
- 62 =Vorländer=, Volkstümliche Geschichte der Philosophie.
-
- 63 =Reimes=, Ein Gang durch die Wirtschaftsgeschichte. Sechs
- Vorträge.
-
- 64 =Kautsky=, Die proletarische Revolution und ihr Programm.
-
- 65 =Beyer=, ~Dr. med.~ =Alfred=, Menschenökonomie.
-
- 66 =Vorländer=, Die Philosophie uns. Klassiker (Lessing,
- Herder, Schiller, Goethe).
-
-
-Die fehlenden Nummern sind vergriffen. Die Sammlung wird fortgesetzt.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
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- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
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-Karl Vorländer
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- Die Philosophie unserer Klassiker, by Karl Vorländer&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<body>
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-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die Philosophie unserer Klassiker, by Karl Vorländer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
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-eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.
-
-
-Title: Die Philosophie unserer Klassiker
- Lessing - Herder - Schiller - Goethe
-
-Author: Karl Vorländer
-
-Release Date: October 25, 2020 [EBook #63548]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-Im Original fetter Text ist <b>so dargestellt</b>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter" id="cover">
- <img class="w50" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>
-Die<br />
-Philosophie unserer Klassiker</h1>
-<p class="h2">
-Lessing · Herder · Schiller · Goethe</p>
-<p class="center smaller">
-Von</p>
-<p class="h2">
-Karl Vorländer</p>
-<p class="center p2">
-1923</p>
-<p class="center smaller p2">
-J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.<br />
-Berlin und Stuttgart</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p>
-
-<p class="center p2">Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_iii"></a>[iii]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Goethe sagt einmal in einem seiner Sprüche in Prosa: Das
-<em class="gesperrt">Klassische</em> ist das <em class="gesperrt">Gesunde</em>, das Romantische ist das Kranke.
-Von der gleichen Ansicht ausgehend, habe ich im vergangenen
-Sommersemester die Philosophie unserer Klassiker <em class="gesperrt">Lessing</em>,
-<em class="gesperrt">Herder</em>, <em class="gesperrt">Schiller</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em> meinen Zuhörern an der hiesigen
-Universität vorgetragen und lege sie nun hier, erweitert und
-ergänzt, einem breiteren Leserkreise vor. Ich tue das in der
-Überzeugung, daß es gerade in unserer Zeit und gerade auch
-in der Philosophie doppelt not tut, gegenüber aller ungesunden,
-sich auf unklare <em class="gesperrt">Gefühle</em> stützenden Romantik (verkappe
-sie sich hinter dem Namen reiner Ästhetik oder Theosophie oder
-Lebensphilosophie oder Patriotismus oder sonstwie immer),
-auf die reinen Quellen des Wahren, Guten und Schönen,
-wie sie in dem Denken und Dichten unserer großen Klassiker
-fließen, nachdrücklichst hinzuweisen. Während der Arbeit habe
-ich meine Freude daran gehabt, mich wieder einmal in ihre
-unvergänglichen, ewig jungen und wahren Gedankengänge vertiefen
-zu können, und hoffe, daß es meinen Lesern ähnlich
-gehen wird.</p>
-
-<p class="noind p2">
-<em class="gesperrt">Münster i. W.</em>, im September 1922</p>
-<p class="right">
-<b>Karl Vorländer</b>
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_iv"></a>[iv]</span></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_v"></a>[v]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl">Vorwort</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_iii">III</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl">Einleitung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_vii">VII</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc"><b>Lessing</b></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">A.</em> Jugendjahre 1729 bis 1760 (Meißen, Leipzig, Berlin)</td>
- <td class="tdr"><a href="#lessing_a">3</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Auf der Fürstenschule zu Meißen &ndash; Auf der Universität
-Leipzig &ndash; Nach Berlin &ndash; Stellung zur Religion um 1750
-&ndash; Religionsphilosophische und religionsgeschichtliche Schriften
-der 50er Jahre &ndash; Mit Moses Mendelssohn und F. Nicolai.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">B.</em> Das Jahrzehnt 1760 bis 1770</td>
- <td class="tdr"><a href="#lessing_b">11</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Weitere religionsphilosophische Entwicklung &ndash; Von Christian
-Wolff zu Leibniz und Spinoza &ndash; Philosophie der Kunst
-(Ästhetik): Der »Laokoon« &ndash; Die Hamburger Dramaturgie.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">C.</em> Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780</td>
- <td class="tdr"><a href="#lessing_c">26</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Wiederum Religionsphilosophie: Wolfenbütteler Funde &ndash;
-Die Fragmente eines Ungenannten (Reimarus) &ndash; Der Streit
-mit der Orthodoxie (Antigoeze) &ndash; Ergebnisse.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">D.</em> Philosophische Weltanschauung überhaupt</td>
- <td class="tdr"><a href="#lessing_d">37</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise. 2. Religions-
-und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts.
-3. Ansichten über den Staat: Lessings politische
-Entwicklung. 4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in: Ernst
-und Falk. 5. Letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
-Pantheismus, Spinozismus.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl">Schluß: Lessings Persönlichkeit</td>
- <td class="tdr"><a href="#lessing_schluss">60</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc"><b>Herder</b></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">A.</em> Der junge Herder bis zur Übersiedlung nach Weimar 1776</td>
- <td class="tdr"><a href="#herder_a">65</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-1. Die Jugend (Mohrungen, Königsberg) 1744 bis 1764 &ndash;
-Kant und Hamann</td>
- <td class="tdr"><a href="#herder_a_1">65</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-2. Vorherrschend literarisch-ästhetische Epoche 1765 bis 1772</td>
- <td class="tdr"><a href="#herder_a_2">69</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl3">
-In Riga &ndash; Reisetagebuch &ndash; In Straßburg: Vom Ursprung
-der Sprache.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">3. Vorherrschend religiöse Periode 1772 bis 1776</td>
- <td class="tdr"><a href="#herder_a_3">72</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl3">
-Hofprediger in Bückeburg &ndash; Älteste Urkunde des Menschengeschlechts
-&ndash; Auch eine Philosophie usw. &ndash; Vom Erkennen
-und Empfinden.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">B.</em> Die Höhezeit 1776 bis 1788</td>
- <td class="tdr"><a href="#herder_b">77</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-In Weimar &ndash; Theologische Schriften &ndash; 1. Die Ideen zur
-Philosophie der Geschichte der Menschheit &ndash; Politische Anschauungen
-&ndash; Kritik des Christentums &ndash; Wirkung des Werks
-&ndash; 2. Die Gespräche über »Gott« &ndash; Spinozismus.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">C.</em> Das Ende 1789 bis 1803</td>
- <td class="tdr"><a href="#herder_c">91</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Altersjahre &ndash; Stellung zur Französischen Revolution &ndash; Goethes
-Abwendung &ndash; Der Kampf gegen Kant &ndash; Tod.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc"><b>Schiller</b><span class="pagenum"><a id="Page_vi"></a>[vi]</span></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">A.</em> Die Anfänge 1779 bis 1786</td>
- <td class="tdr"><a href="#schiller_a">99</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Auf der Karlsschule &ndash; Die beiden medizinischen Dissertationen
-&ndash; Rousseaus Einfluß: »Räuber« und Jugendlyrik.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">B.</em> Die Übergangszeit 1787 bis 1790</td>
- <td class="tdr"><a href="#schiller_b">103</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Die Philosophischen Briefe &ndash; Die Götter Griechenlands und
-Die Künstler &ndash; Studium der Geschichte &ndash; Erste Bekanntschaft
-mit dem Kritizismus.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">C.</em> Die Höhezeit: Schiller als Jünger Kants 1791 bis 1795</td>
- <td class="tdr"><a href="#schiller_c">108</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Geschichtliche Entwicklung: Endgültige Bekehrung zu Kant &ndash;
-Die ersten ästhetischen Aufsätze &ndash; Anmut und Würde &ndash; Die
-ästhetischen Briefe &ndash; Naive und sentimentalische Dichtung.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">D.</em> Schillers Philosophie in seiner Reifezeit</td>
- <td class="tdr"><a href="#schiller_d">113</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-1. Methodisches und theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Ästhetische
-Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene und das
-Sittlich-Schöne. 4. Stellung zu Griechentum und Christentum
-sowie zur Religion überhaupt. 5. Zusammenfassung und
-Ergebnisse. 6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik. 7. Schiller
-als Politiker. 8. Schiller, der Idealist.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc"><b>Goethe</b></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">A.</em> Anfänge 1774 bis 1776</td>
- <td class="tdr"><a href="#goethe_a">151</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Im Elternhaus &ndash; In Leipzig &ndash; In Straßburg: Berührung
-mit der französischen Philosophie, mit Herder &ndash; Erste Bekanntschaft
-mit Spinoza &ndash; Philosophische Gedichte.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">B.</em> Das erste Jahrzehnt in Weimar. Die italienische Reise 1776
-bis 1788</td>
- <td class="tdr"><a href="#goethe_b">160</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Pantheismus &ndash; Neues Spinoza-Studium &ndash; Nahe Freundschaft
-mit Herder &ndash; Naturwissenschaftliche Studien (Metamorphose
-der Pflanzen) &ndash; Einfluß Italiens auf seine Natur-
-und Kunstauffassung.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">C.</em> Erstes Kant-Studium 1789 bis 1894</td>
- <td class="tdr"><a href="#goethe_c">167</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Lektüre der Kritik der reinen Vernunft &ndash; Einfluß der Kritik
-der Urteilskraft.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">D.</em> Der Freundschaftsbund mit Schiller 1794 bis 1805. Die Altersjahre
-1805 bis 1832</td>
- <td class="tdr"><a href="#goethe_d">172</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-Das glückliche Ereignis vom Sommer 1794 &ndash; Das Jahrzehnt
-mit Schiller &ndash; Verhältnis zu andern Denkern (Schelling,
-Herder u. a.) &ndash; Spätere philosophische Studien u. Beziehungen.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="antiqua">E.</em> Goethes Philosophie in seiner Reifezeit</td>
- <td class="tdr"><a href="#goethe_e">179</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">
-1. Theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Religionsauffassung.
-4. Politische Stellung. Sozialismus in Wilhelm Meisters
-Wanderjahren? 5. Die Kunst. Schluß.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl">Zur Literatur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zur_Literatur">189</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl">
-Namenverzeichnis</td>
- <td class="tdr"><a href="#Namenverzeichnis">192</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_vii">[vii]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung</h2>
-</div>
-
-<p class="h2">Die Philosophie unserer Klassiker</p>
-
-<p class="drop">Wir wollen uns in diesen Vorlesungen mit der Philosophie
-unserer Klassiker, d. h. unserer klassischen deutschen Dichter beschäftigen.
-Wer sind diese <em class="gesperrt">Klassiker</em>? Wir wurden in meiner
-Jugend gelehrt, drei Dichterpaare des achtzehnten Jahrhunderts
-als solche zu betrachten: Klopstock und Wieland, Lessing
-und Herder, Schiller und Goethe. Allein das erste Paar dürfte
-schon in der allgemeinen Schätzung längst aus deren Mitte
-ausgeschieden sein. Mögen noch so starke Wirkungen auch von
-Wieland und Klopstock auf die Steigerung des dichterischen
-Gefühls und der künstlerischen Einbildungskraft, auf die Fortbildung
-unserer Sprache und deren poetische Form, auf die
-Lyrik insbesondere und den Roman ausgegangen sein, mögen
-sie noch in den Schulstuben unserer Primaner an der herkömmlichen
-Stelle stehen: in die Masse unseres Volkes sind
-sie nicht eingedrungen, ja sogar in dem geistigen Leben der
-großen Mehrzahl unserer Gebildeten führen sie kein lebendiges
-Dasein mehr. Was Lessings bekanntes Epigramm von <em class="gesperrt">Klopstocks</em>
-berühmtem Messias-Epos sagte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wer wird nicht einen Klopstock <em class="gesperrt">loben</em>!</div>
- <div class="verse indent0">Doch wird ihn jeder <em class="gesperrt">lesen</em>? Nein!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>das gilt heute nicht bloß von Klopstock überhaupt mit seiner
-Vereinigung von antiker Form und christlich-germanischem,
-zum Teil fast nordisch-germanischem Inhalt, den selbst unsere
-begeistertsten »Nationalen« kaum mehr bewundern, ja vielfach
-gar nicht mehr kennen. Das gilt erst recht von <em class="gesperrt">Wieland</em> mit
-seiner dem französischen Geschmack im Zeitalter eines Ludwigs
-XV. nachstrebenden, vielfach ins Lüstern-Weichliche hinüberspielenden
-Denkweise und seiner geradezu abschreckenden
-Weitschweifigkeit des Stils. Vor allem aber, beide kommen
-als <em class="gesperrt">Philosophen</em>, also für unser Thema überhaupt nicht in
-Betracht. Von dem frommen Sänger der Messiade oder der<span class="pagenum"><a id="Page_viii"></a>[viii]</span>
-Erlöser-Oden brauche ich das gar nicht erst nachzuweisen: weder
-er selbst noch sonst jemand hat Klopstock jemals für die Philosophie
-reklamiert. Und Wieland hat sich zwar in seinen Romanen,
-sogar mit Vorliebe, mit Gestalten, die uns aus der
-griechischen Philosophie bekannt sind, von Pythagoras, Demokrit
-und Sokrates an bis zu dem Wundermann Peregrinus
-Proteus und dem Spötter Lucian, am meisten bezeichnenderweise
-mit solchen aus der Periode ihres Niedergangs, beschäftigt;
-indes mit seinen oberflächlich-breiten Erörterungen für
-philosophische Methode oder Wissenschaft, ja nur für die schärfere
-Erfassung philosophischer Probleme nicht das mindeste geleistet.</p>
-
-<p>Also bleibt es für uns bei den beiden anderen Paaren:
-<em class="gesperrt">Lessing</em> und <em class="gesperrt">Herder</em>, <em class="gesperrt">Schiller</em> und <em class="gesperrt">Goethe</em>, die heute noch,
-abgesehen vielleicht von dem minder bekannten Herder, bei
-allen denen lebendig sind, die überhaupt von den ewigen
-Geistesschätzen unserer klassischen Literatur und Dichtung zehren.
-Allein selbst bei diesen vier Großen läßt sich die Frage aufwerfen:
-Sind sie wirklich »<em class="gesperrt">Philosophen</em>« im engeren Sinne
-des Wortes zu nennen? Hat doch keiner von ihnen ein philosophisches
-System entworfen, keiner sich selbst für einen Philosophen
-ausgegeben, keiner, wenn wir von Herders »Ideen«
-absehen, ein größeres philosophisches Buch geschrieben. Und
-doch, so lange es, um mit Kantischen Worten zu reden, eine
-Philosophie nicht bloß nach dem <em class="gesperrt">Schul</em>-, sondern auch nach
-dem <em class="gesperrt">Welt</em>begriff, mit anderen Worten eine Philosophie als
-Weltanschauung gibt, so lange werden auch Lessing und Herder,
-Schiller und Goethe in die Reihe der Philosophen gehören.
-Allerdings, und damit ergibt sich eine bestimmte Grenze für
-unsere Darstellung, nur, insoweit sie ihre Weltanschauung
-<em class="gesperrt">philosophisch</em> zu <em class="gesperrt">begründen</em> versucht haben.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_1"></a>[1]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Page_3">Lessing</h2>
-<h3 class="nobreak" id="lessing_a"><em class="antiqua">A.</em> Jugendjahre 1729 bis 1760</h3>
-
-<p class="h3">Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)</p>
-</div>
-
-<p class="drop">Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so
-modern an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit
-und Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit.
-Und doch ist er vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen
-hinterwäldlerischen Stadt der sächsischen Lausitz geboren,
-der Sohn eines rechtgläubigen lutherischen Pastors, der, ursprünglich
-auch gelehrten Studien zugewandt, in dem abgelegenen
-kleinen Nest immer mehr zum versauerten Orthodoxen
-und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester,
-eben unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit
-im Kampfe für das als recht Erkannte geerbt, daneben
-eine gewisse Achtung vor ehrlicher Orthodoxie beibehalten.</p>
-
-<p>Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden
-Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder
-Theophil erhalten: dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold
-wollte durchaus »von einem großen Haufen Bücher umgeben«
-gemalt sein. Kursachsen hatte seit der Reformation
-die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der junge
-Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während
-der fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule«
-Sankt Afra in <em class="gesperrt">Meißen</em> &ndash; neben dem noch heute bekannten
-Schulpforta einem der ersten Gymnasien des Landes &ndash;
-zubrachte. So tyrannisch wie Schiller und seine Jugendgefährten
-auf der Karlsschule wurden die Meißener Fürstenschüler
-zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an seine
-Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier
-stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es
-damals die englische Aufklärung zu vertreten angefangen
-hatte. Ähnlich wie in dem Königsberger Friedrichskolleg, in
-dem Kant ein Jahrzehnt früher seine acht Lehrjahre verbrachte,
-waren Religion mit 25&nbsp;(!) und Latein mit 15 Wochenstunden
-der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort
-eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassenden<span class="pagenum"><a id="Page_4"></a>[4]</span>
-Geist nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die
-anderen zu schwer werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete
-sein Rektor von ihm, »es ist ein Pferd, das doppeltes Futter
-haben muß.« Am meisten zog seinen verstandesscharfen
-Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis zum Spielen
-mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin
-und sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels
-gewesen ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid
-und wählte zum Thema seiner Abgangsrede (Juni 1746)
-»die Mathematik der Barbaren«, also der Nichtgriechen und
--römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle »Glückwunschungsrede«,
-die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb,
-deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders
-altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im
-Grunde weder einen besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt
-zu verzeichnen habe, sondern daß jedes Jahr dem anderen
-gleich sei. Es ist eben eine im üblichen Geleise der herrschenden
-Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie einhergehende
-rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben, der
-den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis
-der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall«
-seiner &ndash; vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu
-haben behauptet.</p>
-
-<p>Auch auf der Universität <em class="gesperrt">Leipzig</em>, die der Siebzehnjährige
-im September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als
-Studiosus der Theologie, bezieht, scheint er philosophisch
-keine besonderen neuen Einsichten gewonnen zu haben. Wohl
-gehen in seinem inneren und äußeren Leben große Umwälzungen
-vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit ihn
-»wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen«
-würde. Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die
-ganze Welt im kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in
-Goethes »Faust«. Er lernt Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt
-mit Schauspielern und anderen leichten Gesellen, dichtet nach
-der Zeitsitte leichte »anakreontische« Liedchen über Liebe und
-Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann 1748 sein theologisches
-Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und geht
-zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt
-auf Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach der<span class="pagenum"><a id="Page_5"></a>[5]</span>
-preußischen Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um
-1750/51 in Wittenberg den Magistergrad, der ungefähr dem
-heutigen <em class="antiqua">Dr. phil.</em> entspricht, zu erwerben. Erst ein in ernster
-Auseinandersetzung mit dem Vater zur Rechtfertigung seines
-neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai 1749
-zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die
-Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit,
-die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht,
-»ob der ein besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen
-Lehre im Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im
-Munde hat, in die Kirche geht und alle Gebräuche mitmacht,
-weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gezweifelt
-hat und durch den Weg der <em class="gesperrt">Untersuchung</em> zur
-Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu
-gelangen bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das
-man von seinen Eltern auf Treue und Glauben annehmen
-soll.« Und vom christlichen Handeln bekennt er offen und
-scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man eines der vornehmsten
-Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben, nicht
-besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen
-sind, die sich davor ausgeben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen
-schon ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn
-ferner auf demjenigen Gebiet philosophierend, das bis zu seinem
-Tode das <em class="gesperrt">Haupt</em>gebiet seines Philosophierens gebildet
-hat: dem der <em class="gesperrt">Religion</em>. Und sie zeigen ihn in derselben
-Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen,
-auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig
-gesagt, auf einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur
-fünf Jahre ältere junge Kant ging. »Der junge Gelehrte«
-richtet sich gegen die Pedanterie und Schulfuchserei, »der Freigeist«
-gegen die oberflächlichen Aufklärer, welche alle Frömmigkeit
-als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien, aber doch
-auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters freisprechend;
-und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit
-gegen Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«,
-den er übrigens schon um 1751 geplant hat.</p>
-
-<p>Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann
-man auf den des berühmten französischen Skeptikers Pierre<span class="pagenum"><a id="Page_6"></a>[6]</span>
-<em class="gesperrt">Bayle</em> hinweisen, jenes ersten Begründers der französischen
-Aufklärung, den schon der Student Lessing in den Vorlesungen
-des Professors Christ kennengelernt hatte, und dem
-er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die erst allmählich
-sich aus den Fesseln der Theologie losringenden
-freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann,
-einen Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem
-Einfluß gewesen ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame
-Geisteszüge: die ungeheure Belesenheit und Vielseitigkeit,
-die dialektische Meisterschaft, der Geist eindringender
-Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer Überzeugung,
-die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch-
-und verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle
-stand dann bald sein Nachfolger und Fortsetzer <em class="gesperrt">Voltaire</em>,
-mit dem Lessing ja in Berlin als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich
-auch in persönliche, zuletzt recht unliebsame Berührung
-geraten ist; und neben ihm das Haupt der Enzyklopädisten,
-der feurige <em class="gesperrt">Diderot</em>, der »durch Gänge voll Nacht
-zum glänzenden Throne der Wahrheit« führt.</p>
-
-<p>Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen
-Geist wie Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer
-fremde Anstöße anzunehmen. Wie der dreiundzwanzigjährige
-Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift, deren etwas selbstbewußten
-Titel Lessing in einem später mit Grund gestrichenen
-Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe
-mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich
-werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn
-fortzusetzen«, so schreibt in demselben Alter auch der junge
-Lessing zu Wittenberg einem Bekannten den Vers ins Album:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wie lange währt's, so bin ich hin</div>
- <div class="verse indent0">Und einer Nachwelt untern Füßen;</div>
- <div class="verse indent0">Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?</div>
- <div class="verse indent0">Weiß <em class="gesperrt">ich</em> nur, <em class="gesperrt">wer ich bin</em>.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der
-Zwanzigjährige, unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu
-denken, den stolzen Adlerflug des freien Genies beschrieben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,</div>
- <div class="verse indent0">Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent0">Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,</div>
- <div class="verse indent0">Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.</div><span class="pagenum"><a id="Page_7"></a>[7]</span>
- <div class="verse indent0">Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,</div>
- <div class="verse indent0">Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen
-Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher
-oder später in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück
-gebliebene religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »<em class="gesperrt">Die Religion</em>«
-(veröffentlicht November 1751) und »<em class="gesperrt">Über die
-menschliche Glückseligkeit</em>« (veröffentlicht 1753),
-auf die wir indes nicht näher eingehen: einmal, weil sie
-eben Fragmente geblieben sind und nicht viel mehr als Zeugnisse
-dieses inneren Ringens darstellen; dann auch, weil sie
-doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit dem
-wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von
-der er später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß
-er in ihr alle die verschiedenen neuerschienenen Schriften <em class="gesperrt">für</em>
-und <em class="gesperrt">wider</em> die Religion gierig verschlungen habe, ohne daß
-ihn eine ganz befriedigt hätte; sie hätten ihn vielmehr nur
-»von einer Seite zur anderen gerissen«. Und nun kommt eine
-Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines Lebens
-ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet:
-»Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte,
-desto zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender
-mir es der andere ganz zu Boden treten wollte: desto
-geneigter fühlte ich mich, es wenigstens in meinem Herzen
-aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des selbständigen Geistes,
-der in Dingen, die doch schließlich durch das persönliche Gefühl
-entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite aufgezwungen
-werden sollende sogenannte Verstandes»beweise«
-sich wehrt; der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende
-»Autoritäten« der einen oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei
-überhaupt, die ihm einmal in einem scherzhaften Liede
-die Verse eingibt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Allen Narren, die sich ›isten‹,</div>
- <div class="verse indent0">Zum Exempel Pietisten,</div>
- <div class="verse indent0">Zum Exempel Atheisten,</div>
- <div class="verse indent0">Zum Exempel Rabulisten</div>
- <div class="verse indent0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Quietisten und Sophisten</div>
- <div class="verse indent0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_8"></a>[8]</span></p>
-<p>In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten
-»<em class="gesperrt">Rettungen</em>« einzelner von der hergebrachten
-Theologie, sei es der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter
-Persönlichkeiten oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf
-Ewigkeit« er untersuchen, denen er »unverdiente Flecken abwischen,
-falsche Verkleisterungen ihrer Schwächen auflösen«
-will. Dahin gehören z. B. die Rettungen einzelner durch die
-Autorität eines Luther niedergekämpften, nur unseren gelehrten
-Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus
-oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen
-Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen
-Predigers Adam Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden
-waren, weil sie &ndash; das spätere Nathan-Problem! &ndash; den
-Schein der Gleichberechtigung oder gar der Minderwertigkeit
-des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz vermieden
-hatten. Dahin auch die »<em class="gesperrt">Gedanken über die Herrnhuter</em>«
-(1750), die im Grunde genommen &ndash; sie sind freilich
-auch nur Fragmente geblieben &ndash; so gut wie gar nicht
-von »diesen Leuten« selbst handeln, sondern sie nur zum
-Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze benutzen. Er
-gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der Religion
-auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h.
-von den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff
-&ndash; Sokrates ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter
-Lehrer&nbsp;&ndash;, um daraus den Schluß zu ziehen: »Sie füllen den
-<em class="gesperrt">Kopf</em>, und das <em class="gesperrt">Herz</em> bleibt leer.« Man wird »durchgängig
-finden, daß die Menschen in der einen wie in der anderen
-nur immer haben <em class="gesperrt">vernünfteln</em>, niemals <em class="gesperrt">handeln</em>
-wollen«. Und doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum
-Vernünfteln erschaffen«. Das haben die Herrnhuter auf dem
-Gebiet der Religion zu ihrem Ziel gemacht. Lessing wünscht,
-daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit ähnlichen
-Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau
-oder an Kants praktische Philosophie).</p>
-
-<p>Bei diesem Stand der Dinge brauchen wir uns nicht lange
-mit einzelnen trotzdem »vernünftelnden« Aufstellungen Lessings
-selbst aus der nämlichen Zeit, dem Beginn der fünfziger
-Jahre, aufzuhalten: etwa dem »<em class="gesperrt">Christentum der
-Vernunft</em>«, das in 27 Paragraphen aus den <em class="gesperrt">Leibniz</em>schen<span class="pagenum"><a id="Page_9"></a>[9]</span>
-Begriffen der Vollkommenheit, der Harmonie, der allmählichen
-Stufenfolge aller Dinge und ähnlichem aufgebaut
-wird und, statt wie eine gesunde kritische Philosophie mit der
-Gottesidee etwa zu enden, sogleich mit Gott als dem »einzigen
-vollkommensten Wesen« einsetzt, während es mit einer
-mehr an Schleiermacher als an Kant erinnernden Formulierung
-des menschlichen Sittengesetzes schließt: »Handle deinen
-individualischen (wir sagen heute: individuellen) Vollkommenheiten
-gemäß!« Von der kirchlichen Religionsauffassung
-hat er persönlich sich um diese Zeit schon ganz frei gemacht:
-ein für die damaligen deutschen Verhältnisse und für seine
-eigene Entwicklung sehr vielsagendes Resultat. Das beweist
-unter anderem ein, wenigstens höchstwahrscheinlich, noch in die
-Berliner Zeit fallendes, in seinem Nachlaß gefundenes Bruchstück
-»<em class="gesperrt">Über die Entstehung der geoffenbarten
-Religion</em>«. Und so konnte er beinahe ein Menschenalter
-später in einem, vielleicht eben dieser Offenheit wegen ungedruckt
-gebliebenen, Vorwortentwurf zum »Nathan« erklären:
-»Nathans Gesinnung gegenüber jeder positiven Religion ist
-<em class="gesperrt">von jeher</em> die meinige gewesen.«</p>
-
-<p>Dagegen hat er an einer, wie man in jener Zeit sagte, »<em class="gesperrt">natürlichen</em>«
-Religion, mit dem Glauben an einen Weltschöpfer,
-nicht bloß damals, sondern anscheinend bis an sein
-Ende festgehalten. So tritt er gelegentlich für Albrecht v. Hallers,
-des auch von dem jungen Kant hochgeschätzten Schweizer
-Naturforschers und Dichters, Gottesglauben gegen den entschiedenen
-Materialismus eines Lamettrie ein, der in seinem
-»<em class="antiqua">L'homme machine</em>« den Menschen als ein mechanisches
-Uhrwerk aufgefaßt hatte. Und auch philosophisch entfernt er
-sich in den fünfziger Jahren noch wenig von der herrschenden
-Leibniz-Wolffschen, das heißt durch den trockenen Pedanten
-Christian Wolff verwässerten Leibnizschen Philosophie. Ganz
-seiner sonstigen, frischen, für alle reinen Gedanken aufgeschlossenen
-Art entgegen, meint er einmal 1752 in einer seiner
-Rezensionen in der damals schon bestehenden »Vossischen
-Zeitung« zu Berlin: »Das Neue sollte uns in den spekulativischen
-Teilen der Weltweisheit alle Zeit verdächtig sein.«
-Für unseren Zweck brauchen wir darum auch diese seine verhältnismäßig
-doch unbedeutenden Buchbesprechungen aus den<span class="pagenum"><a id="Page_10"></a>[10]</span>
-Jahrgängen 1751 bis 1754 der »Vossischen« nicht einzeln auf
-seinen philosophischen Standpunkt hin zu durchmustern.</p>
-
-<p>Selbst nicht die ihrem Titel nach philosophischste seiner Abhandlungen:
-die 1755 aus Anlaß einer Preisaufgabe der Berliner
-Akademie der Wissenschaften erschienene: »<em class="gesperrt">Pope ein
-Metaphysiker!</em>« Schon deshalb nicht, weil sie nicht von
-ihm allein, sondern gemeinsam mit dem in Berlin neu gewonnenen
-Freunde Moses Mendelssohn verfaßt ist. Und zweitens,
-weil wir uns heute auch wohl kaum noch für das Thema
-interessieren: 1. welches der wahre Sinn des Satzes »Alles
-ist gut« sei; der in des Engländers Pope (1689 bis 1744) seinerzeit
-vielbewundertem Lehrgedicht »Vom Menschen« (1729)
-vorkommt, 2. wieweit er mit Leibniz' Optimismus übereinstimme
-und 3. ob Popes System anzunehmen oder zu verwerfen
-sei. Sondern uns interessiert nur die Art von Lessings
-Behandlung, zu der ihm die Aufgabe der Akademie,
-über die er sich eigentlich mehr lustig macht, bloß den Anlaß
-gibt: seine reinliche Scheidung zwischen <em class="gesperrt">Dichter</em> und <em class="gesperrt">Metaphysiker</em>.
-Gewiß, im weitesten Sinne des Wortes ist
-jeder Metaphysiker ein Dichter; aber ein System in Reime
-bringen heißt noch nicht dichten. Ein philosophischer Dichter
-ist darum noch kein Philosoph, ebensowenig wie ein poetischer
-Weltweiser an sich schon ein wahrer Poet: dasselbe Problem,
-das Kant vierzig Jahre später von der anderen Seite
-her ebenso scharf in Angriff genommen hat (in seinem Aufsatz
-»Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in
-der Philosophie«, 1796).</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit nur ein paar kurze Ausführungen
-über Lessings philosophisches Verhältnis zu den Berliner
-Freunden Moses <em class="gesperrt">Mendelssohn</em> und Friedrich <em class="gesperrt">Nicolai</em>;
-denn ihre persönlichen Beziehungen zu behandeln, ist hier nicht
-der Ort. Gemeinsam mit beiden ist ihm im Grunde nur ein
-Allerallgemeinstes: die Zugehörigkeit zu der großen <em class="gesperrt">Aufklärungs</em>bewegung,
-die in England ihren Ursprung genommen,
-dann nach Frankreich sich verpflanzt hatte und jetzt,
-um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, anfangs noch
-recht bescheiden, auch in Deutschland, und hier wieder am
-stärksten in dem von jeher freigeistigen und zum Vorwitz neigenden
-Berlin, ihre Schwingen zu regen begann. Im übrigen<span class="pagenum"><a id="Page_11"></a>[11]</span>
-verdankt Lessing dem späteren Diktator der Berliner Aufklärung
-und langjährigen Herausgeber der Allgemeinen Deutschen
-Bibliothek von seiner philosophischen Eigenart so gut
-wie nichts; dem rührend anhänglichen jüdischen Freunde &ndash;
-das darf man sagen, ohne dem braven Moses Mendelssohn
-zu nahe zu treten &ndash; recht wenig. Wohl hat dieser ihm öfters,
-z. B. zu der Pope-Schrift und zum »Laokoon«, Material geliefert,
-sicherlich auch manche philosophische Einzelgedanken,
-namentlich auf ästhetischem Gebiet, in ihm angeregt. Aber bei
-aller warmen Empfindung, bei aller Klarheit des Stils fehlt
-ihm doch zu sehr die philosophische Kraft und Tiefe, als daß
-er dem großen Freunde eine wesentliche Förderung in seiner
-philosophischen Entwicklung hätte bieten können. Und schließlich
-auch der Mut des Genius. Wie hätte es einem Lessing begegnen
-können, daß er vor einem anderen Menschen, und
-wäre es auch der »Alleszermalmer« Kant, gleich Mendelssohn
-scheu sich zurückgezogen hätte!</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="lessing_b"><em class="antiqua">B.</em> Das Jahrzehnt 1760 bis 1770</h3>
-</div>
-
-<p>Kant sagt einmal in seiner Anthropologie, daß die »Gründung
-eines Charakters«, d. h. in seinem Zusammenhang die
-endgültige Festsetzung einer Weltanschauung, bei den meisten
-Menschen sich erst in ihrem vierten Lebensjahrzehnt zu vollziehen
-pflege. Das dürfte wenigstens für die tieferen, nicht
-schnell mit sich fertigen Naturen zutreffen. Jedenfalls gilt es
-für Kant und für Lessing. Sei es, daß seine Versetzung in
-ganz andere äußere Lebensumstände, unter ganz andere Menschen,
-in ganz andere Beschäftigungen als die gewohnten, die
-seine Berufung als Sekretär des Generals Tauentzien nach
-Breslau und ins preußische Feldlager nach sich zog, ihn um
-so stärker auf sich selbst besinnen ließ, oder daß seine innere
-Entwicklung dahin drängte: er fühlt, daß er jetzt erst zum
-<em class="gesperrt">Manne</em> herangereift, ganz er selbst geworden ist. Nach der
-Genesung von einer Fieberkrankheit schreibt am 5. August
-1764 der bald Fünfunddreißigjährige an seinen Freund Ramler
-nach Berlin: »Die ernstliche Epoche meines Lebens naht
-heran; ich beginne, ein Mann zu werden.«</p>
-
-<p>Lessings religionsphilosophische und kirchengeschichtliche Studien
-gehen fort. Aber sie werden jetzt methodischer. Er beginnt<span class="pagenum"><a id="Page_12"></a>[12]</span>
-die früheste Entwicklung des Christentums an der Quelle, das
-heißt in den Werken der Kirchenväter: eines Justin, eines Tertullian,
-eines Origenes und Augustin, zu studieren. Er schreibt
-eine Abhandlung über die von Plutarch erwähnte Richtung
-der »Elpistiker«, d. h. etwa »Hoffnungsfrohen«, und sucht bei
-dieser Gelegenheit nachzuweisen, daß ohne die Hoffnung auf
-ein zukünftiges Leben <em class="gesperrt">keine</em> Religion gedacht werden könne.
-Eine Ansicht, die unseres Erachtens schon durch den Buddhismus
-und das Judentum (wenigstens dem größten Teil seiner
-Geschichte nach) widerlegt wird; weshalb, beiläufig gesagt,
-auch Kant letzterem einmal den Charakter einer Religion
-abspricht. Im übrigen bemerkt Lessing, jene Hoffnung
-habe unter den Christen der ersten Jahrhunderte »viele falsche
-Märtyrer gemacht, die für nichts besser als Selbstmörder zu
-halten« seien.</p>
-
-<p>Eine zweite Abhandlung »Von der Art und Weise der <em class="gesperrt">Fortpflanzung</em>
-und <em class="gesperrt">Ausbreitung</em> der christlichen Religion«
-wendet sich gegen die Ansicht der Kirchenväter und die
-damit übereinstimmende ihrer zeitgenössischen Verteidiger, die
-darin die unmittelbare Hand Gottes erblickt, und macht demgegenüber
-auf die vielen »Menschlichkeiten«, die sich dabei
-zugetragen haben, überhaupt auf den ganz »natürlichen Lauf
-der Dinge« aufmerksam. Kurz, er unterstellt auch die Religionsgeschichte
-den Gesetzen wissenschaftlicher Kritik, die sich
-übrigens damals auch bereits innerhalb der protestantischen
-Theologie zu regen begann: »Sieh überall mit deinen eigenen
-Augen! Verunstalte nichts, beschönige nichts! Wie die Folgerungen
-fließen, laß sie fließen! Hemme ihren Strom nicht,
-lenke ihn nicht!«</p>
-
-<p>Jetzt erst werden auch seine <em class="gesperrt">philosophischen</em> Studien
-tiefer, eindringender. Er wendet sich von dem Nachahmer
-(Wolff) zur Quelle (Leibniz) zurück. Noch in der Pope-Schrift
-war der Begriff des Gedichts ganz im Sinne der Wolffschen
-Schulphilosophie bestimmt worden. Ähnliches war in der Abhandlung
-über die Fabel und in den Anmerkungen zu des
-Engländers Burke Schrift über das Schöne und Erhabene
-(1758) geschehen. Jetzt, in den sechziger Jahren, lernt er den
-echten <em class="gesperrt">Leibniz</em> eigentlich erst kennen, dessen »Neue Abhandlungen
-über den menschlichen Verstand« (französisch) eben<span class="pagenum"><a id="Page_13"></a>[13]</span>
-(1765) ihrer Vergessenheit im Staube der Hannoverschen Bibliothek
-entrissen worden waren. Lessing hat sie zu übersetzen
-angefangen, auch Material zu einer Leibniz-Biographie gesammelt.
-Er hat nunmehr die Kluft zwischen Meister und
-Schüler so deutlich erkannt, daß er von der »Eingeschränktheit
-und Geschmacklosigkeit« Wolffs zu sprechen wagt.</p>
-
-<p>Und, was vielleicht noch wichtiger, er lernt jetzt auch den
-fast noch allgemein verfemten großen <em class="gesperrt">Spinoza</em> kennen und
-schätzen. Noch in dem Pope-Aufsatz hatte er zwar nichts dagegen
-gehabt, daß der ihm anscheinend durch Freund Mendelssohn
-näher gebrachte Shaftesbury das Wort »Natur« an
-die Stelle des Leibnizschen »Gott« gesetzt hatte; allein noch
-gar nicht daran gedacht, daß damit auch der Standpunkt des
-jüdisch-holländischen Weisen zusammenfällt, den er noch den
-»berufenen Irrgläubigen« nennt. Jetzt hat er den Spinoza
-zu würdigen gelernt. Er ist, eigentlich noch vor Herder, Goethe
-und F. H. Jacobi, der Wiederentdecker desselben geworden:
-was allerdings erst gegen Ende seines Lebens deutlicher hervortreten
-und erst fünf Jahre nach seinem Tode allgemein
-bekannt werden sollte; weshalb wir auf die ganze Frage seines
-»Spinozismus« noch einmal gegen Schluß im Zusammenhang
-zurückkommen werden. Wir werden ferner sehen,
-wie sich aus der besseren Würdigung des echten Leibniz und
-Spinozas auch eine vertieftere, seine Berliner Freunde überraschende
-Stellung in seinen theologischen Kämpfen der siebziger
-Jahre, im Streite zwischen der Orthodoxie und der Aufklärung,
-ergibt, wie er immer mehr auch über die letztere
-hinauswächst. Zunächst aber müssen wir jetzt eine ganz andere
-Seite seines Philosophierens ins Auge fassen: seine</p>
-
-<h4>Philosophie der Kunst oder Ästhetik,</h4>
-
-<p>zu der die beiden großen Schriften der sechziger Jahre: der
-»<em class="gesperrt">Laokoon</em>« (1766) und die »<em class="gesperrt">Hamburger Dramaturgie</em>«
-(1767 bis 1769) den Grund gelegt haben, hinter
-denen jetzt, mindestens schriftstellerisch, die religionsphilosophische
-Arbeit durchaus zurücktritt. Dies Jahrzehnt war
-vielmehr die Zeit, wo er nach dem Worte des Briten Macaulay
-zum <em class="gesperrt">ersten Kritiker Europas</em> sich emporschwang.
-Freilich nicht diese Kritik im einzelnen können wir<span class="pagenum"><a id="Page_14"></a>[14]</span>
-zum Gegenstand unserer Erörterung machen, auch nicht auf
-ästhetische Einzelheiten eingehen, sondern bloß die großen
-philosophischen Grundzüge hervorheben.</p>
-
-<p>Betrachtet man beide Schriften nur von ihrer Außenseite,
-die vom lebendigen Kunst<em class="gesperrt">beispiel</em>, im ersten Falle der
-Plastik, im anderen der Bühne ausgeht, so könnte man sie für
-zufällig hingeworfene Gelegenheitsschriften halten, wie es ja
-fast bei allen Werken Lessings der Fall zu sein scheint. Dringt
-man dagegen tiefer in sie ein, so merkt man auch hier, daß
-eine zusammenhängende Kunstansicht dahinter steckt: eine
-Kunstansicht, die auf einer ausgedehnten Kenntnis der zeitgenössischen
-Ästhetik, ja der Kunstschöpfungen aller Zeiten aufgebaut
-ist.</p>
-
-<p>Das Nächste und Grundlegendste ist, daß er &ndash; was freilich
-schon der alte Aristoteles festgestellt und natürlich auch
-Platos Weisheit bereits entdeckt hatte, was aber erst durch
-Kants Begründung zum unverlierbaren Eigenbesitz der Philosophie
-geworden ist &ndash; das Gebiet der Kunst oder, persönlicher
-ausgedrückt, die <em class="gesperrt">gestaltende</em> Tätigkeit des schaffenden
-Künstlers von der <em class="gesperrt">theoretischen</em> des wissenschaftlichen,
-von der <em class="gesperrt">praktischen</em> des sittlichen Menschen scheidet
-oder doch zu scheiden beginnt. Wir werden später bei
-Schiller und Goethe sehen, wie diese »reinliche Scheidung«
-der drei menschlichen Kulturgebiete: Wissenschaft, Ethik und
-Kunst unter dem Einfluß Kants schon weiter fortgeschritten
-ist. Der</p>
-
-<h4>Laokoon</h4>
-
-<p>setzt sie, wie schon sein Nebentitel Ȇber die Grenzen der Malerei
-und der Poesie« besagt, <em class="gesperrt">innerhalb</em> der Künste zwischen
-»Poesie« und »Malerei«, d. h. dem künstlerischen Schaffen
-in Wort, Rhythmus und Melodie, wie es Dichtkunst und
-Musik betreiben, auf der einen, und dem Kunstschaffen in Form
-und Farbe, wie es den bildenden Künsten: Malerei, Bildhauerei
-und Baukunst, eigen ist, auf der anderen Seite fort.
-Lessing befand sich damit mitten in den Problemen und der
-Polemik, die über sie von den angesehensten Theoretikern der
-Gegenwart und letzten Vergangenheit, den Franzosen Dubos,
-Batteux und Diderot, den Engländern Hutcheson, Harris,<span class="pagenum"><a id="Page_15"></a>[15]</span>
-Burke und Home, den Schweizern Bodmer und Breitinger,
-den Deutschen Mendelssohn, Nicolai und anderen geführt worden
-war. Speziell mit den beiden letzteren hatte er schon ein
-Jahrzehnt zuvor lange teils mündliche, teils schriftliche Diskussionen
-über Ursprung und Natur der tragischen Empfindungen
-gepflogen; ja in gewissem Sinne hatten ihn Mendelssohns
-»Betrachtungen über die Quellen und die Verbindungen
-der schönen Künste und Wissenschaften« auf das Thema
-seines »Laokoon« überhaupt gebracht. Und außerdem wollte
-er Ordnung auch in der <em class="gesperrt">Praxis</em> der bildenden und der
-Dichtkunst schaffen: den Hang zur Allegorie (z. B. Oeser)
-in jener, den Hang zur Schilderungssucht (Haller, Brockes,
-Ewald v. Kleist und Geßner) in dieser bekämpfen. Und das
-ist ihm denn auch, wenigstens für Poesie, so ziemlich gelungen:
-er hat der bis dahin fast allgemein geübten unkritischen
-Vermischung der Künste, die nach der blendenden Antithese
-des griechischen Dichters Simonides die Dichtkunst einfach zu
-einer »redenden Malerei«, die bildende zu einer »stummen
-Poesie« machen wollte, den kritischen Todesstoß versetzt. Dem
-Gebiet der bildenden Künste wies er die im Raume <em class="gesperrt">neben</em>einander
-geordneten sichtbaren <em class="gesperrt">Körper</em>, dem der redenden
-das in der Zeitfolge <em class="gesperrt">nach</em>einander geordnete Gebiet der
-<em class="gesperrt">Handlung</em> zu.</p>
-
-<p>Gewiß, viele seiner Einzelansichten sind durch die moderne
-Kunstentwicklung und Kunstanschauung, ja zum Teil schon
-durch die frühere Kunstpraxis überholt. Wir werden z. B.
-heute nicht mehr so einseitig wie Lessing der antikisierenden
-Anschauung Winckelmanns folgen und allein die Schönheit,
-nicht die Wahrheit des Ausdrucks für den höchsten Zweck der
-bildenden Kunst erklären. Wir werden nicht so einseitig wie
-er die Form vor der Farbe, die Plastik vor der Malerei bevorzugen.
-Und wenn er die Landschafts-, die Historien-, die
-Genre-, ja sogar die Porträtmalerei verwirft, wenn er infolgedessen
-die großen Niederländer, sogar einen Rembrandt geringschätzt,
-was bleibt dann schließlich von der Malerei noch übrig?
-Es rächt sich hier, daß Lessing, ähnlich wie Kant, obschon wohl
-in nicht so starkem Maße wie dieser, die lebendige Anschauung,
-ja wohl auch die warme Empfänglichkeit für die großen
-Werke der bildenden Künstler der Renaissance, der Spanier,<span class="pagenum"><a id="Page_16"></a>[16]</span>
-der Niederländer gemangelt hat. Ist er doch, als er endlich mit
-sechsundvierzig Jahren vom Frühjahr bis in den Winter 1775
-Italien bereisen konnte, freilich als offizieller Reisebegleiter
-eines unreifen Prinzen und seines militärischen Gouverneurs,
-wenn anders wir nach den trockenen und dürftigen Notizen
-seines Tagebuches schließen dürfen, selbst dort von den Wundern
-der Natur und Kunst, die nach ihm so viele Nordländer
-entzückt haben, anscheinend wenig ergriffen worden. In ihm
-herrschte eben, ähnlich wieder wie bei dem ihm überhaupt in
-so mancher Hinsicht geistesverwandten Kant, auch in Kunstdingen
-die norddeutsche Reflexion, der eindringende Scharfsinn,
-die Neigung zum psychologischen Zergliedern vor, gegenüber
-der Gefühlswärme eines Herder, eines Goethe oder gar
-eines Heinse.</p>
-
-<p>Auch in seinem eigentlichen Felde, der Poesie, wird man
-seiner Bevorzugung des Epos und des später noch besonders
-zu erörternden Dramas vor der Lyrik nicht zuzustimmen
-brauchen. Obwohl im Grunde doch auch für die Lyrik sein oberstes
-Kunstgesetz zutrifft, wenn man bloß für »Handlung« das
-sinnverwandte »Bewegung« einsetzt, die auch durch die zarteste
-Stimmungs- oder Liebespoesie, ja <em class="gesperrt">gerade</em> durch diese (man
-denke etwa an Goethes Sesenheimer Lieder), wenn ebenso
-auch »Handlung« selbst durch Goethes, Schillers und Uhlands
-Balladen geht. Ja man könnte in Anwendung eines bekannten
-Wortes von Kant über Plato, daß man ihn besser verstehen
-könne, als er sich selbst verstand, untersuchen, ob nicht
-aus Lessings Gedanken noch andere und fruchtbarere Folgerungen
-zu ziehen sind, als er selbst sie in dem ja leider unvollendet
-gebliebenen »Laokoon« gezogen hat. So könnte man
-mit Schrempf aus dem Motiv der <em class="gesperrt">Liebe</em>, die nach der Einleitung
-»den großen alten Meistern die Hand zu führen nicht
-müde geworden«, anknüpfend an den platonischen Eros, von
-der bildenden auch nach der Dichtkunst die Linien hinüberziehen
-und als deren eigentlichen Gegenstand den »menschlichen
-Helden« hinstellen, wie ihn der »Laokoon« in dem Philoktet
-des Sophokles zeichnet, der weder weichlich noch verhärtet
-ist, und von dem er sagt, er sei »das Höchste, was die
-Weisheit hervorbringen, die Kunst nachahmen kann«. Für
-das Auge der Liebe dürfte auch, wie Schrempf feinsinnig bemerkt,<span class="pagenum"><a id="Page_17"></a>[17]</span><a id="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a>
-der scharfe Gegensatz von Schönheit und Wahrheit des
-Ausdrucks, den Lessing selbst noch zieht, nicht vorhanden sein.
-Wir lieben doch einen Menschen und deshalb auch seine Nachbildung
-in der Kunst (man denke namentlich an die religiöse
-Malerei!), wenn aus seinen Zügen eine schöne Seele spricht,
-auch wenn er auf körperliche Schönheit keinen Anspruch machen
-kann. Auch der Bildner des Laokoon erregt mein ästhetisches
-Wohlgefallen doch nur dadurch, daß er mir dessen Seelengröße
-bei allen seinen Qualen zeigt. Lessing kann und will vielleicht
-auch nicht mehr behaupten, als daß die griechischen Künstler
-selbst in der Darstellung der Leidenschaft, mithin des Ausdrucks,
-die Rücksicht auf die schöne Form nie vergessen haben.</p>
-
-<p>Es ist schade, daß der »Laokoon« ein Torso geblieben ist.
-Schon deshalb, weil Lessing sich in dem Vorliegenden fast
-ganz auf den Unterschied von Poesie und »Malerei« in der
-Darstellung sinnlich sichtbarer Gegenstände beschränkt hat. Wie
-er schon in seiner Abhandlung über die <em class="gesperrt">Fabel</em> (1759) auch
-für deren Erzählung eine Handlung, d. h. eine Folge von Veränderungen,
-die ein Ganzes ausmachen, gefordert hatte, so
-wollte er, wie die in seinem Nachlaß enthaltenen Entwürfe
-zeigen, in der beabsichtigten Fortsetzung des »Laokoon« seine
-Haupt- und Grundsätze auf alle wichtigen Stilfragen ausdehnen
-und nicht bloß die redende und bildende Kunst (darunter
-gewiß auch die im »Laokoon« vernachlässigte Baukunst),
-sondern auch die Musik, ja sogar die Tanzkunst bis zu einem
-gewissen Grade in den Kreis seiner Untersuchung ziehen.</p>
-
-<p>Seine Eigenart freilich und das Geheimnis seiner heute
-noch fortdauernden Wirkung auf uns liegt, wie wir es zum
-Teil schon sahen, nicht in dem systematischen Abschließen, sondern
-in dem stets lebendigen Forschen, das auch den Leser zum
-Mitphilosophieren zwingt. Er verschmäht absichtlich für seine
-im letzten Grunde sehr überdachten Untersuchungen die feste
-systematische Form. Er will, weder mit seinem »Laokoon«
-noch später mit seiner »Hamburger Dramaturgie«, ein ästhetisches
-Lehrbuch liefern, wie es nicht lange vorher, als erster
-in Deutschland, der Hallenser Professor Baumgarten mit seiner
-»Ästhetica«, trocken und pedantisch genug, der gelehrten<span class="pagenum"><a id="Page_18"></a>[18]</span>
-Welt gegeben hatte. »An systematischen Lehrbüchern«, bemerkt
-&ndash; auch für unsere Zeit noch sehr passend &ndash; gleich die Vorrede
-zum »Laokoon«, »haben wir Deutsche überhaupt keinen
-Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen in
-der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten,
-darauf verstehen wir uns trotz einer Nation der Welt.« Lessing
-dagegen wählt mit Absicht den scheinbar regellosen Weg
-des bald hierhin, bald dorthin ablenkenden Spaziergängers,
-geht von lebendigen Beispielen, sei es der bildenden Kunst
-oder der dichterischen Praxis des Sophokles und vor allem
-des ewig jungen Vaters Homer aus, um aus ihnen erst zum
-Schluß einige wenige allgemeine Gesetze abzuleiten. Erst der
-sechzehnte Abschnitt beginnt, nach einem in der Mitte abgebrochenen
-Satze, mit den Worten: »Doch ich will versuchen,
-die Sache aus ihren ersten Gründen herzuleiten.« Gerade
-darum eignen sich seine wichtigsten kunstphilosophischen Schriften,
-nicht zu vergessen auch die schöne Abhandlung »Wie die
-Alten den Tod gebildet«, noch heute so gut zur Lektüre unserer
-Primaner und Primanerinnen: nicht etwa als unantastbare
-Regel und Richtschnur, sondern als beständiger Anreiz
-zu eigenem Nachdenken, als Anknüpfungspunkt zu weiterführenden,
-vielleicht mit einem anderen Ergebnis oder besser
-noch mit der Aussicht auf neu sich auftuende Fragen schließenden
-Erörterungen. Sie sind zugleich ein treffliches Vorbild
-für den zukünftigen Schriftsteller oder Redner, daß er uns
-seine Gedanken nicht als fertige vortrage, sondern sie vor unseren
-Augen, ja in unserer Seele erst entstehen lasse, wie
-Homer den Schild des Achilleus.</p>
-
-<p>Daß neben den entdeckten obersten Kunstgesetzen auch noch
-eine Fülle fruchtbarer ästhetischer Einzelbegriffe gefunden
-oder festgestellt wird, wie die Wahl des fruchtbarsten Augenblicks
-für den Dichter und den bildenden Künstler, die Bestimmung
-des Reizes als der »Schönheit in Bewegung«, die
-Behandlung des Lächerlichen und des Häßlichen, des Furchtbaren,
-des Gräßlichen und des Ekelhaften, sei nur nebenher
-erwähnt. Auch die Beziehungen der Kunst zum Staat, zur
-Religion werden, wie jeder Leser des »Laokoon« weiß, bereits
-in den einleitenden Erörterungen berührt. Und seine
-letzte kunstphilosophische Abhandlung »Wie die Alten den Tod<span class="pagenum"><a id="Page_19"></a>[19]</span>
-gebildet« &ndash; nämlich nicht als Knochengerippe wie die Nordländer,
-selbst ein Holbein, Dürer oder Rethel, sondern als den
-Bruder des Schlafes &ndash; schließt mit einer tiefempfundenen
-und sehr zu denken gebenden, gegen eine kunstfeindliche Richtung
-innerhalb des Protestantismus gerichteten Bemerkung
-über das Verhältnis von Kunst und Religion: »Nur die mißverstandene
-Religion kann uns von dem Schönen entfernen;
-es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene
-wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt.«</p>
-
-<p>So wirkte denn der »Laokoon« schon zur Zeit seines Erscheinens
-mächtig auf alle freieren Geister in der bildenden
-Kunst und der Dichtung. Ein neuerer Gelehrter hat sich die
-Mühe genommen, alle erreichbaren Urteile der Zeitgenossen
-über die einzelnen Schriften Lessings zusammenzutragen.
-Aber wir bedürfen für unseren philosophischen Zweck nicht
-solches philologischen Sammelns teilweise doch ganz wertloser
-Äußerungen von Krethi und Plethi. Uns genügt zu
-einer nochmaligen Schlußbeleuchtung von Lessings kunstkritischer
-Tat das Urteil des einen <em class="gesperrt">Goethe</em>, wie es sich im
-achten Buche des zweiten Teiles von »Dichtung und Wahrheit«
-findet. »Man muß Jüngling sein,« so schreibt er noch
-nach vierundeinhalb Jahrzehnten und doch mit lebendigster
-Erinnerung an die eigene Jünglingszeit, »um sich zu vergegenwärtigen,
-welche Wirkung Lessings ›Laokoon‹ auf uns
-ausübte.« Die »Wir«, das ist die junge Generation, die eine
-neue Blütezeit der deutschen Dichtung erstrebte und auch erreicht
-hat; nicht die alte, absterbende: die trockenen Gottschedianer
-auf der einen, die empfindsame und in breiten Beschreibungen
-sich ergehende sogenannte »Schweizer« Schule
-der Haller, Bodmer und Breitinger auf der anderen Seite,
-und doch auch die Männer des alten Geschmacks, die dem deutschen
-Dichtergenius noch nichts zutrauten, und zu denen selbst
-so große Geister wie Immanuel Kant und Friedrich der Große
-gehörten. Goethe fährt fort &ndash; und nun kommt der feinste
-und wichtigste Zug seiner Charakteristik&nbsp;&ndash;: »indem uns dieses
-Werk aus der Region eines kümmerlichen <em class="gesperrt">Anschauens</em> in
-die freien Gefilde des <em class="gesperrt">Gedankens</em> hinriß.« Mit dem kümmerlichen
-Anschauen wird er wohl weniger das Gebiet der<span class="pagenum"><a id="Page_20"></a>[20]</span>
-bildenden Kunst gemeint haben, denn hier hatte Johann
-Winckelmann bereits ein Jahrzehnt zuvor durch seine »Gedanken
-über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei
-und Bildhauerkunst« (1755) und von neuem eben erst
-(1764) durch seine »Geschichte der Kunst des Altertums« revolutionierend
-gewirkt,<a id="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a> sondern die Poesie. Die »Anschauung«
-muß auch auf dem Felde der Ästhetik durch den »Gedanken«
-oder, wie es kurz vorher bestimmter heißt, durch den
-»Begriff« erst erleuchtet, gewissermaßen erst sehend gemacht
-werden. Denn, wie Kant an einer bedeutsamen Stelle seiner
-»Kritik der reinen Vernunft« es formuliert: Begriffe ohne
-Anschauungen sind freilich »leer«, aber Anschauungen ohne
-Begriffe sind »blind«. Die so lange aus Mißverständnis
-beider Kunstarten hervorgegangene Vermischung und Verwischung
-von bildender und redender Kunst, wie sie in jener
-glänzenden Antithese des Simonides von der Poesie als redender
-Malerei und der Malerei als der stummen Poesie lag,
-sie war nach Goethes Ausdruck nun durch die Tat Lessings
-»auf einmal beseitigt« worden; die Gipfel beider Künste »erschienen
-nun getrennt«, wie nahe auch ihre »Basen« in dem
-schöpferischen Urquell alles Kunstschaffens überhaupt »zusammenstoßen
-mochten«. Und wenn er dann zum Schlusse ausführt,
-daß sie, d. h. die junge Generation, daraufhin »alle bisherige
-anleitende und urteilende Kritik wie einen abgetragenen
-Rock weggeworfen« hätten, so hat er damit die epochemachende
-tatsächliche Wirkung der Lessingschen Kunstschrift
-noch nach 45 Jahren aufs stärkste gekennzeichnet. In der Tat
-hat denn auch der »Laokoon« in dem nächsten Vierteljahrhundert
-nach seinem Erscheinen nach dem Urteil Wilhelm
-Diltheys »alle ästhetische und literarische Kritik bestimmt«, bis
-1790 ein noch Größerer kam, Kant mit seiner »Kritik der Urteilskraft«,
-die Schiller und Goethe, wie wir später sehen
-wollen, zusammenführen sollte. Allein nicht bloß die ästhetische
-Theorie, auch das dichterische Schaffen selbst hat der
-»Laokoon« nachhaltig beeinflußt. Das haben nicht bloß Herder
-und Wieland dankbar anerkannt (der letztere z. B. bemerkt<span class="pagenum"><a id="Page_21"></a>[21]</span>
-einmal an einer Stelle, wo er sich in eine längere poetische
-Beschreibung einlassen will: »Hier zupft mich Lessing am
-Ohr!«), das haben auch Schiller und Goethe selber praktisch
-beachtet. Denken wir nur an Schillers großes kulturphilosophisches
-Gedicht »Der Spaziergang« &ndash; welcher Unterschied
-gegen die trockenen Lehrgedichte eines Pope und Haller! &ndash;
-oder an »Hermann und Dorothea« mit dem Gang der Löwenwirtin
-durch ihr Besitztum. Und ihnen nach, bewußt oder unbewußt,
-unsere besten neueren Dichter: die Gottfried Keller,
-Konrad Ferdinand Meyer, Theodor Storm und andere.</p>
-
-<p>Doch es wird Zeit, daß wir uns der <em class="gesperrt">zweiten</em> großen
-ästhetischen Tat Lessings zuwenden, seiner</p>
-
-<h4>Hamburger Dramaturgie</h4>
-
-<p>Wenn das Wesen der Poesie Handlung ist, so stellt ihren
-Höhepunkt die <em class="gesperrt">dramatische</em> Dichtung dar, die ihren Namen
-ja vom griechischen Worte (<em class="antiqua">drān</em>) für »handeln« hat und
-in »Akte«, d. h. Handlungen, zerfällt. War dies Thema im
-»Laokoon« nur gestreift worden, so kehrte Lessing in seiner
-»Hamburger Dramaturgie« zu der theoretischen Behandlung
-seines alten Lieblingsfeldes, des Schauspiels, zurück, dem er
-inzwischen durch seine »Minna von Barnhelm« eine seiner
-unvergänglichsten Gaben geschenkt hatte.<a id="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> Auch diesmal wieder
-geht er, ja in noch weit höherem Grade als beim »Laokoon«,
-von der Praxis aus: den Ausführungen des neugegründeten,
-als großes deutsches Nationaltheater geplanten, leider aber
-nach kaum zwei Jahren aus Mangel an Interesse der maßgebenden
-Kreise gescheiterten Hamburger Schauspielhauses,
-zu dessen dramatischem Berater er gewählt worden war. Aus
-seiner Besprechung dieser Aufführungen, die sich infolge
-äußerer Umstände immer mehr auf die theoretische Seite beschränkte,
-erwuchs die berühmte »Hamburger Dramaturgie«
-(1767 bis 1769): jenes Buch, dessen Verfasser dramatischer
-Theoretiker, erfahrener Theatermann und dramatischer Dichter
-zugleich war, also alle drei erforderlichen Eigenschaften in
-gleichem Maße besaß; jenes Buch, von dem Gervinus in seiner<span class="pagenum"><a id="Page_22"></a>[22]</span>
-»Geschichte der deutschen Dichtung« (IV, S.&nbsp;399) sagt: er kenne
-»kein Buch, bei dem ein deutsches Gemüt über den Widerschein
-echt deutscher Natur, Tiefe der Erkenntnis, Gesundheit
-des Kopfes, Energie des Charakters und Reinheit des Geschmacks
-innigere Freude und gerechtfertigteren Stolz empfinden
-dürfte«.</p>
-
-<p>Wenn das Drama nach Diltheys zutreffendem Wort eine
-vollendet vergegenwärtigte Handlung ist, die Form der Handlung
-aber nur in der <em class="gesperrt">Einheit</em> gefunden werden kann, so
-bedarf gerade das Drama vor allem strengster Einheit der
-Handlung. Die von den französischen Ästhetikern und ihren
-Nachtretern, den deutschen Gottschedianern geforderten und
-dann in der dramatischen Praxis der Zeit fast ausnahmslos
-bis zur Schablone mit pedantischer Ängstlichkeit durchgeführten
-zwei weiteren »Einheiten« des Ortes und der Zeit, wonach
-die Handlung sich binnen vierundzwanzig Stunden womöglich
-in demselben Raume abspielen mußte, sind mithin
-unerheblich. Die stärkste Wirkung entfaltet die <em class="gesperrt">tragische</em>
-Handlung. Wenn aber weiter alles menschliche Tun dem
-unterschiedslosen Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt,
-so muß auch die von dem genialsten und scheinbar
-regellosesten aller bisherigen Dramatiker, dem großen Shakespeare,
-geschaffene dichterische Welt ebenfalls einen lückenlosen
-Zusammenhang der inneren und äußeren Motivierung dieser
-Handlungen aufweisen. Eine jede von ihnen muß aus dem
-Charakter der handelnden Personen und der sie umgebenden
-Welt (ihrem »Milieu«) notwendig hervorgehen, genauer hervorzugehen
-scheinen. Die Tragödie insbesondere muß uns
-mitten in die tragischen Charaktere, in das Werden ihrer
-Leidenschaften versetzen, so lebendig, daß auch dem Zuschauer
-oder Leser alles klar und durchsichtig vor die Seele tritt. »Wir
-müssen bei jedem Schritt, den der Poet seine Personen tun
-läßt, bekennen: wir würden ihn in dem nämlichen Grade
-der Leidenschaft, bei der nämlichen Lage der Sache selbst getan
-haben.«</p>
-
-<p>Unserem Ästhetiker scheint daher, wie schon dem alten Aristoteles
-in seiner »Poetik«, die Tragödie einen viel philosophischeren
-Charakter zu besitzen als die <em class="gesperrt">Geschichte</em>. Denn »auf
-dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder jener<span class="pagenum"><a id="Page_23"></a>[23]</span>
-einzelne Mensch getan <em class="gesperrt">hat</em>, sondern« &ndash; was Lessing offenbar
-für eine philosophische Einsicht hält &ndash; »was jeder Mensch
-unter gewissen gegebenen Umständen tun <em class="gesperrt">werde</em>«. Man
-kann bestreiten, ob die recht verstandene Geschichte wirklich vom
-philosophischen Standpunkt aus dem Drama untergeordnet
-ist. Tiefere Geschichtschreiber und Geschichtsphilosophen werden
-es nicht zugeben. Sagt doch z. B. Auguste Comte, gerade
-die Geschichte lehre <em class="antiqua">savoir pour prévoir</em>, »wissen, um vorauszuwissen«!
-Diese Frage steht überhaupt auf einem anderen
-Blatte, und wir wollen ihr jetzt nicht weiter nachgehen.
-Die Hauptfrage ist für den Dichter wie für den Theoretiker
-der Tragödie eine andere, die rein subjektive: Welches Gefühl
-soll die echte Tragödie im Gemüt des Zuschauers erwecken?</p>
-
-<p>Damit kommen wir zu der berühmten aristotelischen Begriffsbestimmung
-des Trauerspiels, von der uns hier nur
-der Schlußgedanke angeht, daß sie »vermittels des <em class="gesperrt">Mitleids</em>
-und der <em class="gesperrt">Furcht</em> die Reinigung derartiger Leidenschaften
-hervorbringt«. Wir wollen uns nicht mit den Einzelheiten
-dieser berühmten Definition, die bekanntlich eine ganze
-Literatur für sich hervorgebracht hat, aufhalten, z. B. mit der
-Frage, ob die »Reinigung« (Katharsis) eine Läuterung <em class="gesperrt">der</em>
-genannten beiden Leidenschaften selbst oder eine Befreiung
-<em class="gesperrt">von</em> ihnen bedeutet. Auch, ob »Furcht« bei Aristoteles in dem
-von Lessing angenommenen Sinne gemeint ist, sie sei »das
-auf uns selbst bezogene Mitleid«, mag zweifelhaft bleiben.
-Wir sind überhaupt nicht der von Lessing noch mit den meisten
-seiner Zeitgenossen geteilten Meinung, daß Aristoteles in
-diesen Dingen eine unfehlbare Richtschnur darstelle. Das
-Wesentliche scheint mir vielmehr mit Dilthey darin zu liegen,
-daß Lessing, ob mit oder ohne Aristoteles, das Mitleid in
-seiner ganzen Tiefe faßt, daß wir es uns erweitert denken
-müssen zum Mitempfinden überhaupt, gleichsam zum »Miterzittern
-unseres Innern«, wie wenn eine zweite Saite mit
-der zuerst angeschlagenen mitzutönen beginnt, so daß also
-neben der Mittrauer die Mit<em class="gesperrt">freude</em> mitumfaßt wird. So
-mußte Lessing den Kern der Handlung, den Kern der dramatischen
-Charaktere eines Shakespeare und anderer Großen in
-der <em class="gesperrt">freien</em>, lebendigen <em class="gesperrt">Bewegung großer Leidenschaften</em><span class="pagenum"><a id="Page_24"></a>[24]</span>
-erblicken, wie er schon im »Laokoon« das Stoische
-als »untheatralisch« bezeichnet und die bloße Bewunderung
-einen »kalten Affekt« genannt hatte. Damit aber legt er den
-letzten Grund des dichterischen Schaffens in die Hand des
-<em class="gesperrt">Genies</em>.</p>
-
-<p>Man hat Lessing häufig der Genieperiode des achtzehnten
-Jahrhunderts schroff entgegengesetzt. Gewiß, er hat deren
-Ausartungen nicht gebilligt. Und er selbst hat in dem Epilog
-zu seiner »Dramaturgie« allzu bescheiden von sich behauptet,
-nicht einmal ein Dichter, viel weniger ein Genie zu sein: »Ich
-fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft
-sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen,
-so reinen Strahlen aufschießt; ich muß alles durch Druckwerk
-und Röhren aus mir herauspressen.« Sicherlich, die <em class="gesperrt">kritische</em>
-Ader war in ihm stärker als die <em class="gesperrt">produktive</em>
-Schöpferkraft. Aber schon Goethe hat auf diese Selbstbezweifelung
-die richtige Antwort gegeben: »Lessing wollte den hohen
-Titel eines Genies ablehnen, aber seine dauernden Wirkungen
-zeugen wider ihn selber.« Erinnern wir uns auch seiner
-Jugendverse vom Adlerflug des Genies (S.&nbsp;<a href="#Page_6">6</a>&nbsp;f.). Er ist jedenfalls
-nicht bloß selbst ein großes kritisches Genie gewesen,
-sondern hat vor allem auch das Wesen des Genies begriffen
-und seinen Alleinwert für die Dichtkunst gewürdigt. Ich gebe
-Ihnen im folgenden einige seiner Aussprüche wieder. Das
-Genie trägt nach ihm die Probe der Regeln in sich, es ist der
-geborene Kunstrichter und lacht über die Grenzscheidungen
-der Kritik. Es beweist durch die Tat, d. h. durch sein Werk,
-was möglich ist. Aus sich selbst, aus seinem eigenen Reichtum
-bringt es alle seine Schöpfungen hervor. Das höchste Genie,
-den göttlichen Schöpfer, im kleinen nachahmend, schafft sich
-seine eigene Welt. Freilich an anderen Stellen heißt es doch
-wieder im Geiste der <em class="gesperrt">alten</em> Zeit: mit Absicht dichten, d. h.
