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-Project Gutenberg's Die Philosophie unserer Klassiker, by Karl Vorländer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
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-
-
-Title: Die Philosophie unserer Klassiker
- Lessing - Herder - Schiller - Goethe
-
-Author: Karl Vorländer
-
-Release Date: October 25, 2020 [EBook #63548]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Die
- Philosophie unserer Klassiker
-
- Lessing · Herder · Schiller · Goethe
-
- Von
-
- Karl Vorländer
-
- 1923
-
- J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.
-
- Berlin und Stuttgart
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-
-Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Goethe sagt einmal in einem seiner Sprüche in Prosa: Das _Klassische_
-ist das _Gesunde_, das Romantische ist das Kranke. Von der gleichen
-Ansicht ausgehend, habe ich im vergangenen Sommersemester die
-Philosophie unserer Klassiker _Lessing_, _Herder_, _Schiller_, _Goethe_
-meinen Zuhörern an der hiesigen Universität vorgetragen und lege sie
-nun hier, erweitert und ergänzt, einem breiteren Leserkreise vor. Ich
-tue das in der Überzeugung, daß es gerade in unserer Zeit und gerade
-auch in der Philosophie doppelt not tut, gegenüber aller ungesunden,
-sich auf unklare _Gefühle_ stützenden Romantik (verkappe sie sich
-hinter dem Namen reiner Ästhetik oder Theosophie oder Lebensphilosophie
-oder Patriotismus oder sonstwie immer), auf die reinen Quellen des
-Wahren, Guten und Schönen, wie sie in dem Denken und Dichten unserer
-großen Klassiker fließen, nachdrücklichst hinzuweisen. Während der
-Arbeit habe ich meine Freude daran gehabt, mich wieder einmal in ihre
-unvergänglichen, ewig jungen und wahren Gedankengänge vertiefen zu
-können, und hoffe, daß es meinen Lesern ähnlich gehen wird.
-
- _Münster i. W._, im September 1922
-
- =Karl Vorländer=
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Vorwort III
-
- Einleitung VII
-
-
- Lessing
-
- ~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760 (Meißen, Leipzig, Berlin) 3
-
- Auf der Fürstenschule zu Meißen -- Auf der Universität
- Leipzig -- Nach Berlin -- Stellung zur Religion um 1750
- -- Religionsphilosophische und religionsgeschichtliche Schriften
- der 50er Jahre -- Mit Moses Mendelssohn und F. Nicolai.
-
- ~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770 11
-
- Weitere religionsphilosophische Entwicklung -- Von Christian
- Wolff zu Leibniz und Spinoza -- Philosophie der Kunst
- (Ästhetik): Der »Laokoon« -- Die Hamburger Dramaturgie.
-
- ~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780 26
-
- Wiederum Religionsphilosophie: Wolfenbütteler Funde --
- Die Fragmente eines Ungenannten (Reimarus) -- Der Streit
- mit der Orthodoxie (Antigoeze) -- Ergebnisse.
-
- ~D.~ Philosophische Weltanschauung überhaupt 37
-
- 1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise. 2. Religions-
- und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts.
- 3. Ansichten über den Staat: Lessings politische
- Entwicklung. 4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in: Ernst
- und Falk. 5. Letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
- Pantheismus, Spinozismus.
-
- Schluß: Lessings Persönlichkeit 60
-
-
- Herder
-
- ~A.~ Der junge Herder bis zur Übersiedlung nach Weimar 1776 65
-
- 1. Die Jugend (Mohrungen, Königsberg) 1744 bis 1764 --
- Kant und Hamann 65
-
- 2. Vorherrschend literarisch-ästhetische Epoche 1765 bis 1772 69
-
- In Riga -- Reisetagebuch -- In Straßburg: Vom Ursprung
- der Sprache.
-
- 3. Vorherrschend religiöse Periode 1772 bis 1776 72
-
- Hofprediger in Bückeburg -- Älteste Urkunde des
- Menschengeschlechts -- Auch eine Philosophie usw.
- -- Vom Erkennen und Empfinden.
-
- ~B.~ Die Höhezeit 1776 bis 1788 77
-
- In Weimar -- Theologische Schriften -- 1. Die Ideen zur
- Philosophie der Geschichte der Menschheit -- Politische
- Anschauungen -- Kritik des Christentums -- Wirkung des
- Werks -- 2. Die Gespräche über »Gott« -- Spinozismus.
-
- ~C.~ Das Ende 1789 bis 1803 91
-
- Altersjahre -- Stellung zur Französischen Revolution -- Goethes
- Abwendung -- Der Kampf gegen Kant -- Tod.
-
-
- Schiller
-
- ~A.~ Die Anfänge 1779 bis 1786 99
-
- Auf der Karlsschule -- Die beiden medizinischen Dissertationen
- -- Rousseaus Einfluß: »Räuber« und Jugendlyrik.
-
- ~B.~ Die Übergangszeit 1787 bis 1790 103
-
- Die Philosophischen Briefe -- Die Götter Griechenlands und
- Die Künstler -- Studium der Geschichte -- Erste Bekanntschaft
- mit dem Kritizismus.
-
- ~C.~ Die Höhezeit: Schiller als Jünger Kants 1791 bis 1795 108
-
- Geschichtliche Entwicklung: Endgültige Bekehrung zu Kant --
- Die ersten ästhetischen Aufsätze -- Anmut und Würde -- Die
- ästhetischen Briefe -- Naive und sentimentalische Dichtung.
-
- ~D.~ Schillers Philosophie in seiner Reifezeit 113
-
- 1. Methodisches und theoretische Philosophie. 2. Ethik.
- 3. Ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene
- und das Sittlich-Schöne. 4. Stellung zu Griechentum und
- Christentum sowie zur Religion überhaupt. 5. Zusammenfassung
- und Ergebnisse. 6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik.
- 7. Schiller als Politiker. 8. Schiller, der Idealist.
-
-
- Goethe
-
- ~A.~ Anfänge 1774 bis 1776 151
-
- Im Elternhaus -- In Leipzig -- In Straßburg: Berührung
- mit der französischen Philosophie, mit Herder -- Erste
- Bekanntschaft mit Spinoza -- Philosophische Gedichte.
-
- ~B.~ Das erste Jahrzehnt in Weimar. Die italienische Reise
- 1776 bis 1788 160
-
- Pantheismus -- Neues Spinoza-Studium -- Nahe Freundschaft
- mit Herder -- Naturwissenschaftliche Studien (Metamorphose
- der Pflanzen) -- Einfluß Italiens auf seine Natur-
- und Kunstauffassung.
-
- ~C.~ Erstes Kant-Studium 1789 bis 1894 167
-
- Lektüre der Kritik der reinen Vernunft -- Einfluß der Kritik
- der Urteilskraft.
-
- ~D.~ Der Freundschaftsbund mit Schiller 1794 bis 1805. Die
- Altersjahre 1805 bis 1832 172
-
- Das glückliche Ereignis vom Sommer 1794 -- Das Jahrzehnt
- mit Schiller -- Verhältnis zu andern Denkern (Schelling,
- Herder u. a.) -- Spätere philosophische Studien u. Beziehungen.
-
- ~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit 179
-
- 1. Theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Religionsauffassung.
- 4. Politische Stellung. Sozialismus in Wilhelm Meisters
- Wanderjahren? 5. Die Kunst. Schluß.
-
-
- Zur Literatur 189
-
- Namenverzeichnis 192
-
-
-
-
-Einleitung
-
-Die Philosophie unserer Klassiker
-
-
-Wir wollen uns in diesen Vorlesungen mit der Philosophie unserer
-Klassiker, d. h. unserer klassischen deutschen Dichter beschäftigen.
-Wer sind diese _Klassiker_? Wir wurden in meiner Jugend gelehrt, drei
-Dichterpaare des achtzehnten Jahrhunderts als solche zu betrachten:
-Klopstock und Wieland, Lessing und Herder, Schiller und Goethe. Allein
-das erste Paar dürfte schon in der allgemeinen Schätzung längst aus
-deren Mitte ausgeschieden sein. Mögen noch so starke Wirkungen auch
-von Wieland und Klopstock auf die Steigerung des dichterischen Gefühls
-und der künstlerischen Einbildungskraft, auf die Fortbildung unserer
-Sprache und deren poetische Form, auf die Lyrik insbesondere und den
-Roman ausgegangen sein, mögen sie noch in den Schulstuben unserer
-Primaner an der herkömmlichen Stelle stehen: in die Masse unseres
-Volkes sind sie nicht eingedrungen, ja sogar in dem geistigen Leben
-der großen Mehrzahl unserer Gebildeten führen sie kein lebendiges
-Dasein mehr. Was Lessings bekanntes Epigramm von _Klopstocks_ berühmtem
-Messias-Epos sagte:
-
- »Wer wird nicht einen Klopstock _loben_!
- Doch wird ihn jeder _lesen_? Nein!«
-
-das gilt heute nicht bloß von Klopstock überhaupt mit seiner
-Vereinigung von antiker Form und christlich-germanischem, zum Teil
-fast nordisch-germanischem Inhalt, den selbst unsere begeistertsten
-»Nationalen« kaum mehr bewundern, ja vielfach gar nicht mehr kennen.
-Das gilt erst recht von _Wieland_ mit seiner dem französischen
-Geschmack im Zeitalter eines Ludwigs XV. nachstrebenden, vielfach ins
-Lüstern-Weichliche hinüberspielenden Denkweise und seiner geradezu
-abschreckenden Weitschweifigkeit des Stils. Vor allem aber, beide
-kommen als _Philosophen_, also für unser Thema überhaupt nicht in
-Betracht. Von dem frommen Sänger der Messiade oder der Erlöser-Oden
-brauche ich das gar nicht erst nachzuweisen: weder er selbst noch
-sonst jemand hat Klopstock jemals für die Philosophie reklamiert.
-Und Wieland hat sich zwar in seinen Romanen, sogar mit Vorliebe, mit
-Gestalten, die uns aus der griechischen Philosophie bekannt sind, von
-Pythagoras, Demokrit und Sokrates an bis zu dem Wundermann Peregrinus
-Proteus und dem Spötter Lucian, am meisten bezeichnenderweise mit
-solchen aus der Periode ihres Niedergangs, beschäftigt; indes mit
-seinen oberflächlich-breiten Erörterungen für philosophische Methode
-oder Wissenschaft, ja nur für die schärfere Erfassung philosophischer
-Probleme nicht das mindeste geleistet.
-
-Also bleibt es für uns bei den beiden anderen Paaren: _Lessing_ und
-_Herder_, _Schiller_ und _Goethe_, die heute noch, abgesehen vielleicht
-von dem minder bekannten Herder, bei allen denen lebendig sind, die
-überhaupt von den ewigen Geistesschätzen unserer klassischen Literatur
-und Dichtung zehren. Allein selbst bei diesen vier Großen läßt sich die
-Frage aufwerfen: Sind sie wirklich »_Philosophen_« im engeren Sinne des
-Wortes zu nennen? Hat doch keiner von ihnen ein philosophisches System
-entworfen, keiner sich selbst für einen Philosophen ausgegeben, keiner,
-wenn wir von Herders »Ideen« absehen, ein größeres philosophisches Buch
-geschrieben. Und doch, so lange es, um mit Kantischen Worten zu reden,
-eine Philosophie nicht bloß nach dem _Schul_-, sondern auch nach dem
-_Welt_begriff, mit anderen Worten eine Philosophie als Weltanschauung
-gibt, so lange werden auch Lessing und Herder, Schiller und Goethe in
-die Reihe der Philosophen gehören. Allerdings, und damit ergibt sich
-eine bestimmte Grenze für unsere Darstellung, nur, insoweit sie ihre
-Weltanschauung _philosophisch_ zu _begründen_ versucht haben.
-
-
-
-
-Lessing
-
-
-
-
-~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760
-
-Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)
-
-
-Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so modern
-an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit und
-Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit. Und doch ist er
-vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen hinterwäldlerischen
-Stadt der sächsischen Lausitz geboren, der Sohn eines rechtgläubigen
-lutherischen Pastors, der, ursprünglich auch gelehrten Studien
-zugewandt, in dem abgelegenen kleinen Nest immer mehr zum versauerten
-Orthodoxen und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester, eben
-unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit im Kampfe
-für das als recht Erkannte geerbt, daneben eine gewisse Achtung vor
-ehrlicher Orthodoxie beibehalten.
-
-Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden
-Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder Theophil erhalten:
-dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold wollte durchaus »von einem
-großen Haufen Bücher umgeben« gemalt sein. Kursachsen hatte seit der
-Reformation die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der
-junge Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während der
-fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule« Sankt Afra
-in _Meißen_ -- neben dem noch heute bekannten Schulpforta einem der
-ersten Gymnasien des Landes -- zubrachte. So tyrannisch wie Schiller
-und seine Jugendgefährten auf der Karlsschule wurden die Meißener
-Fürstenschüler zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an
-seine Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier
-stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es damals die
-englische Aufklärung zu vertreten angefangen hatte. Ähnlich wie in dem
-Königsberger Friedrichskolleg, in dem Kant ein Jahrzehnt früher seine
-acht Lehrjahre verbrachte, waren Religion mit 25 (!) und Latein mit 15
-Wochenstunden der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort
-eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassenden Geist
-nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die anderen zu schwer
-werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete sein Rektor von ihm, »es
-ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß.« Am meisten zog seinen
-verstandesscharfen Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis
-zum Spielen mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin und
-sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels gewesen
-ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid und wählte zum Thema
-seiner Abgangsrede (Juni 1746) »die Mathematik der Barbaren«, also der
-Nichtgriechen und -römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle
-»Glückwunschungsrede«, die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb,
-deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders
-altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im Grunde weder einen
-besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt zu verzeichnen habe,
-sondern daß jedes Jahr dem anderen gleich sei. Es ist eben eine im
-üblichen Geleise der herrschenden Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie
-einhergehende rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben,
-der den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis
-der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall« seiner --
-vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu haben behauptet.
-
-Auch auf der Universität _Leipzig_, die der Siebzehnjährige im
-September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als Studiosus der
-Theologie, bezieht, scheint er philosophisch keine besonderen neuen
-Einsichten gewonnen zu haben. Wohl gehen in seinem inneren und äußeren
-Leben große Umwälzungen vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit
-ihn »wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen« würde.
-Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die ganze Welt im
-kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in Goethes »Faust«. Er lernt
-Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt mit Schauspielern und anderen
-leichten Gesellen, dichtet nach der Zeitsitte leichte »anakreontische«
-Liedchen über Liebe und Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann
-1748 sein theologisches Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und
-geht zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt auf
-Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach der preußischen
-Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um 1750/51 in Wittenberg
-den Magistergrad, der ungefähr dem heutigen ~Dr. phil.~ entspricht,
-zu erwerben. Erst ein in ernster Auseinandersetzung mit dem Vater zur
-Rechtfertigung seines neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai
-1749 zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die
-Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit,
-die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht, »ob der ein
-besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im
-Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche
-geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der,
-der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg der _Untersuchung_
-zur Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu gelangen
-bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen
-Eltern auf Treue und Glauben annehmen soll.« Und vom christlichen
-Handeln bekennt er offen und scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man
-eines der vornehmsten Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben,
-nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen
-sind, die sich davor ausgeben ...«
-
-Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen schon
-ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn ferner auf demjenigen
-Gebiet philosophierend, das bis zu seinem Tode das _Haupt_gebiet seines
-Philosophierens gebildet hat: dem der _Religion_. Und sie zeigen ihn in
-derselben Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen,
-auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig gesagt, auf
-einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur fünf Jahre ältere junge Kant
-ging. »Der junge Gelehrte« richtet sich gegen die Pedanterie und
-Schulfuchserei, »der Freigeist« gegen die oberflächlichen Aufklärer,
-welche alle Frömmigkeit als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien,
-aber doch auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters
-freisprechend; und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit gegen
-Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«, den er übrigens schon um
-1751 geplant hat.
-
-Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann man auf den
-des berühmten französischen Skeptikers Pierre _Bayle_ hinweisen,
-jenes ersten Begründers der französischen Aufklärung, den schon der
-Student Lessing in den Vorlesungen des Professors Christ kennengelernt
-hatte, und dem er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die
-erst allmählich sich aus den Fesseln der Theologie losringenden
-freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann, einen
-Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem Einfluß gewesen
-ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame Geisteszüge: die ungeheure
-Belesenheit und Vielseitigkeit, die dialektische Meisterschaft, der
-Geist eindringender Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer
-Überzeugung, die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch- und
-verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle stand dann bald sein
-Nachfolger und Fortsetzer _Voltaire_, mit dem Lessing ja in Berlin
-als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich auch in persönliche, zuletzt
-recht unliebsame Berührung geraten ist; und neben ihm das Haupt der
-Enzyklopädisten, der feurige _Diderot_, der »durch Gänge voll Nacht zum
-glänzenden Throne der Wahrheit« führt.
-
-Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen Geist wie
-Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer fremde Anstöße anzunehmen.
-Wie der dreiundzwanzigjährige Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift,
-deren etwas selbstbewußten Titel Lessing in einem später mit Grund
-gestrichenen Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe
-mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen
-Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, so
-schreibt in demselben Alter auch der junge Lessing zu Wittenberg einem
-Bekannten den Vers ins Album:
-
- »Wie lange währt's, so bin ich hin
- Und einer Nachwelt untern Füßen;
- Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?
- Weiß _ich_ nur, _wer ich bin_.«
-
-Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der Zwanzigjährige,
-unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu denken, den stolzen Adlerflug
-des freien Genies beschrieben:
-
- »Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,
- Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh ...
- Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,
- Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.
- Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,
- Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«
-
-In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen
-Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher oder später
-in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück gebliebene
-religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »_Die Religion_«
-(veröffentlicht November 1751) und »_Über die menschliche
-Glückseligkeit_« (veröffentlicht 1753), auf die wir indes nicht näher
-eingehen: einmal, weil sie eben Fragmente geblieben sind und nicht
-viel mehr als Zeugnisse dieses inneren Ringens darstellen; dann auch,
-weil sie doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit
-dem wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von der er
-später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß er in ihr alle die
-verschiedenen neuerschienenen Schriften _für_ und _wider_ die Religion
-gierig verschlungen habe, ohne daß ihn eine ganz befriedigt hätte; sie
-hätten ihn vielmehr nur »von einer Seite zur anderen gerissen«. Und
-nun kommt eine Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines
-Lebens ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet:
-»Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte, desto
-zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender mir es der
-andere ganz zu Boden treten wollte: desto geneigter fühlte ich mich,
-es wenigstens in meinem Herzen aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des
-selbständigen Geistes, der in Dingen, die doch schließlich durch das
-persönliche Gefühl entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite
-aufgezwungen werden sollende sogenannte Verstandes»beweise« sich wehrt;
-der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende »Autoritäten« der einen
-oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei überhaupt, die ihm einmal
-in einem scherzhaften Liede die Verse eingibt:
-
- »Allen Narren, die sich ›isten‹,
- Zum Exempel Pietisten,
- Zum Exempel Atheisten,
- Zum Exempel Rabulisten
- -- -- -- -- -- --
- Quietisten und Sophisten
- -- -- -- -- -- --
- Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«
-
-In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten
-»_Rettungen_« einzelner von der hergebrachten Theologie, sei es
-der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter Persönlichkeiten
-oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf Ewigkeit« er untersuchen,
-denen er »unverdiente Flecken abwischen, falsche Verkleisterungen
-ihrer Schwächen auflösen« will. Dahin gehören z. B. die Rettungen
-einzelner durch die Autorität eines Luther niedergekämpften, nur
-unseren gelehrten Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus
-oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen
-Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen Predigers Adam
-Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden waren, weil sie -- das
-spätere Nathan-Problem! -- den Schein der Gleichberechtigung oder gar
-der Minderwertigkeit des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz
-vermieden hatten. Dahin auch die »_Gedanken über die Herrnhuter_«
-(1750), die im Grunde genommen -- sie sind freilich auch nur Fragmente
-geblieben -- so gut wie gar nicht von »diesen Leuten« selbst handeln,
-sondern sie nur zum Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze
-benutzen. Er gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der
-Religion auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h. von
-den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff -- Sokrates
-ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter Lehrer --, um daraus den
-Schluß zu ziehen: »Sie füllen den _Kopf_, und das _Herz_ bleibt leer.«
-Man wird »durchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der
-anderen nur immer haben _vernünfteln_, niemals _handeln_ wollen«. Und
-doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen«.
-Das haben die Herrnhuter auf dem Gebiet der Religion zu ihrem Ziel
-gemacht. Lessing wünscht, daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit
-ähnlichen Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau
-oder an Kants praktische Philosophie).
-
-Bei diesem Stand der Dinge brauchen wir uns nicht lange mit einzelnen
-trotzdem »vernünftelnden« Aufstellungen Lessings selbst aus der
-nämlichen Zeit, dem Beginn der fünfziger Jahre, aufzuhalten: etwa
-dem »_Christentum der Vernunft_«, das in 27 Paragraphen aus den
-_Leibniz_schen Begriffen der Vollkommenheit, der Harmonie, der
-allmählichen Stufenfolge aller Dinge und ähnlichem aufgebaut wird und,
-statt wie eine gesunde kritische Philosophie mit der Gottesidee etwa
-zu enden, sogleich mit Gott als dem »einzigen vollkommensten Wesen«
-einsetzt, während es mit einer mehr an Schleiermacher als an Kant
-erinnernden Formulierung des menschlichen Sittengesetzes schließt:
-»Handle deinen individualischen (wir sagen heute: individuellen)
-Vollkommenheiten gemäß!« Von der kirchlichen Religionsauffassung hat
-er persönlich sich um diese Zeit schon ganz frei gemacht: ein für die
-damaligen deutschen Verhältnisse und für seine eigene Entwicklung
-sehr vielsagendes Resultat. Das beweist unter anderem ein, wenigstens
-höchstwahrscheinlich, noch in die Berliner Zeit fallendes, in seinem
-Nachlaß gefundenes Bruchstück »_Über die Entstehung der geoffenbarten
-Religion_«. Und so konnte er beinahe ein Menschenalter später in
-einem, vielleicht eben dieser Offenheit wegen ungedruckt gebliebenen,
-Vorwortentwurf zum »Nathan« erklären: »Nathans Gesinnung gegenüber
-jeder positiven Religion ist _von jeher_ die meinige gewesen.«
-
-Dagegen hat er an einer, wie man in jener Zeit sagte, »_natürlichen_«
-Religion, mit dem Glauben an einen Weltschöpfer, nicht bloß damals,
-sondern anscheinend bis an sein Ende festgehalten. So tritt er
-gelegentlich für Albrecht v. Hallers, des auch von dem jungen Kant
-hochgeschätzten Schweizer Naturforschers und Dichters, Gottesglauben
-gegen den entschiedenen Materialismus eines Lamettrie ein, der in
-seinem »~L'homme machine~« den Menschen als ein mechanisches Uhrwerk
-aufgefaßt hatte. Und auch philosophisch entfernt er sich in den
-fünfziger Jahren noch wenig von der herrschenden Leibniz-Wolffschen,
-das heißt durch den trockenen Pedanten Christian Wolff verwässerten
-Leibnizschen Philosophie. Ganz seiner sonstigen, frischen, für alle
-reinen Gedanken aufgeschlossenen Art entgegen, meint er einmal 1752 in
-einer seiner Rezensionen in der damals schon bestehenden »Vossischen
-Zeitung« zu Berlin: »Das Neue sollte uns in den spekulativischen
-Teilen der Weltweisheit alle Zeit verdächtig sein.« Für unseren Zweck
-brauchen wir darum auch diese seine verhältnismäßig doch unbedeutenden
-Buchbesprechungen aus den Jahrgängen 1751 bis 1754 der »Vossischen«
-nicht einzeln auf seinen philosophischen Standpunkt hin zu durchmustern.
-
-Selbst nicht die ihrem Titel nach philosophischste seiner Abhandlungen:
-die 1755 aus Anlaß einer Preisaufgabe der Berliner Akademie der
-Wissenschaften erschienene: »_Pope ein Metaphysiker!_« Schon deshalb
-nicht, weil sie nicht von ihm allein, sondern gemeinsam mit dem
-in Berlin neu gewonnenen Freunde Moses Mendelssohn verfaßt ist.
-Und zweitens, weil wir uns heute auch wohl kaum noch für das Thema
-interessieren: 1. welches der wahre Sinn des Satzes »Alles ist
-gut« sei; der in des Engländers Pope (1689 bis 1744) seinerzeit
-vielbewundertem Lehrgedicht »Vom Menschen« (1729) vorkommt, 2. wieweit
-er mit Leibniz' Optimismus übereinstimme und 3. ob Popes System
-anzunehmen oder zu verwerfen sei. Sondern uns interessiert nur die Art
-von Lessings Behandlung, zu der ihm die Aufgabe der Akademie, über
-die er sich eigentlich mehr lustig macht, bloß den Anlaß gibt: seine
-reinliche Scheidung zwischen _Dichter_ und _Metaphysiker_. Gewiß, im
-weitesten Sinne des Wortes ist jeder Metaphysiker ein Dichter; aber ein
-System in Reime bringen heißt noch nicht dichten. Ein philosophischer
-Dichter ist darum noch kein Philosoph, ebensowenig wie ein poetischer
-Weltweiser an sich schon ein wahrer Poet: dasselbe Problem, das Kant
-vierzig Jahre später von der anderen Seite her ebenso scharf in Angriff
-genommen hat (in seinem Aufsatz »Von einem neuerdings erhobenen
-vornehmen Ton in der Philosophie«, 1796).
-
-Bei dieser Gelegenheit nur ein paar kurze Ausführungen über Lessings
-philosophisches Verhältnis zu den Berliner Freunden Moses _Mendelssohn_
-und Friedrich _Nicolai_; denn ihre persönlichen Beziehungen zu
-behandeln, ist hier nicht der Ort. Gemeinsam mit beiden ist ihm im
-Grunde nur ein Allerallgemeinstes: die Zugehörigkeit zu der großen
-_Aufklärungs_bewegung, die in England ihren Ursprung genommen,
-dann nach Frankreich sich verpflanzt hatte und jetzt, um die Mitte
-des achtzehnten Jahrhunderts, anfangs noch recht bescheiden, auch
-in Deutschland, und hier wieder am stärksten in dem von jeher
-freigeistigen und zum Vorwitz neigenden Berlin, ihre Schwingen zu
-regen begann. Im übrigen verdankt Lessing dem späteren Diktator der
-Berliner Aufklärung und langjährigen Herausgeber der Allgemeinen
-Deutschen Bibliothek von seiner philosophischen Eigenart so gut wie
-nichts; dem rührend anhänglichen jüdischen Freunde -- das darf man
-sagen, ohne dem braven Moses Mendelssohn zu nahe zu treten -- recht
-wenig. Wohl hat dieser ihm öfters, z. B. zu der Pope-Schrift und zum
-»Laokoon«, Material geliefert, sicherlich auch manche philosophische
-Einzelgedanken, namentlich auf ästhetischem Gebiet, in ihm angeregt.
-Aber bei aller warmen Empfindung, bei aller Klarheit des Stils fehlt
-ihm doch zu sehr die philosophische Kraft und Tiefe, als daß er dem
-großen Freunde eine wesentliche Förderung in seiner philosophischen
-Entwicklung hätte bieten können. Und schließlich auch der Mut des
-Genius. Wie hätte es einem Lessing begegnen können, daß er vor einem
-anderen Menschen, und wäre es auch der »Alleszermalmer« Kant, gleich
-Mendelssohn scheu sich zurückgezogen hätte!
-
-
-
-
-~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770
-
-
-Kant sagt einmal in seiner Anthropologie, daß die »Gründung eines
-Charakters«, d. h. in seinem Zusammenhang die endgültige Festsetzung
-einer Weltanschauung, bei den meisten Menschen sich erst in ihrem
-vierten Lebensjahrzehnt zu vollziehen pflege. Das dürfte wenigstens
-für die tieferen, nicht schnell mit sich fertigen Naturen zutreffen.
-Jedenfalls gilt es für Kant und für Lessing. Sei es, daß seine
-Versetzung in ganz andere äußere Lebensumstände, unter ganz andere
-Menschen, in ganz andere Beschäftigungen als die gewohnten, die seine
-Berufung als Sekretär des Generals Tauentzien nach Breslau und ins
-preußische Feldlager nach sich zog, ihn um so stärker auf sich selbst
-besinnen ließ, oder daß seine innere Entwicklung dahin drängte: er
-fühlt, daß er jetzt erst zum _Manne_ herangereift, ganz er selbst
-geworden ist. Nach der Genesung von einer Fieberkrankheit schreibt am
-5. August 1764 der bald Fünfunddreißigjährige an seinen Freund Ramler
-nach Berlin: »Die ernstliche Epoche meines Lebens naht heran; ich
-beginne, ein Mann zu werden.«
-
-Lessings religionsphilosophische und kirchengeschichtliche Studien
-gehen fort. Aber sie werden jetzt methodischer. Er beginnt die
-früheste Entwicklung des Christentums an der Quelle, das heißt in
-den Werken der Kirchenväter: eines Justin, eines Tertullian, eines
-Origenes und Augustin, zu studieren. Er schreibt eine Abhandlung
-über die von Plutarch erwähnte Richtung der »Elpistiker«, d. h. etwa
-»Hoffnungsfrohen«, und sucht bei dieser Gelegenheit nachzuweisen,
-daß ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben _keine_ Religion
-gedacht werden könne. Eine Ansicht, die unseres Erachtens schon durch
-den Buddhismus und das Judentum (wenigstens dem größten Teil seiner
-Geschichte nach) widerlegt wird; weshalb, beiläufig gesagt, auch Kant
-letzterem einmal den Charakter einer Religion abspricht. Im übrigen
-bemerkt Lessing, jene Hoffnung habe unter den Christen der ersten
-Jahrhunderte »viele falsche Märtyrer gemacht, die für nichts besser als
-Selbstmörder zu halten« seien.
-
-Eine zweite Abhandlung »Von der Art und Weise der _Fortpflanzung_ und
-_Ausbreitung_ der christlichen Religion« wendet sich gegen die Ansicht
-der Kirchenväter und die damit übereinstimmende ihrer zeitgenössischen
-Verteidiger, die darin die unmittelbare Hand Gottes erblickt, und
-macht demgegenüber auf die vielen »Menschlichkeiten«, die sich dabei
-zugetragen haben, überhaupt auf den ganz »natürlichen Lauf der Dinge«
-aufmerksam. Kurz, er unterstellt auch die Religionsgeschichte den
-Gesetzen wissenschaftlicher Kritik, die sich übrigens damals auch
-bereits innerhalb der protestantischen Theologie zu regen begann:
-»Sieh überall mit deinen eigenen Augen! Verunstalte nichts, beschönige
-nichts! Wie die Folgerungen fließen, laß sie fließen! Hemme ihren Strom
-nicht, lenke ihn nicht!«
-
-Jetzt erst werden auch seine _philosophischen_ Studien tiefer,
-eindringender. Er wendet sich von dem Nachahmer (Wolff) zur Quelle
-(Leibniz) zurück. Noch in der Pope-Schrift war der Begriff des
-Gedichts ganz im Sinne der Wolffschen Schulphilosophie bestimmt
-worden. Ähnliches war in der Abhandlung über die Fabel und in den
-Anmerkungen zu des Engländers Burke Schrift über das Schöne und
-Erhabene (1758) geschehen. Jetzt, in den sechziger Jahren, lernt er
-den echten _Leibniz_ eigentlich erst kennen, dessen »Neue Abhandlungen
-über den menschlichen Verstand« (französisch) eben (1765) ihrer
-Vergessenheit im Staube der Hannoverschen Bibliothek entrissen worden
-waren. Lessing hat sie zu übersetzen angefangen, auch Material zu einer
-Leibniz-Biographie gesammelt. Er hat nunmehr die Kluft zwischen Meister
-und Schüler so deutlich erkannt, daß er von der »Eingeschränktheit und
-Geschmacklosigkeit« Wolffs zu sprechen wagt.
-
-Und, was vielleicht noch wichtiger, er lernt jetzt auch den fast
-noch allgemein verfemten großen _Spinoza_ kennen und schätzen. Noch
-in dem Pope-Aufsatz hatte er zwar nichts dagegen gehabt, daß der ihm
-anscheinend durch Freund Mendelssohn näher gebrachte Shaftesbury das
-Wort »Natur« an die Stelle des Leibnizschen »Gott« gesetzt hatte;
-allein noch gar nicht daran gedacht, daß damit auch der Standpunkt
-des jüdisch-holländischen Weisen zusammenfällt, den er noch den
-»berufenen Irrgläubigen« nennt. Jetzt hat er den Spinoza zu würdigen
-gelernt. Er ist, eigentlich noch vor Herder, Goethe und F. H. Jacobi,
-der Wiederentdecker desselben geworden: was allerdings erst gegen
-Ende seines Lebens deutlicher hervortreten und erst fünf Jahre nach
-seinem Tode allgemein bekannt werden sollte; weshalb wir auf die ganze
-Frage seines »Spinozismus« noch einmal gegen Schluß im Zusammenhang
-zurückkommen werden. Wir werden ferner sehen, wie sich aus der besseren
-Würdigung des echten Leibniz und Spinozas auch eine vertieftere,
-seine Berliner Freunde überraschende Stellung in seinen theologischen
-Kämpfen der siebziger Jahre, im Streite zwischen der Orthodoxie und
-der Aufklärung, ergibt, wie er immer mehr auch über die letztere
-hinauswächst. Zunächst aber müssen wir jetzt eine ganz andere Seite
-seines Philosophierens ins Auge fassen: seine
-
-
-Philosophie der Kunst oder Ästhetik,
-
-zu der die beiden großen Schriften der sechziger Jahre: der »_Laokoon_«
-(1766) und die »_Hamburger Dramaturgie_« (1767 bis 1769) den Grund
-gelegt haben, hinter denen jetzt, mindestens schriftstellerisch, die
-religionsphilosophische Arbeit durchaus zurücktritt. Dies Jahrzehnt war
-vielmehr die Zeit, wo er nach dem Worte des Briten Macaulay zum _ersten
-Kritiker Europas_ sich emporschwang. Freilich nicht diese Kritik im
-einzelnen können wir zum Gegenstand unserer Erörterung machen, auch
-nicht auf ästhetische Einzelheiten eingehen, sondern bloß die großen
-philosophischen Grundzüge hervorheben.
-
-Betrachtet man beide Schriften nur von ihrer Außenseite, die vom
-lebendigen Kunst_beispiel_, im ersten Falle der Plastik, im anderen
-der Bühne ausgeht, so könnte man sie für zufällig hingeworfene
-Gelegenheitsschriften halten, wie es ja fast bei allen Werken Lessings
-der Fall zu sein scheint. Dringt man dagegen tiefer in sie ein, so
-merkt man auch hier, daß eine zusammenhängende Kunstansicht dahinter
-steckt: eine Kunstansicht, die auf einer ausgedehnten Kenntnis der
-zeitgenössischen Ästhetik, ja der Kunstschöpfungen aller Zeiten
-aufgebaut ist.
-
-Das Nächste und Grundlegendste ist, daß er -- was freilich schon der
-alte Aristoteles festgestellt und natürlich auch Platos Weisheit
-bereits entdeckt hatte, was aber erst durch Kants Begründung zum
-unverlierbaren Eigenbesitz der Philosophie geworden ist -- das
-Gebiet der Kunst oder, persönlicher ausgedrückt, die _gestaltende_
-Tätigkeit des schaffenden Künstlers von der _theoretischen_ des
-wissenschaftlichen, von der _praktischen_ des sittlichen Menschen
-scheidet oder doch zu scheiden beginnt. Wir werden später bei Schiller
-und Goethe sehen, wie diese »reinliche Scheidung« der drei menschlichen
-Kulturgebiete: Wissenschaft, Ethik und Kunst unter dem Einfluß Kants
-schon weiter fortgeschritten ist. Der
-
-
-Laokoon
-
-setzt sie, wie schon sein Nebentitel Ȇber die Grenzen der Malerei
-und der Poesie« besagt, _innerhalb_ der Künste zwischen »Poesie« und
-»Malerei«, d. h. dem künstlerischen Schaffen in Wort, Rhythmus und
-Melodie, wie es Dichtkunst und Musik betreiben, auf der einen, und dem
-Kunstschaffen in Form und Farbe, wie es den bildenden Künsten: Malerei,
-Bildhauerei und Baukunst, eigen ist, auf der anderen Seite fort.
-Lessing befand sich damit mitten in den Problemen und der Polemik,
-die über sie von den angesehensten Theoretikern der Gegenwart und
-letzten Vergangenheit, den Franzosen Dubos, Batteux und Diderot, den
-Engländern Hutcheson, Harris, Burke und Home, den Schweizern Bodmer
-und Breitinger, den Deutschen Mendelssohn, Nicolai und anderen geführt
-worden war. Speziell mit den beiden letzteren hatte er schon ein
-Jahrzehnt zuvor lange teils mündliche, teils schriftliche Diskussionen
-über Ursprung und Natur der tragischen Empfindungen gepflogen; ja
-in gewissem Sinne hatten ihn Mendelssohns »Betrachtungen über die
-Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften«
-auf das Thema seines »Laokoon« überhaupt gebracht. Und außerdem wollte
-er Ordnung auch in der _Praxis_ der bildenden und der Dichtkunst
-schaffen: den Hang zur Allegorie (z. B. Oeser) in jener, den Hang zur
-Schilderungssucht (Haller, Brockes, Ewald v. Kleist und Geßner) in
-dieser bekämpfen. Und das ist ihm denn auch, wenigstens für Poesie,
-so ziemlich gelungen: er hat der bis dahin fast allgemein geübten
-unkritischen Vermischung der Künste, die nach der blendenden Antithese
-des griechischen Dichters Simonides die Dichtkunst einfach zu einer
-»redenden Malerei«, die bildende zu einer »stummen Poesie« machen
-wollte, den kritischen Todesstoß versetzt. Dem Gebiet der bildenden
-Künste wies er die im Raume _neben_einander geordneten sichtbaren
-_Körper_, dem der redenden das in der Zeitfolge _nach_einander
-geordnete Gebiet der _Handlung_ zu.
-
-Gewiß, viele seiner Einzelansichten sind durch die moderne
-Kunstentwicklung und Kunstanschauung, ja zum Teil schon durch die
-frühere Kunstpraxis überholt. Wir werden z. B. heute nicht mehr so
-einseitig wie Lessing der antikisierenden Anschauung Winckelmanns
-folgen und allein die Schönheit, nicht die Wahrheit des Ausdrucks für
-den höchsten Zweck der bildenden Kunst erklären. Wir werden nicht
-so einseitig wie er die Form vor der Farbe, die Plastik vor der
-Malerei bevorzugen. Und wenn er die Landschafts-, die Historien-, die
-Genre-, ja sogar die Porträtmalerei verwirft, wenn er infolgedessen
-die großen Niederländer, sogar einen Rembrandt geringschätzt, was
-bleibt dann schließlich von der Malerei noch übrig? Es rächt sich
-hier, daß Lessing, ähnlich wie Kant, obschon wohl in nicht so starkem
-Maße wie dieser, die lebendige Anschauung, ja wohl auch die warme
-Empfänglichkeit für die großen Werke der bildenden Künstler der
-Renaissance, der Spanier, der Niederländer gemangelt hat. Ist er
-doch, als er endlich mit sechsundvierzig Jahren vom Frühjahr bis in
-den Winter 1775 Italien bereisen konnte, freilich als offizieller
-Reisebegleiter eines unreifen Prinzen und seines militärischen
-Gouverneurs, wenn anders wir nach den trockenen und dürftigen Notizen
-seines Tagebuches schließen dürfen, selbst dort von den Wundern
-der Natur und Kunst, die nach ihm so viele Nordländer entzückt
-haben, anscheinend wenig ergriffen worden. In ihm herrschte eben,
-ähnlich wieder wie bei dem ihm überhaupt in so mancher Hinsicht
-geistesverwandten Kant, auch in Kunstdingen die norddeutsche Reflexion,
-der eindringende Scharfsinn, die Neigung zum psychologischen
-Zergliedern vor, gegenüber der Gefühlswärme eines Herder, eines Goethe
-oder gar eines Heinse.
-
-Auch in seinem eigentlichen Felde, der Poesie, wird man seiner
-Bevorzugung des Epos und des später noch besonders zu erörternden
-Dramas vor der Lyrik nicht zuzustimmen brauchen. Obwohl im Grunde doch
-auch für die Lyrik sein oberstes Kunstgesetz zutrifft, wenn man bloß
-für »Handlung« das sinnverwandte »Bewegung« einsetzt, die auch durch
-die zarteste Stimmungs- oder Liebespoesie, ja _gerade_ durch diese (man
-denke etwa an Goethes Sesenheimer Lieder), wenn ebenso auch »Handlung«
-selbst durch Goethes, Schillers und Uhlands Balladen geht. Ja man
-könnte in Anwendung eines bekannten Wortes von Kant über Plato, daß man
-ihn besser verstehen könne, als er sich selbst verstand, untersuchen,
-ob nicht aus Lessings Gedanken noch andere und fruchtbarere Folgerungen
-zu ziehen sind, als er selbst sie in dem ja leider unvollendet
-gebliebenen »Laokoon« gezogen hat. So könnte man mit Schrempf aus dem
-Motiv der _Liebe_, die nach der Einleitung »den großen alten Meistern
-die Hand zu führen nicht müde geworden«, anknüpfend an den platonischen
-Eros, von der bildenden auch nach der Dichtkunst die Linien
-hinüberziehen und als deren eigentlichen Gegenstand den »menschlichen
-Helden« hinstellen, wie ihn der »Laokoon« in dem Philoktet des
-Sophokles zeichnet, der weder weichlich noch verhärtet ist, und von
-dem er sagt, er sei »das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, die
-Kunst nachahmen kann«. Für das Auge der Liebe dürfte auch, wie Schrempf
-feinsinnig bemerkt,[1] der scharfe Gegensatz von Schönheit und
-Wahrheit des Ausdrucks, den Lessing selbst noch zieht, nicht vorhanden
-sein. Wir lieben doch einen Menschen und deshalb auch seine Nachbildung
-in der Kunst (man denke namentlich an die religiöse Malerei!), wenn aus
-seinen Zügen eine schöne Seele spricht, auch wenn er auf körperliche
-Schönheit keinen Anspruch machen kann. Auch der Bildner des Laokoon
-erregt mein ästhetisches Wohlgefallen doch nur dadurch, daß er mir
-dessen Seelengröße bei allen seinen Qualen zeigt. Lessing kann und will
-vielleicht auch nicht mehr behaupten, als daß die griechischen Künstler
-selbst in der Darstellung der Leidenschaft, mithin des Ausdrucks, die
-Rücksicht auf die schöne Form nie vergessen haben.
-
-Es ist schade, daß der »Laokoon« ein Torso geblieben ist. Schon
-deshalb, weil Lessing sich in dem Vorliegenden fast ganz auf den
-Unterschied von Poesie und »Malerei« in der Darstellung sinnlich
-sichtbarer Gegenstände beschränkt hat. Wie er schon in seiner
-Abhandlung über die _Fabel_ (1759) auch für deren Erzählung eine
-Handlung, d. h. eine Folge von Veränderungen, die ein Ganzes ausmachen,
-gefordert hatte, so wollte er, wie die in seinem Nachlaß enthaltenen
-Entwürfe zeigen, in der beabsichtigten Fortsetzung des »Laokoon« seine
-Haupt- und Grundsätze auf alle wichtigen Stilfragen ausdehnen und
-nicht bloß die redende und bildende Kunst (darunter gewiß auch die
-im »Laokoon« vernachlässigte Baukunst), sondern auch die Musik, ja
-sogar die Tanzkunst bis zu einem gewissen Grade in den Kreis seiner
-Untersuchung ziehen.
-
-Seine Eigenart freilich und das Geheimnis seiner heute noch
-fortdauernden Wirkung auf uns liegt, wie wir es zum Teil schon
-sahen, nicht in dem systematischen Abschließen, sondern in dem stets
-lebendigen Forschen, das auch den Leser zum Mitphilosophieren zwingt.
-Er verschmäht absichtlich für seine im letzten Grunde sehr überdachten
-Untersuchungen die feste systematische Form. Er will, weder mit
-seinem »Laokoon« noch später mit seiner »Hamburger Dramaturgie«, ein
-ästhetisches Lehrbuch liefern, wie es nicht lange vorher, als erster in
-Deutschland, der Hallenser Professor Baumgarten mit seiner »Ästhetica«,
-trocken und pedantisch genug, der gelehrten Welt gegeben hatte. »An
-systematischen Lehrbüchern«, bemerkt -- auch für unsere Zeit noch
-sehr passend -- gleich die Vorrede zum »Laokoon«, »haben wir Deutsche
-überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen in
-der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf
-verstehen wir uns trotz einer Nation der Welt.« Lessing dagegen wählt
-mit Absicht den scheinbar regellosen Weg des bald hierhin, bald dorthin
-ablenkenden Spaziergängers, geht von lebendigen Beispielen, sei es der
-bildenden Kunst oder der dichterischen Praxis des Sophokles und vor
-allem des ewig jungen Vaters Homer aus, um aus ihnen erst zum Schluß
-einige wenige allgemeine Gesetze abzuleiten. Erst der sechzehnte
-Abschnitt beginnt, nach einem in der Mitte abgebrochenen Satze, mit
-den Worten: »Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten
-Gründen herzuleiten.« Gerade darum eignen sich seine wichtigsten
-kunstphilosophischen Schriften, nicht zu vergessen auch die schöne
-Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet«, noch heute so gut zur
-Lektüre unserer Primaner und Primanerinnen: nicht etwa als unantastbare
-Regel und Richtschnur, sondern als beständiger Anreiz zu eigenem
-Nachdenken, als Anknüpfungspunkt zu weiterführenden, vielleicht mit
-einem anderen Ergebnis oder besser noch mit der Aussicht auf neu sich
-auftuende Fragen schließenden Erörterungen. Sie sind zugleich ein
-treffliches Vorbild für den zukünftigen Schriftsteller oder Redner,
-daß er uns seine Gedanken nicht als fertige vortrage, sondern sie vor
-unseren Augen, ja in unserer Seele erst entstehen lasse, wie Homer den
-Schild des Achilleus.
-
-Daß neben den entdeckten obersten Kunstgesetzen auch noch eine Fülle
-fruchtbarer ästhetischer Einzelbegriffe gefunden oder festgestellt
-wird, wie die Wahl des fruchtbarsten Augenblicks für den Dichter und
-den bildenden Künstler, die Bestimmung des Reizes als der »Schönheit
-in Bewegung«, die Behandlung des Lächerlichen und des Häßlichen, des
-Furchtbaren, des Gräßlichen und des Ekelhaften, sei nur nebenher
-erwähnt. Auch die Beziehungen der Kunst zum Staat, zur Religion werden,
-wie jeder Leser des »Laokoon« weiß, bereits in den einleitenden
-Erörterungen berührt. Und seine letzte kunstphilosophische Abhandlung
-»Wie die Alten den Tod gebildet« -- nämlich nicht als Knochengerippe
-wie die Nordländer, selbst ein Holbein, Dürer oder Rethel, sondern als
-den Bruder des Schlafes -- schließt mit einer tiefempfundenen und sehr
-zu denken gebenden, gegen eine kunstfeindliche Richtung innerhalb des
-Protestantismus gerichteten Bemerkung über das Verhältnis von Kunst und
-Religion: »Nur die mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen
-entfernen; es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene
-wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt.«
-
-So wirkte denn der »Laokoon« schon zur Zeit seines Erscheinens mächtig
-auf alle freieren Geister in der bildenden Kunst und der Dichtung.
-Ein neuerer Gelehrter hat sich die Mühe genommen, alle erreichbaren
-Urteile der Zeitgenossen über die einzelnen Schriften Lessings
-zusammenzutragen. Aber wir bedürfen für unseren philosophischen Zweck
-nicht solches philologischen Sammelns teilweise doch ganz wertloser
-Äußerungen von Krethi und Plethi. Uns genügt zu einer nochmaligen
-Schlußbeleuchtung von Lessings kunstkritischer Tat das Urteil des
-einen _Goethe_, wie es sich im achten Buche des zweiten Teiles von
-»Dichtung und Wahrheit« findet. »Man muß Jüngling sein,« so schreibt
-er noch nach vierundeinhalb Jahrzehnten und doch mit lebendigster
-Erinnerung an die eigene Jünglingszeit, »um sich zu vergegenwärtigen,
-welche Wirkung Lessings ›Laokoon‹ auf uns ausübte.« Die »Wir«, das
-ist die junge Generation, die eine neue Blütezeit der deutschen
-Dichtung erstrebte und auch erreicht hat; nicht die alte, absterbende:
-die trockenen Gottschedianer auf der einen, die empfindsame und in
-breiten Beschreibungen sich ergehende sogenannte »Schweizer« Schule
-der Haller, Bodmer und Breitinger auf der anderen Seite, und doch auch
-die Männer des alten Geschmacks, die dem deutschen Dichtergenius noch
-nichts zutrauten, und zu denen selbst so große Geister wie Immanuel
-Kant und Friedrich der Große gehörten. Goethe fährt fort -- und nun
-kommt der feinste und wichtigste Zug seiner Charakteristik --: »indem
-uns dieses Werk aus der Region eines kümmerlichen _Anschauens_ in die
-freien Gefilde des _Gedankens_ hinriß.« Mit dem kümmerlichen Anschauen
-wird er wohl weniger das Gebiet der bildenden Kunst gemeint haben,
-denn hier hatte Johann Winckelmann bereits ein Jahrzehnt zuvor durch
-seine »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei
-und Bildhauerkunst« (1755) und von neuem eben erst (1764) durch seine
-»Geschichte der Kunst des Altertums« revolutionierend gewirkt,[2]
-sondern die Poesie. Die »Anschauung« muß auch auf dem Felde der
-Ästhetik durch den »Gedanken« oder, wie es kurz vorher bestimmter
-heißt, durch den »Begriff« erst erleuchtet, gewissermaßen erst sehend
-gemacht werden. Denn, wie Kant an einer bedeutsamen Stelle seiner
-»Kritik der reinen Vernunft« es formuliert: Begriffe ohne Anschauungen
-sind freilich »leer«, aber Anschauungen ohne Begriffe sind »blind«.
-Die so lange aus Mißverständnis beider Kunstarten hervorgegangene
-Vermischung und Verwischung von bildender und redender Kunst, wie
-sie in jener glänzenden Antithese des Simonides von der Poesie als
-redender Malerei und der Malerei als der stummen Poesie lag, sie war
-nach Goethes Ausdruck nun durch die Tat Lessings »auf einmal beseitigt«
-worden; die Gipfel beider Künste »erschienen nun getrennt«, wie nahe
-auch ihre »Basen« in dem schöpferischen Urquell alles Kunstschaffens
-überhaupt »zusammenstoßen mochten«. Und wenn er dann zum Schlusse
-ausführt, daß sie, d. h. die junge Generation, daraufhin »alle
-bisherige anleitende und urteilende Kritik wie einen abgetragenen Rock
-weggeworfen« hätten, so hat er damit die epochemachende tatsächliche
-Wirkung der Lessingschen Kunstschrift noch nach 45 Jahren aufs stärkste
-gekennzeichnet. In der Tat hat denn auch der »Laokoon« in dem nächsten
-Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen nach dem Urteil Wilhelm
-Diltheys »alle ästhetische und literarische Kritik bestimmt«, bis 1790
-ein noch Größerer kam, Kant mit seiner »Kritik der Urteilskraft«,
-die Schiller und Goethe, wie wir später sehen wollen, zusammenführen
-sollte. Allein nicht bloß die ästhetische Theorie, auch das
-dichterische Schaffen selbst hat der »Laokoon« nachhaltig beeinflußt.
-Das haben nicht bloß Herder und Wieland dankbar anerkannt (der letztere
-z. B. bemerkt einmal an einer Stelle, wo er sich in eine längere
-poetische Beschreibung einlassen will: »Hier zupft mich Lessing am
-Ohr!«), das haben auch Schiller und Goethe selber praktisch beachtet.
-Denken wir nur an Schillers großes kulturphilosophisches Gedicht »Der
-Spaziergang« -- welcher Unterschied gegen die trockenen Lehrgedichte
-eines Pope und Haller! -- oder an »Hermann und Dorothea« mit dem Gang
-der Löwenwirtin durch ihr Besitztum. Und ihnen nach, bewußt oder
-unbewußt, unsere besten neueren Dichter: die Gottfried Keller, Konrad
-Ferdinand Meyer, Theodor Storm und andere.
-
-Doch es wird Zeit, daß wir uns der _zweiten_ großen ästhetischen Tat
-Lessings zuwenden, seiner
-
-
-Hamburger Dramaturgie
-
-Wenn das Wesen der Poesie Handlung ist, so stellt ihren Höhepunkt die
-_dramatische_ Dichtung dar, die ihren Namen ja vom griechischen Worte
-(~drān~) für »handeln« hat und in »Akte«, d. h. Handlungen, zerfällt.
-War dies Thema im »Laokoon« nur gestreift worden, so kehrte Lessing in
-seiner »Hamburger Dramaturgie« zu der theoretischen Behandlung seines
-alten Lieblingsfeldes, des Schauspiels, zurück, dem er inzwischen
-durch seine »Minna von Barnhelm« eine seiner unvergänglichsten Gaben
-geschenkt hatte.[3] Auch diesmal wieder geht er, ja in noch weit
-höherem Grade als beim »Laokoon«, von der Praxis aus: den Ausführungen
-des neugegründeten, als großes deutsches Nationaltheater geplanten,
-leider aber nach kaum zwei Jahren aus Mangel an Interesse der
-maßgebenden Kreise gescheiterten Hamburger Schauspielhauses, zu dessen
-dramatischem Berater er gewählt worden war. Aus seiner Besprechung
-dieser Aufführungen, die sich infolge äußerer Umstände immer mehr auf
-die theoretische Seite beschränkte, erwuchs die berühmte »Hamburger
-Dramaturgie« (1767 bis 1769): jenes Buch, dessen Verfasser dramatischer
-Theoretiker, erfahrener Theatermann und dramatischer Dichter zugleich
-war, also alle drei erforderlichen Eigenschaften in gleichem Maße
-besaß; jenes Buch, von dem Gervinus in seiner »Geschichte der
-deutschen Dichtung« (IV, S. 399) sagt: er kenne »kein Buch, bei dem ein
-deutsches Gemüt über den Widerschein echt deutscher Natur, Tiefe der
-Erkenntnis, Gesundheit des Kopfes, Energie des Charakters und Reinheit
-des Geschmacks innigere Freude und gerechtfertigteren Stolz empfinden
-dürfte«.
-
-Wenn das Drama nach Diltheys zutreffendem Wort eine vollendet
-vergegenwärtigte Handlung ist, die Form der Handlung aber nur in der
-_Einheit_ gefunden werden kann, so bedarf gerade das Drama vor allem
-strengster Einheit der Handlung. Die von den französischen Ästhetikern
-und ihren Nachtretern, den deutschen Gottschedianern geforderten und
-dann in der dramatischen Praxis der Zeit fast ausnahmslos bis zur
-Schablone mit pedantischer Ängstlichkeit durchgeführten zwei weiteren
-»Einheiten« des Ortes und der Zeit, wonach die Handlung sich binnen
-vierundzwanzig Stunden womöglich in demselben Raume abspielen mußte,
-sind mithin unerheblich. Die stärkste Wirkung entfaltet die _tragische_
-Handlung. Wenn aber weiter alles menschliche Tun dem unterschiedslosen
-Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt, so muß auch die von dem
-genialsten und scheinbar regellosesten aller bisherigen Dramatiker,
-dem großen Shakespeare, geschaffene dichterische Welt ebenfalls einen
-lückenlosen Zusammenhang der inneren und äußeren Motivierung dieser
-Handlungen aufweisen. Eine jede von ihnen muß aus dem Charakter der
-handelnden Personen und der sie umgebenden Welt (ihrem »Milieu«)
-notwendig hervorgehen, genauer hervorzugehen scheinen. Die Tragödie
-insbesondere muß uns mitten in die tragischen Charaktere, in das Werden
-ihrer Leidenschaften versetzen, so lebendig, daß auch dem Zuschauer
-oder Leser alles klar und durchsichtig vor die Seele tritt. »Wir müssen
-bei jedem Schritt, den der Poet seine Personen tun läßt, bekennen: wir
-würden ihn in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, bei der nämlichen
-Lage der Sache selbst getan haben.«
-
-Unserem Ästhetiker scheint daher, wie schon dem alten Aristoteles in
-seiner »Poetik«, die Tragödie einen viel philosophischeren Charakter
-zu besitzen als die _Geschichte_. Denn »auf dem Theater sollen wir
-nicht lernen, was dieser oder jener einzelne Mensch getan _hat_,
-sondern« -- was Lessing offenbar für eine philosophische Einsicht hält
--- »was jeder Mensch unter gewissen gegebenen Umständen tun _werde_«.
-Man kann bestreiten, ob die recht verstandene Geschichte wirklich vom
-philosophischen Standpunkt aus dem Drama untergeordnet ist. Tiefere
-Geschichtschreiber und Geschichtsphilosophen werden es nicht zugeben.
-Sagt doch z. B. Auguste Comte, gerade die Geschichte lehre ~savoir pour
-prévoir~, »wissen, um vorauszuwissen«! Diese Frage steht überhaupt auf
-einem anderen Blatte, und wir wollen ihr jetzt nicht weiter nachgehen.
-Die Hauptfrage ist für den Dichter wie für den Theoretiker der Tragödie
-eine andere, die rein subjektive: Welches Gefühl soll die echte
-Tragödie im Gemüt des Zuschauers erwecken?
-
-Damit kommen wir zu der berühmten aristotelischen Begriffsbestimmung
-des Trauerspiels, von der uns hier nur der Schlußgedanke angeht,
-daß sie »vermittels des _Mitleids_ und der _Furcht_ die Reinigung
-derartiger Leidenschaften hervorbringt«. Wir wollen uns nicht mit
-den Einzelheiten dieser berühmten Definition, die bekanntlich eine
-ganze Literatur für sich hervorgebracht hat, aufhalten, z. B. mit der
-Frage, ob die »Reinigung« (Katharsis) eine Läuterung _der_ genannten
-beiden Leidenschaften selbst oder eine Befreiung _von_ ihnen bedeutet.
-Auch, ob »Furcht« bei Aristoteles in dem von Lessing angenommenen
-Sinne gemeint ist, sie sei »das auf uns selbst bezogene Mitleid«, mag
-zweifelhaft bleiben. Wir sind überhaupt nicht der von Lessing noch mit
-den meisten seiner Zeitgenossen geteilten Meinung, daß Aristoteles in
-diesen Dingen eine unfehlbare Richtschnur darstelle. Das Wesentliche
-scheint mir vielmehr mit Dilthey darin zu liegen, daß Lessing, ob mit
-oder ohne Aristoteles, das Mitleid in seiner ganzen Tiefe faßt, daß wir
-es uns erweitert denken müssen zum Mitempfinden überhaupt, gleichsam
-zum »Miterzittern unseres Innern«, wie wenn eine zweite Saite mit
-der zuerst angeschlagenen mitzutönen beginnt, so daß also neben der
-Mittrauer die Mit_freude_ mitumfaßt wird. So mußte Lessing den Kern
-der Handlung, den Kern der dramatischen Charaktere eines Shakespeare
-und anderer Großen in der _freien_, lebendigen _Bewegung großer
-Leidenschaften_ erblicken, wie er schon im »Laokoon« das Stoische als
-»untheatralisch« bezeichnet und die bloße Bewunderung einen »kalten
-Affekt« genannt hatte. Damit aber legt er den letzten Grund des
-dichterischen Schaffens in die Hand des _Genies_.
-
-Man hat Lessing häufig der Genieperiode des achtzehnten Jahrhunderts
-schroff entgegengesetzt. Gewiß, er hat deren Ausartungen nicht
-gebilligt. Und er selbst hat in dem Epilog zu seiner »Dramaturgie«
-allzu bescheiden von sich behauptet, nicht einmal ein Dichter, viel
-weniger ein Genie zu sein: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in
-mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in
-so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt; ich muß alles
-durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen.« Sicherlich, die
-_kritische_ Ader war in ihm stärker als die _produktive_ Schöpferkraft.
