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If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook. - - -Title: Die Philosophie unserer Klassiker - Lessing - Herder - Schiller - Goethe - -Author: Karl Vorländer - -Release Date: October 25, 2020 [EBook #63548] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Die - Philosophie unserer Klassiker - - Lessing · Herder · Schiller · Goethe - - Von - - Karl Vorländer - - 1923 - - J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. - - Berlin und Stuttgart - - - - -Alle Rechte vorbehalten - - -Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart - - - - -Vorwort - - -Goethe sagt einmal in einem seiner Sprüche in Prosa: Das _Klassische_ -ist das _Gesunde_, das Romantische ist das Kranke. Von der gleichen -Ansicht ausgehend, habe ich im vergangenen Sommersemester die -Philosophie unserer Klassiker _Lessing_, _Herder_, _Schiller_, _Goethe_ -meinen Zuhörern an der hiesigen Universität vorgetragen und lege sie -nun hier, erweitert und ergänzt, einem breiteren Leserkreise vor. Ich -tue das in der Überzeugung, daß es gerade in unserer Zeit und gerade -auch in der Philosophie doppelt not tut, gegenüber aller ungesunden, -sich auf unklare _Gefühle_ stützenden Romantik (verkappe sie sich -hinter dem Namen reiner Ästhetik oder Theosophie oder Lebensphilosophie -oder Patriotismus oder sonstwie immer), auf die reinen Quellen des -Wahren, Guten und Schönen, wie sie in dem Denken und Dichten unserer -großen Klassiker fließen, nachdrücklichst hinzuweisen. Während der -Arbeit habe ich meine Freude daran gehabt, mich wieder einmal in ihre -unvergänglichen, ewig jungen und wahren Gedankengänge vertiefen zu -können, und hoffe, daß es meinen Lesern ähnlich gehen wird. - - _Münster i. W._, im September 1922 - - =Karl Vorländer= - - - - -Inhalt - - - Seite - - Vorwort III - - Einleitung VII - - - Lessing - - ~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760 (Meißen, Leipzig, Berlin) 3 - - Auf der Fürstenschule zu Meißen -- Auf der Universität - Leipzig -- Nach Berlin -- Stellung zur Religion um 1750 - -- Religionsphilosophische und religionsgeschichtliche Schriften - der 50er Jahre -- Mit Moses Mendelssohn und F. Nicolai. - - ~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770 11 - - Weitere religionsphilosophische Entwicklung -- Von Christian - Wolff zu Leibniz und Spinoza -- Philosophie der Kunst - (Ästhetik): Der »Laokoon« -- Die Hamburger Dramaturgie. - - ~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780 26 - - Wiederum Religionsphilosophie: Wolfenbütteler Funde -- - Die Fragmente eines Ungenannten (Reimarus) -- Der Streit - mit der Orthodoxie (Antigoeze) -- Ergebnisse. - - ~D.~ Philosophische Weltanschauung überhaupt 37 - - 1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise. 2. Religions- - und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts. - 3. Ansichten über den Staat: Lessings politische - Entwicklung. 4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in: Ernst - und Falk. 5. Letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus, - Pantheismus, Spinozismus. - - Schluß: Lessings Persönlichkeit 60 - - - Herder - - ~A.~ Der junge Herder bis zur Übersiedlung nach Weimar 1776 65 - - 1. Die Jugend (Mohrungen, Königsberg) 1744 bis 1764 -- - Kant und Hamann 65 - - 2. Vorherrschend literarisch-ästhetische Epoche 1765 bis 1772 69 - - In Riga -- Reisetagebuch -- In Straßburg: Vom Ursprung - der Sprache. - - 3. Vorherrschend religiöse Periode 1772 bis 1776 72 - - Hofprediger in Bückeburg -- Älteste Urkunde des - Menschengeschlechts -- Auch eine Philosophie usw. - -- Vom Erkennen und Empfinden. - - ~B.~ Die Höhezeit 1776 bis 1788 77 - - In Weimar -- Theologische Schriften -- 1. Die Ideen zur - Philosophie der Geschichte der Menschheit -- Politische - Anschauungen -- Kritik des Christentums -- Wirkung des - Werks -- 2. Die Gespräche über »Gott« -- Spinozismus. - - ~C.~ Das Ende 1789 bis 1803 91 - - Altersjahre -- Stellung zur Französischen Revolution -- Goethes - Abwendung -- Der Kampf gegen Kant -- Tod. - - - Schiller - - ~A.~ Die Anfänge 1779 bis 1786 99 - - Auf der Karlsschule -- Die beiden medizinischen Dissertationen - -- Rousseaus Einfluß: »Räuber« und Jugendlyrik. - - ~B.~ Die Übergangszeit 1787 bis 1790 103 - - Die Philosophischen Briefe -- Die Götter Griechenlands und - Die Künstler -- Studium der Geschichte -- Erste Bekanntschaft - mit dem Kritizismus. - - ~C.~ Die Höhezeit: Schiller als Jünger Kants 1791 bis 1795 108 - - Geschichtliche Entwicklung: Endgültige Bekehrung zu Kant -- - Die ersten ästhetischen Aufsätze -- Anmut und Würde -- Die - ästhetischen Briefe -- Naive und sentimentalische Dichtung. - - ~D.~ Schillers Philosophie in seiner Reifezeit 113 - - 1. Methodisches und theoretische Philosophie. 2. Ethik. - 3. Ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene - und das Sittlich-Schöne. 4. Stellung zu Griechentum und - Christentum sowie zur Religion überhaupt. 5. Zusammenfassung - und Ergebnisse. 6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik. - 7. Schiller als Politiker. 8. Schiller, der Idealist. - - - Goethe - - ~A.~ Anfänge 1774 bis 1776 151 - - Im Elternhaus -- In Leipzig -- In Straßburg: Berührung - mit der französischen Philosophie, mit Herder -- Erste - Bekanntschaft mit Spinoza -- Philosophische Gedichte. - - ~B.~ Das erste Jahrzehnt in Weimar. Die italienische Reise - 1776 bis 1788 160 - - Pantheismus -- Neues Spinoza-Studium -- Nahe Freundschaft - mit Herder -- Naturwissenschaftliche Studien (Metamorphose - der Pflanzen) -- Einfluß Italiens auf seine Natur- - und Kunstauffassung. - - ~C.~ Erstes Kant-Studium 1789 bis 1894 167 - - Lektüre der Kritik der reinen Vernunft -- Einfluß der Kritik - der Urteilskraft. - - ~D.~ Der Freundschaftsbund mit Schiller 1794 bis 1805. Die - Altersjahre 1805 bis 1832 172 - - Das glückliche Ereignis vom Sommer 1794 -- Das Jahrzehnt - mit Schiller -- Verhältnis zu andern Denkern (Schelling, - Herder u. a.) -- Spätere philosophische Studien u. Beziehungen. - - ~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit 179 - - 1. Theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Religionsauffassung. - 4. Politische Stellung. Sozialismus in Wilhelm Meisters - Wanderjahren? 5. Die Kunst. Schluß. - - - Zur Literatur 189 - - Namenverzeichnis 192 - - - - -Einleitung - -Die Philosophie unserer Klassiker - - -Wir wollen uns in diesen Vorlesungen mit der Philosophie unserer -Klassiker, d. h. unserer klassischen deutschen Dichter beschäftigen. -Wer sind diese _Klassiker_? Wir wurden in meiner Jugend gelehrt, drei -Dichterpaare des achtzehnten Jahrhunderts als solche zu betrachten: -Klopstock und Wieland, Lessing und Herder, Schiller und Goethe. Allein -das erste Paar dürfte schon in der allgemeinen Schätzung längst aus -deren Mitte ausgeschieden sein. Mögen noch so starke Wirkungen auch -von Wieland und Klopstock auf die Steigerung des dichterischen Gefühls -und der künstlerischen Einbildungskraft, auf die Fortbildung unserer -Sprache und deren poetische Form, auf die Lyrik insbesondere und den -Roman ausgegangen sein, mögen sie noch in den Schulstuben unserer -Primaner an der herkömmlichen Stelle stehen: in die Masse unseres -Volkes sind sie nicht eingedrungen, ja sogar in dem geistigen Leben -der großen Mehrzahl unserer Gebildeten führen sie kein lebendiges -Dasein mehr. Was Lessings bekanntes Epigramm von _Klopstocks_ berühmtem -Messias-Epos sagte: - - »Wer wird nicht einen Klopstock _loben_! - Doch wird ihn jeder _lesen_? Nein!« - -das gilt heute nicht bloß von Klopstock überhaupt mit seiner -Vereinigung von antiker Form und christlich-germanischem, zum Teil -fast nordisch-germanischem Inhalt, den selbst unsere begeistertsten -»Nationalen« kaum mehr bewundern, ja vielfach gar nicht mehr kennen. -Das gilt erst recht von _Wieland_ mit seiner dem französischen -Geschmack im Zeitalter eines Ludwigs XV. nachstrebenden, vielfach ins -Lüstern-Weichliche hinüberspielenden Denkweise und seiner geradezu -abschreckenden Weitschweifigkeit des Stils. Vor allem aber, beide -kommen als _Philosophen_, also für unser Thema überhaupt nicht in -Betracht. Von dem frommen Sänger der Messiade oder der Erlöser-Oden -brauche ich das gar nicht erst nachzuweisen: weder er selbst noch -sonst jemand hat Klopstock jemals für die Philosophie reklamiert. -Und Wieland hat sich zwar in seinen Romanen, sogar mit Vorliebe, mit -Gestalten, die uns aus der griechischen Philosophie bekannt sind, von -Pythagoras, Demokrit und Sokrates an bis zu dem Wundermann Peregrinus -Proteus und dem Spötter Lucian, am meisten bezeichnenderweise mit -solchen aus der Periode ihres Niedergangs, beschäftigt; indes mit -seinen oberflächlich-breiten Erörterungen für philosophische Methode -oder Wissenschaft, ja nur für die schärfere Erfassung philosophischer -Probleme nicht das mindeste geleistet. - -Also bleibt es für uns bei den beiden anderen Paaren: _Lessing_ und -_Herder_, _Schiller_ und _Goethe_, die heute noch, abgesehen vielleicht -von dem minder bekannten Herder, bei allen denen lebendig sind, die -überhaupt von den ewigen Geistesschätzen unserer klassischen Literatur -und Dichtung zehren. Allein selbst bei diesen vier Großen läßt sich die -Frage aufwerfen: Sind sie wirklich »_Philosophen_« im engeren Sinne des -Wortes zu nennen? Hat doch keiner von ihnen ein philosophisches System -entworfen, keiner sich selbst für einen Philosophen ausgegeben, keiner, -wenn wir von Herders »Ideen« absehen, ein größeres philosophisches Buch -geschrieben. Und doch, so lange es, um mit Kantischen Worten zu reden, -eine Philosophie nicht bloß nach dem _Schul_-, sondern auch nach dem -_Welt_begriff, mit anderen Worten eine Philosophie als Weltanschauung -gibt, so lange werden auch Lessing und Herder, Schiller und Goethe in -die Reihe der Philosophen gehören. Allerdings, und damit ergibt sich -eine bestimmte Grenze für unsere Darstellung, nur, insoweit sie ihre -Weltanschauung _philosophisch_ zu _begründen_ versucht haben. - - - - -Lessing - - - - -~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760 - -Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie) - - -Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so modern -an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit und -Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit. Und doch ist er -vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen hinterwäldlerischen -Stadt der sächsischen Lausitz geboren, der Sohn eines rechtgläubigen -lutherischen Pastors, der, ursprünglich auch gelehrten Studien -zugewandt, in dem abgelegenen kleinen Nest immer mehr zum versauerten -Orthodoxen und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester, eben -unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit im Kampfe -für das als recht Erkannte geerbt, daneben eine gewisse Achtung vor -ehrlicher Orthodoxie beibehalten. - -Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden -Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder Theophil erhalten: -dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold wollte durchaus »von einem -großen Haufen Bücher umgeben« gemalt sein. Kursachsen hatte seit der -Reformation die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der -junge Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während der -fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule« Sankt Afra -in _Meißen_ -- neben dem noch heute bekannten Schulpforta einem der -ersten Gymnasien des Landes -- zubrachte. So tyrannisch wie Schiller -und seine Jugendgefährten auf der Karlsschule wurden die Meißener -Fürstenschüler zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an -seine Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier -stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es damals die -englische Aufklärung zu vertreten angefangen hatte. Ähnlich wie in dem -Königsberger Friedrichskolleg, in dem Kant ein Jahrzehnt früher seine -acht Lehrjahre verbrachte, waren Religion mit 25 (!) und Latein mit 15 -Wochenstunden der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort -eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassenden Geist -nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die anderen zu schwer -werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete sein Rektor von ihm, »es -ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß.« Am meisten zog seinen -verstandesscharfen Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis -zum Spielen mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin und -sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels gewesen -ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid und wählte zum Thema -seiner Abgangsrede (Juni 1746) »die Mathematik der Barbaren«, also der -Nichtgriechen und -römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle -»Glückwunschungsrede«, die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb, -deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders -altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im Grunde weder einen -besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt zu verzeichnen habe, -sondern daß jedes Jahr dem anderen gleich sei. Es ist eben eine im -üblichen Geleise der herrschenden Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie -einhergehende rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben, -der den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis -der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall« seiner -- -vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu haben behauptet. - -Auch auf der Universität _Leipzig_, die der Siebzehnjährige im -September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als Studiosus der -Theologie, bezieht, scheint er philosophisch keine besonderen neuen -Einsichten gewonnen zu haben. Wohl gehen in seinem inneren und äußeren -Leben große Umwälzungen vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit -ihn »wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen« würde. -Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die ganze Welt im -kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in Goethes »Faust«. Er lernt -Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt mit Schauspielern und anderen -leichten Gesellen, dichtet nach der Zeitsitte leichte »anakreontische« -Liedchen über Liebe und Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann -1748 sein theologisches Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und -geht zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt auf -Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach der preußischen -Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um 1750/51 in Wittenberg -den Magistergrad, der ungefähr dem heutigen ~Dr. phil.~ entspricht, -zu erwerben. Erst ein in ernster Auseinandersetzung mit dem Vater zur -Rechtfertigung seines neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai -1749 zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die -Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit, -die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht, »ob der ein -besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im -Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche -geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, -der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg der _Untersuchung_ -zur Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu gelangen -bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen -Eltern auf Treue und Glauben annehmen soll.« Und vom christlichen -Handeln bekennt er offen und scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man -eines der vornehmsten Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben, -nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen -sind, die sich davor ausgeben ...« - -Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen schon -ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn ferner auf demjenigen -Gebiet philosophierend, das bis zu seinem Tode das _Haupt_gebiet seines -Philosophierens gebildet hat: dem der _Religion_. Und sie zeigen ihn in -derselben Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen, -auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig gesagt, auf -einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur fünf Jahre ältere junge Kant -ging. »Der junge Gelehrte« richtet sich gegen die Pedanterie und -Schulfuchserei, »der Freigeist« gegen die oberflächlichen Aufklärer, -welche alle Frömmigkeit als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien, -aber doch auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters -freisprechend; und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit gegen -Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«, den er übrigens schon um -1751 geplant hat. - -Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann man auf den -des berühmten französischen Skeptikers Pierre _Bayle_ hinweisen, -jenes ersten Begründers der französischen Aufklärung, den schon der -Student Lessing in den Vorlesungen des Professors Christ kennengelernt -hatte, und dem er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die -erst allmählich sich aus den Fesseln der Theologie losringenden -freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann, einen -Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem Einfluß gewesen -ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame Geisteszüge: die ungeheure -Belesenheit und Vielseitigkeit, die dialektische Meisterschaft, der -Geist eindringender Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer -Überzeugung, die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch- und -verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle stand dann bald sein -Nachfolger und Fortsetzer _Voltaire_, mit dem Lessing ja in Berlin -als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich auch in persönliche, zuletzt -recht unliebsame Berührung geraten ist; und neben ihm das Haupt der -Enzyklopädisten, der feurige _Diderot_, der »durch Gänge voll Nacht zum -glänzenden Throne der Wahrheit« führt. - -Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen Geist wie -Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer fremde Anstöße anzunehmen. -Wie der dreiundzwanzigjährige Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift, -deren etwas selbstbewußten Titel Lessing in einem später mit Grund -gestrichenen Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe -mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen -Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, so -schreibt in demselben Alter auch der junge Lessing zu Wittenberg einem -Bekannten den Vers ins Album: - - »Wie lange währt's, so bin ich hin - Und einer Nachwelt untern Füßen; - Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen? - Weiß _ich_ nur, _wer ich bin_.« - -Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der Zwanzigjährige, -unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu denken, den stolzen Adlerflug -des freien Genies beschrieben: - - »Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu, - Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh ... - Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß, - Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß. - Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher, - Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.« - -In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen -Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher oder später -in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück gebliebene -religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »_Die Religion_« -(veröffentlicht November 1751) und »_Über die menschliche -Glückseligkeit_« (veröffentlicht 1753), auf die wir indes nicht näher -eingehen: einmal, weil sie eben Fragmente geblieben sind und nicht -viel mehr als Zeugnisse dieses inneren Ringens darstellen; dann auch, -weil sie doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit -dem wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von der er -später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß er in ihr alle die -verschiedenen neuerschienenen Schriften _für_ und _wider_ die Religion -gierig verschlungen habe, ohne daß ihn eine ganz befriedigt hätte; sie -hätten ihn vielmehr nur »von einer Seite zur anderen gerissen«. Und -nun kommt eine Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines -Lebens ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet: -»Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte, desto -zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender mir es der -andere ganz zu Boden treten wollte: desto geneigter fühlte ich mich, -es wenigstens in meinem Herzen aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des -selbständigen Geistes, der in Dingen, die doch schließlich durch das -persönliche Gefühl entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite -aufgezwungen werden sollende sogenannte Verstandes»beweise« sich wehrt; -der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende »Autoritäten« der einen -oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei überhaupt, die ihm einmal -in einem scherzhaften Liede die Verse eingibt: - - »Allen Narren, die sich ›isten‹, - Zum Exempel Pietisten, - Zum Exempel Atheisten, - Zum Exempel Rabulisten - -- -- -- -- -- -- - Quietisten und Sophisten - -- -- -- -- -- -- - Mag ich, Lessing, nicht gefallen!« - -In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten -»_Rettungen_« einzelner von der hergebrachten Theologie, sei es -der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter Persönlichkeiten -oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf Ewigkeit« er untersuchen, -denen er »unverdiente Flecken abwischen, falsche Verkleisterungen -ihrer Schwächen auflösen« will. Dahin gehören z. B. die Rettungen -einzelner durch die Autorität eines Luther niedergekämpften, nur -unseren gelehrten Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus -oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen -Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen Predigers Adam -Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden waren, weil sie -- das -spätere Nathan-Problem! -- den Schein der Gleichberechtigung oder gar -der Minderwertigkeit des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz -vermieden hatten. Dahin auch die »_Gedanken über die Herrnhuter_« -(1750), die im Grunde genommen -- sie sind freilich auch nur Fragmente -geblieben -- so gut wie gar nicht von »diesen Leuten« selbst handeln, -sondern sie nur zum Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze -benutzen. Er gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der -Religion auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h. von -den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff -- Sokrates -ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter Lehrer --, um daraus den -Schluß zu ziehen: »Sie füllen den _Kopf_, und das _Herz_ bleibt leer.« -Man wird »durchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der -anderen nur immer haben _vernünfteln_, niemals _handeln_ wollen«. Und -doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen«. -Das haben die Herrnhuter auf dem Gebiet der Religion zu ihrem Ziel -gemacht. Lessing wünscht, daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit -ähnlichen Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau -oder an Kants praktische Philosophie). - -Bei diesem Stand der Dinge brauchen wir uns nicht lange mit einzelnen -trotzdem »vernünftelnden« Aufstellungen Lessings selbst aus der -nämlichen Zeit, dem Beginn der fünfziger Jahre, aufzuhalten: etwa -dem »_Christentum der Vernunft_«, das in 27 Paragraphen aus den -_Leibniz_schen Begriffen der Vollkommenheit, der Harmonie, der -allmählichen Stufenfolge aller Dinge und ähnlichem aufgebaut wird und, -statt wie eine gesunde kritische Philosophie mit der Gottesidee etwa -zu enden, sogleich mit Gott als dem »einzigen vollkommensten Wesen« -einsetzt, während es mit einer mehr an Schleiermacher als an Kant -erinnernden Formulierung des menschlichen Sittengesetzes schließt: -»Handle deinen individualischen (wir sagen heute: individuellen) -Vollkommenheiten gemäß!« Von der kirchlichen Religionsauffassung hat -er persönlich sich um diese Zeit schon ganz frei gemacht: ein für die -damaligen deutschen Verhältnisse und für seine eigene Entwicklung -sehr vielsagendes Resultat. Das beweist unter anderem ein, wenigstens -höchstwahrscheinlich, noch in die Berliner Zeit fallendes, in seinem -Nachlaß gefundenes Bruchstück »_Über die Entstehung der geoffenbarten -Religion_«. Und so konnte er beinahe ein Menschenalter später in -einem, vielleicht eben dieser Offenheit wegen ungedruckt gebliebenen, -Vorwortentwurf zum »Nathan« erklären: »Nathans Gesinnung gegenüber -jeder positiven Religion ist _von jeher_ die meinige gewesen.« - -Dagegen hat er an einer, wie man in jener Zeit sagte, »_natürlichen_« -Religion, mit dem Glauben an einen Weltschöpfer, nicht bloß damals, -sondern anscheinend bis an sein Ende festgehalten. So tritt er -gelegentlich für Albrecht v. Hallers, des auch von dem jungen Kant -hochgeschätzten Schweizer Naturforschers und Dichters, Gottesglauben -gegen den entschiedenen Materialismus eines Lamettrie ein, der in -seinem »~L'homme machine~« den Menschen als ein mechanisches Uhrwerk -aufgefaßt hatte. Und auch philosophisch entfernt er sich in den -fünfziger Jahren noch wenig von der herrschenden Leibniz-Wolffschen, -das heißt durch den trockenen Pedanten Christian Wolff verwässerten -Leibnizschen Philosophie. Ganz seiner sonstigen, frischen, für alle -reinen Gedanken aufgeschlossenen Art entgegen, meint er einmal 1752 in -einer seiner Rezensionen in der damals schon bestehenden »Vossischen -Zeitung« zu Berlin: »Das Neue sollte uns in den spekulativischen -Teilen der Weltweisheit alle Zeit verdächtig sein.« Für unseren Zweck -brauchen wir darum auch diese seine verhältnismäßig doch unbedeutenden -Buchbesprechungen aus den Jahrgängen 1751 bis 1754 der »Vossischen« -nicht einzeln auf seinen philosophischen Standpunkt hin zu durchmustern. - -Selbst nicht die ihrem Titel nach philosophischste seiner Abhandlungen: -die 1755 aus Anlaß einer Preisaufgabe der Berliner Akademie der -Wissenschaften erschienene: »_Pope ein Metaphysiker!_« Schon deshalb -nicht, weil sie nicht von ihm allein, sondern gemeinsam mit dem -in Berlin neu gewonnenen Freunde Moses Mendelssohn verfaßt ist. -Und zweitens, weil wir uns heute auch wohl kaum noch für das Thema -interessieren: 1. welches der wahre Sinn des Satzes »Alles ist -gut« sei; der in des Engländers Pope (1689 bis 1744) seinerzeit -vielbewundertem Lehrgedicht »Vom Menschen« (1729) vorkommt, 2. wieweit -er mit Leibniz' Optimismus übereinstimme und 3. ob Popes System -anzunehmen oder zu verwerfen sei. Sondern uns interessiert nur die Art -von Lessings Behandlung, zu der ihm die Aufgabe der Akademie, über -die er sich eigentlich mehr lustig macht, bloß den Anlaß gibt: seine -reinliche Scheidung zwischen _Dichter_ und _Metaphysiker_. Gewiß, im -weitesten Sinne des Wortes ist jeder Metaphysiker ein Dichter; aber ein -System in Reime bringen heißt noch nicht dichten. Ein philosophischer -Dichter ist darum noch kein Philosoph, ebensowenig wie ein poetischer -Weltweiser an sich schon ein wahrer Poet: dasselbe Problem, das Kant -vierzig Jahre später von der anderen Seite her ebenso scharf in Angriff -genommen hat (in seinem Aufsatz »Von einem neuerdings erhobenen -vornehmen Ton in der Philosophie«, 1796). - -Bei dieser Gelegenheit nur ein paar kurze Ausführungen über Lessings -philosophisches Verhältnis zu den Berliner Freunden Moses _Mendelssohn_ -und Friedrich _Nicolai_; denn ihre persönlichen Beziehungen zu -behandeln, ist hier nicht der Ort. Gemeinsam mit beiden ist ihm im -Grunde nur ein Allerallgemeinstes: die Zugehörigkeit zu der großen -_Aufklärungs_bewegung, die in England ihren Ursprung genommen, -dann nach Frankreich sich verpflanzt hatte und jetzt, um die Mitte -des achtzehnten Jahrhunderts, anfangs noch recht bescheiden, auch -in Deutschland, und hier wieder am stärksten in dem von jeher -freigeistigen und zum Vorwitz neigenden Berlin, ihre Schwingen zu -regen begann. Im übrigen verdankt Lessing dem späteren Diktator der -Berliner Aufklärung und langjährigen Herausgeber der Allgemeinen -Deutschen Bibliothek von seiner philosophischen Eigenart so gut wie -nichts; dem rührend anhänglichen jüdischen Freunde -- das darf man -sagen, ohne dem braven Moses Mendelssohn zu nahe zu treten -- recht -wenig. Wohl hat dieser ihm öfters, z. B. zu der Pope-Schrift und zum -»Laokoon«, Material geliefert, sicherlich auch manche philosophische -Einzelgedanken, namentlich auf ästhetischem Gebiet, in ihm angeregt. -Aber bei aller warmen Empfindung, bei aller Klarheit des Stils fehlt -ihm doch zu sehr die philosophische Kraft und Tiefe, als daß er dem -großen Freunde eine wesentliche Förderung in seiner philosophischen -Entwicklung hätte bieten können. Und schließlich auch der Mut des -Genius. Wie hätte es einem Lessing begegnen können, daß er vor einem -anderen Menschen, und wäre es auch der »Alleszermalmer« Kant, gleich -Mendelssohn scheu sich zurückgezogen hätte! - - - - -~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770 - - -Kant sagt einmal in seiner Anthropologie, daß die »Gründung eines -Charakters«, d. h. in seinem Zusammenhang die endgültige Festsetzung -einer Weltanschauung, bei den meisten Menschen sich erst in ihrem -vierten Lebensjahrzehnt zu vollziehen pflege. Das dürfte wenigstens -für die tieferen, nicht schnell mit sich fertigen Naturen zutreffen. -Jedenfalls gilt es für Kant und für Lessing. Sei es, daß seine -Versetzung in ganz andere äußere Lebensumstände, unter ganz andere -Menschen, in ganz andere Beschäftigungen als die gewohnten, die seine -Berufung als Sekretär des Generals Tauentzien nach Breslau und ins -preußische Feldlager nach sich zog, ihn um so stärker auf sich selbst -besinnen ließ, oder daß seine innere Entwicklung dahin drängte: er -fühlt, daß er jetzt erst zum _Manne_ herangereift, ganz er selbst -geworden ist. Nach der Genesung von einer Fieberkrankheit schreibt am -5. August 1764 der bald Fünfunddreißigjährige an seinen Freund Ramler -nach Berlin: »Die ernstliche Epoche meines Lebens naht heran; ich -beginne, ein Mann zu werden.« - -Lessings religionsphilosophische und kirchengeschichtliche Studien -gehen fort. Aber sie werden jetzt methodischer. Er beginnt die -früheste Entwicklung des Christentums an der Quelle, das heißt in -den Werken der Kirchenväter: eines Justin, eines Tertullian, eines -Origenes und Augustin, zu studieren. Er schreibt eine Abhandlung -über die von Plutarch erwähnte Richtung der »Elpistiker«, d. h. etwa -»Hoffnungsfrohen«, und sucht bei dieser Gelegenheit nachzuweisen, -daß ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben _keine_ Religion -gedacht werden könne. Eine Ansicht, die unseres Erachtens schon durch -den Buddhismus und das Judentum (wenigstens dem größten Teil seiner -Geschichte nach) widerlegt wird; weshalb, beiläufig gesagt, auch Kant -letzterem einmal den Charakter einer Religion abspricht. Im übrigen -bemerkt Lessing, jene Hoffnung habe unter den Christen der ersten -Jahrhunderte »viele falsche Märtyrer gemacht, die für nichts besser als -Selbstmörder zu halten« seien. - -Eine zweite Abhandlung »Von der Art und Weise der _Fortpflanzung_ und -_Ausbreitung_ der christlichen Religion« wendet sich gegen die Ansicht -der Kirchenväter und die damit übereinstimmende ihrer zeitgenössischen -Verteidiger, die darin die unmittelbare Hand Gottes erblickt, und -macht demgegenüber auf die vielen »Menschlichkeiten«, die sich dabei -zugetragen haben, überhaupt auf den ganz »natürlichen Lauf der Dinge« -aufmerksam. Kurz, er unterstellt auch die Religionsgeschichte den -Gesetzen wissenschaftlicher Kritik, die sich übrigens damals auch -bereits innerhalb der protestantischen Theologie zu regen begann: -»Sieh überall mit deinen eigenen Augen! Verunstalte nichts, beschönige -nichts! Wie die Folgerungen fließen, laß sie fließen! Hemme ihren Strom -nicht, lenke ihn nicht!« - -Jetzt erst werden auch seine _philosophischen_ Studien tiefer, -eindringender. Er wendet sich von dem Nachahmer (Wolff) zur Quelle -(Leibniz) zurück. Noch in der Pope-Schrift war der Begriff des -Gedichts ganz im Sinne der Wolffschen Schulphilosophie bestimmt -worden. Ähnliches war in der Abhandlung über die Fabel und in den -Anmerkungen zu des Engländers Burke Schrift über das Schöne und -Erhabene (1758) geschehen. Jetzt, in den sechziger Jahren, lernt er -den echten _Leibniz_ eigentlich erst kennen, dessen »Neue Abhandlungen -über den menschlichen Verstand« (französisch) eben (1765) ihrer -Vergessenheit im Staube der Hannoverschen Bibliothek entrissen worden -waren. Lessing hat sie zu übersetzen angefangen, auch Material zu einer -Leibniz-Biographie gesammelt. Er hat nunmehr die Kluft zwischen Meister -und Schüler so deutlich erkannt, daß er von der »Eingeschränktheit und -Geschmacklosigkeit« Wolffs zu sprechen wagt. - -Und, was vielleicht noch wichtiger, er lernt jetzt auch den fast -noch allgemein verfemten großen _Spinoza_ kennen und schätzen. Noch -in dem Pope-Aufsatz hatte er zwar nichts dagegen gehabt, daß der ihm -anscheinend durch Freund Mendelssohn näher gebrachte Shaftesbury das -Wort »Natur« an die Stelle des Leibnizschen »Gott« gesetzt hatte; -allein noch gar nicht daran gedacht, daß damit auch der Standpunkt -des jüdisch-holländischen Weisen zusammenfällt, den er noch den -»berufenen Irrgläubigen« nennt. Jetzt hat er den Spinoza zu würdigen -gelernt. Er ist, eigentlich noch vor Herder, Goethe und F. H. Jacobi, -der Wiederentdecker desselben geworden: was allerdings erst gegen -Ende seines Lebens deutlicher hervortreten und erst fünf Jahre nach -seinem Tode allgemein bekannt werden sollte; weshalb wir auf die ganze -Frage seines »Spinozismus« noch einmal gegen Schluß im Zusammenhang -zurückkommen werden. Wir werden ferner sehen, wie sich aus der besseren -Würdigung des echten Leibniz und Spinozas auch eine vertieftere, -seine Berliner Freunde überraschende Stellung in seinen theologischen -Kämpfen der siebziger Jahre, im Streite zwischen der Orthodoxie und -der Aufklärung, ergibt, wie er immer mehr auch über die letztere -hinauswächst. Zunächst aber müssen wir jetzt eine ganz andere Seite -seines Philosophierens ins Auge fassen: seine - - -Philosophie der Kunst oder Ästhetik, - -zu der die beiden großen Schriften der sechziger Jahre: der »_Laokoon_« -(1766) und die »_Hamburger Dramaturgie_« (1767 bis 1769) den Grund -gelegt haben, hinter denen jetzt, mindestens schriftstellerisch, die -religionsphilosophische Arbeit durchaus zurücktritt. Dies Jahrzehnt war -vielmehr die Zeit, wo er nach dem Worte des Briten Macaulay zum _ersten -Kritiker Europas_ sich emporschwang. Freilich nicht diese Kritik im -einzelnen können wir zum Gegenstand unserer Erörterung machen, auch -nicht auf ästhetische Einzelheiten eingehen, sondern bloß die großen -philosophischen Grundzüge hervorheben. - -Betrachtet man beide Schriften nur von ihrer Außenseite, die vom -lebendigen Kunst_beispiel_, im ersten Falle der Plastik, im anderen -der Bühne ausgeht, so könnte man sie für zufällig hingeworfene -Gelegenheitsschriften halten, wie es ja fast bei allen Werken Lessings -der Fall zu sein scheint. Dringt man dagegen tiefer in sie ein, so -merkt man auch hier, daß eine zusammenhängende Kunstansicht dahinter -steckt: eine Kunstansicht, die auf einer ausgedehnten Kenntnis der -zeitgenössischen Ästhetik, ja der Kunstschöpfungen aller Zeiten -aufgebaut ist. - -Das Nächste und Grundlegendste ist, daß er -- was freilich schon der -alte Aristoteles festgestellt und natürlich auch Platos Weisheit -bereits entdeckt hatte, was aber erst durch Kants Begründung zum -unverlierbaren Eigenbesitz der Philosophie geworden ist -- das -Gebiet der Kunst oder, persönlicher ausgedrückt, die _gestaltende_ -Tätigkeit des schaffenden Künstlers von der _theoretischen_ des -wissenschaftlichen, von der _praktischen_ des sittlichen Menschen -scheidet oder doch zu scheiden beginnt. Wir werden später bei Schiller -und Goethe sehen, wie diese »reinliche Scheidung« der drei menschlichen -Kulturgebiete: Wissenschaft, Ethik und Kunst unter dem Einfluß Kants -schon weiter fortgeschritten ist. Der - - -Laokoon - -setzt sie, wie schon sein Nebentitel »Über die Grenzen der Malerei -und der Poesie« besagt, _innerhalb_ der Künste zwischen »Poesie« und -»Malerei«, d. h. dem künstlerischen Schaffen in Wort, Rhythmus und -Melodie, wie es Dichtkunst und Musik betreiben, auf der einen, und dem -Kunstschaffen in Form und Farbe, wie es den bildenden Künsten: Malerei, -Bildhauerei und Baukunst, eigen ist, auf der anderen Seite fort. -Lessing befand sich damit mitten in den Problemen und der Polemik, -die über sie von den angesehensten Theoretikern der Gegenwart und -letzten Vergangenheit, den Franzosen Dubos, Batteux und Diderot, den -Engländern Hutcheson, Harris, Burke und Home, den Schweizern Bodmer -und Breitinger, den Deutschen Mendelssohn, Nicolai und anderen geführt -worden war. Speziell mit den beiden letzteren hatte er schon ein -Jahrzehnt zuvor lange teils mündliche, teils schriftliche Diskussionen -über Ursprung und Natur der tragischen Empfindungen gepflogen; ja -in gewissem Sinne hatten ihn Mendelssohns »Betrachtungen über die -Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften« -auf das Thema seines »Laokoon« überhaupt gebracht. Und außerdem wollte -er Ordnung auch in der _Praxis_ der bildenden und der Dichtkunst -schaffen: den Hang zur Allegorie (z. B. Oeser) in jener, den Hang zur -Schilderungssucht (Haller, Brockes, Ewald v. Kleist und Geßner) in -dieser bekämpfen. Und das ist ihm denn auch, wenigstens für Poesie, -so ziemlich gelungen: er hat der bis dahin fast allgemein geübten -unkritischen Vermischung der Künste, die nach der blendenden Antithese -des griechischen Dichters Simonides die Dichtkunst einfach zu einer -»redenden Malerei«, die bildende zu einer »stummen Poesie« machen -wollte, den kritischen Todesstoß versetzt. Dem Gebiet der bildenden -Künste wies er die im Raume _neben_einander geordneten sichtbaren -_Körper_, dem der redenden das in der Zeitfolge _nach_einander -geordnete Gebiet der _Handlung_ zu. - -Gewiß, viele seiner Einzelansichten sind durch die moderne -Kunstentwicklung und Kunstanschauung, ja zum Teil schon durch die -frühere Kunstpraxis überholt. Wir werden z. B. heute nicht mehr so -einseitig wie Lessing der antikisierenden Anschauung Winckelmanns -folgen und allein die Schönheit, nicht die Wahrheit des Ausdrucks für -den höchsten Zweck der bildenden Kunst erklären. Wir werden nicht -so einseitig wie er die Form vor der Farbe, die Plastik vor der -Malerei bevorzugen. Und wenn er die Landschafts-, die Historien-, die -Genre-, ja sogar die Porträtmalerei verwirft, wenn er infolgedessen -die großen Niederländer, sogar einen Rembrandt geringschätzt, was -bleibt dann schließlich von der Malerei noch übrig? Es rächt sich -hier, daß Lessing, ähnlich wie Kant, obschon wohl in nicht so starkem -Maße wie dieser, die lebendige Anschauung, ja wohl auch die warme -Empfänglichkeit für die großen Werke der bildenden Künstler der -Renaissance, der Spanier, der Niederländer gemangelt hat. Ist er -doch, als er endlich mit sechsundvierzig Jahren vom Frühjahr bis in -den Winter 1775 Italien bereisen konnte, freilich als offizieller -Reisebegleiter eines unreifen Prinzen und seines militärischen -Gouverneurs, wenn anders wir nach den trockenen und dürftigen Notizen -seines Tagebuches schließen dürfen, selbst dort von den Wundern -der Natur und Kunst, die nach ihm so viele Nordländer entzückt -haben, anscheinend wenig ergriffen worden. In ihm herrschte eben, -ähnlich wieder wie bei dem ihm überhaupt in so mancher Hinsicht -geistesverwandten Kant, auch in Kunstdingen die norddeutsche Reflexion, -der eindringende Scharfsinn, die Neigung zum psychologischen -Zergliedern vor, gegenüber der Gefühlswärme eines Herder, eines Goethe -oder gar eines Heinse. - -Auch in seinem eigentlichen Felde, der Poesie, wird man seiner -Bevorzugung des Epos und des später noch besonders zu erörternden -Dramas vor der Lyrik nicht zuzustimmen brauchen. Obwohl im Grunde doch -auch für die Lyrik sein oberstes Kunstgesetz zutrifft, wenn man bloß -für »Handlung« das sinnverwandte »Bewegung« einsetzt, die auch durch -die zarteste Stimmungs- oder Liebespoesie, ja _gerade_ durch diese (man -denke etwa an Goethes Sesenheimer Lieder), wenn ebenso auch »Handlung« -selbst durch Goethes, Schillers und Uhlands Balladen geht. Ja man -könnte in Anwendung eines bekannten Wortes von Kant über Plato, daß man -ihn besser verstehen könne, als er sich selbst verstand, untersuchen, -ob nicht aus Lessings Gedanken noch andere und fruchtbarere Folgerungen -zu ziehen sind, als er selbst sie in dem ja leider unvollendet -gebliebenen »Laokoon« gezogen hat. So könnte man mit Schrempf aus dem -Motiv der _Liebe_, die nach der Einleitung »den großen alten Meistern -die Hand zu führen nicht müde geworden«, anknüpfend an den platonischen -Eros, von der bildenden auch nach der Dichtkunst die Linien -hinüberziehen und als deren eigentlichen Gegenstand den »menschlichen -Helden« hinstellen, wie ihn der »Laokoon« in dem Philoktet des -Sophokles zeichnet, der weder weichlich noch verhärtet ist, und von -dem er sagt, er sei »das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, die -Kunst nachahmen kann«. Für das Auge der Liebe dürfte auch, wie Schrempf -feinsinnig bemerkt,[1] der scharfe Gegensatz von Schönheit und -Wahrheit des Ausdrucks, den Lessing selbst noch zieht, nicht vorhanden -sein. Wir lieben doch einen Menschen und deshalb auch seine Nachbildung -in der Kunst (man denke namentlich an die religiöse Malerei!), wenn aus -seinen Zügen eine schöne Seele spricht, auch wenn er auf körperliche -Schönheit keinen Anspruch machen kann. Auch der Bildner des Laokoon -erregt mein ästhetisches Wohlgefallen doch nur dadurch, daß er mir -dessen Seelengröße bei allen seinen Qualen zeigt. Lessing kann und will -vielleicht auch nicht mehr behaupten, als daß die griechischen Künstler -selbst in der Darstellung der Leidenschaft, mithin des Ausdrucks, die -Rücksicht auf die schöne Form nie vergessen haben. - -Es ist schade, daß der »Laokoon« ein Torso geblieben ist. Schon -deshalb, weil Lessing sich in dem Vorliegenden fast ganz auf den -Unterschied von Poesie und »Malerei« in der Darstellung sinnlich -sichtbarer Gegenstände beschränkt hat. Wie er schon in seiner -Abhandlung über die _Fabel_ (1759) auch für deren Erzählung eine -Handlung, d. h. eine Folge von Veränderungen, die ein Ganzes ausmachen, -gefordert hatte, so wollte er, wie die in seinem Nachlaß enthaltenen -Entwürfe zeigen, in der beabsichtigten Fortsetzung des »Laokoon« seine -Haupt- und Grundsätze auf alle wichtigen Stilfragen ausdehnen und -nicht bloß die redende und bildende Kunst (darunter gewiß auch die -im »Laokoon« vernachlässigte Baukunst), sondern auch die Musik, ja -sogar die Tanzkunst bis zu einem gewissen Grade in den Kreis seiner -Untersuchung ziehen. - -Seine Eigenart freilich und das Geheimnis seiner heute noch -fortdauernden Wirkung auf uns liegt, wie wir es zum Teil schon -sahen, nicht in dem systematischen Abschließen, sondern in dem stets -lebendigen Forschen, das auch den Leser zum Mitphilosophieren zwingt. -Er verschmäht absichtlich für seine im letzten Grunde sehr überdachten -Untersuchungen die feste systematische Form. Er will, weder mit -seinem »Laokoon« noch später mit seiner »Hamburger Dramaturgie«, ein -ästhetisches Lehrbuch liefern, wie es nicht lange vorher, als erster in -Deutschland, der Hallenser Professor Baumgarten mit seiner »Ästhetica«, -trocken und pedantisch genug, der gelehrten Welt gegeben hatte. »An -systematischen Lehrbüchern«, bemerkt -- auch für unsere Zeit noch -sehr passend -- gleich die Vorrede zum »Laokoon«, »haben wir Deutsche -überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen in -der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf -verstehen wir uns trotz einer Nation der Welt.« Lessing dagegen wählt -mit Absicht den scheinbar regellosen Weg des bald hierhin, bald dorthin -ablenkenden Spaziergängers, geht von lebendigen Beispielen, sei es der -bildenden Kunst oder der dichterischen Praxis des Sophokles und vor -allem des ewig jungen Vaters Homer aus, um aus ihnen erst zum Schluß -einige wenige allgemeine Gesetze abzuleiten. Erst der sechzehnte -Abschnitt beginnt, nach einem in der Mitte abgebrochenen Satze, mit -den Worten: »Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten -Gründen herzuleiten.« Gerade darum eignen sich seine wichtigsten -kunstphilosophischen Schriften, nicht zu vergessen auch die schöne -Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet«, noch heute so gut zur -Lektüre unserer Primaner und Primanerinnen: nicht etwa als unantastbare -Regel und Richtschnur, sondern als beständiger Anreiz zu eigenem -Nachdenken, als Anknüpfungspunkt zu weiterführenden, vielleicht mit -einem anderen Ergebnis oder besser noch mit der Aussicht auf neu sich -auftuende Fragen schließenden Erörterungen. Sie sind zugleich ein -treffliches Vorbild für den zukünftigen Schriftsteller oder Redner, -daß er uns seine Gedanken nicht als fertige vortrage, sondern sie vor -unseren Augen, ja in unserer Seele erst entstehen lasse, wie Homer den -Schild des Achilleus. - -Daß neben den entdeckten obersten Kunstgesetzen auch noch eine Fülle -fruchtbarer ästhetischer Einzelbegriffe gefunden oder festgestellt -wird, wie die Wahl des fruchtbarsten Augenblicks für den Dichter und -den bildenden Künstler, die Bestimmung des Reizes als der »Schönheit -in Bewegung«, die Behandlung des Lächerlichen und des Häßlichen, des -Furchtbaren, des Gräßlichen und des Ekelhaften, sei nur nebenher -erwähnt. Auch die Beziehungen der Kunst zum Staat, zur Religion werden, -wie jeder Leser des »Laokoon« weiß, bereits in den einleitenden -Erörterungen berührt. Und seine letzte kunstphilosophische Abhandlung -»Wie die Alten den Tod gebildet« -- nämlich nicht als Knochengerippe -wie die Nordländer, selbst ein Holbein, Dürer oder Rethel, sondern als -den Bruder des Schlafes -- schließt mit einer tiefempfundenen und sehr -zu denken gebenden, gegen eine kunstfeindliche Richtung innerhalb des -Protestantismus gerichteten Bemerkung über das Verhältnis von Kunst und -Religion: »Nur die mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen -entfernen; es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene -wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt.« - -So wirkte denn der »Laokoon« schon zur Zeit seines Erscheinens mächtig -auf alle freieren Geister in der bildenden Kunst und der Dichtung. -Ein neuerer Gelehrter hat sich die Mühe genommen, alle erreichbaren -Urteile der Zeitgenossen über die einzelnen Schriften Lessings -zusammenzutragen. Aber wir bedürfen für unseren philosophischen Zweck -nicht solches philologischen Sammelns teilweise doch ganz wertloser -Äußerungen von Krethi und Plethi. Uns genügt zu einer nochmaligen -Schlußbeleuchtung von Lessings kunstkritischer Tat das Urteil des -einen _Goethe_, wie es sich im achten Buche des zweiten Teiles von -»Dichtung und Wahrheit« findet. »Man muß Jüngling sein,« so schreibt -er noch nach vierundeinhalb Jahrzehnten und doch mit lebendigster -Erinnerung an die eigene Jünglingszeit, »um sich zu vergegenwärtigen, -welche Wirkung Lessings ›Laokoon‹ auf uns ausübte.« Die »Wir«, das -ist die junge Generation, die eine neue Blütezeit der deutschen -Dichtung erstrebte und auch erreicht hat; nicht die alte, absterbende: -die trockenen Gottschedianer auf der einen, die empfindsame und in -breiten Beschreibungen sich ergehende sogenannte »Schweizer« Schule -der Haller, Bodmer und Breitinger auf der anderen Seite, und doch auch -die Männer des alten Geschmacks, die dem deutschen Dichtergenius noch -nichts zutrauten, und zu denen selbst so große Geister wie Immanuel -Kant und Friedrich der Große gehörten. Goethe fährt fort -- und nun -kommt der feinste und wichtigste Zug seiner Charakteristik --: »indem -uns dieses Werk aus der Region eines kümmerlichen _Anschauens_ in die -freien Gefilde des _Gedankens_ hinriß.« Mit dem kümmerlichen Anschauen -wird er wohl weniger das Gebiet der bildenden Kunst gemeint haben, -denn hier hatte Johann Winckelmann bereits ein Jahrzehnt zuvor durch -seine »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei -und Bildhauerkunst« (1755) und von neuem eben erst (1764) durch seine -»Geschichte der Kunst des Altertums« revolutionierend gewirkt,[2] -sondern die Poesie. Die »Anschauung« muß auch auf dem Felde der -Ästhetik durch den »Gedanken« oder, wie es kurz vorher bestimmter -heißt, durch den »Begriff« erst erleuchtet, gewissermaßen erst sehend -gemacht werden. Denn, wie Kant an einer bedeutsamen Stelle seiner -»Kritik der reinen Vernunft« es formuliert: Begriffe ohne Anschauungen -sind freilich »leer«, aber Anschauungen ohne Begriffe sind »blind«. -Die so lange aus Mißverständnis beider Kunstarten hervorgegangene -Vermischung und Verwischung von bildender und redender Kunst, wie -sie in jener glänzenden Antithese des Simonides von der Poesie als -redender Malerei und der Malerei als der stummen Poesie lag, sie war -nach Goethes Ausdruck nun durch die Tat Lessings »auf einmal beseitigt« -worden; die Gipfel beider Künste »erschienen nun getrennt«, wie nahe -auch ihre »Basen« in dem schöpferischen Urquell alles Kunstschaffens -überhaupt »zusammenstoßen mochten«. Und wenn er dann zum Schlusse -ausführt, daß sie, d. h. die junge Generation, daraufhin »alle -bisherige anleitende und urteilende Kritik wie einen abgetragenen Rock -weggeworfen« hätten, so hat er damit die epochemachende tatsächliche -Wirkung der Lessingschen Kunstschrift noch nach 45 Jahren aufs stärkste -gekennzeichnet. In der Tat hat denn auch der »Laokoon« in dem nächsten -Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen nach dem Urteil Wilhelm -Diltheys »alle ästhetische und literarische Kritik bestimmt«, bis 1790 -ein noch Größerer kam, Kant mit seiner »Kritik der Urteilskraft«, -die Schiller und Goethe, wie wir später sehen wollen, zusammenführen -sollte. Allein nicht bloß die ästhetische Theorie, auch das -dichterische Schaffen selbst hat der »Laokoon« nachhaltig beeinflußt. -Das haben nicht bloß Herder und Wieland dankbar anerkannt (der letztere -z. B. bemerkt einmal an einer Stelle, wo er sich in eine längere -poetische Beschreibung einlassen will: »Hier zupft mich Lessing am -Ohr!«), das haben auch Schiller und Goethe selber praktisch beachtet. -Denken wir nur an Schillers großes kulturphilosophisches Gedicht »Der -Spaziergang« -- welcher Unterschied gegen die trockenen Lehrgedichte -eines Pope und Haller! -- oder an »Hermann und Dorothea« mit dem Gang -der Löwenwirtin durch ihr Besitztum. Und ihnen nach, bewußt oder -unbewußt, unsere besten neueren Dichter: die Gottfried Keller, Konrad -Ferdinand Meyer, Theodor Storm und andere. - -Doch es wird Zeit, daß wir uns der _zweiten_ großen ästhetischen Tat -Lessings zuwenden, seiner - - -Hamburger Dramaturgie - -Wenn das Wesen der Poesie Handlung ist, so stellt ihren Höhepunkt die -_dramatische_ Dichtung dar, die ihren Namen ja vom griechischen Worte -(~drān~) für »handeln« hat und in »Akte«, d. h. Handlungen, zerfällt. -War dies Thema im »Laokoon« nur gestreift worden, so kehrte Lessing in -seiner »Hamburger Dramaturgie« zu der theoretischen Behandlung seines -alten Lieblingsfeldes, des Schauspiels, zurück, dem er inzwischen -durch seine »Minna von Barnhelm« eine seiner unvergänglichsten Gaben -geschenkt hatte.[3] Auch diesmal wieder geht er, ja in noch weit -höherem Grade als beim »Laokoon«, von der Praxis aus: den Ausführungen -des neugegründeten, als großes deutsches Nationaltheater geplanten, -leider aber nach kaum zwei Jahren aus Mangel an Interesse der -maßgebenden Kreise gescheiterten Hamburger Schauspielhauses, zu dessen -dramatischem Berater er gewählt worden war. Aus seiner Besprechung -dieser Aufführungen, die sich infolge äußerer Umstände immer mehr auf -die theoretische Seite beschränkte, erwuchs die berühmte »Hamburger -Dramaturgie« (1767 bis 1769): jenes Buch, dessen Verfasser dramatischer -Theoretiker, erfahrener Theatermann und dramatischer Dichter zugleich -war, also alle drei erforderlichen Eigenschaften in gleichem Maße -besaß; jenes Buch, von dem Gervinus in seiner »Geschichte der -deutschen Dichtung« (IV, S. 399) sagt: er kenne »kein Buch, bei dem ein -deutsches Gemüt über den Widerschein echt deutscher Natur, Tiefe der -Erkenntnis, Gesundheit des Kopfes, Energie des Charakters und Reinheit -des Geschmacks innigere Freude und gerechtfertigteren Stolz empfinden -dürfte«. - -Wenn das Drama nach Diltheys zutreffendem Wort eine vollendet -vergegenwärtigte Handlung ist, die Form der Handlung aber nur in der -_Einheit_ gefunden werden kann, so bedarf gerade das Drama vor allem -strengster Einheit der Handlung. Die von den französischen Ästhetikern -und ihren Nachtretern, den deutschen Gottschedianern geforderten und -dann in der dramatischen Praxis der Zeit fast ausnahmslos bis zur -Schablone mit pedantischer Ängstlichkeit durchgeführten zwei weiteren -»Einheiten« des Ortes und der Zeit, wonach die Handlung sich binnen -vierundzwanzig Stunden womöglich in demselben Raume abspielen mußte, -sind mithin unerheblich. Die stärkste Wirkung entfaltet die _tragische_ -Handlung. Wenn aber weiter alles menschliche Tun dem unterschiedslosen -Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt, so muß auch die von dem -genialsten und scheinbar regellosesten aller bisherigen Dramatiker, -dem großen Shakespeare, geschaffene dichterische Welt ebenfalls einen -lückenlosen Zusammenhang der inneren und äußeren Motivierung dieser -Handlungen aufweisen. Eine jede von ihnen muß aus dem Charakter der -handelnden Personen und der sie umgebenden Welt (ihrem »Milieu«) -notwendig hervorgehen, genauer hervorzugehen scheinen. Die Tragödie -insbesondere muß uns mitten in die tragischen Charaktere, in das Werden -ihrer Leidenschaften versetzen, so lebendig, daß auch dem Zuschauer -oder Leser alles klar und durchsichtig vor die Seele tritt. »Wir müssen -bei jedem Schritt, den der Poet seine Personen tun läßt, bekennen: wir -würden ihn in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, bei der nämlichen -Lage der Sache selbst getan haben.