-mit Absicht »nachahmen« sei eben das, was das Genie von
-den kleinen Dichtern und Künstlern unterscheide. Zu dem
-ganz freien Begriff des Genies, wie ihn Kants »Kritik der
-Urteilskraft« lehrt, ist Lessing mithin doch nicht völlig vorgedrungen.</p>
-
-<p>Auch klebt er noch zu fest an den aristotelischen Begriffen:
-er hat sich von dem Einfluß der antiken Schicksalstragödie,<span class="pagenum"><a id="Page_25"></a>[25]</span>
-die er in Sophokles verehrte, zu der rein modernen Charaktertragödie,
-welche die Katastrophe einzig und allein aus
-der tragischen Schuld des Helden herleitet, noch nicht gänzlich
-durchgerungen. Im letzten Grunde darf doch die Tragödie
-sich nicht damit begnügen, bloß die Darstellung einer rührenden,
-unser Mitleid erregenden Handlung zu sein; sondern
-muß uns durch den in ihr sichtbar werdenden, wenigstens
-<em class="gesperrt">inneren</em> Triumph der sittlich-vernünftigen Weltordnung
-befreien und erheben. Deshalb befriedigt uns z. B. der Ausgang
-von Schillers »Räubern« oder »Luise Millerin« mehr
-als der von Hauptmanns »Webern«, was ich übrigens zu meiner
-Freude schon in Abiturientenaufsätzen westfälischer Oberprimaner
-klar auseinandergesetzt fand.</p>
-
-<p>Mit seiner im Winter 1771/72 verfaßten »Emilia Galotti«,
-sozusagen der praktischen Verkörperung seiner dramatischen
-Theorie, schließt Lessings ästhetische Epoche ab; denn sein »Nathan«
-von 1776 dient anderen Zwecken. Noch einmal legt er
-hier in deren erstem Aufzug dem Maler Conti geistvolle ästhetische
-Aussprüche in den Mund, wie die, daß »Raffael das
-größte malerische Genie gewesen wäre, auch wenn er unglücklicherweise
-ohne Hände wäre geboren worden«. Dann aber versiegt
-seine ästhetische Ader. Was er Ästhetisches der Welt zu
-sagen gehabt hatte, hatte er gesagt. Er wendet sich nun wieder
-den religiösen, zuletzt auch den geschichts-, staats- und allgemein-philosophischen
-Weltanschauungsfragen zu.</p>
-
-<p>Seine dramatischen Theorien aber haben auf Dichter,
-Ästhetiker und die praktischen Vertreter der Schauspielkunst
-nachhaltig eingewirkt. Wie wir bei dem »Laokoon« uns auf
-des einen Goethe Ausspruch bezogen haben, so möchten wir
-hier auch nur auf das Urteil unseres größten klassischen <em class="gesperrt">Dramatikers</em>
-hinweisen. Kein Geringerer als Friedrich Schiller
-schreibt am 4. Juni 1799 über die »Hamburger Dramaturgie«
-an Goethe: Lessing sei über das, was die Kunst betreffe,
-am klarsten gewesen, habe am schärfsten und zugleich am
-liberalsten darüber gedacht und das Wesentlichste, worauf es
-ankomme, am unverrücktesten ins Auge gefaßt. Und um zum
-Schlusse auch noch einen Mann der Praxis zu zitieren: der
-große Mime Eduard Devrient rühmt in seiner »Geschichte
-der deutschen Schauspielkunst« gerade Lessing auch als deren<span class="pagenum"><a id="Page_26"></a>[26]</span>
-Befreier: »Von nun an war der Schauspieler von allem Herkömmlichen,
-von allen Kunstmustern wieder unmittelbar an
-die Natur gewiesen. Er hatte Menschen, er hatte Leidenschaften,
-Schwächen und Tugenden darzustellen, Gedanken und
-Empfindungen auszusprechen; wie er sie kannte, wie er sie
-im eigenen Leben fand. Die Geschichte des deutschen Herzens
-war Gegenstand seiner Kunst geworden.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="lessing_c"><em class="antiqua">C.</em> Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780</h3>
-
-<p class="h3">Religionsphilosophie</p>
-</div>
-
-<p>Im Mai 1770 hatte Lessing seine erste und &ndash; letzte amtliche
-Stellung angetreten: die eines Bibliothekars an der
-berühmten <em class="gesperrt">Wolfenbütteler</em> Bibliothek, bei deren reichen
-Bücherschätzen er sich zunächst, trotz aller Einsamkeit, ganz
-wohl fühlte. Unter ihren ungefähr sechstausend Handschriften
-hatte er bereits im selben Sommer eine längst verloren geglaubte
-Abhandlung des berühmten Frühscholastikers <em class="gesperrt">Berengar</em>
-von Tours über die Abendmahlslehre entdeckt, über
-die er dann im Oktober desselben Jahres einen ausführlichen
-Vorbericht herausgab. Uns interessiert hier nicht die theologische
-Seite des Problems, insbesondere ob und wieweit Lessings
-Behauptung berechtigt ist, daß Berengars Auffassung
-derjenigen Luthers verwandt sei, wodurch er sich, wie er seiner
-späteren Gattin Eva König ironisch schreibt, bei »unseren
-lutherischen Theologen in den lieblichen Geruch von Rechtgläubigkeit
-setzte« und namentlich seinem alten Vater noch
-eine letzte Freude bereitete. Für ihn war das Ganze nur eine
-historisch-kritische Frage; denn er persönlich hatte längst der
-dogmatischen Auffassung Lebewohl gesagt, die Friedrich II.
-einmal gegen Voltaire »das empörendste und für das höchste
-Wesen beleidigendste Dogma« und zugleich »den Gipfel der
-Tollheit und des Blödsinns« erklärt hat, weil es darin bestehe:
-»seinen Gott zu <em class="gesperrt">essen</em>«. Sondern uns interessieren
-auch hier wieder mehr seine beiläufigen Bemerkungen. Berengar
-war für sein zeitgenössisches elftes Jahrhundert ein
-Aufklärer und ein Ketzer gewesen. Dazu bemerkt der ihm
-geistesverwandte Lessing: »Das Ding, was man <em class="gesperrt">Ketzer</em>
-nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der mit<span class="pagenum"><a id="Page_27"></a>[27]</span>
-seinen <em class="gesperrt">eigenen</em> Augen wenigstens hat sehen wollen. Die
-Frage ist nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er
-selbst sehen wollen. Ja, in gewissen Jahrhunderten ist der
-Name Ketzer die größte Empfehlung, die von einem Gelehrten
-auf die Nachwelt gebracht werden können.« Berengar hatte
-sich zuletzt freilich, wie so viele nach ihm, der Kirche »löblich
-unterworfen«. Dazu meint der Aufklärer des achtzehnten
-Jahrhunderts: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und
-Leben der Wahrheit aufzuopfern&nbsp;… Aber das, weiß ich, ist
-Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie <em class="gesperrt">ganz</em> oder <em class="gesperrt">gar
-nicht</em> zu lehren, sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung,
-ohne Mißtrauen in ihre Kraft und Nützlichkeit zu
-lehren&nbsp;…« Ewig denkwürdige, ewig nachahmenswerte Worte!
-Und er läßt auch den Einwurf nicht gelten, daß die Vorurteile
-und Eindrücke unserer ersten Erziehung doch nie auszurotten
-wären. Im Gegenteil, »die Begriffe, die uns von
-Wahrheit und Unwahrheit in unserer Kindheit beigebracht
-werden, sind gerade die allerflachsten, die sich am allerleichtesten
-durch selbsterworbene Begriffe auf ewig überstreichen lassen«.</p>
-
-<p>Der zweite Fund (1773) betraf eine Vorrede Leibnizens zu
-der Abhandlung eines Altorfer Gelehrten »<em class="gesperrt">Von den ewigen
-Strafen</em>«. Auch hier setzte sich Lessing zum Erstaunen
-seiner aufklärerischen Berliner Freunde dafür ein, daß
-die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen konsequenter
-sei und deshalb auch von dem großen Leibniz, »der, wenn es
-nach mir ginge, nicht eine Zeile vergebens müßte geschrieben
-haben«, eher habe verteidigt werden können als die mildere
-Auffassung des rationalistischen Theologen Eberhard. Von
-dem »rohen und wüsten Begriff, in dem so mancher Theologe
-diese Lehre nimmt«, könne selbstverständlich bei einem Manne
-wie Leibniz keine Rede sein. Die »Hölle« ist »nichts anderes
-als der Inbegriff der <em class="gesperrt">natürlichen</em> Strafen«. Seine bei
-dieser Gelegenheit verteidigte Unterscheidung von »exoterischer«,
-d. h. für die große Masse, und »esoterischer«, für die
-tiefer Denkenden bestimmter Lehre scheint freilich in geradem
-Widerspruch zu seinem vorhin zitierten schönen Worte von
-der Pflicht zur Wahrheit zu stehen.</p>
-
-<p>Deutlicher drückt er sich darüber in einem Briefe vom 2. Februar
-1774 an seinen Bruder Karl aus, der ihm offenbar<span class="pagenum"><a id="Page_28"></a>[28]</span>
-seine Gegnerschaft gegen die »Aufklärung« vorgeworfen hatte.
-»Ich sollte es der Welt mißgönnen, daß man sie mehr aufzuklären
-suche? Ich sollte es nicht von Herzen wünschen, daß
-ein jeder über die Religion vernünftig denken möge?« Er
-würde sich selbst verabscheuen, wenn er bei seinen »Sudeleien«
-einen anderen Zweck verfolgt hätte! Er wolle nur nicht, daß
-das »unreine Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen«,
-eher »weggegossen« würde, als »bis man weiß, woher reineres
-nehmen«. »Mit der <em class="gesperrt">Orthodoxie</em> war man, Gott
-sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der
-<em class="gesperrt">Philosophie</em> eine Scheidewand gezogen, hinter welcher
-eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu
-hindern. Aber was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand
-nieder und macht uns unter dem Vorwand, uns zu
-vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen
-Philosophen.«</p>
-
-<p>Gotthold Lessing ist also im letzten Grunde viel radikaler
-als sein jüngerer Bruder, der die neumodische Aufklärungstheologie
-in Schutz nimmt, welche den »gereinigten« christlichen
-Glauben <em class="gesperrt">beweisen</em> will. Sein Widerspruchsgeist und
-seine dialektische Kunst verleitet ihn jedoch, auch in der folgenden
-Schrift, die sich wiederum mit einem Leibnizschen Aufsatz,
-diesmal gegen »des Andreas Wissowatius Einwurf wider
-die <em class="gesperrt">Dreieinigkeit</em>«, also einem anderen Hauptdogma
-des Christentums, beschäftigt, allzu sehr die Partei der angegriffenen
-Orthodoxie zu nehmen. Er geht in dieser Dialektik
-sogar so weit, daß er einmal meint, »einer übernatürlichen geoffenbarten
-Wahrheit, die wir <em class="gesperrt">nicht verstehen sollen</em>«,
-gereiche diese »Unverständlichkeit« gerade zum »undurchdringlichsten
-Schilde«; womit wir dann glücklich bei des alten
-Kirchenvaters <em class="antiqua">Credo, quia absurdum</em> (Ich <em class="gesperrt">glaube</em>, weil
-es vernunftwidrig ist) angekommen wären. Daß das nicht
-seine wirkliche An- und Absicht war, sollte sich bald in einem
-größeren Waffengang zeigen.</p>
-
-<p>Es trat schon hervor in einer seiner bereits (S.&nbsp;<a href="#Page_8">8</a>) erwähnten
-»Rettungen«: »Von Adam Neusern einige authentische
-Nachrichten« (1774): in gewisser Hinsicht einer unmittelbaren
-Ergänzung zu der Wissowatius-Schrift. Adam <em class="gesperrt">Neuser</em> war
-ein in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts in<span class="pagenum"><a id="Page_29"></a>[29]</span>
-Heidelberg als Pfarrer wirkender Bekämpfer der Dreieinigkeitslehre,
-der dem Henkerschicksal seines Amtsbruders Sylvan
-und seines berühmteren Vorgängers Servet in Genf (der
-bekanntlich wegen seines Glaubens an <em class="gesperrt">einen</em> Gott statt der
-offiziellen »Dreigötterei« [Tritheismus] von Kalvin, unter
-dem Beifall Luthers und Melanchthons, auf den Scheiterhaufen
-gebracht wurde) nur dadurch entging, daß er sich vor
-der Verfolgungswut seiner »christlichen« Amtsbrüder nach
-mancherlei Irrfahrten zu dem türkischen Großsultan rettete,
-unter dessen Schutz und in dessen Dienst als Dolmetscher er,
-Mohammedaner geworden, 1576 starb. Aus seinem von Lessing
-zum ersten Male veröffentlichten Schreiben an einen
-unbekannten Landsmann ergibt sich für einen Unbefangenen
-mindestens sein subjektiv gutes Bewußtsein. Allein, wie es
-sein Verteidiger bezüglich der leider zur Tat gewordenen Hinrichtung
-Sylvans ausführt, »die Theologen verlangten Blut,
-durchaus Blut«. Nicht einmal Zeit für »Besserung« zugestanden.
-»Nur erst den Kopf ab; mit der Besserung wird es sich
-schon finden, <em class="gesperrt">so Gott will</em>!« Woran Lessing den Stoßseufzer
-schließt: »Welch ein Glück, daß die Zeiten vorbei sind,
-in welchen solche Gesinnungen Religion und Frömmigkeit
-hießen! Daß sie wenigstens unter dem Himmel vorbei sind,
-unter welchem wir leben! Aber welch ein demütigender Gedanke,
-wenn es möglich wäre, daß sie auch unter diesem Himmel
-einmal wiederkommen könnten!«</p>
-
-<p>Den Aufsatz über Neuser veröffentlichte Lessing zusammen
-mit einem inhaltlich verwandten »<em class="gesperrt">Von Duldung der
-Deisten</em>«, das er als »Fragment eines <em class="gesperrt">Ungenannten</em>«
-bezeichnete. Dies Fragment, das er unter den neuesten Handschriften
-der Wolfenbütteler Bibliothek gefunden haben will,
-handelt, um mit Lessing zu reden, »von der Vortrefflichkeit
-und Hinlänglichkeit der natürlichen Religion« und fordert
-die Duldung für Anhänger, »welche sich«, wie der »Ungenannte«
-sich ausdrückt, »in der Erkenntnis und Verehrung
-Gottes bloß an die gesunde Vernunft halten«. Der Herausgeber
-beschränkt sich auf eine kurze Einleitung, in der er die
-Fragmente als »mit der äußersten Freimütigkeit, zugleich
-aber mit dem äußersten Ernst geschrieben«, kurz als die
-Schrift eines offen und »geradezu« redenden »wahren, gesetzten<span class="pagenum"><a id="Page_30"></a>[30]</span>
-Deutschen« charakterisiert; und auf einige angehängte
-Schlußseiten, auf denen er unter anderem die Gesinnung des
-Mohammedaner gewordenen Neuser mit der verwandten des
-»ungenannten« Deisten vergleicht, zum Schluß auch bereits
-sich ironisch über das heutige »vernünftige« Christentum
-äußert, von dem man nur »eigentlich nicht wisse, weder wo
-ihm die Vernunft noch wo ihm das Christentum sitzt«.</p>
-
-<p>Der wirkliche Verfasser war der im März 1768 verstorbene
-Hamburger Gelehrte und Gymnasialprofessor Hermann
-Samuel <em class="gesperrt">Reimarus</em>. Das von ihm hinterlassene, mehr als
-zweitausend Seiten starke Manuskript, das seine Tochter Elise
-dem ihr seit 1769 befreundeten Lessing anvertraut hatte, war
-betitelt »Apologie oder <em class="gesperrt">Schutzschrift für die vernünftigen
-Verehrer Gottes</em>«, womit die seit ihrem
-Aufkommen in England um 1700 so genannten »Deisten«,
-d. h. Anhänger eines allweisen und allgütigen Gottes, der
-jedoch die Welt bloß geschaffen hat, aber sie nachher ihren
-eigenen Gesetzen gemäß sich entwickeln läßt, gemeint sind.
-Das gründliche Buch des überaus ehrlichen, rechtschaffenen
-und selbständigen Verfassers stellt den vielleicht konsequentesten
-und scharfsinnigsten Angriff dar, der gegen das biblische
-Christentum und seine jüdische Vorstufe &ndash; der erste Teil
-kritisiert das Alte, der zweite das Neue Testament &ndash; bisher
-unternommen worden war. Reimarus bestreitet die Glaubwürdigkeit
-religiöser Offenbarungen, d. h. Mitteilung religiöser
-Wahrheiten an einzelne Personen bestimmter Zeiten
-und Völker, schon weil eine solche Ausnahmebehandlung Gottes
-Güte und Weisheit widersprechen würde. Zudem trage
-weder das Alte noch das Neue Testament den Charakter einer
-solchen Offenbarung. Sein Standpunkt ging also über den
-des damals den öffentlichen Geist beherrschenden sogenannten
-»aufgeklärten« oder »vernünftigen« Christentums an
-Folgerichtigkeit und Ehrlichkeit weit hinaus.</p>
-
-<p>Gerade deshalb hatte er unseren allen halben Wahrheiten
-abgeneigten Lessing angezogen, obschon dieser sich durchaus
-nicht mit ihm identifizierte, und er entschloß sich trotz des Abratens
-seiner Berliner Freunde, des weltklugen Nicolai und
-des zaghaften oder mindestens vorsichtigen Mendelssohn, zu
-der Veröffentlichung. Da aber die Berliner Zensur die Druckerlaubnis<span class="pagenum"><a id="Page_31"></a>[31]</span>
-verweigerte, so benutzte er die Zensurfreiheit seines
-Bibliothekamtes, um wenigstens die ihm am wichtigsten
-erscheinenden Abschnitte desselben als »Beiträge« aus den
-Papieren eines »Ungenannten« herauszugeben. Es sind die berühmt
-gewordenen »<em class="gesperrt">Wolfenbütteler Fragmente</em>«,
-die von ihm selbst zum Teil mit eigenen »Gegensätzen« versehen
-wurden. Das von uns bereits erwähnte 1774 veröffentlichte,
-inhaltlich noch sehr gemäßigte Fragment war ziemlich
-unbeachtet geblieben. Anders die fünf folgenden, 1777 zusammen
-herausgegebenen. Schon die Überschriften weisen auf
-den Inhalt. Sie lauten: 1. Von der Verschreiung der Vernunft
-auf den Kanzeln. 2. Unmöglichkeit einer Offenbarung,
-die alle Menschen auf eine gegründete Art glauben könnten.
-3. Durchgang der Israeliten durchs Rote Meer. 4. Daß die
-Bücher des Alten Testaments nicht geschrieben worden, eine
-Religion zu offenbaren. 5. Über die Auferstehungsgeschichte.</p>
-
-<p>Wie verhält sich nun Lessings eigener Standpunkt dazu?
-Lessing hat seine »allgemeine« Antwort in einer Reihe schlagender
-Sätze zusammengefaßt, die er später, einen jeden einzelnen,
-in glänzender Form gegen die Angriffe des Hauptpastors
-Goeze verteidigte und die seinen Standpunkt gegenüber
-der biblischen Überlieferung mit außerordentlicher Klarheit
-und Knappheit wiedergeben: 1. Die Bibel enthält offenbar
-mehr, als zur Religion gehört. 2. Es ist bloße Hypothese
-(Vermutung), daß die Bibel in diesem Mehreren gleich unfehlbar
-sei. 3. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist
-nicht die Religion. 4. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben
-und gegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen
-den Geist und gegen die Religion. 5. Auch war die Religion,
-ehe eine Bibel war. 6. Das Christentum war, ehe Evangelisten
-und Apostel geschrieben hatten. Es verlief eine geraume
-Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb, und eine sehr beträchtliche,
-ehe der ganze Kanon<a id="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">[4]</a> zustande kam. 7. Es mag also
-von diesen Schriften noch so viel abhangen, so kann doch unmöglich
-die ganze Wahrheit der christlichen Religion auf
-ihnen beruhen. 8. War ein Zeitraum, in welchem sie bereits
-so ausgebreitet war, in welchem sie sich bereits so vieler<span class="pagenum"><a id="Page_32"></a>[32]</span>
-Seelen bemächtigt hatte und in welchem gleichwohl noch kein
-Buchstabe aus dem von ihr aufgezeichnet war, was bis auf
-uns gekommen ist, so muß es auch möglich sein, daß alles,
-was die Evangelisten und Apostel geschrieben haben, wiederum
-verloren ginge und die von ihnen gelehrte Religion doch
-bestände. 9. Die Religion ist nicht wahr, weil die Evangelisten
-und Apostel sie lehrten, sondern sie lehrten sie, weil sie
-wahr ist. Endlich 10. Aus ihrer inneren Wahrheit müssen die
-schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle schriftlichen
-Überlieferungen können ihr keine innere Wahrheit
-geben, wenn sie keine hat.</p>
-
-<p>Man sieht, Lessings Standpunkt ist keineswegs radikal. Er
-wird heute von vielen protestantischen Theologen an Radikalismus
-weit überboten und muß eigentlich von jedem vernünftig
-denkenden Christen zugegeben werden. Aber Lessing
-geht in der Einleitung zu diesen Sätzen noch folgerichtiger
-vor und überwindet damit bereits &ndash; ähnlich wie später Kant
-und noch prinzipieller Schleiermacher &ndash; den Standpunkt der
-»Aufklärung«. Er, der Held des klaren Verstandes, gründet
-gleichwohl die Religion auf ihren wahren Quell: das <em class="gesperrt">Gefühl</em>.
-Möchten auch sämtliche Einwände des »Ungenannten«
-dem kritischen Verstand unwiderlegbar erscheinen, so könnte
-nur der gelehrte <em class="gesperrt">Theologe</em> darüber in Verlegenheit geraten,
-nicht der <em class="gesperrt">Christ</em>. Denn »was gehen den Christen
-dieses Mannes Hypothesen und Erklärungen und Beweise
-an? Ihm ist es doch einmal da, das Christentum, welches er
-so wahr, in welchem er sich so selig <em class="gesperrt">fühlet</em>«. Mag sein, daß
-Lessing für seine Person anders gedacht hat: jedenfalls hält
-er sich hier in den Grenzen der Verteidigung eines <em class="gesperrt">persönlichen</em>,
-individuellen Christentums, das sich auf innere Erfahrung
-gründet: wie es innerhalb der evangelischen Theologie
-in neuerer Zeit die Ritschlsche Schule wieder erneuert
-hat.</p>
-
-<p>Zu der Veröffentlichung der »Fragmente« gehörte damals
-ein gewaltiger Mut. Warf doch Lessing damit allen theologischen
-Parteien den Fehdehandschuh hin. Bald regnete es denn
-auch Artikel, Flugschriften, Bücher, am meisten natürlich seitens
-der Rechtgläubigen. Einer von ihnen, der Schuldirektor
-Schumann aus Hannover, hatte in den von Christus getanen<span class="pagenum"><a id="Page_33"></a>[33]</span>
-Wundern und in den in ihm »erfüllten« Weissagungen den
-»<em class="gesperrt">Beweis des Geistes und der Kraft</em>« erblicken
-wollen. Ihm erwiderte Lessing in einem ebenso betitelten
-anonymen Aufsatz. Er will zwar &ndash; anscheinend aus bloß taktischen
-Gründen &ndash; die Tatsächlichkeit solcher Wunder nicht
-rundweg leugnen, bestreitet jedoch, daß sie, die wir doch nur
-auf Treu und Glauben anderer als wahr annehmen, für Jesu
-anderweitige Lehren beweisend sein könnten. Denn &ndash; und
-nun kommt eine Leibniz entlehnte wichtige Unterscheidung &ndash;
-»<em class="gesperrt">zufällige</em> <em class="gesperrt">Geschichts</em>wahrheiten (Leibniz sagt <em class="antiqua">vérités
-de fait</em>, d. h. Tatsachen-Wahrheiten) können der Beweis von
-<em class="gesperrt">notwendigen Vernunft</em>wahrheiten nie werden«. Wir
-alle, führt Lessing aus, glauben, daß ein Alexander der Große
-gelebt und einen großen Teil Asiens erobert hat; aber wer
-wollte auf diese historische Wahrheit eine wichtige philosophische
-oder moralische Wahrheit gründen! »Das ist der garstige
-breite Graben, über den ich nicht hinüber kann, so oft
-und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir
-jemand hinüberhelfen, der tu es; ich bitte, ich beschwöre ihn.
-Er verdient einen Gotteslohn an mir.«</p>
-
-<p>Noch milder und versöhnlicher ist die in Gestalt eines formvollendeten
-Zwiegesprächs wiedergegebene hübsche Legende des
-Kirchenvaters Hieronymus von dem letzten Vermächtnis des
-Evangelisten Johannes gehalten, der seine Jünger immer
-wieder ermahnt haben soll: »Kinderchen, <em class="gesperrt">liebt</em> euch!«, weil
-»das allein, wenn es geschieht, hinlänglich genug ist«. »Möchte
-doch alle,« so schließt Lessing, »welche das <em class="gesperrt">Evangelium</em>
-Johannis trennt, das <em class="gesperrt">Testament</em> Johannis wieder vereinigen!«
-Auch hier also wird das Praktische über das Theoretische,
-die Liebe über den Glauben gestellt. Ein Vorspiel
-zum »Nathan«! Und ein Vorbild für die Christenheit unserer
-Zeit, die in der Erfüllung dieses Testaments seitdem eher
-zurück- als vorwärtsgekommen ist.</p>
-
-<p>Ein dritter, diesmal von Lessing mit seinem Namen gezeichneter
-Aufsatz, die »<em class="gesperrt">Duplik</em>« (d. h. eigentlich zweite Antwort)
-war an den Superintendenten Reß in Lessings Wohnort
-gerichtet.</p>
-
-<p>Sie enthält in ihrem ersten Abschnitt, mit dem sie den Charakter
-des edlen »Ungenannten« rechtfertigt, den berühmten<span class="pagenum"><a id="Page_34"></a>[34]</span>
-Satz, daß der ganze Wert des Menschen nicht auf dem vermeintlichen
-<em class="gesperrt">Besitz</em> der Wahrheit beruhe, der vielmehr »ruhig,
-träge, stolz« mache, sondern auf der »aufrichtigen <em class="gesperrt">Mühe</em>, die
-er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen«; denn
-nur »durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich alle
-seine Kräfte«. Worauf dann das noch berühmtere Gleichnis
-folgt: »Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in
-seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit,
-obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren,
-verschlossen hielte und spräche zu mir: ›Wähle!‹, ich fiele ihm
-mit Demut in seine Linke und sagte: ›Vater, gib! Die reine
-Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‹« Vielleicht verleitet
-ihn auch hier seine Neigung zu glänzenden, die Gedanken
-scharf gegeneinander haltenden Antithesen zu einer überscharfen
-Formulierung der Gegensätze, so insbesondere durch
-den Zusatz »ewigen« Irrtums. Im übrigen ist wohl niemals
-der Wert reiner Wahrheitsforschung schöner formuliert worden.</p>
-
-<p>In der Sache selbst, der Verteidigung der Ehrlichkeit seines
-»Ungenannten« in Sachen seines »Sturmangriffs« gegen
-die biblische Auferstehungsgeschichte, ist seine Taktik wiederum
-sehr zurückhaltend. Der Ungenannte behaupte: »Die Auferstehung
-Christi ist <em class="gesperrt">auch darum</em> nicht zu glauben, weil die
-Nachrichten der Evangelisten darin sich widersprechen.« Sein
-theologischer Gegner: »Sie ist schlechterdings zu glauben;
-<em class="gesperrt">denn</em> die Nachrichten widersprechen sich nicht.« Er (Lessing)
-sage nur: »Sie kann ihre gute Richtigkeit haben, <em class="gesperrt">obschon</em>
-die Nachrichten sich widersprechen.«</p>
-
-<p>Aber seine, sei es nun tatsächliche oder taktische, Versöhnlichkeit
-half ihm nichts. Ein neuer Gegner, angesehener und
-schärfer als die vorherigen, trat wider ihn auf den Plan. Es
-war der nur durch Lessing zur Unsterblichkeit gelangte Hamburger
-Hauptpastor Johann Melchior <em class="gesperrt">Goeze</em>.</p>
-
-<p>Im Kampfe gegen diesen Vertreter des rechtgläubigen
-Luthertums entstanden dann jene Meisterstücke der Polemik,
-die in der ganzen Weltliteratur kaum ihresgleichen besitzen.
-Zunächst, ihnen vorausgesandt noch, die verhältnismäßig noch
-friedliche »<em class="gesperrt">Parabel</em>«: der Vergleich des Christentums mit
-einem unermeßlichen Palast von sonderbarer, namentlich nach
-außen hin sehr unregelmäßiger Bauart, zu dem vielerlei Eingänge<span class="pagenum"><a id="Page_35"></a>[35]</span>
-führen, und der sein Hauptlicht von oben empfängt.
-Anstatt sich aber an der inneren Helligkeit des Palastes, der
-ihn erfüllenden gütigen Weisheit und an der Schönheit und
-Ordnung zu erfreuen, die sich von ihm über das ganze Land
-verbreitete &ndash; mit anderen Worten: anstatt des <em class="gesperrt">Taten</em>christentums,
-gerieten die vermeinten Kenner seiner Architektur
-in beständige Zwistigkeiten über seine Außenseite. Und
-zwar glaubte und behauptete ein jeder den allein richtigen
-Grundriß dazu von den ersten Baumeistern überkommen zu
-haben. Allmählich dachten sie nur noch an ihre Grundrisse
-und gaben die wenigen, die einmal einen von diesen geliebten
-Grundrissen etwas näher zu beleuchten wagten, für »Mordbrenner
-des Palastes selbst« aus. Als nun einmal der Wächter:
-»Feuer im Palast!« rief, da stürzte jeder &ndash; nur nach
-seinem Grundriß, um ihn als das Kostbarste zu retten. In
-Wahrheit hatte der Palast gar nicht gebrannt: die erschrockenen
-Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten.
-Die Anwendung auf die christliche Religion, die mancherlei
-Zugänge zu ihr, ihre inneren Vorzüge, und im Gegensatz
-dazu die Beschränktheit und Rechthaberei der unduldsamen
-Konfessionellen ergibt sich von selbst.</p>
-
-<p>Die der Parabel folgende »<em class="gesperrt">Bitte</em>« vergleicht den Verfasser
-und seinen pastoralen Gegner mit einem Kräuterkenner
-und einem Schäfer. Der letztere braucht nur an das
-Wohl der ihm anvertrauten Schäflein zu denken. Der Botaniker
-dagegen, im weiteren Sinne der Mann der <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>,
-hat einen anderen Beruf. Er muß auch die giftigen
-Kräuter &ndash; und können Gifte nicht auch nützlich sein? &ndash;
-nicht bloß selbst kennenlernen, sondern auch andere damit bekannt
-machen. Lessing bittet den Gegner, sich dies klarzumachen
-und demgemäß sein übereiltes Verdammungsurteil
-wider ihn zurückzunehmen. Als jedoch statt dessen ein nur
-noch schärferer Angriff Goezes erfolgte, da ergeht sein »<em class="gesperrt">Absagungsschreiben</em>«,
-das mit wahrhaften Keulenschlägen
-vernichtend über den »Herrn Pastor« herfährt, und das
-man Satz für Satz lesen muß, um einen Begriff davon zu
-bekommen. Ich nehme daraus nur diejenige Stelle, in der
-er <em class="gesperrt">Luthers</em> Geist gegen seinen Nachtreter heraufbeschwört:
-»Sie, Herr Pastor, Sie hätten den allergeringsten Funken<span class="pagenum"><a id="Page_36"></a>[36]</span>
-Lutherischen Geistes? … Luther, Du! Großer, verkannter
-Mann! und von niemandem mehr verkannt als von den
-kurzsichtigen Starrköpfen, die, Deine Pantoffeln in der Hand,
-den von Dir gebahnten Weg schreiend, aber gleichgültig daherschlendern!«
-Und er appelliert weiter von dem <em class="gesperrt">geschichtlichen</em>
-Luther an einen <em class="gesperrt">zukünftigen</em>. »Du hast uns von
-dem Joche der Tradition erlöset, wer erlöset uns von dem
-unerträglicheren Joche des Buchstabens! Wer bringt uns endlich
-ein Christentum, wie Du es <em class="gesperrt">jetzt</em> lehren würdest, wie es
-Christus selbst lehren würde!«</p>
-
-<p>Die sich anschließenden »Axiomata (Grundsätze), wenn es
-deren in dergleichen Dingen gibt«, wider den Herrn Pastor
-Goeze in Hamburg haben wir bereits S.&nbsp;<a href="#Page_31">31</a> kennengelernt.
-Und die dann folgenden »<em class="gesperrt">Anti-Goezes</em>« bringen, trotz
-ihrer wunderbaren Form, inhaltlich, vor allem philosophisch,
-aber auch für die Kenntnis von Lessings religiöser Weltanschauung
-kaum etwas Neues mehr: man müßte denn die
-scharfe Wendung in dem ersten dieser zehn »notgedrungenen
-Beiträge« dahin zählen: »Herr Pastor, wenn Sie es dahin
-bringen, daß unsere Lutherschen Pastores unsere Päpste werden;
-daß diese uns vorschreiben können, wo wir aufhören sollen,
-in der Schrift zu forschen; daß diese unserem Forschen,
-der Mitteilung unseres Erforschten Schranken setzen dürfen:
-so bin ich der erste, der die Päpst<em class="gesperrt">chen</em> wieder mit dem
-<em class="gesperrt">Papste</em> vertauscht.« (Es gibt eben, wie Kant einmal sagt,
-wenngleich wenig, protestantische Katholiken und erzkatholische,
-vielleicht mehr, Protestanten.)</p>
-
-<p>Auf Lessings spätere, zum Teil erst aus seinem Nachlaß
-bekanntgewordenen theologischen Arbeiten, die ihn in Streit
-mit den liberalen Theologen seiner Zeit verwickelten &ndash; den
-»großen Wespen«, die er damit aus ihrem Loche gelockt hatte,
-wie er spottet, wollen wir nur hinweisen. Denn sie interessieren
-letzten Endes doch mehr den Theologen als den Philosophen
-und sind überdies durch die kritische Bibelforschung
-der letzten anderthalb Jahrhunderte überholt. Dagegen möchte
-ich Ihnen ein auf nur zwei Blättern seines Nachlasses aufgezeichnetes,
-in sein letztes Lebensjahr (1780) fallendes Fragment:
-»<em class="gesperrt">Die Religion Christi</em>« seiner Bedeutung wegen
-wörtlich mitteilen. Es besteht aus acht kurzen Paragraphen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_37"></a>[37]</span></p>
-
-<p>§&nbsp;1. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein
-Problem. Daß er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt
-gewesen; daß er nie aufgehört hat, Mensch zu sein: das
-ist ausgemacht. §&nbsp;2. Folglich sind die Religion <em class="gesperrt">Christi</em> und
-die <em class="gesperrt">christliche</em> Religion zwei ganz verschiedene Dinge.
-§&nbsp;3. <em class="gesperrt">Jene</em>, die Religion Christi, ist diejenige Religion, die
-er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch mit
-ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr
-mit ihm gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und
-liebenswürdiger der Charakter ist, den er sich von Christo als
-bloßem Menschen macht. §&nbsp;4. <em class="gesperrt">Diese</em>, die christliche Religion,
-ist diejenige Religion, die es für wahr annimmt, daß er mehr
-als Mensch gewesen und ihn selbst als solchen zum Gegenstand
-der Verehrung macht. §&nbsp;5. Wie diese beiden Religionen,
-die Religion Christi sowohl als die christliche, in Christo als
-in einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich.
-§&nbsp;6. Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze
-beider in einem und demselben Buche finden. Wenigstens ist
-augenscheinlich, daß jene, nämlich die Religion Christi, ganz
-anders in den Evangelisten enthalten ist als die christliche.
-§&nbsp;7. Die Religion Christi ist mit den klarsten und deutlichsten
-Worten darin enthalten. §&nbsp;8. Die christliche hingegen so ungewiß
-und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle
-gibt, mit welcher zwei Menschen, solange als die Welt steht,
-den nämlichen Gedanken verbunden haben.</p>
-
-<p>Zur geplanten Vollendung seiner theologischen Arbeiten ist
-Lessing nicht mehr gekommen. Körperliche Krankheit, verbunden
-mit schwerem seelischem Druck, nicht zum wenigsten infolge
-des Todes seiner geliebten Frau nach kaum anderthalbjähriger
-glücklichster Ehe, raffte den kaum Zweiundfünfzigjährigen
-vor der Zeit dahin. Indes noch drei treffliche Gaben
-haben uns seine letzten Jahre beschert in drei Arbeiten, die
-uns zum Schlusse noch einmal seine</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="lessing_d"><em class="antiqua">D.</em> Philosophische Weltanschauung</h3>
-</div>
-<p>im Zusammenhang mit seiner <em class="gesperrt">Ethik</em> und <em class="gesperrt">Religions-</em>
-zugleich seine <em class="gesperrt">Geschichts-</em> und <em class="gesperrt">Staatsauffassung</em>
-vor Augen führen werden:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_38"></a>[38]</span></p>
-
-<p>1. seinen »<em class="gesperrt">Nathan</em>«, 2. seine »<em class="gesperrt">Erziehung des Menschengeschlechts</em>«
-und 3. seine Freimaurergespräche »<em class="gesperrt">Ernst</em>
-und <em class="gesperrt">Falk</em>«. Dazu wird 4. zu berücksichtigen sein, was F. H.
-Jacobi von seinem bedeutsamen Gespräch mit Lessing im
-Jahre 1780 über den <em class="gesperrt">Spinozismus</em> berichtet hat.</p>
-
-<h4>1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise</h4>
-
-<p>Als die Aufregung über die »Fragmente« und Lessings
-Beigaben dazu unter den Orthodoxen immer stärker geworden
-war, wurde auf Andringen des braunschweigischen Konsistoriums
-am 13. Juli 1778 Lessing vom Herzog unter Androhung
-»schwerer Ungnade« jede fernere Publikation »dieser
-Fragmente und anderer ähnlicher Schriften« strengstens verboten.
-Daraufhin meinte er: »Ich muß versuchen, ob man
-mich auf meiner alten Kanzel, auf dem <em class="gesperrt">Theater</em>, wenigstens
-noch ungestört will predigen lassen.« Im Mai des folgenden
-Jahres erschien sein »dramatisches Gedicht«: Nathan
-der Weise.</p>
-
-<p>Ich setze hier den Inhalt des »Nathan« als bekannt voraus
-und gehe auch auf die massenhafte Literatur über das Stück
-mit keinem Worte ein. Über Sinn und Tendenz dieses seines
-letzten Dramas ist unendlich viel gestritten worden. Und doch
-ist beides, Sinn und Tendenz, im Grunde unendlich einfach
-und klar. Der Verfasser selbst hat es in einer anfangs beabsichtigten
-Vorrede in den Satz zusammengefaßt, sein Stück
-wolle lehren, »daß es nicht erst von gestern her unter allerlei
-Volk Leute gegeben, die sich über alle Religion« &ndash; will
-sagen: <em class="gesperrt">geoffenbarte</em> Religion &ndash; »hinweggesetzt hätten
-<em class="gesperrt">und doch gute Leute gewesen wären</em>«. Es ist <em class="gesperrt">die</em>
-Religion, die allen sogenannten Religion<em class="gesperrt">en</em> oder vielmehr,
-wie statt dieses im Grunde blasphemischen und auch von
-Kant und Schiller mit Recht getadelten Plurals richtiger zu
-sagen ist: Religions<em class="gesperrt">bekenntnissen</em>, als ihr echter Kern
-zugrunde liegt: die Religion der Menschlichkeit, die Religion,
-wie Kant es ausdrückt, »innerhalb der Grenzen der bloßen
-Vernunft«, oder, wie der Neukantianer Paul Natorp es formuliert,
-»innerhalb der Grenzen der Humanität«: gegen die
-auch der Bekenner der <em class="gesperrt">sogenannten</em> »positiven« Religionen<span class="pagenum"><a id="Page_39"></a>[39]</span>
-nichts einwenden kann, wenn sie auch seinem religiösen
-Bedürfnis nicht genügen mag.</p>
-
-<p>Ich begnüge mich, ihre Hauptzüge mit den unvergänglichen
-Versen Lessings Ihnen kurz vor Augen zu führen.</p>
-
-<p>Zunächst ihre Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen
-Erkenntnis der Natur:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent16">»Der Wunder höchstes ist,</div>
- <div class="verse indent0">Daß uns die wahren, echten Wunder so</div>
- <div class="verse indent0">Alltäglich werden können, werden sollen.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sodann die Begründung auf das <em class="gesperrt">Gefühl</em>, die tröstende
-Lehre:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent16">»Daß Ergebenheit</div>
- <div class="verse indent0">In Gott von unserm Wähnen <em class="gesperrt">über</em> Gott</div>
- <div class="verse indent0">So ganz und gar nicht abhängt.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und dennoch die Verwahrung gegen bloße gefühlsmäßige
-Schwärmerei:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent16">»Begreifst du aber,</div>
- <div class="verse indent0">Wie viel <em class="gesperrt">andächtig schwärmen</em> leichter als</div>
- <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Gut handeln</em> ist?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Dieselbe Ansicht, die der treffliche deutsche Mystiker Meister
-Eckhart mit den Worten ausdrückt: »Wäre der Mensch in Verzückung,
-wie Sankt Paulus war, und wüßte einen siechen
-Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich achte
-es weit besser, daß du ließest aus Minne von der Verzückung
-und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.«<a id="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<p>Nichts anderes als eine andere Anwendung seines »Testaments
-Johannis« (S.&nbsp;<a href="#Page_33">33</a>) ist das Fazit, was die berühmte
-Fabel von den drei Ringen zieht:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen</div>
- <div class="verse indent0">Von Vorurteilen freien Liebe nach!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_40"></a>[40]</span></p>
-<p>und, wie die Worte weiter lauten, genau dem neutestamentlichen
-Spruch entsprechend:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Unbedingteste Duldsamkeit für alle Meinungen ist Grundprinzip:
-»Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen <em class="gesperrt">eine</em>
-Rinde wachse«, sagt Saladin.</p>
-
-<p>Wer seine Religion, wer seinen Gott so auffaßt wie Nathan-Lessing,
-der muß einen Sondergott für bestimmte Nationen
-oder Individuen als eine Herabsetzung des Gottesbegriffs
-empfinden:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,</div>
- <div class="verse indent0">Der einem Menschen eignet?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Damit hängt denn auch der dramatisch vielleicht nicht sehr
-geschickte, eher etwas enttäuschende, aber die Idee des Ganzen
-um so tiefer ausdrückende Schluß zusammen: daß die vorher
-einander gegnerisch gegenüberstehenden Nationen und Religionsbekenntnisse
-sich zu guter Letzt, ähnlich wie heute im
-Sozialismus, als Angehörige <em class="gesperrt">einer</em> Familie erkennen.</p>
-
-<p>Wenn man Lessings Humanitätsdrama mit unbefangenem,
-reinem Gemüt liest und auf sich wirken läßt, dann muß es
-einem wahrhaftig kläglich vorkommen, wenn ein Eugen Dühring
-oder &ndash; etwas gemilderter, aber vielleicht um so gefährlicher
-&ndash; Adolf Bartels in seinem Buche »Lessing und die
-Juden« mit antisemitischen Mätzchen gegen den »Juden« oder
-»judenhaften« Lessing zu Felde zieht. Wer so handelt, ist nicht
-wert, daß er dem Volke der Lessing und Kant, der Schiller
-und Goethe angehört. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß
-der Dichter die christlichen Gestalten seines Dramas, insbesondere
-den offiziellen Vertreter der Kirche, den Patriarchen,
-desgleichen die gutmütige, aber beschränkte Dajah entschieden
-ungünstiger geschildert hat als die Vertreter des Islam, des
-Judentums, der Parsi-Religion. Meiner Meinung nach war
-das eine logische Notwendigkeit, weil er sein Stück eben für
-ein <em class="gesperrt">christliches</em> Publikum schrieb, dem er beweisen wollte,
-daß es in anderen Religionsbekenntnissen ebenso gute oder
-bessere Menschen geben könne. Hätte er es für Mohammedaner
-oder Juden geschrieben, so hätte er umgekehrt die Vertreter
-der beiden übrigen Konfessionen heben müssen; der<span class="pagenum"><a id="Page_41"></a>[41]</span>
-Patriarch wäre dann eben ein Rabbiner oder ein Mufti geworden.
-Von einer Herabsetzung des Christentums als solchem
-kann keine Rede sein. Ruft doch der Klosterbruder, übrigens
-eine sehr sympathische Christengestalt, Nathan gerade im entscheidenden
-Augenblick die das Christentum aufs höchste anerkennenden
-Worte zu, die jeder echte Christ Lessing selber zurufen
-könnte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die höchste sittliche Wahrheit freilich steht für den Dichter
-mit Recht <em class="gesperrt">über</em> den Religionsbekenntnissen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sind Christ und Jude eher Christ und Jude</div>
- <div class="verse indent0">Als Mensch?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Woran sich der gerade unserem Lessing aus tiefster Seele
-kommende Ausruf Nathans an den Tempelherrn schließt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ach, wenn ich einen mehr in Euch</div>
- <div class="verse indent0">Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch</div>
- <div class="verse indent0">Zu heißen!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ein Wort, das gerade heute jedem Europäer, der sich zu
-einem sogenannten »Kultur«volk zählt, vor allem aber denen,
-die sich der Religion Jesu zurechnen, beschämend, mahnend,
-anfeuernd vor der Seele stehen müßte!</p>
-
-<p>Ja, Dilthey, der sonst die Gefühlsworte nicht liebt, hat
-recht, wenn er in diesem »unvergänglichen Gedicht«, ebenso
-wie in Goethes »Iphigenie«, eine so »reine Seelengröße« verkündet
-sieht, daß kein ernster Forscher der menschlichen Natur
-es lesen könne, ohne daß sein Auge feucht werde. Und Lessing
-hatte recht, wenn er als Motto das Wort des antiken Dichters
-über sein Drama setzte: »<em class="antiqua">Introite, nam et hic dii
-sunt!</em>«, zu deutsch: »Tretet ein, denn auch hier sind Götter.«</p>
-
-<p>Inhaltlich dem »Nathan« verwandt sind die letzten beiden
-&ndash; bezeichnenderweise beide ohne seinen Namen &ndash; erschienenen
-Schriften Lessings: 1. die »<em class="gesperrt">Freimaurergespräche</em>«
-zwischen Ernst und Falk und 2. »<em class="gesperrt">Die Erziehung des
-Menschengeschlechts</em>«. Der Zeitfolge nach ist es einerlei,
-welche von beiden wir zuerst behandeln. Von beiden ist
-ein erster Teil schon 1777 bezw. 1778 (gleichfalls anonym)
-und erst die zweite Hälfte in Lessings letztem Lebensjahr (1780)
-veröffentlicht worden. Wir ziehen es vor, mit der</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_42"></a>[42]</span></p>
-
-<h4>2. Religion und Geschichtsphilosophie: Erziehung des
-Menschengeschlechts</h4>
-
-<p>zu beginnen, weil ihr teils <em class="gesperrt">religions</em>-, teils <em class="gesperrt">geschichts</em>philosophischer
-Inhalt dem »Nathan« näher steht als der teils
-<em class="gesperrt">geschichts</em>-, teils <em class="gesperrt">staats</em>philosophische der »Gespräche
-für Freimäurer«.</p>
-
-<p>Die ersten dreiundfünfzig von den hundert Paragraphen
-der »Erziehung« waren bereits zusammen mit den fünf Fragmenten
-des »Ungenannten«, also 1777 herausgegeben worden:
-auch sie angeblich unter den Bücherschätzen seiner Bibliothek
-gefunden. Selbst dem Sohne von Reimarus stellt er
-sie noch in einem Briefe vom 6. April 1778 dar als herrührend
-»von einem guten Freunde, der sich gern allerlei Hypothesen
-und Systeme macht, um das Vergnügen zu haben, sie
-wieder einzureißen«, mit dem für sein innerstes Wesen bezeichnenden
-Schlußsatz: »Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt,
-und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!«</p>
-
-<p>Als Ganzes trägt die Schrift gleichwohl, wie mir scheint,
-einen etwas konservativeren Charakter als »Nathan der
-Weise« oder auch die ja nur zur Selbstverständigung niedergeschriebene
-»Religion Christi«. Der Verfasser sieht hier die
-<em class="gesperrt">Offenbarung</em> als in einem göttlichen Erziehungsplan
-der Menschheit gelegen an. Wie die Erziehung, so gibt auch
-die Offenbarung ihm zufolge »nichts, worauf die menschliche
-Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde«,
-sie gibt ihm das Wichtigste davon nur leichter und früher
-(§&nbsp;4); und zwar, gleich der Erziehung, nach einer bestimmten
-Ordnung. Nach dieser Einleitung, enthalten in §&nbsp;1 bis 7,
-folgt dann von §&nbsp;8 bis 52 die Erziehung des israelitischen
-Volkes durch das »Elementarbuch« des <em class="gesperrt">Alten Testaments</em>.
-Für ein noch so rohes, auf noch so kindlicher Entwicklungsstufe
-stehendes Volk bedurfte es noch einer Erziehung
-durch unmittelbare, sinnliche Strafen und Belohnungen
-(§&nbsp;16). Es wußte noch nichts von einem zukünftigen
-Leben, von einer Unsterblichkeit der Seele (§&nbsp;17). Die meisten
-anderen Völker waren noch weit hinter ihm zurückgeblieben,
-einige glücklichere (Griechen, Römer) allerdings durch das
-bloße Licht ihrer natürlichen Vernunft ihm zuvorgekommen<span class="pagenum"><a id="Page_43"></a>[43]</span>
-(§&nbsp;20, 21). Während des Exils, im Verkehr mit den religiös
-höher stehenden (obwohl ohne Offenbarung!) Persern, bekamen
-die Juden dann einen reineren Gottesbegriff, die
-Offenbarung ward durch die Vernunft erhellt, ihr Glaube erhob
-sich von ihrem Nationalgott Jehova zu dem an <em class="gesperrt">einen</em>
-Gott (§&nbsp;35&nbsp;ff.). So entwuchsen sie allmählich ihrem Elementarbuch,
-insbesondere auch durch ihre Bekanntschaft mit der
-griechischen Philosophie in Ägypten (§&nbsp;42) und suchten nun
-in ihre kindlich-einfältigen heiligen Schriften allerlei Anspielungen
-und Fingerzeige, oft recht spitzfindig-rabbinisch, hineinzulegen
-(§&nbsp;43 bis 52). Ein besserer Pädagog mußte kommen
-und »dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus den
-Händen reißen« &ndash; <em class="gesperrt">Christus</em> erschien (§&nbsp;53).</p>
-
-<p>Das Kind war zum Knaben geworden, der zum »<em class="gesperrt">zweiten</em>
-großen Schritt der Erziehung reif war« (§&nbsp;57&nbsp;ff.). Christus
-ward der erste »zuverlässige« und »praktische« Lehrer der Unsterblichkeit
-der Seele (§&nbsp;58). Als zuverlässig galt er seinen
-Zeitgenossen durch die in ihm erfüllt scheinenden Weissagungen,
-durch seine Wunder, durch seine Auferstehung. »Ob wir
-noch <em class="gesperrt">jetzt</em> diese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen
-können, das lasse ich dahingestellt sein … Alles das kann damals
-zur <em class="gesperrt">Annehmung</em> seiner Lehre wichtig gewesen sein:
-jetzt ist es zur Erkennung der Wahrheit seiner Lehre so wichtig
-nicht mehr.« (§&nbsp;59.)<a id="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
-
-<p>Christus lehrte aber auch praktisch das Leben nach dieser
-Lehre einrichten durch »innere Reinigkeit des Herzens«
-(§&nbsp;61), die dann seine Jünger, wenn auch mit anderen weniger
-einleuchtenden Lehren vermischt, unter andere Völker
-verbreiteten (§&nbsp;62, 63). So ward das <em class="gesperrt">Neue Testament</em>
-das zweite, bessere Elementarbuch für das Menschengeschlecht
-(§&nbsp;64) und hat es seit 1700 Jahren mehr als alle anderen
-Bücher beschäftigt und erleuchtet, wenn auch vielleicht »nur
-durch das Licht, welches der menschliche Verstand selbst hineintrug«
-(§&nbsp;65). Es war auch gewiß »höchst nötig«, daß man
-»eine Zeitlang« dies Buch für das Nonplusultra aller Erkenntnis
-hielt (§&nbsp;67). Und »Du, fähigeres Individuum, der<span class="pagenum"><a id="Page_44"></a>[44]</span>
-du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuchs stampfest
-und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mitschüler merken
-zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen beginnst«!
-(§&nbsp;68.) Lessing bemüht sich dann, in uns freilich etwas künstlich
-erscheinenden Ausführungen zu zeigen, was auch die
-menschliche Vernunft in den Geheimnissen der Dreieinigkeit,
-der Erbsünde, der Genugtuung des göttlichen Sohnes für sich
-finden könne (§&nbsp;73 bis 77). Es sei nicht wahr, meint er, »daß
-Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil gestiftet und
-der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden«. Nicht den
-Spekulationen, sondern »dem Unsinn, der Tyrannei, diesen
-Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten,
-nicht ihre eigenen zu gönnen«, sei dieser Vorwurf zu machen
-(§&nbsp;78).</p>
-
-<p>Aber noch eine höhere Stufe, die Erziehung vom Knaben
-oder Jüngling zum Manne, der das Gute um seiner selbst,
-nicht um künftiger Belohnungen willen tut, stehe der Menschheit
-bevor. »Oder soll das menschliche Geschlecht auf diese
-höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit nie kommen?«
-(§&nbsp;81.) Das wäre eine Lästerung des Allgütigen. »Nein, sie
-wird gewiß kommen,« so ruft er in gläubigem Vertrauen
-aus, »die Zeit eines <em class="gesperrt">neuen, ewigen Evangeliums</em>«
-des Geistes und der Wahrheit, »die uns selbst in den Elementarbüchern
-des Neuen Bundes versprochen wird« (§&nbsp;86).
-Schon im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert haben
-Schwärmer &ndash; Lessing denkt wohl an Männer wie Joachim
-von Floris und Amalrich von Bene &ndash; ein »drittes Zeitalter«
-der Welt prophezeit. Er macht dabei eine sehr gute
-Bemerkung über die Schwärmer überhaupt, bei der wir
-unwillkürlich auch an unsere heutigen politischen Schwärmer
-denken: »Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die
-Zukunft, er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht
-diese Zukunft beschleunigt und wünscht, daß sie durch <em class="gesperrt">ihn</em>
-beschleunigt werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit
-nimmt, soll in dem Augenblick seines Daseins reifen.« Und
-er erkennt auch den egoistischen Nebengedanken darin: »Denn
-was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt,
-nicht auch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?« (§&nbsp;90.)
-Demgegenüber traut er auf die »ewige Vorsehung«, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_45"></a>[45]</span>
-auch manchmal ihre Schritte ihm »zurückzugehen scheinen sollten«!
-»Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die
-gerade ist.« (§&nbsp;91.)</p>
-
-<p>Und nun kommt zum Schlusse der sonst anscheinend so verstandeskühle
-Lessing auf eine Hypothese, auf die, wie er auch
-schon früher gelegentlich geäußert hatte,<a id="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">[7]</a> schon die ältesten
-Philosophen im Abend- wie im Morgenland gekommen seien:
-die <em class="gesperrt">Seelenwanderung</em> (§&nbsp;93&nbsp;ff.). Kann ich nicht schon
-einmal da gewesen sein, ohne daß ich es mir selbst bewußt bin,
-und »warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue
-Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin«
-(§&nbsp;98, 99)?</p>
-
-<p>Wir gehen nicht weiter auf diese Hypothese ein. Vielleicht
-war es eben nur ein Gedanke, den er einmal in das Publikum
-hineinwerfen wollte, ohne dafür öffentlich einstehen zu wollen,
-wie er ja auch die Schrift nicht mit seinem Namen gezeichnet
-hat. Aber ich habe sie Ihnen schon der Vollständigkeit
-wegen nicht vorenthalten wollen; schon um Ihnen zu zeigen,
-daß Lessing doch auch in Stunden ein wenig &ndash; Schwärmer
-sein konnte. Für die Praxis des Lebens hat er solche Hypothesen
-nicht benutzt, ja er warnt auch andere davor. Die Vernunft,
-sagt er einmal, habe doch mit Glück gegen die törichte
-Begierde der Menschen, ihr Schicksal in <em class="gesperrt">diesem</em> Leben voraus
-zu wissen, geeifert: wann werde es ihr gelingen, ihnen
-die Neugier nach ihrem Schicksal in <em class="gesperrt">jenem</em> Leben ebenso
-verdächtig, ebenso lächerlich zu machen? Toren seien die, welche
-aus lauter Sorgen um ein künftiges Leben das gegenwärtige
-verlieren: »Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso
-ruhig abwarten als einen künftigen Tag?« Lessing war ein
-viel zu frischer, lebensvoller, diesseitsfroher Mensch, um sich
-unfruchtbaren Grübeleien hinzugeben.</p>
-
-<p>Und so wenden auch wir uns jetzt seinen Gedanken über
-die diesseitige Gemeinschaft der Menschen, seinen Ideen von
-Geschichte und <em class="gesperrt">Staat</em> zu, die, soviel ich weiß, noch nirgends
-im Zusammenhang behandelt worden sind und auf die wir
-freilich auch nur einige Streiflichter werfen können und
-wollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_46"></a>[46]</span></p>
-
-<h4>3. Ansichten über den Staat: Lessings politische
-Entwicklung</h4>
-
-<p>Schon der sechzehnjährige Fürstenschüler hat den Kriegslärm
-ganz aus der Nähe kennengelernt. Am 9. Dezember
-1745 wurde die Stadt Meißen bombardiert, und wenige Tage
-später donnerte von dem nahen Kesselsdorf der Schlachtenlärm
-herüber; die Stadt glich bald einem großen Lazarett. Aber
-all das scheint dem Primaner Gotthold Lessing, in einem
-Briefe an den Vater Pastor, in erster Linie doch nur als willkommener
-Anlaß zu dienen, um eher von der Schule zur Universität
-zu kommen; was ihm ja auch, wie wir wissen, gelungen
-ist. Auch sonst ist nichts von besonderen politischen
-Interessen des Jünglings aus seiner Gymnasiasten- und Studentenzeit
-bekannt. Er wird wohl, was bekanntlich Bismarck
-als Ergebnis der humanistischen Erziehung von sich und anderen
-behauptet hat &ndash; und was, beiläufig gesagt, auch unsere
-heutigen Republikaner und Sozialisten sich merken sollten,
-anstatt gegen die Lektüre der antiken Klassiker zu eifern,
-die doch ein Karl Marx und ein Ferdinand Lassalle mit Vorliebe
-bis an ihr Ende gepflegt haben&nbsp;&ndash;, das Gymnasium
-mit <em class="gesperrt">republikanischen</em> Gesinnungen verlassen haben.
-Damit steht unter anderem auch die Tatsache in Einklang,
-daß der Zwanzigjährige einen politischen Gegenwartsstoff zu
-einer republikanischen Tragödie verarbeiten wollte. Im Jahre
-1749 hatte ein demokratischer Berner Patriot Samuel Henzi
-eine Verschwörung gegen das dortige verrottete Klassen- und
-Willkürregiment weniger patrizischer Familien angestiftet,
-war aber entdeckt und hingerichtet worden. Unter dem frischen
-Eindruck dieses Ereignisses dichtete der junge Lessing
-die anderthalb Akte seines Trauerspiels »<em class="gesperrt">Samuel Henzi</em>«,
-die er dann auch in der ersten Sammlung seiner Schriften
-veröffentlichte: ein für seine Zeit ungewöhnliches Wagnis.</p>
-
-<p>Daß er im folgenden Jahrzehnt ein antikes Drama »Das
-befreite Rom«, dessen Hauptheld der alte Königsstürzer
-Brutus war, und eine »Verginia«, in deren Titelheldin
-wir die Vorläuferin seiner späteren Emilia Galotti zu erblicken
-haben, entwarf, will vielleicht weniger besagen. Interessanter
-ist, daß er noch bis 1775 hin eine »antityrannische«<span class="pagenum"><a id="Page_47"></a>[47]</span>
-Tragödie geplant hat, deren Held der berühmte Sklavenführer
-<em class="gesperrt">Spartakus</em> sein sollte. Während in seinem ersten
-Römerdrama das Volk noch, ähnlich wie bei Shakespeare, als
-ein wankelmütiger Pöbelhaufe dargestellt wird, wurde hier
-ein erklärter Proletarierführer zum Helden gemacht, der in
-einem (erhaltenen) Selbstgespräch den Ausspruch tut: »Sollte
-sich der Mensch nicht einer Freiheit schämen, die es verlangt,
-daß er Menschen zu Sklaven habe?« Lessing tadelt in diesem
-Zusammenhang auch die »fast lächerliche« Verachtung eben
-des Spartakus durch den römischen Geschichtschreiber, der die
-Gladiatoren noch unter die gewöhnliche »Untergattung von
-Menschen«, die Sklaven, stelle. Schade, daß er diesen Plan
-nicht ausgeführt hat.</p>
-
-<p>Lessing ist bekanntlich schon als zweiundzwanzigjähriger
-junger Mann aus seiner sächsischen Heimat nach Preußen gegangen.
-Aber es ist unrichtig, ihn deshalb und etwa noch
-wegen seiner »Minna von Barnhelm« oder seines Sekretärverhältnisses
-zu dem preußischen General v. Tauentzien, wie
-es gewöhnlich geschieht, schlechtweg als Verehrer des <em class="gesperrt">Preußentums</em>
-darzustellen. Gewiß, er besitzt eine Vorliebe für
-soldatische Gestalten: von dem jungen Helden des Trauerspiels
-»Philotas« an, auf das wir noch zurückkommen, über
-Tellheim, Just und Werner in der »Minna« bis zu dem alten
-Obersten Odoardo Galotti, ja bis zu Sultan Saladin und dem
-jungen Tempelherrn im »Nathan«. In jener Zeit ängstlichen
-Spießbürgertums war eben, wie selbst ein so radikaler Politiker
-wie Franz Mehring in seiner »Lessing-Legende« hervorhebt,
-der Soldatenstand der einzige, in dem sich, wenigstens zu
-Kriegszeiten, persönliche Tüchtigkeit entfalten konnte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>und</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Auf sich selber steht er da ganz allein,«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>wie Schiller die Wallensteinschen Reiter singen läßt. So konnte
-Lessing denken, wenngleich er den Krieg grundsätzlich verwarf,
-wie er in einer Rezension Rousseaus bemerkt: »Sind wir deswegen
-auf der Welt, daß wir einander umbringen sollen?«</p>
-
-<p>Aber ihn deswegen zum begeisterten Preußen und Verehrer
-Friedrichs des Großen zu erheben, wäre verkehrt. Liegen
-von ihm auch nicht ganz so feindselige Äußerungen wie<span class="pagenum"><a id="Page_48"></a>[48]</span>
-von dem berühmten Winckelmann vor, der das Preußen, dem
-er entstammte und entfloh, um nach Italien zu gehen, geradezu
-gehaßt hat, so schreibt doch noch der vierzigjährige Lessing
-im August 1769 an Nicolai nach Berlin: »Sagen Sie
-mir ja nichts von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und
-zu schreiben. Sie reduziert sich einzig und allein auf die
-Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen (Dummheiten)
-zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie es aber
-doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so
-frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat;
-lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der
-Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine
-Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich und
-Dänemark geschieht: und Sie werden bald die Erfahrung
-haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das <em class="gesperrt">sklavischste
-Land von Europa</em> ist!« Ich denke, das ist
-deutlich genug. Freilich, die geliebten »Untertanen« Friedrichs
-II. waren selbst daran schuld, daß er gegen Ende seines
-Lebens von ihnen sagen konnte: »Ich bin es müde, über
-<em class="gesperrt">Sklaven</em> zu herrschen.«</p>
-
-<p>Also von einer speziellen Verehrung Friedrichs II., dem er
-zwar in der »Minna« einige hübsche Worte widmet, aber
-dessen eigenmächtiges Verfahren in militärischen Dingen doch
-auch dies Stück geißelt, oder gar des preußischen Staatswesens
-jener Zeit überhaupt kann keine Rede sein. »Die
-Dienste der Großen«, läßt er vielmehr gerade seinen Tellheim
-sagen, »sind gefährlich und lohnen der Mühe, des
-Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten.« Ebenso ist
-selbstverständlich der Dichter über jeden sächsischen Partikularismus
-erhaben. Und wie er am Schlusse seines Stückes die
-Sächsin Minna mit dem Preußen Tellheim sich verbinden
-läßt, so will er auch nichts anderes sein als ein Deutscher.
-Freilich nicht von der Art, die wir heute so zahlreich vertreten
-finden, die von ihrem Deutschtum viele und große
-Worte macht; sondern von der Art Kants und Schillers, Herders
-und Goethes, für die Patriotismus und Weltbürgertum
-keine Gegensätze waren. Gibt es im übrigen ein schöneres Lob
-der deutschen Sprache, als wenn er den französischen Windbeutel
-Riccaut sie eine »arme und plumpe Sprak« schelten<span class="pagenum"><a id="Page_49"></a>[49]</span>
-läßt, weil sie Dinge wie das Betrügen ehrlich bei ihrem wahren
-Namen nennt? Und sind nicht Charaktere wie Tellheim,
-Werner, Minna Urbilder guter Deutscher?</p>
-
-<p>Aber Lessing, werden seine und unsere Gegner sagen, hat
-sich ja selbst den Patriotismus abgesprochen. In der Tat, er
-hat am 16. Dezember 1758 seinem Freunde Gleim, dem Dichter
-der Kriegslieder eines preußischen Grenadiers, geschrieben,
-daß »das Lob eines eifrigen <em class="gesperrt">Patrioten</em>« nach seiner
-Denkungsart das »Allerletzte« wäre, wonach er »geizen«
-würde: »<em class="gesperrt">des</em> Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt,
-daß ich ein <em class="gesperrt">Weltbürger</em> sein sollte.« Und am 14. Februar
-1759 gar: »Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes
-(es tut mir leid, daß ich Ihnen meine Schande gestehen
-muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine
-heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.« Sätze wie
-den letzten würde heute wohl nur ein entschiedener Kommunist
-unterschreiben. Aber der Satz vorher bezeichnet als
-die Veranlassung dieser Äußerung Betrachtungen über »übertriebenen«
-Patriotismus, die nicht sowohl Gleims »Grenadiere«
-als »tausend ausschweifende Reden, die ich hier (in
-Berlin) alle Tage hören muß, bei mir rege gemacht hatten«.
-Und wenn er im weiteren Verlauf des Briefes von »kleinen
-Uneinigkeiten« spricht, die Gleims und seine Freundschaft
-nicht stören könnten und auch nicht gestört haben, so waren es
-offenbar nur Äußerungen eines übertriebenen preußischen
-Partikularismus gewesen, die er seiner deutschen und menschheitlichen
-Gesinnung gemäß nicht mitmachen konnte.</p>
-
-<p>Daß Lessing vielmehr den Patriotismus sogar in seinem
-höchsten, dem <em class="gesperrt">Opfer</em>sinn zu würdigen versteht, beweist sein
-gleichfalls 1759 entstandenes Drama »Philotas«, dessen Kerngedanke
-darin besteht, daß der Held, ein kaum sechzehnjähriger
-antiker Königssohn, der in die Gefangenschaft des Feindes
-geraten ist, sich ähnlich dem Kodrus der Griechen-, dem
-Regulus der Römersage freiwillig den Tod gibt, um nicht
-als Geisel seinem Vaterland einen ungünstigen Frieden aufzunötigen.
-Und wie schmerzlich hat er es vermißt und am
-eigenen Leibe erfahren, daß »wir Deutsche noch keine Nation«
-waren! Weder in Berlin noch in Wien, weder in Hamburg
-noch in Mannheim konnte der größte Kritiker Deutschlands,<span class="pagenum"><a id="Page_50"></a>[50]</span>
-konnte einer seiner besten Dichter auf die Dauer festen Fuß
-fassen. Bittere Sarkasmen enthalten die letzten »Stücke« seiner
-»Hamburger Dramaturgie« über den »gutherzigen Einfall«,
-den sein nie zu ertötender Idealismus selber gehegt
-hatte, »den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen«, da
-wir Deutsche eben doch »keine Nation« seien. Er redet dabei
-nicht von der politischen Verfassung &ndash; obwohl das Monstrum
-des »Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation«
-jeden Vernünftigen zu dem Spott herausfordern mußte, den
-einer von den lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (im
-»Faust«) darüber ergießt&nbsp;&ndash;, »sondern bloß von dem sittlichen
-Charakter«. Aber »fast sollte man sagen, dieser sei:
-keinen haben zu wollen«. Die reichen Hamburger und sonstigen
-deutschen Kapitalisten hatten eben für andere, materiellere
-Dinge mehr Geld übrig als für Lessings ideale Unternehmungen.