-Aber schon Goethe hat auf diese Selbstbezweifelung die richtige Antwort
-gegeben: »Lessing wollte den hohen Titel eines Genies ablehnen, aber
-seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn selber.« Erinnern wir uns
-auch seiner Jugendverse vom Adlerflug des Genies (S. 6 f.). Er ist
-jedenfalls nicht bloß selbst ein großes kritisches Genie gewesen,
-sondern hat vor allem auch das Wesen des Genies begriffen und seinen
-Alleinwert für die Dichtkunst gewürdigt. Ich gebe Ihnen im folgenden
-einige seiner Aussprüche wieder. Das Genie trägt nach ihm die Probe
-der Regeln in sich, es ist der geborene Kunstrichter und lacht über
-die Grenzscheidungen der Kritik. Es beweist durch die Tat, d. h.
-durch sein Werk, was möglich ist. Aus sich selbst, aus seinem eigenen
-Reichtum bringt es alle seine Schöpfungen hervor. Das höchste Genie,
-den göttlichen Schöpfer, im kleinen nachahmend, schafft sich seine
-eigene Welt. Freilich an anderen Stellen heißt es doch wieder im Geiste
-der _alten_ Zeit: mit Absicht dichten, d. h. mit Absicht »nachahmen«
-sei eben das, was das Genie von den kleinen Dichtern und Künstlern
-unterscheide. Zu dem ganz freien Begriff des Genies, wie ihn Kants
-»Kritik der Urteilskraft« lehrt, ist Lessing mithin doch nicht völlig
-vorgedrungen.
-
-Auch klebt er noch zu fest an den aristotelischen Begriffen: er hat
-sich von dem Einfluß der antiken Schicksalstragödie, die er in
-Sophokles verehrte, zu der rein modernen Charaktertragödie, welche die
-Katastrophe einzig und allein aus der tragischen Schuld des Helden
-herleitet, noch nicht gänzlich durchgerungen. Im letzten Grunde darf
-doch die Tragödie sich nicht damit begnügen, bloß die Darstellung einer
-rührenden, unser Mitleid erregenden Handlung zu sein; sondern muß uns
-durch den in ihr sichtbar werdenden, wenigstens _inneren_ Triumph
-der sittlich-vernünftigen Weltordnung befreien und erheben. Deshalb
-befriedigt uns z. B. der Ausgang von Schillers »Räubern« oder »Luise
-Millerin« mehr als der von Hauptmanns »Webern«, was ich übrigens zu
-meiner Freude schon in Abiturientenaufsätzen westfälischer Oberprimaner
-klar auseinandergesetzt fand.
-
-Mit seiner im Winter 1771/72 verfaßten »Emilia Galotti«, sozusagen
-der praktischen Verkörperung seiner dramatischen Theorie, schließt
-Lessings ästhetische Epoche ab; denn sein »Nathan« von 1776 dient
-anderen Zwecken. Noch einmal legt er hier in deren erstem Aufzug dem
-Maler Conti geistvolle ästhetische Aussprüche in den Mund, wie die,
-daß »Raffael das größte malerische Genie gewesen wäre, auch wenn er
-unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden«. Dann aber versiegt
-seine ästhetische Ader. Was er Ästhetisches der Welt zu sagen gehabt
-hatte, hatte er gesagt. Er wendet sich nun wieder den religiösen,
-zuletzt auch den geschichts-, staats- und allgemein-philosophischen
-Weltanschauungsfragen zu.
-
-Seine dramatischen Theorien aber haben auf Dichter, Ästhetiker und die
-praktischen Vertreter der Schauspielkunst nachhaltig eingewirkt. Wie
-wir bei dem »Laokoon« uns auf des einen Goethe Ausspruch bezogen haben,
-so möchten wir hier auch nur auf das Urteil unseres größten klassischen
-_Dramatikers_ hinweisen. Kein Geringerer als Friedrich Schiller
-schreibt am 4. Juni 1799 über die »Hamburger Dramaturgie« an Goethe:
-Lessing sei über das, was die Kunst betreffe, am klarsten gewesen,
-habe am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht und das
-Wesentlichste, worauf es ankomme, am unverrücktesten ins Auge gefaßt.
-Und um zum Schlusse auch noch einen Mann der Praxis zu zitieren: der
-große Mime Eduard Devrient rühmt in seiner »Geschichte der deutschen
-Schauspielkunst« gerade Lessing auch als deren Befreier: »Von nun an
-war der Schauspieler von allem Herkömmlichen, von allen Kunstmustern
-wieder unmittelbar an die Natur gewiesen. Er hatte Menschen, er hatte
-Leidenschaften, Schwächen und Tugenden darzustellen, Gedanken und
-Empfindungen auszusprechen; wie er sie kannte, wie er sie im eigenen
-Leben fand. Die Geschichte des deutschen Herzens war Gegenstand seiner
-Kunst geworden.«
-
-
-
-
-~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780
-
-
-Religionsphilosophie
-
-Im Mai 1770 hatte Lessing seine erste und -- letzte amtliche Stellung
-angetreten: die eines Bibliothekars an der berühmten _Wolfenbütteler_
-Bibliothek, bei deren reichen Bücherschätzen er sich zunächst, trotz
-aller Einsamkeit, ganz wohl fühlte. Unter ihren ungefähr sechstausend
-Handschriften hatte er bereits im selben Sommer eine längst verloren
-geglaubte Abhandlung des berühmten Frühscholastikers _Berengar_
-von Tours über die Abendmahlslehre entdeckt, über die er dann im
-Oktober desselben Jahres einen ausführlichen Vorbericht herausgab.
-Uns interessiert hier nicht die theologische Seite des Problems,
-insbesondere ob und wieweit Lessings Behauptung berechtigt ist, daß
-Berengars Auffassung derjenigen Luthers verwandt sei, wodurch er sich,
-wie er seiner späteren Gattin Eva König ironisch schreibt, bei »unseren
-lutherischen Theologen in den lieblichen Geruch von Rechtgläubigkeit
-setzte« und namentlich seinem alten Vater noch eine letzte Freude
-bereitete. Für ihn war das Ganze nur eine historisch-kritische Frage;
-denn er persönlich hatte längst der dogmatischen Auffassung Lebewohl
-gesagt, die Friedrich II. einmal gegen Voltaire »das empörendste
-und für das höchste Wesen beleidigendste Dogma« und zugleich »den
-Gipfel der Tollheit und des Blödsinns« erklärt hat, weil es darin
-bestehe: »seinen Gott zu _essen_«. Sondern uns interessieren auch
-hier wieder mehr seine beiläufigen Bemerkungen. Berengar war für sein
-zeitgenössisches elftes Jahrhundert ein Aufklärer und ein Ketzer
-gewesen. Dazu bemerkt der ihm geistesverwandte Lessing: »Das Ding, was
-man _Ketzer_ nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der
-mit seinen _eigenen_ Augen wenigstens hat sehen wollen. Die Frage ist
-nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja,
-in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung,
-die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden können.«
-Berengar hatte sich zuletzt freilich, wie so viele nach ihm, der
-Kirche »löblich unterworfen«. Dazu meint der Aufklärer des achtzehnten
-Jahrhunderts: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der
-Wahrheit aufzuopfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man
-Wahrheit lehren will, sie _ganz_ oder _gar nicht_ zu lehren, sie klar
-und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft
-und Nützlichkeit zu lehren ...« Ewig denkwürdige, ewig nachahmenswerte
-Worte! Und er läßt auch den Einwurf nicht gelten, daß die Vorurteile
-und Eindrücke unserer ersten Erziehung doch nie auszurotten wären.
-Im Gegenteil, »die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in
-unserer Kindheit beigebracht werden, sind gerade die allerflachsten,
-die sich am allerleichtesten durch selbsterworbene Begriffe auf ewig
-überstreichen lassen«.
-
-Der zweite Fund (1773) betraf eine Vorrede Leibnizens zu der Abhandlung
-eines Altorfer Gelehrten »_Von den ewigen Strafen_«. Auch hier
-setzte sich Lessing zum Erstaunen seiner aufklärerischen Berliner
-Freunde dafür ein, daß die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen
-konsequenter sei und deshalb auch von dem großen Leibniz, »der, wenn
-es nach mir ginge, nicht eine Zeile vergebens müßte geschrieben
-haben«, eher habe verteidigt werden können als die mildere Auffassung
-des rationalistischen Theologen Eberhard. Von dem »rohen und wüsten
-Begriff, in dem so mancher Theologe diese Lehre nimmt«, könne
-selbstverständlich bei einem Manne wie Leibniz keine Rede sein. Die
-»Hölle« ist »nichts anderes als der Inbegriff der _natürlichen_
-Strafen«. Seine bei dieser Gelegenheit verteidigte Unterscheidung von
-»exoterischer«, d. h. für die große Masse, und »esoterischer«, für
-die tiefer Denkenden bestimmter Lehre scheint freilich in geradem
-Widerspruch zu seinem vorhin zitierten schönen Worte von der Pflicht
-zur Wahrheit zu stehen.
-
-Deutlicher drückt er sich darüber in einem Briefe vom 2. Februar 1774
-an seinen Bruder Karl aus, der ihm offenbar seine Gegnerschaft gegen
-die »Aufklärung« vorgeworfen hatte. »Ich sollte es der Welt mißgönnen,
-daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen
-wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge?« Er
-würde sich selbst verabscheuen, wenn er bei seinen »Sudeleien« einen
-anderen Zweck verfolgt hätte! Er wolle nur nicht, daß das »unreine
-Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen«, eher »weggegossen«
-würde, als »bis man weiß, woher reineres nehmen«. »Mit der _Orthodoxie_
-war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr
-und der _Philosophie_ eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine
-jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber
-was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns
-unter dem Vorwand, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst
-unvernünftigen Philosophen.«
-
-Gotthold Lessing ist also im letzten Grunde viel radikaler als sein
-jüngerer Bruder, der die neumodische Aufklärungstheologie in Schutz
-nimmt, welche den »gereinigten« christlichen Glauben _beweisen_
-will. Sein Widerspruchsgeist und seine dialektische Kunst verleitet
-ihn jedoch, auch in der folgenden Schrift, die sich wiederum mit
-einem Leibnizschen Aufsatz, diesmal gegen »des Andreas Wissowatius
-Einwurf wider die _Dreieinigkeit_«, also einem anderen Hauptdogma des
-Christentums, beschäftigt, allzu sehr die Partei der angegriffenen
-Orthodoxie zu nehmen. Er geht in dieser Dialektik sogar so weit, daß
-er einmal meint, »einer übernatürlichen geoffenbarten Wahrheit, die
-wir _nicht verstehen sollen_«, gereiche diese »Unverständlichkeit«
-gerade zum »undurchdringlichsten Schilde«; womit wir dann glücklich bei
-des alten Kirchenvaters ~Credo, quia absurdum~ (Ich _glaube_, weil es
-vernunftwidrig ist) angekommen wären. Daß das nicht seine wirkliche An-
-und Absicht war, sollte sich bald in einem größeren Waffengang zeigen.
-
-Es trat schon hervor in einer seiner bereits (S. 8) erwähnten
-»Rettungen«: »Von Adam Neusern einige authentische Nachrichten«
-(1774): in gewisser Hinsicht einer unmittelbaren Ergänzung zu der
-Wissowatius-Schrift. Adam _Neuser_ war ein in der zweiten Hälfte des
-sechzehnten Jahrhunderts in Heidelberg als Pfarrer wirkender Bekämpfer
-der Dreieinigkeitslehre, der dem Henkerschicksal seines Amtsbruders
-Sylvan und seines berühmteren Vorgängers Servet in Genf (der
-bekanntlich wegen seines Glaubens an _einen_ Gott statt der offiziellen
-»Dreigötterei« [Tritheismus] von Kalvin, unter dem Beifall Luthers
-und Melanchthons, auf den Scheiterhaufen gebracht wurde) nur dadurch
-entging, daß er sich vor der Verfolgungswut seiner »christlichen«
-Amtsbrüder nach mancherlei Irrfahrten zu dem türkischen Großsultan
-rettete, unter dessen Schutz und in dessen Dienst als Dolmetscher
-er, Mohammedaner geworden, 1576 starb. Aus seinem von Lessing zum
-ersten Male veröffentlichten Schreiben an einen unbekannten Landsmann
-ergibt sich für einen Unbefangenen mindestens sein subjektiv gutes
-Bewußtsein. Allein, wie es sein Verteidiger bezüglich der leider zur
-Tat gewordenen Hinrichtung Sylvans ausführt, »die Theologen verlangten
-Blut, durchaus Blut«. Nicht einmal Zeit für »Besserung« zugestanden.
-»Nur erst den Kopf ab; mit der Besserung wird es sich schon finden, _so
-Gott will_!« Woran Lessing den Stoßseufzer schließt: »Welch ein Glück,
-daß die Zeiten vorbei sind, in welchen solche Gesinnungen Religion und
-Frömmigkeit hießen! Daß sie wenigstens unter dem Himmel vorbei sind,
-unter welchem wir leben! Aber welch ein demütigender Gedanke, wenn es
-möglich wäre, daß sie auch unter diesem Himmel einmal wiederkommen
-könnten!«
-
-Den Aufsatz über Neuser veröffentlichte Lessing zusammen mit einem
-inhaltlich verwandten »_Von Duldung der Deisten_«, das er als »Fragment
-eines _Ungenannten_« bezeichnete. Dies Fragment, das er unter den
-neuesten Handschriften der Wolfenbütteler Bibliothek gefunden haben
-will, handelt, um mit Lessing zu reden, »von der Vortrefflichkeit und
-Hinlänglichkeit der natürlichen Religion« und fordert die Duldung für
-Anhänger, »welche sich«, wie der »Ungenannte« sich ausdrückt, »in der
-Erkenntnis und Verehrung Gottes bloß an die gesunde Vernunft halten«.
-Der Herausgeber beschränkt sich auf eine kurze Einleitung, in der er
-die Fragmente als »mit der äußersten Freimütigkeit, zugleich aber mit
-dem äußersten Ernst geschrieben«, kurz als die Schrift eines offen und
-»geradezu« redenden »wahren, gesetzten Deutschen« charakterisiert;
-und auf einige angehängte Schlußseiten, auf denen er unter anderem die
-Gesinnung des Mohammedaner gewordenen Neuser mit der verwandten des
-»ungenannten« Deisten vergleicht, zum Schluß auch bereits sich ironisch
-über das heutige »vernünftige« Christentum äußert, von dem man nur
-»eigentlich nicht wisse, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das
-Christentum sitzt«.
-
-Der wirkliche Verfasser war der im März 1768 verstorbene Hamburger
-Gelehrte und Gymnasialprofessor Hermann Samuel _Reimarus_. Das von
-ihm hinterlassene, mehr als zweitausend Seiten starke Manuskript, das
-seine Tochter Elise dem ihr seit 1769 befreundeten Lessing anvertraut
-hatte, war betitelt »Apologie oder _Schutzschrift für die vernünftigen
-Verehrer Gottes_«, womit die seit ihrem Aufkommen in England um
-1700 so genannten »Deisten«, d. h. Anhänger eines allweisen und
-allgütigen Gottes, der jedoch die Welt bloß geschaffen hat, aber sie
-nachher ihren eigenen Gesetzen gemäß sich entwickeln läßt, gemeint
-sind. Das gründliche Buch des überaus ehrlichen, rechtschaffenen und
-selbständigen Verfassers stellt den vielleicht konsequentesten und
-scharfsinnigsten Angriff dar, der gegen das biblische Christentum und
-seine jüdische Vorstufe -- der erste Teil kritisiert das Alte, der
-zweite das Neue Testament -- bisher unternommen worden war. Reimarus
-bestreitet die Glaubwürdigkeit religiöser Offenbarungen, d. h.
-Mitteilung religiöser Wahrheiten an einzelne Personen bestimmter Zeiten
-und Völker, schon weil eine solche Ausnahmebehandlung Gottes Güte und
-Weisheit widersprechen würde. Zudem trage weder das Alte noch das Neue
-Testament den Charakter einer solchen Offenbarung. Sein Standpunkt
-ging also über den des damals den öffentlichen Geist beherrschenden
-sogenannten »aufgeklärten« oder »vernünftigen« Christentums an
-Folgerichtigkeit und Ehrlichkeit weit hinaus.
-
-Gerade deshalb hatte er unseren allen halben Wahrheiten abgeneigten
-Lessing angezogen, obschon dieser sich durchaus nicht mit ihm
-identifizierte, und er entschloß sich trotz des Abratens seiner
-Berliner Freunde, des weltklugen Nicolai und des zaghaften oder
-mindestens vorsichtigen Mendelssohn, zu der Veröffentlichung. Da aber
-die Berliner Zensur die Druckerlaubnis verweigerte, so benutzte er
-die Zensurfreiheit seines Bibliothekamtes, um wenigstens die ihm am
-wichtigsten erscheinenden Abschnitte desselben als »Beiträge« aus
-den Papieren eines »Ungenannten« herauszugeben. Es sind die berühmt
-gewordenen »_Wolfenbütteler Fragmente_«, die von ihm selbst zum Teil
-mit eigenen »Gegensätzen« versehen wurden. Das von uns bereits erwähnte
-1774 veröffentlichte, inhaltlich noch sehr gemäßigte Fragment war
-ziemlich unbeachtet geblieben. Anders die fünf folgenden, 1777 zusammen
-herausgegebenen. Schon die Überschriften weisen auf den Inhalt. Sie
-lauten: 1. Von der Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln. 2.
-Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete
-Art glauben könnten. 3. Durchgang der Israeliten durchs Rote Meer. 4.
-Daß die Bücher des Alten Testaments nicht geschrieben worden, eine
-Religion zu offenbaren. 5. Über die Auferstehungsgeschichte.
-
-Wie verhält sich nun Lessings eigener Standpunkt dazu? Lessing
-hat seine »allgemeine« Antwort in einer Reihe schlagender Sätze
-zusammengefaßt, die er später, einen jeden einzelnen, in glänzender
-Form gegen die Angriffe des Hauptpastors Goeze verteidigte und
-die seinen Standpunkt gegenüber der biblischen Überlieferung mit
-außerordentlicher Klarheit und Knappheit wiedergeben: 1. Die Bibel
-enthält offenbar mehr, als zur Religion gehört. 2. Es ist bloße
-Hypothese (Vermutung), daß die Bibel in diesem Mehreren gleich
-unfehlbar sei. 3. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist
-nicht die Religion. 4. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und
-gegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen den Geist und gegen
-die Religion. 5. Auch war die Religion, ehe eine Bibel war. 6. Das
-Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten. Es
-verlief eine geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb, und eine
-sehr beträchtliche, ehe der ganze Kanon[4] zustande kam. 7. Es mag also
-von diesen Schriften noch so viel abhangen, so kann doch unmöglich die
-ganze Wahrheit der christlichen Religion auf ihnen beruhen. 8. War
-ein Zeitraum, in welchem sie bereits so ausgebreitet war, in welchem
-sie sich bereits so vieler Seelen bemächtigt hatte und in welchem
-gleichwohl noch kein Buchstabe aus dem von ihr aufgezeichnet war, was
-bis auf uns gekommen ist, so muß es auch möglich sein, daß alles, was
-die Evangelisten und Apostel geschrieben haben, wiederum verloren ginge
-und die von ihnen gelehrte Religion doch bestände. 9. Die Religion ist
-nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie
-lehrten sie, weil sie wahr ist. Endlich 10. Aus ihrer inneren Wahrheit
-müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle
-schriftlichen Überlieferungen können ihr keine innere Wahrheit geben,
-wenn sie keine hat.
-
-Man sieht, Lessings Standpunkt ist keineswegs radikal. Er wird heute
-von vielen protestantischen Theologen an Radikalismus weit überboten
-und muß eigentlich von jedem vernünftig denkenden Christen zugegeben
-werden. Aber Lessing geht in der Einleitung zu diesen Sätzen noch
-folgerichtiger vor und überwindet damit bereits -- ähnlich wie
-später Kant und noch prinzipieller Schleiermacher -- den Standpunkt
-der »Aufklärung«. Er, der Held des klaren Verstandes, gründet
-gleichwohl die Religion auf ihren wahren Quell: das _Gefühl_. Möchten
-auch sämtliche Einwände des »Ungenannten« dem kritischen Verstand
-unwiderlegbar erscheinen, so könnte nur der gelehrte _Theologe_ darüber
-in Verlegenheit geraten, nicht der _Christ_. Denn »was gehen den
-Christen dieses Mannes Hypothesen und Erklärungen und Beweise an? Ihm
-ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in welchem
-er sich so selig _fühlet_«. Mag sein, daß Lessing für seine Person
-anders gedacht hat: jedenfalls hält er sich hier in den Grenzen der
-Verteidigung eines _persönlichen_, individuellen Christentums, das
-sich auf innere Erfahrung gründet: wie es innerhalb der evangelischen
-Theologie in neuerer Zeit die Ritschlsche Schule wieder erneuert hat.
-
-Zu der Veröffentlichung der »Fragmente« gehörte damals ein gewaltiger
-Mut. Warf doch Lessing damit allen theologischen Parteien den
-Fehdehandschuh hin. Bald regnete es denn auch Artikel, Flugschriften,
-Bücher, am meisten natürlich seitens der Rechtgläubigen. Einer von
-ihnen, der Schuldirektor Schumann aus Hannover, hatte in den von
-Christus getanen Wundern und in den in ihm »erfüllten« Weissagungen
-den »_Beweis des Geistes und der Kraft_« erblicken wollen. Ihm
-erwiderte Lessing in einem ebenso betitelten anonymen Aufsatz.
-Er will zwar -- anscheinend aus bloß taktischen Gründen -- die
-Tatsächlichkeit solcher Wunder nicht rundweg leugnen, bestreitet
-jedoch, daß sie, die wir doch nur auf Treu und Glauben anderer als
-wahr annehmen, für Jesu anderweitige Lehren beweisend sein könnten.
-Denn -- und nun kommt eine Leibniz entlehnte wichtige Unterscheidung
--- »_zufällige_ _Geschichts_wahrheiten (Leibniz sagt ~vérités de
-fait~, d. h. Tatsachen-Wahrheiten) können der Beweis von _notwendigen
-Vernunft_wahrheiten nie werden«. Wir alle, führt Lessing aus, glauben,
-daß ein Alexander der Große gelebt und einen großen Teil Asiens erobert
-hat; aber wer wollte auf diese historische Wahrheit eine wichtige
-philosophische oder moralische Wahrheit gründen! »Das ist der garstige
-breite Graben, über den ich nicht hinüber kann, so oft und ernstlich
-ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüberhelfen, der
-tu es; ich bitte, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an
-mir.«
-
-Noch milder und versöhnlicher ist die in Gestalt eines formvollendeten
-Zwiegesprächs wiedergegebene hübsche Legende des Kirchenvaters
-Hieronymus von dem letzten Vermächtnis des Evangelisten Johannes
-gehalten, der seine Jünger immer wieder ermahnt haben soll:
-»Kinderchen, _liebt_ euch!«, weil »das allein, wenn es geschieht,
-hinlänglich genug ist«. »Möchte doch alle,« so schließt Lessing,
-»welche das _Evangelium_ Johannis trennt, das _Testament_ Johannis
-wieder vereinigen!« Auch hier also wird das Praktische über das
-Theoretische, die Liebe über den Glauben gestellt. Ein Vorspiel zum
-»Nathan«! Und ein Vorbild für die Christenheit unserer Zeit, die in der
-Erfüllung dieses Testaments seitdem eher zurück- als vorwärtsgekommen
-ist.
-
-Ein dritter, diesmal von Lessing mit seinem Namen gezeichneter
-Aufsatz, die »_Duplik_« (d. h. eigentlich zweite Antwort) war an den
-Superintendenten Reß in Lessings Wohnort gerichtet.
-
-Sie enthält in ihrem ersten Abschnitt, mit dem sie den Charakter des
-edlen »Ungenannten« rechtfertigt, den berühmten Satz, daß der ganze
-Wert des Menschen nicht auf dem vermeintlichen _Besitz_ der Wahrheit
-beruhe, der vielmehr »ruhig, träge, stolz« mache, sondern auf der
-»aufrichtigen _Mühe_, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu
-kommen«; denn nur »durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich
-alle seine Kräfte«. Worauf dann das noch berühmtere Gleichnis folgt:
-»Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den
-einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz,
-mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir:
-›Wähle!‹, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ›Vater,
-gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‹« Vielleicht
-verleitet ihn auch hier seine Neigung zu glänzenden, die Gedanken
-scharf gegeneinander haltenden Antithesen zu einer überscharfen
-Formulierung der Gegensätze, so insbesondere durch den Zusatz »ewigen«
-Irrtums. Im übrigen ist wohl niemals der Wert reiner Wahrheitsforschung
-schöner formuliert worden.
-
-In der Sache selbst, der Verteidigung der Ehrlichkeit seines
-»Ungenannten« in Sachen seines »Sturmangriffs« gegen die biblische
-Auferstehungsgeschichte, ist seine Taktik wiederum sehr zurückhaltend.
-Der Ungenannte behaupte: »Die Auferstehung Christi ist _auch darum_
-nicht zu glauben, weil die Nachrichten der Evangelisten darin sich
-widersprechen.« Sein theologischer Gegner: »Sie ist schlechterdings
-zu glauben; _denn_ die Nachrichten widersprechen sich nicht.« Er
-(Lessing) sage nur: »Sie kann ihre gute Richtigkeit haben, _obschon_
-die Nachrichten sich widersprechen.«
-
-Aber seine, sei es nun tatsächliche oder taktische, Versöhnlichkeit
-half ihm nichts. Ein neuer Gegner, angesehener und schärfer als die
-vorherigen, trat wider ihn auf den Plan. Es war der nur durch Lessing
-zur Unsterblichkeit gelangte Hamburger Hauptpastor Johann Melchior
-_Goeze_.
-
-Im Kampfe gegen diesen Vertreter des rechtgläubigen Luthertums
-entstanden dann jene Meisterstücke der Polemik, die in der ganzen
-Weltliteratur kaum ihresgleichen besitzen. Zunächst, ihnen
-vorausgesandt noch, die verhältnismäßig noch friedliche »_Parabel_«:
-der Vergleich des Christentums mit einem unermeßlichen Palast von
-sonderbarer, namentlich nach außen hin sehr unregelmäßiger Bauart,
-zu dem vielerlei Eingänge führen, und der sein Hauptlicht von oben
-empfängt. Anstatt sich aber an der inneren Helligkeit des Palastes,
-der ihn erfüllenden gütigen Weisheit und an der Schönheit und Ordnung
-zu erfreuen, die sich von ihm über das ganze Land verbreitete --
-mit anderen Worten: anstatt des _Taten_christentums, gerieten die
-vermeinten Kenner seiner Architektur in beständige Zwistigkeiten
-über seine Außenseite. Und zwar glaubte und behauptete ein jeder den
-allein richtigen Grundriß dazu von den ersten Baumeistern überkommen
-zu haben. Allmählich dachten sie nur noch an ihre Grundrisse und gaben
-die wenigen, die einmal einen von diesen geliebten Grundrissen etwas
-näher zu beleuchten wagten, für »Mordbrenner des Palastes selbst« aus.
-Als nun einmal der Wächter: »Feuer im Palast!« rief, da stürzte jeder
--- nur nach seinem Grundriß, um ihn als das Kostbarste zu retten. In
-Wahrheit hatte der Palast gar nicht gebrannt: die erschrockenen Wächter
-hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten. Die Anwendung auf
-die christliche Religion, die mancherlei Zugänge zu ihr, ihre inneren
-Vorzüge, und im Gegensatz dazu die Beschränktheit und Rechthaberei der
-unduldsamen Konfessionellen ergibt sich von selbst.
-
-Die der Parabel folgende »_Bitte_« vergleicht den Verfasser und
-seinen pastoralen Gegner mit einem Kräuterkenner und einem Schäfer.
-Der letztere braucht nur an das Wohl der ihm anvertrauten Schäflein
-zu denken. Der Botaniker dagegen, im weiteren Sinne der Mann der
-_Wissenschaft_, hat einen anderen Beruf. Er muß auch die giftigen
-Kräuter -- und können Gifte nicht auch nützlich sein? -- nicht bloß
-selbst kennenlernen, sondern auch andere damit bekannt machen.
-Lessing bittet den Gegner, sich dies klarzumachen und demgemäß sein
-übereiltes Verdammungsurteil wider ihn zurückzunehmen. Als jedoch
-statt dessen ein nur noch schärferer Angriff Goezes erfolgte, da
-ergeht sein »_Absagungsschreiben_«, das mit wahrhaften Keulenschlägen
-vernichtend über den »Herrn Pastor« herfährt, und das man Satz für Satz
-lesen muß, um einen Begriff davon zu bekommen. Ich nehme daraus nur
-diejenige Stelle, in der er _Luthers_ Geist gegen seinen Nachtreter
-heraufbeschwört: »Sie, Herr Pastor, Sie hätten den allergeringsten
-Funken Lutherischen Geistes? ... Luther, Du! Großer, verkannter Mann!
-und von niemandem mehr verkannt als von den kurzsichtigen Starrköpfen,
-die, Deine Pantoffeln in der Hand, den von Dir gebahnten Weg schreiend,
-aber gleichgültig daherschlendern!« Und er appelliert weiter von dem
-_geschichtlichen_ Luther an einen _zukünftigen_. »Du hast uns von dem
-Joche der Tradition erlöset, wer erlöset uns von dem unerträglicheren
-Joche des Buchstabens! Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie Du
-es _jetzt_ lehren würdest, wie es Christus selbst lehren würde!«
-
-Die sich anschließenden »Axiomata (Grundsätze), wenn es deren in
-dergleichen Dingen gibt«, wider den Herrn Pastor Goeze in Hamburg
-haben wir bereits S. 31 kennengelernt. Und die dann folgenden
-»_Anti-Goezes_« bringen, trotz ihrer wunderbaren Form, inhaltlich,
-vor allem philosophisch, aber auch für die Kenntnis von Lessings
-religiöser Weltanschauung kaum etwas Neues mehr: man müßte denn die
-scharfe Wendung in dem ersten dieser zehn »notgedrungenen Beiträge«
-dahin zählen: »Herr Pastor, wenn Sie es dahin bringen, daß unsere
-Lutherschen Pastores unsere Päpste werden; daß diese uns vorschreiben
-können, wo wir aufhören sollen, in der Schrift zu forschen; daß diese
-unserem Forschen, der Mitteilung unseres Erforschten Schranken setzen
-dürfen: so bin ich der erste, der die Päpst_chen_ wieder mit dem
-_Papste_ vertauscht.« (Es gibt eben, wie Kant einmal sagt, wenngleich
-wenig, protestantische Katholiken und erzkatholische, vielleicht mehr,
-Protestanten.)
-
-Auf Lessings spätere, zum Teil erst aus seinem Nachlaß
-bekanntgewordenen theologischen Arbeiten, die ihn in Streit mit
-den liberalen Theologen seiner Zeit verwickelten -- den »großen
-Wespen«, die er damit aus ihrem Loche gelockt hatte, wie er spottet,
-wollen wir nur hinweisen. Denn sie interessieren letzten Endes doch
-mehr den Theologen als den Philosophen und sind überdies durch die
-kritische Bibelforschung der letzten anderthalb Jahrhunderte überholt.
-Dagegen möchte ich Ihnen ein auf nur zwei Blättern seines Nachlasses
-aufgezeichnetes, in sein letztes Lebensjahr (1780) fallendes Fragment:
-»_Die Religion Christi_« seiner Bedeutung wegen wörtlich mitteilen. Es
-besteht aus acht kurzen Paragraphen:
-
-§ 1. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein Problem. Daß
-er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt gewesen; daß er nie
-aufgehört hat, Mensch zu sein: das ist ausgemacht. § 2. Folglich
-sind die Religion _Christi_ und die _christliche_ Religion zwei ganz
-verschiedene Dinge. § 3. _Jene_, die Religion Christi, ist diejenige
-Religion, die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch
-mit ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr mit ihm
-gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der
-Charakter ist, den er sich von Christo als bloßem Menschen macht. § 4.
-_Diese_, die christliche Religion, ist diejenige Religion, die es für
-wahr annimmt, daß er mehr als Mensch gewesen und ihn selbst als solchen
-zum Gegenstand der Verehrung macht. § 5. Wie diese beiden Religionen,
-die Religion Christi sowohl als die christliche, in Christo als in
-einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich.
-§ 6. Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze beider in einem und
-demselben Buche finden. Wenigstens ist augenscheinlich, daß jene,
-nämlich die Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten enthalten
-ist als die christliche. § 7. Die Religion Christi ist mit den klarsten
-und deutlichsten Worten darin enthalten. § 8. Die christliche hingegen
-so ungewiß und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt,
-mit welcher zwei Menschen, solange als die Welt steht, den nämlichen
-Gedanken verbunden haben.
-
-Zur geplanten Vollendung seiner theologischen Arbeiten ist Lessing
-nicht mehr gekommen. Körperliche Krankheit, verbunden mit schwerem
-seelischem Druck, nicht zum wenigsten infolge des Todes seiner
-geliebten Frau nach kaum anderthalbjähriger glücklichster Ehe, raffte
-den kaum Zweiundfünfzigjährigen vor der Zeit dahin. Indes noch drei
-treffliche Gaben haben uns seine letzten Jahre beschert in drei
-Arbeiten, die uns zum Schlusse noch einmal seine
-
-
-
-
-~D.~ Philosophische Weltanschauung
-
-
-im Zusammenhang mit seiner _Ethik_ und _Religions-_ zugleich seine
-_Geschichts-_ und _Staatsauffassung_ vor Augen führen werden:
-
-1. seinen »_Nathan_«, 2. seine »_Erziehung des Menschengeschlechts_«
-und 3. seine Freimaurergespräche »_Ernst_ und _Falk_«. Dazu wird 4. zu
-berücksichtigen sein, was F. H. Jacobi von seinem bedeutsamen Gespräch
-mit Lessing im Jahre 1780 über den _Spinozismus_ berichtet hat.
-
-
-1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise
-
-Als die Aufregung über die »Fragmente« und Lessings Beigaben dazu unter
-den Orthodoxen immer stärker geworden war, wurde auf Andringen des
-braunschweigischen Konsistoriums am 13. Juli 1778 Lessing vom Herzog
-unter Androhung »schwerer Ungnade« jede fernere Publikation »dieser
-Fragmente und anderer ähnlicher Schriften« strengstens verboten.
-Daraufhin meinte er: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten
-Kanzel, auf dem _Theater_, wenigstens noch ungestört will predigen
-lassen.« Im Mai des folgenden Jahres erschien sein »dramatisches
-Gedicht«: Nathan der Weise.
-
-Ich setze hier den Inhalt des »Nathan« als bekannt voraus und gehe
-auch auf die massenhafte Literatur über das Stück mit keinem Worte
-ein. Über Sinn und Tendenz dieses seines letzten Dramas ist unendlich
-viel gestritten worden. Und doch ist beides, Sinn und Tendenz, im
-Grunde unendlich einfach und klar. Der Verfasser selbst hat es in
-einer anfangs beabsichtigten Vorrede in den Satz zusammengefaßt,
-sein Stück wolle lehren, »daß es nicht erst von gestern her unter
-allerlei Volk Leute gegeben, die sich über alle Religion« -- will
-sagen: _geoffenbarte_ Religion -- »hinweggesetzt hätten _und doch gute
-Leute gewesen wären_«. Es ist _die_ Religion, die allen sogenannten
-Religion_en_ oder vielmehr, wie statt dieses im Grunde blasphemischen
-und auch von Kant und Schiller mit Recht getadelten Plurals richtiger
-zu sagen ist: Religions_bekenntnissen_, als ihr echter Kern zugrunde
-liegt: die Religion der Menschlichkeit, die Religion, wie Kant es
-ausdrückt, »innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«, oder, wie der
-Neukantianer Paul Natorp es formuliert, »innerhalb der Grenzen der
-Humanität«: gegen die auch der Bekenner der _sogenannten_ »positiven«
-Religionen nichts einwenden kann, wenn sie auch seinem religiösen
-Bedürfnis nicht genügen mag.
-
-Ich begnüge mich, ihre Hauptzüge mit den unvergänglichen Versen
-Lessings Ihnen kurz vor Augen zu führen.
-
-Zunächst ihre Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der
-Natur:
-
- »Der Wunder höchstes ist,
- Daß uns die wahren, echten Wunder so
- Alltäglich werden können, werden sollen.«
-
-Sodann die Begründung auf das _Gefühl_, die tröstende Lehre:
-
- »Daß Ergebenheit
- In Gott von unserm Wähnen _über_ Gott
- So ganz und gar nicht abhängt.«
-
-Und dennoch die Verwahrung gegen bloße gefühlsmäßige Schwärmerei:
-
- »Begreifst du aber,
- Wie viel _andächtig schwärmen_ leichter als
- _Gut handeln_ ist?«
-
-Dieselbe Ansicht, die der treffliche deutsche Mystiker Meister Eckhart
-mit den Worten ausdrückt: »Wäre der Mensch in Verzückung, wie Sankt
-Paulus war, und wüßte einen siechen Menschen, der eines Süppleins von
-ihm bedürfte, ich achte es weit besser, daß du ließest aus Minne von
-der Verzückung und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.«[5]
-
-Nichts anderes als eine andere Anwendung seines »Testaments Johannis«
-(S. 33) ist das Fazit, was die berühmte Fabel von den drei Ringen zieht:
-
- »Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen
- Von Vorurteilen freien Liebe nach!«
-
-und, wie die Worte weiter lauten, genau dem neutestamentlichen Spruch
-entsprechend:
-
- »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«
-
-Unbedingteste Duldsamkeit für alle Meinungen ist Grundprinzip: »Ich
-habe nie verlangt, daß allen Bäumen _eine_ Rinde wachse«, sagt Saladin.
-
-Wer seine Religion, wer seinen Gott so auffaßt wie Nathan-Lessing, der
-muß einen Sondergott für bestimmte Nationen oder Individuen als eine
-Herabsetzung des Gottesbegriffs empfinden:
-
- »Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,
- Der einem Menschen eignet?«
-
-Damit hängt denn auch der dramatisch vielleicht nicht sehr geschickte,
-eher etwas enttäuschende, aber die Idee des Ganzen um so tiefer
-ausdrückende Schluß zusammen: daß die vorher einander gegnerisch
-gegenüberstehenden Nationen und Religionsbekenntnisse sich zu guter
-Letzt, ähnlich wie heute im Sozialismus, als Angehörige _einer_ Familie
-erkennen.
-
-Wenn man Lessings Humanitätsdrama mit unbefangenem, reinem Gemüt
-liest und auf sich wirken läßt, dann muß es einem wahrhaftig kläglich
-vorkommen, wenn ein Eugen Dühring oder -- etwas gemilderter, aber
-vielleicht um so gefährlicher -- Adolf Bartels in seinem Buche »Lessing
-und die Juden« mit antisemitischen Mätzchen gegen den »Juden« oder
-»judenhaften« Lessing zu Felde zieht. Wer so handelt, ist nicht
-wert, daß er dem Volke der Lessing und Kant, der Schiller und Goethe
-angehört. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß der Dichter die
-christlichen Gestalten seines Dramas, insbesondere den offiziellen
-Vertreter der Kirche, den Patriarchen, desgleichen die gutmütige, aber
-beschränkte Dajah entschieden ungünstiger geschildert hat als die
-Vertreter des Islam, des Judentums, der Parsi-Religion. Meiner Meinung
-nach war das eine logische Notwendigkeit, weil er sein Stück eben für
-ein _christliches_ Publikum schrieb, dem er beweisen wollte, daß es in
-anderen Religionsbekenntnissen ebenso gute oder bessere Menschen geben
-könne. Hätte er es für Mohammedaner oder Juden geschrieben, so hätte er
-umgekehrt die Vertreter der beiden übrigen Konfessionen heben müssen;
-der Patriarch wäre dann eben ein Rabbiner oder ein Mufti geworden.
-Von einer Herabsetzung des Christentums als solchem kann keine Rede
-sein. Ruft doch der Klosterbruder, übrigens eine sehr sympathische
-Christengestalt, Nathan gerade im entscheidenden Augenblick die das
-Christentum aufs höchste anerkennenden Worte zu, die jeder echte Christ
-Lessing selber zurufen könnte:
-
- »Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«
-
-Die höchste sittliche Wahrheit freilich steht für den Dichter mit Recht
-_über_ den Religionsbekenntnissen:
-
- »Sind Christ und Jude eher Christ und Jude
- Als Mensch?«
-
-Woran sich der gerade unserem Lessing aus tiefster Seele kommende
-Ausruf Nathans an den Tempelherrn schließt:
-
- »Ach, wenn ich einen mehr in Euch
- Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch
- Zu heißen!«
-
-Ein Wort, das gerade heute jedem Europäer, der sich zu einem
-sogenannten »Kultur«volk zählt, vor allem aber denen, die sich der
-Religion Jesu zurechnen, beschämend, mahnend, anfeuernd vor der Seele
-stehen müßte!
-
-Ja, Dilthey, der sonst die Gefühlsworte nicht liebt, hat recht, wenn er
-in diesem »unvergänglichen Gedicht«, ebenso wie in Goethes »Iphigenie«,
-eine so »reine Seelengröße« verkündet sieht, daß kein ernster Forscher
-der menschlichen Natur es lesen könne, ohne daß sein Auge feucht
-werde. Und Lessing hatte recht, wenn er als Motto das Wort des antiken
-Dichters über sein Drama setzte: »~Introite, nam et hic dii sunt!~«, zu
-deutsch: »Tretet ein, denn auch hier sind Götter.«
-
-Inhaltlich dem »Nathan« verwandt sind die letzten beiden --
-bezeichnenderweise beide ohne seinen Namen -- erschienenen Schriften
-Lessings: 1. die »_Freimaurergespräche_« zwischen Ernst und Falk und
-2. »_Die Erziehung des Menschengeschlechts_«. Der Zeitfolge nach ist
-es einerlei, welche von beiden wir zuerst behandeln. Von beiden ist
-ein erster Teil schon 1777 bezw. 1778 (gleichfalls anonym) und erst
-die zweite Hälfte in Lessings letztem Lebensjahr (1780) veröffentlicht
-worden. Wir ziehen es vor, mit der
-
-
-2. Religion und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts
-
-zu beginnen, weil ihr teils _religions_-, teils
-_geschichts_philosophischer Inhalt dem »Nathan« näher steht als der
-teils _geschichts_-, teils _staats_philosophische der »Gespräche für
-Freimäurer«.
-
-Die ersten dreiundfünfzig von den hundert Paragraphen der »Erziehung«
-waren bereits zusammen mit den fünf Fragmenten des »Ungenannten«, also
-1777 herausgegeben worden: auch sie angeblich unter den Bücherschätzen
-seiner Bibliothek gefunden. Selbst dem Sohne von Reimarus stellt er sie
-noch in einem Briefe vom 6. April 1778 dar als herrührend »von einem
-guten Freunde, der sich gern allerlei Hypothesen und Systeme macht,
-um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen«, mit dem für sein
-innerstes Wesen bezeichnenden Schlußsatz: »Jeder sage, was ihm Wahrheit
-dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!«
-
-Als Ganzes trägt die Schrift gleichwohl, wie mir scheint, einen etwas
-konservativeren Charakter als »Nathan der Weise« oder auch die ja
-nur zur Selbstverständigung niedergeschriebene »Religion Christi«.
-Der Verfasser sieht hier die _Offenbarung_ als in einem göttlichen
-Erziehungsplan der Menschheit gelegen an. Wie die Erziehung, so gibt
-auch die Offenbarung ihm zufolge »nichts, worauf die menschliche
-Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde«, sie gibt
-ihm das Wichtigste davon nur leichter und früher (§ 4); und zwar,
-gleich der Erziehung, nach einer bestimmten Ordnung. Nach dieser
-Einleitung, enthalten in § 1 bis 7, folgt dann von § 8 bis 52 die
-Erziehung des israelitischen Volkes durch das »Elementarbuch« des
-_Alten Testaments_. Für ein noch so rohes, auf noch so kindlicher
-Entwicklungsstufe stehendes Volk bedurfte es noch einer Erziehung
-durch unmittelbare, sinnliche Strafen und Belohnungen (§ 16). Es wußte
-noch nichts von einem zukünftigen Leben, von einer Unsterblichkeit
-der Seele (§ 17). Die meisten anderen Völker waren noch weit hinter
-ihm zurückgeblieben, einige glücklichere (Griechen, Römer) allerdings
-durch das bloße Licht ihrer natürlichen Vernunft ihm zuvorgekommen
-(§ 20, 21). Während des Exils, im Verkehr mit den religiös höher
-stehenden (obwohl ohne Offenbarung!) Persern, bekamen die Juden dann
-einen reineren Gottesbegriff, die Offenbarung ward durch die Vernunft
-erhellt, ihr Glaube erhob sich von ihrem Nationalgott Jehova zu
-dem an _einen_ Gott (§ 35 ff.). So entwuchsen sie allmählich ihrem
-Elementarbuch, insbesondere auch durch ihre Bekanntschaft mit der
-griechischen Philosophie in Ägypten (§ 42) und suchten nun in ihre
-kindlich-einfältigen heiligen Schriften allerlei Anspielungen und
-Fingerzeige, oft recht spitzfindig-rabbinisch, hineinzulegen (§ 43 bis
-52). Ein besserer Pädagog mußte kommen und »dem Kinde das erschöpfte
-Elementarbuch aus den Händen reißen« -- _Christus_ erschien (§ 53).
-
-Das Kind war zum Knaben geworden, der zum »_zweiten_ großen Schritt der
-Erziehung reif war« (§ 57 ff.). Christus ward der erste »zuverlässige«
-und »praktische« Lehrer der Unsterblichkeit der Seele (§ 58). Als
-zuverlässig galt er seinen Zeitgenossen durch die in ihm erfüllt
-scheinenden Weissagungen, durch seine Wunder, durch seine Auferstehung.
-»Ob wir noch _jetzt_ diese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen
-können, das lasse ich dahingestellt sein ... Alles das kann damals
-zur _Annehmung_ seiner Lehre wichtig gewesen sein: jetzt ist es zur
-Erkennung der Wahrheit seiner Lehre so wichtig nicht mehr.« (§ 59.)[6]
-
-Christus lehrte aber auch praktisch das Leben nach dieser Lehre
-einrichten durch »innere Reinigkeit des Herzens« (§ 61), die dann seine
-Jünger, wenn auch mit anderen weniger einleuchtenden Lehren vermischt,
-unter andere Völker verbreiteten (§ 62, 63). So ward das _Neue
-Testament_ das zweite, bessere Elementarbuch für das Menschengeschlecht
-(§ 64) und hat es seit 1700 Jahren mehr als alle anderen Bücher
-beschäftigt und erleuchtet, wenn auch vielleicht »nur durch das Licht,
-welches der menschliche Verstand selbst hineintrug« (§ 65). Es war
-auch gewiß »höchst nötig«, daß man »eine Zeitlang« dies Buch für
-das Nonplusultra aller Erkenntnis hielt (§ 67). Und »Du, fähigeres
-Individuum, der du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuchs
-stampfest und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mitschüler
-merken zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen beginnst«!
-(§ 68.) Lessing bemüht sich dann, in uns freilich etwas künstlich
-erscheinenden Ausführungen zu zeigen, was auch die menschliche Vernunft
-in den Geheimnissen der Dreieinigkeit, der Erbsünde, der Genugtuung des
-göttlichen Sohnes für sich finden könne (§ 73 bis 77). Es sei nicht
-wahr, meint er, »daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil
-gestiftet und der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden«.
-Nicht den Spekulationen, sondern »dem Unsinn, der Tyrannei, diesen
-Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre
-eigenen zu gönnen«, sei dieser Vorwurf zu machen (§ 78).
-
-Aber noch eine höhere Stufe, die Erziehung vom Knaben oder Jüngling zum
-Manne, der das Gute um seiner selbst, nicht um künftiger Belohnungen
-willen tut, stehe der Menschheit bevor. »Oder soll das menschliche
-Geschlecht auf diese höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit nie
-kommen?« (§ 81.) Das wäre eine Lästerung des Allgütigen. »Nein, sie
-wird gewiß kommen,« so ruft er in gläubigem Vertrauen aus, »die Zeit
-eines _neuen, ewigen Evangeliums_« des Geistes und der Wahrheit,
-»die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen
-wird« (§ 86). Schon im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert haben
-Schwärmer -- Lessing denkt wohl an Männer wie Joachim von Floris und
-Amalrich von Bene -- ein »drittes Zeitalter« der Welt prophezeit. Er
-macht dabei eine sehr gute Bemerkung über die Schwärmer überhaupt, bei
-der wir unwillkürlich auch an unsere heutigen politischen Schwärmer
-denken: »Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft,
-er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft
-beschleunigt und wünscht, daß sie durch _ihn_ beschleunigt werde. Wozu
-sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick seines
-Daseins reifen.« Und er erkennt auch den egoistischen Nebengedanken
-darin: »Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere
-erkennt, nicht auch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?« (§ 90.)
-Demgegenüber traut er auf die »ewige Vorsehung«, wenn auch manchmal
-ihre Schritte ihm »zurückzugehen scheinen sollten«! »Es ist nicht wahr,
-daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.« (§ 91.)
-
-Und nun kommt zum Schlusse der sonst anscheinend so verstandeskühle
-Lessing auf eine Hypothese, auf die, wie er auch schon früher
-gelegentlich geäußert hatte,[7] schon die ältesten Philosophen im
-Abend- wie im Morgenland gekommen seien: die _Seelenwanderung_
-(§ 93 ff.). Kann ich nicht schon einmal da gewesen sein, ohne daß
-ich es mir selbst bewußt bin, und »warum sollte ich nicht so oft
-wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen
-geschickt bin« (§ 98, 99)?
-
-Wir gehen nicht weiter auf diese Hypothese ein. Vielleicht war es eben
-nur ein Gedanke, den er einmal in das Publikum hineinwerfen wollte,
-ohne dafür öffentlich einstehen zu wollen, wie er ja auch die Schrift
-nicht mit seinem Namen gezeichnet hat. Aber ich habe sie Ihnen schon
-der Vollständigkeit wegen nicht vorenthalten wollen; schon um Ihnen
-zu zeigen, daß Lessing doch auch in Stunden ein wenig -- Schwärmer
-sein konnte. Für die Praxis des Lebens hat er solche Hypothesen nicht
-benutzt, ja er warnt auch andere davor. Die Vernunft, sagt er einmal,
-habe doch mit Glück gegen die törichte Begierde der Menschen, ihr
-Schicksal in _diesem_ Leben voraus zu wissen, geeifert: wann werde es
-ihr gelingen, ihnen die Neugier nach ihrem Schicksal in _jenem_ Leben
-ebenso verdächtig, ebenso lächerlich zu machen? Toren seien die, welche
-aus lauter Sorgen um ein künftiges Leben das gegenwärtige verlieren:
-»Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als
-einen künftigen Tag?« Lessing war ein viel zu frischer, lebensvoller,
-diesseitsfroher Mensch, um sich unfruchtbaren Grübeleien hinzugeben.
-
-Und so wenden auch wir uns jetzt seinen Gedanken über die diesseitige
-Gemeinschaft der Menschen, seinen Ideen von Geschichte und _Staat_ zu,
-die, soviel ich weiß, noch nirgends im Zusammenhang behandelt worden
-sind und auf die wir freilich auch nur einige Streiflichter werfen
-können und wollen.
-
-
-3. Ansichten über den Staat: Lessings politische Entwicklung
-
-Schon der sechzehnjährige Fürstenschüler hat den Kriegslärm ganz
-aus der Nähe kennengelernt. Am 9. Dezember 1745 wurde die Stadt
-Meißen bombardiert, und wenige Tage später donnerte von dem nahen
-Kesselsdorf der Schlachtenlärm herüber; die Stadt glich bald einem
-großen Lazarett. Aber all das scheint dem Primaner Gotthold Lessing,
-in einem Briefe an den Vater Pastor, in erster Linie doch nur als
-willkommener Anlaß zu dienen, um eher von der Schule zur Universität
-zu kommen; was ihm ja auch, wie wir wissen, gelungen ist. Auch sonst
-ist nichts von besonderen politischen Interessen des Jünglings aus
-seiner Gymnasiasten- und Studentenzeit bekannt. Er wird wohl, was
-bekanntlich Bismarck als Ergebnis der humanistischen Erziehung von sich
-und anderen behauptet hat -- und was, beiläufig gesagt, auch unsere
-heutigen Republikaner und Sozialisten sich merken sollten, anstatt
-gegen die Lektüre der antiken Klassiker zu eifern, die doch ein Karl
-Marx und ein Ferdinand Lassalle mit Vorliebe bis an ihr Ende gepflegt
-haben --, das Gymnasium mit _republikanischen_ Gesinnungen verlassen
-haben. Damit steht unter anderem auch die Tatsache in Einklang,
-daß der Zwanzigjährige einen politischen Gegenwartsstoff zu einer
-republikanischen Tragödie verarbeiten wollte. Im Jahre 1749 hatte ein
-demokratischer Berner Patriot Samuel Henzi eine Verschwörung gegen das
-dortige verrottete Klassen- und Willkürregiment weniger patrizischer
-Familien angestiftet, war aber entdeckt und hingerichtet worden. Unter
-dem frischen Eindruck dieses Ereignisses dichtete der junge Lessing die
-anderthalb Akte seines Trauerspiels »_Samuel Henzi_«, die er dann auch
-in der ersten Sammlung seiner Schriften veröffentlichte: ein für seine
-Zeit ungewöhnliches Wagnis.
-
-Daß er im folgenden Jahrzehnt ein antikes Drama »Das befreite
-Rom«, dessen Hauptheld der alte Königsstürzer Brutus war, und
-eine »Verginia«, in deren Titelheldin wir die Vorläuferin seiner
-späteren Emilia Galotti zu erblicken haben, entwarf, will vielleicht
-weniger besagen. Interessanter ist, daß er noch bis 1775 hin eine
-»antityrannische« Tragödie geplant hat, deren Held der berühmte
-Sklavenführer _Spartakus_ sein sollte. Während in seinem ersten
-Römerdrama das Volk noch, ähnlich wie bei Shakespeare, als ein
-wankelmütiger Pöbelhaufe dargestellt wird, wurde hier ein erklärter
-Proletarierführer zum Helden gemacht, der in einem (erhaltenen)
-Selbstgespräch den Ausspruch tut: »Sollte sich der Mensch nicht einer
-Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?«
-Lessing tadelt in diesem Zusammenhang auch die »fast lächerliche«
-Verachtung eben des Spartakus durch den römischen Geschichtschreiber,
-der die Gladiatoren noch unter die gewöhnliche »Untergattung von
-Menschen«, die Sklaven, stelle. Schade, daß er diesen Plan nicht
-ausgeführt hat.
-
-Lessing ist bekanntlich schon als zweiundzwanzigjähriger junger Mann
-aus seiner sächsischen Heimat nach Preußen gegangen. Aber es ist
-unrichtig, ihn deshalb und etwa noch wegen seiner »Minna von Barnhelm«
-oder seines Sekretärverhältnisses zu dem preußischen General v.
-Tauentzien, wie es gewöhnlich geschieht, schlechtweg als Verehrer
-des _Preußentums_ darzustellen. Gewiß, er besitzt eine Vorliebe
-für soldatische Gestalten: von dem jungen Helden des Trauerspiels
-»Philotas« an, auf das wir noch zurückkommen, über Tellheim, Just und
-Werner in der »Minna« bis zu dem alten Obersten Odoardo Galotti, ja
-bis zu Sultan Saladin und dem jungen Tempelherrn im »Nathan«. In jener
-Zeit ängstlichen Spießbürgertums war eben, wie selbst ein so radikaler
-Politiker wie Franz Mehring in seiner »Lessing-Legende« hervorhebt, der
-Soldatenstand der einzige, in dem sich, wenigstens zu Kriegszeiten,
-persönliche Tüchtigkeit entfalten konnte:
-
- »Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«
-
-und
-
- »Auf sich selber steht er da ganz allein,«
-
-wie Schiller die Wallensteinschen Reiter singen läßt. So konnte Lessing
-denken, wenngleich er den Krieg grundsätzlich verwarf, wie er in einer
-Rezension Rousseaus bemerkt: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir
-einander umbringen sollen?«
-
-Aber ihn deswegen zum begeisterten Preußen und Verehrer Friedrichs
-des Großen zu erheben, wäre verkehrt. Liegen von ihm auch nicht ganz
-so feindselige Äußerungen wie von dem berühmten Winckelmann vor, der
-das Preußen, dem er entstammte und entfloh, um nach Italien zu gehen,
-geradezu gehaßt hat, so schreibt doch noch der vierzigjährige Lessing
-im August 1769 an Nicolai nach Berlin: »Sagen Sie mir ja nichts von
-Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben. Sie reduziert
-sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel
-Sottisen (Dummheiten) zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie
-es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so
-frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie
-einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der
-gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie
-es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden
-bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das
-_sklavischste Land von Europa_ ist!« Ich denke, das ist deutlich genug.
-Freilich, die geliebten »Untertanen« Friedrichs II. waren selbst daran
-schuld, daß er gegen Ende seines Lebens von ihnen sagen konnte: »Ich
-bin es müde, über _Sklaven_ zu herrschen.«
-
-Also von einer speziellen Verehrung Friedrichs II., dem er zwar in
-der »Minna« einige hübsche Worte widmet, aber dessen eigenmächtiges
-Verfahren in militärischen Dingen doch auch dies Stück geißelt, oder
-gar des preußischen Staatswesens jener Zeit überhaupt kann keine
-Rede sein. »Die Dienste der Großen«, läßt er vielmehr gerade seinen
-Tellheim sagen, »sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der
-Erniedrigung nicht, die sie kosten.« Ebenso ist selbstverständlich
-der Dichter über jeden sächsischen Partikularismus erhaben. Und wie
-er am Schlusse seines Stückes die Sächsin Minna mit dem Preußen
-Tellheim sich verbinden läßt, so will er auch nichts anderes sein als
-ein Deutscher. Freilich nicht von der Art, die wir heute so zahlreich
-vertreten finden, die von ihrem Deutschtum viele und große Worte
-macht; sondern von der Art Kants und Schillers, Herders und Goethes,
-für die Patriotismus und Weltbürgertum keine Gegensätze waren. Gibt
-es im übrigen ein schöneres Lob der deutschen Sprache, als wenn er
-den französischen Windbeutel Riccaut sie eine »arme und plumpe Sprak«
-schelten läßt, weil sie Dinge wie das Betrügen ehrlich bei ihrem
-wahren Namen nennt? Und sind nicht Charaktere wie Tellheim, Werner,
-Minna Urbilder guter Deutscher?
-
-Aber Lessing, werden seine und unsere Gegner sagen, hat sich ja selbst
-den Patriotismus abgesprochen. In der Tat, er hat am 16. Dezember 1758
-seinem Freunde Gleim, dem Dichter der Kriegslieder eines preußischen
-Grenadiers, geschrieben, daß »das Lob eines eifrigen _Patrioten_«
-nach seiner Denkungsart das »Allerletzte« wäre, wonach er »geizen«
-würde: »_des_ Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich
-ein _Weltbürger_ sein sollte.« Und am 14. Februar 1759 gar: »Ich habe
-überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich
-Ihnen meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir
-aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.«
-Sätze wie den letzten würde heute wohl nur ein entschiedener Kommunist
-unterschreiben. Aber der Satz vorher bezeichnet als die Veranlassung
-dieser Äußerung Betrachtungen über »übertriebenen« Patriotismus, die
-nicht sowohl Gleims »Grenadiere« als »tausend ausschweifende Reden, die
-ich hier (in Berlin) alle Tage hören muß, bei mir rege gemacht hatten«.
-Und wenn er im weiteren Verlauf des Briefes von »kleinen Uneinigkeiten«
-spricht, die Gleims und seine Freundschaft nicht stören könnten und
-auch nicht gestört haben, so waren es offenbar nur Äußerungen eines
-übertriebenen preußischen Partikularismus gewesen, die er seiner
-deutschen und menschheitlichen Gesinnung gemäß nicht mitmachen konnte.
-
-Daß Lessing vielmehr den Patriotismus sogar in seinem höchsten, dem
-_Opfer_sinn zu würdigen versteht, beweist sein gleichfalls 1759
-entstandenes Drama »Philotas«, dessen Kerngedanke darin besteht, daß
-der Held, ein kaum sechzehnjähriger antiker Königssohn, der in die
-Gefangenschaft des Feindes geraten ist, sich ähnlich dem Kodrus der
-Griechen-, dem Regulus der Römersage freiwillig den Tod gibt, um nicht
-als Geisel seinem Vaterland einen ungünstigen Frieden aufzunötigen.