« - -Unserem Ästhetiker scheint daher, wie schon dem alten Aristoteles in -seiner »Poetik«, die Tragödie einen viel philosophischeren Charakter -zu besitzen als die _Geschichte_. Denn »auf dem Theater sollen wir -nicht lernen, was dieser oder jener einzelne Mensch getan _hat_, -sondern« -- was Lessing offenbar für eine philosophische Einsicht hält --- »was jeder Mensch unter gewissen gegebenen Umständen tun _werde_«. -Man kann bestreiten, ob die recht verstandene Geschichte wirklich vom -philosophischen Standpunkt aus dem Drama untergeordnet ist. Tiefere -Geschichtschreiber und Geschichtsphilosophen werden es nicht zugeben. -Sagt doch z. B. Auguste Comte, gerade die Geschichte lehre ~savoir pour -prévoir~, »wissen, um vorauszuwissen«! Diese Frage steht überhaupt auf -einem anderen Blatte, und wir wollen ihr jetzt nicht weiter nachgehen. -Die Hauptfrage ist für den Dichter wie für den Theoretiker der Tragödie -eine andere, die rein subjektive: Welches Gefühl soll die echte -Tragödie im Gemüt des Zuschauers erwecken? - -Damit kommen wir zu der berühmten aristotelischen Begriffsbestimmung -des Trauerspiels, von der uns hier nur der Schlußgedanke angeht, -daß sie »vermittels des _Mitleids_ und der _Furcht_ die Reinigung -derartiger Leidenschaften hervorbringt«. Wir wollen uns nicht mit -den Einzelheiten dieser berühmten Definition, die bekanntlich eine -ganze Literatur für sich hervorgebracht hat, aufhalten, z. B. mit der -Frage, ob die »Reinigung« (Katharsis) eine Läuterung _der_ genannten -beiden Leidenschaften selbst oder eine Befreiung _von_ ihnen bedeutet. -Auch, ob »Furcht« bei Aristoteles in dem von Lessing angenommenen -Sinne gemeint ist, sie sei »das auf uns selbst bezogene Mitleid«, mag -zweifelhaft bleiben. Wir sind überhaupt nicht der von Lessing noch mit -den meisten seiner Zeitgenossen geteilten Meinung, daß Aristoteles in -diesen Dingen eine unfehlbare Richtschnur darstelle. Das Wesentliche -scheint mir vielmehr mit Dilthey darin zu liegen, daß Lessing, ob mit -oder ohne Aristoteles, das Mitleid in seiner ganzen Tiefe faßt, daß wir -es uns erweitert denken müssen zum Mitempfinden überhaupt, gleichsam -zum »Miterzittern unseres Innern«, wie wenn eine zweite Saite mit -der zuerst angeschlagenen mitzutönen beginnt, so daß also neben der -Mittrauer die Mit_freude_ mitumfaßt wird. So mußte Lessing den Kern -der Handlung, den Kern der dramatischen Charaktere eines Shakespeare -und anderer Großen in der _freien_, lebendigen _Bewegung großer -Leidenschaften_ erblicken, wie er schon im »Laokoon« das Stoische als -»untheatralisch« bezeichnet und die bloße Bewunderung einen »kalten -Affekt« genannt hatte. Damit aber legt er den letzten Grund des -dichterischen Schaffens in die Hand des _Genies_. - -Man hat Lessing häufig der Genieperiode des achtzehnten Jahrhunderts -schroff entgegengesetzt. Gewiß, er hat deren Ausartungen nicht -gebilligt. Und er selbst hat in dem Epilog zu seiner »Dramaturgie« -allzu bescheiden von sich behauptet, nicht einmal ein Dichter, viel -weniger ein Genie zu sein: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in -mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in -so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt; ich muß alles -durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen.« Sicherlich, die -_kritische_ Ader war in ihm stärker als die _produktive_ Schöpferkraft. -Aber schon Goethe hat auf diese Selbstbezweifelung die richtige Antwort -gegeben: »Lessing wollte den hohen Titel eines Genies ablehnen, aber -seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn selber.« Erinnern wir uns -auch seiner Jugendverse vom Adlerflug des Genies (S. 6 f.). Er ist -jedenfalls nicht bloß selbst ein großes kritisches Genie gewesen, -sondern hat vor allem auch das Wesen des Genies begriffen und seinen -Alleinwert für die Dichtkunst gewürdigt. Ich gebe Ihnen im folgenden -einige seiner Aussprüche wieder. Das Genie trägt nach ihm die Probe -der Regeln in sich, es ist der geborene Kunstrichter und lacht über -die Grenzscheidungen der Kritik. Es beweist durch die Tat, d. h. -durch sein Werk, was möglich ist. Aus sich selbst, aus seinem eigenen -Reichtum bringt es alle seine Schöpfungen hervor. Das höchste Genie, -den göttlichen Schöpfer, im kleinen nachahmend, schafft sich seine -eigene Welt. Freilich an anderen Stellen heißt es doch wieder im Geiste -der _alten_ Zeit: mit Absicht dichten, d. h. mit Absicht »nachahmen« -sei eben das, was das Genie von den kleinen Dichtern und Künstlern -unterscheide. Zu dem ganz freien Begriff des Genies, wie ihn Kants -»Kritik der Urteilskraft« lehrt, ist Lessing mithin doch nicht völlig -vorgedrungen. - -Auch klebt er noch zu fest an den aristotelischen Begriffen: er hat -sich von dem Einfluß der antiken Schicksalstragödie, die er in -Sophokles verehrte, zu der rein modernen Charaktertragödie, welche die -Katastrophe einzig und allein aus der tragischen Schuld des Helden -herleitet, noch nicht gänzlich durchgerungen. Im letzten Grunde darf -doch die Tragödie sich nicht damit begnügen, bloß die Darstellung einer -rührenden, unser Mitleid erregenden Handlung zu sein; sondern muß uns -durch den in ihr sichtbar werdenden, wenigstens _inneren_ Triumph -der sittlich-vernünftigen Weltordnung befreien und erheben. Deshalb -befriedigt uns z. B. der Ausgang von Schillers »Räubern« oder »Luise -Millerin« mehr als der von Hauptmanns »Webern«, was ich übrigens zu -meiner Freude schon in Abiturientenaufsätzen westfälischer Oberprimaner -klar auseinandergesetzt fand. - -Mit seiner im Winter 1771/72 verfaßten »Emilia Galotti«, sozusagen -der praktischen Verkörperung seiner dramatischen Theorie, schließt -Lessings ästhetische Epoche ab; denn sein »Nathan« von 1776 dient -anderen Zwecken. Noch einmal legt er hier in deren erstem Aufzug dem -Maler Conti geistvolle ästhetische Aussprüche in den Mund, wie die, -daß »Raffael das größte malerische Genie gewesen wäre, auch wenn er -unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden«. Dann aber versiegt -seine ästhetische Ader. Was er Ästhetisches der Welt zu sagen gehabt -hatte, hatte er gesagt. Er wendet sich nun wieder den religiösen, -zuletzt auch den geschichts-, staats- und allgemein-philosophischen -Weltanschauungsfragen zu. - -Seine dramatischen Theorien aber haben auf Dichter, Ästhetiker und die -praktischen Vertreter der Schauspielkunst nachhaltig eingewirkt. Wie -wir bei dem »Laokoon« uns auf des einen Goethe Ausspruch bezogen haben, -so möchten wir hier auch nur auf das Urteil unseres größten klassischen -_Dramatikers_ hinweisen. Kein Geringerer als Friedrich Schiller -schreibt am 4. Juni 1799 über die »Hamburger Dramaturgie« an Goethe: -Lessing sei über das, was die Kunst betreffe, am klarsten gewesen, -habe am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht und das -Wesentlichste, worauf es ankomme, am unverrücktesten ins Auge gefaßt. -Und um zum Schlusse auch noch einen Mann der Praxis zu zitieren: der -große Mime Eduard Devrient rühmt in seiner »Geschichte der deutschen -Schauspielkunst« gerade Lessing auch als deren Befreier: »Von nun an -war der Schauspieler von allem Herkömmlichen, von allen Kunstmustern -wieder unmittelbar an die Natur gewiesen. Er hatte Menschen, er hatte -Leidenschaften, Schwächen und Tugenden darzustellen, Gedanken und -Empfindungen auszusprechen; wie er sie kannte, wie er sie im eigenen -Leben fand. Die Geschichte des deutschen Herzens war Gegenstand seiner -Kunst geworden.« - - - - -~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780 - - -Religionsphilosophie - -Im Mai 1770 hatte Lessing seine erste und -- letzte amtliche Stellung -angetreten: die eines Bibliothekars an der berühmten _Wolfenbütteler_ -Bibliothek, bei deren reichen Bücherschätzen er sich zunächst, trotz -aller Einsamkeit, ganz wohl fühlte. Unter ihren ungefähr sechstausend -Handschriften hatte er bereits im selben Sommer eine längst verloren -geglaubte Abhandlung des berühmten Frühscholastikers _Berengar_ -von Tours über die Abendmahlslehre entdeckt, über die er dann im -Oktober desselben Jahres einen ausführlichen Vorbericht herausgab. -Uns interessiert hier nicht die theologische Seite des Problems, -insbesondere ob und wieweit Lessings Behauptung berechtigt ist, daß -Berengars Auffassung derjenigen Luthers verwandt sei, wodurch er sich, -wie er seiner späteren Gattin Eva König ironisch schreibt, bei »unseren -lutherischen Theologen in den lieblichen Geruch von Rechtgläubigkeit -setzte« und namentlich seinem alten Vater noch eine letzte Freude -bereitete. Für ihn war das Ganze nur eine historisch-kritische Frage; -denn er persönlich hatte längst der dogmatischen Auffassung Lebewohl -gesagt, die Friedrich II. einmal gegen Voltaire »das empörendste -und für das höchste Wesen beleidigendste Dogma« und zugleich »den -Gipfel der Tollheit und des Blödsinns« erklärt hat, weil es darin -bestehe: »seinen Gott zu _essen_«. Sondern uns interessieren auch -hier wieder mehr seine beiläufigen Bemerkungen. Berengar war für sein -zeitgenössisches elftes Jahrhundert ein Aufklärer und ein Ketzer -gewesen. Dazu bemerkt der ihm geistesverwandte Lessing: »Das Ding, was -man _Ketzer_ nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der -mit seinen _eigenen_ Augen wenigstens hat sehen wollen. Die Frage ist -nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja, -in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung, -die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden können.« -Berengar hatte sich zuletzt freilich, wie so viele nach ihm, der -Kirche »löblich unterworfen«. Dazu meint der Aufklärer des achtzehnten -Jahrhunderts: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der -Wahrheit aufzuopfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man -Wahrheit lehren will, sie _ganz_ oder _gar nicht_ zu lehren, sie klar -und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft -und Nützlichkeit zu lehren ...« Ewig denkwürdige, ewig nachahmenswerte -Worte! Und er läßt auch den Einwurf nicht gelten, daß die Vorurteile -und Eindrücke unserer ersten Erziehung doch nie auszurotten wären. -Im Gegenteil, »die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in -unserer Kindheit beigebracht werden, sind gerade die allerflachsten, -die sich am allerleichtesten durch selbsterworbene Begriffe auf ewig -überstreichen lassen«. - -Der zweite Fund (1773) betraf eine Vorrede Leibnizens zu der Abhandlung -eines Altorfer Gelehrten »_Von den ewigen Strafen_«. Auch hier -setzte sich Lessing zum Erstaunen seiner aufklärerischen Berliner -Freunde dafür ein, daß die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen -konsequenter sei und deshalb auch von dem großen Leibniz, »der, wenn -es nach mir ginge, nicht eine Zeile vergebens müßte geschrieben -haben«, eher habe verteidigt werden können als die mildere Auffassung -des rationalistischen Theologen Eberhard. Von dem »rohen und wüsten -Begriff, in dem so mancher Theologe diese Lehre nimmt«, könne -selbstverständlich bei einem Manne wie Leibniz keine Rede sein. Die -»Hölle« ist »nichts anderes als der Inbegriff der _natürlichen_ -Strafen«. Seine bei dieser Gelegenheit verteidigte Unterscheidung von -»exoterischer«, d. h. für die große Masse, und »esoterischer«, für -die tiefer Denkenden bestimmter Lehre scheint freilich in geradem -Widerspruch zu seinem vorhin zitierten schönen Worte von der Pflicht -zur Wahrheit zu stehen. - -Deutlicher drückt er sich darüber in einem Briefe vom 2. Februar 1774 -an seinen Bruder Karl aus, der ihm offenbar seine Gegnerschaft gegen -die »Aufklärung« vorgeworfen hatte. »Ich sollte es der Welt mißgönnen, -daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen -wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge?« Er -würde sich selbst verabscheuen, wenn er bei seinen »Sudeleien« einen -anderen Zweck verfolgt hätte! Er wolle nur nicht, daß das »unreine -Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen«, eher »weggegossen« -würde, als »bis man weiß, woher reineres nehmen«. »Mit der _Orthodoxie_ -war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr -und der _Philosophie_ eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine -jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber -was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns -unter dem Vorwand, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst -unvernünftigen Philosophen.« - -Gotthold Lessing ist also im letzten Grunde viel radikaler als sein -jüngerer Bruder, der die neumodische Aufklärungstheologie in Schutz -nimmt, welche den »gereinigten« christlichen Glauben _beweisen_ -will. Sein Widerspruchsgeist und seine dialektische Kunst verleitet -ihn jedoch, auch in der folgenden Schrift, die sich wiederum mit -einem Leibnizschen Aufsatz, diesmal gegen »des Andreas Wissowatius -Einwurf wider die _Dreieinigkeit_«, also einem anderen Hauptdogma des -Christentums, beschäftigt, allzu sehr die Partei der angegriffenen -Orthodoxie zu nehmen. Er geht in dieser Dialektik sogar so weit, daß -er einmal meint, »einer übernatürlichen geoffenbarten Wahrheit, die -wir _nicht verstehen sollen_«, gereiche diese »Unverständlichkeit« -gerade zum »undurchdringlichsten Schilde«; womit wir dann glücklich bei -des alten Kirchenvaters ~Credo, quia absurdum~ (Ich _glaube_, weil es -vernunftwidrig ist) angekommen wären. Daß das nicht seine wirkliche An- -und Absicht war, sollte sich bald in einem größeren Waffengang zeigen. - -Es trat schon hervor in einer seiner bereits (S. 8) erwähnten -»Rettungen«: »Von Adam Neusern einige authentische Nachrichten« -(1774): in gewisser Hinsicht einer unmittelbaren Ergänzung zu der -Wissowatius-Schrift. Adam _Neuser_ war ein in der zweiten Hälfte des -sechzehnten Jahrhunderts in Heidelberg als Pfarrer wirkender Bekämpfer -der Dreieinigkeitslehre, der dem Henkerschicksal seines Amtsbruders -Sylvan und seines berühmteren Vorgängers Servet in Genf (der -bekanntlich wegen seines Glaubens an _einen_ Gott statt der offiziellen -»Dreigötterei« [Tritheismus] von Kalvin, unter dem Beifall Luthers -und Melanchthons, auf den Scheiterhaufen gebracht wurde) nur dadurch -entging, daß er sich vor der Verfolgungswut seiner »christlichen« -Amtsbrüder nach mancherlei Irrfahrten zu dem türkischen Großsultan -rettete, unter dessen Schutz und in dessen Dienst als Dolmetscher -er, Mohammedaner geworden, 1576 starb. Aus seinem von Lessing zum -ersten Male veröffentlichten Schreiben an einen unbekannten Landsmann -ergibt sich für einen Unbefangenen mindestens sein subjektiv gutes -Bewußtsein. Allein, wie es sein Verteidiger bezüglich der leider zur -Tat gewordenen Hinrichtung Sylvans ausführt, »die Theologen verlangten -Blut, durchaus Blut«. Nicht einmal Zeit für »Besserung« zugestanden. -»Nur erst den Kopf ab; mit der Besserung wird es sich schon finden, _so -Gott will_!« Woran Lessing den Stoßseufzer schließt: »Welch ein Glück, -daß die Zeiten vorbei sind, in welchen solche Gesinnungen Religion und -Frömmigkeit hießen! Daß sie wenigstens unter dem Himmel vorbei sind, -unter welchem wir leben! Aber welch ein demütigender Gedanke, wenn es -möglich wäre, daß sie auch unter diesem Himmel einmal wiederkommen -könnten!« - -Den Aufsatz über Neuser veröffentlichte Lessing zusammen mit einem -inhaltlich verwandten »_Von Duldung der Deisten_«, das er als »Fragment -eines _Ungenannten_« bezeichnete. Dies Fragment, das er unter den -neuesten Handschriften der Wolfenbütteler Bibliothek gefunden haben -will, handelt, um mit Lessing zu reden, »von der Vortrefflichkeit und -Hinlänglichkeit der natürlichen Religion« und fordert die Duldung für -Anhänger, »welche sich«, wie der »Ungenannte« sich ausdrückt, »in der -Erkenntnis und Verehrung Gottes bloß an die gesunde Vernunft halten«. -Der Herausgeber beschränkt sich auf eine kurze Einleitung, in der er -die Fragmente als »mit der äußersten Freimütigkeit, zugleich aber mit -dem äußersten Ernst geschrieben«, kurz als die Schrift eines offen und -»geradezu« redenden »wahren, gesetzten Deutschen« charakterisiert; -und auf einige angehängte Schlußseiten, auf denen er unter anderem die -Gesinnung des Mohammedaner gewordenen Neuser mit der verwandten des -»ungenannten« Deisten vergleicht, zum Schluß auch bereits sich ironisch -über das heutige »vernünftige« Christentum äußert, von dem man nur -»eigentlich nicht wisse, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das -Christentum sitzt«. - -Der wirkliche Verfasser war der im März 1768 verstorbene Hamburger -Gelehrte und Gymnasialprofessor Hermann Samuel _Reimarus_. Das von -ihm hinterlassene, mehr als zweitausend Seiten starke Manuskript, das -seine Tochter Elise dem ihr seit 1769 befreundeten Lessing anvertraut -hatte, war betitelt »Apologie oder _Schutzschrift für die vernünftigen -Verehrer Gottes_«, womit die seit ihrem Aufkommen in England um -1700 so genannten »Deisten«, d. h. Anhänger eines allweisen und -allgütigen Gottes, der jedoch die Welt bloß geschaffen hat, aber sie -nachher ihren eigenen Gesetzen gemäß sich entwickeln läßt, gemeint -sind. Das gründliche Buch des überaus ehrlichen, rechtschaffenen und -selbständigen Verfassers stellt den vielleicht konsequentesten und -scharfsinnigsten Angriff dar, der gegen das biblische Christentum und -seine jüdische Vorstufe -- der erste Teil kritisiert das Alte, der -zweite das Neue Testament -- bisher unternommen worden war. Reimarus -bestreitet die Glaubwürdigkeit religiöser Offenbarungen, d. h. -Mitteilung religiöser Wahrheiten an einzelne Personen bestimmter Zeiten -und Völker, schon weil eine solche Ausnahmebehandlung Gottes Güte und -Weisheit widersprechen würde. Zudem trage weder das Alte noch das Neue -Testament den Charakter einer solchen Offenbarung. Sein Standpunkt -ging also über den des damals den öffentlichen Geist beherrschenden -sogenannten »aufgeklärten« oder »vernünftigen« Christentums an -Folgerichtigkeit und Ehrlichkeit weit hinaus. - -Gerade deshalb hatte er unseren allen halben Wahrheiten abgeneigten -Lessing angezogen, obschon dieser sich durchaus nicht mit ihm -identifizierte, und er entschloß sich trotz des Abratens seiner -Berliner Freunde, des weltklugen Nicolai und des zaghaften oder -mindestens vorsichtigen Mendelssohn, zu der Veröffentlichung. Da aber -die Berliner Zensur die Druckerlaubnis verweigerte, so benutzte er -die Zensurfreiheit seines Bibliothekamtes, um wenigstens die ihm am -wichtigsten erscheinenden Abschnitte desselben als »Beiträge« aus -den Papieren eines »Ungenannten« herauszugeben. Es sind die berühmt -gewordenen »_Wolfenbütteler Fragmente_«, die von ihm selbst zum Teil -mit eigenen »Gegensätzen« versehen wurden. Das von uns bereits erwähnte -1774 veröffentlichte, inhaltlich noch sehr gemäßigte Fragment war -ziemlich unbeachtet geblieben. Anders die fünf folgenden, 1777 zusammen -herausgegebenen. Schon die Überschriften weisen auf den Inhalt. Sie -lauten: 1. Von der Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln. 2. -Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete -Art glauben könnten. 3. Durchgang der Israeliten durchs Rote Meer. 4. -Daß die Bücher des Alten Testaments nicht geschrieben worden, eine -Religion zu offenbaren. 5. Über die Auferstehungsgeschichte. - -Wie verhält sich nun Lessings eigener Standpunkt dazu? Lessing -hat seine »allgemeine« Antwort in einer Reihe schlagender Sätze -zusammengefaßt, die er später, einen jeden einzelnen, in glänzender -Form gegen die Angriffe des Hauptpastors Goeze verteidigte und -die seinen Standpunkt gegenüber der biblischen Überlieferung mit -außerordentlicher Klarheit und Knappheit wiedergeben: 1. Die Bibel -enthält offenbar mehr, als zur Religion gehört. 2. Es ist bloße -Hypothese (Vermutung), daß die Bibel in diesem Mehreren gleich -unfehlbar sei. 3. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist -nicht die Religion. 4. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und -gegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen den Geist und gegen -die Religion. 5. Auch war die Religion, ehe eine Bibel war. 6. Das -Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten. Es -verlief eine geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb, und eine -sehr beträchtliche, ehe der ganze Kanon[4] zustande kam. 7. Es mag also -von diesen Schriften noch so viel abhangen, so kann doch unmöglich die -ganze Wahrheit der christlichen Religion auf ihnen beruhen. 8. War -ein Zeitraum, in welchem sie bereits so ausgebreitet war, in welchem -sie sich bereits so vieler Seelen bemächtigt hatte und in welchem -gleichwohl noch kein Buchstabe aus dem von ihr aufgezeichnet war, was -bis auf uns gekommen ist, so muß es auch möglich sein, daß alles, was -die Evangelisten und Apostel geschrieben haben, wiederum verloren ginge -und die von ihnen gelehrte Religion doch bestände. 9. Die Religion ist -nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie -lehrten sie, weil sie wahr ist. Endlich 10. Aus ihrer inneren Wahrheit -müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle -schriftlichen Überlieferungen können ihr keine innere Wahrheit geben, -wenn sie keine hat. - -Man sieht, Lessings Standpunkt ist keineswegs radikal. Er wird heute -von vielen protestantischen Theologen an Radikalismus weit überboten -und muß eigentlich von jedem vernünftig denkenden Christen zugegeben -werden. Aber Lessing geht in der Einleitung zu diesen Sätzen noch -folgerichtiger vor und überwindet damit bereits -- ähnlich wie -später Kant und noch prinzipieller Schleiermacher -- den Standpunkt -der »Aufklärung«. Er, der Held des klaren Verstandes, gründet -gleichwohl die Religion auf ihren wahren Quell: das _Gefühl_. Möchten -auch sämtliche Einwände des »Ungenannten« dem kritischen Verstand -unwiderlegbar erscheinen, so könnte nur der gelehrte _Theologe_ darüber -in Verlegenheit geraten, nicht der _Christ_. Denn »was gehen den -Christen dieses Mannes Hypothesen und Erklärungen und Beweise an? Ihm -ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in welchem -er sich so selig _fühlet_«. Mag sein, daß Lessing für seine Person -anders gedacht hat: jedenfalls hält er sich hier in den Grenzen der -Verteidigung eines _persönlichen_, individuellen Christentums, das -sich auf innere Erfahrung gründet: wie es innerhalb der evangelischen -Theologie in neuerer Zeit die Ritschlsche Schule wieder erneuert hat. - -Zu der Veröffentlichung der »Fragmente« gehörte damals ein gewaltiger -Mut. Warf doch Lessing damit allen theologischen Parteien den -Fehdehandschuh hin. Bald regnete es denn auch Artikel, Flugschriften, -Bücher, am meisten natürlich seitens der Rechtgläubigen. Einer von -ihnen, der Schuldirektor Schumann aus Hannover, hatte in den von -Christus getanen Wundern und in den in ihm »erfüllten« Weissagungen -den »_Beweis des Geistes und der Kraft_« erblicken wollen. Ihm -erwiderte Lessing in einem ebenso betitelten anonymen Aufsatz. -Er will zwar -- anscheinend aus bloß taktischen Gründen -- die -Tatsächlichkeit solcher Wunder nicht rundweg leugnen, bestreitet -jedoch, daß sie, die wir doch nur auf Treu und Glauben anderer als -wahr annehmen, für Jesu anderweitige Lehren beweisend sein könnten. -Denn -- und nun kommt eine Leibniz entlehnte wichtige Unterscheidung --- »_zufällige_ _Geschichts_wahrheiten (Leibniz sagt ~vérités de -fait~, d. h. Tatsachen-Wahrheiten) können der Beweis von _notwendigen -Vernunft_wahrheiten nie werden«. Wir alle, führt Lessing aus, glauben, -daß ein Alexander der Große gelebt und einen großen Teil Asiens erobert -hat; aber wer wollte auf diese historische Wahrheit eine wichtige -philosophische oder moralische Wahrheit gründen! »Das ist der garstige -breite Graben, über den ich nicht hinüber kann, so oft und ernstlich -ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüberhelfen, der -tu es; ich bitte, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an -mir.« - -Noch milder und versöhnlicher ist die in Gestalt eines formvollendeten -Zwiegesprächs wiedergegebene hübsche Legende des Kirchenvaters -Hieronymus von dem letzten Vermächtnis des Evangelisten Johannes -gehalten, der seine Jünger immer wieder ermahnt haben soll: -»Kinderchen, _liebt_ euch!«, weil »das allein, wenn es geschieht, -hinlänglich genug ist«. »Möchte doch alle,« so schließt Lessing, -»welche das _Evangelium_ Johannis trennt, das _Testament_ Johannis -wieder vereinigen!« Auch hier also wird das Praktische über das -Theoretische, die Liebe über den Glauben gestellt. Ein Vorspiel zum -»Nathan«! Und ein Vorbild für die Christenheit unserer Zeit, die in der -Erfüllung dieses Testaments seitdem eher zurück- als vorwärtsgekommen -ist. - -Ein dritter, diesmal von Lessing mit seinem Namen gezeichneter -Aufsatz, die »_Duplik_« (d. h. eigentlich zweite Antwort) war an den -Superintendenten Reß in Lessings Wohnort gerichtet. - -Sie enthält in ihrem ersten Abschnitt, mit dem sie den Charakter des -edlen »Ungenannten« rechtfertigt, den berühmten Satz, daß der ganze -Wert des Menschen nicht auf dem vermeintlichen _Besitz_ der Wahrheit -beruhe, der vielmehr »ruhig, träge, stolz« mache, sondern auf der -»aufrichtigen _Mühe_, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu -kommen«; denn nur »durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich -alle seine Kräfte«. Worauf dann das noch berühmtere Gleichnis folgt: -»Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den -einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, -mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: -›Wähle!‹, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ›Vater, -gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‹« Vielleicht -verleitet ihn auch hier seine Neigung zu glänzenden, die Gedanken -scharf gegeneinander haltenden Antithesen zu einer überscharfen -Formulierung der Gegensätze, so insbesondere durch den Zusatz »ewigen« -Irrtums. Im übrigen ist wohl niemals der Wert reiner Wahrheitsforschung -schöner formuliert worden. - -In der Sache selbst, der Verteidigung der Ehrlichkeit seines -»Ungenannten« in Sachen seines »Sturmangriffs« gegen die biblische -Auferstehungsgeschichte, ist seine Taktik wiederum sehr zurückhaltend. -Der Ungenannte behaupte: »Die Auferstehung Christi ist _auch darum_ -nicht zu glauben, weil die Nachrichten der Evangelisten darin sich -widersprechen.« Sein theologischer Gegner: »Sie ist schlechterdings -zu glauben; _denn_ die Nachrichten widersprechen sich nicht.« Er -(Lessing) sage nur: »Sie kann ihre gute Richtigkeit haben, _obschon_ -die Nachrichten sich widersprechen.« - -Aber seine, sei es nun tatsächliche oder taktische, Versöhnlichkeit -half ihm nichts. Ein neuer Gegner, angesehener und schärfer als die -vorherigen, trat wider ihn auf den Plan. Es war der nur durch Lessing -zur Unsterblichkeit gelangte Hamburger Hauptpastor Johann Melchior -_Goeze_. - -Im Kampfe gegen diesen Vertreter des rechtgläubigen Luthertums -entstanden dann jene Meisterstücke der Polemik, die in der ganzen -Weltliteratur kaum ihresgleichen besitzen. Zunächst, ihnen -vorausgesandt noch, die verhältnismäßig noch friedliche »_Parabel_«: -der Vergleich des Christentums mit einem unermeßlichen Palast von -sonderbarer, namentlich nach außen hin sehr unregelmäßiger Bauart, -zu dem vielerlei Eingänge führen, und der sein Hauptlicht von oben -empfängt. Anstatt sich aber an der inneren Helligkeit des Palastes, -der ihn erfüllenden gütigen Weisheit und an der Schönheit und Ordnung -zu erfreuen, die sich von ihm über das ganze Land verbreitete -- -mit anderen Worten: anstatt des _Taten_christentums, gerieten die -vermeinten Kenner seiner Architektur in beständige Zwistigkeiten -über seine Außenseite. Und zwar glaubte und behauptete ein jeder den -allein richtigen Grundriß dazu von den ersten Baumeistern überkommen -zu haben. Allmählich dachten sie nur noch an ihre Grundrisse und gaben -die wenigen, die einmal einen von diesen geliebten Grundrissen etwas -näher zu beleuchten wagten, für »Mordbrenner des Palastes selbst« aus. -Als nun einmal der Wächter: »Feuer im Palast!« rief, da stürzte jeder --- nur nach seinem Grundriß, um ihn als das Kostbarste zu retten. In -Wahrheit hatte der Palast gar nicht gebrannt: die erschrockenen Wächter -hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten. Die Anwendung auf -die christliche Religion, die mancherlei Zugänge zu ihr, ihre inneren -Vorzüge, und im Gegensatz dazu die Beschränktheit und Rechthaberei der -unduldsamen Konfessionellen ergibt sich von selbst. - -Die der Parabel folgende »_Bitte_« vergleicht den Verfasser und -seinen pastoralen Gegner mit einem Kräuterkenner und einem Schäfer. -Der letztere braucht nur an das Wohl der ihm anvertrauten Schäflein -zu denken. Der Botaniker dagegen, im weiteren Sinne der Mann der -_Wissenschaft_, hat einen anderen Beruf. Er muß auch die giftigen -Kräuter -- und können Gifte nicht auch nützlich sein? -- nicht bloß -selbst kennenlernen, sondern auch andere damit bekannt machen. -Lessing bittet den Gegner, sich dies klarzumachen und demgemäß sein -übereiltes Verdammungsurteil wider ihn zurückzunehmen. Als jedoch -statt dessen ein nur noch schärferer Angriff Goezes erfolgte, da -ergeht sein »_Absagungsschreiben_«, das mit wahrhaften Keulenschlägen -vernichtend über den »Herrn Pastor« herfährt, und das man Satz für Satz -lesen muß, um einen Begriff davon zu bekommen. Ich nehme daraus nur -diejenige Stelle, in der er _Luthers_ Geist gegen seinen Nachtreter -heraufbeschwört: »Sie, Herr Pastor, Sie hätten den allergeringsten -Funken Lutherischen Geistes? ... Luther, Du! Großer, verkannter Mann! -und von niemandem mehr verkannt als von den kurzsichtigen Starrköpfen, -die, Deine Pantoffeln in der Hand, den von Dir gebahnten Weg schreiend, -aber gleichgültig daherschlendern!« Und er appelliert weiter von dem -_geschichtlichen_ Luther an einen _zukünftigen_. »Du hast uns von dem -Joche der Tradition erlöset, wer erlöset uns von dem unerträglicheren -Joche des Buchstabens! Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie Du -es _jetzt_ lehren würdest, wie es Christus selbst lehren würde!« - -Die sich anschließenden »Axiomata (Grundsätze), wenn es deren in -dergleichen Dingen gibt«, wider den Herrn Pastor Goeze in Hamburg -haben wir bereits S. 31 kennengelernt. Und die dann folgenden -»_Anti-Goezes_« bringen, trotz ihrer wunderbaren Form, inhaltlich, -vor allem philosophisch, aber auch für die Kenntnis von Lessings -religiöser Weltanschauung kaum etwas Neues mehr: man müßte denn die -scharfe Wendung in dem ersten dieser zehn »notgedrungenen Beiträge« -dahin zählen: »Herr Pastor, wenn Sie es dahin bringen, daß unsere -Lutherschen Pastores unsere Päpste werden; daß diese uns vorschreiben -können, wo wir aufhören sollen, in der Schrift zu forschen; daß diese -unserem Forschen, der Mitteilung unseres Erforschten Schranken setzen -dürfen: so bin ich der erste, der die Päpst_chen_ wieder mit dem -_Papste_ vertauscht.« (Es gibt eben, wie Kant einmal sagt, wenngleich -wenig, protestantische Katholiken und erzkatholische, vielleicht mehr, -Protestanten.) - -Auf Lessings spätere, zum Teil erst aus seinem Nachlaß -bekanntgewordenen theologischen Arbeiten, die ihn in Streit mit -den liberalen Theologen seiner Zeit verwickelten -- den »großen -Wespen«, die er damit aus ihrem Loche gelockt hatte, wie er spottet, -wollen wir nur hinweisen. Denn sie interessieren letzten Endes doch -mehr den Theologen als den Philosophen und sind überdies durch die -kritische Bibelforschung der letzten anderthalb Jahrhunderte überholt. -Dagegen möchte ich Ihnen ein auf nur zwei Blättern seines Nachlasses -aufgezeichnetes, in sein letztes Lebensjahr (1780) fallendes Fragment: -»_Die Religion Christi_« seiner Bedeutung wegen wörtlich mitteilen. Es -besteht aus acht kurzen Paragraphen: - -§ 1. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein Problem. Daß -er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt gewesen; daß er nie -aufgehört hat, Mensch zu sein: das ist ausgemacht. § 2. Folglich -sind die Religion _Christi_ und die _christliche_ Religion zwei ganz -verschiedene Dinge. § 3. _Jene_, die Religion Christi, ist diejenige -Religion, die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch -mit ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr mit ihm -gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der -Charakter ist, den er sich von Christo als bloßem Menschen macht. § 4. -_Diese_, die christliche Religion, ist diejenige Religion, die es für -wahr annimmt, daß er mehr als Mensch gewesen und ihn selbst als solchen -zum Gegenstand der Verehrung macht. § 5. Wie diese beiden Religionen, -die Religion Christi sowohl als die christliche, in Christo als in -einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich. -§ 6. Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze beider in einem und -demselben Buche finden. Wenigstens ist augenscheinlich, daß jene, -nämlich die Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten enthalten -ist als die christliche. § 7. Die Religion Christi ist mit den klarsten -und deutlichsten Worten darin enthalten. § 8. Die christliche hingegen -so ungewiß und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt, -mit welcher zwei Menschen, solange als die Welt steht, den nämlichen -Gedanken verbunden haben. - -Zur geplanten Vollendung seiner theologischen Arbeiten ist Lessing -nicht mehr gekommen. Körperliche Krankheit, verbunden mit schwerem -seelischem Druck, nicht zum wenigsten infolge des Todes seiner -geliebten Frau nach kaum anderthalbjähriger glücklichster Ehe, raffte -den kaum Zweiundfünfzigjährigen vor der Zeit dahin. Indes noch drei -treffliche Gaben haben uns seine letzten Jahre beschert in drei -Arbeiten, die uns zum Schlusse noch einmal seine - - - - -~D.~ Philosophische Weltanschauung - - -im Zusammenhang mit seiner _Ethik_ und _Religions-_ zugleich seine -_Geschichts-_ und _Staatsauffassung_ vor Augen führen werden: - -1. seinen »_Nathan_«, 2. seine »_Erziehung des Menschengeschlechts_« -und 3. seine Freimaurergespräche »_Ernst_ und _Falk_«. Dazu wird 4. zu -berücksichtigen sein, was F. H. Jacobi von seinem bedeutsamen Gespräch -mit Lessing im Jahre 1780 über den _Spinozismus_ berichtet hat. - - -1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise - -Als die Aufregung über die »Fragmente« und Lessings Beigaben dazu unter -den Orthodoxen immer stärker geworden war, wurde auf Andringen des -braunschweigischen Konsistoriums am 13. Juli 1778 Lessing vom Herzog -unter Androhung »schwerer Ungnade« jede fernere Publikation »dieser -Fragmente und anderer ähnlicher Schriften« strengstens verboten. -Daraufhin meinte er: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten -Kanzel, auf dem _Theater_, wenigstens noch ungestört will predigen -lassen.« Im Mai des folgenden Jahres erschien sein »dramatisches -Gedicht«: Nathan der Weise. - -Ich setze hier den Inhalt des »Nathan« als bekannt voraus und gehe -auch auf die massenhafte Literatur über das Stück mit keinem Worte -ein. Über Sinn und Tendenz dieses seines letzten Dramas ist unendlich -viel gestritten worden. Und doch ist beides, Sinn und Tendenz, im -Grunde unendlich einfach und klar. Der Verfasser selbst hat es in -einer anfangs beabsichtigten Vorrede in den Satz zusammengefaßt, -sein Stück wolle lehren, »daß es nicht erst von gestern her unter -allerlei Volk Leute gegeben, die sich über alle Religion« -- will -sagen: _geoffenbarte_ Religion -- »hinweggesetzt hätten _und doch gute -Leute gewesen wären_«. Es ist _die_ Religion, die allen sogenannten -Religion_en_ oder vielmehr, wie statt dieses im Grunde blasphemischen -und auch von Kant und Schiller mit Recht getadelten Plurals richtiger -zu sagen ist: Religions_bekenntnissen_, als ihr echter Kern zugrunde -liegt: die Religion der Menschlichkeit, die Religion, wie Kant es -ausdrückt, »innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«, oder, wie der -Neukantianer Paul Natorp es formuliert, »innerhalb der Grenzen der -Humanität«: gegen die auch der Bekenner der _sogenannten_ »positiven« -Religionen nichts einwenden kann, wenn sie auch seinem religiösen -Bedürfnis nicht genügen mag. - -Ich begnüge mich, ihre Hauptzüge mit den unvergänglichen Versen -Lessings Ihnen kurz vor Augen zu führen. - -Zunächst ihre Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der -Natur: - - »Der Wunder höchstes ist, - Daß uns die wahren, echten Wunder so - Alltäglich werden können, werden sollen.« - -Sodann die Begründung auf das _Gefühl_, die tröstende Lehre: - - »Daß Ergebenheit - In Gott von unserm Wähnen _über_ Gott - So ganz und gar nicht abhängt.« - -Und dennoch die Verwahrung gegen bloße gefühlsmäßige Schwärmerei: - - »Begreifst du aber, - Wie viel _andächtig schwärmen_ leichter als - _Gut handeln_ ist?« - -Dieselbe Ansicht, die der treffliche deutsche Mystiker Meister Eckhart -mit den Worten ausdrückt: »Wäre der Mensch in Verzückung, wie Sankt -Paulus war, und wüßte einen siechen Menschen, der eines Süppleins von -ihm bedürfte, ich achte es weit besser, daß du ließest aus Minne von -der Verzückung und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.«[5] - -Nichts anderes als eine andere Anwendung seines »Testaments Johannis« -(S. 33) ist das Fazit, was die berühmte Fabel von den drei Ringen zieht: - - »Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen - Von Vorurteilen freien Liebe nach!« - -und, wie die Worte weiter lauten, genau dem neutestamentlichen Spruch -entsprechend: - - »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!« - -Unbedingteste Duldsamkeit für alle Meinungen ist Grundprinzip: »Ich -habe nie verlangt, daß allen Bäumen _eine_ Rinde wachse«, sagt Saladin. - -Wer seine Religion, wer seinen Gott so auffaßt wie Nathan-Lessing, der -muß einen Sondergott für bestimmte Nationen oder Individuen als eine -Herabsetzung des Gottesbegriffs empfinden: - - »Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott, - Der einem Menschen eignet?« - -Damit hängt denn auch der dramatisch vielleicht nicht sehr geschickte, -eher etwas enttäuschende, aber die Idee des Ganzen um so tiefer -ausdrückende Schluß zusammen: daß die vorher einander gegnerisch -gegenüberstehenden Nationen und Religionsbekenntnisse sich zu guter -Letzt, ähnlich wie heute im Sozialismus, als Angehörige _einer_ Familie -erkennen. - -Wenn man Lessings Humanitätsdrama mit unbefangenem, reinem Gemüt -liest und auf sich wirken läßt, dann muß es einem wahrhaftig kläglich -vorkommen, wenn ein Eugen Dühring oder -- etwas gemilderter, aber -vielleicht um so gefährlicher -- Adolf Bartels in seinem Buche »Lessing -und die Juden« mit antisemitischen Mätzchen gegen den »Juden« oder -»judenhaften« Lessing zu Felde zieht. Wer so handelt, ist nicht -wert, daß er dem Volke der Lessing und Kant, der Schiller und Goethe -angehört. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß der Dichter die -christlichen Gestalten seines Dramas, insbesondere den offiziellen -Vertreter der Kirche, den Patriarchen, desgleichen die gutmütige, aber -beschränkte Dajah entschieden ungünstiger geschildert hat als die -Vertreter des Islam, des Judentums, der Parsi-Religion. Meiner Meinung -nach war das eine logische Notwendigkeit, weil er sein Stück eben für -ein _christliches_ Publikum schrieb, dem er beweisen wollte, daß es in -anderen Religionsbekenntnissen ebenso gute oder bessere Menschen geben -könne. Hätte er es für Mohammedaner oder Juden geschrieben, so hätte er -umgekehrt die Vertreter der beiden übrigen Konfessionen heben müssen; -der Patriarch wäre dann eben ein Rabbiner oder ein Mufti geworden. -Von einer Herabsetzung des Christentums als solchem kann keine Rede -sein. Ruft doch der Klosterbruder, übrigens eine sehr sympathische -Christengestalt, Nathan gerade im entscheidenden Augenblick die das -Christentum aufs höchste anerkennenden Worte zu, die jeder echte Christ -Lessing selber zurufen könnte: - - »Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!« - -Die höchste sittliche Wahrheit freilich steht für den Dichter mit Recht -_über_ den Religionsbekenntnissen: - - »Sind Christ und Jude eher Christ und Jude - Als Mensch?« - -Woran sich der gerade unserem Lessing aus tiefster Seele kommende -Ausruf Nathans an den Tempelherrn schließt: - - »Ach, wenn ich einen mehr in Euch - Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch - Zu heißen!« - -Ein Wort, das gerade heute jedem Europäer, der sich zu einem -sogenannten »Kultur«volk zählt, vor allem aber denen, die sich der -Religion Jesu zurechnen, beschämend, mahnend, anfeuernd vor der Seele -stehen müßte! - -Ja, Dilthey, der sonst die Gefühlsworte nicht liebt, hat recht, wenn er -in diesem »unvergänglichen Gedicht«, ebenso wie in Goethes »Iphigenie«, -eine so »reine Seelengröße« verkündet sieht, daß kein ernster Forscher -der menschlichen Natur es lesen könne, ohne daß sein Auge feucht -werde. Und Lessing hatte recht, wenn er als Motto das Wort des antiken -Dichters über sein Drama setzte: »~Introite, nam et hic dii sunt!~«, zu -deutsch: »Tretet ein, denn auch hier sind Götter.« - -Inhaltlich dem »Nathan« verwandt sind die letzten beiden -- -bezeichnenderweise beide ohne seinen Namen -- erschienenen Schriften -Lessings: 1. die »_Freimaurergespräche_« zwischen Ernst und Falk und -2. »_Die Erziehung des Menschengeschlechts_«. Der Zeitfolge nach ist -es einerlei, welche von beiden wir zuerst behandeln. Von beiden ist -ein erster Teil schon 1777 bezw. 1778 (gleichfalls anonym) und erst -die zweite Hälfte in Lessings letztem Lebensjahr (1780) veröffentlicht -worden. Wir ziehen es vor, mit der - - -2. Religion und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts - -zu beginnen, weil ihr teils _religions_-, teils -_geschichts_philosophischer Inhalt dem »Nathan« näher steht als der -teils _geschichts_-, teils _staats_philosophische der »Gespräche für -Freimäurer«. - -Die ersten dreiundfünfzig von den hundert Paragraphen der »Erziehung« -waren bereits zusammen mit den fünf Fragmenten des »Ungenannten«, also -1777 herausgegeben worden: auch sie angeblich unter den Bücherschätzen -seiner Bibliothek gefunden. Selbst dem Sohne von Reimarus stellt er sie -noch in einem Briefe vom 6. April 1778 dar als herrührend »von einem -guten Freunde, der sich gern allerlei Hypothesen und Systeme macht, -um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen«, mit dem für sein -innerstes Wesen bezeichnenden Schlußsatz: »Jeder sage, was ihm Wahrheit -dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!« - -Als Ganzes trägt die Schrift gleichwohl, wie mir scheint, einen etwas -konservativeren Charakter als »Nathan der Weise« oder auch die ja -nur zur Selbstverständigung niedergeschriebene »Religion Christi«. -Der Verfasser sieht hier die _Offenbarung_ als in einem göttlichen -Erziehungsplan der Menschheit gelegen an. Wie die Erziehung, so gibt -auch die Offenbarung ihm zufolge »nichts, worauf die menschliche -Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde«, sie gibt -ihm das Wichtigste davon nur leichter und früher (§ 4); und zwar, -gleich der Erziehung, nach einer bestimmten Ordnung. Nach dieser -Einleitung, enthalten in § 1 bis 7, folgt dann von § 8 bis 52 die -Erziehung des israelitischen Volkes durch das »Elementarbuch« des -_Alten Testaments_. Für ein noch so rohes, auf noch so kindlicher -Entwicklungsstufe stehendes Volk bedurfte es noch einer Erziehung -durch unmittelbare, sinnliche Strafen und Belohnungen (§ 16). Es wußte -noch nichts von einem zukünftigen Leben, von einer Unsterblichkeit -der Seele (§ 17). Die meisten anderen Völker waren noch weit hinter -ihm zurückgeblieben, einige glücklichere (Griechen, Römer) allerdings -durch das bloße Licht ihrer natürlichen Vernunft ihm zuvorgekommen -(§ 20, 21). Während des Exils, im Verkehr mit den religiös höher -stehenden (obwohl ohne Offenbarung!) Persern, bekamen die Juden dann -einen reineren Gottesbegriff, die Offenbarung ward durch die Vernunft -erhellt, ihr Glaube erhob sich von ihrem Nationalgott Jehova zu -dem an _einen_ Gott (§ 35 ff.). So entwuchsen sie allmählich ihrem -Elementarbuch, insbesondere auch durch ihre Bekanntschaft mit der -griechischen Philosophie in Ägypten (§ 42) und suchten nun in ihre -kindlich-einfältigen heiligen Schriften allerlei Anspielungen und -Fingerzeige, oft recht spitzfindig-rabbinisch, hineinzulegen (§ 43 bis -52). Ein besserer Pädagog mußte kommen und »dem Kinde das erschöpfte -Elementarbuch aus den Händen reißen« -- _Christus_ erschien (§ 53). - -Das Kind war zum Knaben geworden, der zum »_zweiten_ großen Schritt der -Erziehung reif war« (§ 57 ff.). Christus ward der erste »zuverlässige« -und »praktische« Lehrer der Unsterblichkeit der Seele (§ 58). Als -zuverlässig galt er seinen Zeitgenossen durch die in ihm erfüllt -scheinenden Weissagungen, durch seine Wunder, durch seine Auferstehung. -»Ob wir noch _jetzt_ diese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen -können, das lasse ich dahingestellt sein ... Alles das kann damals -zur _Annehmung_ seiner Lehre wichtig gewesen sein: jetzt ist es zur -Erkennung der Wahrheit seiner Lehre so wichtig nicht mehr.« (§ 59.)[6] - -Christus lehrte aber auch praktisch das Leben nach dieser Lehre -einrichten durch »innere Reinigkeit des Herzens« (§ 61), die dann seine -Jünger, wenn auch mit anderen weniger einleuchtenden Lehren vermischt, -unter andere Völker verbreiteten (§ 62, 63). So ward das _Neue -Testament_ das zweite, bessere Elementarbuch für das Menschengeschlecht -(§ 64) und hat es seit 1700 Jahren mehr als alle anderen Bücher -beschäftigt und erleuchtet, wenn auch vielleicht »nur durch das Licht, -welches der menschliche Verstand selbst hineintrug« (§ 65). Es war -auch gewiß »höchst nötig«, daß man »eine Zeitlang« dies Buch für -das Nonplusultra aller Erkenntnis hielt (§ 67). Und »Du, fähigeres -Individuum, der du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuchs -stampfest und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mitschüler -merken zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen beginnst«! -(§ 68.) Lessing bemüht sich dann, in uns freilich etwas künstlich -erscheinenden Ausführungen zu zeigen, was auch die menschliche Vernunft -in den Geheimnissen der Dreieinigkeit, der Erbsünde, der Genugtuung des -göttlichen Sohnes für sich finden könne (§ 73 bis 77). Es sei nicht -wahr, meint er, »daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil -gestiftet und der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden«. -Nicht den Spekulationen, sondern »dem Unsinn, der Tyrannei, diesen -Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre -eigenen zu gönnen«, sei dieser Vorwurf zu machen (§ 78). - -Aber noch eine höhere Stufe, die Erziehung vom Knaben oder Jüngling zum -Manne, der das Gute um seiner selbst, nicht um künftiger Belohnungen -willen tut, stehe der Menschheit bevor. »Oder soll das menschliche -Geschlecht auf diese höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit nie -kommen?« (§ 81.) Das wäre eine Lästerung des Allgütigen. »Nein, sie -wird gewiß kommen,« so ruft er in gläubigem Vertrauen aus, »die Zeit -eines _neuen, ewigen Evangeliums_« des Geistes und der Wahrheit, -»die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen -wird« (§ 86). Schon im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert haben -Schwärmer -- Lessing denkt wohl an Männer wie Joachim von Floris und -Amalrich von Bene -- ein »drittes Zeitalter« der Welt prophezeit. Er -macht dabei eine sehr gute Bemerkung über die Schwärmer überhaupt, bei -der wir unwillkürlich auch an unsere heutigen politischen Schwärmer -denken: »Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft, -er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft -beschleunigt und wünscht, daß sie durch _ihn_ beschleunigt werde. Wozu -sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick seines -Daseins reifen.« Und er erkennt auch den egoistischen Nebengedanken -darin: »Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere -erkennt, nicht auch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?« (§ 90.) -Demgegenüber traut er auf die »ewige Vorsehung«, wenn auch manchmal -ihre Schritte ihm »zurückzugehen scheinen sollten«! »Es ist nicht wahr, -daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.« (§ 91.) - -Und nun kommt zum Schlusse der sonst anscheinend so verstandeskühle -Lessing auf eine Hypothese, auf die, wie er auch schon früher -gelegentlich geäußert hatte,[7] schon die ältesten Philosophen im -Abend- wie im Morgenland gekommen seien: die _Seelenwanderung_ -(§ 93 ff.). Kann ich nicht schon einmal da gewesen sein, ohne daß -ich es mir selbst bewußt bin, und »warum sollte ich nicht so oft -wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen -geschickt bin« (§ 98, 99)? - -Wir gehen nicht weiter auf diese Hypothese ein. Vielleicht war es eben -nur ein Gedanke, den er einmal in das Publikum hineinwerfen wollte, -ohne dafür öffentlich einstehen zu wollen, wie er ja auch die Schrift -nicht mit seinem Namen gezeichnet hat. Aber ich habe sie Ihnen schon -der Vollständigkeit wegen nicht vorenthalten wollen; schon um Ihnen -zu zeigen, daß Lessing doch auch in Stunden ein wenig -- Schwärmer -sein konnte. Für die Praxis des Lebens hat er solche Hypothesen nicht -benutzt, ja er warnt auch andere davor. Die Vernunft, sagt er einmal, -habe doch mit Glück gegen die törichte Begierde der Menschen, ihr -Schicksal in _diesem_ Leben voraus zu wissen, geeifert: wann werde es -ihr gelingen, ihnen die Neugier nach ihrem Schicksal in _jenem_ Leben -ebenso verdächtig, ebenso lächerlich zu machen? Toren seien die, welche -aus lauter Sorgen um ein künftiges Leben das gegenwärtige verlieren: -»Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als -einen künftigen Tag?« Lessing war ein viel zu frischer, lebensvoller, -diesseitsfroher Mensch, um sich unfruchtbaren Grübeleien hinzugeben. - -Und so wenden auch wir uns jetzt seinen Gedanken über die diesseitige -Gemeinschaft der Menschen, seinen Ideen von Geschichte und _Staat_ zu, -die, soviel ich weiß, noch nirgends im Zusammenhang behandelt worden -sind und auf die wir freilich auch nur einige Streiflichter werfen -können und wollen. - - -3. Ansichten über den Staat: Lessings politische Entwicklung - -Schon der sechzehnjährige Fürstenschüler hat den Kriegslärm ganz -aus der Nähe kennengelernt. Am 9. Dezember 1745 wurde die Stadt -Meißen bombardiert, und wenige Tage später donnerte von dem nahen -Kesselsdorf der Schlachtenlärm herüber; die Stadt glich bald einem -großen Lazarett. Aber all das scheint dem Primaner Gotthold Lessing, -in einem Briefe an den Vater Pastor, in erster Linie doch nur als -willkommener Anlaß zu dienen, um eher von der Schule zur Universität -zu kommen; was ihm ja auch, wie wir wissen, gelungen ist. Auch sonst -ist nichts von besonderen politischen Interessen des Jünglings aus -seiner Gymnasiasten- und Studentenzeit bekannt. Er wird wohl, was -bekanntlich Bismarck als Ergebnis der humanistischen Erziehung von sich -und anderen behauptet hat -- und was, beiläufig gesagt, auch unsere -heutigen Republikaner und Sozialisten sich merken sollten, anstatt -gegen die Lektüre der antiken Klassiker zu eifern, die doch ein Karl -Marx und ein Ferdinand Lassalle mit Vorliebe bis an ihr Ende gepflegt -haben --, das Gymnasium mit _republikanischen_ Gesinnungen verlassen -haben. Damit steht unter anderem auch die Tatsache in Einklang, -daß der Zwanzigjährige einen politischen Gegenwartsstoff zu einer -republikanischen Tragödie verarbeiten wollte. Im Jahre 1749 hatte ein -demokratischer Berner Patriot Samuel Henzi eine Verschwörung gegen das -dortige verrottete Klassen- und Willkürregiment weniger patrizischer -Familien angestiftet, war aber entdeckt und hingerichtet worden. Unter -dem frischen Eindruck dieses Ereignisses dichtete der junge Lessing die -anderthalb Akte seines Trauerspiels »_Samuel Henzi_«, die er dann auch -in der ersten Sammlung seiner Schriften veröffentlichte: ein für seine -Zeit ungewöhnliches Wagnis. - -Daß er im folgenden Jahrzehnt ein antikes Drama »Das befreite -Rom«, dessen Hauptheld der alte Königsstürzer Brutus war, und -eine »Verginia«, in deren Titelheldin wir die Vorläuferin seiner -späteren Emilia Galotti zu erblicken haben, entwarf, will vielleicht -weniger besagen. Interessanter ist, daß er noch bis 1775 hin eine -»antityrannische« Tragödie geplant hat, deren Held der berühmte -Sklavenführer _Spartakus_ sein sollte. Während in seinem ersten -Römerdrama das Volk noch, ähnlich wie bei Shakespeare, als ein -wankelmütiger Pöbelhaufe dargestellt wird, wurde hier ein erklärter -Proletarierführer zum Helden gemacht, der in einem (erhaltenen) -Selbstgespräch den Ausspruch tut: »Sollte sich der Mensch nicht einer -Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?