-Und so mußte dieser noch in seinem fünften
-Lebensjahrzehnt in die Dienste eines Kleinfürsten in einer
-einsamen deutschen Kleinstadt gehen.</p>
-
-<p>Daß ein Mann wie Lessing ein abgesagter Gegner alles
-Höflingstums und aller Standesvorrechte war, ist eigentlich
-selbstverständlich. Mit Recht hat schon Franz Mehring
-auf die scharfe Kritik eines königlichen Hoffestes auf dem
-Berliner Schloßplatz, ein sogenanntes Karussell oder Ringelrennen,
-das von dem anwesenden Voltaire in glänzenden
-Versen gepriesen wurde, durch den einundzwanzigjährigen
-Dichter in dem sarkastischen Gedicht »Auf ein Karussell« hingewiesen.
-Er hat auch einmal einen Aufsatz über die »Deutsche
-Freiheit« geschrieben, die zu Tacitus' Zeiten und auch das
-ganze Mittelalter hindurch wenigstens in der Form der Landstände
-den Absolutismus der Fürsten eingeschränkt habe.
-»Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich
-gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren«
-usw.? Und seine »Emilia Galotti«, ist sie etwas anderes als
-ein flammender, ingrimmiger Protest gegen fürstliche Willkür-
-und Mätressenwirtschaft, ein Stück, in dem sogar der gewiß
-doch maßvolle, selbst an einem Fürstenhof lebende Goethe den
-»entscheidenden Schritt zur sittlich erregten Opposition gegen
-die tyrannische Willkürherrschaft« erblickte, den dann des
-jungen Schiller »Kabale und Liebe« zuerst vom italienischen<span class="pagenum"><a id="Page_51"></a>[51]</span>
-auf einen deutschen Schauplatz zu übertragen wagte? So kann
-man in der Tat &ndash; es ist der eigentliche Grundgedanke von Mehrings
-»Lessing-Legende« &ndash; Lessing als ersten glänzenden Vertreter
-des aufstrebenden Bürgertums bezeichnen, das nur seines
-großen Vorkämpfers nicht würdig war, vielmehr durch
-wirtschaftliche und politische Rückständigkeit sich auszeichnete.</p>
-
-<p>Allein Lessing geht über diesen Bourgeoisstandpunkt, mindestens
-an einzelnen Stellen seiner Schriften, noch erheblich
-hinaus. So in dem merkwürdigen, in der großen Lessing-Ausgabe
-von Lachmann und Muncker (XVI, 520&nbsp;f.) in
-zwei Fassungen vorliegenden kurzen »Gespräch über die Soldaten
-und Mönche«. Man streite darüber, ob es mehr Soldaten
-oder Mönche in der Welt gebe. Aber wenn der Landmann
-seine Saat von Schnecken und Mäusen vernichtet sehe,
-frage er nicht danach, welcher von beiden es mehr seien. Und
-nun folgt in der längeren Fassung folgendes Zwiegespräch:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>B. Was sind denn Soldaten?</p>
-
-<p>A. Beschützer des Staats.</p>
-
-<p>B. Und Mönche sind Stützen der Kirche.</p>
-
-<p>A. Mit eurer Kirche!</p>
-
-<p>B. Mit eurem Staate!</p>
-
-<p>A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der
-Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt.</p>
-
-<p>B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem
-Leben verheißt!</p>
-
-<p>A. Verheißt!</p>
-
-<p>B. Gimpel!</p></div>
-
-<p>So starke Ketzereien in so zugespitzter Form hat unser Held
-allerdings vorsichtigerweise in seinem Schreibpult zurückgehalten.
-Aber in milderer Ausprägung erkennen wir doch die
-gleiche Anschauung auch im »Nathan« und in den Freimaurergesprächen
-wieder. Im »Nathan« in der eigenartigen
-Gestalt des Derwischs Al-Hafi, der es in der kapitalistischen
-Welt nicht mehr aushalten kann &ndash; denn »Borgen ist viel
-besser nicht als betteln, so wie Leihen, auf Wucher leihen nicht
-viel besser ist als stehlen«; und nun allerdings zum <em class="gesperrt">Kampf</em>
-dagegen sich nicht stark genug fühlt, sondern, »um das Werkzeug
-beider nicht zu sein« &ndash; an den Ganges fliehen will.
-»Am Ganges, am Ganges nur gibt's <em class="gesperrt">Menschen</em>!«, will<span class="pagenum"><a id="Page_52"></a>[52]</span>
-sagen: vom Kapitalismus, diesem »Plunder«, dieser »Plackerei«
-erlöste Menschen. Von dieser Lebensansicht fühlt selbst
-der weise und kaufmännische Nathan sich so ergriffen, daß er
-in den, prinzipiell aufgefaßt, anarchistischen Ausruf ausbricht:
-»Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre
-König!« &ndash; Und nun zu Lessings</p>
-
-<h4>4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in
-Ernst und Falk</h4>
-
-<p>seinen »<em class="gesperrt">Gesprächen für Freimäurer</em>«, fünf an der
-Zahl, von denen die drei ersten 1778, die beiden letzten 1780,
-anonym auch sie unter dem Zwange der Zeit, erschienen sind.
-Lessing hatte sich im Jahre 1771 zu Braunschweig in die
-Loge aufnehmen lassen (der ja auch Herder, Schiller und
-Goethe beitraten), aber schon ziemlich bald enttäuscht wieder
-zurückgezogen. Wir sehen hier von allem auf die Geschichte
-der Freimaurerei Bezüglichen, das in einzelnen Gesprächen
-eine ziemlich bedeutende Rolle spielt, ab und beschränken uns
-auf das, was sich aus ihnen für Lessings philosophische, insbesondere
-<em class="gesperrt">staats- und gesellschafts</em>philosophische Ansichten
-gewinnen läßt. Das Wichtigste in dieser Hinsicht findet
-sich im zweiten, einiges noch im vierten Gespräch.</p>
-
-<p>Da ist es nun für den Sozialisten interessant, sozialphilosophischen
-Anschauungen zu begegnen, die der Verfasser zwar
-aus ihm vorangegangenen Denkern, wie den Franzosen Bodin
-und Montesquieu,<a id="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">[8]</a> haben mag, die aber bis zu einem gewissen
-Grade schon an Karl <em class="gesperrt">Marx</em> anklingen. Viele Staaten,
-läßt er im Verlauf des zweiten Gesprächs dessen Hauptwortführer
-(Falk) sagen, würden »ein ganz verschiedenes Klima,
-folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen,
-folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich
-ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen
-haben«. Erinnert das »Klima« mehr an die beiden
-obengenannten Geschichtsphilosophen, so die »Bedürfnisse« und
-ihre »Befriedigungen« mit ihrem ganzen ideologischen Überbau
-an Marx-Engels' ökonomische Geschichtsauffassung. Daß<span class="pagenum"><a id="Page_53"></a>[53]</span>
-solche Anschauungen Lessings aber von lange her in ihm
-lagen, ergibt sich aus dem Umstand, daß er bereits im Januar
-1753 in einer Rezension der »Vossischen Zeitung« die sogenannten
-»moralischen Ursachen« der Völkerverschiedenheit geradezu
-als nichts anderes denn »Folgen der physischen« (er
-sagt noch: physikalischen) bezeichnet.</p>
-
-<p>Im übrigen ist freilich seine Staatsanschauung noch durchaus
-<em class="gesperrt">individualistisch</em>, ja sein Staatsideal &ndash; wir streiften
-den Gedanken schon beim Al-Hafi des »Nathan« &ndash; beinahe
-anarchistisch. Die Ameisen werden als Vorbild hingestellt,
-weil sie die größte Geschäftigkeit und doch Ordnung
-zeigen und einander sogar helfen, obschon doch niemand sie
-zusammenhält und regiert. Und nun folgen in der bei Lessing
-so erfreuenden epigrammatischen Kürze Schlag auf Schlag
-die weiteren Fragen und Antworten: »Ordnung muß also
-doch auch <em class="gesperrt">ohne Regierung</em> bestehen können.« &ndash; »Wenn
-jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß, warum nicht?« &ndash;
-»Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen
-wird?« &ndash; »Wohl schwerlich!« &ndash; »Schade!« &ndash; »Jawohl!«</p>
-
-<p>Des weiteren wirft Falk die Frage auf, ob die <em class="gesperrt">Menschen</em> für
-die <em class="gesperrt">Staaten</em> oder die Staaten für die <em class="gesperrt">Menschen</em> da sind?
-Die Antwort wird dann in letzterem Sinne gegeben. Die Vereinigung
-der Menschen zu Staaten findet statt, damit durch
-diese und in ihnen jeder einzelne seinen Anteil von Glückseligkeit
-desto besser und sicherer genießen kann. Die Glückseligkeit
-des Staates besteht in der Summe der Einzelglückseligkeiten
-aller seiner Glieder. »Außer dieser gibt es gar
-keine.« Und nun folgt ein Satz, aus dem man allerdings auch
-eine sozialistische Folgerung ziehen könnte. »Jede andere
-Glückseligkeit des Staates, bei welcher auch noch so wenig einzelne
-Glieder leiden und leiden <em class="gesperrt">müssen</em>, ist Bemäntelung
-der Tyrannei. Anders nichts!«</p>
-
-<p>Und zwar ist das alles von der <em class="gesperrt">Natur</em> so eingerichtet.
-Trotzdem entspringen auch aus der denkbar besten Staatsverfassung
-notwendig allerlei Übel. Vor allem ist ein <em class="gesperrt">Welt</em>staat,
-schon wegen seiner ungeheuren Größe, nicht möglich,
-sondern nur <em class="gesperrt">National</em>staaten. Und innerhalb derselben
-entstehen notgedrungen wiederum verschiedene <em class="gesperrt">Stände</em>.
-Selbst die anfänglich <em class="gesperrt">gleiche</em> Verteilung des Besitzes vorausgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Page_54"></a>[54]</span>
-würde doch diese gleiche Verteilung keine zwei Menschenalter
-hindurch bestehen bleiben. Einer wird sein Eigentum
-besser zu nutzen wissen als der andere, der es womöglich
-dennoch unter mehr Nachkommen zu verteilen haben wird.
-Es wird also reichere und ärmere Glieder geben, aus dem
-wohltätigen Feuer der unvermeidlich unangenehme Rauch
-entstehen. Aber sollte man deshalb keinen Rauchfang erfinden?
-Lessing denkt dabei nicht etwa an Sozialisierung, auf
-die ihn Plato oder Morus an sich gebracht haben könnten,
-sondern an &ndash; die Freimaurer! Es ist »recht sehr zu wünschen«,
-daß es in jedem Staate Männer geben möchte, die
-erstens »über die Vorurteile der Völkerschaft (also in unserer
-heutigen Sprache über einseitigen Nationalismus) hinweg
-wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein
-aufhört«; die zweitens »den Vorurteilen ihrer angeborenen
-Religion nicht unterlägen, nicht glaubten, daß alles notwendig
-gut und wahr sein müsse, was <em class="gesperrt">sie</em> für gut und wahr erkennen«;
-die endlich »bürgerliche Hoheit nicht blendet und
-bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in deren Gesellschaft
-der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt«.</p>
-
-<p>Solche Männer, die es »freiwillig über sich genommen haben,
-den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegenzuarbeiten«,
-die jene vielleicht unentrinnbaren Trennungen in Nationen,
-Stände, Religionsbekenntnisse nicht noch stärker einreißen
-lassen wollen, als es die Notwendigkeit erfordert, und ihre
-Folgen so unschädlich als möglich zu machen sich bestreben, sind
-die Freimaurer, oder <em class="gesperrt">sollten</em> es wenigstens sein. Die Mitglieder
-einer »unsichtbaren Kirche«, deren »wahre Taten dahin
-zielen, alles, was man gemeiniglich gute Taten nennt,
-größtenteils entbehrlich zu machen«, eine wahrhafte <em class="gesperrt">Internationale</em>,
-die freilich &ndash; ebensowenig wie zurzeit die modernere
-Internationale der Arbeiter &ndash; ihrer Idee entspricht.
-Mit Schärfe tadelt der Freimaurer Lessing namentlich die
-unsozialen Inkonsequenzen der Logen schon seiner Zeit. Wenn
-ein aufgeklärter Jude, wenn ein ehrlicher Schuster, wenn ein
-erfahrener und treuer Dienstbote es sich einfallen läßt, sich
-zur Aufnahme zu melden, so weist man sie ab: »Wir sind
-unter uns so gute Gesellschaft … Prinzen, Grafen, Herren
-von, Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler.«<span class="pagenum"><a id="Page_55"></a>[55]</span>
-Dazu das »Kapitale haben, diese Kapitale belegen, sie
-auf den letzten Pfennig zu nutzen suchen, sich ankaufen wollen,
-von Königen und Fürsten sich Privilegien geben lassen«
-usw. Sie scheinen ihm auf dem besten Wege, von ihren ursprünglichen
-Zielen ganz abzukommen. Ob die heutigen Logen
-nicht auch manchen dieser Tadel verdienen? Etwas demokratischer
-mag ein Teil von ihnen ja geworden sein; aber grundsätzlich
-herrscht doch wohl noch immer bei ihnen das Prinzip
-der »guten« Gesellschaft; abgesehen davon, daß Atheisten und
-daß von der Vollmitgliedschaft auch Frauen heute noch ausgeschlossen
-sind.<a id="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<p>Aber das Bestehende verhält sich zum wahren Freimaurertum
-wie die bestehende, sehr mangelhafte Kirche, ja, man
-könnte erweiternd sagen: alle religiösen und politischen Parteien
-der Wirklichkeit, zu ihrer <em class="gesperrt">Idee</em>. Und umgekehrt: man
-kann »die höchsten Pflichten der Maurerei erfüllen, ohne Freimaurer
-zu <em class="gesperrt">heißen</em>«. Wahre Freimaurerei ist von jeher gewesen;
-sie ist so alt wie die bürgerliche Gesellschaft (hier natürlich
-im weitesten Sinne gemeint). Und ihr jetziges Schema,
-fügen wir hinzu: ihre Zeremonien und alles damit Zusammenhängende
-ist nur »Hülle« und »Einkleidung«. Die Hauptsache
-aber, die der Verfasser mit voller Deutlichkeit allerdings
-noch nicht ausspricht, liegt in dem aus seiner Gedankenreihe
-zu ziehenden Schlusse: Man soll das wahre Freimaurertum
-<em class="gesperrt">unter alle Welt verbreiten</em>. Wie es zu Anfang in
-der kurzen Widmung an Ferdinand von Braunschweig heißt:
-»Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst!« Damit
-wäre freilich dem Freimaurer-Orden als <em class="gesperrt">Geheim</em>bund
-das Urteil gesprochen.</p>
-
-<h4>5. Lessings letzter philosophischer Standpunkt:
-Determinismus, Pantheismus, Spinozismus</h4>
-
-<p>Schon in der »Emilia Galotti« hatte die Gräfin Orsina
-ausgerufen: »Das Wort Zufall ist Gotteslästerung; nichts<span class="pagenum"><a id="Page_56"></a>[56]</span>
-unter der Sonne ist Zufall.« Die in diesen Sätzen sich ausprägende
-Anschauung von der notwendigen und ausnahmlosen
-Naturbedingtheit alles schon Geschehenen, jetzt Geschehenden,
-noch Geschehenwerdenden, welche die Philosophie »Determinismus«,
-das heißt Bestimmtheit zu nennen pflegt, und
-die sich in religiöser Gestalt besonders im Islam und im Kalvinismus
-wiederfindet, scheint Lessing von jeher geteilt zu
-haben. Bereits eine Rezension aus dem März 1753 meint,
-daß die Leugner der Willensfreiheit wenigstens keine Feinde
-der Religion zu sein brauchen; auch in seiner Lehre von dem
-Wesen des tragischen Charakters sehen wir diese Lehre aufleuchten.
-Deutlicher spricht sich seine Vorrede zu des braunschweigischen
-Abtes Jerusalem »Philosophischen Aufsätzen«
-(1776), also aus seinen letzten Jahren über dies Problem aus.
-»Was verlieren wir denn,« fragt Lessing hier, »wenn man
-uns die Freiheit abspricht?« Und er antwortet: »Etwas, wenn
-es etwas ist, was wir nicht brauchen … Etwas, dessen Besitz
-uns weit unruhiger machen müßte, als das Bewußtsein seines
-Gegenteils&nbsp;…« Fühlt sich doch auch der Religiöse, wie wir
-hinzusetzen möchten, im Schoße seines alles lenkenden und bestimmenden
-Gottes ruhig und befriedigt. Ebenso muß auch
-der Philosoph sich nach Lessing sagen: »Zwang und Notwendigkeit,
-nach welchem die Vorstellung des Besten wirket, wieviel
-willkommener sind sie mir als kahle Vermögenheit, unter den
-nämlichen Umständen bald so, bald anders handeln zu können!«
-Und er fährt fort: »Ich danke dem Schöpfer, daß ich
-<em class="gesperrt">muß</em>, das <em class="gesperrt">Beste</em> muß. Wenn ich in diesen Schranken selbst
-so viel Fehltritte noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir
-ganz allein überlassen wäre? einer blinden Kraft überlassen
-wäre, die sich nach keinen Gesetzen richtet und mich darum
-nicht minder dem Zufall unterwirft, weil dieser Zufall sein
-Spiel in mir selbst hat?« Zufall bedeutet also Gesetzlosigkeit,
-Naturgesetzlichkeit Ausschließung jedes Zufalls, allgemeine
-Geltung des Kausalgesetzes (Gesetzes von Ursache und Wirkung),
-ohne das keine Naturwissenschaft, ja Wissenschaft überhaupt
-denkbar ist.</p>
-
-<p>Gerade starke Naturen haben das von jeher anerkannt und
-gleichwohl aus dem unversiegbaren Quell ihrer Persönlichkeit
-heraus zu diesem Naturmechanismus ihr trotziges: »Und<span class="pagenum"><a id="Page_57"></a>[57]</span>
-<em class="gesperrt">dennoch</em>!« gesprochen. Auf solche Weise löst sich auch der
-anscheinende Widerspruch zwischen jener Orsinaschen Verurteilung
-des Zufalls und dem bekannten: »<em class="gesperrt">Kein Mensch
-muß müssen</em>« Nathans, dem dann das Wort Al-Hafis
-auf dem Fuße folgt: »Was er für <em class="gesperrt">gut</em> erkennt, das muß ein
-Derwisch.«</p>
-
-<p>Von der Seite der Ethik also oder der Moral, wie Lessing
-sagt, ist das System des Determinismus »geborgen«. Aber,
-fährt er fort: ob nicht die Spekulation Einwände dagegen erheben
-könnte, die sich nur durch ein zweites philosophisches
-System heben ließen? Mit diesem zweiten, »gemeine Augen
-ebenso befremdenden« System ist der <em class="gesperrt">Spinozismus</em> gemeint.</p>
-
-<p>Wir haben im Laufe unserer bisherigen Darstellung das
-Wirken Spinozas, der bis dahin in Deutschland nach Lessings
-eigenem Ausdruck wie ein »toter Hund« angesehen worden
-war, auf unseren Dichter nur angedeutet. Wir wollen zunächst
-einen merkwürdigen undatierten, aber wahrscheinlich aus der
-Breslauer Zeit stammenden kleinen Aufsatz von ihm nachträglich
-noch erwähnen: »Über die Wirklichkeit der Dinge außer
-Gott.« Dort wird geradezu gesagt: »Es gibt kein Dasein außer
-Gott«, »alle Dinge sind in ihm wirklich«. »Die Begriffe, die
-Gott von den wirklichen Dingen hat, sind diese wirklichen
-Dinge selbst.« Auch der §&nbsp;73 der »Erziehung des Menschengeschlechts«,
-der von der göttlichen Dreieinigkeit handelt, führt
-den nämlichen Gedanken aus. Das ist völliger <em class="gesperrt">Pan</em>theismus
-(All-Gott-Lehre) oder, vielleicht noch genauer ausgedrückt,
-Pan<em class="gesperrt">en</em>theismus (All-<em class="gesperrt">in</em>-Gott-Lehre). Ganz zu Spinoza
-durchgedrungen aber ist Lessing, wie wir jetzt bestimmt wissen,
-spätestens in seinem letzten Lebensjahr.</p>
-
-<p>Am 5. Juli 1780 war Goethes und Hamanns Freund, der
-also philosophisch von ganz anderer Seite herkommende Düsseldorfer
-Friedrich Heinrich <em class="gesperrt">Jacobi</em>, zum Besuch in Lessings
-einsamer Bibliothek eingetroffen.<a id="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">[10]</a> Da erklärte dieser, dem
-Jacobi Goethes berühmtes philosophisches Gedicht »Prometheus«<span class="pagenum"><a id="Page_58"></a>[58]</span>
-zu lesen gegeben, dem Gaste zu dessen Erstaunen: Er
-nehme durchaus kein Ärgernis an der Anschauung Goethes;
-er habe im Gegenteil den Gesichtspunkt, von dem aus das Gedicht
-verfaßt sei, »schon lange aus der ersten Hand«, nämlich
-aus <em class="gesperrt">Spinoza</em>. Und nun die Hauptäußerung: »Die orthodoxen
-Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich
-Ἓν καὶ πᾶν (d. h. es gibt nur <em class="gesperrt">ein</em> All). Ich weiß nichts anderes.«
-Sie werden durch einen Besuch gestört. Am folgenden
-Morgen kommt Lessing zur Fortsetzung des Gesprächs auf
-Jacobis Zimmer. Er bekennt sich von neuem als Anhänger
-des Pantheisten: »Es gibt keine andere Philosophie als die
-des Spinoza.« Und weiter als entschiedenen Deterministen:
-»Ich begehre keinen freien Willen«, worein »der helle Kopf
-Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wußte«.</p>
-
-<p>Auffallenderweise bekennt er sich bei dieser Gelegenheit auch,
-ganz im Gegensatz zu der Philosophie seiner Zeit, als <em class="gesperrt">Gegner
-des erkenntnistheoretischen Idealismus</em>,
-wie er von Parmenides und Plato begründet, von Descartes
-über Leibniz bis zu Kant und seinen Nachfolgern verkündet
-worden und unseres Erachtens unabweislich ist. Er erklärt
-es für ein menschliches Vorurteil, daß »wir den <em class="gesperrt">Gedanken</em>
-als das Erste und Vornehmste betrachten und aus
-ihm alles herleiten wollen«: während doch »alles, die Vorstellungen
-mit inbegriffen«, also »Ausdehnung, Bewegung,
-Gedanke« offenbar von »höheren« Prinzipien abhänge, in
-einer »höheren Kraft gegründet« sei, die »noch lange nicht damit
-erschöpft ist«. Er bedenkt dabei nicht, daß dies Ausgehen
-von einer »alle Begriffe übersteigenden«, gänzlich unbestimmten
-»höheren« Kraft uns in alle Dunkelheiten der Metaphysik
-und Theologie, ja unter Umständen Theosophie (oder, wie
-Rudolf Steiner es moderner umtauft: »Anthroposophie«) hineinführt.
-Zur weiteren Begründung dieser pantheistischen
-Metaphysik bezieht er sich auf einen merkwürdigen Gedanken
-von Leibniz, wonach die Gottheit sich in einem Zustand beständiger
-Expansion (Ausdehnung) und Kontraktion (Zusammenziehung)
-befände, womit zugleich Leben und Tod der
-Individuen in der Welt zusammenhängen soll; muß aber
-selbst zugeben, daß diese Stelle mit der sonstigen Überzeugung
-des Leibniz von einem <em class="gesperrt">persönlichen</em>, außerhalb der Welt<span class="pagenum"><a id="Page_59"></a>[59]</span>
-existierenden Gott in Widerspruch stehe. Lessing selbst, setzt
-Jacobi hinzu, konnte sich mit dem Gedanken eines unendlichen
-persönlichen Wesens, das unaufhörlich im Genuß seiner
-eigenen »Vollkommenheit« schwelge, nicht vertragen. »Er verknüpft
-mit demselben eine solche Vorstellung von unendlicher
-&ndash; Langeweile, daß ihm angst und weh dabei werde.«</p>
-
-<p>Von Lessings Freunden wollte, als Jacobi vier Jahre nach
-dessen Tode in seiner Schrift Ȇber die Lehre des Spinoza,
-in Briefen an Moses Mendelssohn« dies Gespräch veröffentlichte,
-niemand an eine solche Änderung seiner Ansichten, die
-in der Tat ein völliges Abweichen von den Grundsätzen der
-»Aufklärung« darstellt, glauben. Und es entspann sich darüber
-1785/86 ein äußerst heftiger Philosophenstreit, der bei
-Mendelssohns ohnehin kränklichem Körper dessen Tod beschleunigt
-hat. Wir werden bei Herder und Goethe darauf
-zurückzukommen haben.</p>
-
-<p>Ob Lessing im ganzen mehr Leibniz oder Spinoza zugeneigt
-habe, läßt sich schwer entscheiden. Zu Leibniz zogen ihn sicherlich
-dessen Hauptgedanken von der Entwicklung alles Lebendigen,
-von der ununterbrochenen Stetigkeit des Weltzusammenhanges,
-von der Verknüpfung kleinster vorstellender mit
-kleinsten körperlichen Einheiten in den »Monaden«; zu Spinoza
-&ndash; <em class="gesperrt">zuletzt</em> doch, wie es nach Jacobis bestimmtem Zeugnis
-scheint, entscheidend &ndash; die streng monistische Folgerichtigkeit
-von dessen Lehre. Schulmäßiger Anhänger eines bestimmten
-Systems, also Spinozist oder Leibnizianer zu werden, lag
-seiner unabhängigen Natur überhaupt nicht. Auch Jacobi
-gegenüber hatte er eigentlich bloß erklärt: »<em class="gesperrt">Wenn</em> ich mich
-nach jemand nennen soll, so weiß ich keinen anderen.« Völlig
-einem, und sei es auch der scharfsinnigste, Denker sich zuzuschwören,
-hinderte ihn sein lebhaftes Selbständigkeitsgefühl.</p>
-
-<p>Damit kommen wir zum Schlusse noch einmal zu Lessings
-philosophischer und menschlicher</p>
-
-<h4 id="lessing_schluss">Persönlichkeit</h4>
-
-<p>zurück. Mögen seine Einzeltheorien auf den verschiedenen Gebieten,
-auf denen er gearbeitet hat, in Religions-, Kunst-,
-Geschichts- und Staatsphilosophie, heute in mancherlei Hinsicht
-überholt sein: was uns immer wieder zu ihm und seinen<span class="pagenum"><a id="Page_60"></a>[60]</span>
-Werken hinzieht, ist seine einzigartige Persönlichkeit. Schon
-seine Sprache, insbesondere seine Prosa, ist von großartiger
-Eigenartigkeit. »Solange Deutsch geschrieben ist, hat, dünkt
-mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben«, hat schon
-einer, der doch auch etwas davon verstand, J. G. Herder, dem
-eben Verstorbenen nachgerühmt; und sein Hauptbiograph
-(Erich Schmidt) hat ihr im zweiten Bande seines Werkes über
-ein halbes Hundert Lexikonseiten gewidmet; auch ich habe
-Ihnen mit Absicht durch zahlreiche Zitate seine Stilart nahe
-zu bringen gesucht. Aber wenn ein Franzose gesagt hat: Der
-Stil ist der Mann, so kann man ebensogut sagen: <em class="gesperrt">Der
-Mann macht den Stil.</em> Und so ist es bei Lessing: sein
-Stil geht aus seiner kraftvollen Persönlichkeit hervor. Diese
-Ehrlichkeit, diese Mannhaftigkeit, diese unbezähmbare Wahrheitsliebe,
-diese stete Kampfbereitschaft gegen alles Unrecht,
-der Haß gegen alle Unterdrücker, die Liebe zu den Unterdrückten,
-die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie
-vollbracht ist, sein mit ungescheuter Selbstkritik verbundener
-echter Stolz, der Mut und die Selbstbeherrschung im Unglück:
-alle diese Charaktereigenschaften &ndash; von seinen intellektuellen
-Vorzügen ganz zu schweigen &ndash; haben sich selten in
-einem Menschen so vereinigt wie in Gotthold Ephraim Lessing.</p>
-
-<p>Gewiß, alle menschlichen Handlungen sind naturbedingt.
-Jeder von uns wird unter bestimmten Verhältnissen auch
-notwendig so handeln, wie er es tut. Aber zu den Beweggründen,
-und zwar den allerstärksten, eben dieses Handelns
-gehört auch sein freilich wieder durch Tausende von Umständen
-so oder so gewordener innerer Mensch, sein »Dämon«, wie
-schon der alte Heraklit gesagt hat. So berichtet denn auch
-derselbe Jacobi, der Lessings Determinismus bezeugt, einen
-scheinbar ganz entgegengesetzten Ausspruch von ihm: »Wo
-keine Selbstbestimmung ist, keine Freiheit, da ist keine Menschheit.«
-Ja, Lessing, der »Determinist« ist zugleich ein radikaler
-Prediger der <em class="gesperrt">Freiheit</em> auf allen Gebieten gewesen: in Religion
-und Staat, Ethik und Erziehung. Und er hat sie, hat
-seinen vollendeten Unabhängigkeitssinn vor allem auch in sein
-eigenes Leben hineingetragen. Er war gegen alles Sektenmachen,
-gegen alle Engigkeit und Beschränktheit. Er hat auch
-keine »Schule« gegründet, ja er <em class="gesperrt">wollte</em> keine gründen. Er hat<span class="pagenum"><a id="Page_61"></a>[61]</span>
-sich nicht in das Universitäts-, das Hof-, das Beamtenleben
-hineinbegeben. Er trat auch nie mit sogenannter »Würde« auf.
-Im Gegenteil, »er warf die persönliche Würde gern weg, weil
-er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder aufnehmen zu können«
-(Goethe). Nur ein Pedant und Philister von Kopf und
-Herz wird sich »nie gehen lassen«.</p>
-
-<p>Freilich solche Menschen stehen dann in ihrer Stärke &ndash; »der
-Starke ist am mächtigsten allein« &ndash; und Höhe oft auch vereinsamt
-da, wie Lessing es einmal in seinen »Antiquarischen
-Briefen« in einem wundervollen Selbstvergleich mit einer einsam
-ihr Tagewerk vollziehenden Windmühle ausgeführt hat:
-»Da stehe ich auf meinem Platze ganz außer dem Dorf auf
-einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe
-niemandem und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich
-meinen Steinen etwas aufzuschütten habe, so mache ich es ab,
-es mag sein mit welchem Winde es will. Alle zweiunddreißig
-Winde sind meine Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre
-verlange ich nicht einen Finger breit mehr, als gerade
-meine Flügel zu ihrem Umlauf brauchen. Nur diesen Umlauf
-lasse man ihnen frei … Wen meine Flügel in die Luft schleudern,
-der hat es sich selbst zuzuschreiben.«</p>
-
-<p>Nun, Lessing hat sein Tagewerk wahrlich in reichlichem
-Maße getan. Und er hat stets zu seinen Taten gestanden:
-»Was ich tat, das tat ich!«, wie er seinen Tempelherrn sagen
-läßt. Und dabei, welch frischer <em class="gesperrt">Lebensmut</em> in ihm: »Wer
-gesund ist und arbeiten will,« schreibt er einmal an seine Eltern,
-»der hat nichts zu fürchten; Krankheiten aber und dergleichen
-Umstände zu befürchten, die außerstand setzen könnten
-zu arbeiten, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung.
-Ich habe ein besseres und habe Freunde.« Aber er will
-sich nur an Stellen festsetzen, für die er sich der geeignete Mann
-fühlt: »Wenn wir nicht versuchen, welche Sphäre uns eigentlich
-zukommt, wagen wir uns öfters in eine falsche, wo wir uns
-kaum über das Mittelmäßige erheben, während wir uns in
-einer anderen zu einer bewundernswerten Höhe hätten schwingen
-können.« Indessen wo er seiner Meinung nach etwas Edles
-und Großes zu fördern vermag, geht er, wie oft auch enttäuscht,
-stets wieder darauf ein. Und wenn er dann wiederum
-scheitert, so merken wir an der Art seines Rückzugs, daß auch<span class="pagenum"><a id="Page_62"></a>[62]</span>
-»in ihm dieselbe Überlegung wie in uns« vorhanden gewesen,
-daß jedoch in ihm »eine größere Wärme des Herzens war als
-in uns« (Gervinus).</p>
-
-<p>Und er bewährte diesen Mut, diese wahrhaft philosophische
-Gesinnung auch im schwersten Unglück und bis ans Ende. Als
-ihm, der nach langer Wartezeit zum späten Glück einer vortrefflichen
-Frau gelangt ist, diese Frau samt dem Neugeborenen
-nach kurzer Krankheit wieder entrissen wird, da schreibt
-er nur das freilich bittere Wort: »Ich wollte es auch einmal
-so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen.«
-Und weiter an einen Freund: »Meine Frau ist tot,
-und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue
-mich, daß mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig
-sein können zu machen, und bin ganz leicht.« Einige Tage
-darauf: »Wenn ich noch mit der einen Hälfte meiner übrigen
-Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in Gesellschaft
-dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es tun!
-Aber das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen
-Weg allein so fort zu duseln.« Und ein halbes Jahr später,
-nach allerlei anderem Mißgeschick, an die Freundin Elise
-Reimarus: »Doch ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken,
-knirsche eins mit den Zähnen und lasse den Kahn gehen, wie
-Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht selbst umstürzen
-will.« Er sollte ihn noch zweiundeinhalb Jahre treiben
-sehen, mannhaft und unerschrocken wie immer, bis ihm
-der Tod das stets kampfbereite Schwert des Geistes aus der
-Hand schlug.</p>
-
-<p>Man hat uns zu verschiedenen Zeiten Rembrandt, Goethe,
-Nietzsche, Fichte, Schopenhauer als <em class="gesperrt">Erzieher</em> gepriesen.
-Wir finden: gerade <em class="gesperrt">Lessing</em>, von dem wir nun Abschied
-nehmen, kann uns, dem einzelnen und dem ganzen Volke, gerade
-in heutiger Zeit ein Vorbild, ein Erzieher sein. Denn er
-vereinigte mit der Klarheit des Kopfes, die uns heute auch in
-der Philosophie gegenüber allen Schwärmereien und Rückwärtsereien
-so not tut, die Wärme des Gefühls, da wo sie
-am Platze ist, und die Fähigkeit des Willens zu festem, entschlossenem
-Handeln.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63"></a>[63]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Page_65">Herder</h2>
-<h3 class="nobreak" id="herder_a"><em class="antiqua">A.</em> Der junge Herder</h3>
-
-<h4 id="herder_a_1">1. Die Jugend</h4>
-
-<p class="center">1744 bis 1764 (Mohrungen, Königsberg)</p>
-</div>
-
-<p class="drop"><em class="gesperrt">Herders</em> Persönlichkeit steht zu derjenigen Lessings im schärfsten
-Gegensatz. Lessing erscheint uns heute noch beinahe wie
-ein Mitstreiter unserer Geisteskämpfe, wenigstens der religiös-philosophischen.
-Und auch in denjenigen von ihm behandelten
-Gegenständen, die uns Modernen ferner liegen, bleibt er,
-allein durch seine unübertreffliche Fragestellung, immer fesselnd,
-frisch und lebendig. Dem Namen Herders gegenüber
-regt sich dagegen bei den meisten Heutigen nicht viel mehr
-als eine mehr oder weniger verschwommene Erinnerung, daß
-man einmal im Schulunterricht von ihm gehört, daß er unter
-anderem Goethe beeinflußt hat. Und doch hat auch Herder
-mächtig auf Zeitgenossen und Nachwelt gewirkt, war er vor
-allem in seiner Jugend ein Schriftsteller von geradezu erstaunlicher
-Schaffenskraft, auch im Mannesalter noch bedeutend,
-um dann freilich rasch zu einem verbitterten und grämlichen
-Alter herabzusinken.</p>
-
-<p>Gleich Lessing ist auch der anderthalb Jahrzehnte nach ihm, am
-25. August 1744 in dem zwischen Sumpf, Wald und See gelegenen
-ostpreußischen Städtchen Mohrungen geborene Johann
-Gottfried Herder ein großer, ja ein unbändiger Leser gewesen:
-schon daheim im elterlichen Lehrer- und Küsterhaus
-oder noch lieber auf einem Baume des Gartens oder am See
-und im Wald der Heimat. Und dann, während und nachdem
-er die höhere Stadtschule des rauhen, pedantischen Rektors
-Grim durchlaufen, in der dürftigen Schlafkammer im Hause
-des harten Diakonus Trescho, der die Arbeitskraft des stillen
-und träumerischen angehenden Jünglings in geisttötendem Abschreiberdienst
-ausbeutet, bis der bald Achtzehnjährige durch die
-Freundlichkeit eines russischen Regimentswundarztes namens
-Schwartz-Erler<a id="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">[11]</a> aus dieser Fron erlöst und mit nach Königsberg<span class="pagenum"><a id="Page_66"></a>[66]</span>
-genommen wurde. Hier erst atmet er geistig auf, läßt sich
-auf eigene Faust als Studiosus der Theologie einschreiben und
-lernt in dem Buchladen des Verlegers Kanter die Gelehrtenwelt
-der Hauptstadt kennen, während er sich sein Brot als
-junger, anregender Lehrer an demselben, heute noch bestehenden,
-»Friedrichskolleg« verdient, in dem ein Menschenalter zuvor
-Immanuel Kant acht unfruchtbare Schuljahre verbracht hatte.</p>
-
-<p>Dieser selbe <em class="gesperrt">Kant</em>, jetzt achtunddreißigjähriger Magister an
-der Akademie, also noch nicht Mitglied der Fakultät, aber »für
-sich allein eine ganze Fakultät«, wie Rudolf Haym sagt, ist
-der erste große Geist gewesen, der einen nachhaltigen Einfluß
-auf das begeisterungsfähige Gemüt des jugendlichen Herder
-geübt hat. Wie gerade begabtere Jünglinge auf der Universität
-oft von einem einzigen hervorragenden Lehrer mehr Anregung
-empfangen als von allen anderen zusammen, so war es auch
-hier. Elf Tage nach seiner Immatrikulation, am 21. August
-1762, sitzt er zum erstenmal zu den Füßen des schon damals
-beliebten Magisters, der gerade über den Zusammenhang von
-Geist und Körper spricht, sich über den Gespensterglauben in
-behaglicher Ironie ergeht und schließlich das Problem vom
-Dasein Gottes behandelt. Von Stund' an hörte er alle Vorlesungen
-des geliebten, auch poetisch von ihm gefeierten Weltweisen:
-Logik, Metaphysik, Moral, Mathematik, physische Geographie.
-Kant gewährte dem talentvollen, aber armen Studenten,
-der einmal auch des Philosophen Ideen über Zeit und
-Ewigkeit in Verse setzt, die dieser dann am nächsten Morgen
-mit Anerkennung seinen Zuhörern vorlas, den unentgeltlichen
-Besuch aller seiner Vorlesungen. Noch nach mehr als einem
-Menschenalter, in seinen Humanitätsbriefen (1795), hat der
-Dichter dankbar dieser Lehrstunden Magister Kants gedacht: »Ich
-habe«, sagt er dort, »das Glück genossen, einen Philosophen zu
-kennen, der mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren,
-hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich
-glaube, ihn auch in sein greisestes Alter begleitet. Seine offene,
-zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit
-und Freude. Die gedankenreichste Rede floß von seinen
-Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot,
-und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang.
-Mit eben dem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff, Baumgarten,<span class="pagenum"><a id="Page_67"></a>[67]</span>
-Crusius, Hume« &ndash; die angesehensten Philosophen der Zeit &ndash;
-»prüfte und die Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker
-verfolgte, nahm er auch die damals erscheinenden Schriften
-Rousseaus, seinen Emil und seine Heloise, sowie jede ihm bekannt
-gewordene Naturentdeckung auf, würdigte sie und kam
-immer zurück auf die unbefangene Kenntnis der Natur und
-auf moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte,
-Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die
-Quellen, aus denen er seinen Vortrag und Umgang belebte.
-Nichts Wissenswürdiges war ihm gleichgültig; keine Kabale,
-keine Sekte, kein Vorteil, kein Namensehrgeiz hatte je für ihn
-den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der
-Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken;
-Despotismus war seinem Gemüt fremde. Dieser Mann,
-den ich mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist
-<em class="gesperrt">Immanuel Kant</em>; sein Bild steht angenehm vor mir.«</p>
-
-<p>Diese Charakteristik des einstigen Lehrers ist für unseren
-Zweck auch deshalb von besonderem Wert, weil sie uns schon
-hier einen hervorstechenden Zug von Herders eigenem Philosophieren
-zeigt. Weniger die systematische Philosophie zieht
-ihn an, als die geistreiche, über alle Gegenstände des geistigen
-Lebens der Menschheit und die Natur in freier Rede sich ergehende
-Art des Lehrers, wie er denn schon damals sich selbst
-das Philosophische ins Dichterische übersetzte. So waren und
-blieben ihm denn auch von Kants Schriften diejenigen am
-liebsten, die am wenigsten philosophische Systematik enthielten:
-wie die populär geschriebenen »Beobachtungen über das Gefühl
-des Schönen und Erhabenen« (1764) und die von ihm in
-einer Königsberger Zeitung besprochenen »Träume eines Geistersehers«
-(1766). Daneben ließ er sich durch Kant zu Hume und
-Rousseau leiten, von denen ihn der letztere in seiner Natur-
-und Gefühlsbegeisterung, der schottische Skeptiker in seiner Abneigung
-gegen metaphysische Spekulation bestärkte. Indessen
-schon in zwei 1767 zwischen beiden gewechselten Briefen macht
-sich, bei aller Wärme in der Form, für ein feineres Auge doch
-bereits die allmählich zwischen Lehrer und Schüler sich öffnende
-Kluft &ndash; dort Vernunft, hier Gefühl &ndash; bemerkbar.</p>
-
-<p>So sollte denn auch schon in der ostpreußischen Hauptstadt
-eine ihm kongenialere Persönlichkeit von völlig entgegengesetzter<span class="pagenum"><a id="Page_68"></a>[68]</span>
-Natur einen noch stärkeren Einfluß auf des jungen Herder rasch
-aufloderndes Gemüt gewinnen. Es war der damals noch ohne
-festen Beruf in seinem Elternhause lebende sogenannte »Magus
-des Nordens« Johann Georg <em class="gesperrt">Hamann</em> (1730 bis 1788). In
-geradem Gegensatz zu seinem Landsmann Kant, stellt Hamann
-die Leidenschaft über die Vernunft, das persönliche Gefühl über
-den besonnenen Willen, Tradition und Geschichte über philosophische
-Abstraktion und den vieldeutigen Begriff des »vollen,
-strömenden <em class="gesperrt">Lebens</em>« über den »leeren Wortkram«, die trockene
-»Schulfuchserei« und das »scholastische Geschwätz« der Philosophen.
-Dieser Herder rasch ans Herz gewachsene wunderliche
-Mensch sucht nicht, sondern <em class="gesperrt">flieht</em>, wie Kühnemann treffend
-sagt, den Zusammenhang der Gedanken, bewegt sich grundsätzlich
-in Gedanken<em class="gesperrt">sprüngen</em>. »Wahrheiten, Grundsätzen, Systemen«,
-so schreibt er selbst 1759 an seinen Freund Lindner,
-»bin ich nicht gewachsen.« Seine Sache sind vielmehr nach
-seinem eigenen Geständnis »Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle«.
-Gott verlangt von uns »keine Kopfschmerzen, sondern
-Pulsschläge«. So lebt und webt er in den oft willkürlichsten
-Einfällen, Ahnungen, Gefühlen. Demgemäß ist auch sein zwar
-geistvoller, aber durchaus sprunghafter, absichtlich in Dunkelheiten
-sich ergehender Stil.</p>
-
-<p>Im Mittelpunkt des Hamannschen Denkens steht, nicht ohne
-daß eine auf ein ziemlich übles Weltleben in London erfolgte
-plötzliche Bekehrung dazu beigetragen hätte, die rein gefühlsmäßig
-aufgefaßte Bibel. Daneben die Offenbarung Gottes in
-<em class="gesperrt">Natur</em> und <em class="gesperrt">Geschichte</em>. Beide sind ihm nichts anderes als »verborgene«
-Chiffern, deren »Schlüssel« wir in der Heiligen Schrift
-finden, und schließlich auch in der <em class="gesperrt">Sprache</em>. Voll seherischen
-Tiefblicks zeigt sich Hamanns Genie, wenn er in die Ursprünge
-des geistigen Lebens bei dem einzelnen wie bei ganzen Völkern,
-in die Anfänge und das Wachstum der Sprache, insbesondere
-der Poesie, dieser »Muttersprache des menschlichen
-Geschlechts«, hineinleuchtet. Er will, wie ein Jahrhundert später
-sein religiöser Gegenfüßler Friedrich Nietzsche, seine Leser nicht
-überzeugen, sondern erregen, unter sich zwingen.</p>
-
-<p>Und dieser Mann ist mehr als irgendein anderer fortan
-&ndash; mit Ausnahme einer kurzen Zeit, von der wir noch sprechen
-werden &ndash; von Einfluß auf den leicht erreg- und entzündbaren<span class="pagenum"><a id="Page_69"></a>[69]</span>
-Herder geworden. In ihm fand er, wie seine Gattin in den
-»Lebenserinnerungen« bezeugt, »was er suchte und bedurfte:
-ein mitempfindendes, liebevolles, glühendes Herz, … einen an
-Gemüt und Geist hohen, geweihten Genius. So trug er seinen
-Hamann im Herzen, die innigste Sympathie verknüpfte sie beide
-für Zeit und Ewigkeit.« Noch später in Weimar war es für ihn
-stets ein Festtag, so oft er einen Brief seines geliebten Hamann
-aus Königsberg, zuletzt aus Münster erhielt; »seine ganze Seele
-war bewegt, Freudentränen standen in seinen Augen.«</p>
-
-<h4 id="herder_a_2">2. Die literarisch-ästhetische Epoche</h4>
-<p class="center">1765 bis 1772 (Riga, Reiseleben, Straßburg)</p>
-
-<p>Zu Ende des Jahres 1764 begleitete der »Magus« den
-scheidenden jungen Freund bis zum Tore. Denn dieser hatte
-sich entschieden, eine Lehrstelle an der Domschule zu <em class="gesperrt">Riga</em> anzunehmen,
-wurde später dort auch ein gern gehörter Prediger, der
-echtes Deutschtum und echtes Menschentum &ndash; auch heute noch
-keine Gegensätze! &ndash; zu vereinen wußte und, in diesem Falle
-doch mit Hamann nicht identisch, ein Christentum von durchaus
-freier, humaner Form vertrat. Daneben aber begann jetzt
-seine, bisher nur in einzelnen Gedichten und Selbstniederschriften
-geübte, Schriftstellerei. Im Jahre 1767 (kleinere Aufsätze
-müssen wir übergehen) erschienen, noch ohne seinen Namen,
-seine »Fragmente über die neuere deutsche Literatur«, 1769 seine
-»Kritischen Wälder«. Diese beiden Schriften, die Herders Namen
-zuerst in den literarischen Kreisen bekannt machten, haben zwar
-große Bedeutung für die Literaturgeschichte, nicht in gleichem
-Maße aber für die Philosophie. Erinnert die erste schon in
-ihrem Titel an die Literaturbriefe Lessings, mit dem überhaupt
-Herder fast sein ganzes Leben hindurch in Zustimmung und
-Widerspruch sich beschäftigt hat, so sind die »Kritischen Wälder«
-in ihrem wichtigsten Teile eine Kritik und Weiterbildung des
-»Laokoon«. Gegenüber dem Allgemeingültigen, das für Lessing
-wie später für Kant die Hauptsache ist, betont Herder schon
-hier mit Vorliebe die Berechtigung des <em class="gesperrt">Individuellen</em> und
-historisch Gewordenen. Lessings Zweiteilung in Malerei und
-Poesie stellt er die Dreiteilung in bildende Künste, Tonkunst
-und Dichtkunst entgegen, die den drei Grundbegriffen: Raum,
-Zeit und <em class="gesperrt">Kraft</em> entsprechen. Von der Malerei wird bestimmter<span class="pagenum"><a id="Page_70"></a>[70]</span>
-die Plastik abgegrenzt, der er auch eine besondere, freilich erst
-ein Jahrzehnt später veröffentlichte, Schrift gewidmet hat. Die
-Malerei ist die Kunst des Gesichts-, die Musik die des Gehör-,
-die Plastik die des Tastsinns, die Dichtkunst die der Phantasie.</p>
-
-<p>Schon aus diesen kurzen Andeutungen sehen wir, daß Herder
-reich an anregenden, zum Teil auch neuen Gedanken ist, ohne
-doch im eigentlichen Sinne selbstschöpferisch zu sein. Übrigens
-hält es seine unruhige, bewegliche und auch &ndash; selbstbewußte
-Natur auf die Dauer nicht in der immerhin doch abgelegenen
-Baltenstadt. Er tritt im Mai 1769 eine große Seereise nach
-dem Westen mit zunächst noch unbestimmtem Ziele an. Auf
-dieser Fahrt gibt er sich nun aber nicht etwa bloß, wie man
-denken könnte, dem Naturgenuß des freien Meeres hin, sondern
-schreibt in seinem noch erhaltenen <em class="gesperrt">Reisetagebuch</em> &ndash; der
-»Meister« der gegenwärtigen »Schule der Weisheit« in Darmstadt
-Graf Keyserling hat also einen berühmten Vorgänger &ndash;
-allerlei Bekenntnisse, Selbstschilderungen, Rückblicke in die Vergangenheit
-und Vorblicke in die Zukunft nieder, die nicht nur
-eine noch heute anziehende Lektüre bilden, sondern auch für
-das Verständnis seines innersten Wesens von Bedeutung sind.
-Einen besonders breiten Raum nimmt darin, seiner bisherigen
-praktischen Wirksamkeit entsprechend, das Problem der <em class="gesperrt">Erziehung</em>
-ein. Er entwirft mancherlei, für seine Zeit sehr fortgeschrittene
-Volksbildungspläne und Zukunftsschulentwürfe, die
-zum Teil heute noch unsere Gedanken beschäftigen: wie die stärkere
-Betonung der damals noch ganz zurücktretenden Realien,
-insbesondere Geschichte, Geographie und Naturkunde, Beginn
-mit französischem Unterricht an Stelle des alten scholastischen
-Lateinbetriebs. Er fordert lebendigen Lektüre- und anregenden
-Philosophieunterricht, dessen Methode, wie bei Rousseau
-und Kant, eine natürliche sein soll. Er träumt davon, der Bildungsreformator
-der Ostseeprovinzen, ja Rußlands zu werden,
-denkt auch an eine gründliche Reform der philosophischen
-Wissenschaften und »einen lebendigen Unterricht darin im Geiste
-Kants«. Und daneben an das, was dann auch wirklich seine
-philosophische Haupttat werden sollte: an eine zusammenfassende,
-auf völkerpsychologischer Unterlage ruhende <em class="gesperrt">Philosophie</em> der
-Menschheits<em class="gesperrt">geschichte</em>; Montesquieu soll dabei sein Vorbild
-sein. In Paris lernt er den ihm in mancher Beziehung geistesverwandten<span class="pagenum"><a id="Page_71"></a>[71]</span>
-Diderot kennen, studiert er bildende Kunst und
-Theater. Dann reist er über Holland und Hamburg, wo er
-vierzehn anregende Tage im Umgang mit Lessing verlebt und
-mit Matthias Claudius Freundschaft schließt, nach Eutin, um
-für drei Jahre Reisebegleiter eines dortigen sechzehnjährigen
-Prinzen zu werden. Mit ihm reist er über Darmstadt, wo er
-seine spätere Frau, die zwanzigjährige Karoline Flachsland,
-kennenlernt, nach Straßburg.</p>
-
-<p>Sein <em class="gesperrt">Straßburger</em> Aufenthalt, der ihn bald von der lästigen
-Reisebegleiterstellung löst, aber durch eine nötig gewordene
-Augenkur sich noch über ein halbes Jahr in die Länge zog,
-ist, seitdem Goethe ihn zum erstenmal in »Dichtung und Wahrheit«
-erzählt, mehr als hundertmal in seiner Wichtigkeit für
-unsere literarische Entwicklung, vor allem für die des jugendlichen
-Goethe, geschildert worden. Er ist in der Tat in dieser
-Hinsicht kaum zu überschätzen. War in der Schätzung Homers
-und Shakespeares Lessing schon vorangegangen, so hat doch erst
-Herder ihr freie Bahn gebrochen, vor allem aber im <em class="gesperrt">Volkslied</em>
-und der Volksdichtung überhaupt den Keim aller echten
-Poesie enthüllt. Der »Auszug aus einem Briefwechsel über
-Ossian und der Lieder alter Völker«, denen dann später die
-epochemachenden »Stimmen der Völker in Liedern« folgten,
-sowie die »Abhandlung über Shakespeare«, die beide 1773 in
-dem berühmten Hefte »Von deutscher Art und Kunst« veröffentlicht
-wurden, sind in jener Straßburger Zeit entstanden.</p>
-
-<p>Ins philosophische Gebiet gehört aus jener Zeit nur die aus
-Anlaß eines Preisausschreibens der Berliner Akademie Ende
-1771 in wenigen Wochen niedergeschriebene Abhandlung »<em class="gesperrt">Über
-den Ursprung der Sprache</em>«. Bis dahin gab es über diesen
-Gegenstand drei Theorien: 1. die orthodox-kirchliche, daß die
-Sprache dem Menschen von Gott unmittelbar anerschaffen sei;
-2. die seit Aristoteles bei den meisten Philosophen übliche, daß sie
-von den Menschen durch willkürliche Übereinkunft (»Konvention«)
-behufs gegenseitiger Verständigung eingeführt worden sei; dazu
-war neuerdings 3. die von dem französischen Sensualisten
-Condillac aufgestellte gekommen, wonach sie aus der tierischen
-sich allmählich entwickelt habe. Demgegenüber vertritt nun
-Herder einen neuen, vermittelnden Standpunkt. Der Ursprung
-der Sprache ist auch ihm kein willkürlich künstlicher, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_72"></a>[72]</span>
-ein natürlicher. Rein menschlich aber auch darin, daß die Sprache
-im engeren Sinne des Worts sich doch grundsätzlich von den
-uns mit den Tieren gemeinsamen bloßen Empfindungslauten
-unterscheidet. Sie ist erst mit der »Besinnung« des Menschen
-auf sich selbst, also mit dem Denken entstanden, wenn auch in
-allen ursprünglichen Sprachen noch Reste reiner Naturlaute sich
-finden. Ferner: je näher der Mensch noch dem Naturzustande
-steht, desto sinnlicher, aber auch poetischer ist seine Sprache; je
-stärker das bewußte Denken sich in ihm entwickelt, desto abstrakter
-(begriffsmäßiger) wird sie. Unter dem Einfluß des verschiedenen
-Klimas und der verschiedenen Lebensweise bildeten
-sich dann verschiedene Sprachen auf der Erde aus. Und so
-findet denn die Sprachenentwicklung und damit die gesamte
-Bildung der Menschheit im Zusammenhang mit der nach einem
-höheren Plane fortschreitenden Entwicklung des Menschengeschlechts
-überhaupt statt. Damit geht die <em class="gesperrt">Sprach</em>philosophie
-in die später von uns besonders zu behandelnde Herdersche
-<em class="gesperrt">Geschichts</em>philosophie über. Seine Abhandlung von 1772 aber
-hat in Deutschland den ersten Grund zu einer brauchbaren
-Sprachtheorie gelegt, auf der dann, mit Wilhelm von Humboldts
-Forschungen beginnend, allmählich die moderne Sprach<em class="gesperrt">wissenschaft</em>
-sich aufbauen konnte.</p>
-
-<p>Unterdessen hatte ihres Verfassers wechselvoller äußerer Lebensgang
-eine neue Wendung erfahren. Der Siebenundzwanzigjährige
-war im April 1771 als Oberpfarrer und Konsistorialrat
-nach Bückeburg übergesiedelt. Damit beginnt eine neue Epoche
-seiner geistig-seelischen Entwicklung, eine</p>
-
-<h4 id="herder_a_3">3. Vorherrschend religiöse Periode</h4>
-
-<p class="center">1772 bis 1776</p>
-
-<p>In der kleinen Residenzstadt Bückeburg, zwischen einem aufgeklärten,
-aber donquichotteartigen Grafen, der sich durch seine
-Soldatenspielerei bekannt gemacht hat, und seiner gemütstiefen,
-pietistischen Gemahlin, seinen Amtspflichten noch fremd
-gegenüberstehend, ohne Freund, bis er im Mai 1773 seine
-Karoline als Gattin heimführt, fühlt sich Herder in den zwei
-ersten Jahren äußerlich wie innerlich vereinsamt. So macht
-er denn jetzt eine neue innere Wandlung durch. Der Aufsatz
-»Über den Ursprung der Sprache« hatte ihn der Aufklärung<span class="pagenum"><a id="Page_73"></a>[73]</span>
-nahe gezeigt und deshalb auch das Mißfallen Hamanns erregt,
-mit dem daher ein beinahe dreijähriges Stocken des Briefwechsels
-eingetreten war. Jetzt wendet er sich zu ihm zurück
-und dem gleichgearteten Lavater in Zürich zu. Von nun an
-gründet er seine Weltanschauung ganz auf <em class="gesperrt">religiöse</em> Gedanken,
-die ihn von der strengen Wissenschaft abführen, seinen Schriften
-einen rein persönlichen Charakter geben, ihn oft in sich selbst sich
-zurückziehen lassen. Er entscheidet sich endgültig für den geistlichen
-Beruf, stellt gegenüber der »herzensarmen« und »gedankenlosen«
-Zeit sein Leben auf Gott, schreibt eine Reihe &ndash;
-bezeichnenderweise sämtlich unvollendet gebliebener &ndash; <em class="gesperrt">theologischer</em>
-Schriften.</p>
-
-<p>Wir lassen die rein theologischen, wie die fünfzehn »Blätter
-an Prediger« (1774), die »Erläuterungen zum Neuen Testament«
-durch Vergleichung mit der Lehre des altpersischen Zendavesta
-(1775) und »Maran Atha, das Buch der Zukunft des
-Herrn« (1779), eine Arbeit über die Offenbarung Johannis,
-beiseite und beschränken uns auf die merkwürdige »<em class="gesperrt">Älteste
-Urkunde des Menschengeschlechts</em>« (1774 bis 1776), womit
-die ersten Kapitel des ersten Buches Mose gemeint sind.
-Herder deutet sie nicht etwa rationalistisch, wie ein Jahrzehnt
-später Kant in seinem »Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte«
-und Kant nachfolgend Schiller es getan haben, sieht
-sie aber auch nicht als absolute göttliche Heilswahrheit an,
-sondern &ndash; als ein wundervolles Beispiel morgenländischer
-<em class="gesperrt">Natur</em>empfindung und zugleich urältester Offenbarung Gottes
-in der Natur. In Wahrheit liegt ihm zufolge dieser Moses
-zugeschriebenen, aber einer orientalischen Gesamtanschauung
-entstammenden Schöpfungsgeschichte das Bild eines &ndash; werdenden
-Tages zugrunde und ist in den Anordnungen des uralten
-»Schöpfungslieds« eine geheime Bilderschrift, geteilt nach
-der heiligen Siebenzahl, versteckt! Wir gehen nicht weiter auf
-diese und andere Phantasien ein, die natürlich auch damals
-nur bei Hamann und seinem Kreise Bewunderung fanden,
-darunter auch bei dem jungen Goethe, der begeistert über den
-Verfasser schrieb: »Er ist in die Tiefen seiner Empfindung hinabgestiegen,
-hat darin alle die hohe, heilige Kraft der simpeln
-Natur aufgewühlt und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem,
-hier und da morgenfreundlich lächelndem orphischem<span class="pagenum"><a id="Page_74"></a>[74]</span>
-Gesang vom Aufgang herauf über die weite Welt, nachdem
-er vorher die Lasterbrut&nbsp;(!) der neueren Geister, De- und
-Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten usw. mit
-Feuer und Schwefel und Flutsturm ausgetilgt!« Übrigens sind
-auch Herders übrige theologische Schriften dieser Epoche gegen
-die liberale Zeittheologie gerichtet.</p>
-
-<p>Ja, selbst seine ihrem Titel nach ins philosophische Feld
-schlagenden Schriften der siebziger Jahre sind tief in diesen
-Geist getaucht. So die 1774 anonym erschienene Abhandlung
-»<em class="gesperrt">Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung
-der Menschheit</em>«, nur daß sie in der Form der Denkweise
-»ungläubiger« Leser angepaßt ist. Im Gegensatz zu der sonstigen
-Geschichtsphilosophie des Jahrhunderts faßt sie den Gesamtgang
-der geschichtlichen Entwicklung als einen »Gang Gottes
-durch die Nationen«, als einen göttlichen Erziehungsplan auf;
-in letzterem Bilde mithin Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts«
-verwandt, aber viel gefühlsmäßiger als dieser.
-Ein fruchtbarer Gedanke aber ist jedenfalls darin enthalten.
-Gegenüber einem Skeptizismus, der überhaupt jeden tieferen
-Sinn in der historischen Entwicklung vermißte, und der Ansicht
-der Aufklärer andererseits, die sozusagen prinzipiell einen
-Fortschritt in ihr erblicken wollte, vertritt Herder, obwohl auch
-er einen Fortschritt durchaus nicht leugnet, den wahrhaft geschichtlichen
-Gedanken: Jedes Volk und jede Zeit hat seinen
-(ihren) Mittelpunkt in sich selbst und ist nur um ihrer selbst
-willen da. Die verschiedenen Epochen werden, wobei es freilich
-ohne Künstlichkeiten nicht abgeht, mit den Lebensaltern des
-Einzelmenschen: Kindheit, Knaben-, Jünglings-, und Mannesalter,
-verglichen. Auch das von der Aufklärung, ja selbst Kant,
-durchweg als »finster« betrachtete Mittelalter wird zum erstenmal
-nach seinen wertvollen Seiten (»Andacht und Ritterehre,
-Liebeskühnheit und Bürgerstärke«) gewürdigt; während gegen
-die Gegenwart der Vorwurf der Mechanisierung des gesamten
-Daseins, der Erstickung alles wahrhaft Menschlichen erhoben
-wird. Gebt uns statt der bloßen Ausbildung des Verstandes,
-der Papierkultur: »Herz! Wärme! Blut! Menschheit! Leben!«
-Dabei alles im echten Sturm- und Drangstil, in abgerissenen
-Sätzen, mit dunklen Andeutungen, ahnenden Ausblicken und
-vielen Ausrufungszeichen geschrieben. Ein Vorläufer des späteren<span class="pagenum"><a id="Page_75"></a>[75]</span>
-großen geschichtsphilosophischen Werks, aber noch in durchaus
-schwärmerischem Gewande.</p>
-
-<p>Endlich entwirft Herder in diesem Jahr auch eine allerdings
-erst 1778 abgeschlossene <em class="gesperrt">Psychologie</em>: »Vom <em class="gesperrt">Erkennen</em> und
-<em class="gesperrt">Empfinden</em> der menschlichen Seele«, mit dem bezeichnenden
-Untertitel: »Bemerkungen und Träume«. Äußerlich ist sie wieder,
-wie so manche bedeutsame Abhandlung der Zeit (von
-Rousseau, Kant, Lessing, Mendelssohn), durch eine akademische
-Preisfrage veranlaßt. Natürlich wird das Empfinden als das
-allein ursprüngliche, daher innige und tiefe Element über die
-daraus nur abgeleitete Erkenntnis gestellt. Zwischen Körper
-und Seele existiert keine Scheidewand; beide stellen eine nur
-immer feinere »Hinaufläuterung« der Gotteskraft dar. Auf diese
-ganz Hamannsche Weise wird &ndash; für uns auf den ersten Blick
-sehr auffallend &ndash; eine fast mystisch begründete Seelenlehre
-dennoch mit der <em class="gesperrt">Physiologie</em> verbunden, wie damals der
-berühmte, zugleich fromme und poetische Albrecht von Haller
-sie lehrte. Von den einfachsten Elementen, den Reizen, aufsteigend,
-verfolgt dann Herder den gesamten Aufbau des seelischen
-Lebens, freilich nach seiner uns nun schon bekannten
-Art ohne jede Schärfe der Grundbegriffe. Vielmehr sind ihm
-Sinnlichkeit, Anschauung, Glaube, Gefühl die eigentlichen Grundkräfte
-der menschlichen Seele; Biographien, vor allem Selbstbiographien,
-und Dichter die besten Fundgruben psychologischer
-Erkenntnis. Denken, Wollen und Fühlen &ndash; welche eine kritische,
-wissenschaftliche Psychologie auseinanderzuhalten sich bemüht&nbsp;&ndash;,
-ihm sind sie alles dasselbe, alle drei bloß Stufen einer einzigen
-Kraft: der Energie unserer Seele. Von »reinen Grundsätzen«,
-wie kurz darauf Kant sie aufstellte, hält Herder nichts. Die
-höchste Vernunft und, was damit gleichgesetzt wird, das »reinste
-göttliche Wollen« stellt die »Liebe« dar. Und dann folgt, am
-Schluß des ersten Teiles, der ihn plötzlich als &ndash; Spinozisten
-enthüllende Satz: »Wollen wir dieses nicht dem heiligen Johannes,
-so mögen wir's dem ohne Zweifel noch göttlicheren&nbsp;(!)
-Spinoza glauben, dessen Philosophie und Moral sich ganz um
-diese Achse beweget.«</p>
-
-<p>Der zweite Teil bringt verhältnismäßig wenig Neues hinzu.
-Bloßes Spekulieren, heißt es dort, stumpft die Seele, bloßes
-Sentimentalisieren das Herz ab; beide gehören vielmehr zusammen<span class="pagenum"><a id="Page_76"></a>[76]</span>
-und müssen sich unterstützen, wie es im klassischen
-Altertum gewesen sei.</p>
-
-<p>Gewiß, auch Lessing hatte sich, wie wir wissen, auf das klassische
-Altertum, auf das Testament Johannis und auf Spinoza
-berufen, aber auf ganz anderem Untergrund als dem des bloßen
-Gefühls. Für Herder dagegen sind sogar Charakter und <em class="gesperrt">Genie</em>
-dasselbe. »Genie oder&nbsp;(!) Charakter« heißt ihm jede lebendige,
-eigenartige Menschenart. Kurz, er hat, zusammen mit Hamann,
-in diesen Schriften eigentlich das theoretische Programm der
-Genieperiode jener siebziger Jahre, in der sie entstanden ist,
-entwickelt. Sie tragen, wie Kühnemann richtig bemerkt, einen
-durchaus »faustischen« Charakter, erinnern an den Faust der
-ersten Monologe, die ja wohl auch in ihrer Urgestalt ungefähr
-zur selben Zeit entstanden sind, mit seinem Überdruß gegenüber
-der bloßen Wortgelehrsamkeit, mit seinem Drängen nach
-urwüchsiger Natur und Schöpferkraft, zum Schauen und Gefühl.
-Ja, man kann sogar deutliche Parallelen im Ausdruck zwischen
-jenen ersten Faustszenen und den Herderschen Schriften dieser
-Jahre feststellen. Trotzdem ist von solchen Ähnlichkeiten in Gedanken
-und Ausdruck immer noch ein weiter Weg bis zu der
-merkwürdigen These Günther Jacobys, der in einem beinahe
-500 Seiten zählenden Buche »Herder als Faust« (Leipzig 1911,
-F. Meiner), übrigens mit viel Geist und Belesenheit zu begründen
-versucht hat: nicht etwa bloß (was auch wir vielleicht
-zu unterschreiben geneigt wären) Herdersche Gedanken
-seien in weitem Maße in jenen Teilen des Urfaust enthalten,
-sondern geradezu <em class="gesperrt">Herder</em> sei <em class="gesperrt">Faust</em>, d. h. <em class="gesperrt">seine</em> inneren und
-äußeren Erlebnisse seien in dem Faust des ersten Teils, wenigstens
-bis zur Szene in Auerbachs Keller, enthalten. Ich empfehle,
-obschon ich die These selbst ablehne, doch den Lesern, die
-sich für das Problem interessieren, das wenig bekannt gewordene
-Buch zum Studium.</p>
-
-<p>Beide letztbesprochenen Schriften Herders aber, »Auch eine
-Philosophie« und »Vom Erkennen und Empfinden«, sind trotz
-ihres rein philosophischen Titels im letzten Grunde religiöser
-Art: nur daß in der ersten die allem Erdgeschehen zugrunde
-liegende Gottheit in der geschichtlichen Entwicklung, in der
-zweiten im menschlichen Einzelwesen und seinem Denken und
-Fühlen sich offenbart. Beide sind sie jünglinghafte Vorläufer<span class="pagenum"><a id="Page_77"></a>[77]</span>
-der beiden Hauptwerke aus Herders Reifezeit, die ihn philosophisch
-auf der Höhe seiner Entwicklung zeigen: der »Ideen
-zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784&nbsp;ff.) und
-der Gespräche über »Gott« (1786).</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="herder_b"><em class="antiqua">B.</em> Die Höhezeit</h3>
-</div>
-
-<p>Am 1. Oktober 1776 waren Herders in die Stadt an der
-Ilm eingezogen. Aber er fühlte sich in der neuen Umgebung
-in den nächsten Jahren noch wenig wohl: vielmehr mannigfach
-eingeengt durch die zeitraubenden Geschäfte seines Generalsuperintendentenamtes
-wie durch die Rücksichten auf den
-Hof. Auch zu dem jungen Herzog, der ihn gerufen, ergab sich
-keine erquickliche Stellung, vor allem aber nicht zu Goethe, der
-doch diesen Ruf bewirkt, und der ihm jetzt in seinem kraftgenialischen
-Treiben allem Lebensernste abgewandt schien, während
-Goethe in Herder den ewig krittelnden Theologen erblickte.</p>
-
-<p>In die ersten Weimarer Jahre fallen nur literarische Aufsätze,
-die wir hier übergehen müssen. 1780/81 erscheinen seine bedeutsamen
-»<em class="gesperrt">Briefe, das Studium der Theologie betreffend</em>«,
-ein Erziehungsbuch für künftige Geistliche. Sie wollen keinen
-Wissensstoff vermitteln, sondern zur religiösen Persönlichkeit
-heranbilden. Die beiden ersten der vier Teile des Buches handeln
-vom Alten und Neuen Testament, aber in durchaus undogmatischem
-Sinne. Man soll die Bibel »menschlich« lesen,
-d. h. so einfach und natürlich wie irgend ein anderes Buch. Zugleich
-nähert er sich wieder der Wissenschaft: die jungen Theologen
-sollen die Hilfsmittel der Sprachwissenschaft und der
-historischen Kritik nicht verachten; freilich wird auch ihr Einklang
-mit dem wahren Glauben hervorgekehrt. Dessen Kern ist
-die Persönlichkeit Jesu, der die volle Offenbarung von Gottes
-Erziehungsplan mit der Menschheit und zugleich das unendliche,
-vor jedem vor uns liegende Ziel darstellt. So ist denn
-auch der dritte Teil, die »Dogmatik«, ganz undogmatisch, der
-Geist des Christentums steht über allem Streit und Hader,
-erweist sich in Taten der Liebe.</p>
-
-<p>In den beiden nächsten Jahren (1782 und 1783) folgt dann
-das glänzende Buch »<em class="gesperrt">Vom Geist der hebräischen Poesie</em>«,
-das man nicht ohne Grund als ein Seitenstück zu Winckelmanns<span class="pagenum"><a id="Page_78"></a>[78]</span>
-Würdigung des Griechentums, nämlich als erste tiefere Würdigung
-des morgenländischen Geistes bezeichnet hat. Die Rückwendung
-zur Philosophie aber und zugleich sein bedeutendstes
-philosophisches Werk wird veranlaßt durch das an Goethes vierunddreißigstem
-Geburtstag (28. August 1783) neu beginnende
-Freundschaftsverhältnis zu diesem. <em class="gesperrt">Goethe</em> steckte damals tief
-in naturwissenschaftlichen Studien, von dem Streben getragen,
-die gesamte Natur in ihrer lebendigen Einheit zu erfassen, bis
-sie zuletzt im Menschen zum Bewußtsein ihrer selbst und ihres
-Schaffens gelangt. Das paßte so recht zu Herders Grundgedanken.