-Und wie schmerzlich hat er es vermißt und am eigenen Leibe erfahren,
-daß »wir Deutsche noch keine Nation« waren! Weder in Berlin noch in
-Wien, weder in Hamburg noch in Mannheim konnte der größte Kritiker
-Deutschlands, konnte einer seiner besten Dichter auf die Dauer festen
-Fuß fassen. Bittere Sarkasmen enthalten die letzten »Stücke« seiner
-»Hamburger Dramaturgie« über den »gutherzigen Einfall«, den sein nie
-zu ertötender Idealismus selber gehegt hatte, »den Deutschen ein
-Nationaltheater zu verschaffen«, da wir Deutsche eben doch »keine
-Nation« seien. Er redet dabei nicht von der politischen Verfassung --
-obwohl das Monstrum des »Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation«
-jeden Vernünftigen zu dem Spott herausfordern mußte, den einer von den
-lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (im »Faust«) darüber ergießt --,
-»sondern bloß von dem sittlichen Charakter«. Aber »fast sollte man
-sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen«. Die reichen Hamburger und
-sonstigen deutschen Kapitalisten hatten eben für andere, materiellere
-Dinge mehr Geld übrig als für Lessings ideale Unternehmungen. Und so
-mußte dieser noch in seinem fünften Lebensjahrzehnt in die Dienste
-eines Kleinfürsten in einer einsamen deutschen Kleinstadt gehen.
-
-Daß ein Mann wie Lessing ein abgesagter Gegner alles Höflingstums und
-aller Standesvorrechte war, ist eigentlich selbstverständlich. Mit
-Recht hat schon Franz Mehring auf die scharfe Kritik eines königlichen
-Hoffestes auf dem Berliner Schloßplatz, ein sogenanntes Karussell
-oder Ringelrennen, das von dem anwesenden Voltaire in glänzenden
-Versen gepriesen wurde, durch den einundzwanzigjährigen Dichter in dem
-sarkastischen Gedicht »Auf ein Karussell« hingewiesen. Er hat auch
-einmal einen Aufsatz über die »Deutsche Freiheit« geschrieben, die zu
-Tacitus' Zeiten und auch das ganze Mittelalter hindurch wenigstens in
-der Form der Landstände den Absolutismus der Fürsten eingeschränkt
-habe. »Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich
-gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren« usw.? Und seine
-»Emilia Galotti«, ist sie etwas anderes als ein flammender, ingrimmiger
-Protest gegen fürstliche Willkür- und Mätressenwirtschaft, ein Stück,
-in dem sogar der gewiß doch maßvolle, selbst an einem Fürstenhof
-lebende Goethe den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten
-Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft« erblickte, den dann
-des jungen Schiller »Kabale und Liebe« zuerst vom italienischen auf
-einen deutschen Schauplatz zu übertragen wagte? So kann man in der Tat
--- es ist der eigentliche Grundgedanke von Mehrings »Lessing-Legende«
--- Lessing als ersten glänzenden Vertreter des aufstrebenden Bürgertums
-bezeichnen, das nur seines großen Vorkämpfers nicht würdig war,
-vielmehr durch wirtschaftliche und politische Rückständigkeit sich
-auszeichnete.
-
-Allein Lessing geht über diesen Bourgeoisstandpunkt, mindestens an
-einzelnen Stellen seiner Schriften, noch erheblich hinaus. So in dem
-merkwürdigen, in der großen Lessing-Ausgabe von Lachmann und Muncker
-(XVI, 520 f.) in zwei Fassungen vorliegenden kurzen »Gespräch über
-die Soldaten und Mönche«. Man streite darüber, ob es mehr Soldaten
-oder Mönche in der Welt gebe. Aber wenn der Landmann seine Saat von
-Schnecken und Mäusen vernichtet sehe, frage er nicht danach, welcher
-von beiden es mehr seien. Und nun folgt in der längeren Fassung
-folgendes Zwiegespräch:
-
- B. Was sind denn Soldaten?
-
- A. Beschützer des Staats.
-
- B. Und Mönche sind Stützen der Kirche.
-
- A. Mit eurer Kirche!
-
- B. Mit eurem Staate!
-
- A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der
- Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt.
-
- B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem
- Leben verheißt!
-
- A. Verheißt!
-
- B. Gimpel!
-
-So starke Ketzereien in so zugespitzter Form hat unser Held allerdings
-vorsichtigerweise in seinem Schreibpult zurückgehalten. Aber in
-milderer Ausprägung erkennen wir doch die gleiche Anschauung auch
-im »Nathan« und in den Freimaurergesprächen wieder. Im »Nathan«
-in der eigenartigen Gestalt des Derwischs Al-Hafi, der es in der
-kapitalistischen Welt nicht mehr aushalten kann -- denn »Borgen ist
-viel besser nicht als betteln, so wie Leihen, auf Wucher leihen nicht
-viel besser ist als stehlen«; und nun allerdings zum _Kampf_ dagegen
-sich nicht stark genug fühlt, sondern, »um das Werkzeug beider nicht zu
-sein« -- an den Ganges fliehen will. »Am Ganges, am Ganges nur gibt's
-_Menschen_!«, will sagen: vom Kapitalismus, diesem »Plunder«, dieser
-»Plackerei« erlöste Menschen. Von dieser Lebensansicht fühlt selbst
-der weise und kaufmännische Nathan sich so ergriffen, daß er in den,
-prinzipiell aufgefaßt, anarchistischen Ausruf ausbricht: »Der wahre
-Bettler ist doch einzig und allein der wahre König!« -- Und nun zu
-Lessings
-
-
-4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in Ernst und Falk
-
-seinen »_Gesprächen für Freimäurer_«, fünf an der Zahl, von denen die
-drei ersten 1778, die beiden letzten 1780, anonym auch sie unter dem
-Zwange der Zeit, erschienen sind. Lessing hatte sich im Jahre 1771
-zu Braunschweig in die Loge aufnehmen lassen (der ja auch Herder,
-Schiller und Goethe beitraten), aber schon ziemlich bald enttäuscht
-wieder zurückgezogen. Wir sehen hier von allem auf die Geschichte der
-Freimaurerei Bezüglichen, das in einzelnen Gesprächen eine ziemlich
-bedeutende Rolle spielt, ab und beschränken uns auf das, was sich
-aus ihnen für Lessings philosophische, insbesondere _staats- und
-gesellschafts_philosophische Ansichten gewinnen läßt. Das Wichtigste
-in dieser Hinsicht findet sich im zweiten, einiges noch im vierten
-Gespräch.
-
-Da ist es nun für den Sozialisten interessant, sozialphilosophischen
-Anschauungen zu begegnen, die der Verfasser zwar aus ihm
-vorangegangenen Denkern, wie den Franzosen Bodin und Montesquieu,[8]
-haben mag, die aber bis zu einem gewissen Grade schon an Karl _Marx_
-anklingen. Viele Staaten, läßt er im Verlauf des zweiten Gesprächs
-dessen Hauptwortführer (Falk) sagen, würden »ein ganz verschiedenes
-Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen,
-folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz
-verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen
-haben«. Erinnert das »Klima« mehr an die beiden obengenannten
-Geschichtsphilosophen, so die »Bedürfnisse« und ihre »Befriedigungen«
-mit ihrem ganzen ideologischen Überbau an Marx-Engels' ökonomische
-Geschichtsauffassung. Daß solche Anschauungen Lessings aber von lange
-her in ihm lagen, ergibt sich aus dem Umstand, daß er bereits im Januar
-1753 in einer Rezension der »Vossischen Zeitung« die sogenannten
-»moralischen Ursachen« der Völkerverschiedenheit geradezu als nichts
-anderes denn »Folgen der physischen« (er sagt noch: physikalischen)
-bezeichnet.
-
-Im übrigen ist freilich seine Staatsanschauung noch durchaus
-_individualistisch_, ja sein Staatsideal -- wir streiften den Gedanken
-schon beim Al-Hafi des »Nathan« -- beinahe anarchistisch. Die Ameisen
-werden als Vorbild hingestellt, weil sie die größte Geschäftigkeit und
-doch Ordnung zeigen und einander sogar helfen, obschon doch niemand
-sie zusammenhält und regiert. Und nun folgen in der bei Lessing so
-erfreuenden epigrammatischen Kürze Schlag auf Schlag die weiteren
-Fragen und Antworten: »Ordnung muß also doch auch _ohne Regierung_
-bestehen können.« -- »Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß,
-warum nicht?« -- »Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen
-wird?« -- »Wohl schwerlich!« -- »Schade!« -- »Jawohl!«
-
-Des weiteren wirft Falk die Frage auf, ob die _Menschen_ für die
-_Staaten_ oder die Staaten für die _Menschen_ da sind? Die Antwort
-wird dann in letzterem Sinne gegeben. Die Vereinigung der Menschen zu
-Staaten findet statt, damit durch diese und in ihnen jeder einzelne
-seinen Anteil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen
-kann. Die Glückseligkeit des Staates besteht in der Summe der
-Einzelglückseligkeiten aller seiner Glieder. »Außer dieser gibt es
-gar keine.« Und nun folgt ein Satz, aus dem man allerdings auch eine
-sozialistische Folgerung ziehen könnte. »Jede andere Glückseligkeit des
-Staates, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und
-leiden _müssen_, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!«
-
-Und zwar ist das alles von der _Natur_ so eingerichtet. Trotzdem
-entspringen auch aus der denkbar besten Staatsverfassung notwendig
-allerlei Übel. Vor allem ist ein _Welt_staat, schon wegen seiner
-ungeheuren Größe, nicht möglich, sondern nur _National_staaten. Und
-innerhalb derselben entstehen notgedrungen wiederum verschiedene
-_Stände_. Selbst die anfänglich _gleiche_ Verteilung des Besitzes
-vorausgesetzt, würde doch diese gleiche Verteilung keine zwei
-Menschenalter hindurch bestehen bleiben. Einer wird sein Eigentum
-besser zu nutzen wissen als der andere, der es womöglich dennoch unter
-mehr Nachkommen zu verteilen haben wird. Es wird also reichere und
-ärmere Glieder geben, aus dem wohltätigen Feuer der unvermeidlich
-unangenehme Rauch entstehen. Aber sollte man deshalb keinen Rauchfang
-erfinden? Lessing denkt dabei nicht etwa an Sozialisierung, auf die
-ihn Plato oder Morus an sich gebracht haben könnten, sondern an -- die
-Freimaurer! Es ist »recht sehr zu wünschen«, daß es in jedem Staate
-Männer geben möchte, die erstens »über die Vorurteile der Völkerschaft
-(also in unserer heutigen Sprache über einseitigen Nationalismus)
-hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört«;
-die zweitens »den Vorurteilen ihrer angeborenen Religion nicht
-unterlägen, nicht glaubten, daß alles notwendig gut und wahr sein
-müsse, was _sie_ für gut und wahr erkennen«; die endlich »bürgerliche
-Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in
-deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich
-dreist erhebt«.
-
-Solche Männer, die es »freiwillig über sich genommen haben,
-den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegenzuarbeiten«, die
-jene vielleicht unentrinnbaren Trennungen in Nationen, Stände,
-Religionsbekenntnisse nicht noch stärker einreißen lassen wollen, als
-es die Notwendigkeit erfordert, und ihre Folgen so unschädlich als
-möglich zu machen sich bestreben, sind die Freimaurer, oder _sollten_
-es wenigstens sein. Die Mitglieder einer »unsichtbaren Kirche«,
-deren »wahre Taten dahin zielen, alles, was man gemeiniglich gute
-Taten nennt, größtenteils entbehrlich zu machen«, eine wahrhafte
-_Internationale_, die freilich -- ebensowenig wie zurzeit die modernere
-Internationale der Arbeiter -- ihrer Idee entspricht. Mit Schärfe
-tadelt der Freimaurer Lessing namentlich die unsozialen Inkonsequenzen
-der Logen schon seiner Zeit. Wenn ein aufgeklärter Jude, wenn ein
-ehrlicher Schuster, wenn ein erfahrener und treuer Dienstbote es sich
-einfallen läßt, sich zur Aufnahme zu melden, so weist man sie ab: »Wir
-sind unter uns so gute Gesellschaft ... Prinzen, Grafen, Herren von,
-Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler.« Dazu das
-»Kapitale haben, diese Kapitale belegen, sie auf den letzten Pfennig
-zu nutzen suchen, sich ankaufen wollen, von Königen und Fürsten sich
-Privilegien geben lassen« usw. Sie scheinen ihm auf dem besten Wege,
-von ihren ursprünglichen Zielen ganz abzukommen. Ob die heutigen Logen
-nicht auch manchen dieser Tadel verdienen? Etwas demokratischer mag ein
-Teil von ihnen ja geworden sein; aber grundsätzlich herrscht doch wohl
-noch immer bei ihnen das Prinzip der »guten« Gesellschaft; abgesehen
-davon, daß Atheisten und daß von der Vollmitgliedschaft auch Frauen
-heute noch ausgeschlossen sind.[9]
-
-Aber das Bestehende verhält sich zum wahren Freimaurertum wie die
-bestehende, sehr mangelhafte Kirche, ja, man könnte erweiternd sagen:
-alle religiösen und politischen Parteien der Wirklichkeit, zu ihrer
-_Idee_. Und umgekehrt: man kann »die höchsten Pflichten der Maurerei
-erfüllen, ohne Freimaurer zu _heißen_«. Wahre Freimaurerei ist von
-jeher gewesen; sie ist so alt wie die bürgerliche Gesellschaft (hier
-natürlich im weitesten Sinne gemeint). Und ihr jetziges Schema, fügen
-wir hinzu: ihre Zeremonien und alles damit Zusammenhängende ist nur
-»Hülle« und »Einkleidung«. Die Hauptsache aber, die der Verfasser
-mit voller Deutlichkeit allerdings noch nicht ausspricht, liegt in
-dem aus seiner Gedankenreihe zu ziehenden Schlusse: Man soll das
-wahre Freimaurertum _unter alle Welt verbreiten_. Wie es zu Anfang
-in der kurzen Widmung an Ferdinand von Braunschweig heißt: »Das Volk
-lechzet schon lange und vergehet vor Durst!« Damit wäre freilich dem
-Freimaurer-Orden als _Geheim_bund das Urteil gesprochen.
-
-
-5. Lessings letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
-Pantheismus, Spinozismus
-
-Schon in der »Emilia Galotti« hatte die Gräfin Orsina ausgerufen:
-»Das Wort Zufall ist Gotteslästerung; nichts unter der Sonne ist
-Zufall.« Die in diesen Sätzen sich ausprägende Anschauung von der
-notwendigen und ausnahmlosen Naturbedingtheit alles schon Geschehenen,
-jetzt Geschehenden, noch Geschehenwerdenden, welche die Philosophie
-»Determinismus«, das heißt Bestimmtheit zu nennen pflegt, und die
-sich in religiöser Gestalt besonders im Islam und im Kalvinismus
-wiederfindet, scheint Lessing von jeher geteilt zu haben. Bereits eine
-Rezension aus dem März 1753 meint, daß die Leugner der Willensfreiheit
-wenigstens keine Feinde der Religion zu sein brauchen; auch in
-seiner Lehre von dem Wesen des tragischen Charakters sehen wir diese
-Lehre aufleuchten. Deutlicher spricht sich seine Vorrede zu des
-braunschweigischen Abtes Jerusalem »Philosophischen Aufsätzen« (1776),
-also aus seinen letzten Jahren über dies Problem aus. »Was verlieren
-wir denn,« fragt Lessing hier, »wenn man uns die Freiheit abspricht?«
-Und er antwortet: »Etwas, wenn es etwas ist, was wir nicht brauchen
-... Etwas, dessen Besitz uns weit unruhiger machen müßte, als das
-Bewußtsein seines Gegenteils ...« Fühlt sich doch auch der Religiöse,
-wie wir hinzusetzen möchten, im Schoße seines alles lenkenden und
-bestimmenden Gottes ruhig und befriedigt. Ebenso muß auch der Philosoph
-sich nach Lessing sagen: »Zwang und Notwendigkeit, nach welchem die
-Vorstellung des Besten wirket, wieviel willkommener sind sie mir
-als kahle Vermögenheit, unter den nämlichen Umständen bald so, bald
-anders handeln zu können!« Und er fährt fort: »Ich danke dem Schöpfer,
-daß ich _muß_, das _Beste_ muß. Wenn ich in diesen Schranken selbst
-so viel Fehltritte noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz
-allein überlassen wäre? einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich
-nach keinen Gesetzen richtet und mich darum nicht minder dem Zufall
-unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel in mir selbst hat?« Zufall
-bedeutet also Gesetzlosigkeit, Naturgesetzlichkeit Ausschließung jedes
-Zufalls, allgemeine Geltung des Kausalgesetzes (Gesetzes von Ursache
-und Wirkung), ohne das keine Naturwissenschaft, ja Wissenschaft
-überhaupt denkbar ist.
-
-Gerade starke Naturen haben das von jeher anerkannt und gleichwohl
-aus dem unversiegbaren Quell ihrer Persönlichkeit heraus zu diesem
-Naturmechanismus ihr trotziges: »Und _dennoch_!« gesprochen. Auf
-solche Weise löst sich auch der anscheinende Widerspruch zwischen jener
-Orsinaschen Verurteilung des Zufalls und dem bekannten: »_Kein Mensch
-muß müssen_« Nathans, dem dann das Wort Al-Hafis auf dem Fuße folgt:
-»Was er für _gut_ erkennt, das muß ein Derwisch.«
-
-Von der Seite der Ethik also oder der Moral, wie Lessing sagt, ist das
-System des Determinismus »geborgen«. Aber, fährt er fort: ob nicht
-die Spekulation Einwände dagegen erheben könnte, die sich nur durch
-ein zweites philosophisches System heben ließen? Mit diesem zweiten,
-»gemeine Augen ebenso befremdenden« System ist der _Spinozismus_
-gemeint.
-
-Wir haben im Laufe unserer bisherigen Darstellung das Wirken Spinozas,
-der bis dahin in Deutschland nach Lessings eigenem Ausdruck wie ein
-»toter Hund« angesehen worden war, auf unseren Dichter nur angedeutet.
-Wir wollen zunächst einen merkwürdigen undatierten, aber wahrscheinlich
-aus der Breslauer Zeit stammenden kleinen Aufsatz von ihm nachträglich
-noch erwähnen: »Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott.« Dort wird
-geradezu gesagt: »Es gibt kein Dasein außer Gott«, »alle Dinge sind in
-ihm wirklich«. »Die Begriffe, die Gott von den wirklichen Dingen hat,
-sind diese wirklichen Dinge selbst.« Auch der § 73 der »Erziehung des
-Menschengeschlechts«, der von der göttlichen Dreieinigkeit handelt,
-führt den nämlichen Gedanken aus. Das ist völliger _Pan_theismus
-(All-Gott-Lehre) oder, vielleicht noch genauer ausgedrückt,
-Pan_en_theismus (All-_in_-Gott-Lehre). Ganz zu Spinoza durchgedrungen
-aber ist Lessing, wie wir jetzt bestimmt wissen, spätestens in seinem
-letzten Lebensjahr.
-
-Am 5. Juli 1780 war Goethes und Hamanns Freund, der also philosophisch
-von ganz anderer Seite herkommende Düsseldorfer Friedrich Heinrich
-_Jacobi_, zum Besuch in Lessings einsamer Bibliothek eingetroffen.[10]
-Da erklärte dieser, dem Jacobi Goethes berühmtes philosophisches
-Gedicht »Prometheus« zu lesen gegeben, dem Gaste zu dessen Erstaunen:
-Er nehme durchaus kein Ärgernis an der Anschauung Goethes; er habe
-im Gegenteil den Gesichtspunkt, von dem aus das Gedicht verfaßt sei,
-»schon lange aus der ersten Hand«, nämlich aus _Spinoza_. Und nun die
-Hauptäußerung: »Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht
-mehr für mich Ἓν καὶ πᾶν (d. h. es gibt nur _ein_ All). Ich weiß nichts
-anderes.« Sie werden durch einen Besuch gestört. Am folgenden Morgen
-kommt Lessing zur Fortsetzung des Gesprächs auf Jacobis Zimmer. Er
-bekennt sich von neuem als Anhänger des Pantheisten: »Es gibt keine
-andere Philosophie als die des Spinoza.« Und weiter als entschiedenen
-Deterministen: »Ich begehre keinen freien Willen«, worein »der helle
-Kopf Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wußte«.
-
-Auffallenderweise bekennt er sich bei dieser Gelegenheit auch,
-ganz im Gegensatz zu der Philosophie seiner Zeit, als _Gegner des
-erkenntnistheoretischen Idealismus_, wie er von Parmenides und
-Plato begründet, von Descartes über Leibniz bis zu Kant und seinen
-Nachfolgern verkündet worden und unseres Erachtens unabweislich ist.
-Er erklärt es für ein menschliches Vorurteil, daß »wir den _Gedanken_
-als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm alles herleiten
-wollen«: während doch »alles, die Vorstellungen mit inbegriffen«, also
-»Ausdehnung, Bewegung, Gedanke« offenbar von »höheren« Prinzipien
-abhänge, in einer »höheren Kraft gegründet« sei, die »noch lange nicht
-damit erschöpft ist«. Er bedenkt dabei nicht, daß dies Ausgehen von
-einer »alle Begriffe übersteigenden«, gänzlich unbestimmten »höheren«
-Kraft uns in alle Dunkelheiten der Metaphysik und Theologie, ja
-unter Umständen Theosophie (oder, wie Rudolf Steiner es moderner
-umtauft: »Anthroposophie«) hineinführt. Zur weiteren Begründung dieser
-pantheistischen Metaphysik bezieht er sich auf einen merkwürdigen
-Gedanken von Leibniz, wonach die Gottheit sich in einem Zustand
-beständiger Expansion (Ausdehnung) und Kontraktion (Zusammenziehung)
-befände, womit zugleich Leben und Tod der Individuen in der Welt
-zusammenhängen soll; muß aber selbst zugeben, daß diese Stelle mit der
-sonstigen Überzeugung des Leibniz von einem _persönlichen_, außerhalb
-der Welt existierenden Gott in Widerspruch stehe. Lessing selbst,
-setzt Jacobi hinzu, konnte sich mit dem Gedanken eines unendlichen
-persönlichen Wesens, das unaufhörlich im Genuß seiner eigenen
-»Vollkommenheit« schwelge, nicht vertragen. »Er verknüpft mit demselben
-eine solche Vorstellung von unendlicher -- Langeweile, daß ihm angst
-und weh dabei werde.«
-
-Von Lessings Freunden wollte, als Jacobi vier Jahre nach dessen Tode
-in seiner Schrift Ȇber die Lehre des Spinoza, in Briefen an Moses
-Mendelssohn« dies Gespräch veröffentlichte, niemand an eine solche
-Änderung seiner Ansichten, die in der Tat ein völliges Abweichen von
-den Grundsätzen der »Aufklärung« darstellt, glauben. Und es entspann
-sich darüber 1785/86 ein äußerst heftiger Philosophenstreit, der bei
-Mendelssohns ohnehin kränklichem Körper dessen Tod beschleunigt hat.
-Wir werden bei Herder und Goethe darauf zurückzukommen haben.
-
-Ob Lessing im ganzen mehr Leibniz oder Spinoza zugeneigt habe,
-läßt sich schwer entscheiden. Zu Leibniz zogen ihn sicherlich
-dessen Hauptgedanken von der Entwicklung alles Lebendigen, von der
-ununterbrochenen Stetigkeit des Weltzusammenhanges, von der Verknüpfung
-kleinster vorstellender mit kleinsten körperlichen Einheiten in
-den »Monaden«; zu Spinoza -- _zuletzt_ doch, wie es nach Jacobis
-bestimmtem Zeugnis scheint, entscheidend -- die streng monistische
-Folgerichtigkeit von dessen Lehre. Schulmäßiger Anhänger eines
-bestimmten Systems, also Spinozist oder Leibnizianer zu werden, lag
-seiner unabhängigen Natur überhaupt nicht. Auch Jacobi gegenüber
-hatte er eigentlich bloß erklärt: »_Wenn_ ich mich nach jemand nennen
-soll, so weiß ich keinen anderen.« Völlig einem, und sei es auch der
-scharfsinnigste, Denker sich zuzuschwören, hinderte ihn sein lebhaftes
-Selbständigkeitsgefühl.
-
-Damit kommen wir zum Schlusse noch einmal zu Lessings philosophischer
-und menschlicher
-
-
-Persönlichkeit
-
-zurück. Mögen seine Einzeltheorien auf den verschiedenen Gebieten,
-auf denen er gearbeitet hat, in Religions-, Kunst-, Geschichts- und
-Staatsphilosophie, heute in mancherlei Hinsicht überholt sein: was uns
-immer wieder zu ihm und seinen Werken hinzieht, ist seine einzigartige
-Persönlichkeit. Schon seine Sprache, insbesondere seine Prosa, ist von
-großartiger Eigenartigkeit. »Solange Deutsch geschrieben ist, hat,
-dünkt mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben«, hat schon einer,
-der doch auch etwas davon verstand, J. G. Herder, dem eben Verstorbenen
-nachgerühmt; und sein Hauptbiograph (Erich Schmidt) hat ihr im zweiten
-Bande seines Werkes über ein halbes Hundert Lexikonseiten gewidmet;
-auch ich habe Ihnen mit Absicht durch zahlreiche Zitate seine Stilart
-nahe zu bringen gesucht. Aber wenn ein Franzose gesagt hat: Der Stil
-ist der Mann, so kann man ebensogut sagen: _Der Mann macht den Stil._
-Und so ist es bei Lessing: sein Stil geht aus seiner kraftvollen
-Persönlichkeit hervor. Diese Ehrlichkeit, diese Mannhaftigkeit, diese
-unbezähmbare Wahrheitsliebe, diese stete Kampfbereitschaft gegen
-alles Unrecht, der Haß gegen alle Unterdrücker, die Liebe zu den
-Unterdrückten, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald
-sie vollbracht ist, sein mit ungescheuter Selbstkritik verbundener
-echter Stolz, der Mut und die Selbstbeherrschung im Unglück: alle diese
-Charaktereigenschaften -- von seinen intellektuellen Vorzügen ganz zu
-schweigen -- haben sich selten in einem Menschen so vereinigt wie in
-Gotthold Ephraim Lessing.
-
-Gewiß, alle menschlichen Handlungen sind naturbedingt. Jeder von uns
-wird unter bestimmten Verhältnissen auch notwendig so handeln, wie er
-es tut. Aber zu den Beweggründen, und zwar den allerstärksten, eben
-dieses Handelns gehört auch sein freilich wieder durch Tausende von
-Umständen so oder so gewordener innerer Mensch, sein »Dämon«, wie
-schon der alte Heraklit gesagt hat. So berichtet denn auch derselbe
-Jacobi, der Lessings Determinismus bezeugt, einen scheinbar ganz
-entgegengesetzten Ausspruch von ihm: »Wo keine Selbstbestimmung
-ist, keine Freiheit, da ist keine Menschheit.« Ja, Lessing, der
-»Determinist« ist zugleich ein radikaler Prediger der _Freiheit_ auf
-allen Gebieten gewesen: in Religion und Staat, Ethik und Erziehung. Und
-er hat sie, hat seinen vollendeten Unabhängigkeitssinn vor allem auch
-in sein eigenes Leben hineingetragen. Er war gegen alles Sektenmachen,
-gegen alle Engigkeit und Beschränktheit. Er hat auch keine »Schule«
-gegründet, ja er _wollte_ keine gründen. Er hat sich nicht in das
-Universitäts-, das Hof-, das Beamtenleben hineinbegeben. Er trat auch
-nie mit sogenannter »Würde« auf. Im Gegenteil, »er warf die persönliche
-Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder
-aufnehmen zu können« (Goethe). Nur ein Pedant und Philister von Kopf
-und Herz wird sich »nie gehen lassen«.
-
-Freilich solche Menschen stehen dann in ihrer Stärke -- »der Starke ist
-am mächtigsten allein« -- und Höhe oft auch vereinsamt da, wie Lessing
-es einmal in seinen »Antiquarischen Briefen« in einem wundervollen
-Selbstvergleich mit einer einsam ihr Tagewerk vollziehenden Windmühle
-ausgeführt hat: »Da stehe ich auf meinem Platze ganz außer dem Dorf
-auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem
-und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas
-aufzuschütten habe, so mache ich es ab, es mag sein mit welchem Winde
-es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen
-weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Finger breit mehr, als
-gerade meine Flügel zu ihrem Umlauf brauchen. Nur diesen Umlauf lasse
-man ihnen frei ... Wen meine Flügel in die Luft schleudern, der hat es
-sich selbst zuzuschreiben.«
-
-Nun, Lessing hat sein Tagewerk wahrlich in reichlichem Maße getan.
-Und er hat stets zu seinen Taten gestanden: »Was ich tat, das tat
-ich!«, wie er seinen Tempelherrn sagen läßt. Und dabei, welch frischer
-_Lebensmut_ in ihm: »Wer gesund ist und arbeiten will,« schreibt er
-einmal an seine Eltern, »der hat nichts zu fürchten; Krankheiten aber
-und dergleichen Umstände zu befürchten, die außerstand setzen könnten
-zu arbeiten, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich
-habe ein besseres und habe Freunde.« Aber er will sich nur an Stellen
-festsetzen, für die er sich der geeignete Mann fühlt: »Wenn wir nicht
-versuchen, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, wagen wir uns öfters
-in eine falsche, wo wir uns kaum über das Mittelmäßige erheben,
-während wir uns in einer anderen zu einer bewundernswerten Höhe hätten
-schwingen können.« Indessen wo er seiner Meinung nach etwas Edles und
-Großes zu fördern vermag, geht er, wie oft auch enttäuscht, stets
-wieder darauf ein. Und wenn er dann wiederum scheitert, so merken wir
-an der Art seines Rückzugs, daß auch »in ihm dieselbe Überlegung wie
-in uns« vorhanden gewesen, daß jedoch in ihm »eine größere Wärme des
-Herzens war als in uns« (Gervinus).
-
-Und er bewährte diesen Mut, diese wahrhaft philosophische Gesinnung
-auch im schwersten Unglück und bis ans Ende. Als ihm, der nach langer
-Wartezeit zum späten Glück einer vortrefflichen Frau gelangt ist, diese
-Frau samt dem Neugeborenen nach kurzer Krankheit wieder entrissen
-wird, da schreibt er nur das freilich bittere Wort: »Ich wollte es
-auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht
-bekommen.« Und weiter an einen Freund: »Meine Frau ist tot, und diese
-Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele
-dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin
-ganz leicht.« Einige Tage darauf: »Wenn ich noch mit der einen Hälfte
-meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in
-Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es tun! Aber
-das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so
-fort zu duseln.« Und ein halbes Jahr später, nach allerlei anderem
-Mißgeschick, an die Freundin Elise Reimarus: »Doch ich bin zu stolz,
-mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse
-den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht
-selbst umstürzen will.« Er sollte ihn noch zweiundeinhalb Jahre treiben
-sehen, mannhaft und unerschrocken wie immer, bis ihm der Tod das stets
-kampfbereite Schwert des Geistes aus der Hand schlug.
-
-Man hat uns zu verschiedenen Zeiten Rembrandt, Goethe, Nietzsche,
-Fichte, Schopenhauer als _Erzieher_ gepriesen. Wir finden: gerade
-_Lessing_, von dem wir nun Abschied nehmen, kann uns, dem einzelnen
-und dem ganzen Volke, gerade in heutiger Zeit ein Vorbild, ein
-Erzieher sein. Denn er vereinigte mit der Klarheit des Kopfes, die
-uns heute auch in der Philosophie gegenüber allen Schwärmereien und
-Rückwärtsereien so not tut, die Wärme des Gefühls, da wo sie am Platze
-ist, und die Fähigkeit des Willens zu festem, entschlossenem Handeln.
-
-
-
-
-Herder
-
-
-
-
-~A.~ Der junge Herder
-
-
-1. Die Jugend
-
-1744 bis 1764 (Mohrungen, Königsberg)
-
-_Herders_ Persönlichkeit steht zu derjenigen Lessings im schärfsten
-Gegensatz. Lessing erscheint uns heute noch beinahe wie ein Mitstreiter
-unserer Geisteskämpfe, wenigstens der religiös-philosophischen.
-Und auch in denjenigen von ihm behandelten Gegenständen, die uns
-Modernen ferner liegen, bleibt er, allein durch seine unübertreffliche
-Fragestellung, immer fesselnd, frisch und lebendig. Dem Namen Herders
-gegenüber regt sich dagegen bei den meisten Heutigen nicht viel
-mehr als eine mehr oder weniger verschwommene Erinnerung, daß man
-einmal im Schulunterricht von ihm gehört, daß er unter anderem Goethe
-beeinflußt hat. Und doch hat auch Herder mächtig auf Zeitgenossen und
-Nachwelt gewirkt, war er vor allem in seiner Jugend ein Schriftsteller
-von geradezu erstaunlicher Schaffenskraft, auch im Mannesalter noch
-bedeutend, um dann freilich rasch zu einem verbitterten und grämlichen
-Alter herabzusinken.
-
-Gleich Lessing ist auch der anderthalb Jahrzehnte nach ihm, am
-25. August 1744 in dem zwischen Sumpf, Wald und See gelegenen
-ostpreußischen Städtchen Mohrungen geborene Johann Gottfried Herder
-ein großer, ja ein unbändiger Leser gewesen: schon daheim im
-elterlichen Lehrer- und Küsterhaus oder noch lieber auf einem Baume
-des Gartens oder am See und im Wald der Heimat. Und dann, während
-und nachdem er die höhere Stadtschule des rauhen, pedantischen
-Rektors Grim durchlaufen, in der dürftigen Schlafkammer im Hause
-des harten Diakonus Trescho, der die Arbeitskraft des stillen und
-träumerischen angehenden Jünglings in geisttötendem Abschreiberdienst
-ausbeutet, bis der bald Achtzehnjährige durch die Freundlichkeit
-eines russischen Regimentswundarztes namens Schwartz-Erler[11] aus
-dieser Fron erlöst und mit nach Königsberg genommen wurde. Hier erst
-atmet er geistig auf, läßt sich auf eigene Faust als Studiosus der
-Theologie einschreiben und lernt in dem Buchladen des Verlegers Kanter
-die Gelehrtenwelt der Hauptstadt kennen, während er sich sein Brot
-als junger, anregender Lehrer an demselben, heute noch bestehenden,
-»Friedrichskolleg« verdient, in dem ein Menschenalter zuvor Immanuel
-Kant acht unfruchtbare Schuljahre verbracht hatte.
-
-Dieser selbe _Kant_, jetzt achtunddreißigjähriger Magister an der
-Akademie, also noch nicht Mitglied der Fakultät, aber »für sich allein
-eine ganze Fakultät«, wie Rudolf Haym sagt, ist der erste große Geist
-gewesen, der einen nachhaltigen Einfluß auf das begeisterungsfähige
-Gemüt des jugendlichen Herder geübt hat. Wie gerade begabtere Jünglinge
-auf der Universität oft von einem einzigen hervorragenden Lehrer mehr
-Anregung empfangen als von allen anderen zusammen, so war es auch hier.
-Elf Tage nach seiner Immatrikulation, am 21. August 1762, sitzt er
-zum erstenmal zu den Füßen des schon damals beliebten Magisters, der
-gerade über den Zusammenhang von Geist und Körper spricht, sich über
-den Gespensterglauben in behaglicher Ironie ergeht und schließlich
-das Problem vom Dasein Gottes behandelt. Von Stund' an hörte er alle
-Vorlesungen des geliebten, auch poetisch von ihm gefeierten Weltweisen:
-Logik, Metaphysik, Moral, Mathematik, physische Geographie. Kant
-gewährte dem talentvollen, aber armen Studenten, der einmal auch des
-Philosophen Ideen über Zeit und Ewigkeit in Verse setzt, die dieser
-dann am nächsten Morgen mit Anerkennung seinen Zuhörern vorlas, den
-unentgeltlichen Besuch aller seiner Vorlesungen. Noch nach mehr als
-einem Menschenalter, in seinen Humanitätsbriefen (1795), hat der
-Dichter dankbar dieser Lehrstunden Magister Kants gedacht: »Ich habe«,
-sagt er dort, »das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der
-mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren, hatte die fröhliche
-Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein
-greisestes Alter begleitet. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war
-ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude. Die gedankenreichste
-Rede floß von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm
-zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang.
-Mit eben dem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff, Baumgarten, Crusius,
-Hume« -- die angesehensten Philosophen der Zeit -- »prüfte und die
-Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker verfolgte, nahm er auch
-die damals erscheinenden Schriften Rousseaus, seinen Emil und seine
-Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene Naturentdeckung auf, würdigte
-sie und kam immer zurück auf die unbefangene Kenntnis der Natur und auf
-moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte,
-Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen
-er seinen Vortrag und Umgang belebte. Nichts Wissenswürdiges war
-ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein
-Namensehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung
-und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum
-Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüt fremde. Dieser Mann, den ich
-mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist _Immanuel Kant_;
-sein Bild steht angenehm vor mir.«
-
-Diese Charakteristik des einstigen Lehrers ist für unseren Zweck
-auch deshalb von besonderem Wert, weil sie uns schon hier einen
-hervorstechenden Zug von Herders eigenem Philosophieren zeigt. Weniger
-die systematische Philosophie zieht ihn an, als die geistreiche, über
-alle Gegenstände des geistigen Lebens der Menschheit und die Natur in
-freier Rede sich ergehende Art des Lehrers, wie er denn schon damals
-sich selbst das Philosophische ins Dichterische übersetzte. So waren
-und blieben ihm denn auch von Kants Schriften diejenigen am liebsten,
-die am wenigsten philosophische Systematik enthielten: wie die populär
-geschriebenen »Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen«
-(1764) und die von ihm in einer Königsberger Zeitung besprochenen
-»Träume eines Geistersehers« (1766). Daneben ließ er sich durch Kant zu
-Hume und Rousseau leiten, von denen ihn der letztere in seiner Natur-
-und Gefühlsbegeisterung, der schottische Skeptiker in seiner Abneigung
-gegen metaphysische Spekulation bestärkte. Indessen schon in zwei 1767
-zwischen beiden gewechselten Briefen macht sich, bei aller Wärme in
-der Form, für ein feineres Auge doch bereits die allmählich zwischen
-Lehrer und Schüler sich öffnende Kluft -- dort Vernunft, hier Gefühl --
-bemerkbar.
-
-So sollte denn auch schon in der ostpreußischen Hauptstadt eine ihm
-kongenialere Persönlichkeit von völlig entgegengesetzter Natur einen
-noch stärkeren Einfluß auf des jungen Herder rasch aufloderndes
-Gemüt gewinnen. Es war der damals noch ohne festen Beruf in seinem
-Elternhause lebende sogenannte »Magus des Nordens« Johann Georg
-_Hamann_ (1730 bis 1788). In geradem Gegensatz zu seinem Landsmann
-Kant, stellt Hamann die Leidenschaft über die Vernunft, das persönliche
-Gefühl über den besonnenen Willen, Tradition und Geschichte über
-philosophische Abstraktion und den vieldeutigen Begriff des »vollen,
-strömenden _Lebens_« über den »leeren Wortkram«, die trockene
-»Schulfuchserei« und das »scholastische Geschwätz« der Philosophen.
-Dieser Herder rasch ans Herz gewachsene wunderliche Mensch sucht nicht,
-sondern _flieht_, wie Kühnemann treffend sagt, den Zusammenhang der
-Gedanken, bewegt sich grundsätzlich in Gedanken_sprüngen_. »Wahrheiten,
-Grundsätzen, Systemen«, so schreibt er selbst 1759 an seinen Freund
-Lindner, »bin ich nicht gewachsen.« Seine Sache sind vielmehr nach
-seinem eigenen Geständnis »Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle«. Gott
-verlangt von uns »keine Kopfschmerzen, sondern Pulsschläge«. So lebt
-und webt er in den oft willkürlichsten Einfällen, Ahnungen, Gefühlen.
-Demgemäß ist auch sein zwar geistvoller, aber durchaus sprunghafter,
-absichtlich in Dunkelheiten sich ergehender Stil.
-
-Im Mittelpunkt des Hamannschen Denkens steht, nicht ohne daß eine auf
-ein ziemlich übles Weltleben in London erfolgte plötzliche Bekehrung
-dazu beigetragen hätte, die rein gefühlsmäßig aufgefaßte Bibel. Daneben
-die Offenbarung Gottes in _Natur_ und _Geschichte_. Beide sind ihm
-nichts anderes als »verborgene« Chiffern, deren »Schlüssel« wir in
-der Heiligen Schrift finden, und schließlich auch in der _Sprache_.
-Voll seherischen Tiefblicks zeigt sich Hamanns Genie, wenn er in
-die Ursprünge des geistigen Lebens bei dem einzelnen wie bei ganzen
-Völkern, in die Anfänge und das Wachstum der Sprache, insbesondere
-der Poesie, dieser »Muttersprache des menschlichen Geschlechts«,
-hineinleuchtet. Er will, wie ein Jahrhundert später sein religiöser
-Gegenfüßler Friedrich Nietzsche, seine Leser nicht überzeugen, sondern
-erregen, unter sich zwingen.
-
-Und dieser Mann ist mehr als irgendein anderer fortan -- mit Ausnahme
-einer kurzen Zeit, von der wir noch sprechen werden -- von Einfluß auf
-den leicht erreg- und entzündbaren Herder geworden. In ihm fand er,
-wie seine Gattin in den »Lebenserinnerungen« bezeugt, »was er suchte
-und bedurfte: ein mitempfindendes, liebevolles, glühendes Herz, ...
-einen an Gemüt und Geist hohen, geweihten Genius. So trug er seinen
-Hamann im Herzen, die innigste Sympathie verknüpfte sie beide für Zeit
-und Ewigkeit.« Noch später in Weimar war es für ihn stets ein Festtag,
-so oft er einen Brief seines geliebten Hamann aus Königsberg, zuletzt
-aus Münster erhielt; »seine ganze Seele war bewegt, Freudentränen
-standen in seinen Augen.«
-
-
-2. Die literarisch-ästhetische Epoche
-
-1765 bis 1772 (Riga, Reiseleben, Straßburg)
-
-Zu Ende des Jahres 1764 begleitete der »Magus« den scheidenden
-jungen Freund bis zum Tore. Denn dieser hatte sich entschieden, eine
-Lehrstelle an der Domschule zu _Riga_ anzunehmen, wurde später dort
-auch ein gern gehörter Prediger, der echtes Deutschtum und echtes
-Menschentum -- auch heute noch keine Gegensätze! -- zu vereinen
-wußte und, in diesem Falle doch mit Hamann nicht identisch, ein
-Christentum von durchaus freier, humaner Form vertrat. Daneben
-aber begann jetzt seine, bisher nur in einzelnen Gedichten und
-Selbstniederschriften geübte, Schriftstellerei. Im Jahre 1767
-(kleinere Aufsätze müssen wir übergehen) erschienen, noch ohne seinen
-Namen, seine »Fragmente über die neuere deutsche Literatur«, 1769
-seine »Kritischen Wälder«. Diese beiden Schriften, die Herders Namen
-zuerst in den literarischen Kreisen bekannt machten, haben zwar große
-Bedeutung für die Literaturgeschichte, nicht in gleichem Maße aber
-für die Philosophie. Erinnert die erste schon in ihrem Titel an die
-Literaturbriefe Lessings, mit dem überhaupt Herder fast sein ganzes
-Leben hindurch in Zustimmung und Widerspruch sich beschäftigt hat, so
-sind die »Kritischen Wälder« in ihrem wichtigsten Teile eine Kritik und
-Weiterbildung des »Laokoon«. Gegenüber dem Allgemeingültigen, das für
-Lessing wie später für Kant die Hauptsache ist, betont Herder schon
-hier mit Vorliebe die Berechtigung des _Individuellen_ und historisch
-Gewordenen. Lessings Zweiteilung in Malerei und Poesie stellt er die
-Dreiteilung in bildende Künste, Tonkunst und Dichtkunst entgegen, die
-den drei Grundbegriffen: Raum, Zeit und _Kraft_ entsprechen. Von der
-Malerei wird bestimmter die Plastik abgegrenzt, der er auch eine
-besondere, freilich erst ein Jahrzehnt später veröffentlichte, Schrift
-gewidmet hat. Die Malerei ist die Kunst des Gesichts-, die Musik die
-des Gehör-, die Plastik die des Tastsinns, die Dichtkunst die der
-Phantasie.
-
-Schon aus diesen kurzen Andeutungen sehen wir, daß Herder reich an
-anregenden, zum Teil auch neuen Gedanken ist, ohne doch im eigentlichen
-Sinne selbstschöpferisch zu sein. Übrigens hält es seine unruhige,
-bewegliche und auch -- selbstbewußte Natur auf die Dauer nicht in
-der immerhin doch abgelegenen Baltenstadt. Er tritt im Mai 1769
-eine große Seereise nach dem Westen mit zunächst noch unbestimmtem
-Ziele an. Auf dieser Fahrt gibt er sich nun aber nicht etwa bloß,
-wie man denken könnte, dem Naturgenuß des freien Meeres hin, sondern
-schreibt in seinem noch erhaltenen _Reisetagebuch_ -- der »Meister«
-der gegenwärtigen »Schule der Weisheit« in Darmstadt Graf Keyserling
-hat also einen berühmten Vorgänger -- allerlei Bekenntnisse,
-Selbstschilderungen, Rückblicke in die Vergangenheit und Vorblicke
-in die Zukunft nieder, die nicht nur eine noch heute anziehende
-Lektüre bilden, sondern auch für das Verständnis seines innersten
-Wesens von Bedeutung sind. Einen besonders breiten Raum nimmt darin,
-seiner bisherigen praktischen Wirksamkeit entsprechend, das Problem
-der _Erziehung_ ein. Er entwirft mancherlei, für seine Zeit sehr
-fortgeschrittene Volksbildungspläne und Zukunftsschulentwürfe, die zum
-Teil heute noch unsere Gedanken beschäftigen: wie die stärkere Betonung
-der damals noch ganz zurücktretenden Realien, insbesondere Geschichte,
-Geographie und Naturkunde, Beginn mit französischem Unterricht an
-Stelle des alten scholastischen Lateinbetriebs. Er fordert lebendigen
-Lektüre- und anregenden Philosophieunterricht, dessen Methode, wie bei
-Rousseau und Kant, eine natürliche sein soll. Er träumt davon, der
-Bildungsreformator der Ostseeprovinzen, ja Rußlands zu werden, denkt
-auch an eine gründliche Reform der philosophischen Wissenschaften
-und »einen lebendigen Unterricht darin im Geiste Kants«. Und daneben
-an das, was dann auch wirklich seine philosophische Haupttat werden
-sollte: an eine zusammenfassende, auf völkerpsychologischer Unterlage
-ruhende _Philosophie_ der Menschheits_geschichte_; Montesquieu soll
-dabei sein Vorbild sein. In Paris lernt er den ihm in mancher Beziehung
-geistesverwandten Diderot kennen, studiert er bildende Kunst und
-Theater. Dann reist er über Holland und Hamburg, wo er vierzehn
-anregende Tage im Umgang mit Lessing verlebt und mit Matthias Claudius
-Freundschaft schließt, nach Eutin, um für drei Jahre Reisebegleiter
-eines dortigen sechzehnjährigen Prinzen zu werden. Mit ihm reist er
-über Darmstadt, wo er seine spätere Frau, die zwanzigjährige Karoline
-Flachsland, kennenlernt, nach Straßburg.
-
-Sein _Straßburger_ Aufenthalt, der ihn bald von der lästigen
-Reisebegleiterstellung löst, aber durch eine nötig gewordene Augenkur
-sich noch über ein halbes Jahr in die Länge zog, ist, seitdem Goethe
-ihn zum erstenmal in »Dichtung und Wahrheit« erzählt, mehr als
-hundertmal in seiner Wichtigkeit für unsere literarische Entwicklung,
-vor allem für die des jugendlichen Goethe, geschildert worden. Er
-ist in der Tat in dieser Hinsicht kaum zu überschätzen. War in der
-Schätzung Homers und Shakespeares Lessing schon vorangegangen, so
-hat doch erst Herder ihr freie Bahn gebrochen, vor allem aber im
-_Volkslied_ und der Volksdichtung überhaupt den Keim aller echten
-Poesie enthüllt. Der »Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und
-der Lieder alter Völker«, denen dann später die epochemachenden
-»Stimmen der Völker in Liedern« folgten, sowie die »Abhandlung über
-Shakespeare«, die beide 1773 in dem berühmten Hefte »Von deutscher
-Art und Kunst« veröffentlicht wurden, sind in jener Straßburger Zeit
-entstanden.
-
-Ins philosophische Gebiet gehört aus jener Zeit nur die aus Anlaß
-eines Preisausschreibens der Berliner Akademie Ende 1771 in wenigen
-Wochen niedergeschriebene Abhandlung »_Über den Ursprung der
-Sprache_«. Bis dahin gab es über diesen Gegenstand drei Theorien:
-1. die orthodox-kirchliche, daß die Sprache dem Menschen von Gott
-unmittelbar anerschaffen sei; 2. die seit Aristoteles bei den meisten
-Philosophen übliche, daß sie von den Menschen durch willkürliche
-Übereinkunft (»Konvention«) behufs gegenseitiger Verständigung
-eingeführt worden sei; dazu war neuerdings 3. die von dem französischen
-Sensualisten Condillac aufgestellte gekommen, wonach sie aus der
-tierischen sich allmählich entwickelt habe. Demgegenüber vertritt
-nun Herder einen neuen, vermittelnden Standpunkt. Der Ursprung der
-Sprache ist auch ihm kein willkürlich künstlicher, sondern ein
-natürlicher. Rein menschlich aber auch darin, daß die Sprache im
-engeren Sinne des Worts sich doch grundsätzlich von den uns mit den
-Tieren gemeinsamen bloßen Empfindungslauten unterscheidet. Sie ist
-erst mit der »Besinnung« des Menschen auf sich selbst, also mit dem
-Denken entstanden, wenn auch in allen ursprünglichen Sprachen noch
-Reste reiner Naturlaute sich finden. Ferner: je näher der Mensch noch
-dem Naturzustande steht, desto sinnlicher, aber auch poetischer ist
-seine Sprache; je stärker das bewußte Denken sich in ihm entwickelt,
-desto abstrakter (begriffsmäßiger) wird sie. Unter dem Einfluß des
-verschiedenen Klimas und der verschiedenen Lebensweise bildeten sich
-dann verschiedene Sprachen auf der Erde aus. Und so findet denn die
-Sprachenentwicklung und damit die gesamte Bildung der Menschheit
-im Zusammenhang mit der nach einem höheren Plane fortschreitenden
-Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt statt. Damit geht die
-_Sprach_philosophie in die später von uns besonders zu behandelnde
-Herdersche _Geschichts_philosophie über. Seine Abhandlung von 1772 aber
-hat in Deutschland den ersten Grund zu einer brauchbaren Sprachtheorie
-gelegt, auf der dann, mit Wilhelm von Humboldts Forschungen beginnend,
-allmählich die moderne Sprach_wissenschaft_ sich aufbauen konnte.
-
-Unterdessen hatte ihres Verfassers wechselvoller äußerer Lebensgang
-eine neue Wendung erfahren. Der Siebenundzwanzigjährige war im April
-1771 als Oberpfarrer und Konsistorialrat nach Bückeburg übergesiedelt.
-Damit beginnt eine neue Epoche seiner geistig-seelischen Entwicklung,
-eine
-
-
-3. Vorherrschend religiöse Periode
-
-1772 bis 1776
-
-In der kleinen Residenzstadt Bückeburg, zwischen einem aufgeklärten,
-aber donquichotteartigen Grafen, der sich durch seine Soldatenspielerei
-bekannt gemacht hat, und seiner gemütstiefen, pietistischen Gemahlin,
-seinen Amtspflichten noch fremd gegenüberstehend, ohne Freund, bis er
-im Mai 1773 seine Karoline als Gattin heimführt, fühlt sich Herder in
-den zwei ersten Jahren äußerlich wie innerlich vereinsamt. So macht
-er denn jetzt eine neue innere Wandlung durch. Der Aufsatz Ȇber den
-Ursprung der Sprache« hatte ihn der Aufklärung nahe gezeigt und
-deshalb auch das Mißfallen Hamanns erregt, mit dem daher ein beinahe
-dreijähriges Stocken des Briefwechsels eingetreten war. Jetzt wendet er
-sich zu ihm zurück und dem gleichgearteten Lavater in Zürich zu. Von
-nun an gründet er seine Weltanschauung ganz auf _religiöse_ Gedanken,
-die ihn von der strengen Wissenschaft abführen, seinen Schriften
-einen rein persönlichen Charakter geben, ihn oft in sich selbst sich
-zurückziehen lassen. Er entscheidet sich endgültig für den geistlichen
-Beruf, stellt gegenüber der »herzensarmen« und »gedankenlosen« Zeit
-sein Leben auf Gott, schreibt eine Reihe -- bezeichnenderweise sämtlich
-unvollendet gebliebener -- _theologischer_ Schriften.
-
-Wir lassen die rein theologischen, wie die fünfzehn »Blätter an
-Prediger« (1774), die »Erläuterungen zum Neuen Testament« durch
-Vergleichung mit der Lehre des altpersischen Zendavesta (1775) und
-»Maran Atha, das Buch der Zukunft des Herrn« (1779), eine Arbeit
-über die Offenbarung Johannis, beiseite und beschränken uns auf die
-merkwürdige »_Älteste Urkunde des Menschengeschlechts_« (1774 bis
-1776), womit die ersten Kapitel des ersten Buches Mose gemeint sind.
-Herder deutet sie nicht etwa rationalistisch, wie ein Jahrzehnt später
-Kant in seinem »Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte« und Kant
-nachfolgend Schiller es getan haben, sieht sie aber auch nicht als
-absolute göttliche Heilswahrheit an, sondern -- als ein wundervolles
-Beispiel morgenländischer _Natur_empfindung und zugleich urältester
-Offenbarung Gottes in der Natur. In Wahrheit liegt ihm zufolge dieser
-Moses zugeschriebenen, aber einer orientalischen Gesamtanschauung
-entstammenden Schöpfungsgeschichte das Bild eines -- werdenden Tages
-zugrunde und ist in den Anordnungen des uralten »Schöpfungslieds«
-eine geheime Bilderschrift, geteilt nach der heiligen Siebenzahl,
-versteckt! Wir gehen nicht weiter auf diese und andere Phantasien
-ein, die natürlich auch damals nur bei Hamann und seinem Kreise
-Bewunderung fanden, darunter auch bei dem jungen Goethe, der begeistert
-über den Verfasser schrieb: »Er ist in die Tiefen seiner Empfindung
-hinabgestiegen, hat darin alle die hohe, heilige Kraft der simpeln
-Natur aufgewühlt und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem,
-hier und da morgenfreundlich lächelndem orphischem Gesang vom Aufgang
-herauf über die weite Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut (!) der
-neueren Geister, De- und Atheisten, Philologen, Textverbesserer,
-Orientalisten usw. mit Feuer und Schwefel und Flutsturm ausgetilgt!«
-Übrigens sind auch Herders übrige theologische Schriften dieser Epoche
-gegen die liberale Zeittheologie gerichtet.
-
-Ja, selbst seine ihrem Titel nach ins philosophische Feld schlagenden
-Schriften der siebziger Jahre sind tief in diesen Geist getaucht.
-So die 1774 anonym erschienene Abhandlung »_Auch eine Philosophie
-der Geschichte zur Bildung der Menschheit_«, nur daß sie in der Form
-der Denkweise »ungläubiger« Leser angepaßt ist. Im Gegensatz zu
-der sonstigen Geschichtsphilosophie des Jahrhunderts faßt sie den
-Gesamtgang der geschichtlichen Entwicklung als einen »Gang Gottes durch
-die Nationen«, als einen göttlichen Erziehungsplan auf; in letzterem
-Bilde mithin Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts« verwandt,
-aber viel gefühlsmäßiger als dieser. Ein fruchtbarer Gedanke aber ist
-jedenfalls darin enthalten. Gegenüber einem Skeptizismus, der überhaupt
-jeden tieferen Sinn in der historischen Entwicklung vermißte, und der
-Ansicht der Aufklärer andererseits, die sozusagen prinzipiell einen
-Fortschritt in ihr erblicken wollte, vertritt Herder, obwohl auch er
-einen Fortschritt durchaus nicht leugnet, den wahrhaft geschichtlichen
-Gedanken: Jedes Volk und jede Zeit hat seinen (ihren) Mittelpunkt in
-sich selbst und ist nur um ihrer selbst willen da. Die verschiedenen
-Epochen werden, wobei es freilich ohne Künstlichkeiten nicht abgeht,
-mit den Lebensaltern des Einzelmenschen: Kindheit, Knaben-, Jünglings-,
-und Mannesalter, verglichen. Auch das von der Aufklärung, ja selbst
-Kant, durchweg als »finster« betrachtete Mittelalter wird zum erstenmal
-nach seinen wertvollen Seiten (»Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit
-und Bürgerstärke«) gewürdigt; während gegen die Gegenwart der Vorwurf
-der Mechanisierung des gesamten Daseins, der Erstickung alles wahrhaft
-Menschlichen erhoben wird. Gebt uns statt der bloßen Ausbildung
-des Verstandes, der Papierkultur: »Herz! Wärme! Blut! Menschheit!
-Leben!« Dabei alles im echten Sturm- und Drangstil, in abgerissenen
-Sätzen, mit dunklen Andeutungen, ahnenden Ausblicken und vielen
-Ausrufungszeichen geschrieben. Ein Vorläufer des späteren großen
-geschichtsphilosophischen Werks, aber noch in durchaus schwärmerischem
-Gewande.
-
-Endlich entwirft Herder in diesem Jahr auch eine allerdings erst 1778
-abgeschlossene _Psychologie_: »Vom _Erkennen_ und _Empfinden_ der
-menschlichen Seele«, mit dem bezeichnenden Untertitel: »Bemerkungen
-und Träume«. Äußerlich ist sie wieder, wie so manche bedeutsame
-Abhandlung der Zeit (von Rousseau, Kant, Lessing, Mendelssohn), durch
-eine akademische Preisfrage veranlaßt. Natürlich wird das Empfinden
-als das allein ursprüngliche, daher innige und tiefe Element über die
-daraus nur abgeleitete Erkenntnis gestellt. Zwischen Körper und Seele
-existiert keine Scheidewand; beide stellen eine nur immer feinere
-»Hinaufläuterung« der Gotteskraft dar. Auf diese ganz Hamannsche
-Weise wird -- für uns auf den ersten Blick sehr auffallend -- eine
-fast mystisch begründete Seelenlehre dennoch mit der _Physiologie_
-verbunden, wie damals der berühmte, zugleich fromme und poetische
-Albrecht von Haller sie lehrte. Von den einfachsten Elementen, den
-Reizen, aufsteigend, verfolgt dann Herder den gesamten Aufbau des
-seelischen Lebens, freilich nach seiner uns nun schon bekannten Art
-ohne jede Schärfe der Grundbegriffe. Vielmehr sind ihm Sinnlichkeit,
-Anschauung, Glaube, Gefühl die eigentlichen Grundkräfte der
-menschlichen Seele; Biographien, vor allem Selbstbiographien, und
-Dichter die besten Fundgruben psychologischer Erkenntnis. Denken,
-Wollen und Fühlen -- welche eine kritische, wissenschaftliche
-Psychologie auseinanderzuhalten sich bemüht --, ihm sind sie alles
-dasselbe, alle drei bloß Stufen einer einzigen Kraft: der Energie
-unserer Seele. Von »reinen Grundsätzen«, wie kurz darauf Kant sie
-aufstellte, hält Herder nichts. Die höchste Vernunft und, was damit
-gleichgesetzt wird, das »reinste göttliche Wollen« stellt die »Liebe«
-dar. Und dann folgt, am Schluß des ersten Teiles, der ihn plötzlich als
--- Spinozisten enthüllende Satz: »Wollen wir dieses nicht dem heiligen
-Johannes, so mögen wir's dem ohne Zweifel noch göttlicheren (!) Spinoza
-glauben, dessen Philosophie und Moral sich ganz um diese Achse beweget.«
-
-Der zweite Teil bringt verhältnismäßig wenig Neues hinzu.
-Bloßes Spekulieren, heißt es dort, stumpft die Seele, bloßes
-Sentimentalisieren das Herz ab; beide gehören vielmehr zusammen und
-müssen sich unterstützen, wie es im klassischen Altertum gewesen sei.