« -Lessing tadelt in diesem Zusammenhang auch die »fast lächerliche« -Verachtung eben des Spartakus durch den römischen Geschichtschreiber, -der die Gladiatoren noch unter die gewöhnliche »Untergattung von -Menschen«, die Sklaven, stelle. Schade, daß er diesen Plan nicht -ausgeführt hat. - -Lessing ist bekanntlich schon als zweiundzwanzigjähriger junger Mann -aus seiner sächsischen Heimat nach Preußen gegangen. Aber es ist -unrichtig, ihn deshalb und etwa noch wegen seiner »Minna von Barnhelm« -oder seines Sekretärverhältnisses zu dem preußischen General v. -Tauentzien, wie es gewöhnlich geschieht, schlechtweg als Verehrer -des _Preußentums_ darzustellen. Gewiß, er besitzt eine Vorliebe -für soldatische Gestalten: von dem jungen Helden des Trauerspiels -»Philotas« an, auf das wir noch zurückkommen, über Tellheim, Just und -Werner in der »Minna« bis zu dem alten Obersten Odoardo Galotti, ja -bis zu Sultan Saladin und dem jungen Tempelherrn im »Nathan«. In jener -Zeit ängstlichen Spießbürgertums war eben, wie selbst ein so radikaler -Politiker wie Franz Mehring in seiner »Lessing-Legende« hervorhebt, der -Soldatenstand der einzige, in dem sich, wenigstens zu Kriegszeiten, -persönliche Tüchtigkeit entfalten konnte: - - »Im Felde, da ist der Mann noch was wert,« - -und - - »Auf sich selber steht er da ganz allein,« - -wie Schiller die Wallensteinschen Reiter singen läßt. So konnte Lessing -denken, wenngleich er den Krieg grundsätzlich verwarf, wie er in einer -Rezension Rousseaus bemerkt: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir -einander umbringen sollen?« - -Aber ihn deswegen zum begeisterten Preußen und Verehrer Friedrichs -des Großen zu erheben, wäre verkehrt. Liegen von ihm auch nicht ganz -so feindselige Äußerungen wie von dem berühmten Winckelmann vor, der -das Preußen, dem er entstammte und entfloh, um nach Italien zu gehen, -geradezu gehaßt hat, so schreibt doch noch der vierzigjährige Lessing -im August 1769 an Nicolai nach Berlin: »Sagen Sie mir ja nichts von -Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben. Sie reduziert -sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel -Sottisen (Dummheiten) zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie -es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so -frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie -einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der -gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie -es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden -bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das -_sklavischste Land von Europa_ ist!« Ich denke, das ist deutlich genug. -Freilich, die geliebten »Untertanen« Friedrichs II. waren selbst daran -schuld, daß er gegen Ende seines Lebens von ihnen sagen konnte: »Ich -bin es müde, über _Sklaven_ zu herrschen.« - -Also von einer speziellen Verehrung Friedrichs II., dem er zwar in -der »Minna« einige hübsche Worte widmet, aber dessen eigenmächtiges -Verfahren in militärischen Dingen doch auch dies Stück geißelt, oder -gar des preußischen Staatswesens jener Zeit überhaupt kann keine -Rede sein. »Die Dienste der Großen«, läßt er vielmehr gerade seinen -Tellheim sagen, »sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der -Erniedrigung nicht, die sie kosten.« Ebenso ist selbstverständlich -der Dichter über jeden sächsischen Partikularismus erhaben. Und wie -er am Schlusse seines Stückes die Sächsin Minna mit dem Preußen -Tellheim sich verbinden läßt, so will er auch nichts anderes sein als -ein Deutscher. Freilich nicht von der Art, die wir heute so zahlreich -vertreten finden, die von ihrem Deutschtum viele und große Worte -macht; sondern von der Art Kants und Schillers, Herders und Goethes, -für die Patriotismus und Weltbürgertum keine Gegensätze waren. Gibt -es im übrigen ein schöneres Lob der deutschen Sprache, als wenn er -den französischen Windbeutel Riccaut sie eine »arme und plumpe Sprak« -schelten läßt, weil sie Dinge wie das Betrügen ehrlich bei ihrem -wahren Namen nennt? Und sind nicht Charaktere wie Tellheim, Werner, -Minna Urbilder guter Deutscher? - -Aber Lessing, werden seine und unsere Gegner sagen, hat sich ja selbst -den Patriotismus abgesprochen. In der Tat, er hat am 16. Dezember 1758 -seinem Freunde Gleim, dem Dichter der Kriegslieder eines preußischen -Grenadiers, geschrieben, daß »das Lob eines eifrigen _Patrioten_« -nach seiner Denkungsart das »Allerletzte« wäre, wonach er »geizen« -würde: »_des_ Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich -ein _Weltbürger_ sein sollte.« Und am 14. Februar 1759 gar: »Ich habe -überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich -Ihnen meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir -aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.« -Sätze wie den letzten würde heute wohl nur ein entschiedener Kommunist -unterschreiben. Aber der Satz vorher bezeichnet als die Veranlassung -dieser Äußerung Betrachtungen über »übertriebenen« Patriotismus, die -nicht sowohl Gleims »Grenadiere« als »tausend ausschweifende Reden, die -ich hier (in Berlin) alle Tage hören muß, bei mir rege gemacht hatten«. -Und wenn er im weiteren Verlauf des Briefes von »kleinen Uneinigkeiten« -spricht, die Gleims und seine Freundschaft nicht stören könnten und -auch nicht gestört haben, so waren es offenbar nur Äußerungen eines -übertriebenen preußischen Partikularismus gewesen, die er seiner -deutschen und menschheitlichen Gesinnung gemäß nicht mitmachen konnte. - -Daß Lessing vielmehr den Patriotismus sogar in seinem höchsten, dem -_Opfer_sinn zu würdigen versteht, beweist sein gleichfalls 1759 -entstandenes Drama »Philotas«, dessen Kerngedanke darin besteht, daß -der Held, ein kaum sechzehnjähriger antiker Königssohn, der in die -Gefangenschaft des Feindes geraten ist, sich ähnlich dem Kodrus der -Griechen-, dem Regulus der Römersage freiwillig den Tod gibt, um nicht -als Geisel seinem Vaterland einen ungünstigen Frieden aufzunötigen. -Und wie schmerzlich hat er es vermißt und am eigenen Leibe erfahren, -daß »wir Deutsche noch keine Nation« waren! Weder in Berlin noch in -Wien, weder in Hamburg noch in Mannheim konnte der größte Kritiker -Deutschlands, konnte einer seiner besten Dichter auf die Dauer festen -Fuß fassen. Bittere Sarkasmen enthalten die letzten »Stücke« seiner -»Hamburger Dramaturgie« über den »gutherzigen Einfall«, den sein nie -zu ertötender Idealismus selber gehegt hatte, »den Deutschen ein -Nationaltheater zu verschaffen«, da wir Deutsche eben doch »keine -Nation« seien. Er redet dabei nicht von der politischen Verfassung -- -obwohl das Monstrum des »Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation« -jeden Vernünftigen zu dem Spott herausfordern mußte, den einer von den -lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (im »Faust«) darüber ergießt --, -»sondern bloß von dem sittlichen Charakter«. Aber »fast sollte man -sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen«. Die reichen Hamburger und -sonstigen deutschen Kapitalisten hatten eben für andere, materiellere -Dinge mehr Geld übrig als für Lessings ideale Unternehmungen. Und so -mußte dieser noch in seinem fünften Lebensjahrzehnt in die Dienste -eines Kleinfürsten in einer einsamen deutschen Kleinstadt gehen. - -Daß ein Mann wie Lessing ein abgesagter Gegner alles Höflingstums und -aller Standesvorrechte war, ist eigentlich selbstverständlich. Mit -Recht hat schon Franz Mehring auf die scharfe Kritik eines königlichen -Hoffestes auf dem Berliner Schloßplatz, ein sogenanntes Karussell -oder Ringelrennen, das von dem anwesenden Voltaire in glänzenden -Versen gepriesen wurde, durch den einundzwanzigjährigen Dichter in dem -sarkastischen Gedicht »Auf ein Karussell« hingewiesen. Er hat auch -einmal einen Aufsatz über die »Deutsche Freiheit« geschrieben, die zu -Tacitus' Zeiten und auch das ganze Mittelalter hindurch wenigstens in -der Form der Landstände den Absolutismus der Fürsten eingeschränkt -habe. »Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich -gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren« usw.? Und seine -»Emilia Galotti«, ist sie etwas anderes als ein flammender, ingrimmiger -Protest gegen fürstliche Willkür- und Mätressenwirtschaft, ein Stück, -in dem sogar der gewiß doch maßvolle, selbst an einem Fürstenhof -lebende Goethe den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten -Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft« erblickte, den dann -des jungen Schiller »Kabale und Liebe« zuerst vom italienischen auf -einen deutschen Schauplatz zu übertragen wagte? So kann man in der Tat --- es ist der eigentliche Grundgedanke von Mehrings »Lessing-Legende« --- Lessing als ersten glänzenden Vertreter des aufstrebenden Bürgertums -bezeichnen, das nur seines großen Vorkämpfers nicht würdig war, -vielmehr durch wirtschaftliche und politische Rückständigkeit sich -auszeichnete. - -Allein Lessing geht über diesen Bourgeoisstandpunkt, mindestens an -einzelnen Stellen seiner Schriften, noch erheblich hinaus. So in dem -merkwürdigen, in der großen Lessing-Ausgabe von Lachmann und Muncker -(XVI, 520 f.) in zwei Fassungen vorliegenden kurzen »Gespräch über -die Soldaten und Mönche«. Man streite darüber, ob es mehr Soldaten -oder Mönche in der Welt gebe. Aber wenn der Landmann seine Saat von -Schnecken und Mäusen vernichtet sehe, frage er nicht danach, welcher -von beiden es mehr seien. Und nun folgt in der längeren Fassung -folgendes Zwiegespräch: - - B. Was sind denn Soldaten? - - A. Beschützer des Staats. - - B. Und Mönche sind Stützen der Kirche. - - A. Mit eurer Kirche! - - B. Mit eurem Staate! - - A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der - Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt. - - B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem - Leben verheißt! - - A. Verheißt! - - B. Gimpel! - -So starke Ketzereien in so zugespitzter Form hat unser Held allerdings -vorsichtigerweise in seinem Schreibpult zurückgehalten. Aber in -milderer Ausprägung erkennen wir doch die gleiche Anschauung auch -im »Nathan« und in den Freimaurergesprächen wieder. Im »Nathan« -in der eigenartigen Gestalt des Derwischs Al-Hafi, der es in der -kapitalistischen Welt nicht mehr aushalten kann -- denn »Borgen ist -viel besser nicht als betteln, so wie Leihen, auf Wucher leihen nicht -viel besser ist als stehlen«; und nun allerdings zum _Kampf_ dagegen -sich nicht stark genug fühlt, sondern, »um das Werkzeug beider nicht zu -sein« -- an den Ganges fliehen will. »Am Ganges, am Ganges nur gibt's -_Menschen_!«, will sagen: vom Kapitalismus, diesem »Plunder«, dieser -»Plackerei« erlöste Menschen. Von dieser Lebensansicht fühlt selbst -der weise und kaufmännische Nathan sich so ergriffen, daß er in den, -prinzipiell aufgefaßt, anarchistischen Ausruf ausbricht: »Der wahre -Bettler ist doch einzig und allein der wahre König!« -- Und nun zu -Lessings - - -4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in Ernst und Falk - -seinen »_Gesprächen für Freimäurer_«, fünf an der Zahl, von denen die -drei ersten 1778, die beiden letzten 1780, anonym auch sie unter dem -Zwange der Zeit, erschienen sind. Lessing hatte sich im Jahre 1771 -zu Braunschweig in die Loge aufnehmen lassen (der ja auch Herder, -Schiller und Goethe beitraten), aber schon ziemlich bald enttäuscht -wieder zurückgezogen. Wir sehen hier von allem auf die Geschichte der -Freimaurerei Bezüglichen, das in einzelnen Gesprächen eine ziemlich -bedeutende Rolle spielt, ab und beschränken uns auf das, was sich -aus ihnen für Lessings philosophische, insbesondere _staats- und -gesellschafts_philosophische Ansichten gewinnen läßt. Das Wichtigste -in dieser Hinsicht findet sich im zweiten, einiges noch im vierten -Gespräch. - -Da ist es nun für den Sozialisten interessant, sozialphilosophischen -Anschauungen zu begegnen, die der Verfasser zwar aus ihm -vorangegangenen Denkern, wie den Franzosen Bodin und Montesquieu,[8] -haben mag, die aber bis zu einem gewissen Grade schon an Karl _Marx_ -anklingen. Viele Staaten, läßt er im Verlauf des zweiten Gesprächs -dessen Hauptwortführer (Falk) sagen, würden »ein ganz verschiedenes -Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, -folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz -verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen -haben«. Erinnert das »Klima« mehr an die beiden obengenannten -Geschichtsphilosophen, so die »Bedürfnisse« und ihre »Befriedigungen« -mit ihrem ganzen ideologischen Überbau an Marx-Engels' ökonomische -Geschichtsauffassung. Daß solche Anschauungen Lessings aber von lange -her in ihm lagen, ergibt sich aus dem Umstand, daß er bereits im Januar -1753 in einer Rezension der »Vossischen Zeitung« die sogenannten -»moralischen Ursachen« der Völkerverschiedenheit geradezu als nichts -anderes denn »Folgen der physischen« (er sagt noch: physikalischen) -bezeichnet. - -Im übrigen ist freilich seine Staatsanschauung noch durchaus -_individualistisch_, ja sein Staatsideal -- wir streiften den Gedanken -schon beim Al-Hafi des »Nathan« -- beinahe anarchistisch. Die Ameisen -werden als Vorbild hingestellt, weil sie die größte Geschäftigkeit und -doch Ordnung zeigen und einander sogar helfen, obschon doch niemand -sie zusammenhält und regiert. Und nun folgen in der bei Lessing so -erfreuenden epigrammatischen Kürze Schlag auf Schlag die weiteren -Fragen und Antworten: »Ordnung muß also doch auch _ohne Regierung_ -bestehen können.« -- »Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß, -warum nicht?« -- »Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen -wird?« -- »Wohl schwerlich!« -- »Schade!« -- »Jawohl!« - -Des weiteren wirft Falk die Frage auf, ob die _Menschen_ für die -_Staaten_ oder die Staaten für die _Menschen_ da sind? Die Antwort -wird dann in letzterem Sinne gegeben. Die Vereinigung der Menschen zu -Staaten findet statt, damit durch diese und in ihnen jeder einzelne -seinen Anteil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen -kann. Die Glückseligkeit des Staates besteht in der Summe der -Einzelglückseligkeiten aller seiner Glieder. »Außer dieser gibt es -gar keine.« Und nun folgt ein Satz, aus dem man allerdings auch eine -sozialistische Folgerung ziehen könnte. »Jede andere Glückseligkeit des -Staates, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und -leiden _müssen_, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!« - -Und zwar ist das alles von der _Natur_ so eingerichtet. Trotzdem -entspringen auch aus der denkbar besten Staatsverfassung notwendig -allerlei Übel. Vor allem ist ein _Welt_staat, schon wegen seiner -ungeheuren Größe, nicht möglich, sondern nur _National_staaten. Und -innerhalb derselben entstehen notgedrungen wiederum verschiedene -_Stände_. Selbst die anfänglich _gleiche_ Verteilung des Besitzes -vorausgesetzt, würde doch diese gleiche Verteilung keine zwei -Menschenalter hindurch bestehen bleiben. Einer wird sein Eigentum -besser zu nutzen wissen als der andere, der es womöglich dennoch unter -mehr Nachkommen zu verteilen haben wird. Es wird also reichere und -ärmere Glieder geben, aus dem wohltätigen Feuer der unvermeidlich -unangenehme Rauch entstehen. Aber sollte man deshalb keinen Rauchfang -erfinden? Lessing denkt dabei nicht etwa an Sozialisierung, auf die -ihn Plato oder Morus an sich gebracht haben könnten, sondern an -- die -Freimaurer! Es ist »recht sehr zu wünschen«, daß es in jedem Staate -Männer geben möchte, die erstens »über die Vorurteile der Völkerschaft -(also in unserer heutigen Sprache über einseitigen Nationalismus) -hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört«; -die zweitens »den Vorurteilen ihrer angeborenen Religion nicht -unterlägen, nicht glaubten, daß alles notwendig gut und wahr sein -müsse, was _sie_ für gut und wahr erkennen«; die endlich »bürgerliche -Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in -deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich -dreist erhebt«. - -Solche Männer, die es »freiwillig über sich genommen haben, -den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegenzuarbeiten«, die -jene vielleicht unentrinnbaren Trennungen in Nationen, Stände, -Religionsbekenntnisse nicht noch stärker einreißen lassen wollen, als -es die Notwendigkeit erfordert, und ihre Folgen so unschädlich als -möglich zu machen sich bestreben, sind die Freimaurer, oder _sollten_ -es wenigstens sein. Die Mitglieder einer »unsichtbaren Kirche«, -deren »wahre Taten dahin zielen, alles, was man gemeiniglich gute -Taten nennt, größtenteils entbehrlich zu machen«, eine wahrhafte -_Internationale_, die freilich -- ebensowenig wie zurzeit die modernere -Internationale der Arbeiter -- ihrer Idee entspricht. Mit Schärfe -tadelt der Freimaurer Lessing namentlich die unsozialen Inkonsequenzen -der Logen schon seiner Zeit. Wenn ein aufgeklärter Jude, wenn ein -ehrlicher Schuster, wenn ein erfahrener und treuer Dienstbote es sich -einfallen läßt, sich zur Aufnahme zu melden, so weist man sie ab: »Wir -sind unter uns so gute Gesellschaft ... Prinzen, Grafen, Herren von, -Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler.« Dazu das -»Kapitale haben, diese Kapitale belegen, sie auf den letzten Pfennig -zu nutzen suchen, sich ankaufen wollen, von Königen und Fürsten sich -Privilegien geben lassen« usw. Sie scheinen ihm auf dem besten Wege, -von ihren ursprünglichen Zielen ganz abzukommen. Ob die heutigen Logen -nicht auch manchen dieser Tadel verdienen? Etwas demokratischer mag ein -Teil von ihnen ja geworden sein; aber grundsätzlich herrscht doch wohl -noch immer bei ihnen das Prinzip der »guten« Gesellschaft; abgesehen -davon, daß Atheisten und daß von der Vollmitgliedschaft auch Frauen -heute noch ausgeschlossen sind.[9] - -Aber das Bestehende verhält sich zum wahren Freimaurertum wie die -bestehende, sehr mangelhafte Kirche, ja, man könnte erweiternd sagen: -alle religiösen und politischen Parteien der Wirklichkeit, zu ihrer -_Idee_. Und umgekehrt: man kann »die höchsten Pflichten der Maurerei -erfüllen, ohne Freimaurer zu _heißen_«. Wahre Freimaurerei ist von -jeher gewesen; sie ist so alt wie die bürgerliche Gesellschaft (hier -natürlich im weitesten Sinne gemeint). Und ihr jetziges Schema, fügen -wir hinzu: ihre Zeremonien und alles damit Zusammenhängende ist nur -»Hülle« und »Einkleidung«. Die Hauptsache aber, die der Verfasser -mit voller Deutlichkeit allerdings noch nicht ausspricht, liegt in -dem aus seiner Gedankenreihe zu ziehenden Schlusse: Man soll das -wahre Freimaurertum _unter alle Welt verbreiten_. Wie es zu Anfang -in der kurzen Widmung an Ferdinand von Braunschweig heißt: »Das Volk -lechzet schon lange und vergehet vor Durst!« Damit wäre freilich dem -Freimaurer-Orden als _Geheim_bund das Urteil gesprochen. - - -5. Lessings letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus, -Pantheismus, Spinozismus - -Schon in der »Emilia Galotti« hatte die Gräfin Orsina ausgerufen: -»Das Wort Zufall ist Gotteslästerung; nichts unter der Sonne ist -Zufall.« Die in diesen Sätzen sich ausprägende Anschauung von der -notwendigen und ausnahmlosen Naturbedingtheit alles schon Geschehenen, -jetzt Geschehenden, noch Geschehenwerdenden, welche die Philosophie -»Determinismus«, das heißt Bestimmtheit zu nennen pflegt, und die -sich in religiöser Gestalt besonders im Islam und im Kalvinismus -wiederfindet, scheint Lessing von jeher geteilt zu haben. Bereits eine -Rezension aus dem März 1753 meint, daß die Leugner der Willensfreiheit -wenigstens keine Feinde der Religion zu sein brauchen; auch in -seiner Lehre von dem Wesen des tragischen Charakters sehen wir diese -Lehre aufleuchten. Deutlicher spricht sich seine Vorrede zu des -braunschweigischen Abtes Jerusalem »Philosophischen Aufsätzen« (1776), -also aus seinen letzten Jahren über dies Problem aus. »Was verlieren -wir denn,« fragt Lessing hier, »wenn man uns die Freiheit abspricht?« -Und er antwortet: »Etwas, wenn es etwas ist, was wir nicht brauchen -... Etwas, dessen Besitz uns weit unruhiger machen müßte, als das -Bewußtsein seines Gegenteils ...« Fühlt sich doch auch der Religiöse, -wie wir hinzusetzen möchten, im Schoße seines alles lenkenden und -bestimmenden Gottes ruhig und befriedigt. Ebenso muß auch der Philosoph -sich nach Lessing sagen: »Zwang und Notwendigkeit, nach welchem die -Vorstellung des Besten wirket, wieviel willkommener sind sie mir -als kahle Vermögenheit, unter den nämlichen Umständen bald so, bald -anders handeln zu können!« Und er fährt fort: »Ich danke dem Schöpfer, -daß ich _muß_, das _Beste_ muß. Wenn ich in diesen Schranken selbst -so viel Fehltritte noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz -allein überlassen wäre? einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich -nach keinen Gesetzen richtet und mich darum nicht minder dem Zufall -unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel in mir selbst hat?« Zufall -bedeutet also Gesetzlosigkeit, Naturgesetzlichkeit Ausschließung jedes -Zufalls, allgemeine Geltung des Kausalgesetzes (Gesetzes von Ursache -und Wirkung), ohne das keine Naturwissenschaft, ja Wissenschaft -überhaupt denkbar ist. - -Gerade starke Naturen haben das von jeher anerkannt und gleichwohl -aus dem unversiegbaren Quell ihrer Persönlichkeit heraus zu diesem -Naturmechanismus ihr trotziges: »Und _dennoch_!« gesprochen. Auf -solche Weise löst sich auch der anscheinende Widerspruch zwischen jener -Orsinaschen Verurteilung des Zufalls und dem bekannten: »_Kein Mensch -muß müssen_« Nathans, dem dann das Wort Al-Hafis auf dem Fuße folgt: -»Was er für _gut_ erkennt, das muß ein Derwisch.« - -Von der Seite der Ethik also oder der Moral, wie Lessing sagt, ist das -System des Determinismus »geborgen«. Aber, fährt er fort: ob nicht -die Spekulation Einwände dagegen erheben könnte, die sich nur durch -ein zweites philosophisches System heben ließen? Mit diesem zweiten, -»gemeine Augen ebenso befremdenden« System ist der _Spinozismus_ -gemeint. - -Wir haben im Laufe unserer bisherigen Darstellung das Wirken Spinozas, -der bis dahin in Deutschland nach Lessings eigenem Ausdruck wie ein -»toter Hund« angesehen worden war, auf unseren Dichter nur angedeutet. -Wir wollen zunächst einen merkwürdigen undatierten, aber wahrscheinlich -aus der Breslauer Zeit stammenden kleinen Aufsatz von ihm nachträglich -noch erwähnen: »Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott.« Dort wird -geradezu gesagt: »Es gibt kein Dasein außer Gott«, »alle Dinge sind in -ihm wirklich«. »Die Begriffe, die Gott von den wirklichen Dingen hat, -sind diese wirklichen Dinge selbst.« Auch der § 73 der »Erziehung des -Menschengeschlechts«, der von der göttlichen Dreieinigkeit handelt, -führt den nämlichen Gedanken aus. Das ist völliger _Pan_theismus -(All-Gott-Lehre) oder, vielleicht noch genauer ausgedrückt, -Pan_en_theismus (All-_in_-Gott-Lehre). Ganz zu Spinoza durchgedrungen -aber ist Lessing, wie wir jetzt bestimmt wissen, spätestens in seinem -letzten Lebensjahr. - -Am 5. Juli 1780 war Goethes und Hamanns Freund, der also philosophisch -von ganz anderer Seite herkommende Düsseldorfer Friedrich Heinrich -_Jacobi_, zum Besuch in Lessings einsamer Bibliothek eingetroffen.[10] -Da erklärte dieser, dem Jacobi Goethes berühmtes philosophisches -Gedicht »Prometheus« zu lesen gegeben, dem Gaste zu dessen Erstaunen: -Er nehme durchaus kein Ärgernis an der Anschauung Goethes; er habe -im Gegenteil den Gesichtspunkt, von dem aus das Gedicht verfaßt sei, -»schon lange aus der ersten Hand«, nämlich aus _Spinoza_. Und nun die -Hauptäußerung: »Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht -mehr für mich Ἓν καὶ πᾶν (d. h. es gibt nur _ein_ All). Ich weiß nichts -anderes.« Sie werden durch einen Besuch gestört. Am folgenden Morgen -kommt Lessing zur Fortsetzung des Gesprächs auf Jacobis Zimmer. Er -bekennt sich von neuem als Anhänger des Pantheisten: »Es gibt keine -andere Philosophie als die des Spinoza.« Und weiter als entschiedenen -Deterministen: »Ich begehre keinen freien Willen«, worein »der helle -Kopf Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wußte«. - -Auffallenderweise bekennt er sich bei dieser Gelegenheit auch, -ganz im Gegensatz zu der Philosophie seiner Zeit, als _Gegner des -erkenntnistheoretischen Idealismus_, wie er von Parmenides und -Plato begründet, von Descartes über Leibniz bis zu Kant und seinen -Nachfolgern verkündet worden und unseres Erachtens unabweislich ist. -Er erklärt es für ein menschliches Vorurteil, daß »wir den _Gedanken_ -als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm alles herleiten -wollen«: während doch »alles, die Vorstellungen mit inbegriffen«, also -»Ausdehnung, Bewegung, Gedanke« offenbar von »höheren« Prinzipien -abhänge, in einer »höheren Kraft gegründet« sei, die »noch lange nicht -damit erschöpft ist«. Er bedenkt dabei nicht, daß dies Ausgehen von -einer »alle Begriffe übersteigenden«, gänzlich unbestimmten »höheren« -Kraft uns in alle Dunkelheiten der Metaphysik und Theologie, ja -unter Umständen Theosophie (oder, wie Rudolf Steiner es moderner -umtauft: »Anthroposophie«) hineinführt. Zur weiteren Begründung dieser -pantheistischen Metaphysik bezieht er sich auf einen merkwürdigen -Gedanken von Leibniz, wonach die Gottheit sich in einem Zustand -beständiger Expansion (Ausdehnung) und Kontraktion (Zusammenziehung) -befände, womit zugleich Leben und Tod der Individuen in der Welt -zusammenhängen soll; muß aber selbst zugeben, daß diese Stelle mit der -sonstigen Überzeugung des Leibniz von einem _persönlichen_, außerhalb -der Welt existierenden Gott in Widerspruch stehe. Lessing selbst, -setzt Jacobi hinzu, konnte sich mit dem Gedanken eines unendlichen -persönlichen Wesens, das unaufhörlich im Genuß seiner eigenen -»Vollkommenheit« schwelge, nicht vertragen. »Er verknüpft mit demselben -eine solche Vorstellung von unendlicher -- Langeweile, daß ihm angst -und weh dabei werde.« - -Von Lessings Freunden wollte, als Jacobi vier Jahre nach dessen Tode -in seiner Schrift »Über die Lehre des Spinoza, in Briefen an Moses -Mendelssohn« dies Gespräch veröffentlichte, niemand an eine solche -Änderung seiner Ansichten, die in der Tat ein völliges Abweichen von -den Grundsätzen der »Aufklärung« darstellt, glauben. Und es entspann -sich darüber 1785/86 ein äußerst heftiger Philosophenstreit, der bei -Mendelssohns ohnehin kränklichem Körper dessen Tod beschleunigt hat. -Wir werden bei Herder und Goethe darauf zurückzukommen haben. - -Ob Lessing im ganzen mehr Leibniz oder Spinoza zugeneigt habe, -läßt sich schwer entscheiden. Zu Leibniz zogen ihn sicherlich -dessen Hauptgedanken von der Entwicklung alles Lebendigen, von der -ununterbrochenen Stetigkeit des Weltzusammenhanges, von der Verknüpfung -kleinster vorstellender mit kleinsten körperlichen Einheiten in -den »Monaden«; zu Spinoza -- _zuletzt_ doch, wie es nach Jacobis -bestimmtem Zeugnis scheint, entscheidend -- die streng monistische -Folgerichtigkeit von dessen Lehre. Schulmäßiger Anhänger eines -bestimmten Systems, also Spinozist oder Leibnizianer zu werden, lag -seiner unabhängigen Natur überhaupt nicht. Auch Jacobi gegenüber -hatte er eigentlich bloß erklärt: »_Wenn_ ich mich nach jemand nennen -soll, so weiß ich keinen anderen.« Völlig einem, und sei es auch der -scharfsinnigste, Denker sich zuzuschwören, hinderte ihn sein lebhaftes -Selbständigkeitsgefühl. - -Damit kommen wir zum Schlusse noch einmal zu Lessings philosophischer -und menschlicher - - -Persönlichkeit - -zurück. Mögen seine Einzeltheorien auf den verschiedenen Gebieten, -auf denen er gearbeitet hat, in Religions-, Kunst-, Geschichts- und -Staatsphilosophie, heute in mancherlei Hinsicht überholt sein: was uns -immer wieder zu ihm und seinen Werken hinzieht, ist seine einzigartige -Persönlichkeit. Schon seine Sprache, insbesondere seine Prosa, ist von -großartiger Eigenartigkeit. »Solange Deutsch geschrieben ist, hat, -dünkt mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben«, hat schon einer, -der doch auch etwas davon verstand, J. G. Herder, dem eben Verstorbenen -nachgerühmt; und sein Hauptbiograph (Erich Schmidt) hat ihr im zweiten -Bande seines Werkes über ein halbes Hundert Lexikonseiten gewidmet; -auch ich habe Ihnen mit Absicht durch zahlreiche Zitate seine Stilart -nahe zu bringen gesucht. Aber wenn ein Franzose gesagt hat: Der Stil -ist der Mann, so kann man ebensogut sagen: _Der Mann macht den Stil._ -Und so ist es bei Lessing: sein Stil geht aus seiner kraftvollen -Persönlichkeit hervor. Diese Ehrlichkeit, diese Mannhaftigkeit, diese -unbezähmbare Wahrheitsliebe, diese stete Kampfbereitschaft gegen -alles Unrecht, der Haß gegen alle Unterdrücker, die Liebe zu den -Unterdrückten, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald -sie vollbracht ist, sein mit ungescheuter Selbstkritik verbundener -echter Stolz, der Mut und die Selbstbeherrschung im Unglück: alle diese -Charaktereigenschaften -- von seinen intellektuellen Vorzügen ganz zu -schweigen -- haben sich selten in einem Menschen so vereinigt wie in -Gotthold Ephraim Lessing. - -Gewiß, alle menschlichen Handlungen sind naturbedingt. Jeder von uns -wird unter bestimmten Verhältnissen auch notwendig so handeln, wie er -es tut. Aber zu den Beweggründen, und zwar den allerstärksten, eben -dieses Handelns gehört auch sein freilich wieder durch Tausende von -Umständen so oder so gewordener innerer Mensch, sein »Dämon«, wie -schon der alte Heraklit gesagt hat. So berichtet denn auch derselbe -Jacobi, der Lessings Determinismus bezeugt, einen scheinbar ganz -entgegengesetzten Ausspruch von ihm: »Wo keine Selbstbestimmung -ist, keine Freiheit, da ist keine Menschheit.« Ja, Lessing, der -»Determinist« ist zugleich ein radikaler Prediger der _Freiheit_ auf -allen Gebieten gewesen: in Religion und Staat, Ethik und Erziehung. Und -er hat sie, hat seinen vollendeten Unabhängigkeitssinn vor allem auch -in sein eigenes Leben hineingetragen. Er war gegen alles Sektenmachen, -gegen alle Engigkeit und Beschränktheit. Er hat auch keine »Schule« -gegründet, ja er _wollte_ keine gründen. Er hat sich nicht in das -Universitäts-, das Hof-, das Beamtenleben hineinbegeben. Er trat auch -nie mit sogenannter »Würde« auf. Im Gegenteil, »er warf die persönliche -Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder -aufnehmen zu können« (Goethe). Nur ein Pedant und Philister von Kopf -und Herz wird sich »nie gehen lassen«. - -Freilich solche Menschen stehen dann in ihrer Stärke -- »der Starke ist -am mächtigsten allein« -- und Höhe oft auch vereinsamt da, wie Lessing -es einmal in seinen »Antiquarischen Briefen« in einem wundervollen -Selbstvergleich mit einer einsam ihr Tagewerk vollziehenden Windmühle -ausgeführt hat: »Da stehe ich auf meinem Platze ganz außer dem Dorf -auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem -und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas -aufzuschütten habe, so mache ich es ab, es mag sein mit welchem Winde -es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen -weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Finger breit mehr, als -gerade meine Flügel zu ihrem Umlauf brauchen. Nur diesen Umlauf lasse -man ihnen frei ... Wen meine Flügel in die Luft schleudern, der hat es -sich selbst zuzuschreiben.« - -Nun, Lessing hat sein Tagewerk wahrlich in reichlichem Maße getan. -Und er hat stets zu seinen Taten gestanden: »Was ich tat, das tat -ich!«, wie er seinen Tempelherrn sagen läßt. Und dabei, welch frischer -_Lebensmut_ in ihm: »Wer gesund ist und arbeiten will,« schreibt er -einmal an seine Eltern, »der hat nichts zu fürchten; Krankheiten aber -und dergleichen Umstände zu befürchten, die außerstand setzen könnten -zu arbeiten, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich -habe ein besseres und habe Freunde.« Aber er will sich nur an Stellen -festsetzen, für die er sich der geeignete Mann fühlt: »Wenn wir nicht -versuchen, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, wagen wir uns öfters -in eine falsche, wo wir uns kaum über das Mittelmäßige erheben, -während wir uns in einer anderen zu einer bewundernswerten Höhe hätten -schwingen können.« Indessen wo er seiner Meinung nach etwas Edles und -Großes zu fördern vermag, geht er, wie oft auch enttäuscht, stets -wieder darauf ein. Und wenn er dann wiederum scheitert, so merken wir -an der Art seines Rückzugs, daß auch »in ihm dieselbe Überlegung wie -in uns« vorhanden gewesen, daß jedoch in ihm »eine größere Wärme des -Herzens war als in uns« (Gervinus). - -Und er bewährte diesen Mut, diese wahrhaft philosophische Gesinnung -auch im schwersten Unglück und bis ans Ende. Als ihm, der nach langer -Wartezeit zum späten Glück einer vortrefflichen Frau gelangt ist, diese -Frau samt dem Neugeborenen nach kurzer Krankheit wieder entrissen -wird, da schreibt er nur das freilich bittere Wort: »Ich wollte es -auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht -bekommen.« Und weiter an einen Freund: »Meine Frau ist tot, und diese -Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele -dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin -ganz leicht.« Einige Tage darauf: »Wenn ich noch mit der einen Hälfte -meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in -Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es tun! Aber -das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so -fort zu duseln.« Und ein halbes Jahr später, nach allerlei anderem -Mißgeschick, an die Freundin Elise Reimarus: »Doch ich bin zu stolz, -mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse -den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht -selbst umstürzen will.« Er sollte ihn noch zweiundeinhalb Jahre treiben -sehen, mannhaft und unerschrocken wie immer, bis ihm der Tod das stets -kampfbereite Schwert des Geistes aus der Hand schlug. - -Man hat uns zu verschiedenen Zeiten Rembrandt, Goethe, Nietzsche, -Fichte, Schopenhauer als _Erzieher_ gepriesen. Wir finden: gerade -_Lessing_, von dem wir nun Abschied nehmen, kann uns, dem einzelnen -und dem ganzen Volke, gerade in heutiger Zeit ein Vorbild, ein -Erzieher sein. Denn er vereinigte mit der Klarheit des Kopfes, die -uns heute auch in der Philosophie gegenüber allen Schwärmereien und -Rückwärtsereien so not tut, die Wärme des Gefühls, da wo sie am Platze -ist, und die Fähigkeit des Willens zu festem, entschlossenem Handeln. - - - - -Herder - - - - -~A.~ Der junge Herder - - -1. Die Jugend - -1744 bis 1764 (Mohrungen, Königsberg) - -_Herders_ Persönlichkeit steht zu derjenigen Lessings im schärfsten -Gegensatz. Lessing erscheint uns heute noch beinahe wie ein Mitstreiter -unserer Geisteskämpfe, wenigstens der religiös-philosophischen. -Und auch in denjenigen von ihm behandelten Gegenständen, die uns -Modernen ferner liegen, bleibt er, allein durch seine unübertreffliche -Fragestellung, immer fesselnd, frisch und lebendig. Dem Namen Herders -gegenüber regt sich dagegen bei den meisten Heutigen nicht viel -mehr als eine mehr oder weniger verschwommene Erinnerung, daß man -einmal im Schulunterricht von ihm gehört, daß er unter anderem Goethe -beeinflußt hat. Und doch hat auch Herder mächtig auf Zeitgenossen und -Nachwelt gewirkt, war er vor allem in seiner Jugend ein Schriftsteller -von geradezu erstaunlicher Schaffenskraft, auch im Mannesalter noch -bedeutend, um dann freilich rasch zu einem verbitterten und grämlichen -Alter herabzusinken. - -Gleich Lessing ist auch der anderthalb Jahrzehnte nach ihm, am -25. August 1744 in dem zwischen Sumpf, Wald und See gelegenen -ostpreußischen Städtchen Mohrungen geborene Johann Gottfried Herder -ein großer, ja ein unbändiger Leser gewesen: schon daheim im -elterlichen Lehrer- und Küsterhaus oder noch lieber auf einem Baume -des Gartens oder am See und im Wald der Heimat. Und dann, während -und nachdem er die höhere Stadtschule des rauhen, pedantischen -Rektors Grim durchlaufen, in der dürftigen Schlafkammer im Hause -des harten Diakonus Trescho, der die Arbeitskraft des stillen und -träumerischen angehenden Jünglings in geisttötendem Abschreiberdienst -ausbeutet, bis der bald Achtzehnjährige durch die Freundlichkeit -eines russischen Regimentswundarztes namens Schwartz-Erler[11] aus -dieser Fron erlöst und mit nach Königsberg genommen wurde. Hier erst -atmet er geistig auf, läßt sich auf eigene Faust als Studiosus der -Theologie einschreiben und lernt in dem Buchladen des Verlegers Kanter -die Gelehrtenwelt der Hauptstadt kennen, während er sich sein Brot -als junger, anregender Lehrer an demselben, heute noch bestehenden, -»Friedrichskolleg« verdient, in dem ein Menschenalter zuvor Immanuel -Kant acht unfruchtbare Schuljahre verbracht hatte. - -Dieser selbe _Kant_, jetzt achtunddreißigjähriger Magister an der -Akademie, also noch nicht Mitglied der Fakultät, aber »für sich allein -eine ganze Fakultät«, wie Rudolf Haym sagt, ist der erste große Geist -gewesen, der einen nachhaltigen Einfluß auf das begeisterungsfähige -Gemüt des jugendlichen Herder geübt hat. Wie gerade begabtere Jünglinge -auf der Universität oft von einem einzigen hervorragenden Lehrer mehr -Anregung empfangen als von allen anderen zusammen, so war es auch hier. -Elf Tage nach seiner Immatrikulation, am 21. August 1762, sitzt er -zum erstenmal zu den Füßen des schon damals beliebten Magisters, der -gerade über den Zusammenhang von Geist und Körper spricht, sich über -den Gespensterglauben in behaglicher Ironie ergeht und schließlich -das Problem vom Dasein Gottes behandelt. Von Stund' an hörte er alle -Vorlesungen des geliebten, auch poetisch von ihm gefeierten Weltweisen: -Logik, Metaphysik, Moral, Mathematik, physische Geographie. Kant -gewährte dem talentvollen, aber armen Studenten, der einmal auch des -Philosophen Ideen über Zeit und Ewigkeit in Verse setzt, die dieser -dann am nächsten Morgen mit Anerkennung seinen Zuhörern vorlas, den -unentgeltlichen Besuch aller seiner Vorlesungen. Noch nach mehr als -einem Menschenalter, in seinen Humanitätsbriefen (1795), hat der -Dichter dankbar dieser Lehrstunden Magister Kants gedacht: »Ich habe«, -sagt er dort, »das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der -mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren, hatte die fröhliche -Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein -greisestes Alter begleitet. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war -ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude. Die gedankenreichste -Rede floß von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm -zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. -Mit eben dem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff, Baumgarten, Crusius, -Hume« -- die angesehensten Philosophen der Zeit -- »prüfte und die -Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker verfolgte, nahm er auch -die damals erscheinenden Schriften Rousseaus, seinen Emil und seine -Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene Naturentdeckung auf, würdigte -sie und kam immer zurück auf die unbefangene Kenntnis der Natur und auf -moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte, -Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen -er seinen Vortrag und Umgang belebte. Nichts Wissenswürdiges war -ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein -Namensehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung -und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum -Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüt fremde. Dieser Mann, den ich -mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist _Immanuel Kant_; -sein Bild steht angenehm vor mir.« - -Diese Charakteristik des einstigen Lehrers ist für unseren Zweck -auch deshalb von besonderem Wert, weil sie uns schon hier einen -hervorstechenden Zug von Herders eigenem Philosophieren zeigt. Weniger -die systematische Philosophie zieht ihn an, als die geistreiche, über -alle Gegenstände des geistigen Lebens der Menschheit und die Natur in -freier Rede sich ergehende Art des Lehrers, wie er denn schon damals -sich selbst das Philosophische ins Dichterische übersetzte. So waren -und blieben ihm denn auch von Kants Schriften diejenigen am liebsten, -die am wenigsten philosophische Systematik enthielten: wie die populär -geschriebenen »Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen« -(1764) und die von ihm in einer Königsberger Zeitung besprochenen -»Träume eines Geistersehers« (1766). Daneben ließ er sich durch Kant zu -Hume und Rousseau leiten, von denen ihn der letztere in seiner Natur- -und Gefühlsbegeisterung, der schottische Skeptiker in seiner Abneigung -gegen metaphysische Spekulation bestärkte. Indessen schon in zwei 1767 -zwischen beiden gewechselten Briefen macht sich, bei aller Wärme in -der Form, für ein feineres Auge doch bereits die allmählich zwischen -Lehrer und Schüler sich öffnende Kluft -- dort Vernunft, hier Gefühl -- -bemerkbar. - -So sollte denn auch schon in der ostpreußischen Hauptstadt eine ihm -kongenialere Persönlichkeit von völlig entgegengesetzter Natur einen -noch stärkeren Einfluß auf des jungen Herder rasch aufloderndes -Gemüt gewinnen. Es war der damals noch ohne festen Beruf in seinem -Elternhause lebende sogenannte »Magus des Nordens« Johann Georg -_Hamann_ (1730 bis 1788). In geradem Gegensatz zu seinem Landsmann -Kant, stellt Hamann die Leidenschaft über die Vernunft, das persönliche -Gefühl über den besonnenen Willen, Tradition und Geschichte über -philosophische Abstraktion und den vieldeutigen Begriff des »vollen, -strömenden _Lebens_« über den »leeren Wortkram«, die trockene -»Schulfuchserei« und das »scholastische Geschwätz« der Philosophen. -Dieser Herder rasch ans Herz gewachsene wunderliche Mensch sucht nicht, -sondern _flieht_, wie Kühnemann treffend sagt, den Zusammenhang der -Gedanken, bewegt sich grundsätzlich in Gedanken_sprüngen_. »Wahrheiten, -Grundsätzen, Systemen«, so schreibt er selbst 1759 an seinen Freund -Lindner, »bin ich nicht gewachsen.« Seine Sache sind vielmehr nach -seinem eigenen Geständnis »Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle«. Gott -verlangt von uns »keine Kopfschmerzen, sondern Pulsschläge«. So lebt -und webt er in den oft willkürlichsten Einfällen, Ahnungen, Gefühlen. -Demgemäß ist auch sein zwar geistvoller, aber durchaus sprunghafter, -absichtlich in Dunkelheiten sich ergehender Stil. - -Im Mittelpunkt des Hamannschen Denkens steht, nicht ohne daß eine auf -ein ziemlich übles Weltleben in London erfolgte plötzliche Bekehrung -dazu beigetragen hätte, die rein gefühlsmäßig aufgefaßte Bibel. Daneben -die Offenbarung Gottes in _Natur_ und _Geschichte_. Beide sind ihm -nichts anderes als »verborgene« Chiffern, deren »Schlüssel« wir in -der Heiligen Schrift finden, und schließlich auch in der _Sprache_. -Voll seherischen Tiefblicks zeigt sich Hamanns Genie, wenn er in -die Ursprünge des geistigen Lebens bei dem einzelnen wie bei ganzen -Völkern, in die Anfänge und das Wachstum der Sprache, insbesondere -der Poesie, dieser »Muttersprache des menschlichen Geschlechts«, -hineinleuchtet. Er will, wie ein Jahrhundert später sein religiöser -Gegenfüßler Friedrich Nietzsche, seine Leser nicht überzeugen, sondern -erregen, unter sich zwingen. - -Und dieser Mann ist mehr als irgendein anderer fortan -- mit Ausnahme -einer kurzen Zeit, von der wir noch sprechen werden -- von Einfluß auf -den leicht erreg- und entzündbaren Herder geworden. In ihm fand er, -wie seine Gattin in den »Lebenserinnerungen« bezeugt, »was er suchte -und bedurfte: ein mitempfindendes, liebevolles, glühendes Herz, ... -einen an Gemüt und Geist hohen, geweihten Genius. So trug er seinen -Hamann im Herzen, die innigste Sympathie verknüpfte sie beide für Zeit -und Ewigkeit.« Noch später in Weimar war es für ihn stets ein Festtag, -so oft er einen Brief seines geliebten Hamann aus Königsberg, zuletzt -aus Münster erhielt; »seine ganze Seele war bewegt, Freudentränen -standen in seinen Augen.« - - -2. Die literarisch-ästhetische Epoche - -1765 bis 1772 (Riga, Reiseleben, Straßburg) - -Zu Ende des Jahres 1764 begleitete der »Magus« den scheidenden -jungen Freund bis zum Tore. Denn dieser hatte sich entschieden, eine -Lehrstelle an der Domschule zu _Riga_ anzunehmen, wurde später dort -auch ein gern gehörter Prediger, der echtes Deutschtum und echtes -Menschentum -- auch heute noch keine Gegensätze! -- zu vereinen -wußte und, in diesem Falle doch mit Hamann nicht identisch, ein -Christentum von durchaus freier, humaner Form vertrat. Daneben -aber begann jetzt seine, bisher nur in einzelnen Gedichten und -Selbstniederschriften geübte, Schriftstellerei. Im Jahre 1767 -(kleinere Aufsätze müssen wir übergehen) erschienen, noch ohne seinen -Namen, seine »Fragmente über die neuere deutsche Literatur«, 1769 -seine »Kritischen Wälder«. Diese beiden Schriften, die Herders Namen -zuerst in den literarischen Kreisen bekannt machten, haben zwar große -Bedeutung für die Literaturgeschichte, nicht in gleichem Maße aber -für die Philosophie. Erinnert die erste schon in ihrem Titel an die -Literaturbriefe Lessings, mit dem überhaupt Herder fast sein ganzes -Leben hindurch in Zustimmung und Widerspruch sich beschäftigt hat, so -sind die »Kritischen Wälder« in ihrem wichtigsten Teile eine Kritik und -Weiterbildung des »Laokoon«. Gegenüber dem Allgemeingültigen, das für -Lessing wie später für Kant die Hauptsache ist, betont Herder schon -hier mit Vorliebe die Berechtigung des _Individuellen_ und historisch -Gewordenen. Lessings Zweiteilung in Malerei und Poesie stellt er die -Dreiteilung in bildende Künste, Tonkunst und Dichtkunst entgegen, die -den drei Grundbegriffen: Raum, Zeit und _Kraft_ entsprechen. Von der -Malerei wird bestimmter die Plastik abgegrenzt, der er auch eine -besondere, freilich erst ein Jahrzehnt später veröffentlichte, Schrift -gewidmet hat. Die Malerei ist die Kunst des Gesichts-, die Musik die -des Gehör-, die Plastik die des Tastsinns, die Dichtkunst die der -Phantasie. - -Schon aus diesen kurzen Andeutungen sehen wir, daß Herder reich an -anregenden, zum Teil auch neuen Gedanken ist, ohne doch im eigentlichen -Sinne selbstschöpferisch zu sein. Übrigens hält es seine unruhige, -bewegliche und auch -- selbstbewußte Natur auf die Dauer nicht in -der immerhin doch abgelegenen Baltenstadt. Er tritt im Mai 1769 -eine große Seereise nach dem Westen mit zunächst noch unbestimmtem -Ziele an. Auf dieser Fahrt gibt er sich nun aber nicht etwa bloß, -wie man denken könnte, dem Naturgenuß des freien Meeres hin, sondern -schreibt in seinem noch erhaltenen _Reisetagebuch_ -- der »Meister« -der gegenwärtigen »Schule der Weisheit« in Darmstadt Graf Keyserling -hat also einen berühmten Vorgänger -- allerlei Bekenntnisse, -Selbstschilderungen, Rückblicke in die Vergangenheit und Vorblicke -in die Zukunft nieder, die nicht nur eine noch heute anziehende -Lektüre bilden, sondern auch für das Verständnis seines innersten -Wesens von Bedeutung sind. Einen besonders breiten Raum nimmt darin, -seiner bisherigen praktischen Wirksamkeit entsprechend, das Problem -der _Erziehung_ ein. Er entwirft mancherlei, für seine Zeit sehr -fortgeschrittene Volksbildungspläne und Zukunftsschulentwürfe, die zum -Teil heute noch unsere Gedanken beschäftigen: wie die stärkere Betonung -der damals noch ganz zurücktretenden Realien, insbesondere Geschichte, -Geographie und Naturkunde, Beginn mit französischem Unterricht an -Stelle des alten scholastischen Lateinbetriebs. Er fordert lebendigen -Lektüre- und anregenden Philosophieunterricht, dessen Methode, wie bei -Rousseau und Kant, eine natürliche sein soll. Er träumt davon, der -Bildungsreformator der Ostseeprovinzen, ja Rußlands zu werden, denkt -auch an eine gründliche Reform der philosophischen Wissenschaften -und »einen lebendigen Unterricht darin im Geiste Kants«. Und daneben -an das, was dann auch wirklich seine philosophische Haupttat werden -sollte: an eine zusammenfassende, auf völkerpsychologischer Unterlage -ruhende _Philosophie_ der Menschheits_geschichte_; Montesquieu soll -dabei sein Vorbild sein. In Paris lernt er den ihm in mancher Beziehung -geistesverwandten Diderot kennen, studiert er bildende Kunst und -Theater. Dann reist er über Holland und Hamburg, wo er vierzehn -anregende Tage im Umgang mit Lessing verlebt und mit Matthias Claudius -Freundschaft schließt, nach Eutin, um für drei Jahre Reisebegleiter -eines dortigen sechzehnjährigen Prinzen zu werden. Mit ihm reist er -über Darmstadt, wo er seine spätere Frau, die zwanzigjährige Karoline -Flachsland, kennenlernt, nach Straßburg. - -Sein _Straßburger_ Aufenthalt, der ihn bald von der lästigen -Reisebegleiterstellung löst, aber durch eine nötig gewordene Augenkur -sich noch über ein halbes Jahr in die Länge zog, ist, seitdem Goethe -ihn zum erstenmal in »Dichtung und Wahrheit« erzählt, mehr als -hundertmal in seiner Wichtigkeit für unsere literarische Entwicklung, -vor allem für die des jugendlichen Goethe, geschildert worden. Er -ist in der Tat in dieser Hinsicht kaum zu überschätzen. War in der -Schätzung Homers und Shakespeares Lessing schon vorangegangen, so -hat doch erst Herder ihr freie Bahn gebrochen, vor allem aber im -_Volkslied_ und der Volksdichtung überhaupt den Keim aller echten -Poesie enthüllt. Der »Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und -der Lieder alter Völker«, denen dann später die epochemachenden -»Stimmen der Völker in Liedern« folgten, sowie die »Abhandlung über -Shakespeare«, die beide 1773 in dem berühmten Hefte »Von deutscher -Art und Kunst« veröffentlicht wurden, sind in jener Straßburger Zeit -entstanden. - -Ins philosophische Gebiet gehört aus jener Zeit nur die aus Anlaß -eines Preisausschreibens der Berliner Akademie Ende 1771 in wenigen -Wochen niedergeschriebene Abhandlung »_Über den Ursprung der -Sprache_«. Bis dahin gab es über diesen Gegenstand drei Theorien: -1. die orthodox-kirchliche, daß die Sprache dem Menschen von Gott -unmittelbar anerschaffen sei; 2. die seit Aristoteles bei den meisten -Philosophen übliche, daß sie von den Menschen durch willkürliche -Übereinkunft (»Konvention«) behufs gegenseitiger Verständigung -eingeführt worden sei; dazu war neuerdings 3. die von dem französischen -Sensualisten Condillac aufgestellte gekommen, wonach sie aus der -tierischen sich allmählich entwickelt habe. Demgegenüber vertritt -nun Herder einen neuen, vermittelnden Standpunkt. Der Ursprung der -Sprache ist auch ihm kein willkürlich künstlicher, sondern ein -natürlicher. Rein menschlich aber auch darin, daß die Sprache im -engeren Sinne des Worts sich doch grundsätzlich von den uns mit den -Tieren gemeinsamen bloßen Empfindungslauten unterscheidet. Sie ist -erst mit der »Besinnung« des Menschen auf sich selbst, also mit dem -Denken entstanden, wenn auch in allen ursprünglichen Sprachen noch -Reste reiner Naturlaute sich finden. Ferner: je näher der Mensch noch -dem Naturzustande steht, desto sinnlicher, aber auch poetischer ist -seine Sprache; je stärker das bewußte Denken sich in ihm entwickelt, -desto abstrakter (begriffsmäßiger) wird sie. Unter dem Einfluß des -verschiedenen Klimas und der verschiedenen Lebensweise bildeten sich -dann verschiedene Sprachen auf der Erde aus. Und so findet denn die -Sprachenentwicklung und damit die gesamte Bildung der Menschheit -im Zusammenhang mit der nach einem höheren Plane fortschreitenden -Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt statt. Damit geht die -_Sprach_philosophie in die später von uns besonders zu behandelnde -Herdersche _Geschichts_philosophie über. Seine Abhandlung von 1772 aber -hat in Deutschland den ersten Grund zu einer brauchbaren Sprachtheorie -gelegt, auf der dann, mit Wilhelm von Humboldts Forschungen beginnend, -allmählich die moderne Sprach_wissenschaft_ sich aufbauen konnte. - -Unterdessen hatte ihres Verfassers wechselvoller äußerer Lebensgang -eine neue Wendung erfahren. Der Siebenundzwanzigjährige war im April -1771 als Oberpfarrer und Konsistorialrat nach Bückeburg übergesiedelt. -Damit beginnt eine neue Epoche seiner geistig-seelischen Entwicklung, -eine - - -3. Vorherrschend religiöse Periode - -1772 bis 1776 - -In der kleinen Residenzstadt Bückeburg, zwischen einem aufgeklärten, -aber donquichotteartigen Grafen, der sich durch seine Soldatenspielerei -bekannt gemacht hat, und seiner gemütstiefen, pietistischen Gemahlin, -seinen Amtspflichten noch fremd gegenüberstehend, ohne Freund, bis er -im Mai 1773 seine Karoline als Gattin heimführt, fühlt sich Herder in -den zwei ersten Jahren äußerlich wie innerlich vereinsamt. So macht -er denn jetzt eine neue innere Wandlung durch. Der Aufsatz »Über den -Ursprung der Sprache« hatte ihn der Aufklärung nahe gezeigt und -deshalb auch das Mißfallen Hamanns erregt, mit dem daher ein beinahe -dreijähriges Stocken des Briefwechsels eingetreten war. Jetzt wendet er -sich zu ihm zurück und dem gleichgearteten Lavater in Zürich zu. Von -nun an gründet er seine Weltanschauung ganz auf _religiöse_ Gedanken, -die ihn von der strengen Wissenschaft abführen, seinen Schriften -einen rein persönlichen Charakter geben, ihn oft in sich selbst sich -zurückziehen lassen. Er entscheidet sich endgültig für den geistlichen -Beruf, stellt gegenüber der »herzensarmen« und »gedankenlosen« Zeit -sein Leben auf Gott, schreibt eine Reihe -- bezeichnenderweise sämtlich -unvollendet gebliebener -- _theologischer_ Schriften. - -Wir lassen die rein theologischen, wie die fünfzehn »Blätter an -Prediger« (1774), die »Erläuterungen zum Neuen Testament« durch -Vergleichung mit der Lehre des altpersischen Zendavesta (1775) und -»Maran Atha, das Buch der Zukunft des Herrn« (1779), eine Arbeit -über die Offenbarung Johannis, beiseite und beschränken uns auf die -merkwürdige »_Älteste Urkunde des Menschengeschlechts_« (1774 bis -1776), womit die ersten Kapitel des ersten Buches Mose gemeint sind. -Herder deutet sie nicht etwa rationalistisch, wie ein Jahrzehnt später -Kant in seinem »Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte« und Kant -nachfolgend Schiller es getan haben, sieht sie aber auch nicht als -absolute göttliche Heilswahrheit an, sondern -- als ein wundervolles -Beispiel morgenländischer _Natur_empfindung und zugleich urältester -Offenbarung Gottes in der Natur. In Wahrheit liegt ihm zufolge dieser -Moses zugeschriebenen, aber einer orientalischen Gesamtanschauung -entstammenden Schöpfungsgeschichte das Bild eines -- werdenden Tages -zugrunde und ist in den Anordnungen des uralten »Schöpfungslieds« -eine geheime Bilderschrift, geteilt nach der heiligen Siebenzahl, -versteckt! Wir gehen nicht weiter auf diese und andere Phantasien -ein, die natürlich auch damals nur bei Hamann und seinem Kreise -Bewunderung fanden, darunter auch bei dem jungen Goethe, der begeistert -über den Verfasser schrieb: »Er ist in die Tiefen seiner Empfindung -hinabgestiegen, hat darin alle die hohe, heilige Kraft der simpeln -Natur aufgewühlt und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, -hier und da morgenfreundlich lächelndem orphischem Gesang vom Aufgang -herauf über die weite Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut (!) der -neueren Geister, De- und Atheisten, Philologen, Textverbesserer, -Orientalisten usw. mit Feuer und Schwefel und Flutsturm ausgetilgt!