-Und so kann man wohl verstehen, wie beide sich in
-jener Zeit durch gegenseitiges geistiges Geben und Nehmen täglich
-gefördert fühlten; wie denn Goethe von ihren damaligen
-Unterhaltungen noch nach Jahren mit Wohlgefallen berichtet:
-»Unser tägliches Gespräch beschäftigte sich mit den Uranfängen
-der Wassererde und der darauf von alters her sich entwickelnden
-organischen Geschöpfe. Der Uranfang und dessen unablässiges
-Fortbilden ward immer besprochen und unser wissenschaftlicher
-Besitz durch wechselseitiges Mitteilen und Bekämpfen
-geläutert und bereichert.« Aus solchen Gesprächen entstand dann
-Herders größtes und reifstes Werk, dessen erster Teil bereits
-im folgenden Jahre (1784) herauskam, die</p>
-
-<h4 id="herder_b_1">1. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit</h4>
-
-<p>Es liegt in der Natur der Dinge, daß jemand, der eine Entwicklungsgeschichte
-der gesamten Menschheit in großem Stile
-zu entwerfen versucht, weiter ausholt und der Menschheitsgeschichte
-eine solche der belebten und unbelebten Natur vorausschickt.
-So hat Kant seine Philosophie der Entwicklung &ndash;
-denn eine solche verbirgt sich trotz alledem hinter seiner kritischen
-Philosophie &ndash; mit seiner bekannten großartigen Weltentstehungslehre
-begonnen, um von da zu geologischen und geographischen
-Studien fortzuschreiten, von ihnen zur Anthropologie und zuletzt
-erst zu geschichtsphilosophischen Abhandlungen überzugehen.
-Ähnlich beginnt ein Jahrhundert später Herbert Spencer seine
-großgedachte Entwicklungslehre mit der Philosophie des Unorganischen,
-um daran nacheinander die Prinzipien der Biologie,
-Psychologie, Soziologie und Ethik zu schließen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_79"></a>[79]</span></p>
-
-<p>So setzt denn auch Herder mit astronomischen Betrachtungen
-ein; sein erster Satz lautet: »Unsere Erde ist ein Stern unter
-Sternen«. Immerhin ist es doch etwas stark, daß der ganze
-erste Teil mit seinen fünf Büchern noch nichts vom eigentlichen
-Thema enthält, ja selbst die weiteren fünf Bücher des
-zweiten Teils nur eben bis zur wirklichen Menschheitsgeschichte
-heranführen. Vielmehr behandelt Buch 1 astronomische, geologische
-und physisch-geographische Fragen, Buch 2 und 3 solche
-der Biologie des Pflanzen- und Tierreichs, wie man damals
-auch in der Sprache der Wissenschaft noch sagte. Allerdings
-von vornherein im Vorausblick auf die »Krone der
-Schöpfung«, den Menschen. Wie die Erde ein Mittelgeschöpf
-unter den Planeten, so stellt der Mensch ein Mittelgeschöpf
-unter den Tieren der Erde dar. Keine Frage, daß dieser das
-Ganze durchziehende Grundgedanke der <em class="gesperrt">Entwicklung</em> äußerst
-fruchtbar ist, daß auch im einzelnen reiche gedankliche Anregungen
-gegeben, daß insbesondere der zu seiner Zeit im
-Grunde ja noch gar nicht bestehenden geographischen Wissenschaft
-neue, fruchtbare Aufgaben gestellt werden. Auch der modernen
-Abstammungslehre, dem <em class="gesperrt">Darwinismus</em>, steht Herder
-bis zu einem gewissen Grade nahe. Er betont immer wieder,
-daß die Pflanzen und die Tiere nach einem Urtypus gebildet
-seien, somit ein Exemplar das andere erkläre, daß eine Stufenleiter
-der auftretenden Unterschiede bestehe &ndash; man erinnere
-sich der gleichzeitigen »Metamorphose der Pflanzen« und Entdeckung
-des Zwischenkieferknochens durch Goethe&nbsp;&ndash;, und daß
-die verschiedenen Lebewesen <em class="gesperrt">nach</em>einander aufgetreten seien.
-Er nimmt auch, wie übrigens schon der alte Grieche Heraklit
-und unser Walter von der Vogelweide, einen Kampf ums
-Dasein an: »alles ist im Streit gegeneinander, weil alles selbst
-bedrängt ist«. Und er teilt auch den Gedanken der Anpassung:
-daß nämlich die Formen des Lebenden den gegebenen Bedingungen
-sich umwandeln. Indessen halten sich nach seiner
-Meinung doch die durch äußere Einflüsse bewirkten Abänderungen
-in verhältnismäßig engen Grenzen. Vor allem wird,
-trotz gelegentlicher poetischer Sätze, wie: »der Menschen ältere
-Brüder sind die Tiere«, der Mensch vom Tiere scharf abgegrenzt.
-Als der grundlegende Unterschied wird übrigens nicht etwa,
-mit der heutigen Naturwissenschaft, das verschiedene Gehirngewicht<span class="pagenum"><a id="Page_80"></a>[80]</span>
-(das auch Herder schon kannte), angegeben, sondern
-die aufrechte Stellung, die ihm die Hände frei machte und somit
-zu aller Kultur führte.</p>
-
-<p>Denn auf den Menschen und seine Kultur ist doch durch die
-»Vorsehung« von Anfang an alles abgezielt. Der Mensch ist, wie
-die sieben Kapitel des vierten Buches nacheinander ausführen,
-zur Vernunfttätigkeit, zur Kunst und Sprache, zu feineren
-Trieben und zur Freiheit, zu längerer Lebensdauer und stärkster
-Verbreitung über die Erde organisiert, zur Humanität,
-Religion und Hoffnung auf Unsterblichkeit gebildet. Ja, der
-heutige Mensch bildet höchstwahrscheinlich keinen Abschluß, sondern
-bloß einen Anfang. Denn, wie auf unserer Erde eine
-Reihe aufsteigender Formen und Kräfte herrscht, die auf einen
-zusammenhängenden Fortschritt hinzielen, so ist selbst unsere
-Humanität nur die »Knospe zu einer zukünftigen Blume«, und
-der jetzige Zustand der Menschheit »wahrscheinlich das verbindende
-Mittelglied zweier Welten«.</p>
-
-<p>Was den modern denkenden Naturwissenschafter von heute
-außer dem poetischen Stile an diesen Gedanken stört, ist das beständige
-vorzeitige Hineintragen von teleologischen, d. h. Zweckgedanken,
-des Wozu? in die naturwissenschaftliche Forschung,
-die doch zunächst nach Ursache und Wirkung der Dinge zu fragen
-hat. Aber diese teleologischen Gedankengänge lagen in der Zeit;
-von ihnen, von dem beständigen Einmischen der »Vorsehung«
-in den Natur- und Geschichtsverlauf, sind auch Lessing, Schiller
-und Goethe nicht frei. Mehr noch stört, mich wenigstens, die allzu
-gefühlsmäßige Art, die Herders ganzes Werk durchzieht und,
-wie wir es freilich nach allem Bisherigen von ihm erwarten
-mußten, Empfindungen allzuoft an Stelle von Gedanken setzt.</p>
-
-<p>Das hielt doch auch schon ein zeitgenössischer Denker dem
-»geistreichen Verfasser« entgegen. Es war kein Geringerer als
-Immanuel Kant, der (zunächst anonym) am 4. Januar 1785
-in der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung« eine ausführliche
-Besprechung des ersten Teils von Herders Werk veröffentlichte.<a id="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">[12]</a>
-Er gab dem Leser &ndash; wie es Pflicht jedes wahrheitsliebenden<span class="pagenum"><a id="Page_81"></a>[81]</span>
-Rezensenten ist &ndash; ein objektives Bild des Herderschen
-Gedankenganges. Er ließ auch den schriftstellerischen Vorzügen
-seines einstigen Schülers alle Gerechtigkeit widerfahren, rühmte
-den »vielumfassenden Blick«, ja das »Genie« des »sinnreichen
-und beredten« Verfassers, seinen Scharfsinn in Auffindung von
-Ähnlichkeiten, die Kühnheit seiner Phantasie, den »großen Gedankengehalt«,
-die bei einem Theologen seltene Vorurteilslosigkeit
-des Denkens und im einzelnen »manche ebenso schön gesagte
-als edel und wahr gedachte Reflexionen«. Allein er vermißt,
-wie uns dünkt mit Recht, die von einem Philosophen
-zu erwartende »logische Pünktlichkeit in Bestimmung der Begriffe«
-und »sorgfältige Unterscheidung und Bewährung der
-Grundsätze«. Er kennzeichnet die Hauptzüge von Herders Wesen:
-das warme Gefühl, die durchaus persönliche Art, den dichterischen
-Stil, das Schwelgen in Bildern und Gleichnissen als
-ebensoviel Schwächen des <em class="gesperrt">Philosophen</em>.</p>
-
-<p>Herder aber empfand die Kritik Kants als hämisch und platt,
-als »schief« und »umkehrend«. Und diese Empfindung wurde
-durch die lehrhafte Schlußermahnung, er möge »seinem lebhaften
-Genie« künftig »einigen Zwang auferlegen«, da die Aufgabe
-der Philosophie »mehr im Beschneiden als im Treiben
-üppiger Schößlinge« bestehe, er solle daher weniger durch Winke,
-Mutmaßungen und Gefühle als durch wissenschaftliche Beobachtung
-und behutsame Vernunft zu wirken suchen, keineswegs
-in ihm abgeschwächt. Wütend schrieb er einem Freunde: »Ich
-bin vierzig Jahre alt und sitze nicht mehr auf seinen metaphysischen
-Schulbänken.« Und die begeisterte Zustimmung seiner
-Freunde bestärkte ihn darin. Nur Hamann nahm den ihm persönlich
-bekannten Königsberger Denker dem Freunde gegenüber
-in Schutz, während Knebel in dem Rezensenten einen
-»gelehrten Esel« und eine »lichtscheue Fledermaus« erblicken
-wollte! Mit einer »Widerlegung« Kants in Wielands Teutschem
-Merkur sprang auch ein Anonymus ihm bei, der sich dann als
-Wielands Schwiegersohn K. L. Reinhold entpuppte und bald
-darauf in einen begeisterten Anhänger Kants verwandelte.</p>
-
-<p>Im Herbst 1785 erschien dann der <em class="gesperrt">zweite</em> Teil der »Ideen«.
-Auch er beschäftigt sich, mit Ausnahme des einleitenden sechsten
-Buches, das eine Art »Physiognomik«, also äußere Charakterisierung
-der verschiedenen Menschenzweige (von Rassen will er<span class="pagenum"><a id="Page_82"></a>[82]</span>
-nichts wissen) entwirft, durchaus noch mit allgemeinen Problemen:
-insbesondere mit der Wechselwirkung der inneren (Herder:
-»genetischen«) Kräfte der Völker und ihrer äußeren, namentlich
-klimatischen Lebensbedingungen. Jedes Volk besitzt einen
-einheitlichen Charakter, der eine besondere Offenbarung der
-überall wirkenden göttlichen Kraft darstellt. Je nach Klima
-und Bedürfnissen verändern sich auch der Gebrauch der Sinne,
-die Phantasie, der praktische Verstand, die Empfindungen und
-Triebe, die Begriffe von der Glückseligkeit, dazu tritt überall
-der überwiegende Einfluß von Überlieferung und Gewohnheit.
-Das alles wird mit zahlreichen anschaulichen Beispielen vom
-Naturzustand an bis zur geschichtlichen Entwicklung belegt. Die
-Philosophie der Menschheitsgeschichte besteht nicht in der Betrachtung
-der äußeren Weltbegebenheiten, sondern in der Philosophie
-der Kultur und der bildenden Kräfte der Menschheit,
-so wie sie sich geschichtlich entfaltet haben. So setzt Herder hier
-seine sprachphilosophischen Erörterungen (S.&nbsp;<a href="#Page_71">71</a>&nbsp;f.) fort und
-untersucht die Entstehung der Künste und Wissenschaften.</p>
-
-<p>Besondere Mühe hat ihm &ndash; wir kommen damit zu Herders</p>
-
-<h4>politischen Anschauungen</h4>
-
-<p>&ndash; das Kapitel vom Staate (den »Regierungen«, wie er es
-nennt) gemacht; er hat es unter Goethes Einfluß nicht weniger
-als dreimal umgearbeitet, auch in seinen übrigen Schriften sich
-am seltensten darüber geäußert. Die Politik lag seinem gefühlsmäßigen
-Denken offenbar nicht. Auf diesem Gebiet ist er
-auch in den extremsten, ja wir dürfen sagen: rückständigsten
-individualistischen Vorstellungen befangen. Die Natur, und sie
-ist für ihn das Bestimmende, erschafft bloß Familien und Völker,
-keine Staaten. Alle Regierungen verdanken der Not und dem
-Krieg ihren Ursprung und sind lediglich um dieser Not willen
-da. Es wird unseren Lesern vielleicht nicht unsympathisch sein,
-wenn er bei dieser Gelegenheit gegen die einseitige, aber bis
-in die jüngste Zeit auch bei uns noch vorherrschend gewesene
-Bewunderung der Kriegshelden zu Felde zieht; so sagt er in
-starker Übertreibung einmal: die berühmtesten Namen der Welt
-sind Würger des Menschengeschlechts, gekrönte oder nach Kronen
-ringende Henker gewesen! Ebenso werden wir seinen Kampf
-gegen jede Art von Despotismus, sein wahrhaft christliches Eintreten<span class="pagenum"><a id="Page_83"></a>[83]</span>
-für die Idee des ewigen Friedens, seine Auslegung des
-»Gottesgnadentums«, wonach die Fürsten sich der ihnen von
-der Vorsehung verliehenen Herrscherstellung durch eigene Mühe
-erst würdig machen müssen, voll anerkennen. Auch sein, des
-Theologen, Eintreten für die völlige Freiheit der wissenschaftlichen,
-künstlerischen und religiösen Betätigung, gegen jede Art
-von Knebelung der Wissenschaft durch »Inquisition« oder Zensur.
-Manche Theologen von heute könnten sich ein Muster daran
-nehmen!</p>
-
-<p>Um so mehr zu bedauern und höchstens durch die damaligen
-politischen Zustände erklärlich ist es, daß er den Wert des
-<em class="gesperrt">Staates</em> noch so wenig erkennt, daß er ihm bloß als eine
-künstliche Maschine erscheint. Wenn Herder in der Glückseligkeit
-der einzelnen den Endzweck der Menschheit sah, so fragte
-ihn Kant in seiner Besprechung des zweiten Teils der »Ideen«
-mit Grund: ob er denn etwa das Wohlbehagen der im bloßen
-Genusse, wie glückliche Rinder oder Schafe, dahinlebenden Bewohner
-der schönen Südseeinsel Tahiti als höchstes Ziel der
-Menschheit betrachte? Ein Ziel, dem Kant sein eigenes Ideal
-einer »nach Begriffen des Menschenrechts geordneten Staatsverfassung«
-gegenüberstellte. Von einer Antwort Herders auf
-diese Frage ist uns nichts bekannt. Dieser hatte seinerseits, ohne
-Kants Namen, dessen in seiner ersten geschichtsphilosophischen
-Schrift »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher
-Absicht« (1784) aufgestellten Satz angegriffen, daß die
-Naturanlagen des Menschen nicht im Individuum, sondern
-in der Gattung zu vollständiger Entwicklung zu kommen bestimmt
-seien. Auch dies weist der kritische Philosoph in seiner
-Besprechung mit überlegener Ruhe zurück.</p>
-
-<p>Wir werden auf Herders politische Ansichten bei seiner Stellung
-zur Französischen Revolution noch einmal kurz zu sprechen
-kommen. Hier sei nur um der Vollständigkeit willen noch erwähnt,
-daß das letzte (zehnte) Buch des zweiten Teiles die
-mehr geographische Frage der Urheimat des Menschengeschlechts
-erörtert, die er in Asien findet. Auch kommt er bei dieser Gelegenheit
-auf seine »Älteste Urkunde« (S.&nbsp;<a href="#Page_73">73</a>) und deren Zuverlässigkeit
-zurück. Er geht sogar so weit, mit der mosaischen
-Überlieferung als Tatsache anzunehmen, höhere Geister (die
-Elohim) hätten den ersten Menschen die Sprache gelehrt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_84"></a>[84]</span></p>
-
-<p>Erst der dritte, Ostern 1787 erschienene Teil des Werkes
-geht dann zur eigentlichen Geschichte über. Er beschäftigt sich
-zunächst mit den Völkern Ost- und Südasiens, sodann mit
-Vorderasien und Ägypten, darauf mit der griechischen Kultur
-und zum Schluß mit der ihm weniger liegenden römischen
-Geschichte. Mit jener genialen Nachempfindung, die von jeher
-seine Stärke war, die Lücken der damaligen Geschichtsforschung
-und Völkerkunde ersetzend, weiß er von jedem dieser Völker
-ein charakteristisches Bild zu entwerfen. Die Hebräer treten
-in diesen Jahren des Geistesbundes mit Goethe gegenüber
-ihrer früheren Vorzugsstellung zurück. Im vollen Glanze seiner
-Schönheit erscheint dagegen das Griechentum. Das farbenreiche
-Gemälde der altgriechischen Sprache, Religion, Kunst,
-Sitte und Politik gehört zu den glänzenden Partien des Werks.</p>
-
-<p>Seinen Abschluß erhält der dritte Band wieder durch eine
-Reihe allgemeiner Ausführungen (Buch 15), welche die Ergebnisse
-des Bisherigen und so eigentlich die Summe seiner Geschichtsphilosophie
-ziehen. Die gesamte Menschheitsgeschichte erscheint
-hier als »eine reine <em class="gesperrt">Natur</em>geschichte menschlicher Kräfte,
-Handlungen und Triebe nach Ort und Zeit«. Die Philosophie
-der Endzwecke, die Frage des <em class="gesperrt">Wozu</em>? statt des <em class="gesperrt">Woher</em>? wird
-jetzt ausdrücklich abgewiesen. Trotz alledem waltet in der Geschichte
-ein tiefer Sinn und Zweck. Dieser Zweck ist, wir wissen
-es schon und hören es hier aufs neue, die <em class="gesperrt">Humanität</em>. Wie
-in der äußeren Natur, so dienen auch in der Geschichte die
-zerstörenden Kräfte letzten Endes den erhaltenden. Der Gang
-der Geschichte ist zwar voll abgerissener Ecken, voll aus- und
-einspringender Winkel, aber er führt im ganzen doch vorwärts.
-»Es ist«, so schließen diese Betrachtungen, »keine Schwärmerei,
-zu hoffen, daß, wo irgend Menschen wohnen, einst auch vernünftige,
-billige und glückliche Menschen wohnen werden; glücklich
-nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die gemeinschaftliche
-Vernunft ihres ganzen Brudergeschlechts.«</p>
-
-<p>Damit wird freilich, wie Herders Biograph Rudolf Haym
-(II, 236) richtig bemerkt, die Geschichtsphilosophie zum frommen
-Glauben, das Naturgesetz zum moralischen Gebot, das Herder
-denn auch etwas verschwommen also formuliert: »Der Mensch
-sei Mensch, er bilde sich seinen Zustand nach dem, was er für
-das Beste erkennt.« So wird der letzte Zweck der Geschichte, den<span class="pagenum"><a id="Page_85"></a>[85]</span>
-Herder ja freilich nur in der Glückseligkeit der einzelnen erblickt,
-<em class="gesperrt">sittliche Aufgabe</em> des Menschen: eine an sich richtige
-Erkenntnis, die nur nicht, wie es in den »Ideen« geschieht,
-mit der naturwissenschaftlichen Darstellung dieser Geschichte vermischt
-werden darf.</p>
-
-<p>Über den erst 1791 veröffentlichten <em class="gesperrt">vierten</em> und letzten
-Teil der »Ideen« können wir uns kurz fassen. Er leitet zu der
-Geschichte des Mittelalters über, die er dann in knapper
-Übersicht schildert. Das Bedeutendste darin ist die außerordentlich
-scharfe <em class="gesperrt">Kritik</em> des <em class="gesperrt">Christentums</em> und seiner Hierarchie
-im 17. bezw. 19. und die Schilderung des Endes dieser Zeit
-im 20. Buche. Das Christentum erscheint, offenbar wieder unter
-Goethes Einfluß, in wesentlich anderer, ungünstigerer Beleuchtung
-als in der Bückeburger Periode. Es ist fast, als ob ein
-Aufklärer diesen Abschnitt geschrieben hätte. Vorangestellt wird
-die Person Jesu in ihrer rein menschlichen Größe. Dann aber
-in den stärksten Gegensatz zu der Religion Jesu die »Religion
-<em class="gesperrt">an</em> dich« (Lessing und Kant: die Religion <em class="gesperrt">über</em> Christus) gestellt,
-die an die Stelle »deines lebendigen Entwurfs zum Wohl
-der Menschen« die »gedankenlose Anbetung deiner Person und
-deines Kreuzes« setzte: der »trübe Abfluß deiner reinen Quelle«.
-Die berühmte dunkle Schilderung der <em class="gesperrt">mittelalterlichen
-Kirche</em>, die ein Jahr später Kant zu einem anderthalb Seiten
-langen Satze seiner »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
-Vernunft« formte, wird in dem ausführlichen Kapitel des Generalsuperintendenten
-der evangelischen Kirche Sachsen-Weimars
-noch überboten. Schon in der ersten christlichen Zeit die »jüdische
-Dialektik« des Apostels Paulus, die Auffassung der Welt als
-eines großen Hospitals und der Kirche als Almosenkasse. Dann
-die Folgsamkeit der unmündigen Laienschaft, die endlosen elenden
-Lehrstreitigkeiten, die Konzile und Synoden, vielfach »eine
-Schande des Christentums und des gesunden Verstandes«, der
-»fromme Betrug« zum Prinzip erhoben, die Ausartung der
-Taufe in eine Teufelsbeschwörung, des Abendmahls zum »sündenvergebenden
-Mirakel«, zum »Reisegeld in die andere Welt«.
-Später das dem Geist Christi ganz fremde widersinnige Mönchs-
-und Nonnentum; schließlich das »zweiköpfige Ungeheuer« des
-Staatschristentums (das ja erst zu unseren Zeiten allmählich
-aus Europa zu weichen beginnt. K. V.).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86"></a>[86]</span></p>
-
-<p>Sodann wird die Vermischung des Christentums mit einem
-Meer andersartiger Anschauungen: der morgenländischen, griechischen,
-lateinischen und zuletzt dem Geiste der germanischen
-Barbaren verfolgt, wodurch es in der Tat jedesmal eine andere
-Form angenommen hat (was man bis zur Gegenwart fortsetzen
-könnte. Wo bleibt da das »Wesen« des Christentums? K. V.).
-Gewiß, er <em class="gesperrt">bedauert</em> es, sein früheres Lob des Mittelalters &ndash;
-man denke an die Bückeburger Zeit! &ndash; einschränken zu müssen.
-Er erkennt auch den relativen Wert mancher hierarchischen Einrichtungen
-an; er weilt gern in der »schauerlichen« Dämmerung
-der ehrwürdigen mittelalterlichen Dome. Allein er schätzt
-sie im besten Falle doch nur als eine »grobe Hülse der Überlieferung«,
-die von der Kraft und dem überlegenden Verstand
-derer (die großen Päpste des Mittelalters!) zeugen, die »das
-Gute in sie legten«. Aber einen bleibenden Wert besitzt sie nicht:
-»wenn die Frucht reif ist, zerspringt die Schale«.</p>
-
-<p>Und so schildert denn das letzte Buch (20) das Heraufziehen
-einer neuen Zeit: nach dem Rittergeist und der »heiligen Narrheit«
-der »tollen« Kreuzzüge das Erwachen des Handelsgeistes
-in den Städten Norditaliens und der Hansa, das Entstehen
-eines Bürgerstandes, das Aufkommen der Landessprachen, das
-allmähliche Wiedererstehen der Wissenschaften, die Erfindungen
-und Entdeckungen: kurz den Beginn einer neuen europäischen
-Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Freilich,
-»an eine allgemeine durchgreifende Bildung <em class="gesperrt">aller Stände</em>
-und Völker« war damals noch nicht zu denken, und »<em class="gesperrt">wann
-wird daran zu denken sein</em>?« »Indessen«, mit diesem tröstlichen
-Ausblick schließt das Werk, »geht die Vernunft und die
-verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit der Menschen ihren unaufhaltbaren
-Gang fort.« So ist denn doch noch etwas anderes
-möglich als ein Zerfallen in Einzelindividuen und deren Wohlbehagen:
-es gilt eine Vernunft und eine <em class="gesperrt">gemeinsame</em>
-Tätigkeit der Menschen, die vielleicht dermaleinst eine »durchgreifende
-Bildung aller Stände und Völker« herbeiführen
-wird.</p>
-
-<p>In Herders Nachlaß hat sich noch ein Entwurf für einen
-folgenden fünften Teil (21. bis 25. Buch) gefunden. Allein
-auch er führt nur bis ins siebzehnte Jahrhundert. So wäre
-also das Werk sowieso ein Torso geblieben. Ein vollendetes<span class="pagenum"><a id="Page_87"></a>[87]</span>
-geschichtsphilosophisches System wollte ja der Verfasser ohnehin
-nicht geben, sondern nur Ideen zu einem solchen.</p>
-
-<p>In einem knappen Gesamturteil Herders »Ideen« wirklich
-gerecht zu werden, ist schwer. Vielleicht darf man zu seinem
-Lobe rühmen, daß niemand vor ihm die Menschheit »so einheitlich,
-so allumfassend und in so tiefen Perspektiven gesehen
-hat« (E. Kühnemann) oder, wenn man bescheidenere Worte
-vorzieht, sagen, daß er den von Leibniz zuerst zu nachdrücklicher
-Geltung gebrachten <em class="gesperrt">Entwicklungs</em>gedanken von
-der Natur auf die Geschichte übertragen und sie in selbständiger
-Tat, übrigens auch mit großer Belesenheit und einer
-Fülle von Anregungen, durchgeführt hat. Diesen bedeutsamen
-Vorzügen stehen freilich auch bedeutende Schwächen gegenüber.
-Schon die ihm von manchen Kritikern als Lob angerechnete
-Methode, daß er die <em class="gesperrt">Natur</em> als <em class="gesperrt">Geschichte</em>, die
-<em class="gesperrt">Geschichte</em> als <em class="gesperrt">Natur</em> behandelt, hat doch auch eine gewisse
-begriffliche Verschwommenheit und Unbestimmtheit im
-Gefolge, die wir schon in Kants Besprechung hervorgehoben
-sahen. Mit seiner ganzen Art hängt auch das immer wieder
-hervortretende Überwiegen der Empfindung über den Verstand,
-des Gefühls über den Begriff; der Phantasie über die
-Wissenschaft zusammen.</p>
-
-<p>Und ebenso die mangelnde Nachwirkung des Werks. Während
-Lessing, ganz männlich-kräftig in seinem Wesen, uns
-heute noch anzieht, so hat Herder etwas frauenhaft Weiches
-an sich, was den modernen Leser auf die Dauer nicht zu fesseln
-vermag. Ich wenigstens fühle mich, muß ich offen bekennen,
-außerstande, stundenlang hintereinander der oft zerfließenden
-und zudem heute wissenschaftlich veralteten Darstellung
-der »Ideen« mit Aufmerksamkeit zu folgen. Auf seine Zeit
-dagegen hat ihr Verfasser stark gewirkt. Nicht nur sein engerer
-Freundeskreis, darunter Männer von der Bedeutung eines
-Hamann und Goethe, sondern auch Naturforscher von dem
-Rang eines Blumenbach, Forster, Sömmering haben mit Begeisterung
-davon gesprochen. Von Philosophen haben sie besonders
-auf Schelling und Hegel eingewirkt, und aus uns
-näher liegender Zeit hat Hermann Lotze bekannt, daß sein
-»Mikrokosmus« eine mit den fortgeschrittenen wissenschaftlichen
-Anschauungen der Gegenwart begonnene Wiederholung<span class="pagenum"><a id="Page_88"></a>[88]</span>
-des Herderschen Unternehmens sei. Von unseren Geschichtschreibern
-erinnert Ranke am meisten an ihn. Aber in der
-heutigen Geschichtswissenschaft und im geistigen Leben der
-Gegenwart spielt Herders reifstes Werk keine Rolle mehr, und
-die realistisch-wirtschaftliche Geschichtsauffassung, wie sie Marx
-und Engels vertreten haben, hat ihm kaum etwas zu verdanken.
-Trotz alledem kann man mit einem gewissen Recht mit
-Gundolf Herder als »den <em class="gesperrt">ersten</em> Mensch mit <em class="gesperrt">historischem</em>
-Sinn bezeichnen, der Griechentum oder Bibelwelt,
-Naturvölker oder Shakespeare als <em class="gesperrt">geschichtliche</em> Erscheinungen
-in ihrer individuellen Besonderheit und Mannigfaltigkeit
-faßte und darstellte«. Darin besteht sein unvergängliches
-historisches Verdienst.</p>
-
-<h4 id="herder_b_2">2. Die Gespräche über »Gott«</h4>
-
-<p>Diejenige Schrift Herders, welche die seinen »Ideen« zugrunde
-liegenden philosophischen Anschauungen seiner Reifezeit
-vielleicht am konzentriertesten zusammenfaßt, ist das 1787
-erschienene, nur wenige Druckbogen umfassende kleine Buch
-»<em class="gesperrt">Gott</em>. Einige Gespräche«, auch wohl das Spinoza-Büchlein
-genannt.</p>
-
-<p>Herder war philosophiegeschichtlich von <em class="gesperrt">Leibniz</em> ausgegangen.
-Schon Magister Kants Vorlesungen hatten ihn auf
-diesen bis dahin größten deutschen Philosophen aufmerksam
-gemacht. Christian Wolff hat ihn, der fünfzehn Jahre jünger
-als Lessing war, schon nicht mehr beeinflußt. Dagegen studierte
-er mit Eifer Leibniz an der Quelle, d. h. dessen 1765
-bekannt gewordene, gegen den englischen Empiristen Locke
-gerichtete »Neue Versuche über den menschlichen Verstand«.
-In Leibniz fand er den seinen eigenen Grundanschauungen
-verwandten Gedanken von der auf lebendige, göttliche Kräfte
-zurückgeführten, zweckbeherrschten Entwicklung im Reiche der
-Natur und des Geistes, welche beide sich zuletzt zu einer
-großen, vorausbestimmten Harmonie des gesamten Weltalls
-zusammenschließen. Damit verband er dann die damit leicht
-zu vereinende, ihm gleichfalls sympathische Gefühlsphilosophie
-des »liebenswürdigen Platos Europas«: des Engländers
-<em class="gesperrt">Shaftesbury</em> mit seinem Optimismus und seiner,
-freilich die Wirklichkeiten des Lebens stark verkennenden poetischen<span class="pagenum"><a id="Page_89"></a>[89]</span>
-Schönheitsphilosophie, derzufolge die Schönheit und
-Harmonie des Alls auf das Dasein eines weisen und gütigen
-Weltgeistes führt. Shaftesbury aber wurde für ihn schließlich
-nur ein dichterischer Dolmetsch des großen <em class="gesperrt">Spinoza</em>, auf
-den ihn, wie wir sahen, eigene Studien schon früher geleitet
-hatten, und der ihm dann seit 1783 durch F. H. Jacobi noch
-näher gebracht worden war.</p>
-
-<p>Schon um die Mitte der siebziger Jahre hatte er eine Schrift
-über diese seine drei philosophischen »Schutzheiligen« geplant.
-Nun kam Lessings Bekenntnis zu der All-Eins-Lehre Spinozas
-und der durch Jacobi angefachte große Philosophenstreit
-über Lessing-Spinoza hinzu. In diesen fühlt nun auch Herder
-sich veranlaßt, durch seine fünf Gespräche über »Gott« einzugreifen.
-Das heißt: er wollte sich eigentlich nicht an dem Streit
-beteiligen. »Gespräche sind keine Entscheidungen, noch minder
-wollen sie Zank erregen, denn über Gott werde ich <em class="gesperrt">nie
-streiten</em>,« so erklärt er von vornherein in seiner Vorrede.</p>
-
-<p>Das erste Gespräch stellt eine Ehrenrettung des so lange
-verkannten niederländischen Weisen dar: sowohl seines Charakters
-als seiner Lehre. Ein Spinozist im strengen Sinne
-will zwar auch Theophron, der offenbar Herders Standpunkt
-vertritt, nicht heißen. Er gibt vielmehr eine Auslegung des
-Spinozismus, wie sie Herders eigener Persönlichkeit entspricht,
-und das bedeutet bei Herders Subjektivismus etwas
-noch ganz anderes als bei Lessing. Vor allem wird die ihm
-nicht passende streng logische Seite desselben als »kartesianische«
-Schlacken beseitigt, das Religiöse hervorgehoben. Spinoza
-ist nicht der Atheist, als den ihn haßerfüllte Gegner ausgegeben
-haben. Vielmehr ist die Gottheit für ihn sogar der
-Urquell alles Denkens und Seins, andererseits auch das
-Ziel alles Denkens und Fühlens. Er ist im Gegenteil, wie
-Herder mit Goethe sagt, der stärkste Gottesgläubige und beste
-Christ (<em class="antiqua">theissimus et christianissimus</em>), eher ein Schwärmer
-für Gottes Dasein als ein Leugner desselben zu nennen.
-Freilich ist dieser Gott nicht außerhalb, sondern <em class="gesperrt">in</em> der Welt,
-die er &ndash; was freilich nicht bei Spinoza, sondern bei Leibniz
-steht &ndash; mit seiner alles durchdringenden Kraft erfüllt, indem
-er, die Urkraft, sich in unendlichen Einzelkräften auf unendliche
-Weisen offenbart. Und diese Urkraft stellt, wie das<span class="pagenum"><a id="Page_90"></a>[90]</span>
-dritte Gespräch beweisen will, zugleich die höchste Weisheit
-und Güte dar. Spinozas »Gott« ist für Herder gleichzeitig
-ein denkendes, wollendes und wirkendes Wesen. Und doch kein
-Gott der Willkür. Deshalb bedeutet die Naturgesetze erforschen
-ebensoviel als: Gottes Gedanken nachdenken. Was den
-Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn betrifft, so sucht das
-vierte Gespräch beide Standpunkte, den der Glaubens- und
-der Aufklärungsphilosophie, miteinander zu verbinden. Gottes
-Dasein ist schon durch den gesunden Verstand erweisbar.
-Die einzige Richtung, gegen die er sich wendet, ohne sie ausdrücklich
-beim Namen zu nennen, ist der Kritizismus. Auch
-zustimmende Aussprüche von Dichtern aller Zeiten werden
-zitiert; wie denn überhaupt die Gespräche, an deren letztem
-auch eine Frau (Theano) &ndash; zu denken ist wohl an Karoline,
-Herders Gattin &ndash; teilnimmt, die Herder eigentümliche poetische
-Stilfärbung tragen.</p>
-
-<p>Schließlich wird das Ergebnis, in dem die drei Unterredner
-zuletzt übereinstimmen, in zehn Sätzen formuliert. Das Wichtigste
-davon ist folgendes: Da Gott selbst Macht, Weisheit
-und Güte ist, so besitzt auch alles von ihm Geschaffene diese
-Eigenschaften. Alle die unzähligen Organismen sind Systeme
-lebendiger Kräfte, die der Weisheit, Güte und Schönheit einer
-Hauptkraft nach ewigen Regeln dienen. Jedes Wesen beharrt
-in sich selbst, vereinigt sich mit Gleichartigem, scheidet sich von
-Entgegengesetztem und verähnlicht sich in Abdrücken, die eine
-stetige Reihe bilden. Es gibt in der gesamten Schöpfung keinen
-Tod, sondern nur Verwandlung, keine Ruhe, sondern nur
-lebendiges Wirken von Kräften, die aus dem Chaos Ordnung,
-aus schlafenden wirkende Fähigkeiten schafft. Alles »Böse«
-ist nur Schranke und Gegensatz. Auch die Fehler der Menschen
-sind in den Augen eines verständigen Geistes gut; denn sie
-helfen ihm, als Kontraste, zu mehr Licht, Güte und Wahrheit.</p>
-
-<p>Alles in allem, wie der Kenner sieht, in der Tat eine Vereinigung
-von Spinoza mit Leibniz und Shaftesbury. Von
-den eigentlich und naiv Frommen: Lavater, Jacobi, Matthias
-Claudius hatte sich Herder damit gelöst. Um so enger war
-der Bund mit <em class="gesperrt">Goethe</em>, der Herders Büchlein zu seinem
-Geburtstag 28. August 1787 in Rom empfing und sich in
-wahrhaft begeisterter Weise darüber äußerte, da er seine eigenen<span class="pagenum"><a id="Page_91"></a>[91]</span>
-Gedanken darin wiederfand. Er sah in dem damit besonders
-verwandten dritten Teil der »Ideen« sein »liebwertestes
-Evangelium«, fand das neue Büchlein »voll würdiger Gottesgedanken«;
-er werde es in seiner »Einsamkeit noch oft lesen
-und beherzigen«, auch &ndash; was ja den inneren Anteil eines
-Lesers am besten zeigt &ndash; »Anmerkungen dazu machen, welche
-Anlaß zu künftigen Unterredungen geben können«. Herder
-aber hatte mit seinem Herzblut oder, wie er an seinen Schweizer
-Freund G. Müller schrieb, »mit sonderbarer innerer Überzeugung
-daran geschrieben«. Es enthielt, wie er sich zu Schiller
-äußerte, seine eigene, vollständig überzeugende Idee von
-Gott. Er hatte es (nach Karolinens »Lebenserinnerungen«)
-»mit der frömmsten Seele« verfaßt, und sie teilte beim Vorlesen
-des Manuskripts, wie auf gemeinsamen Spaziergängen,
-das Glück der Empfindungen und Vorstellungen, die Spinoza
-in ihm erweckt, in dem Grade, daß »Himmel und Erde ihnen
-neu waren«! Und als ein Göttinger Rezensent von den »bedenklichen
-Folgen« gesprochen hatte, die Herders Spinozismus
-für fromme Gemüter haben könnte, da fuhr Herder mit
-berechtigtem Grimme und im Vollgefühl seiner tiefreligiösen
-Weltanschauung los: Solche »Altweibertröstungen« seien keine
-Wahrheiten, »so wenig sie einen vernünftigen Menschen trösten
-werden«. »Die Leute wollen keinen Gott als in ihrer Uniform,
-ein menschliches Gabeltier, dem sie höchstens den Reichsapfel
-in die Hand geben; und dabei verkleistern sie sich die
-Vernunft, die einzige hohe Idee wahrzunehmen, die ihnen
-überall entgegenstrahlt, an der alles hängt und die alles, was
-man hoffen kann, gibt: Trost, Heiterkeit, Wahrheit, Gewißheit,
-ernstes, ewiges Dasein. Wer einen Tropfen dieses Wassers
-gekostet hat, der wird nicht dürsten in Ewigkeit.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="herder_c"><em class="antiqua">C.</em> Das Ende</h3>
-
-<p class="h3">Altersjahre. Der Kampf gegen Kant. Tod</p>
-</div>
-
-<p>Herders allzufrüh zur Reife gelangtem Geist entspricht ein
-frühes Veralten. Man merkt es schon an der Wirkung seiner
-1788/89 angetretenen italienischen Reise. Dasselbe Ereignis,
-das Goethe erst zur vollen Mannes- und Dichterreife entwickelte,<span class="pagenum"><a id="Page_92"></a>[92]</span>
-läßt bei dem erst vierundvierzigjährigen Herder, obwohl
-auch er sich von Jugend auf nach Italien gesehnt, bereits
-den Beginn des Greisentums hervortreten. Er fühlt sich
-durch die neuen Eindrücke weder beglückt noch gefördert. Auch
-die innere Differenz mit Goethe fängt wieder an sich zu regen.</p>
-
-<p>Sie wird verstärkt durch Herders Enthusiasmus für die
-<em class="gesperrt">Französische Revolution</em>. Eigentlich politisches Verständnis
-hat ja diese ganze gefühls- und empfindungsmäßig
-eingestellte Natur nie besessen. Aber er begeisterte sich anfangs
-mehr als die übrigen Weimarer Größen für die Erhebung
-des Nachbarvolkes, in der sein Humanitätsideal zum
-ersten Male sich ihm zu verwirklichen schien. Starke antimonarchische
-Äußerungen, die sogar in seinen Predigten zuweilen
-einen gewissen Nachhall fanden, wurden über ihn kolportiert.
-Er, der sonst das Recht der Tradition so hochgehalten
-hatte, bekannte sich jetzt in seinen »<em class="gesperrt">Briefen, die Humanität
-betreffend</em>«, die 1792 entworfen, freilich erst
-später zur Ausführung kamen, zur uneingeschränkten Demokratie,
-der gemäß im Staate »nur ein einziger Stand, das
-<em class="gesperrt">Volk</em>, existiert, zu dem der König sowohl als der Bauer gehört«.
-Die Französische Revolution erklärte er für das wichtigste
-Ereignis der Weltgeschichte seit Völkerwanderung und Reformation.
-Er sieht in ihrem Gefolge &ndash; sehr unprophetisch! &ndash;
-ein neues Zeitalter der Literatur, Philosophie und Religion
-für Deutschland heraufkommen.</p>
-
-<p>Allein sein Feuer ist nur ein Strohfeuer. Wie so viele andere,
-wie Klopstock und Wieland und leider auch &ndash; Schiller,
-fühlt er sich durch die Gewalttätigkeiten, die der Verlauf der
-Dinge in Frankreich brachte, ebenso rasch wieder abgestoßen
-und pflegte später zu sagen: die Revolution habe uns ein
-Jahrhundert zurückgebracht. Und die Humanitätsbriefe (1793
-bis 1794), anfangs ein Stück Zeitgeschichte, verlieren sich immer
-mehr ins Breite und verwandeln sich allgemach in uferlose Betrachtungen
-über alle möglichen Dinge: Literatur, Kunst, Religion,
-Erziehung, Recht, Geschichte und Völkerkunde. Daneben
-gibt er in den Jahren 1794 bis 1798, zu den theologischen
-Interessen seiner Bückeburger Periode zurückkehrend,
-eine Reihe »Christlicher Schriften« heraus, auf die wir nicht
-weiter einzugehen brauchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93"></a>[93]</span></p>
-
-<p>Zu dem vorzeitigen Altern Herders tragen auch eine Reihe
-äußerer Umstände bei: zunehmende Kränklichkeit, finanzielle
-Sorgen, die durch die anwachsende und heranwachsende Familie
-immer drückender wurden. Vor allem aber das Gefühl steigender
-Vereinsamung. Schon 1788 war ihm im fernen Münster
-sein geliebter Hamann gestorben. Und die neuen Freundschaften,
-die in den neunziger Jahren kamen, wie die des jungen
-Jean Paul, oder das zeitweise nähere Verhältnis zu einem
-Vertreter der alten Generation wie Wieland, gaben ihm, abgesehen
-davon, daß sie vorübergehender Natur waren, keinen
-Ersatz: während doch gerade seine weiche Natur für die Entfaltung
-ihres Innenlebens von jeher der Anregung durch andere
-bedurft hatte.</p>
-
-<p>Vor allem aber war es die endgültige Abwendung <em class="gesperrt">Goethes</em>,
-die ihn seine Isolierung am bittersten empfinden und ihn
-immer grämlicher und verbitterter werden ließ: Goethes, der
-im Jahre 1794 seinen Geistesbund mit Friedrich <em class="gesperrt">Schiller</em>
-schloß. Ich kann diese Ihnen ja aus der Literaturgeschichte
-bekannten Dinge hier nicht im einzelnen erzählen, zumal da
-wir auf ihre philosophische Seite eben bei Schiller und Goethe
-noch einmal zurückkommen werden, und begnüge mich daher
-mit der kurzen Zusammenfassung, daß in der geistigen Entwicklung
-Goethes Herder-<em class="gesperrt">Nähe</em> Schiller-<em class="gesperrt">Ferne</em> und wiederum
-Schiller-Nähe Herder-Ferne bedeutet. Gewiß, äußerlich
-bleibt der Bruch zunächst noch verschleiert. Im Jahre 1795
-arbeiten alle drei noch gemeinsam an der vornehmsten literarischen
-Zeitschrift, die Deutschland wohl je besessen hat, an
-Schillers »Horen«, zusammen. Indes er läßt sich auf die
-Dauer nicht hintanhalten. Vor allem begriff Herder, der ja
-selbst nie ein schaffender Dichter, sondern stets nur ein feiner
-Nachempfinder fremder Poesie gewesen ist, den tief künstlerischen
-Standpunkt der beiden anderen nicht, der sie die Aufgabe
-der Kunst nicht in Moralpredigt und -lehre, sondern in
-freiem, schöpferischem Gestalten, ihren Wert nicht in irgendwelchem
-bürgerlichen oder erzieherischen Nutzen, sondern in
-der Tiefe des Schauens erblicken ließ, mit der echte Dichterkraft
-das Leben erfaßt. So fällt Schiller später, bei Gelegenheit
-einiger besonders schwacher Erzeugnisse des immerfort
-weiterschreibenden Herder, das scharfe Urteil: »Herder verfällt<span class="pagenum"><a id="Page_94"></a>[94]</span>
-wirklich zusehends, und man möchte sich zuweilen im Ernst
-fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich trivial, schwach
-und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen sein
-kann.« Und Goethe erklärte ebenfalls den ihm einst so nahe
-Stehenden für eine »pathologische«, d. h. krankhafte Natur.</p>
-
-<p>Noch einmal rafft sich dann in den letzten Jahren vor seinem
-Tode Herders einst so reger, jetzt müde gewordener Geist
-zu zwei wenigstens quantitativ größeren Leistungen auf, die
-beide gegen diejenige Philosophie gerichtet sind, der er seinen
-eigenen Rückgang in der Schätzung des Publikums zuschrieb,
-die <em class="gesperrt">kritische</em>. Wir meinen die »Metakritik« von 1799 und
-die »Kalligone« von 1800. Heute ist man sich wohl in allen,
-auch den nicht kantfreundlichen Kreisen darüber einig, daß
-diese beiden ziemlich umfangreichen Schriften &ndash; die »Metakritik«
-umfaßte zwei, die »Kalligone« gar drei Bände &ndash; mit
-ihrem trockenen und geschmacklosen Stil, ihrer anmaßlichen
-Selbstgefälligkeit und ihrer giftig-hämischen Kritik des großen
-Königsberger Philosophen einen beklagenswerten Abfall von
-den Leistungen des jungen und des reifen Herder darstellen.
-Nur der Inhalt wird, zum Teil wenigstens, von einigen,
-z. B. dem schon von uns genannten G. Jacoby,<a id="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">[13]</a> verteidigt.
-Wir können uns darüber kurz fassen.</p>
-
-<p>Das erste Werk, die Meta-, also eigentlich <em class="gesperrt">Nach</em>kritik &ndash;
-der Titel ist einer gleichartigen Schrift Hamanns nachgeahmt
-&ndash; richtet sich gegen Kants Kritik der reinen Vernunft.
-Aber Herder hat den Kern des Kantischen Problems <em class="gesperrt">überhaupt
-nicht verstanden</em>. Selbst ein ihm günstig gesinnter
-Schriftsteller wie C. Siegel erklärt: »Herder hatte keinen
-Sinn und konnte keinen haben für das eigentliche Kantische
-Problem: er ist nicht <em class="gesperrt">Erkenntnistheoretiker</em>,
-sondern Erkenntnis<em class="gesperrt">psychologe</em>.« (S.&nbsp;<a href="#Page_89">89</a>.) Für den erkenntniskritischen
-Standpunkt Kants fehlt ihm jedes Verständnis.
-Man darf ihm zufolge die Natur, also auch die daraus<span class="pagenum"><a id="Page_95"></a>[95]</span>
-hervorgegangene Vernunft nicht kritisieren, sondern höchstens
-psychologisch untersuchen. Daraus erklärt sich alles Weitere.
-Hier und da findet sich gewiß einmal ein geistreicher,
-wenn auch nicht durchschlagender Gedanke, wenn er z. B. bei
-der ersten Antinomie Kants die Unendlichkeit des Raumes
-der Einbildungskraft, seine Endlichkeit dem Verstand zuschreibt.
-Bezeichnend für Herder wie für alle Dogmatiker (Spinoza,
-Schelling, Hegel!) ist auch, daß für ihn die »Gottheit«
-nicht das Ende, sondern den Ausgangspunkt, nicht die oberste
-Spitze, sondern die unantastbare Grundlage aller Erkenntnis
-darstellt.</p>
-
-<p>Wie die Metakritik gegen die erste, so ist die 1800 veröffentlichte
-<em class="gesperrt">Kalligone</em> gegen die dritte Kritik Kants, die
-Kritik der Urteilskraft, d. h. gegen den ästhetischen Teil gerichtet.
-Sie will also Herders ästhetische Theorie geben. Allein
-das »schöne Kind des Himmels«, wie er selbst den Titel verdeutscht,
-verdient seinen Namen keineswegs. Sie gibt höchstens
-bezüglich der einzelnen Künste, z. B. über ihren Zusammenhang
-mit den praktischen Bedürfnissen des Menschen, hier
-und da einen anregenden Gedanken, hat aber ebenso wie das
-erste Buch das Kantische Problem überhaupt nicht erfaßt,
-reißt vielmehr den Gegner nur einfach herunter. Schon der
-Grundgedanke der kritischen Methode, die begriffliche Scheidung
-und Abgrenzung des Nichtzusammengehörigen voneinander,
-z. B. die des Schönen vom bloß Angenehmen und vom
-Guten oder die zwischen Schönem und Erhabenem, erregt Herders
-Mißfallen. Er versteht nicht, was der feine Begriff der
-»Zweckmäßigkeit ohne Zweck« für das Ästhetische bedeutet. Er
-faßt einen anderen ästhetischen Grundbegriff Kants, den des
-freien »Spiels« der Empfindungen, den Schillers ästhetische
-Schriften so meisterhaft ausgelegt und weiter ausgebildet
-haben, einfach in dem kindischen Sinne von Willkür und Tändelei,
-im Gegensatz zu <em class="gesperrt">seinem</em> eigenen »Ernst der Notwendigkeit«.
-Darüber ist natürlich kein Wort zu verlieren.
-Am bedauerlichsten ist, daß er, der selbst einst ein anerkannter
-Führer der jungen Genies der siebziger Jahre in der deutschen
-Literatur gewesen, jetzt nicht einmal die glänzende Bestimmung
-der Merkmale des Genies durch seinen einstigen Lehrer
-anerkennt, sondern aus reiner Oppositionslust bemäkelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_96"></a>[96]</span></p>
-
-<p>Natürlich hat Herder in seinem engeren Kreise und darüber
-hinaus bei einzelnen aus der Reihe der allmählich zahlreicher
-gewordenen Gegner der Kantischen Philosophie, zum Teil begeisterte,
-Zustimmung gefunden, von der ich eine Anzahl
-heute nur humoristisch anmutender Beispiele in meinem kürzlich
-in zweiter Auflage erschienenen Buche »Kant &ndash; Schiller &ndash;
-Goethe« (S.&nbsp;<a href="#Page_180">180</a> bis <a href="#Page_185">185</a>) gesammelt habe. Aber an den größten
-Zeitgenossen, an Goethe und Schiller, ging seine im Grunde
-nur aus ohnmächtiger Wut entsprungene heftige Opposition
-gegen die erkenntnistheoretischen und ästhetischen Grundlagen
-der kritischen Philosophie, die in Privatbriefen von geradezu
-abstoßenden Wendungen noch überboten wurde, ebenso wirkungslos
-vorüber wie an der ganzen Folgezeit. Diese letzten
-Schriften bilden eines der traurigsten und beschämendsten Kapitel
-im literarischen Lebensweg Herders, der am 18. Dezember
-1803, nicht ganz zwei Monate vor Immanuel Kant, seinen
-letzten Atemzug getan hat.</p>
-
-<p>Doch nicht mit diesem trüben Eindruck wollen wir von ihm
-Abschied nehmen. Sondern lieber an dasjenige denken, was
-er in seinen jüngeren und seinen Reifejahren für das deutsche
-Schrifttum und für deutsches Wesen, für eine tiefere und
-freiere Auffassung der Poesie und der Religion und vor allem
-der <em class="gesperrt">Natur</em> und der <em class="gesperrt">Geschichte</em> geleistet hat. Und wenn
-seine Verdienste um die strengere Philosophie auch nicht so
-groß sind wie die unserer anderen Klassiker, wenn er auch im
-Geistesleben unserer Gegenwart keine bedeutsame Rolle mehr
-spielt, so wollen wir an die edle Gesinnung denken, aus der
-sein bestes Wirken hervorgewachsen ist, und an den sie zusammenfassenden
-Wahlspruch der auch auf seinem Grabe steht
-und »<em class="gesperrt">Licht! Liebe! Leben!</em>« lautet.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97"></a>[97]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Schiller">Schiller</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_99"></a>[99]</span></p>
-
-<p class="drop">Kommt man von Johann Gottfried Herder zu Friedrich Schiller,
-namentlich dem <em class="gesperrt">jungen</em> Schiller, so ist es einem, als
-sei man von einem friedlich leuchtenden Lichte geschieden und
-nahe sich einer hell lodernden Flamme. Schiller, der schon als
-sechsjähriger Knabe in Lorch gern vor seinen Geschwistern den
-Prediger auf der Kanzel gespielt hat, ist in Wahrheit dem
-ganzen deutschen Volke ein feuriger Prediger der <em class="gesperrt">Freiheit</em>
-geworden. Darum ist er auch von jeher ein Liebling des <em class="gesperrt">Volkes</em>
-und der <em class="gesperrt">Jugend</em> gewesen. Dem tut die Tatsache keinen
-Eintrag, daß mancher von uns, vielleicht weil er auf der
-Schule mit Schillers Gedichten und Dramen gewissermaßen
-überfüttert worden ist, vielleicht auch, weil das unseren
-Dichter kennzeichnende Pathos den reifer Gewordenen von
-sich abstößt, eine Zeitlang seiner überdrüssig geworden ist: um
-so sicherer kehrt er später, wenn er, älter und reifer geworden,
-sich von neuem in seine Weltanschauung vertieft, dauernd
-und endgültig zu ihm zurück. Vor allem der, welcher im allgemeinsten
-Sinne des Wortes philosophisch angelegt ist. Denn
-Friedrich Schiller ist der <em class="gesperrt">philosophischste</em> unter unseren
-Dichter-Klassikern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="schiller_a"><em class="antiqua">A.</em> Die Anfänge</h3>
-
-<p class="center">(1779 bis 1786)</p>
-</div>
-
-<p>Schon als »Eleve« auf der von dem Württemberger Herzog
-gegründeten »Karlsschule«, welche die Söhne seiner Beamten
-bekanntlich zwangsweise besuchen mußten, hat der heranwachsende
-Knabe und Jüngling weit mehr als unsere Primaner,
-mehr auch als vor ihm Lessing, Kant oder Herder, von Philosophie
-erfahren. Wurde doch bereits der Vierzehnjährige mit
-sechs Wochenstunden Logik, Metaphysik und Philosophie-Geschichte,
-der Sechzehnjährige sogar mit nicht weniger als fünfzehn
-Stunden Philosophie und Rhetorik geplagt! Trotzdem,
-ja vielleicht eben wegen solcher Massenzufuhr philosophischen
-Stoffes trug dieser Unterricht, selbst unter einem so anregenden
-Lehrer, wie ihn die Karlsschüler zu Schillers Zeit in Professor<span class="pagenum"><a id="Page_100"></a>[100]</span>
-Abel bekamen, noch dazu unter dem herrschenden Zwangssystem,
-verhältnismäßig wenig Frucht. Die ersten philosophischen
-Produkte des Neunzehn- bezw. Zwanzigjährigen sind
-zwei dem rhetorisch begabten jungen Manne von dem alten
-Sünder von Herzog »gnädigst auferlegte« <em class="gesperrt">Lobreden</em> zum
-Preise der Tugend »im Tempel der Tugend«, d. h. zum Geburtstag
-der freilich leidlich tugendhaft gewordenen herzoglichen
-Mätresse Franziska von Hohenheim. Die eine betitelt
-sich: »Gehört allzuviel Güte, Leutseligkeit und große Freigebigkeit
-im engsten Verstand zur Tugend?«, die zweite: »Die
-Tugend, in ihren Folgen betrachtet.« Wir gehen am besten
-über diese freilich schon von dem glänzenden Formtalent ebenso
-wie von der üppigen Phantasie ihres Verfassers zeugenden
-rhetorischen Stilübungen mit Schweigen hinweg.</p>
-
-<p>Gedanklich höher stehen die beiden fast zur selben Zeit entstandenen
-medizinischen Dissertationen, die der Zwanzigjährige
-als Probestück seiner medizinischen Kenntnisse bei dem
-Abgang von der Akademie einreichen mußte. Die erste, eine
-»<em class="gesperrt">Philosophie der Physiologie</em>«, die uns nur zu
-etwa einem Viertel (11 von 41 Paragraphen) erhalten geblieben
-ist, enthält von wirklicher Physiologie ziemlich wenig.
-Wurde doch auf der Akademie die Medizin fast ohne jedes
-Demonstrationsmaterial betrieben. Es sind eben nur phantasievolle
-Gedanken, die ein begabter Dilettant ohne den soliden
-Untergrund von genauen Fachkenntnissen oder fester
-Methode entwickelt. Das Urteil der Professoren tadelte an der
-Arbeit den »gefährlichen Hang zum Besserwissen«, der sich in
-der verwegenen Sprache »auch gegen die würdigsten Männer«
-äußere, den teils zu freien und schwulstigen, teils zu blühenden
-und witzigen Stil, der den Sinn oft dunkel lasse; sie
-wurde deshalb auch nicht zum Druck zugelassen und der Verfasser,
-um »sein Feuer doch ein wenig zu dämpfen«, noch zu
-einem weiteren Jahr Aufenthalt auf der Akademie verurteilt.
-Mehr Gnade fand im folgenden Jahre (1780) die in allen
-Ausgaben der »Sämtlichen Werke« abgedruckte Dissertation:
-»<em class="gesperrt">Über den Zusammenhang der tierischen Natur
-des Menschen mit seiner geistigen.</em>« Beide
-Abhandlungen betreffen im Grunde das gleiche Thema: das
-Verhältnis zwischen Seele und Geist. In der ersten glaubt er,<span class="pagenum"><a id="Page_101"></a>[101]</span>
-bezeichnend für die Philosophie des reifen Schiller, in dem
-von dem berühmtesten Physiologen der Zeit Albrecht v. Haller
-angenommenen »Nervengeist« eine »Mittelkraft« zwischen
-Geist und Materie, Seelischem und Sinnlichem gefunden zu
-haben. Die zweite kommt dem Materialismus mehr entgegen.</p>
-
-<p>Aber nicht in diesen Schülerarbeiten, auch nicht in der schulmäßigen
-Beschäftigung mit dem deutschen Popularphilosophen
-Garve und dem englischen Popularphilosophen Ferguson, die
-beide einen verdünnten Aufguß von Shaftesburys Schönheitsphilosophie
-darstellten, fand die Seele des jungen Philosophen
-ihren wahren Ausdruck. Wohl hat der englische Philosoph
-der Schönheit und der Harmonie des Eindrucks auf
-sein dichterisches Gemüt nicht ganz verfehlt. Aber weit mächtiger
-war der Einfluß des die ganze junge Dichtergeneration
-jener Tage befeuernden Jean Jacques <em class="gesperrt">Rousseau</em>. In
-Rousseau fand nach seinem eigenen Geständnis »die Indignation«
-seiner in der Tyrannei der Karlsschule beständig verletzten
-»Menschenwürde Gehalt und Gestalt, Erfüllung und
-Ziel«. Seiner Verherrlichung als eines »Riesen« gegenüber
-den »Zwergen« seiner Splitterrichter, »denen nie Prometheus'
-Feuer blies«, gilt eines seiner frühesten Gedichte. Und ein
-späteres, in die Sammlung der »Werke« aufgenommenes begrüßt
-Rousseaus Grab als »Monument von unserer Zeiten
-Schande«, als das Grab dessen, »der aus Christen Menschen
-wirbt«. Rousseaus »Zurück zur Natur!« beim einzelnen und
-im Staat gibt überhaupt Schillers ganzer Jugendzeit das
-Gepräge.</p>
-
-<p>Insbesondere auch seinen ersten <em class="gesperrt">Dramen</em>. Denn wie Lessing
-in seinem »Nathan« noch einmal seine »alte Kanzel«,
-das Theater bestieg, so hat der junge Schiller, wie die Überschrift
-seines bekannten Aufsatzes zeigt, »die Schaubühne
-als moralische Anstalt betrachtet«. Gewiß, seine »<em class="gesperrt">Räuber</em>«
-sind noch stark von religiös-biblischen Gedanken durchsetzt:
-wir brauchen nur an die erschütternde Schilderung des Jüngsten
-Gerichts in der Szene zwischen Franz Moor und dem
-alten Daniel zu erinnern. Und eben diesem Bösewicht Franz
-legt er mit Vorliebe materialistische Gedankengänge in den
-Mund: einmal sogar eine Stelle aus seiner eigenen Dissertation.
-Aber den Hauptton gibt doch Rousseaus Natur- und<span class="pagenum"><a id="Page_102"></a>[102]</span>
-Freiheitsbegeisterung an, Rousseaus, der ihn hingewiesen
-gegenüber dem »tintenklecksenden Säkulum« auf Plutarchs
-»große Menschen«, Rousseaus, dessen Opposition gegen die sogenannte
-Zivilisation sich in dem Munde seines Karl Moor
-erweitert zu einer Art genialen Anarchismus: »Da verrammeln
-sie die Natur mit abgeschmackten Konventionen … Ich
-soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen
-Willen schnüren in Gesetze. Das <em class="gesperrt">Gesetz</em> hat zum Schneckengang
-verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz
-hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet
-Kolosse und Extremitäten aus.« Freilich, zum Schluß des
-Dramas kommt sein Held zu einem anderen Ergebnis: »O
-über mich Narren, der ich wähnte&nbsp;…, die Gesetze durch Gesetzlosigkeit
-aufrechtzuhalten«, und der jetzt einsieht, daß »zwei
-Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde
-richten würden«, der sich sodann ganz folgerichtig der
-Justiz ausliefert, um sich aufs Rad flechten zu lassen.</p>
-
-<p>Aus den <em class="gesperrt">Gedichten</em> des ersten Jahrzehnts greifen wir
-drei zur Kennzeichnung seiner weiteren philosophischen Entwicklung
-heraus. Zunächst die beiden einander verwandten:
-»<em class="gesperrt">Freigeisterei der Leidenschaft</em>« (später gekürzt
-unter der Überschrift »Kampf«) und »<em class="gesperrt">Resignation</em>«:
-beide aus seinem leidenschaftlichen Verhältnis zu Charlotte
-von Kalb entsprungen und beide nicht mit Unrecht in Franz
-Mehrings »Schiller« (1905) zugleich als die einzigen wirklichen
-Liebesgedichte Schillers bezeichnet (wenn man etwa von
-Theklas »Der Eichwald brauset« absieht. K. V.); denn die überspannten
-Oden an »Laura« können ebensowenig als solche
-zählen wie gelegentliche spätere Albumverse an seine Frau
-und andere Damen. Beide Gedichte, namentlich das zweite,
-zeigen eine Weltanschauung, die sich bereits der Kantischen
-nähert, ohne daß er Kant schon näher kennt oder gar nennt:
-die Kluft zwischen Pflicht und Sinnlichkeit. Im ersten bäumt
-sich die Sinnlichkeit auf gegen die grausame Härte des Sittengesetzes;
-im zweiten siegt das moralische Reich, freilich
-nur so, daß für den entgangenen Genuß des Diesseits die
-Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits in Aussicht gestellt
-wird. Später sucht er die Versöhnung zwischen beiden, die
-Überbrückung jener Kluft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103"></a>[103]</span></p>
-
-<p>Schon das berühmte <em class="gesperrt">Lied an die Freude</em> (Ende 1788),
-im Kreise seiner Dresdener Freunde gedichtet, zeigt ihn in
-ganz anderer Stimmung und Weltauffassung. Die Freude ist
-es jetzt, welche die Menschen verbindet, einander gleich macht,
-sie zur Güte und zu Gott, dem liebenden Vater des Alls, erhebt,
-sie, die Urkraft und zugleich das Endziel der Natur. »Seid
-umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!«, so
-klingt es jetzt zu uns und dringt vertiefter noch in den freudevollen
-Tönen von Beethovens unsterblicher Neunten &ndash; vielleicht
-dem Schönsten, was Musik je geschaffen hat &ndash; in unsere
-Seele.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="schiller_b"><em class="antiqua">B.</em> Die Übergangszeit</h3>
-
-<p class="center">(1787 bis 1790)</p>
-</div>
-
-<p>»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund
-zu sein!« &ndash; Schiller <em class="gesperrt">war</em> es gelungen: er hatte in Gottfried
-<em class="gesperrt">Körner</em> (dem Vater Theodors) einen Freund fürs Leben
-gefunden. Man kann nicht leicht den Einfluß überschätzen,
-den Körner während des Jahrzehnts 1784 bis 1794 auf die
-philosophische Entwicklung des jüngeren Freundes gewonnen
-hat. Er spiegelt sich zunächst wider in den bis 1786 entstandenen
-»<em class="gesperrt">Philosophischen Briefen</em>« zwischen Julius
-(Schiller) und Raphael (Körner).</p>
-
-<p>Eingeschoben ist in sie ein wahrscheinlich schon aus Schillers
-Stuttgarter Zeit herrührendes Stück: die »<em class="gesperrt">Theosophie
-des Julius</em>«, die sich in poetisch-gefühlsmäßigen Betrachtungen
-über das Universum als Gedanke Gottes, über unser
-Verstehen der anderen Geister durch Philosophie und Dichtung,
-über die Liebe als »allmächtigen Magnet in der Geisterwelt«,
-als Quelle der Andacht und erhabensten Tugend und
-über Aufopferung ergeht, um schließlich wieder zu der Gleichung
-Gott-Universum-Natur zurückzukehren. Diese ganze
-Art zu philosophieren wird von Julius-Schiller selbst später
-sehr gut dadurch charakterisiert, daß er von ihr sagt: »Mein
-<em class="gesperrt">Herz</em> suchte sich eine Philosophie, und die Phantasie unterschob
-ihre Träume. Die <em class="gesperrt">wärmste</em> war mir die wahre.«</p>
-
-<p>Von dieser Gefühlsphilosophie hat ihn Raphael-Körner befreit.