-
-Gewiß, auch Lessing hatte sich, wie wir wissen, auf das klassische
-Altertum, auf das Testament Johannis und auf Spinoza berufen, aber
-auf ganz anderem Untergrund als dem des bloßen Gefühls. Für Herder
-dagegen sind sogar Charakter und _Genie_ dasselbe. »Genie oder (!)
-Charakter« heißt ihm jede lebendige, eigenartige Menschenart. Kurz,
-er hat, zusammen mit Hamann, in diesen Schriften eigentlich das
-theoretische Programm der Genieperiode jener siebziger Jahre, in der
-sie entstanden ist, entwickelt. Sie tragen, wie Kühnemann richtig
-bemerkt, einen durchaus »faustischen« Charakter, erinnern an den Faust
-der ersten Monologe, die ja wohl auch in ihrer Urgestalt ungefähr
-zur selben Zeit entstanden sind, mit seinem Überdruß gegenüber
-der bloßen Wortgelehrsamkeit, mit seinem Drängen nach urwüchsiger
-Natur und Schöpferkraft, zum Schauen und Gefühl. Ja, man kann sogar
-deutliche Parallelen im Ausdruck zwischen jenen ersten Faustszenen
-und den Herderschen Schriften dieser Jahre feststellen. Trotzdem ist
-von solchen Ähnlichkeiten in Gedanken und Ausdruck immer noch ein
-weiter Weg bis zu der merkwürdigen These Günther Jacobys, der in einem
-beinahe 500 Seiten zählenden Buche »Herder als Faust« (Leipzig 1911, F.
-Meiner), übrigens mit viel Geist und Belesenheit zu begründen versucht
-hat: nicht etwa bloß (was auch wir vielleicht zu unterschreiben geneigt
-wären) Herdersche Gedanken seien in weitem Maße in jenen Teilen des
-Urfaust enthalten, sondern geradezu _Herder_ sei _Faust_, d. h. _seine_
-inneren und äußeren Erlebnisse seien in dem Faust des ersten Teils,
-wenigstens bis zur Szene in Auerbachs Keller, enthalten. Ich empfehle,
-obschon ich die These selbst ablehne, doch den Lesern, die sich für das
-Problem interessieren, das wenig bekannt gewordene Buch zum Studium.
-
-Beide letztbesprochenen Schriften Herders aber, »Auch eine Philosophie«
-und »Vom Erkennen und Empfinden«, sind trotz ihres rein philosophischen
-Titels im letzten Grunde religiöser Art: nur daß in der ersten die
-allem Erdgeschehen zugrunde liegende Gottheit in der geschichtlichen
-Entwicklung, in der zweiten im menschlichen Einzelwesen und seinem
-Denken und Fühlen sich offenbart. Beide sind sie jünglinghafte
-Vorläufer der beiden Hauptwerke aus Herders Reifezeit, die ihn
-philosophisch auf der Höhe seiner Entwicklung zeigen: der »Ideen zur
-Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784 ff.) und der Gespräche
-über »Gott« (1786).
-
-
-
-
-~B.~ Die Höhezeit
-
-
-Am 1. Oktober 1776 waren Herders in die Stadt an der Ilm eingezogen.
-Aber er fühlte sich in der neuen Umgebung in den nächsten Jahren noch
-wenig wohl: vielmehr mannigfach eingeengt durch die zeitraubenden
-Geschäfte seines Generalsuperintendentenamtes wie durch die Rücksichten
-auf den Hof. Auch zu dem jungen Herzog, der ihn gerufen, ergab sich
-keine erquickliche Stellung, vor allem aber nicht zu Goethe, der doch
-diesen Ruf bewirkt, und der ihm jetzt in seinem kraftgenialischen
-Treiben allem Lebensernste abgewandt schien, während Goethe in Herder
-den ewig krittelnden Theologen erblickte.
-
-In die ersten Weimarer Jahre fallen nur literarische Aufsätze, die wir
-hier übergehen müssen. 1780/81 erscheinen seine bedeutsamen »_Briefe,
-das Studium der Theologie betreffend_«, ein Erziehungsbuch für künftige
-Geistliche. Sie wollen keinen Wissensstoff vermitteln, sondern zur
-religiösen Persönlichkeit heranbilden. Die beiden ersten der vier Teile
-des Buches handeln vom Alten und Neuen Testament, aber in durchaus
-undogmatischem Sinne. Man soll die Bibel »menschlich« lesen, d. h. so
-einfach und natürlich wie irgend ein anderes Buch. Zugleich nähert
-er sich wieder der Wissenschaft: die jungen Theologen sollen die
-Hilfsmittel der Sprachwissenschaft und der historischen Kritik nicht
-verachten; freilich wird auch ihr Einklang mit dem wahren Glauben
-hervorgekehrt. Dessen Kern ist die Persönlichkeit Jesu, der die volle
-Offenbarung von Gottes Erziehungsplan mit der Menschheit und zugleich
-das unendliche, vor jedem vor uns liegende Ziel darstellt. So ist denn
-auch der dritte Teil, die »Dogmatik«, ganz undogmatisch, der Geist des
-Christentums steht über allem Streit und Hader, erweist sich in Taten
-der Liebe.
-
-In den beiden nächsten Jahren (1782 und 1783) folgt dann das glänzende
-Buch »_Vom Geist der hebräischen Poesie_«, das man nicht ohne Grund
-als ein Seitenstück zu Winckelmanns Würdigung des Griechentums,
-nämlich als erste tiefere Würdigung des morgenländischen Geistes
-bezeichnet hat. Die Rückwendung zur Philosophie aber und zugleich
-sein bedeutendstes philosophisches Werk wird veranlaßt durch das an
-Goethes vierunddreißigstem Geburtstag (28. August 1783) neu beginnende
-Freundschaftsverhältnis zu diesem. _Goethe_ steckte damals tief in
-naturwissenschaftlichen Studien, von dem Streben getragen, die gesamte
-Natur in ihrer lebendigen Einheit zu erfassen, bis sie zuletzt im
-Menschen zum Bewußtsein ihrer selbst und ihres Schaffens gelangt.
-Das paßte so recht zu Herders Grundgedanken. Und so kann man wohl
-verstehen, wie beide sich in jener Zeit durch gegenseitiges geistiges
-Geben und Nehmen täglich gefördert fühlten; wie denn Goethe von ihren
-damaligen Unterhaltungen noch nach Jahren mit Wohlgefallen berichtet:
-»Unser tägliches Gespräch beschäftigte sich mit den Uranfängen der
-Wassererde und der darauf von alters her sich entwickelnden organischen
-Geschöpfe. Der Uranfang und dessen unablässiges Fortbilden ward immer
-besprochen und unser wissenschaftlicher Besitz durch wechselseitiges
-Mitteilen und Bekämpfen geläutert und bereichert.« Aus solchen
-Gesprächen entstand dann Herders größtes und reifstes Werk, dessen
-erster Teil bereits im folgenden Jahre (1784) herauskam, die
-
-
-1. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
-
-Es liegt in der Natur der Dinge, daß jemand, der eine
-Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit in großem Stile zu
-entwerfen versucht, weiter ausholt und der Menschheitsgeschichte eine
-solche der belebten und unbelebten Natur vorausschickt. So hat Kant
-seine Philosophie der Entwicklung -- denn eine solche verbirgt sich
-trotz alledem hinter seiner kritischen Philosophie -- mit seiner
-bekannten großartigen Weltentstehungslehre begonnen, um von da zu
-geologischen und geographischen Studien fortzuschreiten, von ihnen
-zur Anthropologie und zuletzt erst zu geschichtsphilosophischen
-Abhandlungen überzugehen. Ähnlich beginnt ein Jahrhundert später
-Herbert Spencer seine großgedachte Entwicklungslehre mit der
-Philosophie des Unorganischen, um daran nacheinander die Prinzipien der
-Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethik zu schließen.
-
-So setzt denn auch Herder mit astronomischen Betrachtungen ein;
-sein erster Satz lautet: »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«.
-Immerhin ist es doch etwas stark, daß der ganze erste Teil mit
-seinen fünf Büchern noch nichts vom eigentlichen Thema enthält, ja
-selbst die weiteren fünf Bücher des zweiten Teils nur eben bis zur
-wirklichen Menschheitsgeschichte heranführen. Vielmehr behandelt Buch
-1 astronomische, geologische und physisch-geographische Fragen, Buch
-2 und 3 solche der Biologie des Pflanzen- und Tierreichs, wie man
-damals auch in der Sprache der Wissenschaft noch sagte. Allerdings
-von vornherein im Vorausblick auf die »Krone der Schöpfung«, den
-Menschen. Wie die Erde ein Mittelgeschöpf unter den Planeten, so
-stellt der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde dar.
-Keine Frage, daß dieser das Ganze durchziehende Grundgedanke der
-_Entwicklung_ äußerst fruchtbar ist, daß auch im einzelnen reiche
-gedankliche Anregungen gegeben, daß insbesondere der zu seiner Zeit
-im Grunde ja noch gar nicht bestehenden geographischen Wissenschaft
-neue, fruchtbare Aufgaben gestellt werden. Auch der modernen
-Abstammungslehre, dem _Darwinismus_, steht Herder bis zu einem gewissen
-Grade nahe. Er betont immer wieder, daß die Pflanzen und die Tiere
-nach einem Urtypus gebildet seien, somit ein Exemplar das andere
-erkläre, daß eine Stufenleiter der auftretenden Unterschiede bestehe
--- man erinnere sich der gleichzeitigen »Metamorphose der Pflanzen«
-und Entdeckung des Zwischenkieferknochens durch Goethe --, und daß
-die verschiedenen Lebewesen _nach_einander aufgetreten seien. Er
-nimmt auch, wie übrigens schon der alte Grieche Heraklit und unser
-Walter von der Vogelweide, einen Kampf ums Dasein an: »alles ist im
-Streit gegeneinander, weil alles selbst bedrängt ist«. Und er teilt
-auch den Gedanken der Anpassung: daß nämlich die Formen des Lebenden
-den gegebenen Bedingungen sich umwandeln. Indessen halten sich nach
-seiner Meinung doch die durch äußere Einflüsse bewirkten Abänderungen
-in verhältnismäßig engen Grenzen. Vor allem wird, trotz gelegentlicher
-poetischer Sätze, wie: »der Menschen ältere Brüder sind die Tiere«, der
-Mensch vom Tiere scharf abgegrenzt. Als der grundlegende Unterschied
-wird übrigens nicht etwa, mit der heutigen Naturwissenschaft, das
-verschiedene Gehirngewicht (das auch Herder schon kannte), angegeben,
-sondern die aufrechte Stellung, die ihm die Hände frei machte und somit
-zu aller Kultur führte.
-
-Denn auf den Menschen und seine Kultur ist doch durch die »Vorsehung«
-von Anfang an alles abgezielt. Der Mensch ist, wie die sieben Kapitel
-des vierten Buches nacheinander ausführen, zur Vernunfttätigkeit, zur
-Kunst und Sprache, zu feineren Trieben und zur Freiheit, zu längerer
-Lebensdauer und stärkster Verbreitung über die Erde organisiert, zur
-Humanität, Religion und Hoffnung auf Unsterblichkeit gebildet. Ja, der
-heutige Mensch bildet höchstwahrscheinlich keinen Abschluß, sondern
-bloß einen Anfang. Denn, wie auf unserer Erde eine Reihe aufsteigender
-Formen und Kräfte herrscht, die auf einen zusammenhängenden
-Fortschritt hinzielen, so ist selbst unsere Humanität nur die »Knospe
-zu einer zukünftigen Blume«, und der jetzige Zustand der Menschheit
-»wahrscheinlich das verbindende Mittelglied zweier Welten«.
-
-Was den modern denkenden Naturwissenschafter von heute außer dem
-poetischen Stile an diesen Gedanken stört, ist das beständige
-vorzeitige Hineintragen von teleologischen, d. h. Zweckgedanken, des
-Wozu? in die naturwissenschaftliche Forschung, die doch zunächst nach
-Ursache und Wirkung der Dinge zu fragen hat. Aber diese teleologischen
-Gedankengänge lagen in der Zeit; von ihnen, von dem beständigen
-Einmischen der »Vorsehung« in den Natur- und Geschichtsverlauf, sind
-auch Lessing, Schiller und Goethe nicht frei. Mehr noch stört, mich
-wenigstens, die allzu gefühlsmäßige Art, die Herders ganzes Werk
-durchzieht und, wie wir es freilich nach allem Bisherigen von ihm
-erwarten mußten, Empfindungen allzuoft an Stelle von Gedanken setzt.
-
-Das hielt doch auch schon ein zeitgenössischer Denker dem »geistreichen
-Verfasser« entgegen. Es war kein Geringerer als Immanuel Kant, der
-(zunächst anonym) am 4. Januar 1785 in der »Jenaischen Allgemeinen
-Literaturzeitung« eine ausführliche Besprechung des ersten Teils von
-Herders Werk veröffentlichte.[12] Er gab dem Leser -- wie es Pflicht
-jedes wahrheitsliebenden Rezensenten ist -- ein objektives Bild des
-Herderschen Gedankenganges. Er ließ auch den schriftstellerischen
-Vorzügen seines einstigen Schülers alle Gerechtigkeit widerfahren,
-rühmte den »vielumfassenden Blick«, ja das »Genie« des »sinnreichen
-und beredten« Verfassers, seinen Scharfsinn in Auffindung von
-Ähnlichkeiten, die Kühnheit seiner Phantasie, den »großen
-Gedankengehalt«, die bei einem Theologen seltene Vorurteilslosigkeit
-des Denkens und im einzelnen »manche ebenso schön gesagte als edel und
-wahr gedachte Reflexionen«. Allein er vermißt, wie uns dünkt mit Recht,
-die von einem Philosophen zu erwartende »logische Pünktlichkeit in
-Bestimmung der Begriffe« und »sorgfältige Unterscheidung und Bewährung
-der Grundsätze«. Er kennzeichnet die Hauptzüge von Herders Wesen: das
-warme Gefühl, die durchaus persönliche Art, den dichterischen Stil,
-das Schwelgen in Bildern und Gleichnissen als ebensoviel Schwächen des
-_Philosophen_.
-
-Herder aber empfand die Kritik Kants als hämisch und platt, als
-»schief« und »umkehrend«. Und diese Empfindung wurde durch die
-lehrhafte Schlußermahnung, er möge »seinem lebhaften Genie« künftig
-»einigen Zwang auferlegen«, da die Aufgabe der Philosophie »mehr
-im Beschneiden als im Treiben üppiger Schößlinge« bestehe, er
-solle daher weniger durch Winke, Mutmaßungen und Gefühle als durch
-wissenschaftliche Beobachtung und behutsame Vernunft zu wirken suchen,
-keineswegs in ihm abgeschwächt. Wütend schrieb er einem Freunde: »Ich
-bin vierzig Jahre alt und sitze nicht mehr auf seinen metaphysischen
-Schulbänken.« Und die begeisterte Zustimmung seiner Freunde bestärkte
-ihn darin. Nur Hamann nahm den ihm persönlich bekannten Königsberger
-Denker dem Freunde gegenüber in Schutz, während Knebel in dem
-Rezensenten einen »gelehrten Esel« und eine »lichtscheue Fledermaus«
-erblicken wollte! Mit einer »Widerlegung« Kants in Wielands Teutschem
-Merkur sprang auch ein Anonymus ihm bei, der sich dann als Wielands
-Schwiegersohn K. L. Reinhold entpuppte und bald darauf in einen
-begeisterten Anhänger Kants verwandelte.
-
-Im Herbst 1785 erschien dann der _zweite_ Teil der »Ideen«. Auch er
-beschäftigt sich, mit Ausnahme des einleitenden sechsten Buches,
-das eine Art »Physiognomik«, also äußere Charakterisierung der
-verschiedenen Menschenzweige (von Rassen will er nichts wissen)
-entwirft, durchaus noch mit allgemeinen Problemen: insbesondere mit
-der Wechselwirkung der inneren (Herder: »genetischen«) Kräfte der
-Völker und ihrer äußeren, namentlich klimatischen Lebensbedingungen.
-Jedes Volk besitzt einen einheitlichen Charakter, der eine besondere
-Offenbarung der überall wirkenden göttlichen Kraft darstellt. Je
-nach Klima und Bedürfnissen verändern sich auch der Gebrauch der
-Sinne, die Phantasie, der praktische Verstand, die Empfindungen und
-Triebe, die Begriffe von der Glückseligkeit, dazu tritt überall der
-überwiegende Einfluß von Überlieferung und Gewohnheit. Das alles
-wird mit zahlreichen anschaulichen Beispielen vom Naturzustand an
-bis zur geschichtlichen Entwicklung belegt. Die Philosophie der
-Menschheitsgeschichte besteht nicht in der Betrachtung der äußeren
-Weltbegebenheiten, sondern in der Philosophie der Kultur und der
-bildenden Kräfte der Menschheit, so wie sie sich geschichtlich
-entfaltet haben. So setzt Herder hier seine sprachphilosophischen
-Erörterungen (S. 71 f.) fort und untersucht die Entstehung der Künste
-und Wissenschaften.
-
-Besondere Mühe hat ihm -- wir kommen damit zu Herders
-
-
-politischen Anschauungen
-
--- das Kapitel vom Staate (den »Regierungen«, wie er es nennt)
-gemacht; er hat es unter Goethes Einfluß nicht weniger als dreimal
-umgearbeitet, auch in seinen übrigen Schriften sich am seltensten
-darüber geäußert. Die Politik lag seinem gefühlsmäßigen Denken
-offenbar nicht. Auf diesem Gebiet ist er auch in den extremsten, ja
-wir dürfen sagen: rückständigsten individualistischen Vorstellungen
-befangen. Die Natur, und sie ist für ihn das Bestimmende, erschafft
-bloß Familien und Völker, keine Staaten. Alle Regierungen verdanken
-der Not und dem Krieg ihren Ursprung und sind lediglich um dieser Not
-willen da. Es wird unseren Lesern vielleicht nicht unsympathisch sein,
-wenn er bei dieser Gelegenheit gegen die einseitige, aber bis in die
-jüngste Zeit auch bei uns noch vorherrschend gewesene Bewunderung der
-Kriegshelden zu Felde zieht; so sagt er in starker Übertreibung einmal:
-die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts,
-gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen! Ebenso werden wir
-seinen Kampf gegen jede Art von Despotismus, sein wahrhaft christliches
-Eintreten für die Idee des ewigen Friedens, seine Auslegung des
-»Gottesgnadentums«, wonach die Fürsten sich der ihnen von der Vorsehung
-verliehenen Herrscherstellung durch eigene Mühe erst würdig machen
-müssen, voll anerkennen. Auch sein, des Theologen, Eintreten für die
-völlige Freiheit der wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen
-Betätigung, gegen jede Art von Knebelung der Wissenschaft durch
-»Inquisition« oder Zensur. Manche Theologen von heute könnten sich ein
-Muster daran nehmen!
-
-Um so mehr zu bedauern und höchstens durch die damaligen politischen
-Zustände erklärlich ist es, daß er den Wert des _Staates_ noch so wenig
-erkennt, daß er ihm bloß als eine künstliche Maschine erscheint. Wenn
-Herder in der Glückseligkeit der einzelnen den Endzweck der Menschheit
-sah, so fragte ihn Kant in seiner Besprechung des zweiten Teils der
-»Ideen« mit Grund: ob er denn etwa das Wohlbehagen der im bloßen
-Genusse, wie glückliche Rinder oder Schafe, dahinlebenden Bewohner
-der schönen Südseeinsel Tahiti als höchstes Ziel der Menschheit
-betrachte? Ein Ziel, dem Kant sein eigenes Ideal einer »nach Begriffen
-des Menschenrechts geordneten Staatsverfassung« gegenüberstellte.
-Von einer Antwort Herders auf diese Frage ist uns nichts bekannt.
-Dieser hatte seinerseits, ohne Kants Namen, dessen in seiner ersten
-geschichtsphilosophischen Schrift »Idee zu einer allgemeinen Geschichte
-in weltbürgerlicher Absicht« (1784) aufgestellten Satz angegriffen,
-daß die Naturanlagen des Menschen nicht im Individuum, sondern in
-der Gattung zu vollständiger Entwicklung zu kommen bestimmt seien.
-Auch dies weist der kritische Philosoph in seiner Besprechung mit
-überlegener Ruhe zurück.
-
-Wir werden auf Herders politische Ansichten bei seiner Stellung zur
-Französischen Revolution noch einmal kurz zu sprechen kommen. Hier sei
-nur um der Vollständigkeit willen noch erwähnt, daß das letzte (zehnte)
-Buch des zweiten Teiles die mehr geographische Frage der Urheimat des
-Menschengeschlechts erörtert, die er in Asien findet. Auch kommt er
-bei dieser Gelegenheit auf seine »Älteste Urkunde« (S. 73) und deren
-Zuverlässigkeit zurück. Er geht sogar so weit, mit der mosaischen
-Überlieferung als Tatsache anzunehmen, höhere Geister (die Elohim)
-hätten den ersten Menschen die Sprache gelehrt!
-
-Erst der dritte, Ostern 1787 erschienene Teil des Werkes geht dann
-zur eigentlichen Geschichte über. Er beschäftigt sich zunächst mit
-den Völkern Ost- und Südasiens, sodann mit Vorderasien und Ägypten,
-darauf mit der griechischen Kultur und zum Schluß mit der ihm weniger
-liegenden römischen Geschichte. Mit jener genialen Nachempfindung,
-die von jeher seine Stärke war, die Lücken der damaligen
-Geschichtsforschung und Völkerkunde ersetzend, weiß er von jedem dieser
-Völker ein charakteristisches Bild zu entwerfen. Die Hebräer treten in
-diesen Jahren des Geistesbundes mit Goethe gegenüber ihrer früheren
-Vorzugsstellung zurück. Im vollen Glanze seiner Schönheit erscheint
-dagegen das Griechentum. Das farbenreiche Gemälde der altgriechischen
-Sprache, Religion, Kunst, Sitte und Politik gehört zu den glänzenden
-Partien des Werks.
-
-Seinen Abschluß erhält der dritte Band wieder durch eine Reihe
-allgemeiner Ausführungen (Buch 15), welche die Ergebnisse des
-Bisherigen und so eigentlich die Summe seiner Geschichtsphilosophie
-ziehen. Die gesamte Menschheitsgeschichte erscheint hier als »eine
-reine _Natur_geschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach
-Ort und Zeit«. Die Philosophie der Endzwecke, die Frage des _Wozu_?
-statt des _Woher_? wird jetzt ausdrücklich abgewiesen. Trotz alledem
-waltet in der Geschichte ein tiefer Sinn und Zweck. Dieser Zweck ist,
-wir wissen es schon und hören es hier aufs neue, die _Humanität_. Wie
-in der äußeren Natur, so dienen auch in der Geschichte die zerstörenden
-Kräfte letzten Endes den erhaltenden. Der Gang der Geschichte ist
-zwar voll abgerissener Ecken, voll aus- und einspringender Winkel,
-aber er führt im ganzen doch vorwärts. »Es ist«, so schließen diese
-Betrachtungen, »keine Schwärmerei, zu hoffen, daß, wo irgend Menschen
-wohnen, einst auch vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen
-werden; glücklich nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die
-gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen Brudergeschlechts.«
-
-Damit wird freilich, wie Herders Biograph Rudolf Haym (II, 236) richtig
-bemerkt, die Geschichtsphilosophie zum frommen Glauben, das Naturgesetz
-zum moralischen Gebot, das Herder denn auch etwas verschwommen also
-formuliert: »Der Mensch sei Mensch, er bilde sich seinen Zustand nach
-dem, was er für das Beste erkennt.« So wird der letzte Zweck der
-Geschichte, den Herder ja freilich nur in der Glückseligkeit der
-einzelnen erblickt, _sittliche Aufgabe_ des Menschen: eine an sich
-richtige Erkenntnis, die nur nicht, wie es in den »Ideen« geschieht,
-mit der naturwissenschaftlichen Darstellung dieser Geschichte vermischt
-werden darf.
-
-Über den erst 1791 veröffentlichten _vierten_ und letzten Teil der
-»Ideen« können wir uns kurz fassen. Er leitet zu der Geschichte
-des Mittelalters über, die er dann in knapper Übersicht schildert.
-Das Bedeutendste darin ist die außerordentlich scharfe _Kritik_
-des _Christentums_ und seiner Hierarchie im 17. bezw. 19. und die
-Schilderung des Endes dieser Zeit im 20. Buche. Das Christentum
-erscheint, offenbar wieder unter Goethes Einfluß, in wesentlich
-anderer, ungünstigerer Beleuchtung als in der Bückeburger Periode.
-Es ist fast, als ob ein Aufklärer diesen Abschnitt geschrieben
-hätte. Vorangestellt wird die Person Jesu in ihrer rein menschlichen
-Größe. Dann aber in den stärksten Gegensatz zu der Religion Jesu die
-»Religion _an_ dich« (Lessing und Kant: die Religion _über_ Christus)
-gestellt, die an die Stelle »deines lebendigen Entwurfs zum Wohl der
-Menschen« die »gedankenlose Anbetung deiner Person und deines Kreuzes«
-setzte: der »trübe Abfluß deiner reinen Quelle«. Die berühmte dunkle
-Schilderung der _mittelalterlichen Kirche_, die ein Jahr später Kant
-zu einem anderthalb Seiten langen Satze seiner »Religion innerhalb der
-Grenzen der bloßen Vernunft« formte, wird in dem ausführlichen Kapitel
-des Generalsuperintendenten der evangelischen Kirche Sachsen-Weimars
-noch überboten. Schon in der ersten christlichen Zeit die »jüdische
-Dialektik« des Apostels Paulus, die Auffassung der Welt als eines
-großen Hospitals und der Kirche als Almosenkasse. Dann die Folgsamkeit
-der unmündigen Laienschaft, die endlosen elenden Lehrstreitigkeiten,
-die Konzile und Synoden, vielfach »eine Schande des Christentums und
-des gesunden Verstandes«, der »fromme Betrug« zum Prinzip erhoben, die
-Ausartung der Taufe in eine Teufelsbeschwörung, des Abendmahls zum
-»sündenvergebenden Mirakel«, zum »Reisegeld in die andere Welt«. Später
-das dem Geist Christi ganz fremde widersinnige Mönchs- und Nonnentum;
-schließlich das »zweiköpfige Ungeheuer« des Staatschristentums (das ja
-erst zu unseren Zeiten allmählich aus Europa zu weichen beginnt. K.
-V.).
-
-Sodann wird die Vermischung des Christentums mit einem Meer
-andersartiger Anschauungen: der morgenländischen, griechischen,
-lateinischen und zuletzt dem Geiste der germanischen Barbaren verfolgt,
-wodurch es in der Tat jedesmal eine andere Form angenommen hat (was
-man bis zur Gegenwart fortsetzen könnte. Wo bleibt da das »Wesen« des
-Christentums? K. V.). Gewiß, er _bedauert_ es, sein früheres Lob des
-Mittelalters -- man denke an die Bückeburger Zeit! -- einschränken
-zu müssen. Er erkennt auch den relativen Wert mancher hierarchischen
-Einrichtungen an; er weilt gern in der »schauerlichen« Dämmerung
-der ehrwürdigen mittelalterlichen Dome. Allein er schätzt sie im
-besten Falle doch nur als eine »grobe Hülse der Überlieferung«,
-die von der Kraft und dem überlegenden Verstand derer (die großen
-Päpste des Mittelalters!) zeugen, die »das Gute in sie legten«. Aber
-einen bleibenden Wert besitzt sie nicht: »wenn die Frucht reif ist,
-zerspringt die Schale«.
-
-Und so schildert denn das letzte Buch (20) das Heraufziehen einer neuen
-Zeit: nach dem Rittergeist und der »heiligen Narrheit« der »tollen«
-Kreuzzüge das Erwachen des Handelsgeistes in den Städten Norditaliens
-und der Hansa, das Entstehen eines Bürgerstandes, das Aufkommen der
-Landessprachen, das allmähliche Wiedererstehen der Wissenschaften, die
-Erfindungen und Entdeckungen: kurz den Beginn einer neuen europäischen
-Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Freilich, »an
-eine allgemeine durchgreifende Bildung _aller Stände_ und Völker«
-war damals noch nicht zu denken, und »_wann wird daran zu denken
-sein_?« »Indessen«, mit diesem tröstlichen Ausblick schließt das Werk,
-»geht die Vernunft und die verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit
-der Menschen ihren unaufhaltbaren Gang fort.« So ist denn doch noch
-etwas anderes möglich als ein Zerfallen in Einzelindividuen und deren
-Wohlbehagen: es gilt eine Vernunft und eine _gemeinsame_ Tätigkeit der
-Menschen, die vielleicht dermaleinst eine »durchgreifende Bildung aller
-Stände und Völker« herbeiführen wird.
-
-In Herders Nachlaß hat sich noch ein Entwurf für einen folgenden
-fünften Teil (21. bis 25. Buch) gefunden. Allein auch er führt nur bis
-ins siebzehnte Jahrhundert. So wäre also das Werk sowieso ein Torso
-geblieben. Ein vollendetes geschichtsphilosophisches System wollte ja
-der Verfasser ohnehin nicht geben, sondern nur Ideen zu einem solchen.
-
-In einem knappen Gesamturteil Herders »Ideen« wirklich gerecht zu
-werden, ist schwer. Vielleicht darf man zu seinem Lobe rühmen, daß
-niemand vor ihm die Menschheit »so einheitlich, so allumfassend und
-in so tiefen Perspektiven gesehen hat« (E. Kühnemann) oder, wenn man
-bescheidenere Worte vorzieht, sagen, daß er den von Leibniz zuerst
-zu nachdrücklicher Geltung gebrachten _Entwicklungs_gedanken von der
-Natur auf die Geschichte übertragen und sie in selbständiger Tat,
-übrigens auch mit großer Belesenheit und einer Fülle von Anregungen,
-durchgeführt hat. Diesen bedeutsamen Vorzügen stehen freilich auch
-bedeutende Schwächen gegenüber. Schon die ihm von manchen Kritikern
-als Lob angerechnete Methode, daß er die _Natur_ als _Geschichte_,
-die _Geschichte_ als _Natur_ behandelt, hat doch auch eine gewisse
-begriffliche Verschwommenheit und Unbestimmtheit im Gefolge, die wir
-schon in Kants Besprechung hervorgehoben sahen. Mit seiner ganzen Art
-hängt auch das immer wieder hervortretende Überwiegen der Empfindung
-über den Verstand, des Gefühls über den Begriff; der Phantasie über die
-Wissenschaft zusammen.
-
-Und ebenso die mangelnde Nachwirkung des Werks. Während Lessing, ganz
-männlich-kräftig in seinem Wesen, uns heute noch anzieht, so hat
-Herder etwas frauenhaft Weiches an sich, was den modernen Leser auf
-die Dauer nicht zu fesseln vermag. Ich wenigstens fühle mich, muß
-ich offen bekennen, außerstande, stundenlang hintereinander der oft
-zerfließenden und zudem heute wissenschaftlich veralteten Darstellung
-der »Ideen« mit Aufmerksamkeit zu folgen. Auf seine Zeit dagegen hat
-ihr Verfasser stark gewirkt. Nicht nur sein engerer Freundeskreis,
-darunter Männer von der Bedeutung eines Hamann und Goethe, sondern
-auch Naturforscher von dem Rang eines Blumenbach, Forster, Sömmering
-haben mit Begeisterung davon gesprochen. Von Philosophen haben sie
-besonders auf Schelling und Hegel eingewirkt, und aus uns näher
-liegender Zeit hat Hermann Lotze bekannt, daß sein »Mikrokosmus«
-eine mit den fortgeschrittenen wissenschaftlichen Anschauungen der
-Gegenwart begonnene Wiederholung des Herderschen Unternehmens sei.
-Von unseren Geschichtschreibern erinnert Ranke am meisten an ihn.
-Aber in der heutigen Geschichtswissenschaft und im geistigen Leben
-der Gegenwart spielt Herders reifstes Werk keine Rolle mehr, und
-die realistisch-wirtschaftliche Geschichtsauffassung, wie sie Marx
-und Engels vertreten haben, hat ihm kaum etwas zu verdanken. Trotz
-alledem kann man mit einem gewissen Recht mit Gundolf Herder als »den
-_ersten_ Mensch mit _historischem_ Sinn bezeichnen, der Griechentum
-oder Bibelwelt, Naturvölker oder Shakespeare als _geschichtliche_
-Erscheinungen in ihrer individuellen Besonderheit und Mannigfaltigkeit
-faßte und darstellte«. Darin besteht sein unvergängliches historisches
-Verdienst.
-
-
-2. Die Gespräche über »Gott«
-
-Diejenige Schrift Herders, welche die seinen »Ideen« zugrunde
-liegenden philosophischen Anschauungen seiner Reifezeit vielleicht am
-konzentriertesten zusammenfaßt, ist das 1787 erschienene, nur wenige
-Druckbogen umfassende kleine Buch »_Gott_. Einige Gespräche«, auch wohl
-das Spinoza-Büchlein genannt.
-
-Herder war philosophiegeschichtlich von _Leibniz_ ausgegangen. Schon
-Magister Kants Vorlesungen hatten ihn auf diesen bis dahin größten
-deutschen Philosophen aufmerksam gemacht. Christian Wolff hat ihn, der
-fünfzehn Jahre jünger als Lessing war, schon nicht mehr beeinflußt.
-Dagegen studierte er mit Eifer Leibniz an der Quelle, d. h. dessen 1765
-bekannt gewordene, gegen den englischen Empiristen Locke gerichtete
-»Neue Versuche über den menschlichen Verstand«. In Leibniz fand er
-den seinen eigenen Grundanschauungen verwandten Gedanken von der
-auf lebendige, göttliche Kräfte zurückgeführten, zweckbeherrschten
-Entwicklung im Reiche der Natur und des Geistes, welche beide sich
-zuletzt zu einer großen, vorausbestimmten Harmonie des gesamten
-Weltalls zusammenschließen. Damit verband er dann die damit leicht
-zu vereinende, ihm gleichfalls sympathische Gefühlsphilosophie des
-»liebenswürdigen Platos Europas«: des Engländers _Shaftesbury_ mit
-seinem Optimismus und seiner, freilich die Wirklichkeiten des Lebens
-stark verkennenden poetischen Schönheitsphilosophie, derzufolge die
-Schönheit und Harmonie des Alls auf das Dasein eines weisen und gütigen
-Weltgeistes führt. Shaftesbury aber wurde für ihn schließlich nur ein
-dichterischer Dolmetsch des großen _Spinoza_, auf den ihn, wie wir
-sahen, eigene Studien schon früher geleitet hatten, und der ihm dann
-seit 1783 durch F. H. Jacobi noch näher gebracht worden war.
-
-Schon um die Mitte der siebziger Jahre hatte er eine Schrift über
-diese seine drei philosophischen »Schutzheiligen« geplant. Nun kam
-Lessings Bekenntnis zu der All-Eins-Lehre Spinozas und der durch Jacobi
-angefachte große Philosophenstreit über Lessing-Spinoza hinzu. In
-diesen fühlt nun auch Herder sich veranlaßt, durch seine fünf Gespräche
-über »Gott« einzugreifen. Das heißt: er wollte sich eigentlich nicht
-an dem Streit beteiligen. »Gespräche sind keine Entscheidungen,
-noch minder wollen sie Zank erregen, denn über Gott werde ich _nie
-streiten_,« so erklärt er von vornherein in seiner Vorrede.
-
-Das erste Gespräch stellt eine Ehrenrettung des so lange verkannten
-niederländischen Weisen dar: sowohl seines Charakters als seiner
-Lehre. Ein Spinozist im strengen Sinne will zwar auch Theophron, der
-offenbar Herders Standpunkt vertritt, nicht heißen. Er gibt vielmehr
-eine Auslegung des Spinozismus, wie sie Herders eigener Persönlichkeit
-entspricht, und das bedeutet bei Herders Subjektivismus etwas noch ganz
-anderes als bei Lessing. Vor allem wird die ihm nicht passende streng
-logische Seite desselben als »kartesianische« Schlacken beseitigt, das
-Religiöse hervorgehoben. Spinoza ist nicht der Atheist, als den ihn
-haßerfüllte Gegner ausgegeben haben. Vielmehr ist die Gottheit für
-ihn sogar der Urquell alles Denkens und Seins, andererseits auch das
-Ziel alles Denkens und Fühlens. Er ist im Gegenteil, wie Herder mit
-Goethe sagt, der stärkste Gottesgläubige und beste Christ (~theissimus
-et christianissimus~), eher ein Schwärmer für Gottes Dasein als ein
-Leugner desselben zu nennen. Freilich ist dieser Gott nicht außerhalb,
-sondern _in_ der Welt, die er -- was freilich nicht bei Spinoza,
-sondern bei Leibniz steht -- mit seiner alles durchdringenden Kraft
-erfüllt, indem er, die Urkraft, sich in unendlichen Einzelkräften
-auf unendliche Weisen offenbart. Und diese Urkraft stellt, wie das
-dritte Gespräch beweisen will, zugleich die höchste Weisheit und
-Güte dar. Spinozas »Gott« ist für Herder gleichzeitig ein denkendes,
-wollendes und wirkendes Wesen. Und doch kein Gott der Willkür. Deshalb
-bedeutet die Naturgesetze erforschen ebensoviel als: Gottes Gedanken
-nachdenken. Was den Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn betrifft,
-so sucht das vierte Gespräch beide Standpunkte, den der Glaubens- und
-der Aufklärungsphilosophie, miteinander zu verbinden. Gottes Dasein
-ist schon durch den gesunden Verstand erweisbar. Die einzige Richtung,
-gegen die er sich wendet, ohne sie ausdrücklich beim Namen zu nennen,
-ist der Kritizismus. Auch zustimmende Aussprüche von Dichtern aller
-Zeiten werden zitiert; wie denn überhaupt die Gespräche, an deren
-letztem auch eine Frau (Theano) -- zu denken ist wohl an Karoline,
-Herders Gattin -- teilnimmt, die Herder eigentümliche poetische
-Stilfärbung tragen.
-
-Schließlich wird das Ergebnis, in dem die drei Unterredner zuletzt
-übereinstimmen, in zehn Sätzen formuliert. Das Wichtigste davon ist
-folgendes: Da Gott selbst Macht, Weisheit und Güte ist, so besitzt auch
-alles von ihm Geschaffene diese Eigenschaften. Alle die unzähligen
-Organismen sind Systeme lebendiger Kräfte, die der Weisheit, Güte und
-Schönheit einer Hauptkraft nach ewigen Regeln dienen. Jedes Wesen
-beharrt in sich selbst, vereinigt sich mit Gleichartigem, scheidet
-sich von Entgegengesetztem und verähnlicht sich in Abdrücken, die eine
-stetige Reihe bilden. Es gibt in der gesamten Schöpfung keinen Tod,
-sondern nur Verwandlung, keine Ruhe, sondern nur lebendiges Wirken
-von Kräften, die aus dem Chaos Ordnung, aus schlafenden wirkende
-Fähigkeiten schafft. Alles »Böse« ist nur Schranke und Gegensatz. Auch
-die Fehler der Menschen sind in den Augen eines verständigen Geistes
-gut; denn sie helfen ihm, als Kontraste, zu mehr Licht, Güte und
-Wahrheit.
-
-Alles in allem, wie der Kenner sieht, in der Tat eine Vereinigung
-von Spinoza mit Leibniz und Shaftesbury. Von den eigentlich und naiv
-Frommen: Lavater, Jacobi, Matthias Claudius hatte sich Herder damit
-gelöst. Um so enger war der Bund mit _Goethe_, der Herders Büchlein zu
-seinem Geburtstag 28. August 1787 in Rom empfing und sich in wahrhaft
-begeisterter Weise darüber äußerte, da er seine eigenen Gedanken darin
-wiederfand. Er sah in dem damit besonders verwandten dritten Teil der
-»Ideen« sein »liebwertestes Evangelium«, fand das neue Büchlein »voll
-würdiger Gottesgedanken«; er werde es in seiner »Einsamkeit noch oft
-lesen und beherzigen«, auch -- was ja den inneren Anteil eines Lesers
-am besten zeigt -- »Anmerkungen dazu machen, welche Anlaß zu künftigen
-Unterredungen geben können«. Herder aber hatte mit seinem Herzblut
-oder, wie er an seinen Schweizer Freund G. Müller schrieb, »mit
-sonderbarer innerer Überzeugung daran geschrieben«. Es enthielt, wie er
-sich zu Schiller äußerte, seine eigene, vollständig überzeugende Idee
-von Gott. Er hatte es (nach Karolinens »Lebenserinnerungen«) »mit der
-frömmsten Seele« verfaßt, und sie teilte beim Vorlesen des Manuskripts,
-wie auf gemeinsamen Spaziergängen, das Glück der Empfindungen und
-Vorstellungen, die Spinoza in ihm erweckt, in dem Grade, daß »Himmel
-und Erde ihnen neu waren«! Und als ein Göttinger Rezensent von den
-»bedenklichen Folgen« gesprochen hatte, die Herders Spinozismus für
-fromme Gemüter haben könnte, da fuhr Herder mit berechtigtem Grimme
-und im Vollgefühl seiner tiefreligiösen Weltanschauung los: Solche
-»Altweibertröstungen« seien keine Wahrheiten, »so wenig sie einen
-vernünftigen Menschen trösten werden«. »Die Leute wollen keinen Gott
-als in ihrer Uniform, ein menschliches Gabeltier, dem sie höchstens
-den Reichsapfel in die Hand geben; und dabei verkleistern sie sich
-die Vernunft, die einzige hohe Idee wahrzunehmen, die ihnen überall
-entgegenstrahlt, an der alles hängt und die alles, was man hoffen kann,
-gibt: Trost, Heiterkeit, Wahrheit, Gewißheit, ernstes, ewiges Dasein.
-Wer einen Tropfen dieses Wassers gekostet hat, der wird nicht dürsten
-in Ewigkeit.«
-
-
-
-
-~C.~ Das Ende
-
-
-Altersjahre. Der Kampf gegen Kant. Tod
-
-Herders allzufrüh zur Reife gelangtem Geist entspricht ein frühes
-Veralten. Man merkt es schon an der Wirkung seiner 1788/89
-angetretenen italienischen Reise. Dasselbe Ereignis, das Goethe erst
-zur vollen Mannes- und Dichterreife entwickelte, läßt bei dem erst
-vierundvierzigjährigen Herder, obwohl auch er sich von Jugend auf nach
-Italien gesehnt, bereits den Beginn des Greisentums hervortreten. Er
-fühlt sich durch die neuen Eindrücke weder beglückt noch gefördert.
-Auch die innere Differenz mit Goethe fängt wieder an sich zu regen.
-
-Sie wird verstärkt durch Herders Enthusiasmus für die _Französische
-Revolution_. Eigentlich politisches Verständnis hat ja diese ganze
-gefühls- und empfindungsmäßig eingestellte Natur nie besessen. Aber er
-begeisterte sich anfangs mehr als die übrigen Weimarer Größen für die
-Erhebung des Nachbarvolkes, in der sein Humanitätsideal zum ersten Male
-sich ihm zu verwirklichen schien. Starke antimonarchische Äußerungen,
-die sogar in seinen Predigten zuweilen einen gewissen Nachhall fanden,
-wurden über ihn kolportiert. Er, der sonst das Recht der Tradition
-so hochgehalten hatte, bekannte sich jetzt in seinen »_Briefen, die
-Humanität betreffend_«, die 1792 entworfen, freilich erst später zur
-Ausführung kamen, zur uneingeschränkten Demokratie, der gemäß im Staate
-»nur ein einziger Stand, das _Volk_, existiert, zu dem der König sowohl
-als der Bauer gehört«. Die Französische Revolution erklärte er für
-das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte seit Völkerwanderung und
-Reformation. Er sieht in ihrem Gefolge -- sehr unprophetisch! -- ein
-neues Zeitalter der Literatur, Philosophie und Religion für Deutschland
-heraufkommen.
-
-Allein sein Feuer ist nur ein Strohfeuer. Wie so viele andere, wie
-Klopstock und Wieland und leider auch -- Schiller, fühlt er sich
-durch die Gewalttätigkeiten, die der Verlauf der Dinge in Frankreich
-brachte, ebenso rasch wieder abgestoßen und pflegte später zu sagen:
-die Revolution habe uns ein Jahrhundert zurückgebracht. Und die
-Humanitätsbriefe (1793 bis 1794), anfangs ein Stück Zeitgeschichte,
-verlieren sich immer mehr ins Breite und verwandeln sich allgemach in
-uferlose Betrachtungen über alle möglichen Dinge: Literatur, Kunst,
-Religion, Erziehung, Recht, Geschichte und Völkerkunde. Daneben gibt
-er in den Jahren 1794 bis 1798, zu den theologischen Interessen seiner
-Bückeburger Periode zurückkehrend, eine Reihe »Christlicher Schriften«
-heraus, auf die wir nicht weiter einzugehen brauchen.
-
-Zu dem vorzeitigen Altern Herders tragen auch eine Reihe äußerer
-Umstände bei: zunehmende Kränklichkeit, finanzielle Sorgen, die durch
-die anwachsende und heranwachsende Familie immer drückender wurden.
-Vor allem aber das Gefühl steigender Vereinsamung. Schon 1788 war
-ihm im fernen Münster sein geliebter Hamann gestorben. Und die neuen
-Freundschaften, die in den neunziger Jahren kamen, wie die des jungen
-Jean Paul, oder das zeitweise nähere Verhältnis zu einem Vertreter
-der alten Generation wie Wieland, gaben ihm, abgesehen davon, daß
-sie vorübergehender Natur waren, keinen Ersatz: während doch gerade
-seine weiche Natur für die Entfaltung ihres Innenlebens von jeher der
-Anregung durch andere bedurft hatte.
-
-Vor allem aber war es die endgültige Abwendung _Goethes_, die ihn
-seine Isolierung am bittersten empfinden und ihn immer grämlicher und
-verbitterter werden ließ: Goethes, der im Jahre 1794 seinen Geistesbund
-mit Friedrich _Schiller_ schloß. Ich kann diese Ihnen ja aus der
-Literaturgeschichte bekannten Dinge hier nicht im einzelnen erzählen,
-zumal da wir auf ihre philosophische Seite eben bei Schiller und Goethe
-noch einmal zurückkommen werden, und begnüge mich daher mit der kurzen
-Zusammenfassung, daß in der geistigen Entwicklung Goethes Herder-_Nähe_
-Schiller-_Ferne_ und wiederum Schiller-Nähe Herder-Ferne bedeutet.
-Gewiß, äußerlich bleibt der Bruch zunächst noch verschleiert. Im Jahre
-1795 arbeiten alle drei noch gemeinsam an der vornehmsten literarischen
-Zeitschrift, die Deutschland wohl je besessen hat, an Schillers
-»Horen«, zusammen. Indes er läßt sich auf die Dauer nicht hintanhalten.
-Vor allem begriff Herder, der ja selbst nie ein schaffender Dichter,
-sondern stets nur ein feiner Nachempfinder fremder Poesie gewesen ist,
-den tief künstlerischen Standpunkt der beiden anderen nicht, der sie
-die Aufgabe der Kunst nicht in Moralpredigt und -lehre, sondern in
-freiem, schöpferischem Gestalten, ihren Wert nicht in irgendwelchem
-bürgerlichen oder erzieherischen Nutzen, sondern in der Tiefe des
-Schauens erblicken ließ, mit der echte Dichterkraft das Leben erfaßt.
-So fällt Schiller später, bei Gelegenheit einiger besonders schwacher
-Erzeugnisse des immerfort weiterschreibenden Herder, das scharfe
-Urteil: »Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich
-zuweilen im Ernst fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich
-trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich
-gewesen sein kann.« Und Goethe erklärte ebenfalls den ihm einst so nahe
-Stehenden für eine »pathologische«, d. h. krankhafte Natur.
-
-Noch einmal rafft sich dann in den letzten Jahren vor seinem Tode
-Herders einst so reger, jetzt müde gewordener Geist zu zwei wenigstens
-quantitativ größeren Leistungen auf, die beide gegen diejenige
-Philosophie gerichtet sind, der er seinen eigenen Rückgang in der
-Schätzung des Publikums zuschrieb, die _kritische_. Wir meinen die
-»Metakritik« von 1799 und die »Kalligone« von 1800. Heute ist man sich
-wohl in allen, auch den nicht kantfreundlichen Kreisen darüber einig,
-daß diese beiden ziemlich umfangreichen Schriften -- die »Metakritik«
-umfaßte zwei, die »Kalligone« gar drei Bände -- mit ihrem trockenen
-und geschmacklosen Stil, ihrer anmaßlichen Selbstgefälligkeit und
-ihrer giftig-hämischen Kritik des großen Königsberger Philosophen
-einen beklagenswerten Abfall von den Leistungen des jungen und des
-reifen Herder darstellen. Nur der Inhalt wird, zum Teil wenigstens, von
-einigen, z. B. dem schon von uns genannten G. Jacoby,[13] verteidigt.
-Wir können uns darüber kurz fassen.
-
-Das erste Werk, die Meta-, also eigentlich _Nach_kritik -- der Titel
-ist einer gleichartigen Schrift Hamanns nachgeahmt -- richtet sich
-gegen Kants Kritik der reinen Vernunft. Aber Herder hat den Kern
-des Kantischen Problems _überhaupt nicht verstanden_. Selbst ein
-ihm günstig gesinnter Schriftsteller wie C. Siegel erklärt: »Herder
-hatte keinen Sinn und konnte keinen haben für das eigentliche
-Kantische Problem: er ist nicht _Erkenntnistheoretiker_, sondern
-Erkenntnis_psychologe_.« (S. 89.) Für den erkenntniskritischen
-Standpunkt Kants fehlt ihm jedes Verständnis. Man darf ihm zufolge
-die Natur, also auch die daraus hervorgegangene Vernunft nicht
-kritisieren, sondern höchstens psychologisch untersuchen. Daraus
-erklärt sich alles Weitere. Hier und da findet sich gewiß einmal
-ein geistreicher, wenn auch nicht durchschlagender Gedanke, wenn er
-z. B. bei der ersten Antinomie Kants die Unendlichkeit des Raumes
-der Einbildungskraft, seine Endlichkeit dem Verstand zuschreibt.
-Bezeichnend für Herder wie für alle Dogmatiker (Spinoza, Schelling,
-Hegel!) ist auch, daß für ihn die »Gottheit« nicht das Ende, sondern
-den Ausgangspunkt, nicht die oberste Spitze, sondern die unantastbare
-Grundlage aller Erkenntnis darstellt.
-
-Wie die Metakritik gegen die erste, so ist die 1800 veröffentlichte
-_Kalligone_ gegen die dritte Kritik Kants, die Kritik der Urteilskraft,
-d. h. gegen den ästhetischen Teil gerichtet. Sie will also Herders
-ästhetische Theorie geben. Allein das »schöne Kind des Himmels«, wie
-er selbst den Titel verdeutscht, verdient seinen Namen keineswegs.
-Sie gibt höchstens bezüglich der einzelnen Künste, z. B. über ihren
-Zusammenhang mit den praktischen Bedürfnissen des Menschen, hier und
-da einen anregenden Gedanken, hat aber ebenso wie das erste Buch das
-Kantische Problem überhaupt nicht erfaßt, reißt vielmehr den Gegner
-nur einfach herunter. Schon der Grundgedanke der kritischen Methode,
-die begriffliche Scheidung und Abgrenzung des Nichtzusammengehörigen
-voneinander, z. B. die des Schönen vom bloß Angenehmen und vom Guten
-oder die zwischen Schönem und Erhabenem, erregt Herders Mißfallen. Er
-versteht nicht, was der feine Begriff der »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«
-für das Ästhetische bedeutet. Er faßt einen anderen ästhetischen
-Grundbegriff Kants, den des freien »Spiels« der Empfindungen, den
-Schillers ästhetische Schriften so meisterhaft ausgelegt und weiter
-ausgebildet haben, einfach in dem kindischen Sinne von Willkür und
-Tändelei, im Gegensatz zu _seinem_ eigenen »Ernst der Notwendigkeit«.
-Darüber ist natürlich kein Wort zu verlieren. Am bedauerlichsten ist,
-daß er, der selbst einst ein anerkannter Führer der jungen Genies der
-siebziger Jahre in der deutschen Literatur gewesen, jetzt nicht einmal
-die glänzende Bestimmung der Merkmale des Genies durch seinen einstigen
-Lehrer anerkennt, sondern aus reiner Oppositionslust bemäkelt.
-
-Natürlich hat Herder in seinem engeren Kreise und darüber hinaus bei
-einzelnen aus der Reihe der allmählich zahlreicher gewordenen Gegner
-der Kantischen Philosophie, zum Teil begeisterte, Zustimmung gefunden,
-von der ich eine Anzahl heute nur humoristisch anmutender Beispiele
-in meinem kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Buche »Kant --
-Schiller -- Goethe« (S. 180 bis 185) gesammelt habe. Aber an den
-größten Zeitgenossen, an Goethe und Schiller, ging seine im Grunde
-nur aus ohnmächtiger Wut entsprungene heftige Opposition gegen die
-erkenntnistheoretischen und ästhetischen Grundlagen der kritischen
-Philosophie, die in Privatbriefen von geradezu abstoßenden Wendungen
-noch überboten wurde, ebenso wirkungslos vorüber wie an der ganzen
-Folgezeit. Diese letzten Schriften bilden eines der traurigsten und
-beschämendsten Kapitel im literarischen Lebensweg Herders, der am 18.
-Dezember 1803, nicht ganz zwei Monate vor Immanuel Kant, seinen letzten
-Atemzug getan hat.
-
-Doch nicht mit diesem trüben Eindruck wollen wir von ihm Abschied
-nehmen. Sondern lieber an dasjenige denken, was er in seinen jüngeren
-und seinen Reifejahren für das deutsche Schrifttum und für deutsches
-Wesen, für eine tiefere und freiere Auffassung der Poesie und der
-Religion und vor allem der _Natur_ und der _Geschichte_ geleistet
-hat. Und wenn seine Verdienste um die strengere Philosophie auch
-nicht so groß sind wie die unserer anderen Klassiker, wenn er auch im
-Geistesleben unserer Gegenwart keine bedeutsame Rolle mehr spielt, so
-wollen wir an die edle Gesinnung denken, aus der sein bestes Wirken
-hervorgewachsen ist, und an den sie zusammenfassenden Wahlspruch der
-auch auf seinem Grabe steht und »_Licht! Liebe! Leben!_« lautet.
-
-
-
-
-Schiller
-
-
-Kommt man von Johann Gottfried Herder zu Friedrich Schiller, namentlich
-dem _jungen_ Schiller, so ist es einem, als sei man von einem friedlich
-leuchtenden Lichte geschieden und nahe sich einer hell lodernden
-Flamme. Schiller, der schon als sechsjähriger Knabe in Lorch gern
-vor seinen Geschwistern den Prediger auf der Kanzel gespielt hat,
-ist in Wahrheit dem ganzen deutschen Volke ein feuriger Prediger
-der _Freiheit_ geworden. Darum ist er auch von jeher ein Liebling
-des _Volkes_ und der _Jugend_ gewesen. Dem tut die Tatsache keinen
-Eintrag, daß mancher von uns, vielleicht weil er auf der Schule mit
-Schillers Gedichten und Dramen gewissermaßen überfüttert worden ist,
-vielleicht auch, weil das unseren Dichter kennzeichnende Pathos den
-reifer Gewordenen von sich abstößt, eine Zeitlang seiner überdrüssig
-geworden ist: um so sicherer kehrt er später, wenn er, älter und reifer
-geworden, sich von neuem in seine Weltanschauung vertieft, dauernd und
-endgültig zu ihm zurück. Vor allem der, welcher im allgemeinsten Sinne
-des Wortes philosophisch angelegt ist. Denn Friedrich Schiller ist der
-_philosophischste_ unter unseren Dichter-Klassikern.
-
-
-
-
-~A.~ Die Anfänge
-
-(1779 bis 1786)
-
-
-Schon als »Eleve« auf der von dem Württemberger Herzog gegründeten
-»Karlsschule«, welche die Söhne seiner Beamten bekanntlich zwangsweise
-besuchen mußten, hat der heranwachsende Knabe und Jüngling weit mehr
-als unsere Primaner, mehr auch als vor ihm Lessing, Kant oder Herder,
-von Philosophie erfahren. Wurde doch bereits der Vierzehnjährige mit
-sechs Wochenstunden Logik, Metaphysik und Philosophie-Geschichte,
-der Sechzehnjährige sogar mit nicht weniger als fünfzehn Stunden
-Philosophie und Rhetorik geplagt! Trotzdem, ja vielleicht eben wegen
-solcher Massenzufuhr philosophischen Stoffes trug dieser Unterricht,
-selbst unter einem so anregenden Lehrer, wie ihn die Karlsschüler
-zu Schillers Zeit in Professor Abel bekamen, noch dazu unter dem
-herrschenden Zwangssystem, verhältnismäßig wenig Frucht. Die ersten
-philosophischen Produkte des Neunzehn- bezw. Zwanzigjährigen sind
-zwei dem rhetorisch begabten jungen Manne von dem alten Sünder von
-Herzog »gnädigst auferlegte« _Lobreden_ zum Preise der Tugend »im
-Tempel der Tugend«, d. h. zum Geburtstag der freilich leidlich
-tugendhaft gewordenen herzoglichen Mätresse Franziska von Hohenheim.
-Die eine betitelt sich: »Gehört allzuviel Güte, Leutseligkeit und
-große Freigebigkeit im engsten Verstand zur Tugend?«, die zweite: »Die
-Tugend, in ihren Folgen betrachtet.« Wir gehen am besten über diese
-freilich schon von dem glänzenden Formtalent ebenso wie von der üppigen
-Phantasie ihres Verfassers zeugenden rhetorischen Stilübungen mit
-Schweigen hinweg.
-
-Gedanklich höher stehen die beiden fast zur selben Zeit entstandenen
-medizinischen Dissertationen, die der Zwanzigjährige als Probestück
-seiner medizinischen Kenntnisse bei dem Abgang von der Akademie
-einreichen mußte. Die erste, eine »_Philosophie der Physiologie_«,
-die uns nur zu etwa einem Viertel (11 von 41 Paragraphen) erhalten
-geblieben ist, enthält von wirklicher Physiologie ziemlich
-wenig. Wurde doch auf der Akademie die Medizin fast ohne jedes
-Demonstrationsmaterial betrieben. Es sind eben nur phantasievolle
-Gedanken, die ein begabter Dilettant ohne den soliden Untergrund von
-genauen Fachkenntnissen oder fester Methode entwickelt. Das Urteil
-der Professoren tadelte an der Arbeit den »gefährlichen Hang zum
-Besserwissen«, der sich in der verwegenen Sprache »auch gegen die
-würdigsten Männer« äußere, den teils zu freien und schwulstigen, teils
-zu blühenden und witzigen Stil, der den Sinn oft dunkel lasse; sie
-wurde deshalb auch nicht zum Druck zugelassen und der Verfasser, um
-»sein Feuer doch ein wenig zu dämpfen«, noch zu einem weiteren Jahr
-Aufenthalt auf der Akademie verurteilt. Mehr Gnade fand im folgenden
-Jahre (1780) die in allen Ausgaben der »Sämtlichen Werke« abgedruckte
-Dissertation: »_Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen
-mit seiner geistigen._« Beide Abhandlungen betreffen im Grunde das
-gleiche Thema: das Verhältnis zwischen Seele und Geist. In der ersten
-glaubt er, bezeichnend für die Philosophie des reifen Schiller, in
-dem von dem berühmtesten Physiologen der Zeit Albrecht v. Haller
-angenommenen »Nervengeist« eine »Mittelkraft« zwischen Geist und
-Materie, Seelischem und Sinnlichem gefunden zu haben. Die zweite kommt
-dem Materialismus mehr entgegen.
-
-Aber nicht in diesen Schülerarbeiten, auch nicht in der schulmäßigen
-Beschäftigung mit dem deutschen Popularphilosophen Garve und dem
-englischen Popularphilosophen Ferguson, die beide einen verdünnten
-Aufguß von Shaftesburys Schönheitsphilosophie darstellten, fand die
-Seele des jungen Philosophen ihren wahren Ausdruck. Wohl hat der
-englische Philosoph der Schönheit und der Harmonie des Eindrucks auf
-sein dichterisches Gemüt nicht ganz verfehlt. Aber weit mächtiger
-war der Einfluß des die ganze junge Dichtergeneration jener Tage
-befeuernden Jean Jacques _Rousseau_. In Rousseau fand nach seinem
-eigenen Geständnis »die Indignation« seiner in der Tyrannei der
-Karlsschule beständig verletzten »Menschenwürde Gehalt und Gestalt,
-Erfüllung und Ziel«. Seiner Verherrlichung als eines »Riesen« gegenüber
-den »Zwergen« seiner Splitterrichter, »denen nie Prometheus' Feuer
-blies«, gilt eines seiner frühesten Gedichte. Und ein späteres, in die
-Sammlung der »Werke« aufgenommenes begrüßt Rousseaus Grab als »Monument
-von unserer Zeiten Schande«, als das Grab dessen, »der aus Christen
-Menschen wirbt«. Rousseaus »Zurück zur Natur!« beim einzelnen und im
-Staat gibt überhaupt Schillers ganzer Jugendzeit das Gepräge.