« -Übrigens sind auch Herders übrige theologische Schriften dieser Epoche -gegen die liberale Zeittheologie gerichtet. - -Ja, selbst seine ihrem Titel nach ins philosophische Feld schlagenden -Schriften der siebziger Jahre sind tief in diesen Geist getaucht. -So die 1774 anonym erschienene Abhandlung »_Auch eine Philosophie -der Geschichte zur Bildung der Menschheit_«, nur daß sie in der Form -der Denkweise »ungläubiger« Leser angepaßt ist. Im Gegensatz zu -der sonstigen Geschichtsphilosophie des Jahrhunderts faßt sie den -Gesamtgang der geschichtlichen Entwicklung als einen »Gang Gottes durch -die Nationen«, als einen göttlichen Erziehungsplan auf; in letzterem -Bilde mithin Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts« verwandt, -aber viel gefühlsmäßiger als dieser. Ein fruchtbarer Gedanke aber ist -jedenfalls darin enthalten. Gegenüber einem Skeptizismus, der überhaupt -jeden tieferen Sinn in der historischen Entwicklung vermißte, und der -Ansicht der Aufklärer andererseits, die sozusagen prinzipiell einen -Fortschritt in ihr erblicken wollte, vertritt Herder, obwohl auch er -einen Fortschritt durchaus nicht leugnet, den wahrhaft geschichtlichen -Gedanken: Jedes Volk und jede Zeit hat seinen (ihren) Mittelpunkt in -sich selbst und ist nur um ihrer selbst willen da. Die verschiedenen -Epochen werden, wobei es freilich ohne Künstlichkeiten nicht abgeht, -mit den Lebensaltern des Einzelmenschen: Kindheit, Knaben-, Jünglings-, -und Mannesalter, verglichen. Auch das von der Aufklärung, ja selbst -Kant, durchweg als »finster« betrachtete Mittelalter wird zum erstenmal -nach seinen wertvollen Seiten (»Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit -und Bürgerstärke«) gewürdigt; während gegen die Gegenwart der Vorwurf -der Mechanisierung des gesamten Daseins, der Erstickung alles wahrhaft -Menschlichen erhoben wird. Gebt uns statt der bloßen Ausbildung -des Verstandes, der Papierkultur: »Herz! Wärme! Blut! Menschheit! -Leben!« Dabei alles im echten Sturm- und Drangstil, in abgerissenen -Sätzen, mit dunklen Andeutungen, ahnenden Ausblicken und vielen -Ausrufungszeichen geschrieben. Ein Vorläufer des späteren großen -geschichtsphilosophischen Werks, aber noch in durchaus schwärmerischem -Gewande. - -Endlich entwirft Herder in diesem Jahr auch eine allerdings erst 1778 -abgeschlossene _Psychologie_: »Vom _Erkennen_ und _Empfinden_ der -menschlichen Seele«, mit dem bezeichnenden Untertitel: »Bemerkungen -und Träume«. Äußerlich ist sie wieder, wie so manche bedeutsame -Abhandlung der Zeit (von Rousseau, Kant, Lessing, Mendelssohn), durch -eine akademische Preisfrage veranlaßt. Natürlich wird das Empfinden -als das allein ursprüngliche, daher innige und tiefe Element über die -daraus nur abgeleitete Erkenntnis gestellt. Zwischen Körper und Seele -existiert keine Scheidewand; beide stellen eine nur immer feinere -»Hinaufläuterung« der Gotteskraft dar. Auf diese ganz Hamannsche -Weise wird -- für uns auf den ersten Blick sehr auffallend -- eine -fast mystisch begründete Seelenlehre dennoch mit der _Physiologie_ -verbunden, wie damals der berühmte, zugleich fromme und poetische -Albrecht von Haller sie lehrte. Von den einfachsten Elementen, den -Reizen, aufsteigend, verfolgt dann Herder den gesamten Aufbau des -seelischen Lebens, freilich nach seiner uns nun schon bekannten Art -ohne jede Schärfe der Grundbegriffe. Vielmehr sind ihm Sinnlichkeit, -Anschauung, Glaube, Gefühl die eigentlichen Grundkräfte der -menschlichen Seele; Biographien, vor allem Selbstbiographien, und -Dichter die besten Fundgruben psychologischer Erkenntnis. Denken, -Wollen und Fühlen -- welche eine kritische, wissenschaftliche -Psychologie auseinanderzuhalten sich bemüht --, ihm sind sie alles -dasselbe, alle drei bloß Stufen einer einzigen Kraft: der Energie -unserer Seele. Von »reinen Grundsätzen«, wie kurz darauf Kant sie -aufstellte, hält Herder nichts. Die höchste Vernunft und, was damit -gleichgesetzt wird, das »reinste göttliche Wollen« stellt die »Liebe« -dar. Und dann folgt, am Schluß des ersten Teiles, der ihn plötzlich als --- Spinozisten enthüllende Satz: »Wollen wir dieses nicht dem heiligen -Johannes, so mögen wir's dem ohne Zweifel noch göttlicheren (!) Spinoza -glauben, dessen Philosophie und Moral sich ganz um diese Achse beweget.« - -Der zweite Teil bringt verhältnismäßig wenig Neues hinzu. -Bloßes Spekulieren, heißt es dort, stumpft die Seele, bloßes -Sentimentalisieren das Herz ab; beide gehören vielmehr zusammen und -müssen sich unterstützen, wie es im klassischen Altertum gewesen sei. - -Gewiß, auch Lessing hatte sich, wie wir wissen, auf das klassische -Altertum, auf das Testament Johannis und auf Spinoza berufen, aber -auf ganz anderem Untergrund als dem des bloßen Gefühls. Für Herder -dagegen sind sogar Charakter und _Genie_ dasselbe. »Genie oder (!) -Charakter« heißt ihm jede lebendige, eigenartige Menschenart. Kurz, -er hat, zusammen mit Hamann, in diesen Schriften eigentlich das -theoretische Programm der Genieperiode jener siebziger Jahre, in der -sie entstanden ist, entwickelt. Sie tragen, wie Kühnemann richtig -bemerkt, einen durchaus »faustischen« Charakter, erinnern an den Faust -der ersten Monologe, die ja wohl auch in ihrer Urgestalt ungefähr -zur selben Zeit entstanden sind, mit seinem Überdruß gegenüber -der bloßen Wortgelehrsamkeit, mit seinem Drängen nach urwüchsiger -Natur und Schöpferkraft, zum Schauen und Gefühl. Ja, man kann sogar -deutliche Parallelen im Ausdruck zwischen jenen ersten Faustszenen -und den Herderschen Schriften dieser Jahre feststellen. Trotzdem ist -von solchen Ähnlichkeiten in Gedanken und Ausdruck immer noch ein -weiter Weg bis zu der merkwürdigen These Günther Jacobys, der in einem -beinahe 500 Seiten zählenden Buche »Herder als Faust« (Leipzig 1911, F. -Meiner), übrigens mit viel Geist und Belesenheit zu begründen versucht -hat: nicht etwa bloß (was auch wir vielleicht zu unterschreiben geneigt -wären) Herdersche Gedanken seien in weitem Maße in jenen Teilen des -Urfaust enthalten, sondern geradezu _Herder_ sei _Faust_, d. h. _seine_ -inneren und äußeren Erlebnisse seien in dem Faust des ersten Teils, -wenigstens bis zur Szene in Auerbachs Keller, enthalten. Ich empfehle, -obschon ich die These selbst ablehne, doch den Lesern, die sich für das -Problem interessieren, das wenig bekannt gewordene Buch zum Studium. - -Beide letztbesprochenen Schriften Herders aber, »Auch eine Philosophie« -und »Vom Erkennen und Empfinden«, sind trotz ihres rein philosophischen -Titels im letzten Grunde religiöser Art: nur daß in der ersten die -allem Erdgeschehen zugrunde liegende Gottheit in der geschichtlichen -Entwicklung, in der zweiten im menschlichen Einzelwesen und seinem -Denken und Fühlen sich offenbart. Beide sind sie jünglinghafte -Vorläufer der beiden Hauptwerke aus Herders Reifezeit, die ihn -philosophisch auf der Höhe seiner Entwicklung zeigen: der »Ideen zur -Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784 ff.) und der Gespräche -über »Gott« (1786). - - - - -~B.~ Die Höhezeit - - -Am 1. Oktober 1776 waren Herders in die Stadt an der Ilm eingezogen. -Aber er fühlte sich in der neuen Umgebung in den nächsten Jahren noch -wenig wohl: vielmehr mannigfach eingeengt durch die zeitraubenden -Geschäfte seines Generalsuperintendentenamtes wie durch die Rücksichten -auf den Hof. Auch zu dem jungen Herzog, der ihn gerufen, ergab sich -keine erquickliche Stellung, vor allem aber nicht zu Goethe, der doch -diesen Ruf bewirkt, und der ihm jetzt in seinem kraftgenialischen -Treiben allem Lebensernste abgewandt schien, während Goethe in Herder -den ewig krittelnden Theologen erblickte. - -In die ersten Weimarer Jahre fallen nur literarische Aufsätze, die wir -hier übergehen müssen. 1780/81 erscheinen seine bedeutsamen »_Briefe, -das Studium der Theologie betreffend_«, ein Erziehungsbuch für künftige -Geistliche. Sie wollen keinen Wissensstoff vermitteln, sondern zur -religiösen Persönlichkeit heranbilden. Die beiden ersten der vier Teile -des Buches handeln vom Alten und Neuen Testament, aber in durchaus -undogmatischem Sinne. Man soll die Bibel »menschlich« lesen, d. h. so -einfach und natürlich wie irgend ein anderes Buch. Zugleich nähert -er sich wieder der Wissenschaft: die jungen Theologen sollen die -Hilfsmittel der Sprachwissenschaft und der historischen Kritik nicht -verachten; freilich wird auch ihr Einklang mit dem wahren Glauben -hervorgekehrt. Dessen Kern ist die Persönlichkeit Jesu, der die volle -Offenbarung von Gottes Erziehungsplan mit der Menschheit und zugleich -das unendliche, vor jedem vor uns liegende Ziel darstellt. So ist denn -auch der dritte Teil, die »Dogmatik«, ganz undogmatisch, der Geist des -Christentums steht über allem Streit und Hader, erweist sich in Taten -der Liebe. - -In den beiden nächsten Jahren (1782 und 1783) folgt dann das glänzende -Buch »_Vom Geist der hebräischen Poesie_«, das man nicht ohne Grund -als ein Seitenstück zu Winckelmanns Würdigung des Griechentums, -nämlich als erste tiefere Würdigung des morgenländischen Geistes -bezeichnet hat. Die Rückwendung zur Philosophie aber und zugleich -sein bedeutendstes philosophisches Werk wird veranlaßt durch das an -Goethes vierunddreißigstem Geburtstag (28. August 1783) neu beginnende -Freundschaftsverhältnis zu diesem. _Goethe_ steckte damals tief in -naturwissenschaftlichen Studien, von dem Streben getragen, die gesamte -Natur in ihrer lebendigen Einheit zu erfassen, bis sie zuletzt im -Menschen zum Bewußtsein ihrer selbst und ihres Schaffens gelangt. -Das paßte so recht zu Herders Grundgedanken. Und so kann man wohl -verstehen, wie beide sich in jener Zeit durch gegenseitiges geistiges -Geben und Nehmen täglich gefördert fühlten; wie denn Goethe von ihren -damaligen Unterhaltungen noch nach Jahren mit Wohlgefallen berichtet: -»Unser tägliches Gespräch beschäftigte sich mit den Uranfängen der -Wassererde und der darauf von alters her sich entwickelnden organischen -Geschöpfe. Der Uranfang und dessen unablässiges Fortbilden ward immer -besprochen und unser wissenschaftlicher Besitz durch wechselseitiges -Mitteilen und Bekämpfen geläutert und bereichert.« Aus solchen -Gesprächen entstand dann Herders größtes und reifstes Werk, dessen -erster Teil bereits im folgenden Jahre (1784) herauskam, die - - -1. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit - -Es liegt in der Natur der Dinge, daß jemand, der eine -Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit in großem Stile zu -entwerfen versucht, weiter ausholt und der Menschheitsgeschichte eine -solche der belebten und unbelebten Natur vorausschickt. So hat Kant -seine Philosophie der Entwicklung -- denn eine solche verbirgt sich -trotz alledem hinter seiner kritischen Philosophie -- mit seiner -bekannten großartigen Weltentstehungslehre begonnen, um von da zu -geologischen und geographischen Studien fortzuschreiten, von ihnen -zur Anthropologie und zuletzt erst zu geschichtsphilosophischen -Abhandlungen überzugehen. Ähnlich beginnt ein Jahrhundert später -Herbert Spencer seine großgedachte Entwicklungslehre mit der -Philosophie des Unorganischen, um daran nacheinander die Prinzipien der -Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethik zu schließen. - -So setzt denn auch Herder mit astronomischen Betrachtungen ein; -sein erster Satz lautet: »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«. -Immerhin ist es doch etwas stark, daß der ganze erste Teil mit -seinen fünf Büchern noch nichts vom eigentlichen Thema enthält, ja -selbst die weiteren fünf Bücher des zweiten Teils nur eben bis zur -wirklichen Menschheitsgeschichte heranführen. Vielmehr behandelt Buch -1 astronomische, geologische und physisch-geographische Fragen, Buch -2 und 3 solche der Biologie des Pflanzen- und Tierreichs, wie man -damals auch in der Sprache der Wissenschaft noch sagte. Allerdings -von vornherein im Vorausblick auf die »Krone der Schöpfung«, den -Menschen. Wie die Erde ein Mittelgeschöpf unter den Planeten, so -stellt der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde dar. -Keine Frage, daß dieser das Ganze durchziehende Grundgedanke der -_Entwicklung_ äußerst fruchtbar ist, daß auch im einzelnen reiche -gedankliche Anregungen gegeben, daß insbesondere der zu seiner Zeit -im Grunde ja noch gar nicht bestehenden geographischen Wissenschaft -neue, fruchtbare Aufgaben gestellt werden. Auch der modernen -Abstammungslehre, dem _Darwinismus_, steht Herder bis zu einem gewissen -Grade nahe. Er betont immer wieder, daß die Pflanzen und die Tiere -nach einem Urtypus gebildet seien, somit ein Exemplar das andere -erkläre, daß eine Stufenleiter der auftretenden Unterschiede bestehe --- man erinnere sich der gleichzeitigen »Metamorphose der Pflanzen« -und Entdeckung des Zwischenkieferknochens durch Goethe --, und daß -die verschiedenen Lebewesen _nach_einander aufgetreten seien. Er -nimmt auch, wie übrigens schon der alte Grieche Heraklit und unser -Walter von der Vogelweide, einen Kampf ums Dasein an: »alles ist im -Streit gegeneinander, weil alles selbst bedrängt ist«. Und er teilt -auch den Gedanken der Anpassung: daß nämlich die Formen des Lebenden -den gegebenen Bedingungen sich umwandeln. Indessen halten sich nach -seiner Meinung doch die durch äußere Einflüsse bewirkten Abänderungen -in verhältnismäßig engen Grenzen. Vor allem wird, trotz gelegentlicher -poetischer Sätze, wie: »der Menschen ältere Brüder sind die Tiere«, der -Mensch vom Tiere scharf abgegrenzt. Als der grundlegende Unterschied -wird übrigens nicht etwa, mit der heutigen Naturwissenschaft, das -verschiedene Gehirngewicht (das auch Herder schon kannte), angegeben, -sondern die aufrechte Stellung, die ihm die Hände frei machte und somit -zu aller Kultur führte. - -Denn auf den Menschen und seine Kultur ist doch durch die »Vorsehung« -von Anfang an alles abgezielt. Der Mensch ist, wie die sieben Kapitel -des vierten Buches nacheinander ausführen, zur Vernunfttätigkeit, zur -Kunst und Sprache, zu feineren Trieben und zur Freiheit, zu längerer -Lebensdauer und stärkster Verbreitung über die Erde organisiert, zur -Humanität, Religion und Hoffnung auf Unsterblichkeit gebildet. Ja, der -heutige Mensch bildet höchstwahrscheinlich keinen Abschluß, sondern -bloß einen Anfang. Denn, wie auf unserer Erde eine Reihe aufsteigender -Formen und Kräfte herrscht, die auf einen zusammenhängenden -Fortschritt hinzielen, so ist selbst unsere Humanität nur die »Knospe -zu einer zukünftigen Blume«, und der jetzige Zustand der Menschheit -»wahrscheinlich das verbindende Mittelglied zweier Welten«. - -Was den modern denkenden Naturwissenschafter von heute außer dem -poetischen Stile an diesen Gedanken stört, ist das beständige -vorzeitige Hineintragen von teleologischen, d. h. Zweckgedanken, des -Wozu? in die naturwissenschaftliche Forschung, die doch zunächst nach -Ursache und Wirkung der Dinge zu fragen hat. Aber diese teleologischen -Gedankengänge lagen in der Zeit; von ihnen, von dem beständigen -Einmischen der »Vorsehung« in den Natur- und Geschichtsverlauf, sind -auch Lessing, Schiller und Goethe nicht frei. Mehr noch stört, mich -wenigstens, die allzu gefühlsmäßige Art, die Herders ganzes Werk -durchzieht und, wie wir es freilich nach allem Bisherigen von ihm -erwarten mußten, Empfindungen allzuoft an Stelle von Gedanken setzt. - -Das hielt doch auch schon ein zeitgenössischer Denker dem »geistreichen -Verfasser« entgegen. Es war kein Geringerer als Immanuel Kant, der -(zunächst anonym) am 4. Januar 1785 in der »Jenaischen Allgemeinen -Literaturzeitung« eine ausführliche Besprechung des ersten Teils von -Herders Werk veröffentlichte.[12] Er gab dem Leser -- wie es Pflicht -jedes wahrheitsliebenden Rezensenten ist -- ein objektives Bild des -Herderschen Gedankenganges. Er ließ auch den schriftstellerischen -Vorzügen seines einstigen Schülers alle Gerechtigkeit widerfahren, -rühmte den »vielumfassenden Blick«, ja das »Genie« des »sinnreichen -und beredten« Verfassers, seinen Scharfsinn in Auffindung von -Ähnlichkeiten, die Kühnheit seiner Phantasie, den »großen -Gedankengehalt«, die bei einem Theologen seltene Vorurteilslosigkeit -des Denkens und im einzelnen »manche ebenso schön gesagte als edel und -wahr gedachte Reflexionen«. Allein er vermißt, wie uns dünkt mit Recht, -die von einem Philosophen zu erwartende »logische Pünktlichkeit in -Bestimmung der Begriffe« und »sorgfältige Unterscheidung und Bewährung -der Grundsätze«. Er kennzeichnet die Hauptzüge von Herders Wesen: das -warme Gefühl, die durchaus persönliche Art, den dichterischen Stil, -das Schwelgen in Bildern und Gleichnissen als ebensoviel Schwächen des -_Philosophen_. - -Herder aber empfand die Kritik Kants als hämisch und platt, als -»schief« und »umkehrend«. Und diese Empfindung wurde durch die -lehrhafte Schlußermahnung, er möge »seinem lebhaften Genie« künftig -»einigen Zwang auferlegen«, da die Aufgabe der Philosophie »mehr -im Beschneiden als im Treiben üppiger Schößlinge« bestehe, er -solle daher weniger durch Winke, Mutmaßungen und Gefühle als durch -wissenschaftliche Beobachtung und behutsame Vernunft zu wirken suchen, -keineswegs in ihm abgeschwächt. Wütend schrieb er einem Freunde: »Ich -bin vierzig Jahre alt und sitze nicht mehr auf seinen metaphysischen -Schulbänken.« Und die begeisterte Zustimmung seiner Freunde bestärkte -ihn darin. Nur Hamann nahm den ihm persönlich bekannten Königsberger -Denker dem Freunde gegenüber in Schutz, während Knebel in dem -Rezensenten einen »gelehrten Esel« und eine »lichtscheue Fledermaus« -erblicken wollte! Mit einer »Widerlegung« Kants in Wielands Teutschem -Merkur sprang auch ein Anonymus ihm bei, der sich dann als Wielands -Schwiegersohn K. L. Reinhold entpuppte und bald darauf in einen -begeisterten Anhänger Kants verwandelte. - -Im Herbst 1785 erschien dann der _zweite_ Teil der »Ideen«. Auch er -beschäftigt sich, mit Ausnahme des einleitenden sechsten Buches, -das eine Art »Physiognomik«, also äußere Charakterisierung der -verschiedenen Menschenzweige (von Rassen will er nichts wissen) -entwirft, durchaus noch mit allgemeinen Problemen: insbesondere mit -der Wechselwirkung der inneren (Herder: »genetischen«) Kräfte der -Völker und ihrer äußeren, namentlich klimatischen Lebensbedingungen. -Jedes Volk besitzt einen einheitlichen Charakter, der eine besondere -Offenbarung der überall wirkenden göttlichen Kraft darstellt. Je -nach Klima und Bedürfnissen verändern sich auch der Gebrauch der -Sinne, die Phantasie, der praktische Verstand, die Empfindungen und -Triebe, die Begriffe von der Glückseligkeit, dazu tritt überall der -überwiegende Einfluß von Überlieferung und Gewohnheit. Das alles -wird mit zahlreichen anschaulichen Beispielen vom Naturzustand an -bis zur geschichtlichen Entwicklung belegt. Die Philosophie der -Menschheitsgeschichte besteht nicht in der Betrachtung der äußeren -Weltbegebenheiten, sondern in der Philosophie der Kultur und der -bildenden Kräfte der Menschheit, so wie sie sich geschichtlich -entfaltet haben. So setzt Herder hier seine sprachphilosophischen -Erörterungen (S. 71 f.) fort und untersucht die Entstehung der Künste -und Wissenschaften. - -Besondere Mühe hat ihm -- wir kommen damit zu Herders - - -politischen Anschauungen - --- das Kapitel vom Staate (den »Regierungen«, wie er es nennt) -gemacht; er hat es unter Goethes Einfluß nicht weniger als dreimal -umgearbeitet, auch in seinen übrigen Schriften sich am seltensten -darüber geäußert. Die Politik lag seinem gefühlsmäßigen Denken -offenbar nicht. Auf diesem Gebiet ist er auch in den extremsten, ja -wir dürfen sagen: rückständigsten individualistischen Vorstellungen -befangen. Die Natur, und sie ist für ihn das Bestimmende, erschafft -bloß Familien und Völker, keine Staaten. Alle Regierungen verdanken -der Not und dem Krieg ihren Ursprung und sind lediglich um dieser Not -willen da. Es wird unseren Lesern vielleicht nicht unsympathisch sein, -wenn er bei dieser Gelegenheit gegen die einseitige, aber bis in die -jüngste Zeit auch bei uns noch vorherrschend gewesene Bewunderung der -Kriegshelden zu Felde zieht; so sagt er in starker Übertreibung einmal: -die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts, -gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen! Ebenso werden wir -seinen Kampf gegen jede Art von Despotismus, sein wahrhaft christliches -Eintreten für die Idee des ewigen Friedens, seine Auslegung des -»Gottesgnadentums«, wonach die Fürsten sich der ihnen von der Vorsehung -verliehenen Herrscherstellung durch eigene Mühe erst würdig machen -müssen, voll anerkennen. Auch sein, des Theologen, Eintreten für die -völlige Freiheit der wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen -Betätigung, gegen jede Art von Knebelung der Wissenschaft durch -»Inquisition« oder Zensur. Manche Theologen von heute könnten sich ein -Muster daran nehmen! - -Um so mehr zu bedauern und höchstens durch die damaligen politischen -Zustände erklärlich ist es, daß er den Wert des _Staates_ noch so wenig -erkennt, daß er ihm bloß als eine künstliche Maschine erscheint. Wenn -Herder in der Glückseligkeit der einzelnen den Endzweck der Menschheit -sah, so fragte ihn Kant in seiner Besprechung des zweiten Teils der -»Ideen« mit Grund: ob er denn etwa das Wohlbehagen der im bloßen -Genusse, wie glückliche Rinder oder Schafe, dahinlebenden Bewohner -der schönen Südseeinsel Tahiti als höchstes Ziel der Menschheit -betrachte? Ein Ziel, dem Kant sein eigenes Ideal einer »nach Begriffen -des Menschenrechts geordneten Staatsverfassung« gegenüberstellte. -Von einer Antwort Herders auf diese Frage ist uns nichts bekannt. -Dieser hatte seinerseits, ohne Kants Namen, dessen in seiner ersten -geschichtsphilosophischen Schrift »Idee zu einer allgemeinen Geschichte -in weltbürgerlicher Absicht« (1784) aufgestellten Satz angegriffen, -daß die Naturanlagen des Menschen nicht im Individuum, sondern in -der Gattung zu vollständiger Entwicklung zu kommen bestimmt seien. -Auch dies weist der kritische Philosoph in seiner Besprechung mit -überlegener Ruhe zurück. - -Wir werden auf Herders politische Ansichten bei seiner Stellung zur -Französischen Revolution noch einmal kurz zu sprechen kommen. Hier sei -nur um der Vollständigkeit willen noch erwähnt, daß das letzte (zehnte) -Buch des zweiten Teiles die mehr geographische Frage der Urheimat des -Menschengeschlechts erörtert, die er in Asien findet. Auch kommt er -bei dieser Gelegenheit auf seine »Älteste Urkunde« (S. 73) und deren -Zuverlässigkeit zurück. Er geht sogar so weit, mit der mosaischen -Überlieferung als Tatsache anzunehmen, höhere Geister (die Elohim) -hätten den ersten Menschen die Sprache gelehrt! - -Erst der dritte, Ostern 1787 erschienene Teil des Werkes geht dann -zur eigentlichen Geschichte über. Er beschäftigt sich zunächst mit -den Völkern Ost- und Südasiens, sodann mit Vorderasien und Ägypten, -darauf mit der griechischen Kultur und zum Schluß mit der ihm weniger -liegenden römischen Geschichte. Mit jener genialen Nachempfindung, -die von jeher seine Stärke war, die Lücken der damaligen -Geschichtsforschung und Völkerkunde ersetzend, weiß er von jedem dieser -Völker ein charakteristisches Bild zu entwerfen. Die Hebräer treten in -diesen Jahren des Geistesbundes mit Goethe gegenüber ihrer früheren -Vorzugsstellung zurück. Im vollen Glanze seiner Schönheit erscheint -dagegen das Griechentum. Das farbenreiche Gemälde der altgriechischen -Sprache, Religion, Kunst, Sitte und Politik gehört zu den glänzenden -Partien des Werks. - -Seinen Abschluß erhält der dritte Band wieder durch eine Reihe -allgemeiner Ausführungen (Buch 15), welche die Ergebnisse des -Bisherigen und so eigentlich die Summe seiner Geschichtsphilosophie -ziehen. Die gesamte Menschheitsgeschichte erscheint hier als »eine -reine _Natur_geschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach -Ort und Zeit«. Die Philosophie der Endzwecke, die Frage des _Wozu_? -statt des _Woher_? wird jetzt ausdrücklich abgewiesen. Trotz alledem -waltet in der Geschichte ein tiefer Sinn und Zweck. Dieser Zweck ist, -wir wissen es schon und hören es hier aufs neue, die _Humanität_. Wie -in der äußeren Natur, so dienen auch in der Geschichte die zerstörenden -Kräfte letzten Endes den erhaltenden. Der Gang der Geschichte ist -zwar voll abgerissener Ecken, voll aus- und einspringender Winkel, -aber er führt im ganzen doch vorwärts. »Es ist«, so schließen diese -Betrachtungen, »keine Schwärmerei, zu hoffen, daß, wo irgend Menschen -wohnen, einst auch vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen -werden; glücklich nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die -gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen Brudergeschlechts.« - -Damit wird freilich, wie Herders Biograph Rudolf Haym (II, 236) richtig -bemerkt, die Geschichtsphilosophie zum frommen Glauben, das Naturgesetz -zum moralischen Gebot, das Herder denn auch etwas verschwommen also -formuliert: »Der Mensch sei Mensch, er bilde sich seinen Zustand nach -dem, was er für das Beste erkennt.« So wird der letzte Zweck der -Geschichte, den Herder ja freilich nur in der Glückseligkeit der -einzelnen erblickt, _sittliche Aufgabe_ des Menschen: eine an sich -richtige Erkenntnis, die nur nicht, wie es in den »Ideen« geschieht, -mit der naturwissenschaftlichen Darstellung dieser Geschichte vermischt -werden darf. - -Über den erst 1791 veröffentlichten _vierten_ und letzten Teil der -»Ideen« können wir uns kurz fassen. Er leitet zu der Geschichte -des Mittelalters über, die er dann in knapper Übersicht schildert. -Das Bedeutendste darin ist die außerordentlich scharfe _Kritik_ -des _Christentums_ und seiner Hierarchie im 17. bezw. 19. und die -Schilderung des Endes dieser Zeit im 20. Buche. Das Christentum -erscheint, offenbar wieder unter Goethes Einfluß, in wesentlich -anderer, ungünstigerer Beleuchtung als in der Bückeburger Periode. -Es ist fast, als ob ein Aufklärer diesen Abschnitt geschrieben -hätte. Vorangestellt wird die Person Jesu in ihrer rein menschlichen -Größe. Dann aber in den stärksten Gegensatz zu der Religion Jesu die -»Religion _an_ dich« (Lessing und Kant: die Religion _über_ Christus) -gestellt, die an die Stelle »deines lebendigen Entwurfs zum Wohl der -Menschen« die »gedankenlose Anbetung deiner Person und deines Kreuzes« -setzte: der »trübe Abfluß deiner reinen Quelle«. Die berühmte dunkle -Schilderung der _mittelalterlichen Kirche_, die ein Jahr später Kant -zu einem anderthalb Seiten langen Satze seiner »Religion innerhalb der -Grenzen der bloßen Vernunft« formte, wird in dem ausführlichen Kapitel -des Generalsuperintendenten der evangelischen Kirche Sachsen-Weimars -noch überboten. Schon in der ersten christlichen Zeit die »jüdische -Dialektik« des Apostels Paulus, die Auffassung der Welt als eines -großen Hospitals und der Kirche als Almosenkasse. Dann die Folgsamkeit -der unmündigen Laienschaft, die endlosen elenden Lehrstreitigkeiten, -die Konzile und Synoden, vielfach »eine Schande des Christentums und -des gesunden Verstandes«, der »fromme Betrug« zum Prinzip erhoben, die -Ausartung der Taufe in eine Teufelsbeschwörung, des Abendmahls zum -»sündenvergebenden Mirakel«, zum »Reisegeld in die andere Welt«. Später -das dem Geist Christi ganz fremde widersinnige Mönchs- und Nonnentum; -schließlich das »zweiköpfige Ungeheuer« des Staatschristentums (das ja -erst zu unseren Zeiten allmählich aus Europa zu weichen beginnt. K. -V.). - -Sodann wird die Vermischung des Christentums mit einem Meer -andersartiger Anschauungen: der morgenländischen, griechischen, -lateinischen und zuletzt dem Geiste der germanischen Barbaren verfolgt, -wodurch es in der Tat jedesmal eine andere Form angenommen hat (was -man bis zur Gegenwart fortsetzen könnte. Wo bleibt da das »Wesen« des -Christentums? K. V.). Gewiß, er _bedauert_ es, sein früheres Lob des -Mittelalters -- man denke an die Bückeburger Zeit! -- einschränken -zu müssen. Er erkennt auch den relativen Wert mancher hierarchischen -Einrichtungen an; er weilt gern in der »schauerlichen« Dämmerung -der ehrwürdigen mittelalterlichen Dome. Allein er schätzt sie im -besten Falle doch nur als eine »grobe Hülse der Überlieferung«, -die von der Kraft und dem überlegenden Verstand derer (die großen -Päpste des Mittelalters!) zeugen, die »das Gute in sie legten«. Aber -einen bleibenden Wert besitzt sie nicht: »wenn die Frucht reif ist, -zerspringt die Schale«. - -Und so schildert denn das letzte Buch (20) das Heraufziehen einer neuen -Zeit: nach dem Rittergeist und der »heiligen Narrheit« der »tollen« -Kreuzzüge das Erwachen des Handelsgeistes in den Städten Norditaliens -und der Hansa, das Entstehen eines Bürgerstandes, das Aufkommen der -Landessprachen, das allmähliche Wiedererstehen der Wissenschaften, die -Erfindungen und Entdeckungen: kurz den Beginn einer neuen europäischen -Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Freilich, »an -eine allgemeine durchgreifende Bildung _aller Stände_ und Völker« -war damals noch nicht zu denken, und »_wann wird daran zu denken -sein_?« »Indessen«, mit diesem tröstlichen Ausblick schließt das Werk, -»geht die Vernunft und die verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit -der Menschen ihren unaufhaltbaren Gang fort.« So ist denn doch noch -etwas anderes möglich als ein Zerfallen in Einzelindividuen und deren -Wohlbehagen: es gilt eine Vernunft und eine _gemeinsame_ Tätigkeit der -Menschen, die vielleicht dermaleinst eine »durchgreifende Bildung aller -Stände und Völker« herbeiführen wird. - -In Herders Nachlaß hat sich noch ein Entwurf für einen folgenden -fünften Teil (21. bis 25. Buch) gefunden. Allein auch er führt nur bis -ins siebzehnte Jahrhundert. So wäre also das Werk sowieso ein Torso -geblieben. Ein vollendetes geschichtsphilosophisches System wollte ja -der Verfasser ohnehin nicht geben, sondern nur Ideen zu einem solchen. - -In einem knappen Gesamturteil Herders »Ideen« wirklich gerecht zu -werden, ist schwer. Vielleicht darf man zu seinem Lobe rühmen, daß -niemand vor ihm die Menschheit »so einheitlich, so allumfassend und -in so tiefen Perspektiven gesehen hat« (E. Kühnemann) oder, wenn man -bescheidenere Worte vorzieht, sagen, daß er den von Leibniz zuerst -zu nachdrücklicher Geltung gebrachten _Entwicklungs_gedanken von der -Natur auf die Geschichte übertragen und sie in selbständiger Tat, -übrigens auch mit großer Belesenheit und einer Fülle von Anregungen, -durchgeführt hat. Diesen bedeutsamen Vorzügen stehen freilich auch -bedeutende Schwächen gegenüber. Schon die ihm von manchen Kritikern -als Lob angerechnete Methode, daß er die _Natur_ als _Geschichte_, -die _Geschichte_ als _Natur_ behandelt, hat doch auch eine gewisse -begriffliche Verschwommenheit und Unbestimmtheit im Gefolge, die wir -schon in Kants Besprechung hervorgehoben sahen. Mit seiner ganzen Art -hängt auch das immer wieder hervortretende Überwiegen der Empfindung -über den Verstand, des Gefühls über den Begriff; der Phantasie über die -Wissenschaft zusammen. - -Und ebenso die mangelnde Nachwirkung des Werks. Während Lessing, ganz -männlich-kräftig in seinem Wesen, uns heute noch anzieht, so hat -Herder etwas frauenhaft Weiches an sich, was den modernen Leser auf -die Dauer nicht zu fesseln vermag. Ich wenigstens fühle mich, muß -ich offen bekennen, außerstande, stundenlang hintereinander der oft -zerfließenden und zudem heute wissenschaftlich veralteten Darstellung -der »Ideen« mit Aufmerksamkeit zu folgen. Auf seine Zeit dagegen hat -ihr Verfasser stark gewirkt. Nicht nur sein engerer Freundeskreis, -darunter Männer von der Bedeutung eines Hamann und Goethe, sondern -auch Naturforscher von dem Rang eines Blumenbach, Forster, Sömmering -haben mit Begeisterung davon gesprochen. Von Philosophen haben sie -besonders auf Schelling und Hegel eingewirkt, und aus uns näher -liegender Zeit hat Hermann Lotze bekannt, daß sein »Mikrokosmus« -eine mit den fortgeschrittenen wissenschaftlichen Anschauungen der -Gegenwart begonnene Wiederholung des Herderschen Unternehmens sei. -Von unseren Geschichtschreibern erinnert Ranke am meisten an ihn. -Aber in der heutigen Geschichtswissenschaft und im geistigen Leben -der Gegenwart spielt Herders reifstes Werk keine Rolle mehr, und -die realistisch-wirtschaftliche Geschichtsauffassung, wie sie Marx -und Engels vertreten haben, hat ihm kaum etwas zu verdanken. Trotz -alledem kann man mit einem gewissen Recht mit Gundolf Herder als »den -_ersten_ Mensch mit _historischem_ Sinn bezeichnen, der Griechentum -oder Bibelwelt, Naturvölker oder Shakespeare als _geschichtliche_ -Erscheinungen in ihrer individuellen Besonderheit und Mannigfaltigkeit -faßte und darstellte«. Darin besteht sein unvergängliches historisches -Verdienst. - - -2. Die Gespräche über »Gott« - -Diejenige Schrift Herders, welche die seinen »Ideen« zugrunde -liegenden philosophischen Anschauungen seiner Reifezeit vielleicht am -konzentriertesten zusammenfaßt, ist das 1787 erschienene, nur wenige -Druckbogen umfassende kleine Buch »_Gott_. Einige Gespräche«, auch wohl -das Spinoza-Büchlein genannt. - -Herder war philosophiegeschichtlich von _Leibniz_ ausgegangen. Schon -Magister Kants Vorlesungen hatten ihn auf diesen bis dahin größten -deutschen Philosophen aufmerksam gemacht. Christian Wolff hat ihn, der -fünfzehn Jahre jünger als Lessing war, schon nicht mehr beeinflußt. -Dagegen studierte er mit Eifer Leibniz an der Quelle, d. h. dessen 1765 -bekannt gewordene, gegen den englischen Empiristen Locke gerichtete -»Neue Versuche über den menschlichen Verstand«. In Leibniz fand er -den seinen eigenen Grundanschauungen verwandten Gedanken von der -auf lebendige, göttliche Kräfte zurückgeführten, zweckbeherrschten -Entwicklung im Reiche der Natur und des Geistes, welche beide sich -zuletzt zu einer großen, vorausbestimmten Harmonie des gesamten -Weltalls zusammenschließen. Damit verband er dann die damit leicht -zu vereinende, ihm gleichfalls sympathische Gefühlsphilosophie des -»liebenswürdigen Platos Europas«: des Engländers _Shaftesbury_ mit -seinem Optimismus und seiner, freilich die Wirklichkeiten des Lebens -stark verkennenden poetischen Schönheitsphilosophie, derzufolge die -Schönheit und Harmonie des Alls auf das Dasein eines weisen und gütigen -Weltgeistes führt. Shaftesbury aber wurde für ihn schließlich nur ein -dichterischer Dolmetsch des großen _Spinoza_, auf den ihn, wie wir -sahen, eigene Studien schon früher geleitet hatten, und der ihm dann -seit 1783 durch F. H. Jacobi noch näher gebracht worden war. - -Schon um die Mitte der siebziger Jahre hatte er eine Schrift über -diese seine drei philosophischen »Schutzheiligen« geplant. Nun kam -Lessings Bekenntnis zu der All-Eins-Lehre Spinozas und der durch Jacobi -angefachte große Philosophenstreit über Lessing-Spinoza hinzu. In -diesen fühlt nun auch Herder sich veranlaßt, durch seine fünf Gespräche -über »Gott« einzugreifen. Das heißt: er wollte sich eigentlich nicht -an dem Streit beteiligen. »Gespräche sind keine Entscheidungen, -noch minder wollen sie Zank erregen, denn über Gott werde ich _nie -streiten_,« so erklärt er von vornherein in seiner Vorrede. - -Das erste Gespräch stellt eine Ehrenrettung des so lange verkannten -niederländischen Weisen dar: sowohl seines Charakters als seiner -Lehre. Ein Spinozist im strengen Sinne will zwar auch Theophron, der -offenbar Herders Standpunkt vertritt, nicht heißen. Er gibt vielmehr -eine Auslegung des Spinozismus, wie sie Herders eigener Persönlichkeit -entspricht, und das bedeutet bei Herders Subjektivismus etwas noch ganz -anderes als bei Lessing. Vor allem wird die ihm nicht passende streng -logische Seite desselben als »kartesianische« Schlacken beseitigt, das -Religiöse hervorgehoben. Spinoza ist nicht der Atheist, als den ihn -haßerfüllte Gegner ausgegeben haben. Vielmehr ist die Gottheit für -ihn sogar der Urquell alles Denkens und Seins, andererseits auch das -Ziel alles Denkens und Fühlens. Er ist im Gegenteil, wie Herder mit -Goethe sagt, der stärkste Gottesgläubige und beste Christ (~theissimus -et christianissimus~), eher ein Schwärmer für Gottes Dasein als ein -Leugner desselben zu nennen. Freilich ist dieser Gott nicht außerhalb, -sondern _in_ der Welt, die er -- was freilich nicht bei Spinoza, -sondern bei Leibniz steht -- mit seiner alles durchdringenden Kraft -erfüllt, indem er, die Urkraft, sich in unendlichen Einzelkräften -auf unendliche Weisen offenbart. Und diese Urkraft stellt, wie das -dritte Gespräch beweisen will, zugleich die höchste Weisheit und -Güte dar. Spinozas »Gott« ist für Herder gleichzeitig ein denkendes, -wollendes und wirkendes Wesen. Und doch kein Gott der Willkür. Deshalb -bedeutet die Naturgesetze erforschen ebensoviel als: Gottes Gedanken -nachdenken. Was den Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn betrifft, -so sucht das vierte Gespräch beide Standpunkte, den der Glaubens- und -der Aufklärungsphilosophie, miteinander zu verbinden. Gottes Dasein -ist schon durch den gesunden Verstand erweisbar. Die einzige Richtung, -gegen die er sich wendet, ohne sie ausdrücklich beim Namen zu nennen, -ist der Kritizismus. Auch zustimmende Aussprüche von Dichtern aller -Zeiten werden zitiert; wie denn überhaupt die Gespräche, an deren -letztem auch eine Frau (Theano) -- zu denken ist wohl an Karoline, -Herders Gattin -- teilnimmt, die Herder eigentümliche poetische -Stilfärbung tragen. - -Schließlich wird das Ergebnis, in dem die drei Unterredner zuletzt -übereinstimmen, in zehn Sätzen formuliert. Das Wichtigste davon ist -folgendes: Da Gott selbst Macht, Weisheit und Güte ist, so besitzt auch -alles von ihm Geschaffene diese Eigenschaften. Alle die unzähligen -Organismen sind Systeme lebendiger Kräfte, die der Weisheit, Güte und -Schönheit einer Hauptkraft nach ewigen Regeln dienen. Jedes Wesen -beharrt in sich selbst, vereinigt sich mit Gleichartigem, scheidet -sich von Entgegengesetztem und verähnlicht sich in Abdrücken, die eine -stetige Reihe bilden. Es gibt in der gesamten Schöpfung keinen Tod, -sondern nur Verwandlung, keine Ruhe, sondern nur lebendiges Wirken -von Kräften, die aus dem Chaos Ordnung, aus schlafenden wirkende -Fähigkeiten schafft. Alles »Böse« ist nur Schranke und Gegensatz. Auch -die Fehler der Menschen sind in den Augen eines verständigen Geistes -gut; denn sie helfen ihm, als Kontraste, zu mehr Licht, Güte und -Wahrheit. - -Alles in allem, wie der Kenner sieht, in der Tat eine Vereinigung -von Spinoza mit Leibniz und Shaftesbury. Von den eigentlich und naiv -Frommen: Lavater, Jacobi, Matthias Claudius hatte sich Herder damit -gelöst. Um so enger war der Bund mit _Goethe_, der Herders Büchlein zu -seinem Geburtstag 28. August 1787 in Rom empfing und sich in wahrhaft -begeisterter Weise darüber äußerte, da er seine eigenen Gedanken darin -wiederfand. Er sah in dem damit besonders verwandten dritten Teil der -»Ideen« sein »liebwertestes Evangelium«, fand das neue Büchlein »voll -würdiger Gottesgedanken«; er werde es in seiner »Einsamkeit noch oft -lesen und beherzigen«, auch -- was ja den inneren Anteil eines Lesers -am besten zeigt -- »Anmerkungen dazu machen, welche Anlaß zu künftigen -Unterredungen geben können«. Herder aber hatte mit seinem Herzblut -oder, wie er an seinen Schweizer Freund G. Müller schrieb, »mit -sonderbarer innerer Überzeugung daran geschrieben«. Es enthielt, wie er -sich zu Schiller äußerte, seine eigene, vollständig überzeugende Idee -von Gott. Er hatte es (nach Karolinens »Lebenserinnerungen«) »mit der -frömmsten Seele« verfaßt, und sie teilte beim Vorlesen des Manuskripts, -wie auf gemeinsamen Spaziergängen, das Glück der Empfindungen und -Vorstellungen, die Spinoza in ihm erweckt, in dem Grade, daß »Himmel -und Erde ihnen neu waren«! Und als ein Göttinger Rezensent von den -»bedenklichen Folgen« gesprochen hatte, die Herders Spinozismus für -fromme Gemüter haben könnte, da fuhr Herder mit berechtigtem Grimme -und im Vollgefühl seiner tiefreligiösen Weltanschauung los: Solche -»Altweibertröstungen« seien keine Wahrheiten, »so wenig sie einen -vernünftigen Menschen trösten werden«. »Die Leute wollen keinen Gott -als in ihrer Uniform, ein menschliches Gabeltier, dem sie höchstens -den Reichsapfel in die Hand geben; und dabei verkleistern sie sich -die Vernunft, die einzige hohe Idee wahrzunehmen, die ihnen überall -entgegenstrahlt, an der alles hängt und die alles, was man hoffen kann, -gibt: Trost, Heiterkeit, Wahrheit, Gewißheit, ernstes, ewiges Dasein. -Wer einen Tropfen dieses Wassers gekostet hat, der wird nicht dürsten -in Ewigkeit.« - - - - -~C.~ Das Ende - - -Altersjahre. Der Kampf gegen Kant. Tod - -Herders allzufrüh zur Reife gelangtem Geist entspricht ein frühes -Veralten. Man merkt es schon an der Wirkung seiner 1788/89 -angetretenen italienischen Reise. Dasselbe Ereignis, das Goethe erst -zur vollen Mannes- und Dichterreife entwickelte, läßt bei dem erst -vierundvierzigjährigen Herder, obwohl auch er sich von Jugend auf nach -Italien gesehnt, bereits den Beginn des Greisentums hervortreten. Er -fühlt sich durch die neuen Eindrücke weder beglückt noch gefördert. -Auch die innere Differenz mit Goethe fängt wieder an sich zu regen. - -Sie wird verstärkt durch Herders Enthusiasmus für die _Französische -Revolution_. Eigentlich politisches Verständnis hat ja diese ganze -gefühls- und empfindungsmäßig eingestellte Natur nie besessen. Aber er -begeisterte sich anfangs mehr als die übrigen Weimarer Größen für die -Erhebung des Nachbarvolkes, in der sein Humanitätsideal zum ersten Male -sich ihm zu verwirklichen schien. Starke antimonarchische Äußerungen, -die sogar in seinen Predigten zuweilen einen gewissen Nachhall fanden, -wurden über ihn kolportiert. Er, der sonst das Recht der Tradition -so hochgehalten hatte, bekannte sich jetzt in seinen »_Briefen, die -Humanität betreffend_«, die 1792 entworfen, freilich erst später zur -Ausführung kamen, zur uneingeschränkten Demokratie, der gemäß im Staate -»nur ein einziger Stand, das _Volk_, existiert, zu dem der König sowohl -als der Bauer gehört«. Die Französische Revolution erklärte er für -das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte seit Völkerwanderung und -Reformation. Er sieht in ihrem Gefolge -- sehr unprophetisch! -- ein -neues Zeitalter der Literatur, Philosophie und Religion für Deutschland -heraufkommen. - -Allein sein Feuer ist nur ein Strohfeuer. Wie so viele andere, wie -Klopstock und Wieland und leider auch -- Schiller, fühlt er sich -durch die Gewalttätigkeiten, die der Verlauf der Dinge in Frankreich -brachte, ebenso rasch wieder abgestoßen und pflegte später zu sagen: -die Revolution habe uns ein Jahrhundert zurückgebracht. Und die -Humanitätsbriefe (1793 bis 1794), anfangs ein Stück Zeitgeschichte, -verlieren sich immer mehr ins Breite und verwandeln sich allgemach in -uferlose Betrachtungen über alle möglichen Dinge: Literatur, Kunst, -Religion, Erziehung, Recht, Geschichte und Völkerkunde. Daneben gibt -er in den Jahren 1794 bis 1798, zu den theologischen Interessen seiner -Bückeburger Periode zurückkehrend, eine Reihe »Christlicher Schriften« -heraus, auf die wir nicht weiter einzugehen brauchen. - -Zu dem vorzeitigen Altern Herders tragen auch eine Reihe äußerer -Umstände bei: zunehmende Kränklichkeit, finanzielle Sorgen, die durch -die anwachsende und heranwachsende Familie immer drückender wurden. -Vor allem aber das Gefühl steigender Vereinsamung. Schon 1788 war -ihm im fernen Münster sein geliebter Hamann gestorben. Und die neuen -Freundschaften, die in den neunziger Jahren kamen, wie die des jungen -Jean Paul, oder das zeitweise nähere Verhältnis zu einem Vertreter -der alten Generation wie Wieland, gaben ihm, abgesehen davon, daß -sie vorübergehender Natur waren, keinen Ersatz: während doch gerade -seine weiche Natur für die Entfaltung ihres Innenlebens von jeher der -Anregung durch andere bedurft hatte. - -Vor allem aber war es die endgültige Abwendung _Goethes_, die ihn -seine Isolierung am bittersten empfinden und ihn immer grämlicher und -verbitterter werden ließ: Goethes, der im Jahre 1794 seinen Geistesbund -mit Friedrich _Schiller_ schloß. Ich kann diese Ihnen ja aus der -Literaturgeschichte bekannten Dinge hier nicht im einzelnen erzählen, -zumal da wir auf ihre philosophische Seite eben bei Schiller und Goethe -noch einmal zurückkommen werden, und begnüge mich daher mit der kurzen -Zusammenfassung, daß in der geistigen Entwicklung Goethes Herder-_Nähe_ -Schiller-_Ferne_ und wiederum Schiller-Nähe Herder-Ferne bedeutet. -Gewiß, äußerlich bleibt der Bruch zunächst noch verschleiert. Im Jahre -1795 arbeiten alle drei noch gemeinsam an der vornehmsten literarischen -Zeitschrift, die Deutschland wohl je besessen hat, an Schillers -»Horen«, zusammen. Indes er läßt sich auf die Dauer nicht hintanhalten. -Vor allem begriff Herder, der ja selbst nie ein schaffender Dichter, -sondern stets nur ein feiner Nachempfinder fremder Poesie gewesen ist, -den tief künstlerischen Standpunkt der beiden anderen nicht, der sie -die Aufgabe der Kunst nicht in Moralpredigt und -lehre, sondern in -freiem, schöpferischem Gestalten, ihren Wert nicht in irgendwelchem -bürgerlichen oder erzieherischen Nutzen, sondern in der Tiefe des -Schauens erblicken ließ, mit der echte Dichterkraft das Leben erfaßt. -So fällt Schiller später, bei Gelegenheit einiger besonders schwacher -Erzeugnisse des immerfort weiterschreibenden Herder, das scharfe -Urteil: »Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich -zuweilen im Ernst fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich -trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich -gewesen sein kann.« Und Goethe erklärte ebenfalls den ihm einst so nahe -Stehenden für eine »pathologische«, d. h. krankhafte Natur. - -Noch einmal rafft sich dann in den letzten Jahren vor seinem Tode -Herders einst so reger, jetzt müde gewordener Geist zu zwei wenigstens -quantitativ größeren Leistungen auf, die beide gegen diejenige -Philosophie gerichtet sind, der er seinen eigenen Rückgang in der -Schätzung des Publikums zuschrieb, die _kritische_. Wir meinen die -»Metakritik« von 1799 und die »Kalligone« von 1800. Heute ist man sich -wohl in allen, auch den nicht kantfreundlichen Kreisen darüber einig, -daß diese beiden ziemlich umfangreichen Schriften -- die »Metakritik« -umfaßte zwei, die »Kalligone« gar drei Bände -- mit ihrem trockenen -und geschmacklosen Stil, ihrer anmaßlichen Selbstgefälligkeit und -ihrer giftig-hämischen Kritik des großen Königsberger Philosophen -einen beklagenswerten Abfall von den Leistungen des jungen und des -reifen Herder darstellen. Nur der Inhalt wird, zum Teil wenigstens, von -einigen, z. B. dem schon von uns genannten G. Jacoby,[13] verteidigt. -Wir können uns darüber kurz fassen. - -Das erste Werk, die Meta-, also eigentlich _Nach_kritik -- der Titel -ist einer gleichartigen Schrift Hamanns nachgeahmt -- richtet sich -gegen Kants Kritik der reinen Vernunft. Aber Herder hat den Kern -des Kantischen Problems _überhaupt nicht verstanden_. Selbst ein -ihm günstig gesinnter Schriftsteller wie C. Siegel erklärt: »Herder -hatte keinen Sinn und konnte keinen haben für das eigentliche -Kantische Problem: er ist nicht _Erkenntnistheoretiker_, sondern -Erkenntnis_psychologe_.« (S. 89.) Für den erkenntniskritischen -Standpunkt Kants fehlt ihm jedes Verständnis. Man darf ihm zufolge -die Natur, also auch die daraus hervorgegangene Vernunft nicht -kritisieren, sondern höchstens psychologisch untersuchen. Daraus -erklärt sich alles Weitere. Hier und da findet sich gewiß einmal -ein geistreicher, wenn auch nicht durchschlagender Gedanke, wenn er -z. B. bei der ersten Antinomie Kants die Unendlichkeit des Raumes -der Einbildungskraft, seine Endlichkeit dem Verstand zuschreibt. -Bezeichnend für Herder wie für alle Dogmatiker (Spinoza, Schelling, -Hegel!) ist auch, daß für ihn die »Gottheit« nicht das Ende, sondern -den Ausgangspunkt, nicht die oberste Spitze, sondern die unantastbare -Grundlage aller Erkenntnis darstellt. - -Wie die Metakritik gegen die erste, so ist die 1800 veröffentlichte -_Kalligone_ gegen die dritte Kritik Kants, die Kritik der Urteilskraft, -d. h. gegen den ästhetischen Teil gerichtet. Sie will also Herders -ästhetische Theorie geben. Allein das »schöne Kind des Himmels«, wie -er selbst den Titel verdeutscht, verdient seinen Namen keineswegs. -Sie gibt höchstens bezüglich der einzelnen Künste, z. B. über ihren -Zusammenhang mit den praktischen Bedürfnissen des Menschen, hier und -da einen anregenden Gedanken, hat aber ebenso wie das erste Buch das -Kantische Problem überhaupt nicht erfaßt, reißt vielmehr den Gegner -nur einfach herunter. Schon der Grundgedanke der kritischen Methode, -die begriffliche Scheidung und Abgrenzung des Nichtzusammengehörigen -voneinander, z. B. die des Schönen vom bloß Angenehmen und vom Guten -oder die zwischen Schönem und Erhabenem, erregt Herders Mißfallen. Er -versteht nicht, was der feine Begriff der »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« -für das Ästhetische bedeutet. Er faßt einen anderen ästhetischen -Grundbegriff Kants, den des freien »Spiels« der Empfindungen, den -Schillers ästhetische Schriften so meisterhaft ausgelegt und weiter -ausgebildet haben, einfach in dem kindischen Sinne von Willkür und -Tändelei, im Gegensatz zu _seinem_ eigenen »Ernst der Notwendigkeit«. -Darüber ist natürlich kein Wort zu verlieren. Am bedauerlichsten ist, -daß er, der selbst einst ein anerkannter Führer der jungen Genies der -siebziger Jahre in der deutschen Literatur gewesen, jetzt nicht einmal -die glänzende Bestimmung der Merkmale des Genies durch seinen einstigen -Lehrer anerkennt, sondern aus reiner Oppositionslust bemäkelt. - -Natürlich hat Herder in seinem engeren Kreise und darüber hinaus bei -einzelnen aus der Reihe der allmählich zahlreicher gewordenen Gegner -der Kantischen Philosophie, zum Teil begeisterte, Zustimmung gefunden, -von der ich eine Anzahl heute nur humoristisch anmutender Beispiele -in meinem kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Buche »Kant -- -Schiller -- Goethe« (S. 180 bis 185) gesammelt habe. Aber an den -größten Zeitgenossen, an Goethe und Schiller, ging seine im Grunde -nur aus ohnmächtiger Wut entsprungene heftige Opposition gegen die -erkenntnistheoretischen und ästhetischen Grundlagen der kritischen -Philosophie, die in Privatbriefen von geradezu abstoßenden Wendungen -noch überboten wurde, ebenso wirkungslos vorüber wie an der ganzen -Folgezeit. Diese letzten Schriften bilden eines der traurigsten und -beschämendsten Kapitel im literarischen Lebensweg Herders, der am 18. -Dezember 1803, nicht ganz zwei Monate vor Immanuel Kant, seinen letzten -Atemzug getan hat. - -Doch nicht mit diesem trüben Eindruck wollen wir von ihm Abschied -nehmen. Sondern lieber an dasjenige denken, was er in seinen jüngeren -und seinen Reifejahren für das deutsche Schrifttum und für deutsches -Wesen, für eine tiefere und freiere Auffassung der Poesie und der -Religion und vor allem der _Natur_ und der _Geschichte_ geleistet -hat. Und wenn seine Verdienste um die strengere Philosophie auch -nicht so groß sind wie die unserer anderen Klassiker, wenn er auch im -Geistesleben unserer Gegenwart keine bedeutsame Rolle mehr spielt, so -wollen wir an die edle Gesinnung denken, aus der sein bestes Wirken -hervorgewachsen ist, und an den sie zusammenfassenden Wahlspruch der -auch auf seinem Grabe steht und »_Licht! Liebe! Leben!