-Ehe wir das schildern, müssen wir jedoch eines neuen
-Momentes gedenken, das gegen Ende der achtziger Jahre entscheidend<span class="pagenum"><a id="Page_104"></a>[104]</span>
-in Schillers geistige Entwicklung eingreift: des
-<em class="gesperrt">Griechentums</em>. Er liest, wie er im August 1788 an
-Freund Körner schreibt, »fast nichts als Homer« (den er leider,
-weil des Griechischen unkundig, nicht an der Quelle genießen
-kann) und will in den nächsten zwei Jahren keine modernen
-Schriftsteller mehr lesen, weil sie ihn nur »von sich
-selbst abführen«. Er bedarf nach seinem Bekenntnis der Alten
-»im höchsten Grade«, um seinen eigenen Geschmack zu reinigen,
-ihn von Spitzfindigkeit, Künstlichkeit und Witzelei zur
-wahren Einfachheit, zur »Klassizität« zu führen. Der poetisch-philosophische
-Ertrag dieser Zeit sind vor allem die beiden
-großen Gedichte »<em class="gesperrt">Die Götter Griechenlands</em>« (1788)
-und »<em class="gesperrt">Die Künstler</em>« (1789).</p>
-
-<p>Das erste, das übrigens, abgesehen von seinen in der Tat
-großen Längen, auch den Beifall des eben aus Italien zurückgekehrten
-Goethe bei seinem ersten Zusammentreffen mit
-Schiller zu Rudolstadt fand, repräsentiert zwar nicht eigentlich
-den antiken Geist selber; dafür ist es, um zwei spätere
-Schillersche Begriffe zu brauchen, zu wenig »naiv«, zu sehr
-»sentimentalisch« gedacht. Es ist ein Sehnsuchtslied, der Sehnsucht
-nach Poesie und Natur, darum gegen die bloß »mechanische«
-Wissenschaft gerichtet, die »knechtisch dem Gesetz der
-Schwere« dienende, »entgötterte« Natur:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wo jetzt nur, wie unsere Weisen sagen,</div>
- <div class="verse indent0">Seelenlos ein Feuerball sich dreht,</div>
- <div class="verse indent0">Lenkte damals seinen goldnen Wagen</div>
- <div class="verse indent0">Helios in stiller Majestät.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und nicht minder wider &ndash; das Christentum:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Einen zu bereichern unter allen,</div>
- <div class="verse indent0">Mußte diese Götterwelt vergehn«,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>der statt »finsteren Ernstes und traurigen Entsagens« einzig
-und allein »das Schöne heilig war«.</p>
-
-<p>In demselben Geiste, dem Schiller <em class="gesperrt">fortan treu blieb</em>,
-sind »Die Künstler« gehalten, welche die <em class="gesperrt">Kunst</em> an die höchste
-Stelle unter allen geistigen Mächten setzen, höher selbst als
-Erkenntnis, Moral und Religion. »Nur durch das Morgentor
-des Schönen drangst du in der Erkenntnis Land«, mit
-dem mahnenden Schlußwort an die Künstler selbst:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105"></a>[105]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,</div>
- <div class="verse indent0">Bewahret sie!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Kunst ist ihm nunmehr Anfang und letzte Vollendung
-der Menschenbildung. Ja, sie kann dem damaligen Schiller
-selbst Ethik und Religion ersetzen. »Kann man«, so schreibt
-im Einklang mit solcher Anschauung der todkranke Friedrich
-Albert <em class="gesperrt">Lange</em>, dieser große Sozialist, »den christlichen Gedanken
-der Ergebung schöner auf <em class="gesperrt">philosophisch</em> ausdrücken«
-als mit jenen prachtvollen Versen aus den »Künstlern«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,</div>
- <div class="verse indent0">Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,</div>
- <div class="verse indent0">Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,</div>
- <div class="verse indent0">Mit freundlich dargebotnem Busen</div>
- <div class="verse indent0">Vom sanften Bogen der Notwendigkeit!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Noch ein weiteres Moment endlich gehört in die Entwicklung
-Schillers zu Ende der achtziger Jahre: das Studium der
-<em class="gesperrt">Geschichte</em>, das er bisher fast völlig verabsäumt hatte. »Täglich
-wird mir die Geschichte teurer,« schreibt er am 15. April
-1786 an Körner. »Ich wollte, daß ich zehn Jahre hintereinander
-nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube, ich
-würde ein ganz anderer Kerl sein.« Aus diesen seinen eifrigen
-historischen Studien sind dann seine »Geschichte des Dreißigjährigen
-Krieges«, »Der Abfall der Niederlande« und einige
-kleinere Arbeiten hervorgegangen. Trotzdem war die Geschichtschreibung
-nicht das Feld, auf dem sein Geist glänzen konnte.
-Um Geschichts<em class="gesperrt">forscher</em> zu sein, war er zu sehr Dichter und
-Philosoph. Seine historischen Dramen sind vielmehr der eigentliche
-Spiegel seiner Geschichtsauffassung, wo es um »der
-Menschheit große Gegenstände« geht, geworden.</p>
-
-<p>Immerhin gaben seine geschichtlichen Arbeiten wenigstens
-den äußeren Anlaß, ihn als <em class="gesperrt">Professor</em> nach Jena zu berufen.
-Am 26. und 27. Mai des Revolutionsjahres 1789 eröffnete
-er dort sein Kolleg, dessen beide ersten Vorlesungen
-unter dem Titel »<em class="gesperrt">Was heißt und zu welchem Ende
-studiert man Universalgeschichte?</em>« in Wielands
-»Teutschem Merkur« erschienen. In der ersten entwarf er sein
-Vorlesungsprogramm: er wollte nicht für »Brotgelehrte«, sondern
-für »philosophische Köpfe« lesen. Und so hat er sich auch<span class="pagenum"><a id="Page_106"></a>[106]</span>
-ferner als wahrer Professor der <em class="gesperrt">Philosophie</em> in seinen
-Geschichtsvorlesungen bewährt.<a id="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p>
-
-<p>Körner, zu dem wir jetzt wieder zurückkehren, wollte darin
-Spuren <em class="gesperrt">kantischen</em> Philosophierens spüren. Damit kommen
-wir zu unseres Helden allmählicher Bekehrung zu Kant,
-die eben unter Körners vorherrschendem Einfluß erfolgt ist,
-der ihm schon früh, aber anfangs »immer vergebens von Kant
-vorgepredigt« hatte. K. L. <em class="gesperrt">Reinhold</em> zwar, der aus einem
-Kloster entsprungene österreichische Barnabitermönch, der in
-Weimar Wielands Schwiegersohn geworden war und soeben
-durch seine gut geschriebenen »Briefe über Kantische Philosophie«
-Wesentliches zur Verbreitung der neuen Lehre beigebracht
-hatte, hat ihn zuerst, als er im August 1787 eine Woche
-bei ihm wohnte, zur Lektüre einiger kleiner Aufsätze Kants
-in der Berliner Monatsschrift veranlaßt, unter denen ihn
-namentlich die »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher
-Absicht« befriedigte, so daß er Körner schrieb:
-»Daß ich Kant noch lesen und vielleicht studieren werde, scheint
-mir ziemlich ausgemacht.« Bis dahin hatte Schiller überhaupt,
-seiner Dichternatur folgend, aus den »wenigen« philosophischen
-Schriften, die er gelesen, sich »nur das genommen, was
-sich dichterisch fühlen und behandeln läßt« (so an Körner am
-15. April 1788). Aber der spießbürgerlich-ängstliche Reinhold
-war ihm nicht sympathisch. »Reinhold« &ndash; so lautet eine Schillers
-Eigenart noch weit mehr als diejenige Reinholds charakterisierende
-Bemerkung gegen Körner &ndash; »wird sich nie zu
-kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in
-der Wirklichkeit&nbsp;(!), erheben, und das ist schlimm.« So beruht
-denn Schillers Wendung zur kritischen Philosophie weniger
-auf dem Einfluß des begeisterten neuen Kantjüngers Reinhold,
-der damals erklärte, daß Kant »nach hundert Jahren
-die Reputation (den Ruf) von Jesus Christus haben« werde,
-als auf dem des kritischeren Körner.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_107"></a>[107]</span></p>
-
-<p>Schon in dem ersten der »Philosophischen Briefe« hatte er
-seinen Julius dem Raphael schreiben lassen: »Was hast Du
-aus mir gemacht, Raphael? Was ist seit kurzem aus mir geworden!
-… Ich <em class="gesperrt">empfand</em> und war glücklich. Raphael hat
-mich <em class="gesperrt">denken</em> gelehrt, und ich bin auf dem Wege, meine Erschaffung
-zu beweinen.« Wenn er ihn dann weiter klagen läßt:
-»Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab;
-Du hast mich verachten gelehrt, wo ich anbetete«, so haben
-wir das letztere schwerlich auf Körner und <em class="gesperrt">Schiller</em> zu beziehen.</p>
-
-<p>Denn von schweren religiösen Kämpfen bei letzterem besitzen
-wir sonst nirgends das geringste Zeugnis, weder in seinen
-Tausenden von Briefen noch in seinen Werken. Aber das
-erstere wird zutreffen. Durch Körners Einfluß war an die
-Stelle der bloßen Empfindung, die sein bisheriges Philosophieren
-beherrschte, immer mehr das Denken getreten. Den
-Abschluß der »Philosophischen Briefe« nun bildet ein letzter
-Brief des Raphael, der <em class="gesperrt">wirklich</em> von Körner an Schiller
-am 4. April 1788 geschrieben worden ist und, noch ohne Kants
-Namen zu nennen, ganz in dessen Sinne darauf hinweist, daß
-aller Philosophie eine anscheinend »etwas trockene Untersuchung
-über die Natur der menschlichen Erkenntnis« vorangehen
-müsse.</p>
-
-<p>Schiller vermutet in seiner Antwort vom 15. April richtig,
-daß des Freundes Wendung von den »demütigenden Grenzen
-des menschlichen Wissens« eine »entfernte Drohung mit
-dem <em class="gesperrt">Kant</em>« enthalte! Noch sträubt sich seine Dichternatur
-gegen diese Nüchternheit. Und äußere Hindernisse (Berufung
-nach Jena, Verlobung, Heirat) verhindern zunächst weiteres
-philosophisches Studium, auch die geplante Antwort des »Julius«
-auf Raphaels letzten Brief. Aber im Novemberheft 1790
-der »Thalia« erscheint ein Abschnitt seiner Vorlesung über
-Universalgeschichte als Aufsatz unter der Überschrift »Etwas
-über die erste Menschengesellschaft« mit der Bemerkung: »Es
-ist wohl bei den wenigsten Lesern nötig zu erinnern, daß diese
-Ideen auf Veranlassung eines Kantischen Aufsatzes in der
-Berliner Monatsschrift entstanden sind.« Es war dies Kants
-geistreiche und durchaus allgemeinverständliche Abhandlung
-»Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte« (Januar<span class="pagenum"><a id="Page_108"></a>[108]</span>
-1786).<a id="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">[15]</a> Wenige Monate später erfolgte die entscheidende Wendung
-zu dem kritischen Philosophen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="schiller_c"><em class="antiqua">C.</em> Die Höhezeit. Schiller als Jünger Kants</h3>
-
-<p class="center">(1791 bis 1795)</p>
-</div>
-
-<p>Das erste Bekenntnis Schillers zu Kant stammt vom 3. März
-1791. Er überrascht Freund Körner mit der Nachricht, daß er
-sich Kants »Kritik der Urteilskraft« angeschafft habe und sie
-eifrig studiere. Sie »reiße ihn hin durch ihren lichtvollen, geistreichen
-Inhalt«, der ihm als Ästhetiker ja schon ziemlich vertraut
-sei, und er lerne bei dieser Gelegenheit auch die übrige
-Kantische Philosophie kennen. Sie erscheine ihm als kein »unübersteiglicher
-Berg« mehr; er hege das größte Verlangen,
-sich nach und nach in sie hineinzuarbeiten!</p>
-
-<p>Ich will nun nicht, wie ich es im ersten Teil meines Buches
-»Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe« getan, die ganze Reihe der in
-den nächsten fünf Jahren entstehenden philosophischen Aufsätze
-Schillers in chronologischer Folge durchmustern, sondern lieber
-seine Philosophie im ganzen, d. i. in <em class="gesperrt">sachlichem</em> Zusammenhang
-zu schildern versuchen. Vorausschicken möchte ich
-allerdings doch im folgenden eine Reihe besonders wichtiger
-persönlicher Bekenntnisse Schillers über seine philosophische
-<em class="gesperrt">Entwicklung</em> in diesen Jahren. Die Titel seiner Abhandlungen
-werden dabei, mit einigen zwanglosen Bemerkungen
-dazu, von selbst erwähnt werden.</p>
-
-<p>Seit Mitte Dezember 1791 war Schiller durch ein Jahresgehalt
-schleswig-holsteinischer Verehrer, eines Prinzen von
-Augustenburg und eines Grafen Schimmelmann, zum ersten
-Male in seinem Leben instand gesetzt, ohne Nahrungssorgen
-ganz seinem inneren Drange zu leben. »Ich habe endlich einmal
-Muße,« schrieb er seinem Körner, »zu lernen und zu sammeln
-und <em class="gesperrt">für die Ewigkeit</em> zu arbeiten.« Und wie ernst
-betrieb er diese Arbeit! Er studierte &ndash; <em class="gesperrt">Kantische</em> Philosophie.
-»Mein Entschluß ist unwiderruflich gefaßt, sie nicht
-eher zu verlassen, bis ich sie ergründet habe, wenn mich dieses<span class="pagenum"><a id="Page_109"></a>[109]</span>
-auch drei Jahre kosten könnte,« schreibt er am Neujahrstag
-1792. Er hat sich kurz vorher die beiden anderen Kritiken
-Kants angeschafft. Und er hat Wort gehalten. So sehr, daß er
-sich in den folgenden drei Jahren aller dichterischen Produktion
-enthält, um nur endlich einmal philosophisch mit sich
-selbst ins reine zu kommen.</p>
-
-<p>Im Januar 1792 erscheint in der »Thalia« die erste jener
-durch Gedankengehalt wie durch glänzende Sprache gleich ausgezeichneten
-Abhandlungen meist ästhetischen Inhalts, die
-gleichmäßig den Dichter wie den Philosophen verraten: »<em class="gesperrt">Über
-den Grund des Vergnügens an tragischen
-Gegenständen</em>«, im folgenden Monat eine zweite »<em class="gesperrt">Über
-die tragische Kunst</em>«. Beide sind in streng Kantischem
-Geiste geschrieben. Noch im Oktober des Jahres, kurz vor Beginn
-seines Privatissimums über Ästhetik, »steckt er bis an
-die Ohren« in Kants Urteilskraft. Gegenüber Körner haben
-sich jetzt die Rollen umgetauscht: Schiller ist jetzt der eifrigere
-Kantianer, der den Freund kritisch zurechtweist. Auch in Kants
-theoretische Philosophie hat er jetzt einzudringen begonnen.
-Aus einem großen Briefe vom 18. Februar 1793 stammt sein
-begeistertes Bekenntnis: »Es ist gewiß von einem sterblichen
-Menschen kein größeres Wort noch gesprochen worden als dieses
-Kantische, was zugleich der Inhalt seiner ganzen Philosophie
-ist: <em class="gesperrt">Bestimme dich aus dir selbst!</em> Sowie das
-in der theoretischen Philosophie: <em class="gesperrt">Die Natur steht unter
-dem Verstandesgesetz.</em>« Und an seinen nach Bonn
-übergesiedelten jungen Freund Fischenich schreibt er fast zur
-selben Zeit auf die frohe Kunde hin, daß Kants Philosophie
-dort bei Lehrern und Lernenden gute Aufnahme finde: »Bei
-der studierenden Jugend wundert es mich übrigens nicht sehr,
-denn <em class="gesperrt">diese</em> Philosophie hat keinen anderen Gegner zu fürchten
-als <em class="gesperrt">Vorurteile</em>, die« &ndash; ach, könnte man das von der
-<em class="gesperrt">heutigen studierenden</em> Jugend doch auch sagen! &ndash;
-»in jungen Köpfen doch nicht zu besorgen sind.« Die neue
-Philosophie sei zudem, fügt er am 20. März desselben Jahres
-hinzu, viel <em class="gesperrt">poetischer</em> als die Leibnizsche und habe einen
-weit größeren Charakter!</p>
-
-<p>In »<em class="gesperrt">Anmut und Würde</em>« (Februar 1793), die zum
-ersten Male Schillers eigene ästhetische Theorie, wenn auch<span class="pagenum"><a id="Page_110"></a>[110]</span>
-nur als eine Art Vorläufer der »Ästhetischen Briefe« entwickelt,
-wendet er sich zum ersten Male in seinen Schriften
-ausdrücklich an den »unsterblichen Verfasser der Kritik«, dem
-der Ruhm gebühre, »die gesunde Vernunft aus der philosophierenden
-wiederhergestellt zu haben«, und unter dem die
-Moral »endlich aufgehört habe, die Sprache des Vergnügens
-zu reden«. Freilich der Zustimmung folgen jetzt auch die Einwände,
-die unsere systematische Darstellung später zu schildern
-haben wird. Im folgenden Jahre (1794) kam dann Kant, der
-übrigens schon im Jahre 1789 durch einen gemeinsamen Bekannten
-dem Dichter einen Gruß hatte zugehen lassen, in der
-zweiten Auflage seiner »Religion innerhalb der Grenzen der
-bloßen Vernunft« in einer neu hinzugefügten Anmerkung
-(S.&nbsp;22 meiner Ausgabe) ausführlich und in sehr freundlicher
-Weise auf Schillers Einwände gegen ihn zurück, was den letzteren
-natürlich mit großer Freude erfüllte.</p>
-
-<p>Im März und April erschien weiter die Abhandlung »<em class="gesperrt">Vom
-Erhabenen</em>« in zwei Teilen, deren erster später (1801) in
-einer umgearbeiteten, von Kant stärker abweichenden Gestalt
-unter dem Titel »<em class="gesperrt">Über</em> das Erhabene« in die Sammlung
-seiner »Kleinen prosaischen Schriften« aufgenommen wurde,
-während der zweite die Überschrift »<em class="gesperrt">Über das Pathetische</em>«
-erhielt. Sehr kantisch sind auch die vom Februar 1793
-bis Anfang 1794 an den <em class="gesperrt">Prinzen von Augustenburg</em>
-gerichteten zehn <em class="gesperrt">Briefe</em> gehalten. Kants Philosophie,
-heißt es z. B. im ersten dieser Briefe, »die sich so oft nachsagen
-lassen müsse, daß sie nur immer einreiße und nichts
-aufbaue« &ndash; was man bekanntlich auch so und so oft vom Sozialismus
-behauptet hat&nbsp;&ndash;, sei so fruchtbar, daß sie die festen
-Grundsteine zu einem System der Ästhetik darbiete. Und der
-zweite unterscheidet das eigentliche Gebäude (Kants) von dem
-»Gerüst«, das die Handwerker (die Kant<em class="gesperrt">ianer</em>) darum gelegt.
-Im sechsten, zu Anfang Dezember 1798 verfaßten bekennt
-er, daß er »im Hauptpunkte der Sittenlehre vollkommen
-kantisch denke«.</p>
-
-<p>Das Jahr 1794 bringt am gleichen Tage (13. Juni) die Einladung
-zur Mitarbeit an den »Horen« an Goethe und &ndash; Kant
-nebst einem dankbar bescheidenen Begleitschreiben an den letzteren,
-der freilich erst am 1. März des folgenden Jahres mit<span class="pagenum"><a id="Page_111"></a>[111]</span>
-nicht allzu großem Verständnis seinem berühmtesten Jünger
-erwidert hat. Wieder läßt dieser im Sommer 1794 eine Zeitlang
-»alle Arbeiten liegen, um den Kant zu studieren«. Er
-steht jetzt auf dem Höhepunkt seiner <em class="gesperrt">Abwendung</em> von der
-<em class="gesperrt">Poesie</em>, so daß ihm sogar vor der Arbeit am eigenen Entwurf
-zu seinem »Wallenstein« graut&nbsp;(!), »denn ich glaube mit
-jedem Tage mehr zu finden, daß ich eigentlich nichts weniger
-vorstellen kann als einen Dichter&nbsp;(!)« &ndash; eine seltsame, aber
-für diese Zeit bezeichnende Selbsttäuschung&nbsp;&ndash;, »und daß höchstens
-da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist mich
-überrascht«! Er habe »im Poetischen seit drei oder vier Jahren«
-&ndash; also genau seit seiner Wendung zur kritischen Philosophie!
-&ndash; »einen völlig neuen Menschen angezogen«. Vor
-allem aber gibt er in einem bedeutsamen Briefe vom 28. Oktober
-dieses Jahres dem neugewonnenen Freunde <em class="gesperrt">Goethe</em>
-gegenüber seinem »<em class="gesperrt">Kantischen Glauben</em>« einen so lebendigen
-Ausdruck, daß wir seine Sätze wörtlich hierhersetzen
-müssen: »Die Kantische Philosophie übt in den Hauptpunkten
-selbst keine Duldung aus und trägt einen viel zu rigoristischen
-(strengen) Charakter, als daß eine Akkomodation (Anpassung)
-mit ihr möglich wäre. Aber dies macht ihr in meinen
-Augen Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die Willkür vertragen
-kann. Eine solche Philosophie will daher auch nicht mit
-bloßem Kopfschütteln abgefertigt sein. Im offenen, hellen und
-zugänglichen Felde der Untersuchung erbaut sie ihr System,
-sucht nie den Schatten und reserviert dem Privatgefühl nichts,
-aber so, wie sie ihre Nachbarn behandelt, will sie wieder behandelt
-sein, und es ist zu verzeihen, wenn sie nichts als Beweisgründe
-achtet. Es erschreckt mich gar nicht zu denken, daß
-das Gesetz der Veränderung, vor welchem kein menschliches
-und kein göttliches Werk Gnade findet, auch die Form dieser
-Philosophie sowie jede andere zerstören wird; aber die Fundamente
-derselben werden dies Schicksal nicht zu fürchten
-haben, denn so alt das Menschengeschlecht ist und solange es
-eine Vernunft gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt und
-im ganzen danach gehandelt.«</p>
-
-<p>Im Jahre 1795 endlich erscheint die philosophische Hauptschrift
-Schillers, seine »<em class="gesperrt">Briefe über die ästhetische
-Erziehung des Menschen</em>«, die Goethe »wie einen<span class="pagenum"><a id="Page_112"></a>[112]</span>
-köstlichen, seiner Natur analogen Trank« hinunterschlürfte, und
-die gleichzeitig auch Kant »vortrefflich« fand. Lagen ihnen doch
-nach Schillers eigenem Bekenntnis »größtenteils Kantische
-Grundsätze« zugrunde. Wie denn überhaupt »über diejenigen
-Ideen, welche in dem praktischen Teil des Kantischen Systems
-die herrschenden sind, nur die Philosophen entzweit, die Menschen
-von jeher einig gewesen« seien. Schade, daß der einundsiebzigjährige
-Kant nicht mehr zu der von ihm geplanten Besprechung
-der »Ästhetischen Briefe« gekommen ist, zu der er
-sich schon Notizen gemacht hatte, die ich zuerst in dem Nachlaßwerk
-des großen Königsbergers entdeckt habe (vergl. »Kant &ndash;
-Schiller &ndash; Goethe«, S.&nbsp;36, Anmerkung). Wie sehr übrigens
-damals Kants Philosophie in alle möglichen Kreise eingedrungen
-war, davon gibt der Schillersche Briefwechsel dieser
-Zeit zwei hübsche Belege. Nach einer Mitteilung Goethes wurden
-Kantische Ideen von Künstlern in allegorischen Bildern
-dargestellt. Und Schillers »Ästhetische Briefe« wurden zusammen
-mit Kants und Reinholds Schriften von einem Zirkel
-&ndash; preußischer Husarenoffiziere, die am Rhein gegen die Franzosen
-zu Felde lagen, eifrig studiert, demselben Kreise, in dem
-später auch Schillers prächtiges Reiterlied aus »Wallensteins
-Lager« »mit Enthusiasmus gesungen« wurde.</p>
-
-<p>Neben dem umgearbeiteten Aufsatz »Über das Erhabene«
-(S.&nbsp;<a href="#Page_110">110</a>) erschien dann Ende 1795 und Anfang 1796 in den
-»Horen« als letzte ästhetische Abhandlung Schillers die »<em class="gesperrt">Über
-naive und sentimentalische Dichtung</em>«, die für
-ihn eine »Brücke« zu der über dem Philosophieren der letzten
-Jahre gänzlich zurückgetretenen »poetischen Produktion« darstellen
-sollte. Diese regt sich nun endlich wieder, und zwar, gewissermaßen
-zum Abschied von seiner philosophischen Epoche,
-in jenen <em class="gesperrt">philosophischen Gedichten</em>, die eine Vereinigung
-von tiefstem Gedankengehalt mit schwungvoller, formvollendeter
-Sprache darstellen, wie sie seit Platos Tagen nicht
-dagewesen war und vielleicht nur von Nietzsche, wenigstens
-was die formale Seite betrifft, wieder erreicht worden ist.
-Philosophische Lektüre und Erörterungen über sie, namentlich
-mit dem neugewonnenen Freunde Goethe, der jetzt immer
-mehr an die Stelle Körners tritt, kommen zwar auch in Zukunft
-noch vor, sind aber nicht mehr das Ausschlaggebende. An<span class="pagenum"><a id="Page_113"></a>[113]</span>
-den <em class="gesperrt">Grundgedanken</em> der kritischen Philosophie hat er
-auch in diesem seinem letzten Lebensjahrzehnt, sowohl gegenüber
-den älteren Gegnern Kants (Herder und seinem Kreis)
-als auch den neuesten, über ihn hinausgewachsen sich dünkenden
-(Fichte, Schelling, der Romantik überhaupt) festgehalten.
-Wir wenden uns nun einer zusammenhängenden systematischen
-Betrachtung von Schillers Philosophie zu, soweit eine
-solche möglich ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="schiller_d"><em class="antiqua">D.</em> Schillers Philosophie in der Reifezeit</h3>
-
-<h4>1. Methodisches. Theoretische Philosophie</h4>
-</div>
-
-<p>Die erste Aufgabe der Philosophie muß eine <em class="gesperrt">methodische</em>
-sein: reinliche Scheidung der drei Gedankenwelten, die dem
-Erkennen, dem Wollen und der schaffenden Phantasie in unserer
-Seele entsprechen und seit Platos Zeiten unter den populären
-Namen des Wahren, Guten und Schönen jedem von
-uns bekannt sind; mit anderen Worten: der <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>,
-<em class="gesperrt">Sittlichkeit</em> und <em class="gesperrt">Kunst</em>. Dieser von Kant an den Anfang
-aller philosophischen Arbeit gestellten methodischen Scheidung
-stimmt auch Schiller sogleich in seiner ersten ästhetischen
-Abhandlung »Über den Grund des Vergnügens an tragischen
-Gegenständen« zu. Auch er will die Kunst von ihren
-»ernsteren Schwestern« unterscheiden: der durch den Verstand
-geleiteten Wissenschaft, der durch die Vernunft geleiteten Sittlichkeit.
-Ebenso hat er von Kant gelernt, daß der »Transzendental«-,
-also der kritische Philosoph »sich keineswegs dafür
-ausgibt, die Möglichkeit der Dinge selbst zu erklären, sondern
-sich damit begnügt, die Kenntnisse festzusetzen, aus welchen
-die Möglichkeit der Erfahrung begriffen wird« (19. ästhetischer
-Brief). Er hat ferner den idealistischen Kern von Kants Philosophieren
-wohl erfaßt, wenn er dessen ganze theoretische
-Philosophie in den Satz zusammenfaßt: »Die Natur steht
-unter dem Verstandesgesetz«, demnach weiß, daß die sogenannten
-Naturgesetze von unserem Verstand selbst gefunden und
-»gemacht« werden. Und er hat in seiner ersten großen und
-folgenreichen philosophischen Unterredung mit Goethe, die wir
-bei diesem noch näher kennenlernen werden, auch den grundlegenden<span class="pagenum"><a id="Page_114"></a>[114]</span>
-Unterschied zwischen Erfahrung und Idee in seiner
-ganzen Tiefe begriffen.</p>
-
-<p>So hat sich Schiller auch <em class="gesperrt">theoretisch</em> auf den Boden der
-kritischen Philosophie gestellt. Allein für die genauere Aus-
-und Durchbildung dieser allgemeinen Grundgedanken, für die
-Philosophie der <em class="gesperrt">Wissenschaft</em> hat er sich, wohl schon infolge
-seiner Dichternatur, weniger interessiert. Stand er doch
-namentlich den sichersten und exaktesten Wissenschaften, die in
-Kants System eine so große Rolle spielen, der Mathematik
-und der mathematischen Naturwissenschaft, ziemlich fremd
-gegenüber. Kants Philosophie ist ihm vielmehr in erster Linie
-»geläuterte <em class="gesperrt">Lebens</em>philosophie« gewesen. Er würde daher
-wohl auch den bekannten Satz Fichtes unterschrieben haben:
-»Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was
-für ein <em class="gesperrt">Mensch</em> man ist.«</p>
-
-<p>Jedenfalls ist sein stoffliches Interesse in der Philosophie
-in erster Linie auf deren praktischen Teil, d. h. auf die <em class="gesperrt">Ethik</em>
-und <em class="gesperrt">Ästhetik</em> gerichtet; daneben werden wir seine <em class="gesperrt">politisch</em>-philosophischen
-Gedanken und seine, freilich stark
-in den Hintergrund tretende, <em class="gesperrt">Religions</em>philosophie zu
-betrachten haben.</p>
-
-<h4>2. Die Ethik</h4>
-
-<p>Die Ethik oder wissenschaftliche Lehre der Sittlichkeit hat
-sich allezeit vor ihrer Vermischung mit dem <em class="gesperrt">Gefühl</em> zu hüten
-gehabt. So eng auch jedes sittliche Wollen mit einem Gefühl,
-sei es der Kraft oder der Freiheit, sei es der Lust oder auch
-der Unlust, verbunden ist: es darf nicht davon abhängig sein.
-Gewiß, ohne die Wärme und Weichheit des Gefühls erscheint
-der Wille, und gerade der reinste und energischste am meisten,
-hart und kalt; man spricht dann von einem eisernen oder
-rauhen Willen, von starren, kalten, nüchternen Grundsätzen.
-Ebenso wie man von bitteren oder grausamen Wahrheiten
-redet, wenn sie langgehegte Lieblingsträume zerstören. Und
-so drängt sich denn echt menschlich das <em class="gesperrt">Lust</em>gefühl &ndash; am
-verlockendsten in seinen feinsten Gestalten, den geistigen Freuden
-und religiösen Gefühlen &ndash; an das reine, sittliche Wollen
-mit einer fast unwiderstehlichen Macht heran, sucht ihm die
-Reinheit und Selbständigkeit zu rauben, die als etwas Eingebildetes,<span class="pagenum"><a id="Page_115"></a>[115]</span>
-Hohles, Unwirkliches hingestellt wird, das sich der
-lebendigen Wirklichkeit der Gefühle beugen müsse. Oder auch
-es zu überbieten, zur moralischen oder religiösen Schwärmerei
-zu übertreiben, der auch der Schlaffste zuweilen gern sich hingibt,
-um nur, wie Lessing seinen Nathan sagen ließ, »gut
-handeln nicht zu dürfen«. Diesem Andringen des Gefühls
-und damit der Gefährlichkeit einer bloßen Lust- oder Glückslehre
-gegenüber, die schließlich von den individuellen und beliebigen
-Gefühlen jedes einzelnen abhängt, muß die Ethik
-ihre Selbständigkeit zu wahren bestrebt sein, auf die Gefahr
-hin, als »rigoristisch«, d. h. überstreng verschrien zu werden.</p>
-
-<p>Das ist denn auch der Kantischen Ethik, welche diese Züge
-trägt, bis zum heutigen Tage oft genug, ja meist begegnet.
-Und es heißt gewöhnlich, das philosophische Verdienst <em class="gesperrt">Schillers</em>
-bestehe darin, den schroffen, sittlichen »Rigorismus«
-Kants »ästhetisch gemildert« zu haben. Wir sind anderer Meinung,
-und wir können uns auch nicht der Ansicht Kuno
-Fischers (allerdings nur in der <em class="gesperrt">ersten</em> Auflage seines »Schiller
-als Philosoph«) anschließen, daß unser Dichter-Philosoph
-den ästhetischen Gesichtspunkt anfangs <em class="gesperrt">unter</em>, dann <em class="gesperrt">neben</em>,
-zuletzt aber <em class="gesperrt">über</em> den moralischen gestellt habe. Er hat vielmehr
-nicht bloß in den ersten Zeiten seiner Kantbegeisterung,
-sondern auch später Kants ethischen »Rigorismus« in dem von
-uns bezeichneten <em class="gesperrt">methodischen</em> Sinne durchaus gebilligt.</p>
-
-<p>So behauptet er dem anders gearteten Goethe gegenüber
-in seinem großen Bekenntnisbrief vom 28. Oktober 1794, daß
-der »rigoristische« Charakter der kritischen Philosophie ihr in
-seinen Augen gerade Ehre mache. Und dem Gefühlsphilosophen
-Schlosser, Goethes Schwager, der Kants strenge Methode
-angegriffen hatte, liest er in einem Briefe an Goethe
-vom 9. Februar 1798 gründlich genug den Text. Es sei unverzeihlich,
-»daß ein Schriftsteller, der auf eine gewisse Ehre
-hält, auf einem so reinlichen Feld«, wie es das philosophische
-durch Kant geworden sei, »so unphilosophisch und unreinlich
-sich betragen darf«. Er und Goethe wüßten doch auch, daß der
-Mensch auf der höchsten Stufe seiner seelischen Tätigkeit selbst
-als ein »verbundenes Ganze« handle; darum würde es ihnen
-aber doch niemals einfallen, dem Zergliedern und Unterscheiden,
-»worauf alles Forschen beruht«, in der Philosophie den<span class="pagenum"><a id="Page_116"></a>[116]</span>
-Krieg zu machen, wie ja auch der Chemiker die Synthesen der
-Natur absichtlich und künstlich aufhebe. Aber »diese Herren
-Schlosser« wollen sich auch durch die Metaphysik hindurch
-»riechen und fühlen«, wollen »das Physische vergeistigen und
-das Geistige vermenschlichen«. Und bald darauf, am 2. März,
-wird auch die Anwendung auf Ethik und Ästhetik gemacht.
-Es sei bemerkenswert, daß »die Schlaffheit über ästhetische
-Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden
-zeigt«, und daß umgekehrt »das reine Streben nach dem
-hohen Schönen«, also reine und strenge Ästhetik, bei aller
-Duldsamkeit gegen die menschliche Natur, dennoch »den Rigorismus
-im Moralischen, mithin reine und strenge Ethik« mit
-sich führen werde.</p>
-
-<p>Die Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, das
-»Heroische« (Kühnemann), lag ja eigentlich von Anbeginn in
-Schillers Natur. Schon die Schulrede des Neunzehnjährigen
-hatte den stoischen Gedanken vertreten, daß das Sittliche im
-Kampfe sich am besten bewähre. Wir erinnern ferner an die
-Gedichte »Kampf« und »Resignation« (S.&nbsp;<a href="#Page_102">102</a>). Auch in seinen
-ästhetischen Abhandlungen tritt sie von Anfang an hervor.
-Gleich in der ersten vom Januar 1792 finden sich Gedanken
-wie: Das Prinzip der Sittlichkeit erfordert eine von jeder
-Naturkraft, also auch von moralischen Trieben unabhängige
-Vernunft; das sittliche Verdienst nimmt in umgekehrtem Grade
-ab, wie Lust und Neigung zunehmen; das höchste moralische
-Vergnügen wird jederzeit von Schmerz begleitet sein. Ebendeshalb
-seine Vorliebe für die Tragödie! Aber die gleiche methodische
-Anschauung bleibt auch späterhin herrschend. Wir
-verweisen auf die zahlreichen Belegstellen in unserem »Kant &ndash;
-Schiller &ndash; Goethe« und heben hier nur die wichtigsten hervor.</p>
-
-<p>In dem noch nicht von uns erwähnten Aufsatz »<em class="gesperrt">Über die
-notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner
-Formen</em>« erklärt er, daß die moralische Bestimmung
-des Menschen »völlige Unabhängigkeit des Willens von allem
-Einfluß sinnlicher Antriebe erfordere«, während die, noch heute
-von so vielen Über-Modernen verkündete, <em class="gesperrt">ästhetische</em>
-Moral die »große Gefahr« in sich berge, daß der Ernst der
-moralischen Gesetzgebung sich nach dem Interesse der Einbildungskraft
-richte und so &ndash; ein Kantischer Ausdruck! &ndash; »die<span class="pagenum"><a id="Page_117"></a>[117]</span>
-Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet« werde. Die Sinnlichkeit
-wird als der »natürliche innere Feind aller Moralität«
-bezeichnet (»Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«),
-vor dem wir uns in die heilige Freiheit der Geister (Ȇber
-das Erhabene«) in die unbezwingliche Burg unserer moralischen
-Freiheit (»Über das Pathetische«), in den heiteren Horizont
-der sittlichen Ideen (»Über die tragische Kunst«), in die
-Freiheit der Gedanken (»Ideal und Leben«) flüchten müssen.
-Ja, der letzte (24.) der »Briefe über die ästhetische Erziehung
-des Menschen«, die doch gewiß den ästhetischen Gesichtspunkt
-so hoch wie möglich stellen, bezeichnet ausdrücklich »alle …
-Glückseligkeitssysteme, sie mögen den heutigen Tag oder das
-ganze Leben oder, was sie um nichts ehrwürdiger macht, die
-<em class="gesperrt">ganze Ewigkeit</em> zu ihrem Gegenstand haben«, als »bloß«
-einem »Ideal der <em class="gesperrt">Begierde</em>« entsprungen, »mithin einer
-Forderung, die nur von einer ins Absolute strebenden <em class="gesperrt">Tierheit</em>
-kann aufgeworfen werden«. Hier wird sogar Kants
-»Rigorismus« von dem Dichter-Philosophen noch übertroffen!</p>
-
-<p>Kurz, wir dürfen als das Ergebnis dieser Erörterungen
-über Schillers Stellung zu Kants reiner Ethik seinen Satz
-aus »Anmut und Würde« bezeichnen: »Über die Sache selbst
-kann nach den von Kant geführten Beweisen unter denkenden
-Köpfen, die überzeugt sein wollen, kein Streit mehr sein, und
-ich wüßte kaum, wie man nicht lieber sein ganzes Menschensein
-aufgeben, als über diese Angelegenheit ein anderes Resultat
-von der Vernunft erhalten wollte.«</p>
-
-<p>Freilich, das ganze und volle Menschentum ist mehr als
-bloße Ethik. »Die menschliche Natur«, sagt der Dichter in
-Schiller, »ist ein verbundeneres Ganze in der Wirklichkeit, als
-es dem Philosophen, der nur durch Trennen etwas vermag,
-erlaubt ist, sie erscheinen zu lassen.« Die reine Ethik, das hat
-Schiller nirgends verhehlt, bedarf in ihrer Anwendung auf
-den wirklichen, vollen Menschen einer <em class="gesperrt">Ergänzung</em> nach
-der Seite des <em class="gesperrt">Gefühls</em>. Diese Gefühlsergänzung kann auf
-zweierlei Weise erfolgen: durch die <em class="gesperrt">Ästhetik</em> und durch die
-<em class="gesperrt">Religion</em>. Die letztere Lösung hat er nur angedeutet, die
-erstere dagegen, die seiner Dichternatur zumeist am Herzen
-lag, in breiter Ausführung gegeben. Ihr wenden wir uns
-zunächst zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_118"></a>[118]</span></p>
-
-<h4>3. Die ästhetische Ergänzung der Ethik:<br />
-das Sittlich-Erhabene und das Sittlich-Schöne</h4>
-
-<p>Wenn strenge methodische Scheidung der verschiedenen Richtungen
-menschlichen Bewußtseins auch die erste Aufgabe einer
-Philosophie als Wissenschaft ist, so darf es doch dabei nicht
-sein Bewenden haben. Wenn und nachdem Selbständigkeit
-und Eigentümlichkeit der einzelnen Gebiete durch ihre methodische
-Isolierung gesichert sind, können, ja müssen nunmehr
-die Verbindungsbrücken geschlagen werden. Das verbindende
-Element aber, das zunächst ferngehalten werden mußte, damit
-sie, damit Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst ihre Reinheit
-nicht verloren, ist das <em class="gesperrt">Gefühl</em>. Ein Sittenwesen ohne
-Gefühl wäre ein leerer Schemen ohne Fleisch von unserem
-Fleisch und Blut von unserem Blut. Und mag es auch das
-Vorrecht des Dichters sein, diesen »Quell aus verborgenen
-Tiefen« in seiner ganzen Allgewalt darzustellen, so ist es doch
-nicht, wie Schiller einmal sagt, »die Dichtung beinahe allein,
-welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung
-bringt, welche … gleichsam den <em class="gesperrt">ganzen Menschen</em> in
-uns wiederherstellt«. Die Philosophie hat vielmehr dasselbe
-Interesse daran. Ist doch ohne das Gefühl keine Anwendung
-des durch die rein formale Methode gefundenen obersten Sittengesetzes
-auf den wirklichen Menschen, dies sinnlich-vernünftige
-Mischwesen, kurzum keine angewandte Ethik möglich.
-Schon indem wir es als Triebfeder unseres Handelns denken,
-wird notwendig ein Gefühl mitgedacht. Dadurch nun, daß die
-Sittlichkeit gefühlt wird, tritt sie in den Bereich der <em class="gesperrt">Ästhetik</em>.
-Die beiden ästhetischen Grundbegriffe aber, wenigstens zu
-Kants und Schillers Zeiten, waren das Erhabene und das
-Schöne.</p>
-
-<p>Die Form, unter der das Sittliche unserem Gefühl <em class="gesperrt">zunächst</em>
-erscheint, ist das</p>
-
-<h5>Sittlich-Erhabene</h5>
-
-<p>Mit Recht konnte Kant unserem Dichter an jener einzigen
-Stelle, wo er ihn in seinen Schriften behandelt hat,<a id="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">[16]</a> zurufen:
-daß das Gefühl des Erhabenen unserer eigenen Bestimmung<span class="pagenum"><a id="Page_119"></a>[119]</span>
-»uns mehr hinreiße als alles Schöne«, und daß Herakles »erst
-nach bezwungenen Ungeheuern« in den Olymp emporsteige,
-um hier Führer der Musen zu werden. Wem konnte eine solche
-Lehre sympathischer sein als Schiller, dem »Prediger der Freiheit«,
-wie Goethe ihn einmal, in bewußtem Gegensatz zu sich
-selber, charakterisiert. Und wenn derselbe Goethe an anderer
-Stelle von dem toten Freunde sagt: »Die Kantische Philosophie,
-die den Menschen so hoch <em class="gesperrt">erhebt</em>, indem sie ihn einzuengen
-scheint, hatte er mit Freuden in sich aufgenommen«,
-so hatte er gerade dasjenige mit einem treffenden Worte gekennzeichnet,
-was die Ähnlichkeit beider Persönlichkeiten, die
-auch Körner auffiel, ausmacht, die auf ihrem vorzugsweise
-sittlichen Charakter beruht. Daher auch Schillers Vorliebe für
-die <em class="gesperrt">Tragödie</em>, deren Begriff er ausdrücklich aus der Lust
-am moralisch Zweckmäßigen abgeleitet und im Zusammenhang
-mit dem Erhabenen entwickelt hat. Goethes Lieblingscharaktere
-(wir denken dabei etwa an Gretchen und Klärchen,
-Egmont und Faust) handeln nach dem Affekt, sagt Gervinus
-einmal, diejenigen Schillers (Verrina, Posa, Max Piccolomini)
-nach dem kategorischen Imperativ der Pflicht.</p>
-
-<p>Dieser Grundrichtung des <em class="gesperrt">Dichters</em> Schiller, im <em class="gesperrt">Sittlichen</em>
-den würdigsten Stoff für die vollendete Kunstform
-zu suchen, entspricht auch sein philosophisches Verhalten. Wie
-stark er gerade von Kants Begriff des <em class="gesperrt">Erhabenen</em> gepackt
-wurde, beweist schon die äußere Tatsache, daß die Mehrzahl
-seiner ästhetischen Aufsätze mit ihm, und zwar vorzugsweise
-dem Sittlich-Erhabenen, sich beschäftigt. Die beiden Abhandlungen
-über das Tragische, die beiden Vom und Über das Erhabene,
-der größte Teil der »Zerstreuten Betrachtungen über
-verschiedene ästhetische Gegenstände«, der zweite Teil von »Anmut
-und Würde« gehören hierher: während der Entwicklung
-des Begriffs des <em class="gesperrt">Schönen</em> eigentlich nur die »Anmut« und
-die »Ästhetischen Briefe« dienen, die hier nicht genannten
-Aufsätze aber beide Begriffe ungefähr gleich stark berücksichtigen.
-Wir begnügen uns daher vorläufig mit diesen kurzen
-Ausführungen, zumal da wir später noch einmal auf die Vereinigung
-beider zurückzukommen haben.</p>
-
-<p>Schon im Erhabenen liegt, wie widerspruchsvoll es im
-ersten Augenblick auch klingen möge, das Schöne verborgen.<span class="pagenum"><a id="Page_120"></a>[120]</span>
-Denn in das demütigende Gefühl unserer Unterwerfung unter
-das Sittengesetz mischt sich bereits ein Gefühl des Stolzes
-und der Lust darüber, daß wir selbst in unserem eigenen Inneren
-die Idee dieses obersten Gesetzes unseres Handelns erzeugt
-haben, daß wir somit unsere eigenen Gesetzgeber (»autonom«),
-daß es unsere eigene Persönlichkeit, unser »besseres
-Selbst« ist, dem wir nach Kant im »freien Selbstzwang« gehorchen.
-Jetzt steht das Göttliche, d. i. das Gute, nicht mehr in
-feierlicher Majestät vor unseren Augen, sondern es steigt hernieder
-von seinem Weltenthron in die Tiefe unseres Herzens.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Des Gesetzes strenge Fessel bindet</div>
- <div class="verse indent0">Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,</div>
- <div class="verse indent0">Mit des Menschen Widerstand verschwindet</div>
- <div class="verse indent0">Auch des Gottes Majestät.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Nunmehr werden Sittlichkeit und »Natur« einander vermählt,
-die Natur ist sittlich geworden und das Sittliche erscheint
-als Natur: beide zusammen machen erst den ganzen
-vollendeten Menschen aus. Das ist das Ideal des</p>
-
-<h5>Sittlich-Schönen,</h5>
-
-<p>das zwar, wie wir an anderem Orte nachgewiesen haben, bei
-Kant nicht völlig fehlte, aber erst von Schiller in seiner ganzen
-Herrlichkeit uns vor Augen gestellt worden ist. Es erinnert
-an das altgriechische »Schön-und-Gute«, aber die dort
-&ndash; außer bei Plato &ndash; und dann wieder in der Renaissance
-hervortretende Vermischung beider ist jetzt vermieden, die unbewußte
-Naivität vertieft durch das sittliche Bewußtsein. Die
-Kultur soll uns &ndash; ein von Kant übernommener Gedanke! &ndash;
-auf dem Wege der Vernunft und Freiheit zurückführen zur
-wahren und echten Natur und Menschlichkeit: ein Gedanke,
-der übrigens in der ganzen, von Rousseau durchtränkten Zeit
-liegt und dem wir ja auch bei Herder begegneten.</p>
-
-<p>Wie der Gegensatz, so lag auch das Streben nach einer
-<em class="gesperrt">Harmonie</em> zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit von Anfang
-an in Schillers Natur. Wir haben es schon in seiner
-»Philosophie der Physiologie«, in seinem Begriff der »Mittelkraft«
-kennengelernt. Und ebenso klingt es aus zahlreichen
-Gedichten, dramatischen Stellen und Briefen wieder. Von
-seinen philosophischen Abhandlungen behandelt »<em class="gesperrt">Anmut<span class="pagenum"><a id="Page_121"></a>[121]</span>
-und Würde</em>« eben dieses Problem. Die sinnliche Natur
-des Menschen, heißt es hier, ist seiner »reinen Geistesnatur«
-beigesellt nicht als Last, die er abwerfen, oder als »grobe
-Hülle«, die er abstreifen soll &ndash; wie es oft genug mystische
-Verzückung oder mönchische Askese gefordert und zu üben versucht
-hat&nbsp;&ndash;, sondern »um sie aufs innigste mit seinem höheren
-Selbst zu vereinbaren«. An dieser Stelle glaubt er denn auch
-zum ersten Male Kant <em class="gesperrt">entgegen</em>treten zu müssen, dessen
-Moralphilosophie »die Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen
-habe, die alle Grazie davon zurückschreckt und einen
-schwachen Verstand leicht versuchen könnte, auf dem Wege
-einer finsteren und mönchischen Asketik die moralische Vollkommenheit
-zu suchen«. Sicherlich würde eine solche »Mißdeutung«
-dem »heiteren und freien Geist« des »großen Weltweisen«
-unter allen »die empörendste« sein; indes habe doch
-er selbst durch die »strenge und grelle Entgegensetzung« beider
-Prinzipien (<em class="gesperrt">Pflicht</em> und <em class="gesperrt">Lust</em>) einen »starken, obgleich bei
-seiner Absicht vielleicht kaum zu vermeidenden Anlaß dazu
-gegeben«.</p>
-
-<p>Schon die beschränkenden Zusätze zeigen, daß er Kant persönlich
-in Schutz nehmen will, der überdies die teils in »grobem
-Materialismus«, teils in »nicht weniger bedenklichen
-Perfektionsgrundsätzen« (»Vervollkommnungs«-Moral) aufgehende
-Zeitmoral unnachsichtlich habe angreifen und deshalb
-der harte »Drako« seiner Zeit habe werden müssen, weil sie
-ihm des weisen und milden »Solon« »noch nicht wert und
-empfänglich schien«. Aber, fährt er fort, »womit hatten es
-die Kinder des Hauses verschuldet, daß er nur für die Knechte
-sorgte?« Weil der moralische Weichling dem Gesetz der Vernunft
-gern eine Laxheit geben möchte, die es zum Spielball
-seines Beliebens macht, mußte ihm deshalb eine Starrheit
-beigelegt werden, welche »die kraftvolle Äußerung moralischer
-Freiheit nur in eine rühmlichere Art von Knechtschaft verwandelt«?
-Wir wollen hier nicht näher auf Kants Verteidigung
-eingehen, der gerade auf diesen Punkt in seiner »Religion
-innerhalb usw.« erwiderte und auch seinerseits eine frohe
-und mutige, nicht ängstlich-sklavische Gemütsstimmung als
-das der Tugend eignende Temperament angesehen wissen
-wollte. Inwieweit auch er das Sittlich-Schöne anerkennt,<span class="pagenum"><a id="Page_122"></a>[122]</span>
-haben wir an anderem Orte (»Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe«,
-S.&nbsp;94 bis 107) ausführlich dargelegt. Hier haben wir es nur
-mit Schillers Entwicklung der sittlichen Schönheit zu tun, die
-sich auf die Beschaffenheit des Menschen als »vernünftig-sinnlichen
-Wesens« gründet.</p>
-
-<p>Nach Schiller muß des Menschen sittliche Denkart aus seiner
-»gesamten« Menschheit hervorquellen, sie muß ihm zur
-<em class="gesperrt">Natur</em> geworden sein. Denn »der bloß niedergeworfene
-Feind kann wieder aufstehen, aber der versöhnte ist wahrhaft
-überwunden«. Hiergegen läßt sich meines Erachtens der Einwand
-machen, daß der wirkliche Mensch, wie er <em class="gesperrt">ist</em>, mit allen
-seinen Schwächen, eben immer wieder jenes »Aufstehens« bedarf,
-weil er das Ideal der »<em class="gesperrt">schönen Seele</em>«, die Schiller
-als das »Siegel der vollendeten Menschheit« preist, in der Tat
-nie erreicht. Wie denn Schiller selbst am Anfang des Abschnitts
-über »Würde« zugesteht, daß jene »Charakterschönheit, die
-reifste Frucht seiner Humanität, bloß eine <em class="gesperrt">Idee</em>« ist, »welcher
-gemäß zu werden er mit anhaltender Wachsamkeit streben,
-aber die er bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann«.
-Also ist doch auch die schöne Seele bloß ein schönes Ideal, und
-es ist vom methodischen Standpunkt aus gesehen sogar gefährlich,
-wenn Schiller in diesem Zusammenhang zugunsten
-der Sinnlichkeit anführt, sie erst leihe dem sittlichen Menschen
-»das ganze Feuer ihrer Gefühle« zu dem »Triumph, der
-über sie selbst gefeiert wird«. Denn was ist nicht schon alles
-in der Weltgeschichte, namentlich in Religion und Politik, mit
-dem »Feuer der Gefühle« gerechtfertigt worden!</p>
-
-<p>Aber <em class="gesperrt">ein</em> tiefer und schöner Gedanke liegt sicher im Begriff
-der »schönen Seele«, nämlich, daß der Mensch »nicht
-dazu bestimmt ist, <em class="gesperrt">einzelne</em> sittliche <em class="gesperrt">Handlungen</em> zu
-verrichten, sondern ein sittliches Wesen zu sein«, wie Schiller
-es in dem bekannten Doppelvers ausgedrückt hat:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen</div>
- <div class="verse indent0">Zahlen mit dem, was sie <em class="gesperrt">tun</em>, edle mit dem, was sie <em class="gesperrt">sind</em>.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Eine solche Seele weiß auch gar nicht um ihre eigene Schönheit:
-»mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt&nbsp;(!)
-aus ihr handelte« &ndash; freilich wieder ein gefährlicher Vergleich&nbsp;&ndash;,
-»übt sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus«.<span class="pagenum"><a id="Page_123"></a>[123]</span>
-Die Sinnlichkeit sieht jetzt nicht mehr am Vernunftgesetz
-schwindelnd empor, sondern der Gesetzgeber selbst, nämlich
-der »Gott in uns«, hat sich zum Sinnlichen herabgeneigt und
-sieht sich befriedigt durch »die Übereinstimmung des Zufälligen
-der Natur mit dem Notwendigen der Vernunft«. Das in
-dem aus Lust und Unlust gemischten Gefühl der <em class="gesperrt">Achtung</em>
-angespannte Gemüt kommt zur Auflösung, Ruhe und Harmonie
-in dem ungemischten Gefühl der <em class="gesperrt">Liebe</em>.</p>
-
-<p>Soweit die philosophische Erörterung in »Anmut und
-Würde«. Es würden sich dazu selbstverständlich noch zahlreiche
-Parallelstellen aus anderen Abhandlungen, namentlich aus
-den Briefen über ästhetische Erziehung, die ja gerade diesen
-ästhetischen Zustand zum pädagogischen Endziel machen, sowie
-aus den Bruchstücken der Vorlesungen über Ästhetik, aus den
-Gedichten und den Briefen beibringen lassen. Unter den letzteren
-möchten wir den Leser besonders auf zwei hinweisen.
-Einmal auf den schon in anderem Zusammenhang erwähnten
-vierzehn Seiten langen Brief an Körner vom 18. Februar
-1793, wo unter anderem in Anknüpfung an eine der Geschichte
-vom barmherzigen Samariter verwandte Erzählung
-der Unterschied einer gutherzigen, nützlichen, rein moralischen,
-großmütigen und sittlich-schönen Handlung beleuchtet wird.
-Und auf den zehn Tage später an denselben Freund gerichteten
-Brief, der ein wundervolles Gleichnis, das wir ähnlich
-auch in Vischers »Auch einer« gefunden zu haben uns erinnern,
-zu unserem Thema bringt. Einen Vogel im Fluge
-nennt dort der Dichter »die glücklichste Darstellung des durch
-die <em class="gesperrt">Form</em> bezwungenen <em class="gesperrt">Stoffes</em>, der durch die Kraft
-überwundenen <em class="gesperrt">Schwere</em>«. Die Schwerkraft verhalte sich
-nämlich »ungefähr ebenso gegen die lebendige Kraft des
-Vogels, wie sich bei reinen Willensbestimmungen die Neigung
-zu der gesetzgebenden Vernunft verhält«. Der Adler also, der
-durch den reinen Äther, die Wolken unter sich (bei Vischer:
-<em class="antiqua">nunc pluat</em>, jetzt möge es regnen!) der Sonne zuschwebt, ist
-an sich das Symbol des Erhabenen, und Flügel werden als
-»Symbol der Freiheit« gebraucht. Er stellt aber zugleich auch
-den Sieg der <em class="gesperrt">reinen Schönheit</em> dar, denn »Schönheit
-nehmen wir überall wahr, wo die Masse von der Form und
-… von den lebendigen Kräften … völlig beherrscht wird«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_124"></a>[124]</span></p>
-
-<p>Dem entspricht dann genau, um von anderen Gedichten zu
-schweigen, die vielleicht durch jenes Kantische Gleichnis von
-Herakles als »Musaget« (Führer der Musen) im Olymp angeregte
-herrliche Schlußstrophe der Krone von Schillers Gedankenlyrik
-»Das Ideal und das Leben«, welche die »Himmelfahrt«
-des von seinen Erdenleiden erlösten Herakles und seine
-Begrüßung durch Hebe, die Göttin der ewigen Jugend,
-schildert:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,</div>
- <div class="verse indent0">Flammend sich von Menschen scheidet</div>
- <div class="verse indent0">Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.</div>
- <div class="verse indent0">Froh des neuen, ungewohnten Schwebens</div>
- <div class="verse indent0">Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens</div>
- <div class="verse indent0">Schweres Traumbild sinkt &ndash; und sinkt &ndash; und sinkt.</div>
- <div class="verse indent0">Des Olympus Harmonien empfangen</div>
- <div class="verse indent0">Den Verklärten in Kronions Saal,</div>
- <div class="verse indent0">Und die Göttin mit den Rosenwangen</div>
- <div class="verse indent0">Reicht ihm lächelnd den Pokal.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h4>4. Stellung zu Griechentum und Christentum
-und zur Religion überhaupt</h4>
-
-<p>Mit Gedankengängen wie dem letzten befinden wir uns ganz
-im Banne griechischer, genauer allerdings <em class="gesperrt">neu</em>hellenischer
-Anschauungen, wie sie der Humanitätsstandpunkt unserer
-Klassiker: Lessing und Herder, Schiller und Goethe, wenn auch
-bei den einzelnen in verschiedenem Maße und verschiedener
-Färbung, enthält. Wie sollen wir Heutigen uns dazu stellen?</p>
-
-<p>Gewiß, auch das Sittliche darf den Menschen nicht von seiner
-natürlichen Grundlage lösen wollen. Weltflüchtiges, sinnen-
-und schönheitsfeindliches Mönchtum, sei es buddhistisches oder
-christliches, das in allem Sinnlichen nur Sünde sieht und daher
-einen aufs schärfste zu bekämpfenden Feind in ihm erblickt,
-kann nicht das Ideal eines mit Fleisch und Blut bekleideten
-Wesens sein, das eine gleichmäßig harmonische Ausbildung
-<em class="gesperrt">aller</em> seiner Fähigkeiten erstrebt. Noch nie ist, nach
-einem bekannten Spruche des römischen Dichters Horaz, die
-Natur gewaltsam unterdrückt worden, ohne sich dafür zu rächen.
-So gesehen, war es eine Art Akt geschichtlicher Notwendigkeit,
-daß aus der Mönchszelle selbst Luther, der Befreier vom Mönchtum,<span class="pagenum"><a id="Page_125"></a>[125]</span>
-erstand. Die natürlichen Neigungen sind, auch nach dem
-Urteil eines so strengen Ethikers wie Kant, an sich keineswegs
-etwas Böses; sie müssen nur in die Bahn des Guten gelenkt
-werden, damit das Gefühl, das zur wahren Freudigkeit des
-sittlichen Handelns unentbehrlich ist, um mit Schiller zu
-sprechen, »eifrige Teilnehmerin an der reinen Sittlichkeit«
-wird.</p>
-
-<p>Trotz alledem vermögen wir, scheint mir, heute zu jenem
-hellenischen Harmoniegefühl, jenem optimistischen Glauben
-an die Güte alles Natürlichen, jener lebensfrohen Schönheitsreligion,
-wie sie das Zeitalter des Perikles beseelte, dann nach
-zwei Jahrtausenden noch einmal im lebensfrohen Geiste der
-Renaissance und des Humanismus zum Ausdruck kam und
-auch noch in einzelnen philosophischen Nachzüglern des achtzehnten
-Jahrhunderts, wie Shaftesbury, lebendig wurde,
-ebensowenig zurückkehren wie zu der glücklichen Naivität
-unseres Kindesalters. Und wenn selbst in dem schönheitsdurstigen
-Volke der alten Griechen &ndash; wobei wir von der
-Volks- und Mysterienreligion ganz absehen wollen &ndash; ein
-Xenophanes, ein Sokrates und vor allem, bei all seinem
-Schönheitsgefühl, ein Plato zur reinen Geistigkeit hinstreben,
-so ging es mit jenem naiven Sich-eins-fühlen von Natur und
-Sittlichkeit erst recht zu Ende, seitdem das <em class="gesperrt">Christentum</em>
-mit seinem Sündenbewußtsein in die Welt trat, das nun
-kaum mehr auszurotten ist.</p>
-
-<p>Und hat es, auch von einem ganz undogmatischen und unkirchlichen
-Standpunkt aus, der für uns selbstverständlich ist,
-wirklich so unrecht damit? Wir verstehen dabei unter der
-»Sünde« freilich kein mystisch-religiöses Gefühl, sondern den
-<em class="gesperrt">Egoismus</em>, der nur den eigenen Vorteil sucht, anstatt sich
-dem Ganzen hinzugeben, den Eigenwillen, den »zu bändigen«
-Schiller selbst im »Kampf mit dem Drachen« als »der
-Pflichten schwerste« bezeichnet hat. Trotzdem gibt er doch in
-einem Brief an Goethe vom 9. Juli 1796, im Anschluß an
-seine Beurteilung von dessen »Wilhelm Meister«, Goethe recht:
-»Die <em class="gesperrt">gesunde</em> und <em class="gesperrt">schöne Natur</em> braucht keine <em class="gesperrt">Moral</em>«
-und, wie er hinzusetzt, auch keinen <em class="gesperrt">Gott</em> und keine <em class="gesperrt">Unsterblichkeit</em>,
-die für die »<em class="gesperrt">ästhetische Geistesstimmung</em>«
-seines Erachtens »nie zu ernstlichen Angelegenheiten<span class="pagenum"><a id="Page_126"></a>[126]</span>
-und Bedürfnissen werden können«. Aber wo gibt es,
-fragen wir, solche Naturen, die ohne inneren Kampf durch den
-bloßen Instinkt des Gefühls in allen Fällen von selber das
-Richtige treffen? Sagt doch Schiller selbst zu Anfang seines
-»Ideal und Leben«, daß die »Vermählung« von »Sinnenglück«
-und »Seelenfrieden« nur dem olympischen Zeus gegeben sei,
-während dem Menschen zwischen beiden »nur die bange Wahl«
-bleibe. Und hat gerade er doch in seinen Dramen keine rein
-harmonische »schöne Seele«, wie Goethe in seiner Iphigenie
-oder der Prinzessin im »Tasso«, zu schaffen vermocht, sondern
-gerade in seinen hervorragendsten Frauengestalten, wie Maria
-Stuart, Johanna, Thekla, die Erhebung des »schönen« Charakters
-zu sittlicher Größe dargestellt. Die reine Harmonie
-mag uns als schönes Ideal vorleuchten, fürs Leben taugt der
-sittliche Kampf.</p>
-
-<p>Schiller und noch stärker, wie wir gleich hinzufügen können,
-Goethe stehen jedenfalls <em class="gesperrt">mehr</em> auf der Griechenseite und
-gegen das Christentum. Daher auch ihre Unzufriedenheit mit
-dem von Kant angenommenen »Hang zum radikalen Bösen in
-der Menschennatur«. Die Griechen dagegen erscheinen ihm als
-Muster jener ungebrochenen Einheit und Ganzheit des Menschenwesens:
-»Zugleich voll Form und voll Fülle, zugleich
-philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch, sehen
-wir sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der
-Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigen.«</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit einige Bemerkungen über Schillers
-Verhältnis zur <em class="gesperrt">Religion</em> überhaupt. Wir haben schon
-früher bemerkt, daß von einem mit schweren inneren Kämpfen
-verbundenen schroffen Bruch mit den biblischen Jugendanschauungen
-in des Dichters religiöser Entwicklung nichts zu
-merken ist. Die Stellung des reifen Schiller zur Religion
-kennzeichnet sich am kürzesten durch sein bekanntes Distichon,
-das »Mein Glaube« überschrieben ist:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Welche Religion ich bekenne? &ndash; Keine von allen,</div>
- <div class="verse indent0">Die du mir nennst! &ndash; Und warum keine? &ndash; <em class="gesperrt">Aus</em> Religion!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Daraus ergibt sich eine Ablehnung aller sogenannten »positiven«
-Religionsbekenntnisse aus reinem, das »Göttliche«
-mit dem <em class="gesperrt">Guten</em> gleichsetzendem Religionsgefühl, stärker fast
-noch als bei Lessing und Herder. Es ist daher auch unglaublich<span class="pagenum"><a id="Page_127"></a>[127]</span>
-töricht, wie es zuweilen geschieht, aus seiner »Jungfrau
-von Orleans« oder »Maria Stuart« &ndash; im ersten Falle
-aus der sympathischen Charakterisierung der frommen Titelheldin,
-im zweiten aus der schwärmerischen Schilderung des
-katholischen Kultus durch den jungen Fanatiker Mortimer &ndash;
-eine »Verherrlichung« der römischen Kirche herauszulesen. Gerade
-so töricht, nebenbei bemerkt, wie die der mittelalterlich-feudalen
-Anschauung des Ritters Dunois entsprechende:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Für seinen König muß das Volk sich opfern,</div>
- <div class="verse indent0">Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>als Schillers persönliche politische Ansicht auszugeben.</p>
-
-<p>Er stand seiner ganzen Bildung und Gesinnung nach hoch
-über konfessionellen Gegensätzen und wußte daher beiden ihr
-historisches und ästhetisches Recht zu geben, wobei in letzterem
-Falle der englisch-schottische Kalvinismus natürlich ungünstig
-abschneiden mußte.</p>
-
-<p>Bezeichnend für seine ablehnende Stellung zum kirchlichen
-Christentum waren schon seine »Götter Griechenlands«, ist
-aus der späteren Zeit sein Urteil über Kants Religionsschrift
-von 1792, die aus Rücksichten auf die preußische Zensur in
-Jena gedruckt und von dem eifrig interessierten Dichter schon
-vor Vollendung des Drucks eingesehen wurde. Mit Kants
-freier, sinnbildlicher bezw. moralischer Auslegung der christlichen
-Lehren von der Erlösung, vom Logos, von Himmel und
-Hölle, vom Reiche Gottes erklärt er sich zwar einverstanden.
-Aber radikaler als Kant und sein Freund Körner, hegt er Bedenken
-gegen den pädagogischen Zweck, den der Philosoph in
-dieser Schrift mit ihrer Anknüpfung der »Resultate des philosophischen
-Denkens an die &ndash; Kindervernunft&nbsp;(!)« verfolge:
-nämlich »das Vorhandene nicht <em class="gesperrt">wegzuwerfen</em>, solange
-noch ein Nutzen davon zu erwarten sei, sondern es vielmehr
-zu <em class="gesperrt">veredeln</em>«. Die sogenannten »Religionsverteidiger«
-würden bei ihrer bekannten Beschaffenheit, wie er sich recht
-sarkastisch äußert, seine »Unterstützung annehmen«, seine »philosophischen
-Gründe aber wegwerfen«; so habe »Kant dann
-weiter nichts getan, als das morsche Gebäude der Dummheit
-geflickt«. So scharf stand Schiller der Orthodoxie gegenüber.</p>
-
-<p>Auch über das Verhältnis der Religion zur Ethik äußert
-er sich zur selben Zeit in der Abhandlung »Vom Erhabenen«<span class="pagenum"><a id="Page_128"></a>[128]</span>
-ziemlich absprechend: »Nur die <em class="gesperrt">Religion</em>, nicht aber die
-<em class="gesperrt">Moral</em> stellt Beruhigungsgründe für unsere Sinnlichkeit
-auf. Die Moral befolgt die Vorschrift der Vernunft unerbittlich
-und ohne alle Rücksicht auf das Interesse unserer Sinnlichkeit;
-die Religion aber ist es, die zwischen den Forderungen
-der Vernunft und dem Anliegen der Sinnlichkeit eine Aussöhnung,
-eine Übereinkunft zu stiften sucht.« Ebenso in einer
-aus 1794 stammenden Äußerung zu einer Kritik seines auch von
-uns bereits (S.&nbsp;<a href="#Page_102">102</a>) berührten Jugendgedichts »Resignation«:
-»So (d. h. sich in ihrer Rechnung betrogen zu sehen) kann und
-soll es jeder Tugend und jeder Resignation ergehen, die bloß
-deswegen ausgeübt wird, weil sie in einem anderen Leben
-gute Zahlung erwartet. Unsere moralischen Pflichten binden
-uns nicht kontraktmäßig, sondern unbedingt. Tugenden, die
-bloß gegen Assignation an künftige Güter ausgeübt werden,
-taugen nichts. Die Tugend hat <em class="gesperrt">innere</em> Notwendigkeit, auch
-wenn es kein anderes Leben gäbe. Das Gedicht ist also nicht
-gegen die wahre Tugend, sondern nur gegen <em class="gesperrt">die</em> Religionstugend
-gerichtet, welche mit dem Weltschöpfer einen Akkord
-schließt und gute Handlungen auf Interessen ausleiht, und
-diese interessierte Tugend verdient mit Recht jene strenge Abfertigung
-des Genius.«</p>
-
-<p>Entgegenkommender spricht sich ein Brief an Goethe vom
-17. August 1795 im Anschluß an eine Besprechung der »Bekenntnisse
-einer schönen Seele« in »Wilhelm Meister« aus:
-»Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage
-zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen
-derselben im Leben scheinen mir bloß deswegen so
-widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen
-dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentümlichen
-Charakterzug des Christentums, der es von allen monotheistischen
-Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts anderem
-als in der Aufhebung des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs,
-an dessen Stelle das Christentum eine freie Neigung
-gesetzt haben will. Es ist also in seiner reinen Form
-Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des
-Heiligen und in diesem Sinne die einzige ästhetische Religion.«
-Worauf dann freilich die beißende Schlußbemerkung
-folgt: »Daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion<span class="pagenum"><a id="Page_129"></a>[129]</span>
-bei der weiblichen Natur so viel Glück gemacht und nur in
-Weibern noch in einer gewissen erträglichen Form angetroffen
-wird.«</p>
-
-<h4>5. Zusammenfassung und Ergebnisse</h4>
-
-<p>Doch kehren wir noch einmal zu unserm Hauptthema zurück:
-Genügt die bloß <em class="gesperrt">ästhetische</em> Gemütsstimmung »schöner«
-Sittlichkeit wirklich zu einer uns völlig befriedigenden Weltanschauung?