-
-Insbesondere auch seinen ersten _Dramen_. Denn wie Lessing in seinem
-»Nathan« noch einmal seine »alte Kanzel«, das Theater bestieg, so hat
-der junge Schiller, wie die Überschrift seines bekannten Aufsatzes
-zeigt, »die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet«. Gewiß, seine
-»_Räuber_« sind noch stark von religiös-biblischen Gedanken durchsetzt:
-wir brauchen nur an die erschütternde Schilderung des Jüngsten Gerichts
-in der Szene zwischen Franz Moor und dem alten Daniel zu erinnern.
-Und eben diesem Bösewicht Franz legt er mit Vorliebe materialistische
-Gedankengänge in den Mund: einmal sogar eine Stelle aus seiner eigenen
-Dissertation. Aber den Hauptton gibt doch Rousseaus Natur- und
-Freiheitsbegeisterung an, Rousseaus, der ihn hingewiesen gegenüber dem
-»tintenklecksenden Säkulum« auf Plutarchs »große Menschen«, Rousseaus,
-dessen Opposition gegen die sogenannte Zivilisation sich in dem Munde
-seines Karl Moor erweitert zu einer Art genialen Anarchismus: »Da
-verrammeln sie die Natur mit abgeschmackten Konventionen ... Ich soll
-meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in
-Gesetze. Das _Gesetz_ hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug
-geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber
-die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.« Freilich, zum
-Schluß des Dramas kommt sein Held zu einem anderen Ergebnis: »O über
-mich Narren, der ich wähnte ..., die Gesetze durch Gesetzlosigkeit
-aufrechtzuhalten«, und der jetzt einsieht, daß »zwei Menschen wie
-ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden«, der
-sich sodann ganz folgerichtig der Justiz ausliefert, um sich aufs Rad
-flechten zu lassen.
-
-Aus den _Gedichten_ des ersten Jahrzehnts greifen wir drei zur
-Kennzeichnung seiner weiteren philosophischen Entwicklung heraus.
-Zunächst die beiden einander verwandten: »_Freigeisterei der
-Leidenschaft_« (später gekürzt unter der Überschrift »Kampf«) und
-»_Resignation_«: beide aus seinem leidenschaftlichen Verhältnis zu
-Charlotte von Kalb entsprungen und beide nicht mit Unrecht in Franz
-Mehrings »Schiller« (1905) zugleich als die einzigen wirklichen
-Liebesgedichte Schillers bezeichnet (wenn man etwa von Theklas
-»Der Eichwald brauset« absieht. K. V.); denn die überspannten Oden
-an »Laura« können ebensowenig als solche zählen wie gelegentliche
-spätere Albumverse an seine Frau und andere Damen. Beide Gedichte,
-namentlich das zweite, zeigen eine Weltanschauung, die sich bereits
-der Kantischen nähert, ohne daß er Kant schon näher kennt oder gar
-nennt: die Kluft zwischen Pflicht und Sinnlichkeit. Im ersten bäumt
-sich die Sinnlichkeit auf gegen die grausame Härte des Sittengesetzes;
-im zweiten siegt das moralische Reich, freilich nur so, daß für den
-entgangenen Genuß des Diesseits die Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits
-in Aussicht gestellt wird. Später sucht er die Versöhnung zwischen
-beiden, die Überbrückung jener Kluft.
-
-Schon das berühmte _Lied an die Freude_ (Ende 1788), im Kreise seiner
-Dresdener Freunde gedichtet, zeigt ihn in ganz anderer Stimmung und
-Weltauffassung. Die Freude ist es jetzt, welche die Menschen verbindet,
-einander gleich macht, sie zur Güte und zu Gott, dem liebenden Vater
-des Alls, erhebt, sie, die Urkraft und zugleich das Endziel der Natur.
-»Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!«, so klingt
-es jetzt zu uns und dringt vertiefter noch in den freudevollen Tönen
-von Beethovens unsterblicher Neunten -- vielleicht dem Schönsten, was
-Musik je geschaffen hat -- in unsere Seele.
-
-
-
-
-~B.~ Die Übergangszeit
-
-(1787 bis 1790)
-
-
-»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein!« --
-Schiller _war_ es gelungen: er hatte in Gottfried _Körner_ (dem Vater
-Theodors) einen Freund fürs Leben gefunden. Man kann nicht leicht den
-Einfluß überschätzen, den Körner während des Jahrzehnts 1784 bis 1794
-auf die philosophische Entwicklung des jüngeren Freundes gewonnen
-hat. Er spiegelt sich zunächst wider in den bis 1786 entstandenen
-»_Philosophischen Briefen_« zwischen Julius (Schiller) und Raphael
-(Körner).
-
-Eingeschoben ist in sie ein wahrscheinlich schon aus Schillers
-Stuttgarter Zeit herrührendes Stück: die »_Theosophie des Julius_«,
-die sich in poetisch-gefühlsmäßigen Betrachtungen über das Universum
-als Gedanke Gottes, über unser Verstehen der anderen Geister
-durch Philosophie und Dichtung, über die Liebe als »allmächtigen
-Magnet in der Geisterwelt«, als Quelle der Andacht und erhabensten
-Tugend und über Aufopferung ergeht, um schließlich wieder zu der
-Gleichung Gott-Universum-Natur zurückzukehren. Diese ganze Art zu
-philosophieren wird von Julius-Schiller selbst später sehr gut dadurch
-charakterisiert, daß er von ihr sagt: »Mein _Herz_ suchte sich eine
-Philosophie, und die Phantasie unterschob ihre Träume. Die _wärmste_
-war mir die wahre.«
-
-Von dieser Gefühlsphilosophie hat ihn Raphael-Körner befreit. Ehe wir
-das schildern, müssen wir jedoch eines neuen Momentes gedenken, das
-gegen Ende der achtziger Jahre entscheidend in Schillers geistige
-Entwicklung eingreift: des _Griechentums_. Er liest, wie er im August
-1788 an Freund Körner schreibt, »fast nichts als Homer« (den er leider,
-weil des Griechischen unkundig, nicht an der Quelle genießen kann)
-und will in den nächsten zwei Jahren keine modernen Schriftsteller
-mehr lesen, weil sie ihn nur »von sich selbst abführen«. Er bedarf
-nach seinem Bekenntnis der Alten »im höchsten Grade«, um seinen
-eigenen Geschmack zu reinigen, ihn von Spitzfindigkeit, Künstlichkeit
-und Witzelei zur wahren Einfachheit, zur »Klassizität« zu führen.
-Der poetisch-philosophische Ertrag dieser Zeit sind vor allem die
-beiden großen Gedichte »_Die Götter Griechenlands_« (1788) und »_Die
-Künstler_« (1789).
-
-Das erste, das übrigens, abgesehen von seinen in der Tat großen Längen,
-auch den Beifall des eben aus Italien zurückgekehrten Goethe bei seinem
-ersten Zusammentreffen mit Schiller zu Rudolstadt fand, repräsentiert
-zwar nicht eigentlich den antiken Geist selber; dafür ist es, um zwei
-spätere Schillersche Begriffe zu brauchen, zu wenig »naiv«, zu sehr
-»sentimentalisch« gedacht. Es ist ein Sehnsuchtslied, der Sehnsucht
-nach Poesie und Natur, darum gegen die bloß »mechanische« Wissenschaft
-gerichtet, die »knechtisch dem Gesetz der Schwere« dienende,
-»entgötterte« Natur:
-
- »Wo jetzt nur, wie unsere Weisen sagen,
- Seelenlos ein Feuerball sich dreht,
- Lenkte damals seinen goldnen Wagen
- Helios in stiller Majestät.«
-
-Und nicht minder wider -- das Christentum:
-
- »Einen zu bereichern unter allen,
- Mußte diese Götterwelt vergehn«,
-
-der statt »finsteren Ernstes und traurigen Entsagens« einzig und allein
-»das Schöne heilig war«.
-
-In demselben Geiste, dem Schiller _fortan treu blieb_, sind »Die
-Künstler« gehalten, welche die _Kunst_ an die höchste Stelle unter
-allen geistigen Mächten setzen, höher selbst als Erkenntnis, Moral
-und Religion. »Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der
-Erkenntnis Land«, mit dem mahnenden Schlußwort an die Künstler selbst:
-
- »Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
- Bewahret sie!«
-
-Die Kunst ist ihm nunmehr Anfang und letzte Vollendung der
-Menschenbildung. Ja, sie kann dem damaligen Schiller selbst Ethik
-und Religion ersetzen. »Kann man«, so schreibt im Einklang mit
-solcher Anschauung der todkranke Friedrich Albert _Lange_, dieser
-große Sozialist, »den christlichen Gedanken der Ergebung schöner auf
-_philosophisch_ ausdrücken« als mit jenen prachtvollen Versen aus den
-»Künstlern«:
-
- »Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
- Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
- Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
- Mit freundlich dargebotnem Busen
- Vom sanften Bogen der Notwendigkeit!«
-
-Noch ein weiteres Moment endlich gehört in die Entwicklung Schillers zu
-Ende der achtziger Jahre: das Studium der _Geschichte_, das er bisher
-fast völlig verabsäumt hatte. »Täglich wird mir die Geschichte teurer,«
-schreibt er am 15. April 1786 an Körner. »Ich wollte, daß ich zehn
-Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube,
-ich würde ein ganz anderer Kerl sein.« Aus diesen seinen eifrigen
-historischen Studien sind dann seine »Geschichte des Dreißigjährigen
-Krieges«, »Der Abfall der Niederlande« und einige kleinere Arbeiten
-hervorgegangen. Trotzdem war die Geschichtschreibung nicht das Feld,
-auf dem sein Geist glänzen konnte. Um Geschichts_forscher_ zu sein,
-war er zu sehr Dichter und Philosoph. Seine historischen Dramen sind
-vielmehr der eigentliche Spiegel seiner Geschichtsauffassung, wo es um
-»der Menschheit große Gegenstände« geht, geworden.
-
-Immerhin gaben seine geschichtlichen Arbeiten wenigstens den äußeren
-Anlaß, ihn als _Professor_ nach Jena zu berufen. Am 26. und 27. Mai
-des Revolutionsjahres 1789 eröffnete er dort sein Kolleg, dessen beide
-ersten Vorlesungen unter dem Titel »_Was heißt und zu welchem Ende
-studiert man Universalgeschichte?_« in Wielands »Teutschem Merkur«
-erschienen. In der ersten entwarf er sein Vorlesungsprogramm: er wollte
-nicht für »Brotgelehrte«, sondern für »philosophische Köpfe« lesen. Und
-so hat er sich auch ferner als wahrer Professor der _Philosophie_ in
-seinen Geschichtsvorlesungen bewährt.[14]
-
-Körner, zu dem wir jetzt wieder zurückkehren, wollte darin Spuren
-_kantischen_ Philosophierens spüren. Damit kommen wir zu unseres Helden
-allmählicher Bekehrung zu Kant, die eben unter Körners vorherrschendem
-Einfluß erfolgt ist, der ihm schon früh, aber anfangs »immer vergebens
-von Kant vorgepredigt« hatte. K. L. _Reinhold_ zwar, der aus einem
-Kloster entsprungene österreichische Barnabitermönch, der in Weimar
-Wielands Schwiegersohn geworden war und soeben durch seine gut
-geschriebenen »Briefe über Kantische Philosophie« Wesentliches zur
-Verbreitung der neuen Lehre beigebracht hatte, hat ihn zuerst, als
-er im August 1787 eine Woche bei ihm wohnte, zur Lektüre einiger
-kleiner Aufsätze Kants in der Berliner Monatsschrift veranlaßt, unter
-denen ihn namentlich die »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in
-weltbürgerlicher Absicht« befriedigte, so daß er Körner schrieb:
-»Daß ich Kant noch lesen und vielleicht studieren werde, scheint mir
-ziemlich ausgemacht.« Bis dahin hatte Schiller überhaupt, seiner
-Dichternatur folgend, aus den »wenigen« philosophischen Schriften,
-die er gelesen, sich »nur das genommen, was sich dichterisch fühlen
-und behandeln läßt« (so an Körner am 15. April 1788). Aber der
-spießbürgerlich-ängstliche Reinhold war ihm nicht sympathisch.
-»Reinhold« -- so lautet eine Schillers Eigenart noch weit mehr als
-diejenige Reinholds charakterisierende Bemerkung gegen Körner -- »wird
-sich nie zu kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in
-der Wirklichkeit (!), erheben, und das ist schlimm.« So beruht denn
-Schillers Wendung zur kritischen Philosophie weniger auf dem Einfluß
-des begeisterten neuen Kantjüngers Reinhold, der damals erklärte, daß
-Kant »nach hundert Jahren die Reputation (den Ruf) von Jesus Christus
-haben« werde, als auf dem des kritischeren Körner.
-
-Schon in dem ersten der »Philosophischen Briefe« hatte er seinen
-Julius dem Raphael schreiben lassen: »Was hast Du aus mir gemacht,
-Raphael? Was ist seit kurzem aus mir geworden! ... Ich _empfand_ und
-war glücklich. Raphael hat mich _denken_ gelehrt, und ich bin auf dem
-Wege, meine Erschaffung zu beweinen.« Wenn er ihn dann weiter klagen
-läßt: »Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab; Du hast
-mich verachten gelehrt, wo ich anbetete«, so haben wir das letztere
-schwerlich auf Körner und _Schiller_ zu beziehen.
-
-Denn von schweren religiösen Kämpfen bei letzterem besitzen wir sonst
-nirgends das geringste Zeugnis, weder in seinen Tausenden von Briefen
-noch in seinen Werken. Aber das erstere wird zutreffen. Durch Körners
-Einfluß war an die Stelle der bloßen Empfindung, die sein bisheriges
-Philosophieren beherrschte, immer mehr das Denken getreten. Den
-Abschluß der »Philosophischen Briefe« nun bildet ein letzter Brief
-des Raphael, der _wirklich_ von Körner an Schiller am 4. April 1788
-geschrieben worden ist und, noch ohne Kants Namen zu nennen, ganz in
-dessen Sinne darauf hinweist, daß aller Philosophie eine anscheinend
-»etwas trockene Untersuchung über die Natur der menschlichen
-Erkenntnis« vorangehen müsse.
-
-Schiller vermutet in seiner Antwort vom 15. April richtig, daß des
-Freundes Wendung von den »demütigenden Grenzen des menschlichen
-Wissens« eine »entfernte Drohung mit dem _Kant_« enthalte!
-Noch sträubt sich seine Dichternatur gegen diese Nüchternheit.
-Und äußere Hindernisse (Berufung nach Jena, Verlobung, Heirat)
-verhindern zunächst weiteres philosophisches Studium, auch die
-geplante Antwort des »Julius« auf Raphaels letzten Brief. Aber
-im Novemberheft 1790 der »Thalia« erscheint ein Abschnitt seiner
-Vorlesung über Universalgeschichte als Aufsatz unter der Überschrift
-»Etwas über die erste Menschengesellschaft« mit der Bemerkung: »Es
-ist wohl bei den wenigsten Lesern nötig zu erinnern, daß diese
-Ideen auf Veranlassung eines Kantischen Aufsatzes in der Berliner
-Monatsschrift entstanden sind.« Es war dies Kants geistreiche und
-durchaus allgemeinverständliche Abhandlung »Mutmaßlicher Anfang der
-Menschengeschichte« (Januar 1786).[15] Wenige Monate später erfolgte
-die entscheidende Wendung zu dem kritischen Philosophen.
-
-
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-
-~C.~ Die Höhezeit. Schiller als Jünger Kants
-
-(1791 bis 1795)
-
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-Das erste Bekenntnis Schillers zu Kant stammt vom 3. März 1791. Er
-überrascht Freund Körner mit der Nachricht, daß er sich Kants »Kritik
-der Urteilskraft« angeschafft habe und sie eifrig studiere. Sie »reiße
-ihn hin durch ihren lichtvollen, geistreichen Inhalt«, der ihm als
-Ästhetiker ja schon ziemlich vertraut sei, und er lerne bei dieser
-Gelegenheit auch die übrige Kantische Philosophie kennen. Sie erscheine
-ihm als kein »unübersteiglicher Berg« mehr; er hege das größte
-Verlangen, sich nach und nach in sie hineinzuarbeiten!
-
-Ich will nun nicht, wie ich es im ersten Teil meines Buches »Kant
--- Schiller -- Goethe« getan, die ganze Reihe der in den nächsten
-fünf Jahren entstehenden philosophischen Aufsätze Schillers in
-chronologischer Folge durchmustern, sondern lieber seine Philosophie
-im ganzen, d. i. in _sachlichem_ Zusammenhang zu schildern versuchen.
-Vorausschicken möchte ich allerdings doch im folgenden eine Reihe
-besonders wichtiger persönlicher Bekenntnisse Schillers über seine
-philosophische _Entwicklung_ in diesen Jahren. Die Titel seiner
-Abhandlungen werden dabei, mit einigen zwanglosen Bemerkungen dazu, von
-selbst erwähnt werden.
-
-Seit Mitte Dezember 1791 war Schiller durch ein Jahresgehalt
-schleswig-holsteinischer Verehrer, eines Prinzen von Augustenburg und
-eines Grafen Schimmelmann, zum ersten Male in seinem Leben instand
-gesetzt, ohne Nahrungssorgen ganz seinem inneren Drange zu leben. »Ich
-habe endlich einmal Muße,« schrieb er seinem Körner, »zu lernen und zu
-sammeln und _für die Ewigkeit_ zu arbeiten.« Und wie ernst betrieb er
-diese Arbeit! Er studierte -- _Kantische_ Philosophie. »Mein Entschluß
-ist unwiderruflich gefaßt, sie nicht eher zu verlassen, bis ich sie
-ergründet habe, wenn mich dieses auch drei Jahre kosten könnte,«
-schreibt er am Neujahrstag 1792. Er hat sich kurz vorher die beiden
-anderen Kritiken Kants angeschafft. Und er hat Wort gehalten. So sehr,
-daß er sich in den folgenden drei Jahren aller dichterischen Produktion
-enthält, um nur endlich einmal philosophisch mit sich selbst ins reine
-zu kommen.
-
-Im Januar 1792 erscheint in der »Thalia« die erste jener durch
-Gedankengehalt wie durch glänzende Sprache gleich ausgezeichneten
-Abhandlungen meist ästhetischen Inhalts, die gleichmäßig den Dichter
-wie den Philosophen verraten: »_Über den Grund des Vergnügens an
-tragischen Gegenständen_«, im folgenden Monat eine zweite »_Über die
-tragische Kunst_«. Beide sind in streng Kantischem Geiste geschrieben.
-Noch im Oktober des Jahres, kurz vor Beginn seines Privatissimums über
-Ästhetik, »steckt er bis an die Ohren« in Kants Urteilskraft. Gegenüber
-Körner haben sich jetzt die Rollen umgetauscht: Schiller ist jetzt
-der eifrigere Kantianer, der den Freund kritisch zurechtweist. Auch
-in Kants theoretische Philosophie hat er jetzt einzudringen begonnen.
-Aus einem großen Briefe vom 18. Februar 1793 stammt sein begeistertes
-Bekenntnis: »Es ist gewiß von einem sterblichen Menschen kein größeres
-Wort noch gesprochen worden als dieses Kantische, was zugleich der
-Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: _Bestimme dich aus dir selbst!_
-Sowie das in der theoretischen Philosophie: _Die Natur steht unter dem
-Verstandesgesetz._« Und an seinen nach Bonn übergesiedelten jungen
-Freund Fischenich schreibt er fast zur selben Zeit auf die frohe Kunde
-hin, daß Kants Philosophie dort bei Lehrern und Lernenden gute Aufnahme
-finde: »Bei der studierenden Jugend wundert es mich übrigens nicht
-sehr, denn _diese_ Philosophie hat keinen anderen Gegner zu fürchten
-als _Vorurteile_, die« -- ach, könnte man das von der _heutigen
-studierenden_ Jugend doch auch sagen! -- »in jungen Köpfen doch nicht
-zu besorgen sind.« Die neue Philosophie sei zudem, fügt er am 20. März
-desselben Jahres hinzu, viel _poetischer_ als die Leibnizsche und habe
-einen weit größeren Charakter!
-
-In »_Anmut und Würde_« (Februar 1793), die zum ersten Male Schillers
-eigene ästhetische Theorie, wenn auch nur als eine Art Vorläufer
-der »Ästhetischen Briefe« entwickelt, wendet er sich zum ersten Male
-in seinen Schriften ausdrücklich an den »unsterblichen Verfasser
-der Kritik«, dem der Ruhm gebühre, »die gesunde Vernunft aus der
-philosophierenden wiederhergestellt zu haben«, und unter dem die Moral
-»endlich aufgehört habe, die Sprache des Vergnügens zu reden«. Freilich
-der Zustimmung folgen jetzt auch die Einwände, die unsere systematische
-Darstellung später zu schildern haben wird. Im folgenden Jahre (1794)
-kam dann Kant, der übrigens schon im Jahre 1789 durch einen gemeinsamen
-Bekannten dem Dichter einen Gruß hatte zugehen lassen, in der zweiten
-Auflage seiner »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« in
-einer neu hinzugefügten Anmerkung (S. 22 meiner Ausgabe) ausführlich
-und in sehr freundlicher Weise auf Schillers Einwände gegen ihn zurück,
-was den letzteren natürlich mit großer Freude erfüllte.
-
-Im März und April erschien weiter die Abhandlung »_Vom Erhabenen_« in
-zwei Teilen, deren erster später (1801) in einer umgearbeiteten, von
-Kant stärker abweichenden Gestalt unter dem Titel »_Über_ das Erhabene«
-in die Sammlung seiner »Kleinen prosaischen Schriften« aufgenommen
-wurde, während der zweite die Überschrift »_Über das Pathetische_«
-erhielt. Sehr kantisch sind auch die vom Februar 1793 bis Anfang 1794
-an den _Prinzen von Augustenburg_ gerichteten zehn _Briefe_ gehalten.
-Kants Philosophie, heißt es z. B. im ersten dieser Briefe, »die sich
-so oft nachsagen lassen müsse, daß sie nur immer einreiße und nichts
-aufbaue« -- was man bekanntlich auch so und so oft vom Sozialismus
-behauptet hat --, sei so fruchtbar, daß sie die festen Grundsteine
-zu einem System der Ästhetik darbiete. Und der zweite unterscheidet
-das eigentliche Gebäude (Kants) von dem »Gerüst«, das die Handwerker
-(die Kant_ianer_) darum gelegt. Im sechsten, zu Anfang Dezember 1798
-verfaßten bekennt er, daß er »im Hauptpunkte der Sittenlehre vollkommen
-kantisch denke«.
-
-Das Jahr 1794 bringt am gleichen Tage (13. Juni) die Einladung zur
-Mitarbeit an den »Horen« an Goethe und -- Kant nebst einem dankbar
-bescheidenen Begleitschreiben an den letzteren, der freilich erst am 1.
-März des folgenden Jahres mit nicht allzu großem Verständnis seinem
-berühmtesten Jünger erwidert hat. Wieder läßt dieser im Sommer 1794
-eine Zeitlang »alle Arbeiten liegen, um den Kant zu studieren«. Er
-steht jetzt auf dem Höhepunkt seiner _Abwendung_ von der _Poesie_, so
-daß ihm sogar vor der Arbeit am eigenen Entwurf zu seinem »Wallenstein«
-graut (!), »denn ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich
-eigentlich nichts weniger vorstellen kann als einen Dichter (!)« --
-eine seltsame, aber für diese Zeit bezeichnende Selbsttäuschung --,
-»und daß höchstens da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist
-mich überrascht«! Er habe »im Poetischen seit drei oder vier Jahren« --
-also genau seit seiner Wendung zur kritischen Philosophie! -- »einen
-völlig neuen Menschen angezogen«. Vor allem aber gibt er in einem
-bedeutsamen Briefe vom 28. Oktober dieses Jahres dem neugewonnenen
-Freunde _Goethe_ gegenüber seinem »_Kantischen Glauben_« einen so
-lebendigen Ausdruck, daß wir seine Sätze wörtlich hierhersetzen müssen:
-»Die Kantische Philosophie übt in den Hauptpunkten selbst keine Duldung
-aus und trägt einen viel zu rigoristischen (strengen) Charakter, als
-daß eine Akkomodation (Anpassung) mit ihr möglich wäre. Aber dies
-macht ihr in meinen Augen Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die
-Willkür vertragen kann. Eine solche Philosophie will daher auch nicht
-mit bloßem Kopfschütteln abgefertigt sein. Im offenen, hellen und
-zugänglichen Felde der Untersuchung erbaut sie ihr System, sucht nie
-den Schatten und reserviert dem Privatgefühl nichts, aber so, wie sie
-ihre Nachbarn behandelt, will sie wieder behandelt sein, und es ist
-zu verzeihen, wenn sie nichts als Beweisgründe achtet. Es erschreckt
-mich gar nicht zu denken, daß das Gesetz der Veränderung, vor welchem
-kein menschliches und kein göttliches Werk Gnade findet, auch die
-Form dieser Philosophie sowie jede andere zerstören wird; aber die
-Fundamente derselben werden dies Schicksal nicht zu fürchten haben,
-denn so alt das Menschengeschlecht ist und solange es eine Vernunft
-gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt und im ganzen danach
-gehandelt.«
-
-Im Jahre 1795 endlich erscheint die philosophische Hauptschrift
-Schillers, seine »_Briefe über die ästhetische Erziehung des
-Menschen_«, die Goethe »wie einen köstlichen, seiner Natur analogen
-Trank« hinunterschlürfte, und die gleichzeitig auch Kant »vortrefflich«
-fand. Lagen ihnen doch nach Schillers eigenem Bekenntnis »größtenteils
-Kantische Grundsätze« zugrunde. Wie denn überhaupt »über diejenigen
-Ideen, welche in dem praktischen Teil des Kantischen Systems die
-herrschenden sind, nur die Philosophen entzweit, die Menschen von
-jeher einig gewesen« seien. Schade, daß der einundsiebzigjährige Kant
-nicht mehr zu der von ihm geplanten Besprechung der Ȁsthetischen
-Briefe« gekommen ist, zu der er sich schon Notizen gemacht hatte,
-die ich zuerst in dem Nachlaßwerk des großen Königsbergers entdeckt
-habe (vergl. »Kant -- Schiller -- Goethe«, S. 36, Anmerkung). Wie
-sehr übrigens damals Kants Philosophie in alle möglichen Kreise
-eingedrungen war, davon gibt der Schillersche Briefwechsel dieser Zeit
-zwei hübsche Belege. Nach einer Mitteilung Goethes wurden Kantische
-Ideen von Künstlern in allegorischen Bildern dargestellt. Und Schillers
-»Ästhetische Briefe« wurden zusammen mit Kants und Reinholds Schriften
-von einem Zirkel -- preußischer Husarenoffiziere, die am Rhein gegen
-die Franzosen zu Felde lagen, eifrig studiert, demselben Kreise, in dem
-später auch Schillers prächtiges Reiterlied aus »Wallensteins Lager«
-»mit Enthusiasmus gesungen« wurde.
-
-Neben dem umgearbeiteten Aufsatz »Über das Erhabene« (S. 110) erschien
-dann Ende 1795 und Anfang 1796 in den »Horen« als letzte ästhetische
-Abhandlung Schillers die »_Über naive und sentimentalische Dichtung_«,
-die für ihn eine »Brücke« zu der über dem Philosophieren der letzten
-Jahre gänzlich zurückgetretenen »poetischen Produktion« darstellen
-sollte. Diese regt sich nun endlich wieder, und zwar, gewissermaßen zum
-Abschied von seiner philosophischen Epoche, in jenen _philosophischen
-Gedichten_, die eine Vereinigung von tiefstem Gedankengehalt mit
-schwungvoller, formvollendeter Sprache darstellen, wie sie seit
-Platos Tagen nicht dagewesen war und vielleicht nur von Nietzsche,
-wenigstens was die formale Seite betrifft, wieder erreicht worden
-ist. Philosophische Lektüre und Erörterungen über sie, namentlich mit
-dem neugewonnenen Freunde Goethe, der jetzt immer mehr an die Stelle
-Körners tritt, kommen zwar auch in Zukunft noch vor, sind aber nicht
-mehr das Ausschlaggebende. An den _Grundgedanken_ der kritischen
-Philosophie hat er auch in diesem seinem letzten Lebensjahrzehnt,
-sowohl gegenüber den älteren Gegnern Kants (Herder und seinem Kreis)
-als auch den neuesten, über ihn hinausgewachsen sich dünkenden (Fichte,
-Schelling, der Romantik überhaupt) festgehalten. Wir wenden uns nun
-einer zusammenhängenden systematischen Betrachtung von Schillers
-Philosophie zu, soweit eine solche möglich ist.
-
-
-
-
-~D.~ Schillers Philosophie in der Reifezeit
-
-
-1. Methodisches. Theoretische Philosophie
-
-Die erste Aufgabe der Philosophie muß eine _methodische_ sein:
-reinliche Scheidung der drei Gedankenwelten, die dem Erkennen, dem
-Wollen und der schaffenden Phantasie in unserer Seele entsprechen
-und seit Platos Zeiten unter den populären Namen des Wahren, Guten
-und Schönen jedem von uns bekannt sind; mit anderen Worten: der
-_Wissenschaft_, _Sittlichkeit_ und _Kunst_. Dieser von Kant an den
-Anfang aller philosophischen Arbeit gestellten methodischen Scheidung
-stimmt auch Schiller sogleich in seiner ersten ästhetischen Abhandlung
-»Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen« zu. Auch
-er will die Kunst von ihren »ernsteren Schwestern« unterscheiden: der
-durch den Verstand geleiteten Wissenschaft, der durch die Vernunft
-geleiteten Sittlichkeit. Ebenso hat er von Kant gelernt, daß der
-»Transzendental«-, also der kritische Philosoph »sich keineswegs dafür
-ausgibt, die Möglichkeit der Dinge selbst zu erklären, sondern sich
-damit begnügt, die Kenntnisse festzusetzen, aus welchen die Möglichkeit
-der Erfahrung begriffen wird« (19. ästhetischer Brief). Er hat ferner
-den idealistischen Kern von Kants Philosophieren wohl erfaßt, wenn
-er dessen ganze theoretische Philosophie in den Satz zusammenfaßt:
-»Die Natur steht unter dem Verstandesgesetz«, demnach weiß, daß die
-sogenannten Naturgesetze von unserem Verstand selbst gefunden und
-»gemacht« werden. Und er hat in seiner ersten großen und folgenreichen
-philosophischen Unterredung mit Goethe, die wir bei diesem noch näher
-kennenlernen werden, auch den grundlegenden Unterschied zwischen
-Erfahrung und Idee in seiner ganzen Tiefe begriffen.
-
-So hat sich Schiller auch _theoretisch_ auf den Boden der kritischen
-Philosophie gestellt. Allein für die genauere Aus- und Durchbildung
-dieser allgemeinen Grundgedanken, für die Philosophie der
-_Wissenschaft_ hat er sich, wohl schon infolge seiner Dichternatur,
-weniger interessiert. Stand er doch namentlich den sichersten und
-exaktesten Wissenschaften, die in Kants System eine so große Rolle
-spielen, der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschaft,
-ziemlich fremd gegenüber. Kants Philosophie ist ihm vielmehr in erster
-Linie »geläuterte _Lebens_philosophie« gewesen. Er würde daher wohl
-auch den bekannten Satz Fichtes unterschrieben haben: »Was für eine
-Philosophie man wähle, hängt davon ab, was für ein _Mensch_ man ist.«
-
-Jedenfalls ist sein stoffliches Interesse in der Philosophie in erster
-Linie auf deren praktischen Teil, d. h. auf die _Ethik_ und _Ästhetik_
-gerichtet; daneben werden wir seine _politisch_-philosophischen
-Gedanken und seine, freilich stark in den Hintergrund tretende,
-_Religions_philosophie zu betrachten haben.
-
-
-2. Die Ethik
-
-Die Ethik oder wissenschaftliche Lehre der Sittlichkeit hat sich
-allezeit vor ihrer Vermischung mit dem _Gefühl_ zu hüten gehabt. So eng
-auch jedes sittliche Wollen mit einem Gefühl, sei es der Kraft oder
-der Freiheit, sei es der Lust oder auch der Unlust, verbunden ist: es
-darf nicht davon abhängig sein. Gewiß, ohne die Wärme und Weichheit des
-Gefühls erscheint der Wille, und gerade der reinste und energischste
-am meisten, hart und kalt; man spricht dann von einem eisernen oder
-rauhen Willen, von starren, kalten, nüchternen Grundsätzen. Ebenso
-wie man von bitteren oder grausamen Wahrheiten redet, wenn sie
-langgehegte Lieblingsträume zerstören. Und so drängt sich denn echt
-menschlich das _Lust_gefühl -- am verlockendsten in seinen feinsten
-Gestalten, den geistigen Freuden und religiösen Gefühlen -- an das
-reine, sittliche Wollen mit einer fast unwiderstehlichen Macht heran,
-sucht ihm die Reinheit und Selbständigkeit zu rauben, die als etwas
-Eingebildetes, Hohles, Unwirkliches hingestellt wird, das sich der
-lebendigen Wirklichkeit der Gefühle beugen müsse. Oder auch es zu
-überbieten, zur moralischen oder religiösen Schwärmerei zu übertreiben,
-der auch der Schlaffste zuweilen gern sich hingibt, um nur, wie Lessing
-seinen Nathan sagen ließ, »gut handeln nicht zu dürfen«. Diesem
-Andringen des Gefühls und damit der Gefährlichkeit einer bloßen Lust-
-oder Glückslehre gegenüber, die schließlich von den individuellen
-und beliebigen Gefühlen jedes einzelnen abhängt, muß die Ethik ihre
-Selbständigkeit zu wahren bestrebt sein, auf die Gefahr hin, als
-»rigoristisch«, d. h. überstreng verschrien zu werden.
-
-Das ist denn auch der Kantischen Ethik, welche diese Züge trägt,
-bis zum heutigen Tage oft genug, ja meist begegnet. Und es heißt
-gewöhnlich, das philosophische Verdienst _Schillers_ bestehe darin,
-den schroffen, sittlichen »Rigorismus« Kants »ästhetisch gemildert«
-zu haben. Wir sind anderer Meinung, und wir können uns auch nicht der
-Ansicht Kuno Fischers (allerdings nur in der _ersten_ Auflage seines
-»Schiller als Philosoph«) anschließen, daß unser Dichter-Philosoph den
-ästhetischen Gesichtspunkt anfangs _unter_, dann _neben_, zuletzt aber
-_über_ den moralischen gestellt habe. Er hat vielmehr nicht bloß in
-den ersten Zeiten seiner Kantbegeisterung, sondern auch später Kants
-ethischen »Rigorismus« in dem von uns bezeichneten _methodischen_ Sinne
-durchaus gebilligt.
-
-So behauptet er dem anders gearteten Goethe gegenüber in seinem großen
-Bekenntnisbrief vom 28. Oktober 1794, daß der »rigoristische« Charakter
-der kritischen Philosophie ihr in seinen Augen gerade Ehre mache.
-Und dem Gefühlsphilosophen Schlosser, Goethes Schwager, der Kants
-strenge Methode angegriffen hatte, liest er in einem Briefe an Goethe
-vom 9. Februar 1798 gründlich genug den Text. Es sei unverzeihlich,
-»daß ein Schriftsteller, der auf eine gewisse Ehre hält, auf einem
-so reinlichen Feld«, wie es das philosophische durch Kant geworden
-sei, »so unphilosophisch und unreinlich sich betragen darf«. Er und
-Goethe wüßten doch auch, daß der Mensch auf der höchsten Stufe seiner
-seelischen Tätigkeit selbst als ein »verbundenes Ganze« handle; darum
-würde es ihnen aber doch niemals einfallen, dem Zergliedern und
-Unterscheiden, »worauf alles Forschen beruht«, in der Philosophie den
-Krieg zu machen, wie ja auch der Chemiker die Synthesen der Natur
-absichtlich und künstlich aufhebe. Aber »diese Herren Schlosser« wollen
-sich auch durch die Metaphysik hindurch »riechen und fühlen«, wollen
-»das Physische vergeistigen und das Geistige vermenschlichen«. Und bald
-darauf, am 2. März, wird auch die Anwendung auf Ethik und Ästhetik
-gemacht. Es sei bemerkenswert, daß »die Schlaffheit über ästhetische
-Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden zeigt«, und
-daß umgekehrt »das reine Streben nach dem hohen Schönen«, also reine
-und strenge Ästhetik, bei aller Duldsamkeit gegen die menschliche
-Natur, dennoch »den Rigorismus im Moralischen, mithin reine und strenge
-Ethik« mit sich führen werde.
-
-Die Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, das »Heroische«
-(Kühnemann), lag ja eigentlich von Anbeginn in Schillers Natur. Schon
-die Schulrede des Neunzehnjährigen hatte den stoischen Gedanken
-vertreten, daß das Sittliche im Kampfe sich am besten bewähre. Wir
-erinnern ferner an die Gedichte »Kampf« und »Resignation« (S. 102).
-Auch in seinen ästhetischen Abhandlungen tritt sie von Anfang an
-hervor. Gleich in der ersten vom Januar 1792 finden sich Gedanken wie:
-Das Prinzip der Sittlichkeit erfordert eine von jeder Naturkraft,
-also auch von moralischen Trieben unabhängige Vernunft; das sittliche
-Verdienst nimmt in umgekehrtem Grade ab, wie Lust und Neigung zunehmen;
-das höchste moralische Vergnügen wird jederzeit von Schmerz begleitet
-sein. Ebendeshalb seine Vorliebe für die Tragödie! Aber die gleiche
-methodische Anschauung bleibt auch späterhin herrschend. Wir verweisen
-auf die zahlreichen Belegstellen in unserem »Kant -- Schiller --
-Goethe« und heben hier nur die wichtigsten hervor.
-
-In dem noch nicht von uns erwähnten Aufsatz »_Über die notwendigen
-Grenzen beim Gebrauch schöner Formen_« erklärt er, daß die moralische
-Bestimmung des Menschen »völlige Unabhängigkeit des Willens von allem
-Einfluß sinnlicher Antriebe erfordere«, während die, noch heute von so
-vielen Über-Modernen verkündete, _ästhetische_ Moral die »große Gefahr«
-in sich berge, daß der Ernst der moralischen Gesetzgebung sich nach
-dem Interesse der Einbildungskraft richte und so -- ein Kantischer
-Ausdruck! -- »die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet« werde. Die
-Sinnlichkeit wird als der »natürliche innere Feind aller Moralität«
-bezeichnet (»Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«), vor
-dem wir uns in die heilige Freiheit der Geister (»Über das Erhabene«)
-in die unbezwingliche Burg unserer moralischen Freiheit (Ȇber das
-Pathetische«), in den heiteren Horizont der sittlichen Ideen (»Über die
-tragische Kunst«), in die Freiheit der Gedanken (»Ideal und Leben«)
-flüchten müssen. Ja, der letzte (24.) der »Briefe über die ästhetische
-Erziehung des Menschen«, die doch gewiß den ästhetischen Gesichtspunkt
-so hoch wie möglich stellen, bezeichnet ausdrücklich »alle ...
-Glückseligkeitssysteme, sie mögen den heutigen Tag oder das ganze
-Leben oder, was sie um nichts ehrwürdiger macht, die _ganze Ewigkeit_
-zu ihrem Gegenstand haben«, als »bloß« einem »Ideal der _Begierde_«
-entsprungen, »mithin einer Forderung, die nur von einer ins Absolute
-strebenden _Tierheit_ kann aufgeworfen werden«. Hier wird sogar Kants
-»Rigorismus« von dem Dichter-Philosophen noch übertroffen!
-
-Kurz, wir dürfen als das Ergebnis dieser Erörterungen über Schillers
-Stellung zu Kants reiner Ethik seinen Satz aus »Anmut und Würde«
-bezeichnen: »Über die Sache selbst kann nach den von Kant geführten
-Beweisen unter denkenden Köpfen, die überzeugt sein wollen, kein
-Streit mehr sein, und ich wüßte kaum, wie man nicht lieber sein ganzes
-Menschensein aufgeben, als über diese Angelegenheit ein anderes
-Resultat von der Vernunft erhalten wollte.«
-
-Freilich, das ganze und volle Menschentum ist mehr als bloße Ethik.
-»Die menschliche Natur«, sagt der Dichter in Schiller, »ist ein
-verbundeneres Ganze in der Wirklichkeit, als es dem Philosophen, der
-nur durch Trennen etwas vermag, erlaubt ist, sie erscheinen zu lassen.«
-Die reine Ethik, das hat Schiller nirgends verhehlt, bedarf in ihrer
-Anwendung auf den wirklichen, vollen Menschen einer _Ergänzung_ nach
-der Seite des _Gefühls_. Diese Gefühlsergänzung kann auf zweierlei
-Weise erfolgen: durch die _Ästhetik_ und durch die _Religion_. Die
-letztere Lösung hat er nur angedeutet, die erstere dagegen, die seiner
-Dichternatur zumeist am Herzen lag, in breiter Ausführung gegeben. Ihr
-wenden wir uns zunächst zu.
-
-
-3. Die ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene und das
-Sittlich-Schöne
-
-Wenn strenge methodische Scheidung der verschiedenen Richtungen
-menschlichen Bewußtseins auch die erste Aufgabe einer Philosophie als
-Wissenschaft ist, so darf es doch dabei nicht sein Bewenden haben.
-Wenn und nachdem Selbständigkeit und Eigentümlichkeit der einzelnen
-Gebiete durch ihre methodische Isolierung gesichert sind, können,
-ja müssen nunmehr die Verbindungsbrücken geschlagen werden. Das
-verbindende Element aber, das zunächst ferngehalten werden mußte,
-damit sie, damit Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst ihre Reinheit
-nicht verloren, ist das _Gefühl_. Ein Sittenwesen ohne Gefühl wäre ein
-leerer Schemen ohne Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem
-Blut. Und mag es auch das Vorrecht des Dichters sein, diesen »Quell aus
-verborgenen Tiefen« in seiner ganzen Allgewalt darzustellen, so ist es
-doch nicht, wie Schiller einmal sagt, »die Dichtung beinahe allein,
-welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt,
-welche ... gleichsam den _ganzen Menschen_ in uns wiederherstellt«.
-Die Philosophie hat vielmehr dasselbe Interesse daran. Ist doch
-ohne das Gefühl keine Anwendung des durch die rein formale Methode
-gefundenen obersten Sittengesetzes auf den wirklichen Menschen,
-dies sinnlich-vernünftige Mischwesen, kurzum keine angewandte Ethik
-möglich. Schon indem wir es als Triebfeder unseres Handelns denken,
-wird notwendig ein Gefühl mitgedacht. Dadurch nun, daß die Sittlichkeit
-gefühlt wird, tritt sie in den Bereich der _Ästhetik_. Die beiden
-ästhetischen Grundbegriffe aber, wenigstens zu Kants und Schillers
-Zeiten, waren das Erhabene und das Schöne.
-
-Die Form, unter der das Sittliche unserem Gefühl _zunächst_ erscheint,
-ist das
-
-
-Sittlich-Erhabene
-
-Mit Recht konnte Kant unserem Dichter an jener einzigen Stelle, wo er
-ihn in seinen Schriften behandelt hat,[16] zurufen: daß das Gefühl des
-Erhabenen unserer eigenen Bestimmung »uns mehr hinreiße als alles
-Schöne«, und daß Herakles »erst nach bezwungenen Ungeheuern« in den
-Olymp emporsteige, um hier Führer der Musen zu werden. Wem konnte
-eine solche Lehre sympathischer sein als Schiller, dem »Prediger der
-Freiheit«, wie Goethe ihn einmal, in bewußtem Gegensatz zu sich selber,
-charakterisiert. Und wenn derselbe Goethe an anderer Stelle von dem
-toten Freunde sagt: »Die Kantische Philosophie, die den Menschen so
-hoch _erhebt_, indem sie ihn einzuengen scheint, hatte er mit Freuden
-in sich aufgenommen«, so hatte er gerade dasjenige mit einem treffenden
-Worte gekennzeichnet, was die Ähnlichkeit beider Persönlichkeiten, die
-auch Körner auffiel, ausmacht, die auf ihrem vorzugsweise sittlichen
-Charakter beruht. Daher auch Schillers Vorliebe für die _Tragödie_,
-deren Begriff er ausdrücklich aus der Lust am moralisch Zweckmäßigen
-abgeleitet und im Zusammenhang mit dem Erhabenen entwickelt hat.
-Goethes Lieblingscharaktere (wir denken dabei etwa an Gretchen und
-Klärchen, Egmont und Faust) handeln nach dem Affekt, sagt Gervinus
-einmal, diejenigen Schillers (Verrina, Posa, Max Piccolomini) nach dem
-kategorischen Imperativ der Pflicht.
-
-Dieser Grundrichtung des _Dichters_ Schiller, im _Sittlichen_ den
-würdigsten Stoff für die vollendete Kunstform zu suchen, entspricht
-auch sein philosophisches Verhalten. Wie stark er gerade von Kants
-Begriff des _Erhabenen_ gepackt wurde, beweist schon die äußere
-Tatsache, daß die Mehrzahl seiner ästhetischen Aufsätze mit ihm, und
-zwar vorzugsweise dem Sittlich-Erhabenen, sich beschäftigt. Die beiden
-Abhandlungen über das Tragische, die beiden Vom und Über das Erhabene,
-der größte Teil der »Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene
-ästhetische Gegenstände«, der zweite Teil von »Anmut und Würde«
-gehören hierher: während der Entwicklung des Begriffs des _Schönen_
-eigentlich nur die »Anmut« und die »Ästhetischen Briefe« dienen, die
-hier nicht genannten Aufsätze aber beide Begriffe ungefähr gleich stark
-berücksichtigen. Wir begnügen uns daher vorläufig mit diesen kurzen
-Ausführungen, zumal da wir später noch einmal auf die Vereinigung
-beider zurückzukommen haben.
-
-Schon im Erhabenen liegt, wie widerspruchsvoll es im ersten Augenblick
-auch klingen möge, das Schöne verborgen. Denn in das demütigende
-Gefühl unserer Unterwerfung unter das Sittengesetz mischt sich bereits
-ein Gefühl des Stolzes und der Lust darüber, daß wir selbst in unserem
-eigenen Inneren die Idee dieses obersten Gesetzes unseres Handelns
-erzeugt haben, daß wir somit unsere eigenen Gesetzgeber (»autonom«),
-daß es unsere eigene Persönlichkeit, unser »besseres Selbst« ist,
-dem wir nach Kant im »freien Selbstzwang« gehorchen. Jetzt steht das
-Göttliche, d. i. das Gute, nicht mehr in feierlicher Majestät vor
-unseren Augen, sondern es steigt hernieder von seinem Weltenthron in
-die Tiefe unseres Herzens.
-
- »Des Gesetzes strenge Fessel bindet
- Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,
- Mit des Menschen Widerstand verschwindet
- Auch des Gottes Majestät.«
-
-Nunmehr werden Sittlichkeit und »Natur« einander vermählt, die Natur
-ist sittlich geworden und das Sittliche erscheint als Natur: beide
-zusammen machen erst den ganzen vollendeten Menschen aus. Das ist das
-Ideal des
-
-
-Sittlich-Schönen,
-
-das zwar, wie wir an anderem Orte nachgewiesen haben, bei Kant nicht
-völlig fehlte, aber erst von Schiller in seiner ganzen Herrlichkeit
-uns vor Augen gestellt worden ist. Es erinnert an das altgriechische
-»Schön-und-Gute«, aber die dort -- außer bei Plato -- und dann
-wieder in der Renaissance hervortretende Vermischung beider ist
-jetzt vermieden, die unbewußte Naivität vertieft durch das sittliche
-Bewußtsein. Die Kultur soll uns -- ein von Kant übernommener Gedanke!
--- auf dem Wege der Vernunft und Freiheit zurückführen zur wahren und
-echten Natur und Menschlichkeit: ein Gedanke, der übrigens in der
-ganzen, von Rousseau durchtränkten Zeit liegt und dem wir ja auch bei
-Herder begegneten.
-
-Wie der Gegensatz, so lag auch das Streben nach einer _Harmonie_
-zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit von Anfang an in Schillers
-Natur. Wir haben es schon in seiner »Philosophie der Physiologie«, in
-seinem Begriff der »Mittelkraft« kennengelernt. Und ebenso klingt es
-aus zahlreichen Gedichten, dramatischen Stellen und Briefen wieder.
-Von seinen philosophischen Abhandlungen behandelt »_Anmut und Würde_«
-eben dieses Problem. Die sinnliche Natur des Menschen, heißt es hier,
-ist seiner »reinen Geistesnatur« beigesellt nicht als Last, die er
-abwerfen, oder als »grobe Hülle«, die er abstreifen soll -- wie es oft
-genug mystische Verzückung oder mönchische Askese gefordert und zu
-üben versucht hat --, sondern »um sie aufs innigste mit seinem höheren
-Selbst zu vereinbaren«. An dieser Stelle glaubt er denn auch zum ersten
-Male Kant _entgegen_treten zu müssen, dessen Moralphilosophie »die
-Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen habe, die alle Grazie
-davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen
-könnte, auf dem Wege einer finsteren und mönchischen Asketik die
-moralische Vollkommenheit zu suchen«. Sicherlich würde eine solche
-»Mißdeutung« dem »heiteren und freien Geist« des »großen Weltweisen«
-unter allen »die empörendste« sein; indes habe doch er selbst durch die
-»strenge und grelle Entgegensetzung« beider Prinzipien (_Pflicht_ und
-_Lust_) einen »starken, obgleich bei seiner Absicht vielleicht kaum zu
-vermeidenden Anlaß dazu gegeben«.
-
-Schon die beschränkenden Zusätze zeigen, daß er Kant persönlich in
-Schutz nehmen will, der überdies die teils in »grobem Materialismus«,
-teils in »nicht weniger bedenklichen Perfektionsgrundsätzen«
-(»Vervollkommnungs«-Moral) aufgehende Zeitmoral unnachsichtlich habe
-angreifen und deshalb der harte »Drako« seiner Zeit habe werden
-müssen, weil sie ihm des weisen und milden »Solon« »noch nicht wert
-und empfänglich schien«. Aber, fährt er fort, »womit hatten es die
-Kinder des Hauses verschuldet, daß er nur für die Knechte sorgte?«
-Weil der moralische Weichling dem Gesetz der Vernunft gern eine
-Laxheit geben möchte, die es zum Spielball seines Beliebens macht,
-mußte ihm deshalb eine Starrheit beigelegt werden, welche »die
-kraftvolle Äußerung moralischer Freiheit nur in eine rühmlichere
-Art von Knechtschaft verwandelt«? Wir wollen hier nicht näher auf
-Kants Verteidigung eingehen, der gerade auf diesen Punkt in seiner
-»Religion innerhalb usw.« erwiderte und auch seinerseits eine frohe
-und mutige, nicht ängstlich-sklavische Gemütsstimmung als das der
-Tugend eignende Temperament angesehen wissen wollte. Inwieweit auch er
-das Sittlich-Schöne anerkennt, haben wir an anderem Orte (»Kant --
-Schiller -- Goethe«, S. 94 bis 107) ausführlich dargelegt. Hier haben
-wir es nur mit Schillers Entwicklung der sittlichen Schönheit zu tun,
-die sich auf die Beschaffenheit des Menschen als »vernünftig-sinnlichen
-Wesens« gründet.
-
-Nach Schiller muß des Menschen sittliche Denkart aus seiner »gesamten«
-Menschheit hervorquellen, sie muß ihm zur _Natur_ geworden sein.
-Denn »der bloß niedergeworfene Feind kann wieder aufstehen, aber
-der versöhnte ist wahrhaft überwunden«. Hiergegen läßt sich meines
-Erachtens der Einwand machen, daß der wirkliche Mensch, wie er _ist_,
-mit allen seinen Schwächen, eben immer wieder jenes »Aufstehens«
-bedarf, weil er das Ideal der »_schönen Seele_«, die Schiller als das
-»Siegel der vollendeten Menschheit« preist, in der Tat nie erreicht.
-Wie denn Schiller selbst am Anfang des Abschnitts über »Würde«
-zugesteht, daß jene »Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner
-Humanität, bloß eine _Idee_« ist, »welcher gemäß zu werden er mit
-anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung
-nie ganz erreichen kann«. Also ist doch auch die schöne Seele bloß
-ein schönes Ideal, und es ist vom methodischen Standpunkt aus gesehen
-sogar gefährlich, wenn Schiller in diesem Zusammenhang zugunsten der
-Sinnlichkeit anführt, sie erst leihe dem sittlichen Menschen »das ganze
-Feuer ihrer Gefühle« zu dem »Triumph, der über sie selbst gefeiert
-wird«. Denn was ist nicht schon alles in der Weltgeschichte, namentlich
-in Religion und Politik, mit dem »Feuer der Gefühle« gerechtfertigt
-worden!
-
-Aber _ein_ tiefer und schöner Gedanke liegt sicher im Begriff der
-»schönen Seele«, nämlich, daß der Mensch »nicht dazu bestimmt ist,
-_einzelne_ sittliche _Handlungen_ zu verrichten, sondern ein sittliches
-Wesen zu sein«, wie Schiller es in dem bekannten Doppelvers ausgedrückt
-hat:
-
- »Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen
- Zahlen mit dem, was sie _tun_, edle mit dem, was sie _sind_.«
-
-Eine solche Seele weiß auch gar nicht um ihre eigene Schönheit: »mit
-einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt (!) aus ihr handelte« --
-freilich wieder ein gefährlicher Vergleich --, »übt sie der Menschheit
-peinlichste Pflichten aus«. Die Sinnlichkeit sieht jetzt nicht mehr
-am Vernunftgesetz schwindelnd empor, sondern der Gesetzgeber selbst,
-nämlich der »Gott in uns«, hat sich zum Sinnlichen herabgeneigt und
-sieht sich befriedigt durch »die Übereinstimmung des Zufälligen der
-Natur mit dem Notwendigen der Vernunft«. Das in dem aus Lust und Unlust
-gemischten Gefühl der _Achtung_ angespannte Gemüt kommt zur Auflösung,
-Ruhe und Harmonie in dem ungemischten Gefühl der _Liebe_.
-
-Soweit die philosophische Erörterung in »Anmut und Würde«. Es würden
-sich dazu selbstverständlich noch zahlreiche Parallelstellen aus
-anderen Abhandlungen, namentlich aus den Briefen über ästhetische
-Erziehung, die ja gerade diesen ästhetischen Zustand zum pädagogischen
-Endziel machen, sowie aus den Bruchstücken der Vorlesungen über
-Ästhetik, aus den Gedichten und den Briefen beibringen lassen. Unter
-den letzteren möchten wir den Leser besonders auf zwei hinweisen.
-Einmal auf den schon in anderem Zusammenhang erwähnten vierzehn
-Seiten langen Brief an Körner vom 18. Februar 1793, wo unter anderem
-in Anknüpfung an eine der Geschichte vom barmherzigen Samariter
-verwandte Erzählung der Unterschied einer gutherzigen, nützlichen,
-rein moralischen, großmütigen und sittlich-schönen Handlung beleuchtet
-wird. Und auf den zehn Tage später an denselben Freund gerichteten
-Brief, der ein wundervolles Gleichnis, das wir ähnlich auch in
-Vischers »Auch einer« gefunden zu haben uns erinnern, zu unserem Thema
-bringt. Einen Vogel im Fluge nennt dort der Dichter »die glücklichste
-Darstellung des durch die _Form_ bezwungenen _Stoffes_, der durch die
-Kraft überwundenen _Schwere_«. Die Schwerkraft verhalte sich nämlich
-»ungefähr ebenso gegen die lebendige Kraft des Vogels, wie sich bei
-reinen Willensbestimmungen die Neigung zu der gesetzgebenden Vernunft
-verhält«. Der Adler also, der durch den reinen Äther, die Wolken unter
-sich (bei Vischer: ~nunc pluat~, jetzt möge es regnen!) der Sonne
-zuschwebt, ist an sich das Symbol des Erhabenen, und Flügel werden als
-»Symbol der Freiheit« gebraucht. Er stellt aber zugleich auch den Sieg
-der _reinen Schönheit_ dar, denn »Schönheit nehmen wir überall wahr, wo
-die Masse von der Form und ... von den lebendigen Kräften ... völlig
-beherrscht wird«.
-
-Dem entspricht dann genau, um von anderen Gedichten zu schweigen, die
-vielleicht durch jenes Kantische Gleichnis von Herakles als »Musaget«
-(Führer der Musen) im Olymp angeregte herrliche Schlußstrophe der Krone
-von Schillers Gedankenlyrik »Das Ideal und das Leben«, welche die
-»Himmelfahrt« des von seinen Erdenleiden erlösten Herakles und seine
-Begrüßung durch Hebe, die Göttin der ewigen Jugend, schildert:
-
- »Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
- Flammend sich von Menschen scheidet
- Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
- Froh des neuen, ungewohnten Schwebens
- Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens
- Schweres Traumbild sinkt -- und sinkt -- und sinkt.
- Des Olympus Harmonien empfangen
- Den Verklärten in Kronions Saal,
- Und die Göttin mit den Rosenwangen
- Reicht ihm lächelnd den Pokal.«
-
-
-4. Stellung zu Griechentum und Christentum und zur Religion überhaupt
-
-Mit Gedankengängen wie dem letzten befinden wir uns ganz im Banne
-griechischer, genauer allerdings _neu_hellenischer Anschauungen, wie
-sie der Humanitätsstandpunkt unserer Klassiker: Lessing und Herder,
-Schiller und Goethe, wenn auch bei den einzelnen in verschiedenem Maße
-und verschiedener Färbung, enthält. Wie sollen wir Heutigen uns dazu
-stellen?
-
-Gewiß, auch das Sittliche darf den Menschen nicht von seiner
-natürlichen Grundlage lösen wollen. Weltflüchtiges, sinnen-
-und schönheitsfeindliches Mönchtum, sei es buddhistisches oder
-christliches, das in allem Sinnlichen nur Sünde sieht und daher einen
-aufs schärfste zu bekämpfenden Feind in ihm erblickt, kann nicht das
-Ideal eines mit Fleisch und Blut bekleideten Wesens sein, das eine
-gleichmäßig harmonische Ausbildung _aller_ seiner Fähigkeiten erstrebt.
-Noch nie ist, nach einem bekannten Spruche des römischen Dichters
-Horaz, die Natur gewaltsam unterdrückt worden, ohne sich dafür zu
-rächen. So gesehen, war es eine Art Akt geschichtlicher Notwendigkeit,
-daß aus der Mönchszelle selbst Luther, der Befreier vom Mönchtum,
-erstand. Die natürlichen Neigungen sind, auch nach dem Urteil eines so
-strengen Ethikers wie Kant, an sich keineswegs etwas Böses; sie müssen
-nur in die Bahn des Guten gelenkt werden, damit das Gefühl, das zur
-wahren Freudigkeit des sittlichen Handelns unentbehrlich ist, um mit
-Schiller zu sprechen, »eifrige Teilnehmerin an der reinen Sittlichkeit«
-wird.
-
-Trotz alledem vermögen wir, scheint mir, heute zu jenem hellenischen
-Harmoniegefühl, jenem optimistischen Glauben an die Güte alles
-Natürlichen, jener lebensfrohen Schönheitsreligion, wie sie das
-Zeitalter des Perikles beseelte, dann nach zwei Jahrtausenden noch
-einmal im lebensfrohen Geiste der Renaissance und des Humanismus zum
-Ausdruck kam und auch noch in einzelnen philosophischen Nachzüglern des
-achtzehnten Jahrhunderts, wie Shaftesbury, lebendig wurde, ebensowenig
-zurückkehren wie zu der glücklichen Naivität unseres Kindesalters.