_« lautet. - - - - -Schiller - - -Kommt man von Johann Gottfried Herder zu Friedrich Schiller, namentlich -dem _jungen_ Schiller, so ist es einem, als sei man von einem friedlich -leuchtenden Lichte geschieden und nahe sich einer hell lodernden -Flamme. Schiller, der schon als sechsjähriger Knabe in Lorch gern -vor seinen Geschwistern den Prediger auf der Kanzel gespielt hat, -ist in Wahrheit dem ganzen deutschen Volke ein feuriger Prediger -der _Freiheit_ geworden. Darum ist er auch von jeher ein Liebling -des _Volkes_ und der _Jugend_ gewesen. Dem tut die Tatsache keinen -Eintrag, daß mancher von uns, vielleicht weil er auf der Schule mit -Schillers Gedichten und Dramen gewissermaßen überfüttert worden ist, -vielleicht auch, weil das unseren Dichter kennzeichnende Pathos den -reifer Gewordenen von sich abstößt, eine Zeitlang seiner überdrüssig -geworden ist: um so sicherer kehrt er später, wenn er, älter und reifer -geworden, sich von neuem in seine Weltanschauung vertieft, dauernd und -endgültig zu ihm zurück. Vor allem der, welcher im allgemeinsten Sinne -des Wortes philosophisch angelegt ist. Denn Friedrich Schiller ist der -_philosophischste_ unter unseren Dichter-Klassikern. - - - - -~A.~ Die Anfänge - -(1779 bis 1786) - - -Schon als »Eleve« auf der von dem Württemberger Herzog gegründeten -»Karlsschule«, welche die Söhne seiner Beamten bekanntlich zwangsweise -besuchen mußten, hat der heranwachsende Knabe und Jüngling weit mehr -als unsere Primaner, mehr auch als vor ihm Lessing, Kant oder Herder, -von Philosophie erfahren. Wurde doch bereits der Vierzehnjährige mit -sechs Wochenstunden Logik, Metaphysik und Philosophie-Geschichte, -der Sechzehnjährige sogar mit nicht weniger als fünfzehn Stunden -Philosophie und Rhetorik geplagt! Trotzdem, ja vielleicht eben wegen -solcher Massenzufuhr philosophischen Stoffes trug dieser Unterricht, -selbst unter einem so anregenden Lehrer, wie ihn die Karlsschüler -zu Schillers Zeit in Professor Abel bekamen, noch dazu unter dem -herrschenden Zwangssystem, verhältnismäßig wenig Frucht. Die ersten -philosophischen Produkte des Neunzehn- bezw. Zwanzigjährigen sind -zwei dem rhetorisch begabten jungen Manne von dem alten Sünder von -Herzog »gnädigst auferlegte« _Lobreden_ zum Preise der Tugend »im -Tempel der Tugend«, d. h. zum Geburtstag der freilich leidlich -tugendhaft gewordenen herzoglichen Mätresse Franziska von Hohenheim. -Die eine betitelt sich: »Gehört allzuviel Güte, Leutseligkeit und -große Freigebigkeit im engsten Verstand zur Tugend?«, die zweite: »Die -Tugend, in ihren Folgen betrachtet.« Wir gehen am besten über diese -freilich schon von dem glänzenden Formtalent ebenso wie von der üppigen -Phantasie ihres Verfassers zeugenden rhetorischen Stilübungen mit -Schweigen hinweg. - -Gedanklich höher stehen die beiden fast zur selben Zeit entstandenen -medizinischen Dissertationen, die der Zwanzigjährige als Probestück -seiner medizinischen Kenntnisse bei dem Abgang von der Akademie -einreichen mußte. Die erste, eine »_Philosophie der Physiologie_«, -die uns nur zu etwa einem Viertel (11 von 41 Paragraphen) erhalten -geblieben ist, enthält von wirklicher Physiologie ziemlich -wenig. Wurde doch auf der Akademie die Medizin fast ohne jedes -Demonstrationsmaterial betrieben. Es sind eben nur phantasievolle -Gedanken, die ein begabter Dilettant ohne den soliden Untergrund von -genauen Fachkenntnissen oder fester Methode entwickelt. Das Urteil -der Professoren tadelte an der Arbeit den »gefährlichen Hang zum -Besserwissen«, der sich in der verwegenen Sprache »auch gegen die -würdigsten Männer« äußere, den teils zu freien und schwulstigen, teils -zu blühenden und witzigen Stil, der den Sinn oft dunkel lasse; sie -wurde deshalb auch nicht zum Druck zugelassen und der Verfasser, um -»sein Feuer doch ein wenig zu dämpfen«, noch zu einem weiteren Jahr -Aufenthalt auf der Akademie verurteilt. Mehr Gnade fand im folgenden -Jahre (1780) die in allen Ausgaben der »Sämtlichen Werke« abgedruckte -Dissertation: »_Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen -mit seiner geistigen._« Beide Abhandlungen betreffen im Grunde das -gleiche Thema: das Verhältnis zwischen Seele und Geist. In der ersten -glaubt er, bezeichnend für die Philosophie des reifen Schiller, in -dem von dem berühmtesten Physiologen der Zeit Albrecht v. Haller -angenommenen »Nervengeist« eine »Mittelkraft« zwischen Geist und -Materie, Seelischem und Sinnlichem gefunden zu haben. Die zweite kommt -dem Materialismus mehr entgegen. - -Aber nicht in diesen Schülerarbeiten, auch nicht in der schulmäßigen -Beschäftigung mit dem deutschen Popularphilosophen Garve und dem -englischen Popularphilosophen Ferguson, die beide einen verdünnten -Aufguß von Shaftesburys Schönheitsphilosophie darstellten, fand die -Seele des jungen Philosophen ihren wahren Ausdruck. Wohl hat der -englische Philosoph der Schönheit und der Harmonie des Eindrucks auf -sein dichterisches Gemüt nicht ganz verfehlt. Aber weit mächtiger -war der Einfluß des die ganze junge Dichtergeneration jener Tage -befeuernden Jean Jacques _Rousseau_. In Rousseau fand nach seinem -eigenen Geständnis »die Indignation« seiner in der Tyrannei der -Karlsschule beständig verletzten »Menschenwürde Gehalt und Gestalt, -Erfüllung und Ziel«. Seiner Verherrlichung als eines »Riesen« gegenüber -den »Zwergen« seiner Splitterrichter, »denen nie Prometheus' Feuer -blies«, gilt eines seiner frühesten Gedichte. Und ein späteres, in die -Sammlung der »Werke« aufgenommenes begrüßt Rousseaus Grab als »Monument -von unserer Zeiten Schande«, als das Grab dessen, »der aus Christen -Menschen wirbt«. Rousseaus »Zurück zur Natur!« beim einzelnen und im -Staat gibt überhaupt Schillers ganzer Jugendzeit das Gepräge. - -Insbesondere auch seinen ersten _Dramen_. Denn wie Lessing in seinem -»Nathan« noch einmal seine »alte Kanzel«, das Theater bestieg, so hat -der junge Schiller, wie die Überschrift seines bekannten Aufsatzes -zeigt, »die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet«. Gewiß, seine -»_Räuber_« sind noch stark von religiös-biblischen Gedanken durchsetzt: -wir brauchen nur an die erschütternde Schilderung des Jüngsten Gerichts -in der Szene zwischen Franz Moor und dem alten Daniel zu erinnern. -Und eben diesem Bösewicht Franz legt er mit Vorliebe materialistische -Gedankengänge in den Mund: einmal sogar eine Stelle aus seiner eigenen -Dissertation. Aber den Hauptton gibt doch Rousseaus Natur- und -Freiheitsbegeisterung an, Rousseaus, der ihn hingewiesen gegenüber dem -»tintenklecksenden Säkulum« auf Plutarchs »große Menschen«, Rousseaus, -dessen Opposition gegen die sogenannte Zivilisation sich in dem Munde -seines Karl Moor erweitert zu einer Art genialen Anarchismus: »Da -verrammeln sie die Natur mit abgeschmackten Konventionen ... Ich soll -meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in -Gesetze. Das _Gesetz_ hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug -geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber -die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.« Freilich, zum -Schluß des Dramas kommt sein Held zu einem anderen Ergebnis: »O über -mich Narren, der ich wähnte ..., die Gesetze durch Gesetzlosigkeit -aufrechtzuhalten«, und der jetzt einsieht, daß »zwei Menschen wie -ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden«, der -sich sodann ganz folgerichtig der Justiz ausliefert, um sich aufs Rad -flechten zu lassen. - -Aus den _Gedichten_ des ersten Jahrzehnts greifen wir drei zur -Kennzeichnung seiner weiteren philosophischen Entwicklung heraus. -Zunächst die beiden einander verwandten: »_Freigeisterei der -Leidenschaft_« (später gekürzt unter der Überschrift »Kampf«) und -»_Resignation_«: beide aus seinem leidenschaftlichen Verhältnis zu -Charlotte von Kalb entsprungen und beide nicht mit Unrecht in Franz -Mehrings »Schiller« (1905) zugleich als die einzigen wirklichen -Liebesgedichte Schillers bezeichnet (wenn man etwa von Theklas -»Der Eichwald brauset« absieht. K. V.); denn die überspannten Oden -an »Laura« können ebensowenig als solche zählen wie gelegentliche -spätere Albumverse an seine Frau und andere Damen. Beide Gedichte, -namentlich das zweite, zeigen eine Weltanschauung, die sich bereits -der Kantischen nähert, ohne daß er Kant schon näher kennt oder gar -nennt: die Kluft zwischen Pflicht und Sinnlichkeit. Im ersten bäumt -sich die Sinnlichkeit auf gegen die grausame Härte des Sittengesetzes; -im zweiten siegt das moralische Reich, freilich nur so, daß für den -entgangenen Genuß des Diesseits die Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits -in Aussicht gestellt wird. Später sucht er die Versöhnung zwischen -beiden, die Überbrückung jener Kluft. - -Schon das berühmte _Lied an die Freude_ (Ende 1788), im Kreise seiner -Dresdener Freunde gedichtet, zeigt ihn in ganz anderer Stimmung und -Weltauffassung. Die Freude ist es jetzt, welche die Menschen verbindet, -einander gleich macht, sie zur Güte und zu Gott, dem liebenden Vater -des Alls, erhebt, sie, die Urkraft und zugleich das Endziel der Natur. -»Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!«, so klingt -es jetzt zu uns und dringt vertiefter noch in den freudevollen Tönen -von Beethovens unsterblicher Neunten -- vielleicht dem Schönsten, was -Musik je geschaffen hat -- in unsere Seele. - - - - -~B.~ Die Übergangszeit - -(1787 bis 1790) - - -»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein!« -- -Schiller _war_ es gelungen: er hatte in Gottfried _Körner_ (dem Vater -Theodors) einen Freund fürs Leben gefunden. Man kann nicht leicht den -Einfluß überschätzen, den Körner während des Jahrzehnts 1784 bis 1794 -auf die philosophische Entwicklung des jüngeren Freundes gewonnen -hat. Er spiegelt sich zunächst wider in den bis 1786 entstandenen -»_Philosophischen Briefen_« zwischen Julius (Schiller) und Raphael -(Körner). - -Eingeschoben ist in sie ein wahrscheinlich schon aus Schillers -Stuttgarter Zeit herrührendes Stück: die »_Theosophie des Julius_«, -die sich in poetisch-gefühlsmäßigen Betrachtungen über das Universum -als Gedanke Gottes, über unser Verstehen der anderen Geister -durch Philosophie und Dichtung, über die Liebe als »allmächtigen -Magnet in der Geisterwelt«, als Quelle der Andacht und erhabensten -Tugend und über Aufopferung ergeht, um schließlich wieder zu der -Gleichung Gott-Universum-Natur zurückzukehren. Diese ganze Art zu -philosophieren wird von Julius-Schiller selbst später sehr gut dadurch -charakterisiert, daß er von ihr sagt: »Mein _Herz_ suchte sich eine -Philosophie, und die Phantasie unterschob ihre Träume. Die _wärmste_ -war mir die wahre.« - -Von dieser Gefühlsphilosophie hat ihn Raphael-Körner befreit. Ehe wir -das schildern, müssen wir jedoch eines neuen Momentes gedenken, das -gegen Ende der achtziger Jahre entscheidend in Schillers geistige -Entwicklung eingreift: des _Griechentums_. Er liest, wie er im August -1788 an Freund Körner schreibt, »fast nichts als Homer« (den er leider, -weil des Griechischen unkundig, nicht an der Quelle genießen kann) -und will in den nächsten zwei Jahren keine modernen Schriftsteller -mehr lesen, weil sie ihn nur »von sich selbst abführen«. Er bedarf -nach seinem Bekenntnis der Alten »im höchsten Grade«, um seinen -eigenen Geschmack zu reinigen, ihn von Spitzfindigkeit, Künstlichkeit -und Witzelei zur wahren Einfachheit, zur »Klassizität« zu führen. -Der poetisch-philosophische Ertrag dieser Zeit sind vor allem die -beiden großen Gedichte »_Die Götter Griechenlands_« (1788) und »_Die -Künstler_« (1789). - -Das erste, das übrigens, abgesehen von seinen in der Tat großen Längen, -auch den Beifall des eben aus Italien zurückgekehrten Goethe bei seinem -ersten Zusammentreffen mit Schiller zu Rudolstadt fand, repräsentiert -zwar nicht eigentlich den antiken Geist selber; dafür ist es, um zwei -spätere Schillersche Begriffe zu brauchen, zu wenig »naiv«, zu sehr -»sentimentalisch« gedacht. Es ist ein Sehnsuchtslied, der Sehnsucht -nach Poesie und Natur, darum gegen die bloß »mechanische« Wissenschaft -gerichtet, die »knechtisch dem Gesetz der Schwere« dienende, -»entgötterte« Natur: - - »Wo jetzt nur, wie unsere Weisen sagen, - Seelenlos ein Feuerball sich dreht, - Lenkte damals seinen goldnen Wagen - Helios in stiller Majestät.« - -Und nicht minder wider -- das Christentum: - - »Einen zu bereichern unter allen, - Mußte diese Götterwelt vergehn«, - -der statt »finsteren Ernstes und traurigen Entsagens« einzig und allein -»das Schöne heilig war«. - -In demselben Geiste, dem Schiller _fortan treu blieb_, sind »Die -Künstler« gehalten, welche die _Kunst_ an die höchste Stelle unter -allen geistigen Mächten setzen, höher selbst als Erkenntnis, Moral -und Religion. »Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der -Erkenntnis Land«, mit dem mahnenden Schlußwort an die Künstler selbst: - - »Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, - Bewahret sie!« - -Die Kunst ist ihm nunmehr Anfang und letzte Vollendung der -Menschenbildung. Ja, sie kann dem damaligen Schiller selbst Ethik -und Religion ersetzen. »Kann man«, so schreibt im Einklang mit -solcher Anschauung der todkranke Friedrich Albert _Lange_, dieser -große Sozialist, »den christlichen Gedanken der Ergebung schöner auf -_philosophisch_ ausdrücken« als mit jenen prachtvollen Versen aus den -»Künstlern«: - - »Mit dem Geschick in hoher Einigkeit, - Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen, - Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut, - Mit freundlich dargebotnem Busen - Vom sanften Bogen der Notwendigkeit!« - -Noch ein weiteres Moment endlich gehört in die Entwicklung Schillers zu -Ende der achtziger Jahre: das Studium der _Geschichte_, das er bisher -fast völlig verabsäumt hatte. »Täglich wird mir die Geschichte teurer,« -schreibt er am 15. April 1786 an Körner. »Ich wollte, daß ich zehn -Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube, -ich würde ein ganz anderer Kerl sein.« Aus diesen seinen eifrigen -historischen Studien sind dann seine »Geschichte des Dreißigjährigen -Krieges«, »Der Abfall der Niederlande« und einige kleinere Arbeiten -hervorgegangen. Trotzdem war die Geschichtschreibung nicht das Feld, -auf dem sein Geist glänzen konnte. Um Geschichts_forscher_ zu sein, -war er zu sehr Dichter und Philosoph. Seine historischen Dramen sind -vielmehr der eigentliche Spiegel seiner Geschichtsauffassung, wo es um -»der Menschheit große Gegenstände« geht, geworden. - -Immerhin gaben seine geschichtlichen Arbeiten wenigstens den äußeren -Anlaß, ihn als _Professor_ nach Jena zu berufen. Am 26. und 27. Mai -des Revolutionsjahres 1789 eröffnete er dort sein Kolleg, dessen beide -ersten Vorlesungen unter dem Titel »_Was heißt und zu welchem Ende -studiert man Universalgeschichte?_« in Wielands »Teutschem Merkur« -erschienen. In der ersten entwarf er sein Vorlesungsprogramm: er wollte -nicht für »Brotgelehrte«, sondern für »philosophische Köpfe« lesen. Und -so hat er sich auch ferner als wahrer Professor der _Philosophie_ in -seinen Geschichtsvorlesungen bewährt.[14] - -Körner, zu dem wir jetzt wieder zurückkehren, wollte darin Spuren -_kantischen_ Philosophierens spüren. Damit kommen wir zu unseres Helden -allmählicher Bekehrung zu Kant, die eben unter Körners vorherrschendem -Einfluß erfolgt ist, der ihm schon früh, aber anfangs »immer vergebens -von Kant vorgepredigt« hatte. K. L. _Reinhold_ zwar, der aus einem -Kloster entsprungene österreichische Barnabitermönch, der in Weimar -Wielands Schwiegersohn geworden war und soeben durch seine gut -geschriebenen »Briefe über Kantische Philosophie« Wesentliches zur -Verbreitung der neuen Lehre beigebracht hatte, hat ihn zuerst, als -er im August 1787 eine Woche bei ihm wohnte, zur Lektüre einiger -kleiner Aufsätze Kants in der Berliner Monatsschrift veranlaßt, unter -denen ihn namentlich die »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in -weltbürgerlicher Absicht« befriedigte, so daß er Körner schrieb: -»Daß ich Kant noch lesen und vielleicht studieren werde, scheint mir -ziemlich ausgemacht.« Bis dahin hatte Schiller überhaupt, seiner -Dichternatur folgend, aus den »wenigen« philosophischen Schriften, -die er gelesen, sich »nur das genommen, was sich dichterisch fühlen -und behandeln läßt« (so an Körner am 15. April 1788). Aber der -spießbürgerlich-ängstliche Reinhold war ihm nicht sympathisch. -»Reinhold« -- so lautet eine Schillers Eigenart noch weit mehr als -diejenige Reinholds charakterisierende Bemerkung gegen Körner -- »wird -sich nie zu kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in -der Wirklichkeit (!), erheben, und das ist schlimm.« So beruht denn -Schillers Wendung zur kritischen Philosophie weniger auf dem Einfluß -des begeisterten neuen Kantjüngers Reinhold, der damals erklärte, daß -Kant »nach hundert Jahren die Reputation (den Ruf) von Jesus Christus -haben« werde, als auf dem des kritischeren Körner. - -Schon in dem ersten der »Philosophischen Briefe« hatte er seinen -Julius dem Raphael schreiben lassen: »Was hast Du aus mir gemacht, -Raphael? Was ist seit kurzem aus mir geworden! ... Ich _empfand_ und -war glücklich. Raphael hat mich _denken_ gelehrt, und ich bin auf dem -Wege, meine Erschaffung zu beweinen.« Wenn er ihn dann weiter klagen -läßt: »Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab; Du hast -mich verachten gelehrt, wo ich anbetete«, so haben wir das letztere -schwerlich auf Körner und _Schiller_ zu beziehen. - -Denn von schweren religiösen Kämpfen bei letzterem besitzen wir sonst -nirgends das geringste Zeugnis, weder in seinen Tausenden von Briefen -noch in seinen Werken. Aber das erstere wird zutreffen. Durch Körners -Einfluß war an die Stelle der bloßen Empfindung, die sein bisheriges -Philosophieren beherrschte, immer mehr das Denken getreten. Den -Abschluß der »Philosophischen Briefe« nun bildet ein letzter Brief -des Raphael, der _wirklich_ von Körner an Schiller am 4. April 1788 -geschrieben worden ist und, noch ohne Kants Namen zu nennen, ganz in -dessen Sinne darauf hinweist, daß aller Philosophie eine anscheinend -»etwas trockene Untersuchung über die Natur der menschlichen -Erkenntnis« vorangehen müsse. - -Schiller vermutet in seiner Antwort vom 15. April richtig, daß des -Freundes Wendung von den »demütigenden Grenzen des menschlichen -Wissens« eine »entfernte Drohung mit dem _Kant_« enthalte! -Noch sträubt sich seine Dichternatur gegen diese Nüchternheit. -Und äußere Hindernisse (Berufung nach Jena, Verlobung, Heirat) -verhindern zunächst weiteres philosophisches Studium, auch die -geplante Antwort des »Julius« auf Raphaels letzten Brief. Aber -im Novemberheft 1790 der »Thalia« erscheint ein Abschnitt seiner -Vorlesung über Universalgeschichte als Aufsatz unter der Überschrift -»Etwas über die erste Menschengesellschaft« mit der Bemerkung: »Es -ist wohl bei den wenigsten Lesern nötig zu erinnern, daß diese -Ideen auf Veranlassung eines Kantischen Aufsatzes in der Berliner -Monatsschrift entstanden sind.« Es war dies Kants geistreiche und -durchaus allgemeinverständliche Abhandlung »Mutmaßlicher Anfang der -Menschengeschichte« (Januar 1786).[15] Wenige Monate später erfolgte -die entscheidende Wendung zu dem kritischen Philosophen. - - - - -~C.~ Die Höhezeit. Schiller als Jünger Kants - -(1791 bis 1795) - - -Das erste Bekenntnis Schillers zu Kant stammt vom 3. März 1791. Er -überrascht Freund Körner mit der Nachricht, daß er sich Kants »Kritik -der Urteilskraft« angeschafft habe und sie eifrig studiere. Sie »reiße -ihn hin durch ihren lichtvollen, geistreichen Inhalt«, der ihm als -Ästhetiker ja schon ziemlich vertraut sei, und er lerne bei dieser -Gelegenheit auch die übrige Kantische Philosophie kennen. Sie erscheine -ihm als kein »unübersteiglicher Berg« mehr; er hege das größte -Verlangen, sich nach und nach in sie hineinzuarbeiten! - -Ich will nun nicht, wie ich es im ersten Teil meines Buches »Kant --- Schiller -- Goethe« getan, die ganze Reihe der in den nächsten -fünf Jahren entstehenden philosophischen Aufsätze Schillers in -chronologischer Folge durchmustern, sondern lieber seine Philosophie -im ganzen, d. i. in _sachlichem_ Zusammenhang zu schildern versuchen. -Vorausschicken möchte ich allerdings doch im folgenden eine Reihe -besonders wichtiger persönlicher Bekenntnisse Schillers über seine -philosophische _Entwicklung_ in diesen Jahren. Die Titel seiner -Abhandlungen werden dabei, mit einigen zwanglosen Bemerkungen dazu, von -selbst erwähnt werden. - -Seit Mitte Dezember 1791 war Schiller durch ein Jahresgehalt -schleswig-holsteinischer Verehrer, eines Prinzen von Augustenburg und -eines Grafen Schimmelmann, zum ersten Male in seinem Leben instand -gesetzt, ohne Nahrungssorgen ganz seinem inneren Drange zu leben. »Ich -habe endlich einmal Muße,« schrieb er seinem Körner, »zu lernen und zu -sammeln und _für die Ewigkeit_ zu arbeiten.« Und wie ernst betrieb er -diese Arbeit! Er studierte -- _Kantische_ Philosophie. »Mein Entschluß -ist unwiderruflich gefaßt, sie nicht eher zu verlassen, bis ich sie -ergründet habe, wenn mich dieses auch drei Jahre kosten könnte,« -schreibt er am Neujahrstag 1792. Er hat sich kurz vorher die beiden -anderen Kritiken Kants angeschafft. Und er hat Wort gehalten. So sehr, -daß er sich in den folgenden drei Jahren aller dichterischen Produktion -enthält, um nur endlich einmal philosophisch mit sich selbst ins reine -zu kommen. - -Im Januar 1792 erscheint in der »Thalia« die erste jener durch -Gedankengehalt wie durch glänzende Sprache gleich ausgezeichneten -Abhandlungen meist ästhetischen Inhalts, die gleichmäßig den Dichter -wie den Philosophen verraten: »_Über den Grund des Vergnügens an -tragischen Gegenständen_«, im folgenden Monat eine zweite »_Über die -tragische Kunst_«. Beide sind in streng Kantischem Geiste geschrieben. -Noch im Oktober des Jahres, kurz vor Beginn seines Privatissimums über -Ästhetik, »steckt er bis an die Ohren« in Kants Urteilskraft. Gegenüber -Körner haben sich jetzt die Rollen umgetauscht: Schiller ist jetzt -der eifrigere Kantianer, der den Freund kritisch zurechtweist. Auch -in Kants theoretische Philosophie hat er jetzt einzudringen begonnen. -Aus einem großen Briefe vom 18. Februar 1793 stammt sein begeistertes -Bekenntnis: »Es ist gewiß von einem sterblichen Menschen kein größeres -Wort noch gesprochen worden als dieses Kantische, was zugleich der -Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: _Bestimme dich aus dir selbst!_ -Sowie das in der theoretischen Philosophie: _Die Natur steht unter dem -Verstandesgesetz._« Und an seinen nach Bonn übergesiedelten jungen -Freund Fischenich schreibt er fast zur selben Zeit auf die frohe Kunde -hin, daß Kants Philosophie dort bei Lehrern und Lernenden gute Aufnahme -finde: »Bei der studierenden Jugend wundert es mich übrigens nicht -sehr, denn _diese_ Philosophie hat keinen anderen Gegner zu fürchten -als _Vorurteile_, die« -- ach, könnte man das von der _heutigen -studierenden_ Jugend doch auch sagen! -- »in jungen Köpfen doch nicht -zu besorgen sind.« Die neue Philosophie sei zudem, fügt er am 20. März -desselben Jahres hinzu, viel _poetischer_ als die Leibnizsche und habe -einen weit größeren Charakter! - -In »_Anmut und Würde_« (Februar 1793), die zum ersten Male Schillers -eigene ästhetische Theorie, wenn auch nur als eine Art Vorläufer -der »Ästhetischen Briefe« entwickelt, wendet er sich zum ersten Male -in seinen Schriften ausdrücklich an den »unsterblichen Verfasser -der Kritik«, dem der Ruhm gebühre, »die gesunde Vernunft aus der -philosophierenden wiederhergestellt zu haben«, und unter dem die Moral -»endlich aufgehört habe, die Sprache des Vergnügens zu reden«. Freilich -der Zustimmung folgen jetzt auch die Einwände, die unsere systematische -Darstellung später zu schildern haben wird. Im folgenden Jahre (1794) -kam dann Kant, der übrigens schon im Jahre 1789 durch einen gemeinsamen -Bekannten dem Dichter einen Gruß hatte zugehen lassen, in der zweiten -Auflage seiner »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« in -einer neu hinzugefügten Anmerkung (S. 22 meiner Ausgabe) ausführlich -und in sehr freundlicher Weise auf Schillers Einwände gegen ihn zurück, -was den letzteren natürlich mit großer Freude erfüllte. - -Im März und April erschien weiter die Abhandlung »_Vom Erhabenen_« in -zwei Teilen, deren erster später (1801) in einer umgearbeiteten, von -Kant stärker abweichenden Gestalt unter dem Titel »_Über_ das Erhabene« -in die Sammlung seiner »Kleinen prosaischen Schriften« aufgenommen -wurde, während der zweite die Überschrift »_Über das Pathetische_« -erhielt. Sehr kantisch sind auch die vom Februar 1793 bis Anfang 1794 -an den _Prinzen von Augustenburg_ gerichteten zehn _Briefe_ gehalten. -Kants Philosophie, heißt es z. B. im ersten dieser Briefe, »die sich -so oft nachsagen lassen müsse, daß sie nur immer einreiße und nichts -aufbaue« -- was man bekanntlich auch so und so oft vom Sozialismus -behauptet hat --, sei so fruchtbar, daß sie die festen Grundsteine -zu einem System der Ästhetik darbiete. Und der zweite unterscheidet -das eigentliche Gebäude (Kants) von dem »Gerüst«, das die Handwerker -(die Kant_ianer_) darum gelegt. Im sechsten, zu Anfang Dezember 1798 -verfaßten bekennt er, daß er »im Hauptpunkte der Sittenlehre vollkommen -kantisch denke«. - -Das Jahr 1794 bringt am gleichen Tage (13. Juni) die Einladung zur -Mitarbeit an den »Horen« an Goethe und -- Kant nebst einem dankbar -bescheidenen Begleitschreiben an den letzteren, der freilich erst am 1. -März des folgenden Jahres mit nicht allzu großem Verständnis seinem -berühmtesten Jünger erwidert hat. Wieder läßt dieser im Sommer 1794 -eine Zeitlang »alle Arbeiten liegen, um den Kant zu studieren«. Er -steht jetzt auf dem Höhepunkt seiner _Abwendung_ von der _Poesie_, so -daß ihm sogar vor der Arbeit am eigenen Entwurf zu seinem »Wallenstein« -graut (!), »denn ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich -eigentlich nichts weniger vorstellen kann als einen Dichter (!)« -- -eine seltsame, aber für diese Zeit bezeichnende Selbsttäuschung --, -»und daß höchstens da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist -mich überrascht«! Er habe »im Poetischen seit drei oder vier Jahren« -- -also genau seit seiner Wendung zur kritischen Philosophie! -- »einen -völlig neuen Menschen angezogen«. Vor allem aber gibt er in einem -bedeutsamen Briefe vom 28. Oktober dieses Jahres dem neugewonnenen -Freunde _Goethe_ gegenüber seinem »_Kantischen Glauben_« einen so -lebendigen Ausdruck, daß wir seine Sätze wörtlich hierhersetzen müssen: -»Die Kantische Philosophie übt in den Hauptpunkten selbst keine Duldung -aus und trägt einen viel zu rigoristischen (strengen) Charakter, als -daß eine Akkomodation (Anpassung) mit ihr möglich wäre. Aber dies -macht ihr in meinen Augen Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die -Willkür vertragen kann. Eine solche Philosophie will daher auch nicht -mit bloßem Kopfschütteln abgefertigt sein. Im offenen, hellen und -zugänglichen Felde der Untersuchung erbaut sie ihr System, sucht nie -den Schatten und reserviert dem Privatgefühl nichts, aber so, wie sie -ihre Nachbarn behandelt, will sie wieder behandelt sein, und es ist -zu verzeihen, wenn sie nichts als Beweisgründe achtet. Es erschreckt -mich gar nicht zu denken, daß das Gesetz der Veränderung, vor welchem -kein menschliches und kein göttliches Werk Gnade findet, auch die -Form dieser Philosophie sowie jede andere zerstören wird; aber die -Fundamente derselben werden dies Schicksal nicht zu fürchten haben, -denn so alt das Menschengeschlecht ist und solange es eine Vernunft -gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt und im ganzen danach -gehandelt.« - -Im Jahre 1795 endlich erscheint die philosophische Hauptschrift -Schillers, seine »_Briefe über die ästhetische Erziehung des -Menschen_«, die Goethe »wie einen köstlichen, seiner Natur analogen -Trank« hinunterschlürfte, und die gleichzeitig auch Kant »vortrefflich« -fand. Lagen ihnen doch nach Schillers eigenem Bekenntnis »größtenteils -Kantische Grundsätze« zugrunde. Wie denn überhaupt »über diejenigen -Ideen, welche in dem praktischen Teil des Kantischen Systems die -herrschenden sind, nur die Philosophen entzweit, die Menschen von -jeher einig gewesen« seien. Schade, daß der einundsiebzigjährige Kant -nicht mehr zu der von ihm geplanten Besprechung der »Ästhetischen -Briefe« gekommen ist, zu der er sich schon Notizen gemacht hatte, -die ich zuerst in dem Nachlaßwerk des großen Königsbergers entdeckt -habe (vergl. »Kant -- Schiller -- Goethe«, S. 36, Anmerkung). Wie -sehr übrigens damals Kants Philosophie in alle möglichen Kreise -eingedrungen war, davon gibt der Schillersche Briefwechsel dieser Zeit -zwei hübsche Belege. Nach einer Mitteilung Goethes wurden Kantische -Ideen von Künstlern in allegorischen Bildern dargestellt. Und Schillers -»Ästhetische Briefe« wurden zusammen mit Kants und Reinholds Schriften -von einem Zirkel -- preußischer Husarenoffiziere, die am Rhein gegen -die Franzosen zu Felde lagen, eifrig studiert, demselben Kreise, in dem -später auch Schillers prächtiges Reiterlied aus »Wallensteins Lager« -»mit Enthusiasmus gesungen« wurde. - -Neben dem umgearbeiteten Aufsatz »Über das Erhabene« (S. 110) erschien -dann Ende 1795 und Anfang 1796 in den »Horen« als letzte ästhetische -Abhandlung Schillers die »_Über naive und sentimentalische Dichtung_«, -die für ihn eine »Brücke« zu der über dem Philosophieren der letzten -Jahre gänzlich zurückgetretenen »poetischen Produktion« darstellen -sollte. Diese regt sich nun endlich wieder, und zwar, gewissermaßen zum -Abschied von seiner philosophischen Epoche, in jenen _philosophischen -Gedichten_, die eine Vereinigung von tiefstem Gedankengehalt mit -schwungvoller, formvollendeter Sprache darstellen, wie sie seit -Platos Tagen nicht dagewesen war und vielleicht nur von Nietzsche, -wenigstens was die formale Seite betrifft, wieder erreicht worden -ist. Philosophische Lektüre und Erörterungen über sie, namentlich mit -dem neugewonnenen Freunde Goethe, der jetzt immer mehr an die Stelle -Körners tritt, kommen zwar auch in Zukunft noch vor, sind aber nicht -mehr das Ausschlaggebende. An den _Grundgedanken_ der kritischen -Philosophie hat er auch in diesem seinem letzten Lebensjahrzehnt, -sowohl gegenüber den älteren Gegnern Kants (Herder und seinem Kreis) -als auch den neuesten, über ihn hinausgewachsen sich dünkenden (Fichte, -Schelling, der Romantik überhaupt) festgehalten. Wir wenden uns nun -einer zusammenhängenden systematischen Betrachtung von Schillers -Philosophie zu, soweit eine solche möglich ist. - - - - -~D.~ Schillers Philosophie in der Reifezeit - - -1. Methodisches. Theoretische Philosophie - -Die erste Aufgabe der Philosophie muß eine _methodische_ sein: -reinliche Scheidung der drei Gedankenwelten, die dem Erkennen, dem -Wollen und der schaffenden Phantasie in unserer Seele entsprechen -und seit Platos Zeiten unter den populären Namen des Wahren, Guten -und Schönen jedem von uns bekannt sind; mit anderen Worten: der -_Wissenschaft_, _Sittlichkeit_ und _Kunst_. Dieser von Kant an den -Anfang aller philosophischen Arbeit gestellten methodischen Scheidung -stimmt auch Schiller sogleich in seiner ersten ästhetischen Abhandlung -»Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen« zu. Auch -er will die Kunst von ihren »ernsteren Schwestern« unterscheiden: der -durch den Verstand geleiteten Wissenschaft, der durch die Vernunft -geleiteten Sittlichkeit. Ebenso hat er von Kant gelernt, daß der -»Transzendental«-, also der kritische Philosoph »sich keineswegs dafür -ausgibt, die Möglichkeit der Dinge selbst zu erklären, sondern sich -damit begnügt, die Kenntnisse festzusetzen, aus welchen die Möglichkeit -der Erfahrung begriffen wird« (19. ästhetischer Brief). Er hat ferner -den idealistischen Kern von Kants Philosophieren wohl erfaßt, wenn -er dessen ganze theoretische Philosophie in den Satz zusammenfaßt: -»Die Natur steht unter dem Verstandesgesetz«, demnach weiß, daß die -sogenannten Naturgesetze von unserem Verstand selbst gefunden und -»gemacht« werden. Und er hat in seiner ersten großen und folgenreichen -philosophischen Unterredung mit Goethe, die wir bei diesem noch näher -kennenlernen werden, auch den grundlegenden Unterschied zwischen -Erfahrung und Idee in seiner ganzen Tiefe begriffen. - -So hat sich Schiller auch _theoretisch_ auf den Boden der kritischen -Philosophie gestellt. Allein für die genauere Aus- und Durchbildung -dieser allgemeinen Grundgedanken, für die Philosophie der -_Wissenschaft_ hat er sich, wohl schon infolge seiner Dichternatur, -weniger interessiert. Stand er doch namentlich den sichersten und -exaktesten Wissenschaften, die in Kants System eine so große Rolle -spielen, der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschaft, -ziemlich fremd gegenüber. Kants Philosophie ist ihm vielmehr in erster -Linie »geläuterte _Lebens_philosophie« gewesen. Er würde daher wohl -auch den bekannten Satz Fichtes unterschrieben haben: »Was für eine -Philosophie man wähle, hängt davon ab, was für ein _Mensch_ man ist.« - -Jedenfalls ist sein stoffliches Interesse in der Philosophie in erster -Linie auf deren praktischen Teil, d. h. auf die _Ethik_ und _Ästhetik_ -gerichtet; daneben werden wir seine _politisch_-philosophischen -Gedanken und seine, freilich stark in den Hintergrund tretende, -_Religions_philosophie zu betrachten haben. - - -2. Die Ethik - -Die Ethik oder wissenschaftliche Lehre der Sittlichkeit hat sich -allezeit vor ihrer Vermischung mit dem _Gefühl_ zu hüten gehabt. So eng -auch jedes sittliche Wollen mit einem Gefühl, sei es der Kraft oder -der Freiheit, sei es der Lust oder auch der Unlust, verbunden ist: es -darf nicht davon abhängig sein. Gewiß, ohne die Wärme und Weichheit des -Gefühls erscheint der Wille, und gerade der reinste und energischste -am meisten, hart und kalt; man spricht dann von einem eisernen oder -rauhen Willen, von starren, kalten, nüchternen Grundsätzen. Ebenso -wie man von bitteren oder grausamen Wahrheiten redet, wenn sie -langgehegte Lieblingsträume zerstören. Und so drängt sich denn echt -menschlich das _Lust_gefühl -- am verlockendsten in seinen feinsten -Gestalten, den geistigen Freuden und religiösen Gefühlen -- an das -reine, sittliche Wollen mit einer fast unwiderstehlichen Macht heran, -sucht ihm die Reinheit und Selbständigkeit zu rauben, die als etwas -Eingebildetes, Hohles, Unwirkliches hingestellt wird, das sich der -lebendigen Wirklichkeit der Gefühle beugen müsse. Oder auch es zu -überbieten, zur moralischen oder religiösen Schwärmerei zu übertreiben, -der auch der Schlaffste zuweilen gern sich hingibt, um nur, wie Lessing -seinen Nathan sagen ließ, »gut handeln nicht zu dürfen«. Diesem -Andringen des Gefühls und damit der Gefährlichkeit einer bloßen Lust- -oder Glückslehre gegenüber, die schließlich von den individuellen -und beliebigen Gefühlen jedes einzelnen abhängt, muß die Ethik ihre -Selbständigkeit zu wahren bestrebt sein, auf die Gefahr hin, als -»rigoristisch«, d. h. überstreng verschrien zu werden. - -Das ist denn auch der Kantischen Ethik, welche diese Züge trägt, -bis zum heutigen Tage oft genug, ja meist begegnet. Und es heißt -gewöhnlich, das philosophische Verdienst _Schillers_ bestehe darin, -den schroffen, sittlichen »Rigorismus« Kants »ästhetisch gemildert« -zu haben. Wir sind anderer Meinung, und wir können uns auch nicht der -Ansicht Kuno Fischers (allerdings nur in der _ersten_ Auflage seines -»Schiller als Philosoph«) anschließen, daß unser Dichter-Philosoph den -ästhetischen Gesichtspunkt anfangs _unter_, dann _neben_, zuletzt aber -_über_ den moralischen gestellt habe. Er hat vielmehr nicht bloß in -den ersten Zeiten seiner Kantbegeisterung, sondern auch später Kants -ethischen »Rigorismus« in dem von uns bezeichneten _methodischen_ Sinne -durchaus gebilligt. - -So behauptet er dem anders gearteten Goethe gegenüber in seinem großen -Bekenntnisbrief vom 28. Oktober 1794, daß der »rigoristische« Charakter -der kritischen Philosophie ihr in seinen Augen gerade Ehre mache. -Und dem Gefühlsphilosophen Schlosser, Goethes Schwager, der Kants -strenge Methode angegriffen hatte, liest er in einem Briefe an Goethe -vom 9. Februar 1798 gründlich genug den Text. Es sei unverzeihlich, -»daß ein Schriftsteller, der auf eine gewisse Ehre hält, auf einem -so reinlichen Feld«, wie es das philosophische durch Kant geworden -sei, »so unphilosophisch und unreinlich sich betragen darf«. Er und -Goethe wüßten doch auch, daß der Mensch auf der höchsten Stufe seiner -seelischen Tätigkeit selbst als ein »verbundenes Ganze« handle; darum -würde es ihnen aber doch niemals einfallen, dem Zergliedern und -Unterscheiden, »worauf alles Forschen beruht«, in der Philosophie den -Krieg zu machen, wie ja auch der Chemiker die Synthesen der Natur -absichtlich und künstlich aufhebe. Aber »diese Herren Schlosser« wollen -sich auch durch die Metaphysik hindurch »riechen und fühlen«, wollen -»das Physische vergeistigen und das Geistige vermenschlichen«. Und bald -darauf, am 2. März, wird auch die Anwendung auf Ethik und Ästhetik -gemacht. Es sei bemerkenswert, daß »die Schlaffheit über ästhetische -Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden zeigt«, und -daß umgekehrt »das reine Streben nach dem hohen Schönen«, also reine -und strenge Ästhetik, bei aller Duldsamkeit gegen die menschliche -Natur, dennoch »den Rigorismus im Moralischen, mithin reine und strenge -Ethik« mit sich führen werde. - -Die Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, das »Heroische« -(Kühnemann), lag ja eigentlich von Anbeginn in Schillers Natur. Schon -die Schulrede des Neunzehnjährigen hatte den stoischen Gedanken -vertreten, daß das Sittliche im Kampfe sich am besten bewähre. Wir -erinnern ferner an die Gedichte »Kampf« und »Resignation« (S. 102). -Auch in seinen ästhetischen Abhandlungen tritt sie von Anfang an -hervor. Gleich in der ersten vom Januar 1792 finden sich Gedanken wie: -Das Prinzip der Sittlichkeit erfordert eine von jeder Naturkraft, -also auch von moralischen Trieben unabhängige Vernunft; das sittliche -Verdienst nimmt in umgekehrtem Grade ab, wie Lust und Neigung zunehmen; -das höchste moralische Vergnügen wird jederzeit von Schmerz begleitet -sein. Ebendeshalb seine Vorliebe für die Tragödie! Aber die gleiche -methodische Anschauung bleibt auch späterhin herrschend. Wir verweisen -auf die zahlreichen Belegstellen in unserem »Kant -- Schiller -- -Goethe« und heben hier nur die wichtigsten hervor. - -In dem noch nicht von uns erwähnten Aufsatz »_Über die notwendigen -Grenzen beim Gebrauch schöner Formen_« erklärt er, daß die moralische -Bestimmung des Menschen »völlige Unabhängigkeit des Willens von allem -Einfluß sinnlicher Antriebe erfordere«, während die, noch heute von so -vielen Über-Modernen verkündete, _ästhetische_ Moral die »große Gefahr« -in sich berge, daß der Ernst der moralischen Gesetzgebung sich nach -dem Interesse der Einbildungskraft richte und so -- ein Kantischer -Ausdruck! -- »die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet« werde. Die -Sinnlichkeit wird als der »natürliche innere Feind aller Moralität« -bezeichnet (»Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«), vor -dem wir uns in die heilige Freiheit der Geister (»Über das Erhabene«) -in die unbezwingliche Burg unserer moralischen Freiheit (»Über das -Pathetische«), in den heiteren Horizont der sittlichen Ideen (»Über die -tragische Kunst«), in die Freiheit der Gedanken (»Ideal und Leben«) -flüchten müssen. Ja, der letzte (24.) der »Briefe über die ästhetische -Erziehung des Menschen«, die doch gewiß den ästhetischen Gesichtspunkt -so hoch wie möglich stellen, bezeichnet ausdrücklich »alle ... -Glückseligkeitssysteme, sie mögen den heutigen Tag oder das ganze -Leben oder, was sie um nichts ehrwürdiger macht, die _ganze Ewigkeit_ -zu ihrem Gegenstand haben«, als »bloß« einem »Ideal der _Begierde_« -entsprungen, »mithin einer Forderung, die nur von einer ins Absolute -strebenden _Tierheit_ kann aufgeworfen werden«. Hier wird sogar Kants -»Rigorismus« von dem Dichter-Philosophen noch übertroffen! - -Kurz, wir dürfen als das Ergebnis dieser Erörterungen über Schillers -Stellung zu Kants reiner Ethik seinen Satz aus »Anmut und Würde« -bezeichnen: »Über die Sache selbst kann nach den von Kant geführten -Beweisen unter denkenden Köpfen, die überzeugt sein wollen, kein -Streit mehr sein, und ich wüßte kaum, wie man nicht lieber sein ganzes -Menschensein aufgeben, als über diese Angelegenheit ein anderes -Resultat von der Vernunft erhalten wollte.« - -Freilich, das ganze und volle Menschentum ist mehr als bloße Ethik. -»Die menschliche Natur«, sagt der Dichter in Schiller, »ist ein -verbundeneres Ganze in der Wirklichkeit, als es dem Philosophen, der -nur durch Trennen etwas vermag, erlaubt ist, sie erscheinen zu lassen.« -Die reine Ethik, das hat Schiller nirgends verhehlt, bedarf in ihrer -Anwendung auf den wirklichen, vollen Menschen einer _Ergänzung_ nach -der Seite des _Gefühls_. Diese Gefühlsergänzung kann auf zweierlei -Weise erfolgen: durch die _Ästhetik_ und durch die _Religion_. Die -letztere Lösung hat er nur angedeutet, die erstere dagegen, die seiner -Dichternatur zumeist am Herzen lag, in breiter Ausführung gegeben. Ihr -wenden wir uns zunächst zu. - - -3. Die ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene und das -Sittlich-Schöne - -Wenn strenge methodische Scheidung der verschiedenen Richtungen -menschlichen Bewußtseins auch die erste Aufgabe einer Philosophie als -Wissenschaft ist, so darf es doch dabei nicht sein Bewenden haben. -Wenn und nachdem Selbständigkeit und Eigentümlichkeit der einzelnen -Gebiete durch ihre methodische Isolierung gesichert sind, können, -ja müssen nunmehr die Verbindungsbrücken geschlagen werden. Das -verbindende Element aber, das zunächst ferngehalten werden mußte, -damit sie, damit Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst ihre Reinheit -nicht verloren, ist das _Gefühl_. Ein Sittenwesen ohne Gefühl wäre ein -leerer Schemen ohne Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem -Blut. Und mag es auch das Vorrecht des Dichters sein, diesen »Quell aus -verborgenen Tiefen« in seiner ganzen Allgewalt darzustellen, so ist es -doch nicht, wie Schiller einmal sagt, »die Dichtung beinahe allein, -welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt, -welche ... gleichsam den _ganzen Menschen_ in uns wiederherstellt«. -Die Philosophie hat vielmehr dasselbe Interesse daran. Ist doch -ohne das Gefühl keine Anwendung des durch die rein formale Methode -gefundenen obersten Sittengesetzes auf den wirklichen Menschen, -dies sinnlich-vernünftige Mischwesen, kurzum keine angewandte Ethik -möglich. Schon indem wir es als Triebfeder unseres Handelns denken, -wird notwendig ein Gefühl mitgedacht. Dadurch nun, daß die Sittlichkeit -gefühlt wird, tritt sie in den Bereich der _Ästhetik_. Die beiden -ästhetischen Grundbegriffe aber, wenigstens zu Kants und Schillers -Zeiten, waren das Erhabene und das Schöne. - -Die Form, unter der das Sittliche unserem Gefühl _zunächst_ erscheint, -ist das - - -Sittlich-Erhabene - -Mit Recht konnte Kant unserem Dichter an jener einzigen Stelle, wo er -ihn in seinen Schriften behandelt hat,[16] zurufen: daß das Gefühl des -Erhabenen unserer eigenen Bestimmung »uns mehr hinreiße als alles -Schöne«, und daß Herakles »erst nach bezwungenen Ungeheuern« in den -Olymp emporsteige, um hier Führer der Musen zu werden. Wem konnte -eine solche Lehre sympathischer sein als Schiller, dem »Prediger der -Freiheit«, wie Goethe ihn einmal, in bewußtem Gegensatz zu sich selber, -charakterisiert. Und wenn derselbe Goethe an anderer Stelle von dem -toten Freunde sagt: »Die Kantische Philosophie, die den Menschen so -hoch _erhebt_, indem sie ihn einzuengen scheint, hatte er mit Freuden -in sich aufgenommen«, so hatte er gerade dasjenige mit einem treffenden -Worte gekennzeichnet, was die Ähnlichkeit beider Persönlichkeiten, die -auch Körner auffiel, ausmacht, die auf ihrem vorzugsweise sittlichen -Charakter beruht. Daher auch Schillers Vorliebe für die _Tragödie_, -deren Begriff er ausdrücklich aus der Lust am moralisch Zweckmäßigen -abgeleitet und im Zusammenhang mit dem Erhabenen entwickelt hat. -Goethes Lieblingscharaktere (wir denken dabei etwa an Gretchen und -Klärchen, Egmont und Faust) handeln nach dem Affekt, sagt Gervinus -einmal, diejenigen Schillers (Verrina, Posa, Max Piccolomini) nach dem -kategorischen Imperativ der Pflicht. - -Dieser Grundrichtung des _Dichters_ Schiller, im _Sittlichen_ den -würdigsten Stoff für die vollendete Kunstform zu suchen, entspricht -auch sein philosophisches Verhalten. Wie stark er gerade von Kants -Begriff des _Erhabenen_ gepackt wurde, beweist schon die äußere -Tatsache, daß die Mehrzahl seiner ästhetischen Aufsätze mit ihm, und -zwar vorzugsweise dem Sittlich-Erhabenen, sich beschäftigt. Die beiden -Abhandlungen über das Tragische, die beiden Vom und Über das Erhabene, -der größte Teil der »Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene -ästhetische Gegenstände«, der zweite Teil von »Anmut und Würde« -gehören hierher: während der Entwicklung des Begriffs des _Schönen_ -eigentlich nur die »Anmut« und die »Ästhetischen Briefe« dienen, die -hier nicht genannten Aufsätze aber beide Begriffe ungefähr gleich stark -berücksichtigen. Wir begnügen uns daher vorläufig mit diesen kurzen -Ausführungen, zumal da wir später noch einmal auf die Vereinigung -beider zurückzukommen haben. - -Schon im Erhabenen liegt, wie widerspruchsvoll es im ersten Augenblick -auch klingen möge, das Schöne verborgen. Denn in das demütigende -Gefühl unserer Unterwerfung unter das Sittengesetz mischt sich bereits -ein Gefühl des Stolzes und der Lust darüber, daß wir selbst in unserem -eigenen Inneren die Idee dieses obersten Gesetzes unseres Handelns -erzeugt haben, daß wir somit unsere eigenen Gesetzgeber (»autonom«), -daß es unsere eigene Persönlichkeit, unser »besseres Selbst« ist, -dem wir nach Kant im »freien Selbstzwang« gehorchen. Jetzt steht das -Göttliche, d. i. das Gute, nicht mehr in feierlicher Majestät vor -unseren Augen, sondern es steigt hernieder von seinem Weltenthron in -die Tiefe unseres Herzens. - - »Des Gesetzes strenge Fessel bindet - Nur den Sklavensinn, der es verschmäht, - Mit des Menschen Widerstand verschwindet - Auch des Gottes Majestät.« - -Nunmehr werden Sittlichkeit und »Natur« einander vermählt, die Natur -ist sittlich geworden und das Sittliche erscheint als Natur: beide -zusammen machen erst den ganzen vollendeten Menschen aus. Das ist das -Ideal des - - -Sittlich-Schönen, - -das zwar, wie wir an anderem Orte nachgewiesen haben, bei Kant nicht -völlig fehlte, aber erst von Schiller in seiner ganzen Herrlichkeit -uns vor Augen gestellt worden ist. Es erinnert an das altgriechische -»Schön-und-Gute«, aber die dort -- außer bei Plato -- und dann -wieder in der Renaissance hervortretende Vermischung beider ist -jetzt vermieden, die unbewußte Naivität vertieft durch das sittliche -Bewußtsein. Die Kultur soll uns -- ein von Kant übernommener Gedanke! --- auf dem Wege der Vernunft und Freiheit zurückführen zur wahren und -echten Natur und Menschlichkeit: ein Gedanke, der übrigens in der -ganzen, von Rousseau durchtränkten Zeit liegt und dem wir ja auch bei -Herder begegneten. - -Wie der Gegensatz, so lag auch das Streben nach einer _Harmonie_ -zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit von Anfang an in Schillers -Natur. Wir haben es schon in seiner »Philosophie der Physiologie«, in -seinem Begriff der »Mittelkraft« kennengelernt. Und ebenso klingt es -aus zahlreichen Gedichten, dramatischen Stellen und Briefen wieder. -Von seinen philosophischen Abhandlungen behandelt »_Anmut und Würde_« -eben dieses Problem. Die sinnliche Natur des Menschen, heißt es hier, -ist seiner »reinen Geistesnatur« beigesellt nicht als Last, die er -abwerfen, oder als »grobe Hülle«, die er abstreifen soll -- wie es oft -genug mystische Verzückung oder mönchische Askese gefordert und zu -üben versucht hat --, sondern »um sie aufs innigste mit seinem höheren -Selbst zu vereinbaren«. An dieser Stelle glaubt er denn auch zum ersten -Male Kant _entgegen_treten zu müssen, dessen Moralphilosophie »die -Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen habe, die alle Grazie -davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen -könnte, auf dem Wege einer finsteren und mönchischen Asketik die -moralische Vollkommenheit zu suchen«. Sicherlich würde eine solche -»Mißdeutung« dem »heiteren und freien Geist« des »großen Weltweisen« -unter allen »die empörendste« sein; indes habe doch er selbst durch die -»strenge und grelle Entgegensetzung« beider Prinzipien (_Pflicht_ und -_Lust_) einen »starken, obgleich bei seiner Absicht vielleicht kaum zu -vermeidenden Anlaß dazu gegeben«. - -Schon die beschränkenden Zusätze zeigen, daß er Kant persönlich in -Schutz nehmen will, der überdies die teils in »grobem Materialismus«, -teils in »nicht weniger bedenklichen Perfektionsgrundsätzen« -(»Vervollkommnungs«-Moral) aufgehende Zeitmoral unnachsichtlich habe -angreifen und deshalb der harte »Drako« seiner Zeit habe werden -müssen, weil sie ihm des weisen und milden »Solon« »noch nicht wert -und empfänglich schien«. Aber, fährt er fort, »womit hatten es die -Kinder des Hauses verschuldet, daß er nur für die Knechte sorgte?« -Weil der moralische Weichling dem Gesetz der Vernunft gern eine -Laxheit geben möchte, die es zum Spielball seines Beliebens macht, -mußte ihm deshalb eine Starrheit beigelegt werden, welche »die -kraftvolle Äußerung moralischer Freiheit nur in eine rühmlichere -Art von Knechtschaft verwandelt«? Wir wollen hier nicht näher auf -Kants Verteidigung eingehen, der gerade auf diesen Punkt in seiner -»Religion innerhalb usw.« erwiderte und auch seinerseits eine frohe -und mutige, nicht ängstlich-sklavische Gemütsstimmung als das der -Tugend eignende Temperament angesehen wissen wollte. Inwieweit auch er -das Sittlich-Schöne anerkennt, haben wir an anderem Orte (»Kant -- -Schiller -- Goethe«, S. 94 bis 107) ausführlich dargelegt. Hier haben -wir es nur mit Schillers Entwicklung der sittlichen Schönheit zu tun, -die sich auf die Beschaffenheit des Menschen als »vernünftig-sinnlichen -Wesens« gründet. - -Nach Schiller muß des Menschen sittliche Denkart aus seiner »gesamten« -Menschheit hervorquellen, sie muß ihm zur _Natur_ geworden sein. -Denn »der bloß niedergeworfene Feind kann wieder aufstehen, aber -der versöhnte ist wahrhaft überwunden«. Hiergegen läßt sich meines -Erachtens der Einwand machen, daß der wirkliche Mensch, wie er _ist_, -mit allen seinen Schwächen, eben immer wieder jenes »Aufstehens« -bedarf, weil er das Ideal der »_schönen Seele_«, die Schiller als das -»Siegel der vollendeten Menschheit« preist, in der Tat nie erreicht. -Wie denn Schiller selbst am Anfang des Abschnitts über »Würde« -zugesteht, daß jene »Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner -Humanität, bloß eine _Idee_« ist, »welcher gemäß zu werden er mit -anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung -nie ganz erreichen kann«. Also ist doch auch die schöne Seele bloß -ein schönes Ideal, und es ist vom methodischen Standpunkt aus gesehen -sogar gefährlich, wenn Schiller in diesem Zusammenhang zugunsten der -Sinnlichkeit anführt, sie erst leihe dem sittlichen Menschen »das ganze -Feuer ihrer Gefühle« zu dem »Triumph, der über sie selbst gefeiert -wird«. Denn was ist nicht schon alles in der Weltgeschichte, namentlich -in Religion und Politik, mit dem »Feuer der Gefühle« gerechtfertigt -worden! - -Aber _ein_ tiefer und schöner Gedanke liegt sicher im Begriff der -»schönen Seele«, nämlich, daß der Mensch »nicht dazu bestimmt ist, -_einzelne_ sittliche _Handlungen_ zu verrichten, sondern ein sittliches -Wesen zu sein«, wie Schiller es in dem bekannten Doppelvers ausgedrückt -hat: - - »Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen - Zahlen mit dem, was sie _tun_, edle mit dem, was sie _sind_.