-Können Sittlichkeit und Menschennatur in der
-Tat restlos ineinander aufgehen? Wir meinen: Auf die Dauer
-<em class="gesperrt">nein</em>!, und berufen uns dabei auf das Urteil aller erfahrenen
-Menschenkenner, unter anderem auch auf das in Kants
-»Anthropologie« zitierte eines so wenig christlich Denkenden
-wie Friedrich der Große »von der verfluchten Rasse, der wir
-angehören«. Der Riß zwischen Sein und Sollen, Wirklichkeit
-und Ideal besteht nun einmal, so gewiß wie das Schlechte,
-andere sagen: die Schwachheit der menschlichen Natur. Und
-solange das Böse nicht ausstirbt, darf auch der Kampf dagegen
-nicht aufhören, ist immer neue Erhebung, tägliche »Wiedergeburt«
-des Guten in uns notwendig. Mögen wir uns zeitweise
-in jenen Zustand vermählter Natur (»Sinnenglück«)
-und Sittlichkeit (»Seelenfrieden«) versetzen können: er hält
-nicht dauernd stand vor den tausend Widerwärtigkeiten des
-Lebens. In Lagen, wo wir die moralische Feuerprobe bestehen
-müssen, reicht das Natürliche, auch in seiner veredelten Gestalt
-als Sittlich-Schönes nicht aus; das Sittlich-Erhabene
-muß hinzutreten, uns emporziehen in die unbezwingliche
-Burg unseres besseren Selbst. Schönheit ist, im Körperlichen
-wie im Seelischen, allzu häufig nicht gepaart mit Stärke.</p>
-
-<p>Lassen sich ferner mit schöner Sittlichkeit, mit den edlen Neigungen
-des Mitleids (Schopenhauer) und der Sympathie
-(Shaftesbury) allein die großen <em class="gesperrt">öffentlichen</em> Aufgaben
-in <em class="gesperrt">Staat</em> und Gesellschaft lösen? Nein. Der reine »Ästhet«
-neigt zur ruhigen Betrachtung der Dinge anstatt zur Tat, zu
-beschaulichem Selbstgenuß statt des Wirkens für andere, trägt
-daher einen ausgesprochen geistesaristokratischen, dagegen unpolitischen
-und unsozialen Charakter. Doch wir werden auf
-Schillers Verhältnis zum <em class="gesperrt">Staat</em> noch besonders zu sprechen
-kommen. Jedenfalls fordert das Sittengesetz der Pflicht andere<span class="pagenum"><a id="Page_130"></a>[130]</span>
-Taten von uns als das Schwelgen in Gefühlen. Das
-Ideal der Pflanze, das der lyrischen, am liebsten in sich selbst
-ruhenden Natur Herders so zusagte, eignet sich nicht zum Vorbild
-für den Menschen, der nicht zum Vegetieren, sondern zum
-Handeln geboren ist. Schiller, der in Kants Schule gegangen
-war, setzt darum in seinem Distichon »Das Höchste« bezeichnenderweise
-ein »wollend« hinzu; denn er wußte, daß im
-Gegensatz zur »ganzen Natur« der Mensch »das Wesen ist,
-welches <em class="gesperrt">will</em>«. Auch die Tatsache, daß er in »Anmut und
-Würde«, übrigens auch darin Kant folgend, <em class="gesperrt">Anmut</em> als besonderen
-Ausdruck der <em class="gesperrt">weiblichen</em> Tugend darstellt, die
-sich nach seiner Meinung »selten zu der höchsten Idee sittlicher
-Reinheit erhebt und es selten weiter als zu affektierten
-(gefühlsmäßigen) Handlungen bringt«, beweist, daß sie dem
-Dichter nicht als Kennzeichen des vollen Menschen gilt, wie
-andererseits freilich auch nicht allein die »<em class="gesperrt">Würde</em>« des
-<em class="gesperrt">Mannes</em>.</p>
-
-<p>Mit einem Worte: Erhabene und schöne Sittlichkeit besitzen
-<em class="gesperrt">beide</em> ihren eigenen Wert. Keine Harmonie ohne voraufgegangenen
-Kampf, aber das Ziel des Kampfes Harmonie!
-Will dagegen ein jedes von beiden für sich allein alles bedeuten,
-so wird es notwendig einseitig, wie das die großen
-geschichtlichen Erscheinungen gezeigt haben. Der christliche
-Dualismus traut der menschlichen Natur zu wenig zu und ist
-deshalb oft sinnen-, ja menschenfeindlich geworden. Selbst ein
-Luther, der doch ein neues, weltförmiges Christentum stiften
-wollte, verzweifelt an der eigenen Vernunft und Kraft. Das
-alte Griechentum dagegen und seine Wiedergeburt in der Zeit
-der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts und wiederum
-in der Zeit unserer klassischen Dichtung traut ihr zuviel zu,
-wenn es allen Halt und Maßstab in das souveräne Belieben
-des Einzelmenschen verlegt. Was soll nun unser sittliches Zukunftsideal
-sein? Um es einmal mit F. A. Lange in religiös-ästhetischem
-Bilde auszudrücken: erhabene Domeshallen mit
-himmelanstrebenden Türmen oder die klassisch-schönen Säulenordnungen
-hellenischer Tempel? Ich denke, viele von uns werden
-doch mit dem Sozialisten Lange neben jenem heiteren
-Tempel der Freude wenigstens eine »gotische Kapelle« für
-»bekümmerte Gemüter« schon im Hinblick auf das soziale<span class="pagenum"><a id="Page_131"></a>[131]</span>
-Elend nicht entbehren wollen. Die moderne Ethik sollte meines
-Erachtens beide Elemente, das antike Harmoniegefühl
-und den sittlichen Idealismus der Tat, der sich umsetzt in
-kräftiges politisch-soziales Handeln, in sich aufzunehmen und
-womöglich zu einer höheren Einheit zu verbinden suchen.</p>
-
-<h4>6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik<a id="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">[17]</a></h4>
-
-<p>In dem Grundstandpunkt, daß das künstlerische Schaffen
-und Genießen eine besondere, von denen der Wissenschaft und
-Sittlichkeit grundsätzlich geschiedene Provinz des menschlichen
-Geistes darstellt, sahen wir unseren Dichter-Philosophen dem
-Verfasser der »Kritik der Urteilskraft« folgen. Desgleichen
-teilt er mit ihm die Ansicht, daß das künstlerische Erleben
-eine Bewegung des Gefühls darstellt und die Lust am Schönen
-weder durch logische Begriffe vermittelt noch durch sittliche
-Gebote beeinflußt ist.</p>
-
-<p>Aber er sucht, über Kant hinausgehend, einen <em class="gesperrt">objektiven</em>
-Maßstab der Schönheit festzustellen und glaubt ihn in
-einem langen Schreiben an Körner vom 18. Februar 1793,
-das er zu einer besonderen Schrift »Kallias« auszuarbeiten
-gedachte, in dem Satze: »Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung«
-gefunden zu haben. Dieser an und für sich etwas
-dunkle Satz soll besagen: Im ästhetischen Urteil erscheint uns
-die ganze Natur, einschließlich des Menschen, als die Darstellung
-von freien, ihr eigenes Leben und Gesetz erfüllenden
-Wesen.</p>
-
-<p>Den Ausdruck dieses eigentümlichen Wesens einer jeden
-Person, eines jeden Dinges nennt Schiller, vielleicht durch
-Aristoteles und seine modernen Nachfolger, vielleicht auch
-schon durch Fichte beeinflußt, dessen <em class="gesperrt">Form</em>. Schon auf dem
-theoretischen und dem ethischen Gebiet des Kritizismus spielt
-die Form eine sehr bedeutsame Rolle, wie ich in meiner
-Doktor-Dissertation<a id="FNanchor_18" href="#Footnote_18" class="fnanchor">[18]</a> nachgewiesen habe. Schiller überträgt
-das nun auch auf das ästhetische Gebiet.</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_132"></a>[132]</span></p>
-<p>Er unterscheidet drei Begriffe: die gestaltende Form, den
-zu gestaltenden Stoff und den schaffenden Künstler. Künstlerisch
-arbeiten heißt eben: dem Stoffe Form geben, den Stoff
-durch die Form vertilgen, wie es in der neunten Strophe
-von »Ideal und Leben« von den »heiteren Regionen, wo die
-neuen Formen wohnen«, beschrieben wird:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,</div>
- <div class="verse indent0">Und im Staube bleibt die Schwere</div>
- <div class="verse indent0">Mit dem <em class="gesperrt">Stoff</em>, den sie beherrscht, zurück.</div>
- <div class="verse indent0">Nicht der Masse qualvoll abgerungen,</div>
- <div class="verse indent0">Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen</div>
- <div class="verse indent0">Steht das Bild vor dem entzückten Blick.</div>
- <div class="verse indent0">Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen</div>
- <div class="verse indent0">In des Sieges hoher Sicherheit,</div>
- <div class="verse indent0">Ausgestoßen hat es jeden Zeugen</div>
- <div class="verse indent0">Menschlicher Bedürftigkeit.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ein weiterer Begriff der Schillerschen Ästhetik ist der ästhetische
-oder schöne <em class="gesperrt">Schein</em>. In der Wissenschaft wollen wir
-das Wirkliche erkennen, in der Ethik dem Guten durch unser
-Handeln Wirklichkeit verschaffen; der Gegenstand des ästhetischen
-Triebes dagegen ist der bloße Schein der Dinge, an
-dem nur »der Blick sich zu weiden« vermag, der Blick auf eine
-nur der »dichtenden« Seele wahrnehmbare eigene Welt. Im
-Gegensatz zu der Arbeit der Wissenschaft, dem Tun des Guten
-erweist der ästhetische Schein sich als bloßes <em class="gesperrt">Spiel</em>: ein
-Spiel jedoch, das die Gesamtheit der menschlichen Gemütskräfte
-in Anspruch nimmt. Die Kunst versetzt sie in ein freies
-Spiel miteinander, d. h. eine rein sich selbst genügende Bewegung,
-die an keinen bestimmten Zweck gebunden ist, wie
-denn Kant die ästhetische Zweckmäßigkeit, im Gegensatz zur
-praktischen, als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« bezeichnet hatte.
-Mit dem Angenehmen, Guten und Wahren ist es dem Menschen
-<em class="gesperrt">ernst</em>; mit dem Schönen <em class="gesperrt">spielt</em> er, d. h. er erfreut
-sich an ihm mit seiner vollen Menschennatur. »Der Mensch
-spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes <em class="gesperrt">Mensch</em>
-ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« (15. ästhetischer
-Brief.)</p>
-
-<p>Die Wirkung des Schönen ist entweder eine schmelzende
-(auflösende) oder eine energische (anspannende). Auflösend
-wirkt die Schönheit, indem sie uns im Spieltrieb von der einseitigen<span class="pagenum"><a id="Page_133"></a>[133]</span>
-Spannung des Stoff- (Sach-) oder des Formtriebs
-befreit und <em class="gesperrt">fühlen</em> lehrt, sobald wir Gefahr laufen, zu verknöchern,
-<em class="gesperrt">denken</em>, wenn wir verdumpfen. Anspannend dagegen,
-wenn sie beide Teile in ihrer Kraft erhält, der Erschlaffung
-entgegenwirkt. So belebt das Schöne samt dem
-Erhabenen (denn nichts anderes ist eigentlich die »energische«
-Schönheit) alle Kräfte unserer Seele und stellt uns in der
-vollen Einheit unseres lebendigen Wesens dar.</p>
-
-<p>Wenden wir uns nun zum Schlusse Schillers Anwendung
-der ästhetischen Theorie auf sein eigenstes Schaffensgebiet, die
-<em class="gesperrt">Dichtung</em>, zu. Die Hauptschrift, zugleich diejenige, nach
-deren Vollendung er von der Philosophie wieder zum poetischen
-Schaffen übergeht, ist die große Abhandlung von 1795/96</p>
-
-<h5>Ueber naive und sentimentalische Dichtung,</h5>
-
-<p>die man wohl »ein einziges Zwiegespräch mit Goethe« genannt
-hat, der dem naiven, so wie Schiller dem sentimentalen,
-Dichter entspricht. Sie geht aus von dem Reiz, den
-das <em class="gesperrt">Naive</em>, Natürliche auf den Kulturmenschen ausübt. Die
-Naivität eines Kindes oder eines Naturmenschen erfreut und
-rührt uns als ein Sieg der Natureinfalt über die Künstelei
-der Zivilisation. Auch das Genie ist naiv, reine Naturkraft;
-wobei Natur als das Dasein der Dinge nach eigenen und unabänderlichen
-Gesetzen verstanden wird. In der Blume, der
-Quelle, dem bemoosten Stein, dem Vogelsang, der Kindheit
-lieben wir das ruhige Wirken aus sich, die ewige Einheit mit
-sich selbst. »Sie sind, was wir <em class="gesperrt">waren</em> und was wir wieder
-werden sollen.«</p>
-
-<p>Bewahrer der Natur sind nun in erster Linie die <em class="gesperrt">Dichter</em>,
-sei es, daß sie »Natur« sind oder die verlorene suchen. Das
-dichterische Genie ist gleichsam der zur Person gewordene
-Spieltrieb, der ja ebenfalls nach seelischen Einfällen und Gefühlen,
-nicht nach logischen Begriffen verfährt. Naive Dichter
-sind Homer und Shakespeare; sentimental (gefühlvoll) ist
-Werther, der den Homer liest. Dem Naiven ist die Natur eine
-Selbstverständlichkeit, dem Sentimentalen ist sie ein Ziel
-seiner Sehnsucht. Naiv ist deshalb die Antike in ihrer Blütezeit,
-ihrer ungebrochenen Einheit von Natur und Kultur;
-sentimental das Christentum, in dem sich dieser Bruch vollzogen<span class="pagenum"><a id="Page_134"></a>[134]</span>
-hat, aber auch der <em class="gesperrt">moderne</em> Mensch überhaupt. Und
-ferner kehrt in dem Kontrast »naiv-sentimental« der uns
-bekannte Gegensatz der harmonischen schönen Seele auf der
-einen, des sittlich-erhabenen Charakters auf der anderen Seite
-wieder.</p>
-
-<p>Die Hauptgattungen der sentimentalen, mithin spezifisch
-modernen Poesie sind die Satire, die Elegie und die Idylle,
-über die sich dann der Verfasser im einzelnen geistreich und
-mit anschaulichen Beispielen aus der ganzen Weltliteratur ergeht.
-Alle drei betreffen das Verhältnis zwischen Ideal und
-Wirklichkeit: die Satire, die strafende wie die spottende, stellt
-den Abstand beider voneinander, die Elegie das Ideal als ein
-verlorenes, die Idylle dasselbe als erreicht dar. Groß und echt
-ist die Dichtung nur, wo Gedanken und Gefühle von allgemeinmenschlicher
-Bedeutung, nicht bloß subjektives Fühlen des
-Dichters den Stoff beseelt. So muß aus der scherzhaften Satire
-die Überlegenheit der schönen Seele, aus der strafenden
-oder pathetischen der erhabene Charakter sprechen; muß die
-Sehnsucht der Elegie nach einem verlorenen Ideal gehen, die
-Idylle uns nicht in ein arkadisches Schäferleben, sondern in
-den Zukunftsstand einer neuen, harmonisch vollendeten Menschheit
-&ndash; also das, was der Sozialist Utopie nennt &ndash; führen.
-<em class="gesperrt">Schillers</em> »Sentimentalität« bedeutet jedenfalls keine
-Rousseau-Klopstock-Ossiansche Empfindsamkeit, im Gegenteil
-herben Lebensrealismus.</p>
-
-<p>Er unterscheidet auch »wirkliche« und »wahre« Natur. Wir
-wollen in dem Werk des Dichters nicht die Zufälligkeiten
-der Wirklichkeit, etwa die natürlichen Ausbrüche der Leidenschaft,
-dargestellt sehen, wenigstens nicht als sein eigentliches
-Ziel, sondern »eine innere Notwendigkeit des Daseins«. Mit
-dem »Affentalent gemeiner Nachahmung«, wie es auch heute
-noch der extreme Naturalismus predigt, ist es nicht getan;
-nur in Kopf und Herz von künstlerisch-menschlich ausgebildeten
-Dichterpersönlichkeiten formt sich auch der niedere Stoff zu
-edlem Gebilde. Die Gefahr für den naiven Dichter besteht im
-Herabsinken zum Platten, Geistlosen, Gewöhnlichen; die für
-den sentimentalen in der Überspannung zum Gehalt- und Gestaltlosen
-einer schwärmerisch schrankenlosen Einbildungskraft.
-Die Aufgabe der Poesie ist weder angenehme Erholung<span class="pagenum"><a id="Page_135"></a>[135]</span>
-im gewöhnlichen Sinne des Wortes noch moralische Besserung
-und Belehrung. Der Geisteszustand der meisten Menschen ist
-&ndash; wie wahr trifft Schillers tief sozialer Blick hier auch noch
-die Gegenwart! &ndash; »auf der einen Seite anspannende und erschöpfende
-Arbeit, auf der anderen erschlaffender Genuß«. Die
-Dichtkunst aber verlangt einen ganzen und vollen <em class="gesperrt">Menschen</em>,
-»einen offenen Sinn, ein erweitertes Herz, einen frischen und
-ungeschwächten Geist«. Darum &ndash; das Wort behält auch heute
-noch seine volle Geltung &ndash; die Seltenheit wirklich guten Geschmacks
-und entsprechenden Urteils in Fragen der Poesie, die
-nur aus feinster und edelster Bildung des Herzens und des
-Geistes hervorgehen können.</p>
-
-<p>Endlich: dem naiven Dichter entspricht der <em class="gesperrt">Realist</em>, dem
-sentimentalen der <em class="gesperrt">Idealist</em>. Der erste läßt sich in seinem
-Denken und Tun durch die bloße Erfahrung bestimmen, der
-zweite durch die Vernunft. Während der Realist nur an das
-Nächste, an den Einzelfall denkt, strebt der Idealist bis zu
-den obersten Voraussetzungen aller Erkenntnis vorzudringen,
-worüber er freilich oft das Besondere vernachlässigt, so daß er
-an Einsicht verliert, was er an Übersicht gewinnt. Des letzteren
-Charakter wird eine Hoheit und Größe zeigen, deren
-der Realist nicht fähig ist. Dieser redet in Sachen des Geschmacks
-dem Vergnügen, in Sachen der Moral der Glückseligkeit
-das Wort; ja selbst in der Religion vergißt er seinen Vorteil
-nicht gern, wenn er ihn auch durch den Begriff des höchsten
-Gutes zu veredeln und zu heiligen sucht. Der Idealist
-erstrebt die Freiheit selbst auf Kosten seines Wohlstandes. Er
-vergißt freilich über seinem Säen und Pflanzen für die Ewigkeit
-häufig die Gegenwart, über dem Ganzen, für das er leben
-möchte, den einzelnen. Der Realist wird oft würdiger handeln,
-als es seine Theorie zuläßt, während der Idealist öfters erhabener
-denkt, als er handelt. Beide unterliegen noch besonderen
-Gefahren: der Realist der einer blinden und wahllosen
-Ergebung in die Macht der Umstände, der Idealist derjenigen,
-ein Phantast zu werden. Auch hier liegt das wahre Ideal in
-der Vereinigung: beide sind notwendige Menschentypen, aber
-beide ergänzen einander.</p>
-
-<p>Wie wahr der Dichter hier die Wirklichkeit gesehen, wird
-jeder Leser mit uns gefühlt haben. So mündet auch Schillers,<span class="pagenum"><a id="Page_136"></a>[136]</span>
-des »Idealisten« Ästhetik wie seine Dichtung, wie sein ganzes
-Schaffen schließlich in eine Philosophie des Lebens aus.</p>
-
-<h4>7. Schiller als Politiker</h4>
-
-<p>Es würde uns etwas an unserem Schiller fehlen, wollten
-wir nicht von seinem Verhältnis zu demjenigen reden, was
-auf der großen Weltbühne vor sich geht,</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wo um der Menschheit große Gegenstände,</div>
- <div class="verse indent0">Um Freiheit und um Herrschaft wird gerungen,«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>mit anderen Worten von seiner Stellung zur <em class="gesperrt">Politik</em>.
-Schiller ist von Anfang an politisch interessiert gewesen. Freilich
-besteht ein großer Unterschied zwischen dem jungen und
-dem älteren Schiller. Uns ist leider nur ein kurzer Überblick
-möglich.<a id="FNanchor_19" href="#Footnote_19" class="fnanchor">[19]</a></p>
-
-<p>Die politische Stimmung des aus kleinen, engen Verhältnissen
-stammenden, dann in der Karlsschule unter härtestem
-Druck und Drill gehaltenen Jünglings ist leidenschaftliche
-Opposition, repräsentiert durch »<em class="gesperrt">Die Räuber</em>«, über deren
-allgemeine Bedeutung wir uns schon auf Seite <a href="#Page_101">101</a>&nbsp;f. ausgesprochen
-haben, und die schon in ihrem Motto <em class="antiqua">In tyrannos</em>
-(gegen die Tyrannen) und mit ihrer Titelvignette, dem aufsteigenden,
-grimmig seine Pranken erhebenden Löwen die revolutionäre
-Gesinnung ihres Dichters ausdrücken. Dasselbe
-Gesicht zeigen die gleichzeitig entstandenen leidenschaftlichen
-Gedichte der »Anthologie auf das Jahr 1782«, z. B. »Die
-schlimmen Monarchen«. Kein Wunder, wenn ein zeitgenössischer,
-anscheinend etwas größenwahnsinnig angelegter Fürst
-über den von der Jugend vergötterten jungen Dichter-Revolutionär
-die Äußerung getan haben soll: Wenn ich mit dem
-Gedanken umgegangen wäre, die Welt zu erschaffen, und vorausgesehen
-hätte, daß Schillers »Räuber« darin würden geschrieben
-werden, so hätte ich die Welt <em class="gesperrt">nicht</em> erschaffen! &ndash;
-Der »<em class="gesperrt">Fiesko</em>« ist zwar schon wesentlich zahmer, aber doch
-ein »republikanisches Trauerspiel«, das den Pfälzer Philistern,
-in deren Adern »kein römisches Blut floß«, schon zu weit ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_137"></a>[137]</span></p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Kabale und Liebe</em>« dagegen ist wieder eine <em class="gesperrt">soziale
-Tragödie</em>, in der selbst nach dem Urteil eines politisch so
-gemäßigten Mannes wie H. Hettner »Fäulnis und Verderbnis«
-als »der Grundzug aller unserer staatlichen und gesellschaftlichen
-Einrichtungen« zum Vorschein kommen. Kühner
-als Lessing in seiner »Emilia Galotti« wagt der Dichter es,
-die Handlung nach Deutschland zu verlegen. Die gewissenlose
-Kabale der Hofkreise gegenüber den natürlichen Rechten des
-Herzens, die Mätressenwirtschaft, die Klassenjustiz, der Verkauf
-der Landeskinder: das alles wird mit solcher Lebenswahrheit
-und in so glühenden Farben geschildert, daß das
-Drama auch heute, nach 140 Jahren, noch wie ein Blitz in ein
-empfängliches, natürlich empfindendes Publikum einschlägt,
-wenn es mit Feuer gespielt wird, wie ich es selbst bei einer
-Aufführung durch Schüler im Jahre nach der Revolution erlebte.</p>
-
-<p>In einer öffentlichen Vorlesung vor der »Kurpfälzischen
-Deutschen Gesellschaft« zu Mannheim am 26. Juni 1784 &ndash; später
-unter dem Titel »Über die Schaubühne, als moralische Anstalt
-betrachtet« unter seine Werke aufgenommen &ndash; verkündet
-Schiller es geradezu als den Beruf der Bühne, ihre Gerichtsbarkeit
-da auszuüben, »wo das Gebiet der weltlichen Gesetze
-sich endigt«. »Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und
-im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen
-ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der
-Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und
-Wage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl.«
-Wie stark in jenen Zeiten sein politisches Interesse war, geht
-unter anderem auch daraus hervor, daß ihm damals ein zukünftiges
-Wirken als <em class="gesperrt">Staatsmann</em> als Wunsch vorschwebte.
-Einer seiner Jugendfreunde hat einmal geäußert:
-Wenn Schiller nicht ein großer Dichter geworden wäre, so
-hätte er gewiß eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt,
-freilich mit dem bezeichnenden Zusatz: er würde sie dann
-wohl als Festungsgefangener geendet haben. Und der Musiker
-Andreas Streicher, der 1782 mit ihm aus Stuttgart floh, berichtete
-von ihrer Trennungsstunde im März 1785: wie er
-(Streicher) Kapellmeister, so hätte Schiller damals &ndash; Minister
-werden wollen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_138"></a>[138]</span></p>
-
-<p>Vielleicht hängt damit innerlich schon der Keim zu dem späteren
-»<em class="gesperrt">Don Carlos</em>« zusammen, in dem ja Marquis Posa
-seine völkerbeglückenden Pläne als Minister König Philipps
-verwirklichen will. Anfangs war bekanntlich das Stück anders
-gedacht: als ein tragisches »Familiengemälde im königlichen
-Hause« und zugleich als ein Tendenzstück gegen die Jesuiten:
-»eine Menschenart, welche der Dolch der Tragödie bisher nur
-gestreift hat«, und gegen die Inquisition, deren »Schandfleck«
-er, um die »prostituierte Menschheit zu rächen«, »fürchterlich
-an den Pranger stellen« wollte. Während der jahrelangen Ausarbeitung
-änderte sich dann, mit der inneren Entwicklung des
-Dichters, auch der Plan des Dramas. So wie es jetzt vorliegt,
-stellt es eine Anwendung der ethischen Zeitgedanken: Humanität,
-Weltbürgertum, Glaubens- und Gedankenfreiheit auf
-den <em class="gesperrt">Staat</em> dar, verkündet durch den begeisterten Mund des
-idealistischen und dabei doch als weltklug geschilderten Malteserritters.
-Mit »Kabale und Liebe« verglichen, haben wir
-freilich nur einen stark abgeblaßten Liberalismus vor uns:
-nicht mehr Rousseau, sondern Montesquieu, dessen »Geist der
-Gesetze« er ungefähr gleichzeitig studiert. Gewiß wird »Männerstolz
-vor Königsthronen« &ndash; »ich kann nicht Fürstendiener
-sein!« &ndash; und Kampf gegen den Despotismus gepredigt. Aber
-von der Masse des Volkes ist kaum, von einem sozialen Untergrund
-gar nicht mehr die Rede. Das Ganze spielt sich in der
-Sphäre des Hoflebens ab. Auf den Thronfolger setzt Posa
-seine Hoffnung. Also Kronprinzenliberalismus!</p>
-
-<p>Immerhin ist Schiller in dieser und der zunächst folgenden
-Zeit noch lebhaft politisch interessiert. »Was ist den Menschen
-wichtiger als die glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in
-der alle unsere Kräfte zum Treiben gebracht werden sollen?«
-schreibt er an die Schwestern von Lengefeld am 4. Dezember
-1788. Auch seine »Geschichte des Abfalls der Vereinigten
-Niederlande« (1788) ist, wie der einleitende Abschnitt zeigt,
-von der ja schon im »Don Carlos« hervortretenden Sympathie
-für den Freiheitskampf eines kleinen, bedrängten Volkes um
-sein Recht »gegen die furchtbaren Kräfte der Tyrannei« diktiert.</p>
-
-<p>In diesen Zusammenhang gehören auch die schon unter dem
-Einfluß Kants geschriebenen kleinen <em class="gesperrt">geschichtsphilosophischen</em>
-Aufsätze; vor allem aber die bereits behandelte<span class="pagenum"><a id="Page_139"></a>[139]</span>
-<em class="gesperrt">Antrittsrede</em> über das Studium der Universalgeschichte,
-welche Sätze enthält wie den folgenden: »Alle denkenden
-Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.« Oder: »Unser
-<em class="gesperrt">menschliches</em> Jahrhundert« &ndash; an einer anderen Stelle
-heißt es statt dessen: »Das Zeitalter der <em class="gesperrt">Vernunft</em>« &ndash;
-»herbeizuführen, haben sich alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.«
-Und zum Schlusse den Appell an seine jugendlichen
-Zuhörer, auch ihrerseits zu diesem weltgeschichtlichen Ergebnis
-beizutragen.</p>
-
-<p>Fast zur selben Zeit, als Friedrich Schiller vom Jenaer
-Universitätskatheder diese Worte sprach (Mai 1789), hatte
-man jenseits des Rheins den Staat der Vernunft in die Wirklichkeit
-zu übersetzen begonnen: in der <em class="gesperrt">Französischen
-Revolution</em>. Sie hat in ihren ersten Jahren, wie wohl
-alle großen Geister des damaligen Deutschlands, darunter sogar
-den alten Messiassänger Klopstock und den konservativen
-Minister Goethe, selbstverständlich auch Schiller in ihren Bann
-gezogen. Aber nur wenige dieser Größen, darunter der alte
-Immanuel Kant, blieben diesem politischen Idealismus auch
-über die sogenannte Schreckenszeit hinaus treu. Auch Schiller
-fühlte sich durch die terroristischen Handlungen des Konvents,
-vor allem die Hinrichtung des Königs, dermaßen abgeschreckt,
-daß er an Körner am 8. Februar 1793 die entsetzten Worte
-schrieb: »Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung
-lesen, so sehr ekeln diese elenden Schindersknechte mich
-an!« Das schrieb der einstige »Stürmer und Dränger«, den
-der Konvent selbst im August 1792 zusammen mit Washington,
-Klopstock und Pestalozzi zum »Ehrenbürger« der französischen
-Republik ernannt hatte. Und diese ablehnende Stimmung
-hat er dann beibehalten. Sie spiegelt sich wider in den
-bekannten abschreckenden Schilderungen des »Aufruhrs« und
-der weiblichen »Hyänen« in der »Glocke«; wo der Dichter des
-Idealismus sich sogar dahin versteigt, von »ewig Blinden«
-zu sprechen, denen man »des Lichtes Himmelsfackel« nicht
-leihen dürfe, hingegen als höchstes staatliches Gut die »heilige«
-bürgerliche »Ordnung« preist. Man kann zur psychologischen
-Erklärung dieser Tatsache auf seine veränderten äußeren
-Lebensverhältnisse hinweisen. Er war nicht mehr der
-»literarische Vagabund« von ehedem, sondern ein seßhaft gewordener<span class="pagenum"><a id="Page_140"></a>[140]</span>
-Jenaer Professor, ein ehrsamer Ehemann und Familienvater,
-ein Weimarischer Hofrat, der sich schließlich mit
-Rücksicht auf die höfischen Beziehungen seiner Frau auch die
-sogenannte »Erhebung« in den Adelstand gefallen ließ. Für
-uns ist es wichtiger, die innere, die philosophische Wandlung
-zu verfolgen, die dieser politischen Wandlung zugrunde lag.</p>
-
-<p>Wir haben dafür seit einigen Jahrzehnten eine ausgezeichnete
-Quelle in den <em class="gesperrt">ursprünglichen</em>, 1793 geschriebenen
-philosophischen Briefen an den Prinzen von Augustenburg,
-von denen die spätere Fassung der gedruckten »Briefe über die
-ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) in sehr wesentlichen
-Stücken abweicht. Ohne hier auf alle Einzelheiten eingehen
-zu können, müssen wir doch das für unser Thema Wichtigste,
-schon weil es manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart
-aufweist, herausheben. Es findet sich namentlich in dem ausführlichen
-zweiten Briefe vom 18. Juli 1793, wobei ich allerdings
-eine andere, rein sachlich bestimmte Reihenfolge einzuschlagen
-mir gestatte.</p>
-
-<p>Vor den in der Revolution gemachten Erfahrungen, schreibt
-er hier an den übrigens freidenkenden Prinzen, »konnte man
-sich allenfalls mit dem lieblichen Wahne schmeicheln, daß der
-unmerkliche, aber ununterbrochene Einfluß denkender Köpfe,
-die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der Wahrheit,
-der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich
-zum Empfang des Besseren gestimmt und so eine Epoche vorbereitet
-haben müßten, wo die Philosophie den moralischen
-Weltbau übernehmen und das Licht über die Finsternis siegen
-könnte«. Man sei in der »theoretischen Kultur«, also in der
-Erkenntnis schon so weit vorgedrungen gewesen, daß »auch die
-ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfingen
-und der Thron tausendjähriger Vorurteile erschüttert ward«.
-Und als nun »eine geistreiche, mutvolle, lange Zeit als Muster
-betrachtete Nation« daran ging, ihren »positiven« Gesellschaftszustand
-gewaltsam zu verlassen, um sich in den »Naturstand«
-zurückzuversetzen, »für den die <em class="gesperrt">Vernunft</em> die alleinige und
-absolute Herrscherin ist«, da mußte »jeder, der sich Mensch
-nennt«, vor allem jeder »Selbstdenker« den lebhaftesten Anteil
-daran nehmen. Denn wenn ein Gesetz des weisen Solon
-denjenigen Bürger verdammt, der bei einem Aufstand keine<span class="pagenum"><a id="Page_141"></a>[141]</span>
-Partei nimmt, wie konnte man in diesem Falle, »wo das
-große Schicksal der Menschheit zur Frage gebracht ist«, neutral
-bleiben, »ohne sich der strafbarsten Gleichgültigkeit gegen
-das, was dem Menschen das Heiligste sein muß, schuldig zu
-machen«! Denn hier ist »eine Angelegenheit, über welche sonst
-nur das Recht des Stärkeren und die Konvenienz zu entscheiden
-hätte, vor dem Richterstuhl reiner Vernunft anhängig gemacht«,
-die, wie es an einer anderen Stelle im Anschluß an
-Kants Ethik heißt, »den Menschen als Selbstzweck respektiert
-und behandelt«.<a id="FNanchor_20" href="#Footnote_20" class="fnanchor">[20]</a> Und bei den Gesetzen hat ein jeder Selbstdenker,
-als Beisitzer jenes Vernunftgerichts, mitzusprechen,
-indem er sie »als mitbestellter Repräsentant der Vernunft
-zu diktieren berechtigt und aufrechtzuerhalten verpflichtet ist«.</p>
-
-<p>Aber, wie es in einem Distichon von 1797 heißt, »der große
-<em class="gesperrt">Moment</em> fand ein kleines <em class="gesperrt">Geschlecht</em>«. Der Gebrauch,
-den das französische Volk von diesem großen Geschenk des
-Augenblicks machte, bewies, »daß das Menschengeschlecht der
-vormundschaftlichen Gewalt noch nicht entwachsen ist, daß das
-liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo
-man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt der
-Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist
-zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen
-fehlt«. »Rohe, gesetzlose Triebe« &ndash; man hört den Dichter der
-»Glocke«&nbsp;&ndash;, die »nach aufgehobenem Band der bürgerlichen
-Ordnung … mit unlenksamer Wut ihrer tierischen Befriedigung
-zueilen« in den niederen, und der »noch niedrigere« Anblick
-der Erschlaffung und Entartung des Charakters in den
-»zivilisierten« Klassen: das ist die Signatur der Gegenwart.
-Wir wollen diesen Sätzen nicht entgegenhalten, was Immanuel
-Kant in demselben Jahre 1793 in seiner Religionsschrift über
-die angeblich mangelnde »Reife zur Freiheit« schreibt. Schiller
-jedenfalls stellt sich auf einen pessimistischen Standpunkt.
-Auch für ihn bleibt gewiß »<em class="gesperrt">politische</em> und <em class="gesperrt">bürgerliche<span class="pagenum"><a id="Page_142"></a>[142]</span>
-Freiheit</em> immer und ewig das <em class="gesperrt">heiligste</em> aller Güter,
-das würdigste Ziel aller Anstrengungen und das <em class="gesperrt">große
-Zentrum aller Kultur</em>«. Und wenn das Vernunftgesetz
-auf den Thron erhoben und wahre Freiheit zur Grundlage
-des Staatsgebäudes gemacht wäre, schreibt er, »so wollte
-ich auf ewig <em class="gesperrt">von den Musen Abschied nehmen</em> und
-dem herrlichsten aller Kunstwerke, der <em class="gesperrt">Monarchie der
-Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen</em>«.
-Allein »jeder Versuch einer Staatsverfassung aus <em class="gesperrt">Prinzipien</em>«
-&ndash; und jede andere ist »bloßes Not- und Flickwerk«!
-&ndash; kann für ihn nur in Frage kommen, wenn »der
-Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder
-emporgehoben ist«, und das sei &ndash; »eine Arbeit für mehr als
-ein Jahrhundert«!</p>
-
-<p>Daraus zieht nun unser Dichter die Folgerung: weniger
-die Aufklärung des <em class="gesperrt">Verstandes</em>, für die schon genug geschehen
-sei, als die sittliche Reinigung und Stärkung des
-<em class="gesperrt">Willens</em>, vor allem aber die Veredlung der <em class="gesperrt">Gefühle</em> sei
-für jetzt das Wichtigste. Es ist das Programm der <em class="gesperrt">ästhetischen
-Kultur</em>, das dann die »Ästhetischen Briefe« von
-1795 in reicher Begründung und Ausführung weiter entwickeln.
-Hierauf näher einzugehen, zu zeigen, wie nach Schillers
-Auffassung die ästhetische Erziehung den Menschen aus
-dem »Notstaat« der Wirklichkeit allmählich zum »Vernunftstaat«
-emporführt, dürfen wir uns um so eher versagen, als
-wir ja die ganze Frage von Schillers ethisch-ästhetischem Ideal
-schon oben ausführlich genug behandelt haben und &ndash; diese
-ganze, ihm als <em class="gesperrt">Dichter</em> freilich naheliegende und durch den
-Verkehr mit gleichgesinnten Geistern wie Goethe und Wilhelm
-v. Humboldt sicherlich noch gestärkte ästhetische Auffassung
-mit Bezug auf <em class="gesperrt">politische</em> Dinge sich doch eigentlich
-als ein großer Trugschluß erwiesen hat. Rein ästhetische Kultur
-vermag nicht einmal den einzelnen politisch reif und mündig
-zu machen, geschweige denn ein ganzes Volk. Gewiß, eine
-starke Beimischung ethisch-ästhetischer Kultur würde dem deutschen
-Machtstaat von 1866 bis 1918 nichts geschadet haben
-und auch unserem heutigen angeblichen Kulturstaat nichts
-schaden. Indes, das ist nicht die <em class="gesperrt">erste</em> Frage. Die Vorbedingung
-für einen wahrhaften Staat der Vernunft, wie ihn ja<span class="pagenum"><a id="Page_143"></a>[143]</span>
-auch Schiller letzten Endes erstrebt, ist, wie <em class="gesperrt">wir</em> inzwischen
-gelernt haben, die politisch-ökonomische Befreiung der Massen.</p>
-
-<p>Und da können wir mit Befriedigung feststellen, daß der
-»Idealist« Schiller in dieser Beziehung, d. h. hinsichtlich der
-<em class="gesperrt">ökonomischen</em> Grundlage alles staatlichen Lebens, wenigstens
-nicht ganz blind gewesen ist.<a id="FNanchor_21" href="#Footnote_21" class="fnanchor">[21]</a> Sie alle werden seine
-bekannte Strophe aus dem Erscheinungsjahr der Ȁsthetischen
-Briefe« (1795) kennen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Einstweilen, bis den Bau der Welt</div>
- <div class="verse indent0">Philosophie zusammenhält,</div>
- <div class="verse indent0">Erhält sie das Getriebe</div>
- <div class="verse indent0">Durch <em class="gesperrt">Hunger</em> und durch <em class="gesperrt">Liebe</em>.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und vielleicht auch den noch deutlicheren Doppelvers, den
-er den bloßen Moralpredigern von »Menschenwürde« entgegenhält:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen.</div>
- <div class="verse indent0">Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Genau dasselbe sagt er im vierten Briefe an den Prinzen
-(November 1798): »Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn
-er warm wohnt und sich satt gegessen hat; aber er muß warm
-wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur
-in ihm regen soll.« Schon der zweite Brief hatte ausgeführt,
-daß »das Bedürfnis und der Drang der physischen Lage, die
-Abhängigkeit des Menschen von tausend Verhältnissen, die
-ihm Fesseln anlegen«, seinen Aufflug in die »Regionen des
-Idealischen«, speziell auch die der Kunst, verhindern, womit
-die wirtschaftliche Grundlage jenes in den »Briefen« von 1795
-gepredigten idealen Reiches der ästhetischen Kultur zugegeben
-ist. »Mit der Verbesserung ihres <em class="gesperrt">physischen</em> Zustandes«,
-heißt es demgemäß im vierten Briefe ganz marxistisch, »muß
-man das Aufklärungswerk bei einer Nation beginnen.« Denn
-»der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den harten
-Kampf mit dem physischen Bedürfnis viel zu sehr ermüdet
-und abgespannt, als daß er sich zu einem neuen und inneren
-Kampfe mit Wahnbegriffen und Vorurteilen aufraffen sollte«.<span class="pagenum"><a id="Page_144"></a>[144]</span>
-Er ergreift daher mit hungrigem Glauben die Formeln, mit
-denen es Staat und Priestertum »von jeher« &ndash; wie nicht bloß
-die französischen Materialisten, sondern auch Kant und Heinrich
-Heine sagen &ndash; »gelungen ist, das erwachte Freiheitsbedürfnis
-ihrer Mündel abzufinden«.</p>
-
-<p>Auch die seelische Verstümmelung des Menschen durch geisttötende
-Fabrik- oder Facharbeit hat Schiller bereits klar gesehen:
-»Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des
-Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück
-aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das
-er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines
-Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen,
-wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner
-Wissenschaft.« So müssen die Individuen »unter dem Fluche
-dieses Weltzwecks«, nämlich des (aus Kants Geschichtsphilosophie
-übernommenen) Widerstreits der menschlichen Kräfte,
-leiden und ihre Natur durch jahrtausendelange Sklavenarbeit
-»verstümmeln« lassen, bis dereinst einmal der »<em class="gesperrt">freie Wuchs
-der Menschheit</em>« sich entfalten kann. Und nicht mit Unrecht
-hat es Mehring auf den modernen Klasssenkampf der
-Lohnarbeiterschaft angewandt, wenn Schiller ein anderes Mal
-erklärt, daß zwar Sklaverei »niedrig« und eine sklavische Gesinnung
-in der Freiheit gar »verächtlich« ist, eine bloße »sklavische
-<em class="gesperrt">Beschäftigung</em>« dagegen, falls sie mit Hoheit der
-Gesinnung verbunden ist, ins Erhabene übergehen kann.
-Wieder an einer anderen Stelle kritisiert er schon vor Fichte,
-wenn auch nicht so scharf wie dieser, den bürgerlichen Eigentumsbegriff:
-»Eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechts,
-wobei ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der
-bloßen Natur nicht gegründet.«</p>
-
-<p>Wir haben diese Stellen zitiert, um Schillers soziale Einsicht
-zu beweisen. Aber es liegt uns fern, unseren Dichter deshalb
-zum <em class="gesperrt">Sozialisten</em> stempeln zu wollen. Im Gegenteil, in
-den auf 1795 folgenden Jahren zieht er sich mehr und mehr,
-wie von der Philosophie, so erst recht von aller Politik, ja
-überhaupt aus der rauhen Wirklichkeit in das schöne Reich
-des Ideals zurück. »Glühend für die Idee der Menschheit,
-gütig und menschlich gegen den einzelnen Menschen«, aber
-»<em class="gesperrt">gleichgültig</em> gegen das ganze Geschlecht, wie es <em class="gesperrt">wirklich</em><span class="pagenum"><a id="Page_145"></a>[145]</span>
-vorhanden ist«, bezeichnet er dem jungen kant- und
-menschheitsbegeisterten Mediziner Erhard im Mai 1795 als
-seinen »Wahlspruch« und rät auch ihm, sich von dem Weltbürgertum
-»ganz und gar zurückzuziehen«, um »mit Ihrem
-<em class="gesperrt">Herzen</em> sich in den engeren Kreis der Ihnen zunächst liegenden
-Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem <em class="gesperrt">Geist</em>
-in der Welt des Ideals leben«!</p>
-
-<p>Damit hängt seine völlige Rückwendung zur Poesie in seinem
-letzten Lebensjahrzehnt (1795 bis 1805) zusammen. Seinen
-deutschen Mitbürgern aber rief er die Worte zu:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Zur <em class="gesperrt">Nation</em> euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,</div>
- <div class="verse indent0">Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu <em class="gesperrt">Menschen</em> euch aus!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und doch hat ihn auch in der Dichtung das Politische nie
-losgelassen. Zeugnis seine historischen Dramen: der »Wallenstein«,
-»Maria Stuart«, »Die Jungfrau von Orleans«, der
-»Tell« und der »Demetrius«. Auch das Schicksal seiner Nation
-hat ihn nicht gleichgültig gelassen, wie aus den Fragmenten
-des Nachlasses zu ersehen ist, auf die vor allen Tönnies
-aufmerksam gemacht hat. Wie auf unsere <em class="gesperrt">Gegenwart</em>
-gemünzt erscheinen Sätze wie die folgenden: »Darf
-der Deutsche in diesem Augenblick, wo er ruhmlos aus seinem
-tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige Völker
-ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick
-bestimmt &ndash; darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens
-rühmen und freuen?« Und er antwortet: »Ja, er
-darf's. Er geht unglücklich aus dem Kampfe; aber das, was
-seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren … Die Majestät
-des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten …
-Die deutsche Würde ist eine <em class="gesperrt">sittliche</em> Größe, sie wohnt im
-Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen
-unabhängig ist.« Und schließlich können und wollen wir, in
-der inneren wie in der äußeren Politik, die auch von Franz
-Mehring als »herrliches Bekenntnis« gepriesenen Worte
-Stauffachers in der Rütliszene als sein politisches Testament
-an uns betrachten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.</div>
- <div class="verse indent0">Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn unerträglich wird die Last, &ndash; greift er</div><span class="pagenum"><a id="Page_146"></a>[146]</span>
- <div class="verse indent0">Hinauf getrosten Mutes in den Himmel</div>
- <div class="verse indent0">Und holt herunter seine ew'gen Rechte,</div>
- <div class="verse indent0">Die droben hangen unveräußerlich</div>
- <div class="verse indent0">Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h4>8. Schiller, der Idealist</h4>
-
-<p>Schillers philosophische Gedankenwelt ist eigentlich unerschöpflich,
-denn ihr innerster Lebenskern, die <em class="gesperrt">Idee</em>, kann
-ihrer Natur nach nie versiegen. Das empfinden wir immer
-wieder, so oft wir in seine philosophischen Aufsätze, in den
-Ideengehalt seiner Dramen und nicht zum wenigsten auch
-in seine vortreffliche <em class="gesperrt">Gedankenlyrik</em> uns versenken.
-Werfen wir auf diese zum Schluß noch einen kurzen Blick!
-Wir haben schon seine »Resignation«, seinen »Kampf«, seine
-»Götter Griechenlands«, seine »Künstler« und vor allem die
-herrlichste und auch von ihm selbst am höchsten gestellte Schöpfung
-dieser Art: »Das Ideal und das Leben« berührt. Ich
-erinnere des weiteren an das Goethe besonders wohlgefallende
-»<em class="gesperrt">Die Ideale</em>«, die den schwärmerischen Idealismus
-des Jünglings zu dem scheinbar nüchternen, aber gehaltvolleren
-und bleibenderen des reifen Mannes vertiefen:
-dem Idealismus der nie ermattenden und rastlos, obzwar
-mit kleinen Schritten vorwärtsdringenden <em class="gesperrt">Arbeit</em> (»Beschäftigung«,
-sagt Schiller) und der <em class="gesperrt">Freundschaft</em>, die
-wir uns erweitert denken können zur Gesinnungsgemeinschaft
-überhaupt. Oder an den »<em class="gesperrt">Spaziergang</em>«, der, von der
-Einzelpersönlichkeit ablenkend, in der anspruchslosen Form
-eines Spazierganges uns ein Bild des kulturgeschichtlichen
-Werdeganges der Menschheit entwirft und von der ersten Einfalt
-der Natur durch die Spannungen und den Streit des
-Kulturlebens uns zuletzt in den Schoß der reinen Natur wieder
-zurückführt. Oder an seine in köstlicher Fülle vorhandene,
-in der Regel in die antike Form des Distichons (Hexameter
-mit Pentameter) gegossene <em class="gesperrt">Spruchdichtung</em>. Hervorgehoben
-seien hier nur die unsere früheren Ausführungen
-über des Dichters ethische Anschauungen erläuternden: »Die
-moralische Kraft«, »Die Führer des Lebens«; die zum Politischen
-hinüberleitenden: »Pflicht für jeden« und »An einen
-Weltverbesserer«, sowie das fein psychologische kurze Distichon<span class="pagenum"><a id="Page_147"></a>[147]</span>
-über die »Sprache«. Und an das Wort von der »Philosophie«,
-das uns zum Schlusse noch einmal so recht Schillers allem
-pedantischen Richtungs- und Schulwesen abgewandte philosophische
-Art vor Augen zu führen geeignet ist:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Welche wohl bleibt von allen Philosophi<em class="gesperrt">en</em>? Ich weiß nicht.</div>
- <div class="verse indent0">Aber <em class="gesperrt">die</em> Philosophie, hoff' ich, soll ewig bestehn.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>So wird denn auch der Dichter Schiller, solange deutsche
-Philosophie besteht, d. h. hoffentlich noch für lange Zeiten, als
-ihr zugehörig betrachtet werden. Und was für eine Philosophie
-war, besser <em class="gesperrt">ist</em> das? Das hat er uns in den letzten Zeilen
-seiner »Worte des Wahnes« gesagt. Das Schöne, das
-Wahre und (wir dürfen in seinem Sinne hinzusetzen) auch das
-Göttliche oder Gute,</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,</div>
- <div class="verse indent0">Es ist <em class="gesperrt">in</em> dir, du bringst es ewig hervor!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Es ist mit anderen Worten die Philosophie des <em class="gesperrt">Idealismus</em>
-von Platon bis Kant und Schiller und über sie hinaus
-bis zu uns, die »ewig bestehen« wird und soll.</p>
-
-<p>Denn der Mensch bedarf einer Erhebung über die alltägliche
-Wirklichkeit. Er wird sich nie völlig befriedigt fühlen
-allein durch die »Erfahrung«, d. h. durch die auch noch so vollständig
-bis in alle Einzelheiten erforschte Welt der <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>.
-Er wird sich immer aus der Tiefe seines eigenen
-Innern noch eine andere, eine ideale Welt schaffen, die allerdings
-keine logisch oder naturwissenschaftlich benennbare Welt
-des Seienden sein wird, sondern eine von ihm selbst »gedichtete«
-Welt der <em class="gesperrt">Werte</em>. Es kommt nur darauf an, was man
-unter »Dichten« versteht, und ob diese Werte haltbar sind.
-Eine solche Welt aber hat uns Friedrich Schiller gelehrt, wenn
-er uns »die Angst des Irdischen von uns werfen«, wenn er
-uns »aus dem engen, dumpfen Leben« fliehen heißt »in des
-Ideales Reich«, in das Gedankenland der Idee, wo alle Arbeit
-ihre Ruhe, aller Kampf seinen Frieden, alle Not ihr Ende
-findet. Damit steht er dem ursprünglichen Christentum vielleicht
-näher als die Dogmatik der Aufklärung seiner Zeit, die
-zwar den Gottes- und Unsterblichkeitsbegriff festhielt, aber
-die Lehre von der Erlösung als vernunftwidrig fahren ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_148"></a>[148]</span></p>
-
-<p>Freilich diese Erlösung ist nicht die kirchliche, von außen an
-uns herangetragene, und durch das Blutopfer eines Gottes
-uns erkauft, sondern, wie bei Kant, eine <em class="gesperrt">Selbst</em>erlösung des
-wahrhaft »glaubenden« Menschen, der das Überirdische, Unaussprechliche,
-»Göttliche« als sein wahres Wesen wieder erkennt
-und es deswegen »in den eigenen Willen aufzunehmen«
-vermag. Gewiß, solche Augenblicke reinster religiöser Erhebung
-können bei der Natur unserer Seele nicht beständig
-andauern. Dennoch wirken sie, so oft sie wiederkehren, befreiend
-und läuternd auf das Gemüt. So hat unter anderen
-einer der edelsten Jünger und Dolmetscher unseres Dichter-Philosophen,
-Friedrich Albert Lange (1828 bis 1875), seinen
-Schiller aufgefaßt. Und ebenso steht es mit der <em class="gesperrt">Kunst</em>. Denn
-wer will, um ein Wort desselben Lange zu variieren, die
-Neunte Sinfonie Beethovens oder die Lyrik Goethes »widerlegen«
-oder Raffaels Madonna des »Irrtums« zeihen?</p>
-
-<p>Unser praktisches Handeln aber stelle sich, damit Schillers
-»Staat der Vernunft« einst heraufgeführt werde, unter das
-Banner jener Wille und Herz erhebenden großen Idee, die, wie
-Lange sagt, »den Egoismus hinwegfegt und menschliche Vollkommenheit
-in menschlicher Genossenschaft an die Stelle der
-rastlosen Arbeit setzt, die allein den persönlichen Vorteil ins
-Auge faßt«. Auch das ist, wenngleich nicht mit den Worten des
-geschichtlichen Schiller, ja vielleicht nicht einmal genau in den
-Grenzen seines in der Hauptsache noch individualistisch befangenen
-politischen Sinnes, wohl aber in der Richtung seiner
-weltumspannenden Liebe &ndash; »Seid umschlungen, Millionen!«&nbsp;&ndash;,
-seines Glühens für die Idee der Menschheit gedacht,
-den wir uns nur auf die sozialen Verhältnisse der Gegenwart
-übertragen denken, wenn wir für die Verwirklichung des weltumspannenden
-Gedankens eintreten, den Schiller noch nicht
-gekannt hat: den des <em class="gesperrt">Sozialismus</em>.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_149"></a>[149]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Goethe">Goethe</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_151"></a>[151]</span></p>
-
-<p class="drop">Goethe sagte einmal gegen Ende seines Lebens, am 4. Februar
-1829, von sich: »Von der Philosophie habe ich mich selbst
-immer frei gehalten; der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes
-war auch der meinige.« Und ein andermal gesteht
-er sogar, daß ihm »für Philosophie im eigentlichen Sinne«
-das Organ gefehlt habe. Er hat auch in seinem langen Leben
-nie eine philosophische Abhandlung geschrieben, geschweige
-denn ein philosophisches System entworfen. Und dennoch, ein
-so allumfassender nicht bloß Dichter-, sondern auch Denkergeist
-wie er muß ein positives Verhältnis zur Philosophie besessen
-haben: wenn nicht im Schulsinne, so doch im Sinne einer Weltanschauung.
-Nicht minder als Lessing oder Herder. Freilich,
-der <em class="gesperrt">Philosoph</em> in ihm war, wie er selbst sagt, nur <em class="gesperrt">eine</em>
-der »verschiedenen Richtungen seines Wesens«, und er nahm
-aus der Philosophie immer nur, »was seiner Natur gemäß
-war«. Noch weniger als Lessing, Herder und Schiller konnte
-Goethe je ein -ist oder -aner, etwa der Spinozist, als der er
-früher vielfach angesehen wurde, oder ein Kantianer werden.
-Mit dieser Einschränkung also wollen wir seinen philosophischen
-Entwicklungsgang betrachten. Denn vor allem bei ihm,
-der eine so entwicklungsfähige Natur besaß, der immer beflissen
-war, zu lernen und Neues seinem geistigen Ich anzugleichen,
-der mit der wechselnd ihn umgebenden geistigen, wissenschaftlichen,
-politischen Welt sich auch vielfach gewandelt hat,
-müssen wir den Weg der <em class="gesperrt">entwicklungs</em>geschichtlichen
-Darstellung einschlagen. Der jugendliche Goethe ist auch philosophisch
-ein anderer als der reife Mann, und von diesem ist
-wieder der alte Goethe unterschieden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="goethe_a"><em class="antiqua">A</em>. Die Anfänge</h3>
-
-<p class="center">1764 bis 1776 (Leipzig, Frankfurt, Straßburg)</p>
-</div>
-
-<p>Wolfgang Goethe war ein frühreifer Knabe. Schon der
-Fünfzehnjährige wirft sich, wie er uns im sechsten Buche von
-»Dichtung und Wahrheit« erzählt, angeregt von einem älteren<span class="pagenum"><a id="Page_152"></a>[152]</span>
-Freunde, teils um sich von seinem ersten Liebeskummer zu
-zerstreuen, teils um sich zur Universität vorzubereiten, auf
-das ihm bis dahin »ganz neue und fremde« Feld der Philosophie.
-Aber die theoretische Philosophie stößt ihn schon damals
-ab. Er findet, eine »abgesonderte« Philosophie sei gar
-nicht nötig, sie sei vielmehr bereits in Religion und Poesie
-vollkommen enthalten. Dagegen unterhält ihn die Geschichte
-der Philosophie mit ihren wechselnden Meinungen. Aber auch
-hier eigentlich nur die Praktiker: der weise Sokrates, der ihn
-an Christus erinnert, der wackere Stoiker Epiktet aus dem
-ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit, der bekanntlich
-in seiner Ethik ebenfalls vieles mit dem Christentum gemein
-hat, obwohl er es noch nicht gekannt hat, wie ich vor Jahren
-einmal in einem besonderen Aufsatz nachgewiesen habe.<a id="FNanchor_22" href="#Footnote_22" class="fnanchor">[22]</a> Später
-vertieft er sich auch zeitweise in das große Diktionnaire
-des französischen Skeptikers Pierre Bayle, das er in seines
-Vaters Bücherei entdeckt hat.</p>
-
-<p>Im Herbst 1765 bezieht dann der eben Sechzehnjährige &ndash;
-ein Abiturientenexamen war damals ja noch nicht nötig &ndash;
-die <em class="gesperrt">Leipziger</em> Universität. Aber auch hier stößt ihn das
-übliche <em class="antiqua">Collegium Logicum</em> ab, wie es der Mephisto dem
-Schüler in der berühmten Faustszene so ergötzlich beschreibt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Da wird der Geist euch wohl dressiert,</div>
- <div class="verse indent0">In spanische Stiefeln eingeschnürt usw.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Das »Auseinanderzerren, Vereinzeln und gleichsam Zerstören«
-der von uns in Wirklichkeit so leicht und bequem vollzogenen
-Geistesoperationen, das die Logik notwendig betreiben
-muß, widerstrebt dem jungen Dichtergeist, der aufs
-Schauen gerichtet war. Kein Wunder, daß ihm die damalige
-<em class="gesperrt">Wolff</em>sche Schulphilosophie mit ihrem dürren, nichtssagenden
-Gerede über alles mögliche mißfiel, deren Verdienst, wie
-er in »Dichtung und Wahrheit« sehr richtig sagt, in dem Ordnen
-unter bestimmte Rubriken und einer »an sich respektabeln«
-Methode bestand, während »das oft Dunkle und unnütz Scheinende
-ihres Inhalts«, die unzeitige Anwendung jener Methode<span class="pagenum"><a id="Page_153"></a>[153]</span><a id="FNanchor_23" href="#Footnote_23" class="fnanchor">[23]</a>
-und die »allzu große Verbreitung über so viele Gegenstände«
-sie dem Publikum »fremd, ungenießbar und endlich
-entbehrlich« machte. Unter den Philosophen des »gesunden
-Menschenverstandes«, die dieser gelehrten Schulphilosophie
-schließlich den Garaus machen, hebt er als vielbewunderte
-Schriftsteller Moses Mendelssohn und Garve, später, in einer
-Rezension der »Frankfurter Gelehrten Anzeigen« 1773, auch
-Kant hervor. Mehr zogen Lessing, daneben der Kunsthistoriker
-Winckelmann und Oeser, der ausübende Künstler und Direktor
-der Leipziger Zeichenakademie, seinen künstlerischen
-Sinn an.</p>
-
-<p>Nachdem er dann in der Frankfurter Heimat (1768 bis
-1770) eine Zeitlang unter dem Einfluß des frommen Fräuleins
-von Klettenberg die Schriften der Herrnhuter gelesen und
-mystisch-chemische Beschäftigungen getrieben, geriet er während
-seines <em class="gesperrt">Straßburger</em> Aufenthalts 1770/71, wie wir
-bereits wissen, in den geistigen Bann Herders; jedoch zunächst
-mehr in literarischer Beziehung. Von den französischen Enzyklopädisten
-fühlten er und sein engerer Freundeskreis, die
-jungen »Stürmer und Dränger« sich wenig angezogen, am
-ehesten noch von dem der deutschen Art verwandteren Diderot.
-Religiös glaubten sie sich selbst schon genügend aufgeklärt zu
-haben. »Auf philosophische Weise erleuchtet und gefördert zu
-werden«, hatten sie überhaupt »keinen Trieb noch Hang«. Insbesondere
-das sehr konsequent materialistische, aber sehr trocken
-und weitschweifig geschriebene <em class="antiqua">Système de la nature</em> erschien
-ihnen »so grau, so kimmerisch (d. h. nebelhaft-finster),
-so totenhaft, daß wir … davor wie vor einem Gespenst schauderten«.
-Und wenn sie von den <em class="gesperrt">Enzyklopädisten</em> reden
-hörten oder einen Band ihres ungeheuren Werkes aufschlugen,
-so war es ihnen zumute, »als wenn man zwischen den unzähligen<span class="pagenum"><a id="Page_154"></a>[154]</span>
-bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen
-Fabrik hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor
-allem Aug' und Sinn verwirrenden Mechanismus, vor lauter
-Unbegreiflichkeit einer auf das mannigfaltigste ineinandergreifenden
-Anstalt in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört,
-um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock
-selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt«. Wieder
-eine Auflehnung des Gefühls gegen das Abstrahieren der
-Wissenschaft!</p>
-
-<p>Mehr mußte dem gefühlsmäßigen Denken der jugendschäumenden
-Genossen natürlich Rousseau zusagen, dessen Geist
-ja Werther entflammt, während seine eigentliche Philosophie
-auf Goethe keinen besonders tiefen Eindruck gemacht zu haben
-scheint. Auch Voltaire, »das Wunder seiner Zeit«, imponierte
-ihnen bis zu einem gewissen Grade. Überhaupt dürfen wir
-nicht verschweigen, daß Goethe sein abfälliges Urteil von damals
-später doch selbst korrigiert hat. Am 3. Januar 1830 erklärte
-er Eckermann: »Es geht aus meiner Biographie (er
-meint »Dichtung und Wahrheit«) nicht deutlich hervor, was
-diese Männer (<em class="gesperrt">Voltaire</em> und seine großen Zeitgenossen)
-für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt und was es mich
-gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene Füße
-in ein wahres Verhältnis zur Natur zu stellen.«</p>
-
-<p>Gegenüber stand er den französischen philosophischen Hauptwortführern
-also doch. Gefesselt dagegen fühlte er sich von
-einem Philosophen, der in »Dichtung und Wahrheit« nicht erwähnt
-wird, dem italienischen Pantheisten und Wahrheitsmärtyrer
-Giordano <em class="gesperrt">Bruno</em>, der bekanntlich um seiner Überzeugung
-willen am 17. Februar 1600 öffentlich zu Rom von der
-Inquisition verbrannt wurde: wie Goethe ein Dichter und Denker
-zugleich, wie Goethe auf die Einheit von Gott und Natur,
-als den Urquell alles Wahren, Guten und Schönen, gerichtet.
-Der Einundzwanzigjährige hat schon damals Brunos Hauptschrift
-»Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen« gelesen
-und ihn in den Notizen seines Tagebuchs gegen die Angriffe
-Bayles verteidigt. Er ist auch später (1812) aus anderem
-Anlaß wieder auf ihn zurückgekommen. Übrigens bemerkt
-Goethe von seinem Wissen um 1773, daß es »noch
-sprunghaft und ohne eigentlichen Zusammenhang gewesen sei«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_155"></a>[155]</span></p>
-
-<h4>Spinoza-Studium. Philosophische Gedichte</h4>
-
-<p class="center">(1774&nbsp;ff.)</p>
-
-<p>Durch sein frühes Bruno-Studium, aber auch durch seine
-Naturanschauung und seine ganze bisherige Entwicklung war
-Goethe für das Verständnis eines größeren, wenn auch scheinbar
-ihm ganz entgegengesetzten Denkers herangereift, desselben,
-den wir auch auf Lessing und Herder einwirken sahen:
-Baruch <em class="gesperrt">Spinozas</em>.</p>
-
-<p>Zunächst muß freilich seine Hinneigung zu dem Amsterdamer
-Weisen auffallen. Hatte er doch als das Ergebnis jener
-Straßburger Berührung mit der französischen Philosophie die
-Tatsache festgestellt, »daß wir aller Philosophie, besonders
-aber der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>, recht herzlich gram wurden und
-blieben, dagegen aber aufs lebendige Wissen, Erfahren, Tun
-und Dichten uns nur desto lebhafter und leidenschaftlicher hinwarfen«:
-der Metaphysik, von der er seinen Mephisto dem
-Schüler sarkastisch vororakeln läßt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,</div>
- <div class="verse indent0">Was in des Menschen Hirn nicht paßt,</div>
- <div class="verse indent0">Für, was drein geht und nicht drein geht,</div>
- <div class="verse indent0">Ein prächtig Wort zu Diensten steht!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und nun <em class="gesperrt">war</em> Spinoza ein Metaphysiker, und sogar ein
-recht dogmatischer, dessen »Ethica« alles andere als eine Ethik
-in unserem Sinne, vielmehr ein in sich geschlossenes System
-von streng logischem Aufbau nach »geometrischer«, ja beinahe
-scholastischer Methode darstellt. Wie reimt sich das zusammen?</p>
-
-<p>Wir können in Goethes Spinoza-Studium zwei auseinanderliegende
-Perioden unterscheiden: die erste um die Mitte
-der siebziger Jahre, die zweite von 1783 bis 1786. Zunächst
-hatte er »das Dasein und die Denkweise« des »außerordentlichen
-Mannes« nur »unvollständig und wie auf den Raub«
-in sich aufgenommen. Und was fesselte ihn an dieser der seinen
-so entgegengesetzten Persönlichkeit? Nun, hier bewährte sich
-einmal der bekannte Satz, daß die Gegensätze sich anziehen.
-Nach seinem eigenen Geständnis zog ihn zu Spinoza gerade
-die zu dem eigenen »alles aufregenden« Streben in stärkstem
-Gegensatz stehende, »alles ausgleichende« Ruhe, die das »Widerspiel«
-seiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise bildende<span class="pagenum"><a id="Page_156"></a>[156]</span>
-mathematische Methode, die auch die Welt des Sittlichen
-eben dieser Methode unterwerfende Behandlung. Gerade das
-machte ihn zum »leidenschaftlichen Schüler«, zum »entschiedensten
-Verehrer« des jüdischen Denkers. Er fand hier, was
-er suchte: Beruhigung seiner Leidenschaften und »eine große
-und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt«. Ganz
-besonders fesselte ihn Spinozas »grenzenlose Uneigennützigkeit«,
-wie sie sich in dessen Satze aussprach: »Wer Gott recht
-liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe.«<a id="FNanchor_24" href="#Footnote_24" class="fnanchor">[24]</a></p>
-
-<p>Zunächst freilich sieht es in Goethes Innerem noch wie
-»ein siedendes und gärendes Chaos« aus. Der auf einer Reise
-an den Niederrhein neugewonnene Freund Fritz Jacobi in
-Düsseldorf, in philosophischem Denken und auch in der Kenntnis
-Spinozas ihm schon weit voran, sucht es zu klären. Wir
-hören von leidenschaftlicher Freundschaftsverbindung in stillen
-Mondscheinnächten.</p>
-
-<p>Später in Frankfurt, nachdem er längere Zeit nicht an
-Spinoza gedacht, treibt ihn das zufällige Auffinden eines
-gegen diesen gerichteten Pamphlets in der väterlichen Bibliothek
-sowie die Lektüre von Bayles Artikel »Spinoza« von
-neuem zu den nachgelassenen Werken des großen Denkers.