-Und wenn selbst in dem schönheitsdurstigen Volke der alten Griechen
--- wobei wir von der Volks- und Mysterienreligion ganz absehen
-wollen -- ein Xenophanes, ein Sokrates und vor allem, bei all seinem
-Schönheitsgefühl, ein Plato zur reinen Geistigkeit hinstreben, so ging
-es mit jenem naiven Sich-eins-fühlen von Natur und Sittlichkeit erst
-recht zu Ende, seitdem das _Christentum_ mit seinem Sündenbewußtsein in
-die Welt trat, das nun kaum mehr auszurotten ist.
-
-Und hat es, auch von einem ganz undogmatischen und unkirchlichen
-Standpunkt aus, der für uns selbstverständlich ist, wirklich so
-unrecht damit? Wir verstehen dabei unter der »Sünde« freilich kein
-mystisch-religiöses Gefühl, sondern den _Egoismus_, der nur den eigenen
-Vorteil sucht, anstatt sich dem Ganzen hinzugeben, den Eigenwillen,
-den »zu bändigen« Schiller selbst im »Kampf mit dem Drachen« als »der
-Pflichten schwerste« bezeichnet hat. Trotzdem gibt er doch in einem
-Brief an Goethe vom 9. Juli 1796, im Anschluß an seine Beurteilung
-von dessen »Wilhelm Meister«, Goethe recht: »Die _gesunde_ und
-_schöne Natur_ braucht keine _Moral_« und, wie er hinzusetzt, auch
-keinen _Gott_ und keine _Unsterblichkeit_, die für die »_ästhetische
-Geistesstimmung_« seines Erachtens »nie zu ernstlichen Angelegenheiten
-und Bedürfnissen werden können«. Aber wo gibt es, fragen wir, solche
-Naturen, die ohne inneren Kampf durch den bloßen Instinkt des Gefühls
-in allen Fällen von selber das Richtige treffen? Sagt doch Schiller
-selbst zu Anfang seines »Ideal und Leben«, daß die »Vermählung« von
-»Sinnenglück« und »Seelenfrieden« nur dem olympischen Zeus gegeben
-sei, während dem Menschen zwischen beiden »nur die bange Wahl« bleibe.
-Und hat gerade er doch in seinen Dramen keine rein harmonische »schöne
-Seele«, wie Goethe in seiner Iphigenie oder der Prinzessin im »Tasso«,
-zu schaffen vermocht, sondern gerade in seinen hervorragendsten
-Frauengestalten, wie Maria Stuart, Johanna, Thekla, die Erhebung
-des »schönen« Charakters zu sittlicher Größe dargestellt. Die reine
-Harmonie mag uns als schönes Ideal vorleuchten, fürs Leben taugt der
-sittliche Kampf.
-
-Schiller und noch stärker, wie wir gleich hinzufügen können,
-Goethe stehen jedenfalls _mehr_ auf der Griechenseite und gegen
-das Christentum. Daher auch ihre Unzufriedenheit mit dem von Kant
-angenommenen »Hang zum radikalen Bösen in der Menschennatur«. Die
-Griechen dagegen erscheinen ihm als Muster jener ungebrochenen Einheit
-und Ganzheit des Menschenwesens: »Zugleich voll Form und voll Fülle,
-zugleich philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch,
-sehen wir sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der
-Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigen.«
-
-Bei dieser Gelegenheit einige Bemerkungen über Schillers Verhältnis zur
-_Religion_ überhaupt. Wir haben schon früher bemerkt, daß von einem mit
-schweren inneren Kämpfen verbundenen schroffen Bruch mit den biblischen
-Jugendanschauungen in des Dichters religiöser Entwicklung nichts zu
-merken ist. Die Stellung des reifen Schiller zur Religion kennzeichnet
-sich am kürzesten durch sein bekanntes Distichon, das »Mein Glaube«
-überschrieben ist:
-
- »Welche Religion ich bekenne? -- Keine von allen,
- Die du mir nennst! -- Und warum keine? -- _Aus_ Religion!«
-
-Daraus ergibt sich eine Ablehnung aller sogenannten »positiven«
-Religionsbekenntnisse aus reinem, das »Göttliche« mit dem _Guten_
-gleichsetzendem Religionsgefühl, stärker fast noch als bei Lessing
-und Herder. Es ist daher auch unglaublich töricht, wie es zuweilen
-geschieht, aus seiner »Jungfrau von Orleans« oder »Maria Stuart« --
-im ersten Falle aus der sympathischen Charakterisierung der frommen
-Titelheldin, im zweiten aus der schwärmerischen Schilderung des
-katholischen Kultus durch den jungen Fanatiker Mortimer -- eine
-»Verherrlichung« der römischen Kirche herauszulesen. Gerade so töricht,
-nebenbei bemerkt, wie die der mittelalterlich-feudalen Anschauung des
-Ritters Dunois entsprechende:
-
- »Für seinen König muß das Volk sich opfern,
- Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt«
-
-als Schillers persönliche politische Ansicht auszugeben.
-
-Er stand seiner ganzen Bildung und Gesinnung nach hoch über
-konfessionellen Gegensätzen und wußte daher beiden ihr historisches
-und ästhetisches Recht zu geben, wobei in letzterem Falle der
-englisch-schottische Kalvinismus natürlich ungünstig abschneiden mußte.
-
-Bezeichnend für seine ablehnende Stellung zum kirchlichen Christentum
-waren schon seine »Götter Griechenlands«, ist aus der späteren Zeit
-sein Urteil über Kants Religionsschrift von 1792, die aus Rücksichten
-auf die preußische Zensur in Jena gedruckt und von dem eifrig
-interessierten Dichter schon vor Vollendung des Drucks eingesehen
-wurde. Mit Kants freier, sinnbildlicher bezw. moralischer Auslegung
-der christlichen Lehren von der Erlösung, vom Logos, von Himmel
-und Hölle, vom Reiche Gottes erklärt er sich zwar einverstanden.
-Aber radikaler als Kant und sein Freund Körner, hegt er Bedenken
-gegen den pädagogischen Zweck, den der Philosoph in dieser Schrift
-mit ihrer Anknüpfung der »Resultate des philosophischen Denkens an
-die -- Kindervernunft (!)« verfolge: nämlich »das Vorhandene nicht
-_wegzuwerfen_, solange noch ein Nutzen davon zu erwarten sei, sondern
-es vielmehr zu _veredeln_«. Die sogenannten »Religionsverteidiger«
-würden bei ihrer bekannten Beschaffenheit, wie er sich recht
-sarkastisch äußert, seine »Unterstützung annehmen«, seine
-»philosophischen Gründe aber wegwerfen«; so habe »Kant dann weiter
-nichts getan, als das morsche Gebäude der Dummheit geflickt«. So scharf
-stand Schiller der Orthodoxie gegenüber.
-
-Auch über das Verhältnis der Religion zur Ethik äußert er sich zur
-selben Zeit in der Abhandlung »Vom Erhabenen« ziemlich absprechend:
-»Nur die _Religion_, nicht aber die _Moral_ stellt Beruhigungsgründe
-für unsere Sinnlichkeit auf. Die Moral befolgt die Vorschrift der
-Vernunft unerbittlich und ohne alle Rücksicht auf das Interesse unserer
-Sinnlichkeit; die Religion aber ist es, die zwischen den Forderungen
-der Vernunft und dem Anliegen der Sinnlichkeit eine Aussöhnung, eine
-Übereinkunft zu stiften sucht.« Ebenso in einer aus 1794 stammenden
-Äußerung zu einer Kritik seines auch von uns bereits (S. 102) berührten
-Jugendgedichts »Resignation«: »So (d. h. sich in ihrer Rechnung
-betrogen zu sehen) kann und soll es jeder Tugend und jeder Resignation
-ergehen, die bloß deswegen ausgeübt wird, weil sie in einem anderen
-Leben gute Zahlung erwartet. Unsere moralischen Pflichten binden uns
-nicht kontraktmäßig, sondern unbedingt. Tugenden, die bloß gegen
-Assignation an künftige Güter ausgeübt werden, taugen nichts. Die
-Tugend hat _innere_ Notwendigkeit, auch wenn es kein anderes Leben
-gäbe. Das Gedicht ist also nicht gegen die wahre Tugend, sondern nur
-gegen _die_ Religionstugend gerichtet, welche mit dem Weltschöpfer
-einen Akkord schließt und gute Handlungen auf Interessen ausleiht, und
-diese interessierte Tugend verdient mit Recht jene strenge Abfertigung
-des Genius.«
-
-Entgegenkommender spricht sich ein Brief an Goethe vom 17. August
-1795 im Anschluß an eine Besprechung der »Bekenntnisse einer schönen
-Seele« in »Wilhelm Meister« aus: »Ich finde in der christlichen
-Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und
-die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß
-deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen
-dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentümlichen Charakterzug
-des Christentums, der es von allen monotheistischen Religionen
-unterscheidet, so liegt er in nichts anderem als in der Aufhebung
-des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das
-Christentum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also
-in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der
-Menschwerdung des Heiligen und in diesem Sinne die einzige ästhetische
-Religion.« Worauf dann freilich die beißende Schlußbemerkung folgt:
-»Daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der
-weiblichen Natur so viel Glück gemacht und nur in Weibern noch in einer
-gewissen erträglichen Form angetroffen wird.«
-
-
-5. Zusammenfassung und Ergebnisse
-
-Doch kehren wir noch einmal zu unserm Hauptthema zurück: Genügt die
-bloß _ästhetische_ Gemütsstimmung »schöner« Sittlichkeit wirklich zu
-einer uns völlig befriedigenden Weltanschauung? Können Sittlichkeit
-und Menschennatur in der Tat restlos ineinander aufgehen? Wir meinen:
-Auf die Dauer _nein_!, und berufen uns dabei auf das Urteil aller
-erfahrenen Menschenkenner, unter anderem auch auf das in Kants
-»Anthropologie« zitierte eines so wenig christlich Denkenden wie
-Friedrich der Große »von der verfluchten Rasse, der wir angehören«.
-Der Riß zwischen Sein und Sollen, Wirklichkeit und Ideal besteht nun
-einmal, so gewiß wie das Schlechte, andere sagen: die Schwachheit
-der menschlichen Natur. Und solange das Böse nicht ausstirbt, darf
-auch der Kampf dagegen nicht aufhören, ist immer neue Erhebung,
-tägliche »Wiedergeburt« des Guten in uns notwendig. Mögen wir uns
-zeitweise in jenen Zustand vermählter Natur (»Sinnenglück«) und
-Sittlichkeit (»Seelenfrieden«) versetzen können: er hält nicht
-dauernd stand vor den tausend Widerwärtigkeiten des Lebens. In
-Lagen, wo wir die moralische Feuerprobe bestehen müssen, reicht das
-Natürliche, auch in seiner veredelten Gestalt als Sittlich-Schönes
-nicht aus; das Sittlich-Erhabene muß hinzutreten, uns emporziehen in
-die unbezwingliche Burg unseres besseren Selbst. Schönheit ist, im
-Körperlichen wie im Seelischen, allzu häufig nicht gepaart mit Stärke.
-
-Lassen sich ferner mit schöner Sittlichkeit, mit den edlen Neigungen
-des Mitleids (Schopenhauer) und der Sympathie (Shaftesbury) allein die
-großen _öffentlichen_ Aufgaben in _Staat_ und Gesellschaft lösen? Nein.
-Der reine »Ästhet« neigt zur ruhigen Betrachtung der Dinge anstatt
-zur Tat, zu beschaulichem Selbstgenuß statt des Wirkens für andere,
-trägt daher einen ausgesprochen geistesaristokratischen, dagegen
-unpolitischen und unsozialen Charakter. Doch wir werden auf Schillers
-Verhältnis zum _Staat_ noch besonders zu sprechen kommen. Jedenfalls
-fordert das Sittengesetz der Pflicht andere Taten von uns als das
-Schwelgen in Gefühlen. Das Ideal der Pflanze, das der lyrischen, am
-liebsten in sich selbst ruhenden Natur Herders so zusagte, eignet sich
-nicht zum Vorbild für den Menschen, der nicht zum Vegetieren, sondern
-zum Handeln geboren ist. Schiller, der in Kants Schule gegangen war,
-setzt darum in seinem Distichon »Das Höchste« bezeichnenderweise ein
-»wollend« hinzu; denn er wußte, daß im Gegensatz zur »ganzen Natur«
-der Mensch »das Wesen ist, welches _will_«. Auch die Tatsache, daß er
-in »Anmut und Würde«, übrigens auch darin Kant folgend, _Anmut_ als
-besonderen Ausdruck der _weiblichen_ Tugend darstellt, die sich nach
-seiner Meinung »selten zu der höchsten Idee sittlicher Reinheit erhebt
-und es selten weiter als zu affektierten (gefühlsmäßigen) Handlungen
-bringt«, beweist, daß sie dem Dichter nicht als Kennzeichen des
-vollen Menschen gilt, wie andererseits freilich auch nicht allein die
-»_Würde_« des _Mannes_.
-
-Mit einem Worte: Erhabene und schöne Sittlichkeit besitzen _beide_
-ihren eigenen Wert. Keine Harmonie ohne voraufgegangenen Kampf, aber
-das Ziel des Kampfes Harmonie! Will dagegen ein jedes von beiden für
-sich allein alles bedeuten, so wird es notwendig einseitig, wie das die
-großen geschichtlichen Erscheinungen gezeigt haben. Der christliche
-Dualismus traut der menschlichen Natur zu wenig zu und ist deshalb oft
-sinnen-, ja menschenfeindlich geworden. Selbst ein Luther, der doch
-ein neues, weltförmiges Christentum stiften wollte, verzweifelt an der
-eigenen Vernunft und Kraft. Das alte Griechentum dagegen und seine
-Wiedergeburt in der Zeit der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts
-und wiederum in der Zeit unserer klassischen Dichtung traut ihr zuviel
-zu, wenn es allen Halt und Maßstab in das souveräne Belieben des
-Einzelmenschen verlegt. Was soll nun unser sittliches Zukunftsideal
-sein? Um es einmal mit F. A. Lange in religiös-ästhetischem Bilde
-auszudrücken: erhabene Domeshallen mit himmelanstrebenden Türmen
-oder die klassisch-schönen Säulenordnungen hellenischer Tempel? Ich
-denke, viele von uns werden doch mit dem Sozialisten Lange neben jenem
-heiteren Tempel der Freude wenigstens eine »gotische Kapelle« für
-»bekümmerte Gemüter« schon im Hinblick auf das soziale Elend nicht
-entbehren wollen. Die moderne Ethik sollte meines Erachtens beide
-Elemente, das antike Harmoniegefühl und den sittlichen Idealismus der
-Tat, der sich umsetzt in kräftiges politisch-soziales Handeln, in sich
-aufzunehmen und womöglich zu einer höheren Einheit zu verbinden suchen.
-
-
-6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik[17]
-
-In dem Grundstandpunkt, daß das künstlerische Schaffen und Genießen
-eine besondere, von denen der Wissenschaft und Sittlichkeit
-grundsätzlich geschiedene Provinz des menschlichen Geistes darstellt,
-sahen wir unseren Dichter-Philosophen dem Verfasser der »Kritik der
-Urteilskraft« folgen. Desgleichen teilt er mit ihm die Ansicht, daß
-das künstlerische Erleben eine Bewegung des Gefühls darstellt und die
-Lust am Schönen weder durch logische Begriffe vermittelt noch durch
-sittliche Gebote beeinflußt ist.
-
-Aber er sucht, über Kant hinausgehend, einen _objektiven_ Maßstab
-der Schönheit festzustellen und glaubt ihn in einem langen Schreiben
-an Körner vom 18. Februar 1793, das er zu einer besonderen Schrift
-»Kallias« auszuarbeiten gedachte, in dem Satze: »Schönheit ist Freiheit
-in der Erscheinung« gefunden zu haben. Dieser an und für sich etwas
-dunkle Satz soll besagen: Im ästhetischen Urteil erscheint uns die
-ganze Natur, einschließlich des Menschen, als die Darstellung von
-freien, ihr eigenes Leben und Gesetz erfüllenden Wesen.
-
-Den Ausdruck dieses eigentümlichen Wesens einer jeden Person, eines
-jeden Dinges nennt Schiller, vielleicht durch Aristoteles und seine
-modernen Nachfolger, vielleicht auch schon durch Fichte beeinflußt,
-dessen _Form_. Schon auf dem theoretischen und dem ethischen Gebiet
-des Kritizismus spielt die Form eine sehr bedeutsame Rolle, wie ich in
-meiner Doktor-Dissertation[18] nachgewiesen habe. Schiller überträgt
-das nun auch auf das ästhetische Gebiet.
-
-Er unterscheidet drei Begriffe: die gestaltende Form, den zu
-gestaltenden Stoff und den schaffenden Künstler. Künstlerisch arbeiten
-heißt eben: dem Stoffe Form geben, den Stoff durch die Form vertilgen,
-wie es in der neunten Strophe von »Ideal und Leben« von den »heiteren
-Regionen, wo die neuen Formen wohnen«, beschrieben wird:
-
- »Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,
- Und im Staube bleibt die Schwere
- Mit dem _Stoff_, den sie beherrscht, zurück.
- Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
- Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen
- Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
- Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
- In des Sieges hoher Sicherheit,
- Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
- Menschlicher Bedürftigkeit.«
-
-Ein weiterer Begriff der Schillerschen Ästhetik ist der ästhetische
-oder schöne _Schein_. In der Wissenschaft wollen wir das Wirkliche
-erkennen, in der Ethik dem Guten durch unser Handeln Wirklichkeit
-verschaffen; der Gegenstand des ästhetischen Triebes dagegen ist der
-bloße Schein der Dinge, an dem nur »der Blick sich zu weiden« vermag,
-der Blick auf eine nur der »dichtenden« Seele wahrnehmbare eigene Welt.
-Im Gegensatz zu der Arbeit der Wissenschaft, dem Tun des Guten erweist
-der ästhetische Schein sich als bloßes _Spiel_: ein Spiel jedoch, das
-die Gesamtheit der menschlichen Gemütskräfte in Anspruch nimmt. Die
-Kunst versetzt sie in ein freies Spiel miteinander, d. h. eine rein
-sich selbst genügende Bewegung, die an keinen bestimmten Zweck gebunden
-ist, wie denn Kant die ästhetische Zweckmäßigkeit, im Gegensatz zur
-praktischen, als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« bezeichnet hatte. Mit
-dem Angenehmen, Guten und Wahren ist es dem Menschen _ernst_; mit dem
-Schönen _spielt_ er, d. h. er erfreut sich an ihm mit seiner vollen
-Menschennatur. »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des
-Wortes _Mensch_ ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« (15.
-ästhetischer Brief.)
-
-Die Wirkung des Schönen ist entweder eine schmelzende (auflösende) oder
-eine energische (anspannende). Auflösend wirkt die Schönheit, indem sie
-uns im Spieltrieb von der einseitigen Spannung des Stoff- (Sach-) oder
-des Formtriebs befreit und _fühlen_ lehrt, sobald wir Gefahr laufen, zu
-verknöchern, _denken_, wenn wir verdumpfen. Anspannend dagegen, wenn
-sie beide Teile in ihrer Kraft erhält, der Erschlaffung entgegenwirkt.
-So belebt das Schöne samt dem Erhabenen (denn nichts anderes ist
-eigentlich die »energische« Schönheit) alle Kräfte unserer Seele und
-stellt uns in der vollen Einheit unseres lebendigen Wesens dar.
-
-Wenden wir uns nun zum Schlusse Schillers Anwendung der ästhetischen
-Theorie auf sein eigenstes Schaffensgebiet, die _Dichtung_, zu. Die
-Hauptschrift, zugleich diejenige, nach deren Vollendung er von der
-Philosophie wieder zum poetischen Schaffen übergeht, ist die große
-Abhandlung von 1795/96
-
-
-Ueber naive und sentimentalische Dichtung,
-
-die man wohl »ein einziges Zwiegespräch mit Goethe« genannt
-hat, der dem naiven, so wie Schiller dem sentimentalen, Dichter
-entspricht. Sie geht aus von dem Reiz, den das _Naive_, Natürliche
-auf den Kulturmenschen ausübt. Die Naivität eines Kindes oder eines
-Naturmenschen erfreut und rührt uns als ein Sieg der Natureinfalt
-über die Künstelei der Zivilisation. Auch das Genie ist naiv, reine
-Naturkraft; wobei Natur als das Dasein der Dinge nach eigenen und
-unabänderlichen Gesetzen verstanden wird. In der Blume, der Quelle,
-dem bemoosten Stein, dem Vogelsang, der Kindheit lieben wir das ruhige
-Wirken aus sich, die ewige Einheit mit sich selbst. »Sie sind, was wir
-_waren_ und was wir wieder werden sollen.«
-
-Bewahrer der Natur sind nun in erster Linie die _Dichter_, sei es, daß
-sie »Natur« sind oder die verlorene suchen. Das dichterische Genie
-ist gleichsam der zur Person gewordene Spieltrieb, der ja ebenfalls
-nach seelischen Einfällen und Gefühlen, nicht nach logischen Begriffen
-verfährt. Naive Dichter sind Homer und Shakespeare; sentimental
-(gefühlvoll) ist Werther, der den Homer liest. Dem Naiven ist die
-Natur eine Selbstverständlichkeit, dem Sentimentalen ist sie ein Ziel
-seiner Sehnsucht. Naiv ist deshalb die Antike in ihrer Blütezeit,
-ihrer ungebrochenen Einheit von Natur und Kultur; sentimental das
-Christentum, in dem sich dieser Bruch vollzogen hat, aber auch
-der _moderne_ Mensch überhaupt. Und ferner kehrt in dem Kontrast
-»naiv-sentimental« der uns bekannte Gegensatz der harmonischen schönen
-Seele auf der einen, des sittlich-erhabenen Charakters auf der anderen
-Seite wieder.
-
-Die Hauptgattungen der sentimentalen, mithin spezifisch modernen
-Poesie sind die Satire, die Elegie und die Idylle, über die sich
-dann der Verfasser im einzelnen geistreich und mit anschaulichen
-Beispielen aus der ganzen Weltliteratur ergeht. Alle drei betreffen das
-Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit: die Satire, die strafende
-wie die spottende, stellt den Abstand beider voneinander, die Elegie
-das Ideal als ein verlorenes, die Idylle dasselbe als erreicht dar.
-Groß und echt ist die Dichtung nur, wo Gedanken und Gefühle von
-allgemeinmenschlicher Bedeutung, nicht bloß subjektives Fühlen des
-Dichters den Stoff beseelt. So muß aus der scherzhaften Satire die
-Überlegenheit der schönen Seele, aus der strafenden oder pathetischen
-der erhabene Charakter sprechen; muß die Sehnsucht der Elegie nach
-einem verlorenen Ideal gehen, die Idylle uns nicht in ein arkadisches
-Schäferleben, sondern in den Zukunftsstand einer neuen, harmonisch
-vollendeten Menschheit -- also das, was der Sozialist Utopie nennt
--- führen. _Schillers_ »Sentimentalität« bedeutet jedenfalls keine
-Rousseau-Klopstock-Ossiansche Empfindsamkeit, im Gegenteil herben
-Lebensrealismus.
-
-Er unterscheidet auch »wirkliche« und »wahre« Natur. Wir wollen in
-dem Werk des Dichters nicht die Zufälligkeiten der Wirklichkeit,
-etwa die natürlichen Ausbrüche der Leidenschaft, dargestellt sehen,
-wenigstens nicht als sein eigentliches Ziel, sondern »eine innere
-Notwendigkeit des Daseins«. Mit dem »Affentalent gemeiner Nachahmung«,
-wie es auch heute noch der extreme Naturalismus predigt, ist es nicht
-getan; nur in Kopf und Herz von künstlerisch-menschlich ausgebildeten
-Dichterpersönlichkeiten formt sich auch der niedere Stoff zu edlem
-Gebilde. Die Gefahr für den naiven Dichter besteht im Herabsinken
-zum Platten, Geistlosen, Gewöhnlichen; die für den sentimentalen in
-der Überspannung zum Gehalt- und Gestaltlosen einer schwärmerisch
-schrankenlosen Einbildungskraft. Die Aufgabe der Poesie ist weder
-angenehme Erholung im gewöhnlichen Sinne des Wortes noch moralische
-Besserung und Belehrung. Der Geisteszustand der meisten Menschen
-ist -- wie wahr trifft Schillers tief sozialer Blick hier auch noch
-die Gegenwart! -- »auf der einen Seite anspannende und erschöpfende
-Arbeit, auf der anderen erschlaffender Genuß«. Die Dichtkunst aber
-verlangt einen ganzen und vollen _Menschen_, »einen offenen Sinn, ein
-erweitertes Herz, einen frischen und ungeschwächten Geist«. Darum --
-das Wort behält auch heute noch seine volle Geltung -- die Seltenheit
-wirklich guten Geschmacks und entsprechenden Urteils in Fragen der
-Poesie, die nur aus feinster und edelster Bildung des Herzens und des
-Geistes hervorgehen können.
-
-Endlich: dem naiven Dichter entspricht der _Realist_, dem sentimentalen
-der _Idealist_. Der erste läßt sich in seinem Denken und Tun durch
-die bloße Erfahrung bestimmen, der zweite durch die Vernunft. Während
-der Realist nur an das Nächste, an den Einzelfall denkt, strebt
-der Idealist bis zu den obersten Voraussetzungen aller Erkenntnis
-vorzudringen, worüber er freilich oft das Besondere vernachlässigt, so
-daß er an Einsicht verliert, was er an Übersicht gewinnt. Des letzteren
-Charakter wird eine Hoheit und Größe zeigen, deren der Realist nicht
-fähig ist. Dieser redet in Sachen des Geschmacks dem Vergnügen,
-in Sachen der Moral der Glückseligkeit das Wort; ja selbst in der
-Religion vergißt er seinen Vorteil nicht gern, wenn er ihn auch durch
-den Begriff des höchsten Gutes zu veredeln und zu heiligen sucht. Der
-Idealist erstrebt die Freiheit selbst auf Kosten seines Wohlstandes. Er
-vergißt freilich über seinem Säen und Pflanzen für die Ewigkeit häufig
-die Gegenwart, über dem Ganzen, für das er leben möchte, den einzelnen.
-Der Realist wird oft würdiger handeln, als es seine Theorie zuläßt,
-während der Idealist öfters erhabener denkt, als er handelt. Beide
-unterliegen noch besonderen Gefahren: der Realist der einer blinden und
-wahllosen Ergebung in die Macht der Umstände, der Idealist derjenigen,
-ein Phantast zu werden. Auch hier liegt das wahre Ideal in der
-Vereinigung: beide sind notwendige Menschentypen, aber beide ergänzen
-einander.
-
-Wie wahr der Dichter hier die Wirklichkeit gesehen, wird jeder Leser
-mit uns gefühlt haben. So mündet auch Schillers, des »Idealisten«
-Ästhetik wie seine Dichtung, wie sein ganzes Schaffen schließlich in
-eine Philosophie des Lebens aus.
-
-
-7. Schiller als Politiker
-
-Es würde uns etwas an unserem Schiller fehlen, wollten wir nicht von
-seinem Verhältnis zu demjenigen reden, was auf der großen Weltbühne vor
-sich geht,
-
- »Wo um der Menschheit große Gegenstände,
- Um Freiheit und um Herrschaft wird gerungen,«
-
-mit anderen Worten von seiner Stellung zur _Politik_. Schiller ist von
-Anfang an politisch interessiert gewesen. Freilich besteht ein großer
-Unterschied zwischen dem jungen und dem älteren Schiller. Uns ist
-leider nur ein kurzer Überblick möglich.[19]
-
-Die politische Stimmung des aus kleinen, engen Verhältnissen
-stammenden, dann in der Karlsschule unter härtestem Druck und Drill
-gehaltenen Jünglings ist leidenschaftliche Opposition, repräsentiert
-durch »_Die Räuber_«, über deren allgemeine Bedeutung wir uns schon
-auf Seite 101 f. ausgesprochen haben, und die schon in ihrem Motto
-~In tyrannos~ (gegen die Tyrannen) und mit ihrer Titelvignette, dem
-aufsteigenden, grimmig seine Pranken erhebenden Löwen die revolutionäre
-Gesinnung ihres Dichters ausdrücken. Dasselbe Gesicht zeigen die
-gleichzeitig entstandenen leidenschaftlichen Gedichte der »Anthologie
-auf das Jahr 1782«, z. B. »Die schlimmen Monarchen«. Kein Wunder, wenn
-ein zeitgenössischer, anscheinend etwas größenwahnsinnig angelegter
-Fürst über den von der Jugend vergötterten jungen Dichter-Revolutionär
-die Äußerung getan haben soll: Wenn ich mit dem Gedanken umgegangen
-wäre, die Welt zu erschaffen, und vorausgesehen hätte, daß Schillers
-»Räuber« darin würden geschrieben werden, so hätte ich die Welt _nicht_
-erschaffen! -- Der »_Fiesko_« ist zwar schon wesentlich zahmer, aber
-doch ein »republikanisches Trauerspiel«, das den Pfälzer Philistern, in
-deren Adern »kein römisches Blut floß«, schon zu weit ging.
-
-»_Kabale und Liebe_« dagegen ist wieder eine _soziale Tragödie_, in
-der selbst nach dem Urteil eines politisch so gemäßigten Mannes wie
-H. Hettner »Fäulnis und Verderbnis« als »der Grundzug aller unserer
-staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen« zum Vorschein kommen.
-Kühner als Lessing in seiner »Emilia Galotti« wagt der Dichter es,
-die Handlung nach Deutschland zu verlegen. Die gewissenlose Kabale
-der Hofkreise gegenüber den natürlichen Rechten des Herzens, die
-Mätressenwirtschaft, die Klassenjustiz, der Verkauf der Landeskinder:
-das alles wird mit solcher Lebenswahrheit und in so glühenden Farben
-geschildert, daß das Drama auch heute, nach 140 Jahren, noch wie ein
-Blitz in ein empfängliches, natürlich empfindendes Publikum einschlägt,
-wenn es mit Feuer gespielt wird, wie ich es selbst bei einer Aufführung
-durch Schüler im Jahre nach der Revolution erlebte.
-
-In einer öffentlichen Vorlesung vor der »Kurpfälzischen Deutschen
-Gesellschaft« zu Mannheim am 26. Juni 1784 -- später unter dem Titel
-»Über die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet« unter seine
-Werke aufgenommen -- verkündet Schiller es geradezu als den Beruf der
-Bühne, ihre Gerichtsbarkeit da auszuüben, »wo das Gebiet der weltlichen
-Gesetze sich endigt«. »Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und
-im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer
-Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet,
-übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor
-einen schrecklichen Richterstuhl.« Wie stark in jenen Zeiten sein
-politisches Interesse war, geht unter anderem auch daraus hervor,
-daß ihm damals ein zukünftiges Wirken als _Staatsmann_ als Wunsch
-vorschwebte. Einer seiner Jugendfreunde hat einmal geäußert: Wenn
-Schiller nicht ein großer Dichter geworden wäre, so hätte er gewiß
-eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt, freilich mit dem
-bezeichnenden Zusatz: er würde sie dann wohl als Festungsgefangener
-geendet haben. Und der Musiker Andreas Streicher, der 1782 mit ihm aus
-Stuttgart floh, berichtete von ihrer Trennungsstunde im März 1785: wie
-er (Streicher) Kapellmeister, so hätte Schiller damals -- Minister
-werden wollen!
-
-Vielleicht hängt damit innerlich schon der Keim zu dem späteren »_Don
-Carlos_« zusammen, in dem ja Marquis Posa seine völkerbeglückenden
-Pläne als Minister König Philipps verwirklichen will. Anfangs
-war bekanntlich das Stück anders gedacht: als ein tragisches
-»Familiengemälde im königlichen Hause« und zugleich als ein
-Tendenzstück gegen die Jesuiten: »eine Menschenart, welche der Dolch
-der Tragödie bisher nur gestreift hat«, und gegen die Inquisition,
-deren »Schandfleck« er, um die »prostituierte Menschheit zu rächen«,
-»fürchterlich an den Pranger stellen« wollte. Während der jahrelangen
-Ausarbeitung änderte sich dann, mit der inneren Entwicklung des
-Dichters, auch der Plan des Dramas. So wie es jetzt vorliegt, stellt es
-eine Anwendung der ethischen Zeitgedanken: Humanität, Weltbürgertum,
-Glaubens- und Gedankenfreiheit auf den _Staat_ dar, verkündet durch
-den begeisterten Mund des idealistischen und dabei doch als weltklug
-geschilderten Malteserritters. Mit »Kabale und Liebe« verglichen,
-haben wir freilich nur einen stark abgeblaßten Liberalismus vor uns:
-nicht mehr Rousseau, sondern Montesquieu, dessen »Geist der Gesetze«
-er ungefähr gleichzeitig studiert. Gewiß wird »Männerstolz vor
-Königsthronen« -- »ich kann nicht Fürstendiener sein!« -- und Kampf
-gegen den Despotismus gepredigt. Aber von der Masse des Volkes ist
-kaum, von einem sozialen Untergrund gar nicht mehr die Rede. Das Ganze
-spielt sich in der Sphäre des Hoflebens ab. Auf den Thronfolger setzt
-Posa seine Hoffnung. Also Kronprinzenliberalismus!
-
-Immerhin ist Schiller in dieser und der zunächst folgenden Zeit noch
-lebhaft politisch interessiert. »Was ist den Menschen wichtiger als die
-glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in der alle unsere Kräfte
-zum Treiben gebracht werden sollen?« schreibt er an die Schwestern von
-Lengefeld am 4. Dezember 1788. Auch seine »Geschichte des Abfalls der
-Vereinigten Niederlande« (1788) ist, wie der einleitende Abschnitt
-zeigt, von der ja schon im »Don Carlos« hervortretenden Sympathie für
-den Freiheitskampf eines kleinen, bedrängten Volkes um sein Recht
-»gegen die furchtbaren Kräfte der Tyrannei« diktiert.
-
-In diesen Zusammenhang gehören auch die schon unter dem Einfluß Kants
-geschriebenen kleinen _geschichtsphilosophischen_ Aufsätze; vor allem
-aber die bereits behandelte _Antrittsrede_ über das Studium der
-Universalgeschichte, welche Sätze enthält wie den folgenden: »Alle
-denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.« Oder:
-»Unser _menschliches_ Jahrhundert« -- an einer anderen Stelle heißt
-es statt dessen: »Das Zeitalter der _Vernunft_« -- »herbeizuführen,
-haben sich alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.« Und zum Schlusse
-den Appell an seine jugendlichen Zuhörer, auch ihrerseits zu diesem
-weltgeschichtlichen Ergebnis beizutragen.
-
-Fast zur selben Zeit, als Friedrich Schiller vom Jenaer
-Universitätskatheder diese Worte sprach (Mai 1789), hatte man
-jenseits des Rheins den Staat der Vernunft in die Wirklichkeit zu
-übersetzen begonnen: in der _Französischen Revolution_. Sie hat in
-ihren ersten Jahren, wie wohl alle großen Geister des damaligen
-Deutschlands, darunter sogar den alten Messiassänger Klopstock und
-den konservativen Minister Goethe, selbstverständlich auch Schiller
-in ihren Bann gezogen. Aber nur wenige dieser Größen, darunter der
-alte Immanuel Kant, blieben diesem politischen Idealismus auch über
-die sogenannte Schreckenszeit hinaus treu. Auch Schiller fühlte
-sich durch die terroristischen Handlungen des Konvents, vor allem
-die Hinrichtung des Königs, dermaßen abgeschreckt, daß er an Körner
-am 8. Februar 1793 die entsetzten Worte schrieb: »Ich kann seit
-vierzehn Tagen keine französische Zeitung lesen, so sehr ekeln
-diese elenden Schindersknechte mich an!« Das schrieb der einstige
-»Stürmer und Dränger«, den der Konvent selbst im August 1792 zusammen
-mit Washington, Klopstock und Pestalozzi zum »Ehrenbürger« der
-französischen Republik ernannt hatte. Und diese ablehnende Stimmung
-hat er dann beibehalten. Sie spiegelt sich wider in den bekannten
-abschreckenden Schilderungen des »Aufruhrs« und der weiblichen »Hyänen«
-in der »Glocke«; wo der Dichter des Idealismus sich sogar dahin
-versteigt, von »ewig Blinden« zu sprechen, denen man »des Lichtes
-Himmelsfackel« nicht leihen dürfe, hingegen als höchstes staatliches
-Gut die »heilige« bürgerliche »Ordnung« preist. Man kann zur
-psychologischen Erklärung dieser Tatsache auf seine veränderten äußeren
-Lebensverhältnisse hinweisen. Er war nicht mehr der »literarische
-Vagabund« von ehedem, sondern ein seßhaft gewordener Jenaer Professor,
-ein ehrsamer Ehemann und Familienvater, ein Weimarischer Hofrat, der
-sich schließlich mit Rücksicht auf die höfischen Beziehungen seiner
-Frau auch die sogenannte »Erhebung« in den Adelstand gefallen ließ.
-Für uns ist es wichtiger, die innere, die philosophische Wandlung zu
-verfolgen, die dieser politischen Wandlung zugrunde lag.
-
-Wir haben dafür seit einigen Jahrzehnten eine ausgezeichnete Quelle in
-den _ursprünglichen_, 1793 geschriebenen philosophischen Briefen an den
-Prinzen von Augustenburg, von denen die spätere Fassung der gedruckten
-»Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) in sehr
-wesentlichen Stücken abweicht. Ohne hier auf alle Einzelheiten eingehen
-zu können, müssen wir doch das für unser Thema Wichtigste, schon weil
-es manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweist, herausheben. Es
-findet sich namentlich in dem ausführlichen zweiten Briefe vom 18.
-Juli 1793, wobei ich allerdings eine andere, rein sachlich bestimmte
-Reihenfolge einzuschlagen mir gestatte.
-
-Vor den in der Revolution gemachten Erfahrungen, schreibt er hier an
-den übrigens freidenkenden Prinzen, »konnte man sich allenfalls mit dem
-lieblichen Wahne schmeicheln, daß der unmerkliche, aber ununterbrochene
-Einfluß denkender Köpfe, die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der
-Wahrheit, der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich
-zum Empfang des Besseren gestimmt und so eine Epoche vorbereitet haben
-müßten, wo die Philosophie den moralischen Weltbau übernehmen und das
-Licht über die Finsternis siegen könnte«. Man sei in der »theoretischen
-Kultur«, also in der Erkenntnis schon so weit vorgedrungen gewesen,
-daß »auch die ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfingen
-und der Thron tausendjähriger Vorurteile erschüttert ward«. Und als
-nun »eine geistreiche, mutvolle, lange Zeit als Muster betrachtete
-Nation« daran ging, ihren »positiven« Gesellschaftszustand gewaltsam
-zu verlassen, um sich in den »Naturstand« zurückzuversetzen, »für den
-die _Vernunft_ die alleinige und absolute Herrscherin ist«, da mußte
-»jeder, der sich Mensch nennt«, vor allem jeder »Selbstdenker« den
-lebhaftesten Anteil daran nehmen. Denn wenn ein Gesetz des weisen
-Solon denjenigen Bürger verdammt, der bei einem Aufstand keine
-Partei nimmt, wie konnte man in diesem Falle, »wo das große Schicksal
-der Menschheit zur Frage gebracht ist«, neutral bleiben, »ohne
-sich der strafbarsten Gleichgültigkeit gegen das, was dem Menschen
-das Heiligste sein muß, schuldig zu machen«! Denn hier ist »eine
-Angelegenheit, über welche sonst nur das Recht des Stärkeren und die
-Konvenienz zu entscheiden hätte, vor dem Richterstuhl reiner Vernunft
-anhängig gemacht«, die, wie es an einer anderen Stelle im Anschluß
-an Kants Ethik heißt, »den Menschen als Selbstzweck respektiert und
-behandelt«.[20] Und bei den Gesetzen hat ein jeder Selbstdenker, als
-Beisitzer jenes Vernunftgerichts, mitzusprechen, indem er sie »als
-mitbestellter Repräsentant der Vernunft zu diktieren berechtigt und
-aufrechtzuerhalten verpflichtet ist«.
-
-Aber, wie es in einem Distichon von 1797 heißt, »der große _Moment_
-fand ein kleines _Geschlecht_«. Der Gebrauch, den das französische
-Volk von diesem großen Geschenk des Augenblicks machte, bewies, »daß
-das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht
-entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu
-frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt
-der Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist zur
-bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt«.
-»Rohe, gesetzlose Triebe« -- man hört den Dichter der »Glocke« --, die
-»nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung ... mit unlenksamer
-Wut ihrer tierischen Befriedigung zueilen« in den niederen, und der
-»noch niedrigere« Anblick der Erschlaffung und Entartung des Charakters
-in den »zivilisierten« Klassen: das ist die Signatur der Gegenwart.
-Wir wollen diesen Sätzen nicht entgegenhalten, was Immanuel Kant in
-demselben Jahre 1793 in seiner Religionsschrift über die angeblich
-mangelnde »Reife zur Freiheit« schreibt. Schiller jedenfalls stellt
-sich auf einen pessimistischen Standpunkt. Auch für ihn bleibt
-gewiß »_politische_ und _bürgerliche Freiheit_ immer und ewig das
-_heiligste_ aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und
-das _große Zentrum aller Kultur_«. Und wenn das Vernunftgesetz auf
-den Thron erhoben und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes
-gemacht wäre, schreibt er, »so wollte ich auf ewig _von den Musen
-Abschied nehmen_ und dem herrlichsten aller Kunstwerke, der _Monarchie
-der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen_«. Allein »jeder Versuch
-einer Staatsverfassung aus _Prinzipien_« -- und jede andere ist »bloßes
-Not- und Flickwerk«! -- kann für ihn nur in Frage kommen, wenn »der
-Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben
-ist«, und das sei -- »eine Arbeit für mehr als ein Jahrhundert«!
-
-Daraus zieht nun unser Dichter die Folgerung: weniger die Aufklärung
-des _Verstandes_, für die schon genug geschehen sei, als die sittliche
-Reinigung und Stärkung des _Willens_, vor allem aber die Veredlung
-der _Gefühle_ sei für jetzt das Wichtigste. Es ist das Programm der
-_ästhetischen Kultur_, das dann die »Ästhetischen Briefe« von 1795 in
-reicher Begründung und Ausführung weiter entwickeln. Hierauf näher
-einzugehen, zu zeigen, wie nach Schillers Auffassung die ästhetische
-Erziehung den Menschen aus dem »Notstaat« der Wirklichkeit allmählich
-zum »Vernunftstaat« emporführt, dürfen wir uns um so eher versagen,
-als wir ja die ganze Frage von Schillers ethisch-ästhetischem Ideal
-schon oben ausführlich genug behandelt haben und -- diese ganze,
-ihm als _Dichter_ freilich naheliegende und durch den Verkehr mit
-gleichgesinnten Geistern wie Goethe und Wilhelm v. Humboldt sicherlich
-noch gestärkte ästhetische Auffassung mit Bezug auf _politische_ Dinge
-sich doch eigentlich als ein großer Trugschluß erwiesen hat. Rein
-ästhetische Kultur vermag nicht einmal den einzelnen politisch reif
-und mündig zu machen, geschweige denn ein ganzes Volk. Gewiß, eine
-starke Beimischung ethisch-ästhetischer Kultur würde dem deutschen
-Machtstaat von 1866 bis 1918 nichts geschadet haben und auch unserem
-heutigen angeblichen Kulturstaat nichts schaden. Indes, das ist nicht
-die _erste_ Frage. Die Vorbedingung für einen wahrhaften Staat der
-Vernunft, wie ihn ja auch Schiller letzten Endes erstrebt, ist, wie
-_wir_ inzwischen gelernt haben, die politisch-ökonomische Befreiung der
-Massen.
-
-Und da können wir mit Befriedigung feststellen, daß der »Idealist«
-Schiller in dieser Beziehung, d. h. hinsichtlich der _ökonomischen_
-Grundlage alles staatlichen Lebens, wenigstens nicht ganz blind
-gewesen ist.[21] Sie alle werden seine bekannte Strophe aus dem
-Erscheinungsjahr der »Ästhetischen Briefe« (1795) kennen:
-
- »Einstweilen, bis den Bau der Welt
- Philosophie zusammenhält,
- Erhält sie das Getriebe
- Durch _Hunger_ und durch _Liebe_.«
-
-Und vielleicht auch den noch deutlicheren Doppelvers, den er den bloßen
-Moralpredigern von »Menschenwürde« entgegenhält:
-
- »Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen.
- Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«
-
-Genau dasselbe sagt er im vierten Briefe an den Prinzen (November
-1798): »Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich
-satt gegessen hat; aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben,
-wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.« Schon der zweite Brief
-hatte ausgeführt, daß »das Bedürfnis und der Drang der physischen
-Lage, die Abhängigkeit des Menschen von tausend Verhältnissen, die ihm
-Fesseln anlegen«, seinen Aufflug in die »Regionen des Idealischen«,
-speziell auch die der Kunst, verhindern, womit die wirtschaftliche
-Grundlage jenes in den »Briefen« von 1795 gepredigten idealen Reiches
-der ästhetischen Kultur zugegeben ist. »Mit der Verbesserung ihres
-_physischen_ Zustandes«, heißt es demgemäß im vierten Briefe ganz
-marxistisch, »muß man das Aufklärungswerk bei einer Nation beginnen.«
-Denn »der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den harten Kampf
-mit dem physischen Bedürfnis viel zu sehr ermüdet und abgespannt,
-als daß er sich zu einem neuen und inneren Kampfe mit Wahnbegriffen
-und Vorurteilen aufraffen sollte«. Er ergreift daher mit hungrigem
-Glauben die Formeln, mit denen es Staat und Priestertum »von jeher« --
-wie nicht bloß die französischen Materialisten, sondern auch Kant und
-Heinrich Heine sagen -- »gelungen ist, das erwachte Freiheitsbedürfnis
-ihrer Mündel abzufinden«.
-
-Auch die seelische Verstümmelung des Menschen durch geisttötende
-Fabrik- oder Facharbeit hat Schiller bereits klar gesehen: »Ewig nur
-an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich
-der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige
-Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die
-Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur
-auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner
-Wissenschaft.« So müssen die Individuen »unter dem Fluche dieses
-Weltzwecks«, nämlich des (aus Kants Geschichtsphilosophie übernommenen)
-Widerstreits der menschlichen Kräfte, leiden und ihre Natur durch
-jahrtausendelange Sklavenarbeit »verstümmeln« lassen, bis dereinst
-einmal der »_freie Wuchs der Menschheit_« sich entfalten kann. Und
-nicht mit Unrecht hat es Mehring auf den modernen Klasssenkampf der
-Lohnarbeiterschaft angewandt, wenn Schiller ein anderes Mal erklärt,
-daß zwar Sklaverei »niedrig« und eine sklavische Gesinnung in der
-Freiheit gar »verächtlich« ist, eine bloße »sklavische _Beschäftigung_«
-dagegen, falls sie mit Hoheit der Gesinnung verbunden ist, ins Erhabene
-übergehen kann. Wieder an einer anderen Stelle kritisiert er schon
-vor Fichte, wenn auch nicht so scharf wie dieser, den bürgerlichen
-Eigentumsbegriff: »Eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechts, wobei
-ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der bloßen Natur
-nicht gegründet.«
-
-Wir haben diese Stellen zitiert, um Schillers soziale Einsicht
-zu beweisen. Aber es liegt uns fern, unseren Dichter deshalb zum
-_Sozialisten_ stempeln zu wollen. Im Gegenteil, in den auf 1795
-folgenden Jahren zieht er sich mehr und mehr, wie von der Philosophie,
-so erst recht von aller Politik, ja überhaupt aus der rauhen
-Wirklichkeit in das schöne Reich des Ideals zurück. »Glühend für
-die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen
-Menschen«, aber »_gleichgültig_ gegen das ganze Geschlecht, wie
-es _wirklich_ vorhanden ist«, bezeichnet er dem jungen kant- und
-menschheitsbegeisterten Mediziner Erhard im Mai 1795 als seinen
-»Wahlspruch« und rät auch ihm, sich von dem Weltbürgertum »ganz und gar
-zurückzuziehen«, um »mit Ihrem _Herzen_ sich in den engeren Kreis der
-Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem
-_Geist_ in der Welt des Ideals leben«!
-
-Damit hängt seine völlige Rückwendung zur Poesie in seinem letzten
-Lebensjahrzehnt (1795 bis 1805) zusammen. Seinen deutschen Mitbürgern
-aber rief er die Worte zu:
-
- »Zur _Nation_ euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,
- Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu _Menschen_ euch aus!«
-
-Und doch hat ihn auch in der Dichtung das Politische nie losgelassen.
-Zeugnis seine historischen Dramen: der »Wallenstein«, »Maria Stuart«,
-»Die Jungfrau von Orleans«, der »Tell« und der »Demetrius«. Auch das
-Schicksal seiner Nation hat ihn nicht gleichgültig gelassen, wie aus
-den Fragmenten des Nachlasses zu ersehen ist, auf die vor allen Tönnies
-aufmerksam gemacht hat. Wie auf unsere _Gegenwart_ gemünzt erscheinen
-Sätze wie die folgenden: »Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo
-er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige
-Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick
-bestimmt -- darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und
-freuen?« Und er antwortet: »Ja, er darf's. Er geht unglücklich aus dem
-Kampfe; aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren ...
-Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten ...
-Die deutsche Würde ist eine _sittliche_ Größe, sie wohnt im Charakter
-der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.« Und
-schließlich können und wollen wir, in der inneren wie in der äußeren
-Politik, die auch von Franz Mehring als »herrliches Bekenntnis«
-gepriesenen Worte Stauffachers in der Rütliszene als sein politisches
-Testament an uns betrachten:
-
- »Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
- Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
- Wenn unerträglich wird die Last, -- greift er
- Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
- Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
- Die droben hangen unveräußerlich
- Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.«
-
-
-8. Schiller, der Idealist
-
-Schillers philosophische Gedankenwelt ist eigentlich unerschöpflich,
-denn ihr innerster Lebenskern, die _Idee_, kann ihrer Natur nach
-nie versiegen. Das empfinden wir immer wieder, so oft wir in seine
-philosophischen Aufsätze, in den Ideengehalt seiner Dramen und
-nicht zum wenigsten auch in seine vortreffliche _Gedankenlyrik_ uns
-versenken. Werfen wir auf diese zum Schluß noch einen kurzen Blick!
-Wir haben schon seine »Resignation«, seinen »Kampf«, seine »Götter
-Griechenlands«, seine »Künstler« und vor allem die herrlichste
-und auch von ihm selbst am höchsten gestellte Schöpfung dieser
-Art: »Das Ideal und das Leben« berührt. Ich erinnere des weiteren
-an das Goethe besonders wohlgefallende »_Die Ideale_«, die den
-schwärmerischen Idealismus des Jünglings zu dem scheinbar nüchternen,
-aber gehaltvolleren und bleibenderen des reifen Mannes vertiefen:
-dem Idealismus der nie ermattenden und rastlos, obzwar mit kleinen
-Schritten vorwärtsdringenden _Arbeit_ (»Beschäftigung«, sagt Schiller)
-und der _Freundschaft_, die wir uns erweitert denken können zur
-Gesinnungsgemeinschaft überhaupt. Oder an den »_Spaziergang_«, der, von
-der Einzelpersönlichkeit ablenkend, in der anspruchslosen Form eines
-Spazierganges uns ein Bild des kulturgeschichtlichen Werdeganges der
-Menschheit entwirft und von der ersten Einfalt der Natur durch die
-Spannungen und den Streit des Kulturlebens uns zuletzt in den Schoß
-der reinen Natur wieder zurückführt. Oder an seine in köstlicher Fülle
-vorhandene, in der Regel in die antike Form des Distichons (Hexameter
-mit Pentameter) gegossene _Spruchdichtung_. Hervorgehoben seien hier
-nur die unsere früheren Ausführungen über des Dichters ethische
-Anschauungen erläuternden: »Die moralische Kraft«, »Die Führer des
-Lebens«; die zum Politischen hinüberleitenden: »Pflicht für jeden«
-und »An einen Weltverbesserer«, sowie das fein psychologische kurze
-Distichon über die »Sprache«. Und an das Wort von der »Philosophie«,
-das uns zum Schlusse noch einmal so recht Schillers allem pedantischen
-Richtungs- und Schulwesen abgewandte philosophische Art vor Augen zu
-führen geeignet ist:
-
- »Welche wohl bleibt von allen Philosophi_en_? Ich weiß nicht.
- Aber _die_ Philosophie, hoff' ich, soll ewig bestehn.«
-
-So wird denn auch der Dichter Schiller, solange deutsche Philosophie
-besteht, d. h. hoffentlich noch für lange Zeiten, als ihr zugehörig
-betrachtet werden. Und was für eine Philosophie war, besser _ist_ das?
-Das hat er uns in den letzten Zeilen seiner »Worte des Wahnes« gesagt.
-Das Schöne, das Wahre und (wir dürfen in seinem Sinne hinzusetzen) auch
-das Göttliche oder Gute,
-
- »Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
- Es ist _in_ dir, du bringst es ewig hervor!«
-
-Es ist mit anderen Worten die Philosophie des _Idealismus_ von Platon
-bis Kant und Schiller und über sie hinaus bis zu uns, die »ewig
-bestehen« wird und soll.
-
-Denn der Mensch bedarf einer Erhebung über die alltägliche
-Wirklichkeit. Er wird sich nie völlig befriedigt fühlen allein durch
-die »Erfahrung«, d. h. durch die auch noch so vollständig bis in alle
-Einzelheiten erforschte Welt der _Wissenschaft_. Er wird sich immer
-aus der Tiefe seines eigenen Innern noch eine andere, eine ideale Welt
-schaffen, die allerdings keine logisch oder naturwissenschaftlich
-benennbare Welt des Seienden sein wird, sondern eine von ihm selbst
-»gedichtete« Welt der _Werte_. Es kommt nur darauf an, was man unter
-»Dichten« versteht, und ob diese Werte haltbar sind. Eine solche Welt
-aber hat uns Friedrich Schiller gelehrt, wenn er uns »die Angst des
-Irdischen von uns werfen«, wenn er uns »aus dem engen, dumpfen Leben«
-fliehen heißt »in des Ideales Reich«, in das Gedankenland der Idee, wo
-alle Arbeit ihre Ruhe, aller Kampf seinen Frieden, alle Not ihr Ende
-findet. Damit steht er dem ursprünglichen Christentum vielleicht näher
-als die Dogmatik der Aufklärung seiner Zeit, die zwar den Gottes- und
-Unsterblichkeitsbegriff festhielt, aber die Lehre von der Erlösung als
-vernunftwidrig fahren ließ.
-
-Freilich diese Erlösung ist nicht die kirchliche, von außen an uns
-herangetragene, und durch das Blutopfer eines Gottes uns erkauft,
-sondern, wie bei Kant, eine _Selbst_erlösung des wahrhaft »glaubenden«
-Menschen, der das Überirdische, Unaussprechliche, »Göttliche« als sein
-wahres Wesen wieder erkennt und es deswegen »in den eigenen Willen
-aufzunehmen« vermag. Gewiß, solche Augenblicke reinster religiöser
-Erhebung können bei der Natur unserer Seele nicht beständig andauern.
-Dennoch wirken sie, so oft sie wiederkehren, befreiend und läuternd
-auf das Gemüt. So hat unter anderen einer der edelsten Jünger und
-Dolmetscher unseres Dichter-Philosophen, Friedrich Albert Lange (1828
-bis 1875), seinen Schiller aufgefaßt. Und ebenso steht es mit der
-_Kunst_. Denn wer will, um ein Wort desselben Lange zu variieren, die
-Neunte Sinfonie Beethovens oder die Lyrik Goethes »widerlegen« oder
-Raffaels Madonna des »Irrtums« zeihen?
-
-Unser praktisches Handeln aber stelle sich, damit Schillers »Staat
-der Vernunft« einst heraufgeführt werde, unter das Banner jener
-Wille und Herz erhebenden großen Idee, die, wie Lange sagt, »den
-Egoismus hinwegfegt und menschliche Vollkommenheit in menschlicher
-Genossenschaft an die Stelle der rastlosen Arbeit setzt, die allein den
-persönlichen Vorteil ins Auge faßt«. Auch das ist, wenngleich nicht mit
-den Worten des geschichtlichen Schiller, ja vielleicht nicht einmal
-genau in den Grenzen seines in der Hauptsache noch individualistisch
-befangenen politischen Sinnes, wohl aber in der Richtung seiner
-weltumspannenden Liebe -- »Seid umschlungen, Millionen!« --, seines
-Glühens für die Idee der Menschheit gedacht, den wir uns nur auf die
-sozialen Verhältnisse der Gegenwart übertragen denken, wenn wir für die
-Verwirklichung des weltumspannenden Gedankens eintreten, den Schiller
-noch nicht gekannt hat: den des _Sozialismus_.
-
-
-
-
-Goethe
-
-
-Goethe sagte einmal gegen Ende seines Lebens, am 4. Februar 1829, von
-sich: »Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten;
-der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.«
-Und ein andermal gesteht er sogar, daß ihm »für Philosophie im
-eigentlichen Sinne« das Organ gefehlt habe. Er hat auch in seinem
-langen Leben nie eine philosophische Abhandlung geschrieben, geschweige
-denn ein philosophisches System entworfen. Und dennoch, ein so
-allumfassender nicht bloß Dichter-, sondern auch Denkergeist wie er muß
-ein positives Verhältnis zur Philosophie besessen haben: wenn nicht
-im Schulsinne, so doch im Sinne einer Weltanschauung. Nicht minder
-als Lessing oder Herder. Freilich, der _Philosoph_ in ihm war, wie er
-selbst sagt, nur _eine_ der »verschiedenen Richtungen seines Wesens«,
-und er nahm aus der Philosophie immer nur, »was seiner Natur gemäß
-war«. Noch weniger als Lessing, Herder und Schiller konnte Goethe je
-ein -ist oder -aner, etwa der Spinozist, als der er früher vielfach
-angesehen wurde, oder ein Kantianer werden. Mit dieser Einschränkung
-also wollen wir seinen philosophischen Entwicklungsgang betrachten.
-Denn vor allem bei ihm, der eine so entwicklungsfähige Natur besaß,
-der immer beflissen war, zu lernen und Neues seinem geistigen Ich
-anzugleichen, der mit der wechselnd ihn umgebenden geistigen,
-wissenschaftlichen, politischen Welt sich auch vielfach gewandelt
-hat, müssen wir den Weg der _entwicklungs_geschichtlichen Darstellung
-einschlagen. Der jugendliche Goethe ist auch philosophisch ein
-anderer als der reife Mann, und von diesem ist wieder der alte Goethe
-unterschieden.
-
-
-
-
-~A~. Die Anfänge
-
-1764 bis 1776 (Leipzig, Frankfurt, Straßburg)
-
-
-Wolfgang Goethe war ein frühreifer Knabe. Schon der Fünfzehnjährige
-wirft sich, wie er uns im sechsten Buche von »Dichtung und Wahrheit«
-erzählt, angeregt von einem älteren Freunde, teils um sich von seinem
-ersten Liebeskummer zu zerstreuen, teils um sich zur Universität
-vorzubereiten, auf das ihm bis dahin »ganz neue und fremde« Feld der
-Philosophie. Aber die theoretische Philosophie stößt ihn schon damals
-ab. Er findet, eine »abgesonderte« Philosophie sei gar nicht nötig,
-sie sei vielmehr bereits in Religion und Poesie vollkommen enthalten.
-Dagegen unterhält ihn die Geschichte der Philosophie mit ihren
-wechselnden Meinungen. Aber auch hier eigentlich nur die Praktiker:
-der weise Sokrates, der ihn an Christus erinnert, der wackere Stoiker
-Epiktet aus dem ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit, der
-bekanntlich in seiner Ethik ebenfalls vieles mit dem Christentum gemein
-hat, obwohl er es noch nicht gekannt hat, wie ich vor Jahren einmal in
-einem besonderen Aufsatz nachgewiesen habe.[22] Später vertieft er sich
-auch zeitweise in das große Diktionnaire des französischen Skeptikers
-Pierre Bayle, das er in seines Vaters Bücherei entdeckt hat.