« - -Eine solche Seele weiß auch gar nicht um ihre eigene Schönheit: »mit -einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt (!) aus ihr handelte« -- -freilich wieder ein gefährlicher Vergleich --, »übt sie der Menschheit -peinlichste Pflichten aus«. Die Sinnlichkeit sieht jetzt nicht mehr -am Vernunftgesetz schwindelnd empor, sondern der Gesetzgeber selbst, -nämlich der »Gott in uns«, hat sich zum Sinnlichen herabgeneigt und -sieht sich befriedigt durch »die Übereinstimmung des Zufälligen der -Natur mit dem Notwendigen der Vernunft«. Das in dem aus Lust und Unlust -gemischten Gefühl der _Achtung_ angespannte Gemüt kommt zur Auflösung, -Ruhe und Harmonie in dem ungemischten Gefühl der _Liebe_. - -Soweit die philosophische Erörterung in »Anmut und Würde«. Es würden -sich dazu selbstverständlich noch zahlreiche Parallelstellen aus -anderen Abhandlungen, namentlich aus den Briefen über ästhetische -Erziehung, die ja gerade diesen ästhetischen Zustand zum pädagogischen -Endziel machen, sowie aus den Bruchstücken der Vorlesungen über -Ästhetik, aus den Gedichten und den Briefen beibringen lassen. Unter -den letzteren möchten wir den Leser besonders auf zwei hinweisen. -Einmal auf den schon in anderem Zusammenhang erwähnten vierzehn -Seiten langen Brief an Körner vom 18. Februar 1793, wo unter anderem -in Anknüpfung an eine der Geschichte vom barmherzigen Samariter -verwandte Erzählung der Unterschied einer gutherzigen, nützlichen, -rein moralischen, großmütigen und sittlich-schönen Handlung beleuchtet -wird. Und auf den zehn Tage später an denselben Freund gerichteten -Brief, der ein wundervolles Gleichnis, das wir ähnlich auch in -Vischers »Auch einer« gefunden zu haben uns erinnern, zu unserem Thema -bringt. Einen Vogel im Fluge nennt dort der Dichter »die glücklichste -Darstellung des durch die _Form_ bezwungenen _Stoffes_, der durch die -Kraft überwundenen _Schwere_«. Die Schwerkraft verhalte sich nämlich -»ungefähr ebenso gegen die lebendige Kraft des Vogels, wie sich bei -reinen Willensbestimmungen die Neigung zu der gesetzgebenden Vernunft -verhält«. Der Adler also, der durch den reinen Äther, die Wolken unter -sich (bei Vischer: ~nunc pluat~, jetzt möge es regnen!) der Sonne -zuschwebt, ist an sich das Symbol des Erhabenen, und Flügel werden als -»Symbol der Freiheit« gebraucht. Er stellt aber zugleich auch den Sieg -der _reinen Schönheit_ dar, denn »Schönheit nehmen wir überall wahr, wo -die Masse von der Form und ... von den lebendigen Kräften ... völlig -beherrscht wird«. - -Dem entspricht dann genau, um von anderen Gedichten zu schweigen, die -vielleicht durch jenes Kantische Gleichnis von Herakles als »Musaget« -(Führer der Musen) im Olymp angeregte herrliche Schlußstrophe der Krone -von Schillers Gedankenlyrik »Das Ideal und das Leben«, welche die -»Himmelfahrt« des von seinen Erdenleiden erlösten Herakles und seine -Begrüßung durch Hebe, die Göttin der ewigen Jugend, schildert: - - »Bis der Gott, des Irdischen entkleidet, - Flammend sich von Menschen scheidet - Und des Äthers leichte Lüfte trinkt. - Froh des neuen, ungewohnten Schwebens - Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens - Schweres Traumbild sinkt -- und sinkt -- und sinkt. - Des Olympus Harmonien empfangen - Den Verklärten in Kronions Saal, - Und die Göttin mit den Rosenwangen - Reicht ihm lächelnd den Pokal.« - - -4. Stellung zu Griechentum und Christentum und zur Religion überhaupt - -Mit Gedankengängen wie dem letzten befinden wir uns ganz im Banne -griechischer, genauer allerdings _neu_hellenischer Anschauungen, wie -sie der Humanitätsstandpunkt unserer Klassiker: Lessing und Herder, -Schiller und Goethe, wenn auch bei den einzelnen in verschiedenem Maße -und verschiedener Färbung, enthält. Wie sollen wir Heutigen uns dazu -stellen? - -Gewiß, auch das Sittliche darf den Menschen nicht von seiner -natürlichen Grundlage lösen wollen. Weltflüchtiges, sinnen- -und schönheitsfeindliches Mönchtum, sei es buddhistisches oder -christliches, das in allem Sinnlichen nur Sünde sieht und daher einen -aufs schärfste zu bekämpfenden Feind in ihm erblickt, kann nicht das -Ideal eines mit Fleisch und Blut bekleideten Wesens sein, das eine -gleichmäßig harmonische Ausbildung _aller_ seiner Fähigkeiten erstrebt. -Noch nie ist, nach einem bekannten Spruche des römischen Dichters -Horaz, die Natur gewaltsam unterdrückt worden, ohne sich dafür zu -rächen. So gesehen, war es eine Art Akt geschichtlicher Notwendigkeit, -daß aus der Mönchszelle selbst Luther, der Befreier vom Mönchtum, -erstand. Die natürlichen Neigungen sind, auch nach dem Urteil eines so -strengen Ethikers wie Kant, an sich keineswegs etwas Böses; sie müssen -nur in die Bahn des Guten gelenkt werden, damit das Gefühl, das zur -wahren Freudigkeit des sittlichen Handelns unentbehrlich ist, um mit -Schiller zu sprechen, »eifrige Teilnehmerin an der reinen Sittlichkeit« -wird. - -Trotz alledem vermögen wir, scheint mir, heute zu jenem hellenischen -Harmoniegefühl, jenem optimistischen Glauben an die Güte alles -Natürlichen, jener lebensfrohen Schönheitsreligion, wie sie das -Zeitalter des Perikles beseelte, dann nach zwei Jahrtausenden noch -einmal im lebensfrohen Geiste der Renaissance und des Humanismus zum -Ausdruck kam und auch noch in einzelnen philosophischen Nachzüglern des -achtzehnten Jahrhunderts, wie Shaftesbury, lebendig wurde, ebensowenig -zurückkehren wie zu der glücklichen Naivität unseres Kindesalters. -Und wenn selbst in dem schönheitsdurstigen Volke der alten Griechen --- wobei wir von der Volks- und Mysterienreligion ganz absehen -wollen -- ein Xenophanes, ein Sokrates und vor allem, bei all seinem -Schönheitsgefühl, ein Plato zur reinen Geistigkeit hinstreben, so ging -es mit jenem naiven Sich-eins-fühlen von Natur und Sittlichkeit erst -recht zu Ende, seitdem das _Christentum_ mit seinem Sündenbewußtsein in -die Welt trat, das nun kaum mehr auszurotten ist. - -Und hat es, auch von einem ganz undogmatischen und unkirchlichen -Standpunkt aus, der für uns selbstverständlich ist, wirklich so -unrecht damit? Wir verstehen dabei unter der »Sünde« freilich kein -mystisch-religiöses Gefühl, sondern den _Egoismus_, der nur den eigenen -Vorteil sucht, anstatt sich dem Ganzen hinzugeben, den Eigenwillen, -den »zu bändigen« Schiller selbst im »Kampf mit dem Drachen« als »der -Pflichten schwerste« bezeichnet hat. Trotzdem gibt er doch in einem -Brief an Goethe vom 9. Juli 1796, im Anschluß an seine Beurteilung -von dessen »Wilhelm Meister«, Goethe recht: »Die _gesunde_ und -_schöne Natur_ braucht keine _Moral_« und, wie er hinzusetzt, auch -keinen _Gott_ und keine _Unsterblichkeit_, die für die »_ästhetische -Geistesstimmung_« seines Erachtens »nie zu ernstlichen Angelegenheiten -und Bedürfnissen werden können«. Aber wo gibt es, fragen wir, solche -Naturen, die ohne inneren Kampf durch den bloßen Instinkt des Gefühls -in allen Fällen von selber das Richtige treffen? Sagt doch Schiller -selbst zu Anfang seines »Ideal und Leben«, daß die »Vermählung« von -»Sinnenglück« und »Seelenfrieden« nur dem olympischen Zeus gegeben -sei, während dem Menschen zwischen beiden »nur die bange Wahl« bleibe. -Und hat gerade er doch in seinen Dramen keine rein harmonische »schöne -Seele«, wie Goethe in seiner Iphigenie oder der Prinzessin im »Tasso«, -zu schaffen vermocht, sondern gerade in seinen hervorragendsten -Frauengestalten, wie Maria Stuart, Johanna, Thekla, die Erhebung -des »schönen« Charakters zu sittlicher Größe dargestellt. Die reine -Harmonie mag uns als schönes Ideal vorleuchten, fürs Leben taugt der -sittliche Kampf. - -Schiller und noch stärker, wie wir gleich hinzufügen können, -Goethe stehen jedenfalls _mehr_ auf der Griechenseite und gegen -das Christentum. Daher auch ihre Unzufriedenheit mit dem von Kant -angenommenen »Hang zum radikalen Bösen in der Menschennatur«. Die -Griechen dagegen erscheinen ihm als Muster jener ungebrochenen Einheit -und Ganzheit des Menschenwesens: »Zugleich voll Form und voll Fülle, -zugleich philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch, -sehen wir sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der -Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigen.« - -Bei dieser Gelegenheit einige Bemerkungen über Schillers Verhältnis zur -_Religion_ überhaupt. Wir haben schon früher bemerkt, daß von einem mit -schweren inneren Kämpfen verbundenen schroffen Bruch mit den biblischen -Jugendanschauungen in des Dichters religiöser Entwicklung nichts zu -merken ist. Die Stellung des reifen Schiller zur Religion kennzeichnet -sich am kürzesten durch sein bekanntes Distichon, das »Mein Glaube« -überschrieben ist: - - »Welche Religion ich bekenne? -- Keine von allen, - Die du mir nennst! -- Und warum keine? -- _Aus_ Religion!« - -Daraus ergibt sich eine Ablehnung aller sogenannten »positiven« -Religionsbekenntnisse aus reinem, das »Göttliche« mit dem _Guten_ -gleichsetzendem Religionsgefühl, stärker fast noch als bei Lessing -und Herder. Es ist daher auch unglaublich töricht, wie es zuweilen -geschieht, aus seiner »Jungfrau von Orleans« oder »Maria Stuart« -- -im ersten Falle aus der sympathischen Charakterisierung der frommen -Titelheldin, im zweiten aus der schwärmerischen Schilderung des -katholischen Kultus durch den jungen Fanatiker Mortimer -- eine -»Verherrlichung« der römischen Kirche herauszulesen. Gerade so töricht, -nebenbei bemerkt, wie die der mittelalterlich-feudalen Anschauung des -Ritters Dunois entsprechende: - - »Für seinen König muß das Volk sich opfern, - Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt« - -als Schillers persönliche politische Ansicht auszugeben. - -Er stand seiner ganzen Bildung und Gesinnung nach hoch über -konfessionellen Gegensätzen und wußte daher beiden ihr historisches -und ästhetisches Recht zu geben, wobei in letzterem Falle der -englisch-schottische Kalvinismus natürlich ungünstig abschneiden mußte. - -Bezeichnend für seine ablehnende Stellung zum kirchlichen Christentum -waren schon seine »Götter Griechenlands«, ist aus der späteren Zeit -sein Urteil über Kants Religionsschrift von 1792, die aus Rücksichten -auf die preußische Zensur in Jena gedruckt und von dem eifrig -interessierten Dichter schon vor Vollendung des Drucks eingesehen -wurde. Mit Kants freier, sinnbildlicher bezw. moralischer Auslegung -der christlichen Lehren von der Erlösung, vom Logos, von Himmel -und Hölle, vom Reiche Gottes erklärt er sich zwar einverstanden. -Aber radikaler als Kant und sein Freund Körner, hegt er Bedenken -gegen den pädagogischen Zweck, den der Philosoph in dieser Schrift -mit ihrer Anknüpfung der »Resultate des philosophischen Denkens an -die -- Kindervernunft (!)« verfolge: nämlich »das Vorhandene nicht -_wegzuwerfen_, solange noch ein Nutzen davon zu erwarten sei, sondern -es vielmehr zu _veredeln_«. Die sogenannten »Religionsverteidiger« -würden bei ihrer bekannten Beschaffenheit, wie er sich recht -sarkastisch äußert, seine »Unterstützung annehmen«, seine -»philosophischen Gründe aber wegwerfen«; so habe »Kant dann weiter -nichts getan, als das morsche Gebäude der Dummheit geflickt«. So scharf -stand Schiller der Orthodoxie gegenüber. - -Auch über das Verhältnis der Religion zur Ethik äußert er sich zur -selben Zeit in der Abhandlung »Vom Erhabenen« ziemlich absprechend: -»Nur die _Religion_, nicht aber die _Moral_ stellt Beruhigungsgründe -für unsere Sinnlichkeit auf. Die Moral befolgt die Vorschrift der -Vernunft unerbittlich und ohne alle Rücksicht auf das Interesse unserer -Sinnlichkeit; die Religion aber ist es, die zwischen den Forderungen -der Vernunft und dem Anliegen der Sinnlichkeit eine Aussöhnung, eine -Übereinkunft zu stiften sucht.« Ebenso in einer aus 1794 stammenden -Äußerung zu einer Kritik seines auch von uns bereits (S. 102) berührten -Jugendgedichts »Resignation«: »So (d. h. sich in ihrer Rechnung -betrogen zu sehen) kann und soll es jeder Tugend und jeder Resignation -ergehen, die bloß deswegen ausgeübt wird, weil sie in einem anderen -Leben gute Zahlung erwartet. Unsere moralischen Pflichten binden uns -nicht kontraktmäßig, sondern unbedingt. Tugenden, die bloß gegen -Assignation an künftige Güter ausgeübt werden, taugen nichts. Die -Tugend hat _innere_ Notwendigkeit, auch wenn es kein anderes Leben -gäbe. Das Gedicht ist also nicht gegen die wahre Tugend, sondern nur -gegen _die_ Religionstugend gerichtet, welche mit dem Weltschöpfer -einen Akkord schließt und gute Handlungen auf Interessen ausleiht, und -diese interessierte Tugend verdient mit Recht jene strenge Abfertigung -des Genius.« - -Entgegenkommender spricht sich ein Brief an Goethe vom 17. August -1795 im Anschluß an eine Besprechung der »Bekenntnisse einer schönen -Seele« in »Wilhelm Meister« aus: »Ich finde in der christlichen -Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und -die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß -deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen -dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentümlichen Charakterzug -des Christentums, der es von allen monotheistischen Religionen -unterscheidet, so liegt er in nichts anderem als in der Aufhebung -des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das -Christentum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also -in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der -Menschwerdung des Heiligen und in diesem Sinne die einzige ästhetische -Religion.« Worauf dann freilich die beißende Schlußbemerkung folgt: -»Daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der -weiblichen Natur so viel Glück gemacht und nur in Weibern noch in einer -gewissen erträglichen Form angetroffen wird.« - - -5. Zusammenfassung und Ergebnisse - -Doch kehren wir noch einmal zu unserm Hauptthema zurück: Genügt die -bloß _ästhetische_ Gemütsstimmung »schöner« Sittlichkeit wirklich zu -einer uns völlig befriedigenden Weltanschauung? Können Sittlichkeit -und Menschennatur in der Tat restlos ineinander aufgehen? Wir meinen: -Auf die Dauer _nein_!, und berufen uns dabei auf das Urteil aller -erfahrenen Menschenkenner, unter anderem auch auf das in Kants -»Anthropologie« zitierte eines so wenig christlich Denkenden wie -Friedrich der Große »von der verfluchten Rasse, der wir angehören«. -Der Riß zwischen Sein und Sollen, Wirklichkeit und Ideal besteht nun -einmal, so gewiß wie das Schlechte, andere sagen: die Schwachheit -der menschlichen Natur. Und solange das Böse nicht ausstirbt, darf -auch der Kampf dagegen nicht aufhören, ist immer neue Erhebung, -tägliche »Wiedergeburt« des Guten in uns notwendig. Mögen wir uns -zeitweise in jenen Zustand vermählter Natur (»Sinnenglück«) und -Sittlichkeit (»Seelenfrieden«) versetzen können: er hält nicht -dauernd stand vor den tausend Widerwärtigkeiten des Lebens. In -Lagen, wo wir die moralische Feuerprobe bestehen müssen, reicht das -Natürliche, auch in seiner veredelten Gestalt als Sittlich-Schönes -nicht aus; das Sittlich-Erhabene muß hinzutreten, uns emporziehen in -die unbezwingliche Burg unseres besseren Selbst. Schönheit ist, im -Körperlichen wie im Seelischen, allzu häufig nicht gepaart mit Stärke. - -Lassen sich ferner mit schöner Sittlichkeit, mit den edlen Neigungen -des Mitleids (Schopenhauer) und der Sympathie (Shaftesbury) allein die -großen _öffentlichen_ Aufgaben in _Staat_ und Gesellschaft lösen? Nein. -Der reine »Ästhet« neigt zur ruhigen Betrachtung der Dinge anstatt -zur Tat, zu beschaulichem Selbstgenuß statt des Wirkens für andere, -trägt daher einen ausgesprochen geistesaristokratischen, dagegen -unpolitischen und unsozialen Charakter. Doch wir werden auf Schillers -Verhältnis zum _Staat_ noch besonders zu sprechen kommen. Jedenfalls -fordert das Sittengesetz der Pflicht andere Taten von uns als das -Schwelgen in Gefühlen. Das Ideal der Pflanze, das der lyrischen, am -liebsten in sich selbst ruhenden Natur Herders so zusagte, eignet sich -nicht zum Vorbild für den Menschen, der nicht zum Vegetieren, sondern -zum Handeln geboren ist. Schiller, der in Kants Schule gegangen war, -setzt darum in seinem Distichon »Das Höchste« bezeichnenderweise ein -»wollend« hinzu; denn er wußte, daß im Gegensatz zur »ganzen Natur« -der Mensch »das Wesen ist, welches _will_«. Auch die Tatsache, daß er -in »Anmut und Würde«, übrigens auch darin Kant folgend, _Anmut_ als -besonderen Ausdruck der _weiblichen_ Tugend darstellt, die sich nach -seiner Meinung »selten zu der höchsten Idee sittlicher Reinheit erhebt -und es selten weiter als zu affektierten (gefühlsmäßigen) Handlungen -bringt«, beweist, daß sie dem Dichter nicht als Kennzeichen des -vollen Menschen gilt, wie andererseits freilich auch nicht allein die -»_Würde_« des _Mannes_. - -Mit einem Worte: Erhabene und schöne Sittlichkeit besitzen _beide_ -ihren eigenen Wert. Keine Harmonie ohne voraufgegangenen Kampf, aber -das Ziel des Kampfes Harmonie! Will dagegen ein jedes von beiden für -sich allein alles bedeuten, so wird es notwendig einseitig, wie das die -großen geschichtlichen Erscheinungen gezeigt haben. Der christliche -Dualismus traut der menschlichen Natur zu wenig zu und ist deshalb oft -sinnen-, ja menschenfeindlich geworden. Selbst ein Luther, der doch -ein neues, weltförmiges Christentum stiften wollte, verzweifelt an der -eigenen Vernunft und Kraft. Das alte Griechentum dagegen und seine -Wiedergeburt in der Zeit der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts -und wiederum in der Zeit unserer klassischen Dichtung traut ihr zuviel -zu, wenn es allen Halt und Maßstab in das souveräne Belieben des -Einzelmenschen verlegt. Was soll nun unser sittliches Zukunftsideal -sein? Um es einmal mit F. A. Lange in religiös-ästhetischem Bilde -auszudrücken: erhabene Domeshallen mit himmelanstrebenden Türmen -oder die klassisch-schönen Säulenordnungen hellenischer Tempel? Ich -denke, viele von uns werden doch mit dem Sozialisten Lange neben jenem -heiteren Tempel der Freude wenigstens eine »gotische Kapelle« für -»bekümmerte Gemüter« schon im Hinblick auf das soziale Elend nicht -entbehren wollen. Die moderne Ethik sollte meines Erachtens beide -Elemente, das antike Harmoniegefühl und den sittlichen Idealismus der -Tat, der sich umsetzt in kräftiges politisch-soziales Handeln, in sich -aufzunehmen und womöglich zu einer höheren Einheit zu verbinden suchen. - - -6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik[17] - -In dem Grundstandpunkt, daß das künstlerische Schaffen und Genießen -eine besondere, von denen der Wissenschaft und Sittlichkeit -grundsätzlich geschiedene Provinz des menschlichen Geistes darstellt, -sahen wir unseren Dichter-Philosophen dem Verfasser der »Kritik der -Urteilskraft« folgen. Desgleichen teilt er mit ihm die Ansicht, daß -das künstlerische Erleben eine Bewegung des Gefühls darstellt und die -Lust am Schönen weder durch logische Begriffe vermittelt noch durch -sittliche Gebote beeinflußt ist. - -Aber er sucht, über Kant hinausgehend, einen _objektiven_ Maßstab -der Schönheit festzustellen und glaubt ihn in einem langen Schreiben -an Körner vom 18. Februar 1793, das er zu einer besonderen Schrift -»Kallias« auszuarbeiten gedachte, in dem Satze: »Schönheit ist Freiheit -in der Erscheinung« gefunden zu haben. Dieser an und für sich etwas -dunkle Satz soll besagen: Im ästhetischen Urteil erscheint uns die -ganze Natur, einschließlich des Menschen, als die Darstellung von -freien, ihr eigenes Leben und Gesetz erfüllenden Wesen. - -Den Ausdruck dieses eigentümlichen Wesens einer jeden Person, eines -jeden Dinges nennt Schiller, vielleicht durch Aristoteles und seine -modernen Nachfolger, vielleicht auch schon durch Fichte beeinflußt, -dessen _Form_. Schon auf dem theoretischen und dem ethischen Gebiet -des Kritizismus spielt die Form eine sehr bedeutsame Rolle, wie ich in -meiner Doktor-Dissertation[18] nachgewiesen habe. Schiller überträgt -das nun auch auf das ästhetische Gebiet. - -Er unterscheidet drei Begriffe: die gestaltende Form, den zu -gestaltenden Stoff und den schaffenden Künstler. Künstlerisch arbeiten -heißt eben: dem Stoffe Form geben, den Stoff durch die Form vertilgen, -wie es in der neunten Strophe von »Ideal und Leben« von den »heiteren -Regionen, wo die neuen Formen wohnen«, beschrieben wird: - - »Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre, - Und im Staube bleibt die Schwere - Mit dem _Stoff_, den sie beherrscht, zurück. - Nicht der Masse qualvoll abgerungen, - Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen - Steht das Bild vor dem entzückten Blick. - Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen - In des Sieges hoher Sicherheit, - Ausgestoßen hat es jeden Zeugen - Menschlicher Bedürftigkeit.« - -Ein weiterer Begriff der Schillerschen Ästhetik ist der ästhetische -oder schöne _Schein_. In der Wissenschaft wollen wir das Wirkliche -erkennen, in der Ethik dem Guten durch unser Handeln Wirklichkeit -verschaffen; der Gegenstand des ästhetischen Triebes dagegen ist der -bloße Schein der Dinge, an dem nur »der Blick sich zu weiden« vermag, -der Blick auf eine nur der »dichtenden« Seele wahrnehmbare eigene Welt. -Im Gegensatz zu der Arbeit der Wissenschaft, dem Tun des Guten erweist -der ästhetische Schein sich als bloßes _Spiel_: ein Spiel jedoch, das -die Gesamtheit der menschlichen Gemütskräfte in Anspruch nimmt. Die -Kunst versetzt sie in ein freies Spiel miteinander, d. h. eine rein -sich selbst genügende Bewegung, die an keinen bestimmten Zweck gebunden -ist, wie denn Kant die ästhetische Zweckmäßigkeit, im Gegensatz zur -praktischen, als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« bezeichnet hatte. Mit -dem Angenehmen, Guten und Wahren ist es dem Menschen _ernst_; mit dem -Schönen _spielt_ er, d. h. er erfreut sich an ihm mit seiner vollen -Menschennatur. »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des -Wortes _Mensch_ ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« (15. -ästhetischer Brief.) - -Die Wirkung des Schönen ist entweder eine schmelzende (auflösende) oder -eine energische (anspannende). Auflösend wirkt die Schönheit, indem sie -uns im Spieltrieb von der einseitigen Spannung des Stoff- (Sach-) oder -des Formtriebs befreit und _fühlen_ lehrt, sobald wir Gefahr laufen, zu -verknöchern, _denken_, wenn wir verdumpfen. Anspannend dagegen, wenn -sie beide Teile in ihrer Kraft erhält, der Erschlaffung entgegenwirkt. -So belebt das Schöne samt dem Erhabenen (denn nichts anderes ist -eigentlich die »energische« Schönheit) alle Kräfte unserer Seele und -stellt uns in der vollen Einheit unseres lebendigen Wesens dar. - -Wenden wir uns nun zum Schlusse Schillers Anwendung der ästhetischen -Theorie auf sein eigenstes Schaffensgebiet, die _Dichtung_, zu. Die -Hauptschrift, zugleich diejenige, nach deren Vollendung er von der -Philosophie wieder zum poetischen Schaffen übergeht, ist die große -Abhandlung von 1795/96 - - -Ueber naive und sentimentalische Dichtung, - -die man wohl »ein einziges Zwiegespräch mit Goethe« genannt -hat, der dem naiven, so wie Schiller dem sentimentalen, Dichter -entspricht. Sie geht aus von dem Reiz, den das _Naive_, Natürliche -auf den Kulturmenschen ausübt. Die Naivität eines Kindes oder eines -Naturmenschen erfreut und rührt uns als ein Sieg der Natureinfalt -über die Künstelei der Zivilisation. Auch das Genie ist naiv, reine -Naturkraft; wobei Natur als das Dasein der Dinge nach eigenen und -unabänderlichen Gesetzen verstanden wird. In der Blume, der Quelle, -dem bemoosten Stein, dem Vogelsang, der Kindheit lieben wir das ruhige -Wirken aus sich, die ewige Einheit mit sich selbst. »Sie sind, was wir -_waren_ und was wir wieder werden sollen.« - -Bewahrer der Natur sind nun in erster Linie die _Dichter_, sei es, daß -sie »Natur« sind oder die verlorene suchen. Das dichterische Genie -ist gleichsam der zur Person gewordene Spieltrieb, der ja ebenfalls -nach seelischen Einfällen und Gefühlen, nicht nach logischen Begriffen -verfährt. Naive Dichter sind Homer und Shakespeare; sentimental -(gefühlvoll) ist Werther, der den Homer liest. Dem Naiven ist die -Natur eine Selbstverständlichkeit, dem Sentimentalen ist sie ein Ziel -seiner Sehnsucht. Naiv ist deshalb die Antike in ihrer Blütezeit, -ihrer ungebrochenen Einheit von Natur und Kultur; sentimental das -Christentum, in dem sich dieser Bruch vollzogen hat, aber auch -der _moderne_ Mensch überhaupt. Und ferner kehrt in dem Kontrast -»naiv-sentimental« der uns bekannte Gegensatz der harmonischen schönen -Seele auf der einen, des sittlich-erhabenen Charakters auf der anderen -Seite wieder. - -Die Hauptgattungen der sentimentalen, mithin spezifisch modernen -Poesie sind die Satire, die Elegie und die Idylle, über die sich -dann der Verfasser im einzelnen geistreich und mit anschaulichen -Beispielen aus der ganzen Weltliteratur ergeht. Alle drei betreffen das -Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit: die Satire, die strafende -wie die spottende, stellt den Abstand beider voneinander, die Elegie -das Ideal als ein verlorenes, die Idylle dasselbe als erreicht dar. -Groß und echt ist die Dichtung nur, wo Gedanken und Gefühle von -allgemeinmenschlicher Bedeutung, nicht bloß subjektives Fühlen des -Dichters den Stoff beseelt. So muß aus der scherzhaften Satire die -Überlegenheit der schönen Seele, aus der strafenden oder pathetischen -der erhabene Charakter sprechen; muß die Sehnsucht der Elegie nach -einem verlorenen Ideal gehen, die Idylle uns nicht in ein arkadisches -Schäferleben, sondern in den Zukunftsstand einer neuen, harmonisch -vollendeten Menschheit -- also das, was der Sozialist Utopie nennt --- führen. _Schillers_ »Sentimentalität« bedeutet jedenfalls keine -Rousseau-Klopstock-Ossiansche Empfindsamkeit, im Gegenteil herben -Lebensrealismus. - -Er unterscheidet auch »wirkliche« und »wahre« Natur. Wir wollen in -dem Werk des Dichters nicht die Zufälligkeiten der Wirklichkeit, -etwa die natürlichen Ausbrüche der Leidenschaft, dargestellt sehen, -wenigstens nicht als sein eigentliches Ziel, sondern »eine innere -Notwendigkeit des Daseins«. Mit dem »Affentalent gemeiner Nachahmung«, -wie es auch heute noch der extreme Naturalismus predigt, ist es nicht -getan; nur in Kopf und Herz von künstlerisch-menschlich ausgebildeten -Dichterpersönlichkeiten formt sich auch der niedere Stoff zu edlem -Gebilde. Die Gefahr für den naiven Dichter besteht im Herabsinken -zum Platten, Geistlosen, Gewöhnlichen; die für den sentimentalen in -der Überspannung zum Gehalt- und Gestaltlosen einer schwärmerisch -schrankenlosen Einbildungskraft. Die Aufgabe der Poesie ist weder -angenehme Erholung im gewöhnlichen Sinne des Wortes noch moralische -Besserung und Belehrung. Der Geisteszustand der meisten Menschen -ist -- wie wahr trifft Schillers tief sozialer Blick hier auch noch -die Gegenwart! -- »auf der einen Seite anspannende und erschöpfende -Arbeit, auf der anderen erschlaffender Genuß«. Die Dichtkunst aber -verlangt einen ganzen und vollen _Menschen_, »einen offenen Sinn, ein -erweitertes Herz, einen frischen und ungeschwächten Geist«. Darum -- -das Wort behält auch heute noch seine volle Geltung -- die Seltenheit -wirklich guten Geschmacks und entsprechenden Urteils in Fragen der -Poesie, die nur aus feinster und edelster Bildung des Herzens und des -Geistes hervorgehen können. - -Endlich: dem naiven Dichter entspricht der _Realist_, dem sentimentalen -der _Idealist_. Der erste läßt sich in seinem Denken und Tun durch -die bloße Erfahrung bestimmen, der zweite durch die Vernunft. Während -der Realist nur an das Nächste, an den Einzelfall denkt, strebt -der Idealist bis zu den obersten Voraussetzungen aller Erkenntnis -vorzudringen, worüber er freilich oft das Besondere vernachlässigt, so -daß er an Einsicht verliert, was er an Übersicht gewinnt. Des letzteren -Charakter wird eine Hoheit und Größe zeigen, deren der Realist nicht -fähig ist. Dieser redet in Sachen des Geschmacks dem Vergnügen, -in Sachen der Moral der Glückseligkeit das Wort; ja selbst in der -Religion vergißt er seinen Vorteil nicht gern, wenn er ihn auch durch -den Begriff des höchsten Gutes zu veredeln und zu heiligen sucht. Der -Idealist erstrebt die Freiheit selbst auf Kosten seines Wohlstandes. Er -vergißt freilich über seinem Säen und Pflanzen für die Ewigkeit häufig -die Gegenwart, über dem Ganzen, für das er leben möchte, den einzelnen. -Der Realist wird oft würdiger handeln, als es seine Theorie zuläßt, -während der Idealist öfters erhabener denkt, als er handelt. Beide -unterliegen noch besonderen Gefahren: der Realist der einer blinden und -wahllosen Ergebung in die Macht der Umstände, der Idealist derjenigen, -ein Phantast zu werden. Auch hier liegt das wahre Ideal in der -Vereinigung: beide sind notwendige Menschentypen, aber beide ergänzen -einander. - -Wie wahr der Dichter hier die Wirklichkeit gesehen, wird jeder Leser -mit uns gefühlt haben. So mündet auch Schillers, des »Idealisten« -Ästhetik wie seine Dichtung, wie sein ganzes Schaffen schließlich in -eine Philosophie des Lebens aus. - - -7. Schiller als Politiker - -Es würde uns etwas an unserem Schiller fehlen, wollten wir nicht von -seinem Verhältnis zu demjenigen reden, was auf der großen Weltbühne vor -sich geht, - - »Wo um der Menschheit große Gegenstände, - Um Freiheit und um Herrschaft wird gerungen,« - -mit anderen Worten von seiner Stellung zur _Politik_. Schiller ist von -Anfang an politisch interessiert gewesen. Freilich besteht ein großer -Unterschied zwischen dem jungen und dem älteren Schiller. Uns ist -leider nur ein kurzer Überblick möglich.[19] - -Die politische Stimmung des aus kleinen, engen Verhältnissen -stammenden, dann in der Karlsschule unter härtestem Druck und Drill -gehaltenen Jünglings ist leidenschaftliche Opposition, repräsentiert -durch »_Die Räuber_«, über deren allgemeine Bedeutung wir uns schon -auf Seite 101 f. ausgesprochen haben, und die schon in ihrem Motto -~In tyrannos~ (gegen die Tyrannen) und mit ihrer Titelvignette, dem -aufsteigenden, grimmig seine Pranken erhebenden Löwen die revolutionäre -Gesinnung ihres Dichters ausdrücken. Dasselbe Gesicht zeigen die -gleichzeitig entstandenen leidenschaftlichen Gedichte der »Anthologie -auf das Jahr 1782«, z. B. »Die schlimmen Monarchen«. Kein Wunder, wenn -ein zeitgenössischer, anscheinend etwas größenwahnsinnig angelegter -Fürst über den von der Jugend vergötterten jungen Dichter-Revolutionär -die Äußerung getan haben soll: Wenn ich mit dem Gedanken umgegangen -wäre, die Welt zu erschaffen, und vorausgesehen hätte, daß Schillers -»Räuber« darin würden geschrieben werden, so hätte ich die Welt _nicht_ -erschaffen! -- Der »_Fiesko_« ist zwar schon wesentlich zahmer, aber -doch ein »republikanisches Trauerspiel«, das den Pfälzer Philistern, in -deren Adern »kein römisches Blut floß«, schon zu weit ging. - -»_Kabale und Liebe_« dagegen ist wieder eine _soziale Tragödie_, in -der selbst nach dem Urteil eines politisch so gemäßigten Mannes wie -H. Hettner »Fäulnis und Verderbnis« als »der Grundzug aller unserer -staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen« zum Vorschein kommen. -Kühner als Lessing in seiner »Emilia Galotti« wagt der Dichter es, -die Handlung nach Deutschland zu verlegen. Die gewissenlose Kabale -der Hofkreise gegenüber den natürlichen Rechten des Herzens, die -Mätressenwirtschaft, die Klassenjustiz, der Verkauf der Landeskinder: -das alles wird mit solcher Lebenswahrheit und in so glühenden Farben -geschildert, daß das Drama auch heute, nach 140 Jahren, noch wie ein -Blitz in ein empfängliches, natürlich empfindendes Publikum einschlägt, -wenn es mit Feuer gespielt wird, wie ich es selbst bei einer Aufführung -durch Schüler im Jahre nach der Revolution erlebte. - -In einer öffentlichen Vorlesung vor der »Kurpfälzischen Deutschen -Gesellschaft« zu Mannheim am 26. Juni 1784 -- später unter dem Titel -»Über die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet« unter seine -Werke aufgenommen -- verkündet Schiller es geradezu als den Beruf der -Bühne, ihre Gerichtsbarkeit da auszuüben, »wo das Gebiet der weltlichen -Gesetze sich endigt«. »Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und -im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer -Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, -übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor -einen schrecklichen Richterstuhl.« Wie stark in jenen Zeiten sein -politisches Interesse war, geht unter anderem auch daraus hervor, -daß ihm damals ein zukünftiges Wirken als _Staatsmann_ als Wunsch -vorschwebte. Einer seiner Jugendfreunde hat einmal geäußert: Wenn -Schiller nicht ein großer Dichter geworden wäre, so hätte er gewiß -eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt, freilich mit dem -bezeichnenden Zusatz: er würde sie dann wohl als Festungsgefangener -geendet haben. Und der Musiker Andreas Streicher, der 1782 mit ihm aus -Stuttgart floh, berichtete von ihrer Trennungsstunde im März 1785: wie -er (Streicher) Kapellmeister, so hätte Schiller damals -- Minister -werden wollen! - -Vielleicht hängt damit innerlich schon der Keim zu dem späteren »_Don -Carlos_« zusammen, in dem ja Marquis Posa seine völkerbeglückenden -Pläne als Minister König Philipps verwirklichen will. Anfangs -war bekanntlich das Stück anders gedacht: als ein tragisches -»Familiengemälde im königlichen Hause« und zugleich als ein -Tendenzstück gegen die Jesuiten: »eine Menschenart, welche der Dolch -der Tragödie bisher nur gestreift hat«, und gegen die Inquisition, -deren »Schandfleck« er, um die »prostituierte Menschheit zu rächen«, -»fürchterlich an den Pranger stellen« wollte. Während der jahrelangen -Ausarbeitung änderte sich dann, mit der inneren Entwicklung des -Dichters, auch der Plan des Dramas. So wie es jetzt vorliegt, stellt es -eine Anwendung der ethischen Zeitgedanken: Humanität, Weltbürgertum, -Glaubens- und Gedankenfreiheit auf den _Staat_ dar, verkündet durch -den begeisterten Mund des idealistischen und dabei doch als weltklug -geschilderten Malteserritters. Mit »Kabale und Liebe« verglichen, -haben wir freilich nur einen stark abgeblaßten Liberalismus vor uns: -nicht mehr Rousseau, sondern Montesquieu, dessen »Geist der Gesetze« -er ungefähr gleichzeitig studiert. Gewiß wird »Männerstolz vor -Königsthronen« -- »ich kann nicht Fürstendiener sein!« -- und Kampf -gegen den Despotismus gepredigt. Aber von der Masse des Volkes ist -kaum, von einem sozialen Untergrund gar nicht mehr die Rede. Das Ganze -spielt sich in der Sphäre des Hoflebens ab. Auf den Thronfolger setzt -Posa seine Hoffnung. Also Kronprinzenliberalismus! - -Immerhin ist Schiller in dieser und der zunächst folgenden Zeit noch -lebhaft politisch interessiert. »Was ist den Menschen wichtiger als die -glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in der alle unsere Kräfte -zum Treiben gebracht werden sollen?« schreibt er an die Schwestern von -Lengefeld am 4. Dezember 1788. Auch seine »Geschichte des Abfalls der -Vereinigten Niederlande« (1788) ist, wie der einleitende Abschnitt -zeigt, von der ja schon im »Don Carlos« hervortretenden Sympathie für -den Freiheitskampf eines kleinen, bedrängten Volkes um sein Recht -»gegen die furchtbaren Kräfte der Tyrannei« diktiert. - -In diesen Zusammenhang gehören auch die schon unter dem Einfluß Kants -geschriebenen kleinen _geschichtsphilosophischen_ Aufsätze; vor allem -aber die bereits behandelte _Antrittsrede_ über das Studium der -Universalgeschichte, welche Sätze enthält wie den folgenden: »Alle -denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.« Oder: -»Unser _menschliches_ Jahrhundert« -- an einer anderen Stelle heißt -es statt dessen: »Das Zeitalter der _Vernunft_« -- »herbeizuführen, -haben sich alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.« Und zum Schlusse -den Appell an seine jugendlichen Zuhörer, auch ihrerseits zu diesem -weltgeschichtlichen Ergebnis beizutragen. - -Fast zur selben Zeit, als Friedrich Schiller vom Jenaer -Universitätskatheder diese Worte sprach (Mai 1789), hatte man -jenseits des Rheins den Staat der Vernunft in die Wirklichkeit zu -übersetzen begonnen: in der _Französischen Revolution_. Sie hat in -ihren ersten Jahren, wie wohl alle großen Geister des damaligen -Deutschlands, darunter sogar den alten Messiassänger Klopstock und -den konservativen Minister Goethe, selbstverständlich auch Schiller -in ihren Bann gezogen. Aber nur wenige dieser Größen, darunter der -alte Immanuel Kant, blieben diesem politischen Idealismus auch über -die sogenannte Schreckenszeit hinaus treu. Auch Schiller fühlte -sich durch die terroristischen Handlungen des Konvents, vor allem -die Hinrichtung des Königs, dermaßen abgeschreckt, daß er an Körner -am 8. Februar 1793 die entsetzten Worte schrieb: »Ich kann seit -vierzehn Tagen keine französische Zeitung lesen, so sehr ekeln -diese elenden Schindersknechte mich an!« Das schrieb der einstige -»Stürmer und Dränger«, den der Konvent selbst im August 1792 zusammen -mit Washington, Klopstock und Pestalozzi zum »Ehrenbürger« der -französischen Republik ernannt hatte. Und diese ablehnende Stimmung -hat er dann beibehalten. Sie spiegelt sich wider in den bekannten -abschreckenden Schilderungen des »Aufruhrs« und der weiblichen »Hyänen« -in der »Glocke«; wo der Dichter des Idealismus sich sogar dahin -versteigt, von »ewig Blinden« zu sprechen, denen man »des Lichtes -Himmelsfackel« nicht leihen dürfe, hingegen als höchstes staatliches -Gut die »heilige« bürgerliche »Ordnung« preist. Man kann zur -psychologischen Erklärung dieser Tatsache auf seine veränderten äußeren -Lebensverhältnisse hinweisen. Er war nicht mehr der »literarische -Vagabund« von ehedem, sondern ein seßhaft gewordener Jenaer Professor, -ein ehrsamer Ehemann und Familienvater, ein Weimarischer Hofrat, der -sich schließlich mit Rücksicht auf die höfischen Beziehungen seiner -Frau auch die sogenannte »Erhebung« in den Adelstand gefallen ließ. -Für uns ist es wichtiger, die innere, die philosophische Wandlung zu -verfolgen, die dieser politischen Wandlung zugrunde lag. - -Wir haben dafür seit einigen Jahrzehnten eine ausgezeichnete Quelle in -den _ursprünglichen_, 1793 geschriebenen philosophischen Briefen an den -Prinzen von Augustenburg, von denen die spätere Fassung der gedruckten -»Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) in sehr -wesentlichen Stücken abweicht. Ohne hier auf alle Einzelheiten eingehen -zu können, müssen wir doch das für unser Thema Wichtigste, schon weil -es manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweist, herausheben. Es -findet sich namentlich in dem ausführlichen zweiten Briefe vom 18. -Juli 1793, wobei ich allerdings eine andere, rein sachlich bestimmte -Reihenfolge einzuschlagen mir gestatte. - -Vor den in der Revolution gemachten Erfahrungen, schreibt er hier an -den übrigens freidenkenden Prinzen, »konnte man sich allenfalls mit dem -lieblichen Wahne schmeicheln, daß der unmerkliche, aber ununterbrochene -Einfluß denkender Köpfe, die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der -Wahrheit, der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich -zum Empfang des Besseren gestimmt und so eine Epoche vorbereitet haben -müßten, wo die Philosophie den moralischen Weltbau übernehmen und das -Licht über die Finsternis siegen könnte«. Man sei in der »theoretischen -Kultur«, also in der Erkenntnis schon so weit vorgedrungen gewesen, -daß »auch die ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfingen -und der Thron tausendjähriger Vorurteile erschüttert ward«. Und als -nun »eine geistreiche, mutvolle, lange Zeit als Muster betrachtete -Nation« daran ging, ihren »positiven« Gesellschaftszustand gewaltsam -zu verlassen, um sich in den »Naturstand« zurückzuversetzen, »für den -die _Vernunft_ die alleinige und absolute Herrscherin ist«, da mußte -»jeder, der sich Mensch nennt«, vor allem jeder »Selbstdenker« den -lebhaftesten Anteil daran nehmen. Denn wenn ein Gesetz des weisen -Solon denjenigen Bürger verdammt, der bei einem Aufstand keine -Partei nimmt, wie konnte man in diesem Falle, »wo das große Schicksal -der Menschheit zur Frage gebracht ist«, neutral bleiben, »ohne -sich der strafbarsten Gleichgültigkeit gegen das, was dem Menschen -das Heiligste sein muß, schuldig zu machen«! Denn hier ist »eine -Angelegenheit, über welche sonst nur das Recht des Stärkeren und die -Konvenienz zu entscheiden hätte, vor dem Richterstuhl reiner Vernunft -anhängig gemacht«, die, wie es an einer anderen Stelle im Anschluß -an Kants Ethik heißt, »den Menschen als Selbstzweck respektiert und -behandelt«.[20] Und bei den Gesetzen hat ein jeder Selbstdenker, als -Beisitzer jenes Vernunftgerichts, mitzusprechen, indem er sie »als -mitbestellter Repräsentant der Vernunft zu diktieren berechtigt und -aufrechtzuerhalten verpflichtet ist«. - -Aber, wie es in einem Distichon von 1797 heißt, »der große _Moment_ -fand ein kleines _Geschlecht_«. Der Gebrauch, den das französische -Volk von diesem großen Geschenk des Augenblicks machte, bewies, »daß -das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht -entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu -frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt -der Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist zur -bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt«. -»Rohe, gesetzlose Triebe« -- man hört den Dichter der »Glocke« --, die -»nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung ... mit unlenksamer -Wut ihrer tierischen Befriedigung zueilen« in den niederen, und der -»noch niedrigere« Anblick der Erschlaffung und Entartung des Charakters -in den »zivilisierten« Klassen: das ist die Signatur der Gegenwart. -Wir wollen diesen Sätzen nicht entgegenhalten, was Immanuel Kant in -demselben Jahre 1793 in seiner Religionsschrift über die angeblich -mangelnde »Reife zur Freiheit« schreibt. Schiller jedenfalls stellt -sich auf einen pessimistischen Standpunkt. Auch für ihn bleibt -gewiß »_politische_ und _bürgerliche Freiheit_ immer und ewig das -_heiligste_ aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und -das _große Zentrum aller Kultur_«. Und wenn das Vernunftgesetz auf -den Thron erhoben und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes -gemacht wäre, schreibt er, »so wollte ich auf ewig _von den Musen -Abschied nehmen_ und dem herrlichsten aller Kunstwerke, der _Monarchie -der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen_«. Allein »jeder Versuch -einer Staatsverfassung aus _Prinzipien_« -- und jede andere ist »bloßes -Not- und Flickwerk«! -- kann für ihn nur in Frage kommen, wenn »der -Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben -ist«, und das sei -- »eine Arbeit für mehr als ein Jahrhundert«! - -Daraus zieht nun unser Dichter die Folgerung: weniger die Aufklärung -des _Verstandes_, für die schon genug geschehen sei, als die sittliche -Reinigung und Stärkung des _Willens_, vor allem aber die Veredlung -der _Gefühle_ sei für jetzt das Wichtigste. Es ist das Programm der -_ästhetischen Kultur_, das dann die »Ästhetischen Briefe« von 1795 in -reicher Begründung und Ausführung weiter entwickeln. Hierauf näher -einzugehen, zu zeigen, wie nach Schillers Auffassung die ästhetische -Erziehung den Menschen aus dem »Notstaat« der Wirklichkeit allmählich -zum »Vernunftstaat« emporführt, dürfen wir uns um so eher versagen, -als wir ja die ganze Frage von Schillers ethisch-ästhetischem Ideal -schon oben ausführlich genug behandelt haben und -- diese ganze, -ihm als _Dichter_ freilich naheliegende und durch den Verkehr mit -gleichgesinnten Geistern wie Goethe und Wilhelm v. Humboldt sicherlich -noch gestärkte ästhetische Auffassung mit Bezug auf _politische_ Dinge -sich doch eigentlich als ein großer Trugschluß erwiesen hat. Rein -ästhetische Kultur vermag nicht einmal den einzelnen politisch reif -und mündig zu machen, geschweige denn ein ganzes Volk. Gewiß, eine -starke Beimischung ethisch-ästhetischer Kultur würde dem deutschen -Machtstaat von 1866 bis 1918 nichts geschadet haben und auch unserem -heutigen angeblichen Kulturstaat nichts schaden. Indes, das ist nicht -die _erste_ Frage. Die Vorbedingung für einen wahrhaften Staat der -Vernunft, wie ihn ja auch Schiller letzten Endes erstrebt, ist, wie -_wir_ inzwischen gelernt haben, die politisch-ökonomische Befreiung der -Massen. - -Und da können wir mit Befriedigung feststellen, daß der »Idealist« -Schiller in dieser Beziehung, d. h. hinsichtlich der _ökonomischen_ -Grundlage alles staatlichen Lebens, wenigstens nicht ganz blind -gewesen ist.[21] Sie alle werden seine bekannte Strophe aus dem -Erscheinungsjahr der »Ästhetischen Briefe« (1795) kennen: - - »Einstweilen, bis den Bau der Welt - Philosophie zusammenhält, - Erhält sie das Getriebe - Durch _Hunger_ und durch _Liebe_.« - -Und vielleicht auch den noch deutlicheren Doppelvers, den er den bloßen -Moralpredigern von »Menschenwürde« entgegenhält: - - »Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. - Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.« - -Genau dasselbe sagt er im vierten Briefe an den Prinzen (November -1798): »Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich -satt gegessen hat; aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben, -wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.« Schon der zweite Brief -hatte ausgeführt, daß »das Bedürfnis und der Drang der physischen -Lage, die Abhängigkeit des Menschen von tausend Verhältnissen, die ihm -Fesseln anlegen«, seinen Aufflug in die »Regionen des Idealischen«, -speziell auch die der Kunst, verhindern, womit die wirtschaftliche -Grundlage jenes in den »Briefen« von 1795 gepredigten idealen Reiches -der ästhetischen Kultur zugegeben ist. »Mit der Verbesserung ihres -_physischen_ Zustandes«, heißt es demgemäß im vierten Briefe ganz -marxistisch, »muß man das Aufklärungswerk bei einer Nation beginnen.« -Denn »der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den harten Kampf -mit dem physischen Bedürfnis viel zu sehr ermüdet und abgespannt, -als daß er sich zu einem neuen und inneren Kampfe mit Wahnbegriffen -und Vorurteilen aufraffen sollte«. Er ergreift daher mit hungrigem -Glauben die Formeln, mit denen es Staat und Priestertum »von jeher« -- -wie nicht bloß die französischen Materialisten, sondern auch Kant und -Heinrich Heine sagen -- »gelungen ist, das erwachte Freiheitsbedürfnis -ihrer Mündel abzufinden«. - -Auch die seelische Verstümmelung des Menschen durch geisttötende -Fabrik- oder Facharbeit hat Schiller bereits klar gesehen: »Ewig nur -an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich -der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige -Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die -Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur -auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner -Wissenschaft.« So müssen die Individuen »unter dem Fluche dieses -Weltzwecks«, nämlich des (aus Kants Geschichtsphilosophie übernommenen) -Widerstreits der menschlichen Kräfte, leiden und ihre Natur durch -jahrtausendelange Sklavenarbeit »verstümmeln« lassen, bis dereinst -einmal der »_freie Wuchs der Menschheit_« sich entfalten kann. Und -nicht mit Unrecht hat es Mehring auf den modernen Klasssenkampf der -Lohnarbeiterschaft angewandt, wenn Schiller ein anderes Mal erklärt, -daß zwar Sklaverei »niedrig« und eine sklavische Gesinnung in der -Freiheit gar »verächtlich« ist, eine bloße »sklavische _Beschäftigung_« -dagegen, falls sie mit Hoheit der Gesinnung verbunden ist, ins Erhabene -übergehen kann. Wieder an einer anderen Stelle kritisiert er schon -vor Fichte, wenn auch nicht so scharf wie dieser, den bürgerlichen -Eigentumsbegriff: »Eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechts, wobei -ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der bloßen Natur -nicht gegründet.« - -Wir haben diese Stellen zitiert, um Schillers soziale Einsicht -zu beweisen. Aber es liegt uns fern, unseren Dichter deshalb zum -_Sozialisten_ stempeln zu wollen. Im Gegenteil, in den auf 1795 -folgenden Jahren zieht er sich mehr und mehr, wie von der Philosophie, -so erst recht von aller Politik, ja überhaupt aus der rauhen -Wirklichkeit in das schöne Reich des Ideals zurück. »Glühend für -die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen -Menschen«, aber »_gleichgültig_ gegen das ganze Geschlecht, wie -es _wirklich_ vorhanden ist«, bezeichnet er dem jungen kant- und -menschheitsbegeisterten Mediziner Erhard im Mai 1795 als seinen -»Wahlspruch« und rät auch ihm, sich von dem Weltbürgertum »ganz und gar -zurückzuziehen«, um »mit Ihrem _Herzen_ sich in den engeren Kreis der -Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem -_Geist_ in der Welt des Ideals leben«! - -Damit hängt seine völlige Rückwendung zur Poesie in seinem letzten -Lebensjahrzehnt (1795 bis 1805) zusammen. Seinen deutschen Mitbürgern -aber rief er die Worte zu: - - »Zur _Nation_ euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens, - Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu _Menschen_ euch aus!« - -Und doch hat ihn auch in der Dichtung das Politische nie losgelassen. -Zeugnis seine historischen Dramen: der »Wallenstein«, »Maria Stuart«, -»Die Jungfrau von Orleans«, der »Tell« und der »Demetrius«. Auch das -Schicksal seiner Nation hat ihn nicht gleichgültig gelassen, wie aus -den Fragmenten des Nachlasses zu ersehen ist, auf die vor allen Tönnies -aufmerksam gemacht hat. Wie auf unsere _Gegenwart_ gemünzt erscheinen -Sätze wie die folgenden: »Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo -er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige -Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick -bestimmt -- darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und -freuen?« Und er antwortet: »Ja, er darf's. Er geht unglücklich aus dem -Kampfe; aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren ... -Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten ... -Die deutsche Würde ist eine _sittliche_ Größe, sie wohnt im Charakter -der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.« Und -schließlich können und wollen wir, in der inneren wie in der äußeren -Politik, die auch von Franz Mehring als »herrliches Bekenntnis« -gepriesenen Worte Stauffachers in der Rütliszene als sein politisches -Testament an uns betrachten: - - »Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. - Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, - Wenn unerträglich wird die Last, -- greift er - Hinauf getrosten Mutes in den Himmel - Und holt herunter seine ew'gen Rechte, - Die droben hangen unveräußerlich - Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.« - - -8. Schiller, der Idealist - -Schillers philosophische Gedankenwelt ist eigentlich unerschöpflich, -denn ihr innerster Lebenskern, die _Idee_, kann ihrer Natur nach -nie versiegen. Das empfinden wir immer wieder, so oft wir in seine -philosophischen Aufsätze, in den Ideengehalt seiner Dramen und -nicht zum wenigsten auch in seine vortreffliche _Gedankenlyrik_ uns -versenken. Werfen wir auf diese zum Schluß noch einen kurzen Blick! -Wir haben schon seine »Resignation«, seinen »Kampf«, seine »Götter -Griechenlands«, seine »Künstler« und vor allem die herrlichste -und auch von ihm selbst am höchsten gestellte Schöpfung dieser -Art: »Das Ideal und das Leben« berührt. Ich erinnere des weiteren -an das Goethe besonders wohlgefallende »_Die Ideale_«, die den -schwärmerischen Idealismus des Jünglings zu dem scheinbar nüchternen, -aber gehaltvolleren und bleibenderen des reifen Mannes vertiefen: -dem Idealismus der nie ermattenden und rastlos, obzwar mit kleinen -Schritten vorwärtsdringenden _Arbeit_ (»Beschäftigung«, sagt Schiller) -und der _Freundschaft_, die wir uns erweitert denken können zur -Gesinnungsgemeinschaft überhaupt. Oder an den »_Spaziergang_«, der, von -der Einzelpersönlichkeit ablenkend, in der anspruchslosen Form eines -Spazierganges uns ein Bild des kulturgeschichtlichen Werdeganges der -Menschheit entwirft und von der ersten Einfalt der Natur durch die -Spannungen und den Streit des Kulturlebens uns zuletzt in den Schoß -der reinen Natur wieder zurückführt. Oder an seine in köstlicher Fülle -vorhandene, in der Regel in die antike Form des Distichons (Hexameter -mit Pentameter) gegossene _Spruchdichtung_. Hervorgehoben seien hier -nur die unsere früheren Ausführungen über des Dichters ethische -Anschauungen erläuternden: »Die moralische Kraft«, »Die Führer des -Lebens«; die zum Politischen hinüberleitenden: »Pflicht für jeden« -und »An einen Weltverbesserer«, sowie das fein psychologische kurze -Distichon über die »Sprache«. Und an das Wort von der »Philosophie«, -das uns zum Schlusse noch einmal so recht Schillers allem pedantischen -Richtungs- und Schulwesen abgewandte philosophische Art vor Augen zu -führen geeignet ist: - - »Welche wohl bleibt von allen Philosophi_en_? Ich weiß nicht. - Aber _die_ Philosophie, hoff' ich, soll ewig bestehn.« - -So wird denn auch der Dichter Schiller, solange deutsche Philosophie -besteht, d. h. hoffentlich noch für lange Zeiten, als ihr zugehörig -betrachtet werden. Und was für eine Philosophie war, besser _ist_ das? -Das hat er uns in den letzten Zeilen seiner »Worte des Wahnes« gesagt. -Das Schöne, das Wahre und (wir dürfen in seinem Sinne hinzusetzen) auch -das Göttliche oder Gute, - - »Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor, - Es ist _in_ dir, du bringst es ewig hervor!« - -Es ist mit anderen Worten die Philosophie des _Idealismus_ von Platon -bis Kant und Schiller und über sie hinaus bis zu uns, die »ewig -bestehen« wird und soll. - -Denn der Mensch bedarf einer Erhebung über die alltägliche -Wirklichkeit. Er wird sich nie völlig befriedigt fühlen allein durch -die »Erfahrung«, d. h. durch die auch noch so vollständig bis in alle -Einzelheiten erforschte Welt der _Wissenschaft_. Er wird sich immer -aus der Tiefe seines eigenen Innern noch eine andere, eine ideale Welt -schaffen, die allerdings keine logisch oder naturwissenschaftlich -benennbare Welt des Seienden sein wird, sondern eine von ihm selbst -»gedichtete« Welt der _Werte_. Es kommt nur darauf an, was man unter -»Dichten« versteht, und ob diese Werte haltbar sind. Eine solche Welt -aber hat uns Friedrich Schiller gelehrt, wenn er uns »die Angst des -Irdischen von uns werfen«, wenn er uns »aus dem engen, dumpfen Leben« -fliehen heißt »in des Ideales Reich«, in das Gedankenland der Idee, wo -alle Arbeit ihre Ruhe, aller Kampf seinen Frieden, alle Not ihr Ende -findet. Damit steht er dem ursprünglichen Christentum vielleicht näher -als die Dogmatik der Aufklärung seiner Zeit, die zwar den Gottes- und -Unsterblichkeitsbegriff festhielt, aber die Lehre von der Erlösung als -vernunftwidrig fahren ließ. - -Freilich diese Erlösung ist nicht die kirchliche, von außen an uns -herangetragene, und durch das Blutopfer eines Gottes uns erkauft, -sondern, wie bei Kant, eine _Selbst_erlösung des wahrhaft »glaubenden« -Menschen, der das Überirdische, Unaussprechliche, »Göttliche« als sein -wahres Wesen wieder erkennt und es deswegen »in den eigenen Willen -aufzunehmen« vermag. Gewiß, solche Augenblicke reinster religiöser -Erhebung können bei der Natur unserer Seele nicht beständig andauern. -Dennoch wirken sie, so oft sie wiederkehren, befreiend und läuternd -auf das Gemüt. So hat unter anderen einer der edelsten Jünger und -Dolmetscher unseres Dichter-Philosophen, Friedrich Albert Lange (1828 -bis 1875), seinen Schiller aufgefaßt. Und ebenso steht es mit der -_Kunst_. Denn wer will, um ein Wort desselben Lange zu variieren, die -Neunte Sinfonie Beethovens oder die Lyrik Goethes »widerlegen« oder -Raffaels Madonna des »Irrtums« zeihen? - -Unser praktisches Handeln aber stelle sich, damit Schillers »Staat -der Vernunft« einst heraufgeführt werde, unter das Banner jener -Wille und Herz erhebenden großen Idee, die, wie Lange sagt, »den -Egoismus hinwegfegt und menschliche Vollkommenheit in menschlicher -Genossenschaft an die Stelle der rastlosen Arbeit setzt, die allein den -persönlichen Vorteil ins Auge faßt«. Auch das ist, wenngleich nicht mit -den Worten des geschichtlichen Schiller, ja vielleicht nicht einmal -genau in den Grenzen seines in der Hauptsache noch individualistisch -befangenen politischen Sinnes, wohl aber in der Richtung seiner -weltumspannenden Liebe -- »Seid umschlungen, Millionen!