-»Dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an.« Nie glaubte
-er »die Welt so deutlich erblickt zu haben«, wie durch diese von
-der öffentlichen Meinung der damaligen Zeitphilosophie noch
-»so gefürchtete, ja verabscheute Vorstellungsart«. Vor allem
-befriedigte ihn aufs tiefste Spinozas Lehre vom gelassenen
-Entsagen gegenüber dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen,
-also der sittliche Kern im Spinozismus, wie er selbst ihn
-später dichterisch ausgedrückt hat in den Versen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Nach ewigen, ehernen</div>
- <div class="verse indent0">Großen Gesetzen</div>
- <div class="verse indent0">Müssen wir alle</div>
- <div class="verse indent0">Unseres Daseins</div>
- <div class="verse indent0">Kreise vollenden.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_157"></a>[157]</span></p>
-<p>Neben der friedlichen Wirkung, die Spinoza auf sein Inneres
-übte, fühlt er sich in seinem Zutrauen auf ihn auch dadurch
-bestärkt, daß auch seine ihm von der Klettenberg her
-(S.&nbsp;<a href="#Page_153">153</a>) »werten Mystiker«, ja sogar Leibniz des Spinozismus
-verdächtigt worden waren und der berühmte holländische
-Anatom Boerhave aus demselben Grunde von der Theologie
-zur Medizin hatte übergehen müssen. Aber auch für seine religiöse
-und Naturanschauung wird ihm Spinoza der Führer,
-oder besser gesagt: kam Spinozas Pantheismus seinem innersten
-Drang entgegen. Von Kindheit an war er mit einem tiefinnerlichen
-Gefühl für das Walten der Natur, vom Kleinsten
-bis zum Größten, insbesondere in allem Lebendigen, begabt
-gewesen. Die ganze Welt ist ihm Werden, Bewegen, Wirken
-einer allmächtigen Kraft, das er in der Entfaltung der Blume
-ebenso erblickt wie in dem Kreisen der Wandelsterne um den
-Sonnenball. Daher &ndash; worauf Gundolf (S.&nbsp;<a href="#Page_106">106</a>) aufmerksam
-macht &ndash; auch seine Vorliebe für Wortverbindungen mit
-»<em class="gesperrt">All</em>«: allgegenwärtig, alliebend, allsehnend, Allumfasser,
-Allerhalter und ähnliche, und für die damit verbundene religiöse
-Grundstimmung sein Lieblingswort »heilig«. Nur daß
-der Allgott, der bei Spinoza sozusagen in mathematischer und
-doch auch wieder mystischer Ruhe erscheint, bei ihm zu lauter
-Kraft, Wirksamkeit und Leben wird. Ganz diesem pantheistischen
-Naturgefühl ist auch sein »Ganymed« entsprungen. In
-die Zeit seines ersten Spinoza-Studiums fällt auch sein berühmtes
-pantheistisches Glaubensbekenntnis, das er dem von
-Gretchen gefragten Faust in den Mund legt. Zuerst die ehrfürchtige
-Demut vor dem Unendlichen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wer darf ihn nennen?</div>
- <div class="verse indent0">Und wer bekennen:</div>
- <div class="verse indent0">Ich glaub' ihn!</div>
- <div class="verse indent0">Wer empfinden</div>
- <div class="verse indent0">Und sich unterwinden</div>
- <div class="verse indent0">Zu sagen: Ich glaub' ihn nicht!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Dann die kurze Formulierung:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Der Allumfasser,</div>
- <div class="verse indent0">Der Allerhalter</div>
- <div class="verse indent0">Faßt und erhält er nicht</div>
- <div class="verse indent0">Dich, mich, sich selbst?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_158"></a>[158]</span></p>
-<p>Darauf das astronomische All:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wölbt sich der Himmel nicht da droben?</div>
- <div class="verse indent0">Liegt die Erde nicht hier unten fest?</div>
- <div class="verse indent0">Und steigen hüben und drüben</div>
- <div class="verse indent0">Ewige Sterne nicht herauf?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Gewandt zum Menschlichen, Körperlich-Seelischen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Und drängt nicht alles</div>
- <div class="verse indent0">Nach Haupt und Herzen dir</div>
- <div class="verse indent0">Und webt in ewigem Geheimnis</div>
- <div class="verse indent0">Unsichtbar, sichtbar, neben dir?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und zuletzt das ganz gefühlsmäßige Ende:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,</div>
- <div class="verse indent0">Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,</div>
- <div class="verse indent0">Nenn' das dann, wie du willst,</div>
- <div class="verse indent0">Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!</div>
- <div class="verse indent0">Ich habe keinen Namen</div>
- <div class="verse indent0">Dafür. Gefühl ist alles,</div>
- <div class="verse indent0">Name Schall und Rauch,</div>
- <div class="verse indent0">Umnebelnd Himmelsglut.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Trotz alledem wollte auch er, ebenso wie Herder und Lessing,
-kein Spinoz<em class="gesperrt">ist</em> heißen: »Denke man aber nicht, daß ich
-seine Schriften hätte unterschreiben und mich dazu buchstäblich
-bekennen mögen.« Denn man werde »dem Verfasser von
-Faust und Werther« wohl zutrauen, daß er nicht »den Dünkel
-gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der als
-Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische
-Kultur sich zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben«.</p>
-
-<p>Den besten Beweis dafür, daß auch ganz andere, entgegengesetzte
-Gefühle mit dieser ergebungsvollen Resignation in
-seinem Innern rangen, beweist sein beinahe gleichzeitig (Ende
-1774) entstandenes wundervolles »<em class="gesperrt">Prometheus</em>«-Gedicht,
-in dem der uralte Titanentrotz sich auflehnt gegen die vermeinten
-Götter da droben, die nur in der Hoffnung törichter
-Kinder und Bettler leben. Es stimmt allenfalls noch mit Spinozas
-Denkart, wenn die <em class="gesperrt">alte</em> Gottesvorstellung tapfer aufgegeben
-wird, als wenn jenseits der Sonne »ein Ohr« wäre,
-»zu hören meine Klage«, und »ein Herz wie meins, sich der
-Bedrängten zu erbarmen«, und ein »ewiges, als Herr über
-Menschen und Göttern« gleichmäßig waltendes Schicksal angenommen<span class="pagenum"><a id="Page_159"></a>[159]</span>
-wird. Aber ganz anders gestimmt ist doch die
-trotzige Zuversicht auf das eigene »heilig glühende Herz«, das
-»alles <em class="gesperrt">selbst</em> vollendet hat«, und die Ablehnung jedes weltflüchtigen
-Entsagens, weil »nicht alle Blütenträume reiften«.
-Ein Symbol festen, bewußten, tatenfreudigen Manneswillens
-und Persönlichkeitsbewußtseins ist vielmehr dieser Prometheus,
-der »Menschen formt nach seinem Bilde«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ein Geschlecht, das mir gleich sei,</div>
- <div class="verse indent0">Zu leiden, zu weinen,</div>
- <div class="verse indent0">Zu genießen und zu freuen sich,</div>
- <div class="verse indent0">Und dein (des Zeus!) nicht zu achten,</div>
- <div class="verse indent0">Wie ich!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Hier haben wir nicht den in das All aufgehenden, sich selbst
-<em class="gesperrt">aufgebenden</em>, sondern den sich selbst behauptenden Menschen
-vor uns. Wir können hier leider nicht die Wirkung dieses
-Gedichts auf die bedeutenderen Zeitgenossen &ndash; Lessings haben
-wir bereits gedacht &ndash; verfolgen, sondern erwähnen nur noch
-das gleichgeartete bekannte von 1777:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Allen Gewalten</div>
- <div class="verse indent0">Zum Trutz sich erhalten,</div>
- <div class="verse indent0">Nimmer sich beugen,</div>
- <div class="verse indent0">Kräftig sich zeigen,</div>
- <div class="verse indent0">Rufet die Arme</div>
- <div class="verse indent0">Der Götter herbei.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Während »<em class="gesperrt">Die Grenzen der Menschheit</em>« (1781)
-im Gegensatz dazu, wieder mehr die Beschränktheit menschlichen
-Wollens und Wirkens gegenüber dem ewig flutenden
-Schicksalsstrom betonen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Uns hebt die Welle,</div>
- <div class="verse indent0">Verschlingt die Welle</div>
- <div class="verse indent0">Und wir versinken.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Endlich das dritte im Bunde jener herrlichen Gedankendichtung
-mit der Überschrift »<em class="gesperrt">Das Göttliche</em>«, entstanden
-1783, das in gewissem Sinne beide Gedanken miteinander verbindet.
-Gegenüber der »unfühlenden« <em class="gesperrt">Natur</em>, der über Böse
-und Gute gleichmäßig leuchtenden Sonne, gegenüber dem
-blind unter die Menge tappenden Glück steht der <em class="gesperrt">Mensch</em>,
-der »unterscheidet, wählet und richtet«, der allein dem Augenblick<span class="pagenum"><a id="Page_160"></a>[160]</span>
-Dauer zu verleihen vermag und diese Kraft dazu benutzen
-soll, »edel, hilfreich und gut« zu sein und »unermüdet
-das Nützliche und Rechte zu schaffen«.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="goethe_b"><em class="antiqua">B</em>. Das erste Weimarer Jahrzehnt<br />
-Die italienische Reise</h3>
-
-<p class="center">(1776 bis 1788)</p>
-</div>
-
-<p>Mit diesen philosophischen Gedichten &ndash; eine Gedankenlyrik
-von ganz anderer Art wie diejenige Schillers und doch
-nicht minder philosophisch als sie &ndash; sind wir bereits in die
-<em class="gesperrt">Weimarer</em> Epoche unseres Dichters getreten, deren erste
-Jahre in jenem jugendlich-genialen Treiben, das uns allen
-aus seinem Leben bekannt ist, dahinflossen, um dann einer
-fleißigen und gewissenhaften Beamtenarbeit im Dienste des
-kleinen Landes zu weichen, die man oft allzusehr als etwas
-Besonderes gerühmt hat, während Franz Mehring über sie
-sarkastisch, aber nicht ohne Grund gemeint hat, daß »jeder passable
-preußische Landrat« sie auch heute noch leiste »ohne jeden
-Anspruch auf die Lorbeeren der Mit- und Nachwelt«. Die
-philosophische Entwicklung unseres Helden tritt zwar in diesen
-Jahren (1776 bis 1784) zurück, aber sie bleibt nicht stehen.
-Zeugnis davon die eben besprochenen drei Gedichte, dann aber
-ein interessantes und bedeutsames philosophisches Fragment,
-betitelt »<em class="gesperrt">Die Natur</em>«, das als Manuskript für einen engeren
-Kreis zuerst im »Tiefurter Journal« von 1782 erschien;
-ein »dichterischer Hymnus und ein philosophisches Bekenntnis«
-zugleich (Gundolf), das wir den Leser Satz für Satz &ndash;
-sie sind alle ebenso voll Lebens wie einfach und allgemeinverständlich
-&ndash; zu lesen bitten.</p>
-
-<p>Wir heben eine Reihe daraus hervor: »Wir leben mitten
-in der Natur und sind ihr fremd. Wir wirken beständig auf
-sie und haben doch keine Gewalt über sie. Sie scheint alles
-auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts
-aus den Individuen. Jedes ihrer Werke hat ein eigenes
-Wesen, und doch macht alles eins aus. Sie spielt ein Schauspiel,
-ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt
-sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. Sie hüllt den Menschen
-in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie<span class="pagenum"><a id="Page_161"></a>[161]</span>
-hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen,
-durch die sie fühlt und spricht. Sie ist ganz und doch
-immer unvollendet. Sie verbirgt sich in tausend Namen und
-ist immer dieselbe. Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich
-auch herausführen. Sie mag mit mir schalten. Ich vertraue
-mich ihr.«</p>
-
-<p>Das ist in der Tat, wie Goethe 44 Jahre später davon gesagt
-hat, eine Stufe zum <em class="gesperrt">Pantheismus</em>, und so kehrt er
-denn auch bald darauf zu dessen philosophischem Vertreter
-Spinoza zurück. Den äußeren Anstoß hatte wohl der Besuch
-Fritz Jacobis in Weimar von Mitte bis Ende September
-1784 gegeben, der ihm von seinem uns bekannten Spinoza-Gespräch
-mit Lessing erzählt hatte. Wie Lessing, hatte auch
-Goethe schon früher (Juni 1784) gegen Charlotte v. Stein erklärt:
-»Ich begehre keinen freien Willen.« Und: »Wie eingeschränkt
-ist der Mensch, bald an Verstand, bald an Kraft,
-bald an Gewalt, bald an Wille!« Diesmal treibt er sein
-Spinoza-Studium zusammen mit <em class="gesperrt">Herder</em>. Im November
-des Jahres 1784 liest er nun mit Frau v. Stein gemeinsam
-von neuem Spinozas Ethik, die er am 19. von Jena in einer
-lateinischen Ausgabe mitbringt, »wo alles viel deutlicher und
-schöner ist«. »Ich fühle mich ihm sehr nahe,« schreibt er am
-11. November an Knebel, »obgleich sein Geist viel reiner als
-der meine ist.« Die Lektüre Spinozas bildet den ganzen Winter
-1784/85 hindurch, neben Herders »Ideen«, einen Teil der
-vertrauten Abendunterhaltungen mit dem Ehepaar Herder
-und Charlotte Stein. Herder schreibt darüber am 20. Dezember
-an Jacobi: »Goethe hat, seit Du weg bist, den Spinoza
-gelesen, und es ist mir ein großer Probierstein, daß er
-ihn ganz so verstanden, wie ich ihn verstehe.« Und am 27. desselben
-Monats meldet Goethe selbst Charlotte, seiner »Seelenführerin«:
-»Ich las noch zuletzt in <em class="gesperrt">unserem Heiligen</em>.«</p>
-
-<p>Noch bedeutsamer spricht sich sein Briefwechsel mit Jacobi
-aus. Nach einem Briefe vom 12. Januar 1785 liest Goethe
-den Spinoza immer wieder und »übt sich an ihm«. In seinem
-Urteil über ihn ist er mehr mit Herder als mit Jacobi einverstanden.
-Am 9. Juni wird der jüdische Denker von Goethe
-lebhaft gegen den alten Vorwurf des Atheismus verteidigt,
-im Gegenteil als <em class="antiqua">theissimus et christianissimus</em> gepriesen.<span class="pagenum"><a id="Page_162"></a>[162]</span>
-»Er <em class="gesperrt">beweist</em> nicht das Dasein Gottes, das Dasein <em class="gesperrt">ist</em> Gott«,
-das man freilich nur in den Einzeldingen und aus ihnen erkennen
-könne, zu deren näherer und tieferer Betrachtung er
-sich gerade durch Spinoza aufgemuntert fühle, obwohl vor
-dessen Blick alle einzelnen Dinge zu verschwinden scheinen.
-Allerdings &ndash; und nun kommen für seine philosophische Sinnesart
-wieder sehr charakteristische Bemerkungen &ndash; habe er
-nie »die Schriften dieses trefflichen Mannes in einer Folge
-gelesen«; auch habe ihm nie dessen ganzes Lehrgebäude »völlig
-überschaulich vor der Seele gestanden«. »Meine Vorstellungs-
-und Lebensart erlauben's nicht.« Aber wenn er in ihn hineinsehe,
-glaube er ihn zu verstehen; er stehe für ihn nie mit
-sich selbst in Widerspruch; was Jacobi über ihn schreibe,
-scheine ihm nicht im eigensten Sinne Spinozas gedacht. Übrigens
-habe er (Goethe) nie auf »metaphysische Vorstellungsart
-Ansprüche gemacht«. Herder werde es demnächst besser ausdrücken.
-Er (Goethe) suche jetzt auf Bergen und in den Bergwerken
-Ilmenaus das Göttliche »in Kräutern und Steinen«!</p>
-
-<p>Am 21. Oktober 1785 äußert er nochmals gegenüber Jacobis
-Spinoza-Büchlein, den Spinozismus dürfe man nur aus sich
-selbst erklären, und bezeichnet sich selbst wiederum in der ihm
-eigenen Weise als dessen Anhänger: daß er nämlich, »ohne
-seine Vorstellungsart von Natur zu haben, doch, wenn die
-Rede wäre, ein Buch anzugeben, das unter allen, die ich kenne,
-am meisten mit der meinigen übereinkommt, die Ethik des
-Spinoza nennen müsse«. Die Briefe von Ende 1785 und Anfang
-1786 drehen sich um den bekannten Philosophenstreit
-Jacobi-Mendelssohn über Lessings Spinozismus, der Goethe,
-wie aus einem Februarbrief 1786 an Frau v. Stein zu
-schließen, gegenüber Spinozas Größe recht kleinlich und armselig
-erscheint.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit nun predigt ihm Jacobi zum ersten
-Male von &ndash; <em class="gesperrt">Kants</em> Philosophie vor, natürlich wie <em class="gesperrt">er</em> ihn
-auffaßt: den »wahren Kern« derselben, den Kant selbst noch
-nicht gekostet habe! So ist der Glaubens- und Gefühlsphilosoph
-F. H. Jacobi einer der ersten in der zahlreichen Reihe
-derer, die Kants »wahren Kern« besser als dieser selbst begriffen
-zu haben beanspruchten. Leider existiert eine Antwort
-Goethes auf diesen Brief nicht. Einen nachhaltigen Eindruck<span class="pagenum"><a id="Page_163"></a>[163]</span>
-hat er jedenfalls nicht hervorgerufen; denn in dem nächsterhaltenen
-Briefe Goethes vom 14. April 1786 berichtet dieser
-fast nur von seinen mancherlei naturwissenschaftlichen Studien,
-um bloß einmal die bezeichnende Frage dazwischen zu werfen:
-»Was machst Du alter Metaphysikus? Was bereitest Du
-Freunden und Feinden?« (Homerische Wendung. K. V.)</p>
-
-<p>Der letzte Brief Goethes aus dieser ganzen Zeit (5. Mai
-1786) geht sogar ziemlich aggressiv gegen Jacobis eigentümliche
-Glaubensmetaphysik vor mit den Worten: »Gott hat
-<em class="gesperrt">Dich</em> mit der <em class="gesperrt">Metaphisik</em> (so!) gestraft und Dir einen
-Pfahl ins Fleisch gesetzt, <em class="gesperrt">mich</em> mit der <em class="gesperrt">Phisik</em> (so!) gesegnet.«
-Und weiter recht antitheologisch: »Ich halte mich fest
-und fester an die Gottesverehrung des Atheisten (gemeint ist
-natürlich Spinoza) und überlasse Euch alles, was Ihr Religion
-heißt und heißen müßt.« Im Gegensatz zu Jacobis
-»Glauben« will er sich an Spinozas »Schauen« (<em class="antiqua">scientia intuitiva</em>,
-eigentlich anschauendes Wissen) halten und sein ganzes
-Leben der Betrachtung der »Dinge« widmen, einerlei, wie
-weit er damit kommt.</p>
-
-<p>Einverstanden dagegen war er in diesen Jahren ganz mit
-<em class="gesperrt">Herder</em>, wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt und soeben
-wieder an verschiedenen Stellen gesehen haben. Herder
-überträgt er, weil ihm selbst die nötigen Vorkenntnisse fehlen,
-die weitere philosophische Verteidigung Spinozas gegen Jacobi.
-Herders »Ideen« findet er »köstlich«, sagt zu ihrem ganzen
-Inhalt »Ja und Amen« (20. Februar 1785). Und noch am
-17. Mai 1787 schreibt er ihm aus Rom: »Wir sind so nah in
-unseren Vorstellungsarten, als es möglich ist, ohne eins zu
-sein, und in den Hauptpunkten am nächsten.« Am 12. Oktober
-1787 von ebendort: »Sie (d. h. der dritte Teil der »Ideen«)
-sind mir als das liebenswerteste Evangelium gekommen, und
-die interessantesten Studien meines Lebens laufen alle da zusammen.
-Woran man sich so lange geplackt hat, (das) wird
-einem nun so vollständig vorgeführt. Wieviel Lust zu allem
-Guten hast Du mir durch dieses Buch gegeben und erneut.«
-Und auch vierzehn Tage später, nachdem er den ganzen dritten
-Teil zu Ende gelesen, findet er alles »durchaus köstlich gedacht
-und geschrieben«, auch den Schluß »herrlich, wahr und erquicklich«.
-Weiter kann man doch in Anerkennung und Lob<span class="pagenum"><a id="Page_164"></a>[164]</span>
-nicht gehen! Und auch anderen gegenüber äußert er sich mit
-der nämlichen Begeisterung. Auch Herders Büchlein über
-»Gott« gefiel ihm aufs beste, wie wir bereits S.&nbsp;<a href="#Page_91">91</a> sahen;
-es leistete ihm »die beste Gesellschaft«, zusammenstimmend mit
-dem spinozistischen »Eins und Alles«, dem er gerade jetzt auch
-in der Botanik auf der Spur war.</p>
-
-<p>Schon mehrmals sind wir in unseren letzten Betrachtungen
-auf die <em class="gesperrt">naturwissenschaftlichen</em> Studien Goethes
-gestoßen, die dem bisherigen Städter (Frankfurt, Leipzig,
-Straßburg) ganz natürlich aus der »Land-, Wald- und Gartenatmosphäre«
-des kleinen Weimar, desgleichen aus seiner
-amtlichen Beschäftigung mit dem weimarischen Forst- und
-Bergwesen erwachsen waren, während ihn zur Anatomie und
-Osteologie (Knochenlehre) unter anderem die zeitweise Teilnahme
-an den physiognomischen Bestrebungen seines Freundes
-Lavater anregte. Wissenschaft »auf dem Papier und zum
-Papier« hat ihn nie gereizt, sondern immer nur die Beziehung
-zum Lebendigen. Deshalb sind auch seine Sätze nie
-ganz abstrakt, losgelöst von der sinnlichen Wirklichkeit. Aber
-seine Naturbetrachtung ist zugleich auch immer philosophisch.
-Ihm lag stets bloß daran, wie er in seinem Alter einmal zu
-Eckermann gesagt hat, »die einzelnen Erscheinungen auf ein
-allgemeines Grundgesetz zurückzuführen«. So sucht er in den
-verschiedenartigen Organen der Pflanze ein einheitliches Gebilde
-zu erkennen, das er Blatt nannte, und dessen mannigfaltigen
-Umbildungen er nun nachspürte, bis er zu seiner,
-ihm erst in Italien völlig aufgegangenen Lehre von der <em class="gesperrt">Metamorphose
-der Pflanze</em> gelangte, die er bekanntlich
-auch dichterisch dargestellt hat, die wir jedoch inhaltlich hier
-nicht näher behandeln können. Lesen Sie über alles das seine
-vortreffliche »Geschichte meines botanischen Studiums« (1817)
-nach. Und ähnlich in der <em class="gesperrt">Zoologie</em>. Hier entdeckt er, von
-seinem Glauben an die Einheitlichkeit der Natur zu aufmerksamster
-Beobachtung des einzelnen getrieben, im Frühjahr
-1784 das Dasein des bei den übrigen Tieren vorhandenen
-Zwischenkieferknochens auch beim Menschen, der damit, dem
-Affen noch näher verwandt, in die große Ordnung der Natur
-eingereiht wurde. Er jubelte darüber, daß sich ihm »alle Eingeweide
-bewegen«. Bis er dann zuletzt in einem Aufsatz »Über<span class="pagenum"><a id="Page_165"></a>[165]</span>
-einen aufzustellenden Typus zur Erleichterung der vergleichenden
-Anatomie« (1796) zu einer die heutige Deszendenzlehre
-in ihrem Grundgedanken schon völlig vorausnehmenden
-Formulierung gelangt: »Daß alle vollkommenen organischen
-Naturen, worunter wir Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere
-und an der Spitze der letzteren den Menschen sehen, alle
-nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr beständigen
-Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und
-sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.«</p>
-
-<p>So ist Goethe nicht bei jener fast mystischen, jedenfalls pantheistischen
-Metaphysik, wie sie das Fragment von 1782 mit
-seiner Unendlichkeit und Tiefe, aber auch Unbestimmtheit des
-<em class="gesperrt">Gefühls</em> enthielt, stehengeblieben, sondern den schwierigen
-Weg der beobachtenden, rechnenden und vergleichenden <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>
-gegangen, um zur klaren und bestimmten Einheit
-des Natur<em class="gesperrt">gesetzes</em> zu gelangen, wie er es dichterisch
-in die Worte gefaßt hat:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Willst du ins Unendliche schreiten,</div>
- <div class="verse indent0">Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Oder:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Willst du dich am Ganzen erquicken,</div>
- <div class="verse indent0">So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Gerade in der keuschen und reinen Hingabe an das einzelne,
-wie Ernst Cassirer einmal in seinem schönen Buche
-»Freiheit und Form« sagt, gestaltet sich ihm eine neue Anschauung
-vom Zusammenhang des Ganzen.</p>
-
-<p>Indem sich der Dichter durch Spinoza in seinem Glauben
-einerseits an die Einheitlichkeit der gesamten Natur, anderseits
-an die Notwendigkeit alles Geschehens bestärkt sah, war
-auch sein innerer Sturm und Drang einigermaßen zur Ruhe
-gelangt. Ende 1775 schon schreibt er: »Ich lerne täglich mehr
-steuern auf der Woge der Menschheit. Bin tief in der See.«
-Die neue Weltfrömmigkeit löst ihn im letzten Grunde schon
-jetzt von den Neuchristen von der Art Hamanns, F. Jacobis
-und Lavaters. An den letzteren schreibt er z. B. um diese
-Zeit: »Alle Deine Ideale sollen mich nicht irreführen.« Er
-will vielmehr vor allem »<em class="gesperrt">wahr</em> sein, gut und böse wie die
-Natur«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_166"></a>[166]</span></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">italienische Reise</em> (1786 bis 1788) hat mehr Bedeutung
-für den Dichter und Künstler Goethe gehabt als für
-den Philosophen. Für die Weiterbildung seiner philosophischen
-Anschauungen dürfte das Wichtigste gewesen sein, daß
-ihm hier der tiefe innere Zusammenhang zwischen Kunst und
-Natur aufging. Die Natur in der Kunst, die Kunst in der
-Natur zu entdecken, war in der Tat auch kein Ort so geeignet
-wie Rom, wo nicht bloß die Denkmäler der Antike, sondern
-selbst die Landschaft, die Bäume, die Sitten stilisiert erscheinen.
-So schreibt er denn auch von dort: »Die hohen Kunstwerke
-sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen
-nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden:
-alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen. Da ist die
-Notwendigkeit, da ist Gott.« Nicht, wie früher, die Kraft des
-leidenschaftlich bewegten Künstlers oder Dichters, sondern
-Maß und Regel, kurz die <em class="gesperrt">Form</em> wird jetzt als das entscheidende
-Moment hervorgehoben. Auch in der Kunst dringt er
-nunmehr, wie schon vorher in der Natur, auf das »Urbildliche«
-und »Typische«. Das in voller Freiheit, nach seinen
-eigensten Bedingungen (wie bei Schiller!) wirkende <em class="gesperrt">Gesetz</em>
-bringt das objektiv Schöne hervor.</p>
-
-<p>In einer in Italien entstandenen Abhandlung unterscheidet
-er als die drei Stufen, die der echte Künstler durchlaufen
-müsse, die einfache Nachahmung der Natur, die Manier, den
-Stil. Unter der »<em class="gesperrt">einfachen Nachahmung</em>« versteht er
-die ruhige, treue, sorgfältige und reine Hingabe an den Stoff,
-den die Natur uns darbietet. Die »<em class="gesperrt">Manier</em>« bedeutet in
-dem »hohen und respektablen« Sinne, in dem Goethe das
-Wort gebraucht, die Unterwerfung des bloß Stofflichen unter
-den einheitlichen, persönlichen Künstlerwillen. Der »<em class="gesperrt">Stil</em>«
-endlich stellt den höchst erreichbaren Grad der Kunst durch
-Überwindung des bloß Stofflichen der Natur einer-, des subjektiven
-Künstlerbeliebens andererseits dar. Er »ruht auf den
-tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der
-Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen
-Gestalten zu erkennen«.</p>
-
-<p>So war Goethe fast als ein antiker Mensch aus Italien
-zurückgekommen. Und so stammen denn auch, beiläufig gesagt,
-aus den Jahren nach dieser Rückkehr die stärksten Äußerungen<span class="pagenum"><a id="Page_167"></a>[167]</span>
-gegen das Christentum, die wir bei ihm gelesen zu haben uns
-erinnern. Sie finden sich namentlich in den Briefen an Herder.
-So schreibt am 4. September 1788 der erste Minister an
-den &ndash; Generalsuperintendenten Sachsen-Weimars das oft
-zitierte Wort von dem »Märchen von Christus« und erklärt,
-daß er das Christentum »<em class="gesperrt">auch</em> von der Kunstseite« recht erbärmlich
-finde. Am 15. März 1790 will er nach Venedig, um
-am Palmsonntag »als ein Heide von den Leiden des guten
-Mannes&nbsp;(!) auch einigen Vorteil zu haben«!</p>
-
-<p>Sittlich und theoretisch aber war aus dem »<em class="gesperrt">Gefühls</em>«-Goethe
-ein »<em class="gesperrt">Gedanken</em>«-Goethe geworden, wie Gundolf
-sich einmal in prägnanter Zusammenfassung ausdrückt. Dem
-jungen Werther war das Gefühl noch alles gewesen: »Dies
-<em class="gesperrt">Herz</em>, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller Kraft,
-aller Seligkeit und &ndash; alles Elends.« Jetzt war diese Werther-Stimmung
-endgültig überwunden. Fortan herrscht in seiner
-Seele &ndash; von einzelnen Rückfällen vielleicht abgesehen &ndash; ein
-unbezwingliches Vertrauen auf die eigene Kraft zur Lebenssteuerung,
-wie es der wundervolle Schluß des schon in den
-ersten Weimarer Jahren entstandenen Gedichts »Die Seefahrt«
-ausdrückt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Doch er stehet männlich an dem Steuer,</div>
- <div class="verse indent0">Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,</div>
- <div class="verse indent0">Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen</div>
- <div class="verse indent0">Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe</div>
- <div class="verse indent0">Und vertrauet, scheiternd oder landend,</div>
- <div class="verse indent0">Seinen Göttern.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Aber es fehlte noch eine tiefere philosophische Begründung.
-Diese sollte ihm &ndash; <em class="gesperrt">Kant</em> geben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="goethe_c"><em class="antiqua">C.</em> Das erste Kant-Studium</h3>
-
-<p class="center">(1789 bis 1794)</p>
-</div>
-
-<p>Als Goethe 1788 aus Italien heimkehrte, fand er, dank
-ihres eifrigen Verkünders Reinhold Bemühungen, Jena voll
-von der neuen Kantischen Lehre und mußte schon deshalb notwendig
-»von ihr Notiz nehmen«. Aber wichtiger war der
-innere Drang. Immer schon hatte er sich seine eigene »naturgemäße«
-Methode gebildet, allein er <em class="gesperrt">suchte</em> nach einer »metaphysischen«<span class="pagenum"><a id="Page_168"></a>[168]</span>
-Grundlage, der seine Denkweise sich angleichen
-könnte; denn er hatte gemerkt, daß er in einer, wenn auch
-noch so »fruchtbaren«, Dunkelheit dahinlebte. Nun studierte
-er, wie durch Wieland bezeugt ist, seit etwa Beginn 1789
-mit großem Eifer Kants »<em class="gesperrt">Kritik der reinen Vernunft</em>«,<a id="FNanchor_25" href="#Footnote_25" class="fnanchor">[25]</a>
-wollte auch mit Reinhold »eine große Konferenz
-darüber« halten, zu der es indes nicht gekommen zu sein
-scheint. Freilich nur einzelnes sagte ihm zu. So gefiel ihm
-gleich der Eingang des Werkes, und seinen vollkommenen Beifall
-fand Kants Satz: Wenngleich alle unsere Erkenntnis mit
-der Erfahrung angeht, so entspringt sie darum doch nicht eben
-alle aus der Erfahrung. Aber ins »Labyrinth« selbst konnte
-und wollte er sich nicht wagen: »Bald hinderte mich die Dichtungsgabe,
-bald der Menschenverstand, und ich fühlte mich
-nirgend gebessert.« Und er versteht manches, z. B. die wichtigen
-Begriffe Analytisch und Synthetisch, ganz anders wie
-Kant. Als die Hauptfrage erscheint ihm die <em class="gesperrt">psychologische</em>:
-»Wieviel unser Selbst und wieviel die Außenwelt zu unserem
-geistigen Dasein beitragen«, während für Kant das Wesentliche
-die <em class="gesperrt">erkenntniskritische</em> Frage nach der Gewißheit
-unseres Erkennens und damit nach einer Philosophie
-als Wissenschaft ist. Immerhin glaubt er einzelne Kapitel
-besser als andere zu verstehen und »gewann gar manches zu
-seinem Hausgebrauch«.</p>
-
-<p>Er macht sich ein Inhaltsverzeichnis dazu, mit dem er allerdings
-nicht zu Ende gekommen ist,<a id="FNanchor_26" href="#Footnote_26" class="fnanchor">[26]</a> und dem er eine knapp zusammenfassende
-und populäre »Kurze Vorstellung der Kantischen
-Philosophie« von der Hand des Wittenberger Theologieprofessors
-Reinhard beigelegt hat. Daß er mit kritischem Auge
-gelesen hat, ergibt sich aus einzelnen im Nachlaß darüber gefundenen
-Bemerkungen, von denen wir allerdings nicht mit
-Sicherheit wissen, ob sie schon aus dieser <em class="gesperrt">ersten</em> Zeit seines
-Kant-Studiums stammen. Noch interessanter war mir es, aus
-Goethes eigenem Handexemplar, das ich mit Erlaubnis des<span class="pagenum"><a id="Page_169"></a>[169]</span>
-damaligen Direktors des Goethe-National-Museums (d. h. des
-Goethe-Hauses) zu Weimar <em class="antiqua">Dr.</em> Ruland auf längere Zeit mit
-mir nehmen durfte, an der Hand seiner zahlreichen Anstreichungen
-und Unterstreichungen festzustellen, was ihn darin
-am meisten interessierte. Ich habe darüber im Anhang zu meinem
-»Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe« (S.&nbsp;272 bis 279) einen genauen
-Bericht gegeben und verweise alle diejenigen Leser darauf,
-die sich für diese Einzelheiten interessieren. Hier, wo ich
-keine eingehendere Kenntnis des Kantischen Systems voraussetzen
-darf, muß ich mich näheren Eingehens enthalten.</p>
-
-<p>Die im Jahre 1788 erschienene ethische Hauptschrift Kants,
-die »Kritik der <em class="gesperrt">praktischen</em> Vernunft«, scheint Goethes
-Interesse in geringerem Grade erregt zu haben. Er hat sie
-auch nicht selbst besessen; wohl dagegen die in Kants Ethik
-am besten einführende populär geschriebene »Grundlegung
-zur Metaphysik der Sitten« (1785), und zwar, was für die
-Zeit seiner Kant-Studien bezeichnend ist, erst in der Auflage
-von 1792.<a id="FNanchor_27" href="#Footnote_27" class="fnanchor">[27]</a></p>
-
-<p>Weit tiefer wirkte, und zwar alsbald nach ihrem Erscheinen
-(1790) die »<em class="gesperrt">Kritik der Urteilskraft</em>« auf ihn ein.
-Ihr hat er noch nach 27 Jahren bekannt »eine höchst frohe
-Lebensepoche schuldig zu sein«. Während die Kritik der reinen
-Vernunft seinen philosophischen »Dämmerzustand« noch
-nicht völlig zu heben vermocht, während er die »Metamorphose
-der Pflanzen« 1790 noch geschrieben hatte, ohne zu
-wissen, daß sie ganz im Sinne der Kantischen Lehre sei, fand
-er das neue Werk des kritischen Philosophen in seinen Hauptgedanken
-seinem eigenen »bisherigen Schaffen, Tun und Denken
-ganz analog«. Das Wichtigste aus seiner höchst lebendigen
-Selbstschilderung scheint uns in einer dreifachen Übereinstimmung
-zu liegen. Einmal, daß auch nach Kant, der ja in seinem<span class="pagenum"><a id="Page_170"></a>[170]</span>
-Werk die Kritik der ästhetischen mit derjenigen der teleologischen
-vereinigt hatte, Kunst und vergleichende Naturkunde
-miteinander nah verwandt seien, sich derselben Urteilskraft
-unterwerfen. Zweitens (was noch wichtiger), daß jede
-von beiden, Kunst und Natur, um ihrer <em class="gesperrt">selbst</em> willen da sei
-und beide »unendliche Welten« doch <em class="gesperrt">für</em>einander existierten.<a id="FNanchor_28" href="#Footnote_28" class="fnanchor">[28]</a>
-Und drittens, daß er seine alte Abneigung gegen die »Endursachen«,
-d. h. die Verwischung des Kausalitäts-(Ursache-)Prinzips
-durch den Zweckbegriff nun »geregelt und gerechtfertigt«
-sah.</p>
-
-<p>Freilich faßte er auch jetzt wieder den Philosophen nach
-seiner Dichter- und Künstlerart auf, die er schon bezüglich
-seiner Lektüre der Kritik der reinen Vernunft mit den Worten
-charakterisiert hatte: »Wenn ich nach meiner Weise über
-Gegenstände philosophierte, so tat ich es mit unbewußter
-Naivität und glaubte wirklich, ich sähe meine Meinungen vor
-Augen.« Er sprach dann auch bloß aus, »was in mir aufgeregt
-war«, nicht, was er gelesen hatte. Damit stimmt genau,
-was <em class="gesperrt">Schiller</em> über seine erste vertrautere philosophische
-Unterhaltung mit dem ihm damals noch kühl gegenüberstehenden
-Nebenbuhler am 1. November 1790 an Freund
-Körner berichtet. Es ist zugleich für die Wesensart beider
-Männer so bezeichnend, daß wir das Wichtigste davon hierhersetzen
-müssen: »Goethe war gestern bei uns, und das Gespräch
-kam bald auf Kant. Interessant ist's, wie er alles in
-seine Art kleidet und überraschend zurückgibt, was er las …
-Ihm ist die ganze Philosophie <em class="gesperrt">subjektivisch</em>, und da hört
-denn Überzeugung und Streit zugleich auf. Seine Philosophie
-mag ich auch nicht ganz; sie holt zuviel aus der <em class="gesperrt">Sinnen</em>welt,
-wo ich aus der <em class="gesperrt">Seele</em> hole. Überhaupt ist seine
-Vorstellungsart zu sinnlich und betastet mir zuviel. Aber sein
-Geist wirkt und forscht nach allen Direktionen und strebt, sich
-ein Ganzes zu erbauen, und das macht ihn mir zum großen
-Manne.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_171"></a>[171]</span></p>
-
-<p>Auch Körnern war Goethe »zu <em class="gesperrt">sinnlich</em> in der Philosophie«,
-was freilich für sie beide (Schiller und Körner) als
-Gegengift gegen ihre vorherrschend intellektuelle Anlage ganz
-heilsam sei. Er bezeugt übrigens, daß Goethe, im Unterschied
-von Schiller, nicht der ästhetische, sondern der teleologische Teil
-des Werkes zuerst gefesselt habe. Gerade, weil Goethe nun
-bei den strengeren Kantianern (zu denen allerdings Schiller
-damals noch nicht zählte) mit seiner eigenartigen Auffassung
-Kants wenig Anklang fand, studierte er, »auf sich selbst zurückgewiesen«,
-dessen Buch immer aufs neue. Auch in diesem
-Falle hat er sein Exemplar mit zahlreichen Strichen &ndash; besonders
-im zweiten, naturphilosophischen Teil &ndash; versehen, die ihn
-»später noch erfreuten«; ja auch mit einzelnen Randbemerkungen.
-Durch ein Fragezeichen am Rande protestiert er gegen
-Kants Herabsetzung des Kunst- zugunsten des Naturschönen;
-außerdem interessieren ihn namentlich die Bestimmung des
-Kunstzwecks, das Verhältnis der Kunst zur Moral und die
-Vergleichung der einzelnen Künste in bezug auf ihren Wert.
-In dem zweiten, die organische Naturwissenschaft behandelnden
-Teile erregten vor allem die Definition des Naturzwecks,
-die Selbstorganisation der Natur, das Problem eines »anschauenden«
-Verstandes und ganz besonders der interessante
-achtzigste Paragraph vom Verhältnis des mechanischen zum
-Zweckprinzip mit seiner berühmten Vorausahnung darwinistischer
-Ideen sein Interesse.</p>
-
-<p>Das nähere Studium der »Kritik der Urteilskraft« führte
-ihn dann auch wieder zu demjenigen der theoretischen Vernunftkritik
-zurück. »Beide Werke, aus <em class="gesperrt">einem</em> Geist entsprungen,
-deuten immer eins aufs andere.« Auch Kants
-»Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft« (die er
-in den beiden ersten Auflagen von 1786 und 1787 besaß)
-hatte er damals schon studiert und daraus den Satz gezogen,
-daß Anziehungs- und Abstoßungskraft zum Wesen der Materie
-gehören, so daß er beruhigt war, seine Weltanschauung
-nach dieser Seite hin »unter Kantischer Autorität fortsetzen
-zu können«.</p>
-
-<p>Dagegen stößt Kants <em class="gesperrt">religions</em>philosophischer Standpunkt,
-jedenfalls seine Annahme eines radikalen Hanges zum
-Schlechten seine damals, wie wir schon von Herder her wissen,<span class="pagenum"><a id="Page_172"></a>[172]</span>
-besonders antichristlich-hellenisch gestimmte Natur entschieden
-ab. In einem Briefe an Herder (7. Juni 1793) geht er so
-weit, zu schreiben, Kant habe »seinen philosophischen Mantel,
-nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von
-mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich
-mit dem Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit
-doch &ndash; auch Christen herbeigelockt werden, den Saum zu
-küssen«. Und einen Monat später gebraucht er dasselbe ebenso
-unästhetische wie ungerechte Bild.</p>
-
-<p>Trotz allen Interesses, trotz aller Hochschätzung steht indes
-bis Sommer 1794 zwischen Goethe und dem Kritizismus, ja
-zwischen ihm und der Philosophie überhaupt noch etwas Fremdes,
-Unausgeglichenes, wie es noch am 24. Juni dieses Jahres
-in einem Brief an Fichte zum Ausdruck kommt, dem er
-sich zum größten Danke verpflichtet fühlen würde, wenn er
-ihn »endlich mit den Philosophen versöhne, die ich nie entbehren
-und mit denen ich mich niemals vereinigen konnte«.
-Diese Versöhnung, soweit sie bei seiner Eigenart überhaupt
-möglich war, sollte ihm nun zwar nicht von der seinem Wesen
-ganz entgegengesetzten Person Fichtes kommen, aber von anderer
-Seite. Er stand unmittelbar vor dem »glücklichen Ereignis«
-seiner dauernden Verbindung mit <em class="gesperrt">Schiller</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="goethe_d"><em class="antiqua">D</em>. Der Freundschaftsbund mit Schiller</h3>
-
-<p class="center">(1794 bis 1805)</p>
-</div>
-
-<h4>Die Altersjahre (1805 bis 1832)</h4>
-
-<p>Unter den Ursachen, die bis zum Jahre 1794 ein näheres
-Verhältnis zu Schiller nicht aufkommen ließen, führt Goethe
-in seinen »Annalen« zu eben diesem Jahre als eine der wichtigsten
-Schillers Begeisterung für die Kantische Philosophie
-an. Bei Schiller und Kant scheinbar alles Vernunft, Geist,
-Wille &ndash; bei ihm und Herder Erfahrung, Natur, Gefühl.
-Eine »ungeheure Kluft« schien zwischen den zwei »Geistesantipoden«
-befestigt zu sein. Und doch sollte es anders kommen.
-Hatte nicht zum wenigsten gerade <em class="gesperrt">Kant</em> sie bisher getrennt,
-so sollte der nämliche Kant sie nunmehr zusammenführen
-zu jenem »Bunde«, der bis zu Schillers frühzeitigem<span class="pagenum"><a id="Page_173"></a>[173]</span>
-Tode »ununterbrochen gedauert und für uns und andere
-manches Gute gewirkt hat« (Goethe).</p>
-
-<p>Es geschah durch eine wahrscheinlich Ende Juni oder Anfang
-Juli 1794<a id="FNanchor_29" href="#Footnote_29" class="fnanchor">[29]</a> stattgefundene Unterredung, die uns Goethe
-selber erzählt hat. Gelegentlich einer zufälligen gemeinsamen
-Heimkehr aus einer Sitzung der Jenaer Naturforschenden Gesellschaft
-trägt Goethe dem bisherigen Gegner seine »Metamorphose
-der Pflanze« vor, läßt vor seinen Augen eine symbolische
-Pflanze entstehen. Als er geendet, schüttelt Schiller
-den Kopf und sagt: »Das ist keine <em class="gesperrt">Erfahrung</em>, das ist
-eine <em class="gesperrt">Idee</em>.« Goethe, als »hartnäckiger Realist«, ist erstaunt,
-dann verdrießlich, widerstreitet. Schließlich wird für den
-Abend Waffenstillstand geschlossen. Aber der »Realist«, der
-sich nach seinem eigenen Geständnis bei den Einwürfen des
-»gebildeten Kantianers« Schiller anfangs ganz unglücklich
-fühlte, ahnt bald, daß zwischen seiner »Erfahrung« und Kants
-»Idee« etwas »Vermittelndes, Bezügliches« obwalten müsse,
-ohne es schon klar zu erkennen. Diese Erkenntnis hat ihm in
-den folgenden Jahren Kants Philosophie gebracht, die nun
-erst durch einen ihrer geistvollsten Jünger voll und eindringlich
-auf ihn zu wirken begann.</p>
-
-<p>»Nach diesem glücklichen Beginnen«, um wieder Goethes
-eigene Worte zu gebrauchen, »entwickelten sich in Verfolg
-eines zehnjährigen Umganges die philosophischen Anlagen,
-<em class="gesperrt">inwiefern meine Natur sie enthielt</em>, nach und
-nach.« Und noch deutlicher sprechen die Annalen von 1795 es
-aus, daß er mit der Kantischen Philosophie und »daher auch«
-ihrer damaligen Hauptpflanzstätte Jena »durch das Verhältnis
-zu Jena immer mehr zusammenwuchs«. »Wir wissen nun,«
-schreibt Goethe nach einer »vierzehntägigen Konferenz« am
-1. Oktober an den neugewonnenen Freund, »daß wir in
-<em class="gesperrt">Prinzipien einig</em> sind und die Kreise unseres Empfindens,
-Denkens und Wirkens teils koinzidieren (zusammenfallen),
-teils sich berühren.«</p>
-
-<p>Ich bin weit entfernt davon, wie mir es von mehreren
-Seiten angedichtet worden ist, Goethe um solcher Selbstäußerungen<span class="pagenum"><a id="Page_174"></a>[174]</span>
-willen zum »Kantianer« machen zu wollen. Dafür
-sind und bleiben die Naturen beider zu verschieden. »Intuitive«
-Geister wie Goethe haben, nach der berühmten Charakteristik
-Schillers in den ersten großen Briefen vom 23. und
-31. August desselben Jahres an den neuen Freund, »wenig
-Ursache, von der Philosophie zu borgen, die nur von ihnen
-lernen kann«. Philosoph im strengen Sinne des Wortes ist
-Goethe auch jetzt nicht geworden. Ihm ging das Scheiden und
-Trennen, das Abstrahieren und Zergliedern, das die Philosophie
-notwendig betreiben muß, in weit stärkerem Grade als
-Schiller wider seine Dichternatur. Er fühlt sich auch weiterhin,
-nach mehrfachem eigenen Bekenntnis, in der speziell
-philosophischen »Denkart« nicht bewandert. Ja, gegenüber
-seinem Kunstfreund Heinrich Meyer versteigt er sich einmal
-zu der Äußerung: »Für uns andere, die wir doch eigentlich
-zu Künstlern geboren sind, bleiben doch immer die Spekulation
-sowie das Studium der elementaren Naturlehre« &ndash;
-womit die theoretische Physik im Gegensatz zu der von Goethe
-bevorzugten Biologie gemeint ist &ndash; »falsche Tendenzen.«
-Auch braucht er öfters Kantische Begriffe in seinem eigenen,
-von Kant abweichenden Sinne. Und gegenüber Schiller fühlt
-und bekennt er sich stets gewissermaßen als das philosophische
-Naturkind, dem jener als der theoretische Helfer und Lenker,
-Autorität und Richter in allen philosophischen Fragen gilt,
-wie Schiller mit Stolz einmal seinem Kollegen Fichte meldet
-(3. August 1795).</p>
-
-<p>Allein die Philosophie wird ihm doch »immer werter«, weil
-sie ihn »täglich immer mehr lehrte, mich von mir selbst zu
-scheiden«, und weil sie »durch die höhere Vorstellung von
-Kunst und Wissenschaft, welche sie begünstigte«, ihn »vornehmer
-und reicher« machte. Er ist nicht mehr der alle Philosophie
-abweisende »steife Realist« von früher (an Jacobi,
-17. Oktober 1796), sondern bekennt, daß er durch »treues Vorschreiten
-und bescheidenes Aufmerken« von jenem »steifen
-Realismus« und einer »stockenden Objektivität« dahin gekommen
-sei, Schillers philosophische Ausführungen vom Tage
-vorher als »mein eigenes Glaubensbekenntnis unterschreiben«
-zu können (an Schiller 13. Januar 1798). Und diese »Ausführungen«
-sind eben doch kritische Philosophie, wenn auch<span class="pagenum"><a id="Page_175"></a>[175]</span>
-mit Schillerscher Färbung. Vor allem erregen sein höchstes
-Wohlgefallen die »Ästhetischen Briefe«, in denen er, was er
-»für recht sei langer Zeit erkannt, was ich teils lebte, teils zu
-leben wünschte, auf eine so zusammenhängende und edle Weise
-vorgetragen fand«. Mit Eifer wird alles Neue von Kant gelesen
-und besprochen; ja Goethe ist es jetzt zuweilen, der den
-Freund auf eine neu erschienene Schrift des Königsberger
-Philosophen aufmerksam macht.</p>
-
-<p>Natürlich werden auch andere, alte und neue, Philosophen
-besprochen und studiert. So zum Beispiel im April 1797 Aristoteles'
-Politik. Anfangs häufig gemeinsam mit den Brüdern
-Humboldt. Später auch in einer Art philosophischem Kränzchen,
-an dem die in Jena habilitierten jungen Philosophen
-Niethammer, Schelling und Hegel teilnehmen, von denen der
-Erstgenannte ihm in der zweiten Hälfte des Jahres 1800 auch
-die neueste Philosophie in sogenannten Colloquiis (Unterredungen)
-vorträgt. Von den neuesten Philosophen ist ihm
-der durch und durch subjektive <em class="gesperrt">Fichte</em> am unsympathischsten.
-Er bekennt, dessen Denkweise »nur mit Mühe und von ferne
-folgen« zu können. »An eine engere Verbindung mit ihm ist
-nicht zu denken,« meint er 1798 ähnlich wie Schiller. Das bezeugt
-auch Goethes Handexemplar von Fichtes »Begriff der
-Wissenschaftslehre« (1794), das von dem Dichter mit zahlreichen
-Bleistiftstrichen, Fragezeichen und einzelnen Randbemerkungen
-versehen ist. Bedenklich erscheint ihm besonders,
-daß alles mögliche menschliche Wissen in der »allgemeinen
-Wissenschaftslehre« schon enthalten sein soll; unter Fichtes
-»ersten Grundsatz«: »Ich bin Ich« schreibt Goethe spöttisch:
-Alles ist alles; neben Fichtes Wendung: »die von uns unabhängige
-Natur« die Worte: »aber doch mit uns <em class="gesperrt">verbunden</em>,
-deren lebendige Teile wir sind« u. ä.</p>
-
-<p>Auch von <em class="gesperrt">Schelling</em> hatten die Freunde anfangs mehr
-erhofft. Schiller war freilich von dieser neuen Art Idealismus
-noch mehr enttäuscht als Goethe, der z. B. am 31. Dezember
-1798 entschuldigend bemerkt, Schellings Ideen müßten
-»freilich noch manchmal durchs Läuterfeuer«. Schellings
-Philosophie ist bekanntlich aus dem Läuterfeuer überhaupt
-nicht herausgekommen! Bei Gelegenheit von dessen Naturphilosophie
-gibt unser Dichter übrigens einmal eine gute<span class="pagenum"><a id="Page_176"></a>[176]</span>
-Charakteristik seines eigenen naturphilosophischen Standpunktes.
-Während die Natur<em class="gesperrt">philosophen</em> <em class="antiqua">à la</em> Schelling
-und Hegel alles »von oben herunter«, die Natur<em class="gesperrt">forscher</em>
-im engeren Sinne alles »von unten hinauf« leiten
-wollten, so finde er selbst als Natur<em class="gesperrt">schauer</em> sein Heil »nur
-in der Anschauung, die in der Mitte liegt« (an Schiller, 27.
-und 30. Juni 1798); wie er denn schon sechs Jahre vorher
-einen in derselben Richtung gehaltenen Aufsatz »Der Versuch
-als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt« geschrieben
-hatte. &ndash; <em class="gesperrt">Hegel</em>, der zur Zeit von Schillers Tod allein noch
-von dem spekulativen Dreiblatt (Fichte, Schelling, Hegel) in
-Jena war, wurde es, wie Goethe klagt, schon damals schwer,
-sich anderen mitzuteilen, und er hatte sein erstes bedeutendes
-Werk noch nicht geschrieben.</p>
-
-<p>Von <em class="gesperrt">Herder</em> entfernt sich, wie wir schon in unserem
-Herder-Abschnitt sahen, Goethe durch seine Freundschaft mit
-Schiller immer mehr. Überhaupt fühlt er mit Schiller und
-den wenigen anderen Freunden (den Humboldts, H. Meyer)
-sich als eine geschlossene Partei gegenüber den Streithändeln
-Kants mit dem gesamten Herderschen Kreise, den Geschichtsphilosophen
-von der Art Jacobis und Goethes eigenem
-Schwager Schlosser und den Berliner Aufklärern <em class="antiqua">à la</em> Nicolai
-auf der einen, der beginnenden Romantik auf der anderen
-Seite. Es sind die unseren beiden Dichter-Klassikern
-mit der klassischen Philosophie (Kants) gemeinsamen Gegner,
-denen der lustig-scharfe Xenienkrieg des Jahres 1796 gilt.
-Noch stärker fast tritt das gelegentlich der letzten gehässigen
-Angriffe Herders gegen den Kritizismus hervor, weshalb
-denn auch die Wut des gesamten Herderschen Kreises gegen
-unsere beiden Weimarer Dioskuren ging.</p>
-
-<p>Aus den letzten mit Schiller gemeinsam zu Weimar verlebten
-Jahren sind begreiflicherweise nur wenige briefliche
-Zeugnisse über ihre Stellung zur Philosophie erhalten.
-Wennschon bei Schiller, so tritt erst recht bei Goethe der spezielle
-Kantianismus in diesen bei beiden überhaupt mehr dem
-dichterischen Schaffen gewidmeten Jahren zurück. Aber das
-neue philosophische Fundament, das ihm gegenüber seinem
-früheren teils Spinozismus, teils »Realismus« der kritische
-Idealismus gegeben hatte, ist geblieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_177"></a>[177]</span></p>
-
-<p>Die ungeheure Lücke, die Schillers Hinscheiden in Goethes
-geistige Existenz riß &ndash; er verlor mit ihm, wie er am 1. Juni
-1805 an Zelter schreibt, »die Hälfte seines Daseins«&nbsp;&ndash;, machte
-sich natürlich in philosophischer Hinsicht besonders fühlbar.
-Trotzdem ist seine Bemerkung in den Annalen von 1817, daß
-er sich seitdem »von aller Philosophie entfernt« habe, nicht
-buchstäblich aufzufassen. Gewiß, zahlreiche andere Interessen
-nehmen ihn wieder mehr als in dem stark philosophischen
-Jahrzehnt 1790 bis 1800 in Beschlag. Aber das philosophische
-Interesse verschwindet doch fortan nie völlig mehr. Ich habe
-an anderer Stelle<a id="FNanchor_30" href="#Footnote_30" class="fnanchor">[30]</a> &ndash; zum ersten Male in der Geschichte der
-Goethe-Literatur &ndash; Jahr für Jahr genau zusammengestellt,
-was an Goethes philosophischen Studien, Äußerungen und
-Beziehungen aus den 27 Jahren von Schillers Tod bis zu
-seinem eigenen Ende (1805 bis 1832) bezeugt ist, weil nur so
-ein begründetes, nicht phrasenhaft und ins Blaue hinein
-phantasierendes Urteil über seinen philosophischen Standpunkt
-in diesen Jahren zu gewinnen war. Allein ich will
-mich hier nicht wiederholen und schon der Kürze halber nur
-eine summarische Zusammenfassung der wichtigsten dort gewonnenen
-Ergebnisse geben.</p>
-
-<p>Goethe fährt auch in diesem Zeitraum fort, neue philosophische
-Erscheinungen von Belang zu lesen, studiert z. B.
-von 1807 bis 1809 für seine »Geschichte der Farbenlehre«
-zahlreiche ältere und neuere Philosophen an der Hand von
-Buhles (eines Göttinger Professors) »Philosophiegeschichte«
-und hebt in seiner Schrift, außer der berühmten vergleichenden
-Schilderung der beiden antiken Philosophenhäupter Plato
-und Aristoteles, namentlich die Bedeutung des lange verkannten
-mittelalterlichen Neuerers Roger Baco kräftig hervor.
-Er bildet sich ein selbständiges Urteil in dem von 1811
-bis 1813 währenden Philosophenstreit zwischen der Glaubensphilosophie
-seines alten Freundes Jacobi und dem damaligen
-Pantheismus des wandlungsfähigen <em class="gesperrt">Schelling</em>
-zugunsten des letzteren, wobei er sich zeitweise wieder von
-seiner alten Liebe Spinoza und von Giordano Bruno beeinflußt
-zeigt. Er steht in den Jahren 1815 bis 1819 in näheren<span class="pagenum"><a id="Page_178"></a>[178]</span>
-Beziehungen zu dem damals in Weimar lebenden jungen
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> und liest im letztgenannten Jahre dessen
-eben erschienene »Welt als Wille und Vorstellung«. Wobei
-sich jedoch, bei aller »wechselseitigen Belehrung«, die innere
-Verschiedenheit beider bald so stark bemerkbar macht, daß sie
-wie zwei Freunde, von denen »der eine nach Norden, der andere
-nach Süden will«, einander »schnell aus dem Gesicht«
-kommen. Über den inzwischen zu immer größerer Berühmtheit
-aufgestiegenen <em class="gesperrt">Hegel</em> hat er sich zu verschiedenen Zeiten
-verschieden, im ganzen aber doch mehr ablehnend als zustimmend
-ausgesprochen. Auch die Entwicklung der auswärtigen
-Philosophie, z. B. den Eklektizismus des Franzosen
-Viktor Cousin und die Nützlichkeitslehre des Engländers
-Bentham, verfolgt er mit Teilnahme.</p>
-
-<p>Die Vorarbeiten zu der höchst lesenswerten »Geschichte
-meines botanischen Studiums« führen ihn dann im Jahre
-1817 noch einmal zu erneutem <em class="gesperrt">Kant</em>-Studium zurück. Dem
-verdanken wir eine Reihe kleinerer, später unter seine Schriften
-»Zur Naturwissenschaft im allgemeinen« aufgenommene
-Aufsätze: »Einwirkung der neueren Philosophie«, »Anschauende
-Urteilskraft«, »Bedenken und Ergebung«, »Bildungstrieb«.
-Der erste gibt uns nächst einem anderen, »Glückliches
-Ereignis« betitelten, der seine Verbindung mit Schiller
-behandelt und später den Annalen von 1794 eingefügt wurde,
-die reichsten, in unserer Darstellung benutzten historischen
-Aufschlüsse. Der zweite gewährt das meiste systematische Interesse.
-Wir gewahren hier den Punkt, wo der Dichter und
-»Naturschauer« über die verstandesmäßige Erkenntnis des
-reflektierenden Philosophen zum »schauenden« Urteil des
-Künstlers hinstrebt.</p>
-
-<p>Allein Goethe hat nicht vergessen, was er der kritischen
-Philosophie verdankt. Gerade in seinem letzten Lebensjahrzehnt
-gedenkt er ihrer häufig mit dankbarer Wärme. Er betitelt
-den »Alten vom Königsberge« mit den lobendsten Ausdrücken
-wie: unser Meister, der köstliche Mann, unser herrlicher,
-unser vortrefflicher Kant. Wir wollen aus den von
-uns an anderer Stelle wiedergegebenen Zeugnissen über ihn
-nur die beiden letzten, aus seinem <em class="gesperrt">letzten</em> Lebensjahr stammenden
-anführen. Am 8. Juli 1831 gibt er in einem Brief an<span class="pagenum"><a id="Page_179"></a>[179]</span>
-den Musiker Zelter den Künstlern der Gegenwart den Rat,
-wenn anders sie sich »Natur und Naturell« bewahren wollten,
-zu Kant zurückzukehren und dessen Kritik der Urteilskraft zu
-studieren. Und am 18. September des gleichen Jahres zieht der
-mehr als Zweiundachtzigjährige in einem Brief an Staatsrat
-Schultz gleichsam die Summe dessen, was die Philosophie des
-klassischen deutschen Idealismus ihm gewesen, mit den Worten:
-»Ich danke der kritischen und idealistischen Philosophie,
-daß sie mich auf <em class="gesperrt">mich selbst</em> aufmerksam gemacht hat; das
-ist ein ungeheurer Gewinn.« Freilich vermißt er an ihr, an
-der »idealistischen« der Fichte, Schelling, Hegel wohl noch
-mehr als an der kritischen Kants, das unmittelbar anschauliche
-Ergreifen des <em class="gesperrt">Gegenstandes</em>: »Sie kommt aber
-nie zum Objekt; dieses müssen wir so gut wie der gemeine
-Menschenverstand zugeben, um vom unwandelbaren Verhältnis
-zu ihm die Freude des Lebens zu genießen.«</p>
-
-<p>Suchen wir uns nun, nach dieser langen geschichtlichen Entwicklung,
-in einem letzten Abschnitt in knapper Zusammenfassung
-klarzumachen, was von philosophischen Gedanken in
-Goethes Weltanschauung dauernd haften geblieben ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="goethe_e"><em class="antiqua">E.</em> Goethes Philosophie in seiner Reifezeit</h3>
-</div>
-
-<p>Bei Lessing und Herder, ja auch noch bei Schiller ließ sich
-ihre philosophische Weltanschauung in wenigen großen Zügen
-zusammenfassen; bei Goethe ist das nicht möglich. Selbst
-nicht, wenn wir &ndash; seine von uns bereits geschilderte frühere
-Entwicklung beiseite lassend &ndash; auf den reifen, auf den alten
-Goethe, auf den Dichter »in der Epoche seiner Vollendung«,
-wie Otto Harnack es in dem Titel seines gleichnamigen
-Buches ausgedrückt hat, uns beschränken. Dafür ist Goethe
-zu vielseitig, man möchte beinahe sagen: zu <em class="gesperrt">all</em>seitig.
-Außerdem hat er seine philosophischen Gedanken noch weniger
-als die anderen systematisch oder auch nur zusammenhängend
-entwickelt; sondern nur gelegentlich in Briefen, Gesprächen,
-Dichtungen, Tagebüchern und sonst hingeworfenen
-Gedanken, in zahllosen »Maximen und Reflexionen« ihnen
-Ausdruck gegeben. Wir können also mit unserem folgenden
-Versuch nur die allgemeine Richtung angeben, die seinen allgemein-philosophischen,<span class="pagenum"><a id="Page_180"></a>[180]</span>
-ethischen, politischen, religiösen, ästhetischen
-Anschauungen zugrunde liegt; und auch dies nur in
-groben Umrissen. Der aufmerksame Leser des Bisherigen
-wird sich danach hoffentlich doch ein einigermaßen anschauliches
-Bild von Goethes »Philosophie« machen können.</p>
-
-<p>1. Von dem, was uns heute als die unentbehrliche Grundlage
-jeder haltbaren Philosophie erscheint, von einer allem
-Darauflos-Philosophieren voraufgehenden eindringenden <em class="gesperrt">Erkenntniskritik</em>,
-ist bei ihm sehr wenig zu spüren.
-Philosophie ist für ihn <em class="gesperrt">nicht</em>, wie für Kant, in erster Linie
-<em class="gesperrt">Wissenschaft</em>, die auf das Faktum von Mathematik
-und mathematischer Naturwissenschaft sich gründet. Er steht
-vielmehr der ersteren gleichgültig, der letzteren, zumal in ihrer
-von den Zeitgenossen fast allgemein akzeptierten Verkörperung
-in Newtons Methode, sogar beinahe feindlich gegenüber. Das
-Zerlegen in Berechenbares und Meßbares, welches das Ziel
-der modernen Physik ist, widerstrebt seiner durchaus auf das
-Organische gerichteten, nicht dem Allgemeinen, sondern dem
-Einzelnen, nicht dem Sein, sondern dem Werden zugewandten
-Natur. Und wenn er auch durch Schiller, den Gundolf einmal
-den »Gesandten« aus dem »Reiche Kants« an Goethe
-nennt, für den idealistischen Grundgedanken von der Spontaneität,
-d. h. selbständigen Zeugungskraft des menschlichen
-Geistes, gewonnen wurde, so blieb doch sein Denken, vor allem
-in der äußeren Natur, aufs engste mit den Gegenständen verbunden,
-weshalb es denn auch unter seinem Beifall der
-Anthropologe Heinroth 1823 geradezu als »gegenständlich«
-bezeichnen konnte.</p>
-
-<p>Oder vielmehr, er sucht eine Verbindung zwischen beiden.
-In dem für die Kenntnis seiner philosophischen Methode besonders
-wichtigen, 1799 für die »Propyläen« verfaßten Aufsatz
-»<em class="gesperrt">Der Sammler und die Seinigen</em>« heißt es
-z. B. ganz idealistisch: »Es gibt keine Erfahrung, die nicht
-produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.« Selbst das Göttliche
-würden wir nicht kennen, »wenn es der Mensch nicht
-fühlte und selbst hervorbrächte«. Und in den »Sprüchen in
-Prosa« sagt er: »Suchet <em class="gesperrt">in</em> euch, so werdet ihr alles finden,
-und erfreuet euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen
-möget, eine Natur lieget, die ja und amen zu allem sagt,<span class="pagenum"><a id="Page_181"></a>[181]</span>
-was ihr in euch selbst gefunden habt.« Daher auch, nebenbei
-bemerkt, sein Spott gegen die »Philister«, die das »Innere
-der Natur« für ein undurchdringliches Geheimnis hielten.
-Rudolf Steiner in seinem Büchlein »Goethes Weltanschauung«
-will darin einen Gegensatz zum Kritizismus erblicken.
-Das Gegenteil ist der Fall. Vielmehr wendet sich gerade Kant
-in der »Kritik der reinen Vernunft« (2. Auflage, S.&nbsp;333&nbsp;f.)
-gleichfalls ausdrücklich gegen die »ganz unbilligen und unvernünftigen«
-Klagen mancher Leute, daß »wir das Innere
-der Dinge gar nicht einsehen«, und erklärt dazu: »Ins Innere
-der Natur dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen,
-und man kann nicht wissen, wieweit dieses mit
-der Zeit gehen werde.« Diesen vielsagenden Satz hat Goethe
-in seinem Handexemplar doppelt angestrichen: so daß vielleicht
-anzunehmen ist, daß er gerade durch ihn zu seinem
-»heiteren Reimstück« vom »Inneren der Natur« angeregt
-wurde. In gleichem Sinne erklärt er an einer anderen Stelle:
-»Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und
-der Welt Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt
-noch abgeschlossen.«</p>
-
-<p>Mit dieser Voraussetzung eines immer weiteren Vorwärtsdringens
-echter wissenschaftlicher Forschung ist die von Anfang
-an in Goethes Natur liegende, aber durch Kant in ihm
-bestärkte Neigung zu kritischer <em class="gesperrt">Selbstbescheidung</em>
-gegenüber dogmatischem Allwissenheitsdünkel durchaus vereinbar,
-wie sie sich vor allem in dem berühmten Spruche
-(Nr. 1019) ausprägt: »Das schönste Glück des denkenden
-Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche
-ruhig zu verehren.« Wozu man jedoch die beiden
-ihn umrahmenden Sprüche hinzunehmen muß: »Je weiter man
-in der Erfahrung fortrückt, desto näher kommt man dem Unerforschlichen;
-je mehr man die Erfahrung zu nutzen weiß,
-desto mehr sieht man, daß das Unerforschliche keinen praktischen
-Nutzen hat.« (1018.) Und andererseits: »Derjenige, der sich
-mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am
-nächsten.« (1020.) Auch dies letzte Wort ist gesund kritisch gedacht
-und durchaus nicht im Sinne skeptischen Verzichts auf
-die Wissenschaft aufzufassen. Oder gar im Sinne der Mystik.
-Denn wie wenig auch Goethe, schon als Dichter, geneigt ist,<span class="pagenum"><a id="Page_182"></a>[182]</span>
-das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, das »Wunder« in uns
-und der äußeren Natur einfach wegzuleugnen, so bedeutet es
-doch für ihn niemals ein Durchbrechen der Naturgesetze, sondern
-höchstens eine Grenze, bis zu der unser Erkennen hinanführt.</p>
-
-<p>Die eben zitierte Wendung vom »praktischen Nutzen« endlich,
-die sich in anderen Sprüchen zu allgemeineren Sätzen erweitert,
-wie: »Was <em class="gesperrt">fruchtbar</em> ist, ist wahr«, »Ich halte für
-wahr, was mich <em class="gesperrt">fördert</em>«, »Wir sind aufs <em class="gesperrt">Leben</em>, nicht
-auf die Betrachtung angewiesen«, scheinen freilich Goethe ganz
-in die Nähe des heutigen »Pragmatismus« eines James und
-Bergson oder, wenn man will, auch Nietzsches zu rücken.