-
-Im Herbst 1765 bezieht dann der eben Sechzehnjährige -- ein
-Abiturientenexamen war damals ja noch nicht nötig -- die _Leipziger_
-Universität. Aber auch hier stößt ihn das übliche ~Collegium Logicum~
-ab, wie es der Mephisto dem Schüler in der berühmten Faustszene so
-ergötzlich beschreibt:
-
- »Da wird der Geist euch wohl dressiert,
- In spanische Stiefeln eingeschnürt usw.«
-
-Das »Auseinanderzerren, Vereinzeln und gleichsam Zerstören« der von uns
-in Wirklichkeit so leicht und bequem vollzogenen Geistesoperationen,
-das die Logik notwendig betreiben muß, widerstrebt dem jungen
-Dichtergeist, der aufs Schauen gerichtet war. Kein Wunder, daß
-ihm die damalige _Wolff_sche Schulphilosophie mit ihrem dürren,
-nichtssagenden Gerede über alles mögliche mißfiel, deren Verdienst, wie
-er in »Dichtung und Wahrheit« sehr richtig sagt, in dem Ordnen unter
-bestimmte Rubriken und einer »an sich respektabeln« Methode bestand,
-während »das oft Dunkle und unnütz Scheinende ihres Inhalts«, die
-unzeitige Anwendung jener Methode[23] und die »allzu große Verbreitung
-über so viele Gegenstände« sie dem Publikum »fremd, ungenießbar und
-endlich entbehrlich« machte. Unter den Philosophen des »gesunden
-Menschenverstandes«, die dieser gelehrten Schulphilosophie schließlich
-den Garaus machen, hebt er als vielbewunderte Schriftsteller Moses
-Mendelssohn und Garve, später, in einer Rezension der »Frankfurter
-Gelehrten Anzeigen« 1773, auch Kant hervor. Mehr zogen Lessing, daneben
-der Kunsthistoriker Winckelmann und Oeser, der ausübende Künstler und
-Direktor der Leipziger Zeichenakademie, seinen künstlerischen Sinn an.
-
-Nachdem er dann in der Frankfurter Heimat (1768 bis 1770) eine
-Zeitlang unter dem Einfluß des frommen Fräuleins von Klettenberg die
-Schriften der Herrnhuter gelesen und mystisch-chemische Beschäftigungen
-getrieben, geriet er während seines _Straßburger_ Aufenthalts 1770/71,
-wie wir bereits wissen, in den geistigen Bann Herders; jedoch zunächst
-mehr in literarischer Beziehung. Von den französischen Enzyklopädisten
-fühlten er und sein engerer Freundeskreis, die jungen »Stürmer und
-Dränger« sich wenig angezogen, am ehesten noch von dem der deutschen
-Art verwandteren Diderot. Religiös glaubten sie sich selbst schon
-genügend aufgeklärt zu haben. »Auf philosophische Weise erleuchtet und
-gefördert zu werden«, hatten sie überhaupt »keinen Trieb noch Hang«.
-Insbesondere das sehr konsequent materialistische, aber sehr trocken
-und weitschweifig geschriebene ~Système de la nature~ erschien ihnen
-»so grau, so kimmerisch (d. h. nebelhaft-finster), so totenhaft, daß
-wir ... davor wie vor einem Gespenst schauderten«. Und wenn sie von
-den _Enzyklopädisten_ reden hörten oder einen Band ihres ungeheuren
-Werkes aufschlugen, so war es ihnen zumute, »als wenn man zwischen
-den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik
-hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug' und Sinn
-verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das
-mannigfaltigste ineinandergreifenden Anstalt in Betrachtung dessen,
-was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen
-Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt«. Wieder eine
-Auflehnung des Gefühls gegen das Abstrahieren der Wissenschaft!
-
-Mehr mußte dem gefühlsmäßigen Denken der jugendschäumenden Genossen
-natürlich Rousseau zusagen, dessen Geist ja Werther entflammt, während
-seine eigentliche Philosophie auf Goethe keinen besonders tiefen
-Eindruck gemacht zu haben scheint. Auch Voltaire, »das Wunder seiner
-Zeit«, imponierte ihnen bis zu einem gewissen Grade. Überhaupt dürfen
-wir nicht verschweigen, daß Goethe sein abfälliges Urteil von damals
-später doch selbst korrigiert hat. Am 3. Januar 1830 erklärte er
-Eckermann: »Es geht aus meiner Biographie (er meint »Dichtung und
-Wahrheit«) nicht deutlich hervor, was diese Männer (_Voltaire_ und
-seine großen Zeitgenossen) für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt
-und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene
-Füße in ein wahres Verhältnis zur Natur zu stellen.«
-
-Gegenüber stand er den französischen philosophischen Hauptwortführern
-also doch. Gefesselt dagegen fühlte er sich von einem Philosophen,
-der in »Dichtung und Wahrheit« nicht erwähnt wird, dem italienischen
-Pantheisten und Wahrheitsmärtyrer Giordano _Bruno_, der bekanntlich
-um seiner Überzeugung willen am 17. Februar 1600 öffentlich zu Rom
-von der Inquisition verbrannt wurde: wie Goethe ein Dichter und
-Denker zugleich, wie Goethe auf die Einheit von Gott und Natur,
-als den Urquell alles Wahren, Guten und Schönen, gerichtet. Der
-Einundzwanzigjährige hat schon damals Brunos Hauptschrift »Von der
-Ursache, dem Prinzip und dem Einen« gelesen und ihn in den Notizen
-seines Tagebuchs gegen die Angriffe Bayles verteidigt. Er ist auch
-später (1812) aus anderem Anlaß wieder auf ihn zurückgekommen. Übrigens
-bemerkt Goethe von seinem Wissen um 1773, daß es »noch sprunghaft und
-ohne eigentlichen Zusammenhang gewesen sei«.
-
-
-Spinoza-Studium. Philosophische Gedichte
-
-(1774 ff.)
-
-Durch sein frühes Bruno-Studium, aber auch durch seine Naturanschauung
-und seine ganze bisherige Entwicklung war Goethe für das Verständnis
-eines größeren, wenn auch scheinbar ihm ganz entgegengesetzten Denkers
-herangereift, desselben, den wir auch auf Lessing und Herder einwirken
-sahen: Baruch _Spinozas_.
-
-Zunächst muß freilich seine Hinneigung zu dem Amsterdamer Weisen
-auffallen. Hatte er doch als das Ergebnis jener Straßburger Berührung
-mit der französischen Philosophie die Tatsache festgestellt, »daß wir
-aller Philosophie, besonders aber der _Metaphysik_, recht herzlich gram
-wurden und blieben, dagegen aber aufs lebendige Wissen, Erfahren, Tun
-und Dichten uns nur desto lebhafter und leidenschaftlicher hinwarfen«:
-der Metaphysik, von der er seinen Mephisto dem Schüler sarkastisch
-vororakeln läßt:
-
- »Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,
- Was in des Menschen Hirn nicht paßt,
- Für, was drein geht und nicht drein geht,
- Ein prächtig Wort zu Diensten steht!«
-
-Und nun _war_ Spinoza ein Metaphysiker, und sogar ein recht
-dogmatischer, dessen »Ethica« alles andere als eine Ethik in unserem
-Sinne, vielmehr ein in sich geschlossenes System von streng logischem
-Aufbau nach »geometrischer«, ja beinahe scholastischer Methode
-darstellt. Wie reimt sich das zusammen?
-
-Wir können in Goethes Spinoza-Studium zwei auseinanderliegende
-Perioden unterscheiden: die erste um die Mitte der siebziger Jahre,
-die zweite von 1783 bis 1786. Zunächst hatte er »das Dasein und die
-Denkweise« des »außerordentlichen Mannes« nur »unvollständig und wie
-auf den Raub« in sich aufgenommen. Und was fesselte ihn an dieser
-der seinen so entgegengesetzten Persönlichkeit? Nun, hier bewährte
-sich einmal der bekannte Satz, daß die Gegensätze sich anziehen. Nach
-seinem eigenen Geständnis zog ihn zu Spinoza gerade die zu dem eigenen
-»alles aufregenden« Streben in stärkstem Gegensatz stehende, »alles
-ausgleichende« Ruhe, die das »Widerspiel« seiner poetischen Sinnes- und
-Darstellungsweise bildende mathematische Methode, die auch die Welt
-des Sittlichen eben dieser Methode unterwerfende Behandlung. Gerade
-das machte ihn zum »leidenschaftlichen Schüler«, zum »entschiedensten
-Verehrer« des jüdischen Denkers. Er fand hier, was er suchte:
-Beruhigung seiner Leidenschaften und »eine große und freie Aussicht
-über die sinnliche und sittliche Welt«. Ganz besonders fesselte ihn
-Spinozas »grenzenlose Uneigennützigkeit«, wie sie sich in dessen Satze
-aussprach: »Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn
-wieder liebe.«[24]
-
-Zunächst freilich sieht es in Goethes Innerem noch wie »ein siedendes
-und gärendes Chaos« aus. Der auf einer Reise an den Niederrhein
-neugewonnene Freund Fritz Jacobi in Düsseldorf, in philosophischem
-Denken und auch in der Kenntnis Spinozas ihm schon weit voran, sucht es
-zu klären. Wir hören von leidenschaftlicher Freundschaftsverbindung in
-stillen Mondscheinnächten.
-
-Später in Frankfurt, nachdem er längere Zeit nicht an Spinoza gedacht,
-treibt ihn das zufällige Auffinden eines gegen diesen gerichteten
-Pamphlets in der väterlichen Bibliothek sowie die Lektüre von Bayles
-Artikel »Spinoza« von neuem zu den nachgelassenen Werken des großen
-Denkers. »Dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an.« Nie glaubte
-er »die Welt so deutlich erblickt zu haben«, wie durch diese von
-der öffentlichen Meinung der damaligen Zeitphilosophie noch »so
-gefürchtete, ja verabscheute Vorstellungsart«. Vor allem befriedigte
-ihn aufs tiefste Spinozas Lehre vom gelassenen Entsagen gegenüber
-dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen, also der sittliche Kern im
-Spinozismus, wie er selbst ihn später dichterisch ausgedrückt hat in
-den Versen:
-
- »Nach ewigen, ehernen
- Großen Gesetzen
- Müssen wir alle
- Unseres Daseins
- Kreise vollenden.«
-
-Neben der friedlichen Wirkung, die Spinoza auf sein Inneres übte,
-fühlt er sich in seinem Zutrauen auf ihn auch dadurch bestärkt, daß
-auch seine ihm von der Klettenberg her (S. 153) »werten Mystiker«, ja
-sogar Leibniz des Spinozismus verdächtigt worden waren und der berühmte
-holländische Anatom Boerhave aus demselben Grunde von der Theologie
-zur Medizin hatte übergehen müssen. Aber auch für seine religiöse und
-Naturanschauung wird ihm Spinoza der Führer, oder besser gesagt: kam
-Spinozas Pantheismus seinem innersten Drang entgegen. Von Kindheit
-an war er mit einem tiefinnerlichen Gefühl für das Walten der Natur,
-vom Kleinsten bis zum Größten, insbesondere in allem Lebendigen,
-begabt gewesen. Die ganze Welt ist ihm Werden, Bewegen, Wirken einer
-allmächtigen Kraft, das er in der Entfaltung der Blume ebenso erblickt
-wie in dem Kreisen der Wandelsterne um den Sonnenball. Daher --
-worauf Gundolf (S. 106) aufmerksam macht -- auch seine Vorliebe für
-Wortverbindungen mit »_All_«: allgegenwärtig, alliebend, allsehnend,
-Allumfasser, Allerhalter und ähnliche, und für die damit verbundene
-religiöse Grundstimmung sein Lieblingswort »heilig«. Nur daß der
-Allgott, der bei Spinoza sozusagen in mathematischer und doch auch
-wieder mystischer Ruhe erscheint, bei ihm zu lauter Kraft, Wirksamkeit
-und Leben wird. Ganz diesem pantheistischen Naturgefühl ist auch sein
-»Ganymed« entsprungen. In die Zeit seines ersten Spinoza-Studiums fällt
-auch sein berühmtes pantheistisches Glaubensbekenntnis, das er dem von
-Gretchen gefragten Faust in den Mund legt. Zuerst die ehrfürchtige
-Demut vor dem Unendlichen:
-
- »Wer darf ihn nennen?
- Und wer bekennen:
- Ich glaub' ihn!
- Wer empfinden
- Und sich unterwinden
- Zu sagen: Ich glaub' ihn nicht!«
-
-Dann die kurze Formulierung:
-
- »Der Allumfasser,
- Der Allerhalter
- Faßt und erhält er nicht
- Dich, mich, sich selbst?«
-
-Darauf das astronomische All:
-
- »Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
- Liegt die Erde nicht hier unten fest?
- Und steigen hüben und drüben
- Ewige Sterne nicht herauf?«
-
-Gewandt zum Menschlichen, Körperlich-Seelischen:
-
- »Und drängt nicht alles
- Nach Haupt und Herzen dir
- Und webt in ewigem Geheimnis
- Unsichtbar, sichtbar, neben dir?«
-
-Und zuletzt das ganz gefühlsmäßige Ende:
-
- »Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
- Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
- Nenn' das dann, wie du willst,
- Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
- Ich habe keinen Namen
- Dafür. Gefühl ist alles,
- Name Schall und Rauch,
- Umnebelnd Himmelsglut.«
-
-Trotz alledem wollte auch er, ebenso wie Herder und Lessing, kein
-Spinoz_ist_ heißen: »Denke man aber nicht, daß ich seine Schriften
-hätte unterschreiben und mich dazu buchstäblich bekennen mögen.« Denn
-man werde »dem Verfasser von Faust und Werther« wohl zutrauen, daß er
-nicht »den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der als
-Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische Kultur sich
-zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben«.
-
-Den besten Beweis dafür, daß auch ganz andere, entgegengesetzte Gefühle
-mit dieser ergebungsvollen Resignation in seinem Innern rangen, beweist
-sein beinahe gleichzeitig (Ende 1774) entstandenes wundervolles
-»_Prometheus_«-Gedicht, in dem der uralte Titanentrotz sich auflehnt
-gegen die vermeinten Götter da droben, die nur in der Hoffnung
-törichter Kinder und Bettler leben. Es stimmt allenfalls noch mit
-Spinozas Denkart, wenn die _alte_ Gottesvorstellung tapfer aufgegeben
-wird, als wenn jenseits der Sonne »ein Ohr« wäre, »zu hören meine
-Klage«, und »ein Herz wie meins, sich der Bedrängten zu erbarmen«,
-und ein »ewiges, als Herr über Menschen und Göttern« gleichmäßig
-waltendes Schicksal angenommen wird. Aber ganz anders gestimmt ist
-doch die trotzige Zuversicht auf das eigene »heilig glühende Herz«, das
-»alles _selbst_ vollendet hat«, und die Ablehnung jedes weltflüchtigen
-Entsagens, weil »nicht alle Blütenträume reiften«. Ein Symbol festen,
-bewußten, tatenfreudigen Manneswillens und Persönlichkeitsbewußtseins
-ist vielmehr dieser Prometheus, der »Menschen formt nach seinem Bilde«:
-
- »Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
- Zu leiden, zu weinen,
- Zu genießen und zu freuen sich,
- Und dein (des Zeus!) nicht zu achten,
- Wie ich!«
-
-Hier haben wir nicht den in das All aufgehenden, sich selbst
-_aufgebenden_, sondern den sich selbst behauptenden Menschen vor uns.
-Wir können hier leider nicht die Wirkung dieses Gedichts auf die
-bedeutenderen Zeitgenossen -- Lessings haben wir bereits gedacht --
-verfolgen, sondern erwähnen nur noch das gleichgeartete bekannte von
-1777:
-
- »Allen Gewalten
- Zum Trutz sich erhalten,
- Nimmer sich beugen,
- Kräftig sich zeigen,
- Rufet die Arme
- Der Götter herbei.«
-
-Während »_Die Grenzen der Menschheit_« (1781) im Gegensatz dazu, wieder
-mehr die Beschränktheit menschlichen Wollens und Wirkens gegenüber dem
-ewig flutenden Schicksalsstrom betonen:
-
- »Uns hebt die Welle,
- Verschlingt die Welle
- Und wir versinken.«
-
-Endlich das dritte im Bunde jener herrlichen Gedankendichtung mit der
-Überschrift »_Das Göttliche_«, entstanden 1783, das in gewissem Sinne
-beide Gedanken miteinander verbindet. Gegenüber der »unfühlenden«
-_Natur_, der über Böse und Gute gleichmäßig leuchtenden Sonne,
-gegenüber dem blind unter die Menge tappenden Glück steht der _Mensch_,
-der »unterscheidet, wählet und richtet«, der allein dem Augenblick
-Dauer zu verleihen vermag und diese Kraft dazu benutzen soll, »edel,
-hilfreich und gut« zu sein und »unermüdet das Nützliche und Rechte zu
-schaffen«.
-
-
-
-
-~B~. Das erste Weimarer Jahrzehnt
-
-Die italienische Reise
-
-(1776 bis 1788)
-
-
-Mit diesen philosophischen Gedichten -- eine Gedankenlyrik von ganz
-anderer Art wie diejenige Schillers und doch nicht minder philosophisch
-als sie -- sind wir bereits in die _Weimarer_ Epoche unseres Dichters
-getreten, deren erste Jahre in jenem jugendlich-genialen Treiben, das
-uns allen aus seinem Leben bekannt ist, dahinflossen, um dann einer
-fleißigen und gewissenhaften Beamtenarbeit im Dienste des kleinen
-Landes zu weichen, die man oft allzusehr als etwas Besonderes gerühmt
-hat, während Franz Mehring über sie sarkastisch, aber nicht ohne
-Grund gemeint hat, daß »jeder passable preußische Landrat« sie auch
-heute noch leiste »ohne jeden Anspruch auf die Lorbeeren der Mit-
-und Nachwelt«. Die philosophische Entwicklung unseres Helden tritt
-zwar in diesen Jahren (1776 bis 1784) zurück, aber sie bleibt nicht
-stehen. Zeugnis davon die eben besprochenen drei Gedichte, dann aber
-ein interessantes und bedeutsames philosophisches Fragment, betitelt
-»_Die Natur_«, das als Manuskript für einen engeren Kreis zuerst im
-»Tiefurter Journal« von 1782 erschien; ein »dichterischer Hymnus und
-ein philosophisches Bekenntnis« zugleich (Gundolf), das wir den Leser
-Satz für Satz -- sie sind alle ebenso voll Lebens wie einfach und
-allgemeinverständlich -- zu lesen bitten.
-
-Wir heben eine Reihe daraus hervor: »Wir leben mitten in der Natur
-und sind ihr fremd. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine
-Gewalt über sie. Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu
-haben und macht sich nichts aus den Individuen. Jedes ihrer Werke
-hat ein eigenes Wesen, und doch macht alles eins aus. Sie spielt ein
-Schauspiel, ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt
-sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. Sie hüllt den Menschen in
-Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie hat keine Sprache
-noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und
-spricht. Sie ist ganz und doch immer unvollendet. Sie verbirgt sich in
-tausend Namen und ist immer dieselbe. Sie hat mich hereingestellt, sie
-wird mich auch herausführen. Sie mag mit mir schalten. Ich vertraue
-mich ihr.«
-
-Das ist in der Tat, wie Goethe 44 Jahre später davon gesagt hat,
-eine Stufe zum _Pantheismus_, und so kehrt er denn auch bald darauf
-zu dessen philosophischem Vertreter Spinoza zurück. Den äußeren
-Anstoß hatte wohl der Besuch Fritz Jacobis in Weimar von Mitte
-bis Ende September 1784 gegeben, der ihm von seinem uns bekannten
-Spinoza-Gespräch mit Lessing erzählt hatte. Wie Lessing, hatte auch
-Goethe schon früher (Juni 1784) gegen Charlotte v. Stein erklärt:
-»Ich begehre keinen freien Willen.« Und: »Wie eingeschränkt ist der
-Mensch, bald an Verstand, bald an Kraft, bald an Gewalt, bald an
-Wille!« Diesmal treibt er sein Spinoza-Studium zusammen mit _Herder_.
-Im November des Jahres 1784 liest er nun mit Frau v. Stein gemeinsam
-von neuem Spinozas Ethik, die er am 19. von Jena in einer lateinischen
-Ausgabe mitbringt, »wo alles viel deutlicher und schöner ist«. »Ich
-fühle mich ihm sehr nahe,« schreibt er am 11. November an Knebel,
-»obgleich sein Geist viel reiner als der meine ist.« Die Lektüre
-Spinozas bildet den ganzen Winter 1784/85 hindurch, neben Herders
-»Ideen«, einen Teil der vertrauten Abendunterhaltungen mit dem Ehepaar
-Herder und Charlotte Stein. Herder schreibt darüber am 20. Dezember an
-Jacobi: »Goethe hat, seit Du weg bist, den Spinoza gelesen, und es ist
-mir ein großer Probierstein, daß er ihn ganz so verstanden, wie ich ihn
-verstehe.« Und am 27. desselben Monats meldet Goethe selbst Charlotte,
-seiner »Seelenführerin«: »Ich las noch zuletzt in _unserem Heiligen_.«
-
-Noch bedeutsamer spricht sich sein Briefwechsel mit Jacobi aus. Nach
-einem Briefe vom 12. Januar 1785 liest Goethe den Spinoza immer wieder
-und »übt sich an ihm«. In seinem Urteil über ihn ist er mehr mit Herder
-als mit Jacobi einverstanden. Am 9. Juni wird der jüdische Denker
-von Goethe lebhaft gegen den alten Vorwurf des Atheismus verteidigt,
-im Gegenteil als ~theissimus et christianissimus~ gepriesen. »Er
-_beweist_ nicht das Dasein Gottes, das Dasein _ist_ Gott«, das man
-freilich nur in den Einzeldingen und aus ihnen erkennen könne, zu
-deren näherer und tieferer Betrachtung er sich gerade durch Spinoza
-aufgemuntert fühle, obwohl vor dessen Blick alle einzelnen Dinge
-zu verschwinden scheinen. Allerdings -- und nun kommen für seine
-philosophische Sinnesart wieder sehr charakteristische Bemerkungen
--- habe er nie »die Schriften dieses trefflichen Mannes in einer
-Folge gelesen«; auch habe ihm nie dessen ganzes Lehrgebäude »völlig
-überschaulich vor der Seele gestanden«. »Meine Vorstellungs- und
-Lebensart erlauben's nicht.« Aber wenn er in ihn hineinsehe, glaube er
-ihn zu verstehen; er stehe für ihn nie mit sich selbst in Widerspruch;
-was Jacobi über ihn schreibe, scheine ihm nicht im eigensten Sinne
-Spinozas gedacht. Übrigens habe er (Goethe) nie auf »metaphysische
-Vorstellungsart Ansprüche gemacht«. Herder werde es demnächst besser
-ausdrücken. Er (Goethe) suche jetzt auf Bergen und in den Bergwerken
-Ilmenaus das Göttliche »in Kräutern und Steinen«!
-
-Am 21. Oktober 1785 äußert er nochmals gegenüber Jacobis
-Spinoza-Büchlein, den Spinozismus dürfe man nur aus sich selbst
-erklären, und bezeichnet sich selbst wiederum in der ihm eigenen Weise
-als dessen Anhänger: daß er nämlich, »ohne seine Vorstellungsart von
-Natur zu haben, doch, wenn die Rede wäre, ein Buch anzugeben, das unter
-allen, die ich kenne, am meisten mit der meinigen übereinkommt, die
-Ethik des Spinoza nennen müsse«. Die Briefe von Ende 1785 und Anfang
-1786 drehen sich um den bekannten Philosophenstreit Jacobi-Mendelssohn
-über Lessings Spinozismus, der Goethe, wie aus einem Februarbrief 1786
-an Frau v. Stein zu schließen, gegenüber Spinozas Größe recht kleinlich
-und armselig erscheint.
-
-Bei dieser Gelegenheit nun predigt ihm Jacobi zum ersten Male von --
-_Kants_ Philosophie vor, natürlich wie _er_ ihn auffaßt: den »wahren
-Kern« derselben, den Kant selbst noch nicht gekostet habe! So ist
-der Glaubens- und Gefühlsphilosoph F. H. Jacobi einer der ersten
-in der zahlreichen Reihe derer, die Kants »wahren Kern« besser als
-dieser selbst begriffen zu haben beanspruchten. Leider existiert eine
-Antwort Goethes auf diesen Brief nicht. Einen nachhaltigen Eindruck
-hat er jedenfalls nicht hervorgerufen; denn in dem nächsterhaltenen
-Briefe Goethes vom 14. April 1786 berichtet dieser fast nur von
-seinen mancherlei naturwissenschaftlichen Studien, um bloß einmal
-die bezeichnende Frage dazwischen zu werfen: »Was machst Du alter
-Metaphysikus? Was bereitest Du Freunden und Feinden?« (Homerische
-Wendung. K. V.)
-
-Der letzte Brief Goethes aus dieser ganzen Zeit (5. Mai 1786) geht
-sogar ziemlich aggressiv gegen Jacobis eigentümliche Glaubensmetaphysik
-vor mit den Worten: »Gott hat _Dich_ mit der _Metaphisik_ (so!)
-gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, _mich_ mit der
-_Phisik_ (so!) gesegnet.« Und weiter recht antitheologisch: »Ich halte
-mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten (gemeint ist
-natürlich Spinoza) und überlasse Euch alles, was Ihr Religion heißt
-und heißen müßt.« Im Gegensatz zu Jacobis »Glauben« will er sich an
-Spinozas »Schauen« (~scientia intuitiva~, eigentlich anschauendes
-Wissen) halten und sein ganzes Leben der Betrachtung der »Dinge«
-widmen, einerlei, wie weit er damit kommt.
-
-Einverstanden dagegen war er in diesen Jahren ganz mit _Herder_,
-wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt und soeben wieder an
-verschiedenen Stellen gesehen haben. Herder überträgt er, weil ihm
-selbst die nötigen Vorkenntnisse fehlen, die weitere philosophische
-Verteidigung Spinozas gegen Jacobi. Herders »Ideen« findet er
-»köstlich«, sagt zu ihrem ganzen Inhalt »Ja und Amen« (20. Februar
-1785). Und noch am 17. Mai 1787 schreibt er ihm aus Rom: »Wir sind so
-nah in unseren Vorstellungsarten, als es möglich ist, ohne eins zu
-sein, und in den Hauptpunkten am nächsten.« Am 12. Oktober 1787 von
-ebendort: »Sie (d. h. der dritte Teil der »Ideen«) sind mir als das
-liebenswerteste Evangelium gekommen, und die interessantesten Studien
-meines Lebens laufen alle da zusammen. Woran man sich so lange geplackt
-hat, (das) wird einem nun so vollständig vorgeführt. Wieviel Lust zu
-allem Guten hast Du mir durch dieses Buch gegeben und erneut.« Und
-auch vierzehn Tage später, nachdem er den ganzen dritten Teil zu Ende
-gelesen, findet er alles »durchaus köstlich gedacht und geschrieben«,
-auch den Schluß »herrlich, wahr und erquicklich«. Weiter kann man doch
-in Anerkennung und Lob nicht gehen! Und auch anderen gegenüber äußert
-er sich mit der nämlichen Begeisterung. Auch Herders Büchlein über
-»Gott« gefiel ihm aufs beste, wie wir bereits S. 91 sahen; es leistete
-ihm »die beste Gesellschaft«, zusammenstimmend mit dem spinozistischen
-»Eins und Alles«, dem er gerade jetzt auch in der Botanik auf der Spur
-war.
-
-Schon mehrmals sind wir in unseren letzten Betrachtungen auf
-die _naturwissenschaftlichen_ Studien Goethes gestoßen, die dem
-bisherigen Städter (Frankfurt, Leipzig, Straßburg) ganz natürlich
-aus der »Land-, Wald- und Gartenatmosphäre« des kleinen Weimar,
-desgleichen aus seiner amtlichen Beschäftigung mit dem weimarischen
-Forst- und Bergwesen erwachsen waren, während ihn zur Anatomie und
-Osteologie (Knochenlehre) unter anderem die zeitweise Teilnahme an
-den physiognomischen Bestrebungen seines Freundes Lavater anregte.
-Wissenschaft »auf dem Papier und zum Papier« hat ihn nie gereizt,
-sondern immer nur die Beziehung zum Lebendigen. Deshalb sind auch seine
-Sätze nie ganz abstrakt, losgelöst von der sinnlichen Wirklichkeit.
-Aber seine Naturbetrachtung ist zugleich auch immer philosophisch. Ihm
-lag stets bloß daran, wie er in seinem Alter einmal zu Eckermann gesagt
-hat, »die einzelnen Erscheinungen auf ein allgemeines Grundgesetz
-zurückzuführen«. So sucht er in den verschiedenartigen Organen der
-Pflanze ein einheitliches Gebilde zu erkennen, das er Blatt nannte, und
-dessen mannigfaltigen Umbildungen er nun nachspürte, bis er zu seiner,
-ihm erst in Italien völlig aufgegangenen Lehre von der _Metamorphose
-der Pflanze_ gelangte, die er bekanntlich auch dichterisch dargestellt
-hat, die wir jedoch inhaltlich hier nicht näher behandeln können. Lesen
-Sie über alles das seine vortreffliche »Geschichte meines botanischen
-Studiums« (1817) nach. Und ähnlich in der _Zoologie_. Hier entdeckt er,
-von seinem Glauben an die Einheitlichkeit der Natur zu aufmerksamster
-Beobachtung des einzelnen getrieben, im Frühjahr 1784 das Dasein des
-bei den übrigen Tieren vorhandenen Zwischenkieferknochens auch beim
-Menschen, der damit, dem Affen noch näher verwandt, in die große
-Ordnung der Natur eingereiht wurde. Er jubelte darüber, daß sich ihm
-»alle Eingeweide bewegen«. Bis er dann zuletzt in einem Aufsatz »Über
-einen aufzustellenden Typus zur Erleichterung der vergleichenden
-Anatomie« (1796) zu einer die heutige Deszendenzlehre in ihrem
-Grundgedanken schon völlig vorausnehmenden Formulierung gelangt: »Daß
-alle vollkommenen organischen Naturen, worunter wir Fische, Amphibien,
-Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen
-sehen, alle nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr
-beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch
-täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.«
-
-So ist Goethe nicht bei jener fast mystischen, jedenfalls
-pantheistischen Metaphysik, wie sie das Fragment von 1782 mit
-seiner Unendlichkeit und Tiefe, aber auch Unbestimmtheit des
-_Gefühls_ enthielt, stehengeblieben, sondern den schwierigen Weg der
-beobachtenden, rechnenden und vergleichenden _Wissenschaft_ gegangen,
-um zur klaren und bestimmten Einheit des Natur_gesetzes_ zu gelangen,
-wie er es dichterisch in die Worte gefaßt hat:
-
- »Willst du ins Unendliche schreiten,
- Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.«
-
-Oder:
-
- »Willst du dich am Ganzen erquicken,
- So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.«
-
-Gerade in der keuschen und reinen Hingabe an das einzelne, wie Ernst
-Cassirer einmal in seinem schönen Buche »Freiheit und Form« sagt,
-gestaltet sich ihm eine neue Anschauung vom Zusammenhang des Ganzen.
-
-Indem sich der Dichter durch Spinoza in seinem Glauben einerseits an
-die Einheitlichkeit der gesamten Natur, anderseits an die Notwendigkeit
-alles Geschehens bestärkt sah, war auch sein innerer Sturm und Drang
-einigermaßen zur Ruhe gelangt. Ende 1775 schon schreibt er: »Ich lerne
-täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit. Bin tief in der See.«
-Die neue Weltfrömmigkeit löst ihn im letzten Grunde schon jetzt von
-den Neuchristen von der Art Hamanns, F. Jacobis und Lavaters. An den
-letzteren schreibt er z. B. um diese Zeit: »Alle Deine Ideale sollen
-mich nicht irreführen.« Er will vielmehr vor allem »_wahr_ sein, gut
-und böse wie die Natur«.
-
-Die _italienische Reise_ (1786 bis 1788) hat mehr Bedeutung für den
-Dichter und Künstler Goethe gehabt als für den Philosophen. Für
-die Weiterbildung seiner philosophischen Anschauungen dürfte das
-Wichtigste gewesen sein, daß ihm hier der tiefe innere Zusammenhang
-zwischen Kunst und Natur aufging. Die Natur in der Kunst, die Kunst
-in der Natur zu entdecken, war in der Tat auch kein Ort so geeignet
-wie Rom, wo nicht bloß die Denkmäler der Antike, sondern selbst die
-Landschaft, die Bäume, die Sitten stilisiert erscheinen. So schreibt
-er denn auch von dort: »Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die
-höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen
-hervorgebracht worden: alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen.
-Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.« Nicht, wie früher, die Kraft
-des leidenschaftlich bewegten Künstlers oder Dichters, sondern Maß
-und Regel, kurz die _Form_ wird jetzt als das entscheidende Moment
-hervorgehoben. Auch in der Kunst dringt er nunmehr, wie schon vorher
-in der Natur, auf das »Urbildliche« und »Typische«. Das in voller
-Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen (wie bei Schiller!)
-wirkende _Gesetz_ bringt das objektiv Schöne hervor.
-
-In einer in Italien entstandenen Abhandlung unterscheidet er als die
-drei Stufen, die der echte Künstler durchlaufen müsse, die einfache
-Nachahmung der Natur, die Manier, den Stil. Unter der »_einfachen
-Nachahmung_« versteht er die ruhige, treue, sorgfältige und reine
-Hingabe an den Stoff, den die Natur uns darbietet. Die »_Manier_«
-bedeutet in dem »hohen und respektablen« Sinne, in dem Goethe das
-Wort gebraucht, die Unterwerfung des bloß Stofflichen unter den
-einheitlichen, persönlichen Künstlerwillen. Der »_Stil_« endlich
-stellt den höchst erreichbaren Grad der Kunst durch Überwindung des
-bloß Stofflichen der Natur einer-, des subjektiven Künstlerbeliebens
-andererseits dar. Er »ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis,
-auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und
-greiflichen Gestalten zu erkennen«.
-
-So war Goethe fast als ein antiker Mensch aus Italien zurückgekommen.
-Und so stammen denn auch, beiläufig gesagt, aus den Jahren nach dieser
-Rückkehr die stärksten Äußerungen gegen das Christentum, die wir bei
-ihm gelesen zu haben uns erinnern. Sie finden sich namentlich in den
-Briefen an Herder. So schreibt am 4. September 1788 der erste Minister
-an den -- Generalsuperintendenten Sachsen-Weimars das oft zitierte Wort
-von dem »Märchen von Christus« und erklärt, daß er das Christentum
-»_auch_ von der Kunstseite« recht erbärmlich finde. Am 15. März 1790
-will er nach Venedig, um am Palmsonntag »als ein Heide von den Leiden
-des guten Mannes (!) auch einigen Vorteil zu haben«!
-
-Sittlich und theoretisch aber war aus dem »_Gefühls_«-Goethe ein
-»_Gedanken_«-Goethe geworden, wie Gundolf sich einmal in prägnanter
-Zusammenfassung ausdrückt. Dem jungen Werther war das Gefühl noch
-alles gewesen: »Dies _Herz_, das ganz allein die Quelle von allem ist,
-aller Kraft, aller Seligkeit und -- alles Elends.« Jetzt war diese
-Werther-Stimmung endgültig überwunden. Fortan herrscht in seiner Seele
--- von einzelnen Rückfällen vielleicht abgesehen -- ein unbezwingliches
-Vertrauen auf die eigene Kraft zur Lebenssteuerung, wie es der
-wundervolle Schluß des schon in den ersten Weimarer Jahren entstandenen
-Gedichts »Die Seefahrt« ausdrückt:
-
- »Doch er stehet männlich an dem Steuer,
- Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
- Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen
- Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe
- Und vertrauet, scheiternd oder landend,
- Seinen Göttern.«
-
-Aber es fehlte noch eine tiefere philosophische Begründung. Diese
-sollte ihm -- _Kant_ geben.
-
-
-
-
-~C.~ Das erste Kant-Studium
-
-(1789 bis 1794)
-
-
-Als Goethe 1788 aus Italien heimkehrte, fand er, dank ihres eifrigen
-Verkünders Reinhold Bemühungen, Jena voll von der neuen Kantischen
-Lehre und mußte schon deshalb notwendig »von ihr Notiz nehmen«. Aber
-wichtiger war der innere Drang. Immer schon hatte er sich seine
-eigene »naturgemäße« Methode gebildet, allein er _suchte_ nach einer
-»metaphysischen« Grundlage, der seine Denkweise sich angleichen
-könnte; denn er hatte gemerkt, daß er in einer, wenn auch noch so
-»fruchtbaren«, Dunkelheit dahinlebte. Nun studierte er, wie durch
-Wieland bezeugt ist, seit etwa Beginn 1789 mit großem Eifer Kants
-»_Kritik der reinen Vernunft_«,[25] wollte auch mit Reinhold »eine
-große Konferenz darüber« halten, zu der es indes nicht gekommen zu sein
-scheint. Freilich nur einzelnes sagte ihm zu. So gefiel ihm gleich
-der Eingang des Werkes, und seinen vollkommenen Beifall fand Kants
-Satz: Wenngleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung angeht, so
-entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Aber
-ins »Labyrinth« selbst konnte und wollte er sich nicht wagen: »Bald
-hinderte mich die Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich
-fühlte mich nirgend gebessert.« Und er versteht manches, z. B. die
-wichtigen Begriffe Analytisch und Synthetisch, ganz anders wie Kant.
-Als die Hauptfrage erscheint ihm die _psychologische_: »Wieviel
-unser Selbst und wieviel die Außenwelt zu unserem geistigen Dasein
-beitragen«, während für Kant das Wesentliche die _erkenntniskritische_
-Frage nach der Gewißheit unseres Erkennens und damit nach einer
-Philosophie als Wissenschaft ist. Immerhin glaubt er einzelne Kapitel
-besser als andere zu verstehen und »gewann gar manches zu seinem
-Hausgebrauch«.
-
-Er macht sich ein Inhaltsverzeichnis dazu, mit dem er allerdings nicht
-zu Ende gekommen ist,[26] und dem er eine knapp zusammenfassende und
-populäre »Kurze Vorstellung der Kantischen Philosophie« von der Hand
-des Wittenberger Theologieprofessors Reinhard beigelegt hat. Daß er
-mit kritischem Auge gelesen hat, ergibt sich aus einzelnen im Nachlaß
-darüber gefundenen Bemerkungen, von denen wir allerdings nicht mit
-Sicherheit wissen, ob sie schon aus dieser _ersten_ Zeit seines
-Kant-Studiums stammen. Noch interessanter war mir es, aus Goethes
-eigenem Handexemplar, das ich mit Erlaubnis des damaligen Direktors
-des Goethe-National-Museums (d. h. des Goethe-Hauses) zu Weimar ~Dr.~
-Ruland auf längere Zeit mit mir nehmen durfte, an der Hand seiner
-zahlreichen Anstreichungen und Unterstreichungen festzustellen, was
-ihn darin am meisten interessierte. Ich habe darüber im Anhang zu
-meinem »Kant -- Schiller -- Goethe« (S. 272 bis 279) einen genauen
-Bericht gegeben und verweise alle diejenigen Leser darauf, die sich
-für diese Einzelheiten interessieren. Hier, wo ich keine eingehendere
-Kenntnis des Kantischen Systems voraussetzen darf, muß ich mich näheren
-Eingehens enthalten.
-
-Die im Jahre 1788 erschienene ethische Hauptschrift Kants, die »Kritik
-der _praktischen_ Vernunft«, scheint Goethes Interesse in geringerem
-Grade erregt zu haben. Er hat sie auch nicht selbst besessen; wohl
-dagegen die in Kants Ethik am besten einführende populär geschriebene
-»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785), und zwar, was für die
-Zeit seiner Kant-Studien bezeichnend ist, erst in der Auflage von
-1792.[27]
-
-Weit tiefer wirkte, und zwar alsbald nach ihrem Erscheinen (1790)
-die »_Kritik der Urteilskraft_« auf ihn ein. Ihr hat er noch nach 27
-Jahren bekannt »eine höchst frohe Lebensepoche schuldig zu sein«.
-Während die Kritik der reinen Vernunft seinen philosophischen
-»Dämmerzustand« noch nicht völlig zu heben vermocht, während er die
-»Metamorphose der Pflanzen« 1790 noch geschrieben hatte, ohne zu
-wissen, daß sie ganz im Sinne der Kantischen Lehre sei, fand er das
-neue Werk des kritischen Philosophen in seinen Hauptgedanken seinem
-eigenen »bisherigen Schaffen, Tun und Denken ganz analog«. Das
-Wichtigste aus seiner höchst lebendigen Selbstschilderung scheint
-uns in einer dreifachen Übereinstimmung zu liegen. Einmal, daß auch
-nach Kant, der ja in seinem Werk die Kritik der ästhetischen mit
-derjenigen der teleologischen vereinigt hatte, Kunst und vergleichende
-Naturkunde miteinander nah verwandt seien, sich derselben Urteilskraft
-unterwerfen. Zweitens (was noch wichtiger), daß jede von beiden, Kunst
-und Natur, um ihrer _selbst_ willen da sei und beide »unendliche
-Welten« doch _für_einander existierten.[28] Und drittens, daß er seine
-alte Abneigung gegen die »Endursachen«, d. h. die Verwischung des
-Kausalitäts-(Ursache-)Prinzips durch den Zweckbegriff nun »geregelt und
-gerechtfertigt« sah.
-
-Freilich faßte er auch jetzt wieder den Philosophen nach seiner
-Dichter- und Künstlerart auf, die er schon bezüglich seiner Lektüre der
-Kritik der reinen Vernunft mit den Worten charakterisiert hatte: »Wenn
-ich nach meiner Weise über Gegenstände philosophierte, so tat ich es
-mit unbewußter Naivität und glaubte wirklich, ich sähe meine Meinungen
-vor Augen.« Er sprach dann auch bloß aus, »was in mir aufgeregt war«,
-nicht, was er gelesen hatte. Damit stimmt genau, was _Schiller_ über
-seine erste vertrautere philosophische Unterhaltung mit dem ihm damals
-noch kühl gegenüberstehenden Nebenbuhler am 1. November 1790 an Freund
-Körner berichtet. Es ist zugleich für die Wesensart beider Männer so
-bezeichnend, daß wir das Wichtigste davon hierhersetzen müssen: »Goethe
-war gestern bei uns, und das Gespräch kam bald auf Kant. Interessant
-ist's, wie er alles in seine Art kleidet und überraschend zurückgibt,
-was er las ... Ihm ist die ganze Philosophie _subjektivisch_, und da
-hört denn Überzeugung und Streit zugleich auf. Seine Philosophie mag
-ich auch nicht ganz; sie holt zuviel aus der _Sinnen_welt, wo ich aus
-der _Seele_ hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und
-betastet mir zuviel. Aber sein Geist wirkt und forscht nach allen
-Direktionen und strebt, sich ein Ganzes zu erbauen, und das macht ihn
-mir zum großen Manne.«
-
-Auch Körnern war Goethe »zu _sinnlich_ in der Philosophie«, was
-freilich für sie beide (Schiller und Körner) als Gegengift gegen
-ihre vorherrschend intellektuelle Anlage ganz heilsam sei. Er
-bezeugt übrigens, daß Goethe, im Unterschied von Schiller, nicht der
-ästhetische, sondern der teleologische Teil des Werkes zuerst gefesselt
-habe. Gerade, weil Goethe nun bei den strengeren Kantianern (zu denen
-allerdings Schiller damals noch nicht zählte) mit seiner eigenartigen
-Auffassung Kants wenig Anklang fand, studierte er, »auf sich selbst
-zurückgewiesen«, dessen Buch immer aufs neue. Auch in diesem Falle hat
-er sein Exemplar mit zahlreichen Strichen -- besonders im zweiten,
-naturphilosophischen Teil -- versehen, die ihn »später noch erfreuten«;
-ja auch mit einzelnen Randbemerkungen. Durch ein Fragezeichen am Rande
-protestiert er gegen Kants Herabsetzung des Kunst- zugunsten des
-Naturschönen; außerdem interessieren ihn namentlich die Bestimmung des
-Kunstzwecks, das Verhältnis der Kunst zur Moral und die Vergleichung
-der einzelnen Künste in bezug auf ihren Wert. In dem zweiten, die
-organische Naturwissenschaft behandelnden Teile erregten vor allem
-die Definition des Naturzwecks, die Selbstorganisation der Natur,
-das Problem eines »anschauenden« Verstandes und ganz besonders der
-interessante achtzigste Paragraph vom Verhältnis des mechanischen zum
-Zweckprinzip mit seiner berühmten Vorausahnung darwinistischer Ideen
-sein Interesse.
-
-Das nähere Studium der »Kritik der Urteilskraft« führte ihn dann auch
-wieder zu demjenigen der theoretischen Vernunftkritik zurück. »Beide
-Werke, aus _einem_ Geist entsprungen, deuten immer eins aufs andere.«
-Auch Kants »Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft« (die
-er in den beiden ersten Auflagen von 1786 und 1787 besaß) hatte er
-damals schon studiert und daraus den Satz gezogen, daß Anziehungs- und
-Abstoßungskraft zum Wesen der Materie gehören, so daß er beruhigt war,
-seine Weltanschauung nach dieser Seite hin »unter Kantischer Autorität
-fortsetzen zu können«.
-
-Dagegen stößt Kants _religions_philosophischer Standpunkt, jedenfalls
-seine Annahme eines radikalen Hanges zum Schlechten seine damals, wie
-wir schon von Herder her wissen, besonders antichristlich-hellenisch
-gestimmte Natur entschieden ab. In einem Briefe an Herder (7. Juni
-1793) geht er so weit, zu schreiben, Kant habe »seinen philosophischen
-Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von
-mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit dem
-Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch -- auch
-Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen«. Und einen Monat
-später gebraucht er dasselbe ebenso unästhetische wie ungerechte Bild.
-
-Trotz allen Interesses, trotz aller Hochschätzung steht indes bis
-Sommer 1794 zwischen Goethe und dem Kritizismus, ja zwischen ihm und
-der Philosophie überhaupt noch etwas Fremdes, Unausgeglichenes, wie es
-noch am 24. Juni dieses Jahres in einem Brief an Fichte zum Ausdruck
-kommt, dem er sich zum größten Danke verpflichtet fühlen würde, wenn
-er ihn »endlich mit den Philosophen versöhne, die ich nie entbehren
-und mit denen ich mich niemals vereinigen konnte«. Diese Versöhnung,
-soweit sie bei seiner Eigenart überhaupt möglich war, sollte ihm
-nun zwar nicht von der seinem Wesen ganz entgegengesetzten Person
-Fichtes kommen, aber von anderer Seite. Er stand unmittelbar vor dem
-»glücklichen Ereignis« seiner dauernden Verbindung mit _Schiller_.
-
-
-
-
-~D~. Der Freundschaftsbund mit Schiller
-
-(1794 bis 1805)
-
-
-Die Altersjahre (1805 bis 1832)
-
-Unter den Ursachen, die bis zum Jahre 1794 ein näheres Verhältnis zu
-Schiller nicht aufkommen ließen, führt Goethe in seinen »Annalen« zu
-eben diesem Jahre als eine der wichtigsten Schillers Begeisterung für
-die Kantische Philosophie an. Bei Schiller und Kant scheinbar alles
-Vernunft, Geist, Wille -- bei ihm und Herder Erfahrung, Natur, Gefühl.
-Eine »ungeheure Kluft« schien zwischen den zwei »Geistesantipoden«
-befestigt zu sein. Und doch sollte es anders kommen. Hatte nicht zum
-wenigsten gerade _Kant_ sie bisher getrennt, so sollte der nämliche
-Kant sie nunmehr zusammenführen zu jenem »Bunde«, der bis zu Schillers
-frühzeitigem Tode »ununterbrochen gedauert und für uns und andere
-manches Gute gewirkt hat« (Goethe).
-
-Es geschah durch eine wahrscheinlich Ende Juni oder Anfang Juli
-1794[29] stattgefundene Unterredung, die uns Goethe selber erzählt
-hat. Gelegentlich einer zufälligen gemeinsamen Heimkehr aus einer
-Sitzung der Jenaer Naturforschenden Gesellschaft trägt Goethe dem
-bisherigen Gegner seine »Metamorphose der Pflanze« vor, läßt vor
-seinen Augen eine symbolische Pflanze entstehen. Als er geendet,
-schüttelt Schiller den Kopf und sagt: »Das ist keine _Erfahrung_, das
-ist eine _Idee_.« Goethe, als »hartnäckiger Realist«, ist erstaunt,
-dann verdrießlich, widerstreitet. Schließlich wird für den Abend
-Waffenstillstand geschlossen. Aber der »Realist«, der sich nach seinem
-eigenen Geständnis bei den Einwürfen des »gebildeten Kantianers«
-Schiller anfangs ganz unglücklich fühlte, ahnt bald, daß zwischen
-seiner »Erfahrung« und Kants »Idee« etwas »Vermittelndes, Bezügliches«
-obwalten müsse, ohne es schon klar zu erkennen. Diese Erkenntnis hat
-ihm in den folgenden Jahren Kants Philosophie gebracht, die nun erst
-durch einen ihrer geistvollsten Jünger voll und eindringlich auf ihn zu
-wirken begann.
-
-»Nach diesem glücklichen Beginnen«, um wieder Goethes eigene Worte zu
-gebrauchen, »entwickelten sich in Verfolg eines zehnjährigen Umganges
-die philosophischen Anlagen, _inwiefern meine Natur sie enthielt_,
-nach und nach.« Und noch deutlicher sprechen die Annalen von 1795 es
-aus, daß er mit der Kantischen Philosophie und »daher auch« ihrer
-damaligen Hauptpflanzstätte Jena »durch das Verhältnis zu Jena immer
-mehr zusammenwuchs«. »Wir wissen nun,« schreibt Goethe nach einer
-»vierzehntägigen Konferenz« am 1. Oktober an den neugewonnenen Freund,
-»daß wir in _Prinzipien einig_ sind und die Kreise unseres Empfindens,
-Denkens und Wirkens teils koinzidieren (zusammenfallen), teils sich
-berühren.«
-
-Ich bin weit entfernt davon, wie mir es von mehreren Seiten angedichtet
-worden ist, Goethe um solcher Selbstäußerungen willen zum »Kantianer«
-machen zu wollen. Dafür sind und bleiben die Naturen beider zu
-verschieden. »Intuitive« Geister wie Goethe haben, nach der berühmten
-Charakteristik Schillers in den ersten großen Briefen vom 23. und
-31. August desselben Jahres an den neuen Freund, »wenig Ursache, von
-der Philosophie zu borgen, die nur von ihnen lernen kann«. Philosoph
-im strengen Sinne des Wortes ist Goethe auch jetzt nicht geworden.
-Ihm ging das Scheiden und Trennen, das Abstrahieren und Zergliedern,
-das die Philosophie notwendig betreiben muß, in weit stärkerem Grade
-als Schiller wider seine Dichternatur. Er fühlt sich auch weiterhin,
-nach mehrfachem eigenen Bekenntnis, in der speziell philosophischen
-»Denkart« nicht bewandert. Ja, gegenüber seinem Kunstfreund Heinrich
-Meyer versteigt er sich einmal zu der Äußerung: »Für uns andere, die
-wir doch eigentlich zu Künstlern geboren sind, bleiben doch immer die
-Spekulation sowie das Studium der elementaren Naturlehre« -- womit
-die theoretische Physik im Gegensatz zu der von Goethe bevorzugten
-Biologie gemeint ist -- »falsche Tendenzen.« Auch braucht er öfters
-Kantische Begriffe in seinem eigenen, von Kant abweichenden Sinne. Und
-gegenüber Schiller fühlt und bekennt er sich stets gewissermaßen als
-das philosophische Naturkind, dem jener als der theoretische Helfer und
-Lenker, Autorität und Richter in allen philosophischen Fragen gilt,
-wie Schiller mit Stolz einmal seinem Kollegen Fichte meldet (3. August
-1795).
-
-Allein die Philosophie wird ihm doch »immer werter«, weil sie ihn
-»täglich immer mehr lehrte, mich von mir selbst zu scheiden«, und weil
-sie »durch die höhere Vorstellung von Kunst und Wissenschaft, welche
-sie begünstigte«, ihn »vornehmer und reicher« machte. Er ist nicht mehr
-der alle Philosophie abweisende »steife Realist« von früher (an Jacobi,
-17. Oktober 1796), sondern bekennt, daß er durch »treues Vorschreiten
-und bescheidenes Aufmerken« von jenem »steifen Realismus« und einer
-»stockenden Objektivität« dahin gekommen sei, Schillers philosophische
-Ausführungen vom Tage vorher als »mein eigenes Glaubensbekenntnis
-unterschreiben« zu können (an Schiller 13. Januar 1798). Und diese
-»Ausführungen« sind eben doch kritische Philosophie, wenn auch mit
-Schillerscher Färbung. Vor allem erregen sein höchstes Wohlgefallen
-die »Ästhetischen Briefe«, in denen er, was er »für recht sei langer
-Zeit erkannt, was ich teils lebte, teils zu leben wünschte, auf eine so
-zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand«. Mit Eifer wird alles
-Neue von Kant gelesen und besprochen; ja Goethe ist es jetzt zuweilen,
-der den Freund auf eine neu erschienene Schrift des Königsberger
-Philosophen aufmerksam macht.
-
-Natürlich werden auch andere, alte und neue, Philosophen besprochen und
-studiert. So zum Beispiel im April 1797 Aristoteles' Politik. Anfangs
-häufig gemeinsam mit den Brüdern Humboldt. Später auch in einer Art
-philosophischem Kränzchen, an dem die in Jena habilitierten jungen
-Philosophen Niethammer, Schelling und Hegel teilnehmen, von denen der
-Erstgenannte ihm in der zweiten Hälfte des Jahres 1800 auch die neueste
-Philosophie in sogenannten Colloquiis (Unterredungen) vorträgt. Von den
-neuesten Philosophen ist ihm der durch und durch subjektive _Fichte_
-am unsympathischsten. Er bekennt, dessen Denkweise »nur mit Mühe und
-von ferne folgen« zu können. »An eine engere Verbindung mit ihm ist
-nicht zu denken,« meint er 1798 ähnlich wie Schiller. Das bezeugt auch
-Goethes Handexemplar von Fichtes »Begriff der Wissenschaftslehre«
-(1794), das von dem Dichter mit zahlreichen Bleistiftstrichen,
-Fragezeichen und einzelnen Randbemerkungen versehen ist. Bedenklich
-erscheint ihm besonders, daß alles mögliche menschliche Wissen in der
-»allgemeinen Wissenschaftslehre« schon enthalten sein soll; unter
-Fichtes »ersten Grundsatz«: »Ich bin Ich« schreibt Goethe spöttisch:
-Alles ist alles; neben Fichtes Wendung: »die von uns unabhängige Natur«
-die Worte: »aber doch mit uns _verbunden_, deren lebendige Teile wir
-sind« u. ä.
-
-Auch von _Schelling_ hatten die Freunde anfangs mehr erhofft. Schiller
-war freilich von dieser neuen Art Idealismus noch mehr enttäuscht
-als Goethe, der z. B. am 31. Dezember 1798 entschuldigend bemerkt,
-Schellings Ideen müßten »freilich noch manchmal durchs Läuterfeuer«.
-Schellings Philosophie ist bekanntlich aus dem Läuterfeuer überhaupt
-nicht herausgekommen! Bei Gelegenheit von dessen Naturphilosophie gibt
-unser Dichter übrigens einmal eine gute Charakteristik seines eigenen
-naturphilosophischen Standpunktes. Während die Natur_philosophen_ ~à
-la~ Schelling und Hegel alles »von oben herunter«, die Natur_forscher_
-im engeren Sinne alles »von unten hinauf« leiten wollten, so finde er
-selbst als Natur_schauer_ sein Heil »nur in der Anschauung, die in der
-Mitte liegt« (an Schiller, 27. und 30. Juni 1798); wie er denn schon
-sechs Jahre vorher einen in derselben Richtung gehaltenen Aufsatz
-»Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt« geschrieben
-hatte. -- _Hegel_, der zur Zeit von Schillers Tod allein noch von dem
-spekulativen Dreiblatt (Fichte, Schelling, Hegel) in Jena war, wurde
-es, wie Goethe klagt, schon damals schwer, sich anderen mitzuteilen,
-und er hatte sein erstes bedeutendes Werk noch nicht geschrieben.
-
-Von _Herder_ entfernt sich, wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt
-sahen, Goethe durch seine Freundschaft mit Schiller immer mehr.
-Überhaupt fühlt er mit Schiller und den wenigen anderen Freunden (den
-Humboldts, H. Meyer) sich als eine geschlossene Partei gegenüber
-den Streithändeln Kants mit dem gesamten Herderschen Kreise, den
-Geschichtsphilosophen von der Art Jacobis und Goethes eigenem Schwager
-Schlosser und den Berliner Aufklärern ~à la~ Nicolai auf der einen, der
-beginnenden Romantik auf der anderen Seite. Es sind die unseren beiden
-Dichter-Klassikern mit der klassischen Philosophie (Kants) gemeinsamen
-Gegner, denen der lustig-scharfe Xenienkrieg des Jahres 1796 gilt. Noch
-stärker fast tritt das gelegentlich der letzten gehässigen Angriffe
-Herders gegen den Kritizismus hervor, weshalb denn auch die Wut des
-gesamten Herderschen Kreises gegen unsere beiden Weimarer Dioskuren
-ging.
-
-Aus den letzten mit Schiller gemeinsam zu Weimar verlebten Jahren sind
-begreiflicherweise nur wenige briefliche Zeugnisse über ihre Stellung
-zur Philosophie erhalten. Wennschon bei Schiller, so tritt erst recht
-bei Goethe der spezielle Kantianismus in diesen bei beiden überhaupt
-mehr dem dichterischen Schaffen gewidmeten Jahren zurück. Aber das
-neue philosophische Fundament, das ihm gegenüber seinem früheren teils
-Spinozismus, teils »Realismus« der kritische Idealismus gegeben hatte,
-ist geblieben.
-
-Die ungeheure Lücke, die Schillers Hinscheiden in Goethes geistige
-Existenz riß -- er verlor mit ihm, wie er am 1. Juni 1805 an Zelter
-schreibt, »die Hälfte seines Daseins« --, machte sich natürlich
-in philosophischer Hinsicht besonders fühlbar. Trotzdem ist seine
-Bemerkung in den Annalen von 1817, daß er sich seitdem »von aller
-Philosophie entfernt« habe, nicht buchstäblich aufzufassen. Gewiß,
-zahlreiche andere Interessen nehmen ihn wieder mehr als in dem
-stark philosophischen Jahrzehnt 1790 bis 1800 in Beschlag. Aber das
-philosophische Interesse verschwindet doch fortan nie völlig mehr.
-Ich habe an anderer Stelle[30] -- zum ersten Male in der Geschichte
-der Goethe-Literatur -- Jahr für Jahr genau zusammengestellt, was
-an Goethes philosophischen Studien, Äußerungen und Beziehungen aus
-den 27 Jahren von Schillers Tod bis zu seinem eigenen Ende (1805 bis
-1832) bezeugt ist, weil nur so ein begründetes, nicht phrasenhaft und
-ins Blaue hinein phantasierendes Urteil über seinen philosophischen
-Standpunkt in diesen Jahren zu gewinnen war. Allein ich will mich hier
-nicht wiederholen und schon der Kürze halber nur eine summarische
-Zusammenfassung der wichtigsten dort gewonnenen Ergebnisse geben.
-
-Goethe fährt auch in diesem Zeitraum fort, neue philosophische
-Erscheinungen von Belang zu lesen, studiert z. B. von 1807 bis 1809
-für seine »Geschichte der Farbenlehre« zahlreiche ältere und neuere
-Philosophen an der Hand von Buhles (eines Göttinger Professors)
-»Philosophiegeschichte« und hebt in seiner Schrift, außer der berühmten
-vergleichenden Schilderung der beiden antiken Philosophenhäupter
-Plato und Aristoteles, namentlich die Bedeutung des lange verkannten
-mittelalterlichen Neuerers Roger Baco kräftig hervor. Er bildet
-sich ein selbständiges Urteil in dem von 1811 bis 1813 währenden
-Philosophenstreit zwischen der Glaubensphilosophie seines alten
-Freundes Jacobi und dem damaligen Pantheismus des wandlungsfähigen
-_Schelling_ zugunsten des letzteren, wobei er sich zeitweise wieder von
-seiner alten Liebe Spinoza und von Giordano Bruno beeinflußt zeigt. Er
-steht in den Jahren 1815 bis 1819 in näheren Beziehungen zu dem damals
-in Weimar lebenden jungen _Schopenhauer_ und liest im letztgenannten
-Jahre dessen eben erschienene »Welt als Wille und Vorstellung«.