« --, seines -Glühens für die Idee der Menschheit gedacht, den wir uns nur auf die -sozialen Verhältnisse der Gegenwart übertragen denken, wenn wir für die -Verwirklichung des weltumspannenden Gedankens eintreten, den Schiller -noch nicht gekannt hat: den des _Sozialismus_. - - - - -Goethe - - -Goethe sagte einmal gegen Ende seines Lebens, am 4. Februar 1829, von -sich: »Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten; -der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.« -Und ein andermal gesteht er sogar, daß ihm »für Philosophie im -eigentlichen Sinne« das Organ gefehlt habe. Er hat auch in seinem -langen Leben nie eine philosophische Abhandlung geschrieben, geschweige -denn ein philosophisches System entworfen. Und dennoch, ein so -allumfassender nicht bloß Dichter-, sondern auch Denkergeist wie er muß -ein positives Verhältnis zur Philosophie besessen haben: wenn nicht -im Schulsinne, so doch im Sinne einer Weltanschauung. Nicht minder -als Lessing oder Herder. Freilich, der _Philosoph_ in ihm war, wie er -selbst sagt, nur _eine_ der »verschiedenen Richtungen seines Wesens«, -und er nahm aus der Philosophie immer nur, »was seiner Natur gemäß -war«. Noch weniger als Lessing, Herder und Schiller konnte Goethe je -ein -ist oder -aner, etwa der Spinozist, als der er früher vielfach -angesehen wurde, oder ein Kantianer werden. Mit dieser Einschränkung -also wollen wir seinen philosophischen Entwicklungsgang betrachten. -Denn vor allem bei ihm, der eine so entwicklungsfähige Natur besaß, -der immer beflissen war, zu lernen und Neues seinem geistigen Ich -anzugleichen, der mit der wechselnd ihn umgebenden geistigen, -wissenschaftlichen, politischen Welt sich auch vielfach gewandelt -hat, müssen wir den Weg der _entwicklungs_geschichtlichen Darstellung -einschlagen. Der jugendliche Goethe ist auch philosophisch ein -anderer als der reife Mann, und von diesem ist wieder der alte Goethe -unterschieden. - - - - -~A~. Die Anfänge - -1764 bis 1776 (Leipzig, Frankfurt, Straßburg) - - -Wolfgang Goethe war ein frühreifer Knabe. Schon der Fünfzehnjährige -wirft sich, wie er uns im sechsten Buche von »Dichtung und Wahrheit« -erzählt, angeregt von einem älteren Freunde, teils um sich von seinem -ersten Liebeskummer zu zerstreuen, teils um sich zur Universität -vorzubereiten, auf das ihm bis dahin »ganz neue und fremde« Feld der -Philosophie. Aber die theoretische Philosophie stößt ihn schon damals -ab. Er findet, eine »abgesonderte« Philosophie sei gar nicht nötig, -sie sei vielmehr bereits in Religion und Poesie vollkommen enthalten. -Dagegen unterhält ihn die Geschichte der Philosophie mit ihren -wechselnden Meinungen. Aber auch hier eigentlich nur die Praktiker: -der weise Sokrates, der ihn an Christus erinnert, der wackere Stoiker -Epiktet aus dem ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit, der -bekanntlich in seiner Ethik ebenfalls vieles mit dem Christentum gemein -hat, obwohl er es noch nicht gekannt hat, wie ich vor Jahren einmal in -einem besonderen Aufsatz nachgewiesen habe.[22] Später vertieft er sich -auch zeitweise in das große Diktionnaire des französischen Skeptikers -Pierre Bayle, das er in seines Vaters Bücherei entdeckt hat. - -Im Herbst 1765 bezieht dann der eben Sechzehnjährige -- ein -Abiturientenexamen war damals ja noch nicht nötig -- die _Leipziger_ -Universität. Aber auch hier stößt ihn das übliche ~Collegium Logicum~ -ab, wie es der Mephisto dem Schüler in der berühmten Faustszene so -ergötzlich beschreibt: - - »Da wird der Geist euch wohl dressiert, - In spanische Stiefeln eingeschnürt usw.« - -Das »Auseinanderzerren, Vereinzeln und gleichsam Zerstören« der von uns -in Wirklichkeit so leicht und bequem vollzogenen Geistesoperationen, -das die Logik notwendig betreiben muß, widerstrebt dem jungen -Dichtergeist, der aufs Schauen gerichtet war. Kein Wunder, daß -ihm die damalige _Wolff_sche Schulphilosophie mit ihrem dürren, -nichtssagenden Gerede über alles mögliche mißfiel, deren Verdienst, wie -er in »Dichtung und Wahrheit« sehr richtig sagt, in dem Ordnen unter -bestimmte Rubriken und einer »an sich respektabeln« Methode bestand, -während »das oft Dunkle und unnütz Scheinende ihres Inhalts«, die -unzeitige Anwendung jener Methode[23] und die »allzu große Verbreitung -über so viele Gegenstände« sie dem Publikum »fremd, ungenießbar und -endlich entbehrlich« machte. Unter den Philosophen des »gesunden -Menschenverstandes«, die dieser gelehrten Schulphilosophie schließlich -den Garaus machen, hebt er als vielbewunderte Schriftsteller Moses -Mendelssohn und Garve, später, in einer Rezension der »Frankfurter -Gelehrten Anzeigen« 1773, auch Kant hervor. Mehr zogen Lessing, daneben -der Kunsthistoriker Winckelmann und Oeser, der ausübende Künstler und -Direktor der Leipziger Zeichenakademie, seinen künstlerischen Sinn an. - -Nachdem er dann in der Frankfurter Heimat (1768 bis 1770) eine -Zeitlang unter dem Einfluß des frommen Fräuleins von Klettenberg die -Schriften der Herrnhuter gelesen und mystisch-chemische Beschäftigungen -getrieben, geriet er während seines _Straßburger_ Aufenthalts 1770/71, -wie wir bereits wissen, in den geistigen Bann Herders; jedoch zunächst -mehr in literarischer Beziehung. Von den französischen Enzyklopädisten -fühlten er und sein engerer Freundeskreis, die jungen »Stürmer und -Dränger« sich wenig angezogen, am ehesten noch von dem der deutschen -Art verwandteren Diderot. Religiös glaubten sie sich selbst schon -genügend aufgeklärt zu haben. »Auf philosophische Weise erleuchtet und -gefördert zu werden«, hatten sie überhaupt »keinen Trieb noch Hang«. -Insbesondere das sehr konsequent materialistische, aber sehr trocken -und weitschweifig geschriebene ~Système de la nature~ erschien ihnen -»so grau, so kimmerisch (d. h. nebelhaft-finster), so totenhaft, daß -wir ... davor wie vor einem Gespenst schauderten«. Und wenn sie von -den _Enzyklopädisten_ reden hörten oder einen Band ihres ungeheuren -Werkes aufschlugen, so war es ihnen zumute, »als wenn man zwischen -den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik -hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug' und Sinn -verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das -mannigfaltigste ineinandergreifenden Anstalt in Betrachtung dessen, -was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen -Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt«. Wieder eine -Auflehnung des Gefühls gegen das Abstrahieren der Wissenschaft! - -Mehr mußte dem gefühlsmäßigen Denken der jugendschäumenden Genossen -natürlich Rousseau zusagen, dessen Geist ja Werther entflammt, während -seine eigentliche Philosophie auf Goethe keinen besonders tiefen -Eindruck gemacht zu haben scheint. Auch Voltaire, »das Wunder seiner -Zeit«, imponierte ihnen bis zu einem gewissen Grade. Überhaupt dürfen -wir nicht verschweigen, daß Goethe sein abfälliges Urteil von damals -später doch selbst korrigiert hat. Am 3. Januar 1830 erklärte er -Eckermann: »Es geht aus meiner Biographie (er meint »Dichtung und -Wahrheit«) nicht deutlich hervor, was diese Männer (_Voltaire_ und -seine großen Zeitgenossen) für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt -und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene -Füße in ein wahres Verhältnis zur Natur zu stellen.« - -Gegenüber stand er den französischen philosophischen Hauptwortführern -also doch. Gefesselt dagegen fühlte er sich von einem Philosophen, -der in »Dichtung und Wahrheit« nicht erwähnt wird, dem italienischen -Pantheisten und Wahrheitsmärtyrer Giordano _Bruno_, der bekanntlich -um seiner Überzeugung willen am 17. Februar 1600 öffentlich zu Rom -von der Inquisition verbrannt wurde: wie Goethe ein Dichter und -Denker zugleich, wie Goethe auf die Einheit von Gott und Natur, -als den Urquell alles Wahren, Guten und Schönen, gerichtet. Der -Einundzwanzigjährige hat schon damals Brunos Hauptschrift »Von der -Ursache, dem Prinzip und dem Einen« gelesen und ihn in den Notizen -seines Tagebuchs gegen die Angriffe Bayles verteidigt. Er ist auch -später (1812) aus anderem Anlaß wieder auf ihn zurückgekommen. Übrigens -bemerkt Goethe von seinem Wissen um 1773, daß es »noch sprunghaft und -ohne eigentlichen Zusammenhang gewesen sei«. - - -Spinoza-Studium. Philosophische Gedichte - -(1774 ff.) - -Durch sein frühes Bruno-Studium, aber auch durch seine Naturanschauung -und seine ganze bisherige Entwicklung war Goethe für das Verständnis -eines größeren, wenn auch scheinbar ihm ganz entgegengesetzten Denkers -herangereift, desselben, den wir auch auf Lessing und Herder einwirken -sahen: Baruch _Spinozas_. - -Zunächst muß freilich seine Hinneigung zu dem Amsterdamer Weisen -auffallen. Hatte er doch als das Ergebnis jener Straßburger Berührung -mit der französischen Philosophie die Tatsache festgestellt, »daß wir -aller Philosophie, besonders aber der _Metaphysik_, recht herzlich gram -wurden und blieben, dagegen aber aufs lebendige Wissen, Erfahren, Tun -und Dichten uns nur desto lebhafter und leidenschaftlicher hinwarfen«: -der Metaphysik, von der er seinen Mephisto dem Schüler sarkastisch -vororakeln läßt: - - »Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt, - Was in des Menschen Hirn nicht paßt, - Für, was drein geht und nicht drein geht, - Ein prächtig Wort zu Diensten steht!« - -Und nun _war_ Spinoza ein Metaphysiker, und sogar ein recht -dogmatischer, dessen »Ethica« alles andere als eine Ethik in unserem -Sinne, vielmehr ein in sich geschlossenes System von streng logischem -Aufbau nach »geometrischer«, ja beinahe scholastischer Methode -darstellt. Wie reimt sich das zusammen? - -Wir können in Goethes Spinoza-Studium zwei auseinanderliegende -Perioden unterscheiden: die erste um die Mitte der siebziger Jahre, -die zweite von 1783 bis 1786. Zunächst hatte er »das Dasein und die -Denkweise« des »außerordentlichen Mannes« nur »unvollständig und wie -auf den Raub« in sich aufgenommen. Und was fesselte ihn an dieser -der seinen so entgegengesetzten Persönlichkeit? Nun, hier bewährte -sich einmal der bekannte Satz, daß die Gegensätze sich anziehen. Nach -seinem eigenen Geständnis zog ihn zu Spinoza gerade die zu dem eigenen -»alles aufregenden« Streben in stärkstem Gegensatz stehende, »alles -ausgleichende« Ruhe, die das »Widerspiel« seiner poetischen Sinnes- und -Darstellungsweise bildende mathematische Methode, die auch die Welt -des Sittlichen eben dieser Methode unterwerfende Behandlung. Gerade -das machte ihn zum »leidenschaftlichen Schüler«, zum »entschiedensten -Verehrer« des jüdischen Denkers. Er fand hier, was er suchte: -Beruhigung seiner Leidenschaften und »eine große und freie Aussicht -über die sinnliche und sittliche Welt«. Ganz besonders fesselte ihn -Spinozas »grenzenlose Uneigennützigkeit«, wie sie sich in dessen Satze -aussprach: »Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn -wieder liebe.«[24] - -Zunächst freilich sieht es in Goethes Innerem noch wie »ein siedendes -und gärendes Chaos« aus. Der auf einer Reise an den Niederrhein -neugewonnene Freund Fritz Jacobi in Düsseldorf, in philosophischem -Denken und auch in der Kenntnis Spinozas ihm schon weit voran, sucht es -zu klären. Wir hören von leidenschaftlicher Freundschaftsverbindung in -stillen Mondscheinnächten. - -Später in Frankfurt, nachdem er längere Zeit nicht an Spinoza gedacht, -treibt ihn das zufällige Auffinden eines gegen diesen gerichteten -Pamphlets in der väterlichen Bibliothek sowie die Lektüre von Bayles -Artikel »Spinoza« von neuem zu den nachgelassenen Werken des großen -Denkers. »Dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an.« Nie glaubte -er »die Welt so deutlich erblickt zu haben«, wie durch diese von -der öffentlichen Meinung der damaligen Zeitphilosophie noch »so -gefürchtete, ja verabscheute Vorstellungsart«. Vor allem befriedigte -ihn aufs tiefste Spinozas Lehre vom gelassenen Entsagen gegenüber -dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen, also der sittliche Kern im -Spinozismus, wie er selbst ihn später dichterisch ausgedrückt hat in -den Versen: - - »Nach ewigen, ehernen - Großen Gesetzen - Müssen wir alle - Unseres Daseins - Kreise vollenden.« - -Neben der friedlichen Wirkung, die Spinoza auf sein Inneres übte, -fühlt er sich in seinem Zutrauen auf ihn auch dadurch bestärkt, daß -auch seine ihm von der Klettenberg her (S. 153) »werten Mystiker«, ja -sogar Leibniz des Spinozismus verdächtigt worden waren und der berühmte -holländische Anatom Boerhave aus demselben Grunde von der Theologie -zur Medizin hatte übergehen müssen. Aber auch für seine religiöse und -Naturanschauung wird ihm Spinoza der Führer, oder besser gesagt: kam -Spinozas Pantheismus seinem innersten Drang entgegen. Von Kindheit -an war er mit einem tiefinnerlichen Gefühl für das Walten der Natur, -vom Kleinsten bis zum Größten, insbesondere in allem Lebendigen, -begabt gewesen. Die ganze Welt ist ihm Werden, Bewegen, Wirken einer -allmächtigen Kraft, das er in der Entfaltung der Blume ebenso erblickt -wie in dem Kreisen der Wandelsterne um den Sonnenball. Daher -- -worauf Gundolf (S. 106) aufmerksam macht -- auch seine Vorliebe für -Wortverbindungen mit »_All_«: allgegenwärtig, alliebend, allsehnend, -Allumfasser, Allerhalter und ähnliche, und für die damit verbundene -religiöse Grundstimmung sein Lieblingswort »heilig«. Nur daß der -Allgott, der bei Spinoza sozusagen in mathematischer und doch auch -wieder mystischer Ruhe erscheint, bei ihm zu lauter Kraft, Wirksamkeit -und Leben wird. Ganz diesem pantheistischen Naturgefühl ist auch sein -»Ganymed« entsprungen. In die Zeit seines ersten Spinoza-Studiums fällt -auch sein berühmtes pantheistisches Glaubensbekenntnis, das er dem von -Gretchen gefragten Faust in den Mund legt. Zuerst die ehrfürchtige -Demut vor dem Unendlichen: - - »Wer darf ihn nennen? - Und wer bekennen: - Ich glaub' ihn! - Wer empfinden - Und sich unterwinden - Zu sagen: Ich glaub' ihn nicht!« - -Dann die kurze Formulierung: - - »Der Allumfasser, - Der Allerhalter - Faßt und erhält er nicht - Dich, mich, sich selbst?« - -Darauf das astronomische All: - - »Wölbt sich der Himmel nicht da droben? - Liegt die Erde nicht hier unten fest? - Und steigen hüben und drüben - Ewige Sterne nicht herauf?« - -Gewandt zum Menschlichen, Körperlich-Seelischen: - - »Und drängt nicht alles - Nach Haupt und Herzen dir - Und webt in ewigem Geheimnis - Unsichtbar, sichtbar, neben dir?« - -Und zuletzt das ganz gefühlsmäßige Ende: - - »Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist, - Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, - Nenn' das dann, wie du willst, - Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! - Ich habe keinen Namen - Dafür. Gefühl ist alles, - Name Schall und Rauch, - Umnebelnd Himmelsglut.« - -Trotz alledem wollte auch er, ebenso wie Herder und Lessing, kein -Spinoz_ist_ heißen: »Denke man aber nicht, daß ich seine Schriften -hätte unterschreiben und mich dazu buchstäblich bekennen mögen.« Denn -man werde »dem Verfasser von Faust und Werther« wohl zutrauen, daß er -nicht »den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der als -Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische Kultur sich -zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben«. - -Den besten Beweis dafür, daß auch ganz andere, entgegengesetzte Gefühle -mit dieser ergebungsvollen Resignation in seinem Innern rangen, beweist -sein beinahe gleichzeitig (Ende 1774) entstandenes wundervolles -»_Prometheus_«-Gedicht, in dem der uralte Titanentrotz sich auflehnt -gegen die vermeinten Götter da droben, die nur in der Hoffnung -törichter Kinder und Bettler leben. Es stimmt allenfalls noch mit -Spinozas Denkart, wenn die _alte_ Gottesvorstellung tapfer aufgegeben -wird, als wenn jenseits der Sonne »ein Ohr« wäre, »zu hören meine -Klage«, und »ein Herz wie meins, sich der Bedrängten zu erbarmen«, -und ein »ewiges, als Herr über Menschen und Göttern« gleichmäßig -waltendes Schicksal angenommen wird. Aber ganz anders gestimmt ist -doch die trotzige Zuversicht auf das eigene »heilig glühende Herz«, das -»alles _selbst_ vollendet hat«, und die Ablehnung jedes weltflüchtigen -Entsagens, weil »nicht alle Blütenträume reiften«. Ein Symbol festen, -bewußten, tatenfreudigen Manneswillens und Persönlichkeitsbewußtseins -ist vielmehr dieser Prometheus, der »Menschen formt nach seinem Bilde«: - - »Ein Geschlecht, das mir gleich sei, - Zu leiden, zu weinen, - Zu genießen und zu freuen sich, - Und dein (des Zeus!) nicht zu achten, - Wie ich!« - -Hier haben wir nicht den in das All aufgehenden, sich selbst -_aufgebenden_, sondern den sich selbst behauptenden Menschen vor uns. -Wir können hier leider nicht die Wirkung dieses Gedichts auf die -bedeutenderen Zeitgenossen -- Lessings haben wir bereits gedacht -- -verfolgen, sondern erwähnen nur noch das gleichgeartete bekannte von -1777: - - »Allen Gewalten - Zum Trutz sich erhalten, - Nimmer sich beugen, - Kräftig sich zeigen, - Rufet die Arme - Der Götter herbei.« - -Während »_Die Grenzen der Menschheit_« (1781) im Gegensatz dazu, wieder -mehr die Beschränktheit menschlichen Wollens und Wirkens gegenüber dem -ewig flutenden Schicksalsstrom betonen: - - »Uns hebt die Welle, - Verschlingt die Welle - Und wir versinken.« - -Endlich das dritte im Bunde jener herrlichen Gedankendichtung mit der -Überschrift »_Das Göttliche_«, entstanden 1783, das in gewissem Sinne -beide Gedanken miteinander verbindet. Gegenüber der »unfühlenden« -_Natur_, der über Böse und Gute gleichmäßig leuchtenden Sonne, -gegenüber dem blind unter die Menge tappenden Glück steht der _Mensch_, -der »unterscheidet, wählet und richtet«, der allein dem Augenblick -Dauer zu verleihen vermag und diese Kraft dazu benutzen soll, »edel, -hilfreich und gut« zu sein und »unermüdet das Nützliche und Rechte zu -schaffen«. - - - - -~B~. Das erste Weimarer Jahrzehnt - -Die italienische Reise - -(1776 bis 1788) - - -Mit diesen philosophischen Gedichten -- eine Gedankenlyrik von ganz -anderer Art wie diejenige Schillers und doch nicht minder philosophisch -als sie -- sind wir bereits in die _Weimarer_ Epoche unseres Dichters -getreten, deren erste Jahre in jenem jugendlich-genialen Treiben, das -uns allen aus seinem Leben bekannt ist, dahinflossen, um dann einer -fleißigen und gewissenhaften Beamtenarbeit im Dienste des kleinen -Landes zu weichen, die man oft allzusehr als etwas Besonderes gerühmt -hat, während Franz Mehring über sie sarkastisch, aber nicht ohne -Grund gemeint hat, daß »jeder passable preußische Landrat« sie auch -heute noch leiste »ohne jeden Anspruch auf die Lorbeeren der Mit- -und Nachwelt«. Die philosophische Entwicklung unseres Helden tritt -zwar in diesen Jahren (1776 bis 1784) zurück, aber sie bleibt nicht -stehen. Zeugnis davon die eben besprochenen drei Gedichte, dann aber -ein interessantes und bedeutsames philosophisches Fragment, betitelt -»_Die Natur_«, das als Manuskript für einen engeren Kreis zuerst im -»Tiefurter Journal« von 1782 erschien; ein »dichterischer Hymnus und -ein philosophisches Bekenntnis« zugleich (Gundolf), das wir den Leser -Satz für Satz -- sie sind alle ebenso voll Lebens wie einfach und -allgemeinverständlich -- zu lesen bitten. - -Wir heben eine Reihe daraus hervor: »Wir leben mitten in der Natur -und sind ihr fremd. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine -Gewalt über sie. Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu -haben und macht sich nichts aus den Individuen. Jedes ihrer Werke -hat ein eigenes Wesen, und doch macht alles eins aus. Sie spielt ein -Schauspiel, ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt -sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. Sie hüllt den Menschen in -Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie hat keine Sprache -noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und -spricht. Sie ist ganz und doch immer unvollendet. Sie verbirgt sich in -tausend Namen und ist immer dieselbe. Sie hat mich hereingestellt, sie -wird mich auch herausführen. Sie mag mit mir schalten. Ich vertraue -mich ihr.« - -Das ist in der Tat, wie Goethe 44 Jahre später davon gesagt hat, -eine Stufe zum _Pantheismus_, und so kehrt er denn auch bald darauf -zu dessen philosophischem Vertreter Spinoza zurück. Den äußeren -Anstoß hatte wohl der Besuch Fritz Jacobis in Weimar von Mitte -bis Ende September 1784 gegeben, der ihm von seinem uns bekannten -Spinoza-Gespräch mit Lessing erzählt hatte. Wie Lessing, hatte auch -Goethe schon früher (Juni 1784) gegen Charlotte v. Stein erklärt: -»Ich begehre keinen freien Willen.« Und: »Wie eingeschränkt ist der -Mensch, bald an Verstand, bald an Kraft, bald an Gewalt, bald an -Wille!« Diesmal treibt er sein Spinoza-Studium zusammen mit _Herder_. -Im November des Jahres 1784 liest er nun mit Frau v. Stein gemeinsam -von neuem Spinozas Ethik, die er am 19. von Jena in einer lateinischen -Ausgabe mitbringt, »wo alles viel deutlicher und schöner ist«. »Ich -fühle mich ihm sehr nahe,« schreibt er am 11. November an Knebel, -»obgleich sein Geist viel reiner als der meine ist.« Die Lektüre -Spinozas bildet den ganzen Winter 1784/85 hindurch, neben Herders -»Ideen«, einen Teil der vertrauten Abendunterhaltungen mit dem Ehepaar -Herder und Charlotte Stein. Herder schreibt darüber am 20. Dezember an -Jacobi: »Goethe hat, seit Du weg bist, den Spinoza gelesen, und es ist -mir ein großer Probierstein, daß er ihn ganz so verstanden, wie ich ihn -verstehe.« Und am 27. desselben Monats meldet Goethe selbst Charlotte, -seiner »Seelenführerin«: »Ich las noch zuletzt in _unserem Heiligen_.« - -Noch bedeutsamer spricht sich sein Briefwechsel mit Jacobi aus. Nach -einem Briefe vom 12. Januar 1785 liest Goethe den Spinoza immer wieder -und »übt sich an ihm«. In seinem Urteil über ihn ist er mehr mit Herder -als mit Jacobi einverstanden. Am 9. Juni wird der jüdische Denker -von Goethe lebhaft gegen den alten Vorwurf des Atheismus verteidigt, -im Gegenteil als ~theissimus et christianissimus~ gepriesen. »Er -_beweist_ nicht das Dasein Gottes, das Dasein _ist_ Gott«, das man -freilich nur in den Einzeldingen und aus ihnen erkennen könne, zu -deren näherer und tieferer Betrachtung er sich gerade durch Spinoza -aufgemuntert fühle, obwohl vor dessen Blick alle einzelnen Dinge -zu verschwinden scheinen. Allerdings -- und nun kommen für seine -philosophische Sinnesart wieder sehr charakteristische Bemerkungen --- habe er nie »die Schriften dieses trefflichen Mannes in einer -Folge gelesen«; auch habe ihm nie dessen ganzes Lehrgebäude »völlig -überschaulich vor der Seele gestanden«. »Meine Vorstellungs- und -Lebensart erlauben's nicht.« Aber wenn er in ihn hineinsehe, glaube er -ihn zu verstehen; er stehe für ihn nie mit sich selbst in Widerspruch; -was Jacobi über ihn schreibe, scheine ihm nicht im eigensten Sinne -Spinozas gedacht. Übrigens habe er (Goethe) nie auf »metaphysische -Vorstellungsart Ansprüche gemacht«. Herder werde es demnächst besser -ausdrücken. Er (Goethe) suche jetzt auf Bergen und in den Bergwerken -Ilmenaus das Göttliche »in Kräutern und Steinen«! - -Am 21. Oktober 1785 äußert er nochmals gegenüber Jacobis -Spinoza-Büchlein, den Spinozismus dürfe man nur aus sich selbst -erklären, und bezeichnet sich selbst wiederum in der ihm eigenen Weise -als dessen Anhänger: daß er nämlich, »ohne seine Vorstellungsart von -Natur zu haben, doch, wenn die Rede wäre, ein Buch anzugeben, das unter -allen, die ich kenne, am meisten mit der meinigen übereinkommt, die -Ethik des Spinoza nennen müsse«. Die Briefe von Ende 1785 und Anfang -1786 drehen sich um den bekannten Philosophenstreit Jacobi-Mendelssohn -über Lessings Spinozismus, der Goethe, wie aus einem Februarbrief 1786 -an Frau v. Stein zu schließen, gegenüber Spinozas Größe recht kleinlich -und armselig erscheint. - -Bei dieser Gelegenheit nun predigt ihm Jacobi zum ersten Male von -- -_Kants_ Philosophie vor, natürlich wie _er_ ihn auffaßt: den »wahren -Kern« derselben, den Kant selbst noch nicht gekostet habe! So ist -der Glaubens- und Gefühlsphilosoph F. H. Jacobi einer der ersten -in der zahlreichen Reihe derer, die Kants »wahren Kern« besser als -dieser selbst begriffen zu haben beanspruchten. Leider existiert eine -Antwort Goethes auf diesen Brief nicht. Einen nachhaltigen Eindruck -hat er jedenfalls nicht hervorgerufen; denn in dem nächsterhaltenen -Briefe Goethes vom 14. April 1786 berichtet dieser fast nur von -seinen mancherlei naturwissenschaftlichen Studien, um bloß einmal -die bezeichnende Frage dazwischen zu werfen: »Was machst Du alter -Metaphysikus? Was bereitest Du Freunden und Feinden?« (Homerische -Wendung. K. V.) - -Der letzte Brief Goethes aus dieser ganzen Zeit (5. Mai 1786) geht -sogar ziemlich aggressiv gegen Jacobis eigentümliche Glaubensmetaphysik -vor mit den Worten: »Gott hat _Dich_ mit der _Metaphisik_ (so!) -gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, _mich_ mit der -_Phisik_ (so!) gesegnet.« Und weiter recht antitheologisch: »Ich halte -mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten (gemeint ist -natürlich Spinoza) und überlasse Euch alles, was Ihr Religion heißt -und heißen müßt.« Im Gegensatz zu Jacobis »Glauben« will er sich an -Spinozas »Schauen« (~scientia intuitiva~, eigentlich anschauendes -Wissen) halten und sein ganzes Leben der Betrachtung der »Dinge« -widmen, einerlei, wie weit er damit kommt. - -Einverstanden dagegen war er in diesen Jahren ganz mit _Herder_, -wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt und soeben wieder an -verschiedenen Stellen gesehen haben. Herder überträgt er, weil ihm -selbst die nötigen Vorkenntnisse fehlen, die weitere philosophische -Verteidigung Spinozas gegen Jacobi. Herders »Ideen« findet er -»köstlich«, sagt zu ihrem ganzen Inhalt »Ja und Amen« (20. Februar -1785). Und noch am 17. Mai 1787 schreibt er ihm aus Rom: »Wir sind so -nah in unseren Vorstellungsarten, als es möglich ist, ohne eins zu -sein, und in den Hauptpunkten am nächsten.« Am 12. Oktober 1787 von -ebendort: »Sie (d. h. der dritte Teil der »Ideen«) sind mir als das -liebenswerteste Evangelium gekommen, und die interessantesten Studien -meines Lebens laufen alle da zusammen. Woran man sich so lange geplackt -hat, (das) wird einem nun so vollständig vorgeführt. Wieviel Lust zu -allem Guten hast Du mir durch dieses Buch gegeben und erneut.« Und -auch vierzehn Tage später, nachdem er den ganzen dritten Teil zu Ende -gelesen, findet er alles »durchaus köstlich gedacht und geschrieben«, -auch den Schluß »herrlich, wahr und erquicklich«. Weiter kann man doch -in Anerkennung und Lob nicht gehen! Und auch anderen gegenüber äußert -er sich mit der nämlichen Begeisterung. Auch Herders Büchlein über -»Gott« gefiel ihm aufs beste, wie wir bereits S. 91 sahen; es leistete -ihm »die beste Gesellschaft«, zusammenstimmend mit dem spinozistischen -»Eins und Alles«, dem er gerade jetzt auch in der Botanik auf der Spur -war. - -Schon mehrmals sind wir in unseren letzten Betrachtungen auf -die _naturwissenschaftlichen_ Studien Goethes gestoßen, die dem -bisherigen Städter (Frankfurt, Leipzig, Straßburg) ganz natürlich -aus der »Land-, Wald- und Gartenatmosphäre« des kleinen Weimar, -desgleichen aus seiner amtlichen Beschäftigung mit dem weimarischen -Forst- und Bergwesen erwachsen waren, während ihn zur Anatomie und -Osteologie (Knochenlehre) unter anderem die zeitweise Teilnahme an -den physiognomischen Bestrebungen seines Freundes Lavater anregte. -Wissenschaft »auf dem Papier und zum Papier« hat ihn nie gereizt, -sondern immer nur die Beziehung zum Lebendigen. Deshalb sind auch seine -Sätze nie ganz abstrakt, losgelöst von der sinnlichen Wirklichkeit. -Aber seine Naturbetrachtung ist zugleich auch immer philosophisch. Ihm -lag stets bloß daran, wie er in seinem Alter einmal zu Eckermann gesagt -hat, »die einzelnen Erscheinungen auf ein allgemeines Grundgesetz -zurückzuführen«. So sucht er in den verschiedenartigen Organen der -Pflanze ein einheitliches Gebilde zu erkennen, das er Blatt nannte, und -dessen mannigfaltigen Umbildungen er nun nachspürte, bis er zu seiner, -ihm erst in Italien völlig aufgegangenen Lehre von der _Metamorphose -der Pflanze_ gelangte, die er bekanntlich auch dichterisch dargestellt -hat, die wir jedoch inhaltlich hier nicht näher behandeln können. Lesen -Sie über alles das seine vortreffliche »Geschichte meines botanischen -Studiums« (1817) nach. Und ähnlich in der _Zoologie_. Hier entdeckt er, -von seinem Glauben an die Einheitlichkeit der Natur zu aufmerksamster -Beobachtung des einzelnen getrieben, im Frühjahr 1784 das Dasein des -bei den übrigen Tieren vorhandenen Zwischenkieferknochens auch beim -Menschen, der damit, dem Affen noch näher verwandt, in die große -Ordnung der Natur eingereiht wurde. Er jubelte darüber, daß sich ihm -»alle Eingeweide bewegen«. Bis er dann zuletzt in einem Aufsatz »Über -einen aufzustellenden Typus zur Erleichterung der vergleichenden -Anatomie« (1796) zu einer die heutige Deszendenzlehre in ihrem -Grundgedanken schon völlig vorausnehmenden Formulierung gelangt: »Daß -alle vollkommenen organischen Naturen, worunter wir Fische, Amphibien, -Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen -sehen, alle nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr -beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch -täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.« - -So ist Goethe nicht bei jener fast mystischen, jedenfalls -pantheistischen Metaphysik, wie sie das Fragment von 1782 mit -seiner Unendlichkeit und Tiefe, aber auch Unbestimmtheit des -_Gefühls_ enthielt, stehengeblieben, sondern den schwierigen Weg der -beobachtenden, rechnenden und vergleichenden _Wissenschaft_ gegangen, -um zur klaren und bestimmten Einheit des Natur_gesetzes_ zu gelangen, -wie er es dichterisch in die Worte gefaßt hat: - - »Willst du ins Unendliche schreiten, - Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.« - -Oder: - - »Willst du dich am Ganzen erquicken, - So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.« - -Gerade in der keuschen und reinen Hingabe an das einzelne, wie Ernst -Cassirer einmal in seinem schönen Buche »Freiheit und Form« sagt, -gestaltet sich ihm eine neue Anschauung vom Zusammenhang des Ganzen. - -Indem sich der Dichter durch Spinoza in seinem Glauben einerseits an -die Einheitlichkeit der gesamten Natur, anderseits an die Notwendigkeit -alles Geschehens bestärkt sah, war auch sein innerer Sturm und Drang -einigermaßen zur Ruhe gelangt. Ende 1775 schon schreibt er: »Ich lerne -täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit. Bin tief in der See.« -Die neue Weltfrömmigkeit löst ihn im letzten Grunde schon jetzt von -den Neuchristen von der Art Hamanns, F. Jacobis und Lavaters. An den -letzteren schreibt er z. B. um diese Zeit: »Alle Deine Ideale sollen -mich nicht irreführen.« Er will vielmehr vor allem »_wahr_ sein, gut -und böse wie die Natur«. - -Die _italienische Reise_ (1786 bis 1788) hat mehr Bedeutung für den -Dichter und Künstler Goethe gehabt als für den Philosophen. Für -die Weiterbildung seiner philosophischen Anschauungen dürfte das -Wichtigste gewesen sein, daß ihm hier der tiefe innere Zusammenhang -zwischen Kunst und Natur aufging. Die Natur in der Kunst, die Kunst -in der Natur zu entdecken, war in der Tat auch kein Ort so geeignet -wie Rom, wo nicht bloß die Denkmäler der Antike, sondern selbst die -Landschaft, die Bäume, die Sitten stilisiert erscheinen. So schreibt -er denn auch von dort: »Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die -höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen -hervorgebracht worden: alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen. -Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.« Nicht, wie früher, die Kraft -des leidenschaftlich bewegten Künstlers oder Dichters, sondern Maß -und Regel, kurz die _Form_ wird jetzt als das entscheidende Moment -hervorgehoben. Auch in der Kunst dringt er nunmehr, wie schon vorher -in der Natur, auf das »Urbildliche« und »Typische«. Das in voller -Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen (wie bei Schiller!) -wirkende _Gesetz_ bringt das objektiv Schöne hervor. - -In einer in Italien entstandenen Abhandlung unterscheidet er als die -drei Stufen, die der echte Künstler durchlaufen müsse, die einfache -Nachahmung der Natur, die Manier, den Stil. Unter der »_einfachen -Nachahmung_« versteht er die ruhige, treue, sorgfältige und reine -Hingabe an den Stoff, den die Natur uns darbietet. Die »_Manier_« -bedeutet in dem »hohen und respektablen« Sinne, in dem Goethe das -Wort gebraucht, die Unterwerfung des bloß Stofflichen unter den -einheitlichen, persönlichen Künstlerwillen. Der »_Stil_« endlich -stellt den höchst erreichbaren Grad der Kunst durch Überwindung des -bloß Stofflichen der Natur einer-, des subjektiven Künstlerbeliebens -andererseits dar. Er »ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, -auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und -greiflichen Gestalten zu erkennen«. - -So war Goethe fast als ein antiker Mensch aus Italien zurückgekommen. -Und so stammen denn auch, beiläufig gesagt, aus den Jahren nach dieser -Rückkehr die stärksten Äußerungen gegen das Christentum, die wir bei -ihm gelesen zu haben uns erinnern. Sie finden sich namentlich in den -Briefen an Herder. So schreibt am 4. September 1788 der erste Minister -an den -- Generalsuperintendenten Sachsen-Weimars das oft zitierte Wort -von dem »Märchen von Christus« und erklärt, daß er das Christentum -»_auch_ von der Kunstseite« recht erbärmlich finde. Am 15. März 1790 -will er nach Venedig, um am Palmsonntag »als ein Heide von den Leiden -des guten Mannes (!) auch einigen Vorteil zu haben«! - -Sittlich und theoretisch aber war aus dem »_Gefühls_«-Goethe ein -»_Gedanken_«-Goethe geworden, wie Gundolf sich einmal in prägnanter -Zusammenfassung ausdrückt. Dem jungen Werther war das Gefühl noch -alles gewesen: »Dies _Herz_, das ganz allein die Quelle von allem ist, -aller Kraft, aller Seligkeit und -- alles Elends.« Jetzt war diese -Werther-Stimmung endgültig überwunden. Fortan herrscht in seiner Seele --- von einzelnen Rückfällen vielleicht abgesehen -- ein unbezwingliches -Vertrauen auf die eigene Kraft zur Lebenssteuerung, wie es der -wundervolle Schluß des schon in den ersten Weimarer Jahren entstandenen -Gedichts »Die Seefahrt« ausdrückt: - - »Doch er stehet männlich an dem Steuer, - Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, - Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen - Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe - Und vertrauet, scheiternd oder landend, - Seinen Göttern.« - -Aber es fehlte noch eine tiefere philosophische Begründung. Diese -sollte ihm -- _Kant_ geben. - - - - -~C.~ Das erste Kant-Studium - -(1789 bis 1794) - - -Als Goethe 1788 aus Italien heimkehrte, fand er, dank ihres eifrigen -Verkünders Reinhold Bemühungen, Jena voll von der neuen Kantischen -Lehre und mußte schon deshalb notwendig »von ihr Notiz nehmen«. Aber -wichtiger war der innere Drang. Immer schon hatte er sich seine -eigene »naturgemäße« Methode gebildet, allein er _suchte_ nach einer -»metaphysischen« Grundlage, der seine Denkweise sich angleichen -könnte; denn er hatte gemerkt, daß er in einer, wenn auch noch so -»fruchtbaren«, Dunkelheit dahinlebte. Nun studierte er, wie durch -Wieland bezeugt ist, seit etwa Beginn 1789 mit großem Eifer Kants -»_Kritik der reinen Vernunft_«,[25] wollte auch mit Reinhold »eine -große Konferenz darüber« halten, zu der es indes nicht gekommen zu sein -scheint. Freilich nur einzelnes sagte ihm zu. So gefiel ihm gleich -der Eingang des Werkes, und seinen vollkommenen Beifall fand Kants -Satz: Wenngleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung angeht, so -entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Aber -ins »Labyrinth« selbst konnte und wollte er sich nicht wagen: »Bald -hinderte mich die Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich -fühlte mich nirgend gebessert.« Und er versteht manches, z. B. die -wichtigen Begriffe Analytisch und Synthetisch, ganz anders wie Kant. -Als die Hauptfrage erscheint ihm die _psychologische_: »Wieviel -unser Selbst und wieviel die Außenwelt zu unserem geistigen Dasein -beitragen«, während für Kant das Wesentliche die _erkenntniskritische_ -Frage nach der Gewißheit unseres Erkennens und damit nach einer -Philosophie als Wissenschaft ist. Immerhin glaubt er einzelne Kapitel -besser als andere zu verstehen und »gewann gar manches zu seinem -Hausgebrauch«. - -Er macht sich ein Inhaltsverzeichnis dazu, mit dem er allerdings nicht -zu Ende gekommen ist,[26] und dem er eine knapp zusammenfassende und -populäre »Kurze Vorstellung der Kantischen Philosophie« von der Hand -des Wittenberger Theologieprofessors Reinhard beigelegt hat. Daß er -mit kritischem Auge gelesen hat, ergibt sich aus einzelnen im Nachlaß -darüber gefundenen Bemerkungen, von denen wir allerdings nicht mit -Sicherheit wissen, ob sie schon aus dieser _ersten_ Zeit seines -Kant-Studiums stammen. Noch interessanter war mir es, aus Goethes -eigenem Handexemplar, das ich mit Erlaubnis des damaligen Direktors -des Goethe-National-Museums (d. h. des Goethe-Hauses) zu Weimar ~Dr.~ -Ruland auf längere Zeit mit mir nehmen durfte, an der Hand seiner -zahlreichen Anstreichungen und Unterstreichungen festzustellen, was -ihn darin am meisten interessierte. Ich habe darüber im Anhang zu -meinem »Kant -- Schiller -- Goethe« (S. 272 bis 279) einen genauen -Bericht gegeben und verweise alle diejenigen Leser darauf, die sich -für diese Einzelheiten interessieren. Hier, wo ich keine eingehendere -Kenntnis des Kantischen Systems voraussetzen darf, muß ich mich näheren -Eingehens enthalten. - -Die im Jahre 1788 erschienene ethische Hauptschrift Kants, die »Kritik -der _praktischen_ Vernunft«, scheint Goethes Interesse in geringerem -Grade erregt zu haben. Er hat sie auch nicht selbst besessen; wohl -dagegen die in Kants Ethik am besten einführende populär geschriebene -»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785), und zwar, was für die -Zeit seiner Kant-Studien bezeichnend ist, erst in der Auflage von -1792.[27] - -Weit tiefer wirkte, und zwar alsbald nach ihrem Erscheinen (1790) -die »_Kritik der Urteilskraft_« auf ihn ein. Ihr hat er noch nach 27 -Jahren bekannt »eine höchst frohe Lebensepoche schuldig zu sein«. -Während die Kritik der reinen Vernunft seinen philosophischen -»Dämmerzustand« noch nicht völlig zu heben vermocht, während er die -»Metamorphose der Pflanzen« 1790 noch geschrieben hatte, ohne zu -wissen, daß sie ganz im Sinne der Kantischen Lehre sei, fand er das -neue Werk des kritischen Philosophen in seinen Hauptgedanken seinem -eigenen »bisherigen Schaffen, Tun und Denken ganz analog«. Das -Wichtigste aus seiner höchst lebendigen Selbstschilderung scheint -uns in einer dreifachen Übereinstimmung zu liegen. Einmal, daß auch -nach Kant, der ja in seinem Werk die Kritik der ästhetischen mit -derjenigen der teleologischen vereinigt hatte, Kunst und vergleichende -Naturkunde miteinander nah verwandt seien, sich derselben Urteilskraft -unterwerfen. Zweitens (was noch wichtiger), daß jede von beiden, Kunst -und Natur, um ihrer _selbst_ willen da sei und beide »unendliche -Welten« doch _für_einander existierten.[28] Und drittens, daß er seine -alte Abneigung gegen die »Endursachen«, d. h. die Verwischung des -Kausalitäts-(Ursache-)Prinzips durch den Zweckbegriff nun »geregelt und -gerechtfertigt« sah. - -Freilich faßte er auch jetzt wieder den Philosophen nach seiner -Dichter- und Künstlerart auf, die er schon bezüglich seiner Lektüre der -Kritik der reinen Vernunft mit den Worten charakterisiert hatte: »Wenn -ich nach meiner Weise über Gegenstände philosophierte, so tat ich es -mit unbewußter Naivität und glaubte wirklich, ich sähe meine Meinungen -vor Augen.« Er sprach dann auch bloß aus, »was in mir aufgeregt war«, -nicht, was er gelesen hatte. Damit stimmt genau, was _Schiller_ über -seine erste vertrautere philosophische Unterhaltung mit dem ihm damals -noch kühl gegenüberstehenden Nebenbuhler am 1. November 1790 an Freund -Körner berichtet. Es ist zugleich für die Wesensart beider Männer so -bezeichnend, daß wir das Wichtigste davon hierhersetzen müssen: »Goethe -war gestern bei uns, und das Gespräch kam bald auf Kant. Interessant -ist's, wie er alles in seine Art kleidet und überraschend zurückgibt, -was er las ... Ihm ist die ganze Philosophie _subjektivisch_, und da -hört denn Überzeugung und Streit zugleich auf. Seine Philosophie mag -ich auch nicht ganz; sie holt zuviel aus der _Sinnen_welt, wo ich aus -der _Seele_ hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und -betastet mir zuviel. Aber sein Geist wirkt und forscht nach allen -Direktionen und strebt, sich ein Ganzes zu erbauen, und das macht ihn -mir zum großen Manne.« - -Auch Körnern war Goethe »zu _sinnlich_ in der Philosophie«, was -freilich für sie beide (Schiller und Körner) als Gegengift gegen -ihre vorherrschend intellektuelle Anlage ganz heilsam sei. Er -bezeugt übrigens, daß Goethe, im Unterschied von Schiller, nicht der -ästhetische, sondern der teleologische Teil des Werkes zuerst gefesselt -habe. Gerade, weil Goethe nun bei den strengeren Kantianern (zu denen -allerdings Schiller damals noch nicht zählte) mit seiner eigenartigen -Auffassung Kants wenig Anklang fand, studierte er, »auf sich selbst -zurückgewiesen«, dessen Buch immer aufs neue. Auch in diesem Falle hat -er sein Exemplar mit zahlreichen Strichen -- besonders im zweiten, -naturphilosophischen Teil -- versehen, die ihn »später noch erfreuten«; -ja auch mit einzelnen Randbemerkungen. Durch ein Fragezeichen am Rande -protestiert er gegen Kants Herabsetzung des Kunst- zugunsten des -Naturschönen; außerdem interessieren ihn namentlich die Bestimmung des -Kunstzwecks, das Verhältnis der Kunst zur Moral und die Vergleichung -der einzelnen Künste in bezug auf ihren Wert. In dem zweiten, die -organische Naturwissenschaft behandelnden Teile erregten vor allem -die Definition des Naturzwecks, die Selbstorganisation der Natur, -das Problem eines »anschauenden« Verstandes und ganz besonders der -interessante achtzigste Paragraph vom Verhältnis des mechanischen zum -Zweckprinzip mit seiner berühmten Vorausahnung darwinistischer Ideen -sein Interesse. - -Das nähere Studium der »Kritik der Urteilskraft« führte ihn dann auch -wieder zu demjenigen der theoretischen Vernunftkritik zurück. »Beide -Werke, aus _einem_ Geist entsprungen, deuten immer eins aufs andere.« -Auch Kants »Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft« (die -er in den beiden ersten Auflagen von 1786 und 1787 besaß) hatte er -damals schon studiert und daraus den Satz gezogen, daß Anziehungs- und -Abstoßungskraft zum Wesen der Materie gehören, so daß er beruhigt war, -seine Weltanschauung nach dieser Seite hin »unter Kantischer Autorität -fortsetzen zu können«. - -Dagegen stößt Kants _religions_philosophischer Standpunkt, jedenfalls -seine Annahme eines radikalen Hanges zum Schlechten seine damals, wie -wir schon von Herder her wissen, besonders antichristlich-hellenisch -gestimmte Natur entschieden ab. In einem Briefe an Herder (7. Juni -1793) geht er so weit, zu schreiben, Kant habe »seinen philosophischen -Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von -mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit dem -Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch -- auch -Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen«. Und einen Monat -später gebraucht er dasselbe ebenso unästhetische wie ungerechte Bild. - -Trotz allen Interesses, trotz aller Hochschätzung steht indes bis -Sommer 1794 zwischen Goethe und dem Kritizismus, ja zwischen ihm und -der Philosophie überhaupt noch etwas Fremdes, Unausgeglichenes, wie es -noch am 24. Juni dieses Jahres in einem Brief an Fichte zum Ausdruck -kommt, dem er sich zum größten Danke verpflichtet fühlen würde, wenn -er ihn »endlich mit den Philosophen versöhne, die ich nie entbehren -und mit denen ich mich niemals vereinigen konnte«. Diese Versöhnung, -soweit sie bei seiner Eigenart überhaupt möglich war, sollte ihm -nun zwar nicht von der seinem Wesen ganz entgegengesetzten Person -Fichtes kommen, aber von anderer Seite. Er stand unmittelbar vor dem -»glücklichen Ereignis« seiner dauernden Verbindung mit _Schiller_. - - - - -~D~. Der Freundschaftsbund mit Schiller - -(1794 bis 1805) - - -Die Altersjahre (1805 bis 1832) - -Unter den Ursachen, die bis zum Jahre 1794 ein näheres Verhältnis zu -Schiller nicht aufkommen ließen, führt Goethe in seinen »Annalen« zu -eben diesem Jahre als eine der wichtigsten Schillers Begeisterung für -die Kantische Philosophie an. Bei Schiller und Kant scheinbar alles -Vernunft, Geist, Wille -- bei ihm und Herder Erfahrung, Natur, Gefühl. -Eine »ungeheure Kluft« schien zwischen den zwei »Geistesantipoden« -befestigt zu sein. Und doch sollte es anders kommen. Hatte nicht zum -wenigsten gerade _Kant_ sie bisher getrennt, so sollte der nämliche -Kant sie nunmehr zusammenführen zu jenem »Bunde«, der bis zu Schillers -frühzeitigem Tode »ununterbrochen gedauert und für uns und andere -manches Gute gewirkt hat« (Goethe). - -Es geschah durch eine wahrscheinlich Ende Juni oder Anfang Juli -1794[29] stattgefundene Unterredung, die uns Goethe selber erzählt -hat. Gelegentlich einer zufälligen gemeinsamen Heimkehr aus einer -Sitzung der Jenaer Naturforschenden Gesellschaft trägt Goethe dem -bisherigen Gegner seine »Metamorphose der Pflanze« vor, läßt vor -seinen Augen eine symbolische Pflanze entstehen. Als er geendet, -schüttelt Schiller den Kopf und sagt: »Das ist keine _Erfahrung_, das -ist eine _Idee_.« Goethe, als »hartnäckiger Realist«, ist erstaunt, -dann verdrießlich, widerstreitet. Schließlich wird für den Abend -Waffenstillstand geschlossen. Aber der »Realist«, der sich nach seinem -eigenen Geständnis bei den Einwürfen des »gebildeten Kantianers« -Schiller anfangs ganz unglücklich fühlte, ahnt bald, daß zwischen -seiner »Erfahrung« und Kants »Idee« etwas »Vermittelndes, Bezügliches« -obwalten müsse, ohne es schon klar zu erkennen. Diese Erkenntnis hat -ihm in den folgenden Jahren Kants Philosophie gebracht, die nun erst -durch einen ihrer geistvollsten Jünger voll und eindringlich auf ihn zu -wirken begann. - -»Nach diesem glücklichen Beginnen«, um wieder Goethes eigene Worte zu -gebrauchen, »entwickelten sich in Verfolg eines zehnjährigen Umganges -die philosophischen Anlagen, _inwiefern meine Natur sie enthielt_, -nach und nach.« Und noch deutlicher sprechen die Annalen von 1795 es -aus, daß er mit der Kantischen Philosophie und »daher auch« ihrer -damaligen Hauptpflanzstätte Jena »durch das Verhältnis zu Jena immer -mehr zusammenwuchs«. »Wir wissen nun,« schreibt Goethe nach einer -»vierzehntägigen Konferenz« am 1. Oktober an den neugewonnenen Freund, -»daß wir in _Prinzipien einig_ sind und die Kreise unseres Empfindens, -Denkens und Wirkens teils koinzidieren (zusammenfallen), teils sich -berühren.« - -Ich bin weit entfernt davon, wie mir es von mehreren Seiten angedichtet -worden ist, Goethe um solcher Selbstäußerungen willen zum »Kantianer« -machen zu wollen. Dafür sind und bleiben die Naturen beider zu -verschieden. »Intuitive« Geister wie Goethe haben, nach der berühmten -Charakteristik Schillers in den ersten großen Briefen vom 23. und -31. August desselben Jahres an den neuen Freund, »wenig Ursache, von -der Philosophie zu borgen, die nur von ihnen lernen kann«. Philosoph -im strengen Sinne des Wortes ist Goethe auch jetzt nicht geworden. -Ihm ging das Scheiden und Trennen, das Abstrahieren und Zergliedern, -das die Philosophie notwendig betreiben muß, in weit stärkerem Grade -als Schiller wider seine Dichternatur. Er fühlt sich auch weiterhin, -nach mehrfachem eigenen Bekenntnis, in der speziell philosophischen -»Denkart« nicht bewandert. Ja, gegenüber seinem Kunstfreund Heinrich -Meyer versteigt er sich einmal zu der Äußerung: »Für uns andere, die -wir doch eigentlich zu Künstlern geboren sind, bleiben doch immer die -Spekulation sowie das Studium der elementaren Naturlehre« -- womit -die theoretische Physik im Gegensatz zu der von Goethe bevorzugten -Biologie gemeint ist -- »falsche Tendenzen.