-Allein dem stehen doch genug Aussprüche anderer Art gegenüber,
-wie der aus dem »Faust«, daß »<em class="gesperrt">Vernunft</em> und <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>«
-des Menschen »allerhöchste Kraft« darstellen,
-die beweisen, daß ihm der Geist über das Blut, das apollinisch-klare
-Element, um mit Nietzsche zu reden, über das dionysisch-trunkene
-geht. Wir bekennen uns, sagt er einmal, zu »dem
-Geschlecht, das aus dem Dunklen ins <em class="gesperrt">Helle</em> strebt«. Und derselbe
-Gundolf, der ihn eben jenem Pragmatismus annähern
-will, hat, wir sahen es S.&nbsp;<a href="#Page_167">167</a>, von seiner Läuterung aus
-dem <em class="gesperrt">Gefühls</em>-Goethe der jungen in den <em class="gesperrt">Gedanken</em>-Goethe
-der reiferen Jahre gesprochen, hat mit der Neigung
-zur Übertreibung, die sein geistvolles Werk kennzeichnet, erklärt,
-daß Goethe, »der Anlage nach einer der dunkel-drangvollsten,
-gefühlsüberschwenglichsten, widerrationalsten Menschen,
-sich zur Heilung in die intellektuelle Klarheit begab, sich
-zur vollkommensten <em class="gesperrt">Denkordnung</em> erzog und es fertig
-brachte, die ganze dunkle angeborene Tiefe seiner Lebensfülle
-in <em class="gesperrt">helle Begriffe</em>, Einsichten, Reflexionen, Maximen,
-Sentenzen heraufzuholen«, so daß er in ein ganz anderes geistiges
-»Klima« kam, das der »<em class="gesperrt">Ideale</em> und <em class="gesperrt">Grundsätze</em>«
-statt der »Qualen und Wonnen«. Diese größere »Helligkeit«
-der Begriffe hat ihm eben die Philosophie, hat ihm, wenn es
-Gundolf auch nicht Wort haben will, in erster Linie Kants
-Kritizismus gegeben; wie es sich auch einmal in Goethes
-Gelegenheitsäußerung zu dem jungen Schopenhauer widerspiegelt:
-»Wenn ich eine Seite im Kant lese, wird mir zumute,
-als träte ich in ein helles Zimmer.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_183"></a>[183]</span></p>
-
-<p>2. Die »Ideale und Grundsätze« führen uns auf ein anderes
-Gebiet: das der <em class="gesperrt">Ethik</em>. Auch hier läßt sich der Unterschied
-zwischen dem Prediger der Natur (Goethe) und denen
-der Freiheit, die zugleich sittliche Gebundenheit unter die
-Pflicht ist (Kant, Schiller), natürlich nicht verwischen. Wir
-erinnern an des ersteren entschiedene und fortdauernde Abneigung
-gegen den radikalen Hang zum Bösen, der dem
-Christentum und Kant zufolge in der Menschennatur unausrottbar
-liegen soll. Demgegenüber bekennt Goethe bis zum
-letzten Augenblick, und das denn doch wieder in Übereinstimmung
-mit Kant, im Gegensatz dagegen zu dem Nirwana
-des Buddhismus, der Maja der Brahminen und dem irdischen
-Jammertal des Christentums: »Wie es auch sei, das Leben,
-es ist <em class="gesperrt">gut</em>.« Goethe ist und bleibt überhaupt ein durchaus
-<em class="gesperrt">diesseitsfroher</em> Mensch.</p>
-
-<p>»Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt«, ist seine theoretische
-Weltansicht, und daraus entspringt unmittelbar sein
-praktischer Glaube: »Das Drüben kann mich wenig kümmern«;
-vielmehr:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Aus <em class="gesperrt">dieser</em> Erde quillen meine Freuden,</div>
- <div class="verse indent0">Und diese Sonne scheinet meinen Leiden.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsfragen ist seiner Meinung
-nach »für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer,
-die nichts zu tun haben. Ein tüchtiger Mensch, der
-schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt, und der dafür
-täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken hat, läßt die
-künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich in
-dieser.«</p>
-
-<p>Gewiß, Goethe verkörpert das sittliche Ideal am liebsten
-in weiblicher Gestalt: Iphigenie, Leonore, Natalie und anderen.
-Aber es muß doch jedem Unbefangenen auffallen, wie
-stark und häufig er sich, seit seiner Freundschaft mit Schiller,
-namentlich aber in seinen späteren Jahren, zu den großen
-Grundgedanken von Kants Ethik bekannt hat. So zu dem
-<em class="gesperrt">Pflicht</em>begriff: »Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch
-als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan« (Spruch 44),
-zum <em class="gesperrt">kategorischen Imperativ</em>, der in der Naturforschung
-ebenso am Platze sei wie im Sittlichen (915), zur
-Anerkennung des <em class="gesperrt">guten Willens</em> als »Hauptfundaments<span class="pagenum"><a id="Page_184"></a>[184]</span>
-des Sittlichen«. Und vor allem auch zum Gedanken der
-sittlichen <em class="gesperrt">Autonomie</em> (Selbstgesetzgebung): Pflicht ist, »wo
-man liebt, was man <em class="gesperrt">sich selbst</em> befiehlt« (565). Denn</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Das selbständige Gewissen</div>
- <div class="verse indent0">Ist Sonne deinem Sittentag«,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>das <em class="gesperrt">Gewissen</em>, »das keines Ahnherrn bedarf«, mit dem
-»alles gegeben ist«, das »nur mit der inneren eigenen Welt
-zu tun hat«.</p>
-
-<p>Sicherlich, die Motive sind vielfach bei Kant und Goethe,
-ihrer völlig entgegengesetzten Naturanlage entsprechend, sehr
-verschieden, und die methodische Begründung fehlt bei dem
-Dichter-Denker durchaus. Aber in ihrem Ergebnis kommen
-sie doch, wie man sieht, mannigfach überein.</p>
-
-<p>3. Das stimmt denn auch bis zu einem gewissen Grade für
-ihre <em class="gesperrt">Religions</em>auffassung. Gewiß sind auch hier grundlegende
-Unterschiede, ja Gegensätze vorhanden. Goethes vielseitigem
-Wesen entspricht es recht, wenn er sie auf einem
-Zettel seines Nachlasses einmal in die Worte kleidet: »Wir
-sind naturforschend <em class="gesperrt">Pan</em>theisten, dichtend <em class="gesperrt">Poly</em>theisten,
-sittlich <em class="gesperrt">Mono</em>theisten.« Von Spinoza her, aber auch aus
-seinem innersten Gefühl heraus hat er sich auch später gegen
-einen Gott gewehrt, der nur »von außen stieße, das All im
-Kreis am Finger laufen ließe«. <em class="gesperrt">Sein</em> Gott lebte und webte
-<em class="gesperrt">in</em> der Natur, war schließlich nichts anderes als deren geistiger
-Inbegriff. Aber daneben ist ihm doch die Gottheit auch
-Verkörperung der höchsten Sittlichkeit. In seinem Handexemplar
-der »Kritik der Urteilskraft« schreibt er zu einer
-Stelle des §&nbsp;86, wo ihr Verfasser den Gottesglauben rein auf
-die Moral baut, ein <em class="antiqua">optime</em> (»sehr gut!«) an den Rand, und
-wenige Seiten später: »Gefühl von Menschenwürde« objektiviert
-(zum Gegenstand gemacht) = Gott.</p>
-
-<p>Im übrigen hat er in »Wilhelm Meisters Wanderjahren«
-das schöne Wort von den drei Stufen der <em class="gesperrt">Ehrfurcht</em> gesprochen:
-der Ehrfurcht vor dem <em class="gesperrt">über</em> uns, vor dem <em class="gesperrt">unter</em>
-uns und vor uns selbst, also vor dem <em class="gesperrt">in</em> uns. In jenem Wort
-von der ruhigen Verehrung des »Unerforschlichen« sprach sich
-die erste Ehrfurcht aus; mit ihr verwandt ist auch das Gefühl
-dankbarer Hingabe in den bekannten Zeilen des Vierundsiebzigjährigen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_185"></a>[185]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»In unseres Busens Reine wogt ein Streben</div>
- <div class="verse indent0">Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten</div>
- <div class="verse indent0">Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Aber die höchste Art der Ehrfurcht ist ihm doch eben die vor
-dem Göttlichen <em class="gesperrt">in</em> uns selbst. Und darum ist auch der Grundgedanke
-seiner größten Dichtung, des <em class="gesperrt">Faust</em>, ganz Kant
-und Schillers Denkart entsprechend, der der <em class="gesperrt">Selbsterlösung</em>:
-der Erlösung nicht durch irgendeine von außen kommende
-Gnade, sondern durch die eigene Tat: sei es die Tat
-des Gedankens (»Wer immer strebend sich bemüht&nbsp;…«), sei
-es die des tätigen Wirkens für andere, womit der alte Faust
-sein Leben beschließt. Und ebenso in der Iphigenie: »Alle
-menschlichen Gebrechen Sühnet reine Menschlichkeit.«</p>
-
-<p>4. Obwohl Goethe als einziger unter unseren vier Klassikern
-jahrzehntelang, offiziell oder inoffiziell, ein höheres Staatsamt
-bekleidet hat, ist gerade sein Wesen im Grunde doch <em class="gesperrt">unpolitisch</em>.
-Das tritt schon in der in der Hauptsache lyrischen
-Art seiner Dichtkunst und vielleicht noch mehr in seinen historischen
-Dramen wie »Götz« und »Egmont« hervor, die zwar
-vielerlei politischen Stoff enthalten, aber letzten Endes doch
-unpolitischen Charakter tragen. Auch in der <em class="gesperrt">Geschichte</em> ist
-ihm das Individuelle und Biographische interessanter als das
-Politische und Kulturgeschichtliche. Die größten politischen
-Ereignisse seiner Zeit: die große Revolution von 1789, die
-Knechtung Europas durch Napoleon und die Wiederbefreiung
-von ihm haben ihn verhältnismäßig kalt gelassen. Auffallend
-ist insbesondere, wie wenig die weltgeschichtliche <em class="gesperrt">Französische
-Revolution</em>, im Vergleich mit Kant, Schiller,
-aber auch dem ihm in der historischen Anschauung sonst
-wesensverwandteren Herder (vergl. S.&nbsp;<a href="#Page_92">92</a>) ihn innerlich gepackt
-hat. Denn sein vielzitiertes Wort gelegentlich der Kanonade
-von Valmy, daß mit diesem Tage eine neue Epoche der
-Weltgeschichte beginne, oder der sechste Gesang von Hermann
-und Dorothea können doch nicht entschuldigen, daß ein so
-weltbewegendes Ereignis ihn nur zu so kläglichen dichterischen
-Erzeugnissen wie »Der Großkophta«, »Die Aufgeregten«
-und »Der Bürgergeneral« veranlassen konnte. Im Grunde ist
-er eben in politischen Dingen eine durchaus <em class="gesperrt">konservative</em>
-Natur, wenn auch natürlich nicht im landläufigen Sinne<span class="pagenum"><a id="Page_186"></a>[186]</span>
-geistigen Rückschritts, sondern etwa im Sinne eines aufgeklärten
-Absolutismus gewesen. Politische Zielsetzungen, Forderungen,
-»Lockrufe« (Gundolf) wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
-oder auch Patriotismus, Befreiungskampf, haben
-für ihn, den im wesentlichen bloß Betrachtenden, keine Schlagkraft
-besessen. Unordnung erscheint ihm unerträglicher als
-selbst Ungerechtigkeit. Die politische Geschichte hat er gelegentlich
-als einen bloßen »Mischmasch von Irrtum und Gewalt«
-bezeichnet. Die große Revolution seiner Tage hatte in seinen
-Augen nur den Nachteil, gleich der religiösen des sechzehnten
-Jahrhunderts: »ruhige Bildung zurückzudrängen«.</p>
-
-<p>Über sein <em class="gesperrt">Weltbürgertum</em> brauchen wir uns nicht
-weiter zu verbreiten. Das ist ihm mit Lessing, Herder und
-Schiller gemein. Dagegen hat man ihn neuerdings wohl mit
-Bezug auf die »Pädagogische Provinz« in »Wilhelm Meisters
-Wanderjahren« zum <em class="gesperrt">Sozialisten</em> machen wollen.
-Diese seine <em class="gesperrt">pädagogisch-soziale Utopie</em>, etwas seinem
-sonstigen auf die unmittelbare Wirklichkeit gerichteten
-Wesen ganz Widerstrebendes, erinnert ihrer Gattung nach
-vielleicht am ehesten an Platos »Staat«, ist aber weit unlebendiger,
-schemenhafter und nüchterner als dieser. Im
-Grunde ist sie wohl, ähnlich wie Hegels gleichzeitige Staatsphilosophie,
-eine Mahnung an die in fast reinem Individualismus
-aufgehende Zeit, sich des Gemeinschaftlichen zu erinnern,
-wie er schon in dem bekannten Distichon von 1797 gemahnt
-hatte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes</div>
- <div class="verse indent0">Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Jeder soll sich in <em class="gesperrt">einem</em> Fache, am besten in einem Handwerk,
-aufs beste ausbilden, das gibt »höhere Bildung als
-Halbheit im Hundertfältigen«; und dann warten, welche Stelle
-im Gemeinleben ihm zugeteilt wird. Die Leitung seiner in
-letzter Linie zu einem »Weltbund« sich zusammenschließenden
-idealen Gesellschaft sollen, ähnlich wie bei Plato, weitschauende,
-das Ganze der gesellschaftlichen Zusammenhänge überblickende,
-über Sonderwünsche und -interessen erhabene Greise haben.
-Schon der Nebentitel »Die Entsagenden« zeigt das Unfrische,
-Resignierende des Entwurfs. Von wirtschaftlichen Grundlagen<span class="pagenum"><a id="Page_187"></a>[187]</span>
-des neuen Gemeinwesens ist keine Rede, nur von Religion
-und Sitte, Obrigkeit und Polizei wird einiges gesagt.</p>
-
-<p>Die Hauptsache ist die <em class="gesperrt">Erziehung</em>, die in einer großen
-Anstalt gemeinschaftlich stattfindet, damit der Knabe frühzeitig
-»selbstische Vereinzelung« aufgebe. Auf körperliche Ausbildung
-und praktische Arbeit wird großer Wert gelegt, der
-ganze Unterricht auf Anschauung gegründet, auch die Sprachen
-lebendig-praktisch übermittelt, alles tote Wortwissen vermieden;
-Willkür und Laune übrigens nicht geduldet. Das
-eigentliche Leitmotiv des »Weltbundes« ist Gemeinnützigkeit,
-»trachte jeder überall sich und anderen zu nützen« sein Wahlspruch.
-Nur nach dem, was einer leistet, wird gefragt, jeder
-Standesunterschied soll aufgehoben sein. Alles, auch das
-äußere Milieu: Landschaft, Wohnung, Kleidung, Gerät wird
-von oben herab bestimmt. Interessant ist das Voraussehen
-eines wesentlich sozialen, technischen und werktätigen Zeitalters.</p>
-
-<p>Daß Goethe auch in seinen jüngeren Jahren nicht ohne soziales
-Empfinden war, zeigt eine noch wenig bekannte Stelle
-aus einem Briefe vom März 1779 an Frau von Stein, wo er
-klagt, er komme in der Arbeit an seinem Humanitäts-Drama,
-der »Iphigenie«, nicht recht vorwärts, weil ihn dabei beständig
-die Gedanken an die &ndash; hungernden Weber in Apolda störten.
-Ebendahin gehört ja auch das: »Wer nie sein Brot mit Tränen
-aß« und, in anderem Zusammenhang, das: »Vom Rechte,
-das mit uns geboren, von dem ist leider nie die Frage.« So
-finden wir auch in dem Plane der »Wanderjahre« nicht bloß,
-wie es bei einem Goethe selbstverständlich, allerlei anregende,
-sondern auch sozialistische Gedanken, die er zum Teil mit dem
-gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich gemein hat.
-Aber als Ganzes wirkt doch die in Romanform weitläufig, oft
-bis ins Pedantische ausgeführte Utopie schemenhaft und weltabgewandt,
-daher auf die Dauer &ndash; langweilig. Wäre nicht
-Goethe der Verfasser, man würde sie nicht lesen. An eine praktische
-Wirkung des Romans, den er übrigens erst in seinem
-achtzigsten Lebensjahr vollendete, hat der Dichter ohnehin
-nicht gedacht; er läßt zum Schlusse die Mitglieder seiner Gesellschaft,
-des zähen Schlendrians in der Alten Welt müde,
-zur Fortsetzung ihrer Arbeit &ndash; nach Amerika auswandern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_188"></a>[188]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wir</em> erblicken das sozialistische Ideal, wenn wir es denn
-einmal mit Goethe in inneren Zusammenhang bringen wollen,
-viel schöner formuliert in den letzten Worten des sterbenden
-Faust:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Eröffn' ich Räume vielen Millionen,</div>
- <div class="verse indent0">Nicht sicher zwar, doch <em class="gesperrt">tätig frei</em> zu wohnen</div>
- <div class="verse indent0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,</div>
- <div class="verse indent0">Auf <em class="gesperrt">freiem Grund</em> mit <em class="gesperrt">freiem Volke</em> stehn.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>5. Das oberste und eigenste Gebiet ist und bleibt indes für
-Goethe doch schließlich die <em class="gesperrt">Kunst</em>. Auch hier hat er &ndash; von
-einzelnem zu sprechen, ist nicht der Raum vorhanden &ndash; je
-länger je mehr der <em class="gesperrt">Philosophie</em> die Ehre gegeben, die
-ihr gebührt. »Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar
-streiten will, der sollte einige Ahnung haben von dem, was
-die Philosophie in unseren Tagen geleistet hat und zu leisten
-fortfährt.« (Spruch 704.) Auch hier hat sich sein philosophisches
-Denken letzten Endes zu dem schöpferischen Idealismus
-des selbsterzeugenden menschlichen Geistes bekannt: »Kein Porträt
-kann etwas taugen, als wenn es der Maler im eigentlichen
-Sinne erschafft« (Der Sammler). Und verallgemeinert: »Es
-gibt einen allgemeinen Punkt, aus welchem alle ihre (der
-Kunst) Gesetze ausfließen: das menschliche Gemüt.« »Die
-Kunst ist nur <em class="gesperrt">durch</em> den Menschen und für ihn.«</p>
-
-<p>Die Kunst und ihr philosophischer Ausdruck, die Ästhetik,
-bildet aber nur ein für sich bestehendes Gebiet des menschlichen
-Bewußtseins neben Natur und Sittlichkeit: gleich diesen
-in letzter Linie der Gesetzgebung des Menschen untergeordnet,
-der überall, »wo er bedeutend auftritt« &ndash; in Wissenschaft
-und Staat, Sittlichkeit, Kunst und Religion&nbsp;&ndash;, »gesetzgebend
-sich verhält«. Diese Gesetze aufzusuchen ist die Aufgabe
-der <em class="gesperrt">Philosophie</em>; und insofern er sich darum sein
-Leben lang bemüht, hat auch Wolfgang Goethe seinen Anteil
-zur deutschen Philosophie beigetragen. So gehört auch er &ndash;
-neben Lessing, Herder und Schiller &ndash; als vierter und letzter,
-aber mit nicht minderem Recht als sie, in die Reihe</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">unserer Klassiker-Philosophen</em>.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_189"></a>[189]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Zur_Literatur">Anhang</h2>
-
-<p class="h2">Zur Literatur</p>
-</div>
-
-<p>Es wäre unangebracht, unseren Lesern an dieser Stelle eine möglichst
-vollständige Zusammenstellung aller Schriften, die über die
-philosophischen Anschauungen unserer Dichter-Klassiker oder irgendeine
-Seite derselben handeln, zu geben. Wir verweisen diejenigen,
-die sich dafür interessieren, auf den bibliographischen Anhang zu
-<em class="gesperrt">Ueberwegs</em> »Grundriß der Geschichte der Philosophie«, 3. Band,
-dessen neueste (11.) Auflage (besorgt von Professor M. Frischeisen-Köhler,
-Berlin 1914) allein über Lessing nicht weniger als 52
-Schriftentitel anführt. Der Leser würde dabei nur vor einem Heere
-von Namen und Titeln stehen, mit denen er wenig anzufangen
-wüßte. Wir beschränken uns vielmehr im folgenden auf eine Angabe
-derjenigen literarischen Hilfsmittel, die wir für die wichtigsten
-und förderndsten halten.</p>
-
-<p>Von den allgemeinen literaturgeschichtlichen Darstellungen halten
-wir noch immer für eine der besten Hermann <em class="gesperrt">Hettners</em> »Literaturgeschichte
-des achtzehnten Jahrhunderts«, 3. Teil; daneben
-ist, namentlich für Lessing, auch des alten Gervinus »Geschichte der
-deutschen Dichtung« (1842) noch sehr brauchbar.</p>
-
-<p>Über <em class="gesperrt">Lessing</em> besitzen wir, nachdem die beiden früh verstorbenen
-Danzel und Guhrauer mit einer für ihre Zeit (1850 bezw.
-1854) sehr verdienstlichen Darstellung vorangegangen waren, seit
-1884 eine vorläufig abschließende biographische Darstellung in dem
-zweibändigen Werke von <em class="gesperrt">Erich Schmidt</em> »Lessing. Geschichte seines
-Lebens und seiner Schriften«, 3. Auflage 1909, die freilich gerade
-philosophisch nicht ausreicht. Eine gute Ergänzung dazu bietet
-die knappe, aber bedeutende Darstellung, die <em class="gesperrt">Wilhelm Dilthey</em>
-1867 in den »Preußischen Jahrbüchern« gab, und die erweitert seit
-1905 in Diltheys »Das Erlebnis und die Dichtung« (4. Auflage
-1912) aufgenommen ist. Die eindringendste Monographie über »Lessing
-als Philosoph« hat bis jetzt Christoph <em class="gesperrt">Schrempf</em>, der eigenartige
-schwäbische Theologe und Philosoph, in Band 19 von Frommanns
-»Klassikern der Philosophie« (Stuttgart 1905) geliefert. Vom
-marxistischen Standpunkt aus hat <em class="gesperrt">Franz Mehring</em> ein umfassendes
-Gemälde der Zeit Friedrichs des Großen und Lessings
-gegeben in seiner »<em class="gesperrt">Lessing-Legende</em>« (Stuttgart 1922, Dietz,
-8. Auflage), in der Lessing als der literarische Wortführer des aufstrebenden
-Bürgertums gezeichnet wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_190"></a>[190]</span></p>
-
-<p>Für <em class="gesperrt">Herder</em> hat eine hervorragende große und grundlegende
-Gesamtdarstellung in zwei mächtigen Lexikonbänden von zusammen
-über 1600 Seiten <em class="gesperrt">Rudolf Haym</em>, »Herder nach seinem Leben
-und seinem Wirken« (Berlin 1880 bis 1882), geliefert. Eine knappere,
-darum vielen unserer Leser vielleicht willkommenere Darstellung
-in einem immerhin noch starken Bande gibt <em class="gesperrt">Eugen Kühnemanns</em>
-»Herder« (zweite, neu bearbeitete Auflage, München 1912,
-O. Beck): geistreich, freilich auch stark subjektiv, das Seelische stark
-herausholend. Eine noch kürzere Sonderdarstellung von »Herder
-als Philosoph«, an Umfang der Schrempfschen von Lessing entsprechend,
-enthält die Arbeit des österreichischen Gelehrten C. <em class="gesperrt">Siegel</em>
-(Stuttgart 1907, Cotta), sorgfältig und klar, freilich auch etwas
-trocken. In unserem Text haben wir außerdem auf das eigenartige
-Buch von Günther <em class="gesperrt">Jacoby</em> »Herder als Faust« (Leipzig 1911)
-hingewiesen, der auch den letzten Kampf Herders gegen Kant und
-beider Begründung der Ästhetik in besonderen Schriften behandelt
-hat.</p>
-
-<p>Über <em class="gesperrt">Schiller</em> liegt eine große Biographie, die auch philosophisch
-völlig befriedigte, nicht vor. Die kürzere von E. <em class="gesperrt">Kühnemann</em>
-(München 1906) steht in dieser Beziehung hinter seiner
-eben genannten Herder-Biographie zurück. Tiefer philosophisch geht
-seine kleinere Schrift »Kants und Schillers Begründung der Ästhetik
-1895«. Aus der Masse der bei Ueberweg (11. Auflage 1914)
-S.&nbsp;105 bis 107 zitierten Arbeiten über Schillers Philosophie ragen
-hervor: <em class="gesperrt">Kuno Fischer</em>, Schiller als Philosoph, 1858, 2. Auflage,
-Heidelberg 1892; <em class="gesperrt">K. Tomaschek</em>, Schiller in seinem Verhältnis
-zur Wissenschaft, Wien 1862; <em class="gesperrt">F. A. Lange</em>, Einleitung und Kommentar
-zu Schillers philosophischen Gedichten, aus dem Nachlaß
-herausgegeben von O. A. Ellissen, Leipzig 1897. Ferner das Festheft
-der Kant-Studien: »Schiller als Philosoph und seine Beziehungen
-zu Kant«, Berlin 1905; <em class="gesperrt">Karl Vorländer</em>, Kant &ndash; Schiller &ndash;
-Goethe, 1. Teil, Leipzig 1907, 2. Auflage 1922.</p>
-
-<p>Mit <em class="gesperrt">Goethe</em> als Philosoph hat man sich eingehender erst viel
-später zu beschäftigen begonnen. Früher wurde er in der Regel bloß
-als <em class="gesperrt">Spinozist</em> betrachtet (z. B. von Danzel, »Über Goethes Spinozismus«,
-Hamburg 1843). Erst ich selber habe seit 1897 in verschiedenen,
-später erweiterten und zu meinem ebengenannten Buche
-»Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe«, 2. Teil zusammengefaßten, Aufsätzen
-auf den nachhaltigen Einfluß Kant-Schillers auf den reifen Goethe
-(von 1790 an) hingewiesen. Siebecks Monographie »Goethe als
-Denker« (Stuttgart 1902) dringt nicht tief; Christoph Schrempf ist
-über »den jungen Goethe« (Stuttgart 1908) nicht hinausgekommen.
-Manche wertvolle Einzelbeiträge sind natürlich auch in der langen<span class="pagenum"><a id="Page_191"></a>[191]</span>
-Reihe der von der »Goethe-Gesellschaft« (Weimar) herausgegebenen
-»Jahrbücher« enthalten. So hat, wie ich selbst einst auf Wunsch
-des Herausgebers in dem von 1898 eine kurze zusammenfassende
-Darstellung von »Goethe und Kant« gab, in dem neuesten (1922)
-der kürzlich aus dem Leben geschiedene Otto Braun einen Aufsatz
-»Goethe und Schelling« veröffentlicht, der allerdings nichts wesentlich
-Neues bringt. Ein anderer (W. Hertz) sucht ebendort wahrscheinlich
-zu machen, daß der übermütige Baccalaureus im zweiten Teil
-des »Faust« nicht auf den jungen Fichte, sondern auf den jungen
-Schopenhauer gehe. Ein dritter (Hartung) behandelt das interessante
-Thema »Goethe als Staatsmann«, O. Marcuse »Goethe als
-Rechtsbildner«. Von den großen allgemeinen Darstellungen sind
-philosophisch am wertvollsten diejenigen Chamberlains und namentlich
-<em class="gesperrt">Gundolfs</em> (Goethe, 1916). Als gut unterrichtende Einführung
-ist auch die Einleitung <em class="gesperrt">Heynachers</em> in seiner Ausgabe
-(s. unten) zu empfehlen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Philosophische Bibliothek</em> (Leipzig, Verlag F. Meiner)
-hat sich das Verdienst erworben, die wichtigsten philosophischen
-Stücke aller von uns behandelten vier Klassiker in guten <em class="gesperrt">Auswahl-Ausgaben</em>
-mit Einleitungen der Herausgeber zu veröffentlichen.
-So: <em class="gesperrt">Lessings</em> Philosophie von P. <em class="gesperrt">Lorentz</em>, 1909,
-Herders Philosophie von Horst <em class="gesperrt">Stephan</em>, 1906, <em class="gesperrt">Schillers</em>
-Philosophische Schriften und Gedichte von E. Kühnemann, 2. Auflage
-1909, <em class="gesperrt">Goethes</em> Philosophie aus seinen Werken von M. <em class="gesperrt">Heynacher</em>,
-2. Auflage 1922.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_192"></a>[192]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Namenverzeichnis">Namenverzeichnis</h2>
-</div>
-
-<ul class="index">
-<li class="ifrst">Abel <a href="#Page_99">99</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Amalrich von Bene <a href="#Page_44">44</a>.</li>
-
-<li class="indx">Aristoteles <a href="#Page_14">14</a>, <a href="#Page_23">23</a>, <a href="#Page_24">24</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_175">175</a>, <a href="#Page_177">177</a>.</li>
-
-<li class="indx">Augustenburg, Herzog von <a href="#Page_108">108</a>, <a href="#Page_110">110</a>, <a href="#Page_140">140</a>, <a href="#Page_143">143</a>.</li>
-
-<li class="indx">Augustin <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Baco, Roger <a href="#Page_177">177</a>.</li>
-
-<li class="indx">Bartels <a href="#Page_40">40</a>.</li>
-
-<li class="indx">Batteux <a href="#Page_14">14</a>.</li>
-
-<li class="indx">Baumgarten <a href="#Page_17">17</a>&nbsp;f., <a href="#Page_66">66</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Bayle <a href="#Page_5">5</a>&nbsp;f., <a href="#Page_152">152</a>, <a href="#Page_156">156</a>.</li>
-
-<li class="indx">Beethoven <a href="#Page_103">103</a>, <a href="#Page_148">148</a>.</li>
-
-<li class="indx">Berengar <a href="#Page_26">26</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Bergson <a href="#Page_182">182</a>.</li>
-
-<li class="indx">Bismarck <a href="#Page_46">46</a>.</li>
-
-<li class="indx">Blumenbach <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li class="indx">Bodin <a href="#Page_52">52</a>.</li>
-
-<li class="indx">Bodmer <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_19">19</a>.</li>
-
-<li class="indx">Boerhave <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li class="indx">Braun, O. <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Breitinger <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_19">19</a>.</li>
-
-<li class="indx">Brockes <a href="#Page_15">15</a>.</li>
-
-<li class="indx">Bruno <a href="#Page_154">154</a>&nbsp;f., <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_177">177</a>.</li>
-
-<li class="indx">Brutus <a href="#Page_46">46</a>.</li>
-
-<li class="indx">Buhle <a href="#Page_177">177</a>.</li>
-
-<li class="indx">Burke <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_15">15</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Campanella <a href="#Page_169">169</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Cardano <a href="#Page_8">8</a>.</li>
-
-<li class="indx">Cassirer, E. <a href="#Page_165">165</a>.</li>
-
-<li class="indx">Chamberlain, H. St. <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Christ <a href="#Page_6">6</a>.</li>
-
-<li class="indx">Christus s. Jesus.</li>
-
-<li class="indx">Claudius, Matthias <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_90">90</a>.</li>
-
-<li class="indx">Cochläus <a href="#Page_8">8</a>.</li>
-
-<li class="indx">Comte <a href="#Page_23">23</a>.</li>
-
-<li class="indx">Condillac <a href="#Page_71">71</a>.</li>
-
-<li class="indx">Crusius <a href="#Page_67">67</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Danzel <a href="#Page_189">189</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Darwin <a href="#Page_79">79</a>.</li>
-
-<li class="indx">Demokrit <a href="#Page_viii">VIII</a>&nbsp;.</li>
-
-<li class="indx">Descartes <a href="#Page_58">58</a>, <a href="#Page_158">158</a>.</li>
-
-<li class="indx">Devrient <a href="#Page_25">25</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Diderot <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_14">14</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_153">153</a>.</li>
-
-<li class="indx">Dilthey, <a href="#Page_20">20</a>, <a href="#Page_22">22</a>, <a href="#Page_23">23</a>, <a href="#Page_41">41</a>, <a href="#Page_189">189</a>.</li>
-
-<li class="indx">Drako <a href="#Page_121">121</a>.</li>
-
-<li class="indx">Dubos <a href="#Page_14">14</a>.</li>
-
-<li class="indx">Dühring <a href="#Page_40">40</a>.</li>
-
-<li class="indx">Dürer <a href="#Page_19">19</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Eberhard <a href="#Page_27">27</a>.</li>
-
-<li class="indx">Eckermann <a href="#Page_154">154</a>, <a href="#Page_164">164</a>.</li>
-
-<li class="indx">Eckhart <a href="#Page_39">39</a>.</li>
-
-<li class="indx">Ellissen <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Engels <a href="#Page_88">88</a>.</li>
-
-<li class="indx">Epiktet <a href="#Page_152">152</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Erhard <a href="#Page_145">145</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Ferguson <a href="#Page_101">101</a>.</li>
-
-<li class="indx">Fichte <a href="#Page_62">62</a>, <a href="#Page_113">113</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_172">172</a>, <a href="#Page_174">174</a>, <a href="#Page_175">175</a>, <a href="#Page_179">179</a>.</li>
-
-<li class="indx">Fischenich <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li class="indx">Fischer, Kuno <a href="#Page_115">115</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Forster <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li class="indx">Friedrich II. <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_47">47</a>&nbsp;f., <a href="#Page_129">129</a>.</li>
-
-<li class="indx">Frischeisen-Köhler <a href="#Page_189">189</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Garve <a href="#Page_153">153</a>.</li>
-
-<li class="indx">Gervinus <a href="#Page_21">21</a>&nbsp;f., <a href="#Page_62">62</a>, <a href="#Page_189">189</a>.</li>
-
-<li class="indx">Geßner <a href="#Page_15">15</a>.</li>
-
-<li class="indx">Gleim <a href="#Page_49">49</a>.</li>
-
-<li class="indx"><em class="gesperrt">Goethe</em> <a href="#Page_iii">III</a>&nbsp;, <a href="#Page_vii">VII</a>&nbsp;&nbsp;f., <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_14">14</a>, <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_19">19</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_24">24</a>, <a href="#Page_40">40</a>, <a href="#Page_41">41</a>, <a href="#Page_48">48</a>, <a href="#Page_50">50</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_57">57</a>&nbsp;f., <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_61">61</a>&nbsp;f., <a href="#Page_65">65</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_73">73</a>&nbsp;f., <a href="#Page_76">76</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_82">82</a>, <a href="#Page_84">84</a>&nbsp;f., <a href="#Page_89">89</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_104">104</a>, <a href="#Page_110">110</a>&nbsp;f., <a href="#Page_112">112</a>, <a href="#Page_115">115</a>&nbsp;f., <a href="#Page_119">119</a>, <a href="#Page_124">124</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_133">133</a>, <a href="#Page_139">139</a>, <a href="#Page_142">142</a>, <a href="#Page_148">148</a>, <b>149&ndash;188</b>, <a href="#Page_190">190</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Goeze <a href="#Page_31">31</a>, <a href="#Page_34">34</a>&nbsp;ff.</li>
-
-<li class="indx">Gottschedianer <a href="#Page_22">22</a>.</li>
-
-<li class="indx">Guhrauer <a href="#Page_189">189</a>.</li>
-
-<li class="indx">Gundolf <a href="#Page_157">157</a>, <a href="#Page_160">160</a>, <a href="#Page_167">167</a>, <a href="#Page_180">180</a>, <a href="#Page_182">182</a>, <a href="#Page_186">186</a>, <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Haller, A. von <a href="#Page_9">9</a>, <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_19">19</a>, <a href="#Page_75">75</a>, <a href="#Page_101">101</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hamann <a href="#Page_57">57</a>, <a href="#Page_68">68</a>&nbsp;f., <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_75">75</a>&nbsp;f., <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_87">87</a>, <a href="#Page_93">93</a>, <a href="#Page_165">165</a>.</li>
-
-<li class="indx">Harnack, O. <a href="#Page_179">179</a>.</li>
-
-<li class="indx">Harris <a href="#Page_14">14</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hartung <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hauptmann <a href="#Page_25">25</a>.</li>
-
-<li class="indx">Haym <a href="#Page_66">66</a>, <a href="#Page_84">84</a>, <a href="#Page_94">94</a> Anm., <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hegel <a href="#Page_87">87</a>, <a href="#Page_95">95</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_175">175</a>&nbsp;f., <a href="#Page_178">178</a>&nbsp;f., <a href="#Page_186">186</a>.</li>
-
-<li class="indx">Heine, H. <a href="#Page_144">144</a>.</li>
-
-<li class="indx">Heinrich <a href="#Page_106">106</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Heinroth <a href="#Page_180">180</a>.</li>
-
-<li class="indx">Heinse <a href="#Page_16">16</a>.</li>
-
-<li class="indx">Henzi <a href="#Page_46">46</a>.</li>
-
-<li class="indx">Heraklit <a href="#Page_60">60</a>, <a href="#Page_79">79</a>.</li>
-
-<li class="indx"><em class="gesperrt">Herder</em> <a href="#Page_vii">VII</a>&nbsp;&nbsp;f., <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_20">20</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_60">60</a>, <b>65</b> bis <b>96</b>, <a href="#Page_99">99</a>, <a href="#Page_113">113</a>, <a href="#Page_120">120</a>, <a href="#Page_124">124</a>, <a href="#Page_126">126</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_151">151</a>, <a href="#Page_158">158</a>, <b>161</b>&nbsp;ff., <a href="#Page_171">171</a>&nbsp;f., <a href="#Page_176">176</a>, <a href="#Page_185">185</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Herder, Karoline <a href="#Page_69">69</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_72">72</a>, <a href="#Page_90">90</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Hettner <a href="#Page_137">137</a>, <a href="#Page_189">189</a>.</li>
-
-<li class="indx">Heynacher <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hieronymus <a href="#Page_33">33</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hohenheim, Franziska von <a href="#Page_100">100</a>.</li>
-
-<li class="indx">Holbein <a href="#Page_19">19</a>.</li>
-
-<li class="indx">Home <a href="#Page_15">15</a>.</li>
-
-<li class="indx">Homer <a href="#Page_18">18</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_104">104</a>, <a href="#Page_133">133</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hoven von <a href="#Page_141">141</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Humboldt, Alexander von <a href="#Page_175">175</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Humboldt, Wilhelm von <a href="#Page_72">72</a>, <a href="#Page_142">142</a>, <a href="#Page_175">175</a>&nbsp;f.<span class="pagenum"><a id="Page_193"></a>[193]</span></li>
-
-<li class="indx">Hume <a href="#Page_67">67</a>.</li>
-
-<li class="indx">Hutcheson <a href="#Page_14">14</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Jacobi, F. H. <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_57">57</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_89">89</a>&nbsp;f., <a href="#Page_156">156</a>, <a href="#Page_161">161</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_174">174</a>, <a href="#Page_176">176</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Jacoby, G. <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_94">94</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">James <a href="#Page_182">182</a>.</li>
-
-<li class="indx">Jean Paul <a href="#Page_93">93</a>.</li>
-
-<li class="indx">Jerusalem <a href="#Page_56">56</a>.</li>
-
-<li class="indx">Jesus <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_32">32</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_43">43</a>, <a href="#Page_85">85</a>, <a href="#Page_106">106</a>, <a href="#Page_152">152</a>, <a href="#Page_167">167</a>.</li>
-
-<li class="indx">Joachim von Floris <a href="#Page_44">44</a>.</li>
-
-<li class="indx">Johannes <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_73">73</a>.</li>
-
-<li class="indx">Justi <a href="#Page_20">20</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Justin <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Kalb, Charlotte von <a href="#Page_102">102</a>.</li>
-
-<li class="indx">Kalvin <a href="#Page_29">29</a>, <a href="#Page_127">127</a>.</li>
-
-<li class="indx">Kant <a href="#Page_viii">VIII</a>&nbsp;, <a href="#Page_3">3</a>, <a href="#Page_5">5</a>, <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_8">8</a>&nbsp;f., <a href="#Page_10">10</a>, <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_14">14</a>, <a href="#Page_15">15</a>&nbsp;f., <a href="#Page_19">19</a>&nbsp;f., <a href="#Page_24">24</a>, <a href="#Page_32">32</a>, <a href="#Page_36">36</a>, <a href="#Page_38">38</a>, <a href="#Page_40">40</a>, <a href="#Page_43">43</a> Anm., <a href="#Page_48">48</a>, <a href="#Page_66">66</a>&nbsp;f., <a href="#Page_69">69</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_75">75</a>, <a href="#Page_78">78</a>, <a href="#Page_80">80</a>&nbsp;f., <a href="#Page_83">83</a>, <a href="#Page_85">85</a>, <a href="#Page_87">87</a>&nbsp;f., <a href="#Page_94">94</a>&nbsp;f., <a href="#Page_96">96</a>, <a href="#Page_102">102</a>, <b>106</b>&nbsp;ff. bis <b>132</b>, <a href="#Page_138">138</a>&nbsp;f., <a href="#Page_141">141</a>, <a href="#Page_144">144</a>, <a href="#Page_147">147</a>, <a href="#Page_153">153</a>, <a href="#Page_162">162</a>, <b>167</b>&nbsp;ff., <a href="#Page_178">178</a>&nbsp;f., <a href="#Page_181">181</a>, <a href="#Page_183">183</a>&nbsp;f., <a href="#Page_185">185</a>.</li>
-
-<li class="indx">Keller, Gottfr. <a href="#Page_21">21</a>.</li>
-
-<li class="indx">Kepler <a href="#Page_67">67</a>.</li>
-
-<li class="indx">Keyserling <a href="#Page_70">70</a>.</li>
-
-<li class="indx">Kleist, E. Chr. von <a href="#Page_15">15</a>.</li>
-
-<li class="indx">Klettenberg, S. von <a href="#Page_153">153</a>, <a href="#Page_157">157</a>.</li>
-
-<li class="indx">Klopstock <a href="#Page_vii">VII</a>&nbsp;&nbsp;f., <a href="#Page_92">92</a>, <a href="#Page_134">134</a>, <a href="#Page_139">139</a>.</li>
-
-<li class="indx">Knebel <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_161">161</a>.</li>
-
-<li class="indx">König, Eva <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_37">37</a>, <a href="#Page_62">62</a>.</li>
-
-<li class="indx">Körner, G. <a href="#Page_103">103</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_123">123</a>, <a href="#Page_127">127</a>, <a href="#Page_139">139</a>, <a href="#Page_170">170</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Kühnemann <a href="#Page_68">68</a>, <a href="#Page_76">76</a>, <a href="#Page_87">87</a>, <a href="#Page_94">94</a> Anm., <a href="#Page_116">116</a>, <a href="#Page_131">131</a>, Anm., <a href="#Page_190">190</a>, <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Lachmann <a href="#Page_51">51</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lamettrie <a href="#Page_9">9</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lange, F. A. <a href="#Page_105">105</a>, <a href="#Page_130">130</a>, <a href="#Page_148">148</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lassalle <a href="#Page_46">46</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lavater <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_90">90</a>, <a href="#Page_165">165</a>.</li>
-
-<li class="indx">Leibniz <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_9">9</a>, <a href="#Page_12">12</a>&nbsp;f., <a href="#Page_27">27</a>, <a href="#Page_28">28</a>, <a href="#Page_33">33</a>, <a href="#Page_58">58</a>&nbsp;f., <a href="#Page_66">66</a>, <a href="#Page_88">88</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_109">109</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lemnius <a href="#Page_8">8</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lengefeld, Charlotte von <a href="#Page_138">138</a>, <a href="#Page_140">140</a>.</li>
-
-<li class="indx"><em class="gesperrt">Lessing</em>, G. E. <a href="#Page_vii">VII</a>&nbsp;&nbsp;f., <b>1&ndash;62</b>, <a href="#Page_65">65</a>, <a href="#Page_69">69</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_74">74</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_80">80</a>, <a href="#Page_85">85</a>, <a href="#Page_89">89</a>, <a href="#Page_99">99</a>, <a href="#Page_124">124</a>, <a href="#Page_126">126</a>, <a href="#Page_137">137</a>, <a href="#Page_151">151</a>, <a href="#Page_153">153</a>, <a href="#Page_158">158</a>&nbsp;f., <a href="#Page_161">161</a>, <a href="#Page_179">179</a>, <a href="#Page_186">186</a>, <a href="#Page_189">189</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Lessing, Karl <a href="#Page_27">27</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Lessing, Theophil <a href="#Page_3">3</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lindner <a href="#Page_68">68</a>.</li>
-
-<li class="indx">Locke <a href="#Page_88">88</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lorentz <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Lotze <a href="#Page_87">87</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Luther <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_35">35</a>&nbsp;f., <a href="#Page_124">124</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Lucian <a href="#Page_viii">VIII</a>&nbsp;.</li>
-
-<li class="ifrst">Macaulay <a href="#Page_13">13</a>.</li>
-
-<li class="indx">Malebranche <a href="#Page_169">169</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Marcuse <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Marx, K. <a href="#Page_46">46</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_88">88</a>.</li>
-
-<li class="indx">Mehring <a href="#Page_47">47</a>, <a href="#Page_50">50</a>&nbsp;f., <a href="#Page_102">102</a>, <a href="#Page_136">136</a> Anm., <a href="#Page_160">160</a>, <a href="#Page_189">189</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Mendelssohn <a href="#Page_10">10</a>&nbsp;f., <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_59">59</a>, <a href="#Page_75">75</a>, <a href="#Page_90">90</a>, <a href="#Page_153">153</a>, <a href="#Page_162">162</a>.</li>
-
-<li class="indx">Meyer, H. <a href="#Page_174">174</a>, <a href="#Page_176">176</a>.</li>
-
-<li class="indx">Meyer, K. F. <a href="#Page_21">21</a>.</li>
-
-<li class="indx">Montesquieu <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_70">70</a>.</li>
-
-<li class="indx">Morus <a href="#Page_54">54</a>.</li>
-
-<li class="indx">Müller <a href="#Page_9">9</a>, <a href="#Page_91">91</a>.</li>
-
-<li class="indx">Muncker <a href="#Page_51">51</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Natorp <a href="#Page_38">38</a>.</li>
-
-<li class="indx">Neuser <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_28">28</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Newton <a href="#Page_67">67</a>.</li>
-
-<li class="indx">Nicolai <a href="#Page_10">10</a>&nbsp;f., <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_48">48</a>.</li>
-
-<li class="indx">Niethammer <a href="#Page_175">175</a>.</li>
-
-<li class="indx">Nietzsche <a href="#Page_62">62</a>, <a href="#Page_68">68</a>, <a href="#Page_112">112</a>, <a href="#Page_182">182</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Oeser <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_153">153</a>.</li>
-
-<li class="indx">Origenes <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li class="indx">Ossian <a href="#Page_134">134</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Parmenides <a href="#Page_58">58</a>.</li>
-
-<li class="indx">Paulus <a href="#Page_85">85</a>.</li>
-
-<li class="indx">Perikles <a href="#Page_125">125</a>.</li>
-
-<li class="indx">Pestalozzi <a href="#Page_139">139</a>.</li>
-
-<li class="indx">Plato <a href="#Page_14">14</a>, <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_54">54</a>, <a href="#Page_58">58</a>, <a href="#Page_88">88</a>, <a href="#Page_112">112</a>, <a href="#Page_113">113</a>, <a href="#Page_120">120</a>, <a href="#Page_125">125</a>, <a href="#Page_147">147</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_177">177</a>, <a href="#Page_186">186</a>.</li>
-
-<li class="indx">Plutarch <a href="#Page_12">12</a>.</li>
-
-<li class="indx">Pope <a href="#Page_10">10</a>, <a href="#Page_12">12</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Pythagoras <a href="#Page_viii">VIII</a>&nbsp;.</li>
-
-<li class="ifrst">Raffael <a href="#Page_25">25</a>, <a href="#Page_148">148</a>.</li>
-
-<li class="indx">Ramler <a href="#Page_11">11</a>.</li>
-
-<li class="indx">Ranke <a href="#Page_88">88</a>.</li>
-
-<li class="indx">Reimarus, Elise <a href="#Page_30">30</a>, <a href="#Page_62">62</a>.</li>
-
-<li class="indx">Reimarus, Herm. <a href="#Page_29">29</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_42">42</a>.</li>
-
-<li class="indx">Reinhard <a href="#Page_168">168</a>.</li>
-
-<li class="indx">Reinhold <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_106">106</a>, <a href="#Page_112">112</a>, <a href="#Page_167">167</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Rembrandt <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_62">62</a>.</li>
-
-<li class="indx">Reß <a href="#Page_33">33</a>.</li>
-
-<li class="indx">Rethel <a href="#Page_19">19</a>.</li>
-
-<li class="indx">Ritschl <a href="#Page_32">32</a>.</li>
-
-<li class="indx">Rousseau <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_47">47</a>, <a href="#Page_67">67</a>, <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_75">75</a>, <a href="#Page_101">101</a>&nbsp;f., <a href="#Page_120">120</a>, <a href="#Page_134">134</a>, <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li class="indx">Ruland <a href="#Page_169">169</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Saint-Simon <a href="#Page_187">187</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schelling <a href="#Page_87">87</a>, <a href="#Page_95">95</a>, <a href="#Page_113">113</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_175">175</a>&nbsp;f., <a href="#Page_177">177</a>.</li>
-
-<li class="indx"><em class="gesperrt">Schiller</em> <a href="#Page_14">14</a>, <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_20">20</a>&nbsp;f., <a href="#Page_25">25</a>, <a href="#Page_38">38</a>, <a href="#Page_40">40</a>, <a href="#Page_47">47</a>, <a href="#Page_48">48</a>, <a href="#Page_50">50</a>, <a href="#Page_52">52</a>, <a href="#Page_73">73</a>, <a href="#Page_80">80</a>, <a href="#Page_92">92</a>&nbsp;f., <a href="#Page_96">96</a>, <b>97&ndash;148</b>, <a href="#Page_160">160</a>, <a href="#Page_166">166</a>, <a href="#Page_170">170</a>&nbsp;f., <b>171</b> bis <b>177</b>, <a href="#Page_179">179</a>&nbsp;f., <a href="#Page_183">183</a>, <a href="#Page_186">186</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schleiermacher <a href="#Page_32">32</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schlosser <a href="#Page_115">115</a>&nbsp;f., <a href="#Page_176">176</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schmidt, Erich <a href="#Page_60">60</a>, <a href="#Page_189">189</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schopenhauer <a href="#Page_62">62</a>, <a href="#Page_129">129</a>, <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_178">178</a>, <a href="#Page_182">182</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schrempf <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_189">189</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Schumann <a href="#Page_32">32</a>&nbsp;f.</li>
-
-<li class="indx">Schwartz-Erler <a href="#Page_65">65</a>.</li>
-
-<li class="indx">Servet <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li class="indx">Shaftesbury <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_88">88</a>&nbsp;f., <a href="#Page_101">101</a>, <a href="#Page_125">125</a>, <a href="#Page_129">129</a>.</li>
-
-<li class="indx">Shakespeare <a href="#Page_21">21</a> Anm., <a href="#Page_23">23</a>, <a href="#Page_71">71</a>, <a href="#Page_88">88</a>, <a href="#Page_133">133</a>.</li>
-
-<li class="indx">Siebeck <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Siegel <a href="#Page_94">94</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Simonides <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_20">20</a>.<span class="pagenum"><a id="Page_194"></a>[194]</span></li>
-
-<li class="indx">Sokrates <a href="#Page_viii">VIII</a>&nbsp;, <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_125">125</a>, <a href="#Page_152">152</a>.</li>
-
-<li class="indx">Solon <a href="#Page_121">121</a>.</li>
-
-<li class="indx">Sömmering <a href="#Page_87">87</a>.</li>
-
-<li class="indx">Sonnenfels <a href="#Page_48">48</a>.</li>
-
-<li class="indx">Sophokles <a href="#Page_16">16</a>, <a href="#Page_25">25</a>.</li>
-
-<li class="indx">Spartakus <a href="#Page_47">47</a>.</li>
-
-<li class="indx">Spencer <a href="#Page_78">78</a>.</li>
-
-<li class="indx">Spinoza <a href="#Page_13">13</a>, <a href="#Page_38">38</a>, <a href="#Page_57">57</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_75">75</a>&nbsp;f., <a href="#Page_88">88</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_95">95</a>, <a href="#Page_155">155</a>&nbsp;ff., <a href="#Page_169">169</a> Anm., <a href="#Page_177">177</a>, <a href="#Page_184">184</a>.</li>
-
-<li class="indx">Stein, Charlotte v. <a href="#Page_161">161</a>&nbsp;f., <a href="#Page_187">187</a>.</li>
-
-<li class="indx">Steiner, Rudolf <a href="#Page_58">58</a>, <a href="#Page_181">181</a>.</li>
-
-<li class="indx">Stephan, H. <a href="#Page_191">191</a>.</li>
-
-<li class="indx">Storm, Th. <a href="#Page_21">21</a>.</li>
-
-<li class="indx">Streicher <a href="#Page_137">137</a>.</li>
-
-<li class="indx">Sylvan <a href="#Page_29">29</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Tacitus <a href="#Page_50">50</a>.</li>
-
-<li class="indx">Tauentzien von <a href="#Page_11">11</a>, <a href="#Page_47">47</a>.</li>
-
-<li class="indx">Tomaschek <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Tönnies <a href="#Page_136">136</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Trescho <a href="#Page_65">65</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Ueberweg <a href="#Page_189">189</a>, <a href="#Page_190">190</a>.</li>
-
-<li class="indx">Uhland <a href="#Page_16">16</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Vischer <a href="#Page_123">123</a>.</li>
-
-<li class="indx">Voltaire <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_26">26</a>, <a href="#Page_50">50</a>, <a href="#Page_154">154</a>.</li>
-
-<li class="ifrst">Walter von der Vogelweide <a href="#Page_79">79</a>.</li>
-
-<li class="indx">Warda <a href="#Page_65">65</a> Anm.</li>
-
-<li class="indx">Washington <a href="#Page_139">139</a>.</li>
-
-<li class="indx">Wieland <a href="#Page_vii">VII</a>&nbsp;&nbsp;f., <a href="#Page_20">20</a>&nbsp;f., <a href="#Page_81">81</a>, <a href="#Page_92">92</a>, <a href="#Page_93">93</a>, <a href="#Page_106">106</a>.</li>
-
-<li class="indx">Winckelmann <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_20">20</a>, <a href="#Page_48">48</a>, <a href="#Page_77">77</a>&nbsp;f., <a href="#Page_153">153</a>.</li>
-
-<li class="indx">Wissowatius <a href="#Page_28">28</a>.</li>
-
-<li class="indx">Wolff <a href="#Page_4">4</a>, <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_9">9</a>, <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_66">66</a>, <a href="#Page_88">88</a>, <a href="#Page_152">152</a>&nbsp;f., <a href="#Page_153">153</a> Anm.</li>
-
-<li class="ifrst">Xenophanes <a href="#Page_125">125</a>.</li>
-</ul>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter footnotes">
-<h2 class="nobreak" id="FOOTNOTES">Fußnoten</h2>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">[1]</a> Seite 101 seiner im Anhang zitierten Schrift.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">[2]</a> Wir besitzen über Winckelmann ein vortreffliches Werk in Karl
-<em class="gesperrt">Justi</em>: Winckelmann, sein Leben, sein Werk und seine Zeitgenossen
-(2 Bände, 1866 und 1872, 2. Auflage 3 Bände 1898).</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">[3]</a> Wir sehen hier, um die ohnehin reiche Stoffülle nicht noch zu
-vergrößern, von seinem ersten Eintreten für Shakespeare gegen Gottsched
-in den »Literaturbriefen« der fünfziger Jahre ab.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">[4]</a> Das heißt die später als maßgebend angesehene, die heutigen
-neutestamentlichen Schriften umfassende Sammlung.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">[5]</a> Wenn Lessing die Recha von Moses sagen läßt: »<em class="gesperrt">Wo</em> er stand,
-stand er vor Gott«, so fühlt man sich gleichfalls an Eckharts Gedanken
-erinnert: daß man Gott beim Herdfeuer oder im Stalle
-ebenso gegenwärtig haben könne als in der Einöde oder in der
-Klosterzelle. Und Eckharts Ansicht, daß das wahre Gebet keiner Worte
-bedürfe, hat Lessing in der Minna von Barnhelm in dem schönen
-Satze Ausdruck gegeben: »Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel
-ist das vollkommenste Gebet.«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">[6]</a> Denselben Gedanken finden wir in Kants Religion innerhalb
-der Grenzen der bloßen Vernunft (in meiner Ausgabe, Bd.&nbsp;45 der
-Philosophischen Bibliothek) S.&nbsp;96&nbsp;f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">[7]</a> In einem handschriftlichen Bruchstück: »Daß mehr als fünf Sinne
-für den Menschen sein können.«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">[8]</a> Über beide siehe meine »Volkstümliche Geschichte der Philosophie«.
-2. Auflage. Dietz Nachf., Stuttgart 1922.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">[9]</a> Lessing ist übrigens gegen eine Einmischung des Ordens in die
-Politik. Selbst das Eintreten mit bewaffneter Hand für Menschenrechte,
-wie es die Nordamerikaner in ihrem gleichzeitigen Freiheitskampf
-wider England taten, weist sein konsequenter Pazifismus ab.
-Denn »was Blut kostet, ist ganz gewiß kein Blut wert«.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">[10]</a> Die folgende Darstellung fußt auf dem eingehenden und einen
-durchaus zuverlässigen Eindruck machenden Bericht Jacobis, den er
-1785 veröffentlicht hat. Wir beschränken uns natürlich auf das, was
-Lessings <em class="gesperrt">philosophische</em> Anschauungen betrifft.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">[11]</a> So ist der Name durch den bekannten Kantkenner Artur Warda
-in Königsberg jetzt festgestellt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">[12]</a> Abgedruckt mit ihrer Fortsetzung unter anderem in meiner Kantausgabe
-in der Philosophischen Bibliothek Band 47&nbsp;I, S.&nbsp;21 bis 46.
-Wir benutzen zu unserer obigen Darstellung einen Teil der Gedanken
-unserer dortigen Einleitung.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">[13]</a> Herders und Kants Ästhetik, Leipzig 1907. Vergl. außer Siegels
-Monographie (siehe Anhang) ferner E. Kühnemann, Herders letzter
-Kampf gegen Kant, in »Aufsätze zur Literaturgeschichte«, M. Bernays
-gewidmet. Hamburg 1893. Die beiden bedeutendsten Herderbiographen,
-Haym und Kühnemann, lehnen den Herderschen Standpunkt
-ab.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">[14]</a> Ein Neidhammel unter seinen Kollegen, der Professor der Geschichte
-Heinrich, hatte den Anschlag der Antrittsvorlesung in den
-Buchläden durch den Pedell herunterreißen lassen, weil sich Schiller
-darauf als Professor der <em class="gesperrt">Geschichte</em> (statt der <em class="gesperrt">Philosophie</em>) bezeichnet
-hatte, was damals mehr galt. Schiller schrieb dazu: »Ist
-das nicht erbärmlich? Mit solchen Menschen habe ich zu tun.«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">[15]</a> Abgedruckt in meiner Ausgabe in der »Philosophischen Bibliothek«
-Band 47&nbsp;I, S.&nbsp;47 bis 64; vergl. meine Einleitung dazu S.&nbsp;XXI
-bis XXIV.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">[16]</a> Religion innerhalb der Grenzen usw. S.&nbsp;22, Anmerkung.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">[17]</a> Vergl. Eugen Kühnemann, Kants und Schillers Begründung
-der Ästhetik, 1895; auch desselben Einleitung zu seiner Auswahl-Ausgabe.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_18" href="#FNanchor_18" class="label">[18]</a> K. Vorländer, Der Formalismus der Kantischen Ethik in seiner
-Notwendigkeit und Fruchtbarkeit. Marburg 1893.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_19" href="#FNanchor_19" class="label">[19]</a> Näheres siehe unter anderem bei Ferdinand <em class="gesperrt">Tönnies</em>, Schiller
-als Zeitbürger und Politiker. Berlin 1905. Auch <em class="gesperrt">Mehrings</em> im Anhang
-zitiertes Schiller-Büchlein vom gleichen Schiller-Jubiläumsjahr
-gibt wertvolle Gesichtspunkte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_20" href="#FNanchor_20" class="label">[20]</a> Zu seinem Jugendfreunde v. Hoven äußerte er während seines
-Aufenthalts in der schwäbischen Heimat 1793: »Die eigentlichen Prinzipien,
-die einer wahrhaft glücklichen bürgerlichen Verfassung zum
-Grunde gelegt werden müssen, sind noch nirgends anders als hier«,
-indem er auf Kants Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische
-lag, hinwies.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_21" href="#FNanchor_21" class="label">[21]</a> Ich habe auf diese noch wenig beachtete Seite Schillers bereits
-in meinem Schriftchen »Kant, Fichte, Hegel und der Sozialismus«
-(1920 bei P. Cassirer, jetzt Vorwärts-Verlag) hingewiesen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_22" href="#FNanchor_22" class="label">[22]</a> Christliche Gedanken eines heidnischen Philosophen. Preußische
-Jahrbücher 1897.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_23" href="#FNanchor_23" class="label">[23]</a> Die Geschichte ist Wolff nur zur moralischen Belehrung da. Die
-Poeten dienen »zur Belustigung der Ohren«, müssen aber unter
-Staatsaufsicht gestellt werden, auf daß sie nicht »durch verliebte und
-unzüchtige Verse gute Sitten verderben«. In der Politik gilt das
-Wort vom »beschränkten Untertanenverstand«. In einem der acht
-Quartbände seines »Naturrechts« behandelt Wolff unter anderem
-ausführlich die Frage, ob lautes Schmatzen beim Essen gegen das
-Naturrecht sei. Vergl. meine Volkstümliche Geschichte der Philosophie
-S.&nbsp;194 bis 197.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_24" href="#FNanchor_24" class="label">[24]</a> Was Goethe dann bekanntlich in seinem Wilhelm Meister auch
-auf die Geschlechterliebe in dem, wie er selbst sagt, »frechen« Wort
-der losen Philine ausgedehnt hat: »Wenn ich dich liebe, was geht's
-dich an!«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_25" href="#FNanchor_25" class="label">[25]</a> Er besaß sie übrigens erst in der dritten Auflage von 1790.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_26" href="#FNanchor_26" class="label">[26]</a> Es findet sich, wie alles von Goethes Hand Stammende, in
-der großen Weimarer Ausgabe seiner Werke, Briefe usw. Einen ausführlichen
-Bericht gebe ich in meinem »Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe«
-S.&nbsp;146 bis 149.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_27" href="#FNanchor_27" class="label">[27]</a> Ich habe a. a. O. S.&nbsp;268 bis 271 auch einen genauen Bericht
-über Goethes philosophische Bücherei gegeben. Sie zählte 186 Nummern
-mit etwa 220 Bänden. Neben vielen unbedeutenden Widmungsexemplaren
-philosophischer Zeitgenossen finden sich von bekannteren
-Denkern: Einzelnes von Giordano Bruno, Plato, Aristoteles, Epiktet,
-Campanella, Hobbes, Malebranche, Baumgarten, Lambert; alles von
-<em class="gesperrt">Spinoza</em>; das Wichtigste von Fichte, Schelling, Hegel und Schopenhauer.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_28" href="#FNanchor_28" class="label">[28]</a> Während seiner Kampagne in Frankreich (Oktober 1792) setzte er
-einem jungen in Kants Schriften beschlagenen Lehrer in Trier als Sinn
-der kritischen Lehre auseinander: ein Kunstwerk solle wie ein Naturwerk,
-ein Naturwerk wie ein Kunstwerk behandelt und der Wert eines
-jeden aus sich selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet werden.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_29" href="#FNanchor_29" class="label">[29]</a> Über das Datum vergl. meine genaue Untersuchung in »Kantstudien«&nbsp;I,
-S.&nbsp;316&nbsp;f., kürzer wiederholt in »Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe«
-S.&nbsp;158&nbsp;f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_30" href="#FNanchor_30" class="label">[30]</a> Kant &ndash; Schiller &ndash; Goethe S.&nbsp;196 bis 245.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart</p>
-</div>
-
-<p class="center">Wir empfehlen:</p>
-
-<p class="h2">Volkstümliche Geschichte der Philosophie</p>
-
-<p class="center">Von <b>Karl Vorländer</b></p>
-
-<p class="center">Internationale Bibliothek Band 62</p>
-
-<p>In der Vorrede zu diesem Werk schreibt der Verfasser: Schon lange war es
-mein Wunsch, neben meiner zweibändigen Geschichte der Philosophie, die sich
-hauptsächlich in den Kreisen der Studierenden eingebürgert zu haben scheint,
-eine kürzere Darstellung desselben Stoffes für den freidenkenden Mann aus dem
-Volke zu schreiben, der für die großen Weltanschauungsfragen interessiert ist. Das
-ist allerdings keine leichte Aufgabe und ist wohl deshalb bisher noch nie versucht
-worden. Denn ein solches Buch soll kurz sein und doch die Hauptprobleme
-der Philosophie klar herausarbeiten, ihre Hauptgestalten lebensvoll schildern;
-allgemeinverständlich, ohne doch an der Oberfläche zu bleiben. Nun, »ich hab's
-gewagt!« Eine Aufforderung von Professor Ferdinand Jakob Schmidt in der
-Neuen Zeit vom 12. März 1920 bestärkte mich in dem Entschluß. Jahrelanger
-geistiger Verkehr mit bildungsdurstigen Männern der verschiedensten Kreise läßt
-mich hoffen, daß ich den Ton im allgemeinen getroffen habe.</p>
-
-<p class="h2">Marx, Engels und Lassalle als Philosophen</p>
-
-<p class="center">Von <b>Karl Vorländer</b></p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>I. <b>Marx' Anfänge.</b></p>
-
-<p>II. <b>Die Sturm- und Drangperiode</b>: 1. Marx 1842 bis 1845. &ndash; 2. Engels'
-philosophische Anfänge. &ndash; 3. Marx und Engels 1845.</p>
-
-<p>III. <b>Die Entstehung des historischen Materialismus</b>: 1. Die Thesen
-über Feuerbach. &ndash; 2. Die »Deutsche Ideologie«. &ndash; 3. Der Anti-Proudhon.
-&ndash; 4. Das Kommunistische Manifest.</p>
-
-<p>IV. <b>Die Ausbildung der dialektischen Methode</b>: 1. Zur Kritik der politischen
-Ökonomie. &ndash; 2. Engels über Marx (1859). &ndash; 3. Marx und Hegel. &ndash;
-4. »Das Kapital«.</p>
-
-<p>V. <b>Engels' Anti-Dühring und Feuerbach</b>: 1. Der Anti-Dühring. &ndash;
-2. Der »Feuerbach«.</p>
-
-<p>VI. <b>Engels' letzte Modifikationen des historischen Materialismus.</b></p>
-
-<p>VII. <b>Lassalle als Philosoph</b>: 1. Jugend- und Universitätsjahre. &ndash; 2. Der
-»Heraklit«. Die fünfziger Jahre. &ndash; 3. Lassalle und Fichte (1860 bis 1862). &ndash;
-4. Das »System der erworbenen Rechte«. &ndash; 5. Das »Arbeiterprogramm«.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart</p>
-
-<p class="center large"><i>Internationale Bibliothek</i></p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>1 <b>Tschulok</b>, Entwicklungstheorie (Darwins Lehre).</p>
-
-<p>2 <b>Kautsky</b>, Marx' Ökonomische Lehren.</p>
-
-<p>5 <b>Kautsky</b>, Thomas More und seine Utopie.</p>
-
-<p>6 <b>Bebel</b>, Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien.</p>
-
-<p>8 <b>Stern</b>, Die Philosophie Spinozas.</p>
-
-<p>9 <b>Bebel</b>, Die Frau und der Sozialismus. Mit einem Porträt Bebels.</p>
-
-<p>10 <b>Lissagaray</b>, Die Geschichte der Kommune 1871. Illustriert.</p>
-
-<p>11 <b>Engels</b>, Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staats.
-Nach Lewis H. Morgans Forschungen.</p>
-
-<p>12 <b>Marx</b>, Das Elend der Philosophie.</p>
-
-<p>13 <b>Kautsky</b>, Erfurter Programm. In seinem grundsätzlichen Teil erläutert.</p>
-
-<p>14 <b>Engels</b>, Die Lage der arbeitenden Klasse in England.</p>
-
-<p>17 <b>Mehring</b>, Die Lessing-Legende. Eine Rettung.</p>
-
-<p>21 <b>Engels</b>, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft.</p>
-
-<p>24 <b>Marx</b>, Revolution und Konterrevolution in Deutschland.</p>
-
-<p>26<em class="antiqua">a</em> <b>Dodel</b>, Aus Leben und Wissenschaft. 1. Leben und Tod.</p>
-
-<p>26<em class="antiqua">b</em> <b>Dodel</b>, Aus Leben und Wissenschaft. 2. Kleinere Aufsätze.</p>
-
-<p>26<em class="antiqua">c</em> <b>Dodel</b>, Aus Leben und Wissenschaft. 3. Moses oder Darwin?</p>
-
-<p>29 <b>Plechanow</b>, Beiträge zur Geschichte des Materialismus.</p>
-
-<p>30 <b>Marx</b>, Zur Kritik der politischen Ökonomie.</p>
-
-<p>33 <b>Deutsch</b>, Sechzehn Jahre in Sibirien. Erinnerung eines Revolutionärs.</p>
-
-<p>35 bis 37<em class="antiqua">a</em> <b>Marx</b>, Theorien über den Mehrwert. 4 Bände.</p>
-
-<p>38 <b>Kautsky</b>, Ethik und materialistische Geschichtsauffassung.</p>
-
-<p>40 <b>Pashitnow</b>, Die Lage der arbeitenden Klasse in Rußland.</p>
-
-<p>41 <b>Deutsch</b> (Verfasser von »Sechzehn Jahre in Sibirien«), Viermal entflohen.</p>
-
-<p>44 <b>Bernstein</b>, Sozialismus und Demokratie in der großen englischen Revolution.</p>
-
-<p>45 <b>Kautsky</b>, Der Ursprung des Christentums. Eine historische Untersuchung.</p>
-
-<p>47&ndash;48<em class="antiqua">b</em> <b>Kautsky</b>, Vorläufer des neueren Sozialismus. 4 Bände.</p>
-
-<p>50 <b>Kautsky</b>, Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft.</p>
-
-<p>52 <b>Salvioli</b>, Der Kapitalismus im Altertum. Studien über die römische Wirtschaftsgeschichte.
-Aus dem Französischen übersetzt von Karl Kautsky jun.</p>
-
-<p>53 <b>Adler</b>, Marxistische Probleme. Beiträge zur Theorie der materialistischen
-Geschichtsauffassung und Dialektik.</p>
-
-<p>57 <b>Noske</b>, Kolonialpolitik und Sozialdemokratie.</p>
-
-<p>58 <b>Hepner</b>, Josef Dietzgens Philosophische Lehren.</p>
-
-<p>61 <b>Bernstein</b>, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
-Sozialdemokratie.</p>
-
-<p>62 <b>Vorländer</b>, Volkstümliche Geschichte der Philosophie.</p>
-
-<p>63 <b>Reimes</b>, Ein Gang durch die Wirtschaftsgeschichte. Sechs Vorträge.</p>
-
-<p>64 <b>Kautsky</b>, Die proletarische Revolution und ihr Programm.</p>
-
-<p>65 <b>Beyer</b>, <em class="antiqua">Dr. med.</em> <b>Alfred</b>, Menschenökonomie.</p>
-
-<p>66 <b>Vorländer</b>, Die Philosophie uns. Klassiker (Lessing, Herder, Schiller, Goethe).</p></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">Die fehlenden Nummern sind vergriffen. Die Sammlung wird fortgesetzt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Philosophie unserer Klassiker, by
-Karl Vorländer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER ***
-
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-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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