-Wobei sich jedoch, bei aller »wechselseitigen Belehrung«, die innere
-Verschiedenheit beider bald so stark bemerkbar macht, daß sie wie
-zwei Freunde, von denen »der eine nach Norden, der andere nach Süden
-will«, einander »schnell aus dem Gesicht« kommen. Über den inzwischen
-zu immer größerer Berühmtheit aufgestiegenen _Hegel_ hat er sich zu
-verschiedenen Zeiten verschieden, im ganzen aber doch mehr ablehnend
-als zustimmend ausgesprochen. Auch die Entwicklung der auswärtigen
-Philosophie, z. B. den Eklektizismus des Franzosen Viktor Cousin
-und die Nützlichkeitslehre des Engländers Bentham, verfolgt er mit
-Teilnahme.
-
-Die Vorarbeiten zu der höchst lesenswerten »Geschichte meines
-botanischen Studiums« führen ihn dann im Jahre 1817 noch einmal zu
-erneutem _Kant_-Studium zurück. Dem verdanken wir eine Reihe kleinerer,
-später unter seine Schriften »Zur Naturwissenschaft im allgemeinen«
-aufgenommene Aufsätze: »Einwirkung der neueren Philosophie«,
-»Anschauende Urteilskraft«, »Bedenken und Ergebung«, »Bildungstrieb«.
-Der erste gibt uns nächst einem anderen, »Glückliches Ereignis«
-betitelten, der seine Verbindung mit Schiller behandelt und später
-den Annalen von 1794 eingefügt wurde, die reichsten, in unserer
-Darstellung benutzten historischen Aufschlüsse. Der zweite gewährt
-das meiste systematische Interesse. Wir gewahren hier den Punkt, wo
-der Dichter und »Naturschauer« über die verstandesmäßige Erkenntnis
-des reflektierenden Philosophen zum »schauenden« Urteil des Künstlers
-hinstrebt.
-
-Allein Goethe hat nicht vergessen, was er der kritischen Philosophie
-verdankt. Gerade in seinem letzten Lebensjahrzehnt gedenkt er ihrer
-häufig mit dankbarer Wärme. Er betitelt den »Alten vom Königsberge«
-mit den lobendsten Ausdrücken wie: unser Meister, der köstliche Mann,
-unser herrlicher, unser vortrefflicher Kant. Wir wollen aus den von
-uns an anderer Stelle wiedergegebenen Zeugnissen über ihn nur die
-beiden letzten, aus seinem _letzten_ Lebensjahr stammenden anführen.
-Am 8. Juli 1831 gibt er in einem Brief an den Musiker Zelter den
-Künstlern der Gegenwart den Rat, wenn anders sie sich »Natur und
-Naturell« bewahren wollten, zu Kant zurückzukehren und dessen Kritik
-der Urteilskraft zu studieren. Und am 18. September des gleichen
-Jahres zieht der mehr als Zweiundachtzigjährige in einem Brief an
-Staatsrat Schultz gleichsam die Summe dessen, was die Philosophie
-des klassischen deutschen Idealismus ihm gewesen, mit den Worten:
-»Ich danke der kritischen und idealistischen Philosophie, daß sie
-mich auf _mich selbst_ aufmerksam gemacht hat; das ist ein ungeheurer
-Gewinn.« Freilich vermißt er an ihr, an der »idealistischen« der
-Fichte, Schelling, Hegel wohl noch mehr als an der kritischen Kants,
-das unmittelbar anschauliche Ergreifen des _Gegenstandes_: »Sie
-kommt aber nie zum Objekt; dieses müssen wir so gut wie der gemeine
-Menschenverstand zugeben, um vom unwandelbaren Verhältnis zu ihm die
-Freude des Lebens zu genießen.«
-
-Suchen wir uns nun, nach dieser langen geschichtlichen Entwicklung, in
-einem letzten Abschnitt in knapper Zusammenfassung klarzumachen, was
-von philosophischen Gedanken in Goethes Weltanschauung dauernd haften
-geblieben ist.
-
-
-
-
-~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit
-
-
-Bei Lessing und Herder, ja auch noch bei Schiller ließ sich ihre
-philosophische Weltanschauung in wenigen großen Zügen zusammenfassen;
-bei Goethe ist das nicht möglich. Selbst nicht, wenn wir -- seine
-von uns bereits geschilderte frühere Entwicklung beiseite lassend
--- auf den reifen, auf den alten Goethe, auf den Dichter »in der
-Epoche seiner Vollendung«, wie Otto Harnack es in dem Titel seines
-gleichnamigen Buches ausgedrückt hat, uns beschränken. Dafür ist Goethe
-zu vielseitig, man möchte beinahe sagen: zu _all_seitig. Außerdem
-hat er seine philosophischen Gedanken noch weniger als die anderen
-systematisch oder auch nur zusammenhängend entwickelt; sondern nur
-gelegentlich in Briefen, Gesprächen, Dichtungen, Tagebüchern und sonst
-hingeworfenen Gedanken, in zahllosen »Maximen und Reflexionen« ihnen
-Ausdruck gegeben. Wir können also mit unserem folgenden Versuch nur die
-allgemeine Richtung angeben, die seinen allgemein-philosophischen,
-ethischen, politischen, religiösen, ästhetischen Anschauungen zugrunde
-liegt; und auch dies nur in groben Umrissen. Der aufmerksame Leser
-des Bisherigen wird sich danach hoffentlich doch ein einigermaßen
-anschauliches Bild von Goethes »Philosophie« machen können.
-
-1. Von dem, was uns heute als die unentbehrliche Grundlage
-jeder haltbaren Philosophie erscheint, von einer allem
-Darauflos-Philosophieren voraufgehenden eindringenden
-_Erkenntniskritik_, ist bei ihm sehr wenig zu spüren. Philosophie ist
-für ihn _nicht_, wie für Kant, in erster Linie _Wissenschaft_, die auf
-das Faktum von Mathematik und mathematischer Naturwissenschaft sich
-gründet. Er steht vielmehr der ersteren gleichgültig, der letzteren,
-zumal in ihrer von den Zeitgenossen fast allgemein akzeptierten
-Verkörperung in Newtons Methode, sogar beinahe feindlich gegenüber. Das
-Zerlegen in Berechenbares und Meßbares, welches das Ziel der modernen
-Physik ist, widerstrebt seiner durchaus auf das Organische gerichteten,
-nicht dem Allgemeinen, sondern dem Einzelnen, nicht dem Sein, sondern
-dem Werden zugewandten Natur. Und wenn er auch durch Schiller, den
-Gundolf einmal den »Gesandten« aus dem »Reiche Kants« an Goethe nennt,
-für den idealistischen Grundgedanken von der Spontaneität, d. h.
-selbständigen Zeugungskraft des menschlichen Geistes, gewonnen wurde,
-so blieb doch sein Denken, vor allem in der äußeren Natur, aufs engste
-mit den Gegenständen verbunden, weshalb es denn auch unter seinem
-Beifall der Anthropologe Heinroth 1823 geradezu als »gegenständlich«
-bezeichnen konnte.
-
-Oder vielmehr, er sucht eine Verbindung zwischen beiden. In dem für
-die Kenntnis seiner philosophischen Methode besonders wichtigen, 1799
-für die »Propyläen« verfaßten Aufsatz »_Der Sammler und die Seinigen_«
-heißt es z. B. ganz idealistisch: »Es gibt keine Erfahrung, die nicht
-produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.« Selbst das Göttliche
-würden wir nicht kennen, »wenn es der Mensch nicht fühlte und selbst
-hervorbrächte«. Und in den »Sprüchen in Prosa« sagt er: »Suchet _in_
-euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, wenn da draußen,
-wie ihr es immer heißen möget, eine Natur lieget, die ja und amen
-zu allem sagt, was ihr in euch selbst gefunden habt.« Daher auch,
-nebenbei bemerkt, sein Spott gegen die »Philister«, die das »Innere der
-Natur« für ein undurchdringliches Geheimnis hielten. Rudolf Steiner in
-seinem Büchlein »Goethes Weltanschauung« will darin einen Gegensatz zum
-Kritizismus erblicken. Das Gegenteil ist der Fall. Vielmehr wendet sich
-gerade Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« (2. Auflage, S. 333 f.)
-gleichfalls ausdrücklich gegen die »ganz unbilligen und unvernünftigen«
-Klagen mancher Leute, daß »wir das Innere der Dinge gar nicht
-einsehen«, und erklärt dazu: »Ins Innere der Natur dringt Beobachtung
-und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen,
-wieweit dieses mit der Zeit gehen werde.« Diesen vielsagenden Satz hat
-Goethe in seinem Handexemplar doppelt angestrichen: so daß vielleicht
-anzunehmen ist, daß er gerade durch ihn zu seinem »heiteren Reimstück«
-vom »Inneren der Natur« angeregt wurde. In gleichem Sinne erklärt er an
-einer anderen Stelle: »Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in
-seine und der Welt Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt
-noch abgeschlossen.«
-
-Mit dieser Voraussetzung eines immer weiteren Vorwärtsdringens echter
-wissenschaftlicher Forschung ist die von Anfang an in Goethes Natur
-liegende, aber durch Kant in ihm bestärkte Neigung zu kritischer
-_Selbstbescheidung_ gegenüber dogmatischem Allwissenheitsdünkel
-durchaus vereinbar, wie sie sich vor allem in dem berühmten Spruche
-(Nr. 1019) ausprägt: »Das schönste Glück des denkenden Menschen ist,
-das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig
-zu verehren.« Wozu man jedoch die beiden ihn umrahmenden Sprüche
-hinzunehmen muß: »Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher
-kommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen
-weiß, desto mehr sieht man, daß das Unerforschliche keinen praktischen
-Nutzen hat.« (1018.) Und andererseits: »Derjenige, der sich mit
-Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.«
-(1020.) Auch dies letzte Wort ist gesund kritisch gedacht und durchaus
-nicht im Sinne skeptischen Verzichts auf die Wissenschaft aufzufassen.
-Oder gar im Sinne der Mystik. Denn wie wenig auch Goethe, schon als
-Dichter, geneigt ist, das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, das
-»Wunder« in uns und der äußeren Natur einfach wegzuleugnen, so bedeutet
-es doch für ihn niemals ein Durchbrechen der Naturgesetze, sondern
-höchstens eine Grenze, bis zu der unser Erkennen hinanführt.
-
-Die eben zitierte Wendung vom »praktischen Nutzen« endlich, die sich
-in anderen Sprüchen zu allgemeineren Sätzen erweitert, wie: »Was
-_fruchtbar_ ist, ist wahr«, »Ich halte für wahr, was mich _fördert_«,
-»Wir sind aufs _Leben_, nicht auf die Betrachtung angewiesen«, scheinen
-freilich Goethe ganz in die Nähe des heutigen »Pragmatismus« eines
-James und Bergson oder, wenn man will, auch Nietzsches zu rücken.
-Allein dem stehen doch genug Aussprüche anderer Art gegenüber, wie
-der aus dem »Faust«, daß »_Vernunft_ und _Wissenschaft_« des Menschen
-»allerhöchste Kraft« darstellen, die beweisen, daß ihm der Geist über
-das Blut, das apollinisch-klare Element, um mit Nietzsche zu reden,
-über das dionysisch-trunkene geht. Wir bekennen uns, sagt er einmal,
-zu »dem Geschlecht, das aus dem Dunklen ins _Helle_ strebt«. Und
-derselbe Gundolf, der ihn eben jenem Pragmatismus annähern will, hat,
-wir sahen es S. 167, von seiner Läuterung aus dem _Gefühls_-Goethe der
-jungen in den _Gedanken_-Goethe der reiferen Jahre gesprochen, hat mit
-der Neigung zur Übertreibung, die sein geistvolles Werk kennzeichnet,
-erklärt, daß Goethe, »der Anlage nach einer der dunkel-drangvollsten,
-gefühlsüberschwenglichsten, widerrationalsten Menschen, sich zur
-Heilung in die intellektuelle Klarheit begab, sich zur vollkommensten
-_Denkordnung_ erzog und es fertig brachte, die ganze dunkle angeborene
-Tiefe seiner Lebensfülle in _helle Begriffe_, Einsichten, Reflexionen,
-Maximen, Sentenzen heraufzuholen«, so daß er in ein ganz anderes
-geistiges »Klima« kam, das der »_Ideale_ und _Grundsätze_« statt der
-»Qualen und Wonnen«. Diese größere »Helligkeit« der Begriffe hat ihm
-eben die Philosophie, hat ihm, wenn es Gundolf auch nicht Wort haben
-will, in erster Linie Kants Kritizismus gegeben; wie es sich auch
-einmal in Goethes Gelegenheitsäußerung zu dem jungen Schopenhauer
-widerspiegelt: »Wenn ich eine Seite im Kant lese, wird mir zumute, als
-träte ich in ein helles Zimmer.«
-
-2. Die »Ideale und Grundsätze« führen uns auf ein anderes Gebiet: das
-der _Ethik_. Auch hier läßt sich der Unterschied zwischen dem Prediger
-der Natur (Goethe) und denen der Freiheit, die zugleich sittliche
-Gebundenheit unter die Pflicht ist (Kant, Schiller), natürlich nicht
-verwischen. Wir erinnern an des ersteren entschiedene und fortdauernde
-Abneigung gegen den radikalen Hang zum Bösen, der dem Christentum
-und Kant zufolge in der Menschennatur unausrottbar liegen soll.
-Demgegenüber bekennt Goethe bis zum letzten Augenblick, und das denn
-doch wieder in Übereinstimmung mit Kant, im Gegensatz dagegen zu dem
-Nirwana des Buddhismus, der Maja der Brahminen und dem irdischen
-Jammertal des Christentums: »Wie es auch sei, das Leben, es ist _gut_.«
-Goethe ist und bleibt überhaupt ein durchaus _diesseitsfroher_ Mensch.
-
-»Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt«, ist seine theoretische
-Weltansicht, und daraus entspringt unmittelbar sein praktischer Glaube:
-»Das Drüben kann mich wenig kümmern«; vielmehr:
-
- »Aus _dieser_ Erde quillen meine Freuden,
- Und diese Sonne scheinet meinen Leiden.«
-
-Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsfragen ist seiner Meinung nach
-»für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun
-haben. Ein tüchtiger Mensch, der schon hier etwas Ordentliches zu sein
-gedenkt, und der dafür täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken
-hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich
-in dieser.«
-
-Gewiß, Goethe verkörpert das sittliche Ideal am liebsten in weiblicher
-Gestalt: Iphigenie, Leonore, Natalie und anderen. Aber es muß doch
-jedem Unbefangenen auffallen, wie stark und häufig er sich, seit
-seiner Freundschaft mit Schiller, namentlich aber in seinen späteren
-Jahren, zu den großen Grundgedanken von Kants Ethik bekannt hat. So
-zu dem _Pflicht_begriff: »Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch
-als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan« (Spruch 44), zum
-_kategorischen Imperativ_, der in der Naturforschung ebenso am Platze
-sei wie im Sittlichen (915), zur Anerkennung des _guten Willens_ als
-»Hauptfundaments des Sittlichen«. Und vor allem auch zum Gedanken
-der sittlichen _Autonomie_ (Selbstgesetzgebung): Pflicht ist, »wo man
-liebt, was man _sich selbst_ befiehlt« (565). Denn
-
- »Das selbständige Gewissen
- Ist Sonne deinem Sittentag«,
-
-das _Gewissen_, »das keines Ahnherrn bedarf«, mit dem »alles gegeben
-ist«, das »nur mit der inneren eigenen Welt zu tun hat«.
-
-Sicherlich, die Motive sind vielfach bei Kant und Goethe, ihrer völlig
-entgegengesetzten Naturanlage entsprechend, sehr verschieden, und die
-methodische Begründung fehlt bei dem Dichter-Denker durchaus. Aber in
-ihrem Ergebnis kommen sie doch, wie man sieht, mannigfach überein.
-
-3. Das stimmt denn auch bis zu einem gewissen Grade für ihre
-_Religions_auffassung. Gewiß sind auch hier grundlegende Unterschiede,
-ja Gegensätze vorhanden. Goethes vielseitigem Wesen entspricht es
-recht, wenn er sie auf einem Zettel seines Nachlasses einmal in die
-Worte kleidet: »Wir sind naturforschend _Pan_theisten, dichtend
-_Poly_theisten, sittlich _Mono_theisten.« Von Spinoza her, aber auch
-aus seinem innersten Gefühl heraus hat er sich auch später gegen
-einen Gott gewehrt, der nur »von außen stieße, das All im Kreis am
-Finger laufen ließe«. _Sein_ Gott lebte und webte _in_ der Natur, war
-schließlich nichts anderes als deren geistiger Inbegriff. Aber daneben
-ist ihm doch die Gottheit auch Verkörperung der höchsten Sittlichkeit.
-In seinem Handexemplar der »Kritik der Urteilskraft« schreibt er zu
-einer Stelle des § 86, wo ihr Verfasser den Gottesglauben rein auf
-die Moral baut, ein ~optime~ (»sehr gut!«) an den Rand, und wenige
-Seiten später: »Gefühl von Menschenwürde« objektiviert (zum Gegenstand
-gemacht) = Gott.
-
-Im übrigen hat er in »Wilhelm Meisters Wanderjahren« das schöne
-Wort von den drei Stufen der _Ehrfurcht_ gesprochen: der Ehrfurcht
-vor dem _über_ uns, vor dem _unter_ uns und vor uns selbst, also
-vor dem _in_ uns. In jenem Wort von der ruhigen Verehrung des
-»Unerforschlichen« sprach sich die erste Ehrfurcht aus; mit ihr
-verwandt ist auch das Gefühl dankbarer Hingabe in den bekannten Zeilen
-des Vierundsiebzigjährigen:
-
- »In unseres Busens Reine wogt ein Streben
- Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
- Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.«
-
-Aber die höchste Art der Ehrfurcht ist ihm doch eben die vor dem
-Göttlichen _in_ uns selbst. Und darum ist auch der Grundgedanke
-seiner größten Dichtung, des _Faust_, ganz Kant und Schillers Denkart
-entsprechend, der der _Selbsterlösung_: der Erlösung nicht durch
-irgendeine von außen kommende Gnade, sondern durch die eigene Tat: sei
-es die Tat des Gedankens (»Wer immer strebend sich bemüht ...«), sei
-es die des tätigen Wirkens für andere, womit der alte Faust sein Leben
-beschließt. Und ebenso in der Iphigenie: »Alle menschlichen Gebrechen
-Sühnet reine Menschlichkeit.«
-
-4. Obwohl Goethe als einziger unter unseren vier Klassikern
-jahrzehntelang, offiziell oder inoffiziell, ein höheres Staatsamt
-bekleidet hat, ist gerade sein Wesen im Grunde doch _unpolitisch_. Das
-tritt schon in der in der Hauptsache lyrischen Art seiner Dichtkunst
-und vielleicht noch mehr in seinen historischen Dramen wie »Götz«
-und »Egmont« hervor, die zwar vielerlei politischen Stoff enthalten,
-aber letzten Endes doch unpolitischen Charakter tragen. Auch in der
-_Geschichte_ ist ihm das Individuelle und Biographische interessanter
-als das Politische und Kulturgeschichtliche. Die größten politischen
-Ereignisse seiner Zeit: die große Revolution von 1789, die Knechtung
-Europas durch Napoleon und die Wiederbefreiung von ihm haben ihn
-verhältnismäßig kalt gelassen. Auffallend ist insbesondere, wie wenig
-die weltgeschichtliche _Französische Revolution_, im Vergleich mit
-Kant, Schiller, aber auch dem ihm in der historischen Anschauung sonst
-wesensverwandteren Herder (vergl. S. 92) ihn innerlich gepackt hat.
-Denn sein vielzitiertes Wort gelegentlich der Kanonade von Valmy,
-daß mit diesem Tage eine neue Epoche der Weltgeschichte beginne,
-oder der sechste Gesang von Hermann und Dorothea können doch nicht
-entschuldigen, daß ein so weltbewegendes Ereignis ihn nur zu so
-kläglichen dichterischen Erzeugnissen wie »Der Großkophta«, »Die
-Aufgeregten« und »Der Bürgergeneral« veranlassen konnte. Im Grunde
-ist er eben in politischen Dingen eine durchaus _konservative_
-Natur, wenn auch natürlich nicht im landläufigen Sinne geistigen
-Rückschritts, sondern etwa im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus
-gewesen. Politische Zielsetzungen, Forderungen, »Lockrufe« (Gundolf)
-wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder auch Patriotismus,
-Befreiungskampf, haben für ihn, den im wesentlichen bloß Betrachtenden,
-keine Schlagkraft besessen. Unordnung erscheint ihm unerträglicher als
-selbst Ungerechtigkeit. Die politische Geschichte hat er gelegentlich
-als einen bloßen »Mischmasch von Irrtum und Gewalt« bezeichnet. Die
-große Revolution seiner Tage hatte in seinen Augen nur den Nachteil,
-gleich der religiösen des sechzehnten Jahrhunderts: »ruhige Bildung
-zurückzudrängen«.
-
-Über sein _Weltbürgertum_ brauchen wir uns nicht weiter zu verbreiten.
-Das ist ihm mit Lessing, Herder und Schiller gemein. Dagegen hat
-man ihn neuerdings wohl mit Bezug auf die »Pädagogische Provinz« in
-»Wilhelm Meisters Wanderjahren« zum _Sozialisten_ machen wollen. Diese
-seine _pädagogisch-soziale Utopie_, etwas seinem sonstigen auf die
-unmittelbare Wirklichkeit gerichteten Wesen ganz Widerstrebendes,
-erinnert ihrer Gattung nach vielleicht am ehesten an Platos »Staat«,
-ist aber weit unlebendiger, schemenhafter und nüchterner als
-dieser. Im Grunde ist sie wohl, ähnlich wie Hegels gleichzeitige
-Staatsphilosophie, eine Mahnung an die in fast reinem Individualismus
-aufgehende Zeit, sich des Gemeinschaftlichen zu erinnern, wie er schon
-in dem bekannten Distichon von 1797 gemahnt hatte:
-
- »Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes
- Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.«
-
-Jeder soll sich in _einem_ Fache, am besten in einem Handwerk,
-aufs beste ausbilden, das gibt »höhere Bildung als Halbheit im
-Hundertfältigen«; und dann warten, welche Stelle im Gemeinleben ihm
-zugeteilt wird. Die Leitung seiner in letzter Linie zu einem »Weltbund«
-sich zusammenschließenden idealen Gesellschaft sollen, ähnlich wie bei
-Plato, weitschauende, das Ganze der gesellschaftlichen Zusammenhänge
-überblickende, über Sonderwünsche und -interessen erhabene Greise
-haben. Schon der Nebentitel »Die Entsagenden« zeigt das Unfrische,
-Resignierende des Entwurfs. Von wirtschaftlichen Grundlagen des neuen
-Gemeinwesens ist keine Rede, nur von Religion und Sitte, Obrigkeit und
-Polizei wird einiges gesagt.
-
-Die Hauptsache ist die _Erziehung_, die in einer großen Anstalt
-gemeinschaftlich stattfindet, damit der Knabe frühzeitig »selbstische
-Vereinzelung« aufgebe. Auf körperliche Ausbildung und praktische Arbeit
-wird großer Wert gelegt, der ganze Unterricht auf Anschauung gegründet,
-auch die Sprachen lebendig-praktisch übermittelt, alles tote Wortwissen
-vermieden; Willkür und Laune übrigens nicht geduldet. Das eigentliche
-Leitmotiv des »Weltbundes« ist Gemeinnützigkeit, »trachte jeder überall
-sich und anderen zu nützen« sein Wahlspruch. Nur nach dem, was einer
-leistet, wird gefragt, jeder Standesunterschied soll aufgehoben sein.
-Alles, auch das äußere Milieu: Landschaft, Wohnung, Kleidung, Gerät
-wird von oben herab bestimmt. Interessant ist das Voraussehen eines
-wesentlich sozialen, technischen und werktätigen Zeitalters.
-
-Daß Goethe auch in seinen jüngeren Jahren nicht ohne soziales Empfinden
-war, zeigt eine noch wenig bekannte Stelle aus einem Briefe vom März
-1779 an Frau von Stein, wo er klagt, er komme in der Arbeit an seinem
-Humanitäts-Drama, der »Iphigenie«, nicht recht vorwärts, weil ihn dabei
-beständig die Gedanken an die -- hungernden Weber in Apolda störten.
-Ebendahin gehört ja auch das: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß« und,
-in anderem Zusammenhang, das: »Vom Rechte, das mit uns geboren, von
-dem ist leider nie die Frage.« So finden wir auch in dem Plane der
-»Wanderjahre« nicht bloß, wie es bei einem Goethe selbstverständlich,
-allerlei anregende, sondern auch sozialistische Gedanken, die er zum
-Teil mit dem gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich gemein hat.
-Aber als Ganzes wirkt doch die in Romanform weitläufig, oft bis ins
-Pedantische ausgeführte Utopie schemenhaft und weltabgewandt, daher
-auf die Dauer -- langweilig. Wäre nicht Goethe der Verfasser, man
-würde sie nicht lesen. An eine praktische Wirkung des Romans, den er
-übrigens erst in seinem achtzigsten Lebensjahr vollendete, hat der
-Dichter ohnehin nicht gedacht; er läßt zum Schlusse die Mitglieder
-seiner Gesellschaft, des zähen Schlendrians in der Alten Welt müde, zur
-Fortsetzung ihrer Arbeit -- nach Amerika auswandern.
-
-_Wir_ erblicken das sozialistische Ideal, wenn wir es denn einmal mit
-Goethe in inneren Zusammenhang bringen wollen, viel schöner formuliert
-in den letzten Worten des sterbenden Faust:
-
- »Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
- Nicht sicher zwar, doch _tätig frei_ zu wohnen
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
- Auf _freiem Grund_ mit _freiem Volke_ stehn.«
-
-5. Das oberste und eigenste Gebiet ist und bleibt indes für Goethe doch
-schließlich die _Kunst_. Auch hier hat er -- von einzelnem zu sprechen,
-ist nicht der Raum vorhanden -- je länger je mehr der _Philosophie_ die
-Ehre gegeben, die ihr gebührt. »Wer gegenwärtig über Kunst schreiben
-oder gar streiten will, der sollte einige Ahnung haben von dem, was die
-Philosophie in unseren Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.«
-(Spruch 704.) Auch hier hat sich sein philosophisches Denken letzten
-Endes zu dem schöpferischen Idealismus des selbsterzeugenden
-menschlichen Geistes bekannt: »Kein Porträt kann etwas taugen, als
-wenn es der Maler im eigentlichen Sinne erschafft« (Der Sammler). Und
-verallgemeinert: »Es gibt einen allgemeinen Punkt, aus welchem alle
-ihre (der Kunst) Gesetze ausfließen: das menschliche Gemüt.« »Die Kunst
-ist nur _durch_ den Menschen und für ihn.«
-
-Die Kunst und ihr philosophischer Ausdruck, die Ästhetik, bildet aber
-nur ein für sich bestehendes Gebiet des menschlichen Bewußtseins neben
-Natur und Sittlichkeit: gleich diesen in letzter Linie der Gesetzgebung
-des Menschen untergeordnet, der überall, »wo er bedeutend auftritt«
--- in Wissenschaft und Staat, Sittlichkeit, Kunst und Religion --,
-»gesetzgebend sich verhält«. Diese Gesetze aufzusuchen ist die Aufgabe
-der _Philosophie_; und insofern er sich darum sein Leben lang bemüht,
-hat auch Wolfgang Goethe seinen Anteil zur deutschen Philosophie
-beigetragen. So gehört auch er -- neben Lessing, Herder und Schiller --
-als vierter und letzter, aber mit nicht minderem Recht als sie, in die
-Reihe
-
- _unserer Klassiker-Philosophen_.
-
-
-
-
-Anhang
-
-Zur Literatur
-
-
-Es wäre unangebracht, unseren Lesern an dieser Stelle eine möglichst
-vollständige Zusammenstellung aller Schriften, die über die
-philosophischen Anschauungen unserer Dichter-Klassiker oder irgendeine
-Seite derselben handeln, zu geben. Wir verweisen diejenigen, die sich
-dafür interessieren, auf den bibliographischen Anhang zu _Ueberwegs_
-»Grundriß der Geschichte der Philosophie«, 3. Band, dessen neueste
-(11.) Auflage (besorgt von Professor M. Frischeisen-Köhler, Berlin
-1914) allein über Lessing nicht weniger als 52 Schriftentitel anführt.
-Der Leser würde dabei nur vor einem Heere von Namen und Titeln stehen,
-mit denen er wenig anzufangen wüßte. Wir beschränken uns vielmehr im
-folgenden auf eine Angabe derjenigen literarischen Hilfsmittel, die wir
-für die wichtigsten und förderndsten halten.
-
-Von den allgemeinen literaturgeschichtlichen Darstellungen halten wir
-noch immer für eine der besten Hermann _Hettners_ »Literaturgeschichte
-des achtzehnten Jahrhunderts«, 3. Teil; daneben ist, namentlich für
-Lessing, auch des alten Gervinus »Geschichte der deutschen Dichtung«
-(1842) noch sehr brauchbar.
-
-Über _Lessing_ besitzen wir, nachdem die beiden früh verstorbenen
-Danzel und Guhrauer mit einer für ihre Zeit (1850 bezw. 1854) sehr
-verdienstlichen Darstellung vorangegangen waren, seit 1884 eine
-vorläufig abschließende biographische Darstellung in dem zweibändigen
-Werke von _Erich Schmidt_ »Lessing. Geschichte seines Lebens und
-seiner Schriften«, 3. Auflage 1909, die freilich gerade philosophisch
-nicht ausreicht. Eine gute Ergänzung dazu bietet die knappe, aber
-bedeutende Darstellung, die _Wilhelm Dilthey_ 1867 in den »Preußischen
-Jahrbüchern« gab, und die erweitert seit 1905 in Diltheys »Das Erlebnis
-und die Dichtung« (4. Auflage 1912) aufgenommen ist. Die eindringendste
-Monographie über »Lessing als Philosoph« hat bis jetzt Christoph
-_Schrempf_, der eigenartige schwäbische Theologe und Philosoph, in
-Band 19 von Frommanns »Klassikern der Philosophie« (Stuttgart 1905)
-geliefert. Vom marxistischen Standpunkt aus hat _Franz Mehring_ ein
-umfassendes Gemälde der Zeit Friedrichs des Großen und Lessings gegeben
-in seiner »_Lessing-Legende_« (Stuttgart 1922, Dietz, 8. Auflage),
-in der Lessing als der literarische Wortführer des aufstrebenden
-Bürgertums gezeichnet wird.
-
-Für _Herder_ hat eine hervorragende große und grundlegende
-Gesamtdarstellung in zwei mächtigen Lexikonbänden von zusammen über
-1600 Seiten _Rudolf Haym_, »Herder nach seinem Leben und seinem
-Wirken« (Berlin 1880 bis 1882), geliefert. Eine knappere, darum vielen
-unserer Leser vielleicht willkommenere Darstellung in einem immerhin
-noch starken Bande gibt _Eugen Kühnemanns_ »Herder« (zweite, neu
-bearbeitete Auflage, München 1912, O. Beck): geistreich, freilich
-auch stark subjektiv, das Seelische stark herausholend. Eine noch
-kürzere Sonderdarstellung von »Herder als Philosoph«, an Umfang
-der Schrempfschen von Lessing entsprechend, enthält die Arbeit des
-österreichischen Gelehrten C. _Siegel_ (Stuttgart 1907, Cotta),
-sorgfältig und klar, freilich auch etwas trocken. In unserem Text haben
-wir außerdem auf das eigenartige Buch von Günther _Jacoby_ »Herder als
-Faust« (Leipzig 1911) hingewiesen, der auch den letzten Kampf Herders
-gegen Kant und beider Begründung der Ästhetik in besonderen Schriften
-behandelt hat.
-
-Über _Schiller_ liegt eine große Biographie, die auch philosophisch
-völlig befriedigte, nicht vor. Die kürzere von E. _Kühnemann_
-(München 1906) steht in dieser Beziehung hinter seiner eben genannten
-Herder-Biographie zurück. Tiefer philosophisch geht seine kleinere
-Schrift »Kants und Schillers Begründung der Ästhetik 1895«. Aus der
-Masse der bei Ueberweg (11. Auflage 1914) S. 105 bis 107 zitierten
-Arbeiten über Schillers Philosophie ragen hervor: _Kuno Fischer_,
-Schiller als Philosoph, 1858, 2. Auflage, Heidelberg 1892; _K.
-Tomaschek_, Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft, Wien 1862;
-_F. A. Lange_, Einleitung und Kommentar zu Schillers philosophischen
-Gedichten, aus dem Nachlaß herausgegeben von O. A. Ellissen, Leipzig
-1897. Ferner das Festheft der Kant-Studien: »Schiller als Philosoph
-und seine Beziehungen zu Kant«, Berlin 1905; _Karl Vorländer_, Kant --
-Schiller -- Goethe, 1. Teil, Leipzig 1907, 2. Auflage 1922.
-
-Mit _Goethe_ als Philosoph hat man sich eingehender erst viel später
-zu beschäftigen begonnen. Früher wurde er in der Regel bloß als
-_Spinozist_ betrachtet (z. B. von Danzel, »Über Goethes Spinozismus«,
-Hamburg 1843). Erst ich selber habe seit 1897 in verschiedenen, später
-erweiterten und zu meinem ebengenannten Buche »Kant -- Schiller --
-Goethe«, 2. Teil zusammengefaßten, Aufsätzen auf den nachhaltigen
-Einfluß Kant-Schillers auf den reifen Goethe (von 1790 an) hingewiesen.
-Siebecks Monographie »Goethe als Denker« (Stuttgart 1902) dringt nicht
-tief; Christoph Schrempf ist über »den jungen Goethe« (Stuttgart 1908)
-nicht hinausgekommen. Manche wertvolle Einzelbeiträge sind natürlich
-auch in der langen Reihe der von der »Goethe-Gesellschaft« (Weimar)
-herausgegebenen »Jahrbücher« enthalten. So hat, wie ich selbst einst
-auf Wunsch des Herausgebers in dem von 1898 eine kurze zusammenfassende
-Darstellung von »Goethe und Kant« gab, in dem neuesten (1922) der
-kürzlich aus dem Leben geschiedene Otto Braun einen Aufsatz »Goethe
-und Schelling« veröffentlicht, der allerdings nichts wesentlich Neues
-bringt. Ein anderer (W. Hertz) sucht ebendort wahrscheinlich zu
-machen, daß der übermütige Baccalaureus im zweiten Teil des »Faust«
-nicht auf den jungen Fichte, sondern auf den jungen Schopenhauer
-gehe. Ein dritter (Hartung) behandelt das interessante Thema »Goethe
-als Staatsmann«, O. Marcuse »Goethe als Rechtsbildner«. Von den
-großen allgemeinen Darstellungen sind philosophisch am wertvollsten
-diejenigen Chamberlains und namentlich _Gundolfs_ (Goethe, 1916). Als
-gut unterrichtende Einführung ist auch die Einleitung _Heynachers_ in
-seiner Ausgabe (s. unten) zu empfehlen.
-
-Die _Philosophische Bibliothek_ (Leipzig, Verlag F. Meiner) hat
-sich das Verdienst erworben, die wichtigsten philosophischen Stücke
-aller von uns behandelten vier Klassiker in guten _Auswahl-Ausgaben_
-mit Einleitungen der Herausgeber zu veröffentlichen. So: _Lessings_
-Philosophie von P. _Lorentz_, 1909, Herders Philosophie von Horst
-_Stephan_, 1906, _Schillers_ Philosophische Schriften und Gedichte von
-E. Kühnemann, 2. Auflage 1909, _Goethes_ Philosophie aus seinen Werken
-von M. _Heynacher_, 2. Auflage 1922.
-
-
-
-
-Namenverzeichnis
-
-
- Abel 99 f.
-
- Amalrich von Bene 44.
-
- Aristoteles 14, 23, 24, 71, 169 Anm., 175, 177.
-
- Augustenburg, Herzog von 108, 110, 140, 143.
-
- Augustin 12.
-
-
- Baco, Roger 177.
-
- Bartels 40.
-
- Batteux 14.
-
- Baumgarten 17 f., 66, 169 Anm.
-
- Bayle 5 f., 152, 156.
-
- Beethoven 103, 148.
-
- Berengar 26 f.
-
- Bergson 182.
-
- Bismarck 46.
-
- Blumenbach 87.
-
- Bodin 52.
-
- Bodmer 15, 19.
-
- Boerhave 157.
-
- Braun, O. 191.
-
- Breitinger 15, 19.
-
- Brockes 15.
-
- Bruno 154 f., 169 Anm., 177.
-
- Brutus 46.
-
- Buhle 177.
-
- Burke 12, 15.
-
-
- Campanella 169 Anm.
-
- Cardano 8.
-
- Cassirer, E. 165.
-
- Chamberlain, H. St. 191.
-
- Christ 6.
-
- Christus s. Jesus.
-
- Claudius, Matthias 71, 90.
-
- Cochläus 8.
-
- Comte 23.
-
- Condillac 71.
-
- Crusius 67.
-
-
- Danzel 189, 190.
-
- Darwin 79.
-
- Demokrit VIII.
-
- Descartes 58, 158.
-
- Devrient 25 f.
-
- Diderot 6, 14, 71, 153.
-
- Dilthey, 20, 22, 23, 41, 189.
-
- Drako 121.
-
- Dubos 14.
-
- Dühring 40.
-
- Dürer 19.
-
-
- Eberhard 27.
-
- Eckermann 154, 164.
-
- Eckhart 39.
-
- Ellissen 190.
-
- Engels 88.
-
- Epiktet 152, 169 Anm.
-
- Erhard 145.
-
-
- Ferguson 101.
-
- Fichte 62, 113, 169 Anm., 172, 174, 175, 179.
-
- Fischenich 109.
-
- Fischer, Kuno 115, 190.
-
- Forster 87.
-
- Friedrich II. 6, 19, 26, 47 f., 129.
-
- Frischeisen-Köhler 189.
-
-
- Garve 153.
-
- Gervinus 21 f., 62, 189.
-
- Geßner 15.
-
- Gleim 49.
-
- _Goethe_ III, VII f., 4, 13, 14, 16, 19 ff., 24, 40, 41, 48,
- 50, 52, 57 f., 59, 61 f., 65, 71, 73 f., 76 ff., 82, 84 f.,
- 89 ff., 104, 110 f., 112, 115 f., 119, 124 ff., 133, 139,
- 142, 148, =149--188=, 190 f.
-
- Goeze 31, 34 ff.
-
- Gottschedianer 22.
-
- Guhrauer 189.
-
- Gundolf 157, 160, 167, 180, 182, 186, 191.
-
-
- Haller, A. von 9, 15, 19, 75, 101.
-
- Hamann 57, 68 f., 73, 75 f., 81, 87, 93, 165.
-
- Harnack, O. 179.
-
- Harris 14.
-
- Hartung 191.
-
- Hauptmann 25.
-
- Haym 66, 84, 94 Anm., 190.
-
- Hegel 87, 95, 169 Anm., 175 f., 178 f., 186.
-
- Heine, H. 144.
-
- Heinrich 106 Anm.
-
- Heinroth 180.
-
- Heinse 16.
-
- Henzi 46.
-
- Heraklit 60, 79.
-
- _Herder_ VII f., 13, 16, 20, 52, 59, 60, =65= bis =96=, 99,
- 113, 120, 124, 126, 130, 151, 158, =161= ff., 171 f., 176,
- 185, 190.
-
- Herder, Karoline 69, 71, 72, 90 f.
-
- Hettner 137, 189.
-
- Heynacher 191.
-
- Hieronymus 33.
-
- Hohenheim, Franziska von 100.
-
- Holbein 19.
-
- Home 15.
-
- Homer 18, 71, 104, 133.
-
- Hoven von 141 Anm.
-
- Humboldt, Alexander von 175 f.
-
- Humboldt, Wilhelm von 72, 142, 175 f.
-
- Hume 67.
-
- Hutcheson 14.
-
-
- Jacobi, F. H. 13, 57 ff., 89 f., 156, 161 ff., 174, 176 f.
-
- Jacoby, G. 76, 94, 190.
-
- James 182.
-
- Jean Paul 93.
-
- Jerusalem 56.
-
- Jesus 8, 32 ff., 43, 85, 106, 152, 167.
-
- Joachim von Floris 44.
-
- Johannes 33, 73.
-
- Justi 20 Anm.
-
- Justin 12.
-
-
- Kalb, Charlotte von 102.
-
- Kalvin 29, 127.
-
- Kant VIII, 3, 5, 6, 8 f., 10, 11, 12, 14, 15 f., 19 f., 24, 32,
- 36, 38, 40, 43 Anm., 48, 66 f., 69, 70, 73, 75, 78, 80 f.,
- 83, 85, 87 f., 94 f., 96, 102, =106= ff. bis =132=, 138 f.,
- 141, 144, 147, 153, 162, =167= ff., 178 f., 181, 183 f.,
- 185.
-
- Keller, Gottfr. 21.
-
- Kepler 67.
-
- Keyserling 70.
-
- Kleist, E. Chr. von 15.
-
- Klettenberg, S. von 153, 157.
-
- Klopstock VII f., 92, 134, 139.
-
- Knebel 81, 161.
-
- König, Eva 26, 37, 62.
-
- Körner, G. 103 ff., 123, 127, 139, 170 f.
-
- Kühnemann 68, 76, 87, 94 Anm., 116, 131, Anm., 190, 191.
-
-
- Lachmann 51.
-
- Lamettrie 9.
-
- Lange, F. A. 105, 130, 148, 190.
-
- Lassalle 46.
-
- Lavater 73, 90, 165.
-
- Leibniz 4, 8, 9, 12 f., 27, 28, 33, 58 f., 66, 88 ff., 109.
-
- Lemnius 8.
-
- Lengefeld, Charlotte von 138, 140.
-
- _Lessing_, G. E. VII f., =1--62=, 65, 69, 71, 74 ff., 80, 85,
- 89, 99, 124, 126, 137, 151, 153, 158 f., 161, 179, 186,
- 189 f.
-
- Lessing, Karl 27 f.
-
- Lessing, Theophil 3.
-
- Lindner 68.
-
- Locke 88.
-
- Lorentz 191.
-
- Lotze 87 f.
-
- Luther 8, 26, 35 f., 124 f.
-
- Lucian VIII.
-
-
- Macaulay 13.
-
- Malebranche 169 Anm.
-
- Marcuse 191.
-
- Marx, K. 46, 52, 88.
-
- Mehring 47, 50 f., 102, 136 Anm., 160, 189 f.
-
- Mendelssohn 10 f., 13, 15, 30, 59, 75, 90, 153, 162.
-
- Meyer, H. 174, 176.
-
- Meyer, K. F. 21.
-
- Montesquieu 52, 70.
-
- Morus 54.
-
- Müller 9, 91.
-
- Muncker 51.
-
-
- Natorp 38.
-
- Neuser 8, 28 f.
-
- Newton 67.
-
- Nicolai 10 f., 15, 30, 48.
-
- Niethammer 175.
-
- Nietzsche 62, 68, 112, 182.
-
-
- Oeser 15, 153.
-
- Origenes 12.
-
- Ossian 134.
-
-
- Parmenides 58.
-
- Paulus 85.
-
- Perikles 125.
-
- Pestalozzi 139.
-
- Plato 14, 16, 54, 58, 88, 112, 113, 120, 125, 147, 169 Anm.,
- 177, 186.
-
- Plutarch 12.
-
- Pope 10, 12 f.
-
- Pythagoras VIII.
-
-
- Raffael 25, 148.
-
- Ramler 11.
-
- Ranke 88.
-
- Reimarus, Elise 30, 62.
-
- Reimarus, Herm. 29 ff., 42.
-
- Reinhard 168.
-
- Reinhold 81, 106, 112, 167 f.
-
- Rembrandt 15, 62.
-
- Reß 33.
-
- Rethel 19.
-
- Ritschl 32.
-
- Rousseau 8, 47, 67, 70, 75, 101 f., 120, 134, 154.
-
- Ruland 169.
-
-
- Saint-Simon 187.
-
- Schelling 87, 95, 113, 169 Anm., 175 f., 177.
-
- _Schiller_ 14, 16, 20 f., 25, 38, 40, 47, 48, 50, 52, 73, 80,
- 92 f., 96, =97--148=, 160, 166, 170 f., =171= bis =177=,
- 179 f., 183, 186, 190.
-
- Schleiermacher 32.
-
- Schlosser 115 f., 176.
-
- Schmidt, Erich 60, 189.
-
- Schopenhauer 62, 129, 169 Anm., 178, 182.
-
- Schrempf 16, 189, 190.
-
- Schumann 32 f.
-
- Schwartz-Erler 65.
-
- Servet 29.
-
- Shaftesbury 13, 88 f., 101, 125, 129.
-
- Shakespeare 21 Anm., 23, 71, 88, 133.
-
- Siebeck 191.
-
- Siegel 94, 190.
-
- Simonides 15, 20.
-
- Sokrates VIII, 8, 125, 152.
-
- Solon 121.
-
- Sömmering 87.
-
- Sonnenfels 48.
-
- Sophokles 16, 25.
-
- Spartakus 47.
-
- Spencer 78.
-
- Spinoza 13, 38, 57 ff., 75 f., 88 ff., 95, 155 ff., 169 Anm.,
- 177, 184.
-
- Stein, Charlotte v. 161 f., 187.
-
- Steiner, Rudolf 58, 181.
-
- Stephan, H. 191.
-
- Storm, Th. 21.
-
- Streicher 137.
-
- Sylvan 29.
-
-
- Tacitus 50.
-
- Tauentzien von 11, 47.
-
- Tomaschek 190.
-
- Tönnies 136 Anm.
-
- Trescho 65.
-
-
- Ueberweg 189, 190.
-
- Uhland 16.
-
-
- Vischer 123.
-
- Voltaire 6, 26, 50, 154.
-
-
- Walter von der Vogelweide 79.
-
- Warda 65 Anm.
-
- Washington 139.
-
- Wieland VII f., 20 f., 81, 92, 93, 106.
-
- Winckelmann 6, 15, 20, 48, 77 f., 153.
-
- Wissowatius 28.
-
- Wolff 4, 8, 9, 12, 66, 88, 152 f., 153 Anm.
-
-
- Xenophanes 125.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
- [1] Seite 101 seiner im Anhang zitierten Schrift.
-
- [2] Wir besitzen über Winckelmann ein vortreffliches Werk in
- Karl _Justi_: Winckelmann, sein Leben, sein Werk und seine
- Zeitgenossen (2 Bände, 1866 und 1872, 2. Auflage 3 Bände
- 1898).
-
- [3] Wir sehen hier, um die ohnehin reiche Stoffülle nicht noch
- zu vergrößern, von seinem ersten Eintreten für Shakespeare
- gegen Gottsched in den »Literaturbriefen« der fünfziger
- Jahre ab.
-
- [4] Das heißt die später als maßgebend angesehene, die heutigen
- neutestamentlichen Schriften umfassende Sammlung.
-
- [5] Wenn Lessing die Recha von Moses sagen läßt: »_Wo_ er
- stand, stand er vor Gott«, so fühlt man sich gleichfalls
- an Eckharts Gedanken erinnert: daß man Gott beim Herdfeuer
- oder im Stalle ebenso gegenwärtig haben könne als in der
- Einöde oder in der Klosterzelle. Und Eckharts Ansicht,
- daß das wahre Gebet keiner Worte bedürfe, hat Lessing
- in der Minna von Barnhelm in dem schönen Satze Ausdruck
- gegeben: »Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das
- vollkommenste Gebet.«
-
- [6] Denselben Gedanken finden wir in Kants Religion innerhalb
- der Grenzen der bloßen Vernunft (in meiner Ausgabe, Bd. 45
- der Philosophischen Bibliothek) S. 96 f.
-
- [7] In einem handschriftlichen Bruchstück: »Daß mehr als fünf
- Sinne für den Menschen sein können.«
-
- [8] Über beide siehe meine »Volkstümliche Geschichte der
- Philosophie«. 2. Auflage. Dietz Nachf., Stuttgart 1922.
-
- [9] Lessing ist übrigens gegen eine Einmischung des Ordens in
- die Politik. Selbst das Eintreten mit bewaffneter Hand
- für Menschenrechte, wie es die Nordamerikaner in ihrem
- gleichzeitigen Freiheitskampf wider England taten, weist
- sein konsequenter Pazifismus ab. Denn »was Blut kostet, ist
- ganz gewiß kein Blut wert«.
-
- [10] Die folgende Darstellung fußt auf dem eingehenden und
- einen durchaus zuverlässigen Eindruck machenden Bericht
- Jacobis, den er 1785 veröffentlicht hat. Wir beschränken
- uns natürlich auf das, was Lessings _philosophische_
- Anschauungen betrifft.
-
- [11] So ist der Name durch den bekannten Kantkenner Artur Warda
- in Königsberg jetzt festgestellt.
-
- [12] Abgedruckt mit ihrer Fortsetzung unter anderem in meiner
- Kantausgabe in der Philosophischen Bibliothek Band 47 I,
- S. 21 bis 46. Wir benutzen zu unserer obigen Darstellung
- einen Teil der Gedanken unserer dortigen Einleitung.
-
- [13] Herders und Kants Ästhetik, Leipzig 1907. Vergl. außer
- Siegels Monographie (siehe Anhang) ferner E. Kühnemann,
- Herders letzter Kampf gegen Kant, in »Aufsätze zur
- Literaturgeschichte«, M. Bernays gewidmet. Hamburg 1893.
- Die beiden bedeutendsten Herderbiographen, Haym und
- Kühnemann, lehnen den Herderschen Standpunkt ab.
-
- [14] Ein Neidhammel unter seinen Kollegen, der Professor
- der Geschichte Heinrich, hatte den Anschlag der
- Antrittsvorlesung in den Buchläden durch den Pedell
- herunterreißen lassen, weil sich Schiller darauf als
- Professor der _Geschichte_ (statt der _Philosophie_)
- bezeichnet hatte, was damals mehr galt. Schiller schrieb
- dazu: »Ist das nicht erbärmlich? Mit solchen Menschen habe
- ich zu tun.«
-
- [15] Abgedruckt in meiner Ausgabe in der »Philosophischen
- Bibliothek« Band 47 I, S. 47 bis 64; vergl. meine
- Einleitung dazu S. XXI bis XXIV.
-
- [16] Religion innerhalb der Grenzen usw. S. 22, Anmerkung.
-
- [17] Vergl. Eugen Kühnemann, Kants und Schillers Begründung
- der Ästhetik, 1895; auch desselben Einleitung zu seiner
- Auswahl-Ausgabe.
-
- [18] K. Vorländer, Der Formalismus der Kantischen Ethik in
- seiner Notwendigkeit und Fruchtbarkeit. Marburg 1893.
-
- [19] Näheres siehe unter anderem bei Ferdinand _Tönnies_,
- Schiller als Zeitbürger und Politiker. Berlin 1905.
- Auch _Mehrings_ im Anhang zitiertes Schiller-Büchlein
- vom gleichen Schiller-Jubiläumsjahr gibt wertvolle
- Gesichtspunkte.
-
- [20] Zu seinem Jugendfreunde v. Hoven äußerte er während
- seines Aufenthalts in der schwäbischen Heimat 1793: »Die
- eigentlichen Prinzipien, die einer wahrhaft glücklichen
- bürgerlichen Verfassung zum Grunde gelegt werden müssen,
- sind noch nirgends anders als hier«, indem er auf Kants
- Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische lag, hinwies.
-
- [21] Ich habe auf diese noch wenig beachtete Seite Schillers
- bereits in meinem Schriftchen »Kant, Fichte, Hegel und der
- Sozialismus« (1920 bei P. Cassirer, jetzt Vorwärts-Verlag)
- hingewiesen.
-
- [22] Christliche Gedanken eines heidnischen Philosophen.
- Preußische Jahrbücher 1897.
-
- [23] Die Geschichte ist Wolff nur zur moralischen Belehrung
- da. Die Poeten dienen »zur Belustigung der Ohren«, müssen
- aber unter Staatsaufsicht gestellt werden, auf daß sie
- nicht »durch verliebte und unzüchtige Verse gute Sitten
- verderben«. In der Politik gilt das Wort vom »beschränkten
- Untertanenverstand«. In einem der acht Quartbände seines
- »Naturrechts« behandelt Wolff unter anderem ausführlich die
- Frage, ob lautes Schmatzen beim Essen gegen das Naturrecht
- sei. Vergl. meine Volkstümliche Geschichte der Philosophie
- S. 194 bis 197.
-
- [24] Was Goethe dann bekanntlich in seinem Wilhelm Meister
- auch auf die Geschlechterliebe in dem, wie er selbst sagt,
- »frechen« Wort der losen Philine ausgedehnt hat: »Wenn ich
- dich liebe, was geht's dich an!«
-
- [25] Er besaß sie übrigens erst in der dritten Auflage von 1790.
-
- [26] Es findet sich, wie alles von Goethes Hand Stammende, in
- der großen Weimarer Ausgabe seiner Werke, Briefe usw. Einen
- ausführlichen Bericht gebe ich in meinem »Kant -- Schiller
- -- Goethe« S. 146 bis 149.
-
- [27] Ich habe a. a. O. S. 268 bis 271 auch einen genauen
- Bericht über Goethes philosophische Bücherei gegeben.
- Sie zählte 186 Nummern mit etwa 220 Bänden. Neben
- vielen unbedeutenden Widmungsexemplaren philosophischer
- Zeitgenossen finden sich von bekannteren Denkern:
- Einzelnes von Giordano Bruno, Plato, Aristoteles, Epiktet,
- Campanella, Hobbes, Malebranche, Baumgarten, Lambert; alles
- von _Spinoza_; das Wichtigste von Fichte, Schelling, Hegel
- und Schopenhauer.
-
- [28] Während seiner Kampagne in Frankreich (Oktober 1792)
- setzte er einem jungen in Kants Schriften beschlagenen
- Lehrer in Trier als Sinn der kritischen Lehre auseinander:
- ein Kunstwerk solle wie ein Naturwerk, ein Naturwerk wie
- ein Kunstwerk behandelt und der Wert eines jeden aus sich
- selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet werden.
-
- [29] Über das Datum vergl. meine genaue Untersuchung in
- »Kantstudien« I, S. 316 f., kürzer wiederholt in »Kant --
- Schiller -- Goethe« S. 158 f.
-
- [30] Kant -- Schiller -- Goethe S. 196 bis 245.
-
-
-
-
-Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-Wir empfehlen:
-
-
-Volkstümliche Geschichte der Philosophie
-
-Von =Karl Vorländer=
-
-Internationale Bibliothek Band 62
-
-In der Vorrede zu diesem Werk schreibt der Verfasser: Schon lange war
-es mein Wunsch, neben meiner zweibändigen Geschichte der Philosophie,
-die sich hauptsächlich in den Kreisen der Studierenden eingebürgert
-zu haben scheint, eine kürzere Darstellung desselben Stoffes für den
-freidenkenden Mann aus dem Volke zu schreiben, der für die großen
-Weltanschauungsfragen interessiert ist. Das ist allerdings keine
-leichte Aufgabe und ist wohl deshalb bisher noch nie versucht worden.
-Denn ein solches Buch soll kurz sein und doch die Hauptprobleme der
-Philosophie klar herausarbeiten, ihre Hauptgestalten lebensvoll
-schildern; allgemeinverständlich, ohne doch an der Oberfläche zu
-bleiben. Nun, »ich hab's gewagt!« Eine Aufforderung von Professor
-Ferdinand Jakob Schmidt in der Neuen Zeit vom 12. März 1920
-bestärkte mich in dem Entschluß. Jahrelanger geistiger Verkehr mit
-bildungsdurstigen Männern der verschiedensten Kreise läßt mich hoffen,
-daß ich den Ton im allgemeinen getroffen habe.
-
-
-Marx, Engels und Lassalle als Philosophen
-
-Von =Karl Vorländer=
-
- I. =Marx' Anfänge.=
-
- II. =Die Sturm- und Drangperiode=: 1. Marx 1842 bis 1845. -- 2.
- Engels' philosophische Anfänge. -- 3. Marx und Engels 1845.
-
- III. =Die Entstehung des historischen Materialismus=: 1. Die
- Thesen über Feuerbach. -- 2. Die »Deutsche Ideologie«. --
- 3. Der Anti-Proudhon. -- 4. Das Kommunistische Manifest.
-
- IV. =Die Ausbildung der dialektischen Methode=: 1. Zur Kritik
- der politischen Ökonomie. -- 2. Engels über Marx (1859). --
- 3. Marx und Hegel. -- 4. »Das Kapital«.
-
- V. =Engels' Anti-Dühring und Feuerbach=: 1. Der Anti-Dühring.
- -- 2. Der »Feuerbach«.
-
- VI. =Engels' letzte Modifikationen des historischen
- Materialismus.=
-
- VII. =Lassalle als Philosoph=: 1. Jugend- und
- Universitätsjahre. -- 2. Der »Heraklit«. Die fünfziger
- Jahre. -- 3. Lassalle und Fichte (1860 bis 1862).
- -- 4. Das »System der erworbenen Rechte«. -- 5. Das
- »Arbeiterprogramm«.
-
-
-
-
-Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-
-Internationale Bibliothek
-
- 1 =Tschulok=, Entwicklungstheorie (Darwins Lehre).
-
- 2 =Kautsky=, Marx' Ökonomische Lehren.
-
- 5 =Kautsky=, Thomas More und seine Utopie.
-
- 6 =Bebel=, Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien.
-
- 8 =Stern=, Die Philosophie Spinozas.
-
- 9 =Bebel=, Die Frau und der Sozialismus. Mit einem Porträt
- Bebels.
-
- 10 =Lissagaray=, Die Geschichte der Kommune 1871. Illustriert.
-
- 11 =Engels=, Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und
- des Staats. Nach Lewis H. Morgans Forschungen.
-
- 12 =Marx=, Das Elend der Philosophie.
-
- 13 =Kautsky=, Erfurter Programm. In seinem grundsätzlichen
- Teil erläutert.
-
- 14 =Engels=, Die Lage der arbeitenden Klasse in England.
-
- 17 =Mehring=, Die Lessing-Legende. Eine Rettung.
-
- 21 =Engels=, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft.
-
- 24 =Marx=, Revolution und Konterrevolution in Deutschland.
-
- 26~a~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 1. Leben und Tod.
-
- 26~b~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 2. Kleinere Aufsätze.
-
- 26~c~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 3. Moses oder Darwin?
-
- 29 =Plechanow=, Beiträge zur Geschichte des Materialismus.
-
- 30 =Marx=, Zur Kritik der politischen Ökonomie.
-
- 33 =Deutsch=, Sechzehn Jahre in Sibirien. Erinnerung eines
- Revolutionärs.
-
- 35 bis 37~a~ =Marx=, Theorien über den Mehrwert. 4 Bände.
-
- 38 =Kautsky=, Ethik und materialistische Geschichtsauffassung.
-
- 40 =Pashitnow=, Die Lage der arbeitenden Klasse in Rußland.
-
- 41 =Deutsch= (Verfasser von »Sechzehn Jahre in Sibirien«),
- Viermal entflohen.
-
- 44 =Bernstein=, Sozialismus und Demokratie in der großen
- englischen Revolution.
-
- 45 =Kautsky=, Der Ursprung des Christentums. Eine historische
- Untersuchung.
-
- 47--48~b~ =Kautsky=, Vorläufer des neueren Sozialismus. 4 Bände.
-
- 50 =Kautsky=, Vermehrung und Entwicklung in Natur und
- Gesellschaft.
-
- 52 =Salvioli=, Der Kapitalismus im Altertum. Studien über die
- römische Wirtschaftsgeschichte. Aus dem Französischen
- übersetzt von Karl Kautsky jun.
-
- 53 =Adler=, Marxistische Probleme. Beiträge zur Theorie der
- materialistischen Geschichtsauffassung und Dialektik.
-
- 57 =Noske=, Kolonialpolitik und Sozialdemokratie.
-
- 58 =Hepner=, Josef Dietzgens Philosophische Lehren.
-
- 61 =Bernstein=, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die
- Aufgaben der Sozialdemokratie.
-
- 62 =Vorländer=, Volkstümliche Geschichte der Philosophie.
-
- 63 =Reimes=, Ein Gang durch die Wirtschaftsgeschichte. Sechs
- Vorträge.
-
- 64 =Kautsky=, Die proletarische Revolution und ihr Programm.
-
- 65 =Beyer=, ~Dr. med.~ =Alfred=, Menschenökonomie.
-
- 66 =Vorländer=, Die Philosophie uns. Klassiker (Lessing,
- Herder, Schiller, Goethe).
-
-
-Die fehlenden Nummern sind vergriffen. Die Sammlung wird fortgesetzt.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Philosophie unserer Klassiker, by
-Karl Vorländer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER ***
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-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
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-without further opportunities to fix the problem.
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-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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- gbnewby@pglaf.org
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