« Auch braucht er öfters -Kantische Begriffe in seinem eigenen, von Kant abweichenden Sinne. Und -gegenüber Schiller fühlt und bekennt er sich stets gewissermaßen als -das philosophische Naturkind, dem jener als der theoretische Helfer und -Lenker, Autorität und Richter in allen philosophischen Fragen gilt, -wie Schiller mit Stolz einmal seinem Kollegen Fichte meldet (3. August -1795). - -Allein die Philosophie wird ihm doch »immer werter«, weil sie ihn -»täglich immer mehr lehrte, mich von mir selbst zu scheiden«, und weil -sie »durch die höhere Vorstellung von Kunst und Wissenschaft, welche -sie begünstigte«, ihn »vornehmer und reicher« machte. Er ist nicht mehr -der alle Philosophie abweisende »steife Realist« von früher (an Jacobi, -17. Oktober 1796), sondern bekennt, daß er durch »treues Vorschreiten -und bescheidenes Aufmerken« von jenem »steifen Realismus« und einer -»stockenden Objektivität« dahin gekommen sei, Schillers philosophische -Ausführungen vom Tage vorher als »mein eigenes Glaubensbekenntnis -unterschreiben« zu können (an Schiller 13. Januar 1798). Und diese -»Ausführungen« sind eben doch kritische Philosophie, wenn auch mit -Schillerscher Färbung. Vor allem erregen sein höchstes Wohlgefallen -die »Ästhetischen Briefe«, in denen er, was er »für recht sei langer -Zeit erkannt, was ich teils lebte, teils zu leben wünschte, auf eine so -zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand«. Mit Eifer wird alles -Neue von Kant gelesen und besprochen; ja Goethe ist es jetzt zuweilen, -der den Freund auf eine neu erschienene Schrift des Königsberger -Philosophen aufmerksam macht. - -Natürlich werden auch andere, alte und neue, Philosophen besprochen und -studiert. So zum Beispiel im April 1797 Aristoteles' Politik. Anfangs -häufig gemeinsam mit den Brüdern Humboldt. Später auch in einer Art -philosophischem Kränzchen, an dem die in Jena habilitierten jungen -Philosophen Niethammer, Schelling und Hegel teilnehmen, von denen der -Erstgenannte ihm in der zweiten Hälfte des Jahres 1800 auch die neueste -Philosophie in sogenannten Colloquiis (Unterredungen) vorträgt. Von den -neuesten Philosophen ist ihm der durch und durch subjektive _Fichte_ -am unsympathischsten. Er bekennt, dessen Denkweise »nur mit Mühe und -von ferne folgen« zu können. »An eine engere Verbindung mit ihm ist -nicht zu denken,« meint er 1798 ähnlich wie Schiller. Das bezeugt auch -Goethes Handexemplar von Fichtes »Begriff der Wissenschaftslehre« -(1794), das von dem Dichter mit zahlreichen Bleistiftstrichen, -Fragezeichen und einzelnen Randbemerkungen versehen ist. Bedenklich -erscheint ihm besonders, daß alles mögliche menschliche Wissen in der -»allgemeinen Wissenschaftslehre« schon enthalten sein soll; unter -Fichtes »ersten Grundsatz«: »Ich bin Ich« schreibt Goethe spöttisch: -Alles ist alles; neben Fichtes Wendung: »die von uns unabhängige Natur« -die Worte: »aber doch mit uns _verbunden_, deren lebendige Teile wir -sind« u. ä. - -Auch von _Schelling_ hatten die Freunde anfangs mehr erhofft. Schiller -war freilich von dieser neuen Art Idealismus noch mehr enttäuscht -als Goethe, der z. B. am 31. Dezember 1798 entschuldigend bemerkt, -Schellings Ideen müßten »freilich noch manchmal durchs Läuterfeuer«. -Schellings Philosophie ist bekanntlich aus dem Läuterfeuer überhaupt -nicht herausgekommen! Bei Gelegenheit von dessen Naturphilosophie gibt -unser Dichter übrigens einmal eine gute Charakteristik seines eigenen -naturphilosophischen Standpunktes. Während die Natur_philosophen_ ~à -la~ Schelling und Hegel alles »von oben herunter«, die Natur_forscher_ -im engeren Sinne alles »von unten hinauf« leiten wollten, so finde er -selbst als Natur_schauer_ sein Heil »nur in der Anschauung, die in der -Mitte liegt« (an Schiller, 27. und 30. Juni 1798); wie er denn schon -sechs Jahre vorher einen in derselben Richtung gehaltenen Aufsatz -»Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt« geschrieben -hatte. -- _Hegel_, der zur Zeit von Schillers Tod allein noch von dem -spekulativen Dreiblatt (Fichte, Schelling, Hegel) in Jena war, wurde -es, wie Goethe klagt, schon damals schwer, sich anderen mitzuteilen, -und er hatte sein erstes bedeutendes Werk noch nicht geschrieben. - -Von _Herder_ entfernt sich, wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt -sahen, Goethe durch seine Freundschaft mit Schiller immer mehr. -Überhaupt fühlt er mit Schiller und den wenigen anderen Freunden (den -Humboldts, H. Meyer) sich als eine geschlossene Partei gegenüber -den Streithändeln Kants mit dem gesamten Herderschen Kreise, den -Geschichtsphilosophen von der Art Jacobis und Goethes eigenem Schwager -Schlosser und den Berliner Aufklärern ~à la~ Nicolai auf der einen, der -beginnenden Romantik auf der anderen Seite. Es sind die unseren beiden -Dichter-Klassikern mit der klassischen Philosophie (Kants) gemeinsamen -Gegner, denen der lustig-scharfe Xenienkrieg des Jahres 1796 gilt. Noch -stärker fast tritt das gelegentlich der letzten gehässigen Angriffe -Herders gegen den Kritizismus hervor, weshalb denn auch die Wut des -gesamten Herderschen Kreises gegen unsere beiden Weimarer Dioskuren -ging. - -Aus den letzten mit Schiller gemeinsam zu Weimar verlebten Jahren sind -begreiflicherweise nur wenige briefliche Zeugnisse über ihre Stellung -zur Philosophie erhalten. Wennschon bei Schiller, so tritt erst recht -bei Goethe der spezielle Kantianismus in diesen bei beiden überhaupt -mehr dem dichterischen Schaffen gewidmeten Jahren zurück. Aber das -neue philosophische Fundament, das ihm gegenüber seinem früheren teils -Spinozismus, teils »Realismus« der kritische Idealismus gegeben hatte, -ist geblieben. - -Die ungeheure Lücke, die Schillers Hinscheiden in Goethes geistige -Existenz riß -- er verlor mit ihm, wie er am 1. Juni 1805 an Zelter -schreibt, »die Hälfte seines Daseins« --, machte sich natürlich -in philosophischer Hinsicht besonders fühlbar. Trotzdem ist seine -Bemerkung in den Annalen von 1817, daß er sich seitdem »von aller -Philosophie entfernt« habe, nicht buchstäblich aufzufassen. Gewiß, -zahlreiche andere Interessen nehmen ihn wieder mehr als in dem -stark philosophischen Jahrzehnt 1790 bis 1800 in Beschlag. Aber das -philosophische Interesse verschwindet doch fortan nie völlig mehr. -Ich habe an anderer Stelle[30] -- zum ersten Male in der Geschichte -der Goethe-Literatur -- Jahr für Jahr genau zusammengestellt, was -an Goethes philosophischen Studien, Äußerungen und Beziehungen aus -den 27 Jahren von Schillers Tod bis zu seinem eigenen Ende (1805 bis -1832) bezeugt ist, weil nur so ein begründetes, nicht phrasenhaft und -ins Blaue hinein phantasierendes Urteil über seinen philosophischen -Standpunkt in diesen Jahren zu gewinnen war. Allein ich will mich hier -nicht wiederholen und schon der Kürze halber nur eine summarische -Zusammenfassung der wichtigsten dort gewonnenen Ergebnisse geben. - -Goethe fährt auch in diesem Zeitraum fort, neue philosophische -Erscheinungen von Belang zu lesen, studiert z. B. von 1807 bis 1809 -für seine »Geschichte der Farbenlehre« zahlreiche ältere und neuere -Philosophen an der Hand von Buhles (eines Göttinger Professors) -»Philosophiegeschichte« und hebt in seiner Schrift, außer der berühmten -vergleichenden Schilderung der beiden antiken Philosophenhäupter -Plato und Aristoteles, namentlich die Bedeutung des lange verkannten -mittelalterlichen Neuerers Roger Baco kräftig hervor. Er bildet -sich ein selbständiges Urteil in dem von 1811 bis 1813 währenden -Philosophenstreit zwischen der Glaubensphilosophie seines alten -Freundes Jacobi und dem damaligen Pantheismus des wandlungsfähigen -_Schelling_ zugunsten des letzteren, wobei er sich zeitweise wieder von -seiner alten Liebe Spinoza und von Giordano Bruno beeinflußt zeigt. Er -steht in den Jahren 1815 bis 1819 in näheren Beziehungen zu dem damals -in Weimar lebenden jungen _Schopenhauer_ und liest im letztgenannten -Jahre dessen eben erschienene »Welt als Wille und Vorstellung«. -Wobei sich jedoch, bei aller »wechselseitigen Belehrung«, die innere -Verschiedenheit beider bald so stark bemerkbar macht, daß sie wie -zwei Freunde, von denen »der eine nach Norden, der andere nach Süden -will«, einander »schnell aus dem Gesicht« kommen. Über den inzwischen -zu immer größerer Berühmtheit aufgestiegenen _Hegel_ hat er sich zu -verschiedenen Zeiten verschieden, im ganzen aber doch mehr ablehnend -als zustimmend ausgesprochen. Auch die Entwicklung der auswärtigen -Philosophie, z. B. den Eklektizismus des Franzosen Viktor Cousin -und die Nützlichkeitslehre des Engländers Bentham, verfolgt er mit -Teilnahme. - -Die Vorarbeiten zu der höchst lesenswerten »Geschichte meines -botanischen Studiums« führen ihn dann im Jahre 1817 noch einmal zu -erneutem _Kant_-Studium zurück. Dem verdanken wir eine Reihe kleinerer, -später unter seine Schriften »Zur Naturwissenschaft im allgemeinen« -aufgenommene Aufsätze: »Einwirkung der neueren Philosophie«, -»Anschauende Urteilskraft«, »Bedenken und Ergebung«, »Bildungstrieb«. -Der erste gibt uns nächst einem anderen, »Glückliches Ereignis« -betitelten, der seine Verbindung mit Schiller behandelt und später -den Annalen von 1794 eingefügt wurde, die reichsten, in unserer -Darstellung benutzten historischen Aufschlüsse. Der zweite gewährt -das meiste systematische Interesse. Wir gewahren hier den Punkt, wo -der Dichter und »Naturschauer« über die verstandesmäßige Erkenntnis -des reflektierenden Philosophen zum »schauenden« Urteil des Künstlers -hinstrebt. - -Allein Goethe hat nicht vergessen, was er der kritischen Philosophie -verdankt. Gerade in seinem letzten Lebensjahrzehnt gedenkt er ihrer -häufig mit dankbarer Wärme. Er betitelt den »Alten vom Königsberge« -mit den lobendsten Ausdrücken wie: unser Meister, der köstliche Mann, -unser herrlicher, unser vortrefflicher Kant. Wir wollen aus den von -uns an anderer Stelle wiedergegebenen Zeugnissen über ihn nur die -beiden letzten, aus seinem _letzten_ Lebensjahr stammenden anführen. -Am 8. Juli 1831 gibt er in einem Brief an den Musiker Zelter den -Künstlern der Gegenwart den Rat, wenn anders sie sich »Natur und -Naturell« bewahren wollten, zu Kant zurückzukehren und dessen Kritik -der Urteilskraft zu studieren. Und am 18. September des gleichen -Jahres zieht der mehr als Zweiundachtzigjährige in einem Brief an -Staatsrat Schultz gleichsam die Summe dessen, was die Philosophie -des klassischen deutschen Idealismus ihm gewesen, mit den Worten: -»Ich danke der kritischen und idealistischen Philosophie, daß sie -mich auf _mich selbst_ aufmerksam gemacht hat; das ist ein ungeheurer -Gewinn.« Freilich vermißt er an ihr, an der »idealistischen« der -Fichte, Schelling, Hegel wohl noch mehr als an der kritischen Kants, -das unmittelbar anschauliche Ergreifen des _Gegenstandes_: »Sie -kommt aber nie zum Objekt; dieses müssen wir so gut wie der gemeine -Menschenverstand zugeben, um vom unwandelbaren Verhältnis zu ihm die -Freude des Lebens zu genießen.« - -Suchen wir uns nun, nach dieser langen geschichtlichen Entwicklung, in -einem letzten Abschnitt in knapper Zusammenfassung klarzumachen, was -von philosophischen Gedanken in Goethes Weltanschauung dauernd haften -geblieben ist. - - - - -~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit - - -Bei Lessing und Herder, ja auch noch bei Schiller ließ sich ihre -philosophische Weltanschauung in wenigen großen Zügen zusammenfassen; -bei Goethe ist das nicht möglich. Selbst nicht, wenn wir -- seine -von uns bereits geschilderte frühere Entwicklung beiseite lassend --- auf den reifen, auf den alten Goethe, auf den Dichter »in der -Epoche seiner Vollendung«, wie Otto Harnack es in dem Titel seines -gleichnamigen Buches ausgedrückt hat, uns beschränken. Dafür ist Goethe -zu vielseitig, man möchte beinahe sagen: zu _all_seitig. Außerdem -hat er seine philosophischen Gedanken noch weniger als die anderen -systematisch oder auch nur zusammenhängend entwickelt; sondern nur -gelegentlich in Briefen, Gesprächen, Dichtungen, Tagebüchern und sonst -hingeworfenen Gedanken, in zahllosen »Maximen und Reflexionen« ihnen -Ausdruck gegeben. Wir können also mit unserem folgenden Versuch nur die -allgemeine Richtung angeben, die seinen allgemein-philosophischen, -ethischen, politischen, religiösen, ästhetischen Anschauungen zugrunde -liegt; und auch dies nur in groben Umrissen. Der aufmerksame Leser -des Bisherigen wird sich danach hoffentlich doch ein einigermaßen -anschauliches Bild von Goethes »Philosophie« machen können. - -1. Von dem, was uns heute als die unentbehrliche Grundlage -jeder haltbaren Philosophie erscheint, von einer allem -Darauflos-Philosophieren voraufgehenden eindringenden -_Erkenntniskritik_, ist bei ihm sehr wenig zu spüren. Philosophie ist -für ihn _nicht_, wie für Kant, in erster Linie _Wissenschaft_, die auf -das Faktum von Mathematik und mathematischer Naturwissenschaft sich -gründet. Er steht vielmehr der ersteren gleichgültig, der letzteren, -zumal in ihrer von den Zeitgenossen fast allgemein akzeptierten -Verkörperung in Newtons Methode, sogar beinahe feindlich gegenüber. Das -Zerlegen in Berechenbares und Meßbares, welches das Ziel der modernen -Physik ist, widerstrebt seiner durchaus auf das Organische gerichteten, -nicht dem Allgemeinen, sondern dem Einzelnen, nicht dem Sein, sondern -dem Werden zugewandten Natur. Und wenn er auch durch Schiller, den -Gundolf einmal den »Gesandten« aus dem »Reiche Kants« an Goethe nennt, -für den idealistischen Grundgedanken von der Spontaneität, d. h. -selbständigen Zeugungskraft des menschlichen Geistes, gewonnen wurde, -so blieb doch sein Denken, vor allem in der äußeren Natur, aufs engste -mit den Gegenständen verbunden, weshalb es denn auch unter seinem -Beifall der Anthropologe Heinroth 1823 geradezu als »gegenständlich« -bezeichnen konnte. - -Oder vielmehr, er sucht eine Verbindung zwischen beiden. In dem für -die Kenntnis seiner philosophischen Methode besonders wichtigen, 1799 -für die »Propyläen« verfaßten Aufsatz »_Der Sammler und die Seinigen_« -heißt es z. B. ganz idealistisch: »Es gibt keine Erfahrung, die nicht -produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.« Selbst das Göttliche -würden wir nicht kennen, »wenn es der Mensch nicht fühlte und selbst -hervorbrächte«. Und in den »Sprüchen in Prosa« sagt er: »Suchet _in_ -euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, wenn da draußen, -wie ihr es immer heißen möget, eine Natur lieget, die ja und amen -zu allem sagt, was ihr in euch selbst gefunden habt.« Daher auch, -nebenbei bemerkt, sein Spott gegen die »Philister«, die das »Innere der -Natur« für ein undurchdringliches Geheimnis hielten. Rudolf Steiner in -seinem Büchlein »Goethes Weltanschauung« will darin einen Gegensatz zum -Kritizismus erblicken. Das Gegenteil ist der Fall. Vielmehr wendet sich -gerade Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« (2. Auflage, S. 333 f.) -gleichfalls ausdrücklich gegen die »ganz unbilligen und unvernünftigen« -Klagen mancher Leute, daß »wir das Innere der Dinge gar nicht -einsehen«, und erklärt dazu: »Ins Innere der Natur dringt Beobachtung -und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, -wieweit dieses mit der Zeit gehen werde.« Diesen vielsagenden Satz hat -Goethe in seinem Handexemplar doppelt angestrichen: so daß vielleicht -anzunehmen ist, daß er gerade durch ihn zu seinem »heiteren Reimstück« -vom »Inneren der Natur« angeregt wurde. In gleichem Sinne erklärt er an -einer anderen Stelle: »Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in -seine und der Welt Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt -noch abgeschlossen.« - -Mit dieser Voraussetzung eines immer weiteren Vorwärtsdringens echter -wissenschaftlicher Forschung ist die von Anfang an in Goethes Natur -liegende, aber durch Kant in ihm bestärkte Neigung zu kritischer -_Selbstbescheidung_ gegenüber dogmatischem Allwissenheitsdünkel -durchaus vereinbar, wie sie sich vor allem in dem berühmten Spruche -(Nr. 1019) ausprägt: »Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, -das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig -zu verehren.« Wozu man jedoch die beiden ihn umrahmenden Sprüche -hinzunehmen muß: »Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher -kommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen -weiß, desto mehr sieht man, daß das Unerforschliche keinen praktischen -Nutzen hat.« (1018.) Und andererseits: »Derjenige, der sich mit -Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.« -(1020.) Auch dies letzte Wort ist gesund kritisch gedacht und durchaus -nicht im Sinne skeptischen Verzichts auf die Wissenschaft aufzufassen. -Oder gar im Sinne der Mystik. Denn wie wenig auch Goethe, schon als -Dichter, geneigt ist, das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, das -»Wunder« in uns und der äußeren Natur einfach wegzuleugnen, so bedeutet -es doch für ihn niemals ein Durchbrechen der Naturgesetze, sondern -höchstens eine Grenze, bis zu der unser Erkennen hinanführt. - -Die eben zitierte Wendung vom »praktischen Nutzen« endlich, die sich -in anderen Sprüchen zu allgemeineren Sätzen erweitert, wie: »Was -_fruchtbar_ ist, ist wahr«, »Ich halte für wahr, was mich _fördert_«, -»Wir sind aufs _Leben_, nicht auf die Betrachtung angewiesen«, scheinen -freilich Goethe ganz in die Nähe des heutigen »Pragmatismus« eines -James und Bergson oder, wenn man will, auch Nietzsches zu rücken. -Allein dem stehen doch genug Aussprüche anderer Art gegenüber, wie -der aus dem »Faust«, daß »_Vernunft_ und _Wissenschaft_« des Menschen -»allerhöchste Kraft« darstellen, die beweisen, daß ihm der Geist über -das Blut, das apollinisch-klare Element, um mit Nietzsche zu reden, -über das dionysisch-trunkene geht. Wir bekennen uns, sagt er einmal, -zu »dem Geschlecht, das aus dem Dunklen ins _Helle_ strebt«. Und -derselbe Gundolf, der ihn eben jenem Pragmatismus annähern will, hat, -wir sahen es S. 167, von seiner Läuterung aus dem _Gefühls_-Goethe der -jungen in den _Gedanken_-Goethe der reiferen Jahre gesprochen, hat mit -der Neigung zur Übertreibung, die sein geistvolles Werk kennzeichnet, -erklärt, daß Goethe, »der Anlage nach einer der dunkel-drangvollsten, -gefühlsüberschwenglichsten, widerrationalsten Menschen, sich zur -Heilung in die intellektuelle Klarheit begab, sich zur vollkommensten -_Denkordnung_ erzog und es fertig brachte, die ganze dunkle angeborene -Tiefe seiner Lebensfülle in _helle Begriffe_, Einsichten, Reflexionen, -Maximen, Sentenzen heraufzuholen«, so daß er in ein ganz anderes -geistiges »Klima« kam, das der »_Ideale_ und _Grundsätze_« statt der -»Qualen und Wonnen«. Diese größere »Helligkeit« der Begriffe hat ihm -eben die Philosophie, hat ihm, wenn es Gundolf auch nicht Wort haben -will, in erster Linie Kants Kritizismus gegeben; wie es sich auch -einmal in Goethes Gelegenheitsäußerung zu dem jungen Schopenhauer -widerspiegelt: »Wenn ich eine Seite im Kant lese, wird mir zumute, als -träte ich in ein helles Zimmer.« - -2. Die »Ideale und Grundsätze« führen uns auf ein anderes Gebiet: das -der _Ethik_. Auch hier läßt sich der Unterschied zwischen dem Prediger -der Natur (Goethe) und denen der Freiheit, die zugleich sittliche -Gebundenheit unter die Pflicht ist (Kant, Schiller), natürlich nicht -verwischen. Wir erinnern an des ersteren entschiedene und fortdauernde -Abneigung gegen den radikalen Hang zum Bösen, der dem Christentum -und Kant zufolge in der Menschennatur unausrottbar liegen soll. -Demgegenüber bekennt Goethe bis zum letzten Augenblick, und das denn -doch wieder in Übereinstimmung mit Kant, im Gegensatz dagegen zu dem -Nirwana des Buddhismus, der Maja der Brahminen und dem irdischen -Jammertal des Christentums: »Wie es auch sei, das Leben, es ist _gut_.« -Goethe ist und bleibt überhaupt ein durchaus _diesseitsfroher_ Mensch. - -»Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt«, ist seine theoretische -Weltansicht, und daraus entspringt unmittelbar sein praktischer Glaube: -»Das Drüben kann mich wenig kümmern«; vielmehr: - - »Aus _dieser_ Erde quillen meine Freuden, - Und diese Sonne scheinet meinen Leiden.« - -Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsfragen ist seiner Meinung nach -»für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun -haben. Ein tüchtiger Mensch, der schon hier etwas Ordentliches zu sein -gedenkt, und der dafür täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken -hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich -in dieser.« - -Gewiß, Goethe verkörpert das sittliche Ideal am liebsten in weiblicher -Gestalt: Iphigenie, Leonore, Natalie und anderen. Aber es muß doch -jedem Unbefangenen auffallen, wie stark und häufig er sich, seit -seiner Freundschaft mit Schiller, namentlich aber in seinen späteren -Jahren, zu den großen Grundgedanken von Kants Ethik bekannt hat. So -zu dem _Pflicht_begriff: »Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch -als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan« (Spruch 44), zum -_kategorischen Imperativ_, der in der Naturforschung ebenso am Platze -sei wie im Sittlichen (915), zur Anerkennung des _guten Willens_ als -»Hauptfundaments des Sittlichen«. Und vor allem auch zum Gedanken -der sittlichen _Autonomie_ (Selbstgesetzgebung): Pflicht ist, »wo man -liebt, was man _sich selbst_ befiehlt« (565). Denn - - »Das selbständige Gewissen - Ist Sonne deinem Sittentag«, - -das _Gewissen_, »das keines Ahnherrn bedarf«, mit dem »alles gegeben -ist«, das »nur mit der inneren eigenen Welt zu tun hat«. - -Sicherlich, die Motive sind vielfach bei Kant und Goethe, ihrer völlig -entgegengesetzten Naturanlage entsprechend, sehr verschieden, und die -methodische Begründung fehlt bei dem Dichter-Denker durchaus. Aber in -ihrem Ergebnis kommen sie doch, wie man sieht, mannigfach überein. - -3. Das stimmt denn auch bis zu einem gewissen Grade für ihre -_Religions_auffassung. Gewiß sind auch hier grundlegende Unterschiede, -ja Gegensätze vorhanden. Goethes vielseitigem Wesen entspricht es -recht, wenn er sie auf einem Zettel seines Nachlasses einmal in die -Worte kleidet: »Wir sind naturforschend _Pan_theisten, dichtend -_Poly_theisten, sittlich _Mono_theisten.« Von Spinoza her, aber auch -aus seinem innersten Gefühl heraus hat er sich auch später gegen -einen Gott gewehrt, der nur »von außen stieße, das All im Kreis am -Finger laufen ließe«. _Sein_ Gott lebte und webte _in_ der Natur, war -schließlich nichts anderes als deren geistiger Inbegriff. Aber daneben -ist ihm doch die Gottheit auch Verkörperung der höchsten Sittlichkeit. -In seinem Handexemplar der »Kritik der Urteilskraft« schreibt er zu -einer Stelle des § 86, wo ihr Verfasser den Gottesglauben rein auf -die Moral baut, ein ~optime~ (»sehr gut!«) an den Rand, und wenige -Seiten später: »Gefühl von Menschenwürde« objektiviert (zum Gegenstand -gemacht) = Gott. - -Im übrigen hat er in »Wilhelm Meisters Wanderjahren« das schöne -Wort von den drei Stufen der _Ehrfurcht_ gesprochen: der Ehrfurcht -vor dem _über_ uns, vor dem _unter_ uns und vor uns selbst, also -vor dem _in_ uns. In jenem Wort von der ruhigen Verehrung des -»Unerforschlichen« sprach sich die erste Ehrfurcht aus; mit ihr -verwandt ist auch das Gefühl dankbarer Hingabe in den bekannten Zeilen -des Vierundsiebzigjährigen: - - »In unseres Busens Reine wogt ein Streben - Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten - Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.« - -Aber die höchste Art der Ehrfurcht ist ihm doch eben die vor dem -Göttlichen _in_ uns selbst. Und darum ist auch der Grundgedanke -seiner größten Dichtung, des _Faust_, ganz Kant und Schillers Denkart -entsprechend, der der _Selbsterlösung_: der Erlösung nicht durch -irgendeine von außen kommende Gnade, sondern durch die eigene Tat: sei -es die Tat des Gedankens (»Wer immer strebend sich bemüht ...«), sei -es die des tätigen Wirkens für andere, womit der alte Faust sein Leben -beschließt. Und ebenso in der Iphigenie: »Alle menschlichen Gebrechen -Sühnet reine Menschlichkeit.« - -4. Obwohl Goethe als einziger unter unseren vier Klassikern -jahrzehntelang, offiziell oder inoffiziell, ein höheres Staatsamt -bekleidet hat, ist gerade sein Wesen im Grunde doch _unpolitisch_. Das -tritt schon in der in der Hauptsache lyrischen Art seiner Dichtkunst -und vielleicht noch mehr in seinen historischen Dramen wie »Götz« -und »Egmont« hervor, die zwar vielerlei politischen Stoff enthalten, -aber letzten Endes doch unpolitischen Charakter tragen. Auch in der -_Geschichte_ ist ihm das Individuelle und Biographische interessanter -als das Politische und Kulturgeschichtliche. Die größten politischen -Ereignisse seiner Zeit: die große Revolution von 1789, die Knechtung -Europas durch Napoleon und die Wiederbefreiung von ihm haben ihn -verhältnismäßig kalt gelassen. Auffallend ist insbesondere, wie wenig -die weltgeschichtliche _Französische Revolution_, im Vergleich mit -Kant, Schiller, aber auch dem ihm in der historischen Anschauung sonst -wesensverwandteren Herder (vergl. S. 92) ihn innerlich gepackt hat. -Denn sein vielzitiertes Wort gelegentlich der Kanonade von Valmy, -daß mit diesem Tage eine neue Epoche der Weltgeschichte beginne, -oder der sechste Gesang von Hermann und Dorothea können doch nicht -entschuldigen, daß ein so weltbewegendes Ereignis ihn nur zu so -kläglichen dichterischen Erzeugnissen wie »Der Großkophta«, »Die -Aufgeregten« und »Der Bürgergeneral« veranlassen konnte. Im Grunde -ist er eben in politischen Dingen eine durchaus _konservative_ -Natur, wenn auch natürlich nicht im landläufigen Sinne geistigen -Rückschritts, sondern etwa im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus -gewesen. Politische Zielsetzungen, Forderungen, »Lockrufe« (Gundolf) -wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder auch Patriotismus, -Befreiungskampf, haben für ihn, den im wesentlichen bloß Betrachtenden, -keine Schlagkraft besessen. Unordnung erscheint ihm unerträglicher als -selbst Ungerechtigkeit. Die politische Geschichte hat er gelegentlich -als einen bloßen »Mischmasch von Irrtum und Gewalt« bezeichnet. Die -große Revolution seiner Tage hatte in seinen Augen nur den Nachteil, -gleich der religiösen des sechzehnten Jahrhunderts: »ruhige Bildung -zurückzudrängen«. - -Über sein _Weltbürgertum_ brauchen wir uns nicht weiter zu verbreiten. -Das ist ihm mit Lessing, Herder und Schiller gemein. Dagegen hat -man ihn neuerdings wohl mit Bezug auf die »Pädagogische Provinz« in -»Wilhelm Meisters Wanderjahren« zum _Sozialisten_ machen wollen. Diese -seine _pädagogisch-soziale Utopie_, etwas seinem sonstigen auf die -unmittelbare Wirklichkeit gerichteten Wesen ganz Widerstrebendes, -erinnert ihrer Gattung nach vielleicht am ehesten an Platos »Staat«, -ist aber weit unlebendiger, schemenhafter und nüchterner als -dieser. Im Grunde ist sie wohl, ähnlich wie Hegels gleichzeitige -Staatsphilosophie, eine Mahnung an die in fast reinem Individualismus -aufgehende Zeit, sich des Gemeinschaftlichen zu erinnern, wie er schon -in dem bekannten Distichon von 1797 gemahnt hatte: - - »Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes - Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.« - -Jeder soll sich in _einem_ Fache, am besten in einem Handwerk, -aufs beste ausbilden, das gibt »höhere Bildung als Halbheit im -Hundertfältigen«; und dann warten, welche Stelle im Gemeinleben ihm -zugeteilt wird. Die Leitung seiner in letzter Linie zu einem »Weltbund« -sich zusammenschließenden idealen Gesellschaft sollen, ähnlich wie bei -Plato, weitschauende, das Ganze der gesellschaftlichen Zusammenhänge -überblickende, über Sonderwünsche und -interessen erhabene Greise -haben. Schon der Nebentitel »Die Entsagenden« zeigt das Unfrische, -Resignierende des Entwurfs. Von wirtschaftlichen Grundlagen des neuen -Gemeinwesens ist keine Rede, nur von Religion und Sitte, Obrigkeit und -Polizei wird einiges gesagt. - -Die Hauptsache ist die _Erziehung_, die in einer großen Anstalt -gemeinschaftlich stattfindet, damit der Knabe frühzeitig »selbstische -Vereinzelung« aufgebe. Auf körperliche Ausbildung und praktische Arbeit -wird großer Wert gelegt, der ganze Unterricht auf Anschauung gegründet, -auch die Sprachen lebendig-praktisch übermittelt, alles tote Wortwissen -vermieden; Willkür und Laune übrigens nicht geduldet. Das eigentliche -Leitmotiv des »Weltbundes« ist Gemeinnützigkeit, »trachte jeder überall -sich und anderen zu nützen« sein Wahlspruch. Nur nach dem, was einer -leistet, wird gefragt, jeder Standesunterschied soll aufgehoben sein. -Alles, auch das äußere Milieu: Landschaft, Wohnung, Kleidung, Gerät -wird von oben herab bestimmt. Interessant ist das Voraussehen eines -wesentlich sozialen, technischen und werktätigen Zeitalters. - -Daß Goethe auch in seinen jüngeren Jahren nicht ohne soziales Empfinden -war, zeigt eine noch wenig bekannte Stelle aus einem Briefe vom März -1779 an Frau von Stein, wo er klagt, er komme in der Arbeit an seinem -Humanitäts-Drama, der »Iphigenie«, nicht recht vorwärts, weil ihn dabei -beständig die Gedanken an die -- hungernden Weber in Apolda störten. -Ebendahin gehört ja auch das: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß« und, -in anderem Zusammenhang, das: »Vom Rechte, das mit uns geboren, von -dem ist leider nie die Frage.« So finden wir auch in dem Plane der -»Wanderjahre« nicht bloß, wie es bei einem Goethe selbstverständlich, -allerlei anregende, sondern auch sozialistische Gedanken, die er zum -Teil mit dem gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich gemein hat. -Aber als Ganzes wirkt doch die in Romanform weitläufig, oft bis ins -Pedantische ausgeführte Utopie schemenhaft und weltabgewandt, daher -auf die Dauer -- langweilig. Wäre nicht Goethe der Verfasser, man -würde sie nicht lesen. An eine praktische Wirkung des Romans, den er -übrigens erst in seinem achtzigsten Lebensjahr vollendete, hat der -Dichter ohnehin nicht gedacht; er läßt zum Schlusse die Mitglieder -seiner Gesellschaft, des zähen Schlendrians in der Alten Welt müde, zur -Fortsetzung ihrer Arbeit -- nach Amerika auswandern. - -_Wir_ erblicken das sozialistische Ideal, wenn wir es denn einmal mit -Goethe in inneren Zusammenhang bringen wollen, viel schöner formuliert -in den letzten Worten des sterbenden Faust: - - »Eröffn' ich Räume vielen Millionen, - Nicht sicher zwar, doch _tätig frei_ zu wohnen - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, - Auf _freiem Grund_ mit _freiem Volke_ stehn.« - -5. Das oberste und eigenste Gebiet ist und bleibt indes für Goethe doch -schließlich die _Kunst_. Auch hier hat er -- von einzelnem zu sprechen, -ist nicht der Raum vorhanden -- je länger je mehr der _Philosophie_ die -Ehre gegeben, die ihr gebührt. »Wer gegenwärtig über Kunst schreiben -oder gar streiten will, der sollte einige Ahnung haben von dem, was die -Philosophie in unseren Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.« -(Spruch 704.) Auch hier hat sich sein philosophisches Denken letzten -Endes zu dem schöpferischen Idealismus des selbsterzeugenden -menschlichen Geistes bekannt: »Kein Porträt kann etwas taugen, als -wenn es der Maler im eigentlichen Sinne erschafft« (Der Sammler). Und -verallgemeinert: »Es gibt einen allgemeinen Punkt, aus welchem alle -ihre (der Kunst) Gesetze ausfließen: das menschliche Gemüt.« »Die Kunst -ist nur _durch_ den Menschen und für ihn.« - -Die Kunst und ihr philosophischer Ausdruck, die Ästhetik, bildet aber -nur ein für sich bestehendes Gebiet des menschlichen Bewußtseins neben -Natur und Sittlichkeit: gleich diesen in letzter Linie der Gesetzgebung -des Menschen untergeordnet, der überall, »wo er bedeutend auftritt« --- in Wissenschaft und Staat, Sittlichkeit, Kunst und Religion --, -»gesetzgebend sich verhält«. Diese Gesetze aufzusuchen ist die Aufgabe -der _Philosophie_; und insofern er sich darum sein Leben lang bemüht, -hat auch Wolfgang Goethe seinen Anteil zur deutschen Philosophie -beigetragen. So gehört auch er -- neben Lessing, Herder und Schiller -- -als vierter und letzter, aber mit nicht minderem Recht als sie, in die -Reihe - - _unserer Klassiker-Philosophen_. - - - - -Anhang - -Zur Literatur - - -Es wäre unangebracht, unseren Lesern an dieser Stelle eine möglichst -vollständige Zusammenstellung aller Schriften, die über die -philosophischen Anschauungen unserer Dichter-Klassiker oder irgendeine -Seite derselben handeln, zu geben. Wir verweisen diejenigen, die sich -dafür interessieren, auf den bibliographischen Anhang zu _Ueberwegs_ -»Grundriß der Geschichte der Philosophie«, 3. Band, dessen neueste -(11.) Auflage (besorgt von Professor M. Frischeisen-Köhler, Berlin -1914) allein über Lessing nicht weniger als 52 Schriftentitel anführt. -Der Leser würde dabei nur vor einem Heere von Namen und Titeln stehen, -mit denen er wenig anzufangen wüßte. Wir beschränken uns vielmehr im -folgenden auf eine Angabe derjenigen literarischen Hilfsmittel, die wir -für die wichtigsten und förderndsten halten. - -Von den allgemeinen literaturgeschichtlichen Darstellungen halten wir -noch immer für eine der besten Hermann _Hettners_ »Literaturgeschichte -des achtzehnten Jahrhunderts«, 3. Teil; daneben ist, namentlich für -Lessing, auch des alten Gervinus »Geschichte der deutschen Dichtung« -(1842) noch sehr brauchbar. - -Über _Lessing_ besitzen wir, nachdem die beiden früh verstorbenen -Danzel und Guhrauer mit einer für ihre Zeit (1850 bezw. 1854) sehr -verdienstlichen Darstellung vorangegangen waren, seit 1884 eine -vorläufig abschließende biographische Darstellung in dem zweibändigen -Werke von _Erich Schmidt_ »Lessing. Geschichte seines Lebens und -seiner Schriften«, 3. Auflage 1909, die freilich gerade philosophisch -nicht ausreicht. Eine gute Ergänzung dazu bietet die knappe, aber -bedeutende Darstellung, die _Wilhelm Dilthey_ 1867 in den »Preußischen -Jahrbüchern« gab, und die erweitert seit 1905 in Diltheys »Das Erlebnis -und die Dichtung« (4. Auflage 1912) aufgenommen ist. Die eindringendste -Monographie über »Lessing als Philosoph« hat bis jetzt Christoph -_Schrempf_, der eigenartige schwäbische Theologe und Philosoph, in -Band 19 von Frommanns »Klassikern der Philosophie« (Stuttgart 1905) -geliefert. Vom marxistischen Standpunkt aus hat _Franz Mehring_ ein -umfassendes Gemälde der Zeit Friedrichs des Großen und Lessings gegeben -in seiner »_Lessing-Legende_« (Stuttgart 1922, Dietz, 8. Auflage), -in der Lessing als der literarische Wortführer des aufstrebenden -Bürgertums gezeichnet wird. - -Für _Herder_ hat eine hervorragende große und grundlegende -Gesamtdarstellung in zwei mächtigen Lexikonbänden von zusammen über -1600 Seiten _Rudolf Haym_, »Herder nach seinem Leben und seinem -Wirken« (Berlin 1880 bis 1882), geliefert. Eine knappere, darum vielen -unserer Leser vielleicht willkommenere Darstellung in einem immerhin -noch starken Bande gibt _Eugen Kühnemanns_ »Herder« (zweite, neu -bearbeitete Auflage, München 1912, O. Beck): geistreich, freilich -auch stark subjektiv, das Seelische stark herausholend. Eine noch -kürzere Sonderdarstellung von »Herder als Philosoph«, an Umfang -der Schrempfschen von Lessing entsprechend, enthält die Arbeit des -österreichischen Gelehrten C. _Siegel_ (Stuttgart 1907, Cotta), -sorgfältig und klar, freilich auch etwas trocken. In unserem Text haben -wir außerdem auf das eigenartige Buch von Günther _Jacoby_ »Herder als -Faust« (Leipzig 1911) hingewiesen, der auch den letzten Kampf Herders -gegen Kant und beider Begründung der Ästhetik in besonderen Schriften -behandelt hat. - -Über _Schiller_ liegt eine große Biographie, die auch philosophisch -völlig befriedigte, nicht vor. Die kürzere von E. _Kühnemann_ -(München 1906) steht in dieser Beziehung hinter seiner eben genannten -Herder-Biographie zurück. Tiefer philosophisch geht seine kleinere -Schrift »Kants und Schillers Begründung der Ästhetik 1895«. Aus der -Masse der bei Ueberweg (11. Auflage 1914) S. 105 bis 107 zitierten -Arbeiten über Schillers Philosophie ragen hervor: _Kuno Fischer_, -Schiller als Philosoph, 1858, 2. Auflage, Heidelberg 1892; _K. -Tomaschek_, Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft, Wien 1862; -_F. A. Lange_, Einleitung und Kommentar zu Schillers philosophischen -Gedichten, aus dem Nachlaß herausgegeben von O. A. Ellissen, Leipzig -1897. Ferner das Festheft der Kant-Studien: »Schiller als Philosoph -und seine Beziehungen zu Kant«, Berlin 1905; _Karl Vorländer_, Kant -- -Schiller -- Goethe, 1. Teil, Leipzig 1907, 2. Auflage 1922. - -Mit _Goethe_ als Philosoph hat man sich eingehender erst viel später -zu beschäftigen begonnen. Früher wurde er in der Regel bloß als -_Spinozist_ betrachtet (z. B. von Danzel, »Über Goethes Spinozismus«, -Hamburg 1843). Erst ich selber habe seit 1897 in verschiedenen, später -erweiterten und zu meinem ebengenannten Buche »Kant -- Schiller -- -Goethe«, 2. Teil zusammengefaßten, Aufsätzen auf den nachhaltigen -Einfluß Kant-Schillers auf den reifen Goethe (von 1790 an) hingewiesen. -Siebecks Monographie »Goethe als Denker« (Stuttgart 1902) dringt nicht -tief; Christoph Schrempf ist über »den jungen Goethe« (Stuttgart 1908) -nicht hinausgekommen. Manche wertvolle Einzelbeiträge sind natürlich -auch in der langen Reihe der von der »Goethe-Gesellschaft« (Weimar) -herausgegebenen »Jahrbücher« enthalten. So hat, wie ich selbst einst -auf Wunsch des Herausgebers in dem von 1898 eine kurze zusammenfassende -Darstellung von »Goethe und Kant« gab, in dem neuesten (1922) der -kürzlich aus dem Leben geschiedene Otto Braun einen Aufsatz »Goethe -und Schelling« veröffentlicht, der allerdings nichts wesentlich Neues -bringt. Ein anderer (W. Hertz) sucht ebendort wahrscheinlich zu -machen, daß der übermütige Baccalaureus im zweiten Teil des »Faust« -nicht auf den jungen Fichte, sondern auf den jungen Schopenhauer -gehe. Ein dritter (Hartung) behandelt das interessante Thema »Goethe -als Staatsmann«, O. Marcuse »Goethe als Rechtsbildner«. Von den -großen allgemeinen Darstellungen sind philosophisch am wertvollsten -diejenigen Chamberlains und namentlich _Gundolfs_ (Goethe, 1916). Als -gut unterrichtende Einführung ist auch die Einleitung _Heynachers_ in -seiner Ausgabe (s. unten) zu empfehlen. - -Die _Philosophische Bibliothek_ (Leipzig, Verlag F. Meiner) hat -sich das Verdienst erworben, die wichtigsten philosophischen Stücke -aller von uns behandelten vier Klassiker in guten _Auswahl-Ausgaben_ -mit Einleitungen der Herausgeber zu veröffentlichen. So: _Lessings_ -Philosophie von P. _Lorentz_, 1909, Herders Philosophie von Horst -_Stephan_, 1906, _Schillers_ Philosophische Schriften und Gedichte von -E. Kühnemann, 2. Auflage 1909, _Goethes_ Philosophie aus seinen Werken -von M. _Heynacher_, 2. Auflage 1922. - - - - -Namenverzeichnis - - - Abel 99 f. - - Amalrich von Bene 44. - - Aristoteles 14, 23, 24, 71, 169 Anm., 175, 177. - - Augustenburg, Herzog von 108, 110, 140, 143. - - Augustin 12. - - - Baco, Roger 177. - - Bartels 40. - - Batteux 14. - - Baumgarten 17 f., 66, 169 Anm. - - Bayle 5 f., 152, 156. - - Beethoven 103, 148. - - Berengar 26 f. - - Bergson 182. - - Bismarck 46. - - Blumenbach 87. - - Bodin 52. - - Bodmer 15, 19. - - Boerhave 157. - - Braun, O. 191. - - Breitinger 15, 19. - - Brockes 15. - - Bruno 154 f., 169 Anm., 177. - - Brutus 46. - - Buhle 177. - - Burke 12, 15. - - - Campanella 169 Anm. - - Cardano 8. - - Cassirer, E. 165. - - Chamberlain, H. St. 191. - - Christ 6. - - Christus s. Jesus. - - Claudius, Matthias 71, 90. - - Cochläus 8. - - Comte 23. - - Condillac 71. - - Crusius 67. - - - Danzel 189, 190. - - Darwin 79. - - Demokrit VIII. - - Descartes 58, 158. - - Devrient 25 f. - - Diderot 6, 14, 71, 153. - - Dilthey, 20, 22, 23, 41, 189. - - Drako 121. - - Dubos 14. - - Dühring 40. - - Dürer 19. - - - Eberhard 27. - - Eckermann 154, 164. - - Eckhart 39. - - Ellissen 190. - - Engels 88. - - Epiktet 152, 169 Anm. - - Erhard 145. - - - Ferguson 101. - - Fichte 62, 113, 169 Anm., 172, 174, 175, 179. - - Fischenich 109. - - Fischer, Kuno 115, 190. - - Forster 87. - - Friedrich II. 6, 19, 26, 47 f., 129. - - Frischeisen-Köhler 189. - - - Garve 153. - - Gervinus 21 f., 62, 189. - - Geßner 15. - - Gleim 49. - - _Goethe_ III, VII f., 4, 13, 14, 16, 19 ff., 24, 40, 41, 48, - 50, 52, 57 f., 59, 61 f., 65, 71, 73 f., 76 ff., 82, 84 f., - 89 ff., 104, 110 f., 112, 115 f., 119, 124 ff., 133, 139, - 142, 148, =149--188=, 190 f. - - Goeze 31, 34 ff. - - Gottschedianer 22. - - Guhrauer 189. - - Gundolf 157, 160, 167, 180, 182, 186, 191. - - - Haller, A. von 9, 15, 19, 75, 101. - - Hamann 57, 68 f., 73, 75 f., 81, 87, 93, 165. - - Harnack, O. 179. - - Harris 14. - - Hartung 191. - - Hauptmann 25. - - Haym 66, 84, 94 Anm., 190. - - Hegel 87, 95, 169 Anm., 175 f., 178 f., 186. - - Heine, H. 144. - - Heinrich 106 Anm. - - Heinroth 180. - - Heinse 16. - - Henzi 46. - - Heraklit 60, 79. - - _Herder_ VII f., 13, 16, 20, 52, 59, 60, =65= bis =96=, 99, - 113, 120, 124, 126, 130, 151, 158, =161= ff., 171 f., 176, - 185, 190. - - Herder, Karoline 69, 71, 72, 90 f. - - Hettner 137, 189. - - Heynacher 191. - - Hieronymus 33. - - Hohenheim, Franziska von 100. - - Holbein 19. - - Home 15. - - Homer 18, 71, 104, 133. - - Hoven von 141 Anm. - - Humboldt, Alexander von 175 f. - - Humboldt, Wilhelm von 72, 142, 175 f. - - Hume 67. - - Hutcheson 14. - - - Jacobi, F. H. 13, 57 ff., 89 f., 156, 161 ff., 174, 176 f. - - Jacoby, G. 76, 94, 190. - - James 182. - - Jean Paul 93. - - Jerusalem 56. - - Jesus 8, 32 ff., 43, 85, 106, 152, 167. - - Joachim von Floris 44. - - Johannes 33, 73. - - Justi 20 Anm. - - Justin 12. - - - Kalb, Charlotte von 102. - - Kalvin 29, 127. - - Kant VIII, 3, 5, 6, 8 f., 10, 11, 12, 14, 15 f., 19 f., 24, 32, - 36, 38, 40, 43 Anm., 48, 66 f., 69, 70, 73, 75, 78, 80 f., - 83, 85, 87 f., 94 f., 96, 102, =106= ff. bis =132=, 138 f., - 141, 144, 147, 153, 162, =167= ff., 178 f., 181, 183 f., - 185. - - Keller, Gottfr. 21. - - Kepler 67. - - Keyserling 70. - - Kleist, E. Chr. von 15. - - Klettenberg, S. von 153, 157. - - Klopstock VII f., 92, 134, 139. - - Knebel 81, 161. - - König, Eva 26, 37, 62. - - Körner, G. 103 ff., 123, 127, 139, 170 f. - - Kühnemann 68, 76, 87, 94 Anm., 116, 131, Anm., 190, 191. - - - Lachmann 51. - - Lamettrie 9. - - Lange, F. A. 105, 130, 148, 190. - - Lassalle 46. - - Lavater 73, 90, 165. - - Leibniz 4, 8, 9, 12 f., 27, 28, 33, 58 f., 66, 88 ff., 109. - - Lemnius 8. - - Lengefeld, Charlotte von 138, 140. - - _Lessing_, G. E. VII f., =1--62=, 65, 69, 71, 74 ff., 80, 85, - 89, 99, 124, 126, 137, 151, 153, 158 f., 161, 179, 186, - 189 f. - - Lessing, Karl 27 f. - - Lessing, Theophil 3. - - Lindner 68. - - Locke 88. - - Lorentz 191. - - Lotze 87 f. - - Luther 8, 26, 35 f., 124 f. - - Lucian VIII. - - - Macaulay 13. - - Malebranche 169 Anm. - - Marcuse 191. - - Marx, K. 46, 52, 88. - - Mehring 47, 50 f., 102, 136 Anm., 160, 189 f. - - Mendelssohn 10 f., 13, 15, 30, 59, 75, 90, 153, 162. - - Meyer, H. 174, 176. - - Meyer, K. F. 21. - - Montesquieu 52, 70. - - Morus 54. - - Müller 9, 91. - - Muncker 51. - - - Natorp 38. - - Neuser 8, 28 f. - - Newton 67. - - Nicolai 10 f., 15, 30, 48. - - Niethammer 175. - - Nietzsche 62, 68, 112, 182. - - - Oeser 15, 153. - - Origenes 12. - - Ossian 134. - - - Parmenides 58. - - Paulus 85. - - Perikles 125. - - Pestalozzi 139. - - Plato 14, 16, 54, 58, 88, 112, 113, 120, 125, 147, 169 Anm., - 177, 186. - - Plutarch 12. - - Pope 10, 12 f. - - Pythagoras VIII. - - - Raffael 25, 148. - - Ramler 11. - - Ranke 88. - - Reimarus, Elise 30, 62. - - Reimarus, Herm. 29 ff., 42. - - Reinhard 168. - - Reinhold 81, 106, 112, 167 f. - - Rembrandt 15, 62. - - Reß 33. - - Rethel 19. - - Ritschl 32. - - Rousseau 8, 47, 67, 70, 75, 101 f., 120, 134, 154. - - Ruland 169. - - - Saint-Simon 187. - - Schelling 87, 95, 113, 169 Anm., 175 f., 177. - - _Schiller_ 14, 16, 20 f., 25, 38, 40, 47, 48, 50, 52, 73, 80, - 92 f., 96, =97--148=, 160, 166, 170 f., =171= bis =177=, - 179 f., 183, 186, 190. - - Schleiermacher 32. - - Schlosser 115 f., 176. - - Schmidt, Erich 60, 189. - - Schopenhauer 62, 129, 169 Anm., 178, 182. - - Schrempf 16, 189, 190. - - Schumann 32 f. - - Schwartz-Erler 65. - - Servet 29. - - Shaftesbury 13, 88 f., 101, 125, 129. - - Shakespeare 21 Anm., 23, 71, 88, 133. - - Siebeck 191. - - Siegel 94, 190. - - Simonides 15, 20. - - Sokrates VIII, 8, 125, 152. - - Solon 121. - - Sömmering 87. - - Sonnenfels 48. - - Sophokles 16, 25. - - Spartakus 47. - - Spencer 78. - - Spinoza 13, 38, 57 ff., 75 f., 88 ff., 95, 155 ff., 169 Anm., - 177, 184. - - Stein, Charlotte v. 161 f., 187. - - Steiner, Rudolf 58, 181. - - Stephan, H. 191. - - Storm, Th. 21. - - Streicher 137. - - Sylvan 29. - - - Tacitus 50. - - Tauentzien von 11, 47. - - Tomaschek 190. - - Tönnies 136 Anm. - - Trescho 65. - - - Ueberweg 189, 190. - - Uhland 16. - - - Vischer 123. - - Voltaire 6, 26, 50, 154. - - - Walter von der Vogelweide 79. - - Warda 65 Anm. - - Washington 139. - - Wieland VII f., 20 f., 81, 92, 93, 106. - - Winckelmann 6, 15, 20, 48, 77 f., 153. - - Wissowatius 28. - - Wolff 4, 8, 9, 12, 66, 88, 152 f., 153 Anm. - - - Xenophanes 125. - - - - -Fußnoten - - - [1] Seite 101 seiner im Anhang zitierten Schrift. - - [2] Wir besitzen über Winckelmann ein vortreffliches Werk in - Karl _Justi_: Winckelmann, sein Leben, sein Werk und seine - Zeitgenossen (2 Bände, 1866 und 1872, 2. Auflage 3 Bände - 1898). - - [3] Wir sehen hier, um die ohnehin reiche Stoffülle nicht noch - zu vergrößern, von seinem ersten Eintreten für Shakespeare - gegen Gottsched in den »Literaturbriefen« der fünfziger - Jahre ab. - - [4] Das heißt die später als maßgebend angesehene, die heutigen - neutestamentlichen Schriften umfassende Sammlung. - - [5] Wenn Lessing die Recha von Moses sagen läßt: »_Wo_ er - stand, stand er vor Gott«, so fühlt man sich gleichfalls - an Eckharts Gedanken erinnert: daß man Gott beim Herdfeuer - oder im Stalle ebenso gegenwärtig haben könne als in der - Einöde oder in der Klosterzelle. Und Eckharts Ansicht, - daß das wahre Gebet keiner Worte bedürfe, hat Lessing - in der Minna von Barnhelm in dem schönen Satze Ausdruck - gegeben: »Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das - vollkommenste Gebet.« - - [6] Denselben Gedanken finden wir in Kants Religion innerhalb - der Grenzen der bloßen Vernunft (in meiner Ausgabe, Bd. 45 - der Philosophischen Bibliothek) S. 96 f. - - [7] In einem handschriftlichen Bruchstück: »Daß mehr als fünf - Sinne für den Menschen sein können.« - - [8] Über beide siehe meine »Volkstümliche Geschichte der - Philosophie«. 2. Auflage. Dietz Nachf., Stuttgart 1922. - - [9] Lessing ist übrigens gegen eine Einmischung des Ordens in - die Politik. Selbst das Eintreten mit bewaffneter Hand - für Menschenrechte, wie es die Nordamerikaner in ihrem - gleichzeitigen Freiheitskampf wider England taten, weist - sein konsequenter Pazifismus ab. Denn »was Blut kostet, ist - ganz gewiß kein Blut wert«. - - [10] Die folgende Darstellung fußt auf dem eingehenden und - einen durchaus zuverlässigen Eindruck machenden Bericht - Jacobis, den er 1785 veröffentlicht hat. Wir beschränken - uns natürlich auf das, was Lessings _philosophische_ - Anschauungen betrifft. - - [11] So ist der Name durch den bekannten Kantkenner Artur Warda - in Königsberg jetzt festgestellt. - - [12] Abgedruckt mit ihrer Fortsetzung unter anderem in meiner - Kantausgabe in der Philosophischen Bibliothek Band 47 I, - S. 21 bis 46. Wir benutzen zu unserer obigen Darstellung - einen Teil der Gedanken unserer dortigen Einleitung. - - [13] Herders und Kants Ästhetik, Leipzig 1907. Vergl. außer - Siegels Monographie (siehe Anhang) ferner E. Kühnemann, - Herders letzter Kampf gegen Kant, in »Aufsätze zur - Literaturgeschichte«, M. Bernays gewidmet. Hamburg 1893. - Die beiden bedeutendsten Herderbiographen, Haym und - Kühnemann, lehnen den Herderschen Standpunkt ab. - - [14] Ein Neidhammel unter seinen Kollegen, der Professor - der Geschichte Heinrich, hatte den Anschlag der - Antrittsvorlesung in den Buchläden durch den Pedell - herunterreißen lassen, weil sich Schiller darauf als - Professor der _Geschichte_ (statt der _Philosophie_) - bezeichnet hatte, was damals mehr galt. Schiller schrieb - dazu: »Ist das nicht erbärmlich? Mit solchen Menschen habe - ich zu tun.« - - [15] Abgedruckt in meiner Ausgabe in der »Philosophischen - Bibliothek« Band 47 I, S. 47 bis 64; vergl. meine - Einleitung dazu S. XXI bis XXIV. - - [16] Religion innerhalb der Grenzen usw. S. 22, Anmerkung. - - [17] Vergl. Eugen Kühnemann, Kants und Schillers Begründung - der Ästhetik, 1895; auch desselben Einleitung zu seiner - Auswahl-Ausgabe. - - [18] K. Vorländer, Der Formalismus der Kantischen Ethik in - seiner Notwendigkeit und Fruchtbarkeit. Marburg 1893. - - [19] Näheres siehe unter anderem bei Ferdinand _Tönnies_, - Schiller als Zeitbürger und Politiker. Berlin 1905. - Auch _Mehrings_ im Anhang zitiertes Schiller-Büchlein - vom gleichen Schiller-Jubiläumsjahr gibt wertvolle - Gesichtspunkte. - - [20] Zu seinem Jugendfreunde v. Hoven äußerte er während - seines Aufenthalts in der schwäbischen Heimat 1793: »Die - eigentlichen Prinzipien, die einer wahrhaft glücklichen - bürgerlichen Verfassung zum Grunde gelegt werden müssen, - sind noch nirgends anders als hier«, indem er auf Kants - Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische lag, hinwies. - - [21] Ich habe auf diese noch wenig beachtete Seite Schillers - bereits in meinem Schriftchen »Kant, Fichte, Hegel und der - Sozialismus« (1920 bei P. Cassirer, jetzt Vorwärts-Verlag) - hingewiesen. - - [22] Christliche Gedanken eines heidnischen Philosophen. - Preußische Jahrbücher 1897. - - [23] Die Geschichte ist Wolff nur zur moralischen Belehrung - da. Die Poeten dienen »zur Belustigung der Ohren«, müssen - aber unter Staatsaufsicht gestellt werden, auf daß sie - nicht »durch verliebte und unzüchtige Verse gute Sitten - verderben«. In der Politik gilt das Wort vom »beschränkten - Untertanenverstand«. In einem der acht Quartbände seines - »Naturrechts« behandelt Wolff unter anderem ausführlich die - Frage, ob lautes Schmatzen beim Essen gegen das Naturrecht - sei. Vergl. meine Volkstümliche Geschichte der Philosophie - S. 194 bis 197. - - [24] Was Goethe dann bekanntlich in seinem Wilhelm Meister - auch auf die Geschlechterliebe in dem, wie er selbst sagt, - »frechen« Wort der losen Philine ausgedehnt hat: »Wenn ich - dich liebe, was geht's dich an!« - - [25] Er besaß sie übrigens erst in der dritten Auflage von 1790. - - [26] Es findet sich, wie alles von Goethes Hand Stammende, in - der großen Weimarer Ausgabe seiner Werke, Briefe usw. Einen - ausführlichen Bericht gebe ich in meinem »Kant -- Schiller - -- Goethe« S. 146 bis 149. - - [27] Ich habe a. a. O. S. 268 bis 271 auch einen genauen - Bericht über Goethes philosophische Bücherei gegeben. - Sie zählte 186 Nummern mit etwa 220 Bänden. Neben - vielen unbedeutenden Widmungsexemplaren philosophischer - Zeitgenossen finden sich von bekannteren Denkern: - Einzelnes von Giordano Bruno, Plato, Aristoteles, Epiktet, - Campanella, Hobbes, Malebranche, Baumgarten, Lambert; alles - von _Spinoza_; das Wichtigste von Fichte, Schelling, Hegel - und Schopenhauer. - - [28] Während seiner Kampagne in Frankreich (Oktober 1792) - setzte er einem jungen in Kants Schriften beschlagenen - Lehrer in Trier als Sinn der kritischen Lehre auseinander: - ein Kunstwerk solle wie ein Naturwerk, ein Naturwerk wie - ein Kunstwerk behandelt und der Wert eines jeden aus sich - selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet werden. - - [29] Über das Datum vergl. meine genaue Untersuchung in - »Kantstudien« I, S. 316 f., kürzer wiederholt in »Kant -- - Schiller -- Goethe« S. 158 f. - - [30] Kant -- Schiller -- Goethe S. 196 bis 245. - - - - -Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart - -Wir empfehlen: - - -Volkstümliche Geschichte der Philosophie - -Von =Karl Vorländer= - -Internationale Bibliothek Band 62 - -In der Vorrede zu diesem Werk schreibt der Verfasser: Schon lange war -es mein Wunsch, neben meiner zweibändigen Geschichte der Philosophie, -die sich hauptsächlich in den Kreisen der Studierenden eingebürgert -zu haben scheint, eine kürzere Darstellung desselben Stoffes für den -freidenkenden Mann aus dem Volke zu schreiben, der für die großen -Weltanschauungsfragen interessiert ist. Das ist allerdings keine -leichte Aufgabe und ist wohl deshalb bisher noch nie versucht worden. -Denn ein solches Buch soll kurz sein und doch die Hauptprobleme der -Philosophie klar herausarbeiten, ihre Hauptgestalten lebensvoll -schildern; allgemeinverständlich, ohne doch an der Oberfläche zu -bleiben. Nun, »ich hab's gewagt!« Eine Aufforderung von Professor -Ferdinand Jakob Schmidt in der Neuen Zeit vom 12. März 1920 -bestärkte mich in dem Entschluß. Jahrelanger geistiger Verkehr mit -bildungsdurstigen Männern der verschiedensten Kreise läßt mich hoffen, -daß ich den Ton im allgemeinen getroffen habe. - - -Marx, Engels und Lassalle als Philosophen - -Von =Karl Vorländer= - - I. =Marx' Anfänge.= - - II. =Die Sturm- und Drangperiode=: 1. Marx 1842 bis 1845. -- 2. - Engels' philosophische Anfänge. -- 3. Marx und Engels 1845. - - III. =Die Entstehung des historischen Materialismus=: 1. Die - Thesen über Feuerbach. -- 2. Die »Deutsche Ideologie«. -- - 3. Der Anti-Proudhon. -- 4. Das Kommunistische Manifest. - - IV. =Die Ausbildung der dialektischen Methode=: 1. Zur Kritik - der politischen Ökonomie. -- 2. Engels über Marx (1859). -- - 3. Marx und Hegel. -- 4. »Das Kapital«. - - V. =Engels' Anti-Dühring und Feuerbach=: 1. Der Anti-Dühring. - -- 2. Der »Feuerbach«. - - VI. =Engels' letzte Modifikationen des historischen - Materialismus.= - - VII. =Lassalle als Philosoph=: 1. Jugend- und - Universitätsjahre. -- 2. Der »Heraklit«. Die fünfziger - Jahre. -- 3. Lassalle und Fichte (1860 bis 1862). - -- 4. Das »System der erworbenen Rechte«. -- 5. Das - »Arbeiterprogramm«. - - - - -Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart - - -Internationale Bibliothek - - 1 =Tschulok=, Entwicklungstheorie (Darwins Lehre). - - 2 =Kautsky=, Marx' Ökonomische Lehren. - - 5 =Kautsky=, Thomas More und seine Utopie. - - 6 =Bebel=, Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien. - - 8 =Stern=, Die Philosophie Spinozas. - - 9 =Bebel=, Die Frau und der Sozialismus. Mit einem Porträt - Bebels. - - 10 =Lissagaray=, Die Geschichte der Kommune 1871. Illustriert. - - 11 =Engels=, Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und - des Staats. Nach Lewis H. Morgans Forschungen. - - 12 =Marx=, Das Elend der Philosophie. - - 13 =Kautsky=, Erfurter Programm. In seinem grundsätzlichen - Teil erläutert. - - 14 =Engels=, Die Lage der arbeitenden Klasse in England. - - 17 =Mehring=, Die Lessing-Legende. Eine Rettung. - - 21 =Engels=, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. - - 24 =Marx=, Revolution und Konterrevolution in Deutschland. - - 26~a~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 1. Leben und Tod. - - 26~b~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 2. Kleinere Aufsätze. - - 26~c~ =Dodel=, Aus Leben und Wissenschaft. 3. Moses oder Darwin? - - 29 =Plechanow=, Beiträge zur Geschichte des Materialismus. - - 30 =Marx=, Zur Kritik der politischen Ökonomie. - - 33 =Deutsch=, Sechzehn Jahre in Sibirien. Erinnerung eines - Revolutionärs. - - 35 bis 37~a~ =Marx=, Theorien über den Mehrwert. 4 Bände. - - 38 =Kautsky=, Ethik und materialistische Geschichtsauffassung. - - 40 =Pashitnow=, Die Lage der arbeitenden Klasse in Rußland. - - 41 =Deutsch= (Verfasser von »Sechzehn Jahre in Sibirien«), - Viermal entflohen. - - 44 =Bernstein=, Sozialismus und Demokratie in der großen - englischen Revolution. - - 45 =Kautsky=, Der Ursprung des Christentums. Eine historische - Untersuchung. - - 47--48~b~ =Kautsky=, Vorläufer des neueren Sozialismus. 4 Bände. - - 50 =Kautsky=, Vermehrung und Entwicklung in Natur und - Gesellschaft. - - 52 =Salvioli=, Der Kapitalismus im Altertum. Studien über die - römische Wirtschaftsgeschichte. Aus dem Französischen - übersetzt von Karl Kautsky jun. - - 53 =Adler=, Marxistische Probleme. Beiträge zur Theorie der - materialistischen Geschichtsauffassung und Dialektik. - - 57 =Noske=, Kolonialpolitik und Sozialdemokratie. - - 58 =Hepner=, Josef Dietzgens Philosophische Lehren. - - 61 =Bernstein=, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die - Aufgaben der Sozialdemokratie. - - 62 =Vorländer=, Volkstümliche Geschichte der Philosophie. - - 63 =Reimes=, Ein Gang durch die Wirtschaftsgeschichte. Sechs - Vorträge. - - 64 =Kautsky=, Die proletarische Revolution und ihr Programm. - - 65 =Beyer=, ~Dr. med.~ =Alfred=, Menschenökonomie. - - 66 =Vorländer=, Die Philosophie uns. Klassiker (Lessing, - Herder, Schiller, Goethe). - - -Die fehlenden Nummern sind vergriffen. Die Sammlung wird fortgesetzt. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Philosophie unserer Klassiker, by -Karl Vorländer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE UNSERER KLASSIKER *** - -***** This file should be named 63548-0.txt or 63548-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/